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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-27 19:41:00 -0800
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden. Vierter Band, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Vierter Band
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Annotator: Alfred Weile
-
-Release Date: January 4, 2020 [EBook #61098]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Wilhelm Hauffs
-
- sämtliche Werke in sechs Bänden
-
- Mit einer biographischen Einleitung
- von _Alfred Weile_
-
- Neu durchgesehene Ausgabe
- :: :: in neuester Rechtschreibung :: ::
-
- Vierter Band.
-
- A. Weichert Verlag, Berlin NO.⁴³, Neue Königstr. 9.
-
-
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-
- Mitteilungen
-
- aus den
-
- Memoiren des Satan.
-
-
-
-
-Erster Teil.
-
-Einleitung
-
- ~Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto
- Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto.~
-
- _Tassos_ Jerusalem. V. 44.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.
-
-
-Wer, wie der Herausgeber und Uebersetzer vorliegender merkwürdiger
-Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war und
-in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird gewiß
-diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.
-
-Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht
-gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen.
-Feine Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort
-gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich
-erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor- noch nachher,
-einen meiner damaligen Tisch- und Hausgenossen gesehen zu haben, und
-dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges
-Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
-den andern kannte oder seine näheren Verhältnisse zu wissen wünschte,
-nie für möglich gehalten hätte.
-
-Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser
-Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit
-des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft
-beigetragen haben, aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung
-einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Mann zuschreiben zu
-müssen.
-
-Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor
-Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren
-nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten
-bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben, denn die schrecklichste
-Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war anständig,
-freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite liegen,
-wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man einander
-die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die Salatiere
-darzubieten habe, wußte jeder, »aber das Genie, ich meine den Geist«,
-wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher aus.
-
-Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor
-dem Hotel herab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen
-überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und
-Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über
-das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem
-Fenster.
-
-Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft
-schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock noch
-hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier
-Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt hätte.
-
-»Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen,«
-dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen,
-stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete.
-
-»Zimmer vakant?« rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.
-
-»So viele Euer Gnaden befehlen,« war die Antwort des Giganten.
-
-Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat
-in die Halle.
-
-»Nr. 12 und 13!« rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean
-und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.
-
-Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
-heraussteigen.
-
-Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er
-hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.
-
-»Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort!« rief ich hinab, »wer war denn --«
-
-»Werde gleich die Ehre haben,« antwortete der Gefällige und trat bald
-darauf in mein Zimmer.
-
-»Eine sonderbare Erscheinung,« sagte ich zu ihm; »ein schwerer Wagen
-mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung.«
-
-»Gegen alle Regel und Erfahrung,« versicherte jener, »ganz sonderbar,
-ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,
-denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein
-Engländer von Profession, die haben alle etwas Apartes. --«
-
-»Wissen Sie den Namen nicht?« fragte ich neugieriger, als es sich
-schickte.
-
-»Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben,« antwortete
-jener; »haben der Herr Doktor sonst noch etwas --?«
-
-Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ
-mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen
-allein.
-
-Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir
-vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum
-gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor
-mich hintrat, mir solche präsentierend.
-
-»von Natas, Partikulier,« stand aufgeschrieben. »Hat er noch keine
-Bedienung?« fragte ich.
-
-»Nein,« war die Antwort, »er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn
-aber weder aus- noch ankleiden dürfen.«
-
-Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
-niedergelassen, ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr von
-Natas.
-
-Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir
-jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah.
-
-Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Auge und der volle Bart von
-glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen
-oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche.
-War er alt? war er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn bald
-schien sein Gesicht mit jenem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem
-Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu
-dem mutwilligen Auge hinauf zieht, früh gereifte und unter dem Sturm
-der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man
-einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch
-eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß.
-
-Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu _einer_ Körperform passen und
-sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es Sinnentäuschung
-sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form, wie sie die Natur
-gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere Mischung denken
-könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten, wohlbeleibten
-Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen, schlanken,
-zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die gedankenschnelle
-Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um den Mund,
-im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten, drückte sich auch in dem
-Körper durch die würdige, aber bequeme Haltung, durch die schnelle,
-runde, beinahe zierliche Bewegung der Arme, überhaupt in dem leichten,
-königlichen Anstande des Mannes aus.
-
-So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich
-hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu
-machen, ohne dem interessanten vis-a-vis durch neugieriges Anstarren
-beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch mehrere
-Beobachtungen zu veranlassen, denn von dem obern Ende der Tafel waren
-diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender Bewegung;
-mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen höchstens mit
-bloßem Auge gemustert.
-
-Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen Tafelmusik
-ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er kam an den
-Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine Münzensammlung und
-flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen
-Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen und schritt
-eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden aufs neue
-gestimmt.
-
-Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor gab
-das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die herrliche
-Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in seinen
-Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald bemerkte
-ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern rastlos
-umherlief, -- es war offenbar, er musterte die Gesichter der Anwesenden
-und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie machte.
-
-Wahrlich! dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu
-verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern
-oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die größere oder
-geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen
-wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der
-Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern
-der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester
-und straffer.
-
-Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen, als die
-Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des
-Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche
-Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch
-über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.
-
-Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in
-der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach
-näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte, wie; denn der
-Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle
-ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille
-gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse
-gehört oder gelesen zu haben.
-
-Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen
-auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten
-und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten
-einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen
-sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie
-unter Menschen sich befinden, die der Zufall aus allen Weltgegenden
-zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die
-Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
-seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum ~maître de
-plaisir~ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche
-Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber
-schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen
-gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation
-führte.
-
-Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben
-getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte
-jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen,
-auf leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel,
-mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer,
-schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in so
-fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als daß
-man sich »göttlich« amüsiert habe.
-
-Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit
-entfernt, je ins Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend einen
-Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte das
-Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste Eigentümlichkeit
-zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften Witz, durch seine
-warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von dem tiefsten
-Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune streifte,
-welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der feinen Grenze
-des Anstandes gaukeln.
-
-Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein,
-wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu hohngesprochen,
-das Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte
-geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte,
-reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das üppige
-Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unsrer schönen Damen nur
-noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht widersprechen;
-seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie
-umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen Hypothesen
-schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Der schauerliche Abend.
-
-
-So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwölf bis fünfzehn Herren
-und Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle
-waren ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner den Gedanken an
-die Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn
-wir morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
-gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
-schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um
-den Fuß geschlungen zu haben.
-
-Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem
-sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr von
-Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner entschuldigten ihn
-mit einer kleinen Reise; er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen,
-aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar da sein.
-
-Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese
-Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel
-zusammengebunden, und man befehle uns, zu fliegen.
-
-Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine
-auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir
-nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer
-andern Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet;
-so abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er
-sich mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich
-mich nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blick
-hauptsächlich, große Aehnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder
-Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
-von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um
-sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens
-fatal, denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein
-bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken
-nicht los werden, Natas habe die größte Aehnlichkeit mit ihm, ja, es
-sei eine und dieselbe Person.
-
-Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden
-Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften
-Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserm Freunde,
-der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch
-unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine
-Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten unter
-einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu
-haben.
-
-»Sie könnten einem ganz bange machen,« sagte die Baronin von Thingen,
-die nicht weit von mir saß, »Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum
-ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!«
-
-Ein kleiner, ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen
-sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still
-vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer
-»vergleichenden Anatomie«, wie er es nannte, still vor sich hin
-gelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose zwischen
-den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war.
-
-»Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge
-halten,« brach er endlich los, »wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte
-ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz
-absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und
-da der Gedanke in mir aufblitzen: ›Den hast du schon gesehen, wo war es
-doch?‹ aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück, wenn er
-mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge erfaßte.«
-
-»So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch,« riefen wir alle
-verwundert.
-
-»Hm! he, hm!« lachte der Professor. »Jetzt fällt es mir aber von den
-Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor zwölf
-Jahren in Stuttgart gesehen habe.«
-
-»Wie, Sie haben ihn gesehen, und in welchen Verhältnissen?« fragte Frau
-von Thingen eifrig und errötete bald über den allzugroßen Eifer, den
-sie verraten hatte.
-
-Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: »Es
-mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses
-einige Monate in Stuttgart zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten
-Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft
-an der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen
-ich das Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch.
-Man sprach sehr eifrig von und über einen gewissen Herrn Barighi,
-der seit einiger Zeit die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz,
-durch seine Gewandtheit in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob
-waren alle einstimmig, nur über seinen Charakter war man nicht recht
-einig, denn die einen machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem
-Sprachmeister, die dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu
-einem Spion. Die Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den
-Streit so laut geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich
-eingefunden habe, und sah --
-
-»Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns -- denselben, der uns seit
-einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts
-Uebernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns
-Herr Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche
-Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs
-unterbrach: ›Meine Herren,‹ sagte der Höfliche, ›bereiten Sie sich auf
-eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zu teil werden wird, vor:
-der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen ein.‹
-
-»Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer
-Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem
-Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ›Gerade dem Speisesaal
-gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem großen, öden
-Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer anständigen
-Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.
-
-»›Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
-Gewohnheiten, wie z. B. daß er sich selbst oft große Gesellschaft gibt,
-wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Couverts aus dem Wirtshaus
-kommen, feine Weine hat er im Keller, und einer oder der andere
-unsrer Markeurs hat die Ehre, zu servieren. Man denkt vielleicht, er
-hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich? Mit nichten!
-alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz, liegen auf
-den Stühlen, dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den
-lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding
-soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen Kellner dazu
-braucht, denn wer _einmal_ bei einem solchen Souper war, geht nicht
-mehr in das öde Haus.
-
-»›Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort
-schwört Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den
-andern Tag nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des
-Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den
-andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest
-verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.
-
-»›Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr
-täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster
-und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten.
-
-»›Wem gehört das Haus da drüben?‹ fragt er dann den Wirt.
-
-»Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ›Dem Herrn
-Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.‹«
-
--- »Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit
-unserm Natas zusammen?« fragte ich.
-
-»Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor,« antwortete jener,
-»es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer beschaut
-also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre. ›Ach!
-Derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?‹ fragt er dann,
-reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und schreit
-›Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!‹
-
-»Natürlich antwortet niemand, er aber sagt dann: ›Der Alte würde es mir
-nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,‹ nimmt Hut und Stock,
-schließt sein eignes Haus auf, und so geht es nach wie vor.
-
-»Wir alle,« fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, »waren sehr
-erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich
-auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,
-ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Spaß mit dem
-Oberjustizrat vorhabe.
-
-»Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und
-belagerten die Fenster. Eine alte baufällige Chaise wurde von zwei
-alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem Wirtshaus.
-›Das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,‹ tönte es von aller Mund,
-und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich unser, als
-wir das Männlein, zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen Röcklein
-angetan, einem mächtigen Meerrohr in der Hand, aussteigen sahen. Ein
-Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so gelangte er
-ins Speisezimmer.
-
-»Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als
-damals, denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte,
-geradesweges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt
-im Schwanen recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte
-Barighi verschwunden sein, denn als der Oberjustizrat aufstand und sich
-auch die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
-sehen.
-
-»Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
-Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und
-unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren
-geschlossen, zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben.
-
-»›Ein hübsches Haus da drüben,‹ begann der Alte zu dem Wirt, der immer
-in der dritten Stellung hinter ihm stand. ›Wem gehört es?‹ -- ›Dem
-Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.‹
-
-»›Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?‹ rief
-er aus. ›Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine
-Anwesenheit kundtäte.‹ Er riß das Fenster auf: ›Hasentreffer --
-Hasentreffer!‹ schrie er mit heiserer Stimme hinaus. -- Aber wer
-beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir
-wohl verschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich
-öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der Oberjustizrat
-Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen Mütze, unter welcher
-wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu
-Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen des bleichen Gesichts
-war der gegenüber der nämliche, der bei uns stand. Aber Entsetzen
-ergriff uns, als der im Schlafrock mit derselben heiseren Stimme über
-die Straße herüberrief: ›Was will man, wem ruft man? he!‹
-
-»›Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?‹ rief der auf unserer
-Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend
-am Fenster hielt.
-
-»›Der bin ich,‹ kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem
-Kopfe; ›steht etwas zu Befehl?‹
-
-»›Ich bin er ja auch,‹ rief der auf unserer Seite wehmütig, ›wie ist
-denn dies möglich?‹
-
-»›Sie irren sich, Wertester!‹ schrie jener herüber, ›Sie sind der
-dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß
-ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.‹
-
-»›Kellner, Stock und Hut!‹ rief der Oberjustizrat, matt bis zum
-Tod, und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen
-Brust herauf. ›In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele; --
-vergnügten Abend, meine Herren!‹ setzte er hinzu, indem er sich mit
-einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ.
-
-»›Was war das?‹ fragten wir uns. ›Sind wir alle wahnsinnig?‹ --
-
-»Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster hinaus,
-während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die Straße
-stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus der
-Tasche, riegelte -- der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu --
-riegelte die schwere, knarrende Haustüre auf und trat ein.
-
-»Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück, man sah, wie er dem
-unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.
-
-»Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen
-und zitterten. ›Meine Herren,‹ sagte jener, ›Gott sei dem armen
-Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.‹ --
-Wir lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein
-Spaß von Barighi sei, aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das
-Haus gehen können, außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln des
-Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an
-der Tafel gesessen, wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende
-Maske anziehen können, vorausgesetzt auch, er hätte sich das fremde
-Haus zu öffnen gewußt. Die beiden seien aber einander so greulich
-ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht
-hätte unterscheiden können. ›Aber um Gottes willen, meine Herren, hören
-Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?‹
-
-»Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen tönten aus
-dem öden Hause herüber, einigemal war es uns, als sähen wir unsern
-alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am
-Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.
-
-»Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag,
-hinüberzugehen; alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die
-große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich
-niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der
-Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der
-Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren
-verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag
-der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche
-Frisur schrecklich zerzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.
-
-»Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo
-jemals eine Spur gesehen.«
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Der schauerliche Abend.
-
-(Fortsetzung.)
-
-
-Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile
-still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich,
-ich wollte das Gespräch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn
-bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform,
-wenn ich nicht irre ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.
-
-»Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzähligemal für
-einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte
-anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem
-Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechselung weniger bei jenen
-platten, alltäglichen nichtssagenden Gesichtern, als bei auffallenden,
-eigentlich interessanten vorkommt.«
-
-Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen,
-aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres
-Natas. »Jeder von uns gesteht,« sagte er, »daß er dem Gedanken Raum
-gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort
-gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender
-Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins
-Gedächtnis zu prägen.«
-
-»Sie mögen so unrecht nicht haben,« entgegnete Flaßhof, ein preußischer
-Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei Tage bei uns
-gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurückzukehren. »Sie
-mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen
-Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung
-spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt und
-weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei dicker war als
-ich und auch sonst nicht die geringste Aehnlichkeit in Kleidung und
-Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte ich alle Tage
-den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und Lichtputzern als Herr
-Michele d'Agata angeredet zu sein und lange Klagen über schlechte
-Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen. Selten gingen sie
-überzeugt von mir weg, daß _ich_ nicht Michele d'Agata sei. Einst
-besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an:
-›Herr Agata‹. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrüßt
-und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl
-kannte. ›Guten Abend, Herr Agata,‹ war sein Gruß, indem er vorüberging.
--- Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.«
-
-Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden
-Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt
-hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort, man stritt sich um
-das Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichterschnitt zu
-haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und
-auf das Auge insbesondere, man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
-Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
-wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der
-Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu
-betrachten.
-
-»Welch ein leichtsinniges Volk,« seufzte er, »ich habe sie jetzt soeben
-gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten in
-keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus
-hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche,
-als ob der Versucher nicht immer umherschliche.«
-
-Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. »Noch
-nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt,«
-sagte ich; »aber Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre kühnen
-Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich
-denn wirklich ein, dieser harmlose Natas ...«
-
-»Harmlos nennen Sie ihn?« unterbrach mich der Professor, heftig meine
-Brust anfassend, »harmlos? Haben Sie denn nicht bemerkt,« flüsterte er
-leiser, »daß alles bei diesem feinen ... Herrn berechneter Plan ist? O,
-ich kenne meine Leute!«
-
-»Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?«
-
-»Haben Sie nicht bemerkt,« fuhr er eifrig fort, »daß der gebildete Herr
-Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm fünf
-Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern nacht
-fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den abgefeimten Spieler
-einen Mann von den nobelsten Sentiments und schwört auf Ehre, er müsse
-über die Hälfte wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er keine
-Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den Oekonomierat gekörnt
-hat?«
-
-»Ich habe wohl gesehen,« antwortete ich, »daß der Oekonomierat, sonst
-so moros und misanthrop, jetzt ein wenig aufgewacht ist, aber ich habe
-es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben.«
-
-»Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften umher
-und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder Liederlich zu
-werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet einen großen
-Wurm im Leib zu haben und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen
-exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn dieser Wundermann
-erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht wie ein anderer
-vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll seine Jugend,
-wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt, genießen, viel Wein
-trinken etc., und das ~et cetera~ und den Wein benützt er seit vier
-Tagen ärger als der verlorne Sohn.«
-
-»Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich
-und dem Leben wiedergeschenkt --«
-
-»Nicht davon spreche ich,« entgegnete der Eifrige, »der alte Sünder
-könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem
-nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich
-habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon
-zusehends.«
-
-Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der
-liebe Brotneid schaute nicht undeutlich heraus. --
-
-»Und unsere Damen,« fuhr er fort, »die sind nun rein toll. Mich dauert
-nur der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen
-soll er hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man
-je gehört, daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer
-glücklichen Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden
-Menschen einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!« --
-
-»Wie? die schöne, bleiche Frau dort!« rief ich aus. --
-
-»Die nämliche bleiche;« antwortete, er, »vor vier Tagen war sie noch
-schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der
-Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie ~Rouge fin~ kaufen
-wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt ~bon
-ton~), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie
-habe ein so interessantes ~je ne sais quoi~, das zu einem blassen Teint
-viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nächsten
-Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade dort, um ein
-Pfeifenrohr zu erstehen, da höre ich sie mit ihrer süßen Stimme den
-rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das Weiß nicht
-noch etwas _ätherischer_ habe? Hol' mich der T...! hat man je so etwas
-gehört?«
-
-Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, so
-suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon
-etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es
-aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst.
-Von der Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte ich zwar
-nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen
-weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung daraus zu
-erläutern.
-
-Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang
-geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke
-des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. »Himmel,«
-seufzte er, »und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher
-Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden
-Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß
-geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen
-Formen der schwellenden --«
-
-»Herr Professor!« rief ich, erschrocken über seine Ekstase, und
-schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. »Sie geraten außer sich,
-Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?«
-
-»Er hat sie auch,« fuhr er zähneknirschend fort. »Haben Sie nicht
-bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte?
-Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe -- sie hat alles, um
-eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der
-literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen --
-Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir neulich
-der Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn
-vorgestern nacht aus ihrem Zimmer ...«
-
-»Ich bitte, verschonen Sie mich,« fiel ich ein, »gestehen Sie mir
-lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel
-gebracht hat.«
-
-»Das ist es eben,« antwortete der Gefragte verlegen lächelnd, »das ist
-es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er brachte
-einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte
-so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf schwindelte. Ich möchte
-ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht
-mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nähe, und doch könnte
-ich ihm mit Freuden Gift beibringen.«
-
-Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und
-fuhr damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie
-Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu
-richten.
-
-Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht
-ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber er
-ließ mich nicht zum Worte kommen.
-
-»Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,«
-rief er, »um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer
-und hast eine feine Nase; aber ein ...r Professor, wie ich, der sogar
-in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens
-deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine
-feinere als du.«
-
-Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen
-schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und
-glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich
-ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu
-zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder
-das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen, denn als er
-sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster
-dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen
-Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.
-
-Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug
-der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war,
-ward die Türe aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes
-in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die Gesellschaft, als
-wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte
-zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick
-auszuhalten vermochte.
-
-Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber,
-neben der Frau von Thingen Platz genommen und die Leitung der
-Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor
-nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen,
-diesen Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz
-im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von
-Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter
-des Oekonomierats so viel Verbindliches zu sagen wußte, daß sie
-einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer
-Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen auf
-seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.
-
-»Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch -- meiner Seel'!
-aller Ehre wert,« brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch
-seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor
-dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er
-an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine
-Mauer, neben seine Schöne, doch diese schien nur Ohren für Natas zu
-haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
-»übermorgen,« und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine
-sehr zerstreut, meinte sie »1 fl. 30 kr. die Elle.«
-
-Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor,
-der nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles
-wieder gut machen, ja, durch ein paar ~ottave rime~ sich sogar bei der
-Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder
-Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil;
-denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem
-überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik
-zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.
-
-Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit
-der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken zwischen
-Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer schönen,
-runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um
-beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber
-kredenzte die gefüllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen
-Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig so viel als möglich
-Abbruch zu tun, unverkennbar war.
-
-Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
-verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu
-färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit
-einemmal, als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des Anstands
-herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder,
-das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man lachte und
-jauchzte und wußte nicht über was? Man kicherte und neckte sich, und
-der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit Küssen in
-Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich
-vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte. Wirklich, es war Natas, der
-dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser
-alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelächter ausbrach.
-
-»Nicht wahr, meine Herren und Damen,« schrie der Punsch aus dem
-Professor heraus, »Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser verehrter
-Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet
-ist? Sie schweigen? Ist das auch Räson, einen so im Sand sitzen zu
-lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige Frau! Sagen
-Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!«
-
-Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer
-Verlegenheit. »Ich erinnere mich,« gab ich zur Antwort, als alles
-schwieg, »von interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen
-gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas
-aufgeführt.«
-
-Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn
-unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder
-alles.
-
-»Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!« sagte er, »ich behauptete,
-daß mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei, und erzählte, wie Sie in
-Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie noch,
-gnädiger Herr?«
-
-Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer
-umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner
-Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein
-älterer, unheimlicher Mensch.
-
-»Da hat man's ja deutlich,« rief der Professor, »dort läuft er als
-Barighi umher.«
-
-»Barighi?« entgegnete Frau von Trübenau. »Bleiben Sie doch mit Ihrem
-Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da
-hereingekommen ist.«
-
-»Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau,« unterbrach sie
-der Oberforstmeister, »es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in
-Wiesbaden letzten Sommer associiert war.«
-
-»Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann,« sprach Frau von Thingen, den
-auf und ab Gehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, »es ist
-ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre
-beibringt.«
-
-»Warum nicht gar!« brummte der alte Oekonomierat, »es ist der lustige
-Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D--n
-verschaffte.«
-
-»Ach! Papa,« kicherte sein Töchterlein, »jener war ja schwarz, und
-dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der
-sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?«
-
-»Hol' mich der Kuckuck und alle Wetter,« schrie der preußische
-Hauptmann, »das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir
-mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich
-morgen, gleich jetzt.« Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig
-auf und ab Gehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm:
-»Bleiben Sie weg, Wertester!« schrie er, »ich hab's gefunden, ich hab's
-gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der _Satan_!«
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Das Manuskript.
-
-
-So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend noch
-in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich auf
-alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen Schlaf
-gewesen sein, denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und fragte,
-indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der Kaffee
-gefällig sei?
-
-Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
-hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei?
-
-Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das
-müsse ich besser wissen als er.
-
-»Ah! ich erinnere mich,« sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
-verbergen, »nach der Abendtafel ...«
-
-»Verzeihen der Herr Doktor,« unterbrach mich der Geschwätzige. »Sie
-haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15.«
-
-»Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon
-auf?«
-
-»Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?« fragte der
-Kellner.
-
-»Kein Wort;« versicherte ich staunend.
-
-»Er läßt sich Ihnen noch vielmals empfehlen, und Sie möchten doch in T.
-bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen
-Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt.«
-
-»Aha, ich weiß schon,« sagte ich, denn mit einemmal fiel mir ein Teil
-des gestern Erlebten ein. »Wann ist er denn abgereist?«
-
-»Gleich in der Frühe,« antwortete jener, »noch vor dem Oekonomierat und
-dem Oberforstmeister.«
-
-»Wie? so sind auch diese abgereist?«
-
-»Ei ja!« rief der staunende Kellner, »so wissen Sie auch das nicht?
-Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau --«
-
-»Sie sind auch nicht mehr hier?«
-
-»Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren,«
-versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht
-träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem
-Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.
-
-»Und Herr von Natas?« fragte ich kleinlaut.
-
-»Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen
-wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Nun, bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber
-auch dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen
-verstünde?«
-
-»Zur Ader lassen? Herr von Natas?«
-
-»Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und
-haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir.«
-
-Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: »Es mochte kaum elf Uhr
-gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei --«
-
-»Was für eine Geschichte mit der Polizei?«
-
-»Nun, Nr. 15 ist vornheraus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort
-ein ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte
-abbieten, Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn
-Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weiter gingen.
-Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau
-herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich denken,
-wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf und zwölf
-Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe begegnet uns Herr von
-Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, hört kaum,
-wo es fehlt, so springt er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe fünf
-Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der Lanzette eine
-Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang. Sie schlug die
-Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl, doch versprach Herr von
-Natas, bei ihr zu wachen.«
-
-»Ei! was Sie sagen, Jean!« rief ich voll Verwunderung.
-
-»Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von
-neuem los. Auf Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in
-Kassel. Des Herrn Oekonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfälle
-bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben, denn er sprach
-vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten nichts
-anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu nehmen. Er
-hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem Kammermädchen zu
-wachen; aber lieber Gott, geschlafen muß er haben wie ein Dachs, denn
-wir pochten drei-, viermal, bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze
-war nun gar nicht zu erwecken.«
-
-»Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?«
-
-»Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit
-aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben.«
-
-»Armer Professor!« dachte ich, »dein hübsches Röschen mit ihren
-sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein
-Pflaster auf das pochende Herz pappend.«
-
-»Der Herr Papa Oekonomierat war wohl sehr angegriffen durch die
-Geschichte?« fragte ich, um über die Sache ins klare zu kommen.
-
-»Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
-Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es läutet im zweiten
-Stock, und das gilt mir.« Er sprach's und flog pfeilschnell davon.
-
-So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wußte
-ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich
-zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; was
-es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.
-
-Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn ich recht nachsann,
-mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in meiner
-Erinnerung umher -- am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn
-um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.
-
-Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen
-Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:
-
- »Euer Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor
- meiner Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist,
- mich noch einmal besuchen wollten.
-
- von _Natas_.«
-
-Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
-zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner gewinnenden
-Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein unverkennbarer Zug von
-Ironie, der heute um seinen Mund spielte, und den ich sonst nicht an
-ihm bemerkt hatte.
-
-Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
-ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir,
-daß ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden
-Blick, was ich noch von gestern nacht wisse?
-
-Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie
-herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.
-
-Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen
-Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien
-alle, sogar der morose Oekonomierat, dorthin gereist; ihn selbst aber
-rufen seine Geschäfte den Rhein hinab.
-
-Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er dem starken
-Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele
-medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen
-helfen zu können.
-
-Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte
-von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas
-hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns so lange hier
-gefesselt.
-
-»Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?« fragte er mich, während wir
-den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.
-
-»Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?« antwortete ich
-ihm. »Ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald
-genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff daher
-einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder Nationen
-fürs liebe deutsche Publikum.«
-
-Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte
-mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren eines berühmten
-Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu übersetzen?
-»Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren können, ist es eine leichte
-Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde und das
-Manuskript im Hochdeutschen abgefaßt ist.«
-
-Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren
-verstand ich früher und hoffte es mit wenig Uebung vollkommen zu
-lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf und
-überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die Zeichen
-krochen mir vor dem Auge umher, wie Ameisen in ihren aufgestörten
-Hügelchen, aber er gab mir den Schlüssel seiner Geheimschrift, und die
-Arbeit schien mir noch einmal so leicht.
-
-Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für seine
-Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die
-er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentüre
-schloß sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an,
-und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern
-des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von
-gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.
-
-Als ich die Treppe hinaufstieg, händigte mir der Oberkellner einen
-Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu
-übergeben befohlen, ich riß ihn auf --
-
- »Verehrter, Wertgeschätzter!
-
- Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle
- des brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich
- Lebewohl, weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie
- härter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken sind. Daß
- unser fröhliches Zusammenleben so schauerlich endigen mußte!
- Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja klar, daß
- dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan war!
-
- Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick über die Schulter
- und liest, was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht. Den
- armen Oekonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau,
- meine schöne Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister
- hat er in seinem Netz. Gott gebe, daß er Sie nicht auch
- geködert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe allzu
- tief eingebissen in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel.
- Ich reiße mich los und mache, daß ich fortkomme.
-
- Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr.«
-
-Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der
-Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem
-es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mußten des Teufels
-Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.
-
-Wer stand mir aber dafür, daß die Schriftzüge mir nicht durch die Augen
-ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte ich mich
-nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans
-machte, unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?
-
-Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor
-nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von
-irgend einem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen.
-Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen
-in sein ewiges Reich gehaudert, oder hatte er mich in den April
-geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher
-
-In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
-angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid,
-ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript
-Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine
-Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die
-Kirche. ~Probatum est~; am Montag fing ich an zu dechiffrieren und habe
-noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch an mir
-bemerkt.
-
-Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört.
-Der Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu
-glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu
-geben, der ihn zu einem _Berzelius_ machen will. Der Hauptmann soll
-sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schöne Witwe, hat,
-nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten, vor nicht gar langer
-Zeit wieder geheiratet.
-
-
-
-
-Die Studien des Satan auf der berühmten Universität ...en.
-
- »Betrogene Betrüger! Eure Ringe
- Sind alle drei nicht echt; der echte Ring
- Vermutlich ging verloren.«
-
- Lessings Nathan III. 7.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Einleitende Bemerkungen.
-
-
-Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons
-der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der
-Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von
-Memoiren, urteilt über Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es
-könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf
-der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um
-den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen
-Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt
-haben, die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
-Bedeutsamkeit verliehen.
-
-Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza,
-wo sie, wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf dem Haupt zu
-Bette gingen, erhoben zu haben, nicht zufrieden damit, daß sie auf
-Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um sich
-gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren für
-ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die Mitwelt
-ist zur Nachwelt geworden, man hat ihr einen neuen Maßstab, wonach sie
-die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es sind die Memoiren.
-
-Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel
-jenes Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der
-Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern
-glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche,
-haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie
-es Männern von solchem Gewichte ziemt, als Ich, bauen aus ihren
-Memoiren ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne
-auf der Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie
-die Kulissen, Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und
-ihre lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie in den
-Hintergrund als Figuranten auf, sie selbst aber spielen ihre Sulla oder
-Brutus würdig des unsterblichen Talma.
-
-~Mundus vult decipi~, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich ab,
-denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen vorzusetzen?
-
-Man wendet vielleicht ein: »Der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der
-Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben.«
-
-Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte,
-Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr
-gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen
-Krieger, welche die Welt mit ihrem _literarischen_ Ruhme anfüllen,
-nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört haben; wenn nun
-dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch für einen ~homo
-literatus~ zu gelten?
-
-Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben
-Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin,
-zu schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit
-Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt sein?
-
-Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen
-meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann
-vom Gewerbe etc. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche,
-wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,
-anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des
-Lagers, die, unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut,
-keine Zeit hatten, Humaniora zu studieren und dennoch so glänzende
-Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das Vorurteil, ich sei
-ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin ~in optima
-forma~ Doktor der Philosophie geworden, wie aus meinen Memoiren zu
-ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß aufweisen.
-
-Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren
-auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene
-vor den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich
-übel wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar
-neuerdings selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig
-hart mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit,
-daß das Sprichwort ~clericus clericum non decimat~ füglich auch auf
-mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich
-ja doch schon im Alten Testament _Satan_, ~adversarius~, das ist
-Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den schlagendsten
-Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort werde ich διαβολος
-oder Verleumder genannt; da nun διαβαλλειν so viel sei als ~acerbe
-recensere~, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik habe, den Schluß
-von selbst ziehen können.
-
-Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner
-Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art
-nicht fehlen könne.
-
-Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren
-vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede
-finden, das den Werken tiefdenkender Geister so eigen zu sein pflegt.
-Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben
-auf der Erde finden und den innern Zusammenhang vermissen.
-
-Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein
-Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen
-soliden Buchhandlungen Deutschlands.
-
-Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und
-seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber
-reflektiert; wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf
-ihn oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn
-er berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge
-vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt
-zu haben, sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,
-die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem gelehrten Publikum
-als Schriftsteller aufzutreten.[1]
-
- [1] Was der Satan hier ernsthaft und gelehrt spricht! Er
- gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat der
- Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt.
-
- Anm. d. Herausgebers.
-
-Ueber Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende
-Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu
-sagen sein könnte, habe ich in dem Abschnitt »Besuch bei Goethe«
-ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.
-
-Fleißige Leser, d. i. solche, die Bogen für Bogen in einer
-Viertelstunde durchfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt
-nicht überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen
-eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber
-nichts zu sagen als, sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich
-langweilen.
-
-Ehe mein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat
-der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es
-scheint mir nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;
-man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er
-über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er
-nur angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei, aber
-dem Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene
-enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.
-
-Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie
-z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,
-was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens
-mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste ist.
-Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe jeder
-Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und fand, daß
-er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit angehören, und
-nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von zehn, zwanzig
-Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute Schule gehabt
-haben muß.
-
-Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel
-wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt von jedem einzelnen
-Kapitel vorangesetzt.
-
- _Der Herausgeber._
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Wie der Satan die Universität bezieht, und welche Bekanntschaften er
-dort machte.
-
-
-Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe
-es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zu Grunde; man
-glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen
-philosophischen Waghälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir
-nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom
-gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn
-dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch
-immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und
-Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.
-
-Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit
-hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an
-keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar
-meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand
-in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube
-an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde
-gehört: »~Anathema sit~, _er glaubt an keinen Teufel_.«
-
-Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf
-den vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer
-Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester zu
-Semester systematisch traktiert.
-
-Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
-zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich
-einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein guter
-Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas Medizin
-fehle; zwar, als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen Kursus
-bei Mesmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht. Aber
-damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden Sprichwörter,
-die in Deutschland kursieren: _ein dummer Teufel_, _ein armer Teufel_,
-_ein unwissender Teufel_, was offenbar auf meine vernachlässigte
-wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.
-
-Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom
-Himmel gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu
-studieren und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß
-ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen Erfolg
-versprach. Ich wählte ...en und zog im Herbst des Jahrs 1819 daselbst
-auf.
-
-Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem
-neuen Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war _von Barbe_, meine
-Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel mit,
-hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als Neuling
-oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte schon
-allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.
-
-Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter,
-den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf
-Leben und Tod am Arm hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe; wäre
-ich Kavalier, so würde ich auf Ehre! versichern und »Hol' mich der
-Teufel« als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn »Auf Ehre« und »Hol'
-mich der Teufel« verhalten sich zu einander, wie der ~Spiritus lenis~
-zum ~Spiritus asper~), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole als
-Satan geben.
-
-Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
-folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam;
-wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an
-Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz
-verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von
-Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über
-Burschenschaften und Landsmannschaften etc., ward aber noch nicht recht
-klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half
-mir aus der Not. Ich nahm in F. einen Platz in einer Retourchaise; mein
-Gesellschafter war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die
-Medizin legte. Er hatte das ~Savoir vivre~ eines alten Burschen, und
-ich befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt
-zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.
-
-Es war ein großer wohlgewachsener Mann von vier- bis fünfundzwanzig
-Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Mode
-zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,
-es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich,
-solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht
-war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge
-hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es; das
-Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart wucherte
-von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein
-vom Bier geröteter Henriquatre.
-
-Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich, die
-Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten; das Auge
-blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gegenstand mit einer
-Hoheit, einer Würde, die eines Königsohnes würdig gewesen wäre.
-
-Ueber die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn konnte
-ich nicht recht klug werden, denn sie staken tief in der Krawatte.
-Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt
-gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig einen halben
-Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich, ohne ein
-Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein
-exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, auf welchem
-der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben Rock, den
-er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried nannte, und
-welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser _Gottfried
-Flaus_ reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich eng um den
-ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte
-sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut versehen sein
-müsse.
-
-Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt schlossen sich
-an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten
-ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.
-
-Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form
-eines umgekehrten Blumenscherben gehängt, das er mit vieler Kunst gegen
-den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie wenn man
-mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt zudecken wollte.
-
-Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um
-nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn
-Bruder gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte
-ihm daher seine Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge,
-soviel es ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der
-ersten Stunde auffallend vor dem »Philister und dem Florbesen«, auf
-deutsch einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsre übrige
-Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde
-hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich
-schon einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ...en
-einfuhren, hatte er mir versprochen, eine »fixe Kneipe«, das heißt,
-eine anständige Wohnung auszumitteln, wie auch mich unter die Leute zu
-bringen.
-
-Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem
-Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele
-zu folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken.
-Die ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen
-Mützen bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi
-hier versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang
-des Semesters einzutreffen pflegen, nach gewohnter Weise zu empfangen.
-Würger, der alte, »längst bemooste« Bursche, hatte sich schon unterwegs
-mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für »Füchse« halten
-werden, und wirklich traf seine Vermutung ein.
-
-Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern herab;
-sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt:
-
- »Was kommt dort von der Höh'?«
-
-Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch der Chaise,
-und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein furchtbares
-Haupt und schrie zu den Fenstern empor: »Was schlagt ihr für einen
-Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß zwei alte Häuser aus diesem
-Philisterkarren gestiegen kommen?« (Auf deutsch: Lärmt doch nicht so
-sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß zwei alte Studenten aus dem Wagen
-steigen.)
-
-Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner: »Würger!
-Du altes, fideles Haus!« schrien die Musensöhne und stürzten die
-Treppen herab in seine Arme; die Raucher vergaßen ihre langen Pfeifen
-wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der
-Hand. Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den
-Angekommenen.
-
-Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der
-ich bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten
-und angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit
-herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem
-Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste Häupter
-an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und ein Fuchs
-mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.
-
-So war ich denn in ...en als Student eingeführt, und ich gestehe,
-es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein
-offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in den Fesseln der
-Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen,
-man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,
-daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht
-wundern, daß ich mich vom Anfang gar nicht recht in die Konversation
-zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (~Termini
-technici~), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben habe,
-viel zu schaffen; ich verwechselte oft »Sau,« das Glück, mit »Pech«,
-das Unglück bedeutet, wie auch »holzen«, mit einem Stock schlagen, mit
-»pauken«, mit andern Waffen sich schlagen.
-
-Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von Hunden,
-Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel man hinter
-dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, von welchen
-ich anfangs wenig oder gar nichts verstand, ich merkte mir aber die
-Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation
-gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene: »Freiheit,
-Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit.«
-
-Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich _teufelmäßige_
-Sprünge machen konnte, da ich mir sogar nach und nach langes Haar
-wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte und einen zierlich
-ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte, mich auch
-auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder, daß ich bald
-in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluß
-so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten zu leiten und
-zu erziehen und sie für die Welt zu gewinnen.
-
-Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein
-gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte
-und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte.
-Wenn ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,
-Frankfurt etc. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem
-Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren schönen,
-hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand, ihre nicht
-geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzsaal, nur zu
-überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem Witz, zu feinem
-Spott, der das Leben würzt und aufregt, anwenden sah, wenn ich sie,
-statt schönen Mädchen nachzufliegen, in die Kirche schleichen sah,
-um einen ihrer orthodoxen Professoren anzuhören, so konnte ich ein
-widriges Gefühl in mir nicht unterdrücken.
-
-Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige
-Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche
-Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,
-daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe.
-Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre,
-musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn
-die Schäflein drin waren und der Küster den Stall zumachte, mit den
-Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die
-Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder Professor N. in der
-Kirche seine Zuhörer.
-
-Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partie auf meiner
-Seite. Die Frömmeren schrieen von Anfang über den rohen Geist, der
-einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Bursche seien;
-aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,
-daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden,
-und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtür zu sein;
-aber bis hierher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als
-je, es wurde viel getrunken, ja, es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im
-Trinken zu halten, man wird es kaum glauben, es gab sogar eigentliche
-Kunsttrinker!
-
-Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die
-Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre »Altvordern« auch durch
-Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen
-verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von
-Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den
-Feineren, Gebildeteren war es natürlich vom Anfang auch ein Greuel,
-ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in
-seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:
-
-»Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem
-schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
-stärkendem Schlammbad sei, um die Ueberfeinerung abzuwenden, mit der
-jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die
-Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein
-gewisses barbarisches Mittelalter, das sogenannte Burschenleben --
-gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht
-über die Grenze geht.«
-
-Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle meinen
-herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was konnten
-die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in die
-schwarzgerauchte Kneipe, »verschlammten« sich recht tüchtig in dem
-»barbarischen Mittelalter« und hatten kraft ihres inwohnenden Genies
-meine älteren Zöglinge bald überholt.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.
-
-
-Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und leben
-machte, vergaß ich auch das ~Dic cur hic~ nicht und legte mich mit
-Ernst aufs _Theoretische_. Ich hörte die Philosophen und Theologen und
-hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und Medizinern. Ich hatte,
-um zuerst über die Philosophen zu reden, von einem der hellsten Lichter
-jener Universität, wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft sagen
-hören, _der Kerl hat den Teufel im Leib_. Eine solche geheimnisvolle
-Tiefe, wollte man behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche
-Gedrungenheit des Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch
-nicht gefunden worden in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich
-feierlich vor jenem Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe
-schon viel ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII.
-31 und 32 in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen? --
-Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben!
-
-Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
-war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man
-mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare
-kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch.
-Er aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine
-himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
-angepinselt hatte. Auf dieser kletterte er nun zum blauen Aether hinan,
-versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
-stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte hinein
-in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen Grasboden noch
-viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho Pansa, als er auf
-dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die Erde so groß wie ein
-Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich -- nichts.
-
-Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von
-Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit
-sich keines verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte
-ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr verstanden.
-
-Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über
-die Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei,
-und die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal
-zwei vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und
-wanderte seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren
-Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,
-Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt aussandten.
-
-Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so bewandten
-Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo man über
-die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich so viel
-Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein Fegfeuer zu
-deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele auf eine große
-schwarze Tafel und sagte: »So ist sie, meine Herren!« Damit war er aber
-nicht zufrieden, er behauptete, sie sitze oben in der Zirbeldrüse.
-
-Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
-Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der
-Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich zog mich
-ganz schwarz an, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
-trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
-zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser
-Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentarischen Kostüm,
-vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins Linkische.
-
-Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat in das Zimmer des ersten
-Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
-ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze
-Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knicks mit dem
-Kopf und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
-auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedigte, und
-daß ich gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen.
-Er murmelte einige unverständliche, aber, wie es schien, gelehrte
-Bemerkungen, verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer
-auf und ab.
-
-Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
-voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm
-her, indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
-vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hie und da noch etwas weniges,
-sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts als die
-Worte: »Pfeife rauchen?« ich merkte, daß er mir höflich eine Pfeife
-anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen, denn er rauchte
-wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.
-
-Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit
-zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich
-gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben
-ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die
-sein Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die
-verschiedenen Kleider und Wäschrudera, die auf den Stühlen umherlagen,
-das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte, wagte
-ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein Aussehen war
-höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um die Glatze,
-die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock
-war an dem Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene Löcher, die
-durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine Bein war mit
-einem schwarzseidenen Strumpf, und der Fuß mit einem Schnallenschuh
-bekleidet, der andere stak in einem weiten abgelaufenen Filzpantoffel,
-und um das halbentblößte Bein hing ein gelblicher Socken. Ehe ich
-noch während des unbegreiflichen Stillschweigens des Theologen meine
-Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine
-große, dürre Frau, mit der Röte des Zorns auf den schmalen Wangen,
-stürzte herein.
-
-»Nein, das ist doch zu arg, Blasius!« schrie sie, »der Küster ist da
-und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
-du steckst noch im Schlafrock!«
-
-»Weiß Gott, meine Liebe,« antwortete der Doktor gelassen, »das habe ich
-häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum Dienste
-des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den Doktor Paulus
-weidlich schlagen muß.«
-
-Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube,
-wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch sein übriges
-Kadaver zum Dienst des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber stellte
-sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die weiten Falten
-ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr sichtbar war.
-
-»Sie verzeihen, Herr Kandidat,« sprach sie, ihre Wut kaum
-unterdrückend. »Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen
-werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in
-die Kirche.«
-
-Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den
-Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. »Ein schöner Anfang in der
-Theologie!« dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer
-zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige
-Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.
-
-Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
-Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und
-Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, an
-welchen sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen,
-und kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten,
-neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdkragen. So saßen die jungen
-geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine Mappe, einen
-Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit gleich ~ad
-notam~ zu nehmen. »O Platon und Sokrates!« dachte ich, »hätten eure
-Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer,
-heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie majestätisch
-müßten sich die Folianten von ~Socratis opera~ in mancher Bibliothek
-ausnehmen!«
-
-Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte
-sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
-Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl
-schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges
-und begann:
-
-»Hochachtbare, Hochansehnliche!« (Damit meinte er die, welche sechs
-Taler Honorar zahlten.)
-
-»Wertgeschätzte!« (Die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten.
-
-»Meine Herren!« (Das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut
-gar nichts entrichteten.) Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
-rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond aus
-Regenwolken.
-
-Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen können,
-denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt ~De angelis malis~,
-worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig,
-er ließ mich nicht lange warten. »Der Teufel,« sagte er, »überredete
-die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das ganze
-Menschengeschlecht feindlich gesinnt.« Nach diesem Satz hoffte ich
-nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören;
-aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort _Teufel_ stehen,
-und daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand
-von Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht
-gesucht hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden
-lang hin und her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen
-Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere
-nehmen das Sephuph nicht von den Mücken, sondern als _Anklage_, wie die
-Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephuph als Grab, ~Sepulcrum~.
-Die Federn schwirrten und flogen: so tiefe Gelehrsamkeit hört man
-nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei
-Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
-Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß
-gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
-Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir
-doch Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
-unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
-aus, die Sacktücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine andere
-Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten -- alles
-deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.
-
-Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
-aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
-Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.
-
-Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen
-passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
-diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er
-lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen.
-Der Teufel oder Beelzebub wäre also hier der _Herr im Dreck_, _der
-Unreinliche_, το πνευμα ακαθαρτον, der _Stinker_ genannt, wie denn
-auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser
-unanständiger Geruch verbunden sei.
-
-Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
-vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
-nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
-keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste
-Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
-noch besser an ihm rächen könnte, ich bezähmte meinen Zorn und schob
-meine Rache auf.
-
-Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand
-auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die tiefe
-Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein dumpfes
-Gemurmel des Beifalls auf.
-
-»Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der
-tiefsten Gelehrsamkeit!« murmelten die Schüler des großen Exegeten.
-Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch
-kein Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen
-Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch
-kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
-vollständiges Heft zu bekommen.
-
-Sobald sie aber die teuren Blätter in den Mappen hatten, waren sie die
-alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
-Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend ab,
-und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten Bierhaus
-zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie seien und
-~recta via~ von der kühnsten Konjektur des großen Dogmatikers herkommen?
-
-So schloß sich mein erster theologischer Unterricht, ich war, wenn
-nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an
-den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.
-
-Ich schwur mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen
-dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter
-ihnen solche krasse Begriffe zu Markt brachte, was durfte ich von den
-übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael-, oder Dr--ck-Seele hatte
-ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, um sie auszuführen.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.
-
-
-Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen
-darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
-unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger Zeit
-fleißig die Anatomie besucht, um auch die Aerzte kennen zu lernen. Da
-geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen Kadaver
-beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des
-Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des Glaubens an Unsterblichkeit
-darzutun suchte.
-
-Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: »Pfui Teufel! wie riecht's
-hier!«
-
-Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
-mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
-Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
-niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
-Aeußerung: »Pfui Teufel, wie riecht's hier!« die ich in jenem
-Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den »Herrn im
-Kot« bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche
-Gemeinheiten und Unzüglichkeiten verbitte.
-
-Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
-heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
-konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern
-Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht, denn wer
-sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich
-damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich von meinen Freunden
-als etwas Unvernünftiges, Unnatürliches angesehen wurde. Ich hatte
-meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem Vergnügungsort, eine
-Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Partien erschienen zur
-bestimmten Zeit an Ort und Stelle.
-
-Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm
-ausgezogen und der »Paukwichs,« das heißt, die Rüstung, in welcher das
-Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der Paukwichs
-bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlänglichen
-Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die über den Bauch
-geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit der Farbe der
-Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine ungeheure
-Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick war, stand
-steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle, einen Teil der
-Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur
-Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen verfertigtes Rüstzeug,
-Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare
-Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch gewährte sie große
-Sicherheit, denn nur ein Teil des Gesichtes, der Oberarm und ein
-Teil der Brust war für die Klinge des Gegners zugänglich. Ich konnte
-mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn ich im Spiegel meinen
-sonderbaren Habit betrachtete. »Der Satan in einem solchen Aufzuge
-und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu
-schlagen!«
-
-Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der
-Kühnheit und des Muts, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
-gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die
-gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
-Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den »Schläger« vorantragen
-zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
-Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem,
-schützendem Korb, und scharf geschliffen wie ein Schermesser.
-
-Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein
-grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
-noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.
-
-Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen waren gebunden,
-die Sekundanten schrieen: »Los!« und unsere Schläger schwirrten in der
-Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens
-parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten
-Angriffe des Gegners. Denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von
-Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine
-Schlappe gab.
-
-Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn
-und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit
-sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten
-»Häusern« bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
-begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich
-dazu aufzumuntern.
-
-Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen
-wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
-die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
-wolle. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen
-werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich, selbst
-einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der
-ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßige Hiebe, und
-klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.
-
-Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah, mein Sekundant und
-Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten mit
-feierlicher Stimme: »_Es ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also
-Ansch--ß_«. Das hieß so viel als: weil ich dem guten Jungen ein Zoll
-langes Loch ins Fleisch gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen
-
-Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände,
-die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die
-in der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer,
-seit des großen Renommisten Zeiten durfte sich rühmen, vorher die
-Stelle, die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
-getroffen zu haben?
-
-Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir in
-dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade
-mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit ihm.
-
-»Ich bin Ihnen Dank schuldig,« sagte er zu mir, »daß Sie mich so
-gezeichnet haben. Ich wurde, ganz gegen meinen Willen, gezwungen,
-Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
-fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte.
-_Sie_ haben mit _einemmal_ entschieden, denn mit einer Schmarre vom Ohr
-bis zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen.«
-
-Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl
-mit geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer
-der frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
-anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch
-eine so kurze Operation der Welt wiedergeschenkt zu sein. Ich fragte
-ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der
-Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
-meisten angezogen hätte.
-
-Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen
-Gedanken, denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die meisten
-Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste, dem Trieb
-der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an
-bedeutende Generale und an die vorzüglichsten Bühnen versprach.
-
-Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte,
-gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
-Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
-nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
-war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn
-eröffneten.
-
-Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig, als der glänzende Ausgang
-meiner Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein
-höheres Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über
-meine großmütigen Sentiments Tränen vergoß.
-
-Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
-Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten: _für den
-guten Geruch ihrer Anatomie geschlagen habe_.
-
-Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang
-war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es
-sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
-mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
-wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Satans Rache an Doktor Schnatterer.
-
-
-Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ...en hinter
-meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, zurückbleibe,
-legte ich mich mit Eifer auf Aesthetik, Rhetorik, namentlich aber auf
-die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art
-meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene berühmte Schule
-nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib
-und Kind ernähren könnte, sondern das ~Dic cur hic~, das ich recht oft
-in meine Seele zurückrief, sagte mir immer, ich solle suchen, von
-jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, mich aber so sehr
-als möglich in jenen Künsten zu vervollkommnen, die heutzutage einem
-Mann von Bildung unentbehrlich sind.
-
-Bei Gelegenheit, eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über
-die Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine
-Statue nach allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer
-einige theologische Literatur, einige juridische Phrasen, einige
-neue medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
-Behauptungen ~in petto~ zu haben, hielt ich für unumgänglich notwendig,
-um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können, und ohne
-mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, ich habe in
-den paar Monaten in ...en hinlänglich gelernt.
-
-Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im
-Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse
-aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff
-zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
-versäumen, meine Rache am Doktor Schnatterer zu erzählen.
-
-Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
-mehreren andern Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen
-vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
-Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
-Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man
-spielte wohl auch bei Türen ein Whistchen oder Pikett und trank
-manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse Welt daraus
-ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise des Wirts zur
-Stadt bringen ließen.
-
-Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
-heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist
-erlaubt hatte: er ging dann bedächtlichen Schrittes seinen Weg, vermied
-aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig
-Schritte seitwärts neben jener hinlief; der Grund war, weil der breite
-Weg am schönen Sonntag abend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber
-die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsicheren Gang nicht
-den Augen der Welt zeigen wollte.
-
-So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die Frommen
-aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: »Siehe, er geht
-nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr Doktor,
-sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt.«
-
-Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
-Ich paßte ihm an einem schönen Sonntag abend, der alle Welt ins Freie
-gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
-Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob ich
-ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in seiner
-gelehrten Nähe noch einmal so schön.
-
-Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
-zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die
-Tiefen der Wissenschaften zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
-Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
-schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
-Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigste
-Dirne der Stadt. -- Ach! daß Hogarth an jenem Abend unter den
-spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
-herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische
-Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können!
-
-Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
-Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen, und rissen
-die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die
-erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:
-»Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!« von Mund zu Mund der
-Stadt zu.
-
-»Wehe dem, durch den Aergernis kommt!« riefen die Frommen. »Hat man
-_das_ je erlebt von einem christlichen Prediger?«
-
-»Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?« sprachen mit
-Achselzucken die Halbfrommen. »Wenn der Skandal nur nicht auf
-öffentlicher Promenade --!«
-
-»Der Herr Doktor machen sich's bequem!« lachten die Weltkinder, »er
-predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren.«
-
-So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde
-und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
-Ecken; und »Doktor Schnatterer« und »Schön Luisel« war das Feldgeschrei
-und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden Tag.
-
-An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem
-Staube und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir
-die Neuigkeit ganz warm auftischten. Der gute Doktor aber zog ruhig
-seines Weges, bemerkte, in seine tiefen Meditationen versenkt, nicht
-das Drängen der Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das
-wiehernde Gelächter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten,
-daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen Ehehälfte die Geschichte
-beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog;
-denn auf der Straße hörte man deutlich die fürchterliche Stimme des
-Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man
-hie und da vernahm, war viel zu volltönend, als daß man hätte denken
-können, die Frau Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem _Munde_
-berührt.
-
-Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
-schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den
-Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
-Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
-die Augen auf den Doktor hinüberblitzen ließ: »Dieser Mensch dort
-behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein:
-sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!«
-
-Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie träumen
-lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu Haus gewesen.
-
-Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
-seine Zunge gelähmt zu haben: »Zu Haus gewesen?« lallte er. »Nicht mit
-mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein als mit Ihnen,
-Wertester?«
-
-»Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?« gab ich lächelnd
-zur Antwort. »Mit mir auf keinen Fall!«
-
-»Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus,« heulte die wütende Frau,
-»was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte
-Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der schönen
-Luisel hat er scharmutziert!«
-
-»Das hat mir der böse Feind angetan,« raste der Doktor und rannte im
-Zimmer umher; »der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
-Stinker.«
-
-»Der Rausch hat dir's angetan, du Lump,« schrie die Zärtliche, riß
-ihren breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
-schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
-»Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
-Wand malen, sonst kommt er.«
-
-Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
-und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
-erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend
-geherrscht hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe,
-welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen hatte,
-und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der Unversöhnlichen.
-Diesem hatte, so zu sagen, _der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt_.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die
-Universität.
-
-
-Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
-Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien,
-man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und
-böses Gewissen vorhielten. Uebrigens mochte es an manchen Orten doch
-nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen ...en
-spukte es in manchen Köpfen seltsam.
-
-Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn
-man unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen
-beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele
-unter ihnen von etwas anderem angeregt seien, als gerade von dem
-nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran
-fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister
-mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn
-schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu
-machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringerer Teil, auf
-Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium
-des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar
-zu sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein
-geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.
-
-Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da
-sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art, manche
-sprudelten auch über und schrieen von der Not des Vaterlandes, von --.
-Doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt
-zu sagen, daß es schien, als hätte _eine_ große Idee viele Herzen
-ergriffen, sie zu _einem_ Streben vereinigt. Mir behagte die Sache
-an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war
-ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur
-sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
-Anstrich haben.
-
-Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines
-Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des
-Stils, eine Leichtigkeit des Umgangs angeeignet hatten, wie sie in den
-diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel Anstand
-ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches Dunkel
-geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der
-Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft,
-Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander geknetet, daß
-kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden hätte.
-
-Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer
-traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte
-Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften,
-die nicht zu verachten sind, und die man immer ins Mittel zu ziehen
-sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des
-Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß
-nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt, denn
-dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.
-
-Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch
-meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat
-der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen
-Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um meine
-Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, daß ich
-als _Demagoge_ verhaftet sei.
-
-Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte
-eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war,
-wurde ich in den Saal geführt, um über meine _politischen Verbrechen_
-vernommen zu werden.
-
-Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner
-und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in
-feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die
-steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten
-mir unwillkürlich ein Lächeln ab.
-
-Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel,
-Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat
-ab.
-
-Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll
-zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure
-Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtlich und
-mit Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft
-und präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem
-abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu
-Boden fallen.
-
-»Alle Hagel, Herr Doktor,« schrie der alte Professor, alle Achtung
-beiseite setzend.
-
-»O Jerum,« ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg, denn er
-hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
-
-»Bitte untertänigst!« stammelte der erschrockene Doktor Saper.
-
-Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete
-auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der
-Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.
-
-Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der
-Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei,
-und Magnifikus mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper hinüber
-sprach: »Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da
-wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein werden, glaube
-ich dafür stimmen zu müssen, daß frischer ~ad locum~ gebracht werde.«
-
-Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige
-Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen.
-Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr,
-die halbe Universität versammelt, denn meine Verhaftung war schnell
-bekannt geworden, und alles drängte sich zu, um das Nähere zu erfahren.
-Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als man den
-Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn fest und
-fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde, und kaum
-konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends drei Lot
-Schnupftabak holen müsse.
-
-Aber im Saale war nach der Entfernung des Götterboten die vorige,
-anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick
-voll Hoheit und begann:
-
-»Es ist uns von einer höchstpreuslichen Zentral-Untersuchungskommission
-der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen,
-so sich auf unserer Universität seit einiger Zeit entsponnen haben
-sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir sind nun nach reiflicher
-Prüfung der Umstände vollkommen darüber einverstanden, daß Sie, Herr
-von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht haben, solche Verhältnisse
-unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigeführt und angesponnen
-zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu! Herr von Barbe?«
-
-»Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend die
-Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung
-verdächtig machen.«
-
-»Die Beweise?« antwortete erstaunt der Rektor, »Sie verlangen Beweise?
-Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst den
-Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist.«
-
-»Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz,« entgegnete der Dekan der
-Juristen, »Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, _in
-alle Wege verlangen_, daß ihm die Gründe des Verdachtes genannt werden.«
-
-Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man
-sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin
-und her wälze. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell
-mit der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß
-die Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude
-zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen
-laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen scheine.
-
-Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete
-von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment
-aus, »und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten
-allerhand verdächtige Bewegungen machen.«
-
-»Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber
-Herr von Barbe?« sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. »Aber der
-Aufruhr steigt, ~videant Consules, ne quid detrimenti~ -- man nehme
-seine Maßregeln; -- daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung
-alle fatalen Händel bringen muß! -- ~Domine Collega~, Herr Doktor
-Pfeffer, was stimmen Sie?«
-
-»Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur
-Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu
-entlassen und ihm --«
-
-»Richtig, gut,« rief der Rektor, »Sie können abtreten, wertgeschätzter
-junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden, Sie sehen selbst, wie
-glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren
-Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache
-kein solches Aufsehen mehr erregt -- weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich
-höre ~pereat~ -- so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie
-auch, lieber Barbe, da denn die Sachen weiter besprochen werden können.«
-
-Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu
-lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in
-Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnstuhls.
-
-»Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?« klagten
-sie. »Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und
-sich unter diese himmelstürmenden Cyklopen gemischt haben, ist keine
-Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte
-Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden.«
-
-»Vom Erstechen will ich gar nicht reden,« sagte ein anderer, »es sollte
-eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege ein gut Gewissen hat,
-einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen.«
-
-Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen für
-ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel bessere
-Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten
-und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen
-Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr ~Ça ira, ça
-ira~, nämlich: »Die Burschenfreiheit lebe« und das erhabene »Rautsch,
-rautsch, rautschitschi, Revolution.«
-
-Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten
-Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren
-Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn
-rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie
-mußte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst
-entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen.
-Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die
-Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
-mir, und _er_, der noch vor einer Viertelstunde »mein wertgeschätzter
-Freund« zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: »Wir können das Verhör
-weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!«
-
-So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß
-der Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er
-sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine Blöße
-gegeben, deren er sich zu schämen hat.
-
-Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen.
-Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit
-großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.
-
-»Demagog kommt her von δημος und ὰγειν. Das eine heißt Volk, das
-andere führen oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog
-als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen
-Leute zum Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele
-hierher verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als
-die sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein
-Demagog.« --
-
-Mit triumphierendem Lächeln wandte er sich zu seinen Kollegen: »Habe
-ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?« --
-»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten jene und schnupften.
-
-»Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt,« fuhr der Mediziner fort;
-»das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist,
-um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der
-körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks und
-Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung
-gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben Sie sich
-durch Ihre ~Saltus mortales~ und Ihre übrigen Künste als einen kleinen
-Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. -- Habe ich nicht recht,
-Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?«
-
-»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten diese und schnupften.
-
-»Demagogen,« fuhr er fort, »Demagogen schleichen sich ohne bestimmten
-äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstäte
-Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus
-von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier, denn er läuft in allen
-Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu frequentieren
-oder _gar nachzuschreiben_; was folgt? Er hat sich der Demagogie sehr
-verdächtig gemacht; ich füge gleich den vierten Grund bei: man hat
-bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden ausgerüstet,
-viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in diesem
-Punkt der Anklage würdiger gemacht als Delinquent? Habe ich nicht
-recht, meine Herren?«
-
-»Sehr scharfsinnig, vollkommen!« antworteten die Aufgerufenen ~unisono~
-und ließen die Dose herumgehen.
-
-Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: »Wir glauben hinlänglich
-bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in
-dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt,
-ohne den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen, darum verteidigen
-Sie sich. -- Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es
-schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer
-schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche
-gesegnete Mahlzeit, meine Herren.«
-
-So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine
-Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber
-ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld
-ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den
-Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem
-Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.
-
-Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache
-gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und
-im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Haus begleitet; aber die
-Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen
-Zweck, der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte
-weiterzugehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel
-eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich
-schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema,
-das mir am nächsten lag: ~De rebus diabolicis~, ließ sie drucken
-und verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten
-tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen
-Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser
-beigelegt.[2]
-
- [2] Findet sich wenn ich nicht irre, am Ende des zweiten Teiles.
-
-~Post exantlata~ oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab
-ich einen ungeheuren Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde.
-Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit
-schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte
-der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber
-überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches
-Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen
-weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
-spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten
-Freund, den Satan.
-
-
-
-
-Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin.
-
- »Die heutigen dummen Gesichter
- sind nur das ~Boeuf à la mode~ der
- frühern dummen Gesichter.«
-
- _Welt_ und _Zeit_.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Wen der Teufel im Tiergarten traf.
-
-
-Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend im
-Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen Zelt; ich betrachtete
-mir die bunte Welt um mich her und hatte großes Wohlgefallen an ihr;
-war es doch schon wieder ganz anders geworden als zu der frommen
-Zeit Anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar, und, wie sie
-es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig ennuyierte.
-Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich damals recht
-ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und Braus nach
-Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach dem
-Tiergarten heraus; aber damals --? Jetzt aber ging es auch wieder hoch
-her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie früher zog
-durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie vorzeiten,
-und war ein geschätzter, angesehener Mann.
-
-Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte
-Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen,
-mit ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen
-Elegants und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter
-zu Markt brachten, die wohlgenährten Räte mit einem guten Griff der
-Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und
-Handwerksbursche, anständige und unanständige Gesellschaft -- sie alle
-um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, _mein_ zu werden!
-In fröhlicher Stimmung ging es weiter und weiter, ich wurde immer
-zufriedener und heiterer.
-
-Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge, ein paar
-Männer an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu
-meiner fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich
-nur vom Rücken sehen, es war ein kleiner beweglicher Mann, schien viel
-an seinen Nachbar hinzusprechen, gestikulierte oft mit den Armen und
-nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches
-Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich.
-
-Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war ärmlich,
-aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, während die
-andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in den Sand
-schrieb, er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und schien ihm
-wenig oder ganz kurz zu antworten.
-
-Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich
-im Augenblick nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte
-sprang endlich herauf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen
-schnellen Schritten, heiser vor sich hinlachend, hinweg und verlor sich
-bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmütig nach und legte dann
-die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.
-
-Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser Figur;
-eine Ahnung durchflog mich, sollte es -- doch was braucht der Teufel
-viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den Stuhl,
-welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.
-
-Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja, er war es, es
-war der _ewige Jude_.
-
-»~Bon soir~, Brüderchen!« sagte ich zu ihm, »es ist doch schnakisch,
-daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, es wird wohl so
-achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?«
-
-Er sah mich fragend an. »So, du bist's?« preßte er endlich heraus.
-»Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!«
-
-»Nur nicht gleich so grob, _Ewiger_,« gab ich ihm zur Antwort; »wir
-haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst
-auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um dich
-selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du, glaube ich,
-ein Pietist geworden.«
-
-Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine
-verwitterten Züge flog, wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß
-er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.
-
-»Wer ging da soeben von dir hinweg?« fragte ich, als er noch immer auf
-seinem Schweigen beharrte.
-
-»Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann,« erwiderte er.
-
-»So, _der_? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht
-wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien
-behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich
-ihm nicht als sein eigner Doppelgänger über die Schultern geschaut,
-als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk
-anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war
-Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb. -- So, so, der war's? Und
-was wollte er von dir, Ewiger?«
-
-»Daß du verkrümmest mit deinem Spott; bist du nicht gleich ewig wie
-ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den
-Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat
-Hoffmann betrifft,« fuhr er ruhiger fort, »so geht er umher, um sich
-die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes
-an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus
-dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten oder
-mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt haben
-mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud mich ein,
-ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen.«
-
-»So, so? Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?«
-
-»~Recta~ aus China!« antwortete Ahasverus. »Ein langweiliges Nest, es
-sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal
-dort war.«
-
-»In China warst du?« fragte ich lachend. »wie kommst du denn zu dem
-langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?«
-
-»Laß das,« entgegnete jener, »du weißt ja, wie mich die Unruhe durch
-die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen
-Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die
-_lange Mauer_ von China gerannt, aber es wollte noch nicht mit mir zu
-Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des
-himmlischen Reiches gestoßen wie ein alter Aries, als daß der dort oben
-mir ein Härchen hätte krümmen lassen.«
-
-Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider
-wollten sich schließen, aber der Schwur des Ewigen hält sie offen,
-bis er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange
-geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung
-von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf. -- »Satan,« fragte er
-mit zitternder Stimme, »wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?«
-
-»Es will Abend werden,« gab ich ihm zur Antwort.
-
-»O Mitternacht,« stöhnte er, »wann endlich kommen deine kühlen Schatten
-und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, Stunde, wo
-die Gräber sich öffnen und Raum wird für den _einen_, der dann ruhen
-darf?«
-
-»Pfui Kuckuck, alter Heuler!« brach ich los, erbost über die
-weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. »Wie magst du nur solch ein
-poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst dir gratulieren,
-daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat es an einem
-gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man hat doch
-hier oben immer noch seinen Spaß, denn die Menschen sorgen dafür, daß
-die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit hätte
-wie du, ich wollte das Leben anders genießen. ~Ma foi~, Brüderchen,
-warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die galanten
-Abenteuer einer Königin öffentlich certiert? Warum nicht nach Spanien,
-wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein
-Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums überpinselt
-und mit alten Gobelins von Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus
-dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dir versichern, es sieht
-gar närrisch aus, denn die Tapete ist überall zu kurz, und durch
-Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum, wie das Blut
-des Ermordeten, das man mit keinem Gips auslöschen kann, und das, so
-oft man es weiß anstreicht, immer noch mit der alten _bunten_ Farbe
-durchschlägt?«
-
-Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer
-heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. »Du bist, wie
-ich sehe, immer noch der alte,« sagte er und schüttelte mir die Hand,
-»weißt jedem etwas aufzuhängen, und wenn er gerade aus Abrahams Schoß
-käme!«
-
-»Warum,« fuhr ich fort, »warum hältst du dich nicht länger und
-öfter hier in dem guten, ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas
-Possierlicheres sehen als diese Duodezländer? Da ist alles so -- doch
-stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte leicht
-etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als unruhige
-Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu kommen, warum
-bist du denn hier in Berlin?«
-
-»Das hat seine eigene Bewandtnis,« antwortete der Jude. »Ich bin hier,
-um einen Dichter zu besuchen.«
-
-»Du einen Dichter?« rief ich verwundert. »Wie kommst du auf diesen
-Einfall?«
-
-»Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle,
-worin ich die Hauptrolle spielte. Es führt zwar den dummen Titel: _Der
-ewige Jude_, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung, die mir
-wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und sprechen,
-der das wunderliche Ding gemacht hat.«
-
-»Und der soll hier wohnen, in Berlin?« fragte ich neugierig, »und wie
-heißt er denn?«
-
-»Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße
-genannt, aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man
-Mondschein gießt!«
-
-Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem Dichter
-produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. »Höre, Alter,« sagte
-ich zu ihm, »wir sind von jeher auf gutem Fuß miteinander gestanden,
-und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen gegen mich ändern wirst.
-Sonst --«
-
-»Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan,« antwortete er, »denn
-du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche
-hinlänglich, aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz
-angenehm und recht. -- Warum fragst du denn?«
-
-»Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter,
-der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du nicht?«
-
-»Ich sehe zwar nicht ein, was für Interesse du dabei haben kannst,«
-antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. »Du könntest irgend
-einen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen Absichten
-auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir übrigens nur
-aus dem Sinn, denn der schreibt so fromme Novellen, daß der Teufel
-selbst ihm nichts anhaben kann. -- Doch meinetwegen kannst du mitgehen.«
-
-»Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich
-wenig um Dichter und dergleichen, das ist leichte Ware, welcher der
-Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne
-selbst, was mich zu ihm zieht. Uebrigens, in diesem Kostüm kannst du
-hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!«
-
-Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes
-Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten
-Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knieen
-ins Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote dreieckige Hütchen
-aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte
-sich vor mich hin und fragte: »Bin ich nicht angekleidet stattlich wie
-König Salomo und zierlich wie der Sohn Isais? Was hast du nur an mir
-auszusetzen? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du, keine
-Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen nicht in die Höhe ~à
-la~ Wahnsinn. Ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt,
-und um meine Beine schlottern keine ellenweiten Beinkleider; wozu
-freilich Herr Bocksfuß Ursache haben mag.«
-
-»Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher,« antwortete ich dem
-alten Juden. »Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein,
-wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon
-keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem
-anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf
-diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie wollte
-ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen ästhetischen Tee
-einführte.«
-
-»Aesthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee
-geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee,
-aber ästhetischer Tee war nie dabei.«
-
-»~O sancta simplicitas!~ Jude, wie weit bist du zurück in der Kultur!
-Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über
-Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und den
-Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben dazu,
-und man amüsiert sich dort trefflich.«
-
-»Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen,« versicherte der
-Jude, »und was kostet es, wenn man's sehen darf?«
-
-»Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand küßt
-und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben, hie
-und da ein ›Wundervoll‹ oder ›Göttlich‹ schlüpfen läßt.«
-
-»Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren.
-Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen
-Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in
-dieser Sandwüste gewaltig Langeweile.«
-
-Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen
-uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig
-Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und schieden.
-
-Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der
-ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar
-nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines
-Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten mußte.
-Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel nur immer
-möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit zu
-bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig, denn er hatte in
-der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen solchen Ansatz
-zur Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu werden drohte.
-
-Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann in
-mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor
-Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von
-Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit bald auf die
-schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die
-umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt
-möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.
-
-Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen
-Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen
-Gast hätte auf diesem Lob stehen lassen, wandte das Gespräch auf
-die Sage vom ewigen Juden überhaupt, und daß sie ihm auf jene Weise
-aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters,
-grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete: es liege in
-der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral, denn der Verworfenste
-unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über
-getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen erregt
-habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die
-Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich
-täuschte.
-
-Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito
-abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu
-Leib gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als
-jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die
-Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich zu
-empfehlen.
-
-Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen, und kaum hatte
-er gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht,
-wie wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu
-begleiten, wo alle Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der
-schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und
-schieden.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.
-
-
-Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in
-seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er
-brummte einmal über das andere über die »naseweise Jugend« (obgleich
-der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der
-Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen
-Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und
-brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich
-gegen den alten Mann sein wollte, der so artig war, uns in den
-ästhetischen Tee zu führen.
-
-Die siebente Stunde schlug. In einen modischen Frack, wohl parfümiert,
-in die feinste, zierlichst gefältelte Leinwand gekleidet, die
-Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die
-Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet,
-wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead
-hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar;
-dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und
-hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z. B. die elegante hohe
-Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte
-und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf _Morea_.
-
-Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im
-Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet
-hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen Anstand.
-
-»Du darfst,« sagte ich ihm, »in einem ästhetischen Tee eher zerstreut
-und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz unbedingt
-loben, sondern sieh immer so aus, als habest du sonst noch etwas
-~in petto~, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre. Das
-Beifalllächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst nach
-langer Uebung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber
-Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln
-kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z. B. von einem
-Roman reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als
-ganz natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und
-fragt dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und
-antworten, ›Ich habe ihn nicht gelesen?‹ Nein! Du antwortest frisch
-drauf zu: ›Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen
-Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und
-Originelle, die Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint mir hie
-und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
-zu sein.‹
-
-»Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten
-gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen.«
-
-»Dein Gewäsch behalte der Teufel,« entgegnete der Alte mürrisch.
-»Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß
-zu machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr,
-Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber --«
-
-»Da sieht man es wieder,« wandte ich ein, »wer wird denn in einer
-honetten Gesellschaft _saufen_? Wieviel fehlt dir noch, um heutzutage
-als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens trinken --
-aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich zusammen, daß
-wir nicht Spott erleben, Ahasvere!«
-
-Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich sah es
-dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen,
-desto bänger zu Mut war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten
-über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig in die Menschen
-und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke anstieß. So
-fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche
-wir fahren, aus _lauter_ Christen bestehe, zu welcher Frage jener
-natürlich große Augen machte und nicht recht wissen mochte, wie sie
-hierher komme.
-
-Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel,
-der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in dem
-zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der feierliche
-Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die, wenngleich
-Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen
-habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt Ade gesagt,
-jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen, interessanten
-Schmerz zehren.[3] Das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter,
-naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den Eltern
-nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme. Sie habe
-die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche ihr die
-Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gäbe sie hie und da
-mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders zu
-erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen
-Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige
-Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und
-naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein[4] werden wir
-selbst näher kennen lernen.
-
- [3] Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit,
- den Aufriß des Boudoirs dieser protestantischen Nonne,
- wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. Im Fenster stehen
- Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen
- Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn
- auch die Eigentümerin höchstens »~O Sanctissima~« darauf
- spielen kann. Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor
- verhängtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen, von
- etzlichem sinnigen Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder
- aschgrauem Kostüm, an der Wand ein Spiegel.
-
- [4] Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen
- Fräulein zu unterscheiden. Unter jenen versteht er die von
- gutem Adel, unter letzteren die, welche man sonst Jungfer
- oder Mamsell heißt. Ich finde übrigens, den Unterschied auf
- diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend. Denn man wird mir
- zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oft ebenso frei in
- ihren Sitten und Betragen sind als die echten.
-
-Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem
-bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe
-hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen.
-Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der
-halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von
-dem Sonnenglanz der schwebenden Lüster, saß im Kreise die Gesellschaft.
-
-Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den
-Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor.
-Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne zarte
-Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen
-Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte
-ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht
-darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,
-und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die
-nämliche Gunst. Aber o Schrecken! Indem er sich niederbückte, gewahrte
-ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn
-wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Gnädige Frau
-verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der Anstand ließ sie
-nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen. Wehmütig betrachtete
-sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah
-sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen. Ich sah, wie dort ihre
-Zofe aus der silbernen Toilette kölnisches Wasser nahm und die wunde
-Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne glacierte Handschuhe geholt,
-die Käppchen davon abgeschnitten, so daß doch die zarten Fingerspitzen
-hervorsehen konnten, und die gnädige Hand damit bekleidet.
-
-Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die
-Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf
-wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder
-hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so
-gut zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen
-zu sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil
-ahnte, das er bewirkt habe.
-
-Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen
-stechenden Handkuß zuwarf und _mich_ den ganzen Abend hindurch
-auffallend vor ihm auszeichnete.
-
-Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war,
-zu welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne
-Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die
-prachtvollen Lüster und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche und
-Tapeten, die künstlichen Blumen in den zierlichsten Vasen, endlich die
-Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm, schwarz und weiß gemischt
-war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schließen.
-
-Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau bedauerte,
-daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter Frühauf habe
-einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig,
-so schwebend, mit soviel Musik in den Schlußreimen, daß man in langer
-Zeit nichts Erfreulicheres gehört habe, es stehe zu erwarten, daß es
-allgemein Furore in Deutschland machen werde.
-
-Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekränzte
-junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen
-in unserm Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen,
-die er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören
-bekommen.
-
-Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame
-ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue
-Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus
-hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:
-
-»~Voyez là~ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna.
-Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
-glücklich, die Erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein
-wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen,
-so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser
-glänzende Stil --«
-
-»Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau,« unterbrach sie die
-Dame des Hauses, »darf ich bitten --? Ah, Gabriele von Johanna von
-Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich
-Glück.«
-
-»Wir lernten uns in Karlsbad kennen,« antwortete Frau von Wollau,
-»unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel
-der Menschheit,[5] sie zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie
-mir jetzt ihre Gabriele geschickt.«
-
- [5] Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen »nach dem Ziel
- der Veredlung.«
-
- Der Herausgeber.
-
-»Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft,« sagte Fräulein
-_Natalie_, die ältere Tochter des Hauses. »Ach! wer doch auch so
-glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen
-Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre
-Tasche nicht genug bewundern.«
-
-»Schön -- wunderschön -- und die Farben! Und die Girlanden! -- Und die
-elegante Form!« hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen,
-und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen
-worden, wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten
-hätte. »Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet,« rief die
-Wollau, »wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders der
-Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?«
-
-»Herrlich -- schön -- ein vortrefflicher Einfall --« ertönte es wieder,
-und unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte,
-wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen wieder
-voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch dem Körper
-Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman gespeist
-wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das Zeichen, und
-die Vorlesung begann.
-
-Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus
-dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht
-irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen der
-großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht
-bei der Vorlesung, denn ich belauschte die Herzensergießungen zweier
-Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei
-Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit genug von
-ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten, und doch war
-die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren alles hören
-konnten! Die eine der beiden war die jüngere Tochter des Hauses, die,
-wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren hatte.
-
-»Und denke dir,« flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, »heute in aller
-Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem
-Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen
-müssen.«
-
-»Du Glückliche!« antwortete das andere Fräulein, »und hat Mama nichts
-gemerkt?«
-
-»So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was
-ich damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war
-mit dem ...schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich
-mich dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den
-italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht
-undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn
-ich mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus
-dieser Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der
-Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte, aber Eduard holte
-mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß
-jener vor Wut ganz stumm war, als ich das letzte Mal zurückkam. Er
-äußerte gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu
-verstehen.«
-
-»Ach, wie glücklich du bist,« entgegnete wehmütig die Nachbarin, »aber
-ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie
-wird es mir ergehen!«
-
-»Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies
-so schnell kam?«
-
-»Ach!« antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im
-Auge. »Ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im Leben
-gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des Vaterlandes
-war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn
-mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist schön. Seinem Obersten
-gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, er solle ihm die
-Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert dies nicht tun,
-und, darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher, bis der Arme
-nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar nicht denken,
-wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster
-vorbeikommt, sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und
-der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!«
-
-»Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues? Daß
-sie bei der Garde andere Uniform bekommen?«
-
-»Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?«
-
-»Höre, aber im _engsten_ Vertrauen, denn es ist noch tiefes, tiefes
-Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es
-neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh, die
-Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinandergesetzt und laufen weiter
-unten enger zu, auf diese Art wird die Taille noch viel schlanker,
-dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das weiß aber der
-Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiß; auch an
-den Beinkleidern geschehen Veränderungen. -- Eduard muß aussehen wie
-ein Engel -- siehe, bisher ...«
-
-Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der
-Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel
-sah ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht
-schönes Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem
-glänzendere Strahlen werfen, wenn sich _sinnliche Liebe_ in ihnen
-spiegelt.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-Angststunden des ewigen Juden.
-
-
-Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch
-nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen Ausrufungen,
-die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der Gabriele zu
-teil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft
-der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie nicht den
-kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren sie doch
-schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die eine lief
-sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte sie an das
-Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie allen bereitet
-habe.
-
-Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die
-Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach allen Seiten
-hin für das Lob, das ihrer Freundin zu teil geworden, und gab nicht
-undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß
-auf das neue Buch gehabt habe. Denn sie finde hin und wieder leise
-Anklänge an ihre eigenen Empfindungen, an ihre eigenen Ideen über
-inneres Leben und über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die
-sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.
-
-Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
-obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts
-aus dem inneren Wollauschen Leben _gespickt_ haben werde.
-
-Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare
-Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein,
-als traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen,
-nach meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht
-zu verkennen. Aber weil ihm die Uebung darin abging, so schnitt er
-so greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die
-Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses
-mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei?
-
-Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befallen, und
-glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau,
-die ihm gegenübersaß, ihren Einfluß auf die Dichterin mitteilte, mußte
-das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch
-vorkommen, daß er laut auflachte.
-
-Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Tee in höchst
-feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie
-betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl.
-Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den
-Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,
-eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,
-der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt
-zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm
-zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.
-
-»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte er, »Sie werden mein allerdings
-unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu
-rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine
-Ideen-Association Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon
-manchem mitten unter den heiligsten Dingen ein lächerlicher Gedanke
-aufgestoßen, der ihn im Munde kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn
-zu verhalten und zurückzudrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf
-einmal hervor; so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie würden
-mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch
-offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen.«
-
-Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt
-sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:
-»Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer
-berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in
-manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr
-besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem
-eigenen Leben.
-
-Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.
-Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen
-Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne
-Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte
-die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen gegen
-die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbänken mir
-und meinen Gedanken lebte.
-
-Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen
-geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, ältliche Frauen und setzten
-sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte
-Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt nicht für nötig,
-ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu erkennen zu
-geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt, denn ich
-kannte keine Seele in jener Stadt, also konnten mir ihre Reden
-höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor,
-Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:
-
-›Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich die
-hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?‹
-
-›Ja,‹ antwortete die andere Dame, ›heute früh nach dem Kaffee habe ich
-sie umgebracht.‹
-
-Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und
-gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich
-näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von jenen trennte,
-schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen
-sollte, und hörte weiter.
-
-›Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich durch Gift?
-Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona, mit dem
-Deckbette erstickt?‹
-
-›Keines von beiden,‹ entgegnete jene, ›aber recht hart ward mir dieser
-Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen
-Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr anfangen
-sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein; ich ließ sie,
-wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen Strom
-hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von Elisen
-nichts mehr gesehen.‹
-
-›Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die Sie auf
-die eine oder die andere Art umbringen?‹
-
-›Nun, das wird bald abgezählt sein, Pauline Dupuis, Marie usw., aber
-die erstere trug mir am meisten Geld ein. Es waren dies noch die guten
-Zeiten von 1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.‹
-
-Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte
-diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an
-der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte
-und die Mörderin zur Rechenschaft zog?
-
-Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden
-und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich
-mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen
-durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,
-ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken, denn
-die eine sah sich einigemal nach mir um, ihr böses Gewissen schien
-mir erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich
-durch die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt,
-täuschen, aber ich -- folge. Endlich stehen sie an einem Hause still.
-Sie ziehen die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind
-sie in der Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des
-Hauses und eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so
-schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion der
-Polizei.
-
-Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze
-Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider
-von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine
-gewisse _Pauline Dupuis_, die im Jahre 1801 unter der mörderischen Hand
-jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen Fällen ergrauten
-Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer, schickt sogleich
-Patrouille in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich
-auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein werde, in jenes
-Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da er bei solchen
-Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen womöglich vermeide.
-
-Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus
-umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen
-habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und
-fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des
-ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände
-öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere, ältliche Dame als
-die Verbrecherin an.
-
-Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte nach unserem
-Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte die Dame etwas, das
-mir imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete
-nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch
-dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit der ernsten Amtsmiene
-eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang
-aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie gesessen. Ihre
-Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah sie schon als
-überwiesen an. Die Frau fing an ängstlich zu werden, sie fragte, was
-man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten
-besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?
-
-Der Mann der Polizei sah in diesen ängstlichen Fragen nur den Ausbruch
-eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste zu halten,
-durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken.
-›Madame, was haben Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? Leugnen
-Sie nicht länger, wir wissen alles, sie starb durch Ihre Hand, wie
-heute früh die unglückliche Elise!‹
-
-›Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,‹
-antwortete diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes
-Lächeln überzugehen schien.
-
-›Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie
-zwei Tauben abgetan?‹ fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem ~in
-praxi~ eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte. ›Wissen
-Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten kann?‹
-
-›Nicht doch!‹ entgegnete die Dame. ›Die Geschichte ist ja weltbekannt.‹
--- ›Weltbekannt?‹ rief jener. ›Bin ich nicht schon seit vierundzwanzig
-Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könnte mir entgehen?‹
-
-›Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die
-Belege herbeibringe?‹
-
-›Nicht von der Stelle, ohne gehörige Bewachung. Wache! Zwei Mann
-auf jeder Seite von Madame. Bei dem ersten Versuch zur Flucht --
-zugestoßen!‹
-
-Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die
-Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald
-jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.
-
-›Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Morde finden,‹ sagte
-sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.
-
-›Taschenbuch für 1802,‹ murmelte der Direktor, indem er das Buch
-aufschlug und durchblätterte, ›was Teufel, gedruckt und zu lesen steht
-hier: _Pauline Dupuis_ von -- mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn
-von -- und, wenn ich nicht irre, selbst Schriftstellerin?‹
-
-›So ist es,‹ antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen
-aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen
-sprachlos, auf mich deutete.
-
-›Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind?‹ fragte ich, den
-Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des
-Polizeimannes noch immer nicht verstehend.
-
-›Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,‹ sagte die Lachende, ›und
-soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.‹
-
-Was brauche ich noch dazuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war der
-Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte, interessante
-Th. v. H. Die Erzählung »Pauline Dupuis« ist noch heute zu lesen;
-ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes Tages nach
-dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht. Ich mußte
-aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu werden. Vorher
-aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diätenrechnung
-über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte den
-Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten
-hatte.« --
-
-Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau
-geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zu teil, und ein gnädiges Lächeln
-der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt hatte.
-Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus seiner
-unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm
-wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn öfter ins
-Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich über jene in
-Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner für London und
-Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die Berliner, welche nie an
-den Rebhügeln des Neckars und an den fröhlich grünenden Gestaden der
-obern Donau eines jener sinnigen, herzlichen Lieder aus dem Munde eines
-»luschtiga Büebles«, oder eines rüstigen hochaufgeschürzten »Mädles«
-belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde.
-
-Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten
-Zirkeln, wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich
-diesen Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von
-sanften Hügeln, von klaren blauen Strömen, von blühenden, duftenden
-Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten
-sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur
-stehe. Immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken verstünden,
-phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprechen.
-Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand. Ihre
-Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Lande
-werden alle Tage viele tausende jener Torheiten begangen, die allgemein
-unter dem Namen »Schwabenstreiche« bekannt seien.
-
-Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
-gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;
-hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu
-fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so
-aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug, die
-gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu
-schnell wieder verlieren sollte!
-
-»Ob die Berliner,« sagte er, »mehr innere Bildung, mehr Eleganz
-der äußern Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im
-Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder
-vielmehr auf Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu untersuchen,
-aber soviel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man dort im
-Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge hübscher, sogar
-schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen, welches doch wegen
-dieses Artikels berühmt ist.«
-
-»~Quelle sottise!~« hörte ich Frau von Wollau schnauben, »welche
-abgeschmackte Behauptungen dieser gemeine Mensch --«
-
-Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der
-Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern,
-daß er sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch
-machten; ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment
-gesagt hätte, fuhr er fort: »Sie können gar nicht glauben, wie reizend
-dieser verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt; wie alles so
-naiv, so lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden
-Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie
-liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
-erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich
-verschämt wegwenden und flüstern: ›Ach, ganget Se mer weg, moinet
-Se denn, i glaub's?‹ Hier in Norddeutschland gibt es meist nur
-Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch
-auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je der
-Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten.«
-
-O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast du das
-zornblickende Auge einer Dame versöhnt, so begehst du den großen
-Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu
-loben, und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren
-ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter
-zu verschreien!
-
-Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, die
-ältern an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf
-die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu einer
-Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen klirrten
-laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit zehn Jahren
-mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter nobel und
-edel aussehen möchten -- wozu heutzutage, außer dem Gefühl der Würde,
-etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört --, welche die immer wieder
-anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende Röte der
-Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten.
-
-Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und
-ihre Freude, ihre Kunst zu schanden machen; er sollte es wagen, die
-Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen des
-unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und ihnen den
-ersten Rang zu versagen. Und dies sollten sie dulden?
-
-~Jamais!~ Gnädige Frau nahm das Wort, mit einem Blick, der über
-das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über
-Schneegefilde herabglänzte: »Ich muß Sie nur herzlich bedauern,
-Herr Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven
-Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,«
-fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt hatte,
-wandte, »ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meinen
-Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unsern Damen seine
-robusten Naturen und jene Naivität vermissen, die er sich so ganz zu
-eigen gemacht hat.«
-
-Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten
-Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen
-Sacktüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden
-und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine
-Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so
-lange Raum, bis sie den Doktor Mucker hinlänglich bestraft glaubte.
-Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich
-durch seine rücksichtslose Aeußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie
-beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen so
-eigentümlich ist, allen weitern Bemerkungen vor, indem sie ihren Neffen
-aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft die längst
-versprochene Novelle preiszugeben.
-
-Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine
-Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen
-Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch
-Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes,
-richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur
-vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte
-jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
-wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der großen und
-kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.
-
-Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des
-ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte
-sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen
-Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein
-Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in
-diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein
-gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen
-haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache
-schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende
-Garde-Uniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt
-nicht aufwägen.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-Der Fluch.
-
-(Eine Novelle.)
-
-
-»Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante,« sprach der junge
-Mann mit voller, wohltönender Stimme, »eine artige Novelle oder eine
-leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu ersinnen. Doch, um
-nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen
-gut zu machen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem
-eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen
-Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der
-Wahrheit für sich hat.«
-
-Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren
-Reiz habe als die erfundene Spannung einer Novelle, ja, sie gestand
-ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte, denn er sehe seit der
-Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine
-Begebnisse recht gespannt sein dürfe.
-
-Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser
-Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:
-
-»Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft,
-welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt
-hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen -- wenn ich nicht
-irre, war Frau von Wollau mit davon -- vor den schönen Römerinnen,
-vor ihren feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre
-Warnung dankbar an, noch kräftigeren Schutz aber versprach ich mir von
-jenen holden, blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen
-Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und
-treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten
-mich, diese Bilder, gegen jene dunklen Feuerblicke der Römerinnen;
-wie sie aber vor sanften blauen Augen, welche ich dort sah, sich
-unverantwortlich zurückgezogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz
-ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen.
-
-Der s...sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche
-eine Karte zu den Lamentationen in der sixtinischen Kapelle geschickt;
-mehr um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen
-hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich
-hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;
-statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte
-ich einen Klaggesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst
-lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit
-solcher Ritualien überzeugen können, selbst in dem ehrwürdigen Kölner
-Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen
-Lichtes, die mächtigen vollen Töne der Orgel manchen andern ernster
-stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen.
-
-Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der
-sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache, alte, ausgediente,
-schneiderhafte Gestalten, hielten hier Wache mit so meisterlicher
-Grandezza, als nur die Cherubim an der Himmelstüre. Der Glanz der
-Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den
-dunklen Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der
-Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.
-
-Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu
-mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was
-Rom an Fremden beherbergte.
-
-Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge
-Engländer von meiner Bekanntschaft, standen ganz in meiner Nähe. Sie
-zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem Spektakel,
-wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte, es sei dies
-wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich mitgebracht habe. Er
-deutete dabei auf eine junge Dame, die sich neben mir niedergelassen.
-Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr ungläubig,
-als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.
-
-Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke hohe
-Gestalt, dem Wuchs nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier bedeckte
-das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen Teil
-eines Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in Italien,
-beinahe nie in Rom gesehen hatte.
-
-Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten Diplomaten,
-hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen, wollte eben -- da
-begann der Klaggesang, und meine Schöne schien so eifrig darauf zu
-hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig warf ich mich
-in den Kirchenstuhl zurück, Gott und die Welt, den Papst und seine
-Lamentationen verwünschend.
-
-Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich sechzig der
-tiefsten Stimmen, die ~unisono~ im tiefsten Grundton der menschlichen
-Brust Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, eine _Kerze_ auf
-dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte
-ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.
-
-Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf
-übrigen Kerzen verlöschen müssen, bis ich ans Ende denken könne. Die
-Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu
-denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte, einen gesunden
-Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne
-strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen
-verlöschten, meine Unruhe ward immer größer.
-
-Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir
-bis ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten
-Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend
-stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung
-bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum
-erstenmal meinem Auge.
-
-Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen. Aber
-die Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht auf ihren Knieen,
-der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen waren
-verlöscht. Noch _einmal_ erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden
-Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser
-verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich mit das
-Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus
-dem Chor und lagerte sich über die Gemeinde. Mir war, als wär' ich
-aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine fürchterliche
-Nacht.
-
-Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße klagende Stimmen. Was
-jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz
-vor diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen
-der Weinenden, vom Chor herüber Töne, wie von gerichteten Engeln
-gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt
-mit unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn
-gewesen.
-
-Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge ergoß
-sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu
-rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer auf
-den Knieen niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz.
-
-›Signora,‹ sprach ich, ›die Tore werden geschlossen, wir sind die
-letzten in der Kapelle.‹
-
-Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie
-war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.
-
-Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit
-vorgerückt; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich mußte
-alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht
-lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner Hilfe die Dame
-aufzurichten.
-
-Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der
-halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den
-herrlichsten Kartons von Raphael nie gesehen! Glänzendbraune Locken
-hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen
-und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichtes, auf dem sich eine
-durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen
-versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den
-halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram,
-konnte Schmerz so gezogen haben.
-
-Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge
-auf, dessen eigener schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich
-einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich
-auf, stand nun in ihrer ganzen Schöne mir gegenüber. Welch zarte Formen
-bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. Sie
-schaute verwundert in der Kirche umher, ließ dann ihre Blicke auf mich
-herübergleiten.
-
-›Und Sie hier, Otto?‹ sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
-wohlklingendem Deutsch.
-
-Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja, sogar
-meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? -- sie
-schien verwundert über mein Schweigen.
-
-›Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich
-unterstützt? Doch, lassen Sie uns gehen, es wird spät.‹
-
-Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm.
-Sie drückte zärtlich meine Hand.
-
-Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
-möglich -- das Mädchen _konnte_ keine Dirne sein. Verwechslung war
-offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so
-ohne Arg. -- Ich wagte es -- ich übernahm die Rolle eines verstimmten
-Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.
-
-Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollt' ich
-wählen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich
-nahm allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.
-
-›Mein Gott,‹ rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ›Otto, wo
-sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.‹
-
-O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere
-Sprache in einem schönen Munde. Schon oft hatte ich die Römerinnen
-beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich in
-Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es
-aus allem, und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch
-immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge
-sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß
-erwarteten.
-
-›Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen,
-daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast
-recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden
-und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem
-Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der
-Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!‹
-weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels
-tauchte. ›Wie bin ich so allein! -- Und wenn ich dich nicht hätte, mein
-Otto!‹
-
-Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste lieblichste Kind im
-Arme, und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen
-noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ›Wie könnte
-ich dir zürnen.‹
-
-Sie schaute freudig dankbar auf -- ›Du bist wieder gut? Und o! wie
-siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt
-heute so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen ganzen
-langen Tag auf dich warten.‹
-
-Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die
-Glocke zog. ›Und nun gute Nacht, mein Herz,‹ sagte sie, ›wie gern säß
-ich noch zu dir auf der Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu
-lange.‹ Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen heißen Kuß
-auf meinen Lippen, und weg war sie.
-
-Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht
-erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber vor ihrem Haus eine Madonna
-in Stein gehauen, konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken.
-Ich wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirr der Straßen
-und war doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis
-an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht
-schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die
-Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Mädchens hereinzublicken.
-Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und
-ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht
-kostete.
-
-Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde
-bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine rätselhafte
-Schöne zu Haus brachte, und schalten mich neckend, daß ich sie gestern
-gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem größern
-Teil nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und behaupteten, mich
-deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer
-klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine Gestalt gehüllt
-habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen schien, und
-ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das leibhafte
-Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Engländer
-mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner
-Bekannten fürchtete, zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu
-helfen.
-
-Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um die
-erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir endlich
-in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und
-den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe,
-auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging auch unser
-Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit entfernt von
-den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse, die besonders
-den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus einzudrängen. Wir
-zogen mehreremal durch die Straße, immer war die Türe verschlossen,
-immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten
-tagelang die Promenaden, weder meine Schöne noch mein Ebenbild ließen
-sich sehen.
-
-Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir
-sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen
-Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des
-Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme
-flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt,
-hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die
-Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?
-
-Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände,
-die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine
-Ruhe wieder.
-
-Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte
-ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht
-herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte
-niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich
-mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter
-die Freuden des Karnevals zu mischen.
-
-Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
-Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert
-habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,
-behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen
-und begrüßt zu haben. Er schwieg etwas beleidigt, als ich es wieder
-verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: wie, wenn es die
-Gesuchten wären? -- Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen
-Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten
-römischen Häusern eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval
-verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit
-in den Korso.
-
-Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder
-andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,
-nicht nur weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen
-wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten
-aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen
-Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
-geblieben, und nur _ein_ heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so
-werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre
-Neugierde nicht zur Genüge befriedige.
-
-Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die Porta
-del popolo hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge
-durcheinander. Und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg,
-weil es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand,
-der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. Ueberall hörte man von
-dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes
-Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber
-und verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
-dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und
-winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich in die Seiten
-drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß ein
-herrlicher Anblick. Die Götter der alten Roma schienen wieder in die
-alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche,
-majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des
-Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht
-für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade hierin den schönsten
-Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den Göttinnen zurief, die
-Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Gräfin
-Parvi, die edlen Formen des Gesichtes unverhüllt, als Psyche sich
-nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst, diese sanfte Größe hätten
-einen Zeuxis und Praxiteles begeistern können.
-
-Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen,
-weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen
-auf der Straße, musternd mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und
-Balkone, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich fühlte
-ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ›So einsam?‹ tönte in der
-lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um.
-Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir.
-Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich damals
-so sehr überraschten. Sie ist's -- es ist kein Zweifel. Ich bot ihr
-schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ›Du böser Otto,‹ flüsterte
-sie, ›den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie mußte ich
-schwatzen, um die Signora loszuwerden!‹
-
-Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu
-suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein
-heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es
-von selbst. Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für
-mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske
-abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem
-Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war
-einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte noch von
-höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der
-Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert,
-das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte.
-
-Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht,
-strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann plötzlich:
-›Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in der Kapelle,
-den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehst du ihn deiner Luise noch
-nicht?‹
-
-Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die
-Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und
-ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule,
-um nicht im Augenblick vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch
-etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich
-mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen,
-was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene
-Neugierde Frevel?
-
-Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher sei,
-ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein könnte,
-bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich
-näher hinzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei, da ich
-ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen konnte.
-
-›Wie magst du nur so zerstreut fragen?‹ sagte Luise. ›Du selbst hast
-mich ja heraufgeführt?‹
-
-›Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
-Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?‹
-
-Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie
-vorhin sagte. ›Du bist auch wie unsere Wetter über den Alpen, soeben
-noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.‹
-
-Jener stand schnell auf: ›Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das
-Ziel Ihrer Scherze zu sein,‹ sagte er, ›und wenn Sie sich in Rätsel
-vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.‹ Er brach
-auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr
-verlängern, trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des
-Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein
-eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die überraschende
-Aehnlichkeit --«
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-Das Intermezzo. -- Die Trinker.
-
-
-Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner
-einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude
-lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee,
-Trümmern seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz
-zerschmettert, um ihn her. Der Aerger über eine solche Unterbrechung
-war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr
-Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
-beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
-rühren, und schaute verwundert herauf.
-
-Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach
-einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein
-Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren; ich möchte machen,
-daß wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser
-Gesellschaft zu gefallen.
-
-Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der
-gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein,
-sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines
-Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen.
-Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte
-mit meiner Inkarnation soviel menschliche Eitelkeit angezogen, daß mich
-dieses Lachen ungemein ärgerte.
-
-Wie gerne hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu
-Ende gehört;[6] wieviel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem
-gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst
-nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein
-junger, reicher, ich darf sagen hübscher Mann auf Reisen findet, wo er
-hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen
-einzieht -- und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen _des
-alten Menschen_ verdorben, ich hätte ihn würgen können, als wir im
-Wagen saßen.
-
- [6] Wenn ich nicht irre, so habe ich im zweiten Teile dieser
- Memoiren eine Fortsetzung jener Erzählung gesehen.
-
- Der Herausgeber.
-
-»War es nicht genug,« sagte ich, »daß du mit deinem scharfen Judenbart
-die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch
-noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen?
-Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles
-gegen dich auf? Was gingen dich denn die _Schwabenmädel_ an, daß du
-ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigst? Darfst du denn
-sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und
-jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt
-hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen
-Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige
-Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal und
-zerschmetterst -- nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener würdige
-jüdische Papst -- nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine
-Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad, wie
-fingst du es nur an?«
-
-»In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen
-unsereinen,« antwortete er verdrießlich, »Ihr wißt, daß Euch keine
-Gewalt über meine Seele zusteht, denn seit anderthalb tausend Jahren
-kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Eli-Geschichte
-betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr
-begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem
-man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern
-Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht.«
-
-Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten
-Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur
-noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns
-an einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gestalten; ich
-ließ für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem
-Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich
-ihn auf, zu erzählen.
-
-Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte, begann
-er:
-
-»Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich,
-sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich
-werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.
-
-Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben,
-zuweilen einen Liebeshandel suche -- nun verziehe dein Gesicht nur
-nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräftigen
-Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen. Nun
-hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf
-dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche
-Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich
-kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um
-sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein so ausgemachter
-Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. In dem Städtchen
-gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner
-Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grazie der Hut
-gezogen und etwas weniges geseufzt.
-
-Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die
-Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber; und ich hatte die
-Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute
-und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der
-Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen,
-auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor
-dem Hause meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen
-zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
-mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein
-Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich
-konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich
-ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich
-herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet,
-schwenke ihn in einem kühnen Bogen, und -- o Unglück -- er entwischt
-meiner Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß
-nur noch die Spitze hervorsieht.
