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-The Project Gutenberg EBook of Ma, by Lou Andreas-Salomé
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Ma
- Ein Porträt
-
-Author: Lou Andreas-Salomé
-
-Release Date: December 24, 2019 [EBook #61010]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MA ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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- Ma
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- Ein Porträt
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- Von
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- Lou Andreas-Salomé
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- [Illustration]
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- Stuttgart 1901
-
- J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-
- G. m. b. H.
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
-
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-=I.=
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-
-Die Iberische Mutter Gottes fuhr spazieren.
-
-Aus der Tiefe ihres kerzenerhellten blaugoldschimmernden Tempelchens vor
-dem Eingang zum Schönen Platz am Kreml war sie von ehrfürchtigen Händen
-in den Wagen gehoben worden.
-
-Da saß sie nun im prächtigen Vierspänner, ihrer ständigen Equipage,
-breit auf dem Vordersitz, ihr gegenüber zwei Priester in reichen
-scharlachroten Gewändern, Kreuz und Weihrauchgefäß vor sich hinhaltend.
-
-Irgend eine der kleinern Glocken im Kreml bimmelte und bimmelte. Hin
-und wieder nur unterbrach ein vereinzelter tiefer Glockenton, lang
-nachdröhnend und wie verträumt, dies helle Geläute. Hoch über den
-verschneiten Straßen klang es unermüdlich, mit dringlicher Monotonie, in
-den Winterwind hinein.
-
-Die Menge umringte den Wagen so nahe, als sie es vermochte, junge Gesichter
-und alte, bärtige bückten sich in gleich demutvollem Eifer, um einen Kuß
-auf das wunderthätige Bild zu erhaschen oder wenigstens auf den Rahmen
-daneben.
-
-Ein paar elegante Offiziere, die über den Woßkreßenskiplatz herkamen,
-machten mitten auf dem Fahrdamm Halt, beugten das Knie in den Schnee und
-bekreuzigten sich feierlich mit bis zur Strenge ernsten Mienen.
-
-Täglich fuhr die Iberische Mutter aus, um allen Besuchsanforderungen zu
-genügen, dennoch mußte oft ihre Gegenwart in einem Haus wochenlang vorher
-erfleht werden, damit sie noch Zeit dafür fand.
-
-Langsam lenkte der imposante Kutscher, trotz der empfindlichen Kälte
-entblößten Hauptes, seine vier Rappen aus dem Menschenhaufen heraus.
-
-Viele blieben noch stehn, um ihm nachzuschauen. Auf den Stufen zum
-Tempelchen lagerten Pilger, Bastschuhe an den tücherumwickelten Füßen,
-den Stab in der Hand. Mit ihren Anliegen wandten sie sich jetzt an die
-Kopie des Bildes, die stellvertretend im Heiligtum hing, und steckten
-betend brennende Wachskerzen davor auf.
-
-So mehrte sich drinnen immer noch Licht um Licht zu erhöhtem Glanze, --
-von außen anzusehen wie eine mächtige gelbflimmernde Sonne, die mitten
-im nüchternen Alltag des Straßenlebens gleich einem leuchtenden Geheimnis
-dastand und winkte und winkte --.
-
-Die Mutter Gottes im Vierspänner hatte mit nicht gar vielen Equipagen
-zu konkurrieren. Wer sie fahren sah, konnte sie gut für die große Dame
-Moskaus halten und für den Inbegriff des heiligen Mütterchens Moskau
-selbst.
-
-Was da auf dem hartgefrorenen Schnee an Fuhrwerken vorüberglitt, waren
-fast nur kleine, niedrige Schlittchen, wie sie für wenige Kopeken sogar
-dem Volk zugänglich sind. Weiber mit Sack und Pack befanden sich häufig
-drin, Bauern in hoch um die Ohren geschlagenen Schafpelzen. Seltener
-schon flog eine Troika des Weges dahin, und, zugleich mit dem lustigen
-schellenläutenden Dreigespann, vielleicht irgend ein Lied, angestimmt von
-den Insassen, -- ein Lied, wie es in den Theebuden zur Harfe gesungen wird
-oder in Sommernächten vor der Thür der Dorfhütten.
-
-Das zitterte dann mit dem nachschwingenden Glockenton wundersam in eins
-zusammen, -- selbst dann wundersam in eins, wenns zufällig ein Tanzlied
-war. Auch dann mußte es der Iberischen Mutter heimisch entgegenklingen.
-
-Und auch unter den Fußgängern begegneten ihr vorherrschend ihre
-ureigensten Kinder, Kinder des Volks. Nicht das Proletariat großer
-Städte, wie es gern die entlegeneren Gassen füllt, sondern Volk, --
-das Volk zu Hause auf seinen breiten Straßen und Plätzen. In der ihm
-zugehörigen Tracht schritt es einher, nicht in abgelegten Almosenkleidern
-Reicherer oder deren Nachahmung, und diese Tracht überwog so sehr, daß
-sich die Andersgekleideten, die Allerweltstypen, fast darunter verloren.
-
-Das alte Moskau, -- zumal in der winterlichen Frühdämmerung einer solchen
-Nachmittagsstunde, -- nahm sich beinahe aus, als sei es im Grunde
-seines Herzens ein Riesendorf, zutraulich herumgebaut um die allwaltende
-Herrlichkeit und Heiligkeit der Kremlhöhe.
-
-Rot und grün und blau an Dächern oder Mauerwerk, in Farben, wie sie
-Kinder am liebsten auf ihren Bilderbogen anbringen, schauten die Häuser
-zum großen Kreml empor. Und in Rot und Grün und Blau antwortete er ihnen
-von der Höhe seiner Kuppeln und Paläste, väterlich ihnen angepaßt, mit
-ihnen verschmelzend, und malte noch bunte Sternchen oder Streifen mitten
-hinein in sein Gold.
-
-Mit dem Golde aber übertrumpfte er sie, überstrahlte er sie, mit dem
-Golde übertönte er alles wie mit einem lauten Lobgesang, sodaß sie
-gleich darauf doch wieder ganz klein unter ihm dalagen und ganz verstummt
-trotz ihrer beredten Farben. Und ein andres Gold war es zu jeglicher
-Stunde, zu jeder jedoch ein königliches, vom ersten Tagesgrauen an, das
-über Moskau aufging, bis tief in die tiefste Nacht, denn keine gab es,
-tief genug, um das Gold ganz auszulöschen.
-
-Immer war es da, ob breit entfaltet in seinem selbstverständlichen Glanze
-oder geheinmisvoll gesammelt wie eine Leuchte von innen her, die sich
-nur verstohlen verrät. Immer war es da, allen gegenwärtig, von den
-äußersten Kreuzspitzen der Kathedralen an bis hinein in das verborgenste
-Dunkel der Kirchenräume und selbst bis hinab in den geschlossnen Wagen,
-worin die Iberierin durch die Straßen fuhr, feierlich umblitzt von
-Goldfunken und dem vielfarbigen Schimmer ihres köstlichen Geschmeides. --
-
-Sie machte nur eine kurze Fahrt, schon in einer Seitenstraße der Twerskaja
-schien ihr Ziel erreicht. Unter einem erneuten Auflauf von Menschen, die
-leise beteten, sich bekreuzigten und einen Kuß anzubringen suchten, wurde
-sie hinausgehoben, um den inbrünstig Harrenden entgegengetragen zu werden,
-denen ihr Besuch galt, und deren Thränen sie trocknen, deren Qual sie
-bannen, oder deren Jubel über eine Glücksfügung sie Weihe und Segen
-erteilen sollte.
-
-Am Fenster eines hölzernen Miethauses schräg gegenüber standen zwei
-junge Mädchen und sahen, aneinander gelehnt, der Scene auf der Straße zu.
-
-»Ach Rußland -- Rußland! Mir ist doch wieder, als ob ich nach Asien
-zurückgekehrt wäre,« sagte die Aeltere kopfschüttelnd, »traurig ist
-es! Ich wundre mich, daß du nur dazu lachst, Sophie.«
-
-Sophie kehrte sich vom Fenster ab, weil es nichts mehr zu sehen gab. Sie
-entgegnete mit einem sanften, begütigenden Stimmchen: »Es ist nicht so
-schlimm. Vielleicht noch ein bißchen Mittelalter, aber es kann auch etwas
-ganz Feierliches bekommen, mitunter. Dann lache ich auch nicht. -- Man muß
-nur nicht grade als Studentin frisch aus dem Auslande angereist sein!«
-
-»Wir haben keinerlei Grund, uns für dies Mittelalter zu begeistern,
-Sophie. Sind wir etwa Russen? Und selbst wenn wirs wären --«
-
-Sophie war nach dem andern Fenster gegangen, wo neben einer Gruppe
-wohlgepflegter hoher Blattpflanzen ein Schaukelstuhl stand.
-
-»Sind wir auch nicht gradezu Russen, so sind wir doch hier zu Hause,«
-meinte sie zögernd. »Und eigentlich möchte ich manchmal, wir wärens
-noch mehr! Wären zum Beispiel in einem stockrussischen Gymnasium erzogen
-worden, -- wenigstens ich, Schwesterchen.«
-
-»-- Warum --?!«
-
-Sophie blieb die Antwort auf diese erstaunte Frage schuldig.
-
-Ihre zartgliedrige Gestalt dehnte sich lang aus im Schaukelstuhl, und
-sie legte den blonden Kopf mit seinen zwei schimmernden Flechten, die ihn
-kranzförmig umwanden, so weit zurück an die Stuhllehne, daß ihr Blick
-zur Zimmerdecke emporsah, anstatt auf die Schwester.
-
-Erst nach einer kleinen Pause bemerkte sie ablenkend: »Uebrigens: diese
-niedrigen Decken abgerechnet, -- findest du nicht auch, Cita, daß unsre
-jetzige Wohnung ganz ungeheuer behaglich ist? Ich freute mich so, als wir
-wegen Mas vieler Lehrstunden in dies gute Viertel ziehen mußten.«
-
-Cita hatte sich auf den Fenstersims gehockt und strich sich in einer ihr
-eigentümlichen hastigen Bewegung mit der Hand durch ihr kurzverschnittenes
-welliges ganz dunkelblondes Haar.
-
-»Gewiß, -- sehr behaglich habt ihr es,« gab sie zerstreut zu, »aber es
-sollte wohl selbst der vertracktesten Wohnung schwer fallen, unbehaglich zu
-wirken, wenn unsre Mama sie bewohnt und einrichtet. -- Aber daß sie dies
-Viertel gewählt hat, ist auch abgesehen von den Lehrstunden gut. Die
-meisten ihr bekannten Häuser liegen nicht weit von hier. Ich meine: das
-ist gut -- besonders für später.«
-
-»Wie denn: für später?«
-
-Cita hob ihren hübschen Bubenkopf und blickte auf die Schwester.
-
-»Verstehst du mich nicht? -- -- Für später, wenn sie hier allein ist,
-weil auch du irgendwo im Auslande studierst, -- Medizin --«
-
-Sophie lachte hell auf, wie über einen Scherz. »Was dir nicht alles
-einfällt! Daran denkt doch niemand im Traum!« bemerkte sie und wippte
-leise mit dem Schaukelstuhle.
-
-Cita zog unwillig die dunkeln feinen Augenbrauen zusammen. »Ach Sophie,
-laß doch die Flausen, hinter denen du dich versteckst. Gewiß denkt jemand
-daran, im Traum und im Wachen: nämlich du selbst. Und aus diesem einzigen
-Grunde bedauertest du offenbar plötzlich, nicht ein stockrussisches
-Gymnasium hinter dir zu haben. Du erwägst in deiner Ratlosigkeit: könnt
-ich wenigstens hier --, wenn nicht schon im Auslande --«
-
-»Ja, -- Ma verlassen --: das thu ich eben nicht!« fiel Sophie erregt ein.
-
-Cita entgegnete sehr ruhig: »Zeit wärs, zu wissen, was du selbst willst.
-Du bist neunzehn, hast seit Ostern dein Diplom. In dem Alter war ich schon
-fort. Und in anderthalb Jahren werd ich promoviert haben, -- wenn nicht
-eher.«
-
-»Mein Gott, damit brauchst du nicht zu protzen!« sagte Sophie
-empfindlich, »-- so, wie Ma dir alle Wege geebnet hat. Sogar noch
-ehe Vaters Lieblingsschwester starb und jeder von uns das kleine Legat
-vermachte --«
-
-»Ich protze nicht. Ma war reizend, in jeder Beziehung. Es spornt mich nur
-an, um so energischer ans Ziel zu gelangen.«
-
-»Nun -- und was weiter? Ich glaube durchaus nicht, daß weibliche Juristen
-heutzutage die geringsten Aussichten haben,« erklärte Sophie im Ton einer
-gezwungenen Bewunderungslosigkeit und wippte heftiger.
-
-»Vielleicht heute noch nicht. Aber morgen. Uebermorgen meinetwegen. Wir
-Frauen arbeiten eben an einem Stück Zukunft. -- -- Und inzwischen, da
-will ich mir schon durchhelfen. Du mußt nicht glauben, daß ich nicht mehr
-vermag, als juristisch fachzusimpeln.«
-
-»Ach nein, hoffentlich nicht. Denn _das_ würde unsrer Ma auch ganz
-schrecklich sein.«
-
-Sie schwiegen beide.
-
-Cita trat vom Fenster fort und fing an, langsam auf und ab zu gehn, wobei
-sie die Arme auf dem Rücken verschränkte und den Kopf ein wenig gesenkt
-hielt, wie ein grübelnder Feldherr.
-
-Vor dem Schreibtisch ihrer Mutter, der, quergestellt, ein Drittel des
-Zimmers durchschnitt, blieb sie einige Augenblicke stehn.
-
-Er war mit Büchern und Schulheften bedeckt; aus der Mitte all dieser
-Tagesarbeit erhob sich ein italienischer Olivenholzrahmen mit durchbrochen
-gearbeiteten verschließbaren Thüren. Dahinter verbarg sich des jung
-verstorbenen Gatten Bild.
-
-An der einen Wand dahinter hingen mehrere Radierungen von seiner Hand,
-in schlichte dunkle Holzstreifen eingefaßt: sie stammten aus den
-Jahren seiner kurzen Ehe, aus der Zeit vollen Glückes und voller
-Künstlerhoffnungen, -- unten in Italien verlebt.
-
-An der andern Wand hinter dem Schreibtisch eine ganze Gruppe
-Familienporträts, darunter sehr alte, die mit sichtlicher Pietät hier
-zusammengestellt waren. Zwei davon blasse Pastellbildchen: der Großvater
-mütterlicherseits, Martin, mit mächtiger schwarzer Halsbinde und nach
-vorn gebürstetem grauem Haar, ein kluger, fast bedeutender Kopf. Daneben
-die reizende alte Großmutter, von der Cita und Sophie ein gut Teil Anmut
-als Erbe erhalten hatten.
-
-»Für Ma wär es auch tausendmal besser gewesen, nicht hier stecken zu
-bleiben,« entfuhr es Cita.
-
-Sie stand und betrachtete die Bilder. »Mit ihrer Begabung, ihren Talenten
-hätte sie etwas werden müssen. Aber freilich, hier in Rußland, wo sie
-einfach den reichen Kaufleuten die Rangen unterrichten muß --«
-
-Sophie hatte die Augen geschlossen.
-
-»Arme liebe Ma!« sagte sie leise, »du lieber Gott, die konnte eben nicht
-Juristerei studieren. Dabei wären wir zwei armen kleinen Würmer geschwind
-genug verhungert. -- -- Und hier in Rußland gab es doch wenigstens
-Lebensmöglichkeiten, und die guten Anknüpfungen von unserm
-Großvater-Gymnasialdirektor her, und schließlich doch auch Tante
-Ottilie -- --. Aber schwer und schrecklich muß es gewesen sein --«
-
-Sophie unterbrach sich, dann fügte sie in gequältem Ton hinzu: »Du und
-ich, wir sind undankbare Scheusale! Wir, mit unserm dummen Ehrgeiz -- --«
-
-Cita ging schon wieder mit verschränkten Armen auf und ab. Es entfuhr ihr
-ungeduldig: »Deine Logik ist einfach schauderhaft. Grade das Gegenteil
-muß daraus gefolgert werden: in uns beiden lebt ja doch Ma weiter, in
-uns muß sie also etwas über sich selbst hinaus erreichen. Das ist doch
-wahrhaftig die einzige rationelle Art von Kindesliebe.«
-
-»Ach, ich weiß nicht, ob das Kindesliebe ist. -- -- Und ob Kindesliebe
-rationell zu sein hat,« murmelte Sophie.
-
-Cita bemerkte seufzend: »Du redest wirklich oft wie ein ganz
-unentwickelter Mensch. Wenn ich nur nicht so gut wüßte, woher das kommt:
-es ist ganz einfach Bangigkeit, du wehrst dich gegen deine eigne bessere
-Erkenntnis. Die reinste Feigheit.«
-
-»Das verbitt ich mir denn doch!« rief Sophie aufgebracht.
-
-Der Schaukelstuhl flog. Sie fing an zu husten.
-
-Die Schwester lenkte ein. »Verzeih. Beleidigen wollt ich dich nicht.
-Du hast recht: das darf man nicht. Fest zusammenstehn müssen wir Frauen
-vielmehr. Uns gegenseitig unsre besten Freunde sein. Ich schelte dich als
-dein Freund, Schwesterchen, -- zu deinem Besten. Bin voll Sehnsucht und
-Ehrgeiz für dich, -- -- möchte dir helfen, -- und nicht nur mit Worten.
-Nein, nein, bauen sollst du auf mich dürfen von Grund aus.«
-
-Sophie schwieg. Sie hatte die Augen voll Thränen, und aus Furcht, in der
-Stimme Thränen zu verraten, blieb sie wieder die Antwort schuldig.
-
-Cita drängte auch nicht in sie. Sie trat langsam an das breite
-Büchergestell aus kunstvoll zurecht getischlertem, braun angestrichenem
-Birkenholz, das in Mannshöhe die ganze Hinterwand einnahm, und zog irgend
-ein Buch heraus.
-
-Schon war es längst nicht mehr hell genug im Zimmer, um zu lesen, doch
-nahm sie Band um Band und blätterte zerstreut darin.
-
-Hier fand sich allerlei noch von Großvaters, des Schulmanns, Zeiten her
-zusammen. Und manches wohl auch, was der Mutter nur ihr Beruf als
-Lehrerin praktisch aufgenötigt hatte. Aber der Mehrzahl nach standen die
-Bücherreihen gedrängt voll von den höchsten Schätzen, die Menschengeist
-gehoben hatte. Und all das war, Band für Band mühselig angeschafft, --
-Band für Band benutzt, abgegriffen, genossen --.
-
-Das Mädchen kam herein und brachte die Lampe.
-
-Sie war eine noch sehr junge und ein wenig blöd dreinschauende Person, die
-unschlüssig stehn blieb und Sophie fragend anblickte.
-
-Diese erhob sich schweigend aus ihrem bequemen Stuhl und ging mit ihr
-hinaus. Das späte Mittagessen konnte man Stanjka nicht allein anrichten
-lassen. Denn so oft man das, nach allen guten Belehrungen, probeweise
-gethan hatte, wurde Stanjka düster und fing an zu weinen. Sie setzte sich
-dann auf die kleine Bank am Herd und klagte und betete unter Thränen zur
-Mutter Gottes, die sie laut als Zeugin dafür anrief, daß es ihr sicher
-nicht gegeben sei, ein Mittagessen wohlbekömmlich herzustellen.
-
-Das kleine Heiligenbild, braun und unkenntlich hinter seiner blanken
-Zinnbekleidung, hing vorschriftsmäßig in der Küchenecke, sah immer zu
-und mußte es folglich genau wissen.
-
-Daß es zufällig gar keine Muttergottes war, vielmehr ein heiliger
-Nikolaus, das hatte sich Stanjka nicht klar gemacht, jedenfalls focht es
-sie nicht weiter an. Wenn sie nicht grade »höhere« Arbeit verrichten
-sollte, sondern sich im Gröbern tummeln durfte, blieb sie strahlender
-Laune und bewältigte alles mit Herzenslust.
-
-Während Sophie noch mit ihr in der Küche herumwirtschaftete, schellte es
-laut und dringlich.
-
-Cita war schon gegangen, um die Wohnungsthür zu öffnen. Ihre Mutter stand
-davor, noch etwas atemlos vom raschen Gange.
-
-»Da hab ich richtig vergessen meinen Schlüssel mitzunehmen, -- mußte
-schellen,« sagte sie und trat hastig ein, »-- ein Wind draußen, Kind, --
-Sophie ist doch nicht etwa unnütz an die Luft gegangen?«
-
-»Aber nein, Ma. Wie müde mußt du heute sein, du Arme.«
-
-Cita nahm ihr sorglich den leichten Grauwerkpelz ab und küßte sie.
-
-»Ich danke dir, Kind. Gewiß habt ihr schon einen Wolfshunger, was?
-Ich lief, was ich konnte,« bemerkte die Mutter, indem sie sich die
-Fellüberschuhe von den Füßen streifte.
-
-»So! Und nun bin ich wieder Mensch! Feierabend läutets, und die Arbeit
-ist gethan,« sagte sie froh, »-- und für heute ganz gethan: am
-Abend brauche ich nicht mehr fortzugehn. Wir wollens aber auch herzhaft
-genießen, ihr Kinder.«
-
-Wer ihre Stimme so aus dem noch unerleuchteten Vorflur vernahm, konnte
-dahinter leicht ein junges Geschöpf vermuten. Alle Ueberanstrengung, aller
-Mißbrauch dieser Stimme hatten nicht vermocht, ihr den eigentümlichen
-Schmelz zu nehmen. Den Gesichtszügen selbst sah man die vierzig Jahre eher
-an. Sogar schon einzelne graue Haare mischten sich an den Schläfen in das
-volle weiche Braun, das Cita in lichterer Schattierung besaß, und das sich
-auch bei der Mutter hier und da übermütig zu locken versuchte, soweit der
-schlichte Knoten tief im Nacken das zuließ.
-
-Die Mutter erreichte ihre Aelteste nicht ganz an Größe, und ihre
-geschmeidige Gestalt hatte ehemals entschiedene Neigung zur Fülle gezeigt;
-jetzt jedoch vereitelte das anstrengende Tagewerk gründlich jeden
-Ansatz dazu. So blieb sie schlank, nahezu mager, und konnte dadurch auf
-Augenblicke fast mädchenhaft wirken.
-
-Als die Mutter in ihrem Schlafgemach verschwunden war, um sich ein wenig
-menschlich herzurichten, wie sie es nannte, machte sich Cita dran, in der
-kleinen schmalen Eßstube neben dem Wohnzimmer den Tisch zu decken. Doch
-war sie noch voll Nachdenklichkeit, und es ging ihr langsam von der Hand.
-
-Dies schmale Eßstübchen, nicht ohne Grund »der Spalt« geheißen, war
-bei der Wohnungseinrichtung an Möbeln zu kurz gekommen. Die Mutter
-hatte ein paar Bauerntruhen hineingestellt und rund um den Tisch einfache
-Sitzschemel von gleich ländlicher Abstammung. Dann erhandelte sie jedoch
-auf dem großen Trödelmarkt, den das Moskauer Volk in der Sonntagsfrühe
-abhält, noch hier und da ein Stück volkstümlichen Kunstgewerbes, wodurch
-der arme Spalt einen gewissen Glanz erhielt, -- so durch ein Wandbort
-aus dunkelm in Spitzenmuster geschnitztem Holz mit grellen Malereien auf
-Goldgrund, und durch einen originellen Stuhl, dessen ganzes Hintergestell
-aus einem rotlackierten Krummholz hergestellt war, wie es die Pferde im
-russischen Gespann tragen.
-
-Am einzigen Fenster, an dem der rote Stuhl stand und repräsentierte,
-hingen buntbestickte kleinrussische Tücher als Vorhänge nieder, und auch
-das grobleinene Tischtuch wies eine solche bunte Bauernstickerei an der
-Kante auf.
-
-Als die Mutter wieder eintrat, trug sie statt des dunkeln knappen
-Straßenkleides einen bequemen Hausanzug von tiefrotem Flanell. Sie kam an
-den Tisch zur Tochter, und, ohne daß diese es bemerkte, schob sie jedes
-Gerät auf dem Tisch ein wenig anders und gefälliger zurecht.
-
-Als sie aber dann einen Teller mit allerlei Obst hernahm, den Cita in die
-Mitte gestellt hatte, und sorgfältig begann, die Orangen und die blassen,
-länglichen Krimäpfel von ihren dünnen Papierhülsen zu befreien und
-sie in einer Krystallschale zu ordnen, da meinte die Tochter mit einem
-Lächeln: »So viel Mühe um das bißchen Aeußerlichkeit, Ma, müde, wie
-du doch bist. Schmecken nun etwa die Früchte besser?«
-
-Die Mutter nickte, indem sie das Lächeln erwiderte. Ueber die Schale
-geneigt, sog sie den kühlen Duft des Obstes in sich ein.
-
-»Auf alle Fälle schmecken sie besser,« sagte sie, »und außerdem machen
-sie, daß man auf Augenblicke das ganze Leben besser genießt, während man
-sie verspeist. Man genießt sie ja nicht nur um des lieben Futters willen
-als bloße Magenfreude, nicht wahr?«
-
-Als Cita nichts antwortete, richtete sie sich auf und faßte ihre Aelteste
-zärtlich um die Schulter.
-
-»Aber du sollst dich hier keineswegs mit Hausarbeit plagen, mein lieber
-kleiner Professor du. Hast nun einmal eine Sybaritin zur Mutter. Bist aber
-rechtschaffen zerarbeitet angekommen und sollst nichts thun, als es dir
-wohl sein lassen, -- faulenzen. Wenigstens einstweilen, -- bis über
-Weihnachten hinaus.«
-
-Und mit einem unterdrückten Seufzer fügte sie leiser hinzu: »Schnell
-genug verlier ich dich ja wieder.«
-
-Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, wie um den störenden Gedanken
-zu verscheuchen. Als nun Sophie, etwas erhitzt und eilig, von Stanjka
-gefolgt, hereinkam, nickte sie der jüngern Tochter schon wieder wohlgemut
-zu.
-
-»Also zu Tisch, Kinder! Wir wollen es uns schmecken lassen,« sagte sie
-und hob den Deckel von der dampfenden Terrine mit roter Beetensuppe, in der
-Saucischen und Schinkenschnitten schwammen.
-
-Sophie küßte die Mutter, ehe sie sich ihr gegenüber setzte.
-
-»Ich bin nicht in den Mädchenkursen gewesen, weil du es des Wetters wegen
-nicht wolltest. Dafür hab ich ziemlich lange Geige geübt, und später
-habe ich über den Büchern gesessen, die Doktor Tomasow neulich brachte,«
-berichtete sie über ihren Tag, »er hat gewiß noch herrliche Dinge in
-seiner Bibliothek, aber er sagt, ich möchte mich erst an diese Werke
-halten.«
-
-»Thu blind, was er sagt,« bemerkte die Mutter, »aber warum ißt du
-mir so wenig, Kind? Nimmst du nicht von der sauren Sahne zur Suppe? Ich
-fürchte, das Herumstehn in der heißen Küche ist nichts für dich; -- es
-raubt dir den Appetit.«
-
-»O nein! Ich esse schon noch.«
-
-Cita hatte auf den Lippen, zu äußern: »Die berühmte Haushaltungsarbeit
-ist eben lange nicht so gesund, wie ausposaunt wird.«
-
-Aber sie schwieg noch immer. Es war so entsetzlich schwer, in Mas
-Gegenwart ein spöttisch gefärbtes Wort mit dem nötigen Selbstbewußtsein
-herauszubringen.
-
-Wie ein Unrecht wurde es gleich, denn die Mutter hätte den Spott darin
-nicht bemerkt. Für Spott fehlte ihr das aufnehmende Organ. Sie wäre ihm
-gleichsam mit offnen Armen entgegen gegangen und hätte erwidert: »Meinst
-du wirklich, Kind?« und dann hätte sie versucht, mit vereinten Kräften,
-mit Citas eigner Hilfe, ausfindig zu machen, was zu thun sei, -- -- und ob
-nicht lieber Ma selber beim Heimkehren von den vielen Stunden jedesmal erst
-noch kochen solle --.
-
-Die Mutter unterbrach ihren Gedankengang. Als das Fischgericht auf den
-Tisch kam und sie davon austeilte, sagte sie: »Allernächstens, wenn ich
-nach Hause komme, sorge ich für einen großen Weihnachtsbaum. Es ist Zeit,
-sich nach einem umzusehen. In den letzten paar Tagen vor dem Festabend
-steigen sie im Preise. -- Diesmal müssen wir das Allerschönste haben, was
-es überhaupt gibt.«
-
-Beide Mädchen sahen einander unwillkürlich, wie auf Verabredung, an.
-
-»Einen Baum --?« fragte Sophie und stocherte im Fisch auf ihrem Teller.
-
-»Ja, sicherlich. Etwa nicht? Warum denn nicht, ihr Kinder?«
-
-»Wir haben doch voriges Jahr auch keinen gehabt.«
-
-»Nein. Das lag jedoch an Zufällen. Wir konnten nicht gut anders, als
-bei Tante Ottilie sein. Und dann waren wir ja auch so traurig getrennt und
-verwaist, ohne unsre Cita.«
-
-Cita warf einen dankbaren Blick auf die Mutter.
-
-»Natürlich können wir gern einen Baum haben, -- warum denn nicht,
-Sophie?« bemerkte sie; »wenn Ma es doch gern sieht, wollen wir jedenfalls
-einen haben, -- den allerschönsten. -- Aber -- -- was werden wir mit dem
-Baum nur anfangen, Ma? Eigentlich gehören Kinder mit dazu.«
-
-Die Mutter lächelte fein.
-
-»Laß uns einen Abend lang Kinder sein, Liebste. Da wir zusammen sind,
-haben wir reichen Grund dazu, -- haben wir reich beschert bekommen.«
-
-Cita schwieg. Sophie sagte für sie: »Ich weiß schon, wie es Cita meint.
-Alle Welt will ja gern sich wie ein Kind fühlen. So ganz unbefangen
-fröhlich sein. Aber, wenn man es absichtlich versucht, so gelingt es nie
-recht. Man _ist_ eben doch kein Kind. Man kann nicht ungezwungen so thun,
--- es wird so gezwungen --«
-
-»Das ist auch ganz natürlich,« fiel Cita, mit Fischessen beschäftigt,
-ein, »denn man kann doch eben nicht ganz den schweren, den wirklichen
-Ernst des Lebens vergessen. Man drängt ihn nur für einen Abend lang in
-den Hintergrund. Ja, _das_ kann man, künstlich. Aber dahinter, -- da steht
-er doch immer da --.« Sie war voll Eifer, mehr darüber zu sagen, indessen
-eine Gräte kam ihr dazwischen.
-
-Beinah entschlüpfte es der Mutter: »-- Huh --! ihr Kinder! Macht ihr euch
-denn wirklich schon das Leben zum ›bösen Mann‹ im Hintergrunde von
-allem? Ist euch denn wirklich stets so schaudererregend ernsthaft zu
-Mute --?«
-
-Aber sie sprach das nicht aus. Sie fürchtete, die Mädchen könnten
-argwöhnen, sie habe dabei insgeheim auf dem Grunde der Seele ein Lächeln
-über sie beide.
-
-Und sie fürchtete auch, die Mädchen könnten sie für entsetzlich
-oberflächlich halten. Das letztere war sogar das Wahrscheinlichere --.
-
-Sie sah ihre beiden Ernsthaften mit einem tiefen Blick voll Güte an.
-
-»Aber nun wollen wir dennoch, während wir vor unsern Tellern sitzen, uns
-bemühen, so zu thun, als ob das Leben ganz annehmbar wäre, -- was meint
-ihr? Aus hygienischen Rücksichten!« schlug sie munter vor, und das
-Lächeln vom verborgenen Seelengrunde kam ganz leise herauf und spielte
-verhalten um ihren Mund.
-
-Das Fischgericht war hinausgetragen worden, und sie saßen beim Obst, als
-ein unerwarteter Besuch hereinkam.
-
-»Ach, Ottilie, du! Wie lieb von dir. Du bekommst auch gleich dein
-Schälchen Kaffee, -- starken,« sagte die Mutter.
-
-»Nur auf einen Sprung! Ich war grade in eurer Nähe,« entgegnete ihre
-Schwester und begrüßte sie, »-- weißt du, man trifft dich ja eigentlich
-nie, sonst käm ich nicht so selten.«
-
-Ein ganzer Strom von Winterluft wehte mit ihr ins Zimmer. Hut und
-Handschuhe hatte sie garnicht abgelegt.
-
-Sophie schob den Stuhl aus der Fensterecke, der als Lehne das Joch besaß,
-an den Tisch heran, denn auf den kurzbeinigen Schemeln saß ihre Tante
-höchst ungern.
-
-»Danke,« bemerkte diese und nickte ihr zu, während sie Platz nahm,
-»-- es ist wirklich euer einziger Stuhl, -- wenigstens hat er einen
-Rücken, wenn man sich auch halb wie ein Pferd dabei vorkommt. -- Nun, das
-macht nichts. Traulich ist es doch bei euch, wie jedesmal.«
-
-Sie sagte es mit einer Art von liebevollem Neid. Traulich war es wirklich,
-und eine solche heitre Wärme, von irgend woher, über allem --.
-
-Saß doch Marianne, in ihrem tiefroten Hausanzug, der sie nirgends beengte,
-und doch seltsam schmückte, da wie ein Bild der Ruhe und des Genusses. Die
-feierte in Wahrheit Feierabend. Sie saß da und atmete mit jedem Atemzuge
-Ruhe und Genuß aus, wie den Duft unsichtbarer Blumen.
-
-»Gott, ja, du hast es gut! Wenn ich jetzt nach Hause komme, muß ich den
-Andrjuscha erst noch zu Bett bringen. Wobei er neuerdings schreit.«
-
-»Besorgt denn nicht das alles eure Kindsfrau, Tante Ottilie?« fragte Cita
-und schälte der Tante eine Orange.
-
-»Ich verlasse mich nicht gern auf sie, -- ich muß immer alles selbst
-thun. Aber übrigens wär es zu undankbar, wenn ich klagen wollte. Nein,
-das sind ja so süße Pflichten. Man reibt sich gern für sie auf. Man ist
-für sie auf der Welt.«
-
-»Du bist auch eine der gewissenhaftesten Mütter, die es gibt,«
-bestätigte die Mutter. »Und solche haben stets zu thun, selbst bei
-ausgiebigster Hilfe, -- können eigentlich nie sagen: nun ruh ich mich
-aus.«
-
-»Ja, siehst du: so, ganz so ist es, das behaupte ich immer!« rief ihre
-Schwester, ordentlich lebhaft, und lockerte ihre Hutbänder.
-
-Bis unter den Hut lag ihr dunkelblondes Haar glatt von der Stirn
-zurückgestrichen, volles weiches Haar wie Mariannens, jedoch stärker
-ergraut als bei dieser, obwohl Ottilie um ein Jahr jünger war.
-
-Marianne löschte zerstreut die kleine Spiritusflamme unter dem
-Kaffeekocher aus und füllte die flachen Täßchen. Ihre Gedanken
-schweiften unwillkürlich weit zurück in eine Zeit, wo auch sie noch ihre
-Kleinen zu Bett zu bringen, zu baden, zu füttern, zu besorgen hatte --.
-
-Solch kleiner Nachwuchs, wie ihn Ottilie zu eigen besaß, das war doch
-etwas Köstliches. Köstlich das Heranwachsen, aber köstlich auch die
-Kleinen -- --.
-
-»Mein Mann reist nächstens nach Petersburg,« sagte die Schwester,
-»-- natürlich kein Gedanke, daß ich ihn begleiten kann. Nun, damit find
-ich mich schon ab. Bis meine Inotschka ganz erwachsen ist, ist es für mich
-überhaupt nichts mit geselligen Freuden. Aber ihr wünschte ich wohl, daß
-sie nicht nur Moskauer Kaufmannskreise kennen lernt.«
-
-Sophie rief: »Ach, inwiefern soll es dort besser sein? Ich habe
-Moskau gern. In Petersburg ist man weder im Auslande, noch in Rußland.
-Schrecklich lange Straßen, und was für ein Nebel --!«
-
-»Tante Ottilie hat ganz recht,« bemerkte Cita, »dort ist man wenigstens
-in Europa! Man weiß wenigstens ungefähr, welches Jahrhundert man
-eigentlich schreibt, während hier --«
-
-Tante Ottilie nickte.
-
-»Ja, man merkt es an allem: nicht nur, wenn man geistige Bedürfnisse hat,
-sondern auch wenn man einen modernen Kleiderstoff kauft,« bestätigte sie,
-»dort ist alles: die Newa, der Hof, alles Offizielle und überhaupt alles,
-was gilt. Wir sind hier wie zurückgeblieben. Die Russen haben überhaupt
-was Zurückgebliebenes.«
-
-»Gar nicht alle. Etwa Tomasow?« meinte Sophie.
-
-Cita mußte lachen.
-
-»Nein, der ist aber auch wirklich der einzige!« gab sie zu. »Wirklich
-der einzige, auf den ich mich freute. Ein Glück, daß der unser liebster,
-nächster Freund ist.«
-
-»Nun, nun! Von Haus aus doch einfach euer Arzt,« dämpfte die Tante, aber
-Sophie unterbrach sie lebhaft: »Ach, da bist du aber schief gewickelt!
