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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Mensch und Erde - Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden - -Author: Alfred Kirchhoff - -Release Date: January 4, 2020 [EBook #61101] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCH UND ERDE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1901 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original - unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. - - Im Original finden sich Teile der Buchwerbung für die Reihe ‚Aus - Natur und Geisteswelt‘ sowohl am Anfang als auch am Ende des - Buches. In der vorliegenden Fassung wurden vom Bearbeiter beide - Teile vereinigt und an das Ende des Texts gestellt. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Aus Natur und Geisteswelt. - - Sammlung - - wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen - aus allen Gebieten des Wissens. - - 31. Bändchen. - - - Mensch und Erde. - - Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden. - - Von - - Alfred Kirchhoff. - - [Illustration] - - Leipzig, - - Druck und Verlag von B. G. Teubner. - - 1901. - - - - - Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten. - - - - - Otto Jonassohn - - in treuer Freundschaft - gewidmet. - - - - -Vorwort. - - -Vorliegende Skizzen waren ursprünglich gar nicht für den Druck -bestimmt. Ich hatte sie vielmehr als Unterlagen zu Vorträgen vor einem -weiteren Hörerkreis ausgearbeitet. Einer der Vorträge, gehalten im März -d. J. am Institut für Meereskunde zu Berlin, ist bereits in Hettners -Geographischer Zeitschrift veröffentlicht worden; alle übrigen wurden -im Auftrag des Hamburger Senats im Oktober 1899 vor der Hamburger -Bürgerschaft gehalten und erscheinen hier zum erstenmal im Druck. - -Indem ich nun, um mehrseitigen Wünschen nachzukommen, diese -anspruchslosen Skizzen der Öffentlichkeit übergebe, kann ich ihnen -nur den einen Wunsch mit auf den Weg geben, daß sie ebenso freundlich -teilnehmende Leser finden mögen wie sie sich aufmerksamer Hörer zu -erfreuen hatten. - - +Halle a. S.+, im Juli 1901. - - =Der Verfasser.= - - - - -Inhalt. - - - Seite - - - I. Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die - Kulturverbreitung und die tellurische Auslese seitens - der einzelnen Länder 1 - - II. Das Meer im Leben der Völker 15 - - III. Steppen- und Wüstenvölker 33 - - IV. Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft 55 - - V. Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen 73 - - VI. China und die Chinesen 95 - - VII. Deutschland und sein Volk 111 - - - - -I. - -Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die Kulturverbreitung und -die tellurische Auslese seitens der einzelnen Länder. - - -Schon aus dem griechischen Altertum erklingt der Streit über die -Vormacht zwischen Erde und Menschheit. Die neuere Erdkunde hat ihn -unparteiisch geschlichtet. Plato, zufolge der idealistischen Richtung -seiner gesamten Weltanschauung in dieser Streitsache entschieden -Parteimann, fällt das Urteil: Nicht das Land hat sein Volk zu eigen, -sondern das Volk sein Land. Gründlichere Betrachtung enthüllt uns -jedoch überall ein stetes Wechselverhältnis von Land und Volk, -Menschheit und Erde. So gewiß die Menschheit zu keiner Zeit in allen -ihren Zuständen, in allen ihren Thaten unmittelbar abhängig war von -der Mutter Erde, so vermag sie sich doch nie und nimmermehr aus deren -Banden zu lösen. - -Und wer könnte heutzutage bezweifeln, daß die Gewalt unseres Planeten -über unser Geschlecht größer sei als diejenige des letzteren über -jenen? Wohl trifft gegenwärtig mehr denn je der Sophokleische -Triumphgesang zu: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“, indessen -doch nur im Vergleich mit den übrigen Geschöpfen, unter denen er sich -kraft seiner Geistesentfaltung die Oberhand gewann. Mit den niedersten -Organismen des Tier- wie Pflanzenreiches teilt der Mensch so zu -sagen die Rangliste im Weltall: er ist ein Geschöpf, eine Geburt des -Erdplaneten. Er bleibt wie alle die anderen Lebewesen dieses kleinen -Weltkörpers an bestimmte Oberflächenteile desselben gekettet; schon -in mäßiger Tiefe unter unseren Sohlen läßt uns die Gluthitze des -Erdinneren nicht leben, und selbst vorübergehend als Luftschiffer -vermag der Mensch nur wenige Kilometer ins Luftmeer sich zu erheben, -weil ihn furchtbare Kälte nebst Sauerstoffmangel aus den ätherischen -Höhen zurückscheucht. Ja, dies räumlich so eingeschränkte Dasein der -Menschen auf Erden ist nicht einmal von Ewigkeit zu Ewigkeit; nein, es -fügt sich auch zeitlich in enge Schranken, wie sie von der Erdnatur -bestimmt werden. Wie gern träumen wir davon, die Erde sei nur für uns -erschaffen! Aber wir wissen doch jetzt, daß der Erdball einstmals -Millionen von Jahren durch den Weltenraum in kreisähnlichen Bahnen -dahinsauste, ohne irgend welches organische Leben zu beherbergen; -endlich, nachdem sich seine Lavaschmelzglut durch Ausstrahlung gekühlt, -der Ozean aus der Atmosphäre auf die nun erstarrte Steinkugel des -Erdpanzers niedergeregnet war, tauchten Geschöpfe auf, als Spätling -auch der Mensch. Indessen er wird gleich allen Mitgeschöpfen sein Leben -nur so lange fristen, als die unentbehrlichsten Lebensbedingungen -nicht versiegen, vor allem das nötige Maß von Wärme und das Wasser. -Seit kurzem erst kennen wir die gänzliche Unbeständigkeit jeglicher -Ortstemperatur; wir wissen, daß in größeren Zeiträumen Eiszeiten mit -wärmeren Perioden wechseln und das polare Eis schon einmal z. B. den -nordamerikanischen Boden bis in süditalienische Breiten gänzlich -überzog. Wie, wenn diese Wärmeschwankungen dereinst das Eis des Nord- -und Südpols im äquatorialen Gürtel sich zur Vernichtung alles Lebens -zusammenschließen lassen? Oder wie, wenn schon vorher die Erkaltung -des Erdinneren das Wasser, jetzt noch untief im Untergrund durch -Dampfspannung gehalten, daß es Quellen bilden, Meeresbecken füllen -kann, in den Abgrund des Erdinneren versinkt, wie auf solche Weise -offenbar der Mond, als kleinere Kugel rascher erkaltet, das Wasser -von seiner Oberfläche verloren hat? In dem einen Fall ist eisige -Polarlandschaft, im anderen fahle Wüste der Schauplatz des Hinsterbens -der letzten unseres Geschlechts. Aber, als sei gar nichts verändert, -wird dann die Erde gleichwie vormals weiterrollen in ihrer Bahn ohne -Leben, ohne Menschenherzen. - -In dieser flüchtigen Phase des Menschendaseins auf Erden nun spendet -uns der irdische Wohnraum Nahrung, Wohnung, Kleidung und giebt -unserem Thun die Richtung. Schon darum, weil alle jene Darbietungen -nicht ins Ungemessene wachsen können, ist das Grundmaß aller -Menschenleistung, die Gesamtzahl der Menschheit, an die Flächengröße -des Landraums der Erdaußenseite notwendig gebunden. Und wie viel der -Menschheitsschicksale läßt sich aus der Verteilung, aus der Bauweise -der Landmasse herauslesen, was man mit Eduard Sueß’ geflügeltem Wort -„das Antlitz der Erde“ zu nennen pflegt! In drei großen Weltinseln -ragt das Festland aus dem alles umspannenden Ozean, als Ostfeste, -Westfeste und Australkontinent. Auf darwinistischer Grundlage beruht -die gesicherte Einsicht, daß die weitaus größte der drei Weltinseln, -die unsrige, als Ursprungsstätte des Menschen betrachtet werden muß. -In so entlegener Urzeit jedoch, allem Anschein nach vor Ausbildung -der artikulierten Sprache, ist der Mensch nach den beiden anderen -Erdfesten hinübergezogen, daß im Lauf ungezählter Jahrtausende nach -dem Gesetz des Variierens organischer Formen zumal beim Ausschluß der -Vermischung mit der unveränderten Form drei Hauptgruppen von Völkern -und von Sprachen sich herausbildeten nach Maßgabe des Küstenzugs der -drei Weltinseln. Was man auch beibringen mag von vermeintlichen Zügen -näherer Verwandtschaft zwischen den Mongolen Asiens und den Indianern, -zwischen den Negern Afrikas und den Australiern, jedenfalls befaßte -Amerika bis 1492, Australien bis 1788 eine körperlich, noch weit mehr -sprachlich und sittenkundlich geschlossene Sondergruppe der Menschheit -im Gegensatz zur Ostfeste, deren Größe und vielfache Trennung durch -Meere, Wüsten, gewaltige Bodenerhebungen zwar gleichfalls zur -Dissoziierung der ursprünglich völlig gleichartigen Menschheit in -Völker, ja in Rassen führte, nur ohne diese hermetisch voneinander -abzusondern. - -Vornehmlich kulturell ist die Trennung in die drei Erdfesten aufs -schärfste umgeprägt worden auf die Menschheit. Einzig unsere Ostfeste -erfand die Kunst der Tierzüchtung behufs Melkerei und entdeckte das -Geheimnis, das nützlichste aller Metalle, das Eisen, aus seinen Erzen -darzustellen. Dermaßen wirkungsreich erwies sich der Verschluß der -Festen durch das Meer, bis der Wagemut europäischer Schiffahrt die -fliegenden Brücken über alle Ozeane schlug, daß nicht einmal über die -Beringsenge Eisenverhüttung oder Züchten von Melktieren aus Nordasien -in die neue Welt eindrang. So hoch die Gesittung der Altamerikaner in -Mejiko und Peru gediehen, nie hat man dort Stahl und Eisen gekannt vor -Hinkunft der Spanier; und dasselbe Renntier, das von Lappland bis nach -Ostsibirien seit alters gemolken wurde, haben Eskimo wie Indianer immer -nur gejagt. - -Der nördlichen Halbkugel gehört das meiste Land, darum war sie von -jeher die hauptsächlichste Heimstätte der Menschheit. Besonders -umfangreich ist ihr Anteil an dem gemäßigten Erdgürtel, dieser -glücklichen Zone, in der des Menschen Leibes- und Willenskraft -gestählt wird, ohne wie im arktischen Raum aufzugehen im Kampf gegen -die Unbilden der polaren Natur; nach Süden pflegen die Erdteile in -zipfelförmige Halbinseln oder in kompakte Keilgestalten auszulaufen, -so daß nur verschmälerte Teile von Südafrika und Südamerika in die -südliche gemäßigte Zone tiefer hineinragen. Somit kann sich unsere -Erdhälfte des Doppelvorzugs rühmen, zugleich die meisten und die -thatkräftigsten Bewohner zu besitzen. Auch in Südamerika rafft sich -zur Zeit der an Chile und Argentinien aufgeteilte außertropische -Süden zu kraftvollerer Haltung auf. Wie viel gewaltiger jedoch stehen -in wirtschaftlicher, staatlicher, geistiger Größe innerhalb des -Nordgürtels menschlicher Schaffungskraft Europa, China, Japan, die -Vereinigten Staaten! - -Wüsten und Polarlande werden ihre Bewohner nie zu höheren -Verdichtungsgraden gelangen lassen. Zwischengelagert zwischen Landen -fruchtbareren Klimas bilden wüsten- oder steppenhafte Trockenräume -dauernde Schranken für Kulturausbreitung und Völkermischung, weil -sie den Verkehr nur von Oase zu Oase, im günstigsten Fall längs -eines Flußlaufs, immer also bloß auf beschränkten Linien zulassen. -So hielt die Sahara durch die Jahrtausende unsere Rasse von der -Negerrasse getrennt, bildete mit der arabischen Wüste zusammen die nie -überschrittene Äquatorialgrenze des Römerreichs. Der centralasiatische -Trockenraum, dessen Unwegsamkeit durch den massigen Hochlandcharakter, -durch die höchsten Gebirge noch wesentlich gesteigert wird, sperrte -von jeher die indische Welt ab von der sibirischen, die chinesische -von der des Abendlandes. Umgekehrt begrüßen wir in schiffbaren Strömen -wertvolle Leitlinien der Erschließung und Gesittung der Länder. In -wenigen Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts drangen die Europäer auf dem -Orinoko, dem Amazonenstrom, dem Parana ins Herz von Südamerika ein; -Jahrtausende hingegen währte es, bis man in Afrika mit seinen von -Stromschnellen verriegelten Flußstraßen ebenso weit kam. Nicht voll -vierzig Jahre brauchte die kleine Kosakenschar, Sibirien für den Zaren -zu erobern, indem sie die feine wurzelartige Stromverflechtung im -Süden des Landes benutzte, um die unermeßlichen Nadelholzwälder bis -zum ochotskischen Busen zu durchmessen; und genau längs diesen Strömen -hat danach die russische Kolonisation sich ostwärts vorgeschoben, den -nur von zwei Meereslücken unterbrochenen Ring der Europäisierung des -Nordens unserer Erde bei Wladiwostok schließend. - -Das Gesicht der Erde zeigt weit größere Verschiedenartigkeit als das -des Mondes. Neben den eintönigen Flächen Afrikas, vollends Australiens -erblicken wir scharfe Ländergliederung, vor allem im breiten Norden der -Ostfeste; gröbere auf weiterem Raum in Asien, feinere, gleichsam in -Miniatur gearbeitet, in Europa. Daher stammen die großen Gegensätze von -asiatischen Völkerindividualitäten, zu denen die beiden Riesenvölker -der Erde, das Vorderindiens und das Chinas gehören, neben der -reizvollen Vielheit europäischer Nationen in so viel engeren Grenzen. -Dem Umriß nach nichts als eine größere, vom Uralgebirge aus westwärts -vorgestreckte Halbinsel Asiens, bekam dies Europa eben dadurch das -Gepräge eines selbständigen Erdteils, daß es in seiner unvergleichlich -zierlichen Ausgliederung, seiner Fülle von Meerbusen und Sunden, seiner -teilweisen Auflösung zu Halbinseln sowie Inseln, seiner Durchzogenheit -mit Gebirgen, die den Halbinseln stärkeren Abschluß gegenüber dem Rumpf -verleihen und auch diesen wieder in sich zergliedern, ein ganzes System -von Ländern vorstellt. Dieses System europäischer Länder deckt sich -mit dem der Hauptvölker Europas. Auch das bestimmt einen gleichartigen -Charakterzug zwischen beiden, daß die Einheit in der Mannigfaltigkeit -künstlerisch gewahrt blieb. So viel gleichmäßiger Bodennatur, Klima, -Pflanzen- und Tierwelt das kleine Europa einigen im Gegensatz zu Asien, -so viel winzigere Meeresspiegel sich in seine Zackengestalt einfügen, -so viel leichter überschreitbare Gebirge die Lande scheiden, so giebt -es auch eine gesamteuropäische Kultur, keine gesamtasiatische. - -Daß so oft Wohnflächen von Völkern mit natürlich geschlossenen -Landräumen zusammenfallen, ist ein wissenschaftlich noch wenig -untersuchtes Problem. Nur Stumpfsinn kann es für selbstverständlich -erachten, in Portugal lauter Portugiesen zu finden, aber auch nur -dort echte Portugiesen, in der Apenninenhalbinsel bloß Italiener, -in Frankreich bloß Franzosen, auf den britischen Inseln wesentlich -nur Briten. Das alles sind doch nicht von Urbeginn her gegebene, -sondern geschichtlich gewordene Thatsachen. Rein geschichtliche -Zufälligkeiten sind es indessen auch nicht gewesen, die in Gestalt -von Völkerwanderungen, Eroberungen, Staatsschöpfungen jene Länder mit -ihrem Volk erfüllten. Dazu half die Ländernatur selbst mit, teils -durch die Bestimmtheit ihrer Grenzumhegung, teils durch gewisse -Beeinflussung der in diesem Grenzgehege dauernd Angesiedelten. Es giebt -Wahlverwandtschaften zwischen dem Volk und seiner Heimat. Sie können -sich natürlich erst an Ort und Stelle entfaltet haben, und gleichwohl -greifen sie so tief ins Wesen der Volkstümlichkeit ein, daß wir sie gar -nicht mehr vom Volksgenius zu trennen vermögen. Das Russenvolk wäre uns -z. B. undenkbar auf englischem Boden, das britische auf russischem. -Der russische Bauer, der seit unvordenklichen Zeiten sich an das in -Sommerhitze und Winterkälte schwankende Klima Osteuropas, ohne es zu -wissen, immer von neuem angepaßt, indem er sich in seinem Dampfbad -krebsrot erhitzt und danach unbekleidet in arg durchkältetem Schnee -wälzt, ist ein natursinniges Kind der centralrussischen Waldung; bei -lange Jahrhunderte hindurch einsamem Weilen in kleinen Walddörfern -wurde er Zimmermann, Wagner, Kunstschnitzer in einer Person, gewann -Geschicklichkeit auch für allerlei anderes Handwerk, da er meist für -allen Bedarf allein zu sorgen hatte, und ward im endlos erscheinenden -Raum abenteuerlustiger Wanderer; im Winter nutzte er Frost und -Schnee, selbst pfadlose Moräste zu Fuß oder im Schlitten weithin zu -durchziehen, im Sommer war er wagehalsiger Flößer und Flußschiffer, -nur das Meer kannte er von Haus aus gar nicht. So wurde er der rechte -Festlandkolonist, dessen praktischer Sinn sich nach Maßgabe der -Ausdehnung des Zarenreichs bis ans japanische Meer an immer größeren -Aufgaben erfolgreich bethätigte. Wie anders der Brite, dem auf seiner -für Weltschiffahrt wie geschaffenen Insel der Seemannsberuf nun im Blut -steckt und der jene von diesem Beruf großgezogenen Charaktervorzüge -scharfen Ausspähens, zäher Ausdauer, mutigen Unternehmungsgeistes -einsetzte zur Begründung seiner Seemacht, seiner durch alle Erdteile -verzweigten Handels- und Kolonialstellung! - -In einigen Fällen läßt sich schon heute der Nachweis erbringen, wie -die Landesnatur eine förmliche Musterung unter den Einzüglern hält, -um nur den für sie Geeigneten das Bürgerrecht zu erteilen. Eine -solche „tellurische Auslese“, wie ich es nennen möchte, scheint mir -vorzuliegen in der höchst merkwürdigen Beobachtung, daß der größte -Brustumfang, also die umfangreichste Ausbildung der Lunge, allein -diejenigen Völker auszeichnet, die die drei höchsten Hochländer -bewohnen: Tibet, Mejiko und Hochperu. Beim Verweilen in größeren -Seehöhen muß der Mensch naturgemäß mehr Luft einatmen, weil dort die -dünnere Atmosphäre in gleichen Raumteilen weniger Sauerstoff enthält -als auf niedrigeren Höhenstufen. Selbst auf deutschen Mittelgebirgen -ist daher das Atmen der Bewohner tiefer als bei denjenigen am -Gebirgsfuß, wie die betreffenden Messungen der Stellungspflichtigen -ergeben. Der Mensch vermag sich auch bei plötzlichem Versetztwerden -auf Bergeshöhen außer durch tiefere durch häufigere Atemzüge, als -Begleiterscheinungen rascheren Blutumtriebes, unbewußt dem Höhenklima -anzuschmiegen; so bemerkte der französische Naturforscher Vallot, -als er sein Montblanc-Observatorium bezogen hatte, bereits nach -wenigen Tagen an sich eine größere Zahl von Pulsschlägen in der -Minute als er vorher in Genf gezählt. Daß es sich nun aber bei den -in Rede stehenden drei Hochlandvölkern nicht um eine durch bloße -Atmungsgymnastik erzielte Lungenvergrößerung handelt, das lehrt der -anatomische Befund: ihre Lungenflügel bestehen aus einer größeren -Anzahl von obendrein umfänglicheren Lungenbläschen. Welche andere -Deutung also wäre für diesen anziehenden Kongruenzfall von Hochlage -des Wohnraums und abnormer Brustweite zu ersinnen als „tellurische -Auslese“? Verscheucht durch Bedränger oder etwa als streifende Jäger -auf jene tibetanischen, bezüglich amerikanischen Höhen gelangt, waren -die Vorfahren von deren heutigen Bewohnern nur dann ohne Beschwerde zum -Fortleben in der sauerstoffarmen Luft befähigt, wenn der glückliche -Zufall es fügte, daß ihnen der erwähnte reichere Ausbau der Lunge eigen -war. Solchen allein mochte Gesundheit und längeres Leben beschieden -sein; von ihnen werden die Nachkommen den Vorzug geerbt haben, und von -Geschlecht zu Geschlecht wird sodann fortgesetzt natürliche Auslese die -entscheidend bedeutungsvolle Eigenart der Lunge stetig erhalten haben. -Diese Erklärungsweise hat neuerdings eine gewissermaßen experimentelle -Bestätigung erfahren. Als nämlich im Osten von Hochperu, wo der -Amazonas bereits im Tiefland strömt, Goldwäschen am Stromufer eröffnet -wurden, lockte der gute Verdienst auch die breitbrüstigen Aimara, -Nachkommen der alten Inkaperuaner, von ihren alpinen Höhen dorthin. -Bald jedoch erlagen sie dem Klima: die Niederungsluft war ihnen zu -dicht. Nur einige wenige Aimarafamilien erhielten sich am Leben, ja -sie arbeiteten schon in der zweiten Generation auf den Goldwäschen, -als der englische Arzt ~Dr.~ Forbes sie besuchte. Und was fand er? -Aimaras von durchweg schmalerem Brustbau, deren Lungen mithin kein -Übermaß von Sauerstoff zur Verarbeitung aufgebürdet bekamen! Man sieht -demnach: tellurische Auslese hatte sich sofort ans Werk gemacht, die -nicht in den neuen Wohnraum Passenden unerbittlich ausgemerzt, hingegen -die zufällig von der Stammart Abweichenden, für diese Örtlichkeit -Lebensfähigen in züchterische Pflege genommen. - -Westindien liefert uns ein anderes Beispiel solcher von der Landesnatur -geübten Auslese. Dem auf dieser herrlichen Inselflur beständig -umschleichenden gelben Fieber erliegen die Eingebornen viel weniger -als Neuankömmlinge. Wie haben nun jene ihre größere Widerstandskraft -gegen das schlimme Krankheitsgift erworben, da sie doch alle, Weiße wie -Neger, von Voreltern stammen, die gar nicht hier zu Hause, sondern im -Lauf der letztvergangenen 400 Jahre eingewandert waren? Das Geheimnis -entschleiert sich, sobald wir den unter unseren Augen noch gleichmäßig -andauernden Auslesevorgang beobachten. Die Erfahrung nämlich lehrt, daß -Zuwanderer aus Klimaten mit strengerer Winterkälte dem Gelbfiebermiasma -Westindiens schlechter widerstehen; es wählt sich somit dieser -Archipel einen größeren Prozentsatz von afrikanischen Negern aus -dem Einzüglerangebot als von Europäern, innerhalb letzterer wieder -einen größeren von Südeuropäern als von Franzosen, einen größeren -von Franzosen als von Deutschen oder gar Osteuropäern; die übrigen -werden den Friedhöfen überlassen. Gemäß der auch unter Angehörigen -derselben Nation vorhandenen individuell verschieden hohen Immunität -gegen das gefährliche Fieber werden z. B. selbst Andalusier in Kuba -oder Portoriko von ihm befallen, jedoch sie kommen leichter durch -als solche aus Gegenden mit Schneewinter, und bei allen Neulingen -auf westindischem Boden bestätigt es sich, daß jede Periode einer -heftigeren Gelbfieberepidemie den Organismus gegen das Miasma immer -besser feit, selbst wenn er vom innerlichen Kampf seiner Säfte gegen -dieses nichts verspürte, also gar nicht aufs Krankenlager gestreckt -wurde. Ganz analog stehen ja auch in den Burenstaaten Südafrikas -diejenigen Pferde, die ausnahmsweise das jährlich wiederkehrende -„Pferdesterben“ überstanden haben, als sogenannte „gesalzene“ d. h. -nun immun gewordene viel höher im Preis, obwohl sie gleichzeitig mit -dem sieghaften Kampf gegen jenes tückische Leiden ein eigentümlich -blödes Wesen annehmen. Auch von uns pflegt ja gegen Masern- und -Scharlachinfektion sich widerstandskräftiger zu bewähren, wer die -Masern- oder Scharlachansteckung schon einmal siegreich überstand. Die -Europäer haben indessen ihre stärkere Festigkeit gegen diese unter -Naturvölkern bei der leisesten Ansteckung so gräßlich verheerend -auftretenden Krankheitsgifte gleichfalls erst errungen und behaupten -sie nur durch unerbittliche Ausmerzung der Untüchtigen. Bei uns, -den Hartgesottenen, merkt man diesen fort und fort anhaltenden -Ausleseakt bloß an etwas erhöhter Kindersterblichkeit während einer -Scharlach- oder Masernepidemie; grausig dagegen offenbart sich der -nämliche Vorgang, wenn er ein erstes Mal einsetzt in einem vorher -von dem Miasma noch unberührt gewesenen Volk. So raffte unmittelbar -nach Besitzergreifung der Fidschi-Inseln seitens der Engländer 1874 -Ansteckung durch ein so mäßiges Maserngift, daß es die übertragenden -Briten an sich selbst gar nicht merkten, nicht weniger als 60000 der -braunen Insulaner dahin, Alt und Jung. - -Der hohe Norden Amerikas hat in den Eskimo ein wahres Idealvolk von -Anpassung an die harten Lebensbedingungen der Arktis groß gezogen. Kein -Schwächling wurde an den kärglich mit Speise beschickten Tisch der -Eskimolande zugelassen. In Kleidungs- und Wohnweise erklügelte sekulare -Erfahrung ein unübertreffliches System von Gegenwehr gegen eine so -häufig bis unter den Quecksilberfrostpunkt erniedrigte Temperatur; -die Dänen, die sich an Grönlands Westküste häuslich niedergelassen -haben, können dort ihr Dasein nur fristen, indem sie sich genau so -wie die Eingebornen in eng anschließende Pelzkleidung hüllen mit -der ruhenden Luftschicht zwischen Pelz und Oberhaut als trefflichem -Warmhalter nach dem Prinzip der Doppelfenster. Ausschließlich an der -Seeküste zu wohnen gestattet dem Eskimo seine Heimat, weil nur hier -auch im Winter Seehunde zu erlegen sind. Robbenschlag, weiß der Eskimo, -ist für ihn das alleinige Mittel, durch alle Jahreszeiten hindurch -sich zu beköstigen. Wie bei uns der junge Jurist zumeist erst sein -Assessorexamen bestanden haben muß, ehe er die Verlobungskarten drucken -lassen darf, so ist es darum dem Eskimojüngling durchaus erst nach -dem Fang seines ersten Seehundes gestattet, seiner etwas thranigen -Geliebten die Hand zum Ehebund zu reichen. - -Doch welch scheinbar unbegreiflicher Gegensatz! Unter diesem -Gorgonengesicht eisiger Polarnatur mit ihrem grauenhaften Winter, -der auf Monate den belebenden Sonnenstrahl der Erde mißgönnt, -- da -erfreuen sich die Eskimo habituellen Frohsinns! Eben hierin offenbart -sich uns eine psychische Naturauslese. Besonders der andauernde -Lichtmangel stimmt die Lebensgeister der Menschen herab und untergräbt -bei dem tief innerlichen Zusammenhang zwischen Leib und Seele gar -bald auch die körperliche Gesundheit. Das veranlaßte ja Julius Payer -nur aus den lustigsten Quarneroli die Mannschaft seines Tegetthoff zu -wählen, und wie viel Kurzweil mußte er trotzdem aufbieten, letztere vor -stumpfer Verzweiflung zu retten, als das Schiff, vom Eis gepackt, ziel- -und willenlos in die anscheinend ewige Polarnacht hinaustrieb! So geht -denn unser Schluß kurz dahin: nur ganz besonders mit Gemütsheiterkeit -begnadete Menschen blieben bei gelegentlichem Eindringen in jene -nördlichsten Breiten, wie sie allein die Westfeste erreicht, am Leben; -gemäß der bekannten Erblichkeit gerade auch der Temperamentsstimmung -vererbten sie diese durch nichts zu beugende Fröhlichkeit auf fernere -Geschlechter, denen dies kostbare Gut, obschon bloß in wenigen -Tausenden von Herzen, dadurch behütet bleibt, daß jedem zufällig zu -Trübsinn Ausartenden von der Natur das Todesurteil gesprochen wird. - -Eine andere beneidenswerte Charaktertugend dieser „Letzten Menschen“ -gen Norden, ihre Friedfertigkeit, wurde erst recht ersichtlich -tellurisch gezüchtet. Denn ohne Feuerungsstoff zu besitzen mußten sich -die Eskimo durch Abgabe der eigenen Körperwärme vor dem Erfrieren unter -ihrem Obdach wechselseitig bewahren. Der wenn auch deshalb eng und -niedrig gehaltene Innenraum ihrer Hütte ließ sich aber doch nur auf -den erforderlichen Wärmegrad bringen, wenn er durch Halbverschläge zum -Wohnen einer Vielzahl von Familien verwendet wurde. Da hieß es denn: -Vertragt euch hübsch oder erfriert! Die Eskimo zogen verständig genug -das erstere vor und wurden somit trotz ihres vielmehr cholerischen als -phlegmatischen Wesens eine so verträgliche Menschenvarietät, daß sie -selbst Rechts- und Ehrenhändel satirisch-lyrisch ausfechten, indem -beide Parteien vor versammelter Gemeinde mit den unblutigen Waffen -recitativer Spottlieder aufeinander eindringen und derjenige als Sieger -aus dem Streit hervorgeht, der den lachenden Beifall der Genossen -schließlich auf seiner Seite hat. - -So erkennen wir beim unbefangenen Verfolgen ursächlicher Zusammenhänge -überall den Menschen, ob unmittelbar oder in weiterer Vermittlung, bis -zu seines Herzens Tiefen als echtes Kind seiner Heimat. - - - - -II. - -Das Meer im Leben der Völker. - - -Die einzige absolute Großmacht auf Erden ist das Meer. Aus dem -Meeresschoß erst ist das Land geboren worden, das noch heute in -insularer Zerstückelung bloß hie und da den allumfassenden Ozean -unterbricht. Nur das Meer bildet zwischen der Lufthülle und dem -Gesteinspanzer der Erde ein Ganzes, und der Hauptsache nach ist -die Erde immer noch ein vom Ozean umwogter Planet. Auch den -geheimnisreichen Ursprung des organischen Lebens werden wir uns als -ein folgenschweres Begebnis innerhalb der Meeresflut aus jener Zeit zu -denken haben, da es noch kein Land gab und unzertrennt ein einziger -Ozean den Erdball umgab als koncentrische Hohlkugel gleich der ihn -selbst einschließenden der Atmosphäre. Ist aber die Weiterentfaltung -des irdischen Lebens einheitlich erfolgt, so entstammen selbst die -landbewohnenden Gewächs- und Tierformen bis hinan zum Menschen marinen -Verfahren. - -Durch äonenlange Anpassung an die Daseinsbedingungen außerhalb des -Meeres hat sich indessen eine tiefe Kluft herausgebildet zwischen -land- und meerbewohnenden Geschöpfen. Zwar Flüsse und Seen, durch ihre -Wassernatur dem Meer wahlverwandte Elemente des Landes, verwischen in -Ausnahmefällen die sonst so streng eingehaltene Grenze des ozeanischen -Faunareichs; manche Fische sind wie Aale und Lachse geradezu -Doppelwohner in Salz- wie Süßwasser, andere Seefische gewöhnen sich -allmählich an das minder salzige Gewässer der Flußmündungen, bis ihre -Nachkommen, die Stromadern hinaufschwimmend, schließlich für die Dauer -im Süßwasser verbleiben, gleichwie der kleine Keulenpolyp in jüngster -Zeit erst aus der Nordsee durch das Brackwasser der Elbmündung in die -Elbe und Saale, ja bis in den Süßen See bei Eisleben eindrang. Wale -gebären am Land, flugkräftige Fischräuber, so der Fregattvogel, der -Albatros bewegen sich mit ihren mächtigen Schwingen tagelang über hoher -See, Tausende von Kilometern entfernt von der Küste. Trotzdem bleibt -der Küstenzug die durchgreifendste Scheidelinie in der Verbreitung -der Lebewesen auf Erden. Und der Mensch, dessen ganze Organisation -darauf hinweist, daß seine Ahnen im Tertiäralter früchteverzehrende -Waldinsassen gewesen, war selbstverständlich von Anfang an -ausschließlicher Landbewohner. Der Küstenring der Ostfeste darf als -weitgesteckte Außenmauer des Heimatshauses der Urmenschheit gelten. - -Das Meer kann auf den Menschen, als er es zuerst erblickte, -nur abschreckend gewirkt haben mit seiner Ungastlichkeit, mit -den jähen Gefahren, durch die es den nährenden Mutterboden des -Festlandes bedrohte in der Gestalt von hoch aufspringender Brandung, -überschwemmenden Fluten, furchtbarem Sturmwetter. Dem weit überlegenen, -mit elementarer Gewalt andrängenden Feind gegenüber sah sich der -wehrlose Mensch zuvörderst in die Verteidigungsstellung gedrängt, zumal -an Flachküsten, wo das Steigen und Fallen des Meeresspiegels bei Flut -und Ebbe Gezeitenströmungen erzeugt, die weit über die Küstenniederung -daherfegen. Plinius hat uns ein dramatisches Bild dieses an Urzeiten -gemahnenden Kampfes mit dem Ozean vom deutschen Nordseegestade -überliefert, als dieses zur römischen Kaiserzeit des schirmenden -Deichbaus noch entbehrte. Alltäglich, berichtet Plinius, setzte der -Flutstrom dies Land der germanischen Chauken unter Wasser, daß die -Bewohner, in ihre Hütten geflüchtet, Seefahrern glichen, bis dann der -Ebbestrom einsetzte und die Leute wie Schiffbrüchige aus ihren engen -Behausungen lockte, um Fische aus dem zurückweichenden Meerwasser zu -fangen oder ausgeworfenen Seetorf vom feuchten Wattengrund aufzulesen. -Wir sehen hier den Daseinsstreit des Menschen mit dem Meer schon mit -vervollkommneten Hilfsmitteln geführt; die Chauken hatten sich bereits -auf selbst aufgeführten Hügeln, auf „Wurten“, einen festen Baugrund -für ihre Hütten geschaffen, wie noch heute die Halligleute auf den -kleinen, darum uneingedeichten Marschlandinseln vor Schleswigs -Westküste solche benutzen. Es brauchte nur noch der „goldene Reif“ des -Deichwalles längs der Küste gezogen zu werden, um den amphibischen -Gürtel des Wechselspiels der Gezeiten als weide- und weizenreichen -schweren Marschboden dauernd dem deutschen Festland zu gewinnen. Man -weiß es aus der Geschichte, wie viel Segen dieser Triumph unseren -und den niederländischen Küstenbewohnern eingetragen hat, seitdem -der Friese nach dem letzten Spatenstich stolz dem in feste Schranken -zurückgewiesenen „blanken Hans“ d. h. dem Meer das Siegeswort zurief: -„Trutz nun, blank Hans!“ und es heißen durfte: ~Deus mare, Batavus -litora fecit.~ Der über den sonst so allmächtigen Gegner erzielte -Erfolg steifte den freiheitsstolzen Nacken und je unablässiger der -Deichbau gemeinsame Arbeit forderte für seine fernere Instandhaltung, -wie er nur zu gründen gewesen durch thatkräftiges, entsagungsvolles -Zusammenwirken vieler, desto zählebiger entfaltete sich hinter dieser -Festungsmauer gegen den Tyrannen Okeanos der den selbstsüchtigen -Einzelwillen bändigende ehrenfeste Gemeinschaftsgeist, der alle -staatliche Ordnung trägt, ganz ähnlich wie Jahrtausende früher hinter -den Damm- und Kanalbauten am unteren Huangho, in Babylonien oder am -ägyptischen Nil. - -Ungleich wichtiger jedoch erscheint jener entscheidungsvolle Schritt, -den der Mensch in entlegener Vorzeit that, als er, das Grauen vor -dem Unbekannten bezwingend, sich kühn dem feindlichen Element selbst -anvertraute, um die wogende, endlos vor ihm liegende See zu befahren -auf gebrechlichem Floß, im ausgehöhlten Baumstamm oder im roh aus -Hölzern gezimmerten Boot. Mehr als einmal mag unser Geschlecht, durch -ausgedehnte Wanderungen längst zerspalten in variierte Horden, die -einander nicht kannten, angelangt an der Küste des Meeres, diesen -gewichtigen Fortschritt vollzogen haben, der den Keim zur Herrschaft -des Menschen über die Erde in sich barg. Wo Ströme ins Meer mündeten, -konnte man den Versuch wagen, auf Flußbooten die hohe See zu erreichen, -anderwärts erzeugte der Trieb, auf dem Rücken des Meeres sich dauernder -als bloß schwimmend zu bewegen, unmittelbar jene nachmals so -staunenswert hoch entwickelte Kunst des Baues wie der Führung mariner -Fahrzeuge, durch die der Mensch, unter allen Geschöpfen allein, die -Schranke der Küstenlinie nach allen Seiten und in die weitesten Fernen -zu durchbrechen vermochte. - -Was in aller Welt trieb ihn denn aber zu dem tollkühnen ozeanischen -Wagnis? Recht oft wohl der Hunger, dieser finstre, allgewaltige -Erzieher der Menschheit, wie uns schon die nach Fischbeute im Ebbestrom -ausspähenden Chauken ahnen lassen; oft auch mag die Flucht von einem -überlegenen feindlichen Stamm in Todesangst erfinderisch gemacht haben, -um die trügerische See als zeitweiligen Zufluchtsraum dem sicheren Ende -vorzuziehen. Schlug dann aber ein Volksstamm seinen Wohnsitz für die -Dauer am Meeresstrand auf, so vermochte zweierlei ihn zu allmählicher -Vertrautheit mit dem anfangs gefürchteten Element zu erziehen: der -Schatz des Küstenmeeres an verwertbaren Seetieren und winkende -Gegenküsten oder beides zusammen. Der Nahrungsmangel der Polarlande -hätte die Eskimo wohl nie bis gegen und über den 80. Parallelkreis -vordringen lassen; das erwirkte vielmehr allein die Nahrungsspende -des tierreichen arktischen Meeres; wesentlich der Seehundsfang war -es, der diese beherzten Polarmenschen über die eisigen Sunde Amerikas -bis in den höchsten jemals von Menschen bewohnten Norden geleitete -und sie zu so unübertrefflichen Meistern im Kajakfahren heranbildete, -daß ein geschickter, ausdauernder Eskimo die Strecke von Rügen nach -Kopenhagen im Einmannsboot an einem Tage zurücklegen könnte. Die -Kolonisation der Hellenen rückte, den Thunfischzügen entgegengehend, -vom ägäischen Meer längs dem pontischen Strand Kleinasiens vor, wie -diejenige ihrer nautischen Lehrmeister, der Phönizier, durch das -Vorkommen der für ihre Färberei unentbehrlichen Purpurschnecke an den -verschiedensten Uferstrecken des Mittelmeers beeinflußt worden war. -Wo auch außerhalb der Polarwelt das Binnenland durch Felsenwildnis, -Moor und Walddickicht den Menschen zurückscheucht, das Meer dagegen -durch Fische, Muscheltiere und Krebse eine gut beschickte Tafel ihm -aufthut, da begegnen wir Völkern, die gleich Seevögeln sogar fast -ausschließlich von Seekost leben, am Land nur wohnen; so am äußersten -Südende der bewohnten Erde den Feuerländern, in dem ganz skandinavisch -von Fjorden zerschnittenen, zu Küsteninseln zerrissenen Südosten -Alaskas den Tlinkit-Indianern, die dermaßen mit ihren trefflich -gebauten schlanken Fahrzeugen verwachsen sind, daß sie nur ungern und -ungeschickt zu Fuß sich bewegen. Bei uns in Europa hat sich gleichfalls -ein ganz überwiegend der Küste angehöriges Schiffervolk aus den Dänen -herausgebildet, seitdem ein Teil derselben an Norwegens Strand unter -dem treffenden Namen der Wikinger d. h. der Fjordenleute Siedelungen -gründete zwischen einem überaus fischreichen Meer und den öden Fjelden. -Die Normannengeschichte entrollt uns dazu ein eindrucksvolles Bild, -wie kühne Seefahrer immerdar auch leicht Seeräuber wurden; als solche -verlegten die Normannen ihre Raubzüge bald vom heimischen Strand in -ferne Lande, wozu die freie Weite des Meeres den Mutigen einlud, fuhren -die ostenglischen Flüsse, die Seine, die Elbe, den Rhein hinauf, um -Köln zu brandschatzen, betraten erobernd den Boden Siziliens. Gleichwie -in den Wüsten gilt auf dem Meer der Satz, daß verführerisch reiche -Beute den Wagehals zum Überfall lockt, zumal wenn Ortskunde und ein -sicherer Bergeplatz des Raubes Erfolg verheißt. Die dalmatinische -Küste, die in der ganzen Flanke der adriatischen Schiffskurse eine -solche Fülle günstiger Ausfallsthore wie Schlupfwinkel durch ihre -versteckten Felsbuchten und engen Seegassen darbietet, war deshalb -schon im Altertum ein ständiger Sitz der Piraterie; und wenn die -illyrische Königin Teuta den Sendboten Roms auf deren Forderung, -das Raubhandwerk einzustellen, stolz erwiderte, das gehe Rom nichts -an, es sei einmal bei ihrem Volk so Brauch, hatte das eine gewisse -geographische Berechtigung. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern -erzieht auch Räubervölker. - -Daß Buchten- und Inselfülle der Küstenmeere die Bewohner nautisch -anregt, ist neuerdings etwas überkritisch angezweifelt worden. Hinter -den glatt verlaufenden, inselleeren Küsten des australischen und -afrikanischen Festlandes wohnten die Eingeborenen seit Alters ohne -jede Fühlung mit dem Meer. Man sage doch nicht, der Neger zeige keine -Anlage zum Seemannsberuf! Wie mancher schwarze Afrikaner hat schon -wackre Matrosendienste am Bord unserer Schiffe geleistet! Der ganze -Küstenstamm der Kruneger bei Kap Palmas ist sogar dadurch weltbekannt, -daß aus ihm die besten Schiffsknechte der westafrikanischen -Kauffahrtei stammen, allerdings erst seit diese „Kruboys“ in neuerer -Zeit von vorüberfahrenden Schiffen der Europäer zu solcher Arbeit -gedungen wurden. Bedeutsam jedoch dünkt es, daß die Papelneger -Portugiesisch-Westafrikas südlich von Senegambien, dieses einzige -selbständig Schiffahrt treibende Negervolk, eben dort sich entwickelt -hat, wo der Bissagos-Archipel der Schlauchmündung des Rio Geba dicht -vorlagert. Am insel- wie halbinselarmen Küstensaum Südamerikas trafen -die europäischen Entdecker nichts als Floßfahrt, abgesehen von den -Rindenkähnen der Feuerländer; wo dagegen unfern der Orinokomündung -die westindische Inselreihe an das Festland ansetzt, hatten die -Kariben bereits seetüchtige Schiffe, die sie mit Steuerruder lenkten -und unter Baumwollsegeln dahingleiten ließen; sie waren gefürchtete -Seeräuber und hatten die Eroberung der Antillen begonnen. An der -Westseite Nordamerikas grenzte wiederum Seeunkunde der Indianerstämme -und hochgesteigerte Seetüchtigkeit genau da aneinander, wo mit der de -Fuca-Straße der Fjordencharakter der Küste anhebt. Asien wie Europa -zeigen uns erst recht die Hauptgebiete ihrer nautischen Entfaltung an -ihren am reichsten gegliederten Außenseiten. Unter den asiatischen -Seefahrervölkern von Arabien bis Japan stehen diejenigen des -umfangreichsten Tropenarchipels in der Mitte dieses Länderzugs schon -frühzeitig den übrigen insofern voran, als wir hier bei den Malaien -den Ursprung zu suchen haben für einen ausgezeichneten Bootsbau und -den Ausgangspunkt für die ungeheure Verbreitung der Malaienrasse über -die zahllosen Inseln der Südsee. Seit vorchristlichen Zeitfernen hat -diese allmählich vollzogene Völkerwanderung über den größten aller -Ozeane den nämlichen Typus des schlanken, oft mit Ausleger gegen -das Kentern geschützten Bootes mit dem scharfen Kiel verbreitet, -dessen Ruderkraft durch Mattensegel verstärkt wird und das die plumpe -Walzenform des Einbaums hier nirgends hat aufkommen lassen. Erstanden -aber ist dabei die polynesische Abart der lichtbraunen Rasse, die -von allen Zweigen unseres Geschlechts am allseitigsten und tiefsten -verknüpft ist mit dem Weltmeer, im materiellen wie im geistigen -Leben bis hinan zu Dichtung und Mythus; ewig die balsamische Seeluft -atmend, früher schwimmen lernend als gehen, indem sie als Säuglinge -schon auf dem Mutterarm durch den Gischt der Brandung geführt werden, -leben diese Menschen auf ihren schmalen Koralleneilanden ein ganz -amphibisches Dasein, fast wie auf festgeankerten Schiffen in hoher See. -Blicken wir auf den indisch-arabischen Südwesten Asiens, so offenbart -uns das ewige Wechselspiel der Monsune die großartige Förderung des -Schiffsverkehrs über den indischen Ozean; weil immer zur Winterzeit -der nördlichen Erdhälfte die Segler so ständig vom Monsun nach Afrikas -Ostküste getrieben wurden, wie dann im Sommerhalbjahr wieder heimwärts -nach dem indischen oder arabischen Hafen, vollzog sich in diesem Raum -früher als irgendwo sonst ein befruchtender Völkerverkehr zwischen -zwei Erdteilen und ganz verschiedenen Rassen über landferne See. -Von ihm stammt der Armschmuck der indischen Braut aus afrikanischem -Elfenbein, die Ausdehnung des indischen Reisbaus durch arabische -Sklavenhändler bis zum Kongo, das Kisuaheli als arabisch durchsetzte -Bantunegersprache, der noch heute regen Handelsverkehr zwischen -Deutsch-Ostafrika und Bombay, das ständige Wohnen kapitalkräftiger -indischer Händler an unserer Schutzküste. Endlich welch eine glänzende -Reihe nautischer Thaten tritt uns im Wandel der Zeiten vor die Seele, -wenn wir hinüberblicken nach Griechenland, Italien, der iberischen -Halbinsel und nach den atlantischen Gestadeländern Westeuropas! Die -Mittelmeerschiffahrt ward früher erweckt, indessen die atlantische -wuchs schon im Altertum höher, denn sie hatte zu ringen mit einem -ungleich gefährlicheren Meer. Mit den soliden Keltenschiffen der -Veneter in der heutigen Bretagne aus dicken Eichenplanken mit eisernen -Ankerketten und Ledersegeln konnten griechische oder römische -Kauffahrer nicht wetteifern. Die Jahrhunderte hindurch fortgesetzten -Überfahrten der Normannen in ihren großen Ruderkähnen, den schwarz -geteerten „Seerappen“, von Norwegen nach Grönland und zurück sind -mannhaftere Leistungen gewesen als die freilich geschichtlich -folgenreichere Fahrt der Kolumbus-Karavelen im ruhigeren Südmeer mit -dem Kompaß als Leiter. Den großen Vorzug der Lage am verkehrsreichsten -aller Ozeane nutzten indessen erst in der Neuzeit für Welthandel und -Gründung überseeischen Besitzes die vier mittelständigen Lande voll -aus: Frankreich, die Niederlande, England, Deutschland. Für diesen -gewaltigsten Aufschwung des Seewesens mußte vor allem erst Amerika als -weckendes Ziel den Blicken Europas entschleiert werden. Und wenn sich -sodann auch innerhalb der neuen Welt die moderne Größe von Schiffsbau -und Seeverkehr dort entfaltete, wo unendliche Waldungen prächtiges -Schiffsbauholz lieferten, namentlich aber eine feine Küstengliederung -Buchten und Sunde, bergende Flußmündungshäfen nebst weit ins Land -hinein für mäßige Seeschiffe befahrbaren Strömen darbot, also in Kanada -und im Nordosten der Vereinigten Staaten, so wird man hier ebenfalls -der ursächlichen Verknüpfung inne, die zumeist besteht zwischen -Naturbegabung der Küstenlande und seemännischer Bethätigung ihrer -Bewohner. - -Allerdings wäre es geistlos pseudogeographischer Fanatismus, wollte man -dieses Verhältnis wie einen naturgesetzlichen Zwang deuten. Der Mensch -ist kein willenloser Automat; er verhält sich zu Naturanregungen seiner -Heimat bald wie ein gelehriger, bald wie ein teilnahmloser Schüler. Das -Wasser des heutigen Welthafens von New-York diente einst den Indianern -bloß zum Sammeln eßbarer Muscheln; an derselben Schärenküste, die die -Norweger zu so kühnen Schiffern erzog, leben die Lappen weiter als -armselige Fischer. Die Angelsachsen vertieften sich nach der Landung -in Britannien so ganz in die Kämpfe mit den dortigen Kelten, danach in -Landbau und Viehzucht, daß sie der See völlig den Rücken zukehrten, -Alfred der Große seine Schiffe auf deutschen Werften bauen lassen -mußte. Die meisten Insulaner auf den Kykladen denken heutzutage nicht -an Seefahrt, sondern bauen Weizen, pflegen die Rebe oder weiden ihre -Ziegen. Seit die Holländer wohlhabend wurden, vernachlässigten sie -die von ihren Vorfahren im härteren Daseinskampf so viel energischer -betriebene Schiffahrt, ja in den belgischen Nachbarprovinzen -Brabant und Flandern überließ der Niederländer den auch dort recht -beträchtlichen Seeverkehr seit Alters vorzugsweise Ausländern, da -ihn auf seinem fruchtbaren Boden Ackerbau, Gewerbe, Landhandel weit -bequemer nährte. - -Wagt es aber der Mensch, seine Kraft zu messen mit der elementaren -Übergewalt des Meeres, erwählt er als Seemann dieses Ringen mit Sturm -und Wogenschwall sogar zu seinem Beruf, dann gilt von ihm vollauf -das Dichterwort: „Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zielen.“ -Das Seemannshandwerk stählt Muskel und Nerv, übt Sinnesschärfe, -Geistesgegenwart, steigert mit jedem neuen Triumph menschlicher -Klugheit über rohe Naturkraft den Mut überlegten, furchtlosen Handelns. -Wie scharf beobachtend späht ganz habituell das verwetterte Antlitz -unserer Matrosen unter dem Südwester in die Ferne, wie wortkarg, aber -tüchtig und thatbereit ist ihr ganzes Wesen; dem scheinbaren Phlegma -im Ruhezustand entspricht vom Augenblick der Auslösung der bisher -latent zusammengehaltenen Kraft die Energie und die erstaunliche -Ausdauer der Leistung. Wenn der Seemannsberuf wie in Norwegen oder -Großbritannien sehr weite Bevölkerungskreise umschließt, wenn er dazu -als ein Grundpfeiler der gesamten Volkswirtschaft hohe Achtung genießt -und bei geringem Abstand der Küste selbst vom innersten Binnenlandkern -allen Leuten in seiner klar ausgeprägten Eigenart vorschwebt, so -zünden die Charaktervorzüge des Seemanns auch innerhalb der nicht -seemännischen Bevölkerung durch Nachahmung. Ergreift dann, wie bei -größeren Kulturnationen so oft, im Gefolge wachsender Vertrautheit -mit dem Ozean, mit dem Erdganzen überhaupt, Seehandel, überseeische -Kolonisation immer ausgedehntere Kreise, so teilt sich gar viel von -dem frischen Unternehmungsgeist, dem Wagemut, dem durch Berührung -mit Fremden erweiterten geistigen Horizont dem gesamten Volk mit. -Typisch hierfür leuchtet uns aus dem Altertum der Gegensatz auf -zwischen dem braven, jedoch engherzigen Spartaner, der, durch sein im -Ausland nicht kursfähiges Geld der Eisenstifte vom Überseeverkehr auch -künstlich abgeschrankt, zwischen den Gebirgsmauern seines Eurotasthals -konservativ fortlebte, und andrerseits dem ionischen, fortschrittlichen -Schifferstamm, den in ägäischer Seeluft gebadeten Athenern voll -fröhlichster, in schrankenlose Weite strebender Thatenlust. - -Der Urmensch wird das Weltmeer kaum gekannt haben; späteren -Geschlechtern war es ein Gegenstand von Furcht und Schrecken. Als man -jedoch nachmals für die Dauer an seinem Ufer wohnte, seine Schätze -ausschöpfte, seinen breiten Rücken sich dienstbar machte, um nach -Herzenslust die fernsten Küsten anzufahren, da trat man ihm näher und -näher, freilich ohne ihm jemals Sklavenfesseln anlegen zu können. Als -schöpferische Gottheit begann man es zu verehren. Die bezaubernde -Schönheit des Meeres, wenn es bei stiller Luft friedlich die Segler -dahin gleiten läßt über seinen Spiegel, aus dem des Tages freundlich -der Sonnenglanz, nachts der Sternenhimmel silbern widerscheint, oder -wenn im Gewittersturm die Wogen aufgepeitscht werden, flammende Blitze -das Düster von Seegewölk und Wasser durchzucken, -- der Anprall der -Wogen gegen die Steilküste, der Kampf des Schiffes mit dem Sturm, dann -die verklärte Natur, nachdem das rasende Wetter sich verzogen, das -stets wechselnde Farbenspiel in einer Harmonie von Himmel und Wasser, -wie sie dem Land in solcher Vollkommenheit mangelt, -- das alles hat -die dichterische Naturschilderung nicht bloß in Homers und Ossians -Gesängen begeistert, nein, selbst aus schlichten Stegreifliedern von -Naturvölkern des Strandes klingt das naturfrisch uns entgegen, und die -Maler aller in der Kunst höher gestiegenen Seefahrernationen haben uns -in herrlichen Bildern die Andacht des Menschen im Anblick ozeanischer -Größe verewigt. - -Wissen und technisches Können wurde schon dadurch beim Umgang mit -dem Meer mächtig angeregt, weil dieser zum Bau des nötigen Fahrzeugs -sowie zu dessen immer höherer Vollendung hintrieb. Und wie vielseitig -wurde Wissenschaft und Technik für den Schiffsbau vollends in -Anspruch genommen, seitdem das 19. Jahrhundert die Dampfer schuf, um -selbst gegen Wind und Strömung die Ozeane zu durchkreuzen! Mittelbar -hat ferner die Sicherung der Schiffsführung eine Mehrzahl von -Wissensgebieten segensvoll beeinflußt. Noch leben auf karolinischen -Eilanden einige greise Glieder jener merkwürdigen Gilde, in der sich -genaue Kenntnis der Fixsternlage zum Sommer- und Winterhorizont für -Verwertung bei der Bootssteuerung vererbt und zugleich eine so genaue -Bekanntschaft mit der Ortslage der Inseln in weitestem Umkreis, wie sie -die zeitgenössische Geographie der Kulturvölker lange noch nicht besaß. - -Italienischen Nautikern danken wir die Einführung des Kompasses -in unseren Schiffsdienst auf grund der zuerst in China erkannten -Richtungskraft der Magnetnadel. Er hat nicht bloß zahllosen Tausenden -von Schiffen, denen in Nacht und Nebel kein Gestirn schimmerte, den -rechten Weg gewiesen, sondern ohne die am Kompaß durch alle Zonen -von den Schiffern gemachten Massenbeobachtungen hätte auch kein Gauß -erfolgreich am Problem des Erdmagnetismus zu arbeiten vermocht. Und -wenn schon vor Jahrhunderten die Markscheider im Klausthaler Bergwerk -ihre unterirdischen Gänge zielsicher ausbauten, beim Grubenlicht den -Kompaß befragend, so klingt selbst in diese wahrlich seeferne Arbeit -ein verhallendes kulturgeschichtliches Echo vom Wogengetümmel. - -Zum Größten jedoch führte das Weltmeer den Menschen hinan, indem es -ihm die einzige Möglichkeit erschloß, die Erde als Ganzes auf dem Weg -der Entschleierung des irdischen Antlitzes kennen zu lernen, durch den -Welthandel die Wirtschaft der einzelnen Völkerkreise zur Weltwirtschaft -zu verknüpfen, endlich durch dieses Mittel allseitigen Verkehrs, wie -ihn allein der alle Lande umschlingende Ozean zu schaffen vermag, die -urzeitliche Trennung der Menschenstämme nach den einzelnen Kontinenten -zu überwinden, auch eine geistige Verbindung der gesamten Menschheit -anzubahnen. Daß der Welthandel hierbei die Führung übernahm, versteht -sich aus der nicht bloß bösen Macht der Gewinnsucht. Rief doch schon -Strabo aus, da er im entsetzlichen Tanz der Wellen die Seeleute ihr -Leben einsetzen sah, um die nach Rom bestimmten Waren auf hoher See -vor der schon damals zu seichten Tiber aus dem Kauffahrer in die -Leichterboote überzuladen: „Ja, die Sucht nach Erwerb besiegt alles!“ -Das Meer öffnete von jeher die freisten und, was sehr schwer wiegt, -die billigsten Wege um den Erdball. Wir werden bald aus den unfernen -Schantungwerken billigere Steinkohlen nach Tsingtau liefern, als man -von England dort feilbieten könnte; dagegen schon Mailand, geschweige -denn die italienische Küste liegt uns zu fern, um dort die englische -Kohle auszustechen, weil diese fast schon vom Förderungsplatz bis nach -Italien den Seeweg vor unserer deutschen Binnenlandkohle voraus hat. -Apfelsinen aus Italien werden in Hamburg billiger feilgeboten als in -München oder in Wien, weil die Seefracht von Sizilien nach Hamburg -nicht einmal ganz so teuer zu stehen kommt wie z. B. die Landfracht -von Hamburg nach Berlin. So wirft allerwegen der Seehandel wegen -wohlfeilster Fracht den meisten Verdienst ab; um die billige Seestraße -nicht um ein Kilometer unnütz zu verkürzen, sind ja die größten -Seehandelsplätze eben in den innersten Nischen von Meereseinschnitten -ins Land erblüht; und der Millionenverdienst des Welthandels wirft -genug ab, um die Unsummen herzuliefern, die der Schiffsbau verschlingt, -und um jene Millionengarde wackerer Schiffsbemannung zu lohnen, auf daß -sie fern der süßen Heimat harte und mit steter Lebensgefahr bedrohte -Arbeit leiste, selbst den Taifunen trotzend. - -„Unfruchtbar“ nannte Homer die See, und doch wie viel Güter -beschert sie den Menschen, aus eigenem, nimmer versiegenden Schatz, -mehr noch dadurch, daß sie die Schätze der ganzen Erde über ihre -spiegelnde Fläche geleitet mit denkbar geringster Beeinträchtigung -ihrer Marktfähigkeit. Über die Gestadeländer des Meeres, zumal der -am intensivsten arbeitenden gemäßigten Zonen, schauen wir einen -Abglanz dessen sich ausbreiten: die verkehrsreichsten Städte, die -dem Welthandel als Hafenorte dienen, Werfte, Industriestätten, die -überseeisch erzeugte Rohstoffe aus erster Hand haben wollen, um sie in -Kunstprodukte umzusetzen, vereinigen sich an den Küstenstreifen mit -einer Fülle kleinerer Siedelungen, teils auch vom Seehandel oder von -Küstenfahrt und Fischerei lebend, umgeben von meist wohlbestellten -Fluren, über denen der milde Seehauch befruchtend waltet. Der leichter -zu erringende Wohlstand ist es, was die Menschen an die Küste zieht. -Darum zeichnen sich Inseln so oft vor dem benachbarten Festland, -kleinere Inseln unter sonst gleichen Verhältnissen vor größeren -aus durch stärkere Volksverdichtung zufolge ihres relativ größeren -Küstenanteils. Wo Land und Meer einander berühren, da zeigt sich mithin -naturgemäß am offenkundigsten des Meeres Segen für die Menschheit. - -Werfen wir zum Schluß noch einen raschen Blick auf die Bedeutung -des Meeres für den Staat, so versteht es sich aus dem eben Gesagten -zunächst von selbst, daß jeder Staat, falls er sich der Vorteile des -Seewesens für seine Angehörigen bewußt wird, nach Ausdehnung seines -Gebiets bis zum Meer streben wird, und wäre es auch bloß um einen -so winzigen Küstenstreifen zu erwerben wie neuerdings Montenegro an -der Adria erhielt. Denn wer einen Fuß am Strande hat, kann seine -Schiffe um die ganze Erde senden. Welche Machtfülle in Seehandel, -Seeherrschaft und Kolonisation bis an die entlegensten pontischen -Gestade hat im Altertum Milet, im Mittelalter Genua von einem einzigen -Hafen aus entfaltet! Die Schweiz steht uns als einziger Wunderbau -eines Staates vor Augen, der, auf den Alpenzinnen inmitten Europas -gegründet, durch den rüstigen Industrietrieb seiner Bewohner Handel -über die ganze Welt hin treibt, ohne je eine Küsteneroberung hoffen -zu dürfen. Aber wie peinlich abhängig fühlt sich darum auch die -Schweiz für Warenabsatz nebst Warenfracht von den Zolleinrichtungen, -den Tarifsätzen der Eisenbahnen seitens der vier Großstaaten, die sie -umklammern! Rußland hingegen bietet uns das weltgeschichtlich größte -Beispiel eines ursprünglich rein binnenländischen Staates, der in -zielbewußten Vorstößen die Küsten seiner sämtlichen Umgebungsmeere -sich angliederte, daß nun sein Banner weht von der Ostsee bis zum -Huanghai. - -Aber dem Staat als solchem verleiht das Meer drei der besten, ja der -unentbehrlichsten Gaben: Unabhängigkeit, Einheit und Machtfülle. -Das Meer ist das schlechthin Unbewohnbare, betont mit Recht Ratzel, -somit die allersicherste Schutzmauer für einen Staat. Wie viel minder -gewährleistet erschiene des größten Freistaats Freiheit, hätte die -Union zum atlantischen Littoral nicht auch das pazifische errungen! -Ein allseitig meerumschlungenes Staatsgebiet wie das britische, das -japanische und nun auch Australien, der neue Weltinselstaat, kann nie -anders als punktweise, nämlich allein durch Flottenangriff berannt -werden. Frankreich erscheint durch Überwiegen der Seegrenze besser -gedeckt als Deutschland. Weil gleichfalls der friedliche Verkehr nur -stichweise zu Schiff über die Küste ins Innere eines Staates zu dringen -vermag, haben die vom Meer gebildeten Staatsgrenzen auch ethnisch -etwas schärfer Umrissenes vor den verschwommeren Landgrenzen voraus: -sie helfen besser die Vereinheitlichung nationaler Volksmischung zu -fördern und zu erhalten. Im römischen Weltreich bewährte sich umgekehrt -ein einzigesmal in der Geschichte das Mittelmeer als die von innen her -den gewaltigen Staat zusammenhaltende Kraft. Unablässig jedoch bringt -das Weltmeer von außen allen Staaten, an deren Saum es brandet, und -die seinen Weckruf verstehen, Einheit und Macht. Griechenland, die -Apenninen-Halbinsel verlegen bei ihrem gebirgigen Inneren einen guten -Teil ihres Gesamtverkehrs auf die Küstenfahrt, die Tag für Tag Bewohner -und Güter von Nord und Süd zusammenführt, die Interessengemeinschaft -steigernd und immer von neuem den Blick auch weiter lenkend auf die -hohe See jenseits des heimatlichen Strandes. - -Seehandel wie jede über See drängende Thätigkeit, sei das -Großindustrie, technische Bethätigung über See oder Kolonisation, führt -mehr als irgend etwas sonst zur Verflechtung einer Nation mit der -weiten Welt, schweißt aber zugleich die binnenländischen Staatsteile -aufs festeste zusammen mit der Küste, über die allein der lebendige -Austausch zwischen daheim und draußen geschehen kann, schmiedet -folglich mit den Hammerschlägen des Begreifens der Zusammengehörigkeit -die Teile zum Ganzen. Das fühlen wir Deutsche kräftiger denn jemals -in der Gegenwart. Kein Hohenstaufe kehrt mehr den deutschen Küsten -gleichgültig den Rücken, um Romzüge über die Alpen zu führen; keine -Hanse streicht mehr unmutig die Flagge, weil es ihren ruhmwürdigen -Thaten an Sicherung durch Reichsschutz gebricht. Eine wachsende -Panzerwehr unter deutscher Reichsflagge schirmt unsere Handelsschiffe -auf allen Meeren, leiht jeder redlichen Unternehmung deutscher -Reichsbürger in und außer unseren Schutzgebieten ihren schützenden Arm -bis zum fernsten Strand. So strömen, vor feindseligen Unbilden bewahrt, -die von deutscher Betriebsamkeit verdienten Güter der Welt über die -Schwelle des Meeres in alle Gaue unseres Vaterlands, steigernd den -Wohlstand unseres Volkes zu vordem nie erreichter Höhe, segensvoll -erweiternd seinen geistigen Gesichtskreis, nährend die staatliche -Macht. Auch unseres Reiches Herrlichkeit liegt stark verankert im -Weltmeer. - - - - -III. - -Steppen- und Wüstenvölker. - - -Es wäre sehr unkritisch, jedwede Harmonie zwischen dem Wesen -eines Volkes und seiner Naturumgebung durch letztere verursacht -zu denken. Leichtgläubig pflegt man den Satz hinzunehmen, die -lachende, sonnenbestrahlte Landschaft Südeuropas habe „natürlich“ die -lachende Heiterkeit der Hellenen, der Süditaliener und Südspanier -hervorgebracht. Aber obschon die Leichtigkeit des Erwerbes des Wenigen, -was in diesem Süden zum Leben nötig ist, von dem mild subtropischen -Klima mitbedingt wird, und ein vollends etwa schon ursprünglich zu -frohsinniger Lebensanschauung geneigtes Volk unter einem solchen -Himmelsstrich dieser Neigung, unbedrückt durch materielle Sorgen, sich -hingeben, bei nur einigermaßen künstlerischer Anlage gewiß auch durch -die farbenglänzende Pracht von Himmel, Land und Meer bei holder Muße -sich zu Kunstschöpfungen anregen lassen wird, so muß uns doch schon ein -einziges klassisches Beispiel aus der neuen Welt von dem voreiligen -Schluß abschrecken, die Gemütsstimmung der Völker sei ein unmittelbares -Spiegelbild seiner Umgebung: die Nachkommen des erlauchten Kulturvolkes -der Azteken haben unter dem Azurblau des strahlenden Firmaments -von Mejiko in einer Landschaft, die bis hinan zu den herrlichen -Riesenvulkanen mit ihren Schneezinnen ungleich reizvoller ausschaut als -die Gegend am Fuß des Vesuv oder des Etna, die Schwermut bewahrt, die -ihnen wie den meisten Indianerstämmen als ein Rassenerbe auf die Stirn -geprägt ist. - -Schiffervölker müssen ihre Kunst einbüßen, sobald sie in wasserlose -Binnenräume versetzt werden, Temperamente dagegen können den -Ortswechsel überdauern. Zum vertrauenswürdigen Nachweis eines -ursächlichen Zusammenhangs zwischen Landes- und Volksart kann uns -erst eine vorsichtige Anwendung vergleichender Methode führen. Wir -müssen untersuchen, ob Landschaftsarten, die in möglichst scharfer -Individualisierung an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche -wiederkehren, auf Bewohner der mannigfachsten Herkunft, also -wahrscheinlich auch der mannigfaltigsten Begabung von Haus aus gleiche -oder doch ähnliche Wirkung geäußert haben. Solche scharf ausgeprägte -Eigenart der Landschaft bei günstigster Verteilung über sämtliche -Erdteile finden wir nun vor allen in den Trockengebieten, d. h. in den -nur zeitweilig, doch alljährlich benetzten Landstrichen, die wir nach -dem russischen Ausdruck ~stjep~ für Grasflur Steppen nennen, und in den -so gut wie niederschlagslosen, den Wüsten. - -Steppen, mehr noch Wüsten, haben zunächst dadurch das Völkerleben -immerdar mächtig beeinflußt, daß sie durch Spärlichkeit von -Trinkwasservorrat und die daher rührende Seltenheit, teilweise sogar -völlige Abwesenheit menschlicher Ansiedlungen in ihnen den Verkehr -erschwerten, deshalb ganze Völkerkreise, die von entgegengesetzten -Seiten sie berührten, dauernder auseinanderhielten als Ozeane das zu -thun pflegen. Wie lebhaft verkehren Europa und Amerika miteinander, -seitdem die Seeschiffahrt zwischen beiden die Brücke schlug, während -zwischen den afrikanischen Gestadeländern des Mittelmeers und dem -Negerland, dem Sudan, die große Wüste heute wie vor Jahrtausenden -eine Trennung bewirkt, die der schleppende Gang der Kamelkarawane -nicht aufhebt. Die antike Kultur, das römische Weltreich fand an der -Wasserarmut der Sahara wie der arabischen Wüste die von der Natur -gesetzte Äquatorialgrenze. Der mit der Sahara an Größe vergleichbare -Trockenraum Centralasiens, der freilich zugleich die allerhöchsten -Gebirge zwischen dem Süden und Norden des Erdteils aufrichtet, hat -nicht allein die indischen und die sibirischen Völker von jeder -wechselseitigen Berührung abgehalten, sondern auch in westöstlicher -Richtung, wo Bodenerhebungen viel weniger hemmten, Turan von China -geschieden, daß äußerst selten erobernde Chinesenheere zum Sir und -Amu herabstiegen; selbst das Tarimbecken Ostturkistans erscheint -in der Geschichte zumeist nur als eine lose angegliederte, gern -zum Abfall neigende auswärtige Provinz des chinesischen Reiches. -Kaliforniens Küste lag infolge der Quellenarmut des „fernen Westens“ -dem Osten der Vereinigten Staaten bis zur Eröffnung der ersten -pazifischen Eisenbahn so fern, als gehörte das Land einem fremden -Weltteil an. Die durchglühten, wasser- und schattenarmen Wüsten oder -Halbwüsten Australiens durchmißt noch gegenwärtig keine einzige andere -Verkehrslinie von Küste zu Küste als die des elektrischen Telegraphen. - -Daß aber Steppen und Wüsten neben der trennenden Wirkung, die sie -überall auf ihre Umgebung äußern, ihre Bewohner selbst vielseitig -beeinflussen, lehrt schon der flüchtigste Blick auf ihre Pflanzen- -und Tierwelt. Diese ist durchweg vor allem der Dürre der Luft und der -Seltenheit oder doch der allzu einseitigen Verteilung der Niederschläge -auf die Jahreszeiten angepaßt. In solcher Anpassung beobachten wir -die saftarmen Holzgewächse Australiens mit ihren schmalen, gegen -Verdorrung durch dicke Oberhaut geschützten Blättern, ihrem erstaunlich -tiefdringenden Wurzelwerk, das noch Bodenfeuchtigkeit ergattert, wenn -bereits Monate hindurch kein Tropfen Regen fiel; so die wunderbaren, -blattlosen Saxaulbäume, die wie große, umgekehrte Reiserbesen aus -den sonst so kahlen Flächen Turans hervorragen; so die Dattelpalme, -die wie der Araber naturwahr sagt, „den Fuß im Wasser, das Haupt -im Feuer“ haben will, d. h. den Regen geradezu scheut, nur von der -Bodenfeuchtigkeit sich nährend; so den riesenhohen Säulenkaktus in der -düsteren Mohavewüste, ferner die Fülle der über den Boden rankenden -Kürbis- und Gurkenarten, die durch ihr saftstrotzendes Fruchtfleisch -die Samen vor dem Eintrocknen bewahren. Auch die Harzausschwitzung so -vieler Holzgewächse der Trockenräume dient ihnen als Schutz gegen den -Verschmachtungstod, nicht minder die Dufthülle, die viele Kräuter durch -Verdunsten aromatischer Öle aus winzigen Drüsen ihrer Oberhaut sich -schaffen gleich unserem Salbei oder der Krauseminze; das Experiment hat -nämlich erwiesen, wie sehr diese Dufthülle die stetig sich vollziehende -Abgabe der Säftemasse aus dem Pflanzenkörper in Gasform an die Luft -einschränkt. - -Und welch ein genügsames, feinsinniges und flinkes Heer -verschiedenartigen Getiers haben sich diese Trockenlande erzogen. -Grabende Nager bevölkern zu Tausenden alle Steppen, begnügen sich -zur Kost mit den unterirdischen Teilen, den Knollen, Zwiebeln oder -Wurzelstöcken der dort wachsenden Pflanzen, wenn die brennende Sonne -der Trockenzeit das Grün der Gräser samt der bunten Blumenschar -vergilbt, ja in Zunder verwandelt hat. Dem niedlichen Bobak, einem -Verwandten des Murmeltiers in den südrussischen Steppen, dient oft -Monate lang der Morgentau an den Grasblättern als einzige Labe. Im -prachtvoll durchsichtigen, weil dunstfreien Luftmeer zieht der Geier -seine weiten Kreise und erspäht auf unvergleichlich ausgedehntem -Gesichtsfeld am Boden seine Beute mit einer Scharfsichtigkeit, daß man -sein Auge mit einem Teleskop vergleichen darf. Die Fennekfüchschen -der Sahara erlauschen mit ihren breitdreieckigen Ohren, die das -Spitzköpfchen so hoch überragen, das fernste Geräusch und sind gleich -den wild lebenden Kamelen des Tarimbeckens bis zur Unerkennbarkeit -ihrer Bodenumgebung gleichfarbig, hier graugelb, dort mehr rötlich. -Kamele, Pferde, Antilopen und Strauße zeigen sich vor allem dadurch -ans Trockenklima angeschmiegt, daß sie schnellfüßig die gänzlich -wasserleeren Strecken durcheilen und teilweise wunderbar lange Zeit des -Wassers völlig entbehren können. Hält doch das zweihöckrige Kamel das -Tragen zentnerschwerer Theelasten durch die Gobi im härtesten Winter -aus, selbst wenn es bis zum zehnten Tag kein Futter erhält und nur auf -gelegentliches Schneelecken angewiesen ist, um den Durst zu löschen. -Das einhöckrige Kamel hält selbst in der Wüstenglut Arabiens den -Karawanenmarsch bis zum fünften Tag ohne Wasser aus, im Frühjahr, wenn -warme Regen ihm genug „Haschisch“ (Grünfutter) ersprießen lassen, sogar -mehr als drei Wochen. - -Wie sollte da der Mensch als Bewohner des Trockenraums nicht -gleichfalls dessen Gepräge tragen! Lenken wir den Blick zuerst nach -dem Morgenland. Der eigentliche Orient, also was, etwa von Rom aus -betrachtet, den Ostrand des geographischen Gesichtskreises der Alten -ausmachte, von Palästina bis zum indischen Fünfstromland, und was -ihm in Arabien, sowie in Nordafrika gleichartig sich anschließt, -fällt in jenen gewaltigsten Steppen- und Wüstengürtel der ganzen -Erde, der am atlantischen Meer mit der Sahara beginnt und erst -mit der Kirgisenheimat und an der centralasiatischen Grenze gegen -Sibirien, die Mandschurei und China endet. In der Regel führt man die -bekannten Charakterzüge orientalischen Lebens auf den Islam zurück, -als wenn die Lebensregeln des Koran nicht selbst erst zum guten Teil -der arabischen Wüste entsprossen wären. Oder wenn man sich darauf -besinnt, daß ja dies orientalische Wesen vor Mohammed zurückreicht, -mindestens bis in Abrahams Zeit, so macht man gern die den Orientalen -nun einmal angeborene Sinnesrichtung dafür verantwortlich. Das -dünkt zwar recht bequem. Aber so gewiß die Gewohnheit bei den -Völkersitten eine sehr große Rolle spielt, so handelt es sich für -die Wissenschaft doch eben um Aufdecken des Ursprungs der habituell -gewordenen Gewohnheiten. Da nun Syrer wie Perser, Araber wie Türken, -mithin Sprossen ganz verschiedener Verwandtschaftsgruppen, der -semitischen, indogermanischen, mongolischen, innerhalb des Orients die -Eigenart ihres Lebens in den Grundzügen gemein haben, so ist nichts -wahrscheinlicher von vorn herein, als daß sie eben erst in diesem -Trockenraum und durch ihn sich in ihrem Sittenschatz verähnlichten. -Diese Wahrscheinlichkeit erhebt sich überall da zur Gewißheit, wo -wir die nämlichen Lebenszüge bei Australiern und Prärieindianern, -Patagoniern und Hottentotten gewahren, die nie mit Orientalen -Sittenaustausch zu üben vermochten, wohl aber wie sie in waldleeren, -offenen Fluren mit trockenem Klima wohnen. - -Was zuvörderst die Körpereigenschaften betrifft, so hat die trockene -Luft etwas Zehrendes. Die in ihr lebenden Menschen bekommen deshalb, je -mehr sie sich ihr aussetzen, straffe Muskeln, setzen aber wenig Fett -an. Durchweg sind somit Steppen- und Wüstenbewohner hager und sehnig; -bei den Kalmücken spricht eine berühmte Ausnahme für die Regel: ihre -Priester, die Gällunge, weil sie unthätig den ganzen Tag im Zelt zu -sitzen pflegen, sind Ausbunde von Fettleibigkeit. Ferner bräunt das -grelle Licht der schattenarmen, dunstfreien Luft die Haut; das beweisen -die ungarischen Pußtenhirten, die Hirten der pontisch-kaspischen -Steppe Südrußlands, die Gauchos der Pampas. Die Haut wird durch ihre -Trockenheit der Luft leicht rissig; gegen dies schmerzhafte Aufspringen -der Haut salbten sich die alten Griechen bei minder umfänglicher -Gewandung mit Olivenöl, der Pußtenhirt reibt sich mit Speck ein und -hängt seinen zottigen Schafpelz über den Hirtenstab nach der Windseite, -der Buschmann ringelt sich schlangenhaft zur Abendrast in die flache -Erdgrube, in der er ein glücklich erbeutetes Häslein mit Haut und Haar -vorher geschmort hat, um des andern Morgens mit der fettdurchtränkten -Aschenkruste als einziger Bekleidung weiterzuwandern. Buschmänner und -Hottentotten zeichnen sich ganz besonders durch eine zur Runzelung -neigende, fettarme Haut aus; darum erhält ihr Gesicht schon in der -Jugend ein faltiges, sauertöpfisches Aussehen, weil sie zum Schutz -gegen die blendende Lichtfülle ihrer Umgebung bestrebt sind die Augen -zusammenzukneifen wie wir, wenn wir aus dem Dunkeln plötzlich ins Helle -treten. Welch bezeichnender Gegensatz, diese schlitzartig verengten -Augen des Kalacharimannes gegenüber dem weit geöffneten Phäakenauge des -Negers! - -Durch eudiometrische Untersuchung von Luftproben aus der libyschen -Wüste wissen wir, zu einem wie hohen Grad der Ozongehalt der Luft -in Trockengebieten sich steigern kann. Vermutlich beruht auf der -Vernichtung der krankheitserregenden Mikroben, insonderheit der -Tuberkelbazillen durch das Ozon die gesundende Kraft des Trockenklimas, -wohl auch das Belebende, was z. B. die Saharaluft auf den europäischen -Wanderer ausübt. So lange die Bewohner von Steppen und Wüsten ihre -ozonreiche, freie Luft einatmen, kennen sie den Würgengel der -Schwindsucht nicht; er hielt in die nordamerikanischen Prärien erst mit -der Stadtsiedelung seinen traurigen Einzug. - -So beneidenswert wie die Gesundheit ist die Sinnesschärfe unserer -Völker. Sie wurde tellurisch gezüchtet, weil zum Erspähen der Jagd- -oder Räuberbeute, zum lebenrettenden Heimfinden zu den Seinen in diesen -menschenöden Landen alle Sinne im alltäglichen Daseinskampf zur -entscheidenden Mitwirkung berufen waren. - -Das Gehör spürt noch die leisesten Schallwellen, von denen unser Ohr -nicht das Geringste empfindet. In Australien unterhalten sich einander -begegnende Schwarze, wenn sie längst in entgegengesetzter Richtung -fortwandern, und der begleitende Europäer einen Monolog zu hören meint. -Ungefähr ein halbes Kilometer nennt der Kalmücke eine Hörweite, denn -auf solche Entfernung ist ihm menschliche Rede ohne Stimmverstärkung -verständlich. Wie seltsam doch die Sitte kirgisischer Mütter, den -Kleinen die Ohrmuscheln auszuweiten, damit sie dereinst durch besseres -Auffangen der Schallwellen besser ins Leben passen! Am Geruch erkennen -die Leute menschliche wie tierische Fährte, wenn sie auf unbewachsenem -Felsboden keinen Eindruck zurückließ, mitunter noch nach Tagen. -Aimara-Indianer finden sich in finsterer Nacht zum Lagerplatz zurück -durch den Geruch der Fluren, von dem der stumpfsinnigere Weiße gar -nichts spürt. Der Australschwarze wird gern in die austral-englische -Polizei eingestellt wegen seines äußerst feinen Witterungsvermögens, -das ihn Menschen- wie Tierfährten weithin auf hartem, keinerlei -Eindruck verratenden Felsboden verfolgen läßt, selbst wenn etwa der -Schafdieb bereits tags vorher über ihn fortgeeilt ist. Wie südrussische -Steppenrinder Tränkplätze auf weite Ferne wittern, so tritt wohl auch -im Osten der großen Wüste der Araber voll Sehnsucht nach dem Abschluß -seines Karawanenzugs auf eine Hügelspitze, schlürft, das Antlitz gen -Osten, gierig die Luft ein und kündet frohlockend: „Ich rieche den -Nil!