-
-Wie schön sagt Schiller:
-
- Einen Blick
- Nach dem Grabe
- Seiner Habe
- Sendet noch der Mensch zurück.
-
-So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher
-Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber dann war zu
-befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig ~chapeau bas~
-weiterziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus
-entsprungen?
-
-Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen
-meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken,
-das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem
-gegenüberstehenden Kaffeehaus, Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute,
-brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ›Hussa, Sultan, such'
-verloren!‹ tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen
-Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den
-verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich
-auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
-präsentiert mir das triefende ~Corpus delicti~.
-
-Was ich dir hier mit vielen Worten erzähle, mein Bester, war das Werk
-eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die
-Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder.
-Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und
-auch bei _ihr_ waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich
-einen zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie
-sie das batistene Sacktuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu
-bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den
-Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand
-keinen Spaß, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich ließ
-ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dünn
-galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen
-stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich
-atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte.
-
-Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders da ich
-nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in
-das Kaffeehaus bestellt, um täglich meine Fensterparade zu bewundern!«
-
-Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach seinem
-Glas, trank und fuhr dann fort:
-
-»Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher,
-besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel
-auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der vortreffliche
-Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird. Darum ist es mir
-bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben,
-so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern und sie verschütten
-werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiß
-aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand fürchterlich,
-sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand danach, und -- richtig,
-meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen
-~Drap d'or~ oder genuesischen Samtkleid, daß alles im schönsten Fett
-schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht,
-ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel
-fallen zu lassen, ohne den Schoßhund auf den Schwanz zu treten, ohne
-der Tochter des Hauses die größten Sottisen zu sagen, wenn ich höflich
-und pikant sein will, so faßt mich irgend ein Unheil noch zum Schluß,
-daß ich mit Schande abziehe wie heute.«
-
-»Nun,« fragte ich, »was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?«
-
-»Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein
-paar Pfaffen habe singen hören, und wie er einem hübschen Mädchen
-nachgelaufen sei -- was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu
-sein -- da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel
-ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts
-in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich mich
-dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich lag.«
-
-»Das habe ich leider gesehen, wie du lagst,« sagte ich; »aber wie kann
-man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und
-mit dem Stuhl schaukeln.«
-
-»Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
-Geschichte, ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles.
-~Bibamus, diabole!~« sagte der alte Mann, indem er selbst mit tüchtigem
-Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies:
-»Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter Chambertin
-und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder
-nicht, aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist noch immer
-meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so
-schlecht aus, weil soviel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger
-Wein getrunken wird.«
-
-»Du könntest recht haben, Jude!«
-
-»Wie stattlich,« fuhr er im Eifer fort, »wie stattlich nahmen sich
-sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den
-dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter,
-feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche -- so
-traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust,
-feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in
-die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen
-zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hat, und das oft nach ihm
-getauft war. Der Wirt stellte mit einem ›Wohl bekomm's‹ die Weinkanne
-vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn fanden sich
-zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig und zog
-zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den guten alten Zeiten,
-wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, so war es, und nur der
-Tod machte darin eine Aenderung. Jetzt hängen sie alles an den Putz,
-machen Staat wie die Fürsten und sitzen den Wirten um zwei Groschen die
-Bänke ab. Luftiges, unstätes Gesindel fährt in den Wirtshäusern umher,
-man weiß nie mehr, neben wem man zu sitzen kommt, und das heißen die
-Leute _Kosmopolitismus_. Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne
-Gesichter von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe
-ausgestorben!«
-
-»Schau' nur dorthin,« fiel ich ihm ein, »du Prediger in der Wüste,
-dort sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem
-braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche
-hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den
-Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen
-und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort
-der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus
-der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie
-die heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? Ist
-er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast
-du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um
-nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?«
-
-»Wahrhaftig, diese sind echt!« rief der begeisterte Jude, »ich bin
-jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele, laß
-uns zu ihnen uns setzen, ~mi fratercule~!«
-
-Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten
-Sorte, denn schon seit zwanzig Jahren kommen sie alle Abende in das
-nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie
-anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige
-Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen
-Trinkern in seinen Augen sehr zu Gunsten der letzteren ausfiel. Er
-wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren Urvätern
-schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten Enkeln wieder
-trinken werde.
-
-Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn sie wurden
-freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen, dann
-gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie
-mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten Menschen
-faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet
-hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:
-
-
-Des ewigen Juden Trinklied.
-
- »Wer seines Leibes Alter zählet
- Nach Nächten, die er froh durchwacht,
- Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
- Sich um den Groschen lustig macht,
- Der findet in uns seine Leute,
- Der sei uns brüderlich gegrüßt,
- Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
- In seine sanften Arme schließt.
-
- Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
- Von Flötentönen süß berauscht,
- Fein Liebchen sich im Arme schmieget
- Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
- Da haben wir im Flug genossen
- Und schnell den Augenblick erhascht
- Und, Herz am Herzen festgeschlossen,
- Der Lippen süßen Gruß genascht.
-
- Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
- Doch ist sein Feuer bald verraucht,
- Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
- In seine Geisterglut dich taucht;
- Uns, die wir seine Hymnen singen,
- Uns leuchtet seine Flamme vor,
- Und auf der Töne freien Schwingen
- Steigt unser Geist zum Geist empor.
-
- Drum, die ihr frohe Freundesworte
- Zum würdigen Gesang erhebt,
- Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
- Daß ihr zu uns herniederschwebt!
- Sie tauchen auf -- sie schweben nieder
- Im Vollton rauschet der Gesang,
- Und lieblich hallt in unsre Lieder
- Der vollen Gläser Feierklang.
-
- So haben's immer wir gehalten
- Und bleiben fürder auch dabei,
- Und mag die Welt um uns veralten,
- Wir bleiben ewig jung und neu;
- Denn wird einmal der Geist uns trübe,
- Wir baden ihn im alten Wein,
- Und ziehen mit Gesang und Liebe
- In unsern Freudenhimmel ein.«
-
-Ob dies des Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen;
-doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei; die
-zwei alten Weingeister aber waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie
-drückten dem _alten Menschen_ die Hand und gebärdeten sich, als hätte
-er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt.
-
-Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf Uhr. Der ewige Jude sah
-mich an und brach auf, ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen
-uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre heiseren
-Stimmen in wunderlichen Tönen singen:
-
- »Und wird einmal der Geist uns trübe,
- Wir baden ihn im alten Wein,
- Und ziehen mit Gesang und Liebe
- In unsern Freudenhimmel ein.«
-
-
-
-
-Satans Besuch bei Herrn von Goethe
-
-nebst
-
-einigen einleitenden Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen
-Literatur.
-
- Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
- Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
- Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
- So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.
-
- _Goethe._
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
-Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.
-
-
-»Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch
-die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen
-und bösen Geister -- natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an
-gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das
-Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei,
-überall Unheil anzurichten.« So würde ich ungefähr sprechen, wenn ich
-es zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über die _Idee
-eines Teufels_ mich breit machen müßte.
-
-In meiner Stellung aber lache ich über solche Demonstrationen, die
-gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg
-zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so
-dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht _ganz
-geheuer um sie her ist_, und mögen sie mich nun Ahriman oder das böse
-Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich in allen Völkern
-und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das »~dicier hic est~«,
-darum behagt mir auch die deutsche Literatur so sehr. Haben sich nicht
-die größten Geister dieser Nation bemüht, mich zu verherrlichen und,
-wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu machen?
-
-In meiner ~Dissertatio de rebus diabolicis~ sage ich unter anderem
-folgendes: »§ 8. _Die Idee, das moralische Verderben in einer Person
-darzustellen, mußte sich daher den Dichtern bald aufdrängen_; diese
-waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch
-gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von jener breiten,
-dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über Gegenstände hinzugleiten
-weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde ihrer Phantasie jenes
-philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie nicht mit Gewandtheit
-auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und von der Bühne und
-machten sich breit in Philosophemen, die der zehnte nicht sogleich
-verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen
-Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander ausweichen.
-
-Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet
-waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast
-hat dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde
-herzuleiern!
-
-Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem
-Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er
-die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man begreift
-nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte verführen
-lassen.«
-
-Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier
-aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher
-viel Spaß gemacht und ich kam mir oft vor, wie der Pulcinell des
-italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende
-Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die
-Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein
-~Ecce homo~, sehet, das ist der Teufel, schrieb.
-
-Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein
-Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht
-sein. »Ein jeder gibt, wie er's kann,« fuhr ich in der Dissertation
-fort, »und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem
-wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel.
-Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders
-aussieht.
-
-Jener Abbadona ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die
-Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig
-ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt,
-mir wenigstens kommt dieser Klopstockische Gottseibeiuns vor wie ein
-Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den
-Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und
-darum unanständig jammert.«
-
-So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und
-ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der
-des Teufels sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über
-das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen
-berühmten Mann, der, kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen
-Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,
-sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es
-entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur
-Welt gebracht hat.
-
-Der _Goethesche Mephistopheles_ ist eigentlich nichts anders als
-jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er
-aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die Bocksfüße hat er elegante
-Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter dem Barett verborgen --
-siehe da den Teufel des großen Dichters! Man wird mir einwenden,
-das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß er tausend Fäden
-zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken, seine hohen
-überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knüpft.
--- Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch über
-seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm beherrschen läßt, ist
-es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in diese Fesseln der
-Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche Adler dieses Volk bei
-seinem populären Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhöhe tragen?
-
-Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, daß unter
-diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht in
-Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder
-zur Erde stürzt? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat
-aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter
-geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm
-hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,
-gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sintflut jetziger Zeit und
-schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
-kleinen Poeten strömt.
-
-Ein wässeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand
-sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will der
-Meister warten, bis die Flut sich verlaufe, und dann seine Stierlein
-und Eselein, seine Pfauen und Kamele, Paar und Paar auf die Erde
-spazieren lassen?
-
-Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines sich
-zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über seine
-Schenke schreiben: »Hier allein ist Echter zu haben,« wie Maria Farina
-auf sein kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?
-
-Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, daß
-er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe
-offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er
-wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende
-werden ausrufen: »Wie herrlich! das ist der Teufel, wie er leibt und
-lebt.« Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich
-wenig, sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der
-Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.
-
-»Aber erkennst du denn nicht,« wird man mir sagen, »erkennst du nicht
-die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?«
-
-Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als
-den gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube
-beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu
-beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der beschworen
-werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:
-
- »Gesteh' ich's nur! Daß ich hinausspaziere,
- Verbietet mir ein kleines Hindernis,
- Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;«
-
-und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,
-
- »Bedarf ich eines Rattenzahns;«
-
-daher befiehlt:
-
- »Der Herr der Ratten und der Mäuse,
- Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse«
-
-in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer, die Kante, welche
-ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer
-treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal »Herein!« ruft. In andere
-Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen, trete
-ich ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren
-Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:
-
- »Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
- Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!«
-
-Doch weiter. --
-
-Ich stehe auf einem ganz besondern Fuß mit den Hexen. Die in der
-Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen, aber sie sah keinen
-Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache
-ich eine unanständige Gebärde.
-
- »Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
- Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.«
-
-Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt.
-Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:
-
- »Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
- Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.«
-
-Auch hier
-
- »Zeichnet mich kein Knieband aus,
- Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.«
-
-Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit
-einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur
-durch Gedankenstriche
-
- »Der hatt' ein -- -- -- --
- So -- es war, gefiel mir's doch«
-
-anzudeuten wagt.
-
-Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle, der
-
- »-- -- kalt und frech
- Ihn vor sich selbst erniedrigt.«
-
-Ich bin ohne Zweifel von häßlicher unangenehmer Gestalt und Gesicht,
-zurückstoßend, was man, mit mildem Ausdruck, markiert, intrigant, und
-im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.
-
-Daher sagt Gretchen von mir:
-
- »Der Mensch, den du da bei dir hast,
- Ist mir in tiefer, inn'rer Seele verhaßt.
- Es hat mir in meinem Leben
- So nichts einen Stich ins Herz gegeben
- Als des Menschen widrig Gesicht. --
- Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
- Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen. --
- -- Kommt er einmal zur Tür herein,
- Sieht er immer so spöttisch drein
- Und halb ergrimmt. --
- Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
- Daß er nicht mag eine Seele lieben etc.«
-
-Daher sage ich auch nachher:
-
- »Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
- In meiner Gegenwart wird's ihr, sie weiß nicht, wie;
- Mein _Mäskchen_ da weissagt verborgnen Sinn,
- Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
- Vielleicht wohl gar der Teufel bin.«
-
-Soll das bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines
-Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein
-unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich
-macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der
-schon gefallene Mensch; wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk
-scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein -- es ist nur allein
-mein Gesicht, mein _Mäskchen_, mein lauernder Blick, mein höhnisches
-Lächeln, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:
-
- »-- Wo er nur mag zu uns treten,
- Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr --«
-
-Wozu nur dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das
-jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde,
-nach den gewöhnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt?
-
-Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem
-genialen Retzsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen
-Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden das
-liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in
-der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr, welche Würde noch in
-dem gefallenen Göttersohn!
-
-Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
-Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen
-Formen des dürren Körpers, das ausgedörrte Gesicht, die häßliche Nase,
-die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel -- hinweg von
-diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat.[7]
-
- [7] Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht
- irre, so ertappt man hier den Satan auf einer größern
- Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn
- nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht,
- als daß er ihn mit etwas lebhaften Farben als häßlich
- darstellt; diese Bemerkung wird um so wahrscheinlicher,
- wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten
- Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation
- einige Eitelkeit in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt
- sich übrigens durch den übertriebenen Eifer, mit welchem
- er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße, die ihm nicht hätte
- beigehen sollen.
-
-Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum,
-antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende
-Dichter, seinen Satan anthropomorphisiert; um den gefallenen _Engel_
-würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief
-gefallenen _Menschen_. Die Sünde hat seinen Körper häßlich, mager,
-unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften gewühlt
-und es zur Fratze entstellt, aus dem hohlen Auge sprüht die grünliche
-Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch wie der eines
-Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat und jetzt aus
-Uebersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist es nicht wohl
-in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen schaudert.
-
-So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte,
-einen schlechten Teufel gemalt.
-
-Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel
-könne nun einmal nicht anders aussehen, er _könne_ sein Gesicht, seine
-Gestalt nicht _verwandeln_? Nein, man lese:
-
- »Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
- Hat auf den Teufel sich erstreckt;
- Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
- Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
- Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere --«
-
-Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein »Mäskchen«
-nennen; folglich _kann_ er sich eine Maske geben, _kann_ sich
-verwandeln; aber wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das
-_nordische Phantom_ dennoch beizubehalten, nur daß er mich von
-»_Hörnern, Schweif und Klaue_« dispensiert.
-
-Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes
-nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so
-hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon
-durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf
-jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt,
-darf er durch einen gewöhnlichen »Bruder Liederlich«, als welchen sich
-Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und -- muß nicht _diese_ Maske
-der Würde jener Tragödie Eintrag tun?
-
-Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und
-meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen:
-»Söhnchen! διαβολε! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes Publikum
-haben und, um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als möglich
-sein muß.«
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
-Der Besuch.
-
-
-Bei diesem allem bleibt Faust ein erhabenes Gedicht, und Goethe einer
-der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern,
-daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann einmal zu
-sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen können, ja, wenn
-ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand ich auf dem
-Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles nächtlicherweise zu
-erscheinen und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen. Aber eine
-gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich
-immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.
-
-Ich entschloß mich daher, als ~Doctor legens~, ein ehrsamer Titel auf
-Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist
-mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein ehrlicher
-Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein
-erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: »Wann kann man den
-Löwen sehen, Bursche?« -- »Mein Herr,« antwortet der Gefragte, »die
-Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Löwe aber ist
-am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rate ich, um
-jene Zeit hinzugehen.«
-
-Geradeso erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem
-jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm
-schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch Europa
-dem berühmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen.
-In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um
-welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten? Wir waren in
-Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas unscheinbar
-geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit mißtrauischen Blicken
-und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fräcke
-bei uns hätten?
-
-Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt
-versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. »Sie werden wahrscheinlich
-nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind
-Seine Exzellenz am besten zu sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie
-angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen
-aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen
-ungesehen wieder fortzuschicken.«
-
-Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen
-den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme ~recta~
-nach Weimar und gehe von da wieder heim. Uebrigens hatte er richtig
-prophezeit: ~Doctor legens~ Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill
-aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt.
-
-Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter
-wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte
-Treppe führt zu ihm. Eine tiefe geheimnisvolle Stille lag auf dem
-Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in
-das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,
-verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefährte
-betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese Möbel. So hatte
-er sich wohl das _Stübchen des Dichters_ nicht vorgestellt. Mit der
-Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Größe des
-Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem
-angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die
-Tür geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten mußte.
-
-Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel
-weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen
-Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.
-
-Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die
-höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Lauf
-der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.
-Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe
-alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der
-zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich
-auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. -- Goethe hat sich
-seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging,
-noch keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch _kann_, was er
-_will_. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,
-von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem
-Höheren geführt habe -- das Zeitalter hat _ihn_ gebildet.
-
-Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben Werther in
-das liebe Deutschland brachte. Die Lotten schienen wie durch einen
-Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war Legion.
-Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran
-gefehlt, daß _er_ das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten
-Ton, den er angab, mußte Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen in
-wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt dieses
-große schöpferische Geheimnis? _Alles zu rechter Zeit._ Der Siegwart
-hatte die harten Herzen aufgetaut und sie für allen möglichen Jammer,
-für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goethe.
-
-Die Türe ging auf -- er kam.
-
-Dreimal bückten wir uns tief -- und wagten es dann, an ihm
-hinaufzublinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und
-helle, wie die eines Jünglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll
-Würde und Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und
-auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern. -- Doch er ließ uns nicht
-lange Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines
-Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns
-zum Sitzen ein.
-
-Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske
-zu ihm zu gehen. ~Doctores legentes~ mochte er schon viele hunderte
-gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf
-die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er sich meist mit
-meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für einen gelehrten
-Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben! Hätte
-ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein Ruhm bis jenseits
-des Ohio gedrungen, wie man in den Kabanen von Louisiana über ihn
-und seinen Wilhelm Meister sich unterhalte? -- So wurden mir einige
-unbedeutende Floskeln zu teil, und mein glücklicherer Gefährte durfte
-den großen Mann unterhalten.
-
-Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der
-Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf
-bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art
-von Elektrisiermaschine zu nahen, man schmeichelt ihm, man glaubt, er
-müsse dann Witzfunken von sich strahlen wie die schwarzen Katzen, wenn
-man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein Romandichter,
-so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Berühmte
-zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Aermel schütteln werde. Ist er
-gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den
-Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann ganz warm unsern
-Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein umfassender Kopf
-wie Goethe, einer der, so zu sagen, in allen Sätteln gerecht ist -- wie
-interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung werden! Wie sehr muß
-man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu genügen.
-
-Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr,
-wie das des guten Walt, als er zum Flitte kam,[8] ängstlich oben in
-allen vier Gehirnkammern und darauf unten in beiden Herzkammern wie
-eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben,
-das er ihm zutragen und vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll
-auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der
-Kandidat auf den strengen Examinator, er knickte seinen Hut zusammen
-und zerpflückte einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber
-welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herzen fallen, als der Dichter
-aus seinen Höhen zu ihm herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und
-Kunz in der Kneipe. Er sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in
-Amerika, und indem er über das Verhältnis der Winde zu der Luft, der
-Dünste des wasserreichen Amerika zu denen in unserem alten Europa
-sich verbreitete, zeigte er uns, daß das All der Wissenschaft in ihm
-aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer und epischer Dichter,
-Romanist und Novellist, Lustspiel- und Trauerspieldichter, Biograph
-(sein eigener) und Uebersetzer -- nein, er war auch sogar Meteorolog!
-
- [8] Jean Pauls Flegeljahre.
-
-Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
-eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine
-Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das,
-was ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne. Ich
-glaube, wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er
-hätte sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle
-Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer
-Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
-schmoren müsse.
-
-Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und -- siehe das
-Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen seiner
-Beredsamkeit öffneten sich -- er beschrieb den feinen, weichen Regen
-von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New-York brausen und pries
-die Regenschirmfabriken in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es
-war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
-Wirtshaus unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche
-Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser
-Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation,
-daß man sich angewöhnt -- nicht gut zu _sprechen_, sondern gut zu
-_hören_. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
-sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam
-auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden,
-daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.
-
-Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem
-Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns
-Witterungsbeobachtungen anzustellen.
-
-Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das Zeichen
-zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen, und wir
-schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der gute Mann
-ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig wünschte,
-mich auch ferner bei sich zu sehen; ich sagte ihm zu und werde es
-zu seiner Zeit schon noch halten, denn wahrhaftig, ich habe seinen
-Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen -- zwei
-Bücklinge, wir gingen. --
-
-Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner
-nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner
-Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er
-schien höchst zufrieden mit dem Besuch.
-
-Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl
-und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem
-Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir
-das eine und stieß an auf das Wohlsein jenes großen Dichters.
-
-»Ist es nicht etwas Erfreuliches,« sagte er, »zu finden, so
-hocherhabene Männer seien wie unsereiner. War mir doch angst und bange
-vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei
-dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange;
-und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert,
-welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!« Er
-schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters
-Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
-sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem
-Schlaf in die Arme.
-
-Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von
-allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein
-leichter flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich
-führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen Körpern
-die Erde besuchen, gekostet zu werden.
-
-Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie
-leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen
-glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so
-ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.
-
-Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei
-ihm gewesen zu sein, denn
-
- »Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
- Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
- Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
- So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.«
-
-
-
-
-Der Festtag im Fegefeuer.
-
-Eine Skizze.
-
- »Das größte Glück der
- Geschichtschreiber ist, daß die
- Toten nicht gegen ihre Ansichten
- protestieren können.«
-
- _Welt_ und _Zeit_. I.
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
-Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen.
-
-
-Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar
-nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir
-sehr interessant war und vielleicht auch anderen nicht ohne einiges
-Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift »_Der Festtag im
-Fegefeuer_«, und kam durch folgende Veranlassung zu diesem Titel. Es
-ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten Sitte, ihre
-Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. Wenn ein aus
-fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben wird, haben
-die Küster im Land schwere Arbeit, denn man läutet viele Tage lang alle
-Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein Stammhalter geboren, so
-verkündet schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht. Landesväterliche
-oder landesmütterliche Geburtstage werden mit allem möglichen Glanz
-begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die Honoratioren halten einen
-Schmaus, abends ist Ball oder doch wenigstens in den Landstädtchen
-~bière dansante~. Kurz, alles lebt ~in dulci jubilo~ an solchen Tagen.
-
-Um nun meiner guten _Großmutter_ eine Ehre zu erweisen, hielt ich es
-auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie sich
-gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit.
-Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den sie auf der
-Oberfläche hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was
-von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten schicken (~in
-pleno~ können sie nicht vorgelassen werden, weil sonst die Prozession
-einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschälle, Kammerherren usw.
-haben den großen Dienst und schätzen es sich zur Ehre, die Honneurs zu
-machen, die Festlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Bällen, welche
-abends gegeben werden, zu arrangieren usw.
-
-Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. _Einmal_
-fühlt sich ~chère grande-mama~ ungemein geschmeichelt durch diese
-Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten
-Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser einzige
-Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die Seelen sich
-nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck einer solchen
-Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.
-
-An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.
-Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges: »Vivat der Herr
-Teufel!« »~Vive le diable!~« erfreut dann mein landesväterliches Herz;
-doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist, als ein _Hurra_
-auf der Oberwelt, denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr, wenn sie
-_nicht_ schreien.
-
-In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.
-~Tout comme chez vous~, meine Herren, nur etwas grotesker,
-Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
-militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs
-finden sich wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich einen
-guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie mitteilen
-wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein hübsches
-Licht werfen würden.
-
-Einst trat ich in einen Saal des ~Café de Londres~ (denn nebenbei
-gesagt, es ist an diesem Tag alles auf großem Fuß und höchst elegant
-eingerichtet), ich traf dort nur drei junge Männer, die aber durch
-ihr Aeußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie
-ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung
-zu versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das
-Kostüm eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die
-Herrschaften zu bedienen.
-
-Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard.
-Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war
-nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine
-ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand
-spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte
-das Kinn. Ein schöner Kopf! Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die
-Stirne hoch und frei, von hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben,
-die Nase gebogen und spitzig wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen
-dünn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt
-und ohne alles Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies
-alles und ein feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein
-Ohr gedrückt, ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines,
-blendendweißes Linnenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung
-konnte nur einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören.
-Ich sah in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill.
-Er winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm
-wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte
-auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havanna-Zigarre und eine
-brennende Wachskerze vor ihn hin.
-
-Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel geendigt und nahten
-sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen
-Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,
-Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein Deutscher.
-
-Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes Männchen. Sein
-schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze Backenbart standen
-sehr hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und
-beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen roten Lippen
-und das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau,
-welches den Damen so wohlgefallen soll und in England und Deutschland
-bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier
-der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als dort.
-
-Offenbar ein Inkroyabel von der ~Chaussée d'Antin~! Das elegante
-Negligee, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der
-eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte
-der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit
-zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch,
-dem kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel ~à la Duc de Berry~
-zusammengehalten, bis herab auf die Gamaschen, die man damals seit drei
-Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch
-zu gelten, an den Spitzen nach dem großen Zehen sich hinneigen und
-ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage: bis auf jene Kleinigkeiten,
-die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel, einem, der in
-die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und unumgänglich
-notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach dem neuesten »Geschmack
-für den Morgen« angezogen.
-
-Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die
-Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke
-des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu
-sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr zu schwatzen, als
-zu hören.
-
-Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an dem
-ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, ein
-wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite
-Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:
-
-»Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns
-~Monseigneur le Diable~ gibt? Werden viel Damen dort sein, mein Herr?
-Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier habe.«
-
-»Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns
-beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe
-ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier
-vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie
-brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,
-Sie zu begleiten, mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten.«
-
-So ging es im Galopp über die Zunge des Inkroyabel. Seine Lordschaft
-schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den ersten
-Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf,
-um seine rechte Hand frei zu machen, ergriff mit dieser -- die erste
-Bewegung seit einer halben Stunde -- das Kelchglas, nippte einige Züge
-Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die
-rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr
-zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen, denn er erwiderte
-auch nicht _eine_ Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen und
-schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt, »der Zähne doppelt Gatter«
-vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.
-
-Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert,
-eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber
-genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Er war,
-was man in Deutschland einen _gewichsten jungen Mann_ zu nennen
-pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende Haare, an
-die etwas niedere Stirne schloß sich ein allerliebstes Stumpfnäschen,
-über dem Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden hinaufgewirbelt
-waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen Ausdruck von
-Klugheit, der wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten
-Holzschnitt keinen üblen Effekt hervorbrachte.
-
-Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
-entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war
-polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier
-Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften an und
-formierte die Taille so schlank als die einer hübschen Altenburgerin;
-er hatte ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so
-waren solche nur aus dünnem Nanking verfertigt, aus eben diesem Grund
-mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden,
-Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben eines Pferdes dienen.
-Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm.
-
-Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
-niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebt, wo auch die kleinste
-Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet
-wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit jener
-feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte selbst
-in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung mehr
-Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer ein
-Tanzmeister lehren kann.
-
-Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte
-verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen möchte,
-machte ich in einem Augenblick, denn man denke sich nicht, daß der
-junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig abkonterfeit
-hatte.
-
-Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. »Mein Gott,
-Herr von Garnmacker,« sagte er, »ich möchte verzweifeln; der englische
-Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache
-zu wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu
-führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,
-als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
-andern versteht?«
-
-»Auf Ehre, Sie haben recht,« antwortete der Stutzer in besserem
-Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; »man kann sich zur Not
-denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt, aber ich sehe
-nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern können.«
-
-»~J'ai bien compris, Messieurs~,« sagte der Lord ganz ruhig neben
-seiner Zigarre vorbei und nahm wieder einigen Rum zu sich.
-
-»Ist's möglich, Mylord?« rief der Franzose vergnügt, »das ist sehr gut,
-daß wir uns verstehen können! Markeur, bringen Sie mir Zuckerwasser! O,
-das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch schöne Sache ist es
-doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie dieser hier.«
-
-»Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester,« gab der Deutsche zu; »aber
-wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne Welt
-zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von allen
-möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte
-oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an diesem
-verfl... Orte manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück hatte;
-Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster Marquis,
-können uns hier Paris im kleinen zeigen.«
-
-»Gott soll mich behüten!« entgegnete eifrig der Franzose, indem er nach
-der Uhr sah, »jetzt um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne Welt
-mustern?«
-
-»Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem ~détestable purgatoire~ so
-sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die Promenade gehen
-sollte?«
-
-»Nun, nun,« antwortete der Stutzer, »ich meine nur, im Fall wir nichts
-Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer im
-Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es
-Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so
-bleibe ich gerne hier.«
-
-»Mein Gott,« entgegnete der Inkroyabel, »ist dies nicht ein so
-anständiges Café, als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt
-es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen?
-Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen
-Salon besser wünschen? Nein! ~Monsieur le Diable~ hat Geschmack in
-solchen Dingen, das muß man ihm lassen.«
-
-»~Une comfortable maison!~« murmelte Mylord und winkte dem Franzosen
-Beifall zu. »~Et ce salon comfortable.~«
-
-»Gute Tafel, mein Herr?« fragte der Marquis. »Nun, die wird auch da
-sein, ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber meine Herren,
-was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas
-aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne interessante
-Abenteuer, und Baron Garnmacker hat deren wohl so viele erlebt als
-Mylord?«
-
-»~Goddam!~ das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr,« sagte der
-Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die Füße
-von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil
-zurecht setzte; »noch ein Glas Rum, Markeur!«
-
-»Ich stimme bei,« rief der Deutsche, »und mache Ihnen über Ihren
-glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot. -- Eine Flasche
-Rheinwein, Kellner! -- Wer soll beginnen zu erzählen?«
-
-»Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden,« antwortete Lord
-Fotherhill, »und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen.«
-
-»Angenommen, mein Herr,« sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose;
-»machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer
-zwei soll beginnen.«
-
-Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen,
-und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.
-
-Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem
-er, das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen
-hinüber deutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: »Geben Sie einmal
-acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn
-wir beide sind schon durch den Rang unserer Nationen weit über ihn
-erhaben.«
-
-Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit großer
-Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte in der
-Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann:
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel.
-
-Geschichte des deutschen Stutzers.
-
-
-»Als mein Großvater, der kaiserlich-königlich --«
-
-»Ich bitte Sie, mein Herr,« unterbrach ihn der Inkroyabel, »verschonen
-Sie uns mit dem Großpapa, und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an: was
-war er?«
-
-»Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich hätte mich gerne bei dem
-Glanz unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf
-einem ziemlich großen Fuß --«
-
-»Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu
-neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit.«
-
-»Mein Vater,« fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, »war
-Kleiderfabrikant en gros --«
-
-»Wie,« fragte der Lord, »was ist Kleiderfabrikant? Kann man in
-Deutschland Kleider in Fabriken machen?«
-
-»Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!« rief der Stutzer unwillig
-und stieß das Glas auf den Tisch; »das ist nicht die Art, wie man seine
-Biographie erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von kritischen
-Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Markt,
-darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider für die
-Leute machten!«
-
-»~Mon Dieu!~ also war er, was wir ~Tailleur~ nennen? ein Schneider?«
-
-»Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, kurz, er hatte die
-Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die
-ersten Bürger in seinen Soirees sah, so war doch ein gewisser guter
-Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiß nicht was, kurz, es
-war ein ganz anständiger Mann, mein Papa.«
-
-Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den ~Garçon tailleur~ so
-perorieren hörte, doch faßte ich mich, um den Markeur nicht aus der
-Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und
-wollte sich ausschütten vor Lachen, der Engländer sah den Stutzer
-forschend an, unterdrückte ein Lächeln, das seiner Würde schaden
-konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:
-
-»Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben
-pressen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen.
-Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem
-schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt
-mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten, im Gegenteil, es macht mir
-Vergnügen, Sie zu unterhalten!«
-
-»Ah! ~ce noble trait!~« rief der Inkroyabel und wischte sich die Tränen
-aus dem Auge. »Reichen Sie mir die Hand und lassen Sie uns Freunde
-bleiben. Was geht es mich an, ob Ihr Vater ~Duc~ oder ~Tailleur~ war.
-Erzählen Sie immer weiter, Sie machen es gar zu hübsch.«
-
-»Ich genoß eine gute Erziehung, denn meine Mutter wollte mich durchaus
-zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterland der
-eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem
-siebenten Jahre ~Mensa~, in meinem achten ~Amo~, in meinem zehnten
-τυπτω, in meinem zwölften ~Pakat~ eingebläut. Sie können sich denken,
-daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen Tage
-hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt: das heißt, ich ging
-lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen oder sah die Fische den Fluß
-hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden, als daß ich mich
-oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des künftigen Pastors
-eingerichtet hatte, mit meinem Bröder, Buttmann, Schröder, und wie die
-Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit harten Köpfen wie böse
-Geister erscheinen, abmarterte.
-
-Ich hatte überdies noch einen andern Gang, der mir viele Zeit raubte;
-es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schönen
-Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß wie unter
-den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das
-kleine Schiebfenster öffnete, um den Kopf ein wenig in die frische Luft
-zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf den schönen Garten
-unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort unter den schönen
-Akazien auf der weichen Moosbank saß Amalie, sein Töchterlein, und ihre
-Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehliche Sehnsucht riß mich hin;
-ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit den
-Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlücke bei der Königin
-meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete sie in meinem Herzen im
-vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem elften Jahr den größten
-Teil der Ritter- und Räuberromane meines Vaterlandes gelesen, Werke,
-von deren Vortrefflichkeit man in andern Ländern keinen Begriff hat,
-denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß sind nie über den Rhein oder
-gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel höher stehen diese Bücher
-alle, als jene Ritter- und Räuberhistorien des Verfassers von Waverley,
-der kein anderes Verdienst hat, als auf Kosten seiner Leser recht
-breit zu sein. Hat der große Unbekannte solche vortreffliche Stellen
-wie die, welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen:
-›_Mitternacht, dumpfes Grausen der Natur, Rüdengebell, Ritter Urian
-tritt auf._‹
-
-Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn
-er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest; wie
-fühlte ich da das ›_Grausen der Natur_‹! und wenn der Hofhund sein
-Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen, daß sich meine
-Blicke ängstlich an die schlechtverriegelte Türe hefteten, denn ich
-glaubte nicht anders, als ›_Ritter Urian trete auf_‹.
-
-Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft auch
-mein Herz Feuer fing? Jede Bertha, die ihrem Ritter die Feldbinde
-umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem den Schloßberg
-hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede
-Agnes, Hulda usw. verwandelte sich unwillkürlich in Amalien.
-
-Doch auch _sie_ war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus
-ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer
-gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder
-in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bücher heraus, welche
-entweder keinen Rücken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden
-waren, daß sie mich ordentlich _anglänzten_. Das sind so die echten
-nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein _Rinaldo
-Rinaldini_, ein _Domschütz_, ein _alter Ueberall_ und _Nirgends_ oder
-sonst einer unserer Lieblinge.
-
-Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein, denn
-Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des
-Romans nicht immer sehr _rein_ war, doch nie mit bloßen Fingern den
-fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann
-in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn
-zurück, ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn oder
-einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere
-Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war
-sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja, wenn
-Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen
-Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen.
-
-Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war
-übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines
-großen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der
-schönen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber
-innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle
-zu geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte
-sie den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer
-war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze
-in unserm Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun)
-erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien)
-sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen
-Beinkleidern sehr gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn,
-aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin.
-
-Das einzige Unglück bei unserer Liebe war, daß wir eigentlich gar kein
-Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem
-armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürsten (dem Kaufmann),
-wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen
-war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging; oder es kam sogar zu
-wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen Ladendiener) zu
-uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ (weil mein Vater eine
-sehr große Rechnung in dem Kontobuch des Fürsten hatte). Aber dies
-alles war leider kein nötigendes Unglück für unsere Liebe und diente
-nicht dazu, unsere Situationen noch romantischer zu machen.
-
-Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand, war
-mein hartes Unglück, immer unter den Letzten meiner Klasse zu sein und
-von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen, doch auch darüber
-belehrte und tröstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich,
-daß des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und
-sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er aber habe gewiß
-unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten
-Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige
-Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber
-wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die
-unregelmäßigen griechischen Verba nicht lernte, und _dafür_ bekam ich
-Schläge.
-
-So war ich fünfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden,
-ungetrübt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen, da ereigneten
-sich mit einemmale zwei Unglücksfälle, wovon schon einer für sich
-hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen herabzuschmettern.
-
-Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquéschen Romane
-anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden ...«
-
-»Was ist das, Fouquésche Romane?« fragte der Lord.
-
-»Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese Definition
-werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué ist ein
-frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit
-Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet
-und kämpft, wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein wenig
-rohe und gemeine Mittelalter modernisiert oder vielmehr unsere heutige
-modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und um
-fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz süßlich
-und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man
-vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe Landjunker gewesen,
-die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten, als der
-Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer bezaubernden
-Kourtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind hauptsächlich
-_fromm_ und _kreuzgläubig_.
-
-Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit
-steifen Kragen angetan, und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt.
-Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben
-ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde Und andere solche Getiere.«
-
-»~Mon dieu!~ solchen Unsinn liest man in Deutschland?« rief der
-Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.
-
-»O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab eine Zeit bei
-uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu
-bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt,
-nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die ~Tempi
-passati~ -- so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer
-auf diese und wurden allesamt altdeutsch.
-
-Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene
-herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das
-Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über
-Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten, da
-trat jener fromme Ritter auf; ein zweiter Orpheus griff er in die
-Saiten, und es entstand ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den
-französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,
-keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen Fräcke
-aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle
-Leinwand setzen, und ›Kleider machen Leute‹, sagt ein Sprichwort,
-~probatum est~, auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm.«
-
-~»Goddam!~ Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen;«
-unterbrach ihn der Engländer, »vor acht Jahren machte ich die große
-Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter See ließ ich
-mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben.
-Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern,
-halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben
-schien. Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese und
-blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten wunderbare
-Mützen auf dem Kopf, die Haare fielen in malerischer Unordnung auf
-den Rücken und die Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten
-breite, zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen,
-herausgelegt.
-
-Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker
-Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß sich eng um
-den Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer.
-In sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober
-Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in
-der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren.
-Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen
-auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.
-
-Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und
-Uniform wäre, und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütliwiese
-vorstellen sollten? Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler
-aus Deutschland wären. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke
-an den fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in
-meinen Kahn und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die
-erhabenen Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen
-Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben
-gehabt zu haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit
-sich aus, denn als mein Kahn über den See hinglitt, erhoben sie
-einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so würdigen,
-ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen in Gedanken das Vorurteil abbat,
-welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte.«
-
-»Nun ja, da haben wir's,« fuhr der Baron von Garnmacher fort, »so
-sah es damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte
-Fouquésche Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich wie
-alle meine Kameraden altdeutsch und war meiner Herrin, »der wundigen
-Maid«, mit einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalien
-machte übrigens der _Zauberring_, die _Fahrten Thiodolfs_ etc. nicht
-den gewünschten Eindruck, sie verlachte die sittigen, lichtbraunen,
-blauäugigen Damen, besonders die _Bertha von Lichtenrieth_, und pries
-mir Lafontaine und Langbein, schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine
-ihrer Freundinnen zugesteckt hatte.
-
-Ich war zu erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, als
-daß ich ihr Gehör gegeben hätte, aber der lüsterne Brennstoff jener
-Romane brannte fort in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr Alter
-schon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und kurz
--- es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hüllte mich in meinen
-altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den
-Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.
-
-Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete und
-dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr
-Lafontaine und Langbein studierte, weiß ich nicht zu sagen, nur soviel
-ist mir bekannt, daß ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen
-nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat.
-
-Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische
-Bibel und die griechischen Unregelmäßigkeiten vor mir liegen, und auf
-ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint
-und durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose
-Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf
-zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest
-überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein könne, und
-höchstens der unglückliche _Otto von Trautwangen_, als er in Frankreich
-mit seinem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine Höhle bewohnte,
-konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.
-
-Aber das Maß meines Leidens war noch nicht voll; hören Sie, wie aus
-entwölkter Höhe mich ein zweiter Donner traf.
-
-Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz
-gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, _wen wir für den
-größten Mann Deutschlands halten_? Es sollte sein Wert geschichtlich
-nachgewiesen, Gründe für und wider angegeben und überhaupt alles recht
-gelehrt abgemacht werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe,
-meine Herren, immer einen harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren
-mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer mittelmäßige
-oder schlechte Arbeit geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz
-begeistert, ich fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die
-großen Männer meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat
-in diesen Jahren nicht solche?) in gehöriges Licht setzen zu können.
-
-Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für
-mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens.
-Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und
-wer, der irgend einmal diese Bücher der Geschichten in die Hand nahm,
-wer konnte in Zweifel sein, wer die größten Männer meines Vaterlandes
-seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich
-die Krone zuerkennen sollte. _Hasper a Spada?_ Es ist wahr, es war
-ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner Freunde.
-Aber, wie die Geschichte sagt, war er doch etwas sehr dem Trinken
-ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem fürtrefflichen
-Charakter. _Adolf der Kühne, Raugraf von Dassel?_ Er hatte schon etwas
-mehr von einem großen Mann. Wie schrecklich züchtigt er die Pfaffen!
-Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Buße tun müßte,
-aber dies schwächt doch sein majestätisches Bild. Es ist wahr, _Otto
-von Trautwangen_ glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen
-Geschichte, dachte ich weiter; aber auch er scheint doch nicht der
-größte gewesen zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag
-zu bringen ist, jeden Zauber überwand.
-
-Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig unter allen
-deutschen Helden ist doch keiner, der dem _Thiodolf_ das Wasser reicht.
-Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im
-Zorn ein _Berserker_, es kann nicht fehlen, er ist der größte Deutsche.
-
-Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung
-nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich
-konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl
-zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor. Wie
-erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach, wie
-er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig
-auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war, wie großmütig
-verschmäht er alle Belohnung, ja, er schlägt einen Kaiserthron aus, um
-seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, obgleich er
-die christliche Religion nicht recht kannte; wie schön beschrieb ich
-alles, ja, es mußte das harte Herz des alten Rektors rühren!
-
-Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall
-lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze zu
-zensieren. Dann sendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick nach
-dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe schaute,
-dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: ›Kann man etwas
-Gelungeneres lesen als dies, und ratet, wer es gemacht hat? Die Letzten
-sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
-soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn, ~Garnmachere~! Ich
-habe immer gesagt, du seiest ein ~bête~, konnte ich ahnen, daß du mit
-so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir
-gebührt.‹
-
-So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste
-Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um
-zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert
-sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den
-_deutschen Alkibiades_ und zunächst ihm _Hermann von Nordenschild_ für
-die größten Männer halte. Man könne ihnen den _Ritter Euros_, welcher
-nachher als Domschütz mit seinen Gesellen so großes Aufsehen gemacht
-habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht an die Seite stellen,
-doch stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt.
-
-Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe
-ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ›Er wird wieder ein schönes
-Geschmier haben, Garnmacher!‹
-
-›Lesen Sie, und dann -- richten Sie,‹ gab ich ihm stolz zur Antwort und
-verließ ihn.
-
-Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde
-über den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer
-gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des ~Vicar
-of Wakefield~ dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter
-Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis' XIV. gefragt
-würden, und Sie priesen die _neue Heloise_, würde man Sie nicht für
-einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich begangen hatte!
-
-Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte,
-erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir
-ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich mich da mit
-Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter
-Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer
-trat ich heute auf, ich hatte meinen besten Rock angezogen, den
-schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war
-zierlich gescheitelt und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand
-mir, ich sei auch im Aeußern des Preises nicht unwürdig, welcher mir
-heute zuteil werden sollte.
-
-Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure
-Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen,
-Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen -- er ging viele durch, immer
-kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden
-hatte er auf die Letzt aufgespart -- als die besten!
-
-Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein
-Heft mit rosenfarbner Ueberdecke, das _meinige_, zur Hand. Mein Herz
-pochte laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem
-triumphierenden Lächeln verziehen wollte, aber ich gab mir Mühe,
-bescheiden bei dem Lob auszusehen. Der Rektor begann: ›Und nun komme
-ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich
-will einige Stellen daraus vorlesen!‹ Er deklamierte mit ungemeinem
-Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung
-niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als
-vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß
-gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren _Domschützen_
-noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo! Ancora! und
-die Tische krachten unter den beifalltrommelnden Fäusten meiner
-Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ›Es wäre dies eine
-gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten, wenn nicht der
-Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre. Es ist unser
-lieber Garnmacher. Tritt hervor, du ~Dedecus naturae~, hierher zu mir!‹
-
-Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor
-ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal
-links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt über
-mich herab, von der ich nur soviel verstand, daß ich ein ~bête~ war und
-nicht wußte, was Geschichte sei.
-
-Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen blumigen
-Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem
-man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte
-Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und
-sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der
-man herabstürzte, ist mit allen ihren Blütengärten verschwunden, ach,
-sie war ja nur ein Traum!
-
-So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer
-aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm
-geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger
-Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!!
-
-Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld
-dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich _sie_, die ich einst liebte,
-verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes
-aus, ich stand wie Mucius Scävola.
-
-Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem
-Vater ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich das Geld zu solchen
-Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächsten Montag
-vier Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mitschülern, die
-mir Thiodolf, deutscher Alkibiades und dergleichen nachriefen, in
-dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß
-mich mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich
-totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor
-beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band
-etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche
-mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und
-den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen
-lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der
-Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs
-erste zu wenden gedachte.
-
-In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Straße zog.
-Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nie gelebt, diese
-tapferen, frommen, liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht
-geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll
-Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten
-zu mir herübertönten, die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell,
-Waffengeklirr, Sporenklang, süße Akkorde der Laute -- alles, alles
-dahin, alles nichts als eine löschpapierene Geschichte, im Hirn eines
-Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht!
-
-Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte.
-Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe
-Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten vergoldet vom Abendrot über
-dem Dunstmeer.
-
-So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in
-Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie
-jene Türme vor meiner Seele. ›Wohlan!‹ sprach ich bei mir selbst:
-
- ›-- -- ~O fortes, pejoraque passi
- Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,
- Cras ingens iterabimus aequor.~‹
-
-Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte
-ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um. -- --«
-
- * * * * *
-
-Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den
-Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum
-ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein großer Teil des
-letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon
-vorüber, und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen, findet
-sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen diese
-bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des
-Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil und bleiben einstweilen wie
-die Ochsen am Berge stehen.
-
-
-
-
-Zweiter Teil.
-
-
-
-
-Vorspiel,
-
- worin von Prozessen, Justizräten die Rede, nebst einer
- stillschweigenden Abhandlung: »Was von Träumen zu halten sei?«
-
-
-Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
-erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm ist es dem
-Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert, am
-angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine
-gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan,
-die nicht nur ihm, sondern auch seinem Uebersetzer und Herausgeber
-erwünscht sein muß.
-
-Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen
-Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des
-Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen
-Hindernissen. Die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß, in
-welchen der Herausgeber verwickelt wurde, und vor dessen Beendigung er
-diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.
-
-Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt
-und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen begleitet
-worden, als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war eine
-
- _Warnung vor Betrug._
-
-»Die bei Gebr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan
-sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch
-seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als
-Schriftsteller berühmten Teufel, sondern gänzlich falsch und unecht;
-was hiermit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird.«
-
-Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von
-niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiß, hatte das
-Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun,
-nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen
-Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger
-über mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen
-und besagte Memoiren für unecht erklären?
-
-Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche
-Beschuldigung des _Betruges_ zu antworten sei, werde ich vor die
-Gerichte zitiert und mir angezeigt, daß ich einer Namensfälschung,
-eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und zwar -- vom Teufel
-selbst, der gegenwärtig als geheimer Hofrat in persischen Diensten
-lebe. Er behaupte nämlich, ich habe seinen Namen Satan mißbraucht, um
-ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben;
-ich habe seinen literarischen Ruhm benützt, um diesem schlechten
-Büchlein einen schnellen und einträglichen Abgang zu verschaffen; kurz,
-er verlange nicht nur, daß ich zur Strafe gezogen, sondern auch, daß
-ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, »dieweil ihm ein
-Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden«.
-
-Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß mir früher
-schon der Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; man kann
-sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zumute
-ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein Kämmerlein,
-um über diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, daß es
-hier drei Fälle geben könne, entweder hatte mir der Teufel selbst das
-Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht zu ängstigen und
-auf meine Kosten zu lachen; oder irgend ein böser Mensch hatte mir
-die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine Hände zu
-bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Kläger auf;
-oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein müßiger
-Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.
-
-Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall
-vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil
-ich keine Beweise beibringen könne, daß das Manuskript von dem echten
-Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden
-Anzahl Bücher, die seit Justinians ~Corpus juris~ bis auf das neue
-birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben worden seien,
-einiges nachlesen.
-
-Das juristische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang Es
-wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, soviel darüber
-geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries
-Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde
-sogar auf Unrechts Kosten eine eigene Aktenkammer für diesen Prozeß
-eingeräumt; über der Türe stand mit großen Buchstaben: »~Acta~ in
-Sachen des persischen G. H. R. Teufel gegen ~Dr.~ H--f, betreffend die
-Memoiren des Satan.«
-
-Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf dem Titel
-nicht »Memoiren des Teufels«, sondern »des Satan« gesagt hatte.
-Die Juristen waren mit sich ganz einig, daß der Name _Teufel_ in
-Deutschland sein _Familienname_ sei, ich habe also wenigstens diesen
-nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein angenommener,
-willkürlicher, denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen
-zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere Hoffnung zu
-schöpfen, aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen,
-was es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des
-~et cetera~ war nämlich dem berühmten Justizrat Wackerbart in die
-Hände gefallen, einem Mann, der schon bei Dämpfung einiger großen
-Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte und neuerdings sogar dazu
-verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten.
-Stand nicht zu erwarten, daß ein solcher berühmter Jurist meine Sache
-nur als eine ~Cause célèbre~ ansehen und sie also handhaben werde, daß
-sie, gleichviel wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm einbrächte?
-Hierzu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte
-seit einiger Zeit angefangen, sich an höhere Zirkel anzuschließen;
-mußte ihm da ein so wichtiger Mann, wie ein persischer geheimer Hofrat,
-nicht mehr gelten als ich Armer?
-
-Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen
-den Teufel; Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf
-mich gewälzt, ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins
-Gefängnis sperrte oder gar hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes
-gegen mich in Anwendung gebracht:
-
- _Entscheidungs-Gründe_
-
- zu dem
-
- vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim unter dem
- 4. Dezember 1825 gefällten Erkenntnis
-
- in der Untersuchungssache
- gegen den
- ~Dr.~ ...f wegen Betrugs.
-
- 1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben,
- daß er keine Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm
- herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten
- echten Teufel, so gegenwärtig als geheimer Hofrat in persischen
- Diensten lebt, herrühre. Ferner hat der Angeschuldigte ...f
- zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern darüber enthaltene
- Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei.
-
- 2. Die letztgenannte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus
- die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, daß
- »die Memoiren des Satan« von dem wahren, im Alten und Neuen
- Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten
- Teufel geschrieben sei, nur allzudeutlich hervorleuchten tut.
-
- 3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte ...f
- eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder
- auf impermissen Commodum für sich oder Schaden anderer
- gerichteten unrechtlichen Täuschung anderer, entweder indem
- man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre Dito nicht angibt --
- besteht; oder um uns näher auszudrücken, da hier die Sprache
- _von einer Ware und gedrucktem_ Buch ist -- einer _Fälschung_
- schuldig gemacht; denn, durch den Titel »Memoiren des Satan«
- und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt fälschlich
- vorgespiegelt, daß das Buch ausdrücklich von dem unter dem
- Namen Satan bekannten, k. persischen geheimen Hofrat Teufel
- verfaßt sei; was beim Verkauf des Werkes verursachte, daß
- es schneller und in größerer Quantität abging, als wenn das
- Büchlein unter dem Namen des Herrn ...f, so dem Publico noch
- gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so
- es kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein echtes Werk des
- Teufels in Händen zu haben, schnöde betrogen wurden.
-
- 4. Wenn der Herr ~Dr.~ ...f, um sich zu entschuldigen,
- dagegen einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur ein
- angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich
- nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir
- Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, daß sich ...f
- auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens bekanntermaßen
- den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namen nicht beschränkt,
- sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt,
- namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige
- Teufel oder Satan sei, welcher dem Publico, besonders dem
- Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch frühere ~Opera~,
- z. B. die Elixiere des Teufels ~et cetera~ rühmlichst bekannt
- ist, wodurch wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist als der
- geheime Hofrat Teufel.
-
- 5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, daß das
- in Frage stehende ~Opusculum~, wie auch nicht destoweniger
- seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und
- jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung
- wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder
- Leser von Vernunft muß das auch wohl eher für eine etwas
- geringe Nachäffung der Teufeleien als für -- eine Satire auf
- dieselbe erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht
- einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist
- durchaus kein günstiger Umstand für ...f zu ziehen, weil
- derjenige Käufer, der etwas _Echtes_, vom Teufel verfaßtes
- kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, daß er
- betrogen sei.
-
- 6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt,
- Leihbibliotheken ~et cetera~ ist in der vorliegenden
- Defraudation auch ein Verbrechen gegen _den_ begangen, dessen
- Name oder Firma mißbraucht worden; namentlich und spezialiter
- gegen den geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter
- und Schriftsteller als von wegen des Honorars seiner übrigen
- Schriften, sehr dabei interessiert ist, daß nicht das
- Geschreibsel anderer, als von ihm niedergeschrieben, wie auch
- erdacht, angezeigt und verkauft werde.
-
- 7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch
- arglos herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hierüber
- zu kennen, daß ihn auch bei der Fälschung durchaus keine
- gewinnsüchtigen Absichten geleitet hätten, so ist uns dies
- gleichgültig und haben nicht darauf Rücksicht zu nehmen, denn
- Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man englische Teppiche
- nachahmt und als echt verkauft, oder Bücher schreibt unter
- falschem Namen; ist alles nur verkäufliche Ware und kann
- den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die
- Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert, und zwar
- ebenfalls nichtsdestominder auch alsdann, wenn die Memoiren
- des Satan gleichen Wert mit den übrigen Büchern des Teufels
- hätten (was wir Klein-Justheimer übrigens bezweifeln, da jener
- geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon durch das
- Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein
- Schaden in juridischem Sinne sein tut.
-
- Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.
-
- Gez. _Präsident und Räte des Kriminalgerichts_
- zu Klein-Justheim.
-
-Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner
-gesehen, so kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem
-Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchen Männern
-gespielt und allerlei Kurzweil mit ihnen getrieben und probiert, ob es
-nicht schöner wäre, wenn er z. B. das Gesicht im Nacken trüge und den
-Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht vernünftiger wäre, wenn ihm die
-Beine ein wenig umgedreht würden, daß er vor- und rückwärts spaziere,
-wie man es haben wolle? Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner
-Kindheit, und es war ein unschuldiges Spiel, denn dem Gliedermann war
-es gleichgültig, ob ihm die Beine über die Schulter herüberkamen oder
-nicht, ob er den Rücken herabschaute oder vorwärts, er lächelte so
-dumm wie zuvor, denn er hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht
-weh im Herzen, denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt, und
-wahrscheinlich aus Lindenholz.
-
-Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen
-Händen der Klein-Justheimer Kriminalien! Sie renkten und drehten mir
-die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig,
-oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein
-Recht, bis das Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie
-sie es haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch
-aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bemerken,
-nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme
-verschränkt ~et cetera~ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.
-
-Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan! Ware! Als würde
-dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener
-Schwarzkünstler und Eskamoteur getan, die Bänder verschluckte und sie
-herauszog Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen,
-Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man
-will! Und rechtswidrige Täuschung des Publikums! Wer hat denn darüber
-geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter
-geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen
-selbst herrühre, daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese
-rechtswidrige Täuschung? O Klein-Justheim, wie weit bist du noch zurück
-hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen kannst,
-Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und gehören
-durchaus nicht vor deine Schranken.
-
-Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun
-für mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das
-Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes
-abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliothek
-sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen
-aller Art herabschaue und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die
-den großen Furore, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er
-seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwünsche, um,
-verbunden mit ihm, schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt
-als einem Invaliden beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens
-ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich
-riß ihn auf und las:
-
- »Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!
-
- Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das
- Zeitliche gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu
- meinem großen Aerger die miserablen Machinationen, die gegen
- Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, daß sie von mir
- herrühren. Mit großem Vergnügen denke ich noch immer an
- unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz, und
- in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen
- Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche
- Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich
- sprach, versicherten mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren
- herausgegeben habt, und daß das Publikum meine Bemühungen zu
- schätzen wisse. Der Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam
- mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als
- ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller
- aufkommen zu lassen, weil ich ein wenig über ihre Universitäten
- schimpfte und die ästhetischen Tees, und Euch wollen sie
- nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies nicht kümmern,
- Wertester; gebt immer den zweiten Teil heraus, im Notfall könnt
- Ihr gegenwärtiges Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich
- den Wackerbart, saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht
- kenne, so kenne ich um so besser die seinige.
-
- Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die
- jeden berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für _gute
- Prise_ erklären und, wenn sie ihn fest haben in den Krallen, so
- lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden können,
- wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt. Was
- war bei Euch von beiden zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor
- der Philosophie und Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr
- gegen einen persischen geheimen Hofrat? Denket also, die Sache
- sei ganz natürlich zugegangen, und grämet Euch nicht darüber.
- Was den persischen geheimen Hofrat betrifft, der meine Rolle
- übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm
- sprechen.
-
- Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei,
- ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt
- aufgeschrieben, es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel
- zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein, es gibt
- vielleicht noch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner
- erinnern.
-
- Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche
- Bekanntschaft bald zu erneuern, bin ich
-
- Euer wohlaffektionierter Freund
-
- _der Satan_.«
-
-Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich
-lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt hatte,
-ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu wollen an
-ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.
-
-Er zuckte die Achseln und sprach: »Lieber, sie wohnen zusammen in
-_einer_ Hausmiete, die Kriminalien; ob Ihr um eine Treppe höher steigen
-wollet, aus dem Entresol in die Bel-Etage zu den Vornehmeren, das
-ist einerlei, Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen
-lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen.«
-
-So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch -- was
-half es? Sie stimmten ab, erklärten den Persischen für den echten,
-alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben,
-und -- der Prozeß ging auch in der Bel-Etage verloren.
-
-Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und wenn es mich den
-Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das
-Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und -- -- erwachte.
-
-Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die
-Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige winkten herein,
-mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen.
-
-Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten,
-Klein-Justheim, und alles, was mir Gram und Aerger bereitete,
-verschwunden, spurlos verschwunden.
-
-Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend
-zuvor bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß
-mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traum alles so
-erschienen, als hätte ich selbst den Prozeß gehabt, als wäre ich selbst
-verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein-Justheimer Schöppen.
-
-Ich lächelte über mich selbst! Wie pries ich mich glücklich, in einem
-Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkämen,
-wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es
-keine Wackerbärte gibt, die einen solchen Fund für gute Prise erklären,
-das Recht zum Gliedermann machen und drauf loshantieren und drehen, ob
-es biege oder breche; wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware
-handhabt und Satire versteht und zu würdigen weiß, wo man weder auf den
-Titel eines persischen geheimen Hofrats, noch auf irgend dergleichen
-Rücksicht nimmt.
-
-So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen
-Prozeßtraum.
-
-Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es
-war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satan, wie ich ihn im
-Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Briefe verheißen.
-Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde
-mir der Zusammenhang unbegreiflicher.
-
-Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen und
-seinen »Besuch in Frankfurt« dem zweiten Teile einverleiben.
-
-Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles
-geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu
-lesen war, ich meine jene Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in
-einer Hütte von Malojaroslawez zubrachte und wie von jenen Augenblicken
-an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes
-Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte, vielleicht -- weil
-er ihm nicht beikommen konnte, doch -- vielleicht ist es möglich,
-dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem anderen Orte
-mitzuteilen.
-
-Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da
-wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer.
-
-»Weißt du schon?« rief er. »Er hat ihn verloren!«
-
-»Wer? Was hat man verloren?«
-
-»Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen Clauren meine ich,
-wegen des Mannes im Monde!«
-
-»Wie? Ist es möglich!« entgegnete ich, an meinen Traum denkend. »Unser
-Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozeß?«
-
-»Du kannst dich darauf verlassen, soeben komme ich vom Museum, der
-Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert.«
-
-»Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz! War er etwa auch in
-Klein-Justheim anhängig?«
-
-»Klein-Justheim? Du fabelst, Freund!« erwiderte der Freund, indem er
-besorgt meine Hand ergriff. »Was willst du nur mit Klein-Justheim, wo
-gibt es denn einen solchen Ort?«
-
-»Ach,« sagte ich beschämt, »du hast recht; ich dachte an -- meinen
-Traum.«
-
-
-
-
-Der Fluch.
-
-Novelle.
-
-(Fortsetzung.)
-
-
-Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die
-_heilige Stadt_ hatte immer einen Ueberfluß von Leuten, die in der
-ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.
-
-Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der _guten Leute_
-(von anderen Sünder genannt) mache: aber, wer je mit der Erde zu tun
-hatte, hat den Menschen bald abgelernt, daß nur das Systematische
-mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne. Es ist dies besonders
-in Städten, wie Rom, unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nüancen
-_guter Leute_ vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der die
-Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um dreißig
-Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muß man Klassen haben. Ich
-werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das negierende
-Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein in: erste
-Klasse mit dem Prädikat recht gut, solche, die geradehin verneinen,
-als da sind: Freigeister, Gottesleugner etc. Zweite Klasse, gut; sie
-sagen mit einigem Umschweif nein, gelten unter sich für Heiden, bei
-Vernünftigen für liberale Männer, bei der Menge für fromme Menschen.
-In dieser Klasse befinden sich viele Türken und Pfaffen. Die dritte
-Klasse, mit dem Prädikat mittelmäßig, sind jene, die ihr Nein nur
-durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind jene, die sich selbst für
-eine Art von Gott halten, mögen sie nun Ablaß verkaufen oder als
-evangelisch-mystisch-pietistische Seelen einen Separatfrieden mit dem
-Himmel abschließen; der letzteren gibt es übrigens in Rom wenige.
-
-Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems, die verschiedenen
-Uebergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich ändern. Geld,
-Sitten, der Zeitgeist üben hier einen großen Einfluß aus und machen
-beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle notwendig.
-
-Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom
-verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht
-unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner Memoiren
-von Interesse sein möchten.
-
-Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche
-spazieren, dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm
-durch die Missionare in Frankreich und das Ueberhandnehmen der Jesuiten
-drohten, da stieß mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer
-interessanten Beziehung zu mir gestanden sein mußte. Ich stand stille,
-ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schöner junger
-Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram; dem Auge, der Form
-des Gesichtes nach war er kein Italiener -- ein Deutscher, und jetzt
-fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin
-im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem ewigen Juden einen
-ästhetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann,
-dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persönlichkeit mir
-damals ein so großes Interesse eingeflößt hatten. Er war es, der uns
-damals eine Aventüre aus seinem Leben erzählt hatte, die ich für würdig
-fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit aufzuzeichnen.
-
-Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige
-Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes
-und die süße Langeweile der ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so
-drückend wurde, daß er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich
-beschloß, seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jenes interessante
-Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn selbst,
-über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen. Er stand an einer
-Säule des Portals, den Blick fest auf die Türe gerichtet; fromme
-Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein. Ich sah,
-er blieb gleichgültig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten
-zu interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut
-in der Türe; war es die Form dieses Hutes, waren es die weißen,
-wallenden Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch
-hervorwallte, was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch
-konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen, aber seine Augen
-glänzten, ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine
-Wangen röteten sich, er richtete sich höher auf und schaute unverwandt
-den Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die
-Nahende, jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes
-Wesen heranschweben.
-
-Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen
-auf der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie
-sie euch Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern, dem
-ist eine solche seltene Erscheinung ein Fest, denn es ist etwas
-Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen
-Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame
-zum erstenmal auf ihn machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge
-beschrieb; -- ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche
-Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und
-dieselbe sei.
-
-Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte
-den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengruß oder eine
-freundliche Rede auf den Lippen, und überrascht von der stillen Größe
-des Mädchens sei er verstummt. Auch _sie_ errötete, sie schlug die
-Augen auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf
-ihn, hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von
-ihm angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.
-
-Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er
-langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen.
-Ich ging ihm einige Straßen nach, er trat endlich in ein Kaffeehaus,
-wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen. Hatte schon
-früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt, so
-war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber so bedeutungsvollen
-Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in
-welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein
-glückliches Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war,
-glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu
-haben.
-
-Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling des ewigen
-Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft dieses Mannes machte.
-Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge Herr saß
-an einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er
-wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden, aber er las
-immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluß dieses
-riesengroßen Briefes zu blicken -- es waren wenige Zeilen von einer
-Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.
-
-»Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?« fragte ich in
-deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.
-
-»Der bin ich;« antwortete er, indem er den düsteren Blick von dem
-Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des
-Hauptes erwiderte.
-
-»Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich so glücklich,
-einmal einen Abend in dem Hause Ihrer Tante in Berlin zu genießen,
-den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten Mitteilungen mir
-unvergeßlich machen.«
-
-»Im Hause meiner Tante?« fragte er, aufmerksamer werdend. »Wie, war es
-nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige männliche Weiber
-und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich mußte
-etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen.«
-
-»Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit --«
-
-»Ah -- mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere
-ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen,
-Sottisen zu sagen, und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?«
-
-»So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin
-noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon lange
-hier bekannt?«
-
-Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. »O ja, bin schon lange
-hier bekannt,« antwortete er düster. »Ich war früher in Geschäften
-hier, jetzt zu -- meiner Erholung.«
-
-»Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante,
-mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß. Sie
-erzählten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in
-Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen,
-die uns über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung
-mit einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor durch
-seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit ihm den Salon
-zu verlassen, und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten,
-Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein, ob Sie sich
-mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben, ob Sie auch ferner der schönen
-Luise sich nahen konnten, ob nicht endlich ein Liebesverhältnis
-zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte
-mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten
-sie passen.«
-
-Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es
-schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht
-ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seinem Abenteuer, er
-blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.
-
-»Ich erinnere mich,« sagte er, »daß wir damals alle bedauerten, Ihre
-Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden,
-und die Damen behaupteten, Sie haben etwas Eigenes, Anziehendes, das
-man nicht recht bezeichnen könne, Sie haben einen höchst pikanten
-Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben;
-wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?«
-
-Ich sah ihn staunend an. »Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante
-gesehen zu werden als an jenem Abend.«
-
-Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam
-aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach
-Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. »Was wollen Sie nur immer
-wieder mit Berlin?« fragte ich endlich. »Ich war seit jenem Abend nicht
-mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England. Sehen
-Sie einmal in meinem Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit
-gemacht habe!«
-
-Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. »Verzeihen Sie,
-Baron!« rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte. »Verzeihen Sie,
-ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante.«
-
-»Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?«
-
-»Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa
-seit zwei Monaten hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen
-Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub verlassen
-habe; sie bestürmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich
-an die preußische Gesandtschaft hier; sie fand aber nichts Verdächtiges
-an mir und ließ mich ungestört meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen
-schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut sein, man werde einen
-Spion in meine Nähe senden, um alle meine Schritte zu bewachen.«
-
-»Ist's möglich? Und warum denn dies alles?«
-
-»Ach, es ist eine dumme Geschichte, eine Anordnung meines verstorbenen
-Vaters legt mir Pflichten auf, die -- ein andermal davon -- die ich
-nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den
-Spion. Sie vergeben mir doch?«
-
-»Unter zwei Bedingungen,« erwiderte ich ihm, »einmal, daß Sie mir
-erlauben, Sie recht oft zu begleiten, um der Spion Ihres Spions zu
-sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für
-Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann -- teilen Sie
-mir, wenn es Ihnen anders möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit.«
-
-»Den Schluß?« rief er und lachte bitter. »Den Schluß? Ich wünschte,
-es schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schließen. Doch
-kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen um
-diese Zeit hierher, wir könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob man
-nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat.«
-
- * * * * *
-
-Ich folgte Otto von S. -- so hieß der junge Mann -- unter die Arkaden.
-Er legte seinen Arm in den meinigen, wir gingen eine Weile schweigend
-auf und ab; er schien mehr nachdenklich als zerstreut.
-
-»Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt;« hub er lächelnd
-an. »Ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und
-finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es ist
-mir, in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien Sie
-ein Wesen, das ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang mein
-Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was an den
-Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne vertraut;
-Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem Auge, und um
-Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht immer das
-bestätigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fühle ich, daß mir der
-Zufall viel geschenkt hat, der mich in jenes Haus führte, ich fühle
-auch, daß man Ihnen trauen kann, mein Lieber.«
-
-»Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, daß
-sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich übrigens,
-wenn etwas an mir ist, das Ihnen Vertrauen einflößt. Es ist vielleicht
-der rege Wunsch, Ihnen dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen
-gibt?«
-
-»Möglich; doch bin ich Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein
-Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen, wie ich mit Luise
-von Palden bekannt wurde --«
-
-»Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum erstenmal. Sie erzählten
-uns, daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der sixtinischen
-Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie
-wurden von ihr mit einem andern verwechselt, sie gefielen sich in
-diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkürlich so in die Stelle des
-Liebhabers, daß Sie das Mädchen sogar liebten. --«
-
-»Und _wie_ liebe ich sie!« rief er bewegt.
-
-»Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte
-endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist
-schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber
-Freund, benützen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen
-so angenehm ist, fortzuführen. Sie bringen die Dame auf eine Loge,
-um das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte
-Liebhaber, und Sie -- erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals.
-Sie können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen
-erging.«
-
-»Ich gestehe,« fuhr Herr von S. fort, »mir selbst fiel die Aehnlichkeit
-dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung
-überraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die
-damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch für
-die große Aehnlichkeit unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man
-Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich
-vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Aehnlichkeit
-war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte, der
-eine starb, der andere, ein armer Teufel, wußte sich seine Papiere zu
-verschaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des
-Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.[9]
-
- [9] Die Möglichkeit einer solchen Verwechselung beweist ein
- Fall, der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im
- Württembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrüder sahen
- sich täuschend ähnlich. Der eine tötete einen Mann und
- floh. Er wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz in einem
- österreichischen Regiment diente, desertiert war. Der
- Mörder wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ
- sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten
- jagen. Er diente einige Zeit in der Stelle seines Bruders,
- bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde.
-
-Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich;
-die letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es
-wurde ihr wohl mit einemmal klar, daß es schon an jenem Abend nicht
-ihr Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zärtlich bewiesen. Der
-Herr mit meinen Gesichtszügen fragte mich in etwas barschem Ton in
-schlechtem Französisch, wie ich dazu komme, diese Komödie zu spielen.
-Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im
-Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut zu
-machen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen
-und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst
-verleitet habe. ›Sie selbst?‹ rief bei diesen Worten jener Mann, und
-seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. ›Sie selbst? Es ist ein
-abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch
-ich will nicht stören.‹ -- Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er
-sich von seinem Platze entfernen wollte. Luise -- o, ich habe sie nie
-so süß, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien
-mit aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie
-ergriff bebend seine Hand, sie rief ihn mit den lieblichsten Tönen; sie
-beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum Zeugen
-auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich mir
-hier zum erstenmal in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es ist etwas
-Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es ist etwas
-Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe, das Zittern
-zärtlicher Angst, und diese Tränen in den blauen Augen, dieses Flüstern
-der süßesten Namen von den feinen Lippen, und diese Röte der Angst und
-der Beschämung auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer zwar
-als jenes, aber von einer hinreißenden Gewalt.«
-
-»-- Ich kenne das,« unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen
-des verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen
-Form wieder lieblicher schien, »ich kenne das, so was Heiliges, so was
-Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches,
-kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es
-denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?«
-
-»Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein
-leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stieß
-sie zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mädchen setzte
-sich weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Römer an dem
-Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen stand in schneidendem Kontrast
-mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid
-mit ihr, ich fühlte mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein
-Liebender die Geliebte so schnöde beleidigen könne. ›Mein Herr,‹ sagte
-ich, ›das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen,
-daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.‹ -- ›Eines Mannes von
-Ehre?‹ rief er höhnisch lachend; ›so kann sich jeder Tropf nennen.‹
-Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Höflichkeit nicht
-weiter beobachten zu müssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen,
-flüsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße zu,
-in welcher ich wohnte, und verließ ihn.
-
-Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust erwachten, als
-ich zu Hause über diesen Vorfall nachdachte. Ich mußte mir gestehen,
-daß ich unbesonnen, töricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern
-bei diesem Mädchen zu übernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so
-überraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend,
-so anziehend, daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber
-mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr bei
-dem Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen? In welch
-ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm erscheinen!
-
-Und doch -- wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich
-vor sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte, daß ich dieses
-unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe!
-und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten Mann. Er war
-ein Barbar in meinen Augen; wie konnte er die Geliebte so grausam
-behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend
-zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
-gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?
-
-Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen
-schlecht geschriebenen Brief, er enthielt die Bitte einer Signora Maria
-Campoco, dem Ueberbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo sie mir
-etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich
-fragte den Diener nach der Straße, er nannte mir eine, von welcher ich
-nie gehört hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser Brief könnte
-mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich entschloß mich
-zu folgen. Der Diener führte mich durch viele Straßen in eine Gegend
-der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er bog endlich in eine kleine
-Seitenstraße; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel mir ins Auge, es
-war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luisen aus den
-Lamentationen begleitet hatte.
-
-Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der Diener
-aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte
-er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen des
-Hauses übereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, erscholl
-das Kläffen vieler Hunde, die Türe öffnete sich -- aber nicht meine
-Schöne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat, umgeben
-von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.
-
-Es dauerte ziemlich lange, bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri und
-wie die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines fremden Mannes
-beruhigt waren, und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte.
-Sie sagte mir sehr höflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer
-Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen.
-Das Verlangen, das schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst
-zu entschuldigen, gab mir eine _Notlüge_ ein: ich fragte sie in so
-miserablem Italienisch, als mir nur möglich war, ob sie Französisch
-oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln
-und gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich der
-italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann sich eine
-Weile, sagte dann, ich könne in _ihrer Gegenwart_ mit ihrer Nichte
-sprechen, und entfernte sich.
-
-Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschämt
-fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen, der
-ihren Irrtum auf so indiskrete Art benützte! Die hündische Leibwache
-der Signora verkündete, daß sie nahe. Ich fühlte seit langer Zeit zum
-erstenmal eine Verlegenheit, ein Beben; ich fühlte, wie ich errötete,
-jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet hatte,
-wollte mich in diesem Augenblick verlassen.
-
-Sie kam, sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden Negligee lieblicher
-als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in
-ihrem Auge zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen.
-›Mein Herr! es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus
-führt;‹ sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne hörte;
-›Sie müssen selbst gestehen,‹ setzte sie hinzu; aber sei es, daß die
-Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte, sei es, daß sie
-einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht _mehr_ als Ehrfurcht
-ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, errötete aufs neue und
-schwieg.
-
-Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging;
-ich erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche
-gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können, aus
-Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem
-damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob
-ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals, ich suchte einen Scherz
-daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede
-Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
-glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen,
-da wir Landsleute sind, und die Deutschen in Rom, als Kinder _einer_
-Heimat, nur _eine_ große Familie sein sollten.«
-
-»Eine gefährliche Verwandtschaft!« -- unterbrach ich den jungen
-Berliner, indem ich mich im stillen über seine jesuitische Logik
-freute. »Wie? brachte die Dame nicht das ~Corpus juris~ und den
--- -- -- -- gegen Sie in Anwendung? In Schwaben möchte zur Not ein
-solches Verwandtschaftssystem gelten, oder bei den Juden, welche Herren
-und Knechte, Norden und Süden ›unsere Leute‹ nennen; aber Deutschland?
-bedenken Sie, daß es in zweiunddreißig Staaten geteilt ist, wo ist da
-ein Verwandtschaftsband möglich? Wenn sie sich im Himmel oder in der
-Hölle treffen, so heißen sie nur Oesterreicher, Preußen, Hechinger und
-fürstlich reußische Landeskinder!«
-
-»Luise mochte auch so denken,« fuhr er fort. »Doch nötigte ihr meine
-Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, über diese Punkte so
-leicht weggehen zu können. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum
-veranlaßt zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schöne Hand
-zu küssen. Doch ihre Blicke wurden wieder düster. Sie sagte, wie sie
-nur zu deutlich bemerkt habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei,
-daß dieser Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge
-füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem
-Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, _ihn_, der sie
-selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher Wärme für
-den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die wahre Liebe glauben und
-vertrauen müsse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenüber
-gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte
-dieses Mädchen so von _mir_ gesprochen!
-
-Ich fragte sie, ob sie in _seinem_ Auftrag mir dieses sage? Sie war
-betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es ihm leid sei,
-mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dies selbst
-sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war sie
-jetzt, sie scherzte über ihren Irrtum, sie verglich meine Züge mit
-denen ihres Freundes, sie glaubte große Aehnlichkeit zu finden, und
-doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, meiner
-Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie rief
-ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.
-
-Signora Campoco, die während der ganzen Szene am Fenster gesessen und
-bald die Leute auf der Straße, bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet
-hatte, kam freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus
-besucht zu haben, und bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere
-barbarische Sprache so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen,
-ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch
-ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig
-ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu
-erfahren -- der Anstand forderte, daß ich Abschied nahm, mit dem
-unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten
-zu können. Signora, sie hätte sich vielleicht gekreuzt, hätte sie
-gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade
-der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum
-Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das
-Glück gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: ›Er
-will zwar hier nicht bekannt sein und so zurückgezogen als möglich
-leben, doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich möchte
-so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt ... und wohnt -- -- -- --‹«
-
-So, »etwas breit nach Art der lieben Jugend«, hatte mir der junge
-Mann den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt; ich hörte ihm
-gerne zu, obgleich nichts peinlicher für mich ist, als eine lamentable
-Liebesgeschichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören;
-aber interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzählte. Sein
-ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen,
-seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich
-unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er
-mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als er
-mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drückte
-er meinen Arm fester und brach in einen kleinen Fluch aus. »So muß der
-Teufel diesen Pfaffen doch überall haben!« rief er und wandte sich
-unmutig um. Ich war erstaunt; welchen Pfaffen sollte ich denn überall
-haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen könne.
-
-»Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen,« gab er mir zur Antwort,
-»ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten.«
-
-Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte
-ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu werfen, und sah
-wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die Straße herauf kam ein
-hoher Prälat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon längst
-als einer der zweiten Klasse mit dem Prädikat _gut_ auf meinen Tafeln
-verzeichnet ist. Eine große, majestätische Gestalt voll stolzer Würde;
-sein weißes Haar, von einem einfachen, roten Käppchen bedeckt, stach
-sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich reich nennen könnte.
-Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die Unterlippe etwas
-übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und kräftig. Ueber
-das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen eines Ende er in
-malerischen Falten über den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt in
-einiger Entfernung hinter ihm herschleichend sein Diener, ebenfalls ein
-Mönch, ein dürres bleiches Geschöpf, dessen tückische Augen nach allen
-Seiten spähten, ob Seine Eminenz von den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie
-es sich gebührt, begrüßt werden.
-
-Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche
-Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren
-der »ewigen Stadt«.
-
-»Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer,« flüsterte der junge
-Mann, mit den Zähnen knirschend. »Sehen Sie, wie der Pöbel sich zum
-Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit welcher Grazie er seinen Segen
-erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß,
-sie würden diesem Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die
-Insignien seiner Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von einem
-Türken beherrscht zu werden.«
-
-»Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? Was
-hat er Ihnen zuleid getan? Hängt er mit Ihren Abenteuern zusammen?«
-Ich mußte lange fragen, bis er mich hörte, denn er schaute mit
-durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte Verwünschungen wie
-ein Zauberer.
-
-»Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zuleide getan? O! dieser Mensch hat
-ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das -- doch Sie werden
-mehr von ihm hören; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht
-schwärzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu, aber
-trotzdem, daß er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!«
-
-Da hat es gute Wege, dachte ich; Nr. 2, gute Sorte! Doch was konnte
-dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich konnte ich glauben, daß
-sein Protestantismus so tief gehe, daß er jeden, der violette Strümpfe
-trug, in die Hölle wünschen mußte. Er hatte sich wieder gesammelt.
-»Vergeben Sie diese Hitze, Sie werden mir einst recht geben, so zu
-urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieser Menschen bekannt
-mache. Doch jetzt noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die
-Geschichte mit -- war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir,
-der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung
-bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß Luisens Geliebter früher Offizier
-und zwar in ...schen Diensten gewesen sei.
-
-Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom,
-sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich
-war am ersten Abend ihres Aufenthalts zufällig zugegen, und -- stellen
-Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hörte, wie sie eine andere
-Dame fragte, ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe? Ich wandte
-mich unwillkürlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein
-Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes, Luisens
-Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der anwesenden
-Damen wollte von ihr wissen, und ich fühlte mich nicht berufen,
-unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.
-
-Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil an Landsleuten
-zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als daß man seine
-Verwunderung laut darüber aussprach, daß ein deutsches Fräulein in Rom
-lebe, die auch _keinem_ von allen bekannt sein sollte? Wer ist sie?
-Ist sie schön? Wie kommt sie nach Rom? fragte man einstimmig, und wie
-lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich über das interessante Wesen
-etwas zu hören.
-
-Sie erzählte, wie sie in ...th Luisen kennen gelernt, die damals durch
-ihr schönes Aeußere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand die
-ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Um so
-auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen
-einem Offizier, einem bürgerlichen Subjekt, und der Tochter des
-Geheimenrats Palden entspann. Dieser Mensch habe außer seiner schönen
-Figur und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal gute
-Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich geworden,
-er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen gewußt, das mit
-einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war. Man
-habe sich in ...th allgemein gefreut über die Art, wie sich Fräulein
-Palden in diese Wendung fügte; doch bald erfuhr man, daß die Verbindung
-mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, sondern durch
-Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt werden. Es vergingen
-so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, doch nicht mit ihr
-jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in Luisens Nähe, er
-sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. Seine Kameraden
-schwiegen hartnäckig hierüber, doch gab es einige Stimmen im Publikum,
-die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entführung
-oder von beiden sprachen, kurz, man bemerkte, daß Herr ..., so hieß
-der Offizier, seiner Dame untreu geworden sei. Um diese Zeit starb der
-alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine Römerin, das Fräulein
-entschloß sich auf einmal zu großer Verwunderung der Stadt ...th, zu
-ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.
-
-So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luisen. Es war mir genug,
-um ihr Verhältnis zu ... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es mir
-unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen; oder
-kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht, da
-doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist?
-
-Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne mehr und immer
-mehr von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunsch, sie
-wieder zu sehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden,
-nur sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies
-so leicht möglich machen könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des
-Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß
-sein, sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen.
-Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt.«
-
-Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach
-zu meinem großen Aerger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit
-ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, daß der Bekannte sich nicht
-entfernen wollte, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging
-mit dem Vorsatz, ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen,
-ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu
-finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten
-schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von neuem wieder Interesse
-einflößten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hören. Ich erinnerte
-mich nämlich, wie überraschend sein Anblick, sein ganzes Wesen in
-Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche Kummer der
-Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm ausspricht; es war
-ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so anziehender dünkte, als
-es nur ganz unmerklich und leise durch jene Hülle schimmerte, womit
-die gesellschaftlichen Formen die weinende Seele umgeben. Er schien
-ein Unglück zu kennen, zu teilen, das ihn unausgesetzt beschäftigte,
-zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten in einem ästhetischen Tee
-zurückführte.
-
-Das zweite, was mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war
-die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich
-hatte dort bemerkt, daß er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war gekommen,
-aber es schien kein fröhliches Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas
-mit ihren Blicken zu fragen, das er nicht beantworten, sie schien etwas
-zu verlangen, das er nicht erfüllen konnte; wie schwer mußte es ihm
-werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen durch keine Silbe
-zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen, aber dann sandte er
-ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum sagte er ihr nicht auf der
-Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mußte sie über ihn ausüben,
-um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden Bescheidenheit
-zurückzuweisen? Wie viel es _sie_ koste, sah ich an ihrem Auge, in
-welchem eine Träne perlte, als sie weiterging.
-
-Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den jungen Mann und
-die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet
-und ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner
-aus, sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur
-auf die Resultate seiner Geschichte sieht: »Es wiederholt sich alles
-im Leben;« aber _wie_ es sich wiederhole, wie der endliche Geist in
-seiner kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die
-alte Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich
-mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen
-gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen ermüdet ist,
-senkt sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum
-möge es keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren
-niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich in Rom, wo so unendlich
-viel Stoff zur Intrige, ein so großer Raum zu einem diabolischen
-Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse. --
-
-Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf
-der Tiber. Wir hatten eine der größeren Barken bestiegen und die freien
-Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, wie uns
-die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwül und wirkte
-selbst mitten im Fluß so drückend und ermattend auf diese Menschen,
-daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm jetzt ein
-halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes, ich setzte mich
-ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Männer und eine Frau, soviel
-ich aus ihren Stimmen schließen konnte. Sie sprachen aber etwas
-verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes Italienisch,
-er sprach langsam und mit vieler Salbung. Die Dame mischte unter sechs
-italienische Worte immer zwei spanische und ein französisches; der
-andere Mann, der wenig, aber schnell und mit Leidenschaft sprach, hatte
-jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an welcher man in Italien
-sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt.
-
-Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine
-Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! jene salbungsvolle Rede
-entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber saß eine Dame, schon
-über die erste Blüte hinaus, aber noch immer schön zu nennen. Ihre
-beweglichen, schwarzen Augen, ihre vollen roten Lippen, ihr etwas
-nachlässiges Kostüm, dessen Schuld der schwüle Abend tragen mußte,
-zeigten, daß sie mit den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht
-verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen
-Anblick Otto von S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte
-waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das
-des Berliners -- ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mußte sein
-verkörperter Doppelgänger sein. Aber wie, die Dame war nicht Luise von
-Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne
-dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbürden
-wollte?
-
-»Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?« hörte ich
-die Dame sagen; »nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts
-meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein
-einziges Wort kann uns glücklich machen. Du sagst immer morgen, morgen!
-Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?«
-
-»Mein Sohn!« sprach der Kardinal; »ich will nichts davon sagen, daß
-Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unsere heilige
-Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr seid es, der
-diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan spricht
-aus Euch: es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtümer, was
-Euch die Wahrheit nicht sehen läßt; aber beim heiligen Kreuz, den
-Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch, folget mir; lasset
-Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche, zur Verherrlichung
-Gottes.«
-
-Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes
-Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im
-Zelte zu haben schien. -- Da kann es nicht fehlen! -- Er seufzte, er
-blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an. »Ich
-will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun,« -- sagte er, »mein
-Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet, aber wozu diese
-sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um
-die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?«
-
-»Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr?
-O! Ihr verstockter Ketzer, ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der
-Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine
-Rückkehr, kein Uebertritt, keine Ableugnung eines früheren Glaubens.
-Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die Ketzerei
-so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen, die
-er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?«
-
-»Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Ueberzeugung. Ich
-müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen.«
-
-»O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der
-Herr von Haller, auch geschämt? Schämen? wie ein Heiliger würdet Ihr
-dastehen; braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der treffliche
-Hohenlohe geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu verrichten?
-Es sei gegen Eure Ueberzeugung, saget Ihr? Da sieht man wieder den
-Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen? Zu was denn
-immer Ueberzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am Glauben, daß
-er von selbst wirkt, ohne Ueberzeugung. Gesetzt, Ihr wäret krank, mein
-lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der Christenheit; Ihr
-seid nicht überzeugt, daß er der alleinige, wahre Arzt ist, aber Ihr
-laßt Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken
-auf Euren Körper ohne Ueberzeugung, gerade wie unser Glaube auf die
-Seele.«
-
-»Otto!« sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, »teurer Otto! Siehe,
-wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte,
-ich müßte ja schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu
-lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und
-dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und
-bedenke die schöne Villa an der Tiber, und das köstliche Haus neben
-dem Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur
-Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt von so vieler Liebe?«
-
-»Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn,« fuhr der beredte Mann
-mit dem roten Hute fort, »nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man
-im Lateran noch heute von Euch sprach, daß es sogar Seiner Heiligkeit
-selbst auffällt, daß Ihr so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein
-großes Fest heran, welche herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre
-zu tun, bietet sich Euch dar!«
-
-»Wozu doch diese Oeffentlichkeit?« fragte ..., »ich hasse dieses Rühmen
-und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer Kapelle die
-Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, ob ich laut und offen das
-Opfer bringe! O Luise, Luise! Es tötet sie, wenn sie es hört!«
-
-»Elender!« rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. »Sind das deine
-Schwüre? Du falsches Herz. Ich habe dir alles, alles geopfert, und so
-kannst du vergelten? O Barbar! gehe hin zu ihr, lege dich nieder in
-ihre Fesseln, aber wisse, daß ich mich in die Tiber stürze; über meine
-armen Würmer, meine unglücklichen Kinder, mag sich Gott erbarmen!«
-
-»Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter
-Sohn. Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure
-Tränen, schöne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will
-einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr
-nicht, daß Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur
-immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinnen zu bestricken
-wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, daß sie in einem
-strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und
-Sprache angenommen hat?«
-
-»Welch einfältiges Märchen!« rief der junge Mann. »Was wollet Ihr
-auch den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein
-Tropf, dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal
-betrog!«
-
-»Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst ist
-es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo geträumt,
-der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle seine
-Träume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der höllische
-Geist selbst. Wer es aber auch sei; sie hat Euch betrogen. Hat nicht
-die fromme Frau Maria Campoco Euch selbst dieses Geständnis über ihre
-Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin Rücksicht
-nehmen! -- Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,« fuhr
-Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier entfaltete. »Sehet,
-wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller derer
-mitzubringen, welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer, insgeheim
-aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!«
-
-Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er
-denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche bemerkte,
-welch günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des heiligen
-Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Küssen der Andacht.
-
-»Nicht wahr,« fuhr Rocco fort, »da stehen wohlklingende Namen?
-Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich diese Leute können nicht
-so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rücksicht auf
-ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, _im
-Herzen_ sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure barbarischen
-Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar öffentlich erklären und
-seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch einen wichtigen
-Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in Frankreich, selbst
-in England für uns getan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch,
-bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns zurückgekehrt sein. Wie
-herrlich muß dann ein Name wie der Eurige leuchten, der nicht mit der
-Menge, sondern lang zuvor auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!«
-
-»Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste
-dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn ich zu Eurer Kirche
-abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu
-entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit.
-Sie gelten von außen als echte Lutheraner, und was haben sie davon, daß
-sie von innen römisch sind?«
-
-»O Einfalt! es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie
-studiert habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist
-denn das Schöne an unserer Kirche? He? Nicht nur, daß sie die
-alleinseligmachende, daß sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt
-gegen die Hölle, eine Seelenassekuranz gegen den Tod ist! denn schon
-aus physischen Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den
-Unsrigen lange im Fegfeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie
-auch ohne Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im
-Durchschnitt hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und
-ebensoviel im Fegfeuer sind. Nun kann man annehmen, daß seit eurer
-verfluchten Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen
-Türken und zehn Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen
-hundertundzwanzig.«
-
-»O wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!« sagte Ines mit
-zauberischem Lächeln. »Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen,
-in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? O Gott! es ist
-nicht möglich!«
-
-»Sodann weiter,« fuhr der Salbungsvolle fort, »euer Erzketzer in
-Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle Menschen
-prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese
-müssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des
-Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hölle an. Der
-Mann hat vernünftige Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegfeuer
-zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal
-prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir
-können ihn doch absolvieren und ~recta~ in den Himmel schicken. Nun,
-und wenn man annimmt, daß das Fegfeuer hundertundzwanzig Millionen
-faßt, und darunter hundert Millionen Türken und zwanzig Millionen
-Ketzer, so ist, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine etwas
-liederliche Seele.«
-
-»Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte, machet
-mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenassekuranz kann
-mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs Volk, und ich begreife nicht,
-warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja Armeen
-Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab öffentlich
-verassekuriert habt. Das wäre eine Anstalt ~à la~ Mohammed, die Kerls
-würden sich schlagen wie der Teufel, denn sie wüßten, wenn sie heute
-erschossen werden, wachen sie morgen im Paradiese auf. Lasset mich
-lieber noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir tröstlicher,
-denn es stehen ganz vernünftige Männer dort.«
-
-»O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität zugebracht
-hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte, die ketzerische
-Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch
-sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in
-diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu
-uns, und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland überhand
-nehmen, dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Männer,
-Professoren, nehmen sich unserer Sache an: Seht, dieser da, Nr. 172,
-Signor Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen
-Dunkel, daß sie bald unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner
-Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht. Er
-hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade südlicher läge, wenn ihr
-eine schönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie hättet
--- die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder ihr wäret wenigstens
-schon lange wieder zurückgekehrt.«
-
-Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne hätte ich diesem
-trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er diese deutsche Seele
-bearbeitete; es war ein schweres Stück Arbeit, ich gestehe es. Ein
-Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht,
-der die Tendenz dieser Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen
-Vorteil zu blenden ist, wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen.
-Doch für diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein schönes
-Weib haben schon andere geangelt als diesen.
-
-Der heilige Mann stieg aus: mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer seinen
-Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, würdig eines Fürsten der
-Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, während sie über
-das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die Harmonie in ihren
-Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen strahlte und den Abend
-schwül zu machen schien. Sie reichte dem geliebten Ketzer ihre schöne
-Hand mit so besorgter Zärtlichkeit, mit einem so bedeutungsvollen
-Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr seine transmontanische
-Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte, mit welchem er den
-geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten Kirke widerstand. --
-Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der dienende Bruder Piccolo, welchem
-ich im Traum, in Rom spazieren gehend, erschienen war, stand am Schlag
-und erwartete Seine Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein
-Gewand zu gehöriger Wirkung drapiert hatte, dann erst folgte der
-Frater Piccolo. Der Ketzer und seine Dame schlugen einen Fußpfad ein
-und gingen der Stadt zu.
-
-»Wer sind diese,« fragte ich den Schiffer.
-
-»Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco nicht? O, es ist einer
-der besten Füße des heiligen Stuhles! Alle Abende fährt er in meiner
-Barke auf dem Fluß.«
-
-»Und die Dame?«
-
-»Ha! das ist eine gute Christin,« antwortete er mit Feuer. »Sie fährt
-beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit
-dem Mann, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz, es ist entweder
-ein Deutscher oder ein Engländer, und die sind doch Kinder des Teufels.«
-
-»So? Da sagt Ihr mir etwas Neues, und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?«
-
-»Bewahre uns die heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! Wo denkt Ihr hin? Da
-würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist
-ihr Geliebter.«
-
-»So ist es,« sagte einer der griechischen Kaufleute, »die Dame wohnt
-nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht
-niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann!
-Es ist ihr Geliebter. Aber sie führen ein Hundeleben zusammen. Man hört
-sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann flucht
-und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna weint
-und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß die Nachbarn
-zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge Mann verzweifelnd aus dem
-Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren
-nach, und die Kinder laufen heulend hintendrein. Sie faßt ihn unter der
-Türe am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen. Sie
-zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn, und dann ist es oft auch
-viele Tage stille, bis das Wetter von neuem losbricht.«
-
-»Heilige Jungfrau,« rief der Schiffer, »und hat er sie noch nie
-totgestochen im Zorn?«
-
-»Wie Ihr seht, nein!« erwiderte der Grieche. »Aber krank ist sie schon
-oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei,
-vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurückzurufen. Es sind doch gute
-Seelen, diese Deutschen!«
-
-So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken
-über das, was ich gehört und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen
-Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte,
-ein schönes gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte
-dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester
-den Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß er
-ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn für die
-Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er
-diesen Mann aus den Armen seines Mädchens ziehen, von einem Herzen
-hinwegreißen können, das ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene
-Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän
-einflüsterte, hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich
-sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen
-konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen den Berliner
-wieder aufzusuchen.
-
-Herr von S... schien mich liebgewonnen zu haben, denn er empfing
-mich mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel
-erfreut, wenn er auch schon an dergleichen gewöhnt ist. Ich hatte mir
-vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich
-gehört hatte, noch nichts zu erwähnen, um den Verlauf seiner Geschichte
-zuvor desto ungestörter zu vernehmen.
-
-»Von allem Unglück, das die Erde trägt,« fuhr er zu erzählen fort,
-»scheint mir keines größer, schmerzlicher und rührender, als jener
-stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich liebt oder dessen
-zartes, glühendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und
-dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken,
-den Verrat seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu
-öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und Arbeit, in
-weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib? -- Der häusliche
-Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung,
-jene stille Beschäftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich
-in der Zeit glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie
-drückend wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein
-verlorenes Glück heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der Stunden,
-wenn nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der Zauber der
-Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten Flügel gibt,
-wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz den Schlag der
-Glocke übertönt!
-
-Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald
-erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im
-Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde
-sie durch seine Schwester dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich
-zum erstenmal dort sah, doch sie schien mich wie einen alten Bekannten
-dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen fremden
-Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war es; sei
-es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus einem
-Fremden zum Bekannten machte, sei es, daß sie gerne zu mir sprach, weil
-ich die Züge ihres Freundes trug, sie unterschied mich auffallend von
-allen übrigen Männern, die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie
-lächeln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken.«
-
-»Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene
-Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein anzog?«
-
-»Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; ich
-gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie für mich
-gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fürchte.«
-
-»Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! und ihr Kapitän
-lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!«
-
-Der Berliner stutzte. »Wie? Was wissen Sie?« fragte er betroffen. »Wer
-hat Ihnen gesagt, daß West noch eine andere liebe?«
-
-»Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet,« erwiderte ich;
-»sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?«
-
-»Sie haben recht; -- nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, abgewiesen
-auf eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich glücklich
-machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, daß ich
-ihr als Freund willkommen sei, daß ihr Herz keinem andern mehr gehören
-könne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz mit
-dem übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte; sie
-gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitän seine
-Verhältnisse hierher riefen, sie gestand, daß er einen Rechtsstreit
-wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald die Sache entschieden
-sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar führen werde.
-
-Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis rief mich eines
-Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft
-versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, daß er sich mir in
-Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle
-Art besaß; doch die Zeit war mir auffallend, und es mußte etwas von
-Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte.
-
-›Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?‹ fragte er, indem er mich mit
-forschenden Blicken ansah.
-
-›Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,‹ gab ich ihm zur
-Antwort.
-
-›Nun, so flüchtig müsse es doch nicht sein,‹ entgegnete er mir, da ich
-ein Duell mit ihm gehabt.
-
-Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt, wegen einer ziemlich
-gleichgültigen Sache, es sei aber alles gütlich beigelegt worden.
-Dennoch war es mir auffallend, woher der Gesandte diesen Streit
-erfahren hatte, den ich so geheim als möglich hielt, und von welchem
-Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt hatte.
-
-›Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,‹ sagte er; ›doch möchte
-ich Ihnen raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen Person zu
-vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen öffentlichen,
-besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem
-fremden Lande wegen der Folgen für beide Teile fatal.‹
-
-Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, sehr
-warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame sagte,
-›zweideutige Person!‹ Und doch saß gerade diese Person als Krone der
-Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen,
-er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art
-gesprochen, die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewunderer
-ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes sehen ließ. Ich konnte
-eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken, ich bat ihn höflich, aber
-so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht mehr so von einer Dame
-zu sprechen, die ich achte, und die einen so entschiedenen Rang in der
-Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, daß er selbst
-sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen Ausdrücken von seinen Gästen
-spreche.
-
-Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht
-begreifen, denn weder behaupte die Dame einen Rang in der Gesellschaft,
-die _er_ sehe, noch habe sie je einen Fuß über seine Schwelle gesetzt.
-Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah, daß hier ein Irrtum
-vorwalte, und belehrte ihn, daß Fräulein von Palden die Dame sei, um
-die wir uns schlagen wollten. ›Verzeihen Sie,‹ rief er, ›man sagt mir,
-Sie haben sich wegen der Geliebten dieses Kapitän West geschlagen,
-daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu müssen.‹
-
-›Und wenn dies nun dennoch wäre?‹ fragte ich. ›Kennen Sie denn die
-Geliebte des Kapitäns?‹
-
-›Gott soll mich bewahren,‹ entgegnete er. ›Nein, ich glaube, er hat
-schon selbst genug an seiner Spanierin.‹
-
-Ich staunte von neuem. ›Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen
-Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß der Kapitän eine deutsche Dame
-liebt!‹
-
-›Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,‹ war seine Antwort;
-›wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu
-denken, den goldenen Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben und
-ihre frühere Ehe, weil sie nicht ganz gültig vollzogen war, für nichtig
-zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber -- jeder Mann von
-Ehre wird diesen Schritt mißbilligen.‹
-
-Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier
-eine Verwechslung der Namen und Personen zu Grunde, oder es war ein
-schreckliches Geheimnis, und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens
-Glück vielleicht auf ewig zerstört hatte.
-
-Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über Dinge spreche,
-die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er
-schon soviel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel
-schuldig zu sein. ›Dieser Kapitän West ist ein Sachse,‹ erzählte er;
-›er diente früher im Generalstab und wurde dann zu einer diplomatischen
-Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von vielen Talenten,
-aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade auf
-ihn fiel, da noch ältere Leute, und aus guten Häusern im Departement
-waren, ist mir unbekannt; nur soviel erfuhr ich zufällig, daß man ihn
-damals von Dresden habe entfernen wollen. Man erzählt sich, er habe in
-Madrid in einem Verhältnis zu einer schönen jungen Frau gelebt; sie
-war eine Spanierin, aber an einen alten Engländer verheiratet, der sie
-vielleicht nicht so strenge unter Schloß und Riegel hielt, wie man
-sonst in Spanien zu tun pflegt.
-
-Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers kam,
-bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem Posten abgerufen und sogar
-aus dem Dienste entlassen wurde. Doch sagen andere, er selbst habe aus
-Aerger über seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt
-noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Engländers mit
-ihren beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen spurlos
-verschwunden, denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer habhaft
-zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch seine
-Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen und die
-Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.
-
-Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor allem auf den
-Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß dieser in Paris angehalten und
-verhört wurde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als er
-die Nachricht von der Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber aus,
-daß er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und bekräftigte
-mit einem Eid, daß er von diesem Schritt der Donna nichts wisse.
-
-Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier
-sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen
-Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er es, mit Deutschen
-zusammenzutreffen.‹
-
-Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage
-an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde; wie er lebe, und
-ob er nicht in Verhältnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls
-hier aufhalten müsse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitän
-West mitgeteilt und bemerkt, daß der Engländer von neuem Spuren von
-seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit annehmen lassen,
-daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von Spanien aus sich an
-die päpstliche Kurie gewandt, es scheine aber, man wolle sich hier der
-Dame annehmen, denn die Antwort sei sehr zweifelhaft und unbefriedigend
-ausgefallen. Der Gesandte machte die nötigen Schritte und erfuhr
-wenigstens soviel, daß jener Verdacht bestätigt schien. Er wandte sich
-nun auch an Consalvi, um zu erfahren, ob der römische Hof in der Tat
-die Dame in seinen Schutz nehme, und erhielt die in eine sehr bestimmte
-Bitte gefaßte Antwort, man möchte diese Sache beruhen lassen, da die
-Ehe der Donna Ines mit dem Engländer wahrscheinlich für ungültig
-erklärt werde.
