summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/61101-0.txt4494
-rw-r--r--old/61101-0.zipbin110916 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/61101-h.zipbin306193 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/61101-h/61101-h.htm4833
-rw-r--r--old/61101-h/images/cover.jpgbin146772 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/61101-h/images/signet.jpgbin43484 -> 0 bytes
9 files changed, 17 insertions, 9327 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..90b19f8
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #61101 (https://www.gutenberg.org/ebooks/61101)
diff --git a/old/61101-0.txt b/old/61101-0.txt
deleted file mode 100644
index 9c57e83..0000000
--- a/old/61101-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,4494 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Mensch und Erde, by Alfred Kirchhoff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Mensch und Erde
- Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden
-
-Author: Alfred Kirchhoff
-
-Release Date: January 4, 2020 [EBook #61101]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCH UND ERDE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1901 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
- unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
-
- Im Original finden sich Teile der Buchwerbung für die Reihe ‚Aus
- Natur und Geisteswelt‘ sowohl am Anfang als auch am Ende des
- Buches. In der vorliegenden Fassung wurden vom Bearbeiter beide
- Teile vereinigt und an das Ende des Texts gestellt.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Aus Natur und Geisteswelt.
-
- Sammlung
-
- wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen
- aus allen Gebieten des Wissens.
-
- 31. Bändchen.
-
-
- Mensch und Erde.
-
- Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden.
-
- Von
-
- Alfred Kirchhoff.
-
- [Illustration]
-
- Leipzig,
-
- Druck und Verlag von B. G. Teubner.
-
- 1901.
-
-
-
-
- Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.
-
-
-
-
- Otto Jonassohn
-
- in treuer Freundschaft
- gewidmet.
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Vorliegende Skizzen waren ursprünglich gar nicht für den Druck
-bestimmt. Ich hatte sie vielmehr als Unterlagen zu Vorträgen vor einem
-weiteren Hörerkreis ausgearbeitet. Einer der Vorträge, gehalten im März
-d. J. am Institut für Meereskunde zu Berlin, ist bereits in Hettners
-Geographischer Zeitschrift veröffentlicht worden; alle übrigen wurden
-im Auftrag des Hamburger Senats im Oktober 1899 vor der Hamburger
-Bürgerschaft gehalten und erscheinen hier zum erstenmal im Druck.
-
-Indem ich nun, um mehrseitigen Wünschen nachzukommen, diese
-anspruchslosen Skizzen der Öffentlichkeit übergebe, kann ich ihnen
-nur den einen Wunsch mit auf den Weg geben, daß sie ebenso freundlich
-teilnehmende Leser finden mögen wie sie sich aufmerksamer Hörer zu
-erfreuen hatten.
-
- +Halle a. S.+, im Juli 1901.
-
- =Der Verfasser.=
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
-
- I. Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die
- Kulturverbreitung und die tellurische Auslese seitens
- der einzelnen Länder 1
-
- II. Das Meer im Leben der Völker 15
-
- III. Steppen- und Wüstenvölker 33
-
- IV. Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft 55
-
- V. Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen 73
-
- VI. China und die Chinesen 95
-
- VII. Deutschland und sein Volk 111
-
-
-
-
-I.
-
-Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die Kulturverbreitung und
-die tellurische Auslese seitens der einzelnen Länder.
-
-
-Schon aus dem griechischen Altertum erklingt der Streit über die
-Vormacht zwischen Erde und Menschheit. Die neuere Erdkunde hat ihn
-unparteiisch geschlichtet. Plato, zufolge der idealistischen Richtung
-seiner gesamten Weltanschauung in dieser Streitsache entschieden
-Parteimann, fällt das Urteil: Nicht das Land hat sein Volk zu eigen,
-sondern das Volk sein Land. Gründlichere Betrachtung enthüllt uns
-jedoch überall ein stetes Wechselverhältnis von Land und Volk,
-Menschheit und Erde. So gewiß die Menschheit zu keiner Zeit in allen
-ihren Zuständen, in allen ihren Thaten unmittelbar abhängig war von
-der Mutter Erde, so vermag sie sich doch nie und nimmermehr aus deren
-Banden zu lösen.
-
-Und wer könnte heutzutage bezweifeln, daß die Gewalt unseres Planeten
-über unser Geschlecht größer sei als diejenige des letzteren über
-jenen? Wohl trifft gegenwärtig mehr denn je der Sophokleische
-Triumphgesang zu: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“, indessen
-doch nur im Vergleich mit den übrigen Geschöpfen, unter denen er sich
-kraft seiner Geistesentfaltung die Oberhand gewann. Mit den niedersten
-Organismen des Tier- wie Pflanzenreiches teilt der Mensch so zu
-sagen die Rangliste im Weltall: er ist ein Geschöpf, eine Geburt des
-Erdplaneten. Er bleibt wie alle die anderen Lebewesen dieses kleinen
-Weltkörpers an bestimmte Oberflächenteile desselben gekettet; schon
-in mäßiger Tiefe unter unseren Sohlen läßt uns die Gluthitze des
-Erdinneren nicht leben, und selbst vorübergehend als Luftschiffer
-vermag der Mensch nur wenige Kilometer ins Luftmeer sich zu erheben,
-weil ihn furchtbare Kälte nebst Sauerstoffmangel aus den ätherischen
-Höhen zurückscheucht. Ja, dies räumlich so eingeschränkte Dasein der
-Menschen auf Erden ist nicht einmal von Ewigkeit zu Ewigkeit; nein, es
-fügt sich auch zeitlich in enge Schranken, wie sie von der Erdnatur
-bestimmt werden. Wie gern träumen wir davon, die Erde sei nur für uns
-erschaffen! Aber wir wissen doch jetzt, daß der Erdball einstmals
-Millionen von Jahren durch den Weltenraum in kreisähnlichen Bahnen
-dahinsauste, ohne irgend welches organische Leben zu beherbergen;
-endlich, nachdem sich seine Lavaschmelzglut durch Ausstrahlung gekühlt,
-der Ozean aus der Atmosphäre auf die nun erstarrte Steinkugel des
-Erdpanzers niedergeregnet war, tauchten Geschöpfe auf, als Spätling
-auch der Mensch. Indessen er wird gleich allen Mitgeschöpfen sein Leben
-nur so lange fristen, als die unentbehrlichsten Lebensbedingungen
-nicht versiegen, vor allem das nötige Maß von Wärme und das Wasser.
-Seit kurzem erst kennen wir die gänzliche Unbeständigkeit jeglicher
-Ortstemperatur; wir wissen, daß in größeren Zeiträumen Eiszeiten mit
-wärmeren Perioden wechseln und das polare Eis schon einmal z. B. den
-nordamerikanischen Boden bis in süditalienische Breiten gänzlich
-überzog. Wie, wenn diese Wärmeschwankungen dereinst das Eis des Nord-
-und Südpols im äquatorialen Gürtel sich zur Vernichtung alles Lebens
-zusammenschließen lassen? Oder wie, wenn schon vorher die Erkaltung
-des Erdinneren das Wasser, jetzt noch untief im Untergrund durch
-Dampfspannung gehalten, daß es Quellen bilden, Meeresbecken füllen
-kann, in den Abgrund des Erdinneren versinkt, wie auf solche Weise
-offenbar der Mond, als kleinere Kugel rascher erkaltet, das Wasser
-von seiner Oberfläche verloren hat? In dem einen Fall ist eisige
-Polarlandschaft, im anderen fahle Wüste der Schauplatz des Hinsterbens
-der letzten unseres Geschlechts. Aber, als sei gar nichts verändert,
-wird dann die Erde gleichwie vormals weiterrollen in ihrer Bahn ohne
-Leben, ohne Menschenherzen.
-
-In dieser flüchtigen Phase des Menschendaseins auf Erden nun spendet
-uns der irdische Wohnraum Nahrung, Wohnung, Kleidung und giebt
-unserem Thun die Richtung. Schon darum, weil alle jene Darbietungen
-nicht ins Ungemessene wachsen können, ist das Grundmaß aller
-Menschenleistung, die Gesamtzahl der Menschheit, an die Flächengröße
-des Landraums der Erdaußenseite notwendig gebunden. Und wie viel der
-Menschheitsschicksale läßt sich aus der Verteilung, aus der Bauweise
-der Landmasse herauslesen, was man mit Eduard Sueß’ geflügeltem Wort
-„das Antlitz der Erde“ zu nennen pflegt! In drei großen Weltinseln
-ragt das Festland aus dem alles umspannenden Ozean, als Ostfeste,
-Westfeste und Australkontinent. Auf darwinistischer Grundlage beruht
-die gesicherte Einsicht, daß die weitaus größte der drei Weltinseln,
-die unsrige, als Ursprungsstätte des Menschen betrachtet werden muß.
-In so entlegener Urzeit jedoch, allem Anschein nach vor Ausbildung
-der artikulierten Sprache, ist der Mensch nach den beiden anderen
-Erdfesten hinübergezogen, daß im Lauf ungezählter Jahrtausende nach
-dem Gesetz des Variierens organischer Formen zumal beim Ausschluß der
-Vermischung mit der unveränderten Form drei Hauptgruppen von Völkern
-und von Sprachen sich herausbildeten nach Maßgabe des Küstenzugs der
-drei Weltinseln. Was man auch beibringen mag von vermeintlichen Zügen
-näherer Verwandtschaft zwischen den Mongolen Asiens und den Indianern,
-zwischen den Negern Afrikas und den Australiern, jedenfalls befaßte
-Amerika bis 1492, Australien bis 1788 eine körperlich, noch weit mehr
-sprachlich und sittenkundlich geschlossene Sondergruppe der Menschheit
-im Gegensatz zur Ostfeste, deren Größe und vielfache Trennung durch
-Meere, Wüsten, gewaltige Bodenerhebungen zwar gleichfalls zur
-Dissoziierung der ursprünglich völlig gleichartigen Menschheit in
-Völker, ja in Rassen führte, nur ohne diese hermetisch voneinander
-abzusondern.
-
-Vornehmlich kulturell ist die Trennung in die drei Erdfesten aufs
-schärfste umgeprägt worden auf die Menschheit. Einzig unsere Ostfeste
-erfand die Kunst der Tierzüchtung behufs Melkerei und entdeckte das
-Geheimnis, das nützlichste aller Metalle, das Eisen, aus seinen Erzen
-darzustellen. Dermaßen wirkungsreich erwies sich der Verschluß der
-Festen durch das Meer, bis der Wagemut europäischer Schiffahrt die
-fliegenden Brücken über alle Ozeane schlug, daß nicht einmal über die
-Beringsenge Eisenverhüttung oder Züchten von Melktieren aus Nordasien
-in die neue Welt eindrang. So hoch die Gesittung der Altamerikaner in
-Mejiko und Peru gediehen, nie hat man dort Stahl und Eisen gekannt vor
-Hinkunft der Spanier; und dasselbe Renntier, das von Lappland bis nach
-Ostsibirien seit alters gemolken wurde, haben Eskimo wie Indianer immer
-nur gejagt.
-
-Der nördlichen Halbkugel gehört das meiste Land, darum war sie von
-jeher die hauptsächlichste Heimstätte der Menschheit. Besonders
-umfangreich ist ihr Anteil an dem gemäßigten Erdgürtel, dieser
-glücklichen Zone, in der des Menschen Leibes- und Willenskraft
-gestählt wird, ohne wie im arktischen Raum aufzugehen im Kampf gegen
-die Unbilden der polaren Natur; nach Süden pflegen die Erdteile in
-zipfelförmige Halbinseln oder in kompakte Keilgestalten auszulaufen,
-so daß nur verschmälerte Teile von Südafrika und Südamerika in die
-südliche gemäßigte Zone tiefer hineinragen. Somit kann sich unsere
-Erdhälfte des Doppelvorzugs rühmen, zugleich die meisten und die
-thatkräftigsten Bewohner zu besitzen. Auch in Südamerika rafft sich
-zur Zeit der an Chile und Argentinien aufgeteilte außertropische
-Süden zu kraftvollerer Haltung auf. Wie viel gewaltiger jedoch stehen
-in wirtschaftlicher, staatlicher, geistiger Größe innerhalb des
-Nordgürtels menschlicher Schaffungskraft Europa, China, Japan, die
-Vereinigten Staaten!
-
-Wüsten und Polarlande werden ihre Bewohner nie zu höheren
-Verdichtungsgraden gelangen lassen. Zwischengelagert zwischen Landen
-fruchtbareren Klimas bilden wüsten- oder steppenhafte Trockenräume
-dauernde Schranken für Kulturausbreitung und Völkermischung, weil
-sie den Verkehr nur von Oase zu Oase, im günstigsten Fall längs
-eines Flußlaufs, immer also bloß auf beschränkten Linien zulassen.
-So hielt die Sahara durch die Jahrtausende unsere Rasse von der
-Negerrasse getrennt, bildete mit der arabischen Wüste zusammen die nie
-überschrittene Äquatorialgrenze des Römerreichs. Der centralasiatische
-Trockenraum, dessen Unwegsamkeit durch den massigen Hochlandcharakter,
-durch die höchsten Gebirge noch wesentlich gesteigert wird, sperrte
-von jeher die indische Welt ab von der sibirischen, die chinesische
-von der des Abendlandes. Umgekehrt begrüßen wir in schiffbaren Strömen
-wertvolle Leitlinien der Erschließung und Gesittung der Länder. In
-wenigen Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts drangen die Europäer auf dem
-Orinoko, dem Amazonenstrom, dem Parana ins Herz von Südamerika ein;
-Jahrtausende hingegen währte es, bis man in Afrika mit seinen von
-Stromschnellen verriegelten Flußstraßen ebenso weit kam. Nicht voll
-vierzig Jahre brauchte die kleine Kosakenschar, Sibirien für den Zaren
-zu erobern, indem sie die feine wurzelartige Stromverflechtung im
-Süden des Landes benutzte, um die unermeßlichen Nadelholzwälder bis
-zum ochotskischen Busen zu durchmessen; und genau längs diesen Strömen
-hat danach die russische Kolonisation sich ostwärts vorgeschoben, den
-nur von zwei Meereslücken unterbrochenen Ring der Europäisierung des
-Nordens unserer Erde bei Wladiwostok schließend.
-
-Das Gesicht der Erde zeigt weit größere Verschiedenartigkeit als das
-des Mondes. Neben den eintönigen Flächen Afrikas, vollends Australiens
-erblicken wir scharfe Ländergliederung, vor allem im breiten Norden der
-Ostfeste; gröbere auf weiterem Raum in Asien, feinere, gleichsam in
-Miniatur gearbeitet, in Europa. Daher stammen die großen Gegensätze von
-asiatischen Völkerindividualitäten, zu denen die beiden Riesenvölker
-der Erde, das Vorderindiens und das Chinas gehören, neben der
-reizvollen Vielheit europäischer Nationen in so viel engeren Grenzen.
-Dem Umriß nach nichts als eine größere, vom Uralgebirge aus westwärts
-vorgestreckte Halbinsel Asiens, bekam dies Europa eben dadurch das
-Gepräge eines selbständigen Erdteils, daß es in seiner unvergleichlich
-zierlichen Ausgliederung, seiner Fülle von Meerbusen und Sunden, seiner
-teilweisen Auflösung zu Halbinseln sowie Inseln, seiner Durchzogenheit
-mit Gebirgen, die den Halbinseln stärkeren Abschluß gegenüber dem Rumpf
-verleihen und auch diesen wieder in sich zergliedern, ein ganzes System
-von Ländern vorstellt. Dieses System europäischer Länder deckt sich
-mit dem der Hauptvölker Europas. Auch das bestimmt einen gleichartigen
-Charakterzug zwischen beiden, daß die Einheit in der Mannigfaltigkeit
-künstlerisch gewahrt blieb. So viel gleichmäßiger Bodennatur, Klima,
-Pflanzen- und Tierwelt das kleine Europa einigen im Gegensatz zu Asien,
-so viel winzigere Meeresspiegel sich in seine Zackengestalt einfügen,
-so viel leichter überschreitbare Gebirge die Lande scheiden, so giebt
-es auch eine gesamteuropäische Kultur, keine gesamtasiatische.
-
-Daß so oft Wohnflächen von Völkern mit natürlich geschlossenen
-Landräumen zusammenfallen, ist ein wissenschaftlich noch wenig
-untersuchtes Problem. Nur Stumpfsinn kann es für selbstverständlich
-erachten, in Portugal lauter Portugiesen zu finden, aber auch nur
-dort echte Portugiesen, in der Apenninenhalbinsel bloß Italiener,
-in Frankreich bloß Franzosen, auf den britischen Inseln wesentlich
-nur Briten. Das alles sind doch nicht von Urbeginn her gegebene,
-sondern geschichtlich gewordene Thatsachen. Rein geschichtliche
-Zufälligkeiten sind es indessen auch nicht gewesen, die in Gestalt
-von Völkerwanderungen, Eroberungen, Staatsschöpfungen jene Länder mit
-ihrem Volk erfüllten. Dazu half die Ländernatur selbst mit, teils
-durch die Bestimmtheit ihrer Grenzumhegung, teils durch gewisse
-Beeinflussung der in diesem Grenzgehege dauernd Angesiedelten. Es giebt
-Wahlverwandtschaften zwischen dem Volk und seiner Heimat. Sie können
-sich natürlich erst an Ort und Stelle entfaltet haben, und gleichwohl
-greifen sie so tief ins Wesen der Volkstümlichkeit ein, daß wir sie gar
-nicht mehr vom Volksgenius zu trennen vermögen. Das Russenvolk wäre uns
-z. B. undenkbar auf englischem Boden, das britische auf russischem.
-Der russische Bauer, der seit unvordenklichen Zeiten sich an das in
-Sommerhitze und Winterkälte schwankende Klima Osteuropas, ohne es zu
-wissen, immer von neuem angepaßt, indem er sich in seinem Dampfbad
-krebsrot erhitzt und danach unbekleidet in arg durchkältetem Schnee
-wälzt, ist ein natursinniges Kind der centralrussischen Waldung; bei
-lange Jahrhunderte hindurch einsamem Weilen in kleinen Walddörfern
-wurde er Zimmermann, Wagner, Kunstschnitzer in einer Person, gewann
-Geschicklichkeit auch für allerlei anderes Handwerk, da er meist für
-allen Bedarf allein zu sorgen hatte, und ward im endlos erscheinenden
-Raum abenteuerlustiger Wanderer; im Winter nutzte er Frost und
-Schnee, selbst pfadlose Moräste zu Fuß oder im Schlitten weithin zu
-durchziehen, im Sommer war er wagehalsiger Flößer und Flußschiffer,
-nur das Meer kannte er von Haus aus gar nicht. So wurde er der rechte
-Festlandkolonist, dessen praktischer Sinn sich nach Maßgabe der
-Ausdehnung des Zarenreichs bis ans japanische Meer an immer größeren
-Aufgaben erfolgreich bethätigte. Wie anders der Brite, dem auf seiner
-für Weltschiffahrt wie geschaffenen Insel der Seemannsberuf nun im Blut
-steckt und der jene von diesem Beruf großgezogenen Charaktervorzüge
-scharfen Ausspähens, zäher Ausdauer, mutigen Unternehmungsgeistes
-einsetzte zur Begründung seiner Seemacht, seiner durch alle Erdteile
-verzweigten Handels- und Kolonialstellung!
-
-In einigen Fällen läßt sich schon heute der Nachweis erbringen, wie
-die Landesnatur eine förmliche Musterung unter den Einzüglern hält,
-um nur den für sie Geeigneten das Bürgerrecht zu erteilen. Eine
-solche „tellurische Auslese“, wie ich es nennen möchte, scheint mir
-vorzuliegen in der höchst merkwürdigen Beobachtung, daß der größte
-Brustumfang, also die umfangreichste Ausbildung der Lunge, allein
-diejenigen Völker auszeichnet, die die drei höchsten Hochländer
-bewohnen: Tibet, Mejiko und Hochperu. Beim Verweilen in größeren
-Seehöhen muß der Mensch naturgemäß mehr Luft einatmen, weil dort die
-dünnere Atmosphäre in gleichen Raumteilen weniger Sauerstoff enthält
-als auf niedrigeren Höhenstufen. Selbst auf deutschen Mittelgebirgen
-ist daher das Atmen der Bewohner tiefer als bei denjenigen am
-Gebirgsfuß, wie die betreffenden Messungen der Stellungspflichtigen
-ergeben. Der Mensch vermag sich auch bei plötzlichem Versetztwerden
-auf Bergeshöhen außer durch tiefere durch häufigere Atemzüge, als
-Begleiterscheinungen rascheren Blutumtriebes, unbewußt dem Höhenklima
-anzuschmiegen; so bemerkte der französische Naturforscher Vallot,
-als er sein Montblanc-Observatorium bezogen hatte, bereits nach
-wenigen Tagen an sich eine größere Zahl von Pulsschlägen in der
-Minute als er vorher in Genf gezählt. Daß es sich nun aber bei den
-in Rede stehenden drei Hochlandvölkern nicht um eine durch bloße
-Atmungsgymnastik erzielte Lungenvergrößerung handelt, das lehrt der
-anatomische Befund: ihre Lungenflügel bestehen aus einer größeren
-Anzahl von obendrein umfänglicheren Lungenbläschen. Welche andere
-Deutung also wäre für diesen anziehenden Kongruenzfall von Hochlage
-des Wohnraums und abnormer Brustweite zu ersinnen als „tellurische
-Auslese“? Verscheucht durch Bedränger oder etwa als streifende Jäger
-auf jene tibetanischen, bezüglich amerikanischen Höhen gelangt, waren
-die Vorfahren von deren heutigen Bewohnern nur dann ohne Beschwerde zum
-Fortleben in der sauerstoffarmen Luft befähigt, wenn der glückliche
-Zufall es fügte, daß ihnen der erwähnte reichere Ausbau der Lunge eigen
-war. Solchen allein mochte Gesundheit und längeres Leben beschieden
-sein; von ihnen werden die Nachkommen den Vorzug geerbt haben, und von
-Geschlecht zu Geschlecht wird sodann fortgesetzt natürliche Auslese die
-entscheidend bedeutungsvolle Eigenart der Lunge stetig erhalten haben.
-Diese Erklärungsweise hat neuerdings eine gewissermaßen experimentelle
-Bestätigung erfahren. Als nämlich im Osten von Hochperu, wo der
-Amazonas bereits im Tiefland strömt, Goldwäschen am Stromufer eröffnet
-wurden, lockte der gute Verdienst auch die breitbrüstigen Aimara,
-Nachkommen der alten Inkaperuaner, von ihren alpinen Höhen dorthin.
-Bald jedoch erlagen sie dem Klima: die Niederungsluft war ihnen zu
-dicht. Nur einige wenige Aimarafamilien erhielten sich am Leben, ja
-sie arbeiteten schon in der zweiten Generation auf den Goldwäschen,
-als der englische Arzt ~Dr.~ Forbes sie besuchte. Und was fand er?
-Aimaras von durchweg schmalerem Brustbau, deren Lungen mithin kein
-Übermaß von Sauerstoff zur Verarbeitung aufgebürdet bekamen! Man sieht
-demnach: tellurische Auslese hatte sich sofort ans Werk gemacht, die
-nicht in den neuen Wohnraum Passenden unerbittlich ausgemerzt, hingegen
-die zufällig von der Stammart Abweichenden, für diese Örtlichkeit
-Lebensfähigen in züchterische Pflege genommen.
-
-Westindien liefert uns ein anderes Beispiel solcher von der Landesnatur
-geübten Auslese. Dem auf dieser herrlichen Inselflur beständig
-umschleichenden gelben Fieber erliegen die Eingebornen viel weniger
-als Neuankömmlinge. Wie haben nun jene ihre größere Widerstandskraft
-gegen das schlimme Krankheitsgift erworben, da sie doch alle, Weiße wie
-Neger, von Voreltern stammen, die gar nicht hier zu Hause, sondern im
-Lauf der letztvergangenen 400 Jahre eingewandert waren? Das Geheimnis
-entschleiert sich, sobald wir den unter unseren Augen noch gleichmäßig
-andauernden Auslesevorgang beobachten. Die Erfahrung nämlich lehrt, daß
-Zuwanderer aus Klimaten mit strengerer Winterkälte dem Gelbfiebermiasma
-Westindiens schlechter widerstehen; es wählt sich somit dieser
-Archipel einen größeren Prozentsatz von afrikanischen Negern aus
-dem Einzüglerangebot als von Europäern, innerhalb letzterer wieder
-einen größeren von Südeuropäern als von Franzosen, einen größeren
-von Franzosen als von Deutschen oder gar Osteuropäern; die übrigen
-werden den Friedhöfen überlassen. Gemäß der auch unter Angehörigen
-derselben Nation vorhandenen individuell verschieden hohen Immunität
-gegen das gefährliche Fieber werden z. B. selbst Andalusier in Kuba
-oder Portoriko von ihm befallen, jedoch sie kommen leichter durch
-als solche aus Gegenden mit Schneewinter, und bei allen Neulingen
-auf westindischem Boden bestätigt es sich, daß jede Periode einer
-heftigeren Gelbfieberepidemie den Organismus gegen das Miasma immer
-besser feit, selbst wenn er vom innerlichen Kampf seiner Säfte gegen
-dieses nichts verspürte, also gar nicht aufs Krankenlager gestreckt
-wurde. Ganz analog stehen ja auch in den Burenstaaten Südafrikas
-diejenigen Pferde, die ausnahmsweise das jährlich wiederkehrende
-„Pferdesterben“ überstanden haben, als sogenannte „gesalzene“ d. h.
-nun immun gewordene viel höher im Preis, obwohl sie gleichzeitig mit
-dem sieghaften Kampf gegen jenes tückische Leiden ein eigentümlich
-blödes Wesen annehmen. Auch von uns pflegt ja gegen Masern- und
-Scharlachinfektion sich widerstandskräftiger zu bewähren, wer die
-Masern- oder Scharlachansteckung schon einmal siegreich überstand. Die
-Europäer haben indessen ihre stärkere Festigkeit gegen diese unter
-Naturvölkern bei der leisesten Ansteckung so gräßlich verheerend
-auftretenden Krankheitsgifte gleichfalls erst errungen und behaupten
-sie nur durch unerbittliche Ausmerzung der Untüchtigen. Bei uns,
-den Hartgesottenen, merkt man diesen fort und fort anhaltenden
-Ausleseakt bloß an etwas erhöhter Kindersterblichkeit während einer
-Scharlach- oder Masernepidemie; grausig dagegen offenbart sich der
-nämliche Vorgang, wenn er ein erstes Mal einsetzt in einem vorher
-von dem Miasma noch unberührt gewesenen Volk. So raffte unmittelbar
-nach Besitzergreifung der Fidschi-Inseln seitens der Engländer 1874
-Ansteckung durch ein so mäßiges Maserngift, daß es die übertragenden
-Briten an sich selbst gar nicht merkten, nicht weniger als 60000 der
-braunen Insulaner dahin, Alt und Jung.
-
-Der hohe Norden Amerikas hat in den Eskimo ein wahres Idealvolk von
-Anpassung an die harten Lebensbedingungen der Arktis groß gezogen. Kein
-Schwächling wurde an den kärglich mit Speise beschickten Tisch der
-Eskimolande zugelassen. In Kleidungs- und Wohnweise erklügelte sekulare
-Erfahrung ein unübertreffliches System von Gegenwehr gegen eine so
-häufig bis unter den Quecksilberfrostpunkt erniedrigte Temperatur;
-die Dänen, die sich an Grönlands Westküste häuslich niedergelassen
-haben, können dort ihr Dasein nur fristen, indem sie sich genau so
-wie die Eingebornen in eng anschließende Pelzkleidung hüllen mit
-der ruhenden Luftschicht zwischen Pelz und Oberhaut als trefflichem
-Warmhalter nach dem Prinzip der Doppelfenster. Ausschließlich an der
-Seeküste zu wohnen gestattet dem Eskimo seine Heimat, weil nur hier
-auch im Winter Seehunde zu erlegen sind. Robbenschlag, weiß der Eskimo,
-ist für ihn das alleinige Mittel, durch alle Jahreszeiten hindurch
-sich zu beköstigen. Wie bei uns der junge Jurist zumeist erst sein
-Assessorexamen bestanden haben muß, ehe er die Verlobungskarten drucken
-lassen darf, so ist es darum dem Eskimojüngling durchaus erst nach
-dem Fang seines ersten Seehundes gestattet, seiner etwas thranigen
-Geliebten die Hand zum Ehebund zu reichen.
-
-Doch welch scheinbar unbegreiflicher Gegensatz! Unter diesem
-Gorgonengesicht eisiger Polarnatur mit ihrem grauenhaften Winter,
-der auf Monate den belebenden Sonnenstrahl der Erde mißgönnt, -- da
-erfreuen sich die Eskimo habituellen Frohsinns! Eben hierin offenbart
-sich uns eine psychische Naturauslese. Besonders der andauernde
-Lichtmangel stimmt die Lebensgeister der Menschen herab und untergräbt
-bei dem tief innerlichen Zusammenhang zwischen Leib und Seele gar
-bald auch die körperliche Gesundheit. Das veranlaßte ja Julius Payer
-nur aus den lustigsten Quarneroli die Mannschaft seines Tegetthoff zu
-wählen, und wie viel Kurzweil mußte er trotzdem aufbieten, letztere vor
-stumpfer Verzweiflung zu retten, als das Schiff, vom Eis gepackt, ziel-
-und willenlos in die anscheinend ewige Polarnacht hinaustrieb! So geht
-denn unser Schluß kurz dahin: nur ganz besonders mit Gemütsheiterkeit
-begnadete Menschen blieben bei gelegentlichem Eindringen in jene
-nördlichsten Breiten, wie sie allein die Westfeste erreicht, am Leben;
-gemäß der bekannten Erblichkeit gerade auch der Temperamentsstimmung
-vererbten sie diese durch nichts zu beugende Fröhlichkeit auf fernere
-Geschlechter, denen dies kostbare Gut, obschon bloß in wenigen
-Tausenden von Herzen, dadurch behütet bleibt, daß jedem zufällig zu
-Trübsinn Ausartenden von der Natur das Todesurteil gesprochen wird.
-
-Eine andere beneidenswerte Charaktertugend dieser „Letzten Menschen“
-gen Norden, ihre Friedfertigkeit, wurde erst recht ersichtlich
-tellurisch gezüchtet. Denn ohne Feuerungsstoff zu besitzen mußten sich
-die Eskimo durch Abgabe der eigenen Körperwärme vor dem Erfrieren unter
-ihrem Obdach wechselseitig bewahren. Der wenn auch deshalb eng und
-niedrig gehaltene Innenraum ihrer Hütte ließ sich aber doch nur auf
-den erforderlichen Wärmegrad bringen, wenn er durch Halbverschläge zum
-Wohnen einer Vielzahl von Familien verwendet wurde. Da hieß es denn:
-Vertragt euch hübsch oder erfriert! Die Eskimo zogen verständig genug
-das erstere vor und wurden somit trotz ihres vielmehr cholerischen als
-phlegmatischen Wesens eine so verträgliche Menschenvarietät, daß sie
-selbst Rechts- und Ehrenhändel satirisch-lyrisch ausfechten, indem
-beide Parteien vor versammelter Gemeinde mit den unblutigen Waffen
-recitativer Spottlieder aufeinander eindringen und derjenige als Sieger
-aus dem Streit hervorgeht, der den lachenden Beifall der Genossen
-schließlich auf seiner Seite hat.
-
-So erkennen wir beim unbefangenen Verfolgen ursächlicher Zusammenhänge
-überall den Menschen, ob unmittelbar oder in weiterer Vermittlung, bis
-zu seines Herzens Tiefen als echtes Kind seiner Heimat.
-
-
-
-
-II.
-
-Das Meer im Leben der Völker.
-
-
-Die einzige absolute Großmacht auf Erden ist das Meer. Aus dem
-Meeresschoß erst ist das Land geboren worden, das noch heute in
-insularer Zerstückelung bloß hie und da den allumfassenden Ozean
-unterbricht. Nur das Meer bildet zwischen der Lufthülle und dem
-Gesteinspanzer der Erde ein Ganzes, und der Hauptsache nach ist
-die Erde immer noch ein vom Ozean umwogter Planet. Auch den
-geheimnisreichen Ursprung des organischen Lebens werden wir uns als
-ein folgenschweres Begebnis innerhalb der Meeresflut aus jener Zeit zu
-denken haben, da es noch kein Land gab und unzertrennt ein einziger
-Ozean den Erdball umgab als koncentrische Hohlkugel gleich der ihn
-selbst einschließenden der Atmosphäre. Ist aber die Weiterentfaltung
-des irdischen Lebens einheitlich erfolgt, so entstammen selbst die
-landbewohnenden Gewächs- und Tierformen bis hinan zum Menschen marinen
-Verfahren.
-
-Durch äonenlange Anpassung an die Daseinsbedingungen außerhalb des
-Meeres hat sich indessen eine tiefe Kluft herausgebildet zwischen
-land- und meerbewohnenden Geschöpfen. Zwar Flüsse und Seen, durch ihre
-Wassernatur dem Meer wahlverwandte Elemente des Landes, verwischen in
-Ausnahmefällen die sonst so streng eingehaltene Grenze des ozeanischen
-Faunareichs; manche Fische sind wie Aale und Lachse geradezu
-Doppelwohner in Salz- wie Süßwasser, andere Seefische gewöhnen sich
-allmählich an das minder salzige Gewässer der Flußmündungen, bis ihre
-Nachkommen, die Stromadern hinaufschwimmend, schließlich für die Dauer
-im Süßwasser verbleiben, gleichwie der kleine Keulenpolyp in jüngster
-Zeit erst aus der Nordsee durch das Brackwasser der Elbmündung in die
-Elbe und Saale, ja bis in den Süßen See bei Eisleben eindrang. Wale
-gebären am Land, flugkräftige Fischräuber, so der Fregattvogel, der
-Albatros bewegen sich mit ihren mächtigen Schwingen tagelang über hoher
-See, Tausende von Kilometern entfernt von der Küste. Trotzdem bleibt
-der Küstenzug die durchgreifendste Scheidelinie in der Verbreitung
-der Lebewesen auf Erden. Und der Mensch, dessen ganze Organisation
-darauf hinweist, daß seine Ahnen im Tertiäralter früchteverzehrende
-Waldinsassen gewesen, war selbstverständlich von Anfang an
-ausschließlicher Landbewohner. Der Küstenring der Ostfeste darf als
-weitgesteckte Außenmauer des Heimatshauses der Urmenschheit gelten.
-
-Das Meer kann auf den Menschen, als er es zuerst erblickte,
-nur abschreckend gewirkt haben mit seiner Ungastlichkeit, mit
-den jähen Gefahren, durch die es den nährenden Mutterboden des
-Festlandes bedrohte in der Gestalt von hoch aufspringender Brandung,
-überschwemmenden Fluten, furchtbarem Sturmwetter. Dem weit überlegenen,
-mit elementarer Gewalt andrängenden Feind gegenüber sah sich der
-wehrlose Mensch zuvörderst in die Verteidigungsstellung gedrängt, zumal
-an Flachküsten, wo das Steigen und Fallen des Meeresspiegels bei Flut
-und Ebbe Gezeitenströmungen erzeugt, die weit über die Küstenniederung
-daherfegen. Plinius hat uns ein dramatisches Bild dieses an Urzeiten
-gemahnenden Kampfes mit dem Ozean vom deutschen Nordseegestade
-überliefert, als dieses zur römischen Kaiserzeit des schirmenden
-Deichbaus noch entbehrte. Alltäglich, berichtet Plinius, setzte der
-Flutstrom dies Land der germanischen Chauken unter Wasser, daß die
-Bewohner, in ihre Hütten geflüchtet, Seefahrern glichen, bis dann der
-Ebbestrom einsetzte und die Leute wie Schiffbrüchige aus ihren engen
-Behausungen lockte, um Fische aus dem zurückweichenden Meerwasser zu
-fangen oder ausgeworfenen Seetorf vom feuchten Wattengrund aufzulesen.
-Wir sehen hier den Daseinsstreit des Menschen mit dem Meer schon mit
-vervollkommneten Hilfsmitteln geführt; die Chauken hatten sich bereits
-auf selbst aufgeführten Hügeln, auf „Wurten“, einen festen Baugrund
-für ihre Hütten geschaffen, wie noch heute die Halligleute auf den
-kleinen, darum uneingedeichten Marschlandinseln vor Schleswigs
-Westküste solche benutzen. Es brauchte nur noch der „goldene Reif“ des
-Deichwalles längs der Küste gezogen zu werden, um den amphibischen
-Gürtel des Wechselspiels der Gezeiten als weide- und weizenreichen
-schweren Marschboden dauernd dem deutschen Festland zu gewinnen. Man
-weiß es aus der Geschichte, wie viel Segen dieser Triumph unseren
-und den niederländischen Küstenbewohnern eingetragen hat, seitdem
-der Friese nach dem letzten Spatenstich stolz dem in feste Schranken
-zurückgewiesenen „blanken Hans“ d. h. dem Meer das Siegeswort zurief:
-„Trutz nun, blank Hans!“ und es heißen durfte: ~Deus mare, Batavus
-litora fecit.~ Der über den sonst so allmächtigen Gegner erzielte
-Erfolg steifte den freiheitsstolzen Nacken und je unablässiger der
-Deichbau gemeinsame Arbeit forderte für seine fernere Instandhaltung,
-wie er nur zu gründen gewesen durch thatkräftiges, entsagungsvolles
-Zusammenwirken vieler, desto zählebiger entfaltete sich hinter dieser
-Festungsmauer gegen den Tyrannen Okeanos der den selbstsüchtigen
-Einzelwillen bändigende ehrenfeste Gemeinschaftsgeist, der alle
-staatliche Ordnung trägt, ganz ähnlich wie Jahrtausende früher hinter
-den Damm- und Kanalbauten am unteren Huangho, in Babylonien oder am
-ägyptischen Nil.
-
-Ungleich wichtiger jedoch erscheint jener entscheidungsvolle Schritt,
-den der Mensch in entlegener Vorzeit that, als er, das Grauen vor
-dem Unbekannten bezwingend, sich kühn dem feindlichen Element selbst
-anvertraute, um die wogende, endlos vor ihm liegende See zu befahren
-auf gebrechlichem Floß, im ausgehöhlten Baumstamm oder im roh aus
-Hölzern gezimmerten Boot. Mehr als einmal mag unser Geschlecht, durch
-ausgedehnte Wanderungen längst zerspalten in variierte Horden, die
-einander nicht kannten, angelangt an der Küste des Meeres, diesen
-gewichtigen Fortschritt vollzogen haben, der den Keim zur Herrschaft
-des Menschen über die Erde in sich barg. Wo Ströme ins Meer mündeten,
-konnte man den Versuch wagen, auf Flußbooten die hohe See zu erreichen,
-anderwärts erzeugte der Trieb, auf dem Rücken des Meeres sich dauernder
-als bloß schwimmend zu bewegen, unmittelbar jene nachmals so
-staunenswert hoch entwickelte Kunst des Baues wie der Führung mariner
-Fahrzeuge, durch die der Mensch, unter allen Geschöpfen allein, die
-Schranke der Küstenlinie nach allen Seiten und in die weitesten Fernen
-zu durchbrechen vermochte.
-
-Was in aller Welt trieb ihn denn aber zu dem tollkühnen ozeanischen
-Wagnis? Recht oft wohl der Hunger, dieser finstre, allgewaltige
-Erzieher der Menschheit, wie uns schon die nach Fischbeute im Ebbestrom
-ausspähenden Chauken ahnen lassen; oft auch mag die Flucht von einem
-überlegenen feindlichen Stamm in Todesangst erfinderisch gemacht haben,
-um die trügerische See als zeitweiligen Zufluchtsraum dem sicheren Ende
-vorzuziehen. Schlug dann aber ein Volksstamm seinen Wohnsitz für die
-Dauer am Meeresstrand auf, so vermochte zweierlei ihn zu allmählicher
-Vertrautheit mit dem anfangs gefürchteten Element zu erziehen: der
-Schatz des Küstenmeeres an verwertbaren Seetieren und winkende
-Gegenküsten oder beides zusammen. Der Nahrungsmangel der Polarlande
-hätte die Eskimo wohl nie bis gegen und über den 80. Parallelkreis
-vordringen lassen; das erwirkte vielmehr allein die Nahrungsspende
-des tierreichen arktischen Meeres; wesentlich der Seehundsfang war
-es, der diese beherzten Polarmenschen über die eisigen Sunde Amerikas
-bis in den höchsten jemals von Menschen bewohnten Norden geleitete
-und sie zu so unübertrefflichen Meistern im Kajakfahren heranbildete,
-daß ein geschickter, ausdauernder Eskimo die Strecke von Rügen nach
-Kopenhagen im Einmannsboot an einem Tage zurücklegen könnte. Die
-Kolonisation der Hellenen rückte, den Thunfischzügen entgegengehend,
-vom ägäischen Meer längs dem pontischen Strand Kleinasiens vor, wie
-diejenige ihrer nautischen Lehrmeister, der Phönizier, durch das
-Vorkommen der für ihre Färberei unentbehrlichen Purpurschnecke an den
-verschiedensten Uferstrecken des Mittelmeers beeinflußt worden war.
-Wo auch außerhalb der Polarwelt das Binnenland durch Felsenwildnis,
-Moor und Walddickicht den Menschen zurückscheucht, das Meer dagegen
-durch Fische, Muscheltiere und Krebse eine gut beschickte Tafel ihm
-aufthut, da begegnen wir Völkern, die gleich Seevögeln sogar fast
-ausschließlich von Seekost leben, am Land nur wohnen; so am äußersten
-Südende der bewohnten Erde den Feuerländern, in dem ganz skandinavisch
-von Fjorden zerschnittenen, zu Küsteninseln zerrissenen Südosten
-Alaskas den Tlinkit-Indianern, die dermaßen mit ihren trefflich
-gebauten schlanken Fahrzeugen verwachsen sind, daß sie nur ungern und
-ungeschickt zu Fuß sich bewegen. Bei uns in Europa hat sich gleichfalls
-ein ganz überwiegend der Küste angehöriges Schiffervolk aus den Dänen
-herausgebildet, seitdem ein Teil derselben an Norwegens Strand unter
-dem treffenden Namen der Wikinger d. h. der Fjordenleute Siedelungen
-gründete zwischen einem überaus fischreichen Meer und den öden Fjelden.
-Die Normannengeschichte entrollt uns dazu ein eindrucksvolles Bild,
-wie kühne Seefahrer immerdar auch leicht Seeräuber wurden; als solche
-verlegten die Normannen ihre Raubzüge bald vom heimischen Strand in
-ferne Lande, wozu die freie Weite des Meeres den Mutigen einlud, fuhren
-die ostenglischen Flüsse, die Seine, die Elbe, den Rhein hinauf, um
-Köln zu brandschatzen, betraten erobernd den Boden Siziliens. Gleichwie
-in den Wüsten gilt auf dem Meer der Satz, daß verführerisch reiche
-Beute den Wagehals zum Überfall lockt, zumal wenn Ortskunde und ein
-sicherer Bergeplatz des Raubes Erfolg verheißt. Die dalmatinische
-Küste, die in der ganzen Flanke der adriatischen Schiffskurse eine
-solche Fülle günstiger Ausfallsthore wie Schlupfwinkel durch ihre
-versteckten Felsbuchten und engen Seegassen darbietet, war deshalb
-schon im Altertum ein ständiger Sitz der Piraterie; und wenn die
-illyrische Königin Teuta den Sendboten Roms auf deren Forderung,
-das Raubhandwerk einzustellen, stolz erwiderte, das gehe Rom nichts
-an, es sei einmal bei ihrem Volk so Brauch, hatte das eine gewisse
-geographische Berechtigung. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern
-erzieht auch Räubervölker.
-
-Daß Buchten- und Inselfülle der Küstenmeere die Bewohner nautisch
-anregt, ist neuerdings etwas überkritisch angezweifelt worden. Hinter
-den glatt verlaufenden, inselleeren Küsten des australischen und
-afrikanischen Festlandes wohnten die Eingeborenen seit Alters ohne
-jede Fühlung mit dem Meer. Man sage doch nicht, der Neger zeige keine
-Anlage zum Seemannsberuf! Wie mancher schwarze Afrikaner hat schon
-wackre Matrosendienste am Bord unserer Schiffe geleistet! Der ganze
-Küstenstamm der Kruneger bei Kap Palmas ist sogar dadurch weltbekannt,
-daß aus ihm die besten Schiffsknechte der westafrikanischen
-Kauffahrtei stammen, allerdings erst seit diese „Kruboys“ in neuerer
-Zeit von vorüberfahrenden Schiffen der Europäer zu solcher Arbeit
-gedungen wurden. Bedeutsam jedoch dünkt es, daß die Papelneger
-Portugiesisch-Westafrikas südlich von Senegambien, dieses einzige
-selbständig Schiffahrt treibende Negervolk, eben dort sich entwickelt
-hat, wo der Bissagos-Archipel der Schlauchmündung des Rio Geba dicht
-vorlagert. Am insel- wie halbinselarmen Küstensaum Südamerikas trafen
-die europäischen Entdecker nichts als Floßfahrt, abgesehen von den
-Rindenkähnen der Feuerländer; wo dagegen unfern der Orinokomündung
-die westindische Inselreihe an das Festland ansetzt, hatten die
-Kariben bereits seetüchtige Schiffe, die sie mit Steuerruder lenkten
-und unter Baumwollsegeln dahingleiten ließen; sie waren gefürchtete
-Seeräuber und hatten die Eroberung der Antillen begonnen. An der
-Westseite Nordamerikas grenzte wiederum Seeunkunde der Indianerstämme
-und hochgesteigerte Seetüchtigkeit genau da aneinander, wo mit der de
-Fuca-Straße der Fjordencharakter der Küste anhebt. Asien wie Europa
-zeigen uns erst recht die Hauptgebiete ihrer nautischen Entfaltung an
-ihren am reichsten gegliederten Außenseiten. Unter den asiatischen
-Seefahrervölkern von Arabien bis Japan stehen diejenigen des
-umfangreichsten Tropenarchipels in der Mitte dieses Länderzugs schon
-frühzeitig den übrigen insofern voran, als wir hier bei den Malaien
-den Ursprung zu suchen haben für einen ausgezeichneten Bootsbau und
-den Ausgangspunkt für die ungeheure Verbreitung der Malaienrasse über
-die zahllosen Inseln der Südsee. Seit vorchristlichen Zeitfernen hat
-diese allmählich vollzogene Völkerwanderung über den größten aller
-Ozeane den nämlichen Typus des schlanken, oft mit Ausleger gegen
-das Kentern geschützten Bootes mit dem scharfen Kiel verbreitet,
-dessen Ruderkraft durch Mattensegel verstärkt wird und das die plumpe
-Walzenform des Einbaums hier nirgends hat aufkommen lassen. Erstanden
-aber ist dabei die polynesische Abart der lichtbraunen Rasse, die
-von allen Zweigen unseres Geschlechts am allseitigsten und tiefsten
-verknüpft ist mit dem Weltmeer, im materiellen wie im geistigen
-Leben bis hinan zu Dichtung und Mythus; ewig die balsamische Seeluft
-atmend, früher schwimmen lernend als gehen, indem sie als Säuglinge
-schon auf dem Mutterarm durch den Gischt der Brandung geführt werden,
-leben diese Menschen auf ihren schmalen Koralleneilanden ein ganz
-amphibisches Dasein, fast wie auf festgeankerten Schiffen in hoher See.
-Blicken wir auf den indisch-arabischen Südwesten Asiens, so offenbart
-uns das ewige Wechselspiel der Monsune die großartige Förderung des
-Schiffsverkehrs über den indischen Ozean; weil immer zur Winterzeit
-der nördlichen Erdhälfte die Segler so ständig vom Monsun nach Afrikas
-Ostküste getrieben wurden, wie dann im Sommerhalbjahr wieder heimwärts
-nach dem indischen oder arabischen Hafen, vollzog sich in diesem Raum
-früher als irgendwo sonst ein befruchtender Völkerverkehr zwischen
-zwei Erdteilen und ganz verschiedenen Rassen über landferne See.
-Von ihm stammt der Armschmuck der indischen Braut aus afrikanischem
-Elfenbein, die Ausdehnung des indischen Reisbaus durch arabische
-Sklavenhändler bis zum Kongo, das Kisuaheli als arabisch durchsetzte
-Bantunegersprache, der noch heute regen Handelsverkehr zwischen
-Deutsch-Ostafrika und Bombay, das ständige Wohnen kapitalkräftiger
-indischer Händler an unserer Schutzküste. Endlich welch eine glänzende
-Reihe nautischer Thaten tritt uns im Wandel der Zeiten vor die Seele,
-wenn wir hinüberblicken nach Griechenland, Italien, der iberischen
-Halbinsel und nach den atlantischen Gestadeländern Westeuropas! Die
-Mittelmeerschiffahrt ward früher erweckt, indessen die atlantische
-wuchs schon im Altertum höher, denn sie hatte zu ringen mit einem
-ungleich gefährlicheren Meer. Mit den soliden Keltenschiffen der
-Veneter in der heutigen Bretagne aus dicken Eichenplanken mit eisernen
-Ankerketten und Ledersegeln konnten griechische oder römische
-Kauffahrer nicht wetteifern. Die Jahrhunderte hindurch fortgesetzten
-Überfahrten der Normannen in ihren großen Ruderkähnen, den schwarz
-geteerten „Seerappen“, von Norwegen nach Grönland und zurück sind
-mannhaftere Leistungen gewesen als die freilich geschichtlich
-folgenreichere Fahrt der Kolumbus-Karavelen im ruhigeren Südmeer mit
-dem Kompaß als Leiter. Den großen Vorzug der Lage am verkehrsreichsten
-aller Ozeane nutzten indessen erst in der Neuzeit für Welthandel und
-Gründung überseeischen Besitzes die vier mittelständigen Lande voll
-aus: Frankreich, die Niederlande, England, Deutschland. Für diesen
-gewaltigsten Aufschwung des Seewesens mußte vor allem erst Amerika als
-weckendes Ziel den Blicken Europas entschleiert werden. Und wenn sich
-sodann auch innerhalb der neuen Welt die moderne Größe von Schiffsbau
-und Seeverkehr dort entfaltete, wo unendliche Waldungen prächtiges
-Schiffsbauholz lieferten, namentlich aber eine feine Küstengliederung
-Buchten und Sunde, bergende Flußmündungshäfen nebst weit ins Land
-hinein für mäßige Seeschiffe befahrbaren Strömen darbot, also in Kanada
-und im Nordosten der Vereinigten Staaten, so wird man hier ebenfalls
-der ursächlichen Verknüpfung inne, die zumeist besteht zwischen
-Naturbegabung der Küstenlande und seemännischer Bethätigung ihrer
-Bewohner.
-
-Allerdings wäre es geistlos pseudogeographischer Fanatismus, wollte man
-dieses Verhältnis wie einen naturgesetzlichen Zwang deuten. Der Mensch
-ist kein willenloser Automat; er verhält sich zu Naturanregungen seiner
-Heimat bald wie ein gelehriger, bald wie ein teilnahmloser Schüler. Das
-Wasser des heutigen Welthafens von New-York diente einst den Indianern
-bloß zum Sammeln eßbarer Muscheln; an derselben Schärenküste, die die
-Norweger zu so kühnen Schiffern erzog, leben die Lappen weiter als
-armselige Fischer. Die Angelsachsen vertieften sich nach der Landung
-in Britannien so ganz in die Kämpfe mit den dortigen Kelten, danach in
-Landbau und Viehzucht, daß sie der See völlig den Rücken zukehrten,
-Alfred der Große seine Schiffe auf deutschen Werften bauen lassen
-mußte. Die meisten Insulaner auf den Kykladen denken heutzutage nicht
-an Seefahrt, sondern bauen Weizen, pflegen die Rebe oder weiden ihre
-Ziegen. Seit die Holländer wohlhabend wurden, vernachlässigten sie
-die von ihren Vorfahren im härteren Daseinskampf so viel energischer
-betriebene Schiffahrt, ja in den belgischen Nachbarprovinzen
-Brabant und Flandern überließ der Niederländer den auch dort recht
-beträchtlichen Seeverkehr seit Alters vorzugsweise Ausländern, da
-ihn auf seinem fruchtbaren Boden Ackerbau, Gewerbe, Landhandel weit
-bequemer nährte.
-
-Wagt es aber der Mensch, seine Kraft zu messen mit der elementaren
-Übergewalt des Meeres, erwählt er als Seemann dieses Ringen mit Sturm
-und Wogenschwall sogar zu seinem Beruf, dann gilt von ihm vollauf
-das Dichterwort: „Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zielen.“
-Das Seemannshandwerk stählt Muskel und Nerv, übt Sinnesschärfe,
-Geistesgegenwart, steigert mit jedem neuen Triumph menschlicher
-Klugheit über rohe Naturkraft den Mut überlegten, furchtlosen Handelns.
-Wie scharf beobachtend späht ganz habituell das verwetterte Antlitz
-unserer Matrosen unter dem Südwester in die Ferne, wie wortkarg, aber
-tüchtig und thatbereit ist ihr ganzes Wesen; dem scheinbaren Phlegma
-im Ruhezustand entspricht vom Augenblick der Auslösung der bisher
-latent zusammengehaltenen Kraft die Energie und die erstaunliche
-Ausdauer der Leistung. Wenn der Seemannsberuf wie in Norwegen oder
-Großbritannien sehr weite Bevölkerungskreise umschließt, wenn er dazu
-als ein Grundpfeiler der gesamten Volkswirtschaft hohe Achtung genießt
-und bei geringem Abstand der Küste selbst vom innersten Binnenlandkern
-allen Leuten in seiner klar ausgeprägten Eigenart vorschwebt, so
-zünden die Charaktervorzüge des Seemanns auch innerhalb der nicht
-seemännischen Bevölkerung durch Nachahmung. Ergreift dann, wie bei
-größeren Kulturnationen so oft, im Gefolge wachsender Vertrautheit
-mit dem Ozean, mit dem Erdganzen überhaupt, Seehandel, überseeische
-Kolonisation immer ausgedehntere Kreise, so teilt sich gar viel von
-dem frischen Unternehmungsgeist, dem Wagemut, dem durch Berührung
-mit Fremden erweiterten geistigen Horizont dem gesamten Volk mit.
-Typisch hierfür leuchtet uns aus dem Altertum der Gegensatz auf
-zwischen dem braven, jedoch engherzigen Spartaner, der, durch sein im
-Ausland nicht kursfähiges Geld der Eisenstifte vom Überseeverkehr auch
-künstlich abgeschrankt, zwischen den Gebirgsmauern seines Eurotasthals
-konservativ fortlebte, und andrerseits dem ionischen, fortschrittlichen
-Schifferstamm, den in ägäischer Seeluft gebadeten Athenern voll
-fröhlichster, in schrankenlose Weite strebender Thatenlust.
-
-Der Urmensch wird das Weltmeer kaum gekannt haben; späteren
-Geschlechtern war es ein Gegenstand von Furcht und Schrecken. Als man
-jedoch nachmals für die Dauer an seinem Ufer wohnte, seine Schätze
-ausschöpfte, seinen breiten Rücken sich dienstbar machte, um nach
-Herzenslust die fernsten Küsten anzufahren, da trat man ihm näher und
-näher, freilich ohne ihm jemals Sklavenfesseln anlegen zu können. Als
-schöpferische Gottheit begann man es zu verehren. Die bezaubernde
-Schönheit des Meeres, wenn es bei stiller Luft friedlich die Segler
-dahin gleiten läßt über seinen Spiegel, aus dem des Tages freundlich
-der Sonnenglanz, nachts der Sternenhimmel silbern widerscheint, oder
-wenn im Gewittersturm die Wogen aufgepeitscht werden, flammende Blitze
-das Düster von Seegewölk und Wasser durchzucken, -- der Anprall der
-Wogen gegen die Steilküste, der Kampf des Schiffes mit dem Sturm, dann
-die verklärte Natur, nachdem das rasende Wetter sich verzogen, das
-stets wechselnde Farbenspiel in einer Harmonie von Himmel und Wasser,
-wie sie dem Land in solcher Vollkommenheit mangelt, -- das alles hat
-die dichterische Naturschilderung nicht bloß in Homers und Ossians
-Gesängen begeistert, nein, selbst aus schlichten Stegreifliedern von
-Naturvölkern des Strandes klingt das naturfrisch uns entgegen, und die
-Maler aller in der Kunst höher gestiegenen Seefahrernationen haben uns
-in herrlichen Bildern die Andacht des Menschen im Anblick ozeanischer
-Größe verewigt.
-
-Wissen und technisches Können wurde schon dadurch beim Umgang mit
-dem Meer mächtig angeregt, weil dieser zum Bau des nötigen Fahrzeugs
-sowie zu dessen immer höherer Vollendung hintrieb. Und wie vielseitig
-wurde Wissenschaft und Technik für den Schiffsbau vollends in
-Anspruch genommen, seitdem das 19. Jahrhundert die Dampfer schuf, um
-selbst gegen Wind und Strömung die Ozeane zu durchkreuzen! Mittelbar
-hat ferner die Sicherung der Schiffsführung eine Mehrzahl von
-Wissensgebieten segensvoll beeinflußt. Noch leben auf karolinischen
-Eilanden einige greise Glieder jener merkwürdigen Gilde, in der sich
-genaue Kenntnis der Fixsternlage zum Sommer- und Winterhorizont für
-Verwertung bei der Bootssteuerung vererbt und zugleich eine so genaue
-Bekanntschaft mit der Ortslage der Inseln in weitestem Umkreis, wie sie
-die zeitgenössische Geographie der Kulturvölker lange noch nicht besaß.
-
-Italienischen Nautikern danken wir die Einführung des Kompasses
-in unseren Schiffsdienst auf grund der zuerst in China erkannten
-Richtungskraft der Magnetnadel. Er hat nicht bloß zahllosen Tausenden
-von Schiffen, denen in Nacht und Nebel kein Gestirn schimmerte, den
-rechten Weg gewiesen, sondern ohne die am Kompaß durch alle Zonen
-von den Schiffern gemachten Massenbeobachtungen hätte auch kein Gauß
-erfolgreich am Problem des Erdmagnetismus zu arbeiten vermocht. Und
-wenn schon vor Jahrhunderten die Markscheider im Klausthaler Bergwerk
-ihre unterirdischen Gänge zielsicher ausbauten, beim Grubenlicht den
-Kompaß befragend, so klingt selbst in diese wahrlich seeferne Arbeit
-ein verhallendes kulturgeschichtliches Echo vom Wogengetümmel.
-
-Zum Größten jedoch führte das Weltmeer den Menschen hinan, indem es
-ihm die einzige Möglichkeit erschloß, die Erde als Ganzes auf dem Weg
-der Entschleierung des irdischen Antlitzes kennen zu lernen, durch den
-Welthandel die Wirtschaft der einzelnen Völkerkreise zur Weltwirtschaft
-zu verknüpfen, endlich durch dieses Mittel allseitigen Verkehrs, wie
-ihn allein der alle Lande umschlingende Ozean zu schaffen vermag, die
-urzeitliche Trennung der Menschenstämme nach den einzelnen Kontinenten
-zu überwinden, auch eine geistige Verbindung der gesamten Menschheit
-anzubahnen. Daß der Welthandel hierbei die Führung übernahm, versteht
-sich aus der nicht bloß bösen Macht der Gewinnsucht. Rief doch schon
-Strabo aus, da er im entsetzlichen Tanz der Wellen die Seeleute ihr
-Leben einsetzen sah, um die nach Rom bestimmten Waren auf hoher See
-vor der schon damals zu seichten Tiber aus dem Kauffahrer in die
-Leichterboote überzuladen: „Ja, die Sucht nach Erwerb besiegt alles!“
-Das Meer öffnete von jeher die freisten und, was sehr schwer wiegt,
-die billigsten Wege um den Erdball. Wir werden bald aus den unfernen
-Schantungwerken billigere Steinkohlen nach Tsingtau liefern, als man
-von England dort feilbieten könnte; dagegen schon Mailand, geschweige
-denn die italienische Küste liegt uns zu fern, um dort die englische
-Kohle auszustechen, weil diese fast schon vom Förderungsplatz bis nach
-Italien den Seeweg vor unserer deutschen Binnenlandkohle voraus hat.
-Apfelsinen aus Italien werden in Hamburg billiger feilgeboten als in
-München oder in Wien, weil die Seefracht von Sizilien nach Hamburg
-nicht einmal ganz so teuer zu stehen kommt wie z. B. die Landfracht
-von Hamburg nach Berlin. So wirft allerwegen der Seehandel wegen
-wohlfeilster Fracht den meisten Verdienst ab; um die billige Seestraße
-nicht um ein Kilometer unnütz zu verkürzen, sind ja die größten
-Seehandelsplätze eben in den innersten Nischen von Meereseinschnitten
-ins Land erblüht; und der Millionenverdienst des Welthandels wirft
-genug ab, um die Unsummen herzuliefern, die der Schiffsbau verschlingt,
-und um jene Millionengarde wackerer Schiffsbemannung zu lohnen, auf daß
-sie fern der süßen Heimat harte und mit steter Lebensgefahr bedrohte
-Arbeit leiste, selbst den Taifunen trotzend.
-
-„Unfruchtbar“ nannte Homer die See, und doch wie viel Güter
-beschert sie den Menschen, aus eigenem, nimmer versiegenden Schatz,
-mehr noch dadurch, daß sie die Schätze der ganzen Erde über ihre
-spiegelnde Fläche geleitet mit denkbar geringster Beeinträchtigung
-ihrer Marktfähigkeit. Über die Gestadeländer des Meeres, zumal der
-am intensivsten arbeitenden gemäßigten Zonen, schauen wir einen
-Abglanz dessen sich ausbreiten: die verkehrsreichsten Städte, die
-dem Welthandel als Hafenorte dienen, Werfte, Industriestätten, die
-überseeisch erzeugte Rohstoffe aus erster Hand haben wollen, um sie in
-Kunstprodukte umzusetzen, vereinigen sich an den Küstenstreifen mit
-einer Fülle kleinerer Siedelungen, teils auch vom Seehandel oder von
-Küstenfahrt und Fischerei lebend, umgeben von meist wohlbestellten
-Fluren, über denen der milde Seehauch befruchtend waltet. Der leichter
-zu erringende Wohlstand ist es, was die Menschen an die Küste zieht.
-Darum zeichnen sich Inseln so oft vor dem benachbarten Festland,
-kleinere Inseln unter sonst gleichen Verhältnissen vor größeren
-aus durch stärkere Volksverdichtung zufolge ihres relativ größeren
-Küstenanteils. Wo Land und Meer einander berühren, da zeigt sich mithin
-naturgemäß am offenkundigsten des Meeres Segen für die Menschheit.
-
-Werfen wir zum Schluß noch einen raschen Blick auf die Bedeutung
-des Meeres für den Staat, so versteht es sich aus dem eben Gesagten
-zunächst von selbst, daß jeder Staat, falls er sich der Vorteile des
-Seewesens für seine Angehörigen bewußt wird, nach Ausdehnung seines
-Gebiets bis zum Meer streben wird, und wäre es auch bloß um einen
-so winzigen Küstenstreifen zu erwerben wie neuerdings Montenegro an
-der Adria erhielt. Denn wer einen Fuß am Strande hat, kann seine
-Schiffe um die ganze Erde senden. Welche Machtfülle in Seehandel,
-Seeherrschaft und Kolonisation bis an die entlegensten pontischen
-Gestade hat im Altertum Milet, im Mittelalter Genua von einem einzigen
-Hafen aus entfaltet! Die Schweiz steht uns als einziger Wunderbau
-eines Staates vor Augen, der, auf den Alpenzinnen inmitten Europas
-gegründet, durch den rüstigen Industrietrieb seiner Bewohner Handel
-über die ganze Welt hin treibt, ohne je eine Küsteneroberung hoffen
-zu dürfen. Aber wie peinlich abhängig fühlt sich darum auch die
-Schweiz für Warenabsatz nebst Warenfracht von den Zolleinrichtungen,
-den Tarifsätzen der Eisenbahnen seitens der vier Großstaaten, die sie
-umklammern! Rußland hingegen bietet uns das weltgeschichtlich größte
-Beispiel eines ursprünglich rein binnenländischen Staates, der in
-zielbewußten Vorstößen die Küsten seiner sämtlichen Umgebungsmeere
-sich angliederte, daß nun sein Banner weht von der Ostsee bis zum
-Huanghai.
-
-Aber dem Staat als solchem verleiht das Meer drei der besten, ja der
-unentbehrlichsten Gaben: Unabhängigkeit, Einheit und Machtfülle.
-Das Meer ist das schlechthin Unbewohnbare, betont mit Recht Ratzel,
-somit die allersicherste Schutzmauer für einen Staat. Wie viel minder
-gewährleistet erschiene des größten Freistaats Freiheit, hätte die
-Union zum atlantischen Littoral nicht auch das pazifische errungen!
-Ein allseitig meerumschlungenes Staatsgebiet wie das britische, das
-japanische und nun auch Australien, der neue Weltinselstaat, kann nie
-anders als punktweise, nämlich allein durch Flottenangriff berannt
-werden. Frankreich erscheint durch Überwiegen der Seegrenze besser
-gedeckt als Deutschland. Weil gleichfalls der friedliche Verkehr nur
-stichweise zu Schiff über die Küste ins Innere eines Staates zu dringen
-vermag, haben die vom Meer gebildeten Staatsgrenzen auch ethnisch
-etwas schärfer Umrissenes vor den verschwommeren Landgrenzen voraus:
-sie helfen besser die Vereinheitlichung nationaler Volksmischung zu
-fördern und zu erhalten. Im römischen Weltreich bewährte sich umgekehrt
-ein einzigesmal in der Geschichte das Mittelmeer als die von innen her
-den gewaltigen Staat zusammenhaltende Kraft. Unablässig jedoch bringt
-das Weltmeer von außen allen Staaten, an deren Saum es brandet, und
-die seinen Weckruf verstehen, Einheit und Macht. Griechenland, die
-Apenninen-Halbinsel verlegen bei ihrem gebirgigen Inneren einen guten
-Teil ihres Gesamtverkehrs auf die Küstenfahrt, die Tag für Tag Bewohner
-und Güter von Nord und Süd zusammenführt, die Interessengemeinschaft
-steigernd und immer von neuem den Blick auch weiter lenkend auf die
-hohe See jenseits des heimatlichen Strandes.
-
-Seehandel wie jede über See drängende Thätigkeit, sei das
-Großindustrie, technische Bethätigung über See oder Kolonisation, führt
-mehr als irgend etwas sonst zur Verflechtung einer Nation mit der
-weiten Welt, schweißt aber zugleich die binnenländischen Staatsteile
-aufs festeste zusammen mit der Küste, über die allein der lebendige
-Austausch zwischen daheim und draußen geschehen kann, schmiedet
-folglich mit den Hammerschlägen des Begreifens der Zusammengehörigkeit
-die Teile zum Ganzen. Das fühlen wir Deutsche kräftiger denn jemals
-in der Gegenwart. Kein Hohenstaufe kehrt mehr den deutschen Küsten
-gleichgültig den Rücken, um Romzüge über die Alpen zu führen; keine
-Hanse streicht mehr unmutig die Flagge, weil es ihren ruhmwürdigen
-Thaten an Sicherung durch Reichsschutz gebricht. Eine wachsende
-Panzerwehr unter deutscher Reichsflagge schirmt unsere Handelsschiffe
-auf allen Meeren, leiht jeder redlichen Unternehmung deutscher
-Reichsbürger in und außer unseren Schutzgebieten ihren schützenden Arm
-bis zum fernsten Strand. So strömen, vor feindseligen Unbilden bewahrt,
-die von deutscher Betriebsamkeit verdienten Güter der Welt über die
-Schwelle des Meeres in alle Gaue unseres Vaterlands, steigernd den
-Wohlstand unseres Volkes zu vordem nie erreichter Höhe, segensvoll
-erweiternd seinen geistigen Gesichtskreis, nährend die staatliche
-Macht. Auch unseres Reiches Herrlichkeit liegt stark verankert im
-Weltmeer.
-
-
-
-
-III.
-
-Steppen- und Wüstenvölker.
-
-
-Es wäre sehr unkritisch, jedwede Harmonie zwischen dem Wesen
-eines Volkes und seiner Naturumgebung durch letztere verursacht
-zu denken. Leichtgläubig pflegt man den Satz hinzunehmen, die
-lachende, sonnenbestrahlte Landschaft Südeuropas habe „natürlich“ die
-lachende Heiterkeit der Hellenen, der Süditaliener und Südspanier
-hervorgebracht. Aber obschon die Leichtigkeit des Erwerbes des Wenigen,
-was in diesem Süden zum Leben nötig ist, von dem mild subtropischen
-Klima mitbedingt wird, und ein vollends etwa schon ursprünglich zu
-frohsinniger Lebensanschauung geneigtes Volk unter einem solchen
-Himmelsstrich dieser Neigung, unbedrückt durch materielle Sorgen, sich
-hingeben, bei nur einigermaßen künstlerischer Anlage gewiß auch durch
-die farbenglänzende Pracht von Himmel, Land und Meer bei holder Muße
-sich zu Kunstschöpfungen anregen lassen wird, so muß uns doch schon ein
-einziges klassisches Beispiel aus der neuen Welt von dem voreiligen
-Schluß abschrecken, die Gemütsstimmung der Völker sei ein unmittelbares
-Spiegelbild seiner Umgebung: die Nachkommen des erlauchten Kulturvolkes
-der Azteken haben unter dem Azurblau des strahlenden Firmaments
-von Mejiko in einer Landschaft, die bis hinan zu den herrlichen
-Riesenvulkanen mit ihren Schneezinnen ungleich reizvoller ausschaut als
-die Gegend am Fuß des Vesuv oder des Etna, die Schwermut bewahrt, die
-ihnen wie den meisten Indianerstämmen als ein Rassenerbe auf die Stirn
-geprägt ist.
-
-Schiffervölker müssen ihre Kunst einbüßen, sobald sie in wasserlose
-Binnenräume versetzt werden, Temperamente dagegen können den
-Ortswechsel überdauern. Zum vertrauenswürdigen Nachweis eines
-ursächlichen Zusammenhangs zwischen Landes- und Volksart kann uns
-erst eine vorsichtige Anwendung vergleichender Methode führen. Wir
-müssen untersuchen, ob Landschaftsarten, die in möglichst scharfer
-Individualisierung an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche
-wiederkehren, auf Bewohner der mannigfachsten Herkunft, also
-wahrscheinlich auch der mannigfaltigsten Begabung von Haus aus gleiche
-oder doch ähnliche Wirkung geäußert haben. Solche scharf ausgeprägte
-Eigenart der Landschaft bei günstigster Verteilung über sämtliche
-Erdteile finden wir nun vor allen in den Trockengebieten, d. h. in den
-nur zeitweilig, doch alljährlich benetzten Landstrichen, die wir nach
-dem russischen Ausdruck ~stjep~ für Grasflur Steppen nennen, und in den
-so gut wie niederschlagslosen, den Wüsten.
-
-Steppen, mehr noch Wüsten, haben zunächst dadurch das Völkerleben
-immerdar mächtig beeinflußt, daß sie durch Spärlichkeit von
-Trinkwasservorrat und die daher rührende Seltenheit, teilweise sogar
-völlige Abwesenheit menschlicher Ansiedlungen in ihnen den Verkehr
-erschwerten, deshalb ganze Völkerkreise, die von entgegengesetzten
-Seiten sie berührten, dauernder auseinanderhielten als Ozeane das zu
-thun pflegen. Wie lebhaft verkehren Europa und Amerika miteinander,
-seitdem die Seeschiffahrt zwischen beiden die Brücke schlug, während
-zwischen den afrikanischen Gestadeländern des Mittelmeers und dem
-Negerland, dem Sudan, die große Wüste heute wie vor Jahrtausenden
-eine Trennung bewirkt, die der schleppende Gang der Kamelkarawane
-nicht aufhebt. Die antike Kultur, das römische Weltreich fand an der
-Wasserarmut der Sahara wie der arabischen Wüste die von der Natur
-gesetzte Äquatorialgrenze. Der mit der Sahara an Größe vergleichbare
-Trockenraum Centralasiens, der freilich zugleich die allerhöchsten
-Gebirge zwischen dem Süden und Norden des Erdteils aufrichtet, hat
-nicht allein die indischen und die sibirischen Völker von jeder
-wechselseitigen Berührung abgehalten, sondern auch in westöstlicher
-Richtung, wo Bodenerhebungen viel weniger hemmten, Turan von China
-geschieden, daß äußerst selten erobernde Chinesenheere zum Sir und
-Amu herabstiegen; selbst das Tarimbecken Ostturkistans erscheint
-in der Geschichte zumeist nur als eine lose angegliederte, gern
-zum Abfall neigende auswärtige Provinz des chinesischen Reiches.
-Kaliforniens Küste lag infolge der Quellenarmut des „fernen Westens“
-dem Osten der Vereinigten Staaten bis zur Eröffnung der ersten
-pazifischen Eisenbahn so fern, als gehörte das Land einem fremden
-Weltteil an. Die durchglühten, wasser- und schattenarmen Wüsten oder
-Halbwüsten Australiens durchmißt noch gegenwärtig keine einzige andere
-Verkehrslinie von Küste zu Küste als die des elektrischen Telegraphen.
-
-Daß aber Steppen und Wüsten neben der trennenden Wirkung, die sie
-überall auf ihre Umgebung äußern, ihre Bewohner selbst vielseitig
-beeinflussen, lehrt schon der flüchtigste Blick auf ihre Pflanzen-
-und Tierwelt. Diese ist durchweg vor allem der Dürre der Luft und der
-Seltenheit oder doch der allzu einseitigen Verteilung der Niederschläge
-auf die Jahreszeiten angepaßt. In solcher Anpassung beobachten wir
-die saftarmen Holzgewächse Australiens mit ihren schmalen, gegen
-Verdorrung durch dicke Oberhaut geschützten Blättern, ihrem erstaunlich
-tiefdringenden Wurzelwerk, das noch Bodenfeuchtigkeit ergattert, wenn
-bereits Monate hindurch kein Tropfen Regen fiel; so die wunderbaren,
-blattlosen Saxaulbäume, die wie große, umgekehrte Reiserbesen aus
-den sonst so kahlen Flächen Turans hervorragen; so die Dattelpalme,
-die wie der Araber naturwahr sagt, „den Fuß im Wasser, das Haupt
-im Feuer“ haben will, d. h. den Regen geradezu scheut, nur von der
-Bodenfeuchtigkeit sich nährend; so den riesenhohen Säulenkaktus in der
-düsteren Mohavewüste, ferner die Fülle der über den Boden rankenden
-Kürbis- und Gurkenarten, die durch ihr saftstrotzendes Fruchtfleisch
-die Samen vor dem Eintrocknen bewahren. Auch die Harzausschwitzung so
-vieler Holzgewächse der Trockenräume dient ihnen als Schutz gegen den
-Verschmachtungstod, nicht minder die Dufthülle, die viele Kräuter durch
-Verdunsten aromatischer Öle aus winzigen Drüsen ihrer Oberhaut sich
-schaffen gleich unserem Salbei oder der Krauseminze; das Experiment hat
-nämlich erwiesen, wie sehr diese Dufthülle die stetig sich vollziehende
-Abgabe der Säftemasse aus dem Pflanzenkörper in Gasform an die Luft
-einschränkt.
