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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 19:41:00 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Vierter Band - -Author: Wilhelm Hauff - -Annotator: Alfred Weile - -Release Date: January 4, 2020 [EBook #61098] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Wilhelm Hauffs - - sämtliche Werke in sechs Bänden - - Mit einer biographischen Einleitung - von _Alfred Weile_ - - Neu durchgesehene Ausgabe - :: :: in neuester Rechtschreibung :: :: - - Vierter Band. - - A. Weichert Verlag, Berlin NO.⁴³, Neue Königstr. 9. - - - - - Mitteilungen - - aus den - - Memoiren des Satan. - - - - -Erster Teil. - -Einleitung - - ~Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto - Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto.~ - - _Tassos_ Jerusalem. V. 44. - - - - -Erstes Kapitel. - -Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft. - - -Wer, wie der Herausgeber und Uebersetzer vorliegender merkwürdiger -Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war und -in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird gewiß -diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen. - -Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht -gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen. -Feine Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort -gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich -erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor- noch nachher, -einen meiner damaligen Tisch- und Hausgenossen gesehen zu haben, und -dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges -Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner -den andern kannte oder seine näheren Verhältnisse zu wissen wünschte, -nie für möglich gehalten hätte. - -Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser -Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit -des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft -beigetragen haben, aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung -einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Mann zuschreiben zu -müssen. - -Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor -Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren -nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten -bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben, denn die schrecklichste -Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war anständig, -freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite liegen, -wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man einander -die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die Salatiere -darzubieten habe, wußte jeder, »aber das Genie, ich meine den Geist«, -wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher aus. - -Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor -dem Hotel herab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen -überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und -Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über -das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem -Fenster. - -Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft -schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock noch -hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier -Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt hätte. - -»Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen,« -dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen, -stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete. - -»Zimmer vakant?« rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme. - -»So viele Euer Gnaden befehlen,« war die Antwort des Giganten. - -Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat -in die Halle. - -»Nr. 12 und 13!« rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean -und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan. - -Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter -heraussteigen. - -Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er -hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt. - -»Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort!« rief ich hinab, »wer war denn --« - -»Werde gleich die Ehre haben,« antwortete der Gefällige und trat bald -darauf in mein Zimmer. - -»Eine sonderbare Erscheinung,« sagte ich zu ihm; »ein schwerer Wagen -mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung.« - -»Gegen alle Regel und Erfahrung,« versicherte jener, »ganz sonderbar, -ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter, -denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein -Engländer von Profession, die haben alle etwas Apartes. --« - -»Wissen Sie den Namen nicht?« fragte ich neugieriger, als es sich -schickte. - -»Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben,« antwortete -jener; »haben der Herr Doktor sonst noch etwas --?« - -Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ -mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen -allein. - -Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir -vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum -gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor -mich hintrat, mir solche präsentierend. - -»von Natas, Partikulier,« stand aufgeschrieben. »Hat er noch keine -Bedienung?« fragte ich. - -»Nein,« war die Antwort, »er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn -aber weder aus- noch ankleiden dürfen.« - -Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon -niedergelassen, ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr von -Natas. - -Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir -jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah. - -Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Auge und der volle Bart von -glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen -oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche. -War er alt? war er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn bald -schien sein Gesicht mit jenem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem -Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu -dem mutwilligen Auge hinauf zieht, früh gereifte und unter dem Sturm -der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man -einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch -eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß. - -Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu _einer_ Körperform passen und -sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es Sinnentäuschung -sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form, wie sie die Natur -gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere Mischung denken -könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten, wohlbeleibten -Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen, schlanken, -zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die gedankenschnelle -Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um den Mund, -im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten, drückte sich auch in dem -Körper durch die würdige, aber bequeme Haltung, durch die schnelle, -runde, beinahe zierliche Bewegung der Arme, überhaupt in dem leichten, -königlichen Anstande des Mannes aus. - -So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich -hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu -machen, ohne dem interessanten vis-a-vis durch neugieriges Anstarren -beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch mehrere -Beobachtungen zu veranlassen, denn von dem obern Ende der Tafel waren -diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender Bewegung; -mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen höchstens mit -bloßem Auge gemustert. - -Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen Tafelmusik -ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er kam an den -Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine Münzensammlung und -flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen -Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen und schritt -eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden aufs neue -gestimmt. - -Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor gab -das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die herrliche -Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in seinen -Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald bemerkte -ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern rastlos -umherlief, -- es war offenbar, er musterte die Gesichter der Anwesenden -und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie machte. - -Wahrlich! dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu -verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern -oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die größere oder -geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen -wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der -Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern -der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester -und straffer. - -Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen, als die -Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des -Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche -Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch -über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen. - -Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in -der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach -näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte, wie; denn der -Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle -ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille -gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse -gehört oder gelesen zu haben. - -Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen -auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten -und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten -einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen -sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie -unter Menschen sich befinden, die der Zufall aus allen Weltgegenden -zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die -Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit -seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum ~maître de -plaisir~ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche -Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber -schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen -gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation -führte. - -Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben -getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte -jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen, -auf leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel, -mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer, -schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in so -fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als daß -man sich »göttlich« amüsiert habe. - -Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit -entfernt, je ins Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend einen -Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte das -Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste Eigentümlichkeit -zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften Witz, durch seine -warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von dem tiefsten -Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune streifte, -welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der feinen Grenze -des Anstandes gaukeln. - -Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein, -wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu hohngesprochen, -das Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte -geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte, -reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das üppige -Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unsrer schönen Damen nur -noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht widersprechen; -seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie -umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen Hypothesen -schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz. - - - - -Zweites Kapitel. - -Der schauerliche Abend. - - -So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwölf bis fünfzehn Herren -und Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle -waren ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner den Gedanken an -die Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn -wir morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange -gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten, -schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um -den Fuß geschlungen zu haben. - -Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem -sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr von -Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner entschuldigten ihn -mit einer kleinen Reise; er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen, -aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar da sein. - -Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese -Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel -zusammengebunden, und man befehle uns, zu fliegen. - -Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine -auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir -nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer -andern Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; -so abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er -sich mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich -mich nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blick -hauptsächlich, große Aehnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder -Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer -von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um -sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens -fatal, denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein -bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken -nicht los werden, Natas habe die größte Aehnlichkeit mit ihm, ja, es -sei eine und dieselbe Person. - -Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden -Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften -Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserm Freunde, -der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch -unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine -Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten unter -einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu -haben. - -»Sie könnten einem ganz bange machen,« sagte die Baronin von Thingen, -die nicht weit von mir saß, »Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum -ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!« - -Ein kleiner, ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen -sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still -vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer -»vergleichenden Anatomie«, wie er es nannte, still vor sich hin -gelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose zwischen -den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war. - -»Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge -halten,« brach er endlich los, »wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte -ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz -absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und -da der Gedanke in mir aufblitzen: ›Den hast du schon gesehen, wo war es -doch?‹ aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück, wenn er -mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge erfaßte.« - -»So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch,« riefen wir alle -verwundert. - -»Hm! he, hm!« lachte der Professor. »Jetzt fällt es mir aber von den -Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor zwölf -Jahren in Stuttgart gesehen habe.« - -»Wie, Sie haben ihn gesehen, und in welchen Verhältnissen?« fragte Frau -von Thingen eifrig und errötete bald über den allzugroßen Eifer, den -sie verraten hatte. - -Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: »Es -mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses -einige Monate in Stuttgart zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten -Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft -an der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen -ich das Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. -Man sprach sehr eifrig von und über einen gewissen Herrn Barighi, -der seit einiger Zeit die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, -durch seine Gewandtheit in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob -waren alle einstimmig, nur über seinen Charakter war man nicht recht -einig, denn die einen machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem -Sprachmeister, die dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu -einem Spion. Die Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den -Streit so laut geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich -eingefunden habe, und sah -- - -»Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns -- denselben, der uns seit -einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts -Uebernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns -Herr Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche -Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs -unterbrach: ›Meine Herren,‹ sagte der Höfliche, ›bereiten Sie sich auf -eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zu teil werden wird, vor: -der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen ein.‹ - -»Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer -Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem -Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ›Gerade dem Speisesaal -gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem großen, öden -Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer anständigen -Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen. - -»›Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene -Gewohnheiten, wie z. B. daß er sich selbst oft große Gesellschaft gibt, -wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Couverts aus dem Wirtshaus -kommen, feine Weine hat er im Keller, und einer oder der andere -unsrer Markeurs hat die Ehre, zu servieren. Man denkt vielleicht, er -hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich? Mit nichten! -alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz, liegen auf -den Stühlen, dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den -lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding -soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen Kellner dazu -braucht, denn wer _einmal_ bei einem solchen Souper war, geht nicht -mehr in das öde Haus. - -»›Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort -schwört Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den -andern Tag nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des -Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den -andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest -verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus. - -»›Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr -täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster -und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten. - -»›Wem gehört das Haus da drüben?‹ fragt er dann den Wirt. - -»Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ›Dem Herrn -Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.‹« - --- »Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit -unserm Natas zusammen?« fragte ich. - -»Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor,« antwortete jener, -»es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer beschaut -also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre. ›Ach! -Derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?‹ fragt er dann, -reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und schreit -›Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!‹ - -»Natürlich antwortet niemand, er aber sagt dann: ›Der Alte würde es mir -nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,‹ nimmt Hut und Stock, -schließt sein eignes Haus auf, und so geht es nach wie vor. - -»Wir alle,« fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, »waren sehr -erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich -auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab, -ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Spaß mit dem -Oberjustizrat vorhabe. - -»Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und -belagerten die Fenster. Eine alte baufällige Chaise wurde von zwei -alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem Wirtshaus. -›Das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,‹ tönte es von aller Mund, -und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich unser, als -wir das Männlein, zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen Röcklein -angetan, einem mächtigen Meerrohr in der Hand, aussteigen sahen. Ein -Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so gelangte er -ins Speisezimmer. - -»Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als -damals, denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte, -geradesweges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt -im Schwanen recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte -Barighi verschwunden sein, denn als der Oberjustizrat aufstand und sich -auch die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu -sehen. - -»Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem -Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und -unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren -geschlossen, zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben. - -»›Ein hübsches Haus da drüben,‹ begann der Alte zu dem Wirt, der immer -in der dritten Stellung hinter ihm stand. ›Wem gehört es?‹ -- ›Dem -Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.‹ - -»›Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?‹ rief -er aus. ›Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine -Anwesenheit kundtäte.‹ Er riß das Fenster auf: ›Hasentreffer -- -Hasentreffer!‹ schrie er mit heiserer Stimme hinaus. -- Aber wer -beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir -wohl verschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich -öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der Oberjustizrat -Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen Mütze, unter welcher -wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu -Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen des bleichen Gesichts -war der gegenüber der nämliche, der bei uns stand. Aber Entsetzen -ergriff uns, als der im Schlafrock mit derselben heiseren Stimme über -die Straße herüberrief: ›Was will man, wem ruft man? he!‹ - -»›Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?‹ rief der auf unserer -Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend -am Fenster hielt. - -»›Der bin ich,‹ kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem -Kopfe; ›steht etwas zu Befehl?‹ - -»›Ich bin er ja auch,‹ rief der auf unserer Seite wehmütig, ›wie ist -denn dies möglich?‹ - -»›Sie irren sich, Wertester!‹ schrie jener herüber, ›Sie sind der -dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß -ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.‹ - -»›Kellner, Stock und Hut!‹ rief der Oberjustizrat, matt bis zum -Tod, und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen -Brust herauf. ›In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele; -- -vergnügten Abend, meine Herren!‹ setzte er hinzu, indem er sich mit -einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ. - -»›Was war das?‹ fragten wir uns. ›Sind wir alle wahnsinnig?‹ -- - -»Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster hinaus, -während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die Straße -stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus der -Tasche, riegelte -- der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu -- -riegelte die schwere, knarrende Haustüre auf und trat ein. - -»Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück, man sah, wie er dem -unsrigen an die Zimmertüre entgegenging. - -»Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen -und zitterten. ›Meine Herren,‹ sagte jener, ›Gott sei dem armen -Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.‹ -- -Wir lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein -Spaß von Barighi sei, aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das -Haus gehen können, außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln des -Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an -der Tafel gesessen, wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende -Maske anziehen können, vorausgesetzt auch, er hätte sich das fremde -Haus zu öffnen gewußt. Die beiden seien aber einander so greulich -ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht -hätte unterscheiden können. ›Aber um Gottes willen, meine Herren, hören -Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?‹ - -»Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen tönten aus -dem öden Hause herüber, einigemal war es uns, als sähen wir unsern -alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am -Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still. - -»Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag, -hinüberzugehen; alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die -große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich -niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der -Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der -Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren -verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag -der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche -Frisur schrecklich zerzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa. - -»Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo -jemals eine Spur gesehen.« - - - - -Drittes Kapitel. - -Der schauerliche Abend. - -(Fortsetzung.) - - -Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile -still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich, -ich wollte das Gespräch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn -bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, -wenn ich nicht irre ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam. - -»Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzähligemal für -einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte -anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem -Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechselung weniger bei jenen -platten, alltäglichen nichtssagenden Gesichtern, als bei auffallenden, -eigentlich interessanten vorkommt.« - -Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen, -aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres -Natas. »Jeder von uns gesteht,« sagte er, »daß er dem Gedanken Raum -gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort -gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender -Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins -Gedächtnis zu prägen.« - -»Sie mögen so unrecht nicht haben,« entgegnete Flaßhof, ein preußischer -Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei Tage bei uns -gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurückzukehren. »Sie -mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen -Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung -spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt und -weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei dicker war als -ich und auch sonst nicht die geringste Aehnlichkeit in Kleidung und -Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte ich alle Tage -den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und Lichtputzern als Herr -Michele d'Agata angeredet zu sein und lange Klagen über schlechte -Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen. Selten gingen sie -überzeugt von mir weg, daß _ich_ nicht Michele d'Agata sei. Einst -besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an: -›Herr Agata‹. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrüßt -und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl -kannte. ›Guten Abend, Herr Agata,‹ war sein Gruß, indem er vorüberging. --- Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.« - -Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden -Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt -hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort, man stritt sich um -das Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichterschnitt zu -haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und -auf das Auge insbesondere, man kam endlich auf Lavater und Konsorten; -Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr -wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der -Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu -betrachten. - -»Welch ein leichtsinniges Volk,« seufzte er, »ich habe sie jetzt soeben -gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten in -keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus -hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche, -als ob der Versucher nicht immer umherschliche.« - -Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. »Noch -nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt,« -sagte ich; »aber Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre kühnen -Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich -denn wirklich ein, dieser harmlose Natas ...« - -»Harmlos nennen Sie ihn?« unterbrach mich der Professor, heftig meine -Brust anfassend, »harmlos? Haben Sie denn nicht bemerkt,« flüsterte er -leiser, »daß alles bei diesem feinen ... Herrn berechneter Plan ist? O, -ich kenne meine Leute!« - -»Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?« - -»Haben Sie nicht bemerkt,« fuhr er eifrig fort, »daß der gebildete Herr -Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm fünf -Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern nacht -fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den abgefeimten Spieler -einen Mann von den nobelsten Sentiments und schwört auf Ehre, er müsse -über die Hälfte wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er keine -Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den Oekonomierat gekörnt -hat?« - -»Ich habe wohl gesehen,« antwortete ich, »daß der Oekonomierat, sonst -so moros und misanthrop, jetzt ein wenig aufgewacht ist, aber ich habe -es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben.« - -»Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften umher -und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder Liederlich zu -werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet einen großen -Wurm im Leib zu haben und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen -exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn dieser Wundermann -erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht wie ein anderer -vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll seine Jugend, -wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt, genießen, viel Wein -trinken etc., und das ~et cetera~ und den Wein benützt er seit vier -Tagen ärger als der verlorne Sohn.« - -»Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich -und dem Leben wiedergeschenkt --« - -»Nicht davon spreche ich,« entgegnete der Eifrige, »der alte Sünder -könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem -nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich -habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon -zusehends.« - -Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der -liebe Brotneid schaute nicht undeutlich heraus. -- - -»Und unsere Damen,« fuhr er fort, »die sind nun rein toll. Mich dauert -nur der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen -soll er hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man -je gehört, daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer -glücklichen Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden -Menschen einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!« -- - -»Wie? die schöne, bleiche Frau dort!« rief ich aus. -- - -»Die nämliche bleiche;« antwortete, er, »vor vier Tagen war sie noch -schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der -Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie ~Rouge fin~ kaufen -wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt ~bon -ton~), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie -habe ein so interessantes ~je ne sais quoi~, das zu einem blassen Teint -viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nächsten -Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade dort, um ein -Pfeifenrohr zu erstehen, da höre ich sie mit ihrer süßen Stimme den -rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das Weiß nicht -noch etwas _ätherischer_ habe? Hol' mich der T...! hat man je so etwas -gehört?« - -Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, so -suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon -etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es -aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst. -Von der Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte ich zwar -nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen -weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung daraus zu -erläutern. - -Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang -geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke -des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. »Himmel,« -seufzte er, »und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher -Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden -Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß -geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen -Formen der schwellenden --« - -»Herr Professor!« rief ich, erschrocken über seine Ekstase, und -schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. »Sie geraten außer sich, -Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?« - -»Er hat sie auch,« fuhr er zähneknirschend fort. »Haben Sie nicht -bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte? -Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe -- sie hat alles, um -eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der -literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen -- -Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir neulich -der Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn -vorgestern nacht aus ihrem Zimmer ...« - -»Ich bitte, verschonen Sie mich,« fiel ich ein, »gestehen Sie mir -lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel -gebracht hat.« - -»Das ist es eben,« antwortete der Gefragte verlegen lächelnd, »das ist -es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er brachte -einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte -so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf schwindelte. Ich möchte -ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht -mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nähe, und doch könnte -ich ihm mit Freuden Gift beibringen.« - -Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und -fuhr damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie -Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu -richten. - -Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht -ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber er -ließ mich nicht zum Worte kommen. - -»Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,« -rief er, »um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer -und hast eine feine Nase; aber ein ...r Professor, wie ich, der sogar -in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens -deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine -feinere als du.« - -Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen -schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und -glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich -ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu -zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder -das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen, denn als er -sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster -dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen -Fremdlings zu sehen geglaubt hatte. - -Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug -der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war, -ward die Türe aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes -in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die Gesellschaft, als -wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte -zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick -auszuhalten vermochte. - -Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber, -neben der Frau von Thingen Platz genommen und die Leitung der -Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor -nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, -diesen Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz -im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von -Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter -des Oekonomierats so viel Verbindliches zu sagen wußte, daß sie -einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer -Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen auf -seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ. - -»Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch -- meiner Seel'! -aller Ehre wert,« brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch -seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor -dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er -an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine -Mauer, neben seine Schöne, doch diese schien nur Ohren für Natas zu -haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde, -»übermorgen,« und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine -sehr zerstreut, meinte sie »1 fl. 30 kr. die Elle.« - -Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, -der nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles -wieder gut machen, ja, durch ein paar ~ottave rime~ sich sogar bei der -Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder -Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil; -denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem -überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik -zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte. - -Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit -der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken zwischen -Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer schönen, -runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um -beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber -kredenzte die gefüllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen -Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig so viel als möglich -Abbruch zu tun, unverkennbar war. - -Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends -verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu -färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit -einemmal, als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des Anstands -herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, -das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man lachte und -jauchzte und wußte nicht über was? Man kicherte und neckte sich, und -der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit Küssen in -Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich -vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte. Wirklich, es war Natas, der -dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser -alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelächter ausbrach. - -»Nicht wahr, meine Herren und Damen,« schrie der Punsch aus dem -Professor heraus, »Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser verehrter -Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet -ist? Sie schweigen? Ist das auch Räson, einen so im Sand sitzen zu -lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige Frau! Sagen -Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!« - -Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer -Verlegenheit. »Ich erinnere mich,« gab ich zur Antwort, als alles -schwieg, »von interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen -gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas -aufgeführt.« - -Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn -unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder -alles. - -»Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!« sagte er, »ich behauptete, -daß mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei, und erzählte, wie Sie in -Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie noch, -gnädiger Herr?« - -Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer -umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner -Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein -älterer, unheimlicher Mensch. - -»Da hat man's ja deutlich,« rief der Professor, »dort läuft er als -Barighi umher.« - -»Barighi?« entgegnete Frau von Trübenau. »Bleiben Sie doch mit Ihrem -Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da -hereingekommen ist.« - -»Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau,« unterbrach sie -der Oberforstmeister, »es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in -Wiesbaden letzten Sommer associiert war.« - -»Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann,« sprach Frau von Thingen, den -auf und ab Gehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, »es ist -ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre -beibringt.« - -»Warum nicht gar!« brummte der alte Oekonomierat, »es ist der lustige -Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D--n -verschaffte.« - -»Ach! Papa,« kicherte sein Töchterlein, »jener war ja schwarz, und -dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der -sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?« - -»Hol' mich der Kuckuck und alle Wetter,« schrie der preußische -Hauptmann, »das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir -mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich -morgen, gleich jetzt.« Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig -auf und ab Gehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm: -»Bleiben Sie weg, Wertester!« schrie er, »ich hab's gefunden, ich hab's -gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der _Satan_!« - - - - -Viertes Kapitel. - -Das Manuskript. - - -So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend noch -in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich auf -alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen Schlaf -gewesen sein, denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und fragte, -indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der Kaffee -gefällig sei? - -Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute -hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei? - -Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das -müsse ich besser wissen als er. - -»Ah! ich erinnere mich,« sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu -verbergen, »nach der Abendtafel ...« - -»Verzeihen der Herr Doktor,« unterbrach mich der Geschwätzige. »Sie -haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15.« - -»Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon -auf?« - -»Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?« fragte der -Kellner. - -»Kein Wort;« versicherte ich staunend. - -»Er läßt sich Ihnen noch vielmals empfehlen, und Sie möchten doch in T. -bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen -Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt.« - -»Aha, ich weiß schon,« sagte ich, denn mit einemmal fiel mir ein Teil -des gestern Erlebten ein. »Wann ist er denn abgereist?« - -»Gleich in der Frühe,« antwortete jener, »noch vor dem Oekonomierat und -dem Oberforstmeister.« - -»Wie? so sind auch diese abgereist?« - -»Ei ja!« rief der staunende Kellner, »so wissen Sie auch das nicht? -Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau --« - -»Sie sind auch nicht mehr hier?« - -»Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren,« -versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht -träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem -Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand. - -»Und Herr von Natas?« fragte ich kleinlaut. - -»Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen -wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen.« - -»Wieso?« - -»Nun, bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber -auch dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen -verstünde?« - -»Zur Ader lassen? Herr von Natas?« - -»Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und -haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir.« - -Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: »Es mochte kaum elf Uhr -gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei --« - -»Was für eine Geschichte mit der Polizei?« - -»Nun, Nr. 15 ist vornheraus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort -ein ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte -abbieten, Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn -Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weiter gingen. -Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau -herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich denken, -wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf und zwölf -Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe begegnet uns Herr von -Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, hört kaum, -wo es fehlt, so springt er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe fünf -Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der Lanzette eine -Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang. Sie schlug die -Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl, doch versprach Herr von -Natas, bei ihr zu wachen.« - -»Ei! was Sie sagen, Jean!« rief ich voll Verwunderung. - -»Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von -neuem los. Auf Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in -Kassel. Des Herrn Oekonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfälle -bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben, denn er sprach -vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten nichts -anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu nehmen. Er -hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem Kammermädchen zu -wachen; aber lieber Gott, geschlafen muß er haben wie ein Dachs, denn -wir pochten drei-, viermal, bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze -war nun gar nicht zu erwecken.« - -»Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?« - -»Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit -aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben.« - -»Armer Professor!« dachte ich, »dein hübsches Röschen mit ihren -sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein -Pflaster auf das pochende Herz pappend.« - -»Der Herr Papa Oekonomierat war wohl sehr angegriffen durch die -Geschichte?« fragte ich, um über die Sache ins klare zu kommen. - -»Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem -Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es läutet im zweiten -Stock, und das gilt mir.« Er sprach's und flog pfeilschnell davon. - -So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wußte -ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich -zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; was -es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern. - -Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn ich recht nachsann, -mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in meiner -Erinnerung umher -- am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn -um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen. - -Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen -Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett: - - »Euer Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor - meiner Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, - mich noch einmal besuchen wollten. - - von _Natas_.« - -Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig -zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner gewinnenden -Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein unverkennbarer Zug von -Ironie, der heute um seinen Mund spielte, und den ich sonst nicht an -ihm bemerkt hatte. - -Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen Trinker -ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir, -daß ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden -Blick, was ich noch von gestern nacht wisse? - -Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie -herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie. - -Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen -Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien -alle, sogar der morose Oekonomierat, dorthin gereist; ihn selbst aber -rufen seine Geschäfte den Rhein hinab. - -Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er dem starken -Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele -medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen -helfen zu können. - -Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte -von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas -hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns so lange hier -gefesselt. - -»Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?« fragte er mich, während wir -den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften. - -»Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?« antwortete ich -ihm. »Ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald -genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff daher -einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder Nationen -fürs liebe deutsche Publikum.« - -Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte -mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren eines berühmten -Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu übersetzen? -»Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren können, ist es eine leichte -Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde und das -Manuskript im Hochdeutschen abgefaßt ist.« - -Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren -verstand ich früher und hoffte es mit wenig Uebung vollkommen zu -lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf und -überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die Zeichen -krochen mir vor dem Auge umher, wie Ameisen in ihren aufgestörten -Hügelchen, aber er gab mir den Schlüssel seiner Geheimschrift, und die -Arbeit schien mir noch einmal so leicht. - -Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für seine -Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die -er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentüre -schloß sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an, -und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern -des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von -gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte. - -Als ich die Treppe hinaufstieg, händigte mir der Oberkellner einen -Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu -übergeben befohlen, ich riß ihn auf -- - - »Verehrter, Wertgeschätzter! - - Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle - des brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich - Lebewohl, weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie - härter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken sind. Daß - unser fröhliches Zusammenleben so schauerlich endigen mußte! - Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja klar, daß - dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan war! - - Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick über die Schulter - und liest, was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht. Den - armen Oekonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau, - meine schöne Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister - hat er in seinem Netz. Gott gebe, daß er Sie nicht auch - geködert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe allzu - tief eingebissen in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel. - Ich reiße mich los und mache, daß ich fortkomme. - - Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr.« - -Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der -Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem -es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mußten des Teufels -Memoiren sein, die ich in der Hand hielt. - -Wer stand mir aber dafür, daß die Schriftzüge mir nicht durch die Augen -ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte ich mich -nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans -machte, unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben? - -Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor -nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von -irgend einem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen. -Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen -in sein ewiges Reich gehaudert, oder hatte er mich in den April -geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher - -In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche -angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid, -ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript -Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine -Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die -Kirche. ~Probatum est~; am Montag fing ich an zu dechiffrieren und habe -noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch an mir -bemerkt. - -Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört. -Der Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu -glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu -geben, der ihn zu einem _Berzelius_ machen will. Der Hauptmann soll -sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schöne Witwe, hat, -nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten, vor nicht gar langer -Zeit wieder geheiratet. - - - - -Die Studien des Satan auf der berühmten Universität ...en. - - »Betrogene Betrüger! Eure Ringe - Sind alle drei nicht echt; der echte Ring - Vermutlich ging verloren.« - - Lessings Nathan III. 7. - - - - -Fünftes Kapitel. - -Einleitende Bemerkungen. - - -Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons -der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der -Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von -Memoiren, urteilt über Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es -könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf -der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um -den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen -Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt -haben, die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von -Bedeutsamkeit verliehen. - -Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza, -wo sie, wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf dem Haupt zu -Bette gingen, erhoben zu haben, nicht zufrieden damit, daß sie auf -Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um sich -gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren für -ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die Mitwelt -ist zur Nachwelt geworden, man hat ihr einen neuen Maßstab, wonach sie -die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es sind die Memoiren. - -Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel -jenes Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der -Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern -glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche, -haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie -es Männern von solchem Gewichte ziemt, als Ich, bauen aus ihren -Memoiren ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne -auf der Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie -die Kulissen, Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und -ihre lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie in den -Hintergrund als Figuranten auf, sie selbst aber spielen ihre Sulla oder -Brutus würdig des unsterblichen Talma. - -~Mundus vult decipi~, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich ab, -denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen vorzusetzen? - -Man wendet vielleicht ein: »Der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der -Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben.« - -Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte, -Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr -gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen -Krieger, welche die Welt mit ihrem _literarischen_ Ruhme anfüllen, -nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört haben; wenn nun -dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch für einen ~homo -literatus~ zu gelten? - -Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben -Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin, -zu schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit -Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt sein? - -Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen -meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann -vom Gewerbe etc. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche, -wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind, -anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des -Lagers, die, unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut, -keine Zeit hatten, Humaniora zu studieren und dennoch so glänzende -Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das Vorurteil, ich sei -ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin ~in optima -forma~ Doktor der Philosophie geworden, wie aus meinen Memoiren zu -ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß aufweisen. - -Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren -auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene -vor den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich -übel wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar -neuerdings selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig -hart mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, -daß das Sprichwort ~clericus clericum non decimat~ füglich auch auf -mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich -ja doch schon im Alten Testament _Satan_, ~adversarius~, das ist -Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den schlagendsten -Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort werde ich διαβολος -oder Verleumder genannt; da nun διαβαλλειν so viel sei als ~acerbe -recensere~, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik habe, den Schluß -von selbst ziehen können. - -Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner -Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art -nicht fehlen könne. - -Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren -vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede -finden, das den Werken tiefdenkender Geister so eigen zu sein pflegt. -Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben -auf der Erde finden und den innern Zusammenhang vermissen. - -Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein -Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen -soliden Buchhandlungen Deutschlands. - -Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und -seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber -reflektiert; wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf -ihn oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn -er berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge -vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt -zu haben, sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten, -die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem gelehrten Publikum -als Schriftsteller aufzutreten.[1] - - [1] Was der Satan hier ernsthaft und gelehrt spricht! Er - gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat der - Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt. - - Anm. d. Herausgebers. - -Ueber Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende -Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu -sagen sein könnte, habe ich in dem Abschnitt »Besuch bei Goethe« -ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin. - -Fleißige Leser, d. i. solche, die Bogen für Bogen in einer -Viertelstunde durchfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt -nicht überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen -eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber -nichts zu sagen als, sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich -langweilen. - -Ehe mein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat -der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es -scheint mir nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit; -man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er -über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er -nur angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei, aber -dem Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene -enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend. - -Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie -z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein, -was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens -mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste ist. -Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe jeder -Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und fand, daß -er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit angehören, und -nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von zehn, zwanzig -Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute Schule gehabt -haben muß. - -Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel -wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt von jedem einzelnen -Kapitel vorangesetzt. - - _Der Herausgeber._ - - - - -Sechstes Kapitel. - -Wie der Satan die Universität bezieht, und welche Bekanntschaften er -dort machte. - - -Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe -es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zu Grunde; man -glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen -philosophischen Waghälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir -nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom -gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn -dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch -immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und -Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben. - -Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit -hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an -keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar -meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand -in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube -an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde -gehört: »~Anathema sit~, _er glaubt an keinen Teufel_.« - -Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf -den vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer -Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester zu -Semester systematisch traktiert. - -Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt -zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich -einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein guter -Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas Medizin -fehle; zwar, als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen Kursus -bei Mesmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht. Aber -damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden Sprichwörter, -die in Deutschland kursieren: _ein dummer Teufel_, _ein armer Teufel_, -_ein unwissender Teufel_, was offenbar auf meine vernachlässigte -wissenschaftliche Bildung hindeuten soll. - -Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom -Himmel gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu -studieren und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß -ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen Erfolg -versprach. Ich wählte ...en und zog im Herbst des Jahrs 1819 daselbst -auf. - -Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem -neuen Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war _von Barbe_, meine -Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel mit, -hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als Neuling -oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte schon -allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen. - -Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter, -den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf -Leben und Tod am Arm hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe; wäre -ich Kavalier, so würde ich auf Ehre! versichern und »Hol' mich der -Teufel« als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn »Auf Ehre« und »Hol' -mich der Teufel« verhalten sich zu einander, wie der ~Spiritus lenis~ -zum ~Spiritus asper~), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole als -Satan geben. - -Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber -folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam; -wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an -Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz -verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von -Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über -Burschenschaften und Landsmannschaften etc., ward aber noch nicht recht -klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half -mir aus der Not. Ich nahm in F. einen Platz in einer Retourchaise; mein -Gesellschafter war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die -Medizin legte. Er hatte das ~Savoir vivre~ eines alten Burschen, und -ich befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt -zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren. - -Es war ein großer wohlgewachsener Mann von vier- bis fünfundzwanzig -Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Mode -zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute, -es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich, -solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht -war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge -hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es; das -Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart wucherte -von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein -vom Bier geröteter Henriquatre. - -Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich, die -Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten; das Auge -blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gegenstand mit einer -Hoheit, einer Würde, die eines Königsohnes würdig gewesen wäre. - -Ueber die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn konnte -ich nicht recht klug werden, denn sie staken tief in der Krawatte. -Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt -gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig einen halben -Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich, ohne ein -Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein -exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, auf welchem -der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben Rock, den -er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried nannte, und -welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser _Gottfried -Flaus_ reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich eng um den -ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte -sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut versehen sein -müsse. - -Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt schlossen sich -an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten -ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie. - -Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form -eines umgekehrten Blumenscherben gehängt, das er mit vieler Kunst gegen -den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie wenn man -mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt zudecken wollte. - -Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um -nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn -Bruder gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte -ihm daher seine Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, -soviel es ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der -ersten Stunde auffallend vor dem »Philister und dem Florbesen«, auf -deutsch einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsre übrige -Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde -hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich -schon einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ...en -einfuhren, hatte er mir versprochen, eine »fixe Kneipe«, das heißt, -eine anständige Wohnung auszumitteln, wie auch mich unter die Leute zu -bringen. - -Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem -Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele -zu folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. -Die ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen -Mützen bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi -hier versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang -des Semesters einzutreffen pflegen, nach gewohnter Weise zu empfangen. -Würger, der alte, »längst bemooste« Bursche, hatte sich schon unterwegs -mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für »Füchse« halten -werden, und wirklich traf seine Vermutung ein. - -Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern herab; -sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt: - - »Was kommt dort von der Höh'?« - -Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch der Chaise, -und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein furchtbares -Haupt und schrie zu den Fenstern empor: »Was schlagt ihr für einen -Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß zwei alte Häuser aus diesem -Philisterkarren gestiegen kommen?« (Auf deutsch: Lärmt doch nicht so -sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß zwei alte Studenten aus dem Wagen -steigen.) - -Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner: »Würger! -Du altes, fideles Haus!« schrien die Musensöhne und stürzten die -Treppen herab in seine Arme; die Raucher vergaßen ihre langen Pfeifen -wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der -Hand. Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den -Angekommenen. - -Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der -ich bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten -und angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit -herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem -Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste Häupter -an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und ein Fuchs -mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten. - -So war ich denn in ...en als Student eingeführt, und ich gestehe, -es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein -offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in den Fesseln der -Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen, -man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, -daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht -wundern, daß ich mich vom Anfang gar nicht recht in die Konversation -zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (~Termini -technici~), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben habe, -viel zu schaffen; ich verwechselte oft »Sau,« das Glück, mit »Pech«, -das Unglück bedeutet, wie auch »holzen«, mit einem Stock schlagen, mit -»pauken«, mit andern Waffen sich schlagen. - -Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von Hunden, -Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel man hinter -dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, von welchen -ich anfangs wenig oder gar nichts verstand, ich merkte mir aber die -Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation -gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene: »Freiheit, -Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit.« - -Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich _teufelmäßige_ -Sprünge machen konnte, da ich mir sogar nach und nach langes Haar -wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte und einen zierlich -ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte, mich auch -auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder, daß ich bald -in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluß -so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten zu leiten und -zu erziehen und sie für die Welt zu gewinnen. - -Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein -gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte -und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. -Wenn ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien, -Frankfurt etc. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem -Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren schönen, -hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand, ihre nicht -geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzsaal, nur zu -überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem Witz, zu feinem -Spott, der das Leben würzt und aufregt, anwenden sah, wenn ich sie, -statt schönen Mädchen nachzufliegen, in die Kirche schleichen sah, -um einen ihrer orthodoxen Professoren anzuhören, so konnte ich ein -widriges Gefühl in mir nicht unterdrücken. - -Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige -Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche -Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten, -daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe. -Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre, -musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn -die Schäflein drin waren und der Küster den Stall zumachte, mit den -Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die -Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder Professor N. in der -Kirche seine Zuhörer. - -Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partie auf meiner -Seite. Die Frömmeren schrieen von Anfang über den rohen Geist, der -einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Bursche seien; -aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan, -daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden, -und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtür zu sein; -aber bis hierher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als -je, es wurde viel getrunken, ja, es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im -Trinken zu halten, man wird es kaum glauben, es gab sogar eigentliche -Kunsttrinker! - -Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die -Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre »Altvordern« auch durch -Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen -verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von -Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den -Feineren, Gebildeteren war es natürlich vom Anfang auch ein Greuel, -ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in -seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein: - -»Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem -schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von -stärkendem Schlammbad sei, um die Ueberfeinerung abzuwenden, mit der -jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die -Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein -gewisses barbarisches Mittelalter, das sogenannte Burschenleben -- -gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht -über die Grenze geht.« - -Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle meinen -herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was konnten -die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in die -schwarzgerauchte Kneipe, »verschlammten« sich recht tüchtig in dem -»barbarischen Mittelalter« und hatten kraft ihres inwohnenden Genies -meine älteren Zöglinge bald überholt. - - - - -Siebentes Kapitel. - -Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte. - - -Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und leben -machte, vergaß ich auch das ~Dic cur hic~ nicht und legte mich mit -Ernst aufs _Theoretische_. Ich hörte die Philosophen und Theologen und -hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und Medizinern. Ich hatte, -um zuerst über die Philosophen zu reden, von einem der hellsten Lichter -jener Universität, wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft sagen -hören, _der Kerl hat den Teufel im Leib_. Eine solche geheimnisvolle -Tiefe, wollte man behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche -Gedrungenheit des Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch -nicht gefunden worden in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich -feierlich vor jenem Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe -schon viel ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII. -31 und 32 in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen? -- -Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben! - -Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte, -war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man -mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare -kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. -Er aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine -himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis -angepinselt hatte. Auf dieser kletterte er nun zum blauen Aether hinan, -versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er -stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte hinein -in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen Grasboden noch -viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho Pansa, als er auf -dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die Erde so groß wie ein -Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich -- nichts. - -Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von -Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit -sich keines verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte -ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr verstanden. - -Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über -die Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, -und die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal -zwei vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und -wanderte seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren -Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte, -Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt aussandten. - -Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so bewandten -Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo man über -die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich so viel -Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein Fegfeuer zu -deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele auf eine große -schwarze Tafel und sagte: »So ist sie, meine Herren!« Damit war er aber -nicht zufrieden, er behauptete, sie sitze oben in der Zirbeldrüse. - -Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine -Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der -Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich zog mich -ganz schwarz an, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und -trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen -zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser -Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentarischen Kostüm, -vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins Linkische. - -Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat in das Zimmer des ersten -Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker -ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze -Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knicks mit dem -Kopf und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm -auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedigte, und -daß ich gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. -Er murmelte einige unverständliche, aber, wie es schien, gelehrte -Bemerkungen, verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer -auf und ab. - -Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten, -voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm -her, indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter -vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hie und da noch etwas weniges, -sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts als die -Worte: »Pfeife rauchen?« ich merkte, daß er mir höflich eine Pfeife -anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen, denn er rauchte -wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer. - -Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit -zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich -gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben -ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die -sein Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die -verschiedenen Kleider und Wäschrudera, die auf den Stühlen umherlagen, -das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte, wagte -ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein Aussehen war -höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um die Glatze, -die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock -war an dem Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene Löcher, die -durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine Bein war mit -einem schwarzseidenen Strumpf, und der Fuß mit einem Schnallenschuh -bekleidet, der andere stak in einem weiten abgelaufenen Filzpantoffel, -und um das halbentblößte Bein hing ein gelblicher Socken. Ehe ich -noch während des unbegreiflichen Stillschweigens des Theologen meine -Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine -große, dürre Frau, mit der Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, -stürzte herein. - -»Nein, das ist doch zu arg, Blasius!« schrie sie, »der Küster ist da -und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und -du steckst noch im Schlafrock!« - -»Weiß Gott, meine Liebe,« antwortete der Doktor gelassen, »das habe ich -häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum Dienste -des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den Doktor Paulus -weidlich schlagen muß.« - -Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube, -wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch sein übriges -Kadaver zum Dienst des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber stellte -sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die weiten Falten -ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr sichtbar war. - -»Sie verzeihen, Herr Kandidat,« sprach sie, ihre Wut kaum -unterdrückend. »Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen -werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in -die Kirche.« - -Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den -Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. »Ein schöner Anfang in der -Theologie!« dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer -zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige -Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte. - -Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen -Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und -Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, an -welchen sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, -und kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten, -neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdkragen. So saßen die jungen -geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine Mappe, einen -Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit gleich ~ad -notam~ zu nehmen. »O Platon und Sokrates!« dachte ich, »hätten eure -Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer, -heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie majestätisch -müßten sich die Folianten von ~Socratis opera~ in mancher Bibliothek -ausnehmen!« - -Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte -sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der -Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl -schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges -und begann: - -»Hochachtbare, Hochansehnliche!« (Damit meinte er die, welche sechs -Taler Honorar zahlten.) - -»Wertgeschätzte!« (Die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten. - -»Meine Herren!« (Das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut -gar nichts entrichteten.) Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn -rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond aus -Regenwolken. - -Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen können, -denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt ~De angelis malis~, -worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig, -er ließ mich nicht lange warten. »Der Teufel,« sagte er, »überredete -die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das ganze -Menschengeschlecht feindlich gesinnt.« Nach diesem Satz hoffte ich -nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören; -aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort _Teufel_ stehen, -und daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand -von Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht -gesucht hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden -lang hin und her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen -Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere -nehmen das Sephuph nicht von den Mücken, sondern als _Anklage_, wie die -Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephuph als Grab, ~Sepulcrum~. -Die Federn schwirrten und flogen: so tiefe Gelehrsamkeit hört man -nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei -Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen -Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß -gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den -Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir -doch Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem -unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick -aus, die Sacktücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine andere -Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten -- alles -deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde. - -Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer -aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und -Würde seine eigene Meinung zu entwickeln. - -Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen -passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in -diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er -lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. -Der Teufel oder Beelzebub wäre also hier der _Herr im Dreck_, _der -Unreinliche_, το πνευμα ακαθαρτον, der _Stinker_ genannt, wie denn -auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser -unanständiger Geruch verbunden sei. - -Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie -vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem -nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar -keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste -Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich -noch besser an ihm rächen könnte, ich bezähmte meinen Zorn und schob -meine Rache auf. - -Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand -auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die tiefe -Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein dumpfes -Gemurmel des Beifalls auf. - -»Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der -tiefsten Gelehrsamkeit!« murmelten die Schüler des großen Exegeten. -Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch -kein Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen -Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch -kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches, -vollständiges Heft zu bekommen. - -Sobald sie aber die teuren Blätter in den Mappen hatten, waren sie die -alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die -Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend ab, -und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten Bierhaus -zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie seien und -~recta via~ von der kühnsten Konjektur des großen Dogmatikers herkommen? - -So schloß sich mein erster theologischer Unterricht, ich war, wenn -nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an -den ich nie gedacht hätte, reicher geworden. - -Ich schwur mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen -dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter -ihnen solche krasse Begriffe zu Markt brachte, was durfte ich von den -übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael-, oder Dr--ck-Seele hatte -ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, um sie auszuführen. - - - - -Achtes Kapitel. - -Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon. - - -Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen -darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes, -unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger Zeit -fleißig die Anatomie besucht, um auch die Aerzte kennen zu lernen. Da -geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen Kadaver -beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des -Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des Glaubens an Unsterblichkeit -darzutun suchte. - -Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: »Pfui Teufel! wie riecht's -hier!« - -Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der -mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das -Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors -niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese -Aeußerung: »Pfui Teufel, wie riecht's hier!« die ich in jenem -Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den »Herrn im -Kot« bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche -Gemeinheiten und Unzüglichkeiten verbitte. - -Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment -heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden -konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern -Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht, denn wer -sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich -damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich von meinen Freunden -als etwas Unvernünftiges, Unnatürliches angesehen wurde. Ich hatte -meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem Vergnügungsort, eine -Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Partien erschienen zur -bestimmten Zeit an Ort und Stelle. - -Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm -ausgezogen und der »Paukwichs,« das heißt, die Rüstung, in welcher das -Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der Paukwichs -bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlänglichen -Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die über den Bauch -geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit der Farbe der -Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine ungeheure -Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick war, stand -steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle, einen Teil der -Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur -Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen verfertigtes Rüstzeug, -Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare -Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch gewährte sie große -Sicherheit, denn nur ein Teil des Gesichtes, der Oberarm und ein -Teil der Brust war für die Klinge des Gegners zugänglich. Ich konnte -mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn ich im Spiegel meinen -sonderbaren Habit betrachtete. »Der Satan in einem solchen Aufzuge -und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu -schlagen!« - -Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der -Kühnheit und des Muts, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick -gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die -gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein -Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den »Schläger« vorantragen -zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug. -Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem, -schützendem Korb, und scharf geschliffen wie ein Schermesser. - -Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein -grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur -noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen. - -Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen waren gebunden, -die Sekundanten schrieen: »Los!« und unsere Schläger schwirrten in der -Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens -parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten -Angriffe des Gegners. Denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von -Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine -Schlappe gab. - -Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn -und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit -sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten -»Häusern« bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und -begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich -dazu aufzumuntern. - -Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen -wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden -die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen -wolle. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen -werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich, selbst -einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der -ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßige Hiebe, und -klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange. - -Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah, mein Sekundant und -Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten mit -feierlicher Stimme: »_Es ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also -Ansch--ß_«. Das hieß so viel als: weil ich dem guten Jungen ein Zoll -langes Loch ins Fleisch gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen - -Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände, -die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die -in der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, -seit des großen Renommisten Zeiten durfte sich rühmen, vorher die -Stelle, die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit -getroffen zu haben? - -Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir in -dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade -mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit ihm. - -»Ich bin Ihnen Dank schuldig,« sagte er zu mir, »daß Sie mich so -gezeichnet haben. Ich wurde, ganz gegen meinen Willen, gezwungen, -Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine -fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. -_Sie_ haben mit _einemmal_ entschieden, denn mit einer Schmarre vom Ohr -bis zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen.« - -Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl -mit geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer -der frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall -anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch -eine so kurze Operation der Welt wiedergeschenkt zu sein. Ich fragte -ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der -Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am -meisten angezogen hätte. - -Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen -Gedanken, denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die meisten -Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste, dem Trieb -der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an -bedeutende Generale und an die vorzüglichsten Bühnen versprach. - -Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte, -gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine -Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich -nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen -war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn -eröffneten. - -Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig, als der glänzende Ausgang -meiner Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein -höheres Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über -meine großmütigen Sentiments Tränen vergoß. - -Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen -Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten: _für den -guten Geruch ihrer Anatomie geschlagen habe_. - -Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang -war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es -sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend -mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen -wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen. - - - - -Neuntes Kapitel. - -Satans Rache an Doktor Schnatterer. - - -Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ...en hinter -meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, zurückbleibe, -legte ich mich mit Eifer auf Aesthetik, Rhetorik, namentlich aber auf -die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art -meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene berühmte Schule -nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib -und Kind ernähren könnte, sondern das ~Dic cur hic~, das ich recht oft -in meine Seele zurückrief, sagte mir immer, ich solle suchen, von -jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, mich aber so sehr -als möglich in jenen Künsten zu vervollkommnen, die heutzutage einem -Mann von Bildung unentbehrlich sind. - -Bei Gelegenheit, eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über -die Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine -Statue nach allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer -einige theologische Literatur, einige juridische Phrasen, einige -neue medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische -Behauptungen ~in petto~ zu haben, hielt ich für unumgänglich notwendig, -um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können, und ohne -mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, ich habe in -den paar Monaten in ...en hinlänglich gelernt. - -Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im -Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse -aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff -zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht -versäumen, meine Rache am Doktor Schnatterer zu erzählen. - -Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit -mehreren andern Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen -vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen -Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige -Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man -spielte wohl auch bei Türen ein Whistchen oder Pikett und trank -manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse Welt daraus -ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise des Wirts zur -Stadt bringen ließen. - -Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang -heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist -erlaubt hatte: er ging dann bedächtlichen Schrittes seinen Weg, vermied -aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig -Schritte seitwärts neben jener hinlief; der Grund war, weil der breite -Weg am schönen Sonntag abend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber -die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsicheren Gang nicht -den Augen der Welt zeigen wollte. - -So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die Frommen -aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: »Siehe, er geht -nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr Doktor, -sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt.« - -Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. -Ich paßte ihm an einem schönen Sonntag abend, der alle Welt ins Freie -gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem -Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob ich -ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in seiner -gelehrten Nähe noch einmal so schön. - -Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte -zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die -Tiefen der Wissenschaften zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit -Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen -schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten -Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigste -Dirne der Stadt. -- Ach! daß Hogarth an jenem Abend unter den -spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch -herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische -Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können! - -Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem -Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen, und rissen -die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die -erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht: -»Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!« von Mund zu Mund der -Stadt zu. - -»Wehe dem, durch den Aergernis kommt!« riefen die Frommen. »Hat man -_das_ je erlebt von einem christlichen Prediger?« - -»Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?« sprachen mit -Achselzucken die Halbfrommen. »Wenn der Skandal nur nicht auf -öffentlicher Promenade --!« - -»Der Herr Doktor machen sich's bequem!« lachten die Weltkinder, »er -predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren.« - -So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde -und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen -Ecken; und »Doktor Schnatterer« und »Schön Luisel« war das Feldgeschrei -und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden Tag. - -An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem -Staube und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir -die Neuigkeit ganz warm auftischten. Der gute Doktor aber zog ruhig -seines Weges, bemerkte, in seine tiefen Meditationen versenkt, nicht -das Drängen der Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das -wiehernde Gelächter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten, -daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen Ehehälfte die Geschichte -beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog; -denn auf der Straße hörte man deutlich die fürchterliche Stimme des -Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man -hie und da vernahm, war viel zu volltönend, als daß man hätte denken -können, die Frau Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem _Munde_ -berührt. - -Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde -schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den -Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem -Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie -die Augen auf den Doktor hinüberblitzen ließ: »Dieser Mensch dort -behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein: -sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!« - -Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie träumen -lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu Haus gewesen. - -Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien -seine Zunge gelähmt zu haben: »Zu Haus gewesen?« lallte er. »Nicht mit -mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein als mit Ihnen, -Wertester?« - -»Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?« gab ich lächelnd -zur Antwort. »Mit mir auf keinen Fall!« - -»Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus,« heulte die wütende Frau, -»was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte -Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der schönen -Luisel hat er scharmutziert!« - -»Das hat mir der böse Feind angetan,« raste der Doktor und rannte im -Zimmer umher; »der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der -Stinker.« - -»Der Rausch hat dir's angetan, du Lump,« schrie die Zärtliche, riß -ihren breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber -schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir: -»Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die -Wand malen, sonst kommt er.« - -Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien ausgepocht -und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr -erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend -geherrscht hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe, -welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen hatte, -und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der Unversöhnlichen. -Diesem hatte, so zu sagen, _der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt_. - - - - -Zehntes Kapitel. - -Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die -Universität. - - -Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben, -Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien, -man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und -böses Gewissen vorhielten. Uebrigens mochte es an manchen Orten doch -nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen ...en -spukte es in manchen Köpfen seltsam. - -Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn -man unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen -beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele -unter ihnen von etwas anderem angeregt seien, als gerade von dem -nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran -fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister -mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn -schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu -machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringerer Teil, auf -Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium -des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar -zu sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein -geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte. - -Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da -sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art, manche -sprudelten auch über und schrieen von der Not des Vaterlandes, von --. -Doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt -zu sagen, daß es schien, als hätte _eine_ große Idee viele Herzen -ergriffen, sie zu _einem_ Streben vereinigt. Mir behagte die Sache -an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war -ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur -sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren -Anstrich haben. - -Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines -Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des -Stils, eine Leichtigkeit des Umgangs angeeignet hatten, wie sie in den -diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel Anstand -ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches Dunkel -geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der -Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, -Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander geknetet, daß -kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden hätte. - -Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer -traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte -Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, -die nicht zu verachten sind, und die man immer ins Mittel zu ziehen -sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des -Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß -nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt, denn -dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen. - -Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch -meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat -der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen -Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um meine -Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, daß ich -als _Demagoge_ verhaftet sei. - -Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte -eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war, -wurde ich in den Saal geführt, um über meine _politischen Verbrechen_ -vernommen zu werden. - -Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner -und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in -feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die -steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten -mir unwillkürlich ein Lächeln ab. - -Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel, -Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat -ab. - -Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll -zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure -Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtlich und -mit Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft -und präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem -abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu -Boden fallen. - -»Alle Hagel, Herr Doktor,« schrie der alte Professor, alle Achtung -beiseite setzend. - -»O Jerum,« ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg, denn er -hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten. - -»Bitte untertänigst!« stammelte der erschrockene Doktor Saper. - -Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete -auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der -Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln. - -Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der -Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei, -und Magnifikus mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper hinüber -sprach: »Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da -wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein werden, glaube -ich dafür stimmen zu müssen, daß frischer ~ad locum~ gebracht werde.« - -Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige -Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen. -Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr, -die halbe Universität versammelt, denn meine Verhaftung war schnell -bekannt geworden, und alles drängte sich zu, um das Nähere zu erfahren. -Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als man den -Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn fest und -fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde, und kaum -konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends drei Lot -Schnupftabak holen müsse. - -Aber im Saale war nach der Entfernung des Götterboten die vorige, -anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick -voll Hoheit und begann: - -»Es ist uns von einer höchstpreuslichen Zentral-Untersuchungskommission -der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen, -so sich auf unserer Universität seit einiger Zeit entsponnen haben -sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir sind nun nach reiflicher -Prüfung der Umstände vollkommen darüber einverstanden, daß Sie, Herr -von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht haben, solche Verhältnisse -unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigeführt und angesponnen -zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu! Herr von Barbe?« - -»Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend die -Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung -verdächtig machen.« - -»Die Beweise?« antwortete erstaunt der Rektor, »Sie verlangen Beweise? -Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst den -Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist.« - -»Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz,« entgegnete der Dekan der -Juristen, »Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, _in -alle Wege verlangen_, daß ihm die Gründe des Verdachtes genannt werden.« - -Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man -sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin -und her wälze. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell -mit der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß -die Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude -zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen -laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen scheine. - -Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete -von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment -aus, »und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten -allerhand verdächtige Bewegungen machen.« - -»Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber -Herr von Barbe?« sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. »Aber der -Aufruhr steigt, ~videant Consules, ne quid detrimenti~ -- man nehme -seine Maßregeln; -- daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung -alle fatalen Händel bringen muß! -- ~Domine Collega~, Herr Doktor -Pfeffer, was stimmen Sie?« - -»Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur -Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu -entlassen und ihm --« - -»Richtig, gut,« rief der Rektor, »Sie können abtreten, wertgeschätzter -junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden, Sie sehen selbst, wie -glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren -Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache -kein solches Aufsehen mehr erregt -- weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich -höre ~pereat~ -- so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie -auch, lieber Barbe, da denn die Sachen weiter besprochen werden können.« - -Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu -lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in -Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnstuhls. - -»Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?« klagten -sie. »Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und -sich unter diese himmelstürmenden Cyklopen gemischt haben, ist keine -Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte -Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden.« - -»Vom Erstechen will ich gar nicht reden,« sagte ein anderer, »es sollte -eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege ein gut Gewissen hat, -einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen.« - -Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen für -ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel bessere -Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten -und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen -Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr ~Ça ira, ça -ira~, nämlich: »Die Burschenfreiheit lebe« und das erhabene »Rautsch, -rautsch, rautschitschi, Revolution.« - -Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten -Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren -Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn -rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie -mußte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst -entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. -Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die -Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu -mir, und _er_, der noch vor einer Viertelstunde »mein wertgeschätzter -Freund« zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: »Wir können das Verhör -weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!« - -So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß -der Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er -sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine Blöße -gegeben, deren er sich zu schämen hat. - -Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen. -Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit -großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. - -»Demagog kommt her von δημος und ὰγειν. Das eine heißt Volk, das -andere führen oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog -als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen -Leute zum Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele -hierher verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als -die sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein -Demagog.« -- - -Mit triumphierendem Lächeln wandte er sich zu seinen Kollegen: »Habe -ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?« -- -»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten jene und schnupften. - -»Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt,« fuhr der Mediziner fort; -»das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, -um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der -körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks und -Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung -gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben Sie sich -durch Ihre ~Saltus mortales~ und Ihre übrigen Künste als einen kleinen -Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. -- Habe ich nicht recht, -Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?« - -»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten diese und schnupften. - -»Demagogen,« fuhr er fort, »Demagogen schleichen sich ohne bestimmten -äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstäte -Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus -von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier, denn er läuft in allen -Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu frequentieren -oder _gar nachzuschreiben_; was folgt? Er hat sich der Demagogie sehr -verdächtig gemacht; ich füge gleich den vierten Grund bei: man hat -bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden ausgerüstet, -viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in diesem -Punkt der Anklage würdiger gemacht als Delinquent? Habe ich nicht -recht, meine Herren?« - -»Sehr scharfsinnig, vollkommen!« antworteten die Aufgerufenen ~unisono~ -und ließen die Dose herumgehen. - -Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: »Wir glauben hinlänglich -bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in -dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, -ohne den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen, darum verteidigen -Sie sich. -- Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es -schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer -schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche -gesegnete Mahlzeit, meine Herren.« - -So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine -Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber -ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld -ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den -Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem -Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß. - -Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache -gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und -im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Haus begleitet; aber die -Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen -Zweck, der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte -weiterzugehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel -eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich -schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, -das mir am nächsten lag: ~De rebus diabolicis~, ließ sie drucken -und verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten -tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen -Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser -beigelegt.[2] - - [2] Findet sich wenn ich nicht irre, am Ende des zweiten Teiles. - -~Post exantlata~ oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab -ich einen ungeheuren Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde. -Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit -schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte -der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber -überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches -Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen -weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in -spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten -Freund, den Satan. - - - - -Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin. - - »Die heutigen dummen Gesichter - sind nur das ~Boeuf à la mode~ der - frühern dummen Gesichter.« - - _Welt_ und _Zeit_. - - - - -Elftes Kapitel. - -Wen der Teufel im Tiergarten traf. - - -Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend im -Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen Zelt; ich betrachtete -mir die bunte Welt um mich her und hatte großes Wohlgefallen an ihr; -war es doch schon wieder ganz anders geworden als zu der frommen -Zeit Anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar, und, wie sie -es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig ennuyierte. -Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich damals recht -ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und Braus nach -Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach dem -Tiergarten heraus; aber damals --? Jetzt aber ging es auch wieder hoch -her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie früher zog -durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie vorzeiten, -und war ein geschätzter, angesehener Mann. - -Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte -Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen, -mit ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen -Elegants und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter -zu Markt brachten, die wohlgenährten Räte mit einem guten Griff der -Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und -Handwerksbursche, anständige und unanständige Gesellschaft -- sie alle -um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, _mein_ zu werden! -In fröhlicher Stimmung ging es weiter und weiter, ich wurde immer -zufriedener und heiterer. - -Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge, ein paar -Männer an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu -meiner fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich -nur vom Rücken sehen, es war ein kleiner beweglicher Mann, schien viel -an seinen Nachbar hinzusprechen, gestikulierte oft mit den Armen und -nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches -Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich. - -Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war ärmlich, -aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, während die -andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in den Sand -schrieb, er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und schien ihm -wenig oder ganz kurz zu antworten. - -Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich -im Augenblick nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte -sprang endlich herauf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen -schnellen Schritten, heiser vor sich hinlachend, hinweg und verlor sich -bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmütig nach und legte dann -die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand. - -Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser Figur; -eine Ahnung durchflog mich, sollte es -- doch was braucht der Teufel -viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den Stuhl, -welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend. - -Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja, er war es, es -war der _ewige Jude_. - -»~Bon soir~, Brüderchen!« sagte ich zu ihm, »es ist doch schnakisch, -daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, es wird wohl so -achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?« - -Er sah mich fragend an. »So, du bist's?« preßte er endlich heraus. -»Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!« - -»Nur nicht gleich so grob, _Ewiger_,« gab ich ihm zur Antwort; »wir -haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst -auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um dich -selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du, glaube ich, -ein Pietist geworden.« - -Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine -verwitterten Züge flog, wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß -er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei. - -»Wer ging da soeben von dir hinweg?« fragte ich, als er noch immer auf -seinem Schweigen beharrte. - -»Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann,« erwiderte er. - -»So, _der_? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht -wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien -behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich -ihm nicht als sein eigner Doppelgänger über die Schultern geschaut, -als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk -anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war -Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb. -- So, so, der war's? Und -was wollte er von dir, Ewiger?« - -»Daß du verkrümmest mit deinem Spott; bist du nicht gleich ewig wie -ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den -Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat -Hoffmann betrifft,« fuhr er ruhiger fort, »so geht er umher, um sich -die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes -an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus -dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten oder -mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt haben -mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud mich ein, -ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen.« - -»So, so? Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?« - -»~Recta~ aus China!« antwortete Ahasverus. »Ein langweiliges Nest, es -sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal -dort war.« - -»In China warst du?« fragte ich lachend. »wie kommst du denn zu dem -langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?« - -»Laß das,« entgegnete jener, »du weißt ja, wie mich die Unruhe durch -die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen -Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die -_lange Mauer_ von China gerannt, aber es wollte noch nicht mit mir zu -Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des -himmlischen Reiches gestoßen wie ein alter Aries, als daß der dort oben -mir ein Härchen hätte krümmen lassen.« - -Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider -wollten sich schließen, aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, -bis er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange -geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung -von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf. -- »Satan,« fragte er -mit zitternder Stimme, »wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?« - -»Es will Abend werden,« gab ich ihm zur Antwort. - -»O Mitternacht,« stöhnte er, »wann endlich kommen deine kühlen Schatten -und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, Stunde, wo -die Gräber sich öffnen und Raum wird für den _einen_, der dann ruhen -darf?« - -»Pfui Kuckuck, alter Heuler!« brach ich los, erbost über die -weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. »Wie magst du nur solch ein -poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst dir gratulieren, -daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat es an einem -gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man hat doch -hier oben immer noch seinen Spaß, denn die Menschen sorgen dafür, daß -die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit hätte -wie du, ich wollte das Leben anders genießen. ~Ma foi~, Brüderchen, -warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die galanten -Abenteuer einer Königin öffentlich certiert? Warum nicht nach Spanien, -wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein -Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums überpinselt -und mit alten Gobelins von Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus -dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dir versichern, es sieht -gar närrisch aus, denn die Tapete ist überall zu kurz, und durch -Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum, wie das Blut -des Ermordeten, das man mit keinem Gips auslöschen kann, und das, so -oft man es weiß anstreicht, immer noch mit der alten _bunten_ Farbe -durchschlägt?« - -Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer -heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. »Du bist, wie -ich sehe, immer noch der alte,« sagte er und schüttelte mir die Hand, -»weißt jedem etwas aufzuhängen, und wenn er gerade aus Abrahams Schoß -käme!« - -»Warum,« fuhr ich fort, »warum hältst du dich nicht länger und -öfter hier in dem guten, ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas -Possierlicheres sehen als diese Duodezländer? Da ist alles so -- doch -stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte leicht -etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als unruhige -Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu kommen, warum -bist du denn hier in Berlin?« - -»Das hat seine eigene Bewandtnis,« antwortete der Jude. »Ich bin hier, -um einen Dichter zu besuchen.« - -»Du einen Dichter?« rief ich verwundert. »Wie kommst du auf diesen -Einfall?« - -»Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle, -worin ich die Hauptrolle spielte. Es führt zwar den dummen Titel: _Der -ewige Jude_, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung, die mir -wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und sprechen, -der das wunderliche Ding gemacht hat.« - -»Und der soll hier wohnen, in Berlin?« fragte ich neugierig, »und wie -heißt er denn?« - -»Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße -genannt, aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man -Mondschein gießt!« - -Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem Dichter -produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. »Höre, Alter,« sagte -ich zu ihm, »wir sind von jeher auf gutem Fuß miteinander gestanden, -und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen gegen mich ändern wirst. -Sonst --« - -»Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan,« antwortete er, »denn -du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche -hinlänglich, aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz -angenehm und recht. -- Warum fragst du denn?« - -»Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter, -der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du nicht?« - -»Ich sehe zwar nicht ein, was für Interesse du dabei haben kannst,« -antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. »Du könntest irgend -einen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen Absichten -auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir übrigens nur -aus dem Sinn, denn der schreibt so fromme Novellen, daß der Teufel -selbst ihm nichts anhaben kann. -- Doch meinetwegen kannst du mitgehen.« - -»Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich -wenig um Dichter und dergleichen, das ist leichte Ware, welcher der -Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne -selbst, was mich zu ihm zieht. Uebrigens, in diesem Kostüm kannst du -hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!« - -Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes -Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten -Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knieen -ins Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote dreieckige Hütchen -aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte -sich vor mich hin und fragte: »Bin ich nicht angekleidet stattlich wie -König Salomo und zierlich wie der Sohn Isais? Was hast du nur an mir -auszusetzen? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du, keine -Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen nicht in die Höhe ~à -la~ Wahnsinn. Ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt, -und um meine Beine schlottern keine ellenweiten Beinkleider; wozu -freilich Herr Bocksfuß Ursache haben mag.« - -»Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher,« antwortete ich dem -alten Juden. »Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein, -wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon -keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem -anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf -diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie wollte -ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen ästhetischen Tee -einführte.« - -»Aesthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee -geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee, -aber ästhetischer Tee war nie dabei.« - -»~O sancta simplicitas!~ Jude, wie weit bist du zurück in der Kultur! -Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über -Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und den -Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben dazu, -und man amüsiert sich dort trefflich.« - -»Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen,« versicherte der -Jude, »und was kostet es, wenn man's sehen darf?« - -»Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand küßt -und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben, hie -und da ein ›Wundervoll‹ oder ›Göttlich‹ schlüpfen läßt.« - -»Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren. -Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen -Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in -dieser Sandwüste gewaltig Langeweile.« - -Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen -uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig -Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und schieden. - -Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der -ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar -nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines -Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten mußte. -Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel nur immer -möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit zu -bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig, denn er hatte in -der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen solchen Ansatz -zur Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu werden drohte. - -Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann in -mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor -Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von -Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit bald auf die -schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die -umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt -möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen. - -Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen -Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen -Gast hätte auf diesem Lob stehen lassen, wandte das Gespräch auf -die Sage vom ewigen Juden überhaupt, und daß sie ihm auf jene Weise -aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters, -grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete: es liege in -der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral, denn der Verworfenste -unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über -getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen erregt -habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die -Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich -täuschte. - -Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito -abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu -Leib gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als -jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die -Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich zu -empfehlen. - -Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen, und kaum hatte -er gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht, -wie wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu -begleiten, wo alle Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der -schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und -schieden. - - - - -Zwölftes Kapitel. - -Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee. - - -Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in -seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er -brummte einmal über das andere über die »naseweise Jugend« (obgleich -der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der -Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen -Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und -brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich -gegen den alten Mann sein wollte, der so artig war, uns in den -ästhetischen Tee zu führen. - -Die siebente Stunde schlug. In einen modischen Frack, wohl parfümiert, -in die feinste, zierlichst gefältelte Leinwand gekleidet, die -Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die -Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet, -wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead -hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar; -dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und -hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z. B. die elegante hohe -Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte -und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf _Morea_. - -Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im -Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet -hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen Anstand. - -»Du darfst,« sagte ich ihm, »in einem ästhetischen Tee eher zerstreut -und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz unbedingt -loben, sondern sieh immer so aus, als habest du sonst noch etwas -~in petto~, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre. Das -Beifalllächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst nach -langer Uebung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber -Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln -kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z. B. von einem -Roman reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als -ganz natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und -fragt dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und -antworten, ›Ich habe ihn nicht gelesen?‹ Nein! Du antwortest frisch -drauf zu: ›Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen -Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und -Originelle, die Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint mir hie -und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet -zu sein.‹ - -»Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten -gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen.« - -»Dein Gewäsch behalte der Teufel,« entgegnete der Alte mürrisch. -»Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß -zu machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr, -Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber --« - -»Da sieht man es wieder,« wandte ich ein, »wer wird denn in einer -honetten Gesellschaft _saufen_? Wieviel fehlt dir noch, um heutzutage -als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens trinken -- -aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich zusammen, daß -wir nicht Spott erleben, Ahasvere!« - -Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich sah es -dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen, -desto bänger zu Mut war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten -über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig in die Menschen -und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke anstieß. So -fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche -wir fahren, aus _lauter_ Christen bestehe, zu welcher Frage jener -natürlich große Augen machte und nicht recht wissen mochte, wie sie -hierher komme. - -Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel, -der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in dem -zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der feierliche -Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die, wenngleich -Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen -habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt Ade gesagt, -jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen, interessanten -Schmerz zehren.[3] Das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter, -naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den Eltern -nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme. Sie habe -die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche ihr die -Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gäbe sie hie und da -mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders zu -erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen -Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige -Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und -naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein[4] werden wir -selbst näher kennen lernen. - - [3] Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit, - den Aufriß des Boudoirs dieser protestantischen Nonne, - wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. Im Fenster stehen - Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen - Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn - auch die Eigentümerin höchstens »~O Sanctissima~« darauf - spielen kann. Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor - verhängtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen, von - etzlichem sinnigen Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder - aschgrauem Kostüm, an der Wand ein Spiegel. - - [4] Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen - Fräulein zu unterscheiden. Unter jenen versteht er die von - gutem Adel, unter letzteren die, welche man sonst Jungfer - oder Mamsell heißt. Ich finde übrigens, den Unterschied auf - diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend. Denn man wird mir - zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oft ebenso frei in - ihren Sitten und Betragen sind als die echten. - -Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem -bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe -hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen. -Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der -halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von -dem Sonnenglanz der schwebenden Lüster, saß im Kreise die Gesellschaft. - -Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den -Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. -Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne zarte -Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen -Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte -ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht -darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen, -und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die -nämliche Gunst. Aber o Schrecken! Indem er sich niederbückte, gewahrte -ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn -wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Gnädige Frau -verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der Anstand ließ sie -nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen. Wehmütig betrachtete -sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah -sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen. Ich sah, wie dort ihre -Zofe aus der silbernen Toilette kölnisches Wasser nahm und die wunde -Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne glacierte Handschuhe geholt, -die Käppchen davon abgeschnitten, so daß doch die zarten Fingerspitzen -hervorsehen konnten, und die gnädige Hand damit bekleidet. - -Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die -Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf -wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder -hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so -gut zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen -zu sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil -ahnte, das er bewirkt habe. - -Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen -stechenden Handkuß zuwarf und _mich_ den ganzen Abend hindurch -auffallend vor ihm auszeichnete. - -Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war, -zu welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne -Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die -prachtvollen Lüster und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche und -Tapeten, die künstlichen Blumen in den zierlichsten Vasen, endlich die -Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm, schwarz und weiß gemischt -war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schließen. - -Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau bedauerte, -daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter Frühauf habe -einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig, -so schwebend, mit soviel Musik in den Schlußreimen, daß man in langer -Zeit nichts Erfreulicheres gehört habe, es stehe zu erwarten, daß es -allgemein Furore in Deutschland machen werde. - -Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekränzte -junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen -in unserm Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, -die er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören -bekommen. - -Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame -ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue -Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus -hervor und sagte mit freundlichem Lispeln: - -»~Voyez là~ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna. -Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so -glücklich, die Erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein -wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen, -so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser -glänzende Stil --« - -»Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau,« unterbrach sie die -Dame des Hauses, »darf ich bitten --? Ah, Gabriele von Johanna von -Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich -Glück.« - -»Wir lernten uns in Karlsbad kennen,« antwortete Frau von Wollau, -»unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel -der Menschheit,[5] sie zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie -mir jetzt ihre Gabriele geschickt.« - - [5] Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen »nach dem Ziel - der Veredlung.« - - Der Herausgeber. - -»Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft,« sagte Fräulein -_Natalie_, die ältere Tochter des Hauses. »Ach! wer doch auch so -glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen -Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre -Tasche nicht genug bewundern.« - -»Schön -- wunderschön -- und die Farben! Und die Girlanden! -- Und die -elegante Form!« hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen, -und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen -worden, wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten -hätte. »Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet,« rief die -Wollau, »wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders der -Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?« - -»Herrlich -- schön -- ein vortrefflicher Einfall --« ertönte es wieder, -und unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, -wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen wieder -voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch dem Körper -Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman gespeist -wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das Zeichen, und -die Vorlesung begann. - -Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus -dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht -irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen der -großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht -bei der Vorlesung, denn ich belauschte die Herzensergießungen zweier -Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei -Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit genug von -ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten, und doch war -die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren alles hören -konnten! Die eine der beiden war die jüngere Tochter des Hauses, die, -wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren hatte. - -»Und denke dir,« flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, »heute in aller -Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem -Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen -müssen.« - -»Du Glückliche!« antwortete das andere Fräulein, »und hat Mama nichts -gemerkt?« - -»So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was -ich damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war -mit dem ...schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich -mich dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den -italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht -undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn -ich mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus -dieser Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der -Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte, aber Eduard holte -mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß -jener vor Wut ganz stumm war, als ich das letzte Mal zurückkam. Er -äußerte gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu -verstehen.« - -»Ach, wie glücklich du bist,« entgegnete wehmütig die Nachbarin, »aber -ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie -wird es mir ergehen!« - -»Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies -so schnell kam?« - -»Ach!« antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im -Auge. »Ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im Leben -gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des Vaterlandes -war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn -mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist schön. Seinem Obersten -gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, er solle ihm die -Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert dies nicht tun, -und, darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher, bis der Arme -nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar nicht denken, -wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster -vorbeikommt, sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und -der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!« - -»Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues? Daß -sie bei der Garde andere Uniform bekommen?« - -»Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?« - -»Höre, aber im _engsten_ Vertrauen, denn es ist noch tiefes, tiefes -Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es -neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh, die -Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinandergesetzt und laufen weiter -unten enger zu, auf diese Art wird die Taille noch viel schlanker, -dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das weiß aber der -Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiß; auch an -den Beinkleidern geschehen Veränderungen. -- Eduard muß aussehen wie -ein Engel -- siehe, bisher ...« - -Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der -Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel -sah ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht -schönes Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem -glänzendere Strahlen werfen, wenn sich _sinnliche Liebe_ in ihnen -spiegelt. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - -Angststunden des ewigen Juden. - - -Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch -nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen Ausrufungen, -die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der Gabriele zu -teil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft -der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie nicht den -kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren sie doch -schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die eine lief -sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte sie an das -Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie allen bereitet -habe. - -Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die -Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach allen Seiten -hin für das Lob, das ihrer Freundin zu teil geworden, und gab nicht -undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß -auf das neue Buch gehabt habe. Denn sie finde hin und wieder leise -Anklänge an ihre eigenen Empfindungen, an ihre eigenen Ideen über -inneres Leben und über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die -sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen. - -Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen, -obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts -aus dem inneren Wollauschen Leben _gespickt_ haben werde. - -Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare -Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, -als traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, -nach meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht -zu verkennen. Aber weil ihm die Uebung darin abging, so schnitt er -so greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die -Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses -mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei? - -Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befallen, und -glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau, -die ihm gegenübersaß, ihren Einfluß auf die Dichterin mitteilte, mußte -das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch -vorkommen, daß er laut auflachte. - -Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Tee in höchst -feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie -betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl. -Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den -Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses, -eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden, -der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt -zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm -zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte. - -»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte er, »Sie werden mein allerdings -unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu -rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine -Ideen-Association Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon -manchem mitten unter den heiligsten Dingen ein lächerlicher Gedanke -aufgestoßen, der ihn im Munde kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn -zu verhalten und zurückzudrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf -einmal hervor; so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie würden -mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch -offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen.« - -Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt -sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann: -»Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer -berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in -manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr -besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem -eigenen Leben. - -Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. -Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen -Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne -Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte -die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen gegen -die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbänken mir -und meinen Gedanken lebte. - -Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen -geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, ältliche Frauen und setzten -sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte -Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt nicht für nötig, -ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu erkennen zu -geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt, denn ich -kannte keine Seele in jener Stadt, also konnten mir ihre Reden -höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, -Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm: - -›Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich die -hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?‹ - -›Ja,‹ antwortete die andere Dame, ›heute früh nach dem Kaffee habe ich -sie umgebracht.‹ - -Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und -gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich -näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von jenen trennte, -schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen -sollte, und hörte weiter. - -›Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich durch Gift? -Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona, mit dem -Deckbette erstickt?‹ - -›Keines von beiden,‹ entgegnete jene, ›aber recht hart ward mir dieser -Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen -Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr anfangen -sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein; ich ließ sie, -wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen Strom -hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von Elisen -nichts mehr gesehen.‹ - -›Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die Sie auf -die eine oder die andere Art umbringen?‹ - -›Nun, das wird bald abgezählt sein, Pauline Dupuis, Marie usw., aber -die erstere trug mir am meisten Geld ein. Es waren dies noch die guten -Zeiten von 1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.‹ - -Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte -diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an -der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte -und die Mörderin zur Rechenschaft zog? - -Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden -und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich -mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen -durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor, -ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken, denn -die eine sah sich einigemal nach mir um, ihr böses Gewissen schien -mir erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich -durch die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, -täuschen, aber ich -- folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. -Sie ziehen die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind -sie in der Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des -Hauses und eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so -schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion der -Polizei. - -Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze -Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider -von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine -gewisse _Pauline Dupuis_, die im Jahre 1801 unter der mörderischen Hand -jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen Fällen ergrauten -Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer, schickt sogleich -Patrouille in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich -auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein werde, in jenes -Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da er bei solchen -Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen womöglich vermeide. - -Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus -umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen -habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und -fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des -ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände -öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere, ältliche Dame als -die Verbrecherin an. - -Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte nach unserem -Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte die Dame etwas, das -mir imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete -nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch -dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit der ernsten Amtsmiene -eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang -aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie gesessen. Ihre -Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah sie schon als -überwiesen an. Die Frau fing an ängstlich zu werden, sie fragte, was -man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten -besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme? - -Der Mann der Polizei sah in diesen ängstlichen Fragen nur den Ausbruch -eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste zu halten, -durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken. -›Madame, was haben Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? Leugnen -Sie nicht länger, wir wissen alles, sie starb durch Ihre Hand, wie -heute früh die unglückliche Elise!‹ - -›Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,‹ -antwortete diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes -Lächeln überzugehen schien. - -›Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie -zwei Tauben abgetan?‹ fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem ~in -praxi~ eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte. ›Wissen -Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten kann?‹ - -›Nicht doch!‹ entgegnete die Dame. ›Die Geschichte ist ja weltbekannt.‹ --- ›Weltbekannt?‹ rief jener. ›Bin ich nicht schon seit vierundzwanzig -Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könnte mir entgehen?‹ - -›Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die -Belege herbeibringe?‹ - -›Nicht von der Stelle, ohne gehörige Bewachung. Wache! Zwei Mann -auf jeder Seite von Madame. Bei dem ersten Versuch zur Flucht -- -zugestoßen!‹ - -Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die -Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald -jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand. - -›Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Morde finden,‹ sagte -sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte. - -›Taschenbuch für 1802,‹ murmelte der Direktor, indem er das Buch -aufschlug und durchblätterte, ›was Teufel, gedruckt und zu lesen steht -hier: _Pauline Dupuis_ von -- mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn -von -- und, wenn ich nicht irre, selbst Schriftstellerin?‹ - -›So ist es,‹ antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen -aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen -sprachlos, auf mich deutete. - -›Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind?‹ fragte ich, den -Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des -Polizeimannes noch immer nicht verstehend. - -›Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,‹ sagte die Lachende, ›und -soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.‹ - -Was brauche ich noch dazuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war der -Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte, interessante -Th. v. H. Die Erzählung »Pauline Dupuis« ist noch heute zu lesen; -ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes Tages nach -dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht. Ich mußte -aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu werden. Vorher -aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diätenrechnung -über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte den -Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten -hatte.« -- - -Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau -geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zu teil, und ein gnädiges Lächeln -der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt hatte. -Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus seiner -unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm -wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn öfter ins -Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich über jene in -Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner für London und -Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die Berliner, welche nie an -den Rebhügeln des Neckars und an den fröhlich grünenden Gestaden der -obern Donau eines jener sinnigen, herzlichen Lieder aus dem Munde eines -»luschtiga Büebles«, oder eines rüstigen hochaufgeschürzten »Mädles« -belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde. - -Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten -Zirkeln, wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich -diesen Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von -sanften Hügeln, von klaren blauen Strömen, von blühenden, duftenden -Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten -sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur -stehe. Immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken verstünden, -phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprechen. -Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand. Ihre -Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Lande -werden alle Tage viele tausende jener Torheiten begangen, die allgemein -unter dem Namen »Schwabenstreiche« bekannt seien. - -Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben -gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden; -hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu -fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so -aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug, die -gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu -schnell wieder verlieren sollte! - -»Ob die Berliner,« sagte er, »mehr innere Bildung, mehr Eleganz -der äußern Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im -Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder -vielmehr auf Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu untersuchen, -aber soviel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man dort im -Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge hübscher, sogar -schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen, welches doch wegen -dieses Artikels berühmt ist.« - -»~Quelle sottise!~« hörte ich Frau von Wollau schnauben, »welche -abgeschmackte Behauptungen dieser gemeine Mensch --« - -Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der -Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern, -daß er sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch -machten; ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment -gesagt hätte, fuhr er fort: »Sie können gar nicht glauben, wie reizend -dieser verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt; wie alles so -naiv, so lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden -Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie -liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig -erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich -verschämt wegwenden und flüstern: ›Ach, ganget Se mer weg, moinet -Se denn, i glaub's?‹ Hier in Norddeutschland gibt es meist nur -Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch -auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je der -Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten.« - -O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast du das -zornblickende Auge einer Dame versöhnt, so begehst du den großen -Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu -loben, und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren -ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter -zu verschreien! - -Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, die -ältern an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf -die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu einer -Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen klirrten -laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit zehn Jahren -mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter nobel und -edel aussehen möchten -- wozu heutzutage, außer dem Gefühl der Würde, -etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört --, welche die immer wieder -anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende Röte der -Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten. - -Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und -ihre Freude, ihre Kunst zu schanden machen; er sollte es wagen, die -Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen des -unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und ihnen den -ersten Rang zu versagen. Und dies sollten sie dulden? - -~Jamais!~ Gnädige Frau nahm das Wort, mit einem Blick, der über -das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über -Schneegefilde herabglänzte: »Ich muß Sie nur herzlich bedauern, -Herr Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven -Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,« -fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt hatte, -wandte, »ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meinen -Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unsern Damen seine -robusten Naturen und jene Naivität vermissen, die er sich so ganz zu -eigen gemacht hat.« - -Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten -Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen -Sacktüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden -und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine -Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so -lange Raum, bis sie den Doktor Mucker hinlänglich bestraft glaubte. -Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich -durch seine rücksichtslose Aeußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie -beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen so -eigentümlich ist, allen weitern Bemerkungen vor, indem sie ihren Neffen -aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft die längst -versprochene Novelle preiszugeben. - -Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine -Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen -Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch -Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes, -richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur -vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte -jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder -wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der großen und -kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte. - -Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des -ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte -sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen -Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein -Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in -diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein -gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen -haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache -schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende -Garde-Uniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt -nicht aufwägen. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - -Der Fluch. - -(Eine Novelle.) - - -»Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante,« sprach der junge -Mann mit voller, wohltönender Stimme, »eine artige Novelle oder eine -leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu ersinnen. Doch, um -nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen -gut zu machen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem -eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen -Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der -Wahrheit für sich hat.« - -Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren -Reiz habe als die erfundene Spannung einer Novelle, ja, sie gestand -ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte, denn er sehe seit der -Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine -Begebnisse recht gespannt sein dürfe. - -Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser -Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen: - -»Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft, -welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt -hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen -- wenn ich nicht -irre, war Frau von Wollau mit davon -- vor den schönen Römerinnen, -vor ihren feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre -Warnung dankbar an, noch kräftigeren Schutz aber versprach ich mir von -jenen holden, blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen -Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und -treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten -mich, diese Bilder, gegen jene dunklen Feuerblicke der Römerinnen; -wie sie aber vor sanften blauen Augen, welche ich dort sah, sich -unverantwortlich zurückgezogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz -ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen. - -Der s...sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche -eine Karte zu den Lamentationen in der sixtinischen Kapelle geschickt; -mehr um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen -hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich -hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde; -statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte -ich einen Klaggesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst -lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit -solcher Ritualien überzeugen können, selbst in dem ehrwürdigen Kölner -Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen -Lichtes, die mächtigen vollen Töne der Orgel manchen andern ernster -stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen. - -Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der -sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache, alte, ausgediente, -schneiderhafte Gestalten, hielten hier Wache mit so meisterlicher -Grandezza, als nur die Cherubim an der Himmelstüre. Der Glanz der -Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den -dunklen Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der -Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet. - -Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu -mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was -Rom an Fremden beherbergte. - -Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge -Engländer von meiner Bekanntschaft, standen ganz in meiner Nähe. Sie -zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem Spektakel, -wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte, es sei dies -wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich mitgebracht habe. Er -deutete dabei auf eine junge Dame, die sich neben mir niedergelassen. -Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr ungläubig, -als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete. - -Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke hohe -Gestalt, dem Wuchs nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier bedeckte -das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen Teil -eines Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in Italien, -beinahe nie in Rom gesehen hatte. - -Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten Diplomaten, -hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen, wollte eben -- da -begann der Klaggesang, und meine Schöne schien so eifrig darauf zu -hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig warf ich mich -in den Kirchenstuhl zurück, Gott und die Welt, den Papst und seine -Lamentationen verwünschend. - -Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich sechzig der -tiefsten Stimmen, die ~unisono~ im tiefsten Grundton der menschlichen -Brust Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, eine _Kerze_ auf -dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte -ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub. - -Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf -übrigen Kerzen verlöschen müssen, bis ich ans Ende denken könne. Die -Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu -denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte, einen gesunden -Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne -strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen -verlöschten, meine Unruhe ward immer größer. - -Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir -bis ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten -Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend -stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung -bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum -erstenmal meinem Auge. - -Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen. Aber -die Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht auf ihren Knieen, -der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen waren -verlöscht. Noch _einmal_ erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden -Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser -verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich mit das -Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus -dem Chor und lagerte sich über die Gemeinde. Mir war, als wär' ich -aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine fürchterliche -Nacht. - -Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße klagende Stimmen. Was -jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz -vor diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen -der Weinenden, vom Chor herüber Töne, wie von gerichteten Engeln -gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt -mit unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn -gewesen. - -Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge ergoß -sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu -rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer auf -den Knieen niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz. - -›Signora,‹ sprach ich, ›die Tore werden geschlossen, wir sind die -letzten in der Kapelle.‹ - -Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie -war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht. - -Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit -vorgerückt; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich mußte -alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht -lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner Hilfe die Dame -aufzurichten. - -Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der -halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den -herrlichsten Kartons von Raphael nie gesehen! Glänzendbraune Locken -hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen -und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichtes, auf dem sich eine -durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen -versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den -halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram, -konnte Schmerz so gezogen haben. - -Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge -auf, dessen eigener schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich -einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich -auf, stand nun in ihrer ganzen Schöne mir gegenüber. Welch zarte Formen -bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. Sie -schaute verwundert in der Kirche umher, ließ dann ihre Blicke auf mich -herübergleiten. - -›Und Sie hier, Otto?‹ sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem, -wohlklingendem Deutsch. - -Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja, sogar -meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? -- sie -schien verwundert über mein Schweigen. - -›Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich -unterstützt? Doch, lassen Sie uns gehen, es wird spät.‹ - -Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm. -Sie drückte zärtlich meine Hand. - -Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht -möglich -- das Mädchen _konnte_ keine Dirne sein. Verwechslung war -offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so -ohne Arg. -- Ich wagte es -- ich übernahm die Rolle eines verstimmten -Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen. - -Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollt' ich -wählen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich -nahm allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu. - -›Mein Gott,‹ rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ›Otto, wo -sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.‹ - -O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere -Sprache in einem schönen Munde. Schon oft hatte ich die Römerinnen -beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich in -Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es -aus allem, und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch -immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge -sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß -erwarteten. - -›Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen, -daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast -recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden -und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem -Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der -Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!‹ -weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels -tauchte. ›Wie bin ich so allein! -- Und wenn ich dich nicht hätte, mein -Otto!‹ - -Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste lieblichste Kind im -Arme, und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen -noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ›Wie könnte -ich dir zürnen.‹ - -Sie schaute freudig dankbar auf -- ›Du bist wieder gut? Und o! wie -siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt -heute so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen ganzen -langen Tag auf dich warten.‹ - -Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die -Glocke zog. ›Und nun gute Nacht, mein Herz,‹ sagte sie, ›wie gern säß -ich noch zu dir auf der Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu -lange.‹ Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen heißen Kuß -auf meinen Lippen, und weg war sie. - -Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht -erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber vor ihrem Haus eine Madonna -in Stein gehauen, konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. -Ich wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirr der Straßen -und war doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis -an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht -schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die -Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Mädchens hereinzublicken. -Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und -ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht -kostete. - -Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde -bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine rätselhafte -Schöne zu Haus brachte, und schalten mich neckend, daß ich sie gestern -gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem größern -Teil nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und behaupteten, mich -deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer -klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine Gestalt gehüllt -habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen schien, und -ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das leibhafte -Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Engländer -mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner -Bekannten fürchtete, zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu -helfen. - -Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um die -erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir endlich -in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und -den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe, -auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging auch unser -Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit entfernt von -den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse, die besonders -den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus einzudrängen. Wir -zogen mehreremal durch die Straße, immer war die Türe verschlossen, -immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten -tagelang die Promenaden, weder meine Schöne noch mein Ebenbild ließen -sich sehen. - -Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir -sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen -Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des -Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme -flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt, -hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die -Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte? - -Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände, -die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine -Ruhe wieder. - -Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte -ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht -herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte -niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich -mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter -die Freuden des Karnevals zu mischen. - -Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der -Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert -habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, -behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen -und begrüßt zu haben. Er schwieg etwas beleidigt, als ich es wieder -verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: wie, wenn es die -Gesuchten wären? -- Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen -Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten -römischen Häusern eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval -verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit -in den Korso. - -Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder -andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, -nicht nur weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen -wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten -aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen -Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung -geblieben, und nur _ein_ heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so -werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre -Neugierde nicht zur Genüge befriedige. - -Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die Porta -del popolo hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge -durcheinander. Und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, -weil es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, -der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. Ueberall hörte man von -dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes -Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber -und verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich -dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und -winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich in die Seiten -drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß ein -herrlicher Anblick. Die Götter der alten Roma schienen wieder in die -alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, -majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des -Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht -für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade hierin den schönsten -Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den Göttinnen zurief, die -Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Gräfin -Parvi, die edlen Formen des Gesichtes unverhüllt, als Psyche sich -nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst, diese sanfte Größe hätten -einen Zeuxis und Praxiteles begeistern können. - -Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen, -weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen -auf der Straße, musternd mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und -Balkone, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich fühlte -ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ›So einsam?‹ tönte in der -lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um. -Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir. -Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich damals -so sehr überraschten. Sie ist's -- es ist kein Zweifel. Ich bot ihr -schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ›Du böser Otto,‹ flüsterte -sie, ›den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie mußte ich -schwatzen, um die Signora loszuwerden!‹ - -Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu -suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein -heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es -von selbst. Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für -mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske -abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem -Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war -einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte noch von -höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der -Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert, -das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte. - -Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht, -strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann plötzlich: -›Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, -den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehst du ihn deiner Luise noch -nicht?‹ - -Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die -Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und -ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, -um nicht im Augenblick vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch -etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich -mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen, -was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene -Neugierde Frevel? - -Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher sei, -ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein könnte, -bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich -näher hinzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei, da ich -ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen konnte. - -›Wie magst du nur so zerstreut fragen?‹ sagte Luise. ›Du selbst hast -mich ja heraufgeführt?‹ - -›Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete? -Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?‹ - -Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie -vorhin sagte. ›Du bist auch wie unsere Wetter über den Alpen, soeben -noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.‹ - -Jener stand schnell auf: ›Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das -Ziel Ihrer Scherze zu sein,‹ sagte er, ›und wenn Sie sich in Rätsel -vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.‹ Er brach -auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr -verlängern, trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des -Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein -eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die überraschende -Aehnlichkeit --« - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - -Das Intermezzo. -- Die Trinker. - - -Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner -einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude -lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee, -Trümmern seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz -zerschmettert, um ihn her. Der Aerger über eine solche Unterbrechung -war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr -Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm -beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu -rühren, und schaute verwundert herauf. - -Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach -einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein -Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren; ich möchte machen, -daß wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser -Gesellschaft zu gefallen. - -Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der -gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein, -sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines -Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen. -Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte -mit meiner Inkarnation soviel menschliche Eitelkeit angezogen, daß mich -dieses Lachen ungemein ärgerte. - -Wie gerne hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu -Ende gehört;[6] wieviel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem -gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst -nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein -junger, reicher, ich darf sagen hübscher Mann auf Reisen findet, wo er -hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen -einzieht -- und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen _des -alten Menschen_ verdorben, ich hätte ihn würgen können, als wir im -Wagen saßen. - - [6] Wenn ich nicht irre, so habe ich im zweiten Teile dieser - Memoiren eine Fortsetzung jener Erzählung gesehen. - - Der Herausgeber. - -»War es nicht genug,« sagte ich, »daß du mit deinem scharfen Judenbart -die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch -noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen? -Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles -gegen dich auf? Was gingen dich denn die _Schwabenmädel_ an, daß du -ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigst? Darfst du denn -sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und -jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt -hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen -Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige -Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal und -zerschmetterst -- nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener würdige -jüdische Papst -- nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine -Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad, wie -fingst du es nur an?« - -»In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen -unsereinen,« antwortete er verdrießlich, »Ihr wißt, daß Euch keine -Gewalt über meine Seele zusteht, denn seit anderthalb tausend Jahren -kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Eli-Geschichte -betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr -begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem -man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern -Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht.« - -Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten -Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur -noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns -an einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gestalten; ich -ließ für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem -Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich -ihn auf, zu erzählen. - -Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte, begann -er: - -»Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich, -sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich -werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen. - -Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, -zuweilen einen Liebeshandel suche -- nun verziehe dein Gesicht nur -nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräftigen -Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen. Nun -hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf -dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche -Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich -kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um -sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein so ausgemachter -Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. In dem Städtchen -gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner -Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grazie der Hut -gezogen und etwas weniges geseufzt. - -Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die -Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber; und ich hatte die -Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute -und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der -Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen, -auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor -dem Hause meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen -zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und -mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein -Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich -konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich -ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich -herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet, -schwenke ihn in einem kühnen Bogen, und -- o Unglück -- er entwischt -meiner Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß -nur noch die Spitze hervorsieht. - -Wie schön sagt Schiller: - - Einen Blick - Nach dem Grabe - Seiner Habe - Sendet noch der Mensch zurück. - -So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher -Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber dann war zu -befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig ~chapeau bas~ -weiterziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus -entsprungen? - -Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen -meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, -das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem -gegenüberstehenden Kaffeehaus, Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute, -brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ›Hussa, Sultan, such' -verloren!‹ tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen -Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den -verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich -auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und -präsentiert mir das triefende ~Corpus delicti~. - -Was ich dir hier mit vielen Worten erzähle, mein Bester, war das Werk -eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die -Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. -Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und -auch bei _ihr_ waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich -einen zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie -sie das batistene Sacktuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu -bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den -Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand -keinen Spaß, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich ließ -ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dünn -galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen -stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich -atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte. - -Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders da ich -nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in -das Kaffeehaus bestellt, um täglich meine Fensterparade zu bewundern!« - -Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach seinem -Glas, trank und fuhr dann fort: - -»Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher, -besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel -auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der vortreffliche -Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird. Darum ist es mir -bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, -so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern und sie verschütten -werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiß -aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand fürchterlich, -sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand danach, und -- richtig, -meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen -~Drap d'or~ oder genuesischen Samtkleid, daß alles im schönsten Fett -schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht, -ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel -fallen zu lassen, ohne den Schoßhund auf den Schwanz zu treten, ohne -der Tochter des Hauses die größten Sottisen zu sagen, wenn ich höflich -und pikant sein will, so faßt mich irgend ein Unheil noch zum Schluß, -daß ich mit Schande abziehe wie heute.« - -»Nun,« fragte ich, »was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?« - -»Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein -paar Pfaffen habe singen hören, und wie er einem hübschen Mädchen -nachgelaufen sei -- was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu -sein -- da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel -ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts -in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich mich -dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich lag.« - -»Das habe ich leider gesehen, wie du lagst,« sagte ich; »aber wie kann -man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und -mit dem Stuhl schaukeln.« - -»Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten -Geschichte, ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles. -~Bibamus, diabole!~« sagte der alte Mann, indem er selbst mit tüchtigem -Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies: -»Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter Chambertin -und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder -nicht, aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist noch immer -meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so -schlecht aus, weil soviel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger -Wein getrunken wird.« - -»Du könntest recht haben, Jude!« - -»Wie stattlich,« fuhr er im Eifer fort, »wie stattlich nahmen sich -sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den -dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, -feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche -- so -traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust, -feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in -die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen -zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hat, und das oft nach ihm -getauft war. Der Wirt stellte mit einem ›Wohl bekomm's‹ die Weinkanne -vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn fanden sich -zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig und zog -zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den guten alten Zeiten, -wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, so war es, und nur der -Tod machte darin eine Aenderung. Jetzt hängen sie alles an den Putz, -machen Staat wie die Fürsten und sitzen den Wirten um zwei Groschen die -Bänke ab. Luftiges, unstätes Gesindel fährt in den Wirtshäusern umher, -man weiß nie mehr, neben wem man zu sitzen kommt, und das heißen die -Leute _Kosmopolitismus_. Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne -Gesichter von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe -ausgestorben!« - -»Schau' nur dorthin,« fiel ich ihm ein, »du Prediger in der Wüste, -dort sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem -braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche -hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den -Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen -und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort -der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus -der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie -die heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? Ist -er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast -du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um -nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?« - -»Wahrhaftig, diese sind echt!« rief der begeisterte Jude, »ich bin -jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele, laß -uns zu ihnen uns setzen, ~mi fratercule~!« - -Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten -Sorte, denn schon seit zwanzig Jahren kommen sie alle Abende in das -nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie -anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige -Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen -Trinkern in seinen Augen sehr zu Gunsten der letzteren ausfiel. Er -wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren Urvätern -schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten Enkeln wieder -trinken werde. - -Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn sie wurden -freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen, dann -gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie -mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten Menschen -faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet -hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang: - - -Des ewigen Juden Trinklied. - - »Wer seines Leibes Alter zählet - Nach Nächten, die er froh durchwacht, - Wer, ob ihm auch der Taler fehlet, - Sich um den Groschen lustig macht, - Der findet in uns seine Leute, - Der sei uns brüderlich gegrüßt, - Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude - In seine sanften Arme schließt. - - Wenn von dem Tanze sanft gewieget, - Von Flötentönen süß berauscht, - Fein Liebchen sich im Arme schmieget - Und Blick um Liebesblick sich tauscht; - Da haben wir im Flug genossen - Und schnell den Augenblick erhascht - Und, Herz am Herzen festgeschlossen, - Der Lippen süßen Gruß genascht. - - Den Wein kannst du mit Gold bezahlen, - Doch ist sein Feuer bald verraucht, - Wenn nicht der Gott in seine Strahlen, - In seine Geisterglut dich taucht; - Uns, die wir seine Hymnen singen, - Uns leuchtet seine Flamme vor, - Und auf der Töne freien Schwingen - Steigt unser Geist zum Geist empor. - - Drum, die ihr frohe Freundesworte - Zum würdigen Gesang erhebt, - Euch grüß' ich, wogende Akkorde, - Daß ihr zu uns herniederschwebt! - Sie tauchen auf -- sie schweben nieder - Im Vollton rauschet der Gesang, - Und lieblich hallt in unsre Lieder - Der vollen Gläser Feierklang. - - So haben's immer wir gehalten - Und bleiben fürder auch dabei, - Und mag die Welt um uns veralten, - Wir bleiben ewig jung und neu; - Denn wird einmal der Geist uns trübe, - Wir baden ihn im alten Wein, - Und ziehen mit Gesang und Liebe - In unsern Freudenhimmel ein.« - -Ob dies des Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen; -doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei; die -zwei alten Weingeister aber waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie -drückten dem _alten Menschen_ die Hand und gebärdeten sich, als hätte -er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt. - -Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf Uhr. Der ewige Jude sah -mich an und brach auf, ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen -uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre heiseren -Stimmen in wunderlichen Tönen singen: - - »Und wird einmal der Geist uns trübe, - Wir baden ihn im alten Wein, - Und ziehen mit Gesang und Liebe - In unsern Freudenhimmel ein.« - - - - -Satans Besuch bei Herrn von Goethe - -nebst - -einigen einleitenden Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen -Literatur. - - Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern - Und hüte mich, mit ihm zu brechen. - Es ist gar hübsch von einem großen Herrn, - So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen. - - _Goethe._ - - - - -Sechzehntes Kapitel. - -Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur. - - -»Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch -die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen -und bösen Geister -- natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an -gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das -Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei, -überall Unheil anzurichten.« So würde ich ungefähr sprechen, wenn ich -es zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über die _Idee -eines Teufels_ mich breit machen müßte. - -In meiner Stellung aber lache ich über solche Demonstrationen, die -gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg -zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so -dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht _ganz -geheuer um sie her ist_, und mögen sie mich nun Ahriman oder das böse -Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich in allen Völkern -und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das »~dicier hic est~«, -darum behagt mir auch die deutsche Literatur so sehr. Haben sich nicht -die größten Geister dieser Nation bemüht, mich zu verherrlichen und, -wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu machen? - -In meiner ~Dissertatio de rebus diabolicis~ sage ich unter anderem -folgendes: »§ 8. _Die Idee, das moralische Verderben in einer Person -darzustellen, mußte sich daher den Dichtern bald aufdrängen_; diese -waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch -gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von jener breiten, -dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über Gegenstände hinzugleiten -weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde ihrer Phantasie jenes -philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie nicht mit Gewandtheit -auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und von der Bühne und -machten sich breit in Philosophemen, die der zehnte nicht sogleich -verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen -Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander ausweichen. - -Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet -waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast -hat dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde -herzuleiern! - -Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem -Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er -die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man begreift -nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte verführen -lassen.« - -Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier -aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher -viel Spaß gemacht und ich kam mir oft vor, wie der Pulcinell des -italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende -Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die -Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein -~Ecce homo~, sehet, das ist der Teufel, schrieb. - -Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein -Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht -sein. »Ein jeder gibt, wie er's kann,« fuhr ich in der Dissertation -fort, »und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem -wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel. -Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders -aussieht. - -Jener Abbadona ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die -Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig -ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt, -mir wenigstens kommt dieser Klopstockische Gottseibeiuns vor wie ein -Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den -Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und -darum unanständig jammert.« - -So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und -ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der -des Teufels sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über -das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen -berühmten Mann, der, kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen -Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, -sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es -entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur -Welt gebracht hat. - -Der _Goethesche Mephistopheles_ ist eigentlich nichts anders als -jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er -aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die Bocksfüße hat er elegante -Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter dem Barett verborgen -- -siehe da den Teufel des großen Dichters! Man wird mir einwenden, -das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß er tausend Fäden -zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken, seine hohen -überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knüpft. --- Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch über -seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm beherrschen läßt, ist -es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in diese Fesseln der -Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche Adler dieses Volk bei -seinem populären Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhöhe tragen? - -Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, daß unter -diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht in -Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder -zur Erde stürzt? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat -aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter -geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm -hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, -gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sintflut jetziger Zeit und -schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der -kleinen Poeten strömt. - -Ein wässeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand -sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will der -Meister warten, bis die Flut sich verlaufe, und dann seine Stierlein -und Eselein, seine Pfauen und Kamele, Paar und Paar auf die Erde -spazieren lassen? - -Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines sich -zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über seine -Schenke schreiben: »Hier allein ist Echter zu haben,« wie Maria Farina -auf sein kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist? - -Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, daß -er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe -offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er -wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende -werden ausrufen: »Wie herrlich! das ist der Teufel, wie er leibt und -lebt.« Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich -wenig, sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der -Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist. - -»Aber erkennst du denn nicht,« wird man mir sagen, »erkennst du nicht -die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?« - -Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als -den gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube -beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu -beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der beschworen -werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß: - - »Gesteh' ich's nur! Daß ich hinausspaziere, - Verbietet mir ein kleines Hindernis, - Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;« - -und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten, - - »Bedarf ich eines Rattenzahns;« - -daher befiehlt: - - »Der Herr der Ratten und der Mäuse, - Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse« - -in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer, die Kante, welche -ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer -treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal »Herein!« ruft. In andere -Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen, trete -ich ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren -Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers: - - »Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, - Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!« - -Doch weiter. -- - -Ich stehe auf einem ganz besondern Fuß mit den Hexen. Die in der -Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen, aber sie sah keinen -Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache -ich eine unanständige Gebärde. - - »Mein Freund, das lerne wohl verstehen, - Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.« - -Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt. -Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor: - - »Verlangst du nicht nach einem Besenstiele? - Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.« - -Auch hier - - »Zeichnet mich kein Knieband aus, - Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.« - -Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit -einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur -durch Gedankenstriche - - »Der hatt' ein -- -- -- -- - So -- es war, gefiel mir's doch« - -anzudeuten wagt. - -Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle, der - - »-- -- kalt und frech - Ihn vor sich selbst erniedrigt.« - -Ich bin ohne Zweifel von häßlicher unangenehmer Gestalt und Gesicht, -zurückstoßend, was man, mit mildem Ausdruck, markiert, intrigant, und -im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt. - -Daher sagt Gretchen von mir: - - »Der Mensch, den du da bei dir hast, - Ist mir in tiefer, inn'rer Seele verhaßt. - Es hat mir in meinem Leben - So nichts einen Stich ins Herz gegeben - Als des Menschen widrig Gesicht. -- - Seine Gegenwart bewegt mir das Blut, - Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen. -- - -- Kommt er einmal zur Tür herein, - Sieht er immer so spöttisch drein - Und halb ergrimmt. -- - Es steht ihm an der Stirn geschrieben, - Daß er nicht mag eine Seele lieben etc.« - -Daher sage ich auch nachher: - - »Und die Physiognomie versteht sie meisterlich, - In meiner Gegenwart wird's ihr, sie weiß nicht, wie; - Mein _Mäskchen_ da weissagt verborgnen Sinn, - Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie, - Vielleicht wohl gar der Teufel bin.« - -Soll das bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines -Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein -unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich -macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der -schon gefallene Mensch; wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk -scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein -- es ist nur allein -mein Gesicht, mein _Mäskchen_, mein lauernder Blick, mein höhnisches -Lächeln, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt: - - »-- Wo er nur mag zu uns treten, - Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr --« - -Wozu nur dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das -jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde, -nach den gewöhnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt? - -Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem -genialen Retzsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen -Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden das -liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in -der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr, welche Würde noch in -dem gefallenen Göttersohn! - -Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in -Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen -Formen des dürren Körpers, das ausgedörrte Gesicht, die häßliche Nase, -die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel -- hinweg von -diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat.[7] - - [7] Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht - irre, so ertappt man hier den Satan auf einer größern - Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn - nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht, - als daß er ihn mit etwas lebhaften Farben als häßlich - darstellt; diese Bemerkung wird um so wahrscheinlicher, - wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten - Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation - einige Eitelkeit in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt - sich übrigens durch den übertriebenen Eifer, mit welchem - er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße, die ihm nicht hätte - beigehen sollen. - -Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum, -antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende -Dichter, seinen Satan anthropomorphisiert; um den gefallenen _Engel_ -würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief -gefallenen _Menschen_. Die Sünde hat seinen Körper häßlich, mager, -unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften gewühlt -und es zur Fratze entstellt, aus dem hohlen Auge sprüht die grünliche -Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch wie der eines -Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat und jetzt aus -Uebersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist es nicht wohl -in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen schaudert. - -So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte, -einen schlechten Teufel gemalt. - -Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel -könne nun einmal nicht anders aussehen, er _könne_ sein Gesicht, seine -Gestalt nicht _verwandeln_? Nein, man lese: - - »Auch die Kultur, die alle Welt beleckt, - Hat auf den Teufel sich erstreckt; - Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen, - Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen? - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut, - Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere --« - -Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein »Mäskchen« -nennen; folglich _kann_ er sich eine Maske geben, _kann_ sich -verwandeln; aber wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das -_nordische Phantom_ dennoch beizubehalten, nur daß er mich von -»_Hörnern, Schweif und Klaue_« dispensiert. - -Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes -nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so -hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon -durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf -jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt, -darf er durch einen gewöhnlichen »Bruder Liederlich«, als welchen sich -Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und -- muß nicht _diese_ Maske -der Würde jener Tragödie Eintrag tun? - -Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und -meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen: -»Söhnchen! διαβολε! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes Publikum -haben und, um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als möglich -sein muß.« - - - - -Siebzehntes Kapitel. - -Der Besuch. - - -Bei diesem allem bleibt Faust ein erhabenes Gedicht, und Goethe einer -der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern, -daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann einmal zu -sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen können, ja, wenn -ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand ich auf dem -Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles nächtlicherweise zu -erscheinen und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen. Aber eine -gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich -immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen. - -Ich entschloß mich daher, als ~Doctor legens~, ein ehrsamer Titel auf -Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist -mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein ehrlicher -Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein -erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: »Wann kann man den -Löwen sehen, Bursche?« -- »Mein Herr,« antwortet der Gefragte, »die -Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Löwe aber ist -am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rate ich, um -jene Zeit hinzugehen.« - -Geradeso erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem -jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm -schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch Europa -dem berühmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. -In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um -welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten? Wir waren in -Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas unscheinbar -geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit mißtrauischen Blicken -und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fräcke -bei uns hätten? - -Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt -versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. »Sie werden wahrscheinlich -nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind -Seine Exzellenz am besten zu sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie -angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen -aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen -ungesehen wieder fortzuschicken.« - -Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen -den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme ~recta~ -nach Weimar und gehe von da wieder heim. Uebrigens hatte er richtig -prophezeit: ~Doctor legens~ Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill -aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt. - -Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter -wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte -Treppe führt zu ihm. Eine tiefe geheimnisvolle Stille lag auf dem -Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in -das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, -verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefährte -betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese Möbel. So hatte -er sich wohl das _Stübchen des Dichters_ nicht vorgestellt. Mit der -Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Größe des -Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem -angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die -Tür geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten mußte. - -Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel -weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen -Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt. - -Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die -höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Lauf -der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. -Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe -alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der -zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich -auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. -- Goethe hat sich -seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging, -noch keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch _kann_, was er -_will_. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, -von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem -Höheren geführt habe -- das Zeitalter hat _ihn_ gebildet. - -Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben Werther in -das liebe Deutschland brachte. Die Lotten schienen wie durch einen -Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war Legion. -Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran -gefehlt, daß _er_ das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten -Ton, den er angab, mußte Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen in -wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt dieses -große schöpferische Geheimnis? _Alles zu rechter Zeit._ Der Siegwart -hatte die harten Herzen aufgetaut und sie für allen möglichen Jammer, -für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goethe. - -Die Türe ging auf -- er kam. - -Dreimal bückten wir uns tief -- und wagten es dann, an ihm -hinaufzublinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und -helle, wie die eines Jünglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll -Würde und Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und -auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern. -- Doch er ließ uns nicht -lange Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines -Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns -zum Sitzen ein. - -Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske -zu ihm zu gehen. ~Doctores legentes~ mochte er schon viele hunderte -gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf -die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er sich meist mit -meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für einen gelehrten -Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben! Hätte -ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein Ruhm bis jenseits -des Ohio gedrungen, wie man in den Kabanen von Louisiana über ihn -und seinen Wilhelm Meister sich unterhalte? -- So wurden mir einige -unbedeutende Floskeln zu teil, und mein glücklicherer Gefährte durfte -den großen Mann unterhalten. - -Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der -Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf -bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art -von Elektrisiermaschine zu nahen, man schmeichelt ihm, man glaubt, er -müsse dann Witzfunken von sich strahlen wie die schwarzen Katzen, wenn -man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein Romandichter, -so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Berühmte -zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Aermel schütteln werde. Ist er -gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den -Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann ganz warm unsern -Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein umfassender Kopf -wie Goethe, einer der, so zu sagen, in allen Sätteln gerecht ist -- wie -interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung werden! Wie sehr muß -man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu genügen. - -Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr, -wie das des guten Walt, als er zum Flitte kam,[8] ängstlich oben in -allen vier Gehirnkammern und darauf unten in beiden Herzkammern wie -eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, -das er ihm zutragen und vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll -auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der -Kandidat auf den strengen Examinator, er knickte seinen Hut zusammen -und zerpflückte einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber -welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herzen fallen, als der Dichter -aus seinen Höhen zu ihm herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und -Kunz in der Kneipe. Er sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in -Amerika, und indem er über das Verhältnis der Winde zu der Luft, der -Dünste des wasserreichen Amerika zu denen in unserem alten Europa -sich verbreitete, zeigte er uns, daß das All der Wissenschaft in ihm -aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer und epischer Dichter, -Romanist und Novellist, Lustspiel- und Trauerspieldichter, Biograph -(sein eigener) und Uebersetzer -- nein, er war auch sogar Meteorolog! - - [8] Jean Pauls Flegeljahre. - -Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens -eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine -Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das, -was ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne. Ich -glaube, wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er -hätte sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle -Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer -Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite -schmoren müsse. - -Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und -- siehe das -Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen seiner -Beredsamkeit öffneten sich -- er beschrieb den feinen, weichen Regen -von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New-York brausen und pries -die Regenschirmfabriken in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es -war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem -Wirtshaus unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche -Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser -Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation, -daß man sich angewöhnt -- nicht gut zu _sprechen_, sondern gut zu -_hören_. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu -sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam -auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden, -daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte. - -Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem -Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns -Witterungsbeobachtungen anzustellen. - -Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das Zeichen -zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen, und wir -schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der gute Mann -ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig wünschte, -mich auch ferner bei sich zu sehen; ich sagte ihm zu und werde es -zu seiner Zeit schon noch halten, denn wahrhaftig, ich habe seinen -Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen -- zwei -Bücklinge, wir gingen. -- - -Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner -nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner -Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er -schien höchst zufrieden mit dem Besuch. - -Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl -und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem -Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir -das eine und stieß an auf das Wohlsein jenes großen Dichters. - -»Ist es nicht etwas Erfreuliches,« sagte er, »zu finden, so -hocherhabene Männer seien wie unsereiner. War mir doch angst und bange -vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei -dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange; -und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert, -welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!« Er -schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters -Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt, -sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem -Schlaf in die Arme. - -Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von -allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein -leichter flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich -führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen Körpern -die Erde besuchen, gekostet zu werden. - -Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie -leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen -glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so -ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand. - -Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei -ihm gewesen zu sein, denn - - »Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern - Und hüte mich, mit ihm zu brechen. - Es ist gar hübsch von einem großen Herrn, - So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.« - - - - -Der Festtag im Fegefeuer. - -Eine Skizze. - - »Das größte Glück der - Geschichtschreiber ist, daß die - Toten nicht gegen ihre Ansichten - protestieren können.« - - _Welt_ und _Zeit_. I. - - - - -Achtzehntes Kapitel. - -Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen. - - -Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar -nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir -sehr interessant war und vielleicht auch anderen nicht ohne einiges -Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift »_Der Festtag im -Fegefeuer_«, und kam durch folgende Veranlassung zu diesem Titel. Es -ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten Sitte, ihre -Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. Wenn ein aus -fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben wird, haben -die Küster im Land schwere Arbeit, denn man läutet viele Tage lang alle -Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein Stammhalter geboren, so -verkündet schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht. Landesväterliche -oder landesmütterliche Geburtstage werden mit allem möglichen Glanz -begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die Honoratioren halten einen -Schmaus, abends ist Ball oder doch wenigstens in den Landstädtchen -~bière dansante~. Kurz, alles lebt ~in dulci jubilo~ an solchen Tagen. - -Um nun meiner guten _Großmutter_ eine Ehre zu erweisen, hielt ich es -auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie sich -gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit. -Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den sie auf der -Oberfläche hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was -von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten schicken (~in -pleno~ können sie nicht vorgelassen werden, weil sonst die Prozession -einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschälle, Kammerherren usw. -haben den großen Dienst und schätzen es sich zur Ehre, die Honneurs zu -machen, die Festlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Bällen, welche -abends gegeben werden, zu arrangieren usw. - -Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. _Einmal_ -fühlt sich ~chère grande-mama~ ungemein geschmeichelt durch diese -Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten -Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser einzige -Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die Seelen sich -nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck einer solchen -Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt. - -An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge. -Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges: »Vivat der Herr -Teufel!« »~Vive le diable!~« erfreut dann mein landesväterliches Herz; -doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist, als ein _Hurra_ -auf der Oberwelt, denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr, wenn sie -_nicht_ schreien. - -In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen. -~Tout comme chez vous~, meine Herren, nur etwas grotesker, -Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische, -militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs -finden sich wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich einen -guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie mitteilen -wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein hübsches -Licht werfen würden. - -Einst trat ich in einen Saal des ~Café de Londres~ (denn nebenbei -gesagt, es ist an diesem Tag alles auf großem Fuß und höchst elegant -eingerichtet), ich traf dort nur drei junge Männer, die aber durch -ihr Aeußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie -ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung -zu versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das -Kostüm eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die -Herrschaften zu bedienen. - -Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard. -Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war -nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine -ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand -spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte -das Kinn. Ein schöner Kopf! Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die -Stirne hoch und frei, von hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, -die Nase gebogen und spitzig wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen -dünn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt -und ohne alles Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies -alles und ein feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein -Ohr gedrückt, ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, -blendendweißes Linnenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung -konnte nur einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören. -Ich sah in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. -Er winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm -wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte -auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havanna-Zigarre und eine -brennende Wachskerze vor ihn hin. - -Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel geendigt und nahten -sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen -Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose, -Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein Deutscher. - -Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes Männchen. Sein -schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze Backenbart standen -sehr hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und -beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen roten Lippen -und das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau, -welches den Damen so wohlgefallen soll und in England und Deutschland -bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier -der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als dort. - -Offenbar ein Inkroyabel von der ~Chaussée d'Antin~! Das elegante -Negligee, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der -eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte -der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit -zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, -dem kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel ~à la Duc de Berry~ -zusammengehalten, bis herab auf die Gamaschen, die man damals seit drei -Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch -zu gelten, an den Spitzen nach dem großen Zehen sich hinneigen und -ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage: bis auf jene Kleinigkeiten, -die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel, einem, der in -die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und unumgänglich -notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach dem neuesten »Geschmack -für den Morgen« angezogen. - -Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die -Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke -des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu -sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr zu schwatzen, als -zu hören. - -Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an dem -ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, ein -wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite -Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen: - -»Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns -~Monseigneur le Diable~ gibt? Werden viel Damen dort sein, mein Herr? -Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier habe.« - -»Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns -beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe -ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier -vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie -brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, -Sie zu begleiten, mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten.« - -So ging es im Galopp über die Zunge des Inkroyabel. Seine Lordschaft -schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den ersten -Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf, -um seine rechte Hand frei zu machen, ergriff mit dieser -- die erste -Bewegung seit einer halben Stunde -- das Kelchglas, nippte einige Züge -Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die -rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr -zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen, denn er erwiderte -auch nicht _eine_ Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen und -schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt, »der Zähne doppelt Gatter« -vor seine Sprachorgane gelegt zu haben. - -Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert, -eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber -genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Er war, -was man in Deutschland einen _gewichsten jungen Mann_ zu nennen -pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende Haare, an -die etwas niedere Stirne schloß sich ein allerliebstes Stumpfnäschen, -über dem Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden hinaufgewirbelt -waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen Ausdruck von -Klugheit, der wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten -Holzschnitt keinen üblen Effekt hervorbrachte. - -Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen -entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war -polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier -Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften an und -formierte die Taille so schlank als die einer hübschen Altenburgerin; -er hatte ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so -waren solche nur aus dünnem Nanking verfertigt, aus eben diesem Grund -mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden, -Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben eines Pferdes dienen. -Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm. - -Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich -niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebt, wo auch die kleinste -Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet -wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit jener -feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte selbst -in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung mehr -Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer ein -Tanzmeister lehren kann. - -Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte -verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen möchte, -machte ich in einem Augenblick, denn man denke sich nicht, daß der -junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig abkonterfeit -hatte. - -Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. »Mein Gott, -Herr von Garnmacker,« sagte er, »ich möchte verzweifeln; der englische -Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache -zu wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu -führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres, -als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den -andern versteht?« - -»Auf Ehre, Sie haben recht,« antwortete der Stutzer in besserem -Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; »man kann sich zur Not -denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt, aber ich sehe -nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern können.« - -»~J'ai bien compris, Messieurs~,« sagte der Lord ganz ruhig neben -seiner Zigarre vorbei und nahm wieder einigen Rum zu sich. - -»Ist's möglich, Mylord?« rief der Franzose vergnügt, »das ist sehr gut, -daß wir uns verstehen können! Markeur, bringen Sie mir Zuckerwasser! O, -das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch schöne Sache ist es -doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie dieser hier.« - -»Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester,« gab der Deutsche zu; »aber -wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne Welt -zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von allen -möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte -oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an diesem -verfl... Orte manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück hatte; -Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster Marquis, -können uns hier Paris im kleinen zeigen.« - -»Gott soll mich behüten!« entgegnete eifrig der Franzose, indem er nach -der Uhr sah, »jetzt um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne Welt -mustern?« - -»Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem ~détestable purgatoire~ so -sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die Promenade gehen -sollte?« - -»Nun, nun,« antwortete der Stutzer, »ich meine nur, im Fall wir nichts -Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer im -Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es -Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so -bleibe ich gerne hier.« - -»Mein Gott,« entgegnete der Inkroyabel, »ist dies nicht ein so -anständiges Café, als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt -es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen? -Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen -Salon besser wünschen? Nein! ~Monsieur le Diable~ hat Geschmack in -solchen Dingen, das muß man ihm lassen.« - -»~Une comfortable maison!~« murmelte Mylord und winkte dem Franzosen -Beifall zu. »~Et ce salon comfortable.~« - -»Gute Tafel, mein Herr?« fragte der Marquis. »Nun, die wird auch da -sein, ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber meine Herren, -was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas -aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne interessante -Abenteuer, und Baron Garnmacker hat deren wohl so viele erlebt als -Mylord?« - -»~Goddam!~ das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr,« sagte der -Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die Füße -von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil -zurecht setzte; »noch ein Glas Rum, Markeur!« - -»Ich stimme bei,« rief der Deutsche, »und mache Ihnen über Ihren -glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot. -- Eine Flasche -Rheinwein, Kellner! -- Wer soll beginnen zu erzählen?« - -»Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden,« antwortete Lord -Fotherhill, »und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen.« - -»Angenommen, mein Herr,« sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose; -»machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer -zwei soll beginnen.« - -Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen, -und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst. - -Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem -er, das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen -hinüber deutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: »Geben Sie einmal -acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn -wir beide sind schon durch den Rang unserer Nationen weit über ihn -erhaben.« - -Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit großer -Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte in der -Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann: - - - - -Neunzehntes Kapitel. - -Geschichte des deutschen Stutzers. - - -»Als mein Großvater, der kaiserlich-königlich --« - -»Ich bitte Sie, mein Herr,« unterbrach ihn der Inkroyabel, »verschonen -Sie uns mit dem Großpapa, und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an: was -war er?« - -»Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich hätte mich gerne bei dem -Glanz unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf -einem ziemlich großen Fuß --« - -»Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu -neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit.« - -»Mein Vater,« fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, »war -Kleiderfabrikant en gros --« - -»Wie,« fragte der Lord, »was ist Kleiderfabrikant? Kann man in -Deutschland Kleider in Fabriken machen?« - -»Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!« rief der Stutzer unwillig -und stieß das Glas auf den Tisch; »das ist nicht die Art, wie man seine -Biographie erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von kritischen -Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Markt, -darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider für die -Leute machten!« - -»~Mon Dieu!~ also war er, was wir ~Tailleur~ nennen? ein Schneider?« - -»Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, kurz, er hatte die -Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die -ersten Bürger in seinen Soirees sah, so war doch ein gewisser guter -Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiß nicht was, kurz, es -war ein ganz anständiger Mann, mein Papa.« - -Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den ~Garçon tailleur~ so -perorieren hörte, doch faßte ich mich, um den Markeur nicht aus der -Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und -wollte sich ausschütten vor Lachen, der Engländer sah den Stutzer -forschend an, unterdrückte ein Lächeln, das seiner Würde schaden -konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort: - -»Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben -pressen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen. -Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem -schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt -mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten, im Gegenteil, es macht mir -Vergnügen, Sie zu unterhalten!« - -»Ah! ~ce noble trait!~« rief der Inkroyabel und wischte sich die Tränen -aus dem Auge. »Reichen Sie mir die Hand und lassen Sie uns Freunde -bleiben. Was geht es mich an, ob Ihr Vater ~Duc~ oder ~Tailleur~ war. -Erzählen Sie immer weiter, Sie machen es gar zu hübsch.« - -»Ich genoß eine gute Erziehung, denn meine Mutter wollte mich durchaus -zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterland der -eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem -siebenten Jahre ~Mensa~, in meinem achten ~Amo~, in meinem zehnten -τυπτω, in meinem zwölften ~Pakat~ eingebläut. Sie können sich denken, -daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen Tage -hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt: das heißt, ich ging -lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen oder sah die Fische den Fluß -hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden, als daß ich mich -oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des künftigen Pastors -eingerichtet hatte, mit meinem Bröder, Buttmann, Schröder, und wie die -Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit harten Köpfen wie böse -Geister erscheinen, abmarterte. - -Ich hatte überdies noch einen andern Gang, der mir viele Zeit raubte; -es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schönen -Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß wie unter -den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das -kleine Schiebfenster öffnete, um den Kopf ein wenig in die frische Luft -zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf den schönen Garten -unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort unter den schönen -Akazien auf der weichen Moosbank saß Amalie, sein Töchterlein, und ihre -Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehliche Sehnsucht riß mich hin; -ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit den -Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlücke bei der Königin -meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete sie in meinem Herzen im -vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem elften Jahr den größten -Teil der Ritter- und Räuberromane meines Vaterlandes gelesen, Werke, -von deren Vortrefflichkeit man in andern Ländern keinen Begriff hat, -denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß sind nie über den Rhein oder -gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel höher stehen diese Bücher -alle, als jene Ritter- und Räuberhistorien des Verfassers von Waverley, -der kein anderes Verdienst hat, als auf Kosten seiner Leser recht -breit zu sein. Hat der große Unbekannte solche vortreffliche Stellen -wie die, welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: -›_Mitternacht, dumpfes Grausen der Natur, Rüdengebell, Ritter Urian -tritt auf._‹ - -Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn -er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest; wie -fühlte ich da das ›_Grausen der Natur_‹! und wenn der Hofhund sein -Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen, daß sich meine -Blicke ängstlich an die schlechtverriegelte Türe hefteten, denn ich -glaubte nicht anders, als ›_Ritter Urian trete auf_‹. - -Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft auch -mein Herz Feuer fing? Jede Bertha, die ihrem Ritter die Feldbinde -umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem den Schloßberg -hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede -Agnes, Hulda usw. verwandelte sich unwillkürlich in Amalien. - -Doch auch _sie_ war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus -ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer -gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder -in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bücher heraus, welche -entweder keinen Rücken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden -waren, daß sie mich ordentlich _anglänzten_. Das sind so die echten -nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein _Rinaldo -Rinaldini_, ein _Domschütz_, ein _alter Ueberall_ und _Nirgends_ oder -sonst einer unserer Lieblinge. - -Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein, denn -Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des -Romans nicht immer sehr _rein_ war, doch nie mit bloßen Fingern den -fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann -in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn -zurück, ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn oder -einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere -Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war -sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja, wenn -Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen -Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen. - -Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war -übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines -großen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der -schönen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber -innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle -zu geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte -sie den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer -war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze -in unserm Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun) -erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien) -sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen -Beinkleidern sehr gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn, -aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin. - -Das einzige Unglück bei unserer Liebe war, daß wir eigentlich gar kein -Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem -armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürsten (dem Kaufmann), -wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen -war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging; oder es kam sogar zu -wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen Ladendiener) zu -uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ (weil mein Vater eine -sehr große Rechnung in dem Kontobuch des Fürsten hatte). Aber dies -alles war leider kein nötigendes Unglück für unsere Liebe und diente -nicht dazu, unsere Situationen noch romantischer zu machen. - -Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand, war -mein hartes Unglück, immer unter den Letzten meiner Klasse zu sein und -von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen, doch auch darüber -belehrte und tröstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich, -daß des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und -sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er aber habe gewiß -unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten -Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige -Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber -wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die -unregelmäßigen griechischen Verba nicht lernte, und _dafür_ bekam ich -Schläge. - -So war ich fünfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden, -ungetrübt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen, da ereigneten -sich mit einemmale zwei Unglücksfälle, wovon schon einer für sich -hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen herabzuschmettern. - -Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquéschen Romane -anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden ...« - -»Was ist das, Fouquésche Romane?« fragte der Lord. - -»Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese Definition -werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué ist ein -frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit -Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet -und kämpft, wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein wenig -rohe und gemeine Mittelalter modernisiert oder vielmehr unsere heutige -modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und um -fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz süßlich -und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man -vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe Landjunker gewesen, -die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten, als der -Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer bezaubernden -Kourtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind hauptsächlich -_fromm_ und _kreuzgläubig_. - -Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit -steifen Kragen angetan, und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt. -Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben -ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde Und andere solche Getiere.« - -»~Mon dieu!~ solchen Unsinn liest man in Deutschland?« rief der -Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen. - -»O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab eine Zeit bei -uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu -bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt, -nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die ~Tempi -passati~ -- so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer -auf diese und wurden allesamt altdeutsch. - -Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene -herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das -Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über -Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten, da -trat jener fromme Ritter auf; ein zweiter Orpheus griff er in die -Saiten, und es entstand ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den -französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige, -keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen Fräcke -aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle -Leinwand setzen, und ›Kleider machen Leute‹, sagt ein Sprichwort, -~probatum est~, auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm.« - -~»Goddam!~ Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen;« -unterbrach ihn der Engländer, »vor acht Jahren machte ich die große -Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter See ließ ich -mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben. -Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern, -halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben -schien. Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese und -blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten wunderbare -Mützen auf dem Kopf, die Haare fielen in malerischer Unordnung auf -den Rücken und die Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten -breite, zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen, -herausgelegt. - -Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker -Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß sich eng um -den Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer. -In sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober -Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in -der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren. -Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen -auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten. - -Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und -Uniform wäre, und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütliwiese -vorstellen sollten? Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler -aus Deutschland wären. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke -an den fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in -meinen Kahn und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die -erhabenen Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen -Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben -gehabt zu haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit -sich aus, denn als mein Kahn über den See hinglitt, erhoben sie -einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so würdigen, -ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen in Gedanken das Vorurteil abbat, -welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte.« - -»Nun ja, da haben wir's,« fuhr der Baron von Garnmacher fort, »so -sah es damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte -Fouquésche Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich wie -alle meine Kameraden altdeutsch und war meiner Herrin, »der wundigen -Maid«, mit einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalien -machte übrigens der _Zauberring_, die _Fahrten Thiodolfs_ etc. nicht -den gewünschten Eindruck, sie verlachte die sittigen, lichtbraunen, -blauäugigen Damen, besonders die _Bertha von Lichtenrieth_, und pries -mir Lafontaine und Langbein, schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine -ihrer Freundinnen zugesteckt hatte. - -Ich war zu erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, als -daß ich ihr Gehör gegeben hätte, aber der lüsterne Brennstoff jener -Romane brannte fort in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr Alter -schon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und kurz --- es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hüllte mich in meinen -altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den -Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe. - -Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete und -dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr -Lafontaine und Langbein studierte, weiß ich nicht zu sagen, nur soviel -ist mir bekannt, daß ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen -nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat. - -Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische -Bibel und die griechischen Unregelmäßigkeiten vor mir liegen, und auf -ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint -und durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose -Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf -zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest -überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein könne, und -höchstens der unglückliche _Otto von Trautwangen_, als er in Frankreich -mit seinem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine Höhle bewohnte, -konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich. - -Aber das Maß meines Leidens war noch nicht voll; hören Sie, wie aus -entwölkter Höhe mich ein zweiter Donner traf. - -Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz -gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, _wen wir für den -größten Mann Deutschlands halten_? Es sollte sein Wert geschichtlich -nachgewiesen, Gründe für und wider angegeben und überhaupt alles recht -gelehrt abgemacht werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, -meine Herren, immer einen harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren -mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer mittelmäßige -oder schlechte Arbeit geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz -begeistert, ich fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die -großen Männer meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat -in diesen Jahren nicht solche?) in gehöriges Licht setzen zu können. - -Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für -mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens. -Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und -wer, der irgend einmal diese Bücher der Geschichten in die Hand nahm, -wer konnte in Zweifel sein, wer die größten Männer meines Vaterlandes -seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich -die Krone zuerkennen sollte. _Hasper a Spada?_ Es ist wahr, es war -ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner Freunde. -Aber, wie die Geschichte sagt, war er doch etwas sehr dem Trinken -ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem fürtrefflichen -Charakter. _Adolf der Kühne, Raugraf von Dassel?_ Er hatte schon etwas -mehr von einem großen Mann. Wie schrecklich züchtigt er die Pfaffen! -Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Buße tun müßte, -aber dies schwächt doch sein majestätisches Bild. Es ist wahr, _Otto -von Trautwangen_ glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen -Geschichte, dachte ich weiter; aber auch er scheint doch nicht der -größte gewesen zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag -zu bringen ist, jeden Zauber überwand. - -Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig unter allen -deutschen Helden ist doch keiner, der dem _Thiodolf_ das Wasser reicht. -Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im -Zorn ein _Berserker_, es kann nicht fehlen, er ist der größte Deutsche. - -Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung -nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich -konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl -zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor. Wie -erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach, wie -er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig -auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war, wie großmütig -verschmäht er alle Belohnung, ja, er schlägt einen Kaiserthron aus, um -seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, obgleich er -die christliche Religion nicht recht kannte; wie schön beschrieb ich -alles, ja, es mußte das harte Herz des alten Rektors rühren! - -Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall -lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze zu -zensieren. Dann sendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick nach -dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe schaute, -dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: ›Kann man etwas -Gelungeneres lesen als dies, und ratet, wer es gemacht hat? Die Letzten -sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, -soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn, ~Garnmachere~! Ich -habe immer gesagt, du seiest ein ~bête~, konnte ich ahnen, daß du mit -so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir -gebührt.‹ - -So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste -Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um -zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert -sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den -_deutschen Alkibiades_ und zunächst ihm _Hermann von Nordenschild_ für -die größten Männer halte. Man könne ihnen den _Ritter Euros_, welcher -nachher als Domschütz mit seinen Gesellen so großes Aufsehen gemacht -habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht an die Seite stellen, -doch stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt. - -Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe -ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ›Er wird wieder ein schönes -Geschmier haben, Garnmacher!‹ - -›Lesen Sie, und dann -- richten Sie,‹ gab ich ihm stolz zur Antwort und -verließ ihn. - -Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde -über den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer -gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des ~Vicar -of Wakefield~ dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter -Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis' XIV. gefragt -würden, und Sie priesen die _neue Heloise_, würde man Sie nicht für -einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich begangen hatte! - -Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte, -erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir -ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich mich da mit -Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter -Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer -trat ich heute auf, ich hatte meinen besten Rock angezogen, den -schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war -zierlich gescheitelt und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand -mir, ich sei auch im Aeußern des Preises nicht unwürdig, welcher mir -heute zuteil werden sollte. - -Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure -Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen, -Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen -- er ging viele durch, immer -kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden -hatte er auf die Letzt aufgespart -- als die besten! - -Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein -Heft mit rosenfarbner Ueberdecke, das _meinige_, zur Hand. Mein Herz -pochte laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem -triumphierenden Lächeln verziehen wollte, aber ich gab mir Mühe, -bescheiden bei dem Lob auszusehen. Der Rektor begann: ›Und nun komme -ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich -will einige Stellen daraus vorlesen!‹ Er deklamierte mit ungemeinem -Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung -niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als -vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß -gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren _Domschützen_ -noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo! Ancora! und -die Tische krachten unter den beifalltrommelnden Fäusten meiner -Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ›Es wäre dies eine -gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten, wenn nicht der -Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre. Es ist unser -lieber Garnmacher. Tritt hervor, du ~Dedecus naturae~, hierher zu mir!‹ - -Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor -ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal -links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt über -mich herab, von der ich nur soviel verstand, daß ich ein ~bête~ war und -nicht wußte, was Geschichte sei. - -Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen blumigen -Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem -man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte -Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und -sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der -man herabstürzte, ist mit allen ihren Blütengärten verschwunden, ach, -sie war ja nur ein Traum! - -So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer -aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm -geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger -Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!! - -Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld -dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich _sie_, die ich einst liebte, -verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes -aus, ich stand wie Mucius Scävola. - -Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem -Vater ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich das Geld zu solchen -Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächsten Montag -vier Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mitschülern, die -mir Thiodolf, deutscher Alkibiades und dergleichen nachriefen, in -dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß -mich mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich -totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor -beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band -etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche -mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und -den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen -lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der -Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs -erste zu wenden gedachte. - -In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Straße zog. -Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nie gelebt, diese -tapferen, frommen, liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht -geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll -Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten -zu mir herübertönten, die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell, -Waffengeklirr, Sporenklang, süße Akkorde der Laute -- alles, alles -dahin, alles nichts als eine löschpapierene Geschichte, im Hirn eines -Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht! - -Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte. -Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe -Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten vergoldet vom Abendrot über -dem Dunstmeer. - -So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in -Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie -jene Türme vor meiner Seele. ›Wohlan!‹ sprach ich bei mir selbst: - - ›-- -- ~O fortes, pejoraque passi - Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas, - Cras ingens iterabimus aequor.~‹ - -Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte -ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um. -- --« - - * * * * * - -Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den -Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum -ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein großer Teil des -letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon -vorüber, und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen, findet -sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen diese -bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des -Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil und bleiben einstweilen wie -die Ochsen am Berge stehen. - - - - -Zweiter Teil. - - - - -Vorspiel, - - worin von Prozessen, Justizräten die Rede, nebst einer - stillschweigenden Abhandlung: »Was von Träumen zu halten sei?« - - -Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan -erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm ist es dem -Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert, am -angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine -gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan, -die nicht nur ihm, sondern auch seinem Uebersetzer und Herausgeber -erwünscht sein muß. - -Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen -Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des -Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen -Hindernissen. Die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß, in -welchen der Herausgeber verwickelt wurde, und vor dessen Beendigung er -diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte. - -Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt -und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen begleitet -worden, als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war eine - - _Warnung vor Betrug._ - -»Die bei Gebr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan -sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch -seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als -Schriftsteller berühmten Teufel, sondern gänzlich falsch und unecht; -was hiermit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird.« - -Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von -niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiß, hatte das -Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, -nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen -Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger -über mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen -und besagte Memoiren für unecht erklären? - -Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche -Beschuldigung des _Betruges_ zu antworten sei, werde ich vor die -Gerichte zitiert und mir angezeigt, daß ich einer Namensfälschung, -eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und zwar -- vom Teufel -selbst, der gegenwärtig als geheimer Hofrat in persischen Diensten -lebe. Er behaupte nämlich, ich habe seinen Namen Satan mißbraucht, um -ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben; -ich habe seinen literarischen Ruhm benützt, um diesem schlechten -Büchlein einen schnellen und einträglichen Abgang zu verschaffen; kurz, -er verlange nicht nur, daß ich zur Strafe gezogen, sondern auch, daß -ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, »dieweil ihm ein -Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden«. - -Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß mir früher -schon der Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; man kann -sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zumute -ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein Kämmerlein, -um über diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, daß es -hier drei Fälle geben könne, entweder hatte mir der Teufel selbst das -Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht zu ängstigen und -auf meine Kosten zu lachen; oder irgend ein böser Mensch hatte mir -die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine Hände zu -bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Kläger auf; -oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein müßiger -Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen. - -Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall -vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil -ich keine Beweise beibringen könne, daß das Manuskript von dem echten -Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden -Anzahl Bücher, die seit Justinians ~Corpus juris~ bis auf das neue -birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben worden seien, -einiges nachlesen. - -Das juristische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang Es -wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, soviel darüber -geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries -Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde -sogar auf Unrechts Kosten eine eigene Aktenkammer für diesen Prozeß -eingeräumt; über der Türe stand mit großen Buchstaben: »~Acta~ in -Sachen des persischen G. H. R. Teufel gegen ~Dr.~ H--f, betreffend die -Memoiren des Satan.« - -Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf dem Titel -nicht »Memoiren des Teufels«, sondern »des Satan« gesagt hatte. -Die Juristen waren mit sich ganz einig, daß der Name _Teufel_ in -Deutschland sein _Familienname_ sei, ich habe also wenigstens diesen -nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein angenommener, -willkürlicher, denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen -zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere Hoffnung zu -schöpfen, aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, -was es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des -~et cetera~ war nämlich dem berühmten Justizrat Wackerbart in die -Hände gefallen, einem Mann, der schon bei Dämpfung einiger großen -Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte und neuerdings sogar dazu -verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten. -Stand nicht zu erwarten, daß ein solcher berühmter Jurist meine Sache -nur als eine ~Cause célèbre~ ansehen und sie also handhaben werde, daß -sie, gleichviel wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm einbrächte? -Hierzu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte -seit einiger Zeit angefangen, sich an höhere Zirkel anzuschließen; -mußte ihm da ein so wichtiger Mann, wie ein persischer geheimer Hofrat, -nicht mehr gelten als ich Armer? - -Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen -den Teufel; Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf -mich gewälzt, ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins -Gefängnis sperrte oder gar hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes -gegen mich in Anwendung gebracht: - - _Entscheidungs-Gründe_ - - zu dem - - vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim unter dem - 4. Dezember 1825 gefällten Erkenntnis - - in der Untersuchungssache - gegen den - ~Dr.~ ...f wegen Betrugs. - - 1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben, - daß er keine Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm - herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten - echten Teufel, so gegenwärtig als geheimer Hofrat in persischen - Diensten lebt, herrühre. Ferner hat der Angeschuldigte ...f - zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern darüber enthaltene - Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei. - - 2. Die letztgenannte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus - die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, daß - »die Memoiren des Satan« von dem wahren, im Alten und Neuen - Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten - Teufel geschrieben sei, nur allzudeutlich hervorleuchten tut. - - 3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte ...f - eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder - auf impermissen Commodum für sich oder Schaden anderer - gerichteten unrechtlichen Täuschung anderer, entweder indem - man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre Dito nicht angibt -- - besteht; oder um uns näher auszudrücken, da hier die Sprache - _von einer Ware und gedrucktem_ Buch ist -- einer _Fälschung_ - schuldig gemacht; denn, durch den Titel »Memoiren des Satan« - und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt fälschlich - vorgespiegelt, daß das Buch ausdrücklich von dem unter dem - Namen Satan bekannten, k. persischen geheimen Hofrat Teufel - verfaßt sei; was beim Verkauf des Werkes verursachte, daß - es schneller und in größerer Quantität abging, als wenn das - Büchlein unter dem Namen des Herrn ...f, so dem Publico noch - gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so - es kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein echtes Werk des - Teufels in Händen zu haben, schnöde betrogen wurden. - - 4. Wenn der Herr ~Dr.~ ...f, um sich zu entschuldigen, - dagegen einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur ein - angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich - nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir - Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, daß sich ...f - auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens bekanntermaßen - den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namen nicht beschränkt, - sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt, - namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige - Teufel oder Satan sei, welcher dem Publico, besonders dem - Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch frühere ~Opera~, - z. B. die Elixiere des Teufels ~et cetera~ rühmlichst bekannt - ist, wodurch wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist als der - geheime Hofrat Teufel. - - 5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, daß das - in Frage stehende ~Opusculum~, wie auch nicht destoweniger - seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und - jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung - wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder - Leser von Vernunft muß das auch wohl eher für eine etwas - geringe Nachäffung der Teufeleien als für -- eine Satire auf - dieselbe erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht - einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist - durchaus kein günstiger Umstand für ...f zu ziehen, weil - derjenige Käufer, der etwas _Echtes_, vom Teufel verfaßtes - kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, daß er - betrogen sei. - - 6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt, - Leihbibliotheken ~et cetera~ ist in der vorliegenden - Defraudation auch ein Verbrechen gegen _den_ begangen, dessen - Name oder Firma mißbraucht worden; namentlich und spezialiter - gegen den geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter - und Schriftsteller als von wegen des Honorars seiner übrigen - Schriften, sehr dabei interessiert ist, daß nicht das - Geschreibsel anderer, als von ihm niedergeschrieben, wie auch - erdacht, angezeigt und verkauft werde. - - 7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch - arglos herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hierüber - zu kennen, daß ihn auch bei der Fälschung durchaus keine - gewinnsüchtigen Absichten geleitet hätten, so ist uns dies - gleichgültig und haben nicht darauf Rücksicht zu nehmen, denn - Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man englische Teppiche - nachahmt und als echt verkauft, oder Bücher schreibt unter - falschem Namen; ist alles nur verkäufliche Ware und kann - den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die - Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert, und zwar - ebenfalls nichtsdestominder auch alsdann, wenn die Memoiren - des Satan gleichen Wert mit den übrigen Büchern des Teufels - hätten (was wir Klein-Justheimer übrigens bezweifeln, da jener - geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon durch das - Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein - Schaden in juridischem Sinne sein tut. - - Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw. - - Gez. _Präsident und Räte des Kriminalgerichts_ - zu Klein-Justheim. - -Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner -gesehen, so kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem -Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchen Männern -gespielt und allerlei Kurzweil mit ihnen getrieben und probiert, ob es -nicht schöner wäre, wenn er z. B. das Gesicht im Nacken trüge und den -Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht vernünftiger wäre, wenn ihm die -Beine ein wenig umgedreht würden, daß er vor- und rückwärts spaziere, -wie man es haben wolle? Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner -Kindheit, und es war ein unschuldiges Spiel, denn dem Gliedermann war -es gleichgültig, ob ihm die Beine über die Schulter herüberkamen oder -nicht, ob er den Rücken herabschaute oder vorwärts, er lächelte so -dumm wie zuvor, denn er hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht -weh im Herzen, denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt, und -wahrscheinlich aus Lindenholz. - -Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen -Händen der Klein-Justheimer Kriminalien! Sie renkten und drehten mir -die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig, -oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein -Recht, bis das Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie -sie es haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch -aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bemerken, -nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme -verschränkt ~et cetera~ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht. - -Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan! Ware! Als würde -dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener -Schwarzkünstler und Eskamoteur getan, die Bänder verschluckte und sie -herauszog Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen, -Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man -will! Und rechtswidrige Täuschung des Publikums! Wer hat denn darüber -geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter -geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen -selbst herrühre, daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese -rechtswidrige Täuschung? O Klein-Justheim, wie weit bist du noch zurück -hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen kannst, -Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und gehören -durchaus nicht vor deine Schranken. - -Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun -für mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das -Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes -abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliothek -sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen -aller Art herabschaue und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die -den großen Furore, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er -seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwünsche, um, -verbunden mit ihm, schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt -als einem Invaliden beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens -ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich -riß ihn auf und las: - - »Wohlgeborener, sehr verehrter Herr! - - Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das - Zeitliche gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu - meinem großen Aerger die miserablen Machinationen, die gegen - Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, daß sie von mir - herrühren. Mit großem Vergnügen denke ich noch immer an - unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz, und - in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen - Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche - Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich - sprach, versicherten mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren - herausgegeben habt, und daß das Publikum meine Bemühungen zu - schätzen wisse. Der Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam - mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als - ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller - aufkommen zu lassen, weil ich ein wenig über ihre Universitäten - schimpfte und die ästhetischen Tees, und Euch wollen sie - nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies nicht kümmern, - Wertester; gebt immer den zweiten Teil heraus, im Notfall könnt - Ihr gegenwärtiges Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich - den Wackerbart, saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht - kenne, so kenne ich um so besser die seinige. - - Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die - jeden berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für _gute - Prise_ erklären und, wenn sie ihn fest haben in den Krallen, so - lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden können, - wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt. Was - war bei Euch von beiden zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor - der Philosophie und Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr - gegen einen persischen geheimen Hofrat? Denket also, die Sache - sei ganz natürlich zugegangen, und grämet Euch nicht darüber. - Was den persischen geheimen Hofrat betrifft, der meine Rolle - übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm - sprechen. - - Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, - ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt - aufgeschrieben, es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel - zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein, es gibt - vielleicht noch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner - erinnern. - - Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche - Bekanntschaft bald zu erneuern, bin ich - - Euer wohlaffektionierter Freund - - _der Satan_.« - -Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich -lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt hatte, -ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu wollen an -ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen. - -Er zuckte die Achseln und sprach: »Lieber, sie wohnen zusammen in -_einer_ Hausmiete, die Kriminalien; ob Ihr um eine Treppe höher steigen -wollet, aus dem Entresol in die Bel-Etage zu den Vornehmeren, das -ist einerlei, Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen -lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen.« - -So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch -- was -half es? Sie stimmten ab, erklärten den Persischen für den echten, -alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, -und -- der Prozeß ging auch in der Bel-Etage verloren. - -Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und wenn es mich den -Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das -Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und -- -- erwachte. - -Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die -Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige winkten herein, -mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen. - -Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten, -Klein-Justheim, und alles, was mir Gram und Aerger bereitete, -verschwunden, spurlos verschwunden. - -Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend -zuvor bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß -mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traum alles so -erschienen, als hätte ich selbst den Prozeß gehabt, als wäre ich selbst -verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein-Justheimer Schöppen. - -Ich lächelte über mich selbst! Wie pries ich mich glücklich, in einem -Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkämen, -wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es -keine Wackerbärte gibt, die einen solchen Fund für gute Prise erklären, -das Recht zum Gliedermann machen und drauf loshantieren und drehen, ob -es biege oder breche; wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware -handhabt und Satire versteht und zu würdigen weiß, wo man weder auf den -Titel eines persischen geheimen Hofrats, noch auf irgend dergleichen -Rücksicht nimmt. - -So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen -Prozeßtraum. - -Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es -war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satan, wie ich ihn im -Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Briefe verheißen. -Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde -mir der Zusammenhang unbegreiflicher. - -Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen und -seinen »Besuch in Frankfurt« dem zweiten Teile einverleiben. - -Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles -geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu -lesen war, ich meine jene Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in -einer Hütte von Malojaroslawez zubrachte und wie von jenen Augenblicken -an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes -Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte, vielleicht -- weil -er ihm nicht beikommen konnte, doch -- vielleicht ist es möglich, -dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem anderen Orte -mitzuteilen. - -Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da -wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer. - -»Weißt du schon?« rief er. »Er hat ihn verloren!« - -»Wer? Was hat man verloren?« - -»Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen Clauren meine ich, -wegen des Mannes im Monde!« - -»Wie? Ist es möglich!« entgegnete ich, an meinen Traum denkend. »Unser -Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozeß?« - -»Du kannst dich darauf verlassen, soeben komme ich vom Museum, der -Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert.« - -»Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz! War er etwa auch in -Klein-Justheim anhängig?« - -»Klein-Justheim? Du fabelst, Freund!« erwiderte der Freund, indem er -besorgt meine Hand ergriff. »Was willst du nur mit Klein-Justheim, wo -gibt es denn einen solchen Ort?« - -»Ach,« sagte ich beschämt, »du hast recht; ich dachte an -- meinen -Traum.« - - - - -Der Fluch. - -Novelle. - -(Fortsetzung.) - - -Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die -_heilige Stadt_ hatte immer einen Ueberfluß von Leuten, die in der -ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren. - -Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der _guten Leute_ -(von anderen Sünder genannt) mache: aber, wer je mit der Erde zu tun -hatte, hat den Menschen bald abgelernt, daß nur das Systematische -mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne. Es ist dies besonders -in Städten, wie Rom, unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nüancen -_guter Leute_ vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der die -Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um dreißig -Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muß man Klassen haben. Ich -werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das negierende -Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein in: erste -Klasse mit dem Prädikat recht gut, solche, die geradehin verneinen, -als da sind: Freigeister, Gottesleugner etc. Zweite Klasse, gut; sie -sagen mit einigem Umschweif nein, gelten unter sich für Heiden, bei -Vernünftigen für liberale Männer, bei der Menge für fromme Menschen. -In dieser Klasse befinden sich viele Türken und Pfaffen. Die dritte -Klasse, mit dem Prädikat mittelmäßig, sind jene, die ihr Nein nur -durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind jene, die sich selbst für -eine Art von Gott halten, mögen sie nun Ablaß verkaufen oder als -evangelisch-mystisch-pietistische Seelen einen Separatfrieden mit dem -Himmel abschließen; der letzteren gibt es übrigens in Rom wenige. - -Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems, die verschiedenen -Uebergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich ändern. Geld, -Sitten, der Zeitgeist üben hier einen großen Einfluß aus und machen -beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle notwendig. - -Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom -verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht -unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner Memoiren -von Interesse sein möchten. - -Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche -spazieren, dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm -durch die Missionare in Frankreich und das Ueberhandnehmen der Jesuiten -drohten, da stieß mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer -interessanten Beziehung zu mir gestanden sein mußte. Ich stand stille, -ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schöner junger -Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram; dem Auge, der Form -des Gesichtes nach war er kein Italiener -- ein Deutscher, und jetzt -fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin -im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem ewigen Juden einen -ästhetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, -dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persönlichkeit mir -damals ein so großes Interesse eingeflößt hatten. Er war es, der uns -damals eine Aventüre aus seinem Leben erzählt hatte, die ich für würdig -fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit aufzuzeichnen. - -Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige -Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes -und die süße Langeweile der ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so -drückend wurde, daß er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich -beschloß, seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jenes interessante -Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn selbst, -über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen. Er stand an einer -Säule des Portals, den Blick fest auf die Türe gerichtet; fromme -Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein. Ich sah, -er blieb gleichgültig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten -zu interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut -in der Türe; war es die Form dieses Hutes, waren es die weißen, -wallenden Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch -hervorwallte, was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch -konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen, aber seine Augen -glänzten, ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine -Wangen röteten sich, er richtete sich höher auf und schaute unverwandt -den Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die -Nahende, jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes -Wesen heranschweben. - -Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen -auf der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie -sie euch Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern, dem -ist eine solche seltene Erscheinung ein Fest, denn es ist etwas -Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen -Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame -zum erstenmal auf ihn machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge -beschrieb; -- ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche -Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und -dieselbe sei. - -Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte -den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengruß oder eine -freundliche Rede auf den Lippen, und überrascht von der stillen Größe -des Mädchens sei er verstummt. Auch _sie_ errötete, sie schlug die -Augen auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf -ihn, hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von -ihm angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter. - -Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er -langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen. -Ich ging ihm einige Straßen nach, er trat endlich in ein Kaffeehaus, -wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen. Hatte schon -früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt, so -war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber so bedeutungsvollen -Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in -welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein -glückliches Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war, -glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu -haben. - -Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling des ewigen -Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft dieses Mannes machte. -Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge Herr saß -an einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er -wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden, aber er las -immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluß dieses -riesengroßen Briefes zu blicken -- es waren wenige Zeilen von einer -Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte. - -»Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?