-
-Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß er aus
-besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer nachgespürt habe,
-und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im Karneval
-mit jenem ›wegen einer Dame‹ gehabt habe.
-
-Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon während seiner
-Erzählung empfand; und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, stand
-ich wie vernichtet. Der Gesandte verließ mich, um zu der Gesellschaft
-zurückzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er
-möchte niemand etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen, das Warum
-versprach ich ihm auf ein andermal.
-
-Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
-übersehen, ich konnte Luisen sehen, und wie schmerzlich war mir ihr
-Anblick. Sie schien so ruhig, so glücklich. Der Friede ihrer schönen
-Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes
-blaues Auge glänzte vielleicht von der Erwartung einer schönen
-Abendstunde, und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der
-Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es
-war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich eilte ins
-Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie war es
-möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurück, denn
-der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die süße
-Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer wieder
-an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen Horizont
-schwärzlich auftürmten und ein nächtliches Gewitter verkündeten, hingen
-sie nicht über der friedlichen Landschaft wie das Unglück, das Luisen
-drohte?
-
-Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich sei,
-ob ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen Verbindung.
-Doch war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen werde? Sie wußte,
-ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit
-meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht über mich gewinnen,
-ihr selbst ihr Unglück zu verkünden. Nur _einen_ Ausweg glaubte ich
-offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden,
-ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine
-oder die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen
-Weg gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht mehr
-verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird
-sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie glücklich
-zu machen, durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr
-Unglück zu mildern suchen.«
-
-»Aber wie konnten Sie glauben,« rief ich, über diese romantischen Ideen
-unwillkürlich lächelnd, »wie konnten Sie glauben, Freund, daß ein
-Kapitän West zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben werde? In
-Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der Wirklichkeit? Haben
-Sie je einen Narren derart gekannt?«
-
-»Ach, ich dachte zu gut von den Menschen,« antwortete er. »Ich dachte:
-wie ich muß jeder fühlen. -- Ich ging in die Wohnung des Kapitän West.
-Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn, wie er einen schönen
-Knaben von acht Jahren auf den Knieen hatte, welchen er lesen lehrte.
-Errötend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu begrüßen.
-›Ei, Papa!‹ rief der Kleine, ›wie sieht dir dieser Herr so ähnlich.‹
-
-Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem
-Zimmer. ›Wie,‹ sagte ich zu ihm; ›Sie haben schon einen Knaben von
-diesem Alter? Waren Sie früher verheiratet?‹
-
-Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er
-behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, besuche ihn zuweilen
-und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.
-
-›Er gehört wohl der Donna Ines?‹ fragte ich, indem ich ihn scharf
-ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das böse
-Gewissen sich kundtat; er erblaßte; seine Augen glänzten wie die einer
-Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich
-hinlänglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade
-ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um das
-Fräulein nicht völlig unglücklich zu machen.
-
-Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger und
-Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt,
-um Luisen von ihm zu entfernen. Ich ließ ihn ausreden; dann sagte
-ich ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin
-erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen
-unserer Sprache, das Fräulein so schonend als möglich von sich zu
-entfernen.
-
-Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere
-unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, er weinte, er
-verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben.
-Er schwur, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn
-zu retten: er gestand mir, daß er sich von einem Netz umstrickt sehe,
-das er nicht gewaltsam durchbrechen könne, weil einige hohe Geistliche
-der Kirche kompromittiert würden. Er ging so weit, mich zu zwingen,
-seine Geschichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen
-zu können. Es war die Geschichte eines -- Leichtsinnigen. Dieses Wort
-möge entschuldigen, was vielleicht _schlecht_ genannt werden könnte.
-Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen
-sehr glücklich machen mußte. Es war der äußere Anschein von Kraft und
-Entschlossenheit, die ihm übrigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt
-zu haben schienen. Er mußte eine für seinen Stand ausgezeichnete
-Bildung gehabt haben, denn er sprach sehr gut, seine Ausdrücke waren
-gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte hinreißen, so
-daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem dritten, während
-er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte. Ich habe
-dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem Triebe folgen, in den
-Tag hinein leben, ohne sich selbst zu prüfen, und erst in dem Moment
-der Erzählung über sich selbst flüchtig nachdenken. Sie werden dann
-durch die Sprache selbst zu einem eigentümlichen Feuer gesteigert, sie
-sprechen mit Umsicht von sich selbst, doch eben weil diese ihnen sonst
-abging, ist man versucht zu glauben, sie sprechen von einem dritten.
-
-Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;
-Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter eines der
-ersten Häuser der Stadt für sich gewonnen zu haben, riß ihn zu einem
-Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhältnis
-ungern. Ich konnte mir denken, daß es vielleicht weniger Stolz auf
-seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des Kapitäns
-war, was ihn zu einer Härte stimmte, die die Liebe eines Mädchens
-wie Luise immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich jetzt erst
-erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, wenn sie je mit
-dem Kapitäns sich verbinde.
-
-West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung
-zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Mann, der das Bild der
-Geliebten fest im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die
-Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, daß er froh gewesen sei, als
-er, vielleicht durch Vermittlung des Engländers, von seinem Posten
-zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare Vorschläge
-zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können; er sei, ohne
-Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich bestimmte,
-nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte auch über
-diesen Punkt so schnell als möglich hinweg zu kommen. Er erzählte
-ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie er sich
-vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei plötzlich Donna
-Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern geflüchtet, sei
-ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie heiraten.
-
-Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. Ich hatte von
-dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener schon in Paris angehalten
-und über die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte
-sich also denken, daß sie ihm nachreisen werde, und dennoch knüpfte
-er die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen
-können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu
-heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem
-ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteuerin gemacht hätte?
-
-Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, in
-welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, namentlich mit Pater
-Rocco, schnell bekannt geworden, geführt habe. Es wurde ernstlich an
-der Auflösung ihrer früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt
-angenommen worden, daß er die Geschiedene heiraten werde.
-
-›Sie sagten mir hier nichts Neues,‹ antwortete ich ihm; ›dies alles
-beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie als Mann von Ehre
-einsehen werden, daß das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht
-fortdauern kann, oder Sie müssen sich von der Spanierin lossagen.‹
-
-Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem Kardinal
-Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen übersteigen; er könne
-also wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden Schritt tun.
-
-›Im Augenblick heißt hier nie,‹ erwiderte ich ihm. ›Sie werden sich aus
-diesen Banden, wenn sie _so_ beschaffen sind, nie mit Anstand losmachen
-können. Ich halte es also für Ihre heiligste Pflicht, Luisen nicht
-noch unglücklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel Ihrer
-Bestrebungen sein?‹
-
-Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als er sei. Doch
-er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse. Er glaube aber, es
-sei dies meine Sache. Er trete mir Luisen ab, ich solle mir auf jede
-Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glücklich machen. Er hatte
-Tränen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu
-mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne.
-
-Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher Entschluß
-gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein Gefühl war eine Mischung von
-Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der schöne
-Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte.«
-
-»Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen,« fragte
-ich; »jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise?«
-
-»Ja und nein,« antwortete er trübe; »sie schien meine Liebe zu
-übersehen, nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, daß sie ängstlicher
-wurde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir ihre Freundschaft nicht
-genügen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit oder Leichtsinn,
-zog sich nicht von ihr zurück, ich vermute es sogar, er hat sie vor mir
-gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in Rom zubringen
-sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten arbeitete man
-schon an Memoires, die man mir nach Berlin mitgeben wollte, man
-wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche mache -- und ich,
-ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein, wie ich dieser Reise
-entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht für möglich, Luisen
-zu verlassen, jetzt da ihr vielleicht bald der schrecklichste Schlag
-bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken,
-aber wie war es mir möglich, ihre himmlische Ruhe zu zerstören, das
-Herz zu brechen, das ich so gerne glücklich gewußt hätte?
-
-Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer; er war
-bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und
-sprechen konnte. ›Jetzt ist alles aus,‹ rief er; ›sie stirbt, sie _muß_
-sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!‹ Er gestand, daß Donna
-Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten; ihr
-schrieben sie sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal hatte
-geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein gehen,
-und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen Mann, der schon
-so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten zurückzuhalten.
-
-Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist; ich erkannte,
-daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von dieser Stunde, von
-diesem Tag wenig mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich den Kapitän in
-kalter Wut zur Türe hinausschob, mich schnell in die Kleider warf und
-wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hause der Signora Campoco
-zulief. Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen Kardinal
-sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater Piccolo
-trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich setzte
-meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf ihn zu,
-doch -- ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln die
-Türe vor der Nase zuwarf.
-
-Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen.
-Ich ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, daß ich noch
-in dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine
-Aufträge, und bald hatte ich die heilige -- unglückselige Stadt im
-Rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine
-Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann
-tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht
-verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich
-an, die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; --
-doch es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage
-zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont zu
-haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich dort,
-und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause meiner
-Tante erzählt habe.«
-
-Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene
-Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn
-in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an
-jenem Abend war, und die Worte seiner Tante: er sehe seit seiner
-Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und
-ließen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner
-ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend.
-Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines,
-intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon
-viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir, als Menschenkenner,
-etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden
-Grad in meinem Reglement erlangt, aber unbegreiflich war es mir, wie
-sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach
-moralischen wie nach physischen Kräften ein Körper, welcher abwärts
-gleitet, immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei
-Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke;
-er war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt;
-er war schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitän liebte er
-wahrscheinlich auch das ~Est, Est, Est~, Eigenschaften, die nicht lange
-auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre vielleicht
-aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger geworden,
-ein zweiter wäre leichtsinnig wie er, all diesem Jammer entflohen,
-hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise dort sitzen lassen und
-vielleicht an einem andern Ort eine andere gefreit; ein dritter hätte
-vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne Sächsin zu
-besitzen, oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.
-
-Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch in demselben
-Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten
-waren, daß das Ende von diesen Geschichten ein Uebertritt zur römischen
-Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite,
-Luisens mit dem Berliner, werden sollte?
-
-Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas entfernten
-Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm das Ziel seines
-heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend
-vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeige, so
-machte er Riesenschritte abwärts, denn seine Anlagen waren gut. Ich
-beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen und die Leutchen zu
-hetzen.
-
-Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von
-S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riß
-das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine
-Stimme heiterer. »Der Engel!« rief er aus, »sie will mich dennoch
-sehen! Wie glücklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund,« sagte er,
-indem er mir den Brief reichte; »müssen solche Zeilen nicht beglücken?«
-
-Ich las:
-
- »Mein treuer Freund!
-
- Mein Herz verlangt danach, Sie zu sprechen. Ich wollte Sie
- nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis Sie mir gute
- Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es eigentlich,
- der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wissen,
- wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der
- Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West.
- Ach! daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir,
- meine Augen dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser
- Schmach, die ich nicht ertragen kann.
-
- L. v. P.«
-
- »N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg
- bekannt wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der
- Sache etwas tun können.«
-
-»Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muß,«
-sagte ich; »doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das
-Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg
-kann sich übrigens das Fräulein an niemand besser wenden als an mich;
-denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien genau
-bekannt.«
-
-Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell dienen zu können.
-»Das ist trefflich!« rief er, »und Sie begleiten mich wohl jetzt
-eben zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die
-Verhältnisse klarer machen wird.«
-
-Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.
-
-»In Berlin,« erzählte er, »hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte
-niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geschöpf hätte
-Nachricht geben können, und so lebte ich in einem Zustand, der beinahe
-an Verzweiflung grenzt; nur einmal schrieb mir der sächsische Gesandte:
-der Papst habe sich jetzt öffentlich für den Kapitän West erklärt, man
-spreche davon, daß der Preis dieser Gnade der Uebertritt des Kapitäns
-zur römischen Kirche sein solle. In demselben Brief erwähnte er mit
-Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr angezogen habe, die
-mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, sehr gefährlich krank
-sei, die Aerzte zweifeln an ihrer Rettung.
-
-Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht
-entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, daß das, was ihr
-der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge haben
-werde, aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiß wußte, jetzt erst
-kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück, und meine
-Bekannten hier haben sich nicht weniger darüber gewundert, mich so
-unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so plötzlich
-wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es mir nicht
-verzeihen, denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit einem der
-Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu verheiraten.
-
-Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein wiederfand!
-Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben, der Gedanke, daß West
-zu seiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wollte.
-Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre
-Jugend dahinschwinden, ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter
-einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr
-zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis ich
-von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten werde -- oder
-bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute geschehen. Es
-scheint, sie hat Hoffnung, ich habe keine; denn er ist zu allem fähig,
-und Rocco hat ihn so im Netze, daß an kein Entrinnen zu denken ist.«
-
-»Aber der Fromme,« fragte ich; »soll wohl der seine Bekehrung
-übernehmen?«
-
-»Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. Es ist
-ein deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist, er zieht umher, um
-zu bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich
-erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur Bekehrung des
-Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein
-Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken könnten; doch auch
-dies kommt zu spät! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch kümmern
-mag?«
-
-Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden.
-Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte mir ein Interesse
-eingeflößt, das diese Stunde befriedigen mußte. Ich hatte mir schon
-lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen, ich fand es,
-als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur
-eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt;
-ich dachte mir sie nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie
-mußte dies sein, wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die
-Heilung des Kapitän West zutrauen?
-
-Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich
-empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in
-ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat
-ein. Am Fenster stand ein kleiner hagerer Mann, von kaltem, finsterem
-Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie
-einmal aufschlug, so glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer.
-Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten
-Neigen des Hauptes und antwortete: »Gegrüßet seist du mit dem Gruße des
-Friedens!«
-
-Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute
-sind eine wahre Augenweide für den Teufel; er weiß, wie es in ihrem
-Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lächerlicher als
-Pulcinell, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin und
-wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit
-neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben.
-Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln,
-wenn sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche
-ist ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die
-Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
-mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre
-eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man
-glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frömmer? O ja, wie man will.
-Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen
-kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist: »ja, ja, nein, nein.« Auf
-weitere Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die
-Stillen im Lande, denn sie leben einfach und ohne Lärm für sich; doch
-diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre Mitmenschen
-zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen. Daher kommt es, daß sie
-einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich öffentlich zu
-vergnügen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen ein Ruchloser.
-Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein
-Auge beschämt wegwenden würde.
-
-Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie
-gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien
-von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert
-worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen
-näheren Weg, ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle
-kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heißen
-mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1
-und 2, sie _verneinen_, wenn auch nicht im Aeußeren, denn sie sind
-Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.
-
-Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. »Ihr seid ein Landsmann
-von mir,« fragte ich nach seinem Gruß, »Ihr seid ein Deutscher?«
-
-»Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott,« antwortete er; »aber
-die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch.«
-
-»Da habt Ihr recht,« erwiderte ich, »besonders wenn sie in einer
-engen Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser
-gotteslästerlichen Stadt?«
-
-Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: »O welche Freude hat
-mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist
-der erste, der mir hier saget, daß dies die Stadt der babylonischen
-H--, der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen
-Sinne von dem Altertum der Heiden, laufen umher in diesen großen
-Götzentempeln und nennen alles ›heiliges Land‹, selbst wenn sie
-Protestanten sind; aber diese sind oft die Aergsten.«
-
-»Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind noch mehrere
-Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer
-Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme
-Seelen sein.«
-
-»Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb;
-man weiß allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er
-so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube,
-durch ihn ist dieses Uebel in die Welt gekommen. Zu was denn diese
-Gelehrtheit, diese Untersuchungen? sie führen zum Unglauben. Die
-Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum _Durchbruch_ gekommen
-ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie erleuchtet ist,
-kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelahrteste Doktor.«
-
-»Du hast recht, Bruder,« erwiderte ich ihm; »und ich war in meinem
-Leben in der Seele nicht Vergnügter, nie so heiter gestimmt, als wenn
-ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitälerin das Wort
-verkündigen hörte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so
-hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren zerknirscht.
-Doch sage mir, wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen?«
-
-»Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenlande, wo es mehr Erleuchtete
-gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein
-Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntag abend in mein Haus
-wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam in
-dieses Sodom und Gomorrha, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin
-aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr
-ganz recht geschehen, denn so straft der Herr den Wandel der Sünder.
-Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß sie so sicherlich
-abfahren soll, dorthin wo Heulen und Zähnklappern. Ich sprach ihr zu,
-und sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald
-zum Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von einem Mann, den der
-Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat
-mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft des Geistes, der in
-mir wohnet. Und darum bin ich hier.«
-
-Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner
-mit dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob
-ich mit der Familie des Kapitän West in Mecklenburg bekannt sei. Ich
-bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab
-ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.
-
-»Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten Schritt zu tun,
-der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon
-davon gesagt, und es kommt jetzt darauf an, ihm das Mißliche eines
-solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun.«
-
-»Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in
-geistlichen Kämpfen erfahrner als ich; ich hoffe, er wird sehr nützlich
-sein können.«
-
-»Es ist mein Beruf,« antwortete der Pietist, die Augen greulich
-verdrehend, »es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es Tag ist. Ich
-will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf
-zertreten wie einer Kröte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich
-fühle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Lieben Brüder, lasset
-uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!«
-
-»Gehen wir!« sagte der Berliner; »seien Sie versichert, Luise, daß
-Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung
-dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft,
-die Zeit bringt Rosen.«
-
-Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem
-wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in
-der Türe umwandte, sah ich sie heftig weinen.
-
-Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der Pietist,
-vom Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin
-und verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der
-Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln
-und ging sinnend neben mir her, ich selbst war von dem Anblick der
-stillen Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich
-dachte nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu
-entreißen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich
-ihr den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung
-und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige Seligkeit
-spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am besten
-erreichen zu können, besser vielleicht noch durch Kapitän West, der mir
-ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn noch von der
-Spanierin werde losmachen können.
-
-Auf der Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen, weil er
-hier beten und unsern Ein- und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder!
-Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus
-einem Fläschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen Likör
-enthalten mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn kommen,
-dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer Begeisterung
-sprechen.
-
-Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finstern Stirne. Der Berliner
-stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geist
-getrieben, seinen Sermon.
-
-Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und
-sprach: »Bruder! was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat
-dich der Teufel in seinen Klauen, daß du dich dem Antichrist ergeben
-willst, daß du absagen willst der heiligen, christlichen Kirche, der
-Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie
-heißt es Sirach am neunten, im dritten Vers? He? ›Fliehe die Buhlerin,
-daß du nicht in ihre Stricke fallest?‹ --«
-
-»Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.« sprach der Kapitän
-gereizt. »Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer
-Sottisen zu sagen.«
-
-»Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt,
-besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann, der gehört hat, daß Sie
-übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten.«
-
-»Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe, denn --«
-
-»Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme,«
-schrie der Pietist. »Der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm,
-und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden
-lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? ›Laß dich nicht bewegen
-von dem Gottlosen in seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es
-ein Ende nehmen wird. -- Wisse, daß du unter den Stricken wandelst, und
-gehest auf eitel hohen Spitzen!‹«
-
-»Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht
-selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?«
-
-»Nein, aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie und bin mit
-einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem
-Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z.«
-
-»Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?« rief der fromme
-Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. »Auf,
-Ihr Brüder, Ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied
-singen, vielleicht hilft es.« Er drückte die Augen zu und fing an, mit
-näselnder, zitternder Stimme zu singen:
-
- »Herr, schütz' uns vor dem Antichrist
- Und laß uns doch nicht fallen;
- Es streckt der Papst mit Hinterlist
- Nach uns die langen Krallen;
- Und laß dich erbitten,
- Vor den Jesuiten
- Und den argen Missionaren.
- Wollest gnädig uns bewahren.
-
- Sie sind des Teufels Knechte all,
- Nur wir sind fromme Seelen;
- Wir kommen in des Himmels Stall,
- Uns kann es gar nicht fehlen;
- Denn nach kurzem Schlafe
- Ziehn wir frommen Schafe
- In den Pferch, für uns bereitet,
- Wo der Hirt die Schäflein weidet.
-
- Dort scheidet er die Böcke aus --«
-
-Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine Nachtigall sang,
-aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geist getrieben,
-dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitäns wechselten Scham und Zorn,
-und man war ungewiß, ob er mehr über die Unverschämtheit dieses
-Proselytenmachers staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne
-erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten
-Vers anhub, ging die Tür auf, und die hohe, majestätische Gestalt
-des Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen,
-faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern
-herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah uns
-mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte
-vielleicht den ehrwürdigen Kuß eines Gläubigen erwarten.
-
-Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, daß der Kardinal
-uns den Protestantismus sogleich anriechen, daß es ihn erzürnen werde,
-seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu sehen. Er nannte
-der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn von S. erblickte, trat er
-erschrocken einen Schritt zurück und flüsterte dem Frater Piccolo in
-der violetten Kutte zu: »Das ist wohl der Teufel, den du im Traume
-gesehen?«
-
-Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf seinen
-Leib zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen
-aus dem Exorzismus zu beten. Während dieser Szene hatte sich der
-fromme Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war,
-wieder erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses
-Kirchenfürsten, doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem
-er bei sich zu dem Resultate gelangt war, daß nur ein frommer
-protestantisch-mystischer Christ zur Seligkeit gelangen könne. Er hub
-im heulenden Predigerton auf italienisch an: »Siehe da, ein Sohn der
-Babylonischen, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit
-Seide und Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg,
-Satanas!«
-
-»Ist der Mensch ein Narr?« fragte der Kardinal, indem er näher trat
-und den Prediger ruhig und groß anschaute. »Piccolo, merke dir diesen
-Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen.«
-
-Der Pietist geriet in Wut: »Baalspfaffe, Götzendiener, Antichrist!«
-schrie er. »Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kommt der Geist
-erst recht über mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter!
-Ich will dich lehren die Hauptstücke der Religion, daß du deine
-ketzerischen Irrtümer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur
-ab, zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem
-Herrn besser, wenn du violette Strümpfe anhast? O du Tor! das sind die
-eiteln Lehren des Antichrist, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt; in
-Sack und Asche mußt du Buße tun.«
-
-Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen,
-seine Wangen glühten. »Jetzt sehe ich, Kapitän,« rief er, »was Euch so
-lange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte mit diesen wahnsinnigen
-Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestärken. Ha, bei der heiligen
-Erde, Ihr habt uns tief gekränkt.«
-
-»Herr Kardinal!« fiel ihm Herr von S. in die Rede, »ich bitte, uns
-nicht alle in _eine_ Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb
-in sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so können wir ihn nicht daran
-verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darüber zu beklagen,
-denn Eure Eminenz wissen, daß es gleichsam nur Repressalien für die
-Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle
-Welt überschwemmt.«
-
-Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt
-es, sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern zu lassen.
-»Herr von S.,« sagte ich, »der Herr Kapitän will, denke ich, durch sein
-Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz recht gebe. Zwar schließt
-mich mein Bewußtsein von den wahnsinnigen Ketzern aus, ich mache keine
-Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer werten
-Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rückkehr sagen können --«
-
-»Stille!« rief der Pietist mit feierlicher Stimme. »Bruder, Mann
-Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen zu
-rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer, aber es wäre ihm besser,
-ein Mühlstein hinge an seinem Hals und er würde ertränket, wo es am
-tiefsten ist.«
-
-»Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen,« ist ein altes Sprichwort, und
-der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah, daß Beschämung vor uns, von
-Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die Furcht, ihn zu
-beleidigen, in seinem Gesichte kämpften.
-
-»Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz,« entgegnete er. »Diesen
-Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann
-er will; denn seine schwärmerischen Reden sind mir zum Ekel, aber
-über diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von
-Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr von S.
-besucht mich. Ich weiß nicht, welche bösliche Absicht Sie darein legen
-wollen.«
-
-Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, brachte
-er ihn nur noch mehr auf, doch bezähmte er laute Ausbrüche desselben,
-und seine stille Wut wurde nur in kaltem Spott sichtbar. »Ja, ich
-habe mich freilich höchlich geirrt,« sagte er lächelnd, »und bitte um
-Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse
-Gegenstände, doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind,
-was Sie herführt. Herr von S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän
-wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen wollen?
-Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben wird, es ist ihm
-gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmütigkeit, Capitano,
-daß Sie sich von demselben Mann zurückführen lassen, der Sie so
-geschickt aus dem Sattel hob!«
-
-Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen die
-Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle
-Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän wohl nicht so außer sich
-gebracht als das Gefühl der Scham, vor deutschen Männern von einem
-römischen Priester so verhöhnt zu werden. »Die Achtung, Signor Rocco,«
-sagte er, »die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt mich,
-Ihnen zu erwidern, was Sie mir in _meinem_ Zimmer über mich gesagt
-haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich und wundere
-mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viel Mühe geben wollten.
-Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, werde ich
-folgen. Doch wissen Sie, daß, was er getan hat, mit meiner Zustimmung
-geschah; ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner
-Absicht lag. Nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott noch Ihre
-Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein andermal wieder
-einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate ich Ihnen, Ihren
-Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, bis er im Schoße der Kirche ist.«
-
-Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden als sein
-seidenes Gewand. »Geben Sie sich keine Mühe,« entgegnete er, »mir zu
-beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert.
-Glauben Sie mir, die Kirche hat höhere Zwecke, als einen Kapitän West
-zu bekehren --«
-
-»Wir kennen diese schönen Zwecke,« rief der Berliner mit sehr
-überflüssigem Protestantismus; »Ihre Pläne sind freilich nicht auf
-einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie
-möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was
-noch zum Evangelium hält, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber
-Sie kommen hundert Jahre zu spät, oder zu früh; noch gibt es, Gott sei
-Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein
-wollen, als den heiligen Stuhl anbeten.«
-
-»Bringe mir meinen Hut, Piccolo!« sagte der Priester sehr gelassen,
-»Ihnen, mein Herr von S., danke ich für diese Belehrung; doch lag uns
-an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der
-Erbärmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie
-versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England über
-kurz oder lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann werden
-auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren. Drum leben
-Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen.« Die Züge des Kardinals hatten
-etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so sichtbar wurde als
-in diesem Moment. Ich mußte gestehen, er hatte sich gut aus der Sache
-gezogen und verließ als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm
-den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars, und mit Anstand
-und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus dem Zimmer.
-
-Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; der Pietist
-murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich düpiert, denn der
-Streit ging über seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem
-Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, der
-babylonischen Dame, dem ewigen Höllenpfuhl und dem Paradiesgärtlein, in
-lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.
-
-Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein.
-Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von Donna Ines und diesem
-Priester bedeutende Vorschüsse empfangen habe, die er nicht zahlen
-konnte; es war zu erwarten, daß sie ihn von dieser Seite bald quälen
-würden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der
-Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein
-Leichtsinn verleitet, denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn
-daraus entstehen können -- er hätte sich von falscher Scham nicht so
-blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens bei dieser
-Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er die Hoffnung auf Luisens
-Besitz nicht aufgegeben hatte, daß er sie mächtiger als je nährte, da
-sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wußte auch, daß sie den Kapitän
-nicht gerade zu sich zurückwünschte, sondern ihn nur nicht katholisch
-wissen wollte, ich wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt
-worden wäre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühe;
-und jetzt hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das
-Fräulein wiedersehen wolle; und so war es.
-
-»Es ist mein voller Ernst, Herr von S.,« sagte er, »ich sehe ein, daß
-ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen muß. Können Sie mir
-Gelegenheit geben, das Fräulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu
-erbitten?«
-
-»Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt,« antwortete der
-junge Mann etwas verstimmt und finster; »ich glaube nicht, daß nach
-diesen Vorgängen --«
-
-»O! Ich habe die beste Hoffnung,« rief jener, »ich kenne Luisens gutes
-Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört habe, mich zu lieben.
-Hören Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der
-Tiber; bitten Sie das Fräulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu
-kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen
-sein; ich will ja nichts als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort
-von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel
-zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine Verirrungen!«
-
-»Gut, ich will es sagen,« erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe
-nach Fassung rang. »Soll ich Ihnen Antwort bringen?«
-
-»Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr
-als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber.«
-
- * * * * *
-
-Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das
-Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse, seine Gestalt, sein Gesicht,
-zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück;
-es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; er lernt ihr Schicksal kennen,
-er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden
-heilt, bewirkt endlich, daß sie den Kapitän vielleicht nicht mehr so
-sehnlich zurückwünscht; sie will nur, daß er jenen Schritt nicht tue,
-den sie für einen törichten hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem
-armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen
-Bemühungen um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen Nebenbuhler,
-einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen!
-
-Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, daß
-sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet zu sehen. Sie hatte
-ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu begleiten,
-weil er diese Szene allein nicht mit ansehen könne.
-
-Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo
-in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitän finden könnte?
-Ich forschte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl den Kapitän suche,
-und er sagte mir ohne Umschweife, daß er ihm von dem Kardinal einen
-Schuldschein auf fünftausend Skudi zu überreichen habe, die jener
-zwölf Stunden nach Sicht bezahlen müsse. »Wertester Frater Piccolo,«
-erwiderte ich ihm, »das Sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs
-Uhr in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen;
-dort werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch.« Er dankte und ging
-weiter. Daß er diese Nachricht dem Kardinal, vielleicht auch Donna
-Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussetzen zu dürfen. »Fünftausend
-Skudi, zwölf Stunden nach Sicht!« sagte ich zu mir, »ich will doch
-sehen, wie er sich heraushilft!«
-
-Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu fühlen,
-daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; doch nicht nur dies
-Gefühl war es, was ihn unglücklich machte; er fürchtete, Luise werde
-nicht auf die Dauer glücklich werden. »Dieser West!« rief er. »Ist es
-nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr zurückführt!
-Wie leicht ist es möglich, wenn einmal die Reue über ihn kommt, die
-Spanierin so unglücklich gemacht zu haben, wie leicht ist es möglich,
-daß er auch Luisen wieder verläßt!«
-
-Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht
-zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen
-sucht und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine
-Künste anwendet. Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz
-durchgemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen
-und ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der
-gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen!
-
-Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen Garten der Signora
-Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fräulein sei ihm
-unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause
-des Kapitäns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine höhere
-Leitung gefügt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche
-zurücktreten, sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren
-wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln
-auf ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude,
-sie habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem
-Garten zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht
-heiter; eine sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung
-habe sie befallen, sie habe ihm gestanden, daß sie der Gedanke an den
-Fluch ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitäns werde, immer
-verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst
-so kindlich frohen Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des
-Geliebten, dennoch nicht glücklich zu werden.
-
-Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das
-ganze weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genähert.
-Er lag, von Bäumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco
-empfing uns mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß
-sie das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger habe hören
-können, und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden würden. Errötend,
-mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schönen Gesicht,
-trat uns das Fräulein entgegen. Der Kapitän aber schien mir ernster,
-ja, es war mir, als müßte ich in seinen scheuen Blicken eine neue
-Schuld lesen, die er zu den alten gefügt.
-
-Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das
-schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing
-ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen,
-und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblick gefühlt, wie die
-höchste Lust mit Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war
-diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung
-davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine
-Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger
-langweilen dürfte: »Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der
-Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der
-Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die
-Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen
-Krieg nicht.« So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben, aus
-Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, nicht
-mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht gehen.
-
-Bei jener ganzen Szene ergötzte ich mich mehr an der Erwartung als an
-der Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, dachte ich mir, Frater Piccolo
-durch die Bäume herbeikäme, um seinen Wechsel honorieren zu lassen
--- welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitän, welches Staunen,
-welcher Mißmut bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen
-Möglichkeiten, während die andern in süßem Geplauder mit vielen Worten
-nichts sagten -- da hörte ich auf einmal das Plätschern von Rudern
-in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die Stunde, um welche
-ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wäre! -- Die
-Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher, weder die Liebenden
-noch der Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur noch das
-Rauschen des Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans Land gelegt
-haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte Stimmen in der
-Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten auf dem Sandweg
-des Gartens, ich sah mich um -- Donna Ines und der Kardinal Rocco
-standen vor uns.
-
-Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein
-Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem
-schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu
-begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei, und sank lautlos zurück,
-indem sie die schönen Augen und das erbleichende Gesicht in den Händen
-verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah
-also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich
-um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese Gruppe
-musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande,
-die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu.
-
-»Schändlich!« hub Ines an. »So muß ich dich treffen? Bei deiner
-deutschen Buhlerin verweilest du und vergißt, was du deinem Weibe
-schuldig bist? Ehrvergessener; statt meine Ehre, die du mir gestohlen,
-durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschädigen für so großen
-Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgest du in
-den Armen einer andern?«
-
-»Folget uns, Kapitän West!« sagte der Kardinal sehr strenge. »Es ist
-Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke
-wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische
-Gesellschaft.«
-
-»Du bleibst!« rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen
-Arm schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete. »Schicke diese
-Leute fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteuerin verschworen. Du
-zauderst? Monsignor, ich weiß nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in
-diesen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, sich mit dieser Dame zu
-entfernen.«
-
-»Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?« entgegnete Rocco. »Diese
-ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört der Garten, und es wird
-sie nicht belästigen, wenn wir hier verweilen.«
-
-»Ich bitte um Euren Segen, Eminenz,« sagte, sich tief verneigend,
-Signora Campoco; »wie möget Ihr doch so sprechen? Meinem geringen
-Garten ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin
-umher!«
-
-»Nicht gezaudert, Kapitän!« rief der Kardinal: »Werfet den Satan
-zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die
-Pflicht Euch ruft. -- Ha! Ihr zaudert noch immer, Verräter? Soll
-ich,« fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, »soll ich Euch etwa dies
-Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit
-den fünftausend Skudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache
-abholen lassen?« --
-
-»Fünftausend Skudi?« unterbrach ihn der Berliner. »Ich leiste
-Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft --«
-
-»Mitnichten!« antwortete er mit großer Ruhe. »Ihr seid ein Ketzer;
-~haeretico non servanda fides~; Ihr könnet leicht ebenso denken und mit
-der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein, -- Piccolo! Sende einen der
-Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen.«
-
-»Um Gottes willen, Otto! Was ist das?« rief Luise, indem ihr Tränen
-entstürzten. »Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz
-übergeben haben? O Herr! Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein
-ganzes Vermögen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben,
-als Ihr fordert --«
-
-»Meinst du, schlechtes Geschöpf!« fiel ihr die Spanierin in die Rede.
-»Meinst du, es handle sich hier um Gold? Mir, mir hat er seine Seele
-verpfändet; er hat mich gelockt aus den Tälern meiner Heimat; er hat
-mir ein langes, seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat
-mich betrogen um diese Seligkeit; du -- du hast mich betrogen, deutsche
-Dirne, aber sieh zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten
-kannst, daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen
-Würmern, den Vater!«
-
-»Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!« sagte Luise von tiefer Wehmut
-bewegt. »Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte
-schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches Weib? Nein, so tief
-möchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich längst, ehe er
-dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!«
-
-»Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren,« sprach der Kardinal;
-»sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr selbst, Signora, mit
-einem anderen, der hierneben sitzt, in Verhältnissen waret. Zaudere
-nicht mehr, folge uns; bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt
-nicht folgst, wirst du sehen, was es heiße, den heiligen Vater zu
-verhöhnen!«
-
-Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig Kraft, so wenig
-Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen mögen; doch es mußte zu
-einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein:
-»Wie? was ist dies für ein Geschrei von Kindern?« rief ich erstaunt.
-»Es wird doch kein Unglück in der Nähe geben?«
-
-»Ha! meine Kinder!« weinte die Spanierin. »O, weinet nur, ihr armen
-Kleinen, der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich
-gehe, ich werfe sie in die Tiber, und mich mit ihnen; so ende ich ein
-Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!«
-
-Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen, doch das Fräulein faßte
-ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen führte sie
-Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte dann aus der Laube. Ich selbst
-war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß
-ausführen wollte, den die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den
-sie einschlug, führte tiefer in den Garten, und sie wollte wohl nur
-diesem Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und
-als sich auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze
-Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten.
-
-Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig
-zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last
-nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen, er wollte
-vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur ihr anzugehören; er glaubte
-heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen
-Mannes, um den seinigen unterzuschieben.
-
-Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene,
-die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. »Fort mit dir!« rief er,
-»gehe zu den Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters.
-Du hast deine Rolle künstlich gespielt; um diese Blume zu pflücken,
-mußtest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibes noch einmal
-entreißen. Hinweg mit dir, du Ehrloser!«
-
-»Was sprechen Sie da?« schrie der Kapitän schäumend; es mochte in der
-Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beißender
-war. »Welche Absichten legen Sie mir unter? Was hätte ich getan.
-Erklären Sie sich deutlicher!«
-
-»Jetzt hast du Worte, Schurke, aber als dieser Engel zu dir flehte, da
-hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre sie nicht an, oder
-ich schlage dich nieder!«
-
-»Das kann dir geschehen,« entgegnete jener, und einem Blitze gleich
-fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen
-Mannes. -- In Spanien lernt man gut stoßen. Der Berliner hatte einen
-Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu
-lassen, in die Knie.
-
-Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch! war mein Gedanke,
-als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; jetzt wird er sich
-bergen im Schoße der Kirche! Und es schien so zu kommen. Denn willenlos
-ließ sich der Kapitän von Ines und dem Kardinal wegführen, und die
-Barke stieß vom Lande.
-
- * * * * *
-
-Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an
-welchem der Papst vor dem versammelten Volk mir, dem Teufel, alle
-Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung
-noch nie eine erhalten und weiß nicht, ob Seine Heiligkeit falliert
-haben und nun auf der Himmelsbörse keine Geschäfte mehr machen, also
-wenig Einfluß auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob
-vielleicht diese Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um
-den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen
-zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, den Beutel
-der Engländer, Schweden und Deutschen zu schröpfen, da ihre Seelen doch
-einmal verloren seien.
-
-An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, besonders
-die Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen.
-Man drängt und schlägt sich auf dem großen Platz, man hascht nach
-dem Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl
-herabschleudert, durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle
-schlagen an die Brust und sprechen: »Wohl mir, daß ich nicht bin wie
-dieser einer.« An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz
-besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, in allen
-Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein berühmter, tapferer,
-ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser
-Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hieß
-es, er sei Kapitän, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er
-Oberst, und wenn man am Donnerstag früh ein schönes Kind auf der Straße
-anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man auf die
-Antwort rechnen: »Ei, wißt Ihr nicht, daß zur Ehre Gottes ein General
-der Ketzer sich taufen läßt und ein guter Christ wird, wie ich und Ihr?«
-
-Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht
-erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach
-der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwürfen, Bitten,
-Drohungen, Versprechungen und Tränen bestürmt, daß er einwilligte,
-besonders, da er durch den Uebertritt nicht nur Absolution für seine
-Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch Schutz für die
-Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da der Berliner einige
-Tage zwischen Leben und Tod schwebte und sein Gesandter auf strenge
-Ahndung des Mordes angetragen hatte.
-
-Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem Täufling an
-mir vorüberkommen mußte. Und sie nahten! Ein langer Zug von Mönchen,
-Priestern, Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kamen heran. Ihre
-halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie
-zogen im Kreis um den ungeheuren Platz, und jetzt wurden die Römer
-um mich her aufmerksamer. »~Ecco, ecco lo!~« flüsterte es von allen
-Seiten; ich sah hin -- in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche
-bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, nahte mit unsicheren
-Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe in ihren violetten Talaren gingen
-vor ihm, und Chorknaben aller Art und Größe folgten seinen Schritten.
-
-»Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! ein schmucker Mann!« hörte ich die
-Weiber um mich her sagen. »Welch ein frommer Soldat!«
-
-»Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele
-entrissen wird!« --
-
-»Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?« --
-
-»Vorher,« antwortete ein schönes, schwarzlockiges Mädchen, »vorher,
-denn nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da würde er
-ihn ja auf ewig verdammen und nachher segnen und taufen.«
-
-»Ach, das verstehst du nicht,« sagte ihr Vater, »der Papst kann alles,
-was er will, so oder so.«
-
-»Nein, er kann nicht alles,« erwiderte sie schelmisch lächelnd, »nicht
-alles!«
-
-»Was kann er denn nicht?« fragten die Umstehenden. »Er kann alles; was
-sollte er denn nicht können?«
-
-»Er kann nicht heiraten!« lachte sie; doch nicht so schnell folgt der
-Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.
-
-»Was, du versündigst dich, Mädchen?« schrie er. »Welche unheiligen
-Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst
-heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall.«
-
-Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen; und auch ich
-folgte dorthin. Es ist eine lächerliche, materielle Idee, wenn die
-Menschen sich vorstellen, ich könne in keine christliche Kirche kommen.
-So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior, Balthasar) über
-ihre Türen und glauben, die drei Könige aus Morgenland werden sich
-bemühen, ihre schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen.
-
-Ich drängte mich so weit wie möglich vor, um die Zeremonien dieser
-Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt sein graues
-Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht und kniete unweit des
-Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe standen umher, der
-ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter,
-der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgaben sie mit einem
-ehrwürdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit
-aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen Donna
-Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, und
-wer Luisen und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte dem
-Täufling verzeihen, daß er sich durch dieses schöne Weib und einen
-listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen ließ.
-
-Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stützte sich mit
-einer Hand an eine Säule, und ich glaube, sie wäre ohne diese Hilfe
-auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft.
-Der Schleier war zu dicht, als daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch
-sagte mir eine Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester
-den Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs
-hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der Sterblichen,
-übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer Andacht, die sie zwar
-über das Irdische, aber auch über die ewigen Gesetze ihrer Vernunft
-hinwegführt.
-
-Die Priester sangen. Jetzt fing er an, sein Glaubensbekenntnis zu
-sprechen.
-
-»Er hat mich nie geliebt,« seufzte die Dame an meiner Seite, »er hat
-dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sünde!«
-
-Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher
-gelebt.
-
-»Gib Frieden seiner Seele,« flüsterte sie; »wir alle irren, solange wir
-sterblich sind; vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Laß ihn
-Frieden finden, o Herr!«
-
-Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Töne drangen
-schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm
-vollzogen, der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Würde, segnete
-ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Grüße zu.
-
-»Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen,« betete die Dame an meiner
-Seite, »daß nie der Stachel der Reue ihn quäle! Laß ihn glücklich
-werden!«
-
-Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes schloß die Taufe, und der
-Kapitän stand auf, zwar als ein so großer Sünder wie zuvor, doch als
-ein rechtgläubiger katholischer Christ. Das Volk drängte sich herzu
-und drückte seine Hände, und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln
-ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi
-führte den Getauften an die Stufen des Altars, stieg die heiligen
-Stufen hinan und las die Messe.
-
-Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles
-sah; ihre Knie fingen an, zu wanken. »Wer Ihr auch seid, mein Herr!«
-flüsterte sie mir plötzlich zu, »seid so barmherzig und führt mich aus
-der Kirche, ich fühle mich sehr unwohl.« Ich gab ihr meinen Arm, und
-die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet
-vom Teufel.
-
-Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine
-Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin, ich öffnete ihr
-den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen
-Schleier zurück, es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die
-bleichen, schönen Züge Luisens. »Ich danke Euch, Herr!« sagte sie, »Ihr
-habt mir einen großen Dienst erwiesen.« Noch zitterte ihre Hand in der
-meinigen, ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter
-und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie den
-Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich
-habe sie -- nie wiedergesehen.
-
- * * * * *
-
-Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte,
-welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich
-an diesem Tage nach ..., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine
-Konferenz halten mußte. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten
-Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte
-nicht erst nötig, ihn zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen
-Alliierten seien. Von ... eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich
-war begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich
-verflochten war, und die mir durch einige Situationen so interessant
-geworden waren.
-
-Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche
-Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und hatte, wie es schien,
-Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als Stobelberg
-zu ihm. »Lieber Bruder,« sagte ich, »es scheint, du willst Sodom
-verlassen gleich dem frommen Lot?«
-
-»Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan!« war seine Antwort;
-»und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal
-anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentum
-unterweisen wollte.«
-
-Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die
-Polizei hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grund, den Wagen noch
-einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoßen und hatte den
-Pietisten gefragt, was es enthalte. »Geistliche Bücher,« antwortete
-er. Man glaubte nicht, schloß auf, und siehe da, es war ein gutes
-Flaschenfutter, und die Polizeimänner wollten wegen seines Betruges
-einige Skudi von ihm nehmen.
-
-»Aber, Bruder,« sagte ich zu ihm. »Eine fromme Seele sollte nach nichts
-dürsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern, als nach dem
-Manna des Wortes, und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und
-hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt es nicht:
-›Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem allen fragen
-die Heiden?‹«
-
-»Bruder,« erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel! »Bruder, bei
-dir muß es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, daß du einem
-Manne von so felsenfestem Glauben, daß du _mir_ solche Fragen vorlegst.
-Gerade, daß ich nicht zu seufzen brauche: ›Was werden wir essen, was
-werden wir trinken, womit uns kleiden?‹ gerade deswegen habe ich mir
-den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller gefüllt und die
-aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es geschah also aus reinem
-Glaubensdrang, und der Geist hat es mir eingegeben. Da, ihr lumpigen
-Söhne von Astaroth, ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des
-Lammes sitzt und an seinen Klauen Pantoffeln führt, da nehmet diesen
-holländischen Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bücher in Ruhe!
--- So, nun lebe wohl, Bruder! Der Geist komme über dich und stärke
-deinen Glauben!«
-
-Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben bestärkt, daß diese
-christlichen Pharisäer schlimmer sind, als die Kinder der Welt. Ich
-ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Straßen begegnete mir
-der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr
-krank zu sein, denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo nicht die
-Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch wankte
-Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glühend, seine
-Augen halb geschlossen, und der rote Hut saß ihm etwas schief auf dem
-Ohr.
-
-»Siehe da, ein bekanntes Gesicht!« rief er, als er mich sah, und blieb
-stehen. »Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns
-nicht schon irgendwo gesehen?«
-
-»O ja, und ich hoffe noch öfter das Vergnügen zu haben; ich hatte die
-Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen.«
-
-»Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr,
-woher ich komme? Geradeswegs von dem Hochzeitsschmause des lieben
-Paares!«
-
-Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die
-spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und
-Piccolo mußte ihn jetzt führen. »Ihr waret wohl recht vergnügt?« fragte
-ich ihn; »es ist doch Euer Werk, daß die Donna den Kapitän endlich
-doch noch überwunden hat?«
-
-»Das ist es, lieber Ketzer,« sagte er, stolz lächelnd. »Mein Werk ist
-es, kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen! -- Was
-wollte ich sagen? Ja -- mein Werk ist es, denn ohne mich hätte die
-Donna gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in
-Rom befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt
-worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was zur
-Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er nicht von seiner
-Ketzerin losgekommen -- kurz, ohne mich -- ja, ohne mich stünde alles
-noch wie zuvor.«
-
-»Es ist erstaunlich!«
-
-»Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet auch
-rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben, soviel Ihr wollt, gegen
-ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O! damit kann man einen
-köstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schöne, frische,
-reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr
-Ehren und Würden? Ich will Euch ~pro primo~ den goldenen Sporenorden
-verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Skudi kaufen -- aber
-Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer barbarischen Heimat
-große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir haben dort großen Einfluß,
-geheim und öffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?«
-
-»Der Vorschlag ist nicht übel,« erwiderte ich. »Ihr seid nobel in Euren
-Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den Teufel selbst katholisch
-machen?«
-
-»~Anathema sit! anathema sit!~ Es wäre uns übrigens nicht schwer,«
-antwortete der Kardinal. »Wir können ihn von seinen zweitausendjährigen
-Sünden absolvieren und dann taufen. Ueberdies ist er ein dummer Kerl,
-der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer überlisten lassen!«
-
-»Wisset Ihr das so gewiß?«
-
-»Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennt Ihr die Geschichte, die er
-mit einem Franziskaner gehabt?«
-
-»Nein, ich bitte Euch, erzählet!«
-
-»Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele.
-Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Maß
-ihrer Sünden das Recht dazu. Der Mönch aber wollte sie ~in majorem dei
-gloriam~ für den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor,
-sie wollen würfeln; wer die meisten Augen mit drei Würfeln werfe,
-solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein falscher
-Spieler ist, warf er achtzehn, er lachte den Franziskaner aus. Doch
-dieser ließ sich nicht irre machen. Er nahm die Würfel und warf --
-neunzehn. Und die Seele war sein.«
-
-»Herr! das ist erlogen,« rief ich, »wie kann er mit drei Würfeln
-neunzehn werfen?«
-
-»Ei, wer fragt nach Möglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein
-Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann
-den Unterricht beginnen.«
-
-Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco! dachte
-ich. Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir läßt sich der Satan
-nicht überlisten. Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners
-zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner großen
-Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen und werde wohl vor Nacht
-nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, heute noch zu
-erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein sich befinde, ob er
-wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer für sie verloren
-sei, sie für sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit, ihn heute noch
-zu sehen, denn den Abend über wußte ich ihn nicht zu finden, und auf
-die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren
-Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen.
-
-Ich trat zu diesem Zweck, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum,
-denn dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die
-Stunde nicht da, aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den
-Trümmern einer großen Vorzeit meinen Gedanken über das Geschlecht
-der Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben sind diese majestätischen
-Trümmer in einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren
-Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch die
-gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachsenen
-Mauern der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle Gestalten
-schienen durch die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein leiser
-Wind die Gesträuche bewegte und ihre Schatten hin und wider zogen. Wo
-sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches Volk,
-schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste, feierliche Pracht der
-kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese
-Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen
-diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes
-Volkes war, das einst, ein Jahrtausend vor ihnen, um diese Stätte
-lebte. Die ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische
-Prunk der Cäsaren und -- _dieser_ römische Hof und _diese_ Römer!
-
-Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand jetzt
-gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um, da gewahrte ich, daß ich nicht
-allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt saß seitwärts auf dem
-gebrochenen Schaft einer Säule. Ich trat näher zu -- es war Otto von
-S... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich schnell in
-den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich redete ihn an und
-wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen. Er richtete sich auf, der
-Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht, weinende Augen blickten mich
-wehmütig an, schweigend sank er an meine Brust.
-
-»Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!« sagte ich. »Sie sind
-noch sehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen schaden!«
-
-Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem
-armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen?
-»Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen,« fuhr ich fort.
-»Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich
-so spröde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen
-Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit ihr aus
-dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu der Tante. Wie
-werden sich die ästhetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf
-diese Art schließen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen
-persönlich einführen!«
-
-Er schwieg, er weinte stille.
-
-»Oder wie! haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie
-abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Spröden fortspielen?«
-
-»Sie ist tot!« antwortete der junge Mann.
-
-»Ist's möglich! höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?«
-
-»Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben.«
-
-Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch die
-Ruinen des Kolosseums.
-
-
-
-
-Mein Besuch in Frankfurt.
-
-
-
-
-1.
-
-Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen sah.
-
-
-Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte
-man meinen, es gäbe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn
-sie feiern daselbst nicht wie z. B. in Bayern anderthalb oder, wie
-im Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier
-Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf, denn sie fangen in
-Bornheim ihre heiligen Uebungen schon am Samstag an, und der Bundestag
-hat sogar acht bis zehn.
-
-Die Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
-Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am
-Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die
-immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten, das
-war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: »Ob man am Montag
-oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins _Wäldchen_
-gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu fahren, ob man
-am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen solle, oder
-beides,« diese Fragen schienen bei weitem wichtiger als jene, die doch
-für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: »Ob die Apostel damals
-auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?«
-
-Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen, der an solchen
-Tagen mehr Seelen für sich gewinnt, als das ganze Judenquartier in
-einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu
-Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten Belletristen
-verwöhnt, alles bis aufs kleinste Detail wissen wollen, diene zur
-Nachricht, daß ich im weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an
-der großen Table d'hote in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste;
-den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner ausbitten.
-
-Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das
-aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte
-deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen
-und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte und dann
-wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für die
-Schule nicht mächtig ist.
-
-Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn,
-wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde?
-
-»Nun,« antwortete er, »das ist der stille Herr.«
-
-»Der stille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß, wer
-ist er denn?«
-
-»Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn oder auch den
-Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und
-wohnt schon seit vierzehn Tagen hier.«
-
-»Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so
-kläglich winselt?«
-
-»Ja! das weiß ich nicht,« erwiderte er, »aber seit dem zweiten Tag,
-daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und
-ein Uhr in der neuen Judenstraße auf und ab geht, und dann kommt er zu
-Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er
-ganz stille und trinkt Kapwein.«
-
-»Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft,« sagte ich, »setzen Sie mich
-doch heute mittag in seine Nähe.« Der Kellner versprach es, und ich
-lauschte wieder auf meinen Nachbar.
-
-»Den zwölften Mai,« hörte ich ihn stöhnen, »Metalliques 84¾,
-österreichische Staatsobligationen 87⅜, Rothschildsche Lotterielose,
-der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132, preußische
-Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo will das hinaus! 81! Die
-Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel?«
-
-So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein
-zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald
-jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols,
-die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf herzbrechende
-Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn sein
-Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in
-welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.
-
-Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal
-trat, auf einen Stuhl: »Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,«
-flüsterte er, »zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer.« Ich setzte mich,
-ich betrachtete ihn von der Seite; wie man sich täuschen kann! Ich
-hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstigem Aussehen
-erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft,
-etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard von der Verfasserin der
-Urika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick, wie einige
-Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das Gegenteil,
-ich fand einen Untersetzten, runden, jungen Mann mit frischen,
-wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben Augen
-beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen weinerlichen
-Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht paßte.
-
-Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot,
-einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergebens;
-er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem
-halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl
-die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken, er warf nur einen
-scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf
-seinen Teller.
-
-Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem
-Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine
-Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
-
-Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon
-etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, eingeschnurrtes
-Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weithervortretende Nase
-deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, die er haben
-mochte, etwas _schnell_ verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast mit
-diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete ein
-ruhiges, süßliches Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die
-zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch seine
-sehr jugendliche und modische Kleidung.
-
-Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den
-zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süßen Lächeln, womit er
-seine Blicke begleitete, zu urteilen, mußte er mit allen in genauen
-Verhältnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen,
-knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und süßlich dazu
-lächelte, die größte Aehnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen,
-während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen
-war.
-
-Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finsteren Augen maß,
-konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars
-düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen
-an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen, den Rücken
-auf künstliche Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen nach uns
-herüber zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: »Noch immer so
-düster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf meine
-Wenigkeit?«
-
-An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r wie gr
-auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen zu
-erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und
-so war es, denn mein Nachbar antwortete: »Eifersüchtig, Herr Graf? Auf
-_Sie_ in keinem Fall.«
-
-Graf Rebs -- so hörte ich ihn später nennen -- faltete sein Mäulchen
-zu einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase
-auf komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes,
-knöchernes Kinn und kicherte.
-
-»Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht
-eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend
-noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und
-schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes
-Ragout bitten, mein Herr?«
-
-»Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater,
-und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken.«
-
-»Herr Oberkellner,« lispelte der Graf, »Sie haben die Trüffeln gespart.
-Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich hätte
-auf Ehre geglaubt, Sie schauen herauf in die Loge mit melancholischen
-Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein von Rothschild,
-denn als ich auf Sie hinabwies -- Kellner, ich trinke heute lieber
-roten Ingelheimer, ein Fläschchen -- ja, wollte ich sagen -- das ist
-mir nun während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht es, wenn
-man soviel zu denken hat.«
-
-Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des
-Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch
-abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als
-daß er nicht weiter geforscht hätte. »Nun, auch Fräulein von Rothschild
-hat bemerkt, daß ich melancholisch hinaufsah?« fragte er, indem er
-seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen suchte;
-»freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette --«
-
-»Richtig, das war es,« erwiderte Rebs, »das war es; ja, als ich auf Sie
-hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie
-mich mit ihrem Jokofächer auf die Hand und nannte mich einen Schalk.«
-
-Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich noch
-mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch
-durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in die
-Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen
-Blick an. Er hatte nie so große Aehnlichkeit mit einem angenehmen
-Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel
-sitzt, als in diesem Augenblicke.
-
-Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das
-r noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: »Werter Monsieur
-Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jokofächer keine argen
-Folgerungen ziehen. Es ist nur eine ~Façon de parler~ unter Leuten
-von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange man
-jung ist,« fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog und
-schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, »zwar
-solange man jung ist, macht man sich hie und da ein Späßchen. Aber ein
-ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon
-die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen
-hier in Frankfurt ist?«
-
-»Nein,« antwortete mein Nachbar, leichter atmend.
-
-»Oh, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie -- wie mein Rock hier,
-einen Mund zum Küssen, und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes,
-ich möchte sagen, soviel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter uns,
-ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte es
-nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich drauf
-verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens hoffe ich
-mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können; nein, es ist wirklich
-auffallend, in drei Tagen ...«
-
-»Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie
-denn sagen?«
-
-Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem Augenblick anzusehen.
-Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn er kniff die Aeuglein zu, sein
-Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts nach den Lippen,
-und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie; dazu arbeitete
-er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den Schulterblättern, als
-wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knöchlein seiner
-Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal mußte der Seufzer ihn
-ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte:
-»Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht
-übelnehmen, auch mir wollte es anfangs sonderbar bedünken, in so kurzer
-Zeit; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben
-es bemerkt.«
-
-»Sie Glücklicher!« rief der Seufzer nicht ohne Ironie. »Wo Sie nur
-hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese
-Engländerin ernstlicher zu verfolgen; so bedenken Sie, eine so solide
-Partie --«
-
-»Merke schon, merke schon,« entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, »es
-ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem
-Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich
-schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebekkchen dürfen
-Sie ruhig sein; ich ziehe mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht
-eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen -- Sie verstehen mich schon
--- das wird sich bald geben, ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich
-geliebt hat.«
-
-»Ich glaube auch nicht,« entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in
-welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand
-auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er
-während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem
-unglücklichen Seufzer.
-
-
-
-
-2.
-
-Trost für Liebende.
-
-
-»Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?« fragte ich meinen
-Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. »Findet er wirklich bei
-den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?«
-
-»Ein Geck ist er, ein Narr!« rief der Seufzende, indem er mit dem
-Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. »Ein alter
-Junggeselle von fünfundvierzig und spielt noch den ersten Liebhaber.
-Eitel, töricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Aeuglein
-anblinzelt, sei in ihn verliebt, drängt sich überall an und ein --«
-
-»Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der
-Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?«
-
-»Ja, wenn die Damen dächten wie Sie, wertgeschätzter Herr! aber so
-lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so --
-o Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht.«
-
-»Ei, ei!« sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und den
-Verzweifelnden hineinschob, »ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
-Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein Rebekka -- setzen Sie sich
-doch gefälligst aufs Sofa -- auf das Fräulein sollte er auch Eindruck
-gemacht haben, dieser Gliedermann?«
-
-»Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und
-geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern mit
-seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen
-oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden, vielleicht wenn sie
-eine Christin wäre, hätte sie einen solideren Geschmack.«
-
-»Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?«
-
-»Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der
-neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild,
-und eine Million hat er, das ist ausgemacht.«
-
-»Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespräch des
-Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?«
-
-»Ja,« erwiderte er ärgerlich, »wenn nicht der Satan das Papierwesen
-erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube
-ich heute einen festen Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor
-Herrn Simon treten und sagen zu können: ›Herr! wir wollen ein kleines
-Geschäft machen miteinander, ich bin das Haus Zwerner und Komp. aus
-Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?‹ Glaube
-ich nun, so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel die
-Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
-Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um soviele Prozente
-höher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken.«
-
-»Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß Sie gewinnen?«
-
-»Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist
-von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder
-jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit
-ihm anzufangen, denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das
-Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebekkchen, so gut sie sonst
-ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus.«
-
-»Wie? sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
-sehen?«
-
-»Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht,«
-erwiderte er seufzend. »Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es,
-was sie wollen. Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau
-machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld,
-so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines
-hat.«
-
-»Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Komp. in Dessau _hat_ Geld,
-woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?«
-
-»Ja, ja!« sagte er etwas freundlicher, »wir haben Geld, und soviel,
-um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien, aber
-Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht, werter Herr! Ist von einem
-angenehmen, liebenswürdigen jungen Mann die Rede, so fragen sie: wie
-steht er? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er
-in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß.«
-
-»Und Rebekka denkt auch so?«
-
-»Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen
-Judenstraße? Ach! ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Kurs der
-Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele
-Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein
-Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands
-Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein
-reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und sein Reis-Efendi, so bin ich
-um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht mehr würdig, um sie zu
-freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr Herz
-ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne, daß die
-Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern. Bald denkt
-sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von
-Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Efendi soviel Verstand als
-möglich. Ich Unglücklicher!«
-
-»Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?« fragte ich.
-
-Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus
-seiner Brust. »Wie sollte ich sie nicht lieben?« antwortete er.
-»Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod
-eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine
-ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was
-Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine kühn
-geschwungene Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn liebe, etwas
-dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte man
-ein solches Geschöpf nicht lieben?«
-
-»Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?«
-
-»O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr
-Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles
-nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter
-Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den
-Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch. Sie sollten
-hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt, ›Ißßt es möchlich?‹ oder:
-›es jinge wohl, aber es jeht nich.‹«
-
-Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese
-jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch
-eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der
-Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die Gesellschaft
-nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade gehen, oder
-Sonntags, gekleidet wie Herren ~comme il faut~, auf Kirchweihen oder
-sonstigen Bällen sich amüsieren. Reisen sie hernach, so dreht sich
-ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der nächsten
-Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger empfohlen ist,
-oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben,
-noch lange um den schönen, wohlgewachsenen jungen Mann weinen wird. Sie
-haben irgendwo gelesen oder gehört, daß der Handelsstand gegenwärtig
-viel zu bedeuten habe; darum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und
-ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß einer von sich sagte:
-»Kaufmann oder Bänderkrämer«, sondern: »Ich reise in Geschäften des
-Hauses Bäuerlein oder Zwierlein,« und fragt man, in welchen Artikeln,
-so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden antworten
-zu hören: »Knöpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf- und Rauch- und
-dergleichen bedeutende Artikel.« Haben sie nun gar im Städtchen ihrer
-Heimat ein Schätzchen zurückgelassen, so darf man darauf rechnen,
-sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante
-Geschichte erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim Mondschein kennen
-gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen, unter hundert
-Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen etc. ein Seidenpapier
-hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne der Geliebten
-enthält.
-
-Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden
-Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukommt, mit
-eingelegter Lanze ~à la~ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schönheit
-zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger
-Verwüstung an wie jener mannhafte Ritter und seid überdies meist euer
-eigener Sancho Pansa an der Tafel.
-
-Eine solche liebenswürdige Erziehung aus Kontorspekulationen, Romanen,
-Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein
-Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu
-ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend
-gewesen, Kuriere nicht von _Höchst_ oder von _Langen_, sondern von
-Wien, sogar mit _authentischen_ Nachrichten kommen zu lassen, um seinem
-Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? Und
-wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte es ein anderer
-nicht auch können, wenn sein Geld ebenso gut ist als das des großen
-Makkabäers?
-
-Zwar _ein_ solcher Sperling macht keinen Sommer. _Eine_ solche
-Handelsseele mehr oder weniger mein kann mir nicht nützen. Doch die
-Nüancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht
-ins Netz geht, und darum beschloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen.
-
-»Ich bin,« sagte ich zu ihm, »ich bin selbst einigermaßen
-Papierspekulant, daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherige
-Verfahrungsart etwas sonderbar finde.«
-
-»Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert. »Als ich in Dessau war,
-ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier,
-gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag
-in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?«
-
-»Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
-verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der
-etwas wagen will, muß _selbst_ eingreifen in den Lauf der Zeiten.«
-
-»Aber mein Gott,« rief er verwunderungsvoll, »das kann ja jetzt niemand
-als der Rothschild, der Reis-Efendi und der Herr von Metternich. Wie
-meinen Sie denn?«
-
-»Ueber Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine
-einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum
-verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine Krisis sich
-bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil, können Sie durch eine
-solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen.«
-
-»Gewiß, gewiß,« seufzte er. »Aber ich sehe nur noch nicht recht ein --«
-
-»Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das
-Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht
-und dem _großen Portier_ ein Stück Geld in die Hand gedrückt hat, läßt
-noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und fährt und
-fliegt nach Frankfurt, und bringt die Depesche, wem?«
-
-»Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!«
-
-»Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen
-um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort
-mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu
-sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen
-Krisis, eines bedeutenden Vorfalls kommen --«
-
-»Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von
-Rußland sei plötzlich --«
-
-»Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute glauben!
-Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muß auf der Börse wirken!« --
-
-»Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden? habe dem Islam
-geschworen?«
-
-»Ich sage Ihnen, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die Pforte
-habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht
-mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier
-sogleich ein paar Stationen weiterreisen, lassen Sie den Brief einige
-Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle,
-so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre
-Papiere mit Gewinn ab.«
-
-»Aber, lieber Herr,« erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, »das
-wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für
-einen rechtlichen Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von
-Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben.«
-
-»Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß,
-und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob
-Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten
-Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe
-Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe.«
-
-»Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das
-Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber
-wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine
-falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele Häuser
-können fallieren, andere wanken und im Kredit verlieren, und das wäre
-dann meine Schuld!«
-
-»So, mein Herr?« sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen
-Seele. »So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was man
-auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie nicht?
-Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie
-zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht
-scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine
-Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im weißen Schwanen wohnt
-und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen
-Rebs, grollt?«
-
-»Aber, mein Herr,« rief der Seufzer etwas pikiert, »ich weiß gar nicht,
-was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme erzeigen; ich
-weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?«
-
-»Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre
-Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, daher meine Antwort.
-Uebrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das Treffliche und
-Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten
-Anblick solches gefunden zu haben.«
-
-»Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die
-meine --«
-
-»Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
-thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender
-Geist --«
-
-»Finden Sie das wirklich?« rief er, indem er lächelnd meine Hand
-faßte und verstohlen nach dem Spiegel blickte; »es ist wahr, man hat
-mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mir sogar
-versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße aufgefallen,
-und er sei eigens deswegen einigemal in den König von England gekommen,
-um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen.«
-
-»Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen,
-so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem
-mutigen Auge zu finden!«
-
-»Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag
-durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel
-stiegen in mir auf, und -- nun, Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich
-fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein
-gewisses Etwas, ja -- so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch
-versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daran rücken und einen
-Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!«
-
-
-
-
-3.
-
-Ein Schabbes in Bornheim.
-
-
-Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die
-Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen,
-wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür
-wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon
-in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende
-Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an dem
-ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem Dessauer,
-oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor einem Mann
-bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu berechnen wußte,
-der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand.
-
-Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken,
-noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen, und lud mich ein,
-mit ihm nach _Bornheim_ zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt
-des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt alle Stämme
-Israels versammelt habe.
-
-Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden
-zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der
-Hoffnung, sein Auge hob sich freier; um seine Stirne, seinen Mund war
-jede Melancholie verschwunden, sein großer runder Kopf steht nicht mehr
-zwischen den Schultern, er trägt ihn freier, erhabener, als wollte er
-sagen: »Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus
-Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der
-Börse, und wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in der
-neuen Judenstraße!«
-
-Aus dem Garten des goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die zitternden
-Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter Violinen
-entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien wie einst
-ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da saßen sie,
-die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden
-Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus
-_einer_ Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich plaudernd
-und tranken Champagner aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser
-zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter den Bäumen, und
-der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte Land Kanaan, das
-der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volk verheißen hatte. Wie sich
-doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld!
-
-Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen
-Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern
-bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen mußten,
-wenn man ihnen zurief: »Jude, sei artig, mach' dein Kompliment!«
-dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat der freien Stadt
-Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier.
-Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen. Ueberladen mit Putz
-und köstlichen Steinen saßen die Frauen und Judenfräulein; die Männer,
-konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen
-Kniee ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen,
-soliden Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu
-kopieren, die Männer hatten sich sonntäglich und schön angetan, ließen
-schwere goldne Ketten über die Brust und den Magen herabhängen,
-streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitärs besteckt, von
-sich, als wollten sie zu verstehen geben: »Ist das nicht was ganz
-Solides? Sind wir nicht das auserwählte Volk? Wer hat denn alles Geld,
-gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und König
-schuldig, wem anders als uns?«
-
-»Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
-Morgens,« rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am
-Arme; »schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der
-mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr
-ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau
-rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist
-die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft zu
-separieren nach und nach.«
-
-»Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? ich sehe sie noch nicht --«
-
-»Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
-Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir
-bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und
-Ratgeber?«
-
-»Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien,« gab ich ihm zur
-Antwort, »reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz.«
-
-»Ah,« rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den Hut
-gegriffen hatte, »Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß Titular
-ums liebe Geld? Das freut mich, Dero werte Bekanntschaft zu machen.
-Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar tiefen
-Blick in die Staatsaffairen. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen
-können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettmäßiges in Dero Visage.«
-
-»Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe, Ihnen
-nützlich sein zu können.«
-
-Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter
-errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten
-ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor
-dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote
-Herzkirsche. Die Tante, »das neidische Gewölk,« erhob sich, und nun
-ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die
-Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel. -- Sie
-hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen
-konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur
-Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.
-
-Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der
-Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die
-Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten.
-Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. »Haben
-da ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmelzlein,« bemerkte er
-wohlgefällig lächelnd; »habe immer eine Inklination für die Diplomatik
-gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter
-oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand!
-Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für
-Geschäfte machen!«
-
-»Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
-Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen
-Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im
-Kopf umher.«
-
-Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken,
-nehme ich es auch noch auf. »Zeviel?« sagte er. »Ich für meinen
-Teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein
-Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun als eine
-lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, _Sie_ stehen solide in Wien. Ihr
-Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem
-Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.«
-
-»Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!«
-
-»Gut, ~très bien bon~! Gut gegeben, hi! hi! hi! ~à propos~, wissen Sie
-Neues aus daher?« Er rückte mir noch näher und wurde verfänglicher.
-
-»Herr Simon,« sagte ich mit Artigkeit ausweichend, »Sie wissen, es gibt
-Fälle --«
-
-»Wie!« rief er erschrocken, »Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!
-Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des
-Herrn gewesen? Waas?«
-
-»Um Jottes willen, Papa!« schrie Rebekka, indem sie den Arm des
-zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. »Doch kein Unglück? Mein
-Jott! Doch nicht hier in Frankfort?«
-
-»Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem Herrn
-Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich holter
-nicht recht verstanden.«
-
-Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den
-erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.
-
-»Nee! Was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen
-Bejriff von!« lispelte sie. »Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen
-Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden
-und wären melancholisch jewesen?«
-
-Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des
-Seufzers wurden feuriger, er zog, als »das Gewölke« ein wenig im Garten
-auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und gestand
-ihr, wenn ich anders recht gehört hatte, daß nächstens die Metalliques
-und die ... um drei Prozent steigen werden.
-
-»Herr von Schmelzlein!« sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren
-Wein zu sich genommen hatte, »Sie haben mir da einen Schreck in den
-Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch nur
-dies Wort in Gesellschaft aussprechen! Nun, Sie wollten sagen?«
-
-»Es gibt Affairen,« fuhr ich fort, »wo der Diplomat schweigen muß.
-Ueber das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht
-befragen wollen; nur soviel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im
-engsten Vertrauen --«
-
-»Der Gott meiner Väter tue mir dies und das!« rief er feierlich. »So
-ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner
-Tochter das geringste --«
-
-»Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, soviel kann ich Ihnen
-sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; _ganz_ zu
-allernächst. _Für_ oder _gegen_ wen, darf ich nicht sagen; doch Herr
-von Zwerner --«
-
-»_Von_ Zwerner?«
-
-»Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war
-ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders
-richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien
-bekommen.«
-
-»Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar, ich sagte immer,
-hinter _dem_ steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat
-wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft; ei,
-sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf,
-es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?«
-
-»Ja.«
-
-»Ei, darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
-Efendi? Hat er?«
-
-»Mein Herr Simon, ich bitte --«
-
-»O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik,
-aus Politik, aber er hat, er hat?«
-
-»Trauen Sie auf nichts, ich _warne_ Sie, auf keine Nachricht trauen
-Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei und
-hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten.«
-
-»Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
-Zwerner aus Dessau; zwar, er ist ein solides Haus, das ist keine Frage,
-aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm
-machen ließe?« setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase
-herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß
-sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Dies war der
-Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab dem
-Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm seinen
-Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.
-
-
-
-
-4.
-
-Das gebildete Judenfräulein.
-
-
-Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich
-kokett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.
-
-»Ich liebe die Tiplomattiker,« sagte sie unter anderem mit feinem
-Lächeln und vielsagendem Blick. »Es is so etwas Feines, Jewandtes in
-ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von
-ferne an, und wie angenehm riechen sie nach ~Eau de Portugal~!«
-
-»O gewiß, auch nach ~Fleur d'orange~ und dergleichen. Wie nehmen sich
-denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?«
-
-»Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis
-sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen
-hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie
-müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen
-das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun
-solche junge Herren Tiblomen sind, das sein ganz scharmante Leute,
-wohnen in die ~Chambres garnies~, essen an die ~Tables d'hôte~, jehen
-auf die Promenade schön ausstaffiert ~comme il faut~, haben zwar
-jewöhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.«
-
-»Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er
-wohl echt?«
-
-»Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen,
-als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir gekostet achthundert
-Gulden, die ich in die Rothschildschen Los gewunnen. Und sehen Sie,
-dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring
-zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von
-den jutem Ton wie unsereine.«
-
-»Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein
-Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?«
-
-»Finden Sie das ooch?« erwiderte sie anmutig lächelnd. »Ja, man hat mir
-schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie,
-ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf
-die Art meinen Jeist und mein Orkan aus.«
-
-»Was lesen Sie? wenn man fragen darf.«
-
-»Nu, ~Bellettres~, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abbonniert
-bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der weißen Schlange, und der
-verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher.«
-
-»Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?«
-
-»Nee, das tu' ich nicht. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte
-in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich
-natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was
-Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich
-nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu
-die Baronin -- ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich
-vor --«
-
-»Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesen
-Gedanken eine erstaunliche Tiefe -- ein Chaos von Möglichkeiten --«
-
-»Nu, kurz, den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, das is der
-Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens
-und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und
-dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere
-vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit
-Trillern, die kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, so wie der
-Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein
-anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen
-kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas Herrliches!«
-
-»Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
-Schriftsteller über alles. Diese anderen, besonders ein Schiller,
-wie wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte
-meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines
-anderen Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der
-mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! er kommt
-mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen
-zubereitet. Der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte, setzt er
-auch im Grunde viele Hefen an, so ›brüsselt‹ er doch mit allerliebsten
-tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht
-die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein.«
-
-»O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren vormachen
-mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte,
-jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in
-das Janze, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet,
-wie es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich, und ist
-ein wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling.
-Und das angenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu
-denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper,
-der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie anjenehm läßt es sich dabei
-einschlafen!«
-
-»Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen,« rief
-lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns trat.
-»Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur
-Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag.«
-
-»Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe
-Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören? Wie werden sie
-in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab' ich es
-erraten?«
-
-»Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten
-werden! Muß _einen_ großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr
-von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie
-ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die
-Rebekkchen.«
-
-Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen
-Beinchen heran? Was lächelt schon von weitem so freundlich nach der
-Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte,
-freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle
-bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt.
-
-Er schnupfte und ächzte, als er herankam, und doch konnte er auch in
-dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein
-liebliches, süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet
-neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit
-zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten,
-sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: »Habe die Ehre,
-vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!«
-
-»Mein Jott! Herr Israel! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen
-sind janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet nich!
-Herr Tipplomat, ~Eau de Cologne~! Haben Sie keines bei sich in die
-Tasche?«
-
-So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen
-mit zarter Sorgfalt. Da ich kein ~Eau de Cologne~ bei mir trug, so
-begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von dem
-Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater
-wußte bessern Rat: »Da geht einer,« rief er freudig, »da geht ein
-scharmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der trägt
-beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!«
-
-Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
-schrecklichen Gebärden das ~Eau de Cologne~-Fläschchen abforderte,
-anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer beraubt. Maria
-Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen wieder zu sich. Er
-schlug die Augen auf, seufzte tief und lächelte. »Mich gehorsamst
-zu bedanken,« lispelte er mit zitternder Stimme, »für die gütigst
-geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut. Fast als hätte ich
-mehr Bier getrunken als dienlich.«
-
-»Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?« fragte Rebekka, ihn etwas
-mißfällig betrachtend.
-
-»Mit nichten und im Gegenteil,« erwiderte er, indem er den Rücken
-zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust
-herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. »Mit nichten, habe
-sonsten eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der
-dicke Pfarrer ...«
-
-Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder wie immer,
-wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von
-Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem
-die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich
-boshaft, ob er etwa im goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas
-betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und
-kirchlichen Skandal angefangen, nach seiner Gewohnheit?
-
-»Nach meiner Gewohnheit?« rief das Kaninchen erschrocken, »ich ein
-Unruhestifter oder Säufer, ich in dem goldenen Brunnen, ich, der ich
-nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den
-Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den weißen Schwanen mit meinem
-Besuch beehre? Nein! er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an
-mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: ›Das
-ist auch so ein _Stein des Anstoßes_, auch so ein Mystiker.‹ -- ›Herr
-Pfarrer,‹ sagte ich, ›guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und
-will auch für keinen gelten, am wenigsten öffentlich, auf der Chaussee
-nach Bornheim.‹ -- ›Sie wollen keiner sein?‹ antwortete er, indem er
-näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir
-gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückten. ›Wollen
-keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben
-Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden- und anderen Höfen
-geschimpft über mich, daß ich ein gewisses Gedicht von Langbein in
-besagter Gesellschaft vorgelesen?‹ Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich
-stark darüber ausgesprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil
-ich glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm
-berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an. Ich
-schlüpfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weitergehen,
-aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und
-beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer
-reichen Frau verholfen zu haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden
-Morgen, statt des Frühstücks, magnetisieren lasse und dergleichen. Und
-erst hier an der Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von
-mir ab.«
-
-»Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?« fragte ich. »Halten denn
-die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit
-der Apostel?«
-
-»In Frankfurt,« belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, »in Frankfurt
-ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre
-Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten
-sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur
-Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur
-in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und
-Trinkstuben, auf Chausseen und Kasinos wird gekämpft, und so konnte es
-leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die
-Hände fiel. -- Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt dort
-der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem Garten, sie
-steigen aus?«
-
-»Ah, sie hat mich bemerkt,« rief das Kaninchen sehr freundlich,
-»sie schaut schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem
-Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß ich mich entferne. Miß
-Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen
-Affären --«
-
-Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
-Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die
-junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens
-dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen, denn ihr
-Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der
-Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.
-
-Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß
-es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen
-vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte
-das Glück, Rebekkchen in den Wagen heben zu dürfen und kam mit ganz
-verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die
-Hand gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz
-fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen
-und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.
-
-
-
-
-5.
-
-Der Kurier aus Wien kommt an.
-
-
-Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche
-und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt
-erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen
-der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter
-guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt
-des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone
-geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir
-viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie,
-von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht
-wird, ich meine den deutschen Bundestag, von dem herrlichen Treiben und
-Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen seinen
-Anhängern und Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum goldenen
-Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen beiden
-Parteien, das heißt -- nur mit schneidenden Zungen und stechenden
-Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst
-man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im
-Gitarrespielen und anderen Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen
-muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener
-Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren
-der geringste über Millionen gebietet.
-
-Doch ich schweige von diesem allen, weil ich mir vorgenommen, dir einen
-kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, seufzenden
-Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt
-vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an sich klein
-und dennoch bedeutend, weil man leicht sozusagen in Schuß kommt und
-unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp.
-Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit einem ehrlichen
-Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den geraden, ehrlichen Weg,
-nicht weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es unbequem finden
-mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen.
-
-Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war, und
-daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend
-ist.
-
-Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern
-die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon machte ihn straucheln,
-oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art, wie ich es
-ihm eingab. Jetzt ist, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus
-dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es ihm diesmal
-leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal Aehnliches versuchen. Das
-Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist ja
-doch schon zum Teufel, warum soll er sich also genieren? Der große
-Gewinn für mich liegt aber darin, daß die ersten Versuche des ehrlichen
-Mannes, ein Betrüger zu werden, gewöhnlich gut ausfallen und zur
-Wiederholung locken. Denn wer mit mir Geschäfte macht, kann, solange es
-tunlich ist, darauf rechnen, sie mit Glück zu machen, und unglückliche
-Spekulanten, von denen die Sage geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft
-haben, hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten
-mir zu wenig vertraut, und nicht ich war es, der sie verließ, sie
-hatten sich selbst verlassen.
-
-Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken
-lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen
-Abhandlungen meinen Leser zu ermüden oder sogar abzuschrecken?
-Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten
-Leute verführen, die behaupteten, es liege zu wenig psychologische
-Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen Memoiren, ich sei für
-einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger
-Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich genug?
-
-Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald
-man vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im
-Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.
-
-Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
-Reis-Efendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über
-das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte
-selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch
-das sogenannte Gleichgewicht etwas auf die Spitze gerückt zu werden
-schien und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das
-von Revolutionen und anderen lustigen Artikeln nur _träumt_ und im
-_Schlafe_ spricht. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen, als
-sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand lag
-es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schönen
-Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene
-Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten
-Steigen der -- -- auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung
-herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der
-Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen
-wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, »das neidische Gewölk«,
-mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Haus
-umher. Die Kalle war die Mutigste von allen. Zwar war auch sie in
-einiger Bewegung, denn sie las nicht mehr, weder in Clauren noch
-in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht
-ansehen, sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie
-das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede die
-zagenden Bundestruppen.
-
-Der Seufzer war gänzlich vom Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig
-und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen Jüdin,
-wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle
-dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und sprach allerlei
-verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden gedenke, wie und wo
-er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen überschwengliche
-Gedanken mehr waren, der Kalle aber flüsterte er ins Ohr, daß er sich
-wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau Baronesse von Zwerner zu
-Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln
-wäre.
-
-Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Mädchen
-und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich
-übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen ihnen
-nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur noch auf
-die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts Bedeutendes
-vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog hinaus, doch
-diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem eleganten Wagen.
-Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und nickte mir freundlich
-zu, als wollte sie sagen: »Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich du
-jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen einherzuwandeln
-beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind, praktische
-Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur hinaus ins
-Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen.« Da fuhr sie
-hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Großmutter, und
-sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht;
-da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter
-Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: »Du sollst
-den Feiertag heiligen, und an Pfingsten auch den dritten und vierten.«
-
-Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein
-mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht annehmen
-werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da jagte um elf
-Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt, er
-sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Straße, Million
-genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die Leute rissen
-die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um zu schauen nach
-dem schrecklichen Trompeten- und Straßenlärm. »Wo kümmt er här? Wo
-will er hün?« riefen sie. »In weißen Schwanen,« schrie er, »ich habe
-den Weg verfehlt, wo geht's in weißen Schwanen?« -- »Der Herr is wohl
-ä Korrier?« -- »Freilich, nur schnell,« rief er und zog einen Brief
-mit großem Sigill aus der Tasche, »das kommt von Wien und ist an den
-Herrn Zwerner aus Dessau im weißen Schwanen.« -- »Da an der Ecke geht's
-rechts, dann die Straße links, dann kommt Er auf die Zeile, da reitet
-Er bis an die Hauptwache, und von dort ist's nimmer weit.« So riefen
-sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte,
-und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die Depesche
-aus Wien enthalten möchte. Der Kurier aber war niemand anders als einer
-meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen Postillons
-gekleidet.
-
-
-
-
-6.
-
-Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle.
-
-
-Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis-Efendi dem Herrn von
-Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht
-habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe,
-annehmen werde.
-
-Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er
-fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von
-R..., dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren
-papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er selbst hatte
-schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und
-Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so leicht konnte
-hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und prüfte zuerst
-Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. »Gotts Wunder!« sprach er
-bedächtlich riechend, »Gotts Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack,
-wie es nur in Wien selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte zu
-solchen Depeschen zu verwenden pflegen.« Dann betrachtete er genau
-das Kuvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder
-Poststation von Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich
-sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand
-hatte, und -- sie waren richtig.
-
-Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein
-kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie
-der Löwe das Hündchen, so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher
-Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt
-der inhaltschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war,
-machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von
-der wichtigen Nachricht avertiert habe, und berechnete dabei, welche
-Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er
-annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die _er_ in Wien für solche
-Winke bezahlte, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit
-auf die Börsenhalle.
-
-_Börsenhalle!_ unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der
-diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor, wie
-es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, Seitengängen,
-schönen Portalen und dergleichen, wie wundert er sich aber und lächelt,
-wenn er in _diese_ Börsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich
-kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen,
-vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen,
-waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide häusliche
-Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen Truthahns,
-statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des Stallknechts mit
-dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die hier ihren Salat
-wäscht -- sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein
-buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern,
-mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit kühn gebogenen Nasen
-und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung
-schleichen, mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen,
-den Hut in den Nacken zurückgedrückt, umher und fragen einander:
-»Nun, wie stehen sie heute?« Du wandelst staunend durch dieses Gewühl
-und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der
-unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar,
-daß du dich unter den Kindern Israels befindest, aber zu welchem
-Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof
-umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild
-anzusehen, gewahr. Drauf steht mit goldnen Buchstaben deutlich zu
-lesen: -- Börsenhalle. Also in der Börsenhalle der freien Stadt
-Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares Gemunkel
-und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken
-als mit Worten fragend: »Ae Korrier es Wien?« »Gotts Wunder!« »Wer
-hat'n gekriecht?« »Ae Fremder, der Zwerner von Dessau.« »Wie? kaner
-von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron, nicht der
-Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?«
-
-»Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?«
-
-»Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus
-Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!«
-
-»Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis-Efendi? Hat er oder hat
-er nicht? Wie werden se stehen?«
-
-»Ich hab's genug, 's is a Vertel auf eins, und noch will keiner
-verkaufen, aus Schreck vor die Korrier. Wär' nur der Zwerner aus Dessau
-da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue
-Straße. Wirst sehen, 's wird geben ä grauße Operation! Der Herr wird
-verstockt haben das Herz des Efendi, aß er hat nicht angenomme das
-Oltematum von dem Moskeviter?«
-
-»Bethmännische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um
-Vertelpurzent!«
-
-»Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie
-stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie
-stehen se?«
-
-»Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, weiß heut
-keiner, wer iß Koch oder Kellner? Aß ich nicht kann riechen, wie se
-stehen, die Metalliques!«
-
-Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein
-Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange
-Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiten sich
-durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihren Platz
-zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch
-ist, wo nur die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große
-Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des Tages,
-der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen,
-denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche
-ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich und gesetzt
-beisammen behalten mußte, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand
-der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbater Rock und einer schneeweißen
-Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so daß sein Volk
-gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich zugetragen haben.
-
-Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach den Preisen. Sie
-wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher.
-Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger
-in den Mund, sie fluchten Hebräisch und Syrisch auf den Christen, der
-sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt,
-auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf
-seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles, selbst auf Sonne,
-Mond und Sterne und auf Frankfurt und die Börsenhalle. Jetzt merkte
-man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen
-umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus
-Dessau erklären --! »Das Ultimatum ist angenommen,« scholl es durch
-den Hof, »der Reis-Efendi hat zugesagt,« hallte es durch die Ecken;
-und obgleich die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief
-anspielten, nur einige nähere Umstände angaben, nichts Bestimmtes
-aussprachen, so stiegen doch die österreichischen, die Rothschildschen
-und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten
-Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von
-einer halben Stunde um vier und ein halb Prozent. Mehrere Häuser, die
-sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eins lag schon halb
-und halb und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem
-regierenden (Börsen-) Hause zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen
-untergeschoben wurden.
-
-Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der
-Frankfurter Börsenhalle:
-
- Metalliques 87⅜.
- Bethmännische 75½.
- Rothschildsche Lose 132.
- Preußische Staatsschuldscheine 84.
-
-In den übrigen war nichts geändert worden.
-
-
-
-
-7.
-
-Die Verlobung.
-
-
-Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des
-Seufzers aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch
-die große Menge Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf
-den Gang der Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von
-Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine
-Nachrichten vollkommen bestätigt wurden, da drängte sich alles um den
-hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf
-unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können.
-
-Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik,
-seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für
-Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit
-diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die Polygamie in
-Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist und das Herz
-des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer Tapferkeit alle
-Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus den Trancheen
-der Million, selbst aus den Salons der neuen Mainzerstraße mit
-glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht wurden.
-
-Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld
-und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur
-besondern Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er
-sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen
-zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an,
-die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Mann Europas machen mußte; denn,
-wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder verkaufte,
-glaubte er nie fehlen zu können.
-
-Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die
-ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte,
-ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen
-lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem
-Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden
-auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert
-würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte
-bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung auf,
-daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen
-und in dem jöttlichen Frankfort leben müsse.
-
-Er ging es freudig ein und überließ mir dieses diplomatische
-Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was
-ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein
-Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B., daß das ganze
-Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande
-kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war
-auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten
-Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst
-daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und erinnerte
-sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im weißen
-Schwanen einigemal zu Mittag gespeist habe.
-
-Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines
-Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen,
-daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange
-halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er,
-auf sein blindes Glück und seinen noch blindern Verstand trauend,
-unternahm, verlor er erst einmal fünfzig- oder hunderttausend und zog
-seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn
-schon auf Erden an.
-
-Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit
-dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst
-gnädige Frau von Zwerner, so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen
-sich häufen werden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder wie
-Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann willkommen
-in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergnügen,
-zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel, Rebekka, sich gestalten
-zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn nachläßt und damit
-zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende Hotel in der Zeile, die
-Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt
-der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muß in
-den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp., wenn die gnädige Frau
-herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau
-wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, wie es nobel ist und
-groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und unnobel handeln sieht!
-Welche Perspektive!
-
-Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an
-dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da
-war ein Hin- und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es
-wurde ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu
-verfertigen; ein Hammel wurde geschächtet, um köstliche Ragouts zu
-bereiten.
-
-Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause.
-Nämlich, nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares.
-Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon
-nicht treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett
-abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen
-und christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu
-unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
-
-Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur _das_
-brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als zwanzig
-Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in zärtlichen
-Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle
-Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch durch die eigene
-Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall umherhüpfte und
-jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich, die sein zartes
-Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf einmal zu
-lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn aber
-dergestalt zu Grunde, daß er endlich elendiglich zusammensank und in
-einem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.
-
-Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach
-Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig, denn als er am
-Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka
-das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt:
-»Gotts Wunder! Gotts Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für
-gesittete Leute! Es fehlt auch nicht _ein_ Kaffeelöffelchen, kein
-Dessertmesserchen oder Zuckerlämmerchen ist uns abhanden gekommen!
-Gotts Wunder!«
-
-
-
-
-Der Festtag im Fegefeuer.
-
- Am Horizont in diesem Jahr
- Ist es geblieben, wie es war.
-
- _M. Claudius._
-
-(Fortsetzung.)
-
-
-
-
-1.
-
-Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu erzählen.
-
-
-Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen Memoiren
-dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten
-Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen
-Schneiderbarons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden
-entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach Berlin gehen
-und erzählt, was ihm unterwegs begegnete.
-
-»Meine Herren,« fuhr der edle junge Mann fort, »als ich mich umsah,
-stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher
-Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete,
-sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen.
-Ich verstand soviel von der Welt, daß ich einsah, es würde weniger
-auffallend sein, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem
-älteren Mann gehen sieht als allein. Der Mann entlockte mir bald die
-Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien
-sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von
-Garnmacher in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. ›Euer Onkel ist
-ja schon seit zwei Monaten tot!‹ erwiderte er. ›O, du armer Junge, seit
-zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von
-ihm und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!‹
-
-Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken,
-ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; nach
-und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten: ›Erinnerst du dich
-gar nicht, mich gesehen zu haben?‹ fragte er; ich sah ihn an, besann
-mich, verneinte. ›Ei, man hat mich doch in Dresden soviel gesehen,‹
-fuhr er fort; ›alle Alten und besonders die Jugend strömte zu mir und
-meinem jungen Griechen.‹
-
-Jetzt fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn schon gesehen hatte. Vor
-wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen
-Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und ließ den jungen
-Athener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der
-Ueberschuß für einen Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch
-mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglücklichen Knaben sehen
-zu können. Ich bezeigte dem Manne meine Verwunderung, daß er nicht mehr
-mit dem Griechen reise.
-
-›Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner
-Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, daß ich ihm
-nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein Söhnchen, wenn du mein
-Grieche würdest?‹ Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber
-er gestand, mir, daß der andere ein ehrlicher Münchener gewesen sei,
-den er abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die
-griechische Sucht hätten.«
-
-»Wie?« unterbrach ihn der Engländer, »selbst in Deutschland nahm man
-Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich
-ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen
-untergehen läßt.«
-
-»Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland,« antwortete Baron von
-Garnmacher, des Schneiders Sohn, »was einmal in einem anderen Lande
-Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders.
-Wie nun vor kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher
-die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies
-erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher darüber
-und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab
-es bei uns, und man sah diese Leute mit großen Bärten, einen Säbel an
-der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn
-man sie fragte: ›Wohin?‹ so antworteten sie: ›In den heiligen Krieg,
-nach Hellas gegen die Osmanen!‹ Bat sich nun etwa eine Frau oder ein
-Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nähere
-Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach Griechenland gegen die Türken
-gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wünschten dem Philhellenen einen
-guten Morgen und flüsterten, wenn er mit dröhnenden Schritten einen
-Fußpfad nach Hellas einschlug: ›Der muß wenig taugen, daß er im Reich
-keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muß.‹«
-
-»Ist's möglich?« rief der Marquis. »So teilnahmlos sprachen die
-Deutschen von diesen Männern?«
-
-»Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl, einer unterdrückten
-Sache beizustehen; mancher, um sich Kriegsruhm zu erkämpfen, der nun
-einmal auf den Billards in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber
-alle barbierte man über einen Löffel, wie mein Vater zu sagen pflegte,
-und schalt sie Landläufer.«
-
-»Mylord,« sagte der Franzose, »es sind doch dumme Leute, diese
-Deutschen!«
-
-»O ja,« entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein Rumglas
-gegen das Licht hielt; »zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen
-unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen.«
-
-Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: »Auf diese
-Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft
-muß ich mich wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen,
-dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan,
-für ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: ›Es war
-ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues
-machen wollen?‹ oder sie sagen: ›Gut, wir wollen erst einmal sehen, wie
-die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.‹ Fällt aber
-etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes mit eigenen
-Augen sehen, so lassen sie es sich ›etwas kosten‹.
-
-Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar,
-daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe,
-eine Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier
-traktieren konnten.
-
-Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war tot, ich hatte
-nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein
-Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander wurden,
-daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle
-Gegenstände auf neugriechisch nennen, bläute mir einige Floskeln
-in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich instruiert war,
-schwärzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein
-Gesicht gelblich, und -- ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders
-das für vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar von
-Seide. So zogen wir im Lande umher und gewannen viel Geld.«
-
-»Aber mein Gott,« unterbrach ihn der Franzose, »sagen Sie doch,
-in Deutschland soll es so viele gelehrte Männer geben, die sogar
-Griechisch schreiben. Diese müssen doch auch sprechen können; wie haben
-Sie sich vor diesen durchbringen können?«
-
-»Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen
-größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut,
-daß sie vor zweitausend Jahren mit Thukydides hätten korrespondieren
-können, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mußten
-zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen
-wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen,
-eine herrliche Floskel bereit: -- -- -- ›Mein Herr, das ist nicht
-griechisch.‹ Mein Führer unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt,
-dem Publikum ins Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen
-gewöhnlich über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, daß
-sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen.
-
-So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze
-Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und
-hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit
-einem Band im Knopfloch auf, der mir große Aehnlichkeit mit meinem
-Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken
-Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herrn von Garnmacher
-tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten,
-ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle,
-wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als
-königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine
-rührende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche
-auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der
-mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen Vater,
-den ~Marchand tailleur~, erinnert sein wollte, die Wut meines Führers,
-alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst komisch vor.
-
-Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, ließ mir
-Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich
-eine neue Katastrophe.«
-
-
-
-
-2.
-
-Der Baron wird ein Rezensent.
-
-
-»Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein
-berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen,
-und ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins reine
-zu schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels
-Geist denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und
-bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche
-Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei,
-über welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht
-interessieren.«
-
-»Nein, nein!« rief der Lord. »Ich habe schon öfters von dieser
-kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. in
-Edinburg und London, einige Anstalten dieser Art, aber sie werden, höre
-ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen.«
-
-»Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare,
-aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer
-noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht das,
-was leicht und gesellig, sondern was mit einem recht schwerfälligen
-gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und schön gilt,
-so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der Literatur.
-Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der
-Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht an ein
-öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte; man glaubt darin zu viel zu
-wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld und gute
-Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der
-Chorus des Publikums einfällt.«
-
-»Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?«
-unterbrach ihn der Lord. »Ich finde das recht hübsch. Man braucht
-selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann
-dennoch in der Gesellschaft mitstimmen.«
-
-»Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So
-aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt
-irgend eine Partie und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in
-der Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Vossiden oder
-Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz, für einen Yaner
-gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partei an und haut und sticht
-mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem oder jenem
-großen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine Verlagsartikel
-gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden; oft
-muß man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen, es mit keinem ganz
-verderben, auf beiden Achseln (Dichter-) Wasser tragen und, indem man
-einem freundlich ein Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein
-Bein unterschlagen.«
-
-»Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik
-und Literatur zu handhaben?« fragte der Marquis. »Ich muß gestehen, in
-Frankreich würde man ein solches Wesen verachten.«
-
-»Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Uebrigens
-sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die
-eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen,
-gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt.
-Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs
-der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit
-Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie
-umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch
-dürfen sie sich gerade nicht schämen, denn sie rezensieren anonym, und
-nur _einer_ unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem
-Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.«
-
-»Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!« rief der Lord lächelnd.
-
-»Ein Matador in jedem Sinne des Wortes. Auf spanisch -- ein
-Totschläger, denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig,
-er ist der höchste Trumpf, dieser Matador, und zählt für zehn, wenn er
-~Pacat ultimo~ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er
-Matador! Denn er, der Hauptkämpfer, ist es, der dem armen gehetzten und
-gejagten Stier den Todesstoß gibt.«
-
-»Gestehen Sie, Sie übertreiben; -- Sie haben gewiß einmal den
-unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig
-vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?«
-
-Der junge Deutsche errötete: »Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben,
-doch war es nur eine Novelle, und leider nicht so bedeutend, daß es
-wäre rezensiert worden; aber nein; ich selbst habe einige Zeit unter
-meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht
-und kenne diese Affären genau. Nun, mein Onkel brachte mir also
-die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die _erste_ war die
-_sanftlobende_ Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk,
-lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen
-Bahn fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller,
-die dem Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für
-sich gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge,
-schriftstellerische Damen.«
-
-»Wie?« erwiderte der Lord. »Haben Sie deren so viele, daß man eine
-eigene Klasse für sie macht?«
-
-»Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jüngere
-und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene Klasse
-machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr Anbeter
-und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die _zweite_ Klasse
-ist die _lobposaunende_. Hier werden entweder die Verlagsartikel des
-Buchhändlers, der das Blatt bezahlt oder die Parteimänner gelobt. Man
-preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist glücklich, daß die Nation
-einen solchen Mann aufweisen kann. Die _dritte_ Klasse ist dann die
-_neutrale_. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit
-geraten mag, etwas kühl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr
-über das ~Genus~ ihrer Schrift und über ihre Tendenz, als über sie
-selbst, und gibt sich Mühe, in recht vielen Worten _nichts_ zu sagen,
-ungefähr wie in den Salons, wenn man über politische Verhältnisse
-spricht und sich doch mit keinem Wort verraten will.
-
-Die _vierte_ Klasse ist die _lobhudelnde_. Man sucht entweder einen,
-indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein
-wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand
-und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden oder
-doch lächerlich machen. Die _fünfte_ Klasse ist die _grobe, ernste_;
-man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Roß und schaut
-hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte des
-Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen
-Schriften zu finden, was zu gefährlich ist, als daß man öffentlich
-davon sprechen möchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen
-Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der
-Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfüllt. Die _sechste_
-Klasse ist die _Totschlägerklasse_. Sie ist eine Art von Schlachtbank,
-denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne
-Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge- und Stampfmühle, denn der
-Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein
-und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie.«
-
-»Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen
-Vertilgungssystem?« fragte Lasulot.
-
-»Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen
-die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es
-freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen
-aufeinander anrennen sieht, und -- wenn die Rippen krachen, wenn einer
-sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ›Ein
-Stier, ein Stier, ruft's dort und hier!‹ In Spanien treibt man das
-in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar
-tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden
-an ihm beißen, wenn der _Matador_ von der Galerie hinab in den Zirkus
-springt,
-
- und zieht den Degen
- und fällt verwegen
- zur Seite den wütenden Ochsen an --
-
-da freut sich das liebe Publikum, und von ›Bravo!‹ schallt die Gegend
-wider!«
-
-»Das ist köstlich!« rief der Engländer, doch war man ungewiß, ob sein
-Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm.
-»Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?«
-
-»Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet;
-wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei
-befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem Vormittag
-ein Buch las und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft traf es
-sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte. Er
-zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer
-aus Zimtholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, daß es große
-Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen
-beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer
-düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse
-frischer an, warf in der fünften einen so großen Holzstoß zu, als die
-Sancta simplicitas in Konstanz dem Huß, und fing dann zum sechsten an,
-den Unglücklichen an dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu
-rösten, bis er ganz schwarz war.«
-
-»Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
-Meinungen über _einen_ Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!«
-
-»Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die
-ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten
-eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat, und ihm morgen
-der Herr von ... einige Sous mehr bietet, so hält er einen Panegrikus
-gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen
-Vorzimmer gelebt.«
-
-»Aber dann geht er förmlich über;« bemerkte der Marquis; »aber Ihr
-Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf Augen,
-die Hälfte mehr als der Höllenhund.«
-
-»Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und
-Handarbeiten weit gebracht,« erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann,
-»so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht
-hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden
-durchlesen, sondern auch den Inhalt einer _unaufgeschnittenen_ Schrift
-auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei sie
-war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ›Ich will dir,‹ sagte er, ›die
-erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie
-nun einmal heutzutage ist, kann nichts mit Maß tun. Sie lobt entweder
-über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschämt. Solche
-Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß haben, sind übrigens
-oft nicht mit Geld zu bezahlen. Man legt sie an die Kette, bis man sie
-braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf
-den Mann dressiert, trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu
-dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber
-sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut.‹
-
-So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das
-Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr
-rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es
-schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden
-Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun
-schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu
-exequieren, so ließ er mir sagen: ›Mein lieber Neffe! nur immer Nr. 5
-und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen
-tüchtig durch,‹ und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung
-bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die
-Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der
-Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter
-zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil- und
-unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale.«
-
-»~Goddam!~ Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?« rief der Lord
-mit wahrem Grauen. »Aber wenn Sie alle Tage nur _ein_ Buch rezensieren,
-das macht ja im Jahr 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterland jährlich
-selbst nur ein Dritteil dieser Summe?«
-
-»Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies
-fragen. So viele gibt es in _einer_ Messe, und wir haben jährlich zwei.
-Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte
-Lust- und Trauerspiele, hundert schöne und miserable Erzählungen,
-Novellen, Historien, Phantasien etc., dreißig Almanache, fünfzig Bände
-lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder
-Hexametern, vierhundert Uebersetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen,
-und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-, Konfessionsbücher, die
-Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung guten Champagners aus Obst,
-zu Verlängerung der Gesundheit, die Betrachtungen über die Ewigkeit,
-und wie man auch ohne Arzt sterben könne usw. sind nicht zu zählen;
-kurz, man kann in meinem Vaterland annehmen, daß unter fünfzig Menschen
-immer einer Bücher schreibt; ist einer einmal im Meßkatalog gestanden,
-so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahr nicht auf. Sie können
-also leicht berechnen, meine Herren, wieviel bei uns gedruckt wird.
-Welcher Reichtum der Literatur, welches weite Feld für die Kritik!«
-
-Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht,
-mit einer Andacht gesprochen, die sogar _mir_ höchst komisch vorkam;
-der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je
-verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz
-gesteigert zu werden.
-
-»Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von
-Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ,« sagte der Marquis,
-»aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir
-unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu
-lachen. Ihr seid sublime Leute! Das muß man euch lassen.«
-
-»Und der Herr hier hat recht,« bemerkte Mylord mit feinem Lächeln.
-»Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste
-ist, nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So
-fuhr ich einmal auf meiner ~Grand tour~ in einem deutschen Ländchen.
-Der Weg war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ
-endlich durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den
-Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er
-uns so miserable Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: ›Was das
-Post- und Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.‹ Wir waren
-verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch
-Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe? ›Er
-schreibt!‹ war die kurze Antwort des Kerls. ›Wie? Briefverzeichnisse,
-Postkarten?‹ -- ›Ei, behüte,‹ sagte er, ›Bücher, gelehrte Bücher.‹ --
-›Ueber das Postwesen?‹ fragten wir weiter. ›Nein,‹ meinte er; ›Verse
-macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang
-als mein Arm!‹ und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des
-Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in
-der Seele wehe tat. ›~Goddam!~‹ sagte mein Begleiter. ›Wenn der Herr
-Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager
-auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage fördern!‹
-Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten Station
-erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter wie Sie, Mr. Garnmacher,
-ein großer Kritiker.«
-
-»Ich weiß, wen Sie meinen;« erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger
-Miene, »und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich
-eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden.
-Uebrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen,
-nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Land möchte etwas dergleichen
-auffallen, aber bei uns zulande ist das was anderes. Da kann jeder in
-die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein
-Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn
-er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines
-Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schöne
-romantische Zeit des Mittelalters, nein, wir sind, und ich rechne
-mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander
-die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen, wir
-üben das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische
-Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie
-ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren
-und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben.«
-
-»Herr von Garnmacker,« unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, »ich
-würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn sie
-nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen Sie
-uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir
-verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal
-und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!«
-
-»Sie haben recht,« sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
-Sixpencestück zuwarf, »der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende
-Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele
-Bekannte aus der Stadt hier sind?«
-
-»Wie?« rief der junge Deutsche nicht ohne Ueberraschung, »Sie wollen
-also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm
-zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich einen
-Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche
-Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte
-fängt jetzt erst an, interessant zu werden.«
-
-»Sie können recht haben,« erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lächeln,
-»aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten
-Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die
-Sie uns zeigen können.«
-
-»Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte,« sagte der
-Marquis lachend, »aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die
-Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante
-Erzählung, möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir.«
-
-»Gut,« erwiderte der deutsche Stutzer, resigniert und ohne beleidigt zu
-scheinen. »Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft
-sehr angenehm, denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre,
-sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu
-können.«
-
-Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte
-schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren
-Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.
-
-Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich -- es ist möglich,
-daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in
-manchem hervorbringen; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute
-zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen,
-wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So
-kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff
-zu tausend Reflexionen gibt, denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen
-Leutchen nur _ein_ Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem,
-und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im Prater, wie auf der
-~Chaussée d'Antin~ oder im ~Palais royal~, wie Unter den Linden oder
-wie in ...
-
-Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer
-aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und ~Merveilleuses~ aller Zeiten,
-Theologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Financiers von
-Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London; und sie alle in Streit
-über ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: »Zu
-unserer Zeit, ja! zu unserer Zeit war es doch anders!« Aber ach, meine
-Stutzer kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von
-Garnmacher einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner
-Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier
-zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die
-Promenadenzeit verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater.
-
-
-
-
-3.
-
-Das Theater im Fegefeuer.
-
-
-Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich
-ist es weder ~Opera buffa~ noch ~seria~, weder Trauer- noch Lustspiel;
-ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und Aktricen, Tänzer
-und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man ein so gemischtes Publikum
-mit einem dieser Stücke unterhalten? Ließe ich von Zacharias Werner
-eine schauerlich-tragi-komisch-historisch-romantisch-heroische Komödie
-aufführen -- wie würden sich Franzosen und Italiener langweilen, um
-von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben, gar
-nicht zu sprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben
-lassen, etwa die Kleinstädter in der Hölle, wie würde man über
-verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung
-getroffen.
-
-Mein Theater spielt große pantomimische Stücke, welche wunderbarerweise
-nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber
-mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen
-hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine einen Erlaubnisschein,
-als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt
-es mir? Was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen Frau, zum
-Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt es dem Manne, der sich
-schon um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine dringt --
-
- Eine kalte weiße Hand,
- Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
- Die im Sterbekleide vor ihm stand?
-
-Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse
-helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit
-dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich ins Departement
-schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten
-pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem
-Ohr; zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit
-glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es
-dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer
-bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und mit
-krampfhaft gekrümmten Fingern an den Fässern anpocht, die er bestohlen?
-Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der
-Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer,
-um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt?
-Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle würden sich unglücklicher
-fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wäre
-eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu
-_lebenslänglicher_ Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, »_noch sechs Jahre
-länger_« unterschrieb, weil er den Mann haßte. Aber sie würden mir auf
-der andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir
-manchen fromm zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der
-zu Lebzeiten so viel getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken
-wollte -- ich habe darin zu viele Erfahrungen gemacht und kann es in
-neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker genug
-tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, daß es in diesen Tagen wenig
-mehr in den _Häusern_, desto mehr aber in den _Köpfen_ spukt.
-
-Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft
-zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner
-höllischen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:
-
- _Mit allerhöchster Bewilligung._
-
- Heute als am Geburtsfeste
-
- der Großmutter, diabolischen Hoheit:
-
- Einige Szenen aus dem Jahr 1826.
-
- Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.
-
- Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen
- Meisterwerken zusammengesucht von Rossini.
-
- (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr viele
- allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird
- gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und
- Ministern bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie
- der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwärts zu
- überlassen.
-
- Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters.
-
-Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Haus. Ich bot mich
-den drei jungen Herren als Cicerone an und führte sie glücklich durch
-das Gedränge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die
-erste, der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge hätten
-eintreten dürfen, fanden es diese drei Subjekte aber amüsanter, von
-ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren.
-Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen, wenn
-sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders Garnmacher
-schien vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu können. »Nein,
-ist es möglich?« rief er wiederholt aus. »Ist es möglich? Sehen Sie,
-Marquis, jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den
-roten Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame. Dieser starb
-in Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem
-unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe
-ich sie gesehen und gesprochen? Sie war eine liebenswürdige fromme
-Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den
-Ball -- sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den
-dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar
-wollte man behaupten, sie sei in Teplitz an einem heimlichen Wochenbett
-verschieden, aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen, wer konnte das
-glauben?«
-
-»Ha! die Nase von Frankreich!« rief auf einmal der Marquis mit Ekstase.
-»Heiliger Ludwig, auch Ihr unter Euern verlorenen Kindern? Ha! und
-ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schönes Vaterland in die
-Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene häßlichen, kriechenden
-Menschen? Sehen Sie dort -- das sind berühmte Missionare, die uns
-glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir. Dem Teufel sei es
-gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich versammelt hat.«
-
-»O, mein Herr,« sagte ich, »da hätten Sie nicht nötig gehabt, bis ins
-Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich
-zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hölle nichts
-Erbärmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im
-~Café de Congrégation~ wimmelt es von diesen Herren, vom Kardinal bis
-zum schlechten Pater. Sie können manche heilige Bekanntschaft dort
-machen.«
-
-»Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier,« erwiderte Mylord. »Sagen Sie
-doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform nebenan? Sie unterhalten
-sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lächeln. Sind es Engländer?«
-
-»Verzeihen Sie,« antwortete ich, »es sind Soldaten und Offiziere von
-der alten Garde, die sich mit einigen Preußen über den letzten Feldzug
-besprechen.«
-
-Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen und wollten
-mehr fragen, aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten
-und Pauken der Rossinischen Ouvertüre schmetterten in das volle Haus.
-Es war die herrliche Ouvertüre aus ~Il maestro ladro~, die Rossini
-auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzückt über die
-schönen Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und jedes
-fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem herrlich
-komponierten Stück. Ich halte auch außer der ~Gazza ladra~ den
-~Maestro ladro~ für sein Bestes, weil er darin seine Tendenz und seine
-künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz ausgesprochen hat. Die
-Ouvertüre endete mit dem ergreifenden Schluß von Mozarts Don Juan, dem
-man, zur Vermehrung der Rührung, einen Nachsatz von Pauken, Trommeln
-und Trompeten angehängt hatte, und -- der Vorhang flog auf.
-
-Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Aengstlich drängten
-sich die Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen
-standen Geldmäkler, große und kleine Kaufleute und steigerten die
-Papiere. Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte,
-kamen in sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt.
-Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem ~Pas de deux~
-entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick erscheint
-mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in der Szene.
-Seine Mienen, seine Haltung drücken Verzweiflung aus. Man sieht,
-seine Fonds sind erschöpft, sein Beutel leer, er muß seine Zahlungen
-einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn ein, um
-sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine Gebärdensprache ist
-bezaubernd -- es hilft nichts. Da rafft er sich verzweiflungsvoll auf.
-Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie ein gefallener König
-ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge reichen zu einer immensen
-Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller fällt das Haus Goldsmith
-in London. Komisch war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen,
-deutschen und französischen Häuser, vorgestellt von den Herren vom
-~Corps de ballet~, diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten
-künstlich und fielen noch künstlicher, besonders exzellierten hierbei
-einige Berliner Börsenkünstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen
-wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten und allgemeine Sensation im
-Parterre erregten.
-
-Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über.
-Die herrliche Passage aus der Italienerin in Algier: »_Heil dem großen
-Kaimakan_« ertönte. Ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren
-und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war,
-wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte
-Stadt kommt. Man denkt nicht daran, daß der spekulative Kopf, der das
-Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner Wucherer ist, der den
-Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren Preisen losschlägt. Man
-denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den schützenden
-Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Häuser richteten sich
-mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den
-Messias der Börse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister berühmter
-Könige und Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen,
-der die transparente Inschrift: »_Seid umschlungen, Millionen!_« trug.
-Ein Herr mit einer pikanten, morgenländischen Physiognomie, wohlbeleibt
-und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen und stellte den
-Triumphator vor.
-
-Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern
-der Minister herab auf den Boden stieg. »Das ist Rothschild! Es lebe
-Rothschild!« schrie man von den ersten Ranglogen und klatschte und
-rief Bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer,
-der diese schwierige Rolle meisterhaft durchführte; besonders als er
-mit dem englischen, österreichischen, preußischen und französischen
-Ministerium einen Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Rothschild
-gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den
-Frieden, und der erste Akt der großen Pantomime endigte sich mit einem
-brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem
-allerhöchsten ~cher cousin~ gemacht wurde.
-
-Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich ungnädig über
-diese Szene aus. »Es war zu erwarten,« sagte er, »daß diese Menschen
-bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen werden, aber daß auf der
-Börse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahr 1826, das
-ist unglaublich.«
-
-»Mein Herr!« erwiderte der Marquis lachend, »unglaublich finde ich
-es nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht
-einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt
-erblickte, durch Kombination so weit kommen, daß er Kaiser und Könige
-in seinen Sack stecken kann?«
-
-»Aber England, Alt-England! Ich bitte Sie,« rief der Lord schmerzlich.
-»Ihr Frankreich, Ihr Deutschland hat von jeher nach jeder Pfeife tanzen
-müssen! Aber, ~Goddam!~ das englische Ministerium mit diesem Hepphepp
-einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist schmerzlich!«
-
-»Ja, ja!« sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig.
-»Es wird und muß so kommen. Freilich, ein bedeutender Unterschied
-zwischen 1826 und der Zeit des Königs David!«
-
-»Das finde ich nicht,« antwortete der Marquis, »im Gegenteil, Sie sehen
-ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!«
-
-»Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied,« erwiderte der
-Deutsche. »Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur _einen_ König,
-jetzt haben aber alle Könige nur _einen_ Juden.«
-
-»Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine
-Szene uns der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich
-oder Italien kommt ans Brett.«
-
-»Ich denke, Deutschland,« erwiderte Garnmacher. »Ich wenigstens
-möchte wohl wissen, wie es im Jahr 1826 oder 1830 in Deutschland sein
-wird. Als ich die Erde verließ, war die Konstellation sonderbar. Es
-roch in meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in
-die Luft fliegt. Die Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die
-feinsten diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen
-geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme.
-Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende Veränderungen geben?«
-
-»Es wird heißen: Auch in diesem Jahre ist es geblieben, wie es war,«
-antwortete ich dem guten Deutschen. »Um eine Lunte auszulöschen, bedarf
-es keiner großen Künste. Man wird bleiben, wie man war, man wird
-höchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr
-Vaterland in Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 dort
-aussieht? Armer Herr, da müßte ich ja zuvor noch fragen, was für ein
-Landsmann Sie sind?«
-
-»Wie verstehen Sie das?« fragte der Baron unmutig.
-
-»Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen,
-da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen
-zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen
-Rezepten braut. Sind Sie ein Württemberger, so könnten Sie erfahren,
-wie man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße, und drückt
-Sie der Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren, denn an dem
-Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so trinken
-Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot, aber denken Sie
-nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in der
-nächsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, daß
-Ihnen die Haare zu Berge stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schöne
-Taille bekommen -- --«
-
-»Herr, sind Sie des Teufels!« fuhr der Baron auf. »Wollen Sie uns alles
-Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie --«
-
-»Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!« rief der
-Marquis. »Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre Dame! Das
-finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen
-will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der
-Kammer?«
-
-Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang
-und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange
-Prozession, angeführt von den Missionaren, betrat die Bühne. Da sah
-man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter
-Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen
-des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die ~à
-la~ Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die
-niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum
-staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin
-D--s, die Komtesse de M--u, die Fürstin T--d im Kostüm einer Büßenden
-zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit
-Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, als
-sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschälle, den Degen an der
-Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbücher unter dem Arm, über die
-Szene ging, da wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde
-an unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und
-wer weiß, was meinen Akteurs geschehen wäre, hätte man faule Aepfel
-oder Steine in der Nähe gehabt? Das hohe Portal von Notre Dame hatte
-endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über
-die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem
-Arm eine Vulgata trug. Man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als
-Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionare wie ein Kalb
-führten. So oft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche
-Seitensprünge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeißel
-gezüchtigt und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu versöhnen: »~Vive
-le bon Dieu! vive la croix!~« So brachten sie ihn endlich mit großer
-Mühe zur Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.
-
-»Haben Sie nun Genugtuung?« sagte der Marquis zu dem Lord. »Was ist
-Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O, mein
-Frankreich, mein armes Frankreich!«
-
-»Es ist wahr,« antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die
-Hand drückte, »Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an diese
-tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter
-den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks,
-der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im
-Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel
-erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, es ist
-ein Blendwerk der Hölle!«
-
-»Das möchte doch nicht so sicher sein,« sagte ich. »Das Vaterland des
-Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der
-Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen.«
-
-»Aber was wollten Sie nur mit dem Affen in Notre Dame?« fragte der
-Baron. »Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?«
-
-»Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joko,
-der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch
-von den Missionaren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen
-Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn
-wohl in der Kirche taufen.«
-
-»~Goddam!~ was Sie sagen. Doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion
-bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird. Wenn es nichts
-Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese
-Pantomimen etwas langweilig.«
-
-»Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,«
-antwortete ich. »Es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt,
-das der Reis-Efendi den Gesandten hoher Mächte gibt, das Siegesfest
-der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus
-Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das
-Hauptstück der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen
-Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird
-ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er
-sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner
-mohammedanischen Majestät eröffnet.«
-
-»Ei!« rief der Marquis. »Was wollen wir diese Schande der Menschheit
-sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und
-dumm, aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen!
-Kommt, meine Freunde. Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn
-von Garnmacher hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische
-Diner betrachten!«
-
-Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und
-verließen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem
-derben Fluche zurück und rief: »Wahrlich, es steht schlimm mit der
-Zukunft von 1826!«
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Erster Teil.
-
- Einleitung.
-
- Seite
-
- Erstes Kapitel. Der Herausgeber macht eine interessante
- Bekanntschaft 5
-
- Zweites Kapitel. Der schauerliche Abend 10
-
- Drittes Kapitel. Der schauerliche Abend. (Fortsetzung) 17
-
- Viertes Kapitel. Das Manuskript 24
-
- Die Studien des Satan auf der berühmten Universität ...en.
-
- Fünftes Kapitel. Einleitende Bemerkungen 30
-
- Sechstes Kapitel. Wie der Satan die Universität bezieht
- und welche Bekanntschaften er dort machte 34
-
- Siebentes Kapitel. Satan besucht die Kollegien;
- was er darin lernte 40
-
- Achtes Kapitel. Der Satan bekommt Händel und schlägt
- sich. Folgen davon 46
-
- Neuntes Kapitel. Satans Rache an Doktor Schnatterer 49
-
- Zehntes Kapitel. Satan wird wegen Umtrieben eingezogen
- und verhört; er verläßt die Universität 53
-
- Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin.
-
- Elftes Kapitel. Wen der Teufel im Tiergarten traf 60
-
- Zwölftes Kapitel. Satan besucht mit dem ewigen Juden
- einen ästhetischen Tee 67
-
- Dreizehntes Kapitel. Angststunden des ewigen Juden 74
-
- Vierzehntes Kapitel. Der Fluch. Eine Novelle 83
-
- Fünfzehntes Kapitel. Das Intermezzo. -- Die Trinker 92
-
- Satans Besuch bei Herrn von Goethe.
-
- Sechzehntes Kapitel. Bemerkungen über das Diabolische
- in der deutschen Literatur 100
-
- Siebzehntes Kapitel. Der Besuch 107
-
- Der Festtag im Fegefeuer. Eine Skizze.
-
- Achtzehntes Kapitel. Beschreibung des Festes.
- Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen 113
-
- Neunzehntes Kapitel. Geschichte des deutschen Stutzers 120
-
-
- Zweiter Teil.
-
- Vorspiel, worin von Prozessen, Justizräten die Rede,
- nebst einer stillschweigenden Abhandlung:
- »Was von Träumen zu halten sei?« 132
-
- Der Fluch. Novelle. (Fortsetzung) 142
-
- Mein Besuch in Frankfurt.
-
- 1. Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen
- sah 203
-
- 2. Trost für Liebende 208
-
- 3. Ein Schabbes in Bornheim 215
-
- 4. Das gebildete Judenfräulein 220
-
- 5. Der Kurier aus Wien kommt an 226
-
- 6. Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle 229
-
- 7. Die Verlobung 233
-
- Der Festtag im Fegefeuer. (Fortsetzung.)
-
- 1. Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu
- erzählen 236
-
- 2. Der Baron wird ein Rezensent 240
-
- 3. Das Theater im Fegefeuer 248
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 26: Kastel → Kassel
- es brenne drüben in {Kassel}
-
- S. 47: Groschenstück → Groschenstrick
- Würgers ein {Groschenstrick} war
-
- S. 52: Züge → Zunge
- schien seine {Zunge} gelähmt
-
- S. 56: höchstpreislichen → höchstpreuslichen (nach anderen Ausgaben)
- einer {höchstpreuslichen} Zentral-Untersuchungskommission
-
- S. 189: vom → dem
- er diese Nachricht {dem} Kardinal
-
- S: 207: Haned → Hand
- mit ihrem Jokofächer auf die {Hand}
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden. Vierter Band, by Wilhelm Hauff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden. Vierter Band, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Vierter Band
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Annotator: Alfred Weile
-
-Release Date: January 4, 2020 [EBook #61098]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>
-Wilhelm Hauffs<br />
-<span class="smaller">sämtliche Werke in sechs Bänden</span></h1>
-<p class="center">
-Mit einer biographischen Einleitung<br />
-von <em class="gesperrt">Alfred Weile</em></p>
-<p class="center">
-Neu durchgesehene Ausgabe</p>
-<p class="center smaller">
-:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::</p>
-<p class="center larger">
-Vierter Band.</p>
-<p class="center p2">
-A. Weichert Verlag, Berlin NO.<sup>43</sup>, Neue Königstr. 9.
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-Mitteilungen<br />
-<span class="smaller">aus den</span><br />
-<span class="larger">Memoiren des Satan.</span>
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2 id="Erster_Teil">Erster Teil.</h2>
-
-<p class="h2">Einleitung</p>
-
-<div class="chapcit">
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto.</em><br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Tassos</em> Jerusalem. V. 44.
-</p>
-</div>
-
-<h3 id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Wer, wie der Herausgeber und Uebersetzer vorliegender
-merkwürdiger Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers
-1822 in Mainz war und in dem schönen Gasthof zu den
-drei Reichskronen logierte, wird gewiß diese Tage nicht unter
-die verlorenen seines Lebens rechnen.</p>
-
-<p>Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst
-nicht gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm
-zu machen. Feine Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte
-man auch sonst wohl dort gefunden, seltener, gewiß sehr selten
-so ausgesuchte Gesellschaft. Ich erinnere mich nicht, jemals in
-meinem Leben, weder vor- noch nachher, einen meiner damaligen
-Tisch- und Hausgenossen gesehen zu haben, und dennoch schlang
-sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges Band der
-Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
-den andern kannte oder seine näheren Verhältnisse zu wissen
-wünschte, nie für möglich gehalten hätte.</p>
-
-<p>Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht,
-dieser Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser
-ruhigen Heiterkeit des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen
-für die Gesellschaft beigetragen haben, aber nicht mit
-Unrecht glaube ich diese Erscheinung einem sonderbaren, mir
-nachher höchst merkwürdigen Mann zuschreiben zu müssen.</p>
-
-<p>Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span>
-vor Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den
-ich seit langen Jahren nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten
-oder dreißigsten bestellt, ich wäre nicht mehr länger
-geblieben, denn die schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die
-Gesellschaft im Hause war anständig, freundlich sogar, aber kalt.
-Man ließ einander an der Seite liegen, wenig bekümmert um
-das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man einander
-die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die
-Salatiere darzubieten habe, wußte jeder, »aber das Genie, ich
-meine den Geist«, wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch
-weniger nachher aus.</p>
-
-<p>Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den
-freien Platz vor dem Hotel herab und dachte nach über meine
-Forderungen an die Menschen überhaupt und an die Gasthofmenschen
-(worunter ich nicht Wirt und Kellner allein verstand)
-insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über das Steinpflaster
-der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem
-Fenster.</p>
-
-<p>Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante
-Herrschaft schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder
-auf dem Bock noch hinten im Kabriolett ein Diener saß, was
-doch eigentlich zu den vier Postpferden, mit welchen der Wagen
-bespannt war, notwendig gepaßt hätte.</p>
-
-<p>»Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen
-müssen,« dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die
-Hand des großen, stattlichen Oberkellners, der den Schlag
-öffnete.</p>
-
-<p>»Zimmer vakant?« rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.</p>
-
-<p>»So viele Euer Gnaden befehlen,« war die Antwort des
-Giganten.</p>
-
-<p>Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem
-Wagen und trat in die Halle.</p>
-
-<p>»Nr. 12 und 13!« rief die gebietende Stimme des Oberkellners,
-und Jean und George flogen im Wettlauf die Treppe
-hinan.</p>
-
-<p>Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer
-wollte kein zweiter heraussteigen.</p>
-
-<p>Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal
-hatte er hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>»Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort!« rief ich hinab,
-»wer war denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Werde gleich die Ehre haben,« antwortete der Gefällige
-und trat bald darauf in mein Zimmer.</p>
-
-<p>»Eine sonderbare Erscheinung,« sagte ich zu ihm; »ein
-schwerer Wagen mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr
-ohne alle Bedienung.«</p>
-
-<p>»Gegen alle Regel und Erfahrung,« versicherte jener, »ganz
-sonderbar, ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte,
-es sei ein Guter, denn er gab immer zwei Taler schon seit acht
-Stationen. Vielleicht ein Engländer von Profession, die haben
-alle etwas Apartes.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wissen Sie den Namen nicht?« fragte ich neugieriger,
-als es sich schickte.</p>
-
-<p>»Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben,«
-antwortete jener; »haben der Herr Doktor sonst noch etwas&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts;
-er ging und ließ mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen
-im achtsitzigen Wagen allein.</p>
-
-<p>Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner
-an mir vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er
-wurde mich kaum gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in
-der andern die Tafel, vor mich hintrat, mir solche präsentierend.</p>
-
-<p>»von Natas, Partikulier,« stand aufgeschrieben. »Hat er
-noch keine Bedienung?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Nein,« war die Antwort, »er hat zwei Lohnlakaien angenommen,
-die ihn aber weder aus- noch ankleiden dürfen.«</p>
-
-<p>Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft
-schon niedergelassen, ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber
-saß Herr von Natas.</p>
-
-<p>Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt,
-so wurde er mir jetzt um so interessanter, da ich ihn in der
-Nähe sah.</p>
-
-<p>Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Auge und der
-volle Bart von glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von
-den feingespaltenen Lippen oft enthüllt, wetteiferten mit dem
-Schnee der blendend weißen Wäsche. War er alt? war er
-jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn bald schien sein
-Gesicht mit jenem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem
-Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene
-Nase zu dem mutwilligen Auge hinauf zieht, früh gereifte und
-unter dem Sturm der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten;<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-bald glaubte man einen Mann von schon vorgerückten
-Jahren vor sich zu haben, der durch eifriges Studium einer
-reichen Toilette sich zu konservieren weiß.</p>
-
-<p>Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu <em class="gesperrt">einer</em> Körperform
-passen und sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor,
-daß es Sinnentäuschung sei, daß das Auge sich schon zu sehr
-an diese Form, wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als
-daß es sich eine andere Mischung denken könnte. Dieser Kopf
-konnte nie auf einem untersetzten, wohlbeleibten Körper sitzen,
-er durfte nur die Krone einer hohen, schlanken, zartgebauten
-Gestalt sein. So war es auch, und die gedankenschnelle Bewegung
-der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um
-den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten, drückte
-sich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme Haltung,
-durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der
-Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anstande des
-Mannes aus.</p>
-
-<p>So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel
-saß. Ich hatte während der ersten Gänge Muße genug,
-diese Bemerkungen zu machen, ohne dem interessanten vis-a-vis
-durch neugieriges Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue
-Gast schien übrigens noch mehrere Beobachtungen zu veranlassen,
-denn von dem obern Ende der Tafel waren diesen Abend die
-Brillen mehrerer Damen in immerwährender Bewegung; mich
-und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen höchstens
-mit bloßem Auge gemustert.</p>
-
-<p>Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen
-Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln.
-Er kam an den Fremden. Dieser warf einen
-Taler unter die kleine Münzensammlung und flüsterte dem
-überraschten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen Bücklingen
-schien dieser zu bejahen und zu versprechen und schritt
-eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden aufs
-neue gestimmt.</p>
-
-<p>Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte;
-der Direktor gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten
-erkannte ich die herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde
-lehnte sich nachlässig in seinen Stuhl zurück, er schien nur der
-Musik zu gehören; aber bald bemerkte ich, daß das dunkle Auge
-unter den langen, schwarzen Wimpern rastlos umherlief, &ndash; es
-war offenbar, er musterte die Gesichter der Anwesenden und den
-Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span></p>
-
-<p>Wahrlich! dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner
-zu verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man
-sich aus der wärmern oder kältern Teilnahme an dem Reich der
-Töne auf die größere oder geringere Empfänglichkeit des Gemüts
-für das Schöne und Edle ziehen wollte; heult ja doch auch
-selbst der Hund bei den sanften Tönen der Flöte, das Pferd
-dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern der Trompeten,
-stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester und
-straffer.</p>
-
-<p>Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen,
-als die Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten
-Stellen des Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment
-über die glückliche Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen
-uns ein Gespräch über die Wirkung der Musik auf diese
-oder jene Charaktere entsponnen.</p>
-
-<p>Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur
-einige, die in der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten,
-rückten nach und nach näher. Mitternacht war herangekommen,
-ohne daß ich wußte, wie; denn der Fremde hatte uns so tief in
-alle Verhältnisse der Menschen, in alle ihre Neigungen und
-Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille gestehen mußten,
-nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse gehört oder
-gelesen zu haben.</p>
-
-<p>Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den
-drei Reichskronen auf. Es war, als habe die Freude selbst
-ihren Einzug bei uns gehalten und feiere jetzt ihre heiligsten
-Festtage; Gäste, die sich nie hätten einfallen lassen, länger als
-eine Nacht hier zu bleiben, schlossen sich an den immer größer
-werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie unter Menschen sich
-befinden, die der Zufall aus allen Weltgegenden zusammengeschneit
-hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die Seele
-des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
-seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum
-<em class="antiqua">maître de plaisir</em> hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in
-die herrliche Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines
-jeden. Hatte er aber schon durch die sinnreiche Auswahl des
-Vergnügens sich alle Herzen gewonnen, so war dies noch mehr
-der Fall, wenn er die Konversation führte.</p>
-
-<p>Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon
-schien ins Leben getreten zu sein; denn Natas durfte nur die
-Lippen öffnen, so fühlte jeder zuerst die lieblichsten Saiten
-seines Herzens angeschlagen, auf leichten Schwingen schwirrte<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-dann das Gespräch um die Tafel, mutwilliger wurden die
-Scherze, kühner die Blicke der Männer, schalkhafter das Kichern
-der Damen, und endlich rauschte die Rede in so fessellosen Strömen,
-daß man nachher wenig mehr davon wußte, als daß man
-sich »göttlich« amüsiert habe.</p>
-
-<p>Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor,
-weit entfernt, je ins Rohe, Gemeine hinüberzuspielen.
-Er griff irgend einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte
-Anekdoten, spielte das Gespräch geschickt weiter, wußte
-jedem seine tiefste Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte
-durch seinen lebhaften Witz, durch seine warme Darstellung, die
-durch alle Schattierungen von dem tiefsten Gefühl der Wehmut
-bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune streifte, welche in dem
-sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der feinen Grenze des Anstandes
-gaukeln.</p>
-
-<p>Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen
-sein, wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu
-hohngesprochen, das Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen
-hätte; jener zarte geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies
-oder jenes verhüllte, reizte nur zu dem lüsternen Gedanken,
-tiefer zu blicken, und das üppige Spiel der Phantasie gewann in
-manchem Köpfchen unsrer schönen Damen nur noch mehr Raum;
-aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht widersprechen; seine
-glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie umhüllten
-die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen
-Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Der schauerliche Abend.</span></h3>
-</div>
-
-<p>So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwölf bis
-fünfzehn Herren und Damen in einen tollen Strudel der
-Freude gerissen. Beinahe alle waren ohne Zweck in diesem
-Haus, und doch wagte keiner den Gedanken an die Abreise sich
-auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir morgens
-lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
-gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
-schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue
-Kette um den Fuß geschlungen zu haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil.
-An dem sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag,
-war unser Herr von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden.
-Die Kellner entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde
-vor Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel
-unfehlbar da sein.</p>
-
-<p>Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß
-uns diese Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden
-uns die Flügel zusammengebunden, und man befehle uns,
-zu fliegen.</p>
-
-<p>Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden
-und auf seine auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar
-war es, daß es mir nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich
-habe ihm, nur unter einer andern Gestalt, schon früher einmal
-auf meinem Lebenswege begegnet; so abgeschmackt auch der Gedanke
-war, so unwiderstehlich drängte er sich mir immer wieder
-auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich nämlich eines
-Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blick hauptsächlich,
-große Aehnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder Arzt,
-besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
-von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern
-um sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen
-war mir übrigens fatal, denn man behauptete, daß, so oft
-er uns besucht habe, immer ein bedeutendes Unglück erfolgt sei;
-aber dennoch konnte ich den Gedanken nicht los werden, Natas
-habe die größte Aehnlichkeit mit ihm, ja, es sei eine und dieselbe
-Person.</p>
-
-<p>Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich
-verfolgenden Gedanken und die unangenehme Vergleichung
-eines mir so grausenhaften Wesens, wie der Fremde in meiner
-Vaterstadt war, mit unserm Freunde, der so ganz meine Achtung
-und Liebe sich erworben hatte; aber noch unglaublicher klingt
-es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine Nachbarn ganz den
-nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten unter einer ganz
-andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu
-haben.</p>
-
-<p>»Sie könnten einem ganz bange machen,« sagte die Baronin
-von Thingen, die nicht weit von mir saß, »Sie wollen unsern
-guten Natas am Ende zum ewigen Juden oder, Gott weiß, zu
-was sonst noch machen!«</p>
-
-<p>Ein kleiner, ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen
-Tagen sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
-still vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte
-während unserer »vergleichenden Anatomie«, wie er es nannte,
-still vor sich hin gelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit
-seine ovale Dose zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie
-ein Rad anzusehen war.</p>
-
-<p>»Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter
-dem Berge halten,« brach er endlich los, »wenn Sie erlauben,
-Gnädigste, so halte ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden,
-aber doch für einen ganz absonderlichen Menschen. So lange
-er zugegen war, wollte wohl hie und da der Gedanke in mir
-aufblitzen: ›Den hast du schon gesehen, wo war es doch?‹ aber
-wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück, wenn er
-mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge erfaßte.«</p>
-
-<p>»So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch,« riefen
-wir alle verwundert.</p>
-
-<p>»Hm! he, hm!« lachte der Professor. »Jetzt fällt es mir
-aber von den Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als
-der, den ich schon vor zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe.«</p>
-
-<p>»Wie, Sie haben ihn gesehen, und in welchen Verhältnissen?«
-fragte Frau von Thingen eifrig und errötete bald
-über den allzugroßen Eifer, den sie verraten hatte.</p>
-
-<p>Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus
-und begann: »Es mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als
-ich wegen eines Prozesses einige Monate in Stuttgart zubrachte.
-Ich wohnte in einem der ersten Gasthöfe und speiste auch dort
-gewöhnlich in großer Gesellschaft an der Wirtstafel. Einmal
-kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das Zimmer hatte
-hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach
-sehr eifrig von und über einen gewissen Herrn Barighi, der
-seit einiger Zeit die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz,
-durch seine Gewandtheit in allen Sprachen entzücke; in seinem
-Lob waren alle einstimmig, nur über seinen Charakter war man
-nicht recht einig, denn die einen machten ihn zum Diplomaten,
-die andern zu einem Sprachmeister, die dritten zu einem hohen
-Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die Türe ging
-auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut geführt
-zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich eingefunden habe,
-und sah&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns &ndash; denselben,
-der uns seit einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre
-übrigens gerade nichts Uebernatürliches; aber hören Sie weiter:
-Zwei Tage schon hatte uns Herr Barighi, so nannte sich der<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-Fremde, durch seine geistreiche Unterhaltung die Tafel gewürzt,
-als uns einmal der Wirt des Gasthofs unterbrach: ›Meine
-Herren,‹ sagte der Höfliche, ›bereiten Sie sich auf eine köstliche
-Unterhaltung, die Ihnen morgen zu teil werden wird, vor: der
-Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen
-ein.‹</p>
-
-<p>»Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter
-grauer Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten
-Platz in diesem Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank
-mit: ›Gerade dem Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle,
-einsam in einem großen, öden Haus; er ist Oberjustizrat
-außer Dienst, lebt von einer anständigen Pension und soll überdies
-ein enormes Vermögen besitzen.</p>
-
-<p>»›Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
-Gewohnheiten, wie z. B. daß er sich selbst oft große Gesellschaft
-gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Couverts
-aus dem Wirtshaus kommen, feine Weine hat er im Keller, und
-einer oder der andere unsrer Markeurs hat die Ehre, zu servieren.
-Man denkt vielleicht, er hat allerlei hungrige oder
-durstige Menschen bei sich? Mit nichten! alte, gelbe Stammbuchblätter,
-auf jedem ein großes Kreuz, liegen auf den Stühlen,
-dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den lustigsten
-Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding
-soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen Kellner
-dazu braucht, denn wer <em class="gesperrt">einmal</em> bei einem solchen Souper
-war, geht nicht mehr in das öde Haus.</p>
-
-<p>»›Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer
-Franz dort schwört Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele
-mehr hinüber. Den andern Tag nach dem Gastmahl kommt
-dann die zweite Sonderbarkeit des Oberjustizrats. Er fährt
-morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den andern Morgen
-zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest verriegelt
-und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.</p>
-
-<p>»›Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das
-ganze Jahr täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher
-an ein Fenster und betrachtet sein Haus gegenüber von oben
-bis unten.</p>
-
-<p>»›Wem gehört das Haus da drüben?‹ fragt er dann den
-Wirt.</p>
-
-<p>»Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet:
-›Dem Herrn Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span></p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;»Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller
-Hasentreffer mit unserm Natas zusammen?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor,« antwortete
-jener, »es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der
-Hasentreffer beschaut also das Haus und erfährt, daß es dem
-Hasentreffer gehöre. ›Ach! Derselbe, der in Tübingen zu
-meiner Zeit studierte?‹ fragt er dann, reißt das Fenster auf,
-streckt den gepuderten Kopf hinaus und schreit ›Ha&ndash;a&ndash;asentreffer,
-Ha&ndash;a&ndash;asentreffer!‹</p>
-
-<p>»Natürlich antwortet niemand, er aber sagt dann: ›Der
-Alte würde es mir nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,‹
-nimmt Hut und Stock, schließt sein eignes Haus auf,
-und so geht es nach wie vor.</p>
-
-<p>»Wir alle,« fuhr der Professor in seiner Erzählung fort,
-»waren sehr erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und
-freuten uns königlich auf den morgenden Spaß. Herr Barighi
-aber nahm uns das Versprechen ab, ihn nicht verraten zu
-wollen, indem er einen köstlichen Spaß mit dem Oberjustizrat
-vorhabe.</p>
-
-<p>»Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel
-und belagerten die Fenster. Eine alte baufällige Chaise
-wurde von zwei alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie
-hielt vor dem Wirtshaus. ›Das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,‹
-tönte es von aller Mund, und eine ganz besondere
-Fröhlichkeit bemächtigte sich unser, als wir das Männlein, zierlich
-gepudert, mit einem stahlgrauen Röcklein angetan, einem
-mächtigen Meerrohr in der Hand, aussteigen sahen. Ein
-Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so
-gelangte er ins Speisezimmer.</p>
-
-<p>»Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht
-als damals, denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete
-der Alte, geradesweges aus Kassel zu kommen und vor
-sechs Tagen in Frankfurt im Schwanen recht gut logiert zu
-haben. Schon vor dem Dessert mußte Barighi verschwunden
-sein, denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch die übrigen
-Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
-sehen.</p>
-
-<p>»Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten
-seinem Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber
-schien öde und unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras,
-die Jalousien waren geschlossen, zwischen einigen schienen sich
-Vögel eingebaut zu haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>»›Ein hübsches Haus da drüben,‹ begann der Alte zu
-dem Wirt, der immer in der dritten Stellung hinter ihm stand.
-›Wem gehört es?‹ &ndash; ›Dem Oberjustizrat Hasentreffer, Euer
-Exzellenz aufzuwarten.‹</p>
-
-<p>»›Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?‹
-rief er aus. ›Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht
-meine Anwesenheit kundtäte.‹ Er riß das Fenster auf: ›Hasentreffer
-&ndash; Hasentreffer!‹ schrie er mit heiserer Stimme hinaus.
-&ndash; Aber wer beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem
-öden Haus, das wir wohl verschlossen und verriegelt wußten,
-ein Fensterladen langsam sich öffnete; ein Fenster tat sich auf,
-und heraus schaute der Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen
-Schlafrock und der weißen Mütze, unter welcher wenige graue
-Löckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu Hause zu
-tragen. Bis auf das kleinste Fältchen des bleichen Gesichts war
-der gegenüber der nämliche, der bei uns stand. Aber Entsetzen
-ergriff uns, als der im Schlafrock mit derselben heiseren Stimme
-über die Straße herüberrief: ›Was will man, wem ruft
-man? he!‹</p>
-
-<p>»›Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?‹ rief
-der auf unserer Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder
-Stimme, indem er sich bebend am Fenster hielt.</p>
-
-<p>»›Der bin ich,‹ kreischte jener und nickte freundlich grinsend
-mit dem Kopfe; ›steht etwas zu Befehl?‹</p>
-
-<p>»›Ich bin er ja auch,‹ rief der auf unserer Seite wehmütig,
-›wie ist denn dies möglich?‹</p>
-
-<p>»›Sie irren sich, Wertester!‹ schrie jener herüber, ›Sie sind
-der dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine
-Behausung, daß ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.‹</p>
-
-<p>»›Kellner, Stock und Hut!‹ rief der Oberjustizrat, matt
-bis zum Tod, und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen
-aus der hohlen Brust herauf. ›In meinem Haus ist der Satan
-und will meine Seele; &ndash; vergnügten Abend, meine Herren!‹
-setzte er hinzu, indem er sich mit einem freundlichen Bückling
-zu uns wandte und dann den Saal verließ.</p>
-
-<p>»›Was war das?‹ fragten wir uns. ›Sind wir alle wahnsinnig?‹&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum
-Fenster hinaus, während unser gutes altes Närrchen in steifen
-Schritten über die Straße stieg. An der Haustüre zog er einen
-großen Schlüsselbund aus der Tasche, riegelte &ndash; der im Schlafrock<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span>
-sah ihm ganz gleichgültig zu &ndash; riegelte die schwere, knarrende
-Haustüre auf und trat ein.</p>
-
-<p>»Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück, man
-sah, wie er dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.</p>
-
-<p>»Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen
-und zitterten. ›Meine Herren,‹ sagte jener, ›Gott sei
-dem armen Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war
-der Leibhaftige.‹ &ndash; Wir lachten den Wirt aus und wollten
-uns selbst bereden, daß es ein Spaß von Barighi sei, aber der
-Wirt versicherte, es habe niemand in das Haus gehen können,
-außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln des Rats; Barighi
-sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an der
-Tafel gesessen, wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende
-Maske anziehen können, vorausgesetzt auch, er hätte sich das
-fremde Haus zu öffnen gewußt. Die beiden seien aber einander
-so greulich ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger
-Nachbar, den echten nicht hätte unterscheiden können. ›Aber um
-Gottes willen, meine Herren, hören Sie nicht das gräßliche
-Geschrei da drüben?‹</p>
-
-<p>»Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen
-tönten aus dem öden Hause herüber, einigemal war es
-uns, als sähen wir unsern alten Oberjustizrat, verfolgt von
-seinem Ebenbild im Schlafrock, am Fenster vorbeijagen. Plötzlich
-aber war alles still.</p>
-
-<p>»Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag,
-hinüberzugehen; alle stimmten überein. Man zog über
-die Straße, die große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal,
-aber es wollte sich niemand hören lassen; da fing uns an
-zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man
-brach die Türe auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die
-breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren verschlossen; eine
-ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag der Oberjustizrat
-im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche
-Frisur schrecklich zerzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.</p>
-
-<p>»Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch
-sonst irgendwo jemals eine Spur gesehen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span></p>
-
-<h3 id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Der schauerliche Abend.</span></h3>
-
-<p class="smaller center">(Fortsetzung.)</p>
-</div>
-
-<p>Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen
-eine gute Weile still und nachdenkend. Das lange Schweigen
-ward mir endlich peinlich, ich wollte das Gespräch wieder anfachen,
-aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr
-von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht
-irre ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.</p>
-
-<p>»Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzähligemal
-für einen andern gehalten wurde oder auch Fremde
-für ganz Bekannte anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese
-Bemerkung oft in meinem Leben bestätigt gefunden, daß die
-Verwechselung weniger bei jenen platten, alltäglichen nichtssagenden
-Gesichtern, als bei auffallenden, eigentlich interessanten
-vorkommt.«</p>
-
-<p>Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich
-verwerfen, aber er berief sich auf die wirklich interessante
-Erscheinung unseres Natas. »Jeder von uns gesteht,« sagte er,
-»daß er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund, nur
-unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und
-doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes
-Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins Gedächtnis
-zu prägen.«</p>
-
-<p>»Sie mögen so unrecht nicht haben,« entgegnete Flaßhof,
-ein preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes
-hin schon zwei Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in
-seine Garnison zurückzukehren. »Sie mögen recht haben; ich
-erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des
-italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung
-spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt
-und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei
-dicker war als ich und auch sonst nicht die geringste Aehnlichkeit
-in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange
-Jahre hatte ich alle Tage den Verdruß, von Sängern, Tänzern,
-Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet
-zu sein und lange Klagen über schlechte Bezahlung, Forderungen
-usw. anhören zu müssen. Selten gingen sie überzeugt von
-mir weg, daß <em class="gesperrt">ich</em> nicht Michele d'Agata sei. Einst besuchte ich
-in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an:
-›Herr Agata‹. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
-begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem
-Arzt, den ich wohl kannte. ›Guten Abend, Herr Agata,‹ war
-sein Gruß, indem er vorüberging. &ndash; Ich glaubte am Ende
-beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.«</p>
-
-<p>Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus
-den ängstigenden Phantasien, welche die Erzählung des Professors
-in uns aufgeregt hatte, erlöste. Das Gespräch floß
-ruhiger fort, man stritt sich um das Vorrecht ganzer Nationen,
-einen interessanten Gesichterschnitt zu haben, über den Einfluß
-des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und auf das Auge
-insbesondere, man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
-Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
-wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte
-mir der Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der
-Streitenden zu betrachten.</p>
-
-<p>»Welch ein leichtsinniges Volk,« seufzte er, »ich habe sie
-jetzt soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht,
-ja, sie wagten in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der
-Leibhaftige möchte daraus hervorgucken, und jetzt lachen sie
-wieder und machen tolle Streiche, als ob der Versucher nicht
-immer umherschliche.«</p>
-
-<p>Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor
-gab. »Noch nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers
-an Ihnen bemerkt,« sagte ich; »aber Sie setzen mich
-in Erstaunen durch Ihre kühnen Angriffe auf die böse Welt
-und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich denn wirklich ein,
-dieser harmlose Natas&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Harmlos nennen Sie ihn?« unterbrach mich der Professor,
-heftig meine Brust anfassend, »harmlos? Haben Sie
-denn nicht bemerkt,« flüsterte er leiser, »daß alles bei diesem
-feinen … Herrn berechneter Plan ist? O, ich kenne meine
-Leute!«</p>
-
-<p>»Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?«</p>
-
-<p>»Haben Sie nicht bemerkt,« fuhr er eifrig fort, »daß der
-gebildete Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein
-ist, weil er ihm fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den
-Ausgebeutelten gestern nacht fünfzehnhundert Dukaten gewinnen
-ließ? Er nennt den abgefeimten Spieler einen Mann
-von den nobelsten Sentiments und schwört auf Ehre, er müsse
-über die Hälfte wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er
-keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den Oekonomierat
-gekörnt hat?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>»Ich habe wohl gesehen,« antwortete ich, »daß der Oekonomierat,
-sonst so moros und misanthrop, jetzt ein wenig aufgewacht
-ist, aber ich habe es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft
-zugeschrieben.«</p>
-
-<p>»Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften
-umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist
-er, ein Bruder Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im
-Lande umher, behauptet einen großen Wurm im Leib zu haben
-und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen exorbitanten
-Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn dieser Wundermann erwischt,
-gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht wie ein
-anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er
-soll seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms
-nennt, genießen, viel Wein trinken etc., und das <em class="antiqua">et cetera</em> und
-den Wein benützt er seit vier Tagen ärger als der verlorne
-Sohn.«</p>
-
-<p>»Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor?
-Der Mann ist sich und dem Leben wiedergeschenkt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nicht davon spreche ich,« entgegnete der Eifrige, »der alte
-Sünder könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß
-er sich dem nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also
-ruinieren muß. Ich habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt,
-und es besserte sich schon zusehends.«</p>
-
-<p>Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermaßen
-erklärlich, der liebe Brotneid schaute nicht undeutlich
-heraus.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und unsere Damen,« fuhr er fort, »die sind nun rein toll.
-Mich dauert nur der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht,
-aber übermorgen soll er hier ankommen, und wie findet er die
-gnädige Frau? Hat man je gehört, daß eine junge gebildete
-Frau in den ersten Jahren einer glücklichen Ehe sich in ein
-solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen einläßt,
-und zwar innerhalb fünf Tagen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wie? die schöne, bleiche Frau dort!« rief ich aus.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Die nämliche bleiche;« antwortete, er, »vor vier Tagen
-war sie noch schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der
-Interessante auf der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum,
-daß sie <em class="antiqua">Rouge fin</em> kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse
-auszuplaudern, heißt <em class="antiqua">bon ton</em>), so bittet und fleht er, sie
-solle doch kein Rot auflegen, sie habe ein so interessantes
-<em class="antiqua">je ne sais quoi</em>, das zu einem blassen Teint viel besser stehe.
-Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nächsten Galanterieladen<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-und sucht weiße Schminke; ich war gerade dort, um ein
-Pfeifenrohr zu erstehen, da höre ich sie mit ihrer süßen Stimme
-den rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man
-das Weiß nicht noch etwas <em class="gesperrt">ätherischer</em> habe? Hol' mich
-der T…! hat man je so etwas gehört?«</p>
-
-<p>Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht
-irrte, so suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen
-Frau auf den schon etwas verschossenen Einband seiner gelehrten
-Seele zu ziehen. Daß es aber mit Natas und der Trübenau
-nicht ganz richtig war, sah ich selbst. Von der Schminkgeschichte,
-die jenen so sehr erboste, wußte ich zwar nichts; aber
-wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen weiteren
-Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung daraus
-zu erläutern.</p>
-
-<p>Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine
-Zeitlang geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille
-an die Decke des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen
-waren. »Himmel,« seufzte er, »und die Thingen hat
-er auch. Sie glauben nicht, welcher Reiz in dem ewig heitern
-Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden Wangen, in dem
-Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß geöffneten
-Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen Formen
-der schwellenden&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Herr Professor!« rief ich, erschrocken über seine Ekstase,
-und schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. »Sie geraten
-außer sich, Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?«</p>
-
-<p>»Er hat sie auch,« fuhr er zähneknirschend fort. »Haben
-Sie nicht bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen
-fragte? Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend,
-Witwe &ndash; sie hat alles, um eine angenehme Partie zu
-machen. Geistreiche Männer von Ruf in der literarischen Welt
-buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen &ndash; Landstreicher
-hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir neulich
-der Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß
-man ihn vorgestern nacht aus ihrem Zimmer&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich bitte, verschonen Sie mich,« fiel ich ein, »gestehen Sie
-mir lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter
-den Pantoffel gebracht hat.«</p>
-
-<p>»Das ist es eben,« antwortete der Gefragte verlegen
-lächelnd, »das ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich
-lese über Chemie; er brachte einmal das Gespräch darauf und
-entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-auf, daß mir der Kopf schwindelte. Ich möchte ihm um den
-Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht
-mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nähe, und doch
-könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen.«</p>
-
-<p>Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die
-Faust und fuhr damit hin und her, seine grünen Brillengläser
-funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien
-sich in die Höhe zu richten.</p>
-
-<p>Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß
-er ja nicht ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel
-selbst wäre; aber er ließ mich nicht zum Worte kommen.</p>
-
-<p>»Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,«
-rief er, »um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist
-ein guter Fischer und hast eine feine Nase; aber ein …r
-Professor, wie ich, der sogar in demagogischen Untersuchungen
-die Lunte gleich gerochen und eigens deswegen hierher nach
-Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine feinere als du.«</p>
-
-<p>Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu
-entstehen schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte
-mich um und glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen
-zu sehen. Ich ergriff den Professor am Arm, um ihm
-die sonderbare Erscheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag
-einen Stock hoch; dieser aber hatte weder das Lachen gehört,
-noch konnte er meine Erscheinung sehen, denn als er sich umwandte,
-sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster
-dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen
-Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.</p>
-
-<p>Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen,
-Betrug der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie
-oder Wirklichkeit war, ward die Türe aufgerissen, und
-Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit
-sonderbarem Lächeln maß er die Gesellschaft, als wisse er ganz
-gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte zu
-bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick
-auszuhalten vermochte.</p>
-
-<p>Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau
-gegenüber, neben der Frau von Thingen Platz genommen und
-die Leitung der Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen
-ließ den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich selbst
-fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der
-Ferne zu beobachten, an meinen Platz im Fenster. Da bemerkten
-wir denn das Augenspiel zwischen Frau von Trübenau und<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter des
-Oekonomierats so viel Verbindliches zu sagen wußte, daß sie
-einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen
-ihrer Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau
-von Thingen auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.</p>
-
-<p>»Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch &ndash;
-meiner Seel'! aller Ehre wert,« brummte der zornglühende
-Professor, dem jetzt auch seine letzte Ressource, die ökonomische
-Schöne, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt werden
-sollte. Mit tönenden Schritten ging er an den Tisch, nahm
-sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben
-seine Schöne, doch diese schien nur Ohren für Natas zu haben,
-denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
-»übermorgen,« und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf,
-sie scheine sehr zerstreut, meinte sie »1 fl. 30 kr. die Elle.«</p>
-
-<p>Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der
-Professor, der nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder
-Triolett alles wieder gut machen, ja, durch ein paar <em class="antiqua">ottave rime</em>
-sich sogar bei der Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach
-jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte.
-Und ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik
-dem guten Kathedermann bei weitem überlegen, führte ihn so
-aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik zu reißen und er in
-ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.</p>
-
-<p>Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit
-den Streit der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern
-Blicken zwischen Frau von Trübenau und Frau von
-Thingen. Diese hatte, ihrer schönen, runden Arme sich bewußt,
-den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um beim Eingießen
-die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber
-kredenzte die gefüllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen
-Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig so viel als
-möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.</p>
-
-<p>Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des
-Herbstabends verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer
-Damen höher zu färben und aus den Augen der Männer zu
-leuchten, da schien es mir mit einemmal, als sei man, ich weiß
-nicht wie, aus den Grenzen des Anstands herausgetreten. Allerlei
-dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gespräch
-schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man lachte und
-jauchzte und wußte nicht über was? Man kicherte und neckte
-sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span>
-mit Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen
-wieder, das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte. Wirklich,
-es war Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem
-Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke
-in sein heiseres Gelächter ausbrach.</p>
-
-<p>»Nicht wahr, meine Herren und Damen,« schrie der Punsch
-aus dem Professor heraus, »Sie haben vorhin selbst bemerkt,
-daß unser verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in
-anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das
-auch Räson, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister!
-Frau von Thingen, gnädige Frau! Sagen Sie
-selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!«</p>
-
-<p>Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors
-in großer Verlegenheit. »Ich erinnere mich,« gab ich zur Antwort,
-als alles schwieg, »von interessanten Gesichtern und ihren
-Verwechslungen gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre,
-wurde auch Herr von Natas aufgeführt.«</p>
-
-<p>Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel
-Ehre, ihn unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor
-verdarb wieder alles.</p>
-
-<p>»Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!« sagte er,
-»ich behauptete, daß mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei,
-und erzählte, wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt
-haben, wissen Sie noch, gnädiger Herr?«</p>
-
-<p>Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im
-Zimmer umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden
-Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr
-Natas, es war ein älterer, unheimlicher Mensch.</p>
-
-<p>»Da hat man's ja deutlich,« rief der Professor, »dort läuft
-er als Barighi umher.«</p>
-
-<p>»Barighi?« entgegnete Frau von Trübenau. »Bleiben Sie
-doch mit Ihrem Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär
-Gruber, der da hereingekommen ist.«</p>
-
-<p>»Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau,«
-unterbrach sie der Oberforstmeister, »es ist der Spieler Maletti,
-mit dem ich in Wiesbaden letzten Sommer associiert war.«</p>
-
-<p>»Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann,« sprach Frau
-von Thingen, den auf und ab Gehenden durch die perlmutterne
-Brille beschauend, »es ist ja niemand anders als der Kapellmeister
-Schmalz, der mir die Gitarre beibringt.«</p>
-
-<p>»Warum nicht gar!« brummte der alte Oekonomierat, »es<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span>
-ist der lustige Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an
-das Spital in D&ndash;n verschaffte.«</p>
-
-<p>»Ach! Papa,« kicherte sein Töchterlein, »jener war ja
-schwarz, und dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen
-Landwirt nicht mehr, der sich bei uns ins Praktische einschießen
-wollte?«</p>
-
-<p>»Hol' mich der Kuckuck und alle Wetter,« schrie der preußische
-Hauptmann, »das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter,
-der mir mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere
-ich den Hund, gleich morgen, gleich jetzt.« Er sprang auf und
-wollte auf den immer ruhig auf und ab Gehenden losstürzen.
-Der Professor aber packte ihn am Arm: »Bleiben Sie weg,
-Wertester!« schrie er, »ich hab's gefunden, ich hab's gefunden,
-kehrt seinen Namen um, es ist der <em class="gesperrt">Satan</em>!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Das Manuskript.</span></h3>
-</div>
-
-<p>So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem
-Abend noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit,
-bis ich mich auf alles wieder besinnen konnte. Ich muß in
-einem langen, tiefen Schlaf gewesen sein, denn als ich erwachte,
-stand Jean vor mir und fragte, indem er die Gardine für die
-Morgensonne öffnete, ob jetzt der Kaffee gefällig sei?</p>
-
-<p>Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern
-und heute hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn
-zu Bett gekommen sei?</p>
-
-<p>Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem
-Lächeln, das müsse ich besser wissen als er.</p>
-
-<p>»Ah! ich erinnere mich,« sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit
-zu verbergen, »nach der Abendtafel&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Verzeihen der Herr Doktor,« unterbrach mich der Geschwätzige.
-»Sie haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu
-Tee und Punsch auf Nr. 15.«</p>
-
-<p>»Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor
-schon auf?«</p>
-
-<p>»Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?«
-fragte der Kellner.</p>
-
-<p>»Kein Wort;« versicherte ich staunend.</p>
-
-<p>»Er läßt sich Ihnen noch vielmals empfehlen, und Sie
-möchten doch in T. bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten,<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span>
-seiner und des gestrigen Abends recht oft zu gedenken, er habe
-es ja gleich gesagt.«</p>
-
-<p>»Aha, ich weiß schon,« sagte ich, denn mit einemmal fiel
-mir ein Teil des gestern Erlebten ein. »Wann ist er denn
-abgereist?«</p>
-
-<p>»Gleich in der Frühe,« antwortete jener, »noch vor dem
-Oekonomierat und dem Oberforstmeister.«</p>
-
-<p>»Wie? so sind auch diese abgereist?«</p>
-
-<p>»Ei ja!« rief der staunende Kellner, »so wissen Sie auch
-das nicht? Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige
-Frau von Trübenau&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie sind auch nicht mehr hier?«</p>
-
-<p>»Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau
-weggefahren,« versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um
-zu sehen, ob ich nicht träume, aber es war und blieb so. Jean
-stand nach wie vor an meinem Bette und hielt das Kaffeebrett in
-der Hand.</p>
-
-<p>»Und Herr von Natas?« fragte ich kleinlaut.</p>
-
-<p>»Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der
-nicht gewesen wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit
-gekommen.«</p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Nun, bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer
-hätte aber auch dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut
-zur Ader zu lassen verstünde?«</p>
-
-<p>»Zur Ader lassen? Herr von Natas?«</p>
-
-<p>»Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette
-gegangen und haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir.«</p>
-
-<p>Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: »Es mochte
-kaum elf Uhr gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war
-schon vorbei&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was für eine Geschichte mit der Polizei?«</p>
-
-<p>»Nun, Nr. 15 ist vornheraus, und weil, mit Permiß zu
-sagen, dort ein ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins
-Haus und wollte abbieten, Herr von Natas aber, der ein guter
-Bekannter des Herrn Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie,
-daß sie wieder weiter gingen. Also gleich nachher kam das
-Kammermädchen der Frau von Trübenau herabgestürzt, ihre
-gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich denken, wie unangenehm
-so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf und zwölf
-Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe begegnet
-uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-habe, hört kaum, wo es fehlt, so springt er in sein Zimmer,
-holt sein Etui, und ehe fünf Minuten vergehen, hat er
-der gnädigen Frau am Arm mit der Lanzette eine Ader geöffnet,
-daß das Blut in einem Bogen aufsprang. Sie schlug
-die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl, doch versprach
-Herr von Natas, bei ihr zu wachen.«</p>
-
-<p>»Ei! was Sie sagen, Jean!« rief ich voll Verwunderung.</p>
-
-<p>»Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so
-ging der Tanz von neuem los. Auf Nr. 18 läutete es, daß wir
-meinten, es brenne drüben in <span id="corr026">Kassel</span>. Des Herrn Oekonomierats
-Rosalie hatte ihre hysterischen Anfälle bekommen. Der
-Alte mochte ein Glas über den Durst haben, denn er sprach vom
-Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten nichts
-anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu
-nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit
-dem Kammermädchen zu wachen; aber lieber Gott, geschlafen
-muß er haben wie ein Dachs, denn wir pochten drei-, viermal,
-bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze war nun gar
-nicht zu erwecken.«</p>
-
-<p>»Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?«</p>
-
-<p>»Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei
-Hand breit aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben
-haben.«</p>
-
-<p>»Armer Professor!« dachte ich, »dein hübsches Röschen
-mit ihren sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher
-Stille der Nacht, ein Pflaster auf das pochende Herz pappend.«</p>
-
-<p>»Der Herr Papa Oekonomierat war wohl sehr angegriffen
-durch die Geschichte?« fragte ich, um über die Sache ins klare
-zu kommen.</p>
-
-<p>»Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen
-mit dem Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es
-läutet im zweiten Stock, und das gilt mir.« Er sprach's und
-flog pfeilschnell davon.</p>
-
-<p>So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und
-doch wußte ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte.
-Ich entsann mich zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares
-vorgefallen war; was es aber gewesen sein mochte,
-konnte ich mich nicht erinnern.</p>
-
-<p>Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn
-ich recht nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der
-Professor schwankte in meiner Erinnerung umher &ndash; am besten<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span>
-deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn um die Ursache des
-schnellen Aufbruchs zu befragen.</p>
-
-<p>Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit
-der kurzen Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes
-Billett:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Euer Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden,
-wenn Sie vor meiner Abreise von hier, die auf den Mittag
-festgesetzt ist, mich noch einmal besuchen wollten.</p>
-
-<p class="right">
-von <em class="gesperrt">Natas</em>.«
-</p></div>
-
-<p>Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
-zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit
-seiner gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich
-ein unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund
-spielte, und den ich sonst nicht an ihm bemerkt hatte.</p>
-
-<p>Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen
-Trinker ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt
-habe, erzählte mir, daß ich selig entschlafen sei, und
-fragte mich mit einem lauernden Blick, was ich noch von gestern
-nacht wisse?</p>
-
-<p>Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er
-belachte sie herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken
-Phantasie.</p>
-
-<p>Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen
-Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie
-seien alle, sogar der morose Oekonomierat, dorthin gereist; ihn
-selbst aber rufen seine Geschäfte den Rhein hinab.</p>
-
-<p>Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er
-dem starken Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade
-so viele medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen
-Zufällen helfen zu können.</p>
-
-<p>Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies
-und brachte von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten
-Rheinweins. Natas hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er
-hatte uns so lange hier gefesselt.</p>
-
-<p>»Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?« fragte er mich,
-während wir den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.</p>
-
-<p>»Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?«
-antwortete ich ihm. »Ich habe mich früher als Dichter versucht,
-aber ich sah bald genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit
-singe. Ich griff daher einige Töne tiefer und übersetzte<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-unsterbliche Werke fremder Nationen fürs liebe deutsche
-Publikum.«</p>
-
-<p>Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte,
-und fragte mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren
-eines berühmten Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden
-seien, zu übersetzen? »Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren
-können, ist es eine leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen
-den Schlüssel dazu geben würde und das Manuskript im Hochdeutschen
-abgefaßt ist.«</p>
-
-<p>Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu.
-Dechiffrieren verstand ich früher und hoffte es mit wenig Uebung
-vollkommen zu lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von
-rotem Saffian auf und überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes
-Manuskript. Die Zeichen krochen mir vor dem
-Auge umher, wie Ameisen in ihren aufgestörten Hügelchen,
-aber er gab mir den Schlüssel seiner Geheimschrift, und die
-Arbeit schien mir noch einmal so leicht.</p>
-
-<p>Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem
-Dank für seine Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für
-die schönen Tage, die er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an
-den Wagen. Die Wagentüre schloß sich, der Postillon hieb auf
-seine vier Rosse, sie zogen an, und die interessante Erscheinung
-flog von hinnen; aber aus dem Innern des Wagens glaubte
-ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von gestern her
-unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.</p>
-
-<p>Als ich die Treppe hinaufstieg, händigte mir der Oberkellner
-einen Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu
-meinen eigenen Händen zu übergeben befohlen, ich riß ihn auf&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Verehrter, Wertgeschätzter!
-</p>
-
-<p>Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser
-Höhle des brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen
-schriftlich Lebewohl, weil Sie aus der todähnlichen Betäubung,
-die Sie härter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken sind.
-Daß unser fröhliches Zusammenleben so schauerlich endigen
-mußte! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja
-klar, daß dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan
-war!</p>
-
-<p>Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick über die
-Schulter und liest, was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht.
-Den armen Oekonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau,
-meine schöne Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-hat er in seinem Netz. Gott gebe, daß er Sie nicht
-auch geködert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe
-allzu tief eingebissen in seine mit chemischen Ideen bespickte
-Angel. Ich reiße mich los und mache, daß ich fortkomme.</p>
-
-<p>Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr.«</p></div>
-
-<p>Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja,
-es war der Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es
-war der Teufel, dem es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu
-ängstigen; es mußten des Teufels Memoiren sein, die ich in der
-Hand hielt.</p>
-
-<p>Wer stand mir aber dafür, daß die Schriftzüge mir nicht
-durch die Augen ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig
-machten; und konnte ich mich nicht gerade dadurch, daß ich den
-Dechiffreur und Dekopisten des Satans machte, unbewußt in
-seine Leibeigenschaft hineinschreiben?</p>
-
-<p>Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem
-Professor nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms
-traf ich keine Spur von irgend einem der lustigen Gesellschaft in
-den drei Reichskronen. Entweder hat sie der Satan eingeholt
-und in seinem achtsitzigen Wagen in sein ewiges Reich gehaudert,
-oder hatte er mich in den April geschickt. Das letztere
-schien mir wahrscheinlicher</p>
-
-<p>In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der
-an der Domkirche angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall
-vor und erhielt den Bescheid, ich solle so viele Messen darüber
-lesen lassen, als das Manuskript Bogen enthalte. Der Rat
-schien mir nicht übel. Ich reiste in meine Heimat und schickte
-am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die Kirche.
-<em class="antiqua">Probatum est</em>; am Montag fing ich an zu dechiffrieren und habe
-noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch
-an mir bemerkt.</p>
-
-<p>Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig
-mehr gehört. Der Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen
-in der Chemie zu glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem
-Wege, dem Satan Gehör zu geben, der ihn zu einem <em class="gesperrt">Berzelius</em>
-machen will. Der Hauptmann soll sich erschossen haben,
-Frau von Thingen aber, die schöne Witwe, hat, nach einer Anzeige
-im Hamburger Korrespondenten, vor nicht gar langer Zeit
-wieder geheiratet.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p>
-
-<p class="h2" id="Die_Studien_des_Satan_auf_der_beruhmten_Universitat_en">Die Studien des Satan auf der berühmten Universität …en.</p>
-
-<div class="chapcit">
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i2">»Betrogene Betrüger! Eure Ringe<br /></span>
-<span class="i0">Sind alle drei nicht echt; der echte Ring<br /></span>
-<span class="i0">Vermutlich ging verloren.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-Lessings Nathan III. 7.
-</p>
-</div>
-
-<h3 id="Funftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Einleitende Bemerkungen.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in
-den Salons der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen
-und Kasinos der Mittelstädte, in den Tabagien und
-Kneipen der kleinen spricht man von Memoiren, urteilt über
-Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es könnte scheinen,
-es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf der
-Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die
-Feder, um den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer
-merkwürdigen Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe
-bewegt haben, die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person
-einen Nimbus von Bedeutsamkeit verliehen.</p>
-
-<p>Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren
-Grandezza, wo sie, wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf
-dem Haupt zu Bette gingen, erhoben zu haben, nicht zufrieden
-damit, daß sie auf Kurierreisen Europa von einem Ende bis
-zum andern durchfliegen, um sich gegenseitig ihrer Freundschaft
-zu versichern, schreiben Memoiren für ihre Völker, erzählen
-ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die Mitwelt ist zur Nachwelt
-geworden, man hat ihr einen neuen Maßstab, wonach sie
-die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es sind die
-Memoiren.</p>
-
-<p>Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das
-Beispiel jenes Römers nachzuahmen, der in der Muße des
-Friedens die Taten der Legionen unter seiner Führung der
-Nachwelt würdig zu überliefern glaubte, wenn er von sich nur
-immer in der dritten Person spräche, haben den bescheideneren
-Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es Männern von solchem
-Gewichte ziemt, als Ich, bauen aus ihren Memoiren ein<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne auf
-der Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren
-sie die Kulissen, Staatsmänner und berühmte Damen, die große
-Armee und ihre lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt
-stellen sie in den Hintergrund als Figuranten auf, sie selbst aber
-spielen ihre Sulla oder Brutus würdig des unsterblichen Talma.</p>
-
-<p><em class="antiqua">Mundus vult decipi</em>, d. i. die Leute lesen Memoiren; was
-hält mich ab, denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen
-vorzusetzen?</p>
-
-<p>Man wendet vielleicht ein: »Der Schuster bleibe bei seinem
-Leisten, der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben.«</p>
-
-<p>Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen
-Beruf hätte, Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch
-so viel oder noch mehr gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten
-oder diplomatischen Krieger, welche die Welt mit ihrem
-<em class="gesperrt">literarischen</em> Ruhme anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer
-Siege zu erwähnen aufgehört haben; wenn nun dieser arme
-Teufel einen Drang in sich fühlte, auch für einen <em class="antiqua">homo literatus</em>
-zu gelten?</p>
-
-<p>Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem
-lieben Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt
-es mich hin, zu schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt
-ist, die Finger mit Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem
-Teufel auch noch erlaubt sein?</p>
-
-<p>Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht
-gegen meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein
-Literatus, kein Mann vom Gewerbe etc. Aber fürs erste habe
-ich soeben die Damen, welche, wenn sie noch so gelehrt, doch
-keine Gelehrten von Profession sind, anzuführen die Ehre gehabt;
-sodann berufe ich mich auf jene Söhne des Lagers, die,
-unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut, keine
-Zeit hatten, Humaniora zu studieren und dennoch so glänzende
-Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das Vorurteil,
-ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin
-<em class="antiqua">in optima forma</em> Doktor der Philosophie geworden, wie aus
-meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf
-weiß aufweisen.</p>
-
-<p>Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine
-Memoiren auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher
-Miene vor den sogenannten Rezensenten. Er gab
-mir zu verstehen, daß ich übel wegkommen könnte, indem solche<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
-niemand schonen, ja sogar neuerdings selbst Doktoren der Theologie
-in Berlin, Halle und Leipzig hart mitgenommen haben.
-Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, daß das Sprichwort
-<em class="antiqua">clericus clericum non decimat</em> füglich auch auf mein Verhältnis
-zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich
-ja doch schon im Alten Testament <em class="gesperrt">Satan</em>, <em class="antiqua">adversarius</em>, das
-ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den
-schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament;
-dort werde ich διαβολος oder Verleumder genannt; da nun
-διαβαλλειν so viel sei als <em class="antiqua">acerbe recensere</em>, so müsse er, wenn
-er nur ein wenig Logik habe, den Schluß von selbst ziehen
-können.</p>
-
-<p>Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt
-vor meiner Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß
-es mir auf diese Art nicht fehlen könne.</p>
-
-<p>Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen
-Memoiren vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten
-der Rede finden, das den Werken tiefdenkender Geister so
-eigen zu sein pflegt. Man wird kürzere und längere Bruchstücke
-aus meinem Walten und Treiben auf der Erde finden und den
-innern Zusammenhang vermissen.</p>
-
-<p>Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht
-nicht, ein Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren
-genug in allen soliden Buchhandlungen Deutschlands.</p>
-
-<p>Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er
-sich und seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt
-und darüber reflektiert; wenn er Begebenheiten entwickelt,
-die entweder auf ihn oder die Mitwelt nähere oder entferntere
-Beziehung haben, wenn er berühmte Zeitgenossen und seine
-Verhältnisse zu ihnen dem Auge vorführt. Und diese Forderungen
-glaube ich in meinen Memoiren erfüllt zu haben, sie
-sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten, die
-meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem gelehrten
-Publikum als Schriftsteller aufzutreten.<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Was der Satan hier ernsthaft und gelehrt spricht! Er gebärdet sich beinahe
-wie ein junger Kandidat der Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt.
-</p>
-<p class="right">
-Anm. d. Herausgebers.
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Ueber Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder
-glänzende Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was
-etwa darüber zu sagen sein könnte, habe ich in dem Abschnitt
-»Besuch bei Goethe« ausgesprochen und verweise daher den Leser
-dahin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span></p>
-
-<p>Fleißige Leser, d. i. solche, die Bogen für Bogen in einer
-Viertelstunde durchfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt
-nicht überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen
-eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich
-hierüber nichts zu sagen als, sie sollen das Buch weglegen, wenn
-sie sich langweilen.</p>
-
-<p>Ehe mein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe
-zurückkommt, hat der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen
-einzuflicken. Es scheint mir nämlich, der Satan besitze eine
-ziemliche Dosis Eitelkeit; man bemerke nur, wie wichtig er von
-jenem Abschnitt spricht, worin er über sich einige Bemerkungen
-macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur angedeutet hätte,
-daß dies oder jenes darin zu finden sei, aber dem Leser zu
-empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene enthalten
-sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.</p>
-
-<p>Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt!
-Ein anderer, wie z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch
-nicht mit dem Taufschein, was nun freilich beim Teufel nicht
-wohl möglich ist, doch wenigstens mit der Begebenheit angefangen,
-die der Chronologie nach die erste ist. Ich habe das
-Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe jeder Bogen
-hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und fand, daß
-er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit angehören,
-und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre
-Taten von zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man sieht
-wohl, daß er keine gute Schule gehabt haben muß.</p>
-
-<p>Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz
-dem Teufel wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt von
-jedem einzelnen Kapitel vorangesetzt.</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Der Herausgeber.</em>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p>
-
-<h3 id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Wie der Satan die Universität bezieht, und welche Bekanntschaften
-er dort machte.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und
-ich gestehe es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus
-zu Grunde; man glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium;
-jenen kühnen philosophischen Waghälsen, die auf die
-Gefahr hin, daß ich sie zu mir nehme, meine Existenz geleugnet
-und mich zu einem lächerlichen Phantom gemacht haben, ist es
-noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn dieses Volkes zu
-zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch immer
-schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen
-und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.</p>
-
-<p>Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung
-so weit hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem
-Gott, sogar an keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter
-diesem Volke sogar meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß
-ich im Ansehen bleibe. Hand in Hand mit dem Glauben an
-die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube an mich, und wie
-oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde gehört:
-»<em class="antiqua">Anathema sit</em>, <em class="gesperrt">er glaubt an keinen Teufel</em>.«</p>
-
-<p>Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher
-auf den vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit
-auf einer Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man
-mich von Semester zu Semester systematisch traktiert.</p>
-
-<p>Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt
-ist jetzt zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft,
-wenn ich einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich,
-daß mir ein guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur,
-ja sogar etwas Medizin fehle; zwar, als das Magnetisieren aufkam,
-habe ich auch einen Kursus bei Mesmer genommen und
-nachher manche glückliche Kur gemacht. Aber damit ist es
-heutzutage nicht getan; daher die elenden Sprichwörter, die in
-Deutschland kursieren: <em class="gesperrt">ein dummer Teufel</em>, <em class="gesperrt">ein armer
-Teufel</em>, <em class="gesperrt">ein unwissender Teufel</em>, was offenbar auf
-meine vernachlässigte wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.</p>
-
-<p>Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich
-bin vom Himmel gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß
-ich mich, zu studieren und womöglich es in der Philosophie<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
-so weit zu bringen, daß ich ein ganz neues System erfände,
-wovon ich mir keinen geringen Erfolg versprach. Ich wählte
-…en und zog im Herbst des Jahrs 1819 daselbst auf.</p>
-
-<p>Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich
-meinem neuen Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name
-war <em class="gesperrt">von Barbe</em>, meine Verhältnisse glänzend, das heißt,
-ich brachte einen großen Wechsel mit, hatte viel bar Geld, gute
-Garderobe und hütete mich wohl, als Neuling oder, wie man
-sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte schon allenthalben
-studiert, mich in der Welt umgesehen.</p>
-
-<p>Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter,
-den nächsten Morgen vertraute Freunde und am
-zweiten Abend Brüder auf Leben und Tod am Arm hatte. Man
-denkt vielleicht, ich übertreibe; wäre ich Kavalier, so würde ich
-auf Ehre! versichern und »Hol' mich der Teufel« als Verstärkungspartikel
-dazu setzen (denn »Auf Ehre« und »Hol' mich der
-Teufel« verhalten sich zu einander, wie der <em class="antiqua">Spiritus lenis</em> zum
-<em class="antiqua">Spiritus asper</em>), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole als
-Satan geben.</p>
-
-<p>Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich
-dies aber folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht
-unvorbereitet kam; wer die deutschen Universitäten nur entfernt
-kennt, weiß, daß ein an Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart
-von der übrigen Welt ganz verschiedenes Volk dort
-wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von Schmalz Werke
-über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über Burschenschaften
-und Landsmannschaften etc., ward aber noch nicht
-recht klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging.
-Der Zufall half mir aus der Not. Ich nahm in F. einen Platz
-in einer Retourchaise; mein Gesellschafter war ein alter Student,
-der seit acht Jahren sich auf die Medizin legte. Er hatte das
-<em class="antiqua">Savoir vivre</em> eines alten Burschen, und ich befliß mich, in den
-sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt zufuhr, an ihm
-meine Rolle zu studieren.</p>
-
-<p>Es war ein großer wohlgewachsener Mann von vier- bis
-fünfundzwanzig Jahren, sein Haar war dunkel und mochte
-früher nach heutiger Mode zugeschnitten sein, hing aber, weil
-der Studiosus die Kosten scheute, es scheren zu lassen, unordentlich
-um den Kopf; doch bemühte er sich, solches oft mit fünf
-Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht war schön,
-besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge hatte
-viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es; das<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer
-Bart wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um
-die feinen Lippen hing ein vom Bier geröteter Henriquatre.</p>
-
-<p>Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich,
-die Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere
-Falten; das Auge blickte streng und stolz um sich her und maß
-jeden Gegenstand mit einer Hoheit, einer Würde, die eines
-Königsohnes würdig gewesen wäre.</p>
-
-<p>Ueber die untern Partien des Gesichtes, namentlich über
-das Kinn konnte ich nicht recht klug werden, denn sie staken
-tief in der Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge
-Mann bei weitem mehr Sorgfalt gewidmet zu haben als dem
-übrigen Anzug; diese beiläufig einen halben Schuh Höhe messende
-Binde von schwarzer Seide zog sich, ohne ein Fältchen zu werfen,
-von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein exklusive
-und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, auf welchem
-der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben
-Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried
-nannte, und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte;
-dieser <em class="gesperrt">Gottfried Flaus</em> reichte bis eine Spanne
-über das Knie und schloß sich eng um den ganzen Leib; auf der
-Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte sehen ließ,
-daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut versehen sein
-müsse.</p>
-
-<p>Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt
-schlossen sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich
-geformt und dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen
-zur Folie.</p>
-
-<p>Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes
-Tuch in Form eines umgekehrten Blumenscherben gehängt, das
-er mit vieler Kunst gegen den Wind zu balancieren wußte; es
-sah komisch aus, fast, wie wenn man mit einem kleinen Trinkglas
-ein großes Kohlhaupt zudecken wollte.</p>
-
-<p>Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut
-studiert, um nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße
-gegen den Herrn Bruder gebe, sein Respekt vor mir auf ewig
-verloren sei; ich merkte ihm daher seine Augenbrauenfalten,
-sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es ging, ab und hatte die
-Freude, daß er mich gleich nach der ersten Stunde auffallend
-vor dem »Philister und dem Florbesen«, auf deutsch einem alten
-Professor und seiner Tochter, welche unsre übrige Reisegesellschaft
-ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde hatte<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon
-einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach …en
-einfuhren, hatte er mir versprochen, eine »fixe Kneipe«, das
-heißt, eine anständige Wohnung auszumitteln, wie auch mich
-unter die Leute zu bringen.</p>
-
-<p>Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter,
-ließ an einem Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich
-ein, seinem Beispiele zu folgen und hier auf die Beschwerden
-der Reise ein Glas zu trinken. Die ganze Fensterreihe des
-Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen bedeckt; es
-war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier versammelt,
-um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang
-des Semesters einzutreffen pflegen, nach gewohnter Weise zu
-empfangen. Würger, der alte, »längst bemooste« Bursche, hatte
-sich schon unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden
-uns für »Füchse« halten werden, und wirklich traf seine
-Vermutung ein.</p>
-
-<p>Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den
-Fenstern herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Was kommt dort von der Höh'?«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch der
-Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein
-furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor: »Was
-schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß
-zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?«
-(Auf deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen
-ja, daß zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)</p>
-
-<p>Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner:
-»Würger! Du altes, fideles Haus!« schrien die Musensöhne
-und stürzten die Treppen herab in seine Arme; die Raucher
-vergaßen ihre langen Pfeifen wegzulegen, die Billardspieler
-hielten noch ihre Queues in der Hand. Sie bildeten eine Leibwache
-von sonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen.</p>
-
-<p>Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner
-nicht, der ich bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den
-ältesten und angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und
-ich wurde mit herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man
-führte uns in wildem Tumult die Treppe hinan, man setzte
-mich zwischen zwei bemooste Häupter an den Ehrenplatz, gab
-mir ein großes Paßglas voll Bier, und ein Fuchs mußte dem
-neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>So war ich denn in …en als Student eingeführt,
-und ich gestehe, es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen.
-Es herrschte ein offener, zutraulicher Ton, man brauchte
-sich nicht in den Fesseln der Konvenienz, die gewiß dem Teufel
-am lästigsten sind, umherzuschleppen, man sprach und dachte,
-wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, daß ich gerade
-im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht wundern,
-daß ich mich vom Anfang gar nicht recht in die Konversation
-zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter
-(<em class="antiqua">Termini technici</em>), von welchen ich oben schon eine kleine Probe
-gegeben habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft »Sau,« das
-Glück, mit »Pech«, das Unglück bedeutet, wie auch »holzen«, mit
-einem Stock schlagen, mit »pauken«, mit andern Waffen sich
-schlagen.</p>
-
-<p>Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich
-nicht von Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen
-wurde, so fiel man hinter dem Bierglas in ungemein
-transzendentale Untersuchungen, von welchen ich anfangs wenig
-oder gar nichts verstand, ich merkte mir aber die Hauptworte,
-welche vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation gezogen
-wurde, so antwortete ich mit ernster Miene: »Freiheit,
-Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit.«</p>
-
-<p>Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich
-<em class="gesperrt">teufelmäßige</em> Sprünge machen konnte, da ich mir sogar
-nach und nach langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte
-und kämmte und einen zierlich ausgeschnittenen Kragen über
-den deutschen Rock herauslegte, mich auch auf die Klinge nicht
-übel verstand, so war es kein Wunder, daß ich bald in großes
-Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluß
-so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten zu
-leiten und zu erziehen und sie für die Welt zu gewinnen.</p>
-
-<p>Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner
-Kommilitonen ein gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der
-mir nun gar nicht behagte und nach meiner Meinung sich auch
-nicht für junge Leute schickte. Wenn ich an die jungen Herren
-in London und Paris, in Berlin, Wien, Frankfurt etc. dachte, an
-die vergnügten Stunden, die ich in ihrem Kreise zubrachte;
-wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren schönen, hohen
-Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand, ihre nicht
-geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzsaal,
-nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem
-Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt, anwenden<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen,
-in die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren
-anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir
-nicht unterdrücken.</p>
-
-<p>Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige
-lustige Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen
-ergötzliche Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so
-zu unterhalten, daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte
-ich kühnere Angriffe. Ich stellte mich Sonntags mit meinen
-Gesellen vor die Kirchtüre, musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden
-Damen, zog dann, wenn die Schäflein drin waren
-und der Küster den Stall zumachte, mit den Meinigen in ein
-Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die Gäste
-besser zu unterhalten als der Doktor N. oder Professor N. in
-der Kirche seine Zuhörer.</p>
-
-<p>Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partie
-auf meiner Seite. Die Frömmeren schrieen von Anfang über
-den rohen Geist, der einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir
-christliche Bursche seien; aber es half nichts, meine Persiflagen
-hatten so gute Wirkung getan, daß sie sich am Ende selbst schämten,
-in der Kirche gesehen zu werden, und es gehörte zum guten
-Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtür zu sein; aber bis hierher
-und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als je, es
-wurde viel getrunken, ja, es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im
-Trinken zu halten, man wird es kaum glauben, es gab sogar
-eigentliche Kunsttrinker!</p>
-
-<p>Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben,
-aber die Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre »Altvordern«
-auch durch Trinken exzelliert haben; die Frömmsten
-ließen sich große Humpen verfertigen und zwangen und mühten
-sich so lange, bis sie wie Götz von Berlichingen oder gar wie
-Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den Feineren, Gebildeteren
-war es natürlich vom Anfang auch ein Greuel, ich
-verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich
-in seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:</p>
-
-<p>»Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart
-hinter dem schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt,
-eine Art von stärkendem Schlammbad sei, um die Ueberfeinerung
-abzuwenden, mit der jener Flor bedrohe; ich glaube,
-daß einer, der erwägt, wie weit die Wissenschaften bei einem
-Studierenden steigen, dem Musensohne ein gewisses barbarisches
-Mittelalter, das sogenannte Burschenleben &ndash; gönnen werde,<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht über die
-Grenze geht.«</p>
-
-<p>Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für
-diese Stelle meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich
-ausspricht, was konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen?
-Sie setzten sich auch in die schwarzgerauchte Kneipe, »verschlammten«
-sich recht tüchtig in dem »barbarischen Mittelalter« und
-hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine älteren Zöglinge
-bald überholt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und
-leben machte, vergaß ich auch das <em class="antiqua">Dic cur hic</em> nicht und legte
-mich mit Ernst aufs <em class="gesperrt">Theoretische</em>. Ich hörte die Philosophen
-und Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den
-Juristen und Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen
-zu reden, von einem der hellsten Lichter jener Universität,
-wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft sagen hören,
-<em class="gesperrt">der Kerl hat den Teufel im Leib</em>. Eine solche geheimnisvolle
-Tiefe, wollte man behaupten, solche überschwengliche
-Gedanken, solche Gedrungenheit des Stils, eine so hinreißende
-Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden in Israel. Ich
-habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem Urteil,
-als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel ausgestanden
-in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII. 31 und 32
-in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen? &ndash;
-Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben!</p>
-
-<p>Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen
-Ton vorbrachte, war für seine Zuhörer so gut als Französisch
-für einen Eskimo. Man mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen,
-ehe man darüber ins klare kam, daß er ebensowenig
-fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er aber machte
-sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine himmelhohe
-Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis angepinselt
-hatte. Auf dieser kletterte er nun zum blauen Aether
-hinan, versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er
-geschaut habe, er stieg und stieg, bis er den Kopf durch die
-Wolken stieß, blickte hinein in das reine Blau des Himmels,<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span>
-das sich auf dem grünen Grasboden noch viel hübscher ausnimmt
-als oben, und sah, wie Sancho Pansa, als er auf dem
-hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die Erde so groß wie
-ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich &ndash; nichts.</p>
-
-<p>Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die
-Männer von Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten
-für alles Volk, damit sich keines verlaufe in der Wüste, und
-siehe da, der Herr verwirrte ihre Sprache, daß weder Meister
-noch Gesellen einander mehr verstanden.</p>
-
-<p>Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen;
-er las über die Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal
-zwei vier sei, und die Herren Studiosi schrieben ganze
-Stöße von Heften, daß zweimal zwei vier sei. Dieser Mann
-blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte seinem Ziele
-mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren Kollegen, die,
-wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,
-Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt
-aussandten.</p>
-
-<p>Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei
-so bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern
-Hörsaal ein, wo man über die Seele des Menschen dozierte.
-Gerechter Himmel! Wenn ich so viel Umstände machen müßte,
-um eine liederliche Seele in mein Fegfeuer zu deduzieren! Der
-Mensch auf dem Katheder malte die Seele auf eine große
-schwarze Tafel und sagte: »So ist sie, meine Herren!« Damit
-war er aber nicht zufrieden, er behauptete, sie sitze oben in der
-Zirbeldrüse.</p>
-
-<p>Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen.
-Um meine Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem
-Sonntag nach der Kirche einem oder dem andern meine Visite
-abzustatten. Ich zog mich ganz schwarz an, daß ich ein ziemlich
-theologisches Air hatte, und trat meinen Marsch an. Man hatte
-mir vorhergesagt, ich sollte keinen zu voreiligen Schluß auf den
-reinen und frommen Charakter dieser Männer machen, sie seien
-etwas nach dem alttestamentarischen Kostüm, vernachlässigen
-äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins Linkische.</p>
-
-<p>Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat in das Zimmer
-des ersten Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob
-sich ein dicker ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock,
-eine ganz schwarze Meerschaumpfeife in der Hand. Er
-machte einen kurzen Knicks mit dem Kopf und sah mich dann
-ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm auseinander, wie<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span>
-mich die Philosophie gar nicht befriedigte, und daß ich gesonnen
-sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
-einige unverständliche, aber, wie es schien, gelehrte Bemerkungen,
-verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer
-auf und ab.</p>
-
-<p>Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu
-begleiten, voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten
-neben ihm her, indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter
-Mund weiter vorbringen werde. Vergebens! Er grinste
-hie und da noch etwas weniges, sprach aber kein Wort weiter,
-wenigstens verstand ich nichts als die Worte: »Pfeife rauchen?«
-ich merkte, daß er mir höflich eine Pfeife anbiete, konnte aber
-keinen Gebrauch davon machen, denn er rauchte wahrhaftig eine
-gar zu schlechte Nummer.</p>
-
-<p>Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in
-Verlegenheit zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen
-des Professors mich gänzlich außer Fassung gebracht. So aber
-ging ich gemächlich neben ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte,
-und zählte die Schritte, die sein Zimmer in der Länge
-maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die verschiedenen
-Kleider und Wäschrudera, die auf den Stühlen umherlagen,
-das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte,
-wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein
-Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn
-und lang um die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter
-dem Arm. Der Schlafrock war an dem Ellbogen zerrissen und
-hatte verschiedene Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt
-schienen. Das eine Bein war mit einem schwarzseidenen
-Strumpf, und der Fuß mit einem Schnallenschuh bekleidet, der
-andere stak in einem weiten abgelaufenen Filzpantoffel, und
-um das halbentblößte Bein hing ein gelblicher Socken. Ehe
-ich noch während des unbegreiflichen Stillschweigens des Theologen
-meine Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die
-Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der Röte des
-Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.</p>
-
-<p>»Nein, das ist doch zu arg, Blasius!« schrie sie, »der
-Küster ist da und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht
-schon vor dem Altar, und du steckst noch im Schlafrock!«</p>
-
-<p>»Weiß Gott, meine Liebe,« antwortete der Doktor gelassen,
-»das habe ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte
-ich schon zum Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke
-einfiel, der den Doktor Paulus weidlich schlagen muß.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span></p>
-
-<p>Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle
-beraube, wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um
-auch sein übriges Kadaver zum Dienst des Herrn zu schmücken.
-Sein Eheweib aber stellte sich mit einer schnellen Wendung vor
-ihn hin und zog die weiten Falten ihrer Kleider auseinander,
-daß vom Professor nichts mehr sichtbar war.</p>
-
-<p>»Sie verzeihen, Herr Kandidat,« sprach sie, ihre Wut kaum
-unterdrückend. »Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen
-werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen.
-Er muß jetzt in die Kirche.«</p>
-
-<p>Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter
-unter den Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe.
-»Ein schöner Anfang in der Theologie!« dachte ich, und die
-Lust, die übrigen geistlichen Männer zu besuchen, war mir
-gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige Vorlesungen mit
-anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.</p>
-
-<p>Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft
-mit jungen Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen
-von allen Farben und Formen, lange herabwallende, kurze
-emporsteigende Haare, Bärte, an welchen sich ein Sappeur der
-alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und kleine, zierliche
-Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten, neben deutschen
-Röcken und ellenbreiten Hemdkragen. So saßen die jungen
-geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine
-Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte
-der Weisheit gleich <em class="antiqua">ad notam</em> zu nehmen. »O Platon und
-Sokrates!« dachte ich, »hätten eure Studiosen und Akademiker
-nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer, heiliger Weisheit
-wäre nicht umsonst verrauscht; wie majestätisch müßten sich die
-Folianten von <em class="antiqua">Socratis opera</em> in mancher Bibliothek ausnehmen!«</p>
-
-<p>Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke
-Gestalt drängte sich durch die Reihen der jungen Herren dem
-Katheder zu, es war der Doktor Schnatterer, den ich gestern
-besucht hatte. Mit Wonnegefühl schien er die Versammlung
-zu überschauen, hustete dann etwas weniges und begann:</p>
-
-<p>»Hochachtbare, Hochansehnliche!« (Damit meinte er die,
-welche sechs Taler Honorar zahlten.)</p>
-
-<p>»Wertgeschätzte!« (Die, welche das gewöhnliche Honorar
-zahlten.</p>
-
-<p>»Meine Herren!« (Das waren die, welche nur die Hälfte
-oder aus Armut gar nichts entrichteten.) Und nun hob er<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span>
-seinen Sermon an, die Federn rasselten, das Papier knirschte,
-er aber schaute herab wie der Mond aus Regenwolken.</p>
-
-<p>Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen
-können, denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt
-<em class="antiqua">De angelis malis</em>, worin ich vorzüglich traktiert zu werden
-hoffen durfte. Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten.
-»Der Teufel,« sagte er, »überredete die ersten Menschen zur
-Sünde und ist noch immer gegen das ganze Menschengeschlecht
-feindlich gesinnt.« Nach diesem Satz hoffte ich nun eine philosophische
-Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören; aber
-weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort <em class="gesperrt">Teufel</em> stehen,
-und daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem
-Aufwand von Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen
-Schlafrock nicht gesucht hätte, warf er nun das Wort Beelzebub
-drei Viertelstunden lang hin und her. Er behauptete, die einen
-erklären, es bedeute einen Fliegenmeister, der die Mücken aus
-dem Lande treiben solle, andere nehmen das Sephuph nicht von
-den Mücken, sondern als <em class="gesperrt">Anklage</em>, wie die Chaldäer und
-Syrier. Andere erklären Sephuph als Grab, <em class="antiqua">Sepulcrum</em>. Die
-Federn schwirrten und flogen: so tiefe Gelehrsamkeit hört man
-nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle
-drei Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und
-profanen Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es
-mir vielen Spaß gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben
-und namentlich den Satan so gründlich anatomiert zu
-sehen. Aber endlich machte es mir doch Langeweile, und ich
-wollte schon meinen Platz verlassen, um dem unendlichen Gewäsch
-zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick aus,
-die Sacktücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine
-andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten
-&ndash; alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen
-werde.</p>
-
-<p>Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die
-Meinungen anderer aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte,
-begann jetzt mit Salbung und Würde seine eigene Meinung
-zu entwickeln.</p>
-
-<p>Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem
-sie keinen passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und
-glaube sich in diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein
-stellen zu dürfen. Er lese nämlich Saephael, und das bedeute
-Kot, Mist und dergleichen. Der Teufel oder Beelzebub wäre
-also hier der <em class="gesperrt">Herr im Dreck</em>, <em class="gesperrt">der Unreinliche</em>,<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span>
-το πνευμα ακαθαρτον, der <em class="gesperrt">Stinker</em> genannt, wie denn auch
-im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser
-unanständiger Geruch verbunden sei.</p>
-
-<p>Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war
-mir noch nie vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen
-Exegeten mit dem nämlichen Mittel zu bedienen, das einst
-Doktor Luther, welcher gar keinen Spaß verstand, an mir probierte,
-ihm nämlich das nächste beste Tintenfaß an den Kopf
-zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich noch besser an ihm
-rächen könnte, ich bezähmte meinen Zorn und schob meine Rache
-auf.</p>
-
-<p>Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das
-Heft zu, stand auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach
-der Türe. Die tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte,
-löste sich in ein dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.</p>
-
-<p>»Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche
-Fülle der tiefsten Gelehrsamkeit!« murmelten die Schüler des
-großen Exegeten. Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte,
-ob ihnen auch kein Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen,
-von seinen kühnen Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich
-waren sie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn sie hoffen
-durften, ein dickes, reinliches, vollständiges Heft zu bekommen.</p>
-
-<p>Sobald sie aber die teuren Blätter in den Mappen hatten,
-waren sie die alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen
-Pfeifen, man setzte die Mütze kühn auf das Ohr, zog singend
-oder den großen Hunden pfeifend ab, und wer hätte den Jünglingen,
-die im Sturmschritt dem nächsten Bierhaus zuzogen,
-angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie seien und
-<em class="antiqua">recta via</em> von der kühnsten Konjektur des großen Dogmatikers
-herkommen?</p>
-
-<p>So schloß sich mein erster theologischer Unterricht, ich war,
-wenn nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff
-meiner selbst, an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.</p>
-
-<p>Ich schwur mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen
-Theologen dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn
-der Oberste unter ihnen solche krasse Begriffe zu Markt brachte,
-was durfte ich von den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen
-Saephael-, oder Dr&ndash;ck-Seele hatte ich Rache geschworen, und
-ich war Manns genug dazu, um sie auszuführen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p>
-
-<h3 id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht
-übergehen darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des
-wunderlichen Volkes, unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich
-hatte schon seit einiger Zeit fleißig die Anatomie besucht, um
-auch die Aerzte kennen zu lernen. Da geschah es eines Tages,
-daß ich mit mehreren Freunden um einen Kadaver beschäftigt
-war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des
-Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des Glaubens an Unsterblichkeit
-darzutun suchte.</p>
-
-<p>Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: »Pfui
-Teufel! wie riecht's hier!«</p>
-
-<p>Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen,
-der mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch
-den Eifer und das Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige
-Konjektur des Professors niederschrieb, gegen sich aufgebracht
-hatte. Als ich nun diese Aeußerung: »Pfui Teufel, wie riecht's
-hier!« die ich in jenem Augenblick aus des Theologen Munde
-nur auf mich, als den »Herrn im Kot« bezog, hörte, sagte ich
-ihm ziemlich stark, daß ich mir solche Gemeinheiten und Unzüglichkeiten
-verbitte.</p>
-
-<p>Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das
-man Komment heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit
-Blut abgewaschen werden konnte. Der Theologe, ein tüchtiger
-Raufer, ließ mich daher am andern Tage sogleich fordern. Ein
-solcher Spaß war mir erwünscht, denn wer sein Ansehen unter
-seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich damals geschlagen
-haben, obgleich das Duell an sich von meinen Freunden
-als etwas Unvernünftiges, Unnatürliches angesehen wurde.
-Ich hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem
-Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und
-beide Partien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.</p>
-
-<p>Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der
-Oberrock ihm ausgezogen und der »Paukwichs,« das heißt, die
-Rüstung, in welcher das Duell vor sich gehen sollte, angelegt.
-Diese Rüstung oder der Paukwichs bestand in einem Hut mit
-breiter Krempe, die dem Gesicht hinlänglichen Schutz verlieh,
-einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die über den Bauch geschnallt
-wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit der
-Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt.<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-Eine ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers
-ein <span id="corr047">Groschenstrick</span> war, stand steif um die Gegend des Halses
-und schützte Kinn, Kehle, einen Teil der Schultern und den
-obern Teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur Hand,
-bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen verfertigtes Rüstzeug,
-Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare
-Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch
-gewährte sie große Sicherheit, denn nur ein Teil des Gesichtes,
-der Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des
-Gegners zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht
-enthalten, wenn ich im Spiegel meinen sonderbaren Habit betrachtete.
-»Der Satan in einem solchen Aufzuge und im Begriff,
-sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu
-schlagen!«</p>
-
-<p>Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen
-Ausbruch der Kühnheit und des Muts, gedachten, es sei jetzt
-der rechte Augenblick gekommen, und führten mich in einen
-großen Saal, wo man mit Kreide die gegenseitige feindliche
-Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein Fuchs rechnete
-es sich zur hohen Ehre, mir den »Schläger« vorantragen zu
-dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
-Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete
-Waffe mit großem, schützendem Korb, und scharf geschliffen wie
-ein Schermesser.</p>
-
-<p>Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe
-machte ein grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf
-mich, der mich nur noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn
-tüchtig zu zeichnen.</p>
-
-<p>Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen
-waren gebunden, die Sekundanten schrieen: »Los!« und unsere
-Schläger schwirrten in der Luft und fielen rasselnd auf die
-Körbe. Ich verhielt mich meistens parierend gegen die wirklich
-schönen und mit großer Kunst ausgeführten Angriffe des Gegners.
-Denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von Anfang
-nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm
-eine Schlappe gab.</p>
-
-<p>Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte
-noch nie so kühn und schnell angreifen, noch nie mit so vieler
-Ruhe und Kaltblütigkeit sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst
-wurde von den ältesten »Häusern« bis in den Himmel
-erhoben, und man war nun gespannt und begierig, bis ich selbst
-angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich dazu aufzumuntern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb
-blutig gewesen wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte,
-zeigte ich meinen Kameraden die Stelle auf der rechten Wange,
-wohin ich meinen Theologen treffen wolle. Dieser mochte es
-mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen werde, er legte sich
-so gedeckt als möglich aus und hütete sich, selbst einen Angriff
-zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der ein
-allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßige Hiebe,
-und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.</p>
-
-<p>Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah, mein
-Sekundant und Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu,
-maßen die Wunde und sagten mit feierlicher Stimme: »<em class="gesperrt">Es
-ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also
-Ansch&ndash;ß</em>«. Das hieß so viel als: weil ich dem guten Jungen
-ein Zoll langes Loch ins Fleisch gemacht hatte, war seiner Ehre
-genug geschehen</p>
-
-<p>Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten
-meine Hände, die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe,
-mit welcher die in der Geschichte einzige und unerhörte Tat
-geschehen war. Denn wer, seit des großen Renommisten Zeiten
-durfte sich rühmen, vorher die Stelle, die er treffen wollte,
-angezeigt und mit so vieler Genauigkeit getroffen zu haben?</p>
-
-<p>Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein
-und bot mir in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu
-dem Verwundeten, dem man gerade mit Nadel und Faden seine
-Wunde zunähte, und versöhnte mich mit ihm.</p>
-
-<p>»Ich bin Ihnen Dank schuldig,« sagte er zu mir, »daß
-Sie mich so gezeichnet haben. Ich wurde, ganz gegen meinen
-Willen, gezwungen, Theologie zu studieren. Mein Vater ist
-Landpfarrer, meine Mutter eine fromme Frau, die ihren Sohn
-gerne einmal im Chorrock sehen möchte. <em class="gesperrt">Sie</em> haben mit
-<em class="gesperrt">einemmal</em> entschieden, denn mit einer Schmarre vom Ohr
-bis zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen.«</p>
-
-<p>Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen,
-der wohl mit geheimer Wehmut an den Schmerz des
-alten Pastors, an den Jammer der frommen Mama denken
-mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall anlangte. Ich
-aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch eine
-so kurze Operation der Welt wiedergeschenkt zu sein. Ich
-fragte ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen,
-daß der Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers
-ihn von jeher am meisten angezogen hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span></p>
-
-<p>Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen
-Gedanken, denn gerade unter diesen beiden Ständen
-zähle ich die meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm
-daher aufs ernstlichste, dem Trieb der Natur zu folgen, indem
-ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale
-und an die vorzüglichsten Bühnen versprach.</p>
-
-<p>Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell
-angewohnt hatte, gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch
-mein Gegner und seine Gesellen nicht vergessen wurden. Dem
-ehemaligen Theologen zahlte ich nachher in der Stille seine
-Schulden und versah ihn, als er genesen war, mit Geld und
-Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn eröffneten.</p>
-
-<p>Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig, als der glänzende
-Ausgang meiner Affäre ein Geheimnis geblieben. Man
-sah mich von jetzt wie ein höheres Wesen an, und ich kannte
-manche junge Dame, die sogar über meine großmütigen Sentiments
-Tränen vergoß.</p>
-
-<p>Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation
-einen prachtvollen Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie
-sich ausdrückten: <em class="gesperrt">für den guten Geruch ihrer Anatomie
-geschlagen habe</em>.</p>
-
-<p>Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie
-von Anfang war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen
-huldigt sie gerne, wenn es sich nur in einem glänzenden Gewande
-zeigt; die gute, ehrliche Tugend mit ihren rauhen Manieren
-und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen wird höchstens
-Achtung, niemals Beifall erlangen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Satans Rache an Doktor Schnatterer.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in
-…en hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor
-gemacht hatte, zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Aesthetik,
-Rhetorik, namentlich aber auf die schöne Literatur. Man
-wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art meine Zeit unnütz
-angewendet. Ich besuchte ja jene berühmte Schule nicht, um
-ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib
-und Kind ernähren könnte, sondern das <em class="antiqua">Dic cur hic</em>, das ich
-recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer, ich solle<span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span>
-suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen,
-mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu vervollkommnen,
-die heutzutage einem Mann von Bildung unentbehrlich
-sind.</p>
-
-<p>Bei Gelegenheit, eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren,
-über die Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen,
-eine Statue nach allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für
-die Männer einige theologische Literatur, einige juridische Phrasen,
-einige neue medizinische Entdeckungen, einige exorbitante
-philosophische Behauptungen <em class="antiqua">in petto</em> zu haben, hielt ich für
-unumgänglich notwendig, um mich mit Anstand in der modernen
-Welt bewegen zu können, und ohne mir selbst ein Kompliment
-machen zu wollen, darf ich sagen, ich habe in den paar
-Monaten in …en hinlänglich gelernt.</p>
-
-<p>Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder
-im Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten
-Ereignisse aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig
-sind, wenn sie Stoff zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten.
-Ich darf daher nicht versäumen, meine Rache am Doktor Schnatterer
-zu erzählen.</p>
-
-<p>Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag
-nachmittags mit mehreren andern Professoren in ein Wirtshaus,
-ein halbes Stündchen vor der Stadt, zu spazieren. Dort
-pflegte man, um die steifgesessenen Glieder wieder auszurenken,
-Kegel zu schieben und allerlei sonstige Kurzweil zu treiben, wie
-es sich für ehrbare Männer geziemt; man spielte wohl auch
-bei Türen ein Whistchen oder Pikett und trank manchmal ein
-Gläschen über Durst, was wenigstens die böse Welt daraus
-ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise des
-Wirts zur Stadt bringen ließen.</p>
-
-<p>Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor
-Sonnenuntergang heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin
-ihm keine längere Frist erlaubt hatte: er ging dann bedächtlichen
-Schrittes seinen Weg, vermied aber die breite
-Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig Schritte
-seitwärts neben jener hinlief; der Grund war, weil der breite
-Weg am schönen Sonntag abend mit Fußgängern besäet war,
-der Doktor aber die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas
-unsicheren Gang nicht den Augen der Welt zeigen wollte.</p>
-
-<p>So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers;
-die Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und
-sprachen: »Siehe, er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen,<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-der fromme Herr Doktor, sondern den schmalen Pfad,
-welcher zum Leben führt.«</p>
-
-<p>Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan
-gebaut. Ich paßte ihm an einem schönen Sonntag abend,
-der alle Welt ins Freie gelockt hatte, auf, und er trat noch bei
-guter Tageszeit aus dem Wirtshaus. Mit demütigem Bückling
-nahte ich mich ihm und fragte, ob ich ihn auf seinem Heimweg
-begleiten dürfe, der Abend scheine mir in seiner gelehrten
-Nähe noch einmal so schön.</p>
-
-<p>Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben;
-er legte zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann
-mit mir über die Tiefen der Wissenschaften zu perorieren. Aber
-ich schlug sein Auge mit Blindheit, und indem ich als ehrbarer
-Studiosus neben ihm zu gehen schien, verwandelte ich meine
-Gestalt und erschien den verwunderten Blicken der Spaziergänger
-als die schöne Luisel, die berüchtigste Dirne der Stadt.
-&ndash; Ach! daß Hogarth an jenem Abend unter den spazierengehenden
-Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
-herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen,
-hämische Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen
-können!</p>
-
-<p>Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar
-auf dem Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu
-folgen, und rissen die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer
-Strom wälzte sich uns die erstaunte Menge nach, wie
-ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht: »Der Doktor
-Schnatterer mit der schönen Luisel!« von Mund zu Mund der
-Stadt zu.</p>
-
-<p>»Wehe dem, durch den Aergernis kommt!« riefen die Frommen.
-»Hat man <em class="gesperrt">das</em> je erlebt von einem christlichen Prediger?«</p>
-
-<p>»Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?«
-sprachen mit Achselzucken die Halbfrommen. »Wenn der Skandal
-nur nicht auf öffentlicher Promenade&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>»Der Herr Doktor machen sich's bequem!« lachten die
-Weltkinder, »er predigt gegen das Unrecht und geht mit der
-Sünde spazieren.«</p>
-
-<p>So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und
-Studenten, Mägde und Straßenjungen erzählten es in Kneipen,
-am Brunnen und an allen Ecken; und »Doktor Schnatterer«
-und »Schön Luisel« war das Feldgeschrei und die Parole für
-diesen Abend und manchen folgenden Tag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p>
-
-<p>An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt
-aus dem Staube und schloß mich als Studiosus meinen
-Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm auftischten.
-Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in
-seine tiefen Meditationen versenkt, nicht das Drängen der
-Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das wiehernde
-Gelächter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten,
-daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen Ehehälfte die Geschichte
-beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke
-zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die fürchterliche
-Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm,
-und das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel
-zu volltönend, als daß man hätte denken können, die Frau
-Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem <em class="gesperrt">Munde</em>
-berührt.</p>
-
-<p>Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben
-Stunde schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen.
-Ich traf den Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen
-in einem Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich
-zu und schrie, indem sie die Augen auf den Doktor hinüberblitzen
-ließ: »Dieser Mensch dort behauptet, heute abend mit
-Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein: sagen Sie, ob
-es wahr ist, sagen Sie!«</p>
-
-<p>Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir
-habe nie träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den
-ganzen Abend zu Haus gewesen.</p>
-
-<p>Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der
-Schrecken schien seine <span id="corr052">Zunge</span> gelähmt zu haben: »Zu Haus gewesen?«
-lallte er. »Nicht mit mir gegangen? O, mit wem
-soll ich denn gegangen sein als mit Ihnen, Wertester?«</p>
-
-<p>»Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?«
-gab ich lächelnd zur Antwort. »Mit mir auf keinen Fall!«</p>
-
-<p>»Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus,« heulte die
-wütende Frau, »was sollten Sie nicht wissen, was die ganze
-Stadt weiß; der alte Sünder, der Schandmensch! Man weiß
-seine Schliche wohl; mit der schönen Luisel hat er scharmutziert!«</p>
-
-<p>»Das hat mir der böse Feind angetan,« raste der Doktor
-und rannte im Zimmer umher; »der Böse, der Beelzebub, nach
-meiner Konjektur der Stinker.«</p>
-
-<p>»Der Rausch hat dir's angetan, du Lump,« schrie die Zärtliche,
-riß ihren breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm
-nach; ich aber schlich mich die Treppe hinab und zum Haus<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span>
-hinaus und dachte bei mir: »Dem Doktor ist ganz recht geschehen;
-man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst
-kommt er.«</p>
-
-<p>Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien
-ausgepocht und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen
-den Eifer nicht mehr erwecken, der vor seiner Fatalität unter der
-studierenden Jugend geherrscht hatte. Die Kollegiengelder erreichten
-nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin
-als allgemeinen Maßstab angenommen hatte, und der Professor
-lebte daher in ewigem Hader mit der Unversöhnlichen. Diesem
-hatte, so zu sagen, <em class="gesperrt">der Teufel ein Ei in die Wirtschaft
-gelegt</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt
-die Universität.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen,
-Umtrieben, Verhaftungen und Untersuchungen. Man
-lachte darüber, weil es schien, man betrachte alles durch das
-Vergrößerungsglas, welches Angst und böses Gewissen vorhielten.
-Uebrigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz
-geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen …en
-spukte es in manchen Köpfen seltsam.</p>
-
-<p>Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge
-geben. Wenn man unbefangen unter den Burschen umherwandelte
-und ihren Gelagen beiwohnte, so drängte sich von selbst die
-Bemerkung auf, daß viele unter ihnen von etwas anderem angeregt
-seien, als gerade von dem nächsten Zweck ihres Brotstudiums;
-wie einige großes Interesse daran fanden, sich morgens
-mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister mit
-Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und
-ihn schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren
-Schönen zu machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein
-geringerer Teil, auf Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch,
-daß ich sie zum Studium des Trinkens anhielt, dafür
-gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen
-möchten; aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten,
-aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet
-waren; da sprach man viel von Volksbildung, von frommer
-deutscher Art, manche sprudelten auch über und schrieen von der
-Not des Vaterlandes, von&nbsp;&ndash;. Doch das ist jetzt gleichgültig,
-von was gesprochen wurde, es genügt zu sagen, daß es schien,
-als hätte <em class="gesperrt">eine</em> große Idee viele Herzen ergriffen, sie zu <em class="gesperrt">einem</em>
-Streben vereinigt. Mir behagte die Sache an sich nicht übel;
-sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich gleich dabei,
-denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur sollte
-nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
-Anstrich haben.</p>
-
-<p>Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit
-eines Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine
-Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit des Umgangs angeeignet
-hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt
-und kaum mit so viel Anstand ausgeführt wird; aber die
-meisten waren in ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten
-viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der Idee, die ihnen
-aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, Mittelalter
-und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander geknetet,
-daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden
-hätte.</p>
-
-<p>Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in
-einer traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich
-zeigte Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften,
-die nicht zu verachten sind, und die man immer ins
-Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff
-waren, die dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen
-aufzuschließen, schien sie, ich weiß nicht was, zurückzuhalten;
-sie behaupteten, ich habe kein Gemüt, denn dieses edle Seelenvermögen
-schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.</p>
-
-<p>Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner,
-mochte ich durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt
-haben? Eines Morgens trat der Pedell mit einigen
-Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner
-Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um
-meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu
-verstehen, daß ich als <em class="gesperrt">Demagoge</em> verhaftet sei.</p>
-
-<p>Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude,
-sorgte eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe
-Rat beisammen war, wurde ich in den Saal geführt, um über
-meine <em class="gesperrt">politischen Verbrechen</em> vernommen zu werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus,
-ein Mediziner und der Universitätssekretär saßen um einen
-grün behängten Tisch in feierlichem Ornat; die tiefe Stille,
-welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der gelehrten
-Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten mir unwillkürlich ein
-Lächeln ab.</p>
-
-<p>Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende
-der Tafel, Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und
-der Pedell trat ab.</p>
-
-<p>Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier
-zum Protokoll zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor
-läßt seine ungeheure Dose herumgehen. Jeder der Herren
-nimmt eine Prise, bedächtlich und mit Beugung des Hauptes;
-Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und präsentiert
-mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem abwehrenden
-Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch
-zu Boden fallen.</p>
-
-<p>»Alle Hagel, Herr Doktor,« schrie der alte Professor, alle
-Achtung beiseite setzend.</p>
-
-<p>»O Jerum,« ächzte der Sekretär und warf das Federmesser
-weg, denn er hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.</p>
-
-<p>»Bitte untertänigst!« stammelte der erschrockene Doktor
-Saper.</p>
-
-<p>Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der
-letztere kniete auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere,
-die er in der Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak
-aufschaufeln.</p>
-
-<p>Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte
-dreimal; der Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte,
-was zu Befehl sei, und Magnifikus mit einem verbindlichen
-Lächeln zu Doktor Saper hinüber sprach: »Lassen Sie es gut
-sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieser
-Sitzung einiges Tabaks benötigt sein werden, glaube ich dafür
-stimmen zu müssen, daß frischer <em class="antiqua">ad locum</em> gebracht werde.«</p>
-
-<p>Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell
-einige Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak
-zu bringen. Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand
-er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Universität versammelt,
-denn meine Verhaftung war schnell bekannt geworden, und
-alles drängte sich zu, um das Nähere zu erfahren. Man kann
-sich daher die Spannung der Gemüter denken, als man den
-Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
-fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet
-werde, und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden,
-daß er eilends drei Lot Schnupftabak holen müsse.</p>
-
-<p>Aber im Saale war nach der Entfernung des Götterboten
-die vorige, anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte
-mich mit einem Blick voll Hoheit und begann:</p>
-
-<p>»Es ist uns von einer <span id="corr056">höchstpreuslichen</span> Zentral-Untersuchungskommission
-der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime
-Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität
-seit einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk
-zu richten. Wir sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände
-vollkommen darüber einverstanden, daß Sie, Herr von
-Barbe, sich höchst verdächtig gemacht haben, solche Verhältnisse
-unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigeführt und
-angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu! Herr von
-Barbe?«</p>
-
-<p>»Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend
-die Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen
-Beschuldigung verdächtig machen.«</p>
-
-<p>»Die Beweise?« antwortete erstaunt der Rektor, »Sie verlangen
-Beweise? Ist das der Respekt vor einem akademischen
-Senate? Man führe selbst den Beweis, daß man nicht im
-sträflichen Verdacht der Demagogie ist.«</p>
-
-<p>»Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz,« entgegnete
-der Dekan der Juristen, »Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes
-angeklagt ist, <em class="gesperrt">in alle Wege verlangen</em>, daß ihm
-die Gründe des Verdachtes genannt werden.«</p>
-
-<p>Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der
-Stirne; man sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe
-in seinem Haupte hin und her wälze. Wie ein Bote vom Himmel
-erschien ihm daher der Pedell mit der Dose und berichtete
-zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die Studierenden in großer
-Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude zusammengerottet
-haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen laufe,
-das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
-scheine.</p>
-
-<p>Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein
-und richtete von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus
-ein Kompliment aus, »und er möchte doch sich nach Haus
-salvieren, weil die Studenten allerhand verdächtige Bewegungen
-machen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>»Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen
-Umtriebe, lieber Herr von Barbe?« sprach die Magnifizenz in
-kläglichem Tone. »Aber der Aufruhr steigt, <em class="antiqua">videant Consules,
-ne quid detrimenti</em> &ndash; man nehme seine Maßregeln; &ndash; daß
-auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle fatalen Händel
-bringen muß! &ndash; <em class="antiqua">Domine Collega</em>, Herr Doktor Pfeffer,
-was stimmen Sie?«</p>
-
-<p>»Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht
-und zur Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe
-bis auf weiteres zu entlassen und ihm&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Richtig, gut,« rief der Rektor, »Sie können abtreten,
-wertgeschätzter junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden,
-Sie sehen selbst, wie glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind,
-und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns wieder die
-Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein solches Aufsehen
-mehr erregt &ndash; weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich höre <em class="antiqua">pereat</em>
-&ndash; so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch,
-lieber Barbe, da denn die Sachen weiter besprochen werden
-können.«</p>
-
-<p>Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren
-ins Gesicht zu lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen,
-und wünschten sich in Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen
-Hafen ihres weiten Lehnstuhls.</p>
-
-<p>»Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?«
-klagten sie. »Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen
-sind und sich unter diese himmelstürmenden Cyklopen
-gemischt haben, ist keine Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man
-muß befürchten, wie schlechte Schauspieler ausgepfiffen oder
-am hellen Tage insultiert zu werden.«</p>
-
-<p>»Vom Erstechen will ich gar nicht reden,« sagte ein anderer,
-»es sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege
-ein gut Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol
-tragen.«</p>
-
-<p>Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen
-Kommilitonen für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen,
-daß sie nachts viel bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen
-haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, daß sie
-abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das
-erschreckte Städtchen und sangen ihr <em class="antiqua">Ça ira, ça ira</em>, nämlich:
-»Die Burschenfreiheit lebe« und das erhabene »Rautsch, rautsch,
-rautschitschi, Revolution.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch
-versammelten Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben,
-weil ich die Herren Studiosen vermocht habe, nach Hause zu
-gehen. Beschämung und Zorn rötete jetzt die bleichen Gesichter,
-und mein bißchen Psychologie mußte mich ganz getäuscht haben,
-wenn mich die Herren nicht ihre Angst entgelten ließen. Und
-gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Magnifikus
-ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die Aufrührer
-abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener
-Miene zu mir, und <em class="gesperrt">er</em>, der noch vor einer Viertelstunde »mein
-wertgeschätzter Freund« zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu:
-»Wir können das Verhör weiter fortführen, Delinquent mag
-sich setzen!«</p>
-
-<p>So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht,
-als daß der Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte.
-Nichts sucht er sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn
-er sich dabei eine Blöße gegeben, deren er sich zu schämen hat.</p>
-
-<p>Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die
-seiner Kollegen. Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der
-Rektor entwickelte mit großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.</p>
-
-<p>»Demagog kommt her von δημος und ὰγειν. Das eine
-heißt Volk, das andere führen oder verführen. Wer ist nach
-diesem Begriff mehr Demagog als Sie? Haben wir nicht in
-Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum Trinken
-verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hierher verpflanzten?
-Auch von andern Orten werden diese Sachen als
-die sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind
-Sie ein Demagog.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mit triumphierendem Lächeln wandte er sich zu seinen
-Kollegen: »Habe ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht,
-Herr Professor Saper?« &ndash; »Vollkommen, Euer Magnifizenz,«
-versicherten jene und schnupften.</p>
-
-<p>»Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt,« fuhr der Mediziner
-fort; »das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und
-der Demagogen, es ist, um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische
-Ausbildung der körperlichen Kräfte. Da nun
-die Turnplätze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen
-Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht
-haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben Sie sich
-durch Ihre <em class="antiqua">Saltus mortales</em> und Ihre übrigen Künste als
-einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. &ndash;<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span>
-Habe ich nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die
-Wahrheit, Herr Doktor Schrag?«</p>
-
-<p>»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten diese und
-schnupften.</p>
-
-<p>»Demagogen,« fuhr er fort, »Demagogen schleichen sich
-ohne bestimmten äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer
-einzulegen; sie sind unstäte Leute, denen man ihre Verdächtigkeit
-gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten
-Zweck hier, denn er läuft in allen Kollegien und Wissenschaften
-umher, ohne sie für immer zu frequentieren oder <em class="gesperrt">gar
-nachzuschreiben</em>; was folgt? Er hat sich der Demagogie
-sehr verdächtig gemacht; ich füge gleich den vierten Grund bei:
-man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden
-ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken;
-wer hat sich in diesem Punkt der Anklage würdiger gemacht
-als Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?«</p>
-
-<p>»Sehr scharfsinnig, vollkommen!« antworteten die Aufgerufenen
-<em class="antiqua">unisono</em> und ließen die Dose herumgehen.</p>
-
-<p>Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: »Wir glauben
-hinlänglich bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus
-Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken;
-wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhören, ein
-Urteil zu fällen, darum verteidigen Sie sich. &ndash; Aber mein
-Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu Mittag;
-ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer schriftlich
-abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche gesegnete
-Mahlzeit, meine Herren.«</p>
-
-<p>So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer
-entwarf ich eine Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte.
-Wahrscheinlicher aber ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen
-Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen.
-Sie gaben mir daher den Bescheid, daß man mich
-aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem Konsilium verschonen
-wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.</p>
-
-<p>Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten
-Sache gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen
-Scheitel, und im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Haus
-begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte
-jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt geführt
-hatte, erreicht und gedachte weiterzugehen. Ich hatte mir aber
-vorgenommen, vorher noch den Titel eines Doktors der Philosophie
-auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb daher eine<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span>
-gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am
-nächsten lag: <em class="antiqua">De rebus diabolicis</em>, ließ sie drucken und verteidigte
-sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten
-tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit;
-einen Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem
-geneigten Leser beigelegt.<a id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Findet sich wenn ich nicht irre, am Ende des zweiten Teiles.</p></div>
-</div>
-
-<p><em class="antiqua">Post exantlata</em> oder nachdem ich den Doktorhut errungen
-hatte, gab ich einen ungeheuren Schmaus, wobei manche Seele
-auf ewig mein wurde. Solange noch die guten Jungen meinen
-Champagner und Burgunder mit schwerer Zunge prüften, ließ
-ich meine Rappen vorführen und sagte der lieben Musenstadt
-Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber überbrachte
-der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches
-Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen
-Morgenträumen weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel
-erinnerte sie auch in spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus
-und an ihren guten Freund, den Satan.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2" id="Unterhaltungen_des_Satan_und_des_ewigen_Juden">Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden
-in Berlin.</p>
-
-<div class="chapcit">
-<p>»Die heutigen dummen Gesichter sind nur das
-<em class="antiqua">Boeuf à la mode</em> der frühern dummen Gesichter.«</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Welt</em> und <em class="gesperrt">Zeit</em>.
-</p></div>
-
-<h3 id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Wen der Teufel im Tiergarten traf.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen
-Sommerabend im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen
-Zelt; ich betrachtete mir die bunte Welt um mich her und
-hatte großes Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder
-ganz anders geworden als zu der frommen Zeit Anno dreizehn
-und fünfzehn, wo alles so ehrbar, und, wie sie es nannten,
-altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig ennuyierte. Besonders
-über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich damals
-recht ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span>
-und Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen
-die Linden entlang nach dem Tiergarten heraus; aber
-damals&nbsp;&ndash;? Jetzt aber ging es auch wieder hoch her. Das
-Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie früher zog
-durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie
-vorzeiten, und war ein geschätzter, angesehener Mann.</p>
-
-<p>Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die
-buntgemischte Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs
-von allen Chargen, mit ihren ebenso verschieden chargierten
-Schönen, die zierlichen Elegants und Elegantinnen, die Mütter,
-die ihre geputzten Töchter zu Markt brachten, die wohlgenährten
-Räte mit einem guten Griff der Kassengelder in der Tasche,
-und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und Handwerksbursche,
-anständige und unanständige Gesellschaft &ndash; sie alle um
-mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, <em class="gesperrt">mein</em> zu werden!
-In fröhlicher Stimmung ging es weiter und weiter, ich
-wurde immer zufriedener und heiterer.</p>
-
-<p>Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der
-Menge, ein paar Männer an einem kleinen Tischchen sitzen,
-welche gar nicht recht zu meiner fröhlichen Gesellschaft taugen
-wollten. Den einen konnte ich nur vom Rücken sehen, es war
-ein kleiner beweglicher Mann, schien viel an seinen Nachbar
-hinzusprechen, gestikulierte oft mit den Armen und nahm nach
-jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches Schlückchen
-dunkelroten Franzweins zu sich.</p>
-
-<p>Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein,
-er war ärmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die
-eine Hand, während die andere mit einem langen Wanderstab
-wunderliche Figuren in den Sand schrieb, er hörte mit trübem
-Lächeln dem Sprechenden zu und schien ihm wenig oder ganz
-kurz zu antworten.</p>
-
-<p>Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch
-konnte ich mich im Augenblick nicht entsinnen, wer sie wären.
-Der kleine Lebhafte sprang endlich herauf, drückte dem Alten
-die Hand, lief mit kurzen schnellen Schritten, heiser vor sich
-hinlachend, hinweg und verlor sich bald ins Gedränge. Der
-Alte schaute ihm wehmütig nach und legte dann die tiefgefurchte
-Stirne wieder in die Hand.</p>
-
-<p>Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu
-dieser Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es &ndash; doch was
-braucht der Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-näher, setzte mich auf den Stuhl, welchen der andere verlassen
-hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.</p>
-
-<p>Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja,
-er war es, es war der <em class="gesperrt">ewige Jude</em>.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Bon soir</em>, Brüderchen!« sagte ich zu ihm, »es ist doch
-schnakisch, daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden,
-es wird wohl so achtzig Jährchen sein, daß ich nicht
-mehr das Vergnügen hatte?«</p>
-
-<p>Er sah mich fragend an. »So, du bist's?« preßte er endlich
-heraus. »Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!«</p>
-
-<p>»Nur nicht gleich so grob, <em class="gesperrt">Ewiger</em>,« gab ich ihm zur
-Antwort; »wir haben manche Mitternacht miteinander vertollt,
-als du noch munter warst auf der Erde und so recht systematisch
-liederlich lebtest, um dich selbst bald unter den Boden zu bringen.
-Aber jetzt bist du, glaube ich, ein Pietist geworden.«</p>
-
-<p>Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln,
-das über seine verwitterten Züge flog, wie ein Blitz durch die
-Ruine, zeigte mir, daß er mit der Kirche noch immer nicht recht
-einig sei.</p>
-
-<p>»Wer ging da soeben von dir hinweg?« fragte ich, als er
-noch immer auf seinem Schweigen beharrte.</p>
-
-<p>»Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann,« erwiderte er.</p>
-
-<p>»So, <em class="gesperrt">der</em>? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir
-immer ausweicht wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher
-seiner nächtlichen Phantasien behilflich, daß es ihm selbst oft
-angst und bange wurde, und habe ich ihm nicht als sein eigner
-Doppelgänger über die Schultern geschaut, als er an seinem
-Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk anschaute,
-rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war
-Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb. &ndash; So, so, der
-war's? Und was wollte er von dir, Ewiger?«</p>
-
-<p>»Daß du verkrümmest mit deinem Spott; bist du nicht
-gleich ewig wie ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den
-Rücken? Nenne den Namen nicht mehr, den ich hasse! Was
-aber den Kammergerichtsrat Hoffmann betrifft,« fuhr er ruhiger
-fort, »so geht er umher, um sich die Leute zu betrachten; und
-wenn er einen findet, der etwas Apartes an sich hat, etwa einen
-Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus dem Geisterreich,
-so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten oder mit
-dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt
-haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span>
-lud mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu
-besuchen.«</p>
-
-<p>»So, so? Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn
-man fragen darf?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Recta</em> aus China!« antwortete Ahasverus. »Ein langweiliges
-Nest, es sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert
-Jahren, als ich zum erstenmal dort war.«</p>
-
-<p>»In China warst du?« fragte ich lachend. »wie kommst du
-denn zu dem langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu
-wenig amüsant ist?«</p>
-
-<p>»Laß das,« entgegnete jener, »du weißt ja, wie mich die
-Unruhe durch die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne
-des neuen Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen
-aufging, den Kopf an die <em class="gesperrt">lange Mauer</em> von China gerannt,
-aber es wollte noch nicht mit mir zu Ende gehen, und ich
-hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des himmlischen
-Reiches gestoßen wie ein alter Aries, als daß der dort oben
-mir ein Härchen hätte krümmen lassen.«</p>
-
-<p>Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die
-müden Augenlider wollten sich schließen, aber der Schwur des
-Ewigen hält sie offen, bis er schlafen darf, wenn die andern
-auferstehen. Er hatte lange geschwiegen, und wahrlich, ich
-konnte den Armen nicht ohne eine Regung von Mitleid ansehen.
-Er richtete sich wieder auf. &ndash; »Satan,« fragte er mit
-zitternder Stimme, »wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?«</p>
-
-<p>»Es will Abend werden,« gab ich ihm zur Antwort.</p>
-
-<p>»O Mitternacht,« stöhnte er, »wann endlich kommen deine
-kühlen Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge?
-Wann nahest du, Stunde, wo die Gräber sich öffnen und Raum
-wird für den <em class="gesperrt">einen</em>, der dann ruhen darf?«</p>
-
-<p>»Pfui Kuckuck, alter Heuler!« brach ich los, erbost über
-die weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. »Wie magst
-du nur solch ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir,
-du darfst dir gratulieren, daß du noch etwas Apartes hast.
-Manche lustige Seele hat es an einem gewissen Ort viel schlimmer
-als du hier auf der Erde. Man hat doch hier oben immer
-noch seinen Spaß, denn die Menschen sorgen dafür, daß die
-tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit
-hätte wie du, ich wollte das Leben anders genießen. <em class="antiqua">Ma foi</em>,
-Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt
-über die galanten Abenteuer einer Königin öffentlich certiert?
-Warum nicht nach Spanien, wo es jetzt nächstens losbricht?<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-Warum nicht nach Frankreich, um dein Gaudium daran zu
-haben, wie man die Wände des Kaisertums überpinselt und mit
-alten Gobelins von Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus
-dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dir versichern,
-es sieht gar närrisch aus, denn die Tapete ist überall zu kurz,
-und durch Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum,
-wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips
-auslöschen kann, und das, so oft man es weiß anstreicht, immer
-noch mit der alten <em class="gesperrt">bunten</em> Farbe durchschlägt?«</p>
-
-<p>Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht
-war immer heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem
-Herzen. »Du bist, wie ich sehe, immer noch der alte,« sagte er
-und schüttelte mir die Hand, »weißt jedem etwas aufzuhängen,
-und wenn er gerade aus Abrahams Schoß käme!«</p>
-
-<p>»Warum,« fuhr ich fort, »warum hältst du dich nicht
-länger und öfter hier in dem guten, ehrlichen Deutschland auf?
-Kann man etwas Possierlicheres sehen als diese Duodezländer?
-Da ist alles so &ndash; doch stille, da geht einer von der geheimen
-Polizei umher. Man könnte leicht etwas aufschnappen und den
-ewigen Juden und den Teufel als unruhige Köpfe nach Spandau
-schicken. Aber um auf etwas anderes zu kommen, warum
-bist du denn hier in Berlin?«</p>
-
-<p>»Das hat seine eigene Bewandtnis,« antwortete der Jude.
-»Ich bin hier, um einen Dichter zu besuchen.«</p>
-
-<p>»Du einen Dichter?« rief ich verwundert. »Wie kommst
-du auf diesen Einfall?«</p>
-
-<p>»Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt
-es Novelle, worin ich die Hauptrolle spielte. Es führt zwar
-den dummen Titel: <em class="gesperrt">Der ewige Jude</em>, im übrigen ist es
-aber eine schöne Dichtung, die mir wunderbaren Trost brachte!
-Nun möchte ich den Mann sehen und sprechen, der das wunderliche
-Ding gemacht hat.«</p>
-
-<p>»Und der soll hier wohnen, in Berlin?« fragte ich neugierig,
-»und wie heißt er denn?«</p>
-
-<p>»Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch
-die Straße genannt, aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb,
-durch das man Mondschein gießt!«</p>
-
-<p>Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei
-einem Dichter produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten.
-»Höre, Alter,« sagte ich zu ihm, »wir sind von jeher auf gutem
-Fuß miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, daß du deine
-Gesinnungen gegen mich ändern wirst. Sonst&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>»Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan,« antwortete
-er, »denn du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne
-deine Schliche hinlänglich, aber deswegen bist du mir doch als
-alter Bekannter ganz angenehm und recht. &ndash; Warum fragst
-du denn?«</p>
-
-<p>»Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu
-dem Dichter, der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen.
-Willst du nicht?«</p>
-
-<p>»Ich sehe zwar nicht ein, was für Interesse du dabei haben
-kannst,« antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. »Du
-könntest irgend einen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht
-gar mit bösen Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln.
-Dies schlage dir übrigens nur aus dem Sinn, denn der
-schreibt so fromme Novellen, daß der Teufel selbst ihm nichts
-anhaben kann. &ndash; Doch meinetwegen kannst du mitgehen.«</p>
-
-<p>»Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere
-ich mich wenig um Dichter und dergleichen, das ist leichte
-Ware, welcher der Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur
-Interesse an dem Manne selbst, was mich zu ihm zieht. Uebrigens,
-in diesem Kostüm kannst du hier in Berlin keine Visiten
-machen, Alter!«</p>
-
-<p>Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes
-braunes Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange
-Weste mit breiten Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider,
-die auf den Knieen ins Bräunliche spielten. Er setzte
-das schwarzrote dreieckige Hütchen aufs Ohr, nahm den langen
-Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte sich vor mich hin
-und fragte: »Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo
-und zierlich wie der Sohn Isais? Was hast du nur an mir
-auszusetzen? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du,
-keine Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen nicht
-in die Höhe <em class="antiqua">à la</em> Wahnsinn. Ich habe meinen Leib in keinen
-wattierten Rock gepreßt, und um meine Beine schlottern keine
-ellenweiten Beinkleider; wozu freilich Herr Bocksfuß Ursache
-haben mag.«</p>
-
-<p>»Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher,« antwortete
-ich dem alten Juden. »Wisse, man muß heutzutage nach der
-Mode gekleidet sein, wenn man sein Glück machen will, und selbst
-der Teufel macht davon keine Ausnahme. Aber höre meinen
-Vorschlag. Ich versehe dich mit einem anständigen Anzug, und
-du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf diese Art können
-wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie wollte ich<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen ästhetischen Tee
-einführte.«</p>
-
-<p>»Aesthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich
-manches Maß Tee geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee,
-sogar Kamillentee, aber ästhetischer Tee war nie
-dabei.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">O sancta simplicitas!</em> Jude, wie weit bist du zurück
-in der Kultur! Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften
-sind, wo man über Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam
-warmes Wasser gießt und den Leuten damit aufwartet? Zucker
-und Rum tut jeder nach Belieben dazu, und man amüsiert sich
-dort trefflich.«</p>
-
-<p>»Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen,«
-versicherte der Jude, »und was kostet es, wenn man's sehen
-darf?«</p>
-
-<p>»Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom
-Haus die Hand küßt und, wenn ihre Töchter singen oder mimische
-Vorstellungen geben, hie und da ein ›Wundervoll‹ oder ›Göttlich‹
-schlüpfen läßt.«</p>
-
-<p>»Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten
-achtzig Jahren. Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man
-noch nichts von diesen Dingen. Doch des Spaßes wegen kann
-man hingehen. Denn ich verspüre in dieser Sandwüste gewaltig
-Langeweile.«</p>
-
-<p>Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir
-besprachen uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei-
-bis dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte,
-und schieden.</p>
-
-<p>Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden
-Tage. Der ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche
-Manieren, wußte sich so gar nicht in die heutige Welt zu schicken,
-daß man ihn im Gewand eines Hofmeisters zum wenigsten für
-einen ausgemachten Pedanten halten mußte. Ich nahm mir
-vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel nur immer
-möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit
-zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig,
-denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen
-einen solchen Ansatz zur Frömmelei bekommen, daß er
-ein Pietist zu werden drohte.</p>
-
-<p>Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein
-Mann in mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der
-Jude hieß sich Doktor Mucker und stellte in mir seinen Eleven,<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span>
-den jungen Baron von Stobelberg, vor. Ich richtete meine
-äußere Aufmerksamkeit bald auf die schönen Kupferstiche an der
-Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die umherstanden, um
-desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt möglich
-war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.</p>
-
-<p>Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle
-vom ewigen Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet,
-als daß er seinen Gast hätte auf diesem Lob stehen lassen, wandte
-das Gespräch auf die Sage vom ewigen Juden überhaupt, und
-daß sie ihm auf jene Weise aufgegangen sei. Der Ewige schnitt,
-zur Verwunderung des Dichters, grimmige Gesichter, als dieser
-unter anderem behauptete: es liege in der Sage vom ewigen
-Juden eine tiefe Moral, denn der Verworfenste unter den Menschen
-sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über getäuschte
-Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen
-erregt habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich
-der, welcher die Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine
-als der, welcher sich täuschte.</p>
-
-<p>Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein
-Inkognito abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als
-ewiger Jude zu Leib gegangen. Noch verwirrter aber wurde
-mein alter Hofmeister, als jener das Gespräch auf die neuere
-Literatur brachte. Hier ging ihm die Stimme völlig aus, und
-er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich zu empfehlen.</p>
-
-<p>Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen,
-und kaum hatte er gehört, wir seien völlig fremd in Berlin
-und wissen noch nicht, wie wir den Abend zubringen sollen, so
-bat er uns, ihn in ein Haus zu begleiten, wo alle Montag ausgesuchte
-Gesellschaft von Freunden der schönen Literatur bei
-Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und schieden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zwolftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade
-das, daß er in seinem Innern dem Dichter recht geben mußte,
-genierte ihn so sehr. Er brummte einmal über das andere über
-die »naseweise Jugend« (obgleich der Dichter jener Novelle
-schon bei Jahren war) und den Verfall der Zeiten und Sitten.
-Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen Hofmeister<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
-hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und brachte
-den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich gegen
-den alten Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästhetischen
-Tee zu führen.</p>
-
-<p>Die siebente Stunde schlug. In einen modischen Frack,
-wohl parfümiert, in die feinste, zierlichst gefältelte Leinwand
-gekleidet, die Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe
-von Lyon, die Schuhe von Straßburg, die Lorgnette
-so fein und gefällig gearbeitet, wie sie nur immer aus der Fabrik
-der Herren Lood in Werenthead hervorgeht, so stellte ich mich
-den erstaunten Blicken des Juden dar; dieser war mit seiner
-modischen Toilette noch nicht halb fertig und hatte alles höchst
-sonderbar angezogen, wie er z. B. die elegante hohe Krawatte,
-ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden
-hatte und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf
-<em class="gesperrt">Morea</em>.</p>
-
-<p>Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen
-wir auf. Im Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für
-diesen Abend gemietet hatte, wiederholte ich alle Lehren über
-den gesellschaftlichen Anstand.</p>
-
-<p>»Du darfst,« sagte ich ihm, »in einem ästhetischen Tee eher
-zerstreut und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst
-nichts ganz unbedingt loben, sondern sieh immer so aus, als
-habest du sonst noch etwas <em class="antiqua">in petto</em>, das viel zu weise für ein
-sterbliches Ohr wäre. Das Beifalllächeln hochweiser Befriedigung
-ist schwer und kann erst nach langer Uebung vor dem
-Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber Surrogate dafür,
-mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln kann, ohne
-es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z. B. von einem Roman
-reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt
-als ganz natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben
-müssest, und fragt dich um dein Urteil. Willst du dich nun
-lächerlich machen und antworten, ›Ich habe ihn nicht gelesen?‹
-Nein! Du antwortest frisch drauf zu: ›Er gefällt mir im ganzen
-nicht übel, obgleich er meinen Forderungen an Romane noch
-nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und Originelle, die
-Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint mir hie und da
-in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
-zu sein.‹</p>
-
-<p>»Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische
-Falten gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil
-absprechen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p>
-
-<p>»Dein Gewäsch behalte der Teufel,« entgegnete der Alte
-mürrisch. »Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder
-gar um dir Spaß zu machen, ästhetische Gesichter schneiden?
-Da betrügst du dich sehr, Satan. Tee will ich meinetwegen
-saufen, soviel du willst, aber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Da sieht man es wieder,« wandte ich ein, »wer wird denn
-in einer honetten Gesellschaft <em class="gesperrt">saufen</em>? Wieviel fehlt dir noch,
-um heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen,
-höchstens trinken &ndash; aber da hält schon der Wagen bei dem
-Dichter, nimm dich zusammen, daß wir nicht Spott erleben,
-Ahasvere!«</p>
-
-<p>Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter.
-Ich sah es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem
-Ziele unserer Fahrt kamen, desto bänger zu Mut war. Obgleich
-er schon seit achtzehn Jahrhunderten über die Erde wandelte,
-so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhältnisse
-finden, daß er alle Augenblicke anstieß. So fragte er
-z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche
-wir fahren, aus <em class="gesperrt">lauter</em> Christen bestehe, zu welcher Frage
-jener natürlich große Augen machte und nicht recht wissen
-mochte, wie sie hierher komme.</p>
-
-<p>Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der
-Dichter den Zirkel, der uns aufnehmen sollte. Die milde und
-sinnige Frömmigkeit, die in dem zarten Charakter der gnädigen
-Frau vorwalten sollte; der feierliche Ernst, die stille Größe des
-ältern Fräuleins, die, wenngleich Protestantin, doch ganz das
-Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen habe, die, nachdem
-sie mit gebrochenem Herzen der Welt Ade gesagt, jetzt ihr ganzes
-Leben hindurch an einem großartigen, interessanten Schmerz
-zehren.<a id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter,
-naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den
-Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee
-komme. Sie habe die schönsten Stellen in Goethe, Schiller,
-Tieck usw., welche ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig
-gelernt und gäbe sie hie und da mit allerliebster Präzision preis.<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-Sie singt, was nicht anders zu erwarten ist, auf Verlangen
-italienische Arietten mit künstlichen Rouladen. Ihre Hauptforce
-besteht aber im Walzerspielen. Die übrige Gesellschaft,
-einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und naive,
-junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein<a id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> werden
-wir selbst näher kennen lernen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit, den Aufriß des
-Boudoirs dieser protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen.
-Im Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen Kruzifix.
-Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die Eigentümerin höchstens
-»<em class="antiqua">O Sanctissima</em>« darauf spielen kann. Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit
-Flor verhängtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen, von etzlichem sinnigen
-Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand ein
-Spiegel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen Fräulein zu unterscheiden.
-Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter letzteren die, welche man
-sonst Jungfer oder Mamsell heißt. Ich finde übrigens, den Unterschied auf diese Art
-zu bezeichnen, sehr unpassend. Denn man wird mir zugeben, daß die bürgerlichen
-Fräulein oft ebenso frei in ihren Sitten und Betragen sind als die echten.</p></div>
-</div>
-
-<p>Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und
-half meinem bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die
-erleuchtete Treppe hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns
-aus dem Vorzimmer entgegen. Geräusch vieler Stimmen
-und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der halbgeöffneten
-Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt
-von dem Sonnenglanz der schwebenden Lüster, saß im Kreise
-die Gesellschaft.</p>
-
-<p>Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau
-und stellte den Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen
-Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte sich die Matrone
-und reichte uns die schöne zarte Hand, indem sie uns freundlich
-willkommen hieß. Mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich
-einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte ich diese zarte
-Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht darüber
-hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,
-und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings
-die nämliche Gunst. Aber o Schrecken! Indem er sich
-niederbückte, gewahrte ich, daß sein grauer, stechender Judenbart
-nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste
-hervorstehe. Gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig
-bei dem Stechkuß, aber der Anstand ließ sie nicht mehr als ein
-leises Gejammer hervorstöhnen. Wehmütig betrachtete sie die
-schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah sich
-genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen. Ich sah, wie dort
-ihre Zofe aus der silbernen Toilette kölnisches Wasser nahm
-und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne glacierte
-Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so
-daß doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die
-gnädige Hand damit bekleidet.</p>
-
-<p>Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert,
-die Herren traten uns näher und befragten uns über<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-Gleichgültiges, worauf wir wieder Gleichgültiges antworteten,
-bis die Seele des Hauses wieder hereintrat. Die Edle wußte
-ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen,
-daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu sein
-schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil
-ahnte, das er bewirkt habe.</p>
-
-<p>Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick
-für seinen stechenden Handkuß zuwarf und <em class="gesperrt">mich</em> den ganzen
-Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete.</p>
-
-<p>Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter
-Tee war, zu welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive
-silberne Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete,
-die prachtvollen Lüster und Spiegel, die brennenden
-Farben der Teppiche und Tapeten, die künstlichen Blumen in
-den zierlichsten Vasen, endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem
-Kostüm, schwarz und weiß gemischt war, ließen auf den Stand
-und guten Ton der Hausfrau schließen.</p>
-
-<p>Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige
-Frau bedauerte, daß wir nicht früher gekommen seien. Der
-junge Dichter Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem
-Heldengedicht vorgelesen, so innig, so schwebend, mit soviel Musik
-in den Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres
-gehört habe, es stehe zu erwarten, daß es allgemein
-Furore in Deutschland machen werde.</p>
-
-<p>Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekränzte
-junge Mann versicherte uns aber unter der Hand,
-er wolle uns morgen in unserm Hotel besuchen, und wir sollten
-nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben, sondern
-einige vollständige Gesänge zu hören bekommen.</p>
-
-<p>Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine
-ältliche Dame ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle
-und neue Stickerei die Augen der Damen auf sich
-zog. Sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit freundlichem
-Lispeln:</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Voyez là</em> das neueste Produkt meiner genialen Freundin
-Johanna. Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt,
-und ich bin so glücklich, die Erste zu sein, die es hier besitzt. Ich
-habe es nur ein wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen,
-diese Szenen, so ganz aus dem Leben gegriffen, die
-Wahrheit der Charaktere, dieser glänzende Stil&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau,« unterbrach
-sie die Dame des Hauses, »darf ich bitten&nbsp;&ndash;? Ah,<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span>
-Gabriele von Johanna von Schopenhauer. Mit dieser sind Sie
-liiert, meine Liebe? Da wünsche ich Glück.«</p>
-
-<p>»Wir lernten uns in Karlsbad kennen,« antwortete Frau
-von Wollau, »unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben
-nach veredeltem Ziel der Menschheit,<a id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> sie zogen sich an,
-wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele geschickt.«</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen »nach dem Ziel der Veredlung.«
-</p>
-<p class="right">
-Der Herausgeber.
-</p></div>
-</div>
-
-<p>»Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft,« sagte
-Fräulein <em class="gesperrt">Natalie</em>, die ältere Tochter des Hauses. »Ach!
-wer doch auch so glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine
-geniale Dame. Aber sagen Sie, wo haben Sie das wunderschöne
-Stickmuster her, ich kann Ihre Tasche nicht genug bewundern.«</p>
-
-<p>»Schön &ndash; wunderschön &ndash; und die Farben! Und die
-Girlanden! &ndash; Und die elegante Form!« hallte es von den
-Lippen der schönen Teetrinkerinnen, und die arme Gabriele
-wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen worden,
-wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten
-hätte. »Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet,« rief
-die Wollau, »wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es
-anders der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?«</p>
-
-<p>»Herrlich &ndash; schön &ndash; ein vortrefflicher Einfall&nbsp;&ndash;« ertönte
-es wieder, und unser Führer, der in diesem Augenblicke
-das Buch in der Hand hatte, wurde durch Akklamation zum
-Vorleser erwählt. Man goß die Tassen wieder voll und reichte
-die zierlichen Brötchen umher, um doch auch dem Körper
-Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman
-gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau
-das Zeichen, und die Vorlesung begann.</p>
-
-<p>Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender
-Stimme aus dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon,
-als daß es, wenn ich nicht irre, die Beschreibung von Tableaus
-enthielt, die von einigen Damen der großen Welt aufgeführt
-wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung,
-denn ich belauschte die Herzensergießungen zweier
-Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander
-allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich
-weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens
-zu geraten, und doch war die Entfernung gerade so groß, daß
-ein Paar gute Ohren alles hören konnten! Die eine der beiden<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-war die jüngere Tochter des Hauses, die, wie ich hörte, an
-einen Gardeleutnant ihr Herz verloren hatte.</p>
-
-<p>»Und denke dir,« flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, »heute
-in aller Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und
-unter meinem Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer
-von letzthin anfangen müssen.«</p>
-
-<p>»Du Glückliche!« antwortete das andere Fräulein, »und
-hat Mama nichts gemerkt?«</p>
-
-<p>»So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal
-aufzog. Was ich damals in Verlegenheit kam, kannst du gar
-nicht glauben. Ich war mit dem …schen Attaché engagiert,
-und du weißt, wie unerträglich mich dieser dürre Mensch verfolgt.
-Er hatte schon wieder von den italienischen Gegenden
-Süddeutschlands angefangen und mir nicht undeutlich zu verstehen
-gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn ich mit ihm
-dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser Pein.
-Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der Unerträgliche
-sein altes Lied von neuem anstimmte, aber Eduard
-holte mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus,
-so daß jener vor Wut ganz stumm war, als ich das letzte
-Mal zurückkam. Er äußerte gegen Mama seine Unzufriedenheit;
-sie schien ihn aber nicht zu verstehen.«</p>
-
-<p>»Ach, wie glücklich du bist,« entgegnete wehmütig die Nachbarin,
-»aber ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach
-Halle versetzt ist? Wie wird es mir ergehen!«</p>
-
-<p>»Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir
-doch, wie dies so schnell kam?«</p>
-
-<p>»Ach!« antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich
-eine Träne im Auge. »Ach, du hast keine Vorstellung von den
-Kabalen, die es im Leben gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert
-immer für das Wohl des Vaterlandes war. Da hatte er nun
-einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn mir auf der
-Fensterscheibe vorgespielt, er ist schön. Seinem Obersten gefiel
-er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, er solle ihm die
-Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert dies
-nicht tun, und, darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher,
-bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst
-dir gar nicht denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn
-der Zapfenstreich an meinem Fenster vorbeikommt, sie spielen
-ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und der, welcher ihn
-machte, kann ihn nicht hören!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>»Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas
-ganz Neues? Daß sie bei der Garde andere Uniform bekommen?«</p>
-
-<p>»Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?«</p>
-
-<p>»Höre, aber im <em class="gesperrt">engsten</em> Vertrauen, denn es ist noch
-tiefes, tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten
-und gestand mir es neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten
-Verschwiegenheit. Sieh, die Knöpfe werden auf der Brust weiter
-auseinandergesetzt und laufen weiter unten enger zu, auf diese
-Art wird die Taille noch viel schlanker, dann sollen sie auch
-goldene Achselschnüre bekommen, das weiß aber der Oberst und
-ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiß; auch an
-den Beinkleidern geschehen Veränderungen. &ndash; Eduard muß
-aussehen wie ein Engel &ndash; siehe, bisher&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der
-Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur
-so viel sah ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen
-ein recht schönes Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten,
-bei weitem glänzendere Strahlen werfen, wenn sich <em class="gesperrt">sinnliche
-Liebe</em> in ihnen spiegelt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Angststunden des ewigen Juden.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und
-legte das Buch nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die
-gewöhnlichen Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten
-hatten, wurden auch der Gabriele zu teil. Ich konnte die
-Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden Fräulein
-nicht genug bewundern; obgleich sie nicht den kleinsten
-Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren sie doch
-schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die
-eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und
-drückte sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den
-Genuß, den sie allen bereitet habe.</p>
-
-<p>Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn
-sie die Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach
-allen Seiten hin für das Lob, das ihrer Freundin zu teil geworden,
-und gab nicht undeutlich zu verstehen, daß sie selbst
-vielleicht einigen Einfluß auf das neue Buch gehabt habe. Denn<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span>
-sie finde hin und wieder leise Anklänge an ihre eigenen Empfindungen,
-an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über
-die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen
-Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.</p>
-
-<p>Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente
-zu machen, obgleich man allgemein überzeugt war, daß
-die geniale Freundin nichts aus dem inneren Wollauschen Leben
-<em class="gesperrt">gespickt</em> haben werde.</p>
-
-<p>Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine
-ganz sonderbare Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er
-in diese Welt hinein, als traue er seinen Augen und Ohren nicht.
-Doch war das Bemühen, nach meiner Vorschrift ästhetisch und
-kritisch auszusehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die
-Uebung darin abging, so schnitt er so greuliche Grimassen, daß
-er einigemal während des Vorlesens die Aufmerksamkeit des
-ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses mich teilnehmend
-fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei?</p>
-
-<p>Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen
-befallen, und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als
-aber Frau von Wollau, die ihm gegenübersaß, ihren Einfluß
-auf die Dichterin mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte
-Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen,
-daß er laut auflachte.</p>
-
-<p>Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Tee
-in höchst feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht
-denken, wie betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des
-Hohns erscholl. Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte,
-in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte
-Dame ansah. Die Frau des Hauses, eingedenk des stechenden
-Kusses, wollte schon den unartigen Fremden, der den Anstand
-ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt zurechtweisen,
-als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm zugetraut
-hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte er, »Sie werden mein
-allerdings unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben,
-mich zu rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch
-schon begegnet, daß eine Ideen-Association Sie völlig außer
-Kontenance brachte. Ist doch schon manchem mitten unter den
-heiligsten Dingen ein lächerlicher Gedanke aufgestoßen, der ihn
-im Munde kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn zu verhalten
-und zurückzudrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf
-einmal hervor; so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-würden mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir
-erlaubten, durch offenherzige Erzählung mich bei Frau von
-Wollau zu entschuldigen.«</p>
-
-<p>Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht
-verletzt sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige
-Jude begann: »Frau von Wollau hat uns ihr interessantes
-Verhältnis zu einer berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns
-erzählt, wie sie in manchen Stunden über ihre schriftstellerischen
-Arbeiten sich mit ihr besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft
-an eine Anekdote aus meinem eigenen Leben.</p>
-
-<p>Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige
-Zeit in S. Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens
-nach dem königlichen Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten
-offen stand. Die schöne Welt ließ sich dort zu Fuß und
-zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte die einsameren Partien
-des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen gegen die
-Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbänken
-mir und meinen Gedanken lebte.</p>
-
-<p>Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen
-geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, ältliche
-Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale,
-aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich
-hielt nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen
-schienen, zu erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens
-nicht, was mich abhielt, denn ich kannte keine Seele in jener
-Stadt, also konnten mir ihre Reden höchst gleichgültig sein.
-Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, Verehrteste, als ich
-folgendes Gespräch vernahm:</p>
-
-<p>›Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe?
-Haben Sie endlich die hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?‹</p>
-
-<p>›Ja,‹ antwortete die andere Dame, ›heute früh nach dem
-Kaffee habe ich sie umgebracht.‹</p>
-
-<p>Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich
-und gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als
-möglich näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von jenen
-trennte, schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja
-nichts entgehen sollte, und hörte weiter.</p>
-
-<p>›Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich
-durch Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie
-Othello seine Desdemona, mit dem Deckbette erstickt?‹</p>
-
-<p>›Keines von beiden,‹ entgegnete jene, ›aber recht hart
-ward mir dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span>
-ich sie schon zwischen Leben und Sterben, und immer wußte
-ich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Da fiel mir endlich
-ein gewagtes Mittel ein; ich ließ sie, wie durch Zufall, von
-einem Steg ohne Geländer in den tiefen Strom hinabgleiten,
-die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von Elisen
-nichts mehr gesehen.‹</p>
-
-<p>›Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese,
-die Sie auf die eine oder die andere Art umbringen?‹</p>
-
-<p>›Nun, das wird bald abgezählt sein, Pauline Dupuis,
-Marie usw., aber die erstere trug mir am meisten Geld ein.
-Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige
-mit mir konkurrierten.‹</p>
-
-<p>Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige
-Geschöpfe hatte diese Frau schon aus der Welt geschafft. War
-es nicht ein gutes Werk an der menschlichen Gesellschaft, wenn
-ich einen solchen Greuel aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft
-zog?</p>
-
-<p>Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen
-aufgestanden und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand
-ich auf und schlich mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren
-Fersen folgend. Sie gingen durch die Promenade, ich folgte;
-sie kehrten um und gingen durchs Tor, ich folgte; sie schienen
-endlich meine Beobachtungen zu bemerken, denn die eine sah
-sich einigemal nach mir um, ihr böses Gewissen schien mir erwacht,
-sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich
-durch die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt,
-täuschen, aber ich &ndash; folge. Endlich stehen sie an einem Hause
-still. Sie ziehen die Glocke, man schließt auf, sie treten ein.
-Kaum sind sie in der Türe, so gehe ich schnell heran, merke
-mir die Nummer des Hauses und eile, getrieben von jenem
-Eifer, den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses
-in jedem aufregen muß, auf die Direktion der Polizei.</p>
-
-<p>Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege
-ihm die ganze Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander,
-weiß aber leider von den Gemordeten keine mit ihrem wahren
-Namen anzugeben, als eine gewisse <em class="gesperrt">Pauline Dupuis</em>, die
-im Jahre 1801 unter der mörderischen Hand jener Frau starb.
-Doch dies war dem unter solchen Fällen ergrauten Polizeimann
-genug. Er dankt mir für meinen Eifer, schickt sogleich Patrouille
-in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich
-auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein werde,
-in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu,<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span>
-da er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das
-Aufsehen womöglich vermeide.</p>
-
-<p>Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die
-das Haus umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch
-dasselbe verlassen habe. Der Vogel war also gefangen. Wir
-ließen uns das Haus öffnen und fingen im ersten Stock unsere
-Untersuchung an. Gleich vor der Türe des ersten Zimmers
-hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände
-öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere, ältliche
-Dame als die Verbrecherin an.</p>
-
-<p>Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte
-nach unserem Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen
-hatte die Dame etwas, das mir imponierte. Ich verlor auf
-einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den Direktor,
-um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch dieser ließ
-sich nicht so leicht verblüffen. Mit der ernsten Amtsmiene
-eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang
-aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie
-gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der
-Mann sah sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an
-ängstlich zu werden, sie fragte, was man denn von ihr wolle,
-warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten besetze,
-warum man sie mit solchen Fragen bestürme?</p>
-
-<p>Der Mann der Polizei sah in diesen ängstlichen Fragen
-nur den Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien
-es für das beste zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr
-vollends das Verbrechen zu entlocken. ›Madame, was haben
-Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? Leugnen
-Sie nicht länger, wir wissen alles, sie starb durch Ihre Hand,
-wie heute früh die unglückliche Elise!‹</p>
-
-<p>›Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben
-lassen,‹ antwortete diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar
-in ein boshaftes Lächeln überzugehen schien.</p>
-
-<p>›Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut,
-als hätten Sie zwei Tauben abgetan?‹ fragte der erstaunte
-Polizeidirektor, dem <em class="antiqua">in praxi</em> eine solche Mörderin noch nicht
-vorgekommen sein mochte. ›Wissen Sie denn, daß Sie verloren
-sind, daß es Ihnen den Kopf kosten kann?‹</p>
-
-<p>›Nicht doch!‹ entgegnete die Dame. ›Die Geschichte ist ja
-weltbekannt.‹ &ndash; ›Weltbekannt?‹ rief jener. ›Bin ich nicht schon
-seit vierundzwanzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen
-könnte mir entgehen?<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>‹</p>
-
-<p>›Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich
-Ihnen die Belege herbeibringe?‹</p>
-
-<p>›Nicht von der Stelle, ohne gehörige Bewachung. Wache!
-Zwei Mann auf jeder Seite von Madame. Bei dem ersten
-Versuch zur Flucht &ndash; zugestoßen!‹</p>
-
-<p>Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten
-die Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben
-schien. Bald jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in
-der Hand.</p>
-
-<p>›Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Morde
-finden,‹ sagte sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.</p>
-
-<p>›Taschenbuch für 1802,‹ murmelte der Direktor, indem er
-das Buch aufschlug und durchblätterte, ›was Teufel, gedruckt
-und zu lesen steht hier: <em class="gesperrt">Pauline Dupuis</em> von &ndash; mein
-Gott, Sie sind die Witwe des Herrn von &ndash; und, wenn ich nicht
-irre, selbst Schriftstellerin?‹</p>
-
-<p>›So ist es,‹ antwortete die Dame und brach in ein lustiges
-Lachen aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er,
-vor Lachen sprachlos, auf mich deutete.</p>
-
-<p>›Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind?‹ fragte ich,
-den Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin
-und des Polizeimannes noch immer nicht verstehend.</p>
-
-<p>›Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,‹ sagte die
-Lachende, ›und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen
-Leben eingehen.‹</p>
-
-<p>Was brauche ich noch dazuzusetzen? Meine Herren und
-Damen! Ich war der Narr im Spiel, und jene Frau war die
-rühmlichst bekannte, interessante Th. v. H. Die Erzählung
-»Pauline Dupuis« ist noch heute zu lesen; ob die geniale Frau
-ihre Elise, die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee
-vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht. Ich mußte aus
-S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu werden. Vorher
-aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diätenrechnung
-über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte
-den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch
-in einem Klub abgehalten hatte.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung
-an Frau von Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm
-zu teil, und ein gnädiges Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie
-glücklich er sich gerechtfertigt hatte. Und wie die finstern Blicke
-dieser Dame vorher die Männer aus seiner unglücklichen Nähe
-entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder, als<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn öfter ins
-Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich über
-jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner
-für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben
-für die Berliner, welche nie an den Rebhügeln des Neckars
-und an den fröhlich grünenden Gestaden der obern Donau eines
-jener sinnigen, herzlichen Lieder aus dem Munde eines »luschtiga
-Büebles«, oder eines rüstigen hochaufgeschürzten »Mädles« belauschten,
-ein Gegenstand hoher Neugierde.</p>
-
-<p>Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in
-gebildeten Zirkeln, wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien,
-hörte ich diesen Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem
-Zaubergarten von sanften Hügeln, von klaren blauen Strömen,
-von blühenden, duftenden Obstwäldern, von prangenden Weingärten
-durchschnitten, wohne, meinten sie, ein Völkchen, das noch
-so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur stehe. Immense
-Gelehrte, die sich nicht auszudrücken verstünden, phantasiereiche
-Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprechen. Ihre Mädchen
-haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand. Ihre
-Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im
-ganzen Lande werden alle Tage viele tausende jener Torheiten
-begangen, die allgemein unter dem Namen »Schwabenstreiche«
-bekannt seien.</p>
-
-<p>Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr
-in Schwaben gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen
-ganz wohl befunden; hätte ich nicht befürchten müssen, aus
-der Rolle eines Zöglings zu fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet,
-wie ich es wußte; so aber ersparte mir mein Mentor
-die Mühe, welcher unglücklich genug, die gute Meinung, die er
-auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu schnell wieder
-verlieren sollte!</p>
-
-<p>»Ob die Berliner,« sagte er, »mehr innere Bildung, mehr
-Eleganz der äußern Formen besitzen als die Schwaben, ob man
-hier im Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf
-die Erde oder vielmehr auf Sand kommt als in Schwaben,
-wage ich nicht zu untersuchen, aber soviel habe ich mit eigenen
-Augen gesehen, daß man dort im Durchschnitt unter den Mädchen
-eine weit größere Menge hübscher, sogar schöner Gesichter
-findet als selbst in Sachsen, welches doch wegen dieses Artikels
-berühmt ist.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Quelle sottise!</em>« hörte ich Frau von Wollau schnauben,
-»welche abgeschmackte Behauptungen dieser gemeine Mensch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst
-gab ihm der Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu
-erinnern, daß er sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit
-Anspruch machten; ruhig, als ob er den erzürnten Schönen
-das größte Kompliment gesagt hätte, fuhr er fort: »Sie können
-gar nicht glauben, wie reizend dieser verschrieene Dialekt von
-schönen Lippen tönt; wie alles so naiv, so lieblich klingt; wie
-unendlich hübsch sind diese blühenden Gesichtchen, wenn man
-ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie liebe; wie schelmisch
-schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig erröten sie, welcher
-Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich verschämt wegwenden
-und flüstern: ›Ach, ganget Se mer weg, moinet Se
-denn, i glaub's?‹ Hier in Norddeutschland gibt es meist nur
-Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder
-ätherisch auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten,
-wenn sie es je der Mühe wert halten, über dergleichen zu
-erröten.«</p>
-
-<p>O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast
-du das zornblickende Auge einer Dame versöhnt, so begehst du
-den großen Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen
-zweier Länder zu loben, und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen,
-sondern sogar ihren ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe
-für Teegesichter zu verschreien!</p>
-
-<p>Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren
-Ohren nicht, die ältern an; diese warfen schreckliche Blicke auf
-den Frevler und auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt,
-noch keine Worte zu einer Replik finden konnten. Die Teetassen,
-die goldenen Löffelchen klirrten laut in den vor Wut
-zitternden Händen der Mütter, die seit zehn Jahren mit vieler
-Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter nobel und edel
-aussehen möchten &ndash; wozu heutzutage, außer dem Gefühl der
-Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört&nbsp;&ndash;, welche
-die immer wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer
-wiederkehrende Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt
-hatten.</p>
-
-<p>Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch
-sie und ihre Freude, ihre Kunst zu schanden machen; er sollte
-es wagen, die Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen
-Bewohnerinnen des unkultivierten Schwabens auch nur
-in Parallele zu bringen und ihnen den ersten Rang zu versagen.
-Und dies sollten sie dulden?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p>
-
-<p><em class="antiqua">Jamais!</em> Gnädige Frau nahm das Wort, mit einem Blick,
-der über das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein
-über Schneegefilde herabglänzte: »Ich muß Sie nur herzlich
-bedauern, Herr Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben
-und seine naiven Bauerndirnen so treulos verlassen haben;
-und ich bitte Sie, Lieber,« fuhr sie fort, indem sie sich zu dem
-Dichter, der uns eingeführt hatte, wandte, »ich bitte Sie, muten
-Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meinen Zirkel zu besuchen.
-Jotte doch, er könnte bei unsern Damen seine robusten Naturen
-und jene Naivität vermissen, die er sich so ganz zu eigen gemacht
-hat.«</p>
-
-<p>Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter
-spendeten Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen
-Sacktüchern, die jungen Herren hatten auch wieder
-die Sprache gefunden und machten sich lustig über meinen armen
-Hofmeister. Doch der feine Takt der gnädigen Frau ließ diesem
-Ausbruch der Nationalrache nur so lange Raum, bis sie den
-Doktor Mucker hinlänglich bestraft glaubte. Beleidigt durfte
-dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch
-seine rücksichtslose Aeußerung ihren Unwillen verdient hatte;
-sie beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten
-Frauen so eigentümlich ist, allen weitern Bemerkungen vor,
-indem sie ihren Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten
-und der Gesellschaft die längst versprochene Novelle preiszugeben.</p>
-
-<p>Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends
-meine Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den
-übrigen jungen Herren, die leer in den Tag hinein plauderten,
-sehr vorteilhaft durch Ernst und würdige Haltung, durch gewählten
-Ausdruck und kurzes, richtiges Urteil. Er war groß
-und schlank gebaut, männlich schön, nur vielleicht für manche
-etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte jenen
-Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
-wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der
-großen und kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber
-gedacht hatte.</p>
-
-<p>Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem
-Gespräch des ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem
-Wort, ich möchte sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum
-erstenmal an diesem ganzen Abend entlockte ihm die Frage seiner
-Tante ein Lächeln, das sein Gesicht, besonders den Mund, noch
-viel angenehmer machte; wahrlich, in diesen Mann hätte ich<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein gewesen wäre,
-unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen haben
-hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache
-schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich
-die glänzende Garde-Uniform und ihren kühnen, die drallen
-Formen zeigenden Schnitt nicht aufwägen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Der Fluch.</span></h3>
-
-<p class="center smaller">(Eine Novelle.)</p>
-</div>
-
-<p>»Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante,«
-sprach der junge Mann mit voller, wohltönender Stimme,
-»eine artige Novelle oder eine leichte, fröhliche Erzählung für
-diesen Abend zu ersinnen. Doch, um nicht wortbrüchig zu erscheinen,
-muß ich schon den Fehler einigermaßen gut zu machen
-suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem eigenen
-Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz
-und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert
-der Wahrheit für sich hat.«</p>
-
-<p>Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit
-oft größeren Reiz habe als die erfundene Spannung einer Novelle,
-ja, sie gestand ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte,
-denn er sehe seit der Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll
-aus, daß man auf seine Begebnisse recht gespannt sein
-dürfe.</p>
-
-<p>Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und
-gaben dieser Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann
-aber hub an zu erzählen:</p>
-
-<p>»Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen
-Gesellschaft, welche die Güte meiner Tante noch einmal um den
-Scheidenden versammelt hatte, Abschied nahm, warnten mich
-einige Damen &ndash; wenn ich nicht irre, war Frau von Wollau
-mit davon &ndash; vor den schönen Römerinnen, vor ihren feurigen,
-die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung
-dankbar an, noch kräftigeren Schutz aber versprach ich mir von
-jenen holden, blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen
-Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in
-feinem und treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen
-nahm. Und sie schützten mich, diese Bilder, gegen jene dunklen<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span>
-Feuerblicke der Römerinnen; wie sie aber vor sanften blauen
-Augen, welche ich dort sah, sich unverantwortlich zurückgezogen,
-wie sie mein armes, unbewahrtes Herz ohne Bedeckung ließen,
-will ich als bittere Anklage erzählen.</p>
-
-<p>Der s…sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir
-in der Karwoche eine Karte zu den Lamentationen in der
-sixtinischen Kapelle geschickt; mehr um den alten Herrn, der mir
-schon manche Gefälligkeit erwiesen hatte, nicht zu beleidigen,
-als aus Neugierde, entschloß ich mich hinzugehen. Ich war nicht
-in der besten Laune, als es Abend wurde; statt einer lustigen
-Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte ich einen Klaggesang
-mitanhören, der mir schon an und für sich höchst lächerlich
-vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit
-solcher Ritualien überzeugen können, selbst in dem ehrwürdigen
-Kölner Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel
-des gebrochenen Lichtes, die mächtigen vollen Töne der Orgel
-manchen andern ernster stimmen mögen, konnte ich nur über die
-Macht der Täuschung staunen.</p>
-
-<p>Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das
-Portal der sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache,
-alte, ausgediente, schneiderhafte Gestalten, hielten hier Wache
-mit so meisterlicher Grandezza, als nur die Cherubim an der
-Himmelstüre. Der Glanz der Kerzen blendete mich, da ich
-eintrat, und stach wunderbar ab gegen den dunklen Chor, in
-den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der Hochaltar
-war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.</p>
-
-<p>Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um
-mich her zu mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer,
-dagegen fast alles, was Rom an Fremden beherbergte.</p>
-
-<p>Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige
-junge Engländer von meiner Bekanntschaft, standen ganz in
-meiner Nähe. Sie zogen mich auf, daß auch ich mich habe
-verführen lassen, dem Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen;
-Lord Parter aber meinte, es sei dies wohl der Schönen
-zu Gefallen geschehen, die ich mitgebracht habe. Er deutete
-dabei auf eine junge Dame, die sich neben mir niedergelassen.
-Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr
-ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.</p>
-
-<p>Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke
-hohe Gestalt, dem Wuchs nach keine Römerin; ein schwarzer
-Schleier bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span>
-ließ nur einen Teil eines Nackens sehen, so rein und weiß,
-wie ich ihn selten in Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.</p>
-
-<p>Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den
-alten Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu
-machen, wollte eben &ndash; da begann der Klaggesang, und meine
-Schöne schien so eifrig darauf zu hören, daß ich nicht mehr
-wagte, sie anzureden. Unmutig warf ich mich in den Kirchenstuhl
-zurück, Gott und die Welt, den Papst und seine Lamentationen
-verwünschend.</p>
-
-<p>Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie
-sich sechzig der tiefsten Stimmen, die <em class="antiqua">unisono</em> im tiefsten Grundton
-der menschlichen Brust Bußpsalmen murmeln. Der erste
-Psalm war zu Ende, eine <em class="gesperrt">Kerze</em> auf dem Altar verlöschte.
-Getröstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte ich eben den
-jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.</p>
-
-<p>Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß
-noch alle zwölf übrigen Kerzen verlöschen müssen, bis ich ans
-Ende denken könne. Die Kirche war geschlossen und bewacht, an
-ein Entfliehen war nicht zu denken. Ich empfahl mich allen
-Göttern und gedachte, einen gesunden Schlaf zu tun. Aber wie
-war es möglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne strömten
-die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen verlöschten,
-meine Unruhe ward immer größer.</p>
-
-<p>Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen
-sie mir bis ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz
-vor den dichten Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus
-den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor meiner
-Seele auf, unwillkürliche Rührung bemächtigte sich meiner,
-und Tränen entstürzten seit Jahren zum erstenmal meinem
-Auge.</p>
-
-<p>Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen
-gesehen. Aber die Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht
-auf ihren Knieen, der Lord und seine Freunde weinten
-bitterlich. Zwölf Kerzen waren verlöscht. Noch <em class="gesperrt">einmal</em> erhoben
-sich die tiefen, herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend
-durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser verschwebend.
-Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich mit das Feuermeer
-der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus dem
-Chor und lagerte sich über die Gemeinde. Mir war, als wär'
-ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine
-fürchterliche Nacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße
-klagende Stimmen. Was jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht
-gelassen, zerschmolz vor diesem hohen Dolce der Wehmut.
-Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chor herüber
-Töne, wie von gerichteten Engeln gesungen, glaubte ich
-nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen
-und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn gewesen.</p>
-
-<p>Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene,
-die Menge ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte
-mich zum Aufbruch zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine
-schöne Nachbarin noch immer auf den Knieen niedergesunken
-lag. Ich faßte mir ein Herz.</p>
-
-<p>›Signora,‹ sprach ich, ›die Tore werden geschlossen, wir
-sind die letzten in der Kapelle.‹</p>
-
-<p>Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite
-niederhing, sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.</p>
-
-<p>Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war
-schon weit vorgerückt; nur noch einige Flambeaux zogen durch
-die Kirche, ich mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu
-werden. Ich besann mich nicht lange, rief einen der Fackelträger
-herbei, um mit seiner Hilfe die Dame aufzurichten.</p>
-
-<p>Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere
-Schein der halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich
-es auch auf den herrlichsten Kartons von Raphael nie gesehen!
-Glänzendbraune Locken hatten sich aufgelöst und fielen herab bis
-in den verhüllten Busen und umzogen das liebliche Oval ihres
-Angesichtes, auf dem sich eine durchsichtige Blässe gelagert hatte.
-Die schönen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes, vielleicht
-etwas schelmisches Auge, und den halbgeöffneten Mund, umkleidet
-mit den weißesten Perlen, konnte Gram, konnte Schmerz
-so gezogen haben.</p>
-
-<p>Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche,
-blaue Auge auf, dessen eigener schwärmerischer Glanz mich so
-überraschte, daß ich einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte.
-Sie richtete sich plötzlich auf, stand nun in ihrer ganzen Schöne
-mir gegenüber. Welch zarte Formen bei so vielem Anstand,
-bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. Sie schaute verwundert
-in der Kirche umher, ließ dann ihre Blicke auf mich herübergleiten.</p>
-
-<p>›Und Sie hier, Otto?‹ sprach sie, nicht italienisch, nein, in
-reinem, wohlklingendem Deutsch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt
-zu mir, ja, sogar meinen Namen hatte sie genannt; woher
-konnte sie ihn wissen? &ndash; sie schien verwundert über mein
-Schweigen.</p>
-
-<p>›Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so
-freundlich unterstützt? Doch, lassen Sie uns gehen, es wird spät.‹</p>
-
-<p>Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich
-gab ihr den Arm. Sie drückte zärtlich meine Hand.</p>
-
-<p>Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von
-ihr war nicht möglich &ndash; das Mädchen <em class="gesperrt">konnte</em> keine Dirne
-sein. Verwechslung war offenbar. Aber sie wußte mich bei
-meinem Namen zu nennen, sie war so ohne Arg. &ndash; Ich wagte
-es &ndash; ich übernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers
-und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.</p>
-
-<p>Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche
-Straße sollt' ich wählen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft
-zu verraten? Ich nahm allen meinen Mut zusammen
-und schritt auf die mittlere Straße zu.</p>
-
-<p>›Mein Gott,‹ rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts,
-›Otto, wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an
-die Tiber gekommen.‹</p>
-
-<p>O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich
-klingt unsere Sprache in einem schönen Munde. Schon oft
-hatte ich die Römerinnen beneidet um den Wohllaut ihrer Töne;
-hier war weit mehr, als ich in Rom gehört; es mußte offenbar
-ein deutsches Mädchen sein, ich sah es aus allem, und doch
-so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch immer
-schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge
-sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie
-einen Kuß erwarteten.</p>
-
-<p>›Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest
-du mir zürnen, daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne
-mir nicht! Doch du hast recht, wäre ich lieber nicht hingegangen.
-Ich glaubte Trost zu finden und fand keinen Trost, keine Hoffnung.
-Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen
-über die Alpen zu wehen und mit Tönen der Klage mich zu
-sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!‹ weinte sie,
-indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels
-tauchte. ›Wie bin ich so allein! &ndash; Und wenn ich dich nicht hätte,
-mein Otto!‹</p>
-
-<p>Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste lieblichste
-Kind im Arme, und doch nicht sagen können, wie ich<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-sie liebte! Als ihre Tränen noch nicht aufhören wollten, flüsterte
-ich endlich leise: ›Wie könnte ich dir zürnen.‹</p>
-
-<p>Sie schaute freudig dankbar auf &ndash; ›Du bist wieder gut?
-Und o! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch
-deine Stimme klingt heute so weich! Sei auch morgen so und
-laß nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten.‹</p>
-
-<p>Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem
-sie die Glocke zog. ›Und nun gute Nacht, mein Herz,‹ sagte sie,
-›wie gern säß ich noch zu dir auf der Bank, aber die Signora
-wartet wohl schon zu lange.‹ Ich wußte nicht, wie mir geschah,
-ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.</p>
-
-<p>Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße
-konnte ich nicht erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber
-vor ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen, konnte ich
-als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit unsäglicher
-Mühe durch das Gewirr der Straßen und war doch
-nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den
-lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht
-schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich
-die Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Mädchens hereinzublicken.
-Mitunter zogen auch die Lamentationen durch
-meinen wirren Kopf, und ich verwünschte endlich ein Abenteuer,
-das mich eine schlaflose Nacht kostete.</p>
-
-<p>Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer
-seiner Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein,
-als ich meine rätselhafte Schöne zu Haus brachte, und schalten
-mich neckend, daß ich sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als
-ich ihnen mein Abenteuer, dem größern Teil nach, erzählte,
-wurden sie noch ungestümer und behaupteten, mich deutlich schon
-mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer
-klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine Gestalt
-gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen
-schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als
-das leibhafte Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen.
-Die beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem
-ich mich vor dem Spott meiner Bekannten fürchtete, zugleich
-versprachen sie auch, mir suchen zu helfen.</p>
-
-<p>Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen
-mußten, um die erwachende Neugierde unserer Freunde
-zu täuschen, fanden wir endlich in dem entlegensten Winkel der
-Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich
-sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe, auf<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span>
-welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging auch unser
-Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit
-entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse,
-die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein
-fremdes Haus einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die
-Straße, immer war die Türe verschlossen, immer die Fenster
-neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten tagelang die
-Promenaden, weder meine Schöne noch mein Ebenbild ließen
-sich sehen.</p>
-
-<p>Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm
-mir sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir
-in meiner gegenwärtigen Spannung höchst fatal. Unaufhörlich
-verfolgte mich das Bild des Mädchens, im Traum wie im
-Wachen hörte ich die liebliche Stimme flüstern. Hatten mich
-die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt, hatte das flüchtige
-Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die Schönheit
-so mancher andern nicht über mich vermochte?</p>
-
-<p>Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde
-Gegenstände, die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft,
-nichts gab mir meine Ruhe wieder.</p>
-
-<p>Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte.
-Durfte ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand
-meiner Sehnsucht herauszufinden? Meine englischen
-Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr, dem ich mich
-vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen
-lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden
-des Karnevals zu mischen.</p>
-
-<p>Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten
-Tages der Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich
-gestern amüsiert habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen.
-Er erstaunte, behauptete, mich von seinem Wagen aus
-mit einer Dame am Arm gesehen und begrüßt zu haben. Er
-schwieg etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber
-plötzlich kam mir der Gedanke: wie, wenn es die Gesuchten
-wären? &ndash; Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen
-Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den
-edelsten römischen Häusern eine Rolle übernommen hatten,
-sollte den Karneval verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner
-Bekannten nach und ging mit in den Korso.</p>
-
-<p>Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels.
-Zu jeder andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span>
-geschenkt haben, nicht nur weil es mir als Volksbelustigung
-sehr interessant gewesen wäre, sondern weil sich der
-Charakter der Römer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber
-wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten
-des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
-geblieben, und nur <em class="gesperrt">ein</em> heller Stern aus dieser Nacht auftaucht,
-so werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante
-Schauspiel Ihre Neugierde nicht zur Genüge befriedige.</p>
-
-<p>Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch
-die Porta del popolo hereintraten. Unabsehbar wogten die
-Wellen der Menge durcheinander. Und das Auge gleitete unbefriedigt
-darüber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten
-Farben keinen Punkt fand, der es festhielt. Die Erwartung
-war gespannt. Ueberall hörte man von dem Maskenzug
-reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes Beifallrufen
-drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und
-verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
-dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen
-Tücher und winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen
-sich in die Seiten drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu
-machen. Er nahte. Gewiß ein herrlicher Anblick. Die Götter
-der alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen
-zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, majestätische
-Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des Apoll
-und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es
-nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade hierin
-den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm
-den Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich
-wurde aber der Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen
-des Gesichtes unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser
-liebliche Ernst, diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und
-Praxiteles begeistern können.</p>
-
-<p>Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu
-besteigen, weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand
-ziemlich verlassen auf der Straße, musternd mit sehnsüchtigen
-Blicken die Galerien und Balkone, ob meine Schöne nicht darauf
-zu treffen sei. Plötzlich fühlte ich einen leisen Schlag auf die
-Schulter. ›So einsam?‹ tönte in der lieben Muttersprache eine
-süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende
-Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir.
-Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die
-mich damals so sehr überraschten. Sie ist's &ndash; es ist kein<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span>
-Zweifel. Ich bot ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise.
-›Du böser Otto,‹ flüsterte sie, ›den ganzen Abend habe ich dich
-vergebens gesucht. Wie mußte ich schwatzen, um die Signora
-loszuwerden!‹</p>
-
-<p>Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die
-Galerien zu suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm,
-sie folgte. Ein heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich
-dar, sie wählte es von selbst. Karneval, Pferderennen, alle
-Schönheiten Roms waren für mich verloren, als mein stiller
-Himmel sich öffnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher,
-noch unendlich schöner war sie als an jenem Abend. Die zarte
-Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war einer feinen,
-durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte noch von höherem
-Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der
-Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln
-gemildert, das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte.</p>
-
-<p>Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge
-auf mein Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne
-und rief dann plötzlich: ›Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie
-an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest!
-Gestehst du ihn deiner Luise noch nicht?‹</p>
-
-<p>Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das
-Signal, die Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne
-bog den Kopf abwärts, und ich, meiner Sinne kaum mächtig,
-flüchtete hinter die nächste Säule, um nicht im Augenblick vor
-dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch etwas Schlimmeres
-zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich mich
-selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen,
-was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit
-getriebene Neugierde Frevel?</p>
-
-<p>Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher
-sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes
-sein könnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt
-sei. Ich schlich näher hinzu, um wenigstens zu hören, wer
-der Glückliche sei, da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu
-verraten, nicht sehen konnte.</p>
-
-<p>›Wie magst du nur so zerstreut fragen?‹ sagte Luise. ›Du
-selbst hast mich ja heraufgeführt?‹</p>
-
-<p>›Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir
-trete? Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span>‹</p>
-
-<p>Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie
-auf dem, was sie vorhin sagte. ›Du bist auch wie unsere Wetter
-über den Alpen, soeben noch so freundlich, und jetzt so kalt, so
-finster.‹</p>
-
-<p>Jener stand schnell auf: ›Ich bin nicht gestimmt, meine
-Gnädige, das Ziel Ihrer Scherze zu sein,‹ sagte er, ›und wenn
-Sie sich in Rätsel vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig
-werden.‹ Er brach auf und wollte gehen. Ich konnte die
-Leiden der Armen nicht mehr verlängern, trat hervor hinter der
-Säule, um mich als Auflösung des Rätsels zu zeigen. Aber wie
-ward mir! Meine eigene Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte
-ich mir gegenüber zu sehen. Die überraschende Aehnlichkeit&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Funfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Das Intermezzo. &ndash; Die Trinker.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und
-Donner einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher
-Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales,
-überschüttet mit Tee, Trümmern seines Stuhles und der feinen
-Meißner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der
-Aerger über eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern
-zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge von diesem
-Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm beizustehen.
-Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
-rühren, und schaute verwundert herauf.</p>
-
-<p>Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah
-mich nach einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen
-könnte. Aber ein Verwandter des Hauses raunte mir in die
-Ohren; ich möchte machen, daß wir fortkommen, mein Hofmeister
-scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.</p>
-
-<p>Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich
-mich von der gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel
-Schönes und lud mich ein, sie recht oft zu sehen; meinen armen
-Hofmeister würdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so kalt
-als möglich und ließ ihn abziehen. Gelächter schallte uns nach,
-als wir den Saal verließen, und ich hatte mit meiner Inkarnation
-soviel menschliche Eitelkeit angezogen, daß mich dieses
-Lachen ungemein ärgerte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p>
-
-<p>Wie gerne hätte ich die Erzählung jenes interessanten
-jungen Mannes zu Ende gehört;<a id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> wieviel Wichtiges und Psychologisches
-hätte ich von dem gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen
-können; und war ich selbst nicht ganz dazu gemacht,
-junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher,
-ich darf sagen hübscher Mann auf Reisen findet, wo er hinkommt,
-freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen
-einzieht &ndash; und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen
-<em class="gesperrt">des alten Menschen</em> verdorben, ich hätte ihn würgen
-können, als wir im Wagen saßen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Wenn ich nicht irre, so habe ich im zweiten Teile dieser Memoiren eine Fortsetzung
-jener Erzählung gesehen.
-</p>
-<p class="right">
-Der Herausgeber.
-</p></div>
-</div>
-
-<p>»War es nicht genug,« sagte ich, »daß du mit deinem
-scharfen Judenbart die zarte Hand der Gnädigen empfindlich
-bürstetest? Mußtest du auch noch die Frau von Wollau durch
-dein unzeitiges Gelächter beleidigen? Und kaum hast du es
-wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf?
-Was gingen dich denn die <em class="gesperrt">Schwabenmädel</em> an, daß du ihre
-Schönheit an den Teetischen Berlins predigst? Darfst du denn
-sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht?
-Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau
-eingesteckt hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige
-Thema, das diesen Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst
-du, wie der selige Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis,
-rücklings in den Saal und zerschmetterst &ndash; nicht den eigenen
-hohlen Schädel, wie jener würdige jüdische Papst &ndash; nein! einen
-zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meißner Porzellan;
-sage, sprich, schlechter Kamerad, wie fingst du es nur an?«</p>
-
-<p>»In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant
-gegen unsereinen,« antwortete er verdrießlich, »Ihr wißt, daß
-Euch keine Gewalt über meine Seele zusteht, denn seit anderthalb
-tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl.
-Was aber die Eli-Geschichte betrifft, so will ich Euch reinen
-Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge;
-denn der läpperige Tee hier, mit dem man in China kaum
-die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern Arrak,
-haben mir ganz miserabel gemacht.«</p>
-
-<p>Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den
-verunglückten Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich
-tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in
-dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span>
-oder fünf solcher nächtlichen Gestalten; ich ließ für den alten
-Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem Malabarisch,
-wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich ihn auf,
-zu erzählen.</p>
-
-<p>Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt
-hatte, begann er:</p>
-
-<p>»Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht,
-daß ich, sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage,
-lächerlich werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.</p>
-
-<p>Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens
-zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche &ndash; nun verziehe
-dein Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe
-von einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich
-schon noch aufs Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem
-kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf dem Korn. Ich
-hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus,
-und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich
-kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte
-um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein so ausgemachter
-Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging.
-In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um
-neun Uhr an dem Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute
-sie heraus, so wurde mit Grazie der Hut gezogen und etwas
-weniges geseufzt.</p>
-
-<p>Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß,
-wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber;
-und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal
-zum Fenster herausschaute und huldreich lächelte. Eines
-Morgens war es sehr kotig auf der Straße; ich ging also, um
-die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und
-machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause meiner
-Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen zusammengekehrt,
-denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
-mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich
-mein Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten,
-ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment
-machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen.
-Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut
-von dem schönfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem kühnen
-Bogen, und &ndash; o Unglück &ndash; er entwischt meiner Hand, er
-fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur noch
-die Spitze hervorsieht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p>
-
-<p>Wie schön sagt Schiller:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Einen Blick<br /></span>
-<span class="i0">Nach dem Grabe<br /></span>
-<span class="i0">Seiner Habe<br /></span>
-<span class="i0">Sendet noch der Mensch zurück.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte
-ich in zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen?
-Aber dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei;
-sollte ich völlig <em class="antiqua">chapeau bas</em> weiterziehen, wie einer, der ohne
-Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?</p>
-
-<p>Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen
-meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren
-Totenglocken, das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten
-zehn Bässe aus dem gegenüberstehenden Kaffeehaus, Husarenleutnants,
-Schreiber, Kaufleute, brüllen aus den aufgerissenen
-Fenstern, und ›Hussa, Sultan, such' verloren!‹ tönt die Stimme
-meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine englische
-Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den verlorenen
-Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die
-Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
-präsentiert mir das triefende <em class="antiqua">Corpus delicti</em>.</p>
-
-<p>Was ich dir hier mit vielen Worten erzähle, mein Bester,
-war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden,
-und erst die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab
-mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelächter
-scholl aus dem Kaffeehause, und auch bei <em class="gesperrt">ihr</em> waren alle Fenster
-mit Lachern angefüllt; und als ich einen zärtlichen Blick, den
-letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das batistene Sacktuch
-in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu bersten. Da verlor
-ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den Hut und
-schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen
-Spaß, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich ließ ihr
-diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und
-dünn galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde
-und Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm
-erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes
-stürzte.</p>
-
-<p>Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders
-da ich nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter
-um diese Stunde in das Kaffeehaus bestellt, um täglich
-meine Fensterparade zu bewundern!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span></p>
-
-<p>Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig
-nach seinem Glas, trank und fuhr dann fort:</p>
-
-<p>»Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von
-jeher, besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so
-ungemein viel auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte,
-wenn der vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft
-berührt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer
-höllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon
-im Geiste, daß ich damit zittern und sie verschütten werde.
-Kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiß
-aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand fürchterlich,
-sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand danach, und &ndash;
-richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung
-auf dem neuen <em class="antiqua">Drap d'or</em> oder genuesischen Samtkleid, daß alles
-im schönsten Fett schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche
-Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein
-Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne den
-Schoßhund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des
-Hauses die größten Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und
-pikant sein will, so faßt mich irgend ein Unheil noch zum Schluß,
-daß ich mit Schande abziehe wie heute.«</p>
-
-<p>»Nun,« fragte ich, »was warf dich denn heute mitten ins
-Zimmer?«</p>
-
-<p>»Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie
-er ein paar Pfaffen habe singen hören, und wie er einem
-hübschen Mädchen nachgelaufen sei &ndash; was man überall tun
-kann, ohne gerade in Rom zu sein &ndash; da übermannte mich die
-Langeweile, die eines meiner Hauptübel ist, und so setzte ich, um
-mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts in Bewegung und
-schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich mich dessen
-versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich lag.«</p>
-
-<p>»Das habe ich leider gesehen, wie du lagst,« sagte ich; »aber
-wie kann man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute
-Sitte vergessen und mit dem Stuhl schaukeln.«</p>
-
-<p>»Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
-Geschichte, ich habe heute abend kein Glück gemacht,
-das ist alles. <em class="antiqua">Bibamus, diabole!</em>« sagte der alte Mann, indem
-er selbst mit tüchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd
-auf das dunkelrote Glas wies: »Der ist koscher, Herr Bruder,
-guter Burgunder, echter Chambertin und wenigstens zwanzig
-Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder nicht, aber ein<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span>
-gutes altes Weinchen vom Südstamme ist noch immer meine
-Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum
-so schlecht aus, weil soviel Tee, Branntwein und Bier, aber desto
-weniger Wein getrunken wird.«</p>
-
-<p>»Du könntest recht haben, Jude!«</p>
-
-<p>»Wie stattlich,« fuhr er im Eifer fort, »wie stattlich nahmen
-sich sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige
-Gestalten, den dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt,
-rote Gesichter, feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen,
-honette Bäuche &ndash; so traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene
-Meerrohr in der Faust, feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn
-der Hut am Nagel hing, der Stock in die Ecke gestellt war, schritt
-der Gast dem wohlbekannten Plätzchen zu, das er seit Jahren sich
-zu eigen gemacht hat, und das oft nach ihm getauft war. Der
-Wirt stellte mit einem ›Wohl bekomm's‹ die Weinkanne vor den
-ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn fanden sich
-zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig
-und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in
-den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren
-rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine Aenderung.
-Jetzt hängen sie alles an den Putz, machen Staat wie die
-Fürsten und sitzen den Wirten um zwei Groschen die Bänke ab.
-Luftiges, unstätes Gesindel fährt in den Wirtshäusern umher,
-man weiß nie mehr, neben wem man zu sitzen kommt, und das
-heißen die Leute <em class="gesperrt">Kosmopolitismus</em>. Höchstens trifft man
-ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten Sorte, aber
-dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!«</p>
-
-<p>»Schau' nur dorthin,« fiel ich ihm ein, »du Prediger in
-der Wüste, dort sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine
-Männlein dort in dem braunen Röckchen, wie es so feurig die
-roten Augen über die Flasche hinrollen läßt. Er scheint mir
-ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein,
-den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen und zerdrückt
-ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort der große
-dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus der
-alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt
-wie die heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
-Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir
-hier sind, und hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen
-in die Tasche steckt, um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er
-getrunken?«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig, diese sind echt!« rief der begeisterte Jude, »ich<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
-bin jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht
-viele, laß uns zu ihnen uns setzen, <em class="antiqua">mi fratercule</em>!«</p>
-
-<p>Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von
-der echten Sorte, denn schon seit zwanzig Jahren kommen sie
-alle Abende in das nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken,
-wie gerne wir uns an sie anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze
-liebe und aufsuche, der ewige Jude aber, weil der Kontrast
-zwischen dem eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen
-sehr zu Gunsten der letzteren ausfiel. Er wurde so kordial, daß
-er zu vergessen schien, daß er mit ihren Urvätern schon getrunken
-habe, daß er vielleicht mit ihren späten Enkeln wieder trinken
-werde.</p>
-
-<p>Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn
-sie wurden freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin
-zu brummen, dann gestaltete sich dieses Brummen zu einer
-Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer Weinkehle ihre
-gewohnten Lieder. Auch den alten Menschen faßte diese Lust.
-Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing
-auch er sein Lied an. Er sang:</p>
-
-<p>Des ewigen Juden Trinklied.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wer seines Leibes Alter zählet<br /></span>
-<span class="i2">Nach Nächten, die er froh durchwacht,<br /></span>
-<span class="i0">Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,<br /></span>
-<span class="i2">Sich um den Groschen lustig macht,<br /></span>
-<span class="i0">Der findet in uns seine Leute,<br /></span>
-<span class="i2">Der sei uns brüderlich gegrüßt,<br /></span>
-<span class="i0">Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude<br /></span>
-<span class="i2">In seine sanften Arme schließt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wenn von dem Tanze sanft gewieget,<br /></span>
-<span class="i2">Von Flötentönen süß berauscht,<br /></span>
-<span class="i0">Fein Liebchen sich im Arme schmieget<br /></span>
-<span class="i2">Und Blick um Liebesblick sich tauscht;<br /></span>
-<span class="i0">Da haben wir im Flug genossen<br /></span>
-<span class="i2">Und schnell den Augenblick erhascht<br /></span>
-<span class="i0">Und, Herz am Herzen festgeschlossen,<br /></span>
-<span class="i2">Der Lippen süßen Gruß genascht.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,<br /></span>
-<span class="i2">Doch ist sein Feuer bald verraucht,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,<br /></span>
-<span class="i2">In seine Geisterglut dich taucht;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span>
-<span class="i0">Uns, die wir seine Hymnen singen,<br /></span>
-<span class="i2">Uns leuchtet seine Flamme vor,<br /></span>
-<span class="i0">Und auf der Töne freien Schwingen<br /></span>
-<span class="i2">Steigt unser Geist zum Geist empor.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Drum, die ihr frohe Freundesworte<br /></span>
-<span class="i2">Zum würdigen Gesang erhebt,<br /></span>
-<span class="i0">Euch grüß' ich, wogende Akkorde,<br /></span>
-<span class="i2">Daß ihr zu uns herniederschwebt!<br /></span>
-<span class="i0">Sie tauchen auf &ndash; sie schweben nieder<br /></span>
-<span class="i2">Im Vollton rauschet der Gesang,<br /></span>
-<span class="i0">Und lieblich hallt in unsre Lieder<br /></span>
-<span class="i2">Der vollen Gläser Feierklang.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">So haben's immer wir gehalten<br /></span>
-<span class="i2">Und bleiben fürder auch dabei,<br /></span>
-<span class="i0">Und mag die Welt um uns veralten,<br /></span>
-<span class="i2">Wir bleiben ewig jung und neu;<br /></span>
-<span class="i0">Denn wird einmal der Geist uns trübe,<br /></span>
-<span class="i2">Wir baden ihn im alten Wein,<br /></span>
-<span class="i0">Und ziehen mit Gesang und Liebe<br /></span>
-<span class="i2">In unsern Freudenhimmel ein.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ob dies des Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt
-sagen; doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch
-etwas Poet sei; die zwei alten Weingeister aber waren ganz
-erfüllt und erbaut davon; sie drückten dem <em class="gesperrt">alten Menschen</em>
-die Hand und gebärdeten sich, als hätte er ihnen die ewige
-Seligkeit verkündigt.</p>
-
-<p>Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf Uhr.
-Der ewige Jude sah mich an und brach auf, ich folgte. Rührend
-war der Abschied zwischen uns und den Trinkern, und noch
-auf der Straße hörten wir ihre heiseren Stimmen in wunderlichen
-Tönen singen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Und wird einmal der Geist uns trübe,<br /></span>
-<span class="i2">Wir baden ihn im alten Wein,<br /></span>
-<span class="i0">Und ziehen mit Gesang und Liebe<br /></span>
-<span class="i2">In unsern Freudenhimmel ein.«<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span></p>
-
-<p class="h2" id="Satans_Besuch_bei_Herrn_von_Goethe">Satans Besuch bei Herrn von Goethe</p>
-
-<p class="center smaller">nebst</p>
-
-<p class="center">einigen einleitenden Bemerkungen über das Diabolische in der
-deutschen Literatur.</p>
-
-<div class="chapcit">
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern<br /></span>
-<span class="i0">Und hüte mich, mit ihm zu brechen.<br /></span>
-<span class="i0">Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,<br /></span>
-<span class="i0">So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.<br /></span>
-</div>
-</div>
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Goethe.</em><br />
-</p>
-</div>
-
-<h3 id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.</span></h3>
-</div>
-
-<p>»Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht
-erst durch die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede
-Religion hat ihre Dämonen und bösen Geister &ndash; natürlich
-weil die Menschen selbst von Anfang an gesündigt haben und
-nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das Böse, das
-sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei, überall
-Unheil anzurichten.« So würde ich ungefähr sprechen, wenn
-ich es zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun
-über die <em class="gesperrt">Idee eines Teufels</em> mich breit machen müßte.</p>
-
-<p>In meiner Stellung aber lache ich über solche Demonstrationen,
-die gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit
-zehnerlei Gründen hinweg zu disputieren sucht; ich lache darüber
-und behaupte, die Menschen, so dumm sie hie und da sein
-mögen, merken doch bald, wenn es nicht <em class="gesperrt">ganz geheuer um
-sie her ist</em>, und mögen sie mich nun Ahriman oder das böse
-Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich in
-allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um
-das »<em class="antiqua">dicier hic est</em>«, darum behagt mir auch die deutsche Literatur
-so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation
-bemüht, mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre,
-mich ewig zu machen?</p>
-
-<p>In meiner <em class="antiqua">Dissertatio de rebus diabolicis</em> sage ich unter
-anderem folgendes: »§ 8. <em class="gesperrt">Die Idee, das moralische
-Verderben in einer Person darzustellen, mußte
-sich daher den Dichtern bald aufdrängen</em>; diese<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
-waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch
-gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von
-jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über Gegenstände
-hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde
-ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen,
-das sie nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf
-die Bühne und von der Bühne und machten sich breit in Philosophemen,
-die der zehnte nicht sogleich verstand, und drehten und
-wandten sich, als sollten sie auf einer engen Brücke ohne Geländer
-in Reifröcken einander ausweichen.</p>
-
-<p>Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich
-verzeichnet waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie
-vielen Bombast hat dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und
-dann auf der Erde herzuleiern!</p>
-
-<p>Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur
-geschwind aus dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die
-Glieder ausgereckt, bis er die rechte Größe hatte, und ihn dann
-in die Szene gesetzt? Man begreift nicht, wie ein Mensch sich
-von einem solchen Ungetüm sollte verführen lassen.«</p>
-
-<p>Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die
-hier aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir
-von jeher viel Spaß gemacht und ich kam mir oft vor, wie der
-Pulcinell des italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten
-eine stehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt,
-doch immer wieder die Hörner herausstreckte, und unter welche
-man zu besserer Kenntnis ein <em class="antiqua">Ecce homo</em>, sehet, das ist der
-Teufel, schrieb.</p>
-
-<p>Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren
-lassen, sagt ein Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche
-auch wieder gerecht sein. »Ein jeder gibt, wie er's kann,« fuhr
-ich in der Dissertation fort, »und wie sich in jenen Poeten das
-moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte,
-so gaben sie auch ihre Teufel. Daher kommt es, daß
-Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.</p>
-
-<p>Jener Abbadona ist ein gefallener Engel, dem das höllische
-Feuer die Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel
-und würdig ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch
-ein wenig verfehlt, mir wenigstens kommt dieser Klopstockische
-Gottseibeiuns vor wie ein Elegant, der, wegen Unarten aus
-den Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spießbürgerlichen
-Klubs nicht recht zu finden weiß und darum unanständig
-jammert.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation
-aus, und ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder
-Idee, so auch der des Teufels sich nach den individuellen Ansichten
-des Dichters über das Böse richten muß; dies alles aber
-entschuldigt keineswegs jenen berühmten Mann, der, kraft seines
-umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes
-oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, sondern der
-Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es entschuldigt
-ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur
-Welt gebracht hat.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Goethesche Mephistopheles</em> ist eigentlich
-nichts anders als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des
-Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt,
-für die Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die
-Hörner hat er unter dem Barett verborgen &ndash; siehe da den
-Teufel des großen Dichters! Man wird mir einwenden, das
-gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß er tausend Fäden
-zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken, seine hohen
-überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie
-knüpft. &ndash; Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie sie
-sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm
-beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er
-sich in diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der
-königliche Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen
-und mit sich in seine Sonnenhöhe tragen?</p>
-
-<p>Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest,
-daß unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein
-solcher nicht in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er
-aus halber Höhe wieder zur Erde stürzt? Siehe! der Meister
-hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Fäden, von
-welchen ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher
-seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen.
-Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, gleich Noah
-schwebt er mit ihnen über der Sintflut jetziger Zeit und schaut
-ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn
-der kleinen Poeten strömt.</p>
-
-<p>Ein wässeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise;
-befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als
-Menschen? Und will der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe,
-und dann seine Stierlein und Eselein, seine Pfauen und
-Kamele, Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des
-Weines sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen
-und über seine Schenke schreiben: »Hier allein ist Echter zu
-haben,« wie Maria Farina auf sein kölnisches Wasser, so für
-alle Schäden gut ist?</p>
-
-<p>Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen;
-gerade dadurch, daß er einen so überaus populären und gemeinen
-Teufel gab, hat Goethe offenbar nichts für die Würde
-seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser
-herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen:
-»Wie herrlich! das ist der Teufel, wie er leibt und lebt.« Um
-die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich wenig,
-sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der Literatur
-gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.</p>
-
-<p>»Aber erkennst du denn nicht,« wird man mir sagen, »erkennst
-du nicht die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem
-Mephistopheles liegt?«</p>
-
-<p>Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem
-Konterfei als den gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er
-in jeder Spinnstube beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses
-Bild noch näher zu beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt
-als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen
-Gesetzen richten muß:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Gesteh' ich's nur! Daß ich hinausspaziere,<br /></span>
-<span class="i0">Verbietet mir ein kleines Hindernis,<br /></span>
-<span class="i0">Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Bedarf ich eines Rattenzahns;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">daher befiehlt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Herr der Ratten und der Mäuse,<br /></span>
-<span class="i0">Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer, die Kante,
-welche ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das
-Studierzimmer treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal
-»Herein!« ruft. In andere Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha
-und in Gretchens Stübchen, trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch
-den Schlüssel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir
-vielleicht in dem Vers:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,<br /></span>
-<span class="i0">Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Doch weiter.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich stehe auf einem ganz besondern Fuß mit den Hexen.
-Die in der Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen,
-aber sie sah keinen Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein
-Wappen zu legitimieren, mache ich eine unanständige Gebärde.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Mein Freund, das lerne wohl verstehen,<br /></span>
-<span class="i0">Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel
-besser bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum
-Doktor:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?<br /></span>
-<span class="i0">Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Auch hier</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Zeichnet mich kein Knieband aus,<br /></span>
-<span class="i0">Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze
-ich mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten,
-die man nur durch Gedankenstriche</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der hatt' ein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">So &ndash; es war, gefiel mir's doch«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">anzudeuten wagt.</p>
-
-<p>Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer
-Geselle, der</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;kalt und frech<br /></span>
-<span class="i0">Ihn vor sich selbst erniedrigt.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Ich bin ohne Zweifel von häßlicher unangenehmer Gestalt und
-Gesicht, zurückstoßend, was man, mit mildem Ausdruck, markiert,
-intrigant, und im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben
-zu nennen pflegt.</p>
-
-<p>Daher sagt Gretchen von mir:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Mensch, den du da bei dir hast,<br /></span>
-<span class="i0">Ist mir in tiefer, inn'rer Seele verhaßt.<br /></span>
-<span class="i0">Es hat mir in meinem Leben<br /></span>
-<span class="i0">So nichts einen Stich ins Herz gegeben<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span>
-<span class="i0">Als des Menschen widrig Gesicht.&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,<br /></span>
-<span class="i0">Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen.&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">&ndash;&nbsp;Kommt er einmal zur Tür herein,<br /></span>
-<span class="i0">Sieht er immer so spöttisch drein<br /></span>
-<span class="i0">Und halb ergrimmt.&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Es steht ihm an der Stirn geschrieben,<br /></span>
-<span class="i0">Daß er nicht mag eine Seele lieben etc.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Daher sage ich auch nachher:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,<br /></span>
-<span class="i0">In meiner Gegenwart wird's ihr, sie weiß nicht, wie;<br /></span>
-<span class="i0">Mein <em class="gesperrt">Mäskchen</em> da weissagt verborgnen Sinn,<br /></span>
-<span class="i0">Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,<br /></span>
-<span class="i0">Vielleicht wohl gar der Teufel bin.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Soll das bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der
-Nähe eines Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet?
-Ist es etwa ein unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die
-ihr meine Nähe ängstlich macht? Ist es kindlicher Sinn, der
-den Teufel früher ahnet als der schon gefallene Mensch; wie
-Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk scheuen, wenn sie ihn
-auch nicht sehen? Nein &ndash; es ist nur allein mein Gesicht, mein
-<em class="gesperrt">Mäskchen</em>, mein lauernder Blick, mein höhnisches Lächeln,
-das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»&ndash;&nbsp;Wo er nur mag zu uns treten,<br /></span>
-<span class="i0">Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr&nbsp;&ndash;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Wozu nur dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden,
-das jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß
-die Sünde, nach den gewöhnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend
-sehen läßt?</p>
-
-<p>Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust
-von dem genialen Retzsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel
-muß an einem solchen Kunstwerk Freude haben. Ein paar
-Striche, ein paar Pünktchen bilden das liebliche, sinnige Gesicht
-des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in der vollendeten Blüte
-des Mannes steht neben ihr, welche Würde noch in dem gefallenen
-Göttersohn!</p>
-
-<p>Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein
-Scheusal in Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern.
-Die unangenehmen Formen des dürren Körpers, das ausgedörrte
-Gesicht, die häßliche Nase, die tiefliegenden Augen, die<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span>
-verzerrten Mundwinkel &ndash; hinweg von diesem Bild, das mich
-schon so oft geärgert hat.<a id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so ertappt
-man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen
-sollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht, als
-daß er ihn mit etwas lebhaften Farben als häßlich darstellt; diese Bemerkung wird
-um so wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten Abschnitt
-selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation einige Eitelkeit in ihn gefahren sei;
-Meister Urian gibt sich übrigens durch den übertriebenen Eifer, mit welchem er
-seine Mißgestalt rügt, eine Blöße, die ihm nicht hätte beigehen sollen.</p></div>
-</div>
-
-<p>Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal.
-Darum, antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk
-schwebende Dichter, seinen Satan anthropomorphisiert; um den
-gefallenen <em class="gesperrt">Engel</em> würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in
-die Gestalt eines tief gefallenen <em class="gesperrt">Menschen</em>. Die Sünde hat
-seinen Körper häßlich, mager, unangenehm gemacht. In seinem
-Gesicht haben alle Leidenschaften gewühlt und es zur Fratze entstellt,
-aus dem hohlen Auge sprüht die grünliche Flamme des
-Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch wie der eines
-Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat und jetzt
-aus Uebersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld
-ist es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen
-Zügen schaudert.</p>
-
-<p>So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor
-Augen hatte, einen schlechten Teufel gemalt.</p>
-
-<p>Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe,
-der Teufel könne nun einmal nicht anders aussehen, er <em class="gesperrt">könne</em>
-sein Gesicht, seine Gestalt nicht <em class="gesperrt">verwandeln</em>? Nein, man
-lese:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,<br /></span>
-<span class="i0">Hat auf den Teufel sich erstreckt;<br /></span>
-<span class="i0">Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,<br /></span>
-<span class="i0">Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?<br /></span>
-<span class="i0">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,<br /></span>
-<span class="i0">Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere&nbsp;&ndash;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein »Mäskchen«
-nennen; folglich <em class="gesperrt">kann</em> er sich eine Maske geben, <em class="gesperrt">kann</em>
-sich verwandeln; aber wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt,
-das <em class="gesperrt">nordische Phantom</em> dennoch beizubehalten, nur daß
-er mich von »<em class="gesperrt">Hörnern, Schweif und Klaue</em>« dispensiert.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes
-Teufel, jenes nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun
-ein vom Dichter so hochgestellter Mensch durch eine so niedrige
-Kreatur, die sich schon durch ihre Maske verdächtig macht, ins
-Verderben geführt werden? Darf jener große Geist, der noch
-in seinem Falle die übrigen hoch überragt, darf er durch einen
-gewöhnlichen »Bruder Liederlich«, als welchen sich Mephisto ausweist,
-herabgezogen werden? Und &ndash; muß nicht <em class="gesperrt">diese</em> Maske
-der Würde jener Tragödie Eintrag tun?</p>
-
-<p>Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu
-ändern, und meine verehrte Großmutter würde über diesen
-Gegenstand zu mir sagen: »Söhnchen! διαβολε! Bedenke, daß
-ein großer Dichter ein großes Publikum haben und, um ein
-großes Publikum zu bekommen, so populär als möglich sein
-muß.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Der Besuch.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Bei diesem allem bleibt Faust ein erhabenes Gedicht, und
-Goethe einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich
-daher nicht wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte,
-diesen Mann einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten
-Besuch machen können, ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein
-Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm
-des Mephistopheles nächtlicherweise zu erscheinen und ihm einigen
-Schrecken in die Glieder zu jagen. Aber eine gewisse Gutmütigkeit,
-die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich
-immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu
-machen.</p>
-
-<p>Ich entschloß mich daher, als <em class="antiqua">Doctor legens</em>, ein ehrsamer
-Titel auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in
-Weimar an. Es ist mit berühmten Leuten wie mit einem
-fremden Tiere. Kommt ein ehrlicher Pächter mit seiner Familie
-in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, daß er in der
-Schenke den Hausknecht fragt: »Wann kann man den Löwen
-sehen, Bursche?« &ndash; »Mein Herr,« antwortet der Gefragte, »die
-Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Löwe
-aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat,
-daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>Geradeso erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena
-aus mit einem jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein
-Vaterland war des Dichters Ruhm schon längst gedrungen, und
-er machte auf der großen Tour durch Europa dem berühmten
-Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In
-dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich,
-um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten?
-Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten
-etwas unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte
-uns daher mit mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch
-unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten?</p>
-
-<p>Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser
-Wirt versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. »Sie werden
-wahrscheinlich nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden.
-Um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu sprechen.
-Zweifle auch gar nicht, daß Sie angenommen werden, denn
-wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika
-nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen ungesehen
-wieder fortzuschicken.«</p>
-
-<p>Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit. Doch
-wir ließen den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier
-komme <em class="antiqua">recta</em> nach Weimar und gehe von da wieder
-heim. Uebrigens hatte er richtig prophezeit: <em class="antiqua">Doctor legens</em>
-Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill aus Amerika waren
-auf fünf Uhr bestellt.</p>
-
-<p>Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg.
-Der Dichter wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit
-Statuen dekorierte Treppe führt zu ihm. Eine tiefe geheimnisvolle
-Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten.
-Schweigend führte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche
-Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit
-Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefährte
-betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese Möbel.
-So hatte er sich wohl das <em class="gesperrt">Stübchen des Dichters</em> nicht
-vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien
-auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle
-Nüancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht.
-Sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die Tür geheftet,
-durch welche der Gefeierte eintreten mußte.</p>
-
-<p>Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken.
-Wieviel weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span>
-helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufällige
-Glanz der Geburt.</p>
-
-<p>Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt
-hat hier die höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem
-gewöhnlichen Lauf der Dinge offen steht. Es hat schon mancher
-diese Stufe erstiegen. Geschäftsmänner vom Fach haben vom
-bescheidenen Plätzchen an der Türe alle Sitze ihrer Kollegien
-durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunächst am Throne
-steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem
-Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. &ndash; Goethe hat sich seine
-eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging,
-noch keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch <em class="gesperrt">kann</em>,
-was er <em class="gesperrt">will</em>. Denn man sage mir nichts von einem das All
-umfassenden Genie, von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet,
-es stufenweise zu dem Höheren geführt habe &ndash; das Zeitalter hat
-<em class="gesperrt">ihn</em> gebildet.</p>
-
-<p>Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben
-Werther in das liebe Deutschland brachte. Die Lotten schienen
-wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die
-Zahl der Werther war Legion. Aber was war hierin Goethes
-Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, daß <em class="gesperrt">er</em> das
-Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten Ton, den er
-angab, mußte Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen in
-wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie
-heißt dieses große schöpferische Geheimnis? <em class="gesperrt">Alles zu rechter
-Zeit.</em> Der Siegwart hatte die harten Herzen aufgetaut
-und sie für allen möglichen Jammer, für Mondschein und
-Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goethe.</p>
-
-<p>Die Türe ging auf &ndash; er kam.</p>
-
-<p>Dreimal bückten wir uns tief &ndash; und wagten es dann,
-an ihm hinaufzublinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen
-so klar und helle, wie die eines Jünglings, die Stirne voll
-Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut. Er war angetan
-mit einem feinen, schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte
-ein schöner Stern. &ndash; Doch er ließ uns nicht lange Zeit zu
-solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines Weltmannes,
-der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er
-uns zum Sitzen ein.</p>
-
-<p>Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen
-Maske zu ihm zu gehen. <em class="antiqua">Doctores legentes</em> mochte
-er schon viele hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie
-unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewiß wenige.<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span>
-Daher kam es auch, daß er sich meist mit meinem Gefährten
-unterhielt. Hätte ich mich doch für einen gelehrten Irokesen
-oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben! Hätte
-ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein Ruhm
-bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Kabanen von
-Louisiana über ihn und seinen Wilhelm Meister sich unterhalte?
-&ndash; So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zu teil, und
-mein glücklicherer Gefährte durfte den großen Mann unterhalten.</p>
-
-<p>Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von
-der Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als
-witziger Kopf bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum
-erstenmal besucht, einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen,
-man schmeichelt ihm, man glaubt, er müsse dann Witzfunken
-von sich strahlen wie die schwarzen Katzen, wenn man ihnen
-bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein Romandichter, so
-spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Berühmte
-zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Aermel schütteln
-werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht
-freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit,
-den wir dann ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen
-können. Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goethe,
-einer der, so zu sagen, in allen Sätteln gerecht ist &ndash; wie
-interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung werden! Wie
-sehr muß man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu
-genügen.</p>
-
-<p>Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß.
-Sein Ich fuhr, wie das des guten Walt, als er zum Flitte
-kam,<a id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf
-unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin
-ein schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen
-und vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll
-auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle,
-wie der Kandidat auf den strengen Examinator, er knickte seinen
-Hut zusammen und zerpflückte einen glacierten Handschuh in
-kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein mochte ihm vom
-Herzen fallen, als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm herabstieg
-und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe.
-Er sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und
-indem er über das Verhältnis der Winde zu der Luft, der<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span>
-Dünste des wasserreichen Amerika zu denen in unserem alten
-Europa sich verbreitete, zeigte er uns, daß das All der Wissenschaft
-in ihm aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer
-und epischer Dichter, Romanist und Novellist, Lustspiel- und
-Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und Uebersetzer &ndash;
-nein, er war auch sogar Meteorolog!</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Jean Pauls Flegeljahre.</p></div>
-</div>
-
-<p>Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich
-des Wissens eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen,
-daß er mit jedem seine Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen
-Dialekt, sondern das, was ihm gerade geläufig und wert sein
-möchte, sprechen könne. Ich glaube, wenn ich mich als reisender
-Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte sich mit mir in gelehrte
-Diskussionen über die geheimnisvolle Komposition einer
-Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer Sekundenuhr berechnet,
-wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite schmoren
-müsse.</p>
-
-<p>Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und
-&ndash; siehe das Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf,
-die Schleusen seiner Beredsamkeit öffneten sich &ndash; er beschrieb
-den feinen, weichen Regen von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme
-von New-York brausen und pries die Regenschirmfabriken
-in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es war mir
-am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
-Wirtshaus unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer
-Flasche Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial
-war unser Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis
-der Konversation, daß man sich angewöhnt &ndash; nicht gut zu
-<em class="gesperrt">sprechen</em>, sondern gut zu <em class="gesperrt">hören</em>. Wenn man dem weniger
-Gebildeten Zeit und Raum gibt zu sprechen, wenn man dabei
-ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam auf seine Honigworte,
-so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden, daß
-man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.</p>
-
-<p>Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von
-seinem Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit
-uns Witterungsbeobachtungen anzustellen.</p>
-
-<p>Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten,
-gab er das Zeichen zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt,
-die Hüte genommen, und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente
-zu machen. Der gute Mann ahnte nicht, daß er
-den Teufel zitiere, als er großmütig wünschte, mich auch ferner
-bei sich zu sehen; ich sagte ihm zu und werde es zu seiner Zeit
-schon noch halten, denn wahrhaftig, ich habe seinen Mephistopheles<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span>
-noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen &ndash; zwei Bücklinge,
-wir gingen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir
-der Amerikaner nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses
-lag noch auf seiner Wange, zuweilen schlich ein beifälliges
-Lächeln um seinen Mund, er schien höchst zufrieden mit dem
-Besuch.</p>
-
-<p>Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch
-auf einen Stuhl und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen.
-Der Kork fuhr mit einem Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner
-füllte zwei Gläser, bot mir das eine und stieß an auf das
-Wohlsein jenes großen Dichters.</p>
-
-<p>»Ist es nicht etwas Erfreuliches,« sagte er, »zu finden,
-so hocherhabene Männer seien wie unsereiner. War mir doch
-angst und bange vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben;
-ich darf gestehen, bei dem Sturm, der uns auf offener See
-erfaßte, war mir nicht so bange; und wie herablassend war er,
-wie vernünftig hat er mit uns diskuriert, welche Freude hatte
-er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!« Er schenkte
-sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters Gesundheit,
-und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein
-benebelt, sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe
-zu werden, dem Schlaf in die Arme.</p>
-
-<p>Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser
-Wein ist von allen Getränken der Erde der, welcher mir am
-meisten behagt, sein leichter flüchtiger Geist, der so wenig irdische
-Schwere mit sich führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn
-sie in menschlichen Körpern die Erde besuchen, gekostet zu
-werden.</p>
-
-<p>Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer
-blickte; wie leicht ist es doch für einen großen Menschen, die
-andern Menschen glücklich zu machen; er darf sich nur stellen,
-als wären sie ihm so ziemlich gleich, und sie kommen beinahe
-vom Verstand.</p>
-
-<p>Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich
-bereute nicht, bei ihm gewesen zu sein, denn</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern<br /></span>
-<span class="i0">Und hüte mich, mit ihm zu brechen.<br /></span>
-<span class="i0">Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,<br /></span>
-<span class="i0">So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.«<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span></p>
-
-<p class="h2" id="Der_Festtag_im_Fegefeuer1">Der Festtag im Fegefeuer.</p>
-
-<p class="center">Eine Skizze.</p>
-
-<div class="chapcit">
-<p>»Das größte Glück der Geschichtschreiber
-ist, daß die Toten nicht gegen ihre Ansichten
-protestieren können.«</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Welt</em> und <em class="gesperrt">Zeit</em>. I.
-</p>
-</div>
-
-<h3 id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige
-Subjekte kennen.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit,
-welcher zwar nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete,
-weil er mir sehr interessant war und vielleicht auch
-anderen nicht ohne einiges Interesse sein möchte. Er führt die
-Aufschrift »<em class="gesperrt">Der Festtag im Fegefeuer</em>«, und kam durch
-folgende Veranlassung zu diesem Titel. Es ist auf der Erde
-bei allen großen Herren und Potentaten Sitte, ihre Freude
-und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. Wenn ein
-aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben
-wird, haben die Küster im Land schwere Arbeit, denn
-man läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin
-oder gar ein Stammhalter geboren, so verkündet schrecklicher
-Kanonendonner diese Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche
-Geburtstage werden mit allem möglichen Glanz
-begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die Honoratioren
-halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch wenigstens
-in den Landstädtchen <em class="antiqua">bière dansante</em>. Kurz, alles lebt <em class="antiqua">in dulci
-jubilo</em> an solchen Tagen.</p>
-
-<p>Um nun meiner guten <em class="gesperrt">Großmutter</em> eine Ehre zu erweisen,
-hielt ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so.
-Im Fegefeuer, wo sie sich gewöhnlich aufhält, ist immer an
-diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen
-diesen Tag über den Körper, den sie auf der Oberfläche hatten,
-ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was von Adel
-da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten schicken
-(<em class="antiqua">in pleno</em> können sie nicht vorgelassen werden, weil sonst die
-Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschälle,
-Kammerherren usw. haben den großen Dienst und schätzen es<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span>
-sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu
-leiten, die Touren bei den Bällen, welche abends gegeben werden,
-zu arrangieren usw.</p>
-
-<p>Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck.
-<em class="gesperrt">Einmal</em> fühlt sich <em class="antiqua">chère grande-mama</em> ungemein geschmeichelt
-durch diese Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den
-Seelen für einen honetten Mann, der ihnen auch ein Vergnügen
-gönnt, drittens macht dieser einzige Tag, in Freude
-und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die Seelen sich nachher
-um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck einer solchen
-Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.</p>
-
-<p>An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch
-die Menge. Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges:
-»Vivat der Herr Teufel!« »<em class="antiqua">Vive le diable!</em>« erfreut
-dann mein landesväterliches Herz; doch weiß ich wohl,
-daß es nicht weniger erzwungen ist, als ein <em class="gesperrt">Hurra</em> auf der
-Oberwelt, denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr, wenn sie
-<em class="gesperrt">nicht</em> schreien.</p>
-
-<p>In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen
-Gruppen. <em class="antiqua">Tout comme chez vous</em>, meine Herren, nur etwas
-grotesker, Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
-militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische
-Klubs finden sich wie durch natürlichen Instinkt zusammen,
-machen sich einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche,
-die, wenn ich sie mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer
-und älterer Zeit ein hübsches Licht werfen würden.</p>
-
-<p>Einst trat ich in einen Saal des <em class="antiqua">Café de Londres</em> (denn
-nebenbei gesagt, es ist an diesem Tag alles auf großem Fuß und
-höchst elegant eingerichtet), ich traf dort nur drei junge Männer,
-die aber durch ihr Aeußeres gleich meine Neugierde erweckten
-und mir, wenn sie ins Gespräch miteinander kommen sollten,
-nicht wenig Unterhaltung zu versprechen schienen. Ich verwandelte
-daher meinen Anzug in das Kostüm eines flinken Kellners
-und stellte mich in den Saal, um die Herrschaften zu bedienen.</p>
-
-<p>Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie
-Billard. Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den
-dritten. Er war nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt,
-seine Beine ruhten auf einem vor ihm stehenden
-kleineren Stuhl, seine linke Hand spielte nachlässig mit einer
-Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte das Kinn. Ein schöner
-Kopf! Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die Stirne hoch<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span>
-und frei, von hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die
-Nase gebogen und spitzig wie aus weißem Wachs geformt, die
-Lippen dünn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell,
-aber gewöhnlich kalt und ohne alles Interesse langsam über die
-Gegenstände hingleitend. Dies alles und ein feiner Hut, enger
-oben als unten, nachlässig auf ein Ohr gedrückt, ließen mich
-einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, blendendweißes
-Linnenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur
-einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören.
-Ich sah in meiner Liste nach und fand, es sei Lord
-Robert Fotherhill. Er winkte, indem ich ihn so betrachtete,
-mit den Augen, weil es ihm wahrscheinlich zu unbequem war,
-zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte auf seinen Befehl ein
-großes Glas Rum, eine Havanna-Zigarre und eine brennende
-Wachskerze vor ihn hin.</p>
-
-<p>Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel geendigt
-und nahten sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich
-warf schnell einen Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei
-ein junger Franzose, Marquis de Lasulot, der andere ein
-Baron von Garnmacher, ein Deutscher.</p>
-
-<p>Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes
-Männchen. Sein schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze
-Backenbart standen sehr hübsch zu einem etwas verbrannten
-Teint, hochroten Wangen und beweglichen, freundlichen schwarzen
-Augen; um die vollen roten Lippen und das wohlgenährte
-Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau, welches den
-Damen so wohlgefallen soll und in England und Deutschland
-bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil
-hier der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein
-pflegt als dort.</p>
-
-<p>Offenbar ein Inkroyabel von der <em class="antiqua">Chaussée d'Antin</em>! Das
-elegante Negligee, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus
-der eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten
-(so lange mochte der junge Herr bereits verstorben sein) haben
-wollte. Von dem mit zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen
-ostindischen Halstuch, dem kleinen blaßroten Schal mit einer
-Nadel <em class="antiqua">à la Duc de Berry</em> zusammengehalten, bis herab auf
-die Gamaschen, die man damals seit drei Tagen nach innen
-zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch zu gelten,
-an den Spitzen nach dem großen Zehen sich hinneigen und
-ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage: bis auf jene Kleinigkeiten,
-die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel,<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span>
-einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und
-unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach
-dem neuesten »Geschmack für den Morgen« angezogen.</p>
-
-<p>Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts
-in die Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein
-kaum in die Ecke des Wagens gelehnt zu haben und jetzt
-in mein Café hereingeflogen zu sein, mehr um gesehen zu werden,
-als zu sehen, mehr zu schwatzen, als zu hören.</p>
-
-<p>Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil,
-schien sich an dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat,
-den jener vor sich hatte, ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich
-aber nichtsdestoweniger an die Seite Seiner Lordschaft und
-fing an zu sprechen:</p>
-
-<p>»Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr,
-den uns <em class="antiqua">Monseigneur le Diable</em> gibt? Werden viel Damen
-dort sein, mein Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig
-Bekanntschaft hier habe.«</p>
-
-<p>»Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten,
-um uns beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes
-Ding, dieser Wagen, habe ich die Ehre, Sie zu versichern, mein
-Herr; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten achtzehnhundert
-Franken gekostet. Mein Herr, Sie brauchen keinen
-Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, Sie
-zu begleiten, mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten.«</p>
-
-<p>So ging es im Galopp über die Zunge des Inkroyabel.
-Seine Lordschaft schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen.
-Er sah bei den ersten Worten den Franzosen starr an,
-richtete dann den Kopf ein wenig auf, um seine rechte Hand
-frei zu machen, ergriff mit dieser &ndash; die erste Bewegung seit
-einer halben Stunde &ndash; das Kelchglas, nippte einige Züge
-Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder
-auf die rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem
-Auge als mit dem Ohr zuzuhören und auch auf diese Art antworten
-zu wollen, denn er erwiderte auch nicht <em class="gesperrt">eine</em> Silbe
-auf die Einladung des redseligen Franzosen und schien, wie
-sein Landsmann Shakespeare sagt, »der Zähne doppelt Gatter«
-vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.</p>
-
-<p>Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem
-Tische genähert, eine höfliche Verbeugung gemacht und einen
-Stuhl dem Lord gegenüber genommen. Man erlaube mir, auch
-ihn ein wenig zu betrachten. Er war, was man in Deutschland<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span>
-einen <em class="gesperrt">gewichsten jungen Mann</em> zu nennen pflegt, ein
-Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende Haare, an die
-etwas niedere Stirne schloß sich ein allerliebstes Stumpfnäschen,
-über dem Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden
-hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge
-hatte einen Ausdruck von Klugheit, der wie gut angebrachtes
-Licht auf einem grobschattierten Holzschnitt keinen üblen Effekt
-hervorbrachte.</p>
-
-<p>Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen
-Nationen entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen
-Knöpfen und Schnüren war polnischen Ursprungs; er war auf
-russische Weise auf der Brust vier Zoll hoch wattiert, schloß sich
-spannend über den Hüften an und formierte die Taille so schlank
-als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte ferner enge Reithosen
-an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren solche nur
-aus dünnem Nanking verfertigt, aus eben diesem Grund mochten
-auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden,
-Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben
-eines Pferdes dienen. Ein feiner italienischer Strohhut vollendete
-das gewählte Kostüm.</p>
-
-<p>Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl
-nimmt und sich niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebt, wo
-auch die kleinste Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und
-der feinen Sitte geleitet wird; der Stutzer setzte sich passabel,
-doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose,
-und der Engländer zeigte selbst in seiner nachlässigen, halb
-sitzenden, halb liegenden Stellung mehr Würde als jener, der
-sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer ein Tanzmeister
-lehren kann.</p>
-
-<p>Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem
-mehr Worte verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren
-nötig scheinen möchte, machte ich in einem Augenblick, denn man
-denke sich nicht, daß der junge Deutsche mir so lange gesessen,
-bis ich ihn gehörig abkonterfeit hatte.</p>
-
-<p>Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar.
-»Mein Gott, Herr von Garnmacker,« sagte er, »ich möchte
-verzweifeln; der englische Herr da scheint mich nicht zu verstehen,
-und ich bin seiner Sprache zu wenig mächtig, um die
-Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu führen; denn ich
-bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres, als wenn
-drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
-andern versteht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span></p>
-
-<p>»Auf Ehre, Sie haben recht,« antwortete der Stutzer in
-besserem Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; »man kann
-sich zur Not denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard
-spielt, aber ich sehe nicht ab, wie wir unter diesen Umständen
-mit dem Herrn plaudern können.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">J'ai bien compris, Messieurs</em>,« sagte der Lord ganz
-ruhig neben seiner Zigarre vorbei und nahm wieder einigen
-Rum zu sich.</p>
-
-<p>»Ist's möglich, Mylord?« rief der Franzose vergnügt, »das
-ist sehr gut, daß wir uns verstehen können! Markeur, bringen
-Sie mir Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, daß wir uns
-verstehen, welch schöne Sache ist es doch um die Mitteilung,
-selbst an einem Ort wie dieser hier.«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester,« gab der Deutsche
-zu; »aber wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern,
-um die schöne Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne
-Damen von Berlin, Wien, von allen möglichen Städten meines
-Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte oben große Bekanntschaften
-und Konnexionen und darf hoffen, an diesem verfl…
-Orte manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück hatte;
-Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster
-Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen.«</p>
-
-<p>»Gott soll mich behüten!« entgegnete eifrig der Franzose,
-indem er nach der Uhr sah, »jetzt um diese frühe Stunde wollen
-Sie die schöne Welt mustern?«</p>
-
-<p>»Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem <em class="antiqua">détestable
-purgatoire</em> so sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf
-die Promenade gehen sollte?«</p>
-
-<p>»Nun, nun,« antwortete der Stutzer, »ich meine nur, im
-Fall wir nichts Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht
-hier wie die drei Männer im Feuerofen? Sollen wir wohl
-ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es Ihnen gefällig
-ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so bleibe
-ich gerne hier.«</p>
-
-<p>»Mein Gott,« entgegnete der Inkroyabel, »ist dies nicht ein
-so anständiges Café, als Sie in ganz Deutschland keines haben?
-Und fehlt es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern,
-soviel wir wollen? Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht
-ein gutes Haus, kann man diesen Salon besser wünschen?
-Nein! <em class="antiqua">Monsieur le Diable</em> hat Geschmack in solchen Dingen,
-das muß man ihm lassen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Une comfortable maison!</em>« murmelte Mylord und winkte
-dem Franzosen Beifall zu. »<em class="antiqua">Et ce salon comfortable.</em>«</p>
-
-<p>»Gute Tafel, mein Herr?« fragte der Marquis. »Nun,
-die wird auch da sein, ich denke mir, man speist wohl nach der
-Karte? Aber meine Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir
-uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas aus unserem Leben
-erzählen wollten? Ich höre so gerne interessante Abenteuer,
-und Baron Garnmacker hat deren wohl so viele erlebt als
-Mylord?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Goddam!</em> das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr,«
-sagte der Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch
-schlug, die Füße von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler
-Würde in dem Fauteuil zurecht setzte; »noch ein Glas Rum,
-Markeur!«</p>
-
-<p>»Ich stimme bei,« rief der Deutsche, »und mache Ihnen
-über Ihren glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von
-Lasulot. &ndash; Eine Flasche Rheinwein, Kellner! &ndash; Wer soll beginnen
-zu erzählen?«</p>
-
-<p>»Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden,« antwortete
-Lord Fotherhill, »und ich wette fünf Pfund, der Marquis
-muß beginnen.«</p>
-
-<p>»Angenommen, mein Herr,« sagte mit angenehmem Lächeln
-der Franzose; »machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen
-Sie uns ziehen, Nummer zwei soll beginnen.«</p>
-
-<p>Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht,
-ließ ziehen, und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.</p>
-
-<p>Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink
-zuwerfen, indem er, das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten
-auf den Deutschen hinüber deutete; ich übersetzte mir diesen
-Wink so: »Geben Sie einmal acht, Mylord, was wohl unser
-ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn wir beide sind schon
-durch den Rang unserer Nationen weit über ihn erhaben.«</p>
-
-<p>Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu
-beachten; mit großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines
-Rheinweins, wischte in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel
-ab und begann:</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p>
-
-<h3 id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.<br />
-<span class="smaller">Geschichte des deutschen Stutzers.</span></h3>
-</div>
-
-<p>»Als mein Großvater, der kaiserlich-königlich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich bitte Sie, mein Herr,« unterbrach ihn der Inkroyabel,
-»verschonen Sie uns mit dem Großpapa, und fangen Sie gleich
-bei Ihrem Vater an: was war er?«</p>
-
-<p>»Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich hätte mich
-gerne bei dem Glanz unserer Familie länger verweilt; mein
-Vater lebte in Dresden auf einem ziemlich großen Fuß&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn
-ich etwas zu neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört
-Genauigkeit.«</p>
-
-<p>»Mein Vater,« fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, »war
-Kleiderfabrikant en gros&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie,« fragte der Lord, »was ist Kleiderfabrikant? Kann
-man in Deutschland Kleider in Fabriken machen?«</p>
-
-<p>»Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!« rief der Stutzer
-unwillig und stieß das Glas auf den Tisch; »das ist nicht die
-Art, wie man seine Biographie erzählen kann, wenn man alle
-Augenblicke von kritischen Untersuchungen unterbrochen wird;
-mein Vater hatte ein Haus am Markt, darin hatte er ein Atelier
-und hielt Arbeiter, welche Kleider für die Leute machten!«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Mon Dieu!</em> also war er, was wir <em class="antiqua">Tailleur</em> nennen? ein
-Schneider?«</p>
-
-<p>»Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen,
-kurz, er hatte die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er
-auch nicht den Adel und die ersten Bürger in seinen Soirees
-sah, so war doch ein gewisser guter Ton, ein gewisser Anstand,
-ein gewisses, ich weiß nicht was, kurz, es war ein ganz anständiger
-Mann, mein Papa.«</p>
-
-<p>Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den <em class="antiqua">Garçon
-tailleur</em> so perorieren hörte, doch faßte ich mich, um den
-Markeur nicht aus der Rolle fallen zu lassen. Der Marquis
-aber hatte sich zurückgelehnt und wollte sich ausschütten vor
-Lachen, der Engländer sah den Stutzer forschend an, unterdrückte
-ein Lächeln, das seiner Würde schaden konnte, und trank Rum;
-der deutsche Baron aber fuhr fort:</p>
-
-<p>»Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in
-Daumenschrauben pressen können, und ich hätte meine Maske
-nicht vor Ihnen abgenommen. Hier ist es ein ganz anderes<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span>
-Ding; wer kümmert sich an diesem schlechten Ort um den ehemaligen
-Baron von Garnmacher? Darum verletzt mich auch
-Ihr Lachen nicht im geringsten, im Gegenteil, es macht mir
-Vergnügen, Sie zu unterhalten!«</p>
-
-<p>»Ah! <em class="antiqua">ce noble trait!</em>« rief der Inkroyabel und wischte sich
-die Tränen aus dem Auge. »Reichen Sie mir die Hand und
-lassen Sie uns Freunde bleiben. Was geht es mich an, ob
-Ihr Vater <em class="antiqua">Duc</em> oder <em class="antiqua">Tailleur</em> war. Erzählen Sie immer weiter,
-Sie machen es gar zu hübsch.«</p>
-
-<p>»Ich genoß eine gute Erziehung, denn meine Mutter
-wollte mich durchaus zum Theologen machen, und weil dieser
-Stand in meinem Vaterland der eigentlich privilegierte Gelehrtenstand
-ist, so wurde mir in meinem siebenten Jahre
-<em class="antiqua">Mensa</em>, in meinem achten <em class="antiqua">Amo</em>, in meinem zehnten τυπτω,
-in meinem zwölften <em class="antiqua">Pakat</em> eingebläut. Sie können sich denken,
-daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen
-Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf
-nennt: das heißt, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel
-singen oder sah die Fische den Fluß hinabgleiten, sprang lieber
-mit meinen Kameraden, als daß ich mich oben in der Dachkammer,
-die man zum Musensitz des künftigen Pastors eingerichtet
-hatte, mit meinem Bröder, Buttmann, Schröder, und wie die
-Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit harten Köpfen
-wie böse Geister erscheinen, abmarterte.</p>
-
-<p>Ich hatte überdies noch einen andern Gang, der mir viele
-Zeit raubte; es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende
-Neigung zu schönen Mädchen. Sommers war es in
-meiner Dachkammer so glühend heiß wie unter den Bleidächern
-des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das
-kleine Schiebfenster öffnete, um den Kopf ein wenig in die
-frische Luft zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf
-den schönen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns;
-dort unter den schönen Akazien auf der weichen Moosbank
-saß Amalie, sein Töchterlein, und ihre Gespielinnen und
-Vertrauten. Unwiderstehliche Sehnsucht riß mich hin; ich fuhr
-schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit den
-Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlücke bei der
-Königin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete sie in
-meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in
-meinem elften Jahr den größten Teil der Ritter- und Räuberromane
-meines Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit
-man in andern Ländern keinen Begriff hat, denn<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span>
-die erhabenen Namen Cramer und Spieß sind nie über den
-Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel höher
-stehen diese Bücher alle, als jene Ritter- und Räuberhistorien
-des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst hat,
-als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der große
-Unbekannte solche vortreffliche Stellen wie die, welche mir noch
-aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: ›<em class="gesperrt">Mitternacht,
-dumpfes Grausen der Natur, Rüdengebell,
-Ritter Urian tritt auf.</em>‹</p>
-
-<p>Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das
-Haar empor, wenn er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer
-dieses liest; wie fühlte ich da das ›<em class="gesperrt">Grausen der
-Natur</em>‹! und wenn der Hofhund sein Rüdengebell heulte, so
-war die Täuschung so vollkommen, daß sich meine Blicke ängstlich
-an die schlechtverriegelte Türe hefteten, denn ich glaubte
-nicht anders, als ›<em class="gesperrt">Ritter Urian trete auf</em>‹.</p>
-
-<p>Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft
-auch mein Herz Feuer fing? Jede Bertha, die ihrem
-Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida, die sich auf den Söller
-begab, um dem den Schloßberg hinabdonnernden Liebsten noch
-einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda usw.
-verwandelte sich unwillkürlich in Amalien.</p>
-
-<p>Doch auch <em class="gesperrt">sie</em> war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen.
-Aus ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane
-angeschafft. Wenn einer gelesen war, so empfing ich ihn, las
-ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek und suchte
-dort immer die Bücher heraus, welche entweder keinen Rücken
-mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden waren, daß sie
-mich ordentlich <em class="gesperrt">anglänzten</em>. Das sind so die echten nach
-unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein <em class="gesperrt">Rinaldo
-Rinaldini</em>, ein <em class="gesperrt">Domschütz</em>, ein <em class="gesperrt">alter Ueberall</em> und
-<em class="gesperrt">Nirgends</em> oder sonst einer unserer Lieblinge.</p>
-
-<p>Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften
-ein, denn Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch
-das Innere des Romans nicht immer sehr <em class="gesperrt">rein</em> war, doch
-nie mit bloßen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet.
-Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinüber
-und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn zurück, ohne daß
-mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn oder einer
-Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere
-Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald
-war sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja,<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span>
-wenn Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche
-Mühe, einen Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses
-Unglück zu ersinnen.</p>
-
-<p>Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter
-war übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt,
-der an dem Hof eines großen Grafen oder Fürsten lebt,
-eine unglückliche Leidenschaft zu der schönen Tochter des Hauses
-bekommt und endlich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe
-empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu geben;
-wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie
-den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu
-schwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben
-(die Entenpfütze in unserm Hof) durchwatet, der die Zinnen des
-Walles (den Gartenzaun) erstiegen, um in ihr Gartengemach
-(die Moosbank unter den Akazien) sich zu schleichen. Tausend
-Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen Beinkleidern sehr
-gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn, aber die
-Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin.</p>
-
-<p>Das einzige Unglück bei unserer Liebe war, daß wir eigentlich
-gar kein Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten
-zwischen dem armen Ritter (meinem Vater) und
-dem reichen Fürsten (dem Kaufmann), wenn nämlich eines
-unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen war und auf
-seinen Mistbeeten spazieren ging; oder es kam sogar zu wirklicher
-Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen Ladendiener)
-zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ (weil
-mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuch des
-Fürsten hatte). Aber dies alles war leider kein nötigendes
-Unglück für unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situationen
-noch romantischer zu machen.</p>
-
-<p>Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner
-Liebe entstand, war mein hartes Unglück, immer unter den
-Letzten meiner Klasse zu sein und von dem alten Rektor tüchtig
-Schläge zu bekommen, doch auch darüber belehrte und tröstete
-mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich, daß des Herzogs
-(des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und
-sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er aber
-habe gewiß unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt
-und sie dem alten Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich
-dafür auf eine so unwürdige Art an mir räche. Ich ließ die
-Gute auf ihrem Glauben, wußte aber wohl, woher die Schläge<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span>
-kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die unregelmäßigen
-griechischen Verba nicht lernte, und <em class="gesperrt">dafür</em> bekam ich Schläge.</p>
-
-<p>So war ich fünfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre
-alt geworden, ungetrübt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe
-gewesen, da ereigneten sich mit einemmale zwei Unglücksfälle,
-wovon schon einer für sich hinreichend gewesen wäre, mich aus
-meinen Höhen herabzuschmettern.</p>
-
-<p>Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die
-Fouquéschen Romane anfingen, in meinem Vaterlande Mode
-zu werden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was ist das, Fouquésche Romane?« fragte der Lord.</p>
-
-<p>»Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese
-Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von
-Fouqué ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr
-an der Zeit ist, mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der
-Feder in die Schranken reitet und kämpft, wie der gewaltigen
-Währinger einer. Er hat das ein wenig rohe und gemeine
-Mittelalter modernisiert oder vielmehr unsere heutige modische
-Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und um
-fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz
-süßlich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von
-denen man vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe
-Landjunker gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so
-wenig machten, als der Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten
-hier mit einer bezaubernden Kourtoisie auf, sprechen in feinen
-Redensarten, sind hauptsächlich <em class="gesperrt">fromm</em> und <em class="gesperrt">kreuzgläubig</em>.</p>
-
-<p>Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher,
-reiner, mit steifen Kragen angetan, und überhaupt etwas ritterlich
-aufgeputzt. Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage
-und haben ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde
-Und andere solche Getiere.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Mon dieu!</em> solchen Unsinn liest man in Deutschland?«
-rief der Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.</p>
-
-<p>»O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab
-eine Zeit bei uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles
-an fremden Nationen zu bewundern; da wir nun, auf unsere
-eigenen Herrlichkeiten beschränkt, nichts an uns fanden, das wir
-bewundern konnten, als die <em class="antiqua">Tempi passati</em> &ndash; so warfen wir
-uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer auf diese und
-wurden allesamt altdeutsch.</p>
-
-<p>Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span>
-jene herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken, man fühlte
-allgemein das Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale
-neuerer Zeit, über Sitten und Gebräuche bei unseren
-Vorfahren uns belehrt hätten, da trat jener fromme Ritter
-auf; ein zweiter Orpheus griff er in die Saiten, und es entstand
-ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den französischen
-Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,
-keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen
-Fräcke aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden
-eine halbe Elle Leinwand setzen, und ›Kleider machen Leute‹,
-sagt ein Sprichwort, <em class="antiqua">probatum est</em>, auch sie waren tugendlich,
-tapfer und fromm.«</p>
-
-<p><em class="antiqua">»Goddam!</em> Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen;«
-unterbrach ihn der Engländer, »vor acht Jahren machte
-ich die große Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter
-See ließ ich mir den Ort zeigen, wo die Schweizer
-ihre Republiken gestiftet haben. Ich traf auf der Wiese eine
-Gesellschaft, die wunderlich, halb modern, halb aus den Garderoben
-früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben schien.
-Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese
-und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie
-hatten wunderbare Mützen auf dem Kopf, die Haare fielen in
-malerischer Unordnung auf den Rücken und die Schultern; den
-Hals trugen sie frei und hatten breite, zierlich gestickte Kragen,
-wie heutzutage die Damen tragen, herausgelegt.</p>
-
-<p>Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber
-nach antiker Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß
-sich eng um den Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der
-jungen Männer. In sonderbarem Kontrast damit standen
-weite Pluderhosen von grober Leinwand. Aus ihren Röcken
-sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in der Hand trugen sie
-Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren. Gar nicht
-recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen auf
-der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.</p>
-
-<p>Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare
-Armatur und Uniform wäre, und ob sie vielleicht eine Besatzung
-der Grütliwiese vorstellen sollten? Er aber belehrte mich, daß
-es fahrende Schüler aus Deutschland wären. Unwillkürlich
-drängte sich mir der Gedanke an den fahrenden Ritter Don
-Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn und pries mein
-Glück, auf einem Platz, der durch die erhabenen Erinnerungen,
-die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen Vergleichungen<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span>
-führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben gehabt zu
-haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit sich
-aus, denn als mein Kahn über den See hinglitt, erhoben sie
-einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so
-würdigen, ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen in Gedanken
-das Vorurteil abbat, welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte.«</p>
-
-<p>»Nun ja, da haben wir's,« fuhr der Baron von Garnmacher
-fort, »so sah es damals unter alt und jung in Deutschland
-aus; auch ich hatte Fouquésche Romane gelesen, wurde
-ein frommer Knabe, trug mich wie alle meine Kameraden altdeutsch
-und war meiner Herrin, »der wundigen Maid«, mit
-einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalien machte
-übrigens der <em class="gesperrt">Zauberring</em>, die <em class="gesperrt">Fahrten Thiodolfs</em> etc.
-nicht den gewünschten Eindruck, sie verlachte die sittigen, lichtbraunen,
-blauäugigen Damen, besonders die <em class="gesperrt">Bertha von
-Lichtenrieth</em>, und pries mir Lafontaine und Langbein,
-schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt
-hatte.</p>
-
-<p>Ich war zu erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir
-aufging, als daß ich ihr Gehör gegeben hätte, aber der lüsterne
-Brennstoff jener Romane brannte fort in dem Mädchen, das
-sich, weil sie für ihr Alter schon ziemlich groß war, für eine angehende
-Jungfrau hielt, und kurz &ndash; es gab eine Josephsszene
-zwischen uns; ich hüllte mich in meinen altdeutschen Rock und
-meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den Lockungen der
-Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.</p>
-
-<p>Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen
-verachtete und dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe
-schenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und Langbein studierte,
-weiß ich nicht zu sagen, nur soviel ist mir bekannt, daß ihn der
-Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhändig aus
-dem Garten gepeitscht hat.</p>
-
-<p>Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte
-die hebräische Bibel und die griechischen Unregelmäßigkeiten vor
-mir liegen, und auf ihnen meine Romane. An manchem Abend
-habe ich dort heiße Tränen geweint und durch die Jalousien in
-den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose Jungfrau sollte
-meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf zwischen
-Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest
-überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein
-könne, und höchstens der unglückliche <em class="gesperrt">Otto von Trautwangen</em>,
-als er in Frankreich mit seinem vernünftigen, lichtbraunen<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span>
-Rößlein eine Höhle bewohnte, konnte vielleicht so
-kummervoll gewesen sein wie ich.</p>
-
-<p>Aber das Maß meines Leidens war noch nicht voll; hören
-Sie, wie aus entwölkter Höhe mich ein zweiter Donner traf.</p>
-
-<p>Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem
-Aufsatz gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, <em class="gesperrt">wen
-wir für den größten Mann Deutschlands halten</em>?
-Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für und
-wider angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht
-werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine
-Herren, immer einen harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen
-waren mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer
-mittelmäßige oder schlechte Arbeit geliefert. Aber für diese
-Arbeit war ich ganz begeistert, ich fühlte eine hohe Freude in
-mir, meine Gedanken über die großen Männer meines Vaterlandes
-zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen Jahren
-nicht solche?) in gehöriges Licht setzen zu können.</p>
-
-<p>Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war
-leichter für mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen
-meines eifrigen Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten
-gelesen hatte als ich? Und wer, der irgend einmal diese Bücher
-der Geschichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel sein,
-wer die größten Männer meines Vaterlandes seien? Zwar
-war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich die
-Krone zuerkennen sollte. <em class="gesperrt">Hasper a Spada?</em> Es ist wahr,
-es war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe
-seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er doch etwas
-sehr dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke
-in seinem fürtrefflichen Charakter. <em class="gesperrt">Adolf der Kühne,
-Raugraf von Dassel?</em> Er hatte schon etwas mehr von
-einem großen Mann. Wie schrecklich züchtigt er die Pfaffen!
-Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Buße
-tun müßte, aber dies schwächt doch sein majestätisches Bild. Es
-ist wahr, <em class="gesperrt">Otto von Trautwangen</em> glänzt als ein Stern
-erster Größe in der deutschen Geschichte, dachte ich weiter; aber
-auch er scheint doch nicht der größte gewesen zu sein, wiewohl
-seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen ist, jeden
-Zauber überwand.</p>
-
-<p>Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig
-unter allen deutschen Helden ist doch keiner, der dem
-<em class="gesperrt">Thiodolf</em> das Wasser reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span>
-wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein <em class="gesperrt">Berserker</em>,
-es kann nicht fehlen, er ist der größte Deutsche.</p>
-
-<p>Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung
-nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust
-war zu voll, ich konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte
-versagten mir, wohl zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die
-gelungensten Stellen vor. Wie erhaben lautete es, wenn ich von
-der Stärke des Isländers sprach, wie er einen Wolf zähmte,
-wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig auf die
-Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war, wie großmütig
-verschmäht er alle Belohnung, ja, er schlägt einen Kaiserthron
-aus, um seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er,
-obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie schön
-beschrieb ich alles, ja, es mußte das harte Herz des alten Rektors
-rühren!</p>
-
-<p>Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem
-Beifall lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um
-unsere Aufsätze zu zensieren. Dann sendet er gewiß einen
-milden, freundlichen Blick nach dem letzten Platze, wohin er sonst
-nur wie ein brüllender Löwe schaute, dann liest er meine Arbeit
-laut vor und spricht: ›Kann man etwas Gelungeneres lesen
-als dies, und ratet, wer es gemacht hat? Die Letzten sollen
-die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute verworfen
-haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn,
-<em class="antiqua">Garnmachere</em>! Ich habe immer gesagt, du seiest ein <em class="antiqua">bête</em>, konnte
-ich ahnen, daß du mit so vielem Eifer Geschichten studierst?
-Nimm hin den Preis, der dir gebührt.‹</p>
-
-<p>So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das
-schreiendste Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz
-ins Reine. Um zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten
-nicht unbewandert sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach
-Erfindung des Pulvers den <em class="gesperrt">deutschen Alkibiades</em> und
-zunächst ihm <em class="gesperrt">Hermann von Nordenschild</em> für die
-größten Männer halte. Man könne ihnen den <em class="gesperrt">Ritter Euros</em>,
-welcher nachher als Domschütz mit seinen Gesellen so großes
-Aufsehen gemacht habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht
-an die Seite stellen, doch stehen jene beiden auf einem viel
-höheren Standpunkt.</p>
-
-<p>Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und
-mußte ihm beinahe ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte:
-›Er wird wieder ein schönes Geschmier haben, Garnmacher!<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span>‹</p>
-
-<p>›Lesen Sie, und dann &ndash; richten Sie,‹ gab ich ihm stolz zur
-Antwort und verließ ihn.</p>
-
-<p>Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt
-würde über den würdigsten englischen Theologen, und es
-würden in einer gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort
-die Vorzüge des <em class="antiqua">Vicar of Wakefield</em> dargetan, wer würde
-da nicht lachen? Wenn Sie, werter Marquis, nach der würdigsten
-Dame zu den Zeiten Louis' XIV. gefragt würden, und Sie
-priesen die <em class="gesperrt">neue Heloise</em>, würde man Sie nicht für einen
-Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich begangen
-hatte!</p>
-
-<p>Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich
-zensierte, erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen
-war, war er mir ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich
-schlich ich mich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte
-gewiß sein, wegen schlechter Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht
-zu werden. Aber wieviel stolzer trat ich heute auf, ich hatte
-meinen besten Rock angezogen, den schönsten, feingestickten
-Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war zierlich gescheitelt
-und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand mir, ich sei
-auch im Aeußern des Preises nicht unwürdig, welcher mir heute
-zuteil werden sollte.</p>
-
-<p>Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche,
-obskure Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann,
-Karl den Großen, Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen
-&ndash; er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine Arbeit.
-Ja, es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart
-&ndash; als die besten!</p>
-
-<p>Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm
-ein Heft mit rosenfarbner Ueberdecke, das <em class="gesperrt">meinige</em>, zur
-Hand. Mein Herz pochte laut vor Freude, ich fühlte, wie sich
-mein Mund zu einem triumphierenden Lächeln verziehen wollte,
-aber ich gab mir Mühe, bescheiden bei dem Lob auszusehen. Der
-Rektor begann: ›Und nun komme ich an eine Arbeit, welche
-ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich will einige Stellen
-daraus vorlesen!‹ Er deklamierte mit ungemeinem Pathos
-gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung
-niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr
-als vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an
-den Schluß gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem
-furchtbaren <em class="gesperrt">Domschützen</em> noch einige Blümchen gestreut hatte,
-erscholl Bravo! Ancora! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden<span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span>
-Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor
-winkte Stille und fuhr fort: ›Es wäre dies eine gelungene
-Satire auf die Herren Spieß und Konsorten, wenn nicht der
-Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre. Es ist
-unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du <em class="antiqua">Dedecus naturae</em>,
-hierher zu mir!‹</p>
-
-<p>Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war,
-als ich vor ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal
-rechts und einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte
-eine Strafpredigt über mich herab, von der ich nur soviel verstand,
-daß ich ein <em class="antiqua">bête</em> war und nicht wußte, was Geschichte sei.</p>
-
-<p>Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer
-schönen blumigen Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt.
-Man schwindelt, indem man die unermeßlichen Höhen
-herabfliegt, man fühlt die unsanfte Erschütterung, wenn man
-am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und sieht sich mit
-Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der man
-herabstürzte, ist mit allen ihren Blütengärten verschwunden, ach,
-sie war ja nur ein Traum!</p>
-
-<p>So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem
-Schlummer aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige
-Antwort, die ich ihm geben konnte. Ich war arm wie jener
-Krösus, als er vor seinem Sieger Cyrus stand; auch ich hatte
-ja alle meine Reiche verloren!!</p>
-
-<p>Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer
-mir das Geld dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich <em class="gesperrt">sie</em>, die
-ich einst liebte, verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen
-Sturm des alten Mannes aus, ich stand wie Mucius Scävola.</p>
-
-<p>Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich
-von meinem Vater ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich
-das Geld zu solchen Allotriis von ihm habe, und überdies habe
-ich am nächsten Montag vier Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt
-von meinen Mitschülern, die mir Thiodolf, deutscher Alkibiades
-und dergleichen nachriefen, in dumpfer Verzweiflung ging ich
-nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß mich mein Vater,
-wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich totschlagen
-oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor
-beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange,
-band etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere
-Münzen, welche mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch,
-warf noch einen Kuß und den letzten Blick nach des Nachbars
-Garten, sagte meinem Dachstübchen lebewohl, und eine Viertelstunde<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span>
-nachher wanderte ich schon auf der Straße nach Berlin,
-wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs erste zu wenden
-gedachte.</p>
-
-<p>In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine
-Straße zog. Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also
-nie gelebt, diese tapferen, frommen, liebevollen, biederen
-Männer, sie hatten nicht geatmet, jene lieblichen Bilder holder
-Frauen. Jene bunte Welt voll Putz und Glanz, alle jene
-Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir herübertönten,
-die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell, Waffengeklirr,
-Sporenklang, süße Akkorde der Laute &ndash; alles, alles dahin, alles
-nichts als eine löschpapierene Geschichte, im Hirn eines Poeten
-gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht!</p>
-
-<p>Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen
-hatte. Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten
-das liebe Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten
-vergoldet vom Abendrot über dem Dunstmeer.</p>
-
-<p>So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit
-und Zukunft in Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen
-hell beleuchtet wie jene Türme vor meiner Seele. ›Wohlan!‹
-sprach ich bei mir selbst:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">›&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;<em class="antiqua">O fortes, pejoraque passi</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Cras ingens iterabimus aequor.</em>‹<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus,
-da fühlte ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte
-mich um.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat
-bis auf den Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger
-das Manuskript zum ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch
-ein großer Teil des letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht,
-die Messe ist schon vorüber, und eine eigene über die paar
-Bogen lesen zu lassen, findet sich weder ein gehöriger Vorwand,
-noch würde das Werkchen diese bedeutende Ausgabe wert sein.
-Wir versparen daher die Fortsetzung des Festtages in der Hölle
-auf den zweiten Teil und bleiben einstweilen wie die Ochsen am
-Berge stehen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p>
-
-<h2 id="Zweiter_Teil">Zweiter Teil.</h2>
-
-<h3 id="Vorspiel">Vorspiel,<br />
-<span class="smaller">worin von Prozessen, Justizräten die Rede, nebst einer stillschweigenden
-Abhandlung: »Was von Träumen zu halten sei?«</span></h3>
-</div>
-
-<p>Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren
-des Satan erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm
-ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich
-darüber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich darüber
-geärgert haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe für die
-schriftstellerischen Versuche des Satan, die nicht nur ihm, sondern
-auch seinem Uebersetzer und Herausgeber erwünscht sein
-muß.</p>
-
-<p>Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu
-heißen Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der
-strengen Kälte des Winters, weder im Mangel an Zeit oder
-Stoff, noch in politischen Hindernissen. Die einzige Ursache
-ist ein sonderbarer Prozeß, in welchen der Herausgeber verwickelt
-wurde, und vor dessen Beendigung er diesen zweiten
-Teil nicht folgen lassen wollte.</p>
-
-<p>Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die
-Welt versandt und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen
-Zeitungen begleitet worden, als plötzlich in allen
-diesen Blättern zu lesen war eine</p>
-
-<p class="center p2">
-<em class="gesperrt">Warnung vor Betrug.</em>
-</p>
-
-<p>»Die bei Gebr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen
-Memoiren des Satan sind nicht von dem im Alten und Neuen
-Testament bekannten und durch seine Schriften: Elixiere des
-Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als Schriftsteller berühmten
-Teufel, sondern gänzlich falsch und unecht; was hiermit dem
-Publikum zur Kenntnis gebracht wird.«</p>
-
-<p>Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen,
-die von niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache
-so gewiß, hatte das Manuskript von niemand anders als dem<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span>
-Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Mühen und Sorgen,
-nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind
-gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger über mich herfallen,
-meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen und
-besagte Memoiren für unecht erklären?</p>
-
-<p>Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf
-eine solche Beschuldigung des <em class="gesperrt">Betruges</em> zu antworten sei,
-werde ich vor die Gerichte zitiert und mir angezeigt, daß ich
-einer Namensfälschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt
-sei, und zwar &ndash; vom Teufel selbst, der gegenwärtig als geheimer
-Hofrat in persischen Diensten lebe. Er behaupte nämlich,
-ich habe seinen Namen Satan mißbraucht, um ihm eine miserable
-Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben; ich
-habe seinen literarischen Ruhm benützt, um diesem schlechten
-Büchlein einen schnellen und einträglichen Abgang zu verschaffen;
-kurz, er verlange nicht nur, daß ich zur Strafe gezogen,
-sondern auch, daß ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu
-geben, »dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff entzogen
-worden«.</p>
-
-<p>Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß
-mir früher schon der Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte;
-man kann sich also wohl denken, wie mir bei diesen
-schrecklichen Worten zumute ward. Ich ging niedergedonnert
-heim und schloß mich in mein Kämmerlein, um über diesen Vorfall
-nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, daß es hier drei
-Fälle geben könne, entweder hatte mir der Teufel selbst das
-Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht zu ängstigen
-und auf meine Kosten zu lachen; oder irgend ein böser
-Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt, um das
-Manuskript in meine Hände zu bringen, und der Teufel selbst
-trat jetzt als erbitterter Kläger auf; oder drittens, das Manuskript
-kam wirklich vom Teufel, und ein müßiger Kopf wollte
-jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.</p>
-
-<p>Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug
-ihm den Fall vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler
-Handel, besonders weil ich keine Beweise beibringen könne, daß
-das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er wolle
-das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl Bücher, die
-seit Justinians <em class="antiqua">Corpus juris</em> bis auf das neue birmanische
-Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben worden seien,
-einiges nachlesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span></p>
-
-<p>Das juristische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang
-Es wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, soviel
-darüber geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des
-Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr
-anhängig war, wurde sogar auf Unrechts Kosten eine
-eigene Aktenkammer für diesen Prozeß eingeräumt; über der
-Türe stand mit großen Buchstaben: »<em class="antiqua">Acta</em> in Sachen des persischen
-G. H. R. Teufel gegen <em class="antiqua">Dr.</em> H&ndash;f, betreffend die Memoiren
-des Satan.«</p>
-
-<p>Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf
-dem Titel nicht »Memoiren des Teufels«, sondern »des Satan«
-gesagt hatte. Die Juristen waren mit sich ganz einig, daß der
-Name <em class="gesperrt">Teufel</em> in Deutschland sein <em class="gesperrt">Familienname</em> sei,
-ich habe also wenigstens diesen nicht zur Fälschung gebraucht;
-Satan hingegen sei nur ein angenommener, willkürlicher, denn
-niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen zu führen. Ich
-fing an, aus diesem Umstand günstigere Hoffnung zu schöpfen,
-aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was
-es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen
-des <em class="antiqua">et cetera</em> war nämlich dem berühmten Justizrat Wackerbart
-in die Hände gefallen, einem Mann, der schon bei Dämpfung
-einiger großen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte
-und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen
-in einem Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten,
-daß ein solcher berühmter Jurist meine Sache nur als
-eine <em class="antiqua">Cause célèbre</em> ansehen und sie also handhaben werde, daß
-sie, gleichviel wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm
-einbrächte? Hierzu kam noch der Titel und Rang meines
-Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, sich an
-höhere Zirkel anzuschließen; mußte ihm da ein so wichtiger
-Mann, wie ein persischer geheimer Hofrat, nicht mehr gelten
-als ich Armer?</p>
-
-<p>Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine
-Sache gegen den Teufel; Strafe, Schadenersatz, aller mögliche
-Unsinn wurde auf mich gewälzt, ich wunderte mich, daß man
-mich nicht einige Wochen ins Gefängnis sperrte oder gar hängte.
-Man hatte hauptsächlich folgendes gegen mich in Anwendung
-gebracht:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span></p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Entscheidungs-Gründe</em><br />
-<br />
-zu dem<br />
-<br />
-vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim unter dem<br />
-4. Dezember 1825 gefällten Erkenntnis<br />
-<br />
-in der Untersuchungssache<br />
-gegen den<br />
-<em class="antiqua">Dr.</em> …f wegen Betrugs.
-</p>
-
-<p>1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben,
-daß er keine Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm herausgegebenen
-Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten
-echten Teufel, so gegenwärtig als geheimer Hofrat in persischen
-Diensten lebt, herrühre. Ferner hat der Angeschuldigte …f
-zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern darüber enthaltene
-Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei.</p>
-
-<p>2. Die letztgenannte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus
-die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen,
-daß »die Memoiren des Satan« von dem wahren, im Alten und
-Neuen Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller
-beliebten Teufel geschrieben sei, nur allzudeutlich hervorleuchten
-tut.</p>
-
-<p>3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte
-…f eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in
-jedweder auf impermissen Commodum für sich oder Schaden
-anderer gerichteten unrechtlichen Täuschung anderer, entweder
-indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre Dito nicht angibt
-&ndash; besteht; oder um uns näher auszudrücken, da hier die
-Sprache <em class="gesperrt">von einer Ware und gedrucktem</em> Buch ist &ndash;
-einer <em class="gesperrt">Fälschung</em> schuldig gemacht; denn, durch den Titel
-»Memoiren des Satan« und die Anpreisung des Buches wurde
-der Lesewelt fälschlich vorgespiegelt, daß das Buch ausdrücklich
-von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen geheimen
-Hofrat Teufel verfaßt sei; was beim Verkauf des Werkes
-verursachte, daß es schneller und in größerer Quantität abging,
-als wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn …f,
-so dem Publico noch gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und
-wodurch die, so es kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein
-echtes Werk des Teufels in Händen zu haben, schnöde betrogen
-wurden.</p>
-
-<p>4. Wenn der Herr <em class="antiqua">Dr.</em> …f, um sich zu entschuldigen,
-dagegen einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur
-ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span>
-nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir
-Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, daß sich …f
-auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens bekanntermaßen
-den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namen nicht beschränkt,
-sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt,
-namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige Teufel
-oder Satan sei, welcher dem Publico, besonders dem Frauenzimmer,
-wie auch denen Gelehrten durch frühere <em class="antiqua">Opera</em>, z. B.
-die Elixiere des Teufels <em class="antiqua">et cetera</em> rühmlichst bekannt ist, wodurch
-wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist als der geheime
-Hofrat Teufel.</p>
-
-<p>5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten,
-daß das in Frage stehende <em class="antiqua">Opusculum</em>, wie auch nicht destoweniger
-seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel
-und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung
-wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja,
-jeder Leser von Vernunft muß das auch wohl eher für eine
-etwas geringe Nachäffung der Teufeleien als für &ndash; eine Satire
-auf dieselbe erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht
-einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist
-durchaus kein günstiger Umstand für …f zu ziehen, weil
-derjenige Käufer, der etwas <em class="gesperrt">Echtes</em>, vom Teufel verfaßtes
-kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, daß er betrogen
-sei.</p>
-
-<p>6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt,
-Leihbibliotheken <em class="antiqua">et cetera</em> ist in der vorliegenden Defraudation
-auch ein Verbrechen gegen <em class="gesperrt">den</em> begangen, dessen Name oder
-Firma mißbraucht worden; namentlich und spezialiter gegen
-den geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und
-Schriftsteller als von wegen des Honorars seiner übrigen
-Schriften, sehr dabei interessiert ist, daß nicht das Geschreibsel
-anderer, als von ihm niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt
-und verkauft werde.</p>
-
-<p>7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch
-arglos herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hierüber
-zu kennen, daß ihn auch bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen
-Absichten geleitet hätten, so ist uns dies gleichgültig
-und haben nicht darauf Rücksicht zu nehmen, denn Fälschung ist
-Fälschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als
-echt verkauft, oder Bücher schreibt unter falschem Namen; ist
-alles nur verkäufliche Ware und kann den Begriff des Vergehens
-nicht ändern, weil immer noch die Täuschung und Anschmierung<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span>
-der Käufer restiert, und zwar ebenfalls nichtsdestominder auch
-alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen Wert mit den
-übrigen Büchern des Teufels hätten (was wir Klein-Justheimer
-übrigens bezweifeln, da jener geheimer Hofrat ist), weil dem
-Ebengedachten schon durch das Unterschieben eines fremden
-Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem
-Sinne sein tut.</p>
-
-<p>Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.</p>
-
-<p class="center">
-Gez. <em class="gesperrt">Präsident und Räte des Kriminalgerichts</em>
-zu Klein-Justheim.
-</p></div>
-
-<p>Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger
-Gliedermänner gesehen, so kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre
-Gliedlein nach jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in
-deiner Jugend mit solchen Männern gespielt und allerlei Kurzweil
-mit ihnen getrieben und probiert, ob es nicht schöner wäre,
-wenn er z. B. das Gesicht im Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue,
-oder ob es nicht vernünftiger wäre, wenn ihm die
-Beine ein wenig umgedreht würden, daß er vor- und rückwärts
-spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du wohl versucht
-in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein unschuldiges
-Spiel, denn dem Gliedermann war es gleichgültig, ob ihm die
-Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht, ob er den
-Rücken herabschaute oder vorwärts, er lächelte so dumm wie zuvor,
-denn er hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht weh im
-Herzen, denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt, und wahrscheinlich
-aus Lindenholz.</p>
-
-<p>Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den
-täppischen Händen der Klein-Justheimer Kriminalien! Sie
-renkten und drehten mir die Glieder, setzten mir den Kopf so
-oder so, wie es ihnen gefällig, oder auch nach Vorschrift des
-Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis das Kadaver
-vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie sie es haben
-wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren
-konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bemerken,
-nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts,
-die Arme verschränkt <em class="antiqua">et cetera</em> trage, ganz gegen alle
-Ordnung und Recht.</p>
-
-<p>Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan!
-Ware! Als würde dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn
-hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzkünstler und Eskamoteur
-getan, die Bänder verschluckte und sie herauszog Elle um Elle<span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span>
-aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen, Defraudation,
-o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man will!
-Und rechtswidrige Täuschung des Publikums! Wer hat denn
-darüber geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden
-und hat Zeter geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein
-nicht von dem Schwarzen selbst herrühre, daß er den Missetäter
-bestraft wissen wolle für diese rechtswidrige Täuschung? O
-Klein-Justheim, wie weit bist du noch zurück hinter England
-und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen kannst, Werke
-des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und gehören
-durchaus nicht vor deine Schranken.</p>
-
-<p>Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der
-nun für mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach
-über das Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso,
-ein schlechtes abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken
-der Leihbibliothek sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der
-Romane und Novellen aller Art herabschaue und ihnen ihre
-abgenützten Gewänder beneide, die den großen Furore, welchen
-sie in der Welt machen, beurkunden, wie er seine andere Hälfte,
-seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwünsche, um, verbunden
-mit ihm, schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt
-als einem Invaliden beinahe unmöglich war. Da wurde mir
-eines Morgens ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte
-Züge verriet. Ich riß ihn auf und las:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!
-</p>
-
-<p>Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen
-das Zeitliche gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu
-meinem großen Aerger die miserablen Machinationen, die gegen
-Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, daß sie von mir
-herrühren. Mit großem Vergnügen denke ich noch immer an
-unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz,
-und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen
-Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche Literaturzeitung
-zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach,
-versicherten mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben
-habt, und daß das Publikum meine Bemühungen zu
-schätzen wisse. Der Prozeß, den man Euch an den Hals warf,
-kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts
-als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen
-zu lassen, weil ich ein wenig über ihre Universitäten
-schimpfte und die ästhetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span>
-auch drücken. Lasset Euch dies nicht kümmern, Wertester; gebt
-immer den zweiten Teil heraus, im Notfall könnt Ihr gegenwärtiges
-Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den
-Wackerbart, saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne,
-so kenne ich um so besser die seinige.</p>
-
-<p>Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren,
-die jeden berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände
-fällt, für <em class="gesperrt">gute Prise</em> erklären und, wenn sie ihn fest haben
-in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin
-entscheiden können, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem
-Golde einträgt. Was war bei Euch von beiden zu erheben?
-Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und Magister der
-brotlosen Künste, was seid Ihr gegen einen persischen geheimen
-Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natürlich zugegangen,
-und grämet Euch nicht darüber. Was den persischen geheimen
-Hofrat betrifft, der meine Rolle übernommen hat, so will ich
-bei Gelegenheit ein Wort mit ihm sprechen.</p>
-
-<p>Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich
-habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben,
-es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu
-bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein, es gibt
-vielleicht noch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner erinnern.</p>
-
-<p>Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche Bekanntschaft
-bald zu erneuern, bin ich</p>
-
-<p class="right">
-Euer wohlaffektionierter Freund<br />
-<em class="gesperrt">der Satan</em>.«
-</p></div>
-
-<p>Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief
-freute. Ich lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der
-meine Sache geführt hatte, ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte
-ihm, appellieren zu wollen an ein höheres Gericht und den
-Originalbrief beizulegen.</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln und sprach: »Lieber, sie wohnen zusammen
-in <em class="gesperrt">einer</em> Hausmiete, die Kriminalien; ob Ihr um
-eine Treppe höher steigen wollet, aus dem Entresol in die Bel-Etage
-zu den Vornehmeren, das ist einerlei, Ihr fallet nur
-um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll
-es nicht fehlen.«</p>
-
-<p>So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften;
-doch &ndash; was half es? Sie stimmten ab, erklärten den Persischen
-für den echten, alleinigen Teufel, der allein das Recht habe,<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span>
-Teufeleien zu schreiben, und &ndash; der Prozeß ging auch in der
-Bel-Etage verloren.</p>
-
-<p>Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und
-wenn es mich den Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben,
-ich nahm das Manuskript unter den Arm, raffte
-mich auf und &ndash;&nbsp;&ndash; erwachte.</p>
-
-<p>Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges
-Stübchen, die Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige
-winkten herein, mich aufzumachen und den Morgen zu
-begrüßen.</p>
-
-<p>Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten,
-Klein-Justheim, und alles, was mir Gram und Aerger
-bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden.</p>
-
-<p>Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den
-Abend zuvor bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen
-Prozeß mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir
-nun im Traum alles so erschienen, als hätte ich selbst den
-Prozeß gehabt, als wäre ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern
-und Klein-Justheimer Schöppen.</p>
-
-<p>Ich lächelte über mich selbst! Wie pries ich mich glücklich,
-in einem Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar
-nicht vorkämen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr
-fremd sind, wo es keine Wackerbärte gibt, die einen solchen Fund
-für gute Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen
-und drauf loshantieren und drehen, ob es biege oder breche;
-wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt und
-Satire versteht und zu würdigen weiß, wo man weder auf den
-Titel eines persischen geheimen Hofrats, noch auf irgend dergleichen
-Rücksicht nimmt.</p>
-
-<p>So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen
-komischen Prozeßtraum.</p>
-
-<p>Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch!
-Nein, es war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief
-des Satan, wie ich ihn im Traume gelesen, da lag das Manuskript,
-das er mir im Briefe verheißen. Ich traute meinen
-Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir
-der Zusammenhang unbegreiflicher.</p>
-
-<p>Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen
-und seinen »Besuch in Frankfurt« dem zweiten Teile
-einverleiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span></p>
-
-<p>Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem
-Teile alles geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht
-ohne Interesse zu lesen war, ich meine jene Szene, wie er mit
-Napoleon eine Nacht in einer Hütte von Malojaroslawez zubrachte
-und wie von jenen Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle
-Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem
-selbst der Teufel Achtung zollen mußte, vielleicht &ndash; weil er ihm
-nicht beikommen konnte, doch &ndash; vielleicht ist es möglich, dieses
-merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem anderen Orte
-mitzuteilen.</p>
-
-<p>Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt,
-da wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz
-stürzte ins Zimmer.</p>
-
-<p>»Weißt du schon?« rief er. »Er hat ihn verloren!«</p>
-
-<p>»Wer? Was hat man verloren?«</p>
-
-<p>»Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen
-Clauren meine ich, wegen des Mannes im Monde!«</p>
-
-<p>»Wie? Ist es möglich!« entgegnete ich, an meinen Traum
-denkend. »Unser Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den
-Prozeß?«</p>
-
-<p>»Du kannst dich darauf verlassen, soeben komme ich vom
-Museum, der Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das
-Urteil publiziert.«</p>
-
-<p>»Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz! War er
-etwa auch in Klein-Justheim anhängig?«</p>
-
-<p>»Klein-Justheim? Du fabelst, Freund!« erwiderte der
-Freund, indem er besorgt meine Hand ergriff. »Was willst du
-nur mit Klein-Justheim, wo gibt es denn einen solchen Ort?«</p>
-
-<p>»Ach,« sagte ich beschämt, »du hast recht; ich dachte an &ndash;
-meinen Traum.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span></p>
-
-<h3 id="Der_Fluch">Der Fluch.<br />
-<span class="smaller">Novelle.</span></h3>
-
-<p class="center smaller">(Fortsetzung.)</p>
-</div>
-
-<p>Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte
-habe. Die <em class="gesperrt">heilige Stadt</em> hatte immer einen Ueberfluß
-von Leuten, die in der ersten, zweiten oder dritten Abstufung
-mein waren.</p>
-
-<p>Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der
-<em class="gesperrt">guten Leute</em> (von anderen Sünder genannt) mache: aber,
-wer je mit der Erde zu tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt,
-daß nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen betrieben
-werden könne. Es ist dies besonders in Städten, wie
-Rom, unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nüancen <em class="gesperrt">guter
-Leute</em> vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der
-die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem
-solche um dreißig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da
-muß man Klassen haben. Ich werde in der Bibel und von den
-heutigen Philosophen als das negierende Prinzip vorgestellt,
-daher teilte ich meine guten Leute ein in: erste Klasse mit dem
-Prädikat recht gut, solche, die geradehin verneinen, als da sind:
-Freigeister, Gottesleugner etc. Zweite Klasse, gut; sie sagen mit
-einigem Umschweif nein, gelten unter sich für Heiden, bei Vernünftigen
-für liberale Männer, bei der Menge für fromme
-Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Türken und
-Pfaffen. Die dritte Klasse, mit dem Prädikat mittelmäßig, sind
-jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschütteln andeuten. Es
-sind jene, die sich selbst für eine Art von Gott halten, mögen sie
-nun Ablaß verkaufen oder als evangelisch-mystisch-pietistische
-Seelen einen Separatfrieden mit dem Himmel abschließen; der
-letzteren gibt es übrigens in Rom wenige.</p>
-
-<p>Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems,
-die verschiedenen Uebergänge der Klassen beinahe mit jedem
-Jahr sich ändern. Geld, Sitten, der Zeitgeist üben hier einen
-großen Einfluß aus und machen beinahe alle zwei Jahre eine
-Reise an Ort und Stelle notwendig.</p>
-
-<p>Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise
-in Rom verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen
-nicht unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen
-Leser meiner Memoiren von Interesse sein möchten.</p>
-
-<p>Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der<span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span>
-Peterskirche spazieren, dachte nach über mein System und die
-Veränderungen, die ihm durch die Missionare in Frankreich
-und das Ueberhandnehmen der Jesuiten drohten, da stieß mir
-ein Gesicht auf, das schon in irgend einer interessanten Beziehung
-zu mir gestanden sein mußte. Ich stand stille, ich betrachtete
-ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schöner
-junger Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram;
-dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener
-&ndash; ein Deutscher, und jetzt fiel mir mit einemmale bei, daß
-ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin im Salon jener Dame
-gesehen hatte, die mir und dem ewigen Juden einen ästhetischen
-Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, dessen
-anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persönlichkeit mir
-damals ein so großes Interesse eingeflößt hatten. Er war es,
-der uns damals eine Aventüre aus seinem Leben erzählt hatte,
-die ich für würdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit
-aufzuzeichnen.</p>
-
-<p>Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal
-in die heilige Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der
-düstere Himmel seines Landes und die süße Langeweile der
-ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so drückend wurde, daß
-er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich beschloß,
-seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jenes interessante
-Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über
-ihn selbst, über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen.
-Er stand an einer Säule des Portals, den Blick fest auf die
-Türe gerichtet; fromme Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen
-strömten aus und ein. Ich sah, er blieb gleichgültig; wenigstens
-schien ihn keine dieser Gestalten zu interessieren. Endlich
-erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der Türe; war es
-die Form dieses Hutes, waren es die weißen, wallenden Federn,
-war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch hervorwallte,
-was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch
-konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen, aber
-seine Augen glänzten, ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog
-um seinen Mund, seine Wangen röteten sich, er richtete sich
-höher auf und schaute unverwandt den Säulengang hin. Noch
-verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die Nahende, jetzt
-bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes Wesen heranschweben.</p>
-
-<p>Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen
-auf der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht<span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span>
-wie sie euch Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern,
-dem ist eine solche seltene Erscheinung ein Fest, denn es
-ist etwas Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener
-Worte des jungen Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb,
-den der Anblick jener Dame zum erstenmal auf ihn
-machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge beschrieb;
-&ndash; ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche Erscheinung,
-die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine
-und dieselbe sei.</p>
-
-<p>Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen.
-Er hatte den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm
-ein Morgengruß oder eine freundliche Rede auf den Lippen, und
-überrascht von der stillen Größe des Mädchens sei er verstummt.
-Auch <em class="gesperrt">sie</em> errötete, sie schlug die Augen auf, als er
-sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn, hielt einen
-kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm angeredet
-zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.</p>
-
-<p>Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann
-folgte er langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken
-verloren, stehen. Ich ging ihm einige Straßen nach, er trat
-endlich in ein Kaffeehaus, wo sich die deutschen Künstler zu versammeln
-pflegen. Hatte schon früher dieser Mensch und seine
-Erzählung meine Teilnahme erregt, so war ich jetzt, da ich
-Zeuge eines flüchtigen, aber so bedeutungsvollen Zusammentreffens
-gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in welchem
-Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein glückliches
-Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war,
-glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen
-gelesen zu haben.</p>
-
-<p>Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling
-des ewigen Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft
-dieses Mannes machte. Daher trat ich in dieser Rolle in
-das Kaffeehaus. Der junge Herr saß an einem Fenster und
-las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er wohl bald
-ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden, aber er las
-immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluß
-dieses riesengroßen Briefes zu blicken &ndash; es waren wenige Zeilen
-von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.</p>
-
-<p>»Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?«
-fragte ich in deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.</p>
-
-<p>»Der bin ich;« antwortete er, indem er den düsteren Blick<span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span>
-von dem Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein
-leichtes Neigen des Hauptes erwiderte.</p>
-
-<p>»Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich
-so glücklich, einmal einen Abend in dem Hause Ihrer Tante in
-Berlin zu genießen, den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre
-interessanten Mitteilungen mir unvergeßlich machen.«</p>
-
-<p>»Im Hause meiner Tante?« fragte er, aufmerksamer werdend.
-»Wie, war es nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren
-nicht einige männliche Weiber und einige zartweibliche Herren
-zugegen? Ich erinnere mich, ich mußte etwas erzählen. Doch
-Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen.«</p>
-
-<p>»Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ah &ndash; mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister;
-jetzt erinnere ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen,
-ohne es zu wollen, Sottisen zu sagen, und überschnappte endlich,
-nämlich mit dem Stuhl?«</p>
-
-<p>»So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu
-trinken? Ich bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele.
-Sie sind wohl schon lange hier bekannt?«</p>
-
-<p>Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. »O ja,
-bin schon lange hier bekannt,« antwortete er düster. »Ich war
-früher in Geschäften hier, jetzt zu &ndash; meiner Erholung.«</p>
-
-<p>»Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend
-bei Ihrer Tante, mein Hofmeister brachte mich damals um
-einen köstlichen Genuß. Sie erzählten uns ein kleines Abenteuer,
-das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt. Ihre Erzählung
-war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, die uns
-über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit
-einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor
-durch seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit
-ihm den Salon zu verlassen, und plage mich seitdem mit allerlei
-Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen
-sein, ob Sie sich mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben,
-ob Sie auch ferner der schönen Luise sich nahen konnten, ob
-nicht endlich ein Liebesverhältnis zwischen Ihnen entstanden.
-Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte mich tagelang, die
-tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten sie passen.«</p>
-
-<p>Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich
-geworden; es schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz
-recht war; vielleicht ahnte er meine unbezwingliche Neugierde
-nach seinem Abenteuer, er blickte mich scharf an, aber er wich
-in seiner Antwort aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span></p>
-
-<p>»Ich erinnere mich,« sagte er, »daß wir damals alle bedauerten,
-Ihre Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren
-uns allen wert geworden, und die Damen behaupteten, Sie haben
-etwas Eigenes, Anziehendes, das man nicht recht bezeichnen
-könne, Sie haben einen höchst pikanten Charakter. Nun, Sie
-werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben; wann waren
-Sie das letzte Mal bei meiner Tante?«</p>
-
-<p>Ich sah ihn staunend an. »Ich hatte nie die Ehre, bei
-Ihrer Tante gesehen zu werden als an jenem Abend.«</p>
-
-<p>Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen,
-kam aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine
-Zwischenfrage nach Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken.
-»Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin?« fragte ich
-endlich. »Ich war seit jenem Abend nicht mehr dort und reiste
-in dieser Zeit in Frankreich und England. Sehen Sie einmal
-in meinem Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit gemacht
-habe!«</p>
-
-<p>Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. »Verzeihen
-Sie, Baron!« rief er, indem er meine Hand ungestüm
-drückte. »Verzeihen Sie, ich hielt Sie für einen Spion meiner
-Tante.«</p>
-
-<p>»Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis
-Rom nachschickt?«</p>
-
-<p>»Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich
-halte mich etwa seit zwei Monaten hier auf. Meine Verwandten
-toben, weil ich meinen Posten im Bureau des Ministers
-plötzlich und ohne Urlaub verlassen habe; sie bestürmten mich mit
-Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich an die preußische Gesandtschaft
-hier; sie fand aber nichts Verdächtiges an mir und
-ließ mich ungestört meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen
-schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut sein, man werde
-einen Spion in meine Nähe senden, um alle meine Schritte zu
-bewachen.«</p>
-
-<p>»Ist's möglich? Und warum denn dies alles?«</p>
-
-<p>»Ach, es ist eine dumme Geschichte, eine Anordnung meines
-verstorbenen Vaters legt mir Pflichten auf, die &ndash; ein andermal
-davon &ndash; die ich nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg,
-hielt ich für den Spion. Sie vergeben mir doch?«</p>
-
-<p>»Unter zwei Bedingungen,« erwiderte ich ihm, »einmal,
-daß Sie mir erlauben, Sie recht oft zu begleiten, um der Spion
-Ihres Spions zu sein. Halten Sie mich nicht für indiskret,
-es ist wahre Teilnahme für Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span>
-zu werden. Sodann &ndash; teilen Sie mir, wenn es Ihnen anders
-möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit.«</p>
-
-<p>»Den Schluß?« rief er und lachte bitter. »Den Schluß?
-Ich wünschte, es schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem
-Leben schließen. Doch kommen Sie, wir wollen unter jene
-Arkaden gehen. Die Künstler kommen um diese Zeit hierher, wir
-könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob man nicht einen
-von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ich folgte Otto von S. &ndash; so hieß der junge Mann &ndash;
-unter die Arkaden. Er legte seinen Arm in den meinigen, wir
-gingen eine Weile schweigend auf und ab; er schien mehr nachdenklich
-als zerstreut.</p>
-
-<p>»Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt;«
-hub er lächelnd an. »Ich habe über den Ausspruch jener Damen
-in Berlin nachgedacht und finde ihn, so komisch er mir damals
-vorkam, dennoch bestätigt. Es ist mir, in den paar Viertelstunden,
-die wir beisammen sind, als seien Sie ein Wesen, das
-ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang mein Freund.
-Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was an den
-Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne
-vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in
-Ihrem Auge, und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken
-einen Zug, der nicht immer das bestätigt, was Sie sagen
-wollten. Und dennoch fühle ich, daß mir der Zufall viel geschenkt
-hat, der mich in jenes Haus führte, ich fühle auch, daß
-man Ihnen trauen kann, mein Lieber.«</p>
-
-<p>»Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung
-gelernt, daß sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es
-freut mich übrigens, wenn etwas an mir ist, das Ihnen Vertrauen
-einflößt. Es ist vielleicht der rege Wunsch, Ihnen dienen
-zu können, was Ihnen einiges Vertrauen gibt?«</p>
-
-<p>»Möglich; doch bin ich Ihnen einige Aufschlüsse über mich
-und mein Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen,
-wie ich mit Luise von Palden bekannt wurde&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum erstenmal.
-Sie erzählten uns, daß Sie eine junge Dame in den
-Lamentationen der sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre
-ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie wurden von ihr mit einem<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span>
-andern verwechselt, sie gefielen sich in diesem Quiproquo und
-versetzten sich unwillkürlich so in die Stelle des Liebhabers, daß
-Sie das Mädchen sogar liebten.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und <em class="gesperrt">wie</em> liebe ich sie!« rief er bewegt.</p>
-
-<p>»Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall
-führte endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an
-Ihre Seite. Es ist schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den
-Freund zu finden; Sie, lieber Freund, benützen die Gelegenheit
-noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen so angenehm ist, fortzuführen.
-Sie bringen die Dame auf eine Loge, um das Pferderennen
-anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte Liebhaber,
-und Sie &ndash; erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals.
-Sie können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es
-Ihnen erging.«</p>
-
-<p>»Ich gestehe,« fuhr Herr von S. fort, »mir selbst fiel die
-Aehnlichkeit dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt,
-selbst meiner Kleidung überraschend auf. Das letztere hatte
-wohl die Mode verschuldet, die damals alle junge Welt zwang,
-sich schwarz zu kleiden. Doch auch für die große Aehnlichkeit
-unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man Beispiele. Sie erinnern
-sich vielleicht des Falles, der in Frankreich vorkam.
-Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Aehnlichkeit
-war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte,
-der eine starb, der andere, ein armer Teufel, wußte
-sich seine Papiere zu verschaffen, reiste nach Frankreich zurück
-und lebte mit der Frau des Verstorbenen noch lange Jahre, bis
-der Betrug an den Tag kam.<a id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Die Möglichkeit einer solchen Verwechselung beweist ein Fall, der sich vor
-einigen Monaten in Ravensburg im Württembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrüder
-sahen sich täuschend ähnlich. Der eine tötete einen Mann und floh. Er
-wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz in einem österreichischen Regiment diente,
-desertiert war. Der Mörder wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ
-sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten jagen. Er diente einige
-Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde.</p></div>
-</div>
-
-<p>Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht
-als ich; die letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses,
-und es wurde ihr wohl mit einemmal klar, daß es schon an
-jenem Abend nicht ihr Otto gewesen sei, gegen den sie sich so
-zärtlich bewiesen. Der Herr mit meinen Gesichtszügen fragte
-mich in etwas barschem Ton in schlechtem Französisch, wie ich
-dazu komme, diese Komödie zu spielen. Ich nahm, nicht aus
-Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im Gefühl, ein Unrecht,
-vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut zu machen, alle<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span>
-Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen und bat
-die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst
-verleitet habe. ›Sie selbst?‹ rief bei diesen Worten jener Mann,
-und seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. ›Sie
-selbst? Es ist ein abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der
-betrogene Teil. Doch ich will nicht stören.‹ &ndash; Er sagte dies,
-vor Wut zitternd, indem er sich von seinem Platze entfernen
-wollte. Luise &ndash; o, ich habe sie nie so süß, so wundervoll gesehen
-wie in jenem Augenblicke, sie schien mit aller Hingebung
-der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie ergriff bebend
-seine Hand, sie rief ihn mit den lieblichsten Tönen; sie beteuerte,
-sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum Zeugen auf.
-Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich mir
-hier zum erstenmal in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es
-ist etwas Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe
-ist, es ist etwas Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz
-inniger Liebe, das Zittern zärtlicher Angst, und diese Tränen
-in den blauen Augen, dieses Flüstern der süßesten Namen von
-den feinen Lippen, und diese Röte der Angst und der Beschämung
-auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer zwar als jenes,
-aber von einer hinreißenden Gewalt.«</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;Ich kenne das,« unterbrach ich diese rednerischen
-Schilderungen des verliebten Berliners, dem die Dame seines
-Herzens in jeder neuen Form wieder lieblicher schien, »ich
-kenne das, so was Heiliges, so was Weinendes, Madonnenartiges,
-Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches, kurz, so was
-Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es denn
-mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?«</p>
-
-<p>»Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht,
-war es sein leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern
-konnte, er stieß sie zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen.
-Das Mädchen setzte sich weinend auf ihren Stuhl. Die tobende
-Freude der Römer an dem Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr
-Rufen stand in schneidendem Kontrast mit dem stillen Schmerz
-dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid mit ihr, ich fühlte
-mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein Liebender die
-Geliebte so schnöde beleidigen könne. ›Mein Herr,‹ sagte ich,
-›das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen,
-daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.‹ &ndash;
-›Eines Mannes von Ehre?‹ rief er höhnisch lachend; ›so kann
-sich jeder Tropf nennen.‹ Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen
-Höflichkeit nicht weiter beobachten zu müssen. Ich<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span>
-gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen, flüsterte ihm meinen
-Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße zu, in
-welcher ich wohnte, und verließ ihn.</p>
-
-<p>Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust
-erwachten, als ich zu Hause über diesen Vorfall nachdachte.
-Ich mußte mir gestehen, daß ich unbesonnen, töricht gehandelt
-hatte, die Rolle eines andern bei diesem Mädchen zu übernehmen.
-Es ist wahr, der Zufall war so überraschend, die Gelegenheit
-so lockend, ihre Erscheinung so reizend, so anziehend,
-daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber
-mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr
-bei dem Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen?
-In welch ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm
-erscheinen!</p>
-
-<p>Und doch &ndash; wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen
-Falle sich vor sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte,
-daß ich dieses unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht
-entschuldigt Liebe! und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten
-Mann. Er war ein Barbar in meinen Augen; wie
-konnte er die Geliebte so grausam behandeln? Wie durfte er,
-wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend zweifeln, und
-wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge gesehen, wer
-konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?</p>
-
-<p>Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen
-schlecht geschriebenen Brief, er enthielt die Bitte einer
-Signora Maria Campoco, dem Ueberbringer des Briefes in
-ihr Haus zu folgen, wo sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe.
-Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich fragte den Diener
-nach der Straße, er nannte mir eine, von welcher ich nie gehört
-hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser Brief könnte
-mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich entschloß
-mich zu folgen. Der Diener führte mich durch viele
-Straßen in eine Gegend der Stadt, die mir völlig unbekannt
-war. Er bog endlich in eine kleine Seitenstraße; ein Brunnen,
-eine Madonna von Stein fiel mir ins Auge, es war kein Zweifel,
-ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luisen aus den Lamentationen
-begleitet hatte.</p>
-
-<p>Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der
-Diener aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere
-Treppe brachte er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit
-dem übrigen Ansehen des Hauses übereinstimmte. Nachdem ich
-eine Weile gewartet hatte, erscholl das Kläffen vieler Hunde,<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span>
-die Türe öffnete sich &ndash; aber nicht meine Schöne, sondern eine
-kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat, umgeben von einer
-Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.</p>
-
-<p>Es dauerte ziemlich lange, bis Tasso, Ariosto, Dante,
-Alfieri und wie die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines
-fremden Mannes beruhigt waren, und die kleine Dame endlich
-zum Wort kommen konnte. Sie sagte mir sehr höflich, sie habe
-mich rufen lassen, um wegen einer Angelegenheit ihrer Nichte,
-Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das Verlangen, das
-schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu entschuldigen,
-gab mir eine <em class="gesperrt">Notlüge</em> ein: ich fragte sie in so miserablem
-Italienisch, als mir nur möglich war, ob sie Französisch oder
-Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und
-gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich
-der italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann
-sich eine Weile, sagte dann, ich könne in <em class="gesperrt">ihrer Gegenwart</em>
-mit ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.</p>
-
-<p>Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt!
-Wie beschämt fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger
-zu scheinen, der ihren Irrtum auf so indiskrete Art
-benützte! Die hündische Leibwache der Signora verkündete, daß
-sie nahe. Ich fühlte seit langer Zeit zum erstenmal eine Verlegenheit,
-ein Beben; ich fühlte, wie ich errötete, jene Sicherheit
-des Benehmens, die mich jahrelang begleitet hatte, wollte
-mich in diesem Augenblick verlassen.</p>
-
-<p>Sie kam, sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden
-Negligee lieblicher als je, und ihre Verwirrung, als sie mich
-sah, der Unmut, den ich in ihrem Auge zu lesen glaubte, vermochte
-ihre Anmut nicht zu schwächen. ›Mein Herr! es ist
-eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus führt;‹
-sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne hörte;
-›Sie müssen selbst gestehen,‹ setzte sie hinzu; aber sei es, daß
-die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte,
-sei es, daß sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht
-<em class="gesperrt">mehr</em> als Ehrfurcht ausdrückten, sie schlug die Augen nieder,
-errötete aufs neue und schwieg.</p>
-
-<p>Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es
-ging; ich erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in
-der Kirche gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen
-können, aus Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen,
-die ihr in ihrem damaligen Zustande so notwendig war. Meine
-zweite Unbesonnenheit schob ich auf die Maskenfreiheit des<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span>
-Karnevals, ich suchte einen Scherz daraus zu machen, ich behauptete,
-es sei an diesem Abend erlaubt, jede Maske vorzunehmen,
-und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
-glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu
-dürfen, da wir Landsleute sind, und die Deutschen in Rom,
-als Kinder <em class="gesperrt">einer</em> Heimat, nur <em class="gesperrt">eine</em> große Familie sein
-sollten.«</p>
-
-<p>»Eine gefährliche Verwandtschaft!« &ndash; unterbrach ich den
-jungen Berliner, indem ich mich im stillen über seine jesuitische
-Logik freute. »Wie? brachte die Dame nicht das <em class="antiqua">Corpus juris</em>
-und den &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; gegen Sie in Anwendung? In Schwaben
-möchte zur Not ein solches Verwandtschaftssystem gelten, oder
-bei den Juden, welche Herren und Knechte, Norden und Süden
-›unsere Leute‹ nennen; aber Deutschland? bedenken Sie, daß es
-in zweiunddreißig Staaten geteilt ist, wo ist da ein Verwandtschaftsband
-möglich? Wenn sie sich im Himmel oder in der
-Hölle treffen, so heißen sie nur Oesterreicher, Preußen, Hechinger
-und fürstlich reußische Landeskinder!«</p>
-
-<p>»Luise mochte auch so denken,« fuhr er fort. »Doch nötigte
-ihr meine Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm,
-über diese Punkte so leicht weggehen zu können. Sie klagte
-sich selbst an, diesen Irrtum veranlaßt zu haben, sie vergab,
-sie erlaubte mir, ihre schöne Hand zu küssen. Doch ihre Blicke
-wurden wieder düster. Sie sagte, wie sie nur zu deutlich bemerkt
-habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei, daß dieser
-Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge
-füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich,
-ihrem Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, <em class="gesperrt">ihn</em>,
-der sie selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher
-Wärme für den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die
-wahre Liebe glauben und vertrauen müsse, der so niedrig war,
-dieser reinen Seele gegenüber gemeine Eifersucht zu zeigen.
-Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte dieses Mädchen so von
-<em class="gesperrt">mir</em> gesprochen!</p>
-
-<p>Ich fragte sie, ob sie in <em class="gesperrt">seinem</em> Auftrag mir dieses sage?
-Sie war betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es
-ihm leid sei, mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach,
-wenn er mir dies selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache
-zu denken. Wie heiter war sie jetzt, sie scherzte über ihren
-Irrtum, sie verglich meine Züge mit denen ihres Freundes, sie
-glaubte große Aehnlichkeit zu finden, und doch schien es ihr
-unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, meiner Stimme,<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span>
-an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie
-rief ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht
-habe.</p>
-
-<p>Signora Campoco, die während der ganzen Szene am
-Fenster gesessen und bald die Leute auf der Straße, bald ihre
-Hündchen, bald uns betrachtet hatte, kam freundlich zu mir,
-dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus besucht zu haben, und
-bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere barbarische Sprache
-so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen, ich hatte
-jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch ein
-Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig
-ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage
-in Rom zu erfahren &ndash; der Anstand forderte, daß ich Abschied
-nahm, mit dem unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese
-Schwelle nie mehr betreten zu können. Signora, sie hätte sich
-vielleicht gekreuzt, hätte sie gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe,
-Signora empfahl mich der Gnade der heiligen Jungfrau, und
-Luise reichte mir traulich die Hand zum Scheiden. Ich fragte
-sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das Glück gehabt
-habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: ›Er will
-zwar hier nicht bekannt sein und so zurückgezogen als möglich
-leben, doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen?
-Ich möchte so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt …
-und wohnt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;‹«</p>
-
-<p>So, »etwas breit nach Art der lieben Jugend«, hatte mir
-der junge Mann den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt;
-ich hörte ihm gerne zu, obgleich nichts peinlicher für
-mich ist, als eine lamentable Liebesgeschichte recht lang und
-gehörig breit erzählen zu hören; aber interessant war mir dabei
-die Art, wie er mir erzählte. Sein ausdrucksvolles Auge schien
-die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen, seine Züge nahmen
-den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich unglücklich
-fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er mir
-die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als
-er mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen
-habe, drückte er meinen Arm fester und brach in einen kleinen
-Fluch aus. »So muß der Teufel diesen Pfaffen doch überall
-haben!« rief er und wandte sich unmutig um. Ich war erstaunt;
-welchen Pfaffen sollte ich denn überall haben? Ich
-fragte ihn, was ihn so aufbringen könne.</p>
-
-<p>»Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen,« gab er
-mir zur Antwort, »ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span></p>
-
-<p>Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch
-konnte ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu
-werfen, und sah wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die
-Straße herauf kam ein hoher Prälat der Kirche, der Kardinal
-Rocco, ein Mann, der schon längst als einer der zweiten Klasse
-mit dem Prädikat <em class="gesperrt">gut</em> auf meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine
-große, majestätische Gestalt voll stolzer Würde; sein weißes
-Haar, von einem einfachen, roten Käppchen bedeckt, stach sonderbar
-ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich reich nennen
-könnte. Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die
-Unterlippe etwas übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen
-voll und kräftig. Ueber das rollende Untergewand trug er
-einen Talar, dessen eines Ende er in malerischen Falten über
-den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt in einiger Entfernung
-hinter ihm herschleichend sein Diener, ebenfalls ein
-Mönch, ein dürres bleiches Geschöpf, dessen tückische Augen nach
-allen Seiten spähten, ob Seine Eminenz von den Gläubigen
-ehrfurchtsvoll, wie es sich gebührt, begrüßt werden.</p>
-
-<p>Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers,
-und eine solche Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu
-leicht an die Senatoren der »ewigen Stadt«.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer,« flüsterte
-der junge Mann, mit den Zähnen knirschend. »Sehen Sie, wie
-der Pöbel sich zum Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit
-welcher Grazie er seinen Segen erteilt. Theaterpossen! wenn
-diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß, sie würden diesem
-Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die Insignien seiner
-Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von einem
-Türken beherrscht zu werden.«</p>
-
-<p>»Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist
-dieser Ehrenmann? Was hat er Ihnen zuleid getan? Hängt
-er mit Ihren Abenteuern zusammen?« Ich mußte lange fragen,
-bis er mich hörte, denn er schaute mit durchbohrenden
-Blicken der Eminenz nach und murmelte Verwünschungen wie
-ein Zauberer.</p>
-
-<p>»Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zuleide getan? O!
-dieser Mensch hat ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten,
-das &ndash; doch Sie werden mehr von ihm hören; es ist der
-Kardinal Rocco, der Satan ist nicht schwärzer als er; mit
-seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu, aber trotzdem, daß er
-geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span></p>
-
-<p>Da hat es gute Wege, dachte ich; Nr. 2, gute Sorte! Doch
-was konnte dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich
-konnte ich glauben, daß sein Protestantismus so tief gehe, daß er
-jeden, der violette Strümpfe trug, in die Hölle wünschen mußte.