“ Er hat den Strom entdeckt, ohne ihn zu erblicken. Doch freilich -die Schärfe des Gesichtssinns erweckt noch mehr unser Staunen. -Des Menschen Auge ist ja ein Organ steter Anpassung, hochgradiger -Fernblick kann sich mithin nur entwickeln innerhalb dunstfreier, -weiter Horizonte, so beim Gemsjäger, beim Steppen- und Wüstenmenschen. -Letzterer aber lernte im unablässigen Daseinskampf diesen weitesten -Horizont aufs vollkommenste beherrschen mit seinem Falkenauge, und -dieser wunderbare Späherblick vererbte, verfeinerte sich von Geschlecht -zu Geschlecht. So sind Trockenräume die Gebiete der größten Sehschärfe -durch alle Kontinente. Der Buschmannknabe in Liechtensteins Begleitung -auf der Rückfahrt vom Kap erkannte noch ziegengroße Antilopen an der -afrikanischen Küste auf Stundenferne, was Liechtenstein nur mit dem -Fernrohr zu kontrollieren vermochte. Der Targi der Westsahara zählt -bereits die Kamele einer eben in den Horizont eingetretenen Karawane, -wenn der Weiße neben ihm ohne Fernglas noch gar nichts von ihr sieht. -Der Australschwarze verfolgt die kleine Biene seiner Heimat, nicht -größer wie unsere Stubenfliege, bis auf 18 ~m~ Höhe ins Dunkel -eines Baumwipfels, um den wilden Honig zu ergattern. Die größte uns -bekannte Späherleistung möchte indessen von jenem rosseweidenden -Kalmücken auf der ciskaukasischen Steppe erzielt worden sein, der die -Russen vor einem Überfall bewahrte, indem er den aufwirbelnden Staub -eines heranziehenden feindlichen Heerhaufes auf 30 ~km~ Ferne -erkannte, d. i. die Entfernung Potsdams vom Ostende Berlins. - -Die urälteste Form des Menschenlebens, der Nomadismus, hat sich bis -zur Gegenwart in den Steppen und Wüsten erhalten, weil hier der Mensch -unter der Bedingung heroischer Marschausdauer, beherzter Waffenführung, -genügsamer Kost, auch gelegentlichen Hungerns und Durstens der uralten -Wonne unseres Geschlechts sich weiterfreuen durfte: der goldenen -Freiheit, ohne als Arbeitsknecht Hacke oder Pflug führen zu müssen. -Stets haben diese Freischweifenden mit der Verachtung des kühnen -Recken auf die Seßhaften herabgesehen, so die Beduinen d. h. die -Wüstensöhne auf die feisteren Bauern des arabischen Küstenrandes, die -ihnen nur zum Brandschatzen, wenn nicht zu dauernder Knechtung da zu -sein schienen, ebenso die Kurden der armenischen Alpmatten auf die -Armenier, die drunten im Thal Feld und Garten berieseln mußten im -Schweiß ihres Angesichts; bis zur russischen Besitzergreifung auch -die freiheitsstolzen, türkischen Ösbegen Turans, die, wenn sie als -Herren der persischen Siedler der Flußchanate ihr Heim in diesen selbst -aufschlugen, doch lieber ihre Filzjurte im viereckigen Freihof des -Wohnhauses aufschlugen als wie Feiglinge in den Lehmmauern eines Hauses -zu wohnen. - -Australiens eingeborene schwarzbraune Rasse hält noch gegenwärtig an -ihrer uralten frei schweifenden Lebensweise fest, wie sie dereinst -bedingt war durch das nahezu gänzliche Fehlen anbaulohnender Gewächse -und die Spärlichkeit jagdbaren Getiers in den wasserarmen Ödungen des -Landes neben völliger Abwesenheit melkbarer Tiere. Auch nachdem nun -die europäischen Ansiedler mit bestem Erfolg unsere Kulturgewächse und -Haustiere nach Australien gebracht haben, verbleibt der Australschwarze -lieber der alten Freiheit treu, so sehr sie mit dem Jammer des bloßen -Sammelns von kümmerlichen Brosamen am Tisch der Wildnis naturnotwendig -verknüpft ist. Die Männer des Stammes schweifen auf der täglichen -Wanderung weiter aus, etwa eine Känguruherde aufzutreiben, einen Vogel -mit dem Bumerang herabzuholen, die Erdhügelnester des Tallagallahuhns -auszunehmen; die Weiber ziehen auf kürzerer Linie, mit dem armseligen -Hausrat und den kleinen Kindern bepackt, nach eßbaren Wurzeln -grabend, wilden Honig, Baumharz, kaum genießbares Gewürm zur Stillung -des nagenden Hungers auflesend, einem noch nicht ganz erschöpften -Wasserloch zu, an dem sie abends das Feuer entfachen vermittelst des -brennend unter der Glut des Tagesgestirns mitgeschleppten Holzscheites, -auf daß der gestrenge Gatte nicht zürne über zu langen Aufschub, wenn -erst durch Aneinanderreiben von Hölzern das Feuer entzündet werden -müßte, und jener dann unsanft den langen Wanderstab auf den Kopf der -Gattin niedersausen ließe. - -In dem wildreicheren Afrika ist selbst der Buschmann nicht bloß -Nahrungssammler, sondern Jäger, ein gewandter Bogenschütze. Doch kein -Land der Welt ist ein solches Jägereldorado, daß der Mensch anders -als hin- und herziehend von seiner Jagdwaffe den Unterhalt erzielen -könnte. Auch der Hirt ist in Steppen mit gar zu kärglicher Benetzung, -also schlechten Futterwuchses, oder in Gegenden, wo ein anhaltender -Schneewinter die Gebirgsweide nimmt, folglich die Herde in benachbarten -Niederungen zu überwintern zwingt, ein Nomade. Hingegen führen Oasen -und die Trockenräume durchströmenden Flüsse -- man denke nur an den -nubisch-ägyptischen Nil, diesen einzigen Strom, der die Sahara in -ihrer ganzen Breite durchzieht -- zu fester Siedelung, weil hier -das Quell- oder Flußwasser Garten- und Ackerbau mittels künstlicher -Bewässerung zu treiben gestattet auch an Orten oder zu Zeiten, wo kein -Tropfen Regen fällt. Darum war ja Zoroasters Lehre eine solche Wohlthat -für Irans und Turans dürstende Gelände, weil sie die Berieselungswerke -heilig sprach, unter deren Segen der sonst gar nichts tragende Boden -tausendfältig Feld- und Baumfrucht spendete. - -Wo vollends Steppen regenreich genug sind, um auch ohne Bewässerung -Feldbau zu gestatten, da sind sie teilweise schon vor Alters, -in weitem Umfang vollends in neuerer Zeit vielfach ins Gebiet -seßhaften Völkerlebens einbezogen worden, indem gewöhnlich von -außen ackerbautreibende Stämme hereinzogen, sei es, daß der Boden -unbewohnt angetroffen wurde, sei es, daß er ihnen zufiel nach dem -gerechten Schiedsspruch tellurischer Auslese: jedes Land gehört dem, -der es am besten zu verwerten, am tapfersten zu verteidigen weiß. -Die englischen Weizenbauer und Schafzüchter dringen immer tiefer -ins Innere Australiens ein; die Buren verdrängten Hottentotten wie -Kaffern; die Prärien, wo noch vor kurzem die Rothäute die zahllosen -Büffel jagten, wogen gleich den argentinischen Pampas von unabsehbaren -Getreidefeldern. Dort, wo im Altertum skythische Skoloten und -Sauromaten mit ihren Herden Südosteuropas Steppen durchzogen, führt -jetzt der russische Ansiedler den Pflug. Und eben da, dicht am -südlichen Uralgebirge, vollzieht sich jüngst ein lehrreicher Vorgang -des Obsiegens der Seßhaften über die Schweifenden. Die Baschkiren -nämlich mögen nur ungern ihr freies Wanderleben in der Steppe aufgeben; -eingeengt jedoch durch die Uralwälder im Osten, die wüstenhafte -kaspische Salzsteppe im Süden, das leise Vorrücken der russischen -Bauern in West und Nord, fühlen sie sich außer stande allein durch -Vermittlung ihrer Herden vom Steppengras zu leben, darum verpachten -sie gegen Kornzins einen Teil ihrer Länderei an russische Bauern und -erkaufen sich damit noch auf eine Galgenfrist die Adelsfreiheit des -Nomaden. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, denn um von Weidewirtschaft -in der Baschkirensteppe zu leben braucht man für den Kopf 120 Morgen, -bei Landbau nur 20-30. Derselbe Flächenraum, der einem einzigen -Baschkiren genügend Milch und Fleisch liefert, ernährt also vier bis -sechs Russen. - -Allerwegen indes, wo das alte Hin- und Herziehen verblieb, erhielt sich -auch Sitte und Brauch fast unverändert. In den echten Wüsten führt -erst ganz neuerdings der Eisenbahnbau einen gänzlichen Umschwung des -Verkehrs hier und da herbei. Sonst zieht dort noch wie vor Alters der -Mensch von einer Wasserstelle zur andern, als Hirt, falls zu günstiger -Jahreszeit flüchtiges Grün den Boden überzieht, als Karawanenführer, -als Weidmann oder als lauernder Räuber. Wüsten züchten Räubervölker, -denn sie sind von Natur immer arm, es sei denn, daß sie stellenweise -Steinsalz bergen oder Salpeter wie die Atacama; oft liegen nun -beiderseits reiche Landstriche, wie die Mittelmeerküste Afrikas und -der Sudan, die einander ihre Güter durch Frachtzüge quer durch die -Wüste zusenden, und dauernd locken Quell- oder Flußoasen mit winkenden -Dattelhainen, mit Fruchtfeldern aller Art; Obst- wie Mehlzukost wünscht -sich aber der Steppen- und Wüstenmensch gar sehr zu seinem ewigen -Einerlei animalischer Nahrung. Was Wunder also, daß letzterer bei -seiner überlegenen Ortskunde, die Angriff wie Rückzug deckt, seiner -körperlichen Kraft, seiner fliegenden Eile zu Roß oder Kamel gern -wenigstens nebenbei das Räuberhandwerk treibt, weshalb jeder Oasenort -sich mit Lehmmauer umgürtet? - -Das stete Wanderleben auf dürrer Fläche erzeugt eine Fülle von -Gewohnheiten, die gänzlich abweichen von denen seßhafter Menschen, und -sich darum weit weniger wandeln, weil hier eine Natur von unbeugsamer -Starrheit gebietet. In der syrisch-arabischen Wüste fühlt man sich -noch heute in die Tage der Erzväter Israels versetzt. Der Reichtum -besteht wie zu Abrahams Zeit in Vieh und Silbergeschmeide, in Waffen -und Teppichen. Außer dem unentbehrlichen Zelt, dessen Gestänge nebst -härenen Tüchern die Lasttiere auf dem Marsch zu schleppen haben, -muß die sonstige fahrende Habe aufs sparsamste bemessen werden. Man -darf sich nicht Tisch, Stuhl oder Bettstatt gönnen. Man hockt und -schläft auf platter Erde; auf den hingebreiteten Teppich wird die -große Schüssel mit dem einfachen Mahl gesetzt, in die greifen die -Herumhockenden mit den Fingern wie Christus und seine Jünger, denn -die Israeliten behielten gar manche Sitten des alten Nomadenlebens -bei, auch als sie in Palästina seßhaft geworden, nannten sie doch -für immer ihr Heim ~ohel~ d. h. Zelt. Die Geräte müssen dauerhaft -sein, weil man sie nicht so oft beim Händler erneuern kann; aus -hölzernen, womöglich mit Metallreifen geschützten Schalen trinkt der -Mongole seinen gemüseartig gekochten Thee mit reichlicher Zuthat von -Hammeltalg. Geringer geschätzt als der Mann ist das Weib; es verrichtet -niedere Dienste, bleibt ausgeschlossen vom Mahl der Männer. Sobald -abends das Zelt aufgeschlagen, begiebt sich Frau oder Tochter zum -Wasserholen, und damit sie den oft nicht so kurzen Weg nicht mehrmals -zurücklege, muß der thönerne Wasserkrug recht umfangreich sein, darum -wieder läßt er sich nur auf der Schulter oder auf dem Kopf tragen, -was zu straff aufrechter Haltung des Körpers viel beiträgt. Das Bild -der Rebekka am Brunnen kehrt allabendlich im Orient hundertfältig -wieder. Es fesselt stets durch die Verbindung von Anmut und Kraftübung; -wie spielend hebt die Wasserträgerin den schweren Krug empor und -trägt ihn elastischen Schritts von dannen. Mitten in der syrischen -Wüste begegnete unser Wetzstein einer wassertragenden Beduinenfrau, -die unterwegs geboren hatte in menschenleerer Öde, und nun rüstig -dahinschritt, den Wasserkrug auf dem Haupt, das Neugeborene im Arm. -Auch die Prärie-Indianerin wird zuweilen wohl auf dem Ritt durch die -meerähnliche totenstille Grasflur von ihrer schweren Stunde überrascht; -sie bindet dann ihr Pferd etwa an einen einsamen Baumstamm und schwingt -sich nach ein paar Stunden Rast heldenhaft mit dem Säugling auf ihr Roß. - -Körperliche Ausdauer und Rüstigkeit sind diesen Nomaden in -jahrtausendelangem Daseinskampf anerzogen worden. Die Patagonier, -allerdings wohl die langbeinigsten aller Menschen, unternehmen -Erholungsspaziergänge von mehr als 60 ~km~. Der Tubu legt seine -heroischen Wüstenmärsche mit der notdürftigsten Tagesration weniger -Datteln zurück; im äußersten Fall öffnet er dem Kamel eine Ader an der -Schläfe, formt sich aus den zerstoßenen Knochen am Weg bleichender -Skelette von verschmachteten Menschen, häufiger von gefallenen Kamelen -und aus den paar Tropfen Kamelblut eine Paste zur Fristung seines -Lebens; Wasser kann er, falls er tagsüber regungslos im Schatten ruht -und nur nachts mit seinem treuen Tier weiterzieht, vier Tage lang -entbehren, dann erst bindet er sich todesmatt auf das Kamel, seine -Rettung dem unvergleichlich scharfen Spürsinn desselben überlassend. -Der Kalmücke vermag auf Karawanenreisen wenigstens drei Tage lang zu -hungern und zu dursten; findet er dann noch kein Trinkwasser, so rupft -er Haare aus der Mähne des Pferdes und kaut daran. - -Langes Fastenkönnen und erstaunliche Gefräßigkeit entspricht vollkommen -dem auf Mangel an Speise oft folgenden Überfluß des Jägers, der -entbehrungsvollen Wanderung und späten Abendrast des Hirten-Nomaden. -Der Mongole kann mehrere Tage ohne Speise bleiben, jedoch einen viertel -Hammel sieht er als gewöhnliche Tagesration des Mannes an, ja er -vertilgt bei festlichem Gelage einen Hammel mittlerer Größe an einem -einzigen Tage für sich allein. Zu starkes Essen gilt übrigens bei -diesen Völkern oft als des Mannes unwürdig. Auf Fehdezügen läßt sich -der Kalmücke an ein paar Bissen Fleisch genügen oder er kaut geröstete -Tierhaut; am Tage der Schlacht pflegt er nur die Brühe vom Fleisch -zu trinken. Nordamerikanische Steppenindianer vermeiden selbst bei -reichlichen Vorräten übermäßiges Essen (das sie nur Weibern, Kindern -und Hunden nicht verargen), um sich straff zu halten für Mannesthaten -bei Waffenspiel oder ernster Gegenwehr. - -Zum Spiel ist dem Nomaden viel Zeit übrig, und er liebt auch im -Spiel Körperkraft nebst Gewandtheit zu zeigen. Zum Bogenschießen -oder Ballspiel lockt die baumleere Weite; letzteres erfreut den -Teke-Turkmenen wie den Dakota und Tehueltschen. Im Zelt wird -leidenschaftlich gewürfelt; der Gaucho schlägt die Faulheitsstunden -mit Kartenspiel tot, während der Araber lieber in lauer Abendluft, -nachdem im Purpur des westlichen Himmels die Sonne niedergesunken, -dem Märchenerzähler oder dem Sänger der Ruhmesthaten seines Stammes -lauscht. Nicht von ungefähr trägt das Schachspiel einen persischen -Namen. Herrlich gelingen den Männern überall die Reiterkunststücke und -das Wettrennen; im Morgenland befeuern die zuschauenden Frauen durch -ihren Zuruf, jauchzen den Siegern zu, wehklagen über das Zurückbleiben -der Ihren. Es sind das segensreiche Volksfeste, in denen unentbehrliche -Tugenden durch den Sporn des Ehrgeizes ihre Pflege finden. Aus den -südrussischen Grasfluren kamen die wagehalsigen Bereiterstückchen -in die Kosakenregimenter der russischen Reiterei; Baschkiren, in -Ostturkistan selbst würdige Priester vergnügen sich daran, im rasenden -Galopp einen Stein vom Boden aufzuheben, ohne den Bügel loszulassen; -die Turkmenen rennen auf 160 ~km~ um die Wette und stiften dem ersten -Sieger den ansehnlichen Preis von zwölf Kamelen. Das malerischeste -Schauspiel bietet aber ein Renntag in der syrisch-arabischen Wüste oder -eine Falkenbeize, sei es auf Reiher, sei es auf Gazellen am Hauran. Da -bricht die Jagd- und Reitlust der Beduinen am feurigsten aus; wie toll -stürmen sie ins Weite, und wenn dann die silberweißen Jagdfalken im -blauen Äther mit den Reihern im Knäuel sich verschlingen, da schauern -sie wild empor, und jede Fiber zuckt den bronzefarbenen Männern, die -trotz aller Nervenstählung hochgradig nervös sind, wie so oft die -Menschen, die dauernd in elektrisch gespannter, trockener Luft leben. - -Manche Eigentümlichkeiten treffen wir in diesen Landen, die nicht aus -ihrer Eigenart hervorgegangen, sondern hier nur besonders treu erhalten -sind, weil eben der Zeiger auf dem Zifferblatt der Kulturgeschichte -dort so viel langsamer vorrückt als bei uns. Dahin zählt u. a. der -vielfach noch nicht eingebürgerte Gebrauch des Kochsalzes. Man -könnte zwar meinen, Fleisch und Blut der Wüstentiere sei durch deren -salzreiches Futter schon salzig genug; in der That schmeckt trocknes -Kamelfleisch wie gesalzen. Die Sträucher und Kräuter des so selten -benetzten Bodens, in dessen Kruste die verdunstenden Tropfen von Tau -oder Regen ausgelaugte Salzteile aufspeichern, sind oft nicht minder -salzhaltig, folglich genießt z. B. der Namahottentotte, wenn er sich -Knollen oder Zwiebeln zur bescheidenen Kost ausgegraben, schon etwas -salzreichere Nahrung als wir, wenn wir Brot oder Kartoffeln verzehren. -Indessen so viele von der Berührung mit unserer Kulturentfaltung bisher -ausgeschlossen gebliebene Völker, darunter auch unsere Schutzbefohlenen -auf Neuguinea und den Karolinen, wissen nichts vom Salzen der Speisen, -daß wir gleichfalls bei den uns beschäftigenden Völkern hierin nur -einen Nachhall der Urzeit erblicken möchten, in der unser Geschlecht -sein stets vorhandenes, aber recht mäßiges Salzbedürfnis mit dem -geringen Salzgehalt seiner Nahrung im ungesalzenen Zustand befriedigte, -hingegen Zugabe von überflüssigem Salz als bloßem Gewürz zur Speise, an -die wir uns nun als an eine Notwendigkeit so gewöhnt haben, noch nicht -kannte. - -Andere Einzelzüge haben jedoch die Bewohner der Trockenräume offenbar -erst diesen in näherer oder weiterer Vermittlung entlehnt. So zeigen -sie gern ihre Waffen, um feindlichen Angriff schon durch die Furcht -vor diesen womöglich im Keim zu ersticken. Meist in offener Ebene -dahinziehend, führen sie daher in weite Ferne drohende Waffen, mit -Vorliebe Lanzen, die Kurden z. B. 8 bis 10 ~m~ lange Bambuslanzen, die -Beduinen die längsten Flinten der Welt, während die Tuareg bei Speer -und altertümlichem Schwert mit Kreuzgriff verharren, die Schußwaffe -mit Pulver und Blei als Schutzmittel des Feigen von sich weisend. -Die Waldlosigkeit ladet sonst gerade zur Verwendung weit tragender -Schußwaffen ein. Mit der Sicherheit ihrer Pfeilschüsse bei jagendem -Ritt machten sich Hunnen, Awaren, Magyaren unseren Vorfahren furchtbar, -als sie aus den Steppen des Ostens nach Deutschland einfielen. Der Tubu -bringt mit seinem wagerecht geworfenen zackigen Wurfeisen dem Gegner -gleichwie mit einer Zackensense am Riesenstiel gefährliche Wunden bei. -Die Schleuder spielt seit alters in den Trockengebieten der alten Welt -eine ähnlich große Rolle wie Lasso und Bolas in denen der neuen. - -Eine glückliche Sondererfindung der Saharavölker ist der sogenannte -Gesichtsschleier oder Litham, ein blaubaumwollener Shawl, der so um -den Kopf gewunden wird, daß er nur einen schmalen Schlitz für die -Augen frei läßt. Wie wir uns im Winter mittels des ~cache-nez~ durch -die eigene Atmung wieder Wärme zuführen, ebenso erwirken Tuareg wie -Tubu durch ihren Litham, daß die schmachtend trockene Wüstenluft durch -die selbstausgeatmete Feuchtigkeit, die sich im Litham verfängt, -durchfeuchtet wird, ehe sie sie einatmen. Die Araber scheinen einen -gleichen Schutz nicht zu kennen, pflegen aber bei Smum wohl nicht bloß -gegen den Wüstensand, sondern zu dem nämlichen Zweck einen Zipfel ihres -Mantels vor Mund und Nase zu ziehen. - -Den Kopf tragen viele der Völker zum Schirm gegen die schroffen -Temperaturwechsel, oft auch gegen den Regen, bedeckt: die Kirgisen -mit einem buntgestickten Käppchen, die Iranier mit der hohen, -schwarzen Lammfellmütze, andere Morgenländer mit turbanartigem -Kopftuch oder Fez, die Hottentottin mit der Fellhaube. Letztere -abzulegen öffentlich gilt bei den Hottentotten als schamlos, wie auch -der Morgenländer vor dem Höherstehenden oder gar im Gotteshaus nie -die Kopfbedeckung abthut, wohl aber der Schuhe oder Sandalen sich -entledigt. Christus stets barhäuptig abzubilden ist ganz unhistorisch. -Der dicke Burnus des nordafrikanischen Kabilen sowie des Beduinen ist -als schlechter Wärmeleiter gegen Tageshitze ein ebenso guter Schutz -wie gegen Nachtkälte. Beinkleider treffen wir nur, wo Steppen und -Wüsten von kalten Wintern heimgesucht werden, so in den Prärien, in -Patagonien und Innerasien; der Mongole legt sie sogar nur im Winter -an. Hohe Stiefel sind eine beliebte Zuthat zu den Beinkleidern bei -Reitervölkern; manchen Völkern sind Hosen nebst hohen Stiefeln bei -beiden Geschlechtern eigen; daher reiten auch Frauen und Mädchen, z. -B. bei den Ostturkistanern, den Tanguten am Kuku-Nor, rittlings nach -Männerart. Die Tehueltschen ziehen über ihre hohen Reitstiefel noch -Überschuhe, um den Fuß auch im Schmelzwasser des Schnees trocken zu -halten. Auf dem bis über 70° ~C~ erglühenden Fels- und Sandboden der -Sahara zieht die nackte Fußsohle leicht Brandblasen, daher das dortige -Bedürfnis, Fellschuhe oder Sandalen aus Kamelleder zu tragen, obwohl -der sparsame Tubumann, wo es irgend geht, seine Sandalen an die Spitze -des über der Schulter getragenen Speers knüpft, mit dem er leichtfüßig -über den glühenden Boden dahinschreitet, ohne daß seine nackten, -freilich hornüberzogenen Sohlen auf dem scharfen Gestein zerschnitten -werden, während die Stiefel des Europäers auf demselben in Fetzen -zerreißen. - -Die allgemeine Seltenheit des Wassers hat die Neigungen der Völker -geradezu gegensätzlich beeinflußt. Dem Araber ist der Anblick großer -Massen von Süßwasser eine ersehnte Augenweide, das Plätschern eines -Springquells die liebste Musik; die Fontäne gehört deshalb als -Hauptstück in den Mittelpunkt seines gartenartig ausgeschmückten -Innenhofs, ohne Baumesschatten und rauschende Quellen kann er sich das -Paradies nicht denken. In Centralasien hat dagegen die Seltenheit des -Anblicks von fließendem Wasser eine völlige Idiosynkrasie gegen alles -kalte Wasser herbeigeführt. Der Mongole schlägt seine Jurte niemals -dicht bei der Wasserstelle auf, so nötig er für sich und seine Tiere -das Wasser braucht; er trinkt nur gekochtes Wasser, und es wird ihm -übel, wenn er den Fremden etwa eine Wildente verspeisen sieht, weil -diese zum Wassergeflügel gehört. Die Chinesen sind wahrscheinlich -aus der Takla-Makan Innerasiens erst nach China eingewandert. Daraus -wird es sich erklären, daß sie nur abgekochtes Wasser zu sich nehmen. -So wurden sie die Erfinder des Theetrinkens, und man darf schon die -Behauptung wagen: Wir trinken Thee, weil die Chinesen aus Centralasien -stammen. - -Wo das Wasser so kostbar, wird es nicht leicht zum Waschen benutzt. -Daher starren die Menschen oft von Schmutz. Herodots Ausspruch über die -Skoloten „Sie waschen sich nie“ gilt auch von den heutigen Mongolen, -die sich sogar stolz hierauf ~kara hunn~, d. h. schwarze Menschen, -nennen. Die Sitte der Skolotinnen, die, um zu gefallen, sich nachts -über eine aus zerriebenen wohlriechenden Hölzern hergestellte Paste -auflegten, so daß sie des Morgens als duftige Huldinnen erschienen, -ausnahmsweise auch ohne Schmutzkruste im Gesicht, erinnert uns an -eine bisher ganz übersehene Geschmacksrichtung, die unseren Völkern -offenbar durch ihre Heimat zu teil ward. In allen Trockenlanden -nämlich walten, wie wir schon bemerkten, aromatische Gewächse zufolge -natürlicher Züchtung auffallend viel mehr vor als anderwärts; ist doch -Arabien, zu deutsch das Wüstenland, von jeher durch seine Aromata -berühmt gewesen. Dieser Umstand machte die also stets von solchen -Wohlgerüchen umhauchten Steppen- und Wüstenvölker zu leidenschaftlichen -Freunden derselben; auch ihren Göttern schrieben sie natürlich diese -Vorliebe zu. Aus dem Morgenland empfingen wir selbst die Sitte des -Parfümierens; Mohammed trug stets ein Etui mit Wohlgerüchen bei sich, -wir könnten sagen ein Schnupftabaksdöschen; wenn die braune Nubierin -das Entzücken ihres Gatten sein will, nimmt sie ein förmliches Rauchbad -aus lauter aromatischen Stoffen. Mit nichts wurde im salomonischen -Tempel so viel Geld verpraßt, als um Jahve die köstlichsten Spenden -von Myrrhen und Weihrauch zum Himmel empor zu senden; ganz ebenso -zündeten die mittelalterlichen Tataren Asiens ihrem Gott duftige Opfer -und bringen noch immer die Indianer der Prärie ihrem „großen Geist“ -Salbeiopfer. Der Weihrauchduft der christlichen Kirchen ist mithin ein -echt geographischer Hinweis auf den Orient als Ursprungsstätte des -Christentums. - -Ein gewisser schwermütiger Zug geht durch diese Völker; er entspricht -wohl dem vereinsamten Weilen in einer einförmigen, schweigenden -Natur. Bis zu finsterster Stimmung steigert sich der freudlose Ernst, -wenn der karge Boden wie im Tubuland Tibesti selbst an Quellorten -nur wenige Datteln und kaum weich zu klopfende Dumpalmenfrüchte -trägt. Da macht der nagende Hunger die Herzen hart wie die Steine -der Wüste. Sonst jedoch verklärt ein freundlichstes Erbe uralter -Vorzeit auch das dürftigste Nomadenzelt: die sogar vom Räuber in Ehren -gehaltene selbstlose Gastfreiheit. Handel und Wandel, Verführung durch -Kulturgenüsse hat Biederkeit und ritterlichen Sinn meist noch nicht -angetastet. „Griechische Treue“ ist Satire, „türkische Ehrlichkeit“ -hingegen Wahrheit. Dazu stählt Nüchternheit Leib und Seele; sie nicht -zum letzten führte die Khalifenheere wie die Osmanen von Sieg zu -Sieg. Trockenräume geben aus ihrem Gewächsreich wenig Zuckerstoff zur -Herstellung berauschender Getränke; das bewahrte ihre Söhne vor dem -Trunklaster, impfte ihnen Verachtung ein gegen die Weichlinge, die -sich nicht genügen lassen am ältesten und gesundesten Getränk der -Menschheit, Wasser und Milch, oder dem heißen Labetrunk von Kaffee oder -Thee, die sich berauschen wie die verachteten Knechte der Ackerarbeit. -„In ein Haus, unter dessen Dach ein Pflug steht, kehrt der Engel Gottes -nicht ein“ heißt es nomadenstolz im Koran. Mohammed, dieser Lykurg der -Wüste, hat die Abscheu gegen Trunksucht nicht erst eingeführt, nein er -fand sie vor und weihte sie nur wie so viele andere uralte Wüstensitten -als aus Allahs heiligem Willen geboren. - -Wald- und Seevölker pflegen Polytheisten zu sein, Steppen- und -Wüstenvölker neigen vielmehr zum Monotheismus. Vom Sinai, aus Palästina -und Arabien empfing die Welt die drei wirkungsreichsten Lehren vom -+einen+ Gott. Dschingiskhan gebot, als wäre er ein Prophet des alten -Bundes: „Du sollst glauben an den alleinigen Gott, der Himmel und Erde -geschaffen hat, den Herrn über Leben und Tod.“ Nicht anders denkt -der Mandan-Indianer der Prärie von dem „großen Geiste, der im Himmel -wohnt“. Wir alle suchen die Einsamkeit, wenn wir unsere Gedanken -sammeln wollen. Das nämliche Streben trieb Johannes den Täufer und -Christus in die Stille der Jordanwüste, Mohammed in die Wüstenklippen -abseits von Mekka. Nur wenige, aber gewaltige Eindrücke sind es, -mit denen die Wüste in feierlichem Schweigen das sinnende Gemüt des -Menschen erfüllt. Über der starren Gesteinsfläche schaut das Auge -nur eine, aber eine stetige, ruhig gleichmäßige Bewegung: die der -Gestirne. Nicht Menschenhand lenkt sie, es muß eine übermenschliche, -jedoch einheitliche Macht sein, die das erwirkt; und was der Forschung -das Naturgesetz der Gravitation, ist dem kindlichen Sinn der einige -Gott, „der die Sterne lenket am Himmelszelt“, der die ganze Welt -regiert, zürnend daher fahrend im Gewittersturm, vernichtende Blitze -schleudernd, dann aber mild lächelnd seine Sonne wieder scheinen -lassend über Gerechte und Ungerechte. - -Die Freude der Orientalen, gedankenvoller Rede zu lauschen, nicht bloß -bei abendlicher Rast im Nomadenzelt, nein auch am hellen Tag, etwa auf -der grünen Matte am See Genezareth gelagert, wie bei der Bergpredigt, -das war der rechte Boden, solche erhabene Lehren volkstümlich werden zu -lassen, aus ihnen menschenbeglückende Religionen zu gestalten. - - - - -IV. - -Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft. - - -Die Entwicklung der Erdkunde während der letzten drei Jahrzehnte, -wo sie bei uns in Deutschland nach so langem Harren endlich überall -unter die Universitätswissenschaften Aufnahme fand und somit auf -ihre Methode und ihre Abgrenzung gegen andere Gebiete des Wissens -gründlicher geprüft wurde, lief einmal wirklich Gefahr auf einen -Abweg zu geraten. Hatte Karl Ritter in seinem monumentalen Werk „Die -Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen“, -wie schon diese Titelworte verkünden, das physisch-historische -Doppelantlitz der Wissenschaft von der Erde von neuem enthüllt, wie -es im engeren Umkreis antiker Länderkenntnis 18 Jahrhunderte vor ihm -bereits Strabo gethan, hatten manche Jünger der Ritterschen Schule in -dem Interregnum der deutschen Erdkunde, wie es 1859, mit Humboldts und -Ritters Tod, einsetzte, das historische Element dieser Wissenschaft -sogar überwuchern lassen, so erreichte die naturgemäß folgende Reaktion -eines umgekehrt etwas einseitig naturwissenschaftlichen Betriebs -der Geographie ihren Gipfelpunkt, als Georg Gerland in Straßburg -die Losung ausgab: die Erdkunde ist reine Naturwissenschaft, die -Werke des Menschen darf man nicht in sie hineinziehen, denn sie sind -Sondergegenstand der historischen Disziplinen. - -Es darf wohl ein Glück genannt werden, daß dieser revolutionäre -Weckruf, der für den ersten Augenblick viel Bestrickendes hat und -ernsthaft methodologischer Erwägung entstammt, keine allgemeinere -Nachachtung in Deutschland und, dürfen wir stolz dazufügen, somit -auch in der übrigen Welt erfuhr. Selbst unser führender Geograph, F. -v. Richthofen, unter dessen Banner die Geologie die ihr gebührende -Stellung gewann, der Erdkunde als Fundament zu dienen, erklärte sich -rückhaltlos gegen Ausschluß des Menschen aus der Geographie. - -Gerland hatte freilich vollkommen Recht mit seinem mahnenden Hinweis -darauf, daß die Erdkunde gleichsam ihre methodische Sauberkeit, -bloß mit Naturkräften und Naturgesetzen zu rechnen, preisgebe, -sobald sie den Menschen in ihr Bereich ziehe, denn unrettbar tritt -dann sogleich menschliche Willkür in die Betrachtung ein, man muß -dann bald mit den Methoden des Naturforschers, bald mit denen des -Historikers oder des Volkswirtschaftlers operieren. Aber liegt das -nicht eben in der eigenartigen Natur der Erdkunde begründet? Nicht -von ungefähr hat ihr der Altmeister Ritter die centrale Stellung -zugewiesen mitten inne zwischen den naturwissenschaftlichen und -den geschichtlichen Fächern. Wäre die Erde nichts weiter als ein -Naturkörper, so wäre selbstverständlich die Erdkunde thatsächlich reine -Naturwissenschaft; weil wir uns jedoch namentlich das landerfüllte -Viertel der Erdoberfläche gar nicht vorstellen können ohne die ihm tief -eingeprägten menschlichen Züge, so wird es wohl bei dem Schiedsspruch -verbleiben: die Erdkunde ist eine wesentlich naturwissenschaftliche -Disziplin, indessen mit integrierenden historischen Elementen. - -Auch die Meere sind jetzt sämtlich eingesponnen in das Thun und Treiben -der Menschheit. Nähme der Mensch seine Hand von ihnen, so wären sie -nicht mehr, was sie sind, nicht mehr lebenerfüllte Räume, auf denen -die Flaggen aller seefahrenden Nationen sich entfalten, damit das -Adersystem, wie es erst seit kurzem die Wirtschaftsthätigkeit unseres -Geschlechts zu einem Ganzen zusammenschließt, unablässig seinen -Segensdienst leiste. Ohne den Menschen würden die Ozeane wieder -rückfällig werden in jenen Zustand, da Ichthyosauren und Plesiosauren -zur Jurazeit ihr Wesen in ihnen trieben, sie würden wieder wüstenhafte -Ödungen, auf denen an Stelle von Schiffen nur noch Eisberge ihre kalten -Pfade zögen. - -Freilich hinter dem Kiel selbst der mächtigsten Kauffahrer, der -gewaltigsten Panzer verwischen die zusammenschlagenden Wogen stets -wieder die Spur der Wasserstraße. So allgemein fühlbar die Wirkungen -des Verkehrs in jenem Geäder der großen Seestraßen auch sind, in -dem die Schiffe gewissermaßen die Blutkörperchen vertreten, -- -diese Straßen selbst bleiben unsichtbar, nur der Kartograph zieht -sie in Liniengestalten auf seinen Weltbildern aus. Anders das Netz -der Landverkehrswege! Wie zeigt es uns in seinen engeren oder -weiteren Maschen, in der Güte des Straßenbaus, im Vorhandensein von -Eisenbahnen neben glatten Kanallinien den Maßstab für Beurteilung der -Gesittungshöhe des bewohnenden Volkes! Welch ein Abstand zwischen -solchen Bildern des wimmelnden Menschen- und Güterverkehrs auf den -nach einem Punkt zusammenstrahlenden Land- und Wasserwegen, wie sie -sich um unsere Handels- und Industrie-Metropolen alltäglich darbieten, -gegenüber den bloß vom Menschenfuß ausgetretenen zitterigen Wegen -durch die unabsehbaren Grasfluren des tropischen Afrika, auf denen die -schwarzen Träger in langem Karawanenzug nur einzeln hintereinander -ihre armseligen Warenbündel dahinschleppen, oder gar gegenüber den -Urwaldgründen im Gebiet des Amazonenstroms, wo sich noch heute wie seit -grauer Vorzeit der braune Jäger seinen Weg immer von neuem mühsam durch -das Dickicht bricht! - -Je mehr sich die wirtschaftliche Kultur eines Volkes hebt und je -mehr sich dessen Zahl steigert, desto vielseitiger spiegelt das von -ihm bewohnte Land seine Thätigkeit wieder, indem zuletzt wenig mehr -übrig bleibt von dessen ursprünglichem Antlitz als das Relief des -Bodens. Das großartigste Schauspiel fast urplötzlicher Umwandlung von -Wildland in Kulturland haben uns im Laufe der Neuzeit Nordamerika und -Australien geboten. Während noch im vorigen Jahrhundert das große -Viereck der Vereinigten Staaten von heute im Ostdrittel bis über den -Mississippi hinaus von prachtvollen, bunt gemischten Wäldern rauschte, -im ebenen Mitteldrittel, das allmählich zum hochgelegenen Fuß des -Felsengebirges ansteigt, ein Gräsermeer sich ausbreitete, das nur -dem Wild zu statten kam, donnerartig durchdröhnt vom tausendfältigen -Hufschlag der Büffel, und dann die kahle Hochlandwüste, die Stätte der -ungehobenen Gold- und Silberschätze, folgte, bis an das pazifische -Küstengebirge mit seinen riesigen Mamutbäumen und der noch völlig -toten herrlichen Hafenbai am Goldenen Thor, -- da ist jetzt der -Wald ungefähr wie bei uns in Deutschland auf etwa ein Viertel der -Gesamtfläche eingeschränkt worden. Goldene Weizenfelder wogen an Stelle -der Steppengräser, die größten Mais- und Baumwollenernten der Welt -spendet der nämliche Boden, der vordem öde Wildnis war; aus zahllosen -Gruben fördert man Eisenerz und Kohlen samt Erdöl an den Alleghanies, -in deren Umgebung wahre Wälder von rauchenden Schornsteinen die -Industriebezirke kennzeichnen; der centrale Riesenstrom ist gebändigt, -daß er bis zum Meer die größten Flußdampfer gehorsam auf seinem Rücken -dahingleiten läßt, das großartigste Netz von Eisenbahn- und Kanallinien -verflicht das Mississippithal mit der atlantischen Küste wie mit den -kanadischen Seen, wo Chicago als ein Seehafen mit Weltverkehr mitten -im Kontinent zu einer Millionenstadt erwuchs; selbst durch die vorher -in Todesschweigen liegenden Jagdgründe der Indianer des fernen Westens -zieht das Dampfroß schrillen Pfiffs seine transkontinentale Eisenstraße -zum wirtschaftlichen Zusammenschmieden der früher kaum sich kennenden -atlantischen und Südseefront; die weiße Kalkwüste am blauen Salzsee -von Utah ist durch künstliche Bewässerung in ein grünes Gartengefilde -verwandelt, Nevada nebst Kalifornien schütten ihre Milliarden aus, wo -vorher kaum ein paar streifende Horden von Rothäuten ein kümmerliches -Dasein fristeten; San Francisco erstand in 50 Jahren aus dem Nichts -zur stolzen Königin der Westküste, ein strahlendes Gegenüber zu New -York, der merkantilen Beherrscherin des Ostens, dieser volkreichsten -Stadt der Welt nächst London, wo vormals an der Hudsonmündung die -Wigwams eines Indianerdörfchens standen. Noch rascher, erst seit 1788, -ist Australien aus einer gottvergessenen Armutsstätte des Hungers und -Durstes, ohne einen Getreidehalm, ohne Fruchtbäume und Melktiere, ja -bis auf die spärlichen Känguruherden fast auch ohne jagdbares Wild, -durch englische Thatkraft umgestaltet worden zu einer beneidenswerten -Schatzgrube von Reichtümern aller drei Naturreiche. Klassisch wurde -daselbst die graue Theorie, der zufolge die Geschöpfe vom Schöpfer -selbst überall da heimisch gemacht seien, wo sie fortzukommen -vermöchten, durch die frische That der Versuchs widerlegt. Alle unsere -Getreide- und Obstarten wie unsere Nutztiere gedeihen vortrefflich -unter dem australischen Himmel; an Stellen, die dem Australschwarzen -nicht mit einem Tropfen Wasser die Zunge lechzten, hat Moseskunst -Quellen angeschlagen oder sammeln tief ausgebrochene Felscisternen -die Regenwasser umgebender Höhen, um jene ungeheuern Schafherden -zu tränken, deren Vließ im Trockenklima Australiens so seidenweich -auswächst, daß die Squatter bereits heute dort vom Schafesrücken -eine größere, vor allem aber eine ungleich dauerndere Einnahme sich -gesichert haben als Goldwäscher und Goldgräber. Dieser einzige Erdteil, -der bis vor etwa 113 Jahren keine Stadt, ja kein Dorf trug, ist nun -mit blühenden Ortschaften übersät, ja sein Melbourne ist analog, aber -noch schneller und höher emporgekommen wie San Francisco, denn diese -vornehme Kapitale der Südhemisphäre gleicht Rom an Bewohnerzahl und -wird Dank seiner unvergleichlichen Hafenbai die Haupthandelspforte -Australiens bleiben, wenn längst auch die letzte Goldader Viktorias -ausgebeutet worden. - -Hatte der europäische Ansiedler dem amerikanischen Boden vieles von -daheim mitgebracht, vornehmlich den Weizen und das Pferd, dazu Rind, -Schaf, Schwein, Esel, Ziege, aus Asien den Kaffeebaum, so bekam also -Australien überhaupt erst durch die Kolonisten sein Kulturgewand -angethan, und zwar ein so gut wie ganz europäisches. Doch auch -unsere Ostfeste hat nicht ganz unähnliche Verwandlungswunder in -seiner Kulturscenerie erlebt. Javas Bedeutung für den Welthandel -beruht fast allein auf dem Massenertrag an ursprünglich ihm fremden -Erzeugnissen; der immergrüne Pflanzenteppich seines Kulturlandes, -wie er sich über die Niederungen zu Füßen seiner alpenhohen Vulkane -und über die Unterstufe seiner Gebirge ausbreitet, besteht neben dem -seit alters einheimischen Reis aus Zuckerrohr vom indischen Festland, -aus Tabakstauden von der Habana, aus dem Theestrauch Ostasiens, dem -ursprünglich nur afrikanischen Kaffeebaum und den herrlichen Cinchonen -Perus, die uns in ihrer Rinde das fieberbannende Chinin schenken. -Die nächst Java ertragreichste Tropeninsel Asiens, Ceylon, büßte -unter der Hand seiner englischen Herren das prächtige Urwaldkleid -seines Südgebirges großenteils ein, um in unseren Tagen sogar zweimal -umgekleidet zu werden: zuerst überzog man den gerodeten Waldboden -mit lauter Kaffeepflanzungen und nun aus Furcht vor dem verheerenden -Blattpilz mit lauter Theepflanzungen. Wer könnte sich die Sahara -heute ohne das Kamel denken? Gleichwohl ist dieses für die große -Wüste wie geschaffene Tier erst durch den Menschen dorthin eingeführt -worden; man erblickt es nirgends unter den mannigfaltigen Tierbildern -Ägyptens aus der Pharaonenzeit, es scheint vielmehr den Ägyptern -bis zur Ptolemäerzeit ganz fremd geblieben zu sein und hat seinen -das Verkehrswesen Nordafrikas umgestaltenden Einzug in die ganze -Sahara und darüber hinaus sicher erst im Gefolge der Ausbreitung des -Islam bis in den Sudan gehalten. Religionen sind auch sonst bei der -Metamorphose des landschaftlichen Kulturbildes mehrfach mit beteiligt -gewesen, nicht allein durch bauliche Anlagen wie Moscheen mit schlanken -Minarts, Pagoden und Buddhistenklöstern, die geradeso wie christliche -Wallfahrtskirchen und Klöster aus einem tief im Menschenherzen -begründeten Zug die Berggipfel suchen, wo sie dann landschaftlich um -so bedeutender wirken; und was wäre uns die Ebene am Niederrhein ohne -den Kölner Dom, die oberrheinische Ebene ohne Straßburgs Münster? Um -uns aber bewußt zu werden, wie Religionen z. B. unmittelbar eingriffen -in die vegetativen Landschaftstypen, brauchen wir nur dessen zu -gedenken, daß die Weinpflanzungen überall zurückwichen, wo Mohammeds -puritanisches Nüchternheitsgebot erschallte, selbst in dem einst so -weinreichen Kleinasien, das Christentum hingegen den Anbau der Rebe -nach Möglichkeit förderte, schon um den Weihekelch des Abendmahls -rituell zu füllen. Mit dem Athenakultus war der der Göttin heilige -Ölbaum untrennbar verbunden; mit dem Apollodienst wanderte der -Lorbeerbaum um das Mittelmeer. Die Verdienste gewisser Mönchsorden um -den Wandel des finstern Waldes in lichtes, fruchttragendes Gefilde -während des Mittelalters sind hoch zu preisen. Ja wir haben geradezu -den urkundlichen Beleg eines solchen Wandels immer vor uns, sobald -uns nur bezeugt wird, daß zu bestimmter Zeit an dem betreffenden -Ort ein Cistercienserkloster gegründet sei; denn das durfte nach -der Ordensregel gar nicht wo anders geschehen als da, wo noch bare -Wildnis den Anblick der Urzeit bot, damit alsbald dort mit Rodung, -Entsumpfung, Anbau begonnen werde. Wo jetzt die Thüringer Eisenbahn uns -so gemächlich durch die grünen Fluren des Saalthals an Weingeländen -und hochragenden Burgruinen bei Schulpforta vorbei dem inneren -Thüringen zuführt, kann beispielsweise im 12. Jahrhundert nur eine -versumpfte Thalsperre bestanden haben, die zu umgehen die Fahrstraßen -auf benachbarten Höhenrücken hinzogen, denn -- die ~Porta Coeli~ ward -damals als Cistercienserabtei angelegt. Gerade von ihr ist uns kürzlich -durch einen hübschen geschichtlichen Fund die gärtnerische Bedeutung -der alten Mönche in helles Licht gerückt werden; man verstand früher -nie, warum in Frankreich der auch dort weit und breit geschätzte -Borsdorfer Apfel ~pomme de porte~ heißt, -- nun wissen wir den Grund: -die fleißigen Mönche von Pforta hatten auf ihrem Klostergut Borsdorf -unweit von Kamburg an der Saale eine neue feine Geschmacksvarietät -einer kleineren Apfelsorte entdeckt und verteilten alsbald Pfropfreiser -derselben an ihre Ordensbrüder weit über Deutschland hinaus, und nur -die Franzosen bewahren zufällig durch den ihnen selbst nun unklar -gewordenen Herkunftsnamen pomme de porte die Erinnerung daran, daß die -rotbäckigen Borsdorfer alle Nachkommen sind von Stammeltern, die in -einem stillen Klostergarten an der thüringischen Saale gewachsen. - -Ganz Europa ähnelt einem Versuchsfeld, auf dem nützliche Gewächs- und -Tierarten gezüchtet wurden, um sie dann mit dem alle übrigen Erdteile -durchflutenden europäischen Kolonistenstrom nach systematischer Auslese -auch dort einzubürgern, wo es die geologische Entwicklung nicht hatte -geschehen lassen. Nicht +ein+ Erdteil wird vermißt unter den -Darleihern von Zuchttieren, Nutz- oder Ziergewächsen an Europa. Am -schwächsten ist Afrika vertreten, nämlich bloß mit Schmuckpflanzen wie -Calla und Pelargonien; Australien schenkte uns in seinem Eucalyptus -einen kostbaren raschwüchsigen Baum, der durch die energische -Saugthätigkeit seines mächtig ausgreifenden Wurzelwerks u. a. in den -pontinischen Sümpfen Wunder thut zur Austrocknung des Bodens, zur -Vernichtung des Fiebermiasmas; Amerika verdanken wir den Truthahn, -die Tabakpflanze, den Mais, vor allem aber die Kartoffel, ferner -die eigenartig fremdländische Staffage der Mittelmeerländer: Agave -nebst Opuntie; am meisten jedoch spendete uns Asien, mit dem Europa -zufolge seines breiten Landanschlusses im Osten sowie der bequemen -Schiffahrt über das Mittelmeer stets im engsten Bunde gestanden hat -durch Wanderungen der Völker und durch Warenaustausch. Jeder Hühnerhof -stellt eine asiatische Geflügelkolonie dar, innerhalb deren nicht -selten der Pfau eine echt indische Farbenpracht entfaltet. In vor- oder -doch frühgeschichtliche Zeitfernen reicht die Einführung des Weizens -und der Gerste aus Asien, noch während des Altertums folgten Walnuß -und Kastanie, Mandel, Pfirsiche und Aprikose, erst durch Lucullus -die Kirsche. Oberitalien, vormals ein sumpfiges Urwaldgebiet rein -europäischer Baumformen, ward zu einem prangenden Fruchtgefilde, wo -hier asiatischer Reis, dort amerikanischer Mais blüht und aus China -gekommene Seidenzucht tausend emsige Hände beschäftigt; nur die -Weinrebe, die im Poland so reizend sich von Ulme zu Ulme schlingt, -darf als alteuropäisches Eigengut gelten. Der Büffel, so heimisch -er sich jetzt in den Donausümpfen Rumäniens wie in den Morästen -am tyrrhenischen Gestade Italiens fühlt, ist doch erst im frühen -Mittelalter durch Nomadenstämme aus Westasien zu uns gelangt. Das -Land, „wo die Citronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“, -ist Italien noch in Cäsars Tagen nicht gewesen, ja die Apfelsine, -die schon durch ihren Namen „Apfel von Sina“ ihre chinesische Heimat -verrät, wurde sogar erst durch die portugiesische Kauffahrtei des 16. -Jahrhunderts über Südeuropa ausgebreitet. - -Allein, um den Landschaftswandel durch Menschenhand zu gewahren, -brauchen wir uns gar nicht im Geist ans blaue Mittelmeer zu versetzen, -etwa nach Sizilien, dieser Lieblingsstätte der Ceres, wo man nun nicht -mehr bloß Weizen, Wein und Oliven wie vor Alters erntet, sondern ganze -Schiffsladungen von Hesperidenäpfeln von Palermo nach Nordamerika und -halb Europa verfrachtet, den Opuntienkaktus die Etnalava in fruchtbaren -Humusboden verwandeln und gleichzeitig dem armen Volk eine billige, -labende Frucht schaffen läßt, -- nein, unser eigenes Vaterland -offenbart uns das eindringlich genug. - -Als Tacitus seine Germania verfaßte, gab es zwar im römischen -Provinzialgebiet links vom Rhein, an Donau und Inn, auch im Zehntland -zwischen Donau und süddeutschem Rhein schon mannigfachen Anbau; auf den -Schieferfelsen längs der Mosel und des norddeutschen Rheins pflegte man -bereits die Rebe, auf Donau und Inn schwammen Getreideschiffe, wenn -auch der Bodenanbau sich mehr an die Thalweitungen der Ströme hielt, -sonst meist nur eine lichte Oase im Dunkel des Waldes bildete, etwa um -ein einsames Römergehöft, angeschmiegt an einen sonnigen Thalhang mit -Auslage gen Süden. Dort im Donausüden und im rheinischen Westen bewegte -sich schon reger Verkehr auf den für den festen Tritt der Legionen -solid gebauten Römerstraßen; auf dem Markt der vindelicischen Augusta, -des heutigen Augsburg, trafen sich die verschiedensten Volksstämme, -man redete in germanischer, keltischer, römischer Sprache; Mainz war -ein wichtiger Waffenplatz, im freundlich mit Weingärten und Obsthainen -umschmückten Thalkessel von Trier schlugen gelegentlich römische Kaiser -ihren Sitz auf, um von wohlgeschirmter Stelle aus die Rheingrenze gegen -Freigermanien zu überwachen. Aber eben dies Land der freien Germanen -lag noch überwiegend im Waldesschatten, der nur von weiten Moorflächen -und wohl auch stellenweise von offenem Wiesenland unterbrochen wurde, -wo leicht austrocknender Lößboden den Waldwuchs weniger begünstigte als -den von Gras und Kraut. Städte sah man gar keine, kaum geschlossene -Dorfschaften, gewöhnlich bloß verstreute Blockhäuser, um sie her -wohl etwas Feld, grasende Kühe, Schafe oder Ziegen, ein grunzendes -Schwein, von Eichelmast genährt, aber keinen Baumgarten. Holzäpfel -und Holzbirnen brach man sich aus dem nahen Wald, der in malerischem -Durcheinander Laub- mit Nadelholz mischte; die schöne Eibe war an ihrem -dunkelgrünen Wipfel schon von weitem erkennbar neben dem helleren Grün -der Fichte oder der Kiefer; Eichen und Buchen walteten unter den nur -sommergrünen Waldbäumen vor, aber auch Lindenbestände mengten sich -ein, auf den Gebirgshöhen turmhohe Edeltannen. Bär und Luchs lauerten -im Dickicht, in dem die wilde Taube gurrte und über dem krächzende -Raubvögel ihre Kreise zogen; der Wolf ging auf Beute aus, fiel auch -wohl weidende Wildpferde an; Wildschweine durchwühlten das Erdreich, -neben Hirsch und Reh sah man das Elen mit seinem Schaufelgeweih das -Geäst der Bäume und das Gestrüpp des Unterholzes geräuschvoll zur -Seite drängen, um sich Bahn zu schaffen; in kleinen Gruppen durchzog -das Geschwister des amerikanischen Bison, der Wisent, Niederungs- wie -Bergwald, in größeren Herden weideten Renntiere die grauen Flechten -des Waldbodens ab; an den morastigen Flußufern führten Biber ihre -Wasserbauten auf im Schatten von Erlen, Eschen und Zitterpappeln. - -Heute würde Tacitus sein Germanenland kaum wiedererkennen. Der -Deutsche ist nicht mehr bloß Jäger und Viehzüchter mit nebensächlichem -Feldbau, seine weit intensiver gewordene Arbeit gehört dem Ackerbau -und der innig mit ihm verknüpften Viehhaltung, dem Gewerbe bis zur -Großindustrie, dem Bergwerksbetrieb, dem Handel und der Schiffahrt. Das -kündet Deutschlands Antlitz mit der nahezu die Hälfte der Bodenfläche -einnehmenden Feldflur, den zur menschlichen Nutzung regulierten -Flüssen, der Fülle von Städten, den Fabrikschornsteinen und Hochöfen, -den See- und Stromhäfen, den Leuchttürmen und Deichbauten längs der -Küstenlinie, dem umfassendsten Eisenbahnnetz in ganz Europa. Nur -annäherungsweise haben sich Reste altgermanischer Landschaft noch -erhalten auf den höchsten Zinnen unserer Gebirge und in den Mooren, -soweit diese noch nicht der Brandkultur unterworfen wurden, oder durch -Abtragen des Torfes bis zum festen Untergrund einer am Kanalgezweig -in sie eindringenden Fehnkolonie den Platz räumten. Der Urwald ist, -wo man ihn nicht durch Feuer oder Axt zerstörte, zum Forst geworden, -also zum Kunstwald, der in eintönig gleichmäßigen Beständen solche -Holzarten enthält, die rasch wachsen und gut bezahlt werden. Darum hat -besonders auf unseren Gebirgen die Fichte die Vorherrschaft erlangt, -die hauptsächlich unser Bauholz liefert; selbst die stolzen Edeltannen, -von denen einige Patriarchen am obersten Schwarzathal noch aus der -Stauferzeit stammen mögen, finden wegen ihres langsamen Aufwuchses -keine Gnade bei der Forstverwaltung. Die Eibe treffen wir sogar meist -nur noch als seltenes Relikt der Vorzeit an schwerer zugänglichen -Stellen, so an der jähen Granitwand des Harzes, die vom Hexentanzplatz -zur Bode abfällt; sie wächst erst recht langsam nach und erlag daher, -allzu viel geschlagen wegen ihres für Schnitzerei trefflich geeigneten -Holzes, bei uns wie in Skandinavien frühzeitig allmählicher Ausrottung. -Renntier und Wisent verschwanden aus Deutschland schon während des -Mittelalters, das Elen hält sich nur noch in ein paar preußischen -Forsten unseres äußersten Nordostens, das mäßig große Wildpferd wird -zuletzt in der Reformationszeit am Thüringerwald erwähnt, Wolf und -Bär wurden in den Folgejahrhunderten ausgerottet, vom Biber führt ein -kleines Häuflein an der untersten Mulde und in dem benachbarten Stück -des Elbthals oberhalb Magdeburg ein beschauliches Dasein, anderwärts -sind dem merkwürdigen Nager unsere Gewässer durch Befahrung und -industrielle Anlagen zu unruhig geworden. - -Unsere flüchtige Überschau hat ergeben, daß sich der umgestaltende -Eingriff des Menschen in die Naturwildnis teils richtet auf Veränderung -der Pflanzen- und Tierwelt je nach dem Bedarf seiner vornehmlichen -Beschäftigung, teils auf Ausführen von Wege-, Wasser- und Hochbauten. -In beiden Richtungen stellt sich die Wasser- und die Waldfrage in den -Vordergrund. Bei beiden wollen wir noch einen Augenblick verweilen. - -In der Wüste schafft sich der Mensch Kulturboden, indem er den in -lichtloser Tiefe schlummernden Wasservorrat durch artesische Bohrung -an die Oberfläche herauffördert, um bald im Schatten von Dattelhainen -zu wandeln, wo sonst der Verschmachtungstod drohte. Im amphibischen -Sumpfgelände gilt es im Gegenteil des Übermaßes von Wasser sich zu -entledigen, um dann mitunter den allerfruchtbarsten Boden zu gewinnen. -Letzteres war der Fall in Ägypten; in der Deltaflur des Nil war nicht -zu leben als Fischer, Jäger oder Hirt, nur als seßhafter Ackerbauer, -dann aber auch in hohem Wohlstand und wachsendem Volksgewimmel, das zur -Arbeitsteilung, folglich zu hoher Kultursteigerung führte. So zogen -die Altägypter den Kulturboden durch Entwässerung und Dammbauten aus -dem Nilschlamm empor und schufen die eine Hauptwurzel der nachmals in -Europa ausgestalteten Weltkultur. Die andere Hauptwurzel leitet weiter -hinaus in das Mündungsland des Euphrat und Tigris. Hier ward in ganz -ähnlicher Weise Kulturboden als Grundlage erstaunlich früh gesteigerter -Menschheitsgesittung dem Sumpfdelta der beiden Zwillingsströme -enthoben. Aber der ältere, darum höher an den Flüssen hinauf gelegene -Deltaboden lag doch schon zu hoch über dem Stromspiegel, er wurde -deshalb nicht mehr vom Hochwasser erreicht wie der am ägyptischen Nil, -man mußte das Wasser durch Schöpfwerke emporheben und in zahlreiche -Kanäle leiten, die zugleich der Schifffahrt wie der Felderbefruchtung -dienten. Das war es, was das uralte Sumeriervolk und seine Nachfolger -in diesem Deltaland, die Chaldäer, zu weit mühevollerer Leistung -stachelte als die Ägypter. Indessen eben weil dieser Kulturboden von -keinem Nil alljährlich von selbst getränkt und gedüngt wird, verlor -er seine Erzeugungskraft, als der gedankenöde, die Thatkraft lähmende -Kismetglaube des Islams das Leichentuch über das Land breitete. -Babylonien versank in den Wüstenzustand; trauernd blickt der Birs -Nimrud, der einzige turmartige Trümmerrest Babels, dieser größten -Stadt des Altertums, auf eine sonnendurchglühte Ebene, der nun das -Wasser fehlt, das einst die Heidenvölker so schaffensfroh heraufholten. -Hier also harrt eine seit mehr denn tausend Jahren erstorbene -Kulturlandschaft ihrer Auferstehung, sobald nur das rechte Volk kommt. -Glorreicher erscheint darum die Bezeugung menschlicher Macht über -rohe Naturgewalt in den Niederlanden, weil da noch zur Stunde das -Siegeswort Wahrheit spricht: „Gott schuf das Meer, der Bataver aber den -festen Wall der Küste.“ Wo einst die nordwestlichsten Deutschen, die -Chauken, ein kaum menschenwürdiges Dasein fristeten, täglich zweimal -zur Flutzeit vom einbrechenden Meer umgarnt, daß sie wie Schiffbrüchige -in ihren auf künstlichen Hügeln erbauten Hütten als Flüchtlinge lebten, -da hat der goldene Reif des Deichbaus, den ihre Nachkommen aufführten, -fette Wiesen, besten Ackerboden in dessen Schutz gewinnen lassen, und -Hunderte von Kanälen durchziehen wie weiland Babylonien zur Be- und -Entwässerung das gesegnete Gefilde, aus dem man künstlich das Wasser -zum Meer geleiten muß, denn reichlich ein Viertel der Niederlande, -der ganze Raum von der Südersee bis zur Schelde, liegt tiefer als -der Meeresspiegel. Dies ganze Land ist mithin echtester Kulturboden -sogar seinem Ursprung nach, ihn hat der Mensch nicht meliorierend -umgeschaffen, sondern erschaffen, dem Meere abgerungen. - -Schulter an Schulter mit den Niederländern haben wir auch auf deutschem -Boden den Deichbau zur Wehr gegen die anstürmende Nordsee ausgeführt, -am Dollart unterseeische Polder erworben und innere Landeroberungen -durch Urbarmachen der Moore, Trockenlegung von Sumpfstrecken erzielt; -ja Friedrichs des Großen Trockenlegung des Oderbruchs steht auf -ähnlicher Höhe wie diejenige des Haarlemer Meeres, die neuerdings -18000 Hektar ausgezeichneten Fruchtbodens lieferte, die Heimstätte -von zur Zeit 14000 zu ansehnlichem Wohlstand gelangten Holländern. In -den deutschen Mittelgebirgen, deren Begehung vielfach durch Torfmoore -erschwert wurde, hat der Abstich letzterer freilich die Wasserkraft der -aus ihnen gespeisten Bäche beeinträchtigt, denn jene gaben vorzügliche -Reservoire ab für den Niederschlag: Regen- wie Schmelzwasser speicherte -sich in ihnen wie in einem Schwamm auf und erhielt die Gewässer selbst -bei Trockenheit und Hitze stark. Mancher unserer Gebirgsbäche, der -jetzt zur Sommerzeit nur als dünner Wasserfaden durch sein Felsenthal -niederrieselt, hat noch vor wenigen Jahrhunderten selbst unweit seines -Ursprungs rastlos die Räder von Sägemühlen getrieben. - -Eben in dieser Wasserökonomie haben wir nun auch die Hauptbedeutung -des Waldes zu erkennen. Daß Entwaldung stets zum Niedergang eines -Landes führen müsse, kann man allerdings nicht zugeben. Das hängt ja -ganz von seiner Naturbegabung ab. Die britischen Inseln sind durch -ihre Bewohner zum waldärmsten Glied des europäischen Körpers geworden -und trotzdem eins der regenreichsten geblieben, weil ihnen der Südwest -vom Golfstrom her Regenwolken in Fülle zutreibt, gleichviel ob diese -Wälder antreffen, oder irische Viehtriften, englische Feldflur und -Parklandschaft. Waldrodung ist in jedem Waldland die unerläßliche -erste Kulturthat des Ansiedlers, denn er braucht geklärten Boden zu -Hausbau wie Aussaat. Indessen wehe dem Volk, das ohne Verständnis für -die Eigenart seiner Heimat vermessen antastet dessen Waldmitgift! -Wie wir jetzt in Deutsch-Südwestafrika dazu schreiten, das Beispiel -der Australengländer zu befolgen, den bisher nutzlos verlaufenden -Wasserschatz sommerlicher Platzregen vorsorglich zu sammeln in -Cisternen oder Stauteichen, daß er der Viehzucht wie dem Landbau zu -gute komme, so beschirmt die Mutter Natur in glücklicher ausgestatteten -Erdräumen das als Regen oder Schnee vom Himmel bescheerte Wasser durch -das grüne Dach des lieben Waldes gegen zu rasche Verdunstung, gegen -verheerenden Ablauf zumal im Gebirge. Frankreich, noch weit schlimmer -die südlicheren Länder ums Mittelmeer, bezeugen, was geschieht, wenn -zufolge fahrlässiger Waldverwüstung das Naß nicht mehr im schattigen -Wald niedertropft auf moosigen Boden, um entlang den Baumwurzeln wie -in tausend Kanälchen ins Erdreich zu sickern, Quellen nährend. Wo sind -sie hin die schiffbaren Flüsse der Apenninen-Halbinsel zur Römerzeit? -Im Süden vielfach zu tobsüchtigen Fiumaren geworden, liegen sie in -der regenarmen Sommerzeit trocken, reißen dagegen bei winterlichen -Gewittergüssen wie mit den Krallen eines Ungeheuers immer neue, -immer tiefere Risse in die nackten Felswände, von denen die für den -Pflanzenwuchs so nötige Verwitterungskruste krumiger Erde durch -das nämliche Unwetter hastig in ihr Bett entführt wird, bloß zur -Versumpfung der Niederung, zur Verstopfung der Flußmündung. So ist aus -dem Land, da Milch und Honig floß, das skelettartig kahle Palästina -geworden; das Fett des Bodens, besonders die kostbare Roterde, die -aus der oberflächlichen Auflösung des palästinensischen Kreidekalks -durch den Regen zurückblieb und in der Terrassenkultur der Israeliten -sparsamst bewahrt blieb, mußte beim Verfall pflegsamer Bodenbehandlung, -beim Abhieb der immergrünen Eichenhaine, von denen die Bücher des alten -Bundes melden, der bleichen Steinwüste weichen. - -Stets sind die Länder das, was ihre Völker aus ihnen machen. Das -Aussehen jener verkündet untrüglich den Grad der Werkthätigkeit dieser. -Immer höher klimmt der Mensch empor, die Natur seiner Umgebung in -seinen Dienst zu zwingen und seine Herrschaft ums ganze Erdenrund -auszudehnen. Boden wie Wasser sind beide längst die Schemel seiner -Macht, und sie werden es von Tag zu Tag mehr. Aus der mechanischen -Kraft des Flußgefälles holen wir uns elektrisches Licht, Triebkraft -für unsere Maschinen und übertragen sie vom Gebirge in die Niederung. -Hier versetzen wir gewissermaßen Gebirge, dort tunnelieren wir sie; wir -durchstechen Landengen und lassen im künstlich erschlossenen Wasserweg -Meere sich verbinden, wo es unser Verkehrsbedürfnis erheischt. Ja wir -lassen auf Schienen- wie Dampferlinien die irdischen Fernen in der -Praxis mehr und mehr sich kürzen, wir heben sie völlig auf in der -Telegraphie. - -Aber es ist nicht wahr, daß der Fortschritt der Kultur den Menschen -loslöst von der mütterlichen Erde; nein, sie verknüpft ihn nur immer -inniger und umfassender mit ihr. Wir fühlen uns immer heimischer auf -dieser Erde, immer glücklicher in der Verwertung ihrer Güter, ihrer -Kräfte, stets jedoch bleibt sie das Grundmaß menschlichen Schaffens. - - - - -V. - -Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen. - - -Wir gebrauchen das romanische Lehnwort „Nation“ nicht gleichbedeutend -mit dem viel allgemeineren Ausdruck „Volk“. Volk bedeutet uns keinen -recht bestimmten Begriff: „Viel Volks“ brauchen wir in dem nämlichen -Sinn wie „eine Menge Menschen“. Die Bewohner jeder Thalung, jeder -Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir im zusammenfassenden -Sinn „Volk“ nennen, selbst wenn sie von ihren Nachbarn nicht oder kaum -verschieden sind. Auch Nationen sind Völker, indessen nicht jedes Volk -ist uns eine Nation. Es giebt keine hamburgische, württembergische, -sächsische oder preußische Nation, wohl aber eine deutsche, -französische, russische; etwa auch eine belgische und niederländische, -eine schweizerische oder österreichische? - -Schon bei dieser Frage stutzt man. Die Österreicher wird nicht -leicht jemand eine Nation nennen; den meisten wird das auch schwer -ankommen bei den ihrer Abkunft und Sprache nach ganz und gar deutschen -Holländern, vollends bei den Belgiern und Schweizern mit ihrer teils -deutschen, teils romanischen Muttersprache. Wir ertappen uns auf -großer Unsicherheit, wenn wir die Frage beantworten sollen: machen die -Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika eine Nation aus? Viele -werden das verneinen mit dem Hinweis darauf, daß diese Nordamerikaner -doch nur ein Gemisch aus den verschiedensten Völkern Europas und -Afrikas darstellen. Können indessen nicht aus der Verschmelzung von -recht unverwandten Völkern Nationen geboren werden? Ist nicht die -chinesische hervorgegangen aus der Vermischung der aus Innerasien -vormals an den Huangho hinabgezogenen Urchinesen mit einer Menge ihnen -von Haus aus fremder Vorbewohner Nordchinas und vollends Südchinas, wo -noch bis zur Zeit des zweiten punischen Krieges keine Chinesen hausten -und wo bis zur Stunde Reste unchinesischer Stämme zu Hunderttausenden -von Köpfen weiterleben? Zeigt uns die russische Nation nicht noch in -der Gegenwart ganz den nämlichen Umschmelzungsvorgang durch Aufgehen -finnischer wie türkischer Völker im alles aufschlürfenden Russentum? -Ist nicht geradezu jede Nation ohne Ausnahme ein Mischungserzeugnis? - -Keiner braucht sich zu schämen, wenn er bekennen muß, über solche -Skrupel sich noch nicht recht klar geworden zu sein. Beweisen doch zwei -unserer größten Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wie völlig -gegensätzlich sogar man damals noch über den Sinn des Wortes Nation bei -uns dachte. +Schiller+ ruft in einem Distichon aus: - - „Zur Nation euch zu bilden, - Ihr hofft es, Deutsche, vergebens!