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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:26:56 -0700 |
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Grundbedeutung der Wurzel kâsh (kâs, kâç), +Licht, Schein; in Ableitungen und Zusammensetzungen: erschauen, +sichtbar werden, zutage treten, erscheinen. +* Derselbe Laut in derselben Bedeutung ist auch in slawischen Sprachen +erhalten (russisch: -------). Hierzu wolle man die philosophisch tiefe +Bedeutung des Wortes 'er-Schein-ung' in Betracht ziehen, wie solche +sich in weit auseinander liegenden Sprachstämmen vorfindet: '-------' +(swjet) russisch, bedeuted gleichzeitig Welt und Lichtschein; +ungarisch: 'villág' Licht, Schein und Welt; japanisch; 'atsútsuyo' +Schein und Welt etymologisch: erwachtes Leben). * +Danach wäre âkâsha 'Welterscheinung'. Zu dieser Grundbedeutung kommt +aber noch die weitere: 'Raumzeitlichkeit' hinzu. Diese ist in der +vedischen Literatur in einer Reihe von Stellen nachweisbar, welche +Stellen erst durch solche Duplizität der Bedeutung volle Klarheit +erlangen; siehe vor allem Brihad-âranyaka-upanishad 3,8 und die +Ausführungen im Oupnek'hat; dort spricht es Yâdschñavalkya mit +deutlichen Worten aus, daß âkâsha 'Raum und Zeit' bedeute und mâyâ, +das heißt 'Schein' sei. +* Im Gegensatz zu raum-zeitlicher Welt-Erscheinung wird das Wesen der +Welt als 'anâkâsham raumzeitlos' bezeichnet. Dazu hat sich die gleiche +Doppelbedeutung des Wortes auch im Pâli erhalten: 'avakâso' gekürzt: +'okâso' bezeichnet Raum und Zeit zugleich; 'okâsam karoti' heißt Platz +schaffen, Zeit und Raum finden. (An das Heraklitische: 'Urkörper ist +die Zeit' sei hier erinnert.)--So viel an dieser Stelle um die +Wiedergabe des Sanskritwortes âkâsha auf dessen Grundbedeutung +gestützt, nicht wie bisher üblich durch Weltraum oder Äther, wohl aber +durch 'Erscheinung'--zeiträumlicher Welterscheinung Urbestand, +sub-stantia, zu rechtfertigen; vergleiche +Nrisimhapûrvatâpanîyaupanishad 3: "darum soll man âkâsha als den +'Weltkeim' wissen".* + +âranâda wäre etwa durch 'Sturmesausklang' wiederzugeben. + +ashma hat die doppelte Bedeutung: Hammer und Ambos. + +asmitâ, Ich-bin-heit. "Die Ichheit wird ein Wahn genannt, der uns an +ein eigenes Sein glauben läßt" Sâñkhya Kârikâ 24, 25. + +âtmâ, Seele, etymol. Atem; das der Welt zu Grunde liegende Wesen: +brahma in der Erscheinung.--Die übliche Übersetzung: 'das Selbst' +ist zu verwerfen solange das Wort 'Selbstsucht' im ethisch +entgegengesetzten Sinne verwendet wird. + +Bhagavat-gîtâ, das Hohelied der Gottheit, Episode aus dem +Mahâbhârasu-Bhagavadgîtopanihad, die vom Erhabenen verkündete +Geheimlehre. + +bôdhisattva, der Erwacht-erkennende. + +brahma, das dem Weltall zu Grunde liegende Wesen--Gottheit. + +Brahma, der Gott Brahmá, das exoterisch zum Zwecke der Verehrung +persönlich aufgefaßte brahma.--Der Tag Brahmá = Evolution der +Erscheinungswelt. + +Buddha, etymol. der Erwachte. + +buddhi, Erkenntnis; etymol. das Erwachen. + +dvandva, Paarzustände, Gegensätze. + +dvandva vidya, die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung. + +gîtâ, das Lied; siehe Bhagavadgîtâ. + +himavat, Heimat des Schnees, ältere Form für Himâlaya. + +gîtâ, das Lied; siehe Bhagavadgîtâ. + +himavat, Heimat des Schnees, ältere Form für Himâlaya. + +îshvara, der Herr, Gott. + +kâma, Liebe, Trieb, Begierde (griechisch: --------). Die in der Upanishad +festgehaltene Verdeutschung durch 'Verlangen' rechtfertigt sich durch die +vielsagende Bedeutung des deutschen Wortes, welches eine +Unzulänglichkeit und aus dieser ein 'Langen' nach 'nicht-langen' ein +'daneben-langen' und daraus wieder ein 'etwas-zu-sich- haben-wollen' +--Verlangen nach Ergänzung. + +karma, Tat und Taterfolg, Werk, Wirklichkeit; Gesetz der +Wiedervergeltung, ausgleichende göttliche Gerechtigkeit. + +mahâtma, Großbeseelter, etymol. Macht-Atem. + +Mâyâ, das Blendwerk der empirischen Realität; mayâ = durch mich, also +'mayâ mâyâ' = durch mich, mit mir ist Maya! + +manas, Verstand, Urteil. + +nirvânâ, Seligkeit, erloschenes Verlangen. + +om, feierliche Bejahung, erfurchtsvolle Anerkennung; geistige +Vertiefung anstrebender, Heiliger Ausruf, mystische, das All +umfassende Silbe. + +Pradschâpati, mythologische Personifikation der Schöpferkraft. + +rishi, königlicher Weiser, Seher. + +samsâra im Gegensinn zu nirvâna: Kreislauf der Erscheinungswelt, das +sinnliche Da-sein. + +savitar, der Erreger: die Sonne. + +upanishad, Geheimlehre, philosophischer Höhepunkt der Veden, +esoterische Erkenntnis. + +Yavana, Jonier; gemeint ist Aristoteles. + +der Veda, Sammlung indischer heilig erachteter Schriften; das +theo-sophische Wissen--Gottes-Weisheit. + +* die mit Sternchen markierten Abschnitte bei der Erklärung des +Sanskritwortes âkâsha sind der 2. Auflage von 1917 entnommen. Es +handelt sich hierbei um zusätzliche Begriffserklärungen des Wortes. +Ansonsten ist die 2. Auflage identisch mit der ersten von 1912. (Anm. +F.R.) + + + + +Übersicht des Inhalts der Upanishad. + +I. Einleitung.--Der Menschheit irdische Ziele. +Prüfung des aufzunehmenden Schülers. Das Leid der Welt; Frage aller +Fragen. Ungelöste Widersprüche. Der Weg zur Erkenntnis. + +II. Ursprung. Erscheinung. Verkörperung der Welt--âkâsha +Zeiträumliches Dasein der Welt. Raum ist nicht in sich. Zeit ist nicht +in sich. Raum und Zeit sind eins. Zeiträumliche Verkörperung ist im +Ich. + +III. Aus Ursprung der Welt: Verlangen--kâma +Weltschöpferische Kraft des Verlangens. Wille im Ich ist Zeit; Unwille +im Ich ist Raum. Ich-entzweiung: räumlich entgegenstehendes Verlangen; +Ich-zwiespalt: zeitlich wechselndes Verlangen. Verlangen ist nicht in +sich; Verlangen ist im Ich. + +IV. Aus Verlangen: Tat. Wirklichkeit der Welt--karma +Ursache und Wirkung. Freiheit und Notwendigkeit. Tat und Duldung. Lust +und Leid. Kein Gesetz dem Wissenden. Das Trinken der Vergeltung. +Ausgleichende Gerechtigkeit der Gottheit. Alles Grauen dieser Welt +ruht auf Lust. Alle Wirklichkeit dieser Welt ist im Ich. + +V. Aus Tat: Verstand und Urteil--manas +Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit; Urteil +hebt sich in sich selbst auf. Urteil ist nicht in sich. Urteil ist +Willensausdruck. Es gibt kein Urteil--Urteil ist Ich. + +VI. Durch Erkenntnis: Erwachen aus der Erscheinung--buddhi +Das Verlangen der Welten. Sinnes-wahr-nehmung, Mâyâ. Neigung. +Empfindung und Bewegung. Seele und Verkörperung. Das verlangende Ich +ist Weltschöpfer. Die Welt denkt nur Einen Gedanken. Das +weltschaffende Wort. Das Problem der Vielheit. Die letzte +Ent-täuschung. Ich-lose Erkenntnis. dvandva-vidya, die Lehre von der +sich selbst aufhebenden Welt. Seiend nicht seiende Welten. Traum und +Wirklichkeit sind wesenseins. Das Durchschauen der Welt; Bekehrung; +unio mystika. Vollendung in Gottheit--nirvâna. + + + + +VORWORT + + Er, der dieses Werk geschrieben, ist gestorben vor der Herausgabe. +Weil sein Werk der Niederschlag eines ganzen Lebens war, konnte es +auch nicht beendet werden, bis dies Leben erfüllt wurde. + Das Titelblatt, worauf ich in der Eigenschaft als Herausgeber +genannt bin, fand sich im Manuskipt so entworfen vor, wie es hier +gedruckt ist. Es war schon vorbereitet in einer Zeit, als der Tod gar +nicht nahe war. Andere sollten aussäen, was in seiner Seele gereift +war. + Daß mir die Aufgabe zufiel, ist selbstverständlich. Seine Lehre +war Inhalt meines Lebens geworden. Ich hatte ihre helfenden und +gestaltenden Kräfte an mir lebendig gefühlt. + Wie von einem Strom ist meine Seele von diesem Werke getragen +worden, aus Einheit durch die Vielheit der Erscheinungswelt mit ihrem +Heimatsverlangen, wieder zurück zur Einheit. + In diesem Werke heißt es: Aus einer Quelle fließt: sich eines +Andern Seele nähern, sich von eines Andern Körper nähren. + Darüber ist gesagt: "Aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese +Welt gebildet." "Darum lebt alles dieser Welt durch Nährung, durch +einver-Leibung, durch an-Eignung; darum lebt alles Ich durch ein +anderes und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch +nicht-Ich, seelisch und sinnlich. + Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig +sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit, +also verstoßen, sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also einsam +schreit Ich um Hilfe--es verlangt nach Allumfassen, nach +All-einheit, nach Vollendung,--nach Nirvana." + Tief wurde meine Seele von den Bildern des Verlangens dieser Welt +bewegt. Zu höchstem Einklang sah ich das irrende gequälte Verlangen, +dieser in Qual und Lust erbebenden Erschein-ungswelt sich vor meinen +Augen verwandeln. Eine Erlösung sondergleichen, von der Natur selbst +vollzogen. Trost und Ruhe stieg aus diesem Weke auf. Kein Wort traf +meine Seele, das übersinnlich zu werden trachtete, aber ein gewaltiger +Strom nahm die heimatlose Seele auf und trug sie unaufhaltsam einem +unaussprechlichen Ziele zu, vor dem jeder Gedanke und jedes Wort +umkehrt. + Mir schien dieses Werk wie eine Heimat und Zuflucht derer, die +sich scheuen vor jedem Wort und jedem Bild, das sich ihrer +Heimatssehnsucht erbarmen möchte. + Mit Naturnotwendigkeit fühlte ich mich über das unstillbare +Verlangen dieser Welt hinauswachsen, ohne Weltflucht--durch +Weltvertiefung, durch Versenken in die Welt der Erscheinung und des +Verlangens. "Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche +--inbrünstiges Gebet--Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen +nach dem Höchsten." + Nichts ist zu niedrig, um nicht das Höchste zu bergen! Welch +erbarmungsvoller Gedanke!--Von diesem Standpunkt aus--eine +Heiligung sondergleichen der ganzen Natur. Ihre Geheimnisse und +Schrecken, wandeln sich in uns zum Höchsten, wir brauchen der Natur +nicht zu entfliehen; wir sind geborgen. Die Welt--zu Ende gedacht-- +ist Erlösung. + Das ist der Standpunkt, von dem es mir möglich war, alles, was +diese Lehre mir bot, zu erfassen. + Und wenn ich mich frage: Was hat dem Werke, vordem es in die Welt +geht, so viel Macht gegeben auf jene Menschen, die ihm bereits nahe +traten, so mag es wohl dies sein, auf das ich hier hindeute, und was +einer der teuren Freunde, die mit dem Werke lebten, aussprach: "Es +wurde eine Heimat, ein Ruheplatz, wohin ich stets zurückkehren werde, +wo ich mich hingehörig empfinde, es wurde mir ein ureigenster Besitz." + Auch die Einheit dieses Werkes ist auf dem schweren Weg durch die +Vielheit enstanden. Seine Kürze ist die Tat langer Jahre eines Lebens. +Ich kenne den weiten Weg, ich durfte ihn mitgehen, der zurückgelegt +werden mußte, um solches Ineinandergreifen aller Teile zu schaffen, um +solche einheitliche Zusammenfassung aus dem Ganzen herauswachsen zu +lassen. Ich erlebte es mit, welch starke Verbindung schärfster +Verstandestätigkeit mit den Kräften seelischen Schauens dazu gehört, +um die schwierigsten Gedankengänge und ihre anfänglich unmöglich +erscheinenden Ergebnisse zu solcher Einfachheit der Vorstellung, zu +solcher Selbstverständlichkeit des Ausdrucks auszugestalten. + Es war ein langsames Schaffen; aber ein sicheres Wachsen, immer +aus dem Lebenszentrum, dem Ich-Punkt heraus. So entsteht ein +Naturgebilde. + Alles von der Natur Geschaffene stellt sich uns mit so sicherer +Selbstverständlichkeit dar, daß wir nur schwer dazu gelangen, seine +Bedingtheit aus unendlicher Zusammensetzung zu begreifen. + Alles Vereinheitlichte und darum Einfache ist schwer zu ergründen. +Das gilt auch für diese Schrift: sie lesen zu können--das ist eines +schwere Kunst und Wenige werden sich dazu hinringen. + Paracelsus sagt: + "Was unmöglich gesagt wird, was unverhofflich und gar verzweiflich +ist, wird wunderlich wahr werden und soll sich niemand verwundern über +den kurzen Weg und kurzen Begriff, denn das Viele ist die Quelle von +vielem Irrtum." + Wir lernten "das sich dazu hinringen" durch ihn selbst. Er war uns +der Pförtner, der uns das schwere Tor auftat. + Durch ihn empfanden wir, wie wenig alle Worte sagen, selbst seine +Worte, die nicht mehr nur Worte der Sprache sind, die zu tiefen +Bildern fast unsagbarer Dinge wachsen. + An der Bildung der Worte, der Enstehung der Sprache, waren, wie +bei allem Schaffen, die höchsten Ahnungen lebendig mit am Werke. + Diese ursprünglichen Ahnungen tiefster Wahrheiten scheinen +gleichsam durch die viel gebrauchten Worte hindurch, wachen wieder +auf, sprechen sich im Worte selber wieder aus, sobald die Sprache +schöpferisch behandelt wird. + Die kühnste Anwendung der Sprache deckt sich hier mit ihrem +urprünglich einfachsten Sinn. + Es ist, als ob nicht ein einzelner Mensch spräche, sondern als ob +der Geist der Sprache sein wissen von sich selbst offenbarte. + Der, der diese tief lebendige, wissende Sprache sprach, ging den +Weg seines Werkes. "Wortlos das Letzte" ist dort das Schlußwort. Er +hat auch davon uns noch ein Stück erfassen lassen durch seinen großen +Tod. In Schweigen versank die Sinnenwelt, das unaussprechliche +leuchtete auf, das gesucht, in sich und in allen Dingen, lebenslang; +verklärt fühlte er es nahen. + Dieses Buch ist seine Wegspur dorthin.--Zu Ende der Weg; +erreicht das Ziel;--wortlos das letzte. + Für mich ist es eine Notwendigkeit, ebenso gewollt wie schmerzlich +und doch freudig, den innig behüteten Besitz, der bisher nur still und +verehrt Nahestehenden dargeboten wurde, öffentlich hinauswirken zu +lassen in die große, dieser Lehre so fremde Welt, damit sie die +Wenigen finde, denen sie ihre Leuchtkraft mitteilen soll, die ein +inneres Recht auf sie haben. + Solche wird sie finden; ich weiß es, weil nicht ich allein die +heilsame Klärung im Wirrsal des Lebens daraus empfing. Ein Kreis von +Schülern und Verehrern hatte sich langsam um den zurückgezogenen +Denker versammelt. + Es lag mir nahe, Aussprüche der kleinen Gemeinde dem Werke +mitzugeben, eine wärmende Hülle von Liebe, die sich bereits darum +gebildet hatte;--scheint doch dies Werk auf den ersten Eindruck dem +gegenwärtigen Leben so fern, als sei es aus dem Weltenraum auf die +Erde gefallen; denn was aus Sehnsuchtsglut, die nie am Vergänglichen +Genügen fand, geboren wurde, ist wie von der Unendlichkeit, die für +uns nicht irdische Lebenwärme birgt, angehaucht.--Ich tat es nicht +und gab ihm nur meine große Liebe mit, die ihm durch ein Leben +gehörte. + +Helene Böhlau al Raschid Bey. + + + + + +DAS HOHEZIEL DER ERKENNTNIS +-- âranâda-upanishad -- + + + + +I. +IRDISCHE ZIELE +-- samsâra -- + + + So lautet die Upanishad: + om! + Auf das Geheiß des Verehrungswürdigen! Diese Unterweisung +niedergeschrieben zu Stambul, im indischen Kloster auf Akssarai, +begonnen am fünfzehnten Tag des Monats rebi ül evel im Jahre +dreizehnhundertundvier. + +* + + Der Verehrungswürdige spricht: + "Frieden sei aller Erscheinung!" + "Du hast, o Teurer, deinen Wissensweg fern von uns gesucht; hast +du, im Abendlande belehrt, des Wissens Ziel--: 'Befriedigung' +erreicht? Welches Begehren führt dich hierher?" + --"Verehrungswürdiger..."-- + "Suchst du weitere Gelehrsamkeit oder verlangt dich, aus +Nichtigkeit hinaus, nach letzter Erkenntnis?--Erfasse es wohl! denn +unermeßlich ist, in allen Ewigkeiten und Unendlichkeiten unermeßlich, +was du--erkennend--erringst." + --"Verehrungswürdiger! Ein Schüler steht vor dir, das Holz zum +Opfer in der Hand..."-- + "Nun wohl!... Was von großen Fragen bewegt dich?" + --"Das Leid auf Erden, o Herr! Die Unabwendbarkeit des +Verderbens, das Grauen und die Qualen der Geschöpfe--Woher ist der +Ursprung des Übels in unserer Welt?"-- + "Ursprung des Übels? Hast du, o Teurer, was du so nennst, wohl +erfaßt und vermöchtest mit klaren Worten zu antworten?" + --"Keine Antwort, Verehrungswürdiger!"-- + "Hat dich, o Teurer, dein Lehrer über den Sinn der Fragebelehrt?" + --"Verlangend war ich, o Herr..."-- + "So hast du im Abendlande Wissen hierüber nicht erlangt?--Wer +von Lehrern dort gibt Antwort--letzte Erkenntnis, unwiderleglich?" + --"Unzureichend, Verehrungswürdiger, ist alle menschliche +Vernunft! der Widersinn der Welt ist unüberwindlich"-- + "Dem ist nicht also, o Sohn!--Eines nur,--nur Eines... ist +unerkennbar..." + --"Verehrung sei dir, o Herr! Wie könnte sich selbst +Widersprechendes bestehn? Wie könnte Unerreichbares dem Wissen +erreichbar werden?--Fließt Übel und Böses aus der Gottheit, so ist +es von der Gottheit gewollt. Will Gottheit Böses, so ist Gottheit +böse. Wächst aber das Böse nicht aus der Gottheit, so ist es von der +Gottheit nicht gewollt und ist dennoch,--so ist Gottheit in sich +entzweit--zwei Gottheiten, die sich bekämpfen, widersprechen, +aufheben.--Der Widersinn ist unlöslich"-- + "Dem ist nicht also, o Teurer!" + --"0 Herr! Woher ist Übel und Böses in der Welt? Warum ist Leiden +und Tod? Wenn es eine Antwort auf diese Fragen gäbe, so würden die +Wissenden von ihrer Wahrheit erfüllt sein; der Veda würde sie uns +lehren, die Gita, Yadschnaválkya, der Buddha, Badaráyana, +Shamkaratschárya, Lao-tse, Li-tse, die großen Lehrer des +Abendlandes..."-- + "Dennoch ist es nicht also, o Teurer! dennoch ist es nicht also!" + --"Diese Fragen sind ungelöstes Geheimnis; es gibt uns Menschen +keine Antwort! Dies entgegne ich dir in Ehrfurcht, o Herr! Wenn aber +dem nicht so ist, so wolle der Erleuchtete mich hierüber wahrhaft +belehren."-- + "Eines--o Teurer, ist unerkennbar--nur Eines!--und Schweigen +ist Antwort... Diese deine Fragen jedoch sind durchsichtig, tragen die +Antwort in sich." + --"Würdige mich der Belehrung, o Herr!"-- + "Nahe liegt die Antwort, leicht ist die Antwort auszusprechen, mit +wenigen Worten ist die Antwort auszusprechen--weit der Weg, mühevoll +der Weg zu Erkenntnis..." + --"Weise mir den Weg, o Mächtiger! Laß die Erkenntnis überströmen +auf mich, deinen Schüler, der ich in Demut deine Kniee umfasse!"-- + + "Wohlan! Es sei! Tritt näher, fasse meine Hand; gebiete deinem +Herzen Ruhe und Ruhe den Gedanken." + "Möge uns die Stunde günstig sein! Möge der Geist der Upanishaden +uns leuchten." + + "Fern von hier, in unsrer aller Heimat ruht das Feuer unter der +Asche des Herdes; der Mörser tönt nicht mehr unter den Händen +arbeitsfreudiger Mädchen; der Lärm des Tages schweigt; aufgestiegen +zum wolkenlosen Himmel ist der Opferrauch und heilige Elefanten +künden die Nacht..." + "Indessen von denen da draußen, die sich Menschen nennen, der +eine, gedankenlos wie ein Tier, sich dem Schlafe überläßt und im +Traume weiter nach zerrinnenden Freuden jagt,--indessen andere, +unfähig sich der Betäubung des Lebens zu entreißen, nichtige Reden +führen, verächtliche Künste anstaunen oder übersättigt und nie +befriedigt in Weibesarmen ruhen,--ist uns die Stunde gekommen, nach +dem Hohenziel des Menschen zu forschen.--Wohlan, o Schüler, +wiederhole deine Frage!" + --"Verehrung sei dir, o Fürst! Ursprung des Bösen, Ursprung von +Selbstsucht und Zwietracht, Ursprung des Unheils dieser Welt, Quell +alles Leides; Quell alles Widersinnes, alles Irrtums, aller Sünde +dieser Welt, Frage aller Fragen, nie gelöste Rätsel!--: Wie ist +sittliche Erkenntnis und Tat denkbar unter Herrschaft blinder +Naturgesetze? Wie ist freie Willensentscheidung des Menschen vereinbar +mit unabweisbarer Notwendigkeit alles Geschehens? Wie ist der +Gegensatz zu überbrücken zwischen Empfindung und Bewegung, Seele und +Körper, Gott und Welt?--Ich nehme meine Zuflucht zu dir, o mächtig +Beseelter! Weise mir den Weg ans Ufer der Erkenntnis--mir, dem +Suchenden!"-- + "Wohlan!--Wisse dich aufgenommen, o Schüler! Schichte das Holz +zum Opfer... Folge meinen Worten; schweigend folge,--du betrittst +heiligen Weg. Folge mit offener Seele aus leicht verständlichem Beginn +von Stufe zu Stufe festen Schrittes zum letzten Ziele,--uns allen +bestimmt. Ich offenbare dir verhüllte Wahrheit--uralt heiliges +Wissen--Upanishad." + +* + + "O Teurer! Seit dem Tage Brahma stürmt unser Wohnsitz, die Erde, +unaufhaltsam durch den Weltraum. Der segenspendende, totbringende +Sonnenstrahl, mit jedem Augenblick rastlos vorrückend, weckt die +Scharen der Geschöpfe aus tiefem Schlaf zu kurzem Tagesbewußtsein. Sie +erwachen unter dem Einfluß des Erregers Savitar--und ihr erster +klarer Antrieb ist, sich Nahrung zu verschaffen, um das Leben weiter +zu fristen. Alsbald halten sie Ausschau nach einem schwächeren +Genossen, um ihn zu berücken und zu fressen.--Sie selbst haben es +sich so ins Herz gelegt: andere zu vernichten, um sich zu erhalten. + "Zu solchem Ziele ist jede Verschmitztheit, jede Frechheit, jede +List und Gewalt, jedes Unrecht erlaubt und geboten, und belohnt sich +auf der Stelle. Jede Unentschlossenheit, jede Abschwächung des +straffen, zielbewußten Willens, etwa aufkeimendes Mitleid, die +leiseste bessere Regung, rächt sich unmittelbar: der Fang ist +vereitelt und Hunger die Strafe. Darum Verdruß, wenn die Beute +entgeht, und Herzensfreude, wenn sie röchelnd am Boden liegt.--Kein +andrer Ausweg: um zu leben--erbarmungslos morden.--Einst wirst du +erkennen, aus welcher Tiefe solches fließt. + "So wird es ein gewohntes Handwerk, und seit Menschengedenken von +Vater auf Sohn vererbt. Niemand weiß es anders, jedermann übt es +unbedenklich aus, hält es lieb und wert, eignet sich willig die +nötigen Kunstgriffe an und zieht dann, wohl ausgerüstet, tagtäglich +nach lockender Beute aus. + "Sehr bald wird der Raubende den Unterschied gewahr zwischen dem +leicht und dem schwer zu erlangenden Fraß, zwischen der sicheren und +der gefährlichen Jagd, zwischen der wehrlosen und der wehrhaften +Beute, und er lobt das Eine und schilt das Andere, betrachtet das Eine +mit Haß, das Andere mit Liebe, nur sich im Auge. Was sich fressen +läßt, gefällt ihm und er nennt es gut; was sich nicht willig hergibt, +was widersteht, was gar ihn selber angreift, mißfällt ihm und er nennt +es schlecht und böse. Fressend hält er das Tun für löblich und recht, +doch selbst gefressen für unrecht und böse. + "Er trifft sonach sorgfältige Auswahl und vermeidet die Jagd auf +seinesgleichen, eingedenk, daß Solche Waffen führen wie er selbst: der +Kampf ist gefährlich, der Erfolg nicht sicher. Es ist geratener, +Schwächere zu bekämpfen, dem gleich Wehrhaften möglichst aus dem Wege +zu gehen; es ist vorteilhafter, sich mit ihm zu vertragen, gute +Nachbarschaft zu halten--Frieden und Freundschaft, wenn solcher +Nachbar, von gleicher Gier nach gleichem Ziel beseelt, zur Erlangung +des Fraßes mitbehilflich ist. + "Notgedrungen verbindet er sich mit Gleichgesinnten, jagt und +raubt gemeinsam mit ihnen, achtet auch das eingegangene Bündnis, +solange es ihm dienlich scheint. Bei guter Gelegenheit jedoch kehrt er +sich gegen seinen Bundesgenossen, entwendet dem Überraschten die +Beute, wiederholt das bequeme Spiel so oft als tunlich und knechtet +endlich den milderen oder minder schlauen Gefährten dauernd zu seinem +Dienste. + "Sein böses Tun trägt ihm gute Früchte. Durch Bündnis oder +Waffenstillstand nach außen leidlich gesichert, von Weib und Knecht im +Jagen unterstützt, gewinnt er Zeit zur Überlegung. Er beginnt an den +kommenden Tag zu denken und lernt allmählich sich die Nahrung für den +Notfall zu sichern. + "Er gewöhnt sich sein Gebiet bedachtsam abzujagen; er hegt und +erhält sich den Bestand nach Möglichkeit für die Zeiten des Mangels; +er schont das tragende Weibchen, sorgt für den heranwachsenden Wurf +und zähmt ihn, um ihn besser zur Hand zu haben. Was er nun ehrlich +erworbenes Eigentum nennt, behütet er sorgsam und schützt es +entschlossen gegen hungernde Mitbewerber; schützt seine Herden mit +Gefahr seines Lebens gegen fremde Fresser--zum Fraß für sich. + "So im Gefühle gesicherter Nahrung schaut er mit Befriedigung und +Wohlgefallen auf die anwachsende Herde und liebt sie mit aufrichtiger +Liebe. Erbarmungsloser Räuber und treuer Hirte! Beides wächst aus +derselben Wurzel und wird nur mit anderen Namen genannt--nur Worte, +bloße Lautverschiedenheit. + "Solchem Tun und Treiben haben sich seine Glieder, seine Sinne, +sein Hirn, seine Denkungsweise angepaßt, er hat seine Gewohnheiten, +seine Sitten, seine Gesetze darnach gebildet; er läßt sie sich nicht +abstreiten, überwacht sie eifrig, hält, was er sein gutes Recht nennt, +unentwegt aufrecht und erachtet es für heilig. + "Das Rauben und Morden ist allmählich in fest gehandhabte und +streng eingehaltne Ordnung gebracht, und alle Welt fügt sich freudig +dieser Ordnung. Was jedermann an sich selbst als grauenvoll empfindet, +wird dem Nächsten gelassen angetan. Es wird kaltblütig und mit Muße +gemordet und in sanften Formen gefressen. Es ist nicht mehr das +sterbende Tier im letzten vergeblichen Widerstand, mit brechendem +Auge, stöhnend, blutübergossen--nein, es sind gesittet zubereitete +Speisen und friedlich heitere Mahle. Es nimmt kein Vernünftiger Anstoß +daran. Der Schmausende weiß sich von niederer Begierde frei, von +unantastbarer Redlichkeit, auf der Höhe der Gesittung--und das Tier, +das sich Herr der Schöpfung fühlt, nennt sich--Erkenntnis in ferner +Dämmerung--Mensch, und seine Mitgeschöpfe--Nutzvieh. + "Nutzvieh sind ihm auch seine Weiber; er hat sie gegen Mitbewerber +unter Mühen erkämpft und hütet sie nicht ohne Not. Er überwacht sie, +bürdet ihnen alle Mühen auf und mißbraucht sie zu jedem Dienst; er +liebt sie, wie er seine Herden und seine Helfershelfer liebt. Er zankt +und spielt wieder, flätscht die Zähne und liebkost, schmeichelt und +läßt sich schmeicheln, liebt und verachtet, je nach Lust. + "Und das Weib fühlt sich Mutter,--sie gebiert und sieht im Kinde +sich selbst! Sie überschüttet den hilflosen Wurf mit der Liebe zu sich +selbst, mit verschwenderischer, hingebender Liebe--jederzeit bereit, +für ihr eigen Fleisch und Blut sich aufzuopfern. + "Der Erzeuger folgt zögernd der Mutter: pflegt, überwacht, erzieht +die Brut; lernt sie mit Gefahr seines Lebens schützen--ja in freudig +aufgenommenem Kampfe vergißt er sich selbst und opfert sich für sein +Kind. Was selbstlose Liebe heißt, ist auch in ihm aufgegangen. Er hat +sich, gleich der Mutter, in einem von ihm abgetrennten, einem fremden +Wesen--sich außer sich--wiedererkannt; hat sich geopfert, um sich +im Kinde zu erhalten--selbstlos aus Selbstsucht. + "Wie aus der Gier, sich bequemen Fraß zu sichern, Liebe zur Herde +floß, so fließt aus starrer Selbstsucht: --Aufopferung und +Selbstlosigkeit. Es ist dasselbe Tun und wird nur mit einem anderen +Namen benannt. Selbstsucht, zu Ende gedacht, ist Selbstlosigkeit. + "Dies ist einfach und erklärlich. Der du mich hörst, wiß' es: Dies +ist das Wunder aller Wunder,--ist Quell und Ursprung, Geburt aller +Gottheit, aller Welten, Geburt aller Welten--Vernichtung aller +Welten; Samsara--Nirvana. + "Die Welt ist Selbstsucht--Selbstlosigkeit unterliegt allüberall +und siegt unablässig; erlischt und flammt auf, vergeht und wächst, ist +und ist nicht--Nirvana in Samsara. + "So, o Teurer, können wir Menschen nachdenkend uns dieses +vorstellen.