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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:26:56 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Das hohe Ziel der Erkenntnis
+by Omar Al Raschid Bey
+
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+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Das hohe Ziel der Erkenntnis
+
+Author: Omar Al Raschid Bey
+
+Release Date: July, 2004 [EBook #6110]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on November 10, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS ***
+
+
+
+
+This etext was produced by Frank Rossi with technical assistance from
+Michael Pullen.
+
+
+
+
+
+
+
+DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS
+
+ARANADA UPANISHAD
+
+VON
+
+OMAR AL RASCHID BEY
+
+HERAUSGEGEBEN VON
+HELENE BÖHLAU AL RASCHID BEY
+
+
+1912
+
+
+
+DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS
+
+
+
+
+Alphabetische Zusammenstellung der in den Text unübersetzt
+aufgenommenen Sanskritworte.
+
+
+adhyâya, Lehrabschnitt
+
+âkâsha, Erscheinung. Grundbedeutung der Wurzel kâsh (kâs, kâç),
+Licht, Schein; in Ableitungen und Zusammensetzungen: erschauen,
+sichtbar werden, zutage treten, erscheinen.
+* Derselbe Laut in derselben Bedeutung ist auch in slawischen Sprachen
+erhalten (russisch: -------). Hierzu wolle man die philosophisch tiefe
+Bedeutung des Wortes 'er-Schein-ung' in Betracht ziehen, wie solche
+sich in weit auseinander liegenden Sprachstämmen vorfindet: '-------'
+(swjet) russisch, bedeuted gleichzeitig Welt und Lichtschein;
+ungarisch: 'villág' Licht, Schein und Welt; japanisch; 'atsútsuyo'
+Schein und Welt etymologisch: erwachtes Leben). *
+Danach wäre âkâsha 'Welterscheinung'. Zu dieser Grundbedeutung kommt
+aber noch die weitere: 'Raumzeitlichkeit' hinzu. Diese ist in der
+vedischen Literatur in einer Reihe von Stellen nachweisbar, welche
+Stellen erst durch solche Duplizität der Bedeutung volle Klarheit
+erlangen; siehe vor allem Brihad-âranyaka-upanishad 3,8 und die
+Ausführungen im Oupnek'hat; dort spricht es Yâdschñavalkya mit
+deutlichen Worten aus, daß âkâsha 'Raum und Zeit' bedeute und mâyâ,
+das heißt 'Schein' sei.
+* Im Gegensatz zu raum-zeitlicher Welt-Erscheinung wird das Wesen der
+Welt als 'anâkâsham raumzeitlos' bezeichnet. Dazu hat sich die gleiche
+Doppelbedeutung des Wortes auch im Pâli erhalten: 'avakâso' gekürzt:
+'okâso' bezeichnet Raum und Zeit zugleich; 'okâsam karoti' heißt Platz
+schaffen, Zeit und Raum finden. (An das Heraklitische: 'Urkörper ist
+die Zeit' sei hier erinnert.)--So viel an dieser Stelle um die
+Wiedergabe des Sanskritwortes âkâsha auf dessen Grundbedeutung
+gestützt, nicht wie bisher üblich durch Weltraum oder Äther, wohl aber
+durch 'Erscheinung'--zeiträumlicher Welterscheinung Urbestand,
+sub-stantia, zu rechtfertigen; vergleiche
+Nrisimhapûrvatâpanîyaupanishad 3: "darum soll man âkâsha als den
+'Weltkeim' wissen".*
+
+âranâda wäre etwa durch 'Sturmesausklang' wiederzugeben.
+
+ashma hat die doppelte Bedeutung: Hammer und Ambos.
+
+asmitâ, Ich-bin-heit. "Die Ichheit wird ein Wahn genannt, der uns an
+ein eigenes Sein glauben läßt" Sâñkhya Kârikâ 24, 25.
+
+âtmâ, Seele, etymol. Atem; das der Welt zu Grunde liegende Wesen:
+brahma in der Erscheinung.--Die übliche Übersetzung: 'das Selbst'
+ist zu verwerfen solange das Wort 'Selbstsucht' im ethisch
+entgegengesetzten Sinne verwendet wird.
+
+Bhagavat-gîtâ, das Hohelied der Gottheit, Episode aus dem
+Mahâbhârasu-Bhagavadgîtopanihad, die vom Erhabenen verkündete
+Geheimlehre.
+
+bôdhisattva, der Erwacht-erkennende.
+
+brahma, das dem Weltall zu Grunde liegende Wesen--Gottheit.
+
+Brahma, der Gott Brahmá, das exoterisch zum Zwecke der Verehrung
+persönlich aufgefaßte brahma.--Der Tag Brahmá = Evolution der
+Erscheinungswelt.
+
+Buddha, etymol. der Erwachte.
+
+buddhi, Erkenntnis; etymol. das Erwachen.
+
+dvandva, Paarzustände, Gegensätze.
+
+dvandva vidya, die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung.
+
+gîtâ, das Lied; siehe Bhagavadgîtâ.
+
+himavat, Heimat des Schnees, ältere Form für Himâlaya.
+
+gîtâ, das Lied; siehe Bhagavadgîtâ.
+
+himavat, Heimat des Schnees, ältere Form für Himâlaya.
+
+îshvara, der Herr, Gott.
+
+kâma, Liebe, Trieb, Begierde (griechisch: --------). Die in der Upanishad
+festgehaltene Verdeutschung durch 'Verlangen' rechtfertigt sich durch die
+vielsagende Bedeutung des deutschen Wortes, welches eine
+Unzulänglichkeit und aus dieser ein 'Langen' nach 'nicht-langen' ein
+'daneben-langen' und daraus wieder ein 'etwas-zu-sich- haben-wollen'
+--Verlangen nach Ergänzung.
+
+karma, Tat und Taterfolg, Werk, Wirklichkeit; Gesetz der
+Wiedervergeltung, ausgleichende göttliche Gerechtigkeit.
+
+mahâtma, Großbeseelter, etymol. Macht-Atem.
+
+Mâyâ, das Blendwerk der empirischen Realität; mayâ = durch mich, also
+'mayâ mâyâ' = durch mich, mit mir ist Maya!
+
+manas, Verstand, Urteil.
+
+nirvânâ, Seligkeit, erloschenes Verlangen.
+
+om, feierliche Bejahung, erfurchtsvolle Anerkennung; geistige
+Vertiefung anstrebender, Heiliger Ausruf, mystische, das All
+umfassende Silbe.
+
+Pradschâpati, mythologische Personifikation der Schöpferkraft.
+
+rishi, königlicher Weiser, Seher.
+
+samsâra im Gegensinn zu nirvâna: Kreislauf der Erscheinungswelt, das
+sinnliche Da-sein.
+
+savitar, der Erreger: die Sonne.
+
+upanishad, Geheimlehre, philosophischer Höhepunkt der Veden,
+esoterische Erkenntnis.
+
+Yavana, Jonier; gemeint ist Aristoteles.
+
+der Veda, Sammlung indischer heilig erachteter Schriften; das
+theo-sophische Wissen--Gottes-Weisheit.
+
+* die mit Sternchen markierten Abschnitte bei der Erklärung des
+Sanskritwortes âkâsha sind der 2. Auflage von 1917 entnommen. Es
+handelt sich hierbei um zusätzliche Begriffserklärungen des Wortes.
+Ansonsten ist die 2. Auflage identisch mit der ersten von 1912. (Anm.
+F.R.)
+
+
+
+
+Übersicht des Inhalts der Upanishad.
+
+I. Einleitung.--Der Menschheit irdische Ziele.
+Prüfung des aufzunehmenden Schülers. Das Leid der Welt; Frage aller
+Fragen. Ungelöste Widersprüche. Der Weg zur Erkenntnis.
+
+II. Ursprung. Erscheinung. Verkörperung der Welt--âkâsha
+Zeiträumliches Dasein der Welt. Raum ist nicht in sich. Zeit ist nicht
+in sich. Raum und Zeit sind eins. Zeiträumliche Verkörperung ist im
+Ich.
+
+III. Aus Ursprung der Welt: Verlangen--kâma
+Weltschöpferische Kraft des Verlangens. Wille im Ich ist Zeit; Unwille
+im Ich ist Raum. Ich-entzweiung: räumlich entgegenstehendes Verlangen;
+Ich-zwiespalt: zeitlich wechselndes Verlangen. Verlangen ist nicht in
+sich; Verlangen ist im Ich.
+
+IV. Aus Verlangen: Tat. Wirklichkeit der Welt--karma
+Ursache und Wirkung. Freiheit und Notwendigkeit. Tat und Duldung. Lust
+und Leid. Kein Gesetz dem Wissenden. Das Trinken der Vergeltung.
+Ausgleichende Gerechtigkeit der Gottheit. Alles Grauen dieser Welt
+ruht auf Lust. Alle Wirklichkeit dieser Welt ist im Ich.
+
+V. Aus Tat: Verstand und Urteil--manas
+Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit; Urteil
+hebt sich in sich selbst auf. Urteil ist nicht in sich. Urteil ist
+Willensausdruck. Es gibt kein Urteil--Urteil ist Ich.
+
+VI. Durch Erkenntnis: Erwachen aus der Erscheinung--buddhi
+Das Verlangen der Welten. Sinnes-wahr-nehmung, Mâyâ. Neigung.
+Empfindung und Bewegung. Seele und Verkörperung. Das verlangende Ich
+ist Weltschöpfer. Die Welt denkt nur Einen Gedanken. Das
+weltschaffende Wort. Das Problem der Vielheit. Die letzte
+Ent-täuschung. Ich-lose Erkenntnis. dvandva-vidya, die Lehre von der
+sich selbst aufhebenden Welt. Seiend nicht seiende Welten. Traum und
+Wirklichkeit sind wesenseins. Das Durchschauen der Welt; Bekehrung;
+unio mystika. Vollendung in Gottheit--nirvâna.
+
+
+
+
+VORWORT
+
+ Er, der dieses Werk geschrieben, ist gestorben vor der Herausgabe.
+Weil sein Werk der Niederschlag eines ganzen Lebens war, konnte es
+auch nicht beendet werden, bis dies Leben erfüllt wurde.
+ Das Titelblatt, worauf ich in der Eigenschaft als Herausgeber
+genannt bin, fand sich im Manuskipt so entworfen vor, wie es hier
+gedruckt ist. Es war schon vorbereitet in einer Zeit, als der Tod gar
+nicht nahe war. Andere sollten aussäen, was in seiner Seele gereift
+war.
+ Daß mir die Aufgabe zufiel, ist selbstverständlich. Seine Lehre
+war Inhalt meines Lebens geworden. Ich hatte ihre helfenden und
+gestaltenden Kräfte an mir lebendig gefühlt.
+ Wie von einem Strom ist meine Seele von diesem Werke getragen
+worden, aus Einheit durch die Vielheit der Erscheinungswelt mit ihrem
+Heimatsverlangen, wieder zurück zur Einheit.
+ In diesem Werke heißt es: Aus einer Quelle fließt: sich eines
+Andern Seele nähern, sich von eines Andern Körper nähren.
+ Darüber ist gesagt: "Aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese
+Welt gebildet." "Darum lebt alles dieser Welt durch Nährung, durch
+einver-Leibung, durch an-Eignung; darum lebt alles Ich durch ein
+anderes und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch
+nicht-Ich, seelisch und sinnlich.
+ Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig
+sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit,
+also verstoßen, sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also einsam
+schreit Ich um Hilfe--es verlangt nach Allumfassen, nach
+All-einheit, nach Vollendung,--nach Nirvana."
+ Tief wurde meine Seele von den Bildern des Verlangens dieser Welt
+bewegt. Zu höchstem Einklang sah ich das irrende gequälte Verlangen,
+dieser in Qual und Lust erbebenden Erschein-ungswelt sich vor meinen
+Augen verwandeln. Eine Erlösung sondergleichen, von der Natur selbst
+vollzogen. Trost und Ruhe stieg aus diesem Weke auf. Kein Wort traf
+meine Seele, das übersinnlich zu werden trachtete, aber ein gewaltiger
+Strom nahm die heimatlose Seele auf und trug sie unaufhaltsam einem
+unaussprechlichen Ziele zu, vor dem jeder Gedanke und jedes Wort
+umkehrt.
+ Mir schien dieses Werk wie eine Heimat und Zuflucht derer, die
+sich scheuen vor jedem Wort und jedem Bild, das sich ihrer
+Heimatssehnsucht erbarmen möchte.
+ Mit Naturnotwendigkeit fühlte ich mich über das unstillbare
+Verlangen dieser Welt hinauswachsen, ohne Weltflucht--durch
+Weltvertiefung, durch Versenken in die Welt der Erscheinung und des
+Verlangens. "Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche
+--inbrünstiges Gebet--Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen
+nach dem Höchsten."
+ Nichts ist zu niedrig, um nicht das Höchste zu bergen! Welch
+erbarmungsvoller Gedanke!--Von diesem Standpunkt aus--eine
+Heiligung sondergleichen der ganzen Natur. Ihre Geheimnisse und
+Schrecken, wandeln sich in uns zum Höchsten, wir brauchen der Natur
+nicht zu entfliehen; wir sind geborgen. Die Welt--zu Ende gedacht--
+ist Erlösung.
+ Das ist der Standpunkt, von dem es mir möglich war, alles, was
+diese Lehre mir bot, zu erfassen.
+ Und wenn ich mich frage: Was hat dem Werke, vordem es in die Welt
+geht, so viel Macht gegeben auf jene Menschen, die ihm bereits nahe
+traten, so mag es wohl dies sein, auf das ich hier hindeute, und was
+einer der teuren Freunde, die mit dem Werke lebten, aussprach: "Es
+wurde eine Heimat, ein Ruheplatz, wohin ich stets zurückkehren werde,
+wo ich mich hingehörig empfinde, es wurde mir ein ureigenster Besitz."
+ Auch die Einheit dieses Werkes ist auf dem schweren Weg durch die
+Vielheit enstanden. Seine Kürze ist die Tat langer Jahre eines Lebens.
+Ich kenne den weiten Weg, ich durfte ihn mitgehen, der zurückgelegt
+werden mußte, um solches Ineinandergreifen aller Teile zu schaffen, um
+solche einheitliche Zusammenfassung aus dem Ganzen herauswachsen zu
+lassen. Ich erlebte es mit, welch starke Verbindung schärfster
+Verstandestätigkeit mit den Kräften seelischen Schauens dazu gehört,
+um die schwierigsten Gedankengänge und ihre anfänglich unmöglich
+erscheinenden Ergebnisse zu solcher Einfachheit der Vorstellung, zu
+solcher Selbstverständlichkeit des Ausdrucks auszugestalten.
+ Es war ein langsames Schaffen; aber ein sicheres Wachsen, immer
+aus dem Lebenszentrum, dem Ich-Punkt heraus. So entsteht ein
+Naturgebilde.
+ Alles von der Natur Geschaffene stellt sich uns mit so sicherer
+Selbstverständlichkeit dar, daß wir nur schwer dazu gelangen, seine
+Bedingtheit aus unendlicher Zusammensetzung zu begreifen.
+ Alles Vereinheitlichte und darum Einfache ist schwer zu ergründen.
+Das gilt auch für diese Schrift: sie lesen zu können--das ist eines
+schwere Kunst und Wenige werden sich dazu hinringen.
+ Paracelsus sagt:
+ "Was unmöglich gesagt wird, was unverhofflich und gar verzweiflich
+ist, wird wunderlich wahr werden und soll sich niemand verwundern über
+den kurzen Weg und kurzen Begriff, denn das Viele ist die Quelle von
+vielem Irrtum."
+ Wir lernten "das sich dazu hinringen" durch ihn selbst. Er war uns
+der Pförtner, der uns das schwere Tor auftat.
+ Durch ihn empfanden wir, wie wenig alle Worte sagen, selbst seine
+Worte, die nicht mehr nur Worte der Sprache sind, die zu tiefen
+Bildern fast unsagbarer Dinge wachsen.
+ An der Bildung der Worte, der Enstehung der Sprache, waren, wie
+bei allem Schaffen, die höchsten Ahnungen lebendig mit am Werke.
+ Diese ursprünglichen Ahnungen tiefster Wahrheiten scheinen
+gleichsam durch die viel gebrauchten Worte hindurch, wachen wieder
+auf, sprechen sich im Worte selber wieder aus, sobald die Sprache
+schöpferisch behandelt wird.
+ Die kühnste Anwendung der Sprache deckt sich hier mit ihrem
+urprünglich einfachsten Sinn.
+ Es ist, als ob nicht ein einzelner Mensch spräche, sondern als ob
+der Geist der Sprache sein wissen von sich selbst offenbarte.
+ Der, der diese tief lebendige, wissende Sprache sprach, ging den
+Weg seines Werkes. "Wortlos das Letzte" ist dort das Schlußwort. Er
+hat auch davon uns noch ein Stück erfassen lassen durch seinen großen
+Tod. In Schweigen versank die Sinnenwelt, das unaussprechliche
+leuchtete auf, das gesucht, in sich und in allen Dingen, lebenslang;
+verklärt fühlte er es nahen.
+ Dieses Buch ist seine Wegspur dorthin.--Zu Ende der Weg;
+erreicht das Ziel;--wortlos das letzte.
+ Für mich ist es eine Notwendigkeit, ebenso gewollt wie schmerzlich
+und doch freudig, den innig behüteten Besitz, der bisher nur still und
+verehrt Nahestehenden dargeboten wurde, öffentlich hinauswirken zu
+lassen in die große, dieser Lehre so fremde Welt, damit sie die
+Wenigen finde, denen sie ihre Leuchtkraft mitteilen soll, die ein
+inneres Recht auf sie haben.
+ Solche wird sie finden; ich weiß es, weil nicht ich allein die
+heilsame Klärung im Wirrsal des Lebens daraus empfing. Ein Kreis von
+Schülern und Verehrern hatte sich langsam um den zurückgezogenen
+Denker versammelt.
+ Es lag mir nahe, Aussprüche der kleinen Gemeinde dem Werke
+mitzugeben, eine wärmende Hülle von Liebe, die sich bereits darum
+gebildet hatte;--scheint doch dies Werk auf den ersten Eindruck dem
+gegenwärtigen Leben so fern, als sei es aus dem Weltenraum auf die
+Erde gefallen; denn was aus Sehnsuchtsglut, die nie am Vergänglichen
+Genügen fand, geboren wurde, ist wie von der Unendlichkeit, die für
+uns nicht irdische Lebenwärme birgt, angehaucht.--Ich tat es nicht
+und gab ihm nur meine große Liebe mit, die ihm durch ein Leben
+gehörte.
+
+Helene Böhlau al Raschid Bey.
+
+
+
+
+
+DAS HOHEZIEL DER ERKENNTNIS
+-- âranâda-upanishad --
+
+
+
+
+I.
+IRDISCHE ZIELE
+-- samsâra --
+
+
+ So lautet die Upanishad:
+ om!
+ Auf das Geheiß des Verehrungswürdigen! Diese Unterweisung
+niedergeschrieben zu Stambul, im indischen Kloster auf Akssarai,
+begonnen am fünfzehnten Tag des Monats rebi ül evel im Jahre
+dreizehnhundertundvier.
+
+*
+
+ Der Verehrungswürdige spricht:
+ "Frieden sei aller Erscheinung!"
+ "Du hast, o Teurer, deinen Wissensweg fern von uns gesucht; hast
+du, im Abendlande belehrt, des Wissens Ziel--: 'Befriedigung'
+erreicht? Welches Begehren führt dich hierher?"
+ --"Verehrungswürdiger..."--
+ "Suchst du weitere Gelehrsamkeit oder verlangt dich, aus
+Nichtigkeit hinaus, nach letzter Erkenntnis?--Erfasse es wohl! denn
+unermeßlich ist, in allen Ewigkeiten und Unendlichkeiten unermeßlich,
+was du--erkennend--erringst."
+ --"Verehrungswürdiger! Ein Schüler steht vor dir, das Holz zum
+Opfer in der Hand..."--
+ "Nun wohl!... Was von großen Fragen bewegt dich?"
+ --"Das Leid auf Erden, o Herr! Die Unabwendbarkeit des
+Verderbens, das Grauen und die Qualen der Geschöpfe--Woher ist der
+Ursprung des Übels in unserer Welt?"--
+ "Ursprung des Übels? Hast du, o Teurer, was du so nennst, wohl
+erfaßt und vermöchtest mit klaren Worten zu antworten?"
+ --"Keine Antwort, Verehrungswürdiger!"--
+ "Hat dich, o Teurer, dein Lehrer über den Sinn der Fragebelehrt?"
+ --"Verlangend war ich, o Herr..."--
+ "So hast du im Abendlande Wissen hierüber nicht erlangt?--Wer
+von Lehrern dort gibt Antwort--letzte Erkenntnis, unwiderleglich?"
+ --"Unzureichend, Verehrungswürdiger, ist alle menschliche
+Vernunft! der Widersinn der Welt ist unüberwindlich"--
+ "Dem ist nicht also, o Sohn!--Eines nur,--nur Eines... ist
+unerkennbar..."
+ --"Verehrung sei dir, o Herr! Wie könnte sich selbst
+Widersprechendes bestehn? Wie könnte Unerreichbares dem Wissen
+erreichbar werden?--Fließt Übel und Böses aus der Gottheit, so ist
+es von der Gottheit gewollt. Will Gottheit Böses, so ist Gottheit
+böse. Wächst aber das Böse nicht aus der Gottheit, so ist es von der
+Gottheit nicht gewollt und ist dennoch,--so ist Gottheit in sich
+entzweit--zwei Gottheiten, die sich bekämpfen, widersprechen,
+aufheben.--Der Widersinn ist unlöslich"--
+ "Dem ist nicht also, o Teurer!"
+ --"0 Herr! Woher ist Übel und Böses in der Welt? Warum ist Leiden
+und Tod? Wenn es eine Antwort auf diese Fragen gäbe, so würden die
+Wissenden von ihrer Wahrheit erfüllt sein; der Veda würde sie uns
+lehren, die Gita, Yadschnaválkya, der Buddha, Badaráyana,
+Shamkaratschárya, Lao-tse, Li-tse, die großen Lehrer des
+Abendlandes..."--
+ "Dennoch ist es nicht also, o Teurer! dennoch ist es nicht also!"
+ --"Diese Fragen sind ungelöstes Geheimnis; es gibt uns Menschen
+keine Antwort! Dies entgegne ich dir in Ehrfurcht, o Herr! Wenn aber
+dem nicht so ist, so wolle der Erleuchtete mich hierüber wahrhaft
+belehren."--
+ "Eines--o Teurer, ist unerkennbar--nur Eines!--und Schweigen
+ist Antwort... Diese deine Fragen jedoch sind durchsichtig, tragen die
+Antwort in sich."
+ --"Würdige mich der Belehrung, o Herr!"--
+ "Nahe liegt die Antwort, leicht ist die Antwort auszusprechen, mit
+wenigen Worten ist die Antwort auszusprechen--weit der Weg, mühevoll
+der Weg zu Erkenntnis..."
+ --"Weise mir den Weg, o Mächtiger! Laß die Erkenntnis überströmen
+auf mich, deinen Schüler, der ich in Demut deine Kniee umfasse!"--
+
+ "Wohlan! Es sei! Tritt näher, fasse meine Hand; gebiete deinem
+Herzen Ruhe und Ruhe den Gedanken."
+ "Möge uns die Stunde günstig sein! Möge der Geist der Upanishaden
+uns leuchten."
+
+ "Fern von hier, in unsrer aller Heimat ruht das Feuer unter der
+Asche des Herdes; der Mörser tönt nicht mehr unter den Händen
+arbeitsfreudiger Mädchen; der Lärm des Tages schweigt; aufgestiegen
+zum wolkenlosen Himmel ist der Opferrauch und heilige Elefanten
+künden die Nacht..."
+ "Indessen von denen da draußen, die sich Menschen nennen, der
+eine, gedankenlos wie ein Tier, sich dem Schlafe überläßt und im
+Traume weiter nach zerrinnenden Freuden jagt,--indessen andere,
+unfähig sich der Betäubung des Lebens zu entreißen, nichtige Reden
+führen, verächtliche Künste anstaunen oder übersättigt und nie
+befriedigt in Weibesarmen ruhen,--ist uns die Stunde gekommen, nach
+dem Hohenziel des Menschen zu forschen.--Wohlan, o Schüler,
+wiederhole deine Frage!"
+ --"Verehrung sei dir, o Fürst! Ursprung des Bösen, Ursprung von
+Selbstsucht und Zwietracht, Ursprung des Unheils dieser Welt, Quell
+alles Leides; Quell alles Widersinnes, alles Irrtums, aller Sünde
+dieser Welt, Frage aller Fragen, nie gelöste Rätsel!--: Wie ist
+sittliche Erkenntnis und Tat denkbar unter Herrschaft blinder
+Naturgesetze? Wie ist freie Willensentscheidung des Menschen vereinbar
+mit unabweisbarer Notwendigkeit alles Geschehens? Wie ist der
+Gegensatz zu überbrücken zwischen Empfindung und Bewegung, Seele und
+Körper, Gott und Welt?--Ich nehme meine Zuflucht zu dir, o mächtig
+Beseelter! Weise mir den Weg ans Ufer der Erkenntnis--mir, dem
+Suchenden!"--
+ "Wohlan!--Wisse dich aufgenommen, o Schüler! Schichte das Holz
+zum Opfer... Folge meinen Worten; schweigend folge,--du betrittst
+heiligen Weg. Folge mit offener Seele aus leicht verständlichem Beginn
+von Stufe zu Stufe festen Schrittes zum letzten Ziele,--uns allen
+bestimmt. Ich offenbare dir verhüllte Wahrheit--uralt heiliges
+Wissen--Upanishad."
+
+*
+
+ "O Teurer! Seit dem Tage Brahma stürmt unser Wohnsitz, die Erde,
+unaufhaltsam durch den Weltraum. Der segenspendende, totbringende
+Sonnenstrahl, mit jedem Augenblick rastlos vorrückend, weckt die
+Scharen der Geschöpfe aus tiefem Schlaf zu kurzem Tagesbewußtsein. Sie
+erwachen unter dem Einfluß des Erregers Savitar--und ihr erster
+klarer Antrieb ist, sich Nahrung zu verschaffen, um das Leben weiter
+zu fristen. Alsbald halten sie Ausschau nach einem schwächeren
+Genossen, um ihn zu berücken und zu fressen.--Sie selbst haben es
+sich so ins Herz gelegt: andere zu vernichten, um sich zu erhalten.
+ "Zu solchem Ziele ist jede Verschmitztheit, jede Frechheit, jede
+List und Gewalt, jedes Unrecht erlaubt und geboten, und belohnt sich
+auf der Stelle. Jede Unentschlossenheit, jede Abschwächung des
+straffen, zielbewußten Willens, etwa aufkeimendes Mitleid, die
+leiseste bessere Regung, rächt sich unmittelbar: der Fang ist
+vereitelt und Hunger die Strafe. Darum Verdruß, wenn die Beute
+entgeht, und Herzensfreude, wenn sie röchelnd am Boden liegt.--Kein
+andrer Ausweg: um zu leben--erbarmungslos morden.--Einst wirst du
+erkennen, aus welcher Tiefe solches fließt.
+ "So wird es ein gewohntes Handwerk, und seit Menschengedenken von
+Vater auf Sohn vererbt. Niemand weiß es anders, jedermann übt es
+unbedenklich aus, hält es lieb und wert, eignet sich willig die
+nötigen Kunstgriffe an und zieht dann, wohl ausgerüstet, tagtäglich
+nach lockender Beute aus.
+ "Sehr bald wird der Raubende den Unterschied gewahr zwischen dem
+leicht und dem schwer zu erlangenden Fraß, zwischen der sicheren und
+der gefährlichen Jagd, zwischen der wehrlosen und der wehrhaften
+Beute, und er lobt das Eine und schilt das Andere, betrachtet das Eine
+mit Haß, das Andere mit Liebe, nur sich im Auge. Was sich fressen
+läßt, gefällt ihm und er nennt es gut; was sich nicht willig hergibt,
+was widersteht, was gar ihn selber angreift, mißfällt ihm und er nennt
+es schlecht und böse. Fressend hält er das Tun für löblich und recht,
+doch selbst gefressen für unrecht und böse.
+ "Er trifft sonach sorgfältige Auswahl und vermeidet die Jagd auf
+seinesgleichen, eingedenk, daß Solche Waffen führen wie er selbst: der
+Kampf ist gefährlich, der Erfolg nicht sicher. Es ist geratener,
+Schwächere zu bekämpfen, dem gleich Wehrhaften möglichst aus dem Wege
+zu gehen; es ist vorteilhafter, sich mit ihm zu vertragen, gute
+Nachbarschaft zu halten--Frieden und Freundschaft, wenn solcher
+Nachbar, von gleicher Gier nach gleichem Ziel beseelt, zur Erlangung
+des Fraßes mitbehilflich ist.
+ "Notgedrungen verbindet er sich mit Gleichgesinnten, jagt und
+raubt gemeinsam mit ihnen, achtet auch das eingegangene Bündnis,
+solange es ihm dienlich scheint. Bei guter Gelegenheit jedoch kehrt er
+sich gegen seinen Bundesgenossen, entwendet dem Überraschten die
+Beute, wiederholt das bequeme Spiel so oft als tunlich und knechtet
+endlich den milderen oder minder schlauen Gefährten dauernd zu seinem
+Dienste.
+ "Sein böses Tun trägt ihm gute Früchte. Durch Bündnis oder
+Waffenstillstand nach außen leidlich gesichert, von Weib und Knecht im
+Jagen unterstützt, gewinnt er Zeit zur Überlegung. Er beginnt an den
+kommenden Tag zu denken und lernt allmählich sich die Nahrung für den
+Notfall zu sichern.
+ "Er gewöhnt sich sein Gebiet bedachtsam abzujagen; er hegt und
+erhält sich den Bestand nach Möglichkeit für die Zeiten des Mangels;
+er schont das tragende Weibchen, sorgt für den heranwachsenden Wurf
+und zähmt ihn, um ihn besser zur Hand zu haben. Was er nun ehrlich
+erworbenes Eigentum nennt, behütet er sorgsam und schützt es
+entschlossen gegen hungernde Mitbewerber; schützt seine Herden mit
+Gefahr seines Lebens gegen fremde Fresser--zum Fraß für sich.
+ "So im Gefühle gesicherter Nahrung schaut er mit Befriedigung und
+Wohlgefallen auf die anwachsende Herde und liebt sie mit aufrichtiger
+Liebe. Erbarmungsloser Räuber und treuer Hirte! Beides wächst aus
+derselben Wurzel und wird nur mit anderen Namen genannt--nur Worte,
+bloße Lautverschiedenheit.