“ - -Und gleich nachher, als Deutschland dem korsischen Sieger zu Füßen lag, -hielt +Fichte+ unter dem Trommelgetöse einer französischen Besatzung zu -Berlin unter den Linden seine Flammenreden „an die Deutsche Nation“! - -Schiller meinte unter Nation offenbar eine im National+staat+ geeinte -Volksschar, Fichte dagegen hatte den Mut, selbst im zeitweilig -niedergetretenen, staatlich völlig zersplitterten Deutschtum -die nationale Kraft der Gemeinsamkeit anzurufen in prophetisch -zuversichtlichen Worten, als hätte ihn die stolze Ahnung erfüllt, daß -eben in mannhafter Gegenwehr gegen den französischen Erbfeind das -deutsche Volk sich dermaleinst den nationalen Staat erkämpfen werde! - -Aber es dünkt doch sehr an der Zeit zu sein, daß wir den Begriff -„Nation“ in befriedigender Klarheit erfassen, weil er eine so mächtige -Rolle im täglichen Leben spielt und bei seiner ursprünglichen -Mehrdeutigkeit leicht als bestrickende Parteiparole von den -verschiedensten Seiten mißbraucht werden kann. Man denke nur an die -antisemitische Bewegung, an die mörderischen Kriege, die unter dem -Vorwand der Nationeneinung im vorigen Jahrhundert geführt wurden! - -Kein Zweifel freilich, daß das lateinische Wort ~natio~ einen -Volksstamm bezeichnet, der zufolge gemeinsamer Abkunft seiner Glieder -sich gleich zeigt in Aussehen und Sprache, in Brauch und Sitte. Jedoch -die Geschichte lehrt, daß keine Nation eine solche natio, eine solche -genealogische Einheit darstellt. Jede im Gegenteil gleicht einem -Strom, der aus um so zahlreicheren Quellen sein Gewässer mischt, -je gewaltiger er im Lauf zum Meere hin anwächst. Gleich +sein+ von -jeher dichten nur oberflächliche Beurteiler den Nationen an; gleich -+werden+ aber ist allerdings ihr unablässig betriebenes Werk. Eben weil -Nationen sich in stets lebendigem Fluß befinden, ist es so verkehrt, -doktrinär aprioristisch von einer starren Definition für den in Rede -stehenden Begriff auszugehen und nachher schulmeisterlich zu Gericht -zu sitzen, um alle diejenigen Völker als Nichtnationen abzuweisen, -die dem im voraus festgestellten Begriff sich nicht fügen. Das ist -regelmäßig der Fehler einseitig urteilender Historiker, Sprachforscher, -Anthropologen oder Staatsrechtslehrer. Da sagen die einen: die -Stammeseinheit macht die Nation. Nun dann wären Engländer und Deutsche -nicht zwei Nationen, sondern nur eine, denn die Angelsachsen waren -rein deutsch und mischten sich auf britischem Boden nicht viel mehr -mit Kelten als unsere Vorfahren auf süddeutschem Boden, den doch bis -zum Beginn unserer Zeitrechnung ausschließlich Kelten inne hatten, -was noch heute daran ersichtlich wird, daß die Süddeutschen weit -häufiger dunkel von Auge und Haar sind als die Norddeutschen. Andere -behaupten: die Sprachgleichheit sei der richtige Ausweis nationaler -Zusammengehörigkeit. Aber dann gehörten ja Engländer und Nordamerikaner -zu einer und derselben Nation, ebenso Dänen und Norweger, die ja -nach Sprache wie Abkunft völlig eins sind. Endlich heißt es: der -+Staat+ erst macht ein großes Volk zu einer rechten Nation. Das hat -gewiß mehr für sich, denn Niederländer wie Portugiesen, Schweizer -wie Nordamerikaner haben sich erst durch Gründen eigener Staaten zu -nationaler Selbständigkeit erhoben, ja sogar losgelöst von ihren -stammes- und sprachverwandten Brüdern außerhalb der von ihnen gezogenen -Staatsgrenze. - -Die Niederländer sind reinblütigere Deutsche als die Reichsdeutschen -selbst, ihr Holländisch ist eine niederdeutsche Mundart so gut wie -das Platt der Gegend von Düsseldorf oder Köln. Nichts deutete bis -gegen Ausgang des Mittelalters auf nationale Abkehr dieser für uns so -wichtigen Rheindeltaflur vom deutschen Mutterland. Da bricht der Krieg -aus gegen die spanische Zwingherrschaft. Wir lassen die Holländer -in diesem echt deutschen Kampf um Nacken- wie um Glaubensfreiheit -thöricht genug im Stich und -- fertig steht ein niederländischer Staat -von vollgültiger nationaler Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des -schaffenden Lebens. Ein Aufschwung ergreift das Volk, ähnlich dem der -Hellenen nach ihrem Obsiegen über den Koloß der Persermacht. Aus den -friedlichen Bauern und Heringsfischern geht eine kühne Seefahrernation -hervor, die eine Zeit lang die Hegemonie auf dem Weltmeer inne hat; -man gewinnt in überseeischem Handel und Kolonialbesitz eine wahre -Großmachtstellung, schafft in der nun zum Adel einer Schriftsprache -erhobenen heimischen Mundart eine hochansehnliche Litteratur, eigene -Kunstschulen und ein Gemeinwesen, das auch heute noch sein wieder -zu friedlicher Arbeit in engerem Kreise zurückgelenktes Volk sich -eines beneidenswert gleichmäßig verteilten Wohlstandes erfreuen läßt, -durchaus nicht gewillt, die seiner Eigenart angepaßte Verfassung durch -Eintreten in den deutschen Reichsverband preiszugeben. Ganz ähnlich -Portugal! Auch hier regte sich durchaus kein Streben nach Loslösung -aus dem so fest in sich geschlossenen iberischen Halbinselkörper bis -ins 11. Jahrhundert; der lusitanische Wohnraum deckte sich gar nicht -mit dem heutigen Portugal; ethnisch wie sprachlich war die Absenkung -Hispaniens zur heute portugiesischen Westküste vom Kernland der Mitte -nicht tiefer unterschieden wie dieses vom Ebroland oder vom fröhlichen -Andalusien. Portugiesisch war von jeher bloß eine spanische Mundart, -die man übrigens auch heute noch im spanischen Galicien spricht. Der -Staat Portugal erst brachte den Umschwung. Begründet dadurch, daß -König Alfons VI. seinem Eidam, dem ritterlichen Heinrich von Burgund, -das Küstenland zwischen Minho und Doiro als selbständige Grafschaft -überweist, wächst Portugal, Schulter an Schulter mit Kastilien, im -siegreichen Kampf gegen die Mauren südwärts aus, bis ihm an der Küste -Algarves das Meer eine natürliche Grenze setzt. Seit 1256 hat kein -anderes Königreich so fest seine Grenze eingehalten wie Portugal, ein -Beweis naturgemäßer Umgrenzung. Die nur auf portugiesischem Boden, -nicht ins spanische Hinterland schiffbaren Flußstrecken bilden samt -der Küstensee treffliche Verkehrsstraßen zu innigerem Zusammenschluß -des seiner ganzen Natur nach Kastilien entgegengesetzten, weit hinaus -ins Weltmeer blickenden Landes. Das gab dem Volk sein eigentümliches -Gepräge und schied es samt seiner auch hier zur vornehmen -Litteratursprache entwickelten Mundart national von Spanien. - -Doch wir blicken in die Frühepoche europäischer Gesittung zurück und -vernehmen zwei merkwürdige Wahrsprüche der Geschichte über die gar -nicht immer gleichmäßige Beziehung zwischen Staat und Nation. Die alten -Griechen waren eine echte Nation in der wesentlichen Gleichartigkeit -des Typus, der Sprache, der Sitte und Gottesverehrung, in ihrem stolzen -Sichabsondern von allen übrigen Völkern, der Welt der „Barbaren“, im -ruhmreichen Kampf zur Verteidigung ihrer nationalen Freiheit gegen -den persischen Großkönig, indessen -- nie brachten sie es zu einem -nationalen +Staat+. Die Römer hingegen erweiterten Schritt für Schritt -ihre festgefügte Staatseinheit vom römischen Weichbild auf Latium, -auf Italien, auf die ganze Länderkette rings um das Mittelmeer, und -gleichwohl hinterließ dieser Römerstaat, als er in Trümmer sank, -keine einige Nation, sondern bloß vereinzelte Ansätze zu abgesondert -voneinander sich entfaltenden Nationalitäten. - -Ist somit doch nicht immer der Staat Grundlage oder Endziel nationaler -Ausgestaltung, so führt uns wohl am sichersten ein Wink des berühmten -Franzosen Ernst Renan der Lösung des Rätsels entgegen. In einem -glänzenden Vortrag, den Renan in der Pariser Sorbonne am 11. März 1882 -über das Thema hielt: „~Qu’est ce qu’une nation?~“ -- der Vortrag liegt -längst auch gedruckt vor, blieb jedoch in Deutschland fast unbeachtet --- weist derselbe alle bisherigen Versuche, den Begriff Nation zu -erklären, mit meist durchschlagenden Gründen zurück und überrascht -zum Schluß mit der ganz neuen Deutung: „Eine Nation ist eine große -Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig für die -Gesamtheit vollbrachter Thaten und auf das Einverständnis, auch künftig -in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiterzuleben.“ Er ruft aus: „Die -Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes Plebiscit.“ - -Das kennzeichnet richtig die Nation als etwas in steter Entwicklung -Begriffenes und legt das Schwergewicht mit Recht auf das thatkräftige -Wollen. Thaten sind uns geradezu Berechtigungsnachweis dafür, daß -eine Volksschar eine Nation ausmacht; eine herdenhafte Menschenmasse -von Millionen und aber Millionen Köpfen, dabei so gleichartig, als -stelle sie eine einzige Familie dar, wäre uns doch keine Nation, wenn -sie thatenlos dahin vegetierte. Unklar bleibt nur bei Renan, worauf -eigentlich dieser Wille der Zusammengehörigkeit beruht, aus dem die -großen Thaten fließen. Vortrefflich eröffnet Renans Nationalbegriff -die Perspektive auf die im gesunden Fortgang des nationalen -Zusammenschlusses begründete Vollendung des letzteren, die Aufrichtung -des nationalen Staates; denn nichts vermag besser den Willen der -Absonderung von den Nichtgenossen zu verwirklichen als Abstecken einer -möglichst gesicherten Staatsgrenze, nichts vermag andererseits den -Willen des festen Zusammenstehens gründlicher in die That umzusetzen -als das gesetzmäßig ausgebildete Pflichtensystem staatlicher -Einrichtungen. Doch wenn wir fragen nach dem Urquell eben dieses -Wunsches zusammenzuhalten, zu bethätigen das „alle für einen, einer für -alle“, so läßt uns der geistvolle Franzose im Dunkeln. Er hellt dieses -Dunkel auch nicht auf mit der Redewendung: „Eine Nation ist eine Seele, -ein geistiges Prinzip.“ - -Nein, das Wünschen und Wollen im bloßen Sinn subjektiven Beliebens -führt gewiß nicht zu dauerndem nationalen Zusammenschluß. Es handelt -sich um den objektiven Grund des Wollens, und ich denke, wir entdecken -ihn, wenn wir den Renanschen Satz geographisch vertiefen. - -Ist es an dem, daß vor allem der ausdauernde feste Wille des -Zusammenhaltens in bewußtvoller Abkehr von den übrigen ein Volk zur -Nation stempelt, so bilden z. B. die Schweizer entschieden eine -Nation. „Wir +wollen+ sein ein einig Volk von Brüdern,“ so läßt der -Dichter die Schweizer auf der Rütliwiese ihren Bund besiegeln. Ja, -sie +wollen+ eins sein auch die Schweizer der Gegenwart, sie +wollen+ -wie Brüder zusammenstehen, so deutlich auch die welsche Zunge im -Südwesten und Süden, die deutsche Zunge im übrigen größeren Raum -ihrer Eidgenossenschaft laut es künden, daß sie nicht von gleicher -Herkunft sind. Und +warum+ wollen sie es? Weil sie ein und dasselbe -Haus bewohnen, dies einzig schöne Haus von den Juraketten bis zu den -firngekrönten Alpenhöhen, vom grünen Bodensee zum blauen See von Genf. -Gar verschieden hat die Natur das Land ausgestattet. Wo im Südost -die Alpen ragen, da thront naturgemäß die Sennerei; mit den Erträgen -seiner Rinderzucht ist der Alpenschweizer auf das Hügelgelände des -Nordwestens, auf die Molasseschweiz zwischen Jura und Alpen gewiesen, -wo man Getreide und Obst baut, wo man Wein keltert. Schon damals, als -die Melkbauern um den Vierwaldstättersee den urältesten, noch so eng -umschränkten Eidgenossenbund gründeten, nahmen sie Luzern in ihn auf -als ihren Marktort am Austritt der Reuß ins schweizerische Kornland. So -klar erkannten sie, daß einem Dauer verheißenden Bund die materielle -Wirtschaftsgrundlage nicht fehlen dürfe. Und dieser reale Grund, -daß Alpen- und Molasseschweiz bei ihrer entgegengesetzten Begabung -aufeinander angewiesen sind zu wechselseitiger Ergänzung, leitete den -ferneren Ausbau der Eidgenossenschaft und hat bis zur Stunde diese -Schweizer zusammengehalten. Das Bewußtsein solcher Zusammengehörigkeit -aber erfuhr eine mächtige Steigerung durch äußere Widersacher: durch -die habsburgischen Versuche, die alte Bauernfreiheit zu verkümmern, -durch die blutigen Angriffe des eroberungslustigen Karl von Burgund, -durch die Teilnahmlosigkeit des Deutschen Reichs in jenen schweren -Tagen der Gefahr. So lernten die Schweizer, daß, wenn sie Herr in ihrem -hehren Hause bleiben wollten, sie treu zusammenstehen müßten ohne -Unterschied der Abkunft, der Sprache, des Glaubens. Sie erwuchsen zu -einer Nation und schufen sich zur Wahrung ihrer nationalen Güter den -immerdar festesten Hort, den nationalen +Staat+. - -Das Beispiel der Schweiz ist ein Typus für Nationalentwicklung -überhaupt. Wie in einem klaren Spiegel schauen wir es da, daß leibliche -Verwandtschaft und daher stammende Sprachgemeinschaft durchaus nicht -unerläßlich sind zum Entfalten einer Nation, so gewiß sie imstande sind -das machtvoll zu fördern, ferner daß der eherne Panzer der staatlichen -Einheit gar sehr benötigt wird, ja unter Umständen unentbehrlich ist, -den Körper der Nation zu schirmen; vornehmlich aber erkennen wir an -dem Muster der Schweiz die bisher allzu sehr übersehene Bedeutung der -wirtschaftlichen Faktoren in ihrer Bedingtheit durch die Landesnatur. - -In der Verkennung der leitenden Kraft dieser geographischen -Einwirkungen liegt die Hauptschwäche der Renanschen Ausführungen. -Er giebt zu, daß „die Geographie“ (er will sagen: die tellurische -Beeinflussung) ihren gewichtigen Anteil habe an der Trennung von -Nationen, indessen, nachdem er von der scheidenden Kraft der Gebirge, -der verknüpfenden der Flüsse geredet hat (ohne des Meeres auch nur -mit einem Wort gedacht zu haben), verkündet er: „Die Erde liefert -doch nur die Unterlage, das Kampffeld für den Wettbewerb mit den -Waffen oder in friedlicher Arbeit; der Mensch liefert die Seele.“ Und -dann verflüchtigt er alsbald wieder den eben eingeräumten Einfluß -geographischer Bedingnisse, indem er erklärt: „Eine Nation ist ein -geistiges Prinzip, hervorgewachsen aus tiefen Komplikationen der -Geschichte, eine geistige Familie, keineswegs eine durch den Bodenbau -bestimmte Gruppierung.“ - -Das letztere hat auch wohl noch niemals jemand behauptet. Staaten wie -Nationen sind keine Naturerzeugnisse, sondern jedesmal Schöpfungen der -Menschen. Es wäre jedoch eine Verkennung thatsächlicher Verhältnisse, -wollte man den Menschen so unumschränkt in seinen Neigungen und -Willensäußerungen sich denken, daß er hierin von seiner irdischen -Heimat gar nicht abhinge. Im Gegenteil, so gewiß im Pulsschlag des -Lebens einer Nation Blutsverwandtschaft, Gleichheit von Sprache -und Sitte, Glaubensgemeinschaft sehr wohl fühlbar sein kann, -- am -dauerndsten wie am allgemeinsten ruht doch die Vereinigung zu diesen -umfassenden Volksgenossenschaften in dem Bewußtsein, daß man neben -geistigen auch materielle Interessen gemein habe, die man darum mit -geeinter Kraft zu vertreten habe. Und eben weil materielle Interessen -am Boden zu haften pflegen, ist ein unlösbares Band geschlungen -zwischen einer Nation und ihrem Wohnraum. Geschichtliche Strömungen -mögen bald diese, bald jene Länder national verknüpfen, aber vom -Boden losgelöste Nationen hat es nie gegeben. Mag eine Nation ihre -Stätte wechseln, oder mag sie wie die russische in Sibirien ihren -Wirkungsraum auf benachbarte, ganz neue Lande ausdehnen, stets wird -sie sich dem neugewonnenen Boden innig vermählen, geistig ebenso wie -durch Anbau, Handel und Gewerbe, Verkehrs- und Staatseinrichtungen. -Das militärische Schutzbedürfnis kann sogar Hauptgrund werden für eine -Nation, etwa ein zeitweilig außerhalb ihrer Staatsgrenze gelegenes -Gebiet zu besetzen. Wir Deutsche haben „aus nationalem Interesse“ das -Elsaß nebst Deutsch-Lothringen für uns reklamiert, nicht weil dort uns -abtrünnig gemachte Volksgenossen wohnten oder weil diese Territorien -einst dem verflossenen Deutschen Reich angehörten, sondern weil uns -Metz als Sperrfeste des zum Rheinstrom ausmündenden Moselthals, vor -allem aber die Wasgaumauer hocherwünscht sein mußte zur Deckung -unserer Westgrenze. Mit freilich nicht ausgesprochener Bezugnahme auf -diese vermeintliche Gewaltthat bemerkt Renan, eine Nation habe nicht -mehr Recht als ein König zu einer Provinz zu sagen: „Du gehörst mir, -ich nehme dich.“ Denn, heißt es weiter: „Niemals besitzt eine Nation -ein wirkliches Interesse, ein Land gegen dessen eigenen Willen sich -anzugliedern oder für sich zu behalten. Der Wille der Nationen ist -schließlich das einzige gesetzliche Schiedsgericht, auf das man dabei -immer zurückzukommen hat.“ Das soll also heißen: Man lasse sich die -Bewohner von Elsaß und Deutsch-Lothringen frei äußern, ob sie lieber -zu Frankreich oder zu Deutschland gehören wollen, und regele nach -solcher Entscheidung die Karte Europas! Machen denn aber die teils -französischen, teils deutschen Insassen unseres heutigen Reichslandes -jenseit des Rheins, denen niemals die zu nationaler Sonderbethätigung -notwendige Selbstständigkeit zu eigen sein konnte, eine „Nation“ aus? -Das wollte doch gewiß auch Renan nicht behaupten. Hörten wir aber nicht -eben erst sein Urteil, eine Nation beruhe auf einem stetigen Plebiscit -der Zusammengehörigkeit? Nun, dann gilt bei dieser lediglich zwischen -Deutschland und Frankreich schwebenden Streitfrage der Wahrspruch -deutscher Nation: Wir brauchen diese unsere zurückeroberte Reichsmark, -um im Frieden sicher zu leben! Und Renan, der begeisterte französische -Patriot, muß nach obigem sogar selbst die Zuständigkeit eines solchen -Schiedsgerichtes als des „einzigen gesetzlichen“ anerkennen! - -Derartige Beispiele, wie der Besitz eines verhältnismäßig schmalen -Landstreifens sogar für die Existenzfrage einer Nation von hohem Belang -sein kann, zeigen deutlich genug, daß die Landesnatur doch nicht -als bloße Äußerlichkeit betrachtet werden darf, wenn man sich über -das Werden von Nationen klar werden will. Wahrhafte Nationalstaaten -benutzen ihr Gebiet niemals als bloße Schaustätte ihrer Thaten. Der -glücklichste Wurf zu einer nationalen (d. h. hohen Sonderaufgaben eines -Volkes gerecht werdenden) Staatsgründung wird stets der sein, der den -richtig erkannten Zielen des Volkes das rechte Werkzeug in die Hand -giebt, sie zu erreichen, vor allem also das rechte Staatsgebiet in der -national zweckgemäßesten Umgrenzung. - -Das Römerreich war ein Weltreich, verbunden außer durch den eisernen -Herrscherwillen der Römer allein durch die herrliche Verkehrsbrücke -des Mittelmeers. Doch so verschieden wie die Natur Italiens und -Syriens, Ägyptens und Galliens, ebenso verschieden gestaltete sich das -Völkerleben in diesen Provinzen des Reichs, so daß nimmermehr, auch bei -noch weit längerer Reichsdauer von einer nationalen Vereinheitlichung -hätte die Rede sein können. Noch machtloser hierzu erwiesen sich so -gewaltsame Staatsschöpfungen wie die der mongolischen Großkhane des -Mittelalters oder die Napoleons I., bei denen zur Unvereinbarkeit der -Länder und Völker sich auch die Kürze der zwangvollen Vereinigung -gesellte. Wenn dagegen wie in den Vereinigten Staaten die Natur große -Einheitszüge aufweist, und der Mensch die vorhandenen Gegensätze wie -dort zwischen dem wohlbenetzten, an den nützlichsten Fossilschätzen -reichen Osten und dem dürren edelmetallreichen Hochlandwesten samt -den riesigen Entfernungen von atlantischer bis pacifischer Küste, -samt dem argen Verkehrshemmnis der Felsengebirge, der Nevadakette -durch Eisenbahnen zu überwinden versteht, dann mag in jenes gewaltige -Viereck unter dem Sternenbanner ein Schwall verschiedenartigsten Volkes -einströmen, -- es kann die nationale Einung doch nicht ausbleiben. -Dem durch die englische Besiedlung früherer Jahrhunderte begründeten -Stamm der Neusiedler schmiegten sich in Sprache und Lebensgewohnheiten -so gut wie alle späteren Nachzügler aus Europa an nach dem Gesetz -der Ausgleichung an der Hand des täglichen Verkehrs; das Leben auf -demselben Boden, in derselben Luft wirkte nicht minder ausgleichend auf -körperliche Ausbildung und Temperament, Eheschließungen verwischten -ethnische Gegensätze, namentlich aber flößte das gemeinsame Wirken -auf der gleichen Grundlage der Bodenmitgift nach den gleichen Zielen -in Ackerbau, Gewerbe, Handel den Wunsch ein nach gleichartiger -Regelung der wirtschaftlichen Einrichtungen durch den nationalen -Staat, unabhängig von Fremden, und seien sie auch die daheim in -England gebliebenen Väter oder Brüder. Der weltgeschichtliche Abfall -der Kolonien an der atlantischen Seite Nordamerikas von England war -nur der Ausdruck des frisch erwachten nationalen Sonderinteresses -der englischen Amerikaner auf dem den Indianern und der Wildnis auf -eigene Faust entrissenen Neuland. Man faßte den Willen der Loslösung -einerseits, des selbständigen Zusammenhaltens der Kolonisten -andererseits, d. h. man fühlte sich als Nation. - -Wenn der erste Kanzler des Deutschen Reichs einmal im Reichstag -äußerte, „ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift wie einen -alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr, ich habe kein -landsmannschaftliches Interesse mehr für ihn“, so atmet dieser -nur scheinbar herzlose Ausspruch die ganze Schärfe Bismarckscher -Realpolitik, die auf der Überzeugung ruht: das Vaterland bestimmt die -Nation, weist ihr die ganze Lebensrichtung, giebt einem jeden das -Pfund, mit dem er wuchern soll, verleiht ihm dafür indessen auch nur so -lange Schutz, als sein Wirken ihm zu gute kommt. - -Was wir hier zu erweisen suchen, daß eine Nation gar nicht auf -wirklicher Blutsverwandtschaft aller ihrer Angehörigen von Uranfang -beruht, so gewiß dauerndes Beisammenwohnen infolge von unvermeidlicher -Blutmischung schließlich sogar nach Millionen zählende Nationen -familiär vereinheitlicht, wird kaum jemals die Überzeugung der Masse, -des gemeinen Mannes werden. Der wird sich nach wie vor, schon unter -Einwirkung des trügerischen Namenschalles, unter einer Nation die -naturgegebene große Familie denken, die von einem Adam und einer Eva -herstammt, wenn man auch deren Eintragung in das Standesamtsregister -nicht mehr vorzuweisen vermag, ebenso wenig wie den ordnungsmäßig bis -zur Gegenwart fortgeführten Stammbaum. Unsere eigenen Vorfahren, die -sich erst seit der Regierungszeit Ludwigs des Deutschen den Gesamtnamen -„Deutsche“ beilegten, müssen ihren Verwandtschaftszusammenhang doch -schon lange vor jeder staatlichen Vereinigung erkannt haben, denn sie -hielten sich für eine weit ausgezweigte Germanenfamilie, und ihrem -Kausalitätsbedürfnis genügte die kindliche Vorstellung, es sei zur -Gründung dieser Familie gar kein Ehepaar erforderlich gewesen, sondern -allein der „Urmann“ (~mannus~, wie Tacitus sagt), der, aus der Erde -hervorgesprossen, das blonde Germanengeschlecht aus sich erzeugt -habe. Viel mag auch in unseren Schulen der Unterricht in biblischer -Geschichte dazu thun, daß man sich in früher Jugend bereits unter dem -Eindruck der schlicht klassischen Erzählungen von den Erzvätern das -Entstehen von Völkern vollkommen so geschehen denkt wie das einer -Einzelfamilie, ohne zu ahnen, daß die angeblichen Abrahamsöhne -schon in der Periode, da sie mit ihren Herden im Land Kanaan hin -und her zogen, sicherlich nicht reinblütig d. h. nicht von völlig -gleicher Abstammung waren, geschweige denn in der Folgezeit, als -sie seit dem Einzug in das ihnen „verheißene“ Land den langwierigen -Verschmelzungsvorgang durchmachten, der aus ihnen und all den -Vorbewohnern des eroberten Landes zu beiden Seiten des Jordan, mithin -aus einer nicht mehr analysierbaren Mischung von semitischen wie -nichtsemitischen Elementen die jüdische Nation hervorbrachte. - -So wird wohl in den Köpfen weiter spuken der Wahn von der -Familiennation, eben weil er für so selbstverständlich wahr hingenommen -wird, obwohl er eine Fülle irriger, gar nicht ungefährlicher -Schlußfolgerungen mit sich führt ähnlich wie der schöne Satz: „Der -Mensch besteht aus Leib und Seele“, woraus ganz harmlos das Gleichnis -von Hülle und Inhalt herauswächst, dieser vom gräßlichsten Aberglauben -übervoll wuchernde Boden des Wähnens einer Trennbarkeit der Seele von -ihrem „Wohnhaus“. Man wird sich auch fernerhin eine Nation zumeist -wie die eigene Familie entfaltet denken, von der sie sich eigentlich -gar nicht wesentlich, sondern nur in der ungeheuer viel größeren -Kopfzahl unterscheide. Man wird demzufolge auch gern geneigt sein, -sentimentale Erwägungen anzustellen über Bruderpflichten, die man -habe selbst gegen späte Nachkommen von Nationalgenossen, die einst in -wer weiß wie weite Fernen dahingezogen sind. Wer möchte spotten über -echten Brudersinn? Wurzelt er doch in der edeln Selbstlosigkeit der -Nächstenliebe, ist ja nur eine ganz naturgemäße Steigerung letzterer. -Ein solches geistiges Band aufrichtig familienhafter Zuneigung wird -gerade die Besten der Nation auch mit den Auszüglern verbinden, so -lange sie ihre Nationalität bewahren (unter „Nationalität“, diesem -noch nicht genügend begrifflich gefestigten Wort, hier die Summe -der Eigenschaften verstanden, die vom Wesen der Nation bei jedem -einzelnen wiederkehren, besonders Sprache, Charakter, Denkart und -Sitte). Wenn die aus unserer Mitte nach Nordamerika Gezogenen und -dort in dem gewaltigsten Freistaat der Welt zu hohem Wohlstand -Gelangten ihre milde Hand aufthun, um den von arger Überschwemmung -heimgesuchten Bewohnern der oberrheinischen Niederung einen Teil ihres -Vermögensverlustes hochherzig zu ersetzen, oder wenn sie edelsinnig -von ihrem Reichtum spenden zur Unterstützung der Hinterbliebenen -jener tapfern Streiter, die uns das neue Reich erkämpften, so findet -solche Handlungsweise einen dankbaren Widerhall in unser aller Herzen. -Unzweifelhaft fühlen wir uns auch zu Gegenleistung verpflichtet. Mit -freudigem Stolz verfolgen wir die Laufbahn der Unsrigen, die dort -drüben deutsche Art zu hohen Ehren gebracht haben wie Karl Schurz -auf dem Gebiet des Staatswesens, Joh. Aug. Röbling, der Erbauer der -Eastriverbrücke, und so viele andere auf den Feldern der Technik und -der Wissenschaft. Vollends eint uns noch ein lebendiges Band gleichen -Strebens insbesondere bei wissenschaftlichem oder künstlerischem -Schaffen dermaßen innig mit unseren Volksgenossen in der deutschen -Schweiz, in Österreich-Ungarn, als gehörten sie noch heute der -deutschen Nation an. Viele unter uns werden da in feuriger Erregtheit -einwenden: „Noch immer gehören sie ihr an!“ Jedoch eben hier klafft -der Zwiespalt zwischen der am Wort haftenden traditionellen Auffassung -vom Begriff Nation und der hier vertretenen. Manche bringen es -freilich fertig, begeisterungsvoll von der „nun im Deutschen Reich -vereinten Nation“ zu reden, und gleichzeitig den Angehörigen „deutscher -Nation“ in Österreich Jubelgrüße hinüberzusenden. Indessen da liegt -doch der innere Widerspruch klar zu Tage. Gewiß wird man im Anschluß -an die eben erst hier versuchte Deutung dessen, was man etwa unter -„Nationalität“ verstehen dürfte, ohne chauvinistischen Beigeschmack die -Deutschen in Österreich, die wackern Sachsen in Siebenbürgen deutscher -Nationalität zuzählen, man wird auch nicht vergessen, daß sie aus -unserem alten Reich hervorgesproßt sind, die Deutsch-Österreicher als -ruhmwürdige Kämpfer im Grenzbereich unserer alten bayrischen Mark, -die Sachsen auf der ungarischen Akropolis des fernen Südostens als -unsere weitaus treueste Kolonie noch aus dem staufischen Zeitalter. -Ob aber hinausgezogen über unsere ehemalige Volksgrenze nach Osten, -wie es ja auch die Ahnen der Deutschen in Rußlands Ostseeprovinzen -gethan, oder ob auf dem Boden der Väter sitzen geblieben wie die -Deutschen der Schweiz, Nordbelgiens, der Niederlande, -- sie sind im -Lauf der Geschichte in eigenartige Staatsgebilde, folglich in uns -fremde Interessenkreise einbezogen worden, sie zählen also in diesem -realpolitischen Sinn entschieden nicht mit zur deutschen Nation. Wenn -jeder von uns sagt, ein Werk wie der Nord-Ostsee-Kanal sei eins „von -hoher nationaler Bedeutung“, wenn niemand unter uns den oben von uns -gebrauchten Ausdruck bemängeln wird, wir hätten der Erwerbung des -Elsasses samt Deutsch-Lothringen „aus nationalem Interesse“ benötigt, --- so ist hiermit stillschweigend eingeräumt, daß sich bei solcher -moderner Abklärung des Begriffes „national“ gar nichts verschwommen -Genealogisches mehr in ihm findet, sondern der deutlich geographisch -umrissene vaterländische Gedanke ihm innewohnt. Bismarck war gewiß -urdeutsch bis ins Mark hinein, indessen seine klare Realpolitik hätte -nie das Schwert Germaniens aus der Scheide lockern lassen zum Schutz -der Deutschen in Siebenbürgen oder in Rußland, in Südbrasilien oder -Südaustralien. - -Aber wie? Hängen denn die englischen Koloniallande im kanadischen -Amerika, in Südafrika, in Australien nicht eng mit dem britischen -Mutterland zusammen? Ja, dieser nationale Verband ist in der That -erhalten geblieben, aber nur dadurch, daß infolge der ununterbrochen -thätigen Dampfer- und Seglerverbindung diese Tochterländer in einem -regen Wechselverkehr mit dem Mutterhaus Britannien verharren, ihm ihre -Roherzeugnisse liefernd, von ihm ihre Fabrikwaren empfangend und, in -Erinnerung an den schweren Fehler, den England vor mehr denn hundert -Jahren mit dem Versuch einer Besteuerung seiner nordamerikanischen -Kolonien machte, frei geblieben sind in der Verwaltung der eigenen -Angelegenheiten. Nicht einen Penny unmittelbarer Abgabe liefern sie -in den Staatsschatz nach London und bilden doch eine Hauptgrundlage -britischer Größe durch den gewaltigen Umsatz von Milliarden im -Familienkreis dieses „~Greater Britain~“, dieses Nationalkörpers von -noch nie vordem dagewesener Lagerung über den Erdball durch alle vier -bewohnten Zonen, mit dem Herzen in Europa, den Gliedern in sämtlichen -Weltteilen, dem Adersystem interkontinentaler Schiffahrtslinien. - -Wohl gemahnt dieses britische Reich an das Weltreich der Römer im -Altertum; was diesem das Mittelmeer war, ist jenem der Ozean. Der -tiefgreifende Unterschied jedoch liegt darin, daß die Römer fremde -Nationen von großenteils älterer, ureigener Kultur unter ihr Joch -zwangen, die Engländer dagegen ihre Koloniallande, abgesehen von -Indien, mit dem eigenen Blut erfüllten, im stetigen Blutaustausch mit -ihnen blieben und sie paritätisch behandeln. - -Das Britenreich lehrt uns also, wie bei weiser Schonung materieller -Sonderinteressen eine stark ausgeprägte Volksindividualität selbst -bei Überwanderung über das Weltmeer bis in die fernsten Lande den -nationalen Zusammenhang bewahren kann an der Hand des Schnellverkehrs, -der die Entfernungen kürzt. Der Deutsche hingegen zerschneidet in der -Regel als Auswanderer seinen Zusammenhang mit der Heimat; er findet -nirgends überseeische Länder für deutsche Massenansiedelung unter -deutschem Banner, er geht im fremden Volk auf, zumal im englisch -redenden. Wie viele Millionen der Unsrigen sind hinübergezogen nach den -Vereinigten Staaten, aber so wenig haben sie als Deutsche dem Absatz -deutscher Waren dort drüben Bahn gebrochen, daß nächst der englischen -Zufuhr nach dem vereinsstaatlichen Gebiet die französische die -bedeutendste blieb, obwohl doch die französische Einwanderung daselbst -ganz untergeordnet erscheint. Jüngst zwar hat Deutschland auch auf -diesem Feld Frankreich überflügelt, jedoch offenbar nicht darum, weil -seine Einwanderer dort auf einmal nationaler sich bethätigen, sondern -weil seine industrielle Machtstellung sich schon vor dem glorreichen -Triumph von Chicago der französischen überlegen zeigte. - -Ein trübes Gegensatzbild zum britischen Weltreich, wo nationale Kraft -bis auf einen gewissen Grad trotz der verschiedenen Landesnatur, -trotz der riesigen Entfernungen sich einheitlich und dadurch stark -erhält, bietet Österreich-Ungarn. Eine mächtige Schlagader für -die Einheit seines Wirtschaftslebens ist ihm durch den Donaustrom -beschieden; an ihm liegen seine beiden prächtigen Großstädte, nach -ihm gravitiert der Hauptverkehr, selbst der böhmische, denn offen -liegen die Wege von Böhmen nach der mährischen Donauprovinz, somit -nach Wien, wogegen nach Norddeutschland bloß der eine Engpaß des -Elbthals als natürliche Verbindungsstraße führte, bis in den Beginn -des 19. Jahrhunderts obendrein wenig benutzt. Indessen es stoßen hier -unversöhnte Völkergegensätze in engem Gehege aufeinander. Ungarn haben -wir so gut wie unabhängig werden sehen, und die Magyaren sind rüstig -dabei, ziemlich schonungslos ihren Staat national auszubauen bis zum -trefflich grenzenden Mauerbogen der Karpaten. In Österreich aber -tobt der Unfriede zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Slowenen und -Italienern weiter; die wie zum Spott sogenannte Versöhnungspolitik des -verflossenen Ministeriums Taaffe hat einen wechselseitigen Völkerhaß -dort ins Kraut schießen lassen, der die jetzt erhoffte Verknüpfung der -Reichsteile auf der Grundlage realer, vornehmlich wirtschaftlicher -Interessengemeinschaft recht fern rückt; und wie lose sind in der That -an diesen Donaustaat angeschlossen Länder wie Galizien und Dalmatien! - -Doch man behaupte ja nicht: da sieht man, wie Nationen wesentlich doch -aus Blutsverwandtschaft hervorgehen! Nein: Österreich beweist nur, -daß thörichte innere Politik und andere unglückliche Umstände, vor -allem auch eine ungeographisch am grünen Tisch zurechtgeschmiedete -Zusammenschweißung von Ländern die Verschmelzung verschiedenartigen -Volkes hemmt, zumal wenn die Gemeinsamkeit der Wirtschaftsinteressen -bei peripherischen Gliedern eine so geringe ist wie beim adriatischen -Litoral und dem galizisch-bukowinischen Außenrand der Karpaten. Rußland -war ethnisch noch viel buntscheckiger als das heutige Österreich, bis -Peter der Große und Katharina II. dem ursprünglich nur im Centrum -der großen osteuropäischen Niederung wohnenden Großrussenvolk die -Herrschaft über die ringsum gelagerten Völker, die Küsten der Ostsee -und des Schwarzen Meeres gewann, so daß nun der umfangreichste aller -Nationalstaaten der östlichen Erdfeste sich ausgestalten konnte, -alles Nichtrussische allmählich russifizierend, unterstützt durch -die Österreich fehlende Bodenform des weiten Tieflands ohne jede -Gebirgsscheide, was sich für Ausgleichen volkstümlicher Gegensätze, -für Aufrichtung straffer Staatseinheit zufolge schrankenlosen Verkehrs -stets so günstig erweist. - -Wollen wir schlagende Beweise, daß nicht Blutsverwandtschaft, -sondern Eigenart des Wohnraums in erster Linie nationaler Ausbildung -die Wege weist, so brauchen wir gar nicht über Europas Grenzen -hinauszublicken. Wie schwer würde es fallen, Siebenbürgen mit dem -rumänischen Nachbarland unter einen Hut zu bringen, trotzdem doch -beide Lande so gut wie allein von Rumänen bewohnt werden! Ganz wie -von selbst haben wir es dagegen geschehen sehen, daß die Moldau und -Walachei als linksseitiges Uferland der unteren Donau sich staatlich -einten, während Siebenbürgen beim karpatischen Donaureich Ungarn -verblieb. Portugal löste sich aus dem spanischen Nationalverband -heraus wie die Niederlande aus dem deutschen einzig und allein auf -der Grundlage litoraler Sonderinteressen; so wurden die Portugiesen -eine eigene Nation, erhoben ihre spanische Mundart zur Schriftsprache, -wurden früher seegewaltig als ihr spanisches Hinterland; und ganz dem -entsprechend die Niederländer, deren Kolonialbesitz 280 Jahre älter -ist als der deutsche. Die englische Nation entstand, wie jeder weiß, -dadurch, daß deutsche Angeln, Sachsen und Friesen nach Britannien -hinüberzogen, die norwegische dadurch, daß die dänischen Normannen an -der ozeanischen Fjordenküste Skandinaviens heimisch wurden. - -Frankreichs wie Italiens nationale Einheit beruht mitnichten auf -ursprünglicher Blutsverwandtschaft, sondern auf dem natürlichen -Zusammenschluß jedes der beiden Länder, ihrem Abschluß nach außen durch -Meer und Gebirge. Die Völkergruppe der Kelten, aus der die Franzosen -hervorgingen, breitete sich auch über Hispanien, die britischen Inseln, -West- und Süddeutschland, ja über Oberitalien aus; nur ein Teil -dieser Völker hatte Frankreich inne und verschmolz daselbst mit ganz -fremden Völkerschaften: Iberern und Ligurern, Römern und Griechen, -Franken und Burgundern. Nicht anders wuchs die Nation Italiens aus den -verschiedensten Bevölkerungselementen, auch deutschen, hellenischen -und arabischen hervor; zweimal hat sie uns das fesselnde Schauspiel -gewährt, daß sie genau innerhalb des nämlichen Raums von den Alpen -bis nach Sizilien sich ausgestaltete: einmal im Altertum bis unter -Augustus, dann wieder nach der Zerstörung durch die Stürme der -Völkerwanderung. - -So gleichen natürlich geschlossene Landräume Hohlformen, in welche -die bildsame Masse verschiedenster Volksart sich einschmiegt, um zur -nationalen Einheitsform zu verschmelzen. Die Masse kann wechseln, die -Form bleibt. Flußthäler, die Schiffahrt längs den Küsten, offene Ebene, -bequem überschreitbare Gebirge erzeugen in dem nämlichen Landraum -immer wieder die nämlichen Verkehrs- und Handelslinien; größere -Meeresflächen, höhere Gebirge schranken von der Fremde ab. Handel und -Verkehr aber sind die einflußreichen Bildner der Völker; sie greifen -nicht so geräuschvoll ein wie Naturkatastrophen oder Völkerschlachten, -dafür sind sie alltäglich bei ihrem Werk, kleine Ursachen in -milliardenhafter Summierung zu großen Wirkungen hinanführend. - -Ernste Pflicht dünkt es uns, der Störung des Völkerfriedens -entgegenzutreten, die da heuchlerisch einherschreitet unter der -Lügenmaske eines Napoleon III. vom „Nationalitätsprincip“, nach dem -die Staaten Europas sollten zurecht geschnitten werden. Der schlaue -~empereur~ zog mit dieser klangvollen Fanfare nach Italien, nur um -Österreich zu demütigen und sich mit der Abtretung von Savoyen nebst -Nizza ein gutes Trinkgeld von Italien zu holen, das französische -~prestige~ mit etwas neuer gloire zu vergolden. Am liebsten bekanntlich -hätte er uns die linke Rheinseite nach der unendlich fadenscheinigen -Anwendung des Nationalitätsgrundsatzes abgenommen, weil, wie er in -seiner ~Vie de Jules César~ laut betont, die französischen Gallier -einstmals bis an den deutschen Rhein heranreichten. Wenn dergleichen -Weisheit genügen soll, den Länderbestand anzutasten, dann mag man der -italienischen Irredenta nur gleich Südtirol ausantworten und Triest -dazu. Mehr aber als die Thatsache, daß man in Triest italienisch -redet, gilt doch das historische Recht, die Erinnerung daran, daß -Triest, um im Wettbewerb gegen Venedig Hilfe zu erlangen, im 14. -Jahrhundert freiwillig unter Habsburgs Schutz trat und alles, was es -heute ist, Österreich verdankt; noch schwerer aber wiegt es, daß wohl -Italien, jedoch nicht Österreich Triest entbehren kann, diese seine -Weltmeerpforte, das österreichische Hamburg. - -Es muß der Überzeugung Raum geschaffen werden, daß gesunde Staaten -reale Interessengemeinschaft vertreten und in diesem Sinn, aber nicht -im ethnologischen Nationalstaaten darstellen. Wahr also bleibt der Satz -des verdienstvollen französischen Anthropologen Quatrefages: ~Toute -repartition politique, fondée sur ethnologie, est absurde.~ Auch unser -neues Reich ist zuerst als ein engerer Verkehrs- und Handelsbezirk -aus dem alten Deutschland herausgetreten, denn es erscheint 1834 als -Zollvereinsgebiet fast schon genau in seinen heutigen Grenzen. Ohne -Blut und Eisen vermochte es freilich nicht seine Losgliederung von -dem in ganz andere Interessenkreise hineingezogenen Österreich zu -erringen und zuletzt im gerechtesten und herrlichsten aller Kriege die -Kaiserkrone zu erwerben. Dafür steht es nun auch um so geachteter da, -ein treuer Schutz und Schirm des echtesten Deutschtums, ein eherner -Verband zwischen Nord und Süd, vom Fels der Alpen bis zum Meer, ein -wohlbewahrtes Haus für friedliche Bewohner, die sich zusammenthaten, -weil’s ihrer Arbeit frommte und weil sie auch zumeist sich rühmen -können als Söhne und Töchter Germanias verschwistert zu sein, ja -allesamt sich eins fühlen, da sie seit Jahrtausenden schon Freud und -Leid miteinander geteilt haben. Doch vergessen wir es nicht: weder -Blutsgenossenschaft noch geistiges Verwandtschaftsgefühl allein -gewährleistet uns das Glück unserer Zukunft, einzig der thatenfeste -Wille, die Brüderlichkeit fest und ehrlich zu wahren, erhält eine -Nation. - - - - -VI. - -China und die Chinesen. - - -Das Land China, früher den verhaßten Fremden so fest verschlossen, ist -jüngst das Ziel des Wettlaufs europäischer Großmächte geworden, von -denen eine jede möglichst großen Anteil erstrebt an dem materiellen -Aufschwung, wie er sich dort durch den endlich begonnenen Eisenbahnbau -vorbereitet. Denn dieser Aufschluß Chinas für den Verkehr muß zu einer -gewaltigen Steigerung seines Außenhandels führen, und was bedeutet das -bei einer Bevölkerung, die sicher an Zahl diejenige von Afrika und -Amerika zusammengenommen weit übertrifft! Was für Summen sind allein -schon durch den Bau und Betrieb von Eisenbahnen, durch die rationelle -Ausbeutung der ungeheuern Steinkohlenlager in diesem Menschengewimmel -von China zu verdienen! Auch uns Deutschen winkt ein guter Gewinnanteil -hieran seit unserer rechtzeitigen Besitzergreifung von Kiautschou, -dieser trefflich gelegenen marinen Eingangspforte ins Innere von -Nordchina. - -Jedoch ganz abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung schon für -die allernächste Zukunft, ist China auch rein geographisch eins der -interessantesten Länder der Welt. - -Zuvörderst imponiert das Land China, das zugleich im wesentlichen -den Staat China bildet, da die Außenbesitzungen in der Mandschurei, -Mongolei, im Tarimbecken und Tibet ihm doch nur lose anhängen, durch -seine Raumerfüllung. Es giebt nur wenige Länder auf Erden, die China -an Größe übertreffen, drei in Amerika, in Afrika die Sahara, in -Asien Sibirien, in Europa Rußland. Indessen bloß einige Randstücke -des europäischen Rußlands würden hervorragen, könnten wir China auf -Osteuropa decken. China kommt von sämtlichen kontinentalen Ländern -der Kreisgestalt am nächsten, die insofern für einen Staat am -günstigsten erscheint, als nach Ausweis der Geometrie diese Gestalt -die im Vergleich zur eingenommenen Fläche kleinste Umrißlinie besitzt, -kreisförmige Staaten mithin die kleinstmögliche Angriffslinie bieten. -Chinas Grenze ist dabei ziemlich gleich verteilt auf Land und Meer: die -Nordwesthälfte der Grenze zieht von der noch zum eigentlichen China -gehörigen Provinz Schöngking im Liaugebiet der südlichen Mandschurei in -etwas willkürlichen Zacken und Einbuchtungen durch die Übergangszone, -in der die Natur des abflußlosen Centralasien anhebt, durchweg vor -Länderräumen hin, die wie China von Völkern der mongolischen Rasse -bewohnt werden und der Macht der chinesischen Regierung unterstehen; -die Südostküste wölbt sich als selten gestörter Halbkreisbogen hinaus -in das stille Weltmeer. Die ungefähre Mitte des chinesischen Kreises -liegt da, wo der Jangtsekiang aus der großen Westprovinz, dem roten -Becken von Sötschuan, übertritt in die Provinz Hupe. Von hier aus läßt -sich ein Kreis mit einem Halbmesser von 1130 ~km~ beschreiben, über den -nur das nordöstliche Tschili (jenseit Peking) nebst Schöngking weiter -herausragt, falls wir die neuerdings zu den 18 alten Provinzen des -Kaiserreichs geschlagene ostturkestanische Mulde des Tarim, wie wir -geographisch müssen, bei Centralasien belassen. Und jener Halbmesser -gleicht der Entfernung des äußersten Südwestens Deutschlands von -der Nogatmündung ins frische Haff oder dem Abstand Hamburgs von Kap -Landsend an der Westspitze Südenglands. - -China bildet ein uraltes Bestandstück des asiatischen Festlandes, -das seit der Juraperiode nie wieder vom Ozean überflutet wurde. Sein -Felsgerüst besteht aus altkrystallinischen Gesteinen, aus paläozoischen -Schiefern, Kalk- oder Sandsteinlagen und älteren mesozoischen -Schichten; dagegen fehlen Kreideformation und marines Tertiär gänzlich, -nirgends blinken weiße Kreideklippen hervor wie bei uns in Rügen, -nirgends schaut man die schluchtigen Thäler und mit Plattenform -gipfelnden Kreidesandsteingebirge wie bei uns in der sächsischen -Schweiz; ebenso wenig erblicken wir jüngst erloschene Vulkane neben -noch thätigen wie in dem großen Gürtel fortgesetzter vulkanischer -Thätigkeit, der sich vom Malaien-Archipel über Formosa und Japan bis -zum Beringsmeer hinzieht. - -Eine weite Tiefebene besitzt China bloß im Nordosten; das ist die gelbe -Lößniederung, aus der die gebirgige Schantung-Halbinsel spornartig -hervorragt. Im übrigen ist China überwiegend gebirgig; und zwar bedingt -sein Gebirgscharakter eine strenge Scheidung des Landes in eine Nord- -und eine Südhälfte. Als eigentlichen Reichsteiler hat uns Richthofen -eine Fortsetzung des uralten Kuenlun, dieses echten Rückgratgebirges -von ganz Asien, kennen gelehrt. Es ist der Tsin-ling-schan, der, -die Hauptrichtung des Kuenlun, Ost zu Süd, aus Innerasien nach -China übertragend, mit nur geringer Unterbrechung quer durch Chinas -Mitte bis gegen Nanking reicht. Dieser Reichsteiler scheidet nun -nicht allein die Gebiete der zwei Riesenströme, die China aus dem -fernen Quellenschoß Centralasiens mit östlichem Abfluß empfängt, den -Huangho und den Jangtsekiang, sondern er trennt auch zwei wesentlich -verschiedene Gebirgssysteme voneinander ab. Nordchina stellt ein -verschüttetes Gebirgland dar; hier haben in entlegener Vorzeit trockne -Winde feinkrumige, lehmige Verwitterungsmassen, sogenannten Lößlehm, in -gelben Wolken über Berg und Thal gebreitet, und Graswuchs hat jede neu -aufgewehte Lößdecke durch das Wurzelwerk in sich wie mit der älteren -Unterlage verfestigt, so daß gewöhnlich nur die Kämme der Gebirge mit -ihren festen Felsmassen anstehenden Gesteins aus der bis auf Tausende -von Metern aufgeschütteten braungelben Lößumhüllung aufragen wie -Dachfirsten eines deutschen Gebirgsdorfes, wenn es zur Winterzeit -in tiefem Schnee begraben worden. Trotzdem ist die nordchinesische -Gebirgslandschaft keineswegs bloß aus abgerundeten Gebirgskämmen mit -dazwischen gelagerten flachen Hochlandmulden ungeschichteten Lößes -zusammengesetzt; vielmehr haben die fließenden Gewässer ein äußerst -vieladriges System schluchtiger Thalwege in den weichen Lößschutt -eingearbeitet, dessen senkrecht verlaufende Haarröhrchen, herstammend -von längst abgestorbenen Graswurzeln, die geradezu groteske Ausbildung -immer ganz steiler Thalwände bedingen. Von diesen nackten Gehängen der -Lößschluchten heben noch gegenwärtig bei trockener Witterung die Winde -gelben Staub empor, daß die Sonne dann bleich durch eine fahlfarbene -Atmosphäre schimmert, Fußgänger wie Fuhrleute samt ihrem Geschirr, die -unten im Lößthal ihres Weges ziehen, über und über lößgelb werden. -Natürlich tragen die Flüsse den von ihnen so leicht abgenagten oder in -sie hineingewehten Löß seewärts; von seiner deshalb stets lehmfarbigen -Wassermasse führt der Huangho d. h. der gelbe Fluß seinen Namen, er -schüttete die gelbe Deltaflur des Nordostens auf, in der er bald süd-, -bald nordwärts der Schantung-Halbinsel seine Mündung suchte, wie ein -ungebärdiges Ungetüm sich in seinem Bett hin und her wälzend, die ihn -einengenden Schutzwälle von Menschenhand durchbrechend, und stiftete -dem seine trüben Fluten aufnehmenden Innengolf des ostchinesischen -Meeres den Namen Huanghai d. h. gelbes Meer. - -Anders in Südchina! Hier halten die Gebirgszüge noch weit allgemeiner -als in Nordchina sinische Streichung ein, also die Richtung Südwest zu -Nordost; in langen Parallelreihen ziehen sie so gegen jene chinesische -Fortsetzung des Kuenlun, gegen den Tsin-ling-schan hin, in dessen Nähe -sie ostwärts umbiegen, da ihre Auffaltung an dem bereits vorhandenen -alten Querriegel offenbar ein Hemmnis fand; und, was die Hauptsache -ist, sie sind ohne Lößverschüttung geblieben. Unverhüllt recken -sie mithin ihre Gipfelzinnen gen Himmel, keine Lößwehen haben die -Böschungen ihrer Gehänge verkümmert, in hurtigem Schuß eilen von ihren -Höhen die Gewässer hernieder und verbinden sich zu klaren, unvertrübten -Strömen. Allen voran steht der Ta-kiang, der „große Strom“, den -wir Jangtsekiang zu nennen pflegen; nachdem er, der hochgeborene -Tibetaner, innerhalb des Sötschuan-Beckens durch Aufnahme ansehnlicher -Seitenflüsse vollkräftig geworden, durchtost er gegen die Landesmitte -hin, in eine wundervolle Thalschlucht eingeengt, zwischen hochragenden -Felswänden noch eine ganze Staffelreihe von Stromschnellen, um sodann, -majestätisch ruhig seinen Vorzug, der schiffbarste Strom Chinas -zu sein, zur vollen Geltung zu bringen, bis er in dem seenreichen -Delta mündet, das im Norden der tumultuarische Huangho Jahrhunderte -lang mit ihm bauen half, ehe er sich 1852 launisch von ihm abwandte. -Der schönste Schmuck wird Südchina verliehen durch seine immergrüne -Pflanzenwelt. Während der Löß Nordchinas wie der in anderen Ländern dem -Waldwuchs sich abhold zeigt, durch die außerordentliche Fruchtbarkeit -seines fein aufgeschlossenen, völlig steinfreien Bodens hingegen Feld -an Feld reiht von dem Niveau der Niederung bis zu St. Gotthardshöhe, -hält sich der Bodenanbau Südchinas mehr an die Thalsohlen und die -unteren Gehängestufen, darüber aber prangt noch eine ursprüngliche -Vegetation immergrüner Strauch- und Baumarten mit einer für China -überhaupt bezeichnenden Fülle von Holzgewächsen, unter denen die -Kamelien, die Verwandten des Theestrauchs, eine tonangebende Rolle -spielen. - -Wenn der Wintermonsun aus Nordwest die furchtbar kalte Luft -Ostsibiriens und der Mongolei über China breitet, so erwärmt sich -dieser Luftstrom nur langsam beim Vorrücken in diesem Land, das doch -mit Italien und Nordafrika die Breitenlage teilt. Selbst in Kanton, -obwohl es bereits innerhalb des Wendekreises liegt, giebt es noch -gelegentlich Schneefälle. Immerhin hat Südchina noch verhältnismäßig -milde Winter; in seinem Tropenanteil erinnern Palmen und Elefanten -an Indien, es gedeihen auch noch weiterhin Orangen und Zuckerrohr, -Theebau findet überall seine Stätte. In Nordchina wird dieser durch den -anhaltenden Frost ausgeschlossen; Peking, trotzdem es südlicher liegt -als Neapel, hat einen Winter wie Petersburg, Mukden in Schöng-king, -die große Stadt der Kaisergräber, genau unter Roms Breite, erduldet im -Januar weit härtere Kälte als Moskau. Dreht sich dann aber im Frühjahr -der Wind in die entgegengesetzte Richtung, setzt der ebenso anhaltende -Sommermonsun aus Südost ein, so lagert sich eine aus dem Tropengürtel -kommende heiße Luft über ganz China, und befruchtende Regen ergießen -sich über seine Reis- und Baumwollenfelder, am reichlichsten -naturgemäß über Südchina. Der thermische Gegensatz zwischen Süd und -Nord, wie er im Winter bestand, ist dann ganz ausgetilgt; man spürt -kaum einen meßbaren Wärmeunterschied zwischen Kanton, Schanghai -und Peking, denn die Wärme nimmt während des Hochsommers in China -überhaupt nicht von Norden nach Süden zu, sondern vielmehr gegen das -Glutgebiet des südasiatischen Inneren hin, also gen Westen. Schon von -Hankau, der wichtigen Handelsstadt in Hupe, wo die große nordsüdliche -Verkehrsstraße den Jangtsekiang kreuzt, heißt es: „Wenn der Teufel -dort eine Zeit lang im Sommer verweilte und dann wieder in seine -Hölle zurück käme, so würde er seinen Überzieher brauchen.“ Nur noch -einmal begegnet auf Erden ein Land, das unter einem ähnlichen Einfluß -jahreszeitlicher oder Monsunwinde schwankt zwischen arktischer Kälte -und tropischer Hitze, begleitet von tropenhaften Regengüssen vom -nahen Meer her. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Während -indessen hier die Segensgaben des heißfeuchten Sommerwindes fast -ausschließlich dem östlichen Landesdrittel beschert werden, erfährt -China in seiner Gesamtheit den Wechsel erfrischender Winter und -tropischer Sommer im regelmäßigen Wandel der Horen, mithin die Gunst -der gemäßigten und der heißen Zone in seltenster Verknüpfung. - -Jahrtausende hindurch sind nun die Chinesen den Einwirkungen der Natur -dieser ihrer endgültigen Heimat ausgesetzt gewesen. Mögen sie also auch -manchen Zug ihres Wesens schon von ihrem früheren, wie man vermutet, -ostturkestanischen Wohnsitz mitgebracht haben, es verlohnt sich gewiß -zu prüfen, inwiefern China seine Chinesen auf dem Wege tellurischer -Züchtung ausbilden half. Ja man hat hier sogar den nirgends sonst -wiederkehrenden Fall vor Augen, daß ein nach Hunderten von Millionen -zählendes Volk so lange Zeit immer den nämlichen Natureinflüssen -unterstanden hat. Ein wahres Massenexperiment, wie es sich der Geograph -nicht besser wünschen kann! - -Da drängt sich uns zuerst im Anschluß an das kurz vorher Erörterte die -Schlußfolgerung auf, daß der alljährlich von den wechselnden Monsunen -gebrachte Gegensatz zwischen polarer Winterkälte und tropischer -Sommerhitze keinerlei Menschen in diesem Reich der Mitte duldete, -die allzu zärtlich nur mäßige Temperaturschwankungen vertrugen, daß -mithin auf diesem Boden nur diejenigen sich lebensfähig erwiesen, -die der Kälte gleiche Widerstandskraft entgegensetzen wie der Hitze, -gewissermaßen also in dieser Hinsicht die Körperleistung von Jakuten -oder Tschuktschen verbinden mit der des Negers. Thatsächlich bewähren -das auf Erden einzig und allein die Chinesen. Darum sind sie die -einzigen Menschen, die beim Hinauszug in die Fremde, läge sie unter -hohen oder ganz niederen Breiten, so gut wie niemals dem Klima zum -Opfer fallen. Der Chinese trotzt in der Mandschurei und Ostsibirien -einer Kälte, bei der das Quecksilber erstarrt, und arbeitet ebenso -frohgemut unter der scheitelrechten Sonne Javas, Singapores oder in -der siedeheißen Luft am Kessel der Rohrzuckerfabriken Kubas. Bringt -er es doch daheim fertig in der Julihitze von 30-40° ~C~ von früh -bis abend ein schweres Boot stromaufwärts zu rudern, höchstens mit -dem Fächer dem glühenden Kopf dann und wann etwas Kühlung zuführend, -und nach Halbjahrsfrist mit der nämlichen Ausdauer noch größere -Lasten auf dem Eisspiegel desselben Stroms bei schneidender Kälte im -Schlitten zu befördern. Emin Paschas Idee, Chinesen als Kolonisten -ins tropische Afrika einzuführen, war physiologisch wohlberechtigt, -denn auffallenderweise erliegen die Chinesen nächst den Negern auch am -wenigsten dem Malariafieber, wie sich beim Bau der Panama-Eisenbahn -gezeigt hat. - -Was nun aber die psychischen Eigenschaften dieses ältesten Kulturvolks -der Gegenwart betrifft, so möchten diese wohl zum guten Teil auf die -Thatsache der seit unvordenklicher Zeit hohen Volksverdichtung in -China zurückführbar sein, und diese selbst müssen wir ableiten von -zwei ständig zusammenarbeitenden Faktoren: einem in der Landesnatur -begründeten und einem religiösen. Chinas Nordhälfte, so lehrt die -Geschichte, war die Ursprungsstätte der chinesischen Gesittung, des -chinesischen Staatswesens. Nordchina, sahen wir, ist das lößbedeckte -China, wo die außerordentliche Fruchtbarkeit dieser gelben Erde für -den Anbau von Getreide zusammentrifft mit den beiden Segensspenden -des chinesischen Sommers, der hochgradigen Wärme und den mit nie -aussetzender Regelmäßigkeit diese begleitenden Monsunregen. Hier -war auf unabsehbaren Flächen von der Natur die Möglichkeit also -gegeben, daß ein kopfreiches Ackerbauvolk unter dem Schutz staatlicher -Ordnung sich entfaltete, zuerst in der Lößmulde des zum Huangho -fließenden Weiho sowie in den übrigen Gebirgs- und Thalgauen des -Binnenlandes, nachmals auch in der für Anhäufung von Massenbevölkerung -noch besser geeigneten Niederung, die sich im Nordosten zum Gelben -Meer abdacht, aber als jüngst geborene Deltaflur der Entsumpfung -bedurfte, die ihr als die älteste Kulturthat chinesischen Geistes -und chinesischer Thatkraft zuteil ward, deren Glanz in den Annalen -des Reichs der Mitte noch heute unverblichen strahlt. Daß nun die -von der Natur gebotene Möglichkeit, auf so günstigem Boden, unter -einem so gütigen Himmel ein großes Volk im Schweiß des Ackermanns -erwachsen zu lassen, der Verwirklichung zugeführt werde, dafür sorgte -ein seit Alters den Chinesen tief eingeprägtes Pietätsgefühl gegen -ihre Vorfahren. Kongfutse, der große Weise, der zur Zeit, als Cyrus -das Perserreich gründete, die Sittenlehre seiner Nation zu jenem -wirkungsvollen System ausgestaltete, das bis zur Stunde Millionen -als heilsame Richtschnur dient, fand diese Ehrfurcht vor den Ahnen -schon als längst bestehend vor. Sie geht auf den Totenkultus zurück, -der so zahllosen Völkern eigen war und vielen immer noch eigen ist. -So nüchtern realistisch der Zopfmann sich sonst überall zeigt, er -ist angeerbter Maßen durchschauert von dunkeln Ahnungen über ein -mystisches Weiterleben in einem Jenseits nach seinem irdischen Ableben; -ihn bangt vor den Strafen, die seiner harren nach Überschreiten der -düsteren Grabesschwelle, doch ihn tröstet die allgemeine Zuversicht, -selige Ruhe im Jenseits zu finden, wenn nur die hierfür unerläßliche -Bedingung erfüllt wird, daß ihm bei jeder Wiederkehr des Jahrestages -seines Todes die Totenopfer dargebracht werden. Diese aber darf nach -altgeheiligter Vorschrift niemand erbringen als der leibliche Sohn oder -dessen männliche Sprossen. Daher die heiße Sehnsucht der Chinesen, in -die Ehe zu treten, um Söhne zu erzeugen und diese sobald wie möglich -wieder zu vermählen. Nur die allergräßlichste Armut vermag einen -Chinesen von der Heirat abzuhalten. Junggesellen giebt es deshalb in -China fast gar nicht, Großväter von 34-36 Jahren dagegen nicht selten. -Die Geburt eines Knaben wird in der dürftigsten Chinesenhütte mit -hellem Jubel begrüßt, die Geburt einer Tochter selbst im Hause des -Reichen mißliebig, fast wie ein Trauerfall angesehen. Die Ehefrau, die -Jahr um Jahr keinem Sohn das Leben schenkt, muß sich ohne zu murren -es gefallen lassen, daß ihr Gatte neben ihr eine zweite Frau ehelicht -oder Konkubinen sich zugesellt; nie vermißt sich dort eine Sarah zu -der Forderung, eine Hagar mit ihrem Sohne zu verstoßen, nein, sie -muß demütig die Hagar auszeichnen und ehren, weil sie es ist, die -ihrem Gemahl zur Erfüllung des höchsten Lebenswunsches verholfen hat. -Ziehen wir dazu den Umstand in Betracht, daß es eine überseeische -Auswanderung von Chinesen, so sehr sich eine solche bis nach Amerika -und Australien neuerdings fühlbar gemacht hat, fast nur in den beiden -Südostprovinzen Fokien und Kuangtung giebt, chinesische Auswanderer -noch dazu stets bestrebt sind nach Aufbesserung ihrer Vermögenslage -heimzukehren, weil es ihrer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an den -vaterländischen Boden entsetzlich dünkt in fremder Erde bestattet -zu werden, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß China immerdar -der Raum der stärksten Volksanhäufung auf Erden gewesen ist. Bis zum -kürzlichen Emporkommen von Philadelphia und Chicago war China das -einzige Land mit einer Mehrzahl von Millionenstädten; an großen, mit -viereckiger Backsteinmauer wie das alte Babel umgebenen Städten zählt -es rund 1500, manche mit einer Mauerlänge von 20 bis 30 ~km~ und dazu -noch mit menschenwimmelnden Vorstädten außerhalb der Thore. Und welch -ein Hin- und Herströmen des Landvolkes nach und von diesen Städten -begiebt sich alltäglich, wenn sich ihre Thore bei Sonnenaufgang -unter Kanonenschüssen, Gong- oder Glockenschlag aufthun, desgleichen -bei Einbruch der Abenddämmerung schließen! Sowohl im Menschengewoge -der städtischen Straßen als in den stadtgroßen Dörfern tritt uns die -beträchtliche Kinderzahl der chinesischen Familien leibhaftig vor -Augen, noch überraschender die große Zahl im Greisenalter stehender -Männer, denn das Chinesenvolk ist bei aller Vielheit von Krankheiten, -die es plagen, bei all seiner jämmerlichen Quacksalberei dank seiner -staunenswerten Seuchenfestigkeit eins der langlebigsten. - -Nun ist zwar China nicht ganz so dicht bevölkert wie das Deutsche -Reich, denn es wohnen dort wohl kaum über 80 Menschen auf 1 -~qkm~, bei uns 103. Aber man bedenke, daß China erst jetzt seinem -großindustriellen Aufschwung entgegengeht, wenn, wie sicher zu -erwarten, dem Beginn seiner Eisenbahnära die Einführung der -Dampfmaschine und der elektrischen Triebkraft in seine Industrie auf -dem Fuß folgen wird. Bisher lebten die Chinesen wie wir im Mittelalter -überwiegend vom Ackerbau, vom Handwerk und Kleinhandel. Und hierfür -war seine Volksdichte, die sich z. B. in Kiangsu, der an Reis und -Seide ertragreichsten Provinz zu beiden Seiten der Mündung des -Jangtsekiang, mindestens aufs Doppelte des mittleren Wertes steigert, -eine verhältnismäßig sehr hohe. - -Wir sollten China ob seines patriotischen Stolzes nicht verlachen, -selbst wenn er sich in Verachtung der Fremden äußert. Sein Staatswesen -hat wie kein anderes Bestand gehabt von der Pharaonenzeit bis -heute; Religionen erwuchsen, Religionen verschwanden um das Reich -der Mitte her, aber Kongfutses Lehre blieb in Vollkraft durch die -Jahrtausende. China genügte sich auch wirtschaftlich selbst; wie es, -allen Nachbarreichen überlegen, seine sieghaften Waffen unter dem -Drachenbanner mehrmals bis zum Kaspischen Meer trug, das ungeheure -Innerasien fast stets in ganzem Umfang zu seinen Füßen sah, -- so -bedurfte es nichts von den Fremden weder für seine Ernährung noch für -seine Kleidung; stolz wies es selbst die Waren der rothaarigen Teufel, -die unter europäischen und amerikanischen Flaggen an ihrer Küste -landeten, von der Hand, daß sich die Engländer durch Anstacheln des -Opiumlasters eine schnöde Einfuhr ersinnen mußten, um Thee und Seide -nicht bloß mit Silber bezahlen zu müssen. - -So bestand bis in die jüngste Vergangenheit das chinesische -Wirtschaftsleben wie das keines zweiten Kulturstaats in einem steten -Versuch das Gleichgewicht zu halten zwischen einer zu grenzenloser -Vermehrung drängenden Volkszahl und einer durchaus nicht ins -unendliche vermehrungsfähigen Summe ausschließlich heimischer -Landeserzeugnisse. Das brachte den großartigsten Kampf ums Dasein -hervor, den je eine Nation gekämpft hat. Er ist es, der die größten -Vorzüge des Chinesentums erschuf und fortdauernd vervollkommnete: -den unvergleichlichen Arbeitsfleiß, die geduldigste Ausdauer und die -bescheidenste Einschränkung der Ansprüche an die Genüsse des Lebens. - -In China allein ist es ermöglicht worden, die uralte Lust unseres -Geschlechts am ungebundenen, müßigen Dahinleben in ihr Gegenteil -zu verkehren. In diesem riesigen Arbeitshaus China, wo man keine -Sonntagsrast kennt und nichts vom Evangelium des Achtstundentages -weiß, weil man sonst verhungern müßte, ist der Trieb zum emsigen -Schaffen den Menschen zur anderen Natur geworden. Selbst dem gründlich -gehaßten Herrn in San Francisko, bei dem der Chinese etwa Dienerstelle -angenommen, leistet er unbeaufsichtigt pflichtmäßige Arbeit, einfach -weil ihm leben arbeiten heißt. Und trotz aller Rastlosigkeit, trotz -aller staunenswerten Geschicklichkeit bei der Arbeit, wie sie sich bei -Benutzung einfachsten Geräts in so vielen Zweigen auch der Kunsttechnik -staunenswert zu erkennen giebt, bringt es der Chinese daheim unter -der Masse des Angebots von Arbeitskraft und Arbeitsleistung doch nach -unseren Begriffen durchschnittlich nur zu einem Hungerlohn. Es klingt -uns wie ein Märchen, daß ein erwachsener Chinese den Tag über mit -acht Pfennig für seine Kost auskommt, ja in Zeiten durch Hungersnot -gebotener Einschränkung sogar mit sechs Pfennig. Damit bestreitet -er seinen Bedarf an Reis, Gemüse, Fisch und Thee, behält auch noch -eine Kleinigkeit für Tabak übrig. Das erklärt sich einerseits aus der -großen Billigkeit der Lebensmittel, andererseits aus der trefflichen -Kochkunst, die schlechte, fast ungenießbare Ware genießbar und gut -verdaulich macht, dabei nicht das mindeste fortwirft, freilich außerdem -auch aus der Genügsamkeit des Chinesen und seiner Freiheit von Ekel, -die ihm Hunde-, Katzen- und Rattenbraten, ja das Fleisch an Seuchen -verstorbener Pferde oder Esel als willkommenste Zukost erscheinen läßt. - -Die Tugend der Sparsamkeit übt kein Volk in so hohem Maße wie das -chinesische; sie ist neben Arbeitsamkeit und Genügsamkeit die -Hauptwaffe in seinem Ringen um Leben und Gründung eines eigenen -Herdes. Der nordchinesische Bauer wühlt sich wie ein Murmeltier ein -unterirdisches Obdach unter seinem Hirsen- oder Weizenfeld in die -steile Lößwand an dessen Abhang, damit er seine Ernte nicht durch -den Hüttenbau auf der Oberfläche um den Ertrag einiger Quadratmeter -alljährlich verkürze. Ein rührendes Beispiel echt chinesischer -Sparsamkeit und zugleich über das Grab hinausschauenden ehrenwerten -Familiensinns teilte vor kurzem aus eigener, in China gemachter -Erfahrung ein amerikanischer Missionar mit. Er sah eine hochbetagte, -blutarme Frau, die sich kaum fortzuschleppen vermochte, mühsam an -den Hauswänden einer Straße sich hintasten: sie befand sich auf dem -letzten Ausgang, sie wollte, den Tod vor Augen, ihre einzige Verwandte -aufsuchen, um von deren Haus beerdigt zu werden, damit die Sargträger -nicht so viel forderten wie bei dem weiteren Weg von ihrer eigenen -Behausung. - -Wenn ein Volk, das über ein Fünftel der Menschheit ausmacht, in so -eintönig freudlosem Schaffen vom ersten Tagesgrauen bis zum späten -Abend, ja vielfach bei nächtlicher Weile, den Schlaf scheuchend, sich -um so kümmerlichen Verdienst abmüht, so beschleicht uns bei Betrachtung -dessen wohl ein wehes Mitgefühl. Ist nicht die goldene Freiheit des -Wilden beneidenswerter als dieses Arbeitselend des Kulturmenschen? Hat -unser Geschlecht nicht eben durch Übernahme des Arbeitsjoches, wie -es höhere Gesittung unweigerlich mit sich bringt, an Lebensfreude -eingebüßt? Indessen da messen wir unbedachtsam nach unserem Maß! -Wir täuschen uns in der Annahme, der Chinese müsse bei seinem -ewigen Hasten fast um nichts stumpfsinniger Trübsal verfallen. Weit -gefehlt! So mannigfaltig Temperamente und Talente nebst körperlichem -Aussehen wechseln durch die 18 Provinzen, von den gelben, etwas zu -Fettleibigkeit neigenden Südländern bis zu den braunen, schlanken und -höher gewachsenen Nordchinesen, -- ein harmloser Frohsinn, eine selbst -durch harte Schicksalsschläge nicht leicht zu beugende stillvergnügte -Heiterkeit ist dem Volk fast allerwegen eigen. Auch darin dürfen wir -eine Spur tellurischer Auslese erkennen. Wie die Winternacht der -Polarlande nur die unverwüstlich Fröhlichen bei sich aufnahm, so -brachte der chinesische Daseinskampf nicht nur die Faulen und Üppigen -ums Leben, nein, von den Helden des Fleißes und Darbens auch alle die, -denen ein solches Heldentum Lebensüberdruß bereitete. Und so sehen wir -eine uralt vererbte Munterkeit dem darbenden Arbeitsernst der Chinesen -wie ein versöhnender Engel zur Seite stehen. - -Allerdings hat das Streben, so zahlreiche Mitbewerber um den kärglichen -Verdienst auszustechen, auch unlautere Seiten beim Chinesen entwickelt. -Mit der von allen Kennern gerühmten Tüchtigkeit im Handels- und -Bankierfach, in Gewerbe und Landbau geht Arglist, Lug und Trug Hand in -Hand. Enges Zusammenwohnen in schlecht gelüfteten Räumen hat neben weit -verbreiteter Armut eine widerliche Gleichgültigkeit gegen Reinhaltung -von Körper und Kleidung verursacht. Das Erpichtsein auf materiellen -Verdienst im Nährstand oder in Beamtenstellung, welche letztere wieder -nur durch eifriges Studium der chinesischen Klassiker zu erzielen, ließ -höhere als im Dienst der Technik stehende Künste, wahre d. h. nach dem -inneren Zusammenhang der Dinge forschende Wissenschaft nicht aufkommen. -Die Musen und Grazien waren nie in China heimisch. - -Einseitige Größe ist die Signatur chinesischer Nationalentwicklung. Es -gab eben bisher zweierlei Kulturmenschheiten, eine mit europäischem -Kulturgepräge und eine chinesische. Die innigere Berührung zwischen -beiden wird eins der folgenschwersten Ereignisse des zwanzigsten -Jahrhunderts bilden. Die Schranke, die Europa und China trennte, -schwindet; an ihre Stelle tritt die ungeheure Brücke der ersten -pazifischen Eisenbahn der Ostfeste, der südsibirischen. Wie wird sich -die Lohnfrage stellen, wenn die gelbe Rasse auf dem Arbeitsmarkt -Europas auftritt? Welcher Umschwung wird im Welthandel eintreten, wenn -China mit seinen Steinkohlenschätzen, seinem billigen Arbeitslohn -zur Großindustrie übergeht? Harmonischer mag sich das Chinesentum -ausgestalten, manche Schattenseite seiner bisher starr selbständigen -Kultur freundlich durchlichten unter Befruchtung durch den Genius -des Abendlandes. Aber weiterdauern wird der demantne Kitt seiner -Gesellschaft, der ehrenfeste Familiensinn, weiterleben seine -nervenstarke Ausdauer in allen Klimaten und die schier unerschöpfliche -Arbeitskraft, vervielfacht durch Übernahme unserer Methoden in die -Technik seines Wirtschaftsgetriebes. Eine große Zukunft steht dieser -Nation zweifellos bevor. Denn auch von ganzen Völkern gilt das -Dichterwort: In deiner Brust steh’n deines Schicksals Sterne. - - - - -VII. - -Deutschland und sein Volk. - - -Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und -Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr -quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die -Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen -Deutschen Reichs sind seine Staaten herausgewachsen. Weil aber seit -1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon -durch seine Verfassungsurkunde der traulicher, geographischer klingende -Name „Deutschland“ als gleichbedeutender zweiter Name beigelegt wurde, -so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteils nur als -Mitteleuropa zu bezeichnen. - -Nicht die geometrische, aber die morphologische Mitte Europas ist es -ganz und gar. Jedes andere Glied des europäischen Körpers könnten wir -wegdenken, es bliebe immer noch ein verstümmeltes Europa übrig. Stoßen -wir dagegen Mitteleuropa aus dem Reigen der europäischen Länder aus, so -haben wir bloß noch peripherische Glieder ohne Zusammenhang vor uns. -Auch darin offenbart sich die Centrumsnatur Mitteleuropas, daß allein -hier die drei Hauptvölkergruppen unseres Erdteils sich berühren, die -germanische, slawische und romanische. - -Physisch-geographisch dürfen wir Mitteleuropa kennzeichnen als die -Abdachung vom westöstlich verlaufenden Hauptwall der Alpen zur Nord- -und Ostsee, als ein Gebiet, dem Europas Adelszüge, Einheit in der -Mannigfaltigkeit und Maßhalten ganz besonders zuteil geworden sind. -Alle Bodenformen vereinigen sich hier in zonenweiser Lagerung: wir -steigen von den firnbedeckten Zackenkämmen der Alpen hernieder auf -die Hochflächen des Alpenvorlands, wo die Gewässer wie in den Alpen im -Westen schon dem Rhonegebiet, im Osten dem der Donau angehören, treten -dann ein in die vielgestaltige Welt der Mittelgebirgslandschaften -mit Wasserabfluß nach allen Seiten, indessen doch zusammengehalten -durch Zubehör ihres ganzen Flußnetzes allein zur Nord- und Ostsee, -schließlich durchmessen wir das weite Tiefland mit seinen schiffbaren -Strömen, unter denen der aus Gletscherwassern sich entspinnende Rhein -der einzige ist, der alle vier Zonenstreifen miteinander verklammert, -dem Westen Mitteleuropas eine ungleich bessere Verknüpfung spendend, -als sie dem Osten nachgerühmt werden kann, wo außer der schmalen -Elbpforte kein Strom Bresche gelegt hat in den Gebirgszug vom -Fichtelgebirge bis zu den Karpaten, die Donau aber den geschichtlich so -verhängnisvoll gewordenen Weg gen Osten weist. - -Die Abstufung des Bodens in der Richtung von den Alpen zur Küste -gleicht die Temperatur von Süd und Nord aus; München z. B. hat eine -Juliwärme gleich der von Königsberg. Im allgemeinen nimmt die Wärme -wie in Europa überhaupt vielmehr von Südwest nach Nordost ab. Die -europäische Frostlinie des Januar zieht aus der Gegend der Elbmündung -im Bogenlauf quer über den Main und die süddeutsche Donau nach Bosnien. -Nur im Osten dieser Grenzscheide hat man also anhaltenden Winterfrost, -bleibende Schneedecke auch außerhalb der Gebirge. Am längsten und -meisten wird der Boden in der Südwesthälfte Mitteleuropas erwärmt; -dort finden wir neben Weizen- und Spelt- schon Maisbau; Schwalben -und Störche treffen zuerst durch die burgundische Pforte in der -oberrheinischen Tiefebene ein; an Rhein und Neckar, Mosel und Main -sehen wir unsere besten Weinlagen verteilt. In Ostpreußen verkürzt -sich dagegen die warme Jahreszeit bereits so sehr, daß die Rotbuche -wie aus dem nämlichen Grund in Rußland nicht mehr fortkommt. Glücklich -beschirmt durch das südliche Hochgebirge gegen die nordafrikanisch -heißtrockenen Sommer des Mittelmeerbeckens, wohnen wir auch den -atlantischen Hauptquellen des europäischen Regens fern genug, um nicht -eine Überfülle von Niederschlag zu empfangen wie die Westseite der -britischen Inseln, und doch auch jenen wiederum nahe genug, um frei -zu sein von der Steppendürre Südosteuropas. Mitteleuropa entrollt -uns somit auch landschaftlich wie in seinem Wirtschaftsleben echt -europäische Mannigfaltigkeit in seinen grünen Bergen und Thälern, auf -seinen ebenen Fluren voll saftiger Weiden, fruchtbarer oder wenigstens -den Bauernfleiß zur Genüge lohnender Felder, umfangreicher Laub- und -Nadelholzwaldung. An Ertrag vom Getreidebau wie von der Viehzucht wird -Europas Mittelland innerhalb unseres Erdteils allein durch Rußland -ob seiner Raumgröße übertroffen, in Wein- und Obstsegen nähert es -sich Frankreich und den sonnigen Südlanden, in seiner industriellen -Bethätigung steht es bloß noch hinter England zurück, seitdem es im -19. Jahrhundert mit immer gesteigerter Energie den Vorzug gründlicher -ausbeuten lernte, daß es bei Anteilschaft an allen geologischen -Formationen verfügt über gewaltige Rohstoffmassen an Metall, Kohlen und -Salzen; seine Küstenlinie mit trefflichen Häfen, namentlich den fast -gänzlich eisfreien Nordseehäfen, sichert ihm die Osteuropa versagten -ununterbrochenen Welthandelsbeziehungen durch Schiffahrt auf allen -Ozeanen bis zu den fernsten Erdenwinkeln. - -Als ostfränkisches Reich löste sich Mitteleuropa staatlich aus dem -Verband der Monarchie Karls des Großen heraus, die es so eng mit -Frankreich verknüpft hatte. Seine Osthälfte war freilich nach der -Völkerwanderung an die nachrückenden Slawen verloren gegangen, wurde -jedoch nachmals durch Zurückfluten des Deutschtums nach Osten zum -größten Teil wiedergewonnen. Einem losen Bund der das westliche -Mitteleuropa bewohnenden deutschen Stämme glich unser altes Reich, -da es vom Sachsenherzog Heinrich nach dem Aussterben der Karolinger -aus den ostfränkischen Trümmern organisiert ward. Es gliederte sich -durchaus ethnographisch: dem niedersächsischen Kernstamm im Norden -schlossen sich an die Thüringer und Hessen, die im Herzogtum Lothringen -vereinigten Franken des nördlichen Rhein- und des Scheldegebiets, also -die Bewohner der heutigen Rheinprovinz, Luxemburgs, Belgiens und der -Niederlande, ferner die Mainfranken samt den wesentlich fränkischen -Pfälzern, die Schwaben und die Bayern. - -Aber es ist eine bisher zu wenig beachtete Thatsache, daß die -staatliche Weiterentwicklung sich nicht im Rahmen dieser Stammesgebiete -vollzogen hat, sondern je länger je mehr hierbei Leitmotive zu -Tage traten, die dem Zusammenwohnen in physisch geschlossenen -Verkehrsprovinzen erwuchsen. Das geographische Moment erwies sich -mithin machtvoller als die Stämmegliederung. Das Stammland der Sachsen -blieb zwar bis zum territorialen Zerfall des spätmittelalterlichen -Deutschland überhaupt noch längere Zeit eine politische Einheit, -befaßte es doch bis auf den ins rheinische Schiefergebirge reichenden -Südzipfel, den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, das gut geeinte -Stück Tiefebene von Holstein bis gegen den Niederrhein. Ihm schlossen -sich die wahlverwandten ostelbischen Slawenlande zum guten Teil an, die -durch ihr Plattdeutsch noch zur Stunde die Macht der niedersächsischen -Kolonisation verkünden. Auch Hessen und Thüringen gaben in der so -ungeographischen, meist rein dynastisch bedingten Herausschälung -kleiner und kleinster Sondergebiete ihre Landeseinheit noch -einigermaßen zu erkennen. Indessen der im Bodenbau gar nicht wurzelnde -Grenzzug des lothringischen Herzogtums verschwand gar bald, auch die -Pfalz schied sich von Mainfranken, das Schwabenland zertrennte sich in -seine geographischen Elemente, die fast ausschließlich von den Bayern -besiedelten deutsch-österreichischen Lande, die darum ursprünglich -nur Marken unter der Oberhoheit des bayrischen Stammesherzogtums -ausmachten, verselbständigten sich als alpine Wohnräume dieses Stammes, -nur durch den Donaustrom verknüpft mit dem nunmehr auf das Alpenvorland -nebst den ihm durch Isar und Iller angeschlossenen Randgliedern der -nördlichen Kalkalpen beschränkten Herzogtum, dem fortan allein der -Bayernname verblieb. - -Die Entfaltung des mitteleuropäischen Staatensystems unserer Tage hat -gar nichts gemein mit der Grenzabsonderung der Teilstämme unserer -Nation. Bruchstückweise sind letztere an die fünf Staaten aufgeteilt. -In den Niederlanden, Flämisch-Belgien und Luxemburg wohnen außer den -friesischen Strandleuten Niedersachsen und Franken, in der Schweiz, -mit Romanen unter einem Dach, Schwaben, in Österreich mit Slawen in -friedloser Ehe Bayern. Nur die innerdeutschen Stämme der Thüringer -und Hessen sind dem im neuen Deutschland zusammengefaßten Hauptrest -Mitteleuropas ganz treu geblieben. Unser heutiges Deutsches Reich -ist der Inbegriff sämtlicher Stämme unserer Nation, soweit sie nicht -ausgerankt sind in die peripherisch abgegliederten mitteleuropäischen -Staaten oder hinausgezogen nach Großbritannien, Siebenbürgen, Rußland -und in transozeanische Fernen. - -Wohl haben einstmals Stammesinteressen der politischen Einung unseres -Volkes widerstrebt, als es noch keine mitteleuropäische Pentarchie gab. -Der Sachsenstamm trägt noch immer seinen Widukind im Herzen, der ihm -Freiheit und Glauben gegen den mächtigen Frankenkönig verteidigen half. -Im Süden waren es die Bayern, die besonders gern der Centralgewalt -des Reichs Widerpart leisteten, ja bis ins achtzehnte Jahrhundert -traten bayrische Sympathien mit dem stammes- und glaubensverwandten -habsburgischen Nachbarstaat so stark hervor, daß ein Anfall Bayerns an -Österreich nicht ganz ausgeschlossen schien. In letzter Stunde siegten -aber doch die realen Interessen, wie sie schon vor der Gründung des -neuen Reichs im preußischen Zollverein, 1866 in der Zollvereinigung -des norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zum Ausdruck -kam. Ganz deutlich verrät sich die Bedeutung von natürlich gegebenen -Verkehrsbezirken für Vereinheitlichung der gesamten Lebensziele ihrer -Bewohner, folglich für die allergesundeste Anbahnung staatlichen -Zusammenschlusses darin, daß die beiden großen Verkehrshälften -Mitteleuropas, die wir im antiquierten großdeutschen Sinn die -norddeutsche und die süddeutsche nennen mögen, sich abspiegeln in -der Staatengeschichte durch alle Jahrhunderte von Armins und Marbods -Tagen her. Die für die Staatenkarte der Gegenwart entscheidende -Losgliederung der Niederlande und Belgiens einerseits, der Schweiz -und Deutsch-Österreichs andererseits vollzog sich eben deshalb als -eine rein norddeutsche, bezüglich rein süddeutsche, weil es überhaupt -bei Ausbildung der Teilstaaten Mitteleuropas nie eine dauernde -Überschreitung der nord-süddeutschen Wende gegeben hat, die sich längs -der Sudeten und des Erzgebirges zur Mainquelle hinzieht, um dann -auf der Wasserscheide zwischen Main- und Wesergebiet sich dem Rhein -zu nähern, die Pfalz Süddeutschland zuzuweisen. Auch der in unserem -Reich am meisten fühlbare Gegensatz ist der zwischen der nord- und -süddeutschen Staatengruppe. - -Zum Glück ist er nicht so wesentlich verursacht durch die leise an -Rassenhaß gemahnende wechselseitige Abneigung verschieden begabter -Stämme, wie fast allgemein geglaubt wird. Zwar sind Schwaben und Bayern -fast ausnahmslos nur in Süddeutschland heimisch, Franken dagegen -wohnen vom preußischen Rheinland bis in die Pfalz, ja sie siedeln -seit mehr als tausend Jahren sowohl an der lothringischen Mosel -wie im gesegneten Mainland. Nein, der Abstand unseres Deutschtums -in Süd und Nord wurzelt wahrlich nicht in Blutsfeindschaft. Sind -doch die Germanen der Südhälfte Mitteleuropas allesamt erst aus -Norddeutschland als echte Brüder der blondhaarigen Norddeutschen -eingewandert! Mit einer Menge kleiner Absonderlichkeiten in Mundart -und Gebräuchen hat sich allerdings auch ein gewisser Antagonismus -gegen norddeutsches Wesen dort im Süden allmählich festgewurzelt; -im näheren Verkehr mit Schwaben und Bayern als mit Norddeutschen -sind auch die Mainfranken, so zweifellos sie ihrer Herkunft nach -dem norddeutschen Frankenstamm angehören, zu Süddeutschen geworden. -Aber ist es nicht ein bedeutungsvoller Zug im Leben unserer Nation, -daß am meisten längs den Ufern des Rheinstroms die Grenze süd- und -norddeutscher Volkstümlichkeit sich verwischt? Süddeutsches „le“ für -die Verkleinerungssilbe „chen“ hört man ebenso gut am norddeutschen -Rhein, „nit“ statt „nicht“ weit über Köln hinaus. Der Rhein bildet das -wertvollste Einheitsband für den Westen unseres Reichs, ja er ist -dessen eigentliches Rückgrat. Indem der Vater Rhein so leibhaftig uns -alle Tage vor Augen hält, was der Verkehr auf seinen grünen Fluten, auf -den Schienenwegen zu seinen beiden Seiten für den Austausch von Süd und -Nord leistet, erbringt er uns den besten Beweis, daß die Einheitskraft -unseres Reiches um so sicherer partikularistische Strebungen besiegen -wird, je mehr die Schranken der alten Zeit mit ihrem schläfrigen -Verkehr, meist nur im engen Bezirk, fallen, je mehr Güter- und -Personenbewegung den Gesichtskreis der Deutschen über ganz Deutschland -erweitert und sie alle begreifen lehrt, daß die Stärkung der gesamten -Reichskraft jedem, auch dem kleinsten Teil des Reichskörpers zu gute -kommt, während die Insassen eines solchen in seiner Vereinzelung höchst -ohnmächtig ihre Freiheitshymnen singen würden. - -Sein Vaterland kennen lernen ist unerläßliche Vorbedingung dafür, es -richtig zu würdigen. Es fällt indessen bei Deutschland und seinem Volk -nicht eben leicht, jene Vorbedingung zu erfüllen, da uns von Gau zu -Gau stark individuelles Gepräge aufstößt. Versuchen wir in flüchtiger -Wanderskizze zu zeigen, wie vielfach dieser reizvolle Wechsel von -Landschaft und Volkstum auf der gegenseitigen Beeinflussung beider -beruht. - -Im Allgäu an den Quellbächen der Iller und weiter östlich in den -bayrischen Alpen erhebt sich der Boden unseres Reichs wie nirgends -sonst bis über die Schneegrenze. Hier allein jagt man die Gemse, -wohnen halbnomadisch die Sennhirten in wettergebräuntem Blockhaus nur -sommersüber auf der grünen Alpmatte, die sich einschaltet zwischen die -schneebedeckten Zinnen des Hochgebirgsgrates und die tannendunkle Zone -der unteren Gehängestufe. Auch letztere wird häufig unterbrochen vom -lichteren Grün der Weideländerei, während Feldfluren ganz zurücktreten -im Landschaftsbild, beschränkt gewöhnlich auf die Thalsohle in der -Umgebung der Dorfschaften. Tiefer Naturfrieden lagert über dem Ganzen. -Rinderzucht nebst Waldwirtschaft ernährt eine spärliche Anzahl -genügsamer Menschen. Gleichviel ob Schwaben im Westen, Bayern im Osten, --- die Alpennatur drückt den Bewohnern ganz gleichartigen Stempel auf. -Gesundheit und Kraft spricht ihnen aus dem Antlitz, aus dem rüstigen -Gang selbst auf schwindelndem Pfad an jäher Felswand. Stets von Gefahr -bedroht durch übermenschliche Mächte, ist der Älpler ein aufrichtig -frommer Mensch, nur kein Kopfhänger. Das erhebende Bewußtsein des -Gelingens, der Überwindung von Gefahren ist hier mehr als anderwärts -in Deutschland mit den einfachsten Arbeiten verbunden, mit dem -Niederbringen einer Kötze Heu, dem Holzflößen, dem Botenweg. Das stimmt -zur Fröhlichkeit, die sich im Echo weckenden Juchzer und Jodler Luft -macht, genährt von der körperlichen Frische in dieser herrlichen, -Gesundheit spendenden Natur. - -Noch eine Strecke weit erfreuen uns ins nicht mehr hochgebirgige -Vorgelände hinaus, soweit es noch wesentlich von alpenhaftem Klima -beherrscht wird, die dem letzteren angepaßten Lebensformen: die -Zerstreutheit der Einzelgehöfte in noch vorwiegend für Viehhaltung -verwendeter Flur, ihr Holzbau mit dem weitvorspringenden, gegen den -Sturm steinbeschwerten Dach, unter dem auf zierlicher Holzgallerie -die vom Regen so oft benetzten Kleidungsstücke trocknen, der Tiroler -Kremphut bei beiden Geschlechtern, das Lodenwams, der kurze, das -Ausschreiten nicht hemmende Frauenrock, der feste Bergschuh. Dann aber -wird die Landschaft eben, das Klima minder niederschlagsreich, je -mehr wir uns längs den rauschenden Alpenflüssen Iller, Lech und Inn -der Donau nähern. Da wohnt ein ackerbauendes, bierbrauendes Volk in -geschlossenen Siedelungen. Inmitten ihrer Felderflur liegen ansehnliche -Dörfer mit hohen roten Ziegeldächern, und manche altberühmte Stadt -mit ehrwürdigen, hochragenden Gotteshäusern erinnert an eine große -Vergangenheit. Regensburg und Augsburg erzählen schon durch ihren -Namensklang, wie hier der Germane einst römische Städte nach seiner -Weise ausbaute. Die Blüte von Augsburg und dem münstergekrönten Ulm -wurzelte in der vormaligen Bedeutung der süddeutschen Donauhochfläche -für den Handel zwischen den Mittelmeerhäfen und dem viel früher als -Ostdeutschland kulturmächtigen rheinischen Westen. Augsburg verrät -durch den modernen Aufschwung seiner Webeindustrie den regeren Sinn für -gewerblichen Fortschritt, der die Schwaben vom Lech westwärts überhaupt -vor den behäbigeren Bayern auszeichnet. - -Über alle Städte des Alpenvorlands aber kam München empor, dieses -glänzende Zyklopenauge auf der breiten Stirnfläche unseres Südens, -das lebensvolle Verkehrscentrum dieser Ebene, die stets berufen -war zwischen Nord und Süd, Ost und West zu vermitteln, der große -Getreidemarkt für die getreidearmen Alpengaue, die erste Bierbraustadt -der Welt. - -Bloß das Donauthal über Passau hinaus verbindet die süddeutsche -Hochfläche mit Österreich, eine Vielzahl bequemer Thalwege hingegen, -die durch den Jura führen, verklammern mit dem übrigen Deutschland. -Sie führen uns ins südwestdeutsche Becken, ganz eingesponnen ins -süddeutsche Rheinsystem, mit dem Rheinstrom von Basel bis Mainz in -seiner tiefsten Rinne. Im Maingebiet wohnen die nach ihm benannten -südöstlichsten Franken. Sie haben auf dem mageren Keupersandboden -inmitten des Regnitzlandes unter dem Schutz der noch heute die -Stadt auf steilem Felsen überragenden alten Kaiserburg ihr Nürnberg -gegründet, die einzige Stadt des Reichs, die durch das erfindungsreiche -Schaffen ihrer Bürger die Blüte seiner mannigfachen, durchaus nicht -bodenständigen Gewerbe seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart bewahrt -hat. Sonst ist der Mainfranke werkthätiger im Anbau seines fruchtbaren -Triasbodens. In der Bamberger Gegend bis gegen Schweinfurt hin bilden -Hopfenberge eine Landschaftszierde, im wärmeren Unterland, so um die -alte Bischofsstadt Würzburg, Weinberge. Im lieblichen Neckarland haben -die Nachkommen schwäbischer Juthungen ihre Heimat zu einer Stätte -harmonischer Durchdringung von Anbau und Gewerbefleiß umgeschaffen. -Der Ackersegen der Felder, der glänzende Obst- und Weinertrag der -Bodenabstufung bis zu den Thalsohlen des Neckargeflechts ist es nicht -allein, was die Menschenfülle des Ländchens ernährt; überall sehen -wir das starke Flußgefälle zu industriellen Anlagen verwertet und die -Steinkohlen vom norddeutschen Rheinland auf Schienen- wie Wasserweg -heranfahren zum maschinellen Großbetrieb. - -Mehr gesondert nach den Bodenformen erweist sich Anbau und Gewerbe -auf der süddeutschen Rheinebene gegenüber ihren beiderseitigen -Einschlußgebirgen. Jene hat sich von jeher den Namen „Deutschlands -Garten“ verdient bei ihrem ertragreichen Boden, ihrem milden Klima. Bis -zur Pfalz hin hält der hier noch für Bootfahrt etwas zu ungestüme Rhein -die Uferlande im Ost und West auseinander; deshalb waren sie trotz -gleichartiger Wirtschaftsweise ihrer Bewohner staatlich immer getrennt, -erst die Pfalz vermählt auch politisch die beiden Uferseiten. - -Getrennt entfaltete sich die wie immer von so vielen -Zufälligkeiten abhängige Geschichte des Gewerbes in den schön -bewaldeten Umrahmungsgebirgen: der Schwarzwald wählte sich die -Holzschnitzerei, aus der sich dann Uhrenmanufaktur und Herstellung -von Musikinstrumenten, selbst kostbarer Orchestrien entwickelte, der -Wasgau die Baumwollweberei, deren Hauptsitz jedoch Mülhausen blieb, -wo das Vorbild der Textilindustrie der Schweiz, der Mülhausen früher -angehörte, noch heute nachwirkt. - -Die von Saarbrücken und Aachen bis nach Sachsen und Oberschlesien -verbreiteten Steinkohlenlager bewirkten es aber, daß die moderne -Großindustrie Deutschlands doch eine ganz vorwiegend norddeutsche -wurde. Süddeutschland ist auch hierin dem Norden nur dort mehr -angeglichen, wo der Kohlenbezug aus dem norddeutschen Rheinbezirk, -zumal aus dem für den Wasservertrieb so günstig gelegenen -Ruhrkohlenbecken nicht zu teuer ist. Darum sind im südwestdeutschen -Becken so jugendliche Städte wie Mannheim, Ludwigshafen norddeutsch -rasch gewachsen, Landstädtchen des Donaugebiets wie Straubing oder -Amberg in der Oberpfalz dörflich klein geblieben. - -Krupps weltberühmte Gußstahlwerke in Essen holen sich ihr Eisen aus -Nähe und Ferne, selbst aus Spanien, jedoch durch ihren Kohlenbedarf -sind sie an die Ruhrgegend gefesselt; verschlingen doch die Kruppschen -Maschinenöfen jährlich 1¼ Millionen Tonnen Steinkohle. Älterer -Bedeutung für gewerbliche Anregung der Bewohner unseres rheinischen -Schiefergebirges sind allerdings die Erzvorkommen gewesen. Die -Schwertfegerei von Solingen ist so alt wie die Bleicherei und Weberei -an der Wupper, aus der jene gewaltige Industrie der Doppelstadt -Elberfeld-Barmen mit dreimal Hunderttausend Einwohnern hervorging. -Überhaupt haben die drei Faktoren, Kohlenreichtum, großer Vorrat -an Eisen-, Zink- und Bleierz nebst angeerbter Neigung des Volks zu -gewerblichem Verdienst, dort am Nordsaum des Schiefergebirges und ins -bergisch-märkische Land hinein an der Hand der Großindustrie die größte -Massenverdichtung der Deutschen gezeitigt. - -Das gefeiertste Stück des Rheinthals von Bonn aufwärts bis Bingen -entrollt uns das lebensvolle Bild der verjüngten Schaffensthätigkeit -unseres Volkes auf fast allen Gebieten. Eng aneinander reihen sich um -den verkehrsreichen Strom die schiefergedeckten Städte und Dörfer, -letztere oft nur in einer einzigen Häuserzeile eingeklemmt zwischen -dem grünen Rhein und den nicht hohen, aber steilen Felsen seines -gewundenen Thales, deren düsteres Grau von Rebengrün und stellenweise -von Eichenwald verhüllt wird. Alles atmet Frohsinn und fortschreitenden -Wohlstand; hier und da schaut noch ein römischer Wachtturm ins frisch -pulsierende Leben der Gegenwart, neben Bergruinen aus dem Mittelalter -grüßen vornehme Landsitze, schmucke Schlösser von den Höhen. Es -ist das rechte Heim des weinfröhlichen Franken, der hier seit zwei -Jahrtausenden haust und seinerseits dieser gottgesegneten Thalung -den Stempel seiner energischen Schaffenslust aufgeprägt hat. Doch -dieselben Rheinfranken wohnen doch auch auf den plattigen Flächen -zur Seite von Rhein, Mosel und Lahn; indessen wie zurückgeblieben, -wie weltabgeschieden und arm, wo der naßkalte Fels- oder Thonboden -der Eifel, des Hunsrücks, des Westerwalds, über den der Nordwest -Regenschauer und Schneewehen treibt, die Aussaat so kümmerlich lohnt! - -Ostwärts folgt das hessische Bergland, das seit alters ein fleißiges, -tapferes Bauernvolk ernährt, ohne Steinkohlen- und Erzschätze im -grellen Gegensatz zum Rheinland bis ins 13. Jahrhundert völlig der -Städte entbehrte, auf seinen anmutigen, aussichtsreichen Basaltkuppen, -wie dem Petersberg bei Fulda, der Milseburg, dem Kreuzberg der Rhön, -aber alte Andachtsstätten besitzt zum Beleg des nur scheinbar barocken -Satzes „Basalt macht fromm“. - -Wo in den noch weiter östlichen Gliedern unseres Mittelgebirgsraumes, -dem thüringischen, dem sächsischen, dem schlesischen, für den Ackerbau -gut geeigneter Niederungsboden rauheren Höhen benachbart liegt, da -meldet meistens schon das Fichtengrün der letzteren und die falbe -Flur mit den langgezogenen Rechtecken der Äcker zu ihren Füßen, wie -die Bodenerhebung die Beschäftigung der Menschen regelt. Besonders -schön aber kann man eben dort bei den Bergbewohnern die Wahrheit des -Satzes kennen lernen: „Not ist die Mutter der Künste!“ Läge da fetteres -Erdreich, das die Waldrodung zum Feldbau lohnte, und wäre der Winter -dort nicht zu lang und zu rauh, so würden die armen Leute auf dem Harz, -dem Erzgebirge nicht so emsig in den lichtlosen Erdenschoß eingedrungen -sein, um mit Lebensgefahr Metalladern anzuschlagen in immer höher -gesteigerter Kunst, wodurch diese Gebirge zu Musterschulen des Berg- -und Hüttenwesens für die ganze Welt geworden sind; es würde ebenso -wenig jene großartige Fülle hausgewerblicher Industriezweige erwachsen -sein, die Kunst der Glasfabrikation eine so hohe Vervollkommnung -erreicht haben wie es der Fall ist vom Thüringerwald bis in die -Waldgründe der Sudeten. Die Regel, daß die Volkszahl nach den höheren -Gebirgsstufen sich mindert, ist durch den Bienenfleiß und die mit -Kunstsinn gepaarte hochgradige Geschicklichkeit dieser Gebirgsbewohner -mehrfach ins Gegenteil verkehrt worden. So leben die Erzgebirgler -auf der fast keine Feldfrucht neben der Kartoffel tragenden Kammhöhe -ihres Gebirges in dichteren Scharen, volkreicheren Dörfern als -unten die Bauern auf dem fruchtbaren Löß des ebenen Vorlandes an -der Pleiße, Mulde und Elbe. Ihre Vorfahren kamen als Bergleute auf -die luftigen Höhen; als dann die Erzschätze allzubald versiegten, -blieben die Nachgeborenen mit leidenschaftlicher Heimatsliebe auf der -armen Gneisscholle, suchten und fanden Verdienst durch Schnitzerei, -Tischlerei, Spitzenklöppeln und Feinstickerei, so daß sie mit fast -chinesischer Anspruchslosigkeit bei Kartoffelkost und Blümchenkaffee -ein zahlreiches, auskömmlich lebendes, sangeslustig fröhliches Völkchen -wurden. - -Großartiger freilich offenbart uns zu guterletzt das norddeutsche -Tiefland den Sieg unserer Nation über eine von Haus aus kargende Natur. -Wie hat es der Deutsche verstanden, selbst dem dürftigsten Diluvialsand -in steigenden Mengen Nahrungsmittel abzugewinnen, sogar in den Mooren -sich ein sauber wohnliches Obdach, ja Wohlstand zu schaffen. Eben -bei der harten Arbeit, die sich Jahr um Jahr erneuert, wenn hier der -Landmann sich und den Seinen das Dasein fristen will, ist der harte -Menschenschlag groß geworden, der in Treue und Tüchtigkeit, Ausdauer -und Kraft den Kern des preußischen Staates ausgestalten, mithin -die Grundlage unseres Reiches legen half. Die Wegsamkeit der Ebene -schon als solcher, die Schiffbarkeit ihrer Ströme, die Zwischenlage -zwischen den Gebirgen mit ihren der Niederung versagten Kohlen und -Metallen auf der einen, dem Meer auf der andern Seite erzeugte eine -Entfaltung von Handel und Industrie, die im Zeitalter des Dampfer- -und Eisenbahnverkehrs eine vordem ungeahnte Höhe erklomm. „Arbeit -schafft Wohlstand und Macht“, das lehrt uns das Emporkommen gerade -dieses Nordens unseres Vaterlandes aus den früheren ärmlichen Zuständen -besonders vernehmlich. Dem Wirtschaftsfortschritt dieses Raumes vor -allem, gar nicht bloß der politischen Vorrangstellung Preußens ist -es beizumessen, daß das Schwergewicht des neudeutschen Reiches im -Nordosten liegt. Bis tief ins Mittelalter koncentrierte sich das -geistige Leben, das Aufblühen größerer Gemeinwesen hauptsächlich auf -den Südwesten Deutschlands. Nunmehr ist die Pflege von Kunst und -Wissenschaft bis in unsere östlichsten Grenzmarken vorgedrungen, und -große wie mittlere Städte sind über unser ganzes Tiefland verteilt. -Sie ordnen sich namentlich in drei Reihen. Eine verfolgen wir von -Aachen über Leipzig bis ins Vorland der Sudeten; sie hält sich in der -Nähe des Gebirgsfußes, wo der Boden der Niederung thonhaltiger, deshalb -fruchtbarer ist, und nutzt den Marktvorteil aus, wie er sich überall -darbietet durch den Erzeugungsgegensatz zwischen Gebirge und Ebene. -Eine zweite fällt in die große mittlere Verkehrsaxe, die zugleich -ein Stück der gesamteuropäischen von Paris über Moskau ausmacht: sie -besteht vorzugsweise aus Brückenorten wie das steinalte, doch ewig -jugendfrische Köln, Hannover, Magdeburg, das natürliche Hauptcentrum -des Verkehrs der Nordostniederung Berlin, ferner Frankfurt a. O., -Posen. Die dritte befaßt die Küstenstädte, die erst durch den Kaiser -Wilhelm-Kanal an einen einheitlichen, rein deutschen Schiffahrtsweg -gelangten. Sie waren zum guten Teil schon zur Hansezeit Deutschlands -Stolz als Organe seines Überseehandels nach England, Skandinavien, -Rußland. Bei vorzugsweiser Richtung dieses Seeverkehrs über das -baltische Meer mußte Lübeck das Venedig des Hansebundes werden. Nun -schaut unser weltumspannend gewordener Handel naturgemäß zumeist gen -Nordwest, wo in der innersten Nische des einzigen Weltmeergolfes mit -deutschem Küstenanteil das deutsche London durch seine thatkräftige -Bürgerschaft zum ersten Handelshafen des europäischen Festlandes -entwickelt ward. Was wäre Deutschland ohne Hamburg! Aber wir dürfen -hinzufügen: Was wäre Hamburg ohne Deutschland mit seiner riesenhaften -Arbeitsleistung, mit seinem machtvollen Reichsschutz! - -Wir Deutsche im Reich gehören eben zusammen nicht bloß durch uralte -oder erst auf diesem Boden geknüpfte Verwandtschaftsbande und eine -mehr denn tausendjährige gemeinsame Geschichte, nein vor allem durch -unser Vaterland. Das haben wir zu Nutz und Frommen friedlichen -Schaffens gemeinsam zu schirmen durch unser starkes Heer, und an der -allertreusten unserer Grenzen, an der Küste, durch unsere endlich -erlangte, der Kauffahrerflotte unter schwarz-weiß-roter Flagge auf -allen Meeren der Welt als Schild dienende herrliche Kriegsflotte. -Aber dies Vaterland fordert nicht bloß unser einmütiges Zusammenhalten -als die nötige Schutzfeste unseres Daseins. Es heischt auch unsere -Dankbarkeit. Ihm danken wir über alle kleinen Stammessonderungen -hinaus die ernste Zucht zu Arbeit, Sparsamkeit und guter Sitte, den -gemeinsamen Pulsschlag eines treuen Herzens. - - - - -Aus Natur und Geisteswelt. - -Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen -Gebieten des Wissens. - -12 monatlich erscheinende Bändchen - -von 130-160 Seiten in farbigem Umschlag zu je 1 Mark, geschmackvoll -gebunden zu je 1 Mark 25 Pf. - -Geschmackvolle Einbanddecken werden zum Preise von 20 Pf. geliefert. - -Jedes Bändchen ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich. - - Die Verlagsbuchhandlung sah sich infolge der erhöhten - Herstellungskosten leider genötigt, den Preis für das Bändchen - um den geringfügigen Betrag von 10 Pfennig zu erhöhen. Sie wird - dafür, wie es bei den letzten Bändchen bereits geschehen ist, die - Ausstattung durch Abbildungen reicher gestalten und so den Wert - der Bändchen, der schon in ihrer inhaltlichen Vortrefflichkeit - begründet ist, womöglich noch weiter zu erhöhen suchen. - -Die Sammlung will dem immer größer werdenden Bedürfnis nach -+bildender+, +zugleich belehrender+ und +unterhaltender+ Lektüre -entgegenkommen. Sie bietet daher in einzelnen in sich abgeschlossenen -Bändchen in sorgsamer Auswahl Darstellungen kleinerer wichtiger Gebiete -aus allen Zweigen des Wissens und damit eine Lektüre, die auf =wirklich -allgemeines Interesse= rechnen kann. - -Eine erschöpfende allgemeinverständliche Behandlung des Stoffes soll -auf wissenschaftlicher Grundlage ruhen, die die Mitwirkung angesehener -und bewährter Fachmänner gewährleistet. So wird eine =Lektüre= geboten, -die =wirkliche Befriedigung= und =dauernden Nutzen= verspricht. - -Wie der +Inhalt+, so soll auch in jeder Weise den Zweck der Sammlung -erreichen helfen die trotz des +billigen Preises sorgfältigste -Ausstattung+: die in +bester Ausführung beigegebenen Abbildungen+, der -mit +trefflicher Zeichnung versehene Umschlag+, der +geschmackvolle -Einband+. - - -Es erschienen bereits: - - =Acht Vorträge aus der Gesundheitslehre.= Von Prof. ~Dr.~ +H. - Buchner+. Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. - _M._ 1.25. - -Unterrichtet in klarer und überaus fesselnder Darstellung über alle -wichtigen Fragen der Hygiene. - - - =Soziale Bewegungen und Theorien bis zur modernen - Arbeiterbewegung.= Von +G. Maier+. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. - _M._ 1.25. - -Will auf historischem Wege in die Wirtschaftslehre einführen, den Sinn -für soziale Fragen wecken und klären. - - - =Bau und Leben des Tieres.= Von ~Dr.~ +W. Haacke+. Mit zahlreichen - Abbildungen im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25. - -Vermag zu einem besseren Verständnis unserer Umgebung, unserer Freunde -in Haus und Hof, in Feld und Wald zu führen. - - - =Schrift- und Buchwesen in alter und neuer Zeit.= Von Prof. ~Dr.~ - +O. Weise+. Reich illustr. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ - 1.25. - -Verfolgt durch mehr als vier Jahrtausende Schrift-, Brief- und -Zeitungswesen, Buchhandel und Bibliotheken. - - - =Palästina und seine Geschichte.= Sechs volkstümliche Vorträge - von Prof. ~Dr.~ +von Soden+. Mit zwei Karten und einem Plan von - Jerusalem. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Ein Bild nicht nur des Landes selbst, sondern auch alles dessen, was -aus ihm hervor- oder über es hingegangen ist im Laufe der Jahrhunderte. - - - =Luft, Wasser, Licht und Wärme.= Acht Vorträge aus der - Experimental-Chemie. Von Prof. ~Dr.~ +R. Blochmann+. Mit 103 - Abbildungen im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Führt unter besonderer Berücksichtigung der alltäglichen Erscheinungen -des praktischen Lebens in das Verständnis der chemischen Erscheinungen -ein. - - - =Deutsche Baukunst im Mittelalter.= Von Prof. ~Dr.~ +A. Matthaei+. - Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25. - -Will mit der Darstellung der Entwicklung der deutschen Baukunst des -Mittelalters zugleich über das Wesen der Baukunst als Kunst aufklären. - - - =Das deutsche Volkslied.= Über Wesen und Werden des deutschen - Volksgesanges. Von Privatdozent ~Dr.~ +J. W. Bruinier+. Geh. _M._ - 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Einer der wichtigsten Erscheinungen deutschen Volkslebens gewidmet, -nicht zu steifer akademischer Erörterung, sondern zu herzlich warmer -Schilderung. - - =Neuere Fortschritte auf dem Gebiete der Elektrizität.= Von Prof. - ~Dr.~ +Richarz+. Mit 94 Abbildungen im Text. Geh. _M._ 1.--, - geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Behandelt leicht verständlich, zugleich aber für jeden Fachmann -interessant, die neuesten vielbesprochenen Fortschritte auf -elektrischem Gebiete. - - - =Unsere wichtigsten Kulturpflanzen.= Von Privatdozent ~Dr.~ - +Giesenhagen+ in München. Mit zahlreichen Abbildungen im Text. Geh. - _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Vermittelt durch die Schilderung der wichtigsten Kultur der -Getreidepflanzen zugleich in anschaulicher Form allgemeine botanische -Kenntnisse. - - - =Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschichtlichen - Entwicklung.= Von ~Dr.~ +Ed. Otto+. Mit 27 Abbildungen auf 8 - Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Eine Darstellung der historischen Entwicklung und der -kulturgeschichtlichen Bedeutung des deutschen Handwerks von den -ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. - - - =Das Theater.= Von Privatdozent ~Dr.~ +Borinski+ in München. - Mit 8 Bildnissen großer dramatischer Dichter. Geh. _M._ 1.--, - geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Läßt bei der Vorführung der dramatischen Gattungen die dramatischen -Muster der Völker und Zeiten thunlichst selbst reden. - - - =Die Leibesübungen und ihre Bedeutung für die Gesundheit.= Von - Prof. ~Dr.~ +R. Zander+. Mit 19 Abbildungen im Text und auf 2 - Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Will darüber aufklären, weshalb und unter welchen Umständen die -Leibesübungen segensreich wirken, indem es ihr Wesen, andererseits die -in Betracht kommenden Organe bespricht. - - - =Verkehrsentwicklung in Deutschland. 1800-1900.= Sechs - volkstümliche Vorträge über Deutschlands Eisenbahnen und - Binnenwasserstraßen, ihre Entwicklung und Verwaltung, sowie ihre - Bedeutung für die heutige Volkswirtschaft von Prof. ~Dr.~ +Walther - Lotz+. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Erörtert nach einer Geschichte des Eisenbahnwesens insbesondere -Tarifwesen, Binnenwasserstraßen und Wirkungen der modernen -Verkehrsmittel. - - - =Die deutschen Volksstämme und Landschaften.= Von Prof. ~Dr.~ +O. - Weise+. Mit 26 Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ - 1.25. - -Schildert, durch eine gute Auswahl von Städte-, Landschafts- und -anderen Bildern unterstützt, die Eigenart der deutschen Gaue und Stämme. - - - =Ernährung und Volksnahrungsmittel.= Sechs Vorträge gehalten von - Prof. ~Dr.~ +Johannes Frentzel+. Mit 6 Abbildungen im Text und 2 - Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Behandelt die Ernährungslehre, den Verdauungsapparat und die -Zubereitung der Nahrungsmittel, die einzeln ausführliche Besprechung -erfahren. - - - =Aufgaben und Ziele des Menschenlebens.= Von ~Dr.~ +J. Unold+ in - München. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Beantwortet die Frage: Giebt es keine bindenden Regeln des menschlichen -Handelns? in zuversichtlich bejahender, zugleich wohlbegründeter Weise. - - - =Der Kampf zwischen Mensch und Tier.= Von Prof. ~Dr.~ +Karl - Eckstein+. Mit 31 Abbild. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. - _M._ 1.25. - -Der hohe wirtschaftliche Bedeutung beanspruchende Kampf erhält eine -eingehende, ebenso interessante wie lehrreiche Darstellung. - - - =Am sausenden Webstuhl der Zeit.= Übersicht der Wirkungen - der Entwicklung der Naturwissenschaften u. der Technik. Von - +Launhardt+, Geh. Reg.-Rat, Prof. a. d. Techn. Hochschule zu - Hannover. Mit vielen Abbild. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. - _M._ 1.25. - -Heute, wo wir in den +Naturwissenschaften und der Technik+ einen alle -vergangenen Zeiten weit überragenden Standpunkt einnehmen, ist +ein -Rückblick auf ihre Entwicklung+, wie sie das vorliegende Bändchen in -geistreichen Ausführungen giebt, gewiß vielen willkommen. Indem er sie -den Weltwundern der Alten gegenüberstellt, weiß der Verfasser treffend -das Wesen +der Wunder unserer Zeit+ klar zu stellen. Vorbereitet -durch naturwissenschaftliche Entdeckungen, die +die Sinne verschärfen -und vervollkommnen+, haben diese Erfindungen unsere +Herrschaft über -den Raum+ in ungeahnter Weise ausgebreitet, die modernen Schußwaffen -wie die Fernrohre, die Eisenbahnen, die Dampfschiffe und die -Luftschiffe. Eine eingehende Darstellung erfährt insbesondere +die -Entwicklung des Eisenbahnwesens+. Im letzten der Vorträge werden die -meistens zu entgegengesetzten Erscheinungen führenden +Wirkungen der -Verkehrsvervollkommnung+ dargestellt. - - - =Das Eisenhüttenwesen= erläutert in acht Vorträgen von Prof. ~Dr.~ - +H. Wedding+. Mit 12 Figuren im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll - geb. _M._ 1.25. - -Das Eisen ist das +unentbehrlichste Metall+, ohne dessen Gebrauch -das gegenwärtige Leben gebildeter Völker nicht zu denken ist. Wie -von jedem gebildeten Menschen erwartet werden darf, daß er weiß, auf -welche Weise Brot hergestellt wird, so sollte auch von jedem +eine -wenigstens allgemeine Kenntnis der Vorgänge vorausgesetzt werden -dürfen, vermittelst derer Eisen erzeugt und in seine Gebrauchsformen -gebracht wird+. Das ist der Gegenstand der Eisenhüttenkunde. -In den vorliegenden acht Vorträgen wird das Eisenhüttenwesen in -gemeinfaßlicher Weise von einem der bedeutendsten Fachmänner erörtert. - - - =Die ständischen und sozialen Kämpfe in der römischen Republik.= - Von +Leo Bloch+. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25. - -Es giebt schwerlich einen gleich interessanten und gleich -bedeutungsvollen Vorgang in der Weltgeschichte wie die +Entwicklung -der römischen Weltmacht+. +Die sozialen Erscheinungen, die inneren+ -Kämpfe der Stände, unter denen sich die Entwicklung vollzieht und die -in erster Linie +agrarischen+ Charakter tragen, haben aber für uns -heute besonderes Interesse, und so ist eine -- von allem philologischen -Detail absehende gemeinverständliche Darstellung dieser Kämpfe -wohlberechtigt, wie sie das vorliegende Bändchen giebt. - - - =Einführung in die Theorie und den Bau der neueren - Wärmekraftmaschinen.= Von Ingenieur +Richard Vater+. Mit - zahlreichen Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25. - -Das Verständnis der immer wichtiger werdenden +neueren -Wärmekraftmaschinen, das heißt der Gas-, Petroleum- und -Benzinmaschinen+, will dies Bändchen einem weiteren Kreise zugänglich -machen, sowohl dem Nichtfachmanne, wie demjenigen, der mit geringerer -Vorbildung in engere oder losere Berührung mit den Maschinen gelangte, -Interesse und Verständnis für die Sache erwecken. Der Zweck des -Bändchens ist somit nicht ein rein technischer, sondern zugleich -ein allgemein bildender. Nach einer Gegenüberstellung der +älteren+ -und +neueren Wärmekraftmaschinen+ wird zunächst die +Gasmaschine+ -behandelt, dann die +Petroleum- und Benzinmaschinen+; zum Schlusse wird -auf die neueste Wärmekraftmaschine, auf die +Maschine von Diesel+, -etwas näher eingegangen. - - - =Das Licht und die Farben.= Sechs Vorträge, gehalten im - Volkshochschulverein München. Von Professor ~Dr.~ +L. Graetz+. Mit - 113 Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Die Vorträge gehen von den im Druck durch die Abbildungen ersetzten -+wichtigsten optischen Erscheinungen+ aus, aus denen sie die -+Gesetze des Lichtes+ herauszuziehen und dadurch, schrittweise -vom Einfacheren zum Komplizierteren fortschreitend, immer tiefer in -das Wesen des Lichtes einzudringen suchen. Ausgehend zunächst von den -einfachsten Erscheinungen der scheinbar +geradlinigen Ausbreitung, -Zurückwerfung und Brechung des Lichtes+ wird dann das +Wesen der -Farben+ behandelt. Die Frage nach der Natur der Seifenblasenfarben -leitet zur Einführung in die +Wellennatur des Lichtes+. Danach -wendet sich die Darstellung der +Photographie+ zu. Die letzte -Vorlesung endlich macht die +Einsichten in die Natur des Lichtes -präziser+, indem sie das Licht als eine spezielle elektrische -Erscheinung anschließt an das große Gebiet der +Elektrizität+. - - - =Der Bau des Weltalls.= Von Prof. ~Dr.~ +J. Scheiner+. Mit - zahlreichen Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25. - -Dieses Bändchen beabsichtigt, in allgemeinverständlicher Darstellung -in das Hauptproblem der Astronomie, das auf lebhaftestes Interesse -bei einem jeden Menschen rechnen darf, +die Erkenntnis des Weltalls+, -einzuführen. Das erste Kapitel ist der Aufgabe gewidmet, den Leser -an die +wirklichen Verhältnisse von Raum und Zeit im Weltall+ zu -gewöhnen, ihm hierüber eine klare Anschauung zu ermöglichen, die -unbedingt zum Verständnis des Ganzen erforderlich ist. Das zweite -Kapitel lehrt, wie +das Weltall von der Erde aus erscheint+; die drei -folgenden Kapitel sind dem +inneren Bau des Weltalls+ gewidmet, d. h. -in ihnen ist die Struktur der +selbständigen Himmelskörper+ mit Hilfe -der Spektralanalyse auseinandergesetzt. Das letzte Kapitel giebt als -Schlußstein eine Lösung der Frage über die +äußere Konstitution+ der -Fixsternwelt. - - - =Die Metalle.= Von Prof. ~Dr.~ +K. Scheid+. Reich illustriert. Geh. - _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Das Bändchen will, ohne daß irgend welche Kenntnisse der Chemie -und Gesteinkunde vorausgesetzt werden, eine Erklärung geben, wie -die +Metalle in der Erde+ sich als Erze abgelagert haben mögen und -wie die Erze sich in +das reine Metall+ umwandeln lassen; wie die -Metalle auf den +Hüttenwerken+ dargestellt werden, ist unter Beigabe -von Abbildungen erklärt. In den letzten Abschnitten werden sodann -die Metalle hinsichtlich ihrer +Eigenschaften verglichen+ und das -+Allgemeine über Darstellung und Verarbeitung+ zusammenfassend erklärt. - - - =Meeresforschung und Meeresleben.= Von ~Dr.~ +Janson+. Geh. _M._ - 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25. - -Gerade jetzt, zu einer Zeit, wo unser deutsches Volk seine Blicke -weit hinaus in die Ferne richtet, erschien eine den Absichten der -Sammlung entsprechend im engsten Rahmen gehaltene Zusammenfassung der -hauptsächlichen Erfolge und der zunächst ins Auge genommenen Ziele -der +modernen systematischen Meeresuntersuchung+. -- Einer kurzen -Darstellung der +Entwicklungsgeschichte+ der modernen Meeresforschung -und ihrer Ziele folgt eine Betrachtung der +Verteilung von Wasser -und Land+ auf der Erde, der +Tiefen des Meeres+, der +Erhebungen+ -seines Bodens und der ihn bedeckenden +Ablagerungen+. Daran -schließt sich eine Behandlung der physikalischen und chemischen -Verhältnisse des +Meerwassers+ an. Den Schluß bildet eine kurze -Beschreibung der +wichtigsten Organismen des Meeres+, der Pflanzen -und Tiere, der Werkzeuge und Methoden ihres +Fanges+ und ihrer -+Anpassungserscheinungen+ an die so eigenartigen Lebensverhältnisse der -Ozeane. - - - =Die moderne Heilwissenschaft.= Wesen und Grenzen des ärztlichen - Wissens. Von ~Dr.~ +E. Biernacki+. Deutsch von ~Dr.~ +S. Ebel+, - Badearzt in Gräfenberg. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25. - -Die Abhandlung bezweckt, in den Inhalt des ärztlichen Wissens -und Könnens von einem allgemeineren Standpunkte aus einzuführen. -Sie behandelt die +geschichtliche Entwicklung der medizinischen -Grundbegriffe, die Leistungsfähigkeit und die Fortschritte der -modernen Heilkunst, die Beziehungen zwischen der Diagnose und der -Behandlung der Krankheit, sowie die Grenzen der modernen Diagnostik in -allgemein verständlicher Weise+. Eine ausführliche Besprechung erfährt -insbesondere auch das kulturgeschichtlich so interessante +medizinische -Sektenwesen+ (Homöopathie, Volksmedizin u. Naturheilkunde u. s. w.). - - - =Das Zeitalter der Entdeckungen.= Von Prof. ~Dr.~ +S. Günther+ in - München. Mit einer Weltkarte. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. - _M._ 1.25. - -Wenig Zeitalter dürfen heute, wo kühne Forschungsreisen unsere -Teilnahme und Bewunderung immer aufs neue erwecken, wir immer -lebhafteren Anteil an der Nutzbarmachung neuer Entdeckungen nehmen, -wohl in weiteren Kreisen auf so lebhaftes Interesse rechnen, wie das -Entdeckungszeitalter. Von einer +Übersicht über den geographischen -Wissensstand des Altertums und Mittelalters+ ausgehend, behandelt -der Verfasser dann das Entdeckungszeitalter im engeren Sinne, von -dem Auftreten +Heinrichs des Seefahrers+, des ersten zielbewußten -Organisators der Entdeckungsarbeit, bis zu den Bestrebungen der -germanischen Völker, um Asien oder Amerika herum einen neuen +Seeweg -nach Indien+ zu finden; die Auffindung des Weges um das +Kap der guten -Hoffnung+ und die Begründung der +portugiesischen Kolonialherrschaft+ -in Asien, sodann die Fahrten des +Columbus+, die Erdumsegelung -von +Magalhaẽs+, die Entdeckungen und Eroberungen der +Spanier in -Süd-, Mittel- und Nordamerika+ und endlich das Hervortreten der -+französischen, britischen und holländischen Seefahrer+. - - - =Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit.= Von Bauinspektor - +Curt Merckel+. Mit zahlr. Abbild. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll - geb. _M._ 1.25. - -Die „Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit“ dürfen heute auf ein -weites Interesse rechnen. Das vorliegende Bändchen führt eine Reihe -von +hervorragenden Ingenieurbauten aus dem Gebiete des Verkehrs+ -vor; die +Gebirgsbahnen+, die +Bergbahnen+, die +transkaspische und -transsibirische Eisenbahn+, sowie die +chinesischen Eisenbahnen+ -gelangen zur Besprechung; die Vorläufer der Gebirgsbahnen, die -bedeutenden +Gebirgsstraßen der Schweiz und Tirols+, anderseits -die großen in +Asien+ bereits entstandenen oder in der Ausführung -begriffenen und projektierten +Eisenbahnverbindungen+ werden eingehend -geschildert, endlich in kurzen Zügen die +modernen Kanal- und -Hafenbauten+ mit den bereits zur Ausführung gekommenen Neuerungen oder -den im Entwicklungsstadium befindlichen Umgestaltungen behandelt. - - - =Die fünf Sinne des Menschen.= Von ~Dr.~ +Jos. Clem. Kreibig+ in - Wien. Mit 29 Abbild. im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. - _M._ 1.25. - -Der Verfasser sucht die Fragen über die +Bedeutung, Anzahl, Benennung -und Leistungen der Sinne+ in gemeinfaßlicher Weise zu beantworten. Nach -einer kurzen allgemeinen Charakteristik des einzelnen Sinnesgebietes -bringt er zunächst +das Organ und seine Funktionsweise+, dann die +als -Reiz wirkenden äußeren Ursachen+ und zuletzt den +Inhalt, die Stärke, -das räumliche und zeitliche Merkmal der Empfindungen+ zur Besprechung. -Am ausführlichsten behandelt er den +Gehör- und Gesichtssinn+, -insbesondere die Gebiete der +Töne und Farben+. Überall verwertet er -maßvoll und selbständig die +neuesten Ergebnisse der Wissenschaft+. - - -=Weitere Bändchen befinden sich in Vorbereitung.= - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Mensch und Erde, by Alfred Kirchhoff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCH UND ERDE *** - -***** This file should be named 61101-0.txt or 61101-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/1/0/61101/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Ungewöhnliche -und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original -unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.</p> - -<p class="p0">Im Original finden sich Teile der Buchwerbung für die -Reihe ‚Aus Natur und Geisteswelt‘ sowohl am Anfang als auch am Ende des -Buches. In der vorliegenden Fassung wurden vom Bearbeiter beide Teile -vereinigt und an das <a href="#Aus_Natur_und_Geisteswelt">Ende des Texts</a> gestellt.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center break-before"><b>Aus Natur und Geisteswelt.</b></p> - -<p class="center"><b>Sammlung</b></p> - -<p class="center"><b>wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen -aus allen Gebieten des Wissens.</b></p> - -<p class="center">31. Bändchen.</p> - -<hr class="doppel" /> - -<h1><b>Mensch und Erde.</b></h1> - -<hr class="r10" /> - -<p class="s4 center">Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden.</p> - -<p class="center mtop2 mbot2">Von</p> - -<p class="s3 center"><b>Alfred Kirchhoff.</b></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="mtop2 mbot2 w6em" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s4 center"><span class="mleft0_2">L</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">p</span><span class="mleft0_2">z</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">g</span>,<br /> - -<span class="s5">Druck und Verlag von B. G. Teubner.</span><br /> - -1901.</p> - -<p class="center padtop5 break-before">Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, -vorbehalten.</p> - -<p class="s1 center padtop3 break-before">Otto Jonassohn</p> - -<p class="s4 center mtop1">in treuer Freundschaft</p> - -<p class="s4 center mtop1">gewidmet.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2> - -</div> - -<p>Vorliegende Skizzen waren ursprünglich gar nicht für den Druck -bestimmt. Ich hatte sie vielmehr als Unterlagen zu Vorträgen vor einem -weiteren Hörerkreis ausgearbeitet. Einer der Vorträge, gehalten im März -d. J. am Institut für Meereskunde zu Berlin, ist bereits in Hettners -Geographischer Zeitschrift veröffentlicht worden; alle übrigen wurden -im Auftrag des Hamburger Senats im Oktober 1899 vor der Hamburger -Bürgerschaft gehalten und erscheinen hier zum erstenmal im Druck.</p> - -<p>Indem ich nun, um mehrseitigen Wünschen nachzukommen, diese -anspruchslosen Skizzen der Öffentlichkeit übergebe, kann ich ihnen -nur den einen Wunsch mit auf den Weg geben, daß sie ebenso freundlich -teilnehmende Leser finden mögen wie sie sich aufmerksamer Hörer zu -erfreuen hatten.</p> - -<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Halle a. S.</em>, im Juli 1901.</p> - -<p class="s4 right mright2"><b>Der Verfasser.</b></p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5" colspan="2"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">I.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="hang1_5">Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die - Kulturverbreitung und die tellurische Auslese seitens der einzelnen - Länder</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#I_Das_Antlitz_der_Erde">1</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">II.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="hang1_5">Das Meer im Leben der Völker</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#II_Das_Meer_im_Leben_der_Voelker">15</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">III.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="hang1_5">Steppen- und Wüstenvölker</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#III_Steppen_und_Wuestenvoelker">33</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">IV.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="hang1_5">Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#IV_Der_Mensch_als_Schoepfer_der_Kulturlandschaft">55</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">V.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="hang1_5">Geographische Motive in der Entwicklung der - Nationen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#V_Geographische_Motive">73</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">VI.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="hang1_5">China und die Chinesen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#VI_China_und_die_Chinesen">95</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">VII.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="hang1_5">Deutschland und sein Volk</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#VII_Deutschland_und_sein_Volk">111</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="I_Das_Antlitz_der_Erde">I.<br /> - -Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die Kulturverbreitung und -die tellurische Auslese seitens der einzelnen Länder.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> - -<p>Schon aus dem griechischen Altertum erklingt der Streit über die -Vormacht zwischen Erde und Menschheit. Die neuere Erdkunde hat ihn -unparteiisch geschlichtet. Plato, zufolge der idealistischen Richtung -seiner gesamten Weltanschauung in dieser Streitsache entschieden -Parteimann, fällt das Urteil: Nicht das Land hat sein Volk zu eigen, -sondern das Volk sein Land. Gründlichere Betrachtung enthüllt uns -jedoch überall ein stetes Wechselverhältnis von Land und Volk, -Menschheit und Erde. So gewiß die Menschheit zu keiner Zeit in allen -ihren Zuständen, in allen ihren Thaten unmittelbar abhängig war von -der Mutter Erde, so vermag sie sich doch nie und nimmermehr aus deren -Banden zu lösen.</p> - -<p>Und wer könnte heutzutage bezweifeln, daß die Gewalt unseres Planeten -über unser Geschlecht größer sei als diejenige des letzteren über -jenen? Wohl trifft gegenwärtig mehr denn je der Sophokleische -Triumphgesang zu: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“, indessen -doch nur im Vergleich mit den übrigen Geschöpfen, unter denen er sich -kraft seiner Geistesentfaltung die Oberhand gewann. Mit den niedersten -Organismen des Tier- wie Pflanzenreiches teilt der Mensch so zu -sagen die Rangliste im Weltall: er ist ein Geschöpf, eine Geburt des -Erdplaneten. Er bleibt wie alle die anderen Lebewesen dieses kleinen -Weltkörpers an bestimmte Oberflächenteile desselben gekettet; schon -in mäßiger Tiefe unter unseren Sohlen läßt uns die Gluthitze des -Erdinneren nicht leben, und selbst vorübergehend als Luftschiffer -vermag der Mensch nur wenige Kilometer ins Luftmeer sich zu erheben, -weil ihn furchtbare Kälte nebst Sauerstoffmangel aus den ätherischen -Höhen zurückscheucht. Ja, dies räumlich so eingeschränkte Dasein der<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> -Menschen auf Erden ist nicht einmal von Ewigkeit zu Ewigkeit; nein, es -fügt sich auch zeitlich in enge Schranken, wie sie von der Erdnatur -bestimmt werden. Wie gern träumen wir davon, die Erde sei nur für uns -erschaffen! Aber wir wissen doch jetzt, daß der Erdball einstmals -Millionen von Jahren durch den Weltenraum in kreisähnlichen Bahnen -dahinsauste, ohne irgend welches organische Leben zu beherbergen; -endlich, nachdem sich seine Lavaschmelzglut durch Ausstrahlung gekühlt, -der Ozean aus der Atmosphäre auf die nun erstarrte Steinkugel des -Erdpanzers niedergeregnet war, tauchten Geschöpfe auf, als Spätling -auch der Mensch. Indessen er wird gleich allen Mitgeschöpfen sein Leben -nur so lange fristen, als die unentbehrlichsten Lebensbedingungen -nicht versiegen, vor allem das nötige Maß von Wärme und das Wasser. -Seit kurzem erst kennen wir die gänzliche Unbeständigkeit jeglicher -Ortstemperatur; wir wissen, daß in größeren Zeiträumen Eiszeiten mit -wärmeren Perioden wechseln und das polare Eis schon einmal z. B. den -nordamerikanischen Boden bis in süditalienische Breiten gänzlich -überzog. Wie, wenn diese Wärmeschwankungen dereinst das Eis des Nord- -und Südpols im äquatorialen Gürtel sich zur Vernichtung alles Lebens -zusammenschließen lassen? Oder wie, wenn schon vorher die Erkaltung -des Erdinneren das Wasser, jetzt noch untief im Untergrund durch -Dampfspannung gehalten, daß es Quellen bilden, Meeresbecken füllen -kann, in den Abgrund des Erdinneren versinkt, wie auf solche Weise -offenbar der Mond, als kleinere Kugel rascher erkaltet, das Wasser -von seiner Oberfläche verloren hat? In dem einen Fall ist eisige -Polarlandschaft, im anderen fahle Wüste der Schauplatz des Hinsterbens -der letzten unseres Geschlechts. Aber, als sei gar nichts verändert, -wird dann die Erde gleichwie vormals weiterrollen in ihrer Bahn ohne -Leben, ohne Menschenherzen.