-- + "Doch, wie ein Elefant, der den Stachel des Führers nicht fühlt, +vom Wege abirrt und über das Ziel hinausläuft,--so bin ich vom +Gedanken abgewichen und habe mehr gesagt, als ich zunächst sagen +wollte. + "Wie auch das Tun und Treiben der Menschen erscheine, welch' hohe +Bezeichnung es auch führe, welch' heiligen Namen es auch trage--in +diesem wirr verschlungenen Reigen ist nur Ein Gedanke, nur Ein Ziel: +das Leben, das eigene Leben!--Ich! Ich, das sich aus dem Fleisch und +Blut des Nächsten aufbaut,--ich, das von der Vernichtung des Anderen +lebt... + "Folgst du meinen Worten, o Teurer?" + --"Mit ganzer Seele!--Du hast, o Herr, die Entstehung +menschlicher Gefühle dargelegt, den Wechsel und Wandel der Gefühle, +die Umkehr des Gedankens und die letzte Grundlage alles menschlichen +Tuns!--Wolle der Verehrungswürdige nunmehr auslegen, wie in dem +Gesagten die Antwort auf unsere Fragen liegt?"-- + "Ich lehre es dich, o Teurer, du aber verstehst mich nicht. Ich +habe es ausgesprochen, du aber hast es nicht gehört. + "Wohlan denn! Da ich zunächst von der Quelle redete, aus der alles +Tun fließt, ist dir nicht, o Teurer, der Gedanke aufgestiegen, daß es +näher läge zu fragen, nicht wie das Böse, wohl aber wie das Gute in +die Welt gekommen sei? Denn die Welt des Samsara ist durch Entzweiung, +ganz im Banne des Zwiespalts, not- und leiderfüllt, ganz im Banne +nimmer gestillten Verlangens, ganz im Banne ewig friedloser Tat, allen +Qualen preisgegeben, preisgegeben dem Tode. Wie in solcher Welt konnte +der Gedanke des Guten entstehen? + "Indessen wie das Böse, oder wie das Gute in die Welt gekommen +sei--beides sind müßige Fragen und die eine nicht besonnener als die +andere. +"Leicht zu durchschauen sind die Fragen, offen liegt die Antwort, nahe +Erkenntnis, weit der Weg.--Aus dem Dickicht aberwitziger Torheit +will ich dir den Elefantensteg treten, dich hinauszuführen zu +sonnenklarer Einsicht. + "Wie wenn Einer im pfadlosen Urwald irrend, vergeblich den +rettenden Ausweg sucht und bei sinkender Nacht, zu Tode erschöpft und +jedweder Hoffnung bar, sich zum Sterben zu Boden wirft--und +erwacht am hellen Tage und erkennt die Umgebung und sieht sich nahe +seiner Heimat--so erwachst du im Lichte der Erkenntnis und siehst +dich nahe dem urewigen Ziel. + "Ich führe dich aus blindem Wahn zu Erkenntnis, aus Todesgrauen zu +Seeligkeit, aus Verlangen zu Erfüllung--und leuchten möge uns das +Licht des Veda, das Licht des Veda!" + +* + + So lautet in Aranada-Upanishad die Prüfung; nunmehr die +Unterweisung: Akasha, dieser atmenden Welt Erscheinung. + + + + +II. +VERKÖRPERUNG DER WELT +-- âkâsha -- + + + O Teurer! Zu dem, was ich dir zu sagen gedenke, behalte vor Augen: +Alle große Wahrheit ist gedacht, verkündet alles große Wissen; uns +bleibt uralter Weisheit nachzuleben. + Beachte wohl: Erkenntnis offenbart sich wortlos; die Upanishad, um +gehört zu werden, muß in Worten reden. Laß dein Verständnis nicht an +Worten haften; Worte sind Hindernis der Erkenntnis: denke und erfasse +über Worte hinaus. + Ehe wir zur Höhe ansteigen, gehen wir im Tale den betretenen Pfad +--glaube nicht zu schauen, ehe du dich dem Gipfel näherst. Wähne +nicht zu erkennen, ehe du den tief innersten Gedanken der Upanishad in +dich aufgenommen hast--: aller Welten Ziel: das Erwachen aus der +Erscheinung. + +* + + Also ist die erste Unterweisung: + -- AKASHA -- +dieser atmenden Welt zeiträumliche Erscheinung. + Stelle dir vor, o Teurer, es umfasse die enge Klause, in der wir +weilen, die ganze Welt, und es sei kein empfindendes Wesen darin; was +wäre auszusagen? + Nichts; ohne Empfindung kein Urteil. +Du betrittst den Raum--und aus dem Nichts schafft sich Erscheinung, +Bewegung und Gestaltung; Körper, Eigenschaften, Kräfte, Wirkung, +Entfaltung, Leben in endloser Fülle und endlosem Wechsel; aus deiner +Empfindung--die Welt. + Alsbald erscheint dir dieser Raum groß oder klein, hoch oder +niedrig, hell oder dunkel, heiß oder kühl, schön oder häßlich oder in +irgend einer Beziehung deinen Sinnen erwünscht oder unerwünscht, und +zwischen diesen Gegensätzen alle Abstufung deiner Empfindung. Den +Boden, auf dem du stehst, fühlst du unter dir, die Decke siehst du +über dir; die Pforte, durch die du eingetreten bist, ist hinter dir; +vor dir, weiten Ausblick gewährend, der offene Bogen; diese +geschlossene Wand hier ist zur Linken, jenes die rechte Seite des +Raumes. + Dies sind Bezeichnungen, Urteile, die unbestreitbar scheinen,-- +dennoch, sobald jemand dir gegenüber tritt, behauptet er, die Seite, +die du mit rechts bezeichnest, sei die linke, und nennt die Wand, die +du links nennst, die rechte. Beider Urteile können nicht zutreffend +sein; sie widersprechen sich, sind Gegensätze, die einander +ausschließen, zu nichts aufheben. + Hier geschieht das Wunder, daß eines mit einer bestimmten +Bezeichnung und gleichzeitig mit dem Gegenteile dieser Bezeichnung +belegt wird. Wer von den Urteilenden hat recht? Keiner--oder, wenn +du willst, beide. Die Wand ist beides: rechts und links, also auch +keines von beiden, weder rechts noch links. + Keine Lösung, auch wenn etwa der Gegenüberstehende zu dir +herüberträte und nun, in gleicher Stellung wie du, dir und deinem +Urteil beistimmte. Gesetzt, es traten noch mehr zu dir, einsichtige +Männer, gelehrte Brahmanen, solche, die sich für Wissende halten, und +alle waren eines Urteils: die bezeichnete Wand des Raumes sei die +rechte;--wenn von allen zahllosen Wesen seit Zeiträumen ohne Zahl +nie anders erkannt worden, wenn es ein ewiger Glaubenssatz der +Menschheit wäre und hieße frevelhaft daran zu rühren--die Wand +bleibt, was sie wahrhaft ist, weder das eine noch das andre, weder +rechts noch links. + Alle die, welche mit dir in der Benennung der Wand übereinstimmen, +stehen mit dir auf gleichem Stand, vertreten deinen Standpunkt, sind +deine Standesgenossen, nichts mehr. Wechselst du deinen Standort und +trittst dir selbst gegenüber, so widersprichst du dem eigenen Urteil: +aus rechts ist links, aus links ist rechts geworden. + Das Urteil ist in dir; an der Wand selbst haftet nicht ein Hauch +von den Unterscheidungen rechts und links. Wie der Schatten eines +vorüberfliegenden Vogels am Boden nicht haftet, so haftet nichts von +diesen Unterscheidungen an der Wand, in keiner Gestalt, in keinem +Sinne, weder offen noch verborgen, weder hier noch dort, weder heute +noch je. + +* + + Dies, wovon ich dir rede, ist selbstverständlich; folge mir +weiter. + Stelle dir vor, o Teurer, der Raum, von dem wir reden, sei +kreisförmig gezimmert. Du dürftest nicht mehr die ganze Wand, sondern +nur eine Stelle der Wand, eine einzige körperlose, nur in Gedanken zu +fassende Linie mit rechts oder links bezeichnen, und diese Linie würde +bei jeder Bewegung von dir, vor oder rückwärts schwankend, eine andere +Stelle der Wand treffen. + Sodann: denkst du dir, dem Gedanken weiter folgend, den Raum, von +dem wir reden, in den Hohlraum einer Kugel verwandelt und dein Stand +sei im Mittelpunkte dieser Hohlkugel, so trifft die Bezeichnung rechts +oder links je einen einzigen körperlosen, nur in Gedanken zu fassenden +Punkt, und jede leise Abweichung von diesem einen Punkt spielt schon +in fremde Verhältnisse hinuber: vorn, hinten, oben, unten. Jede deiner +Bewegungen, jeder Atemzug, jeder Herzschlag läßt die Unterscheidungen +rechts und links durcheinanderschwirren wie die Farben auf einer +Seifenblase, und du kannst, je nachdem du dich wendest oder beugst, +willkürlich jeden Punkt der Hohlkugel mit gleichem Recht und mit +gleichem Unrecht mit rechts und mit links bezeichnen. + Die Gegensätze rechts und links haften an dir, sie bewegen sich +mit dir, folgen dir, wenden sich mit dir; sie stehen und gehen, sie +ent-stehen und ver-gehen mit dir. Rechts und links ist da, wo du es +willkürlich hinverlegst, überall--nirgends. + In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene +Schöpfung die Unterscheidung rechts und links; du überträgst eigene +Schaffung--Eigenschaft--aus dir hinaus, nichts mehr; an sich ist +kein rechts und kein links, einzeln nicht und zusammengenommen nicht. +Die Urteile heben sich gegenseitig auf, nichts bleibt--in dir allein +sind die Unterscheidungen. + Doch frage dich, o Teurer, wo bestünden in dir die +Unterscheidungen, wenn du dir vorstellst, daß du dich in deinem +eigenen Körper umzuwenden vermöchtest; woran könnten die Merkmale +rechts und links in dir haften, wenn du dich kugelförmig gestaltet +vorstellst, oder wenn du dich formlos, körperlos denkst? + +* + + Und endlich--von unserer Klause hier ging ich aus--stelle dir +vor, dieses hier sei die ganze Welt und außer dir kein empfindendes +Wesen darin + --und du selbst seist nicht-- +--verschwunden sind die in Rede stehenden Unterscheidungen, +ausgelöscht, in nichts gesunken; sind nicht und waren nicht; Spiel +deiner Seele--wesenlose Erscheinung. + Du hast erkannt: + Die Vorstellungen rechts und links sind nicht an sich, sind in +Gegensätze zerfallene, an sich nichtige Unterscheidungen in dir; von +scheinbarer Verschiedenheit--ununterschieden an sich; von +scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkte +Wirklichkeit dieser Welt--nicht Wahrheit. + Was von diesen Unterscheidungen--in dir als Urteil,--außer dir +als Eigenschaft des Gegenstandes erscheint, ist nur Kennzeichnung +deines Standortes im Raum, dein zu-Stand zum gegen-Stand, deine eigen +gewählte Haltung, dein beliebiges Verhalten--dein Verhältnis zu den +Dingen im Raum; deine frei-willig eingenommene Stellung-- +vor-Stellung, will-kürlich aus dir geschaffen, Ausdruck deines +Willens, aus dir geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst. + +* * * + + Und ferner desgleichen: + Dem gefundenen Ergebnis in betreff der gegenteiligen +Unterscheidungen rechts und links schließen sich unmittelbar und in +allen Stücken an die gegenteiligen Unterscheidungen vorn und hinten, +oben und unten. + Beim ersten flüchtigen Hinschauen zwar scheint es, als beharrten +die Urteile oben und unten auch unabhängig von dir und deiner +jeweiligen Stellung, als bliebe oben oben und unten unten, welche Lage +du auch einnimmst. Stellst du dir aber vor, daß jemand, auf der +Erdkugel stehend, mit erhobenem Arm den Ort am Himmel bezeichnen +wollte, den er für oben hält, und dicht neben ihm stünde ein zweiter, +dasselbe tuend, so weichen die von ihnen als oben bezeichneten Punkte +schon voneinander ab und in unendlicher Entfernung stehen sie +unendlich weit auseinander. + Trüge nun jeder Fleck der Erdkugel solche nach oben Weisende, +jeder von ihnen vermöchte nur sein Oben, nicht das Oben zu weisen und +desgleichen jeder von ihnen nur sein Unten, nicht das Unten, und das +Urteil eines jeden widerspräche dem Urteil aller übrigen, und jeder +Punkt des Himmels trüge mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht +die Bezeichnung oben und die Bezeichnung unten. + In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene +Schöpfung die Unterscheidung: oben und unten. Oben und unten ist da, +wo du es willkürlich hinverlegst, oben und unten ist das, was du +willkürlich so nennst. Was hier oben ist, ist dort unten; was jetzt +unten ist, ist dann oben; du wechselst deinen Standort nach Gefallen +und deine Anschauung wechselt mit ihm: oben ist unten, unten ist oben +--die Urteile heben sich durch Gegenurteil auf, nichts bleibt. + Ich sage dir nichts Neues, ich erinnere dich nur. + + Und ferner desgleichen alle verwandten Bezeichnungen, alle +Richtung, Maß, Begrenzung, Verhältnis vorstellenden Urteile und alle +übrigen auf Raum und Dinge im Raum übertragenen, wie rechts und links, +wie vorn und hinten, wie oben und unten, in Gegenteile zerfallenden, +aus dir geschaffenen, außer dir erscheinenden, an sich nichtigen +Merkmale und Namen. + Alles Maß ist in dir; alles Verhältnis, Ausdruck deines +Verhaltens; aller Gegenstand in Beziehung zu deinem Willen oder +Unwillen; aller Gegensinn in dir selbst. + +* + + Räumliche Vorstellungen und Urteile erscheinen unsicher und +schwankend, sie greifen ineinander über, verfließen ineinander, jede +der Vorstellungen beginnt im Herzen der andren-- + Die Wahrnehmungen erscheinen gepaart, erscheinen eine die andre +bedingend, sind nur durch gegenseitige Beziehung, sind nur durch +Gegensatz zueinander-- + Von getrennten Standorten aus widersprechen sich die gegenteiligen +Unterscheidungen, verneinen einander, heben einander zu nichts auf-- + Räumliche Verhältnisse sind nicht an sich, sind nur in dir, +entsprechen in dir deinem gegenwärtigen Standort, deiner gegen-Wart; +wechselst du deinen Standort, so wechselt mit deinem Gesichtspunkt +deine Anschauung, die Urteile widersprechen sich auch in dir, +verneinen sich gegenseitig auch in dir, heben sich auch in dir zu +nichts auf-- + Räumliche Unterscheidung hat an sich, hat in dir keine Geltung, +ist gleichgiltig, gleich ungiltig, bedeutungslos, leer, nichtig--in +dir, an sich; Erscheinung--nicht Wahrheit. + + Du erwägst: Raum an sich ist leer und bestimmungslos, wie +vermöchten an leerem Raum räumliche Verhältnisse zu haften? + Und du erkennst: + Was dir in räumlicher Anschauung als Verschiedenheit erscheint, +ist willkürliche, durch gegensätzlichen Standort in Gegensätze +auseinanderspaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir--aus +dir gewirkt, auf dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt, +nicht Wahrheit. +Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--außer dir als +Eigen-schaft der Dinge erscheint, ist Ausfluß deiner Eigen-heit, +Abbild deiner selbst; ist dein Verhalten und Verhältnis zu den Dingen, +dein Stand und ver-Stand, dein zu-Stand zum gegen-Stand; Kennzeichnung +deiner Stellung zum gegen-ständlich aufgefaßten Gedanken--deine +vor-Stellung; ist Aus-legung deines innen-Lebens, Ent-gegnung deines +Empfindens, sinnliche Ant-wort seelischer Bewegung, wider-Schein der +von dir be-lieb-ten Wertung, Ausdruck deiner frei-will-igen Teilnahme, +deiner will-kür-lichen Auffassung, deiner Wahl-verwandtschaft, deiner +wechselnden Neigung und Gesinnung, ist dein Atem in Lust und Unlust, +in Liebe und Haß; ist Ausdruck deines wechselnden Verlangens, deiner +Willkür--Inhalt deiner Seele, aus dir gezeugte Über-zeugung, deine +eigene Schöpfung--du selbst. + + Solches hast du klar erkannt, daran halte fest, unverbrüchlich. + --Eigengeschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der +Dinge Eigenschaften.-- + +* + + Ausgelöscht sind die Bedeutungen rechts und links, vorne und +hinten, oben und unten, ausgelöscht alle dazwischen liegenden und alle +verwandten, auf Raum bezüglichen, im Raum verwobenen Verhältnisse: +alles innen und außen, alles hier und dort, alle Nähe und Ferne, alle +Weite und Enge, alle Größe, alle Lage und Richtung, Höhe, Tiefe, +Breite, Länge, alle Teilung, alle Grenzen, alles Maß. + Ausgelöscht alle auf Raum bezüglichen Wahrnehmungen und +Anschauungen, alle seine Unterscheidungen, alle seine Bestimmung, +Bezeichnung, Benennung; bloße Auffassung und Wertung, nur +UnterstelIung und Beilegung, nur Namen--an sich nichts die +sogenannten räumlichen Eigenschaften und Merkmale--: Erscheinung, +nicht Wahrheit. +Ausgelöscht mit ausgelöschten Merkmalen ist der Raum selbst.--Kein +Raum außer Ich, kein Raum im Ich, kein Raum mit ausgelöschtem Ich; +Ansicht, nicht Einsicht, Anschauung--nicht Erkenntnis, eigen +geschaffenes Trugbild, auf bloßer Vorstellung beruhend, aus dir +gewirkte Wirklichkeit dieser Welt; nicht ist Raum an sich--nicht ist +Raum Wesen und Wahrheit. + Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du +ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses +hinaus--zu tieferer Einsicht gelangst. + Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die Erscheinung: Raum." + --Es ist der Welt Atem, den du, als sei er außer dir, spürst.-- + +* + + Und gewiß: + Gegensatz und Zwillingspaar ist Raum und Zeit; +wie kein rechts ohne links, kein oben ohne unten, so kein Raum ohne +Zeit, keine Zeit ohne Raum. + Wenn es in Wahrheit kein hier und kein dort gibt, so gibt es auch +kein hin und kein her, kein auf und kein ab, kein vor noch zurück, +weder kommen noch gehen, weder steigen noch fallen, kein heben, kein +senken, kein fluten, kein ebben, kein eilen, kein zögern, keinen +Stillstand, keinen Wechsel. Mit ausgelöschtem Raum ist Zeit +ausgelöscht; wie es keinen Raum an sich gibt, so gibt es an sich keine +Zeit. + Bei Erläuterung der Unterscheidung oben und unten schien es +zunächst, als bestünden diese Erscheinungen auch unabhängig von dir; +beim ersten Hinschauen scheint es, als bestünde Zeit an sich und +unabhängig von dir. Doch wie die Vorstellungen oben und unten beim +Durchschauen in Nichts versinken, so versinkt die Einbildung Zeit +durch Erkenntnis in Nichts. + Wie dein Standort, den du im Raum einnimmst, bestimmt, was du mit +den Worten oben oder unten, mit rechts oder links bezeichnest, so +bestimmt dein Standort in der Zeit, dein Bestand, deine Anwesenheit, +dein Da-sein, deine Gegen-wart, was du als Vergangenheit und was du +als Zukunft unterscheidest, und wie jenen Wahrnehmungen, so kommt auch +diesen keine Wahrheit zu. + Wie dein Standort im Raum die willkürliche Teilung eines Ganzen +bestimmt, ein von dir gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht zu +geben scheint, gegensätzliche Verschiedenheit zu schaffen, so schafft +dein Standort in der Zeit, dein Da-sein, deine Gegen-wart +Unterscheidung in einem in sich ungeschiedenen Ganzen und macht dich +in gegen-Teile unterscheiden was eines ist. + Zeit an sich ist leer und bestimmungslos; wie vermöchte an leerer +Zeit zeitliche Bestimmung und Unterscheidung zu haften? + Nur von dir aus gibt es ein rechts und links, nur aus dir gewirkt +und auf dich wirkend ist ein oben und unten, ein vorher und nachher, +nur in dir ist und ist wirkend, was du Zeit nennst. + Vergangenheit scheint vorbei, Zukunft scheint zu kommen; der Tag +scheint vorbei, die Nacht scheint zu kommen. Verschieden wie Tag und +Nacht scheint Vergangenheit und Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander +getrennt. Seit dem Tage Brahma, o Teurer, sind auf unserm Wohnsitz, +der Erde, die unterschiedenen Zeiten, die vergangenen und die +kommenden, Tag und Nacht zu gleicher Zeit. Zu ein- und derselben Zeit +ist Morgen und Abend, Mittag und Mitternacht und jede Stunde des Tages +und der Nacht, ewig gleichzeitig, zu ein- und derselben Zeit. +Ununterbrochen brennt auf der Erde Mittag, ununterbrochen kühlt +Mitternacht und alle verschiedene Zeit zur selben Zeit.--Eines ist, +was getrennt erscheint. Der Tag, der vergangen scheint, ist noch; die +Nacht, die zu kommen scheint, ist schon. Es währt vergangene und +zukünftige Zeit ununterbrochen--in dir sind die Gegensätze; jener +heilige Savitar, die Sonne strahlt ewigen Tag. + Und wie Sterne, vom Tage überleuchtet, den Sinnen nicht +gegenwärtig sind, doch der Seele gegenwärtig--so ist Vergangenheit +und Zukunft, von Gegenwart überleuchtet, deinen Sinnen nicht +gegenwärtig, doch gegenwärtig deiner Seele. + Vergangenheit war einst deine Gegenwart; Zukunft wird einst deine +Gegenwart. Was Vergangenheit ist, war einst deiner Gegenwart Zukunft; +was Zukunft ist, wird einst deiner Gegenwart Vergangenheit-- +Ich-Gegenwart beharrt in Vergangenheit und Zukunft. + Wie du, dich selber täuschend, den Raum vor dir vom Raume hinter +dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber täuschend, Zeit +vor dir von Zeit nach dir. Wende dich in dir, und Vergangenheit wird +Zukunft und Zukunft wird Vergangenheit. Daß du die Zukunft schaust, +ist nicht wunderbarer, als daß du dich der Vergangenheit erinnerst. Du +err-inne-rst dich der Zukunft, wie du dich der Vergangenheit +erinnerst, und Zukunft und Vergangenheit ist ewige Gegenwart. +Erinnerung ist Verklärung, Beseeligung von Raum und Zeit. + Vergangenheit an sich ist nicht Zeit, denn Vergangenheit war, ist +also nicht; ist nur Erinnerung an Zeit, Denktätigkeit, nichts mehr. +Zukunft an sich ist nicht Zeit, denn Zukunft wird erst, ist also +nicht; ist nur Erwartung von Zeit, ein Gedankenbild, nur in Beziehung +auf das, was wir Zeit nennen, nicht Zeit selbst. H.B. + Einen Hungrigen sättigt nicht die Erinnerung an frühere Sättigung +und nicht Hoffnung auf spätere Sättigung; weder Hoffnung auf Nahrung +noch Erinnerung an Nahrung ist Nahrung. Weder Erinnerung an Zeit noch +Erwartung von Zeit ist Zeit. Wenn Zeit wäre, so könnte nur Gegenwart +Zeit sein. Gegenwart jedoch ist nur Standort des Ich, nur Anwesenheit, +nur Gegenwärtigkeit des Ich, nur die Scheide zwischen dem, was Ich +Vergangenheit und dem, was Ich Zukunft nennt: eine nur in Gedanken zu +fassende Scheide, ohne Ausdehnung, nur ein Berührungspunkt von +Gedanken und selbst nur Gedanke in dir--Ich-gegen-wart, nichts mehr. +Keine Zeit vor deiner Gegenwart, keine Zeit nach deiner Gegenwart, +keine Zeit ohne deine Gegenwart; deine Gegenwart ist Zeitewigkeit. + Wie Zeit je nach deiner Empfindung stille steht oder flieht, wie +du in einheitlicher Zeit gute und schlechte Zeiten unterscheidest, wie +du Erwartung und Erinnerung in dir schaffst, so schaffst du Zeit in +dir. + +* + + Du erkennst: + Was dir als Vorgang in der Zeit, als Beharren oder Wechsel, als +Dauer oder Änderung erscheint, ist nicht an sich, ist willkürliche, +von deiner gegen-Wart aus in gegen-Teile auseinanderspaltende, an sich +nichtige Unterscheidung in dir-- + Was von solchen Unterscheidungen--in dir als zeitliches Urteil +--außer dir als zeitliche Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Inhalt +deiner Seele, Ausdruck des Verlangens in dir, Abbild deiner selbst;-- +Kennzeichnung deiner gegen-Wart zum gegen-Stand, Kennzeichnung deiner +Auffassung und Wertung, Wiedergabe deiner wechselnden Gesinnung, dein +Atem in Lust und Unlust, willig-un-willige Auffassung in dir, in dir +gezeugte ein-Bildung, deine eigene Schöpfung--du selbst.-- + Keine Zeit vor dir, keine Zeit nach dir, keine Zeit ohne dich. + + Solches hast du klar erkannt. + --Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der +Dinge Eigenschaften.