-
-Und welch ein genügsames, feinsinniges und flinkes Heer
-verschiedenartigen Getiers haben sich diese Trockenlande erzogen.
-Grabende Nager bevölkern zu Tausenden alle Steppen, begnügen sich
-zur Kost mit den unterirdischen Teilen, den Knollen, Zwiebeln oder
-Wurzelstöcken der dort wachsenden Pflanzen, wenn die brennende Sonne
-der Trockenzeit das Grün der Gräser samt der bunten Blumenschar
-vergilbt, ja in Zunder verwandelt hat. Dem niedlichen Bobak, einem
-Verwandten des Murmeltiers in den südrussischen Steppen, dient oft
-Monate lang der Morgentau an den Grasblättern als einzige Labe. Im
-prachtvoll durchsichtigen, weil dunstfreien Luftmeer zieht der Geier
-seine weiten Kreise und erspäht auf unvergleichlich ausgedehntem
-Gesichtsfeld am Boden seine Beute mit einer Scharfsichtigkeit, daß man
-sein Auge mit einem Teleskop vergleichen darf. Die Fennekfüchschen
-der Sahara erlauschen mit ihren breitdreieckigen Ohren, die das
-Spitzköpfchen so hoch überragen, das fernste Geräusch und sind gleich
-den wild lebenden Kamelen des Tarimbeckens bis zur Unerkennbarkeit
-ihrer Bodenumgebung gleichfarbig, hier graugelb, dort mehr rötlich.
-Kamele, Pferde, Antilopen und Strauße zeigen sich vor allem dadurch
-ans Trockenklima angeschmiegt, daß sie schnellfüßig die gänzlich
-wasserleeren Strecken durcheilen und teilweise wunderbar lange Zeit des
-Wassers völlig entbehren können. Hält doch das zweihöckrige Kamel das
-Tragen zentnerschwerer Theelasten durch die Gobi im härtesten Winter
-aus, selbst wenn es bis zum zehnten Tag kein Futter erhält und nur auf
-gelegentliches Schneelecken angewiesen ist, um den Durst zu löschen.
-Das einhöckrige Kamel hält selbst in der Wüstenglut Arabiens den
-Karawanenmarsch bis zum fünften Tag ohne Wasser aus, im Frühjahr, wenn
-warme Regen ihm genug „Haschisch“ (Grünfutter) ersprießen lassen, sogar
-mehr als drei Wochen.
-
-Wie sollte da der Mensch als Bewohner des Trockenraums nicht
-gleichfalls dessen Gepräge tragen! Lenken wir den Blick zuerst nach
-dem Morgenland. Der eigentliche Orient, also was, etwa von Rom aus
-betrachtet, den Ostrand des geographischen Gesichtskreises der Alten
-ausmachte, von Palästina bis zum indischen Fünfstromland, und was
-ihm in Arabien, sowie in Nordafrika gleichartig sich anschließt,
-fällt in jenen gewaltigsten Steppen- und Wüstengürtel der ganzen
-Erde, der am atlantischen Meer mit der Sahara beginnt und erst
-mit der Kirgisenheimat und an der centralasiatischen Grenze gegen
-Sibirien, die Mandschurei und China endet. In der Regel führt man die
-bekannten Charakterzüge orientalischen Lebens auf den Islam zurück,
-als wenn die Lebensregeln des Koran nicht selbst erst zum guten Teil
-der arabischen Wüste entsprossen wären. Oder wenn man sich darauf
-besinnt, daß ja dies orientalische Wesen vor Mohammed zurückreicht,
-mindestens bis in Abrahams Zeit, so macht man gern die den Orientalen
-nun einmal angeborene Sinnesrichtung dafür verantwortlich. Das
-dünkt zwar recht bequem. Aber so gewiß die Gewohnheit bei den
-Völkersitten eine sehr große Rolle spielt, so handelt es sich für
-die Wissenschaft doch eben um Aufdecken des Ursprungs der habituell
-gewordenen Gewohnheiten. Da nun Syrer wie Perser, Araber wie Türken,
-mithin Sprossen ganz verschiedener Verwandtschaftsgruppen, der
-semitischen, indogermanischen, mongolischen, innerhalb des Orients die
-Eigenart ihres Lebens in den Grundzügen gemein haben, so ist nichts
-wahrscheinlicher von vorn herein, als daß sie eben erst in diesem
-Trockenraum und durch ihn sich in ihrem Sittenschatz verähnlichten.
-Diese Wahrscheinlichkeit erhebt sich überall da zur Gewißheit, wo
-wir die nämlichen Lebenszüge bei Australiern und Prärieindianern,
-Patagoniern und Hottentotten gewahren, die nie mit Orientalen
-Sittenaustausch zu üben vermochten, wohl aber wie sie in waldleeren,
-offenen Fluren mit trockenem Klima wohnen.
-
-Was zuvörderst die Körpereigenschaften betrifft, so hat die trockene
-Luft etwas Zehrendes. Die in ihr lebenden Menschen bekommen deshalb, je
-mehr sie sich ihr aussetzen, straffe Muskeln, setzen aber wenig Fett
-an. Durchweg sind somit Steppen- und Wüstenbewohner hager und sehnig;
-bei den Kalmücken spricht eine berühmte Ausnahme für die Regel: ihre
-Priester, die Gällunge, weil sie unthätig den ganzen Tag im Zelt zu
-sitzen pflegen, sind Ausbunde von Fettleibigkeit. Ferner bräunt das
-grelle Licht der schattenarmen, dunstfreien Luft die Haut; das beweisen
-die ungarischen Pußtenhirten, die Hirten der pontisch-kaspischen
-Steppe Südrußlands, die Gauchos der Pampas. Die Haut wird durch ihre
-Trockenheit der Luft leicht rissig; gegen dies schmerzhafte Aufspringen
-der Haut salbten sich die alten Griechen bei minder umfänglicher
-Gewandung mit Olivenöl, der Pußtenhirt reibt sich mit Speck ein und
-hängt seinen zottigen Schafpelz über den Hirtenstab nach der Windseite,
-der Buschmann ringelt sich schlangenhaft zur Abendrast in die flache
-Erdgrube, in der er ein glücklich erbeutetes Häslein mit Haut und Haar
-vorher geschmort hat, um des andern Morgens mit der fettdurchtränkten
-Aschenkruste als einziger Bekleidung weiterzuwandern. Buschmänner und
-Hottentotten zeichnen sich ganz besonders durch eine zur Runzelung
-neigende, fettarme Haut aus; darum erhält ihr Gesicht schon in der
-Jugend ein faltiges, sauertöpfisches Aussehen, weil sie zum Schutz
-gegen die blendende Lichtfülle ihrer Umgebung bestrebt sind die Augen
-zusammenzukneifen wie wir, wenn wir aus dem Dunkeln plötzlich ins Helle
-treten. Welch bezeichnender Gegensatz, diese schlitzartig verengten
-Augen des Kalacharimannes gegenüber dem weit geöffneten Phäakenauge des
-Negers!
-
-Durch eudiometrische Untersuchung von Luftproben aus der libyschen
-Wüste wissen wir, zu einem wie hohen Grad der Ozongehalt der Luft
-in Trockengebieten sich steigern kann. Vermutlich beruht auf der
-Vernichtung der krankheitserregenden Mikroben, insonderheit der
-Tuberkelbazillen durch das Ozon die gesundende Kraft des Trockenklimas,
-wohl auch das Belebende, was z. B. die Saharaluft auf den europäischen
-Wanderer ausübt. So lange die Bewohner von Steppen und Wüsten ihre
-ozonreiche, freie Luft einatmen, kennen sie den Würgengel der
-Schwindsucht nicht; er hielt in die nordamerikanischen Prärien erst mit
-der Stadtsiedelung seinen traurigen Einzug.
-
-So beneidenswert wie die Gesundheit ist die Sinnesschärfe unserer
-Völker. Sie wurde tellurisch gezüchtet, weil zum Erspähen der Jagd-
-oder Räuberbeute, zum lebenrettenden Heimfinden zu den Seinen in diesen
-menschenöden Landen alle Sinne im alltäglichen Daseinskampf zur
-entscheidenden Mitwirkung berufen waren.
-
-Das Gehör spürt noch die leisesten Schallwellen, von denen unser Ohr
-nicht das Geringste empfindet. In Australien unterhalten sich einander
-begegnende Schwarze, wenn sie längst in entgegengesetzter Richtung
-fortwandern, und der begleitende Europäer einen Monolog zu hören meint.
-Ungefähr ein halbes Kilometer nennt der Kalmücke eine Hörweite, denn
-auf solche Entfernung ist ihm menschliche Rede ohne Stimmverstärkung
-verständlich. Wie seltsam doch die Sitte kirgisischer Mütter, den
-Kleinen die Ohrmuscheln auszuweiten, damit sie dereinst durch besseres
-Auffangen der Schallwellen besser ins Leben passen! Am Geruch erkennen
-die Leute menschliche wie tierische Fährte, wenn sie auf unbewachsenem
-Felsboden keinen Eindruck zurückließ, mitunter noch nach Tagen.
-Aimara-Indianer finden sich in finsterer Nacht zum Lagerplatz zurück
-durch den Geruch der Fluren, von dem der stumpfsinnigere Weiße gar
-nichts spürt. Der Australschwarze wird gern in die austral-englische
-Polizei eingestellt wegen seines äußerst feinen Witterungsvermögens,
-das ihn Menschen- wie Tierfährten weithin auf hartem, keinerlei
-Eindruck verratenden Felsboden verfolgen läßt, selbst wenn etwa der
-Schafdieb bereits tags vorher über ihn fortgeeilt ist. Wie südrussische
-Steppenrinder Tränkplätze auf weite Ferne wittern, so tritt wohl auch
-im Osten der großen Wüste der Araber voll Sehnsucht nach dem Abschluß
-seines Karawanenzugs auf eine Hügelspitze, schlürft, das Antlitz gen
-Osten, gierig die Luft ein und kündet frohlockend: „Ich rieche den
-Nil!“ Er hat den Strom entdeckt, ohne ihn zu erblicken. Doch freilich
-die Schärfe des Gesichtssinns erweckt noch mehr unser Staunen.
-Des Menschen Auge ist ja ein Organ steter Anpassung, hochgradiger
-Fernblick kann sich mithin nur entwickeln innerhalb dunstfreier,
-weiter Horizonte, so beim Gemsjäger, beim Steppen- und Wüstenmenschen.
-Letzterer aber lernte im unablässigen Daseinskampf diesen weitesten
-Horizont aufs vollkommenste beherrschen mit seinem Falkenauge, und
-dieser wunderbare Späherblick vererbte, verfeinerte sich von Geschlecht
-zu Geschlecht. So sind Trockenräume die Gebiete der größten Sehschärfe
-durch alle Kontinente. Der Buschmannknabe in Liechtensteins Begleitung
-auf der Rückfahrt vom Kap erkannte noch ziegengroße Antilopen an der
-afrikanischen Küste auf Stundenferne, was Liechtenstein nur mit dem
-Fernrohr zu kontrollieren vermochte. Der Targi der Westsahara zählt
-bereits die Kamele einer eben in den Horizont eingetretenen Karawane,
-wenn der Weiße neben ihm ohne Fernglas noch gar nichts von ihr sieht.
-Der Australschwarze verfolgt die kleine Biene seiner Heimat, nicht
-größer wie unsere Stubenfliege, bis auf 18 ~m~ Höhe ins Dunkel
-eines Baumwipfels, um den wilden Honig zu ergattern. Die größte uns
-bekannte Späherleistung möchte indessen von jenem rosseweidenden
-Kalmücken auf der ciskaukasischen Steppe erzielt worden sein, der die
-Russen vor einem Überfall bewahrte, indem er den aufwirbelnden Staub
-eines heranziehenden feindlichen Heerhaufes auf 30 ~km~ Ferne
-erkannte, d. i. die Entfernung Potsdams vom Ostende Berlins.
-
-Die urälteste Form des Menschenlebens, der Nomadismus, hat sich bis
-zur Gegenwart in den Steppen und Wüsten erhalten, weil hier der Mensch
-unter der Bedingung heroischer Marschausdauer, beherzter Waffenführung,
-genügsamer Kost, auch gelegentlichen Hungerns und Durstens der uralten
-Wonne unseres Geschlechts sich weiterfreuen durfte: der goldenen
-Freiheit, ohne als Arbeitsknecht Hacke oder Pflug führen zu müssen.
-Stets haben diese Freischweifenden mit der Verachtung des kühnen
-Recken auf die Seßhaften herabgesehen, so die Beduinen d. h. die
-Wüstensöhne auf die feisteren Bauern des arabischen Küstenrandes, die
-ihnen nur zum Brandschatzen, wenn nicht zu dauernder Knechtung da zu
-sein schienen, ebenso die Kurden der armenischen Alpmatten auf die
-Armenier, die drunten im Thal Feld und Garten berieseln mußten im
-Schweiß ihres Angesichts; bis zur russischen Besitzergreifung auch
-die freiheitsstolzen, türkischen Ösbegen Turans, die, wenn sie als
-Herren der persischen Siedler der Flußchanate ihr Heim in diesen selbst
-aufschlugen, doch lieber ihre Filzjurte im viereckigen Freihof des
-Wohnhauses aufschlugen als wie Feiglinge in den Lehmmauern eines Hauses
-zu wohnen.
-
-Australiens eingeborene schwarzbraune Rasse hält noch gegenwärtig an
-ihrer uralten frei schweifenden Lebensweise fest, wie sie dereinst
-bedingt war durch das nahezu gänzliche Fehlen anbaulohnender Gewächse
-und die Spärlichkeit jagdbaren Getiers in den wasserarmen Ödungen des
-Landes neben völliger Abwesenheit melkbarer Tiere. Auch nachdem nun
-die europäischen Ansiedler mit bestem Erfolg unsere Kulturgewächse und
-Haustiere nach Australien gebracht haben, verbleibt der Australschwarze
-lieber der alten Freiheit treu, so sehr sie mit dem Jammer des bloßen
-Sammelns von kümmerlichen Brosamen am Tisch der Wildnis naturnotwendig
-verknüpft ist. Die Männer des Stammes schweifen auf der täglichen
-Wanderung weiter aus, etwa eine Känguruherde aufzutreiben, einen Vogel
-mit dem Bumerang herabzuholen, die Erdhügelnester des Tallagallahuhns
-auszunehmen; die Weiber ziehen auf kürzerer Linie, mit dem armseligen
-Hausrat und den kleinen Kindern bepackt, nach eßbaren Wurzeln
-grabend, wilden Honig, Baumharz, kaum genießbares Gewürm zur Stillung
-des nagenden Hungers auflesend, einem noch nicht ganz erschöpften
-Wasserloch zu, an dem sie abends das Feuer entfachen vermittelst des
-brennend unter der Glut des Tagesgestirns mitgeschleppten Holzscheites,
-auf daß der gestrenge Gatte nicht zürne über zu langen Aufschub, wenn
-erst durch Aneinanderreiben von Hölzern das Feuer entzündet werden
-müßte, und jener dann unsanft den langen Wanderstab auf den Kopf der
-Gattin niedersausen ließe.
-
-In dem wildreicheren Afrika ist selbst der Buschmann nicht bloß
-Nahrungssammler, sondern Jäger, ein gewandter Bogenschütze. Doch kein
-Land der Welt ist ein solches Jägereldorado, daß der Mensch anders
-als hin- und herziehend von seiner Jagdwaffe den Unterhalt erzielen
-könnte. Auch der Hirt ist in Steppen mit gar zu kärglicher Benetzung,
-also schlechten Futterwuchses, oder in Gegenden, wo ein anhaltender
-Schneewinter die Gebirgsweide nimmt, folglich die Herde in benachbarten
-Niederungen zu überwintern zwingt, ein Nomade. Hingegen führen Oasen
-und die Trockenräume durchströmenden Flüsse -- man denke nur an den
-nubisch-ägyptischen Nil, diesen einzigen Strom, der die Sahara in
-ihrer ganzen Breite durchzieht -- zu fester Siedelung, weil hier
-das Quell- oder Flußwasser Garten- und Ackerbau mittels künstlicher
-Bewässerung zu treiben gestattet auch an Orten oder zu Zeiten, wo kein
-Tropfen Regen fällt. Darum war ja Zoroasters Lehre eine solche Wohlthat
-für Irans und Turans dürstende Gelände, weil sie die Berieselungswerke
-heilig sprach, unter deren Segen der sonst gar nichts tragende Boden
-tausendfältig Feld- und Baumfrucht spendete.
-
-Wo vollends Steppen regenreich genug sind, um auch ohne Bewässerung
-Feldbau zu gestatten, da sind sie teilweise schon vor Alters,
-in weitem Umfang vollends in neuerer Zeit vielfach ins Gebiet
-seßhaften Völkerlebens einbezogen worden, indem gewöhnlich von
-außen ackerbautreibende Stämme hereinzogen, sei es, daß der Boden
-unbewohnt angetroffen wurde, sei es, daß er ihnen zufiel nach dem
-gerechten Schiedsspruch tellurischer Auslese: jedes Land gehört dem,
-der es am besten zu verwerten, am tapfersten zu verteidigen weiß.
-Die englischen Weizenbauer und Schafzüchter dringen immer tiefer
-ins Innere Australiens ein; die Buren verdrängten Hottentotten wie
-Kaffern; die Prärien, wo noch vor kurzem die Rothäute die zahllosen
-Büffel jagten, wogen gleich den argentinischen Pampas von unabsehbaren
-Getreidefeldern. Dort, wo im Altertum skythische Skoloten und
-Sauromaten mit ihren Herden Südosteuropas Steppen durchzogen, führt
-jetzt der russische Ansiedler den Pflug. Und eben da, dicht am
-südlichen Uralgebirge, vollzieht sich jüngst ein lehrreicher Vorgang
-des Obsiegens der Seßhaften über die Schweifenden. Die Baschkiren
-nämlich mögen nur ungern ihr freies Wanderleben in der Steppe aufgeben;
-eingeengt jedoch durch die Uralwälder im Osten, die wüstenhafte
-kaspische Salzsteppe im Süden, das leise Vorrücken der russischen
-Bauern in West und Nord, fühlen sie sich außer stande allein durch
-Vermittlung ihrer Herden vom Steppengras zu leben, darum verpachten
-sie gegen Kornzins einen Teil ihrer Länderei an russische Bauern und
-erkaufen sich damit noch auf eine Galgenfrist die Adelsfreiheit des
-Nomaden. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, denn um von Weidewirtschaft
-in der Baschkirensteppe zu leben braucht man für den Kopf 120 Morgen,
-bei Landbau nur 20-30. Derselbe Flächenraum, der einem einzigen
-Baschkiren genügend Milch und Fleisch liefert, ernährt also vier bis
-sechs Russen.
-
-Allerwegen indes, wo das alte Hin- und Herziehen verblieb, erhielt sich
-auch Sitte und Brauch fast unverändert. In den echten Wüsten führt
-erst ganz neuerdings der Eisenbahnbau einen gänzlichen Umschwung des
-Verkehrs hier und da herbei. Sonst zieht dort noch wie vor Alters der
-Mensch von einer Wasserstelle zur andern, als Hirt, falls zu günstiger
-Jahreszeit flüchtiges Grün den Boden überzieht, als Karawanenführer,
-als Weidmann oder als lauernder Räuber. Wüsten züchten Räubervölker,
-denn sie sind von Natur immer arm, es sei denn, daß sie stellenweise
-Steinsalz bergen oder Salpeter wie die Atacama; oft liegen nun
-beiderseits reiche Landstriche, wie die Mittelmeerküste Afrikas und
-der Sudan, die einander ihre Güter durch Frachtzüge quer durch die
-Wüste zusenden, und dauernd locken Quell- oder Flußoasen mit winkenden
-Dattelhainen, mit Fruchtfeldern aller Art; Obst- wie Mehlzukost wünscht
-sich aber der Steppen- und Wüstenmensch gar sehr zu seinem ewigen
-Einerlei animalischer Nahrung. Was Wunder also, daß letzterer bei
-seiner überlegenen Ortskunde, die Angriff wie Rückzug deckt, seiner
-körperlichen Kraft, seiner fliegenden Eile zu Roß oder Kamel gern
-wenigstens nebenbei das Räuberhandwerk treibt, weshalb jeder Oasenort
-sich mit Lehmmauer umgürtet?
-
-Das stete Wanderleben auf dürrer Fläche erzeugt eine Fülle von
-Gewohnheiten, die gänzlich abweichen von denen seßhafter Menschen, und
-sich darum weit weniger wandeln, weil hier eine Natur von unbeugsamer
-Starrheit gebietet. In der syrisch-arabischen Wüste fühlt man sich
-noch heute in die Tage der Erzväter Israels versetzt. Der Reichtum
-besteht wie zu Abrahams Zeit in Vieh und Silbergeschmeide, in Waffen
-und Teppichen. Außer dem unentbehrlichen Zelt, dessen Gestänge nebst
-härenen Tüchern die Lasttiere auf dem Marsch zu schleppen haben,
-muß die sonstige fahrende Habe aufs sparsamste bemessen werden. Man
-darf sich nicht Tisch, Stuhl oder Bettstatt gönnen. Man hockt und
-schläft auf platter Erde; auf den hingebreiteten Teppich wird die
-große Schüssel mit dem einfachen Mahl gesetzt, in die greifen die
-Herumhockenden mit den Fingern wie Christus und seine Jünger, denn
-die Israeliten behielten gar manche Sitten des alten Nomadenlebens
-bei, auch als sie in Palästina seßhaft geworden, nannten sie doch
-für immer ihr Heim ~ohel~ d. h. Zelt. Die Geräte müssen dauerhaft
-sein, weil man sie nicht so oft beim Händler erneuern kann; aus
-hölzernen, womöglich mit Metallreifen geschützten Schalen trinkt der
-Mongole seinen gemüseartig gekochten Thee mit reichlicher Zuthat von
-Hammeltalg. Geringer geschätzt als der Mann ist das Weib; es verrichtet
-niedere Dienste, bleibt ausgeschlossen vom Mahl der Männer. Sobald
-abends das Zelt aufgeschlagen, begiebt sich Frau oder Tochter zum
-Wasserholen, und damit sie den oft nicht so kurzen Weg nicht mehrmals
-zurücklege, muß der thönerne Wasserkrug recht umfangreich sein, darum
-wieder läßt er sich nur auf der Schulter oder auf dem Kopf tragen,
-was zu straff aufrechter Haltung des Körpers viel beiträgt. Das Bild
-der Rebekka am Brunnen kehrt allabendlich im Orient hundertfältig
-wieder. Es fesselt stets durch die Verbindung von Anmut und Kraftübung;
-wie spielend hebt die Wasserträgerin den schweren Krug empor und
-trägt ihn elastischen Schritts von dannen. Mitten in der syrischen
-Wüste begegnete unser Wetzstein einer wassertragenden Beduinenfrau,
-die unterwegs geboren hatte in menschenleerer Öde, und nun rüstig
-dahinschritt, den Wasserkrug auf dem Haupt, das Neugeborene im Arm.
-Auch die Prärie-Indianerin wird zuweilen wohl auf dem Ritt durch die
-meerähnliche totenstille Grasflur von ihrer schweren Stunde überrascht;
-sie bindet dann ihr Pferd etwa an einen einsamen Baumstamm und schwingt
-sich nach ein paar Stunden Rast heldenhaft mit dem Säugling auf ihr Roß.
-
-Körperliche Ausdauer und Rüstigkeit sind diesen Nomaden in
-jahrtausendelangem Daseinskampf anerzogen worden. Die Patagonier,
-allerdings wohl die langbeinigsten aller Menschen, unternehmen
-Erholungsspaziergänge von mehr als 60 ~km~. Der Tubu legt seine
-heroischen Wüstenmärsche mit der notdürftigsten Tagesration weniger
-Datteln zurück; im äußersten Fall öffnet er dem Kamel eine Ader an der
-Schläfe, formt sich aus den zerstoßenen Knochen am Weg bleichender
-Skelette von verschmachteten Menschen, häufiger von gefallenen Kamelen
-und aus den paar Tropfen Kamelblut eine Paste zur Fristung seines
-Lebens; Wasser kann er, falls er tagsüber regungslos im Schatten ruht
-und nur nachts mit seinem treuen Tier weiterzieht, vier Tage lang
-entbehren, dann erst bindet er sich todesmatt auf das Kamel, seine
-Rettung dem unvergleichlich scharfen Spürsinn desselben überlassend.
-Der Kalmücke vermag auf Karawanenreisen wenigstens drei Tage lang zu
-hungern und zu dursten; findet er dann noch kein Trinkwasser, so rupft
-er Haare aus der Mähne des Pferdes und kaut daran.
-
-Langes Fastenkönnen und erstaunliche Gefräßigkeit entspricht vollkommen
-dem auf Mangel an Speise oft folgenden Überfluß des Jägers, der
-entbehrungsvollen Wanderung und späten Abendrast des Hirten-Nomaden.
-Der Mongole kann mehrere Tage ohne Speise bleiben, jedoch einen viertel
-Hammel sieht er als gewöhnliche Tagesration des Mannes an, ja er
-vertilgt bei festlichem Gelage einen Hammel mittlerer Größe an einem
-einzigen Tage für sich allein. Zu starkes Essen gilt übrigens bei
-diesen Völkern oft als des Mannes unwürdig. Auf Fehdezügen läßt sich
-der Kalmücke an ein paar Bissen Fleisch genügen oder er kaut geröstete
-Tierhaut; am Tage der Schlacht pflegt er nur die Brühe vom Fleisch
-zu trinken. Nordamerikanische Steppenindianer vermeiden selbst bei
-reichlichen Vorräten übermäßiges Essen (das sie nur Weibern, Kindern
-und Hunden nicht verargen), um sich straff zu halten für Mannesthaten
-bei Waffenspiel oder ernster Gegenwehr.
-
-Zum Spiel ist dem Nomaden viel Zeit übrig, und er liebt auch im
-Spiel Körperkraft nebst Gewandtheit zu zeigen. Zum Bogenschießen
-oder Ballspiel lockt die baumleere Weite; letzteres erfreut den
-Teke-Turkmenen wie den Dakota und Tehueltschen. Im Zelt wird
-leidenschaftlich gewürfelt; der Gaucho schlägt die Faulheitsstunden
-mit Kartenspiel tot, während der Araber lieber in lauer Abendluft,
-nachdem im Purpur des westlichen Himmels die Sonne niedergesunken,
-dem Märchenerzähler oder dem Sänger der Ruhmesthaten seines Stammes
-lauscht. Nicht von ungefähr trägt das Schachspiel einen persischen
-Namen. Herrlich gelingen den Männern überall die Reiterkunststücke und
-das Wettrennen; im Morgenland befeuern die zuschauenden Frauen durch
-ihren Zuruf, jauchzen den Siegern zu, wehklagen über das Zurückbleiben
-der Ihren. Es sind das segensreiche Volksfeste, in denen unentbehrliche
-Tugenden durch den Sporn des Ehrgeizes ihre Pflege finden. Aus den
-südrussischen Grasfluren kamen die wagehalsigen Bereiterstückchen
-in die Kosakenregimenter der russischen Reiterei; Baschkiren, in
-Ostturkistan selbst würdige Priester vergnügen sich daran, im rasenden
-Galopp einen Stein vom Boden aufzuheben, ohne den Bügel loszulassen;
-die Turkmenen rennen auf 160 ~km~ um die Wette und stiften dem ersten
-Sieger den ansehnlichen Preis von zwölf Kamelen. Das malerischeste
-Schauspiel bietet aber ein Renntag in der syrisch-arabischen Wüste oder
-eine Falkenbeize, sei es auf Reiher, sei es auf Gazellen am Hauran. Da
-bricht die Jagd- und Reitlust der Beduinen am feurigsten aus; wie toll
-stürmen sie ins Weite, und wenn dann die silberweißen Jagdfalken im
-blauen Äther mit den Reihern im Knäuel sich verschlingen, da schauern
-sie wild empor, und jede Fiber zuckt den bronzefarbenen Männern, die
-trotz aller Nervenstählung hochgradig nervös sind, wie so oft die
-Menschen, die dauernd in elektrisch gespannter, trockener Luft leben.
-
-Manche Eigentümlichkeiten treffen wir in diesen Landen, die nicht aus
-ihrer Eigenart hervorgegangen, sondern hier nur besonders treu erhalten
-sind, weil eben der Zeiger auf dem Zifferblatt der Kulturgeschichte
-dort so viel langsamer vorrückt als bei uns. Dahin zählt u. a. der
-vielfach noch nicht eingebürgerte Gebrauch des Kochsalzes. Man
-könnte zwar meinen, Fleisch und Blut der Wüstentiere sei durch deren
-salzreiches Futter schon salzig genug; in der That schmeckt trocknes
-Kamelfleisch wie gesalzen. Die Sträucher und Kräuter des so selten
-benetzten Bodens, in dessen Kruste die verdunstenden Tropfen von Tau
-oder Regen ausgelaugte Salzteile aufspeichern, sind oft nicht minder
-salzhaltig, folglich genießt z. B. der Namahottentotte, wenn er sich
-Knollen oder Zwiebeln zur bescheidenen Kost ausgegraben, schon etwas
-salzreichere Nahrung als wir, wenn wir Brot oder Kartoffeln verzehren.
-Indessen so viele von der Berührung mit unserer Kulturentfaltung bisher
-ausgeschlossen gebliebene Völker, darunter auch unsere Schutzbefohlenen
-auf Neuguinea und den Karolinen, wissen nichts vom Salzen der Speisen,
-daß wir gleichfalls bei den uns beschäftigenden Völkern hierin nur
-einen Nachhall der Urzeit erblicken möchten, in der unser Geschlecht
-sein stets vorhandenes, aber recht mäßiges Salzbedürfnis mit dem
-geringen Salzgehalt seiner Nahrung im ungesalzenen Zustand befriedigte,
-hingegen Zugabe von überflüssigem Salz als bloßem Gewürz zur Speise, an
-die wir uns nun als an eine Notwendigkeit so gewöhnt haben, noch nicht
-kannte.
-
-Andere Einzelzüge haben jedoch die Bewohner der Trockenräume offenbar
-erst diesen in näherer oder weiterer Vermittlung entlehnt. So zeigen
-sie gern ihre Waffen, um feindlichen Angriff schon durch die Furcht
-vor diesen womöglich im Keim zu ersticken. Meist in offener Ebene
-dahinziehend, führen sie daher in weite Ferne drohende Waffen, mit
-Vorliebe Lanzen, die Kurden z. B. 8 bis 10 ~m~ lange Bambuslanzen, die
-Beduinen die längsten Flinten der Welt, während die Tuareg bei Speer
-und altertümlichem Schwert mit Kreuzgriff verharren, die Schußwaffe
-mit Pulver und Blei als Schutzmittel des Feigen von sich weisend.
-Die Waldlosigkeit ladet sonst gerade zur Verwendung weit tragender
-Schußwaffen ein. Mit der Sicherheit ihrer Pfeilschüsse bei jagendem
-Ritt machten sich Hunnen, Awaren, Magyaren unseren Vorfahren furchtbar,
-als sie aus den Steppen des Ostens nach Deutschland einfielen. Der Tubu
-bringt mit seinem wagerecht geworfenen zackigen Wurfeisen dem Gegner
-gleichwie mit einer Zackensense am Riesenstiel gefährliche Wunden bei.
-Die Schleuder spielt seit alters in den Trockengebieten der alten Welt
-eine ähnlich große Rolle wie Lasso und Bolas in denen der neuen.
-
-Eine glückliche Sondererfindung der Saharavölker ist der sogenannte
-Gesichtsschleier oder Litham, ein blaubaumwollener Shawl, der so um
-den Kopf gewunden wird, daß er nur einen schmalen Schlitz für die
-Augen frei läßt. Wie wir uns im Winter mittels des ~cache-nez~ durch
-die eigene Atmung wieder Wärme zuführen, ebenso erwirken Tuareg wie
-Tubu durch ihren Litham, daß die schmachtend trockene Wüstenluft durch
-die selbstausgeatmete Feuchtigkeit, die sich im Litham verfängt,
-durchfeuchtet wird, ehe sie sie einatmen. Die Araber scheinen einen
-gleichen Schutz nicht zu kennen, pflegen aber bei Smum wohl nicht bloß
-gegen den Wüstensand, sondern zu dem nämlichen Zweck einen Zipfel ihres
-Mantels vor Mund und Nase zu ziehen.
-
-Den Kopf tragen viele der Völker zum Schirm gegen die schroffen
-Temperaturwechsel, oft auch gegen den Regen, bedeckt: die Kirgisen
-mit einem buntgestickten Käppchen, die Iranier mit der hohen,
-schwarzen Lammfellmütze, andere Morgenländer mit turbanartigem
-Kopftuch oder Fez, die Hottentottin mit der Fellhaube. Letztere
-abzulegen öffentlich gilt bei den Hottentotten als schamlos, wie auch
-der Morgenländer vor dem Höherstehenden oder gar im Gotteshaus nie
-die Kopfbedeckung abthut, wohl aber der Schuhe oder Sandalen sich
-entledigt. Christus stets barhäuptig abzubilden ist ganz unhistorisch.
-Der dicke Burnus des nordafrikanischen Kabilen sowie des Beduinen ist
-als schlechter Wärmeleiter gegen Tageshitze ein ebenso guter Schutz
-wie gegen Nachtkälte. Beinkleider treffen wir nur, wo Steppen und
-Wüsten von kalten Wintern heimgesucht werden, so in den Prärien, in
-Patagonien und Innerasien; der Mongole legt sie sogar nur im Winter
-an. Hohe Stiefel sind eine beliebte Zuthat zu den Beinkleidern bei
-Reitervölkern; manchen Völkern sind Hosen nebst hohen Stiefeln bei
-beiden Geschlechtern eigen; daher reiten auch Frauen und Mädchen, z.
-B. bei den Ostturkistanern, den Tanguten am Kuku-Nor, rittlings nach
-Männerart. Die Tehueltschen ziehen über ihre hohen Reitstiefel noch
-Überschuhe, um den Fuß auch im Schmelzwasser des Schnees trocken zu
-halten. Auf dem bis über 70° ~C~ erglühenden Fels- und Sandboden der
-Sahara zieht die nackte Fußsohle leicht Brandblasen, daher das dortige
-Bedürfnis, Fellschuhe oder Sandalen aus Kamelleder zu tragen, obwohl
-der sparsame Tubumann, wo es irgend geht, seine Sandalen an die Spitze
-des über der Schulter getragenen Speers knüpft, mit dem er leichtfüßig
-über den glühenden Boden dahinschreitet, ohne daß seine nackten,
-freilich hornüberzogenen Sohlen auf dem scharfen Gestein zerschnitten
-werden, während die Stiefel des Europäers auf demselben in Fetzen
-zerreißen.
-
-Die allgemeine Seltenheit des Wassers hat die Neigungen der Völker
-geradezu gegensätzlich beeinflußt. Dem Araber ist der Anblick großer
-Massen von Süßwasser eine ersehnte Augenweide, das Plätschern eines
-Springquells die liebste Musik; die Fontäne gehört deshalb als
-Hauptstück in den Mittelpunkt seines gartenartig ausgeschmückten
-Innenhofs, ohne Baumesschatten und rauschende Quellen kann er sich das
-Paradies nicht denken. In Centralasien hat dagegen die Seltenheit des
-Anblicks von fließendem Wasser eine völlige Idiosynkrasie gegen alles
-kalte Wasser herbeigeführt. Der Mongole schlägt seine Jurte niemals
-dicht bei der Wasserstelle auf, so nötig er für sich und seine Tiere
-das Wasser braucht; er trinkt nur gekochtes Wasser, und es wird ihm
-übel, wenn er den Fremden etwa eine Wildente verspeisen sieht, weil
-diese zum Wassergeflügel gehört. Die Chinesen sind wahrscheinlich
-aus der Takla-Makan Innerasiens erst nach China eingewandert. Daraus
-wird es sich erklären, daß sie nur abgekochtes Wasser zu sich nehmen.
-So wurden sie die Erfinder des Theetrinkens, und man darf schon die
-Behauptung wagen: Wir trinken Thee, weil die Chinesen aus Centralasien
-stammen.
-
-Wo das Wasser so kostbar, wird es nicht leicht zum Waschen benutzt.
-Daher starren die Menschen oft von Schmutz. Herodots Ausspruch über die
-Skoloten „Sie waschen sich nie“ gilt auch von den heutigen Mongolen,
-die sich sogar stolz hierauf ~kara hunn~, d. h. schwarze Menschen,
-nennen. Die Sitte der Skolotinnen, die, um zu gefallen, sich nachts
-über eine aus zerriebenen wohlriechenden Hölzern hergestellte Paste
-auflegten, so daß sie des Morgens als duftige Huldinnen erschienen,
-ausnahmsweise auch ohne Schmutzkruste im Gesicht, erinnert uns an
-eine bisher ganz übersehene Geschmacksrichtung, die unseren Völkern
-offenbar durch ihre Heimat zu teil ward. In allen Trockenlanden
-nämlich walten, wie wir schon bemerkten, aromatische Gewächse zufolge
-natürlicher Züchtung auffallend viel mehr vor als anderwärts; ist doch
-Arabien, zu deutsch das Wüstenland, von jeher durch seine Aromata
-berühmt gewesen. Dieser Umstand machte die also stets von solchen
-Wohlgerüchen umhauchten Steppen- und Wüstenvölker zu leidenschaftlichen
-Freunden derselben; auch ihren Göttern schrieben sie natürlich diese
-Vorliebe zu. Aus dem Morgenland empfingen wir selbst die Sitte des
-Parfümierens; Mohammed trug stets ein Etui mit Wohlgerüchen bei sich,
-wir könnten sagen ein Schnupftabaksdöschen; wenn die braune Nubierin
-das Entzücken ihres Gatten sein will, nimmt sie ein förmliches Rauchbad
-aus lauter aromatischen Stoffen. Mit nichts wurde im salomonischen
-Tempel so viel Geld verpraßt, als um Jahve die köstlichsten Spenden
-von Myrrhen und Weihrauch zum Himmel empor zu senden; ganz ebenso
-zündeten die mittelalterlichen Tataren Asiens ihrem Gott duftige Opfer
-und bringen noch immer die Indianer der Prärie ihrem „großen Geist“
-Salbeiopfer. Der Weihrauchduft der christlichen Kirchen ist mithin ein
-echt geographischer Hinweis auf den Orient als Ursprungsstätte des
-Christentums.
-
-Ein gewisser schwermütiger Zug geht durch diese Völker; er entspricht
-wohl dem vereinsamten Weilen in einer einförmigen, schweigenden
-Natur. Bis zu finsterster Stimmung steigert sich der freudlose Ernst,
-wenn der karge Boden wie im Tubuland Tibesti selbst an Quellorten
-nur wenige Datteln und kaum weich zu klopfende Dumpalmenfrüchte
-trägt. Da macht der nagende Hunger die Herzen hart wie die Steine
-der Wüste. Sonst jedoch verklärt ein freundlichstes Erbe uralter
-Vorzeit auch das dürftigste Nomadenzelt: die sogar vom Räuber in Ehren
-gehaltene selbstlose Gastfreiheit. Handel und Wandel, Verführung durch
-Kulturgenüsse hat Biederkeit und ritterlichen Sinn meist noch nicht
-angetastet. „Griechische Treue“ ist Satire, „türkische Ehrlichkeit“
-hingegen Wahrheit. Dazu stählt Nüchternheit Leib und Seele; sie nicht
-zum letzten führte die Khalifenheere wie die Osmanen von Sieg zu
-Sieg. Trockenräume geben aus ihrem Gewächsreich wenig Zuckerstoff zur
-Herstellung berauschender Getränke; das bewahrte ihre Söhne vor dem
-Trunklaster, impfte ihnen Verachtung ein gegen die Weichlinge, die
-sich nicht genügen lassen am ältesten und gesundesten Getränk der
-Menschheit, Wasser und Milch, oder dem heißen Labetrunk von Kaffee oder
-Thee, die sich berauschen wie die verachteten Knechte der Ackerarbeit.
-„In ein Haus, unter dessen Dach ein Pflug steht, kehrt der Engel Gottes
-nicht ein“ heißt es nomadenstolz im Koran. Mohammed, dieser Lykurg der
-Wüste, hat die Abscheu gegen Trunksucht nicht erst eingeführt, nein er
-fand sie vor und weihte sie nur wie so viele andere uralte Wüstensitten
-als aus Allahs heiligem Willen geboren.
-
-Wald- und Seevölker pflegen Polytheisten zu sein, Steppen- und
-Wüstenvölker neigen vielmehr zum Monotheismus. Vom Sinai, aus Palästina
-und Arabien empfing die Welt die drei wirkungsreichsten Lehren vom
-+einen+ Gott. Dschingiskhan gebot, als wäre er ein Prophet des alten
-Bundes: „Du sollst glauben an den alleinigen Gott, der Himmel und Erde
-geschaffen hat, den Herrn über Leben und Tod.“ Nicht anders denkt
-der Mandan-Indianer der Prärie von dem „großen Geiste, der im Himmel
-wohnt“. Wir alle suchen die Einsamkeit, wenn wir unsere Gedanken
-sammeln wollen. Das nämliche Streben trieb Johannes den Täufer und
-Christus in die Stille der Jordanwüste, Mohammed in die Wüstenklippen
-abseits von Mekka. Nur wenige, aber gewaltige Eindrücke sind es,
-mit denen die Wüste in feierlichem Schweigen das sinnende Gemüt des
-Menschen erfüllt. Über der starren Gesteinsfläche schaut das Auge
-nur eine, aber eine stetige, ruhig gleichmäßige Bewegung: die der
-Gestirne. Nicht Menschenhand lenkt sie, es muß eine übermenschliche,
-jedoch einheitliche Macht sein, die das erwirkt; und was der Forschung
-das Naturgesetz der Gravitation, ist dem kindlichen Sinn der einige
-Gott, „der die Sterne lenket am Himmelszelt“, der die ganze Welt
-regiert, zürnend daher fahrend im Gewittersturm, vernichtende Blitze
-schleudernd, dann aber mild lächelnd seine Sonne wieder scheinen
-lassend über Gerechte und Ungerechte.
-
-Die Freude der Orientalen, gedankenvoller Rede zu lauschen, nicht bloß
-bei abendlicher Rast im Nomadenzelt, nein auch am hellen Tag, etwa auf
-der grünen Matte am See Genezareth gelagert, wie bei der Bergpredigt,
-das war der rechte Boden, solche erhabene Lehren volkstümlich werden zu
-lassen, aus ihnen menschenbeglückende Religionen zu gestalten.
-
-
-
-
-IV.
-
-Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft.
-
-
-Die Entwicklung der Erdkunde während der letzten drei Jahrzehnte,
-wo sie bei uns in Deutschland nach so langem Harren endlich überall
-unter die Universitätswissenschaften Aufnahme fand und somit auf
-ihre Methode und ihre Abgrenzung gegen andere Gebiete des Wissens
-gründlicher geprüft wurde, lief einmal wirklich Gefahr auf einen
-Abweg zu geraten. Hatte Karl Ritter in seinem monumentalen Werk „Die
-Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen“,
-wie schon diese Titelworte verkünden, das physisch-historische
-Doppelantlitz der Wissenschaft von der Erde von neuem enthüllt, wie
-es im engeren Umkreis antiker Länderkenntnis 18 Jahrhunderte vor ihm
-bereits Strabo gethan, hatten manche Jünger der Ritterschen Schule in
-dem Interregnum der deutschen Erdkunde, wie es 1859, mit Humboldts und
-Ritters Tod, einsetzte, das historische Element dieser Wissenschaft
-sogar überwuchern lassen, so erreichte die naturgemäß folgende Reaktion
-eines umgekehrt etwas einseitig naturwissenschaftlichen Betriebs
-der Geographie ihren Gipfelpunkt, als Georg Gerland in Straßburg
-die Losung ausgab: die Erdkunde ist reine Naturwissenschaft, die
-Werke des Menschen darf man nicht in sie hineinziehen, denn sie sind
-Sondergegenstand der historischen Disziplinen.
-
-Es darf wohl ein Glück genannt werden, daß dieser revolutionäre
-Weckruf, der für den ersten Augenblick viel Bestrickendes hat und
-ernsthaft methodologischer Erwägung entstammt, keine allgemeinere
-Nachachtung in Deutschland und, dürfen wir stolz dazufügen, somit
-auch in der übrigen Welt erfuhr. Selbst unser führender Geograph, F.
-v. Richthofen, unter dessen Banner die Geologie die ihr gebührende
-Stellung gewann, der Erdkunde als Fundament zu dienen, erklärte sich
-rückhaltlos gegen Ausschluß des Menschen aus der Geographie.
-
-Gerland hatte freilich vollkommen Recht mit seinem mahnenden Hinweis
-darauf, daß die Erdkunde gleichsam ihre methodische Sauberkeit,
-bloß mit Naturkräften und Naturgesetzen zu rechnen, preisgebe,
-sobald sie den Menschen in ihr Bereich ziehe, denn unrettbar tritt
-dann sogleich menschliche Willkür in die Betrachtung ein, man muß
-dann bald mit den Methoden des Naturforschers, bald mit denen des
-Historikers oder des Volkswirtschaftlers operieren. Aber liegt das
-nicht eben in der eigenartigen Natur der Erdkunde begründet? Nicht
-von ungefähr hat ihr der Altmeister Ritter die centrale Stellung
-zugewiesen mitten inne zwischen den naturwissenschaftlichen und
-den geschichtlichen Fächern. Wäre die Erde nichts weiter als ein
-Naturkörper, so wäre selbstverständlich die Erdkunde thatsächlich reine
-Naturwissenschaft; weil wir uns jedoch namentlich das landerfüllte
-Viertel der Erdoberfläche gar nicht vorstellen können ohne die ihm tief
-eingeprägten menschlichen Züge, so wird es wohl bei dem Schiedsspruch
-verbleiben: die Erdkunde ist eine wesentlich naturwissenschaftliche
-Disziplin, indessen mit integrierenden historischen Elementen.
-
-Auch die Meere sind jetzt sämtlich eingesponnen in das Thun und Treiben
-der Menschheit. Nähme der Mensch seine Hand von ihnen, so wären sie
-nicht mehr, was sie sind, nicht mehr lebenerfüllte Räume, auf denen
-die Flaggen aller seefahrenden Nationen sich entfalten, damit das
-Adersystem, wie es erst seit kurzem die Wirtschaftsthätigkeit unseres
-Geschlechts zu einem Ganzen zusammenschließt, unablässig seinen
-Segensdienst leiste. Ohne den Menschen würden die Ozeane wieder
-rückfällig werden in jenen Zustand, da Ichthyosauren und Plesiosauren
-zur Jurazeit ihr Wesen in ihnen trieben, sie würden wieder wüstenhafte
-Ödungen, auf denen an Stelle von Schiffen nur noch Eisberge ihre kalten
-Pfade zögen.
-
-Freilich hinter dem Kiel selbst der mächtigsten Kauffahrer, der
-gewaltigsten Panzer verwischen die zusammenschlagenden Wogen stets
-wieder die Spur der Wasserstraße. So allgemein fühlbar die Wirkungen
-des Verkehrs in jenem Geäder der großen Seestraßen auch sind, in
-dem die Schiffe gewissermaßen die Blutkörperchen vertreten, --
-diese Straßen selbst bleiben unsichtbar, nur der Kartograph zieht
-sie in Liniengestalten auf seinen Weltbildern aus. Anders das Netz
-der Landverkehrswege! Wie zeigt es uns in seinen engeren oder
-weiteren Maschen, in der Güte des Straßenbaus, im Vorhandensein von
-Eisenbahnen neben glatten Kanallinien den Maßstab für Beurteilung der
-Gesittungshöhe des bewohnenden Volkes! Welch ein Abstand zwischen
-solchen Bildern des wimmelnden Menschen- und Güterverkehrs auf den
-nach einem Punkt zusammenstrahlenden Land- und Wasserwegen, wie sie
-sich um unsere Handels- und Industrie-Metropolen alltäglich darbieten,
-gegenüber den bloß vom Menschenfuß ausgetretenen zitterigen Wegen
-durch die unabsehbaren Grasfluren des tropischen Afrika, auf denen die
-schwarzen Träger in langem Karawanenzug nur einzeln hintereinander
-ihre armseligen Warenbündel dahinschleppen, oder gar gegenüber den
-Urwaldgründen im Gebiet des Amazonenstroms, wo sich noch heute wie seit
-grauer Vorzeit der braune Jäger seinen Weg immer von neuem mühsam durch
-das Dickicht bricht!
-
-Je mehr sich die wirtschaftliche Kultur eines Volkes hebt und je
-mehr sich dessen Zahl steigert, desto vielseitiger spiegelt das von
-ihm bewohnte Land seine Thätigkeit wieder, indem zuletzt wenig mehr
-übrig bleibt von dessen ursprünglichem Antlitz als das Relief des
-Bodens. Das großartigste Schauspiel fast urplötzlicher Umwandlung von
-Wildland in Kulturland haben uns im Laufe der Neuzeit Nordamerika und
-Australien geboten. Während noch im vorigen Jahrhundert das große
-Viereck der Vereinigten Staaten von heute im Ostdrittel bis über den
-Mississippi hinaus von prachtvollen, bunt gemischten Wäldern rauschte,
-im ebenen Mitteldrittel, das allmählich zum hochgelegenen Fuß des
-Felsengebirges ansteigt, ein Gräsermeer sich ausbreitete, das nur
-dem Wild zu statten kam, donnerartig durchdröhnt vom tausendfältigen
-Hufschlag der Büffel, und dann die kahle Hochlandwüste, die Stätte der
-ungehobenen Gold- und Silberschätze, folgte, bis an das pazifische
-Küstengebirge mit seinen riesigen Mamutbäumen und der noch völlig
-toten herrlichen Hafenbai am Goldenen Thor, -- da ist jetzt der
-Wald ungefähr wie bei uns in Deutschland auf etwa ein Viertel der
-Gesamtfläche eingeschränkt worden. Goldene Weizenfelder wogen an Stelle
-der Steppengräser, die größten Mais- und Baumwollenernten der Welt
-spendet der nämliche Boden, der vordem öde Wildnis war; aus zahllosen
-Gruben fördert man Eisenerz und Kohlen samt Erdöl an den Alleghanies,
-in deren Umgebung wahre Wälder von rauchenden Schornsteinen die
-Industriebezirke kennzeichnen; der centrale Riesenstrom ist gebändigt,
-daß er bis zum Meer die größten Flußdampfer gehorsam auf seinem Rücken
-dahingleiten läßt, das großartigste Netz von Eisenbahn- und Kanallinien
-verflicht das Mississippithal mit der atlantischen Küste wie mit den
-kanadischen Seen, wo Chicago als ein Seehafen mit Weltverkehr mitten
-im Kontinent zu einer Millionenstadt erwuchs; selbst durch die vorher
-in Todesschweigen liegenden Jagdgründe der Indianer des fernen Westens
-zieht das Dampfroß schrillen Pfiffs seine transkontinentale Eisenstraße
-zum wirtschaftlichen Zusammenschmieden der früher kaum sich kennenden
-atlantischen und Südseefront; die weiße Kalkwüste am blauen Salzsee
-von Utah ist durch künstliche Bewässerung in ein grünes Gartengefilde
-verwandelt, Nevada nebst Kalifornien schütten ihre Milliarden aus, wo
-vorher kaum ein paar streifende Horden von Rothäuten ein kümmerliches
-Dasein fristeten; San Francisco erstand in 50 Jahren aus dem Nichts
-zur stolzen Königin der Westküste, ein strahlendes Gegenüber zu New
-York, der merkantilen Beherrscherin des Ostens, dieser volkreichsten
-Stadt der Welt nächst London, wo vormals an der Hudsonmündung die
-Wigwams eines Indianerdörfchens standen. Noch rascher, erst seit 1788,
-ist Australien aus einer gottvergessenen Armutsstätte des Hungers und
-Durstes, ohne einen Getreidehalm, ohne Fruchtbäume und Melktiere, ja
-bis auf die spärlichen Känguruherden fast auch ohne jagdbares Wild,
-durch englische Thatkraft umgestaltet worden zu einer beneidenswerten
-Schatzgrube von Reichtümern aller drei Naturreiche. Klassisch wurde
-daselbst die graue Theorie, der zufolge die Geschöpfe vom Schöpfer
-selbst überall da heimisch gemacht seien, wo sie fortzukommen
-vermöchten, durch die frische That der Versuchs widerlegt. Alle unsere
-Getreide- und Obstarten wie unsere Nutztiere gedeihen vortrefflich
-unter dem australischen Himmel; an Stellen, die dem Australschwarzen
-nicht mit einem Tropfen Wasser die Zunge lechzten, hat Moseskunst
-Quellen angeschlagen oder sammeln tief ausgebrochene Felscisternen
-die Regenwasser umgebender Höhen, um jene ungeheuern Schafherden
-zu tränken, deren Vließ im Trockenklima Australiens so seidenweich
-auswächst, daß die Squatter bereits heute dort vom Schafesrücken
-eine größere, vor allem aber eine ungleich dauerndere Einnahme sich
-gesichert haben als Goldwäscher und Goldgräber. Dieser einzige Erdteil,
-der bis vor etwa 113 Jahren keine Stadt, ja kein Dorf trug, ist nun
-mit blühenden Ortschaften übersät, ja sein Melbourne ist analog, aber
-noch schneller und höher emporgekommen wie San Francisco, denn diese
-vornehme Kapitale der Südhemisphäre gleicht Rom an Bewohnerzahl und
-wird Dank seiner unvergleichlichen Hafenbai die Haupthandelspforte
-Australiens bleiben, wenn längst auch die letzte Goldader Viktorias
-ausgebeutet worden.
-
-Hatte der europäische Ansiedler dem amerikanischen Boden vieles von
-daheim mitgebracht, vornehmlich den Weizen und das Pferd, dazu Rind,
-Schaf, Schwein, Esel, Ziege, aus Asien den Kaffeebaum, so bekam also
-Australien überhaupt erst durch die Kolonisten sein Kulturgewand
-angethan, und zwar ein so gut wie ganz europäisches. Doch auch
-unsere Ostfeste hat nicht ganz unähnliche Verwandlungswunder in
-seiner Kulturscenerie erlebt. Javas Bedeutung für den Welthandel
-beruht fast allein auf dem Massenertrag an ursprünglich ihm fremden
-Erzeugnissen; der immergrüne Pflanzenteppich seines Kulturlandes,
-wie er sich über die Niederungen zu Füßen seiner alpenhohen Vulkane
-und über die Unterstufe seiner Gebirge ausbreitet, besteht neben dem
-seit alters einheimischen Reis aus Zuckerrohr vom indischen Festland,
-aus Tabakstauden von der Habana, aus dem Theestrauch Ostasiens, dem
-ursprünglich nur afrikanischen Kaffeebaum und den herrlichen Cinchonen
-Perus, die uns in ihrer Rinde das fieberbannende Chinin schenken.
-Die nächst Java ertragreichste Tropeninsel Asiens, Ceylon, büßte
-unter der Hand seiner englischen Herren das prächtige Urwaldkleid
-seines Südgebirges großenteils ein, um in unseren Tagen sogar zweimal
-umgekleidet zu werden: zuerst überzog man den gerodeten Waldboden
-mit lauter Kaffeepflanzungen und nun aus Furcht vor dem verheerenden
-Blattpilz mit lauter Theepflanzungen. Wer könnte sich die Sahara
-heute ohne das Kamel denken? Gleichwohl ist dieses für die große
-Wüste wie geschaffene Tier erst durch den Menschen dorthin eingeführt
-worden; man erblickt es nirgends unter den mannigfaltigen Tierbildern
-Ägyptens aus der Pharaonenzeit, es scheint vielmehr den Ägyptern
-bis zur Ptolemäerzeit ganz fremd geblieben zu sein und hat seinen
-das Verkehrswesen Nordafrikas umgestaltenden Einzug in die ganze
-Sahara und darüber hinaus sicher erst im Gefolge der Ausbreitung des
-Islam bis in den Sudan gehalten. Religionen sind auch sonst bei der
-Metamorphose des landschaftlichen Kulturbildes mehrfach mit beteiligt
-gewesen, nicht allein durch bauliche Anlagen wie Moscheen mit schlanken
-Minarts, Pagoden und Buddhistenklöstern, die geradeso wie christliche
-Wallfahrtskirchen und Klöster aus einem tief im Menschenherzen
-begründeten Zug die Berggipfel suchen, wo sie dann landschaftlich um
-so bedeutender wirken; und was wäre uns die Ebene am Niederrhein ohne
-den Kölner Dom, die oberrheinische Ebene ohne Straßburgs Münster? Um
-uns aber bewußt zu werden, wie Religionen z. B. unmittelbar eingriffen
-in die vegetativen Landschaftstypen, brauchen wir nur dessen zu
-gedenken, daß die Weinpflanzungen überall zurückwichen, wo Mohammeds
-puritanisches Nüchternheitsgebot erschallte, selbst in dem einst so
-weinreichen Kleinasien, das Christentum hingegen den Anbau der Rebe
-nach Möglichkeit förderte, schon um den Weihekelch des Abendmahls
-rituell zu füllen. Mit dem Athenakultus war der der Göttin heilige
-Ölbaum untrennbar verbunden; mit dem Apollodienst wanderte der
-Lorbeerbaum um das Mittelmeer. Die Verdienste gewisser Mönchsorden um
-den Wandel des finstern Waldes in lichtes, fruchttragendes Gefilde
-während des Mittelalters sind hoch zu preisen. Ja wir haben geradezu
-den urkundlichen Beleg eines solchen Wandels immer vor uns, sobald
-uns nur bezeugt wird, daß zu bestimmter Zeit an dem betreffenden
-Ort ein Cistercienserkloster gegründet sei; denn das durfte nach
-der Ordensregel gar nicht wo anders geschehen als da, wo noch bare
-Wildnis den Anblick der Urzeit bot, damit alsbald dort mit Rodung,
-Entsumpfung, Anbau begonnen werde. Wo jetzt die Thüringer Eisenbahn uns
-so gemächlich durch die grünen Fluren des Saalthals an Weingeländen
-und hochragenden Burgruinen bei Schulpforta vorbei dem inneren
-Thüringen zuführt, kann beispielsweise im 12. Jahrhundert nur eine
-versumpfte Thalsperre bestanden haben, die zu umgehen die Fahrstraßen
-auf benachbarten Höhenrücken hinzogen, denn -- die ~Porta Coeli~ ward
-damals als Cistercienserabtei angelegt. Gerade von ihr ist uns kürzlich
-durch einen hübschen geschichtlichen Fund die gärtnerische Bedeutung
-der alten Mönche in helles Licht gerückt werden; man verstand früher
-nie, warum in Frankreich der auch dort weit und breit geschätzte
-Borsdorfer Apfel ~pomme de porte~ heißt, -- nun wissen wir den Grund:
-die fleißigen Mönche von Pforta hatten auf ihrem Klostergut Borsdorf
-unweit von Kamburg an der Saale eine neue feine Geschmacksvarietät
-einer kleineren Apfelsorte entdeckt und verteilten alsbald Pfropfreiser
-derselben an ihre Ordensbrüder weit über Deutschland hinaus, und nur
-die Franzosen bewahren zufällig durch den ihnen selbst nun unklar
-gewordenen Herkunftsnamen pomme de porte die Erinnerung daran, daß die
-rotbäckigen Borsdorfer alle Nachkommen sind von Stammeltern, die in
-einem stillen Klostergarten an der thüringischen Saale gewachsen.
-
-Ganz Europa ähnelt einem Versuchsfeld, auf dem nützliche Gewächs- und
-Tierarten gezüchtet wurden, um sie dann mit dem alle übrigen Erdteile
-durchflutenden europäischen Kolonistenstrom nach systematischer Auslese
-auch dort einzubürgern, wo es die geologische Entwicklung nicht hatte
-geschehen lassen. Nicht +ein+ Erdteil wird vermißt unter den
-Darleihern von Zuchttieren, Nutz- oder Ziergewächsen an Europa. Am
-schwächsten ist Afrika vertreten, nämlich bloß mit Schmuckpflanzen wie
-Calla und Pelargonien; Australien schenkte uns in seinem Eucalyptus
-einen kostbaren raschwüchsigen Baum, der durch die energische
-Saugthätigkeit seines mächtig ausgreifenden Wurzelwerks u. a. in den
-pontinischen Sümpfen Wunder thut zur Austrocknung des Bodens, zur
-Vernichtung des Fiebermiasmas; Amerika verdanken wir den Truthahn,
-die Tabakpflanze, den Mais, vor allem aber die Kartoffel, ferner
-die eigenartig fremdländische Staffage der Mittelmeerländer: Agave
-nebst Opuntie; am meisten jedoch spendete uns Asien, mit dem Europa
-zufolge seines breiten Landanschlusses im Osten sowie der bequemen
-Schiffahrt über das Mittelmeer stets im engsten Bunde gestanden hat
-durch Wanderungen der Völker und durch Warenaustausch. Jeder Hühnerhof
-stellt eine asiatische Geflügelkolonie dar, innerhalb deren nicht
-selten der Pfau eine echt indische Farbenpracht entfaltet. In vor- oder
-doch frühgeschichtliche Zeitfernen reicht die Einführung des Weizens
-und der Gerste aus Asien, noch während des Altertums folgten Walnuß
-und Kastanie, Mandel, Pfirsiche und Aprikose, erst durch Lucullus
-die Kirsche. Oberitalien, vormals ein sumpfiges Urwaldgebiet rein
-europäischer Baumformen, ward zu einem prangenden Fruchtgefilde, wo
-hier asiatischer Reis, dort amerikanischer Mais blüht und aus China
-gekommene Seidenzucht tausend emsige Hände beschäftigt; nur die
-Weinrebe, die im Poland so reizend sich von Ulme zu Ulme schlingt,
-darf als alteuropäisches Eigengut gelten. Der Büffel, so heimisch
-er sich jetzt in den Donausümpfen Rumäniens wie in den Morästen
-am tyrrhenischen Gestade Italiens fühlt, ist doch erst im frühen
-Mittelalter durch Nomadenstämme aus Westasien zu uns gelangt. Das
-Land, „wo die Citronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“,
-ist Italien noch in Cäsars Tagen nicht gewesen, ja die Apfelsine,
-die schon durch ihren Namen „Apfel von Sina“ ihre chinesische Heimat
-verrät, wurde sogar erst durch die portugiesische Kauffahrtei des 16.
-Jahrhunderts über Südeuropa ausgebreitet.
-
-Allein, um den Landschaftswandel durch Menschenhand zu gewahren,
-brauchen wir uns gar nicht im Geist ans blaue Mittelmeer zu versetzen,
-etwa nach Sizilien, dieser Lieblingsstätte der Ceres, wo man nun nicht
-mehr bloß Weizen, Wein und Oliven wie vor Alters erntet, sondern ganze
-Schiffsladungen von Hesperidenäpfeln von Palermo nach Nordamerika und
-halb Europa verfrachtet, den Opuntienkaktus die Etnalava in fruchtbaren
-Humusboden verwandeln und gleichzeitig dem armen Volk eine billige,
-labende Frucht schaffen läßt, -- nein, unser eigenes Vaterland
-offenbart uns das eindringlich genug.
-
-Als Tacitus seine Germania verfaßte, gab es zwar im römischen
-Provinzialgebiet links vom Rhein, an Donau und Inn, auch im Zehntland
-zwischen Donau und süddeutschem Rhein schon mannigfachen Anbau; auf den
-Schieferfelsen längs der Mosel und des norddeutschen Rheins pflegte man
-bereits die Rebe, auf Donau und Inn schwammen Getreideschiffe, wenn
-auch der Bodenanbau sich mehr an die Thalweitungen der Ströme hielt,
-sonst meist nur eine lichte Oase im Dunkel des Waldes bildete, etwa um
-ein einsames Römergehöft, angeschmiegt an einen sonnigen Thalhang mit
-Auslage gen Süden. Dort im Donausüden und im rheinischen Westen bewegte
-sich schon reger Verkehr auf den für den festen Tritt der Legionen
-solid gebauten Römerstraßen; auf dem Markt der vindelicischen Augusta,
-des heutigen Augsburg, trafen sich die verschiedensten Volksstämme,
-man redete in germanischer, keltischer, römischer Sprache; Mainz war
-ein wichtiger Waffenplatz, im freundlich mit Weingärten und Obsthainen
-umschmückten Thalkessel von Trier schlugen gelegentlich römische Kaiser
-ihren Sitz auf, um von wohlgeschirmter Stelle aus die Rheingrenze gegen
-Freigermanien zu überwachen. Aber eben dies Land der freien Germanen
-lag noch überwiegend im Waldesschatten, der nur von weiten Moorflächen
-und wohl auch stellenweise von offenem Wiesenland unterbrochen wurde,
-wo leicht austrocknender Lößboden den Waldwuchs weniger begünstigte als
-den von Gras und Kraut. Städte sah man gar keine, kaum geschlossene
-Dorfschaften, gewöhnlich bloß verstreute Blockhäuser, um sie her
-wohl etwas Feld, grasende Kühe, Schafe oder Ziegen, ein grunzendes
-Schwein, von Eichelmast genährt, aber keinen Baumgarten. Holzäpfel
-und Holzbirnen brach man sich aus dem nahen Wald, der in malerischem
-Durcheinander Laub- mit Nadelholz mischte; die schöne Eibe war an ihrem
-dunkelgrünen Wipfel schon von weitem erkennbar neben dem helleren Grün
-der Fichte oder der Kiefer; Eichen und Buchen walteten unter den nur
-sommergrünen Waldbäumen vor, aber auch Lindenbestände mengten sich
-ein, auf den Gebirgshöhen turmhohe Edeltannen. Bär und Luchs lauerten
-im Dickicht, in dem die wilde Taube gurrte und über dem krächzende
-Raubvögel ihre Kreise zogen; der Wolf ging auf Beute aus, fiel auch
-wohl weidende Wildpferde an; Wildschweine durchwühlten das Erdreich,
-neben Hirsch und Reh sah man das Elen mit seinem Schaufelgeweih das
-Geäst der Bäume und das Gestrüpp des Unterholzes geräuschvoll zur
-Seite drängen, um sich Bahn zu schaffen; in kleinen Gruppen durchzog
-das Geschwister des amerikanischen Bison, der Wisent, Niederungs- wie
-Bergwald, in größeren Herden weideten Renntiere die grauen Flechten
-des Waldbodens ab; an den morastigen Flußufern führten Biber ihre
-Wasserbauten auf im Schatten von Erlen, Eschen und Zitterpappeln.
-
-Heute würde Tacitus sein Germanenland kaum wiedererkennen. Der
-Deutsche ist nicht mehr bloß Jäger und Viehzüchter mit nebensächlichem
-Feldbau, seine weit intensiver gewordene Arbeit gehört dem Ackerbau
-und der innig mit ihm verknüpften Viehhaltung, dem Gewerbe bis zur
-Großindustrie, dem Bergwerksbetrieb, dem Handel und der Schiffahrt. Das
-kündet Deutschlands Antlitz mit der nahezu die Hälfte der Bodenfläche
-einnehmenden Feldflur, den zur menschlichen Nutzung regulierten
-Flüssen, der Fülle von Städten, den Fabrikschornsteinen und Hochöfen,
-den See- und Stromhäfen, den Leuchttürmen und Deichbauten längs der
-Küstenlinie, dem umfassendsten Eisenbahnnetz in ganz Europa. Nur
-annäherungsweise haben sich Reste altgermanischer Landschaft noch
-erhalten auf den höchsten Zinnen unserer Gebirge und in den Mooren,
-soweit diese noch nicht der Brandkultur unterworfen wurden, oder durch
-Abtragen des Torfes bis zum festen Untergrund einer am Kanalgezweig
-in sie eindringenden Fehnkolonie den Platz räumten. Der Urwald ist,
-wo man ihn nicht durch Feuer oder Axt zerstörte, zum Forst geworden,
-also zum Kunstwald, der in eintönig gleichmäßigen Beständen solche
-Holzarten enthält, die rasch wachsen und gut bezahlt werden. Darum hat
-besonders auf unseren Gebirgen die Fichte die Vorherrschaft erlangt,
-die hauptsächlich unser Bauholz liefert; selbst die stolzen Edeltannen,
-von denen einige Patriarchen am obersten Schwarzathal noch aus der
-Stauferzeit stammen mögen, finden wegen ihres langsamen Aufwuchses
-keine Gnade bei der Forstverwaltung. Die Eibe treffen wir sogar meist
-nur noch als seltenes Relikt der Vorzeit an schwerer zugänglichen
-Stellen, so an der jähen Granitwand des Harzes, die vom Hexentanzplatz
-zur Bode abfällt; sie wächst erst recht langsam nach und erlag daher,
-allzu viel geschlagen wegen ihres für Schnitzerei trefflich geeigneten
-Holzes, bei uns wie in Skandinavien frühzeitig allmählicher Ausrottung.
-Renntier und Wisent verschwanden aus Deutschland schon während des
-Mittelalters, das Elen hält sich nur noch in ein paar preußischen
-Forsten unseres äußersten Nordostens, das mäßig große Wildpferd wird
-zuletzt in der Reformationszeit am Thüringerwald erwähnt, Wolf und
-Bär wurden in den Folgejahrhunderten ausgerottet, vom Biber führt ein
-kleines Häuflein an der untersten Mulde und in dem benachbarten Stück
-des Elbthals oberhalb Magdeburg ein beschauliches Dasein, anderwärts
-sind dem merkwürdigen Nager unsere Gewässer durch Befahrung und
-industrielle Anlagen zu unruhig geworden.
-
-Unsere flüchtige Überschau hat ergeben, daß sich der umgestaltende
-Eingriff des Menschen in die Naturwildnis teils richtet auf Veränderung
-der Pflanzen- und Tierwelt je nach dem Bedarf seiner vornehmlichen
-Beschäftigung, teils auf Ausführen von Wege-, Wasser- und Hochbauten.
-In beiden Richtungen stellt sich die Wasser- und die Waldfrage in den
-Vordergrund. Bei beiden wollen wir noch einen Augenblick verweilen.
-
-In der Wüste schafft sich der Mensch Kulturboden, indem er den in
-lichtloser Tiefe schlummernden Wasservorrat durch artesische Bohrung
-an die Oberfläche herauffördert, um bald im Schatten von Dattelhainen
-zu wandeln, wo sonst der Verschmachtungstod drohte. Im amphibischen
-Sumpfgelände gilt es im Gegenteil des Übermaßes von Wasser sich zu
-entledigen, um dann mitunter den allerfruchtbarsten Boden zu gewinnen.
-Letzteres war der Fall in Ägypten; in der Deltaflur des Nil war nicht
-zu leben als Fischer, Jäger oder Hirt, nur als seßhafter Ackerbauer,
-dann aber auch in hohem Wohlstand und wachsendem Volksgewimmel, das zur
-Arbeitsteilung, folglich zu hoher Kultursteigerung führte. So zogen
-die Altägypter den Kulturboden durch Entwässerung und Dammbauten aus
-dem Nilschlamm empor und schufen die eine Hauptwurzel der nachmals in
-Europa ausgestalteten Weltkultur. Die andere Hauptwurzel leitet weiter
-hinaus in das Mündungsland des Euphrat und Tigris. Hier ward in ganz
-ähnlicher Weise Kulturboden als Grundlage erstaunlich früh gesteigerter
-Menschheitsgesittung dem Sumpfdelta der beiden Zwillingsströme
-enthoben. Aber der ältere, darum höher an den Flüssen hinauf gelegene
-Deltaboden lag doch schon zu hoch über dem Stromspiegel, er wurde
-deshalb nicht mehr vom Hochwasser erreicht wie der am ägyptischen Nil,
-man mußte das Wasser durch Schöpfwerke emporheben und in zahlreiche
-Kanäle leiten, die zugleich der Schifffahrt wie der Felderbefruchtung
-dienten. Das war es, was das uralte Sumeriervolk und seine Nachfolger
-in diesem Deltaland, die Chaldäer, zu weit mühevollerer Leistung
-stachelte als die Ägypter. Indessen eben weil dieser Kulturboden von
-keinem Nil alljährlich von selbst getränkt und gedüngt wird, verlor
-er seine Erzeugungskraft, als der gedankenöde, die Thatkraft lähmende
-Kismetglaube des Islams das Leichentuch über das Land breitete.
-Babylonien versank in den Wüstenzustand; trauernd blickt der Birs
-Nimrud, der einzige turmartige Trümmerrest Babels, dieser größten
-Stadt des Altertums, auf eine sonnendurchglühte Ebene, der nun das
-Wasser fehlt, das einst die Heidenvölker so schaffensfroh heraufholten.
-Hier also harrt eine seit mehr denn tausend Jahren erstorbene
-Kulturlandschaft ihrer Auferstehung, sobald nur das rechte Volk kommt.
-Glorreicher erscheint darum die Bezeugung menschlicher Macht über
-rohe Naturgewalt in den Niederlanden, weil da noch zur Stunde das
-Siegeswort Wahrheit spricht: „Gott schuf das Meer, der Bataver aber den
-festen Wall der Küste.“ Wo einst die nordwestlichsten Deutschen, die
-Chauken, ein kaum menschenwürdiges Dasein fristeten, täglich zweimal
-zur Flutzeit vom einbrechenden Meer umgarnt, daß sie wie Schiffbrüchige
-in ihren auf künstlichen Hügeln erbauten Hütten als Flüchtlinge lebten,
-da hat der goldene Reif des Deichbaus, den ihre Nachkommen aufführten,
-fette Wiesen, besten Ackerboden in dessen Schutz gewinnen lassen, und
-Hunderte von Kanälen durchziehen wie weiland Babylonien zur Be- und
-Entwässerung das gesegnete Gefilde, aus dem man künstlich das Wasser
-zum Meer geleiten muß, denn reichlich ein Viertel der Niederlande,
-der ganze Raum von der Südersee bis zur Schelde, liegt tiefer als
-der Meeresspiegel. Dies ganze Land ist mithin echtester Kulturboden
-sogar seinem Ursprung nach, ihn hat der Mensch nicht meliorierend
-umgeschaffen, sondern erschaffen, dem Meere abgerungen.
-
-Schulter an Schulter mit den Niederländern haben wir auch auf deutschem
-Boden den Deichbau zur Wehr gegen die anstürmende Nordsee ausgeführt,
-am Dollart unterseeische Polder erworben und innere Landeroberungen
-durch Urbarmachen der Moore, Trockenlegung von Sumpfstrecken erzielt;
-ja Friedrichs des Großen Trockenlegung des Oderbruchs steht auf
-ähnlicher Höhe wie diejenige des Haarlemer Meeres, die neuerdings
-18000 Hektar ausgezeichneten Fruchtbodens lieferte, die Heimstätte
-von zur Zeit 14000 zu ansehnlichem Wohlstand gelangten Holländern. In
-den deutschen Mittelgebirgen, deren Begehung vielfach durch Torfmoore
-erschwert wurde, hat der Abstich letzterer freilich die Wasserkraft der
-aus ihnen gespeisten Bäche beeinträchtigt, denn jene gaben vorzügliche
-Reservoire ab für den Niederschlag: Regen- wie Schmelzwasser speicherte
-sich in ihnen wie in einem Schwamm auf und erhielt die Gewässer selbst
-bei Trockenheit und Hitze stark. Mancher unserer Gebirgsbäche, der
-jetzt zur Sommerzeit nur als dünner Wasserfaden durch sein Felsenthal
-niederrieselt, hat noch vor wenigen Jahrhunderten selbst unweit seines
-Ursprungs rastlos die Räder von Sägemühlen getrieben.