</p> - -<p>In dieser flüchtigen Phase des Menschendaseins auf Erden nun spendet -uns der irdische Wohnraum Nahrung, Wohnung, Kleidung und giebt -unserem Thun die Richtung. Schon darum, weil alle jene Darbietungen -nicht ins Unge<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>messene wachsen können, ist das Grundmaß aller -Menschenleistung, die Gesamtzahl der Menschheit, an die Flächengröße -des Landraums der Erdaußenseite notwendig gebunden. Und wie viel der -Menschheitsschicksale läßt sich aus der Verteilung, aus der Bauweise -der Landmasse herauslesen, was man mit Eduard Sueß’ geflügeltem Wort -„das Antlitz der Erde“ zu nennen pflegt! In drei großen Weltinseln -ragt das Festland aus dem alles umspannenden Ozean, als Ostfeste, -Westfeste und Australkontinent. Auf darwinistischer Grundlage beruht -die gesicherte Einsicht, daß die weitaus größte der drei Weltinseln, -die unsrige, als Ursprungsstätte des Menschen betrachtet werden muß. -In so entlegener Urzeit jedoch, allem Anschein nach vor Ausbildung -der artikulierten Sprache, ist der Mensch nach den beiden anderen -Erdfesten hinübergezogen, daß im Lauf ungezählter Jahrtausende nach -dem Gesetz des Variierens organischer Formen zumal beim Ausschluß der -Vermischung mit der unveränderten Form drei Hauptgruppen von Völkern -und von Sprachen sich herausbildeten nach Maßgabe des Küstenzugs der -drei Weltinseln. Was man auch beibringen mag von vermeintlichen Zügen -näherer Verwandtschaft zwischen den Mongolen Asiens und den Indianern, -zwischen den Negern Afrikas und den Australiern, jedenfalls befaßte -Amerika bis 1492, Australien bis 1788 eine körperlich, noch weit mehr -sprachlich und sittenkundlich geschlossene Sondergruppe der Menschheit -im Gegensatz zur Ostfeste, deren Größe und vielfache Trennung durch -Meere, Wüsten, gewaltige Bodenerhebungen zwar gleichfalls zur -Dissoziierung der ursprünglich völlig gleichartigen Menschheit in -Völker, ja in Rassen führte, nur ohne diese hermetisch voneinander -abzusondern.</p> - -<p>Vornehmlich kulturell ist die Trennung in die drei Erdfesten aufs -schärfste umgeprägt worden auf die Menschheit. Einzig unsere Ostfeste -erfand die Kunst der Tierzüchtung behufs Melkerei und entdeckte das -Geheimnis, das nützlichste aller Metalle, das Eisen, aus seinen Erzen -darzustellen. Dermaßen wirkungsreich erwies sich der Verschluß der -Festen durch das Meer, bis der Wagemut europäischer Schiffahrt die -fliegenden<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> Brücken über alle Ozeane schlug, daß nicht einmal über die -Beringsenge Eisenverhüttung oder Züchten von Melktieren aus Nordasien -in die neue Welt eindrang. So hoch die Gesittung der Altamerikaner in -Mejiko und Peru gediehen, nie hat man dort Stahl und Eisen gekannt vor -Hinkunft der Spanier; und dasselbe Renntier, das von Lappland bis nach -Ostsibirien seit alters gemolken wurde, haben Eskimo wie Indianer immer -nur gejagt.</p> - -<p>Der nördlichen Halbkugel gehört das meiste Land, darum war sie von -jeher die hauptsächlichste Heimstätte der Menschheit. Besonders -umfangreich ist ihr Anteil an dem gemäßigten Erdgürtel, dieser -glücklichen Zone, in der des Menschen Leibes- und Willenskraft -gestählt wird, ohne wie im arktischen Raum aufzugehen im Kampf gegen -die Unbilden der polaren Natur; nach Süden pflegen die Erdteile in -zipfelförmige Halbinseln oder in kompakte Keilgestalten auszulaufen, -so daß nur verschmälerte Teile von Südafrika und Südamerika in die -südliche gemäßigte Zone tiefer hineinragen. Somit kann sich unsere -Erdhälfte des Doppelvorzugs rühmen, zugleich die meisten und die -thatkräftigsten Bewohner zu besitzen. Auch in Südamerika rafft sich -zur Zeit der an Chile und Argentinien aufgeteilte außertropische -Süden zu kraftvollerer Haltung auf. Wie viel gewaltiger jedoch stehen -in wirtschaftlicher, staatlicher, geistiger Größe innerhalb des -Nordgürtels menschlicher Schaffungskraft Europa, China, Japan, die -Vereinigten Staaten!</p> - -<p>Wüsten und Polarlande werden ihre Bewohner nie zu höheren -Verdichtungsgraden gelangen lassen. Zwischengelagert zwischen Landen -fruchtbareren Klimas bilden wüsten- oder steppenhafte Trockenräume -dauernde Schranken für Kulturausbreitung und Völkermischung, weil -sie den Verkehr nur von Oase zu Oase, im günstigsten Fall längs -eines Flußlaufs, immer also bloß auf beschränkten Linien zulassen. -So hielt die Sahara durch die Jahrtausende unsere Rasse von der -Negerrasse getrennt, bildete mit der arabischen Wüste zusammen die nie -überschrittene Äquatorialgrenze des Römerreichs. Der centralasiatische -Trocken<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span>raum, dessen Unwegsamkeit durch den massigen Hochlandcharakter, -durch die höchsten Gebirge noch wesentlich gesteigert wird, sperrte -von jeher die indische Welt ab von der sibirischen, die chinesische -von der des Abendlandes. Umgekehrt begrüßen wir in schiffbaren Strömen -wertvolle Leitlinien der Erschließung und Gesittung der Länder. In -wenigen Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts drangen die Europäer auf dem -Orinoko, dem Amazonenstrom, dem Parana ins Herz von Südamerika ein; -Jahrtausende hingegen währte es, bis man in Afrika mit seinen von -Stromschnellen verriegelten Flußstraßen ebenso weit kam. Nicht voll -vierzig Jahre brauchte die kleine Kosakenschar, Sibirien für den Zaren -zu erobern, indem sie die feine wurzelartige Stromverflechtung im -Süden des Landes benutzte, um die unermeßlichen Nadelholzwälder bis -zum ochotskischen Busen zu durchmessen; und genau längs diesen Strömen -hat danach die russische Kolonisation sich ostwärts vorgeschoben, den -nur von zwei Meereslücken unterbrochenen Ring der Europäisierung des -Nordens unserer Erde bei Wladiwostok schließend.</p> - -<p>Das Gesicht der Erde zeigt weit größere Verschiedenartigkeit als das -des Mondes. Neben den eintönigen Flächen Afrikas, vollends Australiens -erblicken wir scharfe Ländergliederung, vor allem im breiten Norden der -Ostfeste; gröbere auf weiterem Raum in Asien, feinere, gleichsam in -Miniatur gearbeitet, in Europa. Daher stammen die großen Gegensätze von -asiatischen Völkerindividualitäten, zu denen die beiden Riesenvölker -der Erde, das Vorderindiens und das Chinas gehören, neben der -reizvollen Vielheit europäischer Nationen in so viel engeren Grenzen. -Dem Umriß nach nichts als eine größere, vom Uralgebirge aus westwärts -vorgestreckte Halbinsel Asiens, bekam dies Europa eben dadurch das -Gepräge eines selbständigen Erdteils, daß es in seiner unvergleichlich -zierlichen Ausgliederung, seiner Fülle von Meerbusen und Sunden, seiner -teilweisen Auflösung zu Halbinseln sowie Inseln, seiner Durchzogenheit -mit Gebirgen, die den Halbinseln stärkeren Abschluß gegenüber dem Rumpf -verleihen und auch diesen wieder in sich zergliedern, ein ganzes System -von Ländern vorstellt. Dieses System euro<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>päischer Länder deckt sich -mit dem der Hauptvölker Europas. Auch das bestimmt einen gleichartigen -Charakterzug zwischen beiden, daß die Einheit in der Mannigfaltigkeit -künstlerisch gewahrt blieb. So viel gleichmäßiger Bodennatur, Klima, -Pflanzen- und Tierwelt das kleine Europa einigen im Gegensatz zu Asien, -so viel winzigere Meeresspiegel sich in seine Zackengestalt einfügen, -so viel leichter überschreitbare Gebirge die Lande scheiden, so giebt -es auch eine gesamteuropäische Kultur, keine gesamtasiatische.</p> - -<p>Daß so oft Wohnflächen von Völkern mit natürlich geschlossenen -Landräumen zusammenfallen, ist ein wissenschaftlich noch wenig -untersuchtes Problem. Nur Stumpfsinn kann es für selbstverständlich -erachten, in Portugal lauter Portugiesen zu finden, aber auch nur -dort echte Portugiesen, in der Apenninenhalbinsel bloß Italiener, -in Frankreich bloß Franzosen, auf den britischen Inseln wesentlich -nur Briten. Das alles sind doch nicht von Urbeginn her gegebene, -sondern geschichtlich gewordene Thatsachen. Rein geschichtliche -Zufälligkeiten sind es indessen auch nicht gewesen, die in Gestalt -von Völkerwanderungen, Eroberungen, Staatsschöpfungen jene Länder mit -ihrem Volk erfüllten. Dazu half die Ländernatur selbst mit, teils -durch die Bestimmtheit ihrer Grenzumhegung, teils durch gewisse -Beeinflussung der in diesem Grenzgehege dauernd Angesiedelten. Es giebt -Wahlverwandtschaften zwischen dem Volk und seiner Heimat. Sie können -sich natürlich erst an Ort und Stelle entfaltet haben, und gleichwohl -greifen sie so tief ins Wesen der Volkstümlichkeit ein, daß wir sie gar -nicht mehr vom Volksgenius zu trennen vermögen. Das Russenvolk wäre uns -z. B. undenkbar auf englischem Boden, das britische auf russischem. -Der russische Bauer, der seit unvordenklichen Zeiten sich an das in -Sommerhitze und Winterkälte schwankende Klima Osteuropas, ohne es zu -wissen, immer von neuem angepaßt, indem er sich in seinem Dampfbad -krebsrot erhitzt und danach unbekleidet in arg durchkältetem Schnee -wälzt, ist ein natursinniges Kind der centralrussischen Waldung; bei -lange Jahrhunderte hindurch einsamem Weilen in kleinen Walddörfern<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> -wurde er Zimmermann, Wagner, Kunstschnitzer in einer Person, gewann -Geschicklichkeit auch für allerlei anderes Handwerk, da er meist für -allen Bedarf allein zu sorgen hatte, und ward im endlos erscheinenden -Raum abenteuerlustiger Wanderer; im Winter nutzte er Frost und -Schnee, selbst pfadlose Moräste zu Fuß oder im Schlitten weithin zu -durchziehen, im Sommer war er wagehalsiger Flößer und Flußschiffer, -nur das Meer kannte er von Haus aus gar nicht. So wurde er der rechte -Festlandkolonist, dessen praktischer Sinn sich nach Maßgabe der -Ausdehnung des Zarenreichs bis ans japanische Meer an immer größeren -Aufgaben erfolgreich bethätigte. Wie anders der Brite, dem auf seiner -für Weltschiffahrt wie geschaffenen Insel der Seemannsberuf nun im Blut -steckt und der jene von diesem Beruf großgezogenen Charaktervorzüge -scharfen Ausspähens, zäher Ausdauer, mutigen Unternehmungsgeistes -einsetzte zur Begründung seiner Seemacht, seiner durch alle Erdteile -verzweigten Handels- und Kolonialstellung!</p> - -<p>In einigen Fällen läßt sich schon heute der Nachweis erbringen, wie -die Landesnatur eine förmliche Musterung unter den Einzüglern hält, -um nur den für sie Geeigneten das Bürgerrecht zu erteilen. Eine -solche „tellurische Auslese“, wie ich es nennen möchte, scheint mir -vorzuliegen in der höchst merkwürdigen Beobachtung, daß der größte -Brustumfang, also die umfangreichste Ausbildung der Lunge, allein -diejenigen Völker auszeichnet, die die drei höchsten Hochländer -bewohnen: Tibet, Mejiko und Hochperu. Beim Verweilen in größeren -Seehöhen muß der Mensch naturgemäß mehr Luft einatmen, weil dort die -dünnere Atmosphäre in gleichen Raumteilen weniger Sauerstoff enthält -als auf niedrigeren Höhenstufen. Selbst auf deutschen Mittelgebirgen -ist daher das Atmen der Bewohner tiefer als bei denjenigen am -Gebirgsfuß, wie die betreffenden Messungen der Stellungspflichtigen -ergeben. Der Mensch vermag sich auch bei plötzlichem Versetztwerden -auf Bergeshöhen außer durch tiefere durch häufigere Atemzüge, als -Begleiterscheinungen rascheren Blutumtriebes, unbewußt dem Höhenklima -anzuschmiegen; so bemerkte der französische Natur<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>forscher Vallot, -als er sein Montblanc-Observatorium bezogen hatte, bereits nach -wenigen Tagen an sich eine größere Zahl von Pulsschlägen in der -Minute als er vorher in Genf gezählt. Daß es sich nun aber bei den -in Rede stehenden drei Hochlandvölkern nicht um eine durch bloße -Atmungsgymnastik erzielte Lungenvergrößerung handelt, das lehrt der -anatomische Befund: ihre Lungenflügel bestehen aus einer größeren -Anzahl von obendrein umfänglicheren Lungenbläschen. Welche andere -Deutung also wäre für diesen anziehenden Kongruenzfall von Hochlage -des Wohnraums und abnormer Brustweite zu ersinnen als „tellurische -Auslese“? Verscheucht durch Bedränger oder etwa als streifende Jäger -auf jene tibetanischen, bezüglich amerikanischen Höhen gelangt, waren -die Vorfahren von deren heutigen Bewohnern nur dann ohne Beschwerde zum -Fortleben in der sauerstoffarmen Luft befähigt, wenn der glückliche -Zufall es fügte, daß ihnen der erwähnte reichere Ausbau der Lunge eigen -war. Solchen allein mochte Gesundheit und längeres Leben beschieden -sein; von ihnen werden die Nachkommen den Vorzug geerbt haben, und von -Geschlecht zu Geschlecht wird sodann fortgesetzt natürliche Auslese die -entscheidend bedeutungsvolle Eigenart der Lunge stetig erhalten haben. -Diese Erklärungsweise hat neuerdings eine gewissermaßen experimentelle -Bestätigung erfahren. Als nämlich im Osten von Hochperu, wo der -Amazonas bereits im Tiefland strömt, Goldwäschen am Stromufer eröffnet -wurden, lockte der gute Verdienst auch die breitbrüstigen Aimara, -Nachkommen der alten Inkaperuaner, von ihren alpinen Höhen dorthin. -Bald jedoch erlagen sie dem Klima: die Niederungsluft war ihnen zu -dicht. Nur einige wenige Aimarafamilien erhielten sich am Leben, ja -sie arbeiteten schon in der zweiten Generation auf den Goldwäschen, -als der englische Arzt <span class="antiqua">Dr.</span> Forbes sie besuchte. Und was fand -er? Aimaras von durchweg schmalerem Brustbau, deren Lungen mithin kein -Übermaß von Sauerstoff zur Verarbeitung aufgebürdet bekamen! Man sieht -demnach: tellurische Auslese hatte sich sofort ans Werk gemacht, die -nicht in den neuen Wohnraum Passenden unerbittlich ausgemerzt, hingegen -die zufällig<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> von der Stammart Abweichenden, für diese Örtlichkeit -Lebensfähigen in züchterische Pflege genommen.</p> - -<p>Westindien liefert uns ein anderes Beispiel solcher von der Landesnatur -geübten Auslese. Dem auf dieser herrlichen Inselflur beständig -umschleichenden gelben Fieber erliegen die Eingebornen viel weniger -als Neuankömmlinge. Wie haben nun jene ihre größere Widerstandskraft -gegen das schlimme Krankheitsgift erworben, da sie doch alle, Weiße wie -Neger, von Voreltern stammen, die gar nicht hier zu Hause, sondern im -Lauf der letztvergangenen 400 Jahre eingewandert waren? Das Geheimnis -entschleiert sich, sobald wir den unter unseren Augen noch gleichmäßig -andauernden Auslesevorgang beobachten. Die Erfahrung nämlich lehrt, daß -Zuwanderer aus Klimaten mit strengerer Winterkälte dem Gelbfiebermiasma -Westindiens schlechter widerstehen; es wählt sich somit dieser -Archipel einen größeren Prozentsatz von afrikanischen Negern aus -dem Einzüglerangebot als von Europäern, innerhalb letzterer wieder -einen größeren von Südeuropäern als von Franzosen, einen größeren -von Franzosen als von Deutschen oder gar Osteuropäern; die übrigen -werden den Friedhöfen überlassen. Gemäß der auch unter Angehörigen -derselben Nation vorhandenen individuell verschieden hohen Immunität -gegen das gefährliche Fieber werden z. B. selbst Andalusier in Kuba -oder Portoriko von ihm befallen, jedoch sie kommen leichter durch -als solche aus Gegenden mit Schneewinter, und bei allen Neulingen -auf westindischem Boden bestätigt es sich, daß jede Periode einer -heftigeren Gelbfieberepidemie den Organismus gegen das Miasma immer -besser feit, selbst wenn er vom innerlichen Kampf seiner Säfte gegen -dieses nichts verspürte, also gar nicht aufs Krankenlager gestreckt -wurde. Ganz analog stehen ja auch in den Burenstaaten Südafrikas -diejenigen Pferde, die ausnahmsweise das jährlich wiederkehrende -„Pferdesterben“ überstanden haben, als sogenannte „gesalzene“ d. h. -nun immun gewordene viel höher im Preis, obwohl sie gleichzeitig mit -dem sieghaften Kampf gegen jenes tückische Leiden ein eigentümlich -blödes Wesen annehmen. Auch von uns pflegt ja gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> Masern- und -Scharlachinfektion sich widerstandskräftiger zu bewähren, wer die -Masern- oder Scharlachansteckung schon einmal siegreich überstand. Die -Europäer haben indessen ihre stärkere Festigkeit gegen diese unter -Naturvölkern bei der leisesten Ansteckung so gräßlich verheerend -auftretenden Krankheitsgifte gleichfalls erst errungen und behaupten -sie nur durch unerbittliche Ausmerzung der Untüchtigen. Bei uns, -den Hartgesottenen, merkt man diesen fort und fort anhaltenden -Ausleseakt bloß an etwas erhöhter Kindersterblichkeit während einer -Scharlach- oder Masernepidemie; grausig dagegen offenbart sich der -nämliche Vorgang, wenn er ein erstes Mal einsetzt in einem vorher -von dem Miasma noch unberührt gewesenen Volk. So raffte unmittelbar -nach Besitzergreifung der Fidschi-Inseln seitens der Engländer 1874 -Ansteckung durch ein so mäßiges Maserngift, daß es die übertragenden -Briten an sich selbst gar nicht merkten, nicht weniger als 60000 der -braunen Insulaner dahin, Alt und Jung.</p> - -<p>Der hohe Norden Amerikas hat in den Eskimo ein wahres Idealvolk von -Anpassung an die harten Lebensbedingungen der Arktis groß gezogen. Kein -Schwächling wurde an den kärglich mit Speise beschickten Tisch der -Eskimolande zugelassen. In Kleidungs- und Wohnweise erklügelte sekulare -Erfahrung ein unübertreffliches System von Gegenwehr gegen eine so -häufig bis unter den Quecksilberfrostpunkt erniedrigte Temperatur; -die Dänen, die sich an Grönlands Westküste häuslich niedergelassen -haben, können dort ihr Dasein nur fristen, indem sie sich genau so -wie die Eingebornen in eng anschließende Pelzkleidung hüllen mit -der ruhenden Luftschicht zwischen Pelz und Oberhaut als trefflichem -Warmhalter nach dem Prinzip der Doppelfenster. Ausschließlich an der -Seeküste zu wohnen gestattet dem Eskimo seine Heimat, weil nur hier -auch im Winter Seehunde zu erlegen sind. Robbenschlag, weiß der Eskimo, -ist für ihn das alleinige Mittel, durch alle Jahreszeiten hindurch -sich zu beköstigen. Wie bei uns der junge Jurist zumeist erst sein -Assessorexamen bestanden haben muß, ehe er die Verlobungskarten drucken -lassen darf, so ist es darum dem Eskimojüngling<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> durchaus erst nach -dem Fang seines ersten Seehundes gestattet, seiner etwas thranigen -Geliebten die Hand zum Ehebund zu reichen.</p> - -<p>Doch welch scheinbar unbegreiflicher Gegensatz! Unter diesem -Gorgonengesicht eisiger Polarnatur mit ihrem grauenhaften Winter, -der auf Monate den belebenden Sonnenstrahl der Erde mißgönnt, — da -erfreuen sich die Eskimo habituellen Frohsinns! Eben hierin offenbart -sich uns eine psychische Naturauslese. Besonders der andauernde -Lichtmangel stimmt die Lebensgeister der Menschen herab und untergräbt -bei dem tief innerlichen Zusammenhang zwischen Leib und Seele gar -bald auch die körperliche Gesundheit. Das veranlaßte ja Julius Payer -nur aus den lustigsten Quarneroli die Mannschaft seines Tegetthoff zu -wählen, und wie viel Kurzweil mußte er trotzdem aufbieten, letztere vor -stumpfer Verzweiflung zu retten, als das Schiff, vom Eis gepackt, ziel- -und willenlos in die anscheinend ewige Polarnacht hinaustrieb! So geht -denn unser Schluß kurz dahin: nur ganz besonders mit Gemütsheiterkeit -begnadete Menschen blieben bei gelegentlichem Eindringen in jene -nördlichsten Breiten, wie sie allein die Westfeste erreicht, am Leben; -gemäß der bekannten Erblichkeit gerade auch der Temperamentsstimmung -vererbten sie diese durch nichts zu beugende Fröhlichkeit auf fernere -Geschlechter, denen dies kostbare Gut, obschon bloß in wenigen -Tausenden von Herzen, dadurch behütet bleibt, daß jedem zufällig zu -Trübsinn Ausartenden von der Natur das Todesurteil gesprochen wird.</p> - -<p>Eine andere beneidenswerte Charaktertugend dieser „Letzten Menschen“ -gen Norden, ihre Friedfertigkeit, wurde erst recht ersichtlich -tellurisch gezüchtet. Denn ohne Feuerungsstoff zu besitzen mußten sich -die Eskimo durch Abgabe der eigenen Körperwärme vor dem Erfrieren unter -ihrem Obdach wechselseitig bewahren. Der wenn auch deshalb eng und -niedrig gehaltene Innenraum ihrer Hütte ließ sich aber doch nur auf -den erforderlichen Wärmegrad bringen, wenn er durch Halbverschläge zum -Wohnen einer Vielzahl von Familien verwendet wurde. Da hieß es denn: -Vertragt euch hübsch oder erfriert! Die<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> Eskimo zogen verständig genug -das erstere vor und wurden somit trotz ihres vielmehr cholerischen als -phlegmatischen Wesens eine so verträgliche Menschenvarietät, daß sie -selbst Rechts- und Ehrenhändel satirisch-lyrisch ausfechten, indem -beide Parteien vor versammelter Gemeinde mit den unblutigen Waffen -recitativer Spottlieder aufeinander eindringen und derjenige als Sieger -aus dem Streit hervorgeht, der den lachenden Beifall der Genossen -schließlich auf seiner Seite hat.</p> - -<p>So erkennen wir beim unbefangenen Verfolgen ursächlicher Zusammenhänge -überall den Menschen, ob unmittelbar oder in weiterer Vermittlung, bis -zu seines Herzens Tiefen als echtes Kind seiner Heimat.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="II_Das_Meer_im_Leben_der_Voelker">II.<br /> - -Das Meer im Leben der Völker.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> - -<p>Die einzige absolute Großmacht auf Erden ist das Meer. Aus dem -Meeresschoß erst ist das Land geboren worden, das noch heute in -insularer Zerstückelung bloß hie und da den allumfassenden Ozean -unterbricht. Nur das Meer bildet zwischen der Lufthülle und dem -Gesteinspanzer der Erde ein Ganzes, und der Hauptsache nach ist -die Erde immer noch ein vom Ozean umwogter Planet. Auch den -geheimnisreichen Ursprung des organischen Lebens werden wir uns als -ein folgenschweres Begebnis innerhalb der Meeresflut aus jener Zeit zu -denken haben, da es noch kein Land gab und unzertrennt ein einziger -Ozean den Erdball umgab als koncentrische Hohlkugel gleich der ihn -selbst einschließenden der Atmosphäre. Ist aber die Weiterentfaltung -des irdischen Lebens einheitlich erfolgt, so entstammen selbst die -landbewohnenden Gewächs- und Tierformen bis hinan zum Menschen marinen -Verfahren.</p> - -<p>Durch äonenlange Anpassung an die Daseinsbedingungen außerhalb des -Meeres hat sich indessen eine tiefe Kluft herausgebildet zwischen -land- und meerbewohnenden Geschöpfen. Zwar Flüsse und Seen, durch ihre -Wassernatur dem Meer wahlverwandte Elemente des Landes, verwischen in -Ausnahmefällen die sonst so streng eingehaltene Grenze des ozeanischen -Faunareichs; manche Fische sind wie Aale und Lachse geradezu -Doppelwohner in Salz- wie Süßwasser, andere Seefische gewöhnen sich -allmählich an das minder salzige Gewässer der Flußmündungen, bis ihre -Nachkommen, die Stromadern hinaufschwimmend, schließlich für die Dauer -im Süßwasser verbleiben, gleichwie der kleine Keulenpolyp in jüngster -Zeit erst aus der Nordsee durch das Brackwasser der Elbmündung in die -Elbe und Saale, ja bis in den Süßen See bei Eisleben eindrang.<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Wale -gebären am Land, flugkräftige Fischräuber, so der Fregattvogel, der -Albatros bewegen sich mit ihren mächtigen Schwingen tagelang über hoher -See, Tausende von Kilometern entfernt von der Küste. Trotzdem bleibt -der Küstenzug die durchgreifendste Scheidelinie in der Verbreitung -der Lebewesen auf Erden. Und der Mensch, dessen ganze Organisation -darauf hinweist, daß seine Ahnen im Tertiäralter früchteverzehrende -Waldinsassen gewesen, war selbstverständlich von Anfang an -ausschließlicher Landbewohner. Der Küstenring der Ostfeste darf als -weitgesteckte Außenmauer des Heimatshauses der Urmenschheit gelten.</p> - -<p>Das Meer kann auf den Menschen, als er es zuerst erblickte, -nur abschreckend gewirkt haben mit seiner Ungastlichkeit, mit -den jähen Gefahren, durch die es den nährenden Mutterboden des -Festlandes bedrohte in der Gestalt von hoch aufspringender Brandung, -überschwemmenden Fluten, furchtbarem Sturmwetter. Dem weit überlegenen, -mit elementarer Gewalt andrängenden Feind gegenüber sah sich der -wehrlose Mensch zuvörderst in die Verteidigungsstellung gedrängt, zumal -an Flachküsten, wo das Steigen und Fallen des Meeresspiegels bei Flut -und Ebbe Gezeitenströmungen erzeugt, die weit über die Küstenniederung -daherfegen. Plinius hat uns ein dramatisches Bild dieses an Urzeiten -gemahnenden Kampfes mit dem Ozean vom deutschen Nordseegestade -überliefert, als dieses zur römischen Kaiserzeit des schirmenden -Deichbaus noch entbehrte. Alltäglich, berichtet Plinius, setzte der -Flutstrom dies Land der germanischen Chauken unter Wasser, daß die -Bewohner, in ihre Hütten geflüchtet, Seefahrern glichen, bis dann der -Ebbestrom einsetzte und die Leute wie Schiffbrüchige aus ihren engen -Behausungen lockte, um Fische aus dem zurückweichenden Meerwasser zu -fangen oder ausgeworfenen Seetorf vom feuchten Wattengrund aufzulesen. -Wir sehen hier den Daseinsstreit des Menschen mit dem Meer schon mit -vervollkommneten Hilfsmitteln geführt; die Chauken hatten sich bereits -auf selbst aufgeführten Hügeln, auf „Wurten“, einen festen Baugrund -für ihre Hütten geschaffen, wie noch heute die Halligleute auf den -kleinen, darum<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> uneingedeichten Marschlandinseln vor Schleswigs -Westküste solche benutzen. Es brauchte nur noch der „goldene Reif“ des -Deichwalles längs der Küste gezogen zu werden, um den amphibischen -Gürtel des Wechselspiels der Gezeiten als weide- und weizenreichen -schweren Marschboden dauernd dem deutschen Festland zu gewinnen. Man -weiß es aus der Geschichte, wie viel Segen dieser Triumph unseren -und den niederländischen Küstenbewohnern eingetragen hat, seitdem -der Friese nach dem letzten Spatenstich stolz dem in feste Schranken -zurückgewiesenen „blanken Hans“ d. h. dem Meer das Siegeswort zurief: -„Trutz nun, blank Hans!“ und es heißen durfte: <span class="antiqua">Deus mare, Batavus -litora fecit.</span> Der über den sonst so allmächtigen Gegner erzielte -Erfolg steifte den freiheitsstolzen Nacken und je unablässiger der -Deichbau gemeinsame Arbeit forderte für seine fernere Instandhaltung, -wie er nur zu gründen gewesen durch thatkräftiges, entsagungsvolles -Zusammenwirken vieler, desto zählebiger entfaltete sich hinter dieser -Festungsmauer gegen den Tyrannen Okeanos der den selbstsüchtigen -Einzelwillen bändigende ehrenfeste Gemeinschaftsgeist, der alle -staatliche Ordnung trägt, ganz ähnlich wie Jahrtausende früher hinter -den Damm- und Kanalbauten am unteren Huangho, in Babylonien oder am -ägyptischen Nil.</p> - -<p>Ungleich wichtiger jedoch erscheint jener entscheidungsvolle Schritt, -den der Mensch in entlegener Vorzeit that, als er, das Grauen vor -dem Unbekannten bezwingend, sich kühn dem feindlichen Element selbst -anvertraute, um die wogende, endlos vor ihm liegende See zu befahren -auf gebrechlichem Floß, im ausgehöhlten Baumstamm oder im roh aus -Hölzern gezimmerten Boot. Mehr als einmal mag unser Geschlecht, durch -ausgedehnte Wanderungen längst zerspalten in variierte Horden, die -einander nicht kannten, angelangt an der Küste des Meeres, diesen -gewichtigen Fortschritt vollzogen haben, der den Keim zur Herrschaft -des Menschen über die Erde in sich barg. Wo Ströme ins Meer mündeten, -konnte man den Versuch wagen, auf Flußbooten die hohe See zu erreichen, -anderwärts erzeugte der Trieb, auf dem Rücken des Meeres sich dauernder -als bloß<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> schwimmend zu bewegen, unmittelbar jene nachmals so -staunenswert hoch entwickelte Kunst des Baues wie der Führung mariner -Fahrzeuge, durch die der Mensch, unter allen Geschöpfen allein, die -Schranke der Küstenlinie nach allen Seiten und in die weitesten Fernen -zu durchbrechen vermochte.</p> - -<p>Was in aller Welt trieb ihn denn aber zu dem tollkühnen ozeanischen -Wagnis? Recht oft wohl der Hunger, dieser finstre, allgewaltige -Erzieher der Menschheit, wie uns schon die nach Fischbeute im Ebbestrom -ausspähenden Chauken ahnen lassen; oft auch mag die Flucht von einem -überlegenen feindlichen Stamm in Todesangst erfinderisch gemacht haben, -um die trügerische See als zeitweiligen Zufluchtsraum dem sicheren Ende -vorzuziehen. Schlug dann aber ein Volksstamm seinen Wohnsitz für die -Dauer am Meeresstrand auf, so vermochte zweierlei ihn zu allmählicher -Vertrautheit mit dem anfangs gefürchteten Element zu erziehen: der -Schatz des Küstenmeeres an verwertbaren Seetieren und winkende -Gegenküsten oder beides zusammen. Der Nahrungsmangel der Polarlande -hätte die Eskimo wohl nie bis gegen und über den 80. Parallelkreis -vordringen lassen; das erwirkte vielmehr allein die Nahrungsspende -des tierreichen arktischen Meeres; wesentlich der Seehundsfang war -es, der diese beherzten Polarmenschen über die eisigen Sunde Amerikas -bis in den höchsten jemals von Menschen bewohnten Norden geleitete -und sie zu so unübertrefflichen Meistern im Kajakfahren heranbildete, -daß ein geschickter, ausdauernder Eskimo die Strecke von Rügen nach -Kopenhagen im Einmannsboot an einem Tage zurücklegen könnte. Die -Kolonisation der Hellenen rückte, den Thunfischzügen entgegengehend, -vom ägäischen Meer längs dem pontischen Strand Kleinasiens vor, wie -diejenige ihrer nautischen Lehrmeister, der Phönizier, durch das -Vorkommen der für ihre Färberei unentbehrlichen Purpurschnecke an den -verschiedensten Uferstrecken des Mittelmeers beeinflußt worden war. -Wo auch außerhalb der Polarwelt das Binnenland durch Felsenwildnis, -Moor und Walddickicht den Menschen zurückscheucht, das Meer dagegen -durch Fische, Muscheltiere und Krebse eine gut beschickte Tafel ihm -aufthut, da begegnen wir<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> Völkern, die gleich Seevögeln sogar fast -ausschließlich von Seekost leben, am Land nur wohnen; so am äußersten -Südende der bewohnten Erde den Feuerländern, in dem ganz skandinavisch -von Fjorden zerschnittenen, zu Küsteninseln zerrissenen Südosten -Alaskas den Tlinkit-Indianern, die dermaßen mit ihren trefflich -gebauten schlanken Fahrzeugen verwachsen sind, daß sie nur ungern und -ungeschickt zu Fuß sich bewegen. Bei uns in Europa hat sich gleichfalls -ein ganz überwiegend der Küste angehöriges Schiffervolk aus den Dänen -herausgebildet, seitdem ein Teil derselben an Norwegens Strand unter -dem treffenden Namen der Wikinger d. h. der Fjordenleute Siedelungen -gründete zwischen einem überaus fischreichen Meer und den öden Fjelden. -Die Normannengeschichte entrollt uns dazu ein eindrucksvolles Bild, -wie kühne Seefahrer immerdar auch leicht Seeräuber wurden; als solche -verlegten die Normannen ihre Raubzüge bald vom heimischen Strand in -ferne Lande, wozu die freie Weite des Meeres den Mutigen einlud, fuhren -die ostenglischen Flüsse, die Seine, die Elbe, den Rhein hinauf, um -Köln zu brandschatzen, betraten erobernd den Boden Siziliens. Gleichwie -in den Wüsten gilt auf dem Meer der Satz, daß verführerisch reiche -Beute den Wagehals zum Überfall lockt, zumal wenn Ortskunde und ein -sicherer Bergeplatz des Raubes Erfolg verheißt. Die dalmatinische -Küste, die in der ganzen Flanke der adriatischen Schiffskurse eine -solche Fülle günstiger Ausfallsthore wie Schlupfwinkel durch ihre -versteckten Felsbuchten und engen Seegassen darbietet, war deshalb -schon im Altertum ein ständiger Sitz der Piraterie; und wenn die -illyrische Königin Teuta den Sendboten Roms auf deren Forderung, -das Raubhandwerk einzustellen, stolz erwiderte, das gehe Rom nichts -an, es sei einmal bei ihrem Volk so Brauch, hatte das eine gewisse -geographische Berechtigung. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern -erzieht auch Räubervölker.</p> - -<p>Daß Buchten- und Inselfülle der Küstenmeere die Bewohner nautisch -anregt, ist neuerdings etwas überkritisch angezweifelt worden. Hinter -den glatt verlaufenden, inselleeren Küsten des australischen und -afrikanischen Festlandes wohnten<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> die Eingeborenen seit Alters ohne -jede Fühlung mit dem Meer. Man sage doch nicht, der Neger zeige keine -Anlage zum Seemannsberuf! Wie mancher schwarze Afrikaner hat schon -wackre Matrosendienste am Bord unserer Schiffe geleistet! Der ganze -Küstenstamm der Kruneger bei Kap Palmas ist sogar dadurch weltbekannt, -daß aus ihm die besten Schiffsknechte der westafrikanischen -Kauffahrtei stammen, allerdings erst seit diese „Kruboys“ in neuerer -Zeit von vorüberfahrenden Schiffen der Europäer zu solcher Arbeit -gedungen wurden. Bedeutsam jedoch dünkt es, daß die Papelneger -Portugiesisch-Westafrikas südlich von Senegambien, dieses einzige -selbständig Schiffahrt treibende Negervolk, eben dort sich entwickelt -hat, wo der Bissagos-Archipel der Schlauchmündung des Rio Geba dicht -vorlagert. Am insel- wie halbinselarmen Küstensaum Südamerikas trafen -die europäischen Entdecker nichts als Floßfahrt, abgesehen von den -Rindenkähnen der Feuerländer; wo dagegen unfern der Orinokomündung -die westindische Inselreihe an das Festland ansetzt, hatten die -Kariben bereits seetüchtige Schiffe, die sie mit Steuerruder lenkten -und unter Baumwollsegeln dahingleiten ließen; sie waren gefürchtete -Seeräuber und hatten die Eroberung der Antillen begonnen. An der -Westseite Nordamerikas grenzte wiederum Seeunkunde der Indianerstämme -und hochgesteigerte Seetüchtigkeit genau da aneinander, wo mit der de -Fuca-Straße der Fjordencharakter der Küste anhebt. Asien wie Europa -zeigen uns erst recht die Hauptgebiete ihrer nautischen Entfaltung an -ihren am reichsten gegliederten Außenseiten. Unter den asiatischen -Seefahrervölkern von Arabien bis Japan stehen diejenigen des -umfangreichsten Tropenarchipels in der Mitte dieses Länderzugs schon -frühzeitig den übrigen insofern voran, als wir hier bei den Malaien -den Ursprung zu suchen haben für einen ausgezeichneten Bootsbau und -den Ausgangspunkt für die ungeheure Verbreitung der Malaienrasse über -die zahllosen Inseln der Südsee. Seit vorchristlichen Zeitfernen hat -diese allmählich vollzogene Völkerwanderung über den größten aller -Ozeane den nämlichen Typus des schlanken, oft mit Ausleger gegen -das Kentern geschützten Bootes mit dem scharfen<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> Kiel verbreitet, -dessen Ruderkraft durch Mattensegel verstärkt wird und das die plumpe -Walzenform des Einbaums hier nirgends hat aufkommen lassen. Erstanden -aber ist dabei die polynesische Abart der lichtbraunen Rasse, die -von allen Zweigen unseres Geschlechts am allseitigsten und tiefsten -verknüpft ist mit dem Weltmeer, im materiellen wie im geistigen -Leben bis hinan zu Dichtung und Mythus; ewig die balsamische Seeluft -atmend, früher schwimmen lernend als gehen, indem sie als Säuglinge -schon auf dem Mutterarm durch den Gischt der Brandung geführt werden, -leben diese Menschen auf ihren schmalen Koralleneilanden ein ganz -amphibisches Dasein, fast wie auf festgeankerten Schiffen in hoher See. -Blicken wir auf den indisch-arabischen Südwesten Asiens, so offenbart -uns das ewige Wechselspiel der Monsune die großartige Förderung des -Schiffsverkehrs über den indischen Ozean; weil immer zur Winterzeit -der nördlichen Erdhälfte die Segler so ständig vom Monsun nach Afrikas -Ostküste getrieben wurden, wie dann im Sommerhalbjahr wieder heimwärts -nach dem indischen oder arabischen Hafen, vollzog sich in diesem Raum -früher als irgendwo sonst ein befruchtender Völkerverkehr zwischen -zwei Erdteilen und ganz verschiedenen Rassen über landferne See. -Von ihm stammt der Armschmuck der indischen Braut aus afrikanischem -Elfenbein, die Ausdehnung des indischen Reisbaus durch arabische -Sklavenhändler bis zum Kongo, das Kisuaheli als arabisch durchsetzte -Bantunegersprache, der noch heute regen Handelsverkehr zwischen -Deutsch-Ostafrika und Bombay, das ständige Wohnen kapitalkräftiger -indischer Händler an unserer Schutzküste. Endlich welch eine glänzende -Reihe nautischer Thaten tritt uns im Wandel der Zeiten vor die Seele, -wenn wir hinüberblicken nach Griechenland, Italien, der iberischen -Halbinsel und nach den atlantischen Gestadeländern Westeuropas! Die -Mittelmeerschiffahrt ward früher erweckt, indessen die atlantische -wuchs schon im Altertum höher, denn sie hatte zu ringen mit einem -ungleich gefährlicheren Meer. Mit den soliden Keltenschiffen der -Veneter in der heutigen Bretagne aus dicken Eichenplanken mit eisernen -Ankerketten und Ledersegeln konnten<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> griechische oder römische -Kauffahrer nicht wetteifern. Die Jahrhunderte hindurch fortgesetzten -Überfahrten der Normannen in ihren großen Ruderkähnen, den schwarz -geteerten „Seerappen“, von Norwegen nach Grönland und zurück sind -mannhaftere Leistungen gewesen als die freilich geschichtlich -folgenreichere Fahrt der Kolumbus-Karavelen im ruhigeren Südmeer mit -dem Kompaß als Leiter. Den großen Vorzug der Lage am verkehrsreichsten -aller Ozeane nutzten indessen erst in der Neuzeit für Welthandel und -Gründung überseeischen Besitzes die vier mittelständigen Lande voll -aus: Frankreich, die Niederlande, England, Deutschland. Für diesen -gewaltigsten Aufschwung des Seewesens mußte vor allem erst Amerika als -weckendes Ziel den Blicken Europas entschleiert werden. Und wenn sich -sodann auch innerhalb der neuen Welt die moderne Größe von Schiffsbau -und Seeverkehr dort entfaltete, wo unendliche Waldungen prächtiges -Schiffsbauholz lieferten, namentlich aber eine feine Küstengliederung -Buchten und Sunde, bergende Flußmündungshäfen nebst weit ins Land -hinein für mäßige Seeschiffe befahrbaren Strömen darbot, also in Kanada -und im Nordosten der Vereinigten Staaten, so wird man hier ebenfalls -der ursächlichen Verknüpfung inne, die zumeist besteht zwischen -Naturbegabung der Küstenlande und seemännischer Bethätigung ihrer -Bewohner.</p> - -<p>Allerdings wäre es geistlos pseudogeographischer Fanatismus, wollte man -dieses Verhältnis wie einen naturgesetzlichen Zwang deuten. Der Mensch -ist kein willenloser Automat; er verhält sich zu Naturanregungen seiner -Heimat bald wie ein gelehriger, bald wie ein teilnahmloser Schüler. Das -Wasser des heutigen Welthafens von New-York diente einst den Indianern -bloß zum Sammeln eßbarer Muscheln; an derselben Schärenküste, die die -Norweger zu so kühnen Schiffern erzog, leben die Lappen weiter als -armselige Fischer. Die Angelsachsen vertieften sich nach der Landung -in Britannien so ganz in die Kämpfe mit den dortigen Kelten, danach in -Landbau und Viehzucht, daß sie der See völlig den Rücken zukehrten, -Alfred der Große seine Schiffe auf deutschen Werften bauen lassen -mußte. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> meisten Insulaner auf den Kykladen denken heutzutage nicht -an Seefahrt, sondern bauen Weizen, pflegen die Rebe oder weiden ihre -Ziegen. Seit die Holländer wohlhabend wurden, vernachlässigten sie -die von ihren Vorfahren im härteren Daseinskampf so viel energischer -betriebene Schiffahrt, ja in den belgischen Nachbarprovinzen -Brabant und Flandern überließ der Niederländer den auch dort recht -beträchtlichen Seeverkehr seit Alters vorzugsweise Ausländern, da -ihn auf seinem fruchtbaren Boden Ackerbau, Gewerbe, Landhandel weit -bequemer nährte.</p> - -<p>Wagt es aber der Mensch, seine Kraft zu messen mit der elementaren -Übergewalt des Meeres, erwählt er als Seemann dieses Ringen mit Sturm -und Wogenschwall sogar zu seinem Beruf, dann gilt von ihm vollauf -das Dichterwort: „Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zielen.“ -Das Seemannshandwerk stählt Muskel und Nerv, übt Sinnesschärfe, -Geistesgegenwart, steigert mit jedem neuen Triumph menschlicher -Klugheit über rohe Naturkraft den Mut überlegten, furchtlosen Handelns. -Wie scharf beobachtend späht ganz habituell das verwetterte Antlitz -unserer Matrosen unter dem Südwester in die Ferne, wie wortkarg, aber -tüchtig und thatbereit ist ihr ganzes Wesen; dem scheinbaren Phlegma -im Ruhezustand entspricht vom Augenblick der Auslösung der bisher -latent zusammengehaltenen Kraft die Energie und die erstaunliche -Ausdauer der Leistung. Wenn der Seemannsberuf wie in Norwegen oder -Großbritannien sehr weite Bevölkerungskreise umschließt, wenn er dazu -als ein Grundpfeiler der gesamten Volkswirtschaft hohe Achtung genießt -und bei geringem Abstand der Küste selbst vom innersten Binnenlandkern -allen Leuten in seiner klar ausgeprägten Eigenart vorschwebt, so -zünden die Charaktervorzüge des Seemanns auch innerhalb der nicht -seemännischen Bevölkerung durch Nachahmung. Ergreift dann, wie bei -größeren Kulturnationen so oft, im Gefolge wachsender Vertrautheit -mit dem Ozean, mit dem Erdganzen überhaupt, Seehandel, überseeische -Kolonisation immer ausgedehntere Kreise, so teilt sich gar viel von -dem frischen Unternehmungsgeist, dem Wagemut, dem durch Berührung -mit Fremden erweiterten geistigen Horizont<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> dem gesamten Volk mit. -Typisch hierfür leuchtet uns aus dem Altertum der Gegensatz auf -zwischen dem braven, jedoch engherzigen Spartaner, der, durch sein im -Ausland nicht kursfähiges Geld der Eisenstifte vom Überseeverkehr auch -künstlich abgeschrankt, zwischen den Gebirgsmauern seines Eurotasthals -konservativ fortlebte, und andrerseits dem ionischen, fortschrittlichen -Schifferstamm, den in ägäischer Seeluft gebadeten Athenern voll -fröhlichster, in schrankenlose Weite strebender Thatenlust.</p> - -<p>Der Urmensch wird das Weltmeer kaum gekannt haben; späteren -Geschlechtern war es ein Gegenstand von Furcht und Schrecken. Als man -jedoch nachmals für die Dauer an seinem Ufer wohnte, seine Schätze -ausschöpfte, seinen breiten Rücken sich dienstbar machte, um nach -Herzenslust die fernsten Küsten anzufahren, da trat man ihm näher und -näher, freilich ohne ihm jemals Sklavenfesseln anlegen zu können. Als -schöpferische Gottheit begann man es zu verehren. Die bezaubernde -Schönheit des Meeres, wenn es bei stiller Luft friedlich die Segler -dahin gleiten läßt über seinen Spiegel, aus dem des Tages freundlich -der Sonnenglanz, nachts der Sternenhimmel silbern widerscheint, oder -wenn im Gewittersturm die Wogen aufgepeitscht werden, flammende Blitze -das Düster von Seegewölk und Wasser durchzucken, — der Anprall der -Wogen gegen die Steilküste, der Kampf des Schiffes mit dem Sturm, dann -die verklärte Natur, nachdem das rasende Wetter sich verzogen, das -stets wechselnde Farbenspiel in einer Harmonie von Himmel und Wasser, -wie sie dem Land in solcher Vollkommenheit mangelt, — das alles hat -die dichterische Naturschilderung nicht bloß in Homers und Ossians -Gesängen begeistert, nein, selbst aus schlichten Stegreifliedern von -Naturvölkern des Strandes klingt das naturfrisch uns entgegen, und die -Maler aller in der Kunst höher gestiegenen Seefahrernationen haben uns -in herrlichen Bildern die Andacht des Menschen im Anblick ozeanischer -Größe verewigt.</p> - -<p>Wissen und technisches Können wurde schon dadurch beim Umgang mit -dem Meer mächtig angeregt, weil dieser zum Bau des nötigen Fahrzeugs -sowie zu dessen immer höherer Voll<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>endung hintrieb. Und wie vielseitig -wurde Wissenschaft und Technik für den Schiffsbau vollends in -Anspruch genommen, seitdem das 19. Jahrhundert die Dampfer schuf, um -selbst gegen Wind und Strömung die Ozeane zu durchkreuzen! Mittelbar -hat ferner die Sicherung der Schiffsführung eine Mehrzahl von -Wissensgebieten segensvoll beeinflußt. Noch leben auf karolinischen -Eilanden einige greise Glieder jener merkwürdigen Gilde, in der sich -genaue Kenntnis der Fixsternlage zum Sommer- und Winterhorizont für -Verwertung bei der Bootssteuerung vererbt und zugleich eine so genaue -Bekanntschaft mit der Ortslage der Inseln in weitestem Umkreis, wie sie -die zeitgenössische Geographie der Kulturvölker lange noch nicht besaß.</p> - -<p>Italienischen Nautikern danken wir die Einführung des Kompasses -in unseren Schiffsdienst auf grund der zuerst in China erkannten -Richtungskraft der Magnetnadel. Er hat nicht bloß zahllosen Tausenden -von Schiffen, denen in Nacht und Nebel kein Gestirn schimmerte, den -rechten Weg gewiesen, sondern ohne die am Kompaß durch alle Zonen -von den Schiffern gemachten Massenbeobachtungen hätte auch kein Gauß -erfolgreich am Problem des Erdmagnetismus zu arbeiten vermocht. Und -wenn schon vor Jahrhunderten die Markscheider im Klausthaler Bergwerk -ihre unterirdischen Gänge zielsicher ausbauten, beim Grubenlicht den -Kompaß befragend, so klingt selbst in diese wahrlich seeferne Arbeit -ein verhallendes kulturgeschichtliches Echo vom Wogengetümmel.</p> - -<p>Zum Größten jedoch führte das Weltmeer den Menschen hinan, indem es -ihm die einzige Möglichkeit erschloß, die Erde als Ganzes auf dem Weg -der Entschleierung des irdischen Antlitzes kennen zu lernen, durch den -Welthandel die Wirtschaft der einzelnen Völkerkreise zur Weltwirtschaft -zu verknüpfen, endlich durch dieses Mittel allseitigen Verkehrs, wie -ihn allein der alle Lande umschlingende Ozean zu schaffen vermag, die -urzeitliche Trennung der Menschenstämme nach den einzelnen Kontinenten -zu überwinden, auch eine geistige Verbindung der gesamten Menschheit -anzubahnen. Daß der Welthandel hierbei<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> die Führung übernahm, versteht -sich aus der nicht bloß bösen Macht der Gewinnsucht. Rief doch schon -Strabo aus, da er im entsetzlichen Tanz der Wellen die Seeleute ihr -Leben einsetzen sah, um die nach Rom bestimmten Waren auf hoher See -vor der schon damals zu seichten Tiber aus dem Kauffahrer in die -Leichterboote überzuladen: „Ja, die Sucht nach Erwerb besiegt alles!“ -Das Meer öffnete von jeher die freisten und, was sehr schwer wiegt, -die billigsten Wege um den Erdball. Wir werden bald aus den unfernen -Schantungwerken billigere Steinkohlen nach Tsingtau liefern, als man -von England dort feilbieten könnte; dagegen schon Mailand, geschweige -denn die italienische Küste liegt uns zu fern, um dort die englische -Kohle auszustechen, weil diese fast schon vom Förderungsplatz bis nach -Italien den Seeweg vor unserer deutschen Binnenlandkohle voraus hat. -Apfelsinen aus Italien werden in Hamburg billiger feilgeboten als in -München oder in Wien, weil die Seefracht von Sizilien nach Hamburg -nicht einmal ganz so teuer zu stehen kommt wie z. B. die Landfracht -von Hamburg nach Berlin. So wirft allerwegen der Seehandel wegen -wohlfeilster Fracht den meisten Verdienst ab; um die billige Seestraße -nicht um ein Kilometer unnütz zu verkürzen, sind ja die größten -Seehandelsplätze eben in den innersten Nischen von Meereseinschnitten -ins Land erblüht; und der Millionenverdienst des Welthandels wirft -genug ab, um die Unsummen herzuliefern, die der Schiffsbau verschlingt, -und um jene Millionengarde wackerer Schiffsbemannung zu lohnen, auf daß -sie fern der süßen Heimat harte und mit steter Lebensgefahr bedrohte -Arbeit leiste, selbst den Taifunen trotzend.</p> - -<p>„Unfruchtbar“ nannte Homer die See, und doch wie viel Güter -beschert sie den Menschen, aus eigenem, nimmer versiegenden Schatz, -mehr noch dadurch, daß sie die Schätze der ganzen Erde über ihre -spiegelnde Fläche geleitet mit denkbar geringster Beeinträchtigung -ihrer Marktfähigkeit. Über die Gestadeländer des Meeres, zumal der -am intensivsten arbeitenden gemäßigten Zonen, schauen wir einen -Abglanz dessen sich ausbreiten: die verkehrsreichsten Städte, die -dem Welthandel als<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Hafenorte dienen, Werfte, Industriestätten, die -überseeisch erzeugte Rohstoffe aus erster Hand haben wollen, um sie in -Kunstprodukte umzusetzen, vereinigen sich an den Küstenstreifen mit -einer Fülle kleinerer Siedelungen, teils auch vom Seehandel oder von -Küstenfahrt und Fischerei lebend, umgeben von meist wohlbestellten -Fluren, über denen der milde Seehauch befruchtend waltet. Der leichter -zu erringende Wohlstand ist es, was die Menschen an die Küste zieht. -Darum zeichnen sich Inseln so oft vor dem benachbarten Festland, -kleinere Inseln unter sonst gleichen Verhältnissen vor größeren -aus durch stärkere Volksverdichtung zufolge ihres relativ größeren -Küstenanteils. Wo Land und Meer einander berühren, da zeigt sich mithin -naturgemäß am offenkundigsten des Meeres Segen für die Menschheit.</p> - -<p>Werfen wir zum Schluß noch einen raschen Blick auf die Bedeutung -des Meeres für den Staat, so versteht es sich aus dem eben Gesagten -zunächst von selbst, daß jeder Staat, falls er sich der Vorteile des -Seewesens für seine Angehörigen bewußt wird, nach Ausdehnung seines -Gebiets bis zum Meer streben wird, und wäre es auch bloß um einen -so winzigen Küstenstreifen zu erwerben wie neuerdings Montenegro an -der Adria erhielt. Denn wer einen Fuß am Strande hat, kann seine -Schiffe um die ganze Erde senden. Welche Machtfülle in Seehandel, -Seeherrschaft und Kolonisation bis an die entlegensten pontischen -Gestade hat im Altertum Milet, im Mittelalter Genua von einem einzigen -Hafen aus entfaltet! Die Schweiz steht uns als einziger Wunderbau -eines Staates vor Augen, der, auf den Alpenzinnen inmitten Europas -gegründet, durch den rüstigen Industrietrieb seiner Bewohner Handel -über die ganze Welt hin treibt, ohne je eine Küsteneroberung hoffen -zu dürfen. Aber wie peinlich abhängig fühlt sich darum auch die -Schweiz für Warenabsatz nebst Warenfracht von den Zolleinrichtungen, -den Tarifsätzen der Eisenbahnen seitens der vier Großstaaten, die sie -umklammern! Rußland hingegen bietet uns das weltgeschichtlich größte -Beispiel eines ursprünglich rein binnenländischen Staates, der in -zielbewußten Vorstößen die<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Küsten seiner sämtlichen Umgebungsmeere -sich angliederte, daß nun sein Banner weht von der Ostsee bis zum -Huanghai.</p> - -<p>Aber dem Staat als solchem verleiht das Meer drei der besten, ja der -unentbehrlichsten Gaben: Unabhängigkeit, Einheit und Machtfülle. -Das Meer ist das schlechthin Unbewohnbare, betont mit Recht Ratzel, -somit die allersicherste Schutzmauer für einen Staat. Wie viel minder -gewährleistet erschiene des größten Freistaats Freiheit, hätte die -Union zum atlantischen Littoral nicht auch das pazifische errungen! -Ein allseitig meerumschlungenes Staatsgebiet wie das britische, das -japanische und nun auch Australien, der neue Weltinselstaat, kann nie -anders als punktweise, nämlich allein durch Flottenangriff berannt -werden. Frankreich erscheint durch Überwiegen der Seegrenze besser -gedeckt als Deutschland. Weil gleichfalls der friedliche Verkehr nur -stichweise zu Schiff über die Küste ins Innere eines Staates zu dringen -vermag, haben die vom Meer gebildeten Staatsgrenzen auch ethnisch -etwas schärfer Umrissenes vor den verschwommeren Landgrenzen voraus: -sie helfen besser die Vereinheitlichung nationaler Volksmischung zu -fördern und zu erhalten. Im römischen Weltreich bewährte sich umgekehrt -ein einzigesmal in der Geschichte das Mittelmeer als die von innen her -den gewaltigen Staat zusammenhaltende Kraft. Unablässig jedoch bringt -das Weltmeer von außen allen Staaten, an deren Saum es brandet, und -die seinen Weckruf verstehen, Einheit und Macht. Griechenland, die -Apenninen-Halbinsel verlegen bei ihrem gebirgigen Inneren einen guten -Teil ihres Gesamtverkehrs auf die Küstenfahrt, die Tag für Tag Bewohner -und Güter von Nord und Süd zusammenführt, die Interessengemeinschaft -steigernd und immer von neuem den Blick auch weiter lenkend auf die -hohe See jenseits des heimatlichen Strandes.</p> - -<p>Seehandel wie jede über See drängende Thätigkeit, sei das -Großindustrie, technische Bethätigung über See oder Kolonisation, führt -mehr als irgend etwas sonst zur Verflechtung einer Nation mit der -weiten Welt, schweißt aber zugleich die binnenländischen Staatsteile -aufs festeste zusammen mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> Küste, über die allein der lebendige -Austausch zwischen daheim und draußen geschehen kann, schmiedet -folglich mit den Hammerschlägen des Begreifens der Zusammengehörigkeit -die Teile zum Ganzen. Das fühlen wir Deutsche kräftiger denn jemals -in der Gegenwart. Kein Hohenstaufe kehrt mehr den deutschen Küsten -gleichgültig den Rücken, um Romzüge über die Alpen zu führen; keine -Hanse streicht mehr unmutig die Flagge, weil es ihren ruhmwürdigen -Thaten an Sicherung durch Reichsschutz gebricht. Eine wachsende -Panzerwehr unter deutscher Reichsflagge schirmt unsere Handelsschiffe -auf allen Meeren, leiht jeder redlichen Unternehmung deutscher -Reichsbürger in und außer unseren Schutzgebieten ihren schützenden Arm -bis zum fernsten Strand. So strömen, vor feindseligen Unbilden bewahrt, -die von deutscher Betriebsamkeit verdienten Güter der Welt über die -Schwelle des Meeres in alle Gaue unseres Vaterlands, steigernd den -Wohlstand unseres Volkes zu vordem nie erreichter Höhe, segensvoll -erweiternd seinen geistigen Gesichtskreis, nährend die staatliche -Macht. Auch unseres Reiches Herrlichkeit liegt stark verankert im -Weltmeer.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="III_Steppen_und_Wuestenvoelker">III.<br /> - -Steppen- und Wüstenvölker.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<p>Es wäre sehr unkritisch, jedwede Harmonie zwischen dem Wesen -eines Volkes und seiner Naturumgebung durch letztere verursacht -zu denken. Leichtgläubig pflegt man den Satz hinzunehmen, die -lachende, sonnenbestrahlte Landschaft Südeuropas habe „natürlich“ die -lachende Heiterkeit der Hellenen, der Süditaliener und Südspanier -hervorgebracht. Aber obschon die Leichtigkeit des Erwerbes des Wenigen, -was in diesem Süden zum Leben nötig ist, von dem mild subtropischen -Klima mitbedingt wird, und ein vollends etwa schon ursprünglich zu -frohsinniger Lebensanschauung geneigtes Volk unter einem solchen -Himmelsstrich dieser Neigung, unbedrückt durch materielle Sorgen, sich -hingeben, bei nur einigermaßen künstlerischer Anlage gewiß auch durch -die farbenglänzende Pracht von Himmel, Land und Meer bei holder Muße -sich zu Kunstschöpfungen anregen lassen wird, so muß uns doch schon ein -einziges klassisches Beispiel aus der neuen Welt von dem voreiligen -Schluß abschrecken, die Gemütsstimmung der Völker sei ein unmittelbares -Spiegelbild seiner Umgebung: die Nachkommen des erlauchten Kulturvolkes -der Azteken haben unter dem Azurblau des strahlenden Firmaments -von Mejiko in einer Landschaft, die bis hinan zu den herrlichen -Riesenvulkanen mit ihren Schneezinnen ungleich reizvoller ausschaut als -die Gegend am Fuß des Vesuv oder des Etna, die Schwermut bewahrt, die -ihnen wie den meisten Indianerstämmen als ein Rassenerbe auf die Stirn -geprägt ist.</p> - -<p>Schiffervölker müssen ihre Kunst einbüßen, sobald sie in wasserlose -Binnenräume versetzt werden, Temperamente dagegen können den -Ortswechsel überdauern. Zum vertrauenswürdigen Nachweis eines -ursächlichen Zusammenhangs zwischen Landes- und Volksart kann uns -erst eine vorsichtige Anwendung ver<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>gleichender Methode führen. Wir -müssen untersuchen, ob Landschaftsarten, die in möglichst scharfer -Individualisierung an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche -wiederkehren, auf Bewohner der mannigfachsten Herkunft, also -wahrscheinlich auch der mannigfaltigsten Begabung von Haus aus gleiche -oder doch ähnliche Wirkung geäußert haben. Solche scharf ausgeprägte -Eigenart der Landschaft bei günstigster Verteilung über sämtliche -Erdteile finden wir nun vor allen in den Trockengebieten, d. h. in den -nur zeitweilig, doch alljährlich benetzten Landstrichen, die wir nach -dem russischen Ausdruck <span class="antiqua">stjep</span> für Grasflur Steppen nennen, und in den -so gut wie niederschlagslosen, den Wüsten.</p> - -<p>Steppen, mehr noch Wüsten, haben zunächst dadurch das Völkerleben -immerdar mächtig beeinflußt, daß sie durch Spärlichkeit von -Trinkwasservorrat und die daher rührende Seltenheit, teilweise sogar -völlige Abwesenheit menschlicher Ansiedlungen in ihnen den Verkehr -erschwerten, deshalb ganze Völkerkreise, die von entgegengesetzten -Seiten sie berührten, dauernder auseinanderhielten als Ozeane das zu -thun pflegen. Wie lebhaft verkehren Europa und Amerika miteinander, -seitdem die Seeschiffahrt zwischen beiden die Brücke schlug, während -zwischen den afrikanischen Gestadeländern des Mittelmeers und dem -Negerland, dem Sudan, die große Wüste heute wie vor Jahrtausenden -eine Trennung bewirkt, die der schleppende Gang der Kamelkarawane -nicht aufhebt. Die antike Kultur, das römische Weltreich fand an der -Wasserarmut der Sahara wie der arabischen Wüste die von der Natur -gesetzte Äquatorialgrenze. Der mit der Sahara an Größe vergleichbare -Trockenraum Centralasiens, der freilich zugleich die allerhöchsten -Gebirge zwischen dem Süden und Norden des Erdteils aufrichtet, hat -nicht allein die indischen und die sibirischen Völker von jeder -wechselseitigen Berührung abgehalten, sondern auch in westöstlicher -Richtung, wo Bodenerhebungen viel weniger hemmten, Turan von China -geschieden, daß äußerst selten erobernde Chinesenheere zum Sir und -Amu herabstiegen; selbst das Tarimbecken Ostturkistans erscheint -in der Geschichte zumeist nur als eine lose angegliederte,<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> gern -zum Abfall neigende auswärtige Provinz des chinesischen Reiches. -Kaliforniens Küste lag infolge der Quellenarmut des „fernen Westens“ -dem Osten der Vereinigten Staaten bis zur Eröffnung der ersten -pazifischen Eisenbahn so fern, als gehörte das Land einem fremden -Weltteil an. Die durchglühten, wasser- und schattenarmen Wüsten oder -Halbwüsten Australiens durchmißt noch gegenwärtig keine einzige andere -Verkehrslinie von Küste zu Küste als die des elektrischen Telegraphen.</p> - -<p>Daß aber Steppen und Wüsten neben der trennenden Wirkung, die sie -überall auf ihre Umgebung äußern, ihre Bewohner selbst vielseitig -beeinflussen, lehrt schon der flüchtigste Blick auf ihre Pflanzen- -und Tierwelt. Diese ist durchweg vor allem der Dürre der Luft und der -Seltenheit oder doch der allzu einseitigen Verteilung der Niederschläge -auf die Jahreszeiten angepaßt. In solcher Anpassung beobachten wir -die saftarmen Holzgewächse Australiens mit ihren schmalen, gegen -Verdorrung durch dicke Oberhaut geschützten Blättern, ihrem erstaunlich -tiefdringenden Wurzelwerk, das noch Bodenfeuchtigkeit ergattert, wenn -bereits Monate hindurch kein Tropfen Regen fiel; so die wunderbaren, -blattlosen Saxaulbäume, die wie große, umgekehrte Reiserbesen aus -den sonst so kahlen Flächen Turans hervorragen; so die Dattelpalme, -die wie der Araber naturwahr sagt, „den Fuß im Wasser, das Haupt -im Feuer“ haben will, d. h. den Regen geradezu scheut, nur von der -Bodenfeuchtigkeit sich nährend; so den riesenhohen Säulenkaktus in der -düsteren Mohavewüste, ferner die Fülle der über den Boden rankenden -Kürbis- und Gurkenarten, die durch ihr saftstrotzendes Fruchtfleisch -die Samen vor dem Eintrocknen bewahren. Auch die Harzausschwitzung so -vieler Holzgewächse der Trockenräume dient ihnen als Schutz gegen den -Verschmachtungstod, nicht minder die Dufthülle, die viele Kräuter durch -Verdunsten aromatischer Öle aus winzigen Drüsen ihrer Oberhaut sich -schaffen gleich unserem Salbei oder der Krauseminze; das Experiment hat -nämlich erwiesen, wie sehr diese Dufthülle die stetig sich vollziehende -Abgabe der Säftemasse aus dem Pflanzenkörper in Gasform an die Luft -einschränkt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p>Und welch ein genügsames, feinsinniges und flinkes Heer -verschiedenartigen Getiers haben sich diese Trockenlande erzogen. -Grabende Nager bevölkern zu Tausenden alle Steppen, begnügen sich -zur Kost mit den unterirdischen Teilen, den Knollen, Zwiebeln oder -Wurzelstöcken der dort wachsenden Pflanzen, wenn die brennende Sonne -der Trockenzeit das Grün der Gräser samt der bunten Blumenschar -vergilbt, ja in Zunder verwandelt hat. Dem niedlichen Bobak, einem -Verwandten des Murmeltiers in den südrussischen Steppen, dient oft -Monate lang der Morgentau an den Grasblättern als einzige Labe. Im -prachtvoll durchsichtigen, weil dunstfreien Luftmeer zieht der Geier -seine weiten Kreise und erspäht auf unvergleichlich ausgedehntem -Gesichtsfeld am Boden seine Beute mit einer Scharfsichtigkeit, daß man -sein Auge mit einem Teleskop vergleichen darf. Die Fennekfüchschen -der Sahara erlauschen mit ihren breitdreieckigen Ohren, die das -Spitzköpfchen so hoch überragen, das fernste Geräusch und sind gleich -den wild lebenden Kamelen des Tarimbeckens bis zur Unerkennbarkeit -ihrer Bodenumgebung gleichfarbig, hier graugelb, dort mehr rötlich. -Kamele, Pferde, Antilopen und Strauße zeigen sich vor allem dadurch -ans Trockenklima angeschmiegt, daß sie schnellfüßig die gänzlich -wasserleeren Strecken durcheilen und teilweise wunderbar lange Zeit des -Wassers völlig entbehren können. Hält doch das zweihöckrige Kamel das -Tragen zentnerschwerer Theelasten durch die Gobi im härtesten Winter -aus, selbst wenn es bis zum zehnten Tag kein Futter erhält und nur auf -gelegentliches Schneelecken angewiesen ist, um den Durst zu löschen. -Das einhöckrige Kamel hält selbst in der Wüstenglut Arabiens den -Karawanenmarsch bis zum fünften Tag ohne Wasser aus, im Frühjahr, wenn -warme Regen ihm genug „Haschisch“ (Grünfutter) ersprießen lassen, sogar -mehr als drei Wochen.</p> - -<p>Wie sollte da der Mensch als Bewohner des Trockenraums nicht -gleichfalls dessen Gepräge tragen! Lenken wir den Blick zuerst nach -dem Morgenland. Der eigentliche Orient, also was, etwa von Rom aus -betrachtet, den Ostrand des geographischen Gesichtskreises der Alten -ausmachte, von Palästina bis zum<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> indischen Fünfstromland, und was -ihm in Arabien, sowie in Nordafrika gleichartig sich anschließt, -fällt in jenen gewaltigsten Steppen- und Wüstengürtel der ganzen -Erde, der am atlantischen Meer mit der Sahara beginnt und erst -mit der Kirgisenheimat und an der centralasiatischen Grenze gegen -Sibirien, die Mandschurei und China endet. In der Regel führt man die -bekannten Charakterzüge orientalischen Lebens auf den Islam zurück, -als wenn die Lebensregeln des Koran nicht selbst erst zum guten Teil -der arabischen Wüste entsprossen wären. Oder wenn man sich darauf -besinnt, daß ja dies orientalische Wesen vor Mohammed zurückreicht, -mindestens bis in Abrahams Zeit, so macht man gern die den Orientalen -nun einmal angeborene Sinnesrichtung dafür verantwortlich. Das -dünkt zwar recht bequem. Aber so gewiß die Gewohnheit bei den -Völkersitten eine sehr große Rolle spielt, so handelt es sich für -die Wissenschaft doch eben um Aufdecken des Ursprungs der habituell -gewordenen Gewohnheiten. Da nun Syrer wie Perser, Araber wie Türken, -mithin Sprossen ganz verschiedener Verwandtschaftsgruppen, der -semitischen, indogermanischen, mongolischen, innerhalb des Orients die -Eigenart ihres Lebens in den Grundzügen gemein haben, so ist nichts -wahrscheinlicher von vorn herein, als daß sie eben erst in diesem -Trockenraum und durch ihn sich in ihrem Sittenschatz verähnlichten. -Diese Wahrscheinlichkeit erhebt sich überall da zur Gewißheit, wo -wir die nämlichen Lebenszüge bei Australiern und Prärieindianern, -Patagoniern und Hottentotten gewahren, die nie mit Orientalen -Sittenaustausch zu üben vermochten, wohl aber wie sie in waldleeren, -offenen Fluren mit trockenem Klima wohnen.