-- + +* + + Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Wahrnehmungen, nur +verschiedene Benennung die erscheinende Verschiedenheit; wie die +Unterscheidungen rechts und links, wie oben und unten, nur Namen, an +sich nichts die Unterscheidungen Vergangenheit und Zukunft, bloße +Für-wahr-nehmung, nicht Wahrheit.-- + Ausgelöscht mit ihren Teil-Erscheinungen und gegenteiligen +Merkmalen ist die Erscheinung Zeit selbst, Empfindung--nicht +Erkenntnis, eigen geschaffenes Trugbild, aus dir gewirkt, auf dich +wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt. Nicht ist Zeit an sich +--nicht ist Zeit Wesen und Wahrheit.-- + Darum ist gesagt: "Aus deiner Seele die Erscheinung: Zeit." + Darum ist gesagt: "Zeit ist scheinbare Wahrheit". "Ich bin nicht +in der Zeit, ich selbst bin Zeit." + --Es ist der Welt Atem, den du, als sei er in dir, spürst.-- + +* * * + + Ausgelöscht ist alle auf Raum, alle auf Zeit bezügliche Anschauung +und Auffassung, alle auf Raum und Zeit bezügliche Wahrnehmung und +Eigenschaft, alle Unterscheidungen, Verhältnisse, Merkmale, +Bezeichnungen, Beziehungen, Beilegungen, Bedeutungen und alle übrigen +auf Raum und Zeit ruhenden Empfindungen, Vorstellungen, Begriffe, +Urteile, Namen;--in nichts gesunken: Ausdehnung, Maß, Zahl, +Teilbarkeit, Einheit und Vielheit, Folge und Folgerung, Anfang und +Ende, Entstehen, Vergehen, Unendlichkeit, Ewigkeit--müßige Fragen +dem Wissenden-- + Ausdruck deiner Gegenwart zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken; +deine Empfindung und nach außen Verlegung, das ist Auslegung deines +Inne-be-findens; ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner Einbildung, +das ist: vor-Stellung; deine eigene Schöpfung--du selbst--an sich +nichts die sogenannten Eigenschaften der Zeit, die sogenannten +Eigenschaften des Raumes-- + Ausgelöscht mit ausgelöschten Merkmalen und Unterscheidungen ist +Zeit und Raum selbst--vernichtet! Zeit und Raum sind nicht in sich. +Spiel deiner Seele, ein bloßer Traum! + Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die zeit-räumliche +Erscheinung". + --Erscheinung!--sinnlicher Widerschein seelischer Empfindung in +dir--deines eigenen Wirkens Abbild, eigengeschaffene Wirklichkeit +dieser Welt--du selbst!--Keine Zeit, kein Raum in sich; keine +Zeit, kein Raum in Wahrheit. + --Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der +Dinge Eigenschaften, eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt.-- + Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du +ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses +hinaus zu tieferer Einsicht gelangst. + +* + + In dir ist Zeit und Raum, du selbst schaffst Zeit und Raum, zu +eigener Lust; trägst Zeit und Raum mit dir, wie du Leben und Welt mit +dir trägst. Ewig ist Zeit, unendlich ist Raum--ewig unendlich Ich +und Welt. + + --Es ist das Atmen der Welt, die du lebst; Schöpfer-- +Vernichter. + +* * * + + Und ferner, o Teurer! + Noch hat niemand diesem, wovon wir reden, sein volles Recht +strömen lassen, und nicht überliefert wurde mir diese Lehre; in mir +selbst trat zutage, wuchs und erstarkte die Erkenntnis. + Und schon einmal habe ich der Welt diese Lehre verkündet, als die +Tochter des Vatschaknu vor dem Könige der Videha mich befragte; aber +unverstanden von der Welt blieb diese Lehre: --"was zwischen Himmel +und Erde ist, und oberhalb des Himmels und unterhalb der Erde, was sie +Vergangenheit und Zukunft nennen--Raum und Zeit--o Gargi, ist +eingewoben und verwoben in der Erscheinung Akasha".--Uraltes Wissen +verkündige ich dir wieder: der erscheinenden Welt zeiträumliches +Dasein. + +* + + Gegensatz und Zwillingspaar ist, was du Raum und Zeit nennst. +Durch Ur-sprung ist Raum, durch Raum--Zeit; wie rechts durch links, +wie oben durch unten, wie Vergangenheit durch Zukunft. Wie kein rechts +ohne links, kein oben ohne unten, keine Vergangenheit ohne Zukunft, so +kein Raum ohne Zeit, keine Zeit ohne Raum. Zeit ohne Raum wäre +nirgend; Raum ohne Zeit wäre nie. + Alles was im Raum ist, entsteht und vergeht in der Zeit; alles was +in der Zeit ist, entsteht und vergeht im Raum. Zeit ist ewig überall, +Raum ist überall ewig. Zeit und Raum bedingen einander. Zeit und Raum +mißt sich aneinander: 'ein Zeitraum, eine Stunde Wegs, eine Spanne +Zeit, ein Tagwerk Land, eine geraume Zeit.' Zeit und Raum ergänzen +einander. Dem Nebeneinander des Raumes entspricht das Nacheinander der +Zeit. Zeit und Raum treten für einander ein. Bewegter Raum wäre Zeit; +ruhende Zeit wäre Raum. Ausgebreitete Zeit heißt Raum; dauernder Raum +--Zeit. Zeit und Raum schafft einander; Zeit und Raum hebt einander +auf--Gegensätze, die einander schaffend, einander aufheben. + Gegensätze Zeit und Raurn sind gegen-Paare, halb-Teile eines +Ganzen. Gegensatz in sich nennt Ich: Zeit, Gegensatz zu sich nennt +Ich: Raum. Spaltung im Ich--Zeit; gespaltenes Ich--Raum. Gegensatz +räumt--Gegensatz zeitigt. + +* + + Weder hat Zeit einen Anfang, noch ist Zeit ewig; weder hat Raum +ein Ende, noch ist Raum unendlich--weder ist Zeit und Raum real, +noch ist Zeit und Raum ideal;--Zeit und Raum ist Gedanke im +verlangenden Ich. + Zeit-Gegenwart ist ohne Dauer, also nicht Zeit; Raum-Punkt ist +ohne Ausdehnung, also nicht Raum. Zeit-ewigkeit wird nicht aus Zeit, +Raum-unendlichkeit wird nicht aus Raum, und wie Zeit-ur-teil keine +Zeit ist, so ist Zeit-ewigkeit keine Zeit; wie Raum-ur-teil kein Raum +ist, so ist Raum-unendlichkeit kein Raum. Zeit und Raum ist Gedanke im +urteilend schaffenden Ich. + Ich ist Zeit-einbildung, Ich ist Raum-vorstellung. Im Ich ist ewig +Zeit; im Ich ist endlos Raum. Weil Ich selbst Zeit und Raum ist, darum +ist Zeit immer, wann Ich ist; darum ist Raum immer, wo Ich ist; Zeit +und Raum ewig unendlich, da Ich ist. 'Ewig' 'unendlich' aus dem Ich +geschaffene, das Ich selbst bezeichnende Worte, Ich-ausdruck, nichts +mehr. + Ich ist Ausdehnung in sich zu ewiger Zeit--außer sich zu +unendlichem Raum. Ich ist gegen-Wart zu Zeit und Raum. Ich-Atem, +Ich-Bewegung, Ich-Ausdehnung, Ich-Wandel, Ich-Wirk-lichkeit ist Zeit +und Raum. Wechselndes im Bleibenden, Beharrendes im Wechselnden: Ich. + + Keine Zeit, kein Raum ohne Ich: einen Augenblick bewußtlos--eine +Ewigkeit bewußtlos. + + 'In der 'Zeit' heißt vom Ich-bewußtsein als Zustand in sich +unmittelbar umfaßt; 'im Raum' heißt mittelbar, vermittelst der Sinne +erfaßt. Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Zeit, was darüber hinaus +Raum heißt. Vom Ich empfunden--Zeit, vom Ich angeschaut--Raum; +seelisch empfunden--Zeit, sinnlich angeschaut--Raum. + + Bei gedankenlosem Hinschauen zwar erscheint Zeit und Raum +verschieden, verschieden wie Tag und Nacht, wie Vergangenheit und +Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander getrennt. Ansicht--nicht +Einsicht; Wahr-nehmung--nicht Wahrheit. +Zeit und Raum sind nicht auseinanderzuhalten: --frage dich, o Teurer, +durch welche Bestimmung könnten Zeit und Raum, beide an sich leer an +Bestimmung, voneinander verschieden sein? Eines ist, was du in dir +Zeit, was du außer dir Raum nennst--zwei Namen für das Selbe: +atmendes Verlangen in dir. +Sprich es unverstanden nach--mit vorschreitender Erkenntnis gelangst +du zu vollem Verständnis. + +* + + Wie du, dich selber täuschend, den Raum über dir vom Raum unter +dir unterscheidest, wie du, dich selber täuschend, Zeit vor dir von +Zeit nach dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber +täuschend, Zeit in dir von Raum außer dir. + Wie deine Gegenwart im Raum bestimmt, was du hier und was du dort +nennst, wie deine Gegenwart in der Zeit bestimmt, was du als vorher +und was du als nachher unterscheidest, so bestimmt deine Gegen-wart im +Da-sein, was in dir zeitlich, was außer dir räumlich erscheint. + Wie deine Gegenwart in Zeit und Raum die Teilung eines Ganzen +bestimmt--ein willkürlich gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht +zu geben scheint, Gegenteiligkeit zu schaffen, ein rechts und ein +links, ein oben und ein unten zu unterscheiden, ein vorher und ein +nachher, so schafft dein Da-sein, deine Gegen-wart, dein +Ich-Bewußtsein,--du selbst--Unterscheidung in einem ungeschiedenen +Ganzen, macht dich in Zeit und Raum unterscheiden, was eines ist. +Eines--scheinbare Zweiheit. + In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene +Schöpfung die Unterscheidung Zeit und Raum.--Als Zeit empfindest du, +was dein eigen, als Raum, was dir entfremdet. Entlassend schaffst du +Raum, aufnehmend Zeit, was aus-wendig Raum ist, ist in-wendig Zeit. + Dein eigener Widerschein im Ich-Gedanken nennt sich Bestand, +Dauer, Wechsel, Zeit; deinen eigenen Widerschein im entlassenen +Gedanken nennst du draußen, Gegenstand, Raum. + Unterscheidung Zeit und Raum ist Unterscheidung: in dir--außer +dir; ist Empfndung und nach außen Verlegung--Auslegung deines +inne-Befindens; ist Ein-bildung: Zeit, und Widerspiegelung deiner +Einbildung, Vor-stellung: Raum; Ich-zu-stand und Ich-gegen-stand-- +Ausdruck deiner wechselnden Gesinnung, deiner Zuneigung und Abneigung, +Anziehung und Abstoßung, Lust und Unlust, Liebe und Haß, Bejahung und +Verneinung, Wille-wider-Wille im Verlangen--Abbild deiner selbst. + Zeit und Raum sind nur andre Worte für Ich und du; Unterscheidung +Zeit und Raum ist Unterscheidung Ich und Welt--Ausdruck des Zerfalls +im Ursprung. Davon wird dir in weiterer Unterweisung volle Klarheit. + +* + + Besinne dich und du erkennst: ununterschieden in sich ist Zeit und +Raum; eines, was du mit ent-zwei-enden Namen bezeichnest; wie rechts +und links, wie oben und unten, wie hier und dort, wie jetzt und einst +--willkürliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir. Und wie du +solches von dem Gegen-sinn 'rechts und links', von dem Gegen-sinn +'oben und unten' klar erkannt hast, so wird dir klare Erkenntnis auch +vom scheinbaren Gegensinn Zeit und Raum. + Aller Gegensatz, alle Einheit ist in dir. + Zeit und Raum sind Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum sind +andre Worte für deinen Willen und für das, was wider deinen Willen-- +wieder dein Wille ist;--Gestaltung deiner selbst! + Eigene Lust dein Wandel; nach eigenem Gefallen wandelst du dich zu +Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum wie rechts zu links, wandelst +Raum zu Zeit wie unten zu oben. + Es ist so--sprich es unverstanden nach. Die die Welten +voneinander hält, diese Brücke überschreite als ein Blinder. +Aufleuchten wird einst in dir die Erkenntnis, aus welcher Tiefe +solches fließt. + +* + + Ausgelöscht der Gegensinn von Zeit und Raum; auf Worten beruhend +die erscheinende Verschiedenheit; ununterschieden an sich, weder das +eine noeh das andre; dasselbe doppelt benannt, zwei Namen fur eines. + Und gewiß: ist Zeit gleich Raum, so ist weder Zeit noch Raum. + Was du Zeit und Raum nennst--in Gegenteile zerfallene, an sich +nichtige Unterscheidung in dir--in Gegensinn auseinanderspaltendes +Urteil, deine Willensgestaltung, Spiel deiner Seele, deine eigene +Schöpfung--du selbst. + +* + + "Was du Zeit und Raum nennst, o Gârgî, ist eingewoben und verwoben +in Akasha." + Durch Raum und Zeit wird alles dieser Welt, was Leben heißt, was +Tod genannt wird--ewiger Kreislauf--Geburt und Tod dieser Welt +durch Raum-Zeit-Erscheinung: + -- AKASHA -- +dieser Welt Erscheinung--deines Verlangens sinnlicher wieder-Schein +--dieser Welt wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser +Welt. + Aufleuchten möge in dir die weltschöpferische Bedeutung des +Wortes. + +* + + Darum ist gesagt: "auf Akasha geht diese Welt zurück"-- +"Einklang von Seele und Leib." + Darum ist gesagt: "Akasha--des Brahma Standort"--"Brahma +leibhaftig geworden"--"deiner Seele Leib." + "Darum soll man als dieser Welt Keim Akasha wissen." + Sehend geworden erkennst du: + --Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen-- + --atma-- + +* * * + + So, o Teurer, können wir Menschen, der Erscheinung nachdenkend, +uns dieses vorstellen; der Erkenntnis ehernes Tor, verhüllte Wahrheit +dem nicht Erkennenden--Upanishad. + +* + + So lautet in Aranada Upanishad der zweite Abschnitt: zeit- +räumlicher Erscheinung Urbestand; nunmehr kâma, Verlangen. + + + + +III. +DAS VERLANGEN DIESER WELT +-- kâma -- + + + + Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer! behalte vor +Augen: + Es geschieht wohl, daß von den dickkopfigen Ameisen eine +mitten-von-einander bricht; alsbald kehren sich die getrennten Teile +feindlich gegen einander: der Kopf greift mit den Kiefer an, der Leib +wehrt sich mit dem Stachel. + Eben noch einheitlicher Bestand, Ein Ich mit Einem Bewußtsein, +Einer Empfindung, Einem Willen, von gleicher Sorgfalt für alle Teile +seines Körpers erfüllt--zerfällt es vor deinen Augen in zwei +Bewußtsein, zwei Empfindungen, zwei Willen, zwei Seelen; jedes der +beiden Teile fühlt sich selbständig, ein "Ich", und seine erste Tat +ist Kampf gegen das, was es nicht mehr als sein Ich erkennt. + Zwiespalt körperlich-seelisch; Gedanke dieser im Zwiespalt +atmenden Welt; Ausdruck des ur-Sprungs: Kâma, Verlangen. + Durch ur-Sprung: ur-TeilIch und gegen-TeilIch. Durch solche +Teilung Verlangen in Ich und Ich;--das Außer-einander von Ich und +Ich ist Verlangen: + -- KAMA -- + +* + + Also ist die Unterweisung: + Ich knüpfe an Gesagtes an, o Teurer! + Der Erreger, savitar, die Sonne, weckt die Geschöpfe--alsbald +beseelt diese der Gedanke des Lebens: Kâma, Verlangen, und es folgt +Jagd und Kampf. + Brennend vor Begier wirft sich der Eine auf den Anderen: "du bist +meine Nahrung"--und der Sieger frohlockt: "ich töte dich: es ist +mein Recht." + Vom Unterliegenden jedoch schallt voller Widerspruch zurück: "ich +will nicht sterben, du darfst mich nicht töten, es ist unrecht und +böse!" + Du erwägst zuvörderst den Gegensatz im atmenden Verlangen im +'Raum' erscheinend. + Jeder der Beiden, hier wie dort, der Sieger sowohl wie der +Unterliegende, will dasselbe: will leben, nicht sterben; will töten +und fressen, will nicht getötet und gefressen werden. + Hier wie dort Ein Gedanke, dasselbe Verlangen, dennoch +Widerspruch, Zwiespalt, Gegensatz. + +* + + Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich, ungeteilt: Kâma, +Verlangen, Fraß; Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens. + Es ist kein Zwiespalt, kein Gegensatz im Gedanken, im Wollen und +Tun an sich; Zwiespalt, Gegensatz ist durch Ich und Ich. + Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung des Ich am +Gedanken. Der Gegensatz entsteht durch zwiefachen Standort des Ich; im +Ich, das hier will, und im gegenüber stehenden, entgegen stehenden, +widerstehenden Ich, das dort wieder will--zwei gegen-ständliche +Standorte des Ich--das ist Raumerscheinung: + + I. Ich--hier: + "ich will dich fressen." + + II. Ich--dort: + "ich will dich fressen." + +* + + Ich auf beidem Standort spricht den einheitlichen Gedanken, das +einheitliche Verlangen: 'Fraß' zwiefach aus, bejahend--verneinend. +Ich auf beidem Standort bejaht den Satz und verneint damit den +Gegensatz. Ich will--und will nicht das Gegenteil des Gewollten; +Wille zur Tat, Unwille zur Duldung der Tat. Ich hier wie Ich dort: +"ich will leben--nicht sterben, ich will fressen--nicht gefressen +werden." + Es ist Ein Gedanke, Ein Verlangen, Ein Vorgang: 'Fraß'; 'fressen +--nicht gefressen werden' ist nur Lautverschiedenheit, nur sprachlich +doppelter Ausdruck, dem Sinne nach dasselbe; nur Gewolltes bejahende, +nicht-Gewolltes verneinende Redewendung, doppelte Bezeichnung für +Eines. Ich spricht in zwiefachen, Eines bedeutenden Worten +einheitliches Wollen, den Einen ungespaltenen Gedanken aus; +Gegensatz erscheint im raum-gespaltenen, im ent-zwei-ten Ich; im Ich, +das hier will, und im Ich, das dort will, dort wieder will, das heißt +--wider will: + + [Ich:] + I. Ich, angreifend und siegend will die Tat, bejaht, die Tat, + spricht den bejahenden tätigen Sprachausdruck des Verlangens--in + Lust aufflammend: + "ich will dich fressen." + + [Ich im räumlichen 'Gegen'stand:] + II. Ich, angegriffen und unterliegend, will die Tat nicht, + verneint was ihm Leid antut, spricht den verneinenden, leidenden + Sprachausdruck des Verlangens--in Leid aufflammend: + "ich will mich nicht fressen lassen." + + Kein Gegensatz im Verlangen, kein Zwiespalt, keine Teilung-- +gleichviel, ob sich der Gedanke in Einem Ich in zwiefacher Redewendung +--bejahend--verneinend--ausspricht, oder ob sich der Gedanke in +zwiefacher Redewendung als Wille und Unwille auf zwei Ich verteilt-- +zweiheitlicher Ausdruck des einheitlichen Gedankens: Verlangen. + Kein Gegensatz in Gedanken--gleichviel, ob sich der Gedanke im +tuenden Ich in Tat ausdrückender Redeform ausspricht, oder ob sich der +Gedanke im leidenden Ich in Leid ausdrückender Redewendung +widerspricht; gleichviel, ob der Gedanke im Ich, fressend, sich +bejaht, im Ich, gefressen, sich verneint: --einheitliches Verlangen. + Unberührt bleibt der Gedanke, ungeteilt--Unterscheidung, +Teilung, Entzweiung, Zwiespalt und Gegensatz ist durch Ich und Ich + Dies ist kâma, Verlangen, in gegen-Teile ent-zweit, als Wille und +wider-Wille erscheinend; im zu-Stand-Ich und im gegen-Stand-Ich; Ich +räumlich auf zwei Standorten. Ich-ent-Zwei-ung. + +* + + Nunmehr der Gegensatz im atmenden Verlangen in der Zeit +erscheinend. + Nichts weset ohne ein Zweites, kein Ding ohne seinen Gegensatz, +kein Willen ohne gegen-Willen--kein Leben ohne Atem des Willens, wie +kein Atem ohne Einhauch und Aushauch. + Es geschieht, daß in den Beiden, die sich bekämpfen, eine Wendung +im Verlangen eintritt: + Im Sieger nach geschehener Tat: die Gier ist befriedigt, die Lust +verraucht. Wie am bewegten Schöpfrad der Eimer gefüllt emporsteigt und +entleert wieder herabsinkt, so füllt sich das Verlangen, übersteigt +den Höhepunkt und fällt. Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor. +Der Sieger versetzt sich in die Lage des Opfers; das Mitleid erwacht, +der Umschlag erfolgt; man sagt wohl: er ist nicht mehr derselbe, er +ist ein anderer geworden: "ich will nicht töten, es ist Unrecht. +Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, lieber selber den Tod erdulden, +als andere töten." + Sodann im Unterliegenden: "mein Widerstand ist vergeblich; ich +unterliege." Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor. Erinnerung +an eigene Untat wird wach, der Umschlag erfolgt: "es geschieht mir +Recht, ich verdiene den Tod; ich will mein Unrecht büßen, will meine +Sünde sühnen: töte mich, ich sterbe freudig." + Der Kampf ist aufgegeben, Frieden ist gewonnen; Aufopferung hat +Raubgier abgelöst. Verraucht ist das Verlangen, aller Sittlichkeit +höchstgepriesenes Ziel erreicht--erstanden das Wunder: +Selbstlosigkeit. + +* + + Du erwägst zuvörderst den zeitlich erscheinenden Gegensatz im +Willen des angreifenden Ich--Wechsel von Tat zu nicht-Tat. + Der Gegensatz erscheint als geänderter Wille im Ich. Das Verlangen +atmet, lebt, bewegt sich, wandelt, wechselt im lch. Ich verläßt seinen +Stand, ver-stellt sich, nimmt andere Stellung zum Gedanken: + "Ich wollte leben, wollte nicht sterben; wollte die Tat tun, +wollte die Tat nicht dulden, wollte töten und fressen, wollte nicht +getötet und gefressen werden"-- + "jetzt will ich sterben, will nicht leben; will nicht töten, nicht +fressen, will getötet und gefressen werden." + Im Willen des Ich ist Wandlung eingetreten--Gegensatz im +wechselnden Willen in der Zeit erscheinend. + +* + + Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich: kâma, Verlangen. +Tat und Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens, Ausdruck des +Wirkens dieser Welt. + Es ist keine Änderung, kein Gegensatz in Verlangen an sich; +Änderung und Gegensatz ist im be-Stand des verlangenden Ich. + Unterscheidung, Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung, +mit an-Teil-nahme des Ich am Gedanken. Der Gegensatz entsteht im Ich, +das, wollend, in sich spaltet; das Verlangen bleibt, nur das zeitliche +Ziel des Verlangens im Ich wechselt: Ich, das wollte--Ich, das +anders will; zweierlei Verhalten, zwiespaltiger Zustand im Ich--das +ist Zeiterscheinung. + + I. Ich erst in Lust aufflammend, erst: + "ich will fressen;" + + III. Ich dann lustlos verlöschend, dann: + "ich will gefressen werden." + +* + + Der Gedanke bleibt Einer, einheitlich, ungeteilt: Fraß. Kein Fraß +ohne fressen und gefressen werden; beides liegt unmittelbar im +Gedanken "Fraß", "Fressen--gefressen werden" ist nur sprachlich +verschiedener Ausdruck des Einen Gedankens; nur zweierlei Benennung +für ein-und-denselben Vorgang, nur tätige und leidende Sprachform: nur +Laut-Verschiedenheit, nicht Gegensatz in sich--Eines: Kama, +Verlangen. + Wandel und Gegensatz erscheint im zeitgespaltenen Willen des Ich: +Ich wollte und will das Gegenteil des zuerst Gewollten. Alles Wollen +ist aus Tun und Dulden: Ich wollte die Tat tun--ich will die Tat +dulden. + + [Ich:] + I. Ich, erst, in Verlangen, Urteil, Tat sich schaffend, will das + Leben, begehrt, hofft, will tun, bejaht den Gedanken zu solcher Zeit + blind: + "ich will dich fressen, will nicht von dir gefressen werden." + + [Ich in zeitlichem Gegensinn:] + III. Ich, dann, nach aufgegebenem Tun, von treibender + Lustempfindung frei, nicht mehr begehrend, ver-setzt sich in die Lage + des Opfers, ver-stellt sich auf den Standpunkt des Gegners, versteht + ihn, mit leidend, steht ihm bei,--urteilt nun von also + entgegengesetztem Stand mit der Zeit ver-ständig, erkennend, wechselt + mit gewechseltem Stand seine Ansicht, wendet sich im Gedanken, + widerspricht sich selbst, gibt sich auf, will dulden, will den Tod: + lustlos vergehend: + "ich will mich fressen lassen, will nicht fressen" + + Es ist ein Gedanke, der sich im Ich ausspricht, gleichviel wie +sich das Ich verlangend zum Gedanken stellt, es bleibt Ein Gedanke, +gleichviel ob Ich den Gedanken tun, oder ob Ich den Gedanken dulden +will, gleichviel ob das Ich, erfüllt vom Gedanken, sich Henker oder +Opfer fühlt--kâma, Verlangen. + +* + + Dieselbe zeitliche Wendung im angegriffenen, im widerstehenden Ich +--Wechsel von nicht-Duldung zu Duldung-- + Ich wollte nicht und will dann nicht das Gegenteil des zuerst +nicht Gewollten. Ich wollte die Tat nicht dulden--jetzt will ich die +Tat nicht tun. + + [Ich im 'Gegen'stand, das ist: nicht-Ich:] + II. Ich, angegriffen, verabscheut die Tat, widersteht, verteidigt + blind seinen Standort, will nicht dulden; in Leid aufflammend: + "ich will nicht von dir gefressen werden, will dich fressen!" + + [nicht-Ich im zeitlichem Gegensinn:] + IV. Ich, nach aufgegebenem Widerstand, im Übermaß des Leides + nichts mehr erhoffend, weder begehrend noch verabscheuend, gibt den + bisher verteidigten Standort auf, ver-stellt sich auf den Standort des + Henkers, ver-steht ihn, urteilt jetzt vom also entgegengesetzten + Standort erkennend, will dulden, nicht tun, leidlos vergehend: + "ich will dich nicht fressen, will mich von dir fressen lassen!" + + Unberührt bleibt der Gedanke--Unterscheidung ist im Ich, im +zeitgespaltenen, im gewechselten Willen des Ich. Wille ist Ausdruck +des Ich. Kein Wille ohne Ich, kein Ich ohne Willen. Wille ist Ich, Ich +ist Wille. + Dies ist Kâma, Verlangen im Ich als wechselnder Wille atmend; +Verlangen im selben Ich zeitlich in gegen-Teile gespalten erscheinend +im Ich und wieder im Ich; Ich in zwei Zeit-zu-Ständen; Ich-zwie-Spalt. + +* + + Erkenne zunächst: + Gegensatz, Widerspruch, Zwiespalt, Entzweiung, Teilung, im +Verlangen erscheinend, ist nicht an sich, ist willkürliche, durch +gegensätzlichen Ich-stand--in sich, außer sich--in-gegen-Teile +aus-ein-ander-spaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir, von +scheinbarer Verschiedenheit,--ununterschieden in sich; von +scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkt--auf +dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser deiner +eigen-geschaffenen Welt--nicht Wahrheit. + Was als Gegensatz im Verlangen erscheint, ist in dir, ist +Kennzeichnung deiner zeiträumlichen gegen-Wart, deines da-Seins, ist +Ausdruck deiner Beziehung zum gegen-Stand, ist deine Auffassung, deine +Gesinnung, deine an-Teil-nahme, deine Stimmung, deine Lust oder +un-Lust zum eigenen, gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken, ist +Empfindung in dir und Auslegung, das ist nach außen ver-Legung deines +inne-Befindens, ist deine ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner +Einbildung, das ist: Vorstellung; Inhalt deiner Seele, Verlangen, aus +dir geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst. + Unberührt bleibt der Gedanke, unbewegt wie im Sturm der +Sonnenstrahl, gleichviel, ob Ich das Verlangen aufnimmt oder abweist, +den Gedanken hofft oder fürchtet, liebt oder haßt, bejaht oder +verneint, anzieht oder abstoßt, tut oder duldet, will oder nicht will; +gleichviel, ob Ich, vom Gedanken beseelt Lust oder Unlust empfindet, +ob Ich sich Freund oder Feind, Herr oder Knecht, Henker oder Opfer +fühlt, gleichviel ob Ich frei will oder wollen muß, gleichviel ob der +Gedanke in Ich oder Ich im Gedanken oder der Gedanke Ich ist.