-
-Eben in dieser Wasserökonomie haben wir nun auch die Hauptbedeutung
-des Waldes zu erkennen. Daß Entwaldung stets zum Niedergang eines
-Landes führen müsse, kann man allerdings nicht zugeben. Das hängt ja
-ganz von seiner Naturbegabung ab. Die britischen Inseln sind durch
-ihre Bewohner zum waldärmsten Glied des europäischen Körpers geworden
-und trotzdem eins der regenreichsten geblieben, weil ihnen der Südwest
-vom Golfstrom her Regenwolken in Fülle zutreibt, gleichviel ob diese
-Wälder antreffen, oder irische Viehtriften, englische Feldflur und
-Parklandschaft. Waldrodung ist in jedem Waldland die unerläßliche
-erste Kulturthat des Ansiedlers, denn er braucht geklärten Boden zu
-Hausbau wie Aussaat. Indessen wehe dem Volk, das ohne Verständnis für
-die Eigenart seiner Heimat vermessen antastet dessen Waldmitgift!
-Wie wir jetzt in Deutsch-Südwestafrika dazu schreiten, das Beispiel
-der Australengländer zu befolgen, den bisher nutzlos verlaufenden
-Wasserschatz sommerlicher Platzregen vorsorglich zu sammeln in
-Cisternen oder Stauteichen, daß er der Viehzucht wie dem Landbau zu
-gute komme, so beschirmt die Mutter Natur in glücklicher ausgestatteten
-Erdräumen das als Regen oder Schnee vom Himmel bescheerte Wasser durch
-das grüne Dach des lieben Waldes gegen zu rasche Verdunstung, gegen
-verheerenden Ablauf zumal im Gebirge. Frankreich, noch weit schlimmer
-die südlicheren Länder ums Mittelmeer, bezeugen, was geschieht, wenn
-zufolge fahrlässiger Waldverwüstung das Naß nicht mehr im schattigen
-Wald niedertropft auf moosigen Boden, um entlang den Baumwurzeln wie
-in tausend Kanälchen ins Erdreich zu sickern, Quellen nährend. Wo sind
-sie hin die schiffbaren Flüsse der Apenninen-Halbinsel zur Römerzeit?
-Im Süden vielfach zu tobsüchtigen Fiumaren geworden, liegen sie in
-der regenarmen Sommerzeit trocken, reißen dagegen bei winterlichen
-Gewittergüssen wie mit den Krallen eines Ungeheuers immer neue,
-immer tiefere Risse in die nackten Felswände, von denen die für den
-Pflanzenwuchs so nötige Verwitterungskruste krumiger Erde durch
-das nämliche Unwetter hastig in ihr Bett entführt wird, bloß zur
-Versumpfung der Niederung, zur Verstopfung der Flußmündung. So ist aus
-dem Land, da Milch und Honig floß, das skelettartig kahle Palästina
-geworden; das Fett des Bodens, besonders die kostbare Roterde, die
-aus der oberflächlichen Auflösung des palästinensischen Kreidekalks
-durch den Regen zurückblieb und in der Terrassenkultur der Israeliten
-sparsamst bewahrt blieb, mußte beim Verfall pflegsamer Bodenbehandlung,
-beim Abhieb der immergrünen Eichenhaine, von denen die Bücher des alten
-Bundes melden, der bleichen Steinwüste weichen.
-
-Stets sind die Länder das, was ihre Völker aus ihnen machen. Das
-Aussehen jener verkündet untrüglich den Grad der Werkthätigkeit dieser.
-Immer höher klimmt der Mensch empor, die Natur seiner Umgebung in
-seinen Dienst zu zwingen und seine Herrschaft ums ganze Erdenrund
-auszudehnen. Boden wie Wasser sind beide längst die Schemel seiner
-Macht, und sie werden es von Tag zu Tag mehr. Aus der mechanischen
-Kraft des Flußgefälles holen wir uns elektrisches Licht, Triebkraft
-für unsere Maschinen und übertragen sie vom Gebirge in die Niederung.
-Hier versetzen wir gewissermaßen Gebirge, dort tunnelieren wir sie; wir
-durchstechen Landengen und lassen im künstlich erschlossenen Wasserweg
-Meere sich verbinden, wo es unser Verkehrsbedürfnis erheischt. Ja wir
-lassen auf Schienen- wie Dampferlinien die irdischen Fernen in der
-Praxis mehr und mehr sich kürzen, wir heben sie völlig auf in der
-Telegraphie.
-
-Aber es ist nicht wahr, daß der Fortschritt der Kultur den Menschen
-loslöst von der mütterlichen Erde; nein, sie verknüpft ihn nur immer
-inniger und umfassender mit ihr. Wir fühlen uns immer heimischer auf
-dieser Erde, immer glücklicher in der Verwertung ihrer Güter, ihrer
-Kräfte, stets jedoch bleibt sie das Grundmaß menschlichen Schaffens.
-
-
-
-
-V.
-
-Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen.
-
-
-Wir gebrauchen das romanische Lehnwort „Nation“ nicht gleichbedeutend
-mit dem viel allgemeineren Ausdruck „Volk“. Volk bedeutet uns keinen
-recht bestimmten Begriff: „Viel Volks“ brauchen wir in dem nämlichen
-Sinn wie „eine Menge Menschen“. Die Bewohner jeder Thalung, jeder
-Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir im zusammenfassenden
-Sinn „Volk“ nennen, selbst wenn sie von ihren Nachbarn nicht oder kaum
-verschieden sind. Auch Nationen sind Völker, indessen nicht jedes Volk
-ist uns eine Nation. Es giebt keine hamburgische, württembergische,
-sächsische oder preußische Nation, wohl aber eine deutsche,
-französische, russische; etwa auch eine belgische und niederländische,
-eine schweizerische oder österreichische?
-
-Schon bei dieser Frage stutzt man. Die Österreicher wird nicht
-leicht jemand eine Nation nennen; den meisten wird das auch schwer
-ankommen bei den ihrer Abkunft und Sprache nach ganz und gar deutschen
-Holländern, vollends bei den Belgiern und Schweizern mit ihrer teils
-deutschen, teils romanischen Muttersprache. Wir ertappen uns auf
-großer Unsicherheit, wenn wir die Frage beantworten sollen: machen die
-Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika eine Nation aus? Viele
-werden das verneinen mit dem Hinweis darauf, daß diese Nordamerikaner
-doch nur ein Gemisch aus den verschiedensten Völkern Europas und
-Afrikas darstellen. Können indessen nicht aus der Verschmelzung von
-recht unverwandten Völkern Nationen geboren werden? Ist nicht die
-chinesische hervorgegangen aus der Vermischung der aus Innerasien
-vormals an den Huangho hinabgezogenen Urchinesen mit einer Menge ihnen
-von Haus aus fremder Vorbewohner Nordchinas und vollends Südchinas, wo
-noch bis zur Zeit des zweiten punischen Krieges keine Chinesen hausten
-und wo bis zur Stunde Reste unchinesischer Stämme zu Hunderttausenden
-von Köpfen weiterleben? Zeigt uns die russische Nation nicht noch in
-der Gegenwart ganz den nämlichen Umschmelzungsvorgang durch Aufgehen
-finnischer wie türkischer Völker im alles aufschlürfenden Russentum?
-Ist nicht geradezu jede Nation ohne Ausnahme ein Mischungserzeugnis?
-
-Keiner braucht sich zu schämen, wenn er bekennen muß, über solche
-Skrupel sich noch nicht recht klar geworden zu sein. Beweisen doch zwei
-unserer größten Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wie völlig
-gegensätzlich sogar man damals noch über den Sinn des Wortes Nation bei
-uns dachte. +Schiller+ ruft in einem Distichon aus:
-
- „Zur Nation euch zu bilden,
- Ihr hofft es, Deutsche, vergebens!“
-
-Und gleich nachher, als Deutschland dem korsischen Sieger zu Füßen lag,
-hielt +Fichte+ unter dem Trommelgetöse einer französischen Besatzung zu
-Berlin unter den Linden seine Flammenreden „an die Deutsche Nation“!
-
-Schiller meinte unter Nation offenbar eine im National+staat+ geeinte
-Volksschar, Fichte dagegen hatte den Mut, selbst im zeitweilig
-niedergetretenen, staatlich völlig zersplitterten Deutschtum
-die nationale Kraft der Gemeinsamkeit anzurufen in prophetisch
-zuversichtlichen Worten, als hätte ihn die stolze Ahnung erfüllt, daß
-eben in mannhafter Gegenwehr gegen den französischen Erbfeind das
-deutsche Volk sich dermaleinst den nationalen Staat erkämpfen werde!
-
-Aber es dünkt doch sehr an der Zeit zu sein, daß wir den Begriff
-„Nation“ in befriedigender Klarheit erfassen, weil er eine so mächtige
-Rolle im täglichen Leben spielt und bei seiner ursprünglichen
-Mehrdeutigkeit leicht als bestrickende Parteiparole von den
-verschiedensten Seiten mißbraucht werden kann. Man denke nur an die
-antisemitische Bewegung, an die mörderischen Kriege, die unter dem
-Vorwand der Nationeneinung im vorigen Jahrhundert geführt wurden!
-
-Kein Zweifel freilich, daß das lateinische Wort ~natio~ einen
-Volksstamm bezeichnet, der zufolge gemeinsamer Abkunft seiner Glieder
-sich gleich zeigt in Aussehen und Sprache, in Brauch und Sitte. Jedoch
-die Geschichte lehrt, daß keine Nation eine solche natio, eine solche
-genealogische Einheit darstellt. Jede im Gegenteil gleicht einem
-Strom, der aus um so zahlreicheren Quellen sein Gewässer mischt,
-je gewaltiger er im Lauf zum Meere hin anwächst. Gleich +sein+ von
-jeher dichten nur oberflächliche Beurteiler den Nationen an; gleich
-+werden+ aber ist allerdings ihr unablässig betriebenes Werk. Eben weil
-Nationen sich in stets lebendigem Fluß befinden, ist es so verkehrt,
-doktrinär aprioristisch von einer starren Definition für den in Rede
-stehenden Begriff auszugehen und nachher schulmeisterlich zu Gericht
-zu sitzen, um alle diejenigen Völker als Nichtnationen abzuweisen,
-die dem im voraus festgestellten Begriff sich nicht fügen. Das ist
-regelmäßig der Fehler einseitig urteilender Historiker, Sprachforscher,
-Anthropologen oder Staatsrechtslehrer. Da sagen die einen: die
-Stammeseinheit macht die Nation. Nun dann wären Engländer und Deutsche
-nicht zwei Nationen, sondern nur eine, denn die Angelsachsen waren
-rein deutsch und mischten sich auf britischem Boden nicht viel mehr
-mit Kelten als unsere Vorfahren auf süddeutschem Boden, den doch bis
-zum Beginn unserer Zeitrechnung ausschließlich Kelten inne hatten,
-was noch heute daran ersichtlich wird, daß die Süddeutschen weit
-häufiger dunkel von Auge und Haar sind als die Norddeutschen. Andere
-behaupten: die Sprachgleichheit sei der richtige Ausweis nationaler
-Zusammengehörigkeit. Aber dann gehörten ja Engländer und Nordamerikaner
-zu einer und derselben Nation, ebenso Dänen und Norweger, die ja
-nach Sprache wie Abkunft völlig eins sind. Endlich heißt es: der
-+Staat+ erst macht ein großes Volk zu einer rechten Nation. Das hat
-gewiß mehr für sich, denn Niederländer wie Portugiesen, Schweizer
-wie Nordamerikaner haben sich erst durch Gründen eigener Staaten zu
-nationaler Selbständigkeit erhoben, ja sogar losgelöst von ihren
-stammes- und sprachverwandten Brüdern außerhalb der von ihnen gezogenen
-Staatsgrenze.
-
-Die Niederländer sind reinblütigere Deutsche als die Reichsdeutschen
-selbst, ihr Holländisch ist eine niederdeutsche Mundart so gut wie
-das Platt der Gegend von Düsseldorf oder Köln. Nichts deutete bis
-gegen Ausgang des Mittelalters auf nationale Abkehr dieser für uns so
-wichtigen Rheindeltaflur vom deutschen Mutterland. Da bricht der Krieg
-aus gegen die spanische Zwingherrschaft. Wir lassen die Holländer
-in diesem echt deutschen Kampf um Nacken- wie um Glaubensfreiheit
-thöricht genug im Stich und -- fertig steht ein niederländischer Staat
-von vollgültiger nationaler Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des
-schaffenden Lebens. Ein Aufschwung ergreift das Volk, ähnlich dem der
-Hellenen nach ihrem Obsiegen über den Koloß der Persermacht. Aus den
-friedlichen Bauern und Heringsfischern geht eine kühne Seefahrernation
-hervor, die eine Zeit lang die Hegemonie auf dem Weltmeer inne hat;
-man gewinnt in überseeischem Handel und Kolonialbesitz eine wahre
-Großmachtstellung, schafft in der nun zum Adel einer Schriftsprache
-erhobenen heimischen Mundart eine hochansehnliche Litteratur, eigene
-Kunstschulen und ein Gemeinwesen, das auch heute noch sein wieder
-zu friedlicher Arbeit in engerem Kreise zurückgelenktes Volk sich
-eines beneidenswert gleichmäßig verteilten Wohlstandes erfreuen läßt,
-durchaus nicht gewillt, die seiner Eigenart angepaßte Verfassung durch
-Eintreten in den deutschen Reichsverband preiszugeben. Ganz ähnlich
-Portugal! Auch hier regte sich durchaus kein Streben nach Loslösung
-aus dem so fest in sich geschlossenen iberischen Halbinselkörper bis
-ins 11. Jahrhundert; der lusitanische Wohnraum deckte sich gar nicht
-mit dem heutigen Portugal; ethnisch wie sprachlich war die Absenkung
-Hispaniens zur heute portugiesischen Westküste vom Kernland der Mitte
-nicht tiefer unterschieden wie dieses vom Ebroland oder vom fröhlichen
-Andalusien. Portugiesisch war von jeher bloß eine spanische Mundart,
-die man übrigens auch heute noch im spanischen Galicien spricht. Der
-Staat Portugal erst brachte den Umschwung. Begründet dadurch, daß
-König Alfons VI. seinem Eidam, dem ritterlichen Heinrich von Burgund,
-das Küstenland zwischen Minho und Doiro als selbständige Grafschaft
-überweist, wächst Portugal, Schulter an Schulter mit Kastilien, im
-siegreichen Kampf gegen die Mauren südwärts aus, bis ihm an der Küste
-Algarves das Meer eine natürliche Grenze setzt. Seit 1256 hat kein
-anderes Königreich so fest seine Grenze eingehalten wie Portugal, ein
-Beweis naturgemäßer Umgrenzung. Die nur auf portugiesischem Boden,
-nicht ins spanische Hinterland schiffbaren Flußstrecken bilden samt
-der Küstensee treffliche Verkehrsstraßen zu innigerem Zusammenschluß
-des seiner ganzen Natur nach Kastilien entgegengesetzten, weit hinaus
-ins Weltmeer blickenden Landes. Das gab dem Volk sein eigentümliches
-Gepräge und schied es samt seiner auch hier zur vornehmen
-Litteratursprache entwickelten Mundart national von Spanien.
-
-Doch wir blicken in die Frühepoche europäischer Gesittung zurück und
-vernehmen zwei merkwürdige Wahrsprüche der Geschichte über die gar
-nicht immer gleichmäßige Beziehung zwischen Staat und Nation. Die alten
-Griechen waren eine echte Nation in der wesentlichen Gleichartigkeit
-des Typus, der Sprache, der Sitte und Gottesverehrung, in ihrem stolzen
-Sichabsondern von allen übrigen Völkern, der Welt der „Barbaren“, im
-ruhmreichen Kampf zur Verteidigung ihrer nationalen Freiheit gegen
-den persischen Großkönig, indessen -- nie brachten sie es zu einem
-nationalen +Staat+. Die Römer hingegen erweiterten Schritt für Schritt
-ihre festgefügte Staatseinheit vom römischen Weichbild auf Latium,
-auf Italien, auf die ganze Länderkette rings um das Mittelmeer, und
-gleichwohl hinterließ dieser Römerstaat, als er in Trümmer sank,
-keine einige Nation, sondern bloß vereinzelte Ansätze zu abgesondert
-voneinander sich entfaltenden Nationalitäten.
-
-Ist somit doch nicht immer der Staat Grundlage oder Endziel nationaler
-Ausgestaltung, so führt uns wohl am sichersten ein Wink des berühmten
-Franzosen Ernst Renan der Lösung des Rätsels entgegen. In einem
-glänzenden Vortrag, den Renan in der Pariser Sorbonne am 11. März 1882
-über das Thema hielt: „~Qu’est ce qu’une nation?~“ -- der Vortrag liegt
-längst auch gedruckt vor, blieb jedoch in Deutschland fast unbeachtet
--- weist derselbe alle bisherigen Versuche, den Begriff Nation zu
-erklären, mit meist durchschlagenden Gründen zurück und überrascht
-zum Schluß mit der ganz neuen Deutung: „Eine Nation ist eine große
-Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig für die
-Gesamtheit vollbrachter Thaten und auf das Einverständnis, auch künftig
-in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiterzuleben.“ Er ruft aus: „Die
-Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes Plebiscit.“
-
-Das kennzeichnet richtig die Nation als etwas in steter Entwicklung
-Begriffenes und legt das Schwergewicht mit Recht auf das thatkräftige
-Wollen. Thaten sind uns geradezu Berechtigungsnachweis dafür, daß
-eine Volksschar eine Nation ausmacht; eine herdenhafte Menschenmasse
-von Millionen und aber Millionen Köpfen, dabei so gleichartig, als
-stelle sie eine einzige Familie dar, wäre uns doch keine Nation, wenn
-sie thatenlos dahin vegetierte. Unklar bleibt nur bei Renan, worauf
-eigentlich dieser Wille der Zusammengehörigkeit beruht, aus dem die
-großen Thaten fließen. Vortrefflich eröffnet Renans Nationalbegriff
-die Perspektive auf die im gesunden Fortgang des nationalen
-Zusammenschlusses begründete Vollendung des letzteren, die Aufrichtung
-des nationalen Staates; denn nichts vermag besser den Willen der
-Absonderung von den Nichtgenossen zu verwirklichen als Abstecken einer
-möglichst gesicherten Staatsgrenze, nichts vermag andererseits den
-Willen des festen Zusammenstehens gründlicher in die That umzusetzen
-als das gesetzmäßig ausgebildete Pflichtensystem staatlicher
-Einrichtungen. Doch wenn wir fragen nach dem Urquell eben dieses
-Wunsches zusammenzuhalten, zu bethätigen das „alle für einen, einer für
-alle“, so läßt uns der geistvolle Franzose im Dunkeln. Er hellt dieses
-Dunkel auch nicht auf mit der Redewendung: „Eine Nation ist eine Seele,
-ein geistiges Prinzip.“
-
-Nein, das Wünschen und Wollen im bloßen Sinn subjektiven Beliebens
-führt gewiß nicht zu dauerndem nationalen Zusammenschluß. Es handelt
-sich um den objektiven Grund des Wollens, und ich denke, wir entdecken
-ihn, wenn wir den Renanschen Satz geographisch vertiefen.
-
-Ist es an dem, daß vor allem der ausdauernde feste Wille des
-Zusammenhaltens in bewußtvoller Abkehr von den übrigen ein Volk zur
-Nation stempelt, so bilden z. B. die Schweizer entschieden eine
-Nation. „Wir +wollen+ sein ein einig Volk von Brüdern,“ so läßt der
-Dichter die Schweizer auf der Rütliwiese ihren Bund besiegeln. Ja,
-sie +wollen+ eins sein auch die Schweizer der Gegenwart, sie +wollen+
-wie Brüder zusammenstehen, so deutlich auch die welsche Zunge im
-Südwesten und Süden, die deutsche Zunge im übrigen größeren Raum
-ihrer Eidgenossenschaft laut es künden, daß sie nicht von gleicher
-Herkunft sind. Und +warum+ wollen sie es? Weil sie ein und dasselbe
-Haus bewohnen, dies einzig schöne Haus von den Juraketten bis zu den
-firngekrönten Alpenhöhen, vom grünen Bodensee zum blauen See von Genf.
-Gar verschieden hat die Natur das Land ausgestattet. Wo im Südost
-die Alpen ragen, da thront naturgemäß die Sennerei; mit den Erträgen
-seiner Rinderzucht ist der Alpenschweizer auf das Hügelgelände des
-Nordwestens, auf die Molasseschweiz zwischen Jura und Alpen gewiesen,
-wo man Getreide und Obst baut, wo man Wein keltert. Schon damals, als
-die Melkbauern um den Vierwaldstättersee den urältesten, noch so eng
-umschränkten Eidgenossenbund gründeten, nahmen sie Luzern in ihn auf
-als ihren Marktort am Austritt der Reuß ins schweizerische Kornland. So
-klar erkannten sie, daß einem Dauer verheißenden Bund die materielle
-Wirtschaftsgrundlage nicht fehlen dürfe. Und dieser reale Grund,
-daß Alpen- und Molasseschweiz bei ihrer entgegengesetzten Begabung
-aufeinander angewiesen sind zu wechselseitiger Ergänzung, leitete den
-ferneren Ausbau der Eidgenossenschaft und hat bis zur Stunde diese
-Schweizer zusammengehalten. Das Bewußtsein solcher Zusammengehörigkeit
-aber erfuhr eine mächtige Steigerung durch äußere Widersacher: durch
-die habsburgischen Versuche, die alte Bauernfreiheit zu verkümmern,
-durch die blutigen Angriffe des eroberungslustigen Karl von Burgund,
-durch die Teilnahmlosigkeit des Deutschen Reichs in jenen schweren
-Tagen der Gefahr. So lernten die Schweizer, daß, wenn sie Herr in ihrem
-hehren Hause bleiben wollten, sie treu zusammenstehen müßten ohne
-Unterschied der Abkunft, der Sprache, des Glaubens. Sie erwuchsen zu
-einer Nation und schufen sich zur Wahrung ihrer nationalen Güter den
-immerdar festesten Hort, den nationalen +Staat+.
-
-Das Beispiel der Schweiz ist ein Typus für Nationalentwicklung
-überhaupt. Wie in einem klaren Spiegel schauen wir es da, daß leibliche
-Verwandtschaft und daher stammende Sprachgemeinschaft durchaus nicht
-unerläßlich sind zum Entfalten einer Nation, so gewiß sie imstande sind
-das machtvoll zu fördern, ferner daß der eherne Panzer der staatlichen
-Einheit gar sehr benötigt wird, ja unter Umständen unentbehrlich ist,
-den Körper der Nation zu schirmen; vornehmlich aber erkennen wir an
-dem Muster der Schweiz die bisher allzu sehr übersehene Bedeutung der
-wirtschaftlichen Faktoren in ihrer Bedingtheit durch die Landesnatur.
-
-In der Verkennung der leitenden Kraft dieser geographischen
-Einwirkungen liegt die Hauptschwäche der Renanschen Ausführungen.
-Er giebt zu, daß „die Geographie“ (er will sagen: die tellurische
-Beeinflussung) ihren gewichtigen Anteil habe an der Trennung von
-Nationen, indessen, nachdem er von der scheidenden Kraft der Gebirge,
-der verknüpfenden der Flüsse geredet hat (ohne des Meeres auch nur
-mit einem Wort gedacht zu haben), verkündet er: „Die Erde liefert
-doch nur die Unterlage, das Kampffeld für den Wettbewerb mit den
-Waffen oder in friedlicher Arbeit; der Mensch liefert die Seele.“ Und
-dann verflüchtigt er alsbald wieder den eben eingeräumten Einfluß
-geographischer Bedingnisse, indem er erklärt: „Eine Nation ist ein
-geistiges Prinzip, hervorgewachsen aus tiefen Komplikationen der
-Geschichte, eine geistige Familie, keineswegs eine durch den Bodenbau
-bestimmte Gruppierung.“
-
-Das letztere hat auch wohl noch niemals jemand behauptet. Staaten wie
-Nationen sind keine Naturerzeugnisse, sondern jedesmal Schöpfungen der
-Menschen. Es wäre jedoch eine Verkennung thatsächlicher Verhältnisse,
-wollte man den Menschen so unumschränkt in seinen Neigungen und
-Willensäußerungen sich denken, daß er hierin von seiner irdischen
-Heimat gar nicht abhinge. Im Gegenteil, so gewiß im Pulsschlag des
-Lebens einer Nation Blutsverwandtschaft, Gleichheit von Sprache
-und Sitte, Glaubensgemeinschaft sehr wohl fühlbar sein kann, -- am
-dauerndsten wie am allgemeinsten ruht doch die Vereinigung zu diesen
-umfassenden Volksgenossenschaften in dem Bewußtsein, daß man neben
-geistigen auch materielle Interessen gemein habe, die man darum mit
-geeinter Kraft zu vertreten habe. Und eben weil materielle Interessen
-am Boden zu haften pflegen, ist ein unlösbares Band geschlungen
-zwischen einer Nation und ihrem Wohnraum. Geschichtliche Strömungen
-mögen bald diese, bald jene Länder national verknüpfen, aber vom
-Boden losgelöste Nationen hat es nie gegeben. Mag eine Nation ihre
-Stätte wechseln, oder mag sie wie die russische in Sibirien ihren
-Wirkungsraum auf benachbarte, ganz neue Lande ausdehnen, stets wird
-sie sich dem neugewonnenen Boden innig vermählen, geistig ebenso wie
-durch Anbau, Handel und Gewerbe, Verkehrs- und Staatseinrichtungen.
-Das militärische Schutzbedürfnis kann sogar Hauptgrund werden für eine
-Nation, etwa ein zeitweilig außerhalb ihrer Staatsgrenze gelegenes
-Gebiet zu besetzen. Wir Deutsche haben „aus nationalem Interesse“ das
-Elsaß nebst Deutsch-Lothringen für uns reklamiert, nicht weil dort uns
-abtrünnig gemachte Volksgenossen wohnten oder weil diese Territorien
-einst dem verflossenen Deutschen Reich angehörten, sondern weil uns
-Metz als Sperrfeste des zum Rheinstrom ausmündenden Moselthals, vor
-allem aber die Wasgaumauer hocherwünscht sein mußte zur Deckung
-unserer Westgrenze. Mit freilich nicht ausgesprochener Bezugnahme auf
-diese vermeintliche Gewaltthat bemerkt Renan, eine Nation habe nicht
-mehr Recht als ein König zu einer Provinz zu sagen: „Du gehörst mir,
-ich nehme dich.“ Denn, heißt es weiter: „Niemals besitzt eine Nation
-ein wirkliches Interesse, ein Land gegen dessen eigenen Willen sich
-anzugliedern oder für sich zu behalten. Der Wille der Nationen ist
-schließlich das einzige gesetzliche Schiedsgericht, auf das man dabei
-immer zurückzukommen hat.“ Das soll also heißen: Man lasse sich die
-Bewohner von Elsaß und Deutsch-Lothringen frei äußern, ob sie lieber
-zu Frankreich oder zu Deutschland gehören wollen, und regele nach
-solcher Entscheidung die Karte Europas! Machen denn aber die teils
-französischen, teils deutschen Insassen unseres heutigen Reichslandes
-jenseit des Rheins, denen niemals die zu nationaler Sonderbethätigung
-notwendige Selbstständigkeit zu eigen sein konnte, eine „Nation“ aus?
-Das wollte doch gewiß auch Renan nicht behaupten. Hörten wir aber nicht
-eben erst sein Urteil, eine Nation beruhe auf einem stetigen Plebiscit
-der Zusammengehörigkeit? Nun, dann gilt bei dieser lediglich zwischen
-Deutschland und Frankreich schwebenden Streitfrage der Wahrspruch
-deutscher Nation: Wir brauchen diese unsere zurückeroberte Reichsmark,
-um im Frieden sicher zu leben! Und Renan, der begeisterte französische
-Patriot, muß nach obigem sogar selbst die Zuständigkeit eines solchen
-Schiedsgerichtes als des „einzigen gesetzlichen“ anerkennen!
-
-Derartige Beispiele, wie der Besitz eines verhältnismäßig schmalen
-Landstreifens sogar für die Existenzfrage einer Nation von hohem Belang
-sein kann, zeigen deutlich genug, daß die Landesnatur doch nicht
-als bloße Äußerlichkeit betrachtet werden darf, wenn man sich über
-das Werden von Nationen klar werden will. Wahrhafte Nationalstaaten
-benutzen ihr Gebiet niemals als bloße Schaustätte ihrer Thaten. Der
-glücklichste Wurf zu einer nationalen (d. h. hohen Sonderaufgaben eines
-Volkes gerecht werdenden) Staatsgründung wird stets der sein, der den
-richtig erkannten Zielen des Volkes das rechte Werkzeug in die Hand
-giebt, sie zu erreichen, vor allem also das rechte Staatsgebiet in der
-national zweckgemäßesten Umgrenzung.
-
-Das Römerreich war ein Weltreich, verbunden außer durch den eisernen
-Herrscherwillen der Römer allein durch die herrliche Verkehrsbrücke
-des Mittelmeers. Doch so verschieden wie die Natur Italiens und
-Syriens, Ägyptens und Galliens, ebenso verschieden gestaltete sich das
-Völkerleben in diesen Provinzen des Reichs, so daß nimmermehr, auch bei
-noch weit längerer Reichsdauer von einer nationalen Vereinheitlichung
-hätte die Rede sein können. Noch machtloser hierzu erwiesen sich so
-gewaltsame Staatsschöpfungen wie die der mongolischen Großkhane des
-Mittelalters oder die Napoleons I., bei denen zur Unvereinbarkeit der
-Länder und Völker sich auch die Kürze der zwangvollen Vereinigung
-gesellte. Wenn dagegen wie in den Vereinigten Staaten die Natur große
-Einheitszüge aufweist, und der Mensch die vorhandenen Gegensätze wie
-dort zwischen dem wohlbenetzten, an den nützlichsten Fossilschätzen
-reichen Osten und dem dürren edelmetallreichen Hochlandwesten samt
-den riesigen Entfernungen von atlantischer bis pacifischer Küste,
-samt dem argen Verkehrshemmnis der Felsengebirge, der Nevadakette
-durch Eisenbahnen zu überwinden versteht, dann mag in jenes gewaltige
-Viereck unter dem Sternenbanner ein Schwall verschiedenartigsten Volkes
-einströmen, -- es kann die nationale Einung doch nicht ausbleiben.
-Dem durch die englische Besiedlung früherer Jahrhunderte begründeten
-Stamm der Neusiedler schmiegten sich in Sprache und Lebensgewohnheiten
-so gut wie alle späteren Nachzügler aus Europa an nach dem Gesetz
-der Ausgleichung an der Hand des täglichen Verkehrs; das Leben auf
-demselben Boden, in derselben Luft wirkte nicht minder ausgleichend auf
-körperliche Ausbildung und Temperament, Eheschließungen verwischten
-ethnische Gegensätze, namentlich aber flößte das gemeinsame Wirken
-auf der gleichen Grundlage der Bodenmitgift nach den gleichen Zielen
-in Ackerbau, Gewerbe, Handel den Wunsch ein nach gleichartiger
-Regelung der wirtschaftlichen Einrichtungen durch den nationalen
-Staat, unabhängig von Fremden, und seien sie auch die daheim in
-England gebliebenen Väter oder Brüder. Der weltgeschichtliche Abfall
-der Kolonien an der atlantischen Seite Nordamerikas von England war
-nur der Ausdruck des frisch erwachten nationalen Sonderinteresses
-der englischen Amerikaner auf dem den Indianern und der Wildnis auf
-eigene Faust entrissenen Neuland. Man faßte den Willen der Loslösung
-einerseits, des selbständigen Zusammenhaltens der Kolonisten
-andererseits, d. h. man fühlte sich als Nation.
-
-Wenn der erste Kanzler des Deutschen Reichs einmal im Reichstag
-äußerte, „ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift wie einen
-alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr, ich habe kein
-landsmannschaftliches Interesse mehr für ihn“, so atmet dieser
-nur scheinbar herzlose Ausspruch die ganze Schärfe Bismarckscher
-Realpolitik, die auf der Überzeugung ruht: das Vaterland bestimmt die
-Nation, weist ihr die ganze Lebensrichtung, giebt einem jeden das
-Pfund, mit dem er wuchern soll, verleiht ihm dafür indessen auch nur so
-lange Schutz, als sein Wirken ihm zu gute kommt.
-
-Was wir hier zu erweisen suchen, daß eine Nation gar nicht auf
-wirklicher Blutsverwandtschaft aller ihrer Angehörigen von Uranfang
-beruht, so gewiß dauerndes Beisammenwohnen infolge von unvermeidlicher
-Blutmischung schließlich sogar nach Millionen zählende Nationen
-familiär vereinheitlicht, wird kaum jemals die Überzeugung der Masse,
-des gemeinen Mannes werden. Der wird sich nach wie vor, schon unter
-Einwirkung des trügerischen Namenschalles, unter einer Nation die
-naturgegebene große Familie denken, die von einem Adam und einer Eva
-herstammt, wenn man auch deren Eintragung in das Standesamtsregister
-nicht mehr vorzuweisen vermag, ebenso wenig wie den ordnungsmäßig bis
-zur Gegenwart fortgeführten Stammbaum. Unsere eigenen Vorfahren, die
-sich erst seit der Regierungszeit Ludwigs des Deutschen den Gesamtnamen
-„Deutsche“ beilegten, müssen ihren Verwandtschaftszusammenhang doch
-schon lange vor jeder staatlichen Vereinigung erkannt haben, denn sie
-hielten sich für eine weit ausgezweigte Germanenfamilie, und ihrem
-Kausalitätsbedürfnis genügte die kindliche Vorstellung, es sei zur
-Gründung dieser Familie gar kein Ehepaar erforderlich gewesen, sondern
-allein der „Urmann“ (~mannus~, wie Tacitus sagt), der, aus der Erde
-hervorgesprossen, das blonde Germanengeschlecht aus sich erzeugt
-habe. Viel mag auch in unseren Schulen der Unterricht in biblischer
-Geschichte dazu thun, daß man sich in früher Jugend bereits unter dem
-Eindruck der schlicht klassischen Erzählungen von den Erzvätern das
-Entstehen von Völkern vollkommen so geschehen denkt wie das einer
-Einzelfamilie, ohne zu ahnen, daß die angeblichen Abrahamsöhne
-schon in der Periode, da sie mit ihren Herden im Land Kanaan hin
-und her zogen, sicherlich nicht reinblütig d. h. nicht von völlig
-gleicher Abstammung waren, geschweige denn in der Folgezeit, als
-sie seit dem Einzug in das ihnen „verheißene“ Land den langwierigen
-Verschmelzungsvorgang durchmachten, der aus ihnen und all den
-Vorbewohnern des eroberten Landes zu beiden Seiten des Jordan, mithin
-aus einer nicht mehr analysierbaren Mischung von semitischen wie
-nichtsemitischen Elementen die jüdische Nation hervorbrachte.
-
-So wird wohl in den Köpfen weiter spuken der Wahn von der
-Familiennation, eben weil er für so selbstverständlich wahr hingenommen
-wird, obwohl er eine Fülle irriger, gar nicht ungefährlicher
-Schlußfolgerungen mit sich führt ähnlich wie der schöne Satz: „Der
-Mensch besteht aus Leib und Seele“, woraus ganz harmlos das Gleichnis
-von Hülle und Inhalt herauswächst, dieser vom gräßlichsten Aberglauben
-übervoll wuchernde Boden des Wähnens einer Trennbarkeit der Seele von
-ihrem „Wohnhaus“. Man wird sich auch fernerhin eine Nation zumeist
-wie die eigene Familie entfaltet denken, von der sie sich eigentlich
-gar nicht wesentlich, sondern nur in der ungeheuer viel größeren
-Kopfzahl unterscheide. Man wird demzufolge auch gern geneigt sein,
-sentimentale Erwägungen anzustellen über Bruderpflichten, die man
-habe selbst gegen späte Nachkommen von Nationalgenossen, die einst in
-wer weiß wie weite Fernen dahingezogen sind. Wer möchte spotten über
-echten Brudersinn? Wurzelt er doch in der edeln Selbstlosigkeit der
-Nächstenliebe, ist ja nur eine ganz naturgemäße Steigerung letzterer.
-Ein solches geistiges Band aufrichtig familienhafter Zuneigung wird
-gerade die Besten der Nation auch mit den Auszüglern verbinden, so
-lange sie ihre Nationalität bewahren (unter „Nationalität“, diesem
-noch nicht genügend begrifflich gefestigten Wort, hier die Summe
-der Eigenschaften verstanden, die vom Wesen der Nation bei jedem
-einzelnen wiederkehren, besonders Sprache, Charakter, Denkart und
-Sitte). Wenn die aus unserer Mitte nach Nordamerika Gezogenen und
-dort in dem gewaltigsten Freistaat der Welt zu hohem Wohlstand
-Gelangten ihre milde Hand aufthun, um den von arger Überschwemmung
-heimgesuchten Bewohnern der oberrheinischen Niederung einen Teil ihres
-Vermögensverlustes hochherzig zu ersetzen, oder wenn sie edelsinnig
-von ihrem Reichtum spenden zur Unterstützung der Hinterbliebenen
-jener tapfern Streiter, die uns das neue Reich erkämpften, so findet
-solche Handlungsweise einen dankbaren Widerhall in unser aller Herzen.
-Unzweifelhaft fühlen wir uns auch zu Gegenleistung verpflichtet. Mit
-freudigem Stolz verfolgen wir die Laufbahn der Unsrigen, die dort
-drüben deutsche Art zu hohen Ehren gebracht haben wie Karl Schurz
-auf dem Gebiet des Staatswesens, Joh. Aug. Röbling, der Erbauer der
-Eastriverbrücke, und so viele andere auf den Feldern der Technik und
-der Wissenschaft. Vollends eint uns noch ein lebendiges Band gleichen
-Strebens insbesondere bei wissenschaftlichem oder künstlerischem
-Schaffen dermaßen innig mit unseren Volksgenossen in der deutschen
-Schweiz, in Österreich-Ungarn, als gehörten sie noch heute der
-deutschen Nation an. Viele unter uns werden da in feuriger Erregtheit
-einwenden: „Noch immer gehören sie ihr an!“ Jedoch eben hier klafft
-der Zwiespalt zwischen der am Wort haftenden traditionellen Auffassung
-vom Begriff Nation und der hier vertretenen. Manche bringen es
-freilich fertig, begeisterungsvoll von der „nun im Deutschen Reich
-vereinten Nation“ zu reden, und gleichzeitig den Angehörigen „deutscher
-Nation“ in Österreich Jubelgrüße hinüberzusenden. Indessen da liegt
-doch der innere Widerspruch klar zu Tage. Gewiß wird man im Anschluß
-an die eben erst hier versuchte Deutung dessen, was man etwa unter
-„Nationalität“ verstehen dürfte, ohne chauvinistischen Beigeschmack die
-Deutschen in Österreich, die wackern Sachsen in Siebenbürgen deutscher
-Nationalität zuzählen, man wird auch nicht vergessen, daß sie aus
-unserem alten Reich hervorgesproßt sind, die Deutsch-Österreicher als
-ruhmwürdige Kämpfer im Grenzbereich unserer alten bayrischen Mark,
-die Sachsen auf der ungarischen Akropolis des fernen Südostens als
-unsere weitaus treueste Kolonie noch aus dem staufischen Zeitalter.
-Ob aber hinausgezogen über unsere ehemalige Volksgrenze nach Osten,
-wie es ja auch die Ahnen der Deutschen in Rußlands Ostseeprovinzen
-gethan, oder ob auf dem Boden der Väter sitzen geblieben wie die
-Deutschen der Schweiz, Nordbelgiens, der Niederlande, -- sie sind im
-Lauf der Geschichte in eigenartige Staatsgebilde, folglich in uns
-fremde Interessenkreise einbezogen worden, sie zählen also in diesem
-realpolitischen Sinn entschieden nicht mit zur deutschen Nation. Wenn
-jeder von uns sagt, ein Werk wie der Nord-Ostsee-Kanal sei eins „von
-hoher nationaler Bedeutung“, wenn niemand unter uns den oben von uns
-gebrauchten Ausdruck bemängeln wird, wir hätten der Erwerbung des
-Elsasses samt Deutsch-Lothringen „aus nationalem Interesse“ benötigt,
--- so ist hiermit stillschweigend eingeräumt, daß sich bei solcher
-moderner Abklärung des Begriffes „national“ gar nichts verschwommen
-Genealogisches mehr in ihm findet, sondern der deutlich geographisch
-umrissene vaterländische Gedanke ihm innewohnt. Bismarck war gewiß
-urdeutsch bis ins Mark hinein, indessen seine klare Realpolitik hätte
-nie das Schwert Germaniens aus der Scheide lockern lassen zum Schutz
-der Deutschen in Siebenbürgen oder in Rußland, in Südbrasilien oder
-Südaustralien.
-
-Aber wie? Hängen denn die englischen Koloniallande im kanadischen
-Amerika, in Südafrika, in Australien nicht eng mit dem britischen
-Mutterland zusammen? Ja, dieser nationale Verband ist in der That
-erhalten geblieben, aber nur dadurch, daß infolge der ununterbrochen
-thätigen Dampfer- und Seglerverbindung diese Tochterländer in einem
-regen Wechselverkehr mit dem Mutterhaus Britannien verharren, ihm ihre
-Roherzeugnisse liefernd, von ihm ihre Fabrikwaren empfangend und, in
-Erinnerung an den schweren Fehler, den England vor mehr denn hundert
-Jahren mit dem Versuch einer Besteuerung seiner nordamerikanischen
-Kolonien machte, frei geblieben sind in der Verwaltung der eigenen
-Angelegenheiten. Nicht einen Penny unmittelbarer Abgabe liefern sie
-in den Staatsschatz nach London und bilden doch eine Hauptgrundlage
-britischer Größe durch den gewaltigen Umsatz von Milliarden im
-Familienkreis dieses „~Greater Britain~“, dieses Nationalkörpers von
-noch nie vordem dagewesener Lagerung über den Erdball durch alle vier
-bewohnten Zonen, mit dem Herzen in Europa, den Gliedern in sämtlichen
-Weltteilen, dem Adersystem interkontinentaler Schiffahrtslinien.
-
-Wohl gemahnt dieses britische Reich an das Weltreich der Römer im
-Altertum; was diesem das Mittelmeer war, ist jenem der Ozean. Der
-tiefgreifende Unterschied jedoch liegt darin, daß die Römer fremde
-Nationen von großenteils älterer, ureigener Kultur unter ihr Joch
-zwangen, die Engländer dagegen ihre Koloniallande, abgesehen von
-Indien, mit dem eigenen Blut erfüllten, im stetigen Blutaustausch mit
-ihnen blieben und sie paritätisch behandeln.
-
-Das Britenreich lehrt uns also, wie bei weiser Schonung materieller
-Sonderinteressen eine stark ausgeprägte Volksindividualität selbst
-bei Überwanderung über das Weltmeer bis in die fernsten Lande den
-nationalen Zusammenhang bewahren kann an der Hand des Schnellverkehrs,
-der die Entfernungen kürzt. Der Deutsche hingegen zerschneidet in der
-Regel als Auswanderer seinen Zusammenhang mit der Heimat; er findet
-nirgends überseeische Länder für deutsche Massenansiedelung unter
-deutschem Banner, er geht im fremden Volk auf, zumal im englisch
-redenden. Wie viele Millionen der Unsrigen sind hinübergezogen nach den
-Vereinigten Staaten, aber so wenig haben sie als Deutsche dem Absatz
-deutscher Waren dort drüben Bahn gebrochen, daß nächst der englischen
-Zufuhr nach dem vereinsstaatlichen Gebiet die französische die
-bedeutendste blieb, obwohl doch die französische Einwanderung daselbst
-ganz untergeordnet erscheint. Jüngst zwar hat Deutschland auch auf
-diesem Feld Frankreich überflügelt, jedoch offenbar nicht darum, weil
-seine Einwanderer dort auf einmal nationaler sich bethätigen, sondern
-weil seine industrielle Machtstellung sich schon vor dem glorreichen
-Triumph von Chicago der französischen überlegen zeigte.
-
-Ein trübes Gegensatzbild zum britischen Weltreich, wo nationale Kraft
-bis auf einen gewissen Grad trotz der verschiedenen Landesnatur,
-trotz der riesigen Entfernungen sich einheitlich und dadurch stark
-erhält, bietet Österreich-Ungarn. Eine mächtige Schlagader für
-die Einheit seines Wirtschaftslebens ist ihm durch den Donaustrom
-beschieden; an ihm liegen seine beiden prächtigen Großstädte, nach
-ihm gravitiert der Hauptverkehr, selbst der böhmische, denn offen
-liegen die Wege von Böhmen nach der mährischen Donauprovinz, somit
-nach Wien, wogegen nach Norddeutschland bloß der eine Engpaß des
-Elbthals als natürliche Verbindungsstraße führte, bis in den Beginn
-des 19. Jahrhunderts obendrein wenig benutzt. Indessen es stoßen hier
-unversöhnte Völkergegensätze in engem Gehege aufeinander. Ungarn haben
-wir so gut wie unabhängig werden sehen, und die Magyaren sind rüstig
-dabei, ziemlich schonungslos ihren Staat national auszubauen bis zum
-trefflich grenzenden Mauerbogen der Karpaten. In Österreich aber
-tobt der Unfriede zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Slowenen und
-Italienern weiter; die wie zum Spott sogenannte Versöhnungspolitik des
-verflossenen Ministeriums Taaffe hat einen wechselseitigen Völkerhaß
-dort ins Kraut schießen lassen, der die jetzt erhoffte Verknüpfung der
-Reichsteile auf der Grundlage realer, vornehmlich wirtschaftlicher
-Interessengemeinschaft recht fern rückt; und wie lose sind in der That
-an diesen Donaustaat angeschlossen Länder wie Galizien und Dalmatien!
-
-Doch man behaupte ja nicht: da sieht man, wie Nationen wesentlich doch
-aus Blutsverwandtschaft hervorgehen! Nein: Österreich beweist nur,
-daß thörichte innere Politik und andere unglückliche Umstände, vor
-allem auch eine ungeographisch am grünen Tisch zurechtgeschmiedete
-Zusammenschweißung von Ländern die Verschmelzung verschiedenartigen
-Volkes hemmt, zumal wenn die Gemeinsamkeit der Wirtschaftsinteressen
-bei peripherischen Gliedern eine so geringe ist wie beim adriatischen
-Litoral und dem galizisch-bukowinischen Außenrand der Karpaten. Rußland
-war ethnisch noch viel buntscheckiger als das heutige Österreich, bis
-Peter der Große und Katharina II. dem ursprünglich nur im Centrum
-der großen osteuropäischen Niederung wohnenden Großrussenvolk die
-Herrschaft über die ringsum gelagerten Völker, die Küsten der Ostsee
-und des Schwarzen Meeres gewann, so daß nun der umfangreichste aller
-Nationalstaaten der östlichen Erdfeste sich ausgestalten konnte,
-alles Nichtrussische allmählich russifizierend, unterstützt durch
-die Österreich fehlende Bodenform des weiten Tieflands ohne jede
-Gebirgsscheide, was sich für Ausgleichen volkstümlicher Gegensätze,
-für Aufrichtung straffer Staatseinheit zufolge schrankenlosen Verkehrs
-stets so günstig erweist.
-
-Wollen wir schlagende Beweise, daß nicht Blutsverwandtschaft,
-sondern Eigenart des Wohnraums in erster Linie nationaler Ausbildung
-die Wege weist, so brauchen wir gar nicht über Europas Grenzen
-hinauszublicken. Wie schwer würde es fallen, Siebenbürgen mit dem
-rumänischen Nachbarland unter einen Hut zu bringen, trotzdem doch
-beide Lande so gut wie allein von Rumänen bewohnt werden! Ganz wie
-von selbst haben wir es dagegen geschehen sehen, daß die Moldau und
-Walachei als linksseitiges Uferland der unteren Donau sich staatlich
-einten, während Siebenbürgen beim karpatischen Donaureich Ungarn
-verblieb. Portugal löste sich aus dem spanischen Nationalverband
-heraus wie die Niederlande aus dem deutschen einzig und allein auf
-der Grundlage litoraler Sonderinteressen; so wurden die Portugiesen
-eine eigene Nation, erhoben ihre spanische Mundart zur Schriftsprache,
-wurden früher seegewaltig als ihr spanisches Hinterland; und ganz dem
-entsprechend die Niederländer, deren Kolonialbesitz 280 Jahre älter
-ist als der deutsche. Die englische Nation entstand, wie jeder weiß,
-dadurch, daß deutsche Angeln, Sachsen und Friesen nach Britannien
-hinüberzogen, die norwegische dadurch, daß die dänischen Normannen an
-der ozeanischen Fjordenküste Skandinaviens heimisch wurden.
-
-Frankreichs wie Italiens nationale Einheit beruht mitnichten auf
-ursprünglicher Blutsverwandtschaft, sondern auf dem natürlichen
-Zusammenschluß jedes der beiden Länder, ihrem Abschluß nach außen durch
-Meer und Gebirge. Die Völkergruppe der Kelten, aus der die Franzosen
-hervorgingen, breitete sich auch über Hispanien, die britischen Inseln,
-West- und Süddeutschland, ja über Oberitalien aus; nur ein Teil
-dieser Völker hatte Frankreich inne und verschmolz daselbst mit ganz
-fremden Völkerschaften: Iberern und Ligurern, Römern und Griechen,
-Franken und Burgundern. Nicht anders wuchs die Nation Italiens aus den
-verschiedensten Bevölkerungselementen, auch deutschen, hellenischen
-und arabischen hervor; zweimal hat sie uns das fesselnde Schauspiel
-gewährt, daß sie genau innerhalb des nämlichen Raums von den Alpen
-bis nach Sizilien sich ausgestaltete: einmal im Altertum bis unter
-Augustus, dann wieder nach der Zerstörung durch die Stürme der
-Völkerwanderung.
-
-So gleichen natürlich geschlossene Landräume Hohlformen, in welche
-die bildsame Masse verschiedenster Volksart sich einschmiegt, um zur
-nationalen Einheitsform zu verschmelzen. Die Masse kann wechseln, die
-Form bleibt. Flußthäler, die Schiffahrt längs den Küsten, offene Ebene,
-bequem überschreitbare Gebirge erzeugen in dem nämlichen Landraum
-immer wieder die nämlichen Verkehrs- und Handelslinien; größere
-Meeresflächen, höhere Gebirge schranken von der Fremde ab. Handel und
-Verkehr aber sind die einflußreichen Bildner der Völker; sie greifen
-nicht so geräuschvoll ein wie Naturkatastrophen oder Völkerschlachten,
-dafür sind sie alltäglich bei ihrem Werk, kleine Ursachen in
-milliardenhafter Summierung zu großen Wirkungen hinanführend.
-
-Ernste Pflicht dünkt es uns, der Störung des Völkerfriedens
-entgegenzutreten, die da heuchlerisch einherschreitet unter der
-Lügenmaske eines Napoleon III. vom „Nationalitätsprincip“, nach dem
-die Staaten Europas sollten zurecht geschnitten werden. Der schlaue
-~empereur~ zog mit dieser klangvollen Fanfare nach Italien, nur um
-Österreich zu demütigen und sich mit der Abtretung von Savoyen nebst
-Nizza ein gutes Trinkgeld von Italien zu holen, das französische
-~prestige~ mit etwas neuer gloire zu vergolden. Am liebsten bekanntlich
-hätte er uns die linke Rheinseite nach der unendlich fadenscheinigen
-Anwendung des Nationalitätsgrundsatzes abgenommen, weil, wie er in
-seiner ~Vie de Jules César~ laut betont, die französischen Gallier
-einstmals bis an den deutschen Rhein heranreichten. Wenn dergleichen
-Weisheit genügen soll, den Länderbestand anzutasten, dann mag man der
-italienischen Irredenta nur gleich Südtirol ausantworten und Triest
-dazu. Mehr aber als die Thatsache, daß man in Triest italienisch
-redet, gilt doch das historische Recht, die Erinnerung daran, daß
-Triest, um im Wettbewerb gegen Venedig Hilfe zu erlangen, im 14.
-Jahrhundert freiwillig unter Habsburgs Schutz trat und alles, was es
-heute ist, Österreich verdankt; noch schwerer aber wiegt es, daß wohl
-Italien, jedoch nicht Österreich Triest entbehren kann, diese seine
-Weltmeerpforte, das österreichische Hamburg.
-
-Es muß der Überzeugung Raum geschaffen werden, daß gesunde Staaten
-reale Interessengemeinschaft vertreten und in diesem Sinn, aber nicht
-im ethnologischen Nationalstaaten darstellen. Wahr also bleibt der Satz
-des verdienstvollen französischen Anthropologen Quatrefages: ~Toute
-repartition politique, fondée sur ethnologie, est absurde.~ Auch unser
-neues Reich ist zuerst als ein engerer Verkehrs- und Handelsbezirk
-aus dem alten Deutschland herausgetreten, denn es erscheint 1834 als
-Zollvereinsgebiet fast schon genau in seinen heutigen Grenzen. Ohne
-Blut und Eisen vermochte es freilich nicht seine Losgliederung von
-dem in ganz andere Interessenkreise hineingezogenen Österreich zu
-erringen und zuletzt im gerechtesten und herrlichsten aller Kriege die
-Kaiserkrone zu erwerben. Dafür steht es nun auch um so geachteter da,
-ein treuer Schutz und Schirm des echtesten Deutschtums, ein eherner
-Verband zwischen Nord und Süd, vom Fels der Alpen bis zum Meer, ein
-wohlbewahrtes Haus für friedliche Bewohner, die sich zusammenthaten,
-weil’s ihrer Arbeit frommte und weil sie auch zumeist sich rühmen
-können als Söhne und Töchter Germanias verschwistert zu sein, ja
-allesamt sich eins fühlen, da sie seit Jahrtausenden schon Freud und
-Leid miteinander geteilt haben. Doch vergessen wir es nicht: weder
-Blutsgenossenschaft noch geistiges Verwandtschaftsgefühl allein
-gewährleistet uns das Glück unserer Zukunft, einzig der thatenfeste
-Wille, die Brüderlichkeit fest und ehrlich zu wahren, erhält eine
-Nation.
-
-
-
-
-VI.
-
-China und die Chinesen.
-
-
-Das Land China, früher den verhaßten Fremden so fest verschlossen, ist
-jüngst das Ziel des Wettlaufs europäischer Großmächte geworden, von
-denen eine jede möglichst großen Anteil erstrebt an dem materiellen
-Aufschwung, wie er sich dort durch den endlich begonnenen Eisenbahnbau
-vorbereitet. Denn dieser Aufschluß Chinas für den Verkehr muß zu einer
-gewaltigen Steigerung seines Außenhandels führen, und was bedeutet das
-bei einer Bevölkerung, die sicher an Zahl diejenige von Afrika und
-Amerika zusammengenommen weit übertrifft! Was für Summen sind allein
-schon durch den Bau und Betrieb von Eisenbahnen, durch die rationelle
-Ausbeutung der ungeheuern Steinkohlenlager in diesem Menschengewimmel
-von China zu verdienen! Auch uns Deutschen winkt ein guter Gewinnanteil
-hieran seit unserer rechtzeitigen Besitzergreifung von Kiautschou,
-dieser trefflich gelegenen marinen Eingangspforte ins Innere von
-Nordchina.
-
-Jedoch ganz abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung schon für
-die allernächste Zukunft, ist China auch rein geographisch eins der
-interessantesten Länder der Welt.
-
-Zuvörderst imponiert das Land China, das zugleich im wesentlichen
-den Staat China bildet, da die Außenbesitzungen in der Mandschurei,
-Mongolei, im Tarimbecken und Tibet ihm doch nur lose anhängen, durch
-seine Raumerfüllung. Es giebt nur wenige Länder auf Erden, die China
-an Größe übertreffen, drei in Amerika, in Afrika die Sahara, in
-Asien Sibirien, in Europa Rußland. Indessen bloß einige Randstücke
-des europäischen Rußlands würden hervorragen, könnten wir China auf
-Osteuropa decken. China kommt von sämtlichen kontinentalen Ländern
-der Kreisgestalt am nächsten, die insofern für einen Staat am
-günstigsten erscheint, als nach Ausweis der Geometrie diese Gestalt
-die im Vergleich zur eingenommenen Fläche kleinste Umrißlinie besitzt,
-kreisförmige Staaten mithin die kleinstmögliche Angriffslinie bieten.
-Chinas Grenze ist dabei ziemlich gleich verteilt auf Land und Meer: die
-Nordwesthälfte der Grenze zieht von der noch zum eigentlichen China
-gehörigen Provinz Schöngking im Liaugebiet der südlichen Mandschurei in
-etwas willkürlichen Zacken und Einbuchtungen durch die Übergangszone,
-in der die Natur des abflußlosen Centralasien anhebt, durchweg vor
-Länderräumen hin, die wie China von Völkern der mongolischen Rasse
-bewohnt werden und der Macht der chinesischen Regierung unterstehen;
-die Südostküste wölbt sich als selten gestörter Halbkreisbogen hinaus
-in das stille Weltmeer. Die ungefähre Mitte des chinesischen Kreises
-liegt da, wo der Jangtsekiang aus der großen Westprovinz, dem roten
-Becken von Sötschuan, übertritt in die Provinz Hupe. Von hier aus läßt
-sich ein Kreis mit einem Halbmesser von 1130 ~km~ beschreiben, über den
-nur das nordöstliche Tschili (jenseit Peking) nebst Schöngking weiter
-herausragt, falls wir die neuerdings zu den 18 alten Provinzen des
-Kaiserreichs geschlagene ostturkestanische Mulde des Tarim, wie wir
-geographisch müssen, bei Centralasien belassen. Und jener Halbmesser
-gleicht der Entfernung des äußersten Südwestens Deutschlands von
-der Nogatmündung ins frische Haff oder dem Abstand Hamburgs von Kap
-Landsend an der Westspitze Südenglands.
-
-China bildet ein uraltes Bestandstück des asiatischen Festlandes,
-das seit der Juraperiode nie wieder vom Ozean überflutet wurde. Sein
-Felsgerüst besteht aus altkrystallinischen Gesteinen, aus paläozoischen
-Schiefern, Kalk- oder Sandsteinlagen und älteren mesozoischen
-Schichten; dagegen fehlen Kreideformation und marines Tertiär gänzlich,
-nirgends blinken weiße Kreideklippen hervor wie bei uns in Rügen,
-nirgends schaut man die schluchtigen Thäler und mit Plattenform
-gipfelnden Kreidesandsteingebirge wie bei uns in der sächsischen
-Schweiz; ebenso wenig erblicken wir jüngst erloschene Vulkane neben
-noch thätigen wie in dem großen Gürtel fortgesetzter vulkanischer
-Thätigkeit, der sich vom Malaien-Archipel über Formosa und Japan bis
-zum Beringsmeer hinzieht.
-
-Eine weite Tiefebene besitzt China bloß im Nordosten; das ist die gelbe
-Lößniederung, aus der die gebirgige Schantung-Halbinsel spornartig
-hervorragt. Im übrigen ist China überwiegend gebirgig; und zwar bedingt
-sein Gebirgscharakter eine strenge Scheidung des Landes in eine Nord-
-und eine Südhälfte. Als eigentlichen Reichsteiler hat uns Richthofen
-eine Fortsetzung des uralten Kuenlun, dieses echten Rückgratgebirges
-von ganz Asien, kennen gelehrt. Es ist der Tsin-ling-schan, der,
-die Hauptrichtung des Kuenlun, Ost zu Süd, aus Innerasien nach
-China übertragend, mit nur geringer Unterbrechung quer durch Chinas
-Mitte bis gegen Nanking reicht. Dieser Reichsteiler scheidet nun
-nicht allein die Gebiete der zwei Riesenströme, die China aus dem
-fernen Quellenschoß Centralasiens mit östlichem Abfluß empfängt, den
-Huangho und den Jangtsekiang, sondern er trennt auch zwei wesentlich
-verschiedene Gebirgssysteme voneinander ab. Nordchina stellt ein
-verschüttetes Gebirgland dar; hier haben in entlegener Vorzeit trockne
-Winde feinkrumige, lehmige Verwitterungsmassen, sogenannten Lößlehm, in
-gelben Wolken über Berg und Thal gebreitet, und Graswuchs hat jede neu
-aufgewehte Lößdecke durch das Wurzelwerk in sich wie mit der älteren
-Unterlage verfestigt, so daß gewöhnlich nur die Kämme der Gebirge mit
-ihren festen Felsmassen anstehenden Gesteins aus der bis auf Tausende
-von Metern aufgeschütteten braungelben Lößumhüllung aufragen wie
-Dachfirsten eines deutschen Gebirgsdorfes, wenn es zur Winterzeit
-in tiefem Schnee begraben worden. Trotzdem ist die nordchinesische
-Gebirgslandschaft keineswegs bloß aus abgerundeten Gebirgskämmen mit
-dazwischen gelagerten flachen Hochlandmulden ungeschichteten Lößes
-zusammengesetzt; vielmehr haben die fließenden Gewässer ein äußerst
-vieladriges System schluchtiger Thalwege in den weichen Lößschutt
-eingearbeitet, dessen senkrecht verlaufende Haarröhrchen, herstammend
-von längst abgestorbenen Graswurzeln, die geradezu groteske Ausbildung
-immer ganz steiler Thalwände bedingen. Von diesen nackten Gehängen der
-Lößschluchten heben noch gegenwärtig bei trockener Witterung die Winde
-gelben Staub empor, daß die Sonne dann bleich durch eine fahlfarbene
-Atmosphäre schimmert, Fußgänger wie Fuhrleute samt ihrem Geschirr, die
-unten im Lößthal ihres Weges ziehen, über und über lößgelb werden.
-Natürlich tragen die Flüsse den von ihnen so leicht abgenagten oder in
-sie hineingewehten Löß seewärts; von seiner deshalb stets lehmfarbigen
-Wassermasse führt der Huangho d. h. der gelbe Fluß seinen Namen, er
-schüttete die gelbe Deltaflur des Nordostens auf, in der er bald süd-,
-bald nordwärts der Schantung-Halbinsel seine Mündung suchte, wie ein
-ungebärdiges Ungetüm sich in seinem Bett hin und her wälzend, die ihn
-einengenden Schutzwälle von Menschenhand durchbrechend, und stiftete
-dem seine trüben Fluten aufnehmenden Innengolf des ostchinesischen
-Meeres den Namen Huanghai d. h. gelbes Meer.
-
-Anders in Südchina! Hier halten die Gebirgszüge noch weit allgemeiner
-als in Nordchina sinische Streichung ein, also die Richtung Südwest zu
-Nordost; in langen Parallelreihen ziehen sie so gegen jene chinesische
-Fortsetzung des Kuenlun, gegen den Tsin-ling-schan hin, in dessen Nähe
-sie ostwärts umbiegen, da ihre Auffaltung an dem bereits vorhandenen
-alten Querriegel offenbar ein Hemmnis fand; und, was die Hauptsache
-ist, sie sind ohne Lößverschüttung geblieben. Unverhüllt recken
-sie mithin ihre Gipfelzinnen gen Himmel, keine Lößwehen haben die
-Böschungen ihrer Gehänge verkümmert, in hurtigem Schuß eilen von ihren
-Höhen die Gewässer hernieder und verbinden sich zu klaren, unvertrübten
-Strömen. Allen voran steht der Ta-kiang, der „große Strom“, den
-wir Jangtsekiang zu nennen pflegen; nachdem er, der hochgeborene
-Tibetaner, innerhalb des Sötschuan-Beckens durch Aufnahme ansehnlicher
-Seitenflüsse vollkräftig geworden, durchtost er gegen die Landesmitte
-hin, in eine wundervolle Thalschlucht eingeengt, zwischen hochragenden
-Felswänden noch eine ganze Staffelreihe von Stromschnellen, um sodann,
-majestätisch ruhig seinen Vorzug, der schiffbarste Strom Chinas
-zu sein, zur vollen Geltung zu bringen, bis er in dem seenreichen
-Delta mündet, das im Norden der tumultuarische Huangho Jahrhunderte
-lang mit ihm bauen half, ehe er sich 1852 launisch von ihm abwandte.
-Der schönste Schmuck wird Südchina verliehen durch seine immergrüne
-Pflanzenwelt. Während der Löß Nordchinas wie der in anderen Ländern dem
-Waldwuchs sich abhold zeigt, durch die außerordentliche Fruchtbarkeit
-seines fein aufgeschlossenen, völlig steinfreien Bodens hingegen Feld
-an Feld reiht von dem Niveau der Niederung bis zu St. Gotthardshöhe,
-hält sich der Bodenanbau Südchinas mehr an die Thalsohlen und die
-unteren Gehängestufen, darüber aber prangt noch eine ursprüngliche
-Vegetation immergrüner Strauch- und Baumarten mit einer für China
-überhaupt bezeichnenden Fülle von Holzgewächsen, unter denen die
-Kamelien, die Verwandten des Theestrauchs, eine tonangebende Rolle
-spielen.
-
-Wenn der Wintermonsun aus Nordwest die furchtbar kalte Luft
-Ostsibiriens und der Mongolei über China breitet, so erwärmt sich
-dieser Luftstrom nur langsam beim Vorrücken in diesem Land, das doch
-mit Italien und Nordafrika die Breitenlage teilt. Selbst in Kanton,
-obwohl es bereits innerhalb des Wendekreises liegt, giebt es noch
-gelegentlich Schneefälle. Immerhin hat Südchina noch verhältnismäßig
-milde Winter; in seinem Tropenanteil erinnern Palmen und Elefanten
-an Indien, es gedeihen auch noch weiterhin Orangen und Zuckerrohr,
-Theebau findet überall seine Stätte. In Nordchina wird dieser durch den
-anhaltenden Frost ausgeschlossen; Peking, trotzdem es südlicher liegt
-als Neapel, hat einen Winter wie Petersburg, Mukden in Schöng-king,
-die große Stadt der Kaisergräber, genau unter Roms Breite, erduldet im
-Januar weit härtere Kälte als Moskau. Dreht sich dann aber im Frühjahr
-der Wind in die entgegengesetzte Richtung, setzt der ebenso anhaltende
-Sommermonsun aus Südost ein, so lagert sich eine aus dem Tropengürtel
-kommende heiße Luft über ganz China, und befruchtende Regen ergießen
-sich über seine Reis- und Baumwollenfelder, am reichlichsten
-naturgemäß über Südchina. Der thermische Gegensatz zwischen Süd und
-Nord, wie er im Winter bestand, ist dann ganz ausgetilgt; man spürt
-kaum einen meßbaren Wärmeunterschied zwischen Kanton, Schanghai
-und Peking, denn die Wärme nimmt während des Hochsommers in China
-überhaupt nicht von Norden nach Süden zu, sondern vielmehr gegen das
-Glutgebiet des südasiatischen Inneren hin, also gen Westen. Schon von
-Hankau, der wichtigen Handelsstadt in Hupe, wo die große nordsüdliche
-Verkehrsstraße den Jangtsekiang kreuzt, heißt es: „Wenn der Teufel
-dort eine Zeit lang im Sommer verweilte und dann wieder in seine
-Hölle zurück käme, so würde er seinen Überzieher brauchen.“ Nur noch
-einmal begegnet auf Erden ein Land, das unter einem ähnlichen Einfluß
-jahreszeitlicher oder Monsunwinde schwankt zwischen arktischer Kälte
-und tropischer Hitze, begleitet von tropenhaften Regengüssen vom
-nahen Meer her. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Während
-indessen hier die Segensgaben des heißfeuchten Sommerwindes fast
-ausschließlich dem östlichen Landesdrittel beschert werden, erfährt
-China in seiner Gesamtheit den Wechsel erfrischender Winter und
-tropischer Sommer im regelmäßigen Wandel der Horen, mithin die Gunst
-der gemäßigten und der heißen Zone in seltenster Verknüpfung.
-
-Jahrtausende hindurch sind nun die Chinesen den Einwirkungen der Natur
-dieser ihrer endgültigen Heimat ausgesetzt gewesen. Mögen sie also auch
-manchen Zug ihres Wesens schon von ihrem früheren, wie man vermutet,
-ostturkestanischen Wohnsitz mitgebracht haben, es verlohnt sich gewiß
-zu prüfen, inwiefern China seine Chinesen auf dem Wege tellurischer
-Züchtung ausbilden half. Ja man hat hier sogar den nirgends sonst
-wiederkehrenden Fall vor Augen, daß ein nach Hunderten von Millionen
-zählendes Volk so lange Zeit immer den nämlichen Natureinflüssen
-unterstanden hat. Ein wahres Massenexperiment, wie es sich der Geograph
-nicht besser wünschen kann!
-
-Da drängt sich uns zuerst im Anschluß an das kurz vorher Erörterte die
-Schlußfolgerung auf, daß der alljährlich von den wechselnden Monsunen
-gebrachte Gegensatz zwischen polarer Winterkälte und tropischer
-Sommerhitze keinerlei Menschen in diesem Reich der Mitte duldete,
-die allzu zärtlich nur mäßige Temperaturschwankungen vertrugen, daß
-mithin auf diesem Boden nur diejenigen sich lebensfähig erwiesen,
-die der Kälte gleiche Widerstandskraft entgegensetzen wie der Hitze,
-gewissermaßen also in dieser Hinsicht die Körperleistung von Jakuten
-oder Tschuktschen verbinden mit der des Negers. Thatsächlich bewähren
-das auf Erden einzig und allein die Chinesen. Darum sind sie die
-einzigen Menschen, die beim Hinauszug in die Fremde, läge sie unter
-hohen oder ganz niederen Breiten, so gut wie niemals dem Klima zum
-Opfer fallen. Der Chinese trotzt in der Mandschurei und Ostsibirien
-einer Kälte, bei der das Quecksilber erstarrt, und arbeitet ebenso
-frohgemut unter der scheitelrechten Sonne Javas, Singapores oder in
-der siedeheißen Luft am Kessel der Rohrzuckerfabriken Kubas. Bringt
-er es doch daheim fertig in der Julihitze von 30-40° ~C~ von früh
-bis abend ein schweres Boot stromaufwärts zu rudern, höchstens mit
-dem Fächer dem glühenden Kopf dann und wann etwas Kühlung zuführend,
-und nach Halbjahrsfrist mit der nämlichen Ausdauer noch größere
-Lasten auf dem Eisspiegel desselben Stroms bei schneidender Kälte im
-Schlitten zu befördern. Emin Paschas Idee, Chinesen als Kolonisten
-ins tropische Afrika einzuführen, war physiologisch wohlberechtigt,
-denn auffallenderweise erliegen die Chinesen nächst den Negern auch am
-wenigsten dem Malariafieber, wie sich beim Bau der Panama-Eisenbahn
-gezeigt hat.
-
-Was nun aber die psychischen Eigenschaften dieses ältesten Kulturvolks
-der Gegenwart betrifft, so möchten diese wohl zum guten Teil auf die
-Thatsache der seit unvordenklicher Zeit hohen Volksverdichtung in
-China zurückführbar sein, und diese selbst müssen wir ableiten von
-zwei ständig zusammenarbeitenden Faktoren: einem in der Landesnatur
-begründeten und einem religiösen. Chinas Nordhälfte, so lehrt die
-Geschichte, war die Ursprungsstätte der chinesischen Gesittung, des
-chinesischen Staatswesens. Nordchina, sahen wir, ist das lößbedeckte
-China, wo die außerordentliche Fruchtbarkeit dieser gelben Erde für
-den Anbau von Getreide zusammentrifft mit den beiden Segensspenden
-des chinesischen Sommers, der hochgradigen Wärme und den mit nie
-aussetzender Regelmäßigkeit diese begleitenden Monsunregen. Hier
-war auf unabsehbaren Flächen von der Natur die Möglichkeit also
-gegeben, daß ein kopfreiches Ackerbauvolk unter dem Schutz staatlicher
-Ordnung sich entfaltete, zuerst in der Lößmulde des zum Huangho
-fließenden Weiho sowie in den übrigen Gebirgs- und Thalgauen des
-Binnenlandes, nachmals auch in der für Anhäufung von Massenbevölkerung
-noch besser geeigneten Niederung, die sich im Nordosten zum Gelben
-Meer abdacht, aber als jüngst geborene Deltaflur der Entsumpfung
-bedurfte, die ihr als die älteste Kulturthat chinesischen Geistes
-und chinesischer Thatkraft zuteil ward, deren Glanz in den Annalen
-des Reichs der Mitte noch heute unverblichen strahlt. Daß nun die
-von der Natur gebotene Möglichkeit, auf so günstigem Boden, unter
-einem so gütigen Himmel ein großes Volk im Schweiß des Ackermanns
-erwachsen zu lassen, der Verwirklichung zugeführt werde, dafür sorgte
-ein seit Alters den Chinesen tief eingeprägtes Pietätsgefühl gegen
-ihre Vorfahren. Kongfutse, der große Weise, der zur Zeit, als Cyrus
-das Perserreich gründete, die Sittenlehre seiner Nation zu jenem
-wirkungsvollen System ausgestaltete, das bis zur Stunde Millionen
-als heilsame Richtschnur dient, fand diese Ehrfurcht vor den Ahnen
-schon als längst bestehend vor. Sie geht auf den Totenkultus zurück,
-der so zahllosen Völkern eigen war und vielen immer noch eigen ist.
-So nüchtern realistisch der Zopfmann sich sonst überall zeigt, er
-ist angeerbter Maßen durchschauert von dunkeln Ahnungen über ein
-mystisches Weiterleben in einem Jenseits nach seinem irdischen Ableben;
-ihn bangt vor den Strafen, die seiner harren nach Überschreiten der
-düsteren Grabesschwelle, doch ihn tröstet die allgemeine Zuversicht,
-selige Ruhe im Jenseits zu finden, wenn nur die hierfür unerläßliche
-Bedingung erfüllt wird, daß ihm bei jeder Wiederkehr des Jahrestages
-seines Todes die Totenopfer dargebracht werden. Diese aber darf nach
-altgeheiligter Vorschrift niemand erbringen als der leibliche Sohn oder
-dessen männliche Sprossen. Daher die heiße Sehnsucht der Chinesen, in
-die Ehe zu treten, um Söhne zu erzeugen und diese sobald wie möglich
-wieder zu vermählen. Nur die allergräßlichste Armut vermag einen
-Chinesen von der Heirat abzuhalten. Junggesellen giebt es deshalb in
-China fast gar nicht, Großväter von 34-36 Jahren dagegen nicht selten.