</p> - -<p>Was zuvörderst die Körpereigenschaften betrifft, so hat die trockene -Luft etwas Zehrendes. Die in ihr lebenden Menschen bekommen deshalb, je -mehr sie sich ihr aussetzen, straffe Muskeln, setzen aber wenig Fett -an. Durchweg sind somit Steppen- und Wüstenbewohner hager und sehnig; -bei den Kalmücken spricht eine berühmte Ausnahme für die Regel: ihre -Priester, die Gällunge, weil sie unthätig den ganzen Tag im Zelt zu -sitzen pflegen, sind Ausbunde von Fettleibigkeit. Ferner bräunt das<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> -grelle Licht der schattenarmen, dunstfreien Luft die Haut; das beweisen -die ungarischen Pußtenhirten, die Hirten der pontisch-kaspischen -Steppe Südrußlands, die Gauchos der Pampas. Die Haut wird durch ihre -Trockenheit der Luft leicht rissig; gegen dies schmerzhafte Aufspringen -der Haut salbten sich die alten Griechen bei minder umfänglicher -Gewandung mit Olivenöl, der Pußtenhirt reibt sich mit Speck ein und -hängt seinen zottigen Schafpelz über den Hirtenstab nach der Windseite, -der Buschmann ringelt sich schlangenhaft zur Abendrast in die flache -Erdgrube, in der er ein glücklich erbeutetes Häslein mit Haut und Haar -vorher geschmort hat, um des andern Morgens mit der fettdurchtränkten -Aschenkruste als einziger Bekleidung weiterzuwandern. Buschmänner und -Hottentotten zeichnen sich ganz besonders durch eine zur Runzelung -neigende, fettarme Haut aus; darum erhält ihr Gesicht schon in der -Jugend ein faltiges, sauertöpfisches Aussehen, weil sie zum Schutz -gegen die blendende Lichtfülle ihrer Umgebung bestrebt sind die Augen -zusammenzukneifen wie wir, wenn wir aus dem Dunkeln plötzlich ins Helle -treten. Welch bezeichnender Gegensatz, diese schlitzartig verengten -Augen des Kalacharimannes gegenüber dem weit geöffneten Phäakenauge des -Negers!</p> - -<p>Durch eudiometrische Untersuchung von Luftproben aus der libyschen -Wüste wissen wir, zu einem wie hohen Grad der Ozongehalt der Luft -in Trockengebieten sich steigern kann. Vermutlich beruht auf der -Vernichtung der krankheitserregenden Mikroben, insonderheit der -Tuberkelbazillen durch das Ozon die gesundende Kraft des Trockenklimas, -wohl auch das Belebende, was z. B. die Saharaluft auf den europäischen -Wanderer ausübt. So lange die Bewohner von Steppen und Wüsten ihre -ozonreiche, freie Luft einatmen, kennen sie den Würgengel der -Schwindsucht nicht; er hielt in die nordamerikanischen Prärien erst mit -der Stadtsiedelung seinen traurigen Einzug.</p> - -<p>So beneidenswert wie die Gesundheit ist die Sinnesschärfe unserer -Völker. Sie wurde tellurisch gezüchtet, weil zum Erspähen der Jagd- -oder Räuberbeute, zum lebenrettenden Heimfinden zu den Seinen in diesen -menschenöden Landen alle Sinne<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> im alltäglichen Daseinskampf zur -entscheidenden Mitwirkung berufen waren.</p> - -<p>Das Gehör spürt noch die leisesten Schallwellen, von denen unser Ohr -nicht das Geringste empfindet. In Australien unterhalten sich einander -begegnende Schwarze, wenn sie längst in entgegengesetzter Richtung -fortwandern, und der begleitende Europäer einen Monolog zu hören meint. -Ungefähr ein halbes Kilometer nennt der Kalmücke eine Hörweite, denn -auf solche Entfernung ist ihm menschliche Rede ohne Stimmverstärkung -verständlich. Wie seltsam doch die Sitte kirgisischer Mütter, den -Kleinen die Ohrmuscheln auszuweiten, damit sie dereinst durch besseres -Auffangen der Schallwellen besser ins Leben passen! Am Geruch erkennen -die Leute menschliche wie tierische Fährte, wenn sie auf unbewachsenem -Felsboden keinen Eindruck zurückließ, mitunter noch nach Tagen. -Aimara-Indianer finden sich in finsterer Nacht zum Lagerplatz zurück -durch den Geruch der Fluren, von dem der stumpfsinnigere Weiße gar -nichts spürt. Der Australschwarze wird gern in die austral-englische -Polizei eingestellt wegen seines äußerst feinen Witterungsvermögens, -das ihn Menschen- wie Tierfährten weithin auf hartem, keinerlei -Eindruck verratenden Felsboden verfolgen läßt, selbst wenn etwa der -Schafdieb bereits tags vorher über ihn fortgeeilt ist. Wie südrussische -Steppenrinder Tränkplätze auf weite Ferne wittern, so tritt wohl auch -im Osten der großen Wüste der Araber voll Sehnsucht nach dem Abschluß -seines Karawanenzugs auf eine Hügelspitze, schlürft, das Antlitz gen -Osten, gierig die Luft ein und kündet frohlockend: „Ich rieche den -Nil!“ Er hat den Strom entdeckt, ohne ihn zu erblicken. Doch freilich -die Schärfe des Gesichtssinns erweckt noch mehr unser Staunen. -Des Menschen Auge ist ja ein Organ steter Anpassung, hochgradiger -Fernblick kann sich mithin nur entwickeln innerhalb dunstfreier, -weiter Horizonte, so beim Gemsjäger, beim Steppen- und Wüstenmenschen. -Letzterer aber lernte im unablässigen Daseinskampf diesen weitesten -Horizont aufs vollkommenste beherrschen mit seinem Falkenauge, und -dieser wunderbare Späherblick vererbte, verfeinerte sich von Geschlecht -zu Geschlecht. So sind<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> Trockenräume die Gebiete der größten Sehschärfe -durch alle Kontinente. Der Buschmannknabe in Liechtensteins Begleitung -auf der Rückfahrt vom Kap erkannte noch ziegengroße Antilopen an der -afrikanischen Küste auf Stundenferne, was Liechtenstein nur mit dem -Fernrohr zu kontrollieren vermochte. Der Targi der Westsahara zählt -bereits die Kamele einer eben in den Horizont eingetretenen Karawane, -wenn der Weiße neben ihm ohne Fernglas noch gar nichts von ihr sieht. -Der Australschwarze verfolgt die kleine Biene seiner Heimat, nicht -größer wie unsere Stubenfliege, bis auf 18 <span class="antiqua">m</span> Höhe ins Dunkel -eines Baumwipfels, um den wilden Honig zu ergattern. Die größte uns -bekannte Späherleistung möchte indessen von jenem rosseweidenden -Kalmücken auf der ciskaukasischen Steppe erzielt worden sein, der die -Russen vor einem Überfall bewahrte, indem er den aufwirbelnden Staub -eines heranziehenden feindlichen Heerhaufes auf 30 <span class="antiqua">km</span> Ferne -erkannte, d. i. die Entfernung Potsdams vom Ostende Berlins.</p> - -<p>Die urälteste Form des Menschenlebens, der Nomadismus, hat sich bis -zur Gegenwart in den Steppen und Wüsten erhalten, weil hier der Mensch -unter der Bedingung heroischer Marschausdauer, beherzter Waffenführung, -genügsamer Kost, auch gelegentlichen Hungerns und Durstens der uralten -Wonne unseres Geschlechts sich weiterfreuen durfte: der goldenen -Freiheit, ohne als Arbeitsknecht Hacke oder Pflug führen zu müssen. -Stets haben diese Freischweifenden mit der Verachtung des kühnen -Recken auf die Seßhaften herabgesehen, so die Beduinen d. h. die -Wüstensöhne auf die feisteren Bauern des arabischen Küstenrandes, die -ihnen nur zum Brandschatzen, wenn nicht zu dauernder Knechtung da zu -sein schienen, ebenso die Kurden der armenischen Alpmatten auf die -Armenier, die drunten im Thal Feld und Garten berieseln mußten im -Schweiß ihres Angesichts; bis zur russischen Besitzergreifung auch -die freiheitsstolzen, türkischen Ösbegen Turans, die, wenn sie als -Herren der persischen Siedler der Flußchanate ihr Heim in diesen selbst -aufschlugen, doch lieber ihre Filzjurte im viereckigen Freihof des -Wohnhauses aufschlugen als wie Feiglinge in den Lehmmauern eines Hauses -zu wohnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> - -<p>Australiens eingeborene schwarzbraune Rasse hält noch gegenwärtig an -ihrer uralten frei schweifenden Lebensweise fest, wie sie dereinst -bedingt war durch das nahezu gänzliche Fehlen anbaulohnender Gewächse -und die Spärlichkeit jagdbaren Getiers in den wasserarmen Ödungen des -Landes neben völliger Abwesenheit melkbarer Tiere. Auch nachdem nun -die europäischen Ansiedler mit bestem Erfolg unsere Kulturgewächse und -Haustiere nach Australien gebracht haben, verbleibt der Australschwarze -lieber der alten Freiheit treu, so sehr sie mit dem Jammer des bloßen -Sammelns von kümmerlichen Brosamen am Tisch der Wildnis naturnotwendig -verknüpft ist. Die Männer des Stammes schweifen auf der täglichen -Wanderung weiter aus, etwa eine Känguruherde aufzutreiben, einen Vogel -mit dem Bumerang herabzuholen, die Erdhügelnester des Tallagallahuhns -auszunehmen; die Weiber ziehen auf kürzerer Linie, mit dem armseligen -Hausrat und den kleinen Kindern bepackt, nach eßbaren Wurzeln -grabend, wilden Honig, Baumharz, kaum genießbares Gewürm zur Stillung -des nagenden Hungers auflesend, einem noch nicht ganz erschöpften -Wasserloch zu, an dem sie abends das Feuer entfachen vermittelst des -brennend unter der Glut des Tagesgestirns mitgeschleppten Holzscheites, -auf daß der gestrenge Gatte nicht zürne über zu langen Aufschub, wenn -erst durch Aneinanderreiben von Hölzern das Feuer entzündet werden -müßte, und jener dann unsanft den langen Wanderstab auf den Kopf der -Gattin niedersausen ließe.</p> - -<p>In dem wildreicheren Afrika ist selbst der Buschmann nicht bloß -Nahrungssammler, sondern Jäger, ein gewandter Bogenschütze. Doch kein -Land der Welt ist ein solches Jägereldorado, daß der Mensch anders -als hin- und herziehend von seiner Jagdwaffe den Unterhalt erzielen -könnte. Auch der Hirt ist in Steppen mit gar zu kärglicher Benetzung, -also schlechten Futterwuchses, oder in Gegenden, wo ein anhaltender -Schneewinter die Gebirgsweide nimmt, folglich die Herde in benachbarten -Niederungen zu überwintern zwingt, ein Nomade. Hingegen führen Oasen -und die Trockenräume durchströmenden Flüsse — man denke nur an den -nubisch-ägyptischen Nil, diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> einzigen Strom, der die Sahara in -ihrer ganzen Breite durchzieht — zu fester Siedelung, weil hier -das Quell- oder Flußwasser Garten- und Ackerbau mittels künstlicher -Bewässerung zu treiben gestattet auch an Orten oder zu Zeiten, wo kein -Tropfen Regen fällt. Darum war ja Zoroasters Lehre eine solche Wohlthat -für Irans und Turans dürstende Gelände, weil sie die Berieselungswerke -heilig sprach, unter deren Segen der sonst gar nichts tragende Boden -tausendfältig Feld- und Baumfrucht spendete.</p> - -<p>Wo vollends Steppen regenreich genug sind, um auch ohne Bewässerung -Feldbau zu gestatten, da sind sie teilweise schon vor Alters, -in weitem Umfang vollends in neuerer Zeit vielfach ins Gebiet -seßhaften Völkerlebens einbezogen worden, indem gewöhnlich von -außen ackerbautreibende Stämme hereinzogen, sei es, daß der Boden -unbewohnt angetroffen wurde, sei es, daß er ihnen zufiel nach dem -gerechten Schiedsspruch tellurischer Auslese: jedes Land gehört dem, -der es am besten zu verwerten, am tapfersten zu verteidigen weiß. -Die englischen Weizenbauer und Schafzüchter dringen immer tiefer -ins Innere Australiens ein; die Buren verdrängten Hottentotten wie -Kaffern; die Prärien, wo noch vor kurzem die Rothäute die zahllosen -Büffel jagten, wogen gleich den argentinischen Pampas von unabsehbaren -Getreidefeldern. Dort, wo im Altertum skythische Skoloten und -Sauromaten mit ihren Herden Südosteuropas Steppen durchzogen, führt -jetzt der russische Ansiedler den Pflug. Und eben da, dicht am -südlichen Uralgebirge, vollzieht sich jüngst ein lehrreicher Vorgang -des Obsiegens der Seßhaften über die Schweifenden. Die Baschkiren -nämlich mögen nur ungern ihr freies Wanderleben in der Steppe aufgeben; -eingeengt jedoch durch die Uralwälder im Osten, die wüstenhafte -kaspische Salzsteppe im Süden, das leise Vorrücken der russischen -Bauern in West und Nord, fühlen sie sich außer stande allein durch -Vermittlung ihrer Herden vom Steppengras zu leben, darum verpachten -sie gegen Kornzins einen Teil ihrer Länderei an russische Bauern und -erkaufen sich damit noch auf eine Galgenfrist die Adelsfreiheit des -Nomaden. Aber ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> Schicksal ist besiegelt, denn um von Weidewirtschaft -in der Baschkirensteppe zu leben braucht man für den Kopf 120 Morgen, -bei Landbau nur 20–30. Derselbe Flächenraum, der einem einzigen -Baschkiren genügend Milch und Fleisch liefert, ernährt also vier bis -sechs Russen.</p> - -<p>Allerwegen indes, wo das alte Hin- und Herziehen verblieb, erhielt sich -auch Sitte und Brauch fast unverändert. In den echten Wüsten führt -erst ganz neuerdings der Eisenbahnbau einen gänzlichen Umschwung des -Verkehrs hier und da herbei. Sonst zieht dort noch wie vor Alters der -Mensch von einer Wasserstelle zur andern, als Hirt, falls zu günstiger -Jahreszeit flüchtiges Grün den Boden überzieht, als Karawanenführer, -als Weidmann oder als lauernder Räuber. Wüsten züchten Räubervölker, -denn sie sind von Natur immer arm, es sei denn, daß sie stellenweise -Steinsalz bergen oder Salpeter wie die Atacama; oft liegen nun -beiderseits reiche Landstriche, wie die Mittelmeerküste Afrikas und -der Sudan, die einander ihre Güter durch Frachtzüge quer durch die -Wüste zusenden, und dauernd locken Quell- oder Flußoasen mit winkenden -Dattelhainen, mit Fruchtfeldern aller Art; Obst- wie Mehlzukost wünscht -sich aber der Steppen- und Wüstenmensch gar sehr zu seinem ewigen -Einerlei animalischer Nahrung. Was Wunder also, daß letzterer bei -seiner überlegenen Ortskunde, die Angriff wie Rückzug deckt, seiner -körperlichen Kraft, seiner fliegenden Eile zu Roß oder Kamel gern -wenigstens nebenbei das Räuberhandwerk treibt, weshalb jeder Oasenort -sich mit Lehmmauer umgürtet?</p> - -<p>Das stete Wanderleben auf dürrer Fläche erzeugt eine Fülle von -Gewohnheiten, die gänzlich abweichen von denen seßhafter Menschen, und -sich darum weit weniger wandeln, weil hier eine Natur von unbeugsamer -Starrheit gebietet. In der syrisch-arabischen Wüste fühlt man sich -noch heute in die Tage der Erzväter Israels versetzt. Der Reichtum -besteht wie zu Abrahams Zeit in Vieh und Silbergeschmeide, in Waffen -und Teppichen. Außer dem unentbehrlichen Zelt, dessen Gestänge nebst -härenen Tüchern die Lasttiere auf dem Marsch zu schleppen<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> haben, -muß die sonstige fahrende Habe aufs sparsamste bemessen werden. Man -darf sich nicht Tisch, Stuhl oder Bettstatt gönnen. Man hockt und -schläft auf platter Erde; auf den hingebreiteten Teppich wird die -große Schüssel mit dem einfachen Mahl gesetzt, in die greifen die -Herumhockenden mit den Fingern wie Christus und seine Jünger, denn -die Israeliten behielten gar manche Sitten des alten Nomadenlebens -bei, auch als sie in Palästina seßhaft geworden, nannten sie doch für -immer ihr Heim <span class="antiqua">ohel</span> d. h. Zelt. Die Geräte müssen dauerhaft -sein, weil man sie nicht so oft beim Händler erneuern kann; aus -hölzernen, womöglich mit Metallreifen geschützten Schalen trinkt der -Mongole seinen gemüseartig gekochten Thee mit reichlicher Zuthat von -Hammeltalg. Geringer geschätzt als der Mann ist das Weib; es verrichtet -niedere Dienste, bleibt ausgeschlossen vom Mahl der Männer. Sobald -abends das Zelt aufgeschlagen, begiebt sich Frau oder Tochter zum -Wasserholen, und damit sie den oft nicht so kurzen Weg nicht mehrmals -zurücklege, muß der thönerne Wasserkrug recht umfangreich sein, darum -wieder läßt er sich nur auf der Schulter oder auf dem Kopf tragen, -was zu straff aufrechter Haltung des Körpers viel beiträgt. Das Bild -der Rebekka am Brunnen kehrt allabendlich im Orient hundertfältig -wieder. Es fesselt stets durch die Verbindung von Anmut und Kraftübung; -wie spielend hebt die Wasserträgerin den schweren Krug empor und -trägt ihn elastischen Schritts von dannen. Mitten in der syrischen -Wüste begegnete unser Wetzstein einer wassertragenden Beduinenfrau, -die unterwegs geboren hatte in menschenleerer Öde, und nun rüstig -dahinschritt, den Wasserkrug auf dem Haupt, das Neugeborene im Arm. -Auch die Prärie-Indianerin wird zuweilen wohl auf dem Ritt durch die -meerähnliche totenstille Grasflur von ihrer schweren Stunde überrascht; -sie bindet dann ihr Pferd etwa an einen einsamen Baumstamm und schwingt -sich nach ein paar Stunden Rast heldenhaft mit dem Säugling auf ihr Roß.</p> - -<p>Körperliche Ausdauer und Rüstigkeit sind diesen Nomaden in -jahrtausendelangem Daseinskampf anerzogen worden. Die Patagonier, -allerdings wohl die langbeinigsten aller Menschen,<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> unternehmen -Erholungsspaziergänge von mehr als 60 <span class="antiqua">km</span>. Der Tubu legt seine -heroischen Wüstenmärsche mit der notdürftigsten Tagesration weniger -Datteln zurück; im äußersten Fall öffnet er dem Kamel eine Ader an der -Schläfe, formt sich aus den zerstoßenen Knochen am Weg bleichender -Skelette von verschmachteten Menschen, häufiger von gefallenen Kamelen -und aus den paar Tropfen Kamelblut eine Paste zur Fristung seines -Lebens; Wasser kann er, falls er tagsüber regungslos im Schatten ruht -und nur nachts mit seinem treuen Tier weiterzieht, vier Tage lang -entbehren, dann erst bindet er sich todesmatt auf das Kamel, seine -Rettung dem unvergleichlich scharfen Spürsinn desselben überlassend. -Der Kalmücke vermag auf Karawanenreisen wenigstens drei Tage lang zu -hungern und zu dursten; findet er dann noch kein Trinkwasser, so rupft -er Haare aus der Mähne des Pferdes und kaut daran.</p> - -<p>Langes Fastenkönnen und erstaunliche Gefräßigkeit entspricht vollkommen -dem auf Mangel an Speise oft folgenden Überfluß des Jägers, der -entbehrungsvollen Wanderung und späten Abendrast des Hirten-Nomaden. -Der Mongole kann mehrere Tage ohne Speise bleiben, jedoch einen viertel -Hammel sieht er als gewöhnliche Tagesration des Mannes an, ja er -vertilgt bei festlichem Gelage einen Hammel mittlerer Größe an einem -einzigen Tage für sich allein. Zu starkes Essen gilt übrigens bei -diesen Völkern oft als des Mannes unwürdig. Auf Fehdezügen läßt sich -der Kalmücke an ein paar Bissen Fleisch genügen oder er kaut geröstete -Tierhaut; am Tage der Schlacht pflegt er nur die Brühe vom Fleisch -zu trinken. Nordamerikanische Steppenindianer vermeiden selbst bei -reichlichen Vorräten übermäßiges Essen (das sie nur Weibern, Kindern -und Hunden nicht verargen), um sich straff zu halten für Mannesthaten -bei Waffenspiel oder ernster Gegenwehr.</p> - -<p>Zum Spiel ist dem Nomaden viel Zeit übrig, und er liebt auch im -Spiel Körperkraft nebst Gewandtheit zu zeigen. Zum Bogenschießen -oder Ballspiel lockt die baumleere Weite; letzteres erfreut den -Teke-Turkmenen wie den Dakota und Tehueltschen. Im Zelt wird -leidenschaftlich gewürfelt; der<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Gaucho schlägt die Faulheitsstunden -mit Kartenspiel tot, während der Araber lieber in lauer Abendluft, -nachdem im Purpur des westlichen Himmels die Sonne niedergesunken, -dem Märchenerzähler oder dem Sänger der Ruhmesthaten seines Stammes -lauscht. Nicht von ungefähr trägt das Schachspiel einen persischen -Namen. Herrlich gelingen den Männern überall die Reiterkunststücke -und das Wettrennen; im Morgenland befeuern die zuschauenden Frauen -durch ihren Zuruf, jauchzen den Siegern zu, wehklagen über das -Zurückbleiben der Ihren. Es sind das segensreiche Volksfeste, in -denen unentbehrliche Tugenden durch den Sporn des Ehrgeizes ihre -Pflege finden. Aus den südrussischen Grasfluren kamen die wagehalsigen -Bereiterstückchen in die Kosakenregimenter der russischen Reiterei; -Baschkiren, in Ostturkistan selbst würdige Priester vergnügen sich -daran, im rasenden Galopp einen Stein vom Boden aufzuheben, ohne den -Bügel loszulassen; die Turkmenen rennen auf 160 <span class="antiqua">km</span> um die -Wette und stiften dem ersten Sieger den ansehnlichen Preis von zwölf -Kamelen. Das malerischeste Schauspiel bietet aber ein Renntag in der -syrisch-arabischen Wüste oder eine Falkenbeize, sei es auf Reiher, -sei es auf Gazellen am Hauran. Da bricht die Jagd- und Reitlust der -Beduinen am feurigsten aus; wie toll stürmen sie ins Weite, und wenn -dann die silberweißen Jagdfalken im blauen Äther mit den Reihern im -Knäuel sich verschlingen, da schauern sie wild empor, und jede Fiber -zuckt den bronzefarbenen Männern, die trotz aller Nervenstählung -hochgradig nervös sind, wie so oft die Menschen, die dauernd in -elektrisch gespannter, trockener Luft leben.</p> - -<p>Manche Eigentümlichkeiten treffen wir in diesen Landen, die nicht aus -ihrer Eigenart hervorgegangen, sondern hier nur besonders treu erhalten -sind, weil eben der Zeiger auf dem Zifferblatt der Kulturgeschichte -dort so viel langsamer vorrückt als bei uns. Dahin zählt u. a. der -vielfach noch nicht eingebürgerte Gebrauch des Kochsalzes. Man -könnte zwar meinen, Fleisch und Blut der Wüstentiere sei durch deren -salzreiches Futter schon salzig genug; in der That schmeckt trocknes -Kamelfleisch wie gesalzen. Die Sträucher und Kräuter des so selten<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> -benetzten Bodens, in dessen Kruste die verdunstenden Tropfen von Tau -oder Regen ausgelaugte Salzteile aufspeichern, sind oft nicht minder -salzhaltig, folglich genießt z. B. der Namahottentotte, wenn er sich -Knollen oder Zwiebeln zur bescheidenen Kost ausgegraben, schon etwas -salzreichere Nahrung als wir, wenn wir Brot oder Kartoffeln verzehren. -Indessen so viele von der Berührung mit unserer Kulturentfaltung bisher -ausgeschlossen gebliebene Völker, darunter auch unsere Schutzbefohlenen -auf Neuguinea und den Karolinen, wissen nichts vom Salzen der Speisen, -daß wir gleichfalls bei den uns beschäftigenden Völkern hierin nur -einen Nachhall der Urzeit erblicken möchten, in der unser Geschlecht -sein stets vorhandenes, aber recht mäßiges Salzbedürfnis mit dem -geringen Salzgehalt seiner Nahrung im ungesalzenen Zustand befriedigte, -hingegen Zugabe von überflüssigem Salz als bloßem Gewürz zur Speise, an -die wir uns nun als an eine Notwendigkeit so gewöhnt haben, noch nicht -kannte.</p> - -<p>Andere Einzelzüge haben jedoch die Bewohner der Trockenräume offenbar -erst diesen in näherer oder weiterer Vermittlung entlehnt. So zeigen -sie gern ihre Waffen, um feindlichen Angriff schon durch die Furcht -vor diesen womöglich im Keim zu ersticken. Meist in offener Ebene -dahinziehend, führen sie daher in weite Ferne drohende Waffen, mit -Vorliebe Lanzen, die Kurden z. B. 8 bis 10 <span class="antiqua">m</span> lange Bambuslanzen, -die Beduinen die längsten Flinten der Welt, während die Tuareg bei -Speer und altertümlichem Schwert mit Kreuzgriff verharren, die -Schußwaffe mit Pulver und Blei als Schutzmittel des Feigen von sich -weisend. Die Waldlosigkeit ladet sonst gerade zur Verwendung weit -tragender Schußwaffen ein. Mit der Sicherheit ihrer Pfeilschüsse bei -jagendem Ritt machten sich Hunnen, Awaren, Magyaren unseren Vorfahren -furchtbar, als sie aus den Steppen des Ostens nach Deutschland -einfielen. Der Tubu bringt mit seinem wagerecht geworfenen zackigen -Wurfeisen dem Gegner gleichwie mit einer Zackensense am Riesenstiel -gefährliche Wunden bei. Die Schleuder spielt seit alters in den -Trockengebieten der alten Welt eine ähnlich große Rolle wie Lasso und -Bolas in denen der neuen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p> - -<p>Eine glückliche Sondererfindung der Saharavölker ist der sogenannte -Gesichtsschleier oder Litham, ein blaubaumwollener Shawl, der so um -den Kopf gewunden wird, daß er nur einen schmalen Schlitz für die -Augen frei läßt. Wie wir uns im Winter mittels des <span class="antiqua">cache-nez</span> -durch die eigene Atmung wieder Wärme zuführen, ebenso erwirken Tuareg -wie Tubu durch ihren Litham, daß die schmachtend trockene Wüstenluft -durch die selbstausgeatmete Feuchtigkeit, die sich im Litham verfängt, -durchfeuchtet wird, ehe sie sie einatmen. Die Araber scheinen einen -gleichen Schutz nicht zu kennen, pflegen aber bei Smum wohl nicht bloß -gegen den Wüstensand, sondern zu dem nämlichen Zweck einen Zipfel ihres -Mantels vor Mund und Nase zu ziehen.</p> - -<p>Den Kopf tragen viele der Völker zum Schirm gegen die schroffen -Temperaturwechsel, oft auch gegen den Regen, bedeckt: die Kirgisen -mit einem buntgestickten Käppchen, die Iranier mit der hohen, -schwarzen Lammfellmütze, andere Morgenländer mit turbanartigem -Kopftuch oder Fez, die Hottentottin mit der Fellhaube. Letztere -abzulegen öffentlich gilt bei den Hottentotten als schamlos, wie auch -der Morgenländer vor dem Höherstehenden oder gar im Gotteshaus nie -die Kopfbedeckung abthut, wohl aber der Schuhe oder Sandalen sich -entledigt. Christus stets barhäuptig abzubilden ist ganz unhistorisch. -Der dicke Burnus des nordafrikanischen Kabilen sowie des Beduinen ist -als schlechter Wärmeleiter gegen Tageshitze ein ebenso guter Schutz -wie gegen Nachtkälte. Beinkleider treffen wir nur, wo Steppen und -Wüsten von kalten Wintern heimgesucht werden, so in den Prärien, in -Patagonien und Innerasien; der Mongole legt sie sogar nur im Winter -an. Hohe Stiefel sind eine beliebte Zuthat zu den Beinkleidern bei -Reitervölkern; manchen Völkern sind Hosen nebst hohen Stiefeln bei -beiden Geschlechtern eigen; daher reiten auch Frauen und Mädchen, -z. B. bei den Ostturkistanern, den Tanguten am Kuku-Nor, rittlings nach -Männerart. Die Tehueltschen ziehen über ihre hohen Reitstiefel noch -Überschuhe, um den Fuß auch im Schmelzwasser des Schnees trocken zu -halten. Auf dem bis über 70° <span class="antiqua">C</span> erglühenden Fels- und<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Sandboden -der Sahara zieht die nackte Fußsohle leicht Brandblasen, daher das -dortige Bedürfnis, Fellschuhe oder Sandalen aus Kamelleder zu tragen, -obwohl der sparsame Tubumann, wo es irgend geht, seine Sandalen an -die Spitze des über der Schulter getragenen Speers knüpft, mit dem er -leichtfüßig über den glühenden Boden dahinschreitet, ohne daß seine -nackten, freilich hornüberzogenen Sohlen auf dem scharfen Gestein -zerschnitten werden, während die Stiefel des Europäers auf demselben in -Fetzen zerreißen.</p> - -<p>Die allgemeine Seltenheit des Wassers hat die Neigungen der Völker -geradezu gegensätzlich beeinflußt. Dem Araber ist der Anblick großer -Massen von Süßwasser eine ersehnte Augenweide, das Plätschern eines -Springquells die liebste Musik; die Fontäne gehört deshalb als -Hauptstück in den Mittelpunkt seines gartenartig ausgeschmückten -Innenhofs, ohne Baumesschatten und rauschende Quellen kann er sich das -Paradies nicht denken. In Centralasien hat dagegen die Seltenheit des -Anblicks von fließendem Wasser eine völlige Idiosynkrasie gegen alles -kalte Wasser herbeigeführt. Der Mongole schlägt seine Jurte niemals -dicht bei der Wasserstelle auf, so nötig er für sich und seine Tiere -das Wasser braucht; er trinkt nur gekochtes Wasser, und es wird ihm -übel, wenn er den Fremden etwa eine Wildente verspeisen sieht, weil -diese zum Wassergeflügel gehört. Die Chinesen sind wahrscheinlich -aus der Takla-Makan Innerasiens erst nach China eingewandert. Daraus -wird es sich erklären, daß sie nur abgekochtes Wasser zu sich nehmen. -So wurden sie die Erfinder des Theetrinkens, und man darf schon die -Behauptung wagen: Wir trinken Thee, weil die Chinesen aus Centralasien -stammen.</p> - -<p>Wo das Wasser so kostbar, wird es nicht leicht zum Waschen benutzt. -Daher starren die Menschen oft von Schmutz. Herodots Ausspruch über die -Skoloten „Sie waschen sich nie“ gilt auch von den heutigen Mongolen, -die sich sogar stolz hierauf <span class="antiqua">kara hunn</span>, d. h. schwarze Menschen, -nennen. Die Sitte der Skolotinnen, die, um zu gefallen, sich nachts -über eine aus zerriebenen wohlriechenden Hölzern hergestellte Paste<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> -auflegten, so daß sie des Morgens als duftige Huldinnen erschienen, -ausnahmsweise auch ohne Schmutzkruste im Gesicht, erinnert uns an -eine bisher ganz übersehene Geschmacksrichtung, die unseren Völkern -offenbar durch ihre Heimat zu teil ward. In allen Trockenlanden -nämlich walten, wie wir schon bemerkten, aromatische Gewächse zufolge -natürlicher Züchtung auffallend viel mehr vor als anderwärts; ist doch -Arabien, zu deutsch das Wüstenland, von jeher durch seine Aromata -berühmt gewesen. Dieser Umstand machte die also stets von solchen -Wohlgerüchen umhauchten Steppen- und Wüstenvölker zu leidenschaftlichen -Freunden derselben; auch ihren Göttern schrieben sie natürlich diese -Vorliebe zu. Aus dem Morgenland empfingen wir selbst die Sitte des -Parfümierens; Mohammed trug stets ein Etui mit Wohlgerüchen bei sich, -wir könnten sagen ein Schnupftabaksdöschen; wenn die braune Nubierin -das Entzücken ihres Gatten sein will, nimmt sie ein förmliches Rauchbad -aus lauter aromatischen Stoffen. Mit nichts wurde im salomonischen -Tempel so viel Geld verpraßt, als um Jahve die köstlichsten Spenden -von Myrrhen und Weihrauch zum Himmel empor zu senden; ganz ebenso -zündeten die mittelalterlichen Tataren Asiens ihrem Gott duftige Opfer -und bringen noch immer die Indianer der Prärie ihrem „großen Geist“ -Salbeiopfer. Der Weihrauchduft der christlichen Kirchen ist mithin ein -echt geographischer Hinweis auf den Orient als Ursprungsstätte des -Christentums.</p> - -<p>Ein gewisser schwermütiger Zug geht durch diese Völker; er entspricht -wohl dem vereinsamten Weilen in einer einförmigen, schweigenden -Natur. Bis zu finsterster Stimmung steigert sich der freudlose Ernst, -wenn der karge Boden wie im Tubuland Tibesti selbst an Quellorten -nur wenige Datteln und kaum weich zu klopfende Dumpalmenfrüchte -trägt. Da macht der nagende Hunger die Herzen hart wie die Steine -der Wüste. Sonst jedoch verklärt ein freundlichstes Erbe uralter -Vorzeit auch das dürftigste Nomadenzelt: die sogar vom Räuber in Ehren -gehaltene selbstlose Gastfreiheit. Handel und Wandel, Verführung durch -Kulturgenüsse hat Biederkeit und ritterlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> Sinn meist noch nicht -angetastet. „Griechische Treue“ ist Satire, „türkische Ehrlichkeit“ -hingegen Wahrheit. Dazu stählt Nüchternheit Leib und Seele; sie nicht -zum letzten führte die Khalifenheere wie die Osmanen von Sieg zu -Sieg. Trockenräume geben aus ihrem Gewächsreich wenig Zuckerstoff zur -Herstellung berauschender Getränke; das bewahrte ihre Söhne vor dem -Trunklaster, impfte ihnen Verachtung ein gegen die Weichlinge, die -sich nicht genügen lassen am ältesten und gesundesten Getränk der -Menschheit, Wasser und Milch, oder dem heißen Labetrunk von Kaffee oder -Thee, die sich berauschen wie die verachteten Knechte der Ackerarbeit. -„In ein Haus, unter dessen Dach ein Pflug steht, kehrt der Engel Gottes -nicht ein“ heißt es nomadenstolz im Koran. Mohammed, dieser Lykurg der -Wüste, hat die Abscheu gegen Trunksucht nicht erst eingeführt, nein er -fand sie vor und weihte sie nur wie so viele andere uralte Wüstensitten -als aus Allahs heiligem Willen geboren.</p> - -<p>Wald- und Seevölker pflegen Polytheisten zu sein, Steppen- und -Wüstenvölker neigen vielmehr zum Monotheismus. Vom Sinai, aus Palästina -und Arabien empfing die Welt die drei wirkungsreichsten Lehren vom -<em class="gesperrt">einen</em> Gott. Dschingiskhan gebot, als wäre er ein Prophet des -alten Bundes: „Du sollst glauben an den alleinigen Gott, der Himmel -und Erde geschaffen hat, den Herrn über Leben und Tod.“ Nicht anders -denkt der Mandan-Indianer der Prärie von dem „großen Geiste, der im -Himmel wohnt“. Wir alle suchen die Einsamkeit, wenn wir unsere Gedanken -sammeln wollen. Das nämliche Streben trieb Johannes den Täufer und -Christus in die Stille der Jordanwüste, Mohammed in die Wüstenklippen -abseits von Mekka. Nur wenige, aber gewaltige Eindrücke sind es, -mit denen die Wüste in feierlichem Schweigen das sinnende Gemüt des -Menschen erfüllt. Über der starren Gesteinsfläche schaut das Auge -nur eine, aber eine stetige, ruhig gleichmäßige Bewegung: die der -Gestirne. Nicht Menschenhand lenkt sie, es muß eine übermenschliche, -jedoch einheitliche Macht sein, die das erwirkt; und was der Forschung -das Naturgesetz der Gravitation, ist dem kindlichen Sinn der einige -Gott, „der die<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> Sterne lenket am Himmelszelt“, der die ganze Welt -regiert, zürnend daher fahrend im Gewittersturm, vernichtende Blitze -schleudernd, dann aber mild lächelnd seine Sonne wieder scheinen -lassend über Gerechte und Ungerechte.</p> - -<p>Die Freude der Orientalen, gedankenvoller Rede zu lauschen, nicht bloß -bei abendlicher Rast im Nomadenzelt, nein auch am hellen Tag, etwa auf -der grünen Matte am See Genezareth gelagert, wie bei der Bergpredigt, -das war der rechte Boden, solche erhabene Lehren volkstümlich werden zu -lassen, aus ihnen menschenbeglückende Religionen zu gestalten.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="IV_Der_Mensch_als_Schoepfer_der_Kulturlandschaft">IV.<br /> - -Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> - -<p>Die Entwicklung der Erdkunde während der letzten drei Jahrzehnte, -wo sie bei uns in Deutschland nach so langem Harren endlich überall -unter die Universitätswissenschaften Aufnahme fand und somit auf -ihre Methode und ihre Abgrenzung gegen andere Gebiete des Wissens -gründlicher geprüft wurde, lief einmal wirklich Gefahr auf einen -Abweg zu geraten. Hatte Karl Ritter in seinem monumentalen Werk „Die -Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen“, -wie schon diese Titelworte verkünden, das physisch-historische -Doppelantlitz der Wissenschaft von der Erde von neuem enthüllt, wie -es im engeren Umkreis antiker Länderkenntnis 18 Jahrhunderte vor ihm -bereits Strabo gethan, hatten manche Jünger der Ritterschen Schule in -dem Interregnum der deutschen Erdkunde, wie es 1859, mit Humboldts und -Ritters Tod, einsetzte, das historische Element dieser Wissenschaft -sogar überwuchern lassen, so erreichte die naturgemäß folgende Reaktion -eines umgekehrt etwas einseitig naturwissenschaftlichen Betriebs -der Geographie ihren Gipfelpunkt, als Georg Gerland in Straßburg -die Losung ausgab: die Erdkunde ist reine Naturwissenschaft, die -Werke des Menschen darf man nicht in sie hineinziehen, denn sie sind -Sondergegenstand der historischen Disziplinen.</p> - -<p>Es darf wohl ein Glück genannt werden, daß dieser revolutionäre -Weckruf, der für den ersten Augenblick viel Bestrickendes hat und -ernsthaft methodologischer Erwägung entstammt, keine allgemeinere -Nachachtung in Deutschland und, dürfen wir stolz dazufügen, somit -auch in der übrigen Welt erfuhr. Selbst unser führender Geograph, F. -v. Richthofen, unter dessen Banner die Geologie die ihr gebührende -Stellung gewann, der Erdkunde als Fundament zu dienen, erklärte sich -rückhaltlos gegen Ausschluß des Menschen aus der Geographie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> - -<p>Gerland hatte freilich vollkommen Recht mit seinem mahnenden Hinweis -darauf, daß die Erdkunde gleichsam ihre methodische Sauberkeit, -bloß mit Naturkräften und Naturgesetzen zu rechnen, preisgebe, -sobald sie den Menschen in ihr Bereich ziehe, denn unrettbar tritt -dann sogleich menschliche Willkür in die Betrachtung ein, man muß -dann bald mit den Methoden des Naturforschers, bald mit denen des -Historikers oder des Volkswirtschaftlers operieren. Aber liegt das -nicht eben in der eigenartigen Natur der Erdkunde begründet? Nicht -von ungefähr hat ihr der Altmeister Ritter die centrale Stellung -zugewiesen mitten inne zwischen den naturwissenschaftlichen und -den geschichtlichen Fächern. Wäre die Erde nichts weiter als ein -Naturkörper, so wäre selbstverständlich die Erdkunde thatsächlich reine -Naturwissenschaft; weil wir uns jedoch namentlich das landerfüllte -Viertel der Erdoberfläche gar nicht vorstellen können ohne die ihm tief -eingeprägten menschlichen Züge, so wird es wohl bei dem Schiedsspruch -verbleiben: die Erdkunde ist eine wesentlich naturwissenschaftliche -Disziplin, indessen mit integrierenden historischen Elementen.</p> - -<p>Auch die Meere sind jetzt sämtlich eingesponnen in das Thun und Treiben -der Menschheit. Nähme der Mensch seine Hand von ihnen, so wären sie -nicht mehr, was sie sind, nicht mehr lebenerfüllte Räume, auf denen -die Flaggen aller seefahrenden Nationen sich entfalten, damit das -Adersystem, wie es erst seit kurzem die Wirtschaftsthätigkeit unseres -Geschlechts zu einem Ganzen zusammenschließt, unablässig seinen -Segensdienst leiste. Ohne den Menschen würden die Ozeane wieder -rückfällig werden in jenen Zustand, da Ichthyosauren und Plesiosauren -zur Jurazeit ihr Wesen in ihnen trieben, sie würden wieder wüstenhafte -Ödungen, auf denen an Stelle von Schiffen nur noch Eisberge ihre kalten -Pfade zögen.</p> - -<p>Freilich hinter dem Kiel selbst der mächtigsten Kauffahrer, der -gewaltigsten Panzer verwischen die zusammenschlagenden Wogen stets -wieder die Spur der Wasserstraße. So allgemein fühlbar die Wirkungen -des Verkehrs in jenem Geäder der großen Seestraßen auch sind, in -dem die Schiffe gewissermaßen<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> die Blutkörperchen vertreten, — -diese Straßen selbst bleiben unsichtbar, nur der Kartograph zieht -sie in Liniengestalten auf seinen Weltbildern aus. Anders das Netz -der Landverkehrswege! Wie zeigt es uns in seinen engeren oder -weiteren Maschen, in der Güte des Straßenbaus, im Vorhandensein von -Eisenbahnen neben glatten Kanallinien den Maßstab für Beurteilung der -Gesittungshöhe des bewohnenden Volkes! Welch ein Abstand zwischen -solchen Bildern des wimmelnden Menschen- und Güterverkehrs auf den -nach einem Punkt zusammenstrahlenden Land- und Wasserwegen, wie sie -sich um unsere Handels- und Industrie-Metropolen alltäglich darbieten, -gegenüber den bloß vom Menschenfuß ausgetretenen zitterigen Wegen -durch die unabsehbaren Grasfluren des tropischen Afrika, auf denen die -schwarzen Träger in langem Karawanenzug nur einzeln hintereinander -ihre armseligen Warenbündel dahinschleppen, oder gar gegenüber den -Urwaldgründen im Gebiet des Amazonenstroms, wo sich noch heute wie seit -grauer Vorzeit der braune Jäger seinen Weg immer von neuem mühsam durch -das Dickicht bricht!</p> - -<p>Je mehr sich die wirtschaftliche Kultur eines Volkes hebt und je -mehr sich dessen Zahl steigert, desto vielseitiger spiegelt das von -ihm bewohnte Land seine Thätigkeit wieder, indem zuletzt wenig mehr -übrig bleibt von dessen ursprünglichem Antlitz als das Relief des -Bodens. Das großartigste Schauspiel fast urplötzlicher Umwandlung von -Wildland in Kulturland haben uns im Laufe der Neuzeit Nordamerika und -Australien geboten. Während noch im vorigen Jahrhundert das große -Viereck der Vereinigten Staaten von heute im Ostdrittel bis über den -Mississippi hinaus von prachtvollen, bunt gemischten Wäldern rauschte, -im ebenen Mitteldrittel, das allmählich zum hochgelegenen Fuß des -Felsengebirges ansteigt, ein Gräsermeer sich ausbreitete, das nur -dem Wild zu statten kam, donnerartig durchdröhnt vom tausendfältigen -Hufschlag der Büffel, und dann die kahle Hochlandwüste, die Stätte der -ungehobenen Gold- und Silberschätze, folgte, bis an das pazifische -Küstengebirge mit seinen riesigen Mamutbäumen und der noch völlig<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> -toten herrlichen Hafenbai am Goldenen Thor, — da ist jetzt der -Wald ungefähr wie bei uns in Deutschland auf etwa ein Viertel der -Gesamtfläche eingeschränkt worden. Goldene Weizenfelder wogen an Stelle -der Steppengräser, die größten Mais- und Baumwollenernten der Welt -spendet der nämliche Boden, der vordem öde Wildnis war; aus zahllosen -Gruben fördert man Eisenerz und Kohlen samt Erdöl an den Alleghanies, -in deren Umgebung wahre Wälder von rauchenden Schornsteinen die -Industriebezirke kennzeichnen; der centrale Riesenstrom ist gebändigt, -daß er bis zum Meer die größten Flußdampfer gehorsam auf seinem Rücken -dahingleiten läßt, das großartigste Netz von Eisenbahn- und Kanallinien -verflicht das Mississippithal mit der atlantischen Küste wie mit den -kanadischen Seen, wo Chicago als ein Seehafen mit Weltverkehr mitten -im Kontinent zu einer Millionenstadt erwuchs; selbst durch die vorher -in Todesschweigen liegenden Jagdgründe der Indianer des fernen Westens -zieht das Dampfroß schrillen Pfiffs seine transkontinentale Eisenstraße -zum wirtschaftlichen Zusammenschmieden der früher kaum sich kennenden -atlantischen und Südseefront; die weiße Kalkwüste am blauen Salzsee -von Utah ist durch künstliche Bewässerung in ein grünes Gartengefilde -verwandelt, Nevada nebst Kalifornien schütten ihre Milliarden aus, wo -vorher kaum ein paar streifende Horden von Rothäuten ein kümmerliches -Dasein fristeten; San Francisco erstand in 50 Jahren aus dem Nichts -zur stolzen Königin der Westküste, ein strahlendes Gegenüber zu New -York, der merkantilen Beherrscherin des Ostens, dieser volkreichsten -Stadt der Welt nächst London, wo vormals an der Hudsonmündung die -Wigwams eines Indianerdörfchens standen. Noch rascher, erst seit 1788, -ist Australien aus einer gottvergessenen Armutsstätte des Hungers und -Durstes, ohne einen Getreidehalm, ohne Fruchtbäume und Melktiere, ja -bis auf die spärlichen Känguruherden fast auch ohne jagdbares Wild, -durch englische Thatkraft umgestaltet worden zu einer beneidenswerten -Schatzgrube von Reichtümern aller drei Naturreiche. Klassisch wurde -daselbst die graue Theorie, der zufolge die Geschöpfe vom Schöpfer -selbst überall da heimisch gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> seien, wo sie fortzukommen -vermöchten, durch die frische That der Versuchs widerlegt. Alle unsere -Getreide- und Obstarten wie unsere Nutztiere gedeihen vortrefflich -unter dem australischen Himmel; an Stellen, die dem Australschwarzen -nicht mit einem Tropfen Wasser die Zunge lechzten, hat Moseskunst -Quellen angeschlagen oder sammeln tief ausgebrochene Felscisternen -die Regenwasser umgebender Höhen, um jene ungeheuern Schafherden -zu tränken, deren Vließ im Trockenklima Australiens so seidenweich -auswächst, daß die Squatter bereits heute dort vom Schafesrücken -eine größere, vor allem aber eine ungleich dauerndere Einnahme sich -gesichert haben als Goldwäscher und Goldgräber. Dieser einzige Erdteil, -der bis vor etwa 113 Jahren keine Stadt, ja kein Dorf trug, ist nun -mit blühenden Ortschaften übersät, ja sein Melbourne ist analog, aber -noch schneller und höher emporgekommen wie San Francisco, denn diese -vornehme Kapitale der Südhemisphäre gleicht Rom an Bewohnerzahl und -wird Dank seiner unvergleichlichen Hafenbai die Haupthandelspforte -Australiens bleiben, wenn längst auch die letzte Goldader Viktorias -ausgebeutet worden.</p> - -<p>Hatte der europäische Ansiedler dem amerikanischen Boden vieles von -daheim mitgebracht, vornehmlich den Weizen und das Pferd, dazu Rind, -Schaf, Schwein, Esel, Ziege, aus Asien den Kaffeebaum, so bekam also -Australien überhaupt erst durch die Kolonisten sein Kulturgewand -angethan, und zwar ein so gut wie ganz europäisches. Doch auch -unsere Ostfeste hat nicht ganz unähnliche Verwandlungswunder in -seiner Kulturscenerie erlebt. Javas Bedeutung für den Welthandel -beruht fast allein auf dem Massenertrag an ursprünglich ihm fremden -Erzeugnissen; der immergrüne Pflanzenteppich seines Kulturlandes, -wie er sich über die Niederungen zu Füßen seiner alpenhohen Vulkane -und über die Unterstufe seiner Gebirge ausbreitet, besteht neben -dem seit alters einheimischen Reis aus Zuckerrohr vom indischen -Festland, aus Tabakstauden von der Habana, aus dem Theestrauch -Ostasiens, dem ursprünglich nur afrikanischen Kaffeebaum und den -herrlichen Cinchonen Perus, die uns in ihrer Rinde das fieberbannende -Chinin schenken. Die nächst Java ertrag<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>reichste Tropeninsel Asiens, -Ceylon, büßte unter der Hand seiner englischen Herren das prächtige -Urwaldkleid seines Südgebirges großenteils ein, um in unseren Tagen -sogar zweimal umgekleidet zu werden: zuerst überzog man den gerodeten -Waldboden mit lauter Kaffeepflanzungen und nun aus Furcht vor dem -verheerenden Blattpilz mit lauter Theepflanzungen. Wer könnte sich -die Sahara heute ohne das Kamel denken? Gleichwohl ist dieses für -die große Wüste wie geschaffene Tier erst durch den Menschen dorthin -eingeführt worden; man erblickt es nirgends unter den mannigfaltigen -Tierbildern Ägyptens aus der Pharaonenzeit, es scheint vielmehr -den Ägyptern bis zur Ptolemäerzeit ganz fremd geblieben zu sein -und hat seinen das Verkehrswesen Nordafrikas umgestaltenden Einzug -in die ganze Sahara und darüber hinaus sicher erst im Gefolge der -Ausbreitung des Islam bis in den Sudan gehalten. Religionen sind -auch sonst bei der Metamorphose des landschaftlichen Kulturbildes -mehrfach mit beteiligt gewesen, nicht allein durch bauliche Anlagen -wie Moscheen mit schlanken Minarts, Pagoden und Buddhistenklöstern, -die geradeso wie christliche Wallfahrtskirchen und Klöster aus einem -tief im Menschenherzen begründeten Zug die Berggipfel suchen, wo sie -dann landschaftlich um so bedeutender wirken; und was wäre uns die -Ebene am Niederrhein ohne den Kölner Dom, die oberrheinische Ebene -ohne Straßburgs Münster? Um uns aber bewußt zu werden, wie Religionen -z. B. unmittelbar eingriffen in die vegetativen Landschaftstypen, -brauchen wir nur dessen zu gedenken, daß die Weinpflanzungen überall -zurückwichen, wo Mohammeds puritanisches Nüchternheitsgebot erschallte, -selbst in dem einst so weinreichen Kleinasien, das Christentum -hingegen den Anbau der Rebe nach Möglichkeit förderte, schon um den -Weihekelch des Abendmahls rituell zu füllen. Mit dem Athenakultus -war der der Göttin heilige Ölbaum untrennbar verbunden; mit dem -Apollodienst wanderte der Lorbeerbaum um das Mittelmeer. Die Verdienste -gewisser Mönchsorden um den Wandel des finstern Waldes in lichtes, -fruchttragendes Gefilde während des Mittelalters sind hoch zu preisen. -Ja wir haben geradezu den<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> urkundlichen Beleg eines solchen Wandels -immer vor uns, sobald uns nur bezeugt wird, daß zu bestimmter Zeit -an dem betreffenden Ort ein Cistercienserkloster gegründet sei; denn -das durfte nach der Ordensregel gar nicht wo anders geschehen als da, -wo noch bare Wildnis den Anblick der Urzeit bot, damit alsbald dort -mit Rodung, Entsumpfung, Anbau begonnen werde. Wo jetzt die Thüringer -Eisenbahn uns so gemächlich durch die grünen Fluren des Saalthals an -Weingeländen und hochragenden Burgruinen bei Schulpforta vorbei dem -inneren Thüringen zuführt, kann beispielsweise im 12. Jahrhundert -nur eine versumpfte Thalsperre bestanden haben, die zu umgehen die -Fahrstraßen auf benachbarten Höhenrücken hinzogen, denn — die <span class="antiqua">Porta -Coeli</span> ward damals als Cistercienserabtei angelegt. Gerade von -ihr ist uns kürzlich durch einen hübschen geschichtlichen Fund die -gärtnerische Bedeutung der alten Mönche in helles Licht gerückt werden; -man verstand früher nie, warum in Frankreich der auch dort weit und -breit geschätzte Borsdorfer Apfel <span class="antiqua">pomme de porte</span> heißt, — -nun wissen wir den Grund: die fleißigen Mönche von Pforta hatten auf -ihrem Klostergut Borsdorf unweit von Kamburg an der Saale eine neue -feine Geschmacksvarietät einer kleineren Apfelsorte entdeckt und -verteilten alsbald Pfropfreiser derselben an ihre Ordensbrüder weit -über Deutschland hinaus, und nur die Franzosen bewahren zufällig durch -den ihnen selbst nun unklar gewordenen Herkunftsnamen pomme de porte -die Erinnerung daran, daß die rotbäckigen Borsdorfer alle Nachkommen -sind von Stammeltern, die in einem stillen Klostergarten an der -thüringischen Saale gewachsen.</p> - -<p>Ganz Europa ähnelt einem Versuchsfeld, auf dem nützliche Gewächs- und -Tierarten gezüchtet wurden, um sie dann mit dem alle übrigen Erdteile -durchflutenden europäischen Kolonistenstrom nach systematischer Auslese -auch dort einzubürgern, wo es die geologische Entwicklung nicht hatte -geschehen lassen. Nicht <em class="gesperrt">ein</em> Erdteil wird vermißt unter den -Darleihern von Zuchttieren, Nutz- oder Ziergewächsen an Europa. Am -schwächsten ist Afrika vertreten, nämlich bloß mit Schmuckpflanzen wie<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> -Calla und Pelargonien; Australien schenkte uns in seinem Eucalyptus -einen kostbaren raschwüchsigen Baum, der durch die energische -Saugthätigkeit seines mächtig ausgreifenden Wurzelwerks u. a. in den -pontinischen Sümpfen Wunder thut zur Austrocknung des Bodens, zur -Vernichtung des Fiebermiasmas; Amerika verdanken wir den Truthahn, -die Tabakpflanze, den Mais, vor allem aber die Kartoffel, ferner -die eigenartig fremdländische Staffage der Mittelmeerländer: Agave -nebst Opuntie; am meisten jedoch spendete uns Asien, mit dem Europa -zufolge seines breiten Landanschlusses im Osten sowie der bequemen -Schiffahrt über das Mittelmeer stets im engsten Bunde gestanden hat -durch Wanderungen der Völker und durch Warenaustausch. Jeder Hühnerhof -stellt eine asiatische Geflügelkolonie dar, innerhalb deren nicht -selten der Pfau eine echt indische Farbenpracht entfaltet. In vor- oder -doch frühgeschichtliche Zeitfernen reicht die Einführung des Weizens -und der Gerste aus Asien, noch während des Altertums folgten Walnuß -und Kastanie, Mandel, Pfirsiche und Aprikose, erst durch Lucullus -die Kirsche. Oberitalien, vormals ein sumpfiges Urwaldgebiet rein -europäischer Baumformen, ward zu einem prangenden Fruchtgefilde, wo -hier asiatischer Reis, dort amerikanischer Mais blüht und aus China -gekommene Seidenzucht tausend emsige Hände beschäftigt; nur die -Weinrebe, die im Poland so reizend sich von Ulme zu Ulme schlingt, -darf als alteuropäisches Eigengut gelten. Der Büffel, so heimisch -er sich jetzt in den Donausümpfen Rumäniens wie in den Morästen -am tyrrhenischen Gestade Italiens fühlt, ist doch erst im frühen -Mittelalter durch Nomadenstämme aus Westasien zu uns gelangt. Das -Land, „wo die Citronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“, -ist Italien noch in Cäsars Tagen nicht gewesen, ja die Apfelsine, -die schon durch ihren Namen „Apfel von Sina“ ihre chinesische Heimat -verrät, wurde sogar erst durch die portugiesische Kauffahrtei des 16. -Jahrhunderts über Südeuropa ausgebreitet.</p> - -<p>Allein, um den Landschaftswandel durch Menschenhand zu gewahren, -brauchen wir uns gar nicht im Geist ans blaue<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> Mittelmeer zu versetzen, -etwa nach Sizilien, dieser Lieblingsstätte der Ceres, wo man nun nicht -mehr bloß Weizen, Wein und Oliven wie vor Alters erntet, sondern ganze -Schiffsladungen von Hesperidenäpfeln von Palermo nach Nordamerika und -halb Europa verfrachtet, den Opuntienkaktus die Etnalava in fruchtbaren -Humusboden verwandeln und gleichzeitig dem armen Volk eine billige, -labende Frucht schaffen läßt, — nein, unser eigenes Vaterland -offenbart uns das eindringlich genug.</p> - -<p>Als Tacitus seine Germania verfaßte, gab es zwar im römischen -Provinzialgebiet links vom Rhein, an Donau und Inn, auch im Zehntland -zwischen Donau und süddeutschem Rhein schon mannigfachen Anbau; auf den -Schieferfelsen längs der Mosel und des norddeutschen Rheins pflegte man -bereits die Rebe, auf Donau und Inn schwammen Getreideschiffe, wenn -auch der Bodenanbau sich mehr an die Thalweitungen der Ströme hielt, -sonst meist nur eine lichte Oase im Dunkel des Waldes bildete, etwa um -ein einsames Römergehöft, angeschmiegt an einen sonnigen Thalhang mit -Auslage gen Süden. Dort im Donausüden und im rheinischen Westen bewegte -sich schon reger Verkehr auf den für den festen Tritt der Legionen -solid gebauten Römerstraßen; auf dem Markt der vindelicischen Augusta, -des heutigen Augsburg, trafen sich die verschiedensten Volksstämme, -man redete in germanischer, keltischer, römischer Sprache; Mainz war -ein wichtiger Waffenplatz, im freundlich mit Weingärten und Obsthainen -umschmückten Thalkessel von Trier schlugen gelegentlich römische Kaiser -ihren Sitz auf, um von wohlgeschirmter Stelle aus die Rheingrenze gegen -Freigermanien zu überwachen. Aber eben dies Land der freien Germanen -lag noch überwiegend im Waldesschatten, der nur von weiten Moorflächen -und wohl auch stellenweise von offenem Wiesenland unterbrochen wurde, -wo leicht austrocknender Lößboden den Waldwuchs weniger begünstigte als -den von Gras und Kraut. Städte sah man gar keine, kaum geschlossene -Dorfschaften, gewöhnlich bloß verstreute Blockhäuser, um sie her -wohl etwas Feld, grasende Kühe, Schafe oder Ziegen, ein grunzendes -Schwein, von Eichelmast genährt, aber keinen Baum<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>garten. Holzäpfel -und Holzbirnen brach man sich aus dem nahen Wald, der in malerischem -Durcheinander Laub- mit Nadelholz mischte; die schöne Eibe war an ihrem -dunkelgrünen Wipfel schon von weitem erkennbar neben dem helleren Grün -der Fichte oder der Kiefer; Eichen und Buchen walteten unter den nur -sommergrünen Waldbäumen vor, aber auch Lindenbestände mengten sich -ein, auf den Gebirgshöhen turmhohe Edeltannen. Bär und Luchs lauerten -im Dickicht, in dem die wilde Taube gurrte und über dem krächzende -Raubvögel ihre Kreise zogen; der Wolf ging auf Beute aus, fiel auch -wohl weidende Wildpferde an; Wildschweine durchwühlten das Erdreich, -neben Hirsch und Reh sah man das Elen mit seinem Schaufelgeweih das -Geäst der Bäume und das Gestrüpp des Unterholzes geräuschvoll zur -Seite drängen, um sich Bahn zu schaffen; in kleinen Gruppen durchzog -das Geschwister des amerikanischen Bison, der Wisent, Niederungs- wie -Bergwald, in größeren Herden weideten Renntiere die grauen Flechten -des Waldbodens ab; an den morastigen Flußufern führten Biber ihre -Wasserbauten auf im Schatten von Erlen, Eschen und Zitterpappeln.</p> - -<p>Heute würde Tacitus sein Germanenland kaum wiedererkennen. Der -Deutsche ist nicht mehr bloß Jäger und Viehzüchter mit nebensächlichem -Feldbau, seine weit intensiver gewordene Arbeit gehört dem Ackerbau -und der innig mit ihm verknüpften Viehhaltung, dem Gewerbe bis zur -Großindustrie, dem Bergwerksbetrieb, dem Handel und der Schiffahrt. Das -kündet Deutschlands Antlitz mit der nahezu die Hälfte der Bodenfläche -einnehmenden Feldflur, den zur menschlichen Nutzung regulierten -Flüssen, der Fülle von Städten, den Fabrikschornsteinen und Hochöfen, -den See- und Stromhäfen, den Leuchttürmen und Deichbauten längs der -Küstenlinie, dem umfassendsten Eisenbahnnetz in ganz Europa. Nur -annäherungsweise haben sich Reste altgermanischer Landschaft noch -erhalten auf den höchsten Zinnen unserer Gebirge und in den Mooren, -soweit diese noch nicht der Brandkultur unterworfen wurden, oder durch -Abtragen des Torfes bis zum festen Untergrund einer<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> am Kanalgezweig -in sie eindringenden Fehnkolonie den Platz räumten. Der Urwald ist, -wo man ihn nicht durch Feuer oder Axt zerstörte, zum Forst geworden, -also zum Kunstwald, der in eintönig gleichmäßigen Beständen solche -Holzarten enthält, die rasch wachsen und gut bezahlt werden. Darum hat -besonders auf unseren Gebirgen die Fichte die Vorherrschaft erlangt, -die hauptsächlich unser Bauholz liefert; selbst die stolzen Edeltannen, -von denen einige Patriarchen am obersten Schwarzathal noch aus der -Stauferzeit stammen mögen, finden wegen ihres langsamen Aufwuchses -keine Gnade bei der Forstverwaltung. Die Eibe treffen wir sogar meist -nur noch als seltenes Relikt der Vorzeit an schwerer zugänglichen -Stellen, so an der jähen Granitwand des Harzes, die vom Hexentanzplatz -zur Bode abfällt; sie wächst erst recht langsam nach und erlag daher, -allzu viel geschlagen wegen ihres für Schnitzerei trefflich geeigneten -Holzes, bei uns wie in Skandinavien frühzeitig allmählicher Ausrottung. -Renntier und Wisent verschwanden aus Deutschland schon während des -Mittelalters, das Elen hält sich nur noch in ein paar preußischen -Forsten unseres äußersten Nordostens, das mäßig große Wildpferd wird -zuletzt in der Reformationszeit am Thüringerwald erwähnt, Wolf und -Bär wurden in den Folgejahrhunderten ausgerottet, vom Biber führt ein -kleines Häuflein an der untersten Mulde und in dem benachbarten Stück -des Elbthals oberhalb Magdeburg ein beschauliches Dasein, anderwärts -sind dem merkwürdigen Nager unsere Gewässer durch Befahrung und -industrielle Anlagen zu unruhig geworden.</p> - -<p>Unsere flüchtige Überschau hat ergeben, daß sich der umgestaltende -Eingriff des Menschen in die Naturwildnis teils richtet auf Veränderung -der Pflanzen- und Tierwelt je nach dem Bedarf seiner vornehmlichen -Beschäftigung, teils auf Ausführen von Wege-, Wasser- und Hochbauten. -In beiden Richtungen stellt sich die Wasser- und die Waldfrage in den -Vordergrund. Bei beiden wollen wir noch einen Augenblick verweilen.</p> - -<p>In der Wüste schafft sich der Mensch Kulturboden, indem er den in -lichtloser Tiefe schlummernden Wasservorrat durch artesische Bohrung -an die Oberfläche herauffördert, um bald im<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> Schatten von Dattelhainen -zu wandeln, wo sonst der Verschmachtungstod drohte. Im amphibischen -Sumpfgelände gilt es im Gegenteil des Übermaßes von Wasser sich zu -entledigen, um dann mitunter den allerfruchtbarsten Boden zu gewinnen. -Letzteres war der Fall in Ägypten; in der Deltaflur des Nil war nicht -zu leben als Fischer, Jäger oder Hirt, nur als seßhafter Ackerbauer, -dann aber auch in hohem Wohlstand und wachsendem Volksgewimmel, das zur -Arbeitsteilung, folglich zu hoher Kultursteigerung führte. So zogen -die Altägypter den Kulturboden durch Entwässerung und Dammbauten aus -dem Nilschlamm empor und schufen die eine Hauptwurzel der nachmals in -Europa ausgestalteten Weltkultur. Die andere Hauptwurzel leitet weiter -hinaus in das Mündungsland des Euphrat und Tigris. Hier ward in ganz -ähnlicher Weise Kulturboden als Grundlage erstaunlich früh gesteigerter -Menschheitsgesittung dem Sumpfdelta der beiden Zwillingsströme -enthoben. Aber der ältere, darum höher an den Flüssen hinauf gelegene -Deltaboden lag doch schon zu hoch über dem Stromspiegel, er wurde -deshalb nicht mehr vom Hochwasser erreicht wie der am ägyptischen Nil, -man mußte das Wasser durch Schöpfwerke emporheben und in zahlreiche -Kanäle leiten, die zugleich der Schifffahrt wie der Felderbefruchtung -dienten. Das war es, was das uralte Sumeriervolk und seine Nachfolger -in diesem Deltaland, die Chaldäer, zu weit mühevollerer Leistung -stachelte als die Ägypter. Indessen eben weil dieser Kulturboden von -keinem Nil alljährlich von selbst getränkt und gedüngt wird, verlor -er seine Erzeugungskraft, als der gedankenöde, die Thatkraft lähmende -Kismetglaube des Islams das Leichentuch über das Land breitete. -Babylonien versank in den Wüstenzustand; trauernd blickt der Birs -Nimrud, der einzige turmartige Trümmerrest Babels, dieser größten -Stadt des Altertums, auf eine sonnendurchglühte Ebene, der nun das -Wasser fehlt, das einst die Heidenvölker so schaffensfroh heraufholten. -Hier also harrt eine seit mehr denn tausend Jahren erstorbene -Kulturlandschaft ihrer Auferstehung, sobald nur das rechte Volk kommt. -Glorreicher erscheint darum die Bezeugung menschlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> Macht über -rohe Naturgewalt in den Niederlanden, weil da noch zur Stunde das -Siegeswort Wahrheit spricht: „Gott schuf das Meer, der Bataver aber den -festen Wall der Küste.“ Wo einst die nordwestlichsten Deutschen, die -Chauken, ein kaum menschenwürdiges Dasein fristeten, täglich zweimal -zur Flutzeit vom einbrechenden Meer umgarnt, daß sie wie Schiffbrüchige -in ihren auf künstlichen Hügeln erbauten Hütten als Flüchtlinge lebten, -da hat der goldene Reif des Deichbaus, den ihre Nachkommen aufführten, -fette Wiesen, besten Ackerboden in dessen Schutz gewinnen lassen, und -Hunderte von Kanälen durchziehen wie weiland Babylonien zur Be- und -Entwässerung das gesegnete Gefilde, aus dem man künstlich das Wasser -zum Meer geleiten muß, denn reichlich ein Viertel der Niederlande, -der ganze Raum von der Südersee bis zur Schelde, liegt tiefer als -der Meeresspiegel. Dies ganze Land ist mithin echtester Kulturboden -sogar seinem Ursprung nach, ihn hat der Mensch nicht meliorierend -umgeschaffen, sondern erschaffen, dem Meere abgerungen.</p> - -<p>Schulter an Schulter mit den Niederländern haben wir auch auf deutschem -Boden den Deichbau zur Wehr gegen die anstürmende Nordsee ausgeführt, -am Dollart unterseeische Polder erworben und innere Landeroberungen -durch Urbarmachen der Moore, Trockenlegung von Sumpfstrecken erzielt; -ja Friedrichs des Großen Trockenlegung des Oderbruchs steht auf -ähnlicher Höhe wie diejenige des Haarlemer Meeres, die neuerdings -18000 Hektar ausgezeichneten Fruchtbodens lieferte, die Heimstätte -von zur Zeit 14000 zu ansehnlichem Wohlstand gelangten Holländern. In -den deutschen Mittelgebirgen, deren Begehung vielfach durch Torfmoore -erschwert wurde, hat der Abstich letzterer freilich die Wasserkraft der -aus ihnen gespeisten Bäche beeinträchtigt, denn jene gaben vorzügliche -Reservoire ab für den Niederschlag: Regen- wie Schmelzwasser speicherte -sich in ihnen wie in einem Schwamm auf und erhielt die Gewässer selbst -bei Trockenheit und Hitze stark. Mancher unserer Gebirgsbäche, der -jetzt zur Sommerzeit nur als dünner Wasserfaden durch sein Felsenthal -niederrieselt, hat noch vor wenigen Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>hunderten selbst unweit seines -Ursprungs rastlos die Räder von Sägemühlen getrieben.</p> - -<p>Eben in dieser Wasserökonomie haben wir nun auch die Hauptbedeutung -des Waldes zu erkennen. Daß Entwaldung stets zum Niedergang eines -Landes führen müsse, kann man allerdings nicht zugeben. Das hängt ja -ganz von seiner Naturbegabung ab. Die britischen Inseln sind durch -ihre Bewohner zum waldärmsten Glied des europäischen Körpers geworden -und trotzdem eins der regenreichsten geblieben, weil ihnen der Südwest -vom Golfstrom her Regenwolken in Fülle zutreibt, gleichviel ob diese -Wälder antreffen, oder irische Viehtriften, englische Feldflur und -Parklandschaft. Waldrodung ist in jedem Waldland die unerläßliche -erste Kulturthat des Ansiedlers, denn er braucht geklärten Boden zu -Hausbau wie Aussaat. Indessen wehe dem Volk, das ohne Verständnis für -die Eigenart seiner Heimat vermessen antastet dessen Waldmitgift! -Wie wir jetzt in Deutsch-Südwestafrika dazu schreiten, das Beispiel -der Australengländer zu befolgen, den bisher nutzlos verlaufenden -Wasserschatz sommerlicher Platzregen vorsorglich zu sammeln in -Cisternen oder Stauteichen, daß er der Viehzucht wie dem Landbau zu -gute komme, so beschirmt die Mutter Natur in glücklicher ausgestatteten -Erdräumen das als Regen oder Schnee vom Himmel bescheerte Wasser durch -das grüne Dach des lieben Waldes gegen zu rasche Verdunstung, gegen -verheerenden Ablauf zumal im Gebirge. Frankreich, noch weit schlimmer -die südlicheren Länder ums Mittelmeer, bezeugen, was geschieht, wenn -zufolge fahrlässiger Waldverwüstung das Naß nicht mehr im schattigen -Wald niedertropft auf moosigen Boden, um entlang den Baumwurzeln wie -in tausend Kanälchen ins Erdreich zu sickern, Quellen nährend. Wo sind -sie hin die schiffbaren Flüsse der Apenninen-Halbinsel zur Römerzeit? -Im Süden vielfach zu tobsüchtigen Fiumaren geworden, liegen sie in -der regenarmen Sommerzeit trocken, reißen dagegen bei winterlichen -Gewittergüssen wie mit den Krallen eines Ungeheuers immer neue, -immer tiefere Risse in die nackten Felswände, von denen die für den -Pflanzenwuchs so nötige Verwitterungskruste<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> krumiger Erde durch -das nämliche Unwetter hastig in ihr Bett entführt wird, bloß zur -Versumpfung der Niederung, zur Verstopfung der Flußmündung. So ist aus -dem Land, da Milch und Honig floß, das skelettartig kahle Palästina -geworden; das Fett des Bodens, besonders die kostbare Roterde, die -aus der oberflächlichen Auflösung des palästinensischen Kreidekalks -durch den Regen zurückblieb und in der Terrassenkultur der Israeliten -sparsamst bewahrt blieb, mußte beim Verfall pflegsamer Bodenbehandlung, -beim Abhieb der immergrünen Eichenhaine, von denen die Bücher des alten -Bundes melden, der bleichen Steinwüste weichen.</p> - -<p>Stets sind die Länder das, was ihre Völker aus ihnen machen. Das -Aussehen jener verkündet untrüglich den Grad der Werkthätigkeit dieser. -Immer höher klimmt der Mensch empor, die Natur seiner Umgebung in -seinen Dienst zu zwingen und seine Herrschaft ums ganze Erdenrund -auszudehnen. Boden wie Wasser sind beide längst die Schemel seiner -Macht, und sie werden es von Tag zu Tag mehr. Aus der mechanischen -Kraft des Flußgefälles holen wir uns elektrisches Licht, Triebkraft -für unsere Maschinen und übertragen sie vom Gebirge in die Niederung. -Hier versetzen wir gewissermaßen Gebirge, dort tunnelieren wir sie; wir -durchstechen Landengen und lassen im künstlich erschlossenen Wasserweg -Meere sich verbinden, wo es unser Verkehrsbedürfnis erheischt. Ja wir -lassen auf Schienen- wie Dampferlinien die irdischen Fernen in der -Praxis mehr und mehr sich kürzen, wir heben sie völlig auf in der -Telegraphie.</p> - -<p>Aber es ist nicht wahr, daß der Fortschritt der Kultur den Menschen -loslöst von der mütterlichen Erde; nein, sie verknüpft ihn nur immer -inniger und umfassender mit ihr. Wir fühlen uns immer heimischer auf -dieser Erde, immer glücklicher in der Verwertung ihrer Güter, ihrer -Kräfte, stets jedoch bleibt sie das Grundmaß menschlichen Schaffens.