-Wenn wir gesund sind, brauchen wir ihn noch viel mehr, nicht wahr, Ma?«
-
-Die Mutter blickte auf.
-
-»Sprecht ihr von Tomasow? Ja, lieber Himmel, was sollten wir ohne ihn wohl
-anstellen?«
-
-Ihre Schwester warf ihr einen zurückhaltenden Blick zu.
-
-»Aber, liebste Marianne! Das heißt doch wohl ein wenig übertreiben.«
-
-Ma sagte sanft: »Nein, es ist kaum übertrieben. Das kann nur ich allein
-beurteilen. Es ist ja so alte, uralt gefestete Freundschaft. Sie stammt aus
-der allerersten Zeit meines Zurückkehrens hierher. Die Kinder waren damals
-sechs und sieben Jahr alt. Zähl selbst.«
-
-»Ach ja, Marianne, das weiß ich. Aber das Wichtigste ist ja doch gewesen,
-daß er dir als Arzt aushalf. Daß er dir half, dein Leben genau zu regeln.
-Damals, als du dich gleich so schrecklich überanstrengtest. Und wenn er
-dir dann vielleicht auch noch manche gute Beziehungen verschafft hat --«
-
-Ma machte eine leise abwehrende Handbewegung.
-
-»Laß das,« bat sie, »was du da nennst, ist das ganz Aeußerliche. Und
-über das andre kann ich nicht sprechen. Nicht, ohne es zu profanieren.«
-
-Tante Ottilie hatte ihr allerverschlossenstes Gesicht.
-
-»Wirklich, Marianne, ich begreife manchmal gar nicht, wie du nur sprichst!
-Du, die so ungeheuer selbständig ihr Leben in die Hand genommen hat, --
-die sich mit solcher Energie und aus eigner Kraft behauptet hat, -- wie
-sprichst du mitunter nur? Ganz wie irgend eine kleine unselbständige Frau,
-die andern alles verdankt, und der andre zu allem verhalfen. Nun, weißt
-du, _wenn_ das so ist --«
-
-»-- Es ist so,« sagte Ma lächelnd.
-
-»Ja, dann muß ich dir sagen: dann braucht sich auch unsereins neben dir
-gar nicht so gering vorzukommen, denn schließlich: unser Stück Arbeit
-thun wir auch im Leben.«
-
-»Ja gewiß, du Liebe!« meinte Marianne, und sie lachte.
-
-»Aber wir schwärmen nun einmal für Doktor Tomasow,« erklärte Sophie,
-im Drang, ihre Tante zu bekehren, »er ist ganz außerordentlich gescheit,
-mußt du wissen.«
-
-»Ja, das ist er,« bestätigte Cita nachdrücklich.
-
-»Das ist noch eine recht zweifelhafte Tugend,« meinte die Tante etwas
-kühl, »aber für euch Kindsköpfe, die ihr es in dem Punkt noch seid,
-braucht ja wohl ein Mensch nur gelehrt oder gescheit zu sein, damit ihr ihn
-in einer Weise anbetet -- --!« Sie hob die Augen ironisch zur Zimmerdecke.
-
-Cita stand brüsk auf.
-
-»Du kannst mir einfach leid thun, Tante Ottilie!« äußerte sie mit
-einem vielsagenden Achselzucken, das nicht eben artig ausfiel. Und sich
-demonstrativ abwendend, horchte sie hinaus, wo es grade geschellt hatte.
-
-Ihre Tante war dunkelrot geworden, doch hielt sie an sich, nur ihre Augen
-zeigten einen erhöhten, stählernen Glanz.
-
-Sie sah über Cita hinweg auffordernd auf deren Mutter.
-
-»-- Ja, -- ich weiß wirklich nicht, Marianne, -- gestatten deine
-Erziehungsgrundsätze diesen Ton --?« bemerkte sie fragend, und ihre
-Haltung wurde gemessner.
-
-Aber in diesem Augenblick hatte auch Marianne nach dem Vorflur
-hingelauscht.
-
-Man hörte, daß die Wohnungsthür wieder geschlossen wurde, eine halblaute
-Frage, ein Räuspern --
-
-»Das ist Doktor Tomasow!« rief Sophie.
-
-Sie lief hinaus.
-
-Tante Ottilie hatte sich bereits von ihrem Pferdejochstuhl erhoben.
-
-»Aber liebe Ottilie! Du wirst doch nicht deshalb fortgehn --?«
-
-»Gewiß nicht, meine gute Marianne; du vergißt nur, daß ich bloß auf
-einen Sprung kam und eilig bin, -- auf ein andermal also,« sagte die
-Schwester etwas gezwungen und verabschiedete sich kaum merklich von Cita.
-
-»Nun, wie du willst. Komm, laß uns durchs Wohnzimmer hinausgehn, --
-sieh, da könnten wir so gut plaudern, denn die Kinder, die schleppen jetzt
-unsern Doktor in den ›Spalt‹ hinein; ich wette, sie gießen ihm noch
-den kalten Kaffeerest ein.«
-
-Den Arm um Ottiliens Schulter, ging Marianne langsam durch das Wohnzimmer,
-das nur durch eine Lampe mit dunkelgrüner Glaskuppel vom Schreibtisch her
-erhellt war. Die Thür zum »Spalt« hatte sie zugedrückt.
-
-»-- Nun --? Stört dich der Doktor hier nicht mehr?«
-
-»Ach, an den dachte ich eben wahrhaftig nicht! Was mich drückt und
-erstaunt, ist etwas ganz andres --;« Ottilie blieb mitten im Zimmer stehn,
-und die Schwester groß anblickend, fügte sie mit betonter Langsamkeit
-hinzu: »Du läßt dir deine Töchter über den Kopf wachsen, meine arme
-Marianne.«
-
-Marianne lachte leise und schelmisch, sie ergriff die Schwester am Arm und
-schüttelte sie in heiterm Zorn: »O du Böse, -- du Böse! Kannst du denn
-nicht dem Mädel ein unachtsames Wort vergessen? Gewiß, sie hätt es nicht
-so sagen sollen. Aber treffen und verwunden kann unsereinen doch nicht
-dieser kleine schwache Pfeil --? Ein Pfeil aus solchen jugendlich heftigen,
-jugendlich übereifrigen Händen?«
-
-»Du hättest es aber rügen müssen. Darum allein handelt es sich nur.«
-
-»Rügen -- sofort? Vor dir? Meine einundzwanzigjährige Tochter um einer
-Bagatelle willen vor euch demütigen? Nein, wie magst du das nur sagen,
-Ottilie! Du mußt auch nicht vergessen, daß Cita längst --«
-
-»Längst im Auslande studiert! Ja ja, das weiß ich! Das ist grade das
-Unglück. Und ist sie erst ›Doktor‹, -- mein Himmel, dann darf sie wohl
-vollends thun, was ihr beliebt,« fiel ihr Ottilie nervös ins Wort.
-
-Marianne schüttelte verneinend den Kopf.
-
-»Ich meinte jetzt eben nicht grade: weil sie im Auslande studiert. Ich
-meinte nur: weil sie in so vielen Beziehungen schon fest und tüchtig
-dasteht und jedes Vertrauens würdig, wie ein reifer Mensch,« sagte sie
-warm und mit ruhigem Stolz.
-
-Ihre Schwester seufzte. Sie band die Hutbänder zu und wandte sich zum
-Gehn.
-
-»Fruchtlos, mit dir zu streiten, Marianne. Wir einigen uns doch nicht.
-Ich sehe den Fehler zu deutlich: du gehst immer zu weit in allem, -- das
-thatest du immer. Alles packst du mit solch innrer Leidenschaft an, gibst
-dich so ganz dran! Es war auch mit deiner Ehe nicht anders, glaub ich, --«
-
-»Da glaubst du recht!« antwortete Marianne sehr leise, und in ihre Augen
-trat ein dunkles Leuchten.
-
-»Und die Folge?! Nun, ich will nicht drüber sprechen. Aber daß du so
-ganz zerbrochen am Boden lagst, -- diese gräßliche Zeit. Man kann das
-doch nicht einfach Witwentrauer nennen --. Und jetzt mit deinen Töchtern.
-Sie gehn dir buchstäblich über alles. Sind dir dein ganzes Mark und
-Blut.«
-
-»Ja, Ottilie. So ist es. Soll es denn nicht so sein?«
-
-Ottilie hatte schon den Griff der Thür nach dem Vorflur gefaßt. Sie ließ
-ihn noch einmal los, wandte sich der Schwester voll zu und sagte halblaut:
-»Nein! Nein, -- siehst du, das ist es eben: es soll nicht so sein.
-Man muß die Dinge nicht so bis auf den Grund auskosten. Man muß sich
-zurückhalten, sonst ist man verloren. Sonst verliert man jeden Halt.«
-
-»O du! Das wäre eine traurige Lehre! Man lebt ja nicht, es sei denn, um
-sich hinzugeben. Man lebt ja nur soviel, als man liebt.«
-
-Marianne sagte es inbrünstig.
-
-Hinter der Thür zum Spalt hörte man Scherzen und Lachen. Ein
-Durcheinanderreden von Russisch und Deutsch.
-
-Ottilie entgegnete mit gesenkter Stimme und einem Anflug von Bitterkeit:
-»Das ist kein Ding wert. -- -- Und wer sich dermaßen ausgibt, verflacht
-mit der Zeit. Was behält er dann noch Unangetastetes, Eignes? -- -- Aber
-geh jetzt, bitte, zu den andern hinein. Sie warten drinnen auf dich.«
-
-»Sie warten nicht. Ich gebe dir deinen Pelz um,« bemerkte Marianne und
-geleitete die Schwester hinaus. In ihren Gedanken weilte sie jedoch noch
-beim Gespräch. Sie hätte rufen mögen: »Ein Ding ists wert: die
-Kinder! Warum sie nur erziehen? Warum nicht von Grund aus sich freuen und
-jubilieren über sie? Frage deine Tochter! -- sie hätt es bei mir seliger
-als bei dir --.«
-
-»Grüße mir Inotschka!« sagte sie nur.
-
-»Die wird nur rot, wenn ich ihr das bestelle. Ueber alles wird sie rot.
-Es ist wirklich schon fast ihre einzige Sprache, -- und dabei kann sie drei
-Sprachen so gut. -- -- Willst du nicht vielleicht morgen abend den Thee
-bei uns nehmen, wenn du vom Unterricht kommst? Du hast es schon lange nicht
-gethan. Wir sehen uns wahrhaftig fast nur, weil du Montag Nachmittags mit
-Nikolai lernst.«
-
-»Ja, ich will kommen,« meinte Marianne. »Am Sonntag kann ich ja
-ausschlafen.«
-
-Sie küßten sich, und Ottilie ging.
-
-Nachdenklich blieb Marianne im Vorflur stehn. Sie blickte zu Boden, als
-suche sie etwas. Sie suchte, sich in ihrem Innern auf etwas zu besinnen.
-
-Wie sagte doch Ottilie? »Sonst verflacht man mit der Zeit.« Es gab Leute,
-die hielten Ottilie für »tief«. Das war es also. Sie gab sich nicht aus,
-lebte einfach mit Dreivierteln ihrer selbst, -- vielleicht nicht einmal
-damit --.
-
-Aber war es denn immer so gewesen? Nein, sicher nicht. Einst, als Kinder,
-hatten sie einander viel stärker geglichen als jetzt, hatten gemeinsam und
-gleich empfunden. Erst viel später mußte die Schwester ihr Temperament
-außer Gebrauch gesetzt haben, -- es beiseite gelassen, -- es
-»reserviert« haben --, wofür? Und wie, in aller Welt, machte man
-das? -- --
-
-Marianne war ins Wohnzimmer zurückgegangen und setzte sich vor das
-geöffnete Pianino, worauf Sophiens Geige lag.
-
-Zerstreut, ganz leise schlug sie ein paar Töne an.
-
-Sie dachte an Inotschka. Ach, der würde sie sich auch gern hingegeben
-haben. Die würde sie gern zu ihren Schülerinnen gezählt haben.
-
-Aber sie fühlte selbst, daß es nicht anging. Auch wider Wissen und
-Wollen hätte sie jeden Augenblick ihren Einfluß dem der Eltern
-entgegengerichtet.
-
-Inotschka, halberwachsen, noch mager, mit ihren allzu ernsthaften Augen und
-einem so weichen Munde, einem so kußbedürftigen weichen Munde, blieb
-vor ihrer Phantasie stehn, während sie die leisen, dunkeln Töne
-anschlug -- --.
-
-Darüber merkte sie gar nicht, daß sich die Thür zum Spalt öffnete.
-
-Beide Mädchen und Doktor Tomasow drängten sich geräuschlos in den Rahmen
-der Thür.
-
-Und da weckte ein fröhliches Gelächter Marianne aus ihrem Sinnen. Sie
-schaute sich um. Alle drei standen sie da und lachten sie aus.
-
-Sie lachte ohne weiteres mit.
-
-»Kommt nur herein. Tante Ottilie ist fort,« sagte sie.
-
-Vor Tomasow sprach sie stets deutsch, wie mit den Kindern untereinander.
-
-»Ja freilich! Die ist lange fort. Aber was verstecktest du dich denn vor
-uns, Ma? Dürfen wir deine geheimen Gedanken gar nicht wissen, aus denen
-wir dich herausgelacht haben?« fragte Sophie neckend.
-
-»Jawohl. Ich dachte darüber nach, warum ich euch gutwillig mir dermaßen
-über den Kopf wachsen lasse, ihr Kinder,« entgegnete Marianne, und sie
-reichte dem Freunde die Hand zum Willkommen.
-
-Sophie schlug entrüstet die Hände über dem Kopf zusammen, Cita aber
-erkundigte sich interessiert: »-- Nun, -- und das Ergebnis war, Ma --?«
-
-»Es war: Wachset nur, -- wachset!« sagte Marianne lachenden Mundes, und
-ihre Augen strahlten gütig.
-
-Doktor Tomasow blickte unter halb gesenkten Lidern nach ihr hin. Sein
-bartloses Gesicht, das so offen jede Falte und Furche in den Zügen des
-hohen Vierzigers zur Schau trug, war in Bezug auf seine stummen Gedanken
-nicht plauderhaft. Hager, mit slavisch kurzer Nase und energischen
-Kinnlinien, -- dem Grundriß nach ein russisches Barbarengesicht, war
-es vom Leben verarbeitet, vergeistigt, aber im Ausdruck wie verschlossen
-worden. Kurz, dicht und früh ergraut, wellte sich das Haar über der
-freien Stirn fast ganz grade empor.
-
-Die beiden jungen Mädchen mußten ihn gut kennen. Als er sich nicht in ihr
-Scherzgespräch mit der Mutter mischte, blickten sie einander flüchtig
-an und zogen sich dann einmütig in ihr Zimmer zurück, -- in Sophiens
-eigenstes Reich, das, über den Gang hinaus, nach dem Hofe zu lag, und wo
-jetzt Cita wohlgelittener Gast war.
-
-Die Mutter sah ihnen nach, wie sie, nach einigen heiter gewechselten
-Worten, fortgingen: Cita mit ihrem festen, gleichmäßigen Schritt voran,
-und hinter ihr Sophie, die sich noch einmal mit einer graziösen Wendung
-umsah und lächelte.
-
-Als sich die Thür hinter ihnen schloß, hob Marianne ihre Augen zu Doktor
-Tomasow.
-
-»Nicht wahr, die Sophie ist schmal in den Schultern? Sie hustet.«
-
-Er antwortete ruhig: »Das thun wir hier alle mehr oder minder zu dieser
-Jahreszeit. Sie sind mit dem Kinde etwas zu ängstlich, Marianne.«
-
-»Ja, sie erinnert mich so an -- --, auch er war zart.«
-
-Und da sie einen zaudernden Ausdruck in Tomasows Gesicht wahrzunehmen
-wähnte, trat sie ganz dicht auf ihn zu.
-
-»Tomasow! Wenn -- nein, wenn --, Sie dürfen mir nie etwas verschweigen,
-nie --.«
-
-Und sie erblaßte plötzlich.
-
-»Aber! Aber!« sagte er mit seiner überredenden eindringlichen Stimme und
-nahm ihre Hände, wie die eines Kindes, in die seinen. »Verbieten Sie
-ganz harmlosen Dingen, mit Ihnen gleich so durchzugehn, wie wildgewordene
-Pferde. -- -- Ganz kalte Hände haben Sie auf einmal bekommen. Kälteres
-Blut wäre besser. -- -- Also: Sophie ist absolut gesund. Ich bürge Ihnen
-dafür. Die Aehnlichkeit, die Sie da eben andeuteten, beschränkt sich auf
-die zarte Hautpigmentierung, die mit so blondem Typus zusammengeht, --
-sie garantiert Sophie auf lange hinaus einen blendenden Teint, bei etwas
-Pflege. Nun, hübsch genug ist sie schon jetzt, dächt ich. Ein liebes,
-gutes, schönes Kind haben Sie an ihr, Marianne.«
-
-Sie hörte ihm aufmerksam zu, unendlichen Glauben in den Augen.
-
-Seine Gestalt, obwohl in den breiten Schultern unmerklich geneigt,
-überragte sie um ein gutes Stück. Sie erschien nicht mehr mittelgroß,
-sondern fast klein, und wenn sie beim Sprechen die Augen so zu ihm
-heben mußte, konnte man den Altersunterschied zwischen ihnen für
-beträchtlicher nehmen, als er in Wirklichkeit war.
-
-»Aber gut ist es für Sophie, daß sie bei mir ist, und ich für sie
-sorgen kann, bis in jede Geringfügigkeit, -- das finden Sie auch? Cita ist
-ja so vortrefflich aufgehoben in der Familie, bei der sie in Berlin wohnt,
--- ich korrespondiere ja auch mit den Leuten, -- und doch, -- für Sophie
-wäre das nichts --.«
-
-Sie sah ihn dabei fragend an.
-
-Tomasow zuckte die Achseln.
-
-»Natürlich würde sie es nirgends in der Welt auch nur annähernd so gut
-haben, wie bei ihrer Mutter. Indessen, das ist doch selbstverständlich.
-Warum fragen Sie erst danach?«
-
-»Ich weiß es nicht,« murmelte Marianne; »ich weiß nicht, warum sie
-mein Angstkind ist. In meiner Liebe zu ihr ist so viel Angst --. Darum muß
-ich manchmal von Ihnen hören, daß sie Ihnen keine Sorge macht.«
-
-»Nein. Die machen höchstens Sie mir von Zeit zu Zeit, kleine Ma,« sagte
-er mit leisem, fast nachsichtigem Lächeln und gab ihre Hand frei.
-
-Er nannte sie gar zu gern mit diesem Namensstummel, der daraus entstanden
-war, daß sich die Kinder in der Kindheit bisweilen herausgenommen hatten,
-die Mutter wie einen guten Kameraden »Marianne« zu titulieren, was
-Tomasow schon damals äußerst bezeichnend fand. Hin und wieder ließ
-jedoch das Erstaunen andrer sie mitten in diesem Unternehmen stecken
-bleiben. Zuletzt blieb von Mariannens Namen nur das übrig, was ein guter
-Wille auch als Anlauf zu dem Wort »Mama« nehmen konnte.
-
-»Und die Einzigkeit der Silbe paßt zu ihr,« dachte Tomasow bei sich,
-»-- dieser einzige Ton als Name, -- es ist, wie wenn man etwas nur eben
-intonierte, was man nicht ganz nennen will, noch auch äußern kann. Weit,
-weit hinter dem einzelnen Ton ruht und klingt das Ganze --.«
-
-Marianne war zum Schreibtisch getreten und schraubte die Lampe höher.
-
-»Stehn Sie mir da noch immer im Rücken? Das ist ja unheimlich,« sagte
-sie, den Kopf nach Tomasow zurückwendend, und dann ließ sie sich müde
-vor dem Schreibtisch in dem alten Luthersessel nieder, der noch von ihrem
-Vater, dem Schuldirektor, stammte.
-
-Tomasow zog sich den langen Schaukelstuhl neben der Blattpflanzengruppe ein
-wenig näher zu ihr heran.
-
-Er nahm von den Zigaretten, die Marianne ihm anbot, und zündete sich
-schweigend eine an.
-
-»Ich glaube, speziell dafür bin ich am Ende auch das letzte Mal vom
-Auslande wieder heimgekehrt, ein so schauderhafter Kosmopolit ich auch
-schon zu werden drohte,« bemerkte er dann.
-
-»Wofür? Für die Plauderecke?«
-
-»Es ist nicht einmal eine Plauderecke, streng genommen, denn wir sind
-oft ziemlich wenig redselig, besonders wenn Sie abends müde sind oder gar
-anfangen, Notizen in Ihre schrecklichen blauen Schulhefte zu machen.«
-
-Marianne lehnte sich zurück und kehrte ihm das Gesicht zu. Sie sagte
-lächelnd: »Nun, dann sitzen Sie eben und freuen sich drüber, wie
-unendlich brav und artig ich bin. Denn das muß ja doch eine Freude für
-Sie sein! Wer hat mich denn gelehrt, diese Schulheftexistenz auszuhalten.«
-
-»Ich etwa?!« Tomasow machte eine ungläubige Miene. »Ich habe Ihnen
-wohl im Gegenteil alle Schwierigkeiten und Schrecknisse einer solchen
-klarzumachen gesucht, als Sie sich in den greulichen Kampf stürzten.«
-
-»Ja. Und mich dadurch für ihn gewappnet, -- mich dadurch gelehrt, nicht
-gleich beim ersten Ermatten zu erliegen. Ich wußte so bestimmt: Sie stehn
-da und helfen mir immer wieder auf, -- ach, das war ein gutes Gefühl,
-glauben Sie mir.«
-
-Tomasow rauchte schweigend.
-
-Ganz so war es wohl nicht. Er hatte in Wirklichkeit ihren Kräften nicht
-den Existenzkampf zugetraut, den sie so löwenmutig für sich und ihre
-Kleinen vollbracht hatte. Nein, ursprünglich hatte er ganz und gar nicht
-annehmen können, daß sie einem derartigen Leben gewachsen sei.
-
-Er half ihr damals mit seinem Rat und Beistand gleichsam nur so vorläufig.
-Er half ihr, um ihr nah bleiben zu können.
-
-Jedoch dann -- später -- wenn sie doch am Ende ihrer Kräfte sein würde,
-die sie bis zum Zersprengtwerden anspannte, -- ja, damals dachte er sich
-dann ein ganz andres Ende. Ein völlig andres --.
-
-Fast ohne daß er es wußte, fixierte Tomasows Blick bei dieser Erinnerung
-den geschlossnen Olivenholzrahmen, der in der Mitte des Schreibtisches
-stand.
-
-Marianne war der Richtung seines Blickes gefolgt.
-
-»Darf ich?« fragte er.
-
-Sie streckte, ohne zu antworten, die Hand aus, nahm den Rahmen vom Tisch
-und reichte das ihm wohlbekannte Bild herüber.
-
-Er schaute aufmerksam auf das junge beseelte Gesicht im Rahmen, -- ein
-bartloses Jünglingsgesicht. Eine Aehnlichkeit mit Sophie war in der That
-unverkennbar, nur nicht in der Kühnheit der Stirn und des Kinnes.
-
-Aber etwas so Zartes lag über dem Ganzen --.
-
-Tomasow bückte sich tiefer über das Bild und bemerkte: »Wenn ich mir
-vorstelle, wie Sie damals ausgesehen haben müssen, -- und wie dieses hier
-aussieht, -- so kommt mir leicht das Gefühl: sieh da, zwei Kinder, die man
-schützen möchte.«
-
-Sie lächelte unmerklich.
-
-»Wir brauchten keinen Schutz. Gegen nichts. Wir hatten ja einander.«
-
-»Zugegeben. Aber wer von Ihnen schützte wen?«
-
-»Jeder den andern. -- Ach, es ist nur eins nicht zu fassen: daß der eine
-zurückbleibt, wenn der andre geht. Wie mag denn das nur möglich sein?
--- -- Arme Menschen, daß es so ist.«
-
-Er erhob sich, um das Bild auf den Schreibtisch zurückzustellen.
-
-»Keine solchen Worte, Marianne! Keine solchen Aufwallungen, auch nicht
-für Sekunden! Sie haben an sich selbst erfahren, daß das Leben immer
-wieder neu keimt.«
-
-»Ja, das Leben: das heißt meine Kinder.«
-
-Tomasow nahm wieder Platz im Schaukelstuhl. Nach einer Pause, in der er
-schweigend vor sich hinrauchte, sagte er langsam: »Mir hat es doch immer
-scheinen wollen, als ob in Ihnen ein starkes Bedürfnis ist nach einer
-Ueberlegenheit neben Ihnen, -- nach jemand, zu dem Sie aufblicken. Sie
-haben so viel vom Kinde irgendwo in sich, Marianne. -- Daher kann ich
-Sie mir vielleicht so schwer an der Seite -- an ›seiner‹ Seite
-vorstellen.«
-
-Sie lehnte in ihren Stuhl tief hineingeschmiegt und starrte wie gebannt auf
-den Rahmen. Auf ihren Wangen lag ein leichtes Rot.
-
-»O über uns beiden war ja so viel -- über uns beiden!« sagte sie
-mit halber Stimme. »Wozu noch eine andre Ueberlegenheit? Wir wandelten,
-ineinander geschlungen, gemeinsam unter so hohen Träumen, so hohen Zielen
-entgegen. Und ich meine immer: was wir da lebten, nur das ist Leben. Von
-allen Seiten wölbte es sich um uns wie ein Himmel, dem gaben wir uns
-anheim. Und so war uns jede Krume Erde eine Heimat.«
-
-Tomasow dachte wieder: »Wie zwei Kinder.« Doch erwiderte er nichts.
-
-Aber Marianne wendete ihm den Kopf zu, und plötzlich streckte sie ihm
-die Hand entgegen: »Sie urteilen nach später,« bemerkte sie, »ja, da
-brauchte ich allerdings jemand über mir, brauchte Rat und Hilfe und Halt.
--- Einen Halt in der vollkommnen Heimatlosigkeit, eine Orientierung in der
-vollkommnen Fremde. -- -- Da brauchte ich _Sie_. Ich konnte nicht allein
-sein, so ganz allein im Finstern. -- Und ich denke auch jetzt oft:
-meinetwegen das Allerbitterste überwinden, wenn nur eine warme menschliche
-Stimme dazu überredet, es befiehlt, anbefiehlt. -- Ich weiß nicht, ob
-alle Frauenherzen so schwach sind. Ich bin es.«
-
-Er hatte ihre Hand entgegengenommen und hielt sie, darauf niederblickend,
-einen Augenblick in der seinen. Ganz leicht strich er mit den Fingern über
-ihren Handrücken hin, der ein wenig rauh geworden war vom Wind und der
-Kälte dieser Wochen, die Marianne unausgesetzt auf die Straße trieben.
-
-Er wußte, daß sie einen nervösen Widerwillen gegen rauhe, gerötete
-Hände oder aufgesprungene Lippen besaß. Als sie jung und glücklich war,
-da mußte sie sich gewiß, selbst unter schmalen äußern Verhältnissen,
-mit Entzücken gepflegt haben, wie ein schöner Mensch vor einem Fest.
-
-Tomasow ließ Mariannens Hand sinken und stand auf.
-
-»Was ist Ihnen denn? Sie wollen doch nicht schon gehn? Warten Sie noch ein
-wenig, und am besten: bleiben Sie zum Thee,« schlug Marianne vor, »Sophie
-wollte Ihnen so gern ihre Fortschritte im Geigenspiel vorführen, -- mögen
-Sie? Dann machen Sie ihr die kleine Freude.«
-
-»Ja, warum nicht?«
-
-Tomasow war ans Fenster getreten und schaute vor sich hin.
-
-Marianne öffnete die Thür nach dem Gang, rief dem Mädchen etwas zu und
-kam dann wieder zu ihm.
-
-»Was schauen Sie denn so unverwandt an?« fragte sie und trat dicht an ihn
-heran.
-
-Er zuckte die Achseln.
-
-»Ich betrachte mir nur, was da in Reih und Glied zwischen den
-Doppelscheiben im Fenster aufgestellt ist,« entgegnete er und deutete auf
-eine Anzahl verdeckter Glasbehälter, »wie Soldaten mit Papierhelmen auf
-dem Kopf. Finden Sie diese Dinger nicht häßlich?«
-
-»Sie sind nur häßlich, bis sie blühen. Dann kommen sie ins Zimmer,
-und die Papierkappen kommen fort. Und dann sind es Hyazinthen!« sagte sie
-tröstend, mit einem Lächeln.
-
-Aber Tomasow war verstimmt.
-
-»Hyazinthen? Wozu denn? Mögen Sie etwa diesen allzusüßen Duft? Es sind
-doch nicht am Ende gar Ihre Lieblingsblumen, Marianne?«
-
-»Lieblingsblumen? -- Rosen hab ich schon lieber, -- und am liebsten,
-wissen Sie was? -- am liebsten besäße ich ein ganzes Treibhaus und einen
-Wintergarten dazu!« meinte sie schelmisch. »Solche Hyazinthe unter ihrer
-Papierkappe ist nun eben mein Treibhaus. Man muß sie nicht allzudicht
-unter die Nase halten, sondern die Gläser im Zimmer gut verteilen, dann
-geht es schon. -- Frühling und Duft ist es ja doch! Und ganz ohne die
-beiden mag ich so wenig sein, wie ganz ohne Musik.«
-
-»Wegen der Hyazinthen werden ja hier die Doppelscheiben im Winter nicht
-eingeklebt, wie die übrigen,« bemerkte Sophie, die hereingekommen war und
-nach ihrer Geige suchte.
-
-Tomasow zündete sich eine frische Zigarette an und setzte sich in der
-Nähe des Fensters nieder. Er betrachtete Marianne.
-
-»Wie viel Genußfreudigkeit ist doch in ihr. Selbst jetzt noch!« dachte
-er. »Unausgegeben, aufgestaut! Köstlich müßte es sein, das zu lösen,
-zu befreien. Selbst jetzt noch.«
-
-Sie saß wieder auf ihrem frühern Platz, den Kopf ein wenig geneigt.
-Während sie darauf wartete, daß Sophie die Kerzen am Notenpult anzünden
-und beginnen sollte, schien sie vor sich hinzuträumen, -- vielleicht in
-Gedanken, die das kurze Gespräch mit Tomasow über ihr Eheglück vorhin in
-ihr geweckt haben mochte. So kam es ihm vor.
-
-Etwas sehr Sanftes lag über ihren Zügen, ein Abglanz, wie aus der Jugend.
-Für die Mutter der beiden großen Mädchen hätte man sie in diesem
-Augenblick kaum gehalten.
-
-Cita war leise eingetreten und stand noch an der Gangthür, um die ersten
-Geigentöne nicht zu stören. Auch sie schaute zu Marianne hinüber, und
-dabei kam auch ihr in den Sinn, wie schön ihre Mutter sei, -- wie so sanft
-und schön sie doch jetzt eben aussehe.
-
-Es berührte sie mit einem warmen kindlichen Stolz. Ihre dunkeln Augen
-erglänzten vor Freude.
-
-In einer Pause des Spiels trat sie von hinten an Mariannens Stuhl heran.
-Und mit einer ihrer spontanen, unvermittelten Bewegungen umschlang sie die
-Mutter und küßte sie in den geneigten Nacken.
-
-Dabei kehrte sich Cita halb gegen Tomasow, dessen Blick unverwandt auf
-ihrer Mutter ruhte. Cita sah unwillkürlich, mit einem hübschen Ausdruck,
-zu ihm hinüber, als wollte sie, an Marianne geschmiegt, entzückt sagen:
-»Wie lieb und schön sie ist, nicht wahr? Möchte man sie nicht auf dem
-Fleck totküssen?!«
-
-Da verdüsterten sich plötzlich ihre Augen.
-
-Irgend eine unerklärliche Befangenheit überfiel sie. Sie bückte ihren
-Kopf, wie abwehrend, gegen den Kopf der Mutter, und errötete langsam über
-das ganze Gesicht.
-
-Tomasow hörte inzwischen zerstreut dem Geigenspiel zu. Er liebte und
-verstand Musik, musikalisch von Natur, wie fast alle Russen, aber heute war
-ihm nicht nach Sophiens Musik, die noch Nachsicht verlangte.
-
-Ja ja! Daß die Kinder da waren, das hatte Marianne so unzugänglich
-erhalten und so vorzeitig ernst gemacht. Es machte sie bisweilen ergreifend
-schön, dies Ernstsein tief unter aller Heiterkeit, jedoch zu ernst, --
-allzu ernst für ihn --.
-
-Tomasow begegnete bei dieser Erwägung Citas Augen, die ihn forschend
-anzusehen schienen. Sie stand noch an den Stuhl der Mutter gelehnt, als
-schütze sie ihn.
-
-»Wie ein kleiner Polizist!« dachte Tomasow bei sich.
-
-Aber zugleich gestand er sich, daß diese Kinder es allein gewesen waren,
-die einst Marianne die Fähigkeit zum Leben wiedergegeben hatten.
-
-Ursprünglich schien der gewaltsame Schmerz um den toten Gatten auch die
-Mutter in ihr getötet zu haben. Als man sie nach Rußland brachte, --
-mit ihren beiden allerliebsten kleinen Dingern, -- da war sie nicht
-bereitwillig, weiterzuleben. Sie konnte nicht leben. Und in der
-Verwandtschaft begann man, von Geistesstörung zu sprechen und von
-Ueberführung in eine Heilanstalt.
-
-Damals, während dieser ersten furchtbaren Verzweiflungszeit ihres
-Schmerzes, sah Tomasow Marianne zum erstenmal.
-
-Er selbst kam grade verstimmt aus dem Auslande. Nach Jahren anregenden
-Genusses und interessanter Arbeit in Wien und Paris, erschien ihm zu Hause
-alles so schal und abgestanden, so gänzlich regungslos. Und am wenigsten
-spürte er Lust, sich hier wieder dauernd in seine ärztliche Praxis
-einzugewöhnen.
-
-An einem dieser Tage wurde er zu Marianne hineingeführt.
-
-Auf dem Boden ihres Zimmers kauernd, das braune Haar dicht und wirr um ihr
-armes Gesicht, -- das Gesicht eines fassungslos leidenden Kindes, -- ganz
-stumm und sehr abgemagert, denn sie weigerte sich, Nahrung zu sich zu
-nehmen: so sah er sie zum erstenmal.
-
-Was ihn betroffen machte und fesselte, von allem Anfang an, das war die
-Stärke dieses Temperaments, das gegen den Tod anstürmte, ihm innerlich
-fortwährend seine Beute abzujagen schien. Nie, meinte Tomasow, ein
-Gleiches an Seelenkampf geschaut zu haben, -- an Kampf gegen das
-Unentrinnbare, -- wie er jetzt Tag um Tag vor sich sah, seitdem er begonnen
-hatte, Marianne seine ärztliche Pflege zu widmen.
-
-Ihre Verwandten bedauerten sie aufrichtig, aber ihnen war von Beginn an die
-Ehe verrückt vorgekommen. Beide Gatten so blutjung, beide noch kaum reif
-für den großen Jubel und den großen Ernst, den sie vom gemeinsamen Leben
-erwarteten, -- und der junge Künstler noch keineswegs genügend zu Geld
-oder zu Ruhm gelangt, als er um Marianne warb. Daß er auch dazu, wie zu
-allem, eben ihrer Nähe bedurfte, verstanden die vernünftigen Leute
-nicht. Und er durfte sie auch keines Bessern belehren, denn als es ihm eben
-gelingen wollte, mußte er schon sterben.
-
-Das jedoch war wiederum Marianne unfähig zu verstehn, -- nein, nie und
-niemals vermochte sie es zu fassen, daß das Leben wider ihren liebsten
-Menschen sein konnte, daß es ihn sterben lassen, -- ihn im Stich lassen
-konnte.
-
-Auf Tomasows Rat kam Marianne aufs Land. In einem Dorf bei Moskau bezog
-eine alte Verwandte mit ihr ein kleines Landhaus, dicht neben einem
-verwilderten Park gelegen, der zu einer ehemaligen Privatbesitzung
-gehörte.
-
-Es wurde grade Frühling, -- später nordischer Frühling. Unendliche
-Ebenen im ersten Ergrünen, weite knospende Birkenwälder, ein stiller
-baumumstandener See --.
-
-Dort in der Einsamkeit, dort im Frühling, dessen sanfte Schönheit ihr
-bis zu Tode wehe that, und der ihr mit seinem Zauber die Seele blutig riß,
-tobte sich für Marianne das Schwerste rückhaltlos aus.
-
-Sie gesundete vielleicht aus der nämlichen Kraft heraus, aus der sie
-gelitten hatte, -- sie durchkostete ihren Schmerz viel zu stark und
-inbrünstig, um sich nicht eines Tages auch selbst von ihm zu heilen.