+ "Solchem Tun und Treiben haben sich seine Glieder, seine Sinne,
+sein Hirn, seine Denkungsweise angepaßt, er hat seine Gewohnheiten,
+seine Sitten, seine Gesetze darnach gebildet; er läßt sie sich nicht
+abstreiten, überwacht sie eifrig, hält, was er sein gutes Recht nennt,
+unentwegt aufrecht und erachtet es für heilig.
+ "Das Rauben und Morden ist allmählich in fest gehandhabte und
+streng eingehaltne Ordnung gebracht, und alle Welt fügt sich freudig
+dieser Ordnung. Was jedermann an sich selbst als grauenvoll empfindet,
+wird dem Nächsten gelassen angetan. Es wird kaltblütig und mit Muße
+gemordet und in sanften Formen gefressen. Es ist nicht mehr das
+sterbende Tier im letzten vergeblichen Widerstand, mit brechendem
+Auge, stöhnend, blutübergossen--nein, es sind gesittet zubereitete
+Speisen und friedlich heitere Mahle. Es nimmt kein Vernünftiger Anstoß
+daran. Der Schmausende weiß sich von niederer Begierde frei, von
+unantastbarer Redlichkeit, auf der Höhe der Gesittung--und das Tier,
+das sich Herr der Schöpfung fühlt, nennt sich--Erkenntnis in ferner
+Dämmerung--Mensch, und seine Mitgeschöpfe--Nutzvieh.
+ "Nutzvieh sind ihm auch seine Weiber; er hat sie gegen Mitbewerber
+unter Mühen erkämpft und hütet sie nicht ohne Not. Er überwacht sie,
+bürdet ihnen alle Mühen auf und mißbraucht sie zu jedem Dienst; er
+liebt sie, wie er seine Herden und seine Helfershelfer liebt. Er zankt
+und spielt wieder, flätscht die Zähne und liebkost, schmeichelt und
+läßt sich schmeicheln, liebt und verachtet, je nach Lust.
+ "Und das Weib fühlt sich Mutter,--sie gebiert und sieht im Kinde
+sich selbst! Sie überschüttet den hilflosen Wurf mit der Liebe zu sich
+selbst, mit verschwenderischer, hingebender Liebe--jederzeit bereit,
+für ihr eigen Fleisch und Blut sich aufzuopfern.
+ "Der Erzeuger folgt zögernd der Mutter: pflegt, überwacht, erzieht
+die Brut; lernt sie mit Gefahr seines Lebens schützen--ja in freudig
+aufgenommenem Kampfe vergißt er sich selbst und opfert sich für sein
+Kind. Was selbstlose Liebe heißt, ist auch in ihm aufgegangen. Er hat
+sich, gleich der Mutter, in einem von ihm abgetrennten, einem fremden
+Wesen--sich außer sich--wiedererkannt; hat sich geopfert, um sich
+im Kinde zu erhalten--selbstlos aus Selbstsucht.
+ "Wie aus der Gier, sich bequemen Fraß zu sichern, Liebe zur Herde
+floß, so fließt aus starrer Selbstsucht: --Aufopferung und
+Selbstlosigkeit. Es ist dasselbe Tun und wird nur mit einem anderen
+Namen benannt. Selbstsucht, zu Ende gedacht, ist Selbstlosigkeit.
+ "Dies ist einfach und erklärlich. Der du mich hörst, wiß' es: Dies
+ist das Wunder aller Wunder,--ist Quell und Ursprung, Geburt aller
+Gottheit, aller Welten, Geburt aller Welten--Vernichtung aller
+Welten; Samsara--Nirvana.
+ "Die Welt ist Selbstsucht--Selbstlosigkeit unterliegt allüberall
+und siegt unablässig; erlischt und flammt auf, vergeht und wächst, ist
+und ist nicht--Nirvana in Samsara.
+ "So, o Teurer, können wir Menschen nachdenkend uns dieses
+vorstellen.--
+ "Doch, wie ein Elefant, der den Stachel des Führers nicht fühlt,
+vom Wege abirrt und über das Ziel hinausläuft,--so bin ich vom
+Gedanken abgewichen und habe mehr gesagt, als ich zunächst sagen
+wollte.
+ "Wie auch das Tun und Treiben der Menschen erscheine, welch' hohe
+Bezeichnung es auch führe, welch' heiligen Namen es auch trage--in
+diesem wirr verschlungenen Reigen ist nur Ein Gedanke, nur Ein Ziel:
+das Leben, das eigene Leben!--Ich! Ich, das sich aus dem Fleisch und
+Blut des Nächsten aufbaut,--ich, das von der Vernichtung des Anderen
+lebt...
+ "Folgst du meinen Worten, o Teurer?"
+ --"Mit ganzer Seele!--Du hast, o Herr, die Entstehung
+menschlicher Gefühle dargelegt, den Wechsel und Wandel der Gefühle,
+die Umkehr des Gedankens und die letzte Grundlage alles menschlichen
+Tuns!--Wolle der Verehrungswürdige nunmehr auslegen, wie in dem
+Gesagten die Antwort auf unsere Fragen liegt?"--
+ "Ich lehre es dich, o Teurer, du aber verstehst mich nicht. Ich
+habe es ausgesprochen, du aber hast es nicht gehört.
+ "Wohlan denn! Da ich zunächst von der Quelle redete, aus der alles
+Tun fließt, ist dir nicht, o Teurer, der Gedanke aufgestiegen, daß es
+näher läge zu fragen, nicht wie das Böse, wohl aber wie das Gute in
+die Welt gekommen sei? Denn die Welt des Samsara ist durch Entzweiung,
+ganz im Banne des Zwiespalts, not- und leiderfüllt, ganz im Banne
+nimmer gestillten Verlangens, ganz im Banne ewig friedloser Tat, allen
+Qualen preisgegeben, preisgegeben dem Tode. Wie in solcher Welt konnte
+der Gedanke des Guten entstehen?
+ "Indessen wie das Böse, oder wie das Gute in die Welt gekommen
+sei--beides sind müßige Fragen und die eine nicht besonnener als die
+andere.
+"Leicht zu durchschauen sind die Fragen, offen liegt die Antwort, nahe
+Erkenntnis, weit der Weg.--Aus dem Dickicht aberwitziger Torheit
+will ich dir den Elefantensteg treten, dich hinauszuführen zu
+sonnenklarer Einsicht.
+ "Wie wenn Einer im pfadlosen Urwald irrend, vergeblich den
+rettenden Ausweg sucht und bei sinkender Nacht, zu Tode erschöpft und
+jedweder Hoffnung bar, sich zum Sterben zu Boden wirft--und
+erwacht am hellen Tage und erkennt die Umgebung und sieht sich nahe
+seiner Heimat--so erwachst du im Lichte der Erkenntnis und siehst
+dich nahe dem urewigen Ziel.
+ "Ich führe dich aus blindem Wahn zu Erkenntnis, aus Todesgrauen zu
+Seeligkeit, aus Verlangen zu Erfüllung--und leuchten möge uns das
+Licht des Veda, das Licht des Veda!"
+
+*
+
+ So lautet in Aranada-Upanishad die Prüfung; nunmehr die
+Unterweisung: Akasha, dieser atmenden Welt Erscheinung.
+
+
+
+
+II.
+VERKÖRPERUNG DER WELT
+-- âkâsha --
+
+
+ O Teurer! Zu dem, was ich dir zu sagen gedenke, behalte vor Augen:
+Alle große Wahrheit ist gedacht, verkündet alles große Wissen; uns
+bleibt uralter Weisheit nachzuleben.
+ Beachte wohl: Erkenntnis offenbart sich wortlos; die Upanishad, um
+gehört zu werden, muß in Worten reden. Laß dein Verständnis nicht an
+Worten haften; Worte sind Hindernis der Erkenntnis: denke und erfasse
+über Worte hinaus.
+ Ehe wir zur Höhe ansteigen, gehen wir im Tale den betretenen Pfad
+--glaube nicht zu schauen, ehe du dich dem Gipfel näherst. Wähne
+nicht zu erkennen, ehe du den tief innersten Gedanken der Upanishad in
+dich aufgenommen hast--: aller Welten Ziel: das Erwachen aus der
+Erscheinung.
+
+*
+
+ Also ist die erste Unterweisung:
+ -- AKASHA --
+dieser atmenden Welt zeiträumliche Erscheinung.
+ Stelle dir vor, o Teurer, es umfasse die enge Klause, in der wir
+weilen, die ganze Welt, und es sei kein empfindendes Wesen darin; was
+wäre auszusagen?
+ Nichts; ohne Empfindung kein Urteil.
+Du betrittst den Raum--und aus dem Nichts schafft sich Erscheinung,
+Bewegung und Gestaltung; Körper, Eigenschaften, Kräfte, Wirkung,
+Entfaltung, Leben in endloser Fülle und endlosem Wechsel; aus deiner
+Empfindung--die Welt.
+ Alsbald erscheint dir dieser Raum groß oder klein, hoch oder
+niedrig, hell oder dunkel, heiß oder kühl, schön oder häßlich oder in
+irgend einer Beziehung deinen Sinnen erwünscht oder unerwünscht, und
+zwischen diesen Gegensätzen alle Abstufung deiner Empfindung. Den
+Boden, auf dem du stehst, fühlst du unter dir, die Decke siehst du
+über dir; die Pforte, durch die du eingetreten bist, ist hinter dir;
+vor dir, weiten Ausblick gewährend, der offene Bogen; diese
+geschlossene Wand hier ist zur Linken, jenes die rechte Seite des
+Raumes.
+ Dies sind Bezeichnungen, Urteile, die unbestreitbar scheinen,--
+dennoch, sobald jemand dir gegenüber tritt, behauptet er, die Seite,
+die du mit rechts bezeichnest, sei die linke, und nennt die Wand, die
+du links nennst, die rechte. Beider Urteile können nicht zutreffend
+sein; sie widersprechen sich, sind Gegensätze, die einander
+ausschließen, zu nichts aufheben.
+ Hier geschieht das Wunder, daß eines mit einer bestimmten
+Bezeichnung und gleichzeitig mit dem Gegenteile dieser Bezeichnung
+belegt wird. Wer von den Urteilenden hat recht? Keiner--oder, wenn
+du willst, beide. Die Wand ist beides: rechts und links, also auch
+keines von beiden, weder rechts noch links.
+ Keine Lösung, auch wenn etwa der Gegenüberstehende zu dir
+herüberträte und nun, in gleicher Stellung wie du, dir und deinem
+Urteil beistimmte. Gesetzt, es traten noch mehr zu dir, einsichtige
+Männer, gelehrte Brahmanen, solche, die sich für Wissende halten, und
+alle waren eines Urteils: die bezeichnete Wand des Raumes sei die
+rechte;--wenn von allen zahllosen Wesen seit Zeiträumen ohne Zahl
+nie anders erkannt worden, wenn es ein ewiger Glaubenssatz der
+Menschheit wäre und hieße frevelhaft daran zu rühren--die Wand
+bleibt, was sie wahrhaft ist, weder das eine noch das andre, weder
+rechts noch links.
+ Alle die, welche mit dir in der Benennung der Wand übereinstimmen,
+stehen mit dir auf gleichem Stand, vertreten deinen Standpunkt, sind
+deine Standesgenossen, nichts mehr. Wechselst du deinen Standort und
+trittst dir selbst gegenüber, so widersprichst du dem eigenen Urteil:
+aus rechts ist links, aus links ist rechts geworden.
+ Das Urteil ist in dir; an der Wand selbst haftet nicht ein Hauch
+von den Unterscheidungen rechts und links. Wie der Schatten eines
+vorüberfliegenden Vogels am Boden nicht haftet, so haftet nichts von
+diesen Unterscheidungen an der Wand, in keiner Gestalt, in keinem
+Sinne, weder offen noch verborgen, weder hier noch dort, weder heute
+noch je.
+
+*
+
+ Dies, wovon ich dir rede, ist selbstverständlich; folge mir
+weiter.
+ Stelle dir vor, o Teurer, der Raum, von dem wir reden, sei
+kreisförmig gezimmert. Du dürftest nicht mehr die ganze Wand, sondern
+nur eine Stelle der Wand, eine einzige körperlose, nur in Gedanken zu
+fassende Linie mit rechts oder links bezeichnen, und diese Linie würde
+bei jeder Bewegung von dir, vor oder rückwärts schwankend, eine andere
+Stelle der Wand treffen.
+ Sodann: denkst du dir, dem Gedanken weiter folgend, den Raum, von
+dem wir reden, in den Hohlraum einer Kugel verwandelt und dein Stand
+sei im Mittelpunkte dieser Hohlkugel, so trifft die Bezeichnung rechts
+oder links je einen einzigen körperlosen, nur in Gedanken zu fassenden
+Punkt, und jede leise Abweichung von diesem einen Punkt spielt schon
+in fremde Verhältnisse hinuber: vorn, hinten, oben, unten. Jede deiner
+Bewegungen, jeder Atemzug, jeder Herzschlag läßt die Unterscheidungen
+rechts und links durcheinanderschwirren wie die Farben auf einer
+Seifenblase, und du kannst, je nachdem du dich wendest oder beugst,
+willkürlich jeden Punkt der Hohlkugel mit gleichem Recht und mit
+gleichem Unrecht mit rechts und mit links bezeichnen.
+ Die Gegensätze rechts und links haften an dir, sie bewegen sich
+mit dir, folgen dir, wenden sich mit dir; sie stehen und gehen, sie
+ent-stehen und ver-gehen mit dir. Rechts und links ist da, wo du es
+willkürlich hinverlegst, überall--nirgends.
+ In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
+Schöpfung die Unterscheidung rechts und links; du überträgst eigene
+Schaffung--Eigenschaft--aus dir hinaus, nichts mehr; an sich ist
+kein rechts und kein links, einzeln nicht und zusammengenommen nicht.
+Die Urteile heben sich gegenseitig auf, nichts bleibt--in dir allein
+sind die Unterscheidungen.
+ Doch frage dich, o Teurer, wo bestünden in dir die
+Unterscheidungen, wenn du dir vorstellst, daß du dich in deinem
+eigenen Körper umzuwenden vermöchtest; woran könnten die Merkmale
+rechts und links in dir haften, wenn du dich kugelförmig gestaltet
+vorstellst, oder wenn du dich formlos, körperlos denkst?
+
+*
+
+ Und endlich--von unserer Klause hier ging ich aus--stelle dir
+vor, dieses hier sei die ganze Welt und außer dir kein empfindendes
+Wesen darin
+ --und du selbst seist nicht--
+--verschwunden sind die in Rede stehenden Unterscheidungen,
+ausgelöscht, in nichts gesunken; sind nicht und waren nicht; Spiel
+deiner Seele--wesenlose Erscheinung.
+ Du hast erkannt:
+ Die Vorstellungen rechts und links sind nicht an sich, sind in
+Gegensätze zerfallene, an sich nichtige Unterscheidungen in dir; von
+scheinbarer Verschiedenheit--ununterschieden an sich; von
+scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkte
+Wirklichkeit dieser Welt--nicht Wahrheit.
+ Was von diesen Unterscheidungen--in dir als Urteil,--außer dir
+als Eigenschaft des Gegenstandes erscheint, ist nur Kennzeichnung
+deines Standortes im Raum, dein zu-Stand zum gegen-Stand, deine eigen
+gewählte Haltung, dein beliebiges Verhalten--dein Verhältnis zu den
+Dingen im Raum; deine frei-willig eingenommene Stellung--
+vor-Stellung, will-kürlich aus dir geschaffen, Ausdruck deines
+Willens, aus dir geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst.
+
+* * *
+
+ Und ferner desgleichen:
+ Dem gefundenen Ergebnis in betreff der gegenteiligen
+Unterscheidungen rechts und links schließen sich unmittelbar und in
+allen Stücken an die gegenteiligen Unterscheidungen vorn und hinten,
+oben und unten.
+ Beim ersten flüchtigen Hinschauen zwar scheint es, als beharrten
+die Urteile oben und unten auch unabhängig von dir und deiner
+jeweiligen Stellung, als bliebe oben oben und unten unten, welche Lage
+du auch einnimmst. Stellst du dir aber vor, daß jemand, auf der
+Erdkugel stehend, mit erhobenem Arm den Ort am Himmel bezeichnen
+wollte, den er für oben hält, und dicht neben ihm stünde ein zweiter,
+dasselbe tuend, so weichen die von ihnen als oben bezeichneten Punkte
+schon voneinander ab und in unendlicher Entfernung stehen sie
+unendlich weit auseinander.
+ Trüge nun jeder Fleck der Erdkugel solche nach oben Weisende,
+jeder von ihnen vermöchte nur sein Oben, nicht das Oben zu weisen und
+desgleichen jeder von ihnen nur sein Unten, nicht das Unten, und das
+Urteil eines jeden widerspräche dem Urteil aller übrigen, und jeder
+Punkt des Himmels trüge mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht
+die Bezeichnung oben und die Bezeichnung unten.
+ In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
+Schöpfung die Unterscheidung: oben und unten. Oben und unten ist da,
+wo du es willkürlich hinverlegst, oben und unten ist das, was du
+willkürlich so nennst. Was hier oben ist, ist dort unten; was jetzt
+unten ist, ist dann oben; du wechselst deinen Standort nach Gefallen
+und deine Anschauung wechselt mit ihm: oben ist unten, unten ist oben
+--die Urteile heben sich durch Gegenurteil auf, nichts bleibt.
+ Ich sage dir nichts Neues, ich erinnere dich nur.
+
+ Und ferner desgleichen alle verwandten Bezeichnungen, alle
+Richtung, Maß, Begrenzung, Verhältnis vorstellenden Urteile und alle
+übrigen auf Raum und Dinge im Raum übertragenen, wie rechts und links,
+wie vorn und hinten, wie oben und unten, in Gegenteile zerfallenden,
+aus dir geschaffenen, außer dir erscheinenden, an sich nichtigen
+Merkmale und Namen.
+ Alles Maß ist in dir; alles Verhältnis, Ausdruck deines
+Verhaltens; aller Gegenstand in Beziehung zu deinem Willen oder
+Unwillen; aller Gegensinn in dir selbst.
+
+*
+
+ Räumliche Vorstellungen und Urteile erscheinen unsicher und
+schwankend, sie greifen ineinander über, verfließen ineinander, jede
+der Vorstellungen beginnt im Herzen der andren--
+ Die Wahrnehmungen erscheinen gepaart, erscheinen eine die andre
+bedingend, sind nur durch gegenseitige Beziehung, sind nur durch
+Gegensatz zueinander--
+ Von getrennten Standorten aus widersprechen sich die gegenteiligen
+Unterscheidungen, verneinen einander, heben einander zu nichts auf--
+ Räumliche Verhältnisse sind nicht an sich, sind nur in dir,
+entsprechen in dir deinem gegenwärtigen Standort, deiner gegen-Wart;
+wechselst du deinen Standort, so wechselt mit deinem Gesichtspunkt
+deine Anschauung, die Urteile widersprechen sich auch in dir,
+verneinen sich gegenseitig auch in dir, heben sich auch in dir zu
+nichts auf--
+ Räumliche Unterscheidung hat an sich, hat in dir keine Geltung,
+ist gleichgiltig, gleich ungiltig, bedeutungslos, leer, nichtig--in
+dir, an sich; Erscheinung--nicht Wahrheit.
+
+ Du erwägst: Raum an sich ist leer und bestimmungslos, wie
+vermöchten an leerem Raum räumliche Verhältnisse zu haften?
+ Und du erkennst:
+ Was dir in räumlicher Anschauung als Verschiedenheit erscheint,
+ist willkürliche, durch gegensätzlichen Standort in Gegensätze
+auseinanderspaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir--aus
+dir gewirkt, auf dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt,
+nicht Wahrheit.
+Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--außer dir als
+Eigen-schaft der Dinge erscheint, ist Ausfluß deiner Eigen-heit,
+Abbild deiner selbst; ist dein Verhalten und Verhältnis zu den Dingen,
+dein Stand und ver-Stand, dein zu-Stand zum gegen-Stand; Kennzeichnung
+deiner Stellung zum gegen-ständlich aufgefaßten Gedanken--deine
+vor-Stellung; ist Aus-legung deines innen-Lebens, Ent-gegnung deines
+Empfindens, sinnliche Ant-wort seelischer Bewegung, wider-Schein der
+von dir be-lieb-ten Wertung, Ausdruck deiner frei-will-igen Teilnahme,
+deiner will-kür-lichen Auffassung, deiner Wahl-verwandtschaft, deiner
+wechselnden Neigung und Gesinnung, ist dein Atem in Lust und Unlust,
+in Liebe und Haß; ist Ausdruck deines wechselnden Verlangens, deiner
+Willkür--Inhalt deiner Seele, aus dir gezeugte Über-zeugung, deine
+eigene Schöpfung--du selbst.
+
+ Solches hast du klar erkannt, daran halte fest, unverbrüchlich.
+ --Eigengeschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
+Dinge Eigenschaften.--
+
+*
+
+ Ausgelöscht sind die Bedeutungen rechts und links, vorne und
+hinten, oben und unten, ausgelöscht alle dazwischen liegenden und alle
+verwandten, auf Raum bezüglichen, im Raum verwobenen Verhältnisse:
+alles innen und außen, alles hier und dort, alle Nähe und Ferne, alle
+Weite und Enge, alle Größe, alle Lage und Richtung, Höhe, Tiefe,
+Breite, Länge, alle Teilung, alle Grenzen, alles Maß.
+ Ausgelöscht alle auf Raum bezüglichen Wahrnehmungen und
+Anschauungen, alle seine Unterscheidungen, alle seine Bestimmung,
+Bezeichnung, Benennung; bloße Auffassung und Wertung, nur
+UnterstelIung und Beilegung, nur Namen--an sich nichts die
+sogenannten räumlichen Eigenschaften und Merkmale--: Erscheinung,
+nicht Wahrheit.
+Ausgelöscht mit ausgelöschten Merkmalen ist der Raum selbst.--Kein
+Raum außer Ich, kein Raum im Ich, kein Raum mit ausgelöschtem Ich;
+Ansicht, nicht Einsicht, Anschauung--nicht Erkenntnis, eigen
+geschaffenes Trugbild, auf bloßer Vorstellung beruhend, aus dir
+gewirkte Wirklichkeit dieser Welt; nicht ist Raum an sich--nicht ist
+Raum Wesen und Wahrheit.
+ Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du
+ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses
+hinaus--zu tieferer Einsicht gelangst.
+ Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die Erscheinung: Raum."
+ --Es ist der Welt Atem, den du, als sei er außer dir, spürst.--
+
+*
+
+ Und gewiß:
+ Gegensatz und Zwillingspaar ist Raum und Zeit;
+wie kein rechts ohne links, kein oben ohne unten, so kein Raum ohne
+Zeit, keine Zeit ohne Raum.
+ Wenn es in Wahrheit kein hier und kein dort gibt, so gibt es auch
+kein hin und kein her, kein auf und kein ab, kein vor noch zurück,
+weder kommen noch gehen, weder steigen noch fallen, kein heben, kein
+senken, kein fluten, kein ebben, kein eilen, kein zögern, keinen
+Stillstand, keinen Wechsel. Mit ausgelöschtem Raum ist Zeit
+ausgelöscht; wie es keinen Raum an sich gibt, so gibt es an sich keine
+Zeit.
+ Bei Erläuterung der Unterscheidung oben und unten schien es
+zunächst, als bestünden diese Erscheinungen auch unabhängig von dir;
+beim ersten Hinschauen scheint es, als bestünde Zeit an sich und
+unabhängig von dir. Doch wie die Vorstellungen oben und unten beim
+Durchschauen in Nichts versinken, so versinkt die Einbildung Zeit
+durch Erkenntnis in Nichts.
+ Wie dein Standort, den du im Raum einnimmst, bestimmt, was du mit
+den Worten oben oder unten, mit rechts oder links bezeichnest, so
+bestimmt dein Standort in der Zeit, dein Bestand, deine Anwesenheit,
+dein Da-sein, deine Gegen-wart, was du als Vergangenheit und was du
+als Zukunft unterscheidest, und wie jenen Wahrnehmungen, so kommt auch
+diesen keine Wahrheit zu.
+ Wie dein Standort im Raum die willkürliche Teilung eines Ganzen
+bestimmt, ein von dir gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht zu
+geben scheint, gegensätzliche Verschiedenheit zu schaffen, so schafft
+dein Standort in der Zeit, dein Da-sein, deine Gegen-wart
+Unterscheidung in einem in sich ungeschiedenen Ganzen und macht dich
+in gegen-Teile unterscheiden was eines ist.
+ Zeit an sich ist leer und bestimmungslos; wie vermöchte an leerer
+Zeit zeitliche Bestimmung und Unterscheidung zu haften?
+ Nur von dir aus gibt es ein rechts und links, nur aus dir gewirkt
+und auf dich wirkend ist ein oben und unten, ein vorher und nachher,
+nur in dir ist und ist wirkend, was du Zeit nennst.
+ Vergangenheit scheint vorbei, Zukunft scheint zu kommen; der Tag
+scheint vorbei, die Nacht scheint zu kommen. Verschieden wie Tag und
+Nacht scheint Vergangenheit und Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander
+getrennt. Seit dem Tage Brahma, o Teurer, sind auf unserm Wohnsitz,
+der Erde, die unterschiedenen Zeiten, die vergangenen und die
+kommenden, Tag und Nacht zu gleicher Zeit. Zu ein- und derselben Zeit
+ist Morgen und Abend, Mittag und Mitternacht und jede Stunde des Tages
+und der Nacht, ewig gleichzeitig, zu ein- und derselben Zeit.
+Ununterbrochen brennt auf der Erde Mittag, ununterbrochen kühlt
+Mitternacht und alle verschiedene Zeit zur selben Zeit.--Eines ist,
+was getrennt erscheint. Der Tag, der vergangen scheint, ist noch; die
+Nacht, die zu kommen scheint, ist schon. Es währt vergangene und
+zukünftige Zeit ununterbrochen--in dir sind die Gegensätze; jener
+heilige Savitar, die Sonne strahlt ewigen Tag.
+ Und wie Sterne, vom Tage überleuchtet, den Sinnen nicht
+gegenwärtig sind, doch der Seele gegenwärtig--so ist Vergangenheit
+und Zukunft, von Gegenwart überleuchtet, deinen Sinnen nicht
+gegenwärtig, doch gegenwärtig deiner Seele.
+ Vergangenheit war einst deine Gegenwart; Zukunft wird einst deine
+Gegenwart. Was Vergangenheit ist, war einst deiner Gegenwart Zukunft;
+was Zukunft ist, wird einst deiner Gegenwart Vergangenheit--
+Ich-Gegenwart beharrt in Vergangenheit und Zukunft.
+ Wie du, dich selber täuschend, den Raum vor dir vom Raume hinter
+dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber täuschend, Zeit
+vor dir von Zeit nach dir. Wende dich in dir, und Vergangenheit wird
+Zukunft und Zukunft wird Vergangenheit. Daß du die Zukunft schaust,
+ist nicht wunderbarer, als daß du dich der Vergangenheit erinnerst. Du
+err-inne-rst dich der Zukunft, wie du dich der Vergangenheit
+erinnerst, und Zukunft und Vergangenheit ist ewige Gegenwart.
+Erinnerung ist Verklärung, Beseeligung von Raum und Zeit.
+ Vergangenheit an sich ist nicht Zeit, denn Vergangenheit war, ist
+also nicht; ist nur Erinnerung an Zeit, Denktätigkeit, nichts mehr.
+Zukunft an sich ist nicht Zeit, denn Zukunft wird erst, ist also
+nicht; ist nur Erwartung von Zeit, ein Gedankenbild, nur in Beziehung
+auf das, was wir Zeit nennen, nicht Zeit selbst. H.B.
+ Einen Hungrigen sättigt nicht die Erinnerung an frühere Sättigung
+und nicht Hoffnung auf spätere Sättigung; weder Hoffnung auf Nahrung
+noch Erinnerung an Nahrung ist Nahrung. Weder Erinnerung an Zeit noch
+Erwartung von Zeit ist Zeit. Wenn Zeit wäre, so könnte nur Gegenwart
+Zeit sein. Gegenwart jedoch ist nur Standort des Ich, nur Anwesenheit,
+nur Gegenwärtigkeit des Ich, nur die Scheide zwischen dem, was Ich
+Vergangenheit und dem, was Ich Zukunft nennt: eine nur in Gedanken zu
+fassende Scheide, ohne Ausdehnung, nur ein Berührungspunkt von
+Gedanken und selbst nur Gedanke in dir--Ich-gegen-wart, nichts mehr.
+Keine Zeit vor deiner Gegenwart, keine Zeit nach deiner Gegenwart,
+keine Zeit ohne deine Gegenwart; deine Gegenwart ist Zeitewigkeit.
+ Wie Zeit je nach deiner Empfindung stille steht oder flieht, wie
+du in einheitlicher Zeit gute und schlechte Zeiten unterscheidest, wie
+du Erwartung und Erinnerung in dir schaffst, so schaffst du Zeit in
+dir.
+
+*
+
+ Du erkennst:
+ Was dir als Vorgang in der Zeit, als Beharren oder Wechsel, als
+Dauer oder Änderung erscheint, ist nicht an sich, ist willkürliche,
+von deiner gegen-Wart aus in gegen-Teile auseinanderspaltende, an sich
+nichtige Unterscheidung in dir--
+ Was von solchen Unterscheidungen--in dir als zeitliches Urteil
+--außer dir als zeitliche Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Inhalt
+deiner Seele, Ausdruck des Verlangens in dir, Abbild deiner selbst;--
+Kennzeichnung deiner gegen-Wart zum gegen-Stand, Kennzeichnung deiner
+Auffassung und Wertung, Wiedergabe deiner wechselnden Gesinnung, dein
+Atem in Lust und Unlust, willig-un-willige Auffassung in dir, in dir
+gezeugte ein-Bildung, deine eigene Schöpfung--du selbst.--
+ Keine Zeit vor dir, keine Zeit nach dir, keine Zeit ohne dich.
+
+ Solches hast du klar erkannt.