-- + Alle Unterscheidung ist im Ich, im atmenden Willen Ich. Wille ist +Ich Zustand, Wille ist Ich Ausdruck. Kein Willen ohne Ich, kein Ich +ohne Willen. Wille ist Ich, Ich ist Wille--kâma, Verlangen. + Die Welt denkt nur einen Gedanken--aus dem 'Ich' ist endlose +Mannigfaltigkeit dieser Welt. + +* * * + + Und noch einmal: + Der Gedanke dieser Welt--Verlangen--atmet im Ich; Ich, atmend, +spaltet--: zwiespältige Beziehung des Ich zu seinem eigenen +Gedanken, zu sich selbst. Ich will--will nicht: will tun, nicht +dulden; will dulden, nicht tun; in sich--außer sich; in Zeit--in +Raum.--Alles Geschehen dieser Welt--alle Möglichkeit dieser Welt; +aller Gedanken, alles Werdens und Verwerdens--alle Welten umfassende +Möglichkeit. + +SAMSARA. + + Ich aufflammend: + | Raum. + V + I. "ich will dich fressen, II. "ich will nicht von dir gefressen werden, + ich will nicht von dir + gefressen werden." ich will dich fressen." + + +Ich verlöschend: + + Zeit. -> + III. "ich will von dir IV. "ich will dich nicht fressen, + gefressen werden, ich ich will von dir + will dich nicht fressen." gefressen werden." + + + +NIRVANA. + +* + + Das ist: + Ich, im Verlangen atmend, + will tun, nicht dulden; + will dulden, nicht tun. + +* + + Vierfacher Ausdruck für Eines: Ich auf vier Standorten--die vier +sogenannten Denkgesetze des Yavana. + Ich, im Verlangen atmend, bejaht und verneint in sich--bejaht +und verneint außer sich.-- + Ich--in sich--außer sich--bejahend--verneinend--nennt +sich mit allen Namen dieser Welt: + Die Welt ist im verlangenden Ich--so erkennst du. + +* + + Also ist der erscheinende Wandel des Verlangens vom Ich zum +nicht-Ich, vom nicht-Ich zu s-Ich zurück; aus Tat--durch Widerstand +--zu Duldung; Ich-Atem--âtmâ. + +* + + Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und +nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Unwillen, erscheint Zerfall +in Zeit und Raum--erscheint Welt-wirklichkeit. + +* + + Folge meinen Worten, o Teurer, mit offener Seele--ich führe dich +sicheren Weg. Doch laß dein Verständnis nicht an Worten haften, +erfasse über Worte hinaus; Worte sind Hindernis der Erkenntnis. Mit +wachsender Einsicht offenbart sich dir die gegensinnliche Einheit von +Erscheinung und Verlangen. Sprich es unverstanden nach--was +unverständlich scheint wird selbstverständlich. + +* * * + + Einheitliches Verlangen erscheint im Ich in Willen und Unwillen +gespalten. + +* + + Ich, zum Ziele wollend, stößt Ungewolltes unwillig von sich ab, +schafft im eigen-Willen Widerwillen. Widerwillen weicht vom Ich, wird +im gegen-Stand selbst-ständig, ist fremdes entgegenstehendes Wollen--: +Willen in mir--Willen außer mir--das ist Raum. + Raumerscheinung schafft sich durch Aus-legung des Widerwillens im +Ich. + +* + + Ich-willen, zum Hohenziele des Verlangens rastlos irrend, von +selbstgeschaffenem gegen-Stand zurückgestoßen, bleibt wollend, +wechselt im Willenszustand--: Willen in mir erst--Willen in mir +dann--das ist Zeit. + Zeiterscheinung schafft sich im Ich durch wechselnden Willen. + +* + + Das verlangende Ich schafft zeiträumliche Erscheinung. + Verlangen treibt dich zu Ausdehnung in Zeit und Raum. Je nachdem +du dich im atmenden Verlangen gefordert oder gehemmt empfindest, ist +Willen oder Widerwillen in dir. Verlangen der Welt willig ergriffen +ist eigener Willen; Verlangen der Welt unwillig abgewiesen ist +Widerwillen in dir. Was in dir seelisch empfunden Widerwille ist, ist +sinnlich aufgefaßt Widerstand im Raum, das ist fremder Wille wider +dich: 'ich will nicht' das heißt: 'du willst'. Was Ich aus sich +unwillig entläßt, wird räumliche Vorstellung: Du. + Der Atem des Verlangens in Anziehung oder Abstoßung erscheint im +Ich als Willensgegensatz. Willensgegensatz in sich faßt Ich zeitlich +auf; Willensgegensatz zu sich ist dem Ich Raum. Wechselnder Willen ist +Zeit; zu Unwillen gewechselter Willen ist Raum. Willig-un-williges +Verlangen in dir erscheint als zeit-räumliche Wirklichkeit außer dir. + Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden-- +erscheint und ist. + Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und +nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Gegenwillen, erscheint +Zerfall in Zeit und Raum + --erscheint und ist-- + +* + + Wie du, von dir aus ut-teilend, Willen von Widerwillen +unterscheidest--beides in dir, beides Eines--du selbst, so unter- +scheidest du, von dir aus urteilend, Zeit von Raum--beides in dir, +beides Eines--du selbst. + Wie Unwillen in eigenem Willen zu fremdem Gegenwillen wird, so +wird Ein-bildung Zeit zu gegensätzlicher Vor-stellung Raum. Wie +'fressen' und 'gefressen werden' Eines ist im 'Fraß', wie Willen und +Unwillen Eines ist im Verlangen, so ist Zeit Erscheinung und +Raum-Erscheinung Eines in dir--dein Verlangen, du selbst. + Verlangen, vom Ich ausgesprochen, vom Widerschein des Ich--dem +nicht-Ich--wieder ausgesprochen, das ist: widersprochen--sieht +sich selbst gegenüber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst +Gegensatz. + Suchender Wille ist Raum, im Suchen wechselnder Wille ist Zeit. + + Also wurzelt in deinem Willen-un-Willen Zeit und Raum; also ist +Zeit-Raum-Erscheinung dein Verlangen. + Erkenntnis hiervon ist Lösung des Rätsels: Raum-Zeit-Einheit. + +* * * + + Was von Empfindungswellen dir erwünscht, willkommen zuströmt, was +du dir anzueignen gewillt bist, was du willfährig aufnimmst, was du +zustimmend bejahend wohlwollend auffaßt, was sich dir willig fügt, dir +zu Willen ist, worein du einwilligst, was zu deinem eigenen Willen, zu +dir selbst wird, dein Zustand, erscheint in dir--deine Seele +bewegend--in zeitlichen Formen. + Was, aus dir geboren, dich unwillkürlich befremdet, was du nicht +für dein eigen hältst, was nicht mehr du selbst bist, was du +unerwünscht erleidest, was dich anwidert, was dir widrig, widerwärtig, +zuwider ist, dein wider-Wille erscheint--deine Sinne bewegend-- +außer dir, räumlich, als wider-Stand, als widerstehende Kraft aus dem +Raum. + Atmet Verlangen in dir, wandelst du Willen zu Unwillen, so +wandelst du Empfindung zu Anschauung, Einbildung zu Vorstellung, +Zustand zu Gegenstand, wandelst zeitlichen Wechsel zu räumlicher +Verschiedenheit, Zeit zu Raum: --und umgekehrt: ziehst du unwillig +Abgestoßenes, Gegenstand, Raum Gewordenes wieder willig an dich, +nimmst du, durch Aufhebung der Verneinung, den Gegensatz willig in +dich auf, so wandelst du deine Anschauung zu Empfindung, deine +Vorstellung zu Einbildung, deinen Gegenstand zu deinem Zustand, +räumliche Mannigfaltigkeit zu zeitlichem Wechsel, fremde Kraft zu +eigenem Willen, Raum zu Zeit. + Willenswandel deine Seele bewegend--seelisch empfunden-- +erscheint dir zeitlich, Willenswandel deine Sinne bewegend--sinnlich +angeschaut--erscheint dir räumlich. Seelischer Wandel ist Zeit; +sinnlich körperlicher Wandel ist Raum. Bewegung deiner Seele--Zeit; +Bewegung deiner Sinne--Raum. Verlangen treibt dich und es wird Zeit +und Raum; beides Bewegung, beides Empfindung in dir. + Eigene Lust dein Wandel im Verlangen; eigenes Gefallen dein Wandel +in Zeit und Raum. Verlangend wandelst du in Zeit und Raum, verlangend +wandelst du dich zu Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum, wie rechts +zu links, wandelst Raum zu Zeit, wie unten zu obem. + +* + + Aller Wille will nicht, aller Unwille will. Unwillen durch Willen, +Willen durch Unwillen--Wille und Wille untrennbar--Eines, wie Zeit +und Raum, wie oben und unten. + Versuche zu verstehen: + Wenn du wollend nicht willst und nicht wollend willst, was nicht +wollend dich will, was wollend dich nicht will, was dir unwillig +willig zu-kommt, was dir willig unwillig aus-kommt, nennst du mit +zeitlich räumlichen Namen. Was du willig Zeit oder Raum nennst, nennst +du unwillig Raum oder Zeit. + Zeit und Raum--Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum-- +andere Worte für deinen Willen und für das, was, wider deinen Willen, +wieder dein Wille ist--Gestaltung deiner selbst. + +* + + Ich Atem ist Einhauch und Aushauch, ist innen und außen, ist +zu-Stand und gegen-Stand, ist Wille und Unwille, ist Zeit und Raum, +Ich und nicht lch. + Also von Gegensatz zu Gegensatz atmend schafft Ich Zeit und Raum, +mit Zeit und Raum--die Welt, deines Verlangens sinnlicher +Widerschein. + +* + + Also ist der Atem des Verlangens Wille-un-Wille im Ich--aus Tat +durch Widerstand zu Duldung--Atem, Leben, Bewegung, Wandel, von +Ich-bestand I auf Ich-wider-Stand II und auf Ich-wieder-bestand III +zurück. Ich-Verlangen, wandelnd, zu seinem gegen-Stand und zu sich +selbst zurück ver-wandelt; Ich durch wider-Ich zu wieder-Ich; von Ich +zu Ich; Ich Atmen--âtmâ. + +* + + Und ferner, o Teurer, Verlangen in dir ist Schöpferkraft. + Von geringem Verständnis sind wir Menschen, blind vor Verlangen +erkennen wir offenen Auges das Nächste nicht. Was im Samsara +verlangend wächst, nennen wir unsern Willen; Hemmung unseres Willens +empfinden wir unwillig; empfundenen Unwillen legen wir aus als Wirkung +fremder Kraft. + Ausübend wandelst du eigenen Willen zu rückwirkender Kraft. +Wollend schaffst du Unwillen. Unwillen weist du von dir ab; darum +erscheint er außer dir, dir entfremdet, scheint fremde Kraft gegen +dich. Oder mit anderen Worten gesagt: weil es fremder Wille ist, darum +ist er nicht in dir--beides ist dasselbe. + Unwillen in dir ist Willen wider dich. Der eigene Wille-un-Wille +von dir ge-äußert, von dir ausgelegt, das ist: aus dir hinaus verlegt, +im gegen-Stand selbst ständig geworden, vom gegen-Stand +wider-stehend, als Widerstand auf dich rückwirkend, ist dir des +Gegenstandes Widerstandskraft. Wille in dir schafft mit +Not-wend-igkeit rückwirkende Kraft--Widerwille in dir ist Widerstand +außer dir. + Was Eines ist, benennst du mit unterscheidenden Namen. Was du in +dir Willen nennst, nennst du außer dir Kraft. Kraft in dir bewußt, +nennt sich Willen; Willen außer deinem Bewußtsein scheint dir +bewußtlose Kraft. Aller Wille ist Kraft, alle Kraft ist Willen. Wille +ist Kraft aus dir, Unwillen in dir ist Kraft gegen dich. + Aus dir fließt Willen und Kraft; Eines ist Willen und Kraft-- +Verlangen in dir--du selbst. Sehend geworden erkennst du den eigenen +Willen in fremder Kraft, dich selbst im nicht-Ich. + In deinem Herzen ist die Auseinandertretung, deine eigene +Schöpfung die Unterscheidung: Zeit-Wille--Raum-Kraft. Ich ist Zeit +und Raum, Ich ist Wille und Kraft. Ich ist âkâsha, Ich ist kâma. + +* + + -- Ur-sprung -- + +Namen des Verlangens vom Ich aus. + +Ich--nicht-Ich +m-Ich empfunden--d-Ich vorgestellt +in der Seele unmittelbar gewußt--mittelst der Sinne erfaßt +als eigen erkannt--als fremd verkannt +innen-Zustand--außen-Gegenstand +wechselndes Verlangen--Entzweiung einheitlichen Verlangens +geänderter Wille--eines anderen Wille +eigener Widerwille--fremder Widerstand +Wandel, seelische Empfindung--Wandel, körperliche Bewegung +Ursache--Wirkung +Wille--Kraft +Freiheit--Notwendigkeit +Einbildung--Vorstellung +ur-Teil--gegen-Teil +Zeit--Raum +Seele--Körper +werdende--gewordene + + Welt. + + * * * + + Ich, durch-ur-Sprung--ur-Teil, un-zu-langend--ver-langt; Ich +ur-Teil verlangt nach dem gegen-Teil. Darum ist Ich Verlangen. + Alles Verlangen ruht auf Unzulänglichkeit, auf Bedürfnis, auf +Mangel, auf Gebrechen, auf Bedrängnis, auf Sehnsucht, auf Furcht und +Hoffnung, auf Not und Qual; alles Verlangen ruht auf Zwiespalt, auf +Zwiespalt der Seele, alles Verlangen auf ur-Sprung. Alles Verlangen +ist Verlangen nach er-Gänz-ung, Verlangen nach wieder-ver-Ein-igung +mit Gottheit. + Ich empfindet sich Bruchstück, darum hungert Ich nach dem +Entgangenen; darum lebt alles Ich außer sich, darum ist alles Ich +friedlos; darum sucht Ich, begehrt Ich, sehnt sich nach anderem, +bewegt sich, neigt sich, nähert sich anderem, nährt sich von anderem. +Eines Wesens ist, wenn der Spalt im Holz sich zu schließen trachtet-- +wenn ein Ich bewußt will; Enzweiung will Zu-eins-paarung. Aus Einer +Quelle fließt: sich eines Anderen Seele nähern--sich von eines +Anderen Körper nähren. + Darum lebt Alles dieser Welt durch Nährung, durch Ein-ver- +leib-ung, durch an-Eign-ung; darum lebt alles Ich durch ein anderes +und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch nicht Ich +--seelisch wie sinnlich. + Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig +sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit, +also verstoßen sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also +vereinsamt und verlassen schreit Ich um Hilfe--es verlangt alles Ich +nach Allumfassen, nach Alleinheit, nach Vollendung--nach Nirvana. + Es verlangt m-Ich--Ich muß verlangen, muß außer sich wollen, muß +von Anderem leben, muß jagen und erbeuten, muß würgen und fressen. + Ich muß alles nicht-Ich zu sich wollen, muß an-eign-en wollen, muß +für sich lieben und hassen, muß wider alles nicht-Ich stehen, muß +allem nicht-Ich Gegner und Feind sein solange Ich 'Ich' ist. Es ist +kein Ausweg. Wer das Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht geboten. + Alles ich lebt nur durch Selbstsucht. Alles Ich, blind durch +Ichheit, von Ichheit besessen, vermeint in s-Ich das höchste Gut zu +verteidigen--: zum Bewußtsein erwachende Gottheit. + Darum ist zwischen Ich und Ich ewige Tat, ewiger Widerstand, +ewiges Wirken, darum ist die Wirklichkeit dieser Welt ewiger Kampf. + Darüber ist gesagt: "aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese +Welt gebildet". + Das Verlangen ist Lust; das Lust-verlangen ist endlos. + Wie ein Mann nach dem Weibe verlangt--und würde er auch in +solchem Verlangen ganz zum Weibe--nicht befriedigt ist, nunmehr nach +dem Manne verlangt, so verlangt das Ich nach dem, was es nicht ist, +und wenn es das Verlangte erlangt hat, ist es dennoch voll Verlangen. +Ich ist Verlangen, das Verlangen ist endlos. + Ich verlangt nach Allem, was es nicht ist. Ich, sich selbst im +Anderen verkennend, jagt nach sinnlich sinnlosem Ziele--endlose +Täuschung der Sinnenwelt--Sinnlosigkeit der Sinnenwelt--sinnlos, +weil sinnlich. + Alles Verlangen ist Verlangen zu sich, alles Verlangen ist Ich +Verlangen. Es gibt kein selbstloses Verlangen. Kein Ich ist leer von +Verlangen. Verlangen erfüllt, bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist +nur durch Verlangen. Ich in aller seiner Gestaltung ist Verlangen-- +Ich, das verlangend, nie erlangt. + +* + + Auf Einem Gedanken ruht diese Welt: + Verlangen nach Wiedervereinigung mit Gottheit; im Verlangen ist +Bindung und--Lösung dieser Welt. + Nichts außerhalb des Verlangens; nichts was nicht im Verlangen zum +Ich in Beziehung steht. Verlangen ist allüberall, Verlangen ist +allgegenwärtig, Verlangen ist immer. Verlangen ist nie gestillt. +Verlangen birgt sich in allem Geschehen, in aller Tat, in allen +Gestalten, unter allen Namen dieser Welt--ver-Langen nach +ver-Einigung! sinnlich und seelisch. + Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche-- +inbrünstiges Gebet, Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen nach +dem Höchsten. Tiefster Samsara hat höchstes Ziel: Eines ist was dich +--dich Körper, dich Seele--zu Nahrung treibt, zu Erwerb, zu Weib +und Kind, zu Macht, zu Entsagung, zu Erkenntnis, All-Einheit, +Vollendung, nirvana. + Verlangen führt dich in die Welt, Verlangen hält dich in der Welt +befangen, Verlangen führt dich über diese Welt des Verlangens hinaus. +Also geschlossen im Verlangen ist die ewige Kette; also löst sich +aller Irrtum, alle Sünde dieser Welt: durch Verlangen ist Samsara, +durch Verlangen ist Nirvana. + Endloses Verlangen erscheint als endloses Werden. + +* + + Ur-teil-Ich-er-Schein-ung lebt nur Einen Gedanken: + Durch ur-Sprung--ent-Zwei-ung; durch Entzweiung--ver-Langen, +nach wieder-ver-Ein-igung. + Alles Ich will sich, will Alles zu sich,--en-will sich zum All. + Also hält Verlangen nach Vereinigung zu sich alles Ich +auseinander. + Durch Entzweiung--Vereinigung; durch Vereinigung--Entzweiung +--Unergründlichkeit--Ewigkeit des Ur-sprungs. + Die Ich-bin-heit hält Ich und Ich auseinander. Asmita ist Schöpfer +dieser Welt. Keine Erlösung im Samsara. Keine Seeligkeit, keine +Erlösung im Ich. + Ur-Teil-Ich durch ur-Srung ab-geschieden, unterscheidet: Ich-- +Welt; sieht sich Bestand, Akasha; fühlt sich Verlangen, kâma;-- +unterscheidet in Akasha atmend: Zeit--Raum; unterscheidet in Kâma +atmend: eigenen Willen--fremde Kraft-- + Alle unter-scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung in ur-Teil +und Gegen-Teil. + Sehend geworden erkennst du: + Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen: + -- Atma -- + +* + + O Teurer, wie ich es dir zunächst dargelegt habe, so mögen wir +Menschen der Erscheinung nach-denkend, uns der Wahrheit annähern. Nur +dem tief ernst Suchenden enthüllt sich die tiefe Lehre--upanishad-- +der Menscheit Hoheziel--Hoheziel. + +* + + So lautet in Aranada-Upanishad der dritte adhyaya: Kâma, +Verlangen; nunmehr Karma, Wirklichkeit. + + + + +IV. +WIRKLICHKEIT DIESER WELT +-- karma -- + + + + Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer, wisse: +einfach ist alle Wahrheit, Vielheit ist Irrtum dieser Welt. + Wie das dichte Laubdach eines Urwaldes vor einem stürzenden Stamme +zerreißt und helles Tageslicht plötzlich die Dämmerung am Boden +überflutet--so brach bange Unwissenheit in sich zusammen und +überstrahlte mich das Licht der Erkenntnis; und was große Lehrer vor +mir als unausdenkbar erachtet hatten, als unergründlich, als ewiges +Geheimnis--trat in mir zutage, wuchs und erstarkte zu voller +Erkenntnis. Gesegnet sei die Stunde, da ich Gewißheit erlangte: also +ist, was sie Tatgesetz nennen, also ist Wirklichkeit: Karma-- +Freiheit des Tuns--eherne Notwendigkeit. + Und schon einmal habe ich solche Erkenntnis ausgesprochen zu jenen +Zeiten, als der König der Videha mich befragte; aber unverstanden +blieb, was ich verkündete, unerkannt in seinen Tiefen--verlorene +Wahrheit offenbare ich dir wieder. + +* * * + + Aus ur-Sprung--: ur-Teil-Ich-Erscheinung; aus ur-Teil-Ich--: +ver-Langen; aus Verlangen--: Tat + -- KARMA -- + +* + + Tat und Tatergebnis, Wirken und Wirklichkeit dieser Welt--in +dir, o Teurer, als Lust und Leid bewußt, als Tat und Duldung, als +Ursache und Wirkung, als Freiheit und Notwendigkeit--in dir, o +Teurer, als vergeltende Gerechtigkeit der Gottheit wach. + +* + + Also ist die Unterweisung: + Wie im dichtgeschlossenen Raume dein Atem die Luft verdirbt und +die verdorbene Luft auf dich vergiftend zurückwirkt-- + --wie ein fliehender Feind, von dir verfolgt, sich wendet und +dich aus Tat und Angriff zu Abwehr und Leid zurückdrängt-- + --wie das Geschoß der schwarzen Haut im Wurf auf dich zurückkehrt-- + --wie dein Schwert, am Widerstand abprallend, dich selbst trifft-- + --also ist Karma: Tat und Widerstand, Wirkung und Rückwirkung, +Ausgleich, Vergeltung, ewige Gerechtigkeit--Wirklichkeit dieser Welt. + +* * * + + Karma, Wirklichkeit dieser Welt, wirkt sich in dir aus Ursache und +Wirkung. + Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in Ich und +nicht-Ich. + Du empfindest eigner Tat Ursache in dir, schaust eigner Tat +Wirkung außer dir, am wider-Stand; Widerstand ist Wirkung auf dich; +Wirkung auf dich begreifst du als fremder Tat Ursache. Ursache wird +Wirkung, Wirkung wird Ursache. Die Tat bedingt das Ergebnis, das +Ergebnis bedingt die Tat; Voraussetzung ist Enderfolg; Folge ist +Bedingung. Alle Wirkung ist in der Ursache; alle Wirkung ist +Widerwirkung, Ausgleich von Ursache und Wirkung--Wechselwirkung-- +wie zwei Mühlsteine sich aneinander schärfen.--Eines Vorganges +geschiedene Auffassung in dir, ur-teilende Namen. Was du fremd +anschauend 'Ursache oder Wirkung' nennst, nennst du beteiligt 'Willen +oder Unwillen' in dir. Je nachdem du willig-un-willig tust oder +duldest, je nach Willen oder Unwillen in dir, erscheint verschieden, +was Eines ist. + Eines ist, was du willkürlich scheidest--Eines ist Tat aus dir +und Wirkung auf dich--Eines, was du seelisch auslegst und was du dir +sinnlich vorstellst. Tuend nennt sich Ursache, was leidend sich +Wirkung nennt, Beid-einheit--scheinbare Zweiheit durch zwiefache +Benennung desselben. + Vor der ewigen Ich-gegenwart erscheint, was Eines ist, zu einer +zeitlichen Kette auseinandergezogen, erscheint in Glieder zerstückt-- +ineinander greifende Glieder einer unlöslichen Kette von Ursache und +Wirkung. Was in sich Eines ist, erscheint uns zeit-räumlich Schauenden +zu Aus-ein-ander-folge ausgedehnt. + Es scheint, als sei Zerfall in Ur-teil und Gegen-teil, als sei +Zu-stand und Gegen-stand, als sei Empfindung durch Wirkung des +Empfundenen, als sei Folge und Folglichkeit. Keine Zeit an sich, kein +Raum, keine Ursache, keine Wirkung, keine Folge, keine Folglichkeit. + Weil an sich keine Ursache ist, weil an sich keine Wirkung ist, +darum ist keine Ursächlichkeit an sich. Im scheinbar bedingenden Worte +"weil" liegt keine Ursächlichkeit; "weil" besagt nur: der weile, das +ist: zur selben Zeit--nichts mehr. Im scheinbar folgernden Worte +"darum" liegt keine Folgerung; "darum" besagt nur: daherum, das ist: +am selben Ort--nichts mehr. Scheinbare Zweierleiheit zur selben Zeit +am gleichen Ort ist Eines. Die scheinbar bedingenden, scheinbar +folgernden Worte aller Sprachen besagen nur: in Zeit und Raum +zusammenfallende Erscheinung, Beid-einheit--nichts mehr. Raumanstoß +ist Zeitfolge--Selbeinheit, nicht Folglichkeit. + Was du Ursächlichkeit, Folge, Folglichkeit nennst, ist Fluß +lückenloser Empfindung in dir, endlos in Einhauch und Aushauch atmende +Willensbeziehung zum endlos aus dir geschaffenen Gegen-stand.-- +Nichts in der verlangenden Sinnenwelt, was nicht in Beziehung zu +deinem Verlangen steht. Sinnliche Erscheinung ist Ausdruck deines +seelischen Verlangens; Eines, durch rastlos irrendes Verlangen +geschieden, und so, seelisch geschieden, sinnlich als Verschiedenheit +geschaut. Wechselnde Eigenschaffung in dir erscheint außer dir als +Wechsel der Beschaffenheit; zu-Stand und gegen-Stand bedingen +einander; ändert sich dein Seelenzustand, so ändert sich deinen Sinnen +der Gegenstand--erfasse es wohl: beides ist Eines. + Folglichkeits-erscheinung ist sinnliche Anschauung des Wechselnden +im Beharrenden; Selbeinheits-erkenntnis ist seelisches Erschauen des +Beharrenden im Wechselnden. Anscheinende Gesetzmäßigkeit ruht auf +Vielheitstäuschung, das ist: deiner sinnlichen Auffassung +zeit-räumliches Aus-ein-ander-fallen des in sich Einheitlichen. +Folglichkeit--nur aus-ein-ander-gezerrtes Bild der Selbigkeit; ein +Hinweis, daß Raum und Zeit bloße Erscheinung sei und nicht in sich. +Kein Folglichkeitsgesetz dem Wissenden. + Zerfall in Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in "Ich +und Du" im Ursprung; erscheint mit dem Zerfall des Ich in Zeit und +Raum.