-
-Von der Veranda des Landhauses führte ein primitives Holzbrückchen, über
-etwas morastiges Wassergerinsel geschlagen, direkt auf die grasbewachsenen
-Wege des alten Parks. Unzählige Mückenschwärme durchsummten ihn im
-Sommer und hielten beständig einen feinen dunkeln Ton in der Luft fest;
-warm und feucht stieg von den schattigen Wiesen der Duft über üppig
-verwilderten Blumen auf, und hier und da stand eine zusammengebrochene,
-bemooste Steinbank an lichte Birkenstämme gebaut. Hier hinaus fuhr Tomasow
-jeden Tag. Wenn er kam, pflegten ihm die beiden kleinen Mädchen schon
-entgegenzulaufen, Annunciata, die Aeltere, mit muntern großen Sprüngen,
-und die jüngere, Sophie, die immer zu hastig lief und oft über ihre
-eignen kleinen Beine stolperte, bis sie endlich der Länge nach und mit
-bitterm Geschrei bei ihrem Freunde angelangt war.
-
-In der Stadt und in seinen eignen Angelegenheiten beschäftigten Tomasow
-allerlei komplizierte Sorgen: wie er sich zur Heimat stellen, sich in
-ihr einleben werde, und warum ihr noch so vieles abgehe, was in den
-kulturreifern Ländern des Auslandes längst auf der Tagesordnung stand?
-Aber hier in diesem sommerdunkeln Park, bei Marianne und ihren
-Kindern, verblaßte ihm regelmäßig die Wichtigkeit aller Kultur- und
-Geistesfragen. In den Vordergrund trat das Leben in seiner elementarsten,
-seiner einfachsten Bedeutung, -- das Leben angesichts des Todes und die
-Frage, ob es zu ertragen sei. Es kam ihm vor, als müsse das Leben etwas
-Schönes sein, weil er Marianne leise dazu zurückkehren sah, -- ganz leise
-anfangs, indem sie mit den Kindern zu spielen begann.
-
-Noch ehe sie wieder für sie zu sorgen und zu denken wußte, spielte sie
-mit ihnen, als sei sie selbst noch nicht viel mehr, als ein schwaches Kind.
-Und doch hatte sie damit schon die große Frage für sich beantwortet.
-
-Der erste Gedanke, der später ganz von ihr Besitz nahm, war ebenfalls
-naheliegend und primitiv: der Drang, für das tägliche Brot zu arbeiten.
-Für den Augenblick war diese Sorge ihr von andern abgenommen worden, --
-und im Fall der Not versprach man, ihr auch die Kinder abzunehmen.
-
-Sie wollte mit ihnen zusammenbleiben können, sie selbst ernähren können.
-Daran erstarkte sie.
-
-Tomasow erinnerte sich gut des entscheidenden Gespräches darüber, an
-einem unerträglich heißen Sommernachmittag voll Gewitterdrohungen, auf
-einer Bank im Park. Er ging auf alles ein, was Marianne wünschte, froh,
-sie überhaupt schon so weit zu haben, daß ihr starke Wünsche und Sorgen
-kamen. Er erbot sich auch, alle ersten notwendigen Schritte in der Sache zu
-thun.
-
-Da hob Marianne die kleine Sophie auf ihren Schoß und sich zu Cita
-niederbeugend, die sich neugierig horchend an ihr Knie drückte, rief sie
-leise: »Jetzt wird Ma für ihre lieben Kinder schrecklich viel zu thun
-bekommen! Und je mehr sie thut, desto schöner und größer sollen sie ihr
-werden, von Tag zu Tage! Ist das nicht herrlich, ihr Kinder?«
-
-Citas kleine Ohren mochten aus den Worten nur den Klang aufgefaßt haben,
--- einen so ungewohnt freudigen Klang, daß er an etwas ganz Fernes,
-Süßes, schon halb Vergessnes mahnen mußte, was einst durch alle Worte
-der Mutter hindurchgejauchzt hatte, als seien es ebensoviel liebkosende
-Verheißungen.
-
-So klatschte sie stürmisch in die Hände und sprach der Mutter nach:
-»Herrlich, ihr Kinder!«
-
-Und in der schwülen Gewitterluft unter den reglosen Bäumen saß Marianne
-zum erstenmal mit einem Anflug von Lächeln da, wie am Vorabend von
-bessern, festlichern Tagen.
-
-Tomasow aber dachte fast mit Abscheu an das lähmende, entnervende
-Arbeitsleben, das nun vor ihr liegen sollte. Und angesichts dieses
-Lächelns stiegen andre, schönere Möglichkeiten für die Zukunft vor
-seinen Gedanken auf -- --.
-
-»Unterschätzen Sie nur die Schwierigkeiten der Sache auch nicht
-allzusehr!« bemerkte er nach einer Pause mit zögerndem Warnen. »Es ist
-noch nicht sicher, ob Sie so brutalen Anforderungen an Ihre Spannkraft
-gewachsen sind.«
-
-Marianne hob den Kopf und sah ihm mit zversichtlichem Vertrauen ins
-Gesicht. Ihre Hand lag auf Citas Haar.
-
-»Daß ich ihnen nicht gewachsen bin, weiß ich wohl!« sagte sie ruhig.
-»Aber Sie werden mir helfen, über mein bißchen Können hinauszugelangen.
--- -- Wollen Sie mir nicht dazu helfen --?«
-
-»Ich will es gewiß, wenn Sie nicht bei näherm Zusehen selbst davor
-zurückschrecken!«
-
-In Mariannens Augen trat ein Ausdruck wie qualvolle Erinnerung an die
-überstandenen Seelenkämpfe.
-
-Sie murmelte: »Ich schreckte vor allem zurück, -- vor jeder Minute,
-weil sie durchlebt sein wollte, -- und war nicht auch das eine brutale
-Anforderung: -- leben zu sollen --? Ich weiß, daß es mich noch manchmal
-überkommen wird, -- daß ich dann nicht will, nicht kann, -- ich werde
-mich gewiß noch oft vor dem Leben fürchten --.« Sie brach ab, ein
-Schauer ging über sie hin. Dann setzte sie jedoch langsam hinzu: »Deshalb
-muß jemand mir helfen, der meine Furcht und meinen Widerstand bricht, um
-der beiden Kleinen willen.«
-
--- In diesem Augenblick begriff er, wie nah er ihr in der schweren Zeit
-getreten war als der Unbeteiligte, Unbeeinflußte, der sich ihr ärztlich
-und menschlich mit strenger Sachlichkeit gewidmet hatte. Er begriff, wie
-viel sie seiner Hilfe zuschrieb, was zu einem großen Teil die Hilfe ihrer
-eignen Natur gewesen war.
-
-Ihr sollte er helfen, fortan dem Leben gewachsen zu sein, -- dabei aber
-lebte er noch sein eignes Leben in unschlüssigem Zwiespalt --.
-
-Und dennoch: er fing an, daran zu glauben, daß es ihm ihr gegenüber
-gelingen werde. Ein so starker Appell an seine eingreifende, planvolle
-Kraft ging von diesen ruhig vertrauenden Augen aus, -- eine so starke
-Freude an der ihm auferlegten Verantwortung weckten sie in ihm, als
-spannten sich alle Fähigkeiten seiner Seele auf ein Ziel hin.
-
-Und seltsam: gleichzeitig empfand er es noch nie so bitter wie in der
-Stunde, nicht selber zwiespaltlos und einheitlich, mit voller Thatkraft, im
-Boden seiner Heimat zu wurzeln. Hätte er nicht schon als Jüngling, -- in
-jugendlicher Begeisterung zu allem bereit, -- immer nur an die harte, hohe
-Mauer der bestehenden Zustände stoßen müssen; hätte er nicht erst im
-Auslande draußen seine volle Entwicklung finden müssen; hätte er, vom
-Heimweh zurückgezerrt, nicht davon absehen müssen, in seiner Heimat grade
-diejenigen Einsichten und Fortschritte zur Wirksamkeit zu bringen, deren
-sie ganz augenscheinlich am dringendsten bedurfte, -- -- wie ganz anders
-würde sich dann für ihn als Mann, als Mensch, sein Leben zusammengefaßt
-haben! Wie oft würde es einen ähnlich starken, -- und stärkern Appell an
-seine Leistungskraft enthalten haben!
-
-Aber davon sprach er nie zu jemand; in der Fremde sprach er von der Heimat
-nur leise, und dann zärtlich, wie von einem leidenden Kinde, das auch nur
-anzurühren man Fremden schon verwehrt; und daheim konnte er von seinen
-Jahren im Auslande nicht mit dem Accent reden, den sie für ihn besaßen,
-weil hier alle seine Worte unwillkürlich so ausfielen, als sei ihm bloß
-egoistisches Genußleben gewesen, was ihm dort mindestens ebensosehr als
-eifriges und ernstliches Arbeitsdasein vorgekommen war.
-
-Er schwieg deshalb, mißtraute den Menschen, und sie vertrauten ihm nicht
-mehr recht.
-
--- -- Während er im alten, dichten Park auf der Steinbank unter den Birken
-saß, schaute er, in solche Gedanken versunken, auf Marianne hin.
-
-Sie blickte gradeaus über die Wiesengründe in die Ferne, den Kopf
-ein wenig vorgeneigt, die Hände leicht im Schoß gefaltet. Der lose
-aufgesteckte Haarknoten ließ die sanfte Wölbung der Nackenlinie
-wundervoll frei.
-
-Kein einziger Zug bewußter Selbständigkeit in der gesammelten Haltung,
-und doch etwas wie Getrostes --
-
-Es erfüllte ihn mit Erstaunen!
-
-Was ihm auch geschähe: zu allerletzt würde er doch im stande sein, zu
-einem zweiten Menschen so vertrauensvoll aufzublicken, daß er dessen
-seelischer Hilfe sich gläubig anheimgab!
-
-Und bei ihr war das im Wiedererwachen zum Leben das erste, -- das
-Unwillkürliche --.
-
-Das allererste, was sie wiederfand, war eine ruhige, vertrauende
-Gebärde. -- -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-=II.=
-
-
-Draußen herrschte das lustigste Schneetreiben von der Welt.
-
-Den Kutschern und vielleicht auch ihren Gäulen lachte das Herz im Leibe
-drüber, wie leicht heute die Schlitten über den weißblendenden Boden
-dahinflogen, der seit etlichen Tagen einer erneuten Schneelage entbehrt
-hatte, sodaß hier und da bereits das holperige Steinpflaster der
-unebenen Moskauer Straßen durch den zerstampften und vergrauten Schnee
-durchzuscheinen begann.
-
-Auch Marianne freute sich, schnell vom Fleck zu kommen. Seit dem frühen
-Morgen war sie schon so viel herumgetrieben worden, in verschiedene
-Privatstunden und eine Schule.
-
-Noch ein paar Tage lang! Dann gab es Ferien. Schlossen auch die Anstalten
-erst kurz vor Weihnachtsabend, so hörte doch der Unterricht in den
-Häusern meistens schon früher auf.
-
-Marianne kam von weit außerhalb gefahren, wo sich an den Grenzen der
-Stadt ein großes Mädchenstift befand, nicht allzufern von dem berühmten
-Jungfernkloster, dessen phantastische Türme herüberwinkten. Auf dem
-Rückwege von dort ließ sie ihren Schlitten in einer unbelebten, fast
-ländlichen Vorstadtgegend vor einem einstöckigen, rot angestrichenen
-Holzhause halten.
-
-Sie stieg aus, bezahlte und ging über den weiten, hellen Hof, den ein
-einfacher Lattenzaun umschloß, auf eine Wohnung im Erdgeschoß eines
-Hauses zu, an der sie mit beinah ungeduldiger Freude läutete.
-
-Dies Erdgeschoß war himbeerfarben. Mit rührendem Vertrauen in die
-Schönheit des Farbigen überhaupt, war hier ein bunter Ton neben den
-andern gesetzt. Aber das gedämpfte Winterlicht ward zum Künstler an all
-dem Grellen: es stufte es wunderseltsam ab, bis es aussah, als stünden die
-bunten Farben da, wie Blumen in einem Strauß.
-
-Hier pflegte Marianne jeden Sonnabend vorzusprechen, wenn sie der Weg
-vom Stift vorüberführte, mochte die Zeit auch noch so knapp sein.
-Denn jedesmal bedeutete das für sie inmitten der Arbeitswoche eine
-sonntägliche Stunde.
-
-Eine ihrer ehemaligen Lieblingsschülerinnen, seit Jahresfrist verheiratet,
-wohnte hier; eine, die ihr innig zugethan blieb, auch nachdem sie,
-längst der Schule entwachsen, mit Energie und verblüffender Leichtigkeit
-Mathematik studiert und es darin zu etwas gebracht hatte.
-
-Die junge Frau öffnete selbst die Thür und bewillkommnete ihren
-Besuch mit drei schallenden Küssen, einen auf den Mund und je einen auf
-Mariannens schneenasse Wangen. Dann nahm sie ihr den weiß überschneiten
-Pelz von den Schultern und schüttelte ihn aus, wobei sie aber sorglich
-jedes Geräusch vermied.
-
-»Dadrinnen steckt Taraß tief bis über die Ohren in einer Arbeit über
-das Vogelgetier,« flüsterte sie in ihrem weichen Russisch, das an sich
-schon zärtlich klang, und wies auf das Hauptzimmer der kleinen Wohnung.
-
-Erst jetzt bemerkte Marianne die breite buntgestreifte Küchenschürze an
-ihr, und daß sie die Aermel hochgezogen hatte. Eine Messerbank, nach der
-sie griff, mußte sie eben erst hastig aus der Hand gestellt haben.
-
-Im Hintergrunde des engen dämmerigen Vorflurs stand die Thür zur Küche
-noch offen; man sah die Holzscheite im Herdfeuer rot glimmen.
-
-»Ja, unser Mädchen ist nämlich schon wieder krank. Sie ist wirklich
-ewig krank, diese Aermste,« sagte die junge Frau und zog Marianne in die
-Wohnstube.
-
-Die Wohnstube war ziemlich groß, niedrig und so dicht über dem Hof, daß
-der gegenüberliegende Schneehaufen sie schon verfinstern konnte. Auf dem
-Hof flogen weiße und graue wohlgemästete Tauben umher, flatterten auf
-den Fenstersims und schlugen mit ihren Flügeln an die Scheiben, an denen
-drinnen blühende Azaleen standen.
-
-Ein Teil des Zimmers wurde durch zwei mitten hineingebaute mannshohe
-Scheinwände isoliert, hier befand sich der Schlafraum. Die
-zurückgeschobene Portière ließ das Ehebett unter einem Baldachin von
-geblümtem Stoff sehen, sowie die Ecke mit den Heiligenbildern. Ein paar
-davon besaßen schwere Silberverkleidung; unter ihnen hingen gestickte
-Handtücher und lagen auf einem Wandbort geweihte Brötchen.
-
-Im Wohnraum am Fenster stand breit und bequem ein Tisch, worauf sich in
-friedlichem Nebeneinander Schreibereien und Hausarbeiten, nicht grade
-zierlich geordnet, befanden. Auf einem Seitentisch zeigte der nie fehlende
-blitzende Samowar, daß hier auch gespeist wurde.
-
-Marianne hatte es sich wunderschön behaglich gemacht in einem
-Großvaterstuhl, der dicht bei einem wärmeausstrahlenden Kachelofen von
-anerkennenswerten Dimensionen stand. Neben dem Ofen hing am Bande eine
-altertümliche kleinrussische Guitarre, eine Gusli. Fröstelnd vergrub
-Marianne ihre durchkälteten Füße im Bärenfell, das sich vor dem Stuhl
-ausbreitete.
-
-»Das ist unser Diwan, dort sitzen wir immer beide drin,« sagte die junge
-Frau.
-
-»Ist es jetzt nicht sehr schlimm für euch mit dem kranken Mädchen,
-Tamara?« fragte Marianne bedauernd. »Da werdet ihr kündigen müssen.
-Wie treibt ihr es nur überhaupt --? Du alle Morgen in deinem statistischen
-Bureau, dein Mann über seiner ornithologischen Gelehrsamkeit? Was fangt
-ihr denn jetzt an?«
-
-Tamara lachte leise auf, ihr ganzes freundliches Gesicht lachte mit.
-
-»Wir treibens, wie es eben geht; -- es wird ja auch wieder besser. Alles
-wechselt unter dem Mond. Kündigen wollen wir nicht; darauf vertraut die
-Arme so fest.«
-
-»Russische Sorglosigkeit!« dachte Marianne bei sich. Aber sie mochte
-nichts Tadelndes äußern, sie wiegte sich darin wie in etwas Wohlthuendem.
-
-Vielleicht wäre es anderswo tadelnswerter gewesen, doch ihr schien immer:
-wo man unter russischen Menschen war, wo diese Sprache klang, da wurde
-das Leben in der That in allen Dingen gleichsam simpler und weiter, --
-vertrauender. Obschon sie selber kein russischer Mensch war, so zählte sie
-doch nicht zufällig unter diesen ihre besten Freunde.
-
-»Aber überanstrengt es dich auch nicht, Tamara?« meinte sie besorgt.
-»Noch kann es ja eine ganze Weile dauern, ehe dein Mann die verdiente
-Berufung bekommt, und ehe du also dem statistischen Bureau ein Schnippchen
-schlagen kannst.«
-
-Tamara schüttelte belustigt den Kopf, von dem zwei starke Zöpfe
-unaufgesteckt niederhingen.
-
-»Bis dahin hilft mir eben mein Mann. Wenn ich nicht mal _das_ von Ihnen
-gelernt hätte, Marianne Martinowna: gute Laune am Alltag bewahren, -- die
-schönste Lektion, die Sie unbewußt allen Ihren Schülern mitgeben,
--- gratis neben all dem Schulkram.« Tamara fuhr ungeniert mit dem
-Messerputzen fort, worin sie der Besuch unterbrochen hatte. »Und im
-Sommer,« bemerkte sie mit aufleuchtendem Blick, »da erholen wir uns
-schon! Da schlepp ich den Taraß zu den Eltern aufs Gut, oben hinauf nach
-Wologda, in meine lieben großen Wälder. Da erholen wir uns schon! Ach,
-warum sind wir da nicht zwei Einsiedler! Sie können mir glauben: ich bin
-doch gewiß glücklich, aber Heimweh nach den Wäldern und dem Norden hab
-ich doch. -- -- Aber nun erzählen Sie doch mal von sich? Also die Cita ist
-heimgekommen?«
-
-Marianne nickte.
-
-»Mit Beginn der deutschen Weihnachtsferien und bleibt bis über die
-russischen da. Aber ich habe noch so wenig von ihr, -- es war eine so
-gehetzte Arbeitszeit. Drum wird Weihnachten diesmal so strahlend schön!
-Mir kommt vor, als ob ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr so darauf
-gefreut hätte, wie dieses Mal. -- -- Immer möcht ich die Cita jetzt nahe
-um mich haben, -- so ganz nah bei mir, -- -- sie so recht tief anschauen:
-»»Bist du noch dieselbe? Ist auch nichts an dir verändert? Hat mir die
-Trennung nichts gestohlen? Zeig mir all dein Schönes: -- das und das und
-das, -- weißt du noch?«« Ach, Tamara, du hast noch kein Kind, -- kannst
-du das wohl begreifen?«
-
-Tamara nickte schweigend.
-
-In der Küche hörte man es bedrohlich brodeln und zischen. Sie setzte die
-Messerbank nieder, lief hinaus, klapperte ein Weilchen draußen zwischen
-den Tiegeln und Töpfen und kehrte dann in die Stube zurück.
-
-»Ja,« sagte sie, »nun ist also Cita auf dem Wege, etwas Erkleckliches zu
-werden. Aber, Hand aufs Herz, liebe Marianne Martinowna: wären Sie nicht
-doch seelenfroh, wenn -- ja wenn sich die Cita ordentlich verliebte und
-heiratete?«
-
-Marianne blieb einen Augenblick lang stumm. Dann sagte sie fast andächtig:
-»Wenn über meine Kinder _mein_ Glück käme, -- ein so unfaßbares
-Frauenglück, das reicher und weiser macht, als alle Reichtümer und
-Weisheiten der ganzen Welt zusammengenommen, -- wenn ihnen das geschenkt
-würde! -- -- Und wären es auch nur acht kurze Jahre, wie bei mir,
-gleichviel. Und käme auch selbst dahinter -- wie bei mir --«
-
-Sie konnte nicht weitersprechen.
-
-Tamara sammelte schweigend ihre Messer zusammen. Nach einer Pause bemerkte
-sie dabei: »Kenne ja auch die Freude am Lernen. Aber mein heimlichster
-Traum war doch immer nur der aus dem Märchen von Puschkin, dem Zar Saltan:
-möchte Gott mir geben, einen Helden, einen Bogatyr, zu gebären! Ja ja,
-dafür kann man nichts thun. Sonst wär es ja auch nur wieder armseliges
-Menschenwerk. So ist es: Studium ist Verdienst, aber Liebe ist Gnade. --
-Aber ganz jammerschade scheint es mir, daß Sie nicht mit Ihren beiden
-Kindern zusammenleben können wegen des Studiums, -- gradezu eine Missethat
-scheint es mir manchmal.«
-
-Marianne fiel rasch ein: »Darüber muß man nicht nachdenken. Es ist nicht
-anders. Ich muß Sophie doppelt geben, doppelt --«
-
-»Aber ich hätte Ihnen einen kuriosen Vorschlag zu machen,« meinte
-Tamara, »wenn nur Cita nicht grade in Berlin studierte.«
-
-»Einen Vorschlag --?«
-
-»Ja, von meiner Tante bin ich dazu autorisiert, -- wissen Sie, von der,
-die in Bern das Mädchenpensionat leitet und voriges Jahr hier war.«
-
-»Ach, thut sie das noch immer? Sie klagte doch schon so über ihr Alter
-und ihre Gebrechlichkeit. -- -- Will sie es etwa abtreten?« fragte
-Marianne mit unverhohlener Spannung.
-
-»Sie möchte gern einer Hilfe die Leitung übergeben. Sie wissen: es sind
-lauter unerwachsne Mädchen, vielfach Russinnen, die dort den sogenannten
-letzten Schliff bekommen. -- -- Und auf Sie hält sie so große Stücke,
-sie wäre entzückt. Aber es wäre doch wohl nichts?«
-
-Marianne schüttelte zögernd den Kopf. Im stillen rechnete sie nach. Es
-war ihr klar, daß sie hier mehr verdienen konnte. Und schließlich blieb
-Cita auch dann weit von ihr.
-
-Aber wenn es doch möglich wäre, -- mit Cita? Sie wurde ganz still und
-hörte nicht auf, zu rechnen.
-
-An der Thür, die das Wohnzimmer mit der größern Hauptstube verband,
-wurden rasche, ungeregelte Schläge hörbar, wie ein Geprassel von
-Kleingewehrfeuer.
-
-Tamara sagte mit befriedigtem Lachen: »Das ist Taraß' Triumphgeschrei:
-er hat für heute glücklich sein Ei gelegt. Es ist auch hohe Zeit, daß er
-frei wird. Ich muß schnell den Tisch decken.«
-
-»Und ich muß leider weiter wandern,« äußerte Marianne mit einem
-Seufzer; sie erhob sich ungern aus ihrer weichen, behaglichen Ecke.
-
-Tamara nickte betrübt.
-
-»Wir armen Arbeitsgäule,« meinte sie lächelnd und stieß die Thür
-nach dem Vorflur auf, laut rufend: »Taraß, bist du da? Komm doch mal her,
-Marianne Martinowna muß schon fortgehn.«
-
-»Jawohl!« schrie es aus der Küche zurück, »aber dann mußt du
-herkommen, -- das Zeug brennt an!«
-
-Der Ton der Verzweiflung, worin das verkündet wurde, erheiterte Marianne.
-Sie trat auf den Vorflur hinaus und schaute nach der Küche. Tamara war,
-die Hände ringend, schon an ihr vorbei vorausgeschlüpft.
-
-Zwischen seinem Studierzimmer, das weit offen war, und der Küche mitten
-drin stand auf dem Vorflur Tamaras Mann mit lebhaft vorgerecktem Hals und
-richtete seine Augen angsterfüllt auf eine Pfanne, die auf dem Herde stand
-und furchtbar zischte. Die Brille hatte er sich auf die Stirn geschoben.
-
-Seine Frau stürzte zur Pfanne.
-
-»Geh nicht so nah heran, geh ihr nicht nah!« rief er beängstigt,
-»-- das Zeug spritzt! Man darf sie nur von hier aus ansehen. Es spritzt!
-Paß auf, es spritzt in die Augen!«
-
-Als das Zischen und Prasseln gelinder wurde, wandte er sich aufatmend der
-lachenden Marianne zu. Auch er lachte nun. Aus seinem hübschen dunkeln
-Bart, der tief über das gestickte russische Hemd fiel, das er zu Hause
-trug, schimmerten die Zähne.
-
-»Ja, ich war nun grade fertig, -- und angerührt hatte sie die Geschichte
-ja, ich sollte nur Wache halten, -- aber aufregend ist die Sache ungeheuer,
--- uff!« und er fuhr sich über die Stirn und die etwas wildgewordenen
-krausen Haarringel.
-
-Tamara, die am Herde herumwirtschaftete, rief: »Ja, darin ist er gut,
-wirklich! Sie sollten nur wissen, was wir uns beide alles zusammenkochen.
-Aber ohne Herzklopfen geht es eigentlich nie ab. -- -- Die reine Nervenkur.
--- -- Er thut es auch nur, um wenigstens gelegentlich zu beweisen, daß ich
-ihm neben seinen Vögeln doch auch was gelte.«
-
-Sie kam aus der Küche, streifte die Aermel herunter und trat zu Marianne,
-die sich grade an den Vögeln ergötzte, die man im offenstehenden
-Arbeitszimmer sah. Jeder Platz, den die Bücher übrig gelassen hatten,
-gehörte den Vögeln, -- toten, ausgestopften Bälgen -- und lebendigen in
-zwei Riesenkäfigen, aus denen es zwitscherte, piepte und sang.
-
-»Ja, denken Sie nur,« behauptete Tamara, »sein Getier konnte er sogar
-auf der Hochzeitsreise nicht vergessen. Ich konnte nicht gefühlvoll gegen
-ihn werden, ohne daß er mir sofort auseinandersetzte, wie es zum Beispiel
-die Enten und Gänse in ihren Liebesspielen untereinander halten. Damals
-schrieb er nämlich grade über die. Zuletzt war ich ganz beschämt, keine
-Gans zu sein.«
-
-Ihr Mann wurde verlegen, aus seinen träumerischen dunkeln Augen sah er
-Marianne hilflos an.
-
-»So war es gar nicht, -- nein, so war es nicht,« bestritt er lebhaft.
-»Ich habe nur gesagt: ein Gelehrter zu sein, das ist nichts ohne Liebe.
-Man muß die Tiere lieben, dann versteht man sie gut. Und dann habe ich ihr
-erzählt, die Enten wären --«
-
-Aber seine Frau fiel ihm ins Wort. Vom nächststehenden Tisch in seinem
-Zimmer hatte sie geschwind ein dickes Buch aufgegriffen, ein Werk von ihm,
-schlug es fachkundig auf und las mit heller Stimme:
-
-»Beispielsweise -- =pagina= 136: ›Alle Männchen ziehen sich nahe
-zusammen. Dann schwimmt je ein Weibchen zwischen ihren Reihen schnell
-hindurch. Hierauf schnellen die Männchen im Takt in die Höhe, biegen dann
-den Schnabel gegen die Bauchmitte und pfeifen =a tempo=. Verpaßt einer der
-Enteriche dabei den genauen Anschluß, so scheint das etwas Uebles zu sein:
-er muß alsdann seine Kräuselfedern in die Höhe richten und vernehmlich:
-›Räp!‹ rufen --‹«
-
-»Schäme dich! schäme dich!« rief Taraß laut, »ich habe dir nicht so
-was vorgelesen, -- ich habe dir Lieder zur Gusli gesungen!«
-
-»Ja, wissen Sie warum?« Tamara legte das Buch aus der Hand, »um mir
-mit kleinrussischen Klängen mein Nordrußland zu verleiden! Ist denn
-Kleinrußland noch Rußland?! Ach, wir zanken uns darüber noch bis zu
-Tode!«
-
-»Nicht wahr! nicht wahr!« rief Taraß dazwischen, »die schönsten Lieder
-und die schönsten Sagen sind im Norden und Süden gleich! Der blinde
-Sänger unten bei uns singt dir, was bei euch gesungen wird. Aber vom
-Süden hinauf ist es gekommen!«
-
-»Vom Norden zu Euch ist es gekommen!« ereiferte sich Tamara, »von da
-oben, wo alles rein russisch blieb. Wo auch später nicht einmal der Tatar
-hindrang --.«
-
-Marianne verließ sie zwischen Küche und Stubenthür im vollsten Streit.
-Sie lachte noch, als sie auf den Hof hinaustrat zwischen die gurrenden
-Tauben. Beschämt sah sie nach ihrer Uhr. Noch konnte sie rechtzeitig zur
-Unterrichtsstunde kommen, doch mußte sie sich tüchtig beeilen.
-
-Eine Weile später durfte sie endlich für kurze Zeit heimgehn. --
-
-Obgleich Marianne müde war, machte sie den Heimweg zu Fuß. Das
-Schneetreiben hatte nachgelassen, hier und da schaute schon die Wintersonne
-freundlich zwischen zerrissnem Gewölk hervor.
-
-Marianne liebte es, durch diese Straßen zu wandern, die ihr bei ihren
-Gängen tagein, tagaus, jahrein, jahraus vertraut geworden waren wie ein
-Heimatort. Das Ungeordnete und Halbasiatische auf vielen von ihnen störte
-sie nicht mehr, -- nicht die Bettler oder Betrunkenen, die ihr begegneten,
-nicht die grellbemalten Schenkenschilder mitten zwischen dem bizarren Glanz
-der zahllosen Kirchen und Kapellchen.
-
-Und sie mußte lächeln, wenn sie schmale, hügelige Gassen sich plötzlich
-auf einen jener Riesenplätze öffnen sah, die wie weite Ebenen sein
-konnten, und an deren Rande mitunter kleine Häuser kindlich dastanden wie
-Spielzeug neben den ungeheuren Raumverhältnissen mancher Nachbarbauten.
-
-Denn der Raum hatte hier keine Bedeutung, keinen Hochmut; keine Pracht
-schien sich ihrer Größe zu rühmen, und keine Bescheidenheit möglichst
-eng zusammenzukriechen. Größe und Kleinheit warfen friedlich ihren
-Wert in eins, nachlässig zu einander gesellt, wie Baum und Grashalm in
-derselben Landschaft.
-
-Sogar der Kreml, der von jedem Punkt Allgegenwärtige, erschien fast
-nur zufällig groß: als im Grunde wesensgleich irgend einem der kleinen
-heiligen Altarschreine in Kapellenform, wie sie Fürst und Bauer zu eigen
-besitzen, -- aber von der Inbrunst einer gewaltigen Andacht irgend wann
-einmal in solchen Dimensionen geschaut und fixiert, daß er fortan immer
-allen sichtbar blieb, immer allen gemeinsam gehörte --.
-
-Mitten in der Stadt sah sie, wie dort so oft, ein kleines mageres Füllen
-neben dem Mutterpferd traben, das einen Lastwagen zog. Das glückliche
-Pferd! es brauchte nicht von seinem Kinde fort, wenn es auf Arbeit ging.
-
-Marianne fand: alle Arbeit, die Frauen thun, müßte so weise eingerichtet
-sein.
-
-Sie seufzte und ging rascher.
-
-Beim Ueberschreiten eines Fahrdammes mußte Marianne innehalten, weil zwei
-Gefährte ineinander geraten waren, was beim wahllosen Durcheinanderjagen
-leicht genug geschah.
-
-Die Fuhrleute schrieen sich an und fluchten sich gegenseitig in die Hölle;
-der eine Schlitten wurde frei und flog weiter, am andern war der Gaul
-ausgeglitten und gestürzt.
-
-Ein Mann, der den Schnee vom Fußsteig schaufelte, trat heran, um zu
-helfen, doch keine Neugierigen blieben gaffend stehn. Nur ein kleines
-Mädchen mit rotem Kopftuch schaute auf das daliegende Pferd und kraute es
-im Vorübergehn mitleidig, mit ganz schüchterner Liebkosung, am Stirnhaar,
-wie um es zu trösten. Ein Schlitten kam an der Gruppe vorbei und hielt
-jählings an.
-
-Tomasow saß darin. Er warf dem Kutscher ein Geldstück zu, sprang heraus
-und ging auf Marianne zu.
-
-»=Quelle chance, madame!=« sagte er lächelnd, und streckte die Hand aus.
-
-»Und nun begleiten Sie mich nach Hause!« meinte sie gleich.
-
-»Aber selbstverständlich.«
-
-»Das heißt, -- falls Sie nicht etwas Wichtigeres vorhaben --?«
-
-Tomasow machte ein etwas spöttisches Gesicht.
-
-»Was sollte ein Tagedieb wie ich besonders Wichtiges vorhaben?«
-
-»Tagedieb! O pfui!« Sie war entrüstet; -- »Sie sind ja doch Arzt!«
-
-»Nicht allzusehr. Mir würde es vielleicht bald genügen, Ihrer Gnaden,
-Frau Mas, Leibarzt zu sein.«
-
-Aber sie ging auf den scherzenden Ton nicht ein.
-
-»Dafür sind Sie noch zu jung, um sich zurückzuziehen. Das wäre sehr,
-sehr schade. Für viele!« antwortete sie ernst.
-
-»Aber ganz und gar nicht! Hier gibt es genug Aerzte für Moskau, -- viel
-zu viele, -- sie treten einander auf die Füße. Es ist gradezu eine gute
-That, Raum für sie zu schaffen. -- Sie werden sagen: in der Provinz? Ja,
-das ist schon etwas andres. Aber Sie wissen, dafür bin ich verdorben. Es
-fehlt mir durchaus an der nötigen Aufopferungslust, um in irgend einem
-Winkel zu versimpeln, -- als Menschheitsheros oder als stiller Säufer.«
-
-»Sie sind heute entsetzlich garstig!« rief Marianne und hielt ihren Muff
-ans Ohr. Sie lief förmlich von ihm fort. »Warum machen Sie sich schlecht
-vor mir? Warum nur? Ich weiß schon selbst, ob Sie was taugen oder nicht.«
-
-Tomasow suchte nach seinem Kneifer, den er selten trug, und setzte ihn auf,
-was seinen Gesichtsausdruck ganz verwandelte, als setze er eine Maske auf.
-
-»Laufen Sie nicht so schrecklich geschwind,« sagte er; »wollen wir nicht
-überhaupt fahren?«
-
-Marianne schüttelte abwehrend den Kopf.
-
-»Nein, ich muß ohnehin so viel sitzen. Und die Luft thut jetzt gut. Ich
-gehe so gern durch all die Buntheit und Herzlichkeit des Straßenlebens
-hier; wenns die Zeit nur öfter erlaubte! Sie nicht?«
-
-Tomasow zuckte mit einer Gewohnheitsgebärde die Achseln.
-
-»Wie mans nimmt. Meistens ärgere ich mich dabei, weil ich mich frage,
-warum in aller Welt einen das Heimweh immer wieder auf den alten Fleck
-zurückzieht? So oft ich versuche, auf längere Zeit fortzugehn, -- ich
-komme doch wieder. Was soll man aber hier? Ja, wäre man noch ein richtiger
-dem Grabe entstiegener Altrusse von vor Peters Zeiten, so einer mit langem
-Bart und langem Kaftan --! Denn sonst würgt man hier ja nur an alledem,
-wozu man sich eventuell im europäischen Geistestreiben mit entwickelt
-hat. -- -- Ich will mich nicht entschuldigen, aber das macht so merkwürdig
-indolent.«
-
-»Sobald Sie Ihre Russen von Herzen lieben, haben Sie auch einen
-Wirkungskreis unter ihnen,« meinte Marianne.
-
-»O nein! Das ist ein Irrtum. Sehen Sie sich nur einmal das Volk an mit
-seinem breiten Gleichmut gegen die ganze eigentliche Welt der Kultur, --
-wie es alle seine wirklich tiefen Interessen anderswo hat, -- was
-weiß ich, wo: bei Wind, Wetter, Tod, Musik, Ammenmärchen,
-Heiligenbildern -- --. Mit seinen Aufklärern war es noch nie eins.
-Gegen sie lehnt es sich auf. Und dies Naturell, dies seelische Tempo,
-ist mindestens ebenso oft schuld an seinem Zurückbleiben, wie unsere oft
-verrufenen Zustände.«
-
-»Ich weiß schon! Fangen Sie nur nicht an zu politisieren!« sagte
-Marianne. -- »Lieber will ich es sein, die Ihnen von diesem Volk erzählt:
-zum Beispiel könnte ich Ihnen davon erzählen, warum ich hier, in dieser
-russischen Stadt, so gern grade an Sonntagen eine Gemäldegalerie besuche,
-wo auch das Volk vor den Bildern steht --. Es tritt leise auf mit seinen
-schweren Stiefeln und ist voll von Andacht. Haben Sie eine solche Andacht
-schon anderswo häufig beobachtet? Man muß nur in des Volkes seelische Art
-eingehn, um seine Seele zu fassen.«
-
-»Das mag alles sein. Indessen für den einzelnen bleibt das geistige
-Unbehagen, hier zu leben, weil das Volk in seiner Aufklärung noch nicht
-weiter ist.«
-
-»-- Oder weil wir nicht tiefer sind, mit all unserm Geist,« meinte
-Marianne nachdenklich. »Jedes Menschenleben sollte doch von jedem Punkt
-aus, durch die aufrichtige Macht seines Erlebens, bis in alle Tiefen
-gelangen können, -- nicht nur da, wo der Verstand es so herrlich weit
-gebracht hat. Könnten wir uns nicht durch unsre einseitige Geistigkeit um
-dieses Kostbarste bringen? -- -- Was Ihnen hier auf die Nerven fällt, mein
-lieber Freund, das thut mir so unendlich wohl bis in alle Nerven. Es ist
-wie ein Trost, wenigstens für den, der, wie ich, nicht mehr mit kann in
-der großen Kulturhetze, in den immer rastlosern Fortschritten, in der
-ganzen nimmersatten Selbstentwicklung --«
-
-Marianne sprach lebhaft, fast übereifrig.