+ --Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
+Dinge Eigenschaften.--
+
+*
+
+ Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Wahrnehmungen, nur
+verschiedene Benennung die erscheinende Verschiedenheit; wie die
+Unterscheidungen rechts und links, wie oben und unten, nur Namen, an
+sich nichts die Unterscheidungen Vergangenheit und Zukunft, bloße
+Für-wahr-nehmung, nicht Wahrheit.--
+ Ausgelöscht mit ihren Teil-Erscheinungen und gegenteiligen
+Merkmalen ist die Erscheinung Zeit selbst, Empfindung--nicht
+Erkenntnis, eigen geschaffenes Trugbild, aus dir gewirkt, auf dich
+wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt. Nicht ist Zeit an sich
+--nicht ist Zeit Wesen und Wahrheit.--
+ Darum ist gesagt: "Aus deiner Seele die Erscheinung: Zeit."
+ Darum ist gesagt: "Zeit ist scheinbare Wahrheit". "Ich bin nicht
+in der Zeit, ich selbst bin Zeit."
+ --Es ist der Welt Atem, den du, als sei er in dir, spürst.--
+
+* * *
+
+ Ausgelöscht ist alle auf Raum, alle auf Zeit bezügliche Anschauung
+und Auffassung, alle auf Raum und Zeit bezügliche Wahrnehmung und
+Eigenschaft, alle Unterscheidungen, Verhältnisse, Merkmale,
+Bezeichnungen, Beziehungen, Beilegungen, Bedeutungen und alle übrigen
+auf Raum und Zeit ruhenden Empfindungen, Vorstellungen, Begriffe,
+Urteile, Namen;--in nichts gesunken: Ausdehnung, Maß, Zahl,
+Teilbarkeit, Einheit und Vielheit, Folge und Folgerung, Anfang und
+Ende, Entstehen, Vergehen, Unendlichkeit, Ewigkeit--müßige Fragen
+dem Wissenden--
+ Ausdruck deiner Gegenwart zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken;
+deine Empfindung und nach außen Verlegung, das ist Auslegung deines
+Inne-be-findens; ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner Einbildung,
+das ist: vor-Stellung; deine eigene Schöpfung--du selbst--an sich
+nichts die sogenannten Eigenschaften der Zeit, die sogenannten
+Eigenschaften des Raumes--
+ Ausgelöscht mit ausgelöschten Merkmalen und Unterscheidungen ist
+Zeit und Raum selbst--vernichtet! Zeit und Raum sind nicht in sich.
+Spiel deiner Seele, ein bloßer Traum!
+ Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die zeit-räumliche
+Erscheinung".
+ --Erscheinung!--sinnlicher Widerschein seelischer Empfindung in
+dir--deines eigenen Wirkens Abbild, eigengeschaffene Wirklichkeit
+dieser Welt--du selbst!--Keine Zeit, kein Raum in sich; keine
+Zeit, kein Raum in Wahrheit.
+ --Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
+Dinge Eigenschaften, eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt.--
+ Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du
+ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses
+hinaus zu tieferer Einsicht gelangst.
+
+*
+
+ In dir ist Zeit und Raum, du selbst schaffst Zeit und Raum, zu
+eigener Lust; trägst Zeit und Raum mit dir, wie du Leben und Welt mit
+dir trägst. Ewig ist Zeit, unendlich ist Raum--ewig unendlich Ich
+und Welt.
+
+ --Es ist das Atmen der Welt, die du lebst; Schöpfer--
+Vernichter.
+
+* * *
+
+ Und ferner, o Teurer!
+ Noch hat niemand diesem, wovon wir reden, sein volles Recht
+strömen lassen, und nicht überliefert wurde mir diese Lehre; in mir
+selbst trat zutage, wuchs und erstarkte die Erkenntnis.
+ Und schon einmal habe ich der Welt diese Lehre verkündet, als die
+Tochter des Vatschaknu vor dem Könige der Videha mich befragte; aber
+unverstanden von der Welt blieb diese Lehre: --"was zwischen Himmel
+und Erde ist, und oberhalb des Himmels und unterhalb der Erde, was sie
+Vergangenheit und Zukunft nennen--Raum und Zeit--o Gargi, ist
+eingewoben und verwoben in der Erscheinung Akasha".--Uraltes Wissen
+verkündige ich dir wieder: der erscheinenden Welt zeiträumliches
+Dasein.
+
+*
+
+ Gegensatz und Zwillingspaar ist, was du Raum und Zeit nennst.
+Durch Ur-sprung ist Raum, durch Raum--Zeit; wie rechts durch links,
+wie oben durch unten, wie Vergangenheit durch Zukunft. Wie kein rechts
+ohne links, kein oben ohne unten, keine Vergangenheit ohne Zukunft, so
+kein Raum ohne Zeit, keine Zeit ohne Raum. Zeit ohne Raum wäre
+nirgend; Raum ohne Zeit wäre nie.
+ Alles was im Raum ist, entsteht und vergeht in der Zeit; alles was
+in der Zeit ist, entsteht und vergeht im Raum. Zeit ist ewig überall,
+Raum ist überall ewig. Zeit und Raum bedingen einander. Zeit und Raum
+mißt sich aneinander: 'ein Zeitraum, eine Stunde Wegs, eine Spanne
+Zeit, ein Tagwerk Land, eine geraume Zeit.' Zeit und Raum ergänzen
+einander. Dem Nebeneinander des Raumes entspricht das Nacheinander der
+Zeit. Zeit und Raum treten für einander ein. Bewegter Raum wäre Zeit;
+ruhende Zeit wäre Raum. Ausgebreitete Zeit heißt Raum; dauernder Raum
+--Zeit. Zeit und Raum schafft einander; Zeit und Raum hebt einander
+auf--Gegensätze, die einander schaffend, einander aufheben.
+ Gegensätze Zeit und Raurn sind gegen-Paare, halb-Teile eines
+Ganzen. Gegensatz in sich nennt Ich: Zeit, Gegensatz zu sich nennt
+Ich: Raum. Spaltung im Ich--Zeit; gespaltenes Ich--Raum. Gegensatz
+räumt--Gegensatz zeitigt.
+
+*
+
+ Weder hat Zeit einen Anfang, noch ist Zeit ewig; weder hat Raum
+ein Ende, noch ist Raum unendlich--weder ist Zeit und Raum real,
+noch ist Zeit und Raum ideal;--Zeit und Raum ist Gedanke im
+verlangenden Ich.
+ Zeit-Gegenwart ist ohne Dauer, also nicht Zeit; Raum-Punkt ist
+ohne Ausdehnung, also nicht Raum. Zeit-ewigkeit wird nicht aus Zeit,
+Raum-unendlichkeit wird nicht aus Raum, und wie Zeit-ur-teil keine
+Zeit ist, so ist Zeit-ewigkeit keine Zeit; wie Raum-ur-teil kein Raum
+ist, so ist Raum-unendlichkeit kein Raum. Zeit und Raum ist Gedanke im
+urteilend schaffenden Ich.
+ Ich ist Zeit-einbildung, Ich ist Raum-vorstellung. Im Ich ist ewig
+Zeit; im Ich ist endlos Raum. Weil Ich selbst Zeit und Raum ist, darum
+ist Zeit immer, wann Ich ist; darum ist Raum immer, wo Ich ist; Zeit
+und Raum ewig unendlich, da Ich ist. 'Ewig' 'unendlich' aus dem Ich
+geschaffene, das Ich selbst bezeichnende Worte, Ich-ausdruck, nichts
+mehr.
+ Ich ist Ausdehnung in sich zu ewiger Zeit--außer sich zu
+unendlichem Raum. Ich ist gegen-Wart zu Zeit und Raum. Ich-Atem,
+Ich-Bewegung, Ich-Ausdehnung, Ich-Wandel, Ich-Wirk-lichkeit ist Zeit
+und Raum. Wechselndes im Bleibenden, Beharrendes im Wechselnden: Ich.
+
+ Keine Zeit, kein Raum ohne Ich: einen Augenblick bewußtlos--eine
+Ewigkeit bewußtlos.
+
+ 'In der 'Zeit' heißt vom Ich-bewußtsein als Zustand in sich
+unmittelbar umfaßt; 'im Raum' heißt mittelbar, vermittelst der Sinne
+erfaßt. Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Zeit, was darüber hinaus
+Raum heißt. Vom Ich empfunden--Zeit, vom Ich angeschaut--Raum;
+seelisch empfunden--Zeit, sinnlich angeschaut--Raum.
+
+ Bei gedankenlosem Hinschauen zwar erscheint Zeit und Raum
+verschieden, verschieden wie Tag und Nacht, wie Vergangenheit und
+Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander getrennt. Ansicht--nicht
+Einsicht; Wahr-nehmung--nicht Wahrheit.
+Zeit und Raum sind nicht auseinanderzuhalten: --frage dich, o Teurer,
+durch welche Bestimmung könnten Zeit und Raum, beide an sich leer an
+Bestimmung, voneinander verschieden sein? Eines ist, was du in dir
+Zeit, was du außer dir Raum nennst--zwei Namen für das Selbe:
+atmendes Verlangen in dir.
+Sprich es unverstanden nach--mit vorschreitender Erkenntnis gelangst
+du zu vollem Verständnis.
+
+*
+
+ Wie du, dich selber täuschend, den Raum über dir vom Raum unter
+dir unterscheidest, wie du, dich selber täuschend, Zeit vor dir von
+Zeit nach dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber
+täuschend, Zeit in dir von Raum außer dir.
+ Wie deine Gegenwart im Raum bestimmt, was du hier und was du dort
+nennst, wie deine Gegenwart in der Zeit bestimmt, was du als vorher
+und was du als nachher unterscheidest, so bestimmt deine Gegen-wart im
+Da-sein, was in dir zeitlich, was außer dir räumlich erscheint.
+ Wie deine Gegenwart in Zeit und Raum die Teilung eines Ganzen
+bestimmt--ein willkürlich gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht
+zu geben scheint, Gegenteiligkeit zu schaffen, ein rechts und ein
+links, ein oben und ein unten zu unterscheiden, ein vorher und ein
+nachher, so schafft dein Da-sein, deine Gegen-wart, dein
+Ich-Bewußtsein,--du selbst--Unterscheidung in einem ungeschiedenen
+Ganzen, macht dich in Zeit und Raum unterscheiden, was eines ist.
+Eines--scheinbare Zweiheit.
+ In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
+Schöpfung die Unterscheidung Zeit und Raum.--Als Zeit empfindest du,
+was dein eigen, als Raum, was dir entfremdet. Entlassend schaffst du
+Raum, aufnehmend Zeit, was aus-wendig Raum ist, ist in-wendig Zeit.
+ Dein eigener Widerschein im Ich-Gedanken nennt sich Bestand,
+Dauer, Wechsel, Zeit; deinen eigenen Widerschein im entlassenen
+Gedanken nennst du draußen, Gegenstand, Raum.
+ Unterscheidung Zeit und Raum ist Unterscheidung: in dir--außer
+dir; ist Empfndung und nach außen Verlegung--Auslegung deines
+inne-Befindens; ist Ein-bildung: Zeit, und Widerspiegelung deiner
+Einbildung, Vor-stellung: Raum; Ich-zu-stand und Ich-gegen-stand--
+Ausdruck deiner wechselnden Gesinnung, deiner Zuneigung und Abneigung,
+Anziehung und Abstoßung, Lust und Unlust, Liebe und Haß, Bejahung und
+Verneinung, Wille-wider-Wille im Verlangen--Abbild deiner selbst.
+ Zeit und Raum sind nur andre Worte für Ich und du; Unterscheidung
+Zeit und Raum ist Unterscheidung Ich und Welt--Ausdruck des Zerfalls
+im Ursprung. Davon wird dir in weiterer Unterweisung volle Klarheit.
+
+*
+
+ Besinne dich und du erkennst: ununterschieden in sich ist Zeit und
+Raum; eines, was du mit ent-zwei-enden Namen bezeichnest; wie rechts
+und links, wie oben und unten, wie hier und dort, wie jetzt und einst
+--willkürliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir. Und wie du
+solches von dem Gegen-sinn 'rechts und links', von dem Gegen-sinn
+'oben und unten' klar erkannt hast, so wird dir klare Erkenntnis auch
+vom scheinbaren Gegensinn Zeit und Raum.
+ Aller Gegensatz, alle Einheit ist in dir.
+ Zeit und Raum sind Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum sind
+andre Worte für deinen Willen und für das, was wider deinen Willen--
+wieder dein Wille ist;--Gestaltung deiner selbst!
+ Eigene Lust dein Wandel; nach eigenem Gefallen wandelst du dich zu
+Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum wie rechts zu links, wandelst
+Raum zu Zeit wie unten zu oben.
+ Es ist so--sprich es unverstanden nach. Die die Welten
+voneinander hält, diese Brücke überschreite als ein Blinder.
+Aufleuchten wird einst in dir die Erkenntnis, aus welcher Tiefe
+solches fließt.
+
+*
+
+ Ausgelöscht der Gegensinn von Zeit und Raum; auf Worten beruhend
+die erscheinende Verschiedenheit; ununterschieden an sich, weder das
+eine noeh das andre; dasselbe doppelt benannt, zwei Namen fur eines.
+ Und gewiß: ist Zeit gleich Raum, so ist weder Zeit noch Raum.
+ Was du Zeit und Raum nennst--in Gegenteile zerfallene, an sich
+nichtige Unterscheidung in dir--in Gegensinn auseinanderspaltendes
+Urteil, deine Willensgestaltung, Spiel deiner Seele, deine eigene
+Schöpfung--du selbst.
+
+*
+
+ "Was du Zeit und Raum nennst, o Gârgî, ist eingewoben und verwoben
+in Akasha."
+ Durch Raum und Zeit wird alles dieser Welt, was Leben heißt, was
+Tod genannt wird--ewiger Kreislauf--Geburt und Tod dieser Welt
+durch Raum-Zeit-Erscheinung:
+ -- AKASHA --
+dieser Welt Erscheinung--deines Verlangens sinnlicher wieder-Schein
+--dieser Welt wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser
+Welt.
+ Aufleuchten möge in dir die weltschöpferische Bedeutung des
+Wortes.
+
+*
+
+ Darum ist gesagt: "auf Akasha geht diese Welt zurück"--
+"Einklang von Seele und Leib."
+ Darum ist gesagt: "Akasha--des Brahma Standort"--"Brahma
+leibhaftig geworden"--"deiner Seele Leib."
+ "Darum soll man als dieser Welt Keim Akasha wissen."
+ Sehend geworden erkennst du:
+ --Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen--
+ --atma--
+
+* * *
+
+ So, o Teurer, können wir Menschen, der Erscheinung nachdenkend,
+uns dieses vorstellen; der Erkenntnis ehernes Tor, verhüllte Wahrheit
+dem nicht Erkennenden--Upanishad.
+
+*
+
+ So lautet in Aranada Upanishad der zweite Abschnitt: zeit-
+räumlicher Erscheinung Urbestand; nunmehr kâma, Verlangen.
+
+
+
+
+III.
+DAS VERLANGEN DIESER WELT
+-- kâma --
+
+
+
+ Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer! behalte vor
+Augen:
+ Es geschieht wohl, daß von den dickkopfigen Ameisen eine
+mitten-von-einander bricht; alsbald kehren sich die getrennten Teile
+feindlich gegen einander: der Kopf greift mit den Kiefer an, der Leib
+wehrt sich mit dem Stachel.
+ Eben noch einheitlicher Bestand, Ein Ich mit Einem Bewußtsein,
+Einer Empfindung, Einem Willen, von gleicher Sorgfalt für alle Teile
+seines Körpers erfüllt--zerfällt es vor deinen Augen in zwei
+Bewußtsein, zwei Empfindungen, zwei Willen, zwei Seelen; jedes der
+beiden Teile fühlt sich selbständig, ein "Ich", und seine erste Tat
+ist Kampf gegen das, was es nicht mehr als sein Ich erkennt.
+ Zwiespalt körperlich-seelisch; Gedanke dieser im Zwiespalt
+atmenden Welt; Ausdruck des ur-Sprungs: Kâma, Verlangen.
+ Durch ur-Sprung: ur-TeilIch und gegen-TeilIch. Durch solche
+Teilung Verlangen in Ich und Ich;--das Außer-einander von Ich und
+Ich ist Verlangen:
+ -- KAMA --
+
+*
+
+ Also ist die Unterweisung:
+ Ich knüpfe an Gesagtes an, o Teurer!
+ Der Erreger, savitar, die Sonne, weckt die Geschöpfe--alsbald
+beseelt diese der Gedanke des Lebens: Kâma, Verlangen, und es folgt
+Jagd und Kampf.
+ Brennend vor Begier wirft sich der Eine auf den Anderen: "du bist
+meine Nahrung"--und der Sieger frohlockt: "ich töte dich: es ist
+mein Recht."
+ Vom Unterliegenden jedoch schallt voller Widerspruch zurück: "ich
+will nicht sterben, du darfst mich nicht töten, es ist unrecht und
+böse!"
+ Du erwägst zuvörderst den Gegensatz im atmenden Verlangen im
+'Raum' erscheinend.
+ Jeder der Beiden, hier wie dort, der Sieger sowohl wie der
+Unterliegende, will dasselbe: will leben, nicht sterben; will töten
+und fressen, will nicht getötet und gefressen werden.
+ Hier wie dort Ein Gedanke, dasselbe Verlangen, dennoch
+Widerspruch, Zwiespalt, Gegensatz.
+
+*
+
+ Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich, ungeteilt: Kâma,
+Verlangen, Fraß; Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens.
+ Es ist kein Zwiespalt, kein Gegensatz im Gedanken, im Wollen und
+Tun an sich; Zwiespalt, Gegensatz ist durch Ich und Ich.
+ Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung des Ich am
+Gedanken. Der Gegensatz entsteht durch zwiefachen Standort des Ich; im
+Ich, das hier will, und im gegenüber stehenden, entgegen stehenden,
+widerstehenden Ich, das dort wieder will--zwei gegen-ständliche
+Standorte des Ich--das ist Raumerscheinung:
+
+ I. Ich--hier:
+ "ich will dich fressen."
+
+ II. Ich--dort:
+ "ich will dich fressen."
+
+*
+
+ Ich auf beidem Standort spricht den einheitlichen Gedanken, das
+einheitliche Verlangen: 'Fraß' zwiefach aus, bejahend--verneinend.
+Ich auf beidem Standort bejaht den Satz und verneint damit den
+Gegensatz. Ich will--und will nicht das Gegenteil des Gewollten;
+Wille zur Tat, Unwille zur Duldung der Tat. Ich hier wie Ich dort:
+"ich will leben--nicht sterben, ich will fressen--nicht gefressen
+werden."
+ Es ist Ein Gedanke, Ein Verlangen, Ein Vorgang: 'Fraß'; 'fressen
+--nicht gefressen werden' ist nur Lautverschiedenheit, nur sprachlich
+doppelter Ausdruck, dem Sinne nach dasselbe; nur Gewolltes bejahende,
+nicht-Gewolltes verneinende Redewendung, doppelte Bezeichnung für
+Eines. Ich spricht in zwiefachen, Eines bedeutenden Worten
+einheitliches Wollen, den Einen ungespaltenen Gedanken aus;
+Gegensatz erscheint im raum-gespaltenen, im ent-zwei-ten Ich; im Ich,
+das hier will, und im Ich, das dort will, dort wieder will, das heißt
+--wider will:
+
+ [Ich:]
+ I. Ich, angreifend und siegend will die Tat, bejaht, die Tat,
+ spricht den bejahenden tätigen Sprachausdruck des Verlangens--in
+ Lust aufflammend:
+ "ich will dich fressen."
+
+ [Ich im räumlichen 'Gegen'stand:]
+ II. Ich, angegriffen und unterliegend, will die Tat nicht,
+ verneint was ihm Leid antut, spricht den verneinenden, leidenden
+ Sprachausdruck des Verlangens--in Leid aufflammend:
+ "ich will mich nicht fressen lassen."
+
+ Kein Gegensatz im Verlangen, kein Zwiespalt, keine Teilung--
+gleichviel, ob sich der Gedanke in Einem Ich in zwiefacher Redewendung
+--bejahend--verneinend--ausspricht, oder ob sich der Gedanke in
+zwiefacher Redewendung als Wille und Unwille auf zwei Ich verteilt--
+zweiheitlicher Ausdruck des einheitlichen Gedankens: Verlangen.
+ Kein Gegensatz in Gedanken--gleichviel, ob sich der Gedanke im
+tuenden Ich in Tat ausdrückender Redeform ausspricht, oder ob sich der
+Gedanke im leidenden Ich in Leid ausdrückender Redewendung
+widerspricht; gleichviel, ob der Gedanke im Ich, fressend, sich
+bejaht, im Ich, gefressen, sich verneint: --einheitliches Verlangen.
+ Unberührt bleibt der Gedanke, ungeteilt--Unterscheidung,
+Teilung, Entzweiung, Zwiespalt und Gegensatz ist durch Ich und Ich
+ Dies ist kâma, Verlangen, in gegen-Teile ent-zweit, als Wille und
+wider-Wille erscheinend; im zu-Stand-Ich und im gegen-Stand-Ich; Ich
+räumlich auf zwei Standorten. Ich-ent-Zwei-ung.
+
+*
+
+ Nunmehr der Gegensatz im atmenden Verlangen in der Zeit
+erscheinend.
+ Nichts weset ohne ein Zweites, kein Ding ohne seinen Gegensatz,
+kein Willen ohne gegen-Willen--kein Leben ohne Atem des Willens, wie
+kein Atem ohne Einhauch und Aushauch.
+ Es geschieht, daß in den Beiden, die sich bekämpfen, eine Wendung
+im Verlangen eintritt:
+ Im Sieger nach geschehener Tat: die Gier ist befriedigt, die Lust
+verraucht. Wie am bewegten Schöpfrad der Eimer gefüllt emporsteigt und
+entleert wieder herabsinkt, so füllt sich das Verlangen, übersteigt
+den Höhepunkt und fällt. Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor.
+Der Sieger versetzt sich in die Lage des Opfers; das Mitleid erwacht,
+der Umschlag erfolgt; man sagt wohl: er ist nicht mehr derselbe, er
+ist ein anderer geworden: "ich will nicht töten, es ist Unrecht.
+Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, lieber selber den Tod erdulden,
+als andere töten."
+ Sodann im Unterliegenden: "mein Widerstand ist vergeblich; ich
+unterliege." Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor. Erinnerung
+an eigene Untat wird wach, der Umschlag erfolgt: "es geschieht mir
+Recht, ich verdiene den Tod; ich will mein Unrecht büßen, will meine
+Sünde sühnen: töte mich, ich sterbe freudig."
+ Der Kampf ist aufgegeben, Frieden ist gewonnen; Aufopferung hat
+Raubgier abgelöst. Verraucht ist das Verlangen, aller Sittlichkeit
+höchstgepriesenes Ziel erreicht--erstanden das Wunder:
+Selbstlosigkeit.
+
+*
+
+ Du erwägst zuvörderst den zeitlich erscheinenden Gegensatz im
+Willen des angreifenden Ich--Wechsel von Tat zu nicht-Tat.
+ Der Gegensatz erscheint als geänderter Wille im Ich. Das Verlangen
+atmet, lebt, bewegt sich, wandelt, wechselt im lch. Ich verläßt seinen
+Stand, ver-stellt sich, nimmt andere Stellung zum Gedanken:
+ "Ich wollte leben, wollte nicht sterben; wollte die Tat tun,
+wollte die Tat nicht dulden, wollte töten und fressen, wollte nicht
+getötet und gefressen werden"--
+ "jetzt will ich sterben, will nicht leben; will nicht töten, nicht
+fressen, will getötet und gefressen werden."
+ Im Willen des Ich ist Wandlung eingetreten--Gegensatz im
+wechselnden Willen in der Zeit erscheinend.
+
+*
+
+ Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich: kâma, Verlangen.
+Tat und Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens, Ausdruck des
+Wirkens dieser Welt.
+ Es ist keine Änderung, kein Gegensatz in Verlangen an sich;
+Änderung und Gegensatz ist im be-Stand des verlangenden Ich.
+ Unterscheidung, Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung,
+mit an-Teil-nahme des Ich am Gedanken. Der Gegensatz entsteht im Ich,
+das, wollend, in sich spaltet; das Verlangen bleibt, nur das zeitliche
+Ziel des Verlangens im Ich wechselt: Ich, das wollte--Ich, das
+anders will; zweierlei Verhalten, zwiespaltiger Zustand im Ich--das
+ist Zeiterscheinung.
+
+ I. Ich erst in Lust aufflammend, erst:
+ "ich will fressen;"
+
+ III. Ich dann lustlos verlöschend, dann:
+ "ich will gefressen werden."
+
+*
+
+ Der Gedanke bleibt Einer, einheitlich, ungeteilt: Fraß. Kein Fraß
+ohne fressen und gefressen werden; beides liegt unmittelbar im
+Gedanken "Fraß", "Fressen--gefressen werden" ist nur sprachlich
+verschiedener Ausdruck des Einen Gedankens; nur zweierlei Benennung
+für ein-und-denselben Vorgang, nur tätige und leidende Sprachform: nur
+Laut-Verschiedenheit, nicht Gegensatz in sich--Eines: Kama,
+Verlangen.
+ Wandel und Gegensatz erscheint im zeitgespaltenen Willen des Ich:
+Ich wollte und will das Gegenteil des zuerst Gewollten. Alles Wollen
+ist aus Tun und Dulden: Ich wollte die Tat tun--ich will die Tat
+dulden.
+
+ [Ich:]
+ I. Ich, erst, in Verlangen, Urteil, Tat sich schaffend, will das
+ Leben, begehrt, hofft, will tun, bejaht den Gedanken zu solcher Zeit
+ blind:
+ "ich will dich fressen, will nicht von dir gefressen werden."
+
+ [Ich in zeitlichem Gegensinn:]
+ III. Ich, dann, nach aufgegebenem Tun, von treibender
+ Lustempfindung frei, nicht mehr begehrend, ver-setzt sich in die Lage
+ des Opfers, ver-stellt sich auf den Standpunkt des Gegners, versteht
+ ihn, mit leidend, steht ihm bei,--urteilt nun von also
+ entgegengesetztem Stand mit der Zeit ver-ständig, erkennend, wechselt
+ mit gewechseltem Stand seine Ansicht, wendet sich im Gedanken,
+ widerspricht sich selbst, gibt sich auf, will dulden, will den Tod:
+ lustlos vergehend:
+ "ich will mich fressen lassen, will nicht fressen"
+
+ Es ist ein Gedanke, der sich im Ich ausspricht, gleichviel wie
+sich das Ich verlangend zum Gedanken stellt, es bleibt Ein Gedanke,
+gleichviel ob Ich den Gedanken tun, oder ob Ich den Gedanken dulden
+will, gleichviel ob das Ich, erfüllt vom Gedanken, sich Henker oder
+Opfer fühlt--kâma, Verlangen.
+
+*
+
+ Dieselbe zeitliche Wendung im angegriffenen, im widerstehenden Ich
+--Wechsel von nicht-Duldung zu Duldung--
+ Ich wollte nicht und will dann nicht das Gegenteil des zuerst
+nicht Gewollten. Ich wollte die Tat nicht dulden--jetzt will ich die
+Tat nicht tun.
+
+ [Ich im 'Gegen'stand, das ist: nicht-Ich:]
+ II. Ich, angegriffen, verabscheut die Tat, widersteht, verteidigt
+ blind seinen Standort, will nicht dulden; in Leid aufflammend:
+ "ich will nicht von dir gefressen werden, will dich fressen!"
+
+ [nicht-Ich im zeitlichem Gegensinn:]
+ IV. Ich, nach aufgegebenem Widerstand, im Übermaß des Leides
+ nichts mehr erhoffend, weder begehrend noch verabscheuend, gibt den
+ bisher verteidigten Standort auf, ver-stellt sich auf den Standort des
+ Henkers, ver-steht ihn, urteilt jetzt vom also entgegengesetzten
+ Standort erkennend, will dulden, nicht tun, leidlos vergehend:
+ "ich will dich nicht fressen, will mich von dir fressen lassen!"
+
+ Unberührt bleibt der Gedanke--Unterscheidung ist im Ich, im
+zeitgespaltenen, im gewechselten Willen des Ich. Wille ist Ausdruck
+des Ich. Kein Wille ohne Ich, kein Ich ohne Willen. Wille ist Ich, Ich
+ist Wille.
+ Dies ist Kâma, Verlangen im Ich als wechselnder Wille atmend;
+Verlangen im selben Ich zeitlich in gegen-Teile gespalten erscheinend
+im Ich und wieder im Ich; Ich in zwei Zeit-zu-Ständen; Ich-zwie-Spalt.
+
+*
+
+ Erkenne zunächst:
+ Gegensatz, Widerspruch, Zwiespalt, Entzweiung, Teilung, im
+Verlangen erscheinend, ist nicht an sich, ist willkürliche, durch
+gegensätzlichen Ich-stand--in sich, außer sich--in-gegen-Teile
+aus-ein-ander-spaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir, von
+scheinbarer Verschiedenheit,--ununterschieden in sich; von
+scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkt--auf
+dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser deiner
+eigen-geschaffenen Welt--nicht Wahrheit.
+ Was als Gegensatz im Verlangen erscheint, ist in dir, ist
+Kennzeichnung deiner zeiträumlichen gegen-Wart, deines da-Seins, ist
+Ausdruck deiner Beziehung zum gegen-Stand, ist deine Auffassung, deine
+Gesinnung, deine an-Teil-nahme, deine Stimmung, deine Lust oder
+un-Lust zum eigenen, gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken, ist
+Empfindung in dir und Auslegung, das ist nach außen ver-Legung deines
+inne-Befindens, ist deine ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner
+Einbildung, das ist: Vorstellung; Inhalt deiner Seele, Verlangen, aus
+dir geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst.
+ Unberührt bleibt der Gedanke, unbewegt wie im Sturm der
+Sonnenstrahl, gleichviel, ob Ich das Verlangen aufnimmt oder abweist,
+den Gedanken hofft oder fürchtet, liebt oder haßt, bejaht oder
+verneint, anzieht oder abstoßt, tut oder duldet, will oder nicht will;
+gleichviel, ob Ich, vom Gedanken beseelt Lust oder Unlust empfindet,
+ob Ich sich Freund oder Feind, Herr oder Knecht, Henker oder Opfer
+fühlt, gleichviel ob Ich frei will oder wollen muß, gleichviel ob der
+Gedanke in Ich oder Ich im Gedanken oder der Gedanke Ich ist.--
+ Alle Unterscheidung ist im Ich, im atmenden Willen Ich. Wille ist
+Ich Zustand, Wille ist Ich Ausdruck. Kein Willen ohne Ich, kein Ich
+ohne Willen. Wille ist Ich, Ich ist Wille--kâma, Verlangen.