--Wie Nacht dem Tage folgt und Tag der Nacht, so folgt in +endloser Flucht des Geschehens Wirkung auf Ursache und Ursache auf +Wirkung. Ursache bewirkt und Wirkung verursacht. Wie einer Sohn seines +Vaters ist und Vater seines Sohnes, Vater und Sohn zugleich, so ist +Ursache Wirkung und ist Wirkung Ursache--Wirkung und Ursache +zugleich. + Vieler Worte bedarf es, Selbstverständliches darzulegen: Eines ist +Ursache und Wirkung--willkürliche, an sich nichtige Unterscheidung +in dir; doppelte Benennung des Einen, zwei Worte für dasselbe: +Wirklichkeit, Karma--durch dich--auf dich wirkend; Kreislauf des +Verlangens. + +* * * + + Und ferner, o Teurer, Karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich +in dir aus Freiheit und Notwendigkeit. + Freiheit des menschlichen Tuns, o Teurer? oder unabwendbare +Gesetzmäßigkeit alles Geschehens? Offenbar wird dem Erkennenden die +Lösung der großen Frage an aller Gestaltung, in jedem Vorgang, an +allem Werden, an allem Sein. Dasein; alles Gewordene aus gebundener +Freiheit. Du durchschaust das Rätsel am aufsteigenden Opferrauch, am +Lauf der Gestirne, am Monde, an jeder Zelle. Alles Gebilde ist davon +Bildnis; Urbild aller Gebilde--der Zwölfflächner. + Erwäge es wohl! So lange du die endlose Flucht der Erscheinung +'teilend' zu beherrschen glaubst, so lange irrst du im Wege zu +Erkenntnis--: 'einigend' nahst du dem Hohenziel. + Erwäge es wohl! Nur die voll erkannte Lehre löst dich aus den +Fesseln der Unwissenheit--: nicht eher offenbart sich dir das +Geheimnis; nicht eher erwachst du aus vieltausendjährigem Schlummer. + Nicht überliefert wurde mir die Lehre von der Gemeinschaft +schauender Meister; aus dem Urquell alles Gedankens ward mir die +Lösung, die seit dem Erwachen der Menschheit gesuchte. + +* + + Also ist die Unterweisung: + Wie ein Ball, aufschlagend, sich abflacht-- + --wie runde Beeren, in der Traube zusammengedrängt, zu kantigen +Formen auswachsen-- + --wie Wasserblasen im Schaumballen, einander bedrängend, aus der +erstrebten Kugelgestalt mit Notwendigkeit zu Zwölf-flächnern werden-- + --wie die gewollte Kreisform dicht aneinandergeschlossener +Bienenzellen sich mit Notwendigkeit zum Sechseck gestaltet-- + --so widerfährt dem Ich im nimmer endenden Verlangen, nach allen +Seiten frei und ungehemmt sich auszubreiten,--notwendig Hemmung von +allen Seiten, von allen Gegen-ständen Widerstand-- + --so gestaltet sich, was du Freiheit nennst, zu Notwendigkeit; +das ist: durch freien Willen Aller--notwendig gebundener Wille Aller-- + und du erkennst: + Aller Freiheit ist Aller Notwendigkeit. + Dies ist Lösung der großen Frage, um die du mich angingst: +Freiheit des Willens oder unabweisbare Notwendigkeit alles Geschehens +--restlose Lösung. Was unergründlich schien, was Jahrtausende vor mir +Morgen- und Abendland, alte und neue Welt, Rishi und Mahatma, +vergeblich suchten--gefunden ist die Lösung des tiefen Rätsels, +durchschaut der Widerspruch, erkannt die Einheit im Gegensinn. + +* + + Einfach ist alle Wahrheit: Freiheit--zu-Stand des Ich, +Notwendigkeit--gegen-Stand. Als frei getan empfindest du, was dein +eigen, als notwendig geduldet, was dir entfremdet; Freiheit, was du +willig in dir, Notwendigkeit, was du unwillig als draußen erachtest. +Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Freiheit, was darüber hinaus, dem +Weichbild des Ich in Raum entwichen, Notwendigkeit heißt. + Aller Ich bewegt frei den eigenen Willen, Aller Ich empfindet sich +mit Notwendigkeit bewegt vom frei bewegten Willen Aller. + Freien Willen, also gehemmt, empfindest du als Unwillen; +empfundenen Unwillen legst du aus als fremder Kraft not-wen-dige +Wirkung; auf dich rückwirkende Freiheit nennst du Notwendigkeit; +Wirkung aus dir--Wirkung auf dich.--Was du frei aus dir tust, +bindet dich notwendig. + Freier Wille durch gegen-Stand not-wend-ig bestimmt; freier Wille +in der Sinnenwelt gebunden. + Was ich will, will ich frei--ist Freiheit und Lust; was ich +wider meinen Willen dulde, ist Unlust, Beschränkung, Notwendigkeit. Je +nachdem ich dem mächtigen Zuge der Welt willig folge oder unwillig +widerstehe--je nach dem ich willig-un-willig umfasse oder +un-willig-willig entlasse--je nach meinem Ziel im Verlangen-- +erscheint verschieden, was Eines ist. + Was du in dir freien Willen oder fremden Willen außer dir nennst, +ist einheitliche Beziehung inzwischen Ich und Ich, von beiden Seiten +gleichzeitig als eigene Freiheit, von beiden Seiten gleichzeitig als +fremder Zwang empfunden. + Kein Gesetz dem Wissenden: + Aller Freiheit ist aller Gebundenheit--Aller Wille ist Aller +Gesetz. + Davon ist gesagt: "Gebunden ist Seele durch Seele." Was sie Gesetz +nennen, ist gehemmtes Verlangen. + +* + + Es verlangt dich im Zuge der Welt zur Erscheinung--es verlangt +dich zur Erscheinungswelt hinaus. Je nachdem du voreilst oder +zurückbleibst, je nach deinem zustimmenden oder abweisenden Verlangen +erscheint dir das Werden-ver-Werden der Welt als eigenes Wirken aus +dir oder als fremdes Wirken auf dich--je nach seelischer oder +sinnlicher Auffassung--verinnerlicht oder entäußert. + + * + + Hinfällig ist aller Streit, der feste Bau ist gegründet. Freiheit, +zu Ende gedacht, ist Notwendigkeit; Notwendigkeit, zu Ende gedacht, +ist Freiheit. + Eines ist, was du zwiefach benennst: Freiheit und Notwendigkeit, +willkürliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir. + Dein Verlangen schafft was du Freiheit, dein Verlangen schafft was +du Notwendigkeit nennst. Karma, Wirklichkeit dieser Welt willig in +dich aufgenommen scheint 'freie' Wirkung aus dir; Karma unwillig +abgewiesen ist notwendig Wirkung wider dich. + Freiheit und Notwendigkeit ununterschieden in sich, weder das +eine, noch das andere, Eines doppelt benannt, zwei Namen für das Selbe +--; unendliches Verlangen--endloser Widerstand--Karma in dir +atmend. + Verloren ist Freiheit--gewonnen ist Freiheit; du selbst bist +Herr und Gesetz, du selbst bist Schöpfer--Vernichter. Atma ist sich +selbst Gesetz. + Noch einmal: Gib es auf, die Welt zu durchschauen, ehe dir die +volle Erkenntnis von Karma auf geleuchtet ist. + +* * * + + Und ferner, o Teurer! karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich +in dir aus Tun und Dulden. Ich Dasein ist Tat. Tat erfüllt das Ich, +Tat bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist nur durch Tat. Ich in +allen seinen Gestaltungen ist Tat. Alle Tat ist Ich-Tat; keine Tat ist +selbstlos. + Keine Tat geschieht um ihrer selbst willen: du tust, um durch Tat +zu Tat-Frieden zu gelangen. P. W. + Tat ist Frucht des Verlangens, das Verlangen ist endlos. Keine Tat +bringt das Heil. Kein Tun stillt das Verlangen; Verlangen ist ewig +wach; Befriedigung ist ewig Täuschung. + Unerreichbares wähnst du durch Tat zu erreichen. Tat fördert neue +Tat. Tat fordert neue Tat. Tat führt endlos zu Tat. Jede erfolgte Tat +fesselt dich an den Erfolg der Tat. Tat verschuldet dich irdischen +Mächten. Unselig ist alle Tat--eine ewige Kette. Alle Tat, gute wie +böse, schafft neues karma. Keine Erlösung durch Tat--tuend wirkst du +diese Welt. + Darum ist gesagt: "der bös Handelnde, der gut Handelnde bleibt +durch sein Tun gebunden." + Darum sagt Shamkara, der Lehrer: "die Seele von Bösem und Gutem +befleckt." + "Seele wird nicht höher durch gutes Werk, Seele wird nicht +geringer durch böses Werk."--"Sein Reich leidet durch keine Tat +mehr; über Gutes und Böses--über beides ging der Vollendete hinaus." + Darum sagt Shri-shagavad-gitâ-upanishad: "alles Tun ist von Schuld +umhüllt." + Darum spricht die Gottheit Krishna: "ich bin außerhalb dieses +Tuns." + Darum lehrt des Heilweges Buch: "das Höchste ist ohne Tun." "Wer, +solches wissend, von Gutem und Bösem sich rettet, der rettet sich von +Sinnen zu Seele; der rettet sich zu Atma, der solches weiß." + +* + + Ich rede zu Suchenden, zu dir, o Schüler! draußen Stehenden ein zu +bewahrendes Geheimnis. Ehe du es wagst von Tat zu lassen, erfasse die +Lehre wohl. + Der Gedanke dieser Welt ist suchendes Verlangen; blind irrende +Gedanken des Verlangens walten übermächtig allüberall. Was von +Gedanken seelisch sinnlich in dir haftet, lebt, schlägt Wurzel in dir, +schafft sich zu deiner Seele. Es denkt und will und handelt in dir. +Irresuchenden Gedanken Stätte gewährend, irrst du im Wege zum +Hohenziel. + Sei tätig so lange dir Tat Befriedigung gewährt; sei tätig, doch +sei nicht in der Tat. Wahre die Ruhe deiner Seele--unberührt von Tat +und Taterfolg--selbstvergessen. Also tuend wird dir Erkenntnis von +Tat--Tat ohne Täter. Von Leid und Tat ungeblendet wirst du sehend. + +* + + In dir, o Teurer, wächst mit jeder neuen Erkenntnis der Gedanke: +'unausführbar in diesem Leben ist die Lehre'. + Nun wohl! Wende dich von diesem Leben ab, das dir des Lebens +höchstes Gut versagt: 'Seelenfrieden'. Suche höheres Ziel! Du selbst +bist Schöpfer und Vernichter. Aus deinem Verlangen schaffen sich die +Welten; dein Verlangen schafft diese, dein Verlangen schafft andere +Welten. + +* * * + + Was ist, ist durch Gegensatz: daß die Welle sich hebe, muß ein +Wellental sich bilden. Tat ist unablösbar von Leid; kein Tun ohne +Dulden. Ich-dasein ist Tat und Duldung. + Tat ist am gegen-Stand; Tat ist gegen wider-Stand. Was dem Täter +Tat und Lust ist, ist Leid und Duldung dem Widerstehenden. Aller Fraß +ist Fressen und Gefressenwerden. Lust und Leid ergänzt sich in Täter +und Dulder. + Alle Tat ist Frucht des Verlangens: das Verlangen treibt dich; den +Trieb erleidend, tust du. Tuend leidest du und leidend tust du. Leid +aus sich hinaus verlegt, nennt sich Tat. + Wir blinden Menschen erkennen das Leid nicht, wenn wir es Tat +nennen. + Durch Tat ist Leid, durch Leid Tat. Ich tue das Leid, ich leide +die Tat. Ich tue oder dulde Leid. Ich leide, weil du mir Leid antust; +ich leide, wenn du mir leid tust. Ich mache mich selbst leiden. Ich +empfinde mich außer mir, ich leide in dir. + Darum sagt Shánkar-atschárya, Verehrung sei ihm: "Tat--dem Wesen +nach Leid". Tat und Widerstand--zwiefach Leid. + Leid fordert Lust--Lust fordert Leid. + Lust--fremdes Leid, Leid--fremde Lust; Lust ist Wirkung aus +dir, Leid--Wirkung auf dich. Der Hammer ist zum Schlag, der Amboß +zum Widerstand bestellt. Im Hammer Lust und Leid, im Amboß Leid und +Lust. Darum ist Ein Wort für beides: ashma. + Was deiner Empfindung-Anschauung gegensätzlich erscheint, Duldung +wie Tat, wächst aus derselben Wurzel, unterschieden nur durch +unterscheidende Benennung, wie Wille und Unwille, wie Ursache und +Wirkung, wie Freiheit und Notwendigkeit, wie Zeit und Raum, wie oben +und unten--unterscheidende Namen in dir--Zerfall im Ur-sprung in +Ich und Du. + +* + + Eines in sich ist, was du in karma mit gegenteiligen Namen +bezeichnest; Eines, was du verlangend Lust, abweisend Leid nennst; +dasselbe un-willig-willig getan, willig-un-willig gelitten. + Was von Gedankenwellen dir willkommen zuströmt, erbaut dich, baut +das Ich in dir; was dir behagt, was du willfährig aufnimmst, was du +zustimmend, bejahend, wohlwollend umfaßt; was du einwilligend dir +aneignest, was sich dir willig fügt, was dir zu Willen ist, was dein +Wille, was du selbst bist, gebärt in dir, deine Seele bewegend--: +Zeit, Ursache, Freiheit, Tat und Lust--du tust, dein +gegen-Ich-duldet. + Was, aus deinem Willen geboren, zu Unwillen in dir wird, was dir +als Widerwille Abbruch tut, was dir entgeht, was du unwillig hingibst, +unwillig entbehrst, was du widerstrebend empfindest, was dir +widersteht, was erwidert, anwidert, was widrig, widerwärtig ist, was +wider deinen Willen geschieht, wendet sich gegen dich, gewinnt Macht +über dich, unterdrückt dich--aus dem Raum deine Sinne bewegend-- +als Duldung und Leid, Wirkung fremder Tat, Notwendigkeit--dein +nicht-Ich tut, du duldest. + +* + + Du irrst in anfang-endlosem Kreislauf der Erscheinung; du irrst +nach Lust, und irrend--irrst du. Dich gelüstet und du wandelst, +lustbefangen, deine Empfindung zur Vorstellung, deine Einbildung zur +Anschauung, zu-Stand zu gegen-Stand; Wille wird Kraft, Zeit wird Raum, +Ursache Wirkung; du schaffst, lustgebunden, Zwang, Gesetz, Duldung, +Notwendigkeit; es ist Schrecken und Qual, Nacht und Tod. + Dich gelüstet und du ziehst das Abgestoßene, Unlust, Gegenstand, +Raum, Kraft, Wirkung, Notwendigkeit Gewordene wieder zustimmend an +dich an; nimmst, wider-Stand aufgebend, den Gegensatz wieder wollend +in dich auf; wandelst Vorstellung zu Einbildung, wandelst Anschauung +zu Empfindung;--durchbrochen ist der Zauber; fremder Gegenstand ist +eigener Zustand, was fern schien, ist in dir, was zu fallen schien +steigt an, was niederging geht auf und alles Geschehen, was +Rückbildung schien wird Entfaltung, was Vernichtung--Entstehen; +Kraft wird zu Willen, Raum wird zu Zeit, Wirkung wird Ursache, Duldung +--Tat, Notwendigkeit--Freiheit, und was du Leiden und Tod nanntest, +ist Leben und Lust. + Du wandelst aus eigener Kraft schlaftrunken in eigener Schöpfung; +und wandelnd wandelst du dich selbst, wandelnd wandelst du die Welt. + +* + + Freudvoll sind diese Welten--doch vergänglich sind Freuden +dieser Welt; vergänglich wie Blüten, welkend wie Jugend, enttäuschend +wie Liebesgenuß. + Grauenvoll sind diese Welten, wahnbefangen, not und leiderfüllt; +ganz im Banne nimmergestillten Verlangens, ganz im Banne ewig +friedloser Tat, allen Schrecken preisgegeben, preisgegeben dem Tode. +--Eine Welt, in der aller Sieg auf Niederlage ruht, alle Freude auf +Schmerz, alle Lust auf Leid, alles Leben auf Vernichtung: vom +Brunstschrei bis zum Todesröcheln--eine Welt aus Gier und Fraß, aus +Angst und Flucht, aus Kampf und Qual; ein ewig stürmendes Meer-- +unabsehbar an Raum, endlos an Zeit--an rastlos quellendem Leben +übervoll--nur von Einem Gedanken erfüllt, voll nimmer gestillter +Gier, ringsum zu töten! und tötend zu leben! Henker und Opfer +zugleich, wir blinden Menschen. In allen Höllen und allen Erden dieser +Welt--in allen Himmeln!--eine Welt, die sich selbst frißt--nie +auszumessendes Maß von Leid.--Wohl dir--wehe dir, daß du blind +bist! + Wie vermöchte wohl, o Teurer, eine Welt auf tieferem Grauen zu +ruhen? Wie vermöchtest du wohl, o Teurer, eine Welt zu ersinnen, +grauenvoller als diese? Welten, die andere Welten verschlingen, selbst +von anderen Welten verschlungen werden. + Grauenvoll sind diese Welten, doch vergänglich ist alles Grauen. +Grauenvoll sind diese Welten;--alles Grauen dieser Welten ruht auf +Lust! + +* + + Die, erkenntnislos, sich zu Lehrern aufwerfen, reden von guten, +reden von schlechten Welten; Toren klagen über Verschlimmerung dieser +Welt, Toren träumen von einer Besserung dieser Welt--einer Welt, die +ewig auf Verlangen und Widerstand ruht, ewig auf Tat und Duldung, ewig +auf Lust und Leid. + Dieser Welt Dasein ist durch ur-Sprung, durch zwie-Spalt; durch +ent-Zweiung ist diese Welt, durch gegen-Satz, durch wider-Spruch. Wie +vermöchte, o Teuerer, bei Menschen, bei Göttern, in Felsen oder +Pflanzen, Tat zu schwinden, da Verlangen lebt? Wie vermöchte in der +Welt Leid zu schwinden, solange Lust und Tat lebt? Wie gäbe es ein +Wirken ohne Ziel, Verlangen ohne Tat, Tat ohne Widerstand, Widerstand +ohne Leid? Wie vermöchtest du, o Teurer, in dieser Welt Sieger zu sein +ohne Besiegten? Wie ein Selbst ohne Selbstsucht? Ein Ich ohne Du? Wo +in dieser Welt weißt du ein Leben ohne Tod? + Die Welt ist durch Kampf, Leben durch Vernichtung, aller Aufbau +durch Zerstörung, alles Entstehen durch Vergehen: --in allem Werden +liegt ver-Werden. Wie vermöchtest du dieser sich also gestaltenden +Welt in die Arme zu fallen? Wie vermöchtest du, o Teurer,--Zeit und +Raum durchschauend--solcher Täuschung nachzuhangen? + Erblinde für diese Welt! von dieser Welt ungeblendet wirst du +sehend. + +* + + Wir Menschen steigen an zu Göttern und über Götter hinaus und mit +uns steigt alle Gestaltung dieser Welt. Was wir heute Tier oder leblos +nennen, ist dann Mensch--Mensch, wie wir heute Menschen sind, mit +all unserer Lust und Qual. Menschen steigen an zu Göttern und Menschen +bleiben im ewigen Kreislauf und Welt bleibt Welt--ewig wie heute-- +ewig nach Erlösung dürstende Seele. Ein unabsehbar ewiger Strom, von +Welten und Wesen, der, das All durchmessend, in seiner eigenen Quelle +mündet. + Wie Meeresatem: Flut folgt auf Ebbe, Ebbe auf Flut; Meeresbewegung +wohl, doch keine Fortbewegung des Meeres. Wohl ist Ziel-Bewegung +innerhalb dieser Welt, doch keine Fortbewegung der Welt--wohin auch, +wenn nicht über die Welt hinaus? + Wohl ist hier oben, doch ist kein oben allein. Wohl ist jetzt +Flut, doch Flut ist durch Ebbe; wohl tagt es, doch Nacht war es vor +Tag und Nacht folgt dem Tage und Nacht ist es bei Tag. + Nicht Tag allein ist Leben und Welt, Nacht nicht die Kehrseite des +Tages: ewig ist Tag und Nacht zu gleich. Aus Einhauch und Aushauch ist +Atem, aus Flut und Ebbe Meeresbewegung, aus Tag und Nacht, aus Lust +und Leid die atmende Welt. + Der Nacht Schlaf ist Erwachen des Tages, Vergehen des Tages ist +Entfaltung der Nacht: Was Entwicklung scheint ist ewiger Kreislauf +Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen. + +* + + Verlangen in dir äußert sich, Wille aus dir gewinnt außer dir +Gestalt, Tat aus-geführt, im gegen-Stand, selbständig geworden, stellt +sich als eigene Kraft wider dich. Bewußter Wille wandelt sich--aus +deinem Bewußtsein entlassen--zu auf dich wirkender Kraft. Aus dir +geboren, dein eignes Kind legt Hand an dich. Du wirst von dem +ergriffen, was du ergreifst; du bist dem zu eigen, was du dein eigen +nennst, und was du schlägst, schlägt dich. Dein Werk, aus dir gewirkt, +ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurück. + Vorstellend wirkst du und wirkend stellst du vor. Vorstellung ist +Wirkung aus dir; gegen-ständlich Vorgestelltes ist Gegenstand; +Gegenstand widersteht; Widerstand ist Wirkung auf dich. Wirkend wirkst +du auf dich selbst. Freier Wille, als Unwillen aus dir entlassen, +nötigt dich, sich gegen dich wendend, als Not-wend-igkeit--karma. +--Alle Tat, alles Wirken, alle Wirklichkeit ist wider dich selbst. + Darum ist gesagt: "gebunden ist Seele durch sich selbst." + Du tust und leidest deine Tat; alle Tat aus dir trifft dich +selbst. Was du dem Andern zu tun vermeinst--Gutes wie Böses--tust +du dir selbst. Deine Tat ist dein Urteil, deine Tat ist dein +Schicksal. Alles Geschehen dieser Welt--der Gottheit ewig +ausgleichende Gerechtigkeit--karma. + Darum ist gesagt: "Vergeltung der Tat am Täter." + Darum ist gesagt: "das Trinken der Vergeltung." + Darum wird gesagt: seine Lust büßen. + +* + + Im verlangenden Ich wirkt sich das Werden dieser Welt. + Alle Wirklichkeit ist atmendes Verlangen in dir; in dir ist alles +Geschehen und alles Geschehens Wertung. Die ganze Welt ist Inhalt +deiner Seele, Ausdruck deines Verlangens, Abbild deiner selbst, +sinnliche Ent-Gegnung seelischer Bewegung in dir. Deine Vorstellung, +dein Verhalten, deine Auffassung, Gesinnung, Neigung--deine +über-Zeugung--schafft unterscheidende Namen und unterschiedene +Dinge. Eins an sich ist, was du Ursache oder Wirkung, Freiheit oder +Notwendigkeit, Tat oder Duldung, Leben oder Tod nennst. + Du selbst bist Ur-sache; aus deinem Verlangen schaffen sich die +Welten. + Dein Verlangen schafft Alles, dein Verlangen wandelt Alles. +Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden. Aus deinem +Verlangen wird die Welt--erscheint und ist. + +* + + Alles Wirken und Geschehen--in dir, o Teurer, alle Bewegung und +aller Stillstand, alle Unterscheidung und aller Wandel--in dir, o +Teurer--Werden ver-Werden--in dir. Im Weichbild deiner Welt +spaltet Alles, spielt Alles gegen einander, hält Alles sich die Wage; +alle Tat findet Vergeltung, alles Geschehen gleicht sich aus, aller +Gegensatz hebt sich auf, alles Außereinander kehrt in sich zurück, wie +Wellen sich ebnen. + Dieser Welt Gleichgewicht im ewigen Kreislauf durch ur-Teil und +gegen-Teil; Vergeltung durch Ausgleich, Frieden durch Gleichmut--in +dir, o Teurer, als ewige Gerechtigkeit, als Tugend und Glück, als +Erkenntnis und Weisheit wach. + Aller Gegensatz und aller Ausgleich ist in dir, o Teurer. + Wie auch Verlangen und Tat, wie auch Liebe und Haß, Lust und +Grauen, Leben und Tod dieser Welt gegen einander stürme--der Welt +Wesen ist unbewegt. Wie auch Tag und Dunkel dieser Welt wechsle--dem +Wissenden leuchtet ewiges Licht.-- + +* + + Du erkennst: + Was du in karma mit widersprechenden Namen belegst, ist +willkürliche, in Gegenteile auseinander spaltende, an sich nichtige +Unterscheidung in dir-- + Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--außer dir +als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist nur Kennzeichnung deines +wechselnden Verlangens, deines wechselnden zu Standes zum +selbstgeschaffenen gegen-Stand. + Eines ist, was du--urteilend--willkürlich scheidest; Eines, +was du durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst: +Willensgestaltung; dein Willen und was wider deinen Willen, wieder +dein Wille ist. + Urteil und Eigenschaft der Dinge und des Geschehens ist deine +Empfindung und Widerspiegelung deines innen-Befindens; ist deine +Einbildung und nach außen Verlegung--Auslegung deiner Einbildung, +das ist Vorstellung; unbewußt bewußte Einbildung, bewußt unbewußte +Vorstellung. + Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der +Dinge Eigenschaften; eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt. + Ich aus s-Ich wirkend, wirkt die Wirklichkeit dieser Welt--Ich +ist karma. + Du selbst bist Ur-sache: bist Anziehung und Abstoßung, Liebe und +Haß; Lust und Leid ist Abbild deiner selbst, dein Werden ver-Werden. +Einheit an sich--in dir unterscheidende Namen. In deinem Herzen sind +die Auseinandertretungen, Unterscheidung deine eigene Schöpfung. Nur +in deiner Empfindung ist Wandel, nur in dir ist Leben und Atem, nur wo +du bist, ist Welt: Spiel deiner Seele, lebendige Schöpfung aus eigner +freier selbstherrlicher Kraft. + Du erkennst dich Atma in allen Namen, du erkennst dich Atma in +allen Wesen dieser Welt: das Alles bist du, endlos an Gestaltung und +Zahl. + Darum ist gesagt: "Himmel und Erde in deinem Herzen." + +* + + Durch ur-Sprung--ur-Teil, sich ab-scheidend unter-scheidet: Ich +--Welt; weiß sich Bestand--Akâsha; fühlt Verlangen--Kama; erfährt +Wirklichkeit--Karma; unterscheidet in Akasha atmend: Zeit und Raum; +unterscheidet in Kama atmend: Wille und Kraft; unterscheidet in Karma +atmend: Tat und Duldung--: all-so ur-Teil--gegen-Teil atmend wirkt +s-Ich in dir die Wirklichkeit dieser Welt. + Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung;--alle +ver-Schiedenheit, alle Umwandlung, alle Vielheit bloße Worte, nur +Namen--Eines ist es in Wahrheit. + Sehend geworden erkennst du: + Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen: + -- âtmâ -- + +* + + So, o Teurer, mögen wir Menschen, die Erscheinung durchschauend, +uns Karma vorstellen. Vorstellung, nicht letzte Erkenntnis. Weg zur +großen Lehre, draußen Stehenden ein zu bewahrendes Geheimnis-- +verhüllte Wahrheit--upanishad. + +* * * + + So lautet in âranâda-upanishad der vierte adhâyâ: Karma, +Wirklichkeit; nunmehr: Manas, Verstand und Urteil. + + + + +V. +DER URTEILENDE VERSTAND +-- manas -- + + + + Zu dem was ich dir nunmehr zu sagen gedenke, o Teurer, behalte vor +Augen: + Geringes Verständnis spricht durch uns Menschen: Von Trugbildern +unserer Sinne geblendet, taumeln wir, einer geängstigten Herde gleich, +dahin und dorthin, von Torheit zu Torheit, wie Blinde von Blinden, wie +Irre von Irren geführt.-- + Sagt dir Jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den +Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute +und verabscheue nicht das Böse--so antworte ihm: diese Lehre lehrt, +über Recht und Unrecht hinaus, der Menschheit höchstes Ziel-- +Selbstlosigkeit. + Und gewiß: festgefügt ist der Grundbau dieser Lehre, +unerschütterlich, auf dem Grunde, der unsere Welt trägt. Ist das Eine +so ist das Andere--untrennbar; untrennbar ist Erlösung von dieser +Lehre vollem Erleben. + +* + + Durch ur-Sprung: ur-Teil-Ich-er-Scheinung; aus ur-Teil-Ich: +ver-Langen: --Tat; aus Tat-widerstand: --Verständnis. + -- MANAS -- + +* + + Manas--Denktätigkeit dieser Welt, Namen des Bewußtseins: +Unterscheidung, Überlegung, Erwägung, Einsicht, Verstand und Urteil. + Also ist die Unterweisung: + Ich komme auf Gesagtes zurück, o Teurer: widersprechend ist der +Wille in den Beiden, die von getrenntem Standort aus--verständnislos +--einander bekämpfen; widersprechend auch das Urteil. + Ich, siegend, will die Tat, und sein Urteil ist seinem Willen +gemäß: "du bist meine Nahrung, ich töte dich, es ist mein Recht". + Ich, unterliegend, enwill die Tat, und sein Urteil ist seinem +Willen gemäß: "du darfst mich nicht töten, es ist Unrecht und böse." + +* + + Du erwägst zunächst das Urteil im Raum erscheinend: + Der Gedanke in beiden ist Einer: Ich-Bestand, Ich-Verlangen, +Ich-Tat; Bestand, Verlangen, Tat steht in Ich und Ich sich selbst +gegenüber. + Im Einen wie im Andern derselbe Wille, dieselbe Tat-- +widersprechendes Urteil. Jeder der Beiden will die Tat tun, Keiner der +Beiden will die Tat dulden. Wer angreift und siegt, lobt Wollen und +Tun; wer abwehrt und erliegt, schilt Wollen und Tun. Hier Lob, dort +Tadel; Recht dem Einen ist Schuld dem Andern. + Urteil widerspricht sich im Raum.-- + +* + + Ferner: Urteil in der Zeit erscheinend: + Je nachdem Ich Angriff-Abwehr aufnimmt auf gibt, gestaltet sich +das Urteil im Ich. + Ich, das angreifend die Tat tun will, Ich, das angegriffen die Tat +nicht dulden will--wechselt seinen Stand zur Tat: will, was es dem +Andern antun wollte, nicht mehr tun; will selbst erdulden, was der +Andere von ihm erdulden sollte--will dulden, nicht tun. Mit +gewechseltem Standort wechselt der Wille, mit gewechseltem Wollen +wechselt das Urteil. Ich schilt, was es lobte, Ich lobt, was es +schalt. + Urteil wechselt in der Zeit.