-Die Geburt eines Knaben wird in der dürftigsten Chinesenhütte mit
-hellem Jubel begrüßt, die Geburt einer Tochter selbst im Hause des
-Reichen mißliebig, fast wie ein Trauerfall angesehen. Die Ehefrau, die
-Jahr um Jahr keinem Sohn das Leben schenkt, muß sich ohne zu murren
-es gefallen lassen, daß ihr Gatte neben ihr eine zweite Frau ehelicht
-oder Konkubinen sich zugesellt; nie vermißt sich dort eine Sarah zu
-der Forderung, eine Hagar mit ihrem Sohne zu verstoßen, nein, sie
-muß demütig die Hagar auszeichnen und ehren, weil sie es ist, die
-ihrem Gemahl zur Erfüllung des höchsten Lebenswunsches verholfen hat.
-Ziehen wir dazu den Umstand in Betracht, daß es eine überseeische
-Auswanderung von Chinesen, so sehr sich eine solche bis nach Amerika
-und Australien neuerdings fühlbar gemacht hat, fast nur in den beiden
-Südostprovinzen Fokien und Kuangtung giebt, chinesische Auswanderer
-noch dazu stets bestrebt sind nach Aufbesserung ihrer Vermögenslage
-heimzukehren, weil es ihrer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an den
-vaterländischen Boden entsetzlich dünkt in fremder Erde bestattet
-zu werden, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß China immerdar
-der Raum der stärksten Volksanhäufung auf Erden gewesen ist. Bis zum
-kürzlichen Emporkommen von Philadelphia und Chicago war China das
-einzige Land mit einer Mehrzahl von Millionenstädten; an großen, mit
-viereckiger Backsteinmauer wie das alte Babel umgebenen Städten zählt
-es rund 1500, manche mit einer Mauerlänge von 20 bis 30 ~km~ und dazu
-noch mit menschenwimmelnden Vorstädten außerhalb der Thore. Und welch
-ein Hin- und Herströmen des Landvolkes nach und von diesen Städten
-begiebt sich alltäglich, wenn sich ihre Thore bei Sonnenaufgang
-unter Kanonenschüssen, Gong- oder Glockenschlag aufthun, desgleichen
-bei Einbruch der Abenddämmerung schließen! Sowohl im Menschengewoge
-der städtischen Straßen als in den stadtgroßen Dörfern tritt uns die
-beträchtliche Kinderzahl der chinesischen Familien leibhaftig vor
-Augen, noch überraschender die große Zahl im Greisenalter stehender
-Männer, denn das Chinesenvolk ist bei aller Vielheit von Krankheiten,
-die es plagen, bei all seiner jämmerlichen Quacksalberei dank seiner
-staunenswerten Seuchenfestigkeit eins der langlebigsten.
-
-Nun ist zwar China nicht ganz so dicht bevölkert wie das Deutsche
-Reich, denn es wohnen dort wohl kaum über 80 Menschen auf 1
-~qkm~, bei uns 103. Aber man bedenke, daß China erst jetzt seinem
-großindustriellen Aufschwung entgegengeht, wenn, wie sicher zu
-erwarten, dem Beginn seiner Eisenbahnära die Einführung der
-Dampfmaschine und der elektrischen Triebkraft in seine Industrie auf
-dem Fuß folgen wird. Bisher lebten die Chinesen wie wir im Mittelalter
-überwiegend vom Ackerbau, vom Handwerk und Kleinhandel. Und hierfür
-war seine Volksdichte, die sich z. B. in Kiangsu, der an Reis und
-Seide ertragreichsten Provinz zu beiden Seiten der Mündung des
-Jangtsekiang, mindestens aufs Doppelte des mittleren Wertes steigert,
-eine verhältnismäßig sehr hohe.
-
-Wir sollten China ob seines patriotischen Stolzes nicht verlachen,
-selbst wenn er sich in Verachtung der Fremden äußert. Sein Staatswesen
-hat wie kein anderes Bestand gehabt von der Pharaonenzeit bis
-heute; Religionen erwuchsen, Religionen verschwanden um das Reich
-der Mitte her, aber Kongfutses Lehre blieb in Vollkraft durch die
-Jahrtausende. China genügte sich auch wirtschaftlich selbst; wie es,
-allen Nachbarreichen überlegen, seine sieghaften Waffen unter dem
-Drachenbanner mehrmals bis zum Kaspischen Meer trug, das ungeheure
-Innerasien fast stets in ganzem Umfang zu seinen Füßen sah, -- so
-bedurfte es nichts von den Fremden weder für seine Ernährung noch für
-seine Kleidung; stolz wies es selbst die Waren der rothaarigen Teufel,
-die unter europäischen und amerikanischen Flaggen an ihrer Küste
-landeten, von der Hand, daß sich die Engländer durch Anstacheln des
-Opiumlasters eine schnöde Einfuhr ersinnen mußten, um Thee und Seide
-nicht bloß mit Silber bezahlen zu müssen.
-
-So bestand bis in die jüngste Vergangenheit das chinesische
-Wirtschaftsleben wie das keines zweiten Kulturstaats in einem steten
-Versuch das Gleichgewicht zu halten zwischen einer zu grenzenloser
-Vermehrung drängenden Volkszahl und einer durchaus nicht ins
-unendliche vermehrungsfähigen Summe ausschließlich heimischer
-Landeserzeugnisse. Das brachte den großartigsten Kampf ums Dasein
-hervor, den je eine Nation gekämpft hat. Er ist es, der die größten
-Vorzüge des Chinesentums erschuf und fortdauernd vervollkommnete:
-den unvergleichlichen Arbeitsfleiß, die geduldigste Ausdauer und die
-bescheidenste Einschränkung der Ansprüche an die Genüsse des Lebens.
-
-In China allein ist es ermöglicht worden, die uralte Lust unseres
-Geschlechts am ungebundenen, müßigen Dahinleben in ihr Gegenteil
-zu verkehren. In diesem riesigen Arbeitshaus China, wo man keine
-Sonntagsrast kennt und nichts vom Evangelium des Achtstundentages
-weiß, weil man sonst verhungern müßte, ist der Trieb zum emsigen
-Schaffen den Menschen zur anderen Natur geworden. Selbst dem gründlich
-gehaßten Herrn in San Francisko, bei dem der Chinese etwa Dienerstelle
-angenommen, leistet er unbeaufsichtigt pflichtmäßige Arbeit, einfach
-weil ihm leben arbeiten heißt. Und trotz aller Rastlosigkeit, trotz
-aller staunenswerten Geschicklichkeit bei der Arbeit, wie sie sich bei
-Benutzung einfachsten Geräts in so vielen Zweigen auch der Kunsttechnik
-staunenswert zu erkennen giebt, bringt es der Chinese daheim unter
-der Masse des Angebots von Arbeitskraft und Arbeitsleistung doch nach
-unseren Begriffen durchschnittlich nur zu einem Hungerlohn. Es klingt
-uns wie ein Märchen, daß ein erwachsener Chinese den Tag über mit
-acht Pfennig für seine Kost auskommt, ja in Zeiten durch Hungersnot
-gebotener Einschränkung sogar mit sechs Pfennig. Damit bestreitet
-er seinen Bedarf an Reis, Gemüse, Fisch und Thee, behält auch noch
-eine Kleinigkeit für Tabak übrig. Das erklärt sich einerseits aus der
-großen Billigkeit der Lebensmittel, andererseits aus der trefflichen
-Kochkunst, die schlechte, fast ungenießbare Ware genießbar und gut
-verdaulich macht, dabei nicht das mindeste fortwirft, freilich außerdem
-auch aus der Genügsamkeit des Chinesen und seiner Freiheit von Ekel,
-die ihm Hunde-, Katzen- und Rattenbraten, ja das Fleisch an Seuchen
-verstorbener Pferde oder Esel als willkommenste Zukost erscheinen läßt.
-
-Die Tugend der Sparsamkeit übt kein Volk in so hohem Maße wie das
-chinesische; sie ist neben Arbeitsamkeit und Genügsamkeit die
-Hauptwaffe in seinem Ringen um Leben und Gründung eines eigenen
-Herdes. Der nordchinesische Bauer wühlt sich wie ein Murmeltier ein
-unterirdisches Obdach unter seinem Hirsen- oder Weizenfeld in die
-steile Lößwand an dessen Abhang, damit er seine Ernte nicht durch
-den Hüttenbau auf der Oberfläche um den Ertrag einiger Quadratmeter
-alljährlich verkürze. Ein rührendes Beispiel echt chinesischer
-Sparsamkeit und zugleich über das Grab hinausschauenden ehrenwerten
-Familiensinns teilte vor kurzem aus eigener, in China gemachter
-Erfahrung ein amerikanischer Missionar mit. Er sah eine hochbetagte,
-blutarme Frau, die sich kaum fortzuschleppen vermochte, mühsam an
-den Hauswänden einer Straße sich hintasten: sie befand sich auf dem
-letzten Ausgang, sie wollte, den Tod vor Augen, ihre einzige Verwandte
-aufsuchen, um von deren Haus beerdigt zu werden, damit die Sargträger
-nicht so viel forderten wie bei dem weiteren Weg von ihrer eigenen
-Behausung.
-
-Wenn ein Volk, das über ein Fünftel der Menschheit ausmacht, in so
-eintönig freudlosem Schaffen vom ersten Tagesgrauen bis zum späten
-Abend, ja vielfach bei nächtlicher Weile, den Schlaf scheuchend, sich
-um so kümmerlichen Verdienst abmüht, so beschleicht uns bei Betrachtung
-dessen wohl ein wehes Mitgefühl. Ist nicht die goldene Freiheit des
-Wilden beneidenswerter als dieses Arbeitselend des Kulturmenschen? Hat
-unser Geschlecht nicht eben durch Übernahme des Arbeitsjoches, wie
-es höhere Gesittung unweigerlich mit sich bringt, an Lebensfreude
-eingebüßt? Indessen da messen wir unbedachtsam nach unserem Maß!
-Wir täuschen uns in der Annahme, der Chinese müsse bei seinem
-ewigen Hasten fast um nichts stumpfsinniger Trübsal verfallen. Weit
-gefehlt! So mannigfaltig Temperamente und Talente nebst körperlichem
-Aussehen wechseln durch die 18 Provinzen, von den gelben, etwas zu
-Fettleibigkeit neigenden Südländern bis zu den braunen, schlanken und
-höher gewachsenen Nordchinesen, -- ein harmloser Frohsinn, eine selbst
-durch harte Schicksalsschläge nicht leicht zu beugende stillvergnügte
-Heiterkeit ist dem Volk fast allerwegen eigen. Auch darin dürfen wir
-eine Spur tellurischer Auslese erkennen. Wie die Winternacht der
-Polarlande nur die unverwüstlich Fröhlichen bei sich aufnahm, so
-brachte der chinesische Daseinskampf nicht nur die Faulen und Üppigen
-ums Leben, nein, von den Helden des Fleißes und Darbens auch alle die,
-denen ein solches Heldentum Lebensüberdruß bereitete. Und so sehen wir
-eine uralt vererbte Munterkeit dem darbenden Arbeitsernst der Chinesen
-wie ein versöhnender Engel zur Seite stehen.
-
-Allerdings hat das Streben, so zahlreiche Mitbewerber um den kärglichen
-Verdienst auszustechen, auch unlautere Seiten beim Chinesen entwickelt.
-Mit der von allen Kennern gerühmten Tüchtigkeit im Handels- und
-Bankierfach, in Gewerbe und Landbau geht Arglist, Lug und Trug Hand in
-Hand. Enges Zusammenwohnen in schlecht gelüfteten Räumen hat neben weit
-verbreiteter Armut eine widerliche Gleichgültigkeit gegen Reinhaltung
-von Körper und Kleidung verursacht. Das Erpichtsein auf materiellen
-Verdienst im Nährstand oder in Beamtenstellung, welche letztere wieder
-nur durch eifriges Studium der chinesischen Klassiker zu erzielen, ließ
-höhere als im Dienst der Technik stehende Künste, wahre d. h. nach dem
-inneren Zusammenhang der Dinge forschende Wissenschaft nicht aufkommen.
-Die Musen und Grazien waren nie in China heimisch.
-
-Einseitige Größe ist die Signatur chinesischer Nationalentwicklung. Es
-gab eben bisher zweierlei Kulturmenschheiten, eine mit europäischem
-Kulturgepräge und eine chinesische. Die innigere Berührung zwischen
-beiden wird eins der folgenschwersten Ereignisse des zwanzigsten
-Jahrhunderts bilden. Die Schranke, die Europa und China trennte,
-schwindet; an ihre Stelle tritt die ungeheure Brücke der ersten
-pazifischen Eisenbahn der Ostfeste, der südsibirischen. Wie wird sich
-die Lohnfrage stellen, wenn die gelbe Rasse auf dem Arbeitsmarkt
-Europas auftritt? Welcher Umschwung wird im Welthandel eintreten, wenn
-China mit seinen Steinkohlenschätzen, seinem billigen Arbeitslohn
-zur Großindustrie übergeht? Harmonischer mag sich das Chinesentum
-ausgestalten, manche Schattenseite seiner bisher starr selbständigen
-Kultur freundlich durchlichten unter Befruchtung durch den Genius
-des Abendlandes. Aber weiterdauern wird der demantne Kitt seiner
-Gesellschaft, der ehrenfeste Familiensinn, weiterleben seine
-nervenstarke Ausdauer in allen Klimaten und die schier unerschöpfliche
-Arbeitskraft, vervielfacht durch Übernahme unserer Methoden in die
-Technik seines Wirtschaftsgetriebes. Eine große Zukunft steht dieser
-Nation zweifellos bevor. Denn auch von ganzen Völkern gilt das
-Dichterwort: In deiner Brust steh’n deines Schicksals Sterne.
-
-
-
-
-VII.
-
-Deutschland und sein Volk.
-
-
-Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und
-Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr
-quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die
-Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen
-Deutschen Reichs sind seine Staaten herausgewachsen. Weil aber seit
-1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon
-durch seine Verfassungsurkunde der traulicher, geographischer klingende
-Name „Deutschland“ als gleichbedeutender zweiter Name beigelegt wurde,
-so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteils nur als
-Mitteleuropa zu bezeichnen.
-
-Nicht die geometrische, aber die morphologische Mitte Europas ist es
-ganz und gar. Jedes andere Glied des europäischen Körpers könnten wir
-wegdenken, es bliebe immer noch ein verstümmeltes Europa übrig. Stoßen
-wir dagegen Mitteleuropa aus dem Reigen der europäischen Länder aus, so
-haben wir bloß noch peripherische Glieder ohne Zusammenhang vor uns.
-Auch darin offenbart sich die Centrumsnatur Mitteleuropas, daß allein
-hier die drei Hauptvölkergruppen unseres Erdteils sich berühren, die
-germanische, slawische und romanische.
-
-Physisch-geographisch dürfen wir Mitteleuropa kennzeichnen als die
-Abdachung vom westöstlich verlaufenden Hauptwall der Alpen zur Nord-
-und Ostsee, als ein Gebiet, dem Europas Adelszüge, Einheit in der
-Mannigfaltigkeit und Maßhalten ganz besonders zuteil geworden sind.
-Alle Bodenformen vereinigen sich hier in zonenweiser Lagerung: wir
-steigen von den firnbedeckten Zackenkämmen der Alpen hernieder auf
-die Hochflächen des Alpenvorlands, wo die Gewässer wie in den Alpen im
-Westen schon dem Rhonegebiet, im Osten dem der Donau angehören, treten
-dann ein in die vielgestaltige Welt der Mittelgebirgslandschaften
-mit Wasserabfluß nach allen Seiten, indessen doch zusammengehalten
-durch Zubehör ihres ganzen Flußnetzes allein zur Nord- und Ostsee,
-schließlich durchmessen wir das weite Tiefland mit seinen schiffbaren
-Strömen, unter denen der aus Gletscherwassern sich entspinnende Rhein
-der einzige ist, der alle vier Zonenstreifen miteinander verklammert,
-dem Westen Mitteleuropas eine ungleich bessere Verknüpfung spendend,
-als sie dem Osten nachgerühmt werden kann, wo außer der schmalen
-Elbpforte kein Strom Bresche gelegt hat in den Gebirgszug vom
-Fichtelgebirge bis zu den Karpaten, die Donau aber den geschichtlich so
-verhängnisvoll gewordenen Weg gen Osten weist.
-
-Die Abstufung des Bodens in der Richtung von den Alpen zur Küste
-gleicht die Temperatur von Süd und Nord aus; München z. B. hat eine
-Juliwärme gleich der von Königsberg. Im allgemeinen nimmt die Wärme
-wie in Europa überhaupt vielmehr von Südwest nach Nordost ab. Die
-europäische Frostlinie des Januar zieht aus der Gegend der Elbmündung
-im Bogenlauf quer über den Main und die süddeutsche Donau nach Bosnien.
-Nur im Osten dieser Grenzscheide hat man also anhaltenden Winterfrost,
-bleibende Schneedecke auch außerhalb der Gebirge. Am längsten und
-meisten wird der Boden in der Südwesthälfte Mitteleuropas erwärmt;
-dort finden wir neben Weizen- und Spelt- schon Maisbau; Schwalben
-und Störche treffen zuerst durch die burgundische Pforte in der
-oberrheinischen Tiefebene ein; an Rhein und Neckar, Mosel und Main
-sehen wir unsere besten Weinlagen verteilt. In Ostpreußen verkürzt
-sich dagegen die warme Jahreszeit bereits so sehr, daß die Rotbuche
-wie aus dem nämlichen Grund in Rußland nicht mehr fortkommt. Glücklich
-beschirmt durch das südliche Hochgebirge gegen die nordafrikanisch
-heißtrockenen Sommer des Mittelmeerbeckens, wohnen wir auch den
-atlantischen Hauptquellen des europäischen Regens fern genug, um nicht
-eine Überfülle von Niederschlag zu empfangen wie die Westseite der
-britischen Inseln, und doch auch jenen wiederum nahe genug, um frei
-zu sein von der Steppendürre Südosteuropas. Mitteleuropa entrollt
-uns somit auch landschaftlich wie in seinem Wirtschaftsleben echt
-europäische Mannigfaltigkeit in seinen grünen Bergen und Thälern, auf
-seinen ebenen Fluren voll saftiger Weiden, fruchtbarer oder wenigstens
-den Bauernfleiß zur Genüge lohnender Felder, umfangreicher Laub- und
-Nadelholzwaldung. An Ertrag vom Getreidebau wie von der Viehzucht wird
-Europas Mittelland innerhalb unseres Erdteils allein durch Rußland
-ob seiner Raumgröße übertroffen, in Wein- und Obstsegen nähert es
-sich Frankreich und den sonnigen Südlanden, in seiner industriellen
-Bethätigung steht es bloß noch hinter England zurück, seitdem es im
-19. Jahrhundert mit immer gesteigerter Energie den Vorzug gründlicher
-ausbeuten lernte, daß es bei Anteilschaft an allen geologischen
-Formationen verfügt über gewaltige Rohstoffmassen an Metall, Kohlen und
-Salzen; seine Küstenlinie mit trefflichen Häfen, namentlich den fast
-gänzlich eisfreien Nordseehäfen, sichert ihm die Osteuropa versagten
-ununterbrochenen Welthandelsbeziehungen durch Schiffahrt auf allen
-Ozeanen bis zu den fernsten Erdenwinkeln.
-
-Als ostfränkisches Reich löste sich Mitteleuropa staatlich aus dem
-Verband der Monarchie Karls des Großen heraus, die es so eng mit
-Frankreich verknüpft hatte. Seine Osthälfte war freilich nach der
-Völkerwanderung an die nachrückenden Slawen verloren gegangen, wurde
-jedoch nachmals durch Zurückfluten des Deutschtums nach Osten zum
-größten Teil wiedergewonnen. Einem losen Bund der das westliche
-Mitteleuropa bewohnenden deutschen Stämme glich unser altes Reich,
-da es vom Sachsenherzog Heinrich nach dem Aussterben der Karolinger
-aus den ostfränkischen Trümmern organisiert ward. Es gliederte sich
-durchaus ethnographisch: dem niedersächsischen Kernstamm im Norden
-schlossen sich an die Thüringer und Hessen, die im Herzogtum Lothringen
-vereinigten Franken des nördlichen Rhein- und des Scheldegebiets, also
-die Bewohner der heutigen Rheinprovinz, Luxemburgs, Belgiens und der
-Niederlande, ferner die Mainfranken samt den wesentlich fränkischen
-Pfälzern, die Schwaben und die Bayern.
-
-Aber es ist eine bisher zu wenig beachtete Thatsache, daß die
-staatliche Weiterentwicklung sich nicht im Rahmen dieser Stammesgebiete
-vollzogen hat, sondern je länger je mehr hierbei Leitmotive zu
-Tage traten, die dem Zusammenwohnen in physisch geschlossenen
-Verkehrsprovinzen erwuchsen. Das geographische Moment erwies sich
-mithin machtvoller als die Stämmegliederung. Das Stammland der Sachsen
-blieb zwar bis zum territorialen Zerfall des spätmittelalterlichen
-Deutschland überhaupt noch längere Zeit eine politische Einheit,
-befaßte es doch bis auf den ins rheinische Schiefergebirge reichenden
-Südzipfel, den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, das gut geeinte
-Stück Tiefebene von Holstein bis gegen den Niederrhein. Ihm schlossen
-sich die wahlverwandten ostelbischen Slawenlande zum guten Teil an, die
-durch ihr Plattdeutsch noch zur Stunde die Macht der niedersächsischen
-Kolonisation verkünden. Auch Hessen und Thüringen gaben in der so
-ungeographischen, meist rein dynastisch bedingten Herausschälung
-kleiner und kleinster Sondergebiete ihre Landeseinheit noch
-einigermaßen zu erkennen. Indessen der im Bodenbau gar nicht wurzelnde
-Grenzzug des lothringischen Herzogtums verschwand gar bald, auch die
-Pfalz schied sich von Mainfranken, das Schwabenland zertrennte sich in
-seine geographischen Elemente, die fast ausschließlich von den Bayern
-besiedelten deutsch-österreichischen Lande, die darum ursprünglich
-nur Marken unter der Oberhoheit des bayrischen Stammesherzogtums
-ausmachten, verselbständigten sich als alpine Wohnräume dieses Stammes,
-nur durch den Donaustrom verknüpft mit dem nunmehr auf das Alpenvorland
-nebst den ihm durch Isar und Iller angeschlossenen Randgliedern der
-nördlichen Kalkalpen beschränkten Herzogtum, dem fortan allein der
-Bayernname verblieb.
-
-Die Entfaltung des mitteleuropäischen Staatensystems unserer Tage hat
-gar nichts gemein mit der Grenzabsonderung der Teilstämme unserer
-Nation. Bruchstückweise sind letztere an die fünf Staaten aufgeteilt.
-In den Niederlanden, Flämisch-Belgien und Luxemburg wohnen außer den
-friesischen Strandleuten Niedersachsen und Franken, in der Schweiz,
-mit Romanen unter einem Dach, Schwaben, in Österreich mit Slawen in
-friedloser Ehe Bayern. Nur die innerdeutschen Stämme der Thüringer
-und Hessen sind dem im neuen Deutschland zusammengefaßten Hauptrest
-Mitteleuropas ganz treu geblieben. Unser heutiges Deutsches Reich
-ist der Inbegriff sämtlicher Stämme unserer Nation, soweit sie nicht
-ausgerankt sind in die peripherisch abgegliederten mitteleuropäischen
-Staaten oder hinausgezogen nach Großbritannien, Siebenbürgen, Rußland
-und in transozeanische Fernen.
-
-Wohl haben einstmals Stammesinteressen der politischen Einung unseres
-Volkes widerstrebt, als es noch keine mitteleuropäische Pentarchie gab.
-Der Sachsenstamm trägt noch immer seinen Widukind im Herzen, der ihm
-Freiheit und Glauben gegen den mächtigen Frankenkönig verteidigen half.
-Im Süden waren es die Bayern, die besonders gern der Centralgewalt
-des Reichs Widerpart leisteten, ja bis ins achtzehnte Jahrhundert
-traten bayrische Sympathien mit dem stammes- und glaubensverwandten
-habsburgischen Nachbarstaat so stark hervor, daß ein Anfall Bayerns an
-Österreich nicht ganz ausgeschlossen schien. In letzter Stunde siegten
-aber doch die realen Interessen, wie sie schon vor der Gründung des
-neuen Reichs im preußischen Zollverein, 1866 in der Zollvereinigung
-des norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zum Ausdruck
-kam. Ganz deutlich verrät sich die Bedeutung von natürlich gegebenen
-Verkehrsbezirken für Vereinheitlichung der gesamten Lebensziele ihrer
-Bewohner, folglich für die allergesundeste Anbahnung staatlichen
-Zusammenschlusses darin, daß die beiden großen Verkehrshälften
-Mitteleuropas, die wir im antiquierten großdeutschen Sinn die
-norddeutsche und die süddeutsche nennen mögen, sich abspiegeln in
-der Staatengeschichte durch alle Jahrhunderte von Armins und Marbods
-Tagen her. Die für die Staatenkarte der Gegenwart entscheidende
-Losgliederung der Niederlande und Belgiens einerseits, der Schweiz
-und Deutsch-Österreichs andererseits vollzog sich eben deshalb als
-eine rein norddeutsche, bezüglich rein süddeutsche, weil es überhaupt
-bei Ausbildung der Teilstaaten Mitteleuropas nie eine dauernde
-Überschreitung der nord-süddeutschen Wende gegeben hat, die sich längs
-der Sudeten und des Erzgebirges zur Mainquelle hinzieht, um dann
-auf der Wasserscheide zwischen Main- und Wesergebiet sich dem Rhein
-zu nähern, die Pfalz Süddeutschland zuzuweisen. Auch der in unserem
-Reich am meisten fühlbare Gegensatz ist der zwischen der nord- und
-süddeutschen Staatengruppe.
-
-Zum Glück ist er nicht so wesentlich verursacht durch die leise an
-Rassenhaß gemahnende wechselseitige Abneigung verschieden begabter
-Stämme, wie fast allgemein geglaubt wird. Zwar sind Schwaben und Bayern
-fast ausnahmslos nur in Süddeutschland heimisch, Franken dagegen
-wohnen vom preußischen Rheinland bis in die Pfalz, ja sie siedeln
-seit mehr als tausend Jahren sowohl an der lothringischen Mosel
-wie im gesegneten Mainland. Nein, der Abstand unseres Deutschtums
-in Süd und Nord wurzelt wahrlich nicht in Blutsfeindschaft. Sind
-doch die Germanen der Südhälfte Mitteleuropas allesamt erst aus
-Norddeutschland als echte Brüder der blondhaarigen Norddeutschen
-eingewandert! Mit einer Menge kleiner Absonderlichkeiten in Mundart
-und Gebräuchen hat sich allerdings auch ein gewisser Antagonismus
-gegen norddeutsches Wesen dort im Süden allmählich festgewurzelt;
-im näheren Verkehr mit Schwaben und Bayern als mit Norddeutschen
-sind auch die Mainfranken, so zweifellos sie ihrer Herkunft nach
-dem norddeutschen Frankenstamm angehören, zu Süddeutschen geworden.
-Aber ist es nicht ein bedeutungsvoller Zug im Leben unserer Nation,
-daß am meisten längs den Ufern des Rheinstroms die Grenze süd- und
-norddeutscher Volkstümlichkeit sich verwischt? Süddeutsches „le“ für
-die Verkleinerungssilbe „chen“ hört man ebenso gut am norddeutschen
-Rhein, „nit“ statt „nicht“ weit über Köln hinaus. Der Rhein bildet das
-wertvollste Einheitsband für den Westen unseres Reichs, ja er ist
-dessen eigentliches Rückgrat. Indem der Vater Rhein so leibhaftig uns
-alle Tage vor Augen hält, was der Verkehr auf seinen grünen Fluten, auf
-den Schienenwegen zu seinen beiden Seiten für den Austausch von Süd und
-Nord leistet, erbringt er uns den besten Beweis, daß die Einheitskraft
-unseres Reiches um so sicherer partikularistische Strebungen besiegen
-wird, je mehr die Schranken der alten Zeit mit ihrem schläfrigen
-Verkehr, meist nur im engen Bezirk, fallen, je mehr Güter- und
-Personenbewegung den Gesichtskreis der Deutschen über ganz Deutschland
-erweitert und sie alle begreifen lehrt, daß die Stärkung der gesamten
-Reichskraft jedem, auch dem kleinsten Teil des Reichskörpers zu gute
-kommt, während die Insassen eines solchen in seiner Vereinzelung höchst
-ohnmächtig ihre Freiheitshymnen singen würden.
-
-Sein Vaterland kennen lernen ist unerläßliche Vorbedingung dafür, es
-richtig zu würdigen. Es fällt indessen bei Deutschland und seinem Volk
-nicht eben leicht, jene Vorbedingung zu erfüllen, da uns von Gau zu
-Gau stark individuelles Gepräge aufstößt. Versuchen wir in flüchtiger
-Wanderskizze zu zeigen, wie vielfach dieser reizvolle Wechsel von
-Landschaft und Volkstum auf der gegenseitigen Beeinflussung beider
-beruht.
-
-Im Allgäu an den Quellbächen der Iller und weiter östlich in den
-bayrischen Alpen erhebt sich der Boden unseres Reichs wie nirgends
-sonst bis über die Schneegrenze. Hier allein jagt man die Gemse,
-wohnen halbnomadisch die Sennhirten in wettergebräuntem Blockhaus nur
-sommersüber auf der grünen Alpmatte, die sich einschaltet zwischen die
-schneebedeckten Zinnen des Hochgebirgsgrates und die tannendunkle Zone
-der unteren Gehängestufe. Auch letztere wird häufig unterbrochen vom
-lichteren Grün der Weideländerei, während Feldfluren ganz zurücktreten
-im Landschaftsbild, beschränkt gewöhnlich auf die Thalsohle in der
-Umgebung der Dorfschaften. Tiefer Naturfrieden lagert über dem Ganzen.
-Rinderzucht nebst Waldwirtschaft ernährt eine spärliche Anzahl
-genügsamer Menschen. Gleichviel ob Schwaben im Westen, Bayern im Osten,
--- die Alpennatur drückt den Bewohnern ganz gleichartigen Stempel auf.
-Gesundheit und Kraft spricht ihnen aus dem Antlitz, aus dem rüstigen
-Gang selbst auf schwindelndem Pfad an jäher Felswand. Stets von Gefahr
-bedroht durch übermenschliche Mächte, ist der Älpler ein aufrichtig
-frommer Mensch, nur kein Kopfhänger. Das erhebende Bewußtsein des
-Gelingens, der Überwindung von Gefahren ist hier mehr als anderwärts
-in Deutschland mit den einfachsten Arbeiten verbunden, mit dem
-Niederbringen einer Kötze Heu, dem Holzflößen, dem Botenweg. Das stimmt
-zur Fröhlichkeit, die sich im Echo weckenden Juchzer und Jodler Luft
-macht, genährt von der körperlichen Frische in dieser herrlichen,
-Gesundheit spendenden Natur.
-
-Noch eine Strecke weit erfreuen uns ins nicht mehr hochgebirgige
-Vorgelände hinaus, soweit es noch wesentlich von alpenhaftem Klima
-beherrscht wird, die dem letzteren angepaßten Lebensformen: die
-Zerstreutheit der Einzelgehöfte in noch vorwiegend für Viehhaltung
-verwendeter Flur, ihr Holzbau mit dem weitvorspringenden, gegen den
-Sturm steinbeschwerten Dach, unter dem auf zierlicher Holzgallerie
-die vom Regen so oft benetzten Kleidungsstücke trocknen, der Tiroler
-Kremphut bei beiden Geschlechtern, das Lodenwams, der kurze, das
-Ausschreiten nicht hemmende Frauenrock, der feste Bergschuh. Dann aber
-wird die Landschaft eben, das Klima minder niederschlagsreich, je
-mehr wir uns längs den rauschenden Alpenflüssen Iller, Lech und Inn
-der Donau nähern. Da wohnt ein ackerbauendes, bierbrauendes Volk in
-geschlossenen Siedelungen. Inmitten ihrer Felderflur liegen ansehnliche
-Dörfer mit hohen roten Ziegeldächern, und manche altberühmte Stadt
-mit ehrwürdigen, hochragenden Gotteshäusern erinnert an eine große
-Vergangenheit. Regensburg und Augsburg erzählen schon durch ihren
-Namensklang, wie hier der Germane einst römische Städte nach seiner
-Weise ausbaute. Die Blüte von Augsburg und dem münstergekrönten Ulm
-wurzelte in der vormaligen Bedeutung der süddeutschen Donauhochfläche
-für den Handel zwischen den Mittelmeerhäfen und dem viel früher als
-Ostdeutschland kulturmächtigen rheinischen Westen. Augsburg verrät
-durch den modernen Aufschwung seiner Webeindustrie den regeren Sinn für
-gewerblichen Fortschritt, der die Schwaben vom Lech westwärts überhaupt
-vor den behäbigeren Bayern auszeichnet.
-
-Über alle Städte des Alpenvorlands aber kam München empor, dieses
-glänzende Zyklopenauge auf der breiten Stirnfläche unseres Südens,
-das lebensvolle Verkehrscentrum dieser Ebene, die stets berufen
-war zwischen Nord und Süd, Ost und West zu vermitteln, der große
-Getreidemarkt für die getreidearmen Alpengaue, die erste Bierbraustadt
-der Welt.
-
-Bloß das Donauthal über Passau hinaus verbindet die süddeutsche
-Hochfläche mit Österreich, eine Vielzahl bequemer Thalwege hingegen,
-die durch den Jura führen, verklammern mit dem übrigen Deutschland.
-Sie führen uns ins südwestdeutsche Becken, ganz eingesponnen ins
-süddeutsche Rheinsystem, mit dem Rheinstrom von Basel bis Mainz in
-seiner tiefsten Rinne. Im Maingebiet wohnen die nach ihm benannten
-südöstlichsten Franken. Sie haben auf dem mageren Keupersandboden
-inmitten des Regnitzlandes unter dem Schutz der noch heute die
-Stadt auf steilem Felsen überragenden alten Kaiserburg ihr Nürnberg
-gegründet, die einzige Stadt des Reichs, die durch das erfindungsreiche
-Schaffen ihrer Bürger die Blüte seiner mannigfachen, durchaus nicht
-bodenständigen Gewerbe seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart bewahrt
-hat. Sonst ist der Mainfranke werkthätiger im Anbau seines fruchtbaren
-Triasbodens. In der Bamberger Gegend bis gegen Schweinfurt hin bilden
-Hopfenberge eine Landschaftszierde, im wärmeren Unterland, so um die
-alte Bischofsstadt Würzburg, Weinberge. Im lieblichen Neckarland haben
-die Nachkommen schwäbischer Juthungen ihre Heimat zu einer Stätte
-harmonischer Durchdringung von Anbau und Gewerbefleiß umgeschaffen.
-Der Ackersegen der Felder, der glänzende Obst- und Weinertrag der
-Bodenabstufung bis zu den Thalsohlen des Neckargeflechts ist es nicht
-allein, was die Menschenfülle des Ländchens ernährt; überall sehen
-wir das starke Flußgefälle zu industriellen Anlagen verwertet und die
-Steinkohlen vom norddeutschen Rheinland auf Schienen- wie Wasserweg
-heranfahren zum maschinellen Großbetrieb.
-
-Mehr gesondert nach den Bodenformen erweist sich Anbau und Gewerbe
-auf der süddeutschen Rheinebene gegenüber ihren beiderseitigen
-Einschlußgebirgen. Jene hat sich von jeher den Namen „Deutschlands
-Garten“ verdient bei ihrem ertragreichen Boden, ihrem milden Klima. Bis
-zur Pfalz hin hält der hier noch für Bootfahrt etwas zu ungestüme Rhein
-die Uferlande im Ost und West auseinander; deshalb waren sie trotz
-gleichartiger Wirtschaftsweise ihrer Bewohner staatlich immer getrennt,
-erst die Pfalz vermählt auch politisch die beiden Uferseiten.
-
-Getrennt entfaltete sich die wie immer von so vielen
-Zufälligkeiten abhängige Geschichte des Gewerbes in den schön
-bewaldeten Umrahmungsgebirgen: der Schwarzwald wählte sich die
-Holzschnitzerei, aus der sich dann Uhrenmanufaktur und Herstellung
-von Musikinstrumenten, selbst kostbarer Orchestrien entwickelte, der
-Wasgau die Baumwollweberei, deren Hauptsitz jedoch Mülhausen blieb,
-wo das Vorbild der Textilindustrie der Schweiz, der Mülhausen früher
-angehörte, noch heute nachwirkt.
-
-Die von Saarbrücken und Aachen bis nach Sachsen und Oberschlesien
-verbreiteten Steinkohlenlager bewirkten es aber, daß die moderne
-Großindustrie Deutschlands doch eine ganz vorwiegend norddeutsche
-wurde. Süddeutschland ist auch hierin dem Norden nur dort mehr
-angeglichen, wo der Kohlenbezug aus dem norddeutschen Rheinbezirk,
-zumal aus dem für den Wasservertrieb so günstig gelegenen
-Ruhrkohlenbecken nicht zu teuer ist. Darum sind im südwestdeutschen
-Becken so jugendliche Städte wie Mannheim, Ludwigshafen norddeutsch
-rasch gewachsen, Landstädtchen des Donaugebiets wie Straubing oder
-Amberg in der Oberpfalz dörflich klein geblieben.
-
-Krupps weltberühmte Gußstahlwerke in Essen holen sich ihr Eisen aus
-Nähe und Ferne, selbst aus Spanien, jedoch durch ihren Kohlenbedarf
-sind sie an die Ruhrgegend gefesselt; verschlingen doch die Kruppschen
-Maschinenöfen jährlich 1¼ Millionen Tonnen Steinkohle. Älterer
-Bedeutung für gewerbliche Anregung der Bewohner unseres rheinischen
-Schiefergebirges sind allerdings die Erzvorkommen gewesen. Die
-Schwertfegerei von Solingen ist so alt wie die Bleicherei und Weberei
-an der Wupper, aus der jene gewaltige Industrie der Doppelstadt
-Elberfeld-Barmen mit dreimal Hunderttausend Einwohnern hervorging.
-Überhaupt haben die drei Faktoren, Kohlenreichtum, großer Vorrat
-an Eisen-, Zink- und Bleierz nebst angeerbter Neigung des Volks zu
-gewerblichem Verdienst, dort am Nordsaum des Schiefergebirges und ins
-bergisch-märkische Land hinein an der Hand der Großindustrie die größte
-Massenverdichtung der Deutschen gezeitigt.
-
-Das gefeiertste Stück des Rheinthals von Bonn aufwärts bis Bingen
-entrollt uns das lebensvolle Bild der verjüngten Schaffensthätigkeit
-unseres Volkes auf fast allen Gebieten. Eng aneinander reihen sich um
-den verkehrsreichen Strom die schiefergedeckten Städte und Dörfer,
-letztere oft nur in einer einzigen Häuserzeile eingeklemmt zwischen
-dem grünen Rhein und den nicht hohen, aber steilen Felsen seines
-gewundenen Thales, deren düsteres Grau von Rebengrün und stellenweise
-von Eichenwald verhüllt wird. Alles atmet Frohsinn und fortschreitenden
-Wohlstand; hier und da schaut noch ein römischer Wachtturm ins frisch
-pulsierende Leben der Gegenwart, neben Bergruinen aus dem Mittelalter
-grüßen vornehme Landsitze, schmucke Schlösser von den Höhen. Es
-ist das rechte Heim des weinfröhlichen Franken, der hier seit zwei
-Jahrtausenden haust und seinerseits dieser gottgesegneten Thalung
-den Stempel seiner energischen Schaffenslust aufgeprägt hat. Doch
-dieselben Rheinfranken wohnen doch auch auf den plattigen Flächen
-zur Seite von Rhein, Mosel und Lahn; indessen wie zurückgeblieben,
-wie weltabgeschieden und arm, wo der naßkalte Fels- oder Thonboden
-der Eifel, des Hunsrücks, des Westerwalds, über den der Nordwest
-Regenschauer und Schneewehen treibt, die Aussaat so kümmerlich lohnt!
-
-Ostwärts folgt das hessische Bergland, das seit alters ein fleißiges,
-tapferes Bauernvolk ernährt, ohne Steinkohlen- und Erzschätze im
-grellen Gegensatz zum Rheinland bis ins 13. Jahrhundert völlig der
-Städte entbehrte, auf seinen anmutigen, aussichtsreichen Basaltkuppen,
-wie dem Petersberg bei Fulda, der Milseburg, dem Kreuzberg der Rhön,
-aber alte Andachtsstätten besitzt zum Beleg des nur scheinbar barocken
-Satzes „Basalt macht fromm“.
-
-Wo in den noch weiter östlichen Gliedern unseres Mittelgebirgsraumes,
-dem thüringischen, dem sächsischen, dem schlesischen, für den Ackerbau
-gut geeigneter Niederungsboden rauheren Höhen benachbart liegt, da
-meldet meistens schon das Fichtengrün der letzteren und die falbe
-Flur mit den langgezogenen Rechtecken der Äcker zu ihren Füßen, wie
-die Bodenerhebung die Beschäftigung der Menschen regelt. Besonders
-schön aber kann man eben dort bei den Bergbewohnern die Wahrheit des
-Satzes kennen lernen: „Not ist die Mutter der Künste!“ Läge da fetteres
-Erdreich, das die Waldrodung zum Feldbau lohnte, und wäre der Winter
-dort nicht zu lang und zu rauh, so würden die armen Leute auf dem Harz,
-dem Erzgebirge nicht so emsig in den lichtlosen Erdenschoß eingedrungen
-sein, um mit Lebensgefahr Metalladern anzuschlagen in immer höher
-gesteigerter Kunst, wodurch diese Gebirge zu Musterschulen des Berg-
-und Hüttenwesens für die ganze Welt geworden sind; es würde ebenso
-wenig jene großartige Fülle hausgewerblicher Industriezweige erwachsen
-sein, die Kunst der Glasfabrikation eine so hohe Vervollkommnung
-erreicht haben wie es der Fall ist vom Thüringerwald bis in die
-Waldgründe der Sudeten. Die Regel, daß die Volkszahl nach den höheren
-Gebirgsstufen sich mindert, ist durch den Bienenfleiß und die mit
-Kunstsinn gepaarte hochgradige Geschicklichkeit dieser Gebirgsbewohner
-mehrfach ins Gegenteil verkehrt worden. So leben die Erzgebirgler
-auf der fast keine Feldfrucht neben der Kartoffel tragenden Kammhöhe
-ihres Gebirges in dichteren Scharen, volkreicheren Dörfern als
-unten die Bauern auf dem fruchtbaren Löß des ebenen Vorlandes an
-der Pleiße, Mulde und Elbe. Ihre Vorfahren kamen als Bergleute auf
-die luftigen Höhen; als dann die Erzschätze allzubald versiegten,
-blieben die Nachgeborenen mit leidenschaftlicher Heimatsliebe auf der
-armen Gneisscholle, suchten und fanden Verdienst durch Schnitzerei,
-Tischlerei, Spitzenklöppeln und Feinstickerei, so daß sie mit fast
-chinesischer Anspruchslosigkeit bei Kartoffelkost und Blümchenkaffee
-ein zahlreiches, auskömmlich lebendes, sangeslustig fröhliches Völkchen
-wurden.
-
-Großartiger freilich offenbart uns zu guterletzt das norddeutsche
-Tiefland den Sieg unserer Nation über eine von Haus aus kargende Natur.
-Wie hat es der Deutsche verstanden, selbst dem dürftigsten Diluvialsand
-in steigenden Mengen Nahrungsmittel abzugewinnen, sogar in den Mooren
-sich ein sauber wohnliches Obdach, ja Wohlstand zu schaffen. Eben
-bei der harten Arbeit, die sich Jahr um Jahr erneuert, wenn hier der
-Landmann sich und den Seinen das Dasein fristen will, ist der harte
-Menschenschlag groß geworden, der in Treue und Tüchtigkeit, Ausdauer
-und Kraft den Kern des preußischen Staates ausgestalten, mithin
-die Grundlage unseres Reiches legen half. Die Wegsamkeit der Ebene
-schon als solcher, die Schiffbarkeit ihrer Ströme, die Zwischenlage
-zwischen den Gebirgen mit ihren der Niederung versagten Kohlen und
-Metallen auf der einen, dem Meer auf der andern Seite erzeugte eine
-Entfaltung von Handel und Industrie, die im Zeitalter des Dampfer-
-und Eisenbahnverkehrs eine vordem ungeahnte Höhe erklomm. „Arbeit
-schafft Wohlstand und Macht“, das lehrt uns das Emporkommen gerade
-dieses Nordens unseres Vaterlandes aus den früheren ärmlichen Zuständen
-besonders vernehmlich. Dem Wirtschaftsfortschritt dieses Raumes vor
-allem, gar nicht bloß der politischen Vorrangstellung Preußens ist
-es beizumessen, daß das Schwergewicht des neudeutschen Reiches im
-Nordosten liegt. Bis tief ins Mittelalter koncentrierte sich das
-geistige Leben, das Aufblühen größerer Gemeinwesen hauptsächlich auf
-den Südwesten Deutschlands. Nunmehr ist die Pflege von Kunst und
-Wissenschaft bis in unsere östlichsten Grenzmarken vorgedrungen, und
-große wie mittlere Städte sind über unser ganzes Tiefland verteilt.
-Sie ordnen sich namentlich in drei Reihen. Eine verfolgen wir von
-Aachen über Leipzig bis ins Vorland der Sudeten; sie hält sich in der
-Nähe des Gebirgsfußes, wo der Boden der Niederung thonhaltiger, deshalb
-fruchtbarer ist, und nutzt den Marktvorteil aus, wie er sich überall
-darbietet durch den Erzeugungsgegensatz zwischen Gebirge und Ebene.
-Eine zweite fällt in die große mittlere Verkehrsaxe, die zugleich
-ein Stück der gesamteuropäischen von Paris über Moskau ausmacht: sie
-besteht vorzugsweise aus Brückenorten wie das steinalte, doch ewig
-jugendfrische Köln, Hannover, Magdeburg, das natürliche Hauptcentrum
-des Verkehrs der Nordostniederung Berlin, ferner Frankfurt a. O.,
-Posen. Die dritte befaßt die Küstenstädte, die erst durch den Kaiser
-Wilhelm-Kanal an einen einheitlichen, rein deutschen Schiffahrtsweg
-gelangten. Sie waren zum guten Teil schon zur Hansezeit Deutschlands
-Stolz als Organe seines Überseehandels nach England, Skandinavien,
-Rußland. Bei vorzugsweiser Richtung dieses Seeverkehrs über das
-baltische Meer mußte Lübeck das Venedig des Hansebundes werden. Nun
-schaut unser weltumspannend gewordener Handel naturgemäß zumeist gen
-Nordwest, wo in der innersten Nische des einzigen Weltmeergolfes mit
-deutschem Küstenanteil das deutsche London durch seine thatkräftige
-Bürgerschaft zum ersten Handelshafen des europäischen Festlandes
-entwickelt ward. Was wäre Deutschland ohne Hamburg! Aber wir dürfen
-hinzufügen: Was wäre Hamburg ohne Deutschland mit seiner riesenhaften
-Arbeitsleistung, mit seinem machtvollen Reichsschutz!
-
-Wir Deutsche im Reich gehören eben zusammen nicht bloß durch uralte
-oder erst auf diesem Boden geknüpfte Verwandtschaftsbande und eine
-mehr denn tausendjährige gemeinsame Geschichte, nein vor allem durch
-unser Vaterland. Das haben wir zu Nutz und Frommen friedlichen
-Schaffens gemeinsam zu schirmen durch unser starkes Heer, und an der
-allertreusten unserer Grenzen, an der Küste, durch unsere endlich
-erlangte, der Kauffahrerflotte unter schwarz-weiß-roter Flagge auf
-allen Meeren der Welt als Schild dienende herrliche Kriegsflotte.
-Aber dies Vaterland fordert nicht bloß unser einmütiges Zusammenhalten
-als die nötige Schutzfeste unseres Daseins. Es heischt auch unsere
-Dankbarkeit. Ihm danken wir über alle kleinen Stammessonderungen
-hinaus die ernste Zucht zu Arbeit, Sparsamkeit und guter Sitte, den
-gemeinsamen Pulsschlag eines treuen Herzens.
-
-
-
-
-Aus Natur und Geisteswelt.
-
-Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen
-Gebieten des Wissens.
-
-12 monatlich erscheinende Bändchen
-
-von 130-160 Seiten in farbigem Umschlag zu je 1 Mark, geschmackvoll
-gebunden zu je 1 Mark 25 Pf.
-
-Geschmackvolle Einbanddecken werden zum Preise von 20 Pf. geliefert.
-
-Jedes Bändchen ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich.
-
- Die Verlagsbuchhandlung sah sich infolge der erhöhten
- Herstellungskosten leider genötigt, den Preis für das Bändchen
- um den geringfügigen Betrag von 10 Pfennig zu erhöhen. Sie wird
- dafür, wie es bei den letzten Bändchen bereits geschehen ist, die
- Ausstattung durch Abbildungen reicher gestalten und so den Wert
- der Bändchen, der schon in ihrer inhaltlichen Vortrefflichkeit
- begründet ist, womöglich noch weiter zu erhöhen suchen.
-
-Die Sammlung will dem immer größer werdenden Bedürfnis nach
-+bildender+, +zugleich belehrender+ und +unterhaltender+ Lektüre
-entgegenkommen. Sie bietet daher in einzelnen in sich abgeschlossenen
-Bändchen in sorgsamer Auswahl Darstellungen kleinerer wichtiger Gebiete
-aus allen Zweigen des Wissens und damit eine Lektüre, die auf =wirklich
-allgemeines Interesse= rechnen kann.
-
-Eine erschöpfende allgemeinverständliche Behandlung des Stoffes soll
-auf wissenschaftlicher Grundlage ruhen, die die Mitwirkung angesehener
-und bewährter Fachmänner gewährleistet. So wird eine =Lektüre= geboten,
-die =wirkliche Befriedigung= und =dauernden Nutzen= verspricht.
-
-Wie der +Inhalt+, so soll auch in jeder Weise den Zweck der Sammlung
-erreichen helfen die trotz des +billigen Preises sorgfältigste
-Ausstattung+: die in +bester Ausführung beigegebenen Abbildungen+, der
-mit +trefflicher Zeichnung versehene Umschlag+, der +geschmackvolle
-Einband+.
-
-
-Es erschienen bereits:
-
- =Acht Vorträge aus der Gesundheitslehre.= Von Prof. ~Dr.~ +H.
- Buchner+. Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb.
- _M._ 1.25.
-
-Unterrichtet in klarer und überaus fesselnder Darstellung über alle
-wichtigen Fragen der Hygiene.
-
-
- =Soziale Bewegungen und Theorien bis zur modernen
- Arbeiterbewegung.= Von +G. Maier+. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb.
- _M._ 1.25.
-
-Will auf historischem Wege in die Wirtschaftslehre einführen, den Sinn
-für soziale Fragen wecken und klären.
-
-
- =Bau und Leben des Tieres.= Von ~Dr.~ +W. Haacke+. Mit zahlreichen
- Abbildungen im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.
-
-Vermag zu einem besseren Verständnis unserer Umgebung, unserer Freunde
-in Haus und Hof, in Feld und Wald zu führen.
-
-
- =Schrift- und Buchwesen in alter und neuer Zeit.= Von Prof. ~Dr.~
- +O. Weise+. Reich illustr. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._
- 1.25.
-
-Verfolgt durch mehr als vier Jahrtausende Schrift-, Brief- und
-Zeitungswesen, Buchhandel und Bibliotheken.
-
-
- =Palästina und seine Geschichte.= Sechs volkstümliche Vorträge
- von Prof. ~Dr.~ +von Soden+. Mit zwei Karten und einem Plan von
- Jerusalem. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Ein Bild nicht nur des Landes selbst, sondern auch alles dessen, was
-aus ihm hervor- oder über es hingegangen ist im Laufe der Jahrhunderte.
-
-
- =Luft, Wasser, Licht und Wärme.= Acht Vorträge aus der
- Experimental-Chemie. Von Prof. ~Dr.~ +R. Blochmann+. Mit 103
- Abbildungen im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Führt unter besonderer Berücksichtigung der alltäglichen Erscheinungen
-des praktischen Lebens in das Verständnis der chemischen Erscheinungen
-ein.
-
-
- =Deutsche Baukunst im Mittelalter.= Von Prof. ~Dr.~ +A. Matthaei+.
- Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.
-
-Will mit der Darstellung der Entwicklung der deutschen Baukunst des
-Mittelalters zugleich über das Wesen der Baukunst als Kunst aufklären.
-
-
- =Das deutsche Volkslied.= Über Wesen und Werden des deutschen
- Volksgesanges. Von Privatdozent ~Dr.~ +J. W. Bruinier+. Geh. _M._
- 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Einer der wichtigsten Erscheinungen deutschen Volkslebens gewidmet,
-nicht zu steifer akademischer Erörterung, sondern zu herzlich warmer
-Schilderung.
-
- =Neuere Fortschritte auf dem Gebiete der Elektrizität.= Von Prof.
- ~Dr.~ +Richarz+. Mit 94 Abbildungen im Text. Geh. _M._ 1.--,
- geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Behandelt leicht verständlich, zugleich aber für jeden Fachmann
-interessant, die neuesten vielbesprochenen Fortschritte auf
-elektrischem Gebiete.
-
-
- =Unsere wichtigsten Kulturpflanzen.= Von Privatdozent ~Dr.~
- +Giesenhagen+ in München. Mit zahlreichen Abbildungen im Text. Geh.
- _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Vermittelt durch die Schilderung der wichtigsten Kultur der
-Getreidepflanzen zugleich in anschaulicher Form allgemeine botanische
-Kenntnisse.
-
-
- =Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschichtlichen
- Entwicklung.= Von ~Dr.~ +Ed. Otto+. Mit 27 Abbildungen auf 8
- Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Eine Darstellung der historischen Entwicklung und der
-kulturgeschichtlichen Bedeutung des deutschen Handwerks von den
-ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.
-
-
- =Das Theater.= Von Privatdozent ~Dr.~ +Borinski+ in München.
- Mit 8 Bildnissen großer dramatischer Dichter. Geh. _M._ 1.--,
- geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Läßt bei der Vorführung der dramatischen Gattungen die dramatischen
-Muster der Völker und Zeiten thunlichst selbst reden.
-
-
- =Die Leibesübungen und ihre Bedeutung für die Gesundheit.= Von
- Prof. ~Dr.~ +R. Zander+. Mit 19 Abbildungen im Text und auf 2
- Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Will darüber aufklären, weshalb und unter welchen Umständen die
-Leibesübungen segensreich wirken, indem es ihr Wesen, andererseits die
-in Betracht kommenden Organe bespricht.
-
-
- =Verkehrsentwicklung in Deutschland. 1800-1900.= Sechs
- volkstümliche Vorträge über Deutschlands Eisenbahnen und
- Binnenwasserstraßen, ihre Entwicklung und Verwaltung, sowie ihre
- Bedeutung für die heutige Volkswirtschaft von Prof. ~Dr.~ +Walther
- Lotz+. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Erörtert nach einer Geschichte des Eisenbahnwesens insbesondere
-Tarifwesen, Binnenwasserstraßen und Wirkungen der modernen
-Verkehrsmittel.
-
-
- =Die deutschen Volksstämme und Landschaften.= Von Prof. ~Dr.~ +O.
- Weise+. Mit 26 Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._
- 1.25.
-
-Schildert, durch eine gute Auswahl von Städte-, Landschafts- und
-anderen Bildern unterstützt, die Eigenart der deutschen Gaue und Stämme.
-
-
- =Ernährung und Volksnahrungsmittel.= Sechs Vorträge gehalten von
- Prof. ~Dr.~ +Johannes Frentzel+. Mit 6 Abbildungen im Text und 2
- Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Behandelt die Ernährungslehre, den Verdauungsapparat und die
-Zubereitung der Nahrungsmittel, die einzeln ausführliche Besprechung
-erfahren.
-
-
- =Aufgaben und Ziele des Menschenlebens.= Von ~Dr.~ +J. Unold+ in
- München. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Beantwortet die Frage: Giebt es keine bindenden Regeln des menschlichen
-Handelns? in zuversichtlich bejahender, zugleich wohlbegründeter Weise.
-
-
- =Der Kampf zwischen Mensch und Tier.= Von Prof. ~Dr.~ +Karl
- Eckstein+. Mit 31 Abbild. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb.
- _M._ 1.25.
-
-Der hohe wirtschaftliche Bedeutung beanspruchende Kampf erhält eine
-eingehende, ebenso interessante wie lehrreiche Darstellung.
-
-
- =Am sausenden Webstuhl der Zeit.= Übersicht der Wirkungen
- der Entwicklung der Naturwissenschaften u. der Technik. Von
- +Launhardt+, Geh. Reg.-Rat, Prof. a. d. Techn. Hochschule zu
- Hannover. Mit vielen Abbild. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb.
- _M._ 1.25.
-
-Heute, wo wir in den +Naturwissenschaften und der Technik+ einen alle
-vergangenen Zeiten weit überragenden Standpunkt einnehmen, ist +ein
-Rückblick auf ihre Entwicklung+, wie sie das vorliegende Bändchen in
-geistreichen Ausführungen giebt, gewiß vielen willkommen. Indem er sie
-den Weltwundern der Alten gegenüberstellt, weiß der Verfasser treffend
-das Wesen +der Wunder unserer Zeit+ klar zu stellen. Vorbereitet
-durch naturwissenschaftliche Entdeckungen, die +die Sinne verschärfen
-und vervollkommnen+, haben diese Erfindungen unsere +Herrschaft über
-den Raum+ in ungeahnter Weise ausgebreitet, die modernen Schußwaffen
-wie die Fernrohre, die Eisenbahnen, die Dampfschiffe und die
-Luftschiffe. Eine eingehende Darstellung erfährt insbesondere +die
-Entwicklung des Eisenbahnwesens+. Im letzten der Vorträge werden die
-meistens zu entgegengesetzten Erscheinungen führenden +Wirkungen der
-Verkehrsvervollkommnung+ dargestellt.
-
-
- =Das Eisenhüttenwesen= erläutert in acht Vorträgen von Prof. ~Dr.~
- +H. Wedding+. Mit 12 Figuren im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll
- geb. _M._ 1.25.
-
-Das Eisen ist das +unentbehrlichste Metall+, ohne dessen Gebrauch
-das gegenwärtige Leben gebildeter Völker nicht zu denken ist. Wie
-von jedem gebildeten Menschen erwartet werden darf, daß er weiß, auf
-welche Weise Brot hergestellt wird, so sollte auch von jedem +eine
-wenigstens allgemeine Kenntnis der Vorgänge vorausgesetzt werden
-dürfen, vermittelst derer Eisen erzeugt und in seine Gebrauchsformen
-gebracht wird+. Das ist der Gegenstand der Eisenhüttenkunde.
-In den vorliegenden acht Vorträgen wird das Eisenhüttenwesen in
-gemeinfaßlicher Weise von einem der bedeutendsten Fachmänner erörtert.
-
-
- =Die ständischen und sozialen Kämpfe in der römischen Republik.=
- Von +Leo Bloch+. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.
-
-Es giebt schwerlich einen gleich interessanten und gleich
-bedeutungsvollen Vorgang in der Weltgeschichte wie die +Entwicklung
-der römischen Weltmacht+. +Die sozialen Erscheinungen, die inneren+
-Kämpfe der Stände, unter denen sich die Entwicklung vollzieht und die
-in erster Linie +agrarischen+ Charakter tragen, haben aber für uns
-heute besonderes Interesse, und so ist eine -- von allem philologischen
-Detail absehende gemeinverständliche Darstellung dieser Kämpfe
-wohlberechtigt, wie sie das vorliegende Bändchen giebt.
-
-
- =Einführung in die Theorie und den Bau der neueren
- Wärmekraftmaschinen.= Von Ingenieur +Richard Vater+. Mit
- zahlreichen Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.
-
-Das Verständnis der immer wichtiger werdenden +neueren
-Wärmekraftmaschinen, das heißt der Gas-, Petroleum- und
-Benzinmaschinen+, will dies Bändchen einem weiteren Kreise zugänglich
-machen, sowohl dem Nichtfachmanne, wie demjenigen, der mit geringerer
-Vorbildung in engere oder losere Berührung mit den Maschinen gelangte,
-Interesse und Verständnis für die Sache erwecken. Der Zweck des
-Bändchens ist somit nicht ein rein technischer, sondern zugleich
-ein allgemein bildender. Nach einer Gegenüberstellung der +älteren+
-und +neueren Wärmekraftmaschinen+ wird zunächst die +Gasmaschine+
-behandelt, dann die +Petroleum- und Benzinmaschinen+; zum Schlusse wird
-auf die neueste Wärmekraftmaschine, auf die +Maschine von Diesel+,
-etwas näher eingegangen.
-
-
- =Das Licht und die Farben.= Sechs Vorträge, gehalten im
- Volkshochschulverein München. Von Professor ~Dr.~ +L. Graetz+. Mit
- 113 Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Die Vorträge gehen von den im Druck durch die Abbildungen ersetzten
-+wichtigsten optischen Erscheinungen+ aus, aus denen sie die
-+Gesetze des Lichtes+ herauszuziehen und dadurch, schrittweise
-vom Einfacheren zum Komplizierteren fortschreitend, immer tiefer in
-das Wesen des Lichtes einzudringen suchen. Ausgehend zunächst von den
-einfachsten Erscheinungen der scheinbar +geradlinigen Ausbreitung,
-Zurückwerfung und Brechung des Lichtes+ wird dann das +Wesen der
-Farben+ behandelt. Die Frage nach der Natur der Seifenblasenfarben
-leitet zur Einführung in die +Wellennatur des Lichtes+. Danach
-wendet sich die Darstellung der +Photographie+ zu. Die letzte
-Vorlesung endlich macht die +Einsichten in die Natur des Lichtes
-präziser+, indem sie das Licht als eine spezielle elektrische
-Erscheinung anschließt an das große Gebiet der +Elektrizität+.
-
-
- =Der Bau des Weltalls.= Von Prof. ~Dr.~ +J. Scheiner+. Mit
- zahlreichen Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.
-
-Dieses Bändchen beabsichtigt, in allgemeinverständlicher Darstellung
-in das Hauptproblem der Astronomie, das auf lebhaftestes Interesse
-bei einem jeden Menschen rechnen darf, +die Erkenntnis des Weltalls+,
-einzuführen. Das erste Kapitel ist der Aufgabe gewidmet, den Leser
-an die +wirklichen Verhältnisse von Raum und Zeit im Weltall+ zu
-gewöhnen, ihm hierüber eine klare Anschauung zu ermöglichen, die
-unbedingt zum Verständnis des Ganzen erforderlich ist. Das zweite
-Kapitel lehrt, wie +das Weltall von der Erde aus erscheint+; die drei
-folgenden Kapitel sind dem +inneren Bau des Weltalls+ gewidmet, d. h.
-in ihnen ist die Struktur der +selbständigen Himmelskörper+ mit Hilfe
-der Spektralanalyse auseinandergesetzt. Das letzte Kapitel giebt als
-Schlußstein eine Lösung der Frage über die +äußere Konstitution+ der
-Fixsternwelt.
-
-
- =Die Metalle.= Von Prof. ~Dr.~ +K. Scheid+. Reich illustriert. Geh.
- _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Das Bändchen will, ohne daß irgend welche Kenntnisse der Chemie
-und Gesteinkunde vorausgesetzt werden, eine Erklärung geben, wie
-die +Metalle in der Erde+ sich als Erze abgelagert haben mögen und
-wie die Erze sich in +das reine Metall+ umwandeln lassen; wie die
-Metalle auf den +Hüttenwerken+ dargestellt werden, ist unter Beigabe
-von Abbildungen erklärt. In den letzten Abschnitten werden sodann
-die Metalle hinsichtlich ihrer +Eigenschaften verglichen+ und das
-+Allgemeine über Darstellung und Verarbeitung+ zusammenfassend erklärt.
-
-
- =Meeresforschung und Meeresleben.= Von ~Dr.~ +Janson+. Geh. _M._
- 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.
-
-Gerade jetzt, zu einer Zeit, wo unser deutsches Volk seine Blicke
-weit hinaus in die Ferne richtet, erschien eine den Absichten der
-Sammlung entsprechend im engsten Rahmen gehaltene Zusammenfassung der
-hauptsächlichen Erfolge und der zunächst ins Auge genommenen Ziele
-der +modernen systematischen Meeresuntersuchung+. -- Einer kurzen
-Darstellung der +Entwicklungsgeschichte+ der modernen Meeresforschung
-und ihrer Ziele folgt eine Betrachtung der +Verteilung von Wasser
-und Land+ auf der Erde, der +Tiefen des Meeres+, der +Erhebungen+
-seines Bodens und der ihn bedeckenden +Ablagerungen+. Daran
-schließt sich eine Behandlung der physikalischen und chemischen
-Verhältnisse des +Meerwassers+ an. Den Schluß bildet eine kurze
-Beschreibung der +wichtigsten Organismen des Meeres+, der Pflanzen
-und Tiere, der Werkzeuge und Methoden ihres +Fanges+ und ihrer
-+Anpassungserscheinungen+ an die so eigenartigen Lebensverhältnisse der
-Ozeane.
-
-
- =Die moderne Heilwissenschaft.= Wesen und Grenzen des ärztlichen
- Wissens. Von ~Dr.~ +E. Biernacki+. Deutsch von ~Dr.~ +S. Ebel+,
- Badearzt in Gräfenberg. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.
-
-Die Abhandlung bezweckt, in den Inhalt des ärztlichen Wissens
-und Könnens von einem allgemeineren Standpunkte aus einzuführen.
-Sie behandelt die +geschichtliche Entwicklung der medizinischen
-Grundbegriffe, die Leistungsfähigkeit und die Fortschritte der
-modernen Heilkunst, die Beziehungen zwischen der Diagnose und der
-Behandlung der Krankheit, sowie die Grenzen der modernen Diagnostik in
-allgemein verständlicher Weise+. Eine ausführliche Besprechung erfährt
-insbesondere auch das kulturgeschichtlich so interessante +medizinische
-Sektenwesen+ (Homöopathie, Volksmedizin u. Naturheilkunde u. s. w.).
-
-
- =Das Zeitalter der Entdeckungen.= Von Prof. ~Dr.~ +S. Günther+ in
- München. Mit einer Weltkarte. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb.
- _M._ 1.25.
-
-Wenig Zeitalter dürfen heute, wo kühne Forschungsreisen unsere
-Teilnahme und Bewunderung immer aufs neue erwecken, wir immer
-lebhafteren Anteil an der Nutzbarmachung neuer Entdeckungen nehmen,
-wohl in weiteren Kreisen auf so lebhaftes Interesse rechnen, wie das
-Entdeckungszeitalter. Von einer +Übersicht über den geographischen
-Wissensstand des Altertums und Mittelalters+ ausgehend, behandelt
-der Verfasser dann das Entdeckungszeitalter im engeren Sinne, von
-dem Auftreten +Heinrichs des Seefahrers+, des ersten zielbewußten
-Organisators der Entdeckungsarbeit, bis zu den Bestrebungen der
-germanischen Völker, um Asien oder Amerika herum einen neuen +Seeweg
-nach Indien+ zu finden; die Auffindung des Weges um das +Kap der guten
-Hoffnung+ und die Begründung der +portugiesischen Kolonialherrschaft+
-in Asien, sodann die Fahrten des +Columbus+, die Erdumsegelung
-von +Magalhaẽs+, die Entdeckungen und Eroberungen der +Spanier in
-Süd-, Mittel- und Nordamerika+ und endlich das Hervortreten der
-+französischen, britischen und holländischen Seefahrer+.
-
-
- =Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit.= Von Bauinspektor
- +Curt Merckel+. Mit zahlr. Abbild. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll
- geb. _M._ 1.25.
-
-Die „Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit“ dürfen heute auf ein
-weites Interesse rechnen. Das vorliegende Bändchen führt eine Reihe
-von +hervorragenden Ingenieurbauten aus dem Gebiete des Verkehrs+
-vor; die +Gebirgsbahnen+, die +Bergbahnen+, die +transkaspische und
-transsibirische Eisenbahn+, sowie die +chinesischen Eisenbahnen+
-gelangen zur Besprechung; die Vorläufer der Gebirgsbahnen, die
-bedeutenden +Gebirgsstraßen der Schweiz und Tirols+, anderseits
-die großen in +Asien+ bereits entstandenen oder in der Ausführung
-begriffenen und projektierten +Eisenbahnverbindungen+ werden eingehend
-geschildert, endlich in kurzen Zügen die +modernen Kanal- und
-Hafenbauten+ mit den bereits zur Ausführung gekommenen Neuerungen oder
-den im Entwicklungsstadium befindlichen Umgestaltungen behandelt.
-
-
- =Die fünf Sinne des Menschen.= Von ~Dr.~ +Jos. Clem. Kreibig+ in
- Wien. Mit 29 Abbild. im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb.
- _M._ 1.25.
-
-Der Verfasser sucht die Fragen über die +Bedeutung, Anzahl, Benennung
-und Leistungen der Sinne+ in gemeinfaßlicher Weise zu beantworten. Nach
-einer kurzen allgemeinen Charakteristik des einzelnen Sinnesgebietes
-bringt er zunächst +das Organ und seine Funktionsweise+, dann die +als
-Reiz wirkenden äußeren Ursachen+ und zuletzt den +Inhalt, die Stärke,
-das räumliche und zeitliche Merkmal der Empfindungen+ zur Besprechung.
-Am ausführlichsten behandelt er den +Gehör- und Gesichtssinn+,
-insbesondere die Gebiete der +Töne und Farben+. Überall verwertet er
-maßvoll und selbständig die +neuesten Ergebnisse der Wissenschaft+.
-
-
-=Weitere Bändchen befinden sich in Vorbereitung.=
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Mensch und Erde, by Alfred Kirchhoff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCH UND ERDE ***
-
-***** This file should be named 61101-0.txt or 61101-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/1/1/0/61101/
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/61101-0.zip b/old/61101-0.zip
deleted file mode 100644
index 12ab1c5..0000000
--- a/old/61101-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61101-h.zip b/old/61101-h.zip
deleted file mode 100644
index afe9be9..0000000
--- a/old/61101-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61101-h/61101-h.htm b/old/61101-h/61101-h.htm
deleted file mode 100644
index 2629f83..0000000
--- a/old/61101-h/61101-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,4833 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Mensch und Erde, by Alfred Kirchhoff.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-div.chapter {page-break-before: always;}
-
-.break-before {page-break-before: always;}
-
-h1,h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
- font-weight: normal;}
-
-h1,.s1 {font-size: 225%;}
-h2,.s2 {font-size: 175%;}
-.s3 {font-size: 125%;}
-.s4 {font-size: 110%;}
-.s5 {font-size: 90%;}
-
-h2.nobreak {
- page-break-before: avoid;
- padding-top: 3em;}
-
-p {
- margin-top: .51em;
- text-align: justify;
- margin-bottom: .49em;
- text-indent: 1.5em;}
-
-p.p0,p.center {text-indent: 0;}
-
-.hang1_5 {
- padding-left: 1.5em;
- text-indent: -1.5em;}
-
-div.reklame,div.titelei {
- width: 70%; margin: auto 15%;}
-
-div.enger {line-height: 0.95;}
-
-.mtop1 {margin-top: 1em;}
-.mtop2 {margin-top: 2em;}
-.mbot2 {margin-bottom: 2em;}
-.mleft0_2 {margin-left: 0.2em;}
-.mright2 {margin-right: 2em;}
-
-.padtop3 {padding-top: 3em;}
-.padtop5 {padding-top: 5em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
- clear: both;}
-
-hr.full {width: 95%; margin: 2.5em 2.5%;}
-
-hr.r5 {width: 5%; margin: 1em 47.5%;}
-hr.r10 {width: 10%; margin: 2em 45%;}
-
-hr.doppel {
- width: 100%;
- margin: 0.5em auto 2em auto;
- height: 4px;
- border-top: thin black solid;
- border-bottom: thin black solid;
- border-left: none;
- border-right: none;}
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;}
-
-.vat {vertical-align: top;}
-.vab {vertical-align: bottom;}
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 95%;
- font-size: 70%;
- text-align: right;
- text-indent: 0;
- letter-spacing: 0;
- font-style: normal;
- color: #999999;} /* page numbers */
-
-.center {text-align: center;}
-
-.right {text-align: right;}
-
-.antiqua {font-style: italic;}
-
-.u {text-decoration: underline;}
-
-.gesperrt {
- letter-spacing: 0.2em;
- margin-right: -0.2em; }
-
-em.gesperrt {
- font-style: normal; }
-
-/* Images */
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;}
-
-img {max-width: 100%; height: auto;}
-
-img.w6em {width: 6em; height: auto;}
-
-/* Poetry */
-.poetry-container {text-align: center;}
-
-.poetry {
- display: inline-block;
- text-align: left;}
-
-.poetry .verse {
- text-indent: -3em;
- padding-left: 3em;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {
- background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;}
-
-.nohtml {visibility: hidden; display: none;}
-
-@media handheld {
-
-.pagenum {visibility: hidden; display: none;}
-
-.nohtml {visibility: visible; display: inline;}
-
-div.reklame {
- width: 90%; margin: auto 5%;}
-
-div.titelei {
- width: 100%; margin: auto;}
-
-em.gesperrt {
- font-family: sans-serif, serif;
- font-size: 90%;
- margin-right: 0;}
-
-.poetry {
- display: block;
- text-align: left;
- margin-left: 2.5em;}
-
-hr.full {visibility: hidden; display: none;}
-
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Mensch und Erde, by Alfred Kirchhoff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Mensch und Erde
- Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden
-
-Author: Alfred Kirchhoff
-
-Release Date: January 4, 2020 [EBook #61101]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCH UND ERDE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1901 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
-unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.</p>
-
-<p class="p0">Im Original finden sich Teile der Buchwerbung für die
-Reihe ‚Aus Natur und Geisteswelt‘ sowohl am Anfang als auch am Ende des
-Buches. In der vorliegenden Fassung wurden vom Bearbeiter beide Teile
-vereinigt und an das <a href="#Aus_Natur_und_Geisteswelt">Ende des Texts</a> gestellt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s2 center break-before"><b>Aus Natur und Geisteswelt.</b></p>
-
-<p class="center"><b>Sammlung</b></p>
-
-<p class="center"><b>wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen
-aus allen Gebieten des Wissens.</b></p>
-
-<p class="center">31. Bändchen.</p>
-
-<hr class="doppel" />
-
-<h1><b>Mensch und Erde.</b></h1>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="s4 center">Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden.</p>
-
-<p class="center mtop2 mbot2">Von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Alfred Kirchhoff.</b></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="mtop2 mbot2 w6em" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center"><span class="mleft0_2">L</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">p</span><span class="mleft0_2">z</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">g</span>,<br />
-
-<span class="s5">Druck und Verlag von B. G. Teubner.</span><br />
-
-1901.</p>
-
-<p class="center padtop5 break-before">Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts,
-vorbehalten.</p>
-
-<p class="s1 center padtop3 break-before">Otto Jonassohn</p>
-
-<p class="s4 center mtop1">in treuer Freundschaft</p>
-
-<p class="s4 center mtop1">gewidmet.</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Vorliegende Skizzen waren ursprünglich gar nicht für den Druck
-bestimmt. Ich hatte sie vielmehr als Unterlagen zu Vorträgen vor einem
-weiteren Hörerkreis ausgearbeitet. Einer der Vorträge, gehalten im März
-d.&nbsp;J. am Institut für Meereskunde zu Berlin, ist bereits in Hettners
-Geographischer Zeitschrift veröffentlicht worden; alle übrigen wurden
-im Auftrag des Hamburger Senats im Oktober 1899 vor der Hamburger
-Bürgerschaft gehalten und erscheinen hier zum erstenmal im Druck.</p>
-
-<p>Indem ich nun, um mehrseitigen Wünschen nachzukommen, diese
-anspruchslosen Skizzen der Öffentlichkeit übergebe, kann ich ihnen
-nur den einen Wunsch mit auf den Weg geben, daß sie ebenso freundlich
-teilnehmende Leser finden mögen wie sie sich aufmerksamer Hörer zu
-erfreuen hatten.</p>
-
-<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Halle a. S.</em>, im Juli 1901.</p>
-
-<p class="s4 right mright2"><b>Der Verfasser.</b></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5" colspan="2">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">I.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="hang1_5">Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die
- Kulturverbreitung und die tellurische Auslese seitens der einzelnen
- Länder</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#I_Das_Antlitz_der_Erde">1</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">II.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="hang1_5">Das Meer im Leben der Völker</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#II_Das_Meer_im_Leben_der_Voelker">15</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">III.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="hang1_5">Steppen- und Wüstenvölker</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#III_Steppen_und_Wuestenvoelker">33</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">IV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="hang1_5">Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#IV_Der_Mensch_als_Schoepfer_der_Kulturlandschaft">55</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">V.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="hang1_5">Geographische Motive in der Entwicklung der
- Nationen</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#V_Geographische_Motive">73</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">VI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="hang1_5">China und die Chinesen</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#VI_China_und_die_Chinesen">95</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">VII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="hang1_5">Deutschland und sein Volk</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#VII_Deutschland_und_sein_Volk">111</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="I_Das_Antlitz_der_Erde">I.<br />
-
-Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die Kulturverbreitung und
-die tellurische Auslese seitens der einzelnen Länder.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-<p>Schon aus dem griechischen Altertum erklingt der Streit über die
-Vormacht zwischen Erde und Menschheit. Die neuere Erdkunde hat ihn
-unparteiisch geschlichtet. Plato, zufolge der idealistischen Richtung
-seiner gesamten Weltanschauung in dieser Streitsache entschieden
-Parteimann, fällt das Urteil: Nicht das Land hat sein Volk zu eigen,
-sondern das Volk sein Land. Gründlichere Betrachtung enthüllt uns
-jedoch überall ein stetes Wechselverhältnis von Land und Volk,
-Menschheit und Erde. So gewiß die Menschheit zu keiner Zeit in allen
-ihren Zuständen, in allen ihren Thaten unmittelbar abhängig war von
-der Mutter Erde, so vermag sie sich doch nie und nimmermehr aus deren
-Banden zu lösen.</p>
-
-<p>Und wer könnte heutzutage bezweifeln, daß die Gewalt unseres Planeten
-über unser Geschlecht größer sei als diejenige des letzteren über
-jenen? Wohl trifft gegenwärtig mehr denn je der Sophokleische
-Triumphgesang zu: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“, indessen
-doch nur im Vergleich mit den übrigen Geschöpfen, unter denen er sich
-kraft seiner Geistesentfaltung die Oberhand gewann. Mit den niedersten
-Organismen des Tier- wie Pflanzenreiches teilt der Mensch so zu
-sagen die Rangliste im Weltall: er ist ein Geschöpf, eine Geburt des
-Erdplaneten. Er bleibt wie alle die anderen Lebewesen dieses kleinen
-Weltkörpers an bestimmte Oberflächenteile desselben gekettet; schon
-in mäßiger Tiefe unter unseren Sohlen läßt uns die Gluthitze des
-Erdinneren nicht leben, und selbst vorübergehend als Luftschiffer
-vermag der Mensch nur wenige Kilometer ins Luftmeer sich zu erheben,
-weil ihn furchtbare Kälte nebst Sauerstoffmangel aus den ätherischen
-Höhen zurückscheucht. Ja, dies räumlich so eingeschränkte Dasein der<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span>
-Menschen auf Erden ist nicht einmal von Ewigkeit zu Ewigkeit; nein, es
-fügt sich auch zeitlich in enge Schranken, wie sie von der Erdnatur
-bestimmt werden. Wie gern träumen wir davon, die Erde sei nur für uns
-erschaffen! Aber wir wissen doch jetzt, daß der Erdball einstmals
-Millionen von Jahren durch den Weltenraum in kreisähnlichen Bahnen
-dahinsauste, ohne irgend welches organische Leben zu beherbergen;
-endlich, nachdem sich seine Lavaschmelzglut durch Ausstrahlung gekühlt,
-der Ozean aus der Atmosphäre auf die nun erstarrte Steinkugel des
-Erdpanzers niedergeregnet war, tauchten Geschöpfe auf, als Spätling
-auch der Mensch. Indessen er wird gleich allen Mitgeschöpfen sein Leben
-nur so lange fristen, als die unentbehrlichsten Lebensbedingungen
-nicht versiegen, vor allem das nötige Maß von Wärme und das Wasser.