+ Die Welt denkt nur einen Gedanken--aus dem 'Ich' ist endlose
+Mannigfaltigkeit dieser Welt.
+
+* * *
+
+ Und noch einmal:
+ Der Gedanke dieser Welt--Verlangen--atmet im Ich; Ich, atmend,
+spaltet--: zwiespältige Beziehung des Ich zu seinem eigenen
+Gedanken, zu sich selbst. Ich will--will nicht: will tun, nicht
+dulden; will dulden, nicht tun; in sich--außer sich; in Zeit--in
+Raum.--Alles Geschehen dieser Welt--alle Möglichkeit dieser Welt;
+aller Gedanken, alles Werdens und Verwerdens--alle Welten umfassende
+Möglichkeit.
+
+SAMSARA.
+
+ Ich aufflammend:
+ | Raum.
+ V
+ I. "ich will dich fressen, II. "ich will nicht von dir gefressen werden,
+ ich will nicht von dir
+ gefressen werden." ich will dich fressen."
+
+
+Ich verlöschend:
+
+ Zeit. ->
+ III. "ich will von dir IV. "ich will dich nicht fressen,
+ gefressen werden, ich ich will von dir
+ will dich nicht fressen." gefressen werden."
+
+
+
+NIRVANA.
+
+*
+
+ Das ist:
+ Ich, im Verlangen atmend,
+ will tun, nicht dulden;
+ will dulden, nicht tun.
+
+*
+
+ Vierfacher Ausdruck für Eines: Ich auf vier Standorten--die vier
+sogenannten Denkgesetze des Yavana.
+ Ich, im Verlangen atmend, bejaht und verneint in sich--bejaht
+und verneint außer sich.--
+ Ich--in sich--außer sich--bejahend--verneinend--nennt
+sich mit allen Namen dieser Welt:
+ Die Welt ist im verlangenden Ich--so erkennst du.
+
+*
+
+ Also ist der erscheinende Wandel des Verlangens vom Ich zum
+nicht-Ich, vom nicht-Ich zu s-Ich zurück; aus Tat--durch Widerstand
+--zu Duldung; Ich-Atem--âtmâ.
+
+*
+
+ Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
+nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Unwillen, erscheint Zerfall
+in Zeit und Raum--erscheint Welt-wirklichkeit.
+
+*
+
+ Folge meinen Worten, o Teurer, mit offener Seele--ich führe dich
+sicheren Weg. Doch laß dein Verständnis nicht an Worten haften,
+erfasse über Worte hinaus; Worte sind Hindernis der Erkenntnis. Mit
+wachsender Einsicht offenbart sich dir die gegensinnliche Einheit von
+Erscheinung und Verlangen. Sprich es unverstanden nach--was
+unverständlich scheint wird selbstverständlich.
+
+* * *
+
+ Einheitliches Verlangen erscheint im Ich in Willen und Unwillen
+gespalten.
+
+*
+
+ Ich, zum Ziele wollend, stößt Ungewolltes unwillig von sich ab,
+schafft im eigen-Willen Widerwillen. Widerwillen weicht vom Ich, wird
+im gegen-Stand selbst-ständig, ist fremdes entgegenstehendes Wollen--:
+Willen in mir--Willen außer mir--das ist Raum.
+ Raumerscheinung schafft sich durch Aus-legung des Widerwillens im
+Ich.
+
+*
+
+ Ich-willen, zum Hohenziele des Verlangens rastlos irrend, von
+selbstgeschaffenem gegen-Stand zurückgestoßen, bleibt wollend,
+wechselt im Willenszustand--: Willen in mir erst--Willen in mir
+dann--das ist Zeit.
+ Zeiterscheinung schafft sich im Ich durch wechselnden Willen.
+
+*
+
+ Das verlangende Ich schafft zeiträumliche Erscheinung.
+ Verlangen treibt dich zu Ausdehnung in Zeit und Raum. Je nachdem
+du dich im atmenden Verlangen gefordert oder gehemmt empfindest, ist
+Willen oder Widerwillen in dir. Verlangen der Welt willig ergriffen
+ist eigener Willen; Verlangen der Welt unwillig abgewiesen ist
+Widerwillen in dir. Was in dir seelisch empfunden Widerwille ist, ist
+sinnlich aufgefaßt Widerstand im Raum, das ist fremder Wille wider
+dich: 'ich will nicht' das heißt: 'du willst'. Was Ich aus sich
+unwillig entläßt, wird räumliche Vorstellung: Du.
+ Der Atem des Verlangens in Anziehung oder Abstoßung erscheint im
+Ich als Willensgegensatz. Willensgegensatz in sich faßt Ich zeitlich
+auf; Willensgegensatz zu sich ist dem Ich Raum. Wechselnder Willen ist
+Zeit; zu Unwillen gewechselter Willen ist Raum. Willig-un-williges
+Verlangen in dir erscheint als zeit-räumliche Wirklichkeit außer dir.
+ Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden--
+erscheint und ist.
+ Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
+nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Gegenwillen, erscheint
+Zerfall in Zeit und Raum
+ --erscheint und ist--
+
+*
+
+ Wie du, von dir aus ut-teilend, Willen von Widerwillen
+unterscheidest--beides in dir, beides Eines--du selbst, so unter-
+scheidest du, von dir aus urteilend, Zeit von Raum--beides in dir,
+beides Eines--du selbst.
+ Wie Unwillen in eigenem Willen zu fremdem Gegenwillen wird, so
+wird Ein-bildung Zeit zu gegensätzlicher Vor-stellung Raum. Wie
+'fressen' und 'gefressen werden' Eines ist im 'Fraß', wie Willen und
+Unwillen Eines ist im Verlangen, so ist Zeit Erscheinung und
+Raum-Erscheinung Eines in dir--dein Verlangen, du selbst.
+ Verlangen, vom Ich ausgesprochen, vom Widerschein des Ich--dem
+nicht-Ich--wieder ausgesprochen, das ist: widersprochen--sieht
+sich selbst gegenüber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst
+Gegensatz.
+ Suchender Wille ist Raum, im Suchen wechselnder Wille ist Zeit.
+
+ Also wurzelt in deinem Willen-un-Willen Zeit und Raum; also ist
+Zeit-Raum-Erscheinung dein Verlangen.
+ Erkenntnis hiervon ist Lösung des Rätsels: Raum-Zeit-Einheit.
+
+* * *
+
+ Was von Empfindungswellen dir erwünscht, willkommen zuströmt, was
+du dir anzueignen gewillt bist, was du willfährig aufnimmst, was du
+zustimmend bejahend wohlwollend auffaßt, was sich dir willig fügt, dir
+zu Willen ist, worein du einwilligst, was zu deinem eigenen Willen, zu
+dir selbst wird, dein Zustand, erscheint in dir--deine Seele
+bewegend--in zeitlichen Formen.
+ Was, aus dir geboren, dich unwillkürlich befremdet, was du nicht
+für dein eigen hältst, was nicht mehr du selbst bist, was du
+unerwünscht erleidest, was dich anwidert, was dir widrig, widerwärtig,
+zuwider ist, dein wider-Wille erscheint--deine Sinne bewegend--
+außer dir, räumlich, als wider-Stand, als widerstehende Kraft aus dem
+Raum.
+ Atmet Verlangen in dir, wandelst du Willen zu Unwillen, so
+wandelst du Empfindung zu Anschauung, Einbildung zu Vorstellung,
+Zustand zu Gegenstand, wandelst zeitlichen Wechsel zu räumlicher
+Verschiedenheit, Zeit zu Raum: --und umgekehrt: ziehst du unwillig
+Abgestoßenes, Gegenstand, Raum Gewordenes wieder willig an dich,
+nimmst du, durch Aufhebung der Verneinung, den Gegensatz willig in
+dich auf, so wandelst du deine Anschauung zu Empfindung, deine
+Vorstellung zu Einbildung, deinen Gegenstand zu deinem Zustand,
+räumliche Mannigfaltigkeit zu zeitlichem Wechsel, fremde Kraft zu
+eigenem Willen, Raum zu Zeit.
+ Willenswandel deine Seele bewegend--seelisch empfunden--
+erscheint dir zeitlich, Willenswandel deine Sinne bewegend--sinnlich
+angeschaut--erscheint dir räumlich. Seelischer Wandel ist Zeit;
+sinnlich körperlicher Wandel ist Raum. Bewegung deiner Seele--Zeit;
+Bewegung deiner Sinne--Raum. Verlangen treibt dich und es wird Zeit
+und Raum; beides Bewegung, beides Empfindung in dir.
+ Eigene Lust dein Wandel im Verlangen; eigenes Gefallen dein Wandel
+in Zeit und Raum. Verlangend wandelst du in Zeit und Raum, verlangend
+wandelst du dich zu Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum, wie rechts
+zu links, wandelst Raum zu Zeit, wie unten zu obem.
+
+*
+
+ Aller Wille will nicht, aller Unwille will. Unwillen durch Willen,
+Willen durch Unwillen--Wille und Wille untrennbar--Eines, wie Zeit
+und Raum, wie oben und unten.
+ Versuche zu verstehen:
+ Wenn du wollend nicht willst und nicht wollend willst, was nicht
+wollend dich will, was wollend dich nicht will, was dir unwillig
+willig zu-kommt, was dir willig unwillig aus-kommt, nennst du mit
+zeitlich räumlichen Namen. Was du willig Zeit oder Raum nennst, nennst
+du unwillig Raum oder Zeit.
+ Zeit und Raum--Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum--
+andere Worte für deinen Willen und für das, was, wider deinen Willen,
+wieder dein Wille ist--Gestaltung deiner selbst.
+
+*
+
+ Ich Atem ist Einhauch und Aushauch, ist innen und außen, ist
+zu-Stand und gegen-Stand, ist Wille und Unwille, ist Zeit und Raum,
+Ich und nicht lch.
+ Also von Gegensatz zu Gegensatz atmend schafft Ich Zeit und Raum,
+mit Zeit und Raum--die Welt, deines Verlangens sinnlicher
+Widerschein.
+
+*
+
+ Also ist der Atem des Verlangens Wille-un-Wille im Ich--aus Tat
+durch Widerstand zu Duldung--Atem, Leben, Bewegung, Wandel, von
+Ich-bestand I auf Ich-wider-Stand II und auf Ich-wieder-bestand III
+zurück. Ich-Verlangen, wandelnd, zu seinem gegen-Stand und zu sich
+selbst zurück ver-wandelt; Ich durch wider-Ich zu wieder-Ich; von Ich
+zu Ich; Ich Atmen--âtmâ.
+
+*
+
+ Und ferner, o Teurer, Verlangen in dir ist Schöpferkraft.
+ Von geringem Verständnis sind wir Menschen, blind vor Verlangen
+erkennen wir offenen Auges das Nächste nicht. Was im Samsara
+verlangend wächst, nennen wir unsern Willen; Hemmung unseres Willens
+empfinden wir unwillig; empfundenen Unwillen legen wir aus als Wirkung
+fremder Kraft.
+ Ausübend wandelst du eigenen Willen zu rückwirkender Kraft.
+Wollend schaffst du Unwillen. Unwillen weist du von dir ab; darum
+erscheint er außer dir, dir entfremdet, scheint fremde Kraft gegen
+dich. Oder mit anderen Worten gesagt: weil es fremder Wille ist, darum
+ist er nicht in dir--beides ist dasselbe.
+ Unwillen in dir ist Willen wider dich. Der eigene Wille-un-Wille
+von dir ge-äußert, von dir ausgelegt, das ist: aus dir hinaus verlegt,
+im gegen-Stand selbst ständig geworden, vom gegen-Stand
+wider-stehend, als Widerstand auf dich rückwirkend, ist dir des
+Gegenstandes Widerstandskraft. Wille in dir schafft mit
+Not-wend-igkeit rückwirkende Kraft--Widerwille in dir ist Widerstand
+außer dir.
+ Was Eines ist, benennst du mit unterscheidenden Namen. Was du in
+dir Willen nennst, nennst du außer dir Kraft. Kraft in dir bewußt,
+nennt sich Willen; Willen außer deinem Bewußtsein scheint dir
+bewußtlose Kraft. Aller Wille ist Kraft, alle Kraft ist Willen. Wille
+ist Kraft aus dir, Unwillen in dir ist Kraft gegen dich.
+ Aus dir fließt Willen und Kraft; Eines ist Willen und Kraft--
+Verlangen in dir--du selbst. Sehend geworden erkennst du den eigenen
+Willen in fremder Kraft, dich selbst im nicht-Ich.
+ In deinem Herzen ist die Auseinandertretung, deine eigene
+Schöpfung die Unterscheidung: Zeit-Wille--Raum-Kraft. Ich ist Zeit
+und Raum, Ich ist Wille und Kraft. Ich ist âkâsha, Ich ist kâma.
+
+*
+
+ -- Ur-sprung --
+
+Namen des Verlangens vom Ich aus.
+
+Ich--nicht-Ich
+m-Ich empfunden--d-Ich vorgestellt
+in der Seele unmittelbar gewußt--mittelst der Sinne erfaßt
+als eigen erkannt--als fremd verkannt
+innen-Zustand--außen-Gegenstand
+wechselndes Verlangen--Entzweiung einheitlichen Verlangens
+geänderter Wille--eines anderen Wille
+eigener Widerwille--fremder Widerstand
+Wandel, seelische Empfindung--Wandel, körperliche Bewegung
+Ursache--Wirkung
+Wille--Kraft
+Freiheit--Notwendigkeit
+Einbildung--Vorstellung
+ur-Teil--gegen-Teil
+Zeit--Raum
+Seele--Körper
+werdende--gewordene
+
+ Welt.
+
+ * * *
+
+ Ich, durch-ur-Sprung--ur-Teil, un-zu-langend--ver-langt; Ich
+ur-Teil verlangt nach dem gegen-Teil. Darum ist Ich Verlangen.
+ Alles Verlangen ruht auf Unzulänglichkeit, auf Bedürfnis, auf
+Mangel, auf Gebrechen, auf Bedrängnis, auf Sehnsucht, auf Furcht und
+Hoffnung, auf Not und Qual; alles Verlangen ruht auf Zwiespalt, auf
+Zwiespalt der Seele, alles Verlangen auf ur-Sprung. Alles Verlangen
+ist Verlangen nach er-Gänz-ung, Verlangen nach wieder-ver-Ein-igung
+mit Gottheit.
+ Ich empfindet sich Bruchstück, darum hungert Ich nach dem
+Entgangenen; darum lebt alles Ich außer sich, darum ist alles Ich
+friedlos; darum sucht Ich, begehrt Ich, sehnt sich nach anderem,
+bewegt sich, neigt sich, nähert sich anderem, nährt sich von anderem.
+Eines Wesens ist, wenn der Spalt im Holz sich zu schließen trachtet--
+wenn ein Ich bewußt will; Enzweiung will Zu-eins-paarung. Aus Einer
+Quelle fließt: sich eines Anderen Seele nähern--sich von eines
+Anderen Körper nähren.
+ Darum lebt Alles dieser Welt durch Nährung, durch Ein-ver-
+leib-ung, durch an-Eign-ung; darum lebt alles Ich durch ein anderes
+und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch nicht Ich
+--seelisch wie sinnlich.
+ Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig
+sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit,
+also verstoßen sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also
+vereinsamt und verlassen schreit Ich um Hilfe--es verlangt alles Ich
+nach Allumfassen, nach Alleinheit, nach Vollendung--nach Nirvana.
+ Es verlangt m-Ich--Ich muß verlangen, muß außer sich wollen, muß
+von Anderem leben, muß jagen und erbeuten, muß würgen und fressen.
+ Ich muß alles nicht-Ich zu sich wollen, muß an-eign-en wollen, muß
+für sich lieben und hassen, muß wider alles nicht-Ich stehen, muß
+allem nicht-Ich Gegner und Feind sein solange Ich 'Ich' ist. Es ist
+kein Ausweg. Wer das Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht geboten.
+ Alles ich lebt nur durch Selbstsucht. Alles Ich, blind durch
+Ichheit, von Ichheit besessen, vermeint in s-Ich das höchste Gut zu
+verteidigen--: zum Bewußtsein erwachende Gottheit.
+ Darum ist zwischen Ich und Ich ewige Tat, ewiger Widerstand,
+ewiges Wirken, darum ist die Wirklichkeit dieser Welt ewiger Kampf.
+ Darüber ist gesagt: "aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese
+Welt gebildet".
+ Das Verlangen ist Lust; das Lust-verlangen ist endlos.
+ Wie ein Mann nach dem Weibe verlangt--und würde er auch in
+solchem Verlangen ganz zum Weibe--nicht befriedigt ist, nunmehr nach
+dem Manne verlangt, so verlangt das Ich nach dem, was es nicht ist,
+und wenn es das Verlangte erlangt hat, ist es dennoch voll Verlangen.
+Ich ist Verlangen, das Verlangen ist endlos.
+ Ich verlangt nach Allem, was es nicht ist. Ich, sich selbst im
+Anderen verkennend, jagt nach sinnlich sinnlosem Ziele--endlose
+Täuschung der Sinnenwelt--Sinnlosigkeit der Sinnenwelt--sinnlos,
+weil sinnlich.
+ Alles Verlangen ist Verlangen zu sich, alles Verlangen ist Ich
+Verlangen. Es gibt kein selbstloses Verlangen. Kein Ich ist leer von
+Verlangen. Verlangen erfüllt, bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist
+nur durch Verlangen. Ich in aller seiner Gestaltung ist Verlangen--
+Ich, das verlangend, nie erlangt.
+
+*
+
+ Auf Einem Gedanken ruht diese Welt:
+ Verlangen nach Wiedervereinigung mit Gottheit; im Verlangen ist
+Bindung und--Lösung dieser Welt.
+ Nichts außerhalb des Verlangens; nichts was nicht im Verlangen zum
+Ich in Beziehung steht. Verlangen ist allüberall, Verlangen ist
+allgegenwärtig, Verlangen ist immer. Verlangen ist nie gestillt.
+Verlangen birgt sich in allem Geschehen, in aller Tat, in allen
+Gestalten, unter allen Namen dieser Welt--ver-Langen nach
+ver-Einigung! sinnlich und seelisch.
+ Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche--
+inbrünstiges Gebet, Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen nach
+dem Höchsten. Tiefster Samsara hat höchstes Ziel: Eines ist was dich
+--dich Körper, dich Seele--zu Nahrung treibt, zu Erwerb, zu Weib
+und Kind, zu Macht, zu Entsagung, zu Erkenntnis, All-Einheit,
+Vollendung, nirvana.
+ Verlangen führt dich in die Welt, Verlangen hält dich in der Welt
+befangen, Verlangen führt dich über diese Welt des Verlangens hinaus.
+Also geschlossen im Verlangen ist die ewige Kette; also löst sich
+aller Irrtum, alle Sünde dieser Welt: durch Verlangen ist Samsara,
+durch Verlangen ist Nirvana.
+ Endloses Verlangen erscheint als endloses Werden.
+
+*
+
+ Ur-teil-Ich-er-Schein-ung lebt nur Einen Gedanken:
+ Durch ur-Sprung--ent-Zwei-ung; durch Entzweiung--ver-Langen,
+nach wieder-ver-Ein-igung.
+ Alles Ich will sich, will Alles zu sich,--en-will sich zum All.
+ Also hält Verlangen nach Vereinigung zu sich alles Ich
+auseinander.
+ Durch Entzweiung--Vereinigung; durch Vereinigung--Entzweiung
+--Unergründlichkeit--Ewigkeit des Ur-sprungs.
+ Die Ich-bin-heit hält Ich und Ich auseinander. Asmita ist Schöpfer
+dieser Welt. Keine Erlösung im Samsara. Keine Seeligkeit, keine
+Erlösung im Ich.
+ Ur-Teil-Ich durch ur-Srung ab-geschieden, unterscheidet: Ich--
+Welt; sieht sich Bestand, Akasha; fühlt sich Verlangen, kâma;--
+unterscheidet in Akasha atmend: Zeit--Raum; unterscheidet in Kâma
+atmend: eigenen Willen--fremde Kraft--
+ Alle unter-scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung in ur-Teil
+und Gegen-Teil.
+ Sehend geworden erkennst du:
+ Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen:
+ -- Atma --
+
+*
+
+ O Teurer, wie ich es dir zunächst dargelegt habe, so mögen wir
+Menschen der Erscheinung nach-denkend, uns der Wahrheit annähern. Nur
+dem tief ernst Suchenden enthüllt sich die tiefe Lehre--upanishad--
+der Menscheit Hoheziel--Hoheziel.
+
+*
+
+ So lautet in Aranada-Upanishad der dritte adhyaya: Kâma,
+Verlangen; nunmehr Karma, Wirklichkeit.
+
+
+
+
+IV.
+WIRKLICHKEIT DIESER WELT
+-- karma --
+
+
+
+ Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer, wisse:
+einfach ist alle Wahrheit, Vielheit ist Irrtum dieser Welt.
+ Wie das dichte Laubdach eines Urwaldes vor einem stürzenden Stamme
+zerreißt und helles Tageslicht plötzlich die Dämmerung am Boden
+überflutet--so brach bange Unwissenheit in sich zusammen und
+überstrahlte mich das Licht der Erkenntnis; und was große Lehrer vor
+mir als unausdenkbar erachtet hatten, als unergründlich, als ewiges
+Geheimnis--trat in mir zutage, wuchs und erstarkte zu voller
+Erkenntnis. Gesegnet sei die Stunde, da ich Gewißheit erlangte: also
+ist, was sie Tatgesetz nennen, also ist Wirklichkeit: Karma--
+Freiheit des Tuns--eherne Notwendigkeit.
+ Und schon einmal habe ich solche Erkenntnis ausgesprochen zu jenen
+Zeiten, als der König der Videha mich befragte; aber unverstanden
+blieb, was ich verkündete, unerkannt in seinen Tiefen--verlorene
+Wahrheit offenbare ich dir wieder.
+
+* * *
+
+ Aus ur-Sprung--: ur-Teil-Ich-Erscheinung; aus ur-Teil-Ich--:
+ver-Langen; aus Verlangen--: Tat
+ -- KARMA --
+
+*
+
+ Tat und Tatergebnis, Wirken und Wirklichkeit dieser Welt--in
+dir, o Teurer, als Lust und Leid bewußt, als Tat und Duldung, als
+Ursache und Wirkung, als Freiheit und Notwendigkeit--in dir, o
+Teurer, als vergeltende Gerechtigkeit der Gottheit wach.
+
+*
+
+ Also ist die Unterweisung:
+ Wie im dichtgeschlossenen Raume dein Atem die Luft verdirbt und
+die verdorbene Luft auf dich vergiftend zurückwirkt--
+ --wie ein fliehender Feind, von dir verfolgt, sich wendet und
+dich aus Tat und Angriff zu Abwehr und Leid zurückdrängt--
+ --wie das Geschoß der schwarzen Haut im Wurf auf dich zurückkehrt--
+ --wie dein Schwert, am Widerstand abprallend, dich selbst trifft--
+ --also ist Karma: Tat und Widerstand, Wirkung und Rückwirkung,
+Ausgleich, Vergeltung, ewige Gerechtigkeit--Wirklichkeit dieser Welt.
+
+* * *
+
+ Karma, Wirklichkeit dieser Welt, wirkt sich in dir aus Ursache und
+Wirkung.
+ Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in Ich und
+nicht-Ich.
+ Du empfindest eigner Tat Ursache in dir, schaust eigner Tat
+Wirkung außer dir, am wider-Stand; Widerstand ist Wirkung auf dich;
+Wirkung auf dich begreifst du als fremder Tat Ursache. Ursache wird
+Wirkung, Wirkung wird Ursache. Die Tat bedingt das Ergebnis, das
+Ergebnis bedingt die Tat; Voraussetzung ist Enderfolg; Folge ist
+Bedingung. Alle Wirkung ist in der Ursache; alle Wirkung ist
+Widerwirkung, Ausgleich von Ursache und Wirkung--Wechselwirkung--
+wie zwei Mühlsteine sich aneinander schärfen.--Eines Vorganges
+geschiedene Auffassung in dir, ur-teilende Namen. Was du fremd
+anschauend 'Ursache oder Wirkung' nennst, nennst du beteiligt 'Willen
+oder Unwillen' in dir. Je nachdem du willig-un-willig tust oder
+duldest, je nach Willen oder Unwillen in dir, erscheint verschieden,
+was Eines ist.
+ Eines ist, was du willkürlich scheidest--Eines ist Tat aus dir
+und Wirkung auf dich--Eines, was du seelisch auslegst und was du dir
+sinnlich vorstellst. Tuend nennt sich Ursache, was leidend sich
+Wirkung nennt, Beid-einheit--scheinbare Zweiheit durch zwiefache
+Benennung desselben.
+ Vor der ewigen Ich-gegenwart erscheint, was Eines ist, zu einer
+zeitlichen Kette auseinandergezogen, erscheint in Glieder zerstückt--
+ineinander greifende Glieder einer unlöslichen Kette von Ursache und
+Wirkung. Was in sich Eines ist, erscheint uns zeit-räumlich Schauenden
+zu Aus-ein-ander-folge ausgedehnt.
+ Es scheint, als sei Zerfall in Ur-teil und Gegen-teil, als sei
+Zu-stand und Gegen-stand, als sei Empfindung durch Wirkung des
+Empfundenen, als sei Folge und Folglichkeit. Keine Zeit an sich, kein
+Raum, keine Ursache, keine Wirkung, keine Folge, keine Folglichkeit.
+ Weil an sich keine Ursache ist, weil an sich keine Wirkung ist,
+darum ist keine Ursächlichkeit an sich. Im scheinbar bedingenden Worte
+"weil" liegt keine Ursächlichkeit; "weil" besagt nur: der weile, das
+ist: zur selben Zeit--nichts mehr. Im scheinbar folgernden Worte
+"darum" liegt keine Folgerung; "darum" besagt nur: daherum, das ist:
+am selben Ort--nichts mehr. Scheinbare Zweierleiheit zur selben Zeit
+am gleichen Ort ist Eines. Die scheinbar bedingenden, scheinbar
+folgernden Worte aller Sprachen besagen nur: in Zeit und Raum
+zusammenfallende Erscheinung, Beid-einheit--nichts mehr. Raumanstoß
+ist Zeitfolge--Selbeinheit, nicht Folglichkeit.
+ Was du Ursächlichkeit, Folge, Folglichkeit nennst, ist Fluß
+lückenloser Empfindung in dir, endlos in Einhauch und Aushauch atmende
+Willensbeziehung zum endlos aus dir geschaffenen Gegen-stand.--
+Nichts in der verlangenden Sinnenwelt, was nicht in Beziehung zu
+deinem Verlangen steht. Sinnliche Erscheinung ist Ausdruck deines
+seelischen Verlangens; Eines, durch rastlos irrendes Verlangen
+geschieden, und so, seelisch geschieden, sinnlich als Verschiedenheit
+geschaut. Wechselnde Eigenschaffung in dir erscheint außer dir als
+Wechsel der Beschaffenheit; zu-Stand und gegen-Stand bedingen
+einander; ändert sich dein Seelenzustand, so ändert sich deinen Sinnen
+der Gegenstand--erfasse es wohl: beides ist Eines.
+ Folglichkeits-erscheinung ist sinnliche Anschauung des Wechselnden
+im Beharrenden; Selbeinheits-erkenntnis ist seelisches Erschauen des
+Beharrenden im Wechselnden. Anscheinende Gesetzmäßigkeit ruht auf
+Vielheitstäuschung, das ist: deiner sinnlichen Auffassung
+zeit-räumliches Aus-ein-ander-fallen des in sich Einheitlichen.
+Folglichkeit--nur aus-ein-ander-gezerrtes Bild der Selbigkeit; ein
+Hinweis, daß Raum und Zeit bloße Erscheinung sei und nicht in sich.
+Kein Folglichkeitsgesetz dem Wissenden.
+ Zerfall in Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in "Ich
+und Du" im Ursprung; erscheint mit dem Zerfall des Ich in Zeit und
+Raum.--Wie Nacht dem Tage folgt und Tag der Nacht, so folgt in
+endloser Flucht des Geschehens Wirkung auf Ursache und Ursache auf
+Wirkung. Ursache bewirkt und Wirkung verursacht. Wie einer Sohn seines
+Vaters ist und Vater seines Sohnes, Vater und Sohn zugleich, so ist
+Ursache Wirkung und ist Wirkung Ursache--Wirkung und Ursache
+zugleich.
+ Vieler Worte bedarf es, Selbstverständliches darzulegen: Eines ist
+Ursache und Wirkung--willkürliche, an sich nichtige Unterscheidung
+in dir; doppelte Benennung des Einen, zwei Worte für dasselbe:
+Wirklichkeit, Karma--durch dich--auf dich wirkend; Kreislauf des
+Verlangens.
+
+* * *
+
+ Und ferner, o Teurer, Karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich
+in dir aus Freiheit und Notwendigkeit.
+ Freiheit des menschlichen Tuns, o Teurer? oder unabwendbare
+Gesetzmäßigkeit alles Geschehens? Offenbar wird dem Erkennenden die
+Lösung der großen Frage an aller Gestaltung, in jedem Vorgang, an
+allem Werden, an allem Sein. Dasein; alles Gewordene aus gebundener
+Freiheit. Du durchschaust das Rätsel am aufsteigenden Opferrauch, am
+Lauf der Gestirne, am Monde, an jeder Zelle. Alles Gebilde ist davon
+Bildnis; Urbild aller Gebilde--der Zwölfflächner.
+ Erwäge es wohl! So lange du die endlose Flucht der Erscheinung
+'teilend' zu beherrschen glaubst, so lange irrst du im Wege zu
+Erkenntnis--: 'einigend' nahst du dem Hohenziel.
+ Erwäge es wohl! Nur die voll erkannte Lehre löst dich aus den
+Fesseln der Unwissenheit--: nicht eher offenbart sich dir das
+Geheimnis; nicht eher erwachst du aus vieltausendjährigem Schlummer.
+ Nicht überliefert wurde mir die Lehre von der Gemeinschaft
+schauender Meister; aus dem Urquell alles Gedankens ward mir die
+Lösung, die seit dem Erwachen der Menschheit gesuchte.