-Er hatte sich wieder gesammelt. »Vergeben Sie diese Hitze, Sie
-werden mir einst recht geben, so zu urteilen, wenn ich Sie erst
-mit dem Treiben dieser Menschen bekannt mache. Doch jetzt
-noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die Geschichte
-mit &ndash; war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen
-zu mir, der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe
-und um Verzeihung bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß
-Luisens Geliebter früher Offizier und zwar in …schen
-Diensten gewesen sei.</p>
-
-<p>Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten
-nach Rom, sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder
-aufzuhalten. Ich war am ersten Abend ihres Aufenthalts zufällig
-zugegen, und &ndash; stellen Sie sich einmal mein Erstaunen
-vor, als ich hörte, wie sie eine andere Dame fragte, ob nicht
-ein Fräulein von Palden hier lebe? Ich wandte mich unwillkürlich
-ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein
-Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes,
-Luisens Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch
-keine der anwesenden Damen wollte von ihr wissen, und ich
-fühlte mich nicht berufen, unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.</p>
-
-<p>Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil
-an Landsleuten zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein,
-als daß man seine Verwunderung laut darüber aussprach, daß
-ein deutsches Fräulein in Rom lebe, die auch <em class="gesperrt">keinem</em> von
-allen bekannt sein sollte? Wer ist sie? Ist sie schön? Wie kommt
-sie nach Rom? fragte man einstimmig, und wie lauschte ich, wie
-pochte mein Herz, endlich über das interessante Wesen etwas zu
-hören.</p>
-
-<p>Sie erzählte, wie sie in …th Luisen kennen gelernt,
-die damals durch ihr schönes Aeußere, durch ihre Liebenswürdigkeit,
-ihren Verstand die ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren
-Bekannten bezaubert habe. Um so auffallender sei auf einmal
-ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen einem Offizier, einem
-bürgerlichen Subjekt, und der Tochter des Geheimenrats Palden
-entspann. Dieser Mensch habe außer seiner schönen Figur
-und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal gute
-Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich geworden,<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span>
-er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen
-gewußt, das mit einem Teil der französischen Armee nach Spanien
-bestimmt war. Man habe sich in …th allgemein gefreut
-über die Art, wie sich Fräulein Palden in diese Wendung
-fügte; doch bald erfuhr man, daß die Verbindung mit dem
-Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, sondern durch
-Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt werden. Es
-vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück,
-doch nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften
-und in Luisens Nähe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem
-Dienst getreten. Seine Kameraden schwiegen hartnäckig hierüber,
-doch gab es einige Stimmen im Publikum, die von einer
-vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entführung oder
-von beiden sprachen, kurz, man bemerkte, daß Herr&nbsp;…, so
-hieß der Offizier, seiner Dame untreu geworden sei. Um diese
-Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war
-eine Römerin, das Fräulein entschloß sich auf einmal zu großer
-Verwunderung der Stadt …th, zu ihren Verwandten nach
-Rom zu ziehen.</p>
-
-<p>So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luisen.
-Es war mir genug, um ihr Verhältnis zu … ganz in der
-Ordnung zu finden; nur war es mir unbegreiflich, was ihn
-bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen; oder kam er erst
-nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht, da doch
-ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist?</p>
-
-<p>Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne
-mehr und immer mehr von dem holden Kind erfahren; ich
-fühlte lebhaft den Wunsch, sie wieder zu sehen, zu sprechen; ich
-wollte ja nicht geliebt werden, nur sehen, nur lieben wollte ich
-sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so leicht möglich machen
-könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des Gesandten sagen,
-wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß sein, sie schon
-in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen. Ich
-tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt.«</p>
-
-<p>Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns
-und unterbrach zu meinem großen Aerger die Erzählung. Ich
-machte noch einige Gänge mit ihnen unter den Arkaden; als ich
-aber sah, daß der Bekannte sich nicht entfernen wollte, fragte ich
-den Berliner nach seiner Wohnung und ging mit dem Vorsatz,
-ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen, ich
-fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend
-zu finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten<span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span>
-schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von
-neuem wieder Interesse einflößten und mich bestimmten, seine
-Abenteuer zu hören. Ich erinnerte mich nämlich, wie überraschend
-sein Anblick, sein ganzes Wesen in Berlin auf mich gewirkt
-hatten. Es war nicht der gewöhnliche Kummer der Liebe,
-wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm ausspricht;
-es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so anziehender
-dünkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene Hülle
-schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende
-Seele umgeben. Er schien ein Unglück zu kennen, zu teilen, das
-ihn unausgesetzt beschäftigte, zu welchem ihn die Erinnerung
-sogar mitten in einem ästhetischen Tee zurückführte.</p>
-
-<p>Das zweite, was mich zu dem jungen Mann und seinem
-Abenteuer zog, war die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche
-beobachtet hatte. Ich hatte dort bemerkt, daß er sie mit
-Sehnsucht erwarte; sie war gekommen, aber es schien kein fröhliches
-Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas mit ihren Blicken
-zu fragen, das er nicht beantworten, sie schien etwas zu verlangen,
-das er nicht erfüllen konnte; wie schwer mußte es ihm
-werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen durch
-keine Silbe zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen,
-aber dann sandte er ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum
-sagte er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt
-mußte sie über ihn ausüben, um ihn in diese engen Schranken
-einer beinahe blöden Bescheidenheit zurückzuweisen? Wie
-viel es <em class="gesperrt">sie</em> koste, sah ich an ihrem Auge, in welchem eine Träne
-perlte, als sie weiterging.</p>
-
-<p>Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den
-jungen Mann und die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht
-ein blindes Fatum waltet und ein Uhrwerk die Gedanken der
-Sterblichen treibt, da lernt keiner aus, sei er Gott oder Teufel.
-Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf die Resultate seiner
-Geschichte sieht: »Es wiederholt sich alles im Leben;« aber
-<em class="gesperrt">wie</em> es sich wiederhole, wie der endliche Geist in seiner kurzen
-Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die alte
-Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich
-mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen
-gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen
-ermüdet ist, senkt sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des
-einzelnen. Drum möge es keinem jener verehrlichen Leute, für
-die ich meine Memoiren niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich
-in Rom, wo so unendlich viel Stoff zur Intrige, ein so großer<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span>
-Raum zu einem diabolischen Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie
-mich befasse.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen
-Kaufleuten auf der Tiber. Wir hatten eine der größeren
-Barken bestiegen und die freien Sitze des Vorderteils eingenommen,
-weil das Zelt in der Mitte, wie uns die Schiffer sagten,
-schon besetzt war. Der Abend war schwül und wirkte selbst
-mitten im Fluß so drückend und ermattend auf diese Menschen,
-daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm
-jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes,
-ich setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei
-Männer und eine Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schließen
-konnte. Sie sprachen aber etwas verwirrt und gebrochen;
-der eine hatte gutes, wohltönendes Italienisch, er sprach langsam
-und mit vieler Salbung. Die Dame mischte unter sechs
-italienische Worte immer zwei spanische und ein französisches;
-der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit Leidenschaft
-sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an welcher
-man in Italien sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt.</p>
-
-<p>Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die
-kleine Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! jene salbungsvolle
-Rede entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber
-saß eine Dame, schon über die erste Blüte hinaus, aber noch
-immer schön zu nennen. Ihre beweglichen, schwarzen Augen,
-ihre vollen roten Lippen, ihr etwas nachlässiges Kostüm, dessen
-Schuld der schwüle Abend tragen mußte, zeigten, daß sie mit
-den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht verloren habe.
-An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen Anblick
-Otto von S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte
-waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das
-des Berliners &ndash; ich war keinen Augenblick im Zweifel, es
-mußte sein verkörperter Doppelgänger sein. Aber wie, die
-Dame war nicht Luise von Palden; durfte dieser Mann so
-traulich neben einer andern sitzen, ohne dieselbe Schuld wirklich
-zu tragen, die er der Geliebten aufbürden wollte?</p>
-
-<p>»Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?«
-hörte ich die Dame sagen; »nichts meine Aufopferung, nichts
-meine Leiden, nichts meine Schande, der ich mich um deinetwillen
-aussetzte? Ein Wort, ein einziges Wort kann uns glücklich
-machen. Du sagst immer morgen, morgen! Es ist jetzt
-Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?«</p>
-
-<p>»Mein Sohn!« sprach der Kardinal; »ich will nichts davon<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span>
-sagen, daß Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung
-für unsere heilige Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl,
-nicht Ihr seid es, der diese Zögerungen verschuldet; der Teufel,
-der leibhaftige Satan spricht aus Euch: es ist das letzte Zucken
-Eurer ketzerischen Irrtümer, was Euch die Wahrheit nicht sehen
-läßt; aber beim heiligen Kreuz, den Nägeln und der heiligen
-Erde beschwöre ich Euch, folget mir; lasset Euch aufnehmen in
-den heiligen Schoß der Kirche, zur Verherrlichung Gottes.«</p>
-
-<p>Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen.
-Ein schönes Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse,
-wie der Herr im Zelte zu haben schien. &ndash; Da kann es
-nicht fehlen! &ndash; Er seufzte, er blickte bald die Dame, bald den
-Priester mit unmutigen Blicken an. »Ich will ja alles tun,
-ins Teufels Namen, alles tun,« &ndash; sagte er, »mein Leben ist
-ohnedies schon verschuldet und vergiftet, aber wozu diese sonderbare
-Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren
-werden, um die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?«</p>
-
-<p>»Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren
-werden, sagt Ihr? O! Ihr verstockter Ketzer, ihr alle seid von
-eurer Taufe an, wo der Satan zu Gevatter steht, Renegaten,
-Abtrünnige! Es ist also nur eine Rückkehr, kein Uebertritt,
-keine Ableugnung eines früheren Glaubens. Ihr hattet ja
-vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die Ketzerei so
-nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen,
-die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?«</p>
-
-<p>»Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Ueberzeugung.
-Ich müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen.«</p>
-
-<p>»O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der
-liebe Mann, der Herr von Haller, auch geschämt? Schämen?
-wie ein Heiliger würdet Ihr dastehen; braucht sich ein Heiliger
-zu schämen? Hat sich der treffliche Hohenlohe geschämt, umgeben
-von Ketzern, seine Wunder zu verrichten? Es sei gegen
-Eure Ueberzeugung, saget Ihr? Da sieht man wieder den
-Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen?
-Zu was denn immer Ueberzeugung? Das ist ja gerade das
-Wunderbare am Glauben, daß er von selbst wirkt, ohne Ueberzeugung.
-Gesetzt, Ihr wäret krank, mein lieber Freund; man
-schickt Euch den ersten Arzt der Christenheit; Ihr seid nicht
-überzeugt, daß er der alleinige, wahre Arzt ist, aber Ihr laßt
-Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken
-auf Euren Körper ohne Ueberzeugung, gerade wie unser Glaube
-auf die Seele.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span></p>
-
-<p>»Otto!« sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen,
-»teurer Otto! Siehe, wenn mich der heilige Mann hier nicht
-absolviert und beruhigt hätte, ich müßte ja schon längst verzweifelt
-sein, einen Ketzer so innig zu lieben! Wie leicht wird
-es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und dann ein Weib
-auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und bedenke
-die schöne Villa an der Tiber, und das köstliche Haus
-neben dem Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der
-heilige Vater zur Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt
-von so vieler Liebe?«</p>
-
-<p>»Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn,« fuhr der
-beredte Mann mit dem roten Hute fort, »nicht verhehlen kann
-ich es Euch, daß man im Lateran noch heute von Euch sprach,
-daß es sogar Seiner Heiligkeit selbst auffällt, daß Ihr so lange
-zögert. Bis über acht Tage naht ein großes Fest heran, welche
-herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre zu tun, bietet sich
-Euch dar!«</p>
-
-<p>»Wozu doch diese Oeffentlichkeit?« fragte&nbsp;…, »ich hasse
-dieses Rühmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still
-in einer Kapelle die Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch,
-ob ich laut und offen das Opfer bringe! O Luise, Luise! Es
-tötet sie, wenn sie es hört!«</p>
-
-<p>»Elender!« rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach.
-»Sind das deine Schwüre? Du falsches Herz. Ich habe dir
-alles, alles geopfert, und so kannst du vergelten? O Barbar!
-gehe hin zu ihr, lege dich nieder in ihre Fesseln, aber wisse, daß
-ich mich in die Tiber stürze; über meine armen Würmer, meine
-unglücklichen Kinder, mag sich Gott erbarmen!«</p>
-
-<p>»Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber,
-aber verblendeter Sohn. Wozu dieser Skandal, diese Szene
-auf dem Schiffe? Stillet Eure Tränen, schöne Frau, es wird
-noch alles gut werden; kommet, ich will einen väterlichen Kuß
-auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr nicht, daß
-Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr
-nur immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinnen zu
-bestricken wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben,
-daß sie in einem strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel
-ist, der Eure Gestalt und Sprache angenommen hat?«</p>
-
-<p>»Welch einfältiges Märchen!« rief der junge Mann.
-»Was wollet Ihr auch den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher
-Berliner ist er, ein Tropf, dem ich das Mädchen nicht
-gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal betrog!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p>
-
-<p>»Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der
-Satan selbst ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden
-Frater Piccolo geträumt, der Teufel gehe hier in der heiligen
-Stadt spazieren? Alle seine Träume sind noch eingetroffen.
-Der deutsche Baron ist der höllische Geist selbst. Wer es aber
-auch sei; sie hat Euch betrogen. Hat nicht die fromme Frau
-Maria Campoco Euch selbst dieses Geständnis über ihre Nichte
-gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin Rücksicht
-nehmen! &ndash; Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht
-habe,« fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier
-entfaltete. »Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen,
-die Liste aller derer mitzubringen, welche in Eurem
-Deutschland öffentliche Ketzer, insgeheim aber gute Christen der
-wahren Kirche sind. Da, leset!«</p>
-
-<p>Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal
-fragend an, ob er denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe.
-Donna Ines, welche bemerkte, welch günstigen Eindruck diese
-Liste mache, zog die Hand des heiligen Mannes an den Mund
-und bedeckte sie mit feurigen Küssen der Andacht.</p>
-
-<p>»Nicht wahr,« fuhr Rocco fort, »da stehen wohlklingende
-Namen? Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich diese
-Leute können nicht so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die
-Politik, die Rücksicht auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt
-das nicht. Aber im Herzen, <em class="gesperrt">im Herzen</em> sind sie unser. Da,
-dieser Nr. 8, ich kann eure barbarischen Namen nicht aussprechen,
-der wird sich sogar öffentlich erklären und seine Irrtümer
-abschwören. Der da oben wird auch einen wichtigen
-Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in Frankreich,
-selbst in England für uns getan wird, bald, vielleicht erlebe
-ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns
-zurückgekehrt sein. Wie herrlich muß dann ein Name wie der
-Eurige leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lang zuvor
-auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!«</p>
-
-<p>»Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als
-die ganze Liste dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn
-ich zu Eurer Kirche abfalle, es nur geschieht, um den ewigen
-Klagen der Donna Ines zu entgehen. Diese Heimlichen haben
-keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit. Sie gelten von außen
-als echte Lutheraner, und was haben sie davon, daß sie von
-innen römisch sind?«</p>
-
-<p>»O Einfalt! es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie
-studiert habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen!<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span>
-Was ist denn das Schöne an unserer Kirche? He? Nicht nur,
-daß sie die alleinseligmachende, daß sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt
-gegen die Hölle, eine Seelenassekuranz
-gegen den Tod ist! denn schon aus physischen Gründen kann
-man annehmen, daß keine Seele von den Unsrigen lange im
-Fegfeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie auch ohne
-Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im
-Durchschnitt hundertundzwanzig Millionen Menschen in der
-Hölle und ebensoviel im Fegfeuer sind. Nun kann man annehmen,
-daß seit eurer verfluchten Reformation neunzig Millionen
-Ketzer, zwanzig Millionen Türken und zehn Millionen Juden
-hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertundzwanzig.«</p>
-
-<p>»O wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!« sagte Ines
-mit zauberischem Lächeln. »Ach, Otto! Dich soll ich an jenem
-Ort wissen, in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter?
-O Gott! es ist nicht möglich!«</p>
-
-<p>»Sodann weiter,« fuhr der Salbungsvolle fort, »euer Erzketzer in
-Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle
-Menschen prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte
-zum Bösen. Diese müssen nun eine Art von Seelenwanderung
-in verschiedenen Stationen des Elends machen, bis sie selig werden,
-und fangen mit der Hölle an. Der Mann hat vernünftige
-Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegfeuer zu kommen.
-Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal
-prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert
-ist, wir können ihn doch absolvieren und <em class="antiqua">recta</em> in den Himmel
-schicken. Nun, und wenn man annimmt, daß das Fegfeuer
-hundertundzwanzig Millionen faßt, und darunter hundert Millionen
-Türken und zwanzig Millionen Ketzer, so ist, weiß Gott,
-auch dort wenig Raum für eine etwas liederliche Seele.«</p>
-
-<p>»Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen
-halte, machet mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure
-Seelenassekuranz kann mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs
-Volk, und ich begreife nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze
-Regimenter, Divisionen, ja Armeen Kavallerie, Infanterie, Artillerie
-samt dem Generalstab öffentlich verassekuriert habt. Das
-wäre eine Anstalt <em class="antiqua">à la</em> Mohammed, die Kerls würden sich schlagen
-wie der Teufel, denn sie wüßten, wenn sie heute erschossen
-werden, wachen sie morgen im Paradiese auf. Lasset mich lieber
-noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir tröstlicher, denn
-es stehen ganz vernünftige Männer dort.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span></p>
-
-<p>»O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität
-zugebracht hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte,
-die ketzerische Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm,
-heilig und mystisch sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter
-versetzt sie in diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie
-neigen sich schon ganz zu uns, und lasset nur erst die Jesuiten
-recht in Deutschland überhand nehmen, dann sollt Ihr erst
-Wunder sehen! Auch einige brave Männer, Professoren, nehmen
-sich unserer Sache an: Seht, dieser da, Nr. 172, Signor
-Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen
-Dunkel, daß sie bald unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus
-Seiner Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat
-vollkommen recht. Er hat berechnet, wenn Deutschland einige
-Grade südlicher läge, wenn ihr eine schönere Natur, ein wenig
-mehr Sinnlichkeit und Phantasie hättet &ndash; die Ketzerei hätte
-nie aufkommen können, oder ihr wäret wenigstens schon lange
-wieder zurückgekehrt.«</p>
-
-<p>Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne
-hätte ich diesem trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie
-er diese deutsche Seele bearbeitete; es war ein schweres Stück
-Arbeit, ich gestehe es. Ein Mensch ohne Phantasie, der in den
-Zeremonien nur Zeremonien sieht, der die Tendenz dieser
-Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen Vorteil zu blenden
-ist, wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen. Doch für
-diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein schönes
-Weib haben schon andere geangelt als diesen.</p>
-
-<p>Der heilige Mann stieg aus: mit Ehrfurcht empfingen die
-Schiffer seinen Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand,
-würdig eines Fürsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte.
-Ich bewunderte, während sie über das Brett ging, ihren feinen,
-zierlichen Wuchs, die Harmonie in ihren Bewegungen und die
-Glut, die aus ihren Augen strahlte und den Abend schwül zu
-machen schien. Sie reichte dem geliebten Ketzer ihre schöne Hand
-mit so besorgter Zärtlichkeit, mit einem so bedeutungsvollen
-Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr seine transmontanische
-Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte, mit
-welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten
-Kirke widerstand. &ndash; Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der
-dienende Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren
-gehend, erschienen war, stand am Schlag und erwartete
-Seine Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand
-zu gehöriger Wirkung drapiert hatte, dann erst folgte der Frater<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span>
-Piccolo. Der Ketzer und seine Dame schlugen einen Fußpfad
-ein und gingen der Stadt zu.</p>
-
-<p>»Wer sind diese,« fragte ich den Schiffer.</p>
-
-<p>»Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco
-nicht? O, es ist einer der besten Füße des heiligen Stuhles!
-Alle Abende fährt er in meiner Barke auf dem Fluß.«</p>
-
-<p>»Und die Dame?«</p>
-
-<p>»Ha! das ist eine gute Christin,« antwortete er mit Feuer.
-»Sie fährt beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein
-mit ihm, zuweilen mit dem Mann, den Ihr gesehen. Dem
-traue ich nicht ganz, es ist entweder ein Deutscher oder ein Engländer,
-und die sind doch Kinder des Teufels.«</p>
-
-<p>»So? Da sagt Ihr mir etwas Neues, und dieser Mann,
-ist er ihr Gemahl?«</p>
-
-<p>»Bewahre uns die heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! Wo
-denkt Ihr hin? Da würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren
-fahren. Ich denke, es ist ihr Geliebter.«</p>
-
-<p>»So ist es,« sagte einer der griechischen Kaufleute, »die
-Dame wohnt nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren
-Kindern. Sie sieht niemand bei sich als einige fromme Geistliche
-und diesen jungen Mann! Es ist ihr Geliebter. Aber
-sie führen ein Hundeleben zusammen. Man hört sie oft beide
-weinen und zanken und schreien. Der junge Mann flucht und
-donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna
-weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß
-die Nachbarn zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge
-Mann verzweifelnd aus dem Haus und will fliehen, aber die
-Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren nach, und die Kinder
-laufen heulend hintendrein. Sie faßt ihn unter der Türe
-am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen.
-Sie zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn, und dann ist
-es oft auch viele Tage stille, bis das Wetter von neuem losbricht.«</p>
-
-<p>»Heilige Jungfrau,« rief der Schiffer, »und hat er sie noch
-nie totgestochen im Zorn?«</p>
-
-<p>»Wie Ihr seht, nein!« erwiderte der Grieche. »Aber krank
-ist sie schon oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann
-lief er schnell zu drei, vier Doktoren, um sie wieder ins Leben
-zurückzurufen. Es sind doch gute Seelen, diese Deutschen!«</p>
-
-<p>So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in
-tiefen Gedanken über das, was ich gehört und gesehen hatte.
-Jenes Wort des jungen Berliners fiel mir wieder bei, der<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span>
-den Kardinal Rocco beschuldigte, ein schönes gutes Herz gebrochen
-zu haben. Welches andere Herz konnte dies sein als
-Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester den
-Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß
-er ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um
-ihn für die Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen?
-Wie hatte er diesen Mann aus den Armen seines
-Mädchens ziehen, von einem Herzen hinwegreißen können, das
-ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene Beschuldigungen
-von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän einflüsterte,
-hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich
-sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen
-konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen
-den Berliner wieder aufzusuchen.</p>
-
-<p>Herr von S… schien mich liebgewonnen zu haben,
-denn er empfing mich mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen,
-das selbst den Teufel erfreut, wenn er auch schon an dergleichen
-gewöhnt ist. Ich hatte mir vorgenommen, von meiner gestrigen
-Fahrt und den Wunderdingen, die ich gehört hatte, noch nichts
-zu erwähnen, um den Verlauf seiner Geschichte zuvor desto ungestörter
-zu vernehmen.</p>
-
-<p>»Von allem Unglück, das die Erde trägt,« fuhr er zu erzählen
-fort, »scheint mir keines größer, schmerzlicher und
-rührender, als jener stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich
-liebt oder dessen zartes, glühendes Herz von einem
-Elenden zur Liebe hingerissen und dann betrogen wird. Der
-Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken, den Verrat
-seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu
-öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und
-Arbeit, in weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das
-Weib? &ndash; Der häusliche Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich
-wiederkehrende Ordnung, jene stille Beschäftigung mit tausend
-kleinen Dingen, der sie sich in der Zeit glücklicher Liebe fröhlich,
-beinahe unbewußt hingab, wie drückend wird sie, wenn sich an
-jeden Gegenstand die Erinnerung an ein verlorenes Glück
-heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der Stunden, wenn
-nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der Zauber
-der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten
-Flügel gibt, wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende
-Herz den Schlag der Glocke übertönt!</p>
-
-<p>Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie
-nur zu bald erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span>
-Wunsch, Luise von Palden im Hause des Gesandten zu sehen,
-gelang. Schon nach einigen Tagen wurde sie durch seine Schwester
-dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich zum erstenmal
-dort sah, doch sie schien mich wie einen alten Bekannten dort
-zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen fremden
-Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war
-es; sei es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer
-mich aus einem Fremden zum Bekannten machte, sei es,
-daß sie gerne zu mir sprach, weil ich die Züge ihres Freundes
-trug, sie unterschied mich auffallend von allen übrigen Männern,
-die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie lächeln,
-Freund? Ich errate Ihre Gedanken.«</p>
-
-<p>»Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch
-Ihre eigene Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein
-anzog?«</p>
-
-<p>»Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf;
-ich gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung,
-sie für mich gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar,
-was ich fürchte.«</p>
-
-<p>»Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind!
-und ihr Kapitän lag vielleicht gerade in den Armen einer
-andern!«</p>
-
-<p>Der Berliner stutzte. »Wie? Was wissen Sie?« fragte
-er betroffen. »Wer hat Ihnen gesagt, daß West noch eine
-andere liebe?«</p>
-
-<p>»Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet,«
-erwiderte ich; »sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?«</p>
-
-<p>»Sie haben recht; &ndash; nun, ich wurde lächelnd abgewiesen,
-abgewiesen auf eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich
-glücklich machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten,
-sie gestand mir, daß ich ihr als Freund willkommen sei,
-daß ihr Herz keinem andern mehr gehören könne. Sie sagte
-mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz mit dem
-übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte;
-sie gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den
-Kapitän seine Verhältnisse hierher riefen, sie gestand, daß er
-einen Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald
-die Sache entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen,
-sie zum Altar führen werde.</p>
-
-<p>Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis
-rief mich eines Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem
-die Gesellschaft versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes,<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span>
-daß er sich mir in Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein
-Vertrauen auf eine ehrenvolle Art besaß; doch die Zeit war mir
-auffallend, und es mußte etwas von Wichtigkeit sein, weswegen
-er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte.</p>
-
-<p>›Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?‹ fragte er,
-indem er mich mit forschenden Blicken ansah.</p>
-
-<p>›Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,‹
-gab ich ihm zur Antwort.</p>
-
-<p>›Nun, so flüchtig müsse es doch nicht sein,‹ entgegnete er
-mir, da ich ein Duell mit ihm gehabt.</p>
-
-<p>Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt, wegen einer
-ziemlich gleichgültigen Sache, es sei aber alles gütlich beigelegt
-worden. Dennoch war es mir auffallend, woher der Gesandte
-diesen Streit erfahren hatte, den ich so geheim als möglich
-hielt, und von welchem Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt
-hatte.</p>
-
-<p>›Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,‹ sagte er;
-›doch möchte ich Ihnen raten, solche Händel wegen einer so
-zweideutigen Person zu vermeiden. Sie wissen selbst, wenn
-man einmal einen öffentlichen, besonders einen diplomatischen
-Charakter hat, ist dergleichen in einem fremden Lande wegen
-der Folgen für beide Teile fatal.‹</p>
-
-<p>Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war
-sehr ernst, sehr warnend; noch schmerzlicher berührte mich,
-was er über jene Dame sagte, ›zweideutige Person!‹ Und doch
-saß gerade diese Person als Krone der Gesellschaft in seinem
-Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen, er selbst hatte
-noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art gesprochen,
-die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewunderer
-ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes sehen ließ. Ich
-konnte eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken, ich bat ihn
-höflich, aber so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht
-mehr so von einer Dame zu sprechen, die ich achte, und die
-einen so entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich
-wolle davon gar nicht reden, daß er selbst sein Haus beschimpfe,
-wenn er in solchen Ausdrücken von seinen Gästen spreche.</p>
-
-<p>Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine
-Reden nicht begreifen, denn weder behaupte die Dame einen
-Rang in der Gesellschaft, die <em class="gesperrt">er</em> sehe, noch habe sie je einen
-Fuß über seine Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war
-jetzt an mir; ich sah, daß hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte
-ihn, daß Fräulein von Palden die Dame sei, um die wir<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span>
-uns schlagen wollten. ›Verzeihen Sie,‹ rief er, ›man sagt mir,
-Sie haben sich wegen der Geliebten dieses Kapitän West geschlagen,
-daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu müssen.‹</p>
-
-<p>›Und wenn dies nun dennoch wäre?‹ fragte ich. ›Kennen
-Sie denn die Geliebte des Kapitäns?‹</p>
-
-<p>›Gott soll mich bewahren,‹ entgegnete er. ›Nein, ich glaube,
-er hat schon selbst genug an seiner Spanierin.‹</p>
-
-<p>Ich staunte von neuem. ›Von einer Spanierin sprechen
-Sie? Wie kommen Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß
-der Kapitän eine deutsche Dame liebt!‹</p>
-
-<p>›Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,‹
-war seine Antwort; ›wie die Sachen stehen, scheint man im
-Lateran ernstlich daran zu denken, den goldenen Quadrupeln
-der schönen Donna Gehör zu geben und ihre frühere Ehe, weil
-sie nicht ganz gültig vollzogen war, für nichtig zu erklären. Der
-Kapitän macht eine gute Partie, aber &ndash; jeder Mann von Ehre
-wird diesen Schritt mißbilligen.‹</p>
-
-<p>Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann;
-entweder lag hier eine Verwechslung der Namen und Personen
-zu Grunde, oder es war ein schreckliches Geheimnis, und der
-Kapitän ein Betrüger, der Luisens Glück vielleicht auf ewig
-zerstört hatte.</p>
-
-<p>Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über
-Dinge spreche, die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch
-glaubte er, da er schon soviel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung
-dieser Rätsel schuldig zu sein. ›Dieser Kapitän West
-ist ein Sachse,‹ erzählte er; ›er diente früher im Generalstab
-und wurde dann zu einer diplomatischen Sendung nach Spanien
-verwandt; er soll ein Mann von vielen Talenten, aber
-etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade
-auf ihn fiel, da noch ältere Leute, und aus guten Häusern im
-Departement waren, ist mir unbekannt; nur soviel erfuhr ich
-zufällig, daß man ihn damals von Dresden habe entfernen
-wollen. Man erzählt sich, er habe in Madrid in einem Verhältnis
-zu einer schönen jungen Frau gelebt; sie war eine
-Spanierin, aber an einen alten Engländer verheiratet, der sie
-vielleicht nicht so strenge unter Schloß und Riegel hielt, wie
-man sonst in Spanien zu tun pflegt.</p>
-
-<p>Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers
-kam, bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem
-Posten abgerufen und sogar aus dem Dienste entlassen wurde.
-Doch sagen andere, er selbst habe aus Aerger über seine schnelle<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span>
-Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt noch; einige Wochen
-nach seiner Abreise war die Frau des Engländers mit ihren
-beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen spurlos
-verschwunden, denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer habhaft
-zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch
-seine Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit
-ausbrachen und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.</p>
-
-<p>Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor
-allem auf den Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß
-dieser in Paris angehalten und verhört wurde. Man sagt, er
-solle sehr betreten gewesen sein, als er die Nachricht von der
-Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber aus, daß er die
-Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und bekräftigte mit
-einem Eid, daß er von diesem Schritt der Donna nichts wisse.</p>
-
-<p>Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt
-seitdem hier sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft,
-hat keinen Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er
-es, mit Deutschen zusammenzutreffen.‹</p>
-
-<p>Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe
-die Anfrage an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde;
-wie er lebe, und ob er nicht in Verhältnis mit einer
-Spanierin sei, die sich ebenfalls hier aufhalten müsse. Man
-habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitän West mitgeteilt
-und bemerkt, daß der Engländer von neuem Spuren von seiner
-Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit annehmen lassen,
-daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von Spanien
-aus sich an die päpstliche Kurie gewandt, es scheine aber, man
-wolle sich hier der Dame annehmen, denn die Antwort sei sehr
-zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte machte
-die nötigen Schritte und erfuhr wenigstens soviel, daß jener Verdacht
-bestätigt schien. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu
-erfahren, ob der römische Hof in der Tat die Dame in seinen
-Schutz nehme, und erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefaßte
-Antwort, man möchte diese Sache beruhen lassen, da die
-Ehe der Donna Ines mit dem Engländer wahrscheinlich für
-ungültig erklärt werde.</p>
-
-<p>Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß
-er aus besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer
-nachgespürt habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen,
-den ich im Karneval mit jenem ›wegen einer Dame‹
-gehabt habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon
-während seiner Erzählung empfand; und als ich das ganze Unglück
-erfahren hatte, stand ich wie vernichtet. Der Gesandte
-verließ mich, um zu der Gesellschaft zurückzukehren; ich hatte
-kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er möchte niemand
-etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen, das Warum versprach
-ich ihm auf ein andermal.</p>
-
-<p>Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich
-gerufen, den Salon übersehen, ich konnte Luisen sehen, und
-wie schmerzlich war mir ihr Anblick. Sie schien so ruhig, so
-glücklich. Der Friede ihrer schönen Seele lag wie der junge
-Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes blaues Auge
-glänzte vielleicht von der Erwartung einer schönen Abendstunde,
-und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der Nachklang
-einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein,
-es war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich
-eilte ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen;
-aber wie war es möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher
-als je zurück, denn der Friede der Natur, der zauberische
-Schmelz der Landschaft, die süße Ruhe, die diese Fluren atmeten,
-erinnerten sie mich nicht immer wieder an jenes holde Wesen?
-Und die Wolken, die sich am fernen Horizont schwärzlich auftürmten
-und ein nächtliches Gewitter verkündeten, hingen sie
-nicht über der friedlichen Landschaft wie das Unglück, das Luisen
-drohte?</p>
-
-<p>Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich
-sei, ob ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen
-Verbindung. Doch war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen
-werde? Sie wußte, ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich,
-um nicht an der Reinheit meiner Absichten zu zweifeln?
-Ich konnte es nicht über mich gewinnen, ihr selbst ihr Unglück
-zu verkünden. Nur <em class="gesperrt">einen</em> Ausweg glaubte ich offen zu sehen;
-ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden, ich wollte
-ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder die
-andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen
-Weg gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht
-mehr verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich,
-dann wird sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie
-glücklich zu machen, durch ein langes Leben voll Treue und
-Liebe will ich ihr Unglück zu mildern suchen.«</p>
-
-<p>»Aber wie konnten Sie glauben,« rief ich, über diese
-romantischen Ideen unwillkürlich lächelnd, »wie konnten Sie<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span>
-glauben, Freund, daß ein Kapitän West zu diesem sonderbaren
-Geständnisse sich hergeben werde? In Romanen mag dies der
-Fall sein, aber, Herr! in der Wirklichkeit? Haben Sie je einen
-Narren derart gekannt?«</p>
-
-<p>»Ach, ich dachte zu gut von den Menschen,« antwortete er.
-»Ich dachte: wie ich muß jeder fühlen. &ndash; Ich ging in die Wohnung
-des Kapitän West. Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich.
-Ich traf ihn, wie er einen schönen Knaben von acht Jahren auf
-den Knieen hatte, welchen er lesen lehrte. Errötend setzte er
-den Knaben nieder und stand auf, mich zu begrüßen. ›Ei,
-Papa!‹ rief der Kleine, ›wie sieht dir dieser Herr so ähnlich.‹</p>
-
-<p>Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben
-aus dem Zimmer. ›Wie,‹ sagte ich zu ihm; ›Sie haben
-schon einen Knaben von diesem Alter? Waren Sie früher
-verheiratet?‹</p>
-
-<p>Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu
-drehen; er behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft,
-besuche ihn zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner
-annehme.</p>
-
-<p>›Er gehört wohl der Donna Ines?‹ fragte ich, indem ich
-ihn scharf ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich
-das böse Gewissen sich kundtat; er erblaßte; seine Augen
-glänzten wie die einer Schlange, ich glaubte, er wolle mich
-durchbohren. Noch ehe er sich hinlänglich gesammelt hatte, um
-mir zu antworten, sagte ich ihm gerade ins Gesicht, was ich von
-ihm wisse und was ich von ihm verlange, um das Fräulein
-nicht völlig unglücklich zu machen.</p>
-
-<p>Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger
-und Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze
-Geschichte aufgedeckt, um Luisen von ihm zu entfernen. Ich
-ließ ihn ausreden; dann sagte ich ihm mit kurzen Worten, wie
-ich sein Verhältnis zu der Spanierin erfahren habe, und bat
-ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen unserer Sprache,
-das Fräulein so schonend als möglich von sich zu entfernen.</p>
-
-<p>Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine
-andere unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an,
-er weinte, er verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen
-zu haben. Er schwur, sich von der Spanierin zu trennen;
-er flehte mich an, ihn zu retten: er gestand mir, daß er sich
-von einem Netz umstrickt sehe, das er nicht gewaltsam durchbrechen
-könne, weil einige hohe Geistliche der Kirche kompromittiert
-würden. Er ging so weit, mich zu zwingen, seine Geschichte<span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span>
-anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen zu
-können. Es war die Geschichte eines &ndash; Leichtsinnigen. Dieses
-Wort möge entschuldigen, was vielleicht <em class="gesperrt">schlecht</em> genannt werden
-könnte. Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas,
-das ihn bei den Frauen sehr glücklich machen mußte. Es war
-der äußere Anschein von Kraft und Entschlossenheit, die ihm
-übrigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt zu haben schienen.
-Er mußte eine für seinen Stand ausgezeichnete Bildung
-gehabt haben, denn er sprach sehr gut, seine Ausdrücke waren
-gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte hinreißen,
-so daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem dritten,
-während er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte.
-Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem
-Triebe folgen, in den Tag hinein leben, ohne sich selbst zu prüfen,
-und erst in dem Moment der Erzählung über sich selbst flüchtig
-nachdenken. Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem
-eigentümlichen Feuer gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von
-sich selbst, doch eben weil diese ihnen sonst abging, ist man versucht
-zu glauben, sie sprechen von einem dritten.</p>
-
-<p>Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;
-Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter
-eines der ersten Häuser der Stadt für sich gewonnen zu haben,
-riß ihn zu einem Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater
-sah dies Verhältnis ungern. Ich konnte mir denken, daß es
-vielleicht weniger Stolz auf seine Ahnen, als die Furcht vor
-dem schwankenden Charakter des Kapitäns war, was ihn zu
-einer Härte stimmte, die die Liebe eines Mädchens wie Luise
-immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich jetzt erst
-erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, wenn
-sie je mit dem Kapitäns sich verbinde.</p>
-
-<p>West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers
-auf Verführung zu schieben. Ich habe eine solche bei einem
-Mann, der das Bild der Geliebten fest im Herzen trägt, nie
-für möglich gehalten. Doch die Strafe ereilte ihn bald. Er
-gestand mir, daß er froh gewesen sei, als er, vielleicht durch
-Vermittlung des Engländers, von seinem Posten zurückberufen
-wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare Vorschläge
-zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können; er sei,
-ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich
-bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er
-suchte auch über diesen Punkt so schnell als möglich hinweg zu
-kommen. Er erzählte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span>
-worden sei, wie er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein
-zu leben. Doch da sei plötzlich Donna Ines in Rom erschienen,
-sie habe sich mit zwei Kindern geflüchtet, sei ihm nachgereist
-und habe jetzt verlangt, er solle sie heiraten.</p>
-
-<p>Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog.
-Ich hatte von dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener
-schon in Paris angehalten und über die Flucht der Donna zur
-Rede gestellt worden sei; er konnte sich also denken, daß sie ihm
-nachreisen werde, und dennoch knüpfte er die Liebe zu Luisen
-von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen können, ihm
-zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu heiraten,
-wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem
-ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteuerin gemacht hätte?</p>
-
-<p>Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen,
-in welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen,
-namentlich mit Pater Rocco, schnell bekannt geworden, geführt
-habe. Es wurde ernstlich an der Auflösung ihrer früheren Ehe
-gearbeitet, und es war als bekannt angenommen worden, daß er
-die Geschiedene heiraten werde.</p>
-
-<p>›Sie sagten mir hier nichts Neues,‹ antwortete ich ihm;
-›dies alles beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie
-als Mann von Ehre einsehen werden, daß das Verhältnis zu
-Fräulein von Palden nicht fortdauern kann, oder Sie müssen
-sich von der Spanierin lossagen.‹</p>
-
-<p>Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und
-dem Kardinal Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen
-übersteigen; er könne also wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden
-Schritt tun.</p>
-
-<p>›Im Augenblick heißt hier nie,‹ erwiderte ich ihm. ›Sie
-werden sich aus diesen Banden, wenn sie <em class="gesperrt">so</em> beschaffen sind, nie
-mit Anstand losmachen können. Ich halte es also für Ihre
-heiligste Pflicht, Luisen nicht noch unglücklicher zu machen; denn
-was kann endlich das Ziel Ihrer Bestrebungen sein?‹</p>
-
-<p>Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als
-er sei. Doch er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse.
-Er glaube aber, es sei dies meine Sache. Er trete mir Luisen
-ab, ich solle mir auf jede Art ihre Gunst zu erwerben suchen
-und sie glücklich machen. Er hatte Tränen in den Augen, als
-er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu mitleidigen Augen, wie
-weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne.</p>
-
-<p>Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher
-Entschluß gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span>
-Gefühl war eine Mischung von Verachtung und Bedauern. Auf
-der Treppe begegnete mir wieder der schöne Knabe und fragte,
-ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte.«</p>
-
-<p>»Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen,«
-fragte ich; »jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne
-Galeere Luise?«</p>
-
-<p>»Ja und nein,« antwortete er trübe; »sie schien meine
-Liebe zu übersehen, nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, daß
-sie ängstlicher wurde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir
-ihre Freundschaft nicht genügen wolle. Und jener Elende, sei
-es aus Bosheit oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurück,
-ich vermute es sogar, er hat sie vor mir gewarnt. So standen
-die Sachen, als die Zeit, die ich in Rom zubringen sollte, bald
-zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten arbeitete man
-schon an Memoires, die man mir nach Berlin mitgeben wollte,
-man wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche mache &ndash;
-und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein, wie
-ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht
-für möglich, Luisen zu verlassen, jetzt da ihr vielleicht bald der
-schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt,
-ihr alles, alles zu entdecken, aber wie war es mir möglich, ihre
-himmlische Ruhe zu zerstören, das Herz zu brechen, das ich so
-gerne glücklich gewußt hätte?</p>
-
-<p>Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein
-Zimmer; er war bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit,
-bis er sich fassen und sprechen konnte. ›Jetzt ist alles aus,‹
-rief er; ›sie stirbt, sie <em class="gesperrt">muß</em> sterben, dieser Kummer wird sie
-zerschmettern!‹ Er gestand, daß Donna Ines oder der Kardinal
-Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten; ihr schrieben sie
-sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal hatte geschworen,
-er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein
-gehen, und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen
-Mann, der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten
-zurückzuhalten.</p>
-
-<p>Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist; ich
-erkannte, daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von
-dieser Stunde, von diesem Tag wenig mehr zu erzählen. Ich
-weiß nur, daß ich den Kapitän in kalter Wut zur Türe hinausschob,
-mich schnell in die Kleider warf und wie ein gejagtes
-Wild durch die Straßen dem Hause der Signora Campoco zulief.
-Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen Kardinal
-sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span>
-Piccolo trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war
-Rocco. Ich setzte meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie
-ein Wahnsinniger auf ihn zu, doch &ndash; ich kam eben an, als mir
-Piccolo mit teuflischem Lächeln die Türe vor der Nase zuwarf.</p>
-
-<p>Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu
-entfliehen. Ich ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte
-ihm, daß ich noch in dieser Stunde abreisen werde. Er war es
-zufrieden, gab mir seine Aufträge, und bald hatte ich die heilige
-&ndash; unglückselige Stadt im Rücken. Erst als ich nach langer
-Fahrt zu mir selbst kam, als meine Vorstellungen sich wieder
-ordneten und deutlicher wurden, erst dann tadelte ich meine
-Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht verführte. Ich
-tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an, die
-Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; &ndash;
-doch es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine
-ganze Lage zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte
-verschont zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser
-Stimmung trafen Sie mich dort, und ein Teil dieser Geschichte
-war es, den ich damals im Hause meiner Tante erzählt habe.«</p>
-
-<p>Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach
-und nach jene Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in
-seinem Wesen, als ich ihn in Berlin sah, zu bemerken glaubte;
-er war ganz derselbe, der er an jenem Abend war, und die
-Worte seiner Tante: er sehe seit seiner Zurückkunft so geheimnisvoll
-aus, kamen mir wieder in den Sinn und ließen mich
-den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner ganzen
-Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend. Unglückliche
-Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie
-Ines, intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der
-Welt schon viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir,
-als Menschenkenner, etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings
-schon einen bedeutenden Grad in meinem Reglement erlangt,
-aber unbegreiflich war es mir, wie sich dieser Mann so
-lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach moralischen
-wie nach physischen Kräften ein Körper, welcher abwärts gleitet,
-immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei Rollen;
-er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke; er war
-eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war
-schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitän liebte er wahrscheinlich
-auch das <em class="antiqua">Est, Est, Est</em>, Eigenschaften, die nicht lange
-auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre
-vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span>
-geworden, ein zweiter wäre leichtsinnig wie er, all diesem Jammer
-entflohen, hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise
-dort sitzen lassen und vielleicht an einem andern Ort eine andere
-gefreit; ein dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht,
-um die schöne Sächsin zu besitzen, oder aus Verzweiflung die
-letztere erdolcht.</p>
-
-<p>Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch
-in demselben Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht
-in Streit geraten waren, daß das Ende von diesen Geschichten
-ein Uebertritt zur römischen Kirche, eine Hochzeit der Donna
-Ines und vielleicht eine zweite, Luisens mit dem Berliner, werden
-sollte?</p>
-
-<p>Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas
-entfernten Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm
-das Ziel seines heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend,
-recht reizend vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne
-möglich zeige, so machte er Riesenschritte abwärts, denn seine
-Anlagen waren gut. Ich beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen
-zu machen und die Leutchen zu hetzen.</p>
-
-<p>Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde
-dem Herrn von S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift
-an und errötete, er riß das Siegel auf, er las, und sein Auge
-wurde immer glänzender, seine Stimme heiterer. »Der Engel!«
-rief er aus, »sie will mich dennoch sehen! Wie glücklich macht
-sie mich! Lesen Sie, Freund,« sagte er, indem er mir den
-Brief reichte; »müssen solche Zeilen nicht beglücken?«</p>
-
-<p>Ich las:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Mein treuer Freund!
-</p>
-
-<p>Mein Herz verlangt danach, Sie zu sprechen. Ich wollte
-Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis Sie mir gute
-Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es eigentlich, der
-diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wissen,
-wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der
-Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West.
-Ach! daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir,
-meine Augen dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser
-Schmach, die ich nicht ertragen kann.</p>
-
-<p class="right">
-L. v. P.«
-</p>
-
-<p>»N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in
-Mecklenburg bekannt wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht
-in der Sache etwas tun können.«</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span></p>
-
-<p>»Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie
-erfreuen muß,« sagte ich; »doch einiges ist mir nicht recht klar
-in diesem Brief, das Sie mir übrigens aufklären werden.
-Wegen der Verwandten in Mecklenburg kann sich übrigens das
-Fräulein an niemand besser wenden als an mich; denn ich war
-mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien genau
-bekannt.«</p>
-
-<p>Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell
-dienen zu können. »Das ist trefflich!« rief er, »und Sie begleiten
-mich wohl jetzt eben zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs
-noch einiges, was Ihnen die Verhältnisse klarer machen
-wird.«</p>
-
-<p>Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.</p>
-
-<p>»In Berlin,« erzählte er, »hielt ich es nur zwei Monate
-aus; ich hatte niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche
-Geschöpf hätte Nachricht geben können, und so lebte ich in
-einem Zustand, der beinahe an Verzweiflung grenzt; nur einmal
-schrieb mir der sächsische Gesandte: der Papst habe sich jetzt
-öffentlich für den Kapitän West erklärt, man spreche davon,
-daß der Preis dieser Gnade der Uebertritt des Kapitäns zur
-römischen Kirche sein solle. In demselben Brief erwähnte er
-mit Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr angezogen
-habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen,
-sehr gefährlich krank sei, die Aerzte zweifeln an ihrer Rettung.</p>
-
-<p>Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese
-letzte Nachricht entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken
-können, daß das, was ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit,
-vielleicht den Tod zur Folge haben werde, aber jetzt erst, als
-ich diese Nachricht gewiß wußte, jetzt erst kam sie mir schrecklich
-vor; ich reiste nach Rom zurück, und meine Bekannten hier
-haben sich nicht weniger darüber gewundert, mich so unverhofft
-zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so plötzlich
-wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es
-mir nicht verzeihen, denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich
-mit einem der Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden,
-zu verheiraten.</p>
-
-<p>Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein
-wiederfand! Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben,
-der Gedanke, daß West zu seiner großen Schuld noch einen Abfall
-von der Kirche fügen wollte. Ich lebe seitdem ein Leben
-voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre Jugend dahinschwinden,<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span>
-ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter einer lächelnden
-Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr zu
-dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis
-ich von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten
-werde &ndash; oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist
-heute geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung, ich habe keine;
-denn er ist zu allem fähig, und Rocco hat ihn so im Netze, daß
-an kein Entrinnen zu denken ist.«</p>
-
-<p>»Aber der Fromme,« fragte ich; »soll wohl der seine Bekehrung
-übernehmen?«</p>
-
-<p>»Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen.
-Es ist ein deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist, er zieht
-umher, um zu bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen
-zu lächerlich erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur
-Bekehrung des Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen
-auf Sie, mein Freund, wenn Sie durch die Verwandten
-etwas bewirken könnten; doch auch dies kommt zu spät! Wie sie
-sich nur um diesen Elenden noch kümmern mag?«</p>
-
-<p>Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein
-von Palden. Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte
-mir ein Interesse eingeflößt, das diese Stunde befriedigen
-mußte. Ich hatte mir schon lange zuvor, ehe ich sie sah, ein
-Bild von ihr entworfen, ich fand es, als sie mir damals im Portikus
-erschien, beinahe verwirklicht; nur eines schien noch zu
-fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt; ich dachte mir sie
-nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie mußte dies
-sein, wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die Heilung
-des Kapitän West zutrauen?</p>
-
-<p>Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden
-freundlich empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte,
-mich bat sie, in ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann
-finden werde. Ich trat ein. Am Fenster stand ein kleiner
-hagerer Mann, von kaltem, finsterem Aussehen. Er heftete seine
-Augen immer zu Boden, und wenn er sie einmal aufschlug, so
-glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer. Ich machte ihm
-mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten Neigen
-des Hauptes und antwortete: »Gegrüßet seist du mit dem Gruße
-des Friedens!«</p>
-
-<p>Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist!
-Solche Leute sind eine wahre Augenweide für den Teufel; er
-weiß, wie es in ihrem Innern aussieht, und diese herrliche
-Charaktermaske, lächerlicher als Pulcinell, komischer als Passaglio,<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span>
-pathetischer als Truffaldin und wahrer als sie alle, trifft
-man besonders in Deutschland und seit neuerer Zeit in Amerika,
-wohin sie die Deutschen verpflanzt haben. Diese Protestanten
-glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn sie gegen
-alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist ihnen
-ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die
-Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
-mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat,
-gegen ihre eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht
-fromm genug. Man glaubt vielleicht, sie selbst sind um so
-frömmer? O ja, wie man will. Sie gehen gesenkten Hauptes,
-wagen den Blick nicht zu erheben, wagen kein Weltkind anzuschauen.
-Ihre Rede ist: »ja, ja, nein, nein.« Auf weitere
-Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die
-Stillen im Lande, denn sie leben einfach und ohne Lärm für
-sich; doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht,
-ihre Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen.
-Daher kommt es, daß sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden
-es, sich öffentlich zu vergnügen, und wer am Sonntag
-tanzt, ist in ihren Augen ein Ruchloser. Unter sich selbst aber
-feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein Auge beschämt
-wegwenden würde.</p>
-
-<p>Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser
-Art sehe. Sie gehen still durchs Leben und wollen die Welt
-glauben machen, sie seien von Anbeginn der Welt als extrafeine
-Sorte erschaffen und plombiert worden, und der heilige
-Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen näheren Weg,
-ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle
-kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich
-heißen mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle
-sind in Nr. 1 und 2, sie <em class="gesperrt">verneinen</em>, wenn auch nicht im
-Aeußeren, denn sie sind Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.</p>
-
-<p>Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. »Ihr
-seid ein Landsmann von mir,« fragte ich nach seinem Gruß,
-»Ihr seid ein Deutscher?«</p>
-
-<p>»Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott,« antwortete
-er; »aber die Frommen sind ihm ein angenehmer
-Geruch.«</p>
-
-<p>»Da habt Ihr recht,« erwiderte ich, »besonders wenn sie
-in einer engen Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange
-hier in dieser gotteslästerlichen Stadt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: »O
-welche Freude hat mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten
-zu mir sandte! Du bist der erste, der mir hier saget, daß dies
-die Stadt der babylonischen H&ndash;, der Sitz des Antichrists ist.
-Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne von dem Altertum
-der Heiden, laufen umher in diesen großen Götzentempeln und
-nennen alles ›heiliges Land‹, selbst wenn sie Protestanten sind;
-aber diese sind oft die Aergsten.«</p>
-
-<p>»Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind
-noch mehrere Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es
-nicht fehlen; in einer Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst
-gestiftet hat, müssen fromme Seelen sein.«</p>
-
-<p>»Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue
-ich nur halb; man weiß allerlei von seinem früheren Leben,
-und nachher, da hat er so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren
-und Pfarrer; ich glaube, durch ihn ist dieses Uebel in
-die Welt gekommen. Zu was denn diese Gelehrtheit, diese
-Untersuchungen? sie führen zum Unglauben. Die Erleuchtung
-macht's, und wenn einer nicht zum <em class="gesperrt">Durchbruch</em> gekommen
-ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie erleuchtet
-ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelahrteste
-Doktor.«</p>
-
-<p>»Du hast recht, Bruder,« erwiderte ich ihm; »und ich war
-in meinem Leben in der Seele nicht Vergnügter, nie so heiter
-gestimmt, als wenn ich einen Bruder Schuster oder eine
-Schwester Spitälerin das Wort verkündigen hörte. War es auch
-lauterer Unsinn, was sie sprach, so hatte ihr es doch der Geist
-eingegeben, und wir alle waren zerknirscht. Doch sage mir,
-wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen?«</p>
-
-<p>»Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenlande, wo es
-mehr Erleuchtete gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem
-Haus. Damals war sie ein Weltkind und lachte, wenn die
-Frommen am Sonntag abend in mein Haus wandelten, um
-eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam in
-dieses Sodom und Gomorrha, da gab mir der Geist ein, meine
-Nachbarin aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt.
-Es ist ihr ganz recht geschehen, denn so straft der
-Herr den Wandel der Sünder. Aber mich erbarmte doch ihre
-junge Seele, daß sie so sicherlich abfahren soll, dorthin wo
-Heulen und Zähnklappern. Ich sprach ihr zu, und sie ging ein
-in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum Durchbruch
-kommen. Und da erzählte sie mir von einem Mann, den<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span>
-der Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen
-haben, und bat mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft
-des Geistes, der in mir wohnet. Und darum bin ich hier.«</p>
-
-<p>Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam
-der Berliner mit dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und
-sie fragte errötend, ob ich mit der Familie des Kapitän West in
-Mecklenburg bekannt sei. Ich bejahte es; ich hatte mit mehreren
-dieser Leute zu tun gehabt und gab ihr einige Details an, die
-sie zu befriedigen schienen.</p>
-
-<p>»Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten
-Schritt zu tun, der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S.
-hat Ihnen wohl schon davon gesagt, und es kommt jetzt darauf
-an, ihm das Mißliche eines solchen Schrittes auch von seiten
-seiner Familie darzutun.«</p>
-
-<p>»Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten;
-er ist in geistlichen Kämpfen erfahrner als ich; ich hoffe, er
-wird sehr nützlich sein können.«</p>
-
-<p>»Es ist mein Beruf,« antwortete der Pietist, die Augen
-greulich verdrehend, »es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es
-Tag ist. Ich will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange
-und will ihr den Kopf zertreten wie einer Kröte; soeben ist der
-Geist in mich gefahren. Ich fühle mich wacker wie ein gewappneter
-Streiter. Lieben Brüder, lasset uns nicht lange zaudern,
-denn die Stunde ist gekommen; Sela!«</p>
-
-<p>»Gehen wir!« sagte der Berliner; »seien Sie versichert,
-Luise, daß Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was
-zu Ihrer Beruhigung dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie
-mutig, heiter in die Zukunft, die Zeit bringt Rosen.«</p>
-
-<p>Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln,
-das sie einem wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir
-gingen, und als ich mich in der Türe umwandte, sah ich sie
-heftig weinen.</p>
-
-<p>Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der
-Pietist, vom Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte
-vor sich hin und verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein
-Hierophant. Der Berliner schien an dem guten Erfolg unseres
-Beginnens zu zweifeln und ging sinnend neben mir her, ich
-selbst war von dem Anblick der stillen Trauer jenes Mädchens,
-ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich dachte nach, wie man es
-möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu entreißen, sie
-dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich ihr
-den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span>
-jung und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige
-Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies
-am besten erreichen zu können, besser vielleicht noch durch
-Kapitän West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte
-ich, ob man ihn noch von der Spanierin werde losmachen
-können.</p>
-
-<p>Auf der Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen,
-weil er hier beten und unsern Ein- und Ausgang
-segnen wolle. Doch, o Wunder! Als wir uns umsahen, nahm
-er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus einem Fläschchen,
-das seiner Farbe nach einen guten italienischen Likör enthalten
-mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn kommen,
-dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer Begeisterung
-sprechen.</p>
-
-<p>Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finstern Stirne.
-Der Berliner stellte uns ihm vor, und sogleich begann der
-Pietist, vom Geist getrieben, seinen Sermon.</p>
-
-<p>Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum
-Himmel und sprach: »Bruder! was haben meine Ohren von dir
-vernommen? So ganz hat dich der Teufel in seinen Klauen,
-daß du dich dem Antichrist ergeben willst, daß du absagen willst
-der heiligen, christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen?
-Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie heißt es Sirach am
-neunten, im dritten Vers? He? ›Fliehe die Buhlerin, daß du
-nicht in ihre Stricke fallest?‹&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.« sprach
-der Kapitän gereizt. »Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir
-in meinem Zimmer Sottisen zu sagen.«</p>
-
-<p>»Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre
-Familie kennt, besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann,
-der gehört hat, daß Sie übertreten wollen, nicht abhalten, uns
-zu begleiten.«</p>
-
-<p>»Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine
-Mühe, denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen
-ich komme,« schrie der Pietist. »Der Antichrist krümmet sich in
-ihm wie ein Wurm, und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O,
-warum habt Ihr Euch blenden lassen von Weltehre? Was sagt
-derselbe Sirach? ›Laß dich nicht bewegen von dem Gottlosen in
-seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es ein Ende
-nehmen wird. &ndash; Wisse, daß du unter den Stricken wandelst,
-und gehest auf eitel hohen Spitzen!‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>»Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind
-Sie vielleicht selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?«</p>
-
-<p>»Nein, aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie
-und bin mit einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So
-zum Beispiel mit Ihrem Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit
-Ihrem Schwager Z.«</p>
-
-<p>»Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?« rief
-der fromme Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig
-ignorierte. »Auf, Ihr Brüder, Ihr Streiter des Herrn, lasset
-uns ein geistliches Lied singen, vielleicht hilft es.« Er drückte
-die Augen zu und fing an, mit näselnder, zitternder Stimme zu
-singen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Herr, schütz' uns vor dem Antichrist<br /></span>
-<span class="i2">Und laß uns doch nicht fallen;<br /></span>
-<span class="i0">Es streckt der Papst mit Hinterlist<br /></span>
-<span class="i2">Nach uns die langen Krallen;<br /></span>
-<span class="i4">Und laß dich erbitten,<br /></span>
-<span class="i4">Vor den Jesuiten<br /></span>
-<span class="i4">Und den argen Missionaren.<br /></span>
-<span class="i4">Wollest gnädig uns bewahren.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sie sind des Teufels Knechte all,<br /></span>
-<span class="i2">Nur wir sind fromme Seelen;<br /></span>
-<span class="i0">Wir kommen in des Himmels Stall,<br /></span>
-<span class="i2">Uns kann es gar nicht fehlen;<br /></span>
-<span class="i4">Denn nach kurzem Schlafe<br /></span>
-<span class="i4">Ziehn wir frommen Schafe<br /></span>
-<span class="i4">In den Pferch, für uns bereitet,<br /></span>
-<span class="i4">Wo der Hirt die Schäflein weidet.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Dort scheidet er die Böcke aus&nbsp;&ndash;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine
-Nachtigall sang, aber komisch genug war es anzusehen, wie er,
-vom Geist getrieben, dazu agierte. Auf den Wangen des
-Kapitäns wechselten Scham und Zorn, und man war ungewiß,
-ob er mehr über die Unverschämtheit dieses Proselytenmachers
-staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne erbost
-sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers
-anhub, ging die Tür auf, und die hohe, majestätische Gestalt des
-Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen,
-faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern
-herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah
-uns mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte,<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span>
-mochte vielleicht den ehrwürdigen Kuß eines Gläubigen erwarten.</p>
-
-<p>Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte,
-daß der Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen,
-daß es ihn erzürnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter
-Gesellschaft zu sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen,
-doch als er Herrn von S. erblickte, trat er erschrocken einen
-Schritt zurück und flüsterte dem Frater Piccolo in der violetten
-Kutte zu: »Das ist wohl der Teufel, den du im Traume gesehen?«</p>
-
-<p>Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf
-seinen Leib zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige
-Stellen aus dem Exorzismus zu beten. Während dieser Szene
-hatte sich der fromme Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe
-stehen geblieben war, wieder erholt. Er betrachtete die imponierende
-Gestalt dieses Kirchenfürsten, doch schien sie ihm nicht
-mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu dem Resultate gelangt
-war, daß nur ein frommer protestantisch-mystischer Christ
-zur Seligkeit gelangen könne. Er hub im heulenden Predigerton
-auf italienisch an: »Siehe da, ein Sohn der Babylonischen,
-ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Seide und
-Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg,
-Satanas!«</p>
-
-<p>»Ist der Mensch ein Narr?« fragte der Kardinal, indem er
-näher trat und den Prediger ruhig und groß anschaute. »Piccolo,
-merke dir diesen Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen.«</p>
-
-<p>Der Pietist geriet in Wut: »Baalspfaffe, Götzendiener,
-Antichrist!« schrie er. »Du willst mich ins Spital tun? Ha,
-jetzt kommt der Geist erst recht über mich. Ich will barmherzig
-sein mit dir, Sodomiter! Ich will dich lehren die Hauptstücke
-der Religion, daß du deine ketzerischen Irrtümer einsehest.
-Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur ab, zu was soll dieser
-Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem Herrn besser, wenn
-du violette Strümpfe anhast? O du Tor! das sind die eiteln
-Lehren des Antichrist, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt; in
-Sack und Asche mußt du Buße tun.«</p>
-
-<p>Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich
-zusammen, seine Wangen glühten. »Jetzt sehe ich, Kapitän,«
-rief er, »was Euch so lange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte
-mit diesen wahnsinnigen Ketzern, die Euch in
-Eurem Aberglauben bestärken. Ha, bei der heiligen Erde, Ihr
-habt uns tief gekränkt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span></p>
-
-<p>»Herr Kardinal!« fiel ihm Herr von S. in die Rede, »ich
-bitte, uns nicht alle in <em class="gesperrt">eine</em> Klasse zu werfen. Wenn jener
-Mann dort den Trieb in sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so
-können wir ihn nicht daran verhindern. Doch meine ich, man
-habe sich nicht darüber zu beklagen, denn Eure Eminenz wissen,
-daß es gleichsam nur Repressalien für die Missionen und die
-Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle Welt überschwemmt.«</p>
-
-<p>Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt
-galt es, sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern
-zu lassen. »Herr von S.,« sagte ich, »der Herr Kapitän will,
-denke ich, durch sein Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz
-recht gebe. Zwar schließt mich mein Bewußtsein von den wahnsinnigen
-Ketzern aus, ich mache keine Proselyten, ich unterrichte
-niemand in der Religion; aber Ihrer werten Familie in Mecklenburg
-werde ich bei meiner Rückkehr sagen können&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Stille!« rief der Pietist mit feierlicher Stimme. »Bruder,
-Mann Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen
-zu rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer, aber es
-wäre ihm besser, ein Mühlstein hinge an seinem Hals und er
-würde ertränket, wo es am tiefsten ist.«</p>
-
-<p>»Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen,« ist ein altes
-Sprichwort, und der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah,
-daß Beschämung vor uns, von Rocco wie ein Schulknabe behandelt
-zu werden, und die Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem
-Gesichte kämpften.</p>
-
-<p>»Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz,« entgegnete
-er. »Diesen Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch
-entfernen, wann er will; denn seine schwärmerischen Reden sind
-mir zum Ekel, aber über diese Herren hier haben Sie eine ganz
-falsche Ansicht. Herr von Stobelberg bringt mir Nachrichten
-von meiner Familie, Herr von S. besucht mich. Ich weiß nicht,
-welche bösliche Absicht Sie darein legen wollen.«</p>
-
-<p>Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen,
-brachte er ihn nur noch mehr auf, doch bezähmte er
-laute Ausbrüche desselben, und seine stille Wut wurde nur in
-kaltem Spott sichtbar. »Ja, ich habe mich freilich höchlich geirrt,«
-sagte er lächelnd, »und bitte um Verzeihung, meine
-Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse Gegenstände,
-doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind, was Sie
-herführt. Herr von S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän
-wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span>
-wollen? Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben
-wird, es ist ihm gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre
-Gutmütigkeit, Capitano, daß Sie sich von demselben Mann
-zurückführen lassen, der Sie so geschickt aus dem Sattel hob!«</p>
-
-<p>Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen
-die Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung,
-Zorn, alle Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän
-wohl nicht so außer sich gebracht als das Gefühl der Scham, vor
-deutschen Männern von einem römischen Priester so verhöhnt
-zu werden. »Die Achtung, Signor Rocco,« sagte er, »die
-Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt mich, Ihnen
-zu erwidern, was Sie mir in <em class="gesperrt">meinem</em> Zimmer über mich
-gesagt haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich
-und wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele
-so viel Mühe geben wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten,
-mich aus dem Sattel hob, werde ich folgen. Doch wissen Sie,
-daß, was er getan hat, mit meiner Zustimmung geschah; ich
-werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner Absicht
-lag. Nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott noch Ihre
-Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein andermal
-wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben,
-so rate ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten,
-bis er im Schoße der Kirche ist.«</p>
-
-<p>Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden
-als sein seidenes Gewand. »Geben Sie sich keine Mühe,« entgegnete
-er, »mir zu beweisen, wie wenig man an einem seichten
-Kopf Ihrer Art verliert. Glauben Sie mir, die Kirche hat
-höhere Zwecke, als einen Kapitän West zu bekehren&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wir kennen diese schönen Zwecke,« rief der Berliner mit
-sehr überflüssigem Protestantismus; »Ihre Pläne sind freilich
-nicht auf einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme
-Seelen alle. Sie möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland
-und England und alles, was noch zum Evangelium hält, unter
-den heiligen Pantoffel bringen. Aber Sie kommen hundert
-Jahre zu spät, oder zu früh; noch gibt es, Gott sei Dank,
-Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels
-sein wollen, als den heiligen Stuhl anbeten.«</p>
-
-<p>»Bringe mir meinen Hut, Piccolo!« sagte der Priester
-sehr gelassen, »Ihnen, mein Herr von S., danke ich für diese
-Belehrung; doch lag uns an den dummen Deutschen wenig. Es
-liegt ein sicheres Mittel in der Erbärmlichkeit Ihrer Nation
-und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie versichern, wenn<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span>
-man in Frankreich recht fromm wird, wenn England über
-kurz oder lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann
-werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren.
-Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen.«
-Die Züge des Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das
-mir beinahe nie so sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich
-mußte gestehen, er hatte sich gut aus der Sache gezogen und
-verließ als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm den
-roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars, und mit
-Anstand und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus dem
-Zimmer.</p>
-
-<p>Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort;
-der Pietist murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich
-düpiert, denn der Streit ging über seinen Horizont, an welchem
-nur die Ideen von dem Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl
-des Lammes, dem Baalspfaffen, der babylonischen Dame, dem
-ewigen Höllenpfuhl und dem Paradiesgärtlein, in lieblichem
-Unsinn verschlungen, schwebten.</p>
-
-<p>Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der
-Sache zu sein. Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von
-Donna Ines und diesem Priester bedeutende Vorschüsse empfangen
-habe, die er nicht zahlen konnte; es war zu erwarten,
-daß sie ihn von dieser Seite bald quälen würden, und ich freute
-mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der Verzweiflung
-beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein Leichtsinn
-verleitet, denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn
-daraus entstehen können &ndash; er hätte sich von falscher Scham
-nicht so blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens
-bei dieser Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er
-die Hoffnung auf Luisens Besitz nicht aufgegeben hatte, daß er
-sie mächtiger als je nährte, da sie ihn heute hatte rufen lassen;
-ich wußte auch, daß sie den Kapitän nicht gerade zu sich zurückwünschte,
-sondern ihn nur nicht katholisch wissen wollte, ich
-wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt worden wäre,
-weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühe; und jetzt
-hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das
-Fräulein wiedersehen wolle; und so war es.</p>
-
-<p>»Es ist mein voller Ernst, Herr von S.,« sagte er, »ich sehe
-ein, daß ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen
-muß. Können Sie mir Gelegenheit geben, das Fräulein
-wiederzusehen und ihre Verzeihung zu erbitten?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt,«
-antwortete der junge Mann etwas verstimmt und finster; »ich
-glaube nicht, daß nach diesen Vorgängen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O! Ich habe die beste Hoffnung,« rief jener, »ich kenne
-Luisens gutes Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört
-habe, mich zu lieben. Hören Sie einen Vorschlag. Signora
-Campoco hat einen Garten an der Tiber; bitten Sie das Fräulein,
-mit ihrer Tante heute abend dorthin zu kommen. Ich
-will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen sein; ich
-will ja nichts als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort
-von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit
-dem Himmel zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine
-Verirrungen!«</p>
-
-<p>»Gut, ich will es sagen,« erwiderte der Berliner, indem
-er mit Mühe nach Fassung rang. »Soll ich Ihnen Antwort
-bringen?«</p>
-
-<p>»Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich
-um sechs Uhr als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick.
-Das Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse, seine Gestalt,
-sein Gesicht, zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt
-ihm Glück und Unglück; es zieht ihn in die Nähe des Mädchens;
-er lernt ihr Schicksal kennen, er sieht sie leiden, er leidet mit
-ihr; die Zeit, die alle Wunden heilt, bewirkt endlich, daß sie den
-Kapitän vielleicht nicht mehr so sehnlich zurückwünscht; sie will
-nur, daß er jenen Schritt nicht tue, den sie für einen törichten
-hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem armen S. Hoffnungen;
-er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen Bemühungen
-um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen Nebenbuhler,
-einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen!</p>
-
-<p>Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte
-mir gesagt, daß sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet
-zu sehen. Sie hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und
-er bat mich, ihn zu begleiten, weil er diese Szene allein nicht
-mit ansehen könne.</p>
-
-<p>Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater
-Piccolo in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitän
-finden könnte? Ich forschte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl
-den Kapitän suche, und er sagte mir ohne Umschweife, daß er
-ihm von dem Kardinal einen Schuldschein auf fünftausend Skudi<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span>
-zu überreichen habe, die jener zwölf Stunden nach Sicht bezahlen
-müsse. »Wertester Frater Piccolo,« erwiderte ich ihm,
-»das Sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs Uhr in den
-Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen;
-dort werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch.« Er dankte
-und ging weiter. Daß er diese Nachricht <span id="corr189">dem</span> Kardinal, vielleicht
-auch Donna Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussetzen
-zu dürfen. »Fünftausend Skudi, zwölf Stunden nach
-Sicht!« sagte ich zu mir, »ich will doch sehen, wie er sich
-heraushilft!«</p>
-
-<p>Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er
-schien zu fühlen, daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien;
-doch nicht nur dies Gefühl war es, was ihn unglücklich machte;
-er fürchtete, Luise werde nicht auf die Dauer glücklich werden.
-»Dieser West!« rief er. »Ist es nicht immer wieder Leichtsinn,
-was ihn zu uns, zu ihr zurückführt! Wie leicht ist es
-möglich, wenn einmal die Reue über ihn kommt, die Spanierin
-so unglücklich gemacht zu haben, wie leicht ist es möglich, daß
-er auch Luisen wieder verläßt!«</p>
-
-<p>Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und
-er nicht zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden
-Augen sucht und bei der Fremden findet, und wenn
-erst der Kardinal seine Künste anwendet. Die Schule der Verzweiflung
-hat er noch nicht ganz durchgemacht. Aber auch das
-Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und ihre Hilfe zu kleinen
-Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der gute Berliner
-soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen!</p>
-
-<p>Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen
-Garten der Signora Campoco. Unterwegs sagte mir der junge
-Mann, das Fräulein sei ihm unbegreiflich. Als er ihr die
-Nachricht gebracht, wie sich im Hause des Kapitäns auf einmal
-alles so sonderbar, wie durch eine höhere Leitung gefügt habe,
-wie West nicht nur zur protestantischen Kirche zurücktreten,
-sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren wolle, da
-sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln auf
-ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor
-Freude, sie habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht,
-uns in ihrem Garten zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt
-nicht mehr recht heiter; eine sonderbare Befangenheit, ein Zittern
-banger Erwartung habe sie befallen, sie habe ihm gestanden,
-daß sie der Gedanke an den Fluch ihres Vaters, wenn sie
-je die Gattin des Kapitäns werde, immer verfolge. Es sei, als<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span>
-liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so kindlich frohen
-Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des Geliebten, dennoch
-nicht glücklich zu werden.</p>
-
-<p>Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen
-gegen das ganze weibliche Geschlecht hatten wir uns
-endlich dem Garten genähert. Er lag, von Bäumen umgeben,
-wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco empfing uns
-mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß sie
-das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger habe
-hören können, und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden
-würden. Errötend, mit glänzenden Augen, Verwirrung und
-Freude auf dem schönen Gesicht, trat uns das Fräulein entgegen.
-Der Kapitän aber schien mir ernster, ja, es war mir, als müßte
-ich in seinen scheuen Blicken eine neue Schuld lesen, die er
-zu den alten gefügt.</p>
-
-<p>Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige
-Dank, den ihm das schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen
-ausdrückte. Sie umfing ihn, sie nannte ihn ihren
-treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, und er hat wohl nie
-so tief als in jenem Augenblick gefühlt, wie die höchste Lust mit
-Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war diese
-Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung
-davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als
-Surrogat eine Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben,
-die den Leser weniger langweilen dürfte: »Selige Stunden,
-welche auf die Versöhnung der Menschen folgen! Die Liebe
-ist wieder blöde und jungfräulich, der Geliebte neu und verklärt,
-das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom
-Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen Krieg nicht.«
-So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben, aus
-Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen,
-nicht mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht
-gehen.</p>
-
-<p>Bei jener ganzen Szene ergötzte ich mich mehr an der Erwartung
-als an der Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal,
-dachte ich mir, Frater Piccolo durch die Bäume herbeikäme, um
-seinen Wechsel honorieren zu lassen &ndash; welche Angst, welcher
-Kummer bei dem Kapitän, welches Staunen, welcher Mißmut
-bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen Möglichkeiten,
-während die andern in süßem Geplauder mit vielen
-Worten nichts sagten &ndash; da hörte ich auf einmal das Plätschern
-von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span>
-Stunde, um welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte;
-wenn er es wäre! &ndash; Die Ruderschläge wurden vernehmlicher,
-kamen näher, weder die Liebenden noch der Berliner schienen
-es zu hören. Jetzt hörte man nur noch das Rauschen des
-Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans Land gelegt
-haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte Stimmen
-in der Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten
-auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um &ndash; Donna
-Ines und der Kardinal Rocco standen vor uns.</p>
-
-<p>Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe
-sie ein Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals
-aus einem schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien
-den Zusammenhang zu begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei,
-und sank lautlos zurück, indem sie die schönen Augen und das
-erbleichende Gesicht in den Händen verbarg. Der Kapitän
-hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah also nicht
-sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich um,
-er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese
-Gruppe musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl
-seiner Schande, die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die
-Kehle zu.</p>
-
-<p>»Schändlich!« hub Ines an. »So muß ich dich treffen?
-Bei deiner deutschen Buhlerin verweilest du und vergißt, was
-du deinem Weibe schuldig bist? Ehrvergessener; statt meine
-Ehre, die du mir gestohlen, durch Treue zu ersetzen, statt mich zu
-entschädigen für so großen Jammer, dem ich mich um deinetwillen
-ausgesetzt habe, schwelgest du in den Armen einer
-andern?«</p>
-
-<p>»Folget uns, Kapitän West!« sagte der Kardinal sehr
-strenge. »Es ist Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier
-zu verweilen. Die Barke wartet. Gebt der Donna Euren
-Arm und verlasset diese ketzerische Gesellschaft.«</p>
-
-<p>»Du bleibst!« rief Luise, indem sie ihre schönen Finger
-um seinen Arm schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete.
-»Schicke diese Leute fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteuerin
-verschworen. Du zauderst? Monsignor, ich weiß nicht,
-wer Ihnen das Recht gibt, in diesen Garten zu dringen; haben
-Sie die Güte, sich mit dieser Dame zu entfernen.«</p>
-
-<p>»Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?« entgegnete
-Rocco. »Diese ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört
-der Garten, und es wird sie nicht belästigen, wenn wir
-hier verweilen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span></p>
-
-<p>»Ich bitte um Euren Segen, Eminenz,« sagte, sich tief verneigend,
-Signora Campoco; »wie möget Ihr doch so sprechen?
-Meinem geringen Garten ist heute Heil widerfahren! Denn
-heilige Gebeine wandeln darin umher!«</p>
-
-<p>»Nicht gezaudert, Kapitän!« rief der Kardinal: »Werfet
-den Satan zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns,
-wohin die Pflicht Euch ruft. &ndash; Ha! Ihr zaudert noch immer,
-Verräter? Soll ich,« fuhr er mit höhnischem Lächeln fort,
-»soll ich Euch etwa dies Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese
-Unterschrift? Wie steht es mit den fünftausend Skudi, verehrter
-Herr? Soll ich Euch durch die Wache abholen lassen?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Fünftausend Skudi?« unterbrach ihn der Berliner. »Ich
-leiste Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mitnichten!« antwortete er mit großer Ruhe. »Ihr seid
-ein Ketzer; <em class="antiqua">haeretico non servanda fides</em>; Ihr könnet leicht
-ebenso denken und mit der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein,
-&ndash; Piccolo! Sende einen der Schiffer in die Stadt; man solle
-die Wache holen.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Otto! Was ist das?« rief Luise,
-indem ihr Tränen entstürzten. »Du wirst dich doch nicht diesen
-Menschen so ganz übergeben haben? O Herr! Nur eine
-Stunde gestattet Aufschub, mein ganzes Vermögen soll Euer
-sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben, als Ihr fordert&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Meinst du, schlechtes Geschöpf!« fiel ihr die Spanierin
-in die Rede. »Meinst du, es handle sich hier um Gold? Mir,
-mir hat er seine Seele verpfändet; er hat mich gelockt aus den
-Tälern meiner Heimat; er hat mir ein langes, seliges Leben
-in seinen Armen vorgespiegelt, er hat mich betrogen um diese
-Seligkeit; du &ndash; du hast mich betrogen, deutsche Dirne, aber
-sieh zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten kannst,
-daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen
-Würmern, den Vater!«</p>
-
-<p>»Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!« sagte Luise von tiefer
-Wehmut bewegt. »Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine
-würde; er nahte schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches
-Weib? Nein, so tief möchte ich nicht einmal dich verachten.
-Er kannte mich längst, ehe er dich nur sah, und die
-Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!«</p>
-
-<p>»Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren,« sprach
-der Kardinal; »sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr
-selbst, Signora, mit einem anderen, der hierneben sitzt, in Verhältnissen
-waret. Zaudere nicht mehr, folge uns; bei den Gebeinen<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span>
-aller Heiligen, wenn du jetzt nicht folgst, wirst du sehen,
-was es heiße, den heiligen Vater zu verhöhnen!«</p>
-
-<p>Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig
-Kraft, so wenig Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen
-mögen; doch es mußte zu einem Resultate kommen, drum schob
-ich schnell ein paar Worte ein: »Wie? was ist dies für ein
-Geschrei von Kindern?« rief ich erstaunt. »Es wird doch kein
-Unglück in der Nähe geben?«</p>
-
-<p>»Ha! meine Kinder!« weinte die Spanierin. »O, weinet
-nur, ihr armen Kleinen, der, der euch Vater sein sollte, hat Erz
-in seiner Brust. Ich gehe, ich werfe sie in die Tiber, und mich
-mit ihnen; so ende ich ein Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!«</p>
-
-<p>Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen, doch das
-Fräulein faßte ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen
-Augen führte sie Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte
-dann aus der Laube. Ich selbst war einige Augenblicke im
-Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß ausführen wollte, den
-die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den sie einschlug, führte
-tiefer in den Garten, und sie wollte wohl nur diesem Jammer
-entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und als sich
-auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze Gesellschaft,
-der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den
-Garten.</p>
-
-<p>Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig
-zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und
-trug die teure Last nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän
-verdrängen, er wollte vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur
-ihr anzugehören; er glaubte heiligere Rechte an sie zu haben
-und entfernte den Arm des jungen Mannes, um den seinigen
-unterzuschieben.</p>
-
-<p>Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt
-von der Szene, die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. »Fort
-mit dir!« rief er, »gehe zu den Pfaffen und Ehebrechern, zu
-Schurken deines Gelichters. Du hast deine Rolle künstlich gespielt;
-um diese Blume zu pflücken, mußtest du dich den Armen
-jenes hergelaufenen Weibes noch einmal entreißen. Hinweg
-mit dir, du Ehrloser!«</p>
-
-<p>»Was sprechen Sie da?« schrie der Kapitän schäumend; es
-mochte in der Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als
-Wahrheit um so beißender war. »Welche Absichten legen Sie
-mir unter? Was hätte ich getan. Erklären Sie sich deutlicher!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span></p>
-
-<p>»Jetzt hast du Worte, Schurke, aber als dieser Engel zu dir
-flehte, da hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre
-sie nicht an, oder ich schlage dich nieder!«</p>
-
-<p>»Das kann dir geschehen,« entgegnete jener, und einem
-Blitze gleich fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach
-der Brust des jungen Mannes. &ndash; In Spanien lernt man gut
-stoßen. Der Berliner hatte einen Messerstich in der Brust und
-sank, ohne das Haupt der Geliebten zu lassen, in die Knie.</p>
-
-<p>Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch! war
-mein Gedanke, als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte;
-jetzt wird er sich bergen im Schoße der Kirche! Und
-es schien so zu kommen. Denn willenlos ließ sich der Kapitän
-von Ines und dem Kardinal wegführen, und die Barke stieß
-vom Lande.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche
-Tag, an welchem der Papst vor dem versammelten Volk mir,
-dem Teufel, alle Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar
-durch diese Anweisung noch nie eine erhalten und weiß nicht,
-ob Seine Heiligkeit falliert haben und nun auf der Himmelsbörse
-keine Geschäfte mehr machen, also wenig Einfluß auf das
-Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob vielleicht diese
-Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um
-den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu
-verstehen zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen
-sollen, den Beutel der Engländer, Schweden und Deutschen zu
-schröpfen, da ihre Seelen doch einmal verloren seien.</p>
-
-<p>An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen,
-besonders die Weiber kommen gerne, um die Ketzer
-im Geiste abfahren zu sehen. Man drängt und schlägt sich auf
-dem großen Platz, man hascht nach dem Anblick des heiligen
-Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl herabschleudert,
-durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle schlagen an
-die Brust und sprechen: »Wohl mir, daß ich nicht bin wie
-dieser einer.« An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine
-ganz besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln,
-in allen Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein
-berühmter, tapferer, ketzerischer Offizier an diesem Tage sich
-taufen lassen wolle. Dieser Offizier machte seine Grade erstaunlich
-schnell durch. Am Montag hieß es, er sei Kapitän, am<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span>
-Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er Oberst, und wenn
-man am Donnerstag früh ein schönes Kind auf der Straße
-anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man
-auf die Antwort rechnen: »Ei, wißt Ihr nicht, daß zur Ehre
-Gottes ein General der Ketzer sich taufen läßt und ein guter
-Christ wird, wie ich und Ihr?«</p>
-
-<p>Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner
-Memoiren leicht erraten. Endlich, endlich war er abgefallen!
-Sie hatten ihn wohl nach der Szene in Signoras Garten so
-lange und heftig mit Vorwürfen, Bitten, Drohungen, Versprechungen
-und Tränen bestürmt, daß er einwilligte, besonders,
-da er durch den Uebertritt nicht nur Absolution für seine
-Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch Schutz
-für die Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da
-der Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte und
-sein Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen
-hatte.</p>
-
-<p>Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem
-Täufling an mir vorüberkommen mußte. Und sie nahten! Ein
-langer Zug von Mönchen, Priestern, Nonnen, andächtigen Männern
-und Frauen kamen heran. Ihre halblaut gesprochenen
-Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie zogen im
-Kreis um den ungeheuren Platz, und jetzt wurden die Römer
-um mich her aufmerksamer. »<em class="antiqua">Ecco, ecco lo!</em>« flüsterte es von
-allen Seiten; ich sah hin &ndash; in einem grauen Gewand, das
-Haupt mit Asche bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen,
-nahte mit unsicheren Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe
-in ihren violetten Talaren gingen vor ihm, und Chorknaben
-aller Art und Größe folgten seinen Schritten.</p>
-
-<p>»Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! ein schmucker Mann!«
-hörte ich die Weiber um mich her sagen. »Welch ein frommer
-Soldat!«</p>
-
-<p>»Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel
-eine Seele entrissen wird!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Vorher,« antwortete ein schönes, schwarzlockiges Mädchen,
-»vorher, denn nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer,
-und da würde er ihn ja auf ewig verdammen und nachher
-segnen und taufen.«</p>
-
-<p>»Ach, das verstehst du nicht,« sagte ihr Vater, »der Papst
-kann alles, was er will, so oder so.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, er kann nicht alles,« erwiderte sie schelmisch
-lächelnd, »nicht alles!«</p>
-
-<p>»Was kann er denn nicht?« fragten die Umstehenden. »Er
-kann alles; was sollte er denn nicht können?«</p>
-
-<p>»Er kann nicht heiraten!« lachte sie; doch nicht so schnell
-folgt der Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters
-auf ihre Wange fiel.</p>
-
-<p>»Was, du versündigst dich, Mädchen?« schrie er. »Welche
-unheiligen Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es
-dich an, ob der Papst heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf
-keinen Fall.«</p>
-
-<p>Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen;
-und auch ich folgte dorthin. Es ist eine lächerliche, materielle
-Idee, wenn die Menschen sich vorstellen, ich könne in keine
-christliche Kirche kommen. So schreiben viele Leute C. M. B.
-(Caspar, Melchior, Balthasar) über ihre Türen und glauben,
-die drei Könige aus Morgenland werden sich bemühen, ihre
-schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen.</p>
-
-<p>Ich drängte mich so weit wie möglich vor, um die Zeremonien
-dieser Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte
-jetzt sein graues Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht
-und kniete unweit des Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe,
-Bischöfe standen umher, der ungewisse Schein des Tages, vermischt
-mit dem Flackern der Lichter, der Kerzen, welche die
-Chorknaben hielten, umgaben sie mit einem ehrwürdigen
-Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit aussah.
-Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen
-Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender
-als je, und wer Luisen und ihr sanftes blaues Auge nicht
-gesehen hatte, konnte dem Täufling verzeihen, daß er sich durch
-dieses schöne Weib und einen listigen Priester unter den Pantoffel
-St. Petri bringen ließ.</p>
-
-<p>Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie
-stützte sich mit einer Hand an eine Säule, und ich glaube, sie
-wäre ohne diese Hilfe auf den Marmorboden gesunken, denn
-sie zitterte beinahe krampfhaft. Der Schleier war zu dicht, als
-daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch sagte mir eine
-Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester den
-Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs
-hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der
-Sterblichen, übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span>
-Andacht, die sie zwar über das Irdische, aber auch über die
-ewigen Gesetze ihrer Vernunft hinwegführt.</p>
-
-<p>Die Priester sangen. Jetzt fing er an, sein Glaubensbekenntnis
-zu sprechen.</p>
-
-<p>»Er hat mich nie geliebt,« seufzte die Dame an meiner
-Seite, »er hat dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese
-Sünde!«</p>
-
-<p>Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem
-er bisher gelebt.</p>
-
-<p>»Gib Frieden seiner Seele,« flüsterte sie; »wir alle irren,
-solange wir sterblich sind; vielleicht hat er den wahren Trost
-gefunden! Laß ihn Frieden finden, o Herr!«</p>
-
-<p>Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen
-Töne drangen schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde
-das Sakrament an ihm vollzogen, der Kardinal Rocco, im vollen
-Ornat seiner Würde, segnete ihn ein, und Donna Ines warf
-dem Getauften frohlockende Grüße zu.</p>
-
-<p>»Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen,« betete die
-Dame an meiner Seite, »daß nie der Stachel der Reue ihn
-quäle! Laß ihn glücklich werden!«</p>
-
-<p>Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes schloß die
-Taufe, und der Kapitän stand auf, zwar als ein so großer
-Sünder wie zuvor, doch als ein rechtgläubiger katholischer
-Christ. Das Volk drängte sich herzu und drückte seine Hände,
-und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln ihre Kinder
-zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi
-führte den Getauften an die Stufen des Altars, stieg die heiligen
-Stufen hinan und las die Messe.</p>
-
-<p>Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie
-dies alles sah; ihre Knie fingen an, zu wanken. »Wer Ihr
-auch seid, mein Herr!« flüsterte sie mir plötzlich zu, »seid so
-barmherzig und führt mich aus der Kirche, ich fühle mich sehr
-unwohl.« Ich gab ihr meinen Arm, und die frommste Seele
-in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet vom
-Teufel.</p>
-
-<p>Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend
-auf eine Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin,
-ich öffnete ihr den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen.
-Sie schlug den dunklen Schleier zurück, es war, wie ich
-mir gesagt hatte, es waren die bleichen, schönen Züge Luisens.
-»Ich danke Euch, Herr!« sagte sie, »Ihr habt mir einen großen
-Dienst erwiesen.« Noch zitterte ihre Hand in der meinigen,<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span>
-ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter
-und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie
-den Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde
-zogen an, ich habe sie &ndash; nie wiedergesehen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen
-Pforte, welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt
-habe, rief mich an diesem Tage nach&nbsp;…, wo ich mit einem
-berühmten Staatsmann eine Konferenz halten mußte. Man
-kennt die Zuneigung dieses erlauchten Wesirs eines christlichen
-Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht erst nötig, ihn
-zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen Alliierten seien.
-Von … eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich war
-begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich
-verflochten war, und die mir durch einige Situationen so interessant
-geworden waren.</p>
-
-<p>Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war
-der deutsche Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und
-hatte, wie es schien, Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten.
-Ich trat als Stobelberg zu ihm. »Lieber Bruder,«
-sagte ich, »es scheint, du willst Sodom verlassen gleich dem
-frommen Lot?«</p>
-
-<p>»Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan!« war
-seine Antwort; »und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl
-des Lammes noch einmal anhalten, aus Zorn, weil ich einen
-seiner Baalspfaffen im Christentum unterweisen wollte.«</p>
-
-<p>Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites.
-Die Polizei hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grund, den
-Wagen noch einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen
-gestoßen und hatte den Pietisten gefragt, was es enthalte.
-»Geistliche Bücher,« antwortete er. Man glaubte nicht, schloß
-auf, und siehe da, es war ein gutes Flaschenfutter, und die
-Polizeimänner wollten wegen seines Betruges einige Skudi
-von ihm nehmen.</p>
-
-<p>»Aber, Bruder,« sagte ich zu ihm. »Eine fromme Seele
-sollte nach nichts dürsten als nach dem Tau des Himmels,
-nach nichts hungern, als nach dem Manna des Wortes, und
-doch führst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und hier liegt
-ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt es nicht:<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span>
-›Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem
-allen fragen die Heiden?‹«</p>
-
-<p>»Bruder,« erwiderte jener und drehte die Augen gen
-Himmel! »Bruder, bei dir muß es noch nicht völlig zum
-Durchbruch gekommen sein, daß du einem Manne von so felsenfestem
-Glauben, daß du <em class="gesperrt">mir</em> solche Fragen vorlegst. Gerade,
-daß ich nicht zu seufzen brauche: ›Was werden wir essen, was
-werden wir trinken, womit uns kleiden?‹ gerade deswegen
-habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller
-gefüllt und die aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft;
-es geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat
-es mir eingegeben. Da, ihr lumpigen Söhne von Astaroth,
-ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt
-und an seinen Klauen Pantoffeln führt, da nehmet diesen holländischen
-Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bücher
-in Ruhe! &ndash; So, nun lebe wohl, Bruder! Der Geist komme
-über dich und stärke deinen Glauben!«</p>
-
-<p>Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben
-bestärkt, daß diese christlichen Pharisäer schlimmer sind, als die
-Kinder der Welt. Ich ging weiter, den Korso hinab. Am
-unteren Ende der Straßen begegnete mir der Kardinal Rocco
-und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr krank zu
-sein, denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo nicht die
-Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch
-wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war
-rot und glühend, seine Augen halb geschlossen, und der rote
-Hut saß ihm etwas schief auf dem Ohr.</p>
-
-<p>»Siehe da, ein bekanntes Gesicht!« rief er, als er mich
-sah, und blieb stehen. »Komm hierher, mein Sohn, und
-empfange den Segen. Haben wir uns nicht schon irgendwo
-gesehen?«</p>
-
-<p>»O ja, und ich hoffe noch öfter das Vergnügen zu haben;
-ich hatte die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco
-zu sehen.«</p>
-
-<p>»Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer;
-wisset Ihr, woher ich komme? Geradeswegs von dem Hochzeitsschmause
-des lieben Paares!«</p>
-
-<p>Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären;
-die spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl
-zu stark gewesen, und Piccolo mußte ihn jetzt führen. »Ihr
-waret wohl recht vergnügt?« fragte ich ihn; »es ist doch Euer<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span>
-Werk, daß die Donna den Kapitän endlich doch noch überwunden
-hat?«</p>
-
-<p>»Das ist es, lieber Ketzer,« sagte er, stolz lächelnd. »Mein
-Werk ist es, kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte
-zusammen! &ndash; Was wollte ich sagen? Ja &ndash; mein Werk ist
-es, denn ohne mich hätte die Donna gar keine Kunde von ihm
-bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in Rom befinde. Ohne
-mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt worden;
-ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was
-zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er
-nicht von seiner Ketzerin losgekommen &ndash; kurz, ohne mich &ndash;
-ja, ohne mich stünde alles noch wie zuvor.«</p>
-
-<p>»Es ist erstaunlich!«</p>
-
-<p>»Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet
-auch rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben, soviel
-Ihr wollt, gegen ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht.
-O! damit kann man einen köstlich in Verlegenheit bringen.
-Brauchet Ihr eine schöne, frische, reiche Frau? Ich habe eine
-Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr Ehren und Würden?
-Ich will Euch <em class="antiqua">pro primo</em> den goldenen Sporenorden verschaffen.
-Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Skudi kaufen &ndash; aber
-Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer barbarischen
-Heimat große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir
-haben dort großen Einfluß, geheim und öffentlich. Na! was
-sagt Ihr dazu?«</p>
-
-<p>»Der Vorschlag ist nicht übel,« erwiderte ich. »Ihr seid
-nobel in Euren Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den
-Teufel selbst katholisch machen?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Anathema sit! anathema sit!</em> Es wäre uns übrigens
-nicht schwer,« antwortete der Kardinal. »Wir können ihn von
-seinen zweitausendjährigen Sünden absolvieren und dann
-taufen. Ueberdies ist er ein dummer Kerl, der Teufel, und
-hat sich von der Kirche noch immer überlisten lassen!«</p>
-
-<p>»Wisset Ihr das so gewiß?«</p>
-
-<p>»Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennt Ihr die Geschichte,
-die er mit einem Franziskaner gehabt?«</p>
-
-<p>»Nein, ich bitte Euch, erzählet!«</p>
-
-<p>»Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer
-armen Seele. Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte
-allerdings nach dem Maß ihrer Sünden das Recht dazu. Der
-Mönch aber wollte sie <em class="antiqua">in majorem dei gloriam</em> für den Himmel
-zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor, sie wollen würfeln;<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span>
-wer die meisten Augen mit drei Würfeln werfe, solle die Seele
-haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein falscher Spieler
-ist, warf er achtzehn, er lachte den Franziskaner aus. Doch
-dieser ließ sich nicht irre machen. Er nahm die Würfel und
-warf &ndash; neunzehn. Und die Seele war sein.«</p>
-
-<p>»Herr! das ist erlogen,« rief ich, »wie kann er mit drei
-Würfeln neunzehn werfen?«</p>
-
-<p>»Ei, wer fragt nach Möglichkeit? Genug, er hat's getan,
-es war ein Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus,
-lieber Sohn, wir wollen dann den Unterricht beginnen.«</p>
-
-<p>Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund
-Rocco! dachte ich. Eher bekomme ich dich als du mich. Von
-dir läßt sich der Satan nicht überlisten. Es trieb mich jetzt,
-nach dem Hause des Berliners zu gehen, den ich schwer verwundet
-verlassen hatte. Zu meiner großen Verwunderung
-sagte man mir, er sei ausgegangen und werde wohl vor Nacht
-nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben,
-heute noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein
-sich befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän
-auf immer für sie verloren sei, sie für sich zu gewinnen. Es
-blieb mir keine Zeit, ihn heute noch zu sehen, denn den Abend
-über wußte ich ihn nicht zu finden, und auf die kommende
-Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren
-Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen.</p>
-
-<p>Ich trat zu diesem Zweck, als die Nacht einbrach, ins
-Kolosseum, denn dies war der Ort, wohin ich sie beschieden
-hatte. Noch war die Stunde nicht da, aber ich liebe es, in der
-Stille der Nacht auf den Trümmern einer großen Vorzeit
-meinen Gedanken über das Geschlecht der Sterblichen nachzuhängen.
-Wie erhaben sind diese majestätischen Trümmer in
-einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren
-Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der
-Mond durch die gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und
-die hohen überwachsenen Mauern der Ruine warfen lange
-Schatten über die Arena. Dunkle Gestalten schienen durch
-die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein leiser Wind die
-Gesträuche bewegte und ihre Schatten hin und wider zogen.
-Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches
-Volk, schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste,
-feierliche Pracht der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht
-ist hinunter, diese Mauern allein überdauerten ihre<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span>
-Zeit, um durch ihre erhabenen Formen diese Sterblichen zu
-erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes Volkes war, das
-einst, ein Jahrtausend vor ihnen, um diese Stätte lebte. Die
-ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische
-Prunk der Cäsaren und &ndash; <em class="gesperrt">dieser</em> römische Hof und <em class="gesperrt">diese</em>
-Römer!</p>
-
-<p>Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen
-und stand jetzt gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um,
-da gewahrte ich, daß ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine
-dunkle Gestalt saß seitwärts auf dem gebrochenen Schaft einer
-Säule. Ich trat näher zu &ndash; es war Otto von S… Ich
-war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich schnell in
-den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich
-redete ihn an und wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen.
-Er richtete sich auf, der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht,
-weinende Augen blickten mich wehmütig an, schweigend
-sank er an meine Brust.</p>
-
-<p>»Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!« sagte ich.
-»Sie sind noch sehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen schaden!«</p>
-
-<p>Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was
-war doch dem armen Jungen geschehen, hatte er wohl von
-neuem einen Korb bekommen? »Nun, ein Mittel gibt es wohl,
-Sie gänzlich zu heilen,« fuhr ich fort. »Jetzt steht Ihnen ja
-nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich so spröde nicht
-mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen
-Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit
-ihr aus dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu
-der Tante. Wie werden sich die ästhetischen Damen wundern,
-wenn Sie Ihre Novelle auf diese Art schließen und die holde
-Erscheinung aus den Lamentationen persönlich einführen!«</p>
-
-<p>Er schwieg, er weinte stille.</p>
-
-<p>»Oder wie! haben Sie etwa den Versuch schon gemacht?
-Sollten Sie abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der
-Spröden fortspielen?«</p>
-
-<p>»Sie ist tot!« antwortete der junge Mann.</p>
-
-<p>»Ist's möglich! höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?«</p>
-
-<p>»Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie
-begraben.«</p>
-
-<p>Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend
-ging er durch die Ruinen des Kolosseums.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span></p>
-
-<p class="h2" id="Mein_Besuch_in_Frankfurt">Mein Besuch in Frankfurt.</p>
-
-<h3 id="p2c1">1.<br />
-<span class="smaller">Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen sah.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt,
-so sollte man meinen, es gäbe keine heiligere Stadt in
-der Christenheit; denn sie feiern daselbst nicht wie z. B. in
-Bayern anderthalb oder, wie im Kalender vorgeschrieben, zwei
-Festtage, sondern sie rechnen vier Feiertage; die Juden haben
-deren sogar fünf, denn sie fangen in Bornheim ihre heiligen
-Uebungen schon am Samstag an, und der Bundestag hat sogar
-acht bis zehn.</p>
-
-<p>Die Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den
-wunderbaren Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die
-berühmtesten Mystiker am Pfingstfeste morgens den guten Leutchen
-ans Herz gelegt, was die immensesten Rationalisten mit
-moralischer Salbung verkündet hatten, das war so gut als in
-den Wind gesprochen. Die Fragen: »Ob man am Montag
-oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins
-<em class="gesperrt">Wäldchen</em> gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad
-zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim
-oder ins Vauxhall gehen solle, oder beides,« diese Fragen
-schienen bei weitem wichtiger als jene, die doch für andächtige
-Feiertagsleute viel näher lag: »Ob die Apostel damals auch
-Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?«</p>
-
-<p>Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen,
-der an solchen Tagen mehr Seelen für sich gewinnt, als das
-ganze Judenquartier in einer guten Börsenstunde Gulden?
-Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt.
-Leuten, die, von einem berühmten Belletristen verwöhnt, alles
-bis aufs kleinste Detail wissen wollen, diene zur Nachricht, daß
-ich im weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an der
-großen Table d'hote in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste;
-den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner
-ausbitten.</p>
-
-<p>Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und
-Stöhnen, das aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span>
-trat näher, ich hörte deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte
-und tobte, dann Rechnungen und Bilanzen, die sich in viele
-Tausende beliefen, nachzählte und dann wieder wimmerte und
-weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für die Schule nicht
-mächtig ist.</p>
-
-<p>Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und
-fragte ihn, wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich
-sich gebärde?</p>
-
-<p>»Nun,« antwortete er, »das ist der stille Herr.«</p>
-
-<p>»Der stille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig
-Aufschluß, wer ist er denn?«</p>
-
-<p>»Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn oder
-auch den Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich
-sonst Zwerner und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier.«</p>
-
-<p>»Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen,
-daß er gar so kläglich winselt?«</p>
-
-<p>»Ja! das weiß ich nicht,« erwiderte er, »aber seit dem
-zweiten Tag, daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er
-zwischen zwölf und ein Uhr in der neuen Judenstraße auf und
-ab geht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts, ißt nichts,
-und den ganzen Tag über jammert er ganz stille und trinkt
-Kapwein.«</p>
-
-<p>»Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft,« sagte ich, »setzen
-Sie mich doch heute mittag in seine Nähe.« Der Kellner versprach
-es, und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar.</p>
-
-<p>»Den zwölften Mai,« hörte ich ihn stöhnen, »Metalliques
-84¾, österreichische Staatsobligationen 87⅜, Rothschildsche
-Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132,
-preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo
-will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit
-im Himmel?«</p>
-
-<p>So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas
-Kapwein zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge
-dazu schnalzen; bald jammerte er wieder in den kläglichsten
-Tönen und mischte die Konsols, die Rothschildschen Unverzinslichen
-und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander.
-Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn sein Zimmer verlassen
-und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in
-welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.</p>
-
-<p>Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den
-Speisesaal trat, auf einen Stuhl: »Setzen sich der Herr
-Doktor nur dorthin,« flüsterte er, »zu Ihrer Rechten sitzt der<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span>
-Seufzer.« Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der Seite;
-wie man sich täuschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von
-melancholischem, gespenstigem Aussehen erwartet, wie man sie
-heutzutage in großen Städten und Romanen trifft, etwa bleichschmachtend
-und fein wie Eduard von der Verfasserin der Urika,
-oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick, wie einige
-Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das
-Gegenteil, ich fand einen Untersetzten, runden, jungen Mann
-mit frischen, wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber
-die trüben Augen beinahe immer niederschlug und um den
-hübschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem
-frischen Gesicht nicht recht paßte.</p>
-
-<p>Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen
-anbot, einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer
-vergebens; er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet
-von einem halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken
-schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu
-blicken, er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus und
-sah dann wieder seufzend auf seinen Teller.</p>
-
-<p>Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß
-sie einem Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und
-schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.</p>
-
-<p>Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts.
-Seine schon etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches,
-eingeschnurrtes Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze,
-weithervortretende Nase deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig
-Jährchen, die er haben mochte, etwas <em class="gesperrt">schnell</em> verlebt
-habe. Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten,
-von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete ein ruhiges, süßliches
-Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die zierliche
-Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch
-seine sehr jugendliche und modische Kleidung.</p>
-
-<p>Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel,
-und nach den zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem
-süßen Lächeln, womit er seine Blicke begleitete, zu urteilen,
-mußte er mit allen in genauen Verhältnissen stehen. Dieser
-Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, knöchernen Hand
-einen Spargel zum Munde führte und süßlich dazu lächelte, die
-größte Aehnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen, während
-mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen
-war.</p>
-
-<p>Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span>
-finsteren Augen maß, konnte ich nicht erraten. Endlich, als
-die Blicke meines Nachbars düsterer und länger als gewöhnlich
-auf jenem ruhten, fing das Kaninchen an, die Schultern und
-Arme graziös hin und her zu drehen, den Rücken auf künstliche
-Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen nach uns herüber
-zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: »Noch immer so düster,
-mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf
-meine Wenigkeit?«</p>
-
-<p>An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r
-wie gr auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen
-Salonmenschen zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache
-Profession machen. Und so war es, denn mein Nachbar antwortete:
-»Eifersüchtig, Herr Graf? Auf <em class="gesperrt">Sie</em> in keinem Fall.«</p>
-
-<p>Graf Rebs &ndash; so hörte ich ihn später nennen &ndash; faltete
-sein Mäulchen zu einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb
-zu, bog die Spitznase auf komische Weise seitwärts, strich mit
-der Hand über sein langes, knöchernes Kinn und kicherte.</p>
-
-<p>»Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also
-gar nicht eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst
-gestern abend noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie
-standen im Parterre und schauten mit melancholischen Blicken
-herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?«</p>
-
-<p>»Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts
-aufs Theater, und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit
-melancholischen Blicken.«</p>
-
-<p>»Herr Oberkellner,« lispelte der Graf, »Sie haben die
-Trüffeln gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man
-sich täuschen kann! Ich hätte auf Ehre geglaubt, Sie schauen
-herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka
-mochte es bemerken und Fräulein von Rothschild, denn als ich
-auf Sie hinabwies &ndash; Kellner, ich trinke heute lieber roten Ingelheimer,
-ein Fläschchen &ndash; ja, wollte ich sagen &ndash; das ist mir nun
-während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht es, wenn
-man soviel zu denken hat.«</p>
-
-<p>Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis
-des Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das
-Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen hatte, so schien ihm doch
-dieser Punkt zu interessant, als daß er nicht weiter geforscht
-hätte. »Nun, auch Fräulein von Rothschild hat bemerkt, daß
-ich melancholisch hinaufsah?« fragte er, indem er seine bitteren
-Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen suchte; »freilich,
-diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span></p>
-
-<p>»Richtig, das war es,« erwiderte Rebs, »das war es; ja,
-als ich auf Sie hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich
-machte, schlug sie mich mit ihrem Jokofächer auf die <span id="corr207">Hand</span> und
-nannte mich einen Schalk.«</p>
-
-<p>Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen
-röteten sich noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes
-erweiterte sich noch durch wilden Trotz, der in ihm
-wütete. Er zog den Kopf tief in die Schultern und blitzte das
-Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blick an. Er
-hatte nie so große Aehnlichkeit mit einem angenehmen Froschjüngling,
-der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem
-Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.</p>
-
-<p>Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung,
-wobei er das r noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er:
-»Werter Monsieur Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit
-dem Jokofächer keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur
-eine <em class="antiqua">Façon de parler</em> unter Leuten von gutem Ton. Wegen
-meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange man jung ist,«
-fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog und
-schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch,
-»zwar solange man jung ist, macht man sich hie und da ein
-Späßchen. Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt,
-Liebster! Haben Sie schon die Nichte des englischen Botschafters
-gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?«</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete mein Nachbar, leichter atmend.</p>
-
-<p>»Oh, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie &ndash; wie
-mein Rock hier, einen Mund zum Küssen, und in dem schönen
-Gesicht so etwas Pikantes, ich möchte sagen, soviel englische
-Rasse. Nun, wir sind hier unter uns, ich kann Sie versichern,
-es ist auffallend, aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschämt
-mich, aber auf Ehre, Sie können sich drauf verlassen,
-obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens hoffe ich mich
-auf Ihre Diskretion verlassen zu können; nein, es ist wirklich
-auffallend, in drei Tagen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf,
-was wollen Sie denn sagen?«</p>
-
-<p>Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem
-Augenblick anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn
-er kniff die Aeuglein zu, sein Kinn verlängerte sich, seine Nase
-bog sich abwärts nach den Lippen, und sein Mund war nur
-noch eine dünne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich
-gekrümmten Rücken und den Schulterblättern, als wolle er<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span>
-anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knöchlein seiner
-Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal mußte der
-Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er
-endlich hervorbrachte: »Sie ist in mich verliebt! Sie staunen;
-ich kann es Ihnen nicht übelnehmen, auch mir wollte es
-anfangs sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit; aber ich habe
-meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt.«</p>
-
-<p>»Sie Glücklicher!« rief der Seufzer nicht ohne Ironie.
-»Wo Sie nur hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen;
-übrigens rate ich, diese Engländerin ernstlicher zu verfolgen;
-so bedenken Sie, eine so solide Partie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Merke schon, merke schon,« entgegnete Rebs mit schlauem
-Lächeln, »es ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort
-gänzlich aus dem Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden
-doch nicht meinen, daß ich schon heiraten will? Gott bewahre
-mich! Aber wegen Rebekkchen dürfen Sie ruhig sein; ich ziehe
-mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht eine vorübergehende
-Neigung in dem Mädchen &ndash; Sie verstehen mich schon &ndash; das
-wird sich bald geben, ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich geliebt
-hat.«</p>
-
-<p>»Ich glaube auch nicht,« entgegnete der Seufzer mit einem
-Ton, in welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die
-Gesellschaft stand auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd
-zu den Damen, welchen er während der Tafel so zärtliche Blicke
-zugeworfen; ich aber folgte dem unglücklichen Seufzer.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="p2c2">2.<br />
-<span class="smaller">Trost für Liebende.</span></h3>
-</div>
-
-<p>»Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?« fragte
-ich meinen Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß.
-»Findet er wirklich bei den Damen so sehr Beifall, oder ist er
-ein wenig verrückt?«</p>
-
-<p>»Ein Geck ist er, ein Narr!« rief der Seufzende, indem
-er mit dem Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme
-umherwarf. »Ein alter Junggeselle von fünfundvierzig und
-spielt noch den ersten Liebhaber. Eitel, töricht, glaubt, jede
-Dame, die er aus seinen kleinen Aeuglein anblinzelt, sei in ihn
-verliebt, drängt sich überall an und ein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle
-in der Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?«</p>
-
-<p>»Ja, wenn die Damen dächten wie Sie, wertgeschätzter
-Herr! aber so lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall
-gebärdet, so &ndash; o Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen
-gemacht.«</p>
-
-<p>»Ei, ei!« sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und
-den Verzweifelnden hineinschob, »ei! lieber Herr Zwerner, wer
-wird so arge Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein
-Rebekka &ndash; setzen Sie sich doch gefälligst aufs Sofa &ndash; auf das
-Fräulein sollte er auch Eindruck gemacht haben, dieser Gliedermann?«</p>
-
-<p>»Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und
-geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm,
-sondern mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in
-ihrer Loge zu sehen oder auf der Promenade von ihm begrüßt
-zu werden, vielleicht wenn sie eine Christin wäre, hätte sie einen
-solideren Geschmack.«</p>
-
-<p>»Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?«</p>
-
-<p>»Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche
-Simon in der neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben
-dem Herrn von Rothschild, und eine Million hat er, das ist
-ausgemacht.«</p>
-
-<p>»Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem
-Gespräch des Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung
-machen?«</p>
-
-<p>»Ja,« erwiderte er ärgerlich, »wenn nicht der Satan das
-Papierwesen erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe
-und Angel. Glaube ich heute einen festen Preis, ein sicheres
-Vermögen zu haben, um vor Herrn Simon treten und sagen
-zu können: ›Herr! wir wollen ein kleines Geschäft machen miteinander,
-ich bin das Haus Zwerner und Komp. aus Dessau,
-stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?‹ Glaube
-ich nun, so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel
-die Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und
-meinem Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm
-um soviele Prozente höher, und an eine Verbindung ist dann
-nicht mehr zu denken.«</p>
-
-<p>»Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß Sie gewinnen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr
-Simon ist von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das
-Sinken dieser oder jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und
-dann ist nichts mit ihm anzufangen, denn er ist ein ausgemachter
-Narr und reif für das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und
-aus Rebekkchen, so gut sie sonst ist, guckt auf allen Seiten der
-jüdische Geldteufel heraus.«</p>
-
-<p>»Wie? sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so
-sehr nach Geld sehen?«</p>
-
-<p>»Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind,
-schlecht,« erwiderte er seufzend. »Titel oder Geld, Geld oder
-Titel, das ist es, was sie wollen. Können sie sich durch einen
-Leutnant zur gnädigen Frau machen lassen, so ist er ihnen eben
-recht, hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt dies den Adel zur
-Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines hat.«</p>
-
-<p>»Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Komp. in
-Dessau <em class="gesperrt">hat</em> Geld, woher also Ihr Zweifel an der Liebe des
-Fräuleins?«</p>
-
-<p>»Ja, ja!« sagte er etwas freundlicher, »wir haben Geld,
-und soviel, um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn
-Simon zu freien, aber Sie kennen die Frankfurter Mädchen
-nicht, werter Herr! Ist von einem angenehmen, liebenswürdigen
-jungen Mann die Rede, so fragen sie: wie steht er? Steht er
-nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er in ihren Augen
-ein Subjekt, an das man nicht denken muß.«</p>
-
-<p>»Und Rebekka denkt auch so?«</p>
-
-<p>»Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der
-neuen Judenstraße? Ach! ihre Neigung zu mir wechselt nach
-dem Kurs der Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen
-ließ, viele Metalliques und preußische Staatsschuldscheine
-zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen
-Mächte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert
-die Pforte, so gewinne ich und werde ein reicher Mann.
-Gewinnt der Großtürke und sein Reis-Efendi, so bin ich um
-zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht mehr würdig,
-um sie zu freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf
-gar wohl, und ihr Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater.
-Bald möchte sie gerne, daß die Pforte das Ultimatum annehme,
-um mein Glück zu fördern. Bald denkt sie wieder, wieviel ihr
-Vater durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren
-könnte, und wünscht dem Efendi soviel Verstand als
-möglich. Ich Unglücklicher!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span></p>
-
-<p>»Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?«
-fragte ich.</p>
-
-<p>Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl
-sich aus seiner Brust. »Wie sollte ich sie nicht lieben?« antwortete
-er. »Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und
-nach des Vaters Tod eine halbe Million, und wenn Gott den
-Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernünftig
-und liebenswürdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches;
-ein schwarzes Auge voll Glut, eine kühn geschwungene
-Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn liebe, etwas dunkel
-und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte
-man ein solches Geschöpf nicht lieben?«</p>
-
-<p>»Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den
-Grafen Rebs?«</p>
-
-<p>»O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um
-sie, aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß,
-daß bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk,
-und schämt sich, in guter Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten.
-Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt
-und spricht Preußisch. Sie sollten hören, wie schön es
-klingt, wenn sie sagt, ›Ißßt es möchlich?‹ oder: ›es jinge wohl,
-aber es jeht nich.‹«</p>
-
-<p>Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares
-Volk, diese jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich
-hinter ihrem Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus
-den trefflichsten Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie
-sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie
-abends durch die Promenade gehen, oder Sonntags, gekleidet
-wie Herren <em class="antiqua">comme il faut</em>, auf Kirchweihen oder sonstigen
-Bällen sich amüsieren. Reisen sie hernach, so dreht sich ihr
-Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der
-nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger
-empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers,
-die, wie sie glauben, noch lange um den schönen, wohlgewachsenen
-jungen Mann weinen wird. Sie haben irgendwo
-gelesen oder gehört, daß der Handelsstand gegenwärtig viel
-zu bedeuten habe; darum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und
-ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß einer von sich sagte:
-»Kaufmann oder Bänderkrämer«, sondern: »Ich reise in Geschäften
-des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein,« und fragt man,
-in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen,
-sie ganz bescheiden antworten zu hören: »Knöpfe, Haften und<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span>
-Haken, Tabak, Schnupf- und Rauch- und dergleichen bedeutende
-Artikel.« Haben sie nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein
-Schätzchen zurückgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden,
-wenn von Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante Geschichte
-erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim Mondschein kennen
-gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen, unter hundert
-Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen etc. ein Seidenpapier
-hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne
-der Geliebten enthält.</p>
-
-<p>Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die
-fahrenden Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht
-zukommt, mit eingelegter Lanze <em class="antiqua">à la</em> Don Quichotte eurer
-Jungfrauen Schönheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder
-Kneipe nicht weniger Verwüstung an wie jener mannhafte
-Ritter und seid überdies meist euer eigener Sancho Pansa an
-der Tafel.</p>
-
-<p>Eine solche liebenswürdige Erziehung aus Kontorspekulationen,
-Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt,
-schien nun auch mein Nachbar Seufzer genossen
-zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht
-wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen,
-Kuriere nicht von <em class="gesperrt">Höchst</em> oder von <em class="gesperrt">Langen</em>, sondern von
-Wien, sogar mit <em class="gesperrt">authentischen</em> Nachrichten kommen zu
-lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde
-nicht alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas
-machen kann, warum sollte es ein anderer nicht auch können,
-wenn sein Geld ebenso gut ist als das des großen Makkabäers?</p>
-
-<p>Zwar <em class="gesperrt">ein</em> solcher Sperling macht keinen Sommer. <em class="gesperrt">Eine</em>
-solche Handelsseele mehr oder weniger mein kann mir nicht
-nützen. Doch die Nüancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel,
-bis ein solcher Hecht ins Netz geht, und darum beschloß ich,
-ihm zu nützen, ihn zu fangen.</p>
-
-<p>»Ich bin,« sagte ich zu ihm, »ich bin selbst einigermaßen
-Papierspekulant, daher werden Sie mir vergeben, wenn ich
-Ihre bisherige Verfahrungsart etwas sonderbar finde.«</p>
-
-<p>»Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert. »Als ich
-in Dessau war, ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel
-schicken? Und hier, gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle?
-Gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstraße, um das
-Neueste zu erfragen?«</p>
-
-<p>»Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie,
-Herr Zwerner (er verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span>
-mit diesen Mitteln, der etwas wagen will, muß <em class="gesperrt">selbst</em> eingreifen
-in den Lauf der Zeiten.«</p>
-
-<p>»Aber mein Gott,« rief er verwunderungsvoll, »das kann
-ja jetzt niemand als der Rothschild, der Reis-Efendi und der
-Herr von Metternich. Wie meinen Sie denn?«</p>
-
-<p>»Ueber Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger
-Tag, eine einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel,
-wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell
-hierher kommt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie stürzt.
-Ebenso im Gegenteil, können Sie durch eine solche Nachricht
-sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen.«</p>
-
-<p>»Gewiß, gewiß,« seufzte er. »Aber ich sehe nur noch nicht
-recht ein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt
-sie? Das Ministerium in Wien oder ein guter Freund,
-der sehr nahe hingehorcht und dem <em class="gesperrt">großen Portier</em> ein
-Stück Geld in die Hand gedrückt hat, läßt noch in der Nacht
-einen Kurier aufsitzen. Der reitet und fährt und fliegt nach
-Frankfurt, und bringt die Depesche, wem?«</p>
-
-<p>»Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!«</p>
-
-<p>»Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier
-kann ich Ihnen um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen
-in Wien. Man kann dort mancherlei erfahren, ohne gerade
-der österreichische Beobachter zu sein. Kurz, wir lassen einen
-Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden
-Vorfalls kommen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder
-der Kaiser von Rußland sei plötzlich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die
-Leute glauben! Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muß auf
-der Börse wirken!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden?
-habe dem Islam geschworen?«</p>
-
-<p>»Ich sage Ihnen, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu,
-die Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie
-nun diese Nachricht mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen,
-lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiterreisen,
-lassen Sie den Brief einige Geheimniskrämer lesen, gehen kurze
-Zeit darauf in die Börsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind
-ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab.«</p>
-
-<p>»Aber, lieber Herr,« erwiderte der Kaufmann von Dessau
-kläglich, »das wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span>
-pflegt, eine Sünde für einen rechtlichen Mann, bedenken Sie,
-ein Kaufmann muß im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er
-Kredit haben.«</p>
-
-<p>»Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er
-riechen muß, und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie
-am Ende Ehrlichkeit? Ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfund
-Kaffee betrügen, ob Sie einem alten Weibe ihr Lot Schnupftabak
-zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im
-großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe.«</p>
-
-<p>»Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der
-Prise, die das Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man
-zu sagen pflegt; aber wenn ich einen solchen Kurier kommen
-lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der
-ganzen Börse werden; viele Häuser können fallieren, andere
-wanken und im Kredit verlieren, und das wäre dann meine
-Schuld!«</p>
-
-<p>»So, mein Herr?« sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu
-der schwachen Seele. »So, Sie schämen sich nicht, die Moral,
-das Herrlichste, was man auf Erden hat, so zu verhunzen?
-Also wegen der Folgen wollen Sie nicht? Nicht vor dem Beginnen
-an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurück?
-Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende
-nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder
-glauben Sie, eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß
-man im weißen Schwanen wohnt und seufzt, daß man zur
-Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?«</p>
-
-<p>»Aber, mein Herr,« rief der Seufzer etwas pikiert, »ich
-weiß gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für
-eine Teilnahme erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen
-soll?«</p>
-
-<p>»Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie
-haben mir Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt,
-daher meine Antwort. Uebrigens bin ich ein Mann,
-der reist, um überall das Treffliche und Erhabene kennen zu
-lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick
-solches gefunden zu haben.«</p>
-
-<p>»Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie
-wie die meine&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf
-Ihrer Stirne thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund
-weht ein anziehender Geist&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span></p>
-
-<p>»Finden Sie das wirklich?« rief er, indem er lächelnd
-meine Hand faßte und verstohlen nach dem Spiegel blickte; »es
-ist wahr, man hat mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart
-hat man mir sogar versichert, ich sei dem berühmten Dannecker
-auf der Straße aufgefallen, und er sei eigens deswegen
-einigemal in den König von England gekommen, um von mir
-etwas für seinen Johannes abzusehen.«</p>
-
-<p>»Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich
-bin, überraschen, so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter
-dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge zu finden!«</p>
-
-<p>»Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren
-Vorschlag durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken,
-einige kleine Zweifel stiegen in mir auf, und &ndash; nun, Sie haben
-wahrlich nicht unrecht, ich fühle einen gewissen Mut, eine gewisse
-Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja &ndash; so gut
-es ein anderer tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei,
-wie Sie sagten, ich will es daran rücken und einen Kurier
-kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="p2c3">3.<br />
-<span class="smaller">Ein Schabbes in Bornheim.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch
-quälte, war die Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden
-Verlust zu stürzen, wenn er seine Operation nach meinem
-Plane einrichte. Doch auch dafür wußte ich ein gutes, sehr
-einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon in der neuen
-Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende
-Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der
-Jude an dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann
-zugleich mit dem Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt
-und mußte einige Achtung vor einem Mann bekommen, der so
-genau die politischen Wendungen zu berechnen wußte, der seine
-Kombinationen so geschickt zu machen verstand.</p>
-
-<p>Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf
-den Gedanken, noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu
-sprechen, und lud mich ein, mit ihm nach <em class="gesperrt">Bornheim</em> zu
-fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten Judenquartiers,
-der neuen Judenstraße, überhaupt alle Stämme
-Israels versammelt habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span></p>
-
-<p>Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer
-Mensch geworden zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete
-freundlich vom Glanze der Hoffnung, sein Auge hob sich freier;
-um seine Stirne, seinen Mund war jede Melancholie verschwunden,
-sein großer runder Kopf steht nicht mehr zwischen
-den Schultern, er trägt ihn freier, erhabener, als wollte er
-sagen: »Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das
-Haus Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende
-Person an der Börse, und wenn es gut geht, Bräutigam
-der schönen Rebekka Simon in der neuen Judenstraße!«</p>
-
-<p>Aus dem Garten des goldenen Löwen in Bornheim tönten
-uns die zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das
-Geigen verstimmter Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ
-sich vormusizieren im Freien wie einst ihr König Saul, wenn
-er übler Laune war. Wir traten ein; da saßen sie, die Söhne
-und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden
-Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern,
-wie aus <em class="gesperrt">einer</em> Form geprägt, da saßen sie vergnügt und
-fröhlich plaudernd und tranken Champagner aus saurem Wein,
-Zucker und Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen
-Gruppen unter den Bäumen, und der Garten war anzuschauen,
-als wäre er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom
-Berge gesehen und seinem Volk verheißen hatte. Wie sich doch
-die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld!</p>
-
-<p>Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig
-Jahren keinen Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen
-durften, sondern bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben,
-die den Hut abziehen mußten, wenn man ihnen zurief: »Jude,
-sei artig, mach' dein Kompliment!« dieselben, die von dem
-Bürgermeister und dem hohen Rat der freien Stadt Frankfurt
-jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier.
-Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen. Ueberladen
-mit Putz und köstlichen Steinen saßen die Frauen und Judenfräulein;
-die Männer, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen
-und die vorgebogenen Kniee ihres Volkes verleugnen,
-suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines
-Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die
-Männer hatten sich sonntäglich und schön angetan, ließen
-schwere goldne Ketten über die Brust und den Magen herabhängen,
-streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitärs besteckt,
-von sich, als wollten sie zu verstehen geben: »Ist das nicht
-was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte Volk?<span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span>
-Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir?
-Wem ist Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders
-als uns?«</p>
-
-<p>»Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle
-des Morgens,« rief der Seufzer in poetischer Ekstase und
-zerrte mich am Arme; »schauen Sie dort, unter dem Zelt von
-hölzernem Gitterwerk. Der mit dem runden Leib, der langen
-Nase und den grauen Löckchen am Ohr ist der Vater, Herr
-Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau rechts mit
-den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist die
-Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft
-zu separieren nach und nach.«</p>
-
-<p>»Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? ich sehe sie
-noch nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante,
-das Gestirn des Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir
-näher. Doch eben fällt mir bei, ich muß Sie vorstellen; wie
-nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?«</p>
-
-<p>»Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien,«
-gab ich ihm zur Antwort, »reise in Geschäften meines Hofes
-nach Mainz.«</p>
-
-<p>»Ah,« rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich
-an den Hut gegriffen hatte, »Le&ndash;Legationsrat, wirklicher, und
-nicht bloß Titular ums liebe Geld? Das freut mich, Dero
-werte Bekanntschaft zu machen. Hätte es mir gleich vorstellen
-können, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffairen.
-Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen können; haben so
-etwas Diplomatisches, Kabinettmäßiges in Dero Visage.«</p>
-
-<p>»Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden,
-ich hoffe, Ihnen nützlich sein zu können.«</p>
-
-<p>Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein
-Begleiter errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen
-vom Hellroten ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte
-an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er anzusehen
-wie eine schöne dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, »das
-neidische Gewölk,« erhob sich, und nun ward auch das Gestirn
-des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die Kalle, ich meine
-Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel. &ndash; Sie hatte, um
-mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen
-konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich
-er zur Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus
-Dessau bei der Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte,
-machte er sich an die Taube von Juda und überließ es mir,
-den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm
-einigen Respekt eingeflößt zu haben. »Haben da ein schönes
-Fach erwählt, Herr von Schmelzlein,« bemerkte er wohlgefällig
-lächelnd; »habe immer eine Inklination für die Diplomatik gehabt,
-aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter
-oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus
-der ersten Hand! Man kann viel komplizieren und dergleichen;
-was ließen sich da für Geschäfte machen!«</p>
-
-<p>»Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
-Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat
-auch seinen Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht
-einem wie ein Rad im Kopf umher.«</p>
-
-<p>Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten,
-mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. »Zeviel?« sagte
-er. »Ich für meinen Teil kann nie zeviel wissen. Was die
-Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke
-oft mehr tun als eine lange Rede im Frankfurter
-Museum. Nu, <em class="gesperrt">Sie</em> stehen solide in Wien. Ihr Staat ist ein
-gemachtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem
-Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.«</p>
-
-<p>»Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!«</p>
-
-<p>»Gut, <em class="antiqua">très bien bon</em>! Gut gegeben, hi! hi! hi! <em class="antiqua">à propos</em>,
-wissen Sie Neues aus daher?« Er rückte mir noch näher und
-wurde verfänglicher.</p>
-
-<p>»Herr Simon,« sagte ich mit Artigkeit ausweichend, »Sie
-wissen, es gibt Fälle&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie!« rief er erschrocken, »Gotts Wunder! Neue Fallissements,
-waas! Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon
-ein Strafgericht des Herrn gewesen? Waas?«</p>
-
-<p>»Um Jottes willen, Papa!« schrie Rebekka, indem sie den
-Arm des zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. »Doch
-kein Unglück? Mein Jott! Doch nicht hier in Frankfort?«</p>
-
-<p>»Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach
-mit Ihrem Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle
-auf, und er hat mich holter nicht recht verstanden.«</p>
-
-<p>Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf
-den erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und
-atmete tief.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span></p>
-
-<p>»Nee! Was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie
-sich keenen Bejriff von!« lispelte sie. »Mein Herz pocht schrecklich!
-Na, erzählen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie
-hätten ins Parterre jestanden und wären melancholisch jewesen?«</p>
-
-<p>Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die
-Blicke des Seufzers wurden feuriger, er zog, als »das Gewölke«
-ein wenig im Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der
-Jüdin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders recht
-gehört hatte, daß nächstens die Metalliques und die …
-um drei Prozent steigen werden.</p>
-
-<p>»Herr von Schmelzlein!« sagte der Alte, nachdem er
-einigen koscheren Wein zu sich genommen hatte, »Sie haben
-mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie vergesse.
-Fallen, Fälle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft
-aussprechen! Nun, Sie wollten sagen?«</p>
-
-<p>»Es gibt Affairen,« fuhr ich fort, »wo der Diplomat
-schweigen muß. Ueber das Nähere meiner Sendung z. B.
-werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur soviel kann
-ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Der Gott meiner Väter tue mir dies und das!« rief er
-feierlich. »So ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder
-seinem Sohn oder seiner Tochter das geringste&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, soviel
-kann ich Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis
-eintreten wird; <em class="gesperrt">ganz</em> zu allernächst. <em class="gesperrt">Für</em> oder <em class="gesperrt">gegen</em> wen,
-darf ich nicht sagen; doch Herr von Zwerner&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Von</em> Zwerner?«</p>
-
-<p>»Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht;
-an ihn war ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich
-glaube, wenn ich anders richtig schließe, er muß in den nächsten
-Tagen Kuriere aus Wien bekommen.«</p>
-
-<p>»Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar,
-ich sagte immer, hinter <em class="gesperrt">dem</em> steckt etwas; geht so tiefsinnig,
-kalkulierend umher, hat wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig
-viele Metalliques gekauft; ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere
-mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt sich wohl
-um das Ultimatum mit der Pforte?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Ei, darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er
-eingewilligt, der Efendi? Hat er?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>»Mein Herr Simon, ich bitte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen,
-aus Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?«</p>
-
-<p>»Trauen Sie auf nichts, ich <em class="gesperrt">warne</em> Sie, auf keine Nachricht
-trauen Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß
-vielleicht mancherlei und hat nicht das drückende Stillschweigen
-eines Diplomaten zu beobachten.«</p>
-
-<p>»Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von
-Wien, und der Zwerner aus Dessau; zwar, er ist ein solides
-Haus, das ist keine Frage, aber denn doch nicht so außerordentlich.
-Ob sich wohl was mit ihm machen ließe?« setzte er tiefer
-nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den
-Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß sich diese
-beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Dies war der
-Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder.
-Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu
-nähern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes
-ein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="p2c4">4.<br />
-<span class="smaller">Das gebildete Judenfräulein.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig,
-nämlich kokett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.</p>
-
-<p>»Ich liebe die Tiplomattiker,« sagte sie unter anderem mit
-feinem Lächeln und vielsagendem Blick. »Es is so etwas Feines,
-Jewandtes in ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann
-von jutem Jeschmack schon von ferne an, und wie angenehm
-riechen sie nach <em class="antiqua">Eau de Portugal</em>!«</p>
-
-<p>»O gewiß, auch nach <em class="antiqua">Fleur d'orange</em> und dergleichen. Wie
-nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel
-unter die Leute?«</p>
-
-<p>»Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren
-haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die
-jüngeren aber, die indessen hier bleiben und die Geschäfte
-treiben, sie müssen Pässe visieren, sie müssen Zeitungen lesen,
-ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen das Papier ordentlich
-zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun solche
-junge Herren Tiblomen sind, das sein ganz scharmante Leute,<span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span>
-wohnen in die <em class="antiqua">Chambres garnies</em>, essen an die <em class="antiqua">Tables d'hôte</em>,
-jehen auf die Promenade schön ausstaffiert <em class="antiqua">comme il faut</em>, haben
-zwar jewöhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.«</p>
-
-<p>»Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein
-Fräulein, ist er wohl echt?«</p>
-
-<p>»Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes
-anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir gekostet
-achthundert Gulden, die ich in die Rothschildschen Los
-gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert
-Gulden, und dieser Ring zweitausend. Ja, man jeht
-sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von den jutem Ton wie
-unsereine.«</p>
-
-<p>»Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache,
-mein Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?«</p>
-
-<p>»Finden Sie das ooch?« erwiderte sie anmutig lächelnd.
-»Ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee,
-in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber
-es macht, ich lese viel und bilde auf die Art meinen Jeist und
-mein Orkan aus.«</p>
-
-<p>»Was lesen Sie? wenn man fragen darf.«</p>
-
-<p>»Nu, <em class="antiqua">Bellettres</em>, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin
-abbonniert bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der
-weißen Schlange, und der verproviantiert mich mit Almanachs
-und Romancher.«</p>
-
-<p>»Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?«</p>
-
-<p>»Nee, das tu' ich nicht. Diese Herren machen schlechte
-Jeschäfte in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu
-studiert, nich natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie
-wieder! Das is was Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften!
-Ich werde rot, wenn ich nur daran denke. Wissen
-Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin &ndash;
-ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich vor&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade
-in diesen Gedanken eine erstaunliche Tiefe &ndash; ein Chaos
-von Möglichkeiten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nu, kurz, den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist,
-das is der Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses
-Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemüts,
-ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natürlich! Wenn
-mir die andern alle vorkommen wie schwere vierhändige Sonaten
-mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die
-kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, so wie der Mozart,<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span>
-der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein
-anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach,
-das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es
-ist etwas Herrliches!«</p>
-
-<p>»Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich
-liebe diesen Schriftsteller über alles. Diese anderen, besonders
-ein Schiller, wie wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit
-getan. Man sollte meinen, er wolle moralische Vorlesungen
-halten. Er ist, um mich eines anderen Gleichnisses zu bedienen,
-schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als
-heiter macht. Aber dieser Clauren! er kommt mir vor wie
-Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet.
-Der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte, setzt
-er auch im Grunde viele Hefen an, so ›brüsselt‹ er doch mit allerliebsten
-tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er
-berauscht, er macht die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein.«</p>
-
-<p>»O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren
-vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden
-Wein, so etwa die Hälfte, jießt Mineralwasser dazu, und
-nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in das Janze, und unser
-Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt
-und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich, und ist ein wohlfeiles
-Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. Und
-das angenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei
-zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der
-Körper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie anjenehm
-läßt es sich dabei einschlafen!«</p>
-
-<p>»Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen,«
-rief lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an
-der Hand, zu uns trat. »Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich
-habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht auch wie
-ein Buch und liest den ganzen Tag.«</p>
-
-<p>»Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl
-tiefe Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon
-hören? Wie werden sie in der nächsten Woche stehen, die
-Metalliques? Recht hoch? Hab' ich es erraten?«</p>
-
-<p>»Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim
-gehalten werden! Muß <em class="gesperrt">einen</em> großen Schlag geben. Ist
-ein Goldmännchen, der Herr von Zwerner. Setzen Sie sich zu
-ihr hin und klären ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt
-ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die Rebekkchen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span></p>
-
-<p>Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf
-zierlichen Beinchen heran? Was lächelt schon von weitem so
-freundlich nach der Kalle des Herrn Simon? War es nicht
-das Gräfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in
-alle Damen verliebt ist und alle bezaubert? Er war es, er kam
-hereingeschwänzelt.</p>
-
-<p>Er schnupfte und ächzte, als er herankam, und doch konnte
-er auch in dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu
-sein schien, sein liebliches, süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er
-warf sich ermattet neben Rebekka in einen Sessel, streckte die
-dünnen Beinchen, so mit zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen
-beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die
-schöne Jüdin und sprach: »Habe die Ehre, vergnügten Abend
-zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!«</p>
-
-<p>»Mein Jott! Herr Israel! Graf Rebs, was haben Sie
-doch? Ihre Wangen sind janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben
-stehen. Er antwortet nich! Herr Tipplomat, <em class="antiqua">Eau de Cologne</em>!
-Haben Sie keines bei sich in die Tasche?«</p>
-
-<p>So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den
-Ohnmächtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich kein <em class="antiqua">Eau de Cologne</em>
-bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen
-und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die
-Nase blasen. Doch der Vater wußte bessern Rat: »Da geht einer,«
-rief er freudig, »da geht ein scharmanter junger Herr, ist in Kondition
-nicht weit von uns, der trägt beständig etzliches Kölner
-Wasser in seiner Rocktasche!«</p>
-
-<p>Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war,
-als er ihm mit schrecklichen Gebärden das <em class="antiqua">Eau de Cologne</em>-Fläschchen
-abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er
-die Krämer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten
-das arme Kaninchen wieder zu sich. Er schlug die Augen auf,
-seufzte tief und lächelte. »Mich gehorsamst zu bedanken,«
-lispelte er mit zitternder Stimme, »für die gütigst geleistete
-Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut. Fast als hätte ich
-mehr Bier getrunken als dienlich.«</p>
-
-<p>»Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?« fragte Rebekka,
-ihn etwas mißfällig betrachtend.</p>
-
-<p>»Mit nichten und im Gegenteil,« erwiderte er, indem er
-den Rücken zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über
-die Brust herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte.
-»Mit nichten, habe sonsten eine überaus starke Konstitution.
-Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span></p>
-
-<p>Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder
-wie immer, wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien
-oder auch von Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde.
-Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas lästig
-schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im goldenen
-Brunnen gewesen, sich allda etwas betrunken und nachher mit
-dem ehrsamen Pastor Münster Streit und kirchlichen Skandal
-angefangen, nach seiner Gewohnheit?</p>
-
-<p>»Nach meiner Gewohnheit?« rief das Kaninchen erschrocken,
-»ich ein Unruhestifter oder Säufer, ich in dem goldenen Brunnen,
-ich, der ich nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und
-den Englischen Hof, den Weidenbusch, in welchem ich logiere,
-und den weißen Schwanen mit meinem Besuch beehre? Nein!
-er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging,
-sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: ›Das ist
-auch so ein <em class="gesperrt">Stein des Anstoßes</em>, auch so ein Mystiker.‹
-&ndash; ›Herr Pfarrer,‹ sagte ich, ›guten Abend, aber ein Mystiker
-bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten
-öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim.‹ &ndash; ›Sie wollen
-keiner sein?‹ antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so
-daß sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die
-Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückten. ›Wollen keiner
-sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum?
-Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im Pariser,
-Weiden- und anderen Höfen geschimpft über mich, daß ich ein
-gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?‹
-Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgesprochen,
-aber nicht aus Mystizismus, sondern weil ich
-glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm
-berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung
-an. Ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg und
-wollte schnell weitergehen, aber er setzte mir mit weiten Schritten
-nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem
-Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen
-zu haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen,
-statt des Frühstücks, magnetisieren lasse und dergleichen. Und
-erst hier an der Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz
-von mir ab.«</p>
-
-<p>»Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?« fragte ich.
-»Halten denn die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie
-es Sitte war zur Zeit der Apostel?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span></p>
-
-<p>»In Frankfurt,« belehrte mich der Kaufmann aus Dessau,
-»in Frankfurt ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den
-Pfarrern, und ihre Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker
-und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der eine wirft dem
-andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein
-Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf
-den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und Trinkstuben,
-auf Chausseen und Kasinos wird gekämpft, und so konnte es
-leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft
-in die Hände fiel. &ndash; Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht
-irre, so fährt dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und
-sie halten vor dem Garten, sie steigen aus?«</p>
-
-<p>»Ah, sie hat mich bemerkt,« rief das Kaninchen sehr freundlich,
-»sie schaut schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre,
-mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß ich mich
-entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und
-Sie wissen selbst, bei solchen Affären&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte
-mit zierlichen Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem
-Drang seines Herzens die junge Dame auf den glacierten
-Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens dieses Zeichen seiner
-Verehrung überaus komisch vorkommen, denn ihr Lachen drang
-bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der Lord,
-indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.</p>
-
-<p>Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte
-sich, daß es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ
-daher seinen schönen Wagen vorfahren und verließ mit den
-Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glück, Rebekkchen
-in den Wagen heben zu dürfen und kam mit ganz verklärtem
-Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die
-Hand gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz
-fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen,
-morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span></p>
-
-<h3 id="p2c5">5.<br />
-<span class="smaller">Der Kurier aus Wien kommt an.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles
-Ergötzliche und Interessante erzählen, was ich in der freien
-Stadt Frankfurt erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo
-ich oft hinter den Stühlen der Kurfürsten stand und den Kaiser
-wählen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Römer
-und beim Römer saß, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen
-Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der
-Krone geschmückt worden war. Nein, von den heutigen
-Tagen könnte ich dir viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen
-Wesen der Diplomatie, von dem herrlichen
-Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird,
-ich meine den deutschen Bundestag, von dem herrlichen Treiben
-und Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte
-zwischen seinen Anhängern und Rationalisten, und wie es im
-Wirtshaus zum goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden
-Raufereien kam zwischen beiden Parteien, das heißt &ndash; nur mit
-schneidenden Zungen und stechenden Blicken. Ich könnte dir
-erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst man junge Fräulein
-für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im Gitarrespielen
-und anderen Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen
-muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von
-jener Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde
-wohnen, deren der geringste über Millionen gebietet.</p>
-
-<p>Doch ich schweige von diesem allen, weil ich mir vorgenommen,
-dir einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den
-ehrlichen, seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem
-Teufelskind machte. Der erste Schritt vom ehrlichen Mann
-zum schlechten oder Betrüger ist an sich klein und dennoch bedeutend,
-weil man leicht sozusagen in Schuß kommt und unaufhaltsam
-bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp.
-Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit
-einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften
-den geraden, ehrlichen Weg, nicht weil er ihm angenehmer war,
-sondern weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege
-zu machen.</p>
-
-<p>Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der
-Probe war, und daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf
-jeden Fall keine Tugend ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem
-Los, sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon
-machte ihn straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe
-macht, die süße Art, wie ich es ihm eingab. Jetzt ist, um das
-Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann
-ein Betrüger geworden. Er wird, weil es ihm diesmal leicht
-wird, zu betrügen, das nächste Mal Aehnliches versuchen. Das
-Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist
-ja doch schon zum Teufel, warum soll er sich also genieren? Der
-große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die ersten Versuche
-des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden, gewöhnlich gut
-ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir
-Geschäfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen,
-sie mit Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von
-denen die Sage geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft haben,
-hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten
-mir zu wenig vertraut, und nicht ich war es, der sie verließ, sie
-hatten sich selbst verlassen.</p>
-
-<p>Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken
-Pfarrer anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein
-Zweck, mit psychologischen Abhandlungen meinen Leser zu ermüden
-oder sogar abzuschrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa
-von den Winken einiger gelehrten Leute verführen, die behaupteten,
-es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische
-Psychologie in meinen Memoiren, ich sei für einen deutschen
-Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger Meßkatalogus
-einregistrieren lassen, nicht gründlich genug?</p>
-
-<p>Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen.
-Sobald man vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege,
-so auch im Niederschreiben von Memoiren. Ich werde
-kurz sein.</p>
-
-<p>Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche
-Gedanken der Reis-Efendi in einer Privatunterredung mit
-Herrn von Minciaky über das russische Ultimatum geäußert.
-Ja, um redlich zu sein, ich hatte selbst großen Anteil an jener
-Wendung der Dinge, weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht
-etwas auf die Spitze gerückt zu werden schien und mehr
-Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von
-Revolutionen und anderen lustigen Artikeln nur <em class="gesperrt">träumt</em> und
-im <em class="gesperrt">Schlafe</em> spricht. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen,
-als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und
-in meiner Hand lag es, die Papiere steigen oder fallen zu<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span>
-machen. Der Vater der schönen Rebekka hatte in den letzten
-Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine
-Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten Steigen der &ndash;&nbsp;&ndash;
-auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung herrschte
-in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der
-Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen
-wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, »das neidische Gewölk«,
-mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend
-im Haus umher. Die Kalle war die Mutigste von allen. Zwar
-war auch sie in einiger Bewegung, denn sie las nicht mehr, weder
-in Clauren noch in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal
-wollte sie nicht ansehen, sie spielte auch nicht mehr auf
-der Harfe, aber doch trug sie das Köpfchen noch so hoch wie
-zuvor und ermutigte durch manche Rede die zagenden Bundestruppen.</p>
-
-<p>Der Seufzer war gänzlich vom Verstand gekommen. Bald
-war er tiefsinnig und zweifelte an seinem Glück, besonders in
-der Nähe der schönen Jüdin, wenn er sich die Höhe seiner
-Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle dachte. Dann war er
-wieder ausgelassen fröhlich und sprach allerlei verwirrtes Zeug,
-wie er ein Millionär zu werden gedenke, wie und wo er sich ein
-Haus bauen wolle, und was dergleichen überschwengliche Gedanken
-mehr waren, der Kalle aber flüsterte er ins Ohr, daß
-er sich wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau Baronesse
-von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf
-der Landkarte auszumitteln wäre.</p>
-
-<p>Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag,
-und die Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise
-hinaus an den Main, um sich übersetzen zu lassen nach dem
-Wäldchen, und die Männer riefen ihnen nach, nur einstweilen
-alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur noch auf die Börse gingen
-und bald nachkämen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme,
-und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog hinaus,
-doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem
-eleganten Wagen. Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich
-und nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: »Dich kenne
-ich wohl, Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen
-Strümpfen einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem
-allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne
-ich wohl; komm aber nur hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir
-wohl wieder ein Wort zusammen.« Da fuhr sie hin, die gute
-Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Großmutter, und sehr<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span>
-angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht;
-da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend
-fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in
-feinem Herzen trugen: »Du sollst den Feiertag heiligen, und
-an Pfingsten auch den dritten und vierten.«</p>
-
-<p>Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte
-man sich allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte
-das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von
-heute nichts Besonderes. Da jagte um elf Uhr ein Kurier durch
-das Tor, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt, er sprengte,
-greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Straße, Million
-genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die
-Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus,
-um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Straßenlärm.
-»Wo kümmt er här? Wo will er hün?« riefen sie.
-»In weißen Schwanen,« schrie er, »ich habe den Weg verfehlt,
-wo geht's in weißen Schwanen?« &ndash; »Der Herr is wohl ä
-Korrier?« &ndash; »Freilich, nur schnell,« rief er und zog einen
-Brief mit großem Sigill aus der Tasche, »das kommt von Wien
-und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im weißen Schwanen.«
-&ndash; »Da an der Ecke geht's rechts, dann die Straße links, dann
-kommt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache,
-und von dort ist's nimmer weit.« So riefen sie, schauten
-ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte, und besprachen
-sich dann über die Straße hinüber, was wohl die Depesche
-aus Wien enthalten möchte. Der Kurier aber war
-niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister, in die
-Uniform eines hessischen Postillons gekleidet.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="p2c6">6.<br />
-<span class="smaller">Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis-Efendi
-dem Herrn von Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle
-Mitteilung gemacht habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit
-es Rußland betreffe, annehmen werde.</p>
-
-<p>Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu
-tun hatte. Er fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon
-und mit diesem zu Herrn von R…, dem Papst der
-Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen<span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span>
-Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er selbst hatte schon
-zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz,
-und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er
-so leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht
-bringen und prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks.
-»Gotts Wunder!« sprach er bedächtlich riechend, »Gotts
-Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, wie es nur in Wien
-selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte zu solchen Depeschen
-zu verwenden pflegen.« Dann betrachtete er genau das Kuvert
-des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation
-von Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich
-sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er
-zur Hand hatte, und &ndash; sie waren richtig.</p>
-
-<p>Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus
-Dessau, als ein kleines Paarmal&shy;hunderttausend&shy;guldenmännchen
-so obenhin behandelt, wie der Löwe das Hündchen, so wuchs
-jetzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er hätte zwar
-am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltschweren
-Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war, machte er
-gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von
-der wichtigen Nachricht avertiert habe, und berechnete dabei,
-welche Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte,
-indem er annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die <em class="gesperrt">er</em> in
-Wien für solche Winke bezahlte, überboten haben. Es war
-Börsenzeit, er selbst fuhr mit auf die Börsenhalle.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Börsenhalle!</em> unter diesem Namen stellt sich wohl
-der Fremde, der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges
-Gebäude vor, wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre,
-mit weiten Sälen, Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen,
-wie wundert er sich aber und lächelt, wenn er in <em class="gesperrt">diese</em>
-Börsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten
-Hof, von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen,
-vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen
-reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen
-solide häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des
-ehrwürdigen Truthahns, statt der geschwätzigen Hühner und
-Gänse, statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt
-der Küchendame, die hier ihren Salat wäscht &ndash; sieht man hier
-zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein buntes Gedränge.
-Männer mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern, mit
-schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit kühn gebogenen
-Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span>
-Kleidung schleichen, mit gebogenen, schlotternden Knien
-und spitzigen Ellbogen, den Hut in den Nacken zurückgedrückt,
-umher und fragen einander: »Nun, wie stehen sie heute?« Du
-wandelst staunend durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen
-unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten
-im Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar, daß du dich
-unter den Kindern Israels befindest, aber zu welchem Zweck
-treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof
-umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild
-anzusehen, gewahr. Drauf steht mit goldnen Buchstaben
-deutlich zu lesen: &ndash; Börsenhalle. Also in der Börsenhalle der
-freien Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein
-sonderbares Gemunkel und Geflüster. Die Leute gehen staunend
-umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: »Ae Korrier
-es Wien?« »Gotts Wunder!« »Wer hat'n gekriecht?«
-»Ae Fremder, der Zwerner von Dessau.« »Wie? kaner von
-unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron, nicht
-der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?«</p>
-
-<p>»Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie
-stehen se?«</p>
-
-<p>»Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der
-Zwerner aus Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!«</p>
-
-<p>»Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis-Efendi?
-Hat er oder hat er nicht? Wie werden se stehen?«</p>
-
-<p>»Ich hab's genug, 's is a Vertel auf eins, und noch will
-keiner verkaufen, aus Schreck vor die Korrier. Wär' nur der
-Zwerner aus Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang
-aus und der Simon von die neue Straße. Wirst sehen, 's wird
-geben ä grauße Operation! Der Herr wird verstockt haben das
-Herz des Efendi, aß er hat nicht angenomme das Oltematum
-von dem Moskeviter?«</p>
-
-<p>»Bethmännische Obligationen will man nicht kaufen, sind
-gefallen um Vertelpurzent!«</p>
-
-<p>»Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der
-Metzler? Wie stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und
-sag', die Metalliques, wie stehen se?«</p>
-
-<p>»Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf,
-weiß heut keiner, wer iß Koch oder Kellner? Aß ich nicht kann
-riechen, wie se stehen, die Metalliques!«</p>
-
-<p>Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der
-Türe zu. Ein Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span>
-Zehen, machen lange Hälse, um die Mienen der Kommenden zu
-sehen. Drei Männer arbeiten sich durch die Menge und stellen
-sich ernst und gravitätisch an ihren Platz zur Seite, wie es
-wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch ist, wo nur
-die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große
-Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn
-des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr
-Seufzer zu nennen, denn sein Herz schien zu jubilieren und
-allerlei verliebte Streiche ausführen zu wollen, während er doch
-die Sinne bedächtlich und gesetzt beisammen behalten mußte,
-um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand der Jude Simon,
-angetan mit seinem Sabbater Rock und einer schneeweißen
-Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so daß sein Volk
-gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich zugetragen
-haben.</p>
-
-<p>Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach
-den Preisen. Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und
-schlichen zitternd umher. Sie lamentierten schrecklich mit den
-Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie fluchten
-Hebräisch und Syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier
-kommen lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt, auf das
-Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf
-seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles, selbst auf
-Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die Börsenhalle.
-Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine
-Papiere in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man
-sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären&nbsp;&ndash;! »Das
-Ultimatum ist angenommen,« scholl es durch den Hof, »der
-Reis-Efendi hat zugesagt,« hallte es durch die Ecken; und obgleich
-die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief
-anspielten, nur einige nähere Umstände angaben, nichts Bestimmtes
-aussprachen, so stiegen doch die österreichischen, die
-Rothschildschen und wenige andere Papiere, von welchen durch
-Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele
-auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier
-und ein halb Prozent. Mehrere Häuser, die sich nicht vorgesehen
-hatten, fingen an zu wanken, eins lag schon halb und halb und
-hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden
-(Börsen-) Hause zu verdanken, daß ihm noch einige
-Stützen untergeschoben wurden.</p>
-
-<p>Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel
-der Frankfurter Börsenhalle:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span></p>
-
-<ul class="nomark">
-<li>Metalliques 87⅜.</li>
-<li>Bethmännische 75½.</li>
-<li>Rothschildsche Lose 132.</li>
-<li>Preußische Staatsschuldscheine 84.</li>
-</ul>
-
-<p>In den übrigen war nichts geändert worden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="p2c7">7.<br />
-<span class="smaller">Die Verlobung.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal
-des Seufzers aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte
-er durch die große Menge Metalliques, die er in Händen hatte,
-mächtig auf den Gang der Geschäfte, und als einige Tage nachher
-Herr von Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch
-seine Nachrichten vollkommen bestätigt wurden, da drängte
-sich alles um den hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um
-den genialen Kopf, der auf unglaubliche Weise die Umstände
-habe berechnen können.</p>
-
-<p>Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium
-der Politik, seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen
-und Seufzen für Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm
-freudig eine Tochter gegeben, um mit diesem sublimen Kopf sich
-näher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit
-noch nicht förmlich sanktioniert ist und das Herz des
-Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer Tapferkeit
-alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus
-den Trancheen der Million, selbst aus den Salons der neuen
-Mainzerstraße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern
-auf ihn gemacht wurden.</p>
-
-<p>Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in
-Hinsicht auf Geld und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete
-es sich dennoch zur besondern Ehre, einen so erleuchteten
-Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er sah es als eine glückliche
-Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen zu haben. Er sah
-ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, die ihn in
-kurzer Zeit zum reichsten Mann Europas machen mußte; denn,
-wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder
-verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können.</p>
-
-<p>Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen
-ein, die ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse
-Abneigung verspürte, ein Jude zu werden, so hielt er es<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span>
-für notwendig, daß sie sich taufen lasse. Sie nahm schon folgenden
-Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein
-und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf, wobei,
-wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert würde,
-da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte
-bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung
-auf, daß er sich für einige hundert Gulden in den
-Adelsstand erheben lassen und in dem jöttlichen Frankfort leben
-müsse.</p>
-
-<p>Er ging es freudig ein und überließ mir dieses diplomatische
-Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich
-ein, was ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte
-fürs erste sein Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen
-mochte, z. B., daß das ganze Geschäft unehrlich und nicht ohne
-Hilfe des Teufels habe zustande kommen können. Sobald er
-mit dieser Beschwichtigung fertig war, war auch seine Dankbarkeit
-verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten Kopf,
-den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst
-daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und erinnerte
-sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem
-er im weißen Schwanen einigemal zu Mittag gespeist habe.</p>
-
-<p>Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die
-Strafe seines Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug.
-Es war vorauszusehen, daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer
-Geist sich nicht lange halten konnten. Mißglückten nur
-erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Glück und
-seinen noch blindern Verstand trauend, unternahm, verlor er
-erst einmal fünfzig- oder hunderttausend und zog seinen Schwiegerpapa
-in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn schon auf
-Erden an.</p>
-
-<p>Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte
-sie mit dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen.
-War sie erst gnädige Frau von Zwerner, so war zu
-erwarten, daß die Liebesintrigen sich häufen werden; junge
-wohlriechende Diplomaten, alte Sünder wie Graf Rebs, fremde
-Majors mit glänzenden Uniformen waren dann willkommen
-in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergnügen,
-zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel, Rebekka,
-sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres
-Eheherrn nachläßt und damit zugleich sein Vermögen, wenn
-man das glänzende Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang,
-die Equipage und die hungernden Liebhaber samt der köstlichen<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span>
-Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muß in den alten
-Laden des Hauses Zwerner und Komp., wenn die gnädige Frau
-herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau
-wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren,
-wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz
-klein und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!</p>
-
-<p>Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch
-nicht an dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen
-Judenstraße. Da war ein Hin- und Herrennen, ein Laufen,
-ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel Gänseschmalz
-verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel
-wurde geschächtet, um köstliche Ragouts zu bereiten.</p>
-
-<p>Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten
-Hause. Nämlich, nichts Geringeres als die Verlobung
-des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war geladen und kam.
-Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste
-man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte
-er nicht die schönsten jüdischen und christlichen Fräulein zusammengebeten,
-um die Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche
-Spiele und herrlichen Gesang?</p>
-
-<p>Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen,
-und nur <em class="gesperrt">das</em> brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß
-nicht weniger als zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren,
-mit denen er schon in zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte.
-Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben
-umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner
-Beinchen, auf welchen er überall umherhüpfte und jeder Dame
-zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich, die sein zartes Herz gefesselt.
-Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf einmal zu
-lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn
-aber dergestalt zu Grunde, daß er endlich elendiglich zusammensank
-und in einem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies
-sich nach Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig,
-denn als er am Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit
-seiner Tochter Rebekka das Silber ordnete und zählte, riefen sie
-einmütig und vergnügt: »Gotts Wunder! Gotts Wunder!
-Was war das für noble Gesellschaft, für gesittete Leute! Es
-fehlt auch nicht <em class="gesperrt">ein</em> Kaffeelöffelchen, kein Dessertmesserchen
-oder Zuckerlämmerchen ist uns abhanden gekommen! Gotts
-Wunder!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span></p>
-
-<p class="h2" id="Der_Festtag_im_Fegefeuer2">Der Festtag im Fegefeuer.</p>
-
-<div class="chapcit">
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Am Horizont in diesem Jahr<br /></span>
-<span class="i0">Ist es geblieben, wie es war.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">M. Claudius.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p class="center smaller">(Fortsetzung.)</p>
-
-<h3 id="p3c1">1.<br />
-<span class="smaller">Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu erzählen.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen
-Memoiren dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle,
-die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte
-des jungen deutschen Schneiderbarons zu geben. Er
-ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite
-Welt, fürs erste aber nach Berlin gehen und erzählt, was ihm
-unterwegs begegnete.</p>
-
-<p>»Meine Herren,« fuhr der edle junge Mann fort, »als
-ich mich umsah, stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein
-ehrlicher, rechtlicher Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise
-gehe, und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der meinige,
-ich solle mit ihm reisen. Ich verstand soviel von der Welt, daß
-ich einsah, es würde weniger auffallend sein, wenn man einen
-halberwachsenen Jungen mit einem älteren Mann gehen sieht
-als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner
-Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr
-zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn
-von Garnmacher in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte.
-›Euer Onkel ist ja schon seit zwei Monaten tot!‹ erwiderte er.
-›O, du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver
-Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm und kannte ihn gut.
-Jetzt nagen ihn die Würmer!‹</p>
-
-<p>Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost
-denken, ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher
-als alle Helden; nach und nach aber wußte mich mein Begleiter
-zu trösten: ›Erinnerst du dich gar nicht, mich gesehen zu haben?‹
-fragte er; ich sah ihn an, besann mich, verneinte. ›Ei, man hat
-mich doch in Dresden soviel gesehen,‹ fuhr er fort; ›alle Alten
-und besonders die Jugend strömte zu mir und meinem jungen
-Griechen.<span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span>‹</p>
-
-<p>Jetzt fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn schon gesehen
-hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit
-einem jungen unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in
-einem Gasthof und ließ den jungen Athener für Geld sehen,
-das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Ueberschuß
-für einen Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch
-mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglücklichen
-Knaben sehen zu können. Ich bezeigte dem Manne meine Verwunderung,
-daß er nicht mehr mit dem Griechen reise.</p>
-
-<p>›Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte
-meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl,
-daß ich ihm nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein
-Söhnchen, wenn du mein Grieche würdest?‹ Ich staunte, ich
-hielt es nicht für möglich; aber er gestand, mir, daß der andere
-ein ehrlicher Münchener gewesen sei, den er abgerichtet und
-kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die griechische Sucht
-hätten.«</p>
-
-<p>»Wie?« unterbrach ihn der Engländer, »selbst in Deutschland
-nahm man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und
-doch ist es eigentlich ein deutscher Minister, der es mit der
-Pforte hält und die Griechen untergehen läßt.«</p>
-
-<p>»Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland,« antwortete
-Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, »was
-einmal in einem anderen Lande Mode geworden, muß auch zu
-uns kommen. Das weiß man gar nicht anders. Wie nun vor
-kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher
-die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies
-erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher
-darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar
-Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit großen
-Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend
-durch Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: ›Wohin?‹
-so antworteten sie: ›In den heiligen Krieg, nach Hellas
-gegen die Osmanen!‹ Bat sich nun etwa eine Frau oder ein
-Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine
-nähere Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach Griechenland
-gegen die Türken gehe. Da kreuzigten sich die Leute,
-wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten,
-wenn er mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas
-einschlug: ›Der muß wenig taugen, daß er im Reich keine Anstellung
-bekommt und bis nach Griechenland laufen muß.‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span></p>
-
-<p>»Ist's möglich?« rief der Marquis. »So teilnahmlos
-sprachen die Deutschen von diesen Männern?«</p>
-
-<p>»Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl,
-einer unterdrückten Sache beizustehen; mancher, um sich Kriegsruhm
-zu erkämpfen, der nun einmal auf den Billards in den
-Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man über
-einen Löffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie
-Landläufer.«</p>
-
-<p>»Mylord,« sagte der Franzose, »es sind doch dumme Leute,
-diese Deutschen!«</p>
-
-<p>»O ja,« entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein
-Rumglas gegen das Licht hielt; »zuweilen; aber dennoch sind die
-Franzosen unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben
-wollen.«</p>
-
-<p>Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr
-fort: »Auf diese Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen
-Plan gebaut, und noch oft muß ich mich wundern, wie richtig
-sein Kalkül war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht dazu,
-etwas für einen weit aussehenden Plan, für ein fernes Land
-und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: ›Es war ja vorher
-auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues
-machen wollen?‹ oder sie sagen: ›Gut, wir wollen erst einmal
-sehen, wie die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.‹
-Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas
-Seltenes mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich ›etwas
-kosten‹.</p>
-
-<p>Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen
-Stadt sehr dankbar, daß er doch wieder eine Materie zum
-Sprechen herbeigeführt habe, eine Seltenheit, welche die Weiber
-beim Kaffee, die Männer beim Bier traktieren konnten.</p>
-
-<p>Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war
-tot, ich hatte nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden.
-Jetzt fing ein Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut
-miteinander wurden, daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte.
-Er lehrte mich alle Gegenstände auf neugriechisch
-nennen, bläute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und
-nachdem ich hinlänglich instruiert war, schwärzte er mir Haar
-und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein Gesicht gelblich,
-und &ndash; ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders das für
-vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar
-von Seide. So zogen wir im Lande umher und gewannen
-viel Geld.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span></p>
-
-<p>»Aber mein Gott,« unterbrach ihn der Franzose, »sagen
-Sie doch, in Deutschland soll es so viele gelehrte Männer geben,
-die sogar Griechisch schreiben. Diese müssen doch auch sprechen
-können; wie haben Sie sich vor diesen durchbringen können?«</p>
-
-<p>»Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich
-meinen größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das
-Griechische so gut, daß sie vor zweitausend Jahren mit Thukydides
-hätten korrespondieren können, aber mit dem Sprechen will es
-nicht recht gehen; sie mußten zu Haus immer die Phrasen im
-Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun,
-um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit:
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ›Mein Herr, das ist nicht griechisch.‹ Mein Führer
-unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum ins
-Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich
-über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung,
-daß sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen.</p>
-
-<p>So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad
-die ganze Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin
-zur Zeit der Saison und hatten viele Besuche. Unter andern
-fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf,
-der mir große Aehnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien.
-Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken Sie sich mein
-Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herrn von Garnmacher
-tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten,
-ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der
-Stelle, wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen,
-sondern als königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren
-sei. Es war eine rührende Erkennungsszene. Das Staunen
-des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes Deutsch sprach,
-die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft
-zugegen war und nicht gerne an meinen Vater, den <em class="antiqua">Marchand
-tailleur</em>, erinnert sein wollte, die Wut meines Führers, alles
-dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst komisch vor.</p>
-
-<p>Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner
-an, ließ mir Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und
-dort begann für mich eine neue Katastrophe.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span></p>
-
-<h3 id="p3c2">2.<br />
-<span class="smaller">Der Baron wird ein Rezensent.</span></h3>
-</div>
-
-<p>»Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller,
-aber ein berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn
-Journalen, und ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine
-Hahnenfüße ins reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach
-und nach in meines Onkels Geist denken, faßte die gewöhnlichen
-Wendungen und Ausdrücke auf und bildete mich so zum
-Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann brachte
-mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, über
-welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden
-nicht interessieren.«</p>
-
-<p>»Nein, nein!« rief der Lord. »Ich habe schon öfters von
-dieser kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben
-auch wir, z. B. in Edinburg und London, einige Anstalten dieser
-Art, aber sie werden, höre ich, in einem ganz anderen Geiste
-besorgt als die Ihrigen.«</p>
-
-<p>»Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine
-sonderbare, aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer
-ganzen Literatur immer noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes
-zu verspüren ist, wie nicht das, was leicht und gesellig,
-sondern was mit einem recht schwerfälligen gelehrten Anstrich
-geschrieben ist, für einzig gut und schön gilt, so haben wir auch
-eigene Ansichten über Beurteilung der Literatur. Es traut sich
-nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Gesellschaft
-ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht an ein
-öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte; man glaubt darin
-zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die
-um Geld und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in
-welches dann das Tutti oder der Chorus des Publikums
-einfällt.«</p>
-
-<p>»Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein
-Herr Baron?« unterbrach ihn der Lord. »Ich finde das recht
-hübsch. Man braucht selbst kein Buch als diese öffentlichen
-Blätter zu lesen und kann dann dennoch in der Gesellschaft mitstimmen.«</p>
-
-<p>»Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders
-wäre. So aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern
-richtet, unbewußt irgend eine Partie und kann, ohne daß er
-sich dessen versieht, in der Gesellschaft für einen Goethianer,<span class="pagenum"><a id="Page_241">[241]</a></span>
-Müllnerianer, Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder
-Hegelianer, kurz, für einen Yaner gelten. Denn das eine Blatt
-gehört dieser Partei an und haut und sticht mehr oder minder
-auf jede andere, ein anderes gehört diesem oder jenem großen
-Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine Verlagsartikel
-gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen
-werden; oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werke
-gehen, es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln
-(Dichter-) Wasser tragen und, indem man einem freundlich ein
-Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen.«</p>
-
-<p>»Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese
-Art die Kritik und Literatur zu handhaben?« fragte der Marquis.
-»Ich muß gestehen, in Frankreich würde man ein solches
-Wesen verachten.«</p>
-
-<p>»Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht
-besser. Uebrigens sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses
-Handwerk treiben. Die eigentlichen Gelehrten werden nur zu
-Kernschüssen und langsamen, gründlichen Operationen verwandt
-und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind
-die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur.
-Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit Nachdruck
-anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie
-umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken.
-Auch dürfen sie sich gerade nicht schämen, denn sie rezensieren
-anonym, und nur <em class="gesperrt">einer</em> unterschreibt seine kritischen Bluturteile
-mit so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich
-zu Gevatter bitten.«</p>
-
-<p>»Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!« rief der
-Lord lächelnd.</p>
-
-<p>»Ein Matador in jedem Sinne des Wortes. Auf spanisch
-&ndash; ein Totschläger, denn er hat schon manchen niedergedonnert;
-und wahrhaftig, er ist der höchste Trumpf, dieser Matador,
-und zählt für zehn, wenn er <em class="antiqua">Pacat ultimo</em> macht. Und bei den
-literarischen Stiergefechten ist er Matador! Denn er, der
-Hauptkämpfer, ist es, der dem armen gehetzten und gejagten
-Stier den Todesstoß gibt.«</p>
-
-<p>»Gestehen Sie, Sie übertreiben; &ndash; Sie haben gewiß einmal
-den unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das
-recht tüchtig vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der
-Kritik?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_242">[242]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Deutsche errötete: »Es ist wahr, ich habe etwas
-geschrieben, doch war es nur eine Novelle, und leider nicht so
-bedeutend, daß es wäre rezensiert worden; aber nein; ich selbst
-habe einige Zeit unter meines Onkels Protektion den kritischen
-kleinen Krieg mitgemacht und kenne diese Affären genau. Nun,
-mein Onkel brachte mir also die verschiedenen Formen und
-Klassen bei. Die <em class="gesperrt">erste</em> war die <em class="gesperrt">sanftlobende</em> Rezension.
-Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk, lobte es als brav
-und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn fortzuschreiten.
-In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem
-Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für sich
-gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für
-junge, schriftstellerische Damen.«</p>
-
-<p>»Wie?« erwiderte der Lord. »Haben Sie deren so viele,
-daß man eine eigene Klasse für sie macht?«</p>
-
-<p>»Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig
-jüngere und ältere! Sie sehen, daß man für sie
-schon eine eigene Klasse machen kann, und zwar eine gelinde,
-weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben als ein
-junger Schriftsteller. Die <em class="gesperrt">zweite</em> Klasse ist die <em class="gesperrt">lobposaunende</em>.
-Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhändlers,
-der das Blatt bezahlt oder die Parteimänner gelobt.
-Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist glücklich, daß
-die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die <em class="gesperrt">dritte</em>
-Klasse ist dann die <em class="gesperrt">neutrale</em>. Hier werden die Feinde, mit
-denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kühl und diplomatisch
-behandelt. Man spricht mehr über das <em class="antiqua">Genus</em> ihrer
-Schrift und über ihre Tendenz, als über sie selbst, und gibt sich
-Mühe, in recht vielen Worten <em class="gesperrt">nichts</em> zu sagen, ungefähr wie
-in den Salons, wenn man über politische Verhältnisse spricht
-und sich doch mit keinem Wort verraten will.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">vierte</em> Klasse ist die <em class="gesperrt">lobhudelnde</em>. Man sucht
-entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich
-von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt,
-man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige
-Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden oder doch lächerlich
-machen. Die <em class="gesperrt">fünfte</em> Klasse ist die <em class="gesperrt">grobe, ernste</em>; man
-nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Roß und schaut
-hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte
-des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes
-in seinen Schriften zu finden, was zu gefährlich ist, als
-daß man öffentlich davon sprechen möchte. Diese Klasse macht<span class="pagenum"><a id="Page_243">[243]</a></span>
-stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas
-Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu
-und Beben erfüllt. Die <em class="gesperrt">sechste</em> Klasse ist die <em class="gesperrt">Totschlägerklasse</em>.
-Sie ist eine Art von Schlachtbank, denn hier werden
-die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade
-und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge- und Stampfmühle, denn
-der Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet
-werden, hinein und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie.«</p>
-
-<p>»Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen
-Vertilgungssystem?« fragte Lasulot.</p>
-
-<p>»Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren
-und Tierhetzen die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am
-kritischen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftsteller
-mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht, und &ndash;
-wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem
-Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ›Ein Stier, ein Stier,
-ruft's dort und hier!‹ In Spanien treibt man das in der
-Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar
-tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu
-Helden an ihm beißen, wenn der <em class="gesperrt">Matador</em> von der Galerie
-hinab in den Zirkus springt,</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">und zieht den Degen<br /></span>
-<span class="i0">und fällt verwegen<br /></span>
-<span class="i0">zur Seite den wütenden Ochsen an&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">da freut sich das liebe Publikum, und von ›Bravo!‹ schallt die
-Gegend wider!«</p>
-
-<p>»Das ist köstlich!« rief der Engländer, doch war man ungewiß,
-ob sein Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte,
-den er zu sich nahm. »Und ein solcher Klassenkritikus wurden
-Sie, Master Garnmacher?«</p>
-
-<p>»Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale
-verpachtet; wunderbar war es übrigens, welches heterogene
-Interesse er dabei befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht,
-daß er an einem Vormittag ein Buch las und sechs
-Rezensionen darüber schrieb, und oft traf es sich, daß er alle
-sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte. Er zündete dann
-zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer aus
-Zimtholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, daß es
-große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten
-und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen
-zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten<span class="pagenum"><a id="Page_244">[244]</a></span>
-Hauch der vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen
-so großen Holzstoß zu, als die Sancta simplicitas in Konstanz
-dem Huß, und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an
-dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rösten, bis
-er ganz schwarz war.«</p>
-
-<p>»Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei
-so verschiedene Meinungen über <em class="gesperrt">einen</em> Gegenstand haben?
-Das ist ja schändlich!«</p>
-
-<p>»Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen
-und an die ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn
-heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der
-Posaune geblasen hat, und ihm morgen der Herr von …
-einige Sous mehr bietet, so hält er einen Panegrikus gegen die
-linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer
-gelebt.«</p>
-
-<p>»Aber dann geht er förmlich über;« bemerkte der Marquis;
-»aber Ihr Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen
-und zwölf Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund.«</p>
-
-<p>»Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen
-Künsten und Handarbeiten weit gebracht,« erwiderte mit großer
-Ruhe der junge Mann, »so auch in der Kritik. Als mich nun
-mein Onkel so weit gebracht hatte, daß ich nicht nur ein Buch
-von dreißig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch
-den Inhalt einer <em class="gesperrt">unaufgeschnittenen</em> Schrift auf ein
-Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei sie
-war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ›Ich will dir,‹ sagte er,
-›die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend,
-wie sie nun einmal heutzutage ist, kann nichts mit Maß tun.
-Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und
-tadelt unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht
-scharfes Gebiß haben, sind übrigens oft nicht mit Geld zu bezahlen.
-Man legt sie an die Kette, bis man sie braucht, und
-hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf den
-Mann dressiert, trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen,
-zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem
-ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut.‹</p>
-
-<p>So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der
-Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von
-früh acht bis ein Uhr rezensieren. Der Onkel schickte mir ein
-neues Buch, ich mußte es schnell durchlesen und die Hauptstellen
-bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen
-und dem Alten zugeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und<span class="pagenum"><a id="Page_245">[245]</a></span>
-war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren, so ließ er mir
-sagen: ›Mein lieber Neffe! nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt;
-es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen tüchtig
-durch,‹ und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung
-bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in
-die Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen,
-der Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um
-das Gebräu pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und
-verschickte die heil- und unheilschweren Blätter an die verschiedenen
-Journale.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Goddam!</em> Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?«
-rief der Lord mit wahrem Grauen. »Aber wenn Sie alle Tage
-nur <em class="gesperrt">ein</em> Buch rezensieren, das macht ja im Jahr 365! Gibt
-es denn in Ihrem Vaterland jährlich selbst nur ein Dritteil
-dieser Summe?«</p>
-
-<p>»Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht,
-wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in <em class="gesperrt">einer</em> Messe, und
-wir haben jährlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane,
-zwanzig gute und vierzig schlechte Lust- und Trauerspiele, hundert
-schöne und miserable Erzählungen, Novellen, Historien,
-Phantasien etc., dreißig Almanache, fünfzig Bände lyrischer
-Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern,
-vierhundert Uebersetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen,
-und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-, Konfessionsbücher,
-die Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung
-guten Champagners aus Obst, zu Verlängerung der Gesundheit,
-die Betrachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch
-ohne Arzt sterben könne usw. sind nicht zu zählen; kurz, man
-kann in meinem Vaterland annehmen, daß unter fünfzig
-Menschen immer einer Bücher schreibt; ist einer einmal im
-Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten
-Jahr nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine
-Herren, wieviel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der
-Literatur, welches weite Feld für die Kritik!«</p>
-
-<p>Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer
-Ehrfurcht, mit einer Andacht gesprochen, die sogar <em class="gesperrt">mir</em> höchst
-komisch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in
-lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr sie ansah,
-desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.</p>
-
-<p>»Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel,
-daß ich mich von Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen
-ließ,« sagte der Marquis, »aber Ihre Nation, Ihre Literatur,<span class="pagenum"><a id="Page_246">[246]</a></span>
-Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkürlich so komisch
-vor, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu lachen. Ihr seid
-sublime Leute! Das muß man euch lassen.«</p>
-
-<p>»Und der Herr hier hat recht,« bemerkte Mylord mit feinem
-Lächeln. »Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was
-das schönste ist, nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über
-ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner <em class="antiqua">Grand tour</em> in
-einem deutschen Ländchen. Der Weg war schlecht, die Pferde
-womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich durch meinen Reisebegleiter,
-der Deutsch reden konnte, den Postillon fragen, was
-denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so miserable
-Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: ›Was das Post-
-und Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.‹ Wir
-waren verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem
-das Gespräch Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes
-zu denken habe? ›Er schreibt!‹ war die kurze Antwort des Kerls.
-›Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?‹ &ndash; ›Ei, behüte,‹ sagte er,
-›Bücher, gelehrte Bücher.‹ &ndash; ›Ueber das Postwesen?‹ fragten
-wir weiter. ›Nein,‹ meinte er; ›Verse macht mein Herr, Verse,
-oft so breit als meine fünf Finger und so lang als mein Arm!‹
-und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des Pegasus
-und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns
-in der Seele wehe tat. ›<em class="antiqua">Goddam!</em>‹ sagte mein Begleiter. ›Wenn
-der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie
-sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse
-zutage fördern!‹ Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf
-der nächsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter
-wie Sie, Mr. Garnmacher, ein großer Kritiker.«</p>
-
-<p>»Ich weiß, wen Sie meinen;« erwiderte der Deutsche mit
-etwas unmutiger Miene, »und Ihre Erzählung soll wohl ein
-Stich auf mich sein, weil ich eigentlich auch nicht für dieses
-Gebiet der Literatur erzogen worden. Uebrigens muß ich
-Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach
-Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Land möchte etwas dergleichen
-auffallen, aber bei uns zulande ist das was anderes. Da kann
-jeder in die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will,
-und es gibt kein Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables
-drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den
-Kritikern und Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht
-auf die Phantasie die schöne romantische Zeit des Mittelalters,
-nein, wir sind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu,
-samt und sonders edle Raubritter, die einander die Blumen<span class="pagenum"><a id="Page_247">[247]</a></span>
-der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen, wir üben
-das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische
-Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden.
-Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes
-Vieh umherspazieren und Blumen und Gras fressen kann nach
-Belieben.«</p>
-
-<p>»Herr von Garnmacker,« unterbrach ihn der Marquis de
-Lasulot, »ich würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend
-finden, wenn sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn
-Sie so fortmachen, so erzählen Sie uns achtundvierzig Stunden
-in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest
-und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal und gehen
-jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!«</p>
-
-<p>»Sie haben recht,« sagte der Lord, indem er aufstand und
-mir ein Sixpencestück zuwarf, »der Herr von Garnmacher weiß
-auf unterhaltende Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich
-bin neugierig, ob wohl viele Bekannte aus der Stadt hier sind?«</p>
-
-<p>»Wie?« rief der junge Deutsche nicht ohne Ueberraschung,
-»Sie wollen also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den
-Herren vom Mühlendamm zu einem Elegant perfektionierte?
-Sie wollen nicht hören, wie ich einen Liebeshandel mit einer
-Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich
-verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte fängt jetzt
-erst an, interessant zu werden.«</p>
-
-<p>»Sie können recht haben,« erwiderte ihm der Lord mit
-vornehmem Lächeln, »aber wir finden, daß uns die Abwechslung
-mehr Freude macht. Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir
-einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die Sie uns zeigen
-können.«</p>
-
-<p>»Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte,«
-sagte der Marquis lachend, »aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt
-die Zeit, wo die Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst
-nicht um Ihre interessante Erzählung, möchte ich diese Stunde
-versäumen. Gehen wir.«</p>
-
-<p>»Gut,« erwiderte der deutsche Stutzer, resigniert und ohne
-beleidigt zu scheinen. »Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre
-werte Gesellschaft sehr angenehm, denn es ist für einen Deutschen
-immer eine große Ehre, sich an einen Franzosen oder gar an
-einen Engländer anschließen zu können.«</p>
-
-<p>Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und
-ich veränderte schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte<span class="pagenum"><a id="Page_248">[248]</a></span>
-auf ihren Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade
-nichts Besseres zu tun.</p>
-
-<p>Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich &ndash; es
-ist möglich, daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine
-kleine Veränderung in manchem hervorbringen; aber lasset nur
-eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der Nationalcharakter
-wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich
-wieder hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, daß
-dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu
-tausend Reflexionen gibt, denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen
-Leutchen nur <em class="gesperrt">ein</em> Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu
-Gleichem, und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im
-Prater, wie auf der <em class="antiqua">Chaussée d'Antin</em> oder im <em class="antiqua">Palais royal</em>,
-wie Unter den Linden oder wie in&nbsp;…</p>
-
-<p>Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die
-Stutzer aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und <em class="antiqua">Merveilleuses</em>
-aller Zeiten, Theologen aller Konfessionen, Juristen aller
-Staaten, Financiers von Paris bis Konstantinopel, von Wien
-bis London; und sie alle in Streit über ihre Angelegenheiten,
-und sie alle mit dem ewigen Refrain: »Zu unserer Zeit, ja! zu
-unserer Zeit war es doch anders!« Aber ach, meine Stutzer kamen
-zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher
-einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer
-Berliner Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft
-hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch
-seine Erzählung die Promenadenzeit verkümmert, und die große
-Welt strömte schon zum Theater.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="p3c3">3.<br />
-<span class="smaller">Das Theater im Fegefeuer.</span></h3>
-</div>
-
-<p>Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer?
-Freilich ist es weder <em class="antiqua">Opera buffa</em> noch <em class="antiqua">seria</em>, weder
-Trauer- noch Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger,
-Akteurs und Aktricen, Tänzer und Tänzerinnen genug; aber
-wie könnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser
-Stücke unterhalten? Ließe ich von Zacharias Werner eine
-schauerlich-tragi-komisch-historisch-romantisch-heroische Komödie
-aufführen &ndash; wie würden sich Franzosen und Italiener langweilen,
-um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und
-Mordszenen lieben, gar nicht zu sprechen. Wollte ich mir von<span class="pagenum"><a id="Page_249">[249]</a></span>
-Kotzebue ein Lustspiel schreiben lassen, etwa die Kleinstädter in
-der Hölle, wie würde man über verdorbenen Geschmack schimpfen!
-Daher habe ich eine andere Einrichtung getroffen.</p>
-
-<p>Mein Theater spielt große pantomimische Stücke, welche
-wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft
-zum Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit,
-ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen.
-Selten bekommt eine einen Erlaubnisschein, als Revenant die
-Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt es
-mir? Was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen
-Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt
-es dem Manne, der sich schon um eine zweite umgetan, wenn
-durch die Gardine dringt&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Eine kalte weiße Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,<br /></span>
-<span class="i0">Die im Sterbekleide vor ihm stand?<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen
-Kasse helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung
-mit dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich
-ins Departement schleicht, angetan mit demselben Schlafrock,
-in welchem er zu arbeiten pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln
-und die Feder hinter dem Ohr; zu was dient es, wenn
-er seufzend vor den Akten sitzt und mit glühendem Auge seinen
-Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es dem fürstlichen
-Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer
-bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und
-mit krampfhaft gekrümmten Fingern an den Fässern anpocht,
-die er bestohlen? Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen,
-wenn oben der Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur
-Ruhe blasen? Wozu den Stutzer, um zu sehen, ob sein bezahltes
-Liebchen auf frische Rechnung liebt? Zwar sie alle, ich gestehe
-es, sie alle würden sich unglücklicher fühlen, könnten sie sehen,
-wie schnell man sie vergessen hat; es wäre eine Schärfung der
-Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu <em class="gesperrt">lebenslänglicher</em>
-Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, »<em class="gesperrt">noch sechs
-Jahre länger</em>« unterschrieb, weil er den Mann haßte.
-Aber sie würden mir auf der andern Seite so viel verwirrtes
-Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm zu machen
-suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten
-so viel getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken wollte &ndash;
-ich habe darin zu viele Erfahrungen gemacht und kann es in<span class="pagenum"><a id="Page_250">[250]</a></span>
-neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker
-genug tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, daß es in
-diesen Tagen wenig mehr in den <em class="gesperrt">Häusern</em>, desto mehr aber
-in den <em class="gesperrt">Köpfen</em> spukt.</p>
-
-<p>Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten
-über die Zukunft zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche
-Stücke von meiner höllischen Bande aufführen. Auf dem
-heutigen Zettel war angezeigt:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center"><em class="gesperrt">Mit allerhöchster Bewilligung.</em></p>
-
-<p class="center smaller">Heute als am Geburtsfeste</p>
-
-<p class="center">der Großmutter, diabolischen Hoheit:</p>
-
-<p class="center larger">Einige Szenen aus dem Jahr 1826.</p>
-
-<p class="center">Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.</p>
-
-<p class="center smaller">Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und
-anderen Meisterwerken zusammengesucht von Rossini.</p>
-
-<p>(Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr viele
-allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird gebeten,
-die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und Ministern
-bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie der Ritterschaft
-samt Frauen bis zum Leutnant abwärts zu überlassen.</p>
-
-<p class="right">
-Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters.
-</p></div>
-
-<p>Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Haus.
-Ich bot mich den drei jungen Herren als Cicerone an und
-führte sie glücklich durch das Gedränge ins Parkett. Obgleich
-der Lord ohne Anstand auf die erste, der Marquis und der
-deutsche Baron auf die zweite Loge hätten eintreten dürfen,
-fanden es diese drei Subjekte aber amüsanter, von ihrem niederen
-Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie
-mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen,
-wenn sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders
-Garnmacher schien vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen
-zu können. »Nein, ist es möglich?« rief er wiederholt aus.
-»Ist es möglich? Sehen Sie, Marquis, jener Herr dort oben
-in der zweiten Galerie rechts, mit den roten Augen, er spricht
-mit einer bleichen jungen Dame. Dieser starb in Berlin im
-Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem unheiligen
-Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe<span class="pagenum"><a id="Page_251">[251]</a></span>
-ich sie gesehen und gesprochen? Sie war eine liebenswürdige
-fromme Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche
-als auf den Ball &ndash; sie starb, und wir alle glaubten, sie werde
-sogleich in den dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier
-im Fegefeuer! Zwar wollte man behaupten, sie sei in Teplitz
-an einem heimlichen Wochenbett verschieden, aber wer ihren
-frommen Lebenslauf gesehen, wer konnte das glauben?«</p>
-
-<p>»Ha! die Nase von Frankreich!« rief auf einmal der Marquis
-mit Ekstase. »Heiliger Ludwig, auch Ihr unter Euern
-verlorenen Kindern? Ha! und ihr, ihr verdammten Kutten,
-die ihr mein schönes Vaterland in die Kapuze stecken wollet.
-Sehen Sie, Mylord, jene häßlichen, kriechenden Menschen?
-Sehen Sie dort &ndash; das sind berühmte Missionare, die uns
-glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir. Dem
-Teufel sei es gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich versammelt
-hat.«</p>
-
-<p>»O, mein Herr,« sagte ich, »da hätten Sie nicht nötig gehabt,
-bis ins Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu
-sehen. Sie zeigen sich zwar nicht gerne auf den Promenaden,
-weil selbst in der Hölle nichts Erbärmlicheres zu sein pflegt als
-ein entlarvter Heuchler. Aber im <em class="antiqua">Café de Congrégation</em> wimmelt
-es von diesen Herren, vom Kardinal bis zum schlechten
-Pater. Sie können manche heilige Bekanntschaft dort machen.«</p>
-
-<p>»Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier,« erwiderte Mylord.
-»Sagen Sie doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform
-nebenan? Sie unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie
-nicht lächeln. Sind es Engländer?«</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie,« antwortete ich, »es sind Soldaten und
-Offiziere von der alten Garde, die sich mit einigen Preußen
-über den letzten Feldzug besprechen.«</p>
-
-<p>Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen
-und wollten mehr fragen, aber der Kapellmeister hob den
-Stab, und die Trompeten und Pauken der Rossinischen Ouvertüre
-schmetterten in das volle Haus. Es war die herrliche
-Ouvertüre aus <em class="antiqua">Il maestro ladro</em>, die Rossini auf sich selbst gedichtet
-hat, und das Publikum war entzückt über die schönen
-Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und jedes
-fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem herrlich
-komponierten Stück. Ich halte auch außer der <em class="antiqua">Gazza ladra</em>
-den <em class="antiqua">Maestro ladro</em> für sein Bestes, weil er darin seine Tendenz
-und seine künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz<span class="pagenum"><a id="Page_252">[252]</a></span>
-ausgesprochen hat. Die Ouvertüre endete mit dem ergreifenden
-Schluß von Mozarts Don Juan, dem man, zur Vermehrung
-der Rührung, einen Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten
-angehängt hatte, und &ndash; der Vorhang flog auf.</p>
-
-<p>Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Aengstlich
-drängten sich die Juden und Christen durcheinander. In
-malerischen Gruppen standen Geldmäkler, große und kleine
-Kaufleute und steigerten die Papiere. Nachdem diese Introduktion
-einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in sonderbaren
-Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. Allgemeine
-Spannung. Die Depeschen werden in einem <em class="antiqua">Pas de deux</em>
-entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick
-erscheint mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend,
-in der Szene. Seine Mienen, seine Haltung drücken
-Verzweiflung aus. Man sieht, seine Fonds sind erschöpft, sein
-Beutel leer, er muß seine Zahlungen einstellen. Ein Chor von
-Juden und Christen dringen auf ihn ein, um sich bezahlt zu
-machen. Er fleht, er bittet, seine Gebärdensprache ist bezaubernd
-&ndash; es hilft nichts. Da rafft er sich verzweiflungsvoll auf.
-Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie ein gefallener
-König ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge reichen zu
-einer immensen Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller
-fällt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun
-anzusehen, wie das Chor der englischen, deutschen und französischen
-Häuser, vorgestellt von den Herren vom <em class="antiqua">Corps de
-ballet</em>, diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten künstlich und
-fielen noch künstlicher, besonders exzellierten hierbei einige
-Berliner Börsenkünstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen
-wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten und allgemeine Sensation
-im Parterre erregten.</p>
-
-<p>Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen
-Triumphmarsch über. Die herrliche Passage aus der Italienerin
-in Algier: »<em class="gesperrt">Heil dem großen Kaimakan</em>« ertönte.
-Ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und
-Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater.
-Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in
-eine ausgehungerte Stadt kommt. Man denkt nicht daran, daß
-der spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein
-gemeiner Wucherer ist, der den Hunger benützt und sein Brot zu
-ungeheuren Preisen losschlägt. Man denkt nicht daran, man
-verehrt ihn als den Retter, als den schützenden Schild in der
-Not. So auch hier. Die gefallenen Häuser richteten sich mit<span class="pagenum"><a id="Page_253">[253]</a></span>
-Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schöpfen, sie schienen
-den Messias der Börse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister
-berühmter Könige und Kaiser trugen auf ihren
-Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente
-Inschrift: »<em class="gesperrt">Seid umschlungen, Millionen!</em>« trug.
-Ein Herr mit einer pikanten, morgenländischen Physiognomie,
-wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem
-Wagen und stellte den Triumphator vor.</p>
-
-<p>Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von
-den Schultern der Minister herab auf den Boden stieg. »Das
-ist Rothschild! Es lebe Rothschild!« schrie man von den ersten
-Ranglogen und klatschte und rief Bravo, daß das Haus zitterte.
-Es war mein erster Grotesktänzer, der diese schwierige Rolle
-meisterhaft durchführte; besonders als er mit dem englischen,
-österreichischen, preußischen und französischen Ministerium einen
-Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Rothschild gab in einer
-komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den Frieden,
-und der erste Akt der großen Pantomime endigte sich mit einem
-brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu
-einem allerhöchsten <em class="antiqua">cher cousin</em> gemacht wurde.</p>
-
-<p>Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich
-ungnädig über diese Szene aus. »Es war zu erwarten,« sagte
-er, »daß diese Menschen bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen
-werden, aber daß auf der Börse von London ein solcher
-Skandal vorfallen werde, im Jahr 1826, das ist unglaublich.«</p>
-
-<p>»Mein Herr!« erwiderte der Marquis lachend, »unglaublich
-finde ich es nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und
-warum sollte nicht einer, wenn er auch im Judenquartier zu
-Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Kombination so
-weit kommen, daß er Kaiser und Könige in seinen Sack stecken
-kann?«</p>
-
-<p>»Aber England, Alt-England! Ich bitte Sie,« rief der
-Lord schmerzlich. »Ihr Frankreich, Ihr Deutschland hat von
-jeher nach jeder Pfeife tanzen müssen! Aber, <em class="antiqua">Goddam!</em> das
-englische Ministerium mit diesem Hepphepp einen Cosaque
-tanzen zu sehen! O! es ist schmerzlich!«</p>
-
-<p>»Ja, ja!« sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders
-Sohn, sehr ruhig. »Es wird und muß so kommen. Freilich,
-ein bedeutender Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des
-Königs David!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[254]</a></span></p>
-
-<p>»Das finde ich nicht,« antwortete der Marquis, »im
-Gegenteil, Sie sehen ja, welch großen Einfluß die Juden auf die
-Zeit gewinnen!«</p>
-
-<p>»Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied,«
-erwiderte der Deutsche. »Damals, mein Herr, hatten alle
-Juden nur <em class="gesperrt">einen</em> König, jetzt haben aber alle Könige nur
-<em class="gesperrt">einen</em> Juden.«</p>
-
-<p>»Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was
-für eine Szene uns der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte
-wetten, Frankreich oder Italien kommt ans Brett.«</p>
-
-<p>»Ich denke, Deutschland,« erwiderte Garnmacher. »Ich
-wenigstens möchte wohl wissen, wie es im Jahr 1826 oder
-1830 in Deutschland sein wird. Als ich die Erde verließ, war
-die Konstellation sonderbar. Es roch in meinem Vaterlande
-wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft fliegt. Die
-Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die feinsten diplomatischen
-Nasen machten sich weit und lang, um diesen geheimnisvollen
-Duft einzuziehen und zu erraten, woher der
-Wind komme. Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende
-Veränderungen geben?«</p>
-
-<p>»Es wird heißen: Auch in diesem Jahre ist es geblieben,
-wie es war,« antwortete ich dem guten Deutschen. »Um eine
-Lunte auszulöschen, bedarf es keiner großen Künste. Man
-wird bleiben, wie man war, man wird höchstens um einige
-Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland
-in Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826
-dort aussieht? Armer Herr, da müßte ich ja zuvor noch fragen,
-was für ein Landsmann Sie sind?«</p>
-
-<p>»Wie verstehen Sie das?« fragte der Baron unmutig.</p>
-
-<p>»Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und
-Nationales vorspielen, da Sie keine Nation sind? Sind Sie
-ein Bayer, so müßte man Ihnen zeigen, wie man dort noch
-immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten braut.
-Sind Sie ein Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie
-man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße, und
-drückt Sie der Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren,
-denn an dem Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind
-Sie ein Hesse, so trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel
-zum Butterbrot, aber denken Sie nichts, nicht einmal, ob es in
-der letzten Woche schön war und in der nächsten regnen wird.<span class="pagenum"><a id="Page_255">[255]</a></span>
-Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, daß Ihnen die
-Haare zu Berge stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schöne
-Taille bekommen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Herr, sind Sie des Teufels!« fuhr der Baron auf. »Wollen
-Sie uns alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die
-Höhe!« rief der Marquis. »Wie, was sehe ich? Das ist ja
-das Portal von Notre Dame! Das finde ich sonderbar. Wenn
-man von Frankreich etwas in Szene setzen will, warum gibt
-man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der
-Kammer?«</p>
-
-<p>Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen
-Klängen. Chorgesang und das Murmeln kirchlicher Gebete
-näherte sich, und eine lange Prozession, angeführt von den
-Missionaren, betrat die Bühne. Da sah man königliche Hoheiten
-und Fürsten mit den Mienen zerknirschter Sünder, den Rosenkranz
-in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen des
-ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die
-<em class="antiqua">à la</em> Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut,
-die niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd.
-Das Publikum staunte. Man schien seinen Augen
-nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D&ndash;s, die Komtesse
-de M&ndash;u, die Fürstin T&ndash;d im Kostüm einer Büßenden zur
-Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht
-mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten,
-als sogar ein Mann in der reichen Uniform der
-Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand
-und Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da
-wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde an
-unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen
-aus, und wer weiß, was meinen Akteurs geschehen wäre, hätte
-man faule Aepfel oder Steine in der Nähe gehabt? Das hohe
-Portal von Notre Dame hatte endlich die Prozession aufgenommen,
-und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es
-war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm
-eine Vulgata trug. Man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz
-als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionare
-wie ein Kalb führten. So oft er aus dem ruhigen
-Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte,
-wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann,
-um seine Zuchtmeister zu versöhnen: »<em class="antiqua">Vive le bon Dieu! vive<span class="pagenum"><a id="Page_256">[256]</a></span>
-la croix!</em>« So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur
-Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.</p>
-
-<p>»Haben Sie nun Genugtuung?« sagte der Marquis zu
-dem Lord. »Was ist Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen
-kirchlichen Unfug? O, mein Frankreich, mein armes Frankreich!«</p>
-
-<p>»Es ist wahr,« antwortete Mylord sehr ernst, indem er
-dem Franzosen die Hand drückte, »Sie sind zu beklagen; aber
-ich glaube nicht an diese tollen Possen. Frankreich kann nicht
-so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich,
-das Land des guten Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der
-feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahre 1826 vergessen
-haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel erbaute
-und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich,
-es ist ein Blendwerk der Hölle!«</p>
-
-<p>»Das möchte doch nicht so sicher sein,« sagte ich. »Das
-Vaterland des Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten.
-Wenn einmal der Jesuitismus dort zur Mode wird,
-möchte ich für nichts stehen.«</p>
-
-<p>»Aber was wollten Sie nur mit dem Affen in Notre
-Dame?« fragte der Baron. »Was hat denn dieses Tier zu
-bedeuten?«</p>
-
-<p>»Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der
-Affe Joko, der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt
-ist er wohl auch von den Missionaren bekehrt worden, und wenn
-er, wie man aus seinen Seitensprüngen schließen könnte, ein
-Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche taufen.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Goddam!</em> was Sie sagen. Doch Sie scheinen mit der
-Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt
-wird. Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich,
-gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas langweilig.«</p>
-
-<p>»Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse
-hat,« antwortete ich. »Es wird nämlich ein diplomatisches
-Diner aufgeführt, das der Reis-Efendi den Gesandten hoher
-Mächte gibt, das Siegesfest der Festung Missolunghi vorstellend.
-Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von
-Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstück der Tafel macht
-ein Roastbeef von dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig
-geröstet haben, und zum Beschluß wird ein kleiner Ball<span class="pagenum"><a id="Page_257">[257]</a></span>
-gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein mag,
-mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner mohammedanischen
-Majestät eröffnet.«</p>
-
-<p>»Ei!« rief der Marquis. »Was wollen wir diese Schande
-der Menschheit sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich,
-die Prozession gemein und dumm, aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit,
-ich kann sie nicht ansehen! Kommt, meine Freunde.
-Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn von Garnmacher
-hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische
-Diner betrachten!«</p>
-
-<p>Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie
-standen auf und verließen mein Theater, und der Lord sah, als
-er heraustrat, mit einem derben Fluche zurück und rief: »Wahrlich,
-es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[258]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td class="tdc"><b>Erster Teil.</b></td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Einleitung.</td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Erstes Kapitel. Der Herausgeber macht eine interessante<br />
-Bekanntschaft</td>
- <td class="tdr"><a href="#Erstes_Kapitel">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Zweites Kapitel. Der schauerliche Abend</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zweites_Kapitel">10</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Drittes Kapitel. Der schauerliche Abend. (Fortsetzung)</td>
- <td class="tdr"><a href="#Drittes_Kapitel">17</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Viertes Kapitel. Das Manuskript</td>
- <td class="tdr"><a href="#Viertes_Kapitel">24</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Die Studien des Satan auf der berühmten Universität …en.</td>
- <td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Fünftes Kapitel. Einleitende Bemerkungen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Funftes_Kapitel">30</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Sechstes Kapitel. Wie der Satan die Universität bezieht<br />
-und welche Bekanntschaften er dort machte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sechstes_Kapitel">34</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Siebentes Kapitel. Satan besucht die Kollegien;<br />
-was er darin lernte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Siebentes_Kapitel">40</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Achtes Kapitel. Der Satan bekommt Händel und schlägt<br />
-sich. Folgen davon</td>
- <td class="tdr"><a href="#Achtes_Kapitel">46</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Neuntes Kapitel. Satans Rache an Doktor Schnatterer</td>
- <td class="tdr"><a href="#Neuntes_Kapitel">49</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Zehntes Kapitel. Satan wird wegen Umtrieben eingezogen<br />
-und verhört; er verläßt die Universität</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zehntes_Kapitel">53</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin.</td>
- <td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Elftes Kapitel. Wen der Teufel im Tiergarten traf</td>
- <td class="tdr"><a href="#Elftes_Kapitel">60</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Zwölftes Kapitel. Satan besucht mit dem ewigen Juden<br />
-einen ästhetischen Tee</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zwolftes_Kapitel">67</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Dreizehntes Kapitel. Angststunden des ewigen Juden</td>
- <td class="tdr"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">74</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Vierzehntes Kapitel. Der Fluch. Eine Novelle</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">83</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Fünfzehntes Kapitel. Das Intermezzo. &ndash; Die Trinker</td>
- <td class="tdr"><a href="#Funfzehntes_Kapitel">92</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Satans Besuch bei Herrn von Goethe.</td>
- <td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Sechzehntes Kapitel. Bemerkungen über das Diabolische<br />
-in der deutschen Literatur</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">100</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Siebzehntes Kapitel. Der Besuch</td>
- <td class="tdr"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">107</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Der Festtag im Fegefeuer. Eine Skizze.</td>
- <td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Achtzehntes Kapitel. Beschreibung des Festes.<br />
-Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">113</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Neunzehntes Kapitel. Geschichte des deutschen Stutzers</td>
- <td class="tdr"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">120</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc"><b>Zweiter Teil.</b><span class="pagenum"><a id="Page_259">[259]</a></span></td>
- <td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Vorspiel, worin von Prozessen, Justizräten die Rede,<br />
-nebst einer stillschweigenden Abhandlung:<br />
-»Was von Träumen zu halten sei?«</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vorspiel">132</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">Der Fluch. Novelle. (Fortsetzung)</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Fluch">142</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Mein Besuch in Frankfurt.</td>
- <td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">1. Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen<br />
-sah</td>
- <td class="tdr"><a href="#p2c1">203</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">2. Trost für Liebende</td>
- <td class="tdr"><a href="#p2c2">208</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">3. Ein Schabbes in Bornheim</td>
- <td class="tdr"><a href="#p2c3">215</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">4. Das gebildete Judenfräulein</td>
- <td class="tdr"><a href="#p2c4">220</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">5. Der Kurier aus Wien kommt an</td>
- <td class="tdr"><a href="#p2c5">226</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">6. Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle</td>
- <td class="tdr"><a href="#p2c6">229</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">7. Die Verlobung</td>
- <td class="tdr"><a href="#p2c7">233</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Der Festtag im Fegefeuer. (Fortsetzung.)</td>
- <td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">1. Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu
-erzählen</td>
- <td class="tdr"><a href="#p3c1">236</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">2. Der Baron wird ein Rezensent</td>
- <td class="tdr"><a href="#p3c2">240</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdi">3. Das Theater im Fegefeuer</td>
- <td class="tdr"><a href="#p3c3">248</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 26: Kastel → Kassel<br />
-es brenne drüben in <a href="#corr026">Kassel</a></p>
-<p>
-S. 47: Groschenstück → Groschenstrick<br />
-Würgers ein <a href="#corr047">Groschenstrick</a> war</p>
-<p>
-S. 52: Züge → Zunge<br />
-schien seine <a href="#corr052">Zunge</a> gelähmt</p>
-<p>
-S. 56: höchstpreislichen → höchstpreuslichen (nach anderen Ausgaben)<br />
-einer <a href="#corr056">höchstpreuslichen</a> Zentral-Untersuchungskommission</p>
-<p>
-S. 189: vom → dem<br />
-er diese Nachricht <a href="#corr189">dem</a> Kardinal</p>
-<p>
-S: 207: Haned → Hand<br />
-mit ihrem Jokofächer auf die <a href="#corr207">Hand</a></p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden. Vierter Band, by Wilhelm Hauff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
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