-
-Tomasow warf ihr einen aufmerksamen Blick zu. Es war selten, daß sie etwas
-äußerte, was wie Resignation über ihren Tagesberuf klang, der sie zu
-nichts anderm kommen ließ.
-
-»Ein Trost, den Sie aber doch am allerwenigsten brauchen,« bemerkte er,
-»so frisch und angeregt wie Sie --«
-
-»-- Von Stunde zu Stunde laufen!« ergänzte sie mit gutmütiger Ironie.
-»Ja, so ist es nun einmal: Zeit und Schwung läßt das nicht übrig.
-Und ich würde jetzt eine traurige Rolle spielen in euren glänzenden
-Geisteszirkeln, unter euren entwickelten Menschen, von denen Cita und auch
-Sie so gern aus eurem ausländischen Leben erzählen --«
-
-»Unsinn, Ma!« fiel er ein. »Niemand in der Welt eignet sich so herrlich
-dazu, wie Sie, zwischen solchen Menschen zu leben. Sie würden dort
-strahlen --«
-
-Marianne schüttelte den Kopf.
-
-»Nein, das würd ich wohl nicht, und das will ich ja auch gar nicht. Aber
-es ist doch gut für mich, daß ich nicht so ganz nah dabei stehn muß --.
-Ich würde die Liebe zu meinem Alltagsdasein nicht festzuhalten
-vermögen und fühle doch: sie ist das allein Wichtige, das allein
-Ausschlaggebende -- --. Hier gibt es ja genug Hochstehende, Schaffende,
-Menschen über den Alltag hinaus. Aber sie leben einsam, und leben
-insgeheim doch nur für das Volk. Schon der Lärm der offiziellen
-Hauptstadt ist ihnen zu viel, deshalb ziehen sie hierher, -- und am
-liebsten weit hinaus, bis an die Grenzen der Stadt, wo schon die Gärten
-beginnen.«
-
-Marianne nahm Tomasows Arm und fuhr leiser fort: »Ihnen will ich gestehn,
-daß ich manchmal, aus tiefer Sehnsucht nach Erquickung heraus, hier und
-da ein Künstleratelier besucht habe -- --. Aber auch die, zu denen ich
-nie gekommen bin, meine ich zu kennen, als hätte ich heimliche Zugänge zu
-ihnen in allen müden Stunden. -- Für mich gibt es noch ein zweites Moskau
-in Moskau, -- mit stillern Straßen, als die ich Tag für Tag betrete, und
-mit Häusern, wo große Menschen wohnen, die ich verehre. Und manchmal,
-wenn ich so von Stunde zu Stunde haste, belebe ich meine eigne Ermüdung
-damit, daß ich mir einbilde, ich ginge gar nicht zu meiner Lehrstunde,
-sondern zu einem von ihnen --.«
-
-»Und immer noch wieder leben Sie ein Leben, wovon man nichts weiß!«
-entfuhr es Tomasow. -- »Wie können Sie nur von Schwunglosigkeit sprechen?
-Wer so viel Trost wie Sie schöpft aus --«
-
-»Warten Sie einen Augenblick!« unterbrach Marianne ihn unvermittelt und
-zwang ihn, mitten auf der Straße stillzustehn, während sie sehnsüchtig
-nach den ausgelegten Waren eines Straßenobsthändlers hinsah.
-
-Der junge Bursche hatte sein Fruchtbrett vom Kopf gehoben und hielt, sich
-vor Marianne und Tomasow auf ein Knie niederlassend, ihnen erwartungsvoll
-seine Zitronen, Aepfel und prachtvollen Südtrauben entgegen.
-
-»Ach, wer kann an so etwas vorübergehn!« bemerkte Marianne seufzend und
-wählte mit entzückten Augen unter den großen tiefblauen Trauben. Tomasow
-sah zu, wie eifrig sie bei der Sache waren, der junge Händler und sie.
-Beide lachten vor Vergnügen.
-
-»Eben wollte ich damit anfangen, Sie über allerlei zu trösten; aber ich
-sehe, es ist gar nicht mehr nötig,« sagte er, als Marianne fertig war;
-»Sie sehen aus wie ein beschenktes Kind.«
-
-»Diese sind auch extra schön! Ich freu mich auf das Erstaunen der
-Kinder,« entgegnete sie, schneller ausschreitend, und steckte die Düte
-hinter ihren Muff; »beide essen sie gern. -- Aber wir sind wirklich gleich
-zu Hause! Wollen Sie nicht ein wenig mit hinaufkommen? Die Kinder würden
-so froh sein --«
-
-»O nein, die haben ja schon die Trauben!« sagte er spitz und schüttelte
-den Kopf. »Aber ich würde für mein Leben gern einmal so ein Obstbrett
-vor Ihnen ausbreiten, Marianne, -- die schönsten Früchte, -- ganz
-unwahrscheinlich schöne, -- damit Sie dann so aussehen, wie jetzt eben.«
-
-»Dummes Zeug!« meinte sie ärgerlich, »übrigens habe ich ja fast alles
-Schöne, was ich besitze, von Ihnen mal geschenkt bekommen. Ist Ihnen das
-nicht genug?«
-
-»Geschenkt? Von mir? Ich wüßte nicht. Es ist nur Ihre eigenste
-Spezialität, die Dinge so aufzufassen, als kämen sie Ihnen von andern.
-Wenn ich Ihnen wirklich schenken wollte, wär es ganz anders --«
-
-Marianne blieb stehn. Sie waren am Hause angelangt.
-
-»Danke für Ihre Begleitung!« sagte sie und gab ihm die Hand. »Sie sind
-zwar mitunter garstig gewesen, aber im ganzen doch gut, wie immer.«
-
-Er antwortete langsam: »Ein klein wenig garstig waren auch Sie. -- -- Daß
-Sie mich Ihren Kindern mitbringen wollten, -- gleichsam eine zweite
-Düte, neben den Trauben. -- -- Nun, irgendwann werden Sie das schon noch
-einsehen.«
-
-»Auf Wiedersehen!« rief sie heiter und öffnete die Hausthür.
-
-»Auf Wiedersehen, Ma! So bald als möglich auf Wiedersehen!«
-
-Marianne lief rasch wie ein Mädchen die zwei Treppen hinauf, oben mußte
-sie Atem schöpfen, als sie den Schlüssel in die Thür steckte. Aber alle
-ihre Ermüdung war verflogen, das Sprechen und Scherzen mit dem Freunde
-hatten sie von ihr fortgenommen.
-
-Oben schien Besuch zu sein.
-
-Sie trat vom Vorflur in ihr Wohnzimmer. Ja, da saß ein junger, ganz junger
-blonder Mann mit ihren beiden Töchtern und erhob sich ehrfurchtsvoll, als
-er ihrer ansichtig wurde.
-
-»Dies ist Herr Hugo Lanz, Ma,« sagte Sophie vorstellend, »-- du weißt,
-wir trafen uns neulich in der Gesellschaft --«
-
-»Ich komme nur als Abgesandter meiner Verwandten, gnädige Frau,«
-erklärte Hugo Lanz mit einer weichen sympathischen Stimme, »es handelt
-sich um eine Schlittenfahrt für heute abend. Vor zehn Uhr sind alle wieder
-heimgeleitet.«
-
-»Das ist freundlich von Ihnen,« entgegnete Ma und reichte ihm die Hand,
-»ja, fahrt nur, ihr Kinder.«
-
-»Und du, Ma?« fragte Cita.
-
-»Ich bin ja heute abend zum Thee bei Tante Ottilie und werde euch dort
-entschuldigen, ihr Nichtsnutze.«
-
-»Aber du wirst heute zu müde sein, Ma,« meinte Sophie bedenklich und
-küßte die Mutter.
-
-»Nein, Kind, ich bin jetzt so frisch. Und morgen ist Sonntag. -- -- Aber
-wer fliegt jetzt wie ein Pfeil und zaubert mir geschwind eine heiße,
-starke Tasse Thee oder Kakao herbei?«
-
-Die Mädchen stürzten zur Thür.
-
-Hugo Lanz sah so heftig diensteifrig aus, als wollte auch er stürzen, aber
-er besann sich rechtzeitig auf das Zwecklose eines solchen Unternehmens.
-
-»Thee also!« rief Sophie.
-
-»Nein, besser Kakao!« rief Cita.
-
-Sie verschwanden, und Hugo Lanz blickte ihnen ernsthaft nach -- mit einem
-Gesicht, als hätte eine jede von ihnen etwas Geistreiches ausgesprochen,
-was lange dunkel in ihm gelegen habe.
-
-Marianne sah den Blick und sah ihn selbst an und war ihm gut. Daß ihm die
-Gesellschaft dieser jungen, hübschen und geweckten Mädchen ausnehmend
-gefiel, begriff sie vollkommen und fand es in der Ordnung. Auch fürchtete
-sie nie, daß ihre Töchter je zu »gelehrt« werden könnten, um zu
-gefallen. Ihr war zu gut bekannt, wie sehr dabei nicht der Kopf, sondern
-das Temperament entscheidet.
-
-»Sie sind noch nicht lange hier?« bemerkte sie freundlich, um dem Gast
-die Zwischenzeit füllen zu helfen.
-
-»Nein. Ueberhaupt nur für einige Monate zu Besuch bei hiesigen
-Verwandten. Dann soll ich nach Deutschland zurück, um Kaufmann zu
-werden.«
-
-Er sagte das trübe. Sie fragte nicht, doch traf ihn ihr Blick so warm
-und mütterlich, daß er spontan fortfuhr: »Mein Traum war, Künstler zu
-werden.«
-
-Sie fragte auch nicht: in welcher Kunst? Sie sagte nur sehr weich:
-
-»Der höchste Traum. Und die schwerste Erfüllung.«
-
-Er hob die Augen bescheiden zu ihr.
-
-»Aber man soll doch nicht gleich anfangs verzagen, nicht wahr? Ich fühle
-so bestimmt: ich könnte mich dazu durchringen, wenn man mich nicht so
-ganz in die Familie einengen wollte. Ein Künstler und jeder, der es werden
-will, braucht Freiheit.«
-
-Marianne nickte.
-
-»Mehr als Freiheit: Heimat,« sagte sie unwillkürlich.
-
-Hugo Lanz sah sie fragend und wie erwartend an. Ihre Art und Weise nahm ihn
-leise gefangen.
-
-»Ich meine,« versuchte Marianne zu erklären, »niemand braucht so sehr
-als er breitesten Spielraum, weil alle seine Bewegungen unberechenbarer,
-unbezwingbarer sind, als die irgend welcher andern Entwicklung. Aber
-in seiner angebornen Sensitivität, in seiner fast hilflosen
-Eindrucksfähigkeit hat er zugleich, wie niemand anders, Furcht vor der
-Fremde. Seine Freiheit mag sich noch so breit strecken wollen, aber an den
-äußersten Grenzen seiner Freiheit, da muß er Heimat um sich fühlen, --
-eine Welt, der er vertraut.«
-
-Aus dem Klang ihrer Stimme vibrierte etwas, als wenn sie jedes ihrer Worte
-aus tiefen, warmen Glückserfahrungen hebe. Weniger in den Worten selbst,
-als in diesem Stimmklang lag etwas Suggestives, was Hugo Lanz ergriff.
-
-»Das ist so nur in einem Paradies!« rief er. -- »In Wirklichkeit gibt es
-das nicht,« setzte er traurig hinzu.
-
-Marianne widersprach nicht.
-
-Sie schwieg, doch ihre Augen widersprachen. Sie leuchteten in so ruhigem
-Glanz und wendeten sich unwillkürlich dem verschlossnen Rahmen auf dem
-Schreibtisch zu.
-
-Da vernahm man von der Thür her Gelächter.
-
-Die Mädchen kehrten zurück, jede mit einer vollgefüllten Tasse in
-der Hand. Den Blick starr auf ihre Tassen geheftet, deren Inhalt
-überzuschlagen drohte, näherten sie sich langsam und feierlich dem
-Schreibtisch, neben dem die Mutter auf ihrem gewohnten Lieblingsstuhle
-saß.
-
-»Thee schmeckt bei weitem schöner und regt an, hat Ma stets gesagt,«
-behauptete Sophie.
-
-»Kakao ist ihr bei weitem gesunder, hat Doktor Tomasow stets gesagt,«
-behauptete Cita, »-- und zwischen dem Schönen und dem Guten, Nützlichen,
-wirst du doch nicht lange zaudern, Ma! Bedenke auch, welche schlechte
-Einwirkung ein böses Beispiel auf uns haben, könnte.«
-
-»O du überredest, das ist gegen alle Abmachung!« rief Sophie voll
-Unwillen.
-
-»Ein Jurist überredet nie genügend, Sophie! -- Also: erst jedenfalls das
-Schöne, -- und dann auch noch das Gute, Nützliche,« entschied die Mutter
-sofort und zog lachend alle beiden Tassen zu sich heran.
-
-Cita hockte sich auf die Seitenlehne ihres Lutherstuhles.
-
-»Du unmoralische Mutter!« sagte sie.
-
-Hugo Lanz hatte sich beim Eintritt der Mädchen erhoben. Er sah ganz
-zerstreut aus. Ihm erschienen mit einemmal alle beide doch noch recht
-kindisch, ohne daß er ahnte, wie außerordentlich damit sein Urteil in der
-Richtung fehlging.
-
-Wohl empfand er den heitern Reiz der kleinen harmlosen Familienscene,
-aber ihm schien, daß alles Intime dieses Reizes doch ganz und gar nur von
-dieser köstlichen Frau mit der jungen Stimme und den mütterlichen Augen
-ausginge.
-
-»Wollen Sie wirklich schon gehn?« fragte Marianne freundlich, als er sich
-jetzt ehrerbietig von ihr verabschiedete. »Nun, ich danke Ihnen noch für
-die überbrachte Einladung. Und seien Sie uns hier zwanglos willkommen,
-falls einmal Weg und Stimmung Sie bei uns vorüberführen.«
-
-»-- Ja, gnädige Frau, wenn ich das dürfte, -- dann danke ich Ihnen von
-ganzem Herzen dafür, aber --« er stockte, »-- dann lassen Sie mich nicht
-als einen Fremden kommen und gehn, denn das -- das würde ich nach diesem
-kurzen Gespräch schon nicht mehr ertragen,« fügte er leiser, sehr rasch
-und, im sichtlichen Kampf gegen seine eigne Schüchternheit, fast heftig
-hinzu.
-
-Die Bitte, wiederkommen zu dürfen, hatte er vor einer Stunde erst der
-Töchter wegen an sie richten wollen --.
-
-Marianne gab keinen Bescheid in Worten, aber er empfand ihr ganzes Wesen
-als eine Antwort. Mit Bestimmtheit fühlte er, daß er von heute an hier
-nur noch einkehren würde, wie man bei einer Mutter einkehrt, und nur
-allein ihretwegen.
-
-Als er sich beim Abschied über ihre Hand beugte, gab ihm Marianne
-unwillkürlich jenen Stirnkuß, auf den nach russischer Haussitte der
-Gast Anspruch hat. Und als er sein Gesicht erhob, lag eine so dankbare
-Kindlichkeit auf seinen jungen Zügen, daß sie Marianne rührte.
-
-Sobald sich die Zimmerthür hinter ihm geschlossen hatte, bemerkte Cita mit
-einem Lächeln: »_Der_ sah dich ja aber mal eben kurios an, Ma. Weißt du,
-wie? Ungefähr so, wie wenns ihm schlecht ginge, und er dir gleich den Kopf
-in den Schoß wühlen möchte, um dir zu beichten und von dir getröstet zu
-werden.«
-
-Sophie mußte lachen.
-
-Cita fuhr, nicht ganz frei von Spott, fort: »Ja, sind Männer nicht
-eigentlich höchst wunderliche Pflanzen? So etwas Unmännliches sind sie,
-scheint mir. Es klingt gewiß dumm, aber sag selbst, Ma! Könntest du dir
-leicht vorstellen, daß ich irgend jemand so -- so hilfsbedürftig ansähe?
-Nein, im Gegenteil: kerzengrade würd ich mich grade dann recken. -- --
-Alles andre ist eben Schwäche.«
-
-Marianne lächelte fein.
-
-»Nicht notwendig Schwäche. -- -- Schwere Aehren stehn auch nicht
-kerzengrade,« sagte sie.
-
-Aber in ihrem Innern empfand sie bei Citas Worten einen heimlichen Stich.
-Cita, ihr tüchtiges, kernfestes Mädchen! Sie konnte ihr vertrauen und mit
-ihr reden über alle Sorgen und Nöte, fast wie mit einem klugen Freunde,
-ja fast wie mit einem Mann --.
-
-Ja, das alles konnte sie. Aber -- den Kopf noch einmal
-anschmiegungsbedürftig in Mas Schoß wühlen, das würde Cita doch wohl
-nie mehr --.
-
-Sophie hatte sich ans Fenster gestellt. Sie sah Hugo Lanz, der aus dem
-Hause herausgetreten war, unten über den Fahrdamm gehn. Er sah schlank und
-fein aus in der dunkeln Pelzmütze und trotz des Pelzes, der alle Konturen
-vermischte. Eigentlich gefiel er ihr doch sehr gut, viel besser, als sie es
-Citas Spottlust einzugestehn wagte.
-
-Jetzt äußerte sie aber doch:
-
-»Du, -- den mag ich trotzdem gern. Warum soll er auch Ma nicht angucken,
-wie er will? -- -- Ich habe mich mit ihm schon prachtvoll unterhalten,
-neulich in der Gesellschaft, ehe du hier warst, Cita. Ich erzählte ihm von
-den höhern Mädchenkursen, und dann, daß mich die Naturwissenschaften so
-sehr interessieren, -- daß ich aber noch weit lieber ein Arzt würde, --
-grade wie Doktor Tomasow.«
-
-»Aber das alles sind ja dem jungen Dichter völlig gleichgültige
-Beschäftigungen, Sophie,« meinte Cita und trug die Tassen der Mutter
-hinaus.
-
-»Die Beschäftigungen an sich: ja!« gab Sophie kleinlaut zu und schaute
-noch immer angestrengt einem dunkeln Punkt in weiter Entfernung -- einer
-Pelzmütze -- nach, obschon sie nicht mehr ganz sicher war, ob es nicht
-längst eine andre Mütze auf dem Kopfe eines andern sei. »Aber,« fuhr
-sie eifrig fort, »auf die Art der Beschäftigung kommt es auch nicht
-an, sondern darauf, daß er _auch_ hinausstrebt, -- fort, hinaus! Mit dem
-einzigen Unterschied, daß er das infolge von Gedichten thut. Das schadet
-aber doch nichts. Die Hauptsache haben wir doch gemeinsam. Auch ihm ist
-eng, auch er hat allerlei Träume, die er kaum zu Hause zu nennen wagt, --
-auch seine Pläne lassen sich nun einmal nicht zu Hause verwirklichen. Und
-seine Familie, -- die hält ihn. Wie sollten wir da nicht sympathisieren?!
-Wie sehr kann ich ihm doch das alles nachfüh--.«
-
-Sie stockte jäh.
-
-Die Nase an die Scheibe gedrückt, hatte sie ganz vergessen, wo sie sich
-eigentlich befand. Ihr ward plötzlich erst bewußt, was sie da sagte.
-
-Cita konnte es überhaupt nicht mehr hören, die war ja eben mit den beiden
-Tassen hinausgegangen.
-
-Aber da, im Luthersessel vor dem Schreibtisch, mit dem Gesicht grade zum
-Fenster, da saß, Sophie im Rücken, ganz schweigsam -- Ma --
-
-Einen Augenblick lang, einen Augenblick nur, war ihr Ma wirklich ganz und
-gar aus dem Gedächtnis entschwunden gewesen.
-
-Wohl eine volle Minute stand Sophie wie erstarrt. Sie bekam ein Gefühl,
-als wär es noch besser, sich mit ihrer kleinen Nase ganz durch das
-Fensterglas durchzubohren, um nie, nie wieder die Augen zurückwenden zu
-müssen.
-
-Ihr Herz schlug heftig, sprunghaft, die Lippen wurden ihr trocken. »Arme,
-süße, liebe Ma!« dachte sie außer sich, voller Wut.
-
-Plötzlich drehte sich Sophie gewaltsam um, zu ihrem eignen Schreck. Sie
-sah das Zimmer vor sich wie im Nebel. Sie lief auf die Mutter zu, fiel vor
-ihr auf die Kniee und umhalste sie wortlos, stürmisch.
-
-»Ach Ma, -- dummes Zeug -- solch dummes, -- ich benutzte unwillkürlich
-seine Worte, -- weißt du: einfach seine Worte -- sie passen ja auch einzig
-und allein für ihn, alle, alle diese Worte!« stammelte sie endlich, ganz
-in Thränen, und dann lachte sie fast ein wenig, verlegen und sonderbar.
-
-Marianne herzte sie ganz leise.
-
-»Aber -- du wildes Mädchen, -- wie kann man sich dermaßen erregen!
-Viel zu leicht erregt bist du, weißt du das? Du mußt dich besser
-zusammennehmen. -- Komm, sei nun wieder ruhig und mein liebes altes heitres
-Kind, -- ja?«
-
-Sophie hob den Kopf. Bei diesen sanften Worten verflog langsam ihr Schreck,
-sänftigte sich auch ihre Reue. -- Vielleicht hatte Ma gar nicht so genau
-hingehört vorhin -- --.
-
-Marianne strich ihr liebreich über das schimmernde blonde Haar. Ihre Augen
-aber schauten großgeöffnet über ihr Kind hinweg.
-
-Dann stand sie auf.
-
-»Man braucht nur ein wenig wieder ›daheim‹ zu sein, um gleich wieder
-zu vergessen, daß es auch noch ein ›Draußen‹ mit allerlei Pflichten
-gibt, -- ich muß ja fort,« sagte sie zu Cita, die eben eintrat und einen
-heimlich verwunderten Blick auf das thränenfeuchte, gerötete Gesicht der
-Schwester warf.
-
-»Ach, mußt du schon gehn, Ma? Ist es nicht zu früh?« Cita holte schnell
-den Pelz und die Ueberschuhe vom Vorflur herein. »Komm, ich helfe dir! Du
-wirst wohl von Tante Ottilie später nach Hause kommen, als wir.«
-
-»Wohl nur wenig später,« meinte Marianne, »und ihr wißt: wer zuerst
-kommt, geht schlafen, ohne zu warten, -- nach unsrer alten Verabredung.«
-
-»Es ist aber wirklich noch viel zu früh, deine Stunde fängt viel später
-an,« murmelte Sophie, die der Schwester Mas Ueberschuhe hastig aus der
-Hand gezogen hatte. Sie kniete mit ihnen zu Füßen der Mutter, um sie ihr
-anzuziehen.
-
-Marianne ließ es schweigend geschehen.
-
-»Lebt wohl, ihr Kinder, und vergnügt euch so gut wie möglich! Der Himmel
-ist jetzt klar, und ich denke, ihr bekommt herrlichen Sternenschein zu
-eurer Ausfahrt.«
-
-Sie sagte es einfach und harmlos. Aber die Art, wie sie beide noch einmal
-küßte, war voll unterdrückter Leidenschaftlichkeit. Rasch ging sie fort.
-
-Die reine kalte Winterluft draußen that ihr wohl. Ihr war das Herz
-plötzlich so schwer geworden, so bange und schwer.
-
-Einen Augenblick lang, vorhin, fühlte sie deutlich, -- so deutlich wie in
-einer grellen höhnischen Beleuchtung, die sie blendete und verwirrte, --
-ihre beiden Kinder fern von sich: die eine lebenssicher, im Grunde fertig,
-nur noch ein Gast im Mutterheim, und die andre -- ja, die andre sich
-sehnend, -- sich von ihr hinwegsehnend.
-
-Es war in der That noch nicht die Zeit für die beiden Privatstunden,
-die sie, ganz in der Nähe von Ottiliens Wohnung, in einem reichen
-Kaufmannshause zu geben hatte. Es hatte sie nur nicht länger gelitten, mit
-ihrer wehen Angst, unter den Augen der Kinder.
-
-Marianne ging einige Straßen weit in der Richtung auf ihr Ziel, dann blieb
-sie unterwegs vor einem Stift für arme Frauen stehn. Von zwei kleinern
-Nebenbauten flankiert, lag es lang und flach hinter einem grün
-angestrichenen hölzernen Zaun.
-
-Noch ehe sie sich überlegt hatte, ob sie eintreten wolle, war sie bereits
-aus einem Fenster des Erdgeschosses von derjenigen bemerkt worden, der ihr
-Besuch galt.
-
-Kaum stand sie im steingepflasterten Flur, der die ganze Mitte des Hauses
-durchschnitt, als sich auch schon eine der vielen Zimmerthüren zu seinen
-beiden Seiten öffnete, und die ihr wohlbekannte energische Stimme auf
-russisch erfreut herausrief: »Willkommen! Willkommen! Frau Marinka!«
-
-Aus dem Hintergrunde des Flurs, wo dieser in ziemlich dunkle Küchenräume
-zu münden schien, quoll starker Dampf und Speisegeruch. Eine dralle Magd,
-mit aufgekrempelten Aermeln und in Bastschuhen, schlürfte vorüber.
-
-Aber im Zimmer selbst, das Marianne betrat, war es, trotz seiner rohen
-grellbunten Tapete und den ungestrichenen Dielen, nicht unbehaglich. Wer
-hier eigne Möbel um sich aufstellen konnte, entbehrte nicht ganz eines
-gewissen Komforts.
-
-Aus einem Sessel am Fenster hatte sich eine große, starkknochige
-Sechzigerin erhoben und ging Marianne belebt entgegen, wobei sie sich auf
-einen Stock stützte.
-
-»Nun, meine Liebe, das ist wirklich aufopfernd von Ihnen, -- ich wäre
-Ihnen auch längst auf dem zugkalten Flur entgegengelaufen, aber, Sie
-wissen: die dumme Gicht! Und Doktor Tomasows Verbot! -- Setzen Sie sich,
-meine Einzige; was kann ich Ihnen anbieten: Thee, Obst, Schokolade, Konfekt
-oder etwa kaltes Rebhuhn?« -- fragte sie, in rascher, lebhafter Rede, mit
-der Miene einer Schloßfrau, die bewirtet; zugleich hob sie den Krückstock
-und deutete damit auf die verschiedenen Stellen im Zimmer, wo die
-angebotenen Herrlichkeiten ihren Platz gefunden hatten.
-
-Marianne mußte lächeln, sie sah um sich. Ja, da standen in der That
-allerlei Leckereien, -- die guten Bekannten hatten sie gebracht.
-
-»Ach, Wera Petrowna, das ist ganz gut, aber daß Sie hier wohnen müssen!
-Sie sollten es jetzt besser haben: hat Tomasow Ihnen von der neuen billigen
-Pension erzählt?«
-
-Wera Petrowna lachte voll Nichtachtung und zeigte dabei ihre starken,
-gelblichen, wohlerhaltenen Zähne.
-
-»Thorheit, meine Liebe, Thorheit!« sagte sie und zog Marianne neben sich
-auf das große, mit verblichener geblümter Wolle überzogene Sofa. »Von
-meinem winzigen Gelde kann ich auch in der billigsten Pension nicht leben.
-Armenstift, -- das ist Vorurteil. -- Und Konfekt und Rebhuhn, das ist ja
-recht schön, aber wenn meine Verwandten glauben, daß sie mich dadurch
-ködern und willfährig machen können, -- daß ich deshalb bei ihnen
-irgendwie als gute Tante unterkriechen würde! -- Ich esse einfach die
-guten Sachen, und komme doch nicht.«
-
-Die Alte wußte ganz gut, welch schmerzlicher Stein des Anstoßes ihren
-ansehnlichen Verwandten ihr »Schloß« war, wie sie das Armenasyl nannte.
-
-Sie nahm bedächtig eine Prise.
-
-»Kommen Sie nicht vielleicht morgen zu uns zum Frühstück?« fragte
-Marianne. »Heute habe ich knapp Zeit, aber dann könnten wir von den
-Weihnachtseinkäufen plaudern. Ich weiß schon, daß Sie so gut sind,
-mir mancherlei Besorgungen abzunehmen, -- ich komme ja erst dicht vor
-Thorschluß dazu.«
-
-Wera Petrowna nickte.
-
-»Ja, so gut bin ich, -- sehr gern, thu ich sehr gern. Sie wissen ja, wie
-für mein Leben gern ich in den schönen Läden herumflankiere. -- Mit
-einigen blanken Rubeln oder ein paar Papierscheinchen lauter gute
-Dinge ansehen und bestellen, -- nun, und die Verkäufer, die haben auch
-höllischen Respekt vor meinen scharfen Augen und müssen herzeigen,
-worauf ich mit dem Stock weise, -- und sollten sie sich selbst beim
-Hinundherklettern den Hals verrenken.«
-
-»Aber reinen Mund vor den Kindern!« warnte Marianne.
-
-»Natürlich. Freue mich recht, morgen die beiden wiederzusehen. Sah die
-Cita ja lange nicht. Und sie sind beide so recht hübsch zum Ansehen, --
-nun, auch zum Sprechen gut, wirklich sehr gut. Schade, zu denken, daß so
-was bald weggeheiratet wird. Schade, schade.«
-
-»Ganz so pessimistisch urteile ich darüber nicht, ein solches Fortgehn
-ist nicht das schlimmste Fortgehn,« sagte Marianne leise.
-
-»Nun, ist vielleicht auch wahr. Wenn ich so denke, wie es mir erging.
-Verschlagen ins ärgste Gutsleben in entlegenster russischer Provinz --
-vom ersten Tage der Ehe an. Und hineingekommen mitten aus der feinsten
-städtischen Erziehung, -- ja, alles, was wahr ist: mitten aus den feinsten
-Pensionaten und voll von allerlei Bildungsbedürfnissen. Und trotzdem --
-was meinen Sie wohl? -- trotzdem hab ich doch diesen Menschen bis an seinen
-Tod angebetet, diesen prachtvollen Jungen, meinen Mann! Konnte er etwa mehr
-als Gutsarbeit, Trinken, Spielen --? Nein, keine Spur! Und brutal war er
-auch, wenn er nicht grade zärtlich war. Was that mir das alles? Tottreten
-hätt er mich dürfen! -- -- Nun ja, Leidenschaft ist blind und taub, das
-weiß man ja, -- und mitunter ist sie auch unglaublich dauerhaft dabei,
--- das muß wahr sein. -- -- Die längste Zeit des Lebens ist man einfach
-verrückt.«
-
-Es klang fast cynisch. Marianne kannte diesen Ton. Aber auch das kannte
-sie: daß Wera Petrowna dasaß und durch ihr lebhaftes Erzählen von irgend
-etwas Marianne von der Unterhaltung enthob, weil sie merkte, wie wenig
-Marianne, ihrer lieben »Marinka«, nach Unterhaltung zu Mute sei. Und was
-merkte sie nicht? Gewiß schon bei den ersten Begrüßungsworten hatten
-diese hellgrauen fast ironisch blickenden Augen alles, was sie wollten,
-gesehen.
-
-Wera Petrowna griff nach einem frisch angebrochenen Zigarettenkästchen und
-machte Feuer.
-
-»Geschenk von meinem Neffen!« bemerkte sie kurz. »Und Sie rauchen noch
-immer nicht? -- -- Wird auch noch kommen, meine Einzige, wird auch noch
-kommen. Wissen Sie überhaupt: alle wahren Genüsse kommen im Alter, -- und
-so weit sind Sie eben noch immer nicht, Sie Aermste. -- Da hat man nämlich
-erst die Ruhe dazu, -- ich meine: so die inwendige Ruhe. Man hat
-kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt nicht alles so wahnsinnig
-persönlich, woraus ja doch allein alle schrecklichen Schmerzen kommen. --
-Nun, ich will Ihnen übrigens alle diese spannenden Vorteile nicht vorweg
-erzählen, Sie erleben sie ja auch noch. -- Es ist wirklich zu schön,
-sagte der Bauer, und da ließ er sich zur Ader, so lange, bis er
-starb --.«
-
-Sie lachte auf und rauchte wie ein Schornstein.
-
-Marianne sah nach der Uhr.
-
-»Jetzt muß ich zur Stunde,« sagte sie bedauernd, »also auf morgen. Wie
-gut und ruhig sitzt es sich bei Ihnen, man ruht aus.«
-
-»Ja, mein Täubchen, wollten Sie nur noch bleiben, -- ich würde gern das
-Maul halten; übrigens, ich begleite Sie, wenn Sie erlauben. Fahre mit der
-Pferdebahn von der Ecke an in der Richtung der Schmiedebrücke. Ich habe,
-weiß Gott, hier nichts zu thun. -- Für gestern abend bekam ich richtig
-noch ein überzähliges Theaterbillett zugesteckt. Ein Lotterleben führt
-die Alte, was?«
-
-Sie erhob sich schwerfällig und streichelte Marianne liebkosend die Wange.
-
-»Ein Leben, um dessen Frische und Elastizität der Jüngste Sie beneiden
-muß,« versetzte Marianne, »wer von uns würd es an Ihrer Stelle wohl
-ohne Trübsal aushalten -- bei diesem Mangel an dem Ihnen gewohnten Behagen
-und Ueberfluß?«
-
-Wera Petrowna hatte ihre Haube von dem ganz dünnen grauen Haar
-heruntergenommen und band sich umständlich einen wattierten Kapottehut,
-mit Ohrenklappen für den Wind, auf dem Kopf fest.
-
-»Behagen? Da hust ich drauf!« antwortete sie derb, und es wetterleuchtete
-von Spott über ihren scharf geschnittenen Zügen; »was schert mich denn
-das bißchen Behagen? Eiderdaunen und Tischporzellan, fette Braten und
-Dienerschaft rechts und links, bis man sich nicht mehr rührt noch regt,
-sondern irgendwo einschläft. Mit all dem Behagen haben wir uns da hinten
-auf dem Gut gestopft, wie Mastgänse. Das Behagen quoll uns direkt zum
-Halse heraus. Aber das Leben stand mir still, -- all mein Leben, bis auf
-das eine verliebter Leute. Nun bin ich als Mastgans alt geworden, aber vom
-Leben will ich noch schnell was mitnehmen, soviel eben eine alte Gans noch
-begreift.«
-
-Sie ließ sich von Marianne in ihren Pelz helfen, versorgte sich reichlich
-mit Zigaretten und klapperte mit ihrem Stock auf den steinernen Flur
-hinaus.
-
-Sie gingen nur ein kleines Stück gemeinsam, bis zu der Pferdebahn.
-
-»Sehen Sie, da kommt sie schon!« sagte Wera Petrowna mit
-innigem Vergnügen und wies mit ihrem Stock auf den herannahenden
-Straßenbahnwagen: »Und nun geht es für bloße fünf Kopeken mitten
-hinein in die Wagen und Menschen, Schauläden und Ausstellungen -- und
-sogar in die Unglücksfälle -- meinetwegen, wenn das Genick doch schon
-gebrochen sein muß.«
-
-Marianne blieb lächelnd stehn, bis sie die Alte im Inneren des Wagens gut
-placiert sah, dann schritt sie schneller aus, zu ihrer Privatstunde.
-
-Die Eindrücke des heutigen Nachmittags zu Hause traten dabei langsam in
-den Hintergrund, und die Notwendigkeit, alles zurückzudrängen, was sie
-nicht in ihren Beruf mitbringen durfte, erwies sich, wie so oft, heilsam
-befreiend für ihre Stimmung. Als sie vom Unterricht zu ihrer Schwester
-ging, hatte ihre Grundnatur, getrost und tapfer, bereits wieder den Sieg
-über die Traurigkeit gewonnen.
-
-Es war schon halb neun Uhr. Sie kam bei Ottilie grade noch zum Abendthee
-zurecht. Neben dem Tisch im Eßzimmer dampfte schon der silberne Samowar
-auf seinem Gestell, die Theegläser standen bereit und dazwischen
-flache Schüsseln mit eingekochten Früchten und mit winzigen belegten
-Brotschnittchen, -- jedes grade ein Mundvoll groß, fast so zierlich wie
-Konfekt hergerichtet.
-
-»Aber seid ihr etwa nicht allein heute?« fragte Marianne beunruhigt, als
-sie diese kunstvollen Zuthaten zum Abendthee wahrnahm und die hübschen
-gestickten Tellerservietten, -- Ottiliens eigne mühsame Handarbeit.
-
-»So gut wie allein,« versetzte ihr Schwager, der sie empfangen und
-hereingeführt hatte, »Ottilie sitzt nur noch drinnen mit einem Fräulein
--- eine ausländische Konzertsängerin, glaub ich --. Jedenfalls schwärmt
-Tilie für das Fräulein Clarissa.«
-
-Er machte bei seinen Worten ein gutmütiges, behagliches Gesicht. Ihm
-gefiel, wenn schon nicht die Konzertsängerin, so doch der um ihretwillen
-so schön bestellte Theetisch sehr gut.