+
+*
+
+ Also ist die Unterweisung:
+ Wie ein Ball, aufschlagend, sich abflacht--
+ --wie runde Beeren, in der Traube zusammengedrängt, zu kantigen
+Formen auswachsen--
+ --wie Wasserblasen im Schaumballen, einander bedrängend, aus der
+erstrebten Kugelgestalt mit Notwendigkeit zu Zwölf-flächnern werden--
+ --wie die gewollte Kreisform dicht aneinandergeschlossener
+Bienenzellen sich mit Notwendigkeit zum Sechseck gestaltet--
+ --so widerfährt dem Ich im nimmer endenden Verlangen, nach allen
+Seiten frei und ungehemmt sich auszubreiten,--notwendig Hemmung von
+allen Seiten, von allen Gegen-ständen Widerstand--
+ --so gestaltet sich, was du Freiheit nennst, zu Notwendigkeit;
+das ist: durch freien Willen Aller--notwendig gebundener Wille Aller--
+ und du erkennst:
+ Aller Freiheit ist Aller Notwendigkeit.
+ Dies ist Lösung der großen Frage, um die du mich angingst:
+Freiheit des Willens oder unabweisbare Notwendigkeit alles Geschehens
+--restlose Lösung. Was unergründlich schien, was Jahrtausende vor mir
+Morgen- und Abendland, alte und neue Welt, Rishi und Mahatma,
+vergeblich suchten--gefunden ist die Lösung des tiefen Rätsels,
+durchschaut der Widerspruch, erkannt die Einheit im Gegensinn.
+
+*
+
+ Einfach ist alle Wahrheit: Freiheit--zu-Stand des Ich,
+Notwendigkeit--gegen-Stand. Als frei getan empfindest du, was dein
+eigen, als notwendig geduldet, was dir entfremdet; Freiheit, was du
+willig in dir, Notwendigkeit, was du unwillig als draußen erachtest.
+Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Freiheit, was darüber hinaus, dem
+Weichbild des Ich in Raum entwichen, Notwendigkeit heißt.
+ Aller Ich bewegt frei den eigenen Willen, Aller Ich empfindet sich
+mit Notwendigkeit bewegt vom frei bewegten Willen Aller.
+ Freien Willen, also gehemmt, empfindest du als Unwillen;
+empfundenen Unwillen legst du aus als fremder Kraft not-wen-dige
+Wirkung; auf dich rückwirkende Freiheit nennst du Notwendigkeit;
+Wirkung aus dir--Wirkung auf dich.--Was du frei aus dir tust,
+bindet dich notwendig.
+ Freier Wille durch gegen-Stand not-wend-ig bestimmt; freier Wille
+in der Sinnenwelt gebunden.
+ Was ich will, will ich frei--ist Freiheit und Lust; was ich
+wider meinen Willen dulde, ist Unlust, Beschränkung, Notwendigkeit. Je
+nachdem ich dem mächtigen Zuge der Welt willig folge oder unwillig
+widerstehe--je nach dem ich willig-un-willig umfasse oder
+un-willig-willig entlasse--je nach meinem Ziel im Verlangen--
+erscheint verschieden, was Eines ist.
+ Was du in dir freien Willen oder fremden Willen außer dir nennst,
+ist einheitliche Beziehung inzwischen Ich und Ich, von beiden Seiten
+gleichzeitig als eigene Freiheit, von beiden Seiten gleichzeitig als
+fremder Zwang empfunden.
+ Kein Gesetz dem Wissenden:
+ Aller Freiheit ist aller Gebundenheit--Aller Wille ist Aller
+Gesetz.
+ Davon ist gesagt: "Gebunden ist Seele durch Seele." Was sie Gesetz
+nennen, ist gehemmtes Verlangen.
+
+*
+
+ Es verlangt dich im Zuge der Welt zur Erscheinung--es verlangt
+dich zur Erscheinungswelt hinaus. Je nachdem du voreilst oder
+zurückbleibst, je nach deinem zustimmenden oder abweisenden Verlangen
+erscheint dir das Werden-ver-Werden der Welt als eigenes Wirken aus
+dir oder als fremdes Wirken auf dich--je nach seelischer oder
+sinnlicher Auffassung--verinnerlicht oder entäußert.
+
+ *
+
+ Hinfällig ist aller Streit, der feste Bau ist gegründet. Freiheit,
+zu Ende gedacht, ist Notwendigkeit; Notwendigkeit, zu Ende gedacht,
+ist Freiheit.
+ Eines ist, was du zwiefach benennst: Freiheit und Notwendigkeit,
+willkürliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir.
+ Dein Verlangen schafft was du Freiheit, dein Verlangen schafft was
+du Notwendigkeit nennst. Karma, Wirklichkeit dieser Welt willig in
+dich aufgenommen scheint 'freie' Wirkung aus dir; Karma unwillig
+abgewiesen ist notwendig Wirkung wider dich.
+ Freiheit und Notwendigkeit ununterschieden in sich, weder das
+eine, noch das andere, Eines doppelt benannt, zwei Namen für das Selbe
+--; unendliches Verlangen--endloser Widerstand--Karma in dir
+atmend.
+ Verloren ist Freiheit--gewonnen ist Freiheit; du selbst bist
+Herr und Gesetz, du selbst bist Schöpfer--Vernichter. Atma ist sich
+selbst Gesetz.
+ Noch einmal: Gib es auf, die Welt zu durchschauen, ehe dir die
+volle Erkenntnis von Karma auf geleuchtet ist.
+
+* * *
+
+ Und ferner, o Teurer! karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich
+in dir aus Tun und Dulden. Ich Dasein ist Tat. Tat erfüllt das Ich,
+Tat bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist nur durch Tat. Ich in
+allen seinen Gestaltungen ist Tat. Alle Tat ist Ich-Tat; keine Tat ist
+selbstlos.
+ Keine Tat geschieht um ihrer selbst willen: du tust, um durch Tat
+zu Tat-Frieden zu gelangen. P. W.
+ Tat ist Frucht des Verlangens, das Verlangen ist endlos. Keine Tat
+bringt das Heil. Kein Tun stillt das Verlangen; Verlangen ist ewig
+wach; Befriedigung ist ewig Täuschung.
+ Unerreichbares wähnst du durch Tat zu erreichen. Tat fördert neue
+Tat. Tat fordert neue Tat. Tat führt endlos zu Tat. Jede erfolgte Tat
+fesselt dich an den Erfolg der Tat. Tat verschuldet dich irdischen
+Mächten. Unselig ist alle Tat--eine ewige Kette. Alle Tat, gute wie
+böse, schafft neues karma. Keine Erlösung durch Tat--tuend wirkst du
+diese Welt.
+ Darum ist gesagt: "der bös Handelnde, der gut Handelnde bleibt
+durch sein Tun gebunden."
+ Darum sagt Shamkara, der Lehrer: "die Seele von Bösem und Gutem
+befleckt."
+ "Seele wird nicht höher durch gutes Werk, Seele wird nicht
+geringer durch böses Werk."--"Sein Reich leidet durch keine Tat
+mehr; über Gutes und Böses--über beides ging der Vollendete hinaus."
+ Darum sagt Shri-shagavad-gitâ-upanishad: "alles Tun ist von Schuld
+umhüllt."
+ Darum spricht die Gottheit Krishna: "ich bin außerhalb dieses
+Tuns."
+ Darum lehrt des Heilweges Buch: "das Höchste ist ohne Tun." "Wer,
+solches wissend, von Gutem und Bösem sich rettet, der rettet sich von
+Sinnen zu Seele; der rettet sich zu Atma, der solches weiß."
+
+*
+
+ Ich rede zu Suchenden, zu dir, o Schüler! draußen Stehenden ein zu
+bewahrendes Geheimnis. Ehe du es wagst von Tat zu lassen, erfasse die
+Lehre wohl.
+ Der Gedanke dieser Welt ist suchendes Verlangen; blind irrende
+Gedanken des Verlangens walten übermächtig allüberall. Was von
+Gedanken seelisch sinnlich in dir haftet, lebt, schlägt Wurzel in dir,
+schafft sich zu deiner Seele. Es denkt und will und handelt in dir.
+Irresuchenden Gedanken Stätte gewährend, irrst du im Wege zum
+Hohenziel.
+ Sei tätig so lange dir Tat Befriedigung gewährt; sei tätig, doch
+sei nicht in der Tat. Wahre die Ruhe deiner Seele--unberührt von Tat
+und Taterfolg--selbstvergessen. Also tuend wird dir Erkenntnis von
+Tat--Tat ohne Täter. Von Leid und Tat ungeblendet wirst du sehend.
+
+*
+
+ In dir, o Teurer, wächst mit jeder neuen Erkenntnis der Gedanke:
+'unausführbar in diesem Leben ist die Lehre'.
+ Nun wohl! Wende dich von diesem Leben ab, das dir des Lebens
+höchstes Gut versagt: 'Seelenfrieden'. Suche höheres Ziel! Du selbst
+bist Schöpfer und Vernichter. Aus deinem Verlangen schaffen sich die
+Welten; dein Verlangen schafft diese, dein Verlangen schafft andere
+Welten.
+
+* * *
+
+ Was ist, ist durch Gegensatz: daß die Welle sich hebe, muß ein
+Wellental sich bilden. Tat ist unablösbar von Leid; kein Tun ohne
+Dulden. Ich-dasein ist Tat und Duldung.
+ Tat ist am gegen-Stand; Tat ist gegen wider-Stand. Was dem Täter
+Tat und Lust ist, ist Leid und Duldung dem Widerstehenden. Aller Fraß
+ist Fressen und Gefressenwerden. Lust und Leid ergänzt sich in Täter
+und Dulder.
+ Alle Tat ist Frucht des Verlangens: das Verlangen treibt dich; den
+Trieb erleidend, tust du. Tuend leidest du und leidend tust du. Leid
+aus sich hinaus verlegt, nennt sich Tat.
+ Wir blinden Menschen erkennen das Leid nicht, wenn wir es Tat
+nennen.
+ Durch Tat ist Leid, durch Leid Tat. Ich tue das Leid, ich leide
+die Tat. Ich tue oder dulde Leid. Ich leide, weil du mir Leid antust;
+ich leide, wenn du mir leid tust. Ich mache mich selbst leiden. Ich
+empfinde mich außer mir, ich leide in dir.
+ Darum sagt Shánkar-atschárya, Verehrung sei ihm: "Tat--dem Wesen
+nach Leid". Tat und Widerstand--zwiefach Leid.
+ Leid fordert Lust--Lust fordert Leid.
+ Lust--fremdes Leid, Leid--fremde Lust; Lust ist Wirkung aus
+dir, Leid--Wirkung auf dich. Der Hammer ist zum Schlag, der Amboß
+zum Widerstand bestellt. Im Hammer Lust und Leid, im Amboß Leid und
+Lust. Darum ist Ein Wort für beides: ashma.
+ Was deiner Empfindung-Anschauung gegensätzlich erscheint, Duldung
+wie Tat, wächst aus derselben Wurzel, unterschieden nur durch
+unterscheidende Benennung, wie Wille und Unwille, wie Ursache und
+Wirkung, wie Freiheit und Notwendigkeit, wie Zeit und Raum, wie oben
+und unten--unterscheidende Namen in dir--Zerfall im Ur-sprung in
+Ich und Du.
+
+*
+
+ Eines in sich ist, was du in karma mit gegenteiligen Namen
+bezeichnest; Eines, was du verlangend Lust, abweisend Leid nennst;
+dasselbe un-willig-willig getan, willig-un-willig gelitten.
+ Was von Gedankenwellen dir willkommen zuströmt, erbaut dich, baut
+das Ich in dir; was dir behagt, was du willfährig aufnimmst, was du
+zustimmend, bejahend, wohlwollend umfaßt; was du einwilligend dir
+aneignest, was sich dir willig fügt, was dir zu Willen ist, was dein
+Wille, was du selbst bist, gebärt in dir, deine Seele bewegend--:
+Zeit, Ursache, Freiheit, Tat und Lust--du tust, dein
+gegen-Ich-duldet.
+ Was, aus deinem Willen geboren, zu Unwillen in dir wird, was dir
+als Widerwille Abbruch tut, was dir entgeht, was du unwillig hingibst,
+unwillig entbehrst, was du widerstrebend empfindest, was dir
+widersteht, was erwidert, anwidert, was widrig, widerwärtig ist, was
+wider deinen Willen geschieht, wendet sich gegen dich, gewinnt Macht
+über dich, unterdrückt dich--aus dem Raum deine Sinne bewegend--
+als Duldung und Leid, Wirkung fremder Tat, Notwendigkeit--dein
+nicht-Ich tut, du duldest.
+
+*
+
+ Du irrst in anfang-endlosem Kreislauf der Erscheinung; du irrst
+nach Lust, und irrend--irrst du. Dich gelüstet und du wandelst,
+lustbefangen, deine Empfindung zur Vorstellung, deine Einbildung zur
+Anschauung, zu-Stand zu gegen-Stand; Wille wird Kraft, Zeit wird Raum,
+Ursache Wirkung; du schaffst, lustgebunden, Zwang, Gesetz, Duldung,
+Notwendigkeit; es ist Schrecken und Qual, Nacht und Tod.
+ Dich gelüstet und du ziehst das Abgestoßene, Unlust, Gegenstand,
+Raum, Kraft, Wirkung, Notwendigkeit Gewordene wieder zustimmend an
+dich an; nimmst, wider-Stand aufgebend, den Gegensatz wieder wollend
+in dich auf; wandelst Vorstellung zu Einbildung, wandelst Anschauung
+zu Empfindung;--durchbrochen ist der Zauber; fremder Gegenstand ist
+eigener Zustand, was fern schien, ist in dir, was zu fallen schien
+steigt an, was niederging geht auf und alles Geschehen, was
+Rückbildung schien wird Entfaltung, was Vernichtung--Entstehen;
+Kraft wird zu Willen, Raum wird zu Zeit, Wirkung wird Ursache, Duldung
+--Tat, Notwendigkeit--Freiheit, und was du Leiden und Tod nanntest,
+ist Leben und Lust.
+ Du wandelst aus eigener Kraft schlaftrunken in eigener Schöpfung;
+und wandelnd wandelst du dich selbst, wandelnd wandelst du die Welt.
+
+*
+
+ Freudvoll sind diese Welten--doch vergänglich sind Freuden
+dieser Welt; vergänglich wie Blüten, welkend wie Jugend, enttäuschend
+wie Liebesgenuß.
+ Grauenvoll sind diese Welten, wahnbefangen, not und leiderfüllt;
+ganz im Banne nimmergestillten Verlangens, ganz im Banne ewig
+friedloser Tat, allen Schrecken preisgegeben, preisgegeben dem Tode.
+--Eine Welt, in der aller Sieg auf Niederlage ruht, alle Freude auf
+Schmerz, alle Lust auf Leid, alles Leben auf Vernichtung: vom
+Brunstschrei bis zum Todesröcheln--eine Welt aus Gier und Fraß, aus
+Angst und Flucht, aus Kampf und Qual; ein ewig stürmendes Meer--
+unabsehbar an Raum, endlos an Zeit--an rastlos quellendem Leben
+übervoll--nur von Einem Gedanken erfüllt, voll nimmer gestillter
+Gier, ringsum zu töten! und tötend zu leben! Henker und Opfer
+zugleich, wir blinden Menschen. In allen Höllen und allen Erden dieser
+Welt--in allen Himmeln!--eine Welt, die sich selbst frißt--nie
+auszumessendes Maß von Leid.--Wohl dir--wehe dir, daß du blind
+bist!
+ Wie vermöchte wohl, o Teurer, eine Welt auf tieferem Grauen zu
+ruhen? Wie vermöchtest du wohl, o Teurer, eine Welt zu ersinnen,
+grauenvoller als diese? Welten, die andere Welten verschlingen, selbst
+von anderen Welten verschlungen werden.
+ Grauenvoll sind diese Welten, doch vergänglich ist alles Grauen.
+Grauenvoll sind diese Welten;--alles Grauen dieser Welten ruht auf
+Lust!
+
+*
+
+ Die, erkenntnislos, sich zu Lehrern aufwerfen, reden von guten,
+reden von schlechten Welten; Toren klagen über Verschlimmerung dieser
+Welt, Toren träumen von einer Besserung dieser Welt--einer Welt, die
+ewig auf Verlangen und Widerstand ruht, ewig auf Tat und Duldung, ewig
+auf Lust und Leid.
+ Dieser Welt Dasein ist durch ur-Sprung, durch zwie-Spalt; durch
+ent-Zweiung ist diese Welt, durch gegen-Satz, durch wider-Spruch. Wie
+vermöchte, o Teuerer, bei Menschen, bei Göttern, in Felsen oder
+Pflanzen, Tat zu schwinden, da Verlangen lebt? Wie vermöchte in der
+Welt Leid zu schwinden, solange Lust und Tat lebt? Wie gäbe es ein
+Wirken ohne Ziel, Verlangen ohne Tat, Tat ohne Widerstand, Widerstand
+ohne Leid? Wie vermöchtest du, o Teurer, in dieser Welt Sieger zu sein
+ohne Besiegten? Wie ein Selbst ohne Selbstsucht? Ein Ich ohne Du? Wo
+in dieser Welt weißt du ein Leben ohne Tod?
+ Die Welt ist durch Kampf, Leben durch Vernichtung, aller Aufbau
+durch Zerstörung, alles Entstehen durch Vergehen: --in allem Werden
+liegt ver-Werden. Wie vermöchtest du dieser sich also gestaltenden
+Welt in die Arme zu fallen? Wie vermöchtest du, o Teurer,--Zeit und
+Raum durchschauend--solcher Täuschung nachzuhangen?
+ Erblinde für diese Welt! von dieser Welt ungeblendet wirst du
+sehend.
+
+*
+
+ Wir Menschen steigen an zu Göttern und über Götter hinaus und mit
+uns steigt alle Gestaltung dieser Welt. Was wir heute Tier oder leblos
+nennen, ist dann Mensch--Mensch, wie wir heute Menschen sind, mit
+all unserer Lust und Qual. Menschen steigen an zu Göttern und Menschen
+bleiben im ewigen Kreislauf und Welt bleibt Welt--ewig wie heute--
+ewig nach Erlösung dürstende Seele. Ein unabsehbar ewiger Strom, von
+Welten und Wesen, der, das All durchmessend, in seiner eigenen Quelle
+mündet.
+ Wie Meeresatem: Flut folgt auf Ebbe, Ebbe auf Flut; Meeresbewegung
+wohl, doch keine Fortbewegung des Meeres. Wohl ist Ziel-Bewegung
+innerhalb dieser Welt, doch keine Fortbewegung der Welt--wohin auch,
+wenn nicht über die Welt hinaus?
+ Wohl ist hier oben, doch ist kein oben allein. Wohl ist jetzt
+Flut, doch Flut ist durch Ebbe; wohl tagt es, doch Nacht war es vor
+Tag und Nacht folgt dem Tage und Nacht ist es bei Tag.
+ Nicht Tag allein ist Leben und Welt, Nacht nicht die Kehrseite des
+Tages: ewig ist Tag und Nacht zu gleich. Aus Einhauch und Aushauch ist
+Atem, aus Flut und Ebbe Meeresbewegung, aus Tag und Nacht, aus Lust
+und Leid die atmende Welt.
+ Der Nacht Schlaf ist Erwachen des Tages, Vergehen des Tages ist
+Entfaltung der Nacht: Was Entwicklung scheint ist ewiger Kreislauf
+Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen.
+
+*
+
+ Verlangen in dir äußert sich, Wille aus dir gewinnt außer dir
+Gestalt, Tat aus-geführt, im gegen-Stand, selbständig geworden, stellt
+sich als eigene Kraft wider dich. Bewußter Wille wandelt sich--aus
+deinem Bewußtsein entlassen--zu auf dich wirkender Kraft. Aus dir
+geboren, dein eignes Kind legt Hand an dich. Du wirst von dem
+ergriffen, was du ergreifst; du bist dem zu eigen, was du dein eigen
+nennst, und was du schlägst, schlägt dich. Dein Werk, aus dir gewirkt,
+ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurück.
+ Vorstellend wirkst du und wirkend stellst du vor. Vorstellung ist
+Wirkung aus dir; gegen-ständlich Vorgestelltes ist Gegenstand;
+Gegenstand widersteht; Widerstand ist Wirkung auf dich. Wirkend wirkst
+du auf dich selbst. Freier Wille, als Unwillen aus dir entlassen,
+nötigt dich, sich gegen dich wendend, als Not-wend-igkeit--karma.
+--Alle Tat, alles Wirken, alle Wirklichkeit ist wider dich selbst.
+ Darum ist gesagt: "gebunden ist Seele durch sich selbst."
+ Du tust und leidest deine Tat; alle Tat aus dir trifft dich
+selbst. Was du dem Andern zu tun vermeinst--Gutes wie Böses--tust
+du dir selbst. Deine Tat ist dein Urteil, deine Tat ist dein
+Schicksal. Alles Geschehen dieser Welt--der Gottheit ewig
+ausgleichende Gerechtigkeit--karma.
+ Darum ist gesagt: "Vergeltung der Tat am Täter."
+ Darum ist gesagt: "das Trinken der Vergeltung."
+ Darum wird gesagt: seine Lust büßen.
+
+*
+
+ Im verlangenden Ich wirkt sich das Werden dieser Welt.
+ Alle Wirklichkeit ist atmendes Verlangen in dir; in dir ist alles
+Geschehen und alles Geschehens Wertung. Die ganze Welt ist Inhalt
+deiner Seele, Ausdruck deines Verlangens, Abbild deiner selbst,
+sinnliche Ent-Gegnung seelischer Bewegung in dir. Deine Vorstellung,
+dein Verhalten, deine Auffassung, Gesinnung, Neigung--deine
+über-Zeugung--schafft unterscheidende Namen und unterschiedene
+Dinge. Eins an sich ist, was du Ursache oder Wirkung, Freiheit oder
+Notwendigkeit, Tat oder Duldung, Leben oder Tod nennst.
+ Du selbst bist Ur-sache; aus deinem Verlangen schaffen sich die
+Welten.
+ Dein Verlangen schafft Alles, dein Verlangen wandelt Alles.
+Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden. Aus deinem
+Verlangen wird die Welt--erscheint und ist.
+
+*
+
+ Alles Wirken und Geschehen--in dir, o Teurer, alle Bewegung und
+aller Stillstand, alle Unterscheidung und aller Wandel--in dir, o
+Teurer--Werden ver-Werden--in dir. Im Weichbild deiner Welt
+spaltet Alles, spielt Alles gegen einander, hält Alles sich die Wage;
+alle Tat findet Vergeltung, alles Geschehen gleicht sich aus, aller
+Gegensatz hebt sich auf, alles Außereinander kehrt in sich zurück, wie
+Wellen sich ebnen.
+ Dieser Welt Gleichgewicht im ewigen Kreislauf durch ur-Teil und
+gegen-Teil; Vergeltung durch Ausgleich, Frieden durch Gleichmut--in
+dir, o Teurer, als ewige Gerechtigkeit, als Tugend und Glück, als
+Erkenntnis und Weisheit wach.
+ Aller Gegensatz und aller Ausgleich ist in dir, o Teurer.
+ Wie auch Verlangen und Tat, wie auch Liebe und Haß, Lust und
+Grauen, Leben und Tod dieser Welt gegen einander stürme--der Welt
+Wesen ist unbewegt. Wie auch Tag und Dunkel dieser Welt wechsle--dem
+Wissenden leuchtet ewiges Licht.--
+
+*
+
+ Du erkennst:
+ Was du in karma mit widersprechenden Namen belegst, ist
+willkürliche, in Gegenteile auseinander spaltende, an sich nichtige
+Unterscheidung in dir--
+ Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--außer dir
+als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist nur Kennzeichnung deines
+wechselnden Verlangens, deines wechselnden zu Standes zum
+selbstgeschaffenen gegen-Stand.
+ Eines ist, was du--urteilend--willkürlich scheidest; Eines,
+was du durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst:
+Willensgestaltung; dein Willen und was wider deinen Willen, wieder
+dein Wille ist.
+ Urteil und Eigenschaft der Dinge und des Geschehens ist deine
+Empfindung und Widerspiegelung deines innen-Befindens; ist deine
+Einbildung und nach außen Verlegung--Auslegung deiner Einbildung,
+das ist Vorstellung; unbewußt bewußte Einbildung, bewußt unbewußte
+Vorstellung.
+ Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
+Dinge Eigenschaften; eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt.
+ Ich aus s-Ich wirkend, wirkt die Wirklichkeit dieser Welt--Ich
+ist karma.
+ Du selbst bist Ur-sache: bist Anziehung und Abstoßung, Liebe und
+Haß; Lust und Leid ist Abbild deiner selbst, dein Werden ver-Werden.
+Einheit an sich--in dir unterscheidende Namen. In deinem Herzen sind
+die Auseinandertretungen, Unterscheidung deine eigene Schöpfung. Nur
+in deiner Empfindung ist Wandel, nur in dir ist Leben und Atem, nur wo
+du bist, ist Welt: Spiel deiner Seele, lebendige Schöpfung aus eigner
+freier selbstherrlicher Kraft.
+ Du erkennst dich Atma in allen Namen, du erkennst dich Atma in
+allen Wesen dieser Welt: das Alles bist du, endlos an Gestaltung und
+Zahl.
+ Darum ist gesagt: "Himmel und Erde in deinem Herzen."
+
+*
+
+ Durch ur-Sprung--ur-Teil, sich ab-scheidend unter-scheidet: Ich
+--Welt; weiß sich Bestand--Akâsha; fühlt Verlangen--Kama; erfährt
+Wirklichkeit--Karma; unterscheidet in Akasha atmend: Zeit und Raum;
+unterscheidet in Kama atmend: Wille und Kraft; unterscheidet in Karma
+atmend: Tat und Duldung--: all-so ur-Teil--gegen-Teil atmend wirkt
+s-Ich in dir die Wirklichkeit dieser Welt.
+ Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung;--alle
+ver-Schiedenheit, alle Umwandlung, alle Vielheit bloße Worte, nur
+Namen--Eines ist es in Wahrheit.
+ Sehend geworden erkennst du:
+ Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen:
+ -- âtmâ --
+
+*
+
+ So, o Teurer, mögen wir Menschen, die Erscheinung durchschauend,
+uns Karma vorstellen. Vorstellung, nicht letzte Erkenntnis. Weg zur
+großen Lehre, draußen Stehenden ein zu bewahrendes Geheimnis--
+verhüllte Wahrheit--upanishad.
+
+* * *
+
+ So lautet in âranâda-upanishad der vierte adhâyâ: Karma,
+Wirklichkeit; nunmehr: Manas, Verstand und Urteil.
+
+
+
+
+V.
+DER URTEILENDE VERSTAND
+-- manas --
+
+
+
+ Zu dem was ich dir nunmehr zu sagen gedenke, o Teurer, behalte vor
+Augen:
+ Geringes Verständnis spricht durch uns Menschen: Von Trugbildern
+unserer Sinne geblendet, taumeln wir, einer geängstigten Herde gleich,
+dahin und dorthin, von Torheit zu Torheit, wie Blinde von Blinden, wie
+Irre von Irren geführt.--
+ Sagt dir Jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den
+Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute
+und verabscheue nicht das Böse--so antworte ihm: diese Lehre lehrt,
+über Recht und Unrecht hinaus, der Menschheit höchstes Ziel--
+Selbstlosigkeit.
+ Und gewiß: festgefügt ist der Grundbau dieser Lehre,
+unerschütterlich, auf dem Grunde, der unsere Welt trägt. Ist das Eine
+so ist das Andere--untrennbar; untrennbar ist Erlösung von dieser
+Lehre vollem Erleben.
+
+*
+
+ Durch ur-Sprung: ur-Teil-Ich-er-Scheinung; aus ur-Teil-Ich:
+ver-Langen: --Tat; aus Tat-widerstand: --Verständnis.
+ -- MANAS --
+
+*
+
+ Manas--Denktätigkeit dieser Welt, Namen des Bewußtseins:
+Unterscheidung, Überlegung, Erwägung, Einsicht, Verstand und Urteil.
+ Also ist die Unterweisung:
+ Ich komme auf Gesagtes zurück, o Teurer: widersprechend ist der
+Wille in den Beiden, die von getrenntem Standort aus--verständnislos
+--einander bekämpfen; widersprechend auch das Urteil.
+ Ich, siegend, will die Tat, und sein Urteil ist seinem Willen
+gemäß: "du bist meine Nahrung, ich töte dich, es ist mein Recht".
+ Ich, unterliegend, enwill die Tat, und sein Urteil ist seinem
+Willen gemäß: "du darfst mich nicht töten, es ist Unrecht und böse."
+
+*
+
+ Du erwägst zunächst das Urteil im Raum erscheinend:
+ Der Gedanke in beiden ist Einer: Ich-Bestand, Ich-Verlangen,
+Ich-Tat; Bestand, Verlangen, Tat steht in Ich und Ich sich selbst
+gegenüber.
+ Im Einen wie im Andern derselbe Wille, dieselbe Tat--
+widersprechendes Urteil. Jeder der Beiden will die Tat tun, Keiner der
+Beiden will die Tat dulden. Wer angreift und siegt, lobt Wollen und
+Tun; wer abwehrt und erliegt, schilt Wollen und Tun. Hier Lob, dort
+Tadel; Recht dem Einen ist Schuld dem Andern.
+ Urteil widerspricht sich im Raum.--
+
+*
+
+ Ferner: Urteil in der Zeit erscheinend:
+ Je nachdem Ich Angriff-Abwehr aufnimmt auf gibt, gestaltet sich
+das Urteil im Ich.
+ Ich, das angreifend die Tat tun will, Ich, das angegriffen die Tat
+nicht dulden will--wechselt seinen Stand zur Tat: will, was es dem
+Andern antun wollte, nicht mehr tun; will selbst erdulden, was der
+Andere von ihm erdulden sollte--will dulden, nicht tun. Mit
+gewechseltem Standort wechselt der Wille, mit gewechseltem Wollen
+wechselt das Urteil. Ich schilt, was es lobte, Ich lobt, was es
+schalt.
+ Urteil wechselt in der Zeit.--
+
+*
+
+ Und ferner: Urteil in sich:
+ Je nach dem vierfachen Standort des Ich im Verlangen, je nach
+zwiefachem Stand des Ich in sich, je nach zwiefachem Stand des Ich
+außer sich, ist die Beziehung des Ich zum gegenständlich aufgefaßten
+Gedanken, ist Willen und Urteil des Ich. Ein und das selbe Ding, das
+selbe Tun, der selbe Vorgang, Ein Geschehen, Ein Gedanke erscheint im
+Ich als verschieden, als in gegen-Teile zerfallen, als Zweierlei, je
+nach dem Willensstandort des Ich zum Gedanken--je nachdem der
+Gedanke dem Ich als Gegensatz zu sich, oder als Gegensatz in sich, als
+fremder Gegenstand oder als eigener Zustand erscheint. Der
+einheitliche Gedanke: 'Fraß' wird zweierlei: 'Fraß an dir--Fraß an
+mir, fressen und gefressen werden'.