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="V_Geographische_Motive">V.<br /> - -Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p> - -<p>Wir gebrauchen das romanische Lehnwort „Nation“ nicht gleichbedeutend -mit dem viel allgemeineren Ausdruck „Volk“. Volk bedeutet uns keinen -recht bestimmten Begriff: „Viel Volks“ brauchen wir in dem nämlichen -Sinn wie „eine Menge Menschen“. Die Bewohner jeder Thalung, jeder -Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir im zusammenfassenden -Sinn „Volk“ nennen, selbst wenn sie von ihren Nachbarn nicht oder kaum -verschieden sind. Auch Nationen sind Völker, indessen nicht jedes Volk -ist uns eine Nation. Es giebt keine hamburgische, württembergische, -sächsische oder preußische Nation, wohl aber eine deutsche, -französische, russische; etwa auch eine belgische und niederländische, -eine schweizerische oder österreichische?</p> - -<p>Schon bei dieser Frage stutzt man. Die Österreicher wird nicht -leicht jemand eine Nation nennen; den meisten wird das auch schwer -ankommen bei den ihrer Abkunft und Sprache nach ganz und gar deutschen -Holländern, vollends bei den Belgiern und Schweizern mit ihrer teils -deutschen, teils romanischen Muttersprache. Wir ertappen uns auf -großer Unsicherheit, wenn wir die Frage beantworten sollen: machen die -Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika eine Nation aus? Viele -werden das verneinen mit dem Hinweis darauf, daß diese Nordamerikaner -doch nur ein Gemisch aus den verschiedensten Völkern Europas und -Afrikas darstellen. Können indessen nicht aus der Verschmelzung von -recht unverwandten Völkern Nationen geboren werden? Ist nicht die -chinesische hervorgegangen aus der Vermischung der aus Innerasien -vormals an den Huangho hinabgezogenen Urchinesen mit einer Menge ihnen -von Haus aus fremder Vorbewohner Nordchinas und vollends Südchinas,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> wo -noch bis zur Zeit des zweiten punischen Krieges keine Chinesen hausten -und wo bis zur Stunde Reste unchinesischer Stämme zu Hunderttausenden -von Köpfen weiterleben? Zeigt uns die russische Nation nicht noch in -der Gegenwart ganz den nämlichen Umschmelzungsvorgang durch Aufgehen -finnischer wie türkischer Völker im alles aufschlürfenden Russentum? -Ist nicht geradezu jede Nation ohne Ausnahme ein Mischungserzeugnis?</p> - -<p>Keiner braucht sich zu schämen, wenn er bekennen muß, über solche -Skrupel sich noch nicht recht klar geworden zu sein. Beweisen doch zwei -unserer größten Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wie völlig -gegensätzlich sogar man damals noch über den Sinn des Wortes Nation bei -uns dachte. <em class="gesperrt">Schiller</em> ruft in einem Distichon aus:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Zur Nation euch zu bilden,</div> - <div class="verse">Ihr hofft es, Deutsche, vergebens!“</div> - </div> -</div> - -<p>Und gleich nachher, als Deutschland dem korsischen Sieger zu Füßen -lag, hielt <em class="gesperrt">Fichte</em> unter dem Trommelgetöse einer französischen -Besatzung zu Berlin unter den Linden seine Flammenreden „an die -Deutsche Nation“!</p> - -<p>Schiller meinte unter Nation offenbar eine im National<em class="gesperrt">staat</em> -geeinte Volksschar, Fichte dagegen hatte den Mut, selbst im zeitweilig -niedergetretenen, staatlich völlig zersplitterten Deutschtum -die nationale Kraft der Gemeinsamkeit anzurufen in prophetisch -zuversichtlichen Worten, als hätte ihn die stolze Ahnung erfüllt, daß -eben in mannhafter Gegenwehr gegen den französischen Erbfeind das -deutsche Volk sich dermaleinst den nationalen Staat erkämpfen werde!</p> - -<p>Aber es dünkt doch sehr an der Zeit zu sein, daß wir den Begriff -„Nation“ in befriedigender Klarheit erfassen, weil er eine so mächtige -Rolle im täglichen Leben spielt und bei seiner ursprünglichen -Mehrdeutigkeit leicht als bestrickende Parteiparole von den -verschiedensten Seiten mißbraucht werden kann. Man denke nur an die -antisemitische Bewegung, an die mörderischen Kriege, die unter dem -Vorwand der Nationeneinung im vorigen Jahrhundert geführt wurden!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>Kein Zweifel freilich, daß das lateinische Wort <span class="antiqua">natio</span> einen -Volksstamm bezeichnet, der zufolge gemeinsamer Abkunft seiner Glieder -sich gleich zeigt in Aussehen und Sprache, in Brauch und Sitte. Jedoch -die Geschichte lehrt, daß keine Nation eine solche natio, eine solche -genealogische Einheit darstellt. Jede im Gegenteil gleicht einem Strom, -der aus um so zahlreicheren Quellen sein Gewässer mischt, je gewaltiger -er im Lauf zum Meere hin anwächst. Gleich <em class="gesperrt">sein</em> von jeher dichten -nur oberflächliche Beurteiler den Nationen an; gleich <em class="gesperrt">werden</em> -aber ist allerdings ihr unablässig betriebenes Werk. Eben weil -Nationen sich in stets lebendigem Fluß befinden, ist es so verkehrt, -doktrinär aprioristisch von einer starren Definition für den in Rede -stehenden Begriff auszugehen und nachher schulmeisterlich zu Gericht -zu sitzen, um alle diejenigen Völker als Nichtnationen abzuweisen, -die dem im voraus festgestellten Begriff sich nicht fügen. Das ist -regelmäßig der Fehler einseitig urteilender Historiker, Sprachforscher, -Anthropologen oder Staatsrechtslehrer. Da sagen die einen: die -Stammeseinheit macht die Nation. Nun dann wären Engländer und Deutsche -nicht zwei Nationen, sondern nur eine, denn die Angelsachsen waren -rein deutsch und mischten sich auf britischem Boden nicht viel mehr -mit Kelten als unsere Vorfahren auf süddeutschem Boden, den doch bis -zum Beginn unserer Zeitrechnung ausschließlich Kelten inne hatten, -was noch heute daran ersichtlich wird, daß die Süddeutschen weit -häufiger dunkel von Auge und Haar sind als die Norddeutschen. Andere -behaupten: die Sprachgleichheit sei der richtige Ausweis nationaler -Zusammengehörigkeit. Aber dann gehörten ja Engländer und Nordamerikaner -zu einer und derselben Nation, ebenso Dänen und Norweger, die ja -nach Sprache wie Abkunft völlig eins sind. Endlich heißt es: der -<em class="gesperrt">Staat</em> erst macht ein großes Volk zu einer rechten Nation. Das -hat gewiß mehr für sich, denn Niederländer wie Portugiesen, Schweizer -wie Nordamerikaner haben sich erst durch Gründen eigener Staaten zu -nationaler Selbständigkeit erhoben, ja sogar losgelöst von ihren -stammes- und sprachverwandten Brüdern außerhalb der von ihnen gezogenen -Staatsgrenze.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> - -<p>Die Niederländer sind reinblütigere Deutsche als die Reichsdeutschen -selbst, ihr Holländisch ist eine niederdeutsche Mundart so gut wie -das Platt der Gegend von Düsseldorf oder Köln. Nichts deutete bis -gegen Ausgang des Mittelalters auf nationale Abkehr dieser für uns so -wichtigen Rheindeltaflur vom deutschen Mutterland. Da bricht der Krieg -aus gegen die spanische Zwingherrschaft. Wir lassen die Holländer -in diesem echt deutschen Kampf um Nacken- wie um Glaubensfreiheit -thöricht genug im Stich und — fertig steht ein niederländischer Staat -von vollgültiger nationaler Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des -schaffenden Lebens. Ein Aufschwung ergreift das Volk, ähnlich dem der -Hellenen nach ihrem Obsiegen über den Koloß der Persermacht. Aus den -friedlichen Bauern und Heringsfischern geht eine kühne Seefahrernation -hervor, die eine Zeit lang die Hegemonie auf dem Weltmeer inne hat; -man gewinnt in überseeischem Handel und Kolonialbesitz eine wahre -Großmachtstellung, schafft in der nun zum Adel einer Schriftsprache -erhobenen heimischen Mundart eine hochansehnliche Litteratur, eigene -Kunstschulen und ein Gemeinwesen, das auch heute noch sein wieder -zu friedlicher Arbeit in engerem Kreise zurückgelenktes Volk sich -eines beneidenswert gleichmäßig verteilten Wohlstandes erfreuen läßt, -durchaus nicht gewillt, die seiner Eigenart angepaßte Verfassung durch -Eintreten in den deutschen Reichsverband preiszugeben. Ganz ähnlich -Portugal! Auch hier regte sich durchaus kein Streben nach Loslösung -aus dem so fest in sich geschlossenen iberischen Halbinselkörper bis -ins 11. Jahrhundert; der lusitanische Wohnraum deckte sich gar nicht -mit dem heutigen Portugal; ethnisch wie sprachlich war die Absenkung -Hispaniens zur heute portugiesischen Westküste vom Kernland der Mitte -nicht tiefer unterschieden wie dieses vom Ebroland oder vom fröhlichen -Andalusien. Portugiesisch war von jeher bloß eine spanische Mundart, -die man übrigens auch heute noch im spanischen Galicien spricht. Der -Staat Portugal erst brachte den Umschwung. Begründet dadurch, daß -König Alfons VI. seinem Eidam, dem ritterlichen Heinrich von Burgund, -das Küstenland zwischen Minho und<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Doiro als selbständige Grafschaft -überweist, wächst Portugal, Schulter an Schulter mit Kastilien, im -siegreichen Kampf gegen die Mauren südwärts aus, bis ihm an der Küste -Algarves das Meer eine natürliche Grenze setzt. Seit 1256 hat kein -anderes Königreich so fest seine Grenze eingehalten wie Portugal, ein -Beweis naturgemäßer Umgrenzung. Die nur auf portugiesischem Boden, -nicht ins spanische Hinterland schiffbaren Flußstrecken bilden samt -der Küstensee treffliche Verkehrsstraßen zu innigerem Zusammenschluß -des seiner ganzen Natur nach Kastilien entgegengesetzten, weit hinaus -ins Weltmeer blickenden Landes. Das gab dem Volk sein eigentümliches -Gepräge und schied es samt seiner auch hier zur vornehmen -Litteratursprache entwickelten Mundart national von Spanien.</p> - -<p>Doch wir blicken in die Frühepoche europäischer Gesittung zurück und -vernehmen zwei merkwürdige Wahrsprüche der Geschichte über die gar -nicht immer gleichmäßige Beziehung zwischen Staat und Nation. Die alten -Griechen waren eine echte Nation in der wesentlichen Gleichartigkeit -des Typus, der Sprache, der Sitte und Gottesverehrung, in ihrem stolzen -Sichabsondern von allen übrigen Völkern, der Welt der „Barbaren“, im -ruhmreichen Kampf zur Verteidigung ihrer nationalen Freiheit gegen -den persischen Großkönig, indessen — nie brachten sie es zu einem -nationalen <em class="gesperrt">Staat</em>. Die Römer hingegen erweiterten Schritt für -Schritt ihre festgefügte Staatseinheit vom römischen Weichbild auf -Latium, auf Italien, auf die ganze Länderkette rings um das Mittelmeer, -und gleichwohl hinterließ dieser Römerstaat, als er in Trümmer sank, -keine einige Nation, sondern bloß vereinzelte Ansätze zu abgesondert -voneinander sich entfaltenden Nationalitäten.</p> - -<p>Ist somit doch nicht immer der Staat Grundlage oder Endziel nationaler -Ausgestaltung, so führt uns wohl am sichersten ein Wink des berühmten -Franzosen Ernst Renan der Lösung des Rätsels entgegen. In einem -glänzenden Vortrag, den Renan in der Pariser Sorbonne am 11. März -1882 über das Thema hielt: „<span class="antiqua">Qu’est ce qu’une nation?</span>“ — der -Vortrag liegt längst auch gedruckt vor, blieb jedoch in Deutsch<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>land -fast unbeachtet — weist derselbe alle bisherigen Versuche, den Begriff -Nation zu erklären, mit meist durchschlagenden Gründen zurück und -überrascht zum Schluß mit der ganz neuen Deutung: „Eine Nation ist eine -große Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig -für die Gesamtheit vollbrachter Thaten und auf das Einverständnis, -auch künftig in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiterzuleben.“ Er -ruft aus: „Die Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes -Plebiscit.“</p> - -<p>Das kennzeichnet richtig die Nation als etwas in steter Entwicklung -Begriffenes und legt das Schwergewicht mit Recht auf das thatkräftige -Wollen. Thaten sind uns geradezu Berechtigungsnachweis dafür, daß -eine Volksschar eine Nation ausmacht; eine herdenhafte Menschenmasse -von Millionen und aber Millionen Köpfen, dabei so gleichartig, als -stelle sie eine einzige Familie dar, wäre uns doch keine Nation, wenn -sie thatenlos dahin vegetierte. Unklar bleibt nur bei Renan, worauf -eigentlich dieser Wille der Zusammengehörigkeit beruht, aus dem die -großen Thaten fließen. Vortrefflich eröffnet Renans Nationalbegriff -die Perspektive auf die im gesunden Fortgang des nationalen -Zusammenschlusses begründete Vollendung des letzteren, die Aufrichtung -des nationalen Staates; denn nichts vermag besser den Willen der -Absonderung von den Nichtgenossen zu verwirklichen als Abstecken einer -möglichst gesicherten Staatsgrenze, nichts vermag andererseits den -Willen des festen Zusammenstehens gründlicher in die That umzusetzen -als das gesetzmäßig ausgebildete Pflichtensystem staatlicher -Einrichtungen. Doch wenn wir fragen nach dem Urquell eben dieses -Wunsches zusammenzuhalten, zu bethätigen das „alle für einen, einer für -alle“, so läßt uns der geistvolle Franzose im Dunkeln. Er hellt dieses -Dunkel auch nicht auf mit der Redewendung: „Eine Nation ist eine Seele, -ein geistiges Prinzip.“</p> - -<p>Nein, das Wünschen und Wollen im bloßen Sinn subjektiven Beliebens -führt gewiß nicht zu dauerndem nationalen Zusammenschluß. Es handelt -sich um den objektiven Grund<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> des Wollens, und ich denke, wir entdecken -ihn, wenn wir den Renanschen Satz geographisch vertiefen.</p> - -<p>Ist es an dem, daß vor allem der ausdauernde feste Wille des -Zusammenhaltens in bewußtvoller Abkehr von den übrigen ein Volk zur -Nation stempelt, so bilden z. B. die Schweizer entschieden eine -Nation. „Wir <em class="gesperrt">wollen</em> sein ein einig Volk von Brüdern,“ so läßt -der Dichter die Schweizer auf der Rütliwiese ihren Bund besiegeln. -Ja, sie <em class="gesperrt">wollen</em> eins sein auch die Schweizer der Gegenwart, sie -<em class="gesperrt">wollen</em> wie Brüder zusammenstehen, so deutlich auch die welsche -Zunge im Südwesten und Süden, die deutsche Zunge im übrigen größeren -Raum ihrer Eidgenossenschaft laut es künden, daß sie nicht von gleicher -Herkunft sind. Und <em class="gesperrt">warum</em> wollen sie es? Weil sie ein und -dasselbe Haus bewohnen, dies einzig schöne Haus von den Juraketten bis -zu den firngekrönten Alpenhöhen, vom grünen Bodensee zum blauen See von -Genf. Gar verschieden hat die Natur das Land ausgestattet. Wo im Südost -die Alpen ragen, da thront naturgemäß die Sennerei; mit den Erträgen -seiner Rinderzucht ist der Alpenschweizer auf das Hügelgelände des -Nordwestens, auf die Molasseschweiz zwischen Jura und Alpen gewiesen, -wo man Getreide und Obst baut, wo man Wein keltert. Schon damals, als -die Melkbauern um den Vierwaldstättersee den urältesten, noch so eng -umschränkten Eidgenossenbund gründeten, nahmen sie Luzern in ihn auf -als ihren Marktort am Austritt der Reuß ins schweizerische Kornland. So -klar erkannten sie, daß einem Dauer verheißenden Bund die materielle -Wirtschaftsgrundlage nicht fehlen dürfe. Und dieser reale Grund, -daß Alpen- und Molasseschweiz bei ihrer entgegengesetzten Begabung -aufeinander angewiesen sind zu wechselseitiger Ergänzung, leitete den -ferneren Ausbau der Eidgenossenschaft und hat bis zur Stunde diese -Schweizer zusammengehalten. Das Bewußtsein solcher Zusammengehörigkeit -aber erfuhr eine mächtige Steigerung durch äußere Widersacher: durch -die habsburgischen Versuche, die alte Bauernfreiheit zu verkümmern, -durch die blutigen Angriffe des eroberungslustigen Karl von Burgund, -durch die Teilnahmlosigkeit des<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> Deutschen Reichs in jenen schweren -Tagen der Gefahr. So lernten die Schweizer, daß, wenn sie Herr in ihrem -hehren Hause bleiben wollten, sie treu zusammenstehen müßten ohne -Unterschied der Abkunft, der Sprache, des Glaubens. Sie erwuchsen zu -einer Nation und schufen sich zur Wahrung ihrer nationalen Güter den -immerdar festesten Hort, den nationalen <em class="gesperrt">Staat</em>.</p> - -<p>Das Beispiel der Schweiz ist ein Typus für Nationalentwicklung -überhaupt. Wie in einem klaren Spiegel schauen wir es da, daß leibliche -Verwandtschaft und daher stammende Sprachgemeinschaft durchaus nicht -unerläßlich sind zum Entfalten einer Nation, so gewiß sie imstande sind -das machtvoll zu fördern, ferner daß der eherne Panzer der staatlichen -Einheit gar sehr benötigt wird, ja unter Umständen unentbehrlich ist, -den Körper der Nation zu schirmen; vornehmlich aber erkennen wir an -dem Muster der Schweiz die bisher allzu sehr übersehene Bedeutung der -wirtschaftlichen Faktoren in ihrer Bedingtheit durch die Landesnatur.</p> - -<p>In der Verkennung der leitenden Kraft dieser geographischen -Einwirkungen liegt die Hauptschwäche der Renanschen Ausführungen. -Er giebt zu, daß „die Geographie“ (er will sagen: die tellurische -Beeinflussung) ihren gewichtigen Anteil habe an der Trennung von -Nationen, indessen, nachdem er von der scheidenden Kraft der Gebirge, -der verknüpfenden der Flüsse geredet hat (ohne des Meeres auch nur -mit einem Wort gedacht zu haben), verkündet er: „Die Erde liefert -doch nur die Unterlage, das Kampffeld für den Wettbewerb mit den -Waffen oder in friedlicher Arbeit; der Mensch liefert die Seele.“ Und -dann verflüchtigt er alsbald wieder den eben eingeräumten Einfluß -geographischer Bedingnisse, indem er erklärt: „Eine Nation ist ein -geistiges Prinzip, hervorgewachsen aus tiefen Komplikationen der -Geschichte, eine geistige Familie, keineswegs eine durch den Bodenbau -bestimmte Gruppierung.“</p> - -<p>Das letztere hat auch wohl noch niemals jemand behauptet. Staaten wie -Nationen sind keine Naturerzeugnisse, sondern jedesmal Schöpfungen der -Menschen. Es wäre jedoch<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> eine Verkennung thatsächlicher Verhältnisse, -wollte man den Menschen so unumschränkt in seinen Neigungen und -Willensäußerungen sich denken, daß er hierin von seiner irdischen -Heimat gar nicht abhinge. Im Gegenteil, so gewiß im Pulsschlag des -Lebens einer Nation Blutsverwandtschaft, Gleichheit von Sprache -und Sitte, Glaubensgemeinschaft sehr wohl fühlbar sein kann, — am -dauerndsten wie am allgemeinsten ruht doch die Vereinigung zu diesen -umfassenden Volksgenossenschaften in dem Bewußtsein, daß man neben -geistigen auch materielle Interessen gemein habe, die man darum mit -geeinter Kraft zu vertreten habe. Und eben weil materielle Interessen -am Boden zu haften pflegen, ist ein unlösbares Band geschlungen -zwischen einer Nation und ihrem Wohnraum. Geschichtliche Strömungen -mögen bald diese, bald jene Länder national verknüpfen, aber vom -Boden losgelöste Nationen hat es nie gegeben. Mag eine Nation ihre -Stätte wechseln, oder mag sie wie die russische in Sibirien ihren -Wirkungsraum auf benachbarte, ganz neue Lande ausdehnen, stets wird -sie sich dem neugewonnenen Boden innig vermählen, geistig ebenso wie -durch Anbau, Handel und Gewerbe, Verkehrs- und Staatseinrichtungen. -Das militärische Schutzbedürfnis kann sogar Hauptgrund werden für eine -Nation, etwa ein zeitweilig außerhalb ihrer Staatsgrenze gelegenes -Gebiet zu besetzen. Wir Deutsche haben „aus nationalem Interesse“ das -Elsaß nebst Deutsch-Lothringen für uns reklamiert, nicht weil dort uns -abtrünnig gemachte Volksgenossen wohnten oder weil diese Territorien -einst dem verflossenen Deutschen Reich angehörten, sondern weil uns -Metz als Sperrfeste des zum Rheinstrom ausmündenden Moselthals, vor -allem aber die Wasgaumauer hocherwünscht sein mußte zur Deckung -unserer Westgrenze. Mit freilich nicht ausgesprochener Bezugnahme auf -diese vermeintliche Gewaltthat bemerkt Renan, eine Nation habe nicht -mehr Recht als ein König zu einer Provinz zu sagen: „Du gehörst mir, -ich nehme dich.“ Denn, heißt es weiter: „Niemals besitzt eine Nation -ein wirkliches Interesse, ein Land gegen dessen eigenen Willen sich -anzugliedern oder für sich zu behalten. Der Wille der Nationen ist -schließlich<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> das einzige gesetzliche Schiedsgericht, auf das man dabei -immer zurückzukommen hat.“ Das soll also heißen: Man lasse sich die -Bewohner von Elsaß und Deutsch-Lothringen frei äußern, ob sie lieber -zu Frankreich oder zu Deutschland gehören wollen, und regele nach -solcher Entscheidung die Karte Europas! Machen denn aber die teils -französischen, teils deutschen Insassen unseres heutigen Reichslandes -jenseit des Rheins, denen niemals die zu nationaler Sonderbethätigung -notwendige Selbstständigkeit zu eigen sein konnte, eine „Nation“ aus? -Das wollte doch gewiß auch Renan nicht behaupten. Hörten wir aber nicht -eben erst sein Urteil, eine Nation beruhe auf einem stetigen Plebiscit -der Zusammengehörigkeit? Nun, dann gilt bei dieser lediglich zwischen -Deutschland und Frankreich schwebenden Streitfrage der Wahrspruch -deutscher Nation: Wir brauchen diese unsere zurückeroberte Reichsmark, -um im Frieden sicher zu leben! Und Renan, der begeisterte französische -Patriot, muß nach obigem sogar selbst die Zuständigkeit eines solchen -Schiedsgerichtes als des „einzigen gesetzlichen“ anerkennen!</p> - -<p>Derartige Beispiele, wie der Besitz eines verhältnismäßig schmalen -Landstreifens sogar für die Existenzfrage einer Nation von hohem Belang -sein kann, zeigen deutlich genug, daß die Landesnatur doch nicht -als bloße Äußerlichkeit betrachtet werden darf, wenn man sich über -das Werden von Nationen klar werden will. Wahrhafte Nationalstaaten -benutzen ihr Gebiet niemals als bloße Schaustätte ihrer Thaten. Der -glücklichste Wurf zu einer nationalen (d. h. hohen Sonderaufgaben eines -Volkes gerecht werdenden) Staatsgründung wird stets der sein, der den -richtig erkannten Zielen des Volkes das rechte Werkzeug in die Hand -giebt, sie zu erreichen, vor allem also das rechte Staatsgebiet in der -national zweckgemäßesten Umgrenzung.</p> - -<p>Das Römerreich war ein Weltreich, verbunden außer durch den eisernen -Herrscherwillen der Römer allein durch die herrliche Verkehrsbrücke -des Mittelmeers. Doch so verschieden wie die Natur Italiens und -Syriens, Ägyptens und Galliens, ebenso verschieden gestaltete sich das -Völkerleben in diesen Provinzen des Reichs, so daß nimmermehr, auch bei -noch weit längerer<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> Reichsdauer von einer nationalen Vereinheitlichung -hätte die Rede sein können. Noch machtloser hierzu erwiesen sich so -gewaltsame Staatsschöpfungen wie die der mongolischen Großkhane des -Mittelalters oder die Napoleons I., bei denen zur Unvereinbarkeit der -Länder und Völker sich auch die Kürze der zwangvollen Vereinigung -gesellte. Wenn dagegen wie in den Vereinigten Staaten die Natur große -Einheitszüge aufweist, und der Mensch die vorhandenen Gegensätze wie -dort zwischen dem wohlbenetzten, an den nützlichsten Fossilschätzen -reichen Osten und dem dürren edelmetallreichen Hochlandwesten samt -den riesigen Entfernungen von atlantischer bis pacifischer Küste, -samt dem argen Verkehrshemmnis der Felsengebirge, der Nevadakette -durch Eisenbahnen zu überwinden versteht, dann mag in jenes gewaltige -Viereck unter dem Sternenbanner ein Schwall verschiedenartigsten Volkes -einströmen, — es kann die nationale Einung doch nicht ausbleiben. -Dem durch die englische Besiedlung früherer Jahrhunderte begründeten -Stamm der Neusiedler schmiegten sich in Sprache und Lebensgewohnheiten -so gut wie alle späteren Nachzügler aus Europa an nach dem Gesetz -der Ausgleichung an der Hand des täglichen Verkehrs; das Leben auf -demselben Boden, in derselben Luft wirkte nicht minder ausgleichend auf -körperliche Ausbildung und Temperament, Eheschließungen verwischten -ethnische Gegensätze, namentlich aber flößte das gemeinsame Wirken -auf der gleichen Grundlage der Bodenmitgift nach den gleichen Zielen -in Ackerbau, Gewerbe, Handel den Wunsch ein nach gleichartiger -Regelung der wirtschaftlichen Einrichtungen durch den nationalen -Staat, unabhängig von Fremden, und seien sie auch die daheim in -England gebliebenen Väter oder Brüder. Der weltgeschichtliche Abfall -der Kolonien an der atlantischen Seite Nordamerikas von England war -nur der Ausdruck des frisch erwachten nationalen Sonderinteresses -der englischen Amerikaner auf dem den Indianern und der Wildnis auf -eigene Faust entrissenen Neuland. Man faßte den Willen der Loslösung -einerseits, des selbständigen Zusammenhaltens der Kolonisten -andererseits, d. h. man fühlte sich als Nation.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p>Wenn der erste Kanzler des Deutschen Reichs einmal im Reichstag -äußerte, „ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift wie einen -alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr, ich habe kein -landsmannschaftliches Interesse mehr für ihn“, so atmet dieser -nur scheinbar herzlose Ausspruch die ganze Schärfe Bismarckscher -Realpolitik, die auf der Überzeugung ruht: das Vaterland bestimmt die -Nation, weist ihr die ganze Lebensrichtung, giebt einem jeden das -Pfund, mit dem er wuchern soll, verleiht ihm dafür indessen auch nur so -lange Schutz, als sein Wirken ihm zu gute kommt.</p> - -<p>Was wir hier zu erweisen suchen, daß eine Nation gar nicht auf -wirklicher Blutsverwandtschaft aller ihrer Angehörigen von Uranfang -beruht, so gewiß dauerndes Beisammenwohnen infolge von unvermeidlicher -Blutmischung schließlich sogar nach Millionen zählende Nationen -familiär vereinheitlicht, wird kaum jemals die Überzeugung der Masse, -des gemeinen Mannes werden. Der wird sich nach wie vor, schon unter -Einwirkung des trügerischen Namenschalles, unter einer Nation die -naturgegebene große Familie denken, die von einem Adam und einer Eva -herstammt, wenn man auch deren Eintragung in das Standesamtsregister -nicht mehr vorzuweisen vermag, ebenso wenig wie den ordnungsmäßig bis -zur Gegenwart fortgeführten Stammbaum. Unsere eigenen Vorfahren, die -sich erst seit der Regierungszeit Ludwigs des Deutschen den Gesamtnamen -„Deutsche“ beilegten, müssen ihren Verwandtschaftszusammenhang doch -schon lange vor jeder staatlichen Vereinigung erkannt haben, denn -sie hielten sich für eine weit ausgezweigte Germanenfamilie, und -ihrem Kausalitätsbedürfnis genügte die kindliche Vorstellung, es sei -zur Gründung dieser Familie gar kein Ehepaar erforderlich gewesen, -sondern allein der „Urmann“ (<span class="antiqua">mannus</span>, wie Tacitus sagt), der, -aus der Erde hervorgesprossen, das blonde Germanengeschlecht aus -sich erzeugt habe. Viel mag auch in unseren Schulen der Unterricht -in biblischer Geschichte dazu thun, daß man sich in früher Jugend -bereits unter dem Eindruck der schlicht klassischen Erzählungen von -den Erzvätern das Entstehen von Völkern vollkommen so geschehen denkt -wie das einer Einzelfamilie, ohne zu ahnen, daß die angeblichen<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> -Abrahamsöhne schon in der Periode, da sie mit ihren Herden im Land -Kanaan hin und her zogen, sicherlich nicht reinblütig d. h. nicht von -völlig gleicher Abstammung waren, geschweige denn in der Folgezeit, als -sie seit dem Einzug in das ihnen „verheißene“ Land den langwierigen -Verschmelzungsvorgang durchmachten, der aus ihnen und all den -Vorbewohnern des eroberten Landes zu beiden Seiten des Jordan, mithin -aus einer nicht mehr analysierbaren Mischung von semitischen wie -nichtsemitischen Elementen die jüdische Nation hervorbrachte.</p> - -<p>So wird wohl in den Köpfen weiter spuken der Wahn von der -Familiennation, eben weil er für so selbstverständlich wahr hingenommen -wird, obwohl er eine Fülle irriger, gar nicht ungefährlicher -Schlußfolgerungen mit sich führt ähnlich wie der schöne Satz: „Der -Mensch besteht aus Leib und Seele“, woraus ganz harmlos das Gleichnis -von Hülle und Inhalt herauswächst, dieser vom gräßlichsten Aberglauben -übervoll wuchernde Boden des Wähnens einer Trennbarkeit der Seele von -ihrem „Wohnhaus“. Man wird sich auch fernerhin eine Nation zumeist -wie die eigene Familie entfaltet denken, von der sie sich eigentlich -gar nicht wesentlich, sondern nur in der ungeheuer viel größeren -Kopfzahl unterscheide. Man wird demzufolge auch gern geneigt sein, -sentimentale Erwägungen anzustellen über Bruderpflichten, die man -habe selbst gegen späte Nachkommen von Nationalgenossen, die einst in -wer weiß wie weite Fernen dahingezogen sind. Wer möchte spotten über -echten Brudersinn? Wurzelt er doch in der edeln Selbstlosigkeit der -Nächstenliebe, ist ja nur eine ganz naturgemäße Steigerung letzterer. -Ein solches geistiges Band aufrichtig familienhafter Zuneigung wird -gerade die Besten der Nation auch mit den Auszüglern verbinden, so -lange sie ihre Nationalität bewahren (unter „Nationalität“, diesem -noch nicht genügend begrifflich gefestigten Wort, hier die Summe -der Eigenschaften verstanden, die vom Wesen der Nation bei jedem -einzelnen wiederkehren, besonders Sprache, Charakter, Denkart und -Sitte). Wenn die aus unserer Mitte nach Nordamerika Gezogenen und -dort in dem gewaltigsten Freistaat der Welt zu hohem Wohlstand<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> -Gelangten ihre milde Hand aufthun, um den von arger Überschwemmung -heimgesuchten Bewohnern der oberrheinischen Niederung einen Teil ihres -Vermögensverlustes hochherzig zu ersetzen, oder wenn sie edelsinnig -von ihrem Reichtum spenden zur Unterstützung der Hinterbliebenen -jener tapfern Streiter, die uns das neue Reich erkämpften, so findet -solche Handlungsweise einen dankbaren Widerhall in unser aller Herzen. -Unzweifelhaft fühlen wir uns auch zu Gegenleistung verpflichtet. Mit -freudigem Stolz verfolgen wir die Laufbahn der Unsrigen, die dort -drüben deutsche Art zu hohen Ehren gebracht haben wie Karl Schurz -auf dem Gebiet des Staatswesens, Joh. Aug. Röbling, der Erbauer der -Eastriverbrücke, und so viele andere auf den Feldern der Technik und -der Wissenschaft. Vollends eint uns noch ein lebendiges Band gleichen -Strebens insbesondere bei wissenschaftlichem oder künstlerischem -Schaffen dermaßen innig mit unseren Volksgenossen in der deutschen -Schweiz, in Österreich-Ungarn, als gehörten sie noch heute der -deutschen Nation an. Viele unter uns werden da in feuriger Erregtheit -einwenden: „Noch immer gehören sie ihr an!“ Jedoch eben hier klafft -der Zwiespalt zwischen der am Wort haftenden traditionellen Auffassung -vom Begriff Nation und der hier vertretenen. Manche bringen es -freilich fertig, begeisterungsvoll von der „nun im Deutschen Reich -vereinten Nation“ zu reden, und gleichzeitig den Angehörigen „deutscher -Nation“ in Österreich Jubelgrüße hinüberzusenden. Indessen da liegt -doch der innere Widerspruch klar zu Tage. Gewiß wird man im Anschluß -an die eben erst hier versuchte Deutung dessen, was man etwa unter -„Nationalität“ verstehen dürfte, ohne chauvinistischen Beigeschmack die -Deutschen in Österreich, die wackern Sachsen in Siebenbürgen deutscher -Nationalität zuzählen, man wird auch nicht vergessen, daß sie aus -unserem alten Reich hervorgesproßt sind, die Deutsch-Österreicher als -ruhmwürdige Kämpfer im Grenzbereich unserer alten bayrischen Mark, -die Sachsen auf der ungarischen Akropolis des fernen Südostens als -unsere weitaus treueste Kolonie noch aus dem staufischen Zeitalter. -Ob aber hinausgezogen über unsere ehemalige Volksgrenze nach<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> Osten, -wie es ja auch die Ahnen der Deutschen in Rußlands Ostseeprovinzen -gethan, oder ob auf dem Boden der Väter sitzen geblieben wie die -Deutschen der Schweiz, Nordbelgiens, der Niederlande, — sie sind im -Lauf der Geschichte in eigenartige Staatsgebilde, folglich in uns -fremde Interessenkreise einbezogen worden, sie zählen also in diesem -realpolitischen Sinn entschieden nicht mit zur deutschen Nation. Wenn -jeder von uns sagt, ein Werk wie der Nord-Ostsee-Kanal sei eins „von -hoher nationaler Bedeutung“, wenn niemand unter uns den oben von uns -gebrauchten Ausdruck bemängeln wird, wir hätten der Erwerbung des -Elsasses samt Deutsch-Lothringen „aus nationalem Interesse“ benötigt, -— so ist hiermit stillschweigend eingeräumt, daß sich bei solcher -moderner Abklärung des Begriffes „national“ gar nichts verschwommen -Genealogisches mehr in ihm findet, sondern der deutlich geographisch -umrissene vaterländische Gedanke ihm innewohnt. Bismarck war gewiß -urdeutsch bis ins Mark hinein, indessen seine klare Realpolitik hätte -nie das Schwert Germaniens aus der Scheide lockern lassen zum Schutz -der Deutschen in Siebenbürgen oder in Rußland, in Südbrasilien oder -Südaustralien.</p> - -<p>Aber wie? Hängen denn die englischen Koloniallande im kanadischen -Amerika, in Südafrika, in Australien nicht eng mit dem britischen -Mutterland zusammen? Ja, dieser nationale Verband ist in der That -erhalten geblieben, aber nur dadurch, daß infolge der ununterbrochen -thätigen Dampfer- und Seglerverbindung diese Tochterländer in einem -regen Wechselverkehr mit dem Mutterhaus Britannien verharren, ihm ihre -Roherzeugnisse liefernd, von ihm ihre Fabrikwaren empfangend und, in -Erinnerung an den schweren Fehler, den England vor mehr denn hundert -Jahren mit dem Versuch einer Besteuerung seiner nordamerikanischen -Kolonien machte, frei geblieben sind in der Verwaltung der eigenen -Angelegenheiten. Nicht einen Penny unmittelbarer Abgabe liefern sie -in den Staatsschatz nach London und bilden doch eine Hauptgrundlage -britischer Größe durch den gewaltigen Umsatz von Milliarden im -Familienkreis dieses „<span class="antiqua">Greater Britain</span>“, dieses Nationalkörpers -von noch<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> nie vordem dagewesener Lagerung über den Erdball durch -alle vier bewohnten Zonen, mit dem Herzen in Europa, den Gliedern -in sämtlichen Weltteilen, dem Adersystem interkontinentaler -Schiffahrtslinien.</p> - -<p>Wohl gemahnt dieses britische Reich an das Weltreich der Römer im -Altertum; was diesem das Mittelmeer war, ist jenem der Ozean. Der -tiefgreifende Unterschied jedoch liegt darin, daß die Römer fremde -Nationen von großenteils älterer, ureigener Kultur unter ihr Joch -zwangen, die Engländer dagegen ihre Koloniallande, abgesehen von -Indien, mit dem eigenen Blut erfüllten, im stetigen Blutaustausch mit -ihnen blieben und sie paritätisch behandeln.</p> - -<p>Das Britenreich lehrt uns also, wie bei weiser Schonung materieller -Sonderinteressen eine stark ausgeprägte Volksindividualität selbst -bei Überwanderung über das Weltmeer bis in die fernsten Lande den -nationalen Zusammenhang bewahren kann an der Hand des Schnellverkehrs, -der die Entfernungen kürzt. Der Deutsche hingegen zerschneidet in der -Regel als Auswanderer seinen Zusammenhang mit der Heimat; er findet -nirgends überseeische Länder für deutsche Massenansiedelung unter -deutschem Banner, er geht im fremden Volk auf, zumal im englisch -redenden. Wie viele Millionen der Unsrigen sind hinübergezogen nach den -Vereinigten Staaten, aber so wenig haben sie als Deutsche dem Absatz -deutscher Waren dort drüben Bahn gebrochen, daß nächst der englischen -Zufuhr nach dem vereinsstaatlichen Gebiet die französische die -bedeutendste blieb, obwohl doch die französische Einwanderung daselbst -ganz untergeordnet erscheint. Jüngst zwar hat Deutschland auch auf -diesem Feld Frankreich überflügelt, jedoch offenbar nicht darum, weil -seine Einwanderer dort auf einmal nationaler sich bethätigen, sondern -weil seine industrielle Machtstellung sich schon vor dem glorreichen -Triumph von Chicago der französischen überlegen zeigte.</p> - -<p>Ein trübes Gegensatzbild zum britischen Weltreich, wo nationale Kraft -bis auf einen gewissen Grad trotz der verschiedenen Landesnatur, -trotz der riesigen Entfernungen sich einheitlich und dadurch stark -erhält, bietet Österreich-Ungarn. Eine<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> mächtige Schlagader für -die Einheit seines Wirtschaftslebens ist ihm durch den Donaustrom -beschieden; an ihm liegen seine beiden prächtigen Großstädte, nach -ihm gravitiert der Hauptverkehr, selbst der böhmische, denn offen -liegen die Wege von Böhmen nach der mährischen Donauprovinz, somit -nach Wien, wogegen nach Norddeutschland bloß der eine Engpaß des -Elbthals als natürliche Verbindungsstraße führte, bis in den Beginn -des 19. Jahrhunderts obendrein wenig benutzt. Indessen es stoßen hier -unversöhnte Völkergegensätze in engem Gehege aufeinander. Ungarn haben -wir so gut wie unabhängig werden sehen, und die Magyaren sind rüstig -dabei, ziemlich schonungslos ihren Staat national auszubauen bis zum -trefflich grenzenden Mauerbogen der Karpaten. In Österreich aber -tobt der Unfriede zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Slowenen und -Italienern weiter; die wie zum Spott sogenannte Versöhnungspolitik des -verflossenen Ministeriums Taaffe hat einen wechselseitigen Völkerhaß -dort ins Kraut schießen lassen, der die jetzt erhoffte Verknüpfung der -Reichsteile auf der Grundlage realer, vornehmlich wirtschaftlicher -Interessengemeinschaft recht fern rückt; und wie lose sind in der That -an diesen Donaustaat angeschlossen Länder wie Galizien und Dalmatien!</p> - -<p>Doch man behaupte ja nicht: da sieht man, wie Nationen wesentlich doch -aus Blutsverwandtschaft hervorgehen! Nein: Österreich beweist nur, -daß thörichte innere Politik und andere unglückliche Umstände, vor -allem auch eine ungeographisch am grünen Tisch zurechtgeschmiedete -Zusammenschweißung von Ländern die Verschmelzung verschiedenartigen -Volkes hemmt, zumal wenn die Gemeinsamkeit der Wirtschaftsinteressen -bei peripherischen Gliedern eine so geringe ist wie beim adriatischen -Litoral und dem galizisch-bukowinischen Außenrand der Karpaten. Rußland -war ethnisch noch viel buntscheckiger als das heutige Österreich, bis -Peter der Große und Katharina II. dem ursprünglich nur im Centrum -der großen osteuropäischen Niederung wohnenden Großrussenvolk die -Herrschaft über die ringsum gelagerten Völker, die Küsten der Ostsee -und des Schwarzen Meeres gewann, so daß nun der umfangreichste aller -National<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>staaten der östlichen Erdfeste sich ausgestalten konnte, -alles Nichtrussische allmählich russifizierend, unterstützt durch -die Österreich fehlende Bodenform des weiten Tieflands ohne jede -Gebirgsscheide, was sich für Ausgleichen volkstümlicher Gegensätze, -für Aufrichtung straffer Staatseinheit zufolge schrankenlosen Verkehrs -stets so günstig erweist.</p> - -<p>Wollen wir schlagende Beweise, daß nicht Blutsverwandtschaft, -sondern Eigenart des Wohnraums in erster Linie nationaler Ausbildung -die Wege weist, so brauchen wir gar nicht über Europas Grenzen -hinauszublicken. Wie schwer würde es fallen, Siebenbürgen mit dem -rumänischen Nachbarland unter einen Hut zu bringen, trotzdem doch -beide Lande so gut wie allein von Rumänen bewohnt werden! Ganz wie -von selbst haben wir es dagegen geschehen sehen, daß die Moldau und -Walachei als linksseitiges Uferland der unteren Donau sich staatlich -einten, während Siebenbürgen beim karpatischen Donaureich Ungarn -verblieb. Portugal löste sich aus dem spanischen Nationalverband -heraus wie die Niederlande aus dem deutschen einzig und allein auf -der Grundlage litoraler Sonderinteressen; so wurden die Portugiesen -eine eigene Nation, erhoben ihre spanische Mundart zur Schriftsprache, -wurden früher seegewaltig als ihr spanisches Hinterland; und ganz dem -entsprechend die Niederländer, deren Kolonialbesitz 280 Jahre älter -ist als der deutsche. Die englische Nation entstand, wie jeder weiß, -dadurch, daß deutsche Angeln, Sachsen und Friesen nach Britannien -hinüberzogen, die norwegische dadurch, daß die dänischen Normannen an -der ozeanischen Fjordenküste Skandinaviens heimisch wurden.</p> - -<p>Frankreichs wie Italiens nationale Einheit beruht mitnichten auf -ursprünglicher Blutsverwandtschaft, sondern auf dem natürlichen -Zusammenschluß jedes der beiden Länder, ihrem Abschluß nach außen durch -Meer und Gebirge. Die Völkergruppe der Kelten, aus der die Franzosen -hervorgingen, breitete sich auch über Hispanien, die britischen Inseln, -West- und Süddeutschland, ja über Oberitalien aus; nur ein Teil -dieser Völker hatte Frankreich inne und verschmolz daselbst mit ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> -fremden Völkerschaften: Iberern und Ligurern, Römern und Griechen, -Franken und Burgundern. Nicht anders wuchs die Nation Italiens aus den -verschiedensten Bevölkerungselementen, auch deutschen, hellenischen -und arabischen hervor; zweimal hat sie uns das fesselnde Schauspiel -gewährt, daß sie genau innerhalb des nämlichen Raums von den Alpen -bis nach Sizilien sich ausgestaltete: einmal im Altertum bis unter -Augustus, dann wieder nach der Zerstörung durch die Stürme der -Völkerwanderung.</p> - -<p>So gleichen natürlich geschlossene Landräume Hohlformen, in welche -die bildsame Masse verschiedenster Volksart sich einschmiegt, um zur -nationalen Einheitsform zu verschmelzen. Die Masse kann wechseln, die -Form bleibt. Flußthäler, die Schiffahrt längs den Küsten, offene Ebene, -bequem überschreitbare Gebirge erzeugen in dem nämlichen Landraum -immer wieder die nämlichen Verkehrs- und Handelslinien; größere -Meeresflächen, höhere Gebirge schranken von der Fremde ab. Handel und -Verkehr aber sind die einflußreichen Bildner der Völker; sie greifen -nicht so geräuschvoll ein wie Naturkatastrophen oder Völkerschlachten, -dafür sind sie alltäglich bei ihrem Werk, kleine Ursachen in -milliardenhafter Summierung zu großen Wirkungen hinanführend.</p> - -<p>Ernste Pflicht dünkt es uns, der Störung des Völkerfriedens -entgegenzutreten, die da heuchlerisch einherschreitet unter der -Lügenmaske eines Napoleon III. vom „Nationalitätsprincip“, nach dem -die Staaten Europas sollten zurecht geschnitten werden. Der schlaue -<span class="antiqua">empereur</span> zog mit dieser klangvollen Fanfare nach Italien, -nur um Österreich zu demütigen und sich mit der Abtretung von -Savoyen nebst Nizza ein gutes Trinkgeld von Italien zu holen, das -französische <span class="antiqua">prestige</span> mit etwas neuer gloire zu vergolden. -Am liebsten bekanntlich hätte er uns die linke Rheinseite nach der -unendlich fadenscheinigen Anwendung des Nationalitätsgrundsatzes -abgenommen, weil, wie er in seiner <span class="antiqua">Vie de Jules César</span> laut -betont, die französischen Gallier einstmals bis an den deutschen -Rhein heranreichten. Wenn dergleichen Weisheit genügen soll, den -Länderbestand anzutasten,<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> dann mag man der italienischen Irredenta -nur gleich Südtirol ausantworten und Triest dazu. Mehr aber als -die Thatsache, daß man in Triest italienisch redet, gilt doch das -historische Recht, die Erinnerung daran, daß Triest, um im Wettbewerb -gegen Venedig Hilfe zu erlangen, im 14. Jahrhundert freiwillig unter -Habsburgs Schutz trat und alles, was es heute ist, Österreich verdankt; -noch schwerer aber wiegt es, daß wohl Italien, jedoch nicht Österreich -Triest entbehren kann, diese seine Weltmeerpforte, das österreichische -Hamburg.</p> - -<p>Es muß der Überzeugung Raum geschaffen werden, daß gesunde Staaten -reale Interessengemeinschaft vertreten und in diesem Sinn, aber nicht -im ethnologischen Nationalstaaten darstellen. Wahr also bleibt der -Satz des verdienstvollen französischen Anthropologen Quatrefages: -<span class="antiqua">Toute repartition politique, fondée sur ethnologie, est absurde.</span> -Auch unser neues Reich ist zuerst als ein engerer Verkehrs- und -Handelsbezirk aus dem alten Deutschland herausgetreten, denn es -erscheint 1834 als Zollvereinsgebiet fast schon genau in seinen -heutigen Grenzen. Ohne Blut und Eisen vermochte es freilich nicht seine -Losgliederung von dem in ganz andere Interessenkreise hineingezogenen -Österreich zu erringen und zuletzt im gerechtesten und herrlichsten -aller Kriege die Kaiserkrone zu erwerben. Dafür steht es nun auch um so -geachteter da, ein treuer Schutz und Schirm des echtesten Deutschtums, -ein eherner Verband zwischen Nord und Süd, vom Fels der Alpen bis -zum Meer, ein wohlbewahrtes Haus für friedliche Bewohner, die sich -zusammenthaten, weil’s ihrer Arbeit frommte und weil sie auch zumeist -sich rühmen können als Söhne und Töchter Germanias verschwistert zu -sein, ja allesamt sich eins fühlen, da sie seit Jahrtausenden schon -Freud und Leid miteinander geteilt haben. Doch vergessen wir es nicht: -weder Blutsgenossenschaft noch geistiges Verwandtschaftsgefühl allein -gewährleistet uns das Glück unserer Zukunft, einzig der thatenfeste -Wille, die Brüderlichkeit fest und ehrlich zu wahren, erhält eine -Nation.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VI_China_und_die_Chinesen">VI.<br /> - -China und die Chinesen.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p>Das Land China, früher den verhaßten Fremden so fest verschlossen, ist -jüngst das Ziel des Wettlaufs europäischer Großmächte geworden, von -denen eine jede möglichst großen Anteil erstrebt an dem materiellen -Aufschwung, wie er sich dort durch den endlich begonnenen Eisenbahnbau -vorbereitet. Denn dieser Aufschluß Chinas für den Verkehr muß zu einer -gewaltigen Steigerung seines Außenhandels führen, und was bedeutet das -bei einer Bevölkerung, die sicher an Zahl diejenige von Afrika und -Amerika zusammengenommen weit übertrifft! Was für Summen sind allein -schon durch den Bau und Betrieb von Eisenbahnen, durch die rationelle -Ausbeutung der ungeheuern Steinkohlenlager in diesem Menschengewimmel -von China zu verdienen! Auch uns Deutschen winkt ein guter Gewinnanteil -hieran seit unserer rechtzeitigen Besitzergreifung von Kiautschou, -dieser trefflich gelegenen marinen Eingangspforte ins Innere von -Nordchina.</p> - -<p>Jedoch ganz abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung schon für -die allernächste Zukunft, ist China auch rein geographisch eins der -interessantesten Länder der Welt.</p> - -<p>Zuvörderst imponiert das Land China, das zugleich im wesentlichen -den Staat China bildet, da die Außenbesitzungen in der Mandschurei, -Mongolei, im Tarimbecken und Tibet ihm doch nur lose anhängen, durch -seine Raumerfüllung. Es giebt nur wenige Länder auf Erden, die China -an Größe übertreffen, drei in Amerika, in Afrika die Sahara, in -Asien Sibirien, in Europa Rußland. Indessen bloß einige Randstücke -des europäischen Rußlands würden hervorragen, könnten wir China auf -Osteuropa decken. China kommt von sämtlichen kontinentalen Ländern -der Kreisgestalt am nächsten, die insofern<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> für einen Staat am -günstigsten erscheint, als nach Ausweis der Geometrie diese Gestalt -die im Vergleich zur eingenommenen Fläche kleinste Umrißlinie besitzt, -kreisförmige Staaten mithin die kleinstmögliche Angriffslinie bieten. -Chinas Grenze ist dabei ziemlich gleich verteilt auf Land und Meer: die -Nordwesthälfte der Grenze zieht von der noch zum eigentlichen China -gehörigen Provinz Schöngking im Liaugebiet der südlichen Mandschurei in -etwas willkürlichen Zacken und Einbuchtungen durch die Übergangszone, -in der die Natur des abflußlosen Centralasien anhebt, durchweg vor -Länderräumen hin, die wie China von Völkern der mongolischen Rasse -bewohnt werden und der Macht der chinesischen Regierung unterstehen; -die Südostküste wölbt sich als selten gestörter Halbkreisbogen hinaus -in das stille Weltmeer. Die ungefähre Mitte des chinesischen Kreises -liegt da, wo der Jangtsekiang aus der großen Westprovinz, dem roten -Becken von Sötschuan, übertritt in die Provinz Hupe. Von hier aus läßt -sich ein Kreis mit einem Halbmesser von 1130 <span class="antiqua">km</span> beschreiben, -über den nur das nordöstliche Tschili (jenseit Peking) nebst Schöngking -weiter herausragt, falls wir die neuerdings zu den 18 alten Provinzen -des Kaiserreichs geschlagene ostturkestanische Mulde des Tarim, wie wir -geographisch müssen, bei Centralasien belassen. Und jener Halbmesser -gleicht der Entfernung des äußersten Südwestens Deutschlands von -der Nogatmündung ins frische Haff oder dem Abstand Hamburgs von Kap -Landsend an der Westspitze Südenglands.</p> - -<p>China bildet ein uraltes Bestandstück des asiatischen Festlandes, -das seit der Juraperiode nie wieder vom Ozean überflutet wurde. Sein -Felsgerüst besteht aus altkrystallinischen Gesteinen, aus paläozoischen -Schiefern, Kalk- oder Sandsteinlagen und älteren mesozoischen -Schichten; dagegen fehlen Kreideformation und marines Tertiär gänzlich, -nirgends blinken weiße Kreideklippen hervor wie bei uns in Rügen, -nirgends schaut man die schluchtigen Thäler und mit Plattenform -gipfelnden Kreidesandsteingebirge wie bei uns in der sächsischen -Schweiz; ebenso wenig erblicken wir jüngst erloschene Vulkane<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> neben -noch thätigen wie in dem großen Gürtel fortgesetzter vulkanischer -Thätigkeit, der sich vom Malaien-Archipel über Formosa und Japan bis -zum Beringsmeer hinzieht.</p> - -<p>Eine weite Tiefebene besitzt China bloß im Nordosten; das ist die gelbe -Lößniederung, aus der die gebirgige Schantung-Halbinsel spornartig -hervorragt. Im übrigen ist China überwiegend gebirgig; und zwar bedingt -sein Gebirgscharakter eine strenge Scheidung des Landes in eine Nord- -und eine Südhälfte. Als eigentlichen Reichsteiler hat uns Richthofen -eine Fortsetzung des uralten Kuenlun, dieses echten Rückgratgebirges -von ganz Asien, kennen gelehrt. Es ist der Tsin-ling-schan, der, -die Hauptrichtung des Kuenlun, Ost zu Süd, aus Innerasien nach -China übertragend, mit nur geringer Unterbrechung quer durch Chinas -Mitte bis gegen Nanking reicht. Dieser Reichsteiler scheidet nun -nicht allein die Gebiete der zwei Riesenströme, die China aus dem -fernen Quellenschoß Centralasiens mit östlichem Abfluß empfängt, den -Huangho und den Jangtsekiang, sondern er trennt auch zwei wesentlich -verschiedene Gebirgssysteme voneinander ab. Nordchina stellt ein -verschüttetes Gebirgland dar; hier haben in entlegener Vorzeit trockne -Winde feinkrumige, lehmige Verwitterungsmassen, sogenannten Lößlehm, in -gelben Wolken über Berg und Thal gebreitet, und Graswuchs hat jede neu -aufgewehte Lößdecke durch das Wurzelwerk in sich wie mit der älteren -Unterlage verfestigt, so daß gewöhnlich nur die Kämme der Gebirge mit -ihren festen Felsmassen anstehenden Gesteins aus der bis auf Tausende -von Metern aufgeschütteten braungelben Lößumhüllung aufragen wie -Dachfirsten eines deutschen Gebirgsdorfes, wenn es zur Winterzeit -in tiefem Schnee begraben worden. Trotzdem ist die nordchinesische -Gebirgslandschaft keineswegs bloß aus abgerundeten Gebirgskämmen mit -dazwischen gelagerten flachen Hochlandmulden ungeschichteten Lößes -zusammengesetzt; vielmehr haben die fließenden Gewässer ein äußerst -vieladriges System schluchtiger Thalwege in den weichen Lößschutt -eingearbeitet, dessen senkrecht verlaufende Haarröhrchen, herstammend -von längst abgestorbenen Graswurzeln, die geradezu groteske Aus<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>bildung -immer ganz steiler Thalwände bedingen. Von diesen nackten Gehängen der -Lößschluchten heben noch gegenwärtig bei trockener Witterung die Winde -gelben Staub empor, daß die Sonne dann bleich durch eine fahlfarbene -Atmosphäre schimmert, Fußgänger wie Fuhrleute samt ihrem Geschirr, die -unten im Lößthal ihres Weges ziehen, über und über lößgelb werden. -Natürlich tragen die Flüsse den von ihnen so leicht abgenagten oder in -sie hineingewehten Löß seewärts; von seiner deshalb stets lehmfarbigen -Wassermasse führt der Huangho d. h. der gelbe Fluß seinen Namen, er -schüttete die gelbe Deltaflur des Nordostens auf, in der er bald süd-, -bald nordwärts der Schantung-Halbinsel seine Mündung suchte, wie ein -ungebärdiges Ungetüm sich in seinem Bett hin und her wälzend, die ihn -einengenden Schutzwälle von Menschenhand durchbrechend, und stiftete -dem seine trüben Fluten aufnehmenden Innengolf des ostchinesischen -Meeres den Namen Huanghai d. h. gelbes Meer.</p> - -<p>Anders in Südchina! Hier halten die Gebirgszüge noch weit allgemeiner -als in Nordchina sinische Streichung ein, also die Richtung Südwest zu -Nordost; in langen Parallelreihen ziehen sie so gegen jene chinesische -Fortsetzung des Kuenlun, gegen den Tsin-ling-schan hin, in dessen Nähe -sie ostwärts umbiegen, da ihre Auffaltung an dem bereits vorhandenen -alten Querriegel offenbar ein Hemmnis fand; und, was die Hauptsache -ist, sie sind ohne Lößverschüttung geblieben. Unverhüllt recken -sie mithin ihre Gipfelzinnen gen Himmel, keine Lößwehen haben die -Böschungen ihrer Gehänge verkümmert, in hurtigem Schuß eilen von ihren -Höhen die Gewässer hernieder und verbinden sich zu klaren, unvertrübten -Strömen. Allen voran steht der Ta-kiang, der „große Strom“, den -wir Jangtsekiang zu nennen pflegen; nachdem er, der hochgeborene -Tibetaner, innerhalb des Sötschuan-Beckens durch Aufnahme ansehnlicher -Seitenflüsse vollkräftig geworden, durchtost er gegen die Landesmitte -hin, in eine wundervolle Thalschlucht eingeengt, zwischen hochragenden -Felswänden noch eine ganze Staffelreihe von Stromschnellen, um sodann, -majestätisch ruhig seinen Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>zug, der schiffbarste Strom Chinas -zu sein, zur vollen Geltung zu bringen, bis er in dem seenreichen -Delta mündet, das im Norden der tumultuarische Huangho Jahrhunderte -lang mit ihm bauen half, ehe er sich 1852 launisch von ihm abwandte. -Der schönste Schmuck wird Südchina verliehen durch seine immergrüne -Pflanzenwelt. Während der Löß Nordchinas wie der in anderen Ländern dem -Waldwuchs sich abhold zeigt, durch die außerordentliche Fruchtbarkeit -seines fein aufgeschlossenen, völlig steinfreien Bodens hingegen Feld -an Feld reiht von dem Niveau der Niederung bis zu St. Gotthardshöhe, -hält sich der Bodenanbau Südchinas mehr an die Thalsohlen und die -unteren Gehängestufen, darüber aber prangt noch eine ursprüngliche -Vegetation immergrüner Strauch- und Baumarten mit einer für China -überhaupt bezeichnenden Fülle von Holzgewächsen, unter denen die -Kamelien, die Verwandten des Theestrauchs, eine tonangebende Rolle -spielen.</p> - -<p>Wenn der Wintermonsun aus Nordwest die furchtbar kalte Luft -Ostsibiriens und der Mongolei über China breitet, so erwärmt sich -dieser Luftstrom nur langsam beim Vorrücken in diesem Land, das doch -mit Italien und Nordafrika die Breitenlage teilt. Selbst in Kanton, -obwohl es bereits innerhalb des Wendekreises liegt, giebt es noch -gelegentlich Schneefälle. Immerhin hat Südchina noch verhältnismäßig -milde Winter; in seinem Tropenanteil erinnern Palmen und Elefanten -an Indien, es gedeihen auch noch weiterhin Orangen und Zuckerrohr, -Theebau findet überall seine Stätte. In Nordchina wird dieser durch den -anhaltenden Frost ausgeschlossen; Peking, trotzdem es südlicher liegt -als Neapel, hat einen Winter wie Petersburg, Mukden in Schöng-king, -die große Stadt der Kaisergräber, genau unter Roms Breite, erduldet im -Januar weit härtere Kälte als Moskau. Dreht sich dann aber im Frühjahr -der Wind in die entgegengesetzte Richtung, setzt der ebenso anhaltende -Sommermonsun aus Südost ein, so lagert sich eine aus dem Tropengürtel -kommende heiße Luft über ganz China, und befruchtende Regen ergießen -sich über seine Reis- und Baumwollenfelder, am reichlichsten -naturgemäß über Süd<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>china. Der thermische Gegensatz zwischen Süd und -Nord, wie er im Winter bestand, ist dann ganz ausgetilgt; man spürt -kaum einen meßbaren Wärmeunterschied zwischen Kanton, Schanghai -und Peking, denn die Wärme nimmt während des Hochsommers in China -überhaupt nicht von Norden nach Süden zu, sondern vielmehr gegen das -Glutgebiet des südasiatischen Inneren hin, also gen Westen. Schon von -Hankau, der wichtigen Handelsstadt in Hupe, wo die große nordsüdliche -Verkehrsstraße den Jangtsekiang kreuzt, heißt es: „Wenn der Teufel -dort eine Zeit lang im Sommer verweilte und dann wieder in seine -Hölle zurück käme, so würde er seinen Überzieher brauchen.“ Nur noch -einmal begegnet auf Erden ein Land, das unter einem ähnlichen Einfluß -jahreszeitlicher oder Monsunwinde schwankt zwischen arktischer Kälte -und tropischer Hitze, begleitet von tropenhaften Regengüssen vom -nahen Meer her. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Während -indessen hier die Segensgaben des heißfeuchten Sommerwindes fast -ausschließlich dem östlichen Landesdrittel beschert werden, erfährt -China in seiner Gesamtheit den Wechsel erfrischender Winter und -tropischer Sommer im regelmäßigen Wandel der Horen, mithin die Gunst -der gemäßigten und der heißen Zone in seltenster Verknüpfung.</p> - -<p>Jahrtausende hindurch sind nun die Chinesen den Einwirkungen der Natur -dieser ihrer endgültigen Heimat ausgesetzt gewesen. Mögen sie also auch -manchen Zug ihres Wesens schon von ihrem früheren, wie man vermutet, -ostturkestanischen Wohnsitz mitgebracht haben, es verlohnt sich gewiß -zu prüfen, inwiefern China seine Chinesen auf dem Wege tellurischer -Züchtung ausbilden half. Ja man hat hier sogar den nirgends sonst -wiederkehrenden Fall vor Augen, daß ein nach Hunderten von Millionen -zählendes Volk so lange Zeit immer den nämlichen Natureinflüssen -unterstanden hat. Ein wahres Massenexperiment, wie es sich der Geograph -nicht besser wünschen kann!</p> - -<p>Da drängt sich uns zuerst im Anschluß an das kurz vorher Erörterte die -Schlußfolgerung auf, daß der alljährlich<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> von den wechselnden Monsunen -gebrachte Gegensatz zwischen polarer Winterkälte und tropischer -Sommerhitze keinerlei Menschen in diesem Reich der Mitte duldete, -die allzu zärtlich nur mäßige Temperaturschwankungen vertrugen, daß -mithin auf diesem Boden nur diejenigen sich lebensfähig erwiesen, -die der Kälte gleiche Widerstandskraft entgegensetzen wie der Hitze, -gewissermaßen also in dieser Hinsicht die Körperleistung von Jakuten -oder Tschuktschen verbinden mit der des Negers. Thatsächlich bewähren -das auf Erden einzig und allein die Chinesen. Darum sind sie die -einzigen Menschen, die beim Hinauszug in die Fremde, läge sie unter -hohen oder ganz niederen Breiten, so gut wie niemals dem Klima zum -Opfer fallen. Der Chinese trotzt in der Mandschurei und Ostsibirien -einer Kälte, bei der das Quecksilber erstarrt, und arbeitet ebenso -frohgemut unter der scheitelrechten Sonne Javas, Singapores oder in -der siedeheißen Luft am Kessel der Rohrzuckerfabriken Kubas. Bringt er -es doch daheim fertig in der Julihitze von 30–40° <span class="antiqua">C</span> von früh -bis abend ein schweres Boot stromaufwärts zu rudern, höchstens mit -dem Fächer dem glühenden Kopf dann und wann etwas Kühlung zuführend, -und nach Halbjahrsfrist mit der nämlichen Ausdauer noch größere -Lasten auf dem Eisspiegel desselben Stroms bei schneidender Kälte im -Schlitten zu befördern. Emin Paschas Idee, Chinesen als Kolonisten -ins tropische Afrika einzuführen, war physiologisch wohlberechtigt, -denn auffallenderweise erliegen die Chinesen nächst den Negern auch am -wenigsten dem Malariafieber, wie sich beim Bau der Panama-Eisenbahn -gezeigt hat.</p> - -<p>Was nun aber die psychischen Eigenschaften dieses ältesten Kulturvolks -der Gegenwart betrifft, so möchten diese wohl zum guten Teil auf die -Thatsache der seit unvordenklicher Zeit hohen Volksverdichtung in -China zurückführbar sein, und diese selbst müssen wir ableiten von -zwei ständig zusammenarbeitenden Faktoren: einem in der Landesnatur -begründeten und einem religiösen. Chinas Nordhälfte, so lehrt die -Geschichte, war die Ursprungsstätte der chinesischen Gesittung, des -chinesischen<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Staatswesens. Nordchina, sahen wir, ist das lößbedeckte -China, wo die außerordentliche Fruchtbarkeit dieser gelben Erde für -den Anbau von Getreide zusammentrifft mit den beiden Segensspenden -des chinesischen Sommers, der hochgradigen Wärme und den mit nie -aussetzender Regelmäßigkeit diese begleitenden Monsunregen. Hier -war auf unabsehbaren Flächen von der Natur die Möglichkeit also -gegeben, daß ein kopfreiches Ackerbauvolk unter dem Schutz staatlicher -Ordnung sich entfaltete, zuerst in der Lößmulde des zum Huangho -fließenden Weiho sowie in den übrigen Gebirgs- und Thalgauen des -Binnenlandes, nachmals auch in der für Anhäufung von Massenbevölkerung -noch besser geeigneten Niederung, die sich im Nordosten zum Gelben -Meer abdacht, aber als jüngst geborene Deltaflur der Entsumpfung -bedurfte, die ihr als die älteste Kulturthat chinesischen Geistes -und chinesischer Thatkraft zuteil ward, deren Glanz in den Annalen -des Reichs der Mitte noch heute unverblichen strahlt. Daß nun die -von der Natur gebotene Möglichkeit, auf so günstigem Boden, unter -einem so gütigen Himmel ein großes Volk im Schweiß des Ackermanns -erwachsen zu lassen, der Verwirklichung zugeführt werde, dafür sorgte -ein seit Alters den Chinesen tief eingeprägtes Pietätsgefühl gegen -ihre Vorfahren. Kongfutse, der große Weise, der zur Zeit, als Cyrus -das Perserreich gründete, die Sittenlehre seiner Nation zu jenem -wirkungsvollen System ausgestaltete, das bis zur Stunde Millionen -als heilsame Richtschnur dient, fand diese Ehrfurcht vor den Ahnen -schon als längst bestehend vor. Sie geht auf den Totenkultus zurück, -der so zahllosen Völkern eigen war und vielen immer noch eigen ist. -So nüchtern realistisch der Zopfmann sich sonst überall zeigt, er -ist angeerbter Maßen durchschauert von dunkeln Ahnungen über ein -mystisches Weiterleben in einem Jenseits nach seinem irdischen Ableben; -ihn bangt vor den Strafen, die seiner harren nach Überschreiten der -düsteren Grabesschwelle, doch ihn tröstet die allgemeine Zuversicht, -selige Ruhe im Jenseits zu finden, wenn nur die hierfür unerläßliche -Bedingung erfüllt wird, daß ihm bei jeder Wiederkehr des Jahrestages -seines Todes die<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> Totenopfer dargebracht werden. Diese aber darf nach -altgeheiligter Vorschrift niemand erbringen als der leibliche Sohn oder -dessen männliche Sprossen. Daher die heiße Sehnsucht der Chinesen, in -die Ehe zu treten, um Söhne zu erzeugen und diese sobald wie möglich -wieder zu vermählen. Nur die allergräßlichste Armut vermag einen -Chinesen von der Heirat abzuhalten. Junggesellen giebt es deshalb in -China fast gar nicht, Großväter von 34–36 Jahren dagegen nicht selten. -Die Geburt eines Knaben wird in der dürftigsten Chinesenhütte mit -hellem Jubel begrüßt, die Geburt einer Tochter selbst im Hause des -Reichen mißliebig, fast wie ein Trauerfall angesehen. Die Ehefrau, die -Jahr um Jahr keinem Sohn das Leben schenkt, muß sich ohne zu murren -es gefallen lassen, daß ihr Gatte neben ihr eine zweite Frau ehelicht -oder Konkubinen sich zugesellt; nie vermißt sich dort eine Sarah zu -der Forderung, eine Hagar mit ihrem Sohne zu verstoßen, nein, sie -muß demütig die Hagar auszeichnen und ehren, weil sie es ist, die -ihrem Gemahl zur Erfüllung des höchsten Lebenswunsches verholfen hat. -Ziehen wir dazu den Umstand in Betracht, daß es eine überseeische -Auswanderung von Chinesen, so sehr sich eine solche bis nach Amerika -und Australien neuerdings fühlbar gemacht hat, fast nur in den beiden -Südostprovinzen Fokien und Kuangtung giebt, chinesische Auswanderer -noch dazu stets bestrebt sind nach Aufbesserung ihrer Vermögenslage -heimzukehren, weil es ihrer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an den -vaterländischen Boden entsetzlich dünkt in fremder Erde bestattet zu -werden, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß China immerdar der Raum -der stärksten Volksanhäufung auf Erden gewesen ist. Bis zum kürzlichen -Emporkommen von Philadelphia und Chicago war China das einzige Land -mit einer Mehrzahl von Millionenstädten; an großen, mit viereckiger -Backsteinmauer wie das alte Babel umgebenen Städten zählt es rund -1500, manche mit einer Mauerlänge von 20 bis 30 <span class="antiqua">km</span> und dazu -noch mit menschenwimmelnden Vorstädten außerhalb der Thore. Und welch -ein Hin- und Herströmen des Landvolkes nach und von diesen Städten -begiebt sich all<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>täglich, wenn sich ihre Thore bei Sonnenaufgang -unter Kanonenschüssen, Gong- oder Glockenschlag aufthun, desgleichen -bei Einbruch der Abenddämmerung schließen! Sowohl im Menschengewoge -der städtischen Straßen als in den stadtgroßen Dörfern tritt uns die -beträchtliche Kinderzahl der chinesischen Familien leibhaftig vor -Augen, noch überraschender die große Zahl im Greisenalter stehender -Männer, denn das Chinesenvolk ist bei aller Vielheit von Krankheiten, -die es plagen, bei all seiner jämmerlichen Quacksalberei dank seiner -staunenswerten Seuchenfestigkeit eins der langlebigsten.