-
-Ueber die Schüssel mit den zierlichen Brotscheibchen gebeugt, steckte er
-eins davon, mit geräuchertem zartrotem Lachs belegt, in den Mund. Grade
-wollte er Marianne auffordern, sich der gleichen Beschäftigung hinzugeben,
-als seine Frau mit dem fremden Fräulein bereits eintrat.
-
-Nun wurde nach den Kindern gerufen, man nahm geräuschvoll Platz und
-tauschte die üblichen Redensarten. Inotschka, die dreizehnjährige
-Tochter, erschien schüchtern an der Thür, sie machte vor der Fremden
-ihren eingelernten Knix mit einer Befangenheit, die sie linkisch aussehen
-ließ und die schlanke Grazie ihrer feinen Bewegungen ganz verwischte.
-
-Rot bis an den lichtbraunen Haarschopf über ihrer Stirn, setzte sie sich
-in ängstlicher Haltung neben ihre Mutter, deren Stirnrunzeln sie schon
-bemerkt hatte. Aber dabei flog ihr Blick mit einem Aufleuchten zu Marianne
-hinüber, die von ihr in all der Verlegenheit nicht einmal begrüßt worden
-war. Dafür grüßten sie ihre Augen nun fortwährend und brachten dadurch
-ihr Theeglas in Gefahr, von den unachtsamen schmalen, rötlichen Händen
-umgestoßen zu werden.
-
-Nikolai, der älteste Sohn, ein großer Junge in der kleidsamen
-Gymnasiastenuniform, saß neben Marianne, mit der er sich ebenfalls
-besonders gut stand. An seinen freien Montagnachmittagen war er ihr
-Schüler, da trieben sie auf Wunsch des Vaters englische und französische
-Konversationsstudien, und bei diesen Gelegenheiten hatte er mit vielen
-grammatikalischen Fehlern Marianne mehr von seinen vierzehnjährigen
-Wünschen und Nöten anvertraut, als je auf gut russisch seinen eignen
-Eltern. Heute klagte er Marianne heimlich, mit ausdrucksvollen Andeutungen,
-sein Leid über diesen unerwarteten Damenbesuch; er wollte zu bestimmter
-Stunde einen Kameraden treffen, und nun konnte »die Geschichte schrecklich
-lange dauern hier bei Tisch«.
-
-Seine beiden kleinen Brüder schauten hinter ihren breiten Milchtassen nur
-ganz verstohlen auf den fremden Gast in dem für einen simpeln Familienthee
-etwas zu prächtig geratenen Gesellschaftsanzug. Sie waren beide
-beängstigend artig, -- so artig, wie, nach Mariannens in diesem Punkt
-ziemlich trüben Lebenserfahrungen, lebhafte Kinder nur dann sind, wenn
-sich bald darauf etwas Fürchterliches ereignet.
-
-Aber diese Kleinen hier regierte auch bei Tisch der wachsame Blick ihrer
-Mutter mit unmerklicher Strenge. Der Jüngste, Mariannens Liebling, war
-schon zu Bett.
-
-Ottilie verstand es musterhaft, in sich stets gleichbleibender
-Liebenswürdigkeit sowohl für die Unterhaltung wie für das Betragen der
-Kinder zu sorgen. Und während sie emsig ihrem Mann den Thee auf seine ganz
-spezielle Weise mit Fruchtgelee anrührte, blieb sie doch ganz Ohr und
-fiel bei jeder heitern Aeußerung ihres Gastes mit einem kleinen hellen,
-klingenden Lachen ein.
-
-»Sie ist darin einfach bewunderungswürdig!« dachte Marianne aufrichtig,
-die inzwischen ganz still geworden war. Sie hatte genug damit zu thun,
-gegen ihre Abspannung anzukämpfen, von der sie an solchen Tagen, beim
-ersten Nachlassen von Pflicht oder Freude, überfallen werden konnte.
-
-Hin und wieder verschwammen ihr die Worte der andern in einem eintönigen
-Gesumm. Sie wußte sich sogar ganz gut im stande -- zu ihrer eignen
-Beschämung --, auf diesem bequemen Stuhl mitten unter ihnen allen recht
-tief und süß einzunicken, um dann zu einer gegebenen Zeit frisch und
-heiter zu erwachen, von neuem aller ihrer Kräfte Meister --.
-
-Erschrocken bemühte sie sich, besser zuzuhören. Fräulein Clarissa
-schwärmte soeben von Oesterreich.
-
-»Das ist ganz Wasser auf die Mühle meiner Frau!« sagte der Schwager.
--- »Die ist ganz versessen drauf, und nun gar Wien! -- Hier ist nur das
-Diesseits, dort das schönere Jenseits: so etwa denkt sie sichs. Und die
-Praterfahrten, und die feschen Offiziere, -- nicht wahr, Tilie?«
-
-Er sprach mit gutmütigem Spott, Stockrusse, wie er durch und durch war,
-kaum je über die Landesgrenze gekommen, und vielleicht zu seiner eignen
-Verwunderung mit einer halben Nichtrussin verheiratet. Sein naiver
-Chauvinismus kam seiner Karriere als höherer Beamter sehr zu statten, war
-indessen intensiv ehrlich gemeint.
-
-Ottilie erwiderte gar nichts. Doch hatten sich alle Züge ihres Gesichtes
-während seiner Worte verändert, strafften sich plötzlich, -- es sah aus,
-wie wenn sie sich auf Eis legte. Die Theekanne zitterte leicht in ihrer
-Hand.
-
-Nur Marianne bemerkte es. Ganz erstaunt sah sie die Schwester an. Ach so,
--- der fesche Offizier?! -- Nein, das konnt es doch wohl nicht sein? Ein
-österreichisch-ungarischer schmucker Husar, Leichtfuß und nichtssagend,
-hatte Ottilie einst einen Heiratsantrag gemacht -- in gänzlicher
-Verkennung der materiellen Verhältnisse. Eine belanglose Schwärmerei
-Ottiliens. Wie belanglos, das empfand Marianne damals doppelt deutlich
-gegenüber ihrem eignen Bündnis, das sie kurz zuvor eingegangen war.
-
-Sie erinnerte sich noch ganz gut, wie heftig der zigeunerische Teint und
-die Husarentracht die Schwester bestachen. Und um wie viel älter sie
-sich selbst urplötzlich daneben vorkam. Um so viel älter wie erglühende
-inbrünstige Jugend neben den Gefühlswallungen der Backfischentwicklung.
-
-Ottiliens Mann hatte die Bedeutung dieses ominösen Husaren offenbar rein
-vergessen. Ottilie hatte sie jedoch sonderbarerweise hinter ihrer ruhigen,
-liebenswürdigen Verschlossenheit ganz und gar nicht vergessen. Der
-Schwager schien nicht allzuviel Ahnung von den geheimen »Tiefen« in
-seiner Frau zu haben.
-
-Nikolai rückte immer unruhiger auf seinem Stuhl herum und schielte nach
-der großen Wanduhr gegenüber. Er wagte aber nicht, aufzustehn. Der Blick
-seiner Mutter, der jetzt um eine Nuance schärfer und gereizter schien
-als vorher, mahnte ihn wiederholt daran, daß auch er einen, wenn auch nur
-bescheidenen Beitrag zur Unterhaltung zu liefern habe, weil es sich für
-seine Jahre schicke, die Umgangsformen zu üben.
-
-Nikolai zermarterte sein Gehirn. Ihm kam eine entsetzliche Menge von
-Gedanken und Vorstellungen, aber sie waren alle so merkwürdig unpassend.
-
-Schon war er nahe daran, bei Tante Marianne einen kleinen Gedanken zu
-borgen. Da fiel ihm grade noch etwas ein, und er sagte ganz verzweifelt, --
-viel zu laut mitten hinein ins Gespräch der übrigen: »In unsrer Schule
-ist ein Junge für immer abhanden gekommen.«
-
-»Wie denn abhanden gekommen?« fragte Marianne befremdet.
-
-»Ja so, ganz abhanden. Er war dort Pensionär, lief fort und hinterließ
-einen Zettel, daß er sich töten wolle. Niemand weiß, wo und was. Seine
-Eltern leben in Südrußland. Man hat ihn noch nicht aufgefunden.«
-
-Ein kleiner Alarm entstand am Theetisch. Nikolai war ganz stolz. Alle
-redeten durcheinander.
-
-»Mein Himmel, daß du das auch nicht gleich erzählt hast!« rief sein
-Vater.
-
-Nikolai nahm sich das heimlich bereits für das nächste Mal vor, wenn
-wieder ein Junge abhanden kommen sollte. Er hatte gefürchtet, es sei im
-Hinblick auf einen Gast ein zu bescheidener Beitrag.
-
-Ottilie seufzte. Sie sah streng und bitter aus.
-
-»Das sind Zustände!« bemerkte sie empört. -- »Ja, wenn schon die
-Kinder so anfangen! Dann ist es freilich nicht zu verwundern, wenn sie sich
-ohne alle Zucht und Sitte erst recht töten, nachdem man sie glücklich
-bis zum Erwachsensein durchgebracht hat. Was für ein Kind muß das gewesen
-sein, das so etwas Schändliches thut.«
-
-»Und welch eine Behandlung, die so etwas ermöglicht!« setzte Marianne im
-stillen hinzu. Sie erschauerte. Konnte man sich wohl je genügend tief in
-eine Kinderseele hineindenken, die zu solchen Entschlüssen gelangt war?
-Vielleicht bezwungen vom Heimweh, -- von irgend einer unverstandenen Angst,
--- Angst vor dem ganzen Leben selbst vielleicht, -- wer weiß es denn?
-
-Und ihr wurde das Herz ganz weit und groß, als müßte sichs über eine
-Welt ausdehnen und alle Kinder darin umfassen, -- mit solcher Wärme und
-Inbrunst umfassen, daß keins davon ausgeschlossen bliebe.
-
-Ganz verträumt und zerstreut stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn
-sie jetzt hingehn könnte und suchen und finden, und wie das ratlose Kind,
-anstatt in irgend eine letzte Dunkelheit, sich hinein verfangen würde in
-helfende, starke, mutterzärtliche Hände --.
-
-Endlich erhob man sich.
-
-Nikolai entfloh. Die kleinen Brüder machten ihre Runde mit einem
-schläfrigen, etwas schwankenden Kratzfuß und wünschten gute Nacht. Im
-Nebenzimmer wurde der schöne Flügel geöffnet, und Fräulein Clarissa
-setzte sich davor, um ein Arie aus Figaros Hochzeit vorzutragen.
-
-Marianne griff der Gesang an. Die Stimme, ein prachtvoller Alt, erwies
-sich als zu groß für das nicht sehr geräumige Zimmer. Ottilie ließ sich
-augenscheinlich nicht weiter davon anfechten, übrigens war sie auch nicht
-sonderlich musikalisch.
-
-Der Schwager setzte sich zu Marianne. Er schob ihr ein bequemes Kissen in
-das Sofa, dessen Polsterlehne im Rücken unbequem einfiel, und warf seine
-Zigarette fort. Etwas so Sorgliches besaß er.
-
-»Findest du nicht: Tilie sieht schön und vorteilhaft aus, sogar neben der
-viel Jüngern, -- ihr seid eine dauerhafte Rasse, ihr beide!« bemerkte er
-mit einem freudigen Blick auf seine Frau, die am Flügel stand.
-
-»Ja. Ich bewunderte sie heute wiederholt,« gestand Marianne.
-
-Er nickte eifrig.
-
-»Einfach famos!« Und er versank in Gedanken über die Vorzüge seiner
-Frau, die er aufrichtig liebte.
-
-Inotschka hatte sich hinter das Sofa geschlichen, gegen das sie sich
-lehnte, indem sie ihre Arme auf seiner Rückseite verschränkte, sodaß sie
-Mariannes Haar berührten.
-
-Marianne gab leise nach und legte den Kopf zurück an die magern
-zärtlichen Mädchenarme, von denen sie wußte, wie viel lieber sie sie
-herzhaft umhalsen würden.
-
-Immer hatte sie an sich gehalten, wenn sie spürte, daß ihr Inotschkas
-Vertrauen entgegenflog, denn sie durfte sie nicht der Mutter wissentlich
-entfremden.
-
-Dadurch wurde der Wortaustausch zwischen ihnen wunderlich einsilbig und
-karg. Doch beredter als Worte schlich sich eine feine leise Zärtlichkeit
-ergänzend in ihren Verkehr, kaum wahrnehmbar andern, kaum merklich ihnen
-selbst --.
-
-Marianne dachte: »-- Wenn Inotschka erst älter und reifer ist, dann
-wird sie mir auch mehr zugehören dürfen. Ueber diese paar Jahre muß sie
-hinweg, wie so viele --.«
-
-Und sie dachte dankbar daran, daß in diesem Alter nicht viele so ganz eins
-im Sinn und Sein mit der eignen Mutter sind, wie es Cita und Sophie mit ihr
-gewesen waren.
-
-Darüber fiel ihr der heutige Nachmittag wieder ein --.
-
-Aber sie wollte nicht wieder zaghaft werden: diese Zeit der innigsten
-Zueinandergehörigkeit konnte nicht vorbei sein. Wußte doch sie am
-allerbesten, wie viel, wie unendlich viel sie ihren Kindern noch gar nicht
-gegeben, noch gar nicht mit ihnen geteilt hatte, weil sie auch jetzt
-noch zu jung und unerfahren waren, um alles zu empfangen. Voll Freude
-und Ungeduld ersehnte sie die Zukunft, wo ihnen einmal alles, ihr ganzer
-tiefster Lebensgewinn, zu eigen werden durfte. Wo sie einander ganz
-verstanden und durchdrangen, wie drei Freunde, -- um miteinander eine
-unzertrennliche seelische Einheit zu bilden. Dann erst würden alle ihre
-Schmerzen und Erfahrungen, alle ihre Kämpfe und Siege kostbare Ernte
-tragen, -- eine Ernte auf den Feldern ihrer Kinder --.
-
-Marianne bekam Heimweh nach ihren beiden Mädchen, es trieb sie aus dem
-heißen Zimmer nach Haus.
-
-Als sie endlich mit gutem Anstand fortgehn konnte, war es über dem Singen
-elf Uhr geworden.
-
-Die Begleitung des Schwagers schlug Marianne aus. Sie schlich sich nur noch
-für einen Augenblick in die große Schlafstube, um das jüngste Bübchen
-in seinem Gitterbett schlummern zu sehen, was sie nie zu thun unterließ.
-
-Dann gab ihr Inotschka das Geleit bis auf die Treppe hinaus.
-
-»Wann kommst du denn wieder zu uns, Tante Marianne?« fragte sie ganz zum
-Schluß und lehnte sich über das Treppengeländer.
-
-»Sehr bald, mein liebes Kind, -- ich komme ja schon übermorgen wieder, zu
-Nikolais Konversationsstunde,« antwortete Marianne.
-
-Inotschka schwieg eine Weile, aber als Marianne schon hinunterging,
-bemerkte sie zögernd: »Weißt du, -- ich sticke Pantoffeln für Mama zu
-Weihnachten.«
-
-»So? Bist du noch nicht mit den Weihnachtsarbeiten fertig?« fragte
-Marianne.
-
-»Nein, nicht ganz. Da dachte ich, -- mit dem Pantoffel könnte ich mich
-gut in unsre Lernstube setzen, während du bei Nikolai bist --. Meinst du
-nicht auch?«
-
-Marianne sah zu ihr hinauf.
-
-»Gewiß, wenn Mama nichts dagegen hat? Aber du mußt sie lieber erst
-fragen.«
-
-Inotschka nickte schweigend.
-
-»Gute Nacht, meine kleine Ina!« rief Marianne ihr noch zu, während sie
-schon die letzte Treppe hinabstieg.
-
-Indessen Inotschka antwortete noch nicht gleich, sie bückte sich nur
-tiefer über die Brüstung, und erst als sie nicht mehr wissen konnte,
-ob ihre Worte von unten her noch vernehmbar wären, rief sie zaghaft, mit
-gedämpfter Stimme, und ganz hastig hinunter: »Gute Nacht! Gute Nacht! Ich
-muß dir doch noch schnell sagen, daß ich dich ganz schrecklich lieb habe,
-und daß du mich fortnehmen sollst zu dir, und daß ich immer bei dir sein
-will und nirgends sonst. Und daß du mich nicht so stehn lassen sollst --
-nicht so allein --.«
-
-Sie brach ab. Schon während der ersten Worte schloß der Portier unten
-geräuschvoll die Hausthür auf, die dann mit einem mächtigen Knall
-zuklappte.
-
-Im Treppenhause wurde es plötzlich so beängstigend still.
-
-»Sie hat nichts gehört, -- gar nichts hat sie gehört. Das ist mal gut.
-Unsinn, -- wozu auch!« sagte Inotschka wesentlich lauter als vorhin.
-
-Aber obwohl sie es gut fand, daß Marianne nichts mehr vernommen hatte,
-verfinsterte sich ihr schmales Gesichtchen mit dem weichen Munde. Sie
-drückte die Zähne auf die Lippen und rieb sich mit blinzelnden Augen, um
-nicht loszuweinen, am Geländer, bis die Stimme der Mutter von drinnen in
-erstauntem Ton nach ihr rief.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-=III.=
-
-
-Seit zehn Uhr waren die jungen Mädchen von ihrer Schlittenfahrt im
-Sternschein zurück.
-
-Cita saß schon eine Weile auf dem Rande ihres weißlackierten Eisenbettes
-und zog sich bedächtig die Strümpfe von den hübschen Füßen.
-
-Sophie ging noch unausgekleidet umher, sie machte sich bei ihren Büchern
-zu schaffen, die sie auf ihrem Tisch am Fenster aufzustapeln pflegte, und
-etliche von ihnen trug sie ins Wohnzimmer auf den Schreibtisch der Mutter
-hinüber.
-
-Dabei sprach sie kein Wort. Sie war schon den ganzen Abend gegen ihre
-Gewohnheit still gewesen und behielt auch jetzt die Miene einer düster
-Versonnenen.
-
-Cita legte gähnend ihre Strümpfe auf den Stuhl am Bett.
-
-»Schlittenfahren ist ganz schön,« entschied sie, »aber dies gesellige
-Vergnügtsein von Männlein und Weiblein, die nichts Besseres zu thun
-wissen, -- wie bin ich froh, daß ich mich davon gründlich entwöhnt habe!
-Kindisch ist es einfach. Es gibt doch wahrhaftig ernstere Aufgaben in der
-Welt.«
-
-»Meinetwegen kann es auch aufhören,« versetzte Sophie apathisch, mit
-einer bekümmerten kleinen Stimme, »und auch das Schlittenfahren, und
-überhaupt alles.«
-
-Sie kam eben wieder aus dem Wohnzimmer zurück. Cita fragte gar nicht, was
-sie dort eigentlich treibe, sie wußte gar nicht, daß Sophie soeben ihre
-Studienbücher und Lieblingswerke auf Mas Schreibtisch aufgeschichtet
-hatte, wie man sündhafte Kostbarkeiten auf einen Scheiterhaufen trägt.
-
-Sie wollte Ma so gern nach der heutigen Kränkung ihre rückhaltlose
-Ergebenheit beweisen. So gern ihr zeigen: »Siehst du, ich entsage allem,
-was mich von hier fort zu locken anfing! Schließe es für immer vor mir
-zu.«
-
-Aber Cita brauchte das einstweilen noch nicht zu wissen. Denn Sophie
-fürchtete sich entsetzlich davor, ihr eignes Thun klar und endgültig
-aussprechen zu hören.
-
-Sonst hätte sie es noch am liebsten heute abend Hugo Lanz anvertraut. Ja,
-dem am ehesten! Sie meinte: wenn er zum Beispiel, davon erschüttert, nun
-auch seinerseits alle ehrgeizigen Pläne fahren ließe, dann hätten sie
-gemeinsam trauern, sich gemeinsam trösten und ermannen können.
-
-Er würde dann kein Dichter werden, sondern ein Kaufmann, und sie kein
-Arzt, sondern -- sondern vielleicht irgend wann einmal die Frau eines
-Arztes, Dichters oder Kaufmanns in der Welt.
-
-»Geh doch endlich schlafen!« rief Cita in ihre schwermütigen
-Betrachtungen hinein. Sie selbst lag bereits im Bett, grade auf dem Rücken
-ausgestreckt, die Arme über dem Kopf verschränkt.
-
-Sophie setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
-
-»Glaubst du, daß es glückliche Ehen gibt?« fragte sie langsam und
-ernst.
-
-Cita gähnte gleichmütig.
-
-»Ja,« versetzte sie nach kurzer Ueberlegung, »aber entschieden nur
-unter den Frauen, die sich unsrer Frauenbewegung anschließen. Das ist
-sonnenklar: denn die setzen sich in den Stand, sich selbst zu versorgen,
-den Mann nicht zu brauchen. Also kann es die schlimmste Eheschließung
-überhaupt nicht mehr geben: nämlich die wegen Geld und ohne Liebe. Dafür
-sind andre, schönere nun erst möglich, --«
-
-»Zum Beispiel sogar ohne Geld und mit Liebe!« fiel Sophie hoffnungsvoll
-ein. Wie schön war das eigentlich! Aber davon schloß sie sich auch
-aus, wenn sie nicht Arzt wurde, -- kein selbständiger, erwerbender
-Berufsmensch.
-
-Cita sagte plötzlich leise: »An die ganze Heiraterei mag ich aber
-einstweilen weniger als je denken. -- -- Weißt du, es hat etwas so
-Schreckliches: man ist keines Menschen sicher, -- jedem kann noch
-einfallen, das Verrückte zu thun und zu heiraten. -- -- Stell dir zum
-Beispiel vor, daß unsre Ma -- --«
-
-Sophie stellte es sich nicht vor. Sie schüttelte den Kopf und lachte.
-
-»Schäm dich,« sagte sie kurz.
-
-Cita richtete sich im Bett auf. Ihre dunkeln Augen hefteten sich erregt und
-finster auf die Schwester.
-
-»Nein, nein, glaube mir! Ich behaupte nur, daß so etwas möglich ist, --
-nichts weiter. Aber möglich ist es. Es ist möglich, es ist möglich.«
-
-Der Ton, in dem sie es wiederholte, wurde immer härter und kälter. Nach
-einer Pause fuhr sie fort: »Und wer könnte auch was dagegen thun, dagegen
-sagen? Schließlich ist es doch das Recht eines jeden Menschen -- --.
-Auch Mas Recht also, -- -- jawohl, unsrer Ma auch, die bis jetzt so ganz
-ausschließlich uns gehörte, -- ganz allein _unsre_ Ma war, an die niemand
-sonst den geringsten Anspruch machen darf. Niemand, niemand --«
-
-»Nein, niemand!« bestätigte Sophie gedehnt. »Niemand außer uns --«
-
-»Es ist aber ihr gutes Recht! Vergiß nicht: ihr gutes Recht!« fiel Cita
-nachdrücklich ein. »Von uns ist es ganz unberechtigt, so zu sprechen.
-Ja, vollständig. Mama kann jeden Tag heiraten, wenn sie will, -- und
-überhaupt thun und lassen, was sie will --«
-
-Sie brach ab. Ihre Stimme vibrierte von verhaltener Erregung.
-
-Sophie stand auf und küßte die Schwester flüchtig auf die Stirn.
-
-»Gute Nacht. Schlaf lieber. Du bist einfach verrückt geworden. Ich
-glaube, du träumst schon!« erklärte sie. »Ebensogut könnte ich mir
-vorstellen, daß Ma überhaupt gar kein Mensch, sondern ein Walfisch ist.«
-
-Mit diesem Bescheid kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und setzte sich an
-den Schreibtisch vor die aufgeopferten Bücher. Oben drauf hatte sie das
-Mikroskop gestellt, das sie erst vorigen Weihnachten zum Geschenk erhalten
-hatte. Nun war es eine ganze Pyramide von Sachen.
-
-Eigentlich wollte sie Ma hier erwarten. Es sollte keine Nacht drüber
-hingehn und sie wankend machen und auf andre Gedanken bringen --.
-
-Seltsamerweise fiel ihr wieder Hugo Lanz ein. Ja, wer weiß: indem sie dem
-erwählten Beruf entsagte, entsagte sie vielleicht sogar einer jener allein
-glücklichen Eheschließungen, die Cita noch gelten ließ. -- -- Denn Hugo
-Lanz besaß kein Geld -- --.
-
-Also war es wirklich ein Totalverzicht. Ein Opfer der Kindesliebe, wie es
-nicht bald ein zweites gab.
-
-Sophie saß beim Schreibtisch mit gefalteten Händen und den gemischten
-Gefühlen einer über ihre eigne Größe fast bis zur Verlegenheit
-erstaunten Märtyrerin.
-
-Cita hatte inzwischen ihren Rat befolgt und war in gesunder Müdigkeit nach
-der langen Fahrt durch die Winterkälte fest eingeschlafen. Aber sie lag da
-mit finster zusammengerückten Augenbrauen und einem bösen Ausdruck um den
-Mund.
-
-Die zurückgedrängte Bitterkeit in ihrem Herzen hatte noch ihre Schrift
-auf ihr Gesicht geschrieben. Ihr letzter klarer Gedanke war das Gelübde
-gewesen, mehr als je ganz allein auf sich selbst stehn zu wollen.
-
-Doch als sie in das Land der Träume hinüberglitt, senkte sich dichter
-und dichter eine große Finsternis um sie. Sie schaute vergebens nach den
-Dingen aus, die ihr vertraut gewesen waren, nach den Stätten, an denen
-sie sich heimisch fühlte. Eine schwarze Wand wehrte ihr Durchgang und
-Ausblick.
-
-Und da überfiel sie Angst, wie sie nur als kleines Kind Angst gekannt
-hatte.
-
-Beide Hände legte sie vor die Augen, um wenigstens das Dunkel nicht zu
-sehen. Doch was sie nicht sah, das fühlte sie: wie alle Gegenstände und
-alle Fernen über sie her kamen, wie sie sich zusammenrotteten und ballten,
-um sie zu ersticken --
-
-Da entrang sich ihr in dumpfem Entsetzen Mas Name. Mit leiser, furchtsamer
-Stimme rief sie nach Ma. War denn nicht auch Ma irgendwo unter all dem
-da draußen, was sie umdrohte und gefährdete? Dann würde sie alles
-entwirren, alles Böse abhalten --.
-
-Aber Ma war nicht da.
-
-Und plötzlich wußte sie, daß Ma nicht mehr da war, -- das allein, nur
-das war die Finsternis ringsum -- --.
-
- * * * * *
-
-Gegen Mitternacht fuhr ein Schlitten vor.
-
-Marianne stieg die Treppe hinauf und öffnete so geräuschlos wie möglich
-die Thür zur Wohnung.
-
-Alles blieb still. Also schliefen die Kinder bereits. So ging sie leise
-hinüber in ihr nach dem Hofe gelegenes Schlafzimmer neben Sophiens und
-Citas Stübchen.
-
-Hier hatten zärtliche Hände schon für alles gesorgt. Die Lampe
-angezündet, die warmen Vorhänge vor dem Fenster zugezogen, jedes Ding
-bequem bereit gestellt, von der Wasserkaraffe auf dem niedrigen Tischchen
-bis zu den tiefroten, kleinen Tuchpantoffeln vor dem aufgeschlagenen
-weißen Bett.
-
-Neben der Karaffe stand am Bett ein schmales Kelchglas mit einer Handvoll
-italienischer Anemonen darin, -- blaßrote, violette, gelbe --, -- ein
-wenig angewelkt noch von dem Weg hierher.
-
-Die Blumen mußten die Mädchen heute abend bei den Bekannten geschenkt
-bekommen haben. Und sie wußten, warum die Mutter diese Erinnerungen an
-Italien und seine Sonne so leidenschaftlich liebte --.
-
-Marianne hob die angewelkten Stengel behutsam einzeln aus dem Wasser und
-beschnitt sie unten etwas, damit sie besser saugen möchten. Dann ordnete
-sie sie neu, mit Bewegungen, die sie fast liebkosten.
-
-Die feine kleine Freude machte sie warm und wach. Ach, daß die beiden
-schon schliefen, die Langschläfer! Jetzt hätte sie sich gern noch auf
-einen Augenblick an ihre Betten gesetzt und sie geherzt.
-
-Ihr war so kindfroh und bewegt zu Mut.
-
-Als sie das Licht angezündet hatte und die Lampe herausstellen und
-auslöschen wollte, bemerkte sie einen hellen Schein in der Thürritze des
-Wohnzimmers.
-
-Hatten sie die grüne Studierlampe brennen lassen? War doch noch eine von
-ihnen wach?
-
-Sie glitt in die Tuchpantöffelchen und ging leise über den Gang zurück.
-Die Thür war nur angelehnt, sie stieß sie auf, um einzutreten.
-
-Aber jählings hielt sie inne. Sie sah Sophie am Schreibtisch sitzen,
-die Arme auf den Büchern verschränkt, den Kopf mit den halb offen
-niederhängenden Flechten darauf, -- fest schlummernd.
-
-Sie sah die Bücher, das Mikroskop, -- und das Gesicht sah sie, das ihr im
-Profil zugekehrt lag, hell bestrahlt vom Schein der Lampe.
-
-Es war naß von Thränen. Die Mundwinkel wie im Weinen herabgezogen, die
-Augenbrauen so rührend im Ausdruck, so hilflos --. Ein so bekümmertes,
-schmerzliches, -- ein fast gramvolles kleines Gesicht!
-
-Ja, hier mußte Sophie auf die Mutter gewartet haben, aus irgend einem
-Grunde. Gewartet mitsamt allen ihren Büchern, die sie hier aufeinander
-getragen hatte. Vielleicht um etwas zu erbitten? Vielleicht um zu sagen:
-»Sieh doch, wie lieb mir das alles geworden ist, wie gern ich frei sein
-möchte und mich dem widmen!«
-
-Vielleicht auch, um etwas abzubitten. Um zu sagen: »Nimm es alles fort
-von mir, ich gebe dirs zurück, denn es weckt in mir die Sehnsucht, von dir
-hinwegzugehn.«
-
-Und nun war sie unter Thränen hier eingeschlafen, wie ein müdes Kind, und
-nur dies traurige, kleine Gesicht erzählte der Mutter von ihren Nöten --.
-
-Marianne stand noch in der halboffnen Thür, den Kopf gegen den Thürrahmen
-zurückgelehnt. Ihre Hände hingen schlaff an ihr herunter.
-
-Was half es, daß sie fortgewesen, daß sie getroster und freudiger
-heimgekehrt war. Zu Hause trat es ihr wieder entgegen, das Gefürchtete, --
-wie ein Gespenst.
-
-Und mit diesem Gespenst trat ihr die liebste Gestalt entgegen, sie, von der
-sie es nicht ertrug.
-
-Konnte die Mutter denn gewähren, was ihr Liebling von ihr heischte?
-Konnte sie denn wirklich auch die letzte fortlassen? Ganz, ganz allein
-nachbleiben? Mußte das sein?
-
-»Nein! Nein!« schrie es in ihr.
-
-Und mit Blitzesklarheit nahm die Erkenntnis ihr Herz ein: »Wenn du jetzt
--- jetzt gleich sie wecktest, wenn du vor dein Kind hintreten würdest
-wie vor eine Ertappte, die du heimlich belauscht, -- wenn du ihre kleine
-schmiegsame Mädchenseele jetzt in die Hand nehmen und nach deinem
-stärkeren Willen prägen würdest: ja, dann wäre es vielleicht möglich,
-deinem Einfluß in ihr Gewalt zu verleihen. Nimm den Augenblick wahr, wo
-sie, sich selbst verratend, daliegt, als sei sie dir ausgeliefert. Mache
-sie zu deinesgleichen, hauche ihr dein Wesen und deine Wünsche ein. Sie
-ist ja dein. Sie vertraut dir grenzenlos, und ihr höchster Maßstab bist
-du. Nutze deine Macht über dein Kind --.«
-
-Aber noch während Marianne deutlich ein jedes dieser Worte in ihrem Innern
-vernahm, als raune irgend wer sie unablässig ihr zu, machte sie eine
-übermenschliche Anstrengung, sich ebenso unbemerkt zu entfernen, wie sie
-hergekommen war.
-
-Nur jetzt keinen Laut! Nur jetzt leise, leise hinweg, ehe sie erwacht,
-ehe sie ahnt, wer hier gestanden und mehr, als sie sagen wollte, von ihr
-erfahren hat --.
-
-Es gelang Marianne, die Thür wieder anzulehnen und geräuschlos ihr
-Schlafzimmer zu erreichen.
-
-Mechanisch begann sie, sich zu entkleiden.
-
-Da standen noch die Anemonen.
-
-Marianne blickte mit heißen Augen auf sie.
-
-Dann löschte sie die Kerze aus.
-
-Unerwartet, dicht, ohne den kleinsten Lichtfleck von draußen, den die
-zugezogenen Vorhänge am Fenster aussperrten, umhüllte sie das Dunkel wie
-eine Gruft.
-
-Sie stürzte vor dem Bett in die Kniee und verbarg ihren Kopf in den
-Kissen --.
-
- * * * * *
-
-Dieser Sonntag war kein Sonntag zum Ausschlafen gewesen. Sowohl Marianne
-als die Kinder erschienen am Morgen übernächtig und mit übermüdeten
-Augen.
-
-Keines von ihnen dreien wußte indessen etwas von dem eigentlichen Grunde
-der Traurigkeit in der Seele des andern. Cita schwieg, ihr war wunderlich
-weich, als ob ihr allerlei nächtliche Träume nachgingen, aber auch ihre
-Befürchtungen waren noch in ihr und stimmten sie reizbar, obgleich sie
-sichs auszureden suchte.
-
-Marianne bemühte sich, vor den Augen der Kinder wohlgemut zu erscheinen.
-Als Sophie hereinkam, sagte sie freundlich: »Ich sehe, du hast gestern
-meinen Schreibtisch für deine Beschäftigungen auserkoren. Das ist recht
-so, ich gebrauche ihn jetzt in der Weihnachtszeit ja nicht. Und Cita wird
-vielleicht etwas stark Anspruch an den deinigen machen.«
-
-Sophie errötete lebhaft, ohne zu antworten. Sie wußte nur noch dunkel,
-auf welche Weise sie gestern schließlich zu Bett gekommen war. Und es
-kam ihr im nüchternen Morgenlicht unmöglich vor, der Mutter die großen
-Eröffnungen zu machen. Jedenfalls lag es an der Nacht, daß diese Dinge
-ihr wesentlich leichter und natürlicher erschienen waren.
-
-Das Dienstmädchen Stanjka, das sich zum Kirchgang rüstete, war die
-einzige, die sonntäglich und unbeschwert zwischen ihnen herumging. Sie
-trug ein neues grellrot gemustertes Kattuntuch um den Hals und hatte ihr
-aschblondes Haar mit Kwas glänzend gemacht; der Sonntag gehörte ihr fast
-immer, und sie freute sich auf ihn während der ganzen Woche.
-
-Alles Gute war augenscheinlich immer auf einen Sonntag gefallen: in den
-Kirchen, in den Häusern, in den Vergnügungslokalen und Theebuden feierte
-man nur ihn! Die Glocken, die mit mächtigen Klängen die Luft erfüllten
-und in die Stuben hineintönten, redeten Stanjkas frommer Naivetät ganz
-unterschiedslos von himmlischen wie von irdischen Herrlichkeiten, von
-Kniebeugungen bei Orgelklang und Kirchengesang, wie vom Tanz zur Balalaika.
-
-Nach dem Gottesdienst brauchte sie nur noch um zwölf Uhr den
-Frühstückstisch zu richten und den Samowar aufzustellen.
-
-Kurz vorher erschien Wera Petrowna zur festgesetzten Stunde.
-
-Sie hatte ein altmodisches und durch langen Gebrauch reichlich leuchtend
-gewordenes schwarzes Seidenkleid angezogen und trug auf dem Kopf eine
-komplizierte Haube mit lila Tolle, die sich im wattierten Kapottehut auf
-keine Weise unterbringen ließ, und die sie daher stets in einem besondern
-Beutel mit sich führte.
-
-»Um ein Haar wär ich nicht gekommen, ich sollte nämlich heute vormittag
-in das Dawydowkonzert,« erklärte sie, als sie sich zu Tisch setzten.
-»Das Billet war noch nicht da, ich wartete drauf bis halb zwölf, es kam
-jedoch nicht. Es sollte nämlich nur dann kommen, wenn die Frau meines
-Neffen, die sich gestern abend schon unwohl fühlte, über Nacht krank
-würde. Sie ist aber nicht krank geworden.«
-
-Sophie mußte lachen.
-
-»Dafür ist es freilich kein Ersatz, wenn wir Ihnen später etwas
-vorspielen und vorsingen wollen,« meinte sie und legte Wera Petrowna von
-den kleinen Pasteten mit gehacktem Fleisch und Kohl vor.
-
-»Nein, meine liebe, schöne, kleine Sophie. Auch muß ich später ohnehin
-fortgehn, denn ich habe noch andre Billete. Die habe ich mir eben geholt.
-Später drängen sich die Menschen so an der Kasse. Es ist weit besser, man
-ist versorgt.«
-
-»Wohin denn?« fragte Cita ohne Neugier. Sie kannte die Ausgehewut und
-Belustigungssucht der Alten.
-
-»Diesmal nur zur behaarten Riesin und zum zweiköpfigen Kind,« sagte Wera
-Petrowna gelassen und nahm sich Citrone zum Thee.