-- + +* + + Und ferner: Urteil in sich: + Je nach dem vierfachen Standort des Ich im Verlangen, je nach +zwiefachem Stand des Ich in sich, je nach zwiefachem Stand des Ich +außer sich, ist die Beziehung des Ich zum gegenständlich aufgefaßten +Gedanken, ist Willen und Urteil des Ich. Ein und das selbe Ding, das +selbe Tun, der selbe Vorgang, Ein Geschehen, Ein Gedanke erscheint im +Ich als verschieden, als in gegen-Teile zerfallen, als Zweierlei, je +nach dem Willensstandort des Ich zum Gedanken--je nachdem der +Gedanke dem Ich als Gegensatz zu sich, oder als Gegensatz in sich, als +fremder Gegenstand oder als eigener Zustand erscheint. Der +einheitliche Gedanke: 'Fraß' wird zweierlei: 'Fraß an dir--Fraß an +mir, fressen und gefressen werden'. + +* + + Das selbe Eine unveränderte Ich urteilt über den selben Einen +unveränderten Gedanken vom selben Standort zur selben Zeit-- +zwiefach; zwiefach auf jedem Standort, zwiefach zu jeder Zeit; gut und +zugleich böse, schön und zugleich häßlich, recht und zugleich schuld, +je nachdem Ich den Gedanken aufnehmen oder abweisen will, je nachdem +das Urteil dem eigenen oder dem gegenständlichen Ich gelten soll, je +nachdem das Urteil mein Ich--m-Ich, oder dein Ich--d-Ich betrifft. + Angreifend hält Ich Angriff für Recht, doch selbst angegriffen für +Schuld. Fressend hält Ich das Tun für löblich und gut, doch selbst +gefressen für unrecht und böse--, dich fressen ist recht, mich +fressen ist schuld'. Lob und Tadel, gut und böse, schön und häßlich, +Fraß und nicht Fraß in Einem Atem, Verlangen, urteilend, steht sich +selbst gegenüber. + Alles Urteil trägt sein Gegenurteil in sich. Wie kein Teil ohne +Gegenteil, so kein Urteil ohne Gegenurteil. + Urteil ist nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich +im Raum, nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich in der +Zeit, Urteil ist zwiespältig in sich. + +* + + Alles Urteil ruht in der Selbstherrlichkeit Ich; alles Urteil im +Ich ist will-kür-lich wechselnd. + Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit. + Alle Entscheidung im Urteil ruht auf Entscheidung im Willen. +Willen liegt unmittelbar in jedem Urteil. Urteil und Willen deckt +sich. Urteil ist Ausdruck des Willens. Immer ist Willen Lust; immer +ist Unwille Leid. Willen hat immer Recht: + 'ich habe Lust--ich will; ich leide es nicht--will nicht. Was +ich will ist gut; ich will es, darum ist es gut; böse ist was ich +nicht will, was nicht ich will, was mich will.' + 'ich habe recht' heißt: 'ich will'; 'du hast Unrecht' heißt: 'ich +will nicht'; 'du sollst' ist dasselbe wie 'ich will'; 'du darfst +nicht' ist dasselbe wie 'ich will nicht'.--Alles Gebot, alles Verbot +--müßige Fragen dem Wissenden. + Was ich an mich ziehe, nenne ich anziehend; was wider mich ist, +ist widerlich; was mir schadet, ist schädlich; was meinen Zwecken +dient, ist zweckmäßig; was nicht mir nutzt--nichtsnutzig; was zu +schonen ist, ist schön; was ich liebe, ist lieblich; was ich hasse-- +häßlich. + Lust hier ist Leid dort; Lust jetzt ist Leid dann; in Lust ist +Leid, in Leid ist Lust; Lust ist Leid, Leid ist Lust. + Keine guten und keine bösen Dinge auf der Welt; keine guten, keine +bösen Geschöpfe; keine guten, keine bösen Menschen. Böse ist, was zu +mir böse ist; gut ist, was zu mir gut ist. Du willst Wirkung aus dir; +ungewollte Wirkung auf dich nennst du böse. Gutes wie Böses ist nur in +deinem Urteil--sonst nirgends. Du lobst und tadelst dich selbst, je +nachdem du am gegen-Stand an-Teil nimmst, je nachdem du dich selbst im +gegen-Stand bewußt oder unbewußt empfindest. + Du erkennst: es gibt kein Urteil ansich. Urteil ist nur +Rechtfertigung, nur Entschuldigung, nur Beschönigung deines +Verlangens. Was als Urteil im Ich erscheint ist Willensausdruck. Wille +ist Ich. Ich will, Ich urteilt. Es gibt kein Urteil + --Ich ist Urteil.-- + Dies wunderbar Einfache erfaßt die Menschheit nicht. + +* + + Wie dein Stand im Raum bestimmt, was mit rechts oder mit links, +was mit oben oder mit unten zu bezeichnen sei; wie dein Stand in der +Zeit bestimmt, was du als Vergangenheit und was du als Zukunft +unterscheidest, so bestimmt deine Beziehung zum Gedanken, dein +zu-Stand zum gegen-Stand--das Wollen in dir--du selbst--was du +gut oder böse, schön oder häßlich, Recht oder Schuld nennst, und wie +jenen Bedeutungen, so kommt auch diesen keine Wahrheit zu.--Wie +deine gegen-Wart in Raum und Zeit ein willkürlicher Scheidepunkt ist, +der dir das Recht zu geben scheint, Verschiedenheit zu schaffen, ein +rechts und ein links, ein oben und ein unten, ein vorher und nachher +zu unterscheiden, so schafft deine gegen-Wart zum gegen-Stand, deine +Beziehung zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken, dein Stand im +Verlangen, der Wille in dir--du selbst--Unterscheidung im +Ungeschiedenen, macht dich als Gegensatz unterscheiden, was Eines ist: +dein Verlangen--du selbst. + In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in dir ist +Unterscheidung und aller Wandel der Unterscheidung. Wie aus rechts +links wird, wie aus oben unten wird, wie aus hier dort wird, wie aus +Zeit Raum wird, aus Willen Kraft, aus Freiheit Notwendigkeit, aus Tat +Duldung, aus Lust Leid, aus Liebe Haß--so wird aus gut böse, aus +böse gut, sobald du--atmend--dich in Gedanken wendest. Du neigst +dich dem einen zu und neigst dich dem anderen ab. Dein Standort +bedingt deinen zu-Stand; dein Zustand bedingt Willen und Urteil; Wille +und Urteil bist du selbst. + Du urteilst gerecht nach bestem Wissen und Gewissen. Wie du auch +urteilst, du urteilst von dir aus; von deinem Standort aus beurteilst +du deinen gegen-Stand; je nach deinem Ver-ständnis, je nach deinem +Ab-stand oder deinem An-stand bildet sich dein Urteil. + Wie du auch urteilst, es bleibt dein Urteil. Du erwartest, hoffst, +nimmst Anteil; deine Zuneigung entscheidet oder deine Abneigung, Nähe +oder Ferne deines Standortes. Wechselt dein Standort, so wechselt +deine 'An-sicht'; wechselt deine Ansicht, so wechselt dein Urteil. + Du schaust und urteilst vom Standort des Täters oder schaust und +urteilst vom Standort des Dulders; du versetzt dich in die Lage des +Henkers oder in die Lage des Opfers; du nimmst, je nachdem du dich +selbst fressend oder gefressen fühlst, bewußt oder unbewußt Partei. + +* + + Dein Urteil ist deine Anteil-nahme, deine Be-teil-igung am +Gegen-stand. Was dem Beurteilten von dir zuteil wird, bist du selbst. +Dein Urteil ist dein Eingehen in den Gegen-stand, dein 'inter-esse', +dein Einssein mit dem Gegenstand. Du bist Richter in eigener Sache und +urteilend triffst du dich selbst. + Wie du auch urteilst, dein Urteil bleibt einseitig; doppelseitiges +Urteil wäre Widerspruch in sich; vollständiges Ur-teil wäre +vollständiges Teil. Gerechtes Urteil urteilt nicht. + Bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil widerspricht, denn er +urteilt von eigenem Standort; bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil +zustimmt; bedeutungslos wenn die Besten deines Volkes und aller Völker +deines Urteils sind. Alle die, welche deinem Urteil beistimmen, stehen +bei dir, sind dir Beistand, vertreten deinen Standpunkt, sind mit dir +ein-ver-standen, deine Standesgenossen, deine Partner--nichts mehr. +Alles Urteil ist Partei. + Alle Urteils-Wertung liegt in dir; was du am gegen-Stand +beurteilst, bist du selbst--am Wesen des Beurteilten haftet kein +Hauch deines Urteils, in keiner Form, in keinem Sinne, weder offen +noch verborgen, weder hier noch sonstwo, weder heute noch je--Urteil +ist Ausdruck deines Verlangens. + +* + + Alle Wahrnehmung schafft sich in dir: gleichviel ob du solche als +unbestreitbare Beschaffenheit des Gegenstandes erachtest, oder als +eigengeschaffenes Willens Urteil durchschaust. + Eigenschaft außer dir und Urteil in dir ist Eines; je nach +sinnlicher oder seelischer Auffassung erscheint dir das Geschaute +fremd oder eigen, sachlich in sich oder willkürlich aus dir. Was dir +Eigenschaft der Dinge scheint, ist Auslegung deiner Empfindung, ist +dein eigener Zustand in den Gegen-stand verlegt; ist schaffendes +Verlangen aus dir in deinen Gegenstand übertragen. + Seelisches Verlangen in dir gewinnt sinnliches Leben außer dir; +Verlangen ausgelegt, im Raum selb-ständig geworden, wird leibhaftig, +tritt dir als Ding verkörpert gegenüber. Deiner eigenen Seele +Schöpfung, in räumliche Wirklichkeit hinausverlegt, ist außer dem +Bereich deiner Seele dir entfremdet, darum von dir nicht mehr als +Eigenschaffung erkannt, darum als Ding und Eigenschaft des Dinges +sinnlich geschaut. + Je unmittelbarer die schaffende Vorstellung aus dir quillt, je +unbewußter du selbst deine Vorstellung bist, desto fremder und ferner, +desto unbedingter erscheint dir das zur Vorstellung Gewordene, +erscheint sachlich an sich. + Erscheint dir aber Ding und Eigenschaft sachlich und unbedingt an +sich, so erscheint auch alle Wahrnehmung am Dinge: Vielheit, Maß und +Lage, Bewegung, Verhalten und Verhältnis der Dinge untereinander +unbedingt, so erscheint die ganze dingliche Außenwelt, alle +Wirklichkeit unabhängig von dir, unabhängig von deiner Wahrnehmung und +Empfindung. + Was unbedingt scheint, bedingst du selbst; die Be-ding-ung ist in +dir, daher die scheinbare Unbedingtheit. Dein Anteil an den Dingen +schafft Ding und Eigenschaft der Dinge; der Dinge Anteil an dir ist +dein Urteil und bist du selbst. + Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der +Dinge Eigenschaften--eigen Gewirktes Wirklichkeit dieser Welt. + +* + + Urteilendes Urteil ist nur wo eine Beur-teilung von Ding und +Eigenschaft, wo eine Teilung im Urteil möglich ist. Ist eine +Wahlentscheidung zwischen Möglichkeiten--eine Will-kür im Urteil +nicht denkbar, das heißt: sind Zwei-fel, das heißt zwei Fälle im +Urteil ausgeschlossen, so ist kein 'Urteil', so ist bloße Benennung +oder erweiterte Einsicht--Ent-deckung--nicht Urteil--wie: + Die drei Seiten eines Dreiecks, einer drei-geteilten Geraden +entnommen, ergeben zusammengetan wieder die Gerade; die drei Winkel +eines Dreiecks, dem drei geteilten Winkel einer Geraden entnommen, +ergeben zusammengetan wieder den Winkel einer Geraden--nicht Urteil, +sondern bloßes Ergebnis einer Drei Teilung und Wiederzusammenfügung +der Drei Teilung; selbstverständlich--daher unwiderleglich, +nichtssagend--daher widerspruchslos, gleichgültig--daher +allgemeingültig, daher unbedingt, sachlich an sich erscheinend;-- +bloße Wiederholung des Selben, wie: 'zwei mal zwei gleich vier', das +heißt: 'vier ist das Gleiche wie zwei mal zwei', bloße Umstellung oder +Umbenennung, dieselbe Aussage mit andern Worten--fälschlich 'Urteil' +genannt. + Willenloses Urteil, 'Urteil in sich' ist undenkbar, schüfe ewig +Unlösliches, schüfe sich selbst Aufhebendes--wäre sinnliche Gottheit +--undenkbar. + +* + + Dein Urteil wertet den Gegenstand. + Was von Geschehen oder Dingen dir gleichgültig oder wertvoll +erscheint, was zweckmäßig oder ziellos, unwiderleglich oder fraglich, +vergänglich oder ewig, Zufall oder sogenanntes Gesetz--alle +Wahrnehmung und Eigenschaft, unmittelbare Gewißheit oder bloße +Benennung--alles außer dir Erscheinende ist aus dir hinausverlegte +Vorstellung--sinnlich gewordene Ent-gegnung seelischer Bewegung in +dir, Ausdruck deiner Anteilnahme, deiner Wertung, Abschätzung, Maß +deines Verlangens--Widerschein deiner selbst. + Die ganze Welt außer dir ruht auf Verlangen in dir-- +einheitliches Verlangen vom ur-teilenden Ich als eigener Zustand oder +als fremder Gegen-stand auf gefaßt. Verlangendes Urteil--urteilendes +Verlangen in dir ist weltzeugende Kraft--aus dir gezeugte +Überzeugung--du selbst. + In dir ist Ur-sprung--du selbst bist die in Raum und Zeit +erscheinende, die wirkliche Welt; wie gäbe es in der eigenen +Erscheinungswelt eine Erscheinung unabhängig von dir? Wie wolltest du +die selbstgeschaffene Welt anders als in dir selbst erfassen? Du bist +Herr und Maß, Gesetz und Schöpfer aller Dinge und deiner selbst. Was +unergründbar bleibt ist unergründbarer Ursprung--Unauflöslichkeit +ewiger Wahrheit bist du selbst. + +* + + Ein Heer von Zweifeln stürmt auf dich ein--hoffe auf Erleuchtung +--sei der Erleuchtung gewiß. + +* + + Noch einmal: + Alles Urteil ist nur in dir. + Alles Urteil trägt sein gegen-Urteil unmittelbar und unablöslich +in sich. + Alles Urteil hebt sich mit gewechseltem Willen zu nichts auf. + Urteil hat in sich, Urteil hat in dir keine Geltung, ist +gleichgültig, gleich ungültig, bedeutungslos, sinnlos, leer, nichtig +in dir, nichtig in sich. + Du erkennst: + Was du urteilend mit widersprechenden Namen belegst, ist +willkürliche, in 'Gegen'teile auseinanderspaltende, an sich nichtige +Unterscheidung in dir. + Was von solcher Unterscheidung--in dir als Urteil--außer dir +als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Kennzeichnung deiner +Gegen-wart im Verlangen, Kennzeichnung deiner Beziehung zum +gegen-Stand,--dein Standort, dein zu-Stand, dein ver-Stand. + Urteil und Eigenschaft ist deine Empfindung und nach-außen- +Verlegung--Auslegung deines innen-Befindens; deine Einbildung und +Widerspiegelung deiner Einbildung, das ist Vorstellung; +unbewußt-be-wußte Einbildung, bewußt-unbewußte Vorstellung--je nach +deinem Wachsen oder Welken im Atem dieser Welt; Atem des Verlangens: +Lust oder Unlust, Liebe oder Haß; je nach deiner Stimmung ist deine +Bestimmung des gegen-Standes; je nachdem dir zu Mute ist, deine +Zumutung an den Gegenstand; je nach deinem Verhalten dein Dafürhalten; +je nach deinem Befinden ist deine Empfindung; je nach deiner +Einstellung--deine Vorstellung.--Deine Auffassung, Beziehung, +Gesinnung, Neigung, dein Werden-ver-werden schafft Urteil, Namen und +Dinge. + Eines ist, was du urteilend willkürlich scheidest; Eines, was du +durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst-- +Willensgestaltung, dein Wille und was wider deinen Willen wieder dein +Wille ist: Aus dir gewirkt, auf dich wirkend--Wirkung und +Wirklichkeit dieser Welt--deine eigene Schöpfung--du selbst. + Solches hast du klar erkannt. + +* + + Es gibt kein Urteil an sich.--Aufgegangen in dir ist diese +Erkenntnis; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr +abzuweichen. Bedeutungslos, wenn die verworren denkende Menge solcher +Erkenntnis fern bleibt; bedeutungslos, wenn einsichtige und +wohlwollende Männer vor solcher Erkenntnis zurückschrecken, wenn +solche, die sich für Wissende halten, bisher nicht gleich dir +erkannten; bedeutungslos, wenn solche Erkenntnis in keinem der +zahllosen Geschöpfe dieser atmenden Welt aufgeleuchtet wäre--von +Menschen keinem, von Göttern keinem--wenn du allein stündest mit +solcher Erkenntnis--bedeutunglos; unerschüttert bleibt: es gibt kein +Urteil. Urteil ist Wille, Wille ist Ich, Ich ist Urteil. + Wie im ersten Samenerguß die ganze Menschheit ruht, so ruht alles +Urteil im ur-Teil-Ich. Ich-Ur-Teil ist Ich-Urteil. + Darum lehrt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig +vollendete Buddha, daß alles Auffassen in der Ichheit ein +Nicht-auffassen sei. + +* + + Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Begriffe, ausgelöscht alle +dazwischen liegenden, alle verwandten Bezeichnungen, Beilegungen, +Eigenschaften--ausgelöscht alles Urteil, alles An-sich sein dieser +Welt. + Alle Unterscheidung durch Urteil--Recht und Schuld, gut und +böse, Lob und Tadel, schön und häßlich--Gebot, Verbot--bloße +Namen, nur Worte die sogenannten ewigen Gesetze--müßige Fragen dem +Wissenden. + Ausgelöscht--vernichtet, worauf die Welt gebaut schien--Spiel +deiner Seele, ein bloßes Bild, ein Traum--nicht ist Urteil, nicht +sind diese Begriffe in Wahrheit. + Solches hast du klar erkannt; von solcher Erkenntnis vermagst du +ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses +hinaus--zu tieferer Einsicht zu gelangen vermöchtest. + +* + + In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in deinem Herzen +ist Unterscheidung und Wandel der Unterscheidung, in deinem Herzen die +Schöpfung dieser Welt. Du selbst schaffst Zeit und Raum, du selbst +bist Willen und Kraft, in dir ist Tat und Duldung, Ursache und Folge, +Freiheit und Notwendigkeit; durch dich ist Verstand und Urteil, Recht +und Schuld, gut und böse, schön und häßlich, durch dich ist diese +Welt. Du bist Verlangen und Tat, Gesetz und Richter, Herr und Knecht, +Schöpfer und Vernichter deiner Welt, deiner Welt Leben und Atmen-- +Atma-- + Ausgelöscht, vernichtet, was unantastbar, was ewig schien--und +nur Eines besteht: Ich! Ich und die Welt, die das Ich sich schafft-- +die Welt mit allem Heil und Unheil, mit aller Herrlichkeit und aller +Qual, aller Hoffnung und Enttäuschung, aller Hoheit und aller +Nichtigkeit--die Welt des Guten und Bösen. + Keine Welt ohne Ich und Verlangen, keine Welt ohne Tat und Tat +Widerstand, keine Welt ohne Lust und Leid, keine Welt ohne gut und +böse. Untrennbar ist Böses von Gutem, untrennbar Gutes und Böses von +Ich und Welt. Ursprung des Bösen ist Ursprung des Ich. Das Böse zu +treffen, triff dich selbst. Darum sagt Omar, der Zeltweber: "Ich +selbst bin Himmel und Hölle". + Dies ist Lösung der Frage, um die du mich angingst--Ursprung des +Bösen--Quell alles Guten--restlose Lösung! + +* + + Es gibt nur Ein Böses in der Welt: die Ich-bin-heit-- +Selbstsucht, und alles was du Sünde, Knechtschaft, Leiden nennst, +fließt aus ihr--Samsara. Es gibt nur Ein Gut in der Welt: +Selbstlosigkeit--und Erlösung fließt aus ihr--Nirvana. + Erlösung vom Bösen ist Erlösung vom Ich. Selbstsucht zu Ende +gedacht ist Selbstlosigkeit. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Gib alles +auf um alles zu gewinnen; du bereicherst dich gebend, nehmend beraubst +du dich. Es ist kein anderer Weg zum Gehen--der heilige Weg aus +Schein zu Wahrheit, aus Nacht zu Licht, aus Tod zu Unsterblichkeit. + +* + + Noch einmal durchdenke ich mit dir das Geschehen dieser Welt, die +zwiefache in gegen-Teile zerfallende Beziehung des Ich zum eigenen +gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken--: ab-Stand der gegen-Teile +von einander und ver-Stand der gegen-Teile zu einander; den Weg aus +Standhaftigkeit zu ver-Ständnis, den Weg aus Blindheit zu Erkenntnis, +den Weg aus dem Ich zum nicht-Ich. + Zwischen Ich im eigen-Stand und Ich im gegen-Stand liegt die +trennende Vorstellung--: nicht-Ich. Ich, vom Trugbild der Sinne +geblendet, ver-kennt sich im gegenüberstehenden Ich--wie der Hund +sich selbst im Spiegel anknurrt. Zwischen Ich und Ich klafft Spaltung, +Zwietracht, Zwist, Kampf. + + Ich hier: "ja, ich will dich!" + + Ich dort: "nein, ich will dich!" + + Verlangen lebt, wächst, übersteigt sich--fällt. Henker und Opfer +kommen sich entgegen. Ich hier, wie Ich dort, wechselt in seinem +Zustand, läßt von seiner Stand-haftigkeit, gibt wider-Stand auf, nimmt +ab-Stand vom eigen-Stand, nähert sich seinem gegen-Stand, ver-stellt +sich auf den Stand des Gegners, ver-ständigt sich mit ihm, ver-steht +ihn--Ich hat Selb-ständ-igkeit aufgegeben, Ich hat ver-Stand +gewonnen. + Ich hier wie ich dort ändert mit geändertem Stand Ansicht und +Willen; Ich ändert sich, Ich wird ein anderes. Ich wandelt in Zeit und +Raum; Ich-Standort-Wandel wandelt das Ich. Fremder gegen-Stand wird +durch ver-Stand zu eigenem zu-Stand. + Ich hier wie Ich dort ist aus Raum in Zeit getreten, Eins mit +seinem Gegner: kein Gegner mehr, keine Gegnerschaft, kein Widerwille, +kein Widerstand, keine Tat. Ich hat sich durch ver-Ständnis im +wider-Ich wieder erkannt--Ich hat Erkenntnis gewonnen, Ich hat im du +sich selbst wieder gefunden. + Raum entzweit, Zeit eint. Was im Raum geschieden ist, fällt in der +Zeit zusammen. Was sinnliche Anschauung trennt, eint seelische +Erkenntnis. Ich und Ich, von blinder Anschauung aus-ein-ander +gehalten, fallen, sehend geworden in-ein-ander. + +* + + Und noch einmal: Sittlichkeit ist Durchschauen der Erscheinung. +Ich ur-Teil, in sich gespalten, von sinnlicher Vorstellung "nicht-Ich" +geblendet, in zwei Ich gegen-ein-ander entzweit: + + Ich hier: "Ich will Tat-Angriff gegen dich." + + Ich dort: "Ich will Tat-Abwehr gegen dich". + + Ich, durch seelisches ver-Ständnis sehend geworden, erkennt im +nicht-Ich sich selbst,--das trennende 'hier und dort' ist +fortgefallen--ver-ein-igt, ein-mütig, Ein Ich, ein-ig, eines +Willens: + "Keine Tat gegen mich selbst." + Sich selbst im Anderen erkennend vermagst du nicht böse zu wollen. + +* + + Wie ein Ich auf zwei Standorten im Raum in zwei Ich gegen einander +entzweit ist, so sind zwei Ich in der Zeit auf Einem Standort zu +einander vereint: Eines. + Aller Zwiespalt durch Ich-da-Sein, durch Ich-bin-heit, asmita,-- +durch Selbstsucht; alle Eintracht durch ver-Ständnis, durch Erkenntnis +--durch Selbstlosigkeit--das Geheimnis alles Geschehens, alles +Werdens und Vergehens alles Lebens, alles Streites, alles Friedens, +aller Sittlichkeit auf Erden--der Weg aus dem Ich zum nicht-Ich, der +Weg zu Erlösung, der heilige Weg. + +* + + Durch Ur-sprung in Ich und Ich: ist Ent-zwei-ung, Verlangen hier +und Widerstand dort, Ein-tracht durch Erkenntnis. + Geschlossen hat sich der Zwiespalt, ausgefüllt die Kluft, +verraucht das Verlangen; der Streit ist begraben, aufgegeben Tat, +Frieden gewonnen; erreicht aller Sittlichkeit höchst gepriesenes Gut, +erstanden das Wunder: Selbstlosigkeit--Nirvana in Samsara. + +* + + Durch ur-Sprung ur-Teil, sich abscheidend, unter-scheidet: Ich und +Welt; unterscheidet da seiend: Zeit und Raum; unterscheidet +verlangend: Wille und Kraft; unterscheidet wirkend: Tat und Duldung, +Freiheit und Notwendigkeit, Lust und Leid; unterscheidet urteilend: +gut und böse, Recht und Schuld, schön und häßlich; also in allen +Dingen dieser Welt ur-Teil-gegen-Teil atmend wirkt s-Ich die +Wirklichkeit, wirkt s-Ich das Verständnis dieser Welt. + Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung; durch +ur-Teil-ent-Scheidung alle ver-Schied-enheit; alles er-Schein-ende +durch ur-Teils Urteil. Auf bloßen Worten beruhend die Vielheit, nur +Namen--Eines ist es in Wahrheit. + Sehend geworden erkennst du: + Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen. + -- atma -- + +* + + Geringes Verständnis lebt in uns Menschen. Vom Trugbild dieser +Welt geblendet, irren wir, einer dürstenden Herde gleich, dahin und +dorthin, blind gegen den Quell alles Lebens. + Wo ist Erlösung?--Da, wo Erkenntnis ist. + Sagt dir jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den +Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute +und verabscheue nicht das Böse, so antworte ihm: + Diese Lehre lehrt über sinnliche Erscheinung hinaus--Seelen- +Einheit--über menschliches Urteil hinaus--der Menschheit höchstes +Ziel: Selbstlosigkeit. Selbstlosigkeit löst aus den Fesseln des Ich, +aus den Fesseln nimmer gestillten Verlangens, aus nimmer gestillter +Hoffnung, aus dem Kerker dieser Welt zur urewigen Heimat. + Und gewiß! Fest gefügt ist der Grundbau dieser Lehre, +unerschütterlich, auf dem Grunde, der unsre Welt trägt. Ist das Eine, +so ist das Andere--untrennbar; untrennbar Erlösung von dieser Lehre +vollem Erleben. + Nicht an vergänglichem Werke wirke ich, in der Gottheit Tiefen +ruht die Lehre, Menschen im Körper schier unergründlich-- +unergründlich. + Ehernes Tor der Erkenntnis--erlösende Wahrheit. + +* + + So lautet in âranâda-upanishad der fünfte adhyâya: manas, Verstand +und Urteil; nunmehr: buddhi, Erwachen. + + + + +VI. +ERWACHEN AUS DER ERSCHEINUNG +-- buddhi -- + + + + Zu dem, was ich dir noch vom Kreislauf der Erscheinung zu sagen +gedenke, o Teurer, erfasse wohl: + Auf Einem Gedanken ruht wovon ich dir rede--Samsara; auf +Umzulangen im Ur-sprüng--auf Verlangen ruht diese Welt. + Eines ist, was wir, in dieser Welt erwachend, rastlos suchen; +Eines, was wir, in irdischer Anschauung befangen, vielheitlich +schauen; Eines nur, was wir mit zahllosen Worten benennen; alles +Geschehen und alle Gestaltung, aller Geschöpfe und aller Welten +all-einiger Gedanke: + -- Verlangen -- + Verlangen, dem Ursprung entquellend, Verlangen nach Überbrückung +der Kluft, Verlangen nach Wiedervereinigung--unserer Leben Sinn und +aller Welten Ziel: Verlangen nach Erlösung. + +* + + Was ich dir von tiefer Erkenntnis verkündige, besitzt die +Menschheit nicht, und nicht überliefert wurde mir die Lehre aus der +Gemeinschaft hoher Meister--: den Sinnen entrückt, der Gedankenqual +entronnen, in wunschloser Allhingebung versunken--fand ich mich +erleuchtet. Erkenntnis trat zu Tage, wuchs und erstarkte. + In solche Erkenntnis weihe ich dich ein; von solcher Erkenntnis +getragen erachte dich auf rechtem Wege--du nahst den Wissenden. + +* + + All-ur-sprung: ur-Teil und gegen-Teil; aus solcher Ent-zwei-ung--: +ver-Langen nach Ergänzung; aus solchem Verlangen--: Tat; aus +Tat-widerstand--: Erkenntnis + -- BUDDHI -- +aller Welten Hoheziel!