« fragte ich in -deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat. - -»Der bin ich;« antwortete er, indem er den düsteren Blick von dem -Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des -Hauptes erwiderte. - -»Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich so glücklich, -einmal einen Abend in dem Hause Ihrer Tante in Berlin zu genießen, -den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten Mitteilungen mir -unvergeßlich machen.« - -»Im Hause meiner Tante?« fragte er, aufmerksamer werdend. »Wie, war es -nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige männliche Weiber -und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich mußte -etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen.« - -»Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit --« - -»Ah -- mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere -ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen, -Sottisen zu sagen, und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?« - -»So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin -noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon lange -hier bekannt?« - -Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. »O ja, bin schon lange -hier bekannt,« antwortete er düster. »Ich war früher in Geschäften -hier, jetzt zu -- meiner Erholung.« - -»Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante, -mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß. Sie -erzählten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in -Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, -die uns über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung -mit einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor durch -seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit ihm den Salon -zu verlassen, und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten, -Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein, ob Sie sich -mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben, ob Sie auch ferner der schönen -Luise sich nahen konnten, ob nicht endlich ein Liebesverhältnis -zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte -mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten -sie passen.« - -Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es -schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht -ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seinem Abenteuer, er -blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus. - -»Ich erinnere mich,« sagte er, »daß wir damals alle bedauerten, Ihre -Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden, -und die Damen behaupteten, Sie haben etwas Eigenes, Anziehendes, das -man nicht recht bezeichnen könne, Sie haben einen höchst pikanten -Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben; -wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?« - -Ich sah ihn staunend an. »Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante -gesehen zu werden als an jenem Abend.« - -Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam -aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach -Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. »Was wollen Sie nur immer -wieder mit Berlin?« fragte ich endlich. »Ich war seit jenem Abend nicht -mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England. Sehen -Sie einmal in meinem Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit -gemacht habe!« - -Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. »Verzeihen Sie, -Baron!« rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte. »Verzeihen Sie, -ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante.« - -»Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?« - -»Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa -seit zwei Monaten hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen -Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub verlassen -habe; sie bestürmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich -an die preußische Gesandtschaft hier; sie fand aber nichts Verdächtiges -an mir und ließ mich ungestört meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen -schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut sein, man werde einen -Spion in meine Nähe senden, um alle meine Schritte zu bewachen.« - -»Ist's möglich? Und warum denn dies alles?« - -»Ach, es ist eine dumme Geschichte, eine Anordnung meines verstorbenen -Vaters legt mir Pflichten auf, die -- ein andermal davon -- die ich -nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den -Spion. Sie vergeben mir doch?« - -»Unter zwei Bedingungen,« erwiderte ich ihm, »einmal, daß Sie mir -erlauben, Sie recht oft zu begleiten, um der Spion Ihres Spions zu -sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für -Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann -- teilen Sie -mir, wenn es Ihnen anders möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit.« - -»Den Schluß?« rief er und lachte bitter. »Den Schluß? Ich wünschte, -es schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schließen. Doch -kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen um -diese Zeit hierher, wir könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob man -nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat.« - - * * * * * - -Ich folgte Otto von S. -- so hieß der junge Mann -- unter die Arkaden. -Er legte seinen Arm in den meinigen, wir gingen eine Weile schweigend -auf und ab; er schien mehr nachdenklich als zerstreut. - -»Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt;« hub er lächelnd -an. »Ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und -finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es ist -mir, in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien Sie -ein Wesen, das ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang mein -Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was an den -Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne vertraut; -Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem Auge, und um -Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht immer das -bestätigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fühle ich, daß mir der -Zufall viel geschenkt hat, der mich in jenes Haus führte, ich fühle -auch, daß man Ihnen trauen kann, mein Lieber.« - -»Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, daß -sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich übrigens, -wenn etwas an mir ist, das Ihnen Vertrauen einflößt. Es ist vielleicht -der rege Wunsch, Ihnen dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen -gibt?« - -»Möglich; doch bin ich Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein -Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen, wie ich mit Luise -von Palden bekannt wurde --« - -»Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum erstenmal. Sie erzählten -uns, daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der sixtinischen -Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie -wurden von ihr mit einem andern verwechselt, sie gefielen sich in -diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkürlich so in die Stelle des -Liebhabers, daß Sie das Mädchen sogar liebten. --« - -»Und _wie_ liebe ich sie!« rief er bewegt. - -»Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte -endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist -schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber -Freund, benützen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen -so angenehm ist, fortzuführen. Sie bringen die Dame auf eine Loge, -um das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte -Liebhaber, und Sie -- erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals. -Sie können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen -erging.« - -»Ich gestehe,« fuhr Herr von S. fort, »mir selbst fiel die Aehnlichkeit -dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung -überraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die -damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch für -die große Aehnlichkeit unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man -Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich -vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Aehnlichkeit -war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte, der -eine starb, der andere, ein armer Teufel, wußte sich seine Papiere zu -verschaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des -Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.[9] - - [9] Die Möglichkeit einer solchen Verwechselung beweist ein - Fall, der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im - Württembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrüder sahen - sich täuschend ähnlich. Der eine tötete einen Mann und - floh. Er wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz in einem - österreichischen Regiment diente, desertiert war. Der - Mörder wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ - sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten - jagen. Er diente einige Zeit in der Stelle seines Bruders, - bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde. - -Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich; -die letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es -wurde ihr wohl mit einemmal klar, daß es schon an jenem Abend nicht -ihr Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zärtlich bewiesen. Der -Herr mit meinen Gesichtszügen fragte mich in etwas barschem Ton in -schlechtem Französisch, wie ich dazu komme, diese Komödie zu spielen. -Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im -Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut zu -machen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen -und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst -verleitet habe. ›Sie selbst?‹ rief bei diesen Worten jener Mann, und -seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. ›Sie selbst? Es ist ein -abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch -ich will nicht stören.‹ -- Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er -sich von seinem Platze entfernen wollte. Luise -- o, ich habe sie nie -so süß, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien -mit aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie -ergriff bebend seine Hand, sie rief ihn mit den lieblichsten Tönen; sie -beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum Zeugen -auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich mir -hier zum erstenmal in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es ist etwas -Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es ist etwas -Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe, das Zittern -zärtlicher Angst, und diese Tränen in den blauen Augen, dieses Flüstern -der süßesten Namen von den feinen Lippen, und diese Röte der Angst und -der Beschämung auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer zwar -als jenes, aber von einer hinreißenden Gewalt.« - -»-- Ich kenne das,« unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen -des verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen -Form wieder lieblicher schien, »ich kenne das, so was Heiliges, so was -Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches, -kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es -denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?« - -»Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein -leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stieß -sie zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mädchen setzte -sich weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Römer an dem -Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen stand in schneidendem Kontrast -mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid -mit ihr, ich fühlte mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein -Liebender die Geliebte so schnöde beleidigen könne. ›Mein Herr,‹ sagte -ich, ›das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen, -daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.‹ -- ›Eines Mannes von -Ehre?‹ rief er höhnisch lachend; ›so kann sich jeder Tropf nennen.‹ -Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Höflichkeit nicht -weiter beobachten zu müssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen, -flüsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße zu, -in welcher ich wohnte, und verließ ihn. - -Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust erwachten, als -ich zu Hause über diesen Vorfall nachdachte. Ich mußte mir gestehen, -daß ich unbesonnen, töricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern -bei diesem Mädchen zu übernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so -überraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend, -so anziehend, daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber -mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr bei -dem Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen? In welch -ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm erscheinen! - -Und doch -- wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich -vor sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte, daß ich dieses -unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe! -und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten Mann. Er war -ein Barbar in meinen Augen; wie konnte er die Geliebte so grausam -behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend -zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge -gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln? - -Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen -schlecht geschriebenen Brief, er enthielt die Bitte einer Signora Maria -Campoco, dem Ueberbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo sie mir -etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich -fragte den Diener nach der Straße, er nannte mir eine, von welcher ich -nie gehört hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser Brief könnte -mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich entschloß mich -zu folgen. Der Diener führte mich durch viele Straßen in eine Gegend -der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er bog endlich in eine kleine -Seitenstraße; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel mir ins Auge, es -war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luisen aus den -Lamentationen begleitet hatte. - -Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der Diener -aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte -er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen des -Hauses übereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, erscholl -das Kläffen vieler Hunde, die Türe öffnete sich -- aber nicht meine -Schöne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat, umgeben -von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer. - -Es dauerte ziemlich lange, bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri und -wie die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines fremden Mannes -beruhigt waren, und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. -Sie sagte mir sehr höflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer -Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. -Das Verlangen, das schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst -zu entschuldigen, gab mir eine _Notlüge_ ein: ich fragte sie in so -miserablem Italienisch, als mir nur möglich war, ob sie Französisch -oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln -und gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich der -italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann sich eine -Weile, sagte dann, ich könne in _ihrer Gegenwart_ mit ihrer Nichte -sprechen, und entfernte sich. - -Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschämt -fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen, der -ihren Irrtum auf so indiskrete Art benützte! Die hündische Leibwache -der Signora verkündete, daß sie nahe. Ich fühlte seit langer Zeit zum -erstenmal eine Verlegenheit, ein Beben; ich fühlte, wie ich errötete, -jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet hatte, -wollte mich in diesem Augenblick verlassen. - -Sie kam, sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden Negligee lieblicher -als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in -ihrem Auge zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen. -›Mein Herr! es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus -führt;‹ sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne hörte; -›Sie müssen selbst gestehen,‹ setzte sie hinzu; aber sei es, daß die -Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte, sei es, daß sie -einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht _mehr_ als Ehrfurcht -ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, errötete aufs neue und -schwieg. - -Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; -ich erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche -gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können, aus -Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem -damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob -ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals, ich suchte einen Scherz -daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede -Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich -glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen, -da wir Landsleute sind, und die Deutschen in Rom, als Kinder _einer_ -Heimat, nur _eine_ große Familie sein sollten.« - -»Eine gefährliche Verwandtschaft!« -- unterbrach ich den jungen -Berliner, indem ich mich im stillen über seine jesuitische Logik -freute. »Wie? brachte die Dame nicht das ~Corpus juris~ und den --- -- -- -- gegen Sie in Anwendung? In Schwaben möchte zur Not ein -solches Verwandtschaftssystem gelten, oder bei den Juden, welche Herren -und Knechte, Norden und Süden ›unsere Leute‹ nennen; aber Deutschland? -bedenken Sie, daß es in zweiunddreißig Staaten geteilt ist, wo ist da -ein Verwandtschaftsband möglich? Wenn sie sich im Himmel oder in der -Hölle treffen, so heißen sie nur Oesterreicher, Preußen, Hechinger und -fürstlich reußische Landeskinder!« - -»Luise mochte auch so denken,« fuhr er fort. »Doch nötigte ihr meine -Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, über diese Punkte so -leicht weggehen zu können. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum -veranlaßt zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schöne Hand -zu küssen. Doch ihre Blicke wurden wieder düster. Sie sagte, wie sie -nur zu deutlich bemerkt habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei, -daß dieser Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge -füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem -Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, _ihn_, der sie -selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher Wärme für -den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die wahre Liebe glauben und -vertrauen müsse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenüber -gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte -dieses Mädchen so von _mir_ gesprochen! - -Ich fragte sie, ob sie in _seinem_ Auftrag mir dieses sage? Sie war -betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es ihm leid sei, -mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dies selbst -sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war sie -jetzt, sie scherzte über ihren Irrtum, sie verglich meine Züge mit -denen ihres Freundes, sie glaubte große Aehnlichkeit zu finden, und -doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, meiner -Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie rief -ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe. - -Signora Campoco, die während der ganzen Szene am Fenster gesessen und -bald die Leute auf der Straße, bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet -hatte, kam freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus -besucht zu haben, und bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere -barbarische Sprache so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen, -ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch -ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig -ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu -erfahren -- der Anstand forderte, daß ich Abschied nahm, mit dem -unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten -zu können. Signora, sie hätte sich vielleicht gekreuzt, hätte sie -gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade -der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum -Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das -Glück gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: ›Er -will zwar hier nicht bekannt sein und so zurückgezogen als möglich -leben, doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich möchte -so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt ... und wohnt -- -- -- --‹« - -So, »etwas breit nach Art der lieben Jugend«, hatte mir der junge -Mann den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt; ich hörte ihm -gerne zu, obgleich nichts peinlicher für mich ist, als eine lamentable -Liebesgeschichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören; -aber interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzählte. Sein -ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen, -seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich -unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er -mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als er -mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drückte -er meinen Arm fester und brach in einen kleinen Fluch aus. »So muß der -Teufel diesen Pfaffen doch überall haben!« rief er und wandte sich -unmutig um. Ich war erstaunt; welchen Pfaffen sollte ich denn überall -haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen könne. - -»Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen,« gab er mir zur Antwort, -»ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten.« - -Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte -ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu werfen, und sah -wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die Straße herauf kam ein -hoher Prälat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon längst -als einer der zweiten Klasse mit dem Prädikat _gut_ auf meinen Tafeln -verzeichnet ist. Eine große, majestätische Gestalt voll stolzer Würde; -sein weißes Haar, von einem einfachen, roten Käppchen bedeckt, stach -sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich reich nennen könnte. -Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die Unterlippe etwas -übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und kräftig. Ueber -das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen eines Ende er in -malerischen Falten über den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt in -einiger Entfernung hinter ihm herschleichend sein Diener, ebenfalls ein -Mönch, ein dürres bleiches Geschöpf, dessen tückische Augen nach allen -Seiten spähten, ob Seine Eminenz von den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie -es sich gebührt, begrüßt werden. - -Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche -Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren -der »ewigen Stadt«. - -»Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer,« flüsterte der junge -Mann, mit den Zähnen knirschend. »Sehen Sie, wie der Pöbel sich zum -Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit welcher Grazie er seinen Segen -erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß, -sie würden diesem Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die -Insignien seiner Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von einem -Türken beherrscht zu werden.« - -»Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? Was -hat er Ihnen zuleid getan? Hängt er mit Ihren Abenteuern zusammen?« -Ich mußte lange fragen, bis er mich hörte, denn er schaute mit -durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte Verwünschungen wie -ein Zauberer. - -»Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zuleide getan? O! dieser Mensch hat -ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das -- doch Sie werden -mehr von ihm hören; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht -schwärzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu, aber -trotzdem, daß er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!« - -Da hat es gute Wege, dachte ich; Nr. 2, gute Sorte! Doch was konnte -dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich konnte ich glauben, daß -sein Protestantismus so tief gehe, daß er jeden, der violette Strümpfe -trug, in die Hölle wünschen mußte. Er hatte sich wieder gesammelt. -»Vergeben Sie diese Hitze, Sie werden mir einst recht geben, so zu -urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieser Menschen bekannt -mache. Doch jetzt noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die -Geschichte mit -- war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir, -der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung -bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß Luisens Geliebter früher Offizier -und zwar in ...schen Diensten gewesen sei. - -Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom, -sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich -war am ersten Abend ihres Aufenthalts zufällig zugegen, und -- stellen -Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hörte, wie sie eine andere -Dame fragte, ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe? Ich wandte -mich unwillkürlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein -Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes, Luisens -Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der anwesenden -Damen wollte von ihr wissen, und ich fühlte mich nicht berufen, -unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen. - -Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil an Landsleuten -zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als daß man seine -Verwunderung laut darüber aussprach, daß ein deutsches Fräulein in Rom -lebe, die auch _keinem_ von allen bekannt sein sollte? Wer ist sie? -Ist sie schön? Wie kommt sie nach Rom? fragte man einstimmig, und wie -lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich über das interessante Wesen -etwas zu hören. - -Sie erzählte, wie sie in ...th Luisen kennen gelernt, die damals durch -ihr schönes Aeußere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand die -ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Um so -auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen -einem Offizier, einem bürgerlichen Subjekt, und der Tochter des -Geheimenrats Palden entspann. Dieser Mensch habe außer seiner schönen -Figur und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal gute -Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich geworden, -er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen gewußt, das mit -einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war. Man -habe sich in ...th allgemein gefreut über die Art, wie sich Fräulein -Palden in diese Wendung fügte; doch bald erfuhr man, daß die Verbindung -mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, sondern durch -Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt werden. Es vergingen -so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, doch nicht mit ihr -jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in Luisens Nähe, er -sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. Seine Kameraden -schwiegen hartnäckig hierüber, doch gab es einige Stimmen im Publikum, -die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entführung -oder von beiden sprachen, kurz, man bemerkte, daß Herr ..., so hieß -der Offizier, seiner Dame untreu geworden sei. Um diese Zeit starb der -alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine Römerin, das Fräulein -entschloß sich auf einmal zu großer Verwunderung der Stadt ...th, zu -ihren Verwandten nach Rom zu ziehen. - -So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luisen. Es war mir genug, -um ihr Verhältnis zu ... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es mir -unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen; oder -kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht, da -doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist? - -Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne mehr und immer -mehr von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunsch, sie -wieder zu sehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, -nur sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies -so leicht möglich machen könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des -Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß -sein, sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen. -Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt.« - -Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach -zu meinem großen Aerger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit -ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, daß der Bekannte sich nicht -entfernen wollte, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging -mit dem Vorsatz, ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen, -ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu -finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten -schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von neuem wieder Interesse -einflößten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hören. Ich erinnerte -mich nämlich, wie überraschend sein Anblick, sein ganzes Wesen in -Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche Kummer der -Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm ausspricht; es war -ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so anziehender dünkte, als -es nur ganz unmerklich und leise durch jene Hülle schimmerte, womit -die gesellschaftlichen Formen die weinende Seele umgeben. Er schien -ein Unglück zu kennen, zu teilen, das ihn unausgesetzt beschäftigte, -zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten in einem ästhetischen Tee -zurückführte. - -Das zweite, was mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war -die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich -hatte dort bemerkt, daß er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war gekommen, -aber es schien kein fröhliches Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas -mit ihren Blicken zu fragen, das er nicht beantworten, sie schien etwas -zu verlangen, das er nicht erfüllen konnte; wie schwer mußte es ihm -werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen durch keine Silbe -zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen, aber dann sandte er -ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum sagte er ihr nicht auf der -Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mußte sie über ihn ausüben, -um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden Bescheidenheit -zurückzuweisen? Wie viel es _sie_ koste, sah ich an ihrem Auge, in -welchem eine Träne perlte, als sie weiterging. - -Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den jungen Mann und -die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet -und ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner -aus, sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur -auf die Resultate seiner Geschichte sieht: »Es wiederholt sich alles -im Leben;« aber _wie_ es sich wiederhole, wie der endliche Geist in -seiner kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die -alte Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich -mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen -gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen ermüdet ist, -senkt sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum -möge es keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren -niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich in Rom, wo so unendlich -viel Stoff zur Intrige, ein so großer Raum zu einem diabolischen -Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse. -- - -Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf -der Tiber. Wir hatten eine der größeren Barken bestiegen und die freien -Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, wie uns -die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwül und wirkte -selbst mitten im Fluß so drückend und ermattend auf diese Menschen, -daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm jetzt ein -halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes, ich setzte mich -ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Männer und eine Frau, soviel -ich aus ihren Stimmen schließen konnte. Sie sprachen aber etwas -verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes Italienisch, -er sprach langsam und mit vieler Salbung. Die Dame mischte unter sechs -italienische Worte immer zwei spanische und ein französisches; der -andere Mann, der wenig, aber schnell und mit Leidenschaft sprach, hatte -jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an welcher man in Italien -sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt. - -Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine -Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! jene salbungsvolle Rede -entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber saß eine Dame, schon -über die erste Blüte hinaus, aber noch immer schön zu nennen. Ihre -beweglichen, schwarzen Augen, ihre vollen roten Lippen, ihr etwas -nachlässiges Kostüm, dessen Schuld der schwüle Abend tragen mußte, -zeigten, daß sie mit den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht -verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen -Anblick Otto von S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte -waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das -des Berliners -- ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mußte sein -verkörperter Doppelgänger sein. Aber wie, die Dame war nicht Luise von -Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne -dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbürden -wollte? - -»Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?« hörte ich -die Dame sagen; »nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts -meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein -einziges Wort kann uns glücklich machen. Du sagst immer morgen, morgen! -Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?« - -»Mein Sohn!« sprach der Kardinal; »ich will nichts davon sagen, daß -Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unsere heilige -Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr seid es, der -diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan spricht -aus Euch: es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtümer, was -Euch die Wahrheit nicht sehen läßt; aber beim heiligen Kreuz, den -Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch, folget mir; lasset -Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche, zur Verherrlichung -Gottes.« - -Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes -Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im -Zelte zu haben schien. -- Da kann es nicht fehlen! -- Er seufzte, er -blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an. »Ich -will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun,« -- sagte er, »mein -Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet, aber wozu diese -sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um -die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?« - -»Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr? -O! Ihr verstockter Ketzer, ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der -Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine -Rückkehr, kein Uebertritt, keine Ableugnung eines früheren Glaubens. -Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die Ketzerei -so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen, die -er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?« - -»Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Ueberzeugung. Ich -müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen.« - -»O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der -Herr von Haller, auch geschämt? Schämen? wie ein Heiliger würdet Ihr -dastehen; braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der treffliche -Hohenlohe geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu verrichten? -Es sei gegen Eure Ueberzeugung, saget Ihr? Da sieht man wieder den -Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen? Zu was denn -immer Ueberzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am Glauben, daß -er von selbst wirkt, ohne Ueberzeugung. Gesetzt, Ihr wäret krank, mein -lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der Christenheit; Ihr -seid nicht überzeugt, daß er der alleinige, wahre Arzt ist, aber Ihr -laßt Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken -auf Euren Körper ohne Ueberzeugung, gerade wie unser Glaube auf die -Seele.« - -»Otto!« sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, »teurer Otto! Siehe, -wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte, -ich müßte ja schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu -lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und -dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und -bedenke die schöne Villa an der Tiber, und das köstliche Haus neben -dem Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur -Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt von so vieler Liebe?« - -»Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn,« fuhr der beredte Mann -mit dem roten Hute fort, »nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man -im Lateran noch heute von Euch sprach, daß es sogar Seiner Heiligkeit -selbst auffällt, daß Ihr so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein -großes Fest heran, welche herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre -zu tun, bietet sich Euch dar!« - -»Wozu doch diese Oeffentlichkeit?« fragte ..., »ich hasse dieses Rühmen -und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer Kapelle die -Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, ob ich laut und offen das -Opfer bringe! O Luise, Luise! Es tötet sie, wenn sie es hört!« - -»Elender!« rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. »Sind das deine -Schwüre? Du falsches Herz. Ich habe dir alles, alles geopfert, und so -kannst du vergelten? O Barbar! gehe hin zu ihr, lege dich nieder in -ihre Fesseln, aber wisse, daß ich mich in die Tiber stürze; über meine -armen Würmer, meine unglücklichen Kinder, mag sich Gott erbarmen!« - -»Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter -Sohn. Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure -Tränen, schöne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will -einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr -nicht, daß Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur -immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinnen zu bestricken -wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, daß sie in einem -strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und -Sprache angenommen hat?« - -»Welch einfältiges Märchen!« rief der junge Mann. »Was wollet Ihr -auch den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein -Tropf, dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal -betrog!« - -»Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst ist -es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo geträumt, -der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle seine -Träume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der höllische -Geist selbst. Wer es aber auch sei; sie hat Euch betrogen. Hat nicht -die fromme Frau Maria Campoco Euch selbst dieses Geständnis über ihre -Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin Rücksicht -nehmen! -- Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,« fuhr -Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier entfaltete. »Sehet, -wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller derer -mitzubringen, welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer, insgeheim -aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!« - -Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er -denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche bemerkte, -welch günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des heiligen -Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Küssen der Andacht. - -»Nicht wahr,« fuhr Rocco fort, »da stehen wohlklingende Namen? -Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich diese Leute können nicht -so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rücksicht auf -ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, _im -Herzen_ sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure barbarischen -Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar öffentlich erklären und -seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch einen wichtigen -Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in Frankreich, selbst -in England für uns getan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch, -bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns zurückgekehrt sein. Wie -herrlich muß dann ein Name wie der Eurige leuchten, der nicht mit der -Menge, sondern lang zuvor auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!« - -»Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste -dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn ich zu Eurer Kirche -abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu -entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit. -Sie gelten von außen als echte Lutheraner, und was haben sie davon, daß -sie von innen römisch sind?« - -»O Einfalt! es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie -studiert habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist -denn das Schöne an unserer Kirche? He? Nicht nur, daß sie die -alleinseligmachende, daß sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt -gegen die Hölle, eine Seelenassekuranz gegen den Tod ist! denn schon -aus physischen Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den -Unsrigen lange im Fegfeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie -auch ohne Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im -Durchschnitt hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und -ebensoviel im Fegfeuer sind. Nun kann man annehmen, daß seit eurer -verfluchten Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen -Türken und zehn Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen -hundertundzwanzig.« - -»O wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!« sagte Ines mit -zauberischem Lächeln. »Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen, -in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? O Gott! es ist -nicht möglich!« - -»Sodann weiter,« fuhr der Salbungsvolle fort, »euer Erzketzer in -Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle Menschen -prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese -müssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des -Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hölle an. Der -Mann hat vernünftige Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegfeuer -zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal -prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir -können ihn doch absolvieren und ~recta~ in den Himmel schicken. Nun, -und wenn man annimmt, daß das Fegfeuer hundertundzwanzig Millionen -faßt, und darunter hundert Millionen Türken und zwanzig Millionen -Ketzer, so ist, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine etwas -liederliche Seele.« - -»Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte, machet -mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenassekuranz kann -mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs Volk, und ich begreife nicht, -warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja Armeen -Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab öffentlich -verassekuriert habt. Das wäre eine Anstalt ~à la~ Mohammed, die Kerls -würden sich schlagen wie der Teufel, denn sie wüßten, wenn sie heute -erschossen werden, wachen sie morgen im Paradiese auf. Lasset mich -lieber noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir tröstlicher, -denn es stehen ganz vernünftige Männer dort.« - -»O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität zugebracht -hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte, die ketzerische -Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch -sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in -diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu -uns, und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland überhand -nehmen, dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Männer, -Professoren, nehmen sich unserer Sache an: Seht, dieser da, Nr. 172, -Signor Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen -Dunkel, daß sie bald unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner -Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht. Er -hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade südlicher läge, wenn ihr -eine schönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie hättet --- die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder ihr wäret wenigstens -schon lange wieder zurückgekehrt.« - -Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne hätte ich diesem -trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er diese deutsche Seele -bearbeitete; es war ein schweres Stück Arbeit, ich gestehe es. Ein -Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, -der die Tendenz dieser Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen -Vorteil zu blenden ist, wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen. -Doch für diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein schönes -Weib haben schon andere geangelt als diesen. - -Der heilige Mann stieg aus: mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer seinen -Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, würdig eines Fürsten der -Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, während sie über -das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die Harmonie in ihren -Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen strahlte und den Abend -schwül zu machen schien. Sie reichte dem geliebten Ketzer ihre schöne -Hand mit so besorgter Zärtlichkeit, mit einem so bedeutungsvollen -Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr seine transmontanische -Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte, mit welchem er den -geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten Kirke widerstand. -- -Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der dienende Bruder Piccolo, welchem -ich im Traum, in Rom spazieren gehend, erschienen war, stand am Schlag -und erwartete Seine Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein -Gewand zu gehöriger Wirkung drapiert hatte, dann erst folgte der -Frater Piccolo. Der Ketzer und seine Dame schlugen einen Fußpfad ein -und gingen der Stadt zu. - -»Wer sind diese,« fragte ich den Schiffer. - -»Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco nicht? O, es ist einer -der besten Füße des heiligen Stuhles! Alle Abende fährt er in meiner -Barke auf dem Fluß.« - -»Und die Dame?« - -»Ha! das ist eine gute Christin,« antwortete er mit Feuer. »Sie fährt -beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit -dem Mann, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz, es ist entweder -ein Deutscher oder ein Engländer, und die sind doch Kinder des Teufels.« - -»So? Da sagt Ihr mir etwas Neues, und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?« - -»Bewahre uns die heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! Wo denkt Ihr hin? Da -würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist -ihr Geliebter.« - -»So ist es,« sagte einer der griechischen Kaufleute, »die Dame wohnt -nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht -niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann! -Es ist ihr Geliebter. Aber sie führen ein Hundeleben zusammen. Man hört -sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann flucht -und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna weint -und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß die Nachbarn -zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge Mann verzweifelnd aus dem -Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren -nach, und die Kinder laufen heulend hintendrein. Sie faßt ihn unter der -Türe am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen. Sie -zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn, und dann ist es oft auch -viele Tage stille, bis das Wetter von neuem losbricht.« - -»Heilige Jungfrau,« rief der Schiffer, »und hat er sie noch nie -totgestochen im Zorn?« - -»Wie Ihr seht, nein!« erwiderte der Grieche. »Aber krank ist sie schon -oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei, -vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurückzurufen. Es sind doch gute -Seelen, diese Deutschen!« - -So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken -über das, was ich gehört und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen -Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte, -ein schönes gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte -dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester -den Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß er -ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn für die -Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er -diesen Mann aus den Armen seines Mädchens ziehen, von einem Herzen -hinwegreißen können, das ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene -Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän -einflüsterte, hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich -sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen -konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen den Berliner -wieder aufzusuchen. - -Herr von S... schien mich liebgewonnen zu haben, denn er empfing -mich mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel -erfreut, wenn er auch schon an dergleichen gewöhnt ist. Ich hatte mir -vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich -gehört hatte, noch nichts zu erwähnen, um den Verlauf seiner Geschichte -zuvor desto ungestörter zu vernehmen. - -»Von allem Unglück, das die Erde trägt,« fuhr er zu erzählen fort, -»scheint mir keines größer, schmerzlicher und rührender, als jener -stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich liebt oder dessen -zartes, glühendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und -dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken, -den Verrat seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu -öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und Arbeit, in -weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib? -- Der häusliche -Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung, -jene stille Beschäftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich -in der Zeit glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie -drückend wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein -verlorenes Glück heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der Stunden, -wenn nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der Zauber der -Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten Flügel gibt, -wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz den Schlag der -Glocke übertönt! - -Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald -erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im -Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde -sie durch seine Schwester dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich -zum erstenmal dort sah, doch sie schien mich wie einen alten Bekannten -dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen fremden -Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war es; sei -es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus einem -Fremden zum Bekannten machte, sei es, daß sie gerne zu mir sprach, weil -ich die Züge ihres Freundes trug, sie unterschied mich auffallend von -allen übrigen Männern, die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie -lächeln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken.« - -»Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene -Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein anzog?« - -»Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; ich -gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie für mich -gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fürchte.« - -»Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! und ihr Kapitän -lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!« - -Der Berliner stutzte. »Wie? Was wissen Sie?« fragte er betroffen. »Wer -hat Ihnen gesagt, daß West noch eine andere liebe?« - -»Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet,« erwiderte ich; -»sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?« - -»Sie haben recht; -- nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, abgewiesen -auf eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich glücklich -machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, daß ich -ihr als Freund willkommen sei, daß ihr Herz keinem andern mehr gehören -könne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz mit -dem übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte; sie -gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitän seine -Verhältnisse hierher riefen, sie gestand, daß er einen Rechtsstreit -wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald die Sache entschieden -sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar führen werde. - -Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis rief mich eines -Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft -versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, daß er sich mir in -Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle -Art besaß; doch die Zeit war mir auffallend, und es mußte etwas von -Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte. - -›Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?‹ fragte er, indem er mich mit -forschenden Blicken ansah. - -›Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,‹ gab ich ihm zur -Antwort. - -›Nun, so flüchtig müsse es doch nicht sein,‹ entgegnete er mir, da ich -ein Duell mit ihm gehabt. - -Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt, wegen einer ziemlich -gleichgültigen Sache, es sei aber alles gütlich beigelegt worden. -Dennoch war es mir auffallend, woher der Gesandte diesen Streit -erfahren hatte, den ich so geheim als möglich hielt, und von welchem -Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt hatte. - -›Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,‹ sagte er; ›doch möchte -ich Ihnen raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen Person zu -vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen öffentlichen, -besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem -fremden Lande wegen der Folgen für beide Teile fatal.‹ - -Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, sehr -warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame sagte, -›zweideutige Person!‹ Und doch saß gerade diese Person als Krone der -Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen, -er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art -gesprochen, die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewunderer -ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes sehen ließ. Ich konnte -eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken, ich bat ihn höflich, aber -so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht mehr so von einer Dame -zu sprechen, die ich achte, und die einen so entschiedenen Rang in der -Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, daß er selbst -sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen Ausdrücken von seinen Gästen -spreche. - -Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht -begreifen, denn weder behaupte die Dame einen Rang in der Gesellschaft, -die _er_ sehe, noch habe sie je einen Fuß über seine Schwelle gesetzt. -Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah, daß hier ein Irrtum -vorwalte, und belehrte ihn, daß Fräulein von Palden die Dame sei, um -die wir uns schlagen wollten. ›Verzeihen Sie,‹ rief er, ›man sagt mir, -Sie haben sich wegen der Geliebten dieses Kapitän West geschlagen, -daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu müssen.‹ - -›Und wenn dies nun dennoch wäre?‹ fragte ich. ›Kennen Sie denn die -Geliebte des Kapitäns?‹ - -›Gott soll mich bewahren,‹ entgegnete er. ›Nein, ich glaube, er hat -schon selbst genug an seiner Spanierin.‹ - -Ich staunte von neuem. ›Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen -Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß der Kapitän eine deutsche Dame -liebt!‹ - -›Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,‹ war seine Antwort; -›wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu -denken, den goldenen Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben und -ihre frühere Ehe, weil sie nicht ganz gültig vollzogen war, für nichtig -zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber -- jeder Mann von -Ehre wird diesen Schritt mißbilligen.‹ - -Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier -eine Verwechslung der Namen und Personen zu Grunde, oder es war ein -schreckliches Geheimnis, und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens -Glück vielleicht auf ewig zerstört hatte. - -Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über Dinge spreche, -die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er -schon soviel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel -schuldig zu sein. ›Dieser Kapitän West ist ein Sachse,‹ erzählte er; -›er diente früher im Generalstab und wurde dann zu einer diplomatischen -Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von vielen Talenten, -aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade auf -ihn fiel, da noch ältere Leute, und aus guten Häusern im Departement -waren, ist mir unbekannt; nur soviel erfuhr ich zufällig, daß man ihn -damals von Dresden habe entfernen wollen. Man erzählt sich, er habe in -Madrid in einem Verhältnis zu einer schönen jungen Frau gelebt; sie -war eine Spanierin, aber an einen alten Engländer verheiratet, der sie -vielleicht nicht so strenge unter Schloß und Riegel hielt, wie man -sonst in Spanien zu tun pflegt. - -Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers kam, -bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem Posten abgerufen und sogar -aus dem Dienste entlassen wurde. Doch sagen andere, er selbst habe aus -Aerger über seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt -noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Engländers mit -ihren beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen spurlos -verschwunden, denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer habhaft -zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch seine -Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen und die -Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten. - -Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor allem auf den -Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß dieser in Paris angehalten und -verhört wurde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als er -die Nachricht von der Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber aus, -daß er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und bekräftigte -mit einem Eid, daß er von diesem Schritt der Donna nichts wisse. - -Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier -sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen -Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er es, mit Deutschen -zusammenzutreffen.‹ - -Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage -an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde; wie er lebe, und -ob er nicht in Verhältnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls -hier aufhalten müsse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitän -West mitgeteilt und bemerkt, daß der Engländer von neuem Spuren von -seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit annehmen lassen, -daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von Spanien aus sich an -die päpstliche Kurie gewandt, es scheine aber, man wolle sich hier der -Dame annehmen, denn die Antwort sei sehr zweifelhaft und unbefriedigend -ausgefallen. Der Gesandte machte die nötigen Schritte und erfuhr -wenigstens soviel, daß jener Verdacht bestätigt schien. Er wandte sich -nun auch an Consalvi, um zu erfahren, ob der römische Hof in der Tat -die Dame in seinen Schutz nehme, und erhielt die in eine sehr bestimmte -Bitte gefaßte Antwort, man möchte diese Sache beruhen lassen, da die -Ehe der Donna Ines mit dem Engländer wahrscheinlich für ungültig -erklärt werde. - -Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß er aus -besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer nachgespürt habe, -und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im Karneval -mit jenem ›wegen einer Dame‹ gehabt habe. - -Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon während seiner -Erzählung empfand; und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, stand -ich wie vernichtet. Der Gesandte verließ mich, um zu der Gesellschaft -zurückzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er -möchte niemand etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen, das Warum -versprach ich ihm auf ein andermal. - -Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon -übersehen, ich konnte Luisen sehen, und wie schmerzlich war mir ihr -Anblick. Sie schien so ruhig, so glücklich. Der Friede ihrer schönen -Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes -blaues Auge glänzte vielleicht von der Erwartung einer schönen -Abendstunde, und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der -Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es -war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich eilte ins -Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie war es -möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurück, denn -der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die süße -Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer wieder -an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen Horizont -schwärzlich auftürmten und ein nächtliches Gewitter verkündeten, hingen -sie nicht über der friedlichen Landschaft wie das Unglück, das Luisen -drohte? - -Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich sei, -ob ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen Verbindung. -Doch war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen werde? Sie wußte, -ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit -meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht über mich gewinnen, -ihr selbst ihr Unglück zu verkünden. Nur _einen_ Ausweg glaubte ich -offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden, -ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine -oder die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen -Weg gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht mehr -verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird -sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie glücklich -zu machen, durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr -Unglück zu mildern suchen.« - -»Aber wie konnten Sie glauben,« rief ich, über diese romantischen Ideen -unwillkürlich lächelnd, »wie konnten Sie glauben, Freund, daß ein -Kapitän West zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben werde? In -Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der Wirklichkeit? Haben -Sie je einen Narren derart gekannt?« - -»Ach, ich dachte zu gut von den Menschen,« antwortete er. »Ich dachte: -wie ich muß jeder fühlen. -- Ich ging in die Wohnung des Kapitän West. -Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn, wie er einen schönen -Knaben von acht Jahren auf den Knieen hatte, welchen er lesen lehrte. -Errötend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu begrüßen. -›Ei, Papa!‹ rief der Kleine, ›wie sieht dir dieser Herr so ähnlich.‹ - -Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem -Zimmer. ›Wie,‹ sagte ich zu ihm; ›Sie haben schon einen Knaben von -diesem Alter? Waren Sie früher verheiratet?‹ - -Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er -behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, besuche ihn zuweilen -und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme. - -›Er gehört wohl der Donna Ines?‹ fragte ich, indem ich ihn scharf -ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das böse -Gewissen sich kundtat; er erblaßte; seine Augen glänzten wie die einer -Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich -hinlänglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade -ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um das -Fräulein nicht völlig unglücklich zu machen. - -Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger und -Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt, -um Luisen von ihm zu entfernen. Ich ließ ihn ausreden; dann sagte -ich ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin -erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen -unserer Sprache, das Fräulein so schonend als möglich von sich zu -entfernen. - -Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere -unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, er weinte, er -verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben. -Er schwur, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn -zu retten: er gestand mir, daß er sich von einem Netz umstrickt sehe, -das er nicht gewaltsam durchbrechen könne, weil einige hohe Geistliche -der Kirche kompromittiert würden. Er ging so weit, mich zu zwingen, -seine Geschichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen -zu können. Es war die Geschichte eines -- Leichtsinnigen. Dieses Wort -möge entschuldigen, was vielleicht _schlecht_ genannt werden könnte. -Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen -sehr glücklich machen mußte. Es war der äußere Anschein von Kraft und -Entschlossenheit, die ihm übrigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt -zu haben schienen. Er mußte eine für seinen Stand ausgezeichnete -Bildung gehabt haben, denn er sprach sehr gut, seine Ausdrücke waren -gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte hinreißen, so -daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem dritten, während -er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte. Ich habe -dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem Triebe folgen, in den -Tag hinein leben, ohne sich selbst zu prüfen, und erst in dem Moment -der Erzählung über sich selbst flüchtig nachdenken. Sie werden dann -durch die Sprache selbst zu einem eigentümlichen Feuer gesteigert, sie -sprechen mit Umsicht von sich selbst, doch eben weil diese ihnen sonst -abging, ist man versucht zu glauben, sie sprechen von einem dritten. - -Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung; -Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter eines der -ersten Häuser der Stadt für sich gewonnen zu haben, riß ihn zu einem -Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhältnis -ungern. Ich konnte mir denken, daß es vielleicht weniger Stolz auf -seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des Kapitäns -war, was ihn zu einer Härte stimmte, die die Liebe eines Mädchens -wie Luise immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich jetzt erst -erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, wenn sie je mit -dem Kapitäns sich verbinde. - -West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung -zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Mann, der das Bild der -Geliebten fest im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die -Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, daß er froh gewesen sei, als -er, vielleicht durch Vermittlung des Engländers, von seinem Posten -zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare Vorschläge -zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können; er sei, ohne -Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich bestimmte, -nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte auch über -diesen Punkt so schnell als möglich hinweg zu kommen. Er erzählte -ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie er sich -vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei plötzlich Donna -Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern geflüchtet, sei -ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie heiraten. - -Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. Ich hatte von -dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener schon in Paris angehalten -und über die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte -sich also denken, daß sie ihm nachreisen werde, und dennoch knüpfte -er die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen -können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu -heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem -ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteuerin gemacht hätte? - -Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, in -welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, namentlich mit Pater -Rocco, schnell bekannt geworden, geführt habe. Es wurde ernstlich an -der Auflösung ihrer früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt -angenommen worden, daß er die Geschiedene heiraten werde. - -›Sie sagten mir hier nichts Neues,‹ antwortete ich ihm; ›dies alles -beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie als Mann von Ehre -einsehen werden, daß das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht -fortdauern kann, oder Sie müssen sich von der Spanierin lossagen.‹ - -Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem Kardinal -Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen übersteigen; er könne -also wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden Schritt tun. - -›Im Augenblick heißt hier nie,‹ erwiderte ich ihm. ›Sie werden sich aus -diesen Banden, wenn sie _so_ beschaffen sind, nie mit Anstand losmachen -können. Ich halte es also für Ihre heiligste Pflicht, Luisen nicht -noch unglücklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel Ihrer -Bestrebungen sein?‹ - -Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als er sei. Doch -er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse. Er glaube aber, es -sei dies meine Sache. Er trete mir Luisen ab, ich solle mir auf jede -Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glücklich machen. Er hatte -Tränen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu -mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne. - -Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher Entschluß -gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein Gefühl war eine Mischung von -Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der schöne -Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte.« - -»Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen,« fragte -ich; »jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise?« - -»Ja und nein,« antwortete er trübe; »sie schien meine Liebe zu -übersehen, nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, daß sie ängstlicher -wurde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir ihre Freundschaft nicht -genügen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit oder Leichtsinn, -zog sich nicht von ihr zurück, ich vermute es sogar, er hat sie vor mir -gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in Rom zubringen -sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten arbeitete man -schon an Memoires, die man mir nach Berlin mitgeben wollte, man -wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche mache -- und ich, -ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein, wie ich dieser Reise -entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht für möglich, Luisen -zu verlassen, jetzt da ihr vielleicht bald der schrecklichste Schlag -bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken, -aber wie war es mir möglich, ihre himmlische Ruhe zu zerstören, das -Herz zu brechen, das ich so gerne glücklich gewußt hätte? - -Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer; er war -bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und -sprechen konnte. ›Jetzt ist alles aus,‹ rief er; ›sie stirbt, sie _muß_ -sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!‹ Er gestand, daß Donna -Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten; ihr -schrieben sie sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal hatte -geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein gehen, -und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen Mann, der schon -so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten zurückzuhalten. - -Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist; ich erkannte, -daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von dieser Stunde, von -diesem Tag wenig mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich den Kapitän in -kalter Wut zur Türe hinausschob, mich schnell in die Kleider warf und -wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hause der Signora Campoco -zulief. Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen Kardinal -sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater Piccolo -trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich setzte -meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf ihn zu, -doch -- ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln die -Türe vor der Nase zuwarf. - -Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. -Ich ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, daß ich noch -in dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine -Aufträge, und bald hatte ich die heilige -- unglückselige Stadt im -Rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine -Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann -tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht -verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich -an, die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; -- -doch es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage -zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont zu -haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich dort, -und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause meiner -Tante erzählt habe.« - -Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene -Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn -in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an -jenem Abend war, und die Worte seiner Tante: er sehe seit seiner -Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und -ließen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner -ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend. -Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines, -intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon -viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir, als Menschenkenner, -etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden -Grad in meinem Reglement erlangt, aber unbegreiflich war es mir, wie -sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach -moralischen wie nach physischen Kräften ein Körper, welcher abwärts -gleitet, immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei -Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke; -er war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; -er war schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitän liebte er -wahrscheinlich auch das ~Est, Est, Est~, Eigenschaften, die nicht lange -auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre vielleicht -aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger geworden, -ein zweiter wäre leichtsinnig wie er, all diesem Jammer entflohen, -hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise dort sitzen lassen und -vielleicht an einem andern Ort eine andere gefreit; ein dritter hätte -vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne Sächsin zu -besitzen, oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht. - -Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch in demselben -Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten -waren, daß das Ende von diesen Geschichten ein Uebertritt zur römischen -Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite, -Luisens mit dem Berliner, werden sollte? - -Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas entfernten -Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm das Ziel seines -heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend -vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeige, so -machte er Riesenschritte abwärts, denn seine Anlagen waren gut. Ich -beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen und die Leutchen zu -hetzen. - -Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von -S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riß -das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine -Stimme heiterer. »Der Engel!« rief er aus, »sie will mich dennoch -sehen! Wie glücklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund,« sagte er, -indem er mir den Brief reichte; »müssen solche Zeilen nicht beglücken?« - -Ich las: - - »Mein treuer Freund! - - Mein Herz verlangt danach, Sie zu sprechen. Ich wollte Sie - nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis Sie mir gute - Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es eigentlich, - der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wissen, - wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der - Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. - Ach! daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir, - meine Augen dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser - Schmach, die ich nicht ertragen kann. - - L. v. P.« - - »N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg - bekannt wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der - Sache etwas tun können.« - -»Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muß,« -sagte ich; »doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das -Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg -kann sich übrigens das Fräulein an niemand besser wenden als an mich; -denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien genau -bekannt.« - -Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell dienen zu können. -»Das ist trefflich!« rief er, »und Sie begleiten mich wohl jetzt -eben zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die -Verhältnisse klarer machen wird.« - -Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen. - -»In Berlin,« erzählte er, »hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte -niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geschöpf hätte -Nachricht geben können, und so lebte ich in einem Zustand, der beinahe -an Verzweiflung grenzt; nur einmal schrieb mir der sächsische Gesandte: -der Papst habe sich jetzt öffentlich für den Kapitän West erklärt, man -spreche davon, daß der Preis dieser Gnade der Uebertritt des Kapitäns -zur römischen Kirche sein solle. In demselben Brief erwähnte er mit -Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr angezogen habe, die -mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, sehr gefährlich krank -sei, die Aerzte zweifeln an ihrer Rettung. - -Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht -entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, daß das, was ihr -der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge haben -werde, aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiß wußte, jetzt erst -kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück, und meine -Bekannten hier haben sich nicht weniger darüber gewundert, mich so -unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so plötzlich -wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es mir nicht -verzeihen, denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit einem der -Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu verheiraten. - -Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein wiederfand! -Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben, der Gedanke, daß West -zu seiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wollte. -Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre -Jugend dahinschwinden, ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter -einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr -zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis ich -von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten werde -- oder -bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute geschehen. Es -scheint, sie hat Hoffnung, ich habe keine; denn er ist zu allem fähig, -und Rocco hat ihn so im Netze, daß an kein Entrinnen zu denken ist.« - -»Aber der Fromme,« fragte ich; »soll wohl der seine Bekehrung -übernehmen?« - -»Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. Es ist -ein deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist, er zieht umher, um -zu bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich -erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur Bekehrung des -Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein -Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken könnten; doch auch -dies kommt zu spät! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch kümmern -mag?« - -Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden. -Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte mir ein Interesse -eingeflößt, das diese Stunde befriedigen mußte. Ich hatte mir schon -lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen, ich fand es, -als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur -eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt; -ich dachte mir sie nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie -mußte dies sein, wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die -Heilung des Kapitän West zutrauen? - -Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich -empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in -ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat -ein. Am Fenster stand ein kleiner hagerer Mann, von kaltem, finsterem -Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie -einmal aufschlug, so glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer. -Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten -Neigen des Hauptes und antwortete: »Gegrüßet seist du mit dem Gruße des -Friedens!« - -Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute -sind eine wahre Augenweide für den Teufel; er weiß, wie es in ihrem -Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lächerlicher als -Pulcinell, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin und -wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit -neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben. -Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, -wenn sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche -ist ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die -Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden -mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre -eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man -glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frömmer? O ja, wie man will. -Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen -kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist: »ja, ja, nein, nein.« Auf -weitere Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die -Stillen im Lande, denn sie leben einfach und ohne Lärm für sich; doch -diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre Mitmenschen -zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen. Daher kommt es, daß sie -einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich öffentlich zu -vergnügen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen ein Ruchloser. -Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein -Auge beschämt wegwenden würde. - -Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie -gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien -von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert -worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen -näheren Weg, ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle -kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heißen -mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1 -und 2, sie _verneinen_, wenn auch nicht im Aeußeren, denn sie sind -Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn. - -Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. »Ihr seid ein Landsmann -von mir,« fragte ich nach seinem Gruß, »Ihr seid ein Deutscher?« - -»Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott,« antwortete er; »aber -die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch.« - -»Da habt Ihr recht,« erwiderte ich, »besonders wenn sie in einer -engen Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser -gotteslästerlichen Stadt?« - -Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: »O welche Freude hat -mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist -der erste, der mir hier saget, daß dies die Stadt der babylonischen -H--, der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen -Sinne von dem Altertum der Heiden, laufen umher in diesen großen -Götzentempeln und nennen alles ›heiliges Land‹, selbst wenn sie -Protestanten sind; aber diese sind oft die Aergsten.« - -»Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind noch mehrere -Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer -Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme -Seelen sein.« - -»Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb; -man weiß allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er -so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, -durch ihn ist dieses Uebel in die Welt gekommen. Zu was denn diese -Gelehrtheit, diese Untersuchungen? sie führen zum Unglauben. Die -Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum _Durchbruch_ gekommen -ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie erleuchtet ist, -kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelahrteste Doktor.« - -»Du hast recht, Bruder,« erwiderte ich ihm; »und ich war in meinem -Leben in der Seele nicht Vergnügter, nie so heiter gestimmt, als wenn -ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitälerin das Wort -verkündigen hörte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so -hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren zerknirscht. -Doch sage mir, wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen?« - -»Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenlande, wo es mehr Erleuchtete -gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein -Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntag abend in mein Haus -wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam in -dieses Sodom und Gomorrha, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin -aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr -ganz recht geschehen, denn so straft der Herr den Wandel der Sünder. -Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß sie so sicherlich -abfahren soll, dorthin wo Heulen und Zähnklappern. Ich sprach ihr zu, -und sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald -zum Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von einem Mann, den der -Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat -mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft des Geistes, der in -mir wohnet. Und darum bin ich hier.« - -Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner -mit dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob -ich mit der Familie des Kapitän West in Mecklenburg bekannt sei. Ich -bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab -ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen. - -»Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten Schritt zu tun, -der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon -davon gesagt, und es kommt jetzt darauf an, ihm das Mißliche eines -solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun.« - -»Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in -geistlichen Kämpfen erfahrner als ich; ich hoffe, er wird sehr nützlich -sein können.« - -»Es ist mein Beruf,« antwortete der Pietist, die Augen greulich -verdrehend, »es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es Tag ist. Ich -will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf -zertreten wie einer Kröte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich -fühle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Lieben Brüder, lasset -uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!« - -»Gehen wir!« sagte der Berliner; »seien Sie versichert, Luise, daß -Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung -dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft, -die Zeit bringt Rosen.« - -Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem -wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in -der Türe umwandte, sah ich sie heftig weinen. - -Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der Pietist, -vom Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin -und verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der -Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln -und ging sinnend neben mir her, ich selbst war von dem Anblick der -stillen Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich -dachte nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu -entreißen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich -ihr den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung -und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige Seligkeit -spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am besten -erreichen zu können, besser vielleicht noch durch Kapitän West, der mir -ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn noch von der -Spanierin werde losmachen können. - -Auf der Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen, weil er -hier beten und unsern Ein- und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder! -Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus -einem Fläschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen Likör -enthalten mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn kommen, -dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer Begeisterung -sprechen. - -Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finstern Stirne. Der Berliner -stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geist -getrieben, seinen Sermon. - -Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und -sprach: »Bruder! was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat -dich der Teufel in seinen Klauen, daß du dich dem Antichrist ergeben -willst, daß du absagen willst der heiligen, christlichen Kirche, der -Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie -heißt es Sirach am neunten, im dritten Vers? He? ›Fliehe die Buhlerin, -daß du nicht in ihre Stricke fallest?‹ --« - -»Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.« sprach der Kapitän -gereizt. »Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer -Sottisen zu sagen.« - -»Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, -besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann, der gehört hat, daß Sie -übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten.« - -»Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe, denn --« - -»Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme,« -schrie der Pietist. »Der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm, -und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden -lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? ›Laß dich nicht bewegen -von dem Gottlosen in seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es -ein Ende nehmen wird. -- Wisse, daß du unter den Stricken wandelst, und -gehest auf eitel hohen Spitzen!‹« - -»Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht -selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?« - -»Nein, aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie und bin mit -einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem -Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z.« - -»Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?« rief der fromme -Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. »Auf, -Ihr Brüder, Ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied -singen, vielleicht hilft es.« Er drückte die Augen zu und fing an, mit -näselnder, zitternder Stimme zu singen: - - »Herr, schütz' uns vor dem Antichrist - Und laß uns doch nicht fallen; - Es streckt der Papst mit Hinterlist - Nach uns die langen Krallen; - Und laß dich erbitten, - Vor den Jesuiten - Und den argen Missionaren. - Wollest gnädig uns bewahren. - - Sie sind des Teufels Knechte all, - Nur wir sind fromme Seelen; - Wir kommen in des Himmels Stall, - Uns kann es gar nicht fehlen; - Denn nach kurzem Schlafe - Ziehn wir frommen Schafe - In den Pferch, für uns bereitet, - Wo der Hirt die Schäflein weidet. - - Dort scheidet er die Böcke aus --« - -Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine Nachtigall sang, -aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geist getrieben, -dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitäns wechselten Scham und Zorn, -und man war ungewiß, ob er mehr über die Unverschämtheit dieses -Proselytenmachers staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne -erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten -Vers anhub, ging die Tür auf, und die hohe, majestätische Gestalt -des Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen, -faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern -herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah uns -mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte -vielleicht den ehrwürdigen Kuß eines Gläubigen erwarten. - -Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, daß der Kardinal -uns den Protestantismus sogleich anriechen, daß es ihn erzürnen werde, -seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu sehen. Er nannte -der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn von S. erblickte, trat er -erschrocken einen Schritt zurück und flüsterte dem Frater Piccolo in -der violetten Kutte zu: »Das ist wohl der Teufel, den du im Traume -gesehen?« - -Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf seinen -Leib zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen -aus dem Exorzismus zu beten. Während dieser Szene hatte sich der -fromme Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, -wieder erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses -Kirchenfürsten, doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem -er bei sich zu dem Resultate gelangt war, daß nur ein frommer -protestantisch-mystischer Christ zur Seligkeit gelangen könne. Er hub -im heulenden Predigerton auf italienisch an: »Siehe da, ein Sohn der -Babylonischen, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit -Seide und Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, -Satanas!« - -»Ist der Mensch ein Narr?« fragte der Kardinal, indem er näher trat -und den Prediger ruhig und groß anschaute. »Piccolo, merke dir diesen -Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen.« - -Der Pietist geriet in Wut: »Baalspfaffe, Götzendiener, Antichrist!« -schrie er. »Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kommt der Geist -erst recht über mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! -Ich will dich lehren die Hauptstücke der Religion, daß du deine -ketzerischen Irrtümer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur -ab, zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem -Herrn besser, wenn du violette Strümpfe anhast? O du Tor! das sind die -eiteln Lehren des Antichrist, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt; in -Sack und Asche mußt du Buße tun.« - -Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen, -seine Wangen glühten. »Jetzt sehe ich, Kapitän,« rief er, »was Euch so -lange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte mit diesen wahnsinnigen -Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestärken. Ha, bei der heiligen -Erde, Ihr habt uns tief gekränkt.« - -»Herr Kardinal!« fiel ihm Herr von S. in die Rede, »ich bitte, uns -nicht alle in _eine_ Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb -in sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so können wir ihn nicht daran -verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darüber zu beklagen, -denn Eure Eminenz wissen, daß es gleichsam nur Repressalien für die -Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle -Welt überschwemmt.« - -Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt -es, sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern zu lassen. -»Herr von S.,« sagte ich, »der Herr Kapitän will, denke ich, durch sein -Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz recht gebe. Zwar schließt -mich mein Bewußtsein von den wahnsinnigen Ketzern aus, ich mache keine -Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer werten -Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rückkehr sagen können --« - -»Stille!« rief der Pietist mit feierlicher Stimme. »Bruder, Mann -Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen zu -rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer, aber es wäre ihm besser, -ein Mühlstein hinge an seinem Hals und er würde ertränket, wo es am -tiefsten ist.« - -»Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen,« ist ein altes Sprichwort, und -der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah, daß Beschämung vor uns, von -Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die Furcht, ihn zu -beleidigen, in seinem Gesichte kämpften. - -»Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz,« entgegnete er. »Diesen -Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann -er will; denn seine schwärmerischen Reden sind mir zum Ekel, aber -über diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von -Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr von S. -besucht mich. Ich weiß nicht, welche bösliche Absicht Sie darein legen -wollen.« - -Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, brachte -er ihn nur noch mehr auf, doch bezähmte er laute Ausbrüche desselben, -und seine stille Wut wurde nur in kaltem Spott sichtbar. »Ja, ich -habe mich freilich höchlich geirrt,« sagte er lächelnd, »und bitte um -Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse -Gegenstände, doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind, -was Sie herführt. Herr von S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän -wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen wollen? -Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben wird, es ist ihm -gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmütigkeit, Capitano, -daß Sie sich von demselben Mann zurückführen lassen, der Sie so -geschickt aus dem Sattel hob!« - -Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen die -Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle -Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän wohl nicht so außer sich -gebracht als das Gefühl der Scham, vor deutschen Männern von einem -römischen Priester so verhöhnt zu werden. »Die Achtung, Signor Rocco,« -sagte er, »die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt mich, -Ihnen zu erwidern, was Sie mir in _meinem_ Zimmer über mich gesagt -haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich und wundere -mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viel Mühe geben wollten. -Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, werde ich -folgen. Doch wissen Sie, daß, was er getan hat, mit meiner Zustimmung -geschah; ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner -Absicht lag. Nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott noch Ihre -Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein andermal wieder -einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate ich Ihnen, Ihren -Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, bis er im Schoße der Kirche ist.« - -Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden als sein -seidenes Gewand. »Geben Sie sich keine Mühe,« entgegnete er, »mir zu -beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert. -Glauben Sie mir, die Kirche hat höhere Zwecke, als einen Kapitän West -zu bekehren --« - -»Wir kennen diese schönen Zwecke,« rief der Berliner mit sehr -überflüssigem Protestantismus; »Ihre Pläne sind freilich nicht auf -einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie -möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was -noch zum Evangelium hält, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber -Sie kommen hundert Jahre zu spät, oder zu früh; noch gibt es, Gott sei -Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein -wollen, als den heiligen Stuhl anbeten.« - -»Bringe mir meinen Hut, Piccolo!« sagte der Priester sehr gelassen, -»Ihnen, mein Herr von S., danke ich für diese Belehrung; doch lag uns -an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der -Erbärmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie -versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England über -kurz oder lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann werden -auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren. Drum leben -Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen.« Die Züge des Kardinals hatten -etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so sichtbar wurde als -in diesem Moment. Ich mußte gestehen, er hatte sich gut aus der Sache -gezogen und verließ als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm -den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars, und mit Anstand -und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus dem Zimmer. - -Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; der Pietist -murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich düpiert, denn der -Streit ging über seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem -Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, der -babylonischen Dame, dem ewigen Höllenpfuhl und dem Paradiesgärtlein, in -lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten. - -Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein. -Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von Donna Ines und diesem -Priester bedeutende Vorschüsse empfangen habe, die er nicht zahlen -konnte; es war zu erwarten, daß sie ihn von dieser Seite bald quälen -würden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der -Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein -Leichtsinn verleitet, denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn -daraus entstehen können -- er hätte sich von falscher Scham nicht so -blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens bei dieser -Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er die Hoffnung auf Luisens -Besitz nicht aufgegeben hatte, daß er sie mächtiger als je nährte, da -sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wußte auch, daß sie den Kapitän -nicht gerade zu sich zurückwünschte, sondern ihn nur nicht katholisch -wissen wollte, ich wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt -worden wäre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühe; -und jetzt hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das -Fräulein wiedersehen wolle; und so war es. - -»Es ist mein voller Ernst, Herr von S.,« sagte er, »ich sehe ein, daß -ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen muß. Können Sie mir -Gelegenheit geben, das Fräulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu -erbitten?« - -»Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt,« antwortete der -junge Mann etwas verstimmt und finster; »ich glaube nicht, daß nach -diesen Vorgängen --« - -»O! Ich habe die beste Hoffnung,« rief jener, »ich kenne Luisens gutes -Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört habe, mich zu lieben. -Hören Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der -Tiber; bitten Sie das Fräulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu -kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen -sein; ich will ja nichts als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort -von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel -zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine Verirrungen!« - -»Gut, ich will es sagen,« erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe -nach Fassung rang. »Soll ich Ihnen Antwort bringen?« - -»Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr -als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber.« - - * * * * * - -Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das -Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse, seine Gestalt, sein Gesicht, -zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück; -es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; er lernt ihr Schicksal kennen, -er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden -heilt, bewirkt endlich, daß sie den Kapitän vielleicht nicht mehr so -sehnlich zurückwünscht; sie will nur, daß er jenen Schritt nicht tue, -den sie für einen törichten hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem -armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen -Bemühungen um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen Nebenbuhler, -einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen! - -Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, daß -sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet zu sehen. Sie hatte -ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu begleiten, -weil er diese Szene allein nicht mit ansehen könne. - -Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo -in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitän finden könnte? -Ich forschte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl den Kapitän suche, -und er sagte mir ohne Umschweife, daß er ihm von dem Kardinal einen -Schuldschein auf fünftausend Skudi zu überreichen habe, die jener -zwölf Stunden nach Sicht bezahlen müsse. »Wertester Frater Piccolo,« -erwiderte ich ihm, »das Sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs -Uhr in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; -dort werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch.« Er dankte und ging -weiter. Daß er diese Nachricht dem Kardinal, vielleicht auch Donna -Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussetzen zu dürfen. »Fünftausend -Skudi, zwölf Stunden nach Sicht!« sagte ich zu mir, »ich will doch -sehen, wie er sich heraushilft!« - -Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu fühlen, -daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; doch nicht nur dies -Gefühl war es, was ihn unglücklich machte; er fürchtete, Luise werde -nicht auf die Dauer glücklich werden. »Dieser West!« rief er. »Ist es -nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr zurückführt! -Wie leicht ist es möglich, wenn einmal die Reue über ihn kommt, die -Spanierin so unglücklich gemacht zu haben, wie leicht ist es möglich, -daß er auch Luisen wieder verläßt!« - -Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht -zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen -sucht und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine -Künste anwendet. Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz -durchgemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen -und ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der -gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen! - -Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen Garten der Signora -Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fräulein sei ihm -unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause -des Kapitäns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine höhere -Leitung gefügt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche -zurücktreten, sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren -wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln -auf ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, -sie habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem -Garten zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht -heiter; eine sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung -habe sie befallen, sie habe ihm gestanden, daß sie der Gedanke an den -Fluch ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitäns werde, immer -verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst -so kindlich frohen Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des -Geliebten, dennoch nicht glücklich zu werden. - -Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das -ganze weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genähert. -Er lag, von Bäumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco -empfing uns mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß -sie das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger habe hören -können, und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden würden. Errötend, -mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schönen Gesicht, -trat uns das Fräulein entgegen. Der Kapitän aber schien mir ernster, -ja, es war mir, als müßte ich in seinen scheuen Blicken eine neue -Schuld lesen, die er zu den alten gefügt. - -Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das -schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing -ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, -und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblick gefühlt, wie die -höchste Lust mit Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war -diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung -davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine -Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger -langweilen dürfte: »Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der -Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der -Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die -Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen -Krieg nicht.« So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben, aus -Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, nicht -mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht gehen. - -Bei jener ganzen Szene ergötzte ich mich mehr an der Erwartung als an -der Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, dachte ich mir, Frater Piccolo -durch die Bäume herbeikäme, um seinen Wechsel honorieren zu lassen --- welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitän, welches Staunen, -welcher Mißmut bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen -Möglichkeiten, während die andern in süßem Geplauder mit vielen Worten -nichts sagten -- da hörte ich auf einmal das Plätschern von Rudern -in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die Stunde, um welche -ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wäre! -- Die -Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher, weder die Liebenden -noch der Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur noch das -Rauschen des Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans Land gelegt -haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte Stimmen in der -Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten auf dem Sandweg -des Gartens, ich sah mich um -- Donna Ines und der Kardinal Rocco -standen vor uns. - -Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein -Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem -schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu -begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei, und sank lautlos zurück, -indem sie die schönen Augen und das erbleichende Gesicht in den Händen -verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah -also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich -um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese Gruppe -musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande, -die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu. - -»Schändlich!« hub Ines an. »So muß ich dich treffen? Bei deiner -deutschen Buhlerin verweilest du und vergißt, was du deinem Weibe -schuldig bist? Ehrvergessener; statt meine Ehre, die du mir gestohlen, -durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschädigen für so großen -Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgest du in -den Armen einer andern?« - -»Folget uns, Kapitän West!« sagte der Kardinal sehr strenge. »Es ist -Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke -wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische -Gesellschaft.« - -»Du bleibst!« rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen -Arm schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete. »Schicke diese -Leute fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteuerin verschworen. Du -zauderst? Monsignor, ich weiß nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in -diesen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, sich mit dieser Dame zu -entfernen.« - -»Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?« entgegnete Rocco. »Diese -ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört der Garten, und es wird -sie nicht belästigen, wenn wir hier verweilen.« - -»Ich bitte um Euren Segen, Eminenz,« sagte, sich tief verneigend, -Signora Campoco; »wie möget Ihr doch so sprechen? Meinem geringen -Garten ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin -umher!« - -»Nicht gezaudert, Kapitän!« rief der Kardinal: »Werfet den Satan -zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die -Pflicht Euch ruft. -- Ha! Ihr zaudert noch immer, Verräter? Soll -ich,« fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, »soll ich Euch etwa dies -Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit -den fünftausend Skudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache -abholen lassen?« -- - -»Fünftausend Skudi?« unterbrach ihn der Berliner. »Ich leiste -Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft --« - -»Mitnichten!« antwortete er mit großer Ruhe. »Ihr seid ein Ketzer; -~haeretico non servanda fides~; Ihr könnet leicht ebenso denken und mit -der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein, -- Piccolo! Sende einen der -Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen.« - -»Um Gottes willen, Otto! Was ist das?« rief Luise, indem ihr Tränen -entstürzten. »Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz -übergeben haben? O Herr! Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein -ganzes Vermögen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben, -als Ihr fordert --« - -»Meinst du, schlechtes Geschöpf!« fiel ihr die Spanierin in die Rede. -»Meinst du, es handle sich hier um Gold? Mir, mir hat er seine Seele -verpfändet; er hat mich gelockt aus den Tälern meiner Heimat; er hat -mir ein langes, seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat -mich betrogen um diese Seligkeit; du -- du hast mich betrogen, deutsche -Dirne, aber sieh zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten -kannst, daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen -Würmern, den Vater!« - -»Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!« sagte Luise von tiefer Wehmut -bewegt. »Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte -schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches Weib? Nein, so tief -möchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich längst, ehe er -dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!« - -»Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren,« sprach der Kardinal; -»sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr selbst, Signora, mit -einem anderen, der hierneben sitzt, in Verhältnissen waret. Zaudere -nicht mehr, folge uns; bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt -nicht folgst, wirst du sehen, was es heiße, den heiligen Vater zu -verhöhnen!« - -Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig Kraft, so wenig -Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen mögen; doch es mußte zu -einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein: -»Wie? was ist dies für ein Geschrei von Kindern?« rief ich erstaunt. -»Es wird doch kein Unglück in der Nähe geben?« - -»Ha! meine Kinder!« weinte die Spanierin. »O, weinet nur, ihr armen -Kleinen, der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich -gehe, ich werfe sie in die Tiber, und mich mit ihnen; so ende ich ein -Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!« - -Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen, doch das Fräulein faßte -ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen führte sie -Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte dann aus der Laube. Ich selbst -war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß -ausführen wollte, den die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den -sie einschlug, führte tiefer in den Garten, und sie wollte wohl nur -diesem Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und -als sich auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze -Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten. - -Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig -zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last -nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen, er wollte -vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur ihr anzugehören; er glaubte -heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen -Mannes, um den seinigen unterzuschieben. - -Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene, -die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. »Fort mit dir!« rief er, -»gehe zu den Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters. -Du hast deine Rolle künstlich gespielt; um diese Blume zu pflücken, -mußtest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibes noch einmal -entreißen. Hinweg mit dir, du Ehrloser!« - -»Was sprechen Sie da?« schrie der Kapitän schäumend; es mochte in der -Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beißender -war. »Welche Absichten legen Sie mir unter? Was hätte ich getan. -Erklären Sie sich deutlicher!« - -»Jetzt hast du Worte, Schurke, aber als dieser Engel zu dir flehte, da -hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre sie nicht an, oder -ich schlage dich nieder!« - -»Das kann dir geschehen,« entgegnete jener, und einem Blitze gleich -fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen -Mannes. -- In Spanien lernt man gut stoßen. Der Berliner hatte einen -Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu -lassen, in die Knie. - -Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch! war mein Gedanke, -als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; jetzt wird er sich -bergen im Schoße der Kirche! Und es schien so zu kommen. Denn willenlos -ließ sich der Kapitän von Ines und dem Kardinal wegführen, und die -Barke stieß vom Lande. - - * * * * * - -Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an -welchem der Papst vor dem versammelten Volk mir, dem Teufel, alle -Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung -noch nie eine erhalten und weiß nicht, ob Seine Heiligkeit falliert -haben und nun auf der Himmelsbörse keine Geschäfte mehr machen, also -wenig Einfluß auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob -vielleicht diese Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um -den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen -zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, den Beutel -der Engländer, Schweden und Deutschen zu schröpfen, da ihre Seelen doch -einmal verloren seien. - -An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, besonders -die Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. -Man drängt und schlägt sich auf dem großen Platz, man hascht nach -dem Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl -herabschleudert, durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle -schlagen an die Brust und sprechen: »Wohl mir, daß ich nicht bin wie -dieser einer.« An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz -besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, in allen -Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein berühmter, tapferer, -ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser -Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hieß -es, er sei Kapitän, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er -Oberst, und wenn man am Donnerstag früh ein schönes Kind auf der Straße -anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man auf die -Antwort rechnen: »Ei, wißt Ihr nicht, daß zur Ehre Gottes ein General -der Ketzer sich taufen läßt und ein guter Christ wird, wie ich und Ihr?« - -Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht -erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach -der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwürfen, Bitten, -Drohungen, Versprechungen und Tränen bestürmt, daß er einwilligte, -besonders, da er durch den Uebertritt nicht nur Absolution für seine -Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch Schutz für die -Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da der Berliner einige -Tage zwischen Leben und Tod schwebte und sein Gesandter auf strenge -Ahndung des Mordes angetragen hatte. - -Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem Täufling an -mir vorüberkommen mußte. Und sie nahten! Ein langer Zug von Mönchen, -Priestern, Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kamen heran. Ihre -halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie -zogen im Kreis um den ungeheuren Platz, und jetzt wurden die Römer -um mich her aufmerksamer. »~Ecco, ecco lo!~« flüsterte es von allen -Seiten; ich sah hin -- in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche -bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, nahte mit unsicheren -Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe in ihren violetten Talaren gingen -vor ihm, und Chorknaben aller Art und Größe folgten seinen Schritten. - -»Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! ein schmucker Mann!« hörte ich die -Weiber um mich her sagen. »Welch ein frommer Soldat!« - -»Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele -entrissen wird!« -- - -»Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?« -- - -»Vorher,« antwortete ein schönes, schwarzlockiges Mädchen, »vorher, -denn nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da würde er -ihn ja auf ewig verdammen und nachher segnen und taufen.« - -»Ach, das verstehst du nicht,« sagte ihr Vater, »der Papst kann alles, -was er will, so oder so.« - -»Nein, er kann nicht alles,« erwiderte sie schelmisch lächelnd, »nicht -alles!« - -»Was kann er denn nicht?« fragten die Umstehenden. »Er kann alles; was -sollte er denn nicht können?« - -»Er kann nicht heiraten!« lachte sie; doch nicht so schnell folgt der -Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel. - -»Was, du versündigst dich, Mädchen?« schrie er. »Welche unheiligen -Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst -heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall.« - -Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen; und auch ich -folgte dorthin. Es ist eine lächerliche, materielle Idee, wenn die -Menschen sich vorstellen, ich könne in keine christliche Kirche kommen. -So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior, Balthasar) über -ihre Türen und glauben, die drei Könige aus Morgenland werden sich -bemühen, ihre schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen. - -Ich drängte mich so weit wie möglich vor, um die Zeremonien dieser -Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt sein graues -Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht und kniete unweit des -Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe standen umher, der -ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter, -der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgaben sie mit einem -ehrwürdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit -aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen Donna -Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, und -wer Luisen und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte dem -Täufling verzeihen, daß er sich durch dieses schöne Weib und einen -listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen ließ. - -Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stützte sich mit -einer Hand an eine Säule, und ich glaube, sie wäre ohne diese Hilfe -auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft. -Der Schleier war zu dicht, als daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch -sagte mir eine Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester -den Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs -hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der Sterblichen, -übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer Andacht, die sie zwar -über das Irdische, aber auch über die ewigen Gesetze ihrer Vernunft -hinwegführt. - -Die Priester sangen. Jetzt fing er an, sein Glaubensbekenntnis zu -sprechen. - -»Er hat mich nie geliebt,« seufzte die Dame an meiner Seite, »er hat -dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sünde!« - -Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher -gelebt. - -»Gib Frieden seiner Seele,« flüsterte sie; »wir alle irren, solange wir -sterblich sind; vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Laß ihn -Frieden finden, o Herr!« - -Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Töne drangen -schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm -vollzogen, der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Würde, segnete -ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Grüße zu. - -»Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen,« betete die Dame an meiner -Seite, »daß nie der Stachel der Reue ihn quäle! Laß ihn glücklich -werden!« - -Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes schloß die Taufe, und der -Kapitän stand auf, zwar als ein so großer Sünder wie zuvor, doch als -ein rechtgläubiger katholischer Christ. Das Volk drängte sich herzu -und drückte seine Hände, und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln -ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi -führte den Getauften an die Stufen des Altars, stieg die heiligen -Stufen hinan und las die Messe. - -Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles -sah; ihre Knie fingen an, zu wanken. »Wer Ihr auch seid, mein Herr!« -flüsterte sie mir plötzlich zu, »seid so barmherzig und führt mich aus -der Kirche, ich fühle mich sehr unwohl.« Ich gab ihr meinen Arm, und -die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet -vom Teufel. - -Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine -Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin, ich öffnete ihr -den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen -Schleier zurück, es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die -bleichen, schönen Züge Luisens. »Ich danke Euch, Herr!« sagte sie, »Ihr -habt mir einen großen Dienst erwiesen.« Noch zitterte ihre Hand in der -meinigen, ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter -und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie den -Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich -habe sie -- nie wiedergesehen. - - * * * * * - -Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte, -welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich -an diesem Tage nach ..., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine -Konferenz halten mußte. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten -Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte -nicht erst nötig, ihn zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen -Alliierten seien. Von ... eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich -war begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich -verflochten war, und die mir durch einige Situationen so interessant -geworden waren. - -Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche -Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und hatte, wie es schien, -Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als Stobelberg -zu ihm. »Lieber Bruder,« sagte ich, »es scheint, du willst Sodom -verlassen gleich dem frommen Lot?« - -»Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan!« war seine Antwort; -»und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal -anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentum -unterweisen wollte.« - -Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die -Polizei hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grund, den Wagen noch -einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoßen und hatte den -Pietisten gefragt, was es enthalte. »Geistliche Bücher,« antwortete -er. Man glaubte nicht, schloß auf, und siehe da, es war ein gutes -Flaschenfutter, und die Polizeimänner wollten wegen seines Betruges -einige Skudi von ihm nehmen. - -»Aber, Bruder,« sagte ich zu ihm. »Eine fromme Seele sollte nach nichts -dürsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern, als nach dem -Manna des Wortes, und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und -hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt es nicht: -›Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem allen fragen -die Heiden?‹« - -»Bruder,« erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel! »Bruder, bei -dir muß es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, daß du einem -Manne von so felsenfestem Glauben, daß du _mir_ solche Fragen vorlegst. -Gerade, daß ich nicht zu seufzen brauche: ›Was werden wir essen, was -werden wir trinken, womit uns kleiden?‹ gerade deswegen habe ich mir -den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller gefüllt und die -aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es geschah also aus reinem -Glaubensdrang, und der Geist hat es mir eingegeben. Da, ihr lumpigen -Söhne von Astaroth, ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des -Lammes sitzt und an seinen Klauen Pantoffeln führt, da nehmet diesen -holländischen Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bücher in Ruhe! --- So, nun lebe wohl, Bruder! Der Geist komme über dich und stärke -deinen Glauben!« - -Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben bestärkt, daß diese -christlichen Pharisäer schlimmer sind, als die Kinder der Welt. Ich -ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Straßen begegnete mir -der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr -krank zu sein, denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo nicht die -Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch wankte -Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glühend, seine -Augen halb geschlossen, und der rote Hut saß ihm etwas schief auf dem -Ohr. - -»Siehe da, ein bekanntes Gesicht!« rief er, als er mich sah, und blieb -stehen. »Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns -nicht schon irgendwo gesehen?« - -»O ja, und ich hoffe noch öfter das Vergnügen zu haben; ich hatte die -Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen.« - -»Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr, -woher ich komme? Geradeswegs von dem Hochzeitsschmause des lieben -Paares!« - -Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die -spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und -Piccolo mußte ihn jetzt führen. »Ihr waret wohl recht vergnügt?« fragte -ich ihn; »es ist doch Euer Werk, daß die Donna den Kapitän endlich -doch noch überwunden hat?« - -»Das ist es, lieber Ketzer,« sagte er, stolz lächelnd. »Mein Werk ist -es, kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen! -- Was -wollte ich sagen? Ja -- mein Werk ist es, denn ohne mich hätte die -Donna gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in -Rom befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt -worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was zur -Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er nicht von seiner -Ketzerin losgekommen -- kurz, ohne mich -- ja, ohne mich stünde alles -noch wie zuvor.« - -»Es ist erstaunlich!« - -»Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet auch -rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben, soviel Ihr wollt, gegen -ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O! damit kann man einen -köstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schöne, frische, -reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr -Ehren und Würden? Ich will Euch ~pro primo~ den goldenen Sporenorden -verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Skudi kaufen -- aber -Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer barbarischen Heimat -große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir haben dort großen Einfluß, -geheim und öffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?« - -»Der Vorschlag ist nicht übel,« erwiderte ich. »Ihr seid nobel in Euren -Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den Teufel selbst katholisch -machen?« - -»~Anathema sit! anathema sit!~ Es wäre uns übrigens nicht schwer,« -antwortete der Kardinal. »Wir können ihn von seinen zweitausendjährigen -Sünden absolvieren und dann taufen. Ueberdies ist er ein dummer Kerl, -der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer überlisten lassen!« - -»Wisset Ihr das so gewiß?« - -»Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennt Ihr die Geschichte, die er -mit einem Franziskaner gehabt?« - -»Nein, ich bitte Euch, erzählet!« - -»Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele. -Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Maß -ihrer Sünden das Recht dazu. Der Mönch aber wollte sie ~in majorem dei -gloriam~ für den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor, -sie wollen würfeln; wer die meisten Augen mit drei Würfeln werfe, -solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein falscher -Spieler ist, warf er achtzehn, er lachte den Franziskaner aus. Doch -dieser ließ sich nicht irre machen. Er nahm die Würfel und warf -- -neunzehn. Und die Seele war sein.« - -»Herr! das ist erlogen,« rief ich, »wie kann er mit drei Würfeln -neunzehn werfen?« - -»Ei, wer fragt nach Möglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein -Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann -den Unterricht beginnen.« - -Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco! dachte -ich. Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir läßt sich der Satan -nicht überlisten. Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners -zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner großen -Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen und werde wohl vor Nacht -nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, heute noch zu -erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein sich befinde, ob er -wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer für sie verloren -sei, sie für sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit, ihn heute noch -zu sehen, denn den Abend über wußte ich ihn nicht zu finden, und auf -die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren -Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen. - -Ich trat zu diesem Zweck, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum, -denn dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die -Stunde nicht da, aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den -Trümmern einer großen Vorzeit meinen Gedanken über das Geschlecht -der Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben sind diese majestätischen -Trümmer in einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren -Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch die -gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachsenen -Mauern der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle Gestalten -schienen durch die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein leiser -Wind die Gesträuche bewegte und ihre Schatten hin und wider zogen. Wo -sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches Volk, -schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste, feierliche Pracht der -kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese -Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen -diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes -Volkes war, das einst, ein Jahrtausend vor ihnen, um diese Stätte -lebte. Die ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische -Prunk der Cäsaren und -- _dieser_ römische Hof und _diese_ Römer! - -Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand jetzt -gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um, da gewahrte ich, daß ich nicht -allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt saß seitwärts auf dem -gebrochenen Schaft einer Säule. Ich trat näher zu -- es war Otto von -S... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich schnell in -den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich redete ihn an und -wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen. Er richtete sich auf, der -Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht, weinende Augen blickten mich -wehmütig an, schweigend sank er an meine Brust. - -»Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!« sagte ich. »Sie sind -noch sehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen schaden!« - -Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem -armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen? -»Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen,« fuhr ich fort. -»Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich -so spröde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen -Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit ihr aus -dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu der Tante. Wie -werden sich die ästhetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf -diese Art schließen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen -persönlich einführen!« - -Er schwieg, er weinte stille. - -»Oder wie! haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie -abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Spröden fortspielen?« - -»Sie ist tot!« antwortete der junge Mann. - -»Ist's möglich! höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?« - -»Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben.« - -Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch die -Ruinen des Kolosseums. - - - - -Mein Besuch in Frankfurt. - - - - -1. - -Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen sah. - - -Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte -man meinen, es gäbe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn -sie feiern daselbst nicht wie z. B. in Bayern anderthalb oder, wie -im Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier -Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf, denn sie fangen in -Bornheim ihre heiligen Uebungen schon am Samstag an, und der Bundestag -hat sogar acht bis zehn. - -Die Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren -Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am -Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die -immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten, das -war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: »Ob man am Montag -oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins _Wäldchen_ -gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu fahren, ob man -am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen solle, oder -beides,« diese Fragen schienen bei weitem wichtiger als jene, die doch -für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: »Ob die Apostel damals -auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?« - -Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen, der an solchen -Tagen mehr Seelen für sich gewinnt, als das ganze Judenquartier in -einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu -Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten Belletristen -verwöhnt, alles bis aufs kleinste Detail wissen wollen, diene zur -Nachricht, daß ich im weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an -der großen Table d'hote in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste; -den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner ausbitten. - -Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das -aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte -deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen -und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte und dann -wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für die -Schule nicht mächtig ist. - -Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn, -wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde? - -»Nun,« antwortete er, »das ist der stille Herr.« - -»Der stille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß, wer -ist er denn?« - -»Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn oder auch den -Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und -wohnt schon seit vierzehn Tagen hier.« - -»Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so -kläglich winselt?« - -»Ja! das weiß ich nicht,« erwiderte er, »aber seit dem zweiten Tag, -daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und -ein Uhr in der neuen Judenstraße auf und ab geht, und dann kommt er zu -Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er -ganz stille und trinkt Kapwein.« - -»Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft,« sagte ich, »setzen Sie mich -doch heute mittag in seine Nähe.« Der Kellner versprach es, und ich -lauschte wieder auf meinen Nachbar. - -»Den zwölften Mai,« hörte ich ihn stöhnen, »Metalliques 84¾, -österreichische Staatsobligationen 87⅜, Rothschildsche Lotterielose, -der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132, preußische -Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo will das hinaus! 81! Die -Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel?« - -So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein -zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald -jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols, -die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf herzbrechende -Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn sein -Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in -welcher er durch die neue Judenstraße promenierte. - -Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal -trat, auf einen Stuhl: »Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,« -flüsterte er, »zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer.« Ich setzte mich, -ich betrachtete ihn von der Seite; wie man sich täuschen kann! Ich -hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstigem Aussehen -erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft, -etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard von der Verfasserin der -Urika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick, wie einige -Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das Gegenteil, -ich fand einen Untersetzten, runden, jungen Mann mit frischen, -wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben Augen -beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen weinerlichen -Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht paßte. - -Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, -einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergebens; -er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem -halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl -die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken, er warf nur einen -scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf -seinen Teller. - -Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem -Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine -Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. - -Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon -etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, eingeschnurrtes -Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weithervortretende Nase -deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, die er haben -mochte, etwas _schnell_ verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast mit -diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete ein -ruhiges, süßliches Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die -zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch seine -sehr jugendliche und modische Kleidung. - -Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den -zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süßen Lächeln, womit er -seine Blicke begleitete, zu urteilen, mußte er mit allen in genauen -Verhältnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, -knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und süßlich dazu -lächelte, die größte Aehnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen, -während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen -war. - -Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finsteren Augen maß, -konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars -düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen -an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen, den Rücken -auf künstliche Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen nach uns -herüber zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: »Noch immer so -düster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf meine -Wenigkeit?« - -An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r wie gr -auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen zu -erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und -so war es, denn mein Nachbar antwortete: »Eifersüchtig, Herr Graf? Auf -_Sie_ in keinem Fall.« - -Graf Rebs -- so hörte ich ihn später nennen -- faltete sein Mäulchen -zu einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase -auf komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes, -knöchernes Kinn und kicherte. - -»Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht -eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend -noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und -schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes -Ragout bitten, mein Herr?« - -»Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater, -und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken.« - -»Herr Oberkellner,« lispelte der Graf, »Sie haben die Trüffeln gespart. -Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich hätte -auf Ehre geglaubt, Sie schauen herauf in die Loge mit melancholischen -Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein von Rothschild, -denn als ich auf Sie hinabwies -- Kellner, ich trinke heute lieber -roten Ingelheimer, ein Fläschchen -- ja, wollte ich sagen -- das ist -mir nun während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht es, wenn -man soviel zu denken hat.« - -Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des -Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch -abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als -daß er nicht weiter geforscht hätte. »Nun, auch Fräulein von Rothschild -hat bemerkt, daß ich melancholisch hinaufsah?« fragte er, indem er -seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen suchte; -»freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette --« - -»Richtig, das war es,« erwiderte Rebs, »das war es; ja, als ich auf Sie -hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie -mich mit ihrem Jokofächer auf die Hand und nannte mich einen Schalk.« - -Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich noch -mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch -durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in die -Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen -Blick an. Er hatte nie so große Aehnlichkeit mit einem angenehmen -Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel -sitzt, als in diesem Augenblicke. - -Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das -r noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: »Werter Monsieur -Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jokofächer keine argen -Folgerungen ziehen. Es ist nur eine ~Façon de parler~ unter Leuten -von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange man -jung ist,« fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog und -schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, »zwar -solange man jung ist, macht man sich hie und da ein Späßchen. Aber ein -ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon -die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen -hier in Frankfurt ist?« - -»Nein,« antwortete mein Nachbar, leichter atmend. - -»Oh, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie -- wie mein Rock hier, -einen Mund zum Küssen, und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes, -ich möchte sagen, soviel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter uns, -ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte es -nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich drauf -verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens hoffe ich -mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können; nein, es ist wirklich -auffallend, in drei Tagen ...« - -»Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie -denn sagen?« - -Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem Augenblick anzusehen. -Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn er kniff die Aeuglein zu, sein -Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts nach den Lippen, -und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie; dazu arbeitete -er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den Schulterblättern, als -wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knöchlein seiner -Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal mußte der Seufzer ihn -ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte: -»Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht -übelnehmen, auch mir wollte es anfangs sonderbar bedünken, in so kurzer -Zeit; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben -es bemerkt.« - -»Sie Glücklicher!« rief der Seufzer nicht ohne Ironie. »Wo Sie nur -hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese -Engländerin ernstlicher zu verfolgen; so bedenken Sie, eine so solide -Partie --« - -»Merke schon, merke schon,« entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, »es -ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem -Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich -schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebekkchen dürfen -Sie ruhig sein; ich ziehe mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht -eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen -- Sie verstehen mich schon --- das wird sich bald geben, ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich -geliebt hat.« - -»Ich glaube auch nicht,« entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in -welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand -auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er -während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem -unglücklichen Seufzer. - - - - -2. - -Trost für Liebende. - - -»Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?« fragte ich meinen -Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. »Findet er wirklich bei -den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?