-
-»Sie sind doch immer kreuzfidel, -- aber wirklich immer!« bemerkte Cita
-nachsichtig.
-
-»Kreuzfidel? Nein, ihr junges Volk, das bin ich gar nicht. Ich muß mich
-nur beeilen, die Augen aufzureißen, ich habe viel nachzuholen. Wie lange
-dauert es, dann heißt es: Mund zu und Erde auf die Augen. -- -- Nun,
-hoffentlich dauert es noch ein Weilchen,« ergänzte sie.
-
-»Nachholen? Ja, -- aber -- die behaarte Riesin --?«
-
-»Nun, wenn auch nur eine Riesin. Was meinen Sie denn, ob bei uns dahinten
-auf dem Gut auch nur so eine gewesen wäre?! Nein, keine Spur! Das wäre ja
-Sensation genug für lange hinaus gewesen. -- Natürlich gibt es auch noch
-was Besseres als das. Natürlich. Man muß aber zufrieden sein, wie es sich
-trifft; die besseren Treffer kommen auch noch.«
-
-Sie konnte es den jungen Mädchen gut anmerken, daß sie nicht mehr recht
-wußten, ob sie sich selbst ironisiere, oder ob sie von ihr zum Narren
-gemacht würden. Wera Petrowna gefiel das ausnehmend; sie betrachtete aus
-ihren klugen Augen die beiden Schwestern mit Wohlgefallen.
-
-»Ja, ja, wenn ich auch noch so jung wäre. Herr du mein Gott!« sagte sie
-und schob den Teller zurück.
-
-»Dann würden Sie sich ohne Zweifel noch weit besser und viel mehr
-amüsieren, nicht wahr?« äußerte Cita und zuckte bedauernd die Achseln.
-»Nun sehen Sie, daran liegt uns trotz aller Jugend gar nichts.«
-
-»Nein, meine lieben dummen Unschuldstäubchen, -- ich würde ins Kloster
-gehen, ja, das würde ich!« behauptete die Alte, und ihr ganzes Gesicht
-lächelte fein und spitzbübisch aus allen seinen Fältchen. »Ja, davon
-habt ihr noch keinen Begriff,« fuhr sie auf der Mädchen erstaunten Blicke
-fort und nickte ihnen zu, »so eine Jugend, die geht ins Zeug! Nun, wohl
-bekomm's! Prosit Mahlzeit also!«
-
-Sie stand auf, noch ehe Marianne, die geduldig dasaß und wartete, das
-Zeichen dazu gegeben hatte.
-
-Marianne wollte ja mit ihr noch allerhand Weihnachtsbesorgungen besprechen.
-Und so viel sah sie recht wohl mit ihren beiden guten Augen: daß ihre
-liebe Marinka auch heute ein bedrücktes Herz haben mochte. Aus irgend
-einem Grunde, gleichviel aus welchem. Jedenfalls schienen heute selbst die
-Kinder dagegen machtlos zu sein, deren Geplauder die Mutter sonst heiter zu
-stimmen pflegte.
-
-Ihr schien, daß sich Marianne nach Ruhe sehne, -- vielleicht nach einem
-Alleinsein, das die jungen Mädchen grade in ihrer zärtlichen Sorge
-vereitelten.
-
-Als alles erledigt war, was zu besprechen gewesen, zog sie ihre Staatshaube
-vom Kopf und bestand darauf, fortzugehen. Aber schon im Mantel und
-Kapottehut mit zugebundenen Ohrenwärmern, klapperte sie noch einmal an
-ihrem Stock in den »Spalt« hinein, wo die Schwestern soeben an Stanjkas
-Statt den Tisch abgeräumt hatten.
-
-»Also auf Wiedersehen, meine zwei Täubchen,« sagte sie, -- »wie ist
-es nun? Ich bin eine alte Frau, die am Stock humpelt -- in meiner Jugend
-würde man so eine nicht allein ins Menschengedränge haben gehn lassen, --
-aber die junge Welt von heute --«
-
-Cita und Sophie sahen sich verdutzt an. Sie blieben vor ihr stehn und
-machten verlegene Gesichter.
-
-»Ja, warten kann ich nicht!« entschied die Alte und schwenkte aufmunternd
-ihren Beutel, »-- also, eins, zwei, drei: geht jemand mit mir ins
-Sonntagsvergnügen bei der behaarten Riesin und dem zweiköpfigen Kinde, --
-und wer?«
-
-Im edlen Wetteifer, nicht der andern die lästige Pflicht aufzubürden,
-riefen sie alle beide kleinlaut: »Ich!«
-
-»Bravo! Bravo! Also alle beide!« lobte Wera Petrowna, und es zuckte dabei
-ganz wunderlich um ihre Mundwinkel, in Güte und Bosheit zugleich; »-- nun
-freilich! junges Volk ist eben junges Volk, wie ernsthaft es auch thut, da
-sieht man wieder: es will sich amüsieren.«
-
-Marianne that es leid, als sie die beiden Mädchen betreten hinter der
-Alten fortgehn sah, indessen mochte sie ihr die so dringend provozierte
-Begleitung nicht mißgönnen. Ihr Kopf schmerzte heftig, sie hätte sich am
-liebsten mutterseelenallein in ein Zimmer mit verhängten Fenstern gelegt.
-
-Aber eine innere Unruhe ließ es nicht zu. Mehr noch als nach Stille und
-Vergessen sehnte sie sich nach einem Beistand.
-
-Langsam ging sie durch die Wohnstube. Bei den hohen Blattpflanzen, ihren
-gepflegten und geschonten Lieblingen, blieb sie einen Augenblick stehn.
-Sie las ein welkes Blatt ab und schaute nach den harten, knollenförmigen
-Knospen am Gummibaum.
-
-Der Schreibtisch stand schön aufgeräumt. Neben den Schulheften lagen ein
-paar kleine dünne Bücher, -- Kindergeschichten, mit neuem Buchschmuck
-herausgegeben. Sie kosteten nur wenige Kopeken, und Marianne hatte sie voll
-Entzücken gekauft. Fast immer lag hier dergleichen, als warteten immer
-allerlei Kinderhände auf sie --.
-
-So totenstill war es. Man war wie allein auf der Welt. Nichts von der
-hastigen Geschäftigkeit der Wochentage in der Wohnung.
-
-Es wollte ihr vorkommen wie ein Atemanhalten um sie her. Alle Dinge wurden
-darin beredter, belauschbarer --.
-
-Die Stille machte bange, sie war so selten allein.
-
-Alle Dinge in dieser kleinen Wohnung liebte sie, ein jedes Stück darin
-hatte sie mit zärtlichem Bedacht gewählt, -- nur was sie lieb haben
-konnte, das hatte sie allmählich zusammengetragen.
-
-Sie hatte gewünscht, diese Räume sollten mehr als wohnlich wirken, -- wie
-Arme, die sich weit und warm erschließen.
-
-Aber sie wirkten nur so, weil geliebte Menschen sie erwärmten. Weil immer
-noch Sophie in ihnen ging und stand, lebte und lachte, -- weil Sophie in
-ihnen die Mutter erwartete, wenn sie abends müde von der Tagespflicht
-heimkam.
-
-Wenn alle diese Liebesfülle keine Bethätigung mehr fand, dann konnte auch
-keine Liebe mehr auf die Dinge überströmen. Sie blieben nicht länger
-beseelt, -- sie entseelten sich, -- -- starben --.
-
-Marianne fröstelte. Und plötzlich richtete sie sich entschlossen auf,
-schritt in den Vorflur hinaus und nahm ihren Mantel.
-
-Sie wußte wohl, was sie thun mußte. Einen Beistand brauchte sie. Sie
-mußte, wie mit allem, so auch hiermit zu Tomasow. Mit ihm sich beraten,
-ihn hören. Daß er da war, das war eine Zuflucht.
-
-Aber in all ihrem Verlangen danach fürchtete sie sich zugleich, und mit
-schwerer Hand machte sie sich fertig, zu ihm zu gehn. Sie wußte: zu den
-weichen Tröstern gehörte er nicht. Ihm eingestehn, was sie heute quälte,
-das hieß sich entscheiden --.
-
-Draußen ruhte frostige Winterdämmerung, obschon es noch früh am
-Nachmittag war. Der Wind machte es bitterlich kalt. Marianne durchquerte
-einen Teil des Kreml; in dampfenden Wölkchen stieg ihr Atem und gefror zu
-Tausenden winziger Eisperlchen an ihrem Pelzkragen fest.
-
-Stumpf und leblos wölbte sich der dicke Schnee um alles ringsum, rundete
-jeden Umriß, verwischte jede scharfe Linie. Hier und da klang ein
-Glockenton an, -- wie im Traum, -- leise verhallend. Es war, als raune eine
-Glocke der andern schlaftrunken etwas zu.
-
-An manchen Kirchenthüren auf dem großen Kremlplatz lagerten Pilger oder
-lehnten an den Mauern, auf ihren Pilgerstab gestützt. Marianne war
-nicht in der Stimmung, um irgend etwas von der Außenwelt mit Interesse
-aufzufassen, aber auf diesem Bilde blieb ihr Blick mit einer dunkeln,
-unverstandenen Sehnsucht ruhen; über den zerlumpten Pilgern, --
-über ihnen, die sich bis an die Thore der Gotteshäuser in vielleicht
-wochenlanger mühseliger Wanderung durchgefroren und durchgehungert
-hatten, lag eine solche kindliche Zufriedenheit. Man sah ihnen allen an, --
-Greisen, Weibern, jungen Menschen: sie standen am Ziel -- da, wo sich alle
-Wünsche erfüllen, und man alle Bürden abwirft, -- _zu Hause_ --.
-
-Gern hätte auch sie ihre Füße wund gelaufen, um Frieden zu finden und
-sich alles Schweren zu entlasten. Würde sie das erreichen, unter Tomasows
-klugen und guten Worten? würde sie es bei ihm erreichen? In diesem
-Augenblick glaubte sie es.
-
-Bald war Marianne an seinem Haus angelangt. In einer ruhigen Straße stand
-es, einstöckig und unscheinbar, hinter einem hofartigen Vorgärtchen.
-
-An den Vorflur stieß ein großes Schrankzimmer, wo der Diener, Andrian,
-sich aufzuhalten hatte, der, aus Tomasows Heimatsdorf gebürtig, ihm seit
-vielen Jahren anhing, und auch alle Reisen ins Ausland mitmachte. Dies
-Schrankzimmer erschien Marianne stets als der weitaus behaglichste
-Raum zwischen den konventionell eingerichteten Empfangsgemächern im
-Erdgeschoß. Vielleicht aus reiner Bequemlichkeit mochte Andrian hier alles
-zusammengehäuft haben, was seiner speziellen Pflege oblag: eine stattliche
-Reihe hoher Blattpflanzen, besonders mehrere prachtvolle Palmen, an denen
-er unermüdlich herumspritzte und putzte; daneben hing am Fenster ein Bauer
-mit einem singfrohen Kanarienvögelchen, Batjuschka »Väterchen« genannt,
-mit dem Andrian sich den ganzen Tag über alles, was geschah, unterhielt.
-
-Marianne ertappte sich auf dem Gefühl, das manchen von Tomasows Patienten
-beschleichen mochte: lieber in diesem friedlichen Idyll von Palmenlaub
-und Vogelgezwitscher verweilen zu wollen, als sich weiter zu wagen in die
-Zimmer des Arztes.
-
-Indessen noch hatte Andrian ihren Besuch nicht melden können, als bereits
-Tomasow selbst erschien, sichtlich beunruhigt über ihr unerwartetes
-Kommen. In Anwesenheit des Dieners that er keine Frage, sondern führte sie
-gleich durch seine Bibliothek in die Studierstube.
-
-Marianne ließ sich in den ersten besten Sessel sinken, hilflos zu ihm
-aufschauend.
-
-»-- Sophie will fort!« sagte sie unvermittelt, wie man mit geschlossnen
-Augen blind losschießt.
-
-»-- Hat sie es Ihnen gestanden?«
-
-Sie schüttelte den Kopf.
-
-»Das nicht -- --. Aber untereinander werden beide gewiß schon davon
-geredet haben. So direkt sagt sie es nicht. -- -- Aber jetzt weiß ich:
-erst neulich brachen beide ganz verlegen ein Gespräch ab, weil ich
-unvermutet eintrat. Und ich -- meinte, es handle sich vielleicht nur um
-Weihnachten --. -- -- Haben die Mädchen am Ende auch Ihnen -- --?«
-
-»Nein,« entgegnete Tomasow.
-
-Er war vor ihr stehn geblieben, gespannte Aufmerksamkeit im Gesicht,
-während sie rasch und mit trockenen Lippen sprach.
-
-»Nun, das ist gut,« fügte er jetzt hinzu.
-
-»-- Gut --?!«
-
-»Ja. Es mußte einmal zur Sprache kommen und zum Ausbruch, -- es war hohe
-Zeit!« sagte er ruhig, »denn vorher ließ sich nichts machen, weil Sie
-es nicht zuließen, Marianne. Obschon Sie es vor sich selbst verheimlicht
-haben, nagte die Furcht davor doch schon unablässig leise an Ihren Nerven.
-Das mißfiel mir längst. Aber nun ist es gut, daß es durchgekämpft
-wird.«
-
-Marianne hob ihren Blick angstvoll zu ihm auf.
-
-»-- Ich kann aber Sophie nicht hergeben! -- -- Nein, nicht auch Sophie
-noch -- --. Sie ist ja auch zart, sie bedarf meiner fortwährend -- -- Gott
-sei Lob und Dank, daß sie meiner noch bedarf!«
-
-Tomasow zog einen Stuhl heran.
-
-»Nun lassen Sie einmal sehen, Marianne! Jetzt bitte ohne alle Hinterhalte.
-Wie ist es denn mit Sophie? Sie machen doch ihrer Freude am Studium die
-weitgehendsten Konzessionen. Sie veranlaßten mich noch selbst, ihrem
-Verlangen nach ganz bestimmten Fachbüchern nachzugeben --«
-
-»Ja,« sagte Marianne hastig, »so ist es ja auch. Weil doch ihr Interesse
-grade hierfür alle übrigen Interessen so entschieden überwuchs. Und wenn
-ich nun bedenke, daß Sophie die höhern Kurse besucht, und daß sie Sie
-zum Berater hat und vorwärts lernt, so viel sie nur will, -- ist es damit
-nicht genug? Muß sie durchaus auf den praktischen Arzt studieren, -- muß
-sie von mir fortgehn --?«
-
-Tomasow zuckte scheinbar erstaunt die Achseln.
-
-»Nein, selbstverständlich muß sie das keineswegs. Sie beruft sich dabei
-einfach auf ihr Reifezeugnis zum Universitätsbesuch und auf ihre Neigung,
-so zu handeln. Beides braucht ganz und gar nicht den Ausschlag zu geben.
--- Indessen: ob ich sie für genügend befähigt dafür halte, ob mir die
-Sache aussichtsvoll erscheint, -- auch das haben Sie doch schon nebenher
-von mir zu erfahren gesucht, Ma.«
-
-Marianne entgegnete heiser: »Ja, aber umsonst. -- -- -- Verstehn Sie
-denn nicht, Tomasow: ich wollte wissen, wie Sie sich selbst insgeheim dazu
-stellen, -- wie Sie selbst -- eventuell -- in meiner Lage handeln würden.
-Aber Sie antworteten stets nur auf ganz bestimmte praktische Fragen,
-eingehend und gewissenhaft. Dabei erfuhr ich das mir Wesentliche nicht.«
-
-Tomasow erhob sich. Er antwortete zurückhaltend: »Nein, natürlich nicht.
-Denn abgesehen von den möglichen praktischen Ueberlegungen, gibt es da
-eben keine letzte, objektiv gültige Entscheidung. Was ich thäte, wenn
-ich Töchter hätte, kann ich nicht so abstrakt von vornherein feststellen,
-vielleicht -- möglicherweise -- wäre meine Erziehung der Ihrigen sogar
-entgegengesetzt von allem Anfang an. Vielleicht wäre sie weltlich, oder
-philiströs, oder gleichviel wie! Ganz genau aber kann ich feststellen, was
-_Sie_ thun werden, -- Ihrem ganzen Sein und Wesen nach, und das hätt
-ich Ihnen längst sagen können, wenn Sie es hätten hören wollen. Und
-offenbar, wenn ich nicht völlig irre, kamen Sie jetzt auch nur dazu
-hierher: nicht um meine Meinung zu erfahren, sondern um -- nun, um eine
-letzte kleine Feigheit zu überwinden, die Sie bisher noch hinderte, sich
-selbst anzuhören.«
-
-Marianne sprang nervös auf.
-
-»Wie reden Sie denn nur! Sie quälen mich!« murmelte sie gereizt, die
-Stimme voll Thränen.
-
-Seine Augen richteten sich mit einem eindringlich forschenden Blick auf
-sie.
-
-»Ich weiß, daß ich das thue!« sagte er ernst. »Und ich weiß auch,
-daß Ihre Nerven grade heute um Schonung schreien. -- Und nun hören Sie
-mich an, Marianne, und zwar ganz getrost, denn ich kann Ihnen wirklich
-helfen, wenn Sie nur wollen. Ich schlage vor: überlassen Sie die ganze
-Sache mir. Ueberlassen Sie es mir, Sophie von ihren hochfliegenden
-Wünschen zu kurieren. So gänzlich zu kurieren, daß sie nie wieder Lust
-nach dem ärztlichen Studium und Beruf verspürt. Wollen Sie?«
-
-Marianne sah ihm ungläubig in die Augen.
-
-»Wie sollte das wohl möglich sein? Womit könnten selbst Sie das
-erreichen?«
-
-»Das ist meine Sache. Für das Gelingen steh ich ein.«
-
-Ein seliger Hoffnungsschimmer überflog ihr Gesicht, aber so zaghaft noch,
-daß es ihn rührte.
-
-»Aber -- warum hätten Sie das dann nicht längst gethan?!«
-
-»Warum? Nun offenbar darum, weil Sie ja für die Pläne und Interessen
-Ihrer Kinder nicht nur Nachsicht zeigen, sondern sie gradezu -- in Ihrer
-unnachahmlichen Art, Ma, -- heilig halten, ängstlich bemüht um die
-geistige Eigenart jedes einzelnen.«
-
-Marianne sah sehr unruhig aus.
-
-»Ja, das ist doch aber auch das einzig Richtige? -- Sie sprechen ja
-jetzt doch wohl nur davon, Sophie rechtzeitig in wirklich bestehende und
-unausweichliche Schattenseiten Ihres Berufes einzuweihen --?«
-
-Tomasow schwieg einen Augenblick.
-
-»Meine liebe Ma!« versetzte er dann. »Die Dinge sind nun einmal, als was
-sie uns erscheinen. Suggestion ist schließlich alles. Ich halte mich für
-sehr wohl im stande, stärkern Wesen als ein Mädelchen wie Sophie ihr
-Studium für alle Ewigkeit hinaus zu verekeln, unerträglich zu machen,
--- und ebenso bürge ich dafür, daß ich ein viel zarteres kleines
-Menschenkind, als sie ist, mit etwas Kraftaufwand durch alle
-Schwierigkeiten und Fährlichkeiten derselben Sache mit Erfolg
-hindurchbringen würde.«
-
-Marianne machte eine hilflose Bewegung. Sie suchte nach Worten, --
-lehnte sich innerlich auf gegen die Worte, die ihr kamen, -- und endlich
-entschlüpfte es ihr leidenschaftlich: »-- Nein -- o nicht! Sophie nichts
-anthun! Nichts Hemmendes, nichts Arges --. Nichts gegen ihr Wachstum,
-nichts gegen ihre Kraft und Freudigkeit --,« sie unterbrach sich und hielt
-erschrocken inne.
-
-»... nichts gegen ihren Wunsch, fortzugehn --?« ergänzte Tomasow.
-
-»Also doch!« murmelte er, als sie darauf nichts antwortete.
-
-Er nahm ihre Hand in die seine, küßte sie fast unwillkürlich und hielt
-sie fest, während er sich dicht über Marianne neigte: »Kind! Jetzt
-haben Sie sich richtig selbst in die Entscheidung hineingestoßen, -- jetzt
-besiegen Sie auch die Angst, die Sie haben, weiter zu sprechen. Sehen Sie
-nun ein, wie wenig es hilft, Ihnen helfen zu wollen? Sie laufen ja doch
-gradeswegs in das hinein, was Ihnen das Schwerste ist und Sie ängstigt.
-Und eben deshalb muß es entschieden sein! Dieser hingezogene Kampf ist ein
-Wahnsinn. Verwerfen Sie meinen Vorschlag von vorhin, so siegt Sophie. Soll
-sie das --? Soll sie gehn dürfen, oder soll sie bei Ihnen bleiben --?«
-
-»-- Gehn!« sagte sie und brach in ein bitterliches Weinen aus.
-
-Tomasow ließ sie mehrere Minuten gewähren.
-
-Er atmete tief auf und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Sein Gesicht
-behielt dabei den gespannten, aufmerksamen Ausdruck.
-
-Dann kam er wieder zu Marianne. Er zog ihr leise, mit sanftem Zwange die
-Hand von den Augen, die sie verdeckt hielt.
-
-»Nun ist es aber genug!« äußerte er lächelnd, »zeigen Sie Ihren
-Nerven den Herrn. -- Wollen Sie nicht eine Tasse Thee nehmen? Sehen Sie,
-dort steht das ganze Geschirr noch, -- ich war grade dabei, als Sie kamen.
-Zur Strafe trinken Sie ihn nun kalt, natürlich.«
-
-Sie gehorchte mechanisch und ließ sich ein wenig Thee eingießen, in den
-Tomasow aus einem Arzneifläschchen ein paar Tropfen mengte.
-
-Dann überließ er sie wieder sich selbst und nahm den Spaziergang im
-Zimmer von neuem auf.
-
-Aber Marianne erhob sich vom Eisbärfell.
-
-»Es ist spät geworden. Ich will nach Hause gehen,« sagte sie mit einer
-leisen Stimme, »die Kinder sind gewiß schon zurück und warten erstaunt.
-Sie waren nur für kurze Zeit mit Wera Petrowna ausgegangen.«
-
-Tomasow blickte auf die Uhr.
-
-»Wie Sie wollen, Ma. Vielleicht ist es so am besten. Indessen -- sind Sie
-jetzt auch schon dazu im stande? Sind Sie Ihrer selbst ganz sicher? Ich
-lasse Sie nicht fort, ehe ich das genau weiß.«
-
-Und als Marianne ihn müde fragend ansah, fügte er hinzu: »Ihrer Töchter
-halber ist es notwendig, daß sie ihre Mutter in dieser Angelegenheit
-fest und sicher auftreten sehen. Als eine Autorität -- nicht wie ein
-hingeschlachtetes Opferlamm. -- Darum müssen Sie es sein, Marianne, die
-entschlossen die Initiative ergreift.«
-
-»-- Ich soll selbst --?« murmelte Marianne.
-
-»Ja. Das ist notwendig, und zwar sofort. Lassen Sie die Ungewißheit keine
-Stunde länger anstehen. Lassen Sie sich keinen Raum zu Beängstigungen und
-Traurigkeiten dazwischen. Bringen Sie noch heute -- heute noch! die Sache
-zur Sprache und Entscheidung.«
-
-»-- Heute?!« wiederholte sie erschreckt.
-
-Sie war tief erblaßt.
-
-Tomasow ergriff ihre Hand und nahm sie in seine beiden Hände. Er sagte
-ermutigend: »Versuchen Sie es nur! Bleiben Sie nicht mitten im Kampf
-stecken, der Ihren Nerven stündlich härter zusetzen wird -- überstehen
-Sie es schnell ganz. Hinterher kommt die allheilende Ruhe. -- Glauben Sie,
-daß Sie es mir versprechen können?«
-
-»Ja. Ich will es thun,« sagte sie traurig.
-
-»Dann lasse ich Sie ruhigen Herzens fort. -- Wenn Sie erlauben, geleite
-ich Sie selbst an einen Schlitten,« bemerkte Tomasow und führte Marianne
-durch die Bibliothek hinaus.
-
-Er schellte nicht dem Diener, sondern gab ihr selbst den Mantel um.
-Marianne that seine Art so wohl, wie einem leise umsorgten Kinde.
-
-»Ich bin ganz zerschlagen und wund,« meinte sie mit einem mühsamen
-Lächeln, »aber ich danke Ihnen, Tomasow.«
-
-»Ach, Ma --« er stockte und murmelte: »Wenn Sie nur -- wenn Sie
-wenigstens ohne Groll herdenken. Es ist eine schändliche Aufgabe, die
-mir wiederholt zufällt, Ihnen weh thun zu müssen, Sie zu etwas Hartem
-ermannen zu müssen. -- Die Erleichterung wird auch diesmal nachkommen, ich
-hoffe es mit Bestimmtheit. Aber die Ueberwindung ist deshalb nicht minder
-schwer.«
-
-Marianne schwieg. Sie stand, fest an ihn gelehnt und schloß die Augen.
-
-Nein, so feige würde sie doch nie sein, sich nicht immer diesem
-unbestechlichsten aller Freunde mit ihren Nöten und Schwächen
-anzuvertrauen, weil er streng gegen sie war! Ein großer Dank gegen ihn
-stieg in ihr auf. Wenn nur er ihr blieb --!
-
-Tomasow verstand die stumme Antwort vollkommen.
-
-Er öffnete die Thür und rief Andrian zu, einen Schlitten vor das
-Gitterthor zu winken.
-
-Dann geleitete er Marianne durch den verschneiten Vorgarten, half ihr
-einsteigen und knüpfte ihr die Felldecke um die Kniee.
-
-»Ich bin heute viel aus,« bemerkte er dabei, -- »darf ich gegen Abend
-für einen einzigen Augenblick bei Ihnen vorsprechen? Mich überzeugen, wie
-alles steht --?«
-
-Marianne nickte. Sie wußte, wovon er sich überzeugen wollte --. Dann also
-mußte es schon geschehen sein --. Ihr schlug das Herz stärker bei dem
-Gedanken.
-
-Als der Schlitten fortfuhr, ging Tomasow langsam ins Haus zurück.
-
-Andrians Gesicht strahlte, er freute sich immer, wenn er Marianne sah, denn
-es kam vor, daß sie sich von ihm Geschichten aus dem Dorfleben erzählen
-ließ, und das war ihm das Höchste. So erfuhr sie manche Einzelheit aus
-Tomasows Kindheit, der als kleiner Bursche, zu Besuch beim Großvater, --
-einem echten alten Bauern, -- mit Andrian noch barfuß umhergelaufen war.
-
-»So ein Mütterchen, -- wirklich, so ein prächtiges!« entschied
-Andrian, und sah seinen Herrn lächelnd an, während er seine schwachen
-kurzsichtigen Augen zukniff, die der Schnee blendete. Ganz wie sein Herr
-trug er einen Kneifer, wenn auch keinen goldnen, und nur einen mit dunkelm
-Schutzglas. Er fühlte sich sehr stolz auf diesen Kneifer, und kam sich
-darin ganz wie ein Ausländer vor.
-
-Tomasow würdigte Andrian keiner Antwort. Er ging schweigend in sein Zimmer
-hinüber und ließ den Thee forträumen.
-
-Nachdenklich schritt er dabei auf und ab.
-
-»So ein Mütterchen!« In seinen eignen Erinnerungen spielte Elterntreue
-eine große Rolle. Den Vater hatte er wenig gesehen: der hatte sich zum
-Kaufmann und Reeder heraufgearbeitet, ungeheuer erwerbstüchtig, ungeheuer
-strebsam, bewußt einseitig, ohne Zeit sich Bildung anzueignen: alles
-das für die Kinder. Die sollten dann alles haben: Bildung, Macht,
-Geld, Glück. Zwei Schwestern von Tomasow verheirateten sich früh und
-ansehnlich. Und er, als Student der Medizin, in jugendlichem Enthusiasmus
-fast in nihilistische Umtriebe verwickelt, voll drängender, unruhiger
-Energie, kam immer wieder ins Dorf zurück, zum Großvater. Wenn er den
-Alten vor sich sah, eisgrau, mit den klugen, beredten Augen unter den
-buschigen Brauen, dann erschien er ihm in seinem Schafspelz wie ein ganz
-Großer, wie ein Fürst oder Gewaltherr. Herr in seiner Hütte, auf seinem
-Felde, Ahnherr eines starken Geschlechts. Dies Dorfbild behielt für
-Tomasow eine sonderbare Poesie --.
-
-Plötzlich blieb er mitten im Hin- und Herschreiten stehn. Er horchte.
-Drüben im Dienerzimmer unterhielt sich Andrian mit Batjuschka. Er pfiff
-ihm russische Weisen vor und erzählte --.
-
-Tomasow beschlich ein leiser Neid. Wenn Andrian seinen Kneifer fallen
-ließ, so war er wieder der Bauer von einst, aller europäische Firniß
-fiel einfach von ihm ab. Wer das ebenso machen könnte, oder aber sich eine
-neue Welt bauen --. Ja, der wäre erst des »Mütterchens« wert --.
-
-Er stand auf und horchte auf das Geplauder und Gezwitscher in der
-Dienerstube.
-
- * * * * *
-
-Ma erwartete zu Hause eine Ueberraschung.
-
-Ihre beiden Mädchen waren soeben heimgekommen. Noch stand die
-Wohnungsthür weit offen, und ein Bauersmann mühte sich eben damit ab,
-einen hohen herrlichen Weihnachtsbaum in der Stube unterzubringen.
-
-Sophie sah die Mutter glückstrahlend an. Es war doch eine gute Idee,
-das mit dem Baum! Es war _ihre_ Idee. Ma hatte ihn sich doch so
-sehr gewünscht, und wenn sie ihr auch erst gestern abend etwas weit
-Großartigeres darbringen wollte, so erleichterte sie dies doch für den
-Augenblick.
-
-Cita stand noch in Mütze und Pelzjacke und lohnte den Mann ab; mitten im
-Wohnzimmer erhob sich jetzt die Tanne und duftete wirklich wie ein ganzer
-Wald. Oben stieß sie sogar ein wenig an die geweißte Decke an, sodaß
-sie ihre höchste Spitze krümmen mußte, von der Seite jedoch breitete sie
-ihre Aeste ebenmäßig und tiefgrün, wie ein schirmendes Dach, über Mas
-Schreibtisch aus.
-
-Sophie hatte sich an das geöffnete Pianino gestellt, das der Baum von der
-andern Seite überschattete, und unter seine Zweige gebückt, suchte sie
-ein paar Accorde eines alten Weihnachtsliedes.
-
-Die Mutter äußerte nichts, bis der Mann hinausgegangen war. Sie sah blaß
-aus, und ihre Augen besaßen etwas so Stilles, so nach innen Gekehrtes im
-Blick.
-
-Endlich sagte sie mit ihrer warmen Stimme: »Dank euch! Ja, dies
-Weihnachtsfest soll uns schön werden, wie nie eins gewesen ist! Wir wollen
-froh sein, wir drei zusammen! Denn es wird hier am Ort unser letztes sein.
-Uebers Jahr feiert auch Sophie es nicht mehr hier. -- Ich dank euch, ihr
-Kinder.«
-
-Sophie, die eine leise Melodie angeschlagen hatte, brach mit einem
-gräßlichen Mißton ab.
-
-Cita, eben im Begriff, ihre Sachen abzulegen, hielt erwartungsvoll inne und
-blickte die Mutter an.
-
-Da ging Marianne zu ihrer Jüngsten hin und nahm sie in die Arme.
-
-»Aber nicht getrennt!« sagte sie bewegt, »-- ich werde mein
-Weihnachtsfest da haben, wo du grade studieren wirst.«
-
-»-- Ach -- Ma!« schrie Sophie auf.
-
-Sie glaubte es noch nicht recht. Mit dunkel gerötetem Gesicht schaute sie
-angstvoll und zugleich strahlend zur Mutter auf und umklammerte ihren Hals.
-
-»-- Ach, Ma --! Ist es denn wirklich wahr --?«
-
-Dieser Augenblick that Marianne doch bitterer weh, als sie jetzt eben beim
-Heimkehren geglaubt hatte. Sie drückte Sophiens leuchtendes Gesicht an
-sich, um nicht den Ausdruck der Freude darin zu sehen.
-
-»Ja, es ist wahr, Herzenskind. Alles Nähere besprechen wir noch ein
-anderes Mal. Auch mit Cita muß ich noch vieles besprechen. So ganz einfach
-ist es nicht. -- Aber die Sache selbst ist entschieden. Nun sollst also
-auch du hinaus, -- gebe Gott, einst zu deinem und deiner Mitmenschen
-Segen.«
-
-Sophie drückte sich fester an sie.
-
-Sie schämte sich schrecklich vor Cita, aber sie weinte dennoch Ströme
-von Thränen in Mas Hals hinein, als ob sie nichts in der Welt je von da
-fortreißen sollte --.
-
-Cita stand mit großen ernsten Augen beiseite. Das Wort, das ihr innerlich
-kam, lautete ganz spontan: »Donnerwetter!« Aber glücklicherweise behielt
-sie es bei sich.
-
-Ein tiefer Respekt prägte sich auf ihrem jungen Gesicht aus.
-
-Plötzlich kam sie auf die Mutter zu, ergriff deren Hand und küßte sie.
-
-»Du bist wahrhaftig der famoseste Kerl unter der Sonne, du herrliche Ma!«
-versicherte sie ganz begeistert.
-
-Marianne lächelte nicht über diese Ehrfurchtsbezeugung; sie überlegte
-auch nicht, ob sie nun nicht gradezu glänzend ihre Autorität behauptet
-und die Initiative ergriffen habe.
-
-Sie hielt ihr weinendes Kind im Arm und bückte ihr Gesicht tief zu ihm
-herab, als lausche sie fast gierig diesen Thränen, -- als redeten
-diese Thränen artikuliert zu ihr -- Süßes, Versöhnendes,
-Beschwichtigendes --.
-
-Dann trocknete sie Sophie, wie einem kleinen Kinde, das nasse Gesicht mit
-ihrem eignen Taschentuch ab.
-
-»Komm,« sagte sie sanft, »es ist doch ein großer Entschluß und daher
-ein großer Tag für dich. Geh hinaus und bring uns eine Flasche Wein. Wir
-wollen auf dein Wohl anstoßen.«
-
-Sophie ging, der Mutter Taschentuch vor die Augen gepreßt, langsam, als
-sei dieser Tag mehr ein schwerer als ein großer für sie.
-
-Cita sah ihr unwillig nach.
-
-Sie bemerkte zur Mutter: »Sophie ist doch noch sehr ein Kind. Hiernach
-muß doch nun ein jeder denken, es ginge zur Schlachtbank. Aber du kannst
-mir glauben, daß sie darauf brennt, zu studieren. Man muß nur erst in ihr
-alles das klären und ordnen.«
-
-Marianne schwieg einen Augenblick.
-
-»-- Bist du es, die diesen Entschluß in ihr zu klären versucht hat?«
-fragte sie dann ruhig.
-
-Cita begegnete ihrem Blick fest und offen.
-
-»Ja, Ma. Sobald mir das selbst klar geworden war. Sie konnte nur nicht den
-Mut finden, dich zu fragen --. Sieh, ich stehe ja so dazu: es ist etwas,
-wofür ich jederzeit kämpfe und eintrete, -- wie denn also nicht, wo es
-die eigne Schwester gilt? Nur mit einem Unterschiede freilich: daß ich in
-diesem Fall nicht nur für die allgemeine Sache einstehe, sondern auch mit
-jedem Blutstropfen für Sophie selbst. Daß ich mich ihrem Leben verbinde,
-ihr helfen, zu ihr halten will jederzeit, -- was auch geschehe.«
-
-Marianne zauderte nur noch einen letzten Augenblick. Dann reichte sie ihrer
-Aeltesten schweigend die Hand.
-
-Sie schauten einander dabei voll in die Augen, wie zwei Freunde, die, wenn
-sie auch nicht auf ganz gleichem Boden kämpfen, es doch in gleichem Sinn
-und für dasselbe höchste Ziel thun.
-
-»Ich stelle Sophie in deine Obhut, -- ich baue auf deine Treue: Höheres
-hab ich dir nicht anzuvertrauen,« sprach Marianne leise; »-- Sophie war
-›sein‹ Liebling -- und ›seinen‹ Blick hat Sophie. Mir ist, als
-ginge noch einmal ›er‹ von mir hinweg, indem sie geht --.«
-
-Cita war sehr blaß.
-
-Ihre Schwester kam mit Rheinwein und Gläsern zurück, entkorkte die
-Flasche und goß ein.
-
-Keiner von den dreien sprach ein Wort, als Marianne ihr Glas erhob und mit
-ihnen anstieß.
-
-Sie küßte ihre blonde Tochter, ihr zarteres Herzenskind, doch that sie es
-heiter und herzhaft, um keinesfalls mehr Thränen aufkommen zu lassen.
-
-Cita unterstützte sie in dieser Absicht nach Möglichkeit, denn es
-verletzte sie fast, daß Sophie heute weinen konnte.