-Seit kurzem erst kennen wir die gänzliche Unbeständigkeit jeglicher
-Ortstemperatur; wir wissen, daß in größeren Zeiträumen Eiszeiten mit
-wärmeren Perioden wechseln und das polare Eis schon einmal z.&nbsp;B. den
-nordamerikanischen Boden bis in süditalienische Breiten gänzlich
-überzog. Wie, wenn diese Wärmeschwankungen dereinst das Eis des Nord-
-und Südpols im äquatorialen Gürtel sich zur Vernichtung alles Lebens
-zusammenschließen lassen? Oder wie, wenn schon vorher die Erkaltung
-des Erdinneren das Wasser, jetzt noch untief im Untergrund durch
-Dampfspannung gehalten, daß es Quellen bilden, Meeresbecken füllen
-kann, in den Abgrund des Erdinneren versinkt, wie auf solche Weise
-offenbar der Mond, als kleinere Kugel rascher erkaltet, das Wasser
-von seiner Oberfläche verloren hat? In dem einen Fall ist eisige
-Polarlandschaft, im anderen fahle Wüste der Schauplatz des Hinsterbens
-der letzten unseres Geschlechts. Aber, als sei gar nichts verändert,
-wird dann die Erde gleichwie vormals weiterrollen in ihrer Bahn ohne
-Leben, ohne Menschenherzen.</p>
-
-<p>In dieser flüchtigen Phase des Menschendaseins auf Erden nun spendet
-uns der irdische Wohnraum Nahrung, Wohnung, Kleidung und giebt
-unserem Thun die Richtung. Schon darum, weil alle jene Darbietungen
-nicht ins Unge<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>messene wachsen können, ist das Grundmaß aller
-Menschenleistung, die Gesamtzahl der Menschheit, an die Flächengröße
-des Landraums der Erdaußenseite notwendig gebunden. Und wie viel der
-Menschheitsschicksale läßt sich aus der Verteilung, aus der Bauweise
-der Landmasse herauslesen, was man mit Eduard Sueß’ geflügeltem Wort
-„das Antlitz der Erde“ zu nennen pflegt! In drei großen Weltinseln
-ragt das Festland aus dem alles umspannenden Ozean, als Ostfeste,
-Westfeste und Australkontinent. Auf darwinistischer Grundlage beruht
-die gesicherte Einsicht, daß die weitaus größte der drei Weltinseln,
-die unsrige, als Ursprungsstätte des Menschen betrachtet werden muß.
-In so entlegener Urzeit jedoch, allem Anschein nach vor Ausbildung
-der artikulierten Sprache, ist der Mensch nach den beiden anderen
-Erdfesten hinübergezogen, daß im Lauf ungezählter Jahrtausende nach
-dem Gesetz des Variierens organischer Formen zumal beim Ausschluß der
-Vermischung mit der unveränderten Form drei Hauptgruppen von Völkern
-und von Sprachen sich herausbildeten nach Maßgabe des Küstenzugs der
-drei Weltinseln. Was man auch beibringen mag von vermeintlichen Zügen
-näherer Verwandtschaft zwischen den Mongolen Asiens und den Indianern,
-zwischen den Negern Afrikas und den Australiern, jedenfalls befaßte
-Amerika bis 1492, Australien bis 1788 eine körperlich, noch weit mehr
-sprachlich und sittenkundlich geschlossene Sondergruppe der Menschheit
-im Gegensatz zur Ostfeste, deren Größe und vielfache Trennung durch
-Meere, Wüsten, gewaltige Bodenerhebungen zwar gleichfalls zur
-Dissoziierung der ursprünglich völlig gleichartigen Menschheit in
-Völker, ja in Rassen führte, nur ohne diese hermetisch voneinander
-abzusondern.</p>
-
-<p>Vornehmlich kulturell ist die Trennung in die drei Erdfesten aufs
-schärfste umgeprägt worden auf die Menschheit. Einzig unsere Ostfeste
-erfand die Kunst der Tierzüchtung behufs Melkerei und entdeckte das
-Geheimnis, das nützlichste aller Metalle, das Eisen, aus seinen Erzen
-darzustellen. Dermaßen wirkungsreich erwies sich der Verschluß der
-Festen durch das Meer, bis der Wagemut europäischer Schiffahrt die
-fliegenden<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> Brücken über alle Ozeane schlug, daß nicht einmal über die
-Beringsenge Eisenverhüttung oder Züchten von Melktieren aus Nordasien
-in die neue Welt eindrang. So hoch die Gesittung der Altamerikaner in
-Mejiko und Peru gediehen, nie hat man dort Stahl und Eisen gekannt vor
-Hinkunft der Spanier; und dasselbe Renntier, das von Lappland bis nach
-Ostsibirien seit alters gemolken wurde, haben Eskimo wie Indianer immer
-nur gejagt.</p>
-
-<p>Der nördlichen Halbkugel gehört das meiste Land, darum war sie von
-jeher die hauptsächlichste Heimstätte der Menschheit. Besonders
-umfangreich ist ihr Anteil an dem gemäßigten Erdgürtel, dieser
-glücklichen Zone, in der des Menschen Leibes- und Willenskraft
-gestählt wird, ohne wie im arktischen Raum aufzugehen im Kampf gegen
-die Unbilden der polaren Natur; nach Süden pflegen die Erdteile in
-zipfelförmige Halbinseln oder in kompakte Keilgestalten auszulaufen,
-so daß nur verschmälerte Teile von Südafrika und Südamerika in die
-südliche gemäßigte Zone tiefer hineinragen. Somit kann sich unsere
-Erdhälfte des Doppelvorzugs rühmen, zugleich die meisten und die
-thatkräftigsten Bewohner zu besitzen. Auch in Südamerika rafft sich
-zur Zeit der an Chile und Argentinien aufgeteilte außertropische
-Süden zu kraftvollerer Haltung auf. Wie viel gewaltiger jedoch stehen
-in wirtschaftlicher, staatlicher, geistiger Größe innerhalb des
-Nordgürtels menschlicher Schaffungskraft Europa, China, Japan, die
-Vereinigten Staaten!</p>
-
-<p>Wüsten und Polarlande werden ihre Bewohner nie zu höheren
-Verdichtungsgraden gelangen lassen. Zwischengelagert zwischen Landen
-fruchtbareren Klimas bilden wüsten- oder steppenhafte Trockenräume
-dauernde Schranken für Kulturausbreitung und Völkermischung, weil
-sie den Verkehr nur von Oase zu Oase, im günstigsten Fall längs
-eines Flußlaufs, immer also bloß auf beschränkten Linien zulassen.
-So hielt die Sahara durch die Jahrtausende unsere Rasse von der
-Negerrasse getrennt, bildete mit der arabischen Wüste zusammen die nie
-überschrittene Äquatorialgrenze des Römerreichs. Der centralasiatische
-Trocken<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span>raum, dessen Unwegsamkeit durch den massigen Hochlandcharakter,
-durch die höchsten Gebirge noch wesentlich gesteigert wird, sperrte
-von jeher die indische Welt ab von der sibirischen, die chinesische
-von der des Abendlandes. Umgekehrt begrüßen wir in schiffbaren Strömen
-wertvolle Leitlinien der Erschließung und Gesittung der Länder. In
-wenigen Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts drangen die Europäer auf dem
-Orinoko, dem Amazonenstrom, dem Parana ins Herz von Südamerika ein;
-Jahrtausende hingegen währte es, bis man in Afrika mit seinen von
-Stromschnellen verriegelten Flußstraßen ebenso weit kam. Nicht voll
-vierzig Jahre brauchte die kleine Kosakenschar, Sibirien für den Zaren
-zu erobern, indem sie die feine wurzelartige Stromverflechtung im
-Süden des Landes benutzte, um die unermeßlichen Nadelholzwälder bis
-zum ochotskischen Busen zu durchmessen; und genau längs diesen Strömen
-hat danach die russische Kolonisation sich ostwärts vorgeschoben, den
-nur von zwei Meereslücken unterbrochenen Ring der Europäisierung des
-Nordens unserer Erde bei Wladiwostok schließend.</p>
-
-<p>Das Gesicht der Erde zeigt weit größere Verschiedenartigkeit als das
-des Mondes. Neben den eintönigen Flächen Afrikas, vollends Australiens
-erblicken wir scharfe Ländergliederung, vor allem im breiten Norden der
-Ostfeste; gröbere auf weiterem Raum in Asien, feinere, gleichsam in
-Miniatur gearbeitet, in Europa. Daher stammen die großen Gegensätze von
-asiatischen Völkerindividualitäten, zu denen die beiden Riesenvölker
-der Erde, das Vorderindiens und das Chinas gehören, neben der
-reizvollen Vielheit europäischer Nationen in so viel engeren Grenzen.
-Dem Umriß nach nichts als eine größere, vom Uralgebirge aus westwärts
-vorgestreckte Halbinsel Asiens, bekam dies Europa eben dadurch das
-Gepräge eines selbständigen Erdteils, daß es in seiner unvergleichlich
-zierlichen Ausgliederung, seiner Fülle von Meerbusen und Sunden, seiner
-teilweisen Auflösung zu Halbinseln sowie Inseln, seiner Durchzogenheit
-mit Gebirgen, die den Halbinseln stärkeren Abschluß gegenüber dem Rumpf
-verleihen und auch diesen wieder in sich zergliedern, ein ganzes System
-von Ländern vorstellt. Dieses System euro<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>päischer Länder deckt sich
-mit dem der Hauptvölker Europas. Auch das bestimmt einen gleichartigen
-Charakterzug zwischen beiden, daß die Einheit in der Mannigfaltigkeit
-künstlerisch gewahrt blieb. So viel gleichmäßiger Bodennatur, Klima,
-Pflanzen- und Tierwelt das kleine Europa einigen im Gegensatz zu Asien,
-so viel winzigere Meeresspiegel sich in seine Zackengestalt einfügen,
-so viel leichter überschreitbare Gebirge die Lande scheiden, so giebt
-es auch eine gesamteuropäische Kultur, keine gesamtasiatische.</p>
-
-<p>Daß so oft Wohnflächen von Völkern mit natürlich geschlossenen
-Landräumen zusammenfallen, ist ein wissenschaftlich noch wenig
-untersuchtes Problem. Nur Stumpfsinn kann es für selbstverständlich
-erachten, in Portugal lauter Portugiesen zu finden, aber auch nur
-dort echte Portugiesen, in der Apenninenhalbinsel bloß Italiener,
-in Frankreich bloß Franzosen, auf den britischen Inseln wesentlich
-nur Briten. Das alles sind doch nicht von Urbeginn her gegebene,
-sondern geschichtlich gewordene Thatsachen. Rein geschichtliche
-Zufälligkeiten sind es indessen auch nicht gewesen, die in Gestalt
-von Völkerwanderungen, Eroberungen, Staatsschöpfungen jene Länder mit
-ihrem Volk erfüllten. Dazu half die Ländernatur selbst mit, teils
-durch die Bestimmtheit ihrer Grenzumhegung, teils durch gewisse
-Beeinflussung der in diesem Grenzgehege dauernd Angesiedelten. Es giebt
-Wahlverwandtschaften zwischen dem Volk und seiner Heimat. Sie können
-sich natürlich erst an Ort und Stelle entfaltet haben, und gleichwohl
-greifen sie so tief ins Wesen der Volkstümlichkeit ein, daß wir sie gar
-nicht mehr vom Volksgenius zu trennen vermögen. Das Russenvolk wäre uns
-z.&nbsp;B. undenkbar auf englischem Boden, das britische auf russischem.
-Der russische Bauer, der seit unvordenklichen Zeiten sich an das in
-Sommerhitze und Winterkälte schwankende Klima Osteuropas, ohne es zu
-wissen, immer von neuem angepaßt, indem er sich in seinem Dampfbad
-krebsrot erhitzt und danach unbekleidet in arg durchkältetem Schnee
-wälzt, ist ein natursinniges Kind der centralrussischen Waldung; bei
-lange Jahrhunderte hindurch einsamem Weilen in kleinen Walddörfern<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>
-wurde er Zimmermann, Wagner, Kunstschnitzer in einer Person, gewann
-Geschicklichkeit auch für allerlei anderes Handwerk, da er meist für
-allen Bedarf allein zu sorgen hatte, und ward im endlos erscheinenden
-Raum abenteuerlustiger Wanderer; im Winter nutzte er Frost und
-Schnee, selbst pfadlose Moräste zu Fuß oder im Schlitten weithin zu
-durchziehen, im Sommer war er wagehalsiger Flößer und Flußschiffer,
-nur das Meer kannte er von Haus aus gar nicht. So wurde er der rechte
-Festlandkolonist, dessen praktischer Sinn sich nach Maßgabe der
-Ausdehnung des Zarenreichs bis ans japanische Meer an immer größeren
-Aufgaben erfolgreich bethätigte. Wie anders der Brite, dem auf seiner
-für Weltschiffahrt wie geschaffenen Insel der Seemannsberuf nun im Blut
-steckt und der jene von diesem Beruf großgezogenen Charaktervorzüge
-scharfen Ausspähens, zäher Ausdauer, mutigen Unternehmungsgeistes
-einsetzte zur Begründung seiner Seemacht, seiner durch alle Erdteile
-verzweigten Handels- und Kolonialstellung!</p>
-
-<p>In einigen Fällen läßt sich schon heute der Nachweis erbringen, wie
-die Landesnatur eine förmliche Musterung unter den Einzüglern hält,
-um nur den für sie Geeigneten das Bürgerrecht zu erteilen. Eine
-solche „tellurische Auslese“, wie ich es nennen möchte, scheint mir
-vorzuliegen in der höchst merkwürdigen Beobachtung, daß der größte
-Brustumfang, also die umfangreichste Ausbildung der Lunge, allein
-diejenigen Völker auszeichnet, die die drei höchsten Hochländer
-bewohnen: Tibet, Mejiko und Hochperu. Beim Verweilen in größeren
-Seehöhen muß der Mensch naturgemäß mehr Luft einatmen, weil dort die
-dünnere Atmosphäre in gleichen Raumteilen weniger Sauerstoff enthält
-als auf niedrigeren Höhenstufen. Selbst auf deutschen Mittelgebirgen
-ist daher das Atmen der Bewohner tiefer als bei denjenigen am
-Gebirgsfuß, wie die betreffenden Messungen der Stellungspflichtigen
-ergeben. Der Mensch vermag sich auch bei plötzlichem Versetztwerden
-auf Bergeshöhen außer durch tiefere durch häufigere Atemzüge, als
-Begleiterscheinungen rascheren Blutumtriebes, unbewußt dem Höhenklima
-anzuschmiegen; so bemerkte der französische Natur<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>forscher Vallot,
-als er sein Montblanc-Observatorium bezogen hatte, bereits nach
-wenigen Tagen an sich eine größere Zahl von Pulsschlägen in der
-Minute als er vorher in Genf gezählt. Daß es sich nun aber bei den
-in Rede stehenden drei Hochlandvölkern nicht um eine durch bloße
-Atmungsgymnastik erzielte Lungenvergrößerung handelt, das lehrt der
-anatomische Befund: ihre Lungenflügel bestehen aus einer größeren
-Anzahl von obendrein umfänglicheren Lungenbläschen. Welche andere
-Deutung also wäre für diesen anziehenden Kongruenzfall von Hochlage
-des Wohnraums und abnormer Brustweite zu ersinnen als „tellurische
-Auslese“? Verscheucht durch Bedränger oder etwa als streifende Jäger
-auf jene tibetanischen, bezüglich amerikanischen Höhen gelangt, waren
-die Vorfahren von deren heutigen Bewohnern nur dann ohne Beschwerde zum
-Fortleben in der sauerstoffarmen Luft befähigt, wenn der glückliche
-Zufall es fügte, daß ihnen der erwähnte reichere Ausbau der Lunge eigen
-war. Solchen allein mochte Gesundheit und längeres Leben beschieden
-sein; von ihnen werden die Nachkommen den Vorzug geerbt haben, und von
-Geschlecht zu Geschlecht wird sodann fortgesetzt natürliche Auslese die
-entscheidend bedeutungsvolle Eigenart der Lunge stetig erhalten haben.
-Diese Erklärungsweise hat neuerdings eine gewissermaßen experimentelle
-Bestätigung erfahren. Als nämlich im Osten von Hochperu, wo der
-Amazonas bereits im Tiefland strömt, Goldwäschen am Stromufer eröffnet
-wurden, lockte der gute Verdienst auch die breitbrüstigen Aimara,
-Nachkommen der alten Inkaperuaner, von ihren alpinen Höhen dorthin.
-Bald jedoch erlagen sie dem Klima: die Niederungsluft war ihnen zu
-dicht. Nur einige wenige Aimarafamilien erhielten sich am Leben, ja
-sie arbeiteten schon in der zweiten Generation auf den Goldwäschen,
-als der englische Arzt <span class="antiqua">Dr.</span> Forbes sie besuchte. Und was fand
-er? Aimaras von durchweg schmalerem Brustbau, deren Lungen mithin kein
-Übermaß von Sauerstoff zur Verarbeitung aufgebürdet bekamen! Man sieht
-demnach: tellurische Auslese hatte sich sofort ans Werk gemacht, die
-nicht in den neuen Wohnraum Passenden unerbittlich ausgemerzt, hingegen
-die zufällig<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> von der Stammart Abweichenden, für diese Örtlichkeit
-Lebensfähigen in züchterische Pflege genommen.</p>
-
-<p>Westindien liefert uns ein anderes Beispiel solcher von der Landesnatur
-geübten Auslese. Dem auf dieser herrlichen Inselflur beständig
-umschleichenden gelben Fieber erliegen die Eingebornen viel weniger
-als Neuankömmlinge. Wie haben nun jene ihre größere Widerstandskraft
-gegen das schlimme Krankheitsgift erworben, da sie doch alle, Weiße wie
-Neger, von Voreltern stammen, die gar nicht hier zu Hause, sondern im
-Lauf der letztvergangenen 400 Jahre eingewandert waren? Das Geheimnis
-entschleiert sich, sobald wir den unter unseren Augen noch gleichmäßig
-andauernden Auslesevorgang beobachten. Die Erfahrung nämlich lehrt, daß
-Zuwanderer aus Klimaten mit strengerer Winterkälte dem Gelbfiebermiasma
-Westindiens schlechter widerstehen; es wählt sich somit dieser
-Archipel einen größeren Prozentsatz von afrikanischen Negern aus
-dem Einzüglerangebot als von Europäern, innerhalb letzterer wieder
-einen größeren von Südeuropäern als von Franzosen, einen größeren
-von Franzosen als von Deutschen oder gar Osteuropäern; die übrigen
-werden den Friedhöfen überlassen. Gemäß der auch unter Angehörigen
-derselben Nation vorhandenen individuell verschieden hohen Immunität
-gegen das gefährliche Fieber werden z.&nbsp;B. selbst Andalusier in Kuba
-oder Portoriko von ihm befallen, jedoch sie kommen leichter durch
-als solche aus Gegenden mit Schneewinter, und bei allen Neulingen
-auf westindischem Boden bestätigt es sich, daß jede Periode einer
-heftigeren Gelbfieberepidemie den Organismus gegen das Miasma immer
-besser feit, selbst wenn er vom innerlichen Kampf seiner Säfte gegen
-dieses nichts verspürte, also gar nicht aufs Krankenlager gestreckt
-wurde. Ganz analog stehen ja auch in den Burenstaaten Südafrikas
-diejenigen Pferde, die ausnahmsweise das jährlich wiederkehrende
-„Pferdesterben“ überstanden haben, als sogenannte „gesalzene“ d.&nbsp;h.
-nun immun gewordene viel höher im Preis, obwohl sie gleichzeitig mit
-dem sieghaften Kampf gegen jenes tückische Leiden ein eigentümlich
-blödes Wesen annehmen. Auch von uns pflegt ja gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> Masern- und
-Scharlachinfektion sich widerstandskräftiger zu bewähren, wer die
-Masern- oder Scharlachansteckung schon einmal siegreich überstand. Die
-Europäer haben indessen ihre stärkere Festigkeit gegen diese unter
-Naturvölkern bei der leisesten Ansteckung so gräßlich verheerend
-auftretenden Krankheitsgifte gleichfalls erst errungen und behaupten
-sie nur durch unerbittliche Ausmerzung der Untüchtigen. Bei uns,
-den Hartgesottenen, merkt man diesen fort und fort anhaltenden
-Ausleseakt bloß an etwas erhöhter Kindersterblichkeit während einer
-Scharlach- oder Masernepidemie; grausig dagegen offenbart sich der
-nämliche Vorgang, wenn er ein erstes Mal einsetzt in einem vorher
-von dem Miasma noch unberührt gewesenen Volk. So raffte unmittelbar
-nach Besitzergreifung der Fidschi-Inseln seitens der Engländer 1874
-Ansteckung durch ein so mäßiges Maserngift, daß es die übertragenden
-Briten an sich selbst gar nicht merkten, nicht weniger als 60000 der
-braunen Insulaner dahin, Alt und Jung.</p>
-
-<p>Der hohe Norden Amerikas hat in den Eskimo ein wahres Idealvolk von
-Anpassung an die harten Lebensbedingungen der Arktis groß gezogen. Kein
-Schwächling wurde an den kärglich mit Speise beschickten Tisch der
-Eskimolande zugelassen. In Kleidungs- und Wohnweise erklügelte sekulare
-Erfahrung ein unübertreffliches System von Gegenwehr gegen eine so
-häufig bis unter den Quecksilberfrostpunkt erniedrigte Temperatur;
-die Dänen, die sich an Grönlands Westküste häuslich niedergelassen
-haben, können dort ihr Dasein nur fristen, indem sie sich genau so
-wie die Eingebornen in eng anschließende Pelzkleidung hüllen mit
-der ruhenden Luftschicht zwischen Pelz und Oberhaut als trefflichem
-Warmhalter nach dem Prinzip der Doppelfenster. Ausschließlich an der
-Seeküste zu wohnen gestattet dem Eskimo seine Heimat, weil nur hier
-auch im Winter Seehunde zu erlegen sind. Robbenschlag, weiß der Eskimo,
-ist für ihn das alleinige Mittel, durch alle Jahreszeiten hindurch
-sich zu beköstigen. Wie bei uns der junge Jurist zumeist erst sein
-Assessorexamen bestanden haben muß, ehe er die Verlobungskarten drucken
-lassen darf, so ist es darum dem Eskimojüngling<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> durchaus erst nach
-dem Fang seines ersten Seehundes gestattet, seiner etwas thranigen
-Geliebten die Hand zum Ehebund zu reichen.</p>
-
-<p>Doch welch scheinbar unbegreiflicher Gegensatz! Unter diesem
-Gorgonengesicht eisiger Polarnatur mit ihrem grauenhaften Winter,
-der auf Monate den belebenden Sonnenstrahl der Erde mißgönnt, &mdash; da
-erfreuen sich die Eskimo habituellen Frohsinns! Eben hierin offenbart
-sich uns eine psychische Naturauslese. Besonders der andauernde
-Lichtmangel stimmt die Lebensgeister der Menschen herab und untergräbt
-bei dem tief innerlichen Zusammenhang zwischen Leib und Seele gar
-bald auch die körperliche Gesundheit. Das veranlaßte ja Julius Payer
-nur aus den lustigsten Quarneroli die Mannschaft seines Tegetthoff zu
-wählen, und wie viel Kurzweil mußte er trotzdem aufbieten, letztere vor
-stumpfer Verzweiflung zu retten, als das Schiff, vom Eis gepackt, ziel-
-und willenlos in die anscheinend ewige Polarnacht hinaustrieb! So geht
-denn unser Schluß kurz dahin: nur ganz besonders mit Gemütsheiterkeit
-begnadete Menschen blieben bei gelegentlichem Eindringen in jene
-nördlichsten Breiten, wie sie allein die Westfeste erreicht, am Leben;
-gemäß der bekannten Erblichkeit gerade auch der Temperamentsstimmung
-vererbten sie diese durch nichts zu beugende Fröhlichkeit auf fernere
-Geschlechter, denen dies kostbare Gut, obschon bloß in wenigen
-Tausenden von Herzen, dadurch behütet bleibt, daß jedem zufällig zu
-Trübsinn Ausartenden von der Natur das Todesurteil gesprochen wird.</p>
-
-<p>Eine andere beneidenswerte Charaktertugend dieser „Letzten Menschen“
-gen Norden, ihre Friedfertigkeit, wurde erst recht ersichtlich
-tellurisch gezüchtet. Denn ohne Feuerungsstoff zu besitzen mußten sich
-die Eskimo durch Abgabe der eigenen Körperwärme vor dem Erfrieren unter
-ihrem Obdach wechselseitig bewahren. Der wenn auch deshalb eng und
-niedrig gehaltene Innenraum ihrer Hütte ließ sich aber doch nur auf
-den erforderlichen Wärmegrad bringen, wenn er durch Halbverschläge zum
-Wohnen einer Vielzahl von Familien verwendet wurde. Da hieß es denn:
-Vertragt euch hübsch oder erfriert! Die<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> Eskimo zogen verständig genug
-das erstere vor und wurden somit trotz ihres vielmehr cholerischen als
-phlegmatischen Wesens eine so verträgliche Menschenvarietät, daß sie
-selbst Rechts- und Ehrenhändel satirisch-lyrisch ausfechten, indem
-beide Parteien vor versammelter Gemeinde mit den unblutigen Waffen
-recitativer Spottlieder aufeinander eindringen und derjenige als Sieger
-aus dem Streit hervorgeht, der den lachenden Beifall der Genossen
-schließlich auf seiner Seite hat.</p>
-
-<p>So erkennen wir beim unbefangenen Verfolgen ursächlicher Zusammenhänge
-überall den Menschen, ob unmittelbar oder in weiterer Vermittlung, bis
-zu seines Herzens Tiefen als echtes Kind seiner Heimat.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="II_Das_Meer_im_Leben_der_Voelker">II.<br />
-
-Das Meer im Leben der Völker.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<p>Die einzige absolute Großmacht auf Erden ist das Meer. Aus dem
-Meeresschoß erst ist das Land geboren worden, das noch heute in
-insularer Zerstückelung bloß hie und da den allumfassenden Ozean
-unterbricht. Nur das Meer bildet zwischen der Lufthülle und dem
-Gesteinspanzer der Erde ein Ganzes, und der Hauptsache nach ist
-die Erde immer noch ein vom Ozean umwogter Planet. Auch den
-geheimnisreichen Ursprung des organischen Lebens werden wir uns als
-ein folgenschweres Begebnis innerhalb der Meeresflut aus jener Zeit zu
-denken haben, da es noch kein Land gab und unzertrennt ein einziger
-Ozean den Erdball umgab als koncentrische Hohlkugel gleich der ihn
-selbst einschließenden der Atmosphäre. Ist aber die Weiterentfaltung
-des irdischen Lebens einheitlich erfolgt, so entstammen selbst die
-landbewohnenden Gewächs- und Tierformen bis hinan zum Menschen marinen
-Verfahren.</p>
-
-<p>Durch äonenlange Anpassung an die Daseinsbedingungen außerhalb des
-Meeres hat sich indessen eine tiefe Kluft herausgebildet zwischen
-land- und meerbewohnenden Geschöpfen. Zwar Flüsse und Seen, durch ihre
-Wassernatur dem Meer wahlverwandte Elemente des Landes, verwischen in
-Ausnahmefällen die sonst so streng eingehaltene Grenze des ozeanischen
-Faunareichs; manche Fische sind wie Aale und Lachse geradezu
-Doppelwohner in Salz- wie Süßwasser, andere Seefische gewöhnen sich
-allmählich an das minder salzige Gewässer der Flußmündungen, bis ihre
-Nachkommen, die Stromadern hinaufschwimmend, schließlich für die Dauer
-im Süßwasser verbleiben, gleichwie der kleine Keulenpolyp in jüngster
-Zeit erst aus der Nordsee durch das Brackwasser der Elbmündung in die
-Elbe und Saale, ja bis in den Süßen See bei Eisleben eindrang.<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Wale
-gebären am Land, flugkräftige Fischräuber, so der Fregattvogel, der
-Albatros bewegen sich mit ihren mächtigen Schwingen tagelang über hoher
-See, Tausende von Kilometern entfernt von der Küste. Trotzdem bleibt
-der Küstenzug die durchgreifendste Scheidelinie in der Verbreitung
-der Lebewesen auf Erden. Und der Mensch, dessen ganze Organisation
-darauf hinweist, daß seine Ahnen im Tertiäralter früchteverzehrende
-Waldinsassen gewesen, war selbstverständlich von Anfang an
-ausschließlicher Landbewohner. Der Küstenring der Ostfeste darf als
-weitgesteckte Außenmauer des Heimatshauses der Urmenschheit gelten.</p>
-
-<p>Das Meer kann auf den Menschen, als er es zuerst erblickte,
-nur abschreckend gewirkt haben mit seiner Ungastlichkeit, mit
-den jähen Gefahren, durch die es den nährenden Mutterboden des
-Festlandes bedrohte in der Gestalt von hoch aufspringender Brandung,
-überschwemmenden Fluten, furchtbarem Sturmwetter. Dem weit überlegenen,
-mit elementarer Gewalt andrängenden Feind gegenüber sah sich der
-wehrlose Mensch zuvörderst in die Verteidigungsstellung gedrängt, zumal
-an Flachküsten, wo das Steigen und Fallen des Meeresspiegels bei Flut
-und Ebbe Gezeitenströmungen erzeugt, die weit über die Küstenniederung
-daherfegen. Plinius hat uns ein dramatisches Bild dieses an Urzeiten
-gemahnenden Kampfes mit dem Ozean vom deutschen Nordseegestade
-überliefert, als dieses zur römischen Kaiserzeit des schirmenden
-Deichbaus noch entbehrte. Alltäglich, berichtet Plinius, setzte der
-Flutstrom dies Land der germanischen Chauken unter Wasser, daß die
-Bewohner, in ihre Hütten geflüchtet, Seefahrern glichen, bis dann der
-Ebbestrom einsetzte und die Leute wie Schiffbrüchige aus ihren engen
-Behausungen lockte, um Fische aus dem zurückweichenden Meerwasser zu
-fangen oder ausgeworfenen Seetorf vom feuchten Wattengrund aufzulesen.
-Wir sehen hier den Daseinsstreit des Menschen mit dem Meer schon mit
-vervollkommneten Hilfsmitteln geführt; die Chauken hatten sich bereits
-auf selbst aufgeführten Hügeln, auf „Wurten“, einen festen Baugrund
-für ihre Hütten geschaffen, wie noch heute die Halligleute auf den
-kleinen, darum<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> uneingedeichten Marschlandinseln vor Schleswigs
-Westküste solche benutzen. Es brauchte nur noch der „goldene Reif“ des
-Deichwalles längs der Küste gezogen zu werden, um den amphibischen
-Gürtel des Wechselspiels der Gezeiten als weide- und weizenreichen
-schweren Marschboden dauernd dem deutschen Festland zu gewinnen. Man
-weiß es aus der Geschichte, wie viel Segen dieser Triumph unseren
-und den niederländischen Küstenbewohnern eingetragen hat, seitdem
-der Friese nach dem letzten Spatenstich stolz dem in feste Schranken
-zurückgewiesenen „blanken Hans“ d.&nbsp;h. dem Meer das Siegeswort zurief:
-„Trutz nun, blank Hans!“ und es heißen durfte: <span class="antiqua">Deus mare, Batavus
-litora fecit.</span> Der über den sonst so allmächtigen Gegner erzielte
-Erfolg steifte den freiheitsstolzen Nacken und je unablässiger der
-Deichbau gemeinsame Arbeit forderte für seine fernere Instandhaltung,
-wie er nur zu gründen gewesen durch thatkräftiges, entsagungsvolles
-Zusammenwirken vieler, desto zählebiger entfaltete sich hinter dieser
-Festungsmauer gegen den Tyrannen Okeanos der den selbstsüchtigen
-Einzelwillen bändigende ehrenfeste Gemeinschaftsgeist, der alle
-staatliche Ordnung trägt, ganz ähnlich wie Jahrtausende früher hinter
-den Damm- und Kanalbauten am unteren Huangho, in Babylonien oder am
-ägyptischen Nil.</p>
-
-<p>Ungleich wichtiger jedoch erscheint jener entscheidungsvolle Schritt,
-den der Mensch in entlegener Vorzeit that, als er, das Grauen vor
-dem Unbekannten bezwingend, sich kühn dem feindlichen Element selbst
-anvertraute, um die wogende, endlos vor ihm liegende See zu befahren
-auf gebrechlichem Floß, im ausgehöhlten Baumstamm oder im roh aus
-Hölzern gezimmerten Boot. Mehr als einmal mag unser Geschlecht, durch
-ausgedehnte Wanderungen längst zerspalten in variierte Horden, die
-einander nicht kannten, angelangt an der Küste des Meeres, diesen
-gewichtigen Fortschritt vollzogen haben, der den Keim zur Herrschaft
-des Menschen über die Erde in sich barg. Wo Ströme ins Meer mündeten,
-konnte man den Versuch wagen, auf Flußbooten die hohe See zu erreichen,
-anderwärts erzeugte der Trieb, auf dem Rücken des Meeres sich dauernder
-als bloß<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> schwimmend zu bewegen, unmittelbar jene nachmals so
-staunenswert hoch entwickelte Kunst des Baues wie der Führung mariner
-Fahrzeuge, durch die der Mensch, unter allen Geschöpfen allein, die
-Schranke der Küstenlinie nach allen Seiten und in die weitesten Fernen
-zu durchbrechen vermochte.</p>
-
-<p>Was in aller Welt trieb ihn denn aber zu dem tollkühnen ozeanischen
-Wagnis? Recht oft wohl der Hunger, dieser finstre, allgewaltige
-Erzieher der Menschheit, wie uns schon die nach Fischbeute im Ebbestrom
-ausspähenden Chauken ahnen lassen; oft auch mag die Flucht von einem
-überlegenen feindlichen Stamm in Todesangst erfinderisch gemacht haben,
-um die trügerische See als zeitweiligen Zufluchtsraum dem sicheren Ende
-vorzuziehen. Schlug dann aber ein Volksstamm seinen Wohnsitz für die
-Dauer am Meeresstrand auf, so vermochte zweierlei ihn zu allmählicher
-Vertrautheit mit dem anfangs gefürchteten Element zu erziehen: der
-Schatz des Küstenmeeres an verwertbaren Seetieren und winkende
-Gegenküsten oder beides zusammen. Der Nahrungsmangel der Polarlande
-hätte die Eskimo wohl nie bis gegen und über den 80. Parallelkreis
-vordringen lassen; das erwirkte vielmehr allein die Nahrungsspende
-des tierreichen arktischen Meeres; wesentlich der Seehundsfang war
-es, der diese beherzten Polarmenschen über die eisigen Sunde Amerikas
-bis in den höchsten jemals von Menschen bewohnten Norden geleitete
-und sie zu so unübertrefflichen Meistern im Kajakfahren heranbildete,
-daß ein geschickter, ausdauernder Eskimo die Strecke von Rügen nach
-Kopenhagen im Einmannsboot an einem Tage zurücklegen könnte. Die
-Kolonisation der Hellenen rückte, den Thunfischzügen entgegengehend,
-vom ägäischen Meer längs dem pontischen Strand Kleinasiens vor, wie
-diejenige ihrer nautischen Lehrmeister, der Phönizier, durch das
-Vorkommen der für ihre Färberei unentbehrlichen Purpurschnecke an den
-verschiedensten Uferstrecken des Mittelmeers beeinflußt worden war.
-Wo auch außerhalb der Polarwelt das Binnenland durch Felsenwildnis,
-Moor und Walddickicht den Menschen zurückscheucht, das Meer dagegen
-durch Fische, Muscheltiere und Krebse eine gut beschickte Tafel ihm
-aufthut, da begegnen wir<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> Völkern, die gleich Seevögeln sogar fast
-ausschließlich von Seekost leben, am Land nur wohnen; so am äußersten
-Südende der bewohnten Erde den Feuerländern, in dem ganz skandinavisch
-von Fjorden zerschnittenen, zu Küsteninseln zerrissenen Südosten
-Alaskas den Tlinkit-Indianern, die dermaßen mit ihren trefflich
-gebauten schlanken Fahrzeugen verwachsen sind, daß sie nur ungern und
-ungeschickt zu Fuß sich bewegen. Bei uns in Europa hat sich gleichfalls
-ein ganz überwiegend der Küste angehöriges Schiffervolk aus den Dänen
-herausgebildet, seitdem ein Teil derselben an Norwegens Strand unter
-dem treffenden Namen der Wikinger d.&nbsp;h. der Fjordenleute Siedelungen
-gründete zwischen einem überaus fischreichen Meer und den öden Fjelden.
-Die Normannengeschichte entrollt uns dazu ein eindrucksvolles Bild,
-wie kühne Seefahrer immerdar auch leicht Seeräuber wurden; als solche
-verlegten die Normannen ihre Raubzüge bald vom heimischen Strand in
-ferne Lande, wozu die freie Weite des Meeres den Mutigen einlud, fuhren
-die ostenglischen Flüsse, die Seine, die Elbe, den Rhein hinauf, um
-Köln zu brandschatzen, betraten erobernd den Boden Siziliens. Gleichwie
-in den Wüsten gilt auf dem Meer der Satz, daß verführerisch reiche
-Beute den Wagehals zum Überfall lockt, zumal wenn Ortskunde und ein
-sicherer Bergeplatz des Raubes Erfolg verheißt. Die dalmatinische
-Küste, die in der ganzen Flanke der adriatischen Schiffskurse eine
-solche Fülle günstiger Ausfallsthore wie Schlupfwinkel durch ihre
-versteckten Felsbuchten und engen Seegassen darbietet, war deshalb
-schon im Altertum ein ständiger Sitz der Piraterie; und wenn die
-illyrische Königin Teuta den Sendboten Roms auf deren Forderung,
-das Raubhandwerk einzustellen, stolz erwiderte, das gehe Rom nichts
-an, es sei einmal bei ihrem Volk so Brauch, hatte das eine gewisse
-geographische Berechtigung. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern
-erzieht auch Räubervölker.</p>
-
-<p>Daß Buchten- und Inselfülle der Küstenmeere die Bewohner nautisch
-anregt, ist neuerdings etwas überkritisch angezweifelt worden. Hinter
-den glatt verlaufenden, inselleeren Küsten des australischen und
-afrikanischen Festlandes wohnten<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> die Eingeborenen seit Alters ohne
-jede Fühlung mit dem Meer. Man sage doch nicht, der Neger zeige keine
-Anlage zum Seemannsberuf! Wie mancher schwarze Afrikaner hat schon
-wackre Matrosendienste am Bord unserer Schiffe geleistet! Der ganze
-Küstenstamm der Kruneger bei Kap Palmas ist sogar dadurch weltbekannt,
-daß aus ihm die besten Schiffsknechte der westafrikanischen
-Kauffahrtei stammen, allerdings erst seit diese „Kruboys“ in neuerer
-Zeit von vorüberfahrenden Schiffen der Europäer zu solcher Arbeit
-gedungen wurden. Bedeutsam jedoch dünkt es, daß die Papelneger
-Portugiesisch-Westafrikas südlich von Senegambien, dieses einzige
-selbständig Schiffahrt treibende Negervolk, eben dort sich entwickelt
-hat, wo der Bissagos-Archipel der Schlauchmündung des Rio Geba dicht
-vorlagert. Am insel- wie halbinselarmen Küstensaum Südamerikas trafen
-die europäischen Entdecker nichts als Floßfahrt, abgesehen von den
-Rindenkähnen der Feuerländer; wo dagegen unfern der Orinokomündung
-die westindische Inselreihe an das Festland ansetzt, hatten die
-Kariben bereits seetüchtige Schiffe, die sie mit Steuerruder lenkten
-und unter Baumwollsegeln dahingleiten ließen; sie waren gefürchtete
-Seeräuber und hatten die Eroberung der Antillen begonnen. An der
-Westseite Nordamerikas grenzte wiederum Seeunkunde der Indianerstämme
-und hochgesteigerte Seetüchtigkeit genau da aneinander, wo mit der de
-Fuca-Straße der Fjordencharakter der Küste anhebt. Asien wie Europa
-zeigen uns erst recht die Hauptgebiete ihrer nautischen Entfaltung an
-ihren am reichsten gegliederten Außenseiten. Unter den asiatischen
-Seefahrervölkern von Arabien bis Japan stehen diejenigen des
-umfangreichsten Tropenarchipels in der Mitte dieses Länderzugs schon
-frühzeitig den übrigen insofern voran, als wir hier bei den Malaien
-den Ursprung zu suchen haben für einen ausgezeichneten Bootsbau und
-den Ausgangspunkt für die ungeheure Verbreitung der Malaienrasse über
-die zahllosen Inseln der Südsee. Seit vorchristlichen Zeitfernen hat
-diese allmählich vollzogene Völkerwanderung über den größten aller
-Ozeane den nämlichen Typus des schlanken, oft mit Ausleger gegen
-das Kentern geschützten Bootes mit dem scharfen<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> Kiel verbreitet,
-dessen Ruderkraft durch Mattensegel verstärkt wird und das die plumpe
-Walzenform des Einbaums hier nirgends hat aufkommen lassen. Erstanden
-aber ist dabei die polynesische Abart der lichtbraunen Rasse, die
-von allen Zweigen unseres Geschlechts am allseitigsten und tiefsten
-verknüpft ist mit dem Weltmeer, im materiellen wie im geistigen
-Leben bis hinan zu Dichtung und Mythus; ewig die balsamische Seeluft
-atmend, früher schwimmen lernend als gehen, indem sie als Säuglinge
-schon auf dem Mutterarm durch den Gischt der Brandung geführt werden,
-leben diese Menschen auf ihren schmalen Koralleneilanden ein ganz
-amphibisches Dasein, fast wie auf festgeankerten Schiffen in hoher See.
-Blicken wir auf den indisch-arabischen Südwesten Asiens, so offenbart
-uns das ewige Wechselspiel der Monsune die großartige Förderung des
-Schiffsverkehrs über den indischen Ozean; weil immer zur Winterzeit
-der nördlichen Erdhälfte die Segler so ständig vom Monsun nach Afrikas
-Ostküste getrieben wurden, wie dann im Sommerhalbjahr wieder heimwärts
-nach dem indischen oder arabischen Hafen, vollzog sich in diesem Raum
-früher als irgendwo sonst ein befruchtender Völkerverkehr zwischen
-zwei Erdteilen und ganz verschiedenen Rassen über landferne See.
-Von ihm stammt der Armschmuck der indischen Braut aus afrikanischem
-Elfenbein, die Ausdehnung des indischen Reisbaus durch arabische
-Sklavenhändler bis zum Kongo, das Kisuaheli als arabisch durchsetzte
-Bantunegersprache, der noch heute regen Handelsverkehr zwischen
-Deutsch-Ostafrika und Bombay, das ständige Wohnen kapitalkräftiger
-indischer Händler an unserer Schutzküste. Endlich welch eine glänzende
-Reihe nautischer Thaten tritt uns im Wandel der Zeiten vor die Seele,
-wenn wir hinüberblicken nach Griechenland, Italien, der iberischen
-Halbinsel und nach den atlantischen Gestadeländern Westeuropas! Die
-Mittelmeerschiffahrt ward früher erweckt, indessen die atlantische
-wuchs schon im Altertum höher, denn sie hatte zu ringen mit einem
-ungleich gefährlicheren Meer. Mit den soliden Keltenschiffen der
-Veneter in der heutigen Bretagne aus dicken Eichenplanken mit eisernen
-Ankerketten und Ledersegeln konnten<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> griechische oder römische
-Kauffahrer nicht wetteifern. Die Jahrhunderte hindurch fortgesetzten
-Überfahrten der Normannen in ihren großen Ruderkähnen, den schwarz
-geteerten „Seerappen“, von Norwegen nach Grönland und zurück sind
-mannhaftere Leistungen gewesen als die freilich geschichtlich
-folgenreichere Fahrt der Kolumbus-Karavelen im ruhigeren Südmeer mit
-dem Kompaß als Leiter. Den großen Vorzug der Lage am verkehrsreichsten
-aller Ozeane nutzten indessen erst in der Neuzeit für Welthandel und
-Gründung überseeischen Besitzes die vier mittelständigen Lande voll
-aus: Frankreich, die Niederlande, England, Deutschland. Für diesen
-gewaltigsten Aufschwung des Seewesens mußte vor allem erst Amerika als
-weckendes Ziel den Blicken Europas entschleiert werden. Und wenn sich
-sodann auch innerhalb der neuen Welt die moderne Größe von Schiffsbau
-und Seeverkehr dort entfaltete, wo unendliche Waldungen prächtiges
-Schiffsbauholz lieferten, namentlich aber eine feine Küstengliederung
-Buchten und Sunde, bergende Flußmündungshäfen nebst weit ins Land
-hinein für mäßige Seeschiffe befahrbaren Strömen darbot, also in Kanada
-und im Nordosten der Vereinigten Staaten, so wird man hier ebenfalls
-der ursächlichen Verknüpfung inne, die zumeist besteht zwischen
-Naturbegabung der Küstenlande und seemännischer Bethätigung ihrer
-Bewohner.</p>
-
-<p>Allerdings wäre es geistlos pseudogeographischer Fanatismus, wollte man
-dieses Verhältnis wie einen naturgesetzlichen Zwang deuten. Der Mensch
-ist kein willenloser Automat; er verhält sich zu Naturanregungen seiner
-Heimat bald wie ein gelehriger, bald wie ein teilnahmloser Schüler. Das
-Wasser des heutigen Welthafens von New-York diente einst den Indianern
-bloß zum Sammeln eßbarer Muscheln; an derselben Schärenküste, die die
-Norweger zu so kühnen Schiffern erzog, leben die Lappen weiter als
-armselige Fischer. Die Angelsachsen vertieften sich nach der Landung
-in Britannien so ganz in die Kämpfe mit den dortigen Kelten, danach in
-Landbau und Viehzucht, daß sie der See völlig den Rücken zukehrten,
-Alfred der Große seine Schiffe auf deutschen Werften bauen lassen
-mußte. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> meisten Insulaner auf den Kykladen denken heutzutage nicht
-an Seefahrt, sondern bauen Weizen, pflegen die Rebe oder weiden ihre
-Ziegen. Seit die Holländer wohlhabend wurden, vernachlässigten sie
-die von ihren Vorfahren im härteren Daseinskampf so viel energischer
-betriebene Schiffahrt, ja in den belgischen Nachbarprovinzen
-Brabant und Flandern überließ der Niederländer den auch dort recht
-beträchtlichen Seeverkehr seit Alters vorzugsweise Ausländern, da
-ihn auf seinem fruchtbaren Boden Ackerbau, Gewerbe, Landhandel weit
-bequemer nährte.</p>
-
-<p>Wagt es aber der Mensch, seine Kraft zu messen mit der elementaren
-Übergewalt des Meeres, erwählt er als Seemann dieses Ringen mit Sturm
-und Wogenschwall sogar zu seinem Beruf, dann gilt von ihm vollauf
-das Dichterwort: „Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zielen.“
-Das Seemannshandwerk stählt Muskel und Nerv, übt Sinnesschärfe,
-Geistesgegenwart, steigert mit jedem neuen Triumph menschlicher
-Klugheit über rohe Naturkraft den Mut überlegten, furchtlosen Handelns.
-Wie scharf beobachtend späht ganz habituell das verwetterte Antlitz
-unserer Matrosen unter dem Südwester in die Ferne, wie wortkarg, aber
-tüchtig und thatbereit ist ihr ganzes Wesen; dem scheinbaren Phlegma
-im Ruhezustand entspricht vom Augenblick der Auslösung der bisher
-latent zusammengehaltenen Kraft die Energie und die erstaunliche
-Ausdauer der Leistung. Wenn der Seemannsberuf wie in Norwegen oder
-Großbritannien sehr weite Bevölkerungskreise umschließt, wenn er dazu
-als ein Grundpfeiler der gesamten Volkswirtschaft hohe Achtung genießt
-und bei geringem Abstand der Küste selbst vom innersten Binnenlandkern
-allen Leuten in seiner klar ausgeprägten Eigenart vorschwebt, so
-zünden die Charaktervorzüge des Seemanns auch innerhalb der nicht
-seemännischen Bevölkerung durch Nachahmung. Ergreift dann, wie bei
-größeren Kulturnationen so oft, im Gefolge wachsender Vertrautheit
-mit dem Ozean, mit dem Erdganzen überhaupt, Seehandel, überseeische
-Kolonisation immer ausgedehntere Kreise, so teilt sich gar viel von
-dem frischen Unternehmungsgeist, dem Wagemut, dem durch Berührung
-mit Fremden erweiterten geistigen Horizont<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> dem gesamten Volk mit.
-Typisch hierfür leuchtet uns aus dem Altertum der Gegensatz auf
-zwischen dem braven, jedoch engherzigen Spartaner, der, durch sein im
-Ausland nicht kursfähiges Geld der Eisenstifte vom Überseeverkehr auch
-künstlich abgeschrankt, zwischen den Gebirgsmauern seines Eurotasthals
-konservativ fortlebte, und andrerseits dem ionischen, fortschrittlichen
-Schifferstamm, den in ägäischer Seeluft gebadeten Athenern voll
-fröhlichster, in schrankenlose Weite strebender Thatenlust.</p>
-
-<p>Der Urmensch wird das Weltmeer kaum gekannt haben; späteren
-Geschlechtern war es ein Gegenstand von Furcht und Schrecken. Als man
-jedoch nachmals für die Dauer an seinem Ufer wohnte, seine Schätze
-ausschöpfte, seinen breiten Rücken sich dienstbar machte, um nach
-Herzenslust die fernsten Küsten anzufahren, da trat man ihm näher und
-näher, freilich ohne ihm jemals Sklavenfesseln anlegen zu können. Als
-schöpferische Gottheit begann man es zu verehren. Die bezaubernde
-Schönheit des Meeres, wenn es bei stiller Luft friedlich die Segler
-dahin gleiten läßt über seinen Spiegel, aus dem des Tages freundlich
-der Sonnenglanz, nachts der Sternenhimmel silbern widerscheint, oder
-wenn im Gewittersturm die Wogen aufgepeitscht werden, flammende Blitze
-das Düster von Seegewölk und Wasser durchzucken, &mdash; der Anprall der
-Wogen gegen die Steilküste, der Kampf des Schiffes mit dem Sturm, dann
-die verklärte Natur, nachdem das rasende Wetter sich verzogen, das
-stets wechselnde Farbenspiel in einer Harmonie von Himmel und Wasser,
-wie sie dem Land in solcher Vollkommenheit mangelt, &mdash; das alles hat
-die dichterische Naturschilderung nicht bloß in Homers und Ossians
-Gesängen begeistert, nein, selbst aus schlichten Stegreifliedern von
-Naturvölkern des Strandes klingt das naturfrisch uns entgegen, und die
-Maler aller in der Kunst höher gestiegenen Seefahrernationen haben uns
-in herrlichen Bildern die Andacht des Menschen im Anblick ozeanischer
-Größe verewigt.</p>
-
-<p>Wissen und technisches Können wurde schon dadurch beim Umgang mit
-dem Meer mächtig angeregt, weil dieser zum Bau des nötigen Fahrzeugs
-sowie zu dessen immer höherer Voll<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>endung hintrieb. Und wie vielseitig
-wurde Wissenschaft und Technik für den Schiffsbau vollends in
-Anspruch genommen, seitdem das 19. Jahrhundert die Dampfer schuf, um
-selbst gegen Wind und Strömung die Ozeane zu durchkreuzen! Mittelbar
-hat ferner die Sicherung der Schiffsführung eine Mehrzahl von
-Wissensgebieten segensvoll beeinflußt. Noch leben auf karolinischen
-Eilanden einige greise Glieder jener merkwürdigen Gilde, in der sich
-genaue Kenntnis der Fixsternlage zum Sommer- und Winterhorizont für
-Verwertung bei der Bootssteuerung vererbt und zugleich eine so genaue
-Bekanntschaft mit der Ortslage der Inseln in weitestem Umkreis, wie sie
-die zeitgenössische Geographie der Kulturvölker lange noch nicht besaß.</p>
-
-<p>Italienischen Nautikern danken wir die Einführung des Kompasses
-in unseren Schiffsdienst auf grund der zuerst in China erkannten
-Richtungskraft der Magnetnadel. Er hat nicht bloß zahllosen Tausenden
-von Schiffen, denen in Nacht und Nebel kein Gestirn schimmerte, den
-rechten Weg gewiesen, sondern ohne die am Kompaß durch alle Zonen
-von den Schiffern gemachten Massenbeobachtungen hätte auch kein Gauß
-erfolgreich am Problem des Erdmagnetismus zu arbeiten vermocht. Und
-wenn schon vor Jahrhunderten die Markscheider im Klausthaler Bergwerk
-ihre unterirdischen Gänge zielsicher ausbauten, beim Grubenlicht den
-Kompaß befragend, so klingt selbst in diese wahrlich seeferne Arbeit
-ein verhallendes kulturgeschichtliches Echo vom Wogengetümmel.</p>
-
-<p>Zum Größten jedoch führte das Weltmeer den Menschen hinan, indem es
-ihm die einzige Möglichkeit erschloß, die Erde als Ganzes auf dem Weg
-der Entschleierung des irdischen Antlitzes kennen zu lernen, durch den
-Welthandel die Wirtschaft der einzelnen Völkerkreise zur Weltwirtschaft
-zu verknüpfen, endlich durch dieses Mittel allseitigen Verkehrs, wie
-ihn allein der alle Lande umschlingende Ozean zu schaffen vermag, die
-urzeitliche Trennung der Menschenstämme nach den einzelnen Kontinenten
-zu überwinden, auch eine geistige Verbindung der gesamten Menschheit
-anzubahnen. Daß der Welthandel hierbei<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> die Führung übernahm, versteht
-sich aus der nicht bloß bösen Macht der Gewinnsucht. Rief doch schon
-Strabo aus, da er im entsetzlichen Tanz der Wellen die Seeleute ihr
-Leben einsetzen sah, um die nach Rom bestimmten Waren auf hoher See
-vor der schon damals zu seichten Tiber aus dem Kauffahrer in die
-Leichterboote überzuladen: „Ja, die Sucht nach Erwerb besiegt alles!“
-Das Meer öffnete von jeher die freisten und, was sehr schwer wiegt,
-die billigsten Wege um den Erdball. Wir werden bald aus den unfernen
-Schantungwerken billigere Steinkohlen nach Tsingtau liefern, als man
-von England dort feilbieten könnte; dagegen schon Mailand, geschweige
-denn die italienische Küste liegt uns zu fern, um dort die englische
-Kohle auszustechen, weil diese fast schon vom Förderungsplatz bis nach
-Italien den Seeweg vor unserer deutschen Binnenlandkohle voraus hat.
-Apfelsinen aus Italien werden in Hamburg billiger feilgeboten als in
-München oder in Wien, weil die Seefracht von Sizilien nach Hamburg
-nicht einmal ganz so teuer zu stehen kommt wie z.&nbsp;B. die Landfracht
-von Hamburg nach Berlin. So wirft allerwegen der Seehandel wegen
-wohlfeilster Fracht den meisten Verdienst ab; um die billige Seestraße
-nicht um ein Kilometer unnütz zu verkürzen, sind ja die größten
-Seehandelsplätze eben in den innersten Nischen von Meereseinschnitten
-ins Land erblüht; und der Millionenverdienst des Welthandels wirft
-genug ab, um die Unsummen herzuliefern, die der Schiffsbau verschlingt,
-und um jene Millionengarde wackerer Schiffsbemannung zu lohnen, auf daß
-sie fern der süßen Heimat harte und mit steter Lebensgefahr bedrohte
-Arbeit leiste, selbst den Taifunen trotzend.</p>
-
-<p>„Unfruchtbar“ nannte Homer die See, und doch wie viel Güter
-beschert sie den Menschen, aus eigenem, nimmer versiegenden Schatz,
-mehr noch dadurch, daß sie die Schätze der ganzen Erde über ihre
-spiegelnde Fläche geleitet mit denkbar geringster Beeinträchtigung
-ihrer Marktfähigkeit. Über die Gestadeländer des Meeres, zumal der
-am intensivsten arbeitenden gemäßigten Zonen, schauen wir einen
-Abglanz dessen sich ausbreiten: die verkehrsreichsten Städte, die
-dem Welthandel als<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Hafenorte dienen, Werfte, Industriestätten, die
-überseeisch erzeugte Rohstoffe aus erster Hand haben wollen, um sie in
-Kunstprodukte umzusetzen, vereinigen sich an den Küstenstreifen mit
-einer Fülle kleinerer Siedelungen, teils auch vom Seehandel oder von
-Küstenfahrt und Fischerei lebend, umgeben von meist wohlbestellten
-Fluren, über denen der milde Seehauch befruchtend waltet. Der leichter
-zu erringende Wohlstand ist es, was die Menschen an die Küste zieht.
-Darum zeichnen sich Inseln so oft vor dem benachbarten Festland,
-kleinere Inseln unter sonst gleichen Verhältnissen vor größeren
-aus durch stärkere Volksverdichtung zufolge ihres relativ größeren
-Küstenanteils. Wo Land und Meer einander berühren, da zeigt sich mithin
-naturgemäß am offenkundigsten des Meeres Segen für die Menschheit.</p>
-
-<p>Werfen wir zum Schluß noch einen raschen Blick auf die Bedeutung
-des Meeres für den Staat, so versteht es sich aus dem eben Gesagten
-zunächst von selbst, daß jeder Staat, falls er sich der Vorteile des
-Seewesens für seine Angehörigen bewußt wird, nach Ausdehnung seines
-Gebiets bis zum Meer streben wird, und wäre es auch bloß um einen
-so winzigen Küstenstreifen zu erwerben wie neuerdings Montenegro an
-der Adria erhielt. Denn wer einen Fuß am Strande hat, kann seine
-Schiffe um die ganze Erde senden. Welche Machtfülle in Seehandel,
-Seeherrschaft und Kolonisation bis an die entlegensten pontischen
-Gestade hat im Altertum Milet, im Mittelalter Genua von einem einzigen
-Hafen aus entfaltet! Die Schweiz steht uns als einziger Wunderbau
-eines Staates vor Augen, der, auf den Alpenzinnen inmitten Europas
-gegründet, durch den rüstigen Industrietrieb seiner Bewohner Handel
-über die ganze Welt hin treibt, ohne je eine Küsteneroberung hoffen
-zu dürfen. Aber wie peinlich abhängig fühlt sich darum auch die
-Schweiz für Warenabsatz nebst Warenfracht von den Zolleinrichtungen,
-den Tarifsätzen der Eisenbahnen seitens der vier Großstaaten, die sie
-umklammern! Rußland hingegen bietet uns das weltgeschichtlich größte
-Beispiel eines ursprünglich rein binnenländischen Staates, der in
-zielbewußten Vorstößen die<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Küsten seiner sämtlichen Umgebungsmeere
-sich angliederte, daß nun sein Banner weht von der Ostsee bis zum
-Huanghai.</p>
-
-<p>Aber dem Staat als solchem verleiht das Meer drei der besten, ja der
-unentbehrlichsten Gaben: Unabhängigkeit, Einheit und Machtfülle.
-Das Meer ist das schlechthin Unbewohnbare, betont mit Recht Ratzel,
-somit die allersicherste Schutzmauer für einen Staat. Wie viel minder
-gewährleistet erschiene des größten Freistaats Freiheit, hätte die
-Union zum atlantischen Littoral nicht auch das pazifische errungen!
-Ein allseitig meerumschlungenes Staatsgebiet wie das britische, das
-japanische und nun auch Australien, der neue Weltinselstaat, kann nie
-anders als punktweise, nämlich allein durch Flottenangriff berannt
-werden. Frankreich erscheint durch Überwiegen der Seegrenze besser
-gedeckt als Deutschland. Weil gleichfalls der friedliche Verkehr nur
-stichweise zu Schiff über die Küste ins Innere eines Staates zu dringen
-vermag, haben die vom Meer gebildeten Staatsgrenzen auch ethnisch
-etwas schärfer Umrissenes vor den verschwommeren Landgrenzen voraus:
-sie helfen besser die Vereinheitlichung nationaler Volksmischung zu
-fördern und zu erhalten. Im römischen Weltreich bewährte sich umgekehrt
-ein einzigesmal in der Geschichte das Mittelmeer als die von innen her
-den gewaltigen Staat zusammenhaltende Kraft. Unablässig jedoch bringt
-das Weltmeer von außen allen Staaten, an deren Saum es brandet, und
-die seinen Weckruf verstehen, Einheit und Macht. Griechenland, die
-Apenninen-Halbinsel verlegen bei ihrem gebirgigen Inneren einen guten
-Teil ihres Gesamtverkehrs auf die Küstenfahrt, die Tag für Tag Bewohner
-und Güter von Nord und Süd zusammenführt, die Interessengemeinschaft
-steigernd und immer von neuem den Blick auch weiter lenkend auf die
-hohe See jenseits des heimatlichen Strandes.</p>
-
-<p>Seehandel wie jede über See drängende Thätigkeit, sei das
-Großindustrie, technische Bethätigung über See oder Kolonisation, führt
-mehr als irgend etwas sonst zur Verflechtung einer Nation mit der
-weiten Welt, schweißt aber zugleich die binnenländischen Staatsteile
-aufs festeste zusammen mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> Küste, über die allein der lebendige
-Austausch zwischen daheim und draußen geschehen kann, schmiedet
-folglich mit den Hammerschlägen des Begreifens der Zusammengehörigkeit
-die Teile zum Ganzen. Das fühlen wir Deutsche kräftiger denn jemals
-in der Gegenwart. Kein Hohenstaufe kehrt mehr den deutschen Küsten
-gleichgültig den Rücken, um Romzüge über die Alpen zu führen; keine
-Hanse streicht mehr unmutig die Flagge, weil es ihren ruhmwürdigen
-Thaten an Sicherung durch Reichsschutz gebricht. Eine wachsende
-Panzerwehr unter deutscher Reichsflagge schirmt unsere Handelsschiffe
-auf allen Meeren, leiht jeder redlichen Unternehmung deutscher
-Reichsbürger in und außer unseren Schutzgebieten ihren schützenden Arm
-bis zum fernsten Strand. So strömen, vor feindseligen Unbilden bewahrt,
-die von deutscher Betriebsamkeit verdienten Güter der Welt über die
-Schwelle des Meeres in alle Gaue unseres Vaterlands, steigernd den
-Wohlstand unseres Volkes zu vordem nie erreichter Höhe, segensvoll
-erweiternd seinen geistigen Gesichtskreis, nährend die staatliche
-Macht. Auch unseres Reiches Herrlichkeit liegt stark verankert im
-Weltmeer.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="III_Steppen_und_Wuestenvoelker">III.<br />
-
-Steppen- und Wüstenvölker.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<p>Es wäre sehr unkritisch, jedwede Harmonie zwischen dem Wesen
-eines Volkes und seiner Naturumgebung durch letztere verursacht
-zu denken. Leichtgläubig pflegt man den Satz hinzunehmen, die
-lachende, sonnenbestrahlte Landschaft Südeuropas habe „natürlich“ die
-lachende Heiterkeit der Hellenen, der Süditaliener und Südspanier
-hervorgebracht. Aber obschon die Leichtigkeit des Erwerbes des Wenigen,
-was in diesem Süden zum Leben nötig ist, von dem mild subtropischen
-Klima mitbedingt wird, und ein vollends etwa schon ursprünglich zu
-frohsinniger Lebensanschauung geneigtes Volk unter einem solchen
-Himmelsstrich dieser Neigung, unbedrückt durch materielle Sorgen, sich
-hingeben, bei nur einigermaßen künstlerischer Anlage gewiß auch durch
-die farbenglänzende Pracht von Himmel, Land und Meer bei holder Muße
-sich zu Kunstschöpfungen anregen lassen wird, so muß uns doch schon ein
-einziges klassisches Beispiel aus der neuen Welt von dem voreiligen
-Schluß abschrecken, die Gemütsstimmung der Völker sei ein unmittelbares
-Spiegelbild seiner Umgebung: die Nachkommen des erlauchten Kulturvolkes
-der Azteken haben unter dem Azurblau des strahlenden Firmaments
-von Mejiko in einer Landschaft, die bis hinan zu den herrlichen
-Riesenvulkanen mit ihren Schneezinnen ungleich reizvoller ausschaut als
-die Gegend am Fuß des Vesuv oder des Etna, die Schwermut bewahrt, die
-ihnen wie den meisten Indianerstämmen als ein Rassenerbe auf die Stirn
-geprägt ist.</p>
-
-<p>Schiffervölker müssen ihre Kunst einbüßen, sobald sie in wasserlose
-Binnenräume versetzt werden, Temperamente dagegen können den
-Ortswechsel überdauern. Zum vertrauenswürdigen Nachweis eines
-ursächlichen Zusammenhangs zwischen Landes- und Volksart kann uns
-erst eine vorsichtige Anwendung ver<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>gleichender Methode führen. Wir
-müssen untersuchen, ob Landschaftsarten, die in möglichst scharfer
-Individualisierung an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche
-wiederkehren, auf Bewohner der mannigfachsten Herkunft, also
-wahrscheinlich auch der mannigfaltigsten Begabung von Haus aus gleiche
-oder doch ähnliche Wirkung geäußert haben. Solche scharf ausgeprägte
-Eigenart der Landschaft bei günstigster Verteilung über sämtliche
-Erdteile finden wir nun vor allen in den Trockengebieten, d.&nbsp;h. in den
-nur zeitweilig, doch alljährlich benetzten Landstrichen, die wir nach
-dem russischen Ausdruck <span class="antiqua">stjep</span> für Grasflur Steppen nennen, und in den
-so gut wie niederschlagslosen, den Wüsten.</p>
-
-<p>Steppen, mehr noch Wüsten, haben zunächst dadurch das Völkerleben
-immerdar mächtig beeinflußt, daß sie durch Spärlichkeit von
-Trinkwasservorrat und die daher rührende Seltenheit, teilweise sogar
-völlige Abwesenheit menschlicher Ansiedlungen in ihnen den Verkehr
-erschwerten, deshalb ganze Völkerkreise, die von entgegengesetzten
-Seiten sie berührten, dauernder auseinanderhielten als Ozeane das zu
-thun pflegen. Wie lebhaft verkehren Europa und Amerika miteinander,
-seitdem die Seeschiffahrt zwischen beiden die Brücke schlug, während
-zwischen den afrikanischen Gestadeländern des Mittelmeers und dem
-Negerland, dem Sudan, die große Wüste heute wie vor Jahrtausenden
-eine Trennung bewirkt, die der schleppende Gang der Kamelkarawane
-nicht aufhebt. Die antike Kultur, das römische Weltreich fand an der
-Wasserarmut der Sahara wie der arabischen Wüste die von der Natur
-gesetzte Äquatorialgrenze. Der mit der Sahara an Größe vergleichbare
-Trockenraum Centralasiens, der freilich zugleich die allerhöchsten
-Gebirge zwischen dem Süden und Norden des Erdteils aufrichtet, hat
-nicht allein die indischen und die sibirischen Völker von jeder
-wechselseitigen Berührung abgehalten, sondern auch in westöstlicher
-Richtung, wo Bodenerhebungen viel weniger hemmten, Turan von China
-geschieden, daß äußerst selten erobernde Chinesenheere zum Sir und
-Amu herabstiegen; selbst das Tarimbecken Ostturkistans erscheint
-in der Geschichte zumeist nur als eine lose angegliederte,<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> gern
-zum Abfall neigende auswärtige Provinz des chinesischen Reiches.
-Kaliforniens Küste lag infolge der Quellenarmut des „fernen Westens“
-dem Osten der Vereinigten Staaten bis zur Eröffnung der ersten
-pazifischen Eisenbahn so fern, als gehörte das Land einem fremden
-Weltteil an. Die durchglühten, wasser- und schattenarmen Wüsten oder
-Halbwüsten Australiens durchmißt noch gegenwärtig keine einzige andere
-Verkehrslinie von Küste zu Küste als die des elektrischen Telegraphen.</p>
-
-<p>Daß aber Steppen und Wüsten neben der trennenden Wirkung, die sie
-überall auf ihre Umgebung äußern, ihre Bewohner selbst vielseitig
-beeinflussen, lehrt schon der flüchtigste Blick auf ihre Pflanzen-
-und Tierwelt. Diese ist durchweg vor allem der Dürre der Luft und der
-Seltenheit oder doch der allzu einseitigen Verteilung der Niederschläge
-auf die Jahreszeiten angepaßt. In solcher Anpassung beobachten wir
-die saftarmen Holzgewächse Australiens mit ihren schmalen, gegen
-Verdorrung durch dicke Oberhaut geschützten Blättern, ihrem erstaunlich
-tiefdringenden Wurzelwerk, das noch Bodenfeuchtigkeit ergattert, wenn
-bereits Monate hindurch kein Tropfen Regen fiel; so die wunderbaren,
-blattlosen Saxaulbäume, die wie große, umgekehrte Reiserbesen aus
-den sonst so kahlen Flächen Turans hervorragen; so die Dattelpalme,
-die wie der Araber naturwahr sagt, „den Fuß im Wasser, das Haupt
-im Feuer“ haben will, d.&nbsp;h. den Regen geradezu scheut, nur von der
-Bodenfeuchtigkeit sich nährend; so den riesenhohen Säulenkaktus in der
-düsteren Mohavewüste, ferner die Fülle der über den Boden rankenden
-Kürbis- und Gurkenarten, die durch ihr saftstrotzendes Fruchtfleisch
-die Samen vor dem Eintrocknen bewahren. Auch die Harzausschwitzung so
-vieler Holzgewächse der Trockenräume dient ihnen als Schutz gegen den
-Verschmachtungstod, nicht minder die Dufthülle, die viele Kräuter durch
-Verdunsten aromatischer Öle aus winzigen Drüsen ihrer Oberhaut sich
-schaffen gleich unserem Salbei oder der Krauseminze; das Experiment hat
-nämlich erwiesen, wie sehr diese Dufthülle die stetig sich vollziehende
-Abgabe der Säftemasse aus dem Pflanzenkörper in Gasform an die Luft
-einschränkt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p>Und welch ein genügsames, feinsinniges und flinkes Heer
-verschiedenartigen Getiers haben sich diese Trockenlande erzogen.