+
+*
+
+ Das selbe Eine unveränderte Ich urteilt über den selben Einen
+unveränderten Gedanken vom selben Standort zur selben Zeit--
+zwiefach; zwiefach auf jedem Standort, zwiefach zu jeder Zeit; gut und
+zugleich böse, schön und zugleich häßlich, recht und zugleich schuld,
+je nachdem Ich den Gedanken aufnehmen oder abweisen will, je nachdem
+das Urteil dem eigenen oder dem gegenständlichen Ich gelten soll, je
+nachdem das Urteil mein Ich--m-Ich, oder dein Ich--d-Ich betrifft.
+ Angreifend hält Ich Angriff für Recht, doch selbst angegriffen für
+Schuld. Fressend hält Ich das Tun für löblich und gut, doch selbst
+gefressen für unrecht und böse--, dich fressen ist recht, mich
+fressen ist schuld'. Lob und Tadel, gut und böse, schön und häßlich,
+Fraß und nicht Fraß in Einem Atem, Verlangen, urteilend, steht sich
+selbst gegenüber.
+ Alles Urteil trägt sein Gegenurteil in sich. Wie kein Teil ohne
+Gegenteil, so kein Urteil ohne Gegenurteil.
+ Urteil ist nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich
+im Raum, nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich in der
+Zeit, Urteil ist zwiespältig in sich.
+
+*
+
+ Alles Urteil ruht in der Selbstherrlichkeit Ich; alles Urteil im
+Ich ist will-kür-lich wechselnd.
+ Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit.
+ Alle Entscheidung im Urteil ruht auf Entscheidung im Willen.
+Willen liegt unmittelbar in jedem Urteil. Urteil und Willen deckt
+sich. Urteil ist Ausdruck des Willens. Immer ist Willen Lust; immer
+ist Unwille Leid. Willen hat immer Recht:
+ 'ich habe Lust--ich will; ich leide es nicht--will nicht. Was
+ich will ist gut; ich will es, darum ist es gut; böse ist was ich
+nicht will, was nicht ich will, was mich will.'
+ 'ich habe recht' heißt: 'ich will'; 'du hast Unrecht' heißt: 'ich
+will nicht'; 'du sollst' ist dasselbe wie 'ich will'; 'du darfst
+nicht' ist dasselbe wie 'ich will nicht'.--Alles Gebot, alles Verbot
+--müßige Fragen dem Wissenden.
+ Was ich an mich ziehe, nenne ich anziehend; was wider mich ist,
+ist widerlich; was mir schadet, ist schädlich; was meinen Zwecken
+dient, ist zweckmäßig; was nicht mir nutzt--nichtsnutzig; was zu
+schonen ist, ist schön; was ich liebe, ist lieblich; was ich hasse--
+häßlich.
+ Lust hier ist Leid dort; Lust jetzt ist Leid dann; in Lust ist
+Leid, in Leid ist Lust; Lust ist Leid, Leid ist Lust.
+ Keine guten und keine bösen Dinge auf der Welt; keine guten, keine
+bösen Geschöpfe; keine guten, keine bösen Menschen. Böse ist, was zu
+mir böse ist; gut ist, was zu mir gut ist. Du willst Wirkung aus dir;
+ungewollte Wirkung auf dich nennst du böse. Gutes wie Böses ist nur in
+deinem Urteil--sonst nirgends. Du lobst und tadelst dich selbst, je
+nachdem du am gegen-Stand an-Teil nimmst, je nachdem du dich selbst im
+gegen-Stand bewußt oder unbewußt empfindest.
+ Du erkennst: es gibt kein Urteil ansich. Urteil ist nur
+Rechtfertigung, nur Entschuldigung, nur Beschönigung deines
+Verlangens. Was als Urteil im Ich erscheint ist Willensausdruck. Wille
+ist Ich. Ich will, Ich urteilt. Es gibt kein Urteil
+ --Ich ist Urteil.--
+ Dies wunderbar Einfache erfaßt die Menschheit nicht.
+
+*
+
+ Wie dein Stand im Raum bestimmt, was mit rechts oder mit links,
+was mit oben oder mit unten zu bezeichnen sei; wie dein Stand in der
+Zeit bestimmt, was du als Vergangenheit und was du als Zukunft
+unterscheidest, so bestimmt deine Beziehung zum Gedanken, dein
+zu-Stand zum gegen-Stand--das Wollen in dir--du selbst--was du
+gut oder böse, schön oder häßlich, Recht oder Schuld nennst, und wie
+jenen Bedeutungen, so kommt auch diesen keine Wahrheit zu.--Wie
+deine gegen-Wart in Raum und Zeit ein willkürlicher Scheidepunkt ist,
+der dir das Recht zu geben scheint, Verschiedenheit zu schaffen, ein
+rechts und ein links, ein oben und ein unten, ein vorher und nachher
+zu unterscheiden, so schafft deine gegen-Wart zum gegen-Stand, deine
+Beziehung zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken, dein Stand im
+Verlangen, der Wille in dir--du selbst--Unterscheidung im
+Ungeschiedenen, macht dich als Gegensatz unterscheiden, was Eines ist:
+dein Verlangen--du selbst.
+ In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in dir ist
+Unterscheidung und aller Wandel der Unterscheidung. Wie aus rechts
+links wird, wie aus oben unten wird, wie aus hier dort wird, wie aus
+Zeit Raum wird, aus Willen Kraft, aus Freiheit Notwendigkeit, aus Tat
+Duldung, aus Lust Leid, aus Liebe Haß--so wird aus gut böse, aus
+böse gut, sobald du--atmend--dich in Gedanken wendest. Du neigst
+dich dem einen zu und neigst dich dem anderen ab. Dein Standort
+bedingt deinen zu-Stand; dein Zustand bedingt Willen und Urteil; Wille
+und Urteil bist du selbst.
+ Du urteilst gerecht nach bestem Wissen und Gewissen. Wie du auch
+urteilst, du urteilst von dir aus; von deinem Standort aus beurteilst
+du deinen gegen-Stand; je nach deinem Ver-ständnis, je nach deinem
+Ab-stand oder deinem An-stand bildet sich dein Urteil.
+ Wie du auch urteilst, es bleibt dein Urteil. Du erwartest, hoffst,
+nimmst Anteil; deine Zuneigung entscheidet oder deine Abneigung, Nähe
+oder Ferne deines Standortes. Wechselt dein Standort, so wechselt
+deine 'An-sicht'; wechselt deine Ansicht, so wechselt dein Urteil.
+ Du schaust und urteilst vom Standort des Täters oder schaust und
+urteilst vom Standort des Dulders; du versetzt dich in die Lage des
+Henkers oder in die Lage des Opfers; du nimmst, je nachdem du dich
+selbst fressend oder gefressen fühlst, bewußt oder unbewußt Partei.
+
+*
+
+ Dein Urteil ist deine Anteil-nahme, deine Be-teil-igung am
+Gegen-stand. Was dem Beurteilten von dir zuteil wird, bist du selbst.
+Dein Urteil ist dein Eingehen in den Gegen-stand, dein 'inter-esse',
+dein Einssein mit dem Gegenstand. Du bist Richter in eigener Sache und
+urteilend triffst du dich selbst.
+ Wie du auch urteilst, dein Urteil bleibt einseitig; doppelseitiges
+Urteil wäre Widerspruch in sich; vollständiges Ur-teil wäre
+vollständiges Teil. Gerechtes Urteil urteilt nicht.
+ Bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil widerspricht, denn er
+urteilt von eigenem Standort; bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil
+zustimmt; bedeutungslos wenn die Besten deines Volkes und aller Völker
+deines Urteils sind. Alle die, welche deinem Urteil beistimmen, stehen
+bei dir, sind dir Beistand, vertreten deinen Standpunkt, sind mit dir
+ein-ver-standen, deine Standesgenossen, deine Partner--nichts mehr.
+Alles Urteil ist Partei.
+ Alle Urteils-Wertung liegt in dir; was du am gegen-Stand
+beurteilst, bist du selbst--am Wesen des Beurteilten haftet kein
+Hauch deines Urteils, in keiner Form, in keinem Sinne, weder offen
+noch verborgen, weder hier noch sonstwo, weder heute noch je--Urteil
+ist Ausdruck deines Verlangens.
+
+*
+
+ Alle Wahrnehmung schafft sich in dir: gleichviel ob du solche als
+unbestreitbare Beschaffenheit des Gegenstandes erachtest, oder als
+eigengeschaffenes Willens Urteil durchschaust.
+ Eigenschaft außer dir und Urteil in dir ist Eines; je nach
+sinnlicher oder seelischer Auffassung erscheint dir das Geschaute
+fremd oder eigen, sachlich in sich oder willkürlich aus dir. Was dir
+Eigenschaft der Dinge scheint, ist Auslegung deiner Empfindung, ist
+dein eigener Zustand in den Gegen-stand verlegt; ist schaffendes
+Verlangen aus dir in deinen Gegenstand übertragen.
+ Seelisches Verlangen in dir gewinnt sinnliches Leben außer dir;
+Verlangen ausgelegt, im Raum selb-ständig geworden, wird leibhaftig,
+tritt dir als Ding verkörpert gegenüber. Deiner eigenen Seele
+Schöpfung, in räumliche Wirklichkeit hinausverlegt, ist außer dem
+Bereich deiner Seele dir entfremdet, darum von dir nicht mehr als
+Eigenschaffung erkannt, darum als Ding und Eigenschaft des Dinges
+sinnlich geschaut.
+ Je unmittelbarer die schaffende Vorstellung aus dir quillt, je
+unbewußter du selbst deine Vorstellung bist, desto fremder und ferner,
+desto unbedingter erscheint dir das zur Vorstellung Gewordene,
+erscheint sachlich an sich.
+ Erscheint dir aber Ding und Eigenschaft sachlich und unbedingt an
+sich, so erscheint auch alle Wahrnehmung am Dinge: Vielheit, Maß und
+Lage, Bewegung, Verhalten und Verhältnis der Dinge untereinander
+unbedingt, so erscheint die ganze dingliche Außenwelt, alle
+Wirklichkeit unabhängig von dir, unabhängig von deiner Wahrnehmung und
+Empfindung.
+ Was unbedingt scheint, bedingst du selbst; die Be-ding-ung ist in
+dir, daher die scheinbare Unbedingtheit. Dein Anteil an den Dingen
+schafft Ding und Eigenschaft der Dinge; der Dinge Anteil an dir ist
+dein Urteil und bist du selbst.
+ Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
+Dinge Eigenschaften--eigen Gewirktes Wirklichkeit dieser Welt.
+
+*
+
+ Urteilendes Urteil ist nur wo eine Beur-teilung von Ding und
+Eigenschaft, wo eine Teilung im Urteil möglich ist. Ist eine
+Wahlentscheidung zwischen Möglichkeiten--eine Will-kür im Urteil
+nicht denkbar, das heißt: sind Zwei-fel, das heißt zwei Fälle im
+Urteil ausgeschlossen, so ist kein 'Urteil', so ist bloße Benennung
+oder erweiterte Einsicht--Ent-deckung--nicht Urteil--wie:
+ Die drei Seiten eines Dreiecks, einer drei-geteilten Geraden
+entnommen, ergeben zusammengetan wieder die Gerade; die drei Winkel
+eines Dreiecks, dem drei geteilten Winkel einer Geraden entnommen,
+ergeben zusammengetan wieder den Winkel einer Geraden--nicht Urteil,
+sondern bloßes Ergebnis einer Drei Teilung und Wiederzusammenfügung
+der Drei Teilung; selbstverständlich--daher unwiderleglich,
+nichtssagend--daher widerspruchslos, gleichgültig--daher
+allgemeingültig, daher unbedingt, sachlich an sich erscheinend;--
+bloße Wiederholung des Selben, wie: 'zwei mal zwei gleich vier', das
+heißt: 'vier ist das Gleiche wie zwei mal zwei', bloße Umstellung oder
+Umbenennung, dieselbe Aussage mit andern Worten--fälschlich 'Urteil'
+genannt.
+ Willenloses Urteil, 'Urteil in sich' ist undenkbar, schüfe ewig
+Unlösliches, schüfe sich selbst Aufhebendes--wäre sinnliche Gottheit
+--undenkbar.
+
+*
+
+ Dein Urteil wertet den Gegenstand.
+ Was von Geschehen oder Dingen dir gleichgültig oder wertvoll
+erscheint, was zweckmäßig oder ziellos, unwiderleglich oder fraglich,
+vergänglich oder ewig, Zufall oder sogenanntes Gesetz--alle
+Wahrnehmung und Eigenschaft, unmittelbare Gewißheit oder bloße
+Benennung--alles außer dir Erscheinende ist aus dir hinausverlegte
+Vorstellung--sinnlich gewordene Ent-gegnung seelischer Bewegung in
+dir, Ausdruck deiner Anteilnahme, deiner Wertung, Abschätzung, Maß
+deines Verlangens--Widerschein deiner selbst.
+ Die ganze Welt außer dir ruht auf Verlangen in dir--
+einheitliches Verlangen vom ur-teilenden Ich als eigener Zustand oder
+als fremder Gegen-stand auf gefaßt. Verlangendes Urteil--urteilendes
+Verlangen in dir ist weltzeugende Kraft--aus dir gezeugte
+Überzeugung--du selbst.
+ In dir ist Ur-sprung--du selbst bist die in Raum und Zeit
+erscheinende, die wirkliche Welt; wie gäbe es in der eigenen
+Erscheinungswelt eine Erscheinung unabhängig von dir? Wie wolltest du
+die selbstgeschaffene Welt anders als in dir selbst erfassen? Du bist
+Herr und Maß, Gesetz und Schöpfer aller Dinge und deiner selbst. Was
+unergründbar bleibt ist unergründbarer Ursprung--Unauflöslichkeit
+ewiger Wahrheit bist du selbst.
+
+*
+
+ Ein Heer von Zweifeln stürmt auf dich ein--hoffe auf Erleuchtung
+--sei der Erleuchtung gewiß.
+
+*
+
+ Noch einmal:
+ Alles Urteil ist nur in dir.
+ Alles Urteil trägt sein gegen-Urteil unmittelbar und unablöslich
+in sich.
+ Alles Urteil hebt sich mit gewechseltem Willen zu nichts auf.
+ Urteil hat in sich, Urteil hat in dir keine Geltung, ist
+gleichgültig, gleich ungültig, bedeutungslos, sinnlos, leer, nichtig
+in dir, nichtig in sich.
+ Du erkennst:
+ Was du urteilend mit widersprechenden Namen belegst, ist
+willkürliche, in 'Gegen'teile auseinanderspaltende, an sich nichtige
+Unterscheidung in dir.
+ Was von solcher Unterscheidung--in dir als Urteil--außer dir
+als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Kennzeichnung deiner
+Gegen-wart im Verlangen, Kennzeichnung deiner Beziehung zum
+gegen-Stand,--dein Standort, dein zu-Stand, dein ver-Stand.
+ Urteil und Eigenschaft ist deine Empfindung und nach-außen-
+Verlegung--Auslegung deines innen-Befindens; deine Einbildung und
+Widerspiegelung deiner Einbildung, das ist Vorstellung;
+unbewußt-be-wußte Einbildung, bewußt-unbewußte Vorstellung--je nach
+deinem Wachsen oder Welken im Atem dieser Welt; Atem des Verlangens:
+Lust oder Unlust, Liebe oder Haß; je nach deiner Stimmung ist deine
+Bestimmung des gegen-Standes; je nachdem dir zu Mute ist, deine
+Zumutung an den Gegenstand; je nach deinem Verhalten dein Dafürhalten;
+je nach deinem Befinden ist deine Empfindung; je nach deiner
+Einstellung--deine Vorstellung.--Deine Auffassung, Beziehung,
+Gesinnung, Neigung, dein Werden-ver-werden schafft Urteil, Namen und
+Dinge.
+ Eines ist, was du urteilend willkürlich scheidest; Eines, was du
+durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst--
+Willensgestaltung, dein Wille und was wider deinen Willen wieder dein
+Wille ist: Aus dir gewirkt, auf dich wirkend--Wirkung und
+Wirklichkeit dieser Welt--deine eigene Schöpfung--du selbst.
+ Solches hast du klar erkannt.
+
+*
+
+ Es gibt kein Urteil an sich.--Aufgegangen in dir ist diese
+Erkenntnis; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr
+abzuweichen. Bedeutungslos, wenn die verworren denkende Menge solcher
+Erkenntnis fern bleibt; bedeutungslos, wenn einsichtige und
+wohlwollende Männer vor solcher Erkenntnis zurückschrecken, wenn
+solche, die sich für Wissende halten, bisher nicht gleich dir
+erkannten; bedeutungslos, wenn solche Erkenntnis in keinem der
+zahllosen Geschöpfe dieser atmenden Welt aufgeleuchtet wäre--von
+Menschen keinem, von Göttern keinem--wenn du allein stündest mit
+solcher Erkenntnis--bedeutunglos; unerschüttert bleibt: es gibt kein
+Urteil. Urteil ist Wille, Wille ist Ich, Ich ist Urteil.
+ Wie im ersten Samenerguß die ganze Menschheit ruht, so ruht alles
+Urteil im ur-Teil-Ich. Ich-Ur-Teil ist Ich-Urteil.
+ Darum lehrt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig
+vollendete Buddha, daß alles Auffassen in der Ichheit ein
+Nicht-auffassen sei.
+
+*
+
+ Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Begriffe, ausgelöscht alle
+dazwischen liegenden, alle verwandten Bezeichnungen, Beilegungen,
+Eigenschaften--ausgelöscht alles Urteil, alles An-sich sein dieser
+Welt.
+ Alle Unterscheidung durch Urteil--Recht und Schuld, gut und
+böse, Lob und Tadel, schön und häßlich--Gebot, Verbot--bloße
+Namen, nur Worte die sogenannten ewigen Gesetze--müßige Fragen dem
+Wissenden.
+ Ausgelöscht--vernichtet, worauf die Welt gebaut schien--Spiel
+deiner Seele, ein bloßes Bild, ein Traum--nicht ist Urteil, nicht
+sind diese Begriffe in Wahrheit.
+ Solches hast du klar erkannt; von solcher Erkenntnis vermagst du
+ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses
+hinaus--zu tieferer Einsicht zu gelangen vermöchtest.
+
+*
+
+ In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in deinem Herzen
+ist Unterscheidung und Wandel der Unterscheidung, in deinem Herzen die
+Schöpfung dieser Welt. Du selbst schaffst Zeit und Raum, du selbst
+bist Willen und Kraft, in dir ist Tat und Duldung, Ursache und Folge,
+Freiheit und Notwendigkeit; durch dich ist Verstand und Urteil, Recht
+und Schuld, gut und böse, schön und häßlich, durch dich ist diese
+Welt. Du bist Verlangen und Tat, Gesetz und Richter, Herr und Knecht,
+Schöpfer und Vernichter deiner Welt, deiner Welt Leben und Atmen--
+Atma--
+ Ausgelöscht, vernichtet, was unantastbar, was ewig schien--und
+nur Eines besteht: Ich! Ich und die Welt, die das Ich sich schafft--
+die Welt mit allem Heil und Unheil, mit aller Herrlichkeit und aller
+Qual, aller Hoffnung und Enttäuschung, aller Hoheit und aller
+Nichtigkeit--die Welt des Guten und Bösen.
+ Keine Welt ohne Ich und Verlangen, keine Welt ohne Tat und Tat
+Widerstand, keine Welt ohne Lust und Leid, keine Welt ohne gut und
+böse. Untrennbar ist Böses von Gutem, untrennbar Gutes und Böses von
+Ich und Welt. Ursprung des Bösen ist Ursprung des Ich. Das Böse zu
+treffen, triff dich selbst. Darum sagt Omar, der Zeltweber: "Ich
+selbst bin Himmel und Hölle".
+ Dies ist Lösung der Frage, um die du mich angingst--Ursprung des
+Bösen--Quell alles Guten--restlose Lösung!
+
+*
+
+ Es gibt nur Ein Böses in der Welt: die Ich-bin-heit--
+Selbstsucht, und alles was du Sünde, Knechtschaft, Leiden nennst,
+fließt aus ihr--Samsara. Es gibt nur Ein Gut in der Welt:
+Selbstlosigkeit--und Erlösung fließt aus ihr--Nirvana.
+ Erlösung vom Bösen ist Erlösung vom Ich. Selbstsucht zu Ende
+gedacht ist Selbstlosigkeit. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Gib alles
+auf um alles zu gewinnen; du bereicherst dich gebend, nehmend beraubst
+du dich. Es ist kein anderer Weg zum Gehen--der heilige Weg aus
+Schein zu Wahrheit, aus Nacht zu Licht, aus Tod zu Unsterblichkeit.
+
+*
+
+ Noch einmal durchdenke ich mit dir das Geschehen dieser Welt, die
+zwiefache in gegen-Teile zerfallende Beziehung des Ich zum eigenen
+gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken--: ab-Stand der gegen-Teile
+von einander und ver-Stand der gegen-Teile zu einander; den Weg aus
+Standhaftigkeit zu ver-Ständnis, den Weg aus Blindheit zu Erkenntnis,
+den Weg aus dem Ich zum nicht-Ich.
+ Zwischen Ich im eigen-Stand und Ich im gegen-Stand liegt die
+trennende Vorstellung--: nicht-Ich. Ich, vom Trugbild der Sinne
+geblendet, ver-kennt sich im gegenüberstehenden Ich--wie der Hund
+sich selbst im Spiegel anknurrt. Zwischen Ich und Ich klafft Spaltung,
+Zwietracht, Zwist, Kampf.
+
+ Ich hier: "ja, ich will dich!"
+
+ Ich dort: "nein, ich will dich!"
+
+ Verlangen lebt, wächst, übersteigt sich--fällt. Henker und Opfer
+kommen sich entgegen. Ich hier, wie Ich dort, wechselt in seinem
+Zustand, läßt von seiner Stand-haftigkeit, gibt wider-Stand auf, nimmt
+ab-Stand vom eigen-Stand, nähert sich seinem gegen-Stand, ver-stellt
+sich auf den Stand des Gegners, ver-ständigt sich mit ihm, ver-steht
+ihn--Ich hat Selb-ständ-igkeit aufgegeben, Ich hat ver-Stand
+gewonnen.
+ Ich hier wie ich dort ändert mit geändertem Stand Ansicht und
+Willen; Ich ändert sich, Ich wird ein anderes. Ich wandelt in Zeit und
+Raum; Ich-Standort-Wandel wandelt das Ich. Fremder gegen-Stand wird
+durch ver-Stand zu eigenem zu-Stand.
+ Ich hier wie Ich dort ist aus Raum in Zeit getreten, Eins mit
+seinem Gegner: kein Gegner mehr, keine Gegnerschaft, kein Widerwille,
+kein Widerstand, keine Tat. Ich hat sich durch ver-Ständnis im
+wider-Ich wieder erkannt--Ich hat Erkenntnis gewonnen, Ich hat im du
+sich selbst wieder gefunden.
+ Raum entzweit, Zeit eint. Was im Raum geschieden ist, fällt in der
+Zeit zusammen. Was sinnliche Anschauung trennt, eint seelische
+Erkenntnis. Ich und Ich, von blinder Anschauung aus-ein-ander
+gehalten, fallen, sehend geworden in-ein-ander.
+
+*
+
+ Und noch einmal: Sittlichkeit ist Durchschauen der Erscheinung.
+Ich ur-Teil, in sich gespalten, von sinnlicher Vorstellung "nicht-Ich"
+geblendet, in zwei Ich gegen-ein-ander entzweit:
+
+ Ich hier: "Ich will Tat-Angriff gegen dich."
+
+ Ich dort: "Ich will Tat-Abwehr gegen dich".
+
+ Ich, durch seelisches ver-Ständnis sehend geworden, erkennt im
+nicht-Ich sich selbst,--das trennende 'hier und dort' ist
+fortgefallen--ver-ein-igt, ein-mütig, Ein Ich, ein-ig, eines
+Willens:
+ "Keine Tat gegen mich selbst."
+ Sich selbst im Anderen erkennend vermagst du nicht böse zu wollen.
+
+*
+
+ Wie ein Ich auf zwei Standorten im Raum in zwei Ich gegen einander
+entzweit ist, so sind zwei Ich in der Zeit auf Einem Standort zu
+einander vereint: Eines.
+ Aller Zwiespalt durch Ich-da-Sein, durch Ich-bin-heit, asmita,--
+durch Selbstsucht; alle Eintracht durch ver-Ständnis, durch Erkenntnis
+--durch Selbstlosigkeit--das Geheimnis alles Geschehens, alles
+Werdens und Vergehens alles Lebens, alles Streites, alles Friedens,
+aller Sittlichkeit auf Erden--der Weg aus dem Ich zum nicht-Ich, der
+Weg zu Erlösung, der heilige Weg.
+
+*
+
+ Durch Ur-sprung in Ich und Ich: ist Ent-zwei-ung, Verlangen hier
+und Widerstand dort, Ein-tracht durch Erkenntnis.
+ Geschlossen hat sich der Zwiespalt, ausgefüllt die Kluft,
+verraucht das Verlangen; der Streit ist begraben, aufgegeben Tat,
+Frieden gewonnen; erreicht aller Sittlichkeit höchst gepriesenes Gut,
+erstanden das Wunder: Selbstlosigkeit--Nirvana in Samsara.
+
+*
+
+ Durch ur-Sprung ur-Teil, sich abscheidend, unter-scheidet: Ich und
+Welt; unterscheidet da seiend: Zeit und Raum; unterscheidet
+verlangend: Wille und Kraft; unterscheidet wirkend: Tat und Duldung,
+Freiheit und Notwendigkeit, Lust und Leid; unterscheidet urteilend:
+gut und böse, Recht und Schuld, schön und häßlich; also in allen
+Dingen dieser Welt ur-Teil-gegen-Teil atmend wirkt s-Ich die
+Wirklichkeit, wirkt s-Ich das Verständnis dieser Welt.
+ Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung; durch
+ur-Teil-ent-Scheidung alle ver-Schied-enheit; alles er-Schein-ende
+durch ur-Teils Urteil. Auf bloßen Worten beruhend die Vielheit, nur
+Namen--Eines ist es in Wahrheit.
+ Sehend geworden erkennst du:
+ Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen.
+ -- atma --
+
+*
+
+ Geringes Verständnis lebt in uns Menschen. Vom Trugbild dieser
+Welt geblendet, irren wir, einer dürstenden Herde gleich, dahin und
+dorthin, blind gegen den Quell alles Lebens.
+ Wo ist Erlösung?--Da, wo Erkenntnis ist.
+ Sagt dir jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den
+Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute
+und verabscheue nicht das Böse, so antworte ihm:
+ Diese Lehre lehrt über sinnliche Erscheinung hinaus--Seelen-
+Einheit--über menschliches Urteil hinaus--der Menschheit höchstes
+Ziel: Selbstlosigkeit. Selbstlosigkeit löst aus den Fesseln des Ich,
+aus den Fesseln nimmer gestillten Verlangens, aus nimmer gestillter
+Hoffnung, aus dem Kerker dieser Welt zur urewigen Heimat.
+ Und gewiß! Fest gefügt ist der Grundbau dieser Lehre,
+unerschütterlich, auf dem Grunde, der unsre Welt trägt. Ist das Eine,
+so ist das Andere--untrennbar; untrennbar Erlösung von dieser Lehre
+vollem Erleben.
+ Nicht an vergänglichem Werke wirke ich, in der Gottheit Tiefen
+ruht die Lehre, Menschen im Körper schier unergründlich--
+unergründlich.
+ Ehernes Tor der Erkenntnis--erlösende Wahrheit.
+
+*
+
+ So lautet in âranâda-upanishad der fünfte adhyâya: manas, Verstand
+und Urteil; nunmehr: buddhi, Erwachen.
+
+
+
+
+VI.
+ERWACHEN AUS DER ERSCHEINUNG
+-- buddhi --
+
+
+
+ Zu dem, was ich dir noch vom Kreislauf der Erscheinung zu sagen
+gedenke, o Teurer, erfasse wohl:
+ Auf Einem Gedanken ruht wovon ich dir rede--Samsara; auf
+Umzulangen im Ur-sprüng--auf Verlangen ruht diese Welt.
+ Eines ist, was wir, in dieser Welt erwachend, rastlos suchen;
+Eines, was wir, in irdischer Anschauung befangen, vielheitlich
+schauen; Eines nur, was wir mit zahllosen Worten benennen; alles
+Geschehen und alle Gestaltung, aller Geschöpfe und aller Welten
+all-einiger Gedanke:
+ -- Verlangen --
+ Verlangen, dem Ursprung entquellend, Verlangen nach Überbrückung
+der Kluft, Verlangen nach Wiedervereinigung--unserer Leben Sinn und
+aller Welten Ziel: Verlangen nach Erlösung.
+
+*
+
+ Was ich dir von tiefer Erkenntnis verkündige, besitzt die
+Menschheit nicht, und nicht überliefert wurde mir die Lehre aus der
+Gemeinschaft hoher Meister--: den Sinnen entrückt, der Gedankenqual
+entronnen, in wunschloser Allhingebung versunken--fand ich mich
+erleuchtet. Erkenntnis trat zu Tage, wuchs und erstarkte.
+ In solche Erkenntnis weihe ich dich ein; von solcher Erkenntnis
+getragen erachte dich auf rechtem Wege--du nahst den Wissenden.
+
+*
+
+ All-ur-sprung: ur-Teil und gegen-Teil; aus solcher Ent-zwei-ung--:
+ver-Langen nach Ergänzung; aus solchem Verlangen--: Tat; aus
+Tat-widerstand--: Erkenntnis
+ -- BUDDHI --
+aller Welten Hoheziel!--Erfasse den großen Gedanken, ehe deine Lippe
+ihn ausspricht--
+ --Erwachen der Menschheit--
+
+*
+
+ Wer sein Heil im 'Ich' sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist
+Selbstsucht Gottheit.
+ Wer sein Heil in dieser Welt sucht, der bleibt dieser Welt
+verfallen; dem ist kein Entrinnen aus ungestilltem Verlangen; dem ist
+kein Entrinnen aus nichtigem Spiel; dem ist kein Entrinnen aus den
+engen Fesseln des 'Ich'. Wer sich aus dieser Welt nicht erhebt, der
+lebt und vergeht mit seiner Welt.