« - -»Ein Geck ist er, ein Narr!« rief der Seufzende, indem er mit dem -Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. »Ein alter -Junggeselle von fünfundvierzig und spielt noch den ersten Liebhaber. -Eitel, töricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Aeuglein -anblinzelt, sei in ihn verliebt, drängt sich überall an und ein --« - -»Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der -Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?« - -»Ja, wenn die Damen dächten wie Sie, wertgeschätzter Herr! aber so -lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so -- -o Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht.« - -»Ei, ei!« sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und den -Verzweifelnden hineinschob, »ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge -Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein Rebekka -- setzen Sie sich -doch gefälligst aufs Sofa -- auf das Fräulein sollte er auch Eindruck -gemacht haben, dieser Gliedermann?« - -»Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und -geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern mit -seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen -oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden, vielleicht wenn sie -eine Christin wäre, hätte sie einen solideren Geschmack.« - -»Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?« - -»Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der -neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild, -und eine Million hat er, das ist ausgemacht.« - -»Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespräch des -Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?« - -»Ja,« erwiderte er ärgerlich, »wenn nicht der Satan das Papierwesen -erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube -ich heute einen festen Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor -Herrn Simon treten und sagen zu können: ›Herr! wir wollen ein kleines -Geschäft machen miteinander, ich bin das Haus Zwerner und Komp. aus -Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?‹ Glaube -ich nun, so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel die -Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem -Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um soviele Prozente -höher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken.« - -»Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß Sie gewinnen?« - -»Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist -von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder -jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit -ihm anzufangen, denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das -Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebekkchen, so gut sie sonst -ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus.« - -»Wie? sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld -sehen?« - -»Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht,« -erwiderte er seufzend. »Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, -was sie wollen. Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau -machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, -so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines -hat.« - -»Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Komp. in Dessau _hat_ Geld, -woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?« - -»Ja, ja!« sagte er etwas freundlicher, »wir haben Geld, und soviel, -um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien, aber -Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht, werter Herr! Ist von einem -angenehmen, liebenswürdigen jungen Mann die Rede, so fragen sie: wie -steht er? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er -in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß.« - -»Und Rebekka denkt auch so?« - -»Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen -Judenstraße? Ach! ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Kurs der -Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele -Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein -Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands -Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein -reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und sein Reis-Efendi, so bin ich -um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht mehr würdig, um sie zu -freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr Herz -ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne, daß die -Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern. Bald denkt -sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von -Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Efendi soviel Verstand als -möglich. Ich Unglücklicher!« - -»Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?« fragte ich. - -Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus -seiner Brust. »Wie sollte ich sie nicht lieben?« antwortete er. -»Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod -eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine -ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was -Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine kühn -geschwungene Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn liebe, etwas -dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte man -ein solches Geschöpf nicht lieben?« - -»Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?« - -»O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr -Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles -nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter -Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den -Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch. Sie sollten -hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt, ›Ißßt es möchlich?‹ oder: -›es jinge wohl, aber es jeht nich.‹« - -Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese -jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch -eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der -Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die Gesellschaft -nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade gehen, oder -Sonntags, gekleidet wie Herren ~comme il faut~, auf Kirchweihen oder -sonstigen Bällen sich amüsieren. Reisen sie hernach, so dreht sich -ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der nächsten -Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger empfohlen ist, -oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben, -noch lange um den schönen, wohlgewachsenen jungen Mann weinen wird. Sie -haben irgendwo gelesen oder gehört, daß der Handelsstand gegenwärtig -viel zu bedeuten habe; darum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und -ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß einer von sich sagte: -»Kaufmann oder Bänderkrämer«, sondern: »Ich reise in Geschäften des -Hauses Bäuerlein oder Zwierlein,« und fragt man, in welchen Artikeln, -so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden antworten -zu hören: »Knöpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf- und Rauch- und -dergleichen bedeutende Artikel.« Haben sie nun gar im Städtchen ihrer -Heimat ein Schätzchen zurückgelassen, so darf man darauf rechnen, -sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante -Geschichte erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim Mondschein kennen -gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen, unter hundert -Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen etc. ein Seidenpapier -hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne der Geliebten -enthält. - -Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden -Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukommt, mit -eingelegter Lanze ~à la~ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schönheit -zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger -Verwüstung an wie jener mannhafte Ritter und seid überdies meist euer -eigener Sancho Pansa an der Tafel. - -Eine solche liebenswürdige Erziehung aus Kontorspekulationen, Romanen, -Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein -Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu -ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend -gewesen, Kuriere nicht von _Höchst_ oder von _Langen_, sondern von -Wien, sogar mit _authentischen_ Nachrichten kommen zu lassen, um seinem -Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? Und -wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte es ein anderer -nicht auch können, wenn sein Geld ebenso gut ist als das des großen -Makkabäers? - -Zwar _ein_ solcher Sperling macht keinen Sommer. _Eine_ solche -Handelsseele mehr oder weniger mein kann mir nicht nützen. Doch die -Nüancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht -ins Netz geht, und darum beschloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen. - -»Ich bin,« sagte ich zu ihm, »ich bin selbst einigermaßen -Papierspekulant, daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherige -Verfahrungsart etwas sonderbar finde.« - -»Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert. »Als ich in Dessau war, -ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier, -gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag -in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?« - -»Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er -verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der -etwas wagen will, muß _selbst_ eingreifen in den Lauf der Zeiten.« - -»Aber mein Gott,« rief er verwunderungsvoll, »das kann ja jetzt niemand -als der Rothschild, der Reis-Efendi und der Herr von Metternich. Wie -meinen Sie denn?« - -»Ueber Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine -einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum -verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine Krisis sich -bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil, können Sie durch eine -solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen.« - -»Gewiß, gewiß,« seufzte er. »Aber ich sehe nur noch nicht recht ein --« - -»Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das -Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht -und dem _großen Portier_ ein Stück Geld in die Hand gedrückt hat, läßt -noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und fährt und -fliegt nach Frankfurt, und bringt die Depesche, wem?« - -»Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!« - -»Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen -um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort -mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu -sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen -Krisis, eines bedeutenden Vorfalls kommen --« - -»Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von -Rußland sei plötzlich --« - -»Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute glauben! -Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muß auf der Börse wirken!« -- - -»Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden? habe dem Islam -geschworen?« - -»Ich sage Ihnen, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die Pforte -habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht -mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier -sogleich ein paar Stationen weiterreisen, lassen Sie den Brief einige -Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle, -so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre -Papiere mit Gewinn ab.« - -»Aber, lieber Herr,« erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, »das -wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für -einen rechtlichen Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von -Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben.« - -»Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß, -und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob -Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten -Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe -Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe.« - -»Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das -Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber -wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine -falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele Häuser -können fallieren, andere wanken und im Kredit verlieren, und das wäre -dann meine Schuld!« - -»So, mein Herr?« sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen -Seele. »So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was man -auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie nicht? -Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie -zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht -scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine -Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im weißen Schwanen wohnt -und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen -Rebs, grollt?« - -»Aber, mein Herr,« rief der Seufzer etwas pikiert, »ich weiß gar nicht, -was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme erzeigen; ich -weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?« - -»Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre -Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, daher meine Antwort. -Uebrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das Treffliche und -Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten -Anblick solches gefunden zu haben.« - -»Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die -meine --« - -»Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne -thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender -Geist --« - -»Finden Sie das wirklich?« rief er, indem er lächelnd meine Hand -faßte und verstohlen nach dem Spiegel blickte; »es ist wahr, man hat -mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mir sogar -versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße aufgefallen, -und er sei eigens deswegen einigemal in den König von England gekommen, -um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen.« - -»Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen, -so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem -mutigen Auge zu finden!« - -»Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag -durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel -stiegen in mir auf, und -- nun, Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich -fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein -gewisses Etwas, ja -- so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch -versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daran rücken und einen -Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!« - - - - -3. - -Ein Schabbes in Bornheim. - - -Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die -Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen, -wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür -wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon -in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende -Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an dem -ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem Dessauer, -oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor einem Mann -bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu berechnen wußte, -der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand. - -Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, -noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen, und lud mich ein, -mit ihm nach _Bornheim_ zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt -des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt alle Stämme -Israels versammelt habe. - -Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden -zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der -Hoffnung, sein Auge hob sich freier; um seine Stirne, seinen Mund war -jede Melancholie verschwunden, sein großer runder Kopf steht nicht mehr -zwischen den Schultern, er trägt ihn freier, erhabener, als wollte er -sagen: »Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus -Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der -Börse, und wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in der -neuen Judenstraße!« - -Aus dem Garten des goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die zitternden -Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter Violinen -entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien wie einst -ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da saßen sie, -die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden -Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus -_einer_ Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich plaudernd -und tranken Champagner aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser -zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter den Bäumen, und -der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte Land Kanaan, das -der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volk verheißen hatte. Wie sich -doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld! - -Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen -Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern -bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen mußten, -wenn man ihnen zurief: »Jude, sei artig, mach' dein Kompliment!« -dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat der freien Stadt -Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier. -Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen. Ueberladen mit Putz -und köstlichen Steinen saßen die Frauen und Judenfräulein; die Männer, -konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen -Kniee ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen, -soliden Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu -kopieren, die Männer hatten sich sonntäglich und schön angetan, ließen -schwere goldne Ketten über die Brust und den Magen herabhängen, -streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitärs besteckt, von -sich, als wollten sie zu verstehen geben: »Ist das nicht was ganz -Solides? Sind wir nicht das auserwählte Volk? Wer hat denn alles Geld, -gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und König -schuldig, wem anders als uns?« - -»Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des -Morgens,« rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am -Arme; »schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der -mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr -ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau -rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist -die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft zu -separieren nach und nach.« - -»Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? ich sehe sie noch nicht --« - -»Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des -Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir -bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und -Ratgeber?« - -»Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien,« gab ich ihm zur -Antwort, »reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz.« - -»Ah,« rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den Hut -gegriffen hatte, »Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß Titular -ums liebe Geld? Das freut mich, Dero werte Bekanntschaft zu machen. -Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar tiefen -Blick in die Staatsaffairen. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen -können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettmäßiges in Dero Visage.« - -»Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe, Ihnen -nützlich sein zu können.« - -Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter -errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten -ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor -dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote -Herzkirsche. Die Tante, »das neidische Gewölk,« erhob sich, und nun -ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die -Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel. -- Sie -hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen -konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur -Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte. - -Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der -Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die -Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten. -Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. »Haben -da ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmelzlein,« bemerkte er -wohlgefällig lächelnd; »habe immer eine Inklination für die Diplomatik -gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter -oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand! -Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für -Geschäfte machen!« - -»Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten -Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen -Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im -Kopf umher.« - -Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, -nehme ich es auch noch auf. »Zeviel?« sagte er. »Ich für meinen -Teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein -Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun als eine -lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, _Sie_ stehen solide in Wien. Ihr -Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem -Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.« - -»Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!« - -»Gut, ~très bien bon~! Gut gegeben, hi! hi! hi! ~à propos~, wissen Sie -Neues aus daher?« Er rückte mir noch näher und wurde verfänglicher. - -»Herr Simon,« sagte ich mit Artigkeit ausweichend, »Sie wissen, es gibt -Fälle --« - -»Wie!« rief er erschrocken, »Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! -Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des -Herrn gewesen? Waas?« - -»Um Jottes willen, Papa!« schrie Rebekka, indem sie den Arm des -zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. »Doch kein Unglück? Mein -Jott! Doch nicht hier in Frankfort?« - -»Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem Herrn -Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich holter -nicht recht verstanden.« - -Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den -erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief. - -»Nee! Was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen -Bejriff von!« lispelte sie. »Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen -Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden -und wären melancholisch jewesen?« - -Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des -Seufzers wurden feuriger, er zog, als »das Gewölke« ein wenig im Garten -auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und gestand -ihr, wenn ich anders recht gehört hatte, daß nächstens die Metalliques -und die ... um drei Prozent steigen werden. - -»Herr von Schmelzlein!« sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren -Wein zu sich genommen hatte, »Sie haben mir da einen Schreck in den -Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch nur -dies Wort in Gesellschaft aussprechen! Nun, Sie wollten sagen?« - -»Es gibt Affairen,« fuhr ich fort, »wo der Diplomat schweigen muß. -Ueber das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht -befragen wollen; nur soviel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im -engsten Vertrauen --« - -»Der Gott meiner Väter tue mir dies und das!« rief er feierlich. »So -ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner -Tochter das geringste --« - -»Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, soviel kann ich Ihnen -sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; _ganz_ zu -allernächst. _Für_ oder _gegen_ wen, darf ich nicht sagen; doch Herr -von Zwerner --« - -»_Von_ Zwerner?« - -»Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war -ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders -richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien -bekommen.« - -»Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar, ich sagte immer, -hinter _dem_ steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat -wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft; ei, -sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf, -es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?« - -»Ja.« - -»Ei, darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der -Efendi? Hat er?« - -»Mein Herr Simon, ich bitte --« - -»O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik, -aus Politik, aber er hat, er hat?« - -»Trauen Sie auf nichts, ich _warne_ Sie, auf keine Nachricht trauen -Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei und -hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten.« - -»Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der -Zwerner aus Dessau; zwar, er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, -aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm -machen ließe?« setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase -herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß -sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Dies war der -Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab dem -Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm seinen -Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein. - - - - -4. - -Das gebildete Judenfräulein. - - -Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich -kokett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt. - -»Ich liebe die Tiplomattiker,« sagte sie unter anderem mit feinem -Lächeln und vielsagendem Blick. »Es is so etwas Feines, Jewandtes in -ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von -ferne an, und wie angenehm riechen sie nach ~Eau de Portugal~!« - -»O gewiß, auch nach ~Fleur d'orange~ und dergleichen. Wie nehmen sich -denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?« - -»Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis -sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen -hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie -müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen -das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun -solche junge Herren Tiblomen sind, das sein ganz scharmante Leute, -wohnen in die ~Chambres garnies~, essen an die ~Tables d'hôte~, jehen -auf die Promenade schön ausstaffiert ~comme il faut~, haben zwar -jewöhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.« - -»Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er -wohl echt?« - -»Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, -als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir gekostet achthundert -Gulden, die ich in die Rothschildschen Los gewunnen. Und sehen Sie, -dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring -zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von -den jutem Ton wie unsereine.« - -»Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein -Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?« - -»Finden Sie das ooch?« erwiderte sie anmutig lächelnd. »Ja, man hat mir -schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, -ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf -die Art meinen Jeist und mein Orkan aus.« - -»Was lesen Sie? wenn man fragen darf.« - -»Nu, ~Bellettres~, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abbonniert -bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der weißen Schlange, und der -verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher.« - -»Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?« - -»Nee, das tu' ich nicht. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte -in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich -natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was -Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich -nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu -die Baronin -- ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich -vor --« - -»Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesen -Gedanken eine erstaunliche Tiefe -- ein Chaos von Möglichkeiten --« - -»Nu, kurz, den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, das is der -Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens -und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und -dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere -vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit -Trillern, die kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, so wie der -Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein -anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen -kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas Herrliches!« - -»Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen -Schriftsteller über alles. Diese anderen, besonders ein Schiller, -wie wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte -meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines -anderen Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der -mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! er kommt -mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen -zubereitet. Der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte, setzt er -auch im Grunde viele Hefen an, so ›brüsselt‹ er doch mit allerliebsten -tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht -die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein.« - -»O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren vormachen -mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte, -jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in -das Janze, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, -wie es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich, und ist -ein wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. -Und das angenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu -denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, -der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie anjenehm läßt es sich dabei -einschlafen!« - -»Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen,« rief -lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns trat. -»Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur -Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag.« - -»Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe -Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören? Wie werden sie -in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab' ich es -erraten?« - -»Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten -werden! Muß _einen_ großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr -von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie -ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die -Rebekkchen.« - -Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen -Beinchen heran? Was lächelt schon von weitem so freundlich nach der -Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte, -freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle -bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt. - -Er schnupfte und ächzte, als er herankam, und doch konnte er auch in -dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein -liebliches, süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet -neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit -zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, -sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: »Habe die Ehre, -vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!« - -»Mein Jott! Herr Israel! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen -sind janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet nich! -Herr Tipplomat, ~Eau de Cologne~! Haben Sie keines bei sich in die -Tasche?« - -So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen -mit zarter Sorgfalt. Da ich kein ~Eau de Cologne~ bei mir trug, so -begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von dem -Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater -wußte bessern Rat: »Da geht einer,« rief er freudig, »da geht ein -scharmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der trägt -beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!« - -Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit -schrecklichen Gebärden das ~Eau de Cologne~-Fläschchen abforderte, -anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer beraubt. Maria -Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen wieder zu sich. Er -schlug die Augen auf, seufzte tief und lächelte. »Mich gehorsamst -zu bedanken,« lispelte er mit zitternder Stimme, »für die gütigst -geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut. Fast als hätte ich -mehr Bier getrunken als dienlich.« - -»Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?« fragte Rebekka, ihn etwas -mißfällig betrachtend. - -»Mit nichten und im Gegenteil,« erwiderte er, indem er den Rücken -zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust -herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. »Mit nichten, habe -sonsten eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der -dicke Pfarrer ...« - -Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder wie immer, -wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von -Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem -die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich -boshaft, ob er etwa im goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas -betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und -kirchlichen Skandal angefangen, nach seiner Gewohnheit? - -»Nach meiner Gewohnheit?« rief das Kaninchen erschrocken, »ich ein -Unruhestifter oder Säufer, ich in dem goldenen Brunnen, ich, der ich -nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den -Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den weißen Schwanen mit meinem -Besuch beehre? Nein! er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an -mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: ›Das -ist auch so ein _Stein des Anstoßes_, auch so ein Mystiker.‹ -- ›Herr -Pfarrer,‹ sagte ich, ›guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und -will auch für keinen gelten, am wenigsten öffentlich, auf der Chaussee -nach Bornheim.‹ -- ›Sie wollen keiner sein?‹ antwortete er, indem er -näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir -gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückten. ›Wollen -keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben -Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden- und anderen Höfen -geschimpft über mich, daß ich ein gewisses Gedicht von Langbein in -besagter Gesellschaft vorgelesen?‹ Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich -stark darüber ausgesprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil -ich glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm -berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an. Ich -schlüpfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weitergehen, -aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und -beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer -reichen Frau verholfen zu haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden -Morgen, statt des Frühstücks, magnetisieren lasse und dergleichen. Und -erst hier an der Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von -mir ab.« - -»Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?« fragte ich. »Halten denn -die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit -der Apostel?« - -»In Frankfurt,« belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, »in Frankfurt -ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre -Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten -sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur -Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur -in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und -Trinkstuben, auf Chausseen und Kasinos wird gekämpft, und so konnte es -leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die -Hände fiel. -- Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt dort -der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem Garten, sie -steigen aus?« - -»Ah, sie hat mich bemerkt,« rief das Kaninchen sehr freundlich, -»sie schaut schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem -Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß ich mich entferne. Miß -Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen -Affären --« - -Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen -Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die -junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens -dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen, denn ihr -Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der -Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte. - -Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß -es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen -vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte -das Glück, Rebekkchen in den Wagen heben zu dürfen und kam mit ganz -verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die -Hand gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz -fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen -und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen. - - - - -5. - -Der Kurier aus Wien kommt an. - - -Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche -und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt -erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen -der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter -guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt -des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone -geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir -viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, -von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht -wird, ich meine den deutschen Bundestag, von dem herrlichen Treiben und -Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen seinen -Anhängern und Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum goldenen -Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen beiden -Parteien, das heißt -- nur mit schneidenden Zungen und stechenden -Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst -man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im -Gitarrespielen und anderen Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen -muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener -Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren -der geringste über Millionen gebietet. - -Doch ich schweige von diesem allen, weil ich mir vorgenommen, dir einen -kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, seufzenden -Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt -vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an sich klein -und dennoch bedeutend, weil man leicht sozusagen in Schuß kommt und -unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp. -Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit einem ehrlichen -Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den geraden, ehrlichen Weg, -nicht weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es unbequem finden -mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen. - -Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war, und -daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend -ist. - -Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern -die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon machte ihn straucheln, -oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art, wie ich es -ihm eingab. Jetzt ist, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus -dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es ihm diesmal -leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal Aehnliches versuchen. Das -Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist ja -doch schon zum Teufel, warum soll er sich also genieren? Der große -Gewinn für mich liegt aber darin, daß die ersten Versuche des ehrlichen -Mannes, ein Betrüger zu werden, gewöhnlich gut ausfallen und zur -Wiederholung locken. Denn wer mit mir Geschäfte macht, kann, solange es -tunlich ist, darauf rechnen, sie mit Glück zu machen, und unglückliche -Spekulanten, von denen die Sage geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft -haben, hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten -mir zu wenig vertraut, und nicht ich war es, der sie verließ, sie -hatten sich selbst verlassen. - -Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken -lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen -Abhandlungen meinen Leser zu ermüden oder sogar abzuschrecken? -Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten -Leute verführen, die behaupteten, es liege zu wenig psychologische -Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen Memoiren, ich sei für -einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger -Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich genug? - -Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald -man vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im -Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein. - -Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der -Reis-Efendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über -das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte -selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch -das sogenannte Gleichgewicht etwas auf die Spitze gerückt zu werden -schien und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das -von Revolutionen und anderen lustigen Artikeln nur _träumt_ und im -_Schlafe_ spricht. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen, als -sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand lag -es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schönen -Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene -Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten -Steigen der -- -- auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung -herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der -Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen -wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, »das neidische Gewölk«, -mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Haus -umher. Die Kalle war die Mutigste von allen. Zwar war auch sie in -einiger Bewegung, denn sie las nicht mehr, weder in Clauren noch -in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht -ansehen, sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie -das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede die -zagenden Bundestruppen. - -Der Seufzer war gänzlich vom Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig -und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen Jüdin, -wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle -dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und sprach allerlei -verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden gedenke, wie und wo -er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen überschwengliche -Gedanken mehr waren, der Kalle aber flüsterte er ins Ohr, daß er sich -wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau Baronesse von Zwerner zu -Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln -wäre. - -Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Mädchen -und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich -übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen ihnen -nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur noch auf -die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts Bedeutendes -vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog hinaus, doch -diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem eleganten Wagen. -Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und nickte mir freundlich -zu, als wollte sie sagen: »Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich du -jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen einherzuwandeln -beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind, praktische -Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur hinaus ins -Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen.« Da fuhr sie -hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Großmutter, und -sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht; -da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter -Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: »Du sollst -den Feiertag heiligen, und an Pfingsten auch den dritten und vierten.« - -Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein -mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht annehmen -werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da jagte um elf -Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt, er -sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Straße, Million -genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die Leute rissen -die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um zu schauen nach -dem schrecklichen Trompeten- und Straßenlärm. »Wo kümmt er här? Wo -will er hün?« riefen sie. »In weißen Schwanen,« schrie er, »ich habe -den Weg verfehlt, wo geht's in weißen Schwanen?« -- »Der Herr is wohl -ä Korrier?« -- »Freilich, nur schnell,« rief er und zog einen Brief -mit großem Sigill aus der Tasche, »das kommt von Wien und ist an den -Herrn Zwerner aus Dessau im weißen Schwanen.« -- »Da an der Ecke geht's -rechts, dann die Straße links, dann kommt Er auf die Zeile, da reitet -Er bis an die Hauptwache, und von dort ist's nimmer weit.« So riefen -sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte, -und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die Depesche -aus Wien enthalten möchte. Der Kurier aber war niemand anders als einer -meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen Postillons -gekleidet. - - - - -6. - -Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle. - - -Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis-Efendi dem Herrn von -Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht -habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe, -annehmen werde. - -Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er -fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von -R..., dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren -papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er selbst hatte -schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und -Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so leicht konnte -hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und prüfte zuerst -Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. »Gotts Wunder!« sprach er -bedächtlich riechend, »Gotts Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, -wie es nur in Wien selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte zu -solchen Depeschen zu verwenden pflegen.« Dann betrachtete er genau -das Kuvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder -Poststation von Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich -sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand -hatte, und -- sie waren richtig. - -Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein -kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie -der Löwe das Hündchen, so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher -Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt -der inhaltschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war, -machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von -der wichtigen Nachricht avertiert habe, und berechnete dabei, welche -Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er -annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die _er_ in Wien für solche -Winke bezahlte, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit -auf die Börsenhalle. - -_Börsenhalle!_ unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der -diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor, wie -es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, Seitengängen, -schönen Portalen und dergleichen, wie wundert er sich aber und lächelt, -wenn er in _diese_ Börsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich -kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen, -vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen, -waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide häusliche -Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen Truthahns, -statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des Stallknechts mit -dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die hier ihren Salat -wäscht -- sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein -buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern, -mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit kühn gebogenen Nasen -und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung -schleichen, mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen, -den Hut in den Nacken zurückgedrückt, umher und fragen einander: -»Nun, wie stehen sie heute?« Du wandelst staunend durch dieses Gewühl -und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der -unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar, -daß du dich unter den Kindern Israels befindest, aber zu welchem -Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof -umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild -anzusehen, gewahr. Drauf steht mit goldnen Buchstaben deutlich zu -lesen: -- Börsenhalle. Also in der Börsenhalle der freien Stadt -Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares Gemunkel -und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken -als mit Worten fragend: »Ae Korrier es Wien?« »Gotts Wunder!« »Wer -hat'n gekriecht?« »Ae Fremder, der Zwerner von Dessau.« »Wie? kaner -von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron, nicht der -Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?« - -»Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?« - -»Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus -Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!« - -»Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis-Efendi? Hat er oder hat -er nicht? Wie werden se stehen?« - -»Ich hab's genug, 's is a Vertel auf eins, und noch will keiner -verkaufen, aus Schreck vor die Korrier. Wär' nur der Zwerner aus Dessau -da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue -Straße. Wirst sehen, 's wird geben ä grauße Operation! Der Herr wird -verstockt haben das Herz des Efendi, aß er hat nicht angenomme das -Oltematum von dem Moskeviter?« - -»Bethmännische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um -Vertelpurzent!« - -»Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie -stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie -stehen se?« - -»Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, weiß heut -keiner, wer iß Koch oder Kellner? Aß ich nicht kann riechen, wie se -stehen, die Metalliques!« - -Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein -Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange -Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiten sich -durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihren Platz -zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch -ist, wo nur die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große -Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des Tages, -der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen, -denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche -ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich und gesetzt -beisammen behalten mußte, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand -der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbater Rock und einer schneeweißen -Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so daß sein Volk -gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich zugetragen haben. - -Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach den Preisen. Sie -wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher. -Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger -in den Mund, sie fluchten Hebräisch und Syrisch auf den Christen, der -sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt, -auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf -seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles, selbst auf Sonne, -Mond und Sterne und auf Frankfurt und die Börsenhalle. Jetzt merkte -man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen -umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus -Dessau erklären --! »Das Ultimatum ist angenommen,« scholl es durch -den Hof, »der Reis-Efendi hat zugesagt,« hallte es durch die Ecken; -und obgleich die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief -anspielten, nur einige nähere Umstände angaben, nichts Bestimmtes -aussprachen, so stiegen doch die österreichischen, die Rothschildschen -und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten -Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von -einer halben Stunde um vier und ein halb Prozent. Mehrere Häuser, die -sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eins lag schon halb -und halb und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem -regierenden (Börsen-) Hause zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen -untergeschoben wurden. - -Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der -Frankfurter Börsenhalle: - - Metalliques 87⅜. - Bethmännische 75½. - Rothschildsche Lose 132. - Preußische Staatsschuldscheine 84. - -In den übrigen war nichts geändert worden. - - - - -7. - -Die Verlobung. - - -Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des -Seufzers aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch -die große Menge Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf -den Gang der Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von -Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine -Nachrichten vollkommen bestätigt wurden, da drängte sich alles um den -hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf -unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können. - -Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik, -seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für -Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit -diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die Polygamie in -Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist und das Herz -des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer Tapferkeit alle -Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus den Trancheen -der Million, selbst aus den Salons der neuen Mainzerstraße mit -glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht wurden. - -Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld -und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur -besondern Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er -sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen -zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, -die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Mann Europas machen mußte; denn, -wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder verkaufte, -glaubte er nie fehlen zu können. - -Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die -ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte, -ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen -lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem -Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden -auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert -würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte -bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung auf, -daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen -und in dem jöttlichen Frankfort leben müsse. - -Er ging es freudig ein und überließ mir dieses diplomatische -Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was -ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein -Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B., daß das ganze -Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande -kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war -auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten -Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst -daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und erinnerte -sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im weißen -Schwanen einigemal zu Mittag gespeist habe. - -Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines -Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen, -daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange -halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er, -auf sein blindes Glück und seinen noch blindern Verstand trauend, -unternahm, verlor er erst einmal fünfzig- oder hunderttausend und zog -seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn -schon auf Erden an. - -Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit -dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst -gnädige Frau von Zwerner, so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen -sich häufen werden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder wie -Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann willkommen -in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergnügen, -zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel, Rebekka, sich gestalten -zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn nachläßt und damit -zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende Hotel in der Zeile, die -Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt -der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muß in -den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp., wenn die gnädige Frau -herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau -wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, wie es nobel ist und -groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und unnobel handeln sieht! -Welche Perspektive! - -Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an -dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da -war ein Hin- und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es -wurde ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu -verfertigen; ein Hammel wurde geschächtet, um köstliche Ragouts zu -bereiten. - -Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause. -Nämlich, nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. -Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon -nicht treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett -abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen -und christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu -unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang? - -Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur _das_ -brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als zwanzig -Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in zärtlichen -Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle -Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch durch die eigene -Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall umherhüpfte und -jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich, die sein zartes -Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf einmal zu -lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn aber -dergestalt zu Grunde, daß er endlich elendiglich zusammensank und in -einem Wagen nach Hause gebracht werden mußte. - -Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach -Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig, denn als er am -Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka -das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt: -»Gotts Wunder! Gotts Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für -gesittete Leute! Es fehlt auch nicht _ein_ Kaffeelöffelchen, kein -Dessertmesserchen oder Zuckerlämmerchen ist uns abhanden gekommen! -Gotts Wunder!« - - - - -Der Festtag im Fegefeuer. - - Am Horizont in diesem Jahr - Ist es geblieben, wie es war. - - _M. Claudius._ - -(Fortsetzung.) - - - - -1. - -Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu erzählen. - - -Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen Memoiren -dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten -Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen -Schneiderbarons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden -entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach Berlin gehen -und erzählt, was ihm unterwegs begegnete. - -»Meine Herren,« fuhr der edle junge Mann fort, »als ich mich umsah, -stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher -Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, -sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. -Ich verstand soviel von der Welt, daß ich einsah, es würde weniger -auffallend sein, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem -älteren Mann gehen sieht als allein. Der Mann entlockte mir bald die -Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien -sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von -Garnmacher in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. ›Euer Onkel ist -ja schon seit zwei Monaten tot!‹ erwiderte er. ›O, du armer Junge, seit -zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von -ihm und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!‹ - -Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken, -ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; nach -und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten: ›Erinnerst du dich -gar nicht, mich gesehen zu haben?‹ fragte er; ich sah ihn an, besann -mich, verneinte. ›Ei, man hat mich doch in Dresden soviel gesehen,‹ -fuhr er fort; ›alle Alten und besonders die Jugend strömte zu mir und -meinem jungen Griechen.‹ - -Jetzt fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn schon gesehen hatte. Vor -wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen -Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und ließ den jungen -Athener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der -Ueberschuß für einen Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch -mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglücklichen Knaben sehen -zu können. Ich bezeigte dem Manne meine Verwunderung, daß er nicht mehr -mit dem Griechen reise. - -›Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner -Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, daß ich ihm -nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein Söhnchen, wenn du mein -Grieche würdest?‹ Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber -er gestand, mir, daß der andere ein ehrlicher Münchener gewesen sei, -den er abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die -griechische Sucht hätten.« - -»Wie?« unterbrach ihn der Engländer, »selbst in Deutschland nahm man -Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich -ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen -untergehen läßt.« - -»Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland,« antwortete Baron von -Garnmacher, des Schneiders Sohn, »was einmal in einem anderen Lande -Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders. -Wie nun vor kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher -die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies -erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher darüber -und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab -es bei uns, und man sah diese Leute mit großen Bärten, einen Säbel an -der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn -man sie fragte: ›Wohin?‹ so antworteten sie: ›In den heiligen Krieg, -nach Hellas gegen die Osmanen!‹ Bat sich nun etwa eine Frau oder ein -Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nähere -Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach Griechenland gegen die Türken -gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wünschten dem Philhellenen einen -guten Morgen und flüsterten, wenn er mit dröhnenden Schritten einen -Fußpfad nach Hellas einschlug: ›Der muß wenig taugen, daß er im Reich -keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muß.‹« - -»Ist's möglich?« rief der Marquis. »So teilnahmlos sprachen die -Deutschen von diesen Männern?« - -»Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl, einer unterdrückten -Sache beizustehen; mancher, um sich Kriegsruhm zu erkämpfen, der nun -einmal auf den Billards in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber -alle barbierte man über einen Löffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, -und schalt sie Landläufer.« - -»Mylord,« sagte der Franzose, »es sind doch dumme Leute, diese -Deutschen!« - -»O ja,« entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein Rumglas -gegen das Licht hielt; »zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen -unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen.« - -Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: »Auf diese -Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft -muß ich mich wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen, -dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan, -für ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: ›Es war -ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues -machen wollen?‹ oder sie sagen: ›Gut, wir wollen erst einmal sehen, wie -die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.‹ Fällt aber -etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes mit eigenen -Augen sehen, so lassen sie es sich ›etwas kosten‹. - -Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, -daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe, -eine Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier -traktieren konnten. - -Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war tot, ich hatte -nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein -Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander wurden, -daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle -Gegenstände auf neugriechisch nennen, bläute mir einige Floskeln -in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich instruiert war, -schwärzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein -Gesicht gelblich, und -- ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders -das für vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar von -Seide. So zogen wir im Lande umher und gewannen viel Geld.« - -»Aber mein Gott,« unterbrach ihn der Franzose, »sagen Sie doch, -in Deutschland soll es so viele gelehrte Männer geben, die sogar -Griechisch schreiben. Diese müssen doch auch sprechen können; wie haben -Sie sich vor diesen durchbringen können?« - -»Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen -größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, -daß sie vor zweitausend Jahren mit Thukydides hätten korrespondieren -können, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mußten -zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen -wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, -eine herrliche Floskel bereit: -- -- -- ›Mein Herr, das ist nicht -griechisch.‹ Mein Führer unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt, -dem Publikum ins Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen -gewöhnlich über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, daß -sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen. - -So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze -Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und -hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit -einem Band im Knopfloch auf, der mir große Aehnlichkeit mit meinem -Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken -Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herrn von Garnmacher -tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten, -ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle, -wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als -königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine -rührende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche -auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der -mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen Vater, -den ~Marchand tailleur~, erinnert sein wollte, die Wut meines Führers, -alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst komisch vor. - -Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, ließ mir -Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich -eine neue Katastrophe.« - - - - -2. - -Der Baron wird ein Rezensent. - - -»Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein -berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, -und ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins reine -zu schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels -Geist denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und -bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche -Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, -über welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht -interessieren.« - -»Nein, nein!« rief der Lord. »Ich habe schon öfters von dieser -kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. in -Edinburg und London, einige Anstalten dieser Art, aber sie werden, höre -ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen.« - -»Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare, -aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer -noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht das, -was leicht und gesellig, sondern was mit einem recht schwerfälligen -gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und schön gilt, -so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der Literatur. -Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der -Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht an ein -öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte; man glaubt darin zu viel zu -wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld und gute -Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der -Chorus des Publikums einfällt.« - -»Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?« -unterbrach ihn der Lord. »Ich finde das recht hübsch. Man braucht -selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann -dennoch in der Gesellschaft mitstimmen.« - -»Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So -aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt -irgend eine Partie und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in -der Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Vossiden oder -Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz, für einen Yaner -gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partei an und haut und sticht -mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem oder jenem -großen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine Verlagsartikel -gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden; oft -muß man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen, es mit keinem ganz -verderben, auf beiden Achseln (Dichter-) Wasser tragen und, indem man -einem freundlich ein Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein -Bein unterschlagen.« - -»Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik -und Literatur zu handhaben?« fragte der Marquis. »Ich muß gestehen, in -Frankreich würde man ein solches Wesen verachten.« - -»Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Uebrigens -sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die -eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen, -gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt. -Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs -der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit -Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie -umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch -dürfen sie sich gerade nicht schämen, denn sie rezensieren anonym, und -nur _einer_ unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem -Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.« - -»Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!« rief der Lord lächelnd. - -»Ein Matador in jedem Sinne des Wortes. Auf spanisch -- ein -Totschläger, denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, -er ist der höchste Trumpf, dieser Matador, und zählt für zehn, wenn er -~Pacat ultimo~ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er -Matador! Denn er, der Hauptkämpfer, ist es, der dem armen gehetzten und -gejagten Stier den Todesstoß gibt.« - -»Gestehen Sie, Sie übertreiben; -- Sie haben gewiß einmal den -unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig -vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?« - -Der junge Deutsche errötete: »Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, -doch war es nur eine Novelle, und leider nicht so bedeutend, daß es -wäre rezensiert worden; aber nein; ich selbst habe einige Zeit unter -meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht -und kenne diese Affären genau. Nun, mein Onkel brachte mir also -die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die _erste_ war die -_sanftlobende_ Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk, -lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen -Bahn fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, -die dem Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für -sich gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge, -schriftstellerische Damen.« - -»Wie?« erwiderte der Lord. »Haben Sie deren so viele, daß man eine -eigene Klasse für sie macht?« - -»Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jüngere -und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene Klasse -machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr Anbeter -und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die _zweite_ Klasse -ist die _lobposaunende_. Hier werden entweder die Verlagsartikel des -Buchhändlers, der das Blatt bezahlt oder die Parteimänner gelobt. Man -preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist glücklich, daß die Nation -einen solchen Mann aufweisen kann. Die _dritte_ Klasse ist dann die -_neutrale_. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit -geraten mag, etwas kühl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr -über das ~Genus~ ihrer Schrift und über ihre Tendenz, als über sie -selbst, und gibt sich Mühe, in recht vielen Worten _nichts_ zu sagen, -ungefähr wie in den Salons, wenn man über politische Verhältnisse -spricht und sich doch mit keinem Wort verraten will. - -Die _vierte_ Klasse ist die _lobhudelnde_. Man sucht entweder einen, -indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein -wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand -und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden oder -doch lächerlich machen. Die _fünfte_ Klasse ist die _grobe, ernste_; -man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Roß und schaut -hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte des -Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen -Schriften zu finden, was zu gefährlich ist, als daß man öffentlich -davon sprechen möchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen -Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der -Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfüllt. Die _sechste_ -Klasse ist die _Totschlägerklasse_. Sie ist eine Art von Schlachtbank, -denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne -Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge- und Stampfmühle, denn der -Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein -und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie.« - -»Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen -Vertilgungssystem?« fragte Lasulot. - -»Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen -die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es -freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen -aufeinander anrennen sieht, und -- wenn die Rippen krachen, wenn einer -sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ›Ein -Stier, ein Stier, ruft's dort und hier!‹ In Spanien treibt man das -in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar -tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden -an ihm beißen, wenn der _Matador_ von der Galerie hinab in den Zirkus -springt, - - und zieht den Degen - und fällt verwegen - zur Seite den wütenden Ochsen an -- - -da freut sich das liebe Publikum, und von ›Bravo!‹ schallt die Gegend -wider!« - -»Das ist köstlich!« rief der Engländer, doch war man ungewiß, ob sein -Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm. -»Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?« - -»Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet; -wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei -befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem Vormittag -ein Buch las und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft traf es -sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte. Er -zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer -aus Zimtholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, daß es große -Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen -beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer -düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse -frischer an, warf in der fünften einen so großen Holzstoß zu, als die -Sancta simplicitas in Konstanz dem Huß, und fing dann zum sechsten an, -den Unglücklichen an dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu -rösten, bis er ganz schwarz war.« - -»Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene -Meinungen über _einen_ Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!« - -»Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die -ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten -eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat, und ihm morgen -der Herr von ... einige Sous mehr bietet, so hält er einen Panegrikus -gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen -Vorzimmer gelebt.« - -»Aber dann geht er förmlich über;« bemerkte der Marquis; »aber Ihr -Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf Augen, -die Hälfte mehr als der Höllenhund.« - -»Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und -Handarbeiten weit gebracht,« erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann, -»so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht -hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden -durchlesen, sondern auch den Inhalt einer _unaufgeschnittenen_ Schrift -auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei sie -war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ›Ich will dir,‹ sagte er, ›die -erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie -nun einmal heutzutage ist, kann nichts mit Maß tun. Sie lobt entweder -über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschämt. Solche -Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß haben, sind übrigens -oft nicht mit Geld zu bezahlen. Man legt sie an die Kette, bis man sie -braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf -den Mann dressiert, trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu -dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber -sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut.‹ - -So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das -Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr -rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es -schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden -Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun -schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu -exequieren, so ließ er mir sagen: ›Mein lieber Neffe! nur immer Nr. 5 -und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen -tüchtig durch,‹ und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung -bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die -Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der -Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter -zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil- und -unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale.« - -»~Goddam!~ Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?« rief der Lord -mit wahrem Grauen. »Aber wenn Sie alle Tage nur _ein_ Buch rezensieren, -das macht ja im Jahr 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterland jährlich -selbst nur ein Dritteil dieser Summe?« - -»Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies -fragen. So viele gibt es in _einer_ Messe, und wir haben jährlich zwei. -Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte -Lust- und Trauerspiele, hundert schöne und miserable Erzählungen, -Novellen, Historien, Phantasien etc., dreißig Almanache, fünfzig Bände -lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder -Hexametern, vierhundert Uebersetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen, -und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-, Konfessionsbücher, die -Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung guten Champagners aus Obst, -zu Verlängerung der Gesundheit, die Betrachtungen über die Ewigkeit, -und wie man auch ohne Arzt sterben könne usw. sind nicht zu zählen; -kurz, man kann in meinem Vaterland annehmen, daß unter fünfzig Menschen -immer einer Bücher schreibt; ist einer einmal im Meßkatalog gestanden, -so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahr nicht auf. Sie können -also leicht berechnen, meine Herren, wieviel bei uns gedruckt wird. -Welcher Reichtum der Literatur, welches weite Feld für die Kritik!« - -Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, -mit einer Andacht gesprochen, die sogar _mir_ höchst komisch vorkam; -der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je -verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz -gesteigert zu werden. - -»Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von -Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ,« sagte der Marquis, -»aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir -unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu -lachen. Ihr seid sublime Leute! Das muß man euch lassen.« - -»Und der Herr hier hat recht,« bemerkte Mylord mit feinem Lächeln. -»Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste -ist, nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So -fuhr ich einmal auf meiner ~Grand tour~ in einem deutschen Ländchen. -Der Weg war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ -endlich durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den -Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er -uns so miserable Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: ›Was das -Post- und Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.‹ Wir waren -verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch -Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe? ›Er -schreibt!‹ war die kurze Antwort des Kerls. ›Wie? Briefverzeichnisse, -Postkarten?‹ -- ›Ei, behüte,‹ sagte er, ›Bücher, gelehrte Bücher.‹ -- -›Ueber das Postwesen?‹ fragten wir weiter. ›Nein,‹ meinte er; ›Verse -macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang -als mein Arm!‹ und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des -Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in -der Seele wehe tat. ›~Goddam!~‹ sagte mein Begleiter. ›Wenn der Herr -Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager -auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage fördern!‹ -Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten Station -erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter wie Sie, Mr. Garnmacher, -ein großer Kritiker.« - -»Ich weiß, wen Sie meinen;« erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger -Miene, »und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich -eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. -Uebrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, -nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Land möchte etwas dergleichen -auffallen, aber bei uns zulande ist das was anderes. Da kann jeder in -die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein -Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn -er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines -Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schöne -romantische Zeit des Mittelalters, nein, wir sind, und ich rechne -mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander -die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen, wir -üben das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische -Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie -ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren -und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben.« - -»Herr von Garnmacker,« unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, »ich -würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn sie -nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen Sie -uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir -verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal -und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!« - -»Sie haben recht,« sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein -Sixpencestück zuwarf, »der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende -Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele -Bekannte aus der Stadt hier sind?« - -»Wie?« rief der junge Deutsche nicht ohne Ueberraschung, »Sie wollen -also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm -zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich einen -Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche -Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte -fängt jetzt erst an, interessant zu werden.« - -»Sie können recht haben,« erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lächeln, -»aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten -Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die -Sie uns zeigen können.« - -»Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte,« sagte der -Marquis lachend, »aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die -Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante -Erzählung, möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir.« - -»Gut,« erwiderte der deutsche Stutzer, resigniert und ohne beleidigt zu -scheinen. »Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft -sehr angenehm, denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre, -sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu -können.« - -Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte -schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren -Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun. - -Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich -- es ist möglich, -daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in -manchem hervorbringen; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute -zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, -wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So -kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff -zu tausend Reflexionen gibt, denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen -Leutchen nur _ein_ Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, -und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im Prater, wie auf der -~Chaussée d'Antin~ oder im ~Palais royal~, wie Unter den Linden oder -wie in ... - -Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer -aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und ~Merveilleuses~ aller Zeiten, -Theologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Financiers von -Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London; und sie alle in Streit -über ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: »Zu -unserer Zeit, ja! zu unserer Zeit war es doch anders!« Aber ach, meine -Stutzer kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von -Garnmacher einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner -Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier -zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die -Promenadenzeit verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater. - - - - -3. - -Das Theater im Fegefeuer. - - -Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich -ist es weder ~Opera buffa~ noch ~seria~, weder Trauer- noch Lustspiel; -ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und Aktricen, Tänzer -und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man ein so gemischtes Publikum -mit einem dieser Stücke unterhalten? Ließe ich von Zacharias Werner -eine schauerlich-tragi-komisch-historisch-romantisch-heroische Komödie -aufführen -- wie würden sich Franzosen und Italiener langweilen, um -von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben, gar -nicht zu sprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben -lassen, etwa die Kleinstädter in der Hölle, wie würde man über -verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung -getroffen. - -Mein Theater spielt große pantomimische Stücke, welche wunderbarerweise -nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber -mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen -hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine einen Erlaubnisschein, -als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt -es mir? Was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen Frau, zum -Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt es dem Manne, der sich -schon um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine dringt -- - - Eine kalte weiße Hand, - Wen erblickt er? Seine Wilhelmine, - Die im Sterbekleide vor ihm stand? - -Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse -helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit -dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich ins Departement -schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten -pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem -Ohr; zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit -glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es -dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer -bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und mit -krampfhaft gekrümmten Fingern an den Fässern anpocht, die er bestohlen? -Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der -Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer, -um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? -Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle würden sich unglücklicher -fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wäre -eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu -_lebenslänglicher_ Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, »_noch sechs Jahre -länger_« unterschrieb, weil er den Mann haßte. Aber sie würden mir auf -der andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir -manchen fromm zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der -zu Lebzeiten so viel getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken -wollte -- ich habe darin zu viele Erfahrungen gemacht und kann es in -neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker genug -tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, daß es in diesen Tagen wenig -mehr in den _Häusern_, desto mehr aber in den _Köpfen_ spukt. - -Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft -zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner -höllischen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt: - - _Mit allerhöchster Bewilligung._ - - Heute als am Geburtsfeste - - der Großmutter, diabolischen Hoheit: - - Einige Szenen aus dem Jahr 1826. - - Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters. - - Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen - Meisterwerken zusammengesucht von Rossini. - - (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr viele - allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird - gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und - Ministern bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie - der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwärts zu - überlassen. - - Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters. - -Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Haus. Ich bot mich -den drei jungen Herren als Cicerone an und führte sie glücklich durch -das Gedränge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die -erste, der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge hätten -eintreten dürfen, fanden es diese drei Subjekte aber amüsanter, von -ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. -Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen, wenn -sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders Garnmacher -schien vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu können. »Nein, -ist es möglich?« rief er wiederholt aus. »Ist es möglich? Sehen Sie, -Marquis, jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den -roten Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame. Dieser starb -in Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem -unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe -ich sie gesehen und gesprochen? Sie war eine liebenswürdige fromme -Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den -Ball -- sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den -dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar -wollte man behaupten, sie sei in Teplitz an einem heimlichen Wochenbett -verschieden, aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen, wer konnte das -glauben?« - -»Ha! die Nase von Frankreich!« rief auf einmal der Marquis mit Ekstase. -»Heiliger Ludwig, auch Ihr unter Euern verlorenen Kindern? Ha! und -ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schönes Vaterland in die -Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene häßlichen, kriechenden -Menschen? Sehen Sie dort -- das sind berühmte Missionare, die uns -glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir. Dem Teufel sei es -gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich versammelt hat.« - -»O, mein Herr,« sagte ich, »da hätten Sie nicht nötig gehabt, bis ins -Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich -zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hölle nichts -Erbärmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im -~Café de Congrégation~ wimmelt es von diesen Herren, vom Kardinal bis -zum schlechten Pater. Sie können manche heilige Bekanntschaft dort -machen.« - -»Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier,« erwiderte Mylord. »Sagen Sie -doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform nebenan? Sie unterhalten -sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lächeln. Sind es Engländer?« - -»Verzeihen Sie,« antwortete ich, »es sind Soldaten und Offiziere von -der alten Garde, die sich mit einigen Preußen über den letzten Feldzug -besprechen.« - -Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen und wollten -mehr fragen, aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten -und Pauken der Rossinischen Ouvertüre schmetterten in das volle Haus. -Es war die herrliche Ouvertüre aus ~Il maestro ladro~, die Rossini -auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzückt über die -schönen Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und jedes -fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem herrlich -komponierten Stück. Ich halte auch außer der ~Gazza ladra~ den -~Maestro ladro~ für sein Bestes, weil er darin seine Tendenz und seine -künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz ausgesprochen hat. Die -Ouvertüre endete mit dem ergreifenden Schluß von Mozarts Don Juan, dem -man, zur Vermehrung der Rührung, einen Nachsatz von Pauken, Trommeln -und Trompeten angehängt hatte, und -- der Vorhang flog auf. - -Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Aengstlich drängten -sich die Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen -standen Geldmäkler, große und kleine Kaufleute und steigerten die -Papiere. Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, -kamen in sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. -Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem ~Pas de deux~ -entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick erscheint -mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in der Szene. -Seine Mienen, seine Haltung drücken Verzweiflung aus. Man sieht, -seine Fonds sind erschöpft, sein Beutel leer, er muß seine Zahlungen -einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn ein, um -sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine Gebärdensprache ist -bezaubernd -- es hilft nichts. Da rafft er sich verzweiflungsvoll auf. -Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie ein gefallener König -ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge reichen zu einer immensen -Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller fällt das Haus Goldsmith -in London. Komisch war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen, -deutschen und französischen Häuser, vorgestellt von den Herren vom -~Corps de ballet~, diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten -künstlich und fielen noch künstlicher, besonders exzellierten hierbei -einige Berliner Börsenkünstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen -wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten und allgemeine Sensation im -Parterre erregten. - -Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über. -Die herrliche Passage aus der Italienerin in Algier: »_Heil dem großen -Kaimakan_« ertönte. Ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren -und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war, -wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte -Stadt kommt. Man denkt nicht daran, daß der spekulative Kopf, der das -Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner Wucherer ist, der den -Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren Preisen losschlägt. Man -denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den schützenden -Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Häuser richteten sich -mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den -Messias der Börse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister berühmter -Könige und Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, -der die transparente Inschrift: »_Seid umschlungen, Millionen!_« trug. -Ein Herr mit einer pikanten, morgenländischen Physiognomie, wohlbeleibt -und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen und stellte den -Triumphator vor. - -Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern -der Minister herab auf den Boden stieg. »Das ist Rothschild! Es lebe -Rothschild!« schrie man von den ersten Ranglogen und klatschte und -rief Bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer, -der diese schwierige Rolle meisterhaft durchführte; besonders als er -mit dem englischen, österreichischen, preußischen und französischen -Ministerium einen Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Rothschild -gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den -Frieden, und der erste Akt der großen Pantomime endigte sich mit einem -brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem -allerhöchsten ~cher cousin~ gemacht wurde. - -Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich ungnädig über -diese Szene aus. »Es war zu erwarten,« sagte er, »daß diese Menschen -bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen werden, aber daß auf der -Börse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahr 1826, das -ist unglaublich.« - -»Mein Herr!« erwiderte der Marquis lachend, »unglaublich finde ich -es nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht -einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt -erblickte, durch Kombination so weit kommen, daß er Kaiser und Könige -in seinen Sack stecken kann?« - -»Aber England, Alt-England! Ich bitte Sie,« rief der Lord schmerzlich. -»Ihr Frankreich, Ihr Deutschland hat von jeher nach jeder Pfeife tanzen -müssen! Aber, ~Goddam!~ das englische Ministerium mit diesem Hepphepp -einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist schmerzlich!« - -»Ja, ja!« sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig. -»Es wird und muß so kommen. Freilich, ein bedeutender Unterschied -zwischen 1826 und der Zeit des Königs David!« - -»Das finde ich nicht,« antwortete der Marquis, »im Gegenteil, Sie sehen -ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!« - -»Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied,« erwiderte der -Deutsche. »Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur _einen_ König, -jetzt haben aber alle Könige nur _einen_ Juden.« - -»Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine -Szene uns der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich -oder Italien kommt ans Brett.« - -»Ich denke, Deutschland,« erwiderte Garnmacher. »Ich wenigstens -möchte wohl wissen, wie es im Jahr 1826 oder 1830 in Deutschland sein -wird. Als ich die Erde verließ, war die Konstellation sonderbar. Es -roch in meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in -die Luft fliegt. Die Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die -feinsten diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen -geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme. -Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende Veränderungen geben?« - -»Es wird heißen: Auch in diesem Jahre ist es geblieben, wie es war,« -antwortete ich dem guten Deutschen. »Um eine Lunte auszulöschen, bedarf -es keiner großen Künste. Man wird bleiben, wie man war, man wird -höchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr -Vaterland in Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 dort -aussieht? Armer Herr, da müßte ich ja zuvor noch fragen, was für ein -Landsmann Sie sind?« - -»Wie verstehen Sie das?« fragte der Baron unmutig. - -»Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen, -da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen -zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen -Rezepten braut. Sind Sie ein Württemberger, so könnten Sie erfahren, -wie man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße, und drückt -Sie der Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren, denn an dem -Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so trinken -Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot, aber denken Sie -nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in der -nächsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, daß -Ihnen die Haare zu Berge stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schöne -Taille bekommen -- --« - -»Herr, sind Sie des Teufels!« fuhr der Baron auf. »Wollen Sie uns alles -Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie --« - -»Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!« rief der -Marquis. »Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre Dame! Das -finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen -will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der -Kammer?« - -Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang -und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange -Prozession, angeführt von den Missionaren, betrat die Bühne. Da sah -man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter -Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen -des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die ~à -la~ Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die -niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum -staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin -D--s, die Komtesse de M--u, die Fürstin T--d im Kostüm einer Büßenden -zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit -Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, als -sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschälle, den Degen an der -Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbücher unter dem Arm, über die -Szene ging, da wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde -an unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und -wer weiß, was meinen Akteurs geschehen wäre, hätte man faule Aepfel -oder Steine in der Nähe gehabt? Das hohe Portal von Notre Dame hatte -endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über -die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem -Arm eine Vulgata trug. Man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als -Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionare wie ein Kalb -führten. So oft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche -Seitensprünge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeißel -gezüchtigt und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu versöhnen: »~Vive -le bon Dieu! vive la croix!~« So brachten sie ihn endlich mit großer -Mühe zur Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel. - -»Haben Sie nun Genugtuung?« sagte der Marquis zu dem Lord. »Was ist -Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O, mein -Frankreich, mein armes Frankreich!« - -»Es ist wahr,« antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die -Hand drückte, »Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an diese -tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter -den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks, -der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im -Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel -erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, es ist -ein Blendwerk der Hölle!« - -»Das möchte doch nicht so sicher sein,« sagte ich. »Das Vaterland des -Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der -Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen.« - -»Aber was wollten Sie nur mit dem Affen in Notre Dame?« fragte der -Baron. »Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?« - -»Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joko, -der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch -von den Missionaren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen -Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn -wohl in der Kirche taufen.« - -»~Goddam!~ was Sie sagen. Doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion -bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird. Wenn es nichts -Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese -Pantomimen etwas langweilig.« - -»Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,« -antwortete ich. »Es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt, -das der Reis-Efendi den Gesandten hoher Mächte gibt, das Siegesfest -der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus -Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das -Hauptstück der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen -Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird -ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er -sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner -mohammedanischen Majestät eröffnet.« - -»Ei!« rief der Marquis. »Was wollen wir diese Schande der Menschheit -sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und -dumm, aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! -Kommt, meine Freunde. Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn -von Garnmacher hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische -Diner betrachten!« - -Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und -verließen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem -derben Fluche zurück und rief: »Wahrlich, es steht schlimm mit der -Zukunft von 1826!« - - - - -Inhalt. - - - Erster Teil. - - Einleitung. - - Seite - - Erstes Kapitel. Der Herausgeber macht eine interessante - Bekanntschaft 5 - - Zweites Kapitel. Der schauerliche Abend 10 - - Drittes Kapitel. Der schauerliche Abend. (Fortsetzung) 17 - - Viertes Kapitel. Das Manuskript 24 - - Die Studien des Satan auf der berühmten Universität ...en. - - Fünftes Kapitel. Einleitende Bemerkungen 30 - - Sechstes Kapitel. Wie der Satan die Universität bezieht - und welche Bekanntschaften er dort machte 34 - - Siebentes Kapitel. Satan besucht die Kollegien; - was er darin lernte 40 - - Achtes Kapitel. Der Satan bekommt Händel und schlägt - sich. Folgen davon 46 - - Neuntes Kapitel. Satans Rache an Doktor Schnatterer 49 - - Zehntes Kapitel. Satan wird wegen Umtrieben eingezogen - und verhört; er verläßt die Universität 53 - - Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin. - - Elftes Kapitel. Wen der Teufel im Tiergarten traf 60 - - Zwölftes Kapitel. Satan besucht mit dem ewigen Juden - einen ästhetischen Tee 67 - - Dreizehntes Kapitel. Angststunden des ewigen Juden 74 - - Vierzehntes Kapitel. Der Fluch. Eine Novelle 83 - - Fünfzehntes Kapitel. Das Intermezzo. -- Die Trinker 92 - - Satans Besuch bei Herrn von Goethe. - - Sechzehntes Kapitel. Bemerkungen über das Diabolische - in der deutschen Literatur 100 - - Siebzehntes Kapitel. Der Besuch 107 - - Der Festtag im Fegefeuer. Eine Skizze. - - Achtzehntes Kapitel. Beschreibung des Festes. - Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen 113 - - Neunzehntes Kapitel. Geschichte des deutschen Stutzers 120 - - - Zweiter Teil. - - Vorspiel, worin von Prozessen, Justizräten die Rede, - nebst einer stillschweigenden Abhandlung: - »Was von Träumen zu halten sei?« 132 - - Der Fluch. Novelle. (Fortsetzung) 142 - - Mein Besuch in Frankfurt. - - 1. Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen - sah 203 - - 2. Trost für Liebende 208 - - 3. Ein Schabbes in Bornheim 215 - - 4. Das gebildete Judenfräulein 220 - - 5. Der Kurier aus Wien kommt an 226 - - 6. Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle 229 - - 7. Die Verlobung 233 - - Der Festtag im Fegefeuer. (Fortsetzung.) - - 1. Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu - erzählen 236 - - 2. Der Baron wird ein Rezensent 240 - - 3. Das Theater im Fegefeuer 248 - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 26: Kastel → Kassel - es brenne drüben in {Kassel} - - S. 47: Groschenstück → Groschenstrick - Würgers ein {Groschenstrick} war - - S. 52: Züge → Zunge - schien seine {Zunge} gelähmt - - S. 56: höchstpreislichen → höchstpreuslichen (nach anderen Ausgaben) - einer {höchstpreuslichen} Zentral-Untersuchungskommission - - S. 189: vom → dem - er diese Nachricht {dem} Kardinal - - S: 207: Haned → Hand - mit ihrem Jokofächer auf die {Hand} - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i - sechs Bänden. Vierter Band, by Wilhelm Hauff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - -***** This file should be named 61098-0.txt or 61098-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/0/9/61098/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Vierter Band, by Wilhelm Hauff. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2, h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.chapcit { - margin-left: 40%; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -ul.nomark { list-style-type: none; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdi { - text-align: left; - padding-left: 1em; - text-indent: -1em; -} -.tdr { - text-align: right; - vertical-align: bottom; -} -.tdc { - text-align: center; - padding-top: 1ex; - padding-bottom: 1ex; -} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.letter { - margin-left: 5%; - margin-right: 5%; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right {text-align: right;} - -.larger { - font-size: larger; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: dashed 1px;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} - -.footnote p { - text-indent: 0; -} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: 70%; - text-decoration: none; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} - .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - .poem span.i2 {display: block; margin-left: 1em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - .poem span.i4 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} -@media handheld { - .chapcit { - margin-left: 25%; - } -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs -Bänden. Vierter Band, by Wilhelm Hauff - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Vierter Band - -Author: Wilhelm Hauff - -Annotator: Alfred Weile - -Release Date: January 4, 2020 [EBook #61098] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1> -Wilhelm Hauffs<br /> -<span class="smaller">sämtliche Werke in sechs Bänden</span></h1> -<p class="center"> -Mit einer biographischen Einleitung<br /> -von <em class="gesperrt">Alfred Weile</em></p> -<p class="center"> -Neu durchgesehene Ausgabe</p> -<p class="center smaller"> -:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::</p> -<p class="center larger"> -Vierter Band.</p> -<p class="center p2"> -A. Weichert Verlag, Berlin NO.<sup>43</sup>, Neue Königstr. 9. -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2"> -Mitteilungen<br /> -<span class="smaller">aus den</span><br /> -<span class="larger">Memoiren des Satan.</span> -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Erster_Teil">Erster Teil.</h2> - -<p class="h2">Einleitung</p> - -<div class="chapcit"> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto.</em><br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Tassos</em> Jerusalem. V. 44. -</p> -</div> - -<h3 id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.</span></h3> -</div> - -<p>Wer, wie der Herausgeber und Uebersetzer vorliegender -merkwürdiger Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers -1822 in Mainz war und in dem schönen Gasthof zu den -drei Reichskronen logierte, wird gewiß diese Tage nicht unter -die verlorenen seines Lebens rechnen.</p> - -<p>Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst -nicht gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm -zu machen. Feine Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte -man auch sonst wohl dort gefunden, seltener, gewiß sehr selten -so ausgesuchte Gesellschaft. Ich erinnere mich nicht, jemals in -meinem Leben, weder vor- noch nachher, einen meiner damaligen -Tisch- und Hausgenossen gesehen zu haben, und dennoch schlang -sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges Band der -Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner -den andern kannte oder seine näheren Verhältnisse zu wissen -wünschte, nie für möglich gehalten hätte.</p> - -<p>Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, -dieser Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser -ruhigen Heiterkeit des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen -für die Gesellschaft beigetragen haben, aber nicht mit -Unrecht glaube ich diese Erscheinung einem sonderbaren, mir -nachher höchst merkwürdigen Mann zuschreiben zu müssen.</p> - -<p>Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span> -vor Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den -ich seit langen Jahren nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten -oder dreißigsten bestellt, ich wäre nicht mehr länger -geblieben, denn die schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die -Gesellschaft im Hause war anständig, freundlich sogar, aber kalt. -Man ließ einander an der Seite liegen, wenig bekümmert um -das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man einander -die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die -Salatiere darzubieten habe, wußte jeder, »aber das Genie, ich -meine den Geist«, wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch -weniger nachher aus.</p> - -<p>Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den -freien Platz vor dem Hotel herab und dachte nach über meine -Forderungen an die Menschen überhaupt und an die Gasthofmenschen -(worunter ich nicht Wirt und Kellner allein verstand) -insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über das Steinpflaster -der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem -Fenster.</p> - -<p>Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante -Herrschaft schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder -auf dem Bock noch hinten im Kabriolett ein Diener saß, was -doch eigentlich zu den vier Postpferden, mit welchen der Wagen -bespannt war, notwendig gepaßt hätte.</p> - -<p>»Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen -müssen,« dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die -Hand des großen, stattlichen Oberkellners, der den Schlag -öffnete.</p> - -<p>»Zimmer vakant?« rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.</p> - -<p>»So viele Euer Gnaden befehlen,« war die Antwort des -Giganten.</p> - -<p>Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem -Wagen und trat in die Halle.</p> - -<p>»Nr. 12 und 13!« rief die gebietende Stimme des Oberkellners, -und Jean und George flogen im Wettlauf die Treppe -hinan.</p> - -<p>Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer -wollte kein zweiter heraussteigen.</p> - -<p>Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal -hatte er hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p> - -<p>»Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort!« rief ich hinab, -»wer war denn –«</p> - -<p>»Werde gleich die Ehre haben,« antwortete der Gefällige -und trat bald darauf in mein Zimmer.</p> - -<p>»Eine sonderbare Erscheinung,« sagte ich zu ihm; »ein -schwerer Wagen mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr -ohne alle Bedienung.«</p> - -<p>»Gegen alle Regel und Erfahrung,« versicherte jener, »ganz -sonderbar, ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, -es sei ein Guter, denn er gab immer zwei Taler schon seit acht -Stationen. Vielleicht ein Engländer von Profession, die haben -alle etwas Apartes. –«</p> - -<p>»Wissen Sie den Namen nicht?« fragte ich neugieriger, -als es sich schickte.</p> - -<p>»Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben,« -antwortete jener; »haben der Herr Doktor sonst noch etwas –?«</p> - -<p>Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; -er ging und ließ mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen -im achtsitzigen Wagen allein.</p> - -<p>Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner -an mir vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er -wurde mich kaum gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in -der andern die Tafel, vor mich hintrat, mir solche präsentierend.</p> - -<p>»von Natas, Partikulier,« stand aufgeschrieben. »Hat er -noch keine Bedienung?« fragte ich.</p> - -<p>»Nein,« war die Antwort, »er hat zwei Lohnlakaien angenommen, -die ihn aber weder aus- noch ankleiden dürfen.«</p> - -<p>Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft -schon niedergelassen, ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber -saß Herr von Natas.</p> - -<p>Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, -so wurde er mir jetzt um so interessanter, da ich ihn in der -Nähe sah.</p> - -<p>Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Auge und der -volle Bart von glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von -den feingespaltenen Lippen oft enthüllt, wetteiferten mit dem -Schnee der blendend weißen Wäsche. War er alt? war er -jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn bald schien sein -Gesicht mit jenem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem -Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene -Nase zu dem mutwilligen Auge hinauf zieht, früh gereifte und -unter dem Sturm der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten;<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -bald glaubte man einen Mann von schon vorgerückten -Jahren vor sich zu haben, der durch eifriges Studium einer -reichen Toilette sich zu konservieren weiß.</p> - -<p>Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu <em class="gesperrt">einer</em> Körperform -passen und sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, -daß es Sinnentäuschung sei, daß das Auge sich schon zu sehr -an diese Form, wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als -daß es sich eine andere Mischung denken könnte. Dieser Kopf -konnte nie auf einem untersetzten, wohlbeleibten Körper sitzen, -er durfte nur die Krone einer hohen, schlanken, zartgebauten -Gestalt sein. So war es auch, und die gedankenschnelle Bewegung -der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um -den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten, drückte -sich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme Haltung, -durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der -Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anstande des -Mannes aus.</p> - -<p>So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel -saß. Ich hatte während der ersten Gänge Muße genug, -diese Bemerkungen zu machen, ohne dem interessanten vis-a-vis -durch neugieriges Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue -Gast schien übrigens noch mehrere Beobachtungen zu veranlassen, -denn von dem obern Ende der Tafel waren diesen Abend die -Brillen mehrerer Damen in immerwährender Bewegung; mich -und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen höchstens -mit bloßem Auge gemustert.</p> - -<p>Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen -Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. -Er kam an den Fremden. Dieser warf einen -Taler unter die kleine Münzensammlung und flüsterte dem -überraschten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen Bücklingen -schien dieser zu bejahen und zu versprechen und schritt -eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden aufs -neue gestimmt.</p> - -<p>Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; -der Direktor gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten -erkannte ich die herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde -lehnte sich nachlässig in seinen Stuhl zurück, er schien nur der -Musik zu gehören; aber bald bemerkte ich, daß das dunkle Auge -unter den langen, schwarzen Wimpern rastlos umherlief, – es -war offenbar, er musterte die Gesichter der Anwesenden und den -Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie machte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span></p> - -<p>Wahrlich! dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner -zu verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man -sich aus der wärmern oder kältern Teilnahme an dem Reich der -Töne auf die größere oder geringere Empfänglichkeit des Gemüts -für das Schöne und Edle ziehen wollte; heult ja doch auch -selbst der Hund bei den sanften Tönen der Flöte, das Pferd -dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern der Trompeten, -stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester und -straffer.</p> - -<p>Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen, -als die Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten -Stellen des Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment -über die glückliche Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen -uns ein Gespräch über die Wirkung der Musik auf diese -oder jene Charaktere entsponnen.</p> - -<p>Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur -einige, die in der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, -rückten nach und nach näher. Mitternacht war herangekommen, -ohne daß ich wußte, wie; denn der Fremde hatte uns so tief in -alle Verhältnisse der Menschen, in alle ihre Neigungen und -Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille gestehen mußten, -nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse gehört oder -gelesen zu haben.</p> - -<p>Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den -drei Reichskronen auf. Es war, als habe die Freude selbst -ihren Einzug bei uns gehalten und feiere jetzt ihre heiligsten -Festtage; Gäste, die sich nie hätten einfallen lassen, länger als -eine Nacht hier zu bleiben, schlossen sich an den immer größer -werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie unter Menschen sich -befinden, die der Zufall aus allen Weltgegenden zusammengeschneit -hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die Seele -des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit -seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum -<em class="antiqua">maître de plaisir</em> hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in -die herrliche Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines -jeden. Hatte er aber schon durch die sinnreiche Auswahl des -Vergnügens sich alle Herzen gewonnen, so war dies noch mehr -der Fall, wenn er die Konversation führte.</p> - -<p>Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon -schien ins Leben getreten zu sein; denn Natas durfte nur die -Lippen öffnen, so fühlte jeder zuerst die lieblichsten Saiten -seines Herzens angeschlagen, auf leichten Schwingen schwirrte<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -dann das Gespräch um die Tafel, mutwilliger wurden die -Scherze, kühner die Blicke der Männer, schalkhafter das Kichern -der Damen, und endlich rauschte die Rede in so fessellosen Strömen, -daß man nachher wenig mehr davon wußte, als daß man -sich »göttlich« amüsiert habe.</p> - -<p>Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, -weit entfernt, je ins Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. -Er griff irgend einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte -Anekdoten, spielte das Gespräch geschickt weiter, wußte -jedem seine tiefste Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte -durch seinen lebhaften Witz, durch seine warme Darstellung, die -durch alle Schattierungen von dem tiefsten Gefühl der Wehmut -bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune streifte, welche in dem -sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der feinen Grenze des Anstandes -gaukeln.</p> - -<p>Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen -sein, wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu -hohngesprochen, das Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen -hätte; jener zarte geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies -oder jenes verhüllte, reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, -tiefer zu blicken, und das üppige Spiel der Phantasie gewann in -manchem Köpfchen unsrer schönen Damen nur noch mehr Raum; -aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht widersprechen; seine -glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie umhüllten -die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen -Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Der schauerliche Abend.</span></h3> -</div> - -<p>So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwölf bis -fünfzehn Herren und Damen in einen tollen Strudel der -Freude gerissen. Beinahe alle waren ohne Zweck in diesem -Haus, und doch wagte keiner den Gedanken an die Abreise sich -auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir morgens -lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange -gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten, -schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue -Kette um den Fuß geschlungen zu haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p> - -<p>Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. -An dem sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, -war unser Herr von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. -Die Kellner entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde -vor Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel -unfehlbar da sein.</p> - -<p>Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß -uns diese Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden -uns die Flügel zusammengebunden, und man befehle uns, -zu fliegen.</p> - -<p>Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden -und auf seine auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar -war es, daß es mir nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich -habe ihm, nur unter einer andern Gestalt, schon früher einmal -auf meinem Lebenswege begegnet; so abgeschmackt auch der Gedanke -war, so unwiderstehlich drängte er sich mir immer wieder -auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich nämlich eines -Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blick hauptsächlich, -große Aehnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder Arzt, -besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer -von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern -um sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen -war mir übrigens fatal, denn man behauptete, daß, so oft -er uns besucht habe, immer ein bedeutendes Unglück erfolgt sei; -aber dennoch konnte ich den Gedanken nicht los werden, Natas -habe die größte Aehnlichkeit mit ihm, ja, es sei eine und dieselbe -Person.</p> - -<p>Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich -verfolgenden Gedanken und die unangenehme Vergleichung -eines mir so grausenhaften Wesens, wie der Fremde in meiner -Vaterstadt war, mit unserm Freunde, der so ganz meine Achtung -und Liebe sich erworben hatte; aber noch unglaublicher klingt -es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine Nachbarn ganz den -nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten unter einer ganz -andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu -haben.</p> - -<p>»Sie könnten einem ganz bange machen,« sagte die Baronin -von Thingen, die nicht weit von mir saß, »Sie wollen unsern -guten Natas am Ende zum ewigen Juden oder, Gott weiß, zu -was sonst noch machen!«</p> - -<p>Ein kleiner, ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen -Tagen sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -still vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte -während unserer »vergleichenden Anatomie«, wie er es nannte, -still vor sich hin gelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit -seine ovale Dose zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie -ein Rad anzusehen war.</p> - -<p>»Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter -dem Berge halten,« brach er endlich los, »wenn Sie erlauben, -Gnädigste, so halte ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, -aber doch für einen ganz absonderlichen Menschen. So lange -er zugegen war, wollte wohl hie und da der Gedanke in mir -aufblitzen: ›Den hast du schon gesehen, wo war es doch?‹ aber -wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück, wenn er -mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge erfaßte.«</p> - -<p>»So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch,« riefen -wir alle verwundert.</p> - -<p>»Hm! he, hm!« lachte der Professor. »Jetzt fällt es mir -aber von den Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als -der, den ich schon vor zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe.«</p> - -<p>»Wie, Sie haben ihn gesehen, und in welchen Verhältnissen?« -fragte Frau von Thingen eifrig und errötete bald -über den allzugroßen Eifer, den sie verraten hatte.</p> - -<p>Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus -und begann: »Es mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als -ich wegen eines Prozesses einige Monate in Stuttgart zubrachte. -Ich wohnte in einem der ersten Gasthöfe und speiste auch dort -gewöhnlich in großer Gesellschaft an der Wirtstafel. Einmal -kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das Zimmer hatte -hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach -sehr eifrig von und über einen gewissen Herrn Barighi, der -seit einiger Zeit die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, -durch seine Gewandtheit in allen Sprachen entzücke; in seinem -Lob waren alle einstimmig, nur über seinen Charakter war man -nicht recht einig, denn die einen machten ihn zum Diplomaten, -die andern zu einem Sprachmeister, die dritten zu einem hohen -Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die Türe ging -auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut geführt -zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich eingefunden habe, -und sah –</p> - -<p>»Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns – denselben, -der uns seit einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre -übrigens gerade nichts Uebernatürliches; aber hören Sie weiter: -Zwei Tage schon hatte uns Herr Barighi, so nannte sich der<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -Fremde, durch seine geistreiche Unterhaltung die Tafel gewürzt, -als uns einmal der Wirt des Gasthofs unterbrach: ›Meine -Herren,‹ sagte der Höfliche, ›bereiten Sie sich auf eine köstliche -Unterhaltung, die Ihnen morgen zu teil werden wird, vor: der -Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen -ein.‹</p> - -<p>»Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter -grauer Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten -Platz in diesem Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank -mit: ›Gerade dem Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, -einsam in einem großen, öden Haus; er ist Oberjustizrat -außer Dienst, lebt von einer anständigen Pension und soll überdies -ein enormes Vermögen besitzen.</p> - -<p>»›Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene -Gewohnheiten, wie z. B. daß er sich selbst oft große Gesellschaft -gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Couverts -aus dem Wirtshaus kommen, feine Weine hat er im Keller, und -einer oder der andere unsrer Markeurs hat die Ehre, zu servieren. -Man denkt vielleicht, er hat allerlei hungrige oder -durstige Menschen bei sich? Mit nichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, -auf jedem ein großes Kreuz, liegen auf den Stühlen, -dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den lustigsten -Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding -soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen Kellner -dazu braucht, denn wer <em class="gesperrt">einmal</em> bei einem solchen Souper -war, geht nicht mehr in das öde Haus.</p> - -<p>»›Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer -Franz dort schwört Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele -mehr hinüber. Den andern Tag nach dem Gastmahl kommt -dann die zweite Sonderbarkeit des Oberjustizrats. Er fährt -morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den andern Morgen -zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest verriegelt -und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.</p> - -<p>»›Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das -ganze Jahr täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher -an ein Fenster und betrachtet sein Haus gegenüber von oben -bis unten.</p> - -<p>»›Wem gehört das Haus da drüben?‹ fragt er dann den -Wirt.</p> - -<p>»Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: -›Dem Herrn Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.‹«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span></p> - -<p>– »Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller -Hasentreffer mit unserm Natas zusammen?« fragte ich.</p> - -<p>»Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor,« antwortete -jener, »es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der -Hasentreffer beschaut also das Haus und erfährt, daß es dem -Hasentreffer gehöre. ›Ach! Derselbe, der in Tübingen zu -meiner Zeit studierte?‹ fragt er dann, reißt das Fenster auf, -streckt den gepuderten Kopf hinaus und schreit ›Ha–a–asentreffer, -Ha–a–asentreffer!‹</p> - -<p>»Natürlich antwortet niemand, er aber sagt dann: ›Der -Alte würde es mir nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,‹ -nimmt Hut und Stock, schließt sein eignes Haus auf, -und so geht es nach wie vor.</p> - -<p>»Wir alle,« fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, -»waren sehr erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und -freuten uns königlich auf den morgenden Spaß. Herr Barighi -aber nahm uns das Versprechen ab, ihn nicht verraten zu -wollen, indem er einen köstlichen Spaß mit dem Oberjustizrat -vorhabe.</p> - -<p>»Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel -und belagerten die Fenster. Eine alte baufällige Chaise -wurde von zwei alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie -hielt vor dem Wirtshaus. ›Das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,‹ -tönte es von aller Mund, und eine ganz besondere -Fröhlichkeit bemächtigte sich unser, als wir das Männlein, zierlich -gepudert, mit einem stahlgrauen Röcklein angetan, einem -mächtigen Meerrohr in der Hand, aussteigen sahen. Ein -Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so -gelangte er ins Speisezimmer.</p> - -<p>»Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht -als damals, denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete -der Alte, geradesweges aus Kassel zu kommen und vor -sechs Tagen in Frankfurt im Schwanen recht gut logiert zu -haben. Schon vor dem Dessert mußte Barighi verschwunden -sein, denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch die übrigen -Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu -sehen.</p> - -<p>»Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten -seinem Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber -schien öde und unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, -die Jalousien waren geschlossen, zwischen einigen schienen sich -Vögel eingebaut zu haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p> - -<p>»›Ein hübsches Haus da drüben,‹ begann der Alte zu -dem Wirt, der immer in der dritten Stellung hinter ihm stand. -›Wem gehört es?‹ – ›Dem Oberjustizrat Hasentreffer, Euer -Exzellenz aufzuwarten.‹</p> - -<p>»›Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?‹ -rief er aus. ›Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht -meine Anwesenheit kundtäte.‹ Er riß das Fenster auf: ›Hasentreffer -– Hasentreffer!‹ schrie er mit heiserer Stimme hinaus. -– Aber wer beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem -öden Haus, das wir wohl verschlossen und verriegelt wußten, -ein Fensterladen langsam sich öffnete; ein Fenster tat sich auf, -und heraus schaute der Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen -Schlafrock und der weißen Mütze, unter welcher wenige graue -Löckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu Hause zu -tragen. Bis auf das kleinste Fältchen des bleichen Gesichts war -der gegenüber der nämliche, der bei uns stand. Aber Entsetzen -ergriff uns, als der im Schlafrock mit derselben heiseren Stimme -über die Straße herüberrief: ›Was will man, wem ruft -man? he!‹</p> - -<p>»›Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?‹ rief -der auf unserer Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder -Stimme, indem er sich bebend am Fenster hielt.</p> - -<p>»›Der bin ich,‹ kreischte jener und nickte freundlich grinsend -mit dem Kopfe; ›steht etwas zu Befehl?‹</p> - -<p>»›Ich bin er ja auch,‹ rief der auf unserer Seite wehmütig, -›wie ist denn dies möglich?‹</p> - -<p>»›Sie irren sich, Wertester!‹ schrie jener herüber, ›Sie sind -der dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine -Behausung, daß ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.‹</p> - -<p>»›Kellner, Stock und Hut!‹ rief der Oberjustizrat, matt -bis zum Tod, und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen -aus der hohlen Brust herauf. ›In meinem Haus ist der Satan -und will meine Seele; – vergnügten Abend, meine Herren!‹ -setzte er hinzu, indem er sich mit einem freundlichen Bückling -zu uns wandte und dann den Saal verließ.</p> - -<p>»›Was war das?‹ fragten wir uns. ›Sind wir alle wahnsinnig?‹ –</p> - -<p>»Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum -Fenster hinaus, während unser gutes altes Närrchen in steifen -Schritten über die Straße stieg. An der Haustüre zog er einen -großen Schlüsselbund aus der Tasche, riegelte – der im Schlafrock<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span> -sah ihm ganz gleichgültig zu – riegelte die schwere, knarrende -Haustüre auf und trat ein.</p> - -<p>»Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück, man -sah, wie er dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.</p> - -<p>»Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen -und zitterten. ›Meine Herren,‹ sagte jener, ›Gott sei -dem armen Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war -der Leibhaftige.‹ – Wir lachten den Wirt aus und wollten -uns selbst bereden, daß es ein Spaß von Barighi sei, aber der -Wirt versicherte, es habe niemand in das Haus gehen können, -außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln des Rats; Barighi -sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an der -Tafel gesessen, wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende -Maske anziehen können, vorausgesetzt auch, er hätte sich das -fremde Haus zu öffnen gewußt. Die beiden seien aber einander -so greulich ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger -Nachbar, den echten nicht hätte unterscheiden können. ›Aber um -Gottes willen, meine Herren, hören Sie nicht das gräßliche -Geschrei da drüben?‹</p> - -<p>»Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen -tönten aus dem öden Hause herüber, einigemal war es -uns, als sähen wir unsern alten Oberjustizrat, verfolgt von -seinem Ebenbild im Schlafrock, am Fenster vorbeijagen. Plötzlich -aber war alles still.</p> - -<p>»Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag, -hinüberzugehen; alle stimmten überein. Man zog über -die Straße, die große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, -aber es wollte sich niemand hören lassen; da fing uns an -zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man -brach die Türe auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die -breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren verschlossen; eine -ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag der Oberjustizrat -im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche -Frisur schrecklich zerzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.</p> - -<p>»Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch -sonst irgendwo jemals eine Spur gesehen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span></p> - -<h3 id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Der schauerliche Abend.</span></h3> - -<p class="smaller center">(Fortsetzung.)</p> -</div> - -<p>Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen -eine gute Weile still und nachdenkend. Das lange Schweigen -ward mir endlich peinlich, ich wollte das Gespräch wieder anfachen, -aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr -von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht -irre ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.</p> - -<p>»Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzähligemal -für einen andern gehalten wurde oder auch Fremde -für ganz Bekannte anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese -Bemerkung oft in meinem Leben bestätigt gefunden, daß die -Verwechselung weniger bei jenen platten, alltäglichen nichtssagenden -Gesichtern, als bei auffallenden, eigentlich interessanten -vorkommt.«</p> - -<p>Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich -verwerfen, aber er berief sich auf die wirklich interessante -Erscheinung unseres Natas. »Jeder von uns gesteht,« sagte er, -»daß er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund, nur -unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und -doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes -Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins Gedächtnis -zu prägen.«</p> - -<p>»Sie mögen so unrecht nicht haben,« entgegnete Flaßhof, -ein preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes -hin schon zwei Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in -seine Garnison zurückzukehren. »Sie mögen recht haben; ich -erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des -italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung -spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt -und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei -dicker war als ich und auch sonst nicht die geringste Aehnlichkeit -in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange -Jahre hatte ich alle Tage den Verdruß, von Sängern, Tänzern, -Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet -zu sein und lange Klagen über schlechte Bezahlung, Forderungen -usw. anhören zu müssen. Selten gingen sie überzeugt von -mir weg, daß <em class="gesperrt">ich</em> nicht Michele d'Agata sei. Einst besuchte ich -in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an: -›Herr Agata‹. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> -begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem -Arzt, den ich wohl kannte. ›Guten Abend, Herr Agata,‹ war -sein Gruß, indem er vorüberging. – Ich glaubte am Ende -beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.«</p> - -<p>Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus -den ängstigenden Phantasien, welche die Erzählung des Professors -in uns aufgeregt hatte, erlöste. Das Gespräch floß -ruhiger fort, man stritt sich um das Vorrecht ganzer Nationen, -einen interessanten Gesichterschnitt zu haben, über den Einfluß -des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und auf das Auge -insbesondere, man kam endlich auf Lavater und Konsorten; -Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr -wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte -mir der Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der -Streitenden zu betrachten.</p> - -<p>»Welch ein leichtsinniges Volk,« seufzte er, »ich habe sie -jetzt soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, -ja, sie wagten in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der -Leibhaftige möchte daraus hervorgucken, und jetzt lachen sie -wieder und machen tolle Streiche, als ob der Versucher nicht -immer umherschliche.«</p> - -<p>Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor -gab. »Noch nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers -an Ihnen bemerkt,« sagte ich; »aber Sie setzen mich -in Erstaunen durch Ihre kühnen Angriffe auf die böse Welt -und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich denn wirklich ein, -dieser harmlose Natas …«</p> - -<p>»Harmlos nennen Sie ihn?« unterbrach mich der Professor, -heftig meine Brust anfassend, »harmlos? Haben Sie -denn nicht bemerkt,« flüsterte er leiser, »daß alles bei diesem -feinen … Herrn berechneter Plan ist? O, ich kenne meine -Leute!«</p> - -<p>»Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?«</p> - -<p>»Haben Sie nicht bemerkt,« fuhr er eifrig fort, »daß der -gebildete Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein -ist, weil er ihm fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den -Ausgebeutelten gestern nacht fünfzehnhundert Dukaten gewinnen -ließ? Er nennt den abgefeimten Spieler einen Mann -von den nobelsten Sentiments und schwört auf Ehre, er müsse -über die Hälfte wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er -keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den Oekonomierat -gekörnt hat?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span></p> - -<p>»Ich habe wohl gesehen,« antwortete ich, »daß der Oekonomierat, -sonst so moros und misanthrop, jetzt ein wenig aufgewacht -ist, aber ich habe es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft -zugeschrieben.«</p> - -<p>»Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften -umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist -er, ein Bruder Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im -Lande umher, behauptet einen großen Wurm im Leib zu haben -und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen exorbitanten -Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn dieser Wundermann erwischt, -gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht wie ein -anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er -soll seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms -nennt, genießen, viel Wein trinken etc., und das <em class="antiqua">et cetera</em> und -den Wein benützt er seit vier Tagen ärger als der verlorne -Sohn.«</p> - -<p>»Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? -Der Mann ist sich und dem Leben wiedergeschenkt –«</p> - -<p>»Nicht davon spreche ich,« entgegnete der Eifrige, »der alte -Sünder könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß -er sich dem nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also -ruinieren muß. Ich habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, -und es besserte sich schon zusehends.«</p> - -<p>Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermaßen -erklärlich, der liebe Brotneid schaute nicht undeutlich -heraus. –</p> - -<p>»Und unsere Damen,« fuhr er fort, »die sind nun rein toll. -Mich dauert nur der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, -aber übermorgen soll er hier ankommen, und wie findet er die -gnädige Frau? Hat man je gehört, daß eine junge gebildete -Frau in den ersten Jahren einer glücklichen Ehe sich in ein -solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen einläßt, -und zwar innerhalb fünf Tagen!« –</p> - -<p>»Wie? die schöne, bleiche Frau dort!« rief ich aus. –</p> - -<p>»Die nämliche bleiche;« antwortete, er, »vor vier Tagen -war sie noch schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der -Interessante auf der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, -daß sie <em class="antiqua">Rouge fin</em> kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse -auszuplaudern, heißt <em class="antiqua">bon ton</em>), so bittet und fleht er, sie -solle doch kein Rot auflegen, sie habe ein so interessantes -<em class="antiqua">je ne sais quoi</em>, das zu einem blassen Teint viel besser stehe. -Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nächsten Galanterieladen<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -und sucht weiße Schminke; ich war gerade dort, um ein -Pfeifenrohr zu erstehen, da höre ich sie mit ihrer süßen Stimme -den rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man -das Weiß nicht noch etwas <em class="gesperrt">ätherischer</em> habe? Hol' mich -der T…! hat man je so etwas gehört?«</p> - -<p>Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht -irrte, so suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen -Frau auf den schon etwas verschossenen Einband seiner gelehrten -Seele zu ziehen. Daß es aber mit Natas und der Trübenau -nicht ganz richtig war, sah ich selbst. Von der Schminkgeschichte, -die jenen so sehr erboste, wußte ich zwar nichts; aber -wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen weiteren -Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung daraus -zu erläutern.</p> - -<p>Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine -Zeitlang geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille -an die Decke des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen -waren. »Himmel,« seufzte er, »und die Thingen hat -er auch. Sie glauben nicht, welcher Reiz in dem ewig heitern -Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden Wangen, in dem -Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß geöffneten -Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen Formen -der schwellenden –«</p> - -<p>»Herr Professor!« rief ich, erschrocken über seine Ekstase, -und schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. »Sie geraten -außer sich, Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?«</p> - -<p>»Er hat sie auch,« fuhr er zähneknirschend fort. »Haben -Sie nicht bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen -fragte? Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, -Witwe – sie hat alles, um eine angenehme Partie zu -machen. Geistreiche Männer von Ruf in der literarischen Welt -buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen – Landstreicher -hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir neulich -der Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß -man ihn vorgestern nacht aus ihrem Zimmer …«</p> - -<p>»Ich bitte, verschonen Sie mich,« fiel ich ein, »gestehen Sie -mir lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter -den Pantoffel gebracht hat.«</p> - -<p>»Das ist es eben,« antwortete der Gefragte verlegen -lächelnd, »das ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich -lese über Chemie; er brachte einmal das Gespräch darauf und -entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -auf, daß mir der Kopf schwindelte. Ich möchte ihm um den -Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht -mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nähe, und doch -könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen.«</p> - -<p>Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die -Faust und fuhr damit hin und her, seine grünen Brillengläser -funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien -sich in die Höhe zu richten.</p> - -<p>Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß -er ja nicht ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel -selbst wäre; aber er ließ mich nicht zum Worte kommen.</p> - -<p>»Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,« -rief er, »um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist -ein guter Fischer und hast eine feine Nase; aber ein …r -Professor, wie ich, der sogar in demagogischen Untersuchungen -die Lunte gleich gerochen und eigens deswegen hierher nach -Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine feinere als du.