-Grabende Nager bevölkern zu Tausenden alle Steppen, begnügen sich
-zur Kost mit den unterirdischen Teilen, den Knollen, Zwiebeln oder
-Wurzelstöcken der dort wachsenden Pflanzen, wenn die brennende Sonne
-der Trockenzeit das Grün der Gräser samt der bunten Blumenschar
-vergilbt, ja in Zunder verwandelt hat. Dem niedlichen Bobak, einem
-Verwandten des Murmeltiers in den südrussischen Steppen, dient oft
-Monate lang der Morgentau an den Grasblättern als einzige Labe. Im
-prachtvoll durchsichtigen, weil dunstfreien Luftmeer zieht der Geier
-seine weiten Kreise und erspäht auf unvergleichlich ausgedehntem
-Gesichtsfeld am Boden seine Beute mit einer Scharfsichtigkeit, daß man
-sein Auge mit einem Teleskop vergleichen darf. Die Fennekfüchschen
-der Sahara erlauschen mit ihren breitdreieckigen Ohren, die das
-Spitzköpfchen so hoch überragen, das fernste Geräusch und sind gleich
-den wild lebenden Kamelen des Tarimbeckens bis zur Unerkennbarkeit
-ihrer Bodenumgebung gleichfarbig, hier graugelb, dort mehr rötlich.
-Kamele, Pferde, Antilopen und Strauße zeigen sich vor allem dadurch
-ans Trockenklima angeschmiegt, daß sie schnellfüßig die gänzlich
-wasserleeren Strecken durcheilen und teilweise wunderbar lange Zeit des
-Wassers völlig entbehren können. Hält doch das zweihöckrige Kamel das
-Tragen zentnerschwerer Theelasten durch die Gobi im härtesten Winter
-aus, selbst wenn es bis zum zehnten Tag kein Futter erhält und nur auf
-gelegentliches Schneelecken angewiesen ist, um den Durst zu löschen.
-Das einhöckrige Kamel hält selbst in der Wüstenglut Arabiens den
-Karawanenmarsch bis zum fünften Tag ohne Wasser aus, im Frühjahr, wenn
-warme Regen ihm genug „Haschisch“ (Grünfutter) ersprießen lassen, sogar
-mehr als drei Wochen.</p>
-
-<p>Wie sollte da der Mensch als Bewohner des Trockenraums nicht
-gleichfalls dessen Gepräge tragen! Lenken wir den Blick zuerst nach
-dem Morgenland. Der eigentliche Orient, also was, etwa von Rom aus
-betrachtet, den Ostrand des geographischen Gesichtskreises der Alten
-ausmachte, von Palästina bis zum<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> indischen Fünfstromland, und was
-ihm in Arabien, sowie in Nordafrika gleichartig sich anschließt,
-fällt in jenen gewaltigsten Steppen- und Wüstengürtel der ganzen
-Erde, der am atlantischen Meer mit der Sahara beginnt und erst
-mit der Kirgisenheimat und an der centralasiatischen Grenze gegen
-Sibirien, die Mandschurei und China endet. In der Regel führt man die
-bekannten Charakterzüge orientalischen Lebens auf den Islam zurück,
-als wenn die Lebensregeln des Koran nicht selbst erst zum guten Teil
-der arabischen Wüste entsprossen wären. Oder wenn man sich darauf
-besinnt, daß ja dies orientalische Wesen vor Mohammed zurückreicht,
-mindestens bis in Abrahams Zeit, so macht man gern die den Orientalen
-nun einmal angeborene Sinnesrichtung dafür verantwortlich. Das
-dünkt zwar recht bequem. Aber so gewiß die Gewohnheit bei den
-Völkersitten eine sehr große Rolle spielt, so handelt es sich für
-die Wissenschaft doch eben um Aufdecken des Ursprungs der habituell
-gewordenen Gewohnheiten. Da nun Syrer wie Perser, Araber wie Türken,
-mithin Sprossen ganz verschiedener Verwandtschaftsgruppen, der
-semitischen, indogermanischen, mongolischen, innerhalb des Orients die
-Eigenart ihres Lebens in den Grundzügen gemein haben, so ist nichts
-wahrscheinlicher von vorn herein, als daß sie eben erst in diesem
-Trockenraum und durch ihn sich in ihrem Sittenschatz verähnlichten.
-Diese Wahrscheinlichkeit erhebt sich überall da zur Gewißheit, wo
-wir die nämlichen Lebenszüge bei Australiern und Prärieindianern,
-Patagoniern und Hottentotten gewahren, die nie mit Orientalen
-Sittenaustausch zu üben vermochten, wohl aber wie sie in waldleeren,
-offenen Fluren mit trockenem Klima wohnen.</p>
-
-<p>Was zuvörderst die Körpereigenschaften betrifft, so hat die trockene
-Luft etwas Zehrendes. Die in ihr lebenden Menschen bekommen deshalb, je
-mehr sie sich ihr aussetzen, straffe Muskeln, setzen aber wenig Fett
-an. Durchweg sind somit Steppen- und Wüstenbewohner hager und sehnig;
-bei den Kalmücken spricht eine berühmte Ausnahme für die Regel: ihre
-Priester, die Gällunge, weil sie unthätig den ganzen Tag im Zelt zu
-sitzen pflegen, sind Ausbunde von Fettleibigkeit. Ferner bräunt das<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>
-grelle Licht der schattenarmen, dunstfreien Luft die Haut; das beweisen
-die ungarischen Pußtenhirten, die Hirten der pontisch-kaspischen
-Steppe Südrußlands, die Gauchos der Pampas. Die Haut wird durch ihre
-Trockenheit der Luft leicht rissig; gegen dies schmerzhafte Aufspringen
-der Haut salbten sich die alten Griechen bei minder umfänglicher
-Gewandung mit Olivenöl, der Pußtenhirt reibt sich mit Speck ein und
-hängt seinen zottigen Schafpelz über den Hirtenstab nach der Windseite,
-der Buschmann ringelt sich schlangenhaft zur Abendrast in die flache
-Erdgrube, in der er ein glücklich erbeutetes Häslein mit Haut und Haar
-vorher geschmort hat, um des andern Morgens mit der fettdurchtränkten
-Aschenkruste als einziger Bekleidung weiterzuwandern. Buschmänner und
-Hottentotten zeichnen sich ganz besonders durch eine zur Runzelung
-neigende, fettarme Haut aus; darum erhält ihr Gesicht schon in der
-Jugend ein faltiges, sauertöpfisches Aussehen, weil sie zum Schutz
-gegen die blendende Lichtfülle ihrer Umgebung bestrebt sind die Augen
-zusammenzukneifen wie wir, wenn wir aus dem Dunkeln plötzlich ins Helle
-treten. Welch bezeichnender Gegensatz, diese schlitzartig verengten
-Augen des Kalacharimannes gegenüber dem weit geöffneten Phäakenauge des
-Negers!</p>
-
-<p>Durch eudiometrische Untersuchung von Luftproben aus der libyschen
-Wüste wissen wir, zu einem wie hohen Grad der Ozongehalt der Luft
-in Trockengebieten sich steigern kann. Vermutlich beruht auf der
-Vernichtung der krankheitserregenden Mikroben, insonderheit der
-Tuberkelbazillen durch das Ozon die gesundende Kraft des Trockenklimas,
-wohl auch das Belebende, was z.&nbsp;B. die Saharaluft auf den europäischen
-Wanderer ausübt. So lange die Bewohner von Steppen und Wüsten ihre
-ozonreiche, freie Luft einatmen, kennen sie den Würgengel der
-Schwindsucht nicht; er hielt in die nordamerikanischen Prärien erst mit
-der Stadtsiedelung seinen traurigen Einzug.</p>
-
-<p>So beneidenswert wie die Gesundheit ist die Sinnesschärfe unserer
-Völker. Sie wurde tellurisch gezüchtet, weil zum Erspähen der Jagd-
-oder Räuberbeute, zum lebenrettenden Heimfinden zu den Seinen in diesen
-menschenöden Landen alle Sinne<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> im alltäglichen Daseinskampf zur
-entscheidenden Mitwirkung berufen waren.</p>
-
-<p>Das Gehör spürt noch die leisesten Schallwellen, von denen unser Ohr
-nicht das Geringste empfindet. In Australien unterhalten sich einander
-begegnende Schwarze, wenn sie längst in entgegengesetzter Richtung
-fortwandern, und der begleitende Europäer einen Monolog zu hören meint.
-Ungefähr ein halbes Kilometer nennt der Kalmücke eine Hörweite, denn
-auf solche Entfernung ist ihm menschliche Rede ohne Stimmverstärkung
-verständlich. Wie seltsam doch die Sitte kirgisischer Mütter, den
-Kleinen die Ohrmuscheln auszuweiten, damit sie dereinst durch besseres
-Auffangen der Schallwellen besser ins Leben passen! Am Geruch erkennen
-die Leute menschliche wie tierische Fährte, wenn sie auf unbewachsenem
-Felsboden keinen Eindruck zurückließ, mitunter noch nach Tagen.
-Aimara-Indianer finden sich in finsterer Nacht zum Lagerplatz zurück
-durch den Geruch der Fluren, von dem der stumpfsinnigere Weiße gar
-nichts spürt. Der Australschwarze wird gern in die austral-englische
-Polizei eingestellt wegen seines äußerst feinen Witterungsvermögens,
-das ihn Menschen- wie Tierfährten weithin auf hartem, keinerlei
-Eindruck verratenden Felsboden verfolgen läßt, selbst wenn etwa der
-Schafdieb bereits tags vorher über ihn fortgeeilt ist. Wie südrussische
-Steppenrinder Tränkplätze auf weite Ferne wittern, so tritt wohl auch
-im Osten der großen Wüste der Araber voll Sehnsucht nach dem Abschluß
-seines Karawanenzugs auf eine Hügelspitze, schlürft, das Antlitz gen
-Osten, gierig die Luft ein und kündet frohlockend: „Ich rieche den
-Nil!“ Er hat den Strom entdeckt, ohne ihn zu erblicken. Doch freilich
-die Schärfe des Gesichtssinns erweckt noch mehr unser Staunen.
-Des Menschen Auge ist ja ein Organ steter Anpassung, hochgradiger
-Fernblick kann sich mithin nur entwickeln innerhalb dunstfreier,
-weiter Horizonte, so beim Gemsjäger, beim Steppen- und Wüstenmenschen.
-Letzterer aber lernte im unablässigen Daseinskampf diesen weitesten
-Horizont aufs vollkommenste beherrschen mit seinem Falkenauge, und
-dieser wunderbare Späherblick vererbte, verfeinerte sich von Geschlecht
-zu Geschlecht. So sind<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> Trockenräume die Gebiete der größten Sehschärfe
-durch alle Kontinente. Der Buschmannknabe in Liechtensteins Begleitung
-auf der Rückfahrt vom Kap erkannte noch ziegengroße Antilopen an der
-afrikanischen Küste auf Stundenferne, was Liechtenstein nur mit dem
-Fernrohr zu kontrollieren vermochte. Der Targi der Westsahara zählt
-bereits die Kamele einer eben in den Horizont eingetretenen Karawane,
-wenn der Weiße neben ihm ohne Fernglas noch gar nichts von ihr sieht.
-Der Australschwarze verfolgt die kleine Biene seiner Heimat, nicht
-größer wie unsere Stubenfliege, bis auf 18 <span class="antiqua">m</span> Höhe ins Dunkel
-eines Baumwipfels, um den wilden Honig zu ergattern. Die größte uns
-bekannte Späherleistung möchte indessen von jenem rosseweidenden
-Kalmücken auf der ciskaukasischen Steppe erzielt worden sein, der die
-Russen vor einem Überfall bewahrte, indem er den aufwirbelnden Staub
-eines heranziehenden feindlichen Heerhaufes auf 30 <span class="antiqua">km</span> Ferne
-erkannte, d.&nbsp;i. die Entfernung Potsdams vom Ostende Berlins.</p>
-
-<p>Die urälteste Form des Menschenlebens, der Nomadismus, hat sich bis
-zur Gegenwart in den Steppen und Wüsten erhalten, weil hier der Mensch
-unter der Bedingung heroischer Marschausdauer, beherzter Waffenführung,
-genügsamer Kost, auch gelegentlichen Hungerns und Durstens der uralten
-Wonne unseres Geschlechts sich weiterfreuen durfte: der goldenen
-Freiheit, ohne als Arbeitsknecht Hacke oder Pflug führen zu müssen.
-Stets haben diese Freischweifenden mit der Verachtung des kühnen
-Recken auf die Seßhaften herabgesehen, so die Beduinen d.&nbsp;h. die
-Wüstensöhne auf die feisteren Bauern des arabischen Küstenrandes, die
-ihnen nur zum Brandschatzen, wenn nicht zu dauernder Knechtung da zu
-sein schienen, ebenso die Kurden der armenischen Alpmatten auf die
-Armenier, die drunten im Thal Feld und Garten berieseln mußten im
-Schweiß ihres Angesichts; bis zur russischen Besitzergreifung auch
-die freiheitsstolzen, türkischen Ösbegen Turans, die, wenn sie als
-Herren der persischen Siedler der Flußchanate ihr Heim in diesen selbst
-aufschlugen, doch lieber ihre Filzjurte im viereckigen Freihof des
-Wohnhauses aufschlugen als wie Feiglinge in den Lehmmauern eines Hauses
-zu wohnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
-
-<p>Australiens eingeborene schwarzbraune Rasse hält noch gegenwärtig an
-ihrer uralten frei schweifenden Lebensweise fest, wie sie dereinst
-bedingt war durch das nahezu gänzliche Fehlen anbaulohnender Gewächse
-und die Spärlichkeit jagdbaren Getiers in den wasserarmen Ödungen des
-Landes neben völliger Abwesenheit melkbarer Tiere. Auch nachdem nun
-die europäischen Ansiedler mit bestem Erfolg unsere Kulturgewächse und
-Haustiere nach Australien gebracht haben, verbleibt der Australschwarze
-lieber der alten Freiheit treu, so sehr sie mit dem Jammer des bloßen
-Sammelns von kümmerlichen Brosamen am Tisch der Wildnis naturnotwendig
-verknüpft ist. Die Männer des Stammes schweifen auf der täglichen
-Wanderung weiter aus, etwa eine Känguruherde aufzutreiben, einen Vogel
-mit dem Bumerang herabzuholen, die Erdhügelnester des Tallagallahuhns
-auszunehmen; die Weiber ziehen auf kürzerer Linie, mit dem armseligen
-Hausrat und den kleinen Kindern bepackt, nach eßbaren Wurzeln
-grabend, wilden Honig, Baumharz, kaum genießbares Gewürm zur Stillung
-des nagenden Hungers auflesend, einem noch nicht ganz erschöpften
-Wasserloch zu, an dem sie abends das Feuer entfachen vermittelst des
-brennend unter der Glut des Tagesgestirns mitgeschleppten Holzscheites,
-auf daß der gestrenge Gatte nicht zürne über zu langen Aufschub, wenn
-erst durch Aneinanderreiben von Hölzern das Feuer entzündet werden
-müßte, und jener dann unsanft den langen Wanderstab auf den Kopf der
-Gattin niedersausen ließe.</p>
-
-<p>In dem wildreicheren Afrika ist selbst der Buschmann nicht bloß
-Nahrungssammler, sondern Jäger, ein gewandter Bogenschütze. Doch kein
-Land der Welt ist ein solches Jägereldorado, daß der Mensch anders
-als hin- und herziehend von seiner Jagdwaffe den Unterhalt erzielen
-könnte. Auch der Hirt ist in Steppen mit gar zu kärglicher Benetzung,
-also schlechten Futterwuchses, oder in Gegenden, wo ein anhaltender
-Schneewinter die Gebirgsweide nimmt, folglich die Herde in benachbarten
-Niederungen zu überwintern zwingt, ein Nomade. Hingegen führen Oasen
-und die Trockenräume durchströmenden Flüsse &mdash; man denke nur an den
-nubisch-ägyptischen Nil, diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> einzigen Strom, der die Sahara in
-ihrer ganzen Breite durchzieht &mdash; zu fester Siedelung, weil hier
-das Quell- oder Flußwasser Garten- und Ackerbau mittels künstlicher
-Bewässerung zu treiben gestattet auch an Orten oder zu Zeiten, wo kein
-Tropfen Regen fällt. Darum war ja Zoroasters Lehre eine solche Wohlthat
-für Irans und Turans dürstende Gelände, weil sie die Berieselungswerke
-heilig sprach, unter deren Segen der sonst gar nichts tragende Boden
-tausendfältig Feld- und Baumfrucht spendete.</p>
-
-<p>Wo vollends Steppen regenreich genug sind, um auch ohne Bewässerung
-Feldbau zu gestatten, da sind sie teilweise schon vor Alters,
-in weitem Umfang vollends in neuerer Zeit vielfach ins Gebiet
-seßhaften Völkerlebens einbezogen worden, indem gewöhnlich von
-außen ackerbautreibende Stämme hereinzogen, sei es, daß der Boden
-unbewohnt angetroffen wurde, sei es, daß er ihnen zufiel nach dem
-gerechten Schiedsspruch tellurischer Auslese: jedes Land gehört dem,
-der es am besten zu verwerten, am tapfersten zu verteidigen weiß.
-Die englischen Weizenbauer und Schafzüchter dringen immer tiefer
-ins Innere Australiens ein; die Buren verdrängten Hottentotten wie
-Kaffern; die Prärien, wo noch vor kurzem die Rothäute die zahllosen
-Büffel jagten, wogen gleich den argentinischen Pampas von unabsehbaren
-Getreidefeldern. Dort, wo im Altertum skythische Skoloten und
-Sauromaten mit ihren Herden Südosteuropas Steppen durchzogen, führt
-jetzt der russische Ansiedler den Pflug. Und eben da, dicht am
-südlichen Uralgebirge, vollzieht sich jüngst ein lehrreicher Vorgang
-des Obsiegens der Seßhaften über die Schweifenden. Die Baschkiren
-nämlich mögen nur ungern ihr freies Wanderleben in der Steppe aufgeben;
-eingeengt jedoch durch die Uralwälder im Osten, die wüstenhafte
-kaspische Salzsteppe im Süden, das leise Vorrücken der russischen
-Bauern in West und Nord, fühlen sie sich außer stande allein durch
-Vermittlung ihrer Herden vom Steppengras zu leben, darum verpachten
-sie gegen Kornzins einen Teil ihrer Länderei an russische Bauern und
-erkaufen sich damit noch auf eine Galgenfrist die Adelsfreiheit des
-Nomaden. Aber ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> Schicksal ist besiegelt, denn um von Weidewirtschaft
-in der Baschkirensteppe zu leben braucht man für den Kopf 120 Morgen,
-bei Landbau nur 20&ndash;30. Derselbe Flächenraum, der einem einzigen
-Baschkiren genügend Milch und Fleisch liefert, ernährt also vier bis
-sechs Russen.</p>
-
-<p>Allerwegen indes, wo das alte Hin- und Herziehen verblieb, erhielt sich
-auch Sitte und Brauch fast unverändert. In den echten Wüsten führt
-erst ganz neuerdings der Eisenbahnbau einen gänzlichen Umschwung des
-Verkehrs hier und da herbei. Sonst zieht dort noch wie vor Alters der
-Mensch von einer Wasserstelle zur andern, als Hirt, falls zu günstiger
-Jahreszeit flüchtiges Grün den Boden überzieht, als Karawanenführer,
-als Weidmann oder als lauernder Räuber. Wüsten züchten Räubervölker,
-denn sie sind von Natur immer arm, es sei denn, daß sie stellenweise
-Steinsalz bergen oder Salpeter wie die Atacama; oft liegen nun
-beiderseits reiche Landstriche, wie die Mittelmeerküste Afrikas und
-der Sudan, die einander ihre Güter durch Frachtzüge quer durch die
-Wüste zusenden, und dauernd locken Quell- oder Flußoasen mit winkenden
-Dattelhainen, mit Fruchtfeldern aller Art; Obst- wie Mehlzukost wünscht
-sich aber der Steppen- und Wüstenmensch gar sehr zu seinem ewigen
-Einerlei animalischer Nahrung. Was Wunder also, daß letzterer bei
-seiner überlegenen Ortskunde, die Angriff wie Rückzug deckt, seiner
-körperlichen Kraft, seiner fliegenden Eile zu Roß oder Kamel gern
-wenigstens nebenbei das Räuberhandwerk treibt, weshalb jeder Oasenort
-sich mit Lehmmauer umgürtet?</p>
-
-<p>Das stete Wanderleben auf dürrer Fläche erzeugt eine Fülle von
-Gewohnheiten, die gänzlich abweichen von denen seßhafter Menschen, und
-sich darum weit weniger wandeln, weil hier eine Natur von unbeugsamer
-Starrheit gebietet. In der syrisch-arabischen Wüste fühlt man sich
-noch heute in die Tage der Erzväter Israels versetzt. Der Reichtum
-besteht wie zu Abrahams Zeit in Vieh und Silbergeschmeide, in Waffen
-und Teppichen. Außer dem unentbehrlichen Zelt, dessen Gestänge nebst
-härenen Tüchern die Lasttiere auf dem Marsch zu schleppen<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> haben,
-muß die sonstige fahrende Habe aufs sparsamste bemessen werden. Man
-darf sich nicht Tisch, Stuhl oder Bettstatt gönnen. Man hockt und
-schläft auf platter Erde; auf den hingebreiteten Teppich wird die
-große Schüssel mit dem einfachen Mahl gesetzt, in die greifen die
-Herumhockenden mit den Fingern wie Christus und seine Jünger, denn
-die Israeliten behielten gar manche Sitten des alten Nomadenlebens
-bei, auch als sie in Palästina seßhaft geworden, nannten sie doch für
-immer ihr Heim <span class="antiqua">ohel</span> d.&nbsp;h. Zelt. Die Geräte müssen dauerhaft
-sein, weil man sie nicht so oft beim Händler erneuern kann; aus
-hölzernen, womöglich mit Metallreifen geschützten Schalen trinkt der
-Mongole seinen gemüseartig gekochten Thee mit reichlicher Zuthat von
-Hammeltalg. Geringer geschätzt als der Mann ist das Weib; es verrichtet
-niedere Dienste, bleibt ausgeschlossen vom Mahl der Männer. Sobald
-abends das Zelt aufgeschlagen, begiebt sich Frau oder Tochter zum
-Wasserholen, und damit sie den oft nicht so kurzen Weg nicht mehrmals
-zurücklege, muß der thönerne Wasserkrug recht umfangreich sein, darum
-wieder läßt er sich nur auf der Schulter oder auf dem Kopf tragen,
-was zu straff aufrechter Haltung des Körpers viel beiträgt. Das Bild
-der Rebekka am Brunnen kehrt allabendlich im Orient hundertfältig
-wieder. Es fesselt stets durch die Verbindung von Anmut und Kraftübung;
-wie spielend hebt die Wasserträgerin den schweren Krug empor und
-trägt ihn elastischen Schritts von dannen. Mitten in der syrischen
-Wüste begegnete unser Wetzstein einer wassertragenden Beduinenfrau,
-die unterwegs geboren hatte in menschenleerer Öde, und nun rüstig
-dahinschritt, den Wasserkrug auf dem Haupt, das Neugeborene im Arm.
-Auch die Prärie-Indianerin wird zuweilen wohl auf dem Ritt durch die
-meerähnliche totenstille Grasflur von ihrer schweren Stunde überrascht;
-sie bindet dann ihr Pferd etwa an einen einsamen Baumstamm und schwingt
-sich nach ein paar Stunden Rast heldenhaft mit dem Säugling auf ihr Roß.</p>
-
-<p>Körperliche Ausdauer und Rüstigkeit sind diesen Nomaden in
-jahrtausendelangem Daseinskampf anerzogen worden. Die Patagonier,
-allerdings wohl die langbeinigsten aller Menschen,<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> unternehmen
-Erholungsspaziergänge von mehr als 60 <span class="antiqua">km</span>. Der Tubu legt seine
-heroischen Wüstenmärsche mit der notdürftigsten Tagesration weniger
-Datteln zurück; im äußersten Fall öffnet er dem Kamel eine Ader an der
-Schläfe, formt sich aus den zerstoßenen Knochen am Weg bleichender
-Skelette von verschmachteten Menschen, häufiger von gefallenen Kamelen
-und aus den paar Tropfen Kamelblut eine Paste zur Fristung seines
-Lebens; Wasser kann er, falls er tagsüber regungslos im Schatten ruht
-und nur nachts mit seinem treuen Tier weiterzieht, vier Tage lang
-entbehren, dann erst bindet er sich todesmatt auf das Kamel, seine
-Rettung dem unvergleichlich scharfen Spürsinn desselben überlassend.
-Der Kalmücke vermag auf Karawanenreisen wenigstens drei Tage lang zu
-hungern und zu dursten; findet er dann noch kein Trinkwasser, so rupft
-er Haare aus der Mähne des Pferdes und kaut daran.</p>
-
-<p>Langes Fastenkönnen und erstaunliche Gefräßigkeit entspricht vollkommen
-dem auf Mangel an Speise oft folgenden Überfluß des Jägers, der
-entbehrungsvollen Wanderung und späten Abendrast des Hirten-Nomaden.
-Der Mongole kann mehrere Tage ohne Speise bleiben, jedoch einen viertel
-Hammel sieht er als gewöhnliche Tagesration des Mannes an, ja er
-vertilgt bei festlichem Gelage einen Hammel mittlerer Größe an einem
-einzigen Tage für sich allein. Zu starkes Essen gilt übrigens bei
-diesen Völkern oft als des Mannes unwürdig. Auf Fehdezügen läßt sich
-der Kalmücke an ein paar Bissen Fleisch genügen oder er kaut geröstete
-Tierhaut; am Tage der Schlacht pflegt er nur die Brühe vom Fleisch
-zu trinken. Nordamerikanische Steppenindianer vermeiden selbst bei
-reichlichen Vorräten übermäßiges Essen (das sie nur Weibern, Kindern
-und Hunden nicht verargen), um sich straff zu halten für Mannesthaten
-bei Waffenspiel oder ernster Gegenwehr.</p>
-
-<p>Zum Spiel ist dem Nomaden viel Zeit übrig, und er liebt auch im
-Spiel Körperkraft nebst Gewandtheit zu zeigen. Zum Bogenschießen
-oder Ballspiel lockt die baumleere Weite; letzteres erfreut den
-Teke-Turkmenen wie den Dakota und Tehueltschen. Im Zelt wird
-leidenschaftlich gewürfelt; der<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Gaucho schlägt die Faulheitsstunden
-mit Kartenspiel tot, während der Araber lieber in lauer Abendluft,
-nachdem im Purpur des westlichen Himmels die Sonne niedergesunken,
-dem Märchenerzähler oder dem Sänger der Ruhmesthaten seines Stammes
-lauscht. Nicht von ungefähr trägt das Schachspiel einen persischen
-Namen. Herrlich gelingen den Männern überall die Reiterkunststücke
-und das Wettrennen; im Morgenland befeuern die zuschauenden Frauen
-durch ihren Zuruf, jauchzen den Siegern zu, wehklagen über das
-Zurückbleiben der Ihren. Es sind das segensreiche Volksfeste, in
-denen unentbehrliche Tugenden durch den Sporn des Ehrgeizes ihre
-Pflege finden. Aus den südrussischen Grasfluren kamen die wagehalsigen
-Bereiterstückchen in die Kosakenregimenter der russischen Reiterei;
-Baschkiren, in Ostturkistan selbst würdige Priester vergnügen sich
-daran, im rasenden Galopp einen Stein vom Boden aufzuheben, ohne den
-Bügel loszulassen; die Turkmenen rennen auf 160 <span class="antiqua">km</span> um die
-Wette und stiften dem ersten Sieger den ansehnlichen Preis von zwölf
-Kamelen. Das malerischeste Schauspiel bietet aber ein Renntag in der
-syrisch-arabischen Wüste oder eine Falkenbeize, sei es auf Reiher,
-sei es auf Gazellen am Hauran. Da bricht die Jagd- und Reitlust der
-Beduinen am feurigsten aus; wie toll stürmen sie ins Weite, und wenn
-dann die silberweißen Jagdfalken im blauen Äther mit den Reihern im
-Knäuel sich verschlingen, da schauern sie wild empor, und jede Fiber
-zuckt den bronzefarbenen Männern, die trotz aller Nervenstählung
-hochgradig nervös sind, wie so oft die Menschen, die dauernd in
-elektrisch gespannter, trockener Luft leben.</p>
-
-<p>Manche Eigentümlichkeiten treffen wir in diesen Landen, die nicht aus
-ihrer Eigenart hervorgegangen, sondern hier nur besonders treu erhalten
-sind, weil eben der Zeiger auf dem Zifferblatt der Kulturgeschichte
-dort so viel langsamer vorrückt als bei uns. Dahin zählt u.&nbsp;a. der
-vielfach noch nicht eingebürgerte Gebrauch des Kochsalzes. Man
-könnte zwar meinen, Fleisch und Blut der Wüstentiere sei durch deren
-salzreiches Futter schon salzig genug; in der That schmeckt trocknes
-Kamelfleisch wie gesalzen. Die Sträucher und Kräuter des so selten<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-benetzten Bodens, in dessen Kruste die verdunstenden Tropfen von Tau
-oder Regen ausgelaugte Salzteile aufspeichern, sind oft nicht minder
-salzhaltig, folglich genießt z.&nbsp;B. der Namahottentotte, wenn er sich
-Knollen oder Zwiebeln zur bescheidenen Kost ausgegraben, schon etwas
-salzreichere Nahrung als wir, wenn wir Brot oder Kartoffeln verzehren.
-Indessen so viele von der Berührung mit unserer Kulturentfaltung bisher
-ausgeschlossen gebliebene Völker, darunter auch unsere Schutzbefohlenen
-auf Neuguinea und den Karolinen, wissen nichts vom Salzen der Speisen,
-daß wir gleichfalls bei den uns beschäftigenden Völkern hierin nur
-einen Nachhall der Urzeit erblicken möchten, in der unser Geschlecht
-sein stets vorhandenes, aber recht mäßiges Salzbedürfnis mit dem
-geringen Salzgehalt seiner Nahrung im ungesalzenen Zustand befriedigte,
-hingegen Zugabe von überflüssigem Salz als bloßem Gewürz zur Speise, an
-die wir uns nun als an eine Notwendigkeit so gewöhnt haben, noch nicht
-kannte.</p>
-
-<p>Andere Einzelzüge haben jedoch die Bewohner der Trockenräume offenbar
-erst diesen in näherer oder weiterer Vermittlung entlehnt. So zeigen
-sie gern ihre Waffen, um feindlichen Angriff schon durch die Furcht
-vor diesen womöglich im Keim zu ersticken. Meist in offener Ebene
-dahinziehend, führen sie daher in weite Ferne drohende Waffen, mit
-Vorliebe Lanzen, die Kurden z.&nbsp;B. 8 bis 10 <span class="antiqua">m</span> lange Bambuslanzen,
-die Beduinen die längsten Flinten der Welt, während die Tuareg bei
-Speer und altertümlichem Schwert mit Kreuzgriff verharren, die
-Schußwaffe mit Pulver und Blei als Schutzmittel des Feigen von sich
-weisend. Die Waldlosigkeit ladet sonst gerade zur Verwendung weit
-tragender Schußwaffen ein. Mit der Sicherheit ihrer Pfeilschüsse bei
-jagendem Ritt machten sich Hunnen, Awaren, Magyaren unseren Vorfahren
-furchtbar, als sie aus den Steppen des Ostens nach Deutschland
-einfielen. Der Tubu bringt mit seinem wagerecht geworfenen zackigen
-Wurfeisen dem Gegner gleichwie mit einer Zackensense am Riesenstiel
-gefährliche Wunden bei. Die Schleuder spielt seit alters in den
-Trockengebieten der alten Welt eine ähnlich große Rolle wie Lasso und
-Bolas in denen der neuen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p>
-
-<p>Eine glückliche Sondererfindung der Saharavölker ist der sogenannte
-Gesichtsschleier oder Litham, ein blaubaumwollener Shawl, der so um
-den Kopf gewunden wird, daß er nur einen schmalen Schlitz für die
-Augen frei läßt. Wie wir uns im Winter mittels des <span class="antiqua">cache-nez</span>
-durch die eigene Atmung wieder Wärme zuführen, ebenso erwirken Tuareg
-wie Tubu durch ihren Litham, daß die schmachtend trockene Wüstenluft
-durch die selbstausgeatmete Feuchtigkeit, die sich im Litham verfängt,
-durchfeuchtet wird, ehe sie sie einatmen. Die Araber scheinen einen
-gleichen Schutz nicht zu kennen, pflegen aber bei Smum wohl nicht bloß
-gegen den Wüstensand, sondern zu dem nämlichen Zweck einen Zipfel ihres
-Mantels vor Mund und Nase zu ziehen.</p>
-
-<p>Den Kopf tragen viele der Völker zum Schirm gegen die schroffen
-Temperaturwechsel, oft auch gegen den Regen, bedeckt: die Kirgisen
-mit einem buntgestickten Käppchen, die Iranier mit der hohen,
-schwarzen Lammfellmütze, andere Morgenländer mit turbanartigem
-Kopftuch oder Fez, die Hottentottin mit der Fellhaube. Letztere
-abzulegen öffentlich gilt bei den Hottentotten als schamlos, wie auch
-der Morgenländer vor dem Höherstehenden oder gar im Gotteshaus nie
-die Kopfbedeckung abthut, wohl aber der Schuhe oder Sandalen sich
-entledigt. Christus stets barhäuptig abzubilden ist ganz unhistorisch.
-Der dicke Burnus des nordafrikanischen Kabilen sowie des Beduinen ist
-als schlechter Wärmeleiter gegen Tageshitze ein ebenso guter Schutz
-wie gegen Nachtkälte. Beinkleider treffen wir nur, wo Steppen und
-Wüsten von kalten Wintern heimgesucht werden, so in den Prärien, in
-Patagonien und Innerasien; der Mongole legt sie sogar nur im Winter
-an. Hohe Stiefel sind eine beliebte Zuthat zu den Beinkleidern bei
-Reitervölkern; manchen Völkern sind Hosen nebst hohen Stiefeln bei
-beiden Geschlechtern eigen; daher reiten auch Frauen und Mädchen,
-z.&nbsp;B. bei den Ostturkistanern, den Tanguten am Kuku-Nor, rittlings nach
-Männerart. Die Tehueltschen ziehen über ihre hohen Reitstiefel noch
-Überschuhe, um den Fuß auch im Schmelzwasser des Schnees trocken zu
-halten. Auf dem bis über 70° <span class="antiqua">C</span> erglühenden Fels- und<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Sandboden
-der Sahara zieht die nackte Fußsohle leicht Brandblasen, daher das
-dortige Bedürfnis, Fellschuhe oder Sandalen aus Kamelleder zu tragen,
-obwohl der sparsame Tubumann, wo es irgend geht, seine Sandalen an
-die Spitze des über der Schulter getragenen Speers knüpft, mit dem er
-leichtfüßig über den glühenden Boden dahinschreitet, ohne daß seine
-nackten, freilich hornüberzogenen Sohlen auf dem scharfen Gestein
-zerschnitten werden, während die Stiefel des Europäers auf demselben in
-Fetzen zerreißen.</p>
-
-<p>Die allgemeine Seltenheit des Wassers hat die Neigungen der Völker
-geradezu gegensätzlich beeinflußt. Dem Araber ist der Anblick großer
-Massen von Süßwasser eine ersehnte Augenweide, das Plätschern eines
-Springquells die liebste Musik; die Fontäne gehört deshalb als
-Hauptstück in den Mittelpunkt seines gartenartig ausgeschmückten
-Innenhofs, ohne Baumesschatten und rauschende Quellen kann er sich das
-Paradies nicht denken. In Centralasien hat dagegen die Seltenheit des
-Anblicks von fließendem Wasser eine völlige Idiosynkrasie gegen alles
-kalte Wasser herbeigeführt. Der Mongole schlägt seine Jurte niemals
-dicht bei der Wasserstelle auf, so nötig er für sich und seine Tiere
-das Wasser braucht; er trinkt nur gekochtes Wasser, und es wird ihm
-übel, wenn er den Fremden etwa eine Wildente verspeisen sieht, weil
-diese zum Wassergeflügel gehört. Die Chinesen sind wahrscheinlich
-aus der Takla-Makan Innerasiens erst nach China eingewandert. Daraus
-wird es sich erklären, daß sie nur abgekochtes Wasser zu sich nehmen.
-So wurden sie die Erfinder des Theetrinkens, und man darf schon die
-Behauptung wagen: Wir trinken Thee, weil die Chinesen aus Centralasien
-stammen.</p>
-
-<p>Wo das Wasser so kostbar, wird es nicht leicht zum Waschen benutzt.
-Daher starren die Menschen oft von Schmutz. Herodots Ausspruch über die
-Skoloten „Sie waschen sich nie“ gilt auch von den heutigen Mongolen,
-die sich sogar stolz hierauf <span class="antiqua">kara hunn</span>, d.&nbsp;h. schwarze Menschen,
-nennen. Die Sitte der Skolotinnen, die, um zu gefallen, sich nachts
-über eine aus zerriebenen wohlriechenden Hölzern hergestellte Paste<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-auflegten, so daß sie des Morgens als duftige Huldinnen erschienen,
-ausnahmsweise auch ohne Schmutzkruste im Gesicht, erinnert uns an
-eine bisher ganz übersehene Geschmacksrichtung, die unseren Völkern
-offenbar durch ihre Heimat zu teil ward. In allen Trockenlanden
-nämlich walten, wie wir schon bemerkten, aromatische Gewächse zufolge
-natürlicher Züchtung auffallend viel mehr vor als anderwärts; ist doch
-Arabien, zu deutsch das Wüstenland, von jeher durch seine Aromata
-berühmt gewesen. Dieser Umstand machte die also stets von solchen
-Wohlgerüchen umhauchten Steppen- und Wüstenvölker zu leidenschaftlichen
-Freunden derselben; auch ihren Göttern schrieben sie natürlich diese
-Vorliebe zu. Aus dem Morgenland empfingen wir selbst die Sitte des
-Parfümierens; Mohammed trug stets ein Etui mit Wohlgerüchen bei sich,
-wir könnten sagen ein Schnupftabaksdöschen; wenn die braune Nubierin
-das Entzücken ihres Gatten sein will, nimmt sie ein förmliches Rauchbad
-aus lauter aromatischen Stoffen. Mit nichts wurde im salomonischen
-Tempel so viel Geld verpraßt, als um Jahve die köstlichsten Spenden
-von Myrrhen und Weihrauch zum Himmel empor zu senden; ganz ebenso
-zündeten die mittelalterlichen Tataren Asiens ihrem Gott duftige Opfer
-und bringen noch immer die Indianer der Prärie ihrem „großen Geist“
-Salbeiopfer. Der Weihrauchduft der christlichen Kirchen ist mithin ein
-echt geographischer Hinweis auf den Orient als Ursprungsstätte des
-Christentums.</p>
-
-<p>Ein gewisser schwermütiger Zug geht durch diese Völker; er entspricht
-wohl dem vereinsamten Weilen in einer einförmigen, schweigenden
-Natur. Bis zu finsterster Stimmung steigert sich der freudlose Ernst,
-wenn der karge Boden wie im Tubuland Tibesti selbst an Quellorten
-nur wenige Datteln und kaum weich zu klopfende Dumpalmenfrüchte
-trägt. Da macht der nagende Hunger die Herzen hart wie die Steine
-der Wüste. Sonst jedoch verklärt ein freundlichstes Erbe uralter
-Vorzeit auch das dürftigste Nomadenzelt: die sogar vom Räuber in Ehren
-gehaltene selbstlose Gastfreiheit. Handel und Wandel, Verführung durch
-Kulturgenüsse hat Biederkeit und ritterlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> Sinn meist noch nicht
-angetastet. „Griechische Treue“ ist Satire, „türkische Ehrlichkeit“
-hingegen Wahrheit. Dazu stählt Nüchternheit Leib und Seele; sie nicht
-zum letzten führte die Khalifenheere wie die Osmanen von Sieg zu
-Sieg. Trockenräume geben aus ihrem Gewächsreich wenig Zuckerstoff zur
-Herstellung berauschender Getränke; das bewahrte ihre Söhne vor dem
-Trunklaster, impfte ihnen Verachtung ein gegen die Weichlinge, die
-sich nicht genügen lassen am ältesten und gesundesten Getränk der
-Menschheit, Wasser und Milch, oder dem heißen Labetrunk von Kaffee oder
-Thee, die sich berauschen wie die verachteten Knechte der Ackerarbeit.
-„In ein Haus, unter dessen Dach ein Pflug steht, kehrt der Engel Gottes
-nicht ein“ heißt es nomadenstolz im Koran. Mohammed, dieser Lykurg der
-Wüste, hat die Abscheu gegen Trunksucht nicht erst eingeführt, nein er
-fand sie vor und weihte sie nur wie so viele andere uralte Wüstensitten
-als aus Allahs heiligem Willen geboren.</p>
-
-<p>Wald- und Seevölker pflegen Polytheisten zu sein, Steppen- und
-Wüstenvölker neigen vielmehr zum Monotheismus. Vom Sinai, aus Palästina
-und Arabien empfing die Welt die drei wirkungsreichsten Lehren vom
-<em class="gesperrt">einen</em> Gott. Dschingiskhan gebot, als wäre er ein Prophet des
-alten Bundes: „Du sollst glauben an den alleinigen Gott, der Himmel
-und Erde geschaffen hat, den Herrn über Leben und Tod.“ Nicht anders
-denkt der Mandan-Indianer der Prärie von dem „großen Geiste, der im
-Himmel wohnt“. Wir alle suchen die Einsamkeit, wenn wir unsere Gedanken
-sammeln wollen. Das nämliche Streben trieb Johannes den Täufer und
-Christus in die Stille der Jordanwüste, Mohammed in die Wüstenklippen
-abseits von Mekka. Nur wenige, aber gewaltige Eindrücke sind es,
-mit denen die Wüste in feierlichem Schweigen das sinnende Gemüt des
-Menschen erfüllt. Über der starren Gesteinsfläche schaut das Auge
-nur eine, aber eine stetige, ruhig gleichmäßige Bewegung: die der
-Gestirne. Nicht Menschenhand lenkt sie, es muß eine übermenschliche,
-jedoch einheitliche Macht sein, die das erwirkt; und was der Forschung
-das Naturgesetz der Gravitation, ist dem kindlichen Sinn der einige
-Gott, „der die<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> Sterne lenket am Himmelszelt“, der die ganze Welt
-regiert, zürnend daher fahrend im Gewittersturm, vernichtende Blitze
-schleudernd, dann aber mild lächelnd seine Sonne wieder scheinen
-lassend über Gerechte und Ungerechte.</p>
-
-<p>Die Freude der Orientalen, gedankenvoller Rede zu lauschen, nicht bloß
-bei abendlicher Rast im Nomadenzelt, nein auch am hellen Tag, etwa auf
-der grünen Matte am See Genezareth gelagert, wie bei der Bergpredigt,
-das war der rechte Boden, solche erhabene Lehren volkstümlich werden zu
-lassen, aus ihnen menschenbeglückende Religionen zu gestalten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="IV_Der_Mensch_als_Schoepfer_der_Kulturlandschaft">IV.<br />
-
-Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p>Die Entwicklung der Erdkunde während der letzten drei Jahrzehnte,
-wo sie bei uns in Deutschland nach so langem Harren endlich überall
-unter die Universitätswissenschaften Aufnahme fand und somit auf
-ihre Methode und ihre Abgrenzung gegen andere Gebiete des Wissens
-gründlicher geprüft wurde, lief einmal wirklich Gefahr auf einen
-Abweg zu geraten. Hatte Karl Ritter in seinem monumentalen Werk „Die
-Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen“,
-wie schon diese Titelworte verkünden, das physisch-historische
-Doppelantlitz der Wissenschaft von der Erde von neuem enthüllt, wie
-es im engeren Umkreis antiker Länderkenntnis 18 Jahrhunderte vor ihm
-bereits Strabo gethan, hatten manche Jünger der Ritterschen Schule in
-dem Interregnum der deutschen Erdkunde, wie es 1859, mit Humboldts und
-Ritters Tod, einsetzte, das historische Element dieser Wissenschaft
-sogar überwuchern lassen, so erreichte die naturgemäß folgende Reaktion
-eines umgekehrt etwas einseitig naturwissenschaftlichen Betriebs
-der Geographie ihren Gipfelpunkt, als Georg Gerland in Straßburg
-die Losung ausgab: die Erdkunde ist reine Naturwissenschaft, die
-Werke des Menschen darf man nicht in sie hineinziehen, denn sie sind
-Sondergegenstand der historischen Disziplinen.</p>
-
-<p>Es darf wohl ein Glück genannt werden, daß dieser revolutionäre
-Weckruf, der für den ersten Augenblick viel Bestrickendes hat und
-ernsthaft methodologischer Erwägung entstammt, keine allgemeinere
-Nachachtung in Deutschland und, dürfen wir stolz dazufügen, somit
-auch in der übrigen Welt erfuhr. Selbst unser führender Geograph, F.
-v. Richthofen, unter dessen Banner die Geologie die ihr gebührende
-Stellung gewann, der Erdkunde als Fundament zu dienen, erklärte sich
-rückhaltlos gegen Ausschluß des Menschen aus der Geographie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<p>Gerland hatte freilich vollkommen Recht mit seinem mahnenden Hinweis
-darauf, daß die Erdkunde gleichsam ihre methodische Sauberkeit,
-bloß mit Naturkräften und Naturgesetzen zu rechnen, preisgebe,
-sobald sie den Menschen in ihr Bereich ziehe, denn unrettbar tritt
-dann sogleich menschliche Willkür in die Betrachtung ein, man muß
-dann bald mit den Methoden des Naturforschers, bald mit denen des
-Historikers oder des Volkswirtschaftlers operieren. Aber liegt das
-nicht eben in der eigenartigen Natur der Erdkunde begründet? Nicht
-von ungefähr hat ihr der Altmeister Ritter die centrale Stellung
-zugewiesen mitten inne zwischen den naturwissenschaftlichen und
-den geschichtlichen Fächern. Wäre die Erde nichts weiter als ein
-Naturkörper, so wäre selbstverständlich die Erdkunde thatsächlich reine
-Naturwissenschaft; weil wir uns jedoch namentlich das landerfüllte
-Viertel der Erdoberfläche gar nicht vorstellen können ohne die ihm tief
-eingeprägten menschlichen Züge, so wird es wohl bei dem Schiedsspruch
-verbleiben: die Erdkunde ist eine wesentlich naturwissenschaftliche
-Disziplin, indessen mit integrierenden historischen Elementen.</p>
-
-<p>Auch die Meere sind jetzt sämtlich eingesponnen in das Thun und Treiben
-der Menschheit. Nähme der Mensch seine Hand von ihnen, so wären sie
-nicht mehr, was sie sind, nicht mehr lebenerfüllte Räume, auf denen
-die Flaggen aller seefahrenden Nationen sich entfalten, damit das
-Adersystem, wie es erst seit kurzem die Wirtschaftsthätigkeit unseres
-Geschlechts zu einem Ganzen zusammenschließt, unablässig seinen
-Segensdienst leiste. Ohne den Menschen würden die Ozeane wieder
-rückfällig werden in jenen Zustand, da Ichthyosauren und Plesiosauren
-zur Jurazeit ihr Wesen in ihnen trieben, sie würden wieder wüstenhafte
-Ödungen, auf denen an Stelle von Schiffen nur noch Eisberge ihre kalten
-Pfade zögen.</p>
-
-<p>Freilich hinter dem Kiel selbst der mächtigsten Kauffahrer, der
-gewaltigsten Panzer verwischen die zusammenschlagenden Wogen stets
-wieder die Spur der Wasserstraße. So allgemein fühlbar die Wirkungen
-des Verkehrs in jenem Geäder der großen Seestraßen auch sind, in
-dem die Schiffe gewissermaßen<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> die Blutkörperchen vertreten, &mdash;
-diese Straßen selbst bleiben unsichtbar, nur der Kartograph zieht
-sie in Liniengestalten auf seinen Weltbildern aus. Anders das Netz
-der Landverkehrswege! Wie zeigt es uns in seinen engeren oder
-weiteren Maschen, in der Güte des Straßenbaus, im Vorhandensein von
-Eisenbahnen neben glatten Kanallinien den Maßstab für Beurteilung der
-Gesittungshöhe des bewohnenden Volkes! Welch ein Abstand zwischen
-solchen Bildern des wimmelnden Menschen- und Güterverkehrs auf den
-nach einem Punkt zusammenstrahlenden Land- und Wasserwegen, wie sie
-sich um unsere Handels- und Industrie-Metropolen alltäglich darbieten,
-gegenüber den bloß vom Menschenfuß ausgetretenen zitterigen Wegen
-durch die unabsehbaren Grasfluren des tropischen Afrika, auf denen die
-schwarzen Träger in langem Karawanenzug nur einzeln hintereinander
-ihre armseligen Warenbündel dahinschleppen, oder gar gegenüber den
-Urwaldgründen im Gebiet des Amazonenstroms, wo sich noch heute wie seit
-grauer Vorzeit der braune Jäger seinen Weg immer von neuem mühsam durch
-das Dickicht bricht!</p>
-
-<p>Je mehr sich die wirtschaftliche Kultur eines Volkes hebt und je
-mehr sich dessen Zahl steigert, desto vielseitiger spiegelt das von
-ihm bewohnte Land seine Thätigkeit wieder, indem zuletzt wenig mehr
-übrig bleibt von dessen ursprünglichem Antlitz als das Relief des
-Bodens. Das großartigste Schauspiel fast urplötzlicher Umwandlung von
-Wildland in Kulturland haben uns im Laufe der Neuzeit Nordamerika und
-Australien geboten. Während noch im vorigen Jahrhundert das große
-Viereck der Vereinigten Staaten von heute im Ostdrittel bis über den
-Mississippi hinaus von prachtvollen, bunt gemischten Wäldern rauschte,
-im ebenen Mitteldrittel, das allmählich zum hochgelegenen Fuß des
-Felsengebirges ansteigt, ein Gräsermeer sich ausbreitete, das nur
-dem Wild zu statten kam, donnerartig durchdröhnt vom tausendfältigen
-Hufschlag der Büffel, und dann die kahle Hochlandwüste, die Stätte der
-ungehobenen Gold- und Silberschätze, folgte, bis an das pazifische
-Küstengebirge mit seinen riesigen Mamutbäumen und der noch völlig<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-toten herrlichen Hafenbai am Goldenen Thor, &mdash; da ist jetzt der
-Wald ungefähr wie bei uns in Deutschland auf etwa ein Viertel der
-Gesamtfläche eingeschränkt worden. Goldene Weizenfelder wogen an Stelle
-der Steppengräser, die größten Mais- und Baumwollenernten der Welt
-spendet der nämliche Boden, der vordem öde Wildnis war; aus zahllosen
-Gruben fördert man Eisenerz und Kohlen samt Erdöl an den Alleghanies,
-in deren Umgebung wahre Wälder von rauchenden Schornsteinen die
-Industriebezirke kennzeichnen; der centrale Riesenstrom ist gebändigt,
-daß er bis zum Meer die größten Flußdampfer gehorsam auf seinem Rücken
-dahingleiten läßt, das großartigste Netz von Eisenbahn- und Kanallinien
-verflicht das Mississippithal mit der atlantischen Küste wie mit den
-kanadischen Seen, wo Chicago als ein Seehafen mit Weltverkehr mitten
-im Kontinent zu einer Millionenstadt erwuchs; selbst durch die vorher
-in Todesschweigen liegenden Jagdgründe der Indianer des fernen Westens
-zieht das Dampfroß schrillen Pfiffs seine transkontinentale Eisenstraße
-zum wirtschaftlichen Zusammenschmieden der früher kaum sich kennenden
-atlantischen und Südseefront; die weiße Kalkwüste am blauen Salzsee
-von Utah ist durch künstliche Bewässerung in ein grünes Gartengefilde
-verwandelt, Nevada nebst Kalifornien schütten ihre Milliarden aus, wo
-vorher kaum ein paar streifende Horden von Rothäuten ein kümmerliches
-Dasein fristeten; San Francisco erstand in 50 Jahren aus dem Nichts
-zur stolzen Königin der Westküste, ein strahlendes Gegenüber zu New
-York, der merkantilen Beherrscherin des Ostens, dieser volkreichsten
-Stadt der Welt nächst London, wo vormals an der Hudsonmündung die
-Wigwams eines Indianerdörfchens standen. Noch rascher, erst seit 1788,
-ist Australien aus einer gottvergessenen Armutsstätte des Hungers und
-Durstes, ohne einen Getreidehalm, ohne Fruchtbäume und Melktiere, ja
-bis auf die spärlichen Känguruherden fast auch ohne jagdbares Wild,
-durch englische Thatkraft umgestaltet worden zu einer beneidenswerten
-Schatzgrube von Reichtümern aller drei Naturreiche. Klassisch wurde
-daselbst die graue Theorie, der zufolge die Geschöpfe vom Schöpfer
-selbst überall da heimisch gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> seien, wo sie fortzukommen
-vermöchten, durch die frische That der Versuchs widerlegt. Alle unsere
-Getreide- und Obstarten wie unsere Nutztiere gedeihen vortrefflich
-unter dem australischen Himmel; an Stellen, die dem Australschwarzen
-nicht mit einem Tropfen Wasser die Zunge lechzten, hat Moseskunst
-Quellen angeschlagen oder sammeln tief ausgebrochene Felscisternen
-die Regenwasser umgebender Höhen, um jene ungeheuern Schafherden
-zu tränken, deren Vließ im Trockenklima Australiens so seidenweich
-auswächst, daß die Squatter bereits heute dort vom Schafesrücken
-eine größere, vor allem aber eine ungleich dauerndere Einnahme sich
-gesichert haben als Goldwäscher und Goldgräber. Dieser einzige Erdteil,
-der bis vor etwa 113 Jahren keine Stadt, ja kein Dorf trug, ist nun
-mit blühenden Ortschaften übersät, ja sein Melbourne ist analog, aber
-noch schneller und höher emporgekommen wie San Francisco, denn diese
-vornehme Kapitale der Südhemisphäre gleicht Rom an Bewohnerzahl und
-wird Dank seiner unvergleichlichen Hafenbai die Haupthandelspforte
-Australiens bleiben, wenn längst auch die letzte Goldader Viktorias
-ausgebeutet worden.</p>
-
-<p>Hatte der europäische Ansiedler dem amerikanischen Boden vieles von
-daheim mitgebracht, vornehmlich den Weizen und das Pferd, dazu Rind,
-Schaf, Schwein, Esel, Ziege, aus Asien den Kaffeebaum, so bekam also
-Australien überhaupt erst durch die Kolonisten sein Kulturgewand
-angethan, und zwar ein so gut wie ganz europäisches. Doch auch
-unsere Ostfeste hat nicht ganz unähnliche Verwandlungswunder in
-seiner Kulturscenerie erlebt. Javas Bedeutung für den Welthandel
-beruht fast allein auf dem Massenertrag an ursprünglich ihm fremden
-Erzeugnissen; der immergrüne Pflanzenteppich seines Kulturlandes,
-wie er sich über die Niederungen zu Füßen seiner alpenhohen Vulkane
-und über die Unterstufe seiner Gebirge ausbreitet, besteht neben
-dem seit alters einheimischen Reis aus Zuckerrohr vom indischen
-Festland, aus Tabakstauden von der Habana, aus dem Theestrauch
-Ostasiens, dem ursprünglich nur afrikanischen Kaffeebaum und den
-herrlichen Cinchonen Perus, die uns in ihrer Rinde das fieberbannende
-Chinin schenken. Die nächst Java ertrag<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>reichste Tropeninsel Asiens,
-Ceylon, büßte unter der Hand seiner englischen Herren das prächtige
-Urwaldkleid seines Südgebirges großenteils ein, um in unseren Tagen
-sogar zweimal umgekleidet zu werden: zuerst überzog man den gerodeten
-Waldboden mit lauter Kaffeepflanzungen und nun aus Furcht vor dem
-verheerenden Blattpilz mit lauter Theepflanzungen. Wer könnte sich
-die Sahara heute ohne das Kamel denken? Gleichwohl ist dieses für
-die große Wüste wie geschaffene Tier erst durch den Menschen dorthin
-eingeführt worden; man erblickt es nirgends unter den mannigfaltigen
-Tierbildern Ägyptens aus der Pharaonenzeit, es scheint vielmehr
-den Ägyptern bis zur Ptolemäerzeit ganz fremd geblieben zu sein
-und hat seinen das Verkehrswesen Nordafrikas umgestaltenden Einzug
-in die ganze Sahara und darüber hinaus sicher erst im Gefolge der
-Ausbreitung des Islam bis in den Sudan gehalten. Religionen sind
-auch sonst bei der Metamorphose des landschaftlichen Kulturbildes
-mehrfach mit beteiligt gewesen, nicht allein durch bauliche Anlagen
-wie Moscheen mit schlanken Minarts, Pagoden und Buddhistenklöstern,
-die geradeso wie christliche Wallfahrtskirchen und Klöster aus einem
-tief im Menschenherzen begründeten Zug die Berggipfel suchen, wo sie
-dann landschaftlich um so bedeutender wirken; und was wäre uns die
-Ebene am Niederrhein ohne den Kölner Dom, die oberrheinische Ebene
-ohne Straßburgs Münster? Um uns aber bewußt zu werden, wie Religionen
-z.&nbsp;B. unmittelbar eingriffen in die vegetativen Landschaftstypen,
-brauchen wir nur dessen zu gedenken, daß die Weinpflanzungen überall
-zurückwichen, wo Mohammeds puritanisches Nüchternheitsgebot erschallte,
-selbst in dem einst so weinreichen Kleinasien, das Christentum
-hingegen den Anbau der Rebe nach Möglichkeit förderte, schon um den
-Weihekelch des Abendmahls rituell zu füllen. Mit dem Athenakultus
-war der der Göttin heilige Ölbaum untrennbar verbunden; mit dem
-Apollodienst wanderte der Lorbeerbaum um das Mittelmeer. Die Verdienste
-gewisser Mönchsorden um den Wandel des finstern Waldes in lichtes,
-fruchttragendes Gefilde während des Mittelalters sind hoch zu preisen.
-Ja wir haben geradezu den<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> urkundlichen Beleg eines solchen Wandels
-immer vor uns, sobald uns nur bezeugt wird, daß zu bestimmter Zeit
-an dem betreffenden Ort ein Cistercienserkloster gegründet sei; denn
-das durfte nach der Ordensregel gar nicht wo anders geschehen als da,
-wo noch bare Wildnis den Anblick der Urzeit bot, damit alsbald dort
-mit Rodung, Entsumpfung, Anbau begonnen werde. Wo jetzt die Thüringer
-Eisenbahn uns so gemächlich durch die grünen Fluren des Saalthals an
-Weingeländen und hochragenden Burgruinen bei Schulpforta vorbei dem
-inneren Thüringen zuführt, kann beispielsweise im 12. Jahrhundert
-nur eine versumpfte Thalsperre bestanden haben, die zu umgehen die
-Fahrstraßen auf benachbarten Höhenrücken hinzogen, denn &mdash; die <span class="antiqua">Porta
-Coeli</span> ward damals als Cistercienserabtei angelegt. Gerade von
-ihr ist uns kürzlich durch einen hübschen geschichtlichen Fund die
-gärtnerische Bedeutung der alten Mönche in helles Licht gerückt werden;
-man verstand früher nie, warum in Frankreich der auch dort weit und
-breit geschätzte Borsdorfer Apfel <span class="antiqua">pomme de porte</span> heißt, &mdash;
-nun wissen wir den Grund: die fleißigen Mönche von Pforta hatten auf
-ihrem Klostergut Borsdorf unweit von Kamburg an der Saale eine neue
-feine Geschmacksvarietät einer kleineren Apfelsorte entdeckt und
-verteilten alsbald Pfropfreiser derselben an ihre Ordensbrüder weit
-über Deutschland hinaus, und nur die Franzosen bewahren zufällig durch
-den ihnen selbst nun unklar gewordenen Herkunftsnamen pomme de porte
-die Erinnerung daran, daß die rotbäckigen Borsdorfer alle Nachkommen
-sind von Stammeltern, die in einem stillen Klostergarten an der
-thüringischen Saale gewachsen.</p>
-
-<p>Ganz Europa ähnelt einem Versuchsfeld, auf dem nützliche Gewächs- und
-Tierarten gezüchtet wurden, um sie dann mit dem alle übrigen Erdteile
-durchflutenden europäischen Kolonistenstrom nach systematischer Auslese
-auch dort einzubürgern, wo es die geologische Entwicklung nicht hatte
-geschehen lassen. Nicht <em class="gesperrt">ein</em> Erdteil wird vermißt unter den
-Darleihern von Zuchttieren, Nutz- oder Ziergewächsen an Europa. Am
-schwächsten ist Afrika vertreten, nämlich bloß mit Schmuckpflanzen wie<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-Calla und Pelargonien; Australien schenkte uns in seinem Eucalyptus
-einen kostbaren raschwüchsigen Baum, der durch die energische
-Saugthätigkeit seines mächtig ausgreifenden Wurzelwerks u.&nbsp;a. in den
-pontinischen Sümpfen Wunder thut zur Austrocknung des Bodens, zur
-Vernichtung des Fiebermiasmas; Amerika verdanken wir den Truthahn,
-die Tabakpflanze, den Mais, vor allem aber die Kartoffel, ferner
-die eigenartig fremdländische Staffage der Mittelmeerländer: Agave
-nebst Opuntie; am meisten jedoch spendete uns Asien, mit dem Europa
-zufolge seines breiten Landanschlusses im Osten sowie der bequemen
-Schiffahrt über das Mittelmeer stets im engsten Bunde gestanden hat
-durch Wanderungen der Völker und durch Warenaustausch. Jeder Hühnerhof
-stellt eine asiatische Geflügelkolonie dar, innerhalb deren nicht
-selten der Pfau eine echt indische Farbenpracht entfaltet. In vor- oder
-doch frühgeschichtliche Zeitfernen reicht die Einführung des Weizens
-und der Gerste aus Asien, noch während des Altertums folgten Walnuß
-und Kastanie, Mandel, Pfirsiche und Aprikose, erst durch Lucullus
-die Kirsche. Oberitalien, vormals ein sumpfiges Urwaldgebiet rein
-europäischer Baumformen, ward zu einem prangenden Fruchtgefilde, wo
-hier asiatischer Reis, dort amerikanischer Mais blüht und aus China
-gekommene Seidenzucht tausend emsige Hände beschäftigt; nur die
-Weinrebe, die im Poland so reizend sich von Ulme zu Ulme schlingt,
-darf als alteuropäisches Eigengut gelten. Der Büffel, so heimisch
-er sich jetzt in den Donausümpfen Rumäniens wie in den Morästen
-am tyrrhenischen Gestade Italiens fühlt, ist doch erst im frühen
-Mittelalter durch Nomadenstämme aus Westasien zu uns gelangt. Das
-Land, „wo die Citronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“,
-ist Italien noch in Cäsars Tagen nicht gewesen, ja die Apfelsine,
-die schon durch ihren Namen „Apfel von Sina“ ihre chinesische Heimat
-verrät, wurde sogar erst durch die portugiesische Kauffahrtei des 16.
-Jahrhunderts über Südeuropa ausgebreitet.</p>
-
-<p>Allein, um den Landschaftswandel durch Menschenhand zu gewahren,
-brauchen wir uns gar nicht im Geist ans blaue<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> Mittelmeer zu versetzen,
-etwa nach Sizilien, dieser Lieblingsstätte der Ceres, wo man nun nicht
-mehr bloß Weizen, Wein und Oliven wie vor Alters erntet, sondern ganze
-Schiffsladungen von Hesperidenäpfeln von Palermo nach Nordamerika und
-halb Europa verfrachtet, den Opuntienkaktus die Etnalava in fruchtbaren
-Humusboden verwandeln und gleichzeitig dem armen Volk eine billige,
-labende Frucht schaffen läßt, &mdash; nein, unser eigenes Vaterland
-offenbart uns das eindringlich genug.</p>
-
-<p>Als Tacitus seine Germania verfaßte, gab es zwar im römischen
-Provinzialgebiet links vom Rhein, an Donau und Inn, auch im Zehntland
-zwischen Donau und süddeutschem Rhein schon mannigfachen Anbau; auf den
-Schieferfelsen längs der Mosel und des norddeutschen Rheins pflegte man
-bereits die Rebe, auf Donau und Inn schwammen Getreideschiffe, wenn
-auch der Bodenanbau sich mehr an die Thalweitungen der Ströme hielt,
-sonst meist nur eine lichte Oase im Dunkel des Waldes bildete, etwa um
-ein einsames Römergehöft, angeschmiegt an einen sonnigen Thalhang mit
-Auslage gen Süden. Dort im Donausüden und im rheinischen Westen bewegte
-sich schon reger Verkehr auf den für den festen Tritt der Legionen
-solid gebauten Römerstraßen; auf dem Markt der vindelicischen Augusta,
-des heutigen Augsburg, trafen sich die verschiedensten Volksstämme,
-man redete in germanischer, keltischer, römischer Sprache; Mainz war
-ein wichtiger Waffenplatz, im freundlich mit Weingärten und Obsthainen
-umschmückten Thalkessel von Trier schlugen gelegentlich römische Kaiser
-ihren Sitz auf, um von wohlgeschirmter Stelle aus die Rheingrenze gegen
-Freigermanien zu überwachen. Aber eben dies Land der freien Germanen
-lag noch überwiegend im Waldesschatten, der nur von weiten Moorflächen
-und wohl auch stellenweise von offenem Wiesenland unterbrochen wurde,
-wo leicht austrocknender Lößboden den Waldwuchs weniger begünstigte als
-den von Gras und Kraut. Städte sah man gar keine, kaum geschlossene
-Dorfschaften, gewöhnlich bloß verstreute Blockhäuser, um sie her
-wohl etwas Feld, grasende Kühe, Schafe oder Ziegen, ein grunzendes
-Schwein, von Eichelmast genährt, aber keinen Baum<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>garten. Holzäpfel
-und Holzbirnen brach man sich aus dem nahen Wald, der in malerischem
-Durcheinander Laub- mit Nadelholz mischte; die schöne Eibe war an ihrem
-dunkelgrünen Wipfel schon von weitem erkennbar neben dem helleren Grün
-der Fichte oder der Kiefer; Eichen und Buchen walteten unter den nur
-sommergrünen Waldbäumen vor, aber auch Lindenbestände mengten sich
-ein, auf den Gebirgshöhen turmhohe Edeltannen. Bär und Luchs lauerten
-im Dickicht, in dem die wilde Taube gurrte und über dem krächzende
-Raubvögel ihre Kreise zogen; der Wolf ging auf Beute aus, fiel auch
-wohl weidende Wildpferde an; Wildschweine durchwühlten das Erdreich,
-neben Hirsch und Reh sah man das Elen mit seinem Schaufelgeweih das
-Geäst der Bäume und das Gestrüpp des Unterholzes geräuschvoll zur
-Seite drängen, um sich Bahn zu schaffen; in kleinen Gruppen durchzog
-das Geschwister des amerikanischen Bison, der Wisent, Niederungs- wie
-Bergwald, in größeren Herden weideten Renntiere die grauen Flechten
-des Waldbodens ab; an den morastigen Flußufern führten Biber ihre
-Wasserbauten auf im Schatten von Erlen, Eschen und Zitterpappeln.</p>
-
-<p>Heute würde Tacitus sein Germanenland kaum wiedererkennen. Der
-Deutsche ist nicht mehr bloß Jäger und Viehzüchter mit nebensächlichem
-Feldbau, seine weit intensiver gewordene Arbeit gehört dem Ackerbau
-und der innig mit ihm verknüpften Viehhaltung, dem Gewerbe bis zur
-Großindustrie, dem Bergwerksbetrieb, dem Handel und der Schiffahrt. Das
-kündet Deutschlands Antlitz mit der nahezu die Hälfte der Bodenfläche
-einnehmenden Feldflur, den zur menschlichen Nutzung regulierten
-Flüssen, der Fülle von Städten, den Fabrikschornsteinen und Hochöfen,
-den See- und Stromhäfen, den Leuchttürmen und Deichbauten längs der
-Küstenlinie, dem umfassendsten Eisenbahnnetz in ganz Europa. Nur
-annäherungsweise haben sich Reste altgermanischer Landschaft noch
-erhalten auf den höchsten Zinnen unserer Gebirge und in den Mooren,
-soweit diese noch nicht der Brandkultur unterworfen wurden, oder durch
-Abtragen des Torfes bis zum festen Untergrund einer<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> am Kanalgezweig
-in sie eindringenden Fehnkolonie den Platz räumten. Der Urwald ist,
-wo man ihn nicht durch Feuer oder Axt zerstörte, zum Forst geworden,
-also zum Kunstwald, der in eintönig gleichmäßigen Beständen solche
-Holzarten enthält, die rasch wachsen und gut bezahlt werden. Darum hat
-besonders auf unseren Gebirgen die Fichte die Vorherrschaft erlangt,
-die hauptsächlich unser Bauholz liefert; selbst die stolzen Edeltannen,
-von denen einige Patriarchen am obersten Schwarzathal noch aus der
-Stauferzeit stammen mögen, finden wegen ihres langsamen Aufwuchses
-keine Gnade bei der Forstverwaltung. Die Eibe treffen wir sogar meist
-nur noch als seltenes Relikt der Vorzeit an schwerer zugänglichen
-Stellen, so an der jähen Granitwand des Harzes, die vom Hexentanzplatz
-zur Bode abfällt; sie wächst erst recht langsam nach und erlag daher,
-allzu viel geschlagen wegen ihres für Schnitzerei trefflich geeigneten
-Holzes, bei uns wie in Skandinavien frühzeitig allmählicher Ausrottung.
-Renntier und Wisent verschwanden aus Deutschland schon während des
-Mittelalters, das Elen hält sich nur noch in ein paar preußischen
-Forsten unseres äußersten Nordostens, das mäßig große Wildpferd wird
-zuletzt in der Reformationszeit am Thüringerwald erwähnt, Wolf und
-Bär wurden in den Folgejahrhunderten ausgerottet, vom Biber führt ein
-kleines Häuflein an der untersten Mulde und in dem benachbarten Stück
-des Elbthals oberhalb Magdeburg ein beschauliches Dasein, anderwärts
-sind dem merkwürdigen Nager unsere Gewässer durch Befahrung und
-industrielle Anlagen zu unruhig geworden.</p>
-
-<p>Unsere flüchtige Überschau hat ergeben, daß sich der umgestaltende
-Eingriff des Menschen in die Naturwildnis teils richtet auf Veränderung
-der Pflanzen- und Tierwelt je nach dem Bedarf seiner vornehmlichen
-Beschäftigung, teils auf Ausführen von Wege-, Wasser- und Hochbauten.
-In beiden Richtungen stellt sich die Wasser- und die Waldfrage in den
-Vordergrund. Bei beiden wollen wir noch einen Augenblick verweilen.</p>
-
-<p>In der Wüste schafft sich der Mensch Kulturboden, indem er den in
-lichtloser Tiefe schlummernden Wasservorrat durch artesische Bohrung
-an die Oberfläche herauffördert, um bald im<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> Schatten von Dattelhainen
-zu wandeln, wo sonst der Verschmachtungstod drohte. Im amphibischen
-Sumpfgelände gilt es im Gegenteil des Übermaßes von Wasser sich zu
-entledigen, um dann mitunter den allerfruchtbarsten Boden zu gewinnen.
-Letzteres war der Fall in Ägypten; in der Deltaflur des Nil war nicht
-zu leben als Fischer, Jäger oder Hirt, nur als seßhafter Ackerbauer,
-dann aber auch in hohem Wohlstand und wachsendem Volksgewimmel, das zur
-Arbeitsteilung, folglich zu hoher Kultursteigerung führte. So zogen
-die Altägypter den Kulturboden durch Entwässerung und Dammbauten aus
-dem Nilschlamm empor und schufen die eine Hauptwurzel der nachmals in
-Europa ausgestalteten Weltkultur. Die andere Hauptwurzel leitet weiter
-hinaus in das Mündungsland des Euphrat und Tigris. Hier ward in ganz
-ähnlicher Weise Kulturboden als Grundlage erstaunlich früh gesteigerter
-Menschheitsgesittung dem Sumpfdelta der beiden Zwillingsströme
-enthoben. Aber der ältere, darum höher an den Flüssen hinauf gelegene
-Deltaboden lag doch schon zu hoch über dem Stromspiegel, er wurde
-deshalb nicht mehr vom Hochwasser erreicht wie der am ägyptischen Nil,
-man mußte das Wasser durch Schöpfwerke emporheben und in zahlreiche
-Kanäle leiten, die zugleich der Schifffahrt wie der Felderbefruchtung
-dienten. Das war es, was das uralte Sumeriervolk und seine Nachfolger
-in diesem Deltaland, die Chaldäer, zu weit mühevollerer Leistung
-stachelte als die Ägypter. Indessen eben weil dieser Kulturboden von
-keinem Nil alljährlich von selbst getränkt und gedüngt wird, verlor
-er seine Erzeugungskraft, als der gedankenöde, die Thatkraft lähmende
-Kismetglaube des Islams das Leichentuch über das Land breitete.
-Babylonien versank in den Wüstenzustand; trauernd blickt der Birs
-Nimrud, der einzige turmartige Trümmerrest Babels, dieser größten
-Stadt des Altertums, auf eine sonnendurchglühte Ebene, der nun das
-Wasser fehlt, das einst die Heidenvölker so schaffensfroh heraufholten.
-Hier also harrt eine seit mehr denn tausend Jahren erstorbene
-Kulturlandschaft ihrer Auferstehung, sobald nur das rechte Volk kommt.