+ Wem die Gnade des Ishvara das Auge geöffnet hat, der durchschaut
+diese Welt. Wer diese Welt durchschaut, der ist für diese Welt
+verloren.
+ Darum ist Erkenntnis Enttäuschung, darum ist Erkenntnis Erwachen.
+Erwachen ist Erlösung--Erlösung ist Vollendung in Gottheit.
+ Davon ist gesagt: "Erkenntnis--und einen andern Weg hat der
+Mensch nicht."
+
+*
+
+ Hüte das Urerbe--dir zum Heil und allen denen, die auf Erden mit
+dem Tode ringen.
+
+*
+
+ Also ist die Unterweisung:
+ Aus Sinnes-wahr-nehmung wird, was du Wirklichkeit dieser Welt
+nennst. Was deinen Sinnen wirklich wahr scheint, ist deinem Nachsinnen
+hinfällig; was deinen Sinnen standhält, flieht vor deinem Besinnen,
+mündet, sich selbstwidersprechend, in Widersinn, und nur in sinnlicher
+Auffassung scheint Sinn in der Welt. Und gewiß: wäre letzter Sinn in
+der Erscheinung, so wäre Erscheinung Wesen.
+ Sinneswahrnehmung in dir ist rings um dich sinnlich begrenzt.
+Grenze deines Schauens ist der Gegenstände sinnlicher Widerstand--
+Seele der Dinge bleibt deinen Sinnen ewig unnahbar.
+ Wie ein Strom Ufer von Ufer trennt, so trennt sinnliche Anschauung
+Seele von Seele; und wie du von Ufer zu Ufer auf unsicher schwankender
+Fähre gelangst, so gelangt Seele zu Seele durch blind suchende Sinne;
+und wie ein mächtiger Strom jenseitiges Land völlig deckt, so decken
+zügellos stürmende Sinne alle Seele außer dir.
+ Irdische Wahrnehmung ist der Blindheit vergleichbar--was wir
+hier in Gestalten und Farben gläubig schauen, ist nicht die Welt,
+Samsara zeugt blinde Kinder.
+
+*
+
+ Maya! Es scheint, es stellt sich dar, es mutet dich an, dich
+gelüstet danach und du erliegst der Lust.--Von gleißender
+Erscheinung geblendet, suchst du unsicher tastend dein Ziel, taumelst
+Wahnbildern folgend, von Trug zu Trug--wahrlich einem Trunkenen
+vergleichbar. Und wie ein Trunkener unter den Hufen einer Büffelherde
+sich im Paradiese träumt, so träumst du trunken von Sinneslust ein
+erlogenes Glück--die ewige Lüge!
+ Verlangen in dir ist der Seele Verlangen nach ewigem Ziele;
+Sinneswahrnehmung in dir hält dich in vergänglicher Erscheinung
+zurück. Die Erscheinung ergreifend, bist du ergriffen--Seele in den
+Fesseln der Sinne.
+ Darum sagt Maitrâyana Upanishad: "Seele von den Gegenständen
+überwältigt."
+ Darum sagt man: sich ernüchtern, wieder zu sich kommen, sich auf
+sich selbst besinnen.
+ Darum lehrt der Erlauchte: "Unterscheidung des Wandelbaren vom
+Unwandelbaren, des Ewigen vom Vergänglichen, Unterscheidung des Wesens
+von der Erscheinung."
+
+*
+
+ Unabsehbare Kluft, unlöslicher Widerspruch uns irdisch Schauenden
+zwischen Erkenntnis und Anschauung; Torheit, ewiges Ziel in
+vergänglicher Erscheinung zu suchen. Daraus sinnloses Hasten und
+Irren, endloser Wechsel, unablässige Erneuung; daher die
+Unbeständigkeit, die Friedlosigkeit, die Vergänglichkeit alles
+Irdischen, daher die Unsinnigkeit steter Wiederholung alles
+Geschehens, aller Gebilde, aller Gedanken--ein rastloser Kreislauf
+von Hoffnung zu Enttäuschung. Darum die Unzulänglichkeit, das
+Stückwerk, die Unvollkommenheit aller Dinge; die Unwiederbringbarkeit
+der Zeit, die Unüberwindbarkeit des Raumes; darum des Hohenzieles
+Unerreichbarkeit, des Zweifels Unstillbarkeit, die Trostlosigkeit, die
+Widersinnigkeit, Verruchtheit dieser Welt.
+ Diese Welt ist für Kinder und Wölfe, und so sehr sind wir Kinder
+und Wölfe, daß wir uns in solcher Welt gefallen!
+ Der Welt Lust ist Fraß, der Welt Lohn ist Trug, der Welt Ziel ist
+Vernichtung--und du solcher Welt williger Sklave.
+ Ist Lust Frieden? Und ist nicht verlorene Lust Schmerz? Und wäre
+nicht dauernde Lust Qual? Und schließt nicht Lust Seeligkeit aus?--
+Wagst du es zu widersprechen?--Was auf Erden vermöchte Verlangen
+nach dem Höchsten zu stillen?--Verlangen nach Gottheit.
+
+*
+
+ Das Gepräge dieser Welt ist Vergänglichkeit.
+
+ Was von Gedanken und Dingen dieser Welt lebt, atmet in Einhauch
+und Aushauch, aus Entstehen zu Vergehen.
+ Alles Werden durch Absonderung, durch Abstammung, durch
+Verzweigung, durch Spaltung, durch Unterscheidung von einander. Alle
+Empfindung und Wahrnehmung durch Abstand; alles Wollen und Tun durch
+Gegenstand und Widerstand. Ich-nicht-Ich-bewußtsein durch Anstoß und
+Hemmung; Leben und Dasein durch Wandel--nichts was unverändert,
+nichts was beständig, nichts in Frieden im Himmel und auf Erden.
+ Samsara ist Wechsel; wer Frieden im wechselnden Samsara sucht, der
+ist betrogen; Frieden kann nur zu Unfrieden wechseln.
+ Dieser Welt Bestand durch Gegen-stand, dieser Welt Sinn durch
+Gegen-sinn; darum dieser Welt Wider-spruch und Wider-sinn; darum
+dieser Welt ruheloser Kampf; darum dieser Welt Vergänglichkeit.
+ Entzweiung will Paarung, Ansammlung will Auflösung; weil Entstehen
+ist, darum ist Vergehen; weil Verschiedenheit ist, darum ist ein
+Verscheiden; weil Leben ist, darum ist Tod.
+ Alle Erscheinung ist durch Ur-sprung, durch Entzweiung in
+Gegensatz, und aller Gegensatz will Ausgleich. Was durch Entzweiung
+aus Einheit entspringt, endet in Einheit.
+ Wie alles Urteil in seinem Gegenurteil sich auf hebt, wie aller
+Gedanke, zu Ende gedacht, durch seinen Gegensinn in sich selbst
+zurückkehrt, so kehrt alle Erscheinung in sich selbst zurück, sich
+selber aufhebend.
+ Alle Wirklichkeit hält stand, so lange du Befriedigung im Wirken
+suchst, solange du, selbst Erscheinung, sinnliche Erscheinung
+wahr-nimmst, solange du an die Wirklichkeit dieser Welt glaubst.
+ Erscheinung, durchschaut, hält nicht stand, verblaßt, zerrinnt,
+geht zugrunde, geht auf den Urgrund zurück. Wirklichkeit, als Schein
+erkannt, wirkt nicht mehr, ist nicht mehr wirklich--vergangen wie
+ein Traum, der beim Erwachen zu nichte ward.
+
+*
+
+ Was dir als gegenständliche Welt erscheint, ist nicht an sich; was
+du Wirklichkeit nennst, ist zu sinnlich anschaulichen Bildern
+gewordener Gedanke in dir--ist dein träumendes Verlangen, die
+unermeßliche Kluft zu überbrücken, der weite Irrweg zur ewigen Heimat.
+ Die Gestaltung dieser Welt ist dein; Wirklichkeit folgt deinem
+Gebot--Wahr-nehmung in dir ist Be-dingung; das heißt: was du von
+Erscheinung für Wahrheit nimmst, gewinnt Gestalt, wird zu wirklichen
+Dingen. Du er-innerst dich aus zeitloser Vergangenheit--du
+er-innerst dich aus raumloser Nähe und Ferne--du ver-gegenwärt-igst
+dir aus seelisch ewiger Gegenwart sinnlich gegenwärtige Erscheinung.
+Deine Einbildung wird Vorstellung: das Verlangen in dir hat sinnliches
+Da-sein gewonnen, was du wirklich wahr nennst, hat sich geschaffen.
+ Die gewaltige Welt ist aus deiner Empfindung geboren, deine eigene
+Schöpfung--du selbst.
+
+*
+
+ Dies wunderbar Einfache wird von Unmündigen widerstrebend erfaßt
+--volles Erleben hiervon ist nur dem Erwachenden beschieden.
+
+* * *
+
+ Was aus Ursprung dieser Welt lebt, lebt zwiefach: lebt als
+Empfindung in dir, lebt als Bewegung außer dir; Bewegung im
+unendlichen Raum--und Empfindung solcher Bewegung in ewiger Seele--:
+die also erscheinende Welt.
+ Bewegung aus dem Raume trifft dich--du wirst der Bewegung inne.
+Inne-werden der Außen-bewegung ist Empfindung in dir; Auslegung dieser
+deiner Empfindung ist dir Bewegung im Raum. Empfindung:
+ver-inner-lichte Bewegung; Bewegung: ge-äußer-te Empfindung. Was
+aus-wendig Bewegung ist, ist in-wendig Empfindung. Äußerer Gegenstand
+schafft inneren Zustand; innerer Zustand schafft äußeren Gegenstand.
+ Bewegt empfindest du--empfindend bewegst du. Seelische
+Empfindung von dir aus-gelegt, wandelt sich außer dem Bereich deiner
+Seele zu sinnlich anschaulicher Bewegung. Empfindung aus dir
+hinausverlegend, stellst du vor; vorstellend wirkst du;
+gegen-ständlich Vorgestelltes ist Gegenstand; Gegenstand widersteht;
+Widerstand ist Wirkung auf dich. Dein eigenes Werk, aus dir gewirkt,
+ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurück.
+
+*
+
+ Die Seele wird von äußerer Bewegung innen bewegt; die innen
+bewegte Seele bewegt nach außen. Du empfindest in dir, das heißt: du
+bewegst außer dir. Was du zeitliche und räumliche Ferne nennst, ist
+sinnlich befangene Auffassung; Seele wirkt außersinnlich, Seele wirkt
+seelisch, über Zeit und Raum hinaus.--Eines ist Auslegung deiner
+Empfindung und Rückwirkung des aus dir Hinausverlegten--
+Zusammenfließen der Seelen--Seele der Dinge--eigene Seele--
+Überbrückung des Ur-sprungs.
+ Je nach Vorwiegen seelischer oder sinnlicher Auffassung im Ich
+scheint Empfindung oder scheint Bewegung, scheint eigener Zustand oder
+fremder Gegenstand, ist gedankliche Ein-bildung oder anschauliche
+Wahrnehmung, das ist: allen deinen Sinnen faßbarer Körper--der
+Gedanke ist leib-haftig geworden; Eines ist Gedanke und Sichtbarkeit
+des Gedankens. Angeschaute Gedanken sind Körper.
+ Davon sagt Patandschali: "Körpererscheinung wird durch Wandlung
+der Auffassung im Ich."
+ Davon sagt der Buddha: "Wie ich aus einem Schilfrohre den Halm
+ziehe--hier das Schilf--dort der Halm, so bilde ich aus diesem
+meinem Leibe nach dem Willen meines Herzens einen anderen Leib, mit
+allen Gliedern versehen und mit Gefühl begabt."
+ Der verlangende Gedanke zu Fleisch und Blut geworden.
+
+*
+
+ Es scheint, als sei in dir seelische Empfindung, es scheint, als
+sei außer dir seelenlose Bewegung; deiner Seele Empfindung, deinen
+Sinnen Bewegung--Gegensatz und Einheit. Was sinnlich als Gegensatz
+erscheint, wird seelisch als Einheit erkannt. Was blindem Schauen
+durch unüberbrückbare Kluft getrennt scheint, unvereinbar und
+unlösbares Rätsel, ist Eines; Eines, was deinen Sinnen Bewegung,
+deiner Seele Empfindung ist--je nach sinnlicher oder seelischer
+Auffassung unterscheidende Benennung, ununterschieden in sich, zwei
+Worte für das Selbe--: Verlangen in dir. Und wie du in deinem
+eigenen, einheitlichen, ungespaltenen Verlangen Widerwillen von Willen
+unterscheidest, beides in dir, beides Eines--du selbst, so
+unterscheidest du Bewegung von Empfindung, bei des in dir, beides
+Eines--du selbst.
+ Alle Empfindung ist Bewegung, alle Bewegung--Empfindung;
+Beid-einheit, seelisch-sinnlich geschaut.
+ Empfindung in dir und die Welt ist bewegt; du durchschaust die
+Bewegung und still stehen alle Sonnen und Erden, und es empfinden alle
+Sonnen und Erden, ruhelos Ausgleich suchend.
+
+*
+
+ Ich ist Ur-sprung. Nichts dieser Welt, was sich nicht im Ich
+willig-un-willig schafft, zwiefach in Zeit und Raum. Aller Inhalt des
+Ich durch Gegen-sinn in sich, durch Gegen-stand zu sich. Die ganze
+Welt im verlangenden, im unter-scheidenden, im ur-teilenden, im
+ent-zweienden, im ent-zweiten Ich. Ich außer sich verlangend, spaltet
+in sich selbst, spaltet im Urteil, Wollen und Tun: bejahend verneint
+Ich, wollend en-will Ich, liebend haßt Ich.
+ Kein Tun ist einwertig. Du vermagst dich keinem Dinge zuzuneigen,
+ohne dich einem anderen Dinge abzuneigen. Zuneigend neigst du dich ab,
+abneigend neigst du dich zu. Alle Zuneigung ist Abneigung, alle
+Abneigung ist Zuneigung. Du bejahst den Satz und verneinst damit den
+Gegensatz. Du glaubst Eines zu tun und tust zweierlei--: ewiger
+Zwiespalt, ewiger Ur-sprung in dir selbst.
+ Kein Geschehen, kein Ding, kein Wort, kein Gedanke ist eindeutig.
+Mit deinem Leibe neigt sich deine Seele. Neigung ist körperliche
+Bewegung, Neigung ist seelische Empfindung. Neigung deines Leibes ist
+Neigung deiner Seele; seelische Neigung erscheint deinen Sinnen als
+Körperbewegung; Körperbewegung ist in dir als seelische Neigung wach.
+Neigung ist seelisch und sinnlich zugleich.
+ In einem Worte ist Einheit von Zuneigung und Abneigung, Einheit
+von Empfindung und Bewegung, Einheit von Leib und Seele. Im
+einheitlichen Worte liegt sich selbst aufhebender Gegensinn: Ich und
+du, innen und außen, hier und dort, Zustand und Gegenstand, Zeit und
+Raum, Gedanke und Tat, Seele und Sinnlichkeit, Unfaßbares und
+greifbare Wirklichkeit; in einem Worte Anziehung und Abstoßung,
+Aufflammen und Verlöschen, Lust und Leid, Himmel und Hölle, Leben und
+Tod.
+ In jedem Worte spiegelt sich zerfallene Einheit.
+ Gegensinn im einheitlichen Wort--Einheit gegensinnlicher Worte
+ist Lösung nie gelöster Rätsel, Lösung nie gelösten Widerspruchs;
+törichter Streit durch Jahrtausende--: Allgottheit, Göttervielheit;
+Gutes und Böses in Gott; Wesenseinheit oder Doppelwesen der Welt;
+Weltgeist oder Weltenstoff; Allseele oder Seelenvielheit;
+Ursächlichkeit oder Selb-einheit; Zweck oder Zufall; eherne
+Naturgesetze oder freie Schöpfung--wie auch Irrende die seelisch
+sinnliche Kluft benannt haben mögen--müßige Fragen dem Wissenden,
+Lösung aller Gegensätze, Lösung des Widerspruchs dieser durch
+Widerspruch werdenden Welt.
+
+*
+
+ Und ferner, o Teurer, Lösung nie gelöster Rätsel--: das Wunder
+der Verkörperung. Es offenbare sich dir, aus welchen Tiefen solche
+Lösung fließt und der Weg zu Erlösung.
+ Du fühlst dich Körper, du weißt dich Seele. Du empfindest dich
+selbst unmittelbar, du schaust aus dir mittelbar durch Sinne. Deine
+Sinne nehmen sinnlich wahr; Seele in dir nimmt sinnlich Geschautes für
+wahr. Auf fünffach verschlungenen Sinnenwegen suchend, seelenblind für
+alle Seele außer dir, verkennst du alles, was du nicht selbst bist und
+dich selbst. Du begreifst die ganze Welt sinnlich; du nimmst dich
+selbst sinnlich wahr.
+ Also seelenblind schauend glaubst du dich von Allseele
+abgeschieden, vermagst abgeschieden Erachtetes nicht mehr seelisch zu
+dir zu einen. Was du nicht mehr als eigen erkennst, deuten deine Sinne
+als außer dir; du vermagst, was dir außen dünkt, nicht anders als
+fremd, als räumlich dir gegen-über-stehend, als gegen-ständlich zu dir
+aufzufassen; du kannst, was du nicht selbst bist, nur als Gegenstand
+schauen. Alles nicht-Ich muß dir Ding und Körper sein.
+
+*
+
+ Also sieht Seele kraft ihrer Sinne Körper; also ist Seele sinnlich
+erfaßt: Körper.
+ Also sind Körper: Körper durch wahrnehmende Sinne--Körper durch
+Verkörperung der Seele, zwiefach Eines.
+ Empfindend bist du Seele, empfunden Leib; be-seelter Körper--
+verkörperte Seele. Sinnliche Gestalt ist seelische Gestaltung,
+leibliche Zeugung--seelische Über-zeugung; Beid-einheit--: Gedanke
+leibhaftig geworden, dein schaffendes Verlangen. Du verlangst und es
+wird Ding und Bewegung, du verlangst und es ist Empfindung und Seele:
+--gottabgewandt: Welt--weltabgewandt: Gottheit genannt.
+ Alles was dir als Wirklichkeit erscheint--welche Namen es auch
+trage--ist Seele, von Seele in dir sinnlich erfaßt. Seele--alles
+andere Sinnenmitgift. Alle Gestaltung Seele, alle Gebilde in die Sinne
+fallende Erscheinung--Sinn-bild der Seele--Seele im Bannkreis der
+Sinne--Seele in irdischer Umhüllung--in Sinnenwelt versunkene
+Gottheit.
+ Nur für irdische Augen ist diese Welt--Samsara; seelisch
+durchschaut versinkt die Erscheinungswelt deinen Sinnen; nur für
+seelisches Schauen ist Erlösung--Verklärung der Welt--der Seele
+Seeligkeit--Nirvana.
+
+* * *
+
+ Raum-zeitlose Seele in zeit-räumlicher Welt.
+ Im unendlichen Raum alles zeitlos; in ewiger Zeit alles raumlos.
+Ohne Raum ist alles im Laufe der unendlichen Zeit; ohne Zeit ist alles
+im unendlichen Raum.
+ In der Zeit ist die Gegenwart--ohne Dauer, und nur im zeitlosen
+Gedanken zu fassen. Im Raum ist der Punkt--ohne Ausdehnung, und nur
+im raumlosen Gedanken zu fassen; in Zeit und Raum erscheinende
+Körperlichkeit ist endlos teilbar, also körperlos und nur in Gedanken
+zu fassen. Urteil von Zeit--nicht Zeit; Urteil von Raum--nicht
+Raum; Urteil von Körper--nicht Körper. Das letzt Denkbare von Zeit,
+das letzt Denkbare von Raum, das letzt Denkbare von Körper ist Gedanke
+im Ich. Das letztdenkbare Urteil der Welt ist Ich-urteil.
+ Im Ich ist Bindung und Lösung dieser Welt.
+ Ich, erscheinend, ist Zeit in Raum, ist Empfindung in Bewegung,
+Willen in Kraft, Ursache in Wirkung, Freiheit in Notwendigkeit,
+Selbigkeit in Ursächlichkeit, Seele in Leib, Wahrheit in Täuschung,
+Wesen in Schein.--Denkt die Welt, so denkt sie: Ich.
+ Zeiteinbildung, Raumvorstellung, Körperwahrnehmung--die Welt--
+entspringt und endet im Ich. Ich-gegenwart ist Zeitewigkeit, ist
+Raumunendlichkeit, ist Körper und Wirklichkeit.
+ Zeit-räumliches Ich aus raum-zeitloser Seele.
+ Davon ist gesagt: >>das Weltall hat nur in mir Bestand.<<
+
+*
+
+ Ich ist ur-Teil im entzweienden Ursprung der Welt. Ich ur-Teil,
+vom All abgesondert--un-zu-langend--ver-langt zum All zurück;
+darum ist Ich Verlangen. Ich ist ungestilltes Verlangen; Ich ist
+unstillbares Verlangen; Ich ist nur durch Verlangen. Ich, sich selbst
+wollend, muß Alles zu sich wollen, so lange Ich--Ich ist.
+ Ich ist worin Ich erwacht. Ich ist was sich im Ich bewußt wird,
+was Ich sich einbildet, was sich im Ich bildet, was Leben im Ich
+gewinnt nennt sich Ich. Ich-inhalt erachtet sich für »Ich«.
+ Ich ragt über sich hinaus: Ich ist was Ich wollend umfaßt, was Ich
+nicht wollend umfaßt, was Ich wollend nicht umfaßt; Ich ist soweit
+Ich-auffassung reicht. Kein Ich, wenn nichts umfassend; kein Ich, wenn
+allumfassend.
+ Ich entspringt, Ich endet im Verlangen; Ich wechselt in sich mit
+seinem Verlangen; Ich wechselt in sich mit wechselndem Gegenstand; mit
+anderem nicht-Ich ist anderes Ich.
+ Ich besteht ohne eigenen Bestand--ewig neu geborene Gegenwart,
+ewig erneute, ewig vernichtete Selbstherrlichkeit; das ewig
+Vergängliche aus dem ewig Unvergänglichen.
+ Der Glaube, als habe das Ich ein Sein in sich, schafft Ich, erhält
+Ich, endet mit Ich--ein Nichts, das Alles ist. Ich ist Teil, so
+lange es sich Teil glaubt. Gibt Ich sich auf, so ist Ich alles.
+
+*
+
+ Ist Einbildung Ich, so ist Vorstellung nicht-Ich. Alles Ich baut
+sich auf am nicht-Ich; am nicht-Ich-gegen-stand findet Ich seinen
+Rück-halt; durch Wider-stand gegen alles nicht-Ich ist das Ich.
+ Ich lebt nur durch Gegensatz--durch Gegensatz zu sich: Raum,
+durch Gegensatz in sich: Zeit. Verlangend einigt Ich allen räumlichen,
+allen zeitlichen Gegensatz in sich.
+ Ich, alles nicht-Ich zu sich anziehend, stößt alles nicht-Ich von
+sich ab. Verlangend schwankt Ich von s-Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich
+zu s-Ich zurück. Ich verlangen spiegelt sich im nicht-Ich; nicht-Ich
+wirft das Ich verlangen zurück. In dem Maße wie Ich verlangt,
+widersteht das nicht-Ich dem Verlangen; in dem Maße wie Ich zu sich
+verlangt, wird Ich vom nicht-Ich verlangt--Ergreifend, ist Ich
+ergriffen.
+ Also ist zwischen Ich und Ich Anziehung im Verlangen; also ist
+zwischen Ich und Ich Abstoßung im Verlangen; also ist Verlangen
+Anziehung und Abstoßung zugleich; also hält Verlangen Ich und Ich
+auseinander; also ist Verlangen nach Vereinigung zu sich Hindernis der
+Einigung--das Verbindende ist das Trennende.
+ Ich will das All zu sich, enwill sich zum All--
+weltschöpferischer Irrtum.
+
+*
+
+ Ich überträgt sich ins nicht-Ich.
+ Verlangend tritt Ich aus sich hinaus, langt außer sich, ist nicht
+mehr bei sich, ist außer sich, ist in seinem Gegenstand--Ich im
+nicht-Ich.
+ Ich weiß nur von sich; Ich empfindet immer nur sich selbst; s-Ich
+einbildend stellt Ich s-Ich vor; vorstellend faßt Ich sich selbst
+gegen-ständlich auf. Wie Ich sich im gegen-Stand empfindet, so
+empfindet Ich den Gegenstand. Gegenstand dem Ich ist Ich im
+gegen-Stand. Soweit Ich den Gegenstand empfindet, soweit ist
+Zerklüftung im Ursprung überwunden, soweit ist das Empfindende und das
+Empfundene Eines. Die Empfindung ist das Empfundene.
+ Ich-zu-stand im Gegen-stand nennt sich selbst mit anderen Namen.
+Ich verkennt sich im du--wie ein Hund sein eigenes Bild im Spiegel
+anknurrt. Eines ist Zustand und Gegenstand. Eines ist Ich und du--
+Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen.
+ Im Verlangen liegt Ich und nicht-Ich; im Verlangen fällt Ich und
+nicht-Ich aus-einander. Was Ich verlangend nicht will, will nicht Ich,
+will ein nicht-Ich--"ich will nicht" das heißt: "du willst".
+ Ich und Ich--zerfallene Einheit, geschaffen und auseinander
+gehalten durch blindes Verlangen.
+ Davon ist gesagt: "ich bin du".
+
+*
+
+ Alles was außer Ich ist, ist aus Ich. Alles nicht-Ich beginnt und
+endet im Herzen des Ich. Wie im Willen Unwillen liegt, so liegt im Ich
+das nicht-Ich.
+ Ich will durch Willen und Unwillen; Willen wie Unwillen ist
+Ich-verlangen. Willen wie Unwillen hat dasselbe Ziel. Ich-loser Wille
+undenkbar; ziel-loser Wille, Wille ohne Gegen-stand des Wollens
+undenkbar.
+ Ich will durch Bejahung und Verneinung: sogenannte Verneinung des
+Willens ist Bejahung geänderten Willens--das Eine Verlangen bei
+gewechseltem Ziel.
+ In sich verneinen heißt außer sich bejahen; in sich vernichten
+heißt aus sich hinaus schaffen; aus sich hinaus schaffen heißt außer
+sich schaffen. Unwillig aus dir Entlassenes weicht aus dem Bereich
+deiner Seele, fällt in den Bannkreis deiner Sinne, tritt, selbständig
+geworden--ein eigenes Ich--dir sinnlich gegenüber.
+ Abstoßung im Ich ist das Abgestoßene, ist aus eigenem Zustand
+geschaffener Gegen-stand. Das Angezogene ist im Ich Anziehung; das
+Angezogene ist Gegenstand im Zustand Ich:
+ --Verlangen im Ich ist das nicht-Ich--
+ Verlangen vom Ich ausgesprochen, vom nicht-Ich, dem Widerschein
+des Ich, 'wieder' ausgesprochen, das ist 'wider'sprochen, sieht sich
+selbst gegenüber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst
+Gegenstand des Verlangens.
+ Die Welt sich selbst wollend--darum ist Welt.
+
+*
+
+ Das Außereinander von Ich und Welt ist Erscheinung; das
+Durchschauen des Scheines ist Erlösung.--Verlangen im Ich ist das
+nicht-Ich; Verlangen im Ich ist die sich schaffende Welt; alles
+Geschaffene erkennt sich im erkennenden Ich.
+ Kein Ich ohne Welt; das Verlangen in dir schafft die Welt, darum
+ist die Welt dein Verlangen; darum verlangt dich nach der Welt. Die
+Welt wird und wirkt wie du, verlangend, die Welt wirkst. Die Welt ist,
+so lange du an dich und deine Welt glaubst--mit dir entsteht, mit
+dir vergeht deine Welt.
+ Keine Welt ohne Ich--: Ich geht in der Welt auf, die Welt geht
+im Ich auf; darum lösen sich vom Ich aus alle Fragen dieser Welt--:
+endlos wechselnde Namen endlos wechselnden Verlangens in dir--
+Widerschein deiner selbst--Und die ganze Welt erlangend, erlangst du
+dich selbst--nichts mehr.
+ Verlangen ist Gedanke in dir; denken heißt urteilen, urteilen
+heißt zeugen. Dein Gedanke ist Dasein, dein Glaube ist Schöpfung,
+deine Überzeugung ist Zeugung. Eines ist der Schaffende mit dem
+Geschaffenen, Eines ist Ich und Welt.
+ Davon ist gesagt: "der, fürwahr, baut aus sich diese ganze Welt--
+und ist ihre Vernichtung, der solches weiß."
+ Du schaffst die Welt, die Welt schafft dich--schafft sich in
+dir. Die Welt sich selbst schaffend, sich selbst schauend, sich selbst
+verlangend, sich selbst vernichtend.
+
+*
+
+ Vielfach ist in Suchenden der Gedanke aufgestiegen, in Erkenntnis
+suchenden Weisen mancher Völker alter und neuer Zeiten; ausgesprochen
+hat die Lehre von den Gegensätzen Bhagavad-gîta-upanishad mit
+deutlichen Worten, aber unverstanden von der Menschheit blieb die
+Erkenntnis, unerkannt in ihren Tiefen:
+ "Alle Geschöpfe dieser Welt lassen sich vom Trugbild der
+Gegensätze betören, die sie, liebend oder hassend, sich selber
+schaffen."
+
+*
+
+ Uraltes Wissen, o Teurer, verkündige ich dir wieder, Lösung nie
+gelöster Rätsel, Lösung des Weltwiderspruchs; der Erkenntnis Urgrund,
+die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung--dvamdva-vidya--die
+Lehre von der sich selbst aufhebenden Welt.
+
+*
+
+ Also ist die Unterweisung:
+ Weltursprung--durch Ur-sprung: Ent-zweiung in ur-Teil und
+gegen-Teil, Ich und nicht-Ich.
+ Weil durch Ur-sprung Kluft ist, darum steht alles dieser Welt
+ein-ander unerkannt gegen-über, darum ist alles dieser Welt durch
+Gegen-sinn, darum sieht alles dieser Welt einander als Gegen-stand,
+darum ist Widerspruch in der Erscheinung endlos, darum ist ewiger
+Kampf
+ Davon ist gesagt: "Zweiheitlich ward All-Einheit, Wahrheit und
+Täuschung an sich zu erleben."
+ "Ich weiß warum die Welt ist: Gott wollte leiden".