«</p> - -<p>Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu -entstehen schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte -mich um und glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen -zu sehen. Ich ergriff den Professor am Arm, um ihm -die sonderbare Erscheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag -einen Stock hoch; dieser aber hatte weder das Lachen gehört, -noch konnte er meine Erscheinung sehen, denn als er sich umwandte, -sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster -dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen -Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.</p> - -<p>Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, -Betrug der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie -oder Wirklichkeit war, ward die Türe aufgerissen, und -Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit -sonderbarem Lächeln maß er die Gesellschaft, als wisse er ganz -gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte zu -bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick -auszuhalten vermochte.</p> - -<p>Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau -gegenüber, neben der Frau von Thingen Platz genommen und -die Leitung der Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen -ließ den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich selbst -fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der -Ferne zu beobachten, an meinen Platz im Fenster. Da bemerkten -wir denn das Augenspiel zwischen Frau von Trübenau und<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter des -Oekonomierats so viel Verbindliches zu sagen wußte, daß sie -einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen -ihrer Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau -von Thingen auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.</p> - -<p>»Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch – -meiner Seel'! aller Ehre wert,« brummte der zornglühende -Professor, dem jetzt auch seine letzte Ressource, die ökonomische -Schöne, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt werden -sollte. Mit tönenden Schritten ging er an den Tisch, nahm -sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben -seine Schöne, doch diese schien nur Ohren für Natas zu haben, -denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde, -»übermorgen,« und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, -sie scheine sehr zerstreut, meinte sie »1 fl. 30 kr. die Elle.«</p> - -<p>Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der -Professor, der nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder -Triolett alles wieder gut machen, ja, durch ein paar <em class="antiqua">ottave rime</em> -sich sogar bei der Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach -jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte. -Und ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik -dem guten Kathedermann bei weitem überlegen, führte ihn so -aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik zu reißen und er in -ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.</p> - -<p>Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit -den Streit der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern -Blicken zwischen Frau von Trübenau und Frau von -Thingen. Diese hatte, ihrer schönen, runden Arme sich bewußt, -den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um beim Eingießen -die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber -kredenzte die gefüllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen -Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig so viel als -möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.</p> - -<p>Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des -Herbstabends verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer -Damen höher zu färben und aus den Augen der Männer zu -leuchten, da schien es mir mit einemmal, als sei man, ich weiß -nicht wie, aus den Grenzen des Anstands herausgetreten. Allerlei -dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gespräch -schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man lachte und -jauchzte und wußte nicht über was? Man kicherte und neckte -sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> -mit Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen -wieder, das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte. Wirklich, -es war Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem -Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke -in sein heiseres Gelächter ausbrach.</p> - -<p>»Nicht wahr, meine Herren und Damen,« schrie der Punsch -aus dem Professor heraus, »Sie haben vorhin selbst bemerkt, -daß unser verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in -anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das -auch Räson, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! -Frau von Thingen, gnädige Frau! Sagen Sie -selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!«</p> - -<p>Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors -in großer Verlegenheit. »Ich erinnere mich,« gab ich zur Antwort, -als alles schwieg, »von interessanten Gesichtern und ihren -Verwechslungen gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, -wurde auch Herr von Natas aufgeführt.«</p> - -<p>Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel -Ehre, ihn unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor -verdarb wieder alles.</p> - -<p>»Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!« sagte er, -»ich behauptete, daß mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei, -und erzählte, wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt -haben, wissen Sie noch, gnädiger Herr?«</p> - -<p>Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im -Zimmer umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden -Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr -Natas, es war ein älterer, unheimlicher Mensch.</p> - -<p>»Da hat man's ja deutlich,« rief der Professor, »dort läuft -er als Barighi umher.«</p> - -<p>»Barighi?« entgegnete Frau von Trübenau. »Bleiben Sie -doch mit Ihrem Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär -Gruber, der da hereingekommen ist.«</p> - -<p>»Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau,« -unterbrach sie der Oberforstmeister, »es ist der Spieler Maletti, -mit dem ich in Wiesbaden letzten Sommer associiert war.«</p> - -<p>»Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann,« sprach Frau -von Thingen, den auf und ab Gehenden durch die perlmutterne -Brille beschauend, »es ist ja niemand anders als der Kapellmeister -Schmalz, der mir die Gitarre beibringt.«</p> - -<p>»Warum nicht gar!« brummte der alte Oekonomierat, »es<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span> -ist der lustige Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an -das Spital in D–n verschaffte.«</p> - -<p>»Ach! Papa,« kicherte sein Töchterlein, »jener war ja -schwarz, und dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen -Landwirt nicht mehr, der sich bei uns ins Praktische einschießen -wollte?«</p> - -<p>»Hol' mich der Kuckuck und alle Wetter,« schrie der preußische -Hauptmann, »das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, -der mir mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere -ich den Hund, gleich morgen, gleich jetzt.« Er sprang auf und -wollte auf den immer ruhig auf und ab Gehenden losstürzen. -Der Professor aber packte ihn am Arm: »Bleiben Sie weg, -Wertester!« schrie er, »ich hab's gefunden, ich hab's gefunden, -kehrt seinen Namen um, es ist der <em class="gesperrt">Satan</em>!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Das Manuskript.</span></h3> -</div> - -<p>So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem -Abend noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, -bis ich mich auf alles wieder besinnen konnte. Ich muß in -einem langen, tiefen Schlaf gewesen sein, denn als ich erwachte, -stand Jean vor mir und fragte, indem er die Gardine für die -Morgensonne öffnete, ob jetzt der Kaffee gefällig sei?</p> - -<p>Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern -und heute hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn -zu Bett gekommen sei?</p> - -<p>Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem -Lächeln, das müsse ich besser wissen als er.</p> - -<p>»Ah! ich erinnere mich,« sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit -zu verbergen, »nach der Abendtafel …«</p> - -<p>»Verzeihen der Herr Doktor,« unterbrach mich der Geschwätzige. -»Sie haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu -Tee und Punsch auf Nr. 15.«</p> - -<p>»Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor -schon auf?«</p> - -<p>»Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?« -fragte der Kellner.</p> - -<p>»Kein Wort;« versicherte ich staunend.</p> - -<p>»Er läßt sich Ihnen noch vielmals empfehlen, und Sie -möchten doch in T. bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten,<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span> -seiner und des gestrigen Abends recht oft zu gedenken, er habe -es ja gleich gesagt.«</p> - -<p>»Aha, ich weiß schon,« sagte ich, denn mit einemmal fiel -mir ein Teil des gestern Erlebten ein. »Wann ist er denn -abgereist?«</p> - -<p>»Gleich in der Frühe,« antwortete jener, »noch vor dem -Oekonomierat und dem Oberforstmeister.«</p> - -<p>»Wie? so sind auch diese abgereist?«</p> - -<p>»Ei ja!« rief der staunende Kellner, »so wissen Sie auch -das nicht? Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige -Frau von Trübenau –«</p> - -<p>»Sie sind auch nicht mehr hier?«</p> - -<p>»Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau -weggefahren,« versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um -zu sehen, ob ich nicht träume, aber es war und blieb so. Jean -stand nach wie vor an meinem Bette und hielt das Kaffeebrett in -der Hand.</p> - -<p>»Und Herr von Natas?« fragte ich kleinlaut.</p> - -<p>»Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der -nicht gewesen wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit -gekommen.«</p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Nun, bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer -hätte aber auch dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut -zur Ader zu lassen verstünde?«</p> - -<p>»Zur Ader lassen? Herr von Natas?«</p> - -<p>»Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette -gegangen und haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir.«</p> - -<p>Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: »Es mochte -kaum elf Uhr gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war -schon vorbei –«</p> - -<p>»Was für eine Geschichte mit der Polizei?«</p> - -<p>»Nun, Nr. 15 ist vornheraus, und weil, mit Permiß zu -sagen, dort ein ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins -Haus und wollte abbieten, Herr von Natas aber, der ein guter -Bekannter des Herrn Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, -daß sie wieder weiter gingen. Also gleich nachher kam das -Kammermädchen der Frau von Trübenau herabgestürzt, ihre -gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich denken, wie unangenehm -so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf und zwölf -Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe begegnet -uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -habe, hört kaum, wo es fehlt, so springt er in sein Zimmer, -holt sein Etui, und ehe fünf Minuten vergehen, hat er -der gnädigen Frau am Arm mit der Lanzette eine Ader geöffnet, -daß das Blut in einem Bogen aufsprang. Sie schlug -die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl, doch versprach -Herr von Natas, bei ihr zu wachen.«</p> - -<p>»Ei! was Sie sagen, Jean!« rief ich voll Verwunderung.</p> - -<p>»Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so -ging der Tanz von neuem los. Auf Nr. 18 läutete es, daß wir -meinten, es brenne drüben in <span id="corr026">Kassel</span>. Des Herrn Oekonomierats -Rosalie hatte ihre hysterischen Anfälle bekommen. Der -Alte mochte ein Glas über den Durst haben, denn er sprach vom -Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten nichts -anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu -nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit -dem Kammermädchen zu wachen; aber lieber Gott, geschlafen -muß er haben wie ein Dachs, denn wir pochten drei-, viermal, -bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze war nun gar -nicht zu erwecken.«</p> - -<p>»Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?«</p> - -<p>»Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei -Hand breit aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben -haben.«</p> - -<p>»Armer Professor!« dachte ich, »dein hübsches Röschen -mit ihren sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher -Stille der Nacht, ein Pflaster auf das pochende Herz pappend.«</p> - -<p>»Der Herr Papa Oekonomierat war wohl sehr angegriffen -durch die Geschichte?« fragte ich, um über die Sache ins klare -zu kommen.</p> - -<p>»Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen -mit dem Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es -läutet im zweiten Stock, und das gilt mir.« Er sprach's und -flog pfeilschnell davon.</p> - -<p>So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und -doch wußte ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. -Ich entsann mich zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares -vorgefallen war; was es aber gewesen sein mochte, -konnte ich mich nicht erinnern.</p> - -<p>Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn -ich recht nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der -Professor schwankte in meiner Erinnerung umher – am besten<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span> -deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn um die Ursache des -schnellen Aufbruchs zu befragen.</p> - -<p>Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit -der kurzen Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes -Billett:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Euer Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, -wenn Sie vor meiner Abreise von hier, die auf den Mittag -festgesetzt ist, mich noch einmal besuchen wollten.</p> - -<p class="right"> -von <em class="gesperrt">Natas</em>.« -</p></div> - -<p>Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig -zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit -seiner gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich -ein unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund -spielte, und den ich sonst nicht an ihm bemerkt hatte.</p> - -<p>Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen -Trinker ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt -habe, erzählte mir, daß ich selig entschlafen sei, und -fragte mich mit einem lauernden Blick, was ich noch von gestern -nacht wisse?</p> - -<p>Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er -belachte sie herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken -Phantasie.</p> - -<p>Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen -Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie -seien alle, sogar der morose Oekonomierat, dorthin gereist; ihn -selbst aber rufen seine Geschäfte den Rhein hinab.</p> - -<p>Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er -dem starken Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade -so viele medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen -Zufällen helfen zu können.</p> - -<p>Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies -und brachte von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten -Rheinweins. Natas hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er -hatte uns so lange hier gefesselt.</p> - -<p>»Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?« fragte er mich, -während wir den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.</p> - -<p>»Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?« -antwortete ich ihm. »Ich habe mich früher als Dichter versucht, -aber ich sah bald genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit -singe. Ich griff daher einige Töne tiefer und übersetzte<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -unsterbliche Werke fremder Nationen fürs liebe deutsche -Publikum.«</p> - -<p>Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, -und fragte mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren -eines berühmten Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden -seien, zu übersetzen? »Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren -können, ist es eine leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen -den Schlüssel dazu geben würde und das Manuskript im Hochdeutschen -abgefaßt ist.«</p> - -<p>Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. -Dechiffrieren verstand ich früher und hoffte es mit wenig Uebung -vollkommen zu lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von -rotem Saffian auf und überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes -Manuskript. Die Zeichen krochen mir vor dem -Auge umher, wie Ameisen in ihren aufgestörten Hügelchen, -aber er gab mir den Schlüssel seiner Geheimschrift, und die -Arbeit schien mir noch einmal so leicht.</p> - -<p>Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem -Dank für seine Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für -die schönen Tage, die er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an -den Wagen. Die Wagentüre schloß sich, der Postillon hieb auf -seine vier Rosse, sie zogen an, und die interessante Erscheinung -flog von hinnen; aber aus dem Innern des Wagens glaubte -ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von gestern her -unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.</p> - -<p>Als ich die Treppe hinaufstieg, händigte mir der Oberkellner -einen Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu -meinen eigenen Händen zu übergeben befohlen, ich riß ihn auf –</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Verehrter, Wertgeschätzter! -</p> - -<p>Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser -Höhle des brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen -schriftlich Lebewohl, weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, -die Sie härter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken sind. -Daß unser fröhliches Zusammenleben so schauerlich endigen -mußte! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja -klar, daß dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan -war!</p> - -<p>Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick über die -Schulter und liest, was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht. -Den armen Oekonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau, -meine schöne Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -hat er in seinem Netz. Gott gebe, daß er Sie nicht -auch geködert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe -allzu tief eingebissen in seine mit chemischen Ideen bespickte -Angel. Ich reiße mich los und mache, daß ich fortkomme.</p> - -<p>Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr.«</p></div> - -<p>Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, -es war der Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es -war der Teufel, dem es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu -ängstigen; es mußten des Teufels Memoiren sein, die ich in der -Hand hielt.</p> - -<p>Wer stand mir aber dafür, daß die Schriftzüge mir nicht -durch die Augen ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig -machten; und konnte ich mich nicht gerade dadurch, daß ich den -Dechiffreur und Dekopisten des Satans machte, unbewußt in -seine Leibeigenschaft hineinschreiben?</p> - -<p>Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem -Professor nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms -traf ich keine Spur von irgend einem der lustigen Gesellschaft in -den drei Reichskronen. Entweder hat sie der Satan eingeholt -und in seinem achtsitzigen Wagen in sein ewiges Reich gehaudert, -oder hatte er mich in den April geschickt. Das letztere -schien mir wahrscheinlicher</p> - -<p>In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der -an der Domkirche angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall -vor und erhielt den Bescheid, ich solle so viele Messen darüber -lesen lassen, als das Manuskript Bogen enthalte. Der Rat -schien mir nicht übel. Ich reiste in meine Heimat und schickte -am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die Kirche. -<em class="antiqua">Probatum est</em>; am Montag fing ich an zu dechiffrieren und habe -noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch -an mir bemerkt.</p> - -<p>Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig -mehr gehört. Der Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen -in der Chemie zu glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem -Wege, dem Satan Gehör zu geben, der ihn zu einem <em class="gesperrt">Berzelius</em> -machen will. Der Hauptmann soll sich erschossen haben, -Frau von Thingen aber, die schöne Witwe, hat, nach einer Anzeige -im Hamburger Korrespondenten, vor nicht gar langer Zeit -wieder geheiratet.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p> - -<p class="h2" id="Die_Studien_des_Satan_auf_der_beruhmten_Universitat_en">Die Studien des Satan auf der berühmten Universität …en.</p> - -<div class="chapcit"> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i2">»Betrogene Betrüger! Eure Ringe<br /></span> -<span class="i0">Sind alle drei nicht echt; der echte Ring<br /></span> -<span class="i0">Vermutlich ging verloren.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -Lessings Nathan III. 7. -</p> -</div> - -<h3 id="Funftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Einleitende Bemerkungen.</span></h3> -</div> - -<p>Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in -den Salons der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen -und Kasinos der Mittelstädte, in den Tabagien und -Kneipen der kleinen spricht man von Memoiren, urteilt über -Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es könnte scheinen, -es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf der -Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die -Feder, um den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer -merkwürdigen Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe -bewegt haben, die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person -einen Nimbus von Bedeutsamkeit verliehen.</p> - -<p>Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren -Grandezza, wo sie, wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf -dem Haupt zu Bette gingen, erhoben zu haben, nicht zufrieden -damit, daß sie auf Kurierreisen Europa von einem Ende bis -zum andern durchfliegen, um sich gegenseitig ihrer Freundschaft -zu versichern, schreiben Memoiren für ihre Völker, erzählen -ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die Mitwelt ist zur Nachwelt -geworden, man hat ihr einen neuen Maßstab, wonach sie -die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es sind die -Memoiren.</p> - -<p>Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das -Beispiel jenes Römers nachzuahmen, der in der Muße des -Friedens die Taten der Legionen unter seiner Führung der -Nachwelt würdig zu überliefern glaubte, wenn er von sich nur -immer in der dritten Person spräche, haben den bescheideneren -Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es Männern von solchem -Gewichte ziemt, als Ich, bauen aus ihren Memoiren ein<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne auf -der Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren -sie die Kulissen, Staatsmänner und berühmte Damen, die große -Armee und ihre lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt -stellen sie in den Hintergrund als Figuranten auf, sie selbst aber -spielen ihre Sulla oder Brutus würdig des unsterblichen Talma.</p> - -<p><em class="antiqua">Mundus vult decipi</em>, d. i. die Leute lesen Memoiren; was -hält mich ab, denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen -vorzusetzen?</p> - -<p>Man wendet vielleicht ein: »Der Schuster bleibe bei seinem -Leisten, der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben.«</p> - -<p>Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen -Beruf hätte, Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch -so viel oder noch mehr gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten -oder diplomatischen Krieger, welche die Welt mit ihrem -<em class="gesperrt">literarischen</em> Ruhme anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer -Siege zu erwähnen aufgehört haben; wenn nun dieser arme -Teufel einen Drang in sich fühlte, auch für einen <em class="antiqua">homo literatus</em> -zu gelten?</p> - -<p>Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem -lieben Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt -es mich hin, zu schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt -ist, die Finger mit Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem -Teufel auch noch erlaubt sein?</p> - -<p>Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht -gegen meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein -Literatus, kein Mann vom Gewerbe etc. Aber fürs erste habe -ich soeben die Damen, welche, wenn sie noch so gelehrt, doch -keine Gelehrten von Profession sind, anzuführen die Ehre gehabt; -sodann berufe ich mich auf jene Söhne des Lagers, die, -unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut, keine -Zeit hatten, Humaniora zu studieren und dennoch so glänzende -Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das Vorurteil, -ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin -<em class="antiqua">in optima forma</em> Doktor der Philosophie geworden, wie aus -meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf -weiß aufweisen.</p> - -<p>Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine -Memoiren auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher -Miene vor den sogenannten Rezensenten. Er gab -mir zu verstehen, daß ich übel wegkommen könnte, indem solche<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> -niemand schonen, ja sogar neuerdings selbst Doktoren der Theologie -in Berlin, Halle und Leipzig hart mitgenommen haben. -Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, daß das Sprichwort -<em class="antiqua">clericus clericum non decimat</em> füglich auch auf mein Verhältnis -zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich -ja doch schon im Alten Testament <em class="gesperrt">Satan</em>, <em class="antiqua">adversarius</em>, das -ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den -schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; -dort werde ich διαβολος oder Verleumder genannt; da nun -διαβαλλειν so viel sei als <em class="antiqua">acerbe recensere</em>, so müsse er, wenn -er nur ein wenig Logik habe, den Schluß von selbst ziehen -können.</p> - -<p>Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt -vor meiner Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß -es mir auf diese Art nicht fehlen könne.</p> - -<p>Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen -Memoiren vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten -der Rede finden, das den Werken tiefdenkender Geister so -eigen zu sein pflegt. Man wird kürzere und längere Bruchstücke -aus meinem Walten und Treiben auf der Erde finden und den -innern Zusammenhang vermissen.</p> - -<p>Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht -nicht, ein Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren -genug in allen soliden Buchhandlungen Deutschlands.</p> - -<p>Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er -sich und seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt -und darüber reflektiert; wenn er Begebenheiten entwickelt, -die entweder auf ihn oder die Mitwelt nähere oder entferntere -Beziehung haben, wenn er berühmte Zeitgenossen und seine -Verhältnisse zu ihnen dem Auge vorführt. Und diese Forderungen -glaube ich in meinen Memoiren erfüllt zu haben, sie -sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten, die -meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem gelehrten -Publikum als Schriftsteller aufzutreten.<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Was der Satan hier ernsthaft und gelehrt spricht! Er gebärdet sich beinahe -wie ein junger Kandidat der Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt. -</p> -<p class="right"> -Anm. d. Herausgebers. -</p> -</div> -</div> - -<p>Ueber Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder -glänzende Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was -etwa darüber zu sagen sein könnte, habe ich in dem Abschnitt -»Besuch bei Goethe« ausgesprochen und verweise daher den Leser -dahin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span></p> - -<p>Fleißige Leser, d. i. solche, die Bogen für Bogen in einer -Viertelstunde durchfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt -nicht überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen -eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich -hierüber nichts zu sagen als, sie sollen das Buch weglegen, wenn -sie sich langweilen.</p> - -<p>Ehe mein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe -zurückkommt, hat der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen -einzuflicken. Es scheint mir nämlich, der Satan besitze eine -ziemliche Dosis Eitelkeit; man bemerke nur, wie wichtig er von -jenem Abschnitt spricht, worin er über sich einige Bemerkungen -macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur angedeutet hätte, -daß dies oder jenes darin zu finden sei, aber dem Leser zu -empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene enthalten -sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.</p> - -<p>Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! -Ein anderer, wie z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch -nicht mit dem Taufschein, was nun freilich beim Teufel nicht -wohl möglich ist, doch wenigstens mit der Begebenheit angefangen, -die der Chronologie nach die erste ist. Ich habe das -Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe jeder Bogen -hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und fand, daß -er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit angehören, -und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre -Taten von zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man sieht -wohl, daß er keine gute Schule gehabt haben muß.</p> - -<p>Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz -dem Teufel wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt von -jedem einzelnen Kapitel vorangesetzt.</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Der Herausgeber.</em> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p> - -<h3 id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Wie der Satan die Universität bezieht, und welche Bekanntschaften -er dort machte.</span></h3> -</div> - -<p>Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und -ich gestehe es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus -zu Grunde; man glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; -jenen kühnen philosophischen Waghälsen, die auf die -Gefahr hin, daß ich sie zu mir nehme, meine Existenz geleugnet -und mich zu einem lächerlichen Phantom gemacht haben, ist es -noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn dieses Volkes zu -zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch immer -schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen -und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.</p> - -<p>Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung -so weit hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem -Gott, sogar an keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter -diesem Volke sogar meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß -ich im Ansehen bleibe. Hand in Hand mit dem Glauben an -die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube an mich, und wie -oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde gehört: -»<em class="antiqua">Anathema sit</em>, <em class="gesperrt">er glaubt an keinen Teufel</em>.«</p> - -<p>Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher -auf den vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit -auf einer Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man -mich von Semester zu Semester systematisch traktiert.</p> - -<p>Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt -ist jetzt zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, -wenn ich einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, -daß mir ein guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, -ja sogar etwas Medizin fehle; zwar, als das Magnetisieren aufkam, -habe ich auch einen Kursus bei Mesmer genommen und -nachher manche glückliche Kur gemacht. Aber damit ist es -heutzutage nicht getan; daher die elenden Sprichwörter, die in -Deutschland kursieren: <em class="gesperrt">ein dummer Teufel</em>, <em class="gesperrt">ein armer -Teufel</em>, <em class="gesperrt">ein unwissender Teufel</em>, was offenbar auf -meine vernachlässigte wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.</p> - -<p>Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich -bin vom Himmel gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß -ich mich, zu studieren und womöglich es in der Philosophie<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> -so weit zu bringen, daß ich ein ganz neues System erfände, -wovon ich mir keinen geringen Erfolg versprach. Ich wählte -…en und zog im Herbst des Jahrs 1819 daselbst auf.</p> - -<p>Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich -meinem neuen Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name -war <em class="gesperrt">von Barbe</em>, meine Verhältnisse glänzend, das heißt, -ich brachte einen großen Wechsel mit, hatte viel bar Geld, gute -Garderobe und hütete mich wohl, als Neuling oder, wie man -sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte schon allenthalben -studiert, mich in der Welt umgesehen.</p> - -<p>Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter, -den nächsten Morgen vertraute Freunde und am -zweiten Abend Brüder auf Leben und Tod am Arm hatte. Man -denkt vielleicht, ich übertreibe; wäre ich Kavalier, so würde ich -auf Ehre! versichern und »Hol' mich der Teufel« als Verstärkungspartikel -dazu setzen (denn »Auf Ehre« und »Hol' mich der -Teufel« verhalten sich zu einander, wie der <em class="antiqua">Spiritus lenis</em> zum -<em class="antiqua">Spiritus asper</em>), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole als -Satan geben.</p> - -<p>Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich -dies aber folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht -unvorbereitet kam; wer die deutschen Universitäten nur entfernt -kennt, weiß, daß ein an Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart -von der übrigen Welt ganz verschiedenes Volk dort -wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von Schmalz Werke -über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über Burschenschaften -und Landsmannschaften etc., ward aber noch nicht -recht klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. -Der Zufall half mir aus der Not. Ich nahm in F. einen Platz -in einer Retourchaise; mein Gesellschafter war ein alter Student, -der seit acht Jahren sich auf die Medizin legte. Er hatte das -<em class="antiqua">Savoir vivre</em> eines alten Burschen, und ich befliß mich, in den -sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt zufuhr, an ihm -meine Rolle zu studieren.</p> - -<p>Es war ein großer wohlgewachsener Mann von vier- bis -fünfundzwanzig Jahren, sein Haar war dunkel und mochte -früher nach heutiger Mode zugeschnitten sein, hing aber, weil -der Studiosus die Kosten scheute, es scheren zu lassen, unordentlich -um den Kopf; doch bemühte er sich, solches oft mit fünf -Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht war schön, -besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge hatte -viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es; das<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer -Bart wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um -die feinen Lippen hing ein vom Bier geröteter Henriquatre.</p> - -<p>Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich, -die Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere -Falten; das Auge blickte streng und stolz um sich her und maß -jeden Gegenstand mit einer Hoheit, einer Würde, die eines -Königsohnes würdig gewesen wäre.</p> - -<p>Ueber die untern Partien des Gesichtes, namentlich über -das Kinn konnte ich nicht recht klug werden, denn sie staken -tief in der Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge -Mann bei weitem mehr Sorgfalt gewidmet zu haben als dem -übrigen Anzug; diese beiläufig einen halben Schuh Höhe messende -Binde von schwarzer Seide zog sich, ohne ein Fältchen zu werfen, -von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein exklusive -und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, auf welchem -der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben -Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried -nannte, und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; -dieser <em class="gesperrt">Gottfried Flaus</em> reichte bis eine Spanne -über das Knie und schloß sich eng um den ganzen Leib; auf der -Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte sehen ließ, -daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut versehen sein -müsse.</p> - -<p>Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt -schlossen sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich -geformt und dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen -zur Folie.</p> - -<p>Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes -Tuch in Form eines umgekehrten Blumenscherben gehängt, das -er mit vieler Kunst gegen den Wind zu balancieren wußte; es -sah komisch aus, fast, wie wenn man mit einem kleinen Trinkglas -ein großes Kohlhaupt zudecken wollte.</p> - -<p>Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut -studiert, um nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße -gegen den Herrn Bruder gebe, sein Respekt vor mir auf ewig -verloren sei; ich merkte ihm daher seine Augenbrauenfalten, -sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es ging, ab und hatte die -Freude, daß er mich gleich nach der ersten Stunde auffallend -vor dem »Philister und dem Florbesen«, auf deutsch einem alten -Professor und seiner Tochter, welche unsre übrige Reisegesellschaft -ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde hatte<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon -einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach …en -einfuhren, hatte er mir versprochen, eine »fixe Kneipe«, das -heißt, eine anständige Wohnung auszumitteln, wie auch mich -unter die Leute zu bringen.</p> - -<p>Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, -ließ an einem Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich -ein, seinem Beispiele zu folgen und hier auf die Beschwerden -der Reise ein Glas zu trinken. Die ganze Fensterreihe des -Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen bedeckt; es -war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier versammelt, -um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang -des Semesters einzutreffen pflegen, nach gewohnter Weise zu -empfangen. Würger, der alte, »längst bemooste« Bursche, hatte -sich schon unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden -uns für »Füchse« halten werden, und wirklich traf seine -Vermutung ein.</p> - -<p>Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den -Fenstern herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Was kommt dort von der Höh'?«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch der -Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein -furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor: »Was -schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß -zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?« -(Auf deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen -ja, daß zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)</p> - -<p>Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner: -»Würger! Du altes, fideles Haus!« schrien die Musensöhne -und stürzten die Treppen herab in seine Arme; die Raucher -vergaßen ihre langen Pfeifen wegzulegen, die Billardspieler -hielten noch ihre Queues in der Hand. Sie bildeten eine Leibwache -von sonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen.</p> - -<p>Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner -nicht, der ich bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den -ältesten und angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und -ich wurde mit herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man -führte uns in wildem Tumult die Treppe hinan, man setzte -mich zwischen zwei bemooste Häupter an den Ehrenplatz, gab -mir ein großes Paßglas voll Bier, und ein Fuchs mußte dem -neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span></p> - -<p>So war ich denn in …en als Student eingeführt, -und ich gestehe, es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. -Es herrschte ein offener, zutraulicher Ton, man brauchte -sich nicht in den Fesseln der Konvenienz, die gewiß dem Teufel -am lästigsten sind, umherzuschleppen, man sprach und dachte, -wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, daß ich gerade -im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht wundern, -daß ich mich vom Anfang gar nicht recht in die Konversation -zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter -(<em class="antiqua">Termini technici</em>), von welchen ich oben schon eine kleine Probe -gegeben habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft »Sau,« das -Glück, mit »Pech«, das Unglück bedeutet, wie auch »holzen«, mit -einem Stock schlagen, mit »pauken«, mit andern Waffen sich -schlagen.</p> - -<p>Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich -nicht von Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen -wurde, so fiel man hinter dem Bierglas in ungemein -transzendentale Untersuchungen, von welchen ich anfangs wenig -oder gar nichts verstand, ich merkte mir aber die Hauptworte, -welche vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation gezogen -wurde, so antwortete ich mit ernster Miene: »Freiheit, -Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit.«</p> - -<p>Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich -<em class="gesperrt">teufelmäßige</em> Sprünge machen konnte, da ich mir sogar -nach und nach langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte -und kämmte und einen zierlich ausgeschnittenen Kragen über -den deutschen Rock herauslegte, mich auch auf die Klinge nicht -übel verstand, so war es kein Wunder, daß ich bald in großes -Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluß -so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten zu -leiten und zu erziehen und sie für die Welt zu gewinnen.</p> - -<p>Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner -Kommilitonen ein gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der -mir nun gar nicht behagte und nach meiner Meinung sich auch -nicht für junge Leute schickte. Wenn ich an die jungen Herren -in London und Paris, in Berlin, Wien, Frankfurt etc. dachte, an -die vergnügten Stunden, die ich in ihrem Kreise zubrachte; -wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren schönen, hohen -Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand, ihre nicht -geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzsaal, -nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem -Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt, anwenden<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, -in die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren -anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir -nicht unterdrücken.</p> - -<p>Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige -lustige Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen -ergötzliche Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so -zu unterhalten, daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte -ich kühnere Angriffe. Ich stellte mich Sonntags mit meinen -Gesellen vor die Kirchtüre, musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden -Damen, zog dann, wenn die Schäflein drin waren -und der Küster den Stall zumachte, mit den Meinigen in ein -Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die Gäste -besser zu unterhalten als der Doktor N. oder Professor N. in -der Kirche seine Zuhörer.</p> - -<p>Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partie -auf meiner Seite. Die Frömmeren schrieen von Anfang über -den rohen Geist, der einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir -christliche Bursche seien; aber es half nichts, meine Persiflagen -hatten so gute Wirkung getan, daß sie sich am Ende selbst schämten, -in der Kirche gesehen zu werden, und es gehörte zum guten -Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtür zu sein; aber bis hierher -und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als je, es -wurde viel getrunken, ja, es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im -Trinken zu halten, man wird es kaum glauben, es gab sogar -eigentliche Kunsttrinker!</p> - -<p>Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, -aber die Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre »Altvordern« -auch durch Trinken exzelliert haben; die Frömmsten -ließen sich große Humpen verfertigen und zwangen und mühten -sich so lange, bis sie wie Götz von Berlichingen oder gar wie -Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den Feineren, Gebildeteren -war es natürlich vom Anfang auch ein Greuel, ich -verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich -in seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:</p> - -<p>»Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart -hinter dem schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, -eine Art von stärkendem Schlammbad sei, um die Ueberfeinerung -abzuwenden, mit der jener Flor bedrohe; ich glaube, -daß einer, der erwägt, wie weit die Wissenschaften bei einem -Studierenden steigen, dem Musensohne ein gewisses barbarisches -Mittelalter, das sogenannte Burschenleben – gönnen werde,<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht über die -Grenze geht.«</p> - -<p>Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für -diese Stelle meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich -ausspricht, was konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen? -Sie setzten sich auch in die schwarzgerauchte Kneipe, »verschlammten« -sich recht tüchtig in dem »barbarischen Mittelalter« und -hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine älteren Zöglinge -bald überholt.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.</span></h3> -</div> - -<p>Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und -leben machte, vergaß ich auch das <em class="antiqua">Dic cur hic</em> nicht und legte -mich mit Ernst aufs <em class="gesperrt">Theoretische</em>. Ich hörte die Philosophen -und Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den -Juristen und Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen -zu reden, von einem der hellsten Lichter jener Universität, -wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft sagen hören, -<em class="gesperrt">der Kerl hat den Teufel im Leib</em>. Eine solche geheimnisvolle -Tiefe, wollte man behaupten, solche überschwengliche -Gedanken, solche Gedrungenheit des Stils, eine so hinreißende -Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden in Israel. Ich -habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem Urteil, -als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel ausgestanden -in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII. 31 und 32 -in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen? – -Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben!</p> - -<p>Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen -Ton vorbrachte, war für seine Zuhörer so gut als Französisch -für einen Eskimo. Man mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, -ehe man darüber ins klare kam, daß er ebensowenig -fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er aber machte -sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine himmelhohe -Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis angepinselt -hatte. Auf dieser kletterte er nun zum blauen Aether -hinan, versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er -geschaut habe, er stieg und stieg, bis er den Kopf durch die -Wolken stieß, blickte hinein in das reine Blau des Himmels,<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -das sich auf dem grünen Grasboden noch viel hübscher ausnimmt -als oben, und sah, wie Sancho Pansa, als er auf dem -hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die Erde so groß wie -ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich – nichts.</p> - -<p>Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die -Männer von Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten -für alles Volk, damit sich keines verlaufe in der Wüste, und -siehe da, der Herr verwirrte ihre Sprache, daß weder Meister -noch Gesellen einander mehr verstanden.</p> - -<p>Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; -er las über die Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal -zwei vier sei, und die Herren Studiosi schrieben ganze -Stöße von Heften, daß zweimal zwei vier sei. Dieser Mann -blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte seinem Ziele -mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren Kollegen, die, -wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte, -Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt -aussandten.</p> - -<p>Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei -so bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern -Hörsaal ein, wo man über die Seele des Menschen dozierte. -Gerechter Himmel! Wenn ich so viel Umstände machen müßte, -um eine liederliche Seele in mein Fegfeuer zu deduzieren! Der -Mensch auf dem Katheder malte die Seele auf eine große -schwarze Tafel und sagte: »So ist sie, meine Herren!« Damit -war er aber nicht zufrieden, er behauptete, sie sitze oben in der -Zirbeldrüse.</p> - -<p>Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. -Um meine Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem -Sonntag nach der Kirche einem oder dem andern meine Visite -abzustatten. Ich zog mich ganz schwarz an, daß ich ein ziemlich -theologisches Air hatte, und trat meinen Marsch an. Man hatte -mir vorhergesagt, ich sollte keinen zu voreiligen Schluß auf den -reinen und frommen Charakter dieser Männer machen, sie seien -etwas nach dem alttestamentarischen Kostüm, vernachlässigen -äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins Linkische.</p> - -<p>Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat in das Zimmer -des ersten Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob -sich ein dicker ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, -eine ganz schwarze Meerschaumpfeife in der Hand. Er -machte einen kurzen Knicks mit dem Kopf und sah mich dann -ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm auseinander, wie<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span> -mich die Philosophie gar nicht befriedigte, und daß ich gesonnen -sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte -einige unverständliche, aber, wie es schien, gelehrte Bemerkungen, -verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer -auf und ab.</p> - -<p>Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu -begleiten, voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten -neben ihm her, indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter -Mund weiter vorbringen werde. Vergebens! Er grinste -hie und da noch etwas weniges, sprach aber kein Wort weiter, -wenigstens verstand ich nichts als die Worte: »Pfeife rauchen?« -ich merkte, daß er mir höflich eine Pfeife anbiete, konnte aber -keinen Gebrauch davon machen, denn er rauchte wahrhaftig eine -gar zu schlechte Nummer.</p> - -<p>Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in -Verlegenheit zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen -des Professors mich gänzlich außer Fassung gebracht. So aber -ging ich gemächlich neben ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte, -und zählte die Schritte, die sein Zimmer in der Länge -maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die verschiedenen -Kleider und Wäschrudera, die auf den Stühlen umherlagen, -das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte, -wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein -Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn -und lang um die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter -dem Arm. Der Schlafrock war an dem Ellbogen zerrissen und -hatte verschiedene Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt -schienen. Das eine Bein war mit einem schwarzseidenen -Strumpf, und der Fuß mit einem Schnallenschuh bekleidet, der -andere stak in einem weiten abgelaufenen Filzpantoffel, und -um das halbentblößte Bein hing ein gelblicher Socken. Ehe -ich noch während des unbegreiflichen Stillschweigens des Theologen -meine Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die -Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der Röte des -Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.</p> - -<p>»Nein, das ist doch zu arg, Blasius!« schrie sie, »der -Küster ist da und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht -schon vor dem Altar, und du steckst noch im Schlafrock!«</p> - -<p>»Weiß Gott, meine Liebe,« antwortete der Doktor gelassen, -»das habe ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte -ich schon zum Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke -einfiel, der den Doktor Paulus weidlich schlagen muß.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span></p> - -<p>Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle -beraube, wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um -auch sein übriges Kadaver zum Dienst des Herrn zu schmücken. -Sein Eheweib aber stellte sich mit einer schnellen Wendung vor -ihn hin und zog die weiten Falten ihrer Kleider auseinander, -daß vom Professor nichts mehr sichtbar war.</p> - -<p>»Sie verzeihen, Herr Kandidat,« sprach sie, ihre Wut kaum -unterdrückend. »Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen -werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. -Er muß jetzt in die Kirche.«</p> - -<p>Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter -unter den Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. -»Ein schöner Anfang in der Theologie!« dachte ich, und die -Lust, die übrigen geistlichen Männer zu besuchen, war mir -gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige Vorlesungen mit -anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.</p> - -<p>Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft -mit jungen Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen -von allen Farben und Formen, lange herabwallende, kurze -emporsteigende Haare, Bärte, an welchen sich ein Sappeur der -alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und kleine, zierliche -Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten, neben deutschen -Röcken und ellenbreiten Hemdkragen. So saßen die jungen -geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine -Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte -der Weisheit gleich <em class="antiqua">ad notam</em> zu nehmen. »O Platon und -Sokrates!« dachte ich, »hätten eure Studiosen und Akademiker -nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer, heiliger Weisheit -wäre nicht umsonst verrauscht; wie majestätisch müßten sich die -Folianten von <em class="antiqua">Socratis opera</em> in mancher Bibliothek ausnehmen!«</p> - -<p>Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke -Gestalt drängte sich durch die Reihen der jungen Herren dem -Katheder zu, es war der Doktor Schnatterer, den ich gestern -besucht hatte. Mit Wonnegefühl schien er die Versammlung -zu überschauen, hustete dann etwas weniges und begann:</p> - -<p>»Hochachtbare, Hochansehnliche!« (Damit meinte er die, -welche sechs Taler Honorar zahlten.)</p> - -<p>»Wertgeschätzte!« (Die, welche das gewöhnliche Honorar -zahlten.</p> - -<p>»Meine Herren!« (Das waren die, welche nur die Hälfte -oder aus Armut gar nichts entrichteten.) Und nun hob er<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span> -seinen Sermon an, die Federn rasselten, das Papier knirschte, -er aber schaute herab wie der Mond aus Regenwolken.</p> - -<p>Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen -können, denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt -<em class="antiqua">De angelis malis</em>, worin ich vorzüglich traktiert zu werden -hoffen durfte. Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. -»Der Teufel,« sagte er, »überredete die ersten Menschen zur -Sünde und ist noch immer gegen das ganze Menschengeschlecht -feindlich gesinnt.« Nach diesem Satz hoffte ich nun eine philosophische -Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören; aber -weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort <em class="gesperrt">Teufel</em> stehen, -und daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem -Aufwand von Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen -Schlafrock nicht gesucht hätte, warf er nun das Wort Beelzebub -drei Viertelstunden lang hin und her. Er behauptete, die einen -erklären, es bedeute einen Fliegenmeister, der die Mücken aus -dem Lande treiben solle, andere nehmen das Sephuph nicht von -den Mücken, sondern als <em class="gesperrt">Anklage</em>, wie die Chaldäer und -Syrier. Andere erklären Sephuph als Grab, <em class="antiqua">Sepulcrum</em>. Die -Federn schwirrten und flogen: so tiefe Gelehrsamkeit hört man -nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle -drei Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und -profanen Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es -mir vielen Spaß gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben -und namentlich den Satan so gründlich anatomiert zu -sehen. Aber endlich machte es mir doch Langeweile, und ich -wollte schon meinen Platz verlassen, um dem unendlichen Gewäsch -zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick aus, -die Sacktücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine -andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten -– alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen -werde.</p> - -<p>Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die -Meinungen anderer aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, -begann jetzt mit Salbung und Würde seine eigene Meinung -zu entwickeln.</p> - -<p>Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem -sie keinen passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und -glaube sich in diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein -stellen zu dürfen. Er lese nämlich Saephael, und das bedeute -Kot, Mist und dergleichen. Der Teufel oder Beelzebub wäre -also hier der <em class="gesperrt">Herr im Dreck</em>, <em class="gesperrt">der Unreinliche</em>,<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span> -το πνευμα ακαθαρτον, der <em class="gesperrt">Stinker</em> genannt, wie denn auch -im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser -unanständiger Geruch verbunden sei.</p> - -<p>Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war -mir noch nie vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen -Exegeten mit dem nämlichen Mittel zu bedienen, das einst -Doktor Luther, welcher gar keinen Spaß verstand, an mir probierte, -ihm nämlich das nächste beste Tintenfaß an den Kopf -zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich noch besser an ihm -rächen könnte, ich bezähmte meinen Zorn und schob meine Rache -auf.</p> - -<p>Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das -Heft zu, stand auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach -der Türe. Die tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, -löste sich in ein dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.</p> - -<p>»Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche -Fülle der tiefsten Gelehrsamkeit!« murmelten die Schüler des -großen Exegeten. Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, -ob ihnen auch kein Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, -von seinen kühnen Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich -waren sie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn sie hoffen -durften, ein dickes, reinliches, vollständiges Heft zu bekommen.</p> - -<p>Sobald sie aber die teuren Blätter in den Mappen hatten, -waren sie die alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen -Pfeifen, man setzte die Mütze kühn auf das Ohr, zog singend -oder den großen Hunden pfeifend ab, und wer hätte den Jünglingen, -die im Sturmschritt dem nächsten Bierhaus zuzogen, -angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie seien und -<em class="antiqua">recta via</em> von der kühnsten Konjektur des großen Dogmatikers -herkommen?</p> - -<p>So schloß sich mein erster theologischer Unterricht, ich war, -wenn nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff -meiner selbst, an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.</p> - -<p>Ich schwur mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen -Theologen dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn -der Oberste unter ihnen solche krasse Begriffe zu Markt brachte, -was durfte ich von den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen -Saephael-, oder Dr–ck-Seele hatte ich Rache geschworen, und -ich war Manns genug dazu, um sie auszuführen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p> - -<h3 id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.</span></h3> -</div> - -<p>Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht -übergehen darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des -wunderlichen Volkes, unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich -hatte schon seit einiger Zeit fleißig die Anatomie besucht, um -auch die Aerzte kennen zu lernen. Da geschah es eines Tages, -daß ich mit mehreren Freunden um einen Kadaver beschäftigt -war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des -Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des Glaubens an Unsterblichkeit -darzutun suchte.</p> - -<p>Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: »Pfui -Teufel! wie riecht's hier!«</p> - -<p>Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, -der mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch -den Eifer und das Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige -Konjektur des Professors niederschrieb, gegen sich aufgebracht -hatte. Als ich nun diese Aeußerung: »Pfui Teufel, wie riecht's -hier!« die ich in jenem Augenblick aus des Theologen Munde -nur auf mich, als den »Herrn im Kot« bezog, hörte, sagte ich -ihm ziemlich stark, daß ich mir solche Gemeinheiten und Unzüglichkeiten -verbitte.</p> - -<p>Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das -man Komment heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit -Blut abgewaschen werden konnte. Der Theologe, ein tüchtiger -Raufer, ließ mich daher am andern Tage sogleich fordern. Ein -solcher Spaß war mir erwünscht, denn wer sein Ansehen unter -seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich damals geschlagen -haben, obgleich das Duell an sich von meinen Freunden -als etwas Unvernünftiges, Unnatürliches angesehen wurde. -Ich hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem -Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und -beide Partien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.</p> - -<p>Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der -Oberrock ihm ausgezogen und der »Paukwichs,« das heißt, die -Rüstung, in welcher das Duell vor sich gehen sollte, angelegt. -Diese Rüstung oder der Paukwichs bestand in einem Hut mit -breiter Krempe, die dem Gesicht hinlänglichen Schutz verlieh, -einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die über den Bauch geschnallt -wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit der -Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt.<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -Eine ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers -ein <span id="corr047">Groschenstrick</span> war, stand steif um die Gegend des Halses -und schützte Kinn, Kehle, einen Teil der Schultern und den -obern Teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur Hand, -bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen verfertigtes Rüstzeug, -Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare -Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch -gewährte sie große Sicherheit, denn nur ein Teil des Gesichtes, -der Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des -Gegners zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht -enthalten, wenn ich im Spiegel meinen sonderbaren Habit betrachtete. -»Der Satan in einem solchen Aufzuge und im Begriff, -sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu -schlagen!«</p> - -<p>Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen -Ausbruch der Kühnheit und des Muts, gedachten, es sei jetzt -der rechte Augenblick gekommen, und führten mich in einen -großen Saal, wo man mit Kreide die gegenseitige feindliche -Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein Fuchs rechnete -es sich zur hohen Ehre, mir den »Schläger« vorantragen zu -dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug. -Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete -Waffe mit großem, schützendem Korb, und scharf geschliffen wie -ein Schermesser.</p> - -<p>Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe -machte ein grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf -mich, der mich nur noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn -tüchtig zu zeichnen.</p> - -<p>Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen -waren gebunden, die Sekundanten schrieen: »Los!« und unsere -Schläger schwirrten in der Luft und fielen rasselnd auf die -Körbe. Ich verhielt mich meistens parierend gegen die wirklich -schönen und mit großer Kunst ausgeführten Angriffe des Gegners. -Denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von Anfang -nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm -eine Schlappe gab.</p> - -<p>Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte -noch nie so kühn und schnell angreifen, noch nie mit so vieler -Ruhe und Kaltblütigkeit sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst -wurde von den ältesten »Häusern« bis in den Himmel -erhoben, und man war nun gespannt und begierig, bis ich selbst -angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich dazu aufzumuntern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p> - -<p>Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb -blutig gewesen wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, -zeigte ich meinen Kameraden die Stelle auf der rechten Wange, -wohin ich meinen Theologen treffen wolle. Dieser mochte es -mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen werde, er legte sich -so gedeckt als möglich aus und hütete sich, selbst einen Angriff -zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der ein -allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßige Hiebe, -und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.</p> - -<p>Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah, mein -Sekundant und Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, -maßen die Wunde und sagten mit feierlicher Stimme: »<em class="gesperrt">Es -ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also -Ansch–ß</em>«. Das hieß so viel als: weil ich dem guten Jungen -ein Zoll langes Loch ins Fleisch gemacht hatte, war seiner Ehre -genug geschehen</p> - -<p>Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten -meine Hände, die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, -mit welcher die in der Geschichte einzige und unerhörte Tat -geschehen war. Denn wer, seit des großen Renommisten Zeiten -durfte sich rühmen, vorher die Stelle, die er treffen wollte, -angezeigt und mit so vieler Genauigkeit getroffen zu haben?</p> - -<p>Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein -und bot mir in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu -dem Verwundeten, dem man gerade mit Nadel und Faden seine -Wunde zunähte, und versöhnte mich mit ihm.</p> - -<p>»Ich bin Ihnen Dank schuldig,« sagte er zu mir, »daß -Sie mich so gezeichnet haben. Ich wurde, ganz gegen meinen -Willen, gezwungen, Theologie zu studieren. Mein Vater ist -Landpfarrer, meine Mutter eine fromme Frau, die ihren Sohn -gerne einmal im Chorrock sehen möchte. <em class="gesperrt">Sie</em> haben mit -<em class="gesperrt">einemmal</em> entschieden, denn mit einer Schmarre vom Ohr -bis zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen.«</p> - -<p>Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, -der wohl mit geheimer Wehmut an den Schmerz des -alten Pastors, an den Jammer der frommen Mama denken -mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall anlangte. Ich -aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch eine -so kurze Operation der Welt wiedergeschenkt zu sein. Ich -fragte ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, -daß der Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers -ihn von jeher am meisten angezogen hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span></p> - -<p>Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen -Gedanken, denn gerade unter diesen beiden Ständen -zähle ich die meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm -daher aufs ernstlichste, dem Trieb der Natur zu folgen, indem -ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale -und an die vorzüglichsten Bühnen versprach.</p> - -<p>Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell -angewohnt hatte, gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch -mein Gegner und seine Gesellen nicht vergessen wurden. Dem -ehemaligen Theologen zahlte ich nachher in der Stille seine -Schulden und versah ihn, als er genesen war, mit Geld und -Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn eröffneten.</p> - -<p>Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig, als der glänzende -Ausgang meiner Affäre ein Geheimnis geblieben. Man -sah mich von jetzt wie ein höheres Wesen an, und ich kannte -manche junge Dame, die sogar über meine großmütigen Sentiments -Tränen vergoß.</p> - -<p>Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation -einen prachtvollen Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie -sich ausdrückten: <em class="gesperrt">für den guten Geruch ihrer Anatomie -geschlagen habe</em>.</p> - -<p>Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie -von Anfang war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen -huldigt sie gerne, wenn es sich nur in einem glänzenden Gewande -zeigt; die gute, ehrliche Tugend mit ihren rauhen Manieren -und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen wird höchstens -Achtung, niemals Beifall erlangen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Satans Rache an Doktor Schnatterer.</span></h3> -</div> - -<p>Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in -…en hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor -gemacht hatte, zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Aesthetik, -Rhetorik, namentlich aber auf die schöne Literatur. Man -wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art meine Zeit unnütz -angewendet. Ich besuchte ja jene berühmte Schule nicht, um -ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib -und Kind ernähren könnte, sondern das <em class="antiqua">Dic cur hic</em>, das ich -recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer, ich solle<span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span> -suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, -mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu vervollkommnen, -die heutzutage einem Mann von Bildung unentbehrlich -sind.</p> - -<p>Bei Gelegenheit, eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, -über die Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, -eine Statue nach allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für -die Männer einige theologische Literatur, einige juridische Phrasen, -einige neue medizinische Entdeckungen, einige exorbitante -philosophische Behauptungen <em class="antiqua">in petto</em> zu haben, hielt ich für -unumgänglich notwendig, um mich mit Anstand in der modernen -Welt bewegen zu können, und ohne mir selbst ein Kompliment -machen zu wollen, darf ich sagen, ich habe in den paar -Monaten in …en hinlänglich gelernt.</p> - -<p>Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder -im Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten -Ereignisse aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig -sind, wenn sie Stoff zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. -Ich darf daher nicht versäumen, meine Rache am Doktor Schnatterer -zu erzählen.</p> - -<p>Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag -nachmittags mit mehreren andern Professoren in ein Wirtshaus, -ein halbes Stündchen vor der Stadt, zu spazieren. Dort -pflegte man, um die steifgesessenen Glieder wieder auszurenken, -Kegel zu schieben und allerlei sonstige Kurzweil zu treiben, wie -es sich für ehrbare Männer geziemt; man spielte wohl auch -bei Türen ein Whistchen oder Pikett und trank manchmal ein -Gläschen über Durst, was wenigstens die böse Welt daraus -ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise des -Wirts zur Stadt bringen ließen.</p> - -<p>Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor -Sonnenuntergang heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin -ihm keine längere Frist erlaubt hatte: er ging dann bedächtlichen -Schrittes seinen Weg, vermied aber die breite -Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig Schritte -seitwärts neben jener hinlief; der Grund war, weil der breite -Weg am schönen Sonntag abend mit Fußgängern besäet war, -der Doktor aber die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas -unsicheren Gang nicht den Augen der Welt zeigen wollte.</p> - -<p>So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; -die Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und -sprachen: »Siehe, er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen,<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -der fromme Herr Doktor, sondern den schmalen Pfad, -welcher zum Leben führt.«</p> - -<p>Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan -gebaut. Ich paßte ihm an einem schönen Sonntag abend, -der alle Welt ins Freie gelockt hatte, auf, und er trat noch bei -guter Tageszeit aus dem Wirtshaus. Mit demütigem Bückling -nahte ich mich ihm und fragte, ob ich ihn auf seinem Heimweg -begleiten dürfe, der Abend scheine mir in seiner gelehrten -Nähe noch einmal so schön.</p> - -<p>Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; -er legte zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann -mit mir über die Tiefen der Wissenschaften zu perorieren. Aber -ich schlug sein Auge mit Blindheit, und indem ich als ehrbarer -Studiosus neben ihm zu gehen schien, verwandelte ich meine -Gestalt und erschien den verwunderten Blicken der Spaziergänger -als die schöne Luisel, die berüchtigste Dirne der Stadt. -– Ach! daß Hogarth an jenem Abend unter den spazierengehenden -Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch -herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, -hämische Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen -können!</p> - -<p>Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar -auf dem Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu -folgen, und rissen die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer -Strom wälzte sich uns die erstaunte Menge nach, wie -ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht: »Der Doktor -Schnatterer mit der schönen Luisel!« von Mund zu Mund der -Stadt zu.</p> - -<p>»Wehe dem, durch den Aergernis kommt!« riefen die Frommen. -»Hat man <em class="gesperrt">das</em> je erlebt von einem christlichen Prediger?«</p> - -<p>»Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?« -sprachen mit Achselzucken die Halbfrommen. »Wenn der Skandal -nur nicht auf öffentlicher Promenade –!«</p> - -<p>»Der Herr Doktor machen sich's bequem!« lachten die -Weltkinder, »er predigt gegen das Unrecht und geht mit der -Sünde spazieren.«</p> - -<p>So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und -Studenten, Mägde und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, -am Brunnen und an allen Ecken; und »Doktor Schnatterer« -und »Schön Luisel« war das Feldgeschrei und die Parole für -diesen Abend und manchen folgenden Tag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p> - -<p>An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt -aus dem Staube und schloß mich als Studiosus meinen -Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm auftischten. -Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in -seine tiefen Meditationen versenkt, nicht das Drängen der -Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das wiehernde -Gelächter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten, -daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen Ehehälfte die Geschichte -beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke -zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die fürchterliche -Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, -und das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel -zu volltönend, als daß man hätte denken können, die Frau -Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem <em class="gesperrt">Munde</em> -berührt.</p> - -<p>Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben -Stunde schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. -Ich traf den Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen -in einem Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich -zu und schrie, indem sie die Augen auf den Doktor hinüberblitzen -ließ: »Dieser Mensch dort behauptet, heute abend mit -Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein: sagen Sie, ob -es wahr ist, sagen Sie!«</p> - -<p>Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir -habe nie träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den -ganzen Abend zu Haus gewesen.</p> - -<p>Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der -Schrecken schien seine <span id="corr052">Zunge</span> gelähmt zu haben: »Zu Haus gewesen?« -lallte er. »Nicht mit mir gegangen? O, mit wem -soll ich denn gegangen sein als mit Ihnen, Wertester?«</p> - -<p>»Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?« -gab ich lächelnd zur Antwort. »Mit mir auf keinen Fall!«</p> - -<p>»Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus,« heulte die -wütende Frau, »was sollten Sie nicht wissen, was die ganze -Stadt weiß; der alte Sünder, der Schandmensch! Man weiß -seine Schliche wohl; mit der schönen Luisel hat er scharmutziert!«</p> - -<p>»Das hat mir der böse Feind angetan,« raste der Doktor -und rannte im Zimmer umher; »der Böse, der Beelzebub, nach -meiner Konjektur der Stinker.«</p> - -<p>»Der Rausch hat dir's angetan, du Lump,« schrie die Zärtliche, -riß ihren breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm -nach; ich aber schlich mich die Treppe hinab und zum Haus<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span> -hinaus und dachte bei mir: »Dem Doktor ist ganz recht geschehen; -man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst -kommt er.«</p> - -<p>Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien -ausgepocht und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen -den Eifer nicht mehr erwecken, der vor seiner Fatalität unter der -studierenden Jugend geherrscht hatte. Die Kollegiengelder erreichten -nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin -als allgemeinen Maßstab angenommen hatte, und der Professor -lebte daher in ewigem Hader mit der Unversöhnlichen. Diesem -hatte, so zu sagen, <em class="gesperrt">der Teufel ein Ei in die Wirtschaft -gelegt</em>.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt -die Universität.</span></h3> -</div> - -<p>Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, -Umtrieben, Verhaftungen und Untersuchungen. Man -lachte darüber, weil es schien, man betrachte alles durch das -Vergrößerungsglas, welches Angst und böses Gewissen vorhielten. -Uebrigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz -geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen …en -spukte es in manchen Köpfen seltsam.</p> - -<p>Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge -geben. Wenn man unbefangen unter den Burschen umherwandelte -und ihren Gelagen beiwohnte, so drängte sich von selbst die -Bemerkung auf, daß viele unter ihnen von etwas anderem angeregt -seien, als gerade von dem nächsten Zweck ihres Brotstudiums; -wie einige großes Interesse daran fanden, sich morgens -mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister mit -Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und -ihn schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren -Schönen zu machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein -geringerer Teil, auf Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, -daß ich sie zum Studium des Trinkens anhielt, dafür -gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen -möchten; aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten, -aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p> - -<p>Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet -waren; da sprach man viel von Volksbildung, von frommer -deutscher Art, manche sprudelten auch über und schrieen von der -Not des Vaterlandes, von –. Doch das ist jetzt gleichgültig, -von was gesprochen wurde, es genügt zu sagen, daß es schien, -als hätte <em class="gesperrt">eine</em> große Idee viele Herzen ergriffen, sie zu <em class="gesperrt">einem</em> -Streben vereinigt. Mir behagte die Sache an sich nicht übel; -sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich gleich dabei, -denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur sollte -nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren -Anstrich haben.</p> - -<p>Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit -eines Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine -Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit des Umgangs angeeignet -hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt -und kaum mit so viel Anstand ausgeführt wird; aber die -meisten waren in ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten -viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der Idee, die ihnen -aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, Mittelalter -und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander geknetet, -daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden -hätte.</p> - -<p>Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in -einer traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich -zeigte Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, -die nicht zu verachten sind, und die man immer ins -Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff -waren, die dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen -aufzuschließen, schien sie, ich weiß nicht was, zurückzuhalten; -sie behaupteten, ich habe kein Gemüt, denn dieses edle Seelenvermögen -schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.</p> - -<p>Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, -mochte ich durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt -haben? Eines Morgens trat der Pedell mit einigen -Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner -Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um -meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu -verstehen, daß ich als <em class="gesperrt">Demagoge</em> verhaftet sei.</p> - -<p>Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, -sorgte eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe -Rat beisammen war, wurde ich in den Saal geführt, um über -meine <em class="gesperrt">politischen Verbrechen</em> vernommen zu werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p> - -<p>Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, -ein Mediziner und der Universitätssekretär saßen um einen -grün behängten Tisch in feierlichem Ornat; die tiefe Stille, -welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der gelehrten -Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten mir unwillkürlich ein -Lächeln ab.</p> - -<p>Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende -der Tafel, Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und -der Pedell trat ab.</p> - -<p>Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier -zum Protokoll zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor -läßt seine ungeheure Dose herumgehen. Jeder der Herren -nimmt eine Prise, bedächtlich und mit Beugung des Hauptes; -Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und präsentiert -mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem abwehrenden -Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch -zu Boden fallen.</p> - -<p>»Alle Hagel, Herr Doktor,« schrie der alte Professor, alle -Achtung beiseite setzend.</p> - -<p>»O Jerum,« ächzte der Sekretär und warf das Federmesser -weg, denn er hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.</p> - -<p>»Bitte untertänigst!« stammelte der erschrockene Doktor -Saper.</p> - -<p>Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der -letztere kniete auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, -die er in der Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak -aufschaufeln.</p> - -<p>Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte -dreimal; der Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, -was zu Befehl sei, und Magnifikus mit einem verbindlichen -Lächeln zu Doktor Saper hinüber sprach: »Lassen Sie es gut -sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieser -Sitzung einiges Tabaks benötigt sein werden, glaube ich dafür -stimmen zu müssen, daß frischer <em class="antiqua">ad locum</em> gebracht werde.«</p> - -<p>Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell -einige Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak -zu bringen. Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand -er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Universität versammelt, -denn meine Verhaftung war schnell bekannt geworden, und -alles drängte sich zu, um das Nähere zu erfahren. Man kann -sich daher die Spannung der Gemüter denken, als man den -Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span> -fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet -werde, und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, -daß er eilends drei Lot Schnupftabak holen müsse.</p> - -<p>Aber im Saale war nach der Entfernung des Götterboten -die vorige, anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte -mich mit einem Blick voll Hoheit und begann:</p> - -<p>»Es ist uns von einer <span id="corr056">höchstpreuslichen</span> Zentral-Untersuchungskommission -der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime -Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität -seit einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk -zu richten. Wir sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände -vollkommen darüber einverstanden, daß Sie, Herr von -Barbe, sich höchst verdächtig gemacht haben, solche Verhältnisse -unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigeführt und -angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu! Herr von -Barbe?«</p> - -<p>»Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend -die Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen -Beschuldigung verdächtig machen.«</p> - -<p>»Die Beweise?« antwortete erstaunt der Rektor, »Sie verlangen -Beweise? Ist das der Respekt vor einem akademischen -Senate? Man führe selbst den Beweis, daß man nicht im -sträflichen Verdacht der Demagogie ist.«</p> - -<p>»Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz,« entgegnete -der Dekan der Juristen, »Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes -angeklagt ist, <em class="gesperrt">in alle Wege verlangen</em>, daß ihm -die Gründe des Verdachtes genannt werden.«</p> - -<p>Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der -Stirne; man sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe -in seinem Haupte hin und her wälze. Wie ein Bote vom Himmel -erschien ihm daher der Pedell mit der Dose und berichtete -zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die Studierenden in großer -Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude zusammengerottet -haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen laufe, -das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen -scheine.</p> - -<p>Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein -und richtete von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus -ein Kompliment aus, »und er möchte doch sich nach Haus -salvieren, weil die Studenten allerhand verdächtige Bewegungen -machen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p> - -<p>»Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen -Umtriebe, lieber Herr von Barbe?« sprach die Magnifizenz in -kläglichem Tone. »Aber der Aufruhr steigt, <em class="antiqua">videant Consules, -ne quid detrimenti</em> – man nehme seine Maßregeln; – daß -auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle fatalen Händel -bringen muß! – <em class="antiqua">Domine Collega</em>, Herr Doktor Pfeffer, -was stimmen Sie?«</p> - -<p>»Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht -und zur Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe -bis auf weiteres zu entlassen und ihm –«</p> - -<p>»Richtig, gut,« rief der Rektor, »Sie können abtreten, -wertgeschätzter junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden, -Sie sehen selbst, wie glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, -und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns wieder die -Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein solches Aufsehen -mehr erregt – weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich höre <em class="antiqua">pereat</em> -– so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch, -lieber Barbe, da denn die Sachen weiter besprochen werden -können.«</p> - -<p>Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren -ins Gesicht zu lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, -und wünschten sich in Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen -Hafen ihres weiten Lehnstuhls.</p> - -<p>»Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?« -klagten sie. »Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen -sind und sich unter diese himmelstürmenden Cyklopen -gemischt haben, ist keine Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man -muß befürchten, wie schlechte Schauspieler ausgepfiffen oder -am hellen Tage insultiert zu werden.«</p> - -<p>»Vom Erstechen will ich gar nicht reden,« sagte ein anderer, -»es sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege -ein gut Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol -tragen.«</p> - -<p>Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen -Kommilitonen für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, -daß sie nachts viel bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen -haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, daß sie -abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das -erschreckte Städtchen und sangen ihr <em class="antiqua">Ça ira, ça ira</em>, nämlich: -»Die Burschenfreiheit lebe« und das erhabene »Rautsch, rautsch, -rautschitschi, Revolution.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span></p> - -<p>Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch -versammelten Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, -weil ich die Herren Studiosen vermocht habe, nach Hause zu -gehen. Beschämung und Zorn rötete jetzt die bleichen Gesichter, -und mein bißchen Psychologie mußte mich ganz getäuscht haben, -wenn mich die Herren nicht ihre Angst entgelten ließen. Und -gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Magnifikus -ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die Aufrührer -abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener -Miene zu mir, und <em class="gesperrt">er</em>, der noch vor einer Viertelstunde »mein -wertgeschätzter Freund« zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: -»Wir können das Verhör weiter fortführen, Delinquent mag -sich setzen!«</p> - -<p>So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, -als daß der Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. -Nichts sucht er sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn -er sich dabei eine Blöße gegeben, deren er sich zu schämen hat.</p> - -<p>Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die -seiner Kollegen. Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der -Rektor entwickelte mit großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.</p> - -<p>»Demagog kommt her von δημος und ὰγειν. Das eine -heißt Volk, das andere führen oder verführen. Wer ist nach -diesem Begriff mehr Demagog als Sie? Haben wir nicht in -Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum Trinken -verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hierher verpflanzten? -Auch von andern Orten werden diese Sachen als -die sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind -Sie ein Demagog.« –</p> - -<p>Mit triumphierendem Lächeln wandte er sich zu seinen -Kollegen: »Habe ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, -Herr Professor Saper?« – »Vollkommen, Euer Magnifizenz,« -versicherten jene und schnupften.</p> - -<p>»Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt,« fuhr der Mediziner -fort; »das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und -der Demagogen, es ist, um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische -Ausbildung der körperlichen Kräfte. Da nun -die Turnplätze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen -Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht -haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben Sie sich -durch Ihre <em class="antiqua">Saltus mortales</em> und Ihre übrigen Künste als -einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. –<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span> -Habe ich nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die -Wahrheit, Herr Doktor Schrag?«</p> - -<p>»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten diese und -schnupften.</p> - -<p>»Demagogen,« fuhr er fort, »Demagogen schleichen sich -ohne bestimmten äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer -einzulegen; sie sind unstäte Leute, denen man ihre Verdächtigkeit -gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten -Zweck hier, denn er läuft in allen Kollegien und Wissenschaften -umher, ohne sie für immer zu frequentieren oder <em class="gesperrt">gar -nachzuschreiben</em>; was folgt? Er hat sich der Demagogie -sehr verdächtig gemacht; ich füge gleich den vierten Grund bei: -man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden -ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; -wer hat sich in diesem Punkt der Anklage würdiger gemacht -als Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?«</p> - -<p>»Sehr scharfsinnig, vollkommen!« antworteten die Aufgerufenen -<em class="antiqua">unisono</em> und ließen die Dose herumgehen.</p> - -<p>Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: »Wir glauben -hinlänglich bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus -Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; -wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhören, ein -Urteil zu fällen, darum verteidigen Sie sich. – Aber mein -Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu Mittag; -ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer schriftlich -abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche gesegnete -Mahlzeit, meine Herren.«</p> - -<p>So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer -entwarf ich eine Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. -Wahrscheinlicher aber ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen -Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. -Sie gaben mir daher den Bescheid, daß man mich -aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem Konsilium verschonen -wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.</p> - -<p>Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten -Sache gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen -Scheitel, und im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Haus -begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte -jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt geführt -hatte, erreicht und gedachte weiterzugehen. Ich hatte mir aber -vorgenommen, vorher noch den Titel eines Doktors der Philosophie -auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb daher eine<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span> -gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am -nächsten lag: <em class="antiqua">De rebus diabolicis</em>, ließ sie drucken und verteidigte -sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten -tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; -einen Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem -geneigten Leser beigelegt.<a id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Findet sich wenn ich nicht irre, am Ende des zweiten Teiles.</p></div> -</div> - -<p><em class="antiqua">Post exantlata</em> oder nachdem ich den Doktorhut errungen -hatte, gab ich einen ungeheuren Schmaus, wobei manche Seele -auf ewig mein wurde. Solange noch die guten Jungen meinen -Champagner und Burgunder mit schwerer Zunge prüften, ließ -ich meine Rappen vorführen und sagte der lieben Musenstadt -Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber überbrachte -der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches -Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen -Morgenträumen weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel -erinnerte sie auch in spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus -und an ihren guten Freund, den Satan.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2" id="Unterhaltungen_des_Satan_und_des_ewigen_Juden">Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden -in Berlin.</p> - -<div class="chapcit"> -<p>»Die heutigen dummen Gesichter sind nur das -<em class="antiqua">Boeuf à la mode</em> der frühern dummen Gesichter.«</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Welt</em> und <em class="gesperrt">Zeit</em>. -</p></div> - -<h3 id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Wen der Teufel im Tiergarten traf.</span></h3> -</div> - -<p>Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen -Sommerabend im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen -Zelt; ich betrachtete mir die bunte Welt um mich her und -hatte großes Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder -ganz anders geworden als zu der frommen Zeit Anno dreizehn -und fünfzehn, wo alles so ehrbar, und, wie sie es nannten, -altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig ennuyierte. Besonders -über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich damals -recht ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -und Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen -die Linden entlang nach dem Tiergarten heraus; aber -damals –? Jetzt aber ging es auch wieder hoch her. Das -Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie früher zog -durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie -vorzeiten, und war ein geschätzter, angesehener Mann.</p> - -<p>Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die -buntgemischte Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs -von allen Chargen, mit ihren ebenso verschieden chargierten -Schönen, die zierlichen Elegants und Elegantinnen, die Mütter, -die ihre geputzten Töchter zu Markt brachten, die wohlgenährten -Räte mit einem guten Griff der Kassengelder in der Tasche, -und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und Handwerksbursche, -anständige und unanständige Gesellschaft – sie alle um -mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, <em class="gesperrt">mein</em> zu werden! -In fröhlicher Stimmung ging es weiter und weiter, ich -wurde immer zufriedener und heiterer.</p> - -<p>Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der -Menge, ein paar Männer an einem kleinen Tischchen sitzen, -welche gar nicht recht zu meiner fröhlichen Gesellschaft taugen -wollten. Den einen konnte ich nur vom Rücken sehen, es war -ein kleiner beweglicher Mann, schien viel an seinen Nachbar -hinzusprechen, gestikulierte oft mit den Armen und nahm nach -jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches Schlückchen -dunkelroten Franzweins zu sich.</p> - -<p>Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, -er war ärmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die -eine Hand, während die andere mit einem langen Wanderstab -wunderliche Figuren in den Sand schrieb, er hörte mit trübem -Lächeln dem Sprechenden zu und schien ihm wenig oder ganz -kurz zu antworten.</p> - -<p>Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch -konnte ich mich im Augenblick nicht entsinnen, wer sie wären. -Der kleine Lebhafte sprang endlich herauf, drückte dem Alten -die Hand, lief mit kurzen schnellen Schritten, heiser vor sich -hinlachend, hinweg und verlor sich bald ins Gedränge. Der -Alte schaute ihm wehmütig nach und legte dann die tiefgefurchte -Stirne wieder in die Hand.</p> - -<p>Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu -dieser Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es – doch was -braucht der Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -näher, setzte mich auf den Stuhl, welchen der andere verlassen -hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.</p> - -<p>Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja, -er war es, es war der <em class="gesperrt">ewige Jude</em>.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bon soir</em>, Brüderchen!« sagte ich zu ihm, »es ist doch -schnakisch, daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, -es wird wohl so achtzig Jährchen sein, daß ich nicht -mehr das Vergnügen hatte?«</p> - -<p>Er sah mich fragend an. »So, du bist's?« preßte er endlich -heraus. »Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!«</p> - -<p>»Nur nicht gleich so grob, <em class="gesperrt">Ewiger</em>,« gab ich ihm zur -Antwort; »wir haben manche Mitternacht miteinander vertollt, -als du noch munter warst auf der Erde und so recht systematisch -liederlich lebtest, um dich selbst bald unter den Boden zu bringen. -Aber jetzt bist du, glaube ich, ein Pietist geworden.«</p> - -<p>Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, -das über seine verwitterten Züge flog, wie ein Blitz durch die -Ruine, zeigte mir, daß er mit der Kirche noch immer nicht recht -einig sei.</p> - -<p>»Wer ging da soeben von dir hinweg?« fragte ich, als er -noch immer auf seinem Schweigen beharrte.</p> - -<p>»Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann,« erwiderte er.</p> - -<p>»So, <em class="gesperrt">der</em>? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir -immer ausweicht wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher -seiner nächtlichen Phantasien behilflich, daß es ihm selbst oft -angst und bange wurde, und habe ich ihm nicht als sein eigner -Doppelgänger über die Schultern geschaut, als er an seinem -Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk anschaute, -rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war -Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb. – So, so, der -war's? Und was wollte er von dir, Ewiger?«</p> - -<p>»Daß du verkrümmest mit deinem Spott; bist du nicht -gleich ewig wie ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den -Rücken? Nenne den Namen nicht mehr, den ich hasse! Was -aber den Kammergerichtsrat Hoffmann betrifft,« fuhr er ruhiger -fort, »so geht er umher, um sich die Leute zu betrachten; und -wenn er einen findet, der etwas Apartes an sich hat, etwa einen -Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus dem Geisterreich, -so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten oder mit -dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt -haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span> -lud mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu -besuchen.«</p> - -<p>»So, so? Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn -man fragen darf?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Recta</em> aus China!« antwortete Ahasverus. »Ein langweiliges -Nest, es sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert -Jahren, als ich zum erstenmal dort war.«</p> - -<p>»In China warst du?« fragte ich lachend. »wie kommst du -denn zu dem langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu -wenig amüsant ist?«</p> - -<p>»Laß das,« entgegnete jener, »du weißt ja, wie mich die -Unruhe durch die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne -des neuen Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen -aufging, den Kopf an die <em class="gesperrt">lange Mauer</em> von China gerannt, -aber es wollte noch nicht mit mir zu Ende gehen, und ich -hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des himmlischen -Reiches gestoßen wie ein alter Aries, als daß der dort oben -mir ein Härchen hätte krümmen lassen.«</p> - -<p>Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die -müden Augenlider wollten sich schließen, aber der Schwur des -Ewigen hält sie offen, bis er schlafen darf, wenn die andern -auferstehen. Er hatte lange geschwiegen, und wahrlich, ich -konnte den Armen nicht ohne eine Regung von Mitleid ansehen. -Er richtete sich wieder auf. – »Satan,« fragte er mit -zitternder Stimme, »wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?«</p> - -<p>»Es will Abend werden,« gab ich ihm zur Antwort.</p> - -<p>»O Mitternacht,« stöhnte er, »wann endlich kommen deine -kühlen Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? -Wann nahest du, Stunde, wo die Gräber sich öffnen und Raum -wird für den <em class="gesperrt">einen</em>, der dann ruhen darf?«</p> - -<p>»Pfui Kuckuck, alter Heuler!« brach ich los, erbost über -die weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. »Wie magst -du nur solch ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, -du darfst dir gratulieren, daß du noch etwas Apartes hast. -Manche lustige Seele hat es an einem gewissen Ort viel schlimmer -als du hier auf der Erde. Man hat doch hier oben immer -noch seinen Spaß, denn die Menschen sorgen dafür, daß die -tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit -hätte wie du, ich wollte das Leben anders genießen. <em class="antiqua">Ma foi</em>, -Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt -über die galanten Abenteuer einer Königin öffentlich certiert? -Warum nicht nach Spanien, wo es jetzt nächstens losbricht?<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -Warum nicht nach Frankreich, um dein Gaudium daran zu -haben, wie man die Wände des Kaisertums überpinselt und mit -alten Gobelins von Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus -dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dir versichern, -es sieht gar närrisch aus, denn die Tapete ist überall zu kurz, -und durch Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum, -wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips -auslöschen kann, und das, so oft man es weiß anstreicht, immer -noch mit der alten <em class="gesperrt">bunten</em> Farbe durchschlägt?«</p> - -<p>Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht -war immer heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem -Herzen. »Du bist, wie ich sehe, immer noch der alte,« sagte er -und schüttelte mir die Hand, »weißt jedem etwas aufzuhängen, -und wenn er gerade aus Abrahams Schoß käme!«</p> - -<p>»Warum,« fuhr ich fort, »warum hältst du dich nicht -länger und öfter hier in dem guten, ehrlichen Deutschland auf? -Kann man etwas Possierlicheres sehen als diese Duodezländer? -Da ist alles so – doch stille, da geht einer von der geheimen -Polizei umher. Man könnte leicht etwas aufschnappen und den -ewigen Juden und den Teufel als unruhige Köpfe nach Spandau -schicken. Aber um auf etwas anderes zu kommen, warum -bist du denn hier in Berlin?«</p> - -<p>»Das hat seine eigene Bewandtnis,« antwortete der Jude. -»Ich bin hier, um einen Dichter zu besuchen.«</p> - -<p>»Du einen Dichter?« rief ich verwundert. »Wie kommst -du auf diesen Einfall?«</p> - -<p>»Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt -es Novelle, worin ich die Hauptrolle spielte. Es führt zwar -den dummen Titel: <em class="gesperrt">Der ewige Jude</em>, im übrigen ist es -aber eine schöne Dichtung, die mir wunderbaren Trost brachte! -Nun möchte ich den Mann sehen und sprechen, der das wunderliche -Ding gemacht hat.«</p> - -<p>»Und der soll hier wohnen, in Berlin?« fragte ich neugierig, -»und wie heißt er denn?«</p> - -<p>»Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch -die Straße genannt, aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, -durch das man Mondschein gießt!«</p> - -<p>Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei -einem Dichter produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. -»Höre, Alter,« sagte ich zu ihm, »wir sind von jeher auf gutem -Fuß miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, daß du deine -Gesinnungen gegen mich ändern wirst. Sonst –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span></p> - -<p>»Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan,« antwortete -er, »denn du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne -deine Schliche hinlänglich, aber deswegen bist du mir doch als -alter Bekannter ganz angenehm und recht. – Warum fragst -du denn?«</p> - -<p>»Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu -dem Dichter, der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. -Willst du nicht?«</p> - -<p>»Ich sehe zwar nicht ein, was für Interesse du dabei haben -kannst,« antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. »Du -könntest irgend einen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht -gar mit bösen Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. -Dies schlage dir übrigens nur aus dem Sinn, denn der -schreibt so fromme Novellen, daß der Teufel selbst ihm nichts -anhaben kann. – Doch meinetwegen kannst du mitgehen.«</p> - -<p>»Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere -ich mich wenig um Dichter und dergleichen, das ist leichte -Ware, welcher der Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur -Interesse an dem Manne selbst, was mich zu ihm zieht. Uebrigens, -in diesem Kostüm kannst du hier in Berlin keine Visiten -machen, Alter!«</p> - -<p>Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes -braunes Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange -Weste mit breiten Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, -die auf den Knieen ins Bräunliche spielten. Er setzte -das schwarzrote dreieckige Hütchen aufs Ohr, nahm den langen -Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte sich vor mich hin -und fragte: »Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo -und zierlich wie der Sohn Isais? Was hast du nur an mir -auszusetzen? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du, -keine Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen nicht -in die Höhe <em class="antiqua">à la</em> Wahnsinn. Ich habe meinen Leib in keinen -wattierten Rock gepreßt, und um meine Beine schlottern keine -ellenweiten Beinkleider; wozu freilich Herr Bocksfuß Ursache -haben mag.«</p> - -<p>»Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher,« antwortete -ich dem alten Juden. »Wisse, man muß heutzutage nach der -Mode gekleidet sein, wenn man sein Glück machen will, und selbst -der Teufel macht davon keine Ausnahme. Aber höre meinen -Vorschlag. Ich versehe dich mit einem anständigen Anzug, und -du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf diese Art können -wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie wollte ich<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen ästhetischen Tee -einführte.«</p> - -<p>»Aesthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich -manches Maß Tee geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, -sogar Kamillentee, aber ästhetischer Tee war nie -dabei.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">O sancta simplicitas!</em> Jude, wie weit bist du zurück -in der Kultur! Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften -sind, wo man über Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam -warmes Wasser gießt und den Leuten damit aufwartet? Zucker -und Rum tut jeder nach Belieben dazu, und man amüsiert sich -dort trefflich.«</p> - -<p>»Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen,« -versicherte der Jude, »und was kostet es, wenn man's sehen -darf?«</p> - -<p>»Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom -Haus die Hand küßt und, wenn ihre Töchter singen oder mimische -Vorstellungen geben, hie und da ein ›Wundervoll‹ oder ›Göttlich‹ -schlüpfen läßt.«</p> - -<p>»Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten -achtzig Jahren. Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man -noch nichts von diesen Dingen. Doch des Spaßes wegen kann -man hingehen. Denn ich verspüre in dieser Sandwüste gewaltig -Langeweile.«</p> - -<p>Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir -besprachen uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei- -bis dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, -und schieden.</p> - -<p>Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden -Tage. Der ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche -Manieren, wußte sich so gar nicht in die heutige Welt zu schicken, -daß man ihn im Gewand eines Hofmeisters zum wenigsten für -einen ausgemachten Pedanten halten mußte. Ich nahm mir -vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel nur immer -möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit -zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig, -denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen -einen solchen Ansatz zur Frömmelei bekommen, daß er -ein Pietist zu werden drohte.</p> - -<p>Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein -Mann in mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der -Jude hieß sich Doktor Mucker und stellte in mir seinen Eleven,<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span> -den jungen Baron von Stobelberg, vor. Ich richtete meine -äußere Aufmerksamkeit bald auf die schönen Kupferstiche an der -Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die umherstanden, um -desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt möglich -war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.</p> - -<p>Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle -vom ewigen Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, -als daß er seinen Gast hätte auf diesem Lob stehen lassen, wandte -das Gespräch auf die Sage vom ewigen Juden überhaupt, und -daß sie ihm auf jene Weise aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, -zur Verwunderung des Dichters, grimmige Gesichter, als dieser -unter anderem behauptete: es liege in der Sage vom ewigen -Juden eine tiefe Moral, denn der Verworfenste unter den Menschen -sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über getäuschte -Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen -erregt habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich -der, welcher die Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine -als der, welcher sich täuschte.</p> - -<p>Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein -Inkognito abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als -ewiger Jude zu Leib gegangen. Noch verwirrter aber wurde -mein alter Hofmeister, als jener das Gespräch auf die neuere -Literatur brachte. Hier ging ihm die Stimme völlig aus, und -er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich zu empfehlen.</p> - -<p>Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen, -und kaum hatte er gehört, wir seien völlig fremd in Berlin -und wissen noch nicht, wie wir den Abend zubringen sollen, so -bat er uns, ihn in ein Haus zu begleiten, wo alle Montag ausgesuchte -Gesellschaft von Freunden der schönen Literatur bei -Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und schieden.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Zwolftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.</span></h3> -</div> - -<p>Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade -das, daß er in seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, -genierte ihn so sehr. Er brummte einmal über das andere über -die »naseweise Jugend« (obgleich der Dichter jener Novelle -schon bei Jahren war) und den Verfall der Zeiten und Sitten. -Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen Hofmeister<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span> -hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und brachte -den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich gegen -den alten Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästhetischen -Tee zu führen.</p> - -<p>Die siebente Stunde schlug. In einen modischen Frack, -wohl parfümiert, in die feinste, zierlichst gefältelte Leinwand -gekleidet, die Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe -von Lyon, die Schuhe von Straßburg, die Lorgnette -so fein und gefällig gearbeitet, wie sie nur immer aus der Fabrik -der Herren Lood in Werenthead hervorgeht, so stellte ich mich -den erstaunten Blicken des Juden dar; dieser war mit seiner -modischen Toilette noch nicht halb fertig und hatte alles höchst -sonderbar angezogen, wie er z. B. die elegante hohe Krawatte, -ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden -hatte und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf -<em class="gesperrt">Morea</em>.</p> - -<p>Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen -wir auf. Im Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für -diesen Abend gemietet hatte, wiederholte ich alle Lehren über -den gesellschaftlichen Anstand.</p> - -<p>»Du darfst,« sagte ich ihm, »in einem ästhetischen Tee eher -zerstreut und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst -nichts ganz unbedingt loben, sondern sieh immer so aus, als -habest du sonst noch etwas <em class="antiqua">in petto</em>, das viel zu weise für ein -sterbliches Ohr wäre. Das Beifalllächeln hochweiser Befriedigung -ist schwer und kann erst nach langer Uebung vor dem -Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber Surrogate dafür, -mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln kann, ohne -es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z. B. von einem Roman -reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt -als ganz natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben -müssest, und fragt dich um dein Urteil. Willst du dich nun -lächerlich machen und antworten, ›Ich habe ihn nicht gelesen?‹ -Nein! Du antwortest frisch drauf zu: ›Er gefällt mir im ganzen -nicht übel, obgleich er meinen Forderungen an Romane noch -nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und Originelle, die -Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint mir hie und da -in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet -zu sein.‹</p> - -<p>»Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische -Falten gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil -absprechen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p> - -<p>»Dein Gewäsch behalte der Teufel,« entgegnete der Alte -mürrisch. »Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder -gar um dir Spaß zu machen, ästhetische Gesichter schneiden? -Da betrügst du dich sehr, Satan. Tee will ich meinetwegen -saufen, soviel du willst, aber –«</p> - -<p>»Da sieht man es wieder,« wandte ich ein, »wer wird denn -in einer honetten Gesellschaft <em class="gesperrt">saufen</em>? Wieviel fehlt dir noch, -um heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, -höchstens trinken – aber da hält schon der Wagen bei dem -Dichter, nimm dich zusammen, daß wir nicht Spott erleben, -Ahasvere!«</p> - -<p>Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. -Ich sah es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem -Ziele unserer Fahrt kamen, desto bänger zu Mut war. Obgleich -er schon seit achtzehn Jahrhunderten über die Erde wandelte, -so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhältnisse -finden, daß er alle Augenblicke anstieß. So fragte er -z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche -wir fahren, aus <em class="gesperrt">lauter</em> Christen bestehe, zu welcher Frage -jener natürlich große Augen machte und nicht recht wissen -mochte, wie sie hierher komme.</p> - -<p>Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der -Dichter den Zirkel, der uns aufnehmen sollte. Die milde und -sinnige Frömmigkeit, die in dem zarten Charakter der gnädigen -Frau vorwalten sollte; der feierliche Ernst, die stille Größe des -ältern Fräuleins, die, wenngleich Protestantin, doch ganz das -Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen habe, die, nachdem -sie mit gebrochenem Herzen der Welt Ade gesagt, jetzt ihr ganzes -Leben hindurch an einem großartigen, interessanten Schmerz -zehren.<a id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter, -naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den -Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee -komme. Sie habe die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, -Tieck usw., welche ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig -gelernt und gäbe sie hie und da mit allerliebster Präzision preis.<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -Sie singt, was nicht anders zu erwarten ist, auf Verlangen -italienische Arietten mit künstlichen Rouladen. Ihre Hauptforce -besteht aber im Walzerspielen. Die übrige Gesellschaft, -einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und naive, -junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein<a id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> werden -wir selbst näher kennen lernen.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit, den Aufriß des -Boudoirs dieser protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. -Im Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen Kruzifix. -Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die Eigentümerin höchstens -»<em class="antiqua">O Sanctissima</em>« darauf spielen kann. Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit -Flor verhängtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen, von etzlichem sinnigen -Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand ein -Spiegel.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen Fräulein zu unterscheiden. -Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter letzteren die, welche man -sonst Jungfer oder Mamsell heißt. Ich finde übrigens, den Unterschied auf diese Art -zu bezeichnen, sehr unpassend. Denn man wird mir zugeben, daß die bürgerlichen -Fräulein oft ebenso frei in ihren Sitten und Betragen sind als die echten.</p></div> -</div> - -<p>Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und -half meinem bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die -erleuchtete Treppe hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns -aus dem Vorzimmer entgegen. Geräusch vieler Stimmen -und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der halbgeöffneten -Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt -von dem Sonnenglanz der schwebenden Lüster, saß im Kreise -die Gesellschaft.</p> - -<p>Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau -und stellte den Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen -Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte sich die Matrone -und reichte uns die schöne zarte Hand, indem sie uns freundlich -willkommen hieß. Mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich -einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte ich diese zarte -Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht darüber -hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen, -und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings -die nämliche Gunst. Aber o Schrecken! Indem er sich -niederbückte, gewahrte ich, daß sein grauer, stechender Judenbart -nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste -hervorstehe. Gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig -bei dem Stechkuß, aber der Anstand ließ sie nicht mehr als ein -leises Gejammer hervorstöhnen. Wehmütig betrachtete sie die -schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah sich -genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen. Ich sah, wie dort -ihre Zofe aus der silbernen Toilette kölnisches Wasser nahm -und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne glacierte -Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so -daß doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die -gnädige Hand damit bekleidet.</p> - -<p>Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, -die Herren traten uns näher und befragten uns über<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -Gleichgültiges, worauf wir wieder Gleichgültiges antworteten, -bis die Seele des Hauses wieder hereintrat. Die Edle wußte -ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen, -daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu sein -schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil -ahnte, das er bewirkt habe.</p> - -<p>Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick -für seinen stechenden Handkuß zuwarf und <em class="gesperrt">mich</em> den ganzen -Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete.</p> - -<p>Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter -Tee war, zu welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive -silberne Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, -die prachtvollen Lüster und Spiegel, die brennenden -Farben der Teppiche und Tapeten, die künstlichen Blumen in -den zierlichsten Vasen, endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem -Kostüm, schwarz und weiß gemischt war, ließen auf den Stand -und guten Ton der Hausfrau schließen.</p> - -<p>Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige -Frau bedauerte, daß wir nicht früher gekommen seien. Der -junge Dichter Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem -Heldengedicht vorgelesen, so innig, so schwebend, mit soviel Musik -in den Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres -gehört habe, es stehe zu erwarten, daß es allgemein -Furore in Deutschland machen werde.</p> - -<p>Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekränzte -junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, -er wolle uns morgen in unserm Hotel besuchen, und wir sollten -nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben, sondern -einige vollständige Gesänge zu hören bekommen.</p> - -<p>Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine -ältliche Dame ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle -und neue Stickerei die Augen der Damen auf sich -zog. Sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit freundlichem -Lispeln:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Voyez là</em> das neueste Produkt meiner genialen Freundin -Johanna. Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, -und ich bin so glücklich, die Erste zu sein, die es hier besitzt. Ich -habe es nur ein wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, -diese Szenen, so ganz aus dem Leben gegriffen, die -Wahrheit der Charaktere, dieser glänzende Stil –«</p> - -<p>»Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau,« unterbrach -sie die Dame des Hauses, »darf ich bitten –? Ah,<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span> -Gabriele von Johanna von Schopenhauer. Mit dieser sind Sie -liiert, meine Liebe? Da wünsche ich Glück.«</p> - -<p>»Wir lernten uns in Karlsbad kennen,« antwortete Frau -von Wollau, »unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben -nach veredeltem Ziel der Menschheit,<a id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> sie zogen sich an, -wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele geschickt.«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen »nach dem Ziel der Veredlung.« -</p> -<p class="right"> -Der Herausgeber. -</p></div> -</div> - -<p>»Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft,« sagte -Fräulein <em class="gesperrt">Natalie</em>, die ältere Tochter des Hauses. »Ach! -wer doch auch so glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine -geniale Dame. Aber sagen Sie, wo haben Sie das wunderschöne -Stickmuster her, ich kann Ihre Tasche nicht genug bewundern.«</p> - -<p>»Schön – wunderschön – und die Farben! Und die -Girlanden! – Und die elegante Form!« hallte es von den -Lippen der schönen Teetrinkerinnen, und die arme Gabriele -wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen worden, -wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten -hätte. »Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet,« rief -die Wollau, »wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es -anders der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?«</p> - -<p>»Herrlich – schön – ein vortrefflicher Einfall –« ertönte -es wieder, und unser Führer, der in diesem Augenblicke -das Buch in der Hand hatte, wurde durch Akklamation zum -Vorleser erwählt. Man goß die Tassen wieder voll und reichte -die zierlichen Brötchen umher, um doch auch dem Körper -Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman -gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau -das Zeichen, und die Vorlesung begann.</p> - -<p>Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender -Stimme aus dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, -als daß es, wenn ich nicht irre, die Beschreibung von Tableaus -enthielt, die von einigen Damen der großen Welt aufgeführt -wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung, -denn ich belauschte die Herzensergießungen zweier -Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander -allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich -weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens -zu geraten, und doch war die Entfernung gerade so groß, daß -ein Paar gute Ohren alles hören konnten! Die eine der beiden<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -war die jüngere Tochter des Hauses, die, wie ich hörte, an -einen Gardeleutnant ihr Herz verloren hatte.</p> - -<p>»Und denke dir,« flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, »heute -in aller Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und -unter meinem Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer -von letzthin anfangen müssen.«</p> - -<p>»Du Glückliche!« antwortete das andere Fräulein, »und -hat Mama nichts gemerkt?«</p> - -<p>»So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal -aufzog. Was ich damals in Verlegenheit kam, kannst du gar -nicht glauben. Ich war mit dem …schen Attaché engagiert, -und du weißt, wie unerträglich mich dieser dürre Mensch verfolgt. -Er hatte schon wieder von den italienischen Gegenden -Süddeutschlands angefangen und mir nicht undeutlich zu verstehen -gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn ich mit ihm -dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser Pein. -Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der Unerträgliche -sein altes Lied von neuem anstimmte, aber Eduard -holte mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, -so daß jener vor Wut ganz stumm war, als ich das letzte -Mal zurückkam. Er äußerte gegen Mama seine Unzufriedenheit; -sie schien ihn aber nicht zu verstehen.«</p> - -<p>»Ach, wie glücklich du bist,« entgegnete wehmütig die Nachbarin, -»aber ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach -Halle versetzt ist? Wie wird es mir ergehen!«</p> - -<p>»Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir -doch, wie dies so schnell kam?«</p> - -<p>»Ach!« antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich -eine Träne im Auge. »Ach, du hast keine Vorstellung von den -Kabalen, die es im Leben gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert -immer für das Wohl des Vaterlandes war. Da hatte er nun -einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn mir auf der -Fensterscheibe vorgespielt, er ist schön. Seinem Obersten gefiel -er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, er solle ihm die -Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert dies -nicht tun, und, darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher, -bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst -dir gar nicht denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn -der Zapfenstreich an meinem Fenster vorbeikommt, sie spielen -ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und der, welcher ihn -machte, kann ihn nicht hören!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p> - -<p>»Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas -ganz Neues? Daß sie bei der Garde andere Uniform bekommen?«</p> - -<p>»Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?«</p> - -<p>»Höre, aber im <em class="gesperrt">engsten</em> Vertrauen, denn es ist noch -tiefes, tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten -und gestand mir es neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten -Verschwiegenheit. Sieh, die Knöpfe werden auf der Brust weiter -auseinandergesetzt und laufen weiter unten enger zu, auf diese -Art wird die Taille noch viel schlanker, dann sollen sie auch -goldene Achselschnüre bekommen, das weiß aber der Oberst und -ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiß; auch an -den Beinkleidern geschehen Veränderungen. – Eduard muß -aussehen wie ein Engel – siehe, bisher …«</p> - -<p>Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der -Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur -so viel sah ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen -ein recht schönes Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, -bei weitem glänzendere Strahlen werfen, wenn sich <em class="gesperrt">sinnliche -Liebe</em> in ihnen spiegelt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Angststunden des ewigen Juden.</span></h3> -</div> - -<p>Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und -legte das Buch nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die -gewöhnlichen Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten -hatten, wurden auch der Gabriele zu teil. Ich konnte die -Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden Fräulein -nicht genug bewundern; obgleich sie nicht den kleinsten -Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren sie doch -schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die -eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und -drückte sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den -Genuß, den sie allen bereitet habe.</p> - -<p>Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn -sie die Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach -allen Seiten hin für das Lob, das ihrer Freundin zu teil geworden, -und gab nicht undeutlich zu verstehen, daß sie selbst -vielleicht einigen Einfluß auf das neue Buch gehabt habe. Denn<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span> -sie finde hin und wieder leise Anklänge an ihre eigenen Empfindungen, -an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über -die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen -Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.</p> - -<p>Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente -zu machen, obgleich man allgemein überzeugt war, daß -die geniale Freundin nichts aus dem inneren Wollauschen Leben -<em class="gesperrt">gespickt</em> haben werde.</p> - -<p>Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine -ganz sonderbare Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er -in diese Welt hinein, als traue er seinen Augen und Ohren nicht. -Doch war das Bemühen, nach meiner Vorschrift ästhetisch und -kritisch auszusehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die -Uebung darin abging, so schnitt er so greuliche Grimassen, daß -er einigemal während des Vorlesens die Aufmerksamkeit des -ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses mich teilnehmend -fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei?</p> - -<p>Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen -befallen, und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als -aber Frau von Wollau, die ihm gegenübersaß, ihren Einfluß -auf die Dichterin mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte -Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen, -daß er laut auflachte.</p> - -<p>Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Tee -in höchst feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht -denken, wie betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des -Hohns erscholl. Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte, -in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte -Dame ansah. Die Frau des Hauses, eingedenk des stechenden -Kusses, wollte schon den unartigen Fremden, der den Anstand -ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt zurechtweisen, -als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm zugetraut -hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.</p> - -<p>»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte er, »Sie werden mein -allerdings unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, -mich zu rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch -schon begegnet, daß eine Ideen-Association Sie völlig außer -Kontenance brachte. Ist doch schon manchem mitten unter den -heiligsten Dingen ein lächerlicher Gedanke aufgestoßen, der ihn -im Munde kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn zu verhalten -und zurückzudrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf -einmal hervor; so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -würden mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir -erlaubten, durch offenherzige Erzählung mich bei Frau von -Wollau zu entschuldigen.«</p> - -<p>Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht -verletzt sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige -Jude begann: »Frau von Wollau hat uns ihr interessantes -Verhältnis zu einer berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns -erzählt, wie sie in manchen Stunden über ihre schriftstellerischen -Arbeiten sich mit ihr besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft -an eine Anekdote aus meinem eigenen Leben.</p> - -<p>Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige -Zeit in S. Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens -nach dem königlichen Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten -offen stand. Die schöne Welt ließ sich dort zu Fuß und -zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte die einsameren Partien -des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen gegen die -Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbänken -mir und meinen Gedanken lebte.</p> - -<p>Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen -geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, ältliche -Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, -aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich -hielt nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen -schienen, zu erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens -nicht, was mich abhielt, denn ich kannte keine Seele in jener -Stadt, also konnten mir ihre Reden höchst gleichgültig sein. -Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, Verehrteste, als ich -folgendes Gespräch vernahm:</p> - -<p>›Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? -Haben Sie endlich die hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?‹</p> - -<p>›Ja,‹ antwortete die andere Dame, ›heute früh nach dem -Kaffee habe ich sie umgebracht.‹</p> - -<p>Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich -und gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als -möglich näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von jenen -trennte, schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja -nichts entgehen sollte, und hörte weiter.</p> - -<p>›Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich -durch Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie -Othello seine Desdemona, mit dem Deckbette erstickt?‹</p> - -<p>›Keines von beiden,‹ entgegnete jene, ›aber recht hart -ward mir dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span> -ich sie schon zwischen Leben und Sterben, und immer wußte -ich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Da fiel mir endlich -ein gewagtes Mittel ein; ich ließ sie, wie durch Zufall, von -einem Steg ohne Geländer in den tiefen Strom hinabgleiten, -die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von Elisen -nichts mehr gesehen.‹</p> - -<p>›Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, -die Sie auf die eine oder die andere Art umbringen?‹</p> - -<p>›Nun, das wird bald abgezählt sein, Pauline Dupuis, -Marie usw., aber die erstere trug mir am meisten Geld ein. -Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige -mit mir konkurrierten.‹</p> - -<p>Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige -Geschöpfe hatte diese Frau schon aus der Welt geschafft. War -es nicht ein gutes Werk an der menschlichen Gesellschaft, wenn -ich einen solchen Greuel aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft -zog?</p> - -<p>Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen -aufgestanden und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand -ich auf und schlich mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren -Fersen folgend. Sie gingen durch die Promenade, ich folgte; -sie kehrten um und gingen durchs Tor, ich folgte; sie schienen -endlich meine Beobachtungen zu bemerken, denn die eine sah -sich einigemal nach mir um, ihr böses Gewissen schien mir erwacht, -sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich -durch die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, -täuschen, aber ich – folge. Endlich stehen sie an einem Hause -still. Sie ziehen die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. -Kaum sind sie in der Türe, so gehe ich schnell heran, merke -mir die Nummer des Hauses und eile, getrieben von jenem -Eifer, den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses -in jedem aufregen muß, auf die Direktion der Polizei.</p> - -<p>Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege -ihm die ganze Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, -weiß aber leider von den Gemordeten keine mit ihrem wahren -Namen anzugeben, als eine gewisse <em class="gesperrt">Pauline Dupuis</em>, die -im Jahre 1801 unter der mörderischen Hand jener Frau starb. -Doch dies war dem unter solchen Fällen ergrauten Polizeimann -genug. Er dankt mir für meinen Eifer, schickt sogleich Patrouille -in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich -auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein werde, -in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu,<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span> -da er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das -Aufsehen womöglich vermeide.</p> - -<p>Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die -das Haus umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch -dasselbe verlassen habe. Der Vogel war also gefangen. Wir -ließen uns das Haus öffnen und fingen im ersten Stock unsere -Untersuchung an. Gleich vor der Türe des ersten Zimmers -hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände -öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere, ältliche -Dame als die Verbrecherin an.</p> - -<p>Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte -nach unserem Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen -hatte die Dame etwas, das mir imponierte. Ich verlor auf -einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den Direktor, -um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch dieser ließ -sich nicht so leicht verblüffen. Mit der ernsten Amtsmiene -eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang -aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie -gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der -Mann sah sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an -ängstlich zu werden, sie fragte, was man denn von ihr wolle, -warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten besetze, -warum man sie mit solchen Fragen bestürme?</p> - -<p>Der Mann der Polizei sah in diesen ängstlichen Fragen -nur den Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien -es für das beste zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr -vollends das Verbrechen zu entlocken. ›Madame, was haben -Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? Leugnen -Sie nicht länger, wir wissen alles, sie starb durch Ihre Hand, -wie heute früh die unglückliche Elise!‹</p> - -<p>›Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben -lassen,‹ antwortete diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar -in ein boshaftes Lächeln überzugehen schien.</p> - -<p>›Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, -als hätten Sie zwei Tauben abgetan?‹ fragte der erstaunte -Polizeidirektor, dem <em class="antiqua">in praxi</em> eine solche Mörderin noch nicht -vorgekommen sein mochte. ›Wissen Sie denn, daß Sie verloren -sind, daß es Ihnen den Kopf kosten kann?‹</p> - -<p>›Nicht doch!‹ entgegnete die Dame. ›Die Geschichte ist ja -weltbekannt.‹ – ›Weltbekannt?‹ rief jener. ›Bin ich nicht schon -seit vierundzwanzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen -könnte mir entgehen?<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>‹</p> - -<p>›Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich -Ihnen die Belege herbeibringe?‹</p> - -<p>›Nicht von der Stelle, ohne gehörige Bewachung. Wache! -Zwei Mann auf jeder Seite von Madame. Bei dem ersten -Versuch zur Flucht – zugestoßen!‹</p> - -<p>Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten -die Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben -schien. Bald jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in -der Hand.</p> - -<p>›Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Morde -finden,‹ sagte sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.</p> - -<p>›Taschenbuch für 1802,‹ murmelte der Direktor, indem er -das Buch aufschlug und durchblätterte, ›was Teufel, gedruckt -und zu lesen steht hier: <em class="gesperrt">Pauline Dupuis</em> von – mein -Gott, Sie sind die Witwe des Herrn von – und, wenn ich nicht -irre, selbst Schriftstellerin?‹</p> - -<p>›So ist es,‹ antwortete die Dame und brach in ein lustiges -Lachen aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, -vor Lachen sprachlos, auf mich deutete.</p> - -<p>›Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind?‹ fragte ich, -den Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin -und des Polizeimannes noch immer nicht verstehend.</p> - -<p>›Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,‹ sagte die -Lachende, ›und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen -Leben eingehen.‹</p> - -<p>Was brauche ich noch dazuzusetzen? Meine Herren und -Damen! Ich war der Narr im Spiel, und jene Frau war die -rühmlichst bekannte, interessante Th. v. H. Die Erzählung -»Pauline Dupuis« ist noch heute zu lesen; ob die geniale Frau -ihre Elise, die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee -vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht. Ich mußte aus -S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu werden. Vorher -aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diätenrechnung -über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte -den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch -in einem Klub abgehalten hatte.« –</p> - -<p>Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung -an Frau von Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm -zu teil, und ein gnädiges Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie -glücklich er sich gerechtfertigt hatte. Und wie die finstern Blicke -dieser Dame vorher die Männer aus seiner unglücklichen Nähe -entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder, als<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn öfter ins -Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich über -jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner -für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben -für die Berliner, welche nie an den Rebhügeln des Neckars -und an den fröhlich grünenden Gestaden der obern Donau eines -jener sinnigen, herzlichen Lieder aus dem Munde eines »luschtiga -Büebles«, oder eines rüstigen hochaufgeschürzten »Mädles« belauschten, -ein Gegenstand hoher Neugierde.</p> - -<p>Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in -gebildeten Zirkeln, wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, -hörte ich diesen Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem -Zaubergarten von sanften Hügeln, von klaren blauen Strömen, -von blühenden, duftenden Obstwäldern, von prangenden Weingärten -durchschnitten, wohne, meinten sie, ein Völkchen, das noch -so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur stehe. Immense -Gelehrte, die sich nicht auszudrücken verstünden, phantasiereiche -Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprechen. Ihre Mädchen -haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand. Ihre -Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im -ganzen Lande werden alle Tage viele tausende jener Torheiten -begangen, die allgemein unter dem Namen »Schwabenstreiche« -bekannt seien.</p> - -<p>Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr -in Schwaben gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen -ganz wohl befunden; hätte ich nicht befürchten müssen, aus -der Rolle eines Zöglings zu fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, -wie ich es wußte; so aber ersparte mir mein Mentor -die Mühe, welcher unglücklich genug, die gute Meinung, die er -auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu schnell wieder -verlieren sollte!</p> - -<p>»Ob die Berliner,« sagte er, »mehr innere Bildung, mehr -Eleganz der äußern Formen besitzen als die Schwaben, ob man -hier im Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf -die Erde oder vielmehr auf Sand kommt als in Schwaben, -wage ich nicht zu untersuchen, aber soviel habe ich mit eigenen -Augen gesehen, daß man dort im Durchschnitt unter den Mädchen -eine weit größere Menge hübscher, sogar schöner Gesichter -findet als selbst in Sachsen, welches doch wegen dieses Artikels -berühmt ist.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Quelle sottise!</em>« hörte ich Frau von Wollau schnauben, -»welche abgeschmackte Behauptungen dieser gemeine Mensch –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p> - -<p>Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst -gab ihm der Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu -erinnern, daß er sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit -Anspruch machten; ruhig, als ob er den erzürnten Schönen -das größte Kompliment gesagt hätte, fuhr er fort: »Sie können -gar nicht glauben, wie reizend dieser verschrieene Dialekt von -schönen Lippen tönt; wie alles so naiv, so lieblich klingt; wie -unendlich hübsch sind diese blühenden Gesichtchen, wenn man -ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie liebe; wie schelmisch -schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig erröten sie, welcher -Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich verschämt wegwenden -und flüstern: ›Ach, ganget Se mer weg, moinet Se -denn, i glaub's?‹ Hier in Norddeutschland gibt es meist nur -Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder -ätherisch auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, -wenn sie es je der Mühe wert halten, über dergleichen zu -erröten.«</p> - -<p>O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast -du das zornblickende Auge einer Dame versöhnt, so begehst du -den großen Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen -zweier Länder zu loben, und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, -sondern sogar ihren ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe -für Teegesichter zu verschreien!