-
-»Eigentlich ist das ja ein Weihnachtsgeschenk, das allergrößte, und
-gleich unter den noch ungeschmückten Baum gelegt!« sagte sie scherzend,
-»-- wie kann man nur seine Gaben so vorweg verschwenden, Ma! Jetzt sollte
-ich von Rechts wegen alle übrigen Geschenke bekommen, denn Sophie hat nun
-an diesem einen vollauf genug.«
-
-»Bis zum Weihnachtsabend hab ich vielleicht noch ein andres Geschenk
-für euch, -- und dann für euch beide!« erwiderte Marianne mit leisem
-Lächeln, und man hörte ihr an, daß sie von einer noch zaghaften, aber
-goldnen Hoffnung sprach.
-
-»Noch ein andres? Noch ein schöneres? Nein, denn das gibt es ja gar nicht
-mehr auf der Welt. Nicht wahr, Sophie?«
-
-Sophie schüttelte energisch den Kopf, ihre geröteten Augen strahlten
-jetzt doch.
-
-»Also dies einzig ist das Schönste für sie, Besseres gibt es nicht!«
-dachte Marianne still, einen Augenblick lang weh berührt, doch an der
-verschwiegnen Hoffnung, die sie hegte, hob sich ihr Mut wieder. Diese
-Stunde sollte eine freudige sein, und sie wurde es. So vieles drängte
-sich zur Aussprache, den beiden Mädchen wurde es in diesen Minuten erst
-bewußt, daß sie in mancherlei Heimlichkeiten gelebt hätten die Zeit
-über, -- und daß es köstlich sei und an sich schon ein Fest, keinerlei
-Heimlichkeiten mehr zu kennen, Mas Blick und Lächeln gegenüber.
-
-Und allgemach lenkte Marianne das Gespräch in immer ruhigere Bahnen. Sie
-saßen eng zusammengerückt bei der halbgeleerten Flasche, und während
-sie die praktische Seite der Frage näher erörterten, scherzten sie schon
-wieder.
-
-Endlich stand Marianne auf. Es war fast halb sechs geworden.
-
-»Jetzt möchte ich hineingehn und ein wenig ruhen, ihr beiden
-Taugenichtse. Diese Nacht war nicht gut für mich. Und morgen ist kein
-Sonntag mehr --. Aber von da an nehmen die Stunden endlich reißend ab. --
-Bis wir um halb sieben essen, bin ich wieder da. Sollte nun noch inzwischen
-ein Sonntagsgast kommen, so bestrickt ihn mit so viel Liebenswürdigkeit,
-als ihr wollt, mich jedoch soll er auf alle Fälle in Frieden lassen.«
-
-An der Thür wendete sie sich noch einmal nach den Mädchen um und nickte
-ihnen zu. Sie sah ihre leuchtenden zutraulichen Augen, und ein warmes
-Dankgefühl kam über sie, als fiele langsam von ihren Schultern eine Last,
-unter der gebückt sie gegangen war: -- wieder lagen jetzt die Herzen ihrer
-Kinder offen und ihr zu eigen vor ihr da, wie ihre blühenden Gärten. --
-
-Nur ein Sonntagsgast schellte ein wenig später. Es war Tomasow.
-
-Marianne hatte gewußt, daß er noch kurz vorsprechen wollte, indessen
-hatte sie selbst ihn in diesen Stunden vollständig vergessen.
-
-Die beiden Mädchen erzählten ihm wörtlich den Auftrag der Mutter, falls
-jemand zu Besuch käme. Er mußte lachen --, nun wußte er genug.
-
-Was etwa noch fehlte, ergänzte ihm ein einziger Blick auf die Schwestern.
-Sophies Gesicht war noch voll roter Thränenspuren. Cita war blaß und die
-dunkeln Augen brannten ihr.
-
-»Nun, das hier scheint mir ja schon mehr ein Bacchanal gewesen zu sein!«
-bemerkte Tomasow, als er ins Wohnzimmer kam, wo noch die leeren Gläser
-standen.
-
-Sophie fuhr es heraus: »Ja --! Denn ich soll nun Cita ins Ausland folgen
-und von Ostern ab Medizin studieren!«
-
-Sie kam aus der Küche, die weiße Schürze schief umgebunden; heute konnte
-man wohl einige Bedenken wegen ihrer Beaufsichtigung des Mittagmahles
-hegen.
-
-Tomasow sprach das nicht aus; er sagte nur: »-- So, so. -- Nun, und Ma, --
-was sagt denn die dazu?«
-
-»Ma ist es ja grade, die es selbst vorgeschlagen hat,« erklärte Cita.
-
-»So. -- Nun, und wo wird denn Sophie diese große That thun?«
-
-Sophie rief: »Aber natürlich in Berlin!«
-
-»Natürlich da, wo ich mit ihr zusammen sein kann,« meinte Cita.
-
-»Nein, Cita, das kannst du so doch nicht sagen. Deshalb allein doch wohl
-nicht,« verbesserte Sophie einschränkend.
-
-Tomasow hatte sich im Schaukelstuhl niedergelassen.
-
-Er nahm seinen Kneifer aus der Seitentasche, rieb ihn mit einer Ecke des
-bastseidenen Taschentuches klar und setzte ihn auf seine etwas stumpfe
-Nase. Dann blickte er den beiden sichtlich noch ganz aufgeregten Mädchen
-nacheinander prüfend ins Gesicht.
-
-»Eine kleinere Universitätsstadt, -- eine solche natürlich mit gut
-bestellter medizinischer Fakultät, -- wäre für den Beginn ebenfalls
-nicht übel!« bemerkte er langsam.
-
-»Ach nein!« rief Sophie unwillig und ergriff ihn am Aermel, »-- daß
-Sie sich nicht etwa unterstehn, Doktor Tomasow, unsrer Ma dergleichen
-einzublasen!«
-
-»Aber Sophie, du benimmst dich rein wie ein Kind!« tadelte Cita, von der
-zwanglosen Intimität dieser Worte unangenehm berührt.
-
-»Mir scheint hiernach aber doch,« nahm Tomasow sehr gelassen das Wort,
-»daß Sophie nur mit löblicher Offenherzigkeit ihres Herzens Meinung, --
-und auch Ihres Herzens Meinung, Cita! -- kundgibt. Mir scheint, daß bei
-Ihnen die Wahl des Ortes fast eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die
-soeben erst eingeholte Erlaubnis zum Studium selbst, -- hab ich nicht
-recht?«
-
-Sophie errötete und wollte widersprechen. Aber Cita setzte sich Tomasow
-gegenüber seitwärts auf einen Stuhl, schlang den Arm um die Lehne und
-bemerkte eifrig: »So kindisch ist es nicht zu nehmen, wie es bei Sophie
-leicht aussieht. Allerdings freut sie sich darauf, -- und ich für sie!
--- daß sie auch außerhalb des Studiums am Leben teilnehmen wird. Aber
-selbstverständlich nicht etwa an seichten Vergnügungen! Nicht um irgend
-welcher Genüsse willen, die eine große Stadt naturgemäß reicher
-bietet, --.« Citas Lippen kräuselten sich bei dieser Erwähnung fast so
-verächtlich, wie die einer jungen Nonne, die im Kloster vom Weltverzicht
-spricht.
-
-Im »Spalt« nebenan, wohin Sophie eben verschwunden war, um einiges
-Geschirr für die Küche zurechtzustellen, hörte man es beängstigend laut
-klirren.
-
-»-- Sondern --?« forderte Tomasow Cita zum Weitersprechen auf. Der
-Kneifer saß ihm noch immer auf der Nase. Eigentlich hatte sie wenig Lust,
-weiterzusprechen. Sie fand ihn heute ganz merkwürdig arrogant aussehend.
-
-»-- Sondern um teilzunehmen am Leben der heutigen strebenden Frauenwelt,
--- an dieser ganzen Bewegung,« sagte sie dennoch. »Sophie wird sich bald,
-so wie ich es thue, innerlich eins damit fühlen, daran emporwachsen --«
-
-»-- Jedenfalls hat es etwas Begeisterndes!« fiel Sophie ein, die es
-doch nicht aushielt, im Hintergrunde zu bleiben. Sie hatte das Geschirr
-niedergesetzt und trat wieder zu ihnen. Sie fand, daß man ganz über sie
-hinwegspräche, während es sich doch ausschließlich um ihre eigenste
-Angelegenheit handelte. Auch sie wollte sich Luft machen und mit ihrer
-Ueberzeugung herausrücken.
-
-So fuhr sie lebhaft fort: »Es ist doch etwas ganz andres, ob man so vor
-sich hin studiert und nur ganz egoistisch an die eigne Zukunft denkt, --
-oder ob man mit allen zusammen diesen neuen großen Zielen entgegengeht.
--- -- Es hat etwas Begeisterndes!« wiederholte sie mit einer inbrünstigen
-Betonung, die darüber hinweghelfen sollte, daß ihr gar nichts weiter
-einfiel.
-
-Sie stand neben Tomasows Stuhl, sodaß er zu ihr hinaufsehen mußte. Wie
-sie diese Worte mit so viel Wärme sprach und dabei so zart und lieblich
-dastand, flog ein Ausdruck durch seine Augen, der Cita frappierte, obwohl
-sie ihn nicht verstand. Arrogant nahm er sich jedenfalls nicht mehr aus.
-
-Tomasow nickte vor sich hin und bemerkte, indem er den Kneifer fallen
-ließ: »Ja ja, es ist schon so. Studieren oder nicht, -- das ist gar nicht
-mehr allein die Frage. Sondern damit bildet sich zugleich ein neuer Typus
-der Frauen heraus, -- ja, gewissermaßen ein neuer Typus, man muß es wohl
-so nennen. Damit, daß eine studiert hat, ist es nicht mehr abgethan.«
-
-»Sehr richtig! Man muß das nur erst allerseits einsehen lernen!«
-bestätigte Cita billigend, während ihre Schwester mit einem
-unterdrückten Seufzer in die Küche abging, obwohl sie sich weit lieber an
-dieser interessanten Diskussion beteiligt hätte.
-
-»Sind Sie nun eigentlich für oder gegen den neuen Typus -- so im Grunde
-Ihrer Seele, Doktor Tomasow? Farbe bekennen!« fügte Cita lächelnd hinzu.
-
-Jetzt waren seine Augen wieder voller Spott.
-
-Er verneigte sich, das Lächeln zurückgebend, ironisch vor dem jungen
-Mädchen.
-
-»Werde die Ehre haben, mich zu entscheiden, sobald Sie mir das erste
-vollzählige Regiment neuer Musterexemplare vorführen! -- -- Einstweilen,
--- Sie wissen: wer neue Wege sucht, muß sich drauf gefaßt machen, unter
-Umständen mit zerfetzten Kleidern und einigen dicken Beulen und Schrammen
-aus dem Dickicht wieder aufzutauchen, -- -- was einem Frauengesicht --«
-
-»-- Davor fürchten wir uns nicht, Doktor Tomasow!« unterbrach ihn Cita
-etwas scharf, einen feinen Hochmut um die Lippen.
-
-»Nein, -- wie ich sehe!« versetzte er, und wieder glitt der Ausdruck von
-vorhin durch seine Augen, »-- auch befürchte ich selbst für euch beide
-jetzt noch kaum sehr viel. Nein, für euch beide minder als für manche
-andre. Denn möglicherweise seid ihr bis zu gewissem Grade -- gefeit. --
-Obschon keinesfalls durch euer eignes Verdienst,« fügte Tomasow hinzu,
-indem er sich aus dem Schaukelstuhl erhob. »Ich muß nun gehn. Meinen
-Gruß eurer Mutter und der kleinen zukünftigen Kollegin.«
-
-»Gefeit, und nicht durch eignes Verdienst?!« wiederholte Cita erstaunt
-und entrüstet. Auch sie stand auf und trat mit ihm hinaus auf den Vorflur;
-»-- das wäre wirklich das Aeußerste. Wenn wir einmal durch eigne Kraft
-etwas Tüchtiges geworden sind, werden Sie uns auch noch das Verdienst
-daran abstreiten --! Ich möchte wissen, wer dies Verdienst -- --«
-
-Sie vollendete nicht, weil sich grade die Thür zu Mariannens Schlafzimmer
-öffnete, und diese in den Gang hinaustrat, wo ihr Sophie von der Küche
-her entgegenlief.
-
-»Das Essen ist gleich fertig!« rief Sophie erhitzt.
-
-Marianne kam auf den Gast zu.
-
-Tomasow, der schon im Pelz, zum Fortgehn bereit, dastand, blickte Cita
-schweigend an.
-
-Und plötzlich verstand sie, was er meinte, -- wen er meinte --. Ihre
-Entrüstung hielt nicht stand, fast gegen ihren Willen kam Demut in ihre
-Augen, als sie dem Ehrfurchtheischenden in seinen Augen begegnete.
-Denn dieser Blick hatte fast etwas Gebieterisches, etwas, was sich ihr
-eindrücken, einprägen wollte, wie eine Stimme, die deutlich sprach: »Ihr
-seid die Kleinen, die eine Große großmütig auf ihre Schultern hebt.
-Eine, die ihre Schultern beugt, damit sie euch tragen kann. Ich weiß das:
-ich habe geholfen, euch da hinaufzuheben. Nun seht ihr euch die Welt von da
-oben an!«
-
-»Was, Sie wollen schon gehn?!« fragte Marianne und gab ihm die Hand.
-
-»Ja, ich muß gehn. Und Sie, lassen Sie gefälligst die Suppe auf dem
-Tisch nicht kalt werden, -- nach meiner Berechnung hat sie heute dem
-jüngsten Fräulein Tochter arge Mühe gekostet. -- -- Froh bin ich, Sie
-noch zu sehen. Sie sind aber auch eine entsetzliche Langschläferin, meine
-Gnädige.«
-
-»Ja, ich habe wirklich geschlafen!« sagte Marianne.
-
-Sie stand lächelnd, mit schlafroten Wangen, wie ein eben aufgewachtes
-Kind, und mit blinzelnden Augen da, denen das Lampenlicht noch weh that.
-
-An jeder Seite hing ihr jetzt eine Tochter. Sophie hatte ihr einen Arm
-um die Hüfte geschlungen und sich an sie geschmiegt, sodaß sie nicht
-vorwärts gehn konnte. Cita schob ihre Hand leise in den Arm der Mutter.
-
-Marianne stand da und strahlte in einer so warmen und innigen Schönheit,
-daß Tomasow ganz betroffen davon war.
-
-»-- Sie ist ja doch die tausendmal Jüngste von allen dreien, -- die
-tausendmal Anfänglichere --; sie ist wie das Leben an der Wurzel selbst
-und am unversieglichen Anfang --!« dachte er wie berauscht, als er die
-Treppe hinabstieg.
-
-Ganz langsam trat er den Heimweg an.
-
-Ein eigenartiges Triumphgefühl mischte sich in sein Entzücken über
-Marianne, -- eine feine Sensation, wie sie ihm nur durch ihr Wesen
-vermittelt wurde. Das kam von dem ausschlaggebenden Anteil, den seine
-Bestimmungen an allen ihren wichtigen Entschlüssen zu haben pflegten. Was
-sie so schön und sieghaft aussehen ließ, führte stets irgendwo auf einen
-Einfluß, ein Zureden, einen Rat von ihm zurück: und bei ihrer ganzen Art,
-so tief und inbrünstig zu leben, lag in dieser Mitarbeit daran etwas, was
-seinen Ehrgeiz wunderlich erregte.
-
-Mochte er auch in seinem persönlichen Dasein enttäuscht oder
-gleichgültig geworden sein in hundert Punkten, -- in diesem einen Punkt
-fühlte er um viele Jahre jünger, in diesem einen Punkt bekam seine
-Energie wertvollen Spielraum und großen Stil.
-
-Als sich Tomasow schon seinem Hause näherte, blieb er zögernd stehn. Er
-bog in eine hügelige Seitenstraße und schritt sie langsam hinauf, bis
-ihm die kleinen erhellten Fenster des Stifts für unbemittelte Frauen
-entgegenblinkten.
-
-An den Zaun gelehnt, schaute er nach dem Erdgeschoß hinüber, dann trat
-er an das Mittelgebäude heran und klopfte mit seinem Stock leicht an das
-Fenster von Wera Petrownas Stube, wo kein Licht brannte.
-
-Das Klopfen wurde sofort von innen erwidert, und als er dann durch den
-Hausflur ging, wurde auch schon die Zimmerthür geöffnet.
-
-Wera Petrowna war eifrig damit beschäftigt, die Lampe anzuzünden, sie
-sagte vor aller Begrüßung, indem sie eilig ein Streichholz anstrich,
-abwehrend: »-- Ja, ich weiß, -- ich weiß schon: ich soll nicht abends
-im Dunkeln dasitzen, um den Tropfen Petroleum zu sparen, und vorzeitig
-einzunicken auf dem alten Sofa, und dann nachts nicht zu schlafen --.
--- -- Aber ich bin wirklich eben erst nach Hause gekommen, -- und, der
-Abwechslung halber, -- -- es denkt sich so gut im Dunkeln.«
-
-Sie setzte die Glaskuppel auf die Lampe, deren schwerer Fuß und
-vorzügliches Brennwerk aus bessern Zeiten stammten, und schob sie in die
-Mitte des Tisches vor das geblümte Sofa.
-
-»Unverbesserlich!« bemerkte Tomasow.
-
-»Herrlich, daß Sie mal kommen! Seit einer Woche freu ich mich schon von
-Tag zu Tag, --« lenkte sie ab und ging geschäftig zu der Kommode, wo das
-Schachbrett nebst Figurenkasten immer bereit stand.
-
-Sie griff nach dem Brett und schaute Tomasow fragend und bittend an.
-
-»-- Sie mögen doch --?«
-
-Er nahm ihr Brett und Kasten ab, trug beides auf den Tisch und rückte
-einen Stuhl heran.
-
-Aber anstatt die Figuren aufzustellen, setzte er sich nur hin, stützte
-den Kopf in die Hand und blickte zerstreut in das geöffnete Kästchen, als
-müsse er raten, was darin sei.
-
-Wera Petrowna hatte sich ihm gegenüber auf das Sofa niedergelassen und sah
-erwartungsvoll zu. Als nichts weiter kam, schüttelte sie den Kopf.
-
-»Schlechter Laune!« konstatierte sie erbarmungslos.
-
-Dabei schob sie ihm aufmunternd die Zigarettenschachtel hin. Die Zigaretten
-ihres Neffen waren gar nicht zu verachten.
-
-»Von wo kommen Sie denn? Hat vielleicht irgend ein Patient Ihnen den Kopf
-beschwert?«
-
-»Nein. Ich komme jetzt eben von Frau Marianne.«
-
-»Ach so -- --, am Ende -- -- selbst Patient --?«
-
-Tomasow schaute zu ihr hinüber und runzelte merklich die Stirn.
-
-Die Alte setzte ihr allerharmlosestes Gesicht auf.
-
-»Nun, nichts für ungut. Mit bejahrten schwatzhaften Personen muß man
-Nachsicht üben, lieber Tomasow. -- -- Und wir Frauen sind nun mal so
-veranlagt, daß es uns immer nur von der Liebe zu singen und zu sagen
-drängt.«
-
-Er mußte unwillkürlich lächeln, Wera Petrownas Worte und ihr Aeußeres
-bildeten einen zu heitern Kontrast. Mit ihrem alten energischen Gesicht
-und im fadenscheinigen weiten schwarzen Gewande, -- dem ziemlich traurigen
-Produkt eigner Schneiderkunst, -- in dem sie zu Hause umherging wie in
-einem Talar, sah sie einem herabgekommenen russischen Popen um vieles
-ähnlicher als einer Frau.
-
-Vorhin, in der Eile, von seinem Besuch überrascht, hatte sie vergessen,
-ihre Alltagshaube aufzustülpen; der Ofenhitze wegen, die nichts zu
-wünschen übrig ließ, bedeckte sie ihr dünnes Haar am liebsten gar
-nicht, das, wie unter einem durchsichtigen Schleier, überall schon die
-Kopfhaut hell durchscheinen ließ und ihr jetzt hinten in traurigen kleinen
-Strähnen lose in den starken Nacken hing.
-
-»Warum haben Sie eigentlich nicht geheiratet?« fragte Wera Petrowna
-plötzlich. Sie war aufgestanden, langte sich mit ausgestrecktem Arm ihre
-alte Tüllhaube von einem Nebentisch und that sie auf ihren Kopf wie eine
-Krone; »-- schon längst hätten Sie das vollbringen können, -- selbst im
-Auslande --«
-
-»Einer Ausländerin würde es hier nicht behagt haben,« bemerkte Tomasow,
-eine Zigarette anzündend.
-
-»Aha, -- also gegeben hat es dort doch eine!« bemerkte sie mit weiblicher
-Logik und ließ sich auf ihren vorigen Platz nieder, -- »nun, und hier --?
--- Auch hier wüßte ich mehr als ein Genre, das ganz gut für Sie gepaßt
-hätte.«
-
-Wera Petrowna musterte dabei ihr Gegenüber mit hellen, etwas ironischen
-Augen sorgfältig prüfend, während sie den Rauch ihrer Zigarette in
-langen Ringeln von sich stieß. »-- Ein Mann wie Sie --? Was wird denn
-den am heftigsten angezogen haben --,« sagte sie nachdenklich; »-- nichts
-Naives natürlich, -- etwas Pikantes. Möglicherweise irgend ein Typus
-der Frauen mit den Verführungskünsten --, die Frau als die große
-Verführerin und Lehrmeisterin auf schweres Lehrgeld, -- möglicherweise
-überhaupt ein Leben, das mehr verführt als befriedigt -- --. Wenn ich Sie
-mir so anschaue --«
-
-»Ach, lieber Himmel, vor hundert Jahren vielleicht?« unterbrach er sie
-halb ärgerlich, halb belustigt.
-
-Wera Petrowna griff resolut in das Kästchen und begann an Tomasows Statt,
-die Figuren auf dem Brett aufzustellen.
-
-»Nun ja, das ist wahr: jetzt sind Sie bequem geworden,« gab sie zu,
-»-- und ich will auch nichts Indiskretes ausplaudern über das, was mir
-allerlei kleine Fältchen um Ihren Mund da und um Ihre Augen bereitwillig
-zu verstehn geben. -- -- Aber: nun zum Beispiel eine Ehe mit einer
-Mustergattin, -- dafür ist mitunter grade das russische Mädchen ein
-Prachtexemplar: liebevoll, heiter, nachgiebig, voll Tüchtigkeit und
-Tapferkeit --«
-
-Tomasow nickte anerkennend.
-
-»Schätze ich auch ungemein,« bestätigte er kurz.
-
-»Und man sollte doch meinen, jemand wie Sie, der ganz gern herrscht, der
-müßte doch auch gern endlich sein eignes Haus um sich bauen, -- sein
-Leben breit ausbauen mit so einer russischen Frau -- von jener Sorte, der
-noch der Mann das Schicksal ist, das sie liebt, und dem sie gehorcht --«
-
-»Ein schönes Glück!« bemerkte Tomasow spöttisch, »sein eignes Leben
-mit allen Unzulänglichkeiten und Defekten so festgenagelt zu sehen rund
-um sich, -- ein Wesen darin mit einer Miene umhergehn zu sehen, als sei das
-nun wirklich das Paradies --. Nein, für den Reiz danke ich. Ich danke für
-die kleine Art der Männertyrannei. Leicht genug zu herrschen, wo nichts zu
-beherrschen ist. Wozu?«
-
-»Sieh da! Sie können sich sogar selbst verspotten,« entgegnete die Alte
-beifällig. »Das wirft mir ein ganz neues Licht auf Sie. Da begreif ich
-zum Beispiel schon besser, daß Sie mal, in Ihrer Jugend Blüte, für eins
-von den kleinen heldenmütigen Mädchen geschwärmt haben, die hier und
-da aus lauter edelm Fanatismus in unsre entlegensten und verarmtesten
-Provinzen als Lehrerinnen abgehn. Wie sah die aus? Mager, sehr mager,
-blaß, mit großen enthusiastischen Augen --? -- -- Aber geheiratet haben
-Sie das kleine Mädchen doch nicht --.«
-
-»Möchten Sie nicht vielleicht Ihre diesbezüglichen Meinungen lieber für
-sich behalten?« meinte Tomasow grob, aber er lächelte.
-
-»Wenn es Ihnen besser behagt, -- warum denn nicht?« sagte die Alte
-seelenruhig, »-- ich spiele ja viel lieber Schach. -- -- Aber das
-reine Wohlwollen treibt mich -- --, -- es ist wirklich merkwürdig, wie
-reichhaltig Sie sind, ich kann mir so ganz verschiedenartige Frauen recht
-gut neben Ihnen vorstellen --. Ist das nun Reichtum, oder -- oder ist
-irgend etwas nicht recht zum einheitlichen Ende gekommen --? -- -- Also
-spielen wir?«
-
-Sie fingen endlich damit an, wie jedesmal, wenn Tomasow herkam. Erst mußte
-die Redelust der Alten ein wenig ausschäumen.
-
-Wera Petrowna blieb indessen zerstreut. Sie machte Fehler auf Fehler.
-Zuletzt lachte sie kurz auf, sodaß sich die Oberlippe von den
-Vorderzähnen fast höhnisch hob, und äußerte ohne rechten Grund: »Die
-Zeiten ändern sich. Der Heldenmut auch. Jetzt ziehen es die kleinen
-Mädchen manchmal vor, ihre Mutter zu verlassen, um irgendwo in allem
-Behagen und mit viel männlichem Selbstbewußtsein zu studieren. So wie
-Marianne ihre -- --. Ein Glück noch, daß Sophie --«
-
-»-- Sophie geht ebenfalls. Um Ostern. Heute hat Frau Marianne
-eingewilligt,« sagte Tomasow.
-
-Wera Petrowna starrte ihn erst ungläubig an. Wie mit einem Schlage
-verschwand aus ihren Zügen alles Ironische und der spielende Spott und das
-versteckte Lachen. Schrecken und ein fast ehrfürchtiges Erstaunen stritten
-in ihrem lebhaften alten Gesicht um die Herrschaft.
-
-Sie schlug laut die Hände ineinander.
-
-»O du grundgütiges Seelentäubchen, meine einzige Marinka --! Was das sie
-kostet --! Und das sagen Sie mir erst jetzt, Sie Eisbär, Sie Feuerländer,
-Sie -- Sie -- --. Was das sie kostet --!« Sie hielt inne und starrte ihn
-wieder an. Man konnte deutlich sehen, wie angestrengt und durchdringend
-hinter ihrer Stirn und ihrem sich sammelnden Blick hundert Gedanken
-auftauchten. »Die Kinder fort!« sagte sie langsam, »-- beide Kinder, --
-das ist ein ganz neues Leben, ein ganz zerbrochenes Weitervegetieren
-für sie oder -- --. Es ist eine vollkommne Einsamkeit, Vereinsamung, --
-oder -- --? -- Marianne ist noch jung, -- sie ist noch immer jung --«
-
-Tomasow, der unwillkürlich niedergeblickt und mechanisch mit dem Deckel
-der Zigarettenschachtel gespielt hatte, hob den Blick.
-
-Eine kurze Pause lang schauten sie einander schweigend in die Augen, einer
-des andern Gedanken enträtselnd --.
-
-Wera Petrowna rief plötzlich in fast klagendem Ton: »-- Ach Tomasow, wer
-verdient denn das aber, so viel Glück, wie diese Frau noch geben könnte,
--- was für ein Mannsbild verdient denn das --?«
-
-Er wollte etwas erwidern, aber sie unterbrach ihn gereizt: »Nein,
-schweigen Sie nur! Es ist schon so, -- ich weiß, ich weiß!« beharrte sie
-fast giftig.
-
-Und plötzlich stand sie auf und fuhr mit der Hand durch die Figuren, daß
-sie alle umfielen.
-
-»Es muß schon so sein! Die Jugend muß wohl immer erst heraus aus einem
-Menschen, -- da hilft nichts!« murmelte sie ergrimmt, und sie fing an, an
-ihrem Stock auf und ab zu gehn. Das Sitzen hielt sie nicht mehr aus.
-
-Tomasow schob das Brett zurück und rauchte schweigend. Gegen die
-Sonderbarkeiten der Alten war er nachsichtig. Und viel lieber, als zu
-spielen, hing er jetzt seinen Gedanken nach.
-
-Da hörte er sie sagen, ganz in Zorn: »-- Ist es nicht wie eine
-Löwengrube, -- so ein Menschenleben --? Man muß doch immer wieder hinein,
--- immer wieder hinein --. Und was hat diese Frau nicht angesammelt in
-all den langen Jahren, -- all die unausgegebene Fülle -- --. Es ist sogar
-einerlei im Grunde: ob sie noch einmal neu anfängt mit dem Leben, oder ob
-sie einsam bleibt, -- diese ganze Fülle, die ganze Inbrunst reißt sie
-ja doch notwendig in die tausend Lebenskämpfe, wie unter brüllende
-Tiere --«
-
-Nach einer Weile fuhr sie grollend fort: -- »Da ist nun Sophie, -- nun
-viel ist sie noch gar nicht, -- aber was bedeutet so ein Mensch mitunter
-nicht alles für seinen Mitmenschen! Daß sie bei ihr war, glich für
-Marianne alles aus, -- sänftigte das ganze Leben --. Manchmal genügt so
-wenig, -- so ein bißchen Menschennähe, um gar nicht zu merken, wie
-viel man noch in sich herumträgt, -- wie vieles man noch unter Schmerzen
-entladen soll. -- Erst wenn diese sänftigende Schutzdecke davon abgerissen
-wird, -- plötzlich steht man da wieder hart am Rande, -- ganz hart
-am Absturz -- mitten in alle Untiefen von neuem hinein -- unerbittlich
-hinein!« Wera Petrowna holte sich in ihrer Erregung die Haube vom Kopf
-herunter und lief fast auf und ab. »Gott meint es erst gut mit denen, die
-es hinter sich haben, -- hinter sich. -- -- Arme Marinka!«
-
-Tomasow saß zurückgelehnt, mit dem Rücken nach ihr. Er vernahm wohl
-ihre Worte, aber gleichzeitig umfingen ihn andre, weit weniger düstere
-Bilder --. Und auch sie scharten sich um dieselbe Erwägung, wie um ein
-Leitmotiv dazu: »-- Marianne ist noch immer jung --«
-
-Die Alte hinter ihm im Zimmer war still geworden. Auch ihr Stock berührte
-nicht mehr, im Takt aufschlagend, den Fußboden.
-
-Tomasow empfand spontan, wie starkes Erleben und Erkennen hinter ihrer
-gewohnten Alltagsironie stehn, -- wie tief sie selbst in die Löwengrube
-hinabgestiegen sein mochte, -- und daß sie von dort herausgekommen war mit
-einem Herzen, das ganz wund war von zartem Mitleid und verstehender Furcht
-für andre --.
-
-Er wandte sich zu ihr um. Sie saß im Stuhl am Fenster. Die Haube hielt sie
-noch wie einen wunderlichen dunkeln Knäuel in der Hand.
-
-Und sonderbar hob sich dieser nackte Kopf von der hellen unfeinen Tapete
-des Zimmers ab, -- wie durchaus nicht hergehörig in diese banale Stube,
--- wie nicht einem Mann und nicht einer Frau zugehörig, -- vielmehr einem
-geheimnisvollen Wesen oder Unwesen, das nun dasitzt in den Wohnungen der
-Menschen, um dunkle Dinge zu weissagen --.
-
-Ganz unbeweglich saß sie da. Und ihm wurde es fast unheimlich, so auf
-sie hinzuschauen. -- -- Als müßte er schnell, jetzt gleich, irgend einen
-Bannspruch, irgend einen Wahrspruch finden, -- der ihre finstern Gedanken,
--- der den Lebensgedanken selbst -- in Freude löste. -- -- Oder als würde
-sie sich selbst langsam erheben, unmenschlich groß, und etwas Unerhörtes,
-Unüberwindliches sagen --.
-
--- In solcher Stimmung hört man als Kind Märchen erzählen -- --.
-
-Tomasow erhob sich und trat zu ihr hin ans Fenster.
-
-Da blickte Wera Petrowna auf. Sie sah auf mit dem welken, freundlichen
-Antlitz einer alten Frau, die sich Sorgen macht.
-
-»-- Arme Marinka --!« sagte sie nur mit einer schwachen, bekümmerten
-Stimme.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-=IV.=
-
-
-»-- Also: Schluß für vierzehn Tage. Junge, klapp die Bücher zu und freu
-dich!« sagte Marianne zu ihrem Neffen nach Beendigung der französischen
-Montagskonversation.
-
-Sie saßen schon bei der Lampe im Lernzimmer der ältern Kinder. Nikolai
-hatte beide Ellbogen aufgestützt und schob trübselig seine etwas breit
-geratene Unterlippe vor.
-
-»Freu mich gar nicht. Aber auch nicht die Spur!« versicherte er; »worauf
-denn? Eine Menge Familientage, schrecklich lange Mittagessen, -- und zu
-Hause sitzen --. Ob man sich schließlich in der Schule ducken muß oder zu
-Hause -- --. Mußt du denn schon gehn?«
-
-Marianne war heute so besonders angenehm gewesen, fast so lustig wie ein
-guter Schulkamerad, daher paßte es ihm nicht, daß sie schon ging.
-
-»Du hast doch eine Menge Vergnügen in deinen Ferien! Ein undankbarer
-Junge, nicht wahr, Inotschka?« meinte Marianne.
-
-Inotschka beugte sich über ihre Weihnachtsstickerei, die ihr heute
-wirklich Eingang zu der Montagsstunde verschafft hatte. An diesen Tagen
-heimlicher Arbeit ging vieles ungerügt durch.
-
-»Ach, was weiß denn Ina! Ein Mädchen! Gut ist es doch nicht eher, als
-bis man groß ist und ein selbständiger Mann,« konstatierte Nikolai,
-griff verdrießlich nach seinen Büchern und verließ das Zimmer.
-
-Inotschka antwortete ganz still: »Nein, so darf man nicht sprechen. Die
-Eltern bereiten uns so viel Freude, wie sie nur können. Wir müssen ihnen
-sehr dankbar sein.«
-
-Dann sah sie jedoch sehnsüchtig zu Marianne hin und fügte in ganz anderm,
-drängendem Tone hinzu: »Warum ist es nur so, daß ihr diesmal nicht
-mit uns Weihnachten feiert? Ach, thus doch! Weißt du noch: voriges
-Jahr -- --!«
-
-Marianne, die schon aufgestanden war, strich mit der Hand Inotschka über
-das weiche Haar, dessen feinen seidigen Strähnen man die Fülle, die sie
-enthielten, kaum ansah. Es lockte sie immer heimlich, dies feine Haar zu
-lösen und ganz anders zu ordnen.
-
-»Das war ja nur ein Zufall voriges Jahr! Du mußt dich nicht so danach
-sehnen,« sagte sie sanft. »Sieh mal: ist es denn nicht überhaupt ein
-Zufall, daß ich hier in eurer Nähe lebe? Wie leicht hätte es so kommen
-können, daß ich im Auslande blieb. -- -- Und vielleicht -- -- vielleicht
-kommt es noch dazu, Inotschka.«
-
-Die Kleine hatte ihre Stickerei auf den Tisch geworfen. Sie schaute mit
-erschrockenen Augen empor.
-
-»Das -- das hab ich gefühlt --!« entfuhr es ihr heftig.
-
-»Aber nein! Sei nur ruhig, meine kleine Ina, -- heute und morgen ist noch
-alles beim alten. -- -- Und übermorgen, im Handumdrehen, -- da ist aus der
-Ina schon ein großes, vernünftiges Mädchen geworden!« beschwichtigte
-Marianne sie tröstend.
-
-Aber Ina war aufgesprungen. Sie hing sich Marianne an den Hals und brach
-hilflos in Thränen aus.
-
-»Ich werde nicht groß! Ich werde nicht vernünftig! Alle Vernünftigen
-sind so gräßlich. Laß mich doch klein bleiben! Laß mich bei dir
-bleiben!«
-
-Marianne blieb ganz stumm. Sie schlang nur ihre Arme um sie und küßte sie
-auf das Haar und auf die weinenden Augen. Dann, nach Minuten schweigender
-Liebkosung, beugte sie den Kopf tief zu Inotschka nieder und flüsterte ihr
-ins kleine heiße Ohr: »Sei still, mein Herz, ich komme jetzt oft und oft
-zu dir, -- so oft du mich nur wirst haben wollen --.«
-
-Ina ließ sie los und blickte ungläubig auf. »Wirklich?! Sagst du es auch
-nicht nur so?«
-
-»Nein. Ich sage es nicht nur so. Ich werde Mama um die Erlaubnis bitten,
-recht oft kommen zu dürfen, um mit dir zusammen zu sein.«
-
-»Und glaubst du, daß -- --, meinst du, Mama wird erlauben, daß du
-so wirklich zu mir kommst -- --? Denn wenn ich mit den Großen dabei
-zusammensitzen soll -- --«
-
-Marianne setzte sich auf Inas Stuhl und zog sie wie ein kleines Kind zu
-sich auf die Kniee.
-
-»Mama erlaubt alles, was geeignet ist, dich froh und glücklich zu
-machen,« entgegnete sie zuversichtlich, und als sie Inas schüchterne
-Augen voll Zweifel auf sich gerichtet sah, fügte sie ernst hinzu: »Du
-denkst mit Unrecht, deine Mama enthielte dir dies oder jenes vor, und du
-wirst scheu, weil du meinst, vor verschlossnen Thüren zu stehn. Aber sie
-gehn noch alle auf, mein Liebling. -- -- Siehst du, davon und von vielem
-andern will ich dir erzählen, wenn wir so bei einander sind, wie jetzt.«
-
-»Willst du mir von Mama erzählen, wenn du bei mir bist?« fragte Ina
-stockend und sah sie unsicher an.