--Erfasse den großen Gedanken, ehe deine Lippe +ihn ausspricht-- + --Erwachen der Menschheit-- + +* + + Wer sein Heil im 'Ich' sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist +Selbstsucht Gottheit. + Wer sein Heil in dieser Welt sucht, der bleibt dieser Welt +verfallen; dem ist kein Entrinnen aus ungestilltem Verlangen; dem ist +kein Entrinnen aus nichtigem Spiel; dem ist kein Entrinnen aus den +engen Fesseln des 'Ich'. Wer sich aus dieser Welt nicht erhebt, der +lebt und vergeht mit seiner Welt. + Wem die Gnade des Ishvara das Auge geöffnet hat, der durchschaut +diese Welt. Wer diese Welt durchschaut, der ist für diese Welt +verloren. + Darum ist Erkenntnis Enttäuschung, darum ist Erkenntnis Erwachen. +Erwachen ist Erlösung--Erlösung ist Vollendung in Gottheit. + Davon ist gesagt: "Erkenntnis--und einen andern Weg hat der +Mensch nicht." + +* + + Hüte das Urerbe--dir zum Heil und allen denen, die auf Erden mit +dem Tode ringen. + +* + + Also ist die Unterweisung: + Aus Sinnes-wahr-nehmung wird, was du Wirklichkeit dieser Welt +nennst. Was deinen Sinnen wirklich wahr scheint, ist deinem Nachsinnen +hinfällig; was deinen Sinnen standhält, flieht vor deinem Besinnen, +mündet, sich selbstwidersprechend, in Widersinn, und nur in sinnlicher +Auffassung scheint Sinn in der Welt. Und gewiß: wäre letzter Sinn in +der Erscheinung, so wäre Erscheinung Wesen. + Sinneswahrnehmung in dir ist rings um dich sinnlich begrenzt. +Grenze deines Schauens ist der Gegenstände sinnlicher Widerstand-- +Seele der Dinge bleibt deinen Sinnen ewig unnahbar. + Wie ein Strom Ufer von Ufer trennt, so trennt sinnliche Anschauung +Seele von Seele; und wie du von Ufer zu Ufer auf unsicher schwankender +Fähre gelangst, so gelangt Seele zu Seele durch blind suchende Sinne; +und wie ein mächtiger Strom jenseitiges Land völlig deckt, so decken +zügellos stürmende Sinne alle Seele außer dir. + Irdische Wahrnehmung ist der Blindheit vergleichbar--was wir +hier in Gestalten und Farben gläubig schauen, ist nicht die Welt, +Samsara zeugt blinde Kinder. + +* + + Maya! Es scheint, es stellt sich dar, es mutet dich an, dich +gelüstet danach und du erliegst der Lust.--Von gleißender +Erscheinung geblendet, suchst du unsicher tastend dein Ziel, taumelst +Wahnbildern folgend, von Trug zu Trug--wahrlich einem Trunkenen +vergleichbar. Und wie ein Trunkener unter den Hufen einer Büffelherde +sich im Paradiese träumt, so träumst du trunken von Sinneslust ein +erlogenes Glück--die ewige Lüge! + Verlangen in dir ist der Seele Verlangen nach ewigem Ziele; +Sinneswahrnehmung in dir hält dich in vergänglicher Erscheinung +zurück. Die Erscheinung ergreifend, bist du ergriffen--Seele in den +Fesseln der Sinne. + Darum sagt Maitrâyana Upanishad: "Seele von den Gegenständen +überwältigt." + Darum sagt man: sich ernüchtern, wieder zu sich kommen, sich auf +sich selbst besinnen. + Darum lehrt der Erlauchte: "Unterscheidung des Wandelbaren vom +Unwandelbaren, des Ewigen vom Vergänglichen, Unterscheidung des Wesens +von der Erscheinung." + +* + + Unabsehbare Kluft, unlöslicher Widerspruch uns irdisch Schauenden +zwischen Erkenntnis und Anschauung; Torheit, ewiges Ziel in +vergänglicher Erscheinung zu suchen. Daraus sinnloses Hasten und +Irren, endloser Wechsel, unablässige Erneuung; daher die +Unbeständigkeit, die Friedlosigkeit, die Vergänglichkeit alles +Irdischen, daher die Unsinnigkeit steter Wiederholung alles +Geschehens, aller Gebilde, aller Gedanken--ein rastloser Kreislauf +von Hoffnung zu Enttäuschung. Darum die Unzulänglichkeit, das +Stückwerk, die Unvollkommenheit aller Dinge; die Unwiederbringbarkeit +der Zeit, die Unüberwindbarkeit des Raumes; darum des Hohenzieles +Unerreichbarkeit, des Zweifels Unstillbarkeit, die Trostlosigkeit, die +Widersinnigkeit, Verruchtheit dieser Welt. + Diese Welt ist für Kinder und Wölfe, und so sehr sind wir Kinder +und Wölfe, daß wir uns in solcher Welt gefallen! + Der Welt Lust ist Fraß, der Welt Lohn ist Trug, der Welt Ziel ist +Vernichtung--und du solcher Welt williger Sklave. + Ist Lust Frieden? Und ist nicht verlorene Lust Schmerz? Und wäre +nicht dauernde Lust Qual? Und schließt nicht Lust Seeligkeit aus?-- +Wagst du es zu widersprechen?--Was auf Erden vermöchte Verlangen +nach dem Höchsten zu stillen?--Verlangen nach Gottheit. + +* + + Das Gepräge dieser Welt ist Vergänglichkeit. + + Was von Gedanken und Dingen dieser Welt lebt, atmet in Einhauch +und Aushauch, aus Entstehen zu Vergehen. + Alles Werden durch Absonderung, durch Abstammung, durch +Verzweigung, durch Spaltung, durch Unterscheidung von einander. Alle +Empfindung und Wahrnehmung durch Abstand; alles Wollen und Tun durch +Gegenstand und Widerstand. Ich-nicht-Ich-bewußtsein durch Anstoß und +Hemmung; Leben und Dasein durch Wandel--nichts was unverändert, +nichts was beständig, nichts in Frieden im Himmel und auf Erden. + Samsara ist Wechsel; wer Frieden im wechselnden Samsara sucht, der +ist betrogen; Frieden kann nur zu Unfrieden wechseln. + Dieser Welt Bestand durch Gegen-stand, dieser Welt Sinn durch +Gegen-sinn; darum dieser Welt Wider-spruch und Wider-sinn; darum +dieser Welt ruheloser Kampf; darum dieser Welt Vergänglichkeit. + Entzweiung will Paarung, Ansammlung will Auflösung; weil Entstehen +ist, darum ist Vergehen; weil Verschiedenheit ist, darum ist ein +Verscheiden; weil Leben ist, darum ist Tod. + Alle Erscheinung ist durch Ur-sprung, durch Entzweiung in +Gegensatz, und aller Gegensatz will Ausgleich. Was durch Entzweiung +aus Einheit entspringt, endet in Einheit. + Wie alles Urteil in seinem Gegenurteil sich auf hebt, wie aller +Gedanke, zu Ende gedacht, durch seinen Gegensinn in sich selbst +zurückkehrt, so kehrt alle Erscheinung in sich selbst zurück, sich +selber aufhebend. + Alle Wirklichkeit hält stand, so lange du Befriedigung im Wirken +suchst, solange du, selbst Erscheinung, sinnliche Erscheinung +wahr-nimmst, solange du an die Wirklichkeit dieser Welt glaubst. + Erscheinung, durchschaut, hält nicht stand, verblaßt, zerrinnt, +geht zugrunde, geht auf den Urgrund zurück. Wirklichkeit, als Schein +erkannt, wirkt nicht mehr, ist nicht mehr wirklich--vergangen wie +ein Traum, der beim Erwachen zu nichte ward. + +* + + Was dir als gegenständliche Welt erscheint, ist nicht an sich; was +du Wirklichkeit nennst, ist zu sinnlich anschaulichen Bildern +gewordener Gedanke in dir--ist dein träumendes Verlangen, die +unermeßliche Kluft zu überbrücken, der weite Irrweg zur ewigen Heimat. + Die Gestaltung dieser Welt ist dein; Wirklichkeit folgt deinem +Gebot--Wahr-nehmung in dir ist Be-dingung; das heißt: was du von +Erscheinung für Wahrheit nimmst, gewinnt Gestalt, wird zu wirklichen +Dingen. Du er-innerst dich aus zeitloser Vergangenheit--du +er-innerst dich aus raumloser Nähe und Ferne--du ver-gegenwärt-igst +dir aus seelisch ewiger Gegenwart sinnlich gegenwärtige Erscheinung. +Deine Einbildung wird Vorstellung: das Verlangen in dir hat sinnliches +Da-sein gewonnen, was du wirklich wahr nennst, hat sich geschaffen. + Die gewaltige Welt ist aus deiner Empfindung geboren, deine eigene +Schöpfung--du selbst. + +* + + Dies wunderbar Einfache wird von Unmündigen widerstrebend erfaßt +--volles Erleben hiervon ist nur dem Erwachenden beschieden. + +* * * + + Was aus Ursprung dieser Welt lebt, lebt zwiefach: lebt als +Empfindung in dir, lebt als Bewegung außer dir; Bewegung im +unendlichen Raum--und Empfindung solcher Bewegung in ewiger Seele--: +die also erscheinende Welt. + Bewegung aus dem Raume trifft dich--du wirst der Bewegung inne. +Inne-werden der Außen-bewegung ist Empfindung in dir; Auslegung dieser +deiner Empfindung ist dir Bewegung im Raum. Empfindung: +ver-inner-lichte Bewegung; Bewegung: ge-äußer-te Empfindung. Was +aus-wendig Bewegung ist, ist in-wendig Empfindung. Äußerer Gegenstand +schafft inneren Zustand; innerer Zustand schafft äußeren Gegenstand. + Bewegt empfindest du--empfindend bewegst du. Seelische +Empfindung von dir aus-gelegt, wandelt sich außer dem Bereich deiner +Seele zu sinnlich anschaulicher Bewegung. Empfindung aus dir +hinausverlegend, stellst du vor; vorstellend wirkst du; +gegen-ständlich Vorgestelltes ist Gegenstand; Gegenstand widersteht; +Widerstand ist Wirkung auf dich. Dein eigenes Werk, aus dir gewirkt, +ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurück. + +* + + Die Seele wird von äußerer Bewegung innen bewegt; die innen +bewegte Seele bewegt nach außen. Du empfindest in dir, das heißt: du +bewegst außer dir. Was du zeitliche und räumliche Ferne nennst, ist +sinnlich befangene Auffassung; Seele wirkt außersinnlich, Seele wirkt +seelisch, über Zeit und Raum hinaus.--Eines ist Auslegung deiner +Empfindung und Rückwirkung des aus dir Hinausverlegten-- +Zusammenfließen der Seelen--Seele der Dinge--eigene Seele-- +Überbrückung des Ur-sprungs. + Je nach Vorwiegen seelischer oder sinnlicher Auffassung im Ich +scheint Empfindung oder scheint Bewegung, scheint eigener Zustand oder +fremder Gegenstand, ist gedankliche Ein-bildung oder anschauliche +Wahrnehmung, das ist: allen deinen Sinnen faßbarer Körper--der +Gedanke ist leib-haftig geworden; Eines ist Gedanke und Sichtbarkeit +des Gedankens. Angeschaute Gedanken sind Körper. + Davon sagt Patandschali: "Körpererscheinung wird durch Wandlung +der Auffassung im Ich." + Davon sagt der Buddha: "Wie ich aus einem Schilfrohre den Halm +ziehe--hier das Schilf--dort der Halm, so bilde ich aus diesem +meinem Leibe nach dem Willen meines Herzens einen anderen Leib, mit +allen Gliedern versehen und mit Gefühl begabt." + Der verlangende Gedanke zu Fleisch und Blut geworden. + +* + + Es scheint, als sei in dir seelische Empfindung, es scheint, als +sei außer dir seelenlose Bewegung; deiner Seele Empfindung, deinen +Sinnen Bewegung--Gegensatz und Einheit. Was sinnlich als Gegensatz +erscheint, wird seelisch als Einheit erkannt. Was blindem Schauen +durch unüberbrückbare Kluft getrennt scheint, unvereinbar und +unlösbares Rätsel, ist Eines; Eines, was deinen Sinnen Bewegung, +deiner Seele Empfindung ist--je nach sinnlicher oder seelischer +Auffassung unterscheidende Benennung, ununterschieden in sich, zwei +Worte für das Selbe--: Verlangen in dir. Und wie du in deinem +eigenen, einheitlichen, ungespaltenen Verlangen Widerwillen von Willen +unterscheidest, beides in dir, beides Eines--du selbst, so +unterscheidest du Bewegung von Empfindung, bei des in dir, beides +Eines--du selbst. + Alle Empfindung ist Bewegung, alle Bewegung--Empfindung; +Beid-einheit, seelisch-sinnlich geschaut. + Empfindung in dir und die Welt ist bewegt; du durchschaust die +Bewegung und still stehen alle Sonnen und Erden, und es empfinden alle +Sonnen und Erden, ruhelos Ausgleich suchend. + +* + + Ich ist Ur-sprung. Nichts dieser Welt, was sich nicht im Ich +willig-un-willig schafft, zwiefach in Zeit und Raum. Aller Inhalt des +Ich durch Gegen-sinn in sich, durch Gegen-stand zu sich. Die ganze +Welt im verlangenden, im unter-scheidenden, im ur-teilenden, im +ent-zweienden, im ent-zweiten Ich. Ich außer sich verlangend, spaltet +in sich selbst, spaltet im Urteil, Wollen und Tun: bejahend verneint +Ich, wollend en-will Ich, liebend haßt Ich. + Kein Tun ist einwertig. Du vermagst dich keinem Dinge zuzuneigen, +ohne dich einem anderen Dinge abzuneigen. Zuneigend neigst du dich ab, +abneigend neigst du dich zu. Alle Zuneigung ist Abneigung, alle +Abneigung ist Zuneigung. Du bejahst den Satz und verneinst damit den +Gegensatz. Du glaubst Eines zu tun und tust zweierlei--: ewiger +Zwiespalt, ewiger Ur-sprung in dir selbst. + Kein Geschehen, kein Ding, kein Wort, kein Gedanke ist eindeutig. +Mit deinem Leibe neigt sich deine Seele. Neigung ist körperliche +Bewegung, Neigung ist seelische Empfindung. Neigung deines Leibes ist +Neigung deiner Seele; seelische Neigung erscheint deinen Sinnen als +Körperbewegung; Körperbewegung ist in dir als seelische Neigung wach. +Neigung ist seelisch und sinnlich zugleich. + In einem Worte ist Einheit von Zuneigung und Abneigung, Einheit +von Empfindung und Bewegung, Einheit von Leib und Seele. Im +einheitlichen Worte liegt sich selbst aufhebender Gegensinn: Ich und +du, innen und außen, hier und dort, Zustand und Gegenstand, Zeit und +Raum, Gedanke und Tat, Seele und Sinnlichkeit, Unfaßbares und +greifbare Wirklichkeit; in einem Worte Anziehung und Abstoßung, +Aufflammen und Verlöschen, Lust und Leid, Himmel und Hölle, Leben und +Tod. + In jedem Worte spiegelt sich zerfallene Einheit. + Gegensinn im einheitlichen Wort--Einheit gegensinnlicher Worte +ist Lösung nie gelöster Rätsel, Lösung nie gelösten Widerspruchs; +törichter Streit durch Jahrtausende--: Allgottheit, Göttervielheit; +Gutes und Böses in Gott; Wesenseinheit oder Doppelwesen der Welt; +Weltgeist oder Weltenstoff; Allseele oder Seelenvielheit; +Ursächlichkeit oder Selb-einheit; Zweck oder Zufall; eherne +Naturgesetze oder freie Schöpfung--wie auch Irrende die seelisch +sinnliche Kluft benannt haben mögen--müßige Fragen dem Wissenden, +Lösung aller Gegensätze, Lösung des Widerspruchs dieser durch +Widerspruch werdenden Welt. + +* + + Und ferner, o Teurer, Lösung nie gelöster Rätsel--: das Wunder +der Verkörperung. Es offenbare sich dir, aus welchen Tiefen solche +Lösung fließt und der Weg zu Erlösung. + Du fühlst dich Körper, du weißt dich Seele. Du empfindest dich +selbst unmittelbar, du schaust aus dir mittelbar durch Sinne. Deine +Sinne nehmen sinnlich wahr; Seele in dir nimmt sinnlich Geschautes für +wahr. Auf fünffach verschlungenen Sinnenwegen suchend, seelenblind für +alle Seele außer dir, verkennst du alles, was du nicht selbst bist und +dich selbst. Du begreifst die ganze Welt sinnlich; du nimmst dich +selbst sinnlich wahr. + Also seelenblind schauend glaubst du dich von Allseele +abgeschieden, vermagst abgeschieden Erachtetes nicht mehr seelisch zu +dir zu einen. Was du nicht mehr als eigen erkennst, deuten deine Sinne +als außer dir; du vermagst, was dir außen dünkt, nicht anders als +fremd, als räumlich dir gegen-über-stehend, als gegen-ständlich zu dir +aufzufassen; du kannst, was du nicht selbst bist, nur als Gegenstand +schauen. Alles nicht-Ich muß dir Ding und Körper sein. + +* + + Also sieht Seele kraft ihrer Sinne Körper; also ist Seele sinnlich +erfaßt: Körper. + Also sind Körper: Körper durch wahrnehmende Sinne--Körper durch +Verkörperung der Seele, zwiefach Eines. + Empfindend bist du Seele, empfunden Leib; be-seelter Körper-- +verkörperte Seele. Sinnliche Gestalt ist seelische Gestaltung, +leibliche Zeugung--seelische Über-zeugung; Beid-einheit--: Gedanke +leibhaftig geworden, dein schaffendes Verlangen. Du verlangst und es +wird Ding und Bewegung, du verlangst und es ist Empfindung und Seele: +--gottabgewandt: Welt--weltabgewandt: Gottheit genannt. + Alles was dir als Wirklichkeit erscheint--welche Namen es auch +trage--ist Seele, von Seele in dir sinnlich erfaßt. Seele--alles +andere Sinnenmitgift. Alle Gestaltung Seele, alle Gebilde in die Sinne +fallende Erscheinung--Sinn-bild der Seele--Seele im Bannkreis der +Sinne--Seele in irdischer Umhüllung--in Sinnenwelt versunkene +Gottheit. + Nur für irdische Augen ist diese Welt--Samsara; seelisch +durchschaut versinkt die Erscheinungswelt deinen Sinnen; nur für +seelisches Schauen ist Erlösung--Verklärung der Welt--der Seele +Seeligkeit--Nirvana. + +* * * + + Raum-zeitlose Seele in zeit-räumlicher Welt. + Im unendlichen Raum alles zeitlos; in ewiger Zeit alles raumlos. +Ohne Raum ist alles im Laufe der unendlichen Zeit; ohne Zeit ist alles +im unendlichen Raum. + In der Zeit ist die Gegenwart--ohne Dauer, und nur im zeitlosen +Gedanken zu fassen. Im Raum ist der Punkt--ohne Ausdehnung, und nur +im raumlosen Gedanken zu fassen; in Zeit und Raum erscheinende +Körperlichkeit ist endlos teilbar, also körperlos und nur in Gedanken +zu fassen. Urteil von Zeit--nicht Zeit; Urteil von Raum--nicht +Raum; Urteil von Körper--nicht Körper. Das letzt Denkbare von Zeit, +das letzt Denkbare von Raum, das letzt Denkbare von Körper ist Gedanke +im Ich. Das letztdenkbare Urteil der Welt ist Ich-urteil. + Im Ich ist Bindung und Lösung dieser Welt. + Ich, erscheinend, ist Zeit in Raum, ist Empfindung in Bewegung, +Willen in Kraft, Ursache in Wirkung, Freiheit in Notwendigkeit, +Selbigkeit in Ursächlichkeit, Seele in Leib, Wahrheit in Täuschung, +Wesen in Schein.--Denkt die Welt, so denkt sie: Ich. + Zeiteinbildung, Raumvorstellung, Körperwahrnehmung--die Welt-- +entspringt und endet im Ich. Ich-gegenwart ist Zeitewigkeit, ist +Raumunendlichkeit, ist Körper und Wirklichkeit. + Zeit-räumliches Ich aus raum-zeitloser Seele. + Davon ist gesagt: >>das Weltall hat nur in mir Bestand.<< + +* + + Ich ist ur-Teil im entzweienden Ursprung der Welt. Ich ur-Teil, +vom All abgesondert--un-zu-langend--ver-langt zum All zurück; +darum ist Ich Verlangen. Ich ist ungestilltes Verlangen; Ich ist +unstillbares Verlangen; Ich ist nur durch Verlangen. Ich, sich selbst +wollend, muß Alles zu sich wollen, so lange Ich--Ich ist. + Ich ist worin Ich erwacht. Ich ist was sich im Ich bewußt wird, +was Ich sich einbildet, was sich im Ich bildet, was Leben im Ich +gewinnt nennt sich Ich. Ich-inhalt erachtet sich für »Ich«. + Ich ragt über sich hinaus: Ich ist was Ich wollend umfaßt, was Ich +nicht wollend umfaßt, was Ich wollend nicht umfaßt; Ich ist soweit +Ich-auffassung reicht. Kein Ich, wenn nichts umfassend; kein Ich, wenn +allumfassend. + Ich entspringt, Ich endet im Verlangen; Ich wechselt in sich mit +seinem Verlangen; Ich wechselt in sich mit wechselndem Gegenstand; mit +anderem nicht-Ich ist anderes Ich. + Ich besteht ohne eigenen Bestand--ewig neu geborene Gegenwart, +ewig erneute, ewig vernichtete Selbstherrlichkeit; das ewig +Vergängliche aus dem ewig Unvergänglichen. + Der Glaube, als habe das Ich ein Sein in sich, schafft Ich, erhält +Ich, endet mit Ich--ein Nichts, das Alles ist. Ich ist Teil, so +lange es sich Teil glaubt. Gibt Ich sich auf, so ist Ich alles. + +* + + Ist Einbildung Ich, so ist Vorstellung nicht-Ich. Alles Ich baut +sich auf am nicht-Ich; am nicht-Ich-gegen-stand findet Ich seinen +Rück-halt; durch Wider-stand gegen alles nicht-Ich ist das Ich. + Ich lebt nur durch Gegensatz--durch Gegensatz zu sich: Raum, +durch Gegensatz in sich: Zeit. Verlangend einigt Ich allen räumlichen, +allen zeitlichen Gegensatz in sich. + Ich, alles nicht-Ich zu sich anziehend, stößt alles nicht-Ich von +sich ab. Verlangend schwankt Ich von s-Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich +zu s-Ich zurück. Ich verlangen spiegelt sich im nicht-Ich; nicht-Ich +wirft das Ich verlangen zurück. In dem Maße wie Ich verlangt, +widersteht das nicht-Ich dem Verlangen; in dem Maße wie Ich zu sich +verlangt, wird Ich vom nicht-Ich verlangt--Ergreifend, ist Ich +ergriffen. + Also ist zwischen Ich und Ich Anziehung im Verlangen; also ist +zwischen Ich und Ich Abstoßung im Verlangen; also ist Verlangen +Anziehung und Abstoßung zugleich; also hält Verlangen Ich und Ich +auseinander; also ist Verlangen nach Vereinigung zu sich Hindernis der +Einigung--das Verbindende ist das Trennende. + Ich will das All zu sich, enwill sich zum All-- +weltschöpferischer Irrtum. + +* + + Ich überträgt sich ins nicht-Ich. + Verlangend tritt Ich aus sich hinaus, langt außer sich, ist nicht +mehr bei sich, ist außer sich, ist in seinem Gegenstand--Ich im +nicht-Ich. + Ich weiß nur von sich; Ich empfindet immer nur sich selbst; s-Ich +einbildend stellt Ich s-Ich vor; vorstellend faßt Ich sich selbst +gegen-ständlich auf. Wie Ich sich im gegen-Stand empfindet, so +empfindet Ich den Gegenstand. Gegenstand dem Ich ist Ich im +gegen-Stand. Soweit Ich den Gegenstand empfindet, soweit ist +Zerklüftung im Ursprung überwunden, soweit ist das Empfindende und das +Empfundene Eines. Die Empfindung ist das Empfundene. + Ich-zu-stand im Gegen-stand nennt sich selbst mit anderen Namen. +Ich verkennt sich im du--wie ein Hund sein eigenes Bild im Spiegel +anknurrt. Eines ist Zustand und Gegenstand. Eines ist Ich und du-- +Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen. + Im Verlangen liegt Ich und nicht-Ich; im Verlangen fällt Ich und +nicht-Ich aus-einander. Was Ich verlangend nicht will, will nicht Ich, +will ein nicht-Ich--"ich will nicht" das heißt: "du willst". + Ich und Ich--zerfallene Einheit, geschaffen und auseinander +gehalten durch blindes Verlangen. + Davon ist gesagt: "ich bin du". + +* + + Alles was außer Ich ist, ist aus Ich. Alles nicht-Ich beginnt und +endet im Herzen des Ich. Wie im Willen Unwillen liegt, so liegt im Ich +das nicht-Ich. + Ich will durch Willen und Unwillen; Willen wie Unwillen ist +Ich-verlangen. Willen wie Unwillen hat dasselbe Ziel. Ich-loser Wille +undenkbar; ziel-loser Wille, Wille ohne Gegen-stand des Wollens +undenkbar. + Ich will durch Bejahung und Verneinung: sogenannte Verneinung des +Willens ist Bejahung geänderten Willens--das Eine Verlangen bei +gewechseltem Ziel. + In sich verneinen heißt außer sich bejahen; in sich vernichten +heißt aus sich hinaus schaffen; aus sich hinaus schaffen heißt außer +sich schaffen. Unwillig aus dir Entlassenes weicht aus dem Bereich +deiner Seele, fällt in den Bannkreis deiner Sinne, tritt, selbständig +geworden--ein eigenes Ich--dir sinnlich gegenüber. + Abstoßung im Ich ist das Abgestoßene, ist aus eigenem Zustand +geschaffener Gegen-stand. Das Angezogene ist im Ich Anziehung; das +Angezogene ist Gegenstand im Zustand Ich: + --Verlangen im Ich ist das nicht-Ich-- + Verlangen vom Ich ausgesprochen, vom nicht-Ich, dem Widerschein +des Ich, 'wieder' ausgesprochen, das ist 'wider'sprochen, sieht sich +selbst gegenüber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst +Gegenstand des Verlangens. + Die Welt sich selbst wollend--darum ist Welt. + +* + + Das Außereinander von Ich und Welt ist Erscheinung; das +Durchschauen des Scheines ist Erlösung.--Verlangen im Ich ist das +nicht-Ich; Verlangen im Ich ist die sich schaffende Welt; alles +Geschaffene erkennt sich im erkennenden Ich. + Kein Ich ohne Welt; das Verlangen in dir schafft die Welt, darum +ist die Welt dein Verlangen; darum verlangt dich nach der Welt. Die +Welt wird und wirkt wie du, verlangend, die Welt wirkst. Die Welt ist, +so lange du an dich und deine Welt glaubst--mit dir entsteht, mit +dir vergeht deine Welt. + Keine Welt ohne Ich--: Ich geht in der Welt auf, die Welt geht +im Ich auf; darum lösen sich vom Ich aus alle Fragen dieser Welt--: +endlos wechselnde Namen endlos wechselnden Verlangens in dir-- +Widerschein deiner selbst--Und die ganze Welt erlangend, erlangst du +dich selbst--nichts mehr. + Verlangen ist Gedanke in dir; denken heißt urteilen, urteilen +heißt zeugen. Dein Gedanke ist Dasein, dein Glaube ist Schöpfung, +deine Überzeugung ist Zeugung. Eines ist der Schaffende mit dem +Geschaffenen, Eines ist Ich und Welt. + Davon ist gesagt: "der, fürwahr, baut aus sich diese ganze Welt-- +und ist ihre Vernichtung, der solches weiß." + Du schaffst die Welt, die Welt schafft dich--schafft sich in +dir. Die Welt sich selbst schaffend, sich selbst schauend, sich selbst +verlangend, sich selbst vernichtend. + +* + + Vielfach ist in Suchenden der Gedanke aufgestiegen, in Erkenntnis +suchenden Weisen mancher Völker alter und neuer Zeiten; ausgesprochen +hat die Lehre von den Gegensätzen Bhagavad-gîta-upanishad mit +deutlichen Worten, aber unverstanden von der Menschheit blieb die +Erkenntnis, unerkannt in ihren Tiefen: + "Alle Geschöpfe dieser Welt lassen sich vom Trugbild der +Gegensätze betören, die sie, liebend oder hassend, sich selber +schaffen." + +* + + Uraltes Wissen, o Teurer, verkündige ich dir wieder, Lösung nie +gelöster Rätsel, Lösung des Weltwiderspruchs; der Erkenntnis Urgrund, +die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung--dvamdva-vidya--die +Lehre von der sich selbst aufhebenden Welt. + +* + + Also ist die Unterweisung: + Weltursprung--durch Ur-sprung: Ent-zweiung in ur-Teil und +gegen-Teil, Ich und nicht-Ich. + Weil durch Ur-sprung Kluft ist, darum steht alles dieser Welt +ein-ander unerkannt gegen-über, darum ist alles dieser Welt durch +Gegen-sinn, darum sieht alles dieser Welt einander als Gegen-stand, +darum ist Widerspruch in der Erscheinung endlos, darum ist ewiger +Kampf + Davon ist gesagt: "Zweiheitlich ward All-Einheit, Wahrheit und +Täuschung an sich zu erleben." + "Ich weiß warum die Welt ist: Gott wollte leiden". + +* + + Gegenteile schaffen sich aus-ein-ander, Gegenteile heben einander +auf; Gegenteile scheinen endlos weit von einander, Gegenteile berühren +einander; Gegenteile fallen, auseinander tretend, in einander; wie Ost +und West auseinandertretend im Rücken der Erde ineinanderfallen, wie +West im Osten, wie Ost im Westen wiederkehrt; wie Ost zu Ende gedacht +zu West wird und West zu Ost; wie aller Gedanke zu Ende gedacht, durch +seinen Gegensinn hindurch in sich selbst zurückkehrt--der geraden, +nach durch messenem All in sich zurückkehrenden Linie vergleichbar. + Wie farbloses Licht in Gegenfarben zerfällt, wie Gegenfarben, +vereint, einander zu Farblosigkeit ergänzen, so ergänzen aus-ein-ander +gefallene Gegenteile, vereint, einander zu nichts. + Aller Gegensatz ist den Gegensätzen an einer Kugel vergleichbar; +Vergleichbar den Gegensätzen eines im Kreise schwingenden Pendels. + Aller Gegensatz dieser Welt erscheint durch wechselndes Urteil +sinnlicher Wahrnehmung--bloße Auffassung im Ich. + Mächtig bewegte Sterne stehen deinen Sinnen still; still stehende +Sterne siehst du mit dem Himmelsgewölbe mächtig über dir bewegt.