</p> - -<p>Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren -Ohren nicht, die ältern an; diese warfen schreckliche Blicke auf -den Frevler und auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, -noch keine Worte zu einer Replik finden konnten. Die Teetassen, -die goldenen Löffelchen klirrten laut in den vor Wut -zitternden Händen der Mütter, die seit zehn Jahren mit vieler -Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter nobel und edel -aussehen möchten – wozu heutzutage, außer dem Gefühl der -Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört –, welche -die immer wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer -wiederkehrende Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt -hatten.</p> - -<p>Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch -sie und ihre Freude, ihre Kunst zu schanden machen; er sollte -es wagen, die Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen -Bewohnerinnen des unkultivierten Schwabens auch nur -in Parallele zu bringen und ihnen den ersten Rang zu versagen. -Und dies sollten sie dulden?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p> - -<p><em class="antiqua">Jamais!</em> Gnädige Frau nahm das Wort, mit einem Blick, -der über das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein -über Schneegefilde herabglänzte: »Ich muß Sie nur herzlich -bedauern, Herr Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben -und seine naiven Bauerndirnen so treulos verlassen haben; -und ich bitte Sie, Lieber,« fuhr sie fort, indem sie sich zu dem -Dichter, der uns eingeführt hatte, wandte, »ich bitte Sie, muten -Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meinen Zirkel zu besuchen. -Jotte doch, er könnte bei unsern Damen seine robusten Naturen -und jene Naivität vermissen, die er sich so ganz zu eigen gemacht -hat.«</p> - -<p>Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter -spendeten Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen -Sacktüchern, die jungen Herren hatten auch wieder -die Sprache gefunden und machten sich lustig über meinen armen -Hofmeister. Doch der feine Takt der gnädigen Frau ließ diesem -Ausbruch der Nationalrache nur so lange Raum, bis sie den -Doktor Mucker hinlänglich bestraft glaubte. Beleidigt durfte -dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch -seine rücksichtslose Aeußerung ihren Unwillen verdient hatte; -sie beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten -Frauen so eigentümlich ist, allen weitern Bemerkungen vor, -indem sie ihren Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten -und der Gesellschaft die längst versprochene Novelle preiszugeben.</p> - -<p>Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends -meine Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den -übrigen jungen Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, -sehr vorteilhaft durch Ernst und würdige Haltung, durch gewählten -Ausdruck und kurzes, richtiges Urteil. Er war groß -und schlank gebaut, männlich schön, nur vielleicht für manche -etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte jenen -Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder -wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der -großen und kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber -gedacht hatte.</p> - -<p>Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem -Gespräch des ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem -Wort, ich möchte sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum -erstenmal an diesem ganzen Abend entlockte ihm die Frage seiner -Tante ein Lächeln, das sein Gesicht, besonders den Mund, noch -viel angenehmer machte; wahrlich, in diesen Mann hätte ich<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein gewesen wäre, -unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen haben -hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache -schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich -die glänzende Garde-Uniform und ihren kühnen, die drallen -Formen zeigenden Schnitt nicht aufwägen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Der Fluch.</span></h3> - -<p class="center smaller">(Eine Novelle.)</p> -</div> - -<p>»Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante,« -sprach der junge Mann mit voller, wohltönender Stimme, -»eine artige Novelle oder eine leichte, fröhliche Erzählung für -diesen Abend zu ersinnen. Doch, um nicht wortbrüchig zu erscheinen, -muß ich schon den Fehler einigermaßen gut zu machen -suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem eigenen -Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz -und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert -der Wahrheit für sich hat.«</p> - -<p>Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit -oft größeren Reiz habe als die erfundene Spannung einer Novelle, -ja, sie gestand ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte, -denn er sehe seit der Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll -aus, daß man auf seine Begebnisse recht gespannt sein -dürfe.</p> - -<p>Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und -gaben dieser Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann -aber hub an zu erzählen:</p> - -<p>»Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen -Gesellschaft, welche die Güte meiner Tante noch einmal um den -Scheidenden versammelt hatte, Abschied nahm, warnten mich -einige Damen – wenn ich nicht irre, war Frau von Wollau -mit davon – vor den schönen Römerinnen, vor ihren feurigen, -die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung -dankbar an, noch kräftigeren Schutz aber versprach ich mir von -jenen holden, blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen -Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in -feinem und treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen -nahm. Und sie schützten mich, diese Bilder, gegen jene dunklen<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span> -Feuerblicke der Römerinnen; wie sie aber vor sanften blauen -Augen, welche ich dort sah, sich unverantwortlich zurückgezogen, -wie sie mein armes, unbewahrtes Herz ohne Bedeckung ließen, -will ich als bittere Anklage erzählen.</p> - -<p>Der s…sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir -in der Karwoche eine Karte zu den Lamentationen in der -sixtinischen Kapelle geschickt; mehr um den alten Herrn, der mir -schon manche Gefälligkeit erwiesen hatte, nicht zu beleidigen, -als aus Neugierde, entschloß ich mich hinzugehen. Ich war nicht -in der besten Laune, als es Abend wurde; statt einer lustigen -Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte ich einen Klaggesang -mitanhören, der mir schon an und für sich höchst lächerlich -vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit -solcher Ritualien überzeugen können, selbst in dem ehrwürdigen -Kölner Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel -des gebrochenen Lichtes, die mächtigen vollen Töne der Orgel -manchen andern ernster stimmen mögen, konnte ich nur über die -Macht der Täuschung staunen.</p> - -<p>Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das -Portal der sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache, -alte, ausgediente, schneiderhafte Gestalten, hielten hier Wache -mit so meisterlicher Grandezza, als nur die Cherubim an der -Himmelstüre. Der Glanz der Kerzen blendete mich, da ich -eintrat, und stach wunderbar ab gegen den dunklen Chor, in -den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der Hochaltar -war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.</p> - -<p>Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um -mich her zu mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, -dagegen fast alles, was Rom an Fremden beherbergte.</p> - -<p>Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige -junge Engländer von meiner Bekanntschaft, standen ganz in -meiner Nähe. Sie zogen mich auf, daß auch ich mich habe -verführen lassen, dem Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; -Lord Parter aber meinte, es sei dies wohl der Schönen -zu Gefallen geschehen, die ich mitgebracht habe. Er deutete -dabei auf eine junge Dame, die sich neben mir niedergelassen. -Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr -ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.</p> - -<p>Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke -hohe Gestalt, dem Wuchs nach keine Römerin; ein schwarzer -Schleier bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span> -ließ nur einen Teil eines Nackens sehen, so rein und weiß, -wie ich ihn selten in Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.</p> - -<p>Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den -alten Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu -machen, wollte eben – da begann der Klaggesang, und meine -Schöne schien so eifrig darauf zu hören, daß ich nicht mehr -wagte, sie anzureden. Unmutig warf ich mich in den Kirchenstuhl -zurück, Gott und die Welt, den Papst und seine Lamentationen -verwünschend.</p> - -<p>Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie -sich sechzig der tiefsten Stimmen, die <em class="antiqua">unisono</em> im tiefsten Grundton -der menschlichen Brust Bußpsalmen murmeln. Der erste -Psalm war zu Ende, eine <em class="gesperrt">Kerze</em> auf dem Altar verlöschte. -Getröstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte ich eben den -jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.</p> - -<p>Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß -noch alle zwölf übrigen Kerzen verlöschen müssen, bis ich ans -Ende denken könne. Die Kirche war geschlossen und bewacht, an -ein Entfliehen war nicht zu denken. Ich empfahl mich allen -Göttern und gedachte, einen gesunden Schlaf zu tun. Aber wie -war es möglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne strömten -die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen verlöschten, -meine Unruhe ward immer größer.</p> - -<p>Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen -sie mir bis ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz -vor den dichten Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus -den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor meiner -Seele auf, unwillkürliche Rührung bemächtigte sich meiner, -und Tränen entstürzten seit Jahren zum erstenmal meinem -Auge.</p> - -<p>Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen -gesehen. Aber die Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht -auf ihren Knieen, der Lord und seine Freunde weinten -bitterlich. Zwölf Kerzen waren verlöscht. Noch <em class="gesperrt">einmal</em> erhoben -sich die tiefen, herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend -durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser verschwebend. -Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich mit das Feuermeer -der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus dem -Chor und lagerte sich über die Gemeinde. Mir war, als wär' -ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine -fürchterliche Nacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> - -<p>Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße -klagende Stimmen. Was jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht -gelassen, zerschmolz vor diesem hohen Dolce der Wehmut. -Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chor herüber -Töne, wie von gerichteten Engeln gesungen, glaubte ich -nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen -und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn gewesen.</p> - -<p>Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, -die Menge ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte -mich zum Aufbruch zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine -schöne Nachbarin noch immer auf den Knieen niedergesunken -lag. Ich faßte mir ein Herz.</p> - -<p>›Signora,‹ sprach ich, ›die Tore werden geschlossen, wir -sind die letzten in der Kapelle.‹</p> - -<p>Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite -niederhing, sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.</p> - -<p>Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war -schon weit vorgerückt; nur noch einige Flambeaux zogen durch -die Kirche, ich mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu -werden. Ich besann mich nicht lange, rief einen der Fackelträger -herbei, um mit seiner Hilfe die Dame aufzurichten.</p> - -<p>Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere -Schein der halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich -es auch auf den herrlichsten Kartons von Raphael nie gesehen! -Glänzendbraune Locken hatten sich aufgelöst und fielen herab bis -in den verhüllten Busen und umzogen das liebliche Oval ihres -Angesichtes, auf dem sich eine durchsichtige Blässe gelagert hatte. -Die schönen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes, vielleicht -etwas schelmisches Auge, und den halbgeöffneten Mund, umkleidet -mit den weißesten Perlen, konnte Gram, konnte Schmerz -so gezogen haben.</p> - -<p>Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, -blaue Auge auf, dessen eigener schwärmerischer Glanz mich so -überraschte, daß ich einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. -Sie richtete sich plötzlich auf, stand nun in ihrer ganzen Schöne -mir gegenüber. Welch zarte Formen bei so vielem Anstand, -bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. Sie schaute verwundert -in der Kirche umher, ließ dann ihre Blicke auf mich herübergleiten.</p> - -<p>›Und Sie hier, Otto?‹ sprach sie, nicht italienisch, nein, in -reinem, wohlklingendem Deutsch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p> - -<p>Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt -zu mir, ja, sogar meinen Namen hatte sie genannt; woher -konnte sie ihn wissen? – sie schien verwundert über mein -Schweigen.</p> - -<p>›Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so -freundlich unterstützt? Doch, lassen Sie uns gehen, es wird spät.‹</p> - -<p>Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich -gab ihr den Arm. Sie drückte zärtlich meine Hand.</p> - -<p>Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von -ihr war nicht möglich – das Mädchen <em class="gesperrt">konnte</em> keine Dirne -sein. Verwechslung war offenbar. Aber sie wußte mich bei -meinem Namen zu nennen, sie war so ohne Arg. – Ich wagte -es – ich übernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers -und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.</p> - -<p>Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche -Straße sollt' ich wählen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft -zu verraten? Ich nahm allen meinen Mut zusammen -und schritt auf die mittlere Straße zu.</p> - -<p>›Mein Gott,‹ rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, -›Otto, wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an -die Tiber gekommen.‹</p> - -<p>O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich -klingt unsere Sprache in einem schönen Munde. Schon oft -hatte ich die Römerinnen beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; -hier war weit mehr, als ich in Rom gehört; es mußte offenbar -ein deutsches Mädchen sein, ich sah es aus allem, und doch -so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch immer -schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge -sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie -einen Kuß erwarteten.</p> - -<p>›Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest -du mir zürnen, daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne -mir nicht! Doch du hast recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. -Ich glaubte Trost zu finden und fand keinen Trost, keine Hoffnung. -Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen -über die Alpen zu wehen und mit Tönen der Klage mich zu -sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!‹ weinte sie, -indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels -tauchte. ›Wie bin ich so allein! – Und wenn ich dich nicht hätte, -mein Otto!‹</p> - -<p>Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste lieblichste -Kind im Arme, und doch nicht sagen können, wie ich<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -sie liebte! Als ihre Tränen noch nicht aufhören wollten, flüsterte -ich endlich leise: ›Wie könnte ich dir zürnen.‹</p> - -<p>Sie schaute freudig dankbar auf – ›Du bist wieder gut? -Und o! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch -deine Stimme klingt heute so weich! Sei auch morgen so und -laß nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten.‹</p> - -<p>Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem -sie die Glocke zog. ›Und nun gute Nacht, mein Herz,‹ sagte sie, -›wie gern säß ich noch zu dir auf der Bank, aber die Signora -wartet wohl schon zu lange.‹ Ich wußte nicht, wie mir geschah, -ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.</p> - -<p>Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße -konnte ich nicht erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber -vor ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen, konnte ich -als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit unsäglicher -Mühe durch das Gewirr der Straßen und war doch -nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den -lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht -schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich -die Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Mädchens hereinzublicken. -Mitunter zogen auch die Lamentationen durch -meinen wirren Kopf, und ich verwünschte endlich ein Abenteuer, -das mich eine schlaflose Nacht kostete.</p> - -<p>Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer -seiner Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, -als ich meine rätselhafte Schöne zu Haus brachte, und schalten -mich neckend, daß ich sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als -ich ihnen mein Abenteuer, dem größern Teil nach, erzählte, -wurden sie noch ungestümer und behaupteten, mich deutlich schon -mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer -klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine Gestalt -gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen -schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als -das leibhafte Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. -Die beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem -ich mich vor dem Spott meiner Bekannten fürchtete, zugleich -versprachen sie auch, mir suchen zu helfen.</p> - -<p>Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen -mußten, um die erwachende Neugierde unserer Freunde -zu täuschen, fanden wir endlich in dem entlegensten Winkel der -Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich -sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe, auf<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span> -welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging auch unser -Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit -entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse, -die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein -fremdes Haus einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die -Straße, immer war die Türe verschlossen, immer die Fenster -neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten tagelang die -Promenaden, weder meine Schöne noch mein Ebenbild ließen -sich sehen.</p> - -<p>Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm -mir sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir -in meiner gegenwärtigen Spannung höchst fatal. Unaufhörlich -verfolgte mich das Bild des Mädchens, im Traum wie im -Wachen hörte ich die liebliche Stimme flüstern. Hatten mich -die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt, hatte das flüchtige -Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die Schönheit -so mancher andern nicht über mich vermochte?</p> - -<p>Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde -Gegenstände, die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, -nichts gab mir meine Ruhe wieder.</p> - -<p>Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. -Durfte ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand -meiner Sehnsucht herauszufinden? Meine englischen -Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr, dem ich mich -vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen -lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden -des Karnevals zu mischen.</p> - -<p>Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten -Tages der Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich -gestern amüsiert habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. -Er erstaunte, behauptete, mich von seinem Wagen aus -mit einer Dame am Arm gesehen und begrüßt zu haben. Er -schwieg etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber -plötzlich kam mir der Gedanke: wie, wenn es die Gesuchten -wären? – Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen -Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den -edelsten römischen Häusern eine Rolle übernommen hatten, -sollte den Karneval verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner -Bekannten nach und ging mit in den Korso.</p> - -<p>Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. -Zu jeder andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span> -geschenkt haben, nicht nur weil es mir als Volksbelustigung -sehr interessant gewesen wäre, sondern weil sich der -Charakter der Römer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber -wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten -des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung -geblieben, und nur <em class="gesperrt">ein</em> heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, -so werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante -Schauspiel Ihre Neugierde nicht zur Genüge befriedige.</p> - -<p>Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch -die Porta del popolo hereintraten. Unabsehbar wogten die -Wellen der Menge durcheinander. Und das Auge gleitete unbefriedigt -darüber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten -Farben keinen Punkt fand, der es festhielt. Die Erwartung -war gespannt. Ueberall hörte man von dem Maskenzug -reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes Beifallrufen -drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und -verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich -dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen -Tücher und winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen -sich in die Seiten drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu -machen. Er nahte. Gewiß ein herrlicher Anblick. Die Götter -der alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen -zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, majestätische -Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des Apoll -und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es -nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade hierin -den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm -den Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich -wurde aber der Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen -des Gesichtes unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser -liebliche Ernst, diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und -Praxiteles begeistern können.</p> - -<p>Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu -besteigen, weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand -ziemlich verlassen auf der Straße, musternd mit sehnsüchtigen -Blicken die Galerien und Balkone, ob meine Schöne nicht darauf -zu treffen sei. Plötzlich fühlte ich einen leisen Schlag auf die -Schulter. ›So einsam?‹ tönte in der lieben Muttersprache eine -süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende -Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir. -Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die -mich damals so sehr überraschten. Sie ist's – es ist kein<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span> -Zweifel. Ich bot ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. -›Du böser Otto,‹ flüsterte sie, ›den ganzen Abend habe ich dich -vergebens gesucht. Wie mußte ich schwatzen, um die Signora -loszuwerden!‹</p> - -<p>Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die -Galerien zu suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, -sie folgte. Ein heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich -dar, sie wählte es von selbst. Karneval, Pferderennen, alle -Schönheiten Roms waren für mich verloren, als mein stiller -Himmel sich öffnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher, -noch unendlich schöner war sie als an jenem Abend. Die zarte -Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war einer feinen, -durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte noch von höherem -Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der -Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln -gemildert, das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte.</p> - -<p>Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge -auf mein Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne -und rief dann plötzlich: ›Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie -an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! -Gestehst du ihn deiner Luise noch nicht?‹</p> - -<p>Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das -Signal, die Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne -bog den Kopf abwärts, und ich, meiner Sinne kaum mächtig, -flüchtete hinter die nächste Säule, um nicht im Augenblick vor -dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch etwas Schlimmeres -zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich mich -selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen, -was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit -getriebene Neugierde Frevel?</p> - -<p>Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher -sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes -sein könnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt -sei. Ich schlich näher hinzu, um wenigstens zu hören, wer -der Glückliche sei, da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu -verraten, nicht sehen konnte.</p> - -<p>›Wie magst du nur so zerstreut fragen?‹ sagte Luise. ›Du -selbst hast mich ja heraufgeführt?‹</p> - -<p>›Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir -trete? Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span>‹</p> - -<p>Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie -auf dem, was sie vorhin sagte. ›Du bist auch wie unsere Wetter -über den Alpen, soeben noch so freundlich, und jetzt so kalt, so -finster.‹</p> - -<p>Jener stand schnell auf: ›Ich bin nicht gestimmt, meine -Gnädige, das Ziel Ihrer Scherze zu sein,‹ sagte er, ›und wenn -Sie sich in Rätsel vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig -werden.‹ Er brach auf und wollte gehen. Ich konnte die -Leiden der Armen nicht mehr verlängern, trat hervor hinter der -Säule, um mich als Auflösung des Rätsels zu zeigen. Aber wie -ward mir! Meine eigene Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte -ich mir gegenüber zu sehen. Die überraschende Aehnlichkeit –«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Funfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Das Intermezzo. – Die Trinker.</span></h3> -</div> - -<p>Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und -Donner einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher -Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, -überschüttet mit Tee, Trümmern seines Stuhles und der feinen -Meißner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der -Aerger über eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern -zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge von diesem -Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm beizustehen. -Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu -rühren, und schaute verwundert herauf.</p> - -<p>Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah -mich nach einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen -könnte. Aber ein Verwandter des Hauses raunte mir in die -Ohren; ich möchte machen, daß wir fortkommen, mein Hofmeister -scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.</p> - -<p>Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich -mich von der gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel -Schönes und lud mich ein, sie recht oft zu sehen; meinen armen -Hofmeister würdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so kalt -als möglich und ließ ihn abziehen. Gelächter schallte uns nach, -als wir den Saal verließen, und ich hatte mit meiner Inkarnation -soviel menschliche Eitelkeit angezogen, daß mich dieses -Lachen ungemein ärgerte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p> - -<p>Wie gerne hätte ich die Erzählung jenes interessanten -jungen Mannes zu Ende gehört;<a id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> wieviel Wichtiges und Psychologisches -hätte ich von dem gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen -können; und war ich selbst nicht ganz dazu gemacht, -junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher, -ich darf sagen hübscher Mann auf Reisen findet, wo er hinkommt, -freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen -einzieht – und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen -<em class="gesperrt">des alten Menschen</em> verdorben, ich hätte ihn würgen -können, als wir im Wagen saßen.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Wenn ich nicht irre, so habe ich im zweiten Teile dieser Memoiren eine Fortsetzung -jener Erzählung gesehen. -</p> -<p class="right"> -Der Herausgeber. -</p></div> -</div> - -<p>»War es nicht genug,« sagte ich, »daß du mit deinem -scharfen Judenbart die zarte Hand der Gnädigen empfindlich -bürstetest? Mußtest du auch noch die Frau von Wollau durch -dein unzeitiges Gelächter beleidigen? Und kaum hast du es -wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf? -Was gingen dich denn die <em class="gesperrt">Schwabenmädel</em> an, daß du ihre -Schönheit an den Teetischen Berlins predigst? Darfst du denn -sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? -Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau -eingesteckt hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige -Thema, das diesen Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst -du, wie der selige Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, -rücklings in den Saal und zerschmetterst – nicht den eigenen -hohlen Schädel, wie jener würdige jüdische Papst – nein! einen -zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meißner Porzellan; -sage, sprich, schlechter Kamerad, wie fingst du es nur an?«</p> - -<p>»In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant -gegen unsereinen,« antwortete er verdrießlich, »Ihr wißt, daß -Euch keine Gewalt über meine Seele zusteht, denn seit anderthalb -tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. -Was aber die Eli-Geschichte betrifft, so will ich Euch reinen -Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge; -denn der läpperige Tee hier, mit dem man in China kaum -die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern Arrak, -haben mir ganz miserabel gemacht.«</p> - -<p>Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den -verunglückten Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich -tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in -dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -oder fünf solcher nächtlichen Gestalten; ich ließ für den alten -Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem Malabarisch, -wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich ihn auf, -zu erzählen.</p> - -<p>Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt -hatte, begann er:</p> - -<p>»Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, -daß ich, sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, -lächerlich werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.</p> - -<p>Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens -zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche – nun verziehe -dein Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe -von einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich -schon noch aufs Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem -kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf dem Korn. Ich -hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus, -und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich -kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte -um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein so ausgemachter -Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. -In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um -neun Uhr an dem Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute -sie heraus, so wurde mit Grazie der Hut gezogen und etwas -weniges geseufzt.</p> - -<p>Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, -wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber; -und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal -zum Fenster herausschaute und huldreich lächelte. Eines -Morgens war es sehr kotig auf der Straße; ich ging also, um -die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und -machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause meiner -Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen zusammengekehrt, -denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und -mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich -mein Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, -ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment -machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. -Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut -von dem schönfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem kühnen -Bogen, und – o Unglück – er entwischt meiner Hand, er -fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur noch -die Spitze hervorsieht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p> - -<p>Wie schön sagt Schiller:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Einen Blick<br /></span> -<span class="i0">Nach dem Grabe<br /></span> -<span class="i0">Seiner Habe<br /></span> -<span class="i0">Sendet noch der Mensch zurück.<br /></span> -</div></div> - -<p>So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte -ich in zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? -Aber dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei; -sollte ich völlig <em class="antiqua">chapeau bas</em> weiterziehen, wie einer, der ohne -Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?</p> - -<p>Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen -meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren -Totenglocken, das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten -zehn Bässe aus dem gegenüberstehenden Kaffeehaus, Husarenleutnants, -Schreiber, Kaufleute, brüllen aus den aufgerissenen -Fenstern, und ›Hussa, Sultan, such' verloren!‹ tönt die Stimme -meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine englische -Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den verlorenen -Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die -Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und -präsentiert mir das triefende <em class="antiqua">Corpus delicti</em>.</p> - -<p>Was ich dir hier mit vielen Worten erzähle, mein Bester, -war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, -und erst die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab -mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelächter -scholl aus dem Kaffeehause, und auch bei <em class="gesperrt">ihr</em> waren alle Fenster -mit Lachern angefüllt; und als ich einen zärtlichen Blick, den -letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das batistene Sacktuch -in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu bersten. Da verlor -ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den Hut und -schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen -Spaß, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich ließ ihr -diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und -dünn galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde -und Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm -erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes -stürzte.</p> - -<p>Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders -da ich nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter -um diese Stunde in das Kaffeehaus bestellt, um täglich -meine Fensterparade zu bewundern!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span></p> - -<p>Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig -nach seinem Glas, trank und fuhr dann fort:</p> - -<p>»Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von -jeher, besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so -ungemein viel auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, -wenn der vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft -berührt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer -höllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon -im Geiste, daß ich damit zittern und sie verschütten werde. -Kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiß -aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand fürchterlich, -sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand danach, und – -richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung -auf dem neuen <em class="antiqua">Drap d'or</em> oder genuesischen Samtkleid, daß alles -im schönsten Fett schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche -Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein -Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne den -Schoßhund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des -Hauses die größten Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und -pikant sein will, so faßt mich irgend ein Unheil noch zum Schluß, -daß ich mit Schande abziehe wie heute.«</p> - -<p>»Nun,« fragte ich, »was warf dich denn heute mitten ins -Zimmer?«</p> - -<p>»Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie -er ein paar Pfaffen habe singen hören, und wie er einem -hübschen Mädchen nachgelaufen sei – was man überall tun -kann, ohne gerade in Rom zu sein – da übermannte mich die -Langeweile, die eines meiner Hauptübel ist, und so setzte ich, um -mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts in Bewegung und -schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich mich dessen -versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich lag.«</p> - -<p>»Das habe ich leider gesehen, wie du lagst,« sagte ich; »aber -wie kann man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute -Sitte vergessen und mit dem Stuhl schaukeln.«</p> - -<p>»Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten -Geschichte, ich habe heute abend kein Glück gemacht, -das ist alles. <em class="antiqua">Bibamus, diabole!</em>« sagte der alte Mann, indem -er selbst mit tüchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd -auf das dunkelrote Glas wies: »Der ist koscher, Herr Bruder, -guter Burgunder, echter Chambertin und wenigstens zwanzig -Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder nicht, aber ein<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span> -gutes altes Weinchen vom Südstamme ist noch immer meine -Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum -so schlecht aus, weil soviel Tee, Branntwein und Bier, aber desto -weniger Wein getrunken wird.«</p> - -<p>»Du könntest recht haben, Jude!«</p> - -<p>»Wie stattlich,« fuhr er im Eifer fort, »wie stattlich nahmen -sich sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige -Gestalten, den dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, -rote Gesichter, feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, -honette Bäuche – so traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene -Meerrohr in der Faust, feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn -der Hut am Nagel hing, der Stock in die Ecke gestellt war, schritt -der Gast dem wohlbekannten Plätzchen zu, das er seit Jahren sich -zu eigen gemacht hat, und das oft nach ihm getauft war. Der -Wirt stellte mit einem ›Wohl bekomm's‹ die Weinkanne vor den -ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn fanden sich -zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig -und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in -den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren -rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine Aenderung. -Jetzt hängen sie alles an den Putz, machen Staat wie die -Fürsten und sitzen den Wirten um zwei Groschen die Bänke ab. -Luftiges, unstätes Gesindel fährt in den Wirtshäusern umher, -man weiß nie mehr, neben wem man zu sitzen kommt, und das -heißen die Leute <em class="gesperrt">Kosmopolitismus</em>. Höchstens trifft man -ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten Sorte, aber -dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!«</p> - -<p>»Schau' nur dorthin,« fiel ich ihm ein, »du Prediger in -der Wüste, dort sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine -Männlein dort in dem braunen Röckchen, wie es so feurig die -roten Augen über die Flasche hinrollen läßt. Er scheint mir -ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein, -den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen und zerdrückt -ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort der große -dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus der -alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt -wie die heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? -Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir -hier sind, und hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen -in die Tasche steckt, um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er -getrunken?«</p> - -<p>»Wahrhaftig, diese sind echt!« rief der begeisterte Jude, »ich<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -bin jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht -viele, laß uns zu ihnen uns setzen, <em class="antiqua">mi fratercule</em>!«</p> - -<p>Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von -der echten Sorte, denn schon seit zwanzig Jahren kommen sie -alle Abende in das nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, -wie gerne wir uns an sie anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze -liebe und aufsuche, der ewige Jude aber, weil der Kontrast -zwischen dem eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen -sehr zu Gunsten der letzteren ausfiel. Er wurde so kordial, daß -er zu vergessen schien, daß er mit ihren Urvätern schon getrunken -habe, daß er vielleicht mit ihren späten Enkeln wieder trinken -werde.</p> - -<p>Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn -sie wurden freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin -zu brummen, dann gestaltete sich dieses Brummen zu einer -Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer Weinkehle ihre -gewohnten Lieder. Auch den alten Menschen faßte diese Lust. -Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing -auch er sein Lied an. Er sang:</p> - -<p>Des ewigen Juden Trinklied.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wer seines Leibes Alter zählet<br /></span> -<span class="i2">Nach Nächten, die er froh durchwacht,<br /></span> -<span class="i0">Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,<br /></span> -<span class="i2">Sich um den Groschen lustig macht,<br /></span> -<span class="i0">Der findet in uns seine Leute,<br /></span> -<span class="i2">Der sei uns brüderlich gegrüßt,<br /></span> -<span class="i0">Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude<br /></span> -<span class="i2">In seine sanften Arme schließt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wenn von dem Tanze sanft gewieget,<br /></span> -<span class="i2">Von Flötentönen süß berauscht,<br /></span> -<span class="i0">Fein Liebchen sich im Arme schmieget<br /></span> -<span class="i2">Und Blick um Liebesblick sich tauscht;<br /></span> -<span class="i0">Da haben wir im Flug genossen<br /></span> -<span class="i2">Und schnell den Augenblick erhascht<br /></span> -<span class="i0">Und, Herz am Herzen festgeschlossen,<br /></span> -<span class="i2">Der Lippen süßen Gruß genascht.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,<br /></span> -<span class="i2">Doch ist sein Feuer bald verraucht,<br /></span> -<span class="i0">Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,<br /></span> -<span class="i2">In seine Geisterglut dich taucht;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -<span class="i0">Uns, die wir seine Hymnen singen,<br /></span> -<span class="i2">Uns leuchtet seine Flamme vor,<br /></span> -<span class="i0">Und auf der Töne freien Schwingen<br /></span> -<span class="i2">Steigt unser Geist zum Geist empor.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Drum, die ihr frohe Freundesworte<br /></span> -<span class="i2">Zum würdigen Gesang erhebt,<br /></span> -<span class="i0">Euch grüß' ich, wogende Akkorde,<br /></span> -<span class="i2">Daß ihr zu uns herniederschwebt!<br /></span> -<span class="i0">Sie tauchen auf – sie schweben nieder<br /></span> -<span class="i2">Im Vollton rauschet der Gesang,<br /></span> -<span class="i0">Und lieblich hallt in unsre Lieder<br /></span> -<span class="i2">Der vollen Gläser Feierklang.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">So haben's immer wir gehalten<br /></span> -<span class="i2">Und bleiben fürder auch dabei,<br /></span> -<span class="i0">Und mag die Welt um uns veralten,<br /></span> -<span class="i2">Wir bleiben ewig jung und neu;<br /></span> -<span class="i0">Denn wird einmal der Geist uns trübe,<br /></span> -<span class="i2">Wir baden ihn im alten Wein,<br /></span> -<span class="i0">Und ziehen mit Gesang und Liebe<br /></span> -<span class="i2">In unsern Freudenhimmel ein.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Ob dies des Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt -sagen; doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch -etwas Poet sei; die zwei alten Weingeister aber waren ganz -erfüllt und erbaut davon; sie drückten dem <em class="gesperrt">alten Menschen</em> -die Hand und gebärdeten sich, als hätte er ihnen die ewige -Seligkeit verkündigt.</p> - -<p>Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf Uhr. -Der ewige Jude sah mich an und brach auf, ich folgte. Rührend -war der Abschied zwischen uns und den Trinkern, und noch -auf der Straße hörten wir ihre heiseren Stimmen in wunderlichen -Tönen singen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Und wird einmal der Geist uns trübe,<br /></span> -<span class="i2">Wir baden ihn im alten Wein,<br /></span> -<span class="i0">Und ziehen mit Gesang und Liebe<br /></span> -<span class="i2">In unsern Freudenhimmel ein.«<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span></p> - -<p class="h2" id="Satans_Besuch_bei_Herrn_von_Goethe">Satans Besuch bei Herrn von Goethe</p> - -<p class="center smaller">nebst</p> - -<p class="center">einigen einleitenden Bemerkungen über das Diabolische in der -deutschen Literatur.</p> - -<div class="chapcit"> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern<br /></span> -<span class="i0">Und hüte mich, mit ihm zu brechen.<br /></span> -<span class="i0">Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,<br /></span> -<span class="i0">So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.<br /></span> -</div> -</div> -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Goethe.</em><br /> -</p> -</div> - -<h3 id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.</span></h3> -</div> - -<p>»Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht -erst durch die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede -Religion hat ihre Dämonen und bösen Geister – natürlich -weil die Menschen selbst von Anfang an gesündigt haben und -nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das Böse, das -sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei, überall -Unheil anzurichten.« So würde ich ungefähr sprechen, wenn -ich es zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun -über die <em class="gesperrt">Idee eines Teufels</em> mich breit machen müßte.</p> - -<p>In meiner Stellung aber lache ich über solche Demonstrationen, -die gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit -zehnerlei Gründen hinweg zu disputieren sucht; ich lache darüber -und behaupte, die Menschen, so dumm sie hie und da sein -mögen, merken doch bald, wenn es nicht <em class="gesperrt">ganz geheuer um -sie her ist</em>, und mögen sie mich nun Ahriman oder das böse -Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich in -allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um -das »<em class="antiqua">dicier hic est</em>«, darum behagt mir auch die deutsche Literatur -so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation -bemüht, mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, -mich ewig zu machen?</p> - -<p>In meiner <em class="antiqua">Dissertatio de rebus diabolicis</em> sage ich unter -anderem folgendes: »§ 8. <em class="gesperrt">Die Idee, das moralische -Verderben in einer Person darzustellen, mußte -sich daher den Dichtern bald aufdrängen</em>; diese<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch -gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von -jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über Gegenstände -hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde -ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, -das sie nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf -die Bühne und von der Bühne und machten sich breit in Philosophemen, -die der zehnte nicht sogleich verstand, und drehten und -wandten sich, als sollten sie auf einer engen Brücke ohne Geländer -in Reifröcken einander ausweichen.</p> - -<p>Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich -verzeichnet waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie -vielen Bombast hat dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und -dann auf der Erde herzuleiern!</p> - -<p>Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur -geschwind aus dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die -Glieder ausgereckt, bis er die rechte Größe hatte, und ihn dann -in die Szene gesetzt? Man begreift nicht, wie ein Mensch sich -von einem solchen Ungetüm sollte verführen lassen.«</p> - -<p>Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die -hier aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir -von jeher viel Spaß gemacht und ich kam mir oft vor, wie der -Pulcinell des italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten -eine stehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, -doch immer wieder die Hörner herausstreckte, und unter welche -man zu besserer Kenntnis ein <em class="antiqua">Ecce homo</em>, sehet, das ist der -Teufel, schrieb.</p> - -<p>Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren -lassen, sagt ein Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche -auch wieder gerecht sein. »Ein jeder gibt, wie er's kann,« fuhr -ich in der Dissertation fort, »und wie sich in jenen Poeten das -moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, -so gaben sie auch ihre Teufel. Daher kommt es, daß -Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.</p> - -<p>Jener Abbadona ist ein gefallener Engel, dem das höllische -Feuer die Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel -und würdig ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch -ein wenig verfehlt, mir wenigstens kommt dieser Klopstockische -Gottseibeiuns vor wie ein Elegant, der, wegen Unarten aus -den Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spießbürgerlichen -Klubs nicht recht zu finden weiß und darum unanständig -jammert.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span></p> - -<p>So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation -aus, und ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder -Idee, so auch der des Teufels sich nach den individuellen Ansichten -des Dichters über das Böse richten muß; dies alles aber -entschuldigt keineswegs jenen berühmten Mann, der, kraft seines -umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes -oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, sondern der -Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es entschuldigt -ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur -Welt gebracht hat.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Goethesche Mephistopheles</em> ist eigentlich -nichts anders als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des -Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, -für die Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die -Hörner hat er unter dem Barett verborgen – siehe da den -Teufel des großen Dichters! Man wird mir einwenden, das -gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß er tausend Fäden -zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken, seine hohen -überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie -knüpft. – Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie sie -sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm -beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er -sich in diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der -königliche Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen -und mit sich in seine Sonnenhöhe tragen?</p> - -<p>Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, -daß unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein -solcher nicht in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er -aus halber Höhe wieder zur Erde stürzt? Siehe! der Meister -hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Fäden, von -welchen ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher -seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen. -Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, gleich Noah -schwebt er mit ihnen über der Sintflut jetziger Zeit und schaut -ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn -der kleinen Poeten strömt.</p> - -<p>Ein wässeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; -befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als -Menschen? Und will der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe, -und dann seine Stierlein und Eselein, seine Pfauen und -Kamele, Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p> - -<p>Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des -Weines sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen -und über seine Schenke schreiben: »Hier allein ist Echter zu -haben,« wie Maria Farina auf sein kölnisches Wasser, so für -alle Schäden gut ist?</p> - -<p>Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen; -gerade dadurch, daß er einen so überaus populären und gemeinen -Teufel gab, hat Goethe offenbar nichts für die Würde -seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser -herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen: -»Wie herrlich! das ist der Teufel, wie er leibt und lebt.« Um -die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich wenig, -sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der Literatur -gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.</p> - -<p>»Aber erkennst du denn nicht,« wird man mir sagen, »erkennst -du nicht die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem -Mephistopheles liegt?«</p> - -<p>Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem -Konterfei als den gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er -in jeder Spinnstube beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses -Bild noch näher zu beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt -als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen -Gesetzen richten muß:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Gesteh' ich's nur! Daß ich hinausspaziere,<br /></span> -<span class="i0">Verbietet mir ein kleines Hindernis,<br /></span> -<span class="i0">Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Bedarf ich eines Rattenzahns;«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">daher befiehlt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Herr der Ratten und der Mäuse,<br /></span> -<span class="i0">Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer, die Kante, -welche ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das -Studierzimmer treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal -»Herein!« ruft. In andere Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha -und in Gretchens Stübchen, trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch -den Schlüssel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir -vielleicht in dem Vers:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,<br /></span> -<span class="i0">Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Doch weiter. –</p> - -<p>Ich stehe auf einem ganz besondern Fuß mit den Hexen. -Die in der Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen, -aber sie sah keinen Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein -Wappen zu legitimieren, mache ich eine unanständige Gebärde.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Mein Freund, das lerne wohl verstehen,<br /></span> -<span class="i0">Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel -besser bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum -Doktor:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?<br /></span> -<span class="i0">Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Auch hier</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Zeichnet mich kein Knieband aus,<br /></span> -<span class="i0">Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze -ich mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, -die man nur durch Gedankenstriche</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der hatt' ein – – – –<br /></span> -<span class="i0">So – es war, gefiel mir's doch«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">anzudeuten wagt.</p> - -<p>Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer -Geselle, der</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»– – kalt und frech<br /></span> -<span class="i0">Ihn vor sich selbst erniedrigt.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Ich bin ohne Zweifel von häßlicher unangenehmer Gestalt und -Gesicht, zurückstoßend, was man, mit mildem Ausdruck, markiert, -intrigant, und im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben -zu nennen pflegt.</p> - -<p>Daher sagt Gretchen von mir:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Mensch, den du da bei dir hast,<br /></span> -<span class="i0">Ist mir in tiefer, inn'rer Seele verhaßt.<br /></span> -<span class="i0">Es hat mir in meinem Leben<br /></span> -<span class="i0">So nichts einen Stich ins Herz gegeben<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span> -<span class="i0">Als des Menschen widrig Gesicht. –<br /></span> -<span class="i0">Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,<br /></span> -<span class="i0">Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen. –<br /></span> -<span class="i0">– Kommt er einmal zur Tür herein,<br /></span> -<span class="i0">Sieht er immer so spöttisch drein<br /></span> -<span class="i0">Und halb ergrimmt. –<br /></span> -<span class="i0">Es steht ihm an der Stirn geschrieben,<br /></span> -<span class="i0">Daß er nicht mag eine Seele lieben etc.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Daher sage ich auch nachher:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,<br /></span> -<span class="i0">In meiner Gegenwart wird's ihr, sie weiß nicht, wie;<br /></span> -<span class="i0">Mein <em class="gesperrt">Mäskchen</em> da weissagt verborgnen Sinn,<br /></span> -<span class="i0">Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,<br /></span> -<span class="i0">Vielleicht wohl gar der Teufel bin.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Soll das bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der -Nähe eines Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? -Ist es etwa ein unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die -ihr meine Nähe ängstlich macht? Ist es kindlicher Sinn, der -den Teufel früher ahnet als der schon gefallene Mensch; wie -Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk scheuen, wenn sie ihn -auch nicht sehen? Nein – es ist nur allein mein Gesicht, mein -<em class="gesperrt">Mäskchen</em>, mein lauernder Blick, mein höhnisches Lächeln, -das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»– Wo er nur mag zu uns treten,<br /></span> -<span class="i0">Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr –«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Wozu nur dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, -das jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß -die Sünde, nach den gewöhnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend -sehen läßt?</p> - -<p>Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust -von dem genialen Retzsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel -muß an einem solchen Kunstwerk Freude haben. Ein paar -Striche, ein paar Pünktchen bilden das liebliche, sinnige Gesicht -des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in der vollendeten Blüte -des Mannes steht neben ihr, welche Würde noch in dem gefallenen -Göttersohn!</p> - -<p>Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein -Scheusal in Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. -Die unangenehmen Formen des dürren Körpers, das ausgedörrte -Gesicht, die häßliche Nase, die tiefliegenden Augen, die<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -verzerrten Mundwinkel – hinweg von diesem Bild, das mich -schon so oft geärgert hat.<a id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so ertappt -man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen -sollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht, als -daß er ihn mit etwas lebhaften Farben als häßlich darstellt; diese Bemerkung wird -um so wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten Abschnitt -selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation einige Eitelkeit in ihn gefahren sei; -Meister Urian gibt sich übrigens durch den übertriebenen Eifer, mit welchem er -seine Mißgestalt rügt, eine Blöße, die ihm nicht hätte beigehen sollen.</p></div> -</div> - -<p>Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. -Darum, antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk -schwebende Dichter, seinen Satan anthropomorphisiert; um den -gefallenen <em class="gesperrt">Engel</em> würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in -die Gestalt eines tief gefallenen <em class="gesperrt">Menschen</em>. Die Sünde hat -seinen Körper häßlich, mager, unangenehm gemacht. In seinem -Gesicht haben alle Leidenschaften gewühlt und es zur Fratze entstellt, -aus dem hohlen Auge sprüht die grünliche Flamme des -Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch wie der eines -Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat und jetzt -aus Uebersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld -ist es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen -Zügen schaudert.</p> - -<p>So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor -Augen hatte, einen schlechten Teufel gemalt.</p> - -<p>Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, -der Teufel könne nun einmal nicht anders aussehen, er <em class="gesperrt">könne</em> -sein Gesicht, seine Gestalt nicht <em class="gesperrt">verwandeln</em>? Nein, man -lese:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,<br /></span> -<span class="i0">Hat auf den Teufel sich erstreckt;<br /></span> -<span class="i0">Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,<br /></span> -<span class="i0">Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?<br /></span> -<span class="i0">– – – – – – – – – –<br /></span> -<span class="i0">Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,<br /></span> -<span class="i0">Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere –«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein »Mäskchen« -nennen; folglich <em class="gesperrt">kann</em> er sich eine Maske geben, <em class="gesperrt">kann</em> -sich verwandeln; aber wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, -das <em class="gesperrt">nordische Phantom</em> dennoch beizubehalten, nur daß -er mich von »<em class="gesperrt">Hörnern, Schweif und Klaue</em>« dispensiert.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p> - -<p>Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes -Teufel, jenes nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun -ein vom Dichter so hochgestellter Mensch durch eine so niedrige -Kreatur, die sich schon durch ihre Maske verdächtig macht, ins -Verderben geführt werden? Darf jener große Geist, der noch -in seinem Falle die übrigen hoch überragt, darf er durch einen -gewöhnlichen »Bruder Liederlich«, als welchen sich Mephisto ausweist, -herabgezogen werden? Und – muß nicht <em class="gesperrt">diese</em> Maske -der Würde jener Tragödie Eintrag tun?</p> - -<p>Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu -ändern, und meine verehrte Großmutter würde über diesen -Gegenstand zu mir sagen: »Söhnchen! διαβολε! Bedenke, daß -ein großer Dichter ein großes Publikum haben und, um ein -großes Publikum zu bekommen, so populär als möglich sein -muß.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Der Besuch.</span></h3> -</div> - -<p>Bei diesem allem bleibt Faust ein erhabenes Gedicht, und -Goethe einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich -daher nicht wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, -diesen Mann einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten -Besuch machen können, ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein -Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm -des Mephistopheles nächtlicherweise zu erscheinen und ihm einigen -Schrecken in die Glieder zu jagen. Aber eine gewisse Gutmütigkeit, -die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich -immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu -machen.</p> - -<p>Ich entschloß mich daher, als <em class="antiqua">Doctor legens</em>, ein ehrsamer -Titel auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in -Weimar an. Es ist mit berühmten Leuten wie mit einem -fremden Tiere. Kommt ein ehrlicher Pächter mit seiner Familie -in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, daß er in der -Schenke den Hausknecht fragt: »Wann kann man den Löwen -sehen, Bursche?« – »Mein Herr,« antwortet der Gefragte, »die -Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Löwe -aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, -daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p> - -<p>Geradeso erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena -aus mit einem jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein -Vaterland war des Dichters Ruhm schon längst gedrungen, und -er machte auf der großen Tour durch Europa dem berühmten -Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In -dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, -um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten? -Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten -etwas unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte -uns daher mit mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch -unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten?</p> - -<p>Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser -Wirt versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. »Sie werden -wahrscheinlich nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. -Um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu sprechen. -Zweifle auch gar nicht, daß Sie angenommen werden, denn -wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika -nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen ungesehen -wieder fortzuschicken.«</p> - -<p>Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit. Doch -wir ließen den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier -komme <em class="antiqua">recta</em> nach Weimar und gehe von da wieder -heim. Uebrigens hatte er richtig prophezeit: <em class="antiqua">Doctor legens</em> -Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill aus Amerika waren -auf fünf Uhr bestellt.</p> - -<p>Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. -Der Dichter wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit -Statuen dekorierte Treppe führt zu ihm. Eine tiefe geheimnisvolle -Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten. -Schweigend führte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche -Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit -Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefährte -betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese Möbel. -So hatte er sich wohl das <em class="gesperrt">Stübchen des Dichters</em> nicht -vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien -auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle -Nüancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. -Sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die Tür geheftet, -durch welche der Gefeierte eintreten mußte.</p> - -<p>Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. -Wieviel weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufällige -Glanz der Geburt.</p> - -<p>Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt -hat hier die höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem -gewöhnlichen Lauf der Dinge offen steht. Es hat schon mancher -diese Stufe erstiegen. Geschäftsmänner vom Fach haben vom -bescheidenen Plätzchen an der Türe alle Sitze ihrer Kollegien -durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunächst am Throne -steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem -Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. – Goethe hat sich seine -eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging, -noch keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch <em class="gesperrt">kann</em>, -was er <em class="gesperrt">will</em>. Denn man sage mir nichts von einem das All -umfassenden Genie, von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, -es stufenweise zu dem Höheren geführt habe – das Zeitalter hat -<em class="gesperrt">ihn</em> gebildet.</p> - -<p>Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben -Werther in das liebe Deutschland brachte. Die Lotten schienen -wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die -Zahl der Werther war Legion. Aber was war hierin Goethes -Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, daß <em class="gesperrt">er</em> das -Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten Ton, den er -angab, mußte Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen in -wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie -heißt dieses große schöpferische Geheimnis? <em class="gesperrt">Alles zu rechter -Zeit.</em> Der Siegwart hatte die harten Herzen aufgetaut -und sie für allen möglichen Jammer, für Mondschein und -Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goethe.</p> - -<p>Die Türe ging auf – er kam.</p> - -<p>Dreimal bückten wir uns tief – und wagten es dann, -an ihm hinaufzublinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen -so klar und helle, wie die eines Jünglings, die Stirne voll -Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut. Er war angetan -mit einem feinen, schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte -ein schöner Stern. – Doch er ließ uns nicht lange Zeit zu -solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines Weltmannes, -der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er -uns zum Sitzen ein.</p> - -<p>Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen -Maske zu ihm zu gehen. <em class="antiqua">Doctores legentes</em> mochte -er schon viele hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie -unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewiß wenige.<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span> -Daher kam es auch, daß er sich meist mit meinem Gefährten -unterhielt. Hätte ich mich doch für einen gelehrten Irokesen -oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben! Hätte -ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein Ruhm -bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Kabanen von -Louisiana über ihn und seinen Wilhelm Meister sich unterhalte? -– So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zu teil, und -mein glücklicherer Gefährte durfte den großen Mann unterhalten.</p> - -<p>Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von -der Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als -witziger Kopf bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum -erstenmal besucht, einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen, -man schmeichelt ihm, man glaubt, er müsse dann Witzfunken -von sich strahlen wie die schwarzen Katzen, wenn man ihnen -bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein Romandichter, so -spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Berühmte -zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Aermel schütteln -werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht -freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, -den wir dann ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen -können. Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goethe, -einer der, so zu sagen, in allen Sätteln gerecht ist – wie -interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung werden! Wie -sehr muß man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu -genügen.</p> - -<p>Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. -Sein Ich fuhr, wie das des guten Walt, als er zum Flitte -kam,<a id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf -unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin -ein schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen -und vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll -auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, -wie der Kandidat auf den strengen Examinator, er knickte seinen -Hut zusammen und zerpflückte einen glacierten Handschuh in -kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein mochte ihm vom -Herzen fallen, als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm herabstieg -und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. -Er sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und -indem er über das Verhältnis der Winde zu der Luft, der<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -Dünste des wasserreichen Amerika zu denen in unserem alten -Europa sich verbreitete, zeigte er uns, daß das All der Wissenschaft -in ihm aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer -und epischer Dichter, Romanist und Novellist, Lustspiel- und -Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und Uebersetzer – -nein, er war auch sogar Meteorolog!</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Jean Pauls Flegeljahre.</p></div> -</div> - -<p>Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich -des Wissens eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, -daß er mit jedem seine Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen -Dialekt, sondern das, was ihm gerade geläufig und wert sein -möchte, sprechen könne. Ich glaube, wenn ich mich als reisender -Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte sich mit mir in gelehrte -Diskussionen über die geheimnisvolle Komposition einer -Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer Sekundenuhr berechnet, -wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite schmoren -müsse.</p> - -<p>Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und -– siehe das Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, -die Schleusen seiner Beredsamkeit öffneten sich – er beschrieb -den feinen, weichen Regen von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme -von New-York brausen und pries die Regenschirmfabriken -in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es war mir -am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem -Wirtshaus unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer -Flasche Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial -war unser Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis -der Konversation, daß man sich angewöhnt – nicht gut zu -<em class="gesperrt">sprechen</em>, sondern gut zu <em class="gesperrt">hören</em>. Wenn man dem weniger -Gebildeten Zeit und Raum gibt zu sprechen, wenn man dabei -ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam auf seine Honigworte, -so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden, daß -man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.</p> - -<p>Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von -seinem Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit -uns Witterungsbeobachtungen anzustellen.</p> - -<p>Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, -gab er das Zeichen zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, -die Hüte genommen, und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente -zu machen. Der gute Mann ahnte nicht, daß er -den Teufel zitiere, als er großmütig wünschte, mich auch ferner -bei sich zu sehen; ich sagte ihm zu und werde es zu seiner Zeit -schon noch halten, denn wahrhaftig, ich habe seinen Mephistopheles<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span> -noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen – zwei Bücklinge, -wir gingen. –</p> - -<p>Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir -der Amerikaner nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses -lag noch auf seiner Wange, zuweilen schlich ein beifälliges -Lächeln um seinen Mund, er schien höchst zufrieden mit dem -Besuch.</p> - -<p>Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch -auf einen Stuhl und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. -Der Kork fuhr mit einem Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner -füllte zwei Gläser, bot mir das eine und stieß an auf das -Wohlsein jenes großen Dichters.</p> - -<p>»Ist es nicht etwas Erfreuliches,« sagte er, »zu finden, -so hocherhabene Männer seien wie unsereiner. War mir doch -angst und bange vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; -ich darf gestehen, bei dem Sturm, der uns auf offener See -erfaßte, war mir nicht so bange; und wie herablassend war er, -wie vernünftig hat er mit uns diskuriert, welche Freude hatte -er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!« Er schenkte -sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters Gesundheit, -und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein -benebelt, sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe -zu werden, dem Schlaf in die Arme.</p> - -<p>Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser -Wein ist von allen Getränken der Erde der, welcher mir am -meisten behagt, sein leichter flüchtiger Geist, der so wenig irdische -Schwere mit sich führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn -sie in menschlichen Körpern die Erde besuchen, gekostet zu -werden.</p> - -<p>Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer -blickte; wie leicht ist es doch für einen großen Menschen, die -andern Menschen glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, -als wären sie ihm so ziemlich gleich, und sie kommen beinahe -vom Verstand.</p> - -<p>Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich -bereute nicht, bei ihm gewesen zu sein, denn</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern<br /></span> -<span class="i0">Und hüte mich, mit ihm zu brechen.<br /></span> -<span class="i0">Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,<br /></span> -<span class="i0">So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.«<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span></p> - -<p class="h2" id="Der_Festtag_im_Fegefeuer1">Der Festtag im Fegefeuer.</p> - -<p class="center">Eine Skizze.</p> - -<div class="chapcit"> -<p>»Das größte Glück der Geschichtschreiber -ist, daß die Toten nicht gegen ihre Ansichten -protestieren können.«</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Welt</em> und <em class="gesperrt">Zeit</em>. I. -</p> -</div> - -<h3 id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige -Subjekte kennen.</span></h3> -</div> - -<p>Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, -welcher zwar nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, -weil er mir sehr interessant war und vielleicht auch -anderen nicht ohne einiges Interesse sein möchte. Er führt die -Aufschrift »<em class="gesperrt">Der Festtag im Fegefeuer</em>«, und kam durch -folgende Veranlassung zu diesem Titel. Es ist auf der Erde -bei allen großen Herren und Potentaten Sitte, ihre Freude -und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. Wenn ein -aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben -wird, haben die Küster im Land schwere Arbeit, denn -man läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin -oder gar ein Stammhalter geboren, so verkündet schrecklicher -Kanonendonner diese Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche -Geburtstage werden mit allem möglichen Glanz -begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die Honoratioren -halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch wenigstens -in den Landstädtchen <em class="antiqua">bière dansante</em>. Kurz, alles lebt <em class="antiqua">in dulci -jubilo</em> an solchen Tagen.</p> - -<p>Um nun meiner guten <em class="gesperrt">Großmutter</em> eine Ehre zu erweisen, -hielt ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. -Im Fegefeuer, wo sie sich gewöhnlich aufhält, ist immer an -diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen -diesen Tag über den Körper, den sie auf der Oberfläche hatten, -ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was von Adel -da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten schicken -(<em class="antiqua">in pleno</em> können sie nicht vorgelassen werden, weil sonst die -Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschälle, -Kammerherren usw. haben den großen Dienst und schätzen es<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu -leiten, die Touren bei den Bällen, welche abends gegeben werden, -zu arrangieren usw.</p> - -<p>Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. -<em class="gesperrt">Einmal</em> fühlt sich <em class="antiqua">chère grande-mama</em> ungemein geschmeichelt -durch diese Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den -Seelen für einen honetten Mann, der ihnen auch ein Vergnügen -gönnt, drittens macht dieser einzige Tag, in Freude -und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die Seelen sich nachher -um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck einer solchen -Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.</p> - -<p>An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch -die Menge. Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges: -»Vivat der Herr Teufel!« »<em class="antiqua">Vive le diable!</em>« erfreut -dann mein landesväterliches Herz; doch weiß ich wohl, -daß es nicht weniger erzwungen ist, als ein <em class="gesperrt">Hurra</em> auf der -Oberwelt, denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr, wenn sie -<em class="gesperrt">nicht</em> schreien.</p> - -<p>In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen -Gruppen. <em class="antiqua">Tout comme chez vous</em>, meine Herren, nur etwas -grotesker, Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische, -militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische -Klubs finden sich wie durch natürlichen Instinkt zusammen, -machen sich einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, -die, wenn ich sie mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer -und älterer Zeit ein hübsches Licht werfen würden.</p> - -<p>Einst trat ich in einen Saal des <em class="antiqua">Café de Londres</em> (denn -nebenbei gesagt, es ist an diesem Tag alles auf großem Fuß und -höchst elegant eingerichtet), ich traf dort nur drei junge Männer, -die aber durch ihr Aeußeres gleich meine Neugierde erweckten -und mir, wenn sie ins Gespräch miteinander kommen sollten, -nicht wenig Unterhaltung zu versprechen schienen. Ich verwandelte -daher meinen Anzug in das Kostüm eines flinken Kellners -und stellte mich in den Saal, um die Herrschaften zu bedienen.</p> - -<p>Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie -Billard. Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den -dritten. Er war nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, -seine Beine ruhten auf einem vor ihm stehenden -kleineren Stuhl, seine linke Hand spielte nachlässig mit einer -Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte das Kinn. Ein schöner -Kopf! Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die Stirne hoch<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -und frei, von hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die -Nase gebogen und spitzig wie aus weißem Wachs geformt, die -Lippen dünn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, -aber gewöhnlich kalt und ohne alles Interesse langsam über die -Gegenstände hingleitend. Dies alles und ein feiner Hut, enger -oben als unten, nachlässig auf ein Ohr gedrückt, ließen mich -einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, blendendweißes -Linnenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur -einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören. -Ich sah in meiner Liste nach und fand, es sei Lord -Robert Fotherhill. Er winkte, indem ich ihn so betrachtete, -mit den Augen, weil es ihm wahrscheinlich zu unbequem war, -zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte auf seinen Befehl ein -großes Glas Rum, eine Havanna-Zigarre und eine brennende -Wachskerze vor ihn hin.</p> - -<p>Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel geendigt -und nahten sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich -warf schnell einen Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei -ein junger Franzose, Marquis de Lasulot, der andere ein -Baron von Garnmacher, ein Deutscher.</p> - -<p>Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes -Männchen. Sein schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze -Backenbart standen sehr hübsch zu einem etwas verbrannten -Teint, hochroten Wangen und beweglichen, freundlichen schwarzen -Augen; um die vollen roten Lippen und das wohlgenährte -Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau, welches den -Damen so wohlgefallen soll und in England und Deutschland -bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil -hier der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein -pflegt als dort.</p> - -<p>Offenbar ein Inkroyabel von der <em class="antiqua">Chaussée d'Antin</em>! Das -elegante Negligee, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus -der eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten -(so lange mochte der junge Herr bereits verstorben sein) haben -wollte. Von dem mit zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen -ostindischen Halstuch, dem kleinen blaßroten Schal mit einer -Nadel <em class="antiqua">à la Duc de Berry</em> zusammengehalten, bis herab auf -die Gamaschen, die man damals seit drei Tagen nach innen -zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch zu gelten, -an den Spitzen nach dem großen Zehen sich hinneigen und -ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage: bis auf jene Kleinigkeiten, -die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel,<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span> -einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und -unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach -dem neuesten »Geschmack für den Morgen« angezogen.</p> - -<p>Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts -in die Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein -kaum in die Ecke des Wagens gelehnt zu haben und jetzt -in mein Café hereingeflogen zu sein, mehr um gesehen zu werden, -als zu sehen, mehr zu schwatzen, als zu hören.</p> - -<p>Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, -schien sich an dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, -den jener vor sich hatte, ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich -aber nichtsdestoweniger an die Seite Seiner Lordschaft und -fing an zu sprechen:</p> - -<p>»Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, -den uns <em class="antiqua">Monseigneur le Diable</em> gibt? Werden viel Damen -dort sein, mein Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig -Bekanntschaft hier habe.«</p> - -<p>»Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, -um uns beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes -Ding, dieser Wagen, habe ich die Ehre, Sie zu versichern, mein -Herr; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten achtzehnhundert -Franken gekostet. Mein Herr, Sie brauchen keinen -Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, Sie -zu begleiten, mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten.«</p> - -<p>So ging es im Galopp über die Zunge des Inkroyabel. -Seine Lordschaft schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. -Er sah bei den ersten Worten den Franzosen starr an, -richtete dann den Kopf ein wenig auf, um seine rechte Hand -frei zu machen, ergriff mit dieser – die erste Bewegung seit -einer halben Stunde – das Kelchglas, nippte einige Züge -Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder -auf die rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem -Auge als mit dem Ohr zuzuhören und auch auf diese Art antworten -zu wollen, denn er erwiderte auch nicht <em class="gesperrt">eine</em> Silbe -auf die Einladung des redseligen Franzosen und schien, wie -sein Landsmann Shakespeare sagt, »der Zähne doppelt Gatter« -vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.</p> - -<p>Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem -Tische genähert, eine höfliche Verbeugung gemacht und einen -Stuhl dem Lord gegenüber genommen. Man erlaube mir, auch -ihn ein wenig zu betrachten. Er war, was man in Deutschland<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span> -einen <em class="gesperrt">gewichsten jungen Mann</em> zu nennen pflegt, ein -Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende Haare, an die -etwas niedere Stirne schloß sich ein allerliebstes Stumpfnäschen, -über dem Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden -hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge -hatte einen Ausdruck von Klugheit, der wie gut angebrachtes -Licht auf einem grobschattierten Holzschnitt keinen üblen Effekt -hervorbrachte.</p> - -<p>Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen -Nationen entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen -Knöpfen und Schnüren war polnischen Ursprungs; er war auf -russische Weise auf der Brust vier Zoll hoch wattiert, schloß sich -spannend über den Hüften an und formierte die Taille so schlank -als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte ferner enge Reithosen -an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren solche nur -aus dünnem Nanking verfertigt, aus eben diesem Grund mochten -auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden, -Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben -eines Pferdes dienen. Ein feiner italienischer Strohhut vollendete -das gewählte Kostüm.</p> - -<p>Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl -nimmt und sich niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebt, wo -auch die kleinste Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und -der feinen Sitte geleitet wird; der Stutzer setzte sich passabel, -doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, -und der Engländer zeigte selbst in seiner nachlässigen, halb -sitzenden, halb liegenden Stellung mehr Würde als jener, der -sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer ein Tanzmeister -lehren kann.</p> - -<p>Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem -mehr Worte verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren -nötig scheinen möchte, machte ich in einem Augenblick, denn man -denke sich nicht, daß der junge Deutsche mir so lange gesessen, -bis ich ihn gehörig abkonterfeit hatte.</p> - -<p>Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. -»Mein Gott, Herr von Garnmacker,« sagte er, »ich möchte -verzweifeln; der englische Herr da scheint mich nicht zu verstehen, -und ich bin seiner Sprache zu wenig mächtig, um die -Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu führen; denn ich -bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres, als wenn -drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den -andern versteht?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span></p> - -<p>»Auf Ehre, Sie haben recht,« antwortete der Stutzer in -besserem Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; »man kann -sich zur Not denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard -spielt, aber ich sehe nicht ab, wie wir unter diesen Umständen -mit dem Herrn plaudern können.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">J'ai bien compris, Messieurs</em>,« sagte der Lord ganz -ruhig neben seiner Zigarre vorbei und nahm wieder einigen -Rum zu sich.</p> - -<p>»Ist's möglich, Mylord?« rief der Franzose vergnügt, »das -ist sehr gut, daß wir uns verstehen können! Markeur, bringen -Sie mir Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, daß wir uns -verstehen, welch schöne Sache ist es doch um die Mitteilung, -selbst an einem Ort wie dieser hier.«</p> - -<p>»Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester,« gab der Deutsche -zu; »aber wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, -um die schöne Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne -Damen von Berlin, Wien, von allen möglichen Städten meines -Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte oben große Bekanntschaften -und Konnexionen und darf hoffen, an diesem verfl… -Orte manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück hatte; -Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster -Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen.«</p> - -<p>»Gott soll mich behüten!« entgegnete eifrig der Franzose, -indem er nach der Uhr sah, »jetzt um diese frühe Stunde wollen -Sie die schöne Welt mustern?«</p> - -<p>»Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem <em class="antiqua">détestable -purgatoire</em> so sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf -die Promenade gehen sollte?«</p> - -<p>»Nun, nun,« antwortete der Stutzer, »ich meine nur, im -Fall wir nichts Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht -hier wie die drei Männer im Feuerofen? Sollen wir wohl -ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es Ihnen gefällig -ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so bleibe -ich gerne hier.«</p> - -<p>»Mein Gott,« entgegnete der Inkroyabel, »ist dies nicht ein -so anständiges Café, als Sie in ganz Deutschland keines haben? -Und fehlt es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, -soviel wir wollen? Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht -ein gutes Haus, kann man diesen Salon besser wünschen? -Nein! <em class="antiqua">Monsieur le Diable</em> hat Geschmack in solchen Dingen, -das muß man ihm lassen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p> - -<p>»<em class="antiqua">Une comfortable maison!</em>« murmelte Mylord und winkte -dem Franzosen Beifall zu. »<em class="antiqua">Et ce salon comfortable.</em>«</p> - -<p>»Gute Tafel, mein Herr?« fragte der Marquis. »Nun, -die wird auch da sein, ich denke mir, man speist wohl nach der -Karte? Aber meine Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir -uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas aus unserem Leben -erzählen wollten? Ich höre so gerne interessante Abenteuer, -und Baron Garnmacker hat deren wohl so viele erlebt als -Mylord?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Goddam!</em> das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr,« -sagte der Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch -schlug, die Füße von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler -Würde in dem Fauteuil zurecht setzte; »noch ein Glas Rum, -Markeur!«</p> - -<p>»Ich stimme bei,« rief der Deutsche, »und mache Ihnen -über Ihren glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von -Lasulot. – Eine Flasche Rheinwein, Kellner! – Wer soll beginnen -zu erzählen?«</p> - -<p>»Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden,« antwortete -Lord Fotherhill, »und ich wette fünf Pfund, der Marquis -muß beginnen.«</p> - -<p>»Angenommen, mein Herr,« sagte mit angenehmem Lächeln -der Franzose; »machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen -Sie uns ziehen, Nummer zwei soll beginnen.«</p> - -<p>Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, -ließ ziehen, und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.</p> - -<p>Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink -zuwerfen, indem er, das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten -auf den Deutschen hinüber deutete; ich übersetzte mir diesen -Wink so: »Geben Sie einmal acht, Mylord, was wohl unser -ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn wir beide sind schon -durch den Rang unserer Nationen weit über ihn erhaben.«</p> - -<p>Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu -beachten; mit großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines -Rheinweins, wischte in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel -ab und begann:</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p> - -<h3 id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.<br /> -<span class="smaller">Geschichte des deutschen Stutzers.</span></h3> -</div> - -<p>»Als mein Großvater, der kaiserlich-königlich –«</p> - -<p>»Ich bitte Sie, mein Herr,« unterbrach ihn der Inkroyabel, -»verschonen Sie uns mit dem Großpapa, und fangen Sie gleich -bei Ihrem Vater an: was war er?«</p> - -<p>»Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich hätte mich -gerne bei dem Glanz unserer Familie länger verweilt; mein -Vater lebte in Dresden auf einem ziemlich großen Fuß –«</p> - -<p>»Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn -ich etwas zu neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört -Genauigkeit.«</p> - -<p>»Mein Vater,« fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, »war -Kleiderfabrikant en gros –«</p> - -<p>»Wie,« fragte der Lord, »was ist Kleiderfabrikant? Kann -man in Deutschland Kleider in Fabriken machen?«</p> - -<p>»Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!« rief der Stutzer -unwillig und stieß das Glas auf den Tisch; »das ist nicht die -Art, wie man seine Biographie erzählen kann, wenn man alle -Augenblicke von kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; -mein Vater hatte ein Haus am Markt, darin hatte er ein Atelier -und hielt Arbeiter, welche Kleider für die Leute machten!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Mon Dieu!</em> also war er, was wir <em class="antiqua">Tailleur</em> nennen? ein -Schneider?«</p> - -<p>»Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, -kurz, er hatte die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er -auch nicht den Adel und die ersten Bürger in seinen Soirees -sah, so war doch ein gewisser guter Ton, ein gewisser Anstand, -ein gewisses, ich weiß nicht was, kurz, es war ein ganz anständiger -Mann, mein Papa.«</p> - -<p>Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den <em class="antiqua">Garçon -tailleur</em> so perorieren hörte, doch faßte ich mich, um den -Markeur nicht aus der Rolle fallen zu lassen. Der Marquis -aber hatte sich zurückgelehnt und wollte sich ausschütten vor -Lachen, der Engländer sah den Stutzer forschend an, unterdrückte -ein Lächeln, das seiner Würde schaden konnte, und trank Rum; -der deutsche Baron aber fuhr fort:</p> - -<p>»Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in -Daumenschrauben pressen können, und ich hätte meine Maske -nicht vor Ihnen abgenommen. Hier ist es ein ganz anderes<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span> -Ding; wer kümmert sich an diesem schlechten Ort um den ehemaligen -Baron von Garnmacher? Darum verletzt mich auch -Ihr Lachen nicht im geringsten, im Gegenteil, es macht mir -Vergnügen, Sie zu unterhalten!«</p> - -<p>»Ah! <em class="antiqua">ce noble trait!</em>« rief der Inkroyabel und wischte sich -die Tränen aus dem Auge. »Reichen Sie mir die Hand und -lassen Sie uns Freunde bleiben. Was geht es mich an, ob -Ihr Vater <em class="antiqua">Duc</em> oder <em class="antiqua">Tailleur</em> war. Erzählen Sie immer weiter, -Sie machen es gar zu hübsch.«</p> - -<p>»Ich genoß eine gute Erziehung, denn meine Mutter -wollte mich durchaus zum Theologen machen, und weil dieser -Stand in meinem Vaterland der eigentlich privilegierte Gelehrtenstand -ist, so wurde mir in meinem siebenten Jahre -<em class="antiqua">Mensa</em>, in meinem achten <em class="antiqua">Amo</em>, in meinem zehnten τυπτω, -in meinem zwölften <em class="antiqua">Pakat</em> eingebläut. Sie können sich denken, -daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen -Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf -nennt: das heißt, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel -singen oder sah die Fische den Fluß hinabgleiten, sprang lieber -mit meinen Kameraden, als daß ich mich oben in der Dachkammer, -die man zum Musensitz des künftigen Pastors eingerichtet -hatte, mit meinem Bröder, Buttmann, Schröder, und wie die -Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit harten Köpfen -wie böse Geister erscheinen, abmarterte.</p> - -<p>Ich hatte überdies noch einen andern Gang, der mir viele -Zeit raubte; es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende -Neigung zu schönen Mädchen. Sommers war es in -meiner Dachkammer so glühend heiß wie unter den Bleidächern -des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das -kleine Schiebfenster öffnete, um den Kopf ein wenig in die -frische Luft zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf -den schönen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; -dort unter den schönen Akazien auf der weichen Moosbank -saß Amalie, sein Töchterlein, und ihre Gespielinnen und -Vertrauten. Unwiderstehliche Sehnsucht riß mich hin; ich fuhr -schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit den -Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlücke bei der -Königin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete sie in -meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in -meinem elften Jahr den größten Teil der Ritter- und Räuberromane -meines Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit -man in andern Ländern keinen Begriff hat, denn<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -die erhabenen Namen Cramer und Spieß sind nie über den -Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel höher -stehen diese Bücher alle, als jene Ritter- und Räuberhistorien -des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst hat, -als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der große -Unbekannte solche vortreffliche Stellen wie die, welche mir noch -aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: ›<em class="gesperrt">Mitternacht, -dumpfes Grausen der Natur, Rüdengebell, -Ritter Urian tritt auf.</em>‹</p> - -<p>Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das -Haar empor, wenn er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer -dieses liest; wie fühlte ich da das ›<em class="gesperrt">Grausen der -Natur</em>‹! und wenn der Hofhund sein Rüdengebell heulte, so -war die Täuschung so vollkommen, daß sich meine Blicke ängstlich -an die schlechtverriegelte Türe hefteten, denn ich glaubte -nicht anders, als ›<em class="gesperrt">Ritter Urian trete auf</em>‹.</p> - -<p>Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft -auch mein Herz Feuer fing? Jede Bertha, die ihrem -Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida, die sich auf den Söller -begab, um dem den Schloßberg hinabdonnernden Liebsten noch -einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda usw. -verwandelte sich unwillkürlich in Amalien.</p> - -<p>Doch auch <em class="gesperrt">sie</em> war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. -Aus ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane -angeschafft. Wenn einer gelesen war, so empfing ich ihn, las -ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek und suchte -dort immer die Bücher heraus, welche entweder keinen Rücken -mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden waren, daß sie -mich ordentlich <em class="gesperrt">anglänzten</em>. Das sind so die echten nach -unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein <em class="gesperrt">Rinaldo -Rinaldini</em>, ein <em class="gesperrt">Domschütz</em>, ein <em class="gesperrt">alter Ueberall</em> und -<em class="gesperrt">Nirgends</em> oder sonst einer unserer Lieblinge.</p> - -<p>Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften -ein, denn Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch -das Innere des Romans nicht immer sehr <em class="gesperrt">rein</em> war, doch -nie mit bloßen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. -Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinüber -und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn zurück, ohne daß -mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn oder einer -Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere -Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald -war sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja,<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -wenn Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche -Mühe, einen Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses -Unglück zu ersinnen.</p> - -<p>Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter -war übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, -der an dem Hof eines großen Grafen oder Fürsten lebt, -eine unglückliche Leidenschaft zu der schönen Tochter des Hauses -bekommt und endlich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe -empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu geben; -wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie -den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu -schwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben -(die Entenpfütze in unserm Hof) durchwatet, der die Zinnen des -Walles (den Gartenzaun) erstiegen, um in ihr Gartengemach -(die Moosbank unter den Akazien) sich zu schleichen. Tausend -Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen Beinkleidern sehr -gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn, aber die -Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin.</p> - -<p>Das einzige Unglück bei unserer Liebe war, daß wir eigentlich -gar kein Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten -zwischen dem armen Ritter (meinem Vater) und -dem reichen Fürsten (dem Kaufmann), wenn nämlich eines -unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen war und auf -seinen Mistbeeten spazieren ging; oder es kam sogar zu wirklicher -Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen Ladendiener) -zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ (weil -mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuch des -Fürsten hatte). Aber dies alles war leider kein nötigendes -Unglück für unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situationen -noch romantischer zu machen.</p> - -<p>Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner -Liebe entstand, war mein hartes Unglück, immer unter den -Letzten meiner Klasse zu sein und von dem alten Rektor tüchtig -Schläge zu bekommen, doch auch darüber belehrte und tröstete -mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich, daß des Herzogs -(des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und -sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er aber -habe gewiß unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt -und sie dem alten Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich -dafür auf eine so unwürdige Art an mir räche. Ich ließ die -Gute auf ihrem Glauben, wußte aber wohl, woher die Schläge<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die unregelmäßigen -griechischen Verba nicht lernte, und <em class="gesperrt">dafür</em> bekam ich Schläge.</p> - -<p>So war ich fünfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre -alt geworden, ungetrübt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe -gewesen, da ereigneten sich mit einemmale zwei Unglücksfälle, -wovon schon einer für sich hinreichend gewesen wäre, mich aus -meinen Höhen herabzuschmettern.</p> - -<p>Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die -Fouquéschen Romane anfingen, in meinem Vaterlande Mode -zu werden …«</p> - -<p>»Was ist das, Fouquésche Romane?« fragte der Lord.</p> - -<p>»Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese -Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von -Fouqué ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr -an der Zeit ist, mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der -Feder in die Schranken reitet und kämpft, wie der gewaltigen -Währinger einer. Er hat das ein wenig rohe und gemeine -Mittelalter modernisiert oder vielmehr unsere heutige modische -Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und um -fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz -süßlich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von -denen man vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe -Landjunker gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so -wenig machten, als der Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten -hier mit einer bezaubernden Kourtoisie auf, sprechen in feinen -Redensarten, sind hauptsächlich <em class="gesperrt">fromm</em> und <em class="gesperrt">kreuzgläubig</em>.</p> - -<p>Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, -reiner, mit steifen Kragen angetan, und überhaupt etwas ritterlich -aufgeputzt. Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage -und haben ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde -Und andere solche Getiere.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Mon dieu!</em> solchen Unsinn liest man in Deutschland?« -rief der Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.</p> - -<p>»O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab -eine Zeit bei uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles -an fremden Nationen zu bewundern; da wir nun, auf unsere -eigenen Herrlichkeiten beschränkt, nichts an uns fanden, das wir -bewundern konnten, als die <em class="antiqua">Tempi passati</em> – so warfen wir -uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer auf diese und -wurden allesamt altdeutsch.</p> - -<p>Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -jene herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken, man fühlte -allgemein das Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale -neuerer Zeit, über Sitten und Gebräuche bei unseren -Vorfahren uns belehrt hätten, da trat jener fromme Ritter -auf; ein zweiter Orpheus griff er in die Saiten, und es entstand -ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den französischen -Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige, -keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen -Fräcke aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden -eine halbe Elle Leinwand setzen, und ›Kleider machen Leute‹, -sagt ein Sprichwort, <em class="antiqua">probatum est</em>, auch sie waren tugendlich, -tapfer und fromm.«</p> - -<p><em class="antiqua">»Goddam!</em> Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen;« -unterbrach ihn der Engländer, »vor acht Jahren machte -ich die große Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter -See ließ ich mir den Ort zeigen, wo die Schweizer -ihre Republiken gestiftet haben. Ich traf auf der Wiese eine -Gesellschaft, die wunderlich, halb modern, halb aus den Garderoben -früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben schien. -Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese -und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie -hatten wunderbare Mützen auf dem Kopf, die Haare fielen in -malerischer Unordnung auf den Rücken und die Schultern; den -Hals trugen sie frei und hatten breite, zierlich gestickte Kragen, -wie heutzutage die Damen tragen, herausgelegt.</p> - -<p>Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber -nach antiker Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß -sich eng um den Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der -jungen Männer. In sonderbarem Kontrast damit standen -weite Pluderhosen von grober Leinwand. Aus ihren Röcken -sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in der Hand trugen sie -Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren. Gar nicht -recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen auf -der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.</p> - -<p>Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare -Armatur und Uniform wäre, und ob sie vielleicht eine Besatzung -der Grütliwiese vorstellen sollten? Er aber belehrte mich, daß -es fahrende Schüler aus Deutschland wären. Unwillkürlich -drängte sich mir der Gedanke an den fahrenden Ritter Don -Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn und pries mein -Glück, auf einem Platz, der durch die erhabenen Erinnerungen, -die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen Vergleichungen<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span> -führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben gehabt zu -haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit sich -aus, denn als mein Kahn über den See hinglitt, erhoben sie -einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so -würdigen, ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen in Gedanken -das Vorurteil abbat, welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte.«</p> - -<p>»Nun ja, da haben wir's,« fuhr der Baron von Garnmacher -fort, »so sah es damals unter alt und jung in Deutschland -aus; auch ich hatte Fouquésche Romane gelesen, wurde -ein frommer Knabe, trug mich wie alle meine Kameraden altdeutsch -und war meiner Herrin, »der wundigen Maid«, mit -einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalien machte -übrigens der <em class="gesperrt">Zauberring</em>, die <em class="gesperrt">Fahrten Thiodolfs</em> etc. -nicht den gewünschten Eindruck, sie verlachte die sittigen, lichtbraunen, -blauäugigen Damen, besonders die <em class="gesperrt">Bertha von -Lichtenrieth</em>, und pries mir Lafontaine und Langbein, -schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt -hatte.</p> - -<p>Ich war zu erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir -aufging, als daß ich ihr Gehör gegeben hätte, aber der lüsterne -Brennstoff jener Romane brannte fort in dem Mädchen, das -sich, weil sie für ihr Alter schon ziemlich groß war, für eine angehende -Jungfrau hielt, und kurz – es gab eine Josephsszene -zwischen uns; ich hüllte mich in meinen altdeutschen Rock und -meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den Lockungen der -Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.</p> - -<p>Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen -verachtete und dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe -schenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und Langbein studierte, -weiß ich nicht zu sagen, nur soviel ist mir bekannt, daß ihn der -Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhändig aus -dem Garten gepeitscht hat.</p> - -<p>Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte -die hebräische Bibel und die griechischen Unregelmäßigkeiten vor -mir liegen, und auf ihnen meine Romane. An manchem Abend -habe ich dort heiße Tränen geweint und durch die Jalousien in -den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose Jungfrau sollte -meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf zwischen -Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest -überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein -könne, und höchstens der unglückliche <em class="gesperrt">Otto von Trautwangen</em>, -als er in Frankreich mit seinem vernünftigen, lichtbraunen<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span> -Rößlein eine Höhle bewohnte, konnte vielleicht so -kummervoll gewesen sein wie ich.</p> - -<p>Aber das Maß meines Leidens war noch nicht voll; hören -Sie, wie aus entwölkter Höhe mich ein zweiter Donner traf.</p> - -<p>Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem -Aufsatz gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, <em class="gesperrt">wen -wir für den größten Mann Deutschlands halten</em>? -Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für und -wider angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht -werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine -Herren, immer einen harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen -waren mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer -mittelmäßige oder schlechte Arbeit geliefert. Aber für diese -Arbeit war ich ganz begeistert, ich fühlte eine hohe Freude in -mir, meine Gedanken über die großen Männer meines Vaterlandes -zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen Jahren -nicht solche?) in gehöriges Licht setzen zu können.</p> - -<p>Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war -leichter für mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen -meines eifrigen Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten -gelesen hatte als ich? Und wer, der irgend einmal diese Bücher -der Geschichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel sein, -wer die größten Männer meines Vaterlandes seien? Zwar -war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich die -Krone zuerkennen sollte. <em class="gesperrt">Hasper a Spada?</em> Es ist wahr, -es war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe -seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er doch etwas -sehr dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke -in seinem fürtrefflichen Charakter. <em class="gesperrt">Adolf der Kühne, -Raugraf von Dassel?</em> Er hatte schon etwas mehr von -einem großen Mann. Wie schrecklich züchtigt er die Pfaffen! -Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Buße -tun müßte, aber dies schwächt doch sein majestätisches Bild. Es -ist wahr, <em class="gesperrt">Otto von Trautwangen</em> glänzt als ein Stern -erster Größe in der deutschen Geschichte, dachte ich weiter; aber -auch er scheint doch nicht der größte gewesen zu sein, wiewohl -seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen ist, jeden -Zauber überwand.</p> - -<p>Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig -unter allen deutschen Helden ist doch keiner, der dem -<em class="gesperrt">Thiodolf</em> das Wasser reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span> -wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein <em class="gesperrt">Berserker</em>, -es kann nicht fehlen, er ist der größte Deutsche.</p> - -<p>Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung -nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust -war zu voll, ich konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte -versagten mir, wohl zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die -gelungensten Stellen vor. Wie erhaben lautete es, wenn ich von -der Stärke des Isländers sprach, wie er einen Wolf zähmte, -wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig auf die -Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war, wie großmütig -verschmäht er alle Belohnung, ja, er schlägt einen Kaiserthron -aus, um seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, -obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie schön -beschrieb ich alles, ja, es mußte das harte Herz des alten Rektors -rühren!</p> - -<p>Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem -Beifall lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um -unsere Aufsätze zu zensieren. Dann sendet er gewiß einen -milden, freundlichen Blick nach dem letzten Platze, wohin er sonst -nur wie ein brüllender Löwe schaute, dann liest er meine Arbeit -laut vor und spricht: ›Kann man etwas Gelungeneres lesen -als dies, und ratet, wer es gemacht hat? Die Letzten sollen -die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute verworfen -haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn, -<em class="antiqua">Garnmachere</em>! Ich habe immer gesagt, du seiest ein <em class="antiqua">bête</em>, konnte -ich ahnen, daß du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? -Nimm hin den Preis, der dir gebührt.‹</p> - -<p>So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das -schreiendste Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz -ins Reine. Um zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten -nicht unbewandert sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach -Erfindung des Pulvers den <em class="gesperrt">deutschen Alkibiades</em> und -zunächst ihm <em class="gesperrt">Hermann von Nordenschild</em> für die -größten Männer halte. Man könne ihnen den <em class="gesperrt">Ritter Euros</em>, -welcher nachher als Domschütz mit seinen Gesellen so großes -Aufsehen gemacht habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht -an die Seite stellen, doch stehen jene beiden auf einem viel -höheren Standpunkt.</p> - -<p>Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und -mußte ihm beinahe ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: -›Er wird wieder ein schönes Geschmier haben, Garnmacher!<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span>‹</p> - -<p>›Lesen Sie, und dann – richten Sie,‹ gab ich ihm stolz zur -Antwort und verließ ihn.</p> - -<p>Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt -würde über den würdigsten englischen Theologen, und es -würden in einer gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort -die Vorzüge des <em class="antiqua">Vicar of Wakefield</em> dargetan, wer würde -da nicht lachen? Wenn Sie, werter Marquis, nach der würdigsten -Dame zu den Zeiten Louis' XIV. gefragt würden, und Sie -priesen die <em class="gesperrt">neue Heloise</em>, würde man Sie nicht für einen -Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich begangen -hatte!</p> - -<p>Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich -zensierte, erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen -war, war er mir ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich -schlich ich mich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte -gewiß sein, wegen schlechter Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht -zu werden. Aber wieviel stolzer trat ich heute auf, ich hatte -meinen besten Rock angezogen, den schönsten, feingestickten -Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war zierlich gescheitelt -und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand mir, ich sei -auch im Aeußern des Preises nicht unwürdig, welcher mir heute -zuteil werden sollte.</p> - -<p>Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, -obskure Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, -Karl den Großen, Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen -– er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine Arbeit. -Ja, es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart -– als die besten!</p> - -<p>Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm -ein Heft mit rosenfarbner Ueberdecke, das <em class="gesperrt">meinige</em>, zur -Hand. Mein Herz pochte laut vor Freude, ich fühlte, wie sich -mein Mund zu einem triumphierenden Lächeln verziehen wollte, -aber ich gab mir Mühe, bescheiden bei dem Lob auszusehen. Der -Rektor begann: ›Und nun komme ich an eine Arbeit, welche -ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich will einige Stellen -daraus vorlesen!‹ Er deklamierte mit ungemeinem Pathos -gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung -niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr -als vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an -den Schluß gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem -furchtbaren <em class="gesperrt">Domschützen</em> noch einige Blümchen gestreut hatte, -erscholl Bravo! Ancora! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden<span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span> -Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor -winkte Stille und fuhr fort: ›Es wäre dies eine gelungene -Satire auf die Herren Spieß und Konsorten, wenn nicht der -Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre. Es ist -unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du <em class="antiqua">Dedecus naturae</em>, -hierher zu mir!‹</p> - -<p>Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, -als ich vor ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal -rechts und einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte -eine Strafpredigt über mich herab, von der ich nur soviel verstand, -daß ich ein <em class="antiqua">bête</em> war und nicht wußte, was Geschichte sei.</p> - -<p>Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer -schönen blumigen Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. -Man schwindelt, indem man die unermeßlichen Höhen -herabfliegt, man fühlt die unsanfte Erschütterung, wenn man -am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und sieht sich mit -Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der man -herabstürzte, ist mit allen ihren Blütengärten verschwunden, ach, -sie war ja nur ein Traum!</p> - -<p>So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem -Schlummer aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige -Antwort, die ich ihm geben konnte. Ich war arm wie jener -Krösus, als er vor seinem Sieger Cyrus stand; auch ich hatte -ja alle meine Reiche verloren!!</p> - -<p>Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer -mir das Geld dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich <em class="gesperrt">sie</em>, die -ich einst liebte, verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen -Sturm des alten Mannes aus, ich stand wie Mucius Scävola.</p> - -<p>Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich -von meinem Vater ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich -das Geld zu solchen Allotriis von ihm habe, und überdies habe -ich am nächsten Montag vier Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt -von meinen Mitschülern, die mir Thiodolf, deutscher Alkibiades -und dergleichen nachriefen, in dumpfer Verzweiflung ging ich -nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß mich mein Vater, -wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich totschlagen -oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor -beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, -band etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere -Münzen, welche mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, -warf noch einen Kuß und den letzten Blick nach des Nachbars -Garten, sagte meinem Dachstübchen lebewohl, und eine Viertelstunde<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span> -nachher wanderte ich schon auf der Straße nach Berlin, -wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs erste zu wenden -gedachte.</p> - -<p>In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine -Straße zog. Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also -nie gelebt, diese tapferen, frommen, liebevollen, biederen -Männer, sie hatten nicht geatmet, jene lieblichen Bilder holder -Frauen. Jene bunte Welt voll Putz und Glanz, alle jene -Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir herübertönten, -die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell, Waffengeklirr, -Sporenklang, süße Akkorde der Laute – alles, alles dahin, alles -nichts als eine löschpapierene Geschichte, im Hirn eines Poeten -gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht!</p> - -<p>Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen -hatte. Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten -das liebe Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten -vergoldet vom Abendrot über dem Dunstmeer.</p> - -<p>So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit -und Zukunft in Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen -hell beleuchtet wie jene Türme vor meiner Seele. ›Wohlan!‹ -sprach ich bei mir selbst:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">›– – <em class="antiqua">O fortes, pejoraque passi</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Cras ingens iterabimus aequor.</em>‹<br /></span> -</div></div> - -<p>Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, -da fühlte ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte -mich um. – –«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat -bis auf den Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger -das Manuskript zum ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch -ein großer Teil des letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, -die Messe ist schon vorüber, und eine eigene über die paar -Bogen lesen zu lassen, findet sich weder ein gehöriger Vorwand, -noch würde das Werkchen diese bedeutende Ausgabe wert sein. -Wir versparen daher die Fortsetzung des Festtages in der Hölle -auf den zweiten Teil und bleiben einstweilen wie die Ochsen am -Berge stehen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p> - -<h2 id="Zweiter_Teil">Zweiter Teil.</h2> - -<h3 id="Vorspiel">Vorspiel,<br /> -<span class="smaller">worin von Prozessen, Justizräten die Rede, nebst einer stillschweigenden -Abhandlung: »Was von Träumen zu halten sei?«</span></h3> -</div> - -<p>Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren -des Satan erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm -ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich -darüber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich darüber -geärgert haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe für die -schriftstellerischen Versuche des Satan, die nicht nur ihm, sondern -auch seinem Uebersetzer und Herausgeber erwünscht sein -muß.</p> - -<p>Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu -heißen Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der -strengen Kälte des Winters, weder im Mangel an Zeit oder -Stoff, noch in politischen Hindernissen. Die einzige Ursache -ist ein sonderbarer Prozeß, in welchen der Herausgeber verwickelt -wurde, und vor dessen Beendigung er diesen zweiten -Teil nicht folgen lassen wollte.</p> - -<p>Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die -Welt versandt und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen -Zeitungen begleitet worden, als plötzlich in allen -diesen Blättern zu lesen war eine</p> - -<p class="center p2"> -<em class="gesperrt">Warnung vor Betrug.</em> -</p> - -<p>»Die bei Gebr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen -Memoiren des Satan sind nicht von dem im Alten und Neuen -Testament bekannten und durch seine Schriften: Elixiere des -Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als Schriftsteller berühmten -Teufel, sondern gänzlich falsch und unecht; was hiermit dem -Publikum zur Kenntnis gebracht wird.«</p> - -<p>Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, -die von niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache -so gewiß, hatte das Manuskript von niemand anders als dem<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span> -Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Mühen und Sorgen, -nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind -gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger über mich herfallen, -meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen und -besagte Memoiren für unecht erklären?</p> - -<p>Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf -eine solche Beschuldigung des <em class="gesperrt">Betruges</em> zu antworten sei, -werde ich vor die Gerichte zitiert und mir angezeigt, daß ich -einer Namensfälschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt -sei, und zwar – vom Teufel selbst, der gegenwärtig als geheimer -Hofrat in persischen Diensten lebe. Er behaupte nämlich, -ich habe seinen Namen Satan mißbraucht, um ihm eine miserable -Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben; ich -habe seinen literarischen Ruhm benützt, um diesem schlechten -Büchlein einen schnellen und einträglichen Abgang zu verschaffen; -kurz, er verlange nicht nur, daß ich zur Strafe gezogen, -sondern auch, daß ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu -geben, »dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff entzogen -worden«.</p> - -<p>Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß -mir früher schon der Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; -man kann sich also wohl denken, wie mir bei diesen -schrecklichen Worten zumute ward. Ich ging niedergedonnert -heim und schloß mich in mein Kämmerlein, um über diesen Vorfall -nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, daß es hier drei -Fälle geben könne, entweder hatte mir der Teufel selbst das -Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht zu ängstigen -und auf meine Kosten zu lachen; oder irgend ein böser -Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt, um das -Manuskript in meine Hände zu bringen, und der Teufel selbst -trat jetzt als erbitterter Kläger auf; oder drittens, das Manuskript -kam wirklich vom Teufel, und ein müßiger Kopf wollte -jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.</p> - -<p>Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug -ihm den Fall vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler -Handel, besonders weil ich keine Beweise beibringen könne, daß -das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er wolle -das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl Bücher, die -seit Justinians <em class="antiqua">Corpus juris</em> bis auf das neue birmanische -Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben worden seien, -einiges nachlesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span></p> - -<p>Das juristische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang -Es wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, soviel -darüber geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des -Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr -anhängig war, wurde sogar auf Unrechts Kosten eine -eigene Aktenkammer für diesen Prozeß eingeräumt; über der -Türe stand mit großen Buchstaben: »<em class="antiqua">Acta</em> in Sachen des persischen -G. H. R. Teufel gegen <em class="antiqua">Dr.</em> H–f, betreffend die Memoiren -des Satan.«</p> - -<p>Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf -dem Titel nicht »Memoiren des Teufels«, sondern »des Satan« -gesagt hatte. Die Juristen waren mit sich ganz einig, daß der -Name <em class="gesperrt">Teufel</em> in Deutschland sein <em class="gesperrt">Familienname</em> sei, -ich habe also wenigstens diesen nicht zur Fälschung gebraucht; -Satan hingegen sei nur ein angenommener, willkürlicher, denn -niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen zu führen. Ich -fing an, aus diesem Umstand günstigere Hoffnung zu schöpfen, -aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was -es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen -des <em class="antiqua">et cetera</em> war nämlich dem berühmten Justizrat Wackerbart -in die Hände gefallen, einem Mann, der schon bei Dämpfung -einiger großen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte -und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen -in einem Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, -daß ein solcher berühmter Jurist meine Sache nur als -eine <em class="antiqua">Cause célèbre</em> ansehen und sie also handhaben werde, daß -sie, gleichviel wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm -einbrächte? Hierzu kam noch der Titel und Rang meines -Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, sich an -höhere Zirkel anzuschließen; mußte ihm da ein so wichtiger -Mann, wie ein persischer geheimer Hofrat, nicht mehr gelten -als ich Armer?</p> - -<p>Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine -Sache gegen den Teufel; Strafe, Schadenersatz, aller mögliche -Unsinn wurde auf mich gewälzt, ich wunderte mich, daß man -mich nicht einige Wochen ins Gefängnis sperrte oder gar hängte. -Man hatte hauptsächlich folgendes gegen mich in Anwendung -gebracht:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span></p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Entscheidungs-Gründe</em><br /> -<br /> -zu dem<br /> -<br /> -vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim unter dem<br /> -4. Dezember 1825 gefällten Erkenntnis<br /> -<br /> -in der Untersuchungssache<br /> -gegen den<br /> -<em class="antiqua">Dr.</em> …f wegen Betrugs. -</p> - -<p>1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben, -daß er keine Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm herausgegebenen -Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten -echten Teufel, so gegenwärtig als geheimer Hofrat in persischen -Diensten lebt, herrühre. Ferner hat der Angeschuldigte …f -zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern darüber enthaltene -Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei.</p> - -<p>2. Die letztgenannte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus -die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, -daß »die Memoiren des Satan« von dem wahren, im Alten und -Neuen Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller -beliebten Teufel geschrieben sei, nur allzudeutlich hervorleuchten -tut.</p> - -<p>3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte -…f eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in -jedweder auf impermissen Commodum für sich oder Schaden -anderer gerichteten unrechtlichen Täuschung anderer, entweder -indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre Dito nicht angibt -– besteht; oder um uns näher auszudrücken, da hier die -Sprache <em class="gesperrt">von einer Ware und gedrucktem</em> Buch ist – -einer <em class="gesperrt">Fälschung</em> schuldig gemacht; denn, durch den Titel -»Memoiren des Satan« und die Anpreisung des Buches wurde -der Lesewelt fälschlich vorgespiegelt, daß das Buch ausdrücklich -von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen geheimen -Hofrat Teufel verfaßt sei; was beim Verkauf des Werkes -verursachte, daß es schneller und in größerer Quantität abging, -als wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn …f, -so dem Publico noch gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und -wodurch die, so es kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein -echtes Werk des Teufels in Händen zu haben, schnöde betrogen -wurden.</p> - -<p>4. Wenn der Herr <em class="antiqua">Dr.</em> …f, um sich zu entschuldigen, -dagegen einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur -ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span> -nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir -Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, daß sich …f -auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens bekanntermaßen -den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namen nicht beschränkt, -sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt, -namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige Teufel -oder Satan sei, welcher dem Publico, besonders dem Frauenzimmer, -wie auch denen Gelehrten durch frühere <em class="antiqua">Opera</em>, z. B. -die Elixiere des Teufels <em class="antiqua">et cetera</em> rühmlichst bekannt ist, wodurch -wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist als der geheime -Hofrat Teufel.</p> - -<p>5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, -daß das in Frage stehende <em class="antiqua">Opusculum</em>, wie auch nicht destoweniger -seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel -und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung -wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, -jeder Leser von Vernunft muß das auch wohl eher für eine -etwas geringe Nachäffung der Teufeleien als für – eine Satire -auf dieselbe erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht -einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist -durchaus kein günstiger Umstand für …f zu ziehen, weil -derjenige Käufer, der etwas <em class="gesperrt">Echtes</em>, vom Teufel verfaßtes -kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, daß er betrogen -sei.</p> - -<p>6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt, -Leihbibliotheken <em class="antiqua">et cetera</em> ist in der vorliegenden Defraudation -auch ein Verbrechen gegen <em class="gesperrt">den</em> begangen, dessen Name oder -Firma mißbraucht worden; namentlich und spezialiter gegen -den geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und -Schriftsteller als von wegen des Honorars seiner übrigen -Schriften, sehr dabei interessiert ist, daß nicht das Geschreibsel -anderer, als von ihm niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt -und verkauft werde.</p> - -<p>7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch -arglos herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hierüber -zu kennen, daß ihn auch bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen -Absichten geleitet hätten, so ist uns dies gleichgültig -und haben nicht darauf Rücksicht zu nehmen, denn Fälschung ist -Fälschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als -echt verkauft, oder Bücher schreibt unter falschem Namen; ist -alles nur verkäufliche Ware und kann den Begriff des Vergehens -nicht ändern, weil immer noch die Täuschung und Anschmierung<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span> -der Käufer restiert, und zwar ebenfalls nichtsdestominder auch -alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen Wert mit den -übrigen Büchern des Teufels hätten (was wir Klein-Justheimer -übrigens bezweifeln, da jener geheimer Hofrat ist), weil dem -Ebengedachten schon durch das Unterschieben eines fremden -Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem -Sinne sein tut.</p> - -<p>Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.</p> - -<p class="center"> -Gez. <em class="gesperrt">Präsident und Räte des Kriminalgerichts</em> -zu Klein-Justheim. -</p></div> - -<p>Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger -Gliedermänner gesehen, so kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre -Gliedlein nach jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in -deiner Jugend mit solchen Männern gespielt und allerlei Kurzweil -mit ihnen getrieben und probiert, ob es nicht schöner wäre, -wenn er z. B. das Gesicht im Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue, -oder ob es nicht vernünftiger wäre, wenn ihm die -Beine ein wenig umgedreht würden, daß er vor- und rückwärts -spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du wohl versucht -in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein unschuldiges -Spiel, denn dem Gliedermann war es gleichgültig, ob ihm die -Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht, ob er den -Rücken herabschaute oder vorwärts, er lächelte so dumm wie zuvor, -denn er hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht weh im -Herzen, denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt, und wahrscheinlich -aus Lindenholz.</p> - -<p>Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den -täppischen Händen der Klein-Justheimer Kriminalien! Sie -renkten und drehten mir die Glieder, setzten mir den Kopf so -oder so, wie es ihnen gefällig, oder auch nach Vorschrift des -Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis das Kadaver -vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie sie es haben -wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren -konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bemerken, -nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, -die Arme verschränkt <em class="antiqua">et cetera</em> trage, ganz gegen alle -Ordnung und Recht.</p> - -<p>Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan! -Ware! Als würde dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn -hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzkünstler und Eskamoteur -getan, die Bänder verschluckte und sie herauszog Elle um Elle<span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span> -aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen, Defraudation, -o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man will! -Und rechtswidrige Täuschung des Publikums! Wer hat denn -darüber geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden -und hat Zeter geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein -nicht von dem Schwarzen selbst herrühre, daß er den Missetäter -bestraft wissen wolle für diese rechtswidrige Täuschung? O -Klein-Justheim, wie weit bist du noch zurück hinter England -und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen kannst, Werke -des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und gehören -durchaus nicht vor deine Schranken.</p> - -<p>Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der -nun für mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach -über das Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, -ein schlechtes abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken -der Leihbibliothek sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der -Romane und Novellen aller Art herabschaue und ihnen ihre -abgenützten Gewänder beneide, die den großen Furore, welchen -sie in der Welt machen, beurkunden, wie er seine andere Hälfte, -seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwünsche, um, verbunden -mit ihm, schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt -als einem Invaliden beinahe unmöglich war. Da wurde mir -eines Morgens ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte -Züge verriet. Ich riß ihn auf und las:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Wohlgeborener, sehr verehrter Herr! -</p> - -<p>Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen -das Zeitliche gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu -meinem großen Aerger die miserablen Machinationen, die gegen -Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, daß sie von mir -herrühren. Mit großem Vergnügen denke ich noch immer an -unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz, -und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen -Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche Literaturzeitung -zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach, -versicherten mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben -habt, und daß das Publikum meine Bemühungen zu -schätzen wisse. Der Prozeß, den man Euch an den Hals warf, -kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts -als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen -zu lassen, weil ich ein wenig über ihre Universitäten -schimpfte und die ästhetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span> -auch drücken. Lasset Euch dies nicht kümmern, Wertester; gebt -immer den zweiten Teil heraus, im Notfall könnt Ihr gegenwärtiges -Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den -Wackerbart, saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne, -so kenne ich um so besser die seinige.</p> - -<p>Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, -die jeden berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände -fällt, für <em class="gesperrt">gute Prise</em> erklären und, wenn sie ihn fest haben -in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin -entscheiden können, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem -Golde einträgt. Was war bei Euch von beiden zu erheben? -Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und Magister der -brotlosen Künste, was seid Ihr gegen einen persischen geheimen -Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natürlich zugegangen, -und grämet Euch nicht darüber. Was den persischen geheimen -Hofrat betrifft, der meine Rolle übernommen hat, so will ich -bei Gelegenheit ein Wort mit ihm sprechen.</p> - -<p>Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich -habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, -es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu -bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein, es gibt -vielleicht noch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner erinnern.</p> - -<p>Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche Bekanntschaft -bald zu erneuern, bin ich</p> - -<p class="right"> -Euer wohlaffektionierter Freund<br /> -<em class="gesperrt">der Satan</em>.« -</p></div> - -<p>Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief -freute. Ich lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der -meine Sache geführt hatte, ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte -ihm, appellieren zu wollen an ein höheres Gericht und den -Originalbrief beizulegen.</p> - -<p>Er zuckte die Achseln und sprach: »Lieber, sie wohnen zusammen -in <em class="gesperrt">einer</em> Hausmiete, die Kriminalien; ob Ihr um -eine Treppe höher steigen wollet, aus dem Entresol in die Bel-Etage -zu den Vornehmeren, das ist einerlei, Ihr fallet nur -um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll -es nicht fehlen.«</p> - -<p>So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; -doch – was half es? Sie stimmten ab, erklärten den Persischen -für den echten, alleinigen Teufel, der allein das Recht habe,<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span> -Teufeleien zu schreiben, und – der Prozeß ging auch in der -Bel-Etage verloren.</p> - -<p>Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und -wenn es mich den Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, -ich nahm das Manuskript unter den Arm, raffte -mich auf und – – erwachte.</p> - -<p>Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges -Stübchen, die Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige -winkten herein, mich aufzumachen und den Morgen zu -begrüßen.</p> - -<p>Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten, -Klein-Justheim, und alles, was mir Gram und Aerger -bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden.</p> - -<p>Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den -Abend zuvor bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen -Prozeß mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir -nun im Traum alles so erschienen, als hätte ich selbst den -Prozeß gehabt, als wäre ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern -und Klein-Justheimer Schöppen.</p> - -<p>Ich lächelte über mich selbst! Wie pries ich mich glücklich, -in einem Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar -nicht vorkämen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr -fremd sind, wo es keine Wackerbärte gibt, die einen solchen Fund -für gute Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen -und drauf loshantieren und drehen, ob es biege oder breche; -wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt und -Satire versteht und zu würdigen weiß, wo man weder auf den -Titel eines persischen geheimen Hofrats, noch auf irgend dergleichen -Rücksicht nimmt.</p> - -<p>So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen -komischen Prozeßtraum.</p> - -<p>Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! -Nein, es war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief -des Satan, wie ich ihn im Traume gelesen, da lag das Manuskript, -das er mir im Briefe verheißen. Ich traute meinen -Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir -der Zusammenhang unbegreiflicher.</p> - -<p>Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen -und seinen »Besuch in Frankfurt« dem zweiten Teile -einverleiben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span></p> - -<p>Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem -Teile alles geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht -ohne Interesse zu lesen war, ich meine jene Szene, wie er mit -Napoleon eine Nacht in einer Hütte von Malojaroslawez zubrachte -und wie von jenen Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle -Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem -selbst der Teufel Achtung zollen mußte, vielleicht – weil er ihm -nicht beikommen konnte, doch – vielleicht ist es möglich, dieses -merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem anderen Orte -mitzuteilen.</p> - -<p>Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, -da wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz -stürzte ins Zimmer.