+
+*
+
+ Gegenteile schaffen sich aus-ein-ander, Gegenteile heben einander
+auf; Gegenteile scheinen endlos weit von einander, Gegenteile berühren
+einander; Gegenteile fallen, auseinander tretend, in einander; wie Ost
+und West auseinandertretend im Rücken der Erde ineinanderfallen, wie
+West im Osten, wie Ost im Westen wiederkehrt; wie Ost zu Ende gedacht
+zu West wird und West zu Ost; wie aller Gedanke zu Ende gedacht, durch
+seinen Gegensinn hindurch in sich selbst zurückkehrt--der geraden,
+nach durch messenem All in sich zurückkehrenden Linie vergleichbar.
+ Wie farbloses Licht in Gegenfarben zerfällt, wie Gegenfarben,
+vereint, einander zu Farblosigkeit ergänzen, so ergänzen aus-ein-ander
+gefallene Gegenteile, vereint, einander zu nichts.
+ Aller Gegensatz ist den Gegensätzen an einer Kugel vergleichbar;
+Vergleichbar den Gegensätzen eines im Kreise schwingenden Pendels.
+ Aller Gegensatz dieser Welt erscheint durch wechselndes Urteil
+sinnlicher Wahrnehmung--bloße Auffassung im Ich.
+ Mächtig bewegte Sterne stehen deinen Sinnen still; still stehende
+Sterne siehst du mit dem Himmelsgewölbe mächtig über dir bewegt.--
+Savitar hebt sich aus dem Meere: du schaust Sonnenaufgang; was dir
+Sonnenaufgang ist, ist Anderen Sonnenuntergang; was dir oder Anderen
+Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, ist weder Aufgang noch Untergang
+--Savitar strahlt ewigen Tag. Indessen du die Sonne steigen siehst,
+sehen andere dieselbe Sonne fallen; es vermag die Sonne nicht zu
+steigen ohne zu fallen, vermag nicht zu fallen ohne zu steigen, steigt
+und fällt zu gleicher Zeit--steigt weder noch fällt.--Innere Erden
+scheinen im rechten Laufe umzukehren; Wandelsterne und Monde, Sonnen
+und Erden, nach überstiegenem Höhepunkt, werden rückläufig. Kein
+Gegensatz im rechten Laufe, keine Umkehr, kein Rücklauf--irriges
+Urteil vom wechselnden Standort des irrig schauenden Ich.
+ Ich, zeiträumlich atmend, wechselt Standort, Ansicht, Urteil.
+Durch Ich-urteil-wechsel ist Gegensatz. Ur-teilend schafft Ich in sich
+zeitlichen Gegensatz--außer sich räumlichen Gegensatz.
+ Wechselndes Urteil im Ich zeugt für Gegensinn im Einheitlichen--
+zeugt für Einheit im Gegensatz.
+ Aller Gegensatz geht auf--wird und vergeht--im Ich; Ich
+schafft, Ich vernichtet allen Gegensatz. Nur in einem 'Ich' ist
+Willenswechsel, nur in einem 'Ich' ist Urteilsgegensatz; mit
+aufgehobenem 'Ich' ist aller Gegensatz aufgehoben.
+ Scheinen Gegensätze, so ist Einheit. Ist das Eine Gegensatz des
+Anderen, so ist das Eine gleich dem Anderen--so ist weder das Eine
+noch das Andere.
+
+*
+
+ Raum-anstoß ist Zeitfolge:
+ Wechselt Ich aus sich hinaus, so empfindet Ich durch nicht-Ich
+räumliche Wider-stand-wirkung, das ist--: wirklicher Gegensatz.
+Durch Widerstand Empfindung wechselt Ich in sich zeitlich eigene
+Empfindung, das ist--: eigentlicher Gegensatz.--Ur sache aus mir
+--Wirkung auf mich: Ich-m-Ich; wirklich räumlicher--eigentlich
+zeitlicher Gegensatz.--: Beid-einheit.--Raumanstoß ist Zeitfolge.
+ Durch Zerfall im Ur-sprung: Urgegensinn; das ist sinnlich-
+seelische Auffassung in Ich und Ich.
+ Eines ist innen und außen, Eines Ursache und Wirkung, Eines Zeit
+und Raum, Eines eigentlich und wirklich, Eines Bewegung und
+Empfindung, Eines Seele und Leib, Eines Ich und nicht-Ich--: durch
+Ich-ur-Teil, das ist durch Ich-Urteil sinnlich geschaffene
+Teilungserscheinung--Ur-sprung im Ich.
+ Dvamdva--: aus Einheit Ich gezeugte gegen-Teile, Gegensinn und
+Gegenstand, Gedanken und Dinge gegenseitig gezeugt, gegenseitig
+gepaart; Hälften, die getrennt, einander zu nichts aufheben; die
+vereint, einander zu nichts ergänzen; Eigenschaffungen, die durch
+Spaltung sind und nicht sind--getrennt und vereint nicht sind.
+ Daraus ist: Gegensinn im einheitlichen Wort, daraus ist: Einheit
+gegensätzlicher Worte. Nimmerrastender Widerschein des spaltenden
+Ursprungs, nichtige Schöpfung im Ich--Trugbild des Seins.
+
+*
+
+ Sinnlich geschaut:
+ Durch Ursprung Raum, durch Raum Zeit; im Ursprung inzwischen
+entzweiten Teilen die sich schaffende Welt; die Welt in der Kluft
+inzwischen Ich und nicht Ich. Alle Wirklichkeit dieser Welt rastlos
+wechselnde Beziehung inzwischen Ich-zustand in sich--Ich-zustand im
+Gegen-Stand. Endloser Kreislauf der Erscheinung von Gegensinn zu
+Gegenstand, von Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich zu Ich zurück.--
+Gegensinn in s-Ich die werdende, Gegenstand zu s-Ich die gewordene
+Welt.
+ Alles zeiträumliche Außereinander ist im Ich, alle Unterscheidung,
+aller Gegensatz, alle Worte, alle Vielheit--im Ich ist Ur-sprung
+und Unendlichkeit dieser Welt.
+ Eines ist was du, durch ur-teilenden Willensgegensatz in dir, zu
+Gegensätzen außer dir prägst; Eines ist was du, ur-teilend, entzweit
+schaust--: willkürliche, an sich nichtige Unterscheidung, endlose
+Gestaltung deines in Einhauch und Aushauch atmenden Verlangens--
+deine eigene Schöpfung--du selbst.
+ Davon sagt des Heilweges Buch des Lehrers Lao: "Diese Einheit der
+Gegensätze bezeichne ich als den Urgrund, die große Tiefe und das der
+Erkenntnis geöffnete Tor."
+
+*
+
+ Und noch einmal:
+ Durch Ur-sprung-erscheinung scheint Entzweiung. Jedes der beiden
+Teile lebt das Leben des anderen--gleichwertige Bruchstücke. Durch
+Kluft geblendet verkennt sich eines im anderen--Sündenfall.
+ Dem also gewordenen Zwiespalt folgt alle Erscheinung: aller
+Gedanke, alles Urteil, alles Wort--Wille und Tat gegen sich selbst
+gerichtet. Alles Urteil Widerspruch in sich;--Sinn und Widersinn
+in-ein-ander. Alle Unterscheidung in Wort und Urteil bedeutungslos--
+in sich selbst aufgehoben--bloße Lautver-schiedenheit.
+ Nur Eines ist--alles Erscheinende ist irrendes Verlangen im Ich
+zum Ziel, nichts mehr.
+
+*
+
+ Wahn-sinn das Wesen der Welt in Worte fassen zu wollen. Seele,
+Kraft, Geist, Stoff, Gedanke--Gottheit--gleichviel mit welchen
+Lauten du das benennst, was dich lebt.
+ Erscheinung dieser Welt schafft sich, durchschaut sich, hebt sich
+auf.
+ Was sich also erscheinend schafft, ist nicht Wahrheit--ist nicht
+Täuschung--ist ewig vergängliches Sinn-bild des Ewigen.
+
+*
+
+ So lautet die Lehre von der sich selbst als nichtig aufweisenden
+Erscheinungswelt--der Erkenntnis Höhe und Tiefe, der Erkenntnis
+eherner Kern und Anker.
+ Und was du, o Teurer, durch solche Erkenntnis verlierst ist ein
+Nichts; und was du durch solche Erkenntnis gewinnst ist Alles.
+ So lange dir der tiefen Lehre volles Verständnis nicht aufgegangen
+ist, o Teurer! so lange wisse dich fern vom Hohenziele der Erkenntnis.
+
+*
+
+ Die ganze Sinnenwelt wächst, sich verklärend, zu Gottheit. Alles
+Samsara ist Verlangen nach Nirvana. Je nach dem Ziele deines eigenen
+Verlangens, nach Samsara oder nach Nirvana erscheint dir das Geschehen
+dieser Welt Vorgang oder Rückschritt, ziellos oder zielbewußt, blinder
+Zufall oder unabwendbare Bestimmung. Weder das Eine noch das Andere--
+in sich freie, durch Gegensinn in der Erscheinung gebrochene Kraft in
+dir--dein schaffendes Verlangen.
+ Das Ziel der Welt bist du selbst, o Teurer! In dir, mit jedem
+Atemzug wechselnd, alle Stufen der Weltenschöpfung--
+Weltenvernichtung; von Samsara zu Nirvana, von Nirvana zu Samsara
+rastlos gegeneinander schwankend.
+ Samsara heißt sich in irdischer Anschauung verlieren. Nirvana
+heißt sich wiederfinden. Irdisches Verlangen rückt Nirvana in
+zeit-räumliche Fernen--Nirvana ist--wenn dich nicht mehr
+nach Nirvana verlangt.
+ Ewigkeit des Ursprungs im Ich, Ewigkeit der Weltenschöpfung und
+Weltenvernichtung. Ich, besinnungslos Seeligkeit außer sich suchend,
+jagt nach selbstgeschaffenen Trugbildern--Sinnenkampf zu Samsara;
+Ich, sich auf sich selbst besinnend, wendet sich von irdischen
+Trugbildern ab--Seelenkampf zu Nirvana.
+ Verlangend schafft Ich Samsara, Verlangen verklärend schafft Ich
+Nirvana; Samsara und Nirvana schafft sich im verlangenden Ich. Blinder
+Kreislauf des Verlangens, Kreislauf der Wiedergeburt.--Samsara ist
+Verlangen; mit schweigendem Verlangen ist Nirvana.
+ Wie ein Kind im nichtigen Spiele zum Manne wächst, so wachsen wir
+Menschen in Samsara zu Nirvana. Samsara hält uns das blendende Schild
+vor--gläubig hasten wir danach--und erwachen in Nirvana.
+ Die große Täuschung, o Teurer, die ewige Torheit--Samsara--der
+weite Irrweg zu Nirvana!--Du folgst dem ewigen Kreislauf erkennend
+oder blind; du nahst dem ewigen Ziele unwillig-willig--aus Gottheit
+zu Gott und Gottheit--unser aller Ziel.
+ Samsara ein Alles, das nichts ist; Nirvana ein Nichts, das alles
+ist--unendlich das eine, ewig das Andere--dem Erkennenden Einheit.
+
+*
+
+ Solches lehren seit Jahrtausenden unsere Brüder, Hohemeister in
+Tibet, Sser-od in Kâ'gdschur:
+ "Wisse o Sohn der Erhabenen! um dem nach höchstem Ziele strebenden
+Bôdhisattva alle Schranken und Hindernisse aus dem Wege zu räumen,
+lehren Wissende die unwandelbare Wahrheit vom ungetrennten Samsara und
+Nirvana." "Wisse, daß die Buddha Samsara und Nirvana auf das Klarste
+als unverschieden erkannt haben."
+
+* * *
+
+ Keine Wahrheit im vielheitlichen Samsara: Vielheit muß sich selbst
+widersprechen; zerfallene Einheit hebt sich selbst auf Samsara zeugt
+blinde Kinder. Erscheinung wie Worte wandeln sinnlos von Sinn zu
+Gegensinn. Nur dem selbstisch verlangenden, dem einseitig wertenden
+Ich scheint Sinn in Samsara--wie dem Träumenden Sinn im sinnlosen
+Traume scheint. Alle Wahrnehmung in Samsara, alle Empfindung, und alle
+Deutung von Wahrnehmung und Empfindung--bedeutungslos. Lust wie
+Qual, Bewunderung wie Abscheu und alle Worte aller Welten--
+bedeutungslos, sinnlos, weil sinnlich.
+
+*
+
+ Ich, im Gefühl seiner Unzulänglichkeit, verlangt nach Ergänzung
+außer sich. Zeitlich wechselnde Empfindung im Verlangen, vom Ich
+ausgelegt, gewinnt sinnliche Gestalt im Raum. Mit Wechsel seelischer
+Empfindung wird Wechsel sinnlicher Anschauung. Im Ich zeitlich
+Geschiedenes erscheint, räumlich vorgestellt, als Verschiedenheit--
+erscheint und ist. Nach ein-ander wird neben-ein-ander; in-ein-ander
+wird außer-ein-ander. Seelisch empfunden: Gegen-sinn, zeitlich endlos
+wechselnd; sinnlich angeschaut: Gegen-stand, räumlich endlos
+vervielfacht. Folge in der Zeit ist Vielheit im Raum. Beid-einheit dem
+Wissenden.
+ Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden--
+Gedanken zu Worten, Worte zu Dingen verkörpert.
+ Die verlangende Welt denkt durch zahllose Worte Einen Gedanken.
+Alle Gedanken und alle Worte dieser Welt sagen nur Eines; alle Worte
+aller Sprachen aller Welten--endlos wechselnder Ausdruck endlosen
+Verlangens nach Alleinheit. Aus wechselnder Empfindung, wechselndem
+Urteil, wechselnden Worten schafft sich die Vielheit dieser Welt--die
+vielheitliche Welt aus dem schaffenden Wort.
+ Davon sagt Tschhandogya-Upanishad: "an Worten haftend ist alle
+Umwandlung der Erscheinung."
+
+*
+
+ Aufleuchten möge in dir, o Teurer, voll die Einheitserkenntnis!
+Der Welten ewiger Ursprung hat nur Ein Ziel; dein rastlos wechselndes
+Irren nach dem Einen Ziele benennst du mit wechselnden Namen. Dein
+Wort benennt, dein Wort wertet, dein Wort schafft die Dinge--ein
+Zweites, glaubst du, sei es, wenn du es anders benennst--Aus
+Vielheit wertender Worte des wechselnden Urteils in dir schafft sich
+die Vielheit der Dinge. Endlose Sinnbilder des Einen Gedankens deuten
+wir sehend Blinden als endlose Vielheit verschiedener Dinge. Erfaß
+erbarmend wohl die tiefe Blindheit der Menschen!--Blindheit der
+Führenden und Geführten, Blindheit der Weisesten aller Völker und
+aller Zeiten--uns Armseligen der Weg zu Erkenntnis--Befangenen
+unnahbar--Suchenden die offene Schranke--lichte Einsicht dem
+Erwachenden.
+ Nur Eines ist im Kreislauf der Erscheinung: Ver-langen!
+schlaftrunken suchendes Verlangen nachdem letzten Ziele.--Erwachen
+führt aus Verlangen und Tat, aus Gedanken und Worten zu willenloser,
+zu wortloser Wahrheit.
+ --Wer also sieht, der ist sehend.--
+ Davon sagt Taïttitiya-Upanishad: "Erkenntniswonne wird von keiner
+Sprache erreicht; vor der Wonne der Erkenntnis kehren alle Worte um,
+und alle Gedanken."--Ananda.
+
+*
+
+ Unsere Brüder, Hohepriester in Tübet, lehren seit Jahrtausenden:
+ "Es ist, o Rabdschor, alles Erfassen in der Ichheit ein
+Nichterfassen. Wissende, o Rabdschor, gehen nicht in die Einbildung:
+'Ich' ein.
+ "Wenn ein Wissender also denkt: Wesen ist ohne Ich--Ichlos ist
+Wesen, solchen nennt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig
+vollendete Buddha einen erwacht Erkennenden.
+ "O Rabdschor! Wenn du denken solltest, daß die in wahrhafte
+Reinheit Eingegangenen jegliches Sein völlig zerstört und demselben
+ein Ende gemacht haben, so gib, o Rabdschor, solcher Meinung nicht
+Raum... Es sind dies nur Worte--das Wesen selbst ist unausdenkbar
+und wird von Unmündigen nicht erkannt.
+ "Das Wesen, o Rabdschor, ist in sich--und ist weder
+Verschiedenheit noch auch Gleichheit in ihm, weder Sein noch
+Nichtsein, und volle Erkenntnis hievon wird das allerhöchste wahrhaft
+rein vollendete Erwachen genannt.
+ "Der Name dieses Lehrbegriffs lautet: "der an das jenseitige Ufer
+der Erkenntnis Gelangte." Dieser Lehrbegriff, o Rabdschor! ist
+unergründlich und seine voll gereiften Früchte stelle dir als
+unergründlich vor."
+
+* * *
+
+ Aus Nebelgluten sondern sich Schlacken, ballen sich, erkaltend, zu
+Sonnen und Erden; aus lebender Flut starre Gebilde, aus Gottheit--
+ -- Ich --
+--ur-sprung-er-schein-ung-ur-teil-gegen-teil-ver-langen--
+ein unabsehbarer Strom, der das All durchmessend, in seiner eigenen
+Quelle mündet--: Samsara!
+
+*
+
+ Uns schauend Blinden--Nichts. Da geschieht im All Einen das
+Unergründbare: Absonderung 'Ich'. Absonderung hält sich zurück--der
+Strom überflutet; Absonderung drängt vor--der Strom hemmt;
+Empfindung und Empfundenes--Wirkung aus dir und Wirkung auf dich.--
+Das Eine, Einheitliche, Ungeteilte, Unteilbare--: als sei zwiefach
+Sein. Es scheint als seist du--es scheint als sei außer dir, es
+scheint, erscheint, und ist wirklich: Ich und Sinnenwelt, ja und nein,
+Lust und Leid, und alle Worte.
+ Aus dem seelisch Einen das sinnlich Zerklüftete: die im
+Ich-bewußtsein erwachte Welt. Aus dem Ewigen das ewig Vergängliche--
+ Vergängliche Welten zeugen wider sich selbst:
+ Absonderung "Ich" aus Gottheit ist Sündenfall.
+Ur-sprung--atmende Kluft, die trennend verbindet--Anziehung und
+Abstoßung, Entzweiug und Zu-eins-paarung, Werden-Verwerden zugleich
+--Spiel in sich selbst--unsere Welt--
+ --eine Welt durch ewig erneuten Ursprung in sich; eine Welt in
+ewiger Selbstentzweiung, in ewigem Kampfe gegen sich selbst, in ewiger
+Blindheit sich selbst gebärend, sich selbst vernichtend--die im Wahn
+gewordene, im Wahnsinn verharrende Welt.
+ Unabsehbar grauenerfüllte Wahlstatt nie gestillten Verlangens,
+nimmer endender Tat--Ringen um verlorenes Paradies, Ringen um
+Erkenntnis, Ringen um Erlösung--Seele wider Sinne, Gedanke wider
+Tat, Himmel wider Hölle; endloses Ringen von Lust wider Seeligkeit,
+Samsara wider Nirvana, Abgott 'Ich' wider Gottheit
+ --allüberall blind stürmende Erscheinung, von Sinneswahn zu
+Widersinn sinnlos wechselnd; hinfällige Gebilde, Scheingestalten,
+flüchtige Schatten, im Entstehen dem Untergang, in der Geburt dem Tode
+geweiht--Trugbilder, bloße Namen, bloße Worte im nichtigen Urteil
+Ich--
+ --endloser Widersinn ewig erneuter Entzweiung, ewig neuer
+Wiedervereinigung--werdend verwerdende, seiend nicht seiende Welten.
+
+* * *
+
+ Durch blindes Vergaffen ist Sinnenwelt.
+ Sinnenwelt schafft sich wie Liebesrausch, wie aus deinem
+inne-Befinden der Traum sich schafft--sinnvoll--sinnlos. Wie ein
+Weib, verlangend angeschaut, zu sinnberückendem Reiz wird, so wird
+Seele, verlangend angeschaut, zu berückender Sinneswelt--: unsere
+Welt! wirklich zwar, doch nicht wahrhaft. Und wie es aus Traum und
+Rausch ein Erwachen gibt, so gibt es ein Erwachen aus verlangenden
+Sinnen.
+ Was du in dir Traum und was du außer dir Wirklichkeit nennst, ist
+wesenseines--: zu sinnlichen Bildern geworden er Gedanke.
+
+ Wie die Schlange, die dich im Traume schreckt, nicht wahrhaft
+lebt; wie das Schwert, das dich im Traume trifft, nicht von Eisen ist;
+die Geliebte, die dich beglückt, nicht Fleisch und Blut--
+ --wie Lust und Qual, wie Schlange und Weib im Traum--
+ --so alle Dinge dieser Welt--wirken und sind nicht.
+ Und wie unter deiner Schädeldecke Schwert und Weib Raum hat und
+alle Gebilde dieser Welt, dazu alles Geschehen und Werden--
+ --so ist die ganze Welt in dir und ist nicht; wirklich zwar, doch
+nicht wahrhaft--
+ und wie die im Traume wahrgenommenen Gesichte alsbald zu nichts
+verflattern, so schwindet im Leben alles dahin, was du für wahrhaft
+geworden hieltest; von allen Welten bleibt Erinnerung, und Erinnerung
+verweht--
+ und wie es im Traume ein leises Besinnen gibt, so dämmert dir wohl
+in lichten Augenblicken die Erkenntnis: ich träume diese Welt--
+ und wie du, aus dem Traume voll erwachend, Lust und Grauen
+abgeschüttelt hast, so erwachst du aus den Freudenqualen unseeliger
+Erscheinung und schaust wahrhaft--überwunden ist alles Verlangen,
+geschlossen der Ursprung--nicht mehr ist diese Welt.
+
+*
+
+ Befangen hält uns alle ein tiefer Traum--ein allfesselnder, ein
+allumstrickender Wahn, ein unermeßliches Blendwerk--Maya--unsere
+Welt.
+
+ Wie, wenn ein Pilgerzug, in wasserloser Strecke vom Wege abgeirrt,
+dem Tode ins Antlitz schaut und es ersteht den Dürstenden das
+Wüstentrugbild: Zelte und Paläste unter wehenden Palmen spiegeln sich
+in weiten Wasserflächen--was verzweifelnd zu Boden lag, rafft
+sich freudig auf und strebt entschlossen dem verheißenden Ziele zu und
+lobpreist bewegten Herzens--vergessen ist alle Qual!--die
+rettenden Götter.
+ Du aber, mit dem Auge des Wissenden schauend, stehst unbewegt--
+und die an dir vorübereilen, nach vermeintlichem Glücke jagend, weisen
+höhnend auf dich zurück: da steht er, der uns lehren wollte, wohl in
+weisen Gedanken versunken! Ihm vor Augen ist Leben und Lust--und der
+Narr grübelt, statt zuzugreifen.
+ Durchschaut ist die blendende Erscheinung, als Wahn-sinn erkannt
+--diese wahr-genommene Welt ist vergänglicher Schein.
+
+*
+
+ Die Welt ist Erscheinung im Ich--Ich ist Erscheinung in der Welt
+--wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser Welt;--
+Gottheit in der Erscheinung zum Ich gesunken, im Ich zeitlich an Ort
+gebannt, im Ich leidende Gottheit--unseelig--selbstvergessen.
+
+*
+
+ Samsara ist durch Widersinn, keine Wahrheit in Samsara.
+ Aus traumlosem Schlafe erwachst du träumend--träumend glaubst du
+an die erträumte Welt und an dich selbst. Du jagst nach Träumen und
+was du erreichst, ist Traum. Erfaß es wohl: nichts mehr. Vom Traum zu
+Traum enttäuscht, schaffst du in dir den rettenden Gedanken: diese
+Welt ist nicht Wahrheit, diese Welt ist eigengeschaffenes Trugbild.
+Was du draußen suchst ist in dir selbst: nach außen langend erlangst
+du räumlich, was du zeitlich aus dir hinausverlegst; die ganze Welt
+erlangend, erlangst du dich selbst.
+ Im Feuer der Erkenntnis entzündet sich in dir die Kraft von
+solchem Trug zu lassen. Du gehst in dich, du entsagst dem Schein, du
+kehrst dich dieser Welt ab, du bekehrst dich zu Gottheit--Gottheit
+in dir entringt sich der Erscheinung.
+ Und wie du aus ureigener Kraft die vergängliche Welt schufst, so
+schaffst du in dir ewige Gottheit--aller Gottesverehrung, aller
+Völker, aller Zeiten, aller Welten ewiges Ziel--der gewaltige
+Unterstrom, das Ungestillte in höchster Lust, das Tröstende in
+tiefstem Leid--: Religion.
+
+*
+
+ Nur Eines ist: Gottheit--alles Andere ist Lüge.
+ Erwache! Blinder Glaube in dir hält dich in den Fesseln törichter
+Hoffnung, in ewig erneuter Enttäuschung; deine Sinne halten dich in
+Leiden und Tod. Erwache aus dem Banne nimmer gestillten Verlangens,
+erwache aus friedloser Tat, erwache aus Geburt und Tod. Tod ist für
+Tote.
+ Im Kerker und an den Karren geschmiedet schwinge ich mich aus
+Ketten und Mauern hinaus--aus Qualen und Herrlichkeiten dieser Welt
+--in zeitlosem Augenblicke durcheile ich, des Leibes ledig, alle
+Räume und alle Zeiten, schaue alle Welten und alles Geschen... was von
+mir, im Kerker oder im Purpur, verachtet oder angebetet, im Reiche des
+Todes zurückbleibt--bin ich nicht.
+ Davon ist gesagt: "und dieser Leib mag endigen in Asche."
+ Überwunden ist der unseelige Irrtum, gestillt das Verlangen,
+gefunden der heilige Weg aus Erdenlust und Erdenqual, aus Grauen zu
+Seeligkeit, aus Tod zu Unsterblichkeit.
+ Nur Eines ist: Gottheit--alles andere ist nichtig.
+ Erkenne dich selbst, besinne dich auf deine Seele.
+ Erfasse das große Wort, das größte, das je eines Menschen Seele
+erfaßte--erbebe in der Erkenntnis:
+ --ich bin Gottheit--
+ Davon ist gesagt: "brahma bist du und in brahma gehst du auf."
+ Was in dieser Welt zeiträumlich auf einander wirkend, als endloses
+Werden erscheint, ist deiner träumenden Lust freudiger Widerschein,--
+von Zeugung zu Überzeugung--deiner Seele blind tastendes Verlangen
+--und was in dir lebt, lebt in allen Welten. Und wie dein
+Verlangen ist, solche Welt wird dir, in solcher Welt entstehst du,
+solche Welt entsteht in dir.
+
+*
+
+ Welten erglühen--Welten erkalten. Wie Pradschapati von eigener
+Schöpfung erschöpft ist, so erschöpft sich alle Erscheinung--nicht
+zu Vernichtung,--zu Erneuung. Alle Welten fallen in sich zusammen,
+voll-enden in Nichts--ein Nichts, das Alles ist.
+
+*
+
+ Alle Erscheinung sucht Frieden.
+ Ebbe folgt auf Flut, Flut folgt auf Ebbe; Flut hier ist Ebbe dort,
+Flut dort ist Ebbe hier; Flut und Ebbe zu gleicher Zeit, Flut und Ebbe
+am selben Ort.
+ Die Welten atmen von Nirvana zu Samsara--durch unermeßliche
+Freudenqualen von Samsara zu Nirvana--von Wesen zu Dasein in allen
+Ewigkeiten und Unendlichkeiten.--
+ Tagen die Sinne, so nachtet die Seele; wacht die Seele, so ruhen
+die Sinne. An Stätten ohne Zahl--in endlosen Räumen--zahllose
+Stufen ewiger Entfaltung von Seele zu Sinnen, von Sinnen zu Seele.
+ Hier deiner Gegenwart leuchtender Sinnentag, brennende Mittagsglut
+--dort, deinen Sinnen entrückt, in dunkel geahnten Gedankenfernen:
+Frieden, Seelenreich, Gottheit--
+ Einst, in ungezählten Tagen, leises Entschlummern der Erscheinung,
+Aufdämmern der Seele auch hier; Seeligkeit, Erwachen der Gottheit auch
+in dir--und in Weltenfernen versunken alle Sinnesherrlichkeit.--
+ Bin ich, so ist Welt; gebe ich die Welt auf, so ist Gottheit; ist
+Gottheit, so bin ich nicht und keine Welt. Darum keine Gottheit da ich
+bin, keine Gottheit da Welt ist--und kein Ich, keine Welt in der
+Gottheit--Gottheit Welt.
+ Weltenzeugung--in sich gebundene Gottheit--Sinnenherrschaft--
+Samsara--Entsagung--Bekehrung--Überwindung--Erlösung--
+Verklärung der Welt in Gottheit--der Seele Seeligkeit--Nirvana.
+ Also entstehend vergehend sind diese ringenden Welten--sind
+nicht--das schweigend sprechende All-Eine:
+ -- brahma --
+
+*
+
+ So, o Teurer, mühen wir uns, wir in der Geburt Erblindeten,
+vergängliche Erscheinung zu durchschauen und der Welt, der ewigen, zu
+nahen. Möge uns ein Lehrer beschieden sein, möge uns ein Führer
+erstehen--ein Seher--ein Gott.
+ Frieden sei mit dir, o Teurer!
+ Ich habe zu dir vom Endziel des Wissens gesprochen--gesagt, so
+viel zu sagen deinem Verständnis angemessen war--zu irdischem Heil
+und zu der Welt Erlösung--stammelnde Worte suchender Seele. Die
+ersten Hügel im Tiefland sind erstiegen, es lichten sich die Nebel--:
+vor dir in schier unabsehbaren Fernen leuchten die Höhen von
+Himavat. Öffne dein Auge göttlichem Lichte--du schaust wahrhaft
+--und zuschanden geworden ist alle irdische Weisheit--zerstoben die
+allblendende Erscheinung--erloschen der Weltenschein--ein Traum--
+was in dir erwacht ist, ist größer als alle Welten--erreicht das
+Hoheziel der Erkenntnis, erreicht Vollendung--Vollendung in
+Gottheit.
+
+*
+
+ So lautet in âranâda-upanishad der
+ adhyaya: Erwachen; wortlos das Letzte:
+ Nirvana.
+
+*
+
+ So lautet die Upanishad vom Erwachen der Menschheit aus der
+Erscheinung--Hüte das Erbe
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS ***
+
+This file should be named 6110-8.txt or 6110-8.zip
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
+
+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
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+(Three Pages)
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