-Glorreicher erscheint darum die Bezeugung menschlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> Macht über
-rohe Naturgewalt in den Niederlanden, weil da noch zur Stunde das
-Siegeswort Wahrheit spricht: „Gott schuf das Meer, der Bataver aber den
-festen Wall der Küste.“ Wo einst die nordwestlichsten Deutschen, die
-Chauken, ein kaum menschenwürdiges Dasein fristeten, täglich zweimal
-zur Flutzeit vom einbrechenden Meer umgarnt, daß sie wie Schiffbrüchige
-in ihren auf künstlichen Hügeln erbauten Hütten als Flüchtlinge lebten,
-da hat der goldene Reif des Deichbaus, den ihre Nachkommen aufführten,
-fette Wiesen, besten Ackerboden in dessen Schutz gewinnen lassen, und
-Hunderte von Kanälen durchziehen wie weiland Babylonien zur Be- und
-Entwässerung das gesegnete Gefilde, aus dem man künstlich das Wasser
-zum Meer geleiten muß, denn reichlich ein Viertel der Niederlande,
-der ganze Raum von der Südersee bis zur Schelde, liegt tiefer als
-der Meeresspiegel. Dies ganze Land ist mithin echtester Kulturboden
-sogar seinem Ursprung nach, ihn hat der Mensch nicht meliorierend
-umgeschaffen, sondern erschaffen, dem Meere abgerungen.</p>
-
-<p>Schulter an Schulter mit den Niederländern haben wir auch auf deutschem
-Boden den Deichbau zur Wehr gegen die anstürmende Nordsee ausgeführt,
-am Dollart unterseeische Polder erworben und innere Landeroberungen
-durch Urbarmachen der Moore, Trockenlegung von Sumpfstrecken erzielt;
-ja Friedrichs des Großen Trockenlegung des Oderbruchs steht auf
-ähnlicher Höhe wie diejenige des Haarlemer Meeres, die neuerdings
-18000 Hektar ausgezeichneten Fruchtbodens lieferte, die Heimstätte
-von zur Zeit 14000 zu ansehnlichem Wohlstand gelangten Holländern. In
-den deutschen Mittelgebirgen, deren Begehung vielfach durch Torfmoore
-erschwert wurde, hat der Abstich letzterer freilich die Wasserkraft der
-aus ihnen gespeisten Bäche beeinträchtigt, denn jene gaben vorzügliche
-Reservoire ab für den Niederschlag: Regen- wie Schmelzwasser speicherte
-sich in ihnen wie in einem Schwamm auf und erhielt die Gewässer selbst
-bei Trockenheit und Hitze stark. Mancher unserer Gebirgsbäche, der
-jetzt zur Sommerzeit nur als dünner Wasserfaden durch sein Felsenthal
-niederrieselt, hat noch vor wenigen Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>hunderten selbst unweit seines
-Ursprungs rastlos die Räder von Sägemühlen getrieben.</p>
-
-<p>Eben in dieser Wasserökonomie haben wir nun auch die Hauptbedeutung
-des Waldes zu erkennen. Daß Entwaldung stets zum Niedergang eines
-Landes führen müsse, kann man allerdings nicht zugeben. Das hängt ja
-ganz von seiner Naturbegabung ab. Die britischen Inseln sind durch
-ihre Bewohner zum waldärmsten Glied des europäischen Körpers geworden
-und trotzdem eins der regenreichsten geblieben, weil ihnen der Südwest
-vom Golfstrom her Regenwolken in Fülle zutreibt, gleichviel ob diese
-Wälder antreffen, oder irische Viehtriften, englische Feldflur und
-Parklandschaft. Waldrodung ist in jedem Waldland die unerläßliche
-erste Kulturthat des Ansiedlers, denn er braucht geklärten Boden zu
-Hausbau wie Aussaat. Indessen wehe dem Volk, das ohne Verständnis für
-die Eigenart seiner Heimat vermessen antastet dessen Waldmitgift!
-Wie wir jetzt in Deutsch-Südwestafrika dazu schreiten, das Beispiel
-der Australengländer zu befolgen, den bisher nutzlos verlaufenden
-Wasserschatz sommerlicher Platzregen vorsorglich zu sammeln in
-Cisternen oder Stauteichen, daß er der Viehzucht wie dem Landbau zu
-gute komme, so beschirmt die Mutter Natur in glücklicher ausgestatteten
-Erdräumen das als Regen oder Schnee vom Himmel bescheerte Wasser durch
-das grüne Dach des lieben Waldes gegen zu rasche Verdunstung, gegen
-verheerenden Ablauf zumal im Gebirge. Frankreich, noch weit schlimmer
-die südlicheren Länder ums Mittelmeer, bezeugen, was geschieht, wenn
-zufolge fahrlässiger Waldverwüstung das Naß nicht mehr im schattigen
-Wald niedertropft auf moosigen Boden, um entlang den Baumwurzeln wie
-in tausend Kanälchen ins Erdreich zu sickern, Quellen nährend. Wo sind
-sie hin die schiffbaren Flüsse der Apenninen-Halbinsel zur Römerzeit?
-Im Süden vielfach zu tobsüchtigen Fiumaren geworden, liegen sie in
-der regenarmen Sommerzeit trocken, reißen dagegen bei winterlichen
-Gewittergüssen wie mit den Krallen eines Ungeheuers immer neue,
-immer tiefere Risse in die nackten Felswände, von denen die für den
-Pflanzenwuchs so nötige Verwitterungskruste<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> krumiger Erde durch
-das nämliche Unwetter hastig in ihr Bett entführt wird, bloß zur
-Versumpfung der Niederung, zur Verstopfung der Flußmündung. So ist aus
-dem Land, da Milch und Honig floß, das skelettartig kahle Palästina
-geworden; das Fett des Bodens, besonders die kostbare Roterde, die
-aus der oberflächlichen Auflösung des palästinensischen Kreidekalks
-durch den Regen zurückblieb und in der Terrassenkultur der Israeliten
-sparsamst bewahrt blieb, mußte beim Verfall pflegsamer Bodenbehandlung,
-beim Abhieb der immergrünen Eichenhaine, von denen die Bücher des alten
-Bundes melden, der bleichen Steinwüste weichen.</p>
-
-<p>Stets sind die Länder das, was ihre Völker aus ihnen machen. Das
-Aussehen jener verkündet untrüglich den Grad der Werkthätigkeit dieser.
-Immer höher klimmt der Mensch empor, die Natur seiner Umgebung in
-seinen Dienst zu zwingen und seine Herrschaft ums ganze Erdenrund
-auszudehnen. Boden wie Wasser sind beide längst die Schemel seiner
-Macht, und sie werden es von Tag zu Tag mehr. Aus der mechanischen
-Kraft des Flußgefälles holen wir uns elektrisches Licht, Triebkraft
-für unsere Maschinen und übertragen sie vom Gebirge in die Niederung.
-Hier versetzen wir gewissermaßen Gebirge, dort tunnelieren wir sie; wir
-durchstechen Landengen und lassen im künstlich erschlossenen Wasserweg
-Meere sich verbinden, wo es unser Verkehrsbedürfnis erheischt. Ja wir
-lassen auf Schienen- wie Dampferlinien die irdischen Fernen in der
-Praxis mehr und mehr sich kürzen, wir heben sie völlig auf in der
-Telegraphie.</p>
-
-<p>Aber es ist nicht wahr, daß der Fortschritt der Kultur den Menschen
-loslöst von der mütterlichen Erde; nein, sie verknüpft ihn nur immer
-inniger und umfassender mit ihr. Wir fühlen uns immer heimischer auf
-dieser Erde, immer glücklicher in der Verwertung ihrer Güter, ihrer
-Kräfte, stets jedoch bleibt sie das Grundmaß menschlichen Schaffens.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="V_Geographische_Motive">V.<br />
-
-Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
-
-<p>Wir gebrauchen das romanische Lehnwort „Nation“ nicht gleichbedeutend
-mit dem viel allgemeineren Ausdruck „Volk“. Volk bedeutet uns keinen
-recht bestimmten Begriff: „Viel Volks“ brauchen wir in dem nämlichen
-Sinn wie „eine Menge Menschen“. Die Bewohner jeder Thalung, jeder
-Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir im zusammenfassenden
-Sinn „Volk“ nennen, selbst wenn sie von ihren Nachbarn nicht oder kaum
-verschieden sind. Auch Nationen sind Völker, indessen nicht jedes Volk
-ist uns eine Nation. Es giebt keine hamburgische, württembergische,
-sächsische oder preußische Nation, wohl aber eine deutsche,
-französische, russische; etwa auch eine belgische und niederländische,
-eine schweizerische oder österreichische?</p>
-
-<p>Schon bei dieser Frage stutzt man. Die Österreicher wird nicht
-leicht jemand eine Nation nennen; den meisten wird das auch schwer
-ankommen bei den ihrer Abkunft und Sprache nach ganz und gar deutschen
-Holländern, vollends bei den Belgiern und Schweizern mit ihrer teils
-deutschen, teils romanischen Muttersprache. Wir ertappen uns auf
-großer Unsicherheit, wenn wir die Frage beantworten sollen: machen die
-Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika eine Nation aus? Viele
-werden das verneinen mit dem Hinweis darauf, daß diese Nordamerikaner
-doch nur ein Gemisch aus den verschiedensten Völkern Europas und
-Afrikas darstellen. Können indessen nicht aus der Verschmelzung von
-recht unverwandten Völkern Nationen geboren werden? Ist nicht die
-chinesische hervorgegangen aus der Vermischung der aus Innerasien
-vormals an den Huangho hinabgezogenen Urchinesen mit einer Menge ihnen
-von Haus aus fremder Vorbewohner Nordchinas und vollends Südchinas,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> wo
-noch bis zur Zeit des zweiten punischen Krieges keine Chinesen hausten
-und wo bis zur Stunde Reste unchinesischer Stämme zu Hunderttausenden
-von Köpfen weiterleben? Zeigt uns die russische Nation nicht noch in
-der Gegenwart ganz den nämlichen Umschmelzungsvorgang durch Aufgehen
-finnischer wie türkischer Völker im alles aufschlürfenden Russentum?
-Ist nicht geradezu jede Nation ohne Ausnahme ein Mischungserzeugnis?</p>
-
-<p>Keiner braucht sich zu schämen, wenn er bekennen muß, über solche
-Skrupel sich noch nicht recht klar geworden zu sein. Beweisen doch zwei
-unserer größten Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wie völlig
-gegensätzlich sogar man damals noch über den Sinn des Wortes Nation bei
-uns dachte. <em class="gesperrt">Schiller</em> ruft in einem Distichon aus:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Zur Nation euch zu bilden,</div>
- <div class="verse">Ihr hofft es, Deutsche, vergebens!“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Und gleich nachher, als Deutschland dem korsischen Sieger zu Füßen
-lag, hielt <em class="gesperrt">Fichte</em> unter dem Trommelgetöse einer französischen
-Besatzung zu Berlin unter den Linden seine Flammenreden „an die
-Deutsche Nation“!</p>
-
-<p>Schiller meinte unter Nation offenbar eine im National<em class="gesperrt">staat</em>
-geeinte Volksschar, Fichte dagegen hatte den Mut, selbst im zeitweilig
-niedergetretenen, staatlich völlig zersplitterten Deutschtum
-die nationale Kraft der Gemeinsamkeit anzurufen in prophetisch
-zuversichtlichen Worten, als hätte ihn die stolze Ahnung erfüllt, daß
-eben in mannhafter Gegenwehr gegen den französischen Erbfeind das
-deutsche Volk sich dermaleinst den nationalen Staat erkämpfen werde!</p>
-
-<p>Aber es dünkt doch sehr an der Zeit zu sein, daß wir den Begriff
-„Nation“ in befriedigender Klarheit erfassen, weil er eine so mächtige
-Rolle im täglichen Leben spielt und bei seiner ursprünglichen
-Mehrdeutigkeit leicht als bestrickende Parteiparole von den
-verschiedensten Seiten mißbraucht werden kann. Man denke nur an die
-antisemitische Bewegung, an die mörderischen Kriege, die unter dem
-Vorwand der Nationeneinung im vorigen Jahrhundert geführt wurden!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>Kein Zweifel freilich, daß das lateinische Wort <span class="antiqua">natio</span> einen
-Volksstamm bezeichnet, der zufolge gemeinsamer Abkunft seiner Glieder
-sich gleich zeigt in Aussehen und Sprache, in Brauch und Sitte. Jedoch
-die Geschichte lehrt, daß keine Nation eine solche natio, eine solche
-genealogische Einheit darstellt. Jede im Gegenteil gleicht einem Strom,
-der aus um so zahlreicheren Quellen sein Gewässer mischt, je gewaltiger
-er im Lauf zum Meere hin anwächst. Gleich <em class="gesperrt">sein</em> von jeher dichten
-nur oberflächliche Beurteiler den Nationen an; gleich <em class="gesperrt">werden</em>
-aber ist allerdings ihr unablässig betriebenes Werk. Eben weil
-Nationen sich in stets lebendigem Fluß befinden, ist es so verkehrt,
-doktrinär aprioristisch von einer starren Definition für den in Rede
-stehenden Begriff auszugehen und nachher schulmeisterlich zu Gericht
-zu sitzen, um alle diejenigen Völker als Nichtnationen abzuweisen,
-die dem im voraus festgestellten Begriff sich nicht fügen. Das ist
-regelmäßig der Fehler einseitig urteilender Historiker, Sprachforscher,
-Anthropologen oder Staatsrechtslehrer. Da sagen die einen: die
-Stammeseinheit macht die Nation. Nun dann wären Engländer und Deutsche
-nicht zwei Nationen, sondern nur eine, denn die Angelsachsen waren
-rein deutsch und mischten sich auf britischem Boden nicht viel mehr
-mit Kelten als unsere Vorfahren auf süddeutschem Boden, den doch bis
-zum Beginn unserer Zeitrechnung ausschließlich Kelten inne hatten,
-was noch heute daran ersichtlich wird, daß die Süddeutschen weit
-häufiger dunkel von Auge und Haar sind als die Norddeutschen. Andere
-behaupten: die Sprachgleichheit sei der richtige Ausweis nationaler
-Zusammengehörigkeit. Aber dann gehörten ja Engländer und Nordamerikaner
-zu einer und derselben Nation, ebenso Dänen und Norweger, die ja
-nach Sprache wie Abkunft völlig eins sind. Endlich heißt es: der
-<em class="gesperrt">Staat</em> erst macht ein großes Volk zu einer rechten Nation. Das
-hat gewiß mehr für sich, denn Niederländer wie Portugiesen, Schweizer
-wie Nordamerikaner haben sich erst durch Gründen eigener Staaten zu
-nationaler Selbständigkeit erhoben, ja sogar losgelöst von ihren
-stammes- und sprachverwandten Brüdern außerhalb der von ihnen gezogenen
-Staatsgrenze.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p>Die Niederländer sind reinblütigere Deutsche als die Reichsdeutschen
-selbst, ihr Holländisch ist eine niederdeutsche Mundart so gut wie
-das Platt der Gegend von Düsseldorf oder Köln. Nichts deutete bis
-gegen Ausgang des Mittelalters auf nationale Abkehr dieser für uns so
-wichtigen Rheindeltaflur vom deutschen Mutterland. Da bricht der Krieg
-aus gegen die spanische Zwingherrschaft. Wir lassen die Holländer
-in diesem echt deutschen Kampf um Nacken- wie um Glaubensfreiheit
-thöricht genug im Stich und &mdash; fertig steht ein niederländischer Staat
-von vollgültiger nationaler Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des
-schaffenden Lebens. Ein Aufschwung ergreift das Volk, ähnlich dem der
-Hellenen nach ihrem Obsiegen über den Koloß der Persermacht. Aus den
-friedlichen Bauern und Heringsfischern geht eine kühne Seefahrernation
-hervor, die eine Zeit lang die Hegemonie auf dem Weltmeer inne hat;
-man gewinnt in überseeischem Handel und Kolonialbesitz eine wahre
-Großmachtstellung, schafft in der nun zum Adel einer Schriftsprache
-erhobenen heimischen Mundart eine hochansehnliche Litteratur, eigene
-Kunstschulen und ein Gemeinwesen, das auch heute noch sein wieder
-zu friedlicher Arbeit in engerem Kreise zurückgelenktes Volk sich
-eines beneidenswert gleichmäßig verteilten Wohlstandes erfreuen läßt,
-durchaus nicht gewillt, die seiner Eigenart angepaßte Verfassung durch
-Eintreten in den deutschen Reichsverband preiszugeben. Ganz ähnlich
-Portugal! Auch hier regte sich durchaus kein Streben nach Loslösung
-aus dem so fest in sich geschlossenen iberischen Halbinselkörper bis
-ins 11. Jahrhundert; der lusitanische Wohnraum deckte sich gar nicht
-mit dem heutigen Portugal; ethnisch wie sprachlich war die Absenkung
-Hispaniens zur heute portugiesischen Westküste vom Kernland der Mitte
-nicht tiefer unterschieden wie dieses vom Ebroland oder vom fröhlichen
-Andalusien. Portugiesisch war von jeher bloß eine spanische Mundart,
-die man übrigens auch heute noch im spanischen Galicien spricht. Der
-Staat Portugal erst brachte den Umschwung. Begründet dadurch, daß
-König Alfons VI. seinem Eidam, dem ritterlichen Heinrich von Burgund,
-das Küstenland zwischen Minho und<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Doiro als selbständige Grafschaft
-überweist, wächst Portugal, Schulter an Schulter mit Kastilien, im
-siegreichen Kampf gegen die Mauren südwärts aus, bis ihm an der Küste
-Algarves das Meer eine natürliche Grenze setzt. Seit 1256 hat kein
-anderes Königreich so fest seine Grenze eingehalten wie Portugal, ein
-Beweis naturgemäßer Umgrenzung. Die nur auf portugiesischem Boden,
-nicht ins spanische Hinterland schiffbaren Flußstrecken bilden samt
-der Küstensee treffliche Verkehrsstraßen zu innigerem Zusammenschluß
-des seiner ganzen Natur nach Kastilien entgegengesetzten, weit hinaus
-ins Weltmeer blickenden Landes. Das gab dem Volk sein eigentümliches
-Gepräge und schied es samt seiner auch hier zur vornehmen
-Litteratursprache entwickelten Mundart national von Spanien.</p>
-
-<p>Doch wir blicken in die Frühepoche europäischer Gesittung zurück und
-vernehmen zwei merkwürdige Wahrsprüche der Geschichte über die gar
-nicht immer gleichmäßige Beziehung zwischen Staat und Nation. Die alten
-Griechen waren eine echte Nation in der wesentlichen Gleichartigkeit
-des Typus, der Sprache, der Sitte und Gottesverehrung, in ihrem stolzen
-Sichabsondern von allen übrigen Völkern, der Welt der „Barbaren“, im
-ruhmreichen Kampf zur Verteidigung ihrer nationalen Freiheit gegen
-den persischen Großkönig, indessen &mdash; nie brachten sie es zu einem
-nationalen <em class="gesperrt">Staat</em>. Die Römer hingegen erweiterten Schritt für
-Schritt ihre festgefügte Staatseinheit vom römischen Weichbild auf
-Latium, auf Italien, auf die ganze Länderkette rings um das Mittelmeer,
-und gleichwohl hinterließ dieser Römerstaat, als er in Trümmer sank,
-keine einige Nation, sondern bloß vereinzelte Ansätze zu abgesondert
-voneinander sich entfaltenden Nationalitäten.</p>
-
-<p>Ist somit doch nicht immer der Staat Grundlage oder Endziel nationaler
-Ausgestaltung, so führt uns wohl am sichersten ein Wink des berühmten
-Franzosen Ernst Renan der Lösung des Rätsels entgegen. In einem
-glänzenden Vortrag, den Renan in der Pariser Sorbonne am 11. März
-1882 über das Thema hielt: „<span class="antiqua">Qu’est ce qu’une nation?</span>“ &mdash; der
-Vortrag liegt längst auch gedruckt vor, blieb jedoch in Deutsch<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>land
-fast unbeachtet &mdash; weist derselbe alle bisherigen Versuche, den Begriff
-Nation zu erklären, mit meist durchschlagenden Gründen zurück und
-überrascht zum Schluß mit der ganz neuen Deutung: „Eine Nation ist eine
-große Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig
-für die Gesamtheit vollbrachter Thaten und auf das Einverständnis,
-auch künftig in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiterzuleben.“ Er
-ruft aus: „Die Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes
-Plebiscit.“</p>
-
-<p>Das kennzeichnet richtig die Nation als etwas in steter Entwicklung
-Begriffenes und legt das Schwergewicht mit Recht auf das thatkräftige
-Wollen. Thaten sind uns geradezu Berechtigungsnachweis dafür, daß
-eine Volksschar eine Nation ausmacht; eine herdenhafte Menschenmasse
-von Millionen und aber Millionen Köpfen, dabei so gleichartig, als
-stelle sie eine einzige Familie dar, wäre uns doch keine Nation, wenn
-sie thatenlos dahin vegetierte. Unklar bleibt nur bei Renan, worauf
-eigentlich dieser Wille der Zusammengehörigkeit beruht, aus dem die
-großen Thaten fließen. Vortrefflich eröffnet Renans Nationalbegriff
-die Perspektive auf die im gesunden Fortgang des nationalen
-Zusammenschlusses begründete Vollendung des letzteren, die Aufrichtung
-des nationalen Staates; denn nichts vermag besser den Willen der
-Absonderung von den Nichtgenossen zu verwirklichen als Abstecken einer
-möglichst gesicherten Staatsgrenze, nichts vermag andererseits den
-Willen des festen Zusammenstehens gründlicher in die That umzusetzen
-als das gesetzmäßig ausgebildete Pflichtensystem staatlicher
-Einrichtungen. Doch wenn wir fragen nach dem Urquell eben dieses
-Wunsches zusammenzuhalten, zu bethätigen das „alle für einen, einer für
-alle“, so läßt uns der geistvolle Franzose im Dunkeln. Er hellt dieses
-Dunkel auch nicht auf mit der Redewendung: „Eine Nation ist eine Seele,
-ein geistiges Prinzip.“</p>
-
-<p>Nein, das Wünschen und Wollen im bloßen Sinn subjektiven Beliebens
-führt gewiß nicht zu dauerndem nationalen Zusammenschluß. Es handelt
-sich um den objektiven Grund<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> des Wollens, und ich denke, wir entdecken
-ihn, wenn wir den Renanschen Satz geographisch vertiefen.</p>
-
-<p>Ist es an dem, daß vor allem der ausdauernde feste Wille des
-Zusammenhaltens in bewußtvoller Abkehr von den übrigen ein Volk zur
-Nation stempelt, so bilden z.&nbsp;B. die Schweizer entschieden eine
-Nation. „Wir <em class="gesperrt">wollen</em> sein ein einig Volk von Brüdern,“ so läßt
-der Dichter die Schweizer auf der Rütliwiese ihren Bund besiegeln.
-Ja, sie <em class="gesperrt">wollen</em> eins sein auch die Schweizer der Gegenwart, sie
-<em class="gesperrt">wollen</em> wie Brüder zusammenstehen, so deutlich auch die welsche
-Zunge im Südwesten und Süden, die deutsche Zunge im übrigen größeren
-Raum ihrer Eidgenossenschaft laut es künden, daß sie nicht von gleicher
-Herkunft sind. Und <em class="gesperrt">warum</em> wollen sie es? Weil sie ein und
-dasselbe Haus bewohnen, dies einzig schöne Haus von den Juraketten bis
-zu den firngekrönten Alpenhöhen, vom grünen Bodensee zum blauen See von
-Genf. Gar verschieden hat die Natur das Land ausgestattet. Wo im Südost
-die Alpen ragen, da thront naturgemäß die Sennerei; mit den Erträgen
-seiner Rinderzucht ist der Alpenschweizer auf das Hügelgelände des
-Nordwestens, auf die Molasseschweiz zwischen Jura und Alpen gewiesen,
-wo man Getreide und Obst baut, wo man Wein keltert. Schon damals, als
-die Melkbauern um den Vierwaldstättersee den urältesten, noch so eng
-umschränkten Eidgenossenbund gründeten, nahmen sie Luzern in ihn auf
-als ihren Marktort am Austritt der Reuß ins schweizerische Kornland. So
-klar erkannten sie, daß einem Dauer verheißenden Bund die materielle
-Wirtschaftsgrundlage nicht fehlen dürfe. Und dieser reale Grund,
-daß Alpen- und Molasseschweiz bei ihrer entgegengesetzten Begabung
-aufeinander angewiesen sind zu wechselseitiger Ergänzung, leitete den
-ferneren Ausbau der Eidgenossenschaft und hat bis zur Stunde diese
-Schweizer zusammengehalten. Das Bewußtsein solcher Zusammengehörigkeit
-aber erfuhr eine mächtige Steigerung durch äußere Widersacher: durch
-die habsburgischen Versuche, die alte Bauernfreiheit zu verkümmern,
-durch die blutigen Angriffe des eroberungslustigen Karl von Burgund,
-durch die Teilnahmlosigkeit des<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> Deutschen Reichs in jenen schweren
-Tagen der Gefahr. So lernten die Schweizer, daß, wenn sie Herr in ihrem
-hehren Hause bleiben wollten, sie treu zusammenstehen müßten ohne
-Unterschied der Abkunft, der Sprache, des Glaubens. Sie erwuchsen zu
-einer Nation und schufen sich zur Wahrung ihrer nationalen Güter den
-immerdar festesten Hort, den nationalen <em class="gesperrt">Staat</em>.</p>
-
-<p>Das Beispiel der Schweiz ist ein Typus für Nationalentwicklung
-überhaupt. Wie in einem klaren Spiegel schauen wir es da, daß leibliche
-Verwandtschaft und daher stammende Sprachgemeinschaft durchaus nicht
-unerläßlich sind zum Entfalten einer Nation, so gewiß sie imstande sind
-das machtvoll zu fördern, ferner daß der eherne Panzer der staatlichen
-Einheit gar sehr benötigt wird, ja unter Umständen unentbehrlich ist,
-den Körper der Nation zu schirmen; vornehmlich aber erkennen wir an
-dem Muster der Schweiz die bisher allzu sehr übersehene Bedeutung der
-wirtschaftlichen Faktoren in ihrer Bedingtheit durch die Landesnatur.</p>
-
-<p>In der Verkennung der leitenden Kraft dieser geographischen
-Einwirkungen liegt die Hauptschwäche der Renanschen Ausführungen.
-Er giebt zu, daß „die Geographie“ (er will sagen: die tellurische
-Beeinflussung) ihren gewichtigen Anteil habe an der Trennung von
-Nationen, indessen, nachdem er von der scheidenden Kraft der Gebirge,
-der verknüpfenden der Flüsse geredet hat (ohne des Meeres auch nur
-mit einem Wort gedacht zu haben), verkündet er: „Die Erde liefert
-doch nur die Unterlage, das Kampffeld für den Wettbewerb mit den
-Waffen oder in friedlicher Arbeit; der Mensch liefert die Seele.“ Und
-dann verflüchtigt er alsbald wieder den eben eingeräumten Einfluß
-geographischer Bedingnisse, indem er erklärt: „Eine Nation ist ein
-geistiges Prinzip, hervorgewachsen aus tiefen Komplikationen der
-Geschichte, eine geistige Familie, keineswegs eine durch den Bodenbau
-bestimmte Gruppierung.“</p>
-
-<p>Das letztere hat auch wohl noch niemals jemand behauptet. Staaten wie
-Nationen sind keine Naturerzeugnisse, sondern jedesmal Schöpfungen der
-Menschen. Es wäre jedoch<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> eine Verkennung thatsächlicher Verhältnisse,
-wollte man den Menschen so unumschränkt in seinen Neigungen und
-Willensäußerungen sich denken, daß er hierin von seiner irdischen
-Heimat gar nicht abhinge. Im Gegenteil, so gewiß im Pulsschlag des
-Lebens einer Nation Blutsverwandtschaft, Gleichheit von Sprache
-und Sitte, Glaubensgemeinschaft sehr wohl fühlbar sein kann, &mdash; am
-dauerndsten wie am allgemeinsten ruht doch die Vereinigung zu diesen
-umfassenden Volksgenossenschaften in dem Bewußtsein, daß man neben
-geistigen auch materielle Interessen gemein habe, die man darum mit
-geeinter Kraft zu vertreten habe. Und eben weil materielle Interessen
-am Boden zu haften pflegen, ist ein unlösbares Band geschlungen
-zwischen einer Nation und ihrem Wohnraum. Geschichtliche Strömungen
-mögen bald diese, bald jene Länder national verknüpfen, aber vom
-Boden losgelöste Nationen hat es nie gegeben. Mag eine Nation ihre
-Stätte wechseln, oder mag sie wie die russische in Sibirien ihren
-Wirkungsraum auf benachbarte, ganz neue Lande ausdehnen, stets wird
-sie sich dem neugewonnenen Boden innig vermählen, geistig ebenso wie
-durch Anbau, Handel und Gewerbe, Verkehrs- und Staatseinrichtungen.
-Das militärische Schutzbedürfnis kann sogar Hauptgrund werden für eine
-Nation, etwa ein zeitweilig außerhalb ihrer Staatsgrenze gelegenes
-Gebiet zu besetzen. Wir Deutsche haben „aus nationalem Interesse“ das
-Elsaß nebst Deutsch-Lothringen für uns reklamiert, nicht weil dort uns
-abtrünnig gemachte Volksgenossen wohnten oder weil diese Territorien
-einst dem verflossenen Deutschen Reich angehörten, sondern weil uns
-Metz als Sperrfeste des zum Rheinstrom ausmündenden Moselthals, vor
-allem aber die Wasgaumauer hocherwünscht sein mußte zur Deckung
-unserer Westgrenze. Mit freilich nicht ausgesprochener Bezugnahme auf
-diese vermeintliche Gewaltthat bemerkt Renan, eine Nation habe nicht
-mehr Recht als ein König zu einer Provinz zu sagen: „Du gehörst mir,
-ich nehme dich.“ Denn, heißt es weiter: „Niemals besitzt eine Nation
-ein wirkliches Interesse, ein Land gegen dessen eigenen Willen sich
-anzugliedern oder für sich zu behalten. Der Wille der Nationen ist
-schließlich<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> das einzige gesetzliche Schiedsgericht, auf das man dabei
-immer zurückzukommen hat.“ Das soll also heißen: Man lasse sich die
-Bewohner von Elsaß und Deutsch-Lothringen frei äußern, ob sie lieber
-zu Frankreich oder zu Deutschland gehören wollen, und regele nach
-solcher Entscheidung die Karte Europas! Machen denn aber die teils
-französischen, teils deutschen Insassen unseres heutigen Reichslandes
-jenseit des Rheins, denen niemals die zu nationaler Sonderbethätigung
-notwendige Selbstständigkeit zu eigen sein konnte, eine „Nation“ aus?
-Das wollte doch gewiß auch Renan nicht behaupten. Hörten wir aber nicht
-eben erst sein Urteil, eine Nation beruhe auf einem stetigen Plebiscit
-der Zusammengehörigkeit? Nun, dann gilt bei dieser lediglich zwischen
-Deutschland und Frankreich schwebenden Streitfrage der Wahrspruch
-deutscher Nation: Wir brauchen diese unsere zurückeroberte Reichsmark,
-um im Frieden sicher zu leben! Und Renan, der begeisterte französische
-Patriot, muß nach obigem sogar selbst die Zuständigkeit eines solchen
-Schiedsgerichtes als des „einzigen gesetzlichen“ anerkennen!</p>
-
-<p>Derartige Beispiele, wie der Besitz eines verhältnismäßig schmalen
-Landstreifens sogar für die Existenzfrage einer Nation von hohem Belang
-sein kann, zeigen deutlich genug, daß die Landesnatur doch nicht
-als bloße Äußerlichkeit betrachtet werden darf, wenn man sich über
-das Werden von Nationen klar werden will. Wahrhafte Nationalstaaten
-benutzen ihr Gebiet niemals als bloße Schaustätte ihrer Thaten. Der
-glücklichste Wurf zu einer nationalen (d.&nbsp;h. hohen Sonderaufgaben eines
-Volkes gerecht werdenden) Staatsgründung wird stets der sein, der den
-richtig erkannten Zielen des Volkes das rechte Werkzeug in die Hand
-giebt, sie zu erreichen, vor allem also das rechte Staatsgebiet in der
-national zweckgemäßesten Umgrenzung.</p>
-
-<p>Das Römerreich war ein Weltreich, verbunden außer durch den eisernen
-Herrscherwillen der Römer allein durch die herrliche Verkehrsbrücke
-des Mittelmeers. Doch so verschieden wie die Natur Italiens und
-Syriens, Ägyptens und Galliens, ebenso verschieden gestaltete sich das
-Völkerleben in diesen Provinzen des Reichs, so daß nimmermehr, auch bei
-noch weit längerer<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> Reichsdauer von einer nationalen Vereinheitlichung
-hätte die Rede sein können. Noch machtloser hierzu erwiesen sich so
-gewaltsame Staatsschöpfungen wie die der mongolischen Großkhane des
-Mittelalters oder die Napoleons I., bei denen zur Unvereinbarkeit der
-Länder und Völker sich auch die Kürze der zwangvollen Vereinigung
-gesellte. Wenn dagegen wie in den Vereinigten Staaten die Natur große
-Einheitszüge aufweist, und der Mensch die vorhandenen Gegensätze wie
-dort zwischen dem wohlbenetzten, an den nützlichsten Fossilschätzen
-reichen Osten und dem dürren edelmetallreichen Hochlandwesten samt
-den riesigen Entfernungen von atlantischer bis pacifischer Küste,
-samt dem argen Verkehrshemmnis der Felsengebirge, der Nevadakette
-durch Eisenbahnen zu überwinden versteht, dann mag in jenes gewaltige
-Viereck unter dem Sternenbanner ein Schwall verschiedenartigsten Volkes
-einströmen, &mdash; es kann die nationale Einung doch nicht ausbleiben.
-Dem durch die englische Besiedlung früherer Jahrhunderte begründeten
-Stamm der Neusiedler schmiegten sich in Sprache und Lebensgewohnheiten
-so gut wie alle späteren Nachzügler aus Europa an nach dem Gesetz
-der Ausgleichung an der Hand des täglichen Verkehrs; das Leben auf
-demselben Boden, in derselben Luft wirkte nicht minder ausgleichend auf
-körperliche Ausbildung und Temperament, Eheschließungen verwischten
-ethnische Gegensätze, namentlich aber flößte das gemeinsame Wirken
-auf der gleichen Grundlage der Bodenmitgift nach den gleichen Zielen
-in Ackerbau, Gewerbe, Handel den Wunsch ein nach gleichartiger
-Regelung der wirtschaftlichen Einrichtungen durch den nationalen
-Staat, unabhängig von Fremden, und seien sie auch die daheim in
-England gebliebenen Väter oder Brüder. Der weltgeschichtliche Abfall
-der Kolonien an der atlantischen Seite Nordamerikas von England war
-nur der Ausdruck des frisch erwachten nationalen Sonderinteresses
-der englischen Amerikaner auf dem den Indianern und der Wildnis auf
-eigene Faust entrissenen Neuland. Man faßte den Willen der Loslösung
-einerseits, des selbständigen Zusammenhaltens der Kolonisten
-andererseits, d.&nbsp;h. man fühlte sich als Nation.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p>Wenn der erste Kanzler des Deutschen Reichs einmal im Reichstag
-äußerte, „ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift wie einen
-alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr, ich habe kein
-landsmannschaftliches Interesse mehr für ihn“, so atmet dieser
-nur scheinbar herzlose Ausspruch die ganze Schärfe Bismarckscher
-Realpolitik, die auf der Überzeugung ruht: das Vaterland bestimmt die
-Nation, weist ihr die ganze Lebensrichtung, giebt einem jeden das
-Pfund, mit dem er wuchern soll, verleiht ihm dafür indessen auch nur so
-lange Schutz, als sein Wirken ihm zu gute kommt.</p>
-
-<p>Was wir hier zu erweisen suchen, daß eine Nation gar nicht auf
-wirklicher Blutsverwandtschaft aller ihrer Angehörigen von Uranfang
-beruht, so gewiß dauerndes Beisammenwohnen infolge von unvermeidlicher
-Blutmischung schließlich sogar nach Millionen zählende Nationen
-familiär vereinheitlicht, wird kaum jemals die Überzeugung der Masse,
-des gemeinen Mannes werden. Der wird sich nach wie vor, schon unter
-Einwirkung des trügerischen Namenschalles, unter einer Nation die
-naturgegebene große Familie denken, die von einem Adam und einer Eva
-herstammt, wenn man auch deren Eintragung in das Standesamtsregister
-nicht mehr vorzuweisen vermag, ebenso wenig wie den ordnungsmäßig bis
-zur Gegenwart fortgeführten Stammbaum. Unsere eigenen Vorfahren, die
-sich erst seit der Regierungszeit Ludwigs des Deutschen den Gesamtnamen
-„Deutsche“ beilegten, müssen ihren Verwandtschaftszusammenhang doch
-schon lange vor jeder staatlichen Vereinigung erkannt haben, denn
-sie hielten sich für eine weit ausgezweigte Germanenfamilie, und
-ihrem Kausalitätsbedürfnis genügte die kindliche Vorstellung, es sei
-zur Gründung dieser Familie gar kein Ehepaar erforderlich gewesen,
-sondern allein der „Urmann“ (<span class="antiqua">mannus</span>, wie Tacitus sagt), der,
-aus der Erde hervorgesprossen, das blonde Germanengeschlecht aus
-sich erzeugt habe. Viel mag auch in unseren Schulen der Unterricht
-in biblischer Geschichte dazu thun, daß man sich in früher Jugend
-bereits unter dem Eindruck der schlicht klassischen Erzählungen von
-den Erzvätern das Entstehen von Völkern vollkommen so geschehen denkt
-wie das einer Einzelfamilie, ohne zu ahnen, daß die angeblichen<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-Abrahamsöhne schon in der Periode, da sie mit ihren Herden im Land
-Kanaan hin und her zogen, sicherlich nicht reinblütig d.&nbsp;h. nicht von
-völlig gleicher Abstammung waren, geschweige denn in der Folgezeit, als
-sie seit dem Einzug in das ihnen „verheißene“ Land den langwierigen
-Verschmelzungsvorgang durchmachten, der aus ihnen und all den
-Vorbewohnern des eroberten Landes zu beiden Seiten des Jordan, mithin
-aus einer nicht mehr analysierbaren Mischung von semitischen wie
-nichtsemitischen Elementen die jüdische Nation hervorbrachte.</p>
-
-<p>So wird wohl in den Köpfen weiter spuken der Wahn von der
-Familiennation, eben weil er für so selbstverständlich wahr hingenommen
-wird, obwohl er eine Fülle irriger, gar nicht ungefährlicher
-Schlußfolgerungen mit sich führt ähnlich wie der schöne Satz: „Der
-Mensch besteht aus Leib und Seele“, woraus ganz harmlos das Gleichnis
-von Hülle und Inhalt herauswächst, dieser vom gräßlichsten Aberglauben
-übervoll wuchernde Boden des Wähnens einer Trennbarkeit der Seele von
-ihrem „Wohnhaus“. Man wird sich auch fernerhin eine Nation zumeist
-wie die eigene Familie entfaltet denken, von der sie sich eigentlich
-gar nicht wesentlich, sondern nur in der ungeheuer viel größeren
-Kopfzahl unterscheide. Man wird demzufolge auch gern geneigt sein,
-sentimentale Erwägungen anzustellen über Bruderpflichten, die man
-habe selbst gegen späte Nachkommen von Nationalgenossen, die einst in
-wer weiß wie weite Fernen dahingezogen sind. Wer möchte spotten über
-echten Brudersinn? Wurzelt er doch in der edeln Selbstlosigkeit der
-Nächstenliebe, ist ja nur eine ganz naturgemäße Steigerung letzterer.
-Ein solches geistiges Band aufrichtig familienhafter Zuneigung wird
-gerade die Besten der Nation auch mit den Auszüglern verbinden, so
-lange sie ihre Nationalität bewahren (unter „Nationalität“, diesem
-noch nicht genügend begrifflich gefestigten Wort, hier die Summe
-der Eigenschaften verstanden, die vom Wesen der Nation bei jedem
-einzelnen wiederkehren, besonders Sprache, Charakter, Denkart und
-Sitte). Wenn die aus unserer Mitte nach Nordamerika Gezogenen und
-dort in dem gewaltigsten Freistaat der Welt zu hohem Wohlstand<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-Gelangten ihre milde Hand aufthun, um den von arger Überschwemmung
-heimgesuchten Bewohnern der oberrheinischen Niederung einen Teil ihres
-Vermögensverlustes hochherzig zu ersetzen, oder wenn sie edelsinnig
-von ihrem Reichtum spenden zur Unterstützung der Hinterbliebenen
-jener tapfern Streiter, die uns das neue Reich erkämpften, so findet
-solche Handlungsweise einen dankbaren Widerhall in unser aller Herzen.
-Unzweifelhaft fühlen wir uns auch zu Gegenleistung verpflichtet. Mit
-freudigem Stolz verfolgen wir die Laufbahn der Unsrigen, die dort
-drüben deutsche Art zu hohen Ehren gebracht haben wie Karl Schurz
-auf dem Gebiet des Staatswesens, Joh. Aug. Röbling, der Erbauer der
-Eastriverbrücke, und so viele andere auf den Feldern der Technik und
-der Wissenschaft. Vollends eint uns noch ein lebendiges Band gleichen
-Strebens insbesondere bei wissenschaftlichem oder künstlerischem
-Schaffen dermaßen innig mit unseren Volksgenossen in der deutschen
-Schweiz, in Österreich-Ungarn, als gehörten sie noch heute der
-deutschen Nation an. Viele unter uns werden da in feuriger Erregtheit
-einwenden: „Noch immer gehören sie ihr an!“ Jedoch eben hier klafft
-der Zwiespalt zwischen der am Wort haftenden traditionellen Auffassung
-vom Begriff Nation und der hier vertretenen. Manche bringen es
-freilich fertig, begeisterungsvoll von der „nun im Deutschen Reich
-vereinten Nation“ zu reden, und gleichzeitig den Angehörigen „deutscher
-Nation“ in Österreich Jubelgrüße hinüberzusenden. Indessen da liegt
-doch der innere Widerspruch klar zu Tage. Gewiß wird man im Anschluß
-an die eben erst hier versuchte Deutung dessen, was man etwa unter
-„Nationalität“ verstehen dürfte, ohne chauvinistischen Beigeschmack die
-Deutschen in Österreich, die wackern Sachsen in Siebenbürgen deutscher
-Nationalität zuzählen, man wird auch nicht vergessen, daß sie aus
-unserem alten Reich hervorgesproßt sind, die Deutsch-Österreicher als
-ruhmwürdige Kämpfer im Grenzbereich unserer alten bayrischen Mark,
-die Sachsen auf der ungarischen Akropolis des fernen Südostens als
-unsere weitaus treueste Kolonie noch aus dem staufischen Zeitalter.
-Ob aber hinausgezogen über unsere ehemalige Volksgrenze nach<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> Osten,
-wie es ja auch die Ahnen der Deutschen in Rußlands Ostseeprovinzen
-gethan, oder ob auf dem Boden der Väter sitzen geblieben wie die
-Deutschen der Schweiz, Nordbelgiens, der Niederlande, &mdash; sie sind im
-Lauf der Geschichte in eigenartige Staatsgebilde, folglich in uns
-fremde Interessenkreise einbezogen worden, sie zählen also in diesem
-realpolitischen Sinn entschieden nicht mit zur deutschen Nation. Wenn
-jeder von uns sagt, ein Werk wie der Nord-Ostsee-Kanal sei eins „von
-hoher nationaler Bedeutung“, wenn niemand unter uns den oben von uns
-gebrauchten Ausdruck bemängeln wird, wir hätten der Erwerbung des
-Elsasses samt Deutsch-Lothringen „aus nationalem Interesse“ benötigt,
-&mdash; so ist hiermit stillschweigend eingeräumt, daß sich bei solcher
-moderner Abklärung des Begriffes „national“ gar nichts verschwommen
-Genealogisches mehr in ihm findet, sondern der deutlich geographisch
-umrissene vaterländische Gedanke ihm innewohnt. Bismarck war gewiß
-urdeutsch bis ins Mark hinein, indessen seine klare Realpolitik hätte
-nie das Schwert Germaniens aus der Scheide lockern lassen zum Schutz
-der Deutschen in Siebenbürgen oder in Rußland, in Südbrasilien oder
-Südaustralien.</p>
-
-<p>Aber wie? Hängen denn die englischen Koloniallande im kanadischen
-Amerika, in Südafrika, in Australien nicht eng mit dem britischen
-Mutterland zusammen? Ja, dieser nationale Verband ist in der That
-erhalten geblieben, aber nur dadurch, daß infolge der ununterbrochen
-thätigen Dampfer- und Seglerverbindung diese Tochterländer in einem
-regen Wechselverkehr mit dem Mutterhaus Britannien verharren, ihm ihre
-Roherzeugnisse liefernd, von ihm ihre Fabrikwaren empfangend und, in
-Erinnerung an den schweren Fehler, den England vor mehr denn hundert
-Jahren mit dem Versuch einer Besteuerung seiner nordamerikanischen
-Kolonien machte, frei geblieben sind in der Verwaltung der eigenen
-Angelegenheiten. Nicht einen Penny unmittelbarer Abgabe liefern sie
-in den Staatsschatz nach London und bilden doch eine Hauptgrundlage
-britischer Größe durch den gewaltigen Umsatz von Milliarden im
-Familienkreis dieses „<span class="antiqua">Greater Britain</span>“, dieses Nationalkörpers
-von noch<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> nie vordem dagewesener Lagerung über den Erdball durch
-alle vier bewohnten Zonen, mit dem Herzen in Europa, den Gliedern
-in sämtlichen Weltteilen, dem Adersystem interkontinentaler
-Schiffahrtslinien.</p>
-
-<p>Wohl gemahnt dieses britische Reich an das Weltreich der Römer im
-Altertum; was diesem das Mittelmeer war, ist jenem der Ozean. Der
-tiefgreifende Unterschied jedoch liegt darin, daß die Römer fremde
-Nationen von großenteils älterer, ureigener Kultur unter ihr Joch
-zwangen, die Engländer dagegen ihre Koloniallande, abgesehen von
-Indien, mit dem eigenen Blut erfüllten, im stetigen Blutaustausch mit
-ihnen blieben und sie paritätisch behandeln.</p>
-
-<p>Das Britenreich lehrt uns also, wie bei weiser Schonung materieller
-Sonderinteressen eine stark ausgeprägte Volksindividualität selbst
-bei Überwanderung über das Weltmeer bis in die fernsten Lande den
-nationalen Zusammenhang bewahren kann an der Hand des Schnellverkehrs,
-der die Entfernungen kürzt. Der Deutsche hingegen zerschneidet in der
-Regel als Auswanderer seinen Zusammenhang mit der Heimat; er findet
-nirgends überseeische Länder für deutsche Massenansiedelung unter
-deutschem Banner, er geht im fremden Volk auf, zumal im englisch
-redenden. Wie viele Millionen der Unsrigen sind hinübergezogen nach den
-Vereinigten Staaten, aber so wenig haben sie als Deutsche dem Absatz
-deutscher Waren dort drüben Bahn gebrochen, daß nächst der englischen
-Zufuhr nach dem vereinsstaatlichen Gebiet die französische die
-bedeutendste blieb, obwohl doch die französische Einwanderung daselbst
-ganz untergeordnet erscheint. Jüngst zwar hat Deutschland auch auf
-diesem Feld Frankreich überflügelt, jedoch offenbar nicht darum, weil
-seine Einwanderer dort auf einmal nationaler sich bethätigen, sondern
-weil seine industrielle Machtstellung sich schon vor dem glorreichen
-Triumph von Chicago der französischen überlegen zeigte.</p>
-
-<p>Ein trübes Gegensatzbild zum britischen Weltreich, wo nationale Kraft
-bis auf einen gewissen Grad trotz der verschiedenen Landesnatur,
-trotz der riesigen Entfernungen sich einheitlich und dadurch stark
-erhält, bietet Österreich-Ungarn. Eine<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> mächtige Schlagader für
-die Einheit seines Wirtschaftslebens ist ihm durch den Donaustrom
-beschieden; an ihm liegen seine beiden prächtigen Großstädte, nach
-ihm gravitiert der Hauptverkehr, selbst der böhmische, denn offen
-liegen die Wege von Böhmen nach der mährischen Donauprovinz, somit
-nach Wien, wogegen nach Norddeutschland bloß der eine Engpaß des
-Elbthals als natürliche Verbindungsstraße führte, bis in den Beginn
-des 19. Jahrhunderts obendrein wenig benutzt. Indessen es stoßen hier
-unversöhnte Völkergegensätze in engem Gehege aufeinander. Ungarn haben
-wir so gut wie unabhängig werden sehen, und die Magyaren sind rüstig
-dabei, ziemlich schonungslos ihren Staat national auszubauen bis zum
-trefflich grenzenden Mauerbogen der Karpaten. In Österreich aber
-tobt der Unfriede zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Slowenen und
-Italienern weiter; die wie zum Spott sogenannte Versöhnungspolitik des
-verflossenen Ministeriums Taaffe hat einen wechselseitigen Völkerhaß
-dort ins Kraut schießen lassen, der die jetzt erhoffte Verknüpfung der
-Reichsteile auf der Grundlage realer, vornehmlich wirtschaftlicher
-Interessengemeinschaft recht fern rückt; und wie lose sind in der That
-an diesen Donaustaat angeschlossen Länder wie Galizien und Dalmatien!</p>
-
-<p>Doch man behaupte ja nicht: da sieht man, wie Nationen wesentlich doch
-aus Blutsverwandtschaft hervorgehen! Nein: Österreich beweist nur,
-daß thörichte innere Politik und andere unglückliche Umstände, vor
-allem auch eine ungeographisch am grünen Tisch zurechtgeschmiedete
-Zusammenschweißung von Ländern die Verschmelzung verschiedenartigen
-Volkes hemmt, zumal wenn die Gemeinsamkeit der Wirtschaftsinteressen
-bei peripherischen Gliedern eine so geringe ist wie beim adriatischen
-Litoral und dem galizisch-bukowinischen Außenrand der Karpaten. Rußland
-war ethnisch noch viel buntscheckiger als das heutige Österreich, bis
-Peter der Große und Katharina II. dem ursprünglich nur im Centrum
-der großen osteuropäischen Niederung wohnenden Großrussenvolk die
-Herrschaft über die ringsum gelagerten Völker, die Küsten der Ostsee
-und des Schwarzen Meeres gewann, so daß nun der umfangreichste aller
-National<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>staaten der östlichen Erdfeste sich ausgestalten konnte,
-alles Nichtrussische allmählich russifizierend, unterstützt durch
-die Österreich fehlende Bodenform des weiten Tieflands ohne jede
-Gebirgsscheide, was sich für Ausgleichen volkstümlicher Gegensätze,
-für Aufrichtung straffer Staatseinheit zufolge schrankenlosen Verkehrs
-stets so günstig erweist.</p>
-
-<p>Wollen wir schlagende Beweise, daß nicht Blutsverwandtschaft,
-sondern Eigenart des Wohnraums in erster Linie nationaler Ausbildung
-die Wege weist, so brauchen wir gar nicht über Europas Grenzen
-hinauszublicken. Wie schwer würde es fallen, Siebenbürgen mit dem
-rumänischen Nachbarland unter einen Hut zu bringen, trotzdem doch
-beide Lande so gut wie allein von Rumänen bewohnt werden! Ganz wie
-von selbst haben wir es dagegen geschehen sehen, daß die Moldau und
-Walachei als linksseitiges Uferland der unteren Donau sich staatlich
-einten, während Siebenbürgen beim karpatischen Donaureich Ungarn
-verblieb. Portugal löste sich aus dem spanischen Nationalverband
-heraus wie die Niederlande aus dem deutschen einzig und allein auf
-der Grundlage litoraler Sonderinteressen; so wurden die Portugiesen
-eine eigene Nation, erhoben ihre spanische Mundart zur Schriftsprache,
-wurden früher seegewaltig als ihr spanisches Hinterland; und ganz dem
-entsprechend die Niederländer, deren Kolonialbesitz 280 Jahre älter
-ist als der deutsche. Die englische Nation entstand, wie jeder weiß,
-dadurch, daß deutsche Angeln, Sachsen und Friesen nach Britannien
-hinüberzogen, die norwegische dadurch, daß die dänischen Normannen an
-der ozeanischen Fjordenküste Skandinaviens heimisch wurden.</p>
-
-<p>Frankreichs wie Italiens nationale Einheit beruht mitnichten auf
-ursprünglicher Blutsverwandtschaft, sondern auf dem natürlichen
-Zusammenschluß jedes der beiden Länder, ihrem Abschluß nach außen durch
-Meer und Gebirge. Die Völkergruppe der Kelten, aus der die Franzosen
-hervorgingen, breitete sich auch über Hispanien, die britischen Inseln,
-West- und Süddeutschland, ja über Oberitalien aus; nur ein Teil
-dieser Völker hatte Frankreich inne und verschmolz daselbst mit ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>
-fremden Völkerschaften: Iberern und Ligurern, Römern und Griechen,
-Franken und Burgundern. Nicht anders wuchs die Nation Italiens aus den
-verschiedensten Bevölkerungselementen, auch deutschen, hellenischen
-und arabischen hervor; zweimal hat sie uns das fesselnde Schauspiel
-gewährt, daß sie genau innerhalb des nämlichen Raums von den Alpen
-bis nach Sizilien sich ausgestaltete: einmal im Altertum bis unter
-Augustus, dann wieder nach der Zerstörung durch die Stürme der
-Völkerwanderung.</p>
-
-<p>So gleichen natürlich geschlossene Landräume Hohlformen, in welche
-die bildsame Masse verschiedenster Volksart sich einschmiegt, um zur
-nationalen Einheitsform zu verschmelzen. Die Masse kann wechseln, die
-Form bleibt. Flußthäler, die Schiffahrt längs den Küsten, offene Ebene,
-bequem überschreitbare Gebirge erzeugen in dem nämlichen Landraum
-immer wieder die nämlichen Verkehrs- und Handelslinien; größere
-Meeresflächen, höhere Gebirge schranken von der Fremde ab. Handel und
-Verkehr aber sind die einflußreichen Bildner der Völker; sie greifen
-nicht so geräuschvoll ein wie Naturkatastrophen oder Völkerschlachten,
-dafür sind sie alltäglich bei ihrem Werk, kleine Ursachen in
-milliardenhafter Summierung zu großen Wirkungen hinanführend.</p>
-
-<p>Ernste Pflicht dünkt es uns, der Störung des Völkerfriedens
-entgegenzutreten, die da heuchlerisch einherschreitet unter der
-Lügenmaske eines Napoleon III. vom „Nationalitätsprincip“, nach dem
-die Staaten Europas sollten zurecht geschnitten werden. Der schlaue
-<span class="antiqua">empereur</span> zog mit dieser klangvollen Fanfare nach Italien,
-nur um Österreich zu demütigen und sich mit der Abtretung von
-Savoyen nebst Nizza ein gutes Trinkgeld von Italien zu holen, das
-französische <span class="antiqua">prestige</span> mit etwas neuer gloire zu vergolden.
-Am liebsten bekanntlich hätte er uns die linke Rheinseite nach der
-unendlich fadenscheinigen Anwendung des Nationalitätsgrundsatzes
-abgenommen, weil, wie er in seiner <span class="antiqua">Vie de Jules César</span> laut
-betont, die französischen Gallier einstmals bis an den deutschen
-Rhein heranreichten. Wenn dergleichen Weisheit genügen soll, den
-Länderbestand anzutasten,<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> dann mag man der italienischen Irredenta
-nur gleich Südtirol ausantworten und Triest dazu. Mehr aber als
-die Thatsache, daß man in Triest italienisch redet, gilt doch das
-historische Recht, die Erinnerung daran, daß Triest, um im Wettbewerb
-gegen Venedig Hilfe zu erlangen, im 14. Jahrhundert freiwillig unter
-Habsburgs Schutz trat und alles, was es heute ist, Österreich verdankt;
-noch schwerer aber wiegt es, daß wohl Italien, jedoch nicht Österreich
-Triest entbehren kann, diese seine Weltmeerpforte, das österreichische
-Hamburg.</p>
-
-<p>Es muß der Überzeugung Raum geschaffen werden, daß gesunde Staaten
-reale Interessengemeinschaft vertreten und in diesem Sinn, aber nicht
-im ethnologischen Nationalstaaten darstellen. Wahr also bleibt der
-Satz des verdienstvollen französischen Anthropologen Quatrefages:
-<span class="antiqua">Toute repartition politique, fondée sur ethnologie, est absurde.</span>
-Auch unser neues Reich ist zuerst als ein engerer Verkehrs- und
-Handelsbezirk aus dem alten Deutschland herausgetreten, denn es
-erscheint 1834 als Zollvereinsgebiet fast schon genau in seinen
-heutigen Grenzen. Ohne Blut und Eisen vermochte es freilich nicht seine
-Losgliederung von dem in ganz andere Interessenkreise hineingezogenen
-Österreich zu erringen und zuletzt im gerechtesten und herrlichsten
-aller Kriege die Kaiserkrone zu erwerben. Dafür steht es nun auch um so
-geachteter da, ein treuer Schutz und Schirm des echtesten Deutschtums,
-ein eherner Verband zwischen Nord und Süd, vom Fels der Alpen bis
-zum Meer, ein wohlbewahrtes Haus für friedliche Bewohner, die sich
-zusammenthaten, weil’s ihrer Arbeit frommte und weil sie auch zumeist
-sich rühmen können als Söhne und Töchter Germanias verschwistert zu
-sein, ja allesamt sich eins fühlen, da sie seit Jahrtausenden schon
-Freud und Leid miteinander geteilt haben. Doch vergessen wir es nicht:
-weder Blutsgenossenschaft noch geistiges Verwandtschaftsgefühl allein
-gewährleistet uns das Glück unserer Zukunft, einzig der thatenfeste
-Wille, die Brüderlichkeit fest und ehrlich zu wahren, erhält eine
-Nation.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VI_China_und_die_Chinesen">VI.<br />
-
-China und die Chinesen.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Das Land China, früher den verhaßten Fremden so fest verschlossen, ist
-jüngst das Ziel des Wettlaufs europäischer Großmächte geworden, von
-denen eine jede möglichst großen Anteil erstrebt an dem materiellen
-Aufschwung, wie er sich dort durch den endlich begonnenen Eisenbahnbau
-vorbereitet. Denn dieser Aufschluß Chinas für den Verkehr muß zu einer
-gewaltigen Steigerung seines Außenhandels führen, und was bedeutet das
-bei einer Bevölkerung, die sicher an Zahl diejenige von Afrika und
-Amerika zusammengenommen weit übertrifft! Was für Summen sind allein
-schon durch den Bau und Betrieb von Eisenbahnen, durch die rationelle
-Ausbeutung der ungeheuern Steinkohlenlager in diesem Menschengewimmel
-von China zu verdienen! Auch uns Deutschen winkt ein guter Gewinnanteil
-hieran seit unserer rechtzeitigen Besitzergreifung von Kiautschou,
-dieser trefflich gelegenen marinen Eingangspforte ins Innere von
-Nordchina.</p>
-
-<p>Jedoch ganz abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung schon für
-die allernächste Zukunft, ist China auch rein geographisch eins der
-interessantesten Länder der Welt.</p>
-
-<p>Zuvörderst imponiert das Land China, das zugleich im wesentlichen
-den Staat China bildet, da die Außenbesitzungen in der Mandschurei,
-Mongolei, im Tarimbecken und Tibet ihm doch nur lose anhängen, durch
-seine Raumerfüllung. Es giebt nur wenige Länder auf Erden, die China
-an Größe übertreffen, drei in Amerika, in Afrika die Sahara, in
-Asien Sibirien, in Europa Rußland. Indessen bloß einige Randstücke
-des europäischen Rußlands würden hervorragen, könnten wir China auf
-Osteuropa decken. China kommt von sämtlichen kontinentalen Ländern
-der Kreisgestalt am nächsten, die insofern<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> für einen Staat am
-günstigsten erscheint, als nach Ausweis der Geometrie diese Gestalt
-die im Vergleich zur eingenommenen Fläche kleinste Umrißlinie besitzt,
-kreisförmige Staaten mithin die kleinstmögliche Angriffslinie bieten.
-Chinas Grenze ist dabei ziemlich gleich verteilt auf Land und Meer: die
-Nordwesthälfte der Grenze zieht von der noch zum eigentlichen China
-gehörigen Provinz Schöngking im Liaugebiet der südlichen Mandschurei in
-etwas willkürlichen Zacken und Einbuchtungen durch die Übergangszone,
-in der die Natur des abflußlosen Centralasien anhebt, durchweg vor
-Länderräumen hin, die wie China von Völkern der mongolischen Rasse
-bewohnt werden und der Macht der chinesischen Regierung unterstehen;
-die Südostküste wölbt sich als selten gestörter Halbkreisbogen hinaus
-in das stille Weltmeer. Die ungefähre Mitte des chinesischen Kreises
-liegt da, wo der Jangtsekiang aus der großen Westprovinz, dem roten
-Becken von Sötschuan, übertritt in die Provinz Hupe. Von hier aus läßt
-sich ein Kreis mit einem Halbmesser von 1130 <span class="antiqua">km</span> beschreiben,
-über den nur das nordöstliche Tschili (jenseit Peking) nebst Schöngking
-weiter herausragt, falls wir die neuerdings zu den 18 alten Provinzen
-des Kaiserreichs geschlagene ostturkestanische Mulde des Tarim, wie wir
-geographisch müssen, bei Centralasien belassen. Und jener Halbmesser
-gleicht der Entfernung des äußersten Südwestens Deutschlands von
-der Nogatmündung ins frische Haff oder dem Abstand Hamburgs von Kap
-Landsend an der Westspitze Südenglands.</p>
-
-<p>China bildet ein uraltes Bestandstück des asiatischen Festlandes,
-das seit der Juraperiode nie wieder vom Ozean überflutet wurde. Sein
-Felsgerüst besteht aus altkrystallinischen Gesteinen, aus paläozoischen
-Schiefern, Kalk- oder Sandsteinlagen und älteren mesozoischen
-Schichten; dagegen fehlen Kreideformation und marines Tertiär gänzlich,
-nirgends blinken weiße Kreideklippen hervor wie bei uns in Rügen,
-nirgends schaut man die schluchtigen Thäler und mit Plattenform
-gipfelnden Kreidesandsteingebirge wie bei uns in der sächsischen
-Schweiz; ebenso wenig erblicken wir jüngst erloschene Vulkane<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> neben
-noch thätigen wie in dem großen Gürtel fortgesetzter vulkanischer
-Thätigkeit, der sich vom Malaien-Archipel über Formosa und Japan bis
-zum Beringsmeer hinzieht.</p>
-
-<p>Eine weite Tiefebene besitzt China bloß im Nordosten; das ist die gelbe
-Lößniederung, aus der die gebirgige Schantung-Halbinsel spornartig
-hervorragt. Im übrigen ist China überwiegend gebirgig; und zwar bedingt
-sein Gebirgscharakter eine strenge Scheidung des Landes in eine Nord-
-und eine Südhälfte. Als eigentlichen Reichsteiler hat uns Richthofen
-eine Fortsetzung des uralten Kuenlun, dieses echten Rückgratgebirges
-von ganz Asien, kennen gelehrt. Es ist der Tsin-ling-schan, der,
-die Hauptrichtung des Kuenlun, Ost zu Süd, aus Innerasien nach
-China übertragend, mit nur geringer Unterbrechung quer durch Chinas
-Mitte bis gegen Nanking reicht. Dieser Reichsteiler scheidet nun
-nicht allein die Gebiete der zwei Riesenströme, die China aus dem
-fernen Quellenschoß Centralasiens mit östlichem Abfluß empfängt, den
-Huangho und den Jangtsekiang, sondern er trennt auch zwei wesentlich
-verschiedene Gebirgssysteme voneinander ab. Nordchina stellt ein
-verschüttetes Gebirgland dar; hier haben in entlegener Vorzeit trockne
-Winde feinkrumige, lehmige Verwitterungsmassen, sogenannten Lößlehm, in
-gelben Wolken über Berg und Thal gebreitet, und Graswuchs hat jede neu
-aufgewehte Lößdecke durch das Wurzelwerk in sich wie mit der älteren
-Unterlage verfestigt, so daß gewöhnlich nur die Kämme der Gebirge mit
-ihren festen Felsmassen anstehenden Gesteins aus der bis auf Tausende
-von Metern aufgeschütteten braungelben Lößumhüllung aufragen wie
-Dachfirsten eines deutschen Gebirgsdorfes, wenn es zur Winterzeit
-in tiefem Schnee begraben worden. Trotzdem ist die nordchinesische
-Gebirgslandschaft keineswegs bloß aus abgerundeten Gebirgskämmen mit
-dazwischen gelagerten flachen Hochlandmulden ungeschichteten Lößes
-zusammengesetzt; vielmehr haben die fließenden Gewässer ein äußerst
-vieladriges System schluchtiger Thalwege in den weichen Lößschutt
-eingearbeitet, dessen senkrecht verlaufende Haarröhrchen, herstammend
-von längst abgestorbenen Graswurzeln, die geradezu groteske Aus<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>bildung
-immer ganz steiler Thalwände bedingen. Von diesen nackten Gehängen der
-Lößschluchten heben noch gegenwärtig bei trockener Witterung die Winde
-gelben Staub empor, daß die Sonne dann bleich durch eine fahlfarbene
-Atmosphäre schimmert, Fußgänger wie Fuhrleute samt ihrem Geschirr, die
-unten im Lößthal ihres Weges ziehen, über und über lößgelb werden.
-Natürlich tragen die Flüsse den von ihnen so leicht abgenagten oder in
-sie hineingewehten Löß seewärts; von seiner deshalb stets lehmfarbigen
-Wassermasse führt der Huangho d.&nbsp;h. der gelbe Fluß seinen Namen, er
-schüttete die gelbe Deltaflur des Nordostens auf, in der er bald süd-,
-bald nordwärts der Schantung-Halbinsel seine Mündung suchte, wie ein
-ungebärdiges Ungetüm sich in seinem Bett hin und her wälzend, die ihn
-einengenden Schutzwälle von Menschenhand durchbrechend, und stiftete
-dem seine trüben Fluten aufnehmenden Innengolf des ostchinesischen
-Meeres den Namen Huanghai d.&nbsp;h. gelbes Meer.</p>
-
-<p>Anders in Südchina! Hier halten die Gebirgszüge noch weit allgemeiner
-als in Nordchina sinische Streichung ein, also die Richtung Südwest zu
-Nordost; in langen Parallelreihen ziehen sie so gegen jene chinesische
-Fortsetzung des Kuenlun, gegen den Tsin-ling-schan hin, in dessen Nähe
-sie ostwärts umbiegen, da ihre Auffaltung an dem bereits vorhandenen
-alten Querriegel offenbar ein Hemmnis fand; und, was die Hauptsache
-ist, sie sind ohne Lößverschüttung geblieben. Unverhüllt recken
-sie mithin ihre Gipfelzinnen gen Himmel, keine Lößwehen haben die
-Böschungen ihrer Gehänge verkümmert, in hurtigem Schuß eilen von ihren
-Höhen die Gewässer hernieder und verbinden sich zu klaren, unvertrübten
-Strömen. Allen voran steht der Ta-kiang, der „große Strom“, den
-wir Jangtsekiang zu nennen pflegen; nachdem er, der hochgeborene
-Tibetaner, innerhalb des Sötschuan-Beckens durch Aufnahme ansehnlicher
-Seitenflüsse vollkräftig geworden, durchtost er gegen die Landesmitte
-hin, in eine wundervolle Thalschlucht eingeengt, zwischen hochragenden
-Felswänden noch eine ganze Staffelreihe von Stromschnellen, um sodann,
-majestätisch ruhig seinen Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>zug, der schiffbarste Strom Chinas
-zu sein, zur vollen Geltung zu bringen, bis er in dem seenreichen
-Delta mündet, das im Norden der tumultuarische Huangho Jahrhunderte
-lang mit ihm bauen half, ehe er sich 1852 launisch von ihm abwandte.
-Der schönste Schmuck wird Südchina verliehen durch seine immergrüne
-Pflanzenwelt. Während der Löß Nordchinas wie der in anderen Ländern dem
-Waldwuchs sich abhold zeigt, durch die außerordentliche Fruchtbarkeit
-seines fein aufgeschlossenen, völlig steinfreien Bodens hingegen Feld
-an Feld reiht von dem Niveau der Niederung bis zu St. Gotthardshöhe,
-hält sich der Bodenanbau Südchinas mehr an die Thalsohlen und die
-unteren Gehängestufen, darüber aber prangt noch eine ursprüngliche
-Vegetation immergrüner Strauch- und Baumarten mit einer für China
-überhaupt bezeichnenden Fülle von Holzgewächsen, unter denen die
-Kamelien, die Verwandten des Theestrauchs, eine tonangebende Rolle
-spielen.</p>
-
-<p>Wenn der Wintermonsun aus Nordwest die furchtbar kalte Luft
-Ostsibiriens und der Mongolei über China breitet, so erwärmt sich
-dieser Luftstrom nur langsam beim Vorrücken in diesem Land, das doch
-mit Italien und Nordafrika die Breitenlage teilt. Selbst in Kanton,
-obwohl es bereits innerhalb des Wendekreises liegt, giebt es noch
-gelegentlich Schneefälle. Immerhin hat Südchina noch verhältnismäßig
-milde Winter; in seinem Tropenanteil erinnern Palmen und Elefanten
-an Indien, es gedeihen auch noch weiterhin Orangen und Zuckerrohr,
-Theebau findet überall seine Stätte. In Nordchina wird dieser durch den
-anhaltenden Frost ausgeschlossen; Peking, trotzdem es südlicher liegt
-als Neapel, hat einen Winter wie Petersburg, Mukden in Schöng-king,
-die große Stadt der Kaisergräber, genau unter Roms Breite, erduldet im
-Januar weit härtere Kälte als Moskau. Dreht sich dann aber im Frühjahr
-der Wind in die entgegengesetzte Richtung, setzt der ebenso anhaltende
-Sommermonsun aus Südost ein, so lagert sich eine aus dem Tropengürtel
-kommende heiße Luft über ganz China, und befruchtende Regen ergießen
-sich über seine Reis- und Baumwollenfelder, am reichlichsten
-naturgemäß über Süd<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>china. Der thermische Gegensatz zwischen Süd und
-Nord, wie er im Winter bestand, ist dann ganz ausgetilgt; man spürt
-kaum einen meßbaren Wärmeunterschied zwischen Kanton, Schanghai
-und Peking, denn die Wärme nimmt während des Hochsommers in China
-überhaupt nicht von Norden nach Süden zu, sondern vielmehr gegen das
-Glutgebiet des südasiatischen Inneren hin, also gen Westen. Schon von
-Hankau, der wichtigen Handelsstadt in Hupe, wo die große nordsüdliche
-Verkehrsstraße den Jangtsekiang kreuzt, heißt es: „Wenn der Teufel
-dort eine Zeit lang im Sommer verweilte und dann wieder in seine
-Hölle zurück käme, so würde er seinen Überzieher brauchen.“ Nur noch
-einmal begegnet auf Erden ein Land, das unter einem ähnlichen Einfluß
-jahreszeitlicher oder Monsunwinde schwankt zwischen arktischer Kälte
-und tropischer Hitze, begleitet von tropenhaften Regengüssen vom
-nahen Meer her. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Während
-indessen hier die Segensgaben des heißfeuchten Sommerwindes fast
-ausschließlich dem östlichen Landesdrittel beschert werden, erfährt
-China in seiner Gesamtheit den Wechsel erfrischender Winter und
-tropischer Sommer im regelmäßigen Wandel der Horen, mithin die Gunst
-der gemäßigten und der heißen Zone in seltenster Verknüpfung.</p>
-
-<p>Jahrtausende hindurch sind nun die Chinesen den Einwirkungen der Natur
-dieser ihrer endgültigen Heimat ausgesetzt gewesen. Mögen sie also auch
-manchen Zug ihres Wesens schon von ihrem früheren, wie man vermutet,
-ostturkestanischen Wohnsitz mitgebracht haben, es verlohnt sich gewiß
-zu prüfen, inwiefern China seine Chinesen auf dem Wege tellurischer
-Züchtung ausbilden half. Ja man hat hier sogar den nirgends sonst
-wiederkehrenden Fall vor Augen, daß ein nach Hunderten von Millionen
-zählendes Volk so lange Zeit immer den nämlichen Natureinflüssen
-unterstanden hat. Ein wahres Massenexperiment, wie es sich der Geograph
-nicht besser wünschen kann!</p>
-
-<p>Da drängt sich uns zuerst im Anschluß an das kurz vorher Erörterte die
-Schlußfolgerung auf, daß der alljährlich<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> von den wechselnden Monsunen
-gebrachte Gegensatz zwischen polarer Winterkälte und tropischer
-Sommerhitze keinerlei Menschen in diesem Reich der Mitte duldete,
-die allzu zärtlich nur mäßige Temperaturschwankungen vertrugen, daß
-mithin auf diesem Boden nur diejenigen sich lebensfähig erwiesen,
-die der Kälte gleiche Widerstandskraft entgegensetzen wie der Hitze,
-gewissermaßen also in dieser Hinsicht die Körperleistung von Jakuten
-oder Tschuktschen verbinden mit der des Negers. Thatsächlich bewähren
-das auf Erden einzig und allein die Chinesen. Darum sind sie die
-einzigen Menschen, die beim Hinauszug in die Fremde, läge sie unter
-hohen oder ganz niederen Breiten, so gut wie niemals dem Klima zum
-Opfer fallen. Der Chinese trotzt in der Mandschurei und Ostsibirien
-einer Kälte, bei der das Quecksilber erstarrt, und arbeitet ebenso
-frohgemut unter der scheitelrechten Sonne Javas, Singapores oder in
-der siedeheißen Luft am Kessel der Rohrzuckerfabriken Kubas. Bringt er
-es doch daheim fertig in der Julihitze von 30&ndash;40° <span class="antiqua">C</span> von früh
-bis abend ein schweres Boot stromaufwärts zu rudern, höchstens mit
-dem Fächer dem glühenden Kopf dann und wann etwas Kühlung zuführend,
-und nach Halbjahrsfrist mit der nämlichen Ausdauer noch größere
-Lasten auf dem Eisspiegel desselben Stroms bei schneidender Kälte im
-Schlitten zu befördern. Emin Paschas Idee, Chinesen als Kolonisten
-ins tropische Afrika einzuführen, war physiologisch wohlberechtigt,
-denn auffallenderweise erliegen die Chinesen nächst den Negern auch am
-wenigsten dem Malariafieber, wie sich beim Bau der Panama-Eisenbahn
-gezeigt hat.</p>
-
-<p>Was nun aber die psychischen Eigenschaften dieses ältesten Kulturvolks
-der Gegenwart betrifft, so möchten diese wohl zum guten Teil auf die
-Thatsache der seit unvordenklicher Zeit hohen Volksverdichtung in
-China zurückführbar sein, und diese selbst müssen wir ableiten von
-zwei ständig zusammenarbeitenden Faktoren: einem in der Landesnatur
-begründeten und einem religiösen. Chinas Nordhälfte, so lehrt die
-Geschichte, war die Ursprungsstätte der chinesischen Gesittung, des
-chinesischen<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Staatswesens. Nordchina, sahen wir, ist das lößbedeckte
-China, wo die außerordentliche Fruchtbarkeit dieser gelben Erde für
-den Anbau von Getreide zusammentrifft mit den beiden Segensspenden
-des chinesischen Sommers, der hochgradigen Wärme und den mit nie
-aussetzender Regelmäßigkeit diese begleitenden Monsunregen. Hier
-war auf unabsehbaren Flächen von der Natur die Möglichkeit also
-gegeben, daß ein kopfreiches Ackerbauvolk unter dem Schutz staatlicher
-Ordnung sich entfaltete, zuerst in der Lößmulde des zum Huangho
-fließenden Weiho sowie in den übrigen Gebirgs- und Thalgauen des
-Binnenlandes, nachmals auch in der für Anhäufung von Massenbevölkerung
-noch besser geeigneten Niederung, die sich im Nordosten zum Gelben
-Meer abdacht, aber als jüngst geborene Deltaflur der Entsumpfung
-bedurfte, die ihr als die älteste Kulturthat chinesischen Geistes
-und chinesischer Thatkraft zuteil ward, deren Glanz in den Annalen
-des Reichs der Mitte noch heute unverblichen strahlt. Daß nun die
-von der Natur gebotene Möglichkeit, auf so günstigem Boden, unter
-einem so gütigen Himmel ein großes Volk im Schweiß des Ackermanns
-erwachsen zu lassen, der Verwirklichung zugeführt werde, dafür sorgte
-ein seit Alters den Chinesen tief eingeprägtes Pietätsgefühl gegen
-ihre Vorfahren. Kongfutse, der große Weise, der zur Zeit, als Cyrus
-das Perserreich gründete, die Sittenlehre seiner Nation zu jenem
-wirkungsvollen System ausgestaltete, das bis zur Stunde Millionen
-als heilsame Richtschnur dient, fand diese Ehrfurcht vor den Ahnen
-schon als längst bestehend vor. Sie geht auf den Totenkultus zurück,
-der so zahllosen Völkern eigen war und vielen immer noch eigen ist.