</p> - -<p>»Weißt du schon?« rief er. »Er hat ihn verloren!«</p> - -<p>»Wer? Was hat man verloren?«</p> - -<p>»Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen -Clauren meine ich, wegen des Mannes im Monde!«</p> - -<p>»Wie? Ist es möglich!« entgegnete ich, an meinen Traum -denkend. »Unser Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den -Prozeß?«</p> - -<p>»Du kannst dich darauf verlassen, soeben komme ich vom -Museum, der Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das -Urteil publiziert.«</p> - -<p>»Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz! War er -etwa auch in Klein-Justheim anhängig?«</p> - -<p>»Klein-Justheim? Du fabelst, Freund!« erwiderte der -Freund, indem er besorgt meine Hand ergriff. »Was willst du -nur mit Klein-Justheim, wo gibt es denn einen solchen Ort?«</p> - -<p>»Ach,« sagte ich beschämt, »du hast recht; ich dachte an – -meinen Traum.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span></p> - -<h3 id="Der_Fluch">Der Fluch.<br /> -<span class="smaller">Novelle.</span></h3> - -<p class="center smaller">(Fortsetzung.)</p> -</div> - -<p>Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte -habe. Die <em class="gesperrt">heilige Stadt</em> hatte immer einen Ueberfluß -von Leuten, die in der ersten, zweiten oder dritten Abstufung -mein waren.</p> - -<p>Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der -<em class="gesperrt">guten Leute</em> (von anderen Sünder genannt) mache: aber, -wer je mit der Erde zu tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, -daß nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen betrieben -werden könne. Es ist dies besonders in Städten, wie -Rom, unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nüancen <em class="gesperrt">guter -Leute</em> vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der -die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem -solche um dreißig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da -muß man Klassen haben. Ich werde in der Bibel und von den -heutigen Philosophen als das negierende Prinzip vorgestellt, -daher teilte ich meine guten Leute ein in: erste Klasse mit dem -Prädikat recht gut, solche, die geradehin verneinen, als da sind: -Freigeister, Gottesleugner etc. Zweite Klasse, gut; sie sagen mit -einigem Umschweif nein, gelten unter sich für Heiden, bei Vernünftigen -für liberale Männer, bei der Menge für fromme -Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Türken und -Pfaffen. Die dritte Klasse, mit dem Prädikat mittelmäßig, sind -jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschütteln andeuten. Es -sind jene, die sich selbst für eine Art von Gott halten, mögen sie -nun Ablaß verkaufen oder als evangelisch-mystisch-pietistische -Seelen einen Separatfrieden mit dem Himmel abschließen; der -letzteren gibt es übrigens in Rom wenige.</p> - -<p>Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems, -die verschiedenen Uebergänge der Klassen beinahe mit jedem -Jahr sich ändern. Geld, Sitten, der Zeitgeist üben hier einen -großen Einfluß aus und machen beinahe alle zwei Jahre eine -Reise an Ort und Stelle notwendig.</p> - -<p>Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise -in Rom verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen -nicht unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen -Leser meiner Memoiren von Interesse sein möchten.</p> - -<p>Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der<span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span> -Peterskirche spazieren, dachte nach über mein System und die -Veränderungen, die ihm durch die Missionare in Frankreich -und das Ueberhandnehmen der Jesuiten drohten, da stieß mir -ein Gesicht auf, das schon in irgend einer interessanten Beziehung -zu mir gestanden sein mußte. Ich stand stille, ich betrachtete -ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schöner -junger Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram; -dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener -– ein Deutscher, und jetzt fiel mir mit einemmale bei, daß -ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin im Salon jener Dame -gesehen hatte, die mir und dem ewigen Juden einen ästhetischen -Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, dessen -anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persönlichkeit mir -damals ein so großes Interesse eingeflößt hatten. Er war es, -der uns damals eine Aventüre aus seinem Leben erzählt hatte, -die ich für würdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit -aufzuzeichnen.</p> - -<p>Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal -in die heilige Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der -düstere Himmel seines Landes und die süße Langeweile der -ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so drückend wurde, daß -er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich beschloß, -seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jenes interessante -Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über -ihn selbst, über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen. -Er stand an einer Säule des Portals, den Blick fest auf die -Türe gerichtet; fromme Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen -strömten aus und ein. Ich sah, er blieb gleichgültig; wenigstens -schien ihn keine dieser Gestalten zu interessieren. Endlich -erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der Türe; war es -die Form dieses Hutes, waren es die weißen, wallenden Federn, -war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch hervorwallte, -was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch -konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen, aber -seine Augen glänzten, ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog -um seinen Mund, seine Wangen röteten sich, er richtete sich -höher auf und schaute unverwandt den Säulengang hin. Noch -verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die Nahende, jetzt -bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes Wesen heranschweben.</p> - -<p>Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen -auf der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht<span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span> -wie sie euch Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern, -dem ist eine solche seltene Erscheinung ein Fest, denn es -ist etwas Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener -Worte des jungen Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb, -den der Anblick jener Dame zum erstenmal auf ihn -machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge beschrieb; -– ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche Erscheinung, -die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine -und dieselbe sei.</p> - -<p>Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. -Er hatte den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm -ein Morgengruß oder eine freundliche Rede auf den Lippen, und -überrascht von der stillen Größe des Mädchens sei er verstummt. -Auch <em class="gesperrt">sie</em> errötete, sie schlug die Augen auf, als er -sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn, hielt einen -kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm angeredet -zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.</p> - -<p>Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann -folgte er langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken -verloren, stehen. Ich ging ihm einige Straßen nach, er trat -endlich in ein Kaffeehaus, wo sich die deutschen Künstler zu versammeln -pflegen. Hatte schon früher dieser Mensch und seine -Erzählung meine Teilnahme erregt, so war ich jetzt, da ich -Zeuge eines flüchtigen, aber so bedeutungsvollen Zusammentreffens -gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in welchem -Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein glückliches -Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war, -glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen -gelesen zu haben.</p> - -<p>Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling -des ewigen Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft -dieses Mannes machte. Daher trat ich in dieser Rolle in -das Kaffeehaus. Der junge Herr saß an einem Fenster und -las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er wohl bald -ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden, aber er las -immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluß -dieses riesengroßen Briefes zu blicken – es waren wenige Zeilen -von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.</p> - -<p>»Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?« -fragte ich in deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.</p> - -<p>»Der bin ich;« antwortete er, indem er den düsteren Blick<span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span> -von dem Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein -leichtes Neigen des Hauptes erwiderte.</p> - -<p>»Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich -so glücklich, einmal einen Abend in dem Hause Ihrer Tante in -Berlin zu genießen, den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre -interessanten Mitteilungen mir unvergeßlich machen.«</p> - -<p>»Im Hause meiner Tante?« fragte er, aufmerksamer werdend. -»Wie, war es nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren -nicht einige männliche Weiber und einige zartweibliche Herren -zugegen? Ich erinnere mich, ich mußte etwas erzählen. Doch -Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen.«</p> - -<p>»Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit –«</p> - -<p>»Ah – mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; -jetzt erinnere ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen, -ohne es zu wollen, Sottisen zu sagen, und überschnappte endlich, -nämlich mit dem Stuhl?«</p> - -<p>»So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu -trinken? Ich bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. -Sie sind wohl schon lange hier bekannt?«</p> - -<p>Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. »O ja, -bin schon lange hier bekannt,« antwortete er düster. »Ich war -früher in Geschäften hier, jetzt zu – meiner Erholung.«</p> - -<p>»Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend -bei Ihrer Tante, mein Hofmeister brachte mich damals um -einen köstlichen Genuß. Sie erzählten uns ein kleines Abenteuer, -das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt. Ihre Erzählung -war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, die uns -über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit -einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor -durch seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit -ihm den Salon zu verlassen, und plage mich seitdem mit allerlei -Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen -sein, ob Sie sich mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben, -ob Sie auch ferner der schönen Luise sich nahen konnten, ob -nicht endlich ein Liebesverhältnis zwischen Ihnen entstanden. -Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte mich tagelang, die -tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten sie passen.«</p> - -<p>Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich -geworden; es schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz -recht war; vielleicht ahnte er meine unbezwingliche Neugierde -nach seinem Abenteuer, er blickte mich scharf an, aber er wich -in seiner Antwort aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span></p> - -<p>»Ich erinnere mich,« sagte er, »daß wir damals alle bedauerten, -Ihre Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren -uns allen wert geworden, und die Damen behaupteten, Sie haben -etwas Eigenes, Anziehendes, das man nicht recht bezeichnen -könne, Sie haben einen höchst pikanten Charakter. Nun, Sie -werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben; wann waren -Sie das letzte Mal bei meiner Tante?«</p> - -<p>Ich sah ihn staunend an. »Ich hatte nie die Ehre, bei -Ihrer Tante gesehen zu werden als an jenem Abend.«</p> - -<p>Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, -kam aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine -Zwischenfrage nach Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. -»Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin?« fragte ich -endlich. »Ich war seit jenem Abend nicht mehr dort und reiste -in dieser Zeit in Frankreich und England. Sehen Sie einmal -in meinem Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit gemacht -habe!«</p> - -<p>Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. »Verzeihen -Sie, Baron!« rief er, indem er meine Hand ungestüm -drückte. »Verzeihen Sie, ich hielt Sie für einen Spion meiner -Tante.«</p> - -<p>»Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis -Rom nachschickt?«</p> - -<p>»Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich -halte mich etwa seit zwei Monaten hier auf. Meine Verwandten -toben, weil ich meinen Posten im Bureau des Ministers -plötzlich und ohne Urlaub verlassen habe; sie bestürmten mich mit -Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich an die preußische Gesandtschaft -hier; sie fand aber nichts Verdächtiges an mir und -ließ mich ungestört meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen -schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut sein, man werde -einen Spion in meine Nähe senden, um alle meine Schritte zu -bewachen.«</p> - -<p>»Ist's möglich? Und warum denn dies alles?«</p> - -<p>»Ach, es ist eine dumme Geschichte, eine Anordnung meines -verstorbenen Vaters legt mir Pflichten auf, die – ein andermal -davon – die ich nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, -hielt ich für den Spion. Sie vergeben mir doch?«</p> - -<p>»Unter zwei Bedingungen,« erwiderte ich ihm, »einmal, -daß Sie mir erlauben, Sie recht oft zu begleiten, um der Spion -Ihres Spions zu sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, -es ist wahre Teilnahme für Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span> -zu werden. Sodann – teilen Sie mir, wenn es Ihnen anders -möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit.«</p> - -<p>»Den Schluß?« rief er und lachte bitter. »Den Schluß? -Ich wünschte, es schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem -Leben schließen. Doch kommen Sie, wir wollen unter jene -Arkaden gehen. Die Künstler kommen um diese Zeit hierher, wir -könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob man nicht einen -von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich folgte Otto von S. – so hieß der junge Mann – -unter die Arkaden. Er legte seinen Arm in den meinigen, wir -gingen eine Weile schweigend auf und ab; er schien mehr nachdenklich -als zerstreut.</p> - -<p>»Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt;« -hub er lächelnd an. »Ich habe über den Ausspruch jener Damen -in Berlin nachgedacht und finde ihn, so komisch er mir damals -vorkam, dennoch bestätigt. Es ist mir, in den paar Viertelstunden, -die wir beisammen sind, als seien Sie ein Wesen, das -ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang mein Freund. -Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was an den -Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne -vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in -Ihrem Auge, und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken -einen Zug, der nicht immer das bestätigt, was Sie sagen -wollten. Und dennoch fühle ich, daß mir der Zufall viel geschenkt -hat, der mich in jenes Haus führte, ich fühle auch, daß -man Ihnen trauen kann, mein Lieber.«</p> - -<p>»Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung -gelernt, daß sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es -freut mich übrigens, wenn etwas an mir ist, das Ihnen Vertrauen -einflößt. Es ist vielleicht der rege Wunsch, Ihnen dienen -zu können, was Ihnen einiges Vertrauen gibt?«</p> - -<p>»Möglich; doch bin ich Ihnen einige Aufschlüsse über mich -und mein Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen, -wie ich mit Luise von Palden bekannt wurde –«</p> - -<p>»Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum erstenmal. -Sie erzählten uns, daß Sie eine junge Dame in den -Lamentationen der sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre -ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie wurden von ihr mit einem<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span> -andern verwechselt, sie gefielen sich in diesem Quiproquo und -versetzten sich unwillkürlich so in die Stelle des Liebhabers, daß -Sie das Mädchen sogar liebten. –«</p> - -<p>»Und <em class="gesperrt">wie</em> liebe ich sie!« rief er bewegt.</p> - -<p>»Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall -führte endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an -Ihre Seite. Es ist schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den -Freund zu finden; Sie, lieber Freund, benützen die Gelegenheit -noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen so angenehm ist, fortzuführen. -Sie bringen die Dame auf eine Loge, um das Pferderennen -anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte Liebhaber, -und Sie – erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals. -Sie können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es -Ihnen erging.«</p> - -<p>»Ich gestehe,« fuhr Herr von S. fort, »mir selbst fiel die -Aehnlichkeit dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, -selbst meiner Kleidung überraschend auf. Das letztere hatte -wohl die Mode verschuldet, die damals alle junge Welt zwang, -sich schwarz zu kleiden. Doch auch für die große Aehnlichkeit -unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man Beispiele. Sie erinnern -sich vielleicht des Falles, der in Frankreich vorkam. -Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Aehnlichkeit -war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte, -der eine starb, der andere, ein armer Teufel, wußte -sich seine Papiere zu verschaffen, reiste nach Frankreich zurück -und lebte mit der Frau des Verstorbenen noch lange Jahre, bis -der Betrug an den Tag kam.<a id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Die Möglichkeit einer solchen Verwechselung beweist ein Fall, der sich vor -einigen Monaten in Ravensburg im Württembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrüder -sahen sich täuschend ähnlich. Der eine tötete einen Mann und floh. Er -wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz in einem österreichischen Regiment diente, -desertiert war. Der Mörder wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ -sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten jagen. Er diente einige -Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde.</p></div> -</div> - -<p>Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht -als ich; die letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, -und es wurde ihr wohl mit einemmal klar, daß es schon an -jenem Abend nicht ihr Otto gewesen sei, gegen den sie sich so -zärtlich bewiesen. Der Herr mit meinen Gesichtszügen fragte -mich in etwas barschem Ton in schlechtem Französisch, wie ich -dazu komme, diese Komödie zu spielen. Ich nahm, nicht aus -Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im Gefühl, ein Unrecht, -vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut zu machen, alle<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span> -Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen und bat -die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst -verleitet habe. ›Sie selbst?‹ rief bei diesen Worten jener Mann, -und seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. ›Sie -selbst? Es ist ein abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der -betrogene Teil. Doch ich will nicht stören.‹ – Er sagte dies, -vor Wut zitternd, indem er sich von seinem Platze entfernen -wollte. Luise – o, ich habe sie nie so süß, so wundervoll gesehen -wie in jenem Augenblicke, sie schien mit aller Hingebung -der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie ergriff bebend -seine Hand, sie rief ihn mit den lieblichsten Tönen; sie beteuerte, -sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum Zeugen auf. -Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich mir -hier zum erstenmal in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es -ist etwas Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe -ist, es ist etwas Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz -inniger Liebe, das Zittern zärtlicher Angst, und diese Tränen -in den blauen Augen, dieses Flüstern der süßesten Namen von -den feinen Lippen, und diese Röte der Angst und der Beschämung -auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer zwar als jenes, -aber von einer hinreißenden Gewalt.«</p> - -<p>»– Ich kenne das,« unterbrach ich diese rednerischen -Schilderungen des verliebten Berliners, dem die Dame seines -Herzens in jeder neuen Form wieder lieblicher schien, »ich -kenne das, so was Heiliges, so was Weinendes, Madonnenartiges, -Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches, kurz, so was -Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es denn -mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?«</p> - -<p>»Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, -war es sein leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern -konnte, er stieß sie zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen. -Das Mädchen setzte sich weinend auf ihren Stuhl. Die tobende -Freude der Römer an dem Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr -Rufen stand in schneidendem Kontrast mit dem stillen Schmerz -dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid mit ihr, ich fühlte -mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein Liebender die -Geliebte so schnöde beleidigen könne. ›Mein Herr,‹ sagte ich, -›das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen, -daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.‹ – -›Eines Mannes von Ehre?‹ rief er höhnisch lachend; ›so kann -sich jeder Tropf nennen.‹ Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen -Höflichkeit nicht weiter beobachten zu müssen. Ich<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span> -gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen, flüsterte ihm meinen -Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße zu, in -welcher ich wohnte, und verließ ihn.</p> - -<p>Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust -erwachten, als ich zu Hause über diesen Vorfall nachdachte. -Ich mußte mir gestehen, daß ich unbesonnen, töricht gehandelt -hatte, die Rolle eines andern bei diesem Mädchen zu übernehmen. -Es ist wahr, der Zufall war so überraschend, die Gelegenheit -so lockend, ihre Erscheinung so reizend, so anziehend, -daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber -mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr -bei dem Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen? -In welch ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm -erscheinen!</p> - -<p>Und doch – wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen -Falle sich vor sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte, -daß ich dieses unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht -entschuldigt Liebe! und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten -Mann. Er war ein Barbar in meinen Augen; wie -konnte er die Geliebte so grausam behandeln? Wie durfte er, -wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend zweifeln, und -wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge gesehen, wer -konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?</p> - -<p>Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen -schlecht geschriebenen Brief, er enthielt die Bitte einer -Signora Maria Campoco, dem Ueberbringer des Briefes in -ihr Haus zu folgen, wo sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. -Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich fragte den Diener -nach der Straße, er nannte mir eine, von welcher ich nie gehört -hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser Brief könnte -mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich entschloß -mich zu folgen. Der Diener führte mich durch viele -Straßen in eine Gegend der Stadt, die mir völlig unbekannt -war. Er bog endlich in eine kleine Seitenstraße; ein Brunnen, -eine Madonna von Stein fiel mir ins Auge, es war kein Zweifel, -ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luisen aus den Lamentationen -begleitet hatte.</p> - -<p>Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der -Diener aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere -Treppe brachte er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit -dem übrigen Ansehen des Hauses übereinstimmte. Nachdem ich -eine Weile gewartet hatte, erscholl das Kläffen vieler Hunde,<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span> -die Türe öffnete sich – aber nicht meine Schöne, sondern eine -kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat, umgeben von einer -Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.</p> - -<p>Es dauerte ziemlich lange, bis Tasso, Ariosto, Dante, -Alfieri und wie die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines -fremden Mannes beruhigt waren, und die kleine Dame endlich -zum Wort kommen konnte. Sie sagte mir sehr höflich, sie habe -mich rufen lassen, um wegen einer Angelegenheit ihrer Nichte, -Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das Verlangen, das -schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu entschuldigen, -gab mir eine <em class="gesperrt">Notlüge</em> ein: ich fragte sie in so miserablem -Italienisch, als mir nur möglich war, ob sie Französisch oder -Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und -gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich -der italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann -sich eine Weile, sagte dann, ich könne in <em class="gesperrt">ihrer Gegenwart</em> -mit ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.</p> - -<p>Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! -Wie beschämt fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger -zu scheinen, der ihren Irrtum auf so indiskrete Art -benützte! Die hündische Leibwache der Signora verkündete, daß -sie nahe. Ich fühlte seit langer Zeit zum erstenmal eine Verlegenheit, -ein Beben; ich fühlte, wie ich errötete, jene Sicherheit -des Benehmens, die mich jahrelang begleitet hatte, wollte -mich in diesem Augenblick verlassen.</p> - -<p>Sie kam, sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden -Negligee lieblicher als je, und ihre Verwirrung, als sie mich -sah, der Unmut, den ich in ihrem Auge zu lesen glaubte, vermochte -ihre Anmut nicht zu schwächen. ›Mein Herr! es ist -eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus führt;‹ -sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne hörte; -›Sie müssen selbst gestehen,‹ setzte sie hinzu; aber sei es, daß -die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte, -sei es, daß sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht -<em class="gesperrt">mehr</em> als Ehrfurcht ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, -errötete aufs neue und schwieg.</p> - -<p>Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es -ging; ich erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in -der Kirche gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen -können, aus Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen, -die ihr in ihrem damaligen Zustande so notwendig war. Meine -zweite Unbesonnenheit schob ich auf die Maskenfreiheit des<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span> -Karnevals, ich suchte einen Scherz daraus zu machen, ich behauptete, -es sei an diesem Abend erlaubt, jede Maske vorzunehmen, -und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich -glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu -dürfen, da wir Landsleute sind, und die Deutschen in Rom, -als Kinder <em class="gesperrt">einer</em> Heimat, nur <em class="gesperrt">eine</em> große Familie sein -sollten.«</p> - -<p>»Eine gefährliche Verwandtschaft!« – unterbrach ich den -jungen Berliner, indem ich mich im stillen über seine jesuitische -Logik freute. »Wie? brachte die Dame nicht das <em class="antiqua">Corpus juris</em> -und den – – – – gegen Sie in Anwendung? In Schwaben -möchte zur Not ein solches Verwandtschaftssystem gelten, oder -bei den Juden, welche Herren und Knechte, Norden und Süden -›unsere Leute‹ nennen; aber Deutschland? bedenken Sie, daß es -in zweiunddreißig Staaten geteilt ist, wo ist da ein Verwandtschaftsband -möglich? Wenn sie sich im Himmel oder in der -Hölle treffen, so heißen sie nur Oesterreicher, Preußen, Hechinger -und fürstlich reußische Landeskinder!«</p> - -<p>»Luise mochte auch so denken,« fuhr er fort. »Doch nötigte -ihr meine Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, -über diese Punkte so leicht weggehen zu können. Sie klagte -sich selbst an, diesen Irrtum veranlaßt zu haben, sie vergab, -sie erlaubte mir, ihre schöne Hand zu küssen. Doch ihre Blicke -wurden wieder düster. Sie sagte, wie sie nur zu deutlich bemerkt -habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei, daß dieser -Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge -füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, -ihrem Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, <em class="gesperrt">ihn</em>, -der sie selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher -Wärme für den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die -wahre Liebe glauben und vertrauen müsse, der so niedrig war, -dieser reinen Seele gegenüber gemeine Eifersucht zu zeigen. -Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte dieses Mädchen so von -<em class="gesperrt">mir</em> gesprochen!</p> - -<p>Ich fragte sie, ob sie in <em class="gesperrt">seinem</em> Auftrag mir dieses sage? -Sie war betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es -ihm leid sei, mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, -wenn er mir dies selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache -zu denken. Wie heiter war sie jetzt, sie scherzte über ihren -Irrtum, sie verglich meine Züge mit denen ihres Freundes, sie -glaubte große Aehnlichkeit zu finden, und doch schien es ihr -unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, meiner Stimme,<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span> -an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie -rief ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht -habe.</p> - -<p>Signora Campoco, die während der ganzen Szene am -Fenster gesessen und bald die Leute auf der Straße, bald ihre -Hündchen, bald uns betrachtet hatte, kam freundlich zu mir, -dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus besucht zu haben, und -bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere barbarische Sprache -so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen, ich hatte -jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch ein -Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig -ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage -in Rom zu erfahren – der Anstand forderte, daß ich Abschied -nahm, mit dem unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese -Schwelle nie mehr betreten zu können. Signora, sie hätte sich -vielleicht gekreuzt, hätte sie gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe, -Signora empfahl mich der Gnade der heiligen Jungfrau, und -Luise reichte mir traulich die Hand zum Scheiden. Ich fragte -sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das Glück gehabt -habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: ›Er will -zwar hier nicht bekannt sein und so zurückgezogen als möglich -leben, doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? -Ich möchte so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt … -und wohnt – – – –‹«</p> - -<p>So, »etwas breit nach Art der lieben Jugend«, hatte mir -der junge Mann den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt; -ich hörte ihm gerne zu, obgleich nichts peinlicher für -mich ist, als eine lamentable Liebesgeschichte recht lang und -gehörig breit erzählen zu hören; aber interessant war mir dabei -die Art, wie er mir erzählte. Sein ausdrucksvolles Auge schien -die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen, seine Züge nahmen -den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich unglücklich -fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er mir -die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als -er mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen -habe, drückte er meinen Arm fester und brach in einen kleinen -Fluch aus. »So muß der Teufel diesen Pfaffen doch überall -haben!« rief er und wandte sich unmutig um. Ich war erstaunt; -welchen Pfaffen sollte ich denn überall haben? Ich -fragte ihn, was ihn so aufbringen könne.</p> - -<p>»Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen,« gab er -mir zur Antwort, »ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span></p> - -<p>Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch -konnte ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu -werfen, und sah wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die -Straße herauf kam ein hoher Prälat der Kirche, der Kardinal -Rocco, ein Mann, der schon längst als einer der zweiten Klasse -mit dem Prädikat <em class="gesperrt">gut</em> auf meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine -große, majestätische Gestalt voll stolzer Würde; sein weißes -Haar, von einem einfachen, roten Käppchen bedeckt, stach sonderbar -ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich reich nennen -könnte. Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die -Unterlippe etwas übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen -voll und kräftig. Ueber das rollende Untergewand trug er -einen Talar, dessen eines Ende er in malerischen Falten über -den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt in einiger Entfernung -hinter ihm herschleichend sein Diener, ebenfalls ein -Mönch, ein dürres bleiches Geschöpf, dessen tückische Augen nach -allen Seiten spähten, ob Seine Eminenz von den Gläubigen -ehrfurchtsvoll, wie es sich gebührt, begrüßt werden.</p> - -<p>Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, -und eine solche Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu -leicht an die Senatoren der »ewigen Stadt«.</p> - -<p>»Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer,« flüsterte -der junge Mann, mit den Zähnen knirschend. »Sehen Sie, wie -der Pöbel sich zum Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit -welcher Grazie er seinen Segen erteilt. Theaterpossen! wenn -diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß, sie würden diesem -Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die Insignien seiner -Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von einem -Türken beherrscht zu werden.«</p> - -<p>»Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist -dieser Ehrenmann? Was hat er Ihnen zuleid getan? Hängt -er mit Ihren Abenteuern zusammen?« Ich mußte lange fragen, -bis er mich hörte, denn er schaute mit durchbohrenden -Blicken der Eminenz nach und murmelte Verwünschungen wie -ein Zauberer.</p> - -<p>»Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zuleide getan? O! -dieser Mensch hat ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, -das – doch Sie werden mehr von ihm hören; es ist der -Kardinal Rocco, der Satan ist nicht schwärzer als er; mit -seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu, aber trotzdem, daß er -geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span></p> - -<p>Da hat es gute Wege, dachte ich; Nr. 2, gute Sorte! Doch -was konnte dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich -konnte ich glauben, daß sein Protestantismus so tief gehe, daß er -jeden, der violette Strümpfe trug, in die Hölle wünschen mußte. -Er hatte sich wieder gesammelt. »Vergeben Sie diese Hitze, Sie -werden mir einst recht geben, so zu urteilen, wenn ich Sie erst -mit dem Treiben dieser Menschen bekannt mache. Doch jetzt -noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die Geschichte -mit – war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen -zu mir, der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe -und um Verzeihung bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß -Luisens Geliebter früher Offizier und zwar in …schen -Diensten gewesen sei.</p> - -<p>Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten -nach Rom, sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder -aufzuhalten. Ich war am ersten Abend ihres Aufenthalts zufällig -zugegen, und – stellen Sie sich einmal mein Erstaunen -vor, als ich hörte, wie sie eine andere Dame fragte, ob nicht -ein Fräulein von Palden hier lebe? Ich wandte mich unwillkürlich -ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein -Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes, -Luisens Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch -keine der anwesenden Damen wollte von ihr wissen, und ich -fühlte mich nicht berufen, unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.</p> - -<p>Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil -an Landsleuten zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, -als daß man seine Verwunderung laut darüber aussprach, daß -ein deutsches Fräulein in Rom lebe, die auch <em class="gesperrt">keinem</em> von -allen bekannt sein sollte? Wer ist sie? Ist sie schön? Wie kommt -sie nach Rom? fragte man einstimmig, und wie lauschte ich, wie -pochte mein Herz, endlich über das interessante Wesen etwas zu -hören.</p> - -<p>Sie erzählte, wie sie in …th Luisen kennen gelernt, -die damals durch ihr schönes Aeußere, durch ihre Liebenswürdigkeit, -ihren Verstand die ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren -Bekannten bezaubert habe. Um so auffallender sei auf einmal -ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen einem Offizier, einem -bürgerlichen Subjekt, und der Tochter des Geheimenrats Palden -entspann. Dieser Mensch habe außer seiner schönen Figur -und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal gute -Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich geworden,<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span> -er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen -gewußt, das mit einem Teil der französischen Armee nach Spanien -bestimmt war. Man habe sich in …th allgemein gefreut -über die Art, wie sich Fräulein Palden in diese Wendung -fügte; doch bald erfuhr man, daß die Verbindung mit dem -Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, sondern durch -Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt werden. Es -vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, -doch nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften -und in Luisens Nähe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem -Dienst getreten. Seine Kameraden schwiegen hartnäckig hierüber, -doch gab es einige Stimmen im Publikum, die von einer -vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entführung oder -von beiden sprachen, kurz, man bemerkte, daß Herr …, so -hieß der Offizier, seiner Dame untreu geworden sei. Um diese -Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war -eine Römerin, das Fräulein entschloß sich auf einmal zu großer -Verwunderung der Stadt …th, zu ihren Verwandten nach -Rom zu ziehen.</p> - -<p>So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luisen. -Es war mir genug, um ihr Verhältnis zu … ganz in der -Ordnung zu finden; nur war es mir unbegreiflich, was ihn -bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen; oder kam er erst -nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht, da doch -ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist?</p> - -<p>Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne -mehr und immer mehr von dem holden Kind erfahren; ich -fühlte lebhaft den Wunsch, sie wieder zu sehen, zu sprechen; ich -wollte ja nicht geliebt werden, nur sehen, nur lieben wollte ich -sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so leicht möglich machen -könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des Gesandten sagen, -wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß sein, sie schon -in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen. Ich -tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt.«</p> - -<p>Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns -und unterbrach zu meinem großen Aerger die Erzählung. Ich -machte noch einige Gänge mit ihnen unter den Arkaden; als ich -aber sah, daß der Bekannte sich nicht entfernen wollte, fragte ich -den Berliner nach seiner Wohnung und ging mit dem Vorsatz, -ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen, ich -fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend -zu finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten<span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span> -schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von -neuem wieder Interesse einflößten und mich bestimmten, seine -Abenteuer zu hören. Ich erinnerte mich nämlich, wie überraschend -sein Anblick, sein ganzes Wesen in Berlin auf mich gewirkt -hatten. Es war nicht der gewöhnliche Kummer der Liebe, -wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm ausspricht; -es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so anziehender -dünkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene Hülle -schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende -Seele umgeben. Er schien ein Unglück zu kennen, zu teilen, das -ihn unausgesetzt beschäftigte, zu welchem ihn die Erinnerung -sogar mitten in einem ästhetischen Tee zurückführte.</p> - -<p>Das zweite, was mich zu dem jungen Mann und seinem -Abenteuer zog, war die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche -beobachtet hatte. Ich hatte dort bemerkt, daß er sie mit -Sehnsucht erwarte; sie war gekommen, aber es schien kein fröhliches -Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas mit ihren Blicken -zu fragen, das er nicht beantworten, sie schien etwas zu verlangen, -das er nicht erfüllen konnte; wie schwer mußte es ihm -werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen durch -keine Silbe zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen, -aber dann sandte er ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum -sagte er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt -mußte sie über ihn ausüben, um ihn in diese engen Schranken -einer beinahe blöden Bescheidenheit zurückzuweisen? Wie -viel es <em class="gesperrt">sie</em> koste, sah ich an ihrem Auge, in welchem eine Träne -perlte, als sie weiterging.</p> - -<p>Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den -jungen Mann und die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht -ein blindes Fatum waltet und ein Uhrwerk die Gedanken der -Sterblichen treibt, da lernt keiner aus, sei er Gott oder Teufel. -Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf die Resultate seiner -Geschichte sieht: »Es wiederholt sich alles im Leben;« aber -<em class="gesperrt">wie</em> es sich wiederhole, wie der endliche Geist in seiner kurzen -Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die alte -Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich -mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen -gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen -ermüdet ist, senkt sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des -einzelnen. Drum möge es keinem jener verehrlichen Leute, für -die ich meine Memoiren niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich -in Rom, wo so unendlich viel Stoff zur Intrige, ein so großer<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span> -Raum zu einem diabolischen Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie -mich befasse. –</p> - -<p>Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen -Kaufleuten auf der Tiber. Wir hatten eine der größeren -Barken bestiegen und die freien Sitze des Vorderteils eingenommen, -weil das Zelt in der Mitte, wie uns die Schiffer sagten, -schon besetzt war. Der Abend war schwül und wirkte selbst -mitten im Fluß so drückend und ermattend auf diese Menschen, -daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm -jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes, -ich setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei -Männer und eine Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schließen -konnte. Sie sprachen aber etwas verwirrt und gebrochen; -der eine hatte gutes, wohltönendes Italienisch, er sprach langsam -und mit vieler Salbung. Die Dame mischte unter sechs -italienische Worte immer zwei spanische und ein französisches; -der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit Leidenschaft -sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an welcher -man in Italien sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt.</p> - -<p>Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die -kleine Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! jene salbungsvolle -Rede entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber -saß eine Dame, schon über die erste Blüte hinaus, aber noch -immer schön zu nennen. Ihre beweglichen, schwarzen Augen, -ihre vollen roten Lippen, ihr etwas nachlässiges Kostüm, dessen -Schuld der schwüle Abend tragen mußte, zeigten, daß sie mit -den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht verloren habe. -An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen Anblick -Otto von S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte -waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das -des Berliners – ich war keinen Augenblick im Zweifel, es -mußte sein verkörperter Doppelgänger sein. Aber wie, die -Dame war nicht Luise von Palden; durfte dieser Mann so -traulich neben einer andern sitzen, ohne dieselbe Schuld wirklich -zu tragen, die er der Geliebten aufbürden wollte?</p> - -<p>»Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?« -hörte ich die Dame sagen; »nichts meine Aufopferung, nichts -meine Leiden, nichts meine Schande, der ich mich um deinetwillen -aussetzte? Ein Wort, ein einziges Wort kann uns glücklich -machen. Du sagst immer morgen, morgen! Es ist jetzt -Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?«</p> - -<p>»Mein Sohn!« sprach der Kardinal; »ich will nichts davon<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span> -sagen, daß Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung -für unsere heilige Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, -nicht Ihr seid es, der diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, -der leibhaftige Satan spricht aus Euch: es ist das letzte Zucken -Eurer ketzerischen Irrtümer, was Euch die Wahrheit nicht sehen -läßt; aber beim heiligen Kreuz, den Nägeln und der heiligen -Erde beschwöre ich Euch, folget mir; lasset Euch aufnehmen in -den heiligen Schoß der Kirche, zur Verherrlichung Gottes.«</p> - -<p>Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. -Ein schönes Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, -wie der Herr im Zelte zu haben schien. – Da kann es -nicht fehlen! – Er seufzte, er blickte bald die Dame, bald den -Priester mit unmutigen Blicken an. »Ich will ja alles tun, -ins Teufels Namen, alles tun,« – sagte er, »mein Leben ist -ohnedies schon verschuldet und vergiftet, aber wozu diese sonderbare -Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren -werden, um die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?«</p> - -<p>»Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren -werden, sagt Ihr? O! Ihr verstockter Ketzer, ihr alle seid von -eurer Taufe an, wo der Satan zu Gevatter steht, Renegaten, -Abtrünnige! Es ist also nur eine Rückkehr, kein Uebertritt, -keine Ableugnung eines früheren Glaubens. Ihr hattet ja -vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die Ketzerei so -nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen, -die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?«</p> - -<p>»Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Ueberzeugung. -Ich müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen.«</p> - -<p>»O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der -liebe Mann, der Herr von Haller, auch geschämt? Schämen? -wie ein Heiliger würdet Ihr dastehen; braucht sich ein Heiliger -zu schämen? Hat sich der treffliche Hohenlohe geschämt, umgeben -von Ketzern, seine Wunder zu verrichten? Es sei gegen -Eure Ueberzeugung, saget Ihr? Da sieht man wieder den -Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen? -Zu was denn immer Ueberzeugung? Das ist ja gerade das -Wunderbare am Glauben, daß er von selbst wirkt, ohne Ueberzeugung. -Gesetzt, Ihr wäret krank, mein lieber Freund; man -schickt Euch den ersten Arzt der Christenheit; Ihr seid nicht -überzeugt, daß er der alleinige, wahre Arzt ist, aber Ihr laßt -Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken -auf Euren Körper ohne Ueberzeugung, gerade wie unser Glaube -auf die Seele.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span></p> - -<p>»Otto!« sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, -»teurer Otto! Siehe, wenn mich der heilige Mann hier nicht -absolviert und beruhigt hätte, ich müßte ja schon längst verzweifelt -sein, einen Ketzer so innig zu lieben! Wie leicht wird -es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und dann ein Weib -auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und bedenke -die schöne Villa an der Tiber, und das köstliche Haus -neben dem Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der -heilige Vater zur Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt -von so vieler Liebe?«</p> - -<p>»Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn,« fuhr der -beredte Mann mit dem roten Hute fort, »nicht verhehlen kann -ich es Euch, daß man im Lateran noch heute von Euch sprach, -daß es sogar Seiner Heiligkeit selbst auffällt, daß Ihr so lange -zögert. Bis über acht Tage naht ein großes Fest heran, welche -herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre zu tun, bietet sich -Euch dar!«</p> - -<p>»Wozu doch diese Oeffentlichkeit?« fragte …, »ich hasse -dieses Rühmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still -in einer Kapelle die Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, -ob ich laut und offen das Opfer bringe! O Luise, Luise! Es -tötet sie, wenn sie es hört!«</p> - -<p>»Elender!« rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. -»Sind das deine Schwüre? Du falsches Herz. Ich habe dir -alles, alles geopfert, und so kannst du vergelten? O Barbar! -gehe hin zu ihr, lege dich nieder in ihre Fesseln, aber wisse, daß -ich mich in die Tiber stürze; über meine armen Würmer, meine -unglücklichen Kinder, mag sich Gott erbarmen!«</p> - -<p>»Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, -aber verblendeter Sohn. Wozu dieser Skandal, diese Szene -auf dem Schiffe? Stillet Eure Tränen, schöne Frau, es wird -noch alles gut werden; kommet, ich will einen väterlichen Kuß -auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr nicht, daß -Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr -nur immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinnen zu -bestricken wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, -daß sie in einem strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel -ist, der Eure Gestalt und Sprache angenommen hat?«</p> - -<p>»Welch einfältiges Märchen!« rief der junge Mann. -»Was wollet Ihr auch den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher -Berliner ist er, ein Tropf, dem ich das Mädchen nicht -gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal betrog!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p> - -<p>»Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der -Satan selbst ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden -Frater Piccolo geträumt, der Teufel gehe hier in der heiligen -Stadt spazieren? Alle seine Träume sind noch eingetroffen. -Der deutsche Baron ist der höllische Geist selbst. Wer es aber -auch sei; sie hat Euch betrogen. Hat nicht die fromme Frau -Maria Campoco Euch selbst dieses Geständnis über ihre Nichte -gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin Rücksicht -nehmen! – Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht -habe,« fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier -entfaltete. »Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, -die Liste aller derer mitzubringen, welche in Eurem -Deutschland öffentliche Ketzer, insgeheim aber gute Christen der -wahren Kirche sind. Da, leset!«</p> - -<p>Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal -fragend an, ob er denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. -Donna Ines, welche bemerkte, welch günstigen Eindruck diese -Liste mache, zog die Hand des heiligen Mannes an den Mund -und bedeckte sie mit feurigen Küssen der Andacht.</p> - -<p>»Nicht wahr,« fuhr Rocco fort, »da stehen wohlklingende -Namen? Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich diese -Leute können nicht so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die -Politik, die Rücksicht auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt -das nicht. Aber im Herzen, <em class="gesperrt">im Herzen</em> sind sie unser. Da, -dieser Nr. 8, ich kann eure barbarischen Namen nicht aussprechen, -der wird sich sogar öffentlich erklären und seine Irrtümer -abschwören. Der da oben wird auch einen wichtigen -Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in Frankreich, -selbst in England für uns getan wird, bald, vielleicht erlebe -ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns -zurückgekehrt sein. Wie herrlich muß dann ein Name wie der -Eurige leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lang zuvor -auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!«</p> - -<p>»Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als -die ganze Liste dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn -ich zu Eurer Kirche abfalle, es nur geschieht, um den ewigen -Klagen der Donna Ines zu entgehen. Diese Heimlichen haben -keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit. Sie gelten von außen -als echte Lutheraner, und was haben sie davon, daß sie von -innen römisch sind?«</p> - -<p>»O Einfalt! es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie -studiert habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen!<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span> -Was ist denn das Schöne an unserer Kirche? He? Nicht nur, -daß sie die alleinseligmachende, daß sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt -gegen die Hölle, eine Seelenassekuranz -gegen den Tod ist! denn schon aus physischen Gründen kann -man annehmen, daß keine Seele von den Unsrigen lange im -Fegfeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie auch ohne -Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im -Durchschnitt hundertundzwanzig Millionen Menschen in der -Hölle und ebensoviel im Fegfeuer sind. Nun kann man annehmen, -daß seit eurer verfluchten Reformation neunzig Millionen -Ketzer, zwanzig Millionen Türken und zehn Millionen Juden -hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertundzwanzig.«</p> - -<p>»O wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!« sagte Ines -mit zauberischem Lächeln. »Ach, Otto! Dich soll ich an jenem -Ort wissen, in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? -O Gott! es ist nicht möglich!«</p> - -<p>»Sodann weiter,« fuhr der Salbungsvolle fort, »euer Erzketzer in -Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle -Menschen prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte -zum Bösen. Diese müssen nun eine Art von Seelenwanderung -in verschiedenen Stationen des Elends machen, bis sie selig werden, -und fangen mit der Hölle an. Der Mann hat vernünftige -Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegfeuer zu kommen. -Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal -prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert -ist, wir können ihn doch absolvieren und <em class="antiqua">recta</em> in den Himmel -schicken. Nun, und wenn man annimmt, daß das Fegfeuer -hundertundzwanzig Millionen faßt, und darunter hundert Millionen -Türken und zwanzig Millionen Ketzer, so ist, weiß Gott, -auch dort wenig Raum für eine etwas liederliche Seele.«</p> - -<p>»Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen -halte, machet mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure -Seelenassekuranz kann mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs -Volk, und ich begreife nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze -Regimenter, Divisionen, ja Armeen Kavallerie, Infanterie, Artillerie -samt dem Generalstab öffentlich verassekuriert habt. Das -wäre eine Anstalt <em class="antiqua">à la</em> Mohammed, die Kerls würden sich schlagen -wie der Teufel, denn sie wüßten, wenn sie heute erschossen -werden, wachen sie morgen im Paradiese auf. Lasset mich lieber -noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir tröstlicher, denn -es stehen ganz vernünftige Männer dort.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span></p> - -<p>»O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität -zugebracht hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte, -die ketzerische Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm, -heilig und mystisch sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter -versetzt sie in diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie -neigen sich schon ganz zu uns, und lasset nur erst die Jesuiten -recht in Deutschland überhand nehmen, dann sollt Ihr erst -Wunder sehen! Auch einige brave Männer, Professoren, nehmen -sich unserer Sache an: Seht, dieser da, Nr. 172, Signor -Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen -Dunkel, daß sie bald unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus -Seiner Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat -vollkommen recht. Er hat berechnet, wenn Deutschland einige -Grade südlicher läge, wenn ihr eine schönere Natur, ein wenig -mehr Sinnlichkeit und Phantasie hättet – die Ketzerei hätte -nie aufkommen können, oder ihr wäret wenigstens schon lange -wieder zurückgekehrt.«</p> - -<p>Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne -hätte ich diesem trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie -er diese deutsche Seele bearbeitete; es war ein schweres Stück -Arbeit, ich gestehe es. Ein Mensch ohne Phantasie, der in den -Zeremonien nur Zeremonien sieht, der die Tendenz dieser -Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen Vorteil zu blenden -ist, wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen. Doch für -diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein schönes -Weib haben schon andere geangelt als diesen.</p> - -<p>Der heilige Mann stieg aus: mit Ehrfurcht empfingen die -Schiffer seinen Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, -würdig eines Fürsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. -Ich bewunderte, während sie über das Brett ging, ihren feinen, -zierlichen Wuchs, die Harmonie in ihren Bewegungen und die -Glut, die aus ihren Augen strahlte und den Abend schwül zu -machen schien. Sie reichte dem geliebten Ketzer ihre schöne Hand -mit so besorgter Zärtlichkeit, mit einem so bedeutungsvollen -Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr seine transmontanische -Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte, mit -welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten -Kirke widerstand. – Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der -dienende Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren -gehend, erschienen war, stand am Schlag und erwartete -Seine Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand -zu gehöriger Wirkung drapiert hatte, dann erst folgte der Frater<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -Piccolo. Der Ketzer und seine Dame schlugen einen Fußpfad -ein und gingen der Stadt zu.</p> - -<p>»Wer sind diese,« fragte ich den Schiffer.</p> - -<p>»Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco -nicht? O, es ist einer der besten Füße des heiligen Stuhles! -Alle Abende fährt er in meiner Barke auf dem Fluß.«</p> - -<p>»Und die Dame?«</p> - -<p>»Ha! das ist eine gute Christin,« antwortete er mit Feuer. -»Sie fährt beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein -mit ihm, zuweilen mit dem Mann, den Ihr gesehen. Dem -traue ich nicht ganz, es ist entweder ein Deutscher oder ein Engländer, -und die sind doch Kinder des Teufels.«</p> - -<p>»So? Da sagt Ihr mir etwas Neues, und dieser Mann, -ist er ihr Gemahl?«</p> - -<p>»Bewahre uns die heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! Wo -denkt Ihr hin? Da würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren -fahren. Ich denke, es ist ihr Geliebter.«</p> - -<p>»So ist es,« sagte einer der griechischen Kaufleute, »die -Dame wohnt nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren -Kindern. Sie sieht niemand bei sich als einige fromme Geistliche -und diesen jungen Mann! Es ist ihr Geliebter. Aber -sie führen ein Hundeleben zusammen. Man hört sie oft beide -weinen und zanken und schreien. Der junge Mann flucht und -donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna -weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß -die Nachbarn zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge -Mann verzweifelnd aus dem Haus und will fliehen, aber die -Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren nach, und die Kinder -laufen heulend hintendrein. Sie faßt ihn unter der Türe -am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen. -Sie zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn, und dann ist -es oft auch viele Tage stille, bis das Wetter von neuem losbricht.«</p> - -<p>»Heilige Jungfrau,« rief der Schiffer, »und hat er sie noch -nie totgestochen im Zorn?«</p> - -<p>»Wie Ihr seht, nein!« erwiderte der Grieche. »Aber krank -ist sie schon oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann -lief er schnell zu drei, vier Doktoren, um sie wieder ins Leben -zurückzurufen. Es sind doch gute Seelen, diese Deutschen!«</p> - -<p>So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in -tiefen Gedanken über das, was ich gehört und gesehen hatte. -Jenes Wort des jungen Berliners fiel mir wieder bei, der<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span> -den Kardinal Rocco beschuldigte, ein schönes gutes Herz gebrochen -zu haben. Welches andere Herz konnte dies sein als -Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester den -Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß -er ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um -ihn für die Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? -Wie hatte er diesen Mann aus den Armen seines -Mädchens ziehen, von einem Herzen hinwegreißen können, das -ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene Beschuldigungen -von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän einflüsterte, -hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich -sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen -konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen -den Berliner wieder aufzusuchen.</p> - -<p>Herr von S… schien mich liebgewonnen zu haben, -denn er empfing mich mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, -das selbst den Teufel erfreut, wenn er auch schon an dergleichen -gewöhnt ist. Ich hatte mir vorgenommen, von meiner gestrigen -Fahrt und den Wunderdingen, die ich gehört hatte, noch nichts -zu erwähnen, um den Verlauf seiner Geschichte zuvor desto ungestörter -zu vernehmen.</p> - -<p>»Von allem Unglück, das die Erde trägt,« fuhr er zu erzählen -fort, »scheint mir keines größer, schmerzlicher und -rührender, als jener stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich -liebt oder dessen zartes, glühendes Herz von einem -Elenden zur Liebe hingerissen und dann betrogen wird. Der -Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken, den Verrat -seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu -öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und -Arbeit, in weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das -Weib? – Der häusliche Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich -wiederkehrende Ordnung, jene stille Beschäftigung mit tausend -kleinen Dingen, der sie sich in der Zeit glücklicher Liebe fröhlich, -beinahe unbewußt hingab, wie drückend wird sie, wenn sich an -jeden Gegenstand die Erinnerung an ein verlorenes Glück -heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der Stunden, wenn -nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der Zauber -der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten -Flügel gibt, wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende -Herz den Schlag der Glocke übertönt!</p> - -<p>Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie -nur zu bald erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span> -Wunsch, Luise von Palden im Hause des Gesandten zu sehen, -gelang. Schon nach einigen Tagen wurde sie durch seine Schwester -dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich zum erstenmal -dort sah, doch sie schien mich wie einen alten Bekannten dort -zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen fremden -Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war -es; sei es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer -mich aus einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, -daß sie gerne zu mir sprach, weil ich die Züge ihres Freundes -trug, sie unterschied mich auffallend von allen übrigen Männern, -die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie lächeln, -Freund? Ich errate Ihre Gedanken.«</p> - -<p>»Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch -Ihre eigene Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein -anzog?«</p> - -<p>»Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; -ich gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, -sie für mich gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, -was ich fürchte.«</p> - -<p>»Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! -und ihr Kapitän lag vielleicht gerade in den Armen einer -andern!«</p> - -<p>Der Berliner stutzte. »Wie? Was wissen Sie?« fragte -er betroffen. »Wer hat Ihnen gesagt, daß West noch eine -andere liebe?«</p> - -<p>»Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet,« -erwiderte ich; »sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?«</p> - -<p>»Sie haben recht; – nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, -abgewiesen auf eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich -glücklich machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, -sie gestand mir, daß ich ihr als Freund willkommen sei, -daß ihr Herz keinem andern mehr gehören könne. Sie sagte -mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz mit dem -übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte; -sie gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den -Kapitän seine Verhältnisse hierher riefen, sie gestand, daß er -einen Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald -die Sache entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, -sie zum Altar führen werde.</p> - -<p>Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis -rief mich eines Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem -die Gesellschaft versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes,<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span> -daß er sich mir in Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein -Vertrauen auf eine ehrenvolle Art besaß; doch die Zeit war mir -auffallend, und es mußte etwas von Wichtigkeit sein, weswegen -er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte.</p> - -<p>›Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?‹ fragte er, -indem er mich mit forschenden Blicken ansah.</p> - -<p>›Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,‹ -gab ich ihm zur Antwort.</p> - -<p>›Nun, so flüchtig müsse es doch nicht sein,‹ entgegnete er -mir, da ich ein Duell mit ihm gehabt.</p> - -<p>Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt, wegen einer -ziemlich gleichgültigen Sache, es sei aber alles gütlich beigelegt -worden. Dennoch war es mir auffallend, woher der Gesandte -diesen Streit erfahren hatte, den ich so geheim als möglich -hielt, und von welchem Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt -hatte.</p> - -<p>›Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,‹ sagte er; -›doch möchte ich Ihnen raten, solche Händel wegen einer so -zweideutigen Person zu vermeiden. Sie wissen selbst, wenn -man einmal einen öffentlichen, besonders einen diplomatischen -Charakter hat, ist dergleichen in einem fremden Lande wegen -der Folgen für beide Teile fatal.‹</p> - -<p>Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war -sehr ernst, sehr warnend; noch schmerzlicher berührte mich, -was er über jene Dame sagte, ›zweideutige Person!‹ Und doch -saß gerade diese Person als Krone der Gesellschaft in seinem -Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen, er selbst hatte -noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art gesprochen, -die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewunderer -ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes sehen ließ. Ich -konnte eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken, ich bat ihn -höflich, aber so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht -mehr so von einer Dame zu sprechen, die ich achte, und die -einen so entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich -wolle davon gar nicht reden, daß er selbst sein Haus beschimpfe, -wenn er in solchen Ausdrücken von seinen Gästen spreche.</p> - -<p>Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine -Reden nicht begreifen, denn weder behaupte die Dame einen -Rang in der Gesellschaft, die <em class="gesperrt">er</em> sehe, noch habe sie je einen -Fuß über seine Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war -jetzt an mir; ich sah, daß hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte -ihn, daß Fräulein von Palden die Dame sei, um die wir<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span> -uns schlagen wollten. ›Verzeihen Sie,‹ rief er, ›man sagt mir, -Sie haben sich wegen der Geliebten dieses Kapitän West geschlagen, -daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu müssen.‹</p> - -<p>›Und wenn dies nun dennoch wäre?‹ fragte ich. ›Kennen -Sie denn die Geliebte des Kapitäns?‹</p> - -<p>›Gott soll mich bewahren,‹ entgegnete er. ›Nein, ich glaube, -er hat schon selbst genug an seiner Spanierin.‹</p> - -<p>Ich staunte von neuem. ›Von einer Spanierin sprechen -Sie? Wie kommen Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß -der Kapitän eine deutsche Dame liebt!‹</p> - -<p>›Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,‹ -war seine Antwort; ›wie die Sachen stehen, scheint man im -Lateran ernstlich daran zu denken, den goldenen Quadrupeln -der schönen Donna Gehör zu geben und ihre frühere Ehe, weil -sie nicht ganz gültig vollzogen war, für nichtig zu erklären. Der -Kapitän macht eine gute Partie, aber – jeder Mann von Ehre -wird diesen Schritt mißbilligen.‹</p> - -<p>Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; -entweder lag hier eine Verwechslung der Namen und Personen -zu Grunde, oder es war ein schreckliches Geheimnis, und der -Kapitän ein Betrüger, der Luisens Glück vielleicht auf ewig -zerstört hatte.</p> - -<p>Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über -Dinge spreche, die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch -glaubte er, da er schon soviel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung -dieser Rätsel schuldig zu sein. ›Dieser Kapitän West -ist ein Sachse,‹ erzählte er; ›er diente früher im Generalstab -und wurde dann zu einer diplomatischen Sendung nach Spanien -verwandt; er soll ein Mann von vielen Talenten, aber -etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade -auf ihn fiel, da noch ältere Leute, und aus guten Häusern im -Departement waren, ist mir unbekannt; nur soviel erfuhr ich -zufällig, daß man ihn damals von Dresden habe entfernen -wollen. Man erzählt sich, er habe in Madrid in einem Verhältnis -zu einer schönen jungen Frau gelebt; sie war eine -Spanierin, aber an einen alten Engländer verheiratet, der sie -vielleicht nicht so strenge unter Schloß und Riegel hielt, wie -man sonst in Spanien zu tun pflegt.</p> - -<p>Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers -kam, bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem -Posten abgerufen und sogar aus dem Dienste entlassen wurde. -Doch sagen andere, er selbst habe aus Aerger über seine schnelle<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span> -Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt noch; einige Wochen -nach seiner Abreise war die Frau des Engländers mit ihren -beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen spurlos -verschwunden, denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer habhaft -zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch -seine Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit -ausbrachen und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.</p> - -<p>Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor -allem auf den Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß -dieser in Paris angehalten und verhört wurde. Man sagt, er -solle sehr betreten gewesen sein, als er die Nachricht von der -Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber aus, daß er die -Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und bekräftigte mit -einem Eid, daß er von diesem Schritt der Donna nichts wisse.</p> - -<p>Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt -seitdem hier sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, -hat keinen Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er -es, mit Deutschen zusammenzutreffen.‹</p> - -<p>Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe -die Anfrage an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde; -wie er lebe, und ob er nicht in Verhältnis mit einer -Spanierin sei, die sich ebenfalls hier aufhalten müsse. Man -habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitän West mitgeteilt -und bemerkt, daß der Engländer von neuem Spuren von seiner -Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit annehmen lassen, -daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von Spanien -aus sich an die päpstliche Kurie gewandt, es scheine aber, man -wolle sich hier der Dame annehmen, denn die Antwort sei sehr -zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte machte -die nötigen Schritte und erfuhr wenigstens soviel, daß jener Verdacht -bestätigt schien. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu -erfahren, ob der römische Hof in der Tat die Dame in seinen -Schutz nehme, und erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefaßte -Antwort, man möchte diese Sache beruhen lassen, da die -Ehe der Donna Ines mit dem Engländer wahrscheinlich für -ungültig erklärt werde.</p> - -<p>Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß -er aus besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer -nachgespürt habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, -den ich im Karneval mit jenem ›wegen einer Dame‹ -gehabt habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span></p> - -<p>Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon -während seiner Erzählung empfand; und als ich das ganze Unglück -erfahren hatte, stand ich wie vernichtet. Der Gesandte -verließ mich, um zu der Gesellschaft zurückzukehren; ich hatte -kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er möchte niemand -etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen, das Warum versprach -ich ihm auf ein andermal.</p> - -<p>Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich -gerufen, den Salon übersehen, ich konnte Luisen sehen, und -wie schmerzlich war mir ihr Anblick. Sie schien so ruhig, so -glücklich. Der Friede ihrer schönen Seele lag wie der junge -Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes blaues Auge -glänzte vielleicht von der Erwartung einer schönen Abendstunde, -und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der Nachklang -einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, -es war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich -eilte ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; -aber wie war es möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher -als je zurück, denn der Friede der Natur, der zauberische -Schmelz der Landschaft, die süße Ruhe, die diese Fluren atmeten, -erinnerten sie mich nicht immer wieder an jenes holde Wesen? -Und die Wolken, die sich am fernen Horizont schwärzlich auftürmten -und ein nächtliches Gewitter verkündeten, hingen sie -nicht über der friedlichen Landschaft wie das Unglück, das Luisen -drohte?</p> - -<p>Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich -sei, ob ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen -Verbindung. Doch war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen -werde? Sie wußte, ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich, -um nicht an der Reinheit meiner Absichten zu zweifeln? -Ich konnte es nicht über mich gewinnen, ihr selbst ihr Unglück -zu verkünden. Nur <em class="gesperrt">einen</em> Ausweg glaubte ich offen zu sehen; -ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden, ich wollte -ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder die -andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen -Weg gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht -mehr verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, -dann wird sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie -glücklich zu machen, durch ein langes Leben voll Treue und -Liebe will ich ihr Unglück zu mildern suchen.«</p> - -<p>»Aber wie konnten Sie glauben,« rief ich, über diese -romantischen Ideen unwillkürlich lächelnd, »wie konnten Sie<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span> -glauben, Freund, daß ein Kapitän West zu diesem sonderbaren -Geständnisse sich hergeben werde? In Romanen mag dies der -Fall sein, aber, Herr! in der Wirklichkeit? Haben Sie je einen -Narren derart gekannt?«</p> - -<p>»Ach, ich dachte zu gut von den Menschen,« antwortete er. -»Ich dachte: wie ich muß jeder fühlen. – Ich ging in die Wohnung -des Kapitän West. Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich. -Ich traf ihn, wie er einen schönen Knaben von acht Jahren auf -den Knieen hatte, welchen er lesen lehrte. Errötend setzte er -den Knaben nieder und stand auf, mich zu begrüßen. ›Ei, -Papa!‹ rief der Kleine, ›wie sieht dir dieser Herr so ähnlich.‹</p> - -<p>Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben -aus dem Zimmer. ›Wie,‹ sagte ich zu ihm; ›Sie haben -schon einen Knaben von diesem Alter? Waren Sie früher -verheiratet?‹</p> - -<p>Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu -drehen; er behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, -besuche ihn zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner -annehme.</p> - -<p>›Er gehört wohl der Donna Ines?‹ fragte ich, indem ich -ihn scharf ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich -das böse Gewissen sich kundtat; er erblaßte; seine Augen -glänzten wie die einer Schlange, ich glaubte, er wolle mich -durchbohren. Noch ehe er sich hinlänglich gesammelt hatte, um -mir zu antworten, sagte ich ihm gerade ins Gesicht, was ich von -ihm wisse und was ich von ihm verlange, um das Fräulein -nicht völlig unglücklich zu machen.</p> - -<p>Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger -und Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze -Geschichte aufgedeckt, um Luisen von ihm zu entfernen. Ich -ließ ihn ausreden; dann sagte ich ihm mit kurzen Worten, wie -ich sein Verhältnis zu der Spanierin erfahren habe, und bat -ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen unserer Sprache, -das Fräulein so schonend als möglich von sich zu entfernen.</p> - -<p>Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine -andere unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, -er weinte, er verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen -zu haben. Er schwur, sich von der Spanierin zu trennen; -er flehte mich an, ihn zu retten: er gestand mir, daß er sich -von einem Netz umstrickt sehe, das er nicht gewaltsam durchbrechen -könne, weil einige hohe Geistliche der Kirche kompromittiert -würden. Er ging so weit, mich zu zwingen, seine Geschichte<span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span> -anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen zu -können. Es war die Geschichte eines – Leichtsinnigen. Dieses -Wort möge entschuldigen, was vielleicht <em class="gesperrt">schlecht</em> genannt werden -könnte. Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, -das ihn bei den Frauen sehr glücklich machen mußte. Es war -der äußere Anschein von Kraft und Entschlossenheit, die ihm -übrigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt zu haben schienen. -Er mußte eine für seinen Stand ausgezeichnete Bildung -gehabt haben, denn er sprach sehr gut, seine Ausdrücke waren -gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte hinreißen, -so daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem dritten, -während er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte. -Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem -Triebe folgen, in den Tag hinein leben, ohne sich selbst zu prüfen, -und erst in dem Moment der Erzählung über sich selbst flüchtig -nachdenken. Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem -eigentümlichen Feuer gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von -sich selbst, doch eben weil diese ihnen sonst abging, ist man versucht -zu glauben, sie sprechen von einem dritten.</p> - -<p>Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung; -Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter -eines der ersten Häuser der Stadt für sich gewonnen zu haben, -riß ihn zu einem Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater -sah dies Verhältnis ungern. Ich konnte mir denken, daß es -vielleicht weniger Stolz auf seine Ahnen, als die Furcht vor -dem schwankenden Charakter des Kapitäns war, was ihn zu -einer Härte stimmte, die die Liebe eines Mädchens wie Luise -immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich jetzt erst -erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, wenn -sie je mit dem Kapitäns sich verbinde.</p> - -<p>West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers -auf Verführung zu schieben. Ich habe eine solche bei einem -Mann, der das Bild der Geliebten fest im Herzen trägt, nie -für möglich gehalten. Doch die Strafe ereilte ihn bald. Er -gestand mir, daß er froh gewesen sei, als er, vielleicht durch -Vermittlung des Engländers, von seinem Posten zurückberufen -wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare Vorschläge -zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können; er sei, -ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich -bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er -suchte auch über diesen Punkt so schnell als möglich hinweg zu -kommen. Er erzählte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span> -worden sei, wie er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein -zu leben. Doch da sei plötzlich Donna Ines in Rom erschienen, -sie habe sich mit zwei Kindern geflüchtet, sei ihm nachgereist -und habe jetzt verlangt, er solle sie heiraten.</p> - -<p>Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. -Ich hatte von dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener -schon in Paris angehalten und über die Flucht der Donna zur -Rede gestellt worden sei; er konnte sich also denken, daß sie ihm -nachreisen werde, und dennoch knüpfte er die Liebe zu Luisen -von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen können, ihm -zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu heiraten, -wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem -ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteuerin gemacht hätte?</p> - -<p>Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, -in welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, -namentlich mit Pater Rocco, schnell bekannt geworden, geführt -habe. Es wurde ernstlich an der Auflösung ihrer früheren Ehe -gearbeitet, und es war als bekannt angenommen worden, daß er -die Geschiedene heiraten werde.</p> - -<p>›Sie sagten mir hier nichts Neues,‹ antwortete ich ihm; -›dies alles beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie -als Mann von Ehre einsehen werden, daß das Verhältnis zu -Fräulein von Palden nicht fortdauern kann, oder Sie müssen -sich von der Spanierin lossagen.‹</p> - -<p>Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und -dem Kardinal Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen -übersteigen; er könne also wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden -Schritt tun.</p> - -<p>›Im Augenblick heißt hier nie,‹ erwiderte ich ihm. ›Sie -werden sich aus diesen Banden, wenn sie <em class="gesperrt">so</em> beschaffen sind, nie -mit Anstand losmachen können. Ich halte es also für Ihre -heiligste Pflicht, Luisen nicht noch unglücklicher zu machen; denn -was kann endlich das Ziel Ihrer Bestrebungen sein?‹</p> - -<p>Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als -er sei. Doch er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse. -Er glaube aber, es sei dies meine Sache. Er trete mir Luisen -ab, ich solle mir auf jede Art ihre Gunst zu erwerben suchen -und sie glücklich machen. Er hatte Tränen in den Augen, als -er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu mitleidigen Augen, wie -weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne.</p> - -<p>Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher -Entschluß gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span> -Gefühl war eine Mischung von Verachtung und Bedauern. Auf -der Treppe begegnete mir wieder der schöne Knabe und fragte, -ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte.«</p> - -<p>»Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen,« -fragte ich; »jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne -Galeere Luise?«</p> - -<p>»Ja und nein,« antwortete er trübe; »sie schien meine -Liebe zu übersehen, nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, daß -sie ängstlicher wurde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir -ihre Freundschaft nicht genügen wolle. Und jener Elende, sei -es aus Bosheit oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurück, -ich vermute es sogar, er hat sie vor mir gewarnt. So standen -die Sachen, als die Zeit, die ich in Rom zubringen sollte, bald -zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten arbeitete man -schon an Memoires, die man mir nach Berlin mitgeben wollte, -man wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche mache – -und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein, wie -ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht -für möglich, Luisen zu verlassen, jetzt da ihr vielleicht bald der -schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, -ihr alles, alles zu entdecken, aber wie war es mir möglich, ihre -himmlische Ruhe zu zerstören, das Herz zu brechen, das ich so -gerne glücklich gewußt hätte?</p> - -<p>Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein -Zimmer; er war bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit, -bis er sich fassen und sprechen konnte. ›Jetzt ist alles aus,‹ -rief er; ›sie stirbt, sie <em class="gesperrt">muß</em> sterben, dieser Kummer wird sie -zerschmettern!‹ Er gestand, daß Donna Ines oder der Kardinal -Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten; ihr schrieben sie -sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal hatte geschworen, -er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein -gehen, und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen -Mann, der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten -zurückzuhalten.</p> - -<p>Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist; ich -erkannte, daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von -dieser Stunde, von diesem Tag wenig mehr zu erzählen. Ich -weiß nur, daß ich den Kapitän in kalter Wut zur Türe hinausschob, -mich schnell in die Kleider warf und wie ein gejagtes -Wild durch die Straßen dem Hause der Signora Campoco zulief. -Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen Kardinal -sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span> -Piccolo trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war -Rocco. Ich setzte meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie -ein Wahnsinniger auf ihn zu, doch – ich kam eben an, als mir -Piccolo mit teuflischem Lächeln die Türe vor der Nase zuwarf.</p> - -<p>Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu -entfliehen. Ich ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte -ihm, daß ich noch in dieser Stunde abreisen werde. Er war es -zufrieden, gab mir seine Aufträge, und bald hatte ich die heilige -– unglückselige Stadt im Rücken. Erst als ich nach langer -Fahrt zu mir selbst kam, als meine Vorstellungen sich wieder -ordneten und deutlicher wurden, erst dann tadelte ich meine -Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht verführte. Ich -tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an, die -Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; – -doch es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine -ganze Lage zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte -verschont zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser -Stimmung trafen Sie mich dort, und ein Teil dieser Geschichte -war es, den ich damals im Hause meiner Tante erzählt habe.«</p> - -<p>Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach -und nach jene Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in -seinem Wesen, als ich ihn in Berlin sah, zu bemerken glaubte; -er war ganz derselbe, der er an jenem Abend war, und die -Worte seiner Tante: er sehe seit seiner Zurückkunft so geheimnisvoll -aus, kamen mir wieder in den Sinn und ließen mich -den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner ganzen -Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend. Unglückliche -Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie -Ines, intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der -Welt schon viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir, -als Menschenkenner, etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings -schon einen bedeutenden Grad in meinem Reglement erlangt, -aber unbegreiflich war es mir, wie sich dieser Mann so -lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach moralischen -wie nach physischen Kräften ein Körper, welcher abwärts gleitet, -immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei Rollen; -er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke; er war -eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war -schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitän liebte er wahrscheinlich -auch das <em class="antiqua">Est, Est, Est</em>, Eigenschaften, die nicht lange -auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre -vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -geworden, ein zweiter wäre leichtsinnig wie er, all diesem Jammer -entflohen, hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise -dort sitzen lassen und vielleicht an einem andern Ort eine andere -gefreit; ein dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht, -um die schöne Sächsin zu besitzen, oder aus Verzweiflung die -letztere erdolcht.</p> - -<p>Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch -in demselben Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht -in Streit geraten waren, daß das Ende von diesen Geschichten -ein Uebertritt zur römischen Kirche, eine Hochzeit der Donna -Ines und vielleicht eine zweite, Luisens mit dem Berliner, werden -sollte?</p> - -<p>Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas -entfernten Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm -das Ziel seines heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, -recht reizend vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne -möglich zeige, so machte er Riesenschritte abwärts, denn seine -Anlagen waren gut. Ich beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen -zu machen und die Leutchen zu hetzen.</p> - -<p>Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde -dem Herrn von S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift -an und errötete, er riß das Siegel auf, er las, und sein Auge -wurde immer glänzender, seine Stimme heiterer. »Der Engel!« -rief er aus, »sie will mich dennoch sehen! Wie glücklich macht -sie mich! Lesen Sie, Freund,« sagte er, indem er mir den -Brief reichte; »müssen solche Zeilen nicht beglücken?«</p> - -<p>Ich las:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Mein treuer Freund! -</p> - -<p>Mein Herz verlangt danach, Sie zu sprechen. Ich wollte -Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis Sie mir gute -Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es eigentlich, der -diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wissen, -wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der -Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. -Ach! daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir, -meine Augen dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser -Schmach, die ich nicht ertragen kann.</p> - -<p class="right"> -L. v. P.« -</p> - -<p>»N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in -Mecklenburg bekannt wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht -in der Sache etwas tun können.«</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span></p> - -<p>»Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie -erfreuen muß,« sagte ich; »doch einiges ist mir nicht recht klar -in diesem Brief, das Sie mir übrigens aufklären werden. -Wegen der Verwandten in Mecklenburg kann sich übrigens das -Fräulein an niemand besser wenden als an mich; denn ich war -mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien genau -bekannt.«</p> - -<p>Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell -dienen zu können. »Das ist trefflich!« rief er, »und Sie begleiten -mich wohl jetzt eben zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs -noch einiges, was Ihnen die Verhältnisse klarer machen -wird.«</p> - -<p>Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.</p> - -<p>»In Berlin,« erzählte er, »hielt ich es nur zwei Monate -aus; ich hatte niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche -Geschöpf hätte Nachricht geben können, und so lebte ich in -einem Zustand, der beinahe an Verzweiflung grenzt; nur einmal -schrieb mir der sächsische Gesandte: der Papst habe sich jetzt -öffentlich für den Kapitän West erklärt, man spreche davon, -daß der Preis dieser Gnade der Uebertritt des Kapitäns zur -römischen Kirche sein solle. In demselben Brief erwähnte er -mit Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr angezogen -habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, -sehr gefährlich krank sei, die Aerzte zweifeln an ihrer Rettung.</p> - -<p>Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese -letzte Nachricht entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken -können, daß das, was ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, -vielleicht den Tod zur Folge haben werde, aber jetzt erst, als -ich diese Nachricht gewiß wußte, jetzt erst kam sie mir schrecklich -vor; ich reiste nach Rom zurück, und meine Bekannten hier -haben sich nicht weniger darüber gewundert, mich so unverhofft -zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so plötzlich -wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es -mir nicht verzeihen, denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich -mit einem der Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, -zu verheiraten.</p> - -<p>Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein -wiederfand! Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben, -der Gedanke, daß West zu seiner großen Schuld noch einen Abfall -von der Kirche fügen wollte. Ich lebe seitdem ein Leben -voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre Jugend dahinschwinden,<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span> -ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter einer lächelnden -Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr zu -dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis -ich von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten -werde – oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist -heute geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung, ich habe keine; -denn er ist zu allem fähig, und Rocco hat ihn so im Netze, daß -an kein Entrinnen zu denken ist.«</p> - -<p>»Aber der Fromme,« fragte ich; »soll wohl der seine Bekehrung -übernehmen?«</p> - -<p>»Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. -Es ist ein deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist, er zieht -umher, um zu bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen -zu lächerlich erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur -Bekehrung des Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen -auf Sie, mein Freund, wenn Sie durch die Verwandten -etwas bewirken könnten; doch auch dies kommt zu spät! Wie sie -sich nur um diesen Elenden noch kümmern mag?«</p> - -<p>Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein -von Palden. Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte -mir ein Interesse eingeflößt, das diese Stunde befriedigen -mußte. Ich hatte mir schon lange zuvor, ehe ich sie sah, ein -Bild von ihr entworfen, ich fand es, als sie mir damals im Portikus -erschien, beinahe verwirklicht; nur eines schien noch zu -fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt; ich dachte mir sie -nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie mußte dies -sein, wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die Heilung -des Kapitän West zutrauen?</p> - -<p>Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden -freundlich empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, -mich bat sie, in ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann -finden werde. Ich trat ein. Am Fenster stand ein kleiner -hagerer Mann, von kaltem, finsterem Aussehen. Er heftete seine -Augen immer zu Boden, und wenn er sie einmal aufschlug, so -glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer. Ich machte ihm -mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten Neigen -des Hauptes und antwortete: »Gegrüßet seist du mit dem Gruße -des Friedens!«</p> - -<p>Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! -Solche Leute sind eine wahre Augenweide für den Teufel; er -weiß, wie es in ihrem Innern aussieht, und diese herrliche -Charaktermaske, lächerlicher als Pulcinell, komischer als Passaglio,<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span> -pathetischer als Truffaldin und wahrer als sie alle, trifft -man besonders in Deutschland und seit neuerer Zeit in Amerika, -wohin sie die Deutschen verpflanzt haben. Diese Protestanten -glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn sie gegen -alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist ihnen -ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die -Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden -mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, -gegen ihre eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht -fromm genug. Man glaubt vielleicht, sie selbst sind um so -frömmer? O ja, wie man will. Sie gehen gesenkten Hauptes, -wagen den Blick nicht zu erheben, wagen kein Weltkind anzuschauen. -Ihre Rede ist: »ja, ja, nein, nein.« Auf weitere -Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die -Stillen im Lande, denn sie leben einfach und ohne Lärm für -sich; doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, -ihre Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen. -Daher kommt es, daß sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden -es, sich öffentlich zu vergnügen, und wer am Sonntag -tanzt, ist in ihren Augen ein Ruchloser. Unter sich selbst aber -feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein Auge beschämt -wegwenden würde.</p> - -<p>Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser -Art sehe. Sie gehen still durchs Leben und wollen die Welt -glauben machen, sie seien von Anbeginn der Welt als extrafeine -Sorte erschaffen und plombiert worden, und der heilige -Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen näheren Weg, -ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle -kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich -heißen mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle -sind in Nr. 1 und 2, sie <em class="gesperrt">verneinen</em>, wenn auch nicht im -Aeußeren, denn sie sind Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.</p> - -<p>Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. »Ihr -seid ein Landsmann von mir,« fragte ich nach seinem Gruß, -»Ihr seid ein Deutscher?«</p> - -<p>»Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott,« antwortete -er; »aber die Frommen sind ihm ein angenehmer -Geruch.«</p> - -<p>»Da habt Ihr recht,« erwiderte ich, »besonders wenn sie -in einer engen Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange -hier in dieser gotteslästerlichen Stadt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span></p> - -<p>Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: »O -welche Freude hat mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten -zu mir sandte! Du bist der erste, der mir hier saget, daß dies -die Stadt der babylonischen H–, der Sitz des Antichrists ist. -Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne von dem Altertum -der Heiden, laufen umher in diesen großen Götzentempeln und -nennen alles ›heiliges Land‹, selbst wenn sie Protestanten sind; -aber diese sind oft die Aergsten.«</p> - -<p>»Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind -noch mehrere Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es -nicht fehlen; in einer Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst -gestiftet hat, müssen fromme Seelen sein.«</p> - -<p>»Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue -ich nur halb; man weiß allerlei von seinem früheren Leben, -und nachher, da hat er so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren -und Pfarrer; ich glaube, durch ihn ist dieses Uebel in -die Welt gekommen. Zu was denn diese Gelehrtheit, diese -Untersuchungen? sie führen zum Unglauben. Die Erleuchtung -macht's, und wenn einer nicht zum <em class="gesperrt">Durchbruch</em> gekommen -ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie erleuchtet -ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelahrteste -Doktor.«</p> - -<p>»Du hast recht, Bruder,« erwiderte ich ihm; »und ich war -in meinem Leben in der Seele nicht Vergnügter, nie so heiter -gestimmt, als wenn ich einen Bruder Schuster oder eine -Schwester Spitälerin das Wort verkündigen hörte. War es auch -lauterer Unsinn, was sie sprach, so hatte ihr es doch der Geist -eingegeben, und wir alle waren zerknirscht. Doch sage mir, -wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen?«</p> - -<p>»Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenlande, wo es -mehr Erleuchtete gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem -Haus. Damals war sie ein Weltkind und lachte, wenn die -Frommen am Sonntag abend in mein Haus wandelten, um -eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam in -dieses Sodom und Gomorrha, da gab mir der Geist ein, meine -Nachbarin aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. -Es ist ihr ganz recht geschehen, denn so straft der -Herr den Wandel der Sünder. Aber mich erbarmte doch ihre -junge Seele, daß sie so sicherlich abfahren soll, dorthin wo -Heulen und Zähnklappern. Ich sprach ihr zu, und sie ging ein -in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum Durchbruch -kommen. Und da erzählte sie mir von einem Mann, den<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span> -der Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen -haben, und bat mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft -des Geistes, der in mir wohnet. Und darum bin ich hier.«</p> - -<p>Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam -der Berliner mit dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und -sie fragte errötend, ob ich mit der Familie des Kapitän West in -Mecklenburg bekannt sei. Ich bejahte es; ich hatte mit mehreren -dieser Leute zu tun gehabt und gab ihr einige Details an, die -sie zu befriedigen schienen.</p> - -<p>»Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten -Schritt zu tun, der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S. -hat Ihnen wohl schon davon gesagt, und es kommt jetzt darauf -an, ihm das Mißliche eines solchen Schrittes auch von seiten -seiner Familie darzutun.«</p> - -<p>»Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; -er ist in geistlichen Kämpfen erfahrner als ich; ich hoffe, er -wird sehr nützlich sein können.«</p> - -<p>»Es ist mein Beruf,« antwortete der Pietist, die Augen -greulich verdrehend, »es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es -Tag ist. Ich will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange -und will ihr den Kopf zertreten wie einer Kröte; soeben ist der -Geist in mich gefahren. Ich fühle mich wacker wie ein gewappneter -Streiter. Lieben Brüder, lasset uns nicht lange zaudern, -denn die Stunde ist gekommen; Sela!«</p> - -<p>»Gehen wir!« sagte der Berliner; »seien Sie versichert, -Luise, daß Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was -zu Ihrer Beruhigung dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie -mutig, heiter in die Zukunft, die Zeit bringt Rosen.«</p> - -<p>Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, -das sie einem wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir -gingen, und als ich mich in der Türe umwandte, sah ich sie -heftig weinen.</p> - -<p>Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der -Pietist, vom Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte -vor sich hin und verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein -Hierophant. Der Berliner schien an dem guten Erfolg unseres -Beginnens zu zweifeln und ging sinnend neben mir her, ich -selbst war von dem Anblick der stillen Trauer jenes Mädchens, -ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich dachte nach, wie man es -möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu entreißen, sie -dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich ihr -den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span> -jung und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige -Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies -am besten erreichen zu können, besser vielleicht noch durch -Kapitän West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte -ich, ob man ihn noch von der Spanierin werde losmachen -können.</p> - -<p>Auf der Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen, -weil er hier beten und unsern Ein- und Ausgang -segnen wolle. Doch, o Wunder! Als wir uns umsahen, nahm -er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus einem Fläschchen, -das seiner Farbe nach einen guten italienischen Likör enthalten -mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn kommen, -dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer Begeisterung -sprechen.</p> - -<p>Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finstern Stirne. -Der Berliner stellte uns ihm vor, und sogleich begann der -Pietist, vom Geist getrieben, seinen Sermon.</p> - -<p>Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum -Himmel und sprach: »Bruder! was haben meine Ohren von dir -vernommen? So ganz hat dich der Teufel in seinen Klauen, -daß du dich dem Antichrist ergeben willst, daß du absagen willst -der heiligen, christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen? -Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie heißt es Sirach am -neunten, im dritten Vers? He? ›Fliehe die Buhlerin, daß du -nicht in ihre Stricke fallest?‹ –«</p> - -<p>»Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.« sprach -der Kapitän gereizt. »Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir -in meinem Zimmer Sottisen zu sagen.«</p> - -<p>»Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre -Familie kennt, besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann, -der gehört hat, daß Sie übertreten wollen, nicht abhalten, uns -zu begleiten.«</p> - -<p>»Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine -Mühe, denn –«</p> - -<p>»Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen -ich komme,« schrie der Pietist. »Der Antichrist krümmet sich in -ihm wie ein Wurm, und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, -warum habt Ihr Euch blenden lassen von Weltehre? Was sagt -derselbe Sirach? ›Laß dich nicht bewegen von dem Gottlosen in -seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es ein Ende -nehmen wird. – Wisse, daß du unter den Stricken wandelst, -und gehest auf eitel hohen Spitzen!‹«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span></p> - -<p>»Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind -Sie vielleicht selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?«</p> - -<p>»Nein, aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie -und bin mit einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So -zum Beispiel mit Ihrem Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit -Ihrem Schwager Z.«</p> - -<p>»Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?« rief -der fromme Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig -ignorierte. »Auf, Ihr Brüder, Ihr Streiter des Herrn, lasset -uns ein geistliches Lied singen, vielleicht hilft es.« Er drückte -die Augen zu und fing an, mit näselnder, zitternder Stimme zu -singen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Herr, schütz' uns vor dem Antichrist<br /></span> -<span class="i2">Und laß uns doch nicht fallen;<br /></span> -<span class="i0">Es streckt der Papst mit Hinterlist<br /></span> -<span class="i2">Nach uns die langen Krallen;<br /></span> -<span class="i4">Und laß dich erbitten,<br /></span> -<span class="i4">Vor den Jesuiten<br /></span> -<span class="i4">Und den argen Missionaren.<br /></span> -<span class="i4">Wollest gnädig uns bewahren.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sie sind des Teufels Knechte all,<br /></span> -<span class="i2">Nur wir sind fromme Seelen;<br /></span> -<span class="i0">Wir kommen in des Himmels Stall,<br /></span> -<span class="i2">Uns kann es gar nicht fehlen;<br /></span> -<span class="i4">Denn nach kurzem Schlafe<br /></span> -<span class="i4">Ziehn wir frommen Schafe<br /></span> -<span class="i4">In den Pferch, für uns bereitet,<br /></span> -<span class="i4">Wo der Hirt die Schäflein weidet.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Dort scheidet er die Böcke aus –«<br /></span> -</div></div> - -<p>Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine -Nachtigall sang, aber komisch genug war es anzusehen, wie er, -vom Geist getrieben, dazu agierte. Auf den Wangen des -Kapitäns wechselten Scham und Zorn, und man war ungewiß, -ob er mehr über die Unverschämtheit dieses Proselytenmachers -staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne erbost -sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers -anhub, ging die Tür auf, und die hohe, majestätische Gestalt des -Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen, -faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern -herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah -uns mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte,<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span> -mochte vielleicht den ehrwürdigen Kuß eines Gläubigen erwarten.</p> - -<p>Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, -daß der Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, -daß es ihn erzürnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter -Gesellschaft zu sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, -doch als er Herrn von S. erblickte, trat er erschrocken einen -Schritt zurück und flüsterte dem Frater Piccolo in der violetten -Kutte zu: »Das ist wohl der Teufel, den du im Traume gesehen?«</p> - -<p>Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf -seinen Leib zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige -Stellen aus dem Exorzismus zu beten. Während dieser Szene -hatte sich der fromme Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe -stehen geblieben war, wieder erholt. Er betrachtete die imponierende -Gestalt dieses Kirchenfürsten, doch schien sie ihm nicht -mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu dem Resultate gelangt -war, daß nur ein frommer protestantisch-mystischer Christ -zur Seligkeit gelangen könne. Er hub im heulenden Predigerton -auf italienisch an: »Siehe da, ein Sohn der Babylonischen, -ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Seide und -Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, -Satanas!«</p> - -<p>»Ist der Mensch ein Narr?« fragte der Kardinal, indem er -näher trat und den Prediger ruhig und groß anschaute. »Piccolo, -merke dir diesen Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen.«</p> - -<p>Der Pietist geriet in Wut: »Baalspfaffe, Götzendiener, -Antichrist!« schrie er. »Du willst mich ins Spital tun? Ha, -jetzt kommt der Geist erst recht über mich. Ich will barmherzig -sein mit dir, Sodomiter! Ich will dich lehren die Hauptstücke -der Religion, daß du deine ketzerischen Irrtümer einsehest. -Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur ab, zu was soll dieser -Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem Herrn besser, wenn -du violette Strümpfe anhast? O du Tor! das sind die eiteln -Lehren des Antichrist, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt; in -Sack und Asche mußt du Buße tun.«</p> - -<p>Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich -zusammen, seine Wangen glühten. »Jetzt sehe ich, Kapitän,« -rief er, »was Euch so lange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte -mit diesen wahnsinnigen Ketzern, die Euch in -Eurem Aberglauben bestärken. Ha, bei der heiligen Erde, Ihr -habt uns tief gekränkt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span></p> - -<p>»Herr Kardinal!« fiel ihm Herr von S. in die Rede, »ich -bitte, uns nicht alle in <em class="gesperrt">eine</em> Klasse zu werfen. Wenn jener -Mann dort den Trieb in sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so -können wir ihn nicht daran verhindern. Doch meine ich, man -habe sich nicht darüber zu beklagen, denn Eure Eminenz wissen, -daß es gleichsam nur Repressalien für die Missionen und die -Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle Welt überschwemmt.«</p> - -<p>Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt -galt es, sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern -zu lassen. »Herr von S.,« sagte ich, »der Herr Kapitän will, -denke ich, durch sein Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz -recht gebe. Zwar schließt mich mein Bewußtsein von den wahnsinnigen -Ketzern aus, ich mache keine Proselyten, ich unterrichte -niemand in der Religion; aber Ihrer werten Familie in Mecklenburg -werde ich bei meiner Rückkehr sagen können –«</p> - -<p>»Stille!« rief der Pietist mit feierlicher Stimme. »Bruder, -Mann Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen -zu rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer, aber es -wäre ihm besser, ein Mühlstein hinge an seinem Hals und er -würde ertränket, wo es am tiefsten ist.«</p> - -<p>»Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen,« ist ein altes -Sprichwort, und der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah, -daß Beschämung vor uns, von Rocco wie ein Schulknabe behandelt -zu werden, und die Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem -Gesichte kämpften.</p> - -<p>»Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz,« entgegnete -er. »Diesen Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch -entfernen, wann er will; denn seine schwärmerischen Reden sind -mir zum Ekel, aber über diese Herren hier haben Sie eine ganz -falsche Ansicht. Herr von Stobelberg bringt mir Nachrichten -von meiner Familie, Herr von S. besucht mich. Ich weiß nicht, -welche bösliche Absicht Sie darein legen wollen.«</p> - -<p>Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, -brachte er ihn nur noch mehr auf, doch bezähmte er -laute Ausbrüche desselben, und seine stille Wut wurde nur in -kaltem Spott sichtbar. »Ja, ich habe mich freilich höchlich geirrt,« -sagte er lächelnd, »und bitte um Verzeihung, meine -Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse Gegenstände, -doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind, was Sie -herführt. Herr von S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän -wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span> -wollen? Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben -wird, es ist ihm gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre -Gutmütigkeit, Capitano, daß Sie sich von demselben Mann -zurückführen lassen, der Sie so geschickt aus dem Sattel hob!«</p> - -<p>Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen -die Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, -Zorn, alle Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän -wohl nicht so außer sich gebracht als das Gefühl der Scham, vor -deutschen Männern von einem römischen Priester so verhöhnt -zu werden. »Die Achtung, Signor Rocco,« sagte er, »die -Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt mich, Ihnen -zu erwidern, was Sie mir in <em class="gesperrt">meinem</em> Zimmer über mich -gesagt haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich -und wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele -so viel Mühe geben wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, -mich aus dem Sattel hob, werde ich folgen. Doch wissen Sie, -daß, was er getan hat, mit meiner Zustimmung geschah; ich -werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner Absicht -lag. Nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott noch Ihre -Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein andermal -wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, -so rate ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, -bis er im Schoße der Kirche ist.«</p> - -<p>Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden -als sein seidenes Gewand. »Geben Sie sich keine Mühe,« entgegnete -er, »mir zu beweisen, wie wenig man an einem seichten -Kopf Ihrer Art verliert. Glauben Sie mir, die Kirche hat -höhere Zwecke, als einen Kapitän West zu bekehren –«</p> - -<p>»Wir kennen diese schönen Zwecke,« rief der Berliner mit -sehr überflüssigem Protestantismus; »Ihre Pläne sind freilich -nicht auf einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme -Seelen alle. Sie möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland -und England und alles, was noch zum Evangelium hält, unter -den heiligen Pantoffel bringen. Aber Sie kommen hundert -Jahre zu spät, oder zu früh; noch gibt es, Gott sei Dank, -Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels -sein wollen, als den heiligen Stuhl anbeten.«</p> - -<p>»Bringe mir meinen Hut, Piccolo!« sagte der Priester -sehr gelassen, »Ihnen, mein Herr von S., danke ich für diese -Belehrung; doch lag uns an den dummen Deutschen wenig. Es -liegt ein sicheres Mittel in der Erbärmlichkeit Ihrer Nation -und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie versichern, wenn<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span> -man in Frankreich recht fromm wird, wenn England über -kurz oder lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann -werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren. -Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen.« -Die Züge des Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das -mir beinahe nie so sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich -mußte gestehen, er hatte sich gut aus der Sache gezogen und -verließ als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm den -roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars, und mit -Anstand und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus dem -Zimmer.</p> - -<p>Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; -der Pietist murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich -düpiert, denn der Streit ging über seinen Horizont, an welchem -nur die Ideen von dem Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl -des Lammes, dem Baalspfaffen, der babylonischen Dame, dem -ewigen Höllenpfuhl und dem Paradiesgärtlein, in lieblichem -Unsinn verschlungen, schwebten.</p> - -<p>Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der -Sache zu sein. Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von -Donna Ines und diesem Priester bedeutende Vorschüsse empfangen -habe, die er nicht zahlen konnte; es war zu erwarten, -daß sie ihn von dieser Seite bald quälen würden, und ich freute -mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der Verzweiflung -beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein Leichtsinn -verleitet, denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn -daraus entstehen können – er hätte sich von falscher Scham -nicht so blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens -bei dieser Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er -die Hoffnung auf Luisens Besitz nicht aufgegeben hatte, daß er -sie mächtiger als je nährte, da sie ihn heute hatte rufen lassen; -ich wußte auch, daß sie den Kapitän nicht gerade zu sich zurückwünschte, -sondern ihn nur nicht katholisch wissen wollte, ich -wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt worden wäre, -weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühe; und jetzt -hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das -Fräulein wiedersehen wolle; und so war es.</p> - -<p>»Es ist mein voller Ernst, Herr von S.,« sagte er, »ich sehe -ein, daß ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen -muß. Können Sie mir Gelegenheit geben, das Fräulein -wiederzusehen und ihre Verzeihung zu erbitten?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt,« -antwortete der junge Mann etwas verstimmt und finster; »ich -glaube nicht, daß nach diesen Vorgängen –«</p> - -<p>»O! Ich habe die beste Hoffnung,« rief jener, »ich kenne -Luisens gutes Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört -habe, mich zu lieben. Hören Sie einen Vorschlag. Signora -Campoco hat einen Garten an der Tiber; bitten Sie das Fräulein, -mit ihrer Tante heute abend dorthin zu kommen. Ich -will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen sein; ich -will ja nichts als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort -von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit -dem Himmel zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine -Verirrungen!«</p> - -<p>»Gut, ich will es sagen,« erwiderte der Berliner, indem -er mit Mühe nach Fassung rang. »Soll ich Ihnen Antwort -bringen?«</p> - -<p>»Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich -um sechs Uhr als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. -Das Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse, seine Gestalt, -sein Gesicht, zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt -ihm Glück und Unglück; es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; -er lernt ihr Schicksal kennen, er sieht sie leiden, er leidet mit -ihr; die Zeit, die alle Wunden heilt, bewirkt endlich, daß sie den -Kapitän vielleicht nicht mehr so sehnlich zurückwünscht; sie will -nur, daß er jenen Schritt nicht tue, den sie für einen törichten -hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem armen S. Hoffnungen; -er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen Bemühungen -um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen Nebenbuhler, -einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen!</p> - -<p>Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte -mir gesagt, daß sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet -zu sehen. Sie hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und -er bat mich, ihn zu begleiten, weil er diese Szene allein nicht -mit ansehen könne.</p> - -<p>Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater -Piccolo in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitän -finden könnte? Ich forschte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl -den Kapitän suche, und er sagte mir ohne Umschweife, daß er -ihm von dem Kardinal einen Schuldschein auf fünftausend Skudi<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span> -zu überreichen habe, die jener zwölf Stunden nach Sicht bezahlen -müsse. »Wertester Frater Piccolo,« erwiderte ich ihm, -»das Sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs Uhr in den -Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; -dort werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch.« Er dankte -und ging weiter. Daß er diese Nachricht <span id="corr189">dem</span> Kardinal, vielleicht -auch Donna Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussetzen -zu dürfen. »Fünftausend Skudi, zwölf Stunden nach -Sicht!« sagte ich zu mir, »ich will doch sehen, wie er sich -heraushilft!«</p> - -<p>Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er -schien zu fühlen, daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; -doch nicht nur dies Gefühl war es, was ihn unglücklich machte; -er fürchtete, Luise werde nicht auf die Dauer glücklich werden. -»Dieser West!« rief er. »Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, -was ihn zu uns, zu ihr zurückführt! Wie leicht ist es -möglich, wenn einmal die Reue über ihn kommt, die Spanierin -so unglücklich gemacht zu haben, wie leicht ist es möglich, daß -er auch Luisen wieder verläßt!«</p> - -<p>Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und -er nicht zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden -Augen sucht und bei der Fremden findet, und wenn -erst der Kardinal seine Künste anwendet. Die Schule der Verzweiflung -hat er noch nicht ganz durchgemacht. Aber auch das -Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und ihre Hilfe zu kleinen -Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der gute Berliner -soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen!</p> - -<p>Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen -Garten der Signora Campoco. Unterwegs sagte mir der junge -Mann, das Fräulein sei ihm unbegreiflich. Als er ihr die -Nachricht gebracht, wie sich im Hause des Kapitäns auf einmal -alles so sonderbar, wie durch eine höhere Leitung gefügt habe, -wie West nicht nur zur protestantischen Kirche zurücktreten, -sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren wolle, da -sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln auf -ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor -Freude, sie habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, -uns in ihrem Garten zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt -nicht mehr recht heiter; eine sonderbare Befangenheit, ein Zittern -banger Erwartung habe sie befallen, sie habe ihm gestanden, -daß sie der Gedanke an den Fluch ihres Vaters, wenn sie -je die Gattin des Kapitäns werde, immer verfolge. Es sei, als<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span> -liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so kindlich frohen -Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des Geliebten, dennoch -nicht glücklich zu werden.</p> - -<p>Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen -gegen das ganze weibliche Geschlecht hatten wir uns -endlich dem Garten genähert. Er lag, von Bäumen umgeben, -wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco empfing uns -mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß sie -das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger habe -hören können, und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden -würden. Errötend, mit glänzenden Augen, Verwirrung und -Freude auf dem schönen Gesicht, trat uns das Fräulein entgegen. -Der Kapitän aber schien mir ernster, ja, es war mir, als müßte -ich in seinen scheuen Blicken eine neue Schuld lesen, die er -zu den alten gefügt.</p> - -<p>Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige -Dank, den ihm das schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen -ausdrückte. Sie umfing ihn, sie nannte ihn ihren -treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, und er hat wohl nie -so tief als in jenem Augenblick gefühlt, wie die höchste Lust mit -Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war diese -Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung -davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als -Surrogat eine Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, -die den Leser weniger langweilen dürfte: »Selige Stunden, -welche auf die Versöhnung der Menschen folgen! Die Liebe -ist wieder blöde und jungfräulich, der Geliebte neu und verklärt, -das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom -Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen Krieg nicht.« -So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben, aus -Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, -nicht mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht -gehen.</p> - -<p>Bei jener ganzen Szene ergötzte ich mich mehr an der Erwartung -als an der Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, -dachte ich mir, Frater Piccolo durch die Bäume herbeikäme, um -seinen Wechsel honorieren zu lassen – welche Angst, welcher -Kummer bei dem Kapitän, welches Staunen, welcher Mißmut -bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen Möglichkeiten, -während die andern in süßem Geplauder mit vielen -Worten nichts sagten – da hörte ich auf einmal das Plätschern -von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span> -Stunde, um welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; -wenn er es wäre! – Die Ruderschläge wurden vernehmlicher, -kamen näher, weder die Liebenden noch der Berliner schienen -es zu hören. Jetzt hörte man nur noch das Rauschen des -Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans Land gelegt -haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte Stimmen -in der Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten -auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um – Donna -Ines und der Kardinal Rocco standen vor uns.</p> - -<p>Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe -sie ein Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals -aus einem schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien -den Zusammenhang zu begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei, -und sank lautlos zurück, indem sie die schönen Augen und das -erbleichende Gesicht in den Händen verbarg. Der Kapitän -hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah also nicht -sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich um, -er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese -Gruppe musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl -seiner Schande, die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die -Kehle zu.</p> - -<p>»Schändlich!« hub Ines an. »So muß ich dich treffen? -Bei deiner deutschen Buhlerin verweilest du und vergißt, was -du deinem Weibe schuldig bist? Ehrvergessener; statt meine -Ehre, die du mir gestohlen, durch Treue zu ersetzen, statt mich zu -entschädigen für so großen Jammer, dem ich mich um deinetwillen -ausgesetzt habe, schwelgest du in den Armen einer -andern?«</p> - -<p>»Folget uns, Kapitän West!« sagte der Kardinal sehr -strenge. »Es ist Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier -zu verweilen. Die Barke wartet. Gebt der Donna Euren -Arm und verlasset diese ketzerische Gesellschaft.«</p> - -<p>»Du bleibst!« rief Luise, indem sie ihre schönen Finger -um seinen Arm schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete. -»Schicke diese Leute fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteuerin -verschworen. Du zauderst? Monsignor, ich weiß nicht, -wer Ihnen das Recht gibt, in diesen Garten zu dringen; haben -Sie die Güte, sich mit dieser Dame zu entfernen.«</p> - -<p>»Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?« entgegnete -Rocco. »Diese ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört -der Garten, und es wird sie nicht belästigen, wenn wir -hier verweilen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span></p> - -<p>»Ich bitte um Euren Segen, Eminenz,« sagte, sich tief verneigend, -Signora Campoco; »wie möget Ihr doch so sprechen? -Meinem geringen Garten ist heute Heil widerfahren! Denn -heilige Gebeine wandeln darin umher!«</p> - -<p>»Nicht gezaudert, Kapitän!« rief der Kardinal: »Werfet -den Satan zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, -wohin die Pflicht Euch ruft. – Ha! Ihr zaudert noch immer, -Verräter? Soll ich,« fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, -»soll ich Euch etwa dies Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese -Unterschrift? Wie steht es mit den fünftausend Skudi, verehrter -Herr? Soll ich Euch durch die Wache abholen lassen?« –</p> - -<p>»Fünftausend Skudi?« unterbrach ihn der Berliner. »Ich -leiste Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft –«</p> - -<p>»Mitnichten!« antwortete er mit großer Ruhe. »Ihr seid -ein Ketzer; <em class="antiqua">haeretico non servanda fides</em>; Ihr könnet leicht -ebenso denken und mit der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein, -– Piccolo! Sende einen der Schiffer in die Stadt; man solle -die Wache holen.«</p> - -<p>»Um Gottes willen, Otto! Was ist das?« rief Luise, -indem ihr Tränen entstürzten. »Du wirst dich doch nicht diesen -Menschen so ganz übergeben haben? O Herr! Nur eine -Stunde gestattet Aufschub, mein ganzes Vermögen soll Euer -sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben, als Ihr fordert –«</p> - -<p>»Meinst du, schlechtes Geschöpf!« fiel ihr die Spanierin -in die Rede. »Meinst du, es handle sich hier um Gold? Mir, -mir hat er seine Seele verpfändet; er hat mich gelockt aus den -Tälern meiner Heimat; er hat mir ein langes, seliges Leben -in seinen Armen vorgespiegelt, er hat mich betrogen um diese -Seligkeit; du – du hast mich betrogen, deutsche Dirne, aber -sieh zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten kannst, -daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen -Würmern, den Vater!«</p> - -<p>»Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!« sagte Luise von tiefer -Wehmut bewegt. »Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine -würde; er nahte schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches -Weib? Nein, so tief möchte ich nicht einmal dich verachten. -Er kannte mich längst, ehe er dich nur sah, und die -Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!«</p> - -<p>»Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren,« sprach -der Kardinal; »sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr -selbst, Signora, mit einem anderen, der hierneben sitzt, in Verhältnissen -waret. Zaudere nicht mehr, folge uns; bei den Gebeinen<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span> -aller Heiligen, wenn du jetzt nicht folgst, wirst du sehen, -was es heiße, den heiligen Vater zu verhöhnen!«</p> - -<p>Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig -Kraft, so wenig Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen -mögen; doch es mußte zu einem Resultate kommen, drum schob -ich schnell ein paar Worte ein: »Wie? was ist dies für ein -Geschrei von Kindern?« rief ich erstaunt. »Es wird doch kein -Unglück in der Nähe geben?«</p> - -<p>»Ha! meine Kinder!« weinte die Spanierin. »O, weinet -nur, ihr armen Kleinen, der, der euch Vater sein sollte, hat Erz -in seiner Brust. Ich gehe, ich werfe sie in die Tiber, und mich -mit ihnen; so ende ich ein Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!«</p> - -<p>Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen, doch das -Fräulein faßte ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen -Augen führte sie Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte -dann aus der Laube. Ich selbst war einige Augenblicke im -Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß ausführen wollte, den -die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den sie einschlug, führte -tiefer in den Garten, und sie wollte wohl nur diesem Jammer -entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und als sich -auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze Gesellschaft, -der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den -Garten.</p> - -<p>Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig -zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und -trug die teure Last nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän -verdrängen, er wollte vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur -ihr anzugehören; er glaubte heiligere Rechte an sie zu haben -und entfernte den Arm des jungen Mannes, um den seinigen -unterzuschieben.</p> - -<p>Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt -von der Szene, die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. »Fort -mit dir!« rief er, »gehe zu den Pfaffen und Ehebrechern, zu -Schurken deines Gelichters. Du hast deine Rolle künstlich gespielt; -um diese Blume zu pflücken, mußtest du dich den Armen -jenes hergelaufenen Weibes noch einmal entreißen. Hinweg -mit dir, du Ehrloser!«</p> - -<p>»Was sprechen Sie da?« schrie der Kapitän schäumend; es -mochte in der Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als -Wahrheit um so beißender war. »Welche Absichten legen Sie -mir unter? Was hätte ich getan. Erklären Sie sich deutlicher!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span></p> - -<p>»Jetzt hast du Worte, Schurke, aber als dieser Engel zu dir -flehte, da hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre -sie nicht an, oder ich schlage dich nieder!«</p> - -<p>»Das kann dir geschehen,« entgegnete jener, und einem -Blitze gleich fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach -der Brust des jungen Mannes. – In Spanien lernt man gut -stoßen. Der Berliner hatte einen Messerstich in der Brust und -sank, ohne das Haupt der Geliebten zu lassen, in die Knie.</p> - -<p>Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch! war -mein Gedanke, als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; -jetzt wird er sich bergen im Schoße der Kirche! Und -es schien so zu kommen. Denn willenlos ließ sich der Kapitän -von Ines und dem Kardinal wegführen, und die Barke stieß -vom Lande.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche -Tag, an welchem der Papst vor dem versammelten Volk mir, -dem Teufel, alle Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar -durch diese Anweisung noch nie eine erhalten und weiß nicht, -ob Seine Heiligkeit falliert haben und nun auf der Himmelsbörse -keine Geschäfte mehr machen, also wenig Einfluß auf das -Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob vielleicht diese -Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um -den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu -verstehen zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen -sollen, den Beutel der Engländer, Schweden und Deutschen zu -schröpfen, da ihre Seelen doch einmal verloren seien.</p> - -<p>An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, -besonders die Weiber kommen gerne, um die Ketzer -im Geiste abfahren zu sehen. Man drängt und schlägt sich auf -dem großen Platz, man hascht nach dem Anblick des heiligen -Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl herabschleudert, -durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle schlagen an -die Brust und sprechen: »Wohl mir, daß ich nicht bin wie -dieser einer.« An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine -ganz besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, -in allen Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein -berühmter, tapferer, ketzerischer Offizier an diesem Tage sich -taufen lassen wolle. Dieser Offizier machte seine Grade erstaunlich -schnell durch. Am Montag hieß es, er sei Kapitän, am<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span> -Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er Oberst, und wenn -man am Donnerstag früh ein schönes Kind auf der Straße -anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man -auf die Antwort rechnen: »Ei, wißt Ihr nicht, daß zur Ehre -Gottes ein General der Ketzer sich taufen läßt und ein guter -Christ wird, wie ich und Ihr?«</p> - -<p>Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner -Memoiren leicht erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! -Sie hatten ihn wohl nach der Szene in Signoras Garten so -lange und heftig mit Vorwürfen, Bitten, Drohungen, Versprechungen -und Tränen bestürmt, daß er einwilligte, besonders, -da er durch den Uebertritt nicht nur Absolution für seine -Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch Schutz -für die Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da -der Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte und -sein Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen -hatte.</p> - -<p>Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem -Täufling an mir vorüberkommen mußte. Und sie nahten! Ein -langer Zug von Mönchen, Priestern, Nonnen, andächtigen Männern -und Frauen kamen heran. Ihre halblaut gesprochenen -Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie zogen im -Kreis um den ungeheuren Platz, und jetzt wurden die Römer -um mich her aufmerksamer. »<em class="antiqua">Ecco, ecco lo!</em>« flüsterte es von -allen Seiten; ich sah hin – in einem grauen Gewand, das -Haupt mit Asche bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, -nahte mit unsicheren Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe -in ihren violetten Talaren gingen vor ihm, und Chorknaben -aller Art und Größe folgten seinen Schritten.</p> - -<p>»Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! ein schmucker Mann!« -hörte ich die Weiber um mich her sagen. »Welch ein frommer -Soldat!«</p> - -<p>»Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel -eine Seele entrissen wird!« –</p> - -<p>»Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?« –</p> - -<p>»Vorher,« antwortete ein schönes, schwarzlockiges Mädchen, -»vorher, denn nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, -und da würde er ihn ja auf ewig verdammen und nachher -segnen und taufen.«</p> - -<p>»Ach, das verstehst du nicht,« sagte ihr Vater, »der Papst -kann alles, was er will, so oder so.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span></p> - -<p>»Nein, er kann nicht alles,« erwiderte sie schelmisch -lächelnd, »nicht alles!«</p> - -<p>»Was kann er denn nicht?« fragten die Umstehenden. »Er -kann alles; was sollte er denn nicht können?«</p> - -<p>»Er kann nicht heiraten!« lachte sie; doch nicht so schnell -folgt der Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters -auf ihre Wange fiel.</p> - -<p>»Was, du versündigst dich, Mädchen?« schrie er. »Welche -unheiligen Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es -dich an, ob der Papst heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf -keinen Fall.«</p> - -<p>Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen; -und auch ich folgte dorthin. Es ist eine lächerliche, materielle -Idee, wenn die Menschen sich vorstellen, ich könne in keine -christliche Kirche kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. -(Caspar, Melchior, Balthasar) über ihre Türen und glauben, -die drei Könige aus Morgenland werden sich bemühen, ihre -schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen.</p> - -<p>Ich drängte mich so weit wie möglich vor, um die Zeremonien -dieser Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte -jetzt sein graues Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht -und kniete unweit des Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe, -Bischöfe standen umher, der ungewisse Schein des Tages, vermischt -mit dem Flackern der Lichter, der Kerzen, welche die -Chorknaben hielten, umgaben sie mit einem ehrwürdigen -Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit aussah. -Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen -Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender -als je, und wer Luisen und ihr sanftes blaues Auge nicht -gesehen hatte, konnte dem Täufling verzeihen, daß er sich durch -dieses schöne Weib und einen listigen Priester unter den Pantoffel -St. Petri bringen ließ.</p> - -<p>Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie -stützte sich mit einer Hand an eine Säule, und ich glaube, sie -wäre ohne diese Hilfe auf den Marmorboden gesunken, denn -sie zitterte beinahe krampfhaft. Der Schleier war zu dicht, als -daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch sagte mir eine -Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester den -Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs -hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der -Sterblichen, übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span> -Andacht, die sie zwar über das Irdische, aber auch über die -ewigen Gesetze ihrer Vernunft hinwegführt.</p> - -<p>Die Priester sangen. Jetzt fing er an, sein Glaubensbekenntnis -zu sprechen.</p> - -<p>»Er hat mich nie geliebt,« seufzte die Dame an meiner -Seite, »er hat dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese -Sünde!«</p> - -<p>Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem -er bisher gelebt.</p> - -<p>»Gib Frieden seiner Seele,« flüsterte sie; »wir alle irren, -solange wir sterblich sind; vielleicht hat er den wahren Trost -gefunden! Laß ihn Frieden finden, o Herr!«</p> - -<p>Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen -Töne drangen schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde -das Sakrament an ihm vollzogen, der Kardinal Rocco, im vollen -Ornat seiner Würde, segnete ihn ein, und Donna Ines warf -dem Getauften frohlockende Grüße zu.</p> - -<p>»Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen,« betete die -Dame an meiner Seite, »daß nie der Stachel der Reue ihn -quäle! Laß ihn glücklich werden!«</p> - -<p>Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes schloß die -Taufe, und der Kapitän stand auf, zwar als ein so großer -Sünder wie zuvor, doch als ein rechtgläubiger katholischer -Christ. Das Volk drängte sich herzu und drückte seine Hände, -und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln ihre Kinder -zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi -führte den Getauften an die Stufen des Altars, stieg die heiligen -Stufen hinan und las die Messe.</p> - -<p>Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie -dies alles sah; ihre Knie fingen an, zu wanken. »Wer Ihr -auch seid, mein Herr!« flüsterte sie mir plötzlich zu, »seid so -barmherzig und führt mich aus der Kirche, ich fühle mich sehr -unwohl.« Ich gab ihr meinen Arm, und die frommste Seele -in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet vom -Teufel.</p> - -<p>Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend -auf eine Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin, -ich öffnete ihr den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. -Sie schlug den dunklen Schleier zurück, es war, wie ich -mir gesagt hatte, es waren die bleichen, schönen Züge Luisens. -»Ich danke Euch, Herr!« sagte sie, »Ihr habt mir einen großen -Dienst erwiesen.« Noch zitterte ihre Hand in der meinigen,<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span> -ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter -und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie -den Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde -zogen an, ich habe sie – nie wiedergesehen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen -Pforte, welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt -habe, rief mich an diesem Tage nach …, wo ich mit einem -berühmten Staatsmann eine Konferenz halten mußte. Man -kennt die Zuneigung dieses erlauchten Wesirs eines christlichen -Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht erst nötig, ihn -zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen Alliierten seien. -Von … eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich war -begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich -verflochten war, und die mir durch einige Situationen so interessant -geworden waren.</p> - -<p>Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war -der deutsche Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und -hatte, wie es schien, Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten. -Ich trat als Stobelberg zu ihm. »Lieber Bruder,« -sagte ich, »es scheint, du willst Sodom verlassen gleich dem -frommen Lot?«</p> - -<p>»Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan!« war -seine Antwort; »und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl -des Lammes noch einmal anhalten, aus Zorn, weil ich einen -seiner Baalspfaffen im Christentum unterweisen wollte.«</p> - -<p>Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. -Die Polizei hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grund, den -Wagen noch einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen -gestoßen und hatte den Pietisten gefragt, was es enthalte. -»Geistliche Bücher,« antwortete er. Man glaubte nicht, schloß -auf, und siehe da, es war ein gutes Flaschenfutter, und die -Polizeimänner wollten wegen seines Betruges einige Skudi -von ihm nehmen.</p> - -<p>»Aber, Bruder,« sagte ich zu ihm. »Eine fromme Seele -sollte nach nichts dürsten als nach dem Tau des Himmels, -nach nichts hungern, als nach dem Manna des Wortes, und -doch führst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und hier liegt -ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt es nicht:<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span> -›Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem -allen fragen die Heiden?‹«</p> - -<p>»Bruder,« erwiderte jener und drehte die Augen gen -Himmel! »Bruder, bei dir muß es noch nicht völlig zum -Durchbruch gekommen sein, daß du einem Manne von so felsenfestem -Glauben, daß du <em class="gesperrt">mir</em> solche Fragen vorlegst. Gerade, -daß ich nicht zu seufzen brauche: ›Was werden wir essen, was -werden wir trinken, womit uns kleiden?‹ gerade deswegen -habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller -gefüllt und die aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; -es geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat -es mir eingegeben. Da, ihr lumpigen Söhne von Astaroth, -ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt -und an seinen Klauen Pantoffeln führt, da nehmet diesen holländischen -Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bücher -in Ruhe! – So, nun lebe wohl, Bruder! Der Geist komme -über dich und stärke deinen Glauben!«</p> - -<p>Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben -bestärkt, daß diese christlichen Pharisäer schlimmer sind, als die -Kinder der Welt. Ich ging weiter, den Korso hinab. Am -unteren Ende der Straßen begegnete mir der Kardinal Rocco -und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr krank zu -sein, denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo nicht die -Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch -wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war -rot und glühend, seine Augen halb geschlossen, und der rote -Hut saß ihm etwas schief auf dem Ohr.</p> - -<p>»Siehe da, ein bekanntes Gesicht!« rief er, als er mich -sah, und blieb stehen. »Komm hierher, mein Sohn, und -empfange den Segen. Haben wir uns nicht schon irgendwo -gesehen?«</p> - -<p>»O ja, und ich hoffe noch öfter das Vergnügen zu haben; -ich hatte die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco -zu sehen.«</p> - -<p>»Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; -wisset Ihr, woher ich komme? Geradeswegs von dem Hochzeitsschmause -des lieben Paares!«</p> - -<p>Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; -die spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl -zu stark gewesen, und Piccolo mußte ihn jetzt führen. »Ihr -waret wohl recht vergnügt?« fragte ich ihn; »es ist doch Euer<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span> -Werk, daß die Donna den Kapitän endlich doch noch überwunden -hat?«</p> - -<p>»Das ist es, lieber Ketzer,« sagte er, stolz lächelnd. »Mein -Werk ist es, kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte -zusammen! – Was wollte ich sagen? Ja – mein Werk ist -es, denn ohne mich hätte die Donna gar keine Kunde von ihm -bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in Rom befinde. Ohne -mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt worden; -ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was -zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er -nicht von seiner Ketzerin losgekommen – kurz, ohne mich – -ja, ohne mich stünde alles noch wie zuvor.