</p> - -<p>Nun ist zwar China nicht ganz so dicht bevölkert wie das Deutsche -Reich, denn es wohnen dort wohl kaum über 80 Menschen auf 1 -<span class="antiqua">qkm</span>, bei uns 103. Aber man bedenke, daß China erst jetzt -seinem großindustriellen Aufschwung entgegengeht, wenn, wie sicher -zu erwarten, dem Beginn seiner Eisenbahnära die Einführung der -Dampfmaschine und der elektrischen Triebkraft in seine Industrie auf -dem Fuß folgen wird. Bisher lebten die Chinesen wie wir im Mittelalter -überwiegend vom Ackerbau, vom Handwerk und Kleinhandel. Und hierfür -war seine Volksdichte, die sich z. B. in Kiangsu, der an Reis und -Seide ertragreichsten Provinz zu beiden Seiten der Mündung des -Jangtsekiang, mindestens aufs Doppelte des mittleren Wertes steigert, -eine verhältnismäßig sehr hohe.</p> - -<p>Wir sollten China ob seines patriotischen Stolzes nicht verlachen, -selbst wenn er sich in Verachtung der Fremden äußert. Sein Staatswesen -hat wie kein anderes Bestand gehabt von der Pharaonenzeit bis -heute; Religionen erwuchsen, Religionen verschwanden um das Reich -der Mitte her, aber Kongfutses Lehre blieb in Vollkraft durch die -Jahrtausende. China genügte sich auch wirtschaftlich selbst; wie es, -allen Nachbarreichen überlegen, seine sieghaften Waffen unter dem -Drachenbanner mehrmals bis zum Kaspischen Meer trug, das ungeheure -Innerasien fast stets in ganzem Umfang zu seinen Füßen sah, — so -bedurfte es nichts von den Fremden weder für seine Ernährung noch für -seine Kleidung; stolz wies es selbst die Waren der rothaarigen Teufel, -die unter europäischen und amerikanischen<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> Flaggen an ihrer Küste -landeten, von der Hand, daß sich die Engländer durch Anstacheln des -Opiumlasters eine schnöde Einfuhr ersinnen mußten, um Thee und Seide -nicht bloß mit Silber bezahlen zu müssen.</p> - -<p>So bestand bis in die jüngste Vergangenheit das chinesische -Wirtschaftsleben wie das keines zweiten Kulturstaats in einem steten -Versuch das Gleichgewicht zu halten zwischen einer zu grenzenloser -Vermehrung drängenden Volkszahl und einer durchaus nicht ins -unendliche vermehrungsfähigen Summe ausschließlich heimischer -Landeserzeugnisse. Das brachte den großartigsten Kampf ums Dasein -hervor, den je eine Nation gekämpft hat. Er ist es, der die größten -Vorzüge des Chinesentums erschuf und fortdauernd vervollkommnete: -den unvergleichlichen Arbeitsfleiß, die geduldigste Ausdauer und die -bescheidenste Einschränkung der Ansprüche an die Genüsse des Lebens.</p> - -<p>In China allein ist es ermöglicht worden, die uralte Lust unseres -Geschlechts am ungebundenen, müßigen Dahinleben in ihr Gegenteil -zu verkehren. In diesem riesigen Arbeitshaus China, wo man keine -Sonntagsrast kennt und nichts vom Evangelium des Achtstundentages -weiß, weil man sonst verhungern müßte, ist der Trieb zum emsigen -Schaffen den Menschen zur anderen Natur geworden. Selbst dem gründlich -gehaßten Herrn in San Francisko, bei dem der Chinese etwa Dienerstelle -angenommen, leistet er unbeaufsichtigt pflichtmäßige Arbeit, einfach -weil ihm leben arbeiten heißt. Und trotz aller Rastlosigkeit, trotz -aller staunenswerten Geschicklichkeit bei der Arbeit, wie sie sich bei -Benutzung einfachsten Geräts in so vielen Zweigen auch der Kunsttechnik -staunenswert zu erkennen giebt, bringt es der Chinese daheim unter -der Masse des Angebots von Arbeitskraft und Arbeitsleistung doch nach -unseren Begriffen durchschnittlich nur zu einem Hungerlohn. Es klingt -uns wie ein Märchen, daß ein erwachsener Chinese den Tag über mit -acht Pfennig für seine Kost auskommt, ja in Zeiten durch Hungersnot -gebotener Einschränkung sogar mit sechs Pfennig. Damit bestreitet -er seinen Bedarf an Reis, Gemüse, Fisch und<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> Thee, behält auch noch -eine Kleinigkeit für Tabak übrig. Das erklärt sich einerseits aus der -großen Billigkeit der Lebensmittel, andererseits aus der trefflichen -Kochkunst, die schlechte, fast ungenießbare Ware genießbar und gut -verdaulich macht, dabei nicht das mindeste fortwirft, freilich außerdem -auch aus der Genügsamkeit des Chinesen und seiner Freiheit von Ekel, -die ihm Hunde-, Katzen- und Rattenbraten, ja das Fleisch an Seuchen -verstorbener Pferde oder Esel als willkommenste Zukost erscheinen läßt.</p> - -<p>Die Tugend der Sparsamkeit übt kein Volk in so hohem Maße wie das -chinesische; sie ist neben Arbeitsamkeit und Genügsamkeit die -Hauptwaffe in seinem Ringen um Leben und Gründung eines eigenen -Herdes. Der nordchinesische Bauer wühlt sich wie ein Murmeltier ein -unterirdisches Obdach unter seinem Hirsen- oder Weizenfeld in die -steile Lößwand an dessen Abhang, damit er seine Ernte nicht durch -den Hüttenbau auf der Oberfläche um den Ertrag einiger Quadratmeter -alljährlich verkürze. Ein rührendes Beispiel echt chinesischer -Sparsamkeit und zugleich über das Grab hinausschauenden ehrenwerten -Familiensinns teilte vor kurzem aus eigener, in China gemachter -Erfahrung ein amerikanischer Missionar mit. Er sah eine hochbetagte, -blutarme Frau, die sich kaum fortzuschleppen vermochte, mühsam an -den Hauswänden einer Straße sich hintasten: sie befand sich auf dem -letzten Ausgang, sie wollte, den Tod vor Augen, ihre einzige Verwandte -aufsuchen, um von deren Haus beerdigt zu werden, damit die Sargträger -nicht so viel forderten wie bei dem weiteren Weg von ihrer eigenen -Behausung.</p> - -<p>Wenn ein Volk, das über ein Fünftel der Menschheit ausmacht, in so -eintönig freudlosem Schaffen vom ersten Tagesgrauen bis zum späten -Abend, ja vielfach bei nächtlicher Weile, den Schlaf scheuchend, sich -um so kümmerlichen Verdienst abmüht, so beschleicht uns bei Betrachtung -dessen wohl ein wehes Mitgefühl. Ist nicht die goldene Freiheit des -Wilden beneidenswerter als dieses Arbeitselend des Kulturmenschen? Hat -unser Geschlecht nicht eben durch Übernahme des Arbeitsjoches, wie -es höhere<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> Gesittung unweigerlich mit sich bringt, an Lebensfreude -eingebüßt? Indessen da messen wir unbedachtsam nach unserem Maß! -Wir täuschen uns in der Annahme, der Chinese müsse bei seinem -ewigen Hasten fast um nichts stumpfsinniger Trübsal verfallen. Weit -gefehlt! So mannigfaltig Temperamente und Talente nebst körperlichem -Aussehen wechseln durch die 18 Provinzen, von den gelben, etwas zu -Fettleibigkeit neigenden Südländern bis zu den braunen, schlanken und -höher gewachsenen Nordchinesen, — ein harmloser Frohsinn, eine selbst -durch harte Schicksalsschläge nicht leicht zu beugende stillvergnügte -Heiterkeit ist dem Volk fast allerwegen eigen. Auch darin dürfen wir -eine Spur tellurischer Auslese erkennen. Wie die Winternacht der -Polarlande nur die unverwüstlich Fröhlichen bei sich aufnahm, so -brachte der chinesische Daseinskampf nicht nur die Faulen und Üppigen -ums Leben, nein, von den Helden des Fleißes und Darbens auch alle die, -denen ein solches Heldentum Lebensüberdruß bereitete. Und so sehen wir -eine uralt vererbte Munterkeit dem darbenden Arbeitsernst der Chinesen -wie ein versöhnender Engel zur Seite stehen.</p> - -<p>Allerdings hat das Streben, so zahlreiche Mitbewerber um den kärglichen -Verdienst auszustechen, auch unlautere Seiten beim Chinesen entwickelt. -Mit der von allen Kennern gerühmten Tüchtigkeit im Handels- und -Bankierfach, in Gewerbe und Landbau geht Arglist, Lug und Trug Hand in -Hand. Enges Zusammenwohnen in schlecht gelüfteten Räumen hat neben weit -verbreiteter Armut eine widerliche Gleichgültigkeit gegen Reinhaltung -von Körper und Kleidung verursacht. Das Erpichtsein auf materiellen -Verdienst im Nährstand oder in Beamtenstellung, welche letztere wieder -nur durch eifriges Studium der chinesischen Klassiker zu erzielen, ließ -höhere als im Dienst der Technik stehende Künste, wahre d. h. nach dem -inneren Zusammenhang der Dinge forschende Wissenschaft nicht aufkommen. -Die Musen und Grazien waren nie in China heimisch.</p> - -<p>Einseitige Größe ist die Signatur chinesischer Nationalentwicklung. Es -gab eben bisher zweierlei Kulturmenschheiten, eine mit europäischem -Kulturgepräge und eine chinesische. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> innigere Berührung zwischen -beiden wird eins der folgenschwersten Ereignisse des zwanzigsten -Jahrhunderts bilden. Die Schranke, die Europa und China trennte, -schwindet; an ihre Stelle tritt die ungeheure Brücke der ersten -pazifischen Eisenbahn der Ostfeste, der südsibirischen. Wie wird sich -die Lohnfrage stellen, wenn die gelbe Rasse auf dem Arbeitsmarkt -Europas auftritt? Welcher Umschwung wird im Welthandel eintreten, wenn -China mit seinen Steinkohlenschätzen, seinem billigen Arbeitslohn -zur Großindustrie übergeht? Harmonischer mag sich das Chinesentum -ausgestalten, manche Schattenseite seiner bisher starr selbständigen -Kultur freundlich durchlichten unter Befruchtung durch den Genius -des Abendlandes. Aber weiterdauern wird der demantne Kitt seiner -Gesellschaft, der ehrenfeste Familiensinn, weiterleben seine -nervenstarke Ausdauer in allen Klimaten und die schier unerschöpfliche -Arbeitskraft, vervielfacht durch Übernahme unserer Methoden in die -Technik seines Wirtschaftsgetriebes. Eine große Zukunft steht dieser -Nation zweifellos bevor. Denn auch von ganzen Völkern gilt das -Dichterwort: In deiner Brust steh’n deines Schicksals Sterne.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VII_Deutschland_und_sein_Volk">VII.<br /> - -Deutschland und sein Volk.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> - -<p>Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und -Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr -quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die -Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen -Deutschen Reichs sind seine Staaten herausgewachsen. Weil aber seit -1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon -durch seine Verfassungsurkunde der traulicher, geographischer klingende -Name „Deutschland“ als gleichbedeutender zweiter Name beigelegt wurde, -so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteils nur als -Mitteleuropa zu bezeichnen.</p> - -<p>Nicht die geometrische, aber die morphologische Mitte Europas ist es -ganz und gar. Jedes andere Glied des europäischen Körpers könnten wir -wegdenken, es bliebe immer noch ein verstümmeltes Europa übrig. Stoßen -wir dagegen Mitteleuropa aus dem Reigen der europäischen Länder aus, so -haben wir bloß noch peripherische Glieder ohne Zusammenhang vor uns. -Auch darin offenbart sich die Centrumsnatur Mitteleuropas, daß allein -hier die drei Hauptvölkergruppen unseres Erdteils sich berühren, die -germanische, slawische und romanische.</p> - -<p>Physisch-geographisch dürfen wir Mitteleuropa kennzeichnen als die -Abdachung vom westöstlich verlaufenden Hauptwall der Alpen zur Nord- -und Ostsee, als ein Gebiet, dem Europas Adelszüge, Einheit in der -Mannigfaltigkeit und Maßhalten ganz besonders zuteil geworden sind. -Alle Bodenformen vereinigen sich hier in zonenweiser Lagerung: wir -steigen von den firn<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>bedeckten Zackenkämmen der Alpen hernieder auf -die Hochflächen des Alpenvorlands, wo die Gewässer wie in den Alpen im -Westen schon dem Rhonegebiet, im Osten dem der Donau angehören, treten -dann ein in die vielgestaltige Welt der Mittelgebirgslandschaften -mit Wasserabfluß nach allen Seiten, indessen doch zusammengehalten -durch Zubehör ihres ganzen Flußnetzes allein zur Nord- und Ostsee, -schließlich durchmessen wir das weite Tiefland mit seinen schiffbaren -Strömen, unter denen der aus Gletscherwassern sich entspinnende Rhein -der einzige ist, der alle vier Zonenstreifen miteinander verklammert, -dem Westen Mitteleuropas eine ungleich bessere Verknüpfung spendend, -als sie dem Osten nachgerühmt werden kann, wo außer der schmalen -Elbpforte kein Strom Bresche gelegt hat in den Gebirgszug vom -Fichtelgebirge bis zu den Karpaten, die Donau aber den geschichtlich so -verhängnisvoll gewordenen Weg gen Osten weist.</p> - -<p>Die Abstufung des Bodens in der Richtung von den Alpen zur Küste -gleicht die Temperatur von Süd und Nord aus; München z. B. hat eine -Juliwärme gleich der von Königsberg. Im allgemeinen nimmt die Wärme -wie in Europa überhaupt vielmehr von Südwest nach Nordost ab. Die -europäische Frostlinie des Januar zieht aus der Gegend der Elbmündung -im Bogenlauf quer über den Main und die süddeutsche Donau nach Bosnien. -Nur im Osten dieser Grenzscheide hat man also anhaltenden Winterfrost, -bleibende Schneedecke auch außerhalb der Gebirge. Am längsten und -meisten wird der Boden in der Südwesthälfte Mitteleuropas erwärmt; -dort finden wir neben Weizen- und Spelt- schon Maisbau; Schwalben -und Störche treffen zuerst durch die burgundische Pforte in der -oberrheinischen Tiefebene ein; an Rhein und Neckar, Mosel und Main -sehen wir unsere besten Weinlagen verteilt. In Ostpreußen verkürzt -sich dagegen die warme Jahreszeit bereits so sehr, daß die Rotbuche -wie aus dem nämlichen Grund in Rußland nicht mehr fortkommt. Glücklich -beschirmt durch das südliche Hochgebirge gegen die nordafrikanisch -heißtrockenen Sommer des Mittelmeerbeckens, wohnen wir auch den -atlantischen Hauptquellen des europäischen Regens fern genug, um nicht -eine Überfülle von<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> Niederschlag zu empfangen wie die Westseite der -britischen Inseln, und doch auch jenen wiederum nahe genug, um frei -zu sein von der Steppendürre Südosteuropas. Mitteleuropa entrollt -uns somit auch landschaftlich wie in seinem Wirtschaftsleben echt -europäische Mannigfaltigkeit in seinen grünen Bergen und Thälern, auf -seinen ebenen Fluren voll saftiger Weiden, fruchtbarer oder wenigstens -den Bauernfleiß zur Genüge lohnender Felder, umfangreicher Laub- und -Nadelholzwaldung. An Ertrag vom Getreidebau wie von der Viehzucht wird -Europas Mittelland innerhalb unseres Erdteils allein durch Rußland -ob seiner Raumgröße übertroffen, in Wein- und Obstsegen nähert es -sich Frankreich und den sonnigen Südlanden, in seiner industriellen -Bethätigung steht es bloß noch hinter England zurück, seitdem es im -19. Jahrhundert mit immer gesteigerter Energie den Vorzug gründlicher -ausbeuten lernte, daß es bei Anteilschaft an allen geologischen -Formationen verfügt über gewaltige Rohstoffmassen an Metall, Kohlen und -Salzen; seine Küstenlinie mit trefflichen Häfen, namentlich den fast -gänzlich eisfreien Nordseehäfen, sichert ihm die Osteuropa versagten -ununterbrochenen Welthandelsbeziehungen durch Schiffahrt auf allen -Ozeanen bis zu den fernsten Erdenwinkeln.</p> - -<p>Als ostfränkisches Reich löste sich Mitteleuropa staatlich aus dem -Verband der Monarchie Karls des Großen heraus, die es so eng mit -Frankreich verknüpft hatte. Seine Osthälfte war freilich nach der -Völkerwanderung an die nachrückenden Slawen verloren gegangen, wurde -jedoch nachmals durch Zurückfluten des Deutschtums nach Osten zum -größten Teil wiedergewonnen. Einem losen Bund der das westliche -Mitteleuropa bewohnenden deutschen Stämme glich unser altes Reich, -da es vom Sachsenherzog Heinrich nach dem Aussterben der Karolinger -aus den ostfränkischen Trümmern organisiert ward. Es gliederte sich -durchaus ethnographisch: dem niedersächsischen Kernstamm im Norden -schlossen sich an die Thüringer und Hessen, die im Herzogtum Lothringen -vereinigten Franken des nördlichen Rhein- und des Scheldegebiets, also -die Bewohner<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> der heutigen Rheinprovinz, Luxemburgs, Belgiens und der -Niederlande, ferner die Mainfranken samt den wesentlich fränkischen -Pfälzern, die Schwaben und die Bayern.</p> - -<p>Aber es ist eine bisher zu wenig beachtete Thatsache, daß die -staatliche Weiterentwicklung sich nicht im Rahmen dieser Stammesgebiete -vollzogen hat, sondern je länger je mehr hierbei Leitmotive zu -Tage traten, die dem Zusammenwohnen in physisch geschlossenen -Verkehrsprovinzen erwuchsen. Das geographische Moment erwies sich -mithin machtvoller als die Stämmegliederung. Das Stammland der Sachsen -blieb zwar bis zum territorialen Zerfall des spätmittelalterlichen -Deutschland überhaupt noch längere Zeit eine politische Einheit, -befaßte es doch bis auf den ins rheinische Schiefergebirge reichenden -Südzipfel, den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, das gut geeinte -Stück Tiefebene von Holstein bis gegen den Niederrhein. Ihm schlossen -sich die wahlverwandten ostelbischen Slawenlande zum guten Teil an, die -durch ihr Plattdeutsch noch zur Stunde die Macht der niedersächsischen -Kolonisation verkünden. Auch Hessen und Thüringen gaben in der so -ungeographischen, meist rein dynastisch bedingten Herausschälung -kleiner und kleinster Sondergebiete ihre Landeseinheit noch -einigermaßen zu erkennen. Indessen der im Bodenbau gar nicht wurzelnde -Grenzzug des lothringischen Herzogtums verschwand gar bald, auch die -Pfalz schied sich von Mainfranken, das Schwabenland zertrennte sich in -seine geographischen Elemente, die fast ausschließlich von den Bayern -besiedelten deutsch-österreichischen Lande, die darum ursprünglich -nur Marken unter der Oberhoheit des bayrischen Stammesherzogtums -ausmachten, verselbständigten sich als alpine Wohnräume dieses Stammes, -nur durch den Donaustrom verknüpft mit dem nunmehr auf das Alpenvorland -nebst den ihm durch Isar und Iller angeschlossenen Randgliedern der -nördlichen Kalkalpen beschränkten Herzogtum, dem fortan allein der -Bayernname verblieb.</p> - -<p>Die Entfaltung des mitteleuropäischen Staatensystems unserer Tage hat -gar nichts gemein mit der Grenzabsonderung<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> der Teilstämme unserer -Nation. Bruchstückweise sind letztere an die fünf Staaten aufgeteilt. -In den Niederlanden, Flämisch-Belgien und Luxemburg wohnen außer den -friesischen Strandleuten Niedersachsen und Franken, in der Schweiz, -mit Romanen unter einem Dach, Schwaben, in Österreich mit Slawen in -friedloser Ehe Bayern. Nur die innerdeutschen Stämme der Thüringer -und Hessen sind dem im neuen Deutschland zusammengefaßten Hauptrest -Mitteleuropas ganz treu geblieben. Unser heutiges Deutsches Reich -ist der Inbegriff sämtlicher Stämme unserer Nation, soweit sie nicht -ausgerankt sind in die peripherisch abgegliederten mitteleuropäischen -Staaten oder hinausgezogen nach Großbritannien, Siebenbürgen, Rußland -und in transozeanische Fernen.</p> - -<p>Wohl haben einstmals Stammesinteressen der politischen Einung unseres -Volkes widerstrebt, als es noch keine mitteleuropäische Pentarchie gab. -Der Sachsenstamm trägt noch immer seinen Widukind im Herzen, der ihm -Freiheit und Glauben gegen den mächtigen Frankenkönig verteidigen half. -Im Süden waren es die Bayern, die besonders gern der Centralgewalt -des Reichs Widerpart leisteten, ja bis ins achtzehnte Jahrhundert -traten bayrische Sympathien mit dem stammes- und glaubensverwandten -habsburgischen Nachbarstaat so stark hervor, daß ein Anfall Bayerns an -Österreich nicht ganz ausgeschlossen schien. In letzter Stunde siegten -aber doch die realen Interessen, wie sie schon vor der Gründung des -neuen Reichs im preußischen Zollverein, 1866 in der Zollvereinigung -des norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zum Ausdruck -kam. Ganz deutlich verrät sich die Bedeutung von natürlich gegebenen -Verkehrsbezirken für Vereinheitlichung der gesamten Lebensziele ihrer -Bewohner, folglich für die allergesundeste Anbahnung staatlichen -Zusammenschlusses darin, daß die beiden großen Verkehrshälften -Mitteleuropas, die wir im antiquierten großdeutschen Sinn die -norddeutsche und die süddeutsche nennen mögen, sich abspiegeln in -der Staatengeschichte durch alle Jahrhunderte von Armins und Marbods -Tagen her. Die für die Staatenkarte der Gegenwart entscheidende -Los<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>gliederung der Niederlande und Belgiens einerseits, der Schweiz -und Deutsch-Österreichs andererseits vollzog sich eben deshalb als -eine rein norddeutsche, bezüglich rein süddeutsche, weil es überhaupt -bei Ausbildung der Teilstaaten Mitteleuropas nie eine dauernde -Überschreitung der nord-süddeutschen Wende gegeben hat, die sich längs -der Sudeten und des Erzgebirges zur Mainquelle hinzieht, um dann -auf der Wasserscheide zwischen Main- und Wesergebiet sich dem Rhein -zu nähern, die Pfalz Süddeutschland zuzuweisen. Auch der in unserem -Reich am meisten fühlbare Gegensatz ist der zwischen der nord- und -süddeutschen Staatengruppe.</p> - -<p>Zum Glück ist er nicht so wesentlich verursacht durch die leise an -Rassenhaß gemahnende wechselseitige Abneigung verschieden begabter -Stämme, wie fast allgemein geglaubt wird. Zwar sind Schwaben und Bayern -fast ausnahmslos nur in Süddeutschland heimisch, Franken dagegen -wohnen vom preußischen Rheinland bis in die Pfalz, ja sie siedeln -seit mehr als tausend Jahren sowohl an der lothringischen Mosel -wie im gesegneten Mainland. Nein, der Abstand unseres Deutschtums -in Süd und Nord wurzelt wahrlich nicht in Blutsfeindschaft. Sind -doch die Germanen der Südhälfte Mitteleuropas allesamt erst aus -Norddeutschland als echte Brüder der blondhaarigen Norddeutschen -eingewandert! Mit einer Menge kleiner Absonderlichkeiten in Mundart -und Gebräuchen hat sich allerdings auch ein gewisser Antagonismus -gegen norddeutsches Wesen dort im Süden allmählich festgewurzelt; -im näheren Verkehr mit Schwaben und Bayern als mit Norddeutschen -sind auch die Mainfranken, so zweifellos sie ihrer Herkunft nach -dem norddeutschen Frankenstamm angehören, zu Süddeutschen geworden. -Aber ist es nicht ein bedeutungsvoller Zug im Leben unserer Nation, -daß am meisten längs den Ufern des Rheinstroms die Grenze süd- und -norddeutscher Volkstümlichkeit sich verwischt? Süddeutsches „le“ für -die Verkleinerungssilbe „chen“ hört man ebenso gut am norddeutschen -Rhein, „nit“ statt „nicht“ weit über Köln hinaus. Der Rhein bildet das -wertvollste Einheitsband für den Westen unseres Reichs, ja er ist<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> -dessen eigentliches Rückgrat. Indem der Vater Rhein so leibhaftig uns -alle Tage vor Augen hält, was der Verkehr auf seinen grünen Fluten, auf -den Schienenwegen zu seinen beiden Seiten für den Austausch von Süd und -Nord leistet, erbringt er uns den besten Beweis, daß die Einheitskraft -unseres Reiches um so sicherer partikularistische Strebungen besiegen -wird, je mehr die Schranken der alten Zeit mit ihrem schläfrigen -Verkehr, meist nur im engen Bezirk, fallen, je mehr Güter- und -Personenbewegung den Gesichtskreis der Deutschen über ganz Deutschland -erweitert und sie alle begreifen lehrt, daß die Stärkung der gesamten -Reichskraft jedem, auch dem kleinsten Teil des Reichskörpers zu gute -kommt, während die Insassen eines solchen in seiner Vereinzelung höchst -ohnmächtig ihre Freiheitshymnen singen würden.</p> - -<p>Sein Vaterland kennen lernen ist unerläßliche Vorbedingung dafür, es -richtig zu würdigen. Es fällt indessen bei Deutschland und seinem Volk -nicht eben leicht, jene Vorbedingung zu erfüllen, da uns von Gau zu -Gau stark individuelles Gepräge aufstößt. Versuchen wir in flüchtiger -Wanderskizze zu zeigen, wie vielfach dieser reizvolle Wechsel von -Landschaft und Volkstum auf der gegenseitigen Beeinflussung beider -beruht.</p> - -<p>Im Allgäu an den Quellbächen der Iller und weiter östlich in den -bayrischen Alpen erhebt sich der Boden unseres Reichs wie nirgends -sonst bis über die Schneegrenze. Hier allein jagt man die Gemse, -wohnen halbnomadisch die Sennhirten in wettergebräuntem Blockhaus nur -sommersüber auf der grünen Alpmatte, die sich einschaltet zwischen die -schneebedeckten Zinnen des Hochgebirgsgrates und die tannendunkle Zone -der unteren Gehängestufe. Auch letztere wird häufig unterbrochen vom -lichteren Grün der Weideländerei, während Feldfluren ganz zurücktreten -im Landschaftsbild, beschränkt gewöhnlich auf die Thalsohle in der -Umgebung der Dorfschaften. Tiefer Naturfrieden lagert über dem Ganzen. -Rinderzucht nebst Waldwirtschaft ernährt eine spärliche Anzahl -genügsamer Menschen. Gleichviel ob Schwaben im Westen, Bayern im Osten, -— die Alpennatur drückt den Bewohnern ganz gleich<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>artigen Stempel auf. -Gesundheit und Kraft spricht ihnen aus dem Antlitz, aus dem rüstigen -Gang selbst auf schwindelndem Pfad an jäher Felswand. Stets von Gefahr -bedroht durch übermenschliche Mächte, ist der Älpler ein aufrichtig -frommer Mensch, nur kein Kopfhänger. Das erhebende Bewußtsein des -Gelingens, der Überwindung von Gefahren ist hier mehr als anderwärts -in Deutschland mit den einfachsten Arbeiten verbunden, mit dem -Niederbringen einer Kötze Heu, dem Holzflößen, dem Botenweg. Das stimmt -zur Fröhlichkeit, die sich im Echo weckenden Juchzer und Jodler Luft -macht, genährt von der körperlichen Frische in dieser herrlichen, -Gesundheit spendenden Natur.</p> - -<p>Noch eine Strecke weit erfreuen uns ins nicht mehr hochgebirgige -Vorgelände hinaus, soweit es noch wesentlich von alpenhaftem Klima -beherrscht wird, die dem letzteren angepaßten Lebensformen: die -Zerstreutheit der Einzelgehöfte in noch vorwiegend für Viehhaltung -verwendeter Flur, ihr Holzbau mit dem weitvorspringenden, gegen den -Sturm steinbeschwerten Dach, unter dem auf zierlicher Holzgallerie -die vom Regen so oft benetzten Kleidungsstücke trocknen, der Tiroler -Kremphut bei beiden Geschlechtern, das Lodenwams, der kurze, das -Ausschreiten nicht hemmende Frauenrock, der feste Bergschuh. Dann aber -wird die Landschaft eben, das Klima minder niederschlagsreich, je -mehr wir uns längs den rauschenden Alpenflüssen Iller, Lech und Inn -der Donau nähern. Da wohnt ein ackerbauendes, bierbrauendes Volk in -geschlossenen Siedelungen. Inmitten ihrer Felderflur liegen ansehnliche -Dörfer mit hohen roten Ziegeldächern, und manche altberühmte Stadt -mit ehrwürdigen, hochragenden Gotteshäusern erinnert an eine große -Vergangenheit. Regensburg und Augsburg erzählen schon durch ihren -Namensklang, wie hier der Germane einst römische Städte nach seiner -Weise ausbaute. Die Blüte von Augsburg und dem münstergekrönten Ulm -wurzelte in der vormaligen Bedeutung der süddeutschen Donauhochfläche -für den Handel zwischen den Mittelmeerhäfen und dem viel früher als -Ostdeutschland kulturmächtigen rheinischen Westen. Augsburg ver<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>rät -durch den modernen Aufschwung seiner Webeindustrie den regeren Sinn für -gewerblichen Fortschritt, der die Schwaben vom Lech westwärts überhaupt -vor den behäbigeren Bayern auszeichnet.</p> - -<p>Über alle Städte des Alpenvorlands aber kam München empor, dieses -glänzende Zyklopenauge auf der breiten Stirnfläche unseres Südens, -das lebensvolle Verkehrscentrum dieser Ebene, die stets berufen -war zwischen Nord und Süd, Ost und West zu vermitteln, der große -Getreidemarkt für die getreidearmen Alpengaue, die erste Bierbraustadt -der Welt.</p> - -<p>Bloß das Donauthal über Passau hinaus verbindet die süddeutsche -Hochfläche mit Österreich, eine Vielzahl bequemer Thalwege hingegen, -die durch den Jura führen, verklammern mit dem übrigen Deutschland. -Sie führen uns ins südwestdeutsche Becken, ganz eingesponnen ins -süddeutsche Rheinsystem, mit dem Rheinstrom von Basel bis Mainz in -seiner tiefsten Rinne. Im Maingebiet wohnen die nach ihm benannten -südöstlichsten Franken. Sie haben auf dem mageren Keupersandboden -inmitten des Regnitzlandes unter dem Schutz der noch heute die -Stadt auf steilem Felsen überragenden alten Kaiserburg ihr Nürnberg -gegründet, die einzige Stadt des Reichs, die durch das erfindungsreiche -Schaffen ihrer Bürger die Blüte seiner mannigfachen, durchaus nicht -bodenständigen Gewerbe seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart bewahrt -hat. Sonst ist der Mainfranke werkthätiger im Anbau seines fruchtbaren -Triasbodens. In der Bamberger Gegend bis gegen Schweinfurt hin bilden -Hopfenberge eine Landschaftszierde, im wärmeren Unterland, so um die -alte Bischofsstadt Würzburg, Weinberge. Im lieblichen Neckarland haben -die Nachkommen schwäbischer Juthungen ihre Heimat zu einer Stätte -harmonischer Durchdringung von Anbau und Gewerbefleiß umgeschaffen. -Der Ackersegen der Felder, der glänzende Obst- und Weinertrag der -Bodenabstufung bis zu den Thalsohlen des Neckargeflechts ist es nicht -allein, was die Menschenfülle des Ländchens ernährt; überall sehen -wir das starke Flußgefälle zu industriellen Anlagen verwertet und die -Steinkohlen vom norddeutschen Rhein<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>land auf Schienen- wie Wasserweg -heranfahren zum maschinellen Großbetrieb.</p> - -<p>Mehr gesondert nach den Bodenformen erweist sich Anbau und Gewerbe -auf der süddeutschen Rheinebene gegenüber ihren beiderseitigen -Einschlußgebirgen. Jene hat sich von jeher den Namen „Deutschlands -Garten“ verdient bei ihrem ertragreichen Boden, ihrem milden Klima. Bis -zur Pfalz hin hält der hier noch für Bootfahrt etwas zu ungestüme Rhein -die Uferlande im Ost und West auseinander; deshalb waren sie trotz -gleichartiger Wirtschaftsweise ihrer Bewohner staatlich immer getrennt, -erst die Pfalz vermählt auch politisch die beiden Uferseiten.</p> - -<p>Getrennt entfaltete sich die wie immer von so vielen -Zufälligkeiten abhängige Geschichte des Gewerbes in den schön -bewaldeten Umrahmungsgebirgen: der Schwarzwald wählte sich die -Holzschnitzerei, aus der sich dann Uhrenmanufaktur und Herstellung -von Musikinstrumenten, selbst kostbarer Orchestrien entwickelte, der -Wasgau die Baumwollweberei, deren Hauptsitz jedoch Mülhausen blieb, -wo das Vorbild der Textilindustrie der Schweiz, der Mülhausen früher -angehörte, noch heute nachwirkt.</p> - -<p>Die von Saarbrücken und Aachen bis nach Sachsen und Oberschlesien -verbreiteten Steinkohlenlager bewirkten es aber, daß die moderne -Großindustrie Deutschlands doch eine ganz vorwiegend norddeutsche -wurde. Süddeutschland ist auch hierin dem Norden nur dort mehr -angeglichen, wo der Kohlenbezug aus dem norddeutschen Rheinbezirk, -zumal aus dem für den Wasservertrieb so günstig gelegenen -Ruhrkohlenbecken nicht zu teuer ist. Darum sind im südwestdeutschen -Becken so jugendliche Städte wie Mannheim, Ludwigshafen norddeutsch -rasch gewachsen, Landstädtchen des Donaugebiets wie Straubing oder -Amberg in der Oberpfalz dörflich klein geblieben.</p> - -<p>Krupps weltberühmte Gußstahlwerke in Essen holen sich ihr Eisen aus -Nähe und Ferne, selbst aus Spanien, jedoch durch ihren Kohlenbedarf -sind sie an die Ruhrgegend gefesselt;<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> verschlingen doch die Kruppschen -Maschinenöfen jährlich 1¼ Millionen Tonnen Steinkohle. Älterer -Bedeutung für gewerbliche Anregung der Bewohner unseres rheinischen -Schiefergebirges sind allerdings die Erzvorkommen gewesen. Die -Schwertfegerei von Solingen ist so alt wie die Bleicherei und Weberei -an der Wupper, aus der jene gewaltige Industrie der Doppelstadt -Elberfeld-Barmen mit dreimal Hunderttausend Einwohnern hervorging. -Überhaupt haben die drei Faktoren, Kohlenreichtum, großer Vorrat -an Eisen-, Zink- und Bleierz nebst angeerbter Neigung des Volks zu -gewerblichem Verdienst, dort am Nordsaum des Schiefergebirges und ins -bergisch-märkische Land hinein an der Hand der Großindustrie die größte -Massenverdichtung der Deutschen gezeitigt.</p> - -<p>Das gefeiertste Stück des Rheinthals von Bonn aufwärts bis Bingen -entrollt uns das lebensvolle Bild der verjüngten Schaffensthätigkeit -unseres Volkes auf fast allen Gebieten. Eng aneinander reihen sich um -den verkehrsreichen Strom die schiefergedeckten Städte und Dörfer, -letztere oft nur in einer einzigen Häuserzeile eingeklemmt zwischen -dem grünen Rhein und den nicht hohen, aber steilen Felsen seines -gewundenen Thales, deren düsteres Grau von Rebengrün und stellenweise -von Eichenwald verhüllt wird. Alles atmet Frohsinn und fortschreitenden -Wohlstand; hier und da schaut noch ein römischer Wachtturm ins frisch -pulsierende Leben der Gegenwart, neben Bergruinen aus dem Mittelalter -grüßen vornehme Landsitze, schmucke Schlösser von den Höhen. Es -ist das rechte Heim des weinfröhlichen Franken, der hier seit zwei -Jahrtausenden haust und seinerseits dieser gottgesegneten Thalung -den Stempel seiner energischen Schaffenslust aufgeprägt hat. Doch -dieselben Rheinfranken wohnen doch auch auf den plattigen Flächen -zur Seite von Rhein, Mosel und Lahn; indessen wie zurückgeblieben, -wie weltabgeschieden und arm, wo der naßkalte Fels- oder Thonboden -der Eifel, des Hunsrücks, des Westerwalds, über den der Nordwest -Regenschauer und Schneewehen treibt, die Aussaat so kümmerlich lohnt!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p> - -<p>Ostwärts folgt das hessische Bergland, das seit alters ein fleißiges, -tapferes Bauernvolk ernährt, ohne Steinkohlen- und Erzschätze im -grellen Gegensatz zum Rheinland bis ins 13. Jahrhundert völlig der -Städte entbehrte, auf seinen anmutigen, aussichtsreichen Basaltkuppen, -wie dem Petersberg bei Fulda, der Milseburg, dem Kreuzberg der Rhön, -aber alte Andachtsstätten besitzt zum Beleg des nur scheinbar barocken -Satzes „Basalt macht fromm“.</p> - -<p>Wo in den noch weiter östlichen Gliedern unseres Mittelgebirgsraumes, -dem thüringischen, dem sächsischen, dem schlesischen, für den Ackerbau -gut geeigneter Niederungsboden rauheren Höhen benachbart liegt, da -meldet meistens schon das Fichtengrün der letzteren und die falbe -Flur mit den langgezogenen Rechtecken der Äcker zu ihren Füßen, wie -die Bodenerhebung die Beschäftigung der Menschen regelt. Besonders -schön aber kann man eben dort bei den Bergbewohnern die Wahrheit des -Satzes kennen lernen: „Not ist die Mutter der Künste!“ Läge da fetteres -Erdreich, das die Waldrodung zum Feldbau lohnte, und wäre der Winter -dort nicht zu lang und zu rauh, so würden die armen Leute auf dem Harz, -dem Erzgebirge nicht so emsig in den lichtlosen Erdenschoß eingedrungen -sein, um mit Lebensgefahr Metalladern anzuschlagen in immer höher -gesteigerter Kunst, wodurch diese Gebirge zu Musterschulen des Berg- -und Hüttenwesens für die ganze Welt geworden sind; es würde ebenso -wenig jene großartige Fülle hausgewerblicher Industriezweige erwachsen -sein, die Kunst der Glasfabrikation eine so hohe Vervollkommnung -erreicht haben wie es der Fall ist vom Thüringerwald bis in die -Waldgründe der Sudeten. Die Regel, daß die Volkszahl nach den höheren -Gebirgsstufen sich mindert, ist durch den Bienenfleiß und die mit -Kunstsinn gepaarte hochgradige Geschicklichkeit dieser Gebirgsbewohner -mehrfach ins Gegenteil verkehrt worden. So leben die Erzgebirgler -auf der fast keine Feldfrucht neben der Kartoffel tragenden Kammhöhe -ihres Gebirges in dichteren Scharen, volkreicheren Dörfern als -unten die Bauern auf dem fruchtbaren Löß des ebenen Vorlandes an -der Pleiße, Mulde und Elbe. Ihre Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>fahren kamen als Bergleute auf -die luftigen Höhen; als dann die Erzschätze allzubald versiegten, -blieben die Nachgeborenen mit leidenschaftlicher Heimatsliebe auf der -armen Gneisscholle, suchten und fanden Verdienst durch Schnitzerei, -Tischlerei, Spitzenklöppeln und Feinstickerei, so daß sie mit fast -chinesischer Anspruchslosigkeit bei Kartoffelkost und Blümchenkaffee -ein zahlreiches, auskömmlich lebendes, sangeslustig fröhliches Völkchen -wurden.</p> - -<p>Großartiger freilich offenbart uns zu guterletzt das norddeutsche -Tiefland den Sieg unserer Nation über eine von Haus aus kargende Natur. -Wie hat es der Deutsche verstanden, selbst dem dürftigsten Diluvialsand -in steigenden Mengen Nahrungsmittel abzugewinnen, sogar in den Mooren -sich ein sauber wohnliches Obdach, ja Wohlstand zu schaffen. Eben -bei der harten Arbeit, die sich Jahr um Jahr erneuert, wenn hier der -Landmann sich und den Seinen das Dasein fristen will, ist der harte -Menschenschlag groß geworden, der in Treue und Tüchtigkeit, Ausdauer -und Kraft den Kern des preußischen Staates ausgestalten, mithin -die Grundlage unseres Reiches legen half. Die Wegsamkeit der Ebene -schon als solcher, die Schiffbarkeit ihrer Ströme, die Zwischenlage -zwischen den Gebirgen mit ihren der Niederung versagten Kohlen und -Metallen auf der einen, dem Meer auf der andern Seite erzeugte eine -Entfaltung von Handel und Industrie, die im Zeitalter des Dampfer- -und Eisenbahnverkehrs eine vordem ungeahnte Höhe erklomm. „Arbeit -schafft Wohlstand und Macht“, das lehrt uns das Emporkommen gerade -dieses Nordens unseres Vaterlandes aus den früheren ärmlichen Zuständen -besonders vernehmlich. Dem Wirtschaftsfortschritt dieses Raumes vor -allem, gar nicht bloß der politischen Vorrangstellung Preußens ist -es beizumessen, daß das Schwergewicht des neudeutschen Reiches im -Nordosten liegt. Bis tief ins Mittelalter koncentrierte sich das -geistige Leben, das Aufblühen größerer Gemeinwesen hauptsächlich auf -den Südwesten Deutschlands. Nunmehr ist die Pflege von Kunst und -Wissenschaft bis in unsere östlichsten Grenzmarken vorgedrungen, und -große wie mittlere Städte sind über unser<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> ganzes Tiefland verteilt. -Sie ordnen sich namentlich in drei Reihen. Eine verfolgen wir von -Aachen über Leipzig bis ins Vorland der Sudeten; sie hält sich in der -Nähe des Gebirgsfußes, wo der Boden der Niederung thonhaltiger, deshalb -fruchtbarer ist, und nutzt den Marktvorteil aus, wie er sich überall -darbietet durch den Erzeugungsgegensatz zwischen Gebirge und Ebene. -Eine zweite fällt in die große mittlere Verkehrsaxe, die zugleich -ein Stück der gesamteuropäischen von Paris über Moskau ausmacht: sie -besteht vorzugsweise aus Brückenorten wie das steinalte, doch ewig -jugendfrische Köln, Hannover, Magdeburg, das natürliche Hauptcentrum -des Verkehrs der Nordostniederung Berlin, ferner Frankfurt a. O., -Posen. Die dritte befaßt die Küstenstädte, die erst durch den Kaiser -Wilhelm-Kanal an einen einheitlichen, rein deutschen Schiffahrtsweg -gelangten. Sie waren zum guten Teil schon zur Hansezeit Deutschlands -Stolz als Organe seines Überseehandels nach England, Skandinavien, -Rußland. Bei vorzugsweiser Richtung dieses Seeverkehrs über das -baltische Meer mußte Lübeck das Venedig des Hansebundes werden. Nun -schaut unser weltumspannend gewordener Handel naturgemäß zumeist gen -Nordwest, wo in der innersten Nische des einzigen Weltmeergolfes mit -deutschem Küstenanteil das deutsche London durch seine thatkräftige -Bürgerschaft zum ersten Handelshafen des europäischen Festlandes -entwickelt ward. Was wäre Deutschland ohne Hamburg! Aber wir dürfen -hinzufügen: Was wäre Hamburg ohne Deutschland mit seiner riesenhaften -Arbeitsleistung, mit seinem machtvollen Reichsschutz!</p> - -<p>Wir Deutsche im Reich gehören eben zusammen nicht bloß durch uralte -oder erst auf diesem Boden geknüpfte Verwandtschaftsbande und eine -mehr denn tausendjährige gemeinsame Geschichte, nein vor allem durch -unser Vaterland. Das haben wir zu Nutz und Frommen friedlichen -Schaffens gemeinsam zu schirmen durch unser starkes Heer, und an der -allertreusten unserer Grenzen, an der Küste, durch unsere endlich -erlangte, der Kauffahrerflotte unter schwarz-weiß-roter Flagge auf -allen<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Meeren der Welt als Schild dienende herrliche Kriegsflotte. -Aber dies Vaterland fordert nicht bloß unser einmütiges Zusammenhalten -als die nötige Schutzfeste unseres Daseins. Es heischt auch unsere -Dankbarkeit. Ihm danken wir über alle kleinen Stammessonderungen -hinaus die ernste Zucht zu Arbeit, Sparsamkeit und guter Sitte, den -gemeinsamen Pulsschlag eines treuen Herzens.</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="reklame break-before" id="Aus_Natur_und_Geisteswelt"> - -<p class="s2 center"><b>Aus Natur und Geisteswelt.</b></p> - -<p class="s4 center">Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher -Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens.</p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="s4 center"><b>12 monatlich erscheinende Bändchen</b></p> - -<p class="s4 center">von 130–160 Seiten in farbigem Umschlag zu je 1 -Mark, geschmackvoll gebunden zu je 1 Mark 25 Pf.</p> - -<p class="s5 center">Geschmackvolle Einbanddecken werden zum Preise von 20 Pf. -geliefert.</p> - -<p class="center"><b>Jedes Bändchen ist in sich abgeschlossen und -einzeln käuflich.</b></p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="s5">Die Verlagsbuchhandlung sah sich infolge der erhöhten -Herstellungskosten leider genötigt, den Preis für das Bändchen -um den geringfügigen Betrag von 10 Pfennig zu erhöhen. Sie wird -dafür, wie es bei den letzten Bändchen bereits geschehen ist, die -Ausstattung durch Abbildungen reicher gestalten und so den Wert -der Bändchen, der schon in ihrer inhaltlichen Vortrefflichkeit -begründet ist, womöglich noch weiter zu erhöhen suchen.</p> - -<hr class="r5" /> - -<p>Die Sammlung will dem immer größer werdenden Bedürfnis nach -<em class="gesperrt">bildender</em>, <em class="gesperrt">zugleich belehrender</em> und <em class="gesperrt">unterhaltender</em> -Lektüre entgegenkommen. Sie bietet daher in einzelnen in sich -abgeschlossenen Bändchen in sorgsamer Auswahl Darstellungen kleinerer -wichtiger Gebiete aus allen Zweigen des Wissens und damit eine Lektüre, -die auf <b class="s4">wirklich allgemeines Interesse</b> rechnen kann.</p> - -<p>Eine erschöpfende allgemeinverständliche Behandlung des Stoffes soll -auf wissenschaftlicher Grundlage ruhen, die die Mitwirkung angesehener -und bewährter Fachmänner gewährleistet. So wird eine <b>Lektüre</b> -geboten, die <b class="s4">wirkliche Befriedigung</b> und <b class="s4">dauernden Nutzen</b> -verspricht.</p> - -<p>Wie der <em class="gesperrt">Inhalt</em>, so soll auch in jeder Weise den Zweck -der Sammlung erreichen helfen die trotz des <em class="gesperrt">billigen Preises -sorgfältigste Ausstattung</em>: die in <em class="gesperrt">bester Ausführung beigegebenen -Abbildungen</em>, der mit <em class="gesperrt">trefflicher Zeichnung versehene -Umschlag</em>, der <em class="gesperrt">geschmackvolle Einband</em>.</p> - -<p>Es erschienen bereits:</p> - -<div class="enger"> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Acht Vorträge aus der Gesundheitslehre.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> -<em class="gesperrt">H. Buchner</em>. Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Unterrichtet in klarer und überaus fesselnder Darstellung über alle -wichtigen Fragen der Hygiene.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Soziale Bewegungen und Theorien bis zur modernen -Arbeiterbewegung.</b> Von <em class="gesperrt">G. Maier</em>. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Will auf historischem Wege in die Wirtschaftslehre einführen, den -Sinn für soziale Fragen wecken und klären.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Bau und Leben des Tieres.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">W. Haacke</em>. -Mit zahlreichen Abbildungen im Text. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackv. -geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Vermag zu einem besseren Verständnis unserer Umgebung, unserer -Freunde in Haus und Hof, in Feld und Wald zu führen.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Schrift- und Buchwesen in alter und neuer Zeit.</b> Von Prof. -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">O. Weise</em>. Reich illustr. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Verfolgt durch mehr als vier Jahrtausende Schrift-, Brief- und -Zeitungswesen, Buchhandel und Bibliotheken.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Palästina und seine Geschichte.</b> Sechs volkstümliche Vorträge -von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">von Soden</em>. Mit zwei Karten und einem -Plan von Jerusalem. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Ein Bild nicht nur des Landes selbst, sondern auch alles dessen, -was aus ihm hervor- oder über es hingegangen ist im Laufe der -Jahrhunderte.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Luft, Wasser, Licht und Wärme.</b> Acht Vorträge aus der -Experimental-Chemie. Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">R. Blochmann</em>. Mit -103 Abbildungen im Text. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> -1.25.</p> - -<p class="s5">Führt unter besonderer Berücksichtigung der alltäglichen -Erscheinungen des praktischen Lebens in das Verständnis der -chemischen Erscheinungen ein.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Deutsche Baukunst im Mittelalter.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">A. -Matthaei</em>. Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackv. -geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Will mit der Darstellung der Entwicklung der deutschen Baukunst -des Mittelalters zugleich über das Wesen der Baukunst als Kunst -aufklären.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Das deutsche Volkslied.</b> Über Wesen und Werden des deutschen -Volksgesanges. Von Privatdozent <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">J. W. Bruinier</em>. -Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Einer der wichtigsten Erscheinungen deutschen Volkslebens gewidmet, -nicht zu steifer akademischer Erörterung, sondern zu herzlich -warmer Schilderung.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Neuere Fortschritte auf dem Gebiete der Elektrizität.</b> Von -Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Richarz</em>. Mit 94 Abbildungen im Text. Geh. -<i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Behandelt leicht verständlich, zugleich aber für jeden Fachmann -interessant, die neuesten vielbesprochenen Fortschritte auf -elektrischem Gebiete.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Unsere wichtigsten Kulturpflanzen.</b> Von Privatdozent -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Giesenhagen</em> in München. Mit zahlreichen -Abbildungen im Text. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Vermittelt durch die Schilderung der wichtigsten Kultur der -Getreidepflanzen zugleich in anschaulicher Form allgemeine -botanische Kenntnisse.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschichtlichen -Entwicklung.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Ed. Otto</em>. Mit 27 Abbildungen -auf 8 Tafeln. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Eine Darstellung der historischen Entwicklung und der -kulturgeschichtlichen Bedeutung des deutschen Handwerks von den -ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Das Theater.</b> Von Privatdozent <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Borinski</em> in -München. Mit 8 Bildnissen großer dramatischer Dichter. Geh. <i>M.</i> -1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Läßt bei der Vorführung der dramatischen Gattungen die dramatischen -Muster der Völker und Zeiten thunlichst selbst reden.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Die Leibesübungen und ihre Bedeutung für die Gesundheit.</b> Von -Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">R. Zander</em>. Mit 19 Abbildungen im Text und -auf 2 Tafeln. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Will darüber aufklären, weshalb und unter welchen Umständen die -Leibesübungen segensreich wirken, indem es ihr Wesen, andererseits -die in Betracht kommenden Organe bespricht.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Verkehrsentwicklung in Deutschland. 1800–1900.</b> Sechs -volkstümliche Vorträge über Deutschlands Eisenbahnen und -Binnenwasserstraßen, ihre Entwicklung und Verwaltung, sowie ihre -Bedeutung für die heutige Volkswirtschaft von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> -<em class="gesperrt">Walther Lotz</em>. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Erörtert nach einer Geschichte des Eisenbahnwesens insbesondere -Tarifwesen, Binnenwasserstraßen und Wirkungen der modernen -Verkehrsmittel.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Die deutschen Volksstämme und Landschaften.</b> Von Prof. -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">O. Weise</em>. Mit 26 Abbildungen. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Schildert, durch eine gute Auswahl von Städte-, Landschafts- und -anderen Bildern unterstützt, die Eigenart der deutschen Gaue und -Stämme.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Ernährung und Volksnahrungsmittel.</b> Sechs Vorträge gehalten -von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Johannes Frentzel</em>. Mit 6 Abbildungen im -Text und 2 Tafeln. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Behandelt die Ernährungslehre, den Verdauungsapparat und die -Zubereitung der Nahrungsmittel, die einzeln ausführliche -Besprechung erfahren.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Aufgaben und Ziele des Menschenlebens.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">J. -Unold</em> in München. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Beantwortet die Frage: Giebt es keine bindenden Regeln des -menschlichen Handelns? in zuversichtlich bejahender, zugleich -wohlbegründeter Weise.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Der Kampf zwischen Mensch und Tier.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> -<em class="gesperrt">Karl Eckstein</em>. Mit 31 Abbild. i. T. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Der hohe wirtschaftliche Bedeutung beanspruchende Kampf erhält eine -eingehende, ebenso interessante wie lehrreiche Darstellung.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Am sausenden Webstuhl der Zeit.</b> Übersicht der Wirkungen -der Entwicklung der Naturwissenschaften u. der Technik. Von -<em class="gesperrt">Launhardt</em>, Geh. Reg.-Rat, Prof. a. d. Techn. Hochschule zu -Hannover. Mit vielen Abbild. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. -<i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Heute, wo wir in den <em class="gesperrt">Naturwissenschaften und der Technik</em> -einen alle vergangenen Zeiten weit überragenden Standpunkt -einnehmen, ist <em class="gesperrt">ein Rückblick auf ihre Entwicklung</em>, wie -sie das vorliegende Bändchen in geistreichen Ausführungen giebt, -gewiß vielen willkommen. Indem er sie den Weltwundern der -Alten gegenüberstellt, weiß der Verfasser treffend das Wesen -<em class="gesperrt">der Wunder unserer Zeit</em> klar zu stellen. Vorbereitet -durch naturwissenschaftliche Entdeckungen, die <em class="gesperrt">die Sinne -verschärfen und vervollkommnen</em>, haben diese Erfindungen -unsere <em class="gesperrt">Herrschaft über den Raum</em> in ungeahnter Weise -ausgebreitet, die modernen Schußwaffen wie die Fernrohre, -die Eisenbahnen, die Dampfschiffe und die Luftschiffe. Eine -eingehende Darstellung erfährt insbesondere <em class="gesperrt">die Entwicklung des -Eisenbahnwesens</em>. Im letzten der Vorträge werden die meistens -zu entgegengesetzten Erscheinungen führenden <em class="gesperrt">Wirkungen der -Verkehrsvervollkommnung</em> dargestellt.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Das Eisenhüttenwesen</b> erläutert in acht Vorträgen von Prof. -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">H. Wedding</em>. Mit 12 Figuren im Text. Geh. <i>M.</i> -1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Das Eisen ist das <em class="gesperrt">unentbehrlichste Metall</em>, ohne dessen Gebrauch -das gegenwärtige Leben gebildeter Völker nicht zu denken ist. Wie -von jedem gebildeten Menschen erwartet werden darf, daß er weiß, auf -welche Weise Brot hergestellt wird, so sollte auch von jedem <em class="gesperrt">eine -wenigstens allgemeine Kenntnis der Vorgänge vorausgesetzt werden -dürfen, vermittelst derer Eisen erzeugt und in seine Gebrauchsformen -gebracht wird</em>. Das ist der Gegenstand der Eisenhüttenkunde. -In den vorliegenden acht Vorträgen wird das Eisenhüttenwesen in -gemeinfaßlicher Weise von einem der bedeutendsten Fachmänner erörtert.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Die ständischen und sozialen Kämpfe in der römischen -Republik.</b> Von <em class="gesperrt">Leo Bloch</em>. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackv. -geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Es giebt schwerlich einen gleich interessanten und gleich -bedeutungsvollen Vorgang in der Weltgeschichte wie die <em class="gesperrt">Entwicklung -der römischen Weltmacht</em>. <em class="gesperrt">Die sozialen Erscheinungen, die -inneren</em> Kämpfe der Stände, unter denen sich die Entwicklung -vollzieht und die in erster Linie <em class="gesperrt">agrarischen</em> Charakter tragen, -haben aber für uns heute besonderes Interesse, und so ist eine — von -allem philologischen Detail absehende gemeinverständliche Darstellung -dieser Kämpfe wohlberechtigt, wie sie das vorliegende Bändchen giebt.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Einführung in die Theorie und den Bau der neueren -Wärmekraftmaschinen.</b> Von Ingenieur <em class="gesperrt">Richard Vater</em>. Mit -zahlreichen Abbildungen. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Das Verständnis der immer wichtiger werdenden <em class="gesperrt">neueren -Wärmekraftmaschinen, das heißt der Gas-, Petroleum- und -Benzinmaschinen</em>, will dies Bändchen einem weiteren Kreise -zugänglich machen, sowohl dem Nichtfachmanne, wie demjenigen, der -mit geringerer Vorbildung in engere oder losere Berührung mit den -Maschinen gelangte, Interesse und Verständnis für die Sache erwecken. -Der Zweck des Bändchens ist somit nicht ein rein technischer, sondern -zugleich ein allgemein bildender. Nach einer Gegenüberstellung -der <em class="gesperrt">älteren</em> und <em class="gesperrt">neueren Wärmekraftmaschinen</em> wird -zunächst die <em class="gesperrt">Gasmaschine</em> behandelt, dann die <em class="gesperrt">Petroleum- -und Benzinmaschinen</em>; zum Schlusse wird auf die neueste -Wärmekraftmaschine, auf die <em class="gesperrt">Maschine von Diesel</em>, etwas näher -eingegangen.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Das Licht und die Farben.</b> Sechs Vorträge, gehalten im -Volkshochschulverein München. Von Professor <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">L. -Graetz</em>. Mit 113 Abbildungen. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. -<i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Die Vorträge gehen von den im Druck durch die Abbildungen ersetzten -<em class="gesperrt">wichtigsten optischen Erscheinungen</em> aus, aus denen sie die -<em class="gesperrt">Gesetze des Lichtes</em> herauszuziehen und dadurch, schrittweise -vom Einfacheren zum Komplizierteren fortschreitend, immer tiefer in -das Wesen des Lichtes einzudringen suchen. Ausgehend zunächst von den -einfachsten Erscheinungen der scheinbar <em class="gesperrt">geradlinigen Ausbreitung, -Zurückwerfung und Brechung des Lichtes</em> wird dann das <em class="gesperrt">Wesen der -Farben</em> behandelt. Die Frage nach der Natur der Seifenblasenfarben -leitet zur Einführung in die <em class="gesperrt">Wellennatur des Lichtes</em>. Danach -wendet sich die Darstellung der <em class="gesperrt">Photographie</em> zu. Die letzte -Vorlesung endlich macht die <em class="gesperrt">Einsichten in die Natur des Lichtes -präziser</em>, indem sie das Licht als eine spezielle elektrische -Erscheinung anschließt an das große Gebiet der <em class="gesperrt">Elektrizität</em>.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Der Bau des Weltalls.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">J. -Scheiner</em>. Mit zahlreichen Abbildungen. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Dieses Bändchen beabsichtigt, in allgemeinverständlicher Darstellung -in das Hauptproblem der Astronomie, das auf lebhaftestes Interesse bei -einem jeden Menschen rechnen darf, <em class="gesperrt">die Erkenntnis des Weltalls</em>, -einzuführen. Das erste Kapitel ist der Aufgabe gewidmet, den Leser -an die <em class="gesperrt">wirklichen Verhältnisse von Raum und Zeit im Weltall</em> -zu gewöhnen, ihm hierüber eine klare Anschauung zu ermöglichen, die -unbedingt zum Verständnis des Ganzen erforderlich ist. Das zweite -Kapitel lehrt, wie <em class="gesperrt">das Weltall von der Erde aus erscheint</em>; -die drei folgenden Kapitel sind dem <em class="gesperrt">inneren Bau des Weltalls</em> -gewidmet, d. h. in ihnen ist die Struktur der <em class="gesperrt">selbständigen -Himmelskörper</em> mit Hilfe der Spektralanalyse auseinandergesetzt. Das -letzte Kapitel giebt als Schlußstein eine Lösung der Frage über die -<em class="gesperrt">äußere Konstitution</em> der Fixsternwelt.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Die Metalle.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">K. Scheid</em>. Reich -illustriert. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Das Bändchen will, ohne daß irgend welche Kenntnisse der Chemie und -Gesteinkunde vorausgesetzt werden, eine Erklärung geben, wie die -<em class="gesperrt">Metalle in der Erde</em> sich als Erze abgelagert haben mögen und -wie die Erze sich in <em class="gesperrt">das reine Metall</em> umwandeln lassen; wie -die Metalle auf den <em class="gesperrt">Hüttenwerken</em> dargestellt werden, ist unter -Beigabe von Abbildungen erklärt. In den letzten Abschnitten werden -sodann die Metalle hinsichtlich ihrer <em class="gesperrt">Eigenschaften verglichen</em> -und das <em class="gesperrt">Allgemeine über Darstellung und Verarbeitung</em> -zusammenfassend erklärt.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Meeresforschung und Meeresleben.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> -<em class="gesperrt">Janson</em>. Geh. <i>M.</i> 1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Gerade jetzt, zu einer Zeit, wo unser deutsches Volk seine Blicke -weit hinaus in die Ferne richtet, erschien eine den Absichten der -Sammlung entsprechend im engsten Rahmen gehaltene Zusammenfassung -der hauptsächlichen Erfolge und der zunächst ins Auge genommenen -Ziele der <em class="gesperrt">modernen systematischen Meeresuntersuchung</em>. — -Einer kurzen Darstellung der <em class="gesperrt">Entwicklungsgeschichte</em> der -modernen Meeresforschung und ihrer Ziele folgt eine Betrachtung der -<em class="gesperrt">Verteilung von Wasser und Land</em> auf der Erde, der <em class="gesperrt">Tiefen des -Meeres</em>, der <em class="gesperrt">Erhebungen</em> seines Bodens und der ihn bedeckenden -<em class="gesperrt">Ablagerungen</em>. Daran schließt sich eine Behandlung der -physikalischen und chemischen Verhältnisse des <em class="gesperrt">Meerwassers</em> an. -Den Schluß bildet eine kurze Beschreibung der <em class="gesperrt">wichtigsten Organismen -des Meeres</em>, der Pflanzen und Tiere, der Werkzeuge und Methoden -ihres <em class="gesperrt">Fanges</em> und ihrer <em class="gesperrt">Anpassungserscheinungen</em> an die so -eigenartigen Lebensverhältnisse der Ozeane.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Die moderne Heilwissenschaft.</b> Wesen und Grenzen des -ärztlichen Wissens. Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">E. Biernacki</em>. Deutsch von -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">S. Ebel</em>, Badearzt in Gräfenberg. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackv. geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Die Abhandlung bezweckt, in den Inhalt des ärztlichen Wissens und -Könnens von einem allgemeineren Standpunkte aus einzuführen. Sie -behandelt die <em class="gesperrt">geschichtliche Entwicklung der medizinischen -Grundbegriffe, die Leistungsfähigkeit und die Fortschritte der -modernen Heilkunst, die Beziehungen zwischen der Diagnose und der -Behandlung der Krankheit, sowie die Grenzen der modernen Diagnostik -in allgemein verständlicher Weise</em>. Eine ausführliche Besprechung -erfährt insbesondere auch das kulturgeschichtlich so interessante -<em class="gesperrt">medizinische Sektenwesen</em> (Homöopathie, Volksmedizin u. -Naturheilkunde u. s. w.).</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Das Zeitalter der Entdeckungen.</b> Von Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">S. -Günther</em> in München. Mit einer Weltkarte. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Wenig Zeitalter dürfen heute, wo kühne Forschungsreisen unsere -Teilnahme und Bewunderung immer aufs neue erwecken, wir immer -lebhafteren Anteil an der Nutzbarmachung neuer Entdeckungen nehmen, -wohl in weiteren Kreisen auf so lebhaftes Interesse rechnen, -wie das Entdeckungszeitalter. Von einer <em class="gesperrt">Übersicht über den -geographischen Wissensstand des Altertums und Mittelalters</em> -ausgehend, behandelt der Verfasser dann das Entdeckungszeitalter im -engeren Sinne, von dem Auftreten <em class="gesperrt">Heinrichs des Seefahrers</em>, des -ersten zielbewußten Organisators der Entdeckungsarbeit, bis zu den -Bestrebungen der germanischen Völker, um Asien oder Amerika herum -einen neuen <em class="gesperrt">Seeweg nach Indien</em> zu finden; die Auffindung -des Weges um das <em class="gesperrt">Kap der guten Hoffnung</em> und die Begründung -der <em class="gesperrt">portugiesischen Kolonialherrschaft</em> in Asien, sodann die -Fahrten des <em class="gesperrt">Columbus</em>, die Erdumsegelung von <em class="gesperrt">Magalhaẽs</em>, -die Entdeckungen und Eroberungen der <em class="gesperrt">Spanier in Süd-, Mittel- und -Nordamerika</em> und endlich das Hervortreten der <em class="gesperrt">französischen, -britischen und holländischen Seefahrer</em>.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit.</b> Von -Bauinspektor <em class="gesperrt">Curt Merckel</em>. Mit zahlr. Abbild. Geh. <i>M.</i> -1.—, geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Die „Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit“ dürfen heute auf -ein weites Interesse rechnen. Das vorliegende Bändchen führt eine -Reihe von <em class="gesperrt">hervorragenden Ingenieurbauten aus dem Gebiete des -Verkehrs</em> vor; die <em class="gesperrt">Gebirgsbahnen</em>, die <em class="gesperrt">Bergbahnen</em>, -die <em class="gesperrt">transkaspische und transsibirische Eisenbahn</em>, sowie -die <em class="gesperrt">chinesischen Eisenbahnen</em> gelangen zur Besprechung; die -Vorläufer der Gebirgsbahnen, die bedeutenden <em class="gesperrt">Gebirgsstraßen der -Schweiz und Tirols</em>, anderseits die großen in <em class="gesperrt">Asien</em> bereits -entstandenen oder in der Ausführung begriffenen und projektierten -<em class="gesperrt">Eisenbahnverbindungen</em> werden eingehend geschildert, endlich in -kurzen Zügen die <em class="gesperrt">modernen Kanal- und Hafenbauten</em> mit den bereits -zur Ausführung gekommenen Neuerungen oder den im Entwicklungsstadium -befindlichen Umgestaltungen behandelt.</p> - -<p class="hang1_5"><b class="s4">Die fünf Sinne des Menschen.</b> Von <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Jos. Clem. -Kreibig</em> in Wien. Mit 29 Abbild. im Text. Geh. <i>M.</i> 1.—, -geschmackvoll geb. <i>M.</i> 1.25.</p> - -<p class="s5">Der Verfasser sucht die Fragen über die <em class="gesperrt">Bedeutung, Anzahl, -Benennung und Leistungen der Sinne</em> in gemeinfaßlicher Weise -zu beantworten. Nach einer kurzen allgemeinen Charakteristik des -einzelnen Sinnesgebietes bringt er zunächst <em class="gesperrt">das Organ und seine -Funktionsweise</em>, dann die <em class="gesperrt">als Reiz wirkenden äußeren Ursachen</em> -und zuletzt den <em class="gesperrt">Inhalt, die Stärke, das räumliche und zeitliche -Merkmal der Empfindungen</em> zur Besprechung. Am ausführlichsten -behandelt er den <em class="gesperrt">Gehör- und Gesichtssinn</em>, insbesondere die -Gebiete der <em class="gesperrt">Töne und Farben</em>. Überall verwertet er maßvoll und -selbständig die <em class="gesperrt">neuesten Ergebnisse der Wissenschaft</em>.</p> - -</div> - -<p class="center mtop2 mbot2"><b><span class="u"> Weitere Bändchen befinden sich in -Vorbereitung. </span></b></p> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Mensch und Erde, by Alfred Kirchhoff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCH UND ERDE *** - -***** This file should be named 61101-h.htm or 61101-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/1/0/61101/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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