-So nüchtern realistisch der Zopfmann sich sonst überall zeigt, er
-ist angeerbter Maßen durchschauert von dunkeln Ahnungen über ein
-mystisches Weiterleben in einem Jenseits nach seinem irdischen Ableben;
-ihn bangt vor den Strafen, die seiner harren nach Überschreiten der
-düsteren Grabesschwelle, doch ihn tröstet die allgemeine Zuversicht,
-selige Ruhe im Jenseits zu finden, wenn nur die hierfür unerläßliche
-Bedingung erfüllt wird, daß ihm bei jeder Wiederkehr des Jahrestages
-seines Todes die<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> Totenopfer dargebracht werden. Diese aber darf nach
-altgeheiligter Vorschrift niemand erbringen als der leibliche Sohn oder
-dessen männliche Sprossen. Daher die heiße Sehnsucht der Chinesen, in
-die Ehe zu treten, um Söhne zu erzeugen und diese sobald wie möglich
-wieder zu vermählen. Nur die allergräßlichste Armut vermag einen
-Chinesen von der Heirat abzuhalten. Junggesellen giebt es deshalb in
-China fast gar nicht, Großväter von 34&ndash;36 Jahren dagegen nicht selten.
-Die Geburt eines Knaben wird in der dürftigsten Chinesenhütte mit
-hellem Jubel begrüßt, die Geburt einer Tochter selbst im Hause des
-Reichen mißliebig, fast wie ein Trauerfall angesehen. Die Ehefrau, die
-Jahr um Jahr keinem Sohn das Leben schenkt, muß sich ohne zu murren
-es gefallen lassen, daß ihr Gatte neben ihr eine zweite Frau ehelicht
-oder Konkubinen sich zugesellt; nie vermißt sich dort eine Sarah zu
-der Forderung, eine Hagar mit ihrem Sohne zu verstoßen, nein, sie
-muß demütig die Hagar auszeichnen und ehren, weil sie es ist, die
-ihrem Gemahl zur Erfüllung des höchsten Lebenswunsches verholfen hat.
-Ziehen wir dazu den Umstand in Betracht, daß es eine überseeische
-Auswanderung von Chinesen, so sehr sich eine solche bis nach Amerika
-und Australien neuerdings fühlbar gemacht hat, fast nur in den beiden
-Südostprovinzen Fokien und Kuangtung giebt, chinesische Auswanderer
-noch dazu stets bestrebt sind nach Aufbesserung ihrer Vermögenslage
-heimzukehren, weil es ihrer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an den
-vaterländischen Boden entsetzlich dünkt in fremder Erde bestattet zu
-werden, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß China immerdar der Raum
-der stärksten Volksanhäufung auf Erden gewesen ist. Bis zum kürzlichen
-Emporkommen von Philadelphia und Chicago war China das einzige Land
-mit einer Mehrzahl von Millionenstädten; an großen, mit viereckiger
-Backsteinmauer wie das alte Babel umgebenen Städten zählt es rund
-1500, manche mit einer Mauerlänge von 20 bis 30 <span class="antiqua">km</span> und dazu
-noch mit menschenwimmelnden Vorstädten außerhalb der Thore. Und welch
-ein Hin- und Herströmen des Landvolkes nach und von diesen Städten
-begiebt sich all<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>täglich, wenn sich ihre Thore bei Sonnenaufgang
-unter Kanonenschüssen, Gong- oder Glockenschlag aufthun, desgleichen
-bei Einbruch der Abenddämmerung schließen! Sowohl im Menschengewoge
-der städtischen Straßen als in den stadtgroßen Dörfern tritt uns die
-beträchtliche Kinderzahl der chinesischen Familien leibhaftig vor
-Augen, noch überraschender die große Zahl im Greisenalter stehender
-Männer, denn das Chinesenvolk ist bei aller Vielheit von Krankheiten,
-die es plagen, bei all seiner jämmerlichen Quacksalberei dank seiner
-staunenswerten Seuchenfestigkeit eins der langlebigsten.</p>
-
-<p>Nun ist zwar China nicht ganz so dicht bevölkert wie das Deutsche
-Reich, denn es wohnen dort wohl kaum über 80 Menschen auf 1
-<span class="antiqua">qkm</span>, bei uns 103. Aber man bedenke, daß China erst jetzt
-seinem großindustriellen Aufschwung entgegengeht, wenn, wie sicher
-zu erwarten, dem Beginn seiner Eisenbahnära die Einführung der
-Dampfmaschine und der elektrischen Triebkraft in seine Industrie auf
-dem Fuß folgen wird. Bisher lebten die Chinesen wie wir im Mittelalter
-überwiegend vom Ackerbau, vom Handwerk und Kleinhandel. Und hierfür
-war seine Volksdichte, die sich z.&nbsp;B. in Kiangsu, der an Reis und
-Seide ertragreichsten Provinz zu beiden Seiten der Mündung des
-Jangtsekiang, mindestens aufs Doppelte des mittleren Wertes steigert,
-eine verhältnismäßig sehr hohe.</p>
-
-<p>Wir sollten China ob seines patriotischen Stolzes nicht verlachen,
-selbst wenn er sich in Verachtung der Fremden äußert. Sein Staatswesen
-hat wie kein anderes Bestand gehabt von der Pharaonenzeit bis
-heute; Religionen erwuchsen, Religionen verschwanden um das Reich
-der Mitte her, aber Kongfutses Lehre blieb in Vollkraft durch die
-Jahrtausende. China genügte sich auch wirtschaftlich selbst; wie es,
-allen Nachbarreichen überlegen, seine sieghaften Waffen unter dem
-Drachenbanner mehrmals bis zum Kaspischen Meer trug, das ungeheure
-Innerasien fast stets in ganzem Umfang zu seinen Füßen sah, &mdash; so
-bedurfte es nichts von den Fremden weder für seine Ernährung noch für
-seine Kleidung; stolz wies es selbst die Waren der rothaarigen Teufel,
-die unter europäischen und amerikanischen<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> Flaggen an ihrer Küste
-landeten, von der Hand, daß sich die Engländer durch Anstacheln des
-Opiumlasters eine schnöde Einfuhr ersinnen mußten, um Thee und Seide
-nicht bloß mit Silber bezahlen zu müssen.</p>
-
-<p>So bestand bis in die jüngste Vergangenheit das chinesische
-Wirtschaftsleben wie das keines zweiten Kulturstaats in einem steten
-Versuch das Gleichgewicht zu halten zwischen einer zu grenzenloser
-Vermehrung drängenden Volkszahl und einer durchaus nicht ins
-unendliche vermehrungsfähigen Summe ausschließlich heimischer
-Landeserzeugnisse. Das brachte den großartigsten Kampf ums Dasein
-hervor, den je eine Nation gekämpft hat. Er ist es, der die größten
-Vorzüge des Chinesentums erschuf und fortdauernd vervollkommnete:
-den unvergleichlichen Arbeitsfleiß, die geduldigste Ausdauer und die
-bescheidenste Einschränkung der Ansprüche an die Genüsse des Lebens.</p>
-
-<p>In China allein ist es ermöglicht worden, die uralte Lust unseres
-Geschlechts am ungebundenen, müßigen Dahinleben in ihr Gegenteil
-zu verkehren. In diesem riesigen Arbeitshaus China, wo man keine
-Sonntagsrast kennt und nichts vom Evangelium des Achtstundentages
-weiß, weil man sonst verhungern müßte, ist der Trieb zum emsigen
-Schaffen den Menschen zur anderen Natur geworden. Selbst dem gründlich
-gehaßten Herrn in San Francisko, bei dem der Chinese etwa Dienerstelle
-angenommen, leistet er unbeaufsichtigt pflichtmäßige Arbeit, einfach
-weil ihm leben arbeiten heißt. Und trotz aller Rastlosigkeit, trotz
-aller staunenswerten Geschicklichkeit bei der Arbeit, wie sie sich bei
-Benutzung einfachsten Geräts in so vielen Zweigen auch der Kunsttechnik
-staunenswert zu erkennen giebt, bringt es der Chinese daheim unter
-der Masse des Angebots von Arbeitskraft und Arbeitsleistung doch nach
-unseren Begriffen durchschnittlich nur zu einem Hungerlohn. Es klingt
-uns wie ein Märchen, daß ein erwachsener Chinese den Tag über mit
-acht Pfennig für seine Kost auskommt, ja in Zeiten durch Hungersnot
-gebotener Einschränkung sogar mit sechs Pfennig. Damit bestreitet
-er seinen Bedarf an Reis, Gemüse, Fisch und<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> Thee, behält auch noch
-eine Kleinigkeit für Tabak übrig. Das erklärt sich einerseits aus der
-großen Billigkeit der Lebensmittel, andererseits aus der trefflichen
-Kochkunst, die schlechte, fast ungenießbare Ware genießbar und gut
-verdaulich macht, dabei nicht das mindeste fortwirft, freilich außerdem
-auch aus der Genügsamkeit des Chinesen und seiner Freiheit von Ekel,
-die ihm Hunde-, Katzen- und Rattenbraten, ja das Fleisch an Seuchen
-verstorbener Pferde oder Esel als willkommenste Zukost erscheinen läßt.</p>
-
-<p>Die Tugend der Sparsamkeit übt kein Volk in so hohem Maße wie das
-chinesische; sie ist neben Arbeitsamkeit und Genügsamkeit die
-Hauptwaffe in seinem Ringen um Leben und Gründung eines eigenen
-Herdes. Der nordchinesische Bauer wühlt sich wie ein Murmeltier ein
-unterirdisches Obdach unter seinem Hirsen- oder Weizenfeld in die
-steile Lößwand an dessen Abhang, damit er seine Ernte nicht durch
-den Hüttenbau auf der Oberfläche um den Ertrag einiger Quadratmeter
-alljährlich verkürze. Ein rührendes Beispiel echt chinesischer
-Sparsamkeit und zugleich über das Grab hinausschauenden ehrenwerten
-Familiensinns teilte vor kurzem aus eigener, in China gemachter
-Erfahrung ein amerikanischer Missionar mit. Er sah eine hochbetagte,
-blutarme Frau, die sich kaum fortzuschleppen vermochte, mühsam an
-den Hauswänden einer Straße sich hintasten: sie befand sich auf dem
-letzten Ausgang, sie wollte, den Tod vor Augen, ihre einzige Verwandte
-aufsuchen, um von deren Haus beerdigt zu werden, damit die Sargträger
-nicht so viel forderten wie bei dem weiteren Weg von ihrer eigenen
-Behausung.</p>
-
-<p>Wenn ein Volk, das über ein Fünftel der Menschheit ausmacht, in so
-eintönig freudlosem Schaffen vom ersten Tagesgrauen bis zum späten
-Abend, ja vielfach bei nächtlicher Weile, den Schlaf scheuchend, sich
-um so kümmerlichen Verdienst abmüht, so beschleicht uns bei Betrachtung
-dessen wohl ein wehes Mitgefühl. Ist nicht die goldene Freiheit des
-Wilden beneidenswerter als dieses Arbeitselend des Kulturmenschen? Hat
-unser Geschlecht nicht eben durch Übernahme des Arbeitsjoches, wie
-es höhere<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> Gesittung unweigerlich mit sich bringt, an Lebensfreude
-eingebüßt? Indessen da messen wir unbedachtsam nach unserem Maß!
-Wir täuschen uns in der Annahme, der Chinese müsse bei seinem
-ewigen Hasten fast um nichts stumpfsinniger Trübsal verfallen. Weit
-gefehlt! So mannigfaltig Temperamente und Talente nebst körperlichem
-Aussehen wechseln durch die 18 Provinzen, von den gelben, etwas zu
-Fettleibigkeit neigenden Südländern bis zu den braunen, schlanken und
-höher gewachsenen Nordchinesen, &mdash; ein harmloser Frohsinn, eine selbst
-durch harte Schicksalsschläge nicht leicht zu beugende stillvergnügte
-Heiterkeit ist dem Volk fast allerwegen eigen. Auch darin dürfen wir
-eine Spur tellurischer Auslese erkennen. Wie die Winternacht der
-Polarlande nur die unverwüstlich Fröhlichen bei sich aufnahm, so
-brachte der chinesische Daseinskampf nicht nur die Faulen und Üppigen
-ums Leben, nein, von den Helden des Fleißes und Darbens auch alle die,
-denen ein solches Heldentum Lebensüberdruß bereitete. Und so sehen wir
-eine uralt vererbte Munterkeit dem darbenden Arbeitsernst der Chinesen
-wie ein versöhnender Engel zur Seite stehen.</p>
-
-<p>Allerdings hat das Streben, so zahlreiche Mitbewerber um den kärglichen
-Verdienst auszustechen, auch unlautere Seiten beim Chinesen entwickelt.
-Mit der von allen Kennern gerühmten Tüchtigkeit im Handels- und
-Bankierfach, in Gewerbe und Landbau geht Arglist, Lug und Trug Hand in
-Hand. Enges Zusammenwohnen in schlecht gelüfteten Räumen hat neben weit
-verbreiteter Armut eine widerliche Gleichgültigkeit gegen Reinhaltung
-von Körper und Kleidung verursacht. Das Erpichtsein auf materiellen
-Verdienst im Nährstand oder in Beamtenstellung, welche letztere wieder
-nur durch eifriges Studium der chinesischen Klassiker zu erzielen, ließ
-höhere als im Dienst der Technik stehende Künste, wahre d.&nbsp;h. nach dem
-inneren Zusammenhang der Dinge forschende Wissenschaft nicht aufkommen.
-Die Musen und Grazien waren nie in China heimisch.</p>
-
-<p>Einseitige Größe ist die Signatur chinesischer Nationalentwicklung. Es
-gab eben bisher zweierlei Kulturmenschheiten, eine mit europäischem
-Kulturgepräge und eine chinesische. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> innigere Berührung zwischen
-beiden wird eins der folgenschwersten Ereignisse des zwanzigsten
-Jahrhunderts bilden. Die Schranke, die Europa und China trennte,
-schwindet; an ihre Stelle tritt die ungeheure Brücke der ersten
-pazifischen Eisenbahn der Ostfeste, der südsibirischen. Wie wird sich
-die Lohnfrage stellen, wenn die gelbe Rasse auf dem Arbeitsmarkt
-Europas auftritt? Welcher Umschwung wird im Welthandel eintreten, wenn
-China mit seinen Steinkohlenschätzen, seinem billigen Arbeitslohn
-zur Großindustrie übergeht? Harmonischer mag sich das Chinesentum
-ausgestalten, manche Schattenseite seiner bisher starr selbständigen
-Kultur freundlich durchlichten unter Befruchtung durch den Genius
-des Abendlandes. Aber weiterdauern wird der demantne Kitt seiner
-Gesellschaft, der ehrenfeste Familiensinn, weiterleben seine
-nervenstarke Ausdauer in allen Klimaten und die schier unerschöpfliche
-Arbeitskraft, vervielfacht durch Übernahme unserer Methoden in die
-Technik seines Wirtschaftsgetriebes. Eine große Zukunft steht dieser
-Nation zweifellos bevor. Denn auch von ganzen Völkern gilt das
-Dichterwort: In deiner Brust steh’n deines Schicksals Sterne.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VII_Deutschland_und_sein_Volk">VII.<br />
-
-Deutschland und sein Volk.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
-
-<p>Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und
-Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr
-quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die
-Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen
-Deutschen Reichs sind seine Staaten herausgewachsen. Weil aber seit
-1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon
-durch seine Verfassungsurkunde der traulicher, geographischer klingende
-Name „Deutschland“ als gleichbedeutender zweiter Name beigelegt wurde,
-so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteils nur als
-Mitteleuropa zu bezeichnen.</p>
-
-<p>Nicht die geometrische, aber die morphologische Mitte Europas ist es
-ganz und gar. Jedes andere Glied des europäischen Körpers könnten wir
-wegdenken, es bliebe immer noch ein verstümmeltes Europa übrig. Stoßen
-wir dagegen Mitteleuropa aus dem Reigen der europäischen Länder aus, so
-haben wir bloß noch peripherische Glieder ohne Zusammenhang vor uns.
-Auch darin offenbart sich die Centrumsnatur Mitteleuropas, daß allein
-hier die drei Hauptvölkergruppen unseres Erdteils sich berühren, die
-germanische, slawische und romanische.</p>
-
-<p>Physisch-geographisch dürfen wir Mitteleuropa kennzeichnen als die
-Abdachung vom westöstlich verlaufenden Hauptwall der Alpen zur Nord-
-und Ostsee, als ein Gebiet, dem Europas Adelszüge, Einheit in der
-Mannigfaltigkeit und Maßhalten ganz besonders zuteil geworden sind.
-Alle Bodenformen vereinigen sich hier in zonenweiser Lagerung: wir
-steigen von den firn<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>bedeckten Zackenkämmen der Alpen hernieder auf
-die Hochflächen des Alpenvorlands, wo die Gewässer wie in den Alpen im
-Westen schon dem Rhonegebiet, im Osten dem der Donau angehören, treten
-dann ein in die vielgestaltige Welt der Mittelgebirgslandschaften
-mit Wasserabfluß nach allen Seiten, indessen doch zusammengehalten
-durch Zubehör ihres ganzen Flußnetzes allein zur Nord- und Ostsee,
-schließlich durchmessen wir das weite Tiefland mit seinen schiffbaren
-Strömen, unter denen der aus Gletscherwassern sich entspinnende Rhein
-der einzige ist, der alle vier Zonenstreifen miteinander verklammert,
-dem Westen Mitteleuropas eine ungleich bessere Verknüpfung spendend,
-als sie dem Osten nachgerühmt werden kann, wo außer der schmalen
-Elbpforte kein Strom Bresche gelegt hat in den Gebirgszug vom
-Fichtelgebirge bis zu den Karpaten, die Donau aber den geschichtlich so
-verhängnisvoll gewordenen Weg gen Osten weist.</p>
-
-<p>Die Abstufung des Bodens in der Richtung von den Alpen zur Küste
-gleicht die Temperatur von Süd und Nord aus; München z.&nbsp;B. hat eine
-Juliwärme gleich der von Königsberg. Im allgemeinen nimmt die Wärme
-wie in Europa überhaupt vielmehr von Südwest nach Nordost ab. Die
-europäische Frostlinie des Januar zieht aus der Gegend der Elbmündung
-im Bogenlauf quer über den Main und die süddeutsche Donau nach Bosnien.
-Nur im Osten dieser Grenzscheide hat man also anhaltenden Winterfrost,
-bleibende Schneedecke auch außerhalb der Gebirge. Am längsten und
-meisten wird der Boden in der Südwesthälfte Mitteleuropas erwärmt;
-dort finden wir neben Weizen- und Spelt- schon Maisbau; Schwalben
-und Störche treffen zuerst durch die burgundische Pforte in der
-oberrheinischen Tiefebene ein; an Rhein und Neckar, Mosel und Main
-sehen wir unsere besten Weinlagen verteilt. In Ostpreußen verkürzt
-sich dagegen die warme Jahreszeit bereits so sehr, daß die Rotbuche
-wie aus dem nämlichen Grund in Rußland nicht mehr fortkommt. Glücklich
-beschirmt durch das südliche Hochgebirge gegen die nordafrikanisch
-heißtrockenen Sommer des Mittelmeerbeckens, wohnen wir auch den
-atlantischen Hauptquellen des europäischen Regens fern genug, um nicht
-eine Überfülle von<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> Niederschlag zu empfangen wie die Westseite der
-britischen Inseln, und doch auch jenen wiederum nahe genug, um frei
-zu sein von der Steppendürre Südosteuropas. Mitteleuropa entrollt
-uns somit auch landschaftlich wie in seinem Wirtschaftsleben echt
-europäische Mannigfaltigkeit in seinen grünen Bergen und Thälern, auf
-seinen ebenen Fluren voll saftiger Weiden, fruchtbarer oder wenigstens
-den Bauernfleiß zur Genüge lohnender Felder, umfangreicher Laub- und
-Nadelholzwaldung. An Ertrag vom Getreidebau wie von der Viehzucht wird
-Europas Mittelland innerhalb unseres Erdteils allein durch Rußland
-ob seiner Raumgröße übertroffen, in Wein- und Obstsegen nähert es
-sich Frankreich und den sonnigen Südlanden, in seiner industriellen
-Bethätigung steht es bloß noch hinter England zurück, seitdem es im
-19. Jahrhundert mit immer gesteigerter Energie den Vorzug gründlicher
-ausbeuten lernte, daß es bei Anteilschaft an allen geologischen
-Formationen verfügt über gewaltige Rohstoffmassen an Metall, Kohlen und
-Salzen; seine Küstenlinie mit trefflichen Häfen, namentlich den fast
-gänzlich eisfreien Nordseehäfen, sichert ihm die Osteuropa versagten
-ununterbrochenen Welthandelsbeziehungen durch Schiffahrt auf allen
-Ozeanen bis zu den fernsten Erdenwinkeln.</p>
-
-<p>Als ostfränkisches Reich löste sich Mitteleuropa staatlich aus dem
-Verband der Monarchie Karls des Großen heraus, die es so eng mit
-Frankreich verknüpft hatte. Seine Osthälfte war freilich nach der
-Völkerwanderung an die nachrückenden Slawen verloren gegangen, wurde
-jedoch nachmals durch Zurückfluten des Deutschtums nach Osten zum
-größten Teil wiedergewonnen. Einem losen Bund der das westliche
-Mitteleuropa bewohnenden deutschen Stämme glich unser altes Reich,
-da es vom Sachsenherzog Heinrich nach dem Aussterben der Karolinger
-aus den ostfränkischen Trümmern organisiert ward. Es gliederte sich
-durchaus ethnographisch: dem niedersächsischen Kernstamm im Norden
-schlossen sich an die Thüringer und Hessen, die im Herzogtum Lothringen
-vereinigten Franken des nördlichen Rhein- und des Scheldegebiets, also
-die Bewohner<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> der heutigen Rheinprovinz, Luxemburgs, Belgiens und der
-Niederlande, ferner die Mainfranken samt den wesentlich fränkischen
-Pfälzern, die Schwaben und die Bayern.</p>
-
-<p>Aber es ist eine bisher zu wenig beachtete Thatsache, daß die
-staatliche Weiterentwicklung sich nicht im Rahmen dieser Stammesgebiete
-vollzogen hat, sondern je länger je mehr hierbei Leitmotive zu
-Tage traten, die dem Zusammenwohnen in physisch geschlossenen
-Verkehrsprovinzen erwuchsen. Das geographische Moment erwies sich
-mithin machtvoller als die Stämmegliederung. Das Stammland der Sachsen
-blieb zwar bis zum territorialen Zerfall des spätmittelalterlichen
-Deutschland überhaupt noch längere Zeit eine politische Einheit,
-befaßte es doch bis auf den ins rheinische Schiefergebirge reichenden
-Südzipfel, den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, das gut geeinte
-Stück Tiefebene von Holstein bis gegen den Niederrhein. Ihm schlossen
-sich die wahlverwandten ostelbischen Slawenlande zum guten Teil an, die
-durch ihr Plattdeutsch noch zur Stunde die Macht der niedersächsischen
-Kolonisation verkünden. Auch Hessen und Thüringen gaben in der so
-ungeographischen, meist rein dynastisch bedingten Herausschälung
-kleiner und kleinster Sondergebiete ihre Landeseinheit noch
-einigermaßen zu erkennen. Indessen der im Bodenbau gar nicht wurzelnde
-Grenzzug des lothringischen Herzogtums verschwand gar bald, auch die
-Pfalz schied sich von Mainfranken, das Schwabenland zertrennte sich in
-seine geographischen Elemente, die fast ausschließlich von den Bayern
-besiedelten deutsch-österreichischen Lande, die darum ursprünglich
-nur Marken unter der Oberhoheit des bayrischen Stammesherzogtums
-ausmachten, verselbständigten sich als alpine Wohnräume dieses Stammes,
-nur durch den Donaustrom verknüpft mit dem nunmehr auf das Alpenvorland
-nebst den ihm durch Isar und Iller angeschlossenen Randgliedern der
-nördlichen Kalkalpen beschränkten Herzogtum, dem fortan allein der
-Bayernname verblieb.</p>
-
-<p>Die Entfaltung des mitteleuropäischen Staatensystems unserer Tage hat
-gar nichts gemein mit der Grenzabsonderung<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> der Teilstämme unserer
-Nation. Bruchstückweise sind letztere an die fünf Staaten aufgeteilt.
-In den Niederlanden, Flämisch-Belgien und Luxemburg wohnen außer den
-friesischen Strandleuten Niedersachsen und Franken, in der Schweiz,
-mit Romanen unter einem Dach, Schwaben, in Österreich mit Slawen in
-friedloser Ehe Bayern. Nur die innerdeutschen Stämme der Thüringer
-und Hessen sind dem im neuen Deutschland zusammengefaßten Hauptrest
-Mitteleuropas ganz treu geblieben. Unser heutiges Deutsches Reich
-ist der Inbegriff sämtlicher Stämme unserer Nation, soweit sie nicht
-ausgerankt sind in die peripherisch abgegliederten mitteleuropäischen
-Staaten oder hinausgezogen nach Großbritannien, Siebenbürgen, Rußland
-und in transozeanische Fernen.</p>
-
-<p>Wohl haben einstmals Stammesinteressen der politischen Einung unseres
-Volkes widerstrebt, als es noch keine mitteleuropäische Pentarchie gab.
-Der Sachsenstamm trägt noch immer seinen Widukind im Herzen, der ihm
-Freiheit und Glauben gegen den mächtigen Frankenkönig verteidigen half.
-Im Süden waren es die Bayern, die besonders gern der Centralgewalt
-des Reichs Widerpart leisteten, ja bis ins achtzehnte Jahrhundert
-traten bayrische Sympathien mit dem stammes- und glaubensverwandten
-habsburgischen Nachbarstaat so stark hervor, daß ein Anfall Bayerns an
-Österreich nicht ganz ausgeschlossen schien. In letzter Stunde siegten
-aber doch die realen Interessen, wie sie schon vor der Gründung des
-neuen Reichs im preußischen Zollverein, 1866 in der Zollvereinigung
-des norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zum Ausdruck
-kam. Ganz deutlich verrät sich die Bedeutung von natürlich gegebenen
-Verkehrsbezirken für Vereinheitlichung der gesamten Lebensziele ihrer
-Bewohner, folglich für die allergesundeste Anbahnung staatlichen
-Zusammenschlusses darin, daß die beiden großen Verkehrshälften
-Mitteleuropas, die wir im antiquierten großdeutschen Sinn die
-norddeutsche und die süddeutsche nennen mögen, sich abspiegeln in
-der Staatengeschichte durch alle Jahrhunderte von Armins und Marbods
-Tagen her. Die für die Staatenkarte der Gegenwart entscheidende
-Los<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>gliederung der Niederlande und Belgiens einerseits, der Schweiz
-und Deutsch-Österreichs andererseits vollzog sich eben deshalb als
-eine rein norddeutsche, bezüglich rein süddeutsche, weil es überhaupt
-bei Ausbildung der Teilstaaten Mitteleuropas nie eine dauernde
-Überschreitung der nord-süddeutschen Wende gegeben hat, die sich längs
-der Sudeten und des Erzgebirges zur Mainquelle hinzieht, um dann
-auf der Wasserscheide zwischen Main- und Wesergebiet sich dem Rhein
-zu nähern, die Pfalz Süddeutschland zuzuweisen. Auch der in unserem
-Reich am meisten fühlbare Gegensatz ist der zwischen der nord- und
-süddeutschen Staatengruppe.</p>
-
-<p>Zum Glück ist er nicht so wesentlich verursacht durch die leise an
-Rassenhaß gemahnende wechselseitige Abneigung verschieden begabter
-Stämme, wie fast allgemein geglaubt wird. Zwar sind Schwaben und Bayern
-fast ausnahmslos nur in Süddeutschland heimisch, Franken dagegen
-wohnen vom preußischen Rheinland bis in die Pfalz, ja sie siedeln
-seit mehr als tausend Jahren sowohl an der lothringischen Mosel
-wie im gesegneten Mainland. Nein, der Abstand unseres Deutschtums
-in Süd und Nord wurzelt wahrlich nicht in Blutsfeindschaft. Sind
-doch die Germanen der Südhälfte Mitteleuropas allesamt erst aus
-Norddeutschland als echte Brüder der blondhaarigen Norddeutschen
-eingewandert! Mit einer Menge kleiner Absonderlichkeiten in Mundart
-und Gebräuchen hat sich allerdings auch ein gewisser Antagonismus
-gegen norddeutsches Wesen dort im Süden allmählich festgewurzelt;
-im näheren Verkehr mit Schwaben und Bayern als mit Norddeutschen
-sind auch die Mainfranken, so zweifellos sie ihrer Herkunft nach
-dem norddeutschen Frankenstamm angehören, zu Süddeutschen geworden.
-Aber ist es nicht ein bedeutungsvoller Zug im Leben unserer Nation,
-daß am meisten längs den Ufern des Rheinstroms die Grenze süd- und
-norddeutscher Volkstümlichkeit sich verwischt? Süddeutsches „le“ für
-die Verkleinerungssilbe „chen“ hört man ebenso gut am norddeutschen
-Rhein, „nit“ statt „nicht“ weit über Köln hinaus. Der Rhein bildet das
-wertvollste Einheitsband für den Westen unseres Reichs, ja er ist<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>
-dessen eigentliches Rückgrat. Indem der Vater Rhein so leibhaftig uns
-alle Tage vor Augen hält, was der Verkehr auf seinen grünen Fluten, auf
-den Schienenwegen zu seinen beiden Seiten für den Austausch von Süd und
-Nord leistet, erbringt er uns den besten Beweis, daß die Einheitskraft
-unseres Reiches um so sicherer partikularistische Strebungen besiegen
-wird, je mehr die Schranken der alten Zeit mit ihrem schläfrigen
-Verkehr, meist nur im engen Bezirk, fallen, je mehr Güter- und
-Personenbewegung den Gesichtskreis der Deutschen über ganz Deutschland
-erweitert und sie alle begreifen lehrt, daß die Stärkung der gesamten
-Reichskraft jedem, auch dem kleinsten Teil des Reichskörpers zu gute
-kommt, während die Insassen eines solchen in seiner Vereinzelung höchst
-ohnmächtig ihre Freiheitshymnen singen würden.</p>
-
-<p>Sein Vaterland kennen lernen ist unerläßliche Vorbedingung dafür, es
-richtig zu würdigen. Es fällt indessen bei Deutschland und seinem Volk
-nicht eben leicht, jene Vorbedingung zu erfüllen, da uns von Gau zu
-Gau stark individuelles Gepräge aufstößt. Versuchen wir in flüchtiger
-Wanderskizze zu zeigen, wie vielfach dieser reizvolle Wechsel von
-Landschaft und Volkstum auf der gegenseitigen Beeinflussung beider
-beruht.</p>
-
-<p>Im Allgäu an den Quellbächen der Iller und weiter östlich in den
-bayrischen Alpen erhebt sich der Boden unseres Reichs wie nirgends
-sonst bis über die Schneegrenze. Hier allein jagt man die Gemse,
-wohnen halbnomadisch die Sennhirten in wettergebräuntem Blockhaus nur
-sommersüber auf der grünen Alpmatte, die sich einschaltet zwischen die
-schneebedeckten Zinnen des Hochgebirgsgrates und die tannendunkle Zone
-der unteren Gehängestufe. Auch letztere wird häufig unterbrochen vom
-lichteren Grün der Weideländerei, während Feldfluren ganz zurücktreten
-im Landschaftsbild, beschränkt gewöhnlich auf die Thalsohle in der
-Umgebung der Dorfschaften. Tiefer Naturfrieden lagert über dem Ganzen.
-Rinderzucht nebst Waldwirtschaft ernährt eine spärliche Anzahl
-genügsamer Menschen. Gleichviel ob Schwaben im Westen, Bayern im Osten,
-&mdash; die Alpennatur drückt den Bewohnern ganz gleich<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>artigen Stempel auf.
-Gesundheit und Kraft spricht ihnen aus dem Antlitz, aus dem rüstigen
-Gang selbst auf schwindelndem Pfad an jäher Felswand. Stets von Gefahr
-bedroht durch übermenschliche Mächte, ist der Älpler ein aufrichtig
-frommer Mensch, nur kein Kopfhänger. Das erhebende Bewußtsein des
-Gelingens, der Überwindung von Gefahren ist hier mehr als anderwärts
-in Deutschland mit den einfachsten Arbeiten verbunden, mit dem
-Niederbringen einer Kötze Heu, dem Holzflößen, dem Botenweg. Das stimmt
-zur Fröhlichkeit, die sich im Echo weckenden Juchzer und Jodler Luft
-macht, genährt von der körperlichen Frische in dieser herrlichen,
-Gesundheit spendenden Natur.</p>
-
-<p>Noch eine Strecke weit erfreuen uns ins nicht mehr hochgebirgige
-Vorgelände hinaus, soweit es noch wesentlich von alpenhaftem Klima
-beherrscht wird, die dem letzteren angepaßten Lebensformen: die
-Zerstreutheit der Einzelgehöfte in noch vorwiegend für Viehhaltung
-verwendeter Flur, ihr Holzbau mit dem weitvorspringenden, gegen den
-Sturm steinbeschwerten Dach, unter dem auf zierlicher Holzgallerie
-die vom Regen so oft benetzten Kleidungsstücke trocknen, der Tiroler
-Kremphut bei beiden Geschlechtern, das Lodenwams, der kurze, das
-Ausschreiten nicht hemmende Frauenrock, der feste Bergschuh. Dann aber
-wird die Landschaft eben, das Klima minder niederschlagsreich, je
-mehr wir uns längs den rauschenden Alpenflüssen Iller, Lech und Inn
-der Donau nähern. Da wohnt ein ackerbauendes, bierbrauendes Volk in
-geschlossenen Siedelungen. Inmitten ihrer Felderflur liegen ansehnliche
-Dörfer mit hohen roten Ziegeldächern, und manche altberühmte Stadt
-mit ehrwürdigen, hochragenden Gotteshäusern erinnert an eine große
-Vergangenheit. Regensburg und Augsburg erzählen schon durch ihren
-Namensklang, wie hier der Germane einst römische Städte nach seiner
-Weise ausbaute. Die Blüte von Augsburg und dem münstergekrönten Ulm
-wurzelte in der vormaligen Bedeutung der süddeutschen Donauhochfläche
-für den Handel zwischen den Mittelmeerhäfen und dem viel früher als
-Ostdeutschland kulturmächtigen rheinischen Westen. Augsburg ver<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>rät
-durch den modernen Aufschwung seiner Webeindustrie den regeren Sinn für
-gewerblichen Fortschritt, der die Schwaben vom Lech westwärts überhaupt
-vor den behäbigeren Bayern auszeichnet.</p>
-
-<p>Über alle Städte des Alpenvorlands aber kam München empor, dieses
-glänzende Zyklopenauge auf der breiten Stirnfläche unseres Südens,
-das lebensvolle Verkehrscentrum dieser Ebene, die stets berufen
-war zwischen Nord und Süd, Ost und West zu vermitteln, der große
-Getreidemarkt für die getreidearmen Alpengaue, die erste Bierbraustadt
-der Welt.</p>
-
-<p>Bloß das Donauthal über Passau hinaus verbindet die süddeutsche
-Hochfläche mit Österreich, eine Vielzahl bequemer Thalwege hingegen,
-die durch den Jura führen, verklammern mit dem übrigen Deutschland.
-Sie führen uns ins südwestdeutsche Becken, ganz eingesponnen ins
-süddeutsche Rheinsystem, mit dem Rheinstrom von Basel bis Mainz in
-seiner tiefsten Rinne. Im Maingebiet wohnen die nach ihm benannten
-südöstlichsten Franken. Sie haben auf dem mageren Keupersandboden
-inmitten des Regnitzlandes unter dem Schutz der noch heute die
-Stadt auf steilem Felsen überragenden alten Kaiserburg ihr Nürnberg
-gegründet, die einzige Stadt des Reichs, die durch das erfindungsreiche
-Schaffen ihrer Bürger die Blüte seiner mannigfachen, durchaus nicht
-bodenständigen Gewerbe seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart bewahrt
-hat. Sonst ist der Mainfranke werkthätiger im Anbau seines fruchtbaren
-Triasbodens. In der Bamberger Gegend bis gegen Schweinfurt hin bilden
-Hopfenberge eine Landschaftszierde, im wärmeren Unterland, so um die
-alte Bischofsstadt Würzburg, Weinberge. Im lieblichen Neckarland haben
-die Nachkommen schwäbischer Juthungen ihre Heimat zu einer Stätte
-harmonischer Durchdringung von Anbau und Gewerbefleiß umgeschaffen.
-Der Ackersegen der Felder, der glänzende Obst- und Weinertrag der
-Bodenabstufung bis zu den Thalsohlen des Neckargeflechts ist es nicht
-allein, was die Menschenfülle des Ländchens ernährt; überall sehen
-wir das starke Flußgefälle zu industriellen Anlagen verwertet und die
-Steinkohlen vom norddeutschen Rhein<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>land auf Schienen- wie Wasserweg
-heranfahren zum maschinellen Großbetrieb.</p>
-
-<p>Mehr gesondert nach den Bodenformen erweist sich Anbau und Gewerbe
-auf der süddeutschen Rheinebene gegenüber ihren beiderseitigen
-Einschlußgebirgen. Jene hat sich von jeher den Namen „Deutschlands
-Garten“ verdient bei ihrem ertragreichen Boden, ihrem milden Klima. Bis
-zur Pfalz hin hält der hier noch für Bootfahrt etwas zu ungestüme Rhein
-die Uferlande im Ost und West auseinander; deshalb waren sie trotz
-gleichartiger Wirtschaftsweise ihrer Bewohner staatlich immer getrennt,
-erst die Pfalz vermählt auch politisch die beiden Uferseiten.</p>
-
-<p>Getrennt entfaltete sich die wie immer von so vielen
-Zufälligkeiten abhängige Geschichte des Gewerbes in den schön
-bewaldeten Umrahmungsgebirgen: der Schwarzwald wählte sich die
-Holzschnitzerei, aus der sich dann Uhrenmanufaktur und Herstellung
-von Musikinstrumenten, selbst kostbarer Orchestrien entwickelte, der
-Wasgau die Baumwollweberei, deren Hauptsitz jedoch Mülhausen blieb,
-wo das Vorbild der Textilindustrie der Schweiz, der Mülhausen früher
-angehörte, noch heute nachwirkt.</p>
-
-<p>Die von Saarbrücken und Aachen bis nach Sachsen und Oberschlesien
-verbreiteten Steinkohlenlager bewirkten es aber, daß die moderne
-Großindustrie Deutschlands doch eine ganz vorwiegend norddeutsche
-wurde. Süddeutschland ist auch hierin dem Norden nur dort mehr
-angeglichen, wo der Kohlenbezug aus dem norddeutschen Rheinbezirk,
-zumal aus dem für den Wasservertrieb so günstig gelegenen
-Ruhrkohlenbecken nicht zu teuer ist. Darum sind im südwestdeutschen
-Becken so jugendliche Städte wie Mannheim, Ludwigshafen norddeutsch
-rasch gewachsen, Landstädtchen des Donaugebiets wie Straubing oder
-Amberg in der Oberpfalz dörflich klein geblieben.</p>
-
-<p>Krupps weltberühmte Gußstahlwerke in Essen holen sich ihr Eisen aus
-Nähe und Ferne, selbst aus Spanien, jedoch durch ihren Kohlenbedarf
-sind sie an die Ruhrgegend gefesselt;<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> verschlingen doch die Kruppschen
-Maschinenöfen jährlich 1¼ Millionen Tonnen Steinkohle. Älterer
-Bedeutung für gewerbliche Anregung der Bewohner unseres rheinischen
-Schiefergebirges sind allerdings die Erzvorkommen gewesen. Die
-Schwertfegerei von Solingen ist so alt wie die Bleicherei und Weberei
-an der Wupper, aus der jene gewaltige Industrie der Doppelstadt
-Elberfeld-Barmen mit dreimal Hunderttausend Einwohnern hervorging.
-Überhaupt haben die drei Faktoren, Kohlenreichtum, großer Vorrat
-an Eisen-, Zink- und Bleierz nebst angeerbter Neigung des Volks zu
-gewerblichem Verdienst, dort am Nordsaum des Schiefergebirges und ins
-bergisch-märkische Land hinein an der Hand der Großindustrie die größte
-Massenverdichtung der Deutschen gezeitigt.</p>
-
-<p>Das gefeiertste Stück des Rheinthals von Bonn aufwärts bis Bingen
-entrollt uns das lebensvolle Bild der verjüngten Schaffensthätigkeit
-unseres Volkes auf fast allen Gebieten. Eng aneinander reihen sich um
-den verkehrsreichen Strom die schiefergedeckten Städte und Dörfer,
-letztere oft nur in einer einzigen Häuserzeile eingeklemmt zwischen
-dem grünen Rhein und den nicht hohen, aber steilen Felsen seines
-gewundenen Thales, deren düsteres Grau von Rebengrün und stellenweise
-von Eichenwald verhüllt wird. Alles atmet Frohsinn und fortschreitenden
-Wohlstand; hier und da schaut noch ein römischer Wachtturm ins frisch
-pulsierende Leben der Gegenwart, neben Bergruinen aus dem Mittelalter
-grüßen vornehme Landsitze, schmucke Schlösser von den Höhen. Es
-ist das rechte Heim des weinfröhlichen Franken, der hier seit zwei
-Jahrtausenden haust und seinerseits dieser gottgesegneten Thalung
-den Stempel seiner energischen Schaffenslust aufgeprägt hat. Doch
-dieselben Rheinfranken wohnen doch auch auf den plattigen Flächen
-zur Seite von Rhein, Mosel und Lahn; indessen wie zurückgeblieben,
-wie weltabgeschieden und arm, wo der naßkalte Fels- oder Thonboden
-der Eifel, des Hunsrücks, des Westerwalds, über den der Nordwest
-Regenschauer und Schneewehen treibt, die Aussaat so kümmerlich lohnt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p>
-
-<p>Ostwärts folgt das hessische Bergland, das seit alters ein fleißiges,
-tapferes Bauernvolk ernährt, ohne Steinkohlen- und Erzschätze im
-grellen Gegensatz zum Rheinland bis ins 13. Jahrhundert völlig der
-Städte entbehrte, auf seinen anmutigen, aussichtsreichen Basaltkuppen,
-wie dem Petersberg bei Fulda, der Milseburg, dem Kreuzberg der Rhön,
-aber alte Andachtsstätten besitzt zum Beleg des nur scheinbar barocken
-Satzes „Basalt macht fromm“.</p>
-
-<p>Wo in den noch weiter östlichen Gliedern unseres Mittelgebirgsraumes,
-dem thüringischen, dem sächsischen, dem schlesischen, für den Ackerbau
-gut geeigneter Niederungsboden rauheren Höhen benachbart liegt, da
-meldet meistens schon das Fichtengrün der letzteren und die falbe
-Flur mit den langgezogenen Rechtecken der Äcker zu ihren Füßen, wie
-die Bodenerhebung die Beschäftigung der Menschen regelt. Besonders
-schön aber kann man eben dort bei den Bergbewohnern die Wahrheit des
-Satzes kennen lernen: „Not ist die Mutter der Künste!“ Läge da fetteres
-Erdreich, das die Waldrodung zum Feldbau lohnte, und wäre der Winter
-dort nicht zu lang und zu rauh, so würden die armen Leute auf dem Harz,
-dem Erzgebirge nicht so emsig in den lichtlosen Erdenschoß eingedrungen
-sein, um mit Lebensgefahr Metalladern anzuschlagen in immer höher
-gesteigerter Kunst, wodurch diese Gebirge zu Musterschulen des Berg-
-und Hüttenwesens für die ganze Welt geworden sind; es würde ebenso
-wenig jene großartige Fülle hausgewerblicher Industriezweige erwachsen
-sein, die Kunst der Glasfabrikation eine so hohe Vervollkommnung
-erreicht haben wie es der Fall ist vom Thüringerwald bis in die
-Waldgründe der Sudeten. Die Regel, daß die Volkszahl nach den höheren
-Gebirgsstufen sich mindert, ist durch den Bienenfleiß und die mit
-Kunstsinn gepaarte hochgradige Geschicklichkeit dieser Gebirgsbewohner
-mehrfach ins Gegenteil verkehrt worden. So leben die Erzgebirgler
-auf der fast keine Feldfrucht neben der Kartoffel tragenden Kammhöhe
-ihres Gebirges in dichteren Scharen, volkreicheren Dörfern als
-unten die Bauern auf dem fruchtbaren Löß des ebenen Vorlandes an
-der Pleiße, Mulde und Elbe. Ihre Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>fahren kamen als Bergleute auf
-die luftigen Höhen; als dann die Erzschätze allzubald versiegten,
-blieben die Nachgeborenen mit leidenschaftlicher Heimatsliebe auf der
-armen Gneisscholle, suchten und fanden Verdienst durch Schnitzerei,
-Tischlerei, Spitzenklöppeln und Feinstickerei, so daß sie mit fast
-chinesischer Anspruchslosigkeit bei Kartoffelkost und Blümchenkaffee
-ein zahlreiches, auskömmlich lebendes, sangeslustig fröhliches Völkchen
-wurden.</p>
-
-<p>Großartiger freilich offenbart uns zu guterletzt das norddeutsche
-Tiefland den Sieg unserer Nation über eine von Haus aus kargende Natur.
-Wie hat es der Deutsche verstanden, selbst dem dürftigsten Diluvialsand
-in steigenden Mengen Nahrungsmittel abzugewinnen, sogar in den Mooren
-sich ein sauber wohnliches Obdach, ja Wohlstand zu schaffen. Eben
-bei der harten Arbeit, die sich Jahr um Jahr erneuert, wenn hier der
-Landmann sich und den Seinen das Dasein fristen will, ist der harte
-Menschenschlag groß geworden, der in Treue und Tüchtigkeit, Ausdauer
-und Kraft den Kern des preußischen Staates ausgestalten, mithin
-die Grundlage unseres Reiches legen half. Die Wegsamkeit der Ebene
-schon als solcher, die Schiffbarkeit ihrer Ströme, die Zwischenlage
-zwischen den Gebirgen mit ihren der Niederung versagten Kohlen und
-Metallen auf der einen, dem Meer auf der andern Seite erzeugte eine
-Entfaltung von Handel und Industrie, die im Zeitalter des Dampfer-
-und Eisenbahnverkehrs eine vordem ungeahnte Höhe erklomm. „Arbeit
-schafft Wohlstand und Macht“, das lehrt uns das Emporkommen gerade
-dieses Nordens unseres Vaterlandes aus den früheren ärmlichen Zuständen
-besonders vernehmlich. Dem Wirtschaftsfortschritt dieses Raumes vor
-allem, gar nicht bloß der politischen Vorrangstellung Preußens ist
-es beizumessen, daß das Schwergewicht des neudeutschen Reiches im
-Nordosten liegt. Bis tief ins Mittelalter koncentrierte sich das
-geistige Leben, das Aufblühen größerer Gemeinwesen hauptsächlich auf
-den Südwesten Deutschlands. Nunmehr ist die Pflege von Kunst und
-Wissenschaft bis in unsere östlichsten Grenzmarken vorgedrungen, und
-große wie mittlere Städte sind über unser<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> ganzes Tiefland verteilt.
-Sie ordnen sich namentlich in drei Reihen. Eine verfolgen wir von
-Aachen über Leipzig bis ins Vorland der Sudeten; sie hält sich in der
-Nähe des Gebirgsfußes, wo der Boden der Niederung thonhaltiger, deshalb
-fruchtbarer ist, und nutzt den Marktvorteil aus, wie er sich überall
-darbietet durch den Erzeugungsgegensatz zwischen Gebirge und Ebene.
-Eine zweite fällt in die große mittlere Verkehrsaxe, die zugleich
-ein Stück der gesamteuropäischen von Paris über Moskau ausmacht: sie
-besteht vorzugsweise aus Brückenorten wie das steinalte, doch ewig
-jugendfrische Köln, Hannover, Magdeburg, das natürliche Hauptcentrum
-des Verkehrs der Nordostniederung Berlin, ferner Frankfurt a. O.,
-Posen. Die dritte befaßt die Küstenstädte, die erst durch den Kaiser
-Wilhelm-Kanal an einen einheitlichen, rein deutschen Schiffahrtsweg
-gelangten. Sie waren zum guten Teil schon zur Hansezeit Deutschlands
-Stolz als Organe seines Überseehandels nach England, Skandinavien,
-Rußland. Bei vorzugsweiser Richtung dieses Seeverkehrs über das
-baltische Meer mußte Lübeck das Venedig des Hansebundes werden. Nun
-schaut unser weltumspannend gewordener Handel naturgemäß zumeist gen
-Nordwest, wo in der innersten Nische des einzigen Weltmeergolfes mit
-deutschem Küstenanteil das deutsche London durch seine thatkräftige
-Bürgerschaft zum ersten Handelshafen des europäischen Festlandes
-entwickelt ward. Was wäre Deutschland ohne Hamburg! Aber wir dürfen
-hinzufügen: Was wäre Hamburg ohne Deutschland mit seiner riesenhaften
-Arbeitsleistung, mit seinem machtvollen Reichsschutz!</p>
-
-<p>Wir Deutsche im Reich gehören eben zusammen nicht bloß durch uralte
-oder erst auf diesem Boden geknüpfte Verwandtschaftsbande und eine
-mehr denn tausendjährige gemeinsame Geschichte, nein vor allem durch
-unser Vaterland. Das haben wir zu Nutz und Frommen friedlichen
-Schaffens gemeinsam zu schirmen durch unser starkes Heer, und an der
-allertreusten unserer Grenzen, an der Küste, durch unsere endlich
-erlangte, der Kauffahrerflotte unter schwarz-weiß-roter Flagge auf
-allen<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Meeren der Welt als Schild dienende herrliche Kriegsflotte.
-Aber dies Vaterland fordert nicht bloß unser einmütiges Zusammenhalten
-als die nötige Schutzfeste unseres Daseins. Es heischt auch unsere
-Dankbarkeit. Ihm danken wir über alle kleinen Stammessonderungen
-hinaus die ernste Zucht zu Arbeit, Sparsamkeit und guter Sitte, den
-gemeinsamen Pulsschlag eines treuen Herzens.</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="reklame break-before" id="Aus_Natur_und_Geisteswelt">
-
-<p class="s2 center"><b>Aus Natur und Geisteswelt.</b></p>
-
-<p class="s4 center">Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher
-Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens.</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s4 center"><b>12 monatlich erscheinende Bändchen</b></p>
-
-<p class="s4 center">von 130&ndash;160 Seiten in farbigem Umschlag zu je 1
-Mark, geschmackvoll gebunden zu je 1 Mark 25 Pf.</p>
-
-<p class="s5 center">Geschmackvolle Einbanddecken werden zum Preise von 20 Pf.
-geliefert.</p>
-
-<p class="center"><b>Jedes Bändchen ist in sich abgeschlossen und
-einzeln käuflich.</b></p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s5">Die Verlagsbuchhandlung sah sich infolge der erhöhten
-Herstellungskosten leider genötigt, den Preis für das Bändchen
-um den geringfügigen Betrag von 10 Pfennig zu erhöhen. Sie wird
-dafür, wie es bei den letzten Bändchen bereits geschehen ist, die
-Ausstattung durch Abbildungen reicher gestalten und so den Wert
-der Bändchen, der schon in ihrer inhaltlichen Vortrefflichkeit
-begründet ist, womöglich noch weiter zu erhöhen suchen.</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p>Die Sammlung will dem immer größer werdenden Bedürfnis nach
-<em class="gesperrt">bildender</em>, <em class="gesperrt">zugleich belehrender</em> und <em class="gesperrt">unterhaltender</em>
-Lektüre entgegenkommen. Sie bietet daher in einzelnen in sich
-abgeschlossenen Bändchen in sorgsamer Auswahl Darstellungen kleinerer
-wichtiger Gebiete aus allen Zweigen des Wissens und damit eine Lektüre,
-die auf <b class="s4">wirklich allgemeines Interesse</b> rechnen kann.</p>
-
-<p>Eine erschöpfende allgemeinverständliche Behandlung des Stoffes soll
-auf wissenschaftlicher Grundlage ruhen, die die Mitwirkung angesehener
-und bewährter Fachmänner gewährleistet. So wird eine <b>Lektüre</b>
-geboten, die <b class="s4">wirkliche Befriedigung</b> und <b class="s4">dauernden Nutzen</b>
-verspricht.</p>
-
-<p>Wie der <em class="gesperrt">Inhalt</em>, so soll auch in jeder Weise den Zweck
-der Sammlung erreichen helfen die trotz des <em class="gesperrt">billigen Preises
-sorgfältigste Ausstattung</em>: die in <em class="gesperrt">bester Ausführung beigegebenen
-Abbildungen</em>, der mit <em class="gesperrt">trefflicher Zeichnung versehene
-Umschlag</em>, der <em class="gesperrt">geschmackvolle Einband</em>.</p>
-
-<p>Es erschienen bereits:</p>
-
-<div class="enger">
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Acht Vorträge aus der Gesundheitslehre.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span>
-<em class="gesperrt">H. Buchner</em>. Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Unterrichtet in klarer und überaus fesselnder Darstellung über alle
-wichtigen Fragen der Hygiene.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Soziale Bewegungen und Theorien bis zur modernen
-Arbeiterbewegung.</b> Von <em class="gesperrt">G. Maier</em>. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Will auf historischem Wege in die Wirtschaftslehre einführen, den
-Sinn für soziale Fragen wecken und klären.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Bau und Leben des Tieres.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">W. Haacke</em>.
-Mit zahlreichen Abbildungen im Text. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackv.
-geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Vermag zu einem besseren Verständnis unserer Umgebung, unserer
-Freunde in Haus und Hof, in Feld und Wald zu führen.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Schrift- und Buchwesen in alter und neuer Zeit.</b> Von Prof.
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">O. Weise</em>. Reich illustr. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Verfolgt durch mehr als vier Jahrtausende Schrift-, Brief- und
-Zeitungswesen, Buchhandel und Bibliotheken.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Palästina und seine Geschichte.</b> Sechs volkstümliche Vorträge
-von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">von Soden</em>. Mit zwei Karten und einem
-Plan von Jerusalem. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Ein Bild nicht nur des Landes selbst, sondern auch alles dessen,
-was aus ihm hervor- oder über es hingegangen ist im Laufe der
-Jahrhunderte.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Luft, Wasser, Licht und Wärme.</b> Acht Vorträge aus der
-Experimental-Chemie. Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">R. Blochmann</em>. Mit
-103 Abbildungen im Text. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i>
-1.25.</p>
-
-<p class="s5">Führt unter besonderer Berücksichtigung der alltäglichen
-Erscheinungen des praktischen Lebens in das Verständnis der
-chemischen Erscheinungen ein.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Deutsche Baukunst im Mittelalter.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">A.
-Matthaei</em>. Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackv.
-geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Will mit der Darstellung der Entwicklung der deutschen Baukunst
-des Mittelalters zugleich über das Wesen der Baukunst als Kunst
-aufklären.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Das deutsche Volkslied.</b> Über Wesen und Werden des deutschen
-Volksgesanges. Von Privatdozent <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">J. W. Bruinier</em>.
-Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Einer der wichtigsten Erscheinungen deutschen Volkslebens gewidmet,
-nicht zu steifer akademischer Erörterung, sondern zu herzlich
-warmer Schilderung.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Neuere Fortschritte auf dem Gebiete der Elektrizität.</b> Von
-Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Richarz</em>. Mit 94 Abbildungen im Text. Geh.
-<i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Behandelt leicht verständlich, zugleich aber für jeden Fachmann
-interessant, die neuesten vielbesprochenen Fortschritte auf
-elektrischem Gebiete.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Unsere wichtigsten Kulturpflanzen.</b> Von Privatdozent
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Giesenhagen</em> in München. Mit zahlreichen
-Abbildungen im Text. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Vermittelt durch die Schilderung der wichtigsten Kultur der
-Getreidepflanzen zugleich in anschaulicher Form allgemeine
-botanische Kenntnisse.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschichtlichen
-Entwicklung.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Ed. Otto</em>. Mit 27 Abbildungen
-auf 8 Tafeln. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Eine Darstellung der historischen Entwicklung und der
-kulturgeschichtlichen Bedeutung des deutschen Handwerks von den
-ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Das Theater.</b> Von Privatdozent <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Borinski</em> in
-München. Mit 8 Bildnissen großer dramatischer Dichter. Geh. <i>M.</i>
-1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Läßt bei der Vorführung der dramatischen Gattungen die dramatischen
-Muster der Völker und Zeiten thunlichst selbst reden.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Die Leibesübungen und ihre Bedeutung für die Gesundheit.</b> Von
-Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">R. Zander</em>. Mit 19 Abbildungen im Text und
-auf 2 Tafeln. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Will darüber aufklären, weshalb und unter welchen Umständen die
-Leibesübungen segensreich wirken, indem es ihr Wesen, andererseits
-die in Betracht kommenden Organe bespricht.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Verkehrsentwicklung in Deutschland. 1800&ndash;1900.</b> Sechs
-volkstümliche Vorträge über Deutschlands Eisenbahnen und
-Binnenwasserstraßen, ihre Entwicklung und Verwaltung, sowie ihre
-Bedeutung für die heutige Volkswirtschaft von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span>
-<em class="gesperrt">Walther Lotz</em>. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Erörtert nach einer Geschichte des Eisenbahnwesens insbesondere
-Tarifwesen, Binnenwasserstraßen und Wirkungen der modernen
-Verkehrsmittel.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Die deutschen Volksstämme und Landschaften.</b> Von Prof.
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">O. Weise</em>. Mit 26 Abbildungen. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Schildert, durch eine gute Auswahl von Städte-, Landschafts- und
-anderen Bildern unterstützt, die Eigenart der deutschen Gaue und
-Stämme.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Ernährung und Volksnahrungsmittel.</b> Sechs Vorträge gehalten
-von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Johannes Frentzel</em>. Mit 6 Abbildungen im
-Text und 2 Tafeln. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Behandelt die Ernährungslehre, den Verdauungsapparat und die
-Zubereitung der Nahrungsmittel, die einzeln ausführliche
-Besprechung erfahren.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Aufgaben und Ziele des Menschenlebens.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">J.
-Unold</em> in München. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Beantwortet die Frage: Giebt es keine bindenden Regeln des
-menschlichen Handelns? in zuversichtlich bejahender, zugleich
-wohlbegründeter Weise.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Der Kampf zwischen Mensch und Tier.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span>
-<em class="gesperrt">Karl Eckstein</em>. Mit 31 Abbild. i. T. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Der hohe wirtschaftliche Bedeutung beanspruchende Kampf erhält eine
-eingehende, ebenso interessante wie lehrreiche Darstellung.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Am sausenden Webstuhl der Zeit.</b> Übersicht der Wirkungen
-der Entwicklung der Naturwissenschaften u. der Technik. Von
-<em class="gesperrt">Launhardt</em>, Geh. Reg.-Rat, Prof. a. d. Techn. Hochschule zu
-Hannover. Mit vielen Abbild. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb.
-<i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Heute, wo wir in den <em class="gesperrt">Naturwissenschaften und der Technik</em>
-einen alle vergangenen Zeiten weit überragenden Standpunkt
-einnehmen, ist <em class="gesperrt">ein Rückblick auf ihre Entwicklung</em>, wie
-sie das vorliegende Bändchen in geistreichen Ausführungen giebt,
-gewiß vielen willkommen. Indem er sie den Weltwundern der
-Alten gegenüberstellt, weiß der Verfasser treffend das Wesen
-<em class="gesperrt">der Wunder unserer Zeit</em> klar zu stellen. Vorbereitet
-durch naturwissenschaftliche Entdeckungen, die <em class="gesperrt">die Sinne
-verschärfen und vervollkommnen</em>, haben diese Erfindungen
-unsere <em class="gesperrt">Herrschaft über den Raum</em> in ungeahnter Weise
-ausgebreitet, die modernen Schußwaffen wie die Fernrohre,
-die Eisenbahnen, die Dampfschiffe und die Luftschiffe. Eine
-eingehende Darstellung erfährt insbesondere <em class="gesperrt">die Entwicklung des
-Eisenbahnwesens</em>. Im letzten der Vorträge werden die meistens
-zu entgegengesetzten Erscheinungen führenden <em class="gesperrt">Wirkungen der
-Verkehrsvervollkommnung</em> dargestellt.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Das Eisenhüttenwesen</b> erläutert in acht Vorträgen von Prof.
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">H. Wedding</em>. Mit 12 Figuren im Text. Geh. <i>M.</i>
-1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Das Eisen ist das <em class="gesperrt">unentbehrlichste Metall</em>, ohne dessen Gebrauch
-das gegenwärtige Leben gebildeter Völker nicht zu denken ist. Wie
-von jedem gebildeten Menschen erwartet werden darf, daß er weiß, auf
-welche Weise Brot hergestellt wird, so sollte auch von jedem <em class="gesperrt">eine
-wenigstens allgemeine Kenntnis der Vorgänge vorausgesetzt werden
-dürfen, vermittelst derer Eisen erzeugt und in seine Gebrauchsformen
-gebracht wird</em>. Das ist der Gegenstand der Eisenhüttenkunde.
-In den vorliegenden acht Vorträgen wird das Eisenhüttenwesen in
-gemeinfaßlicher Weise von einem der bedeutendsten Fachmänner erörtert.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Die ständischen und sozialen Kämpfe in der römischen
-Republik.</b> Von <em class="gesperrt">Leo Bloch</em>. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackv.
-geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Es giebt schwerlich einen gleich interessanten und gleich
-bedeutungsvollen Vorgang in der Weltgeschichte wie die <em class="gesperrt">Entwicklung
-der römischen Weltmacht</em>. <em class="gesperrt">Die sozialen Erscheinungen, die
-inneren</em> Kämpfe der Stände, unter denen sich die Entwicklung
-vollzieht und die in erster Linie <em class="gesperrt">agrarischen</em> Charakter tragen,
-haben aber für uns heute besonderes Interesse, und so ist eine &mdash; von
-allem philologischen Detail absehende gemeinverständliche Darstellung
-dieser Kämpfe wohlberechtigt, wie sie das vorliegende Bändchen giebt.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Einführung in die Theorie und den Bau der neueren
-Wärmekraftmaschinen.</b> Von Ingenieur <em class="gesperrt">Richard Vater</em>. Mit
-zahlreichen Abbildungen. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Das Verständnis der immer wichtiger werdenden <em class="gesperrt">neueren
-Wärmekraftmaschinen, das heißt der Gas-, Petroleum- und
-Benzinmaschinen</em>, will dies Bändchen einem weiteren Kreise
-zugänglich machen, sowohl dem Nichtfachmanne, wie demjenigen, der
-mit geringerer Vorbildung in engere oder losere Berührung mit den
-Maschinen gelangte, Interesse und Verständnis für die Sache erwecken.
-Der Zweck des Bändchens ist somit nicht ein rein technischer, sondern
-zugleich ein allgemein bildender. Nach einer Gegenüberstellung
-der <em class="gesperrt">älteren</em> und <em class="gesperrt">neueren Wärmekraftmaschinen</em> wird
-zunächst die <em class="gesperrt">Gasmaschine</em> behandelt, dann die <em class="gesperrt">Petroleum-
-und Benzinmaschinen</em>; zum Schlusse wird auf die neueste
-Wärmekraftmaschine, auf die <em class="gesperrt">Maschine von Diesel</em>, etwas näher
-eingegangen.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Das Licht und die Farben.</b> Sechs Vorträge, gehalten im
-Volkshochschulverein München. Von Professor <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">L.
-Graetz</em>. Mit 113 Abbildungen. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb.
-<i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Die Vorträge gehen von den im Druck durch die Abbildungen ersetzten
-<em class="gesperrt">wichtigsten optischen Erscheinungen</em> aus, aus denen sie die
-<em class="gesperrt">Gesetze des Lichtes</em> herauszuziehen und dadurch, schrittweise
-vom Einfacheren zum Komplizierteren fortschreitend, immer tiefer in
-das Wesen des Lichtes einzudringen suchen. Ausgehend zunächst von den
-einfachsten Erscheinungen der scheinbar <em class="gesperrt">geradlinigen Ausbreitung,
-Zurückwerfung und Brechung des Lichtes</em> wird dann das <em class="gesperrt">Wesen der
-Farben</em> behandelt. Die Frage nach der Natur der Seifenblasenfarben
-leitet zur Einführung in die <em class="gesperrt">Wellennatur des Lichtes</em>. Danach
-wendet sich die Darstellung der <em class="gesperrt">Photographie</em> zu. Die letzte
-Vorlesung endlich macht die <em class="gesperrt">Einsichten in die Natur des Lichtes
-präziser</em>, indem sie das Licht als eine spezielle elektrische
-Erscheinung anschließt an das große Gebiet der <em class="gesperrt">Elektrizität</em>.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Der Bau des Weltalls.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">J.
-Scheiner</em>. Mit zahlreichen Abbildungen. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Dieses Bändchen beabsichtigt, in allgemeinverständlicher Darstellung
-in das Hauptproblem der Astronomie, das auf lebhaftestes Interesse bei
-einem jeden Menschen rechnen darf, <em class="gesperrt">die Erkenntnis des Weltalls</em>,
-einzuführen. Das erste Kapitel ist der Aufgabe gewidmet, den Leser
-an die <em class="gesperrt">wirklichen Verhältnisse von Raum und Zeit im Weltall</em>
-zu gewöhnen, ihm hierüber eine klare Anschauung zu ermöglichen, die
-unbedingt zum Verständnis des Ganzen erforderlich ist. Das zweite
-Kapitel lehrt, wie <em class="gesperrt">das Weltall von der Erde aus erscheint</em>;
-die drei folgenden Kapitel sind dem <em class="gesperrt">inneren Bau des Weltalls</em>
-gewidmet, d.&nbsp;h. in ihnen ist die Struktur der <em class="gesperrt">selbständigen
-Himmelskörper</em> mit Hilfe der Spektralanalyse auseinandergesetzt. Das
-letzte Kapitel giebt als Schlußstein eine Lösung der Frage über die
-<em class="gesperrt">äußere Konstitution</em> der Fixsternwelt.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Die Metalle.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">K. Scheid</em>. Reich
-illustriert. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Das Bändchen will, ohne daß irgend welche Kenntnisse der Chemie und
-Gesteinkunde vorausgesetzt werden, eine Erklärung geben, wie die
-<em class="gesperrt">Metalle in der Erde</em> sich als Erze abgelagert haben mögen und
-wie die Erze sich in <em class="gesperrt">das reine Metall</em> umwandeln lassen; wie
-die Metalle auf den <em class="gesperrt">Hüttenwerken</em> dargestellt werden, ist unter
-Beigabe von Abbildungen erklärt. In den letzten Abschnitten werden
-sodann die Metalle hinsichtlich ihrer <em class="gesperrt">Eigenschaften verglichen</em>
-und das <em class="gesperrt">Allgemeine über Darstellung und Verarbeitung</em>
-zusammenfassend erklärt.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Meeresforschung und Meeresleben.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span>
-<em class="gesperrt">Janson</em>. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Gerade jetzt, zu einer Zeit, wo unser deutsches Volk seine Blicke
-weit hinaus in die Ferne richtet, erschien eine den Absichten der
-Sammlung entsprechend im engsten Rahmen gehaltene Zusammenfassung
-der hauptsächlichen Erfolge und der zunächst ins Auge genommenen
-Ziele der <em class="gesperrt">modernen systematischen Meeresuntersuchung</em>. &mdash;
-Einer kurzen Darstellung der <em class="gesperrt">Entwicklungsgeschichte</em> der
-modernen Meeresforschung und ihrer Ziele folgt eine Betrachtung der
-<em class="gesperrt">Verteilung von Wasser und Land</em> auf der Erde, der <em class="gesperrt">Tiefen des
-Meeres</em>, der <em class="gesperrt">Erhebungen</em> seines Bodens und der ihn bedeckenden
-<em class="gesperrt">Ablagerungen</em>. Daran schließt sich eine Behandlung der
-physikalischen und chemischen Verhältnisse des <em class="gesperrt">Meerwassers</em> an.
-Den Schluß bildet eine kurze Beschreibung der <em class="gesperrt">wichtigsten Organismen
-des Meeres</em>, der Pflanzen und Tiere, der Werkzeuge und Methoden
-ihres <em class="gesperrt">Fanges</em> und ihrer <em class="gesperrt">Anpassungserscheinungen</em> an die so
-eigenartigen Lebensverhältnisse der Ozeane.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Die moderne Heilwissenschaft.</b> Wesen und Grenzen des
-ärztlichen Wissens. Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">E. Biernacki</em>. Deutsch von
-<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">S. Ebel</em>, Badearzt in Gräfenberg. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Die Abhandlung bezweckt, in den Inhalt des ärztlichen Wissens und
-Könnens von einem allgemeineren Standpunkte aus einzuführen. Sie
-behandelt die <em class="gesperrt">geschichtliche Entwicklung der medizinischen
-Grundbegriffe, die Leistungsfähigkeit und die Fortschritte der
-modernen Heilkunst, die Beziehungen zwischen der Diagnose und der
-Behandlung der Krankheit, sowie die Grenzen der modernen Diagnostik
-in allgemein verständlicher Weise</em>. Eine ausführliche Besprechung
-erfährt insbesondere auch das kulturgeschichtlich so interessante
-<em class="gesperrt">medizinische Sektenwesen</em> (Homöopathie, Volksmedizin u.
-Naturheilkunde u.&nbsp;s.&nbsp;w.).</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Das Zeitalter der Entdeckungen.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">S.
-Günther</em> in München. Mit einer Weltkarte. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Wenig Zeitalter dürfen heute, wo kühne Forschungsreisen unsere
-Teilnahme und Bewunderung immer aufs neue erwecken, wir immer
-lebhafteren Anteil an der Nutzbarmachung neuer Entdeckungen nehmen,
-wohl in weiteren Kreisen auf so lebhaftes Interesse rechnen,
-wie das Entdeckungszeitalter. Von einer <em class="gesperrt">Übersicht über den
-geographischen Wissensstand des Altertums und Mittelalters</em>
-ausgehend, behandelt der Verfasser dann das Entdeckungszeitalter im
-engeren Sinne, von dem Auftreten <em class="gesperrt">Heinrichs des Seefahrers</em>, des
-ersten zielbewußten Organisators der Entdeckungsarbeit, bis zu den
-Bestrebungen der germanischen Völker, um Asien oder Amerika herum
-einen neuen <em class="gesperrt">Seeweg nach Indien</em> zu finden; die Auffindung
-des Weges um das <em class="gesperrt">Kap der guten Hoffnung</em> und die Begründung
-der <em class="gesperrt">portugiesischen Kolonialherrschaft</em> in Asien, sodann die
-Fahrten des <em class="gesperrt">Columbus</em>, die Erdumsegelung von <em class="gesperrt">Magalhaẽs</em>,
-die Entdeckungen und Eroberungen der <em class="gesperrt">Spanier in Süd-, Mittel- und
-Nordamerika</em> und endlich das Hervortreten der <em class="gesperrt">französischen,
-britischen und holländischen Seefahrer</em>.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit.</b> Von
-Bauinspektor <em class="gesperrt">Curt Merckel</em>. Mit zahlr. Abbild. Geh. <i>M.</i>
-1.&mdash;, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Die „Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit“ dürfen heute auf
-ein weites Interesse rechnen. Das vorliegende Bändchen führt eine
-Reihe von <em class="gesperrt">hervorragenden Ingenieurbauten aus dem Gebiete des
-Verkehrs</em> vor; die <em class="gesperrt">Gebirgsbahnen</em>, die <em class="gesperrt">Bergbahnen</em>,
-die <em class="gesperrt">transkaspische und transsibirische Eisenbahn</em>, sowie
-die <em class="gesperrt">chinesischen Eisenbahnen</em> gelangen zur Besprechung; die
-Vorläufer der Gebirgsbahnen, die bedeutenden <em class="gesperrt">Gebirgsstraßen der
-Schweiz und Tirols</em>, anderseits die großen in <em class="gesperrt">Asien</em> bereits
-entstandenen oder in der Ausführung begriffenen und projektierten
-<em class="gesperrt">Eisenbahnverbindungen</em> werden eingehend geschildert, endlich in
-kurzen Zügen die <em class="gesperrt">modernen Kanal- und Hafenbauten</em> mit den bereits
-zur Ausführung gekommenen Neuerungen oder den im Entwicklungsstadium
-befindlichen Umgestaltungen behandelt.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b class="s4">Die fünf Sinne des Menschen.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Jos. Clem.
-Kreibig</em> in Wien. Mit 29 Abbild. im Text. Geh. <i>M.</i> 1.&mdash;,
-geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p>
-
-<p class="s5">Der Verfasser sucht die Fragen über die <em class="gesperrt">Bedeutung, Anzahl,
-Benennung und Leistungen der Sinne</em> in gemeinfaßlicher Weise
-zu beantworten. Nach einer kurzen allgemeinen Charakteristik des
-einzelnen Sinnesgebietes bringt er zunächst <em class="gesperrt">das Organ und seine
-Funktionsweise</em>, dann die <em class="gesperrt">als Reiz wirkenden äußeren Ursachen</em>
-und zuletzt den <em class="gesperrt">Inhalt, die Stärke, das räumliche und zeitliche
-Merkmal der Empfindungen</em> zur Besprechung. Am ausführlichsten
-behandelt er den <em class="gesperrt">Gehör- und Gesichtssinn</em>, insbesondere die
-Gebiete der <em class="gesperrt">Töne und Farben</em>. Überall verwertet er maßvoll und
-selbständig die <em class="gesperrt">neuesten Ergebnisse der Wissenschaft</em>.</p>
-
-</div>
-
-<p class="center mtop2 mbot2"><b><span class="u">&ensp;Weitere Bändchen befinden sich in
-Vorbereitung.&ensp;</span></b></p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Mensch und Erde, by Alfred Kirchhoff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCH UND ERDE ***
-
-***** This file should be named 61101-h.htm or 61101-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/1/1/0/61101/
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/61101-h/images/cover.jpg b/old/61101-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index a2facdb..0000000
--- a/old/61101-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/61101-h/images/signet.jpg b/old/61101-h/images/signet.jpg
deleted file mode 100644
index bd41261..0000000
--- a/old/61101-h/images/signet.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