«</p> - -<p>»Es ist erstaunlich!«</p> - -<p>»Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet -auch rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben, soviel -Ihr wollt, gegen ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. -O! damit kann man einen köstlich in Verlegenheit bringen. -Brauchet Ihr eine schöne, frische, reiche Frau? Ich habe eine -Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr Ehren und Würden? -Ich will Euch <em class="antiqua">pro primo</em> den goldenen Sporenorden verschaffen. -Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Skudi kaufen – aber -Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer barbarischen -Heimat große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir -haben dort großen Einfluß, geheim und öffentlich. Na! was -sagt Ihr dazu?«</p> - -<p>»Der Vorschlag ist nicht übel,« erwiderte ich. »Ihr seid -nobel in Euren Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den -Teufel selbst katholisch machen?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Anathema sit! anathema sit!</em> Es wäre uns übrigens -nicht schwer,« antwortete der Kardinal. »Wir können ihn von -seinen zweitausendjährigen Sünden absolvieren und dann -taufen. Ueberdies ist er ein dummer Kerl, der Teufel, und -hat sich von der Kirche noch immer überlisten lassen!«</p> - -<p>»Wisset Ihr das so gewiß?«</p> - -<p>»Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennt Ihr die Geschichte, -die er mit einem Franziskaner gehabt?«</p> - -<p>»Nein, ich bitte Euch, erzählet!«</p> - -<p>»Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer -armen Seele. Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte -allerdings nach dem Maß ihrer Sünden das Recht dazu. Der -Mönch aber wollte sie <em class="antiqua">in majorem dei gloriam</em> für den Himmel -zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor, sie wollen würfeln;<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span> -wer die meisten Augen mit drei Würfeln werfe, solle die Seele -haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein falscher Spieler -ist, warf er achtzehn, er lachte den Franziskaner aus. Doch -dieser ließ sich nicht irre machen. Er nahm die Würfel und -warf – neunzehn. Und die Seele war sein.«</p> - -<p>»Herr! das ist erlogen,« rief ich, »wie kann er mit drei -Würfeln neunzehn werfen?«</p> - -<p>»Ei, wer fragt nach Möglichkeit? Genug, er hat's getan, -es war ein Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, -lieber Sohn, wir wollen dann den Unterricht beginnen.«</p> - -<p>Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund -Rocco! dachte ich. Eher bekomme ich dich als du mich. Von -dir läßt sich der Satan nicht überlisten. Es trieb mich jetzt, -nach dem Hause des Berliners zu gehen, den ich schwer verwundet -verlassen hatte. Zu meiner großen Verwunderung -sagte man mir, er sei ausgegangen und werde wohl vor Nacht -nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, -heute noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein -sich befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän -auf immer für sie verloren sei, sie für sich zu gewinnen. Es -blieb mir keine Zeit, ihn heute noch zu sehen, denn den Abend -über wußte ich ihn nicht zu finden, und auf die kommende -Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren -Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen.</p> - -<p>Ich trat zu diesem Zweck, als die Nacht einbrach, ins -Kolosseum, denn dies war der Ort, wohin ich sie beschieden -hatte. Noch war die Stunde nicht da, aber ich liebe es, in der -Stille der Nacht auf den Trümmern einer großen Vorzeit -meinen Gedanken über das Geschlecht der Sterblichen nachzuhängen. -Wie erhaben sind diese majestätischen Trümmer in -einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren -Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der -Mond durch die gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und -die hohen überwachsenen Mauern der Ruine warfen lange -Schatten über die Arena. Dunkle Gestalten schienen durch -die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein leiser Wind die -Gesträuche bewegte und ihre Schatten hin und wider zogen. -Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches -Volk, schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste, -feierliche Pracht der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht -ist hinunter, diese Mauern allein überdauerten ihre<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span> -Zeit, um durch ihre erhabenen Formen diese Sterblichen zu -erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes Volkes war, das -einst, ein Jahrtausend vor ihnen, um diese Stätte lebte. Die -ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische -Prunk der Cäsaren und – <em class="gesperrt">dieser</em> römische Hof und <em class="gesperrt">diese</em> -Römer!</p> - -<p>Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen -und stand jetzt gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um, -da gewahrte ich, daß ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine -dunkle Gestalt saß seitwärts auf dem gebrochenen Schaft einer -Säule. Ich trat näher zu – es war Otto von S… Ich -war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich schnell in -den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich -redete ihn an und wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen. -Er richtete sich auf, der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht, -weinende Augen blickten mich wehmütig an, schweigend -sank er an meine Brust.</p> - -<p>»Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!« sagte ich. -»Sie sind noch sehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen schaden!«</p> - -<p>Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was -war doch dem armen Jungen geschehen, hatte er wohl von -neuem einen Korb bekommen? »Nun, ein Mittel gibt es wohl, -Sie gänzlich zu heilen,« fuhr ich fort. »Jetzt steht Ihnen ja -nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich so spröde nicht -mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen -Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit -ihr aus dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu -der Tante. Wie werden sich die ästhetischen Damen wundern, -wenn Sie Ihre Novelle auf diese Art schließen und die holde -Erscheinung aus den Lamentationen persönlich einführen!«</p> - -<p>Er schwieg, er weinte stille.</p> - -<p>»Oder wie! haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? -Sollten Sie abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der -Spröden fortspielen?«</p> - -<p>»Sie ist tot!« antwortete der junge Mann.</p> - -<p>»Ist's möglich! höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?«</p> - -<p>»Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie -begraben.«</p> - -<p>Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend -ging er durch die Ruinen des Kolosseums.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span></p> - -<p class="h2" id="Mein_Besuch_in_Frankfurt">Mein Besuch in Frankfurt.</p> - -<h3 id="p2c1">1.<br /> -<span class="smaller">Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen sah.</span></h3> -</div> - -<p>Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, -so sollte man meinen, es gäbe keine heiligere Stadt in -der Christenheit; denn sie feiern daselbst nicht wie z. B. in -Bayern anderthalb oder, wie im Kalender vorgeschrieben, zwei -Festtage, sondern sie rechnen vier Feiertage; die Juden haben -deren sogar fünf, denn sie fangen in Bornheim ihre heiligen -Uebungen schon am Samstag an, und der Bundestag hat sogar -acht bis zehn.</p> - -<p>Die Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den -wunderbaren Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die -berühmtesten Mystiker am Pfingstfeste morgens den guten Leutchen -ans Herz gelegt, was die immensesten Rationalisten mit -moralischer Salbung verkündet hatten, das war so gut als in -den Wind gesprochen. Die Fragen: »Ob man am Montag -oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins -<em class="gesperrt">Wäldchen</em> gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad -zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim -oder ins Vauxhall gehen solle, oder beides,« diese Fragen -schienen bei weitem wichtiger als jene, die doch für andächtige -Feiertagsleute viel näher lag: »Ob die Apostel damals auch -Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?«</p> - -<p>Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen, -der an solchen Tagen mehr Seelen für sich gewinnt, als das -ganze Judenquartier in einer guten Börsenstunde Gulden? -Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt. -Leuten, die, von einem berühmten Belletristen verwöhnt, alles -bis aufs kleinste Detail wissen wollen, diene zur Nachricht, daß -ich im weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an der -großen Table d'hote in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste; -den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner -ausbitten.</p> - -<p>Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und -Stöhnen, das aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span> -trat näher, ich hörte deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte -und tobte, dann Rechnungen und Bilanzen, die sich in viele -Tausende beliefen, nachzählte und dann wieder wimmerte und -weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für die Schule nicht -mächtig ist.</p> - -<p>Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und -fragte ihn, wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich -sich gebärde?</p> - -<p>»Nun,« antwortete er, »das ist der stille Herr.«</p> - -<p>»Der stille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig -Aufschluß, wer ist er denn?«</p> - -<p>»Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn oder -auch den Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich -sonst Zwerner und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier.«</p> - -<p>»Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, -daß er gar so kläglich winselt?«</p> - -<p>»Ja! das weiß ich nicht,« erwiderte er, »aber seit dem -zweiten Tag, daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er -zwischen zwölf und ein Uhr in der neuen Judenstraße auf und -ab geht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts, ißt nichts, -und den ganzen Tag über jammert er ganz stille und trinkt -Kapwein.«</p> - -<p>»Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft,« sagte ich, »setzen -Sie mich doch heute mittag in seine Nähe.« Der Kellner versprach -es, und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar.</p> - -<p>»Den zwölften Mai,« hörte ich ihn stöhnen, »Metalliques -84¾, österreichische Staatsobligationen 87⅜, Rothschildsche -Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132, -preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo -will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit -im Himmel?«</p> - -<p>So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas -Kapwein zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge -dazu schnalzen; bald jammerte er wieder in den kläglichsten -Tönen und mischte die Konsols, die Rothschildschen Unverzinslichen -und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander. -Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn sein Zimmer verlassen -und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in -welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.</p> - -<p>Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den -Speisesaal trat, auf einen Stuhl: »Setzen sich der Herr -Doktor nur dorthin,« flüsterte er, »zu Ihrer Rechten sitzt der<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span> -Seufzer.« Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der Seite; -wie man sich täuschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von -melancholischem, gespenstigem Aussehen erwartet, wie man sie -heutzutage in großen Städten und Romanen trifft, etwa bleichschmachtend -und fein wie Eduard von der Verfasserin der Urika, -oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick, wie einige -Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das -Gegenteil, ich fand einen Untersetzten, runden, jungen Mann -mit frischen, wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber -die trüben Augen beinahe immer niederschlug und um den -hübschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem -frischen Gesicht nicht recht paßte.</p> - -<p>Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen -anbot, einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer -vergebens; er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet -von einem halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken -schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu -blicken, er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus und -sah dann wieder seufzend auf seinen Teller.</p> - -<p>Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß -sie einem Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und -schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.</p> - -<p>Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. -Seine schon etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, -eingeschnurrtes Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, -weithervortretende Nase deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig -Jährchen, die er haben mochte, etwas <em class="gesperrt">schnell</em> verlebt -habe. Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten, -von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete ein ruhiges, süßliches -Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die zierliche -Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch -seine sehr jugendliche und modische Kleidung.</p> - -<p>Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, -und nach den zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem -süßen Lächeln, womit er seine Blicke begleitete, zu urteilen, -mußte er mit allen in genauen Verhältnissen stehen. Dieser -Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, knöchernen Hand -einen Spargel zum Munde führte und süßlich dazu lächelte, die -größte Aehnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen, während -mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen -war.</p> - -<p>Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span> -finsteren Augen maß, konnte ich nicht erraten. Endlich, als -die Blicke meines Nachbars düsterer und länger als gewöhnlich -auf jenem ruhten, fing das Kaninchen an, die Schultern und -Arme graziös hin und her zu drehen, den Rücken auf künstliche -Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen nach uns herüber -zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: »Noch immer so düster, -mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf -meine Wenigkeit?«</p> - -<p>An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r -wie gr auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen -Salonmenschen zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache -Profession machen. Und so war es, denn mein Nachbar antwortete: -»Eifersüchtig, Herr Graf? Auf <em class="gesperrt">Sie</em> in keinem Fall.«</p> - -<p>Graf Rebs – so hörte ich ihn später nennen – faltete -sein Mäulchen zu einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb -zu, bog die Spitznase auf komische Weise seitwärts, strich mit -der Hand über sein langes, knöchernes Kinn und kicherte.</p> - -<p>»Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also -gar nicht eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst -gestern abend noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie -standen im Parterre und schauten mit melancholischen Blicken -herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?«</p> - -<p>»Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts -aufs Theater, und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit -melancholischen Blicken.«</p> - -<p>»Herr Oberkellner,« lispelte der Graf, »Sie haben die -Trüffeln gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man -sich täuschen kann! Ich hätte auf Ehre geglaubt, Sie schauen -herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka -mochte es bemerken und Fräulein von Rothschild, denn als ich -auf Sie hinabwies – Kellner, ich trinke heute lieber roten Ingelheimer, -ein Fläschchen – ja, wollte ich sagen – das ist mir nun -während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht es, wenn -man soviel zu denken hat.«</p> - -<p>Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis -des Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das -Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen hatte, so schien ihm doch -dieser Punkt zu interessant, als daß er nicht weiter geforscht -hätte. »Nun, auch Fräulein von Rothschild hat bemerkt, daß -ich melancholisch hinaufsah?« fragte er, indem er seine bitteren -Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen suchte; »freilich, -diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span></p> - -<p>»Richtig, das war es,« erwiderte Rebs, »das war es; ja, -als ich auf Sie hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich -machte, schlug sie mich mit ihrem Jokofächer auf die <span id="corr207">Hand</span> und -nannte mich einen Schalk.«</p> - -<p>Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen -röteten sich noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes -erweiterte sich noch durch wilden Trotz, der in ihm -wütete. Er zog den Kopf tief in die Schultern und blitzte das -Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blick an. Er -hatte nie so große Aehnlichkeit mit einem angenehmen Froschjüngling, -der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem -Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.</p> - -<p>Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, -wobei er das r noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: -»Werter Monsieur Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit -dem Jokofächer keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur -eine <em class="antiqua">Façon de parler</em> unter Leuten von gutem Ton. Wegen -meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange man jung ist,« -fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog und -schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, -»zwar solange man jung ist, macht man sich hie und da ein -Späßchen. Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, -Liebster! Haben Sie schon die Nichte des englischen Botschafters -gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete mein Nachbar, leichter atmend.</p> - -<p>»Oh, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie – wie -mein Rock hier, einen Mund zum Küssen, und in dem schönen -Gesicht so etwas Pikantes, ich möchte sagen, soviel englische -Rasse. Nun, wir sind hier unter uns, ich kann Sie versichern, -es ist auffallend, aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschämt -mich, aber auf Ehre, Sie können sich drauf verlassen, -obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens hoffe ich mich -auf Ihre Diskretion verlassen zu können; nein, es ist wirklich -auffallend, in drei Tagen …«</p> - -<p>»Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, -was wollen Sie denn sagen?«</p> - -<p>Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem -Augenblick anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn -er kniff die Aeuglein zu, sein Kinn verlängerte sich, seine Nase -bog sich abwärts nach den Lippen, und sein Mund war nur -noch eine dünne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich -gekrümmten Rücken und den Schulterblättern, als wolle er<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span> -anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knöchlein seiner -Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal mußte der -Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er -endlich hervorbrachte: »Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; -ich kann es Ihnen nicht übelnehmen, auch mir wollte es -anfangs sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit; aber ich habe -meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt.«</p> - -<p>»Sie Glücklicher!« rief der Seufzer nicht ohne Ironie. -»Wo Sie nur hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; -übrigens rate ich, diese Engländerin ernstlicher zu verfolgen; -so bedenken Sie, eine so solide Partie –«</p> - -<p>»Merke schon, merke schon,« entgegnete Rebs mit schlauem -Lächeln, »es ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort -gänzlich aus dem Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden -doch nicht meinen, daß ich schon heiraten will? Gott bewahre -mich! Aber wegen Rebekkchen dürfen Sie ruhig sein; ich ziehe -mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht eine vorübergehende -Neigung in dem Mädchen – Sie verstehen mich schon – das -wird sich bald geben, ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich geliebt -hat.«</p> - -<p>»Ich glaube auch nicht,« entgegnete der Seufzer mit einem -Ton, in welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die -Gesellschaft stand auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd -zu den Damen, welchen er während der Tafel so zärtliche Blicke -zugeworfen; ich aber folgte dem unglücklichen Seufzer.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="p2c2">2.<br /> -<span class="smaller">Trost für Liebende.</span></h3> -</div> - -<p>»Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?« fragte -ich meinen Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. -»Findet er wirklich bei den Damen so sehr Beifall, oder ist er -ein wenig verrückt?«</p> - -<p>»Ein Geck ist er, ein Narr!« rief der Seufzende, indem -er mit dem Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme -umherwarf. »Ein alter Junggeselle von fünfundvierzig und -spielt noch den ersten Liebhaber. Eitel, töricht, glaubt, jede -Dame, die er aus seinen kleinen Aeuglein anblinzelt, sei in ihn -verliebt, drängt sich überall an und ein –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span></p> - -<p>»Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle -in der Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?«</p> - -<p>»Ja, wenn die Damen dächten wie Sie, wertgeschätzter -Herr! aber so lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall -gebärdet, so – o Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen -gemacht.«</p> - -<p>»Ei, ei!« sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und -den Verzweifelnden hineinschob, »ei! lieber Herr Zwerner, wer -wird so arge Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein -Rebekka – setzen Sie sich doch gefälligst aufs Sofa – auf das -Fräulein sollte er auch Eindruck gemacht haben, dieser Gliedermann?«</p> - -<p>»Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und -geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, -sondern mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in -ihrer Loge zu sehen oder auf der Promenade von ihm begrüßt -zu werden, vielleicht wenn sie eine Christin wäre, hätte sie einen -solideren Geschmack.«</p> - -<p>»Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?«</p> - -<p>»Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche -Simon in der neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben -dem Herrn von Rothschild, und eine Million hat er, das ist -ausgemacht.«</p> - -<p>»Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem -Gespräch des Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung -machen?«</p> - -<p>»Ja,« erwiderte er ärgerlich, »wenn nicht der Satan das -Papierwesen erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe -und Angel. Glaube ich heute einen festen Preis, ein sicheres -Vermögen zu haben, um vor Herrn Simon treten und sagen -zu können: ›Herr! wir wollen ein kleines Geschäft machen miteinander, -ich bin das Haus Zwerner und Komp. aus Dessau, -stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?‹ Glaube -ich nun, so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel -die Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und -meinem Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm -um soviele Prozente höher, und an eine Verbindung ist dann -nicht mehr zu denken.«</p> - -<p>»Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß Sie gewinnen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span></p> - -<p>»Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr -Simon ist von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das -Sinken dieser oder jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und -dann ist nichts mit ihm anzufangen, denn er ist ein ausgemachter -Narr und reif für das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und -aus Rebekkchen, so gut sie sonst ist, guckt auf allen Seiten der -jüdische Geldteufel heraus.«</p> - -<p>»Wie? sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so -sehr nach Geld sehen?«</p> - -<p>»Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, -schlecht,« erwiderte er seufzend. »Titel oder Geld, Geld oder -Titel, das ist es, was sie wollen. Können sie sich durch einen -Leutnant zur gnädigen Frau machen lassen, so ist er ihnen eben -recht, hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt dies den Adel zur -Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines hat.«</p> - -<p>»Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Komp. in -Dessau <em class="gesperrt">hat</em> Geld, woher also Ihr Zweifel an der Liebe des -Fräuleins?«</p> - -<p>»Ja, ja!« sagte er etwas freundlicher, »wir haben Geld, -und soviel, um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn -Simon zu freien, aber Sie kennen die Frankfurter Mädchen -nicht, werter Herr! Ist von einem angenehmen, liebenswürdigen -jungen Mann die Rede, so fragen sie: wie steht er? Steht er -nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er in ihren Augen -ein Subjekt, an das man nicht denken muß.«</p> - -<p>»Und Rebekka denkt auch so?«</p> - -<p>»Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der -neuen Judenstraße? Ach! ihre Neigung zu mir wechselt nach -dem Kurs der Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen -ließ, viele Metalliques und preußische Staatsschuldscheine -zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen -Mächte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert -die Pforte, so gewinne ich und werde ein reicher Mann. -Gewinnt der Großtürke und sein Reis-Efendi, so bin ich um -zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht mehr würdig, -um sie zu freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf -gar wohl, und ihr Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. -Bald möchte sie gerne, daß die Pforte das Ultimatum annehme, -um mein Glück zu fördern. Bald denkt sie wieder, wieviel ihr -Vater durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren -könnte, und wünscht dem Efendi soviel Verstand als -möglich. Ich Unglücklicher!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span></p> - -<p>»Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?« -fragte ich.</p> - -<p>Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl -sich aus seiner Brust. »Wie sollte ich sie nicht lieben?« antwortete -er. »Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und -nach des Vaters Tod eine halbe Million, und wenn Gott den -Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernünftig -und liebenswürdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches; -ein schwarzes Auge voll Glut, eine kühn geschwungene -Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn liebe, etwas dunkel -und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte -man ein solches Geschöpf nicht lieben?«</p> - -<p>»Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den -Grafen Rebs?«</p> - -<p>»O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um -sie, aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, -daß bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk, -und schämt sich, in guter Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. -Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt -und spricht Preußisch. Sie sollten hören, wie schön es -klingt, wenn sie sagt, ›Ißßt es möchlich?‹ oder: ›es jinge wohl, -aber es jeht nich.‹«</p> - -<p>Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares -Volk, diese jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich -hinter ihrem Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus -den trefflichsten Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie -sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie -abends durch die Promenade gehen, oder Sonntags, gekleidet -wie Herren <em class="antiqua">comme il faut</em>, auf Kirchweihen oder sonstigen -Bällen sich amüsieren. Reisen sie hernach, so dreht sich ihr -Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der -nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger -empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, -die, wie sie glauben, noch lange um den schönen, wohlgewachsenen -jungen Mann weinen wird. Sie haben irgendwo -gelesen oder gehört, daß der Handelsstand gegenwärtig viel -zu bedeuten habe; darum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und -ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß einer von sich sagte: -»Kaufmann oder Bänderkrämer«, sondern: »Ich reise in Geschäften -des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein,« und fragt man, -in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, -sie ganz bescheiden antworten zu hören: »Knöpfe, Haften und<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span> -Haken, Tabak, Schnupf- und Rauch- und dergleichen bedeutende -Artikel.« Haben sie nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein -Schätzchen zurückgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden, -wenn von Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante Geschichte -erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim Mondschein kennen -gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen, unter hundert -Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen etc. ein Seidenpapier -hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne -der Geliebten enthält.</p> - -<p>Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die -fahrenden Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht -zukommt, mit eingelegter Lanze <em class="antiqua">à la</em> Don Quichotte eurer -Jungfrauen Schönheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder -Kneipe nicht weniger Verwüstung an wie jener mannhafte -Ritter und seid überdies meist euer eigener Sancho Pansa an -der Tafel.</p> - -<p>Eine solche liebenswürdige Erziehung aus Kontorspekulationen, -Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, -schien nun auch mein Nachbar Seufzer genossen -zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht -wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen, -Kuriere nicht von <em class="gesperrt">Höchst</em> oder von <em class="gesperrt">Langen</em>, sondern von -Wien, sogar mit <em class="gesperrt">authentischen</em> Nachrichten kommen zu -lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde -nicht alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas -machen kann, warum sollte es ein anderer nicht auch können, -wenn sein Geld ebenso gut ist als das des großen Makkabäers?</p> - -<p>Zwar <em class="gesperrt">ein</em> solcher Sperling macht keinen Sommer. <em class="gesperrt">Eine</em> -solche Handelsseele mehr oder weniger mein kann mir nicht -nützen. Doch die Nüancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, -bis ein solcher Hecht ins Netz geht, und darum beschloß ich, -ihm zu nützen, ihn zu fangen.</p> - -<p>»Ich bin,« sagte ich zu ihm, »ich bin selbst einigermaßen -Papierspekulant, daher werden Sie mir vergeben, wenn ich -Ihre bisherige Verfahrungsart etwas sonderbar finde.«</p> - -<p>»Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert. »Als ich -in Dessau war, ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel -schicken? Und hier, gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? -Gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstraße, um das -Neueste zu erfragen?«</p> - -<p>»Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, -Herr Zwerner (er verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span> -mit diesen Mitteln, der etwas wagen will, muß <em class="gesperrt">selbst</em> eingreifen -in den Lauf der Zeiten.«</p> - -<p>»Aber mein Gott,« rief er verwunderungsvoll, »das kann -ja jetzt niemand als der Rothschild, der Reis-Efendi und der -Herr von Metternich. Wie meinen Sie denn?«</p> - -<p>»Ueber Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger -Tag, eine einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, -wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell -hierher kommt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie stürzt. -Ebenso im Gegenteil, können Sie durch eine solche Nachricht -sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen.«</p> - -<p>»Gewiß, gewiß,« seufzte er. »Aber ich sehe nur noch nicht -recht ein –«</p> - -<p>»Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt -sie? Das Ministerium in Wien oder ein guter Freund, -der sehr nahe hingehorcht und dem <em class="gesperrt">großen Portier</em> ein -Stück Geld in die Hand gedrückt hat, läßt noch in der Nacht -einen Kurier aufsitzen. Der reitet und fährt und fliegt nach -Frankfurt, und bringt die Depesche, wem?«</p> - -<p>»Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!«</p> - -<p>»Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier -kann ich Ihnen um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen -in Wien. Man kann dort mancherlei erfahren, ohne gerade -der österreichische Beobachter zu sein. Kurz, wir lassen einen -Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden -Vorfalls kommen –«</p> - -<p>»Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder -der Kaiser von Rußland sei plötzlich –«</p> - -<p>»Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die -Leute glauben! Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muß auf -der Börse wirken!« –</p> - -<p>»Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden? -habe dem Islam geschworen?«</p> - -<p>»Ich sage Ihnen, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, -die Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie -nun diese Nachricht mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, -lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiterreisen, -lassen Sie den Brief einige Geheimniskrämer lesen, gehen kurze -Zeit darauf in die Börsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind -ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab.«</p> - -<p>»Aber, lieber Herr,« erwiderte der Kaufmann von Dessau -kläglich, »das wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span> -pflegt, eine Sünde für einen rechtlichen Mann, bedenken Sie, -ein Kaufmann muß im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er -Kredit haben.«</p> - -<p>»Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er -riechen muß, und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie -am Ende Ehrlichkeit? Ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfund -Kaffee betrügen, ob Sie einem alten Weibe ihr Lot Schnupftabak -zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im -großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe.«</p> - -<p>»Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der -Prise, die das Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man -zu sagen pflegt; aber wenn ich einen solchen Kurier kommen -lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der -ganzen Börse werden; viele Häuser können fallieren, andere -wanken und im Kredit verlieren, und das wäre dann meine -Schuld!«</p> - -<p>»So, mein Herr?« sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu -der schwachen Seele. »So, Sie schämen sich nicht, die Moral, -das Herrlichste, was man auf Erden hat, so zu verhunzen? -Also wegen der Folgen wollen Sie nicht? Nicht vor dem Beginnen -an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurück? -Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende -nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder -glauben Sie, eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß -man im weißen Schwanen wohnt und seufzt, daß man zur -Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?«</p> - -<p>»Aber, mein Herr,« rief der Seufzer etwas pikiert, »ich -weiß gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für -eine Teilnahme erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen -soll?«</p> - -<p>»Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie -haben mir Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, -daher meine Antwort. Uebrigens bin ich ein Mann, -der reist, um überall das Treffliche und Erhabene kennen zu -lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick -solches gefunden zu haben.«</p> - -<p>»Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie -wie die meine –«</p> - -<p>»Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf -Ihrer Stirne thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund -weht ein anziehender Geist –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span></p> - -<p>»Finden Sie das wirklich?« rief er, indem er lächelnd -meine Hand faßte und verstohlen nach dem Spiegel blickte; »es -ist wahr, man hat mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart -hat man mir sogar versichert, ich sei dem berühmten Dannecker -auf der Straße aufgefallen, und er sei eigens deswegen -einigemal in den König von England gekommen, um von mir -etwas für seinen Johannes abzusehen.«</p> - -<p>»Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich -bin, überraschen, so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter -dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge zu finden!«</p> - -<p>»Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren -Vorschlag durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, -einige kleine Zweifel stiegen in mir auf, und – nun, Sie haben -wahrlich nicht unrecht, ich fühle einen gewissen Mut, eine gewisse -Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja – so gut -es ein anderer tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei, -wie Sie sagten, ich will es daran rücken und einen Kurier -kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="p2c3">3.<br /> -<span class="smaller">Ein Schabbes in Bornheim.</span></h3> -</div> - -<p>Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch -quälte, war die Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden -Verlust zu stürzen, wenn er seine Operation nach meinem -Plane einrichte. Doch auch dafür wußte ich ein gutes, sehr -einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon in der neuen -Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende -Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der -Jude an dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann -zugleich mit dem Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt -und mußte einige Achtung vor einem Mann bekommen, der so -genau die politischen Wendungen zu berechnen wußte, der seine -Kombinationen so geschickt zu machen verstand.</p> - -<p>Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf -den Gedanken, noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu -sprechen, und lud mich ein, mit ihm nach <em class="gesperrt">Bornheim</em> zu -fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten Judenquartiers, -der neuen Judenstraße, überhaupt alle Stämme -Israels versammelt habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span></p> - -<p>Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer -Mensch geworden zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete -freundlich vom Glanze der Hoffnung, sein Auge hob sich freier; -um seine Stirne, seinen Mund war jede Melancholie verschwunden, -sein großer runder Kopf steht nicht mehr zwischen -den Schultern, er trägt ihn freier, erhabener, als wollte er -sagen: »Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das -Haus Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende -Person an der Börse, und wenn es gut geht, Bräutigam -der schönen Rebekka Simon in der neuen Judenstraße!«</p> - -<p>Aus dem Garten des goldenen Löwen in Bornheim tönten -uns die zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das -Geigen verstimmter Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ -sich vormusizieren im Freien wie einst ihr König Saul, wenn -er übler Laune war. Wir traten ein; da saßen sie, die Söhne -und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden -Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, -wie aus <em class="gesperrt">einer</em> Form geprägt, da saßen sie vergnügt und -fröhlich plaudernd und tranken Champagner aus saurem Wein, -Zucker und Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen -Gruppen unter den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, -als wäre er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom -Berge gesehen und seinem Volk verheißen hatte. Wie sich doch -die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld!</p> - -<p>Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig -Jahren keinen Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen -durften, sondern bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, -die den Hut abziehen mußten, wenn man ihnen zurief: »Jude, -sei artig, mach' dein Kompliment!« dieselben, die von dem -Bürgermeister und dem hohen Rat der freien Stadt Frankfurt -jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier. -Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen. Ueberladen -mit Putz und köstlichen Steinen saßen die Frauen und Judenfräulein; -die Männer, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen -und die vorgebogenen Kniee ihres Volkes verleugnen, -suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines -Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die -Männer hatten sich sonntäglich und schön angetan, ließen -schwere goldne Ketten über die Brust und den Magen herabhängen, -streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitärs besteckt, -von sich, als wollten sie zu verstehen geben: »Ist das nicht -was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte Volk?<span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span> -Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? -Wem ist Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders -als uns?«</p> - -<p>»Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle -des Morgens,« rief der Seufzer in poetischer Ekstase und -zerrte mich am Arme; »schauen Sie dort, unter dem Zelt von -hölzernem Gitterwerk. Der mit dem runden Leib, der langen -Nase und den grauen Löckchen am Ohr ist der Vater, Herr -Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau rechts mit -den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist die -Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft -zu separieren nach und nach.«</p> - -<p>»Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? ich sehe sie -noch nicht –«</p> - -<p>»Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, -das Gestirn des Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir -näher. Doch eben fällt mir bei, ich muß Sie vorstellen; wie -nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?«</p> - -<p>»Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien,« -gab ich ihm zur Antwort, »reise in Geschäften meines Hofes -nach Mainz.«</p> - -<p>»Ah,« rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich -an den Hut gegriffen hatte, »Le–Legationsrat, wirklicher, und -nicht bloß Titular ums liebe Geld? Das freut mich, Dero -werte Bekanntschaft zu machen. Hätte es mir gleich vorstellen -können, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffairen. -Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen können; haben so -etwas Diplomatisches, Kabinettmäßiges in Dero Visage.«</p> - -<p>»Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, -ich hoffe, Ihnen nützlich sein zu können.«</p> - -<p>Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein -Begleiter errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen -vom Hellroten ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte -an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er anzusehen -wie eine schöne dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, »das -neidische Gewölk,« erhob sich, und nun ward auch das Gestirn -des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die Kalle, ich meine -Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel. – Sie hatte, um -mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen -konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich -er zur Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span></p> - -<p>Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus -Dessau bei der Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, -machte er sich an die Taube von Juda und überließ es mir, -den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm -einigen Respekt eingeflößt zu haben. »Haben da ein schönes -Fach erwählt, Herr von Schmelzlein,« bemerkte er wohlgefällig -lächelnd; »habe immer eine Inklination für die Diplomatik gehabt, -aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter -oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus -der ersten Hand! Man kann viel komplizieren und dergleichen; -was ließen sich da für Geschäfte machen!«</p> - -<p>»Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten -Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat -auch seinen Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht -einem wie ein Rad im Kopf umher.«</p> - -<p>Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, -mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. »Zeviel?« sagte -er. »Ich für meinen Teil kann nie zeviel wissen. Was die -Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke -oft mehr tun als eine lange Rede im Frankfurter -Museum. Nu, <em class="gesperrt">Sie</em> stehen solide in Wien. Ihr Staat ist ein -gemachtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem -Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.«</p> - -<p>»Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!«</p> - -<p>»Gut, <em class="antiqua">très bien bon</em>! Gut gegeben, hi! hi! hi! <em class="antiqua">à propos</em>, -wissen Sie Neues aus daher?« Er rückte mir noch näher und -wurde verfänglicher.</p> - -<p>»Herr Simon,« sagte ich mit Artigkeit ausweichend, »Sie -wissen, es gibt Fälle –«</p> - -<p>»Wie!« rief er erschrocken, »Gotts Wunder! Neue Fallissements, -waas! Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon -ein Strafgericht des Herrn gewesen? Waas?«</p> - -<p>»Um Jottes willen, Papa!« schrie Rebekka, indem sie den -Arm des zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. »Doch -kein Unglück? Mein Jott! Doch nicht hier in Frankfort?«</p> - -<p>»Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach -mit Ihrem Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle -auf, und er hat mich holter nicht recht verstanden.«</p> - -<p>Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf -den erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und -atmete tief.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span></p> - -<p>»Nee! Was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie -sich keenen Bejriff von!« lispelte sie. »Mein Herz pocht schrecklich! -Na, erzählen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie -hätten ins Parterre jestanden und wären melancholisch jewesen?«</p> - -<p>Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die -Blicke des Seufzers wurden feuriger, er zog, als »das Gewölke« -ein wenig im Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der -Jüdin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders recht -gehört hatte, daß nächstens die Metalliques und die … -um drei Prozent steigen werden.</p> - -<p>»Herr von Schmelzlein!« sagte der Alte, nachdem er -einigen koscheren Wein zu sich genommen hatte, »Sie haben -mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie vergesse. -Fallen, Fälle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft -aussprechen! Nun, Sie wollten sagen?«</p> - -<p>»Es gibt Affairen,« fuhr ich fort, »wo der Diplomat -schweigen muß. Ueber das Nähere meiner Sendung z. B. -werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur soviel kann -ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen –«</p> - -<p>»Der Gott meiner Väter tue mir dies und das!« rief er -feierlich. »So ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder -seinem Sohn oder seiner Tochter das geringste –«</p> - -<p>»Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, soviel -kann ich Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis -eintreten wird; <em class="gesperrt">ganz</em> zu allernächst. <em class="gesperrt">Für</em> oder <em class="gesperrt">gegen</em> wen, -darf ich nicht sagen; doch Herr von Zwerner –«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Von</em> Zwerner?«</p> - -<p>»Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; -an ihn war ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich -glaube, wenn ich anders richtig schließe, er muß in den nächsten -Tagen Kuriere aus Wien bekommen.«</p> - -<p>»Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar, -ich sagte immer, hinter <em class="gesperrt">dem</em> steckt etwas; geht so tiefsinnig, -kalkulierend umher, hat wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig -viele Metalliques gekauft; ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere -mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt sich wohl -um das Ultimatum mit der Pforte?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Ei, darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er -eingewilligt, der Efendi? Hat er?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p> - -<p>»Mein Herr Simon, ich bitte –«</p> - -<p>»O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, -aus Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?«</p> - -<p>»Trauen Sie auf nichts, ich <em class="gesperrt">warne</em> Sie, auf keine Nachricht -trauen Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß -vielleicht mancherlei und hat nicht das drückende Stillschweigen -eines Diplomaten zu beobachten.«</p> - -<p>»Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von -Wien, und der Zwerner aus Dessau; zwar, er ist ein solides -Haus, das ist keine Frage, aber denn doch nicht so außerordentlich. -Ob sich wohl was mit ihm machen ließe?« setzte er tiefer -nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den -Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß sich diese -beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Dies war der -Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. -Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu -nähern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes -ein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="p2c4">4.<br /> -<span class="smaller">Das gebildete Judenfräulein.</span></h3> -</div> - -<p>Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, -nämlich kokett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.</p> - -<p>»Ich liebe die Tiplomattiker,« sagte sie unter anderem mit -feinem Lächeln und vielsagendem Blick. »Es is so etwas Feines, -Jewandtes in ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann -von jutem Jeschmack schon von ferne an, und wie angenehm -riechen sie nach <em class="antiqua">Eau de Portugal</em>!«</p> - -<p>»O gewiß, auch nach <em class="antiqua">Fleur d'orange</em> und dergleichen. Wie -nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel -unter die Leute?«</p> - -<p>»Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren -haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die -jüngeren aber, die indessen hier bleiben und die Geschäfte -treiben, sie müssen Pässe visieren, sie müssen Zeitungen lesen, -ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen das Papier ordentlich -zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun solche -junge Herren Tiblomen sind, das sein ganz scharmante Leute,<span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span> -wohnen in die <em class="antiqua">Chambres garnies</em>, essen an die <em class="antiqua">Tables d'hôte</em>, -jehen auf die Promenade schön ausstaffiert <em class="antiqua">comme il faut</em>, haben -zwar jewöhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.«</p> - -<p>»Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein -Fräulein, ist er wohl echt?«</p> - -<p>»Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes -anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir gekostet -achthundert Gulden, die ich in die Rothschildschen Los -gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert -Gulden, und dieser Ring zweitausend. Ja, man jeht -sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von den jutem Ton wie -unsereine.«</p> - -<p>»Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, -mein Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?«</p> - -<p>»Finden Sie das ooch?« erwiderte sie anmutig lächelnd. -»Ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, -in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber -es macht, ich lese viel und bilde auf die Art meinen Jeist und -mein Orkan aus.«</p> - -<p>»Was lesen Sie? wenn man fragen darf.«</p> - -<p>»Nu, <em class="antiqua">Bellettres</em>, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin -abbonniert bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der -weißen Schlange, und der verproviantiert mich mit Almanachs -und Romancher.«</p> - -<p>»Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?«</p> - -<p>»Nee, das tu' ich nicht. Diese Herren machen schlechte -Jeschäfte in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu -studiert, nich natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie -wieder! Das is was Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! -Ich werde rot, wenn ich nur daran denke. Wissen -Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin – -ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich vor –«</p> - -<p>»Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade -in diesen Gedanken eine erstaunliche Tiefe – ein Chaos -von Möglichkeiten –«</p> - -<p>»Nu, kurz, den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, -das is der Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses -Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemüts, -ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natürlich! Wenn -mir die andern alle vorkommen wie schwere vierhändige Sonaten -mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die -kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, so wie der Mozart,<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span> -der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein -anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, -das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es -ist etwas Herrliches!«</p> - -<p>»Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich -liebe diesen Schriftsteller über alles. Diese anderen, besonders -ein Schiller, wie wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit -getan. Man sollte meinen, er wolle moralische Vorlesungen -halten. Er ist, um mich eines anderen Gleichnisses zu bedienen, -schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als -heiter macht. Aber dieser Clauren! er kommt mir vor wie -Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet. -Der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte, setzt -er auch im Grunde viele Hefen an, so ›brüsselt‹ er doch mit allerliebsten -tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er -berauscht, er macht die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein.«</p> - -<p>»O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren -vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden -Wein, so etwa die Hälfte, jießt Mineralwasser dazu, und -nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in das Janze, und unser -Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt -und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich, und ist ein wohlfeiles -Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. Und -das angenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei -zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der -Körper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie anjenehm -läßt es sich dabei einschlafen!«</p> - -<p>»Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen,« -rief lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an -der Hand, zu uns trat. »Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich -habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht auch wie -ein Buch und liest den ganzen Tag.«</p> - -<p>»Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl -tiefe Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon -hören? Wie werden sie in der nächsten Woche stehen, die -Metalliques? Recht hoch? Hab' ich es erraten?«</p> - -<p>»Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim -gehalten werden! Muß <em class="gesperrt">einen</em> großen Schlag geben. Ist -ein Goldmännchen, der Herr von Zwerner. Setzen Sie sich zu -ihr hin und klären ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt -ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die Rebekkchen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span></p> - -<p>Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf -zierlichen Beinchen heran? Was lächelt schon von weitem so -freundlich nach der Kalle des Herrn Simon? War es nicht -das Gräfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in -alle Damen verliebt ist und alle bezaubert? Er war es, er kam -hereingeschwänzelt.</p> - -<p>Er schnupfte und ächzte, als er herankam, und doch konnte -er auch in dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu -sein schien, sein liebliches, süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er -warf sich ermattet neben Rebekka in einen Sessel, streckte die -dünnen Beinchen, so mit zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen -beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die -schöne Jüdin und sprach: »Habe die Ehre, vergnügten Abend -zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!«</p> - -<p>»Mein Jott! Herr Israel! Graf Rebs, was haben Sie -doch? Ihre Wangen sind janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben -stehen. Er antwortet nich! Herr Tipplomat, <em class="antiqua">Eau de Cologne</em>! -Haben Sie keines bei sich in die Tasche?«</p> - -<p>So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den -Ohnmächtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich kein <em class="antiqua">Eau de Cologne</em> -bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen -und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die -Nase blasen. Doch der Vater wußte bessern Rat: »Da geht einer,« -rief er freudig, »da geht ein scharmanter junger Herr, ist in Kondition -nicht weit von uns, der trägt beständig etzliches Kölner -Wasser in seiner Rocktasche!«</p> - -<p>Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, -als er ihm mit schrecklichen Gebärden das <em class="antiqua">Eau de Cologne</em>-Fläschchen -abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er -die Krämer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten -das arme Kaninchen wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, -seufzte tief und lächelte. »Mich gehorsamst zu bedanken,« -lispelte er mit zitternder Stimme, »für die gütigst geleistete -Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut. Fast als hätte ich -mehr Bier getrunken als dienlich.«</p> - -<p>»Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?« fragte Rebekka, -ihn etwas mißfällig betrachtend.</p> - -<p>»Mit nichten und im Gegenteil,« erwiderte er, indem er -den Rücken zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über -die Brust herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. -»Mit nichten, habe sonsten eine überaus starke Konstitution. -Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span></p> - -<p>Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder -wie immer, wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien -oder auch von Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. -Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas lästig -schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im goldenen -Brunnen gewesen, sich allda etwas betrunken und nachher mit -dem ehrsamen Pastor Münster Streit und kirchlichen Skandal -angefangen, nach seiner Gewohnheit?</p> - -<p>»Nach meiner Gewohnheit?« rief das Kaninchen erschrocken, -»ich ein Unruhestifter oder Säufer, ich in dem goldenen Brunnen, -ich, der ich nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und -den Englischen Hof, den Weidenbusch, in welchem ich logiere, -und den weißen Schwanen mit meinem Besuch beehre? Nein! -er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, -sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: ›Das ist -auch so ein <em class="gesperrt">Stein des Anstoßes</em>, auch so ein Mystiker.‹ -– ›Herr Pfarrer,‹ sagte ich, ›guten Abend, aber ein Mystiker -bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten -öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim.‹ – ›Sie wollen -keiner sein?‹ antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so -daß sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die -Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückten. ›Wollen keiner -sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? -Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, -Weiden- und anderen Höfen geschimpft über mich, daß ich ein -gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?‹ -Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgesprochen, -aber nicht aus Mystizismus, sondern weil ich -glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm -berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung -an. Ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg und -wollte schnell weitergehen, aber er setzte mir mit weiten Schritten -nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem -Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen -zu haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen, -statt des Frühstücks, magnetisieren lasse und dergleichen. Und -erst hier an der Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz -von mir ab.«</p> - -<p>»Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?« fragte ich. -»Halten denn die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie -es Sitte war zur Zeit der Apostel?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span></p> - -<p>»In Frankfurt,« belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, -»in Frankfurt ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den -Pfarrern, und ihre Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker -und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der eine wirft dem -andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein -Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf -den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und Trinkstuben, -auf Chausseen und Kasinos wird gekämpft, und so konnte es -leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft -in die Hände fiel. – Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht -irre, so fährt dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und -sie halten vor dem Garten, sie steigen aus?«</p> - -<p>»Ah, sie hat mich bemerkt,« rief das Kaninchen sehr freundlich, -»sie schaut schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, -mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß ich mich -entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und -Sie wissen selbst, bei solchen Affären –«</p> - -<p>Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte -mit zierlichen Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem -Drang seines Herzens die junge Dame auf den glacierten -Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens dieses Zeichen seiner -Verehrung überaus komisch vorkommen, denn ihr Lachen drang -bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der Lord, -indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.</p> - -<p>Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte -sich, daß es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ -daher seinen schönen Wagen vorfahren und verließ mit den -Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glück, Rebekkchen -in den Wagen heben zu dürfen und kam mit ganz verklärtem -Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die -Hand gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz -fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, -morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span></p> - -<h3 id="p2c5">5.<br /> -<span class="smaller">Der Kurier aus Wien kommt an.</span></h3> -</div> - -<p>Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles -Ergötzliche und Interessante erzählen, was ich in der freien -Stadt Frankfurt erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo -ich oft hinter den Stühlen der Kurfürsten stand und den Kaiser -wählen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Römer -und beim Römer saß, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen -Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der -Krone geschmückt worden war. Nein, von den heutigen -Tagen könnte ich dir viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen -Wesen der Diplomatie, von dem herrlichen -Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird, -ich meine den deutschen Bundestag, von dem herrlichen Treiben -und Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte -zwischen seinen Anhängern und Rationalisten, und wie es im -Wirtshaus zum goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden -Raufereien kam zwischen beiden Parteien, das heißt – nur mit -schneidenden Zungen und stechenden Blicken. Ich könnte dir -erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst man junge Fräulein -für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im Gitarrespielen -und anderen Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen -muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von -jener Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde -wohnen, deren der geringste über Millionen gebietet.</p> - -<p>Doch ich schweige von diesem allen, weil ich mir vorgenommen, -dir einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den -ehrlichen, seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem -Teufelskind machte. Der erste Schritt vom ehrlichen Mann -zum schlechten oder Betrüger ist an sich klein und dennoch bedeutend, -weil man leicht sozusagen in Schuß kommt und unaufhaltsam -bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp. -Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit -einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften -den geraden, ehrlichen Weg, nicht weil er ihm angenehmer war, -sondern weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege -zu machen.</p> - -<p>Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der -Probe war, und daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf -jeden Fall keine Tugend ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span></p> - -<p>Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem -Los, sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon -machte ihn straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe -macht, die süße Art, wie ich es ihm eingab. Jetzt ist, um das -Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann -ein Betrüger geworden. Er wird, weil es ihm diesmal leicht -wird, zu betrügen, das nächste Mal Aehnliches versuchen. Das -Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist -ja doch schon zum Teufel, warum soll er sich also genieren? Der -große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die ersten Versuche -des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden, gewöhnlich gut -ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir -Geschäfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, -sie mit Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von -denen die Sage geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft haben, -hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten -mir zu wenig vertraut, und nicht ich war es, der sie verließ, sie -hatten sich selbst verlassen.</p> - -<p>Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken -Pfarrer anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein -Zweck, mit psychologischen Abhandlungen meinen Leser zu ermüden -oder sogar abzuschrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa -von den Winken einiger gelehrten Leute verführen, die behaupteten, -es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische -Psychologie in meinen Memoiren, ich sei für einen deutschen -Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger Meßkatalogus -einregistrieren lassen, nicht gründlich genug?</p> - -<p>Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. -Sobald man vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, -so auch im Niederschreiben von Memoiren. Ich werde -kurz sein.</p> - -<p>Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche -Gedanken der Reis-Efendi in einer Privatunterredung mit -Herrn von Minciaky über das russische Ultimatum geäußert. -Ja, um redlich zu sein, ich hatte selbst großen Anteil an jener -Wendung der Dinge, weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht -etwas auf die Spitze gerückt zu werden schien und mehr -Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von -Revolutionen und anderen lustigen Artikeln nur <em class="gesperrt">träumt</em> und -im <em class="gesperrt">Schlafe</em> spricht. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen, -als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und -in meiner Hand lag es, die Papiere steigen oder fallen zu<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span> -machen. Der Vater der schönen Rebekka hatte in den letzten -Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine -Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten Steigen der – – -auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung herrschte -in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der -Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen -wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, »das neidische Gewölk«, -mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend -im Haus umher. Die Kalle war die Mutigste von allen. Zwar -war auch sie in einiger Bewegung, denn sie las nicht mehr, weder -in Clauren noch in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal -wollte sie nicht ansehen, sie spielte auch nicht mehr auf -der Harfe, aber doch trug sie das Köpfchen noch so hoch wie -zuvor und ermutigte durch manche Rede die zagenden Bundestruppen.</p> - -<p>Der Seufzer war gänzlich vom Verstand gekommen. Bald -war er tiefsinnig und zweifelte an seinem Glück, besonders in -der Nähe der schönen Jüdin, wenn er sich die Höhe seiner -Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle dachte. Dann war er -wieder ausgelassen fröhlich und sprach allerlei verwirrtes Zeug, -wie er ein Millionär zu werden gedenke, wie und wo er sich ein -Haus bauen wolle, und was dergleichen überschwengliche Gedanken -mehr waren, der Kalle aber flüsterte er ins Ohr, daß -er sich wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau Baronesse -von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf -der Landkarte auszumitteln wäre.</p> - -<p>Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, -und die Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise -hinaus an den Main, um sich übersetzen zu lassen nach dem -Wäldchen, und die Männer riefen ihnen nach, nur einstweilen -alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur noch auf die Börse gingen -und bald nachkämen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, -und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog hinaus, -doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem -eleganten Wagen. Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich -und nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: »Dich kenne -ich wohl, Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen -Strümpfen einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem -allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne -ich wohl; komm aber nur hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir -wohl wieder ein Wort zusammen.« Da fuhr sie hin, die gute -Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Großmutter, und sehr<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span> -angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht; -da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend -fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in -feinem Herzen trugen: »Du sollst den Feiertag heiligen, und -an Pfingsten auch den dritten und vierten.«</p> - -<p>Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte -man sich allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte -das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von -heute nichts Besonderes. Da jagte um elf Uhr ein Kurier durch -das Tor, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt, er sprengte, -greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Straße, Million -genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die -Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, -um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Straßenlärm. -»Wo kümmt er här? Wo will er hün?« riefen sie. -»In weißen Schwanen,« schrie er, »ich habe den Weg verfehlt, -wo geht's in weißen Schwanen?« – »Der Herr is wohl ä -Korrier?« – »Freilich, nur schnell,« rief er und zog einen -Brief mit großem Sigill aus der Tasche, »das kommt von Wien -und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im weißen Schwanen.« -– »Da an der Ecke geht's rechts, dann die Straße links, dann -kommt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, -und von dort ist's nimmer weit.« So riefen sie, schauten -ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte, und besprachen -sich dann über die Straße hinüber, was wohl die Depesche -aus Wien enthalten möchte. Der Kurier aber war -niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister, in die -Uniform eines hessischen Postillons gekleidet.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="p2c6">6.<br /> -<span class="smaller">Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle.</span></h3> -</div> - -<p>Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis-Efendi -dem Herrn von Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle -Mitteilung gemacht habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit -es Rußland betreffe, annehmen werde.</p> - -<p>Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu -tun hatte. Er fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon -und mit diesem zu Herrn von R…, dem Papst der -Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen<span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span> -Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er selbst hatte schon -zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, -und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er -so leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht -bringen und prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. -»Gotts Wunder!« sprach er bedächtlich riechend, »Gotts -Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, wie es nur in Wien -selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte zu solchen Depeschen -zu verwenden pflegen.« Dann betrachtete er genau das Kuvert -des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation -von Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich -sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er -zur Hand hatte, und – sie waren richtig.</p> - -<p>Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus -Dessau, als ein kleines Paarmal­hunderttausend­guldenmännchen -so obenhin behandelt, wie der Löwe das Hündchen, so wuchs -jetzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er hätte zwar -am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltschweren -Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war, machte er -gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von -der wichtigen Nachricht avertiert habe, und berechnete dabei, -welche Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, -indem er annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die <em class="gesperrt">er</em> in -Wien für solche Winke bezahlte, überboten haben. Es war -Börsenzeit, er selbst fuhr mit auf die Börsenhalle.</p> - -<p><em class="gesperrt">Börsenhalle!</em> unter diesem Namen stellt sich wohl -der Fremde, der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges -Gebäude vor, wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, -mit weiten Sälen, Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen, -wie wundert er sich aber und lächelt, wenn er in <em class="gesperrt">diese</em> -Börsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten -Hof, von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen, -vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen -reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen -solide häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des -ehrwürdigen Truthahns, statt der geschwätzigen Hühner und -Gänse, statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt -der Küchendame, die hier ihren Salat wäscht – sieht man hier -zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein buntes Gedränge. -Männer mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern, mit -schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit kühn gebogenen -Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span> -Kleidung schleichen, mit gebogenen, schlotternden Knien -und spitzigen Ellbogen, den Hut in den Nacken zurückgedrückt, -umher und fragen einander: »Nun, wie stehen sie heute?« Du -wandelst staunend durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen -unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten -im Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar, daß du dich -unter den Kindern Israels befindest, aber zu welchem Zweck -treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof -umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild -anzusehen, gewahr. Drauf steht mit goldnen Buchstaben -deutlich zu lesen: – Börsenhalle. Also in der Börsenhalle der -freien Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein -sonderbares Gemunkel und Geflüster. Die Leute gehen staunend -umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: »Ae Korrier -es Wien?« »Gotts Wunder!« »Wer hat'n gekriecht?« -»Ae Fremder, der Zwerner von Dessau.« »Wie? kaner von -unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron, nicht -der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?«</p> - -<p>»Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie -stehen se?«</p> - -<p>»Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der -Zwerner aus Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!«</p> - -<p>»Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis-Efendi? -Hat er oder hat er nicht? Wie werden se stehen?«</p> - -<p>»Ich hab's genug, 's is a Vertel auf eins, und noch will -keiner verkaufen, aus Schreck vor die Korrier. Wär' nur der -Zwerner aus Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang -aus und der Simon von die neue Straße. Wirst sehen, 's wird -geben ä grauße Operation! Der Herr wird verstockt haben das -Herz des Efendi, aß er hat nicht angenomme das Oltematum -von dem Moskeviter?«</p> - -<p>»Bethmännische Obligationen will man nicht kaufen, sind -gefallen um Vertelpurzent!«</p> - -<p>»Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der -Metzler? Wie stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und -sag', die Metalliques, wie stehen se?«</p> - -<p>»Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, -weiß heut keiner, wer iß Koch oder Kellner? Aß ich nicht kann -riechen, wie se stehen, die Metalliques!«</p> - -<p>Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der -Türe zu. Ein Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span> -Zehen, machen lange Hälse, um die Mienen der Kommenden zu -sehen. Drei Männer arbeiten sich durch die Menge und stellen -sich ernst und gravitätisch an ihren Platz zur Seite, wie es -wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch ist, wo nur -die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große -Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn -des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr -Seufzer zu nennen, denn sein Herz schien zu jubilieren und -allerlei verliebte Streiche ausführen zu wollen, während er doch -die Sinne bedächtlich und gesetzt beisammen behalten mußte, -um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand der Jude Simon, -angetan mit seinem Sabbater Rock und einer schneeweißen -Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so daß sein Volk -gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich zugetragen -haben.</p> - -<p>Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach -den Preisen. Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und -schlichen zitternd umher. Sie lamentierten schrecklich mit den -Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie fluchten -Hebräisch und Syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier -kommen lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt, auf das -Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf -seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles, selbst auf -Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die Börsenhalle. -Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine -Papiere in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man -sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären –! »Das -Ultimatum ist angenommen,« scholl es durch den Hof, »der -Reis-Efendi hat zugesagt,« hallte es durch die Ecken; und obgleich -die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief -anspielten, nur einige nähere Umstände angaben, nichts Bestimmtes -aussprachen, so stiegen doch die österreichischen, die -Rothschildschen und wenige andere Papiere, von welchen durch -Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele -auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier -und ein halb Prozent. Mehrere Häuser, die sich nicht vorgesehen -hatten, fingen an zu wanken, eins lag schon halb und halb und -hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden -(Börsen-) Hause zu verdanken, daß ihm noch einige -Stützen untergeschoben wurden.</p> - -<p>Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel -der Frankfurter Börsenhalle:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span></p> - -<ul class="nomark"> -<li>Metalliques 87⅜.</li> -<li>Bethmännische 75½.</li> -<li>Rothschildsche Lose 132.</li> -<li>Preußische Staatsschuldscheine 84.</li> -</ul> - -<p>In den übrigen war nichts geändert worden.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="p2c7">7.<br /> -<span class="smaller">Die Verlobung.</span></h3> -</div> - -<p>Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal -des Seufzers aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte -er durch die große Menge Metalliques, die er in Händen hatte, -mächtig auf den Gang der Geschäfte, und als einige Tage nachher -Herr von Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch -seine Nachrichten vollkommen bestätigt wurden, da drängte -sich alles um den hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um -den genialen Kopf, der auf unglaubliche Weise die Umstände -habe berechnen können.</p> - -<p>Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium -der Politik, seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen -und Seufzen für Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm -freudig eine Tochter gegeben, um mit diesem sublimen Kopf sich -näher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit -noch nicht förmlich sanktioniert ist und das Herz des -Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer Tapferkeit -alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus -den Trancheen der Million, selbst aus den Salons der neuen -Mainzerstraße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern -auf ihn gemacht wurden.</p> - -<p>Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in -Hinsicht auf Geld und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete -es sich dennoch zur besondern Ehre, einen so erleuchteten -Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er sah es als eine glückliche -Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen zu haben. Er sah -ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, die ihn in -kurzer Zeit zum reichsten Mann Europas machen mußte; denn, -wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder -verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können.</p> - -<p>Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen -ein, die ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse -Abneigung verspürte, ein Jude zu werden, so hielt er es<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span> -für notwendig, daß sie sich taufen lasse. Sie nahm schon folgenden -Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein -und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf, wobei, -wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert würde, -da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte -bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung -auf, daß er sich für einige hundert Gulden in den -Adelsstand erheben lassen und in dem jöttlichen Frankfort leben -müsse.</p> - -<p>Er ging es freudig ein und überließ mir dieses diplomatische -Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich -ein, was ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte -fürs erste sein Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen -mochte, z. B., daß das ganze Geschäft unehrlich und nicht ohne -Hilfe des Teufels habe zustande kommen können. Sobald er -mit dieser Beschwichtigung fertig war, war auch seine Dankbarkeit -verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten Kopf, -den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst -daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und erinnerte -sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem -er im weißen Schwanen einigemal zu Mittag gespeist habe.</p> - -<p>Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die -Strafe seines Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. -Es war vorauszusehen, daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer -Geist sich nicht lange halten konnten. Mißglückten nur -erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Glück und -seinen noch blindern Verstand trauend, unternahm, verlor er -erst einmal fünfzig- oder hunderttausend und zog seinen Schwiegerpapa -in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn schon auf -Erden an.</p> - -<p>Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte -sie mit dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. -War sie erst gnädige Frau von Zwerner, so war zu -erwarten, daß die Liebesintrigen sich häufen werden; junge -wohlriechende Diplomaten, alte Sünder wie Graf Rebs, fremde -Majors mit glänzenden Uniformen waren dann willkommen -in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergnügen, -zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel, Rebekka, -sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres -Eheherrn nachläßt und damit zugleich sein Vermögen, wenn -man das glänzende Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, -die Equipage und die hungernden Liebhaber samt der köstlichen<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span> -Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muß in den alten -Laden des Hauses Zwerner und Komp., wenn die gnädige Frau -herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau -wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, -wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz -klein und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!</p> - -<p>Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch -nicht an dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen -Judenstraße. Da war ein Hin- und Herrennen, ein Laufen, -ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel Gänseschmalz -verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel -wurde geschächtet, um köstliche Ragouts zu bereiten.</p> - -<p>Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten -Hause. Nämlich, nichts Geringeres als die Verlobung -des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war geladen und kam. -Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste -man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte -er nicht die schönsten jüdischen und christlichen Fräulein zusammengebeten, -um die Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche -Spiele und herrlichen Gesang?</p> - -<p>Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, -und nur <em class="gesperrt">das</em> brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß -nicht weniger als zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren, -mit denen er schon in zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte. -Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben -umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner -Beinchen, auf welchen er überall umherhüpfte und jeder Dame -zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich, die sein zartes Herz gefesselt. -Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf einmal zu -lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn -aber dergestalt zu Grunde, daß er endlich elendiglich zusammensank -und in einem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.</p> - -<p>Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies -sich nach Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig, -denn als er am Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit -seiner Tochter Rebekka das Silber ordnete und zählte, riefen sie -einmütig und vergnügt: »Gotts Wunder! Gotts Wunder! -Was war das für noble Gesellschaft, für gesittete Leute! Es -fehlt auch nicht <em class="gesperrt">ein</em> Kaffeelöffelchen, kein Dessertmesserchen -oder Zuckerlämmerchen ist uns abhanden gekommen! Gotts -Wunder!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span></p> - -<p class="h2" id="Der_Festtag_im_Fegefeuer2">Der Festtag im Fegefeuer.</p> - -<div class="chapcit"> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Am Horizont in diesem Jahr<br /></span> -<span class="i0">Ist es geblieben, wie es war.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">M. Claudius.</em> -</p> -</div> - -<p class="center smaller">(Fortsetzung.)</p> - -<h3 id="p3c1">1.<br /> -<span class="smaller">Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu erzählen.</span></h3> -</div> - -<p>Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen -Memoiren dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, -die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte -des jungen deutschen Schneiderbarons zu geben. Er -ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite -Welt, fürs erste aber nach Berlin gehen und erzählt, was ihm -unterwegs begegnete.</p> - -<p>»Meine Herren,« fuhr der edle junge Mann fort, »als -ich mich umsah, stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein -ehrlicher, rechtlicher Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise -gehe, und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der meinige, -ich solle mit ihm reisen. Ich verstand soviel von der Welt, daß -ich einsah, es würde weniger auffallend sein, wenn man einen -halberwachsenen Jungen mit einem älteren Mann gehen sieht -als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner -Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr -zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn -von Garnmacher in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. -›Euer Onkel ist ja schon seit zwei Monaten tot!‹ erwiderte er. -›O, du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver -Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm und kannte ihn gut. -Jetzt nagen ihn die Würmer!‹</p> - -<p>Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost -denken, ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher -als alle Helden; nach und nach aber wußte mich mein Begleiter -zu trösten: ›Erinnerst du dich gar nicht, mich gesehen zu haben?‹ -fragte er; ich sah ihn an, besann mich, verneinte. ›Ei, man hat -mich doch in Dresden soviel gesehen,‹ fuhr er fort; ›alle Alten -und besonders die Jugend strömte zu mir und meinem jungen -Griechen.<span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span>‹</p> - -<p>Jetzt fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn schon gesehen -hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit -einem jungen unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in -einem Gasthof und ließ den jungen Athener für Geld sehen, -das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Ueberschuß -für einen Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch -mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglücklichen -Knaben sehen zu können. Ich bezeigte dem Manne meine Verwunderung, -daß er nicht mehr mit dem Griechen reise.</p> - -<p>›Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte -meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, -daß ich ihm nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein -Söhnchen, wenn du mein Grieche würdest?‹ Ich staunte, ich -hielt es nicht für möglich; aber er gestand, mir, daß der andere -ein ehrlicher Münchener gewesen sei, den er abgerichtet und -kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die griechische Sucht -hätten.«</p> - -<p>»Wie?« unterbrach ihn der Engländer, »selbst in Deutschland -nahm man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und -doch ist es eigentlich ein deutscher Minister, der es mit der -Pforte hält und die Griechen untergehen läßt.«</p> - -<p>»Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland,« antwortete -Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, »was -einmal in einem anderen Lande Mode geworden, muß auch zu -uns kommen. Das weiß man gar nicht anders. Wie nun vor -kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher -die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies -erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher -darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar -Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit großen -Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend -durch Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: ›Wohin?‹ -so antworteten sie: ›In den heiligen Krieg, nach Hellas -gegen die Osmanen!‹ Bat sich nun etwa eine Frau oder ein -Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine -nähere Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach Griechenland -gegen die Türken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, -wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten, -wenn er mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas -einschlug: ›Der muß wenig taugen, daß er im Reich keine Anstellung -bekommt und bis nach Griechenland laufen muß.‹«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span></p> - -<p>»Ist's möglich?« rief der Marquis. »So teilnahmlos -sprachen die Deutschen von diesen Männern?«</p> - -<p>»Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl, -einer unterdrückten Sache beizustehen; mancher, um sich Kriegsruhm -zu erkämpfen, der nun einmal auf den Billards in den -Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man über -einen Löffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie -Landläufer.«</p> - -<p>»Mylord,« sagte der Franzose, »es sind doch dumme Leute, -diese Deutschen!«</p> - -<p>»O ja,« entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein -Rumglas gegen das Licht hielt; »zuweilen; aber dennoch sind die -Franzosen unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben -wollen.«</p> - -<p>Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr -fort: »Auf diese Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen -Plan gebaut, und noch oft muß ich mich wundern, wie richtig -sein Kalkül war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht dazu, -etwas für einen weit aussehenden Plan, für ein fernes Land -und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: ›Es war ja vorher -auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues -machen wollen?‹ oder sie sagen: ›Gut, wir wollen erst einmal -sehen, wie die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.‹ -Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas -Seltenes mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich ›etwas -kosten‹.</p> - -<p>Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen -Stadt sehr dankbar, daß er doch wieder eine Materie zum -Sprechen herbeigeführt habe, eine Seltenheit, welche die Weiber -beim Kaffee, die Männer beim Bier traktieren konnten.</p> - -<p>Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war -tot, ich hatte nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. -Jetzt fing ein Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut -miteinander wurden, daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. -Er lehrte mich alle Gegenstände auf neugriechisch -nennen, bläute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und -nachdem ich hinlänglich instruiert war, schwärzte er mir Haar -und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein Gesicht gelblich, -und – ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders das für -vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar -von Seide. So zogen wir im Lande umher und gewannen -viel Geld.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span></p> - -<p>»Aber mein Gott,« unterbrach ihn der Franzose, »sagen -Sie doch, in Deutschland soll es so viele gelehrte Männer geben, -die sogar Griechisch schreiben. Diese müssen doch auch sprechen -können; wie haben Sie sich vor diesen durchbringen können?«</p> - -<p>»Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich -meinen größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das -Griechische so gut, daß sie vor zweitausend Jahren mit Thukydides -hätten korrespondieren können, aber mit dem Sprechen will es -nicht recht gehen; sie mußten zu Haus immer die Phrasen im -Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun, -um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit: -– – – ›Mein Herr, das ist nicht griechisch.‹ Mein Führer -unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum ins -Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich -über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, -daß sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen.</p> - -<p>So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad -die ganze Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin -zur Zeit der Saison und hatten viele Besuche. Unter andern -fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf, -der mir große Aehnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien. -Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken Sie sich mein -Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herrn von Garnmacher -tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten, -ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der -Stelle, wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, -sondern als königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren -sei. Es war eine rührende Erkennungsszene. Das Staunen -des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes Deutsch sprach, -die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft -zugegen war und nicht gerne an meinen Vater, den <em class="antiqua">Marchand -tailleur</em>, erinnert sein wollte, die Wut meines Führers, alles -dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst komisch vor.</p> - -<p>Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner -an, ließ mir Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und -dort begann für mich eine neue Katastrophe.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span></p> - -<h3 id="p3c2">2.<br /> -<span class="smaller">Der Baron wird ein Rezensent.</span></h3> -</div> - -<p>»Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, -aber ein berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn -Journalen, und ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine -Hahnenfüße ins reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach -und nach in meines Onkels Geist denken, faßte die gewöhnlichen -Wendungen und Ausdrücke auf und bildete mich so zum -Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann brachte -mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, über -welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden -nicht interessieren.«</p> - -<p>»Nein, nein!« rief der Lord. »Ich habe schon öfters von -dieser kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben -auch wir, z. B. in Edinburg und London, einige Anstalten dieser -Art, aber sie werden, höre ich, in einem ganz anderen Geiste -besorgt als die Ihrigen.«</p> - -<p>»Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine -sonderbare, aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer -ganzen Literatur immer noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes -zu verspüren ist, wie nicht das, was leicht und gesellig, -sondern was mit einem recht schwerfälligen gelehrten Anstrich -geschrieben ist, für einzig gut und schön gilt, so haben wir auch -eigene Ansichten über Beurteilung der Literatur. Es traut sich -nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Gesellschaft -ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht an ein -öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte; man glaubt darin -zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die -um Geld und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in -welches dann das Tutti oder der Chorus des Publikums -einfällt.«</p> - -<p>»Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein -Herr Baron?« unterbrach ihn der Lord. »Ich finde das recht -hübsch. Man braucht selbst kein Buch als diese öffentlichen -Blätter zu lesen und kann dann dennoch in der Gesellschaft mitstimmen.«</p> - -<p>»Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders -wäre. So aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern -richtet, unbewußt irgend eine Partie und kann, ohne daß er -sich dessen versieht, in der Gesellschaft für einen Goethianer,<span class="pagenum"><a id="Page_241">[241]</a></span> -Müllnerianer, Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder -Hegelianer, kurz, für einen Yaner gelten. Denn das eine Blatt -gehört dieser Partei an und haut und sticht mehr oder minder -auf jede andere, ein anderes gehört diesem oder jenem großen -Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine Verlagsartikel -gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen -werden; oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werke -gehen, es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln -(Dichter-) Wasser tragen und, indem man einem freundlich ein -Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen.«</p> - -<p>»Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese -Art die Kritik und Literatur zu handhaben?« fragte der Marquis. -»Ich muß gestehen, in Frankreich würde man ein solches -Wesen verachten.«</p> - -<p>»Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht -besser. Uebrigens sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses -Handwerk treiben. Die eigentlichen Gelehrten werden nur zu -Kernschüssen und langsamen, gründlichen Operationen verwandt -und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind -die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. -Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit Nachdruck -anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie -umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. -Auch dürfen sie sich gerade nicht schämen, denn sie rezensieren -anonym, und nur <em class="gesperrt">einer</em> unterschreibt seine kritischen Bluturteile -mit so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich -zu Gevatter bitten.«</p> - -<p>»Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!« rief der -Lord lächelnd.</p> - -<p>»Ein Matador in jedem Sinne des Wortes. Auf spanisch -– ein Totschläger, denn er hat schon manchen niedergedonnert; -und wahrhaftig, er ist der höchste Trumpf, dieser Matador, -und zählt für zehn, wenn er <em class="antiqua">Pacat ultimo</em> macht. Und bei den -literarischen Stiergefechten ist er Matador! Denn er, der -Hauptkämpfer, ist es, der dem armen gehetzten und gejagten -Stier den Todesstoß gibt.«</p> - -<p>»Gestehen Sie, Sie übertreiben; – Sie haben gewiß einmal -den unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das -recht tüchtig vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der -Kritik?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_242">[242]</a></span></p> - -<p>Der junge Deutsche errötete: »Es ist wahr, ich habe etwas -geschrieben, doch war es nur eine Novelle, und leider nicht so -bedeutend, daß es wäre rezensiert worden; aber nein; ich selbst -habe einige Zeit unter meines Onkels Protektion den kritischen -kleinen Krieg mitgemacht und kenne diese Affären genau. Nun, -mein Onkel brachte mir also die verschiedenen Formen und -Klassen bei. Die <em class="gesperrt">erste</em> war die <em class="gesperrt">sanftlobende</em> Rezension. -Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk, lobte es als brav -und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn fortzuschreiten. -In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem -Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für sich -gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für -junge, schriftstellerische Damen.«</p> - -<p>»Wie?« erwiderte der Lord. »Haben Sie deren so viele, -daß man eine eigene Klasse für sie macht?«</p> - -<p>»Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig -jüngere und ältere! Sie sehen, daß man für sie -schon eine eigene Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, -weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben als ein -junger Schriftsteller. Die <em class="gesperrt">zweite</em> Klasse ist die <em class="gesperrt">lobposaunende</em>. -Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhändlers, -der das Blatt bezahlt oder die Parteimänner gelobt. -Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist glücklich, daß -die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die <em class="gesperrt">dritte</em> -Klasse ist dann die <em class="gesperrt">neutrale</em>. Hier werden die Feinde, mit -denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kühl und diplomatisch -behandelt. Man spricht mehr über das <em class="antiqua">Genus</em> ihrer -Schrift und über ihre Tendenz, als über sie selbst, und gibt sich -Mühe, in recht vielen Worten <em class="gesperrt">nichts</em> zu sagen, ungefähr wie -in den Salons, wenn man über politische Verhältnisse spricht -und sich doch mit keinem Wort verraten will.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">vierte</em> Klasse ist die <em class="gesperrt">lobhudelnde</em>. Man sucht -entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich -von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, -man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige -Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden oder doch lächerlich -machen. Die <em class="gesperrt">fünfte</em> Klasse ist die <em class="gesperrt">grobe, ernste</em>; man -nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Roß und schaut -hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte -des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes -in seinen Schriften zu finden, was zu gefährlich ist, als -daß man öffentlich davon sprechen möchte. Diese Klasse macht<span class="pagenum"><a id="Page_243">[243]</a></span> -stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas -Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu -und Beben erfüllt. Die <em class="gesperrt">sechste</em> Klasse ist die <em class="gesperrt">Totschlägerklasse</em>. -Sie ist eine Art von Schlachtbank, denn hier werden -die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade -und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge- und Stampfmühle, denn -der Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet -werden, hinein und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie.«</p> - -<p>»Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen -Vertilgungssystem?« fragte Lasulot.</p> - -<p>»Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren -und Tierhetzen die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am -kritischen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftsteller -mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht, und – -wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem -Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ›Ein Stier, ein Stier, -ruft's dort und hier!‹ In Spanien treibt man das in der -Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar -tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu -Helden an ihm beißen, wenn der <em class="gesperrt">Matador</em> von der Galerie -hinab in den Zirkus springt,</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">und zieht den Degen<br /></span> -<span class="i0">und fällt verwegen<br /></span> -<span class="i0">zur Seite den wütenden Ochsen an –<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">da freut sich das liebe Publikum, und von ›Bravo!‹ schallt die -Gegend wider!«</p> - -<p>»Das ist köstlich!« rief der Engländer, doch war man ungewiß, -ob sein Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, -den er zu sich nahm. »Und ein solcher Klassenkritikus wurden -Sie, Master Garnmacher?«</p> - -<p>»Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale -verpachtet; wunderbar war es übrigens, welches heterogene -Interesse er dabei befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, -daß er an einem Vormittag ein Buch las und sechs -Rezensionen darüber schrieb, und oft traf es sich, daß er alle -sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte. Er zündete dann -zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer aus -Zimtholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, daß es -große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten -und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen -zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten<span class="pagenum"><a id="Page_244">[244]</a></span> -Hauch der vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen -so großen Holzstoß zu, als die Sancta simplicitas in Konstanz -dem Huß, und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an -dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rösten, bis -er ganz schwarz war.«</p> - -<p>»Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei -so verschiedene Meinungen über <em class="gesperrt">einen</em> Gegenstand haben? -Das ist ja schändlich!«</p> - -<p>»Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen -und an die ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn -heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der -Posaune geblasen hat, und ihm morgen der Herr von … -einige Sous mehr bietet, so hält er einen Panegrikus gegen die -linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer -gelebt.«</p> - -<p>»Aber dann geht er förmlich über;« bemerkte der Marquis; -»aber Ihr Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen -und zwölf Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund.«</p> - -<p>»Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen -Künsten und Handarbeiten weit gebracht,« erwiderte mit großer -Ruhe der junge Mann, »so auch in der Kritik. Als mich nun -mein Onkel so weit gebracht hatte, daß ich nicht nur ein Buch -von dreißig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch -den Inhalt einer <em class="gesperrt">unaufgeschnittenen</em> Schrift auf ein -Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei sie -war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ›Ich will dir,‹ sagte er, -›die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, -wie sie nun einmal heutzutage ist, kann nichts mit Maß tun. -Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und -tadelt unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht -scharfes Gebiß haben, sind übrigens oft nicht mit Geld zu bezahlen. -Man legt sie an die Kette, bis man sie braucht, und -hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf den -Mann dressiert, trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, -zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem -ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut.‹</p> - -<p>So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der -Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von -früh acht bis ein Uhr rezensieren. Der Onkel schickte mir ein -neues Buch, ich mußte es schnell durchlesen und die Hauptstellen -bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen -und dem Alten zugeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und<span class="pagenum"><a id="Page_245">[245]</a></span> -war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren, so ließ er mir -sagen: ›Mein lieber Neffe! nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt; -es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen tüchtig -durch,‹ und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung -bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in -die Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, -der Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um -das Gebräu pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und -verschickte die heil- und unheilschweren Blätter an die verschiedenen -Journale.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Goddam!</em> Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?« -rief der Lord mit wahrem Grauen. »Aber wenn Sie alle Tage -nur <em class="gesperrt">ein</em> Buch rezensieren, das macht ja im Jahr 365! Gibt -es denn in Ihrem Vaterland jährlich selbst nur ein Dritteil -dieser Summe?«</p> - -<p>»Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, -wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in <em class="gesperrt">einer</em> Messe, und -wir haben jährlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, -zwanzig gute und vierzig schlechte Lust- und Trauerspiele, hundert -schöne und miserable Erzählungen, Novellen, Historien, -Phantasien etc., dreißig Almanache, fünfzig Bände lyrischer -Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, -vierhundert Uebersetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen, -und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-, Konfessionsbücher, -die Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung -guten Champagners aus Obst, zu Verlängerung der Gesundheit, -die Betrachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch -ohne Arzt sterben könne usw. sind nicht zu zählen; kurz, man -kann in meinem Vaterland annehmen, daß unter fünfzig -Menschen immer einer Bücher schreibt; ist einer einmal im -Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten -Jahr nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine -Herren, wieviel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der -Literatur, welches weite Feld für die Kritik!«</p> - -<p>Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer -Ehrfurcht, mit einer Andacht gesprochen, die sogar <em class="gesperrt">mir</em> höchst -komisch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in -lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr sie ansah, -desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.</p> - -<p>»Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, -daß ich mich von Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen -ließ,« sagte der Marquis, »aber Ihre Nation, Ihre Literatur,<span class="pagenum"><a id="Page_246">[246]</a></span> -Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkürlich so komisch -vor, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu lachen. Ihr seid -sublime Leute! Das muß man euch lassen.«</p> - -<p>»Und der Herr hier hat recht,« bemerkte Mylord mit feinem -Lächeln. »Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was -das schönste ist, nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über -ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner <em class="antiqua">Grand tour</em> in -einem deutschen Ländchen. Der Weg war schlecht, die Pferde -womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich durch meinen Reisebegleiter, -der Deutsch reden konnte, den Postillon fragen, was -denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so miserable -Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: ›Was das Post- -und Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.‹ Wir -waren verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem -das Gespräch Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes -zu denken habe? ›Er schreibt!‹ war die kurze Antwort des Kerls. -›Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?‹ – ›Ei, behüte,‹ sagte er, -›Bücher, gelehrte Bücher.‹ – ›Ueber das Postwesen?‹ fragten -wir weiter. ›Nein,‹ meinte er; ›Verse macht mein Herr, Verse, -oft so breit als meine fünf Finger und so lang als mein Arm!‹ -und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des Pegasus -und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns -in der Seele wehe tat. ›<em class="antiqua">Goddam!</em>‹ sagte mein Begleiter. ›Wenn -der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie -sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse -zutage fördern!‹ Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf -der nächsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter -wie Sie, Mr. Garnmacher, ein großer Kritiker.«</p> - -<p>»Ich weiß, wen Sie meinen;« erwiderte der Deutsche mit -etwas unmutiger Miene, »und Ihre Erzählung soll wohl ein -Stich auf mich sein, weil ich eigentlich auch nicht für dieses -Gebiet der Literatur erzogen worden. Uebrigens muß ich -Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach -Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Land möchte etwas dergleichen -auffallen, aber bei uns zulande ist das was anderes. Da kann -jeder in die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, -und es gibt kein Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables -drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den -Kritikern und Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht -auf die Phantasie die schöne romantische Zeit des Mittelalters, -nein, wir sind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu, -samt und sonders edle Raubritter, die einander die Blumen<span class="pagenum"><a id="Page_247">[247]</a></span> -der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen, wir üben -das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische -Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. -Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes -Vieh umherspazieren und Blumen und Gras fressen kann nach -Belieben.«</p> - -<p>»Herr von Garnmacker,« unterbrach ihn der Marquis de -Lasulot, »ich würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend -finden, wenn sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn -Sie so fortmachen, so erzählen Sie uns achtundvierzig Stunden -in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest -und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal und gehen -jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!«</p> - -<p>»Sie haben recht,« sagte der Lord, indem er aufstand und -mir ein Sixpencestück zuwarf, »der Herr von Garnmacher weiß -auf unterhaltende Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich -bin neugierig, ob wohl viele Bekannte aus der Stadt hier sind?«</p> - -<p>»Wie?« rief der junge Deutsche nicht ohne Ueberraschung, -»Sie wollen also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den -Herren vom Mühlendamm zu einem Elegant perfektionierte? -Sie wollen nicht hören, wie ich einen Liebeshandel mit einer -Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich -verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte fängt jetzt -erst an, interessant zu werden.«</p> - -<p>»Sie können recht haben,« erwiderte ihm der Lord mit -vornehmem Lächeln, »aber wir finden, daß uns die Abwechslung -mehr Freude macht. Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir -einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die Sie uns zeigen -können.«</p> - -<p>»Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte,« -sagte der Marquis lachend, »aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt -die Zeit, wo die Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst -nicht um Ihre interessante Erzählung, möchte ich diese Stunde -versäumen. Gehen wir.«</p> - -<p>»Gut,« erwiderte der deutsche Stutzer, resigniert und ohne -beleidigt zu scheinen. »Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre -werte Gesellschaft sehr angenehm, denn es ist für einen Deutschen -immer eine große Ehre, sich an einen Franzosen oder gar an -einen Engländer anschließen zu können.«</p> - -<p>Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und -ich veränderte schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte<span class="pagenum"><a id="Page_248">[248]</a></span> -auf ihren Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade -nichts Besseres zu tun.</p> - -<p>Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich – es -ist möglich, daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine -kleine Veränderung in manchem hervorbringen; aber lasset nur -eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der Nationalcharakter -wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich -wieder hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, daß -dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu -tausend Reflexionen gibt, denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen -Leutchen nur <em class="gesperrt">ein</em> Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu -Gleichem, und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im -Prater, wie auf der <em class="antiqua">Chaussée d'Antin</em> oder im <em class="antiqua">Palais royal</em>, -wie Unter den Linden oder wie in …</p> - -<p>Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die -Stutzer aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und <em class="antiqua">Merveilleuses</em> -aller Zeiten, Theologen aller Konfessionen, Juristen aller -Staaten, Financiers von Paris bis Konstantinopel, von Wien -bis London; und sie alle in Streit über ihre Angelegenheiten, -und sie alle mit dem ewigen Refrain: »Zu unserer Zeit, ja! zu -unserer Zeit war es doch anders!« Aber ach, meine Stutzer kamen -zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher -einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer -Berliner Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft -hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch -seine Erzählung die Promenadenzeit verkümmert, und die große -Welt strömte schon zum Theater.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="p3c3">3.<br /> -<span class="smaller">Das Theater im Fegefeuer.</span></h3> -</div> - -<p>Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? -Freilich ist es weder <em class="antiqua">Opera buffa</em> noch <em class="antiqua">seria</em>, weder -Trauer- noch Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, -Akteurs und Aktricen, Tänzer und Tänzerinnen genug; aber -wie könnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser -Stücke unterhalten? Ließe ich von Zacharias Werner eine -schauerlich-tragi-komisch-historisch-romantisch-heroische Komödie -aufführen – wie würden sich Franzosen und Italiener langweilen, -um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und -Mordszenen lieben, gar nicht zu sprechen. Wollte ich mir von<span class="pagenum"><a id="Page_249">[249]</a></span> -Kotzebue ein Lustspiel schreiben lassen, etwa die Kleinstädter in -der Hölle, wie würde man über verdorbenen Geschmack schimpfen! -Daher habe ich eine andere Einrichtung getroffen.</p> - -<p>Mein Theater spielt große pantomimische Stücke, welche -wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft -zum Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, -ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. -Selten bekommt eine einen Erlaubnisschein, als Revenant die -Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt es -mir? Was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen -Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt -es dem Manne, der sich schon um eine zweite umgetan, wenn -durch die Gardine dringt –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Eine kalte weiße Hand,<br /></span> -<span class="i0">Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,<br /></span> -<span class="i0">Die im Sterbekleide vor ihm stand?<br /></span> -</div></div> - -<p>Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen -Kasse helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung -mit dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich -ins Departement schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, -in welchem er zu arbeiten pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln -und die Feder hinter dem Ohr; zu was dient es, wenn -er seufzend vor den Akten sitzt und mit glühendem Auge seinen -Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es dem fürstlichen -Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer -bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und -mit krampfhaft gekrümmten Fingern an den Fässern anpocht, -die er bestohlen? Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, -wenn oben der Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur -Ruhe blasen? Wozu den Stutzer, um zu sehen, ob sein bezahltes -Liebchen auf frische Rechnung liebt? Zwar sie alle, ich gestehe -es, sie alle würden sich unglücklicher fühlen, könnten sie sehen, -wie schnell man sie vergessen hat; es wäre eine Schärfung der -Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu <em class="gesperrt">lebenslänglicher</em> -Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, »<em class="gesperrt">noch sechs -Jahre länger</em>« unterschrieb, weil er den Mann haßte. -Aber sie würden mir auf der andern Seite so viel verwirrtes -Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm zu machen -suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten -so viel getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken wollte – -ich habe darin zu viele Erfahrungen gemacht und kann es in<span class="pagenum"><a id="Page_250">[250]</a></span> -neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker -genug tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, daß es in -diesen Tagen wenig mehr in den <em class="gesperrt">Häusern</em>, desto mehr aber -in den <em class="gesperrt">Köpfen</em> spukt.</p> - -<p>Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten -über die Zukunft zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche -Stücke von meiner höllischen Bande aufführen. Auf dem -heutigen Zettel war angezeigt:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"><em class="gesperrt">Mit allerhöchster Bewilligung.</em></p> - -<p class="center smaller">Heute als am Geburtsfeste</p> - -<p class="center">der Großmutter, diabolischen Hoheit:</p> - -<p class="center larger">Einige Szenen aus dem Jahr 1826.</p> - -<p class="center">Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.</p> - -<p class="center smaller">Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und -anderen Meisterwerken zusammengesucht von Rossini.</p> - -<p>(Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr viele -allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird gebeten, -die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und Ministern -bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie der Ritterschaft -samt Frauen bis zum Leutnant abwärts zu überlassen.</p> - -<p class="right"> -Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters. -</p></div> - -<p>Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Haus. -Ich bot mich den drei jungen Herren als Cicerone an und -führte sie glücklich durch das Gedränge ins Parkett. Obgleich -der Lord ohne Anstand auf die erste, der Marquis und der -deutsche Baron auf die zweite Loge hätten eintreten dürfen, -fanden es diese drei Subjekte aber amüsanter, von ihrem niederen -Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie -mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen, -wenn sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders -Garnmacher schien vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen -zu können. »Nein, ist es möglich?« rief er wiederholt aus. -»Ist es möglich? Sehen Sie, Marquis, jener Herr dort oben -in der zweiten Galerie rechts, mit den roten Augen, er spricht -mit einer bleichen jungen Dame. Dieser starb in Berlin im -Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem unheiligen -Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe<span class="pagenum"><a id="Page_251">[251]</a></span> -ich sie gesehen und gesprochen? Sie war eine liebenswürdige -fromme Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche -als auf den Ball – sie starb, und wir alle glaubten, sie werde -sogleich in den dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier -im Fegefeuer! Zwar wollte man behaupten, sie sei in Teplitz -an einem heimlichen Wochenbett verschieden, aber wer ihren -frommen Lebenslauf gesehen, wer konnte das glauben?«</p> - -<p>»Ha! die Nase von Frankreich!« rief auf einmal der Marquis -mit Ekstase. »Heiliger Ludwig, auch Ihr unter Euern -verlorenen Kindern? Ha! und ihr, ihr verdammten Kutten, -die ihr mein schönes Vaterland in die Kapuze stecken wollet. -Sehen Sie, Mylord, jene häßlichen, kriechenden Menschen? -Sehen Sie dort – das sind berühmte Missionare, die uns -glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir. Dem -Teufel sei es gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich versammelt -hat.«</p> - -<p>»O, mein Herr,« sagte ich, »da hätten Sie nicht nötig gehabt, -bis ins Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu -sehen. Sie zeigen sich zwar nicht gerne auf den Promenaden, -weil selbst in der Hölle nichts Erbärmlicheres zu sein pflegt als -ein entlarvter Heuchler. Aber im <em class="antiqua">Café de Congrégation</em> wimmelt -es von diesen Herren, vom Kardinal bis zum schlechten -Pater. Sie können manche heilige Bekanntschaft dort machen.«</p> - -<p>»Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier,« erwiderte Mylord. -»Sagen Sie doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform -nebenan? Sie unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie -nicht lächeln. Sind es Engländer?«</p> - -<p>»Verzeihen Sie,« antwortete ich, »es sind Soldaten und -Offiziere von der alten Garde, die sich mit einigen Preußen -über den letzten Feldzug besprechen.«</p> - -<p>Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen -und wollten mehr fragen, aber der Kapellmeister hob den -Stab, und die Trompeten und Pauken der Rossinischen Ouvertüre -schmetterten in das volle Haus. Es war die herrliche -Ouvertüre aus <em class="antiqua">Il maestro ladro</em>, die Rossini auf sich selbst gedichtet -hat, und das Publikum war entzückt über die schönen -Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und jedes -fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem herrlich -komponierten Stück. Ich halte auch außer der <em class="antiqua">Gazza ladra</em> -den <em class="antiqua">Maestro ladro</em> für sein Bestes, weil er darin seine Tendenz -und seine künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz<span class="pagenum"><a id="Page_252">[252]</a></span> -ausgesprochen hat. Die Ouvertüre endete mit dem ergreifenden -Schluß von Mozarts Don Juan, dem man, zur Vermehrung -der Rührung, einen Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten -angehängt hatte, und – der Vorhang flog auf.</p> - -<p>Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Aengstlich -drängten sich die Juden und Christen durcheinander. In -malerischen Gruppen standen Geldmäkler, große und kleine -Kaufleute und steigerten die Papiere. Nachdem diese Introduktion -einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in sonderbaren -Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. Allgemeine -Spannung. Die Depeschen werden in einem <em class="antiqua">Pas de deux</em> -entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick -erscheint mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, -in der Szene. Seine Mienen, seine Haltung drücken -Verzweiflung aus. Man sieht, seine Fonds sind erschöpft, sein -Beutel leer, er muß seine Zahlungen einstellen. Ein Chor von -Juden und Christen dringen auf ihn ein, um sich bezahlt zu -machen. Er fleht, er bittet, seine Gebärdensprache ist bezaubernd -– es hilft nichts. Da rafft er sich verzweiflungsvoll auf. -Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie ein gefallener -König ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge reichen zu -einer immensen Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller -fällt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun -anzusehen, wie das Chor der englischen, deutschen und französischen -Häuser, vorgestellt von den Herren vom <em class="antiqua">Corps de -ballet</em>, diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten künstlich und -fielen noch künstlicher, besonders exzellierten hierbei einige -Berliner Börsenkünstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen -wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten und allgemeine Sensation -im Parterre erregten.</p> - -<p>Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen -Triumphmarsch über. Die herrliche Passage aus der Italienerin -in Algier: »<em class="gesperrt">Heil dem großen Kaimakan</em>« ertönte. -Ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und -Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. -Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in -eine ausgehungerte Stadt kommt. Man denkt nicht daran, daß -der spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein -gemeiner Wucherer ist, der den Hunger benützt und sein Brot zu -ungeheuren Preisen losschlägt. Man denkt nicht daran, man -verehrt ihn als den Retter, als den schützenden Schild in der -Not. So auch hier. Die gefallenen Häuser richteten sich mit<span class="pagenum"><a id="Page_253">[253]</a></span> -Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schöpfen, sie schienen -den Messias der Börse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister -berühmter Könige und Kaiser trugen auf ihren -Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente -Inschrift: »<em class="gesperrt">Seid umschlungen, Millionen!</em>« trug. -Ein Herr mit einer pikanten, morgenländischen Physiognomie, -wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem -Wagen und stellte den Triumphator vor.</p> - -<p>Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von -den Schultern der Minister herab auf den Boden stieg. »Das -ist Rothschild! Es lebe Rothschild!« schrie man von den ersten -Ranglogen und klatschte und rief Bravo, daß das Haus zitterte. -Es war mein erster Grotesktänzer, der diese schwierige Rolle -meisterhaft durchführte; besonders als er mit dem englischen, -österreichischen, preußischen und französischen Ministerium einen -Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Rothschild gab in einer -komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den Frieden, -und der erste Akt der großen Pantomime endigte sich mit einem -brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu -einem allerhöchsten <em class="antiqua">cher cousin</em> gemacht wurde.</p> - -<p>Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich -ungnädig über diese Szene aus. »Es war zu erwarten,« sagte -er, »daß diese Menschen bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen -werden, aber daß auf der Börse von London ein solcher -Skandal vorfallen werde, im Jahr 1826, das ist unglaublich.«</p> - -<p>»Mein Herr!« erwiderte der Marquis lachend, »unglaublich -finde ich es nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und -warum sollte nicht einer, wenn er auch im Judenquartier zu -Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Kombination so -weit kommen, daß er Kaiser und Könige in seinen Sack stecken -kann?«</p> - -<p>»Aber England, Alt-England! Ich bitte Sie,« rief der -Lord schmerzlich. »Ihr Frankreich, Ihr Deutschland hat von -jeher nach jeder Pfeife tanzen müssen! Aber, <em class="antiqua">Goddam!</em> das -englische Ministerium mit diesem Hepphepp einen Cosaque -tanzen zu sehen! O! es ist schmerzlich!«</p> - -<p>»Ja, ja!« sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders -Sohn, sehr ruhig. »Es wird und muß so kommen. Freilich, -ein bedeutender Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des -Königs David!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[254]</a></span></p> - -<p>»Das finde ich nicht,« antwortete der Marquis, »im -Gegenteil, Sie sehen ja, welch großen Einfluß die Juden auf die -Zeit gewinnen!«</p> - -<p>»Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied,« -erwiderte der Deutsche. »Damals, mein Herr, hatten alle -Juden nur <em class="gesperrt">einen</em> König, jetzt haben aber alle Könige nur -<em class="gesperrt">einen</em> Juden.«</p> - -<p>»Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was -für eine Szene uns der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte -wetten, Frankreich oder Italien kommt ans Brett.«</p> - -<p>»Ich denke, Deutschland,« erwiderte Garnmacher. »Ich -wenigstens möchte wohl wissen, wie es im Jahr 1826 oder -1830 in Deutschland sein wird. Als ich die Erde verließ, war -die Konstellation sonderbar. Es roch in meinem Vaterlande -wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft fliegt. Die -Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die feinsten diplomatischen -Nasen machten sich weit und lang, um diesen geheimnisvollen -Duft einzuziehen und zu erraten, woher der -Wind komme. Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende -Veränderungen geben?«</p> - -<p>»Es wird heißen: Auch in diesem Jahre ist es geblieben, -wie es war,« antwortete ich dem guten Deutschen. »Um eine -Lunte auszulöschen, bedarf es keiner großen Künste. Man -wird bleiben, wie man war, man wird höchstens um einige -Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland -in Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 -dort aussieht? Armer Herr, da müßte ich ja zuvor noch fragen, -was für ein Landsmann Sie sind?«</p> - -<p>»Wie verstehen Sie das?« fragte der Baron unmutig.</p> - -<p>»Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und -Nationales vorspielen, da Sie keine Nation sind? Sind Sie -ein Bayer, so müßte man Ihnen zeigen, wie man dort noch -immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten braut. -Sind Sie ein Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie -man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße, und -drückt Sie der Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren, -denn an dem Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind -Sie ein Hesse, so trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel -zum Butterbrot, aber denken Sie nichts, nicht einmal, ob es in -der letzten Woche schön war und in der nächsten regnen wird.<span class="pagenum"><a id="Page_255">[255]</a></span> -Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, daß Ihnen die -Haare zu Berge stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schöne -Taille bekommen – –«</p> - -<p>»Herr, sind Sie des Teufels!« fuhr der Baron auf. »Wollen -Sie uns alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie –«</p> - -<p>»Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die -Höhe!« rief der Marquis. »Wie, was sehe ich? Das ist ja -das Portal von Notre Dame! Das finde ich sonderbar. Wenn -man von Frankreich etwas in Szene setzen will, warum gibt -man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der -Kammer?«</p> - -<p>Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen -Klängen. Chorgesang und das Murmeln kirchlicher Gebete -näherte sich, und eine lange Prozession, angeführt von den -Missionaren, betrat die Bühne. Da sah man königliche Hoheiten -und Fürsten mit den Mienen zerknirschter Sünder, den Rosenkranz -in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen des -ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die -<em class="antiqua">à la</em> Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, -die niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. -Das Publikum staunte. Man schien seinen Augen -nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D–s, die Komtesse -de M–u, die Fürstin T–d im Kostüm einer Büßenden zur -Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht -mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, -als sogar ein Mann in der reichen Uniform der -Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand -und Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da -wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde an -unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen -aus, und wer weiß, was meinen Akteurs geschehen wäre, hätte -man faule Aepfel oder Steine in der Nähe gehabt? Das hohe -Portal von Notre Dame hatte endlich die Prozession aufgenommen, -und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es -war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm -eine Vulgata trug. Man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz -als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionare -wie ein Kalb führten. So oft er aus dem ruhigen -Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte, -wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann, -um seine Zuchtmeister zu versöhnen: »<em class="antiqua">Vive le bon Dieu! vive<span class="pagenum"><a id="Page_256">[256]</a></span> -la croix!</em>« So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur -Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.</p> - -<p>»Haben Sie nun Genugtuung?« sagte der Marquis zu -dem Lord. »Was ist Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen -kirchlichen Unfug? O, mein Frankreich, mein armes Frankreich!«</p> - -<p>»Es ist wahr,« antwortete Mylord sehr ernst, indem er -dem Franzosen die Hand drückte, »Sie sind zu beklagen; aber -ich glaube nicht an diese tollen Possen. Frankreich kann nicht -so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, -das Land des guten Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der -feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahre 1826 vergessen -haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel erbaute -und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, -es ist ein Blendwerk der Hölle!«</p> - -<p>»Das möchte doch nicht so sicher sein,« sagte ich. »Das -Vaterland des Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. -Wenn einmal der Jesuitismus dort zur Mode wird, -möchte ich für nichts stehen.«</p> - -<p>»Aber was wollten Sie nur mit dem Affen in Notre -Dame?« fragte der Baron. »Was hat denn dieses Tier zu -bedeuten?«</p> - -<p>»Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der -Affe Joko, der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt -ist er wohl auch von den Missionaren bekehrt worden, und wenn -er, wie man aus seinen Seitensprüngen schließen könnte, ein -Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche taufen.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Goddam!</em> was Sie sagen. Doch Sie scheinen mit der -Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt -wird. Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, -gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas langweilig.«</p> - -<p>»Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse -hat,« antwortete ich. »Es wird nämlich ein diplomatisches -Diner aufgeführt, das der Reis-Efendi den Gesandten hoher -Mächte gibt, das Siegesfest der Festung Missolunghi vorstellend. -Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von -Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstück der Tafel macht -ein Roastbeef von dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig -geröstet haben, und zum Beschluß wird ein kleiner Ball<span class="pagenum"><a id="Page_257">[257]</a></span> -gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein mag, -mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner mohammedanischen -Majestät eröffnet.«</p> - -<p>»Ei!« rief der Marquis. »Was wollen wir diese Schande -der Menschheit sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, -die Prozession gemein und dumm, aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, -ich kann sie nicht ansehen! Kommt, meine Freunde. -Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn von Garnmacher -hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische -Diner betrachten!«</p> - -<p>Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie -standen auf und verließen mein Theater, und der Lord sah, als -er heraustrat, mit einem derben Fluche zurück und rief: »Wahrlich, -es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[258]</a></span></p> - -<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td class="tdc"><b>Erster Teil.</b></td><td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc">Einleitung.</td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Erstes Kapitel. Der Herausgeber macht eine interessante<br /> -Bekanntschaft</td> - <td class="tdr"><a href="#Erstes_Kapitel">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Zweites Kapitel. Der schauerliche Abend</td> - <td class="tdr"><a href="#Zweites_Kapitel">10</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Drittes Kapitel. Der schauerliche Abend. (Fortsetzung)</td> - <td class="tdr"><a href="#Drittes_Kapitel">17</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Viertes Kapitel. Das Manuskript</td> - <td class="tdr"><a href="#Viertes_Kapitel">24</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc">Die Studien des Satan auf der berühmten Universität …en.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Fünftes Kapitel. Einleitende Bemerkungen</td> - <td class="tdr"><a href="#Funftes_Kapitel">30</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Sechstes Kapitel. Wie der Satan die Universität bezieht<br /> -und welche Bekanntschaften er dort machte</td> - <td class="tdr"><a href="#Sechstes_Kapitel">34</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Siebentes Kapitel. Satan besucht die Kollegien;<br /> -was er darin lernte</td> - <td class="tdr"><a href="#Siebentes_Kapitel">40</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Achtes Kapitel. Der Satan bekommt Händel und schlägt<br /> -sich. Folgen davon</td> - <td class="tdr"><a href="#Achtes_Kapitel">46</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Neuntes Kapitel. Satans Rache an Doktor Schnatterer</td> - <td class="tdr"><a href="#Neuntes_Kapitel">49</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Zehntes Kapitel. Satan wird wegen Umtrieben eingezogen<br /> -und verhört; er verläßt die Universität</td> - <td class="tdr"><a href="#Zehntes_Kapitel">53</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc">Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Elftes Kapitel. Wen der Teufel im Tiergarten traf</td> - <td class="tdr"><a href="#Elftes_Kapitel">60</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Zwölftes Kapitel. Satan besucht mit dem ewigen Juden<br /> -einen ästhetischen Tee</td> - <td class="tdr"><a href="#Zwolftes_Kapitel">67</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Dreizehntes Kapitel. Angststunden des ewigen Juden</td> - <td class="tdr"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">74</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Vierzehntes Kapitel. Der Fluch. Eine Novelle</td> - <td class="tdr"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">83</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Fünfzehntes Kapitel. Das Intermezzo. – Die Trinker</td> - <td class="tdr"><a href="#Funfzehntes_Kapitel">92</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc">Satans Besuch bei Herrn von Goethe.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Sechzehntes Kapitel. Bemerkungen über das Diabolische<br /> -in der deutschen Literatur</td> - <td class="tdr"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">100</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Siebzehntes Kapitel. Der Besuch</td> - <td class="tdr"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">107</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc">Der Festtag im Fegefeuer. Eine Skizze.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Achtzehntes Kapitel. Beschreibung des Festes.<br /> -Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen</td> - <td class="tdr"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">113</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Neunzehntes Kapitel. Geschichte des deutschen Stutzers</td> - <td class="tdr"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">120</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc"><b>Zweiter Teil.</b><span class="pagenum"><a id="Page_259">[259]</a></span></td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Vorspiel, worin von Prozessen, Justizräten die Rede,<br /> -nebst einer stillschweigenden Abhandlung:<br /> -»Was von Träumen zu halten sei?«</td> - <td class="tdr"><a href="#Vorspiel">132</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">Der Fluch. Novelle. (Fortsetzung)</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Fluch">142</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc">Mein Besuch in Frankfurt.</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">1. Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen<br /> -sah</td> - <td class="tdr"><a href="#p2c1">203</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">2. Trost für Liebende</td> - <td class="tdr"><a href="#p2c2">208</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">3. Ein Schabbes in Bornheim</td> - <td class="tdr"><a href="#p2c3">215</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">4. Das gebildete Judenfräulein</td> - <td class="tdr"><a href="#p2c4">220</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">5. Der Kurier aus Wien kommt an</td> - <td class="tdr"><a href="#p2c5">226</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">6. Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle</td> - <td class="tdr"><a href="#p2c6">229</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">7. Die Verlobung</td> - <td class="tdr"><a href="#p2c7">233</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdc">Der Festtag im Fegefeuer. (Fortsetzung.)</td> - <td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">1. Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu -erzählen</td> - <td class="tdr"><a href="#p3c1">236</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">2. Der Baron wird ein Rezensent</td> - <td class="tdr"><a href="#p3c2">240</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdi">3. Das Theater im Fegefeuer</td> - <td class="tdr"><a href="#p3c3">248</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 26: Kastel → Kassel<br /> -es brenne drüben in <a href="#corr026">Kassel</a></p> -<p> -S. 47: Groschenstück → Groschenstrick<br /> -Würgers ein <a href="#corr047">Groschenstrick</a> war</p> -<p> -S. 52: Züge → Zunge<br /> -schien seine <a href="#corr052">Zunge</a> gelähmt</p> -<p> -S. 56: höchstpreislichen → höchstpreuslichen (nach anderen Ausgaben)<br /> -einer <a href="#corr056">höchstpreuslichen</a> Zentral-Untersuchungskommission</p> -<p> -S. 189: vom → dem<br /> -er diese Nachricht <a href="#corr189">dem</a> Kardinal</p> -<p> -S: 207: Haned → Hand<br /> -mit ihrem Jokofächer auf die <a href="#corr207">Hand</a></p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i - sechs Bänden. Vierter Band, by Wilhelm Hauff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - -***** This file should be named 61098-h.htm or 61098-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/0/9/61098/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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