-- +Savitar hebt sich aus dem Meere: du schaust Sonnenaufgang; was dir +Sonnenaufgang ist, ist Anderen Sonnenuntergang; was dir oder Anderen +Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, ist weder Aufgang noch Untergang +--Savitar strahlt ewigen Tag. Indessen du die Sonne steigen siehst, +sehen andere dieselbe Sonne fallen; es vermag die Sonne nicht zu +steigen ohne zu fallen, vermag nicht zu fallen ohne zu steigen, steigt +und fällt zu gleicher Zeit--steigt weder noch fällt.--Innere Erden +scheinen im rechten Laufe umzukehren; Wandelsterne und Monde, Sonnen +und Erden, nach überstiegenem Höhepunkt, werden rückläufig. Kein +Gegensatz im rechten Laufe, keine Umkehr, kein Rücklauf--irriges +Urteil vom wechselnden Standort des irrig schauenden Ich. + Ich, zeiträumlich atmend, wechselt Standort, Ansicht, Urteil. +Durch Ich-urteil-wechsel ist Gegensatz. Ur-teilend schafft Ich in sich +zeitlichen Gegensatz--außer sich räumlichen Gegensatz. + Wechselndes Urteil im Ich zeugt für Gegensinn im Einheitlichen-- +zeugt für Einheit im Gegensatz. + Aller Gegensatz geht auf--wird und vergeht--im Ich; Ich +schafft, Ich vernichtet allen Gegensatz. Nur in einem 'Ich' ist +Willenswechsel, nur in einem 'Ich' ist Urteilsgegensatz; mit +aufgehobenem 'Ich' ist aller Gegensatz aufgehoben. + Scheinen Gegensätze, so ist Einheit. Ist das Eine Gegensatz des +Anderen, so ist das Eine gleich dem Anderen--so ist weder das Eine +noch das Andere. + +* + + Raum-anstoß ist Zeitfolge: + Wechselt Ich aus sich hinaus, so empfindet Ich durch nicht-Ich +räumliche Wider-stand-wirkung, das ist--: wirklicher Gegensatz. +Durch Widerstand Empfindung wechselt Ich in sich zeitlich eigene +Empfindung, das ist--: eigentlicher Gegensatz.--Ur sache aus mir +--Wirkung auf mich: Ich-m-Ich; wirklich räumlicher--eigentlich +zeitlicher Gegensatz.--: Beid-einheit.--Raumanstoß ist Zeitfolge. + Durch Zerfall im Ur-sprung: Urgegensinn; das ist sinnlich- +seelische Auffassung in Ich und Ich. + Eines ist innen und außen, Eines Ursache und Wirkung, Eines Zeit +und Raum, Eines eigentlich und wirklich, Eines Bewegung und +Empfindung, Eines Seele und Leib, Eines Ich und nicht-Ich--: durch +Ich-ur-Teil, das ist durch Ich-Urteil sinnlich geschaffene +Teilungserscheinung--Ur-sprung im Ich. + Dvamdva--: aus Einheit Ich gezeugte gegen-Teile, Gegensinn und +Gegenstand, Gedanken und Dinge gegenseitig gezeugt, gegenseitig +gepaart; Hälften, die getrennt, einander zu nichts aufheben; die +vereint, einander zu nichts ergänzen; Eigenschaffungen, die durch +Spaltung sind und nicht sind--getrennt und vereint nicht sind. + Daraus ist: Gegensinn im einheitlichen Wort, daraus ist: Einheit +gegensätzlicher Worte. Nimmerrastender Widerschein des spaltenden +Ursprungs, nichtige Schöpfung im Ich--Trugbild des Seins. + +* + + Sinnlich geschaut: + Durch Ursprung Raum, durch Raum Zeit; im Ursprung inzwischen +entzweiten Teilen die sich schaffende Welt; die Welt in der Kluft +inzwischen Ich und nicht Ich. Alle Wirklichkeit dieser Welt rastlos +wechselnde Beziehung inzwischen Ich-zustand in sich--Ich-zustand im +Gegen-Stand. Endloser Kreislauf der Erscheinung von Gegensinn zu +Gegenstand, von Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich zu Ich zurück.-- +Gegensinn in s-Ich die werdende, Gegenstand zu s-Ich die gewordene +Welt. + Alles zeiträumliche Außereinander ist im Ich, alle Unterscheidung, +aller Gegensatz, alle Worte, alle Vielheit--im Ich ist Ur-sprung +und Unendlichkeit dieser Welt. + Eines ist was du, durch ur-teilenden Willensgegensatz in dir, zu +Gegensätzen außer dir prägst; Eines ist was du, ur-teilend, entzweit +schaust--: willkürliche, an sich nichtige Unterscheidung, endlose +Gestaltung deines in Einhauch und Aushauch atmenden Verlangens-- +deine eigene Schöpfung--du selbst. + Davon sagt des Heilweges Buch des Lehrers Lao: "Diese Einheit der +Gegensätze bezeichne ich als den Urgrund, die große Tiefe und das der +Erkenntnis geöffnete Tor." + +* + + Und noch einmal: + Durch Ur-sprung-erscheinung scheint Entzweiung. Jedes der beiden +Teile lebt das Leben des anderen--gleichwertige Bruchstücke. Durch +Kluft geblendet verkennt sich eines im anderen--Sündenfall. + Dem also gewordenen Zwiespalt folgt alle Erscheinung: aller +Gedanke, alles Urteil, alles Wort--Wille und Tat gegen sich selbst +gerichtet. Alles Urteil Widerspruch in sich;--Sinn und Widersinn +in-ein-ander. Alle Unterscheidung in Wort und Urteil bedeutungslos-- +in sich selbst aufgehoben--bloße Lautver-schiedenheit. + Nur Eines ist--alles Erscheinende ist irrendes Verlangen im Ich +zum Ziel, nichts mehr. + +* + + Wahn-sinn das Wesen der Welt in Worte fassen zu wollen. Seele, +Kraft, Geist, Stoff, Gedanke--Gottheit--gleichviel mit welchen +Lauten du das benennst, was dich lebt. + Erscheinung dieser Welt schafft sich, durchschaut sich, hebt sich +auf. + Was sich also erscheinend schafft, ist nicht Wahrheit--ist nicht +Täuschung--ist ewig vergängliches Sinn-bild des Ewigen. + +* + + So lautet die Lehre von der sich selbst als nichtig aufweisenden +Erscheinungswelt--der Erkenntnis Höhe und Tiefe, der Erkenntnis +eherner Kern und Anker. + Und was du, o Teurer, durch solche Erkenntnis verlierst ist ein +Nichts; und was du durch solche Erkenntnis gewinnst ist Alles. + So lange dir der tiefen Lehre volles Verständnis nicht aufgegangen +ist, o Teurer! so lange wisse dich fern vom Hohenziele der Erkenntnis. + +* + + Die ganze Sinnenwelt wächst, sich verklärend, zu Gottheit. Alles +Samsara ist Verlangen nach Nirvana. Je nach dem Ziele deines eigenen +Verlangens, nach Samsara oder nach Nirvana erscheint dir das Geschehen +dieser Welt Vorgang oder Rückschritt, ziellos oder zielbewußt, blinder +Zufall oder unabwendbare Bestimmung. Weder das Eine noch das Andere-- +in sich freie, durch Gegensinn in der Erscheinung gebrochene Kraft in +dir--dein schaffendes Verlangen. + Das Ziel der Welt bist du selbst, o Teurer! In dir, mit jedem +Atemzug wechselnd, alle Stufen der Weltenschöpfung-- +Weltenvernichtung; von Samsara zu Nirvana, von Nirvana zu Samsara +rastlos gegeneinander schwankend. + Samsara heißt sich in irdischer Anschauung verlieren. Nirvana +heißt sich wiederfinden. Irdisches Verlangen rückt Nirvana in +zeit-räumliche Fernen--Nirvana ist--wenn dich nicht mehr +nach Nirvana verlangt. + Ewigkeit des Ursprungs im Ich, Ewigkeit der Weltenschöpfung und +Weltenvernichtung. Ich, besinnungslos Seeligkeit außer sich suchend, +jagt nach selbstgeschaffenen Trugbildern--Sinnenkampf zu Samsara; +Ich, sich auf sich selbst besinnend, wendet sich von irdischen +Trugbildern ab--Seelenkampf zu Nirvana. + Verlangend schafft Ich Samsara, Verlangen verklärend schafft Ich +Nirvana; Samsara und Nirvana schafft sich im verlangenden Ich. Blinder +Kreislauf des Verlangens, Kreislauf der Wiedergeburt.--Samsara ist +Verlangen; mit schweigendem Verlangen ist Nirvana. + Wie ein Kind im nichtigen Spiele zum Manne wächst, so wachsen wir +Menschen in Samsara zu Nirvana. Samsara hält uns das blendende Schild +vor--gläubig hasten wir danach--und erwachen in Nirvana. + Die große Täuschung, o Teurer, die ewige Torheit--Samsara--der +weite Irrweg zu Nirvana!--Du folgst dem ewigen Kreislauf erkennend +oder blind; du nahst dem ewigen Ziele unwillig-willig--aus Gottheit +zu Gott und Gottheit--unser aller Ziel. + Samsara ein Alles, das nichts ist; Nirvana ein Nichts, das alles +ist--unendlich das eine, ewig das Andere--dem Erkennenden Einheit. + +* + + Solches lehren seit Jahrtausenden unsere Brüder, Hohemeister in +Tibet, Sser-od in Kâ'gdschur: + "Wisse o Sohn der Erhabenen! um dem nach höchstem Ziele strebenden +Bôdhisattva alle Schranken und Hindernisse aus dem Wege zu räumen, +lehren Wissende die unwandelbare Wahrheit vom ungetrennten Samsara und +Nirvana." "Wisse, daß die Buddha Samsara und Nirvana auf das Klarste +als unverschieden erkannt haben." + +* * * + + Keine Wahrheit im vielheitlichen Samsara: Vielheit muß sich selbst +widersprechen; zerfallene Einheit hebt sich selbst auf Samsara zeugt +blinde Kinder. Erscheinung wie Worte wandeln sinnlos von Sinn zu +Gegensinn. Nur dem selbstisch verlangenden, dem einseitig wertenden +Ich scheint Sinn in Samsara--wie dem Träumenden Sinn im sinnlosen +Traume scheint. Alle Wahrnehmung in Samsara, alle Empfindung, und alle +Deutung von Wahrnehmung und Empfindung--bedeutungslos. Lust wie +Qual, Bewunderung wie Abscheu und alle Worte aller Welten-- +bedeutungslos, sinnlos, weil sinnlich. + +* + + Ich, im Gefühl seiner Unzulänglichkeit, verlangt nach Ergänzung +außer sich. Zeitlich wechselnde Empfindung im Verlangen, vom Ich +ausgelegt, gewinnt sinnliche Gestalt im Raum. Mit Wechsel seelischer +Empfindung wird Wechsel sinnlicher Anschauung. Im Ich zeitlich +Geschiedenes erscheint, räumlich vorgestellt, als Verschiedenheit-- +erscheint und ist. Nach ein-ander wird neben-ein-ander; in-ein-ander +wird außer-ein-ander. Seelisch empfunden: Gegen-sinn, zeitlich endlos +wechselnd; sinnlich angeschaut: Gegen-stand, räumlich endlos +vervielfacht. Folge in der Zeit ist Vielheit im Raum. Beid-einheit dem +Wissenden. + Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden-- +Gedanken zu Worten, Worte zu Dingen verkörpert. + Die verlangende Welt denkt durch zahllose Worte Einen Gedanken. +Alle Gedanken und alle Worte dieser Welt sagen nur Eines; alle Worte +aller Sprachen aller Welten--endlos wechselnder Ausdruck endlosen +Verlangens nach Alleinheit. Aus wechselnder Empfindung, wechselndem +Urteil, wechselnden Worten schafft sich die Vielheit dieser Welt--die +vielheitliche Welt aus dem schaffenden Wort. + Davon sagt Tschhandogya-Upanishad: "an Worten haftend ist alle +Umwandlung der Erscheinung." + +* + + Aufleuchten möge in dir, o Teurer, voll die Einheitserkenntnis! +Der Welten ewiger Ursprung hat nur Ein Ziel; dein rastlos wechselndes +Irren nach dem Einen Ziele benennst du mit wechselnden Namen. Dein +Wort benennt, dein Wort wertet, dein Wort schafft die Dinge--ein +Zweites, glaubst du, sei es, wenn du es anders benennst--Aus +Vielheit wertender Worte des wechselnden Urteils in dir schafft sich +die Vielheit der Dinge. Endlose Sinnbilder des Einen Gedankens deuten +wir sehend Blinden als endlose Vielheit verschiedener Dinge. Erfaß +erbarmend wohl die tiefe Blindheit der Menschen!--Blindheit der +Führenden und Geführten, Blindheit der Weisesten aller Völker und +aller Zeiten--uns Armseligen der Weg zu Erkenntnis--Befangenen +unnahbar--Suchenden die offene Schranke--lichte Einsicht dem +Erwachenden. + Nur Eines ist im Kreislauf der Erscheinung: Ver-langen! +schlaftrunken suchendes Verlangen nachdem letzten Ziele.--Erwachen +führt aus Verlangen und Tat, aus Gedanken und Worten zu willenloser, +zu wortloser Wahrheit. + --Wer also sieht, der ist sehend.-- + Davon sagt Taïttitiya-Upanishad: "Erkenntniswonne wird von keiner +Sprache erreicht; vor der Wonne der Erkenntnis kehren alle Worte um, +und alle Gedanken."--Ananda. + +* + + Unsere Brüder, Hohepriester in Tübet, lehren seit Jahrtausenden: + "Es ist, o Rabdschor, alles Erfassen in der Ichheit ein +Nichterfassen. Wissende, o Rabdschor, gehen nicht in die Einbildung: +'Ich' ein. + "Wenn ein Wissender also denkt: Wesen ist ohne Ich--Ichlos ist +Wesen, solchen nennt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig +vollendete Buddha einen erwacht Erkennenden. + "O Rabdschor! Wenn du denken solltest, daß die in wahrhafte +Reinheit Eingegangenen jegliches Sein völlig zerstört und demselben +ein Ende gemacht haben, so gib, o Rabdschor, solcher Meinung nicht +Raum... Es sind dies nur Worte--das Wesen selbst ist unausdenkbar +und wird von Unmündigen nicht erkannt. + "Das Wesen, o Rabdschor, ist in sich--und ist weder +Verschiedenheit noch auch Gleichheit in ihm, weder Sein noch +Nichtsein, und volle Erkenntnis hievon wird das allerhöchste wahrhaft +rein vollendete Erwachen genannt. + "Der Name dieses Lehrbegriffs lautet: "der an das jenseitige Ufer +der Erkenntnis Gelangte." Dieser Lehrbegriff, o Rabdschor! ist +unergründlich und seine voll gereiften Früchte stelle dir als +unergründlich vor." + +* * * + + Aus Nebelgluten sondern sich Schlacken, ballen sich, erkaltend, zu +Sonnen und Erden; aus lebender Flut starre Gebilde, aus Gottheit-- + -- Ich -- +--ur-sprung-er-schein-ung-ur-teil-gegen-teil-ver-langen-- +ein unabsehbarer Strom, der das All durchmessend, in seiner eigenen +Quelle mündet--: Samsara! + +* + + Uns schauend Blinden--Nichts. Da geschieht im All Einen das +Unergründbare: Absonderung 'Ich'. Absonderung hält sich zurück--der +Strom überflutet; Absonderung drängt vor--der Strom hemmt; +Empfindung und Empfundenes--Wirkung aus dir und Wirkung auf dich.-- +Das Eine, Einheitliche, Ungeteilte, Unteilbare--: als sei zwiefach +Sein. Es scheint als seist du--es scheint als sei außer dir, es +scheint, erscheint, und ist wirklich: Ich und Sinnenwelt, ja und nein, +Lust und Leid, und alle Worte. + Aus dem seelisch Einen das sinnlich Zerklüftete: die im +Ich-bewußtsein erwachte Welt. Aus dem Ewigen das ewig Vergängliche-- + Vergängliche Welten zeugen wider sich selbst: + Absonderung "Ich" aus Gottheit ist Sündenfall. +Ur-sprung--atmende Kluft, die trennend verbindet--Anziehung und +Abstoßung, Entzweiug und Zu-eins-paarung, Werden-Verwerden zugleich +--Spiel in sich selbst--unsere Welt-- + --eine Welt durch ewig erneuten Ursprung in sich; eine Welt in +ewiger Selbstentzweiung, in ewigem Kampfe gegen sich selbst, in ewiger +Blindheit sich selbst gebärend, sich selbst vernichtend--die im Wahn +gewordene, im Wahnsinn verharrende Welt. + Unabsehbar grauenerfüllte Wahlstatt nie gestillten Verlangens, +nimmer endender Tat--Ringen um verlorenes Paradies, Ringen um +Erkenntnis, Ringen um Erlösung--Seele wider Sinne, Gedanke wider +Tat, Himmel wider Hölle; endloses Ringen von Lust wider Seeligkeit, +Samsara wider Nirvana, Abgott 'Ich' wider Gottheit + --allüberall blind stürmende Erscheinung, von Sinneswahn zu +Widersinn sinnlos wechselnd; hinfällige Gebilde, Scheingestalten, +flüchtige Schatten, im Entstehen dem Untergang, in der Geburt dem Tode +geweiht--Trugbilder, bloße Namen, bloße Worte im nichtigen Urteil +Ich-- + --endloser Widersinn ewig erneuter Entzweiung, ewig neuer +Wiedervereinigung--werdend verwerdende, seiend nicht seiende Welten. + +* * * + + Durch blindes Vergaffen ist Sinnenwelt. + Sinnenwelt schafft sich wie Liebesrausch, wie aus deinem +inne-Befinden der Traum sich schafft--sinnvoll--sinnlos. Wie ein +Weib, verlangend angeschaut, zu sinnberückendem Reiz wird, so wird +Seele, verlangend angeschaut, zu berückender Sinneswelt--: unsere +Welt! wirklich zwar, doch nicht wahrhaft. Und wie es aus Traum und +Rausch ein Erwachen gibt, so gibt es ein Erwachen aus verlangenden +Sinnen. + Was du in dir Traum und was du außer dir Wirklichkeit nennst, ist +wesenseines--: zu sinnlichen Bildern geworden er Gedanke. + + Wie die Schlange, die dich im Traume schreckt, nicht wahrhaft +lebt; wie das Schwert, das dich im Traume trifft, nicht von Eisen ist; +die Geliebte, die dich beglückt, nicht Fleisch und Blut-- + --wie Lust und Qual, wie Schlange und Weib im Traum-- + --so alle Dinge dieser Welt--wirken und sind nicht. + Und wie unter deiner Schädeldecke Schwert und Weib Raum hat und +alle Gebilde dieser Welt, dazu alles Geschehen und Werden-- + --so ist die ganze Welt in dir und ist nicht; wirklich zwar, doch +nicht wahrhaft-- + und wie die im Traume wahrgenommenen Gesichte alsbald zu nichts +verflattern, so schwindet im Leben alles dahin, was du für wahrhaft +geworden hieltest; von allen Welten bleibt Erinnerung, und Erinnerung +verweht-- + und wie es im Traume ein leises Besinnen gibt, so dämmert dir wohl +in lichten Augenblicken die Erkenntnis: ich träume diese Welt-- + und wie du, aus dem Traume voll erwachend, Lust und Grauen +abgeschüttelt hast, so erwachst du aus den Freudenqualen unseeliger +Erscheinung und schaust wahrhaft--überwunden ist alles Verlangen, +geschlossen der Ursprung--nicht mehr ist diese Welt. + +* + + Befangen hält uns alle ein tiefer Traum--ein allfesselnder, ein +allumstrickender Wahn, ein unermeßliches Blendwerk--Maya--unsere +Welt. + + Wie, wenn ein Pilgerzug, in wasserloser Strecke vom Wege abgeirrt, +dem Tode ins Antlitz schaut und es ersteht den Dürstenden das +Wüstentrugbild: Zelte und Paläste unter wehenden Palmen spiegeln sich +in weiten Wasserflächen--was verzweifelnd zu Boden lag, rafft +sich freudig auf und strebt entschlossen dem verheißenden Ziele zu und +lobpreist bewegten Herzens--vergessen ist alle Qual!--die +rettenden Götter. + Du aber, mit dem Auge des Wissenden schauend, stehst unbewegt-- +und die an dir vorübereilen, nach vermeintlichem Glücke jagend, weisen +höhnend auf dich zurück: da steht er, der uns lehren wollte, wohl in +weisen Gedanken versunken! Ihm vor Augen ist Leben und Lust--und der +Narr grübelt, statt zuzugreifen. + Durchschaut ist die blendende Erscheinung, als Wahn-sinn erkannt +--diese wahr-genommene Welt ist vergänglicher Schein. + +* + + Die Welt ist Erscheinung im Ich--Ich ist Erscheinung in der Welt +--wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser Welt;-- +Gottheit in der Erscheinung zum Ich gesunken, im Ich zeitlich an Ort +gebannt, im Ich leidende Gottheit--unseelig--selbstvergessen. + +* + + Samsara ist durch Widersinn, keine Wahrheit in Samsara. + Aus traumlosem Schlafe erwachst du träumend--träumend glaubst du +an die erträumte Welt und an dich selbst. Du jagst nach Träumen und +was du erreichst, ist Traum. Erfaß es wohl: nichts mehr. Vom Traum zu +Traum enttäuscht, schaffst du in dir den rettenden Gedanken: diese +Welt ist nicht Wahrheit, diese Welt ist eigengeschaffenes Trugbild. +Was du draußen suchst ist in dir selbst: nach außen langend erlangst +du räumlich, was du zeitlich aus dir hinausverlegst; die ganze Welt +erlangend, erlangst du dich selbst. + Im Feuer der Erkenntnis entzündet sich in dir die Kraft von +solchem Trug zu lassen. Du gehst in dich, du entsagst dem Schein, du +kehrst dich dieser Welt ab, du bekehrst dich zu Gottheit--Gottheit +in dir entringt sich der Erscheinung. + Und wie du aus ureigener Kraft die vergängliche Welt schufst, so +schaffst du in dir ewige Gottheit--aller Gottesverehrung, aller +Völker, aller Zeiten, aller Welten ewiges Ziel--der gewaltige +Unterstrom, das Ungestillte in höchster Lust, das Tröstende in +tiefstem Leid--: Religion. + +* + + Nur Eines ist: Gottheit--alles Andere ist Lüge. + Erwache! Blinder Glaube in dir hält dich in den Fesseln törichter +Hoffnung, in ewig erneuter Enttäuschung; deine Sinne halten dich in +Leiden und Tod. Erwache aus dem Banne nimmer gestillten Verlangens, +erwache aus friedloser Tat, erwache aus Geburt und Tod. Tod ist für +Tote. + Im Kerker und an den Karren geschmiedet schwinge ich mich aus +Ketten und Mauern hinaus--aus Qualen und Herrlichkeiten dieser Welt +--in zeitlosem Augenblicke durcheile ich, des Leibes ledig, alle +Räume und alle Zeiten, schaue alle Welten und alles Geschen... was von +mir, im Kerker oder im Purpur, verachtet oder angebetet, im Reiche des +Todes zurückbleibt--bin ich nicht. + Davon ist gesagt: "und dieser Leib mag endigen in Asche." + Überwunden ist der unseelige Irrtum, gestillt das Verlangen, +gefunden der heilige Weg aus Erdenlust und Erdenqual, aus Grauen zu +Seeligkeit, aus Tod zu Unsterblichkeit. + Nur Eines ist: Gottheit--alles andere ist nichtig. + Erkenne dich selbst, besinne dich auf deine Seele. + Erfasse das große Wort, das größte, das je eines Menschen Seele +erfaßte--erbebe in der Erkenntnis: + --ich bin Gottheit-- + Davon ist gesagt: "brahma bist du und in brahma gehst du auf." + Was in dieser Welt zeiträumlich auf einander wirkend, als endloses +Werden erscheint, ist deiner träumenden Lust freudiger Widerschein,-- +von Zeugung zu Überzeugung--deiner Seele blind tastendes Verlangen +--und was in dir lebt, lebt in allen Welten. Und wie dein +Verlangen ist, solche Welt wird dir, in solcher Welt entstehst du, +solche Welt entsteht in dir. + +* + + Welten erglühen--Welten erkalten. Wie Pradschapati von eigener +Schöpfung erschöpft ist, so erschöpft sich alle Erscheinung--nicht +zu Vernichtung,--zu Erneuung. Alle Welten fallen in sich zusammen, +voll-enden in Nichts--ein Nichts, das Alles ist. + +* + + Alle Erscheinung sucht Frieden. + Ebbe folgt auf Flut, Flut folgt auf Ebbe; Flut hier ist Ebbe dort, +Flut dort ist Ebbe hier; Flut und Ebbe zu gleicher Zeit, Flut und Ebbe +am selben Ort. + Die Welten atmen von Nirvana zu Samsara--durch unermeßliche +Freudenqualen von Samsara zu Nirvana--von Wesen zu Dasein in allen +Ewigkeiten und Unendlichkeiten.-- + Tagen die Sinne, so nachtet die Seele; wacht die Seele, so ruhen +die Sinne. An Stätten ohne Zahl--in endlosen Räumen--zahllose +Stufen ewiger Entfaltung von Seele zu Sinnen, von Sinnen zu Seele. + Hier deiner Gegenwart leuchtender Sinnentag, brennende Mittagsglut +--dort, deinen Sinnen entrückt, in dunkel geahnten Gedankenfernen: +Frieden, Seelenreich, Gottheit-- + Einst, in ungezählten Tagen, leises Entschlummern der Erscheinung, +Aufdämmern der Seele auch hier; Seeligkeit, Erwachen der Gottheit auch +in dir--und in Weltenfernen versunken alle Sinnesherrlichkeit.-- + Bin ich, so ist Welt; gebe ich die Welt auf, so ist Gottheit; ist +Gottheit, so bin ich nicht und keine Welt. Darum keine Gottheit da ich +bin, keine Gottheit da Welt ist--und kein Ich, keine Welt in der +Gottheit--Gottheit Welt. + Weltenzeugung--in sich gebundene Gottheit--Sinnenherrschaft-- +Samsara--Entsagung--Bekehrung--Überwindung--Erlösung-- +Verklärung der Welt in Gottheit--der Seele Seeligkeit--Nirvana. + Also entstehend vergehend sind diese ringenden Welten--sind +nicht--das schweigend sprechende All-Eine: + -- brahma -- + +* + + So, o Teurer, mühen wir uns, wir in der Geburt Erblindeten, +vergängliche Erscheinung zu durchschauen und der Welt, der ewigen, zu +nahen. Möge uns ein Lehrer beschieden sein, möge uns ein Führer +erstehen--ein Seher--ein Gott. + Frieden sei mit dir, o Teurer! + Ich habe zu dir vom Endziel des Wissens gesprochen--gesagt, so +viel zu sagen deinem Verständnis angemessen war--zu irdischem Heil +und zu der Welt Erlösung--stammelnde Worte suchender Seele. Die +ersten Hügel im Tiefland sind erstiegen, es lichten sich die Nebel--: +vor dir in schier unabsehbaren Fernen leuchten die Höhen von +Himavat. Öffne dein Auge göttlichem Lichte--du schaust wahrhaft +--und zuschanden geworden ist alle irdische Weisheit--zerstoben die +allblendende Erscheinung--erloschen der Weltenschein--ein Traum-- +was in dir erwacht ist, ist größer als alle Welten--erreicht das +Hoheziel der Erkenntnis, erreicht Vollendung--Vollendung in +Gottheit. + +* + + So lautet in âranâda-upanishad der + adhyaya: Erwachen; wortlos das Letzte: + Nirvana. + +* + + So lautet die Upanishad vom Erwachen der Menschheit aus der +Erscheinung--Hüte das Erbe + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS *** + +This file should be named 6110-8.txt or 6110-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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