-
-Marianne streichelte sie mit einem feinen Lächeln voll Güte.
-
-»Von uns Mamas überhaupt. Denn, weißt du wohl, wer das ist? Eine Mama,
-das ist jemand, der gewaltig reich geworden ist durch das Verlangen, recht
-viel zum Verschenken an seine Kinder zu haben. Aber die Kinder sind erst
-ganz klein, und dann jedes Jahr nur ein bißchen größer, und es dauert
-lange, bis sie ganz groß sind, sodaß sie wirklich alle die reichen
-Geschenke benutzen können. Daher muß Stück für Stück in festen Truhen
-verwahrt bleiben, und wenn die Mama aufschließt und nachschaut, was sich
-für ihre Lieblinge wohl schon eignet, dann darf sie sich doch nichts
-merken lassen von der Bescherung, für die es noch zu früh ist. Und dann
-sieht es den Kindern fast so aus, als hätte sie nichts übrig für sie.
--- -- Aber alle ihre Truhen sind grade dann voll Gold. -- -- Jemand, der
-ungeduldig und sehnsüchtig zwischen lauter Truhen voll Kostbarkeiten
-umhergeht: das ist eine Mama. -- -- Weißt du es nun?«
-
-Ina schmiegte sich fester an Marianne an.
-
-»Und du hast auch solche Truhen, die du nicht aufmachst?« fragte sie,
-»-- du auch?«
-
-»Ja, ich auch. Viele -- viele.«
-
-»Aber einmal -- da springen sie alle auf! Alle?« Ina richtete sich mit
-verlangenden Augen auf Mariannens Schoß hoch.
-
-»Alle -- alle!« versicherte Marianne mit unterdrücktem Jubel in der
-Stimme und legte ihre Arme um das kleine Mädchen. Man fühlte, daß irgend
-eine eigne große Freude oder Erwartung aus allen ihren Worten herausklang
-wie eine überströmende Wärme.
-
-Inotschka lächelte, sie hatte leicht gerötete Wangen und sah unendlich
-zufrieden aus. »Was für wunderschöne Geschichten du aber auch weißt,
-Tante Marianne! Wirst du mir noch viele erzählen?«
-
-»Ich werde dir gewiß noch schönere erzählen. Denn nun mache ich bald
-die allerschönste Truhe auf --«
-
-»Für mich auch!« rief Ina vergnügt und klatschte in die Hände.
-
-Plötzlich hielt sie jedoch inne. Sie ließ Marianne los und glitt von
-ihren Knieen hinunter.
-
-»Da kommt Mama!« murmelte sie, »-- vorhin fuhr ein Schlitten vor --.
-Die Wohlthätigkeitsvorstellung muß jetzt auch schon längst vorüber
-sein --.«
-
-Man vernahm etwas hastige Schritte und das Rascheln eines seidenen Kleides.
-Die Thür wurde nur ein ganz klein wenig geöffnet, Ottilie schob den
-frisierten Kopf an die Spalte.
-
-»Bist du noch da, Marianne? Hast du Zeit --? Nein, Inotschka, mein Kind,
-laß dich nicht stören, du brauchst nicht zu erschrecken, Mama hat
-nichts gesehen, -- du sollst sehen, wie überrascht ich sein werde zu
-Weihnachten --.«
-
-Marianne trat zu ihr heraus, in das Schlafzimmer der Schwester.
-
-»Ich höre, du kommst aus der Oper, Otti?! Du und in die Oper, mitten am
-Tage? Du wirst ja noch ganz musikalisch auf deine alten Jahre,« bemerkte
-Marianne erstaunt.
-
-»-- Der ›Troubadour‹ -- zu wohlthätigen Zwecken -- und mit dem
-durchreisenden Star als Gast. -- -- Fräulein Clarissa überredete mich.
-Herrgott, es passiert ja auch selten genug!« entgegnete Ottilie, noch in
-voller Theatererregung, und begann sich in aller Hast umzukleiden.
-
-In einer Ecke am Tisch fütterte die Wärterin den Jüngsten, dem sie
-in russischem Kinderkauderwelsch zusprach, in der Nebenstube sah man die
-beiden ältern kleinen Brüder sitzen und artig Flittergold auf Nüsse
-kleben, als Schmuck für den Weihnachtsbaum.
-
-Ottilie warf ihre geschnürte Seidentaille ab und ergriff Marianne am Arm.
-
-»-- Ich sage dir: schön ist so was! Siehst du: in dem Augenblick, da lebt
-man! Wenn sie so füreinander sterben -- --« Ottiliens Augen strahlten.
-
-Marianne lachte.
-
-»Aber du, seit wann hast du so romantische Anwandlungen --? Du bist doch
-sonst die Nüchternheit selbst?«
-
-»-- Sonst --? Ja, du lieber Gott, im wirklichen Leben ist doch kein Raum
-dafür. Da heißt es seine Pflicht thun, und damit basta. Das muß jeder
-anständige Mensch. -- -- Aber deshalb bewahrt man sich doch einen Winkel
-für das Ideale innerlich. Einen Winkel, wo das Leben anders wäre, wenn es
-nach uns ginge --: edel, höher, -- noch unbefleckt schön, -- kurz --«
-
-»-- Romantisch?« fragte Marianne zweifelnd, mit einem gutmütigen
-Lächeln. Sie wußte selbst nicht, woher ihr Ottilie plötzlich so viel
-jünger geworden vorkam, ja fast unerwachsen jung, wie vor langen Jahren.
-
-»-- Romantisch --!« wiederholte die Schwester etwas gereizt, während
-sie sich von Marianne in ihr Hauskleid hineinhelfen ließ, »-- meinetwegen
-nenn es so. Name ist bekanntlich Schall und Rauch. Aber du willst wohl
-andeuten: davon verstünde ich nichts, -- davon verstündest nur du was,
--- einfach, weil du zufällig so blitzjung und so kopfüber eine Liebesehe
-geschlossen hast --. Aber was ist am Ende mit solcher Ehe los --?! Ich kann
-dir nur sagen, wovon ich nicht oft spreche: mein erstes Liebeserwachen war
-zwar lauter Verzicht, -- aber was ich hier innen besitze, --«
-
-Sie sagte nicht, was sie innen besaß, sondern ließ ihre Worte unvollendet
-und knüpfte sich mit aufgeregter Hand das Kleid zu, wobei sie Mühe hatte,
-die richtigen Knöpfe zu finden.
-
-»-- Du meinst doch nicht etwa den Husaren --?« wollte Marianne schon
-fragen, unterdrückte es jedoch.
-
-Sie setzte sich neben den Toilettenspiegel, vor dem sich Ottilie
-ankleidete, und schaute die Schwester mit im Schoß gefalteten Händen
-gedankenvoll an.
-
-Der harmlose Husar konnte so wenig dafür! Der mußte, wie es schien, nur
-ritterlich stillhalten bei allem, was ihm Ottilie so allmählich auf sein
-armes kleines Konto hinzuschrieb --. Vielleicht war es grade das Fehlen
-jeglichen starken Seelenaufruhrs in Ottiliens geordnetem Leben gewesen, das
-in ihr so allerlei emotionelle Restbestände aufgestapelt hatte -- --.
-
-Ottilie mißverstand Mariannens Verstummen. Sie nickte ihr zu, wie von
-einer verborgenen Höhe.
-
-»Ich glaube, du hast auch nur wenig Anlage dazu: du hast dich ja stets so
-ganz im Thatsächlichen ausgegeben und es überschätzt,« bemerkte sie
-und steckte sich ihr Häubchen fest. Auf ihren Wangen blühten noch zwei
-blaßrote Flecke.
-
-Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung, irgend eine
-kleine Gebärde, -- fast wie unbewußte Koketterie einer Ungeübten, --
-die mit einemmal Marianne wie eine lebendig gewordene Erinnerung aus beider
-frühester Jugendzeit durchfuhr.
-
-Es paßte gar nicht recht hinein in das Wesen der jetzigen Ottilie,
-der musterhaft Fertigen, Korrekten! Aber dafür waren es nicht
-mühsam erworbene, sondern ihre eigensten einstigen kleinen Mienen und
-Gebärden --.
-
-Sie besaßen etwas wunderlich Halbes, Verlorenes, -- wie wenn künstlich
-gestutzte Vögelchen zu fliegen unternehmen, -- dachte Marianne bei sich.
-
-Und plötzlich umfaßte sie Ottilie von hinten und stand auf und küßte
-sie innig mitten ins erstaunte Gesicht. Ja, das war wirklich die Otti von
-ehemals, mit der sie so vieles geteilt, so kindisch geschwärmt hatte! Dann
-kam das ganze Leben dazwischen: das war von Marianne mit zitterndem Herzen,
-selig und schmerzlich, durchlebt worden, -- von Ottilie nicht --.
-
-Und da ging sie nun in irgend eine alte Oper, und mit einemmal kamen
-allerlei hinuntergedrängte Sensationen herauf, -- unbegründet, etwas
-hysterisch, alle durcheinander: der Husar und die Ideale, Backfischhaftes
-und Erhabenes, Pathos und Koketterie --.
-
-»-- Was fällt dir ein? Nein, aber Marianne, was fällt dir denn ein?!
-Man küßt sich doch nicht derartig mitten am Tage, ich muß jetzt an den
-Speiseschrank,« sagte Ottilie und wehrte sich.
-
-»Und ich nach Hause. Aber, weißt du, Schwesterlein: ich komme nun oft,
-viel öfter --. Gib mir recht viel Raum. Laß mich viel mit euch sein, auch
-mit Inotschka --. Wer weiß, ob ich noch lange hier --« Marianne brach ab
-und wandte sich dem Kleinsten zu, sie hob ihn von den Knieen der Wärterin
-auf ihrem Arm hoch und liebkoste ihn, während er sie vergnügt ankrähte.
-
-»Das ist schon recht, falls wir hier wirklich etwas haben, was dich,
--- die viel Anspruchsvollere, -- fesseln kann,« erwiderte Ottilie;
-sie vermochte nicht den Uebergang ins Tagesleben ganz ohne Gereiztheit
-zurückzufinden.
-
-»O! Ihr habt ja so vieles, was sich noch willig lieben läßt!« meinte
-Marianne leise und herzte noch immer das Kind.
-
-»Ja, wie du das auch gleich sagst! Ich glaube wahrhaftig, Marianne, trotz
-deiner vielen Kenntnisse und Fähigkeiten, -- nimm mirs nicht übel: aber
-es ist im Grunde das einzige, was du zu thun weißt. -- Du sprachst von
-Inotschka: sag, glaubst du, daß sie den Pantoffel noch fertig stickt?«
-
-»Der ist ja für dich, -- weißt du?« rief Marianne.
-
-»Eben darum, weil er für mich ist, kann ich mich nicht gut drum kümmern.
-Wenn sie ihn vertrödelt, -- du verstehst, es ist mir nicht um den
-Pantoffel. Aber es wäre von übler Wirkung auf das Kind. Es gibt einem
-Kinde Selbstbewußtsein, seinerseits was zum Verschenken bereit zu haben.
--- Von solchen Dingen hängt mitunter der moralische Halt im spätern Leben
-ab.«
-
-Marianne seufzte. Sie setzte den Kleinen auf den Schoß seiner Wärterin
-nieder und ging mit der Schwester hinaus.
-
-Sollte sie nun Ottilie erzählen: »Sophie geht Ostern auch zum Studium
-ins Ausland?« -- Würde Ottilie nicht fragen: »Was schenkt sie dir aber
-dafür wieder?« -- Ja, -- etwas Aehnliches würde sie fragen.
-
-Wie konnte sie ihr das deutlich machen! Dieses Einssein mit den Kindern,
-dieses Mutterglück und diese drängende Hingebung in allen Fasern. Dieses
-Auskosten der vollen Liebe bis auf den letzten Tropfen. Denn jetzt waren
-sie zu Hause alle drei doch nur noch wie ein Mensch, -- nun erst ganz
-unzertrennlich.
-
-Marianne ging fort, ohne etwas von der großen Neuigkeit mitgeteilt zu
-haben.
-
-Trotz ihrer Ungeduld, heimzukehren, entschloß sie sich noch zu einem
-weiten Umweg.
-
-Sie benutzte eine Pferdebahn, die nahe bis zu Tamaras kleiner Wohnung im
-Vorstadtviertel heranfuhr. Tamaras Mann öffnete ihr, mit einem listigen
-und erwartungsvollen Gesicht, -- er hatte seine Frau erwartet.
-
-»Was, sie ist aus?« fragte Marianne stark enttäuscht, »ich muß sie so
-notwendig sprechen, und dachte sie zu dieser Stunde sicher zu treffen.«
-
-»Ja, glücklicherweise ist sie fort, ich kann sie nämlich momentan gar
-nicht brauchen.«
-
-Marianne bemerkte erst jetzt, wie er aussah. Im dicken Paletot, den Kragen
-hochgeschlagen, sogar warme Ueberschuhe an den Füßen, stand er da und
-rieb sich die Hände. In der That schien es kalt da drinnen zu sein.
-
-»Was machen Sie eigentlich?! Frieren Sie vielleicht Ihre Vögel aus?«
-
-»Ach nein, bei mir ist es warm. Wir müssen jetzt dort sitzen, zwischen
-den Vögeln, leider. Wir schlafen die paar Tage auch drin. Denn im
-Wohnzimmer, da wird jetzt nicht geheizt. Das ist wegen Weihnachten. Es soll
-nämlich wie ein Wald werden, -- Tamara stammt doch aus dem Walde. Sie darf
-jetzt nicht herein.«
-
-Er öffnete die Thür zur Wohnstube, und Marianne erblickte in drei von
-ihren Ecken je einen großen Tannenbaum. Eine Küchenlampe stand am Boden.
-In dem ungewissen Schein, den das Lämpchen von unten her verbreitete, nahm
-sich die Bescherung seltsam genug aus, die zwischen den Tannen im Aufbau
-begriffen war.
-
-Da näherten sich, fast lebensgroß in bemalter Pappe ausgeführt, die
-heiligen drei Könige einer kleinen Korbwiege, deren blaue Vorhänge dicht
-geschlossen waren. Was die Weisen des Morgenlandes darbrachten, bestand
-aber nicht in Gold oder Juwelen, sondern in den winzigsten Hemdchen,
-Jäckchen und Strümpfchen, die man sich denken konnte.
-
-Die Bäume waren nicht geschmückt. Nur an dem schönsten, der sich über
-der Wiege erhob, hing Kinderspielzeug, -- Hampelmänner, Glöckchen an
-Knochengriffen -- und, wie ein Hinweis auf die Zukunft, schon ein erstes,
-zartes Paar Schuhe, lächerlich klein, aus rotem weichem Saffian, mit
-silberner Stickerei bedeckt.
-
-In der Anordnung des Ganzen drückte sich ein unbeholfener jubelnder
-Ueberschwang aus, der Marianne ergriff.
-
-Sie wandte sich zu Taraß und sagte leise: »Ich wußte gar nicht -- --
-Aber es ist noch lange hin --«
-
-Er nickte.
-
-»Lange noch bis dahin,« bestätigte er, »aber, wissen Sie, ich kenne
-ja Tamara. In diesen Monaten wird sie schon ungeduldig sein: wann sie das
-alles arbeiten soll, -- ich bitte Sie, eine solche Menge! Und sie hat doch
-gar keine Zeit! Es mag ja schön sein, selbst daran zu nähen, nun aber,
-sie soll sehen: es geht auch so. Eine große Näherin ist sie überhaupt
-gar nicht. Sie sticht sich dreimal nacheinander in jeden Finger. Und
-allzufest näht sie auch nicht. -- Aber eine Mutter wird das sein! Ja, das
-ist noch eine Mutter!«
-
-Er sah strahlend aus und trat frierend von einem kalten Fuß auf den
-andern.
-
-»Darf ich Tamara nichts ausrichten? Soll sie zu Ihnen kommen?«
-
-»Nein nein,« wehrte Marianne hastig ab, »ich komme lieber selbst wieder.
-Sagen Sie ihr nur: ich sei wegen des Vorschlages gekommen, den sie mir
-neulich im Auftrag des Berner Mädchenpensionates gemacht habe. Sagen Sie
-ihr: den wollte ich annehmen. Auf alle Fälle annehmen. Sie möchte mir
-helfen, die Sache so schnell als möglich ins reine zu bringen.«
-
-Taraß schlürfte in den Ueberschuhen ihr voran zur Hausthür.
-
-»Dann wird Tamara gleich alle Hebel in Bewegung setzen. Ich weiß, sie
-sprach davon. Und wir sind so froh, wenn wir Ihnen zeigen können, wie lieb
-wir Sie haben.«
-
-Er küßte Marianne die Hand, und sie beugte sich auf seine Stirn. Ihr kam
-es vor, als sei alles bereits erledigt. Sie zweifelte nicht am Gelingen. Es
-mußte gelingen. Und sie war zu jedem Opfer bereit, zu jedem Nebenverdienst
-durch Stunden --.
-
-Nur mit ihrem Kind zusammenbleiben mußte sie. Dann wollten sie auch schon
-Cita näher bekommen, -- mindestens näher als jetzt --.
-
-Als sie sich wieder in die Pferdebahn setzte, schien es ihr, als führe sie
-schon weit, weit fort aus ihrem bisherigen, hiesigen Wirkungskreis.
-
-Fast abschiednehmend spähte ihr Blick nach den einzelnen Häusern, die sie
-kannte. Da -- und da, -- und dort war sie zum Unterricht hingegangen. Nun
-aber wollte sie weit, weit fort, so weit wie ihre Kinder wollten.
-
-All dies wurde Vergangenheit. Die Kinder allein, das war ja Heimat.
-
-Kurz ehe sie den Bahnwagen verließ, stieg ein armer Krüppel ein, ein
-Stelzfuß in zerlumpter Kleidung.
-
-Mit ehrerbietigem Blick bekreuzigte sich der Schaffner vor ihm und nahm
-kein Geld von ihm an. Diese Handlungsweise war allgemein üblich, solche
-Unglückliche durften fest darauf rechnen.
-
-Als sich Marianne erhob, um auszusteigen, sah sie, daß jemand dem lahmen
-Mann ein Kupferstück zusteckte.
-
-Da fuhr sie in die Tasche, faßte nach dem gehäkelten Seidenbeutelchen mit
-dem Tagesbedarf an Silberlingen, das sie grade frisch gefüllt hatte, und
-schob es im Vorübergehn dem Krüppel in die Hände.
-
-Das gewährte ihr eine momentane Erleichterung. Sie wäre gern in irgend
-einer Weise aktiv geworden, aus ihrer weichen, warmen Stimmung heraus,
--- wäre gern mütterlich geworden an irgend einem armen Wesen, aus ihrem
-Ueberfluß heraus --.
-
-Und nun konnte sie nicht einmal für ihre nächsten Pläne etwas thun,
-weil sie Tamara verfehlt hatte. Aber ihr wollte es scheinen, als schade das
-alles nichts, wenn man ihr nur ringsum von der warmen Liebeslast abnahm --.
-
-Oben öffnete ihr Stanjka. Doch im Wohnzimmer lief ihr Sophie entgegen.
-
-»Cita ist nur für eine kurze Besorgung fortgegangen, Ma, sie kommt gleich
-wieder. -- -- Aber du bliebst so lange fort, -- ach, ganz schrecklich
-lange, wo warst du nur noch?«
-
-Marianne drückte sie an sich.
-
-»War das so schlimm? Du bist wohl ungeduldig geworden?«
-
-»Ja, Ma. Jetzt möchte ich jede Minute bei dir sein. Das ist doch ganz
-natürlich, -- immer, immer.«
-
-»Und wenn wir uns nun nicht trennten, -- wenn wir beisammen blieben, du
-mein Herzenskind!« murmelte Marianne.
-
-Es kam ihr fast gegen ihren Willen auf die Lippen. Sollte sich Sophie
-unnütz quälen, -- und wären es auch nur Tage --, um der Trennung willen,
-die nach ihrer Ansicht bevorstand?
-
-»Ach ja, Ma!« rief Sophie innig, jedoch gleich darauf schien sie ein
-plötzlicher Schreck zu durchfahren. »-- -- Du meinst doch nicht, -- ich
-soll doch nicht --«
-
-Sie war ganz blaß geworden.
-
-»Nein, o nein!« sagte Marianne schnell, »wie kannst du das glauben!
-Nichts wird rückgängig gemacht. Aber denke dir, mein Liebling, denke
-dirs nur als eine noch nicht gewisse Möglichkeit: wir blieben trotzdem
-beisammen, -- in einem kleinen Städtchen zum Beispiel, -- etwa in den
-Schweizer Bergen --«
-
-Sophie machte sich sichtlich beunruhigt frei.
-
-»-- Warum denn ein so ganz kleines Städtchen, Ma --?«
-
-»Ich meine natürlich ein Universitätsstädtchen.«
-
-»Ja ja, aber wenn auch --. Daß es so gar klein sein soll --? Warum denn
-eigentlich nur?«
-
-»Stell dir zum Beispiel vor, dort wäre eine Mädchenpension, die ich zu
-leiten hätte, -- eine solche ist nämlich in Bern, -- lauter halberwachsne
-Mädchen --«
-
-»-- Aber -- das wäre ja gräßlich, Ma!« fiel ihr Sophie ängstlich ins
-Wort.
-
-Marianne hielt einen Augenblick inne.
-
-Sie suchte mit plötzlicher Bangigkeit Sophiens Blick.
-
-»-- Wäre das so gräßlich, -- Sophie?«
-
-»Nein, -- das heißt: es wäre ja wunderschön natürlich, -- aber, -- ach
-nein, Ma! das kann ja doch gar nicht dein Ernst sein?«
-
-Marianne versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß ihr mitten in diesem
-schwachen Lächeln die Lippen kalt wurden.
-
-»-- Nur so eine Idee, Kind,« sagte sie mühsam.
-
-»Siehst du, das dachte ich.« Sophie küßte sie heftig und lachte
-beruhigt: »Das wäre ja auch gar nichts, nicht wahr? Denke nur: so eine
-Mädchenpension, -- Hammelherde, -- huh! Da müßten wir uns ja immer
-nach den Zimperliesen richten. Wenn du da Stunden gäbst und von allen
-möglichen Leuten abhingest, wäre alles gleich so gebunden, -- so wie
-hier --. -- -- Und übrigens, solches Kleinstädtchen doch auch für dich
-im Grunde recht öde, -- nicht?«
-
-Marianne nickte, ohne Sophie aus den Augen zu lassen, die ihr unleidlich
-brannten und stachen von den bemeisterten Thränen.
-
-»Ja ja, Sophie. Daran, ob es öde wäre, hab ich so gar nicht gedacht --.
-Wenn ich mir das überlege, ist es also wohl nichts damit.«
-
-Sophie wurde wieder ganz heiter.
-
-»Nein, was du aber auch für eine Phantasie hast, Ma?« meinte sie
-neckend und setzte sich der Mutter auf den Schoß. Sie war voll kleiner
-Zärtlichkeiten.
-
-Nun wollte sie Ma auch ordentlich erzählen, wie sie sich das Leben
-dächte, mit Cita zusammen, in Berlin, wo Cita ja so vortrefflich
-aufgehoben sei und schon Beziehungen habe, und wo sie es nun ebenso gut
-haben werde. Beziehungen nämlich, das ist wichtig --! -- -- Eine Menge
-interessanter Einzelheiten plauderte ihr Sophie redselig vor.
-
-Marianne saß müde in ihrem alten Lutherstuhl.
-
-Sie hörte immer mit dem gleichen Anflug von Lächeln zu, es war wie
-erstarrt auf ihrem Gesicht.
-
-Das also war das weitaus Schönere, wovon Sophie träumte. Und das hatte
-sie ja nun endgültig den Kindern gegeben, ihnen erlaubt. Mehr zu geben
-hatte sie nun überhaupt nicht. Nein: nur sich selbst noch hinzugeben hatte
-sie wollen. Sie selbst jedoch, -- ja sie selbst -- lehnten sie leise ab --.
-
--- Marianne überfiel plötzlich, mitten in Sophiens Hinplaudern,
-eine jähe Furcht, sie könnte mit einemmal -- jetzt gleich -- etwas
-Gräßliches, Grelles thun müssen, entweder laut schreien oder gar
-lachen --.
-
-Besonders das letztere: jawohl, grell und gell lachen --.
-
-In der Furcht davor brachte sie kein Wort heraus.
-
-Zum Glück kam Cita nach Haus, eh es Sophie auffiel.
-
-Als sie zu ihnen ins Wohnzimmer trat, sprang Sophie vom Schoß der Mutter
-heiter auf.
-
-»Denke nur!« rief sie der Schwester ganz unbefangen entgegen, »Ma und
-ich sitzen hier gemütlich und malen es uns eben aus, wie das sein würde,
-wenn wir in ein ganz kleines Universitätsstädtchen zögen, anstatt
-nach Berlin. Und wenn Ma dort gar eine Pension leitete, -- und -- und
-wir Sonntags nachmittags mit im Zuge der Mädchen vor dem Thor spazieren
-gingen --«
-
-Sie erzählte es ganz wie einen Scherz. Und ganz wie über einen Scherz
-lachte Cita mit ihr.
-
-»Uff!« sagte diese dann, die Handschuhe abstreifend, und warf sich in den
-Schaukelstuhl, -- »wie gut ist es hier bei dir, Ma. Ja, das wird Sophie
-schon noch vermissen! Sie muß sich eben erst gewöhnen, man lernt es
-aber. Bis jetzt redet sie nur so hin. Wenn sie nur erst ordentlich in ihrem
-Studium drin ist --«
-
-Marianne richtete ihre Augen müde und groß auf ihre Aelteste.
-
-»Wenn es nur so ist, Cita, daß man dann nichts mehr vermißt,« sagte sie
-leise, mit matter Stimme, »-- denn das meint ihr doch wohl nicht, -- das
-kannst du doch selber nicht wollen: so ein Fachstudium, und nichts mehr
-dahinter und darüber --. Etwas so Spezielles, etwas so Hartes --. Du mußt
-nicht vergessen, wie sehr Sophie, -- und früher auch du, -- euch in einem
-allseitigern, harmonischern Ganzen geistig angeregt habt. Es schloß ein
-Studium nicht aus, aber das beseelte Leben ging doch noch drüber --.«
-
-»Es war einfach dilettantischer,« bemerkte Cita ruhig. Sie hatte
-ernsthaft zugehört, während sie leise schaukelte und ihre Handschuhe bald
-zurollte, bald in alle einzelnen Finger auseinanderbreitete.
-
-Marianne lehnte sich erschöpft zurück. Sie hatte sich gewundert,
-woher ihr nur so viele Worte kamen. Als ob sich ihre Zunge löste und
-selbständig spräche --. Aber als sie einsah, daß diese Worte ohne
-Wirkung waren, gab sie es auf, zu widersprechen.
-
-Cita nahm ihr Schweigen wie ein leises Gekränktsein und fuhr rasch fort:
-»Ja, süße Ma, du hast sicherlich recht. Aber, siehst du, was du so das
-›beseelte Leben‹ und ›das Allseitigere‹ in der geistigen Anregung
-nennst, das werden wir ebenfalls haben. Das Fachstudium wird bei
-weitem nicht alles sein, sondern der ganze Kreis der Interessen in der
-Frauenbewegung. Das wird uns frisch und kampflustig erhalten. Sieg der
-modernen Frau! Das soll die Losung sein. -- -- Hier konnte Sophie diesen
-belebenden Geist unmöglich aufnehmen. Uns fehlte hier ja auch der laufende
-Zusammenhang mit allem Modernen. Wenn man aus dem Auslande kommt, spürt
-man das arg, du kannst es glauben! Nun, aber es schadet weiter nichts: wir
-holens schon nach.«
-
-Sie erhob sich aus dem Schaukelstuhl, kam zur Mutter, bückte sich, küßte
-sie auf den Scheitel und sagte mit fast mütterlicher Zärtlichkeit im Ton:
-»Du unsre süße Ma! hier ist es einzig und allein schön, weil du hier
-bist. Vielleicht würdest du dich in einem andern Rahmen nicht mehr wohl
-fühlen. Und du machst alles schön rings um dich her. Aber wir können
-jetzt nicht nur auf das Schöne achten.«
-
-Dann richtete sie sich auf, verschränkte die Arme auf dem Rücken und
-stellte sich nachdenklich musternd vor das Bücherregal.
-
-»Siehst du, Sophie, -- dort hinein schaffen wir dann auch Ma neue Bücher,
--- nicht an Stelle der alten, aber mindestens zwischen die alten. -- -- Man
-kann auch nicht immer nur Dante und Homer und Shakespeare und Goethe und
-ähnliche Herren lesen. Nicht wahr, Ma?«
-
-Marianne saß ganz still und lauschte. Sie lauschte noch, als gar keine
-Rede mehr kam, und die Schwestern miteinander in den Büchern zu kramen
-anfingen, wobei Sophie auf dem Boden saß und Unsinn trieb.
-
-Sie lauschte in alle geredeten Worte tief hinein --. Denn daraus klang ja
-nicht nur die naive Ablehnung Sophiens, nein, etwas viel Tieferliegendes
-hörte sie immer deutlicher heraus, -- etwas auf dem verborgenen Grund
-aller dieser Worte --.
-
-Sophiens Gefühl war so ganz unwillkürlich gewesen. Aber es verriet, daß
-Mutter und Kinder ganz und gar nicht eins waren, eines Wesens, -- daß das
-ein bloßes Trugbild war, ein Traum. Die arme Sophie konnte nichts für
-ihren naiven Egoismus, -- Cita, die sagte es ja: sie waren etwas andres,
-wollten etwas andres, strebten anderm zu, als die Mutter --.
-
-Der Mutter gehörten sozusagen nur noch Wesensreste aus der Kindheit, --
-nicht mehr der entwickelte Mensch. Dem wurde sie leise fremd -- fremd --
-fremd. Von dem wurde sie mit dankbarer Nachsicht geliebt. Notwendig blieb
-sie ihm nicht mehr.
-
-Wahrscheinlich ging das immer so zu. Auch dann, wenn das Muttersein das
-gesamte Wesen eines Menschen aufgesogen und ausgemacht hatte --? Auch
-dann, wenn er sich mit seiner ganzen tragenden, nährenden Lebensfülle
-den Kindern einverleibt hatte --? Ja, auch dann. Auch dann blieb er wie ein
-blutendes, losgerissnes Stück am Boden liegen, allein liegen, -- ohne es
-ändern zu können -- --.
-
-Cita hatte ja im Grunde recht: während die Mutter hier umherging und
-Stunden gab, vermochte sie nicht zugleich die Wege weiterzugehn, die sich
-nun den beiden öffnen sollten, -- die Wege neuer Zeiten, einer
-neuen Generation --. Und wohin die führen würden? Ob nicht zum
-entgegengesetzten Ende dessen, was sie mit heißester Inbrunst für ihre
-Kinder erfleht und selbst in ihrem ganzen Leben demütig zu verwirklichen
-gestrebt hatte?
-
-Ja, vielleicht, -- wer konnte es wissen --? Ihr Urteil und das der Kinder
-würde sich in diesem Punkt wahrscheinlich entgegenstehn. Welche Instanz
-wollte über sie richten?
-
-Mariannens Gedanken verschwammen, schmerzgefoltert, undeutlich ineinander.
-Noch hörte sie die beiden plaudern und lachen und sich gegenseitig Stellen
-aus Büchern vorlesen.
-
-Ihre Arme waren wie gelähmt. Die Stimmen schienen ihr von weit, weit her
-zu kommen. Konnte sie die Arme nicht mehr ausbreiten, ihre Mädchen darin
-zu umfangen? Konnte sie ihnen denn nichts, gar nichts zum kostbaren Besitz
-und zum Leitstern mit auf den Weg geben von alledem, was zu gewinnen ihres
-Lebens Inhalt gewesen war --?
-
-Weit, weit gingen sie fort --. Und plötzlich kamen Marianne, -- seltsam
-und leise, wie ein Raunen von Wind zwischen Blättern in der Nacht,
--- Klänge aus einem Lied, -- aus einem Wiegenlied, der Dichtung eines
-Dichters von heute mit dem klaren Erkennen von heute. Es waren nur einzelne
-abgerissne Klänge, und während sie ihnen lauschte, wußte sie schon nicht
-mehr, ob sie sie nicht nur weinte --.
-
- * * * * *
-
- »-- Blinde, so gehn wir, und gehen allein,
- Keiner kann keinem Gefährte hier sein.
-
- Schlaf mein Kind, und horch nicht auf mich!
- Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich!
-
- Schall nur, wie Windesweh'n, Wassergerinn,
- Worte -- vielleicht eines Lebens Gewinn.
- Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein:
- Keiner kann keinem ein Erbe hier sein --.« *)
-
- *) Aus Richard Beer-Hofmann, Pan 1899.
-
- * * * * *
-
-Die jungen Mädchen bemerkten gar nicht den Augenblick, wo Marianne das
-Zimmer verließ.
-
-Erst als es hastig im Vorflur schellte, und gleich darauf Stanjka hereinkam
-und Tamaras Besuch meldete, blickten sie sich erstaunt nach Ma um.
-
-»Eben war sie noch hier,« versicherte Cita, während Sophie den Gast
-hereinzog und unterhielt; »-- Ma, hör doch! Tamara ist gekommen!«
-
-Marianne öffnete die Thür des Schlafzimmers, wo sie allein gesessen
-hatte. Sie ließ Tamara dort eintreten.
-
-Diese fiel ihr um den Hals.
-
-»Liebste Marianne Martinowna! Eben komm ich nach Hause, und Taraß
-erzählt mir --. Mein erster Gedanke: gleich hierher! Ich habe gar nicht
-erst abgelegt. -- -- Es ist allzu wichtig: natürlich muß die Sache gleich
-ins reine gebracht werden --.«
-
-»Wie gut bist du!« murmelte Marianne. »-- Du weißt, daß Sophie zu
-Ostern --«
-
-Tamara nickte.
-
-»Sie sagte es mir soeben. Ja, ich dachte mir, daß so etwas der Grund sein
-würde. Wie könnten Sie sich von den Mädchen trennen, -- wie können die
-Mädchen Sie entbehren! -- -- So muß es denn sein, daß wir Sie aus unsrer
-Mitte verlieren.«
-
-Marianne erwiderte nichts darauf. Sie saß neben einem kleinen Tisch,
-worauf eine einzelne Kerze brannte, und blickte an Tamara vorüber.
-
-Tamara wurde sich erst jetzt dessen bewußt, daß irgend etwas an Marianne
-anders sei als sonst. Etwas so wunderlich Eingefrornes, Steifes.
-
-Sie hatte sich nahe zu ihr gesetzt und faßte jetzt unwillkürlich besorgt
-nach Mariannens Händen, die ruhig im Schoß lagen.
-
-Da sagte Marianne: »Weißt du, -- halte mich nicht für die
-wetterwendischeste Person, die es gibt. Aber seit meinem Gespräch mit
-deinem Mann hab ich mirs anders überlegt. Ich halt es für unmöglich,
-fortzugehn.«
-
-Tamara sah sie erstaunt und ungläubig an.
-
-»Aber warum?!«
-
-»-- Diese ganze ungeheure Veränderung! Das schwierige Einleben dort. Wer
-weiß, ob wir alle drei es nicht später bereuen würden --. Es war eine
-erste Aufwallung, weißt du, aber -- -- die ist ganz vorüber.«
-
-Tamara schwieg. Wie sie Marianne so dasitzen sah, bei dieser einzelnen
-Kerze, auf dem Rohrstuhl, -- da erschien sie ihr plötzlich wie eine
-Gefangene zwischen den Wänden des eignen Zimmers -- --.
-
-Hinter Ma, über dem Bett, hing die Totenmaske ihres Gatten, daneben,
-wie ein Schmerzensschrei, Vogelers Radierung: das greise Paar, das in den
-Frühling hinausblickt.
-
-Tamara sagte halblaut, tief betroffen: »Ach, Liebste, ich kann es
-nicht glauben. Wie -- ja wie wollen Sie alle drei denn so ohne einander
-auskommen? Ist das nicht das Wichtigste --?«
-
-Ma lächelte.
-
-»Ich denke, ganz gut. Weißt du, Tamara, eins muß man durchaus lernen, --
-merke du dirs auch: die Dinge nicht zu weit zu treiben. Die Gefühle sich
-nicht über den Kopf wachsen zu lassen. Alles muß schließlich eine Grenze
-haben. Wenn man das gelernt hat, geht wirklich alles ganz leicht, -- viel
-leichter.«
-
-Tamara stand auf.
-
-»-- Also ist es wirklich entschieden. Nun, ich weiß nicht, ob ich mich
-freuen darf. -- -- Ich muß jetzt nach Hause eilen, Taraß wartet auf mich.
--- Aber -- sagten _Sie_ diese Worte, Marianne Martinowna? Sie, die
-doch immer so ganz innig in ihrem Gefühl lebte, wie in einer großen
-unteilbaren Freude --.«
-
-Marianne entgegnete rasch, mit plötzlicher Bitterkeit: »-- Kein
-Freudenbecher, der nicht zum Leidenskelch wird, wenn man ihn bis zur Neige
-leert! Nein nein, kein einziger, -- und vielleicht am wenigsten von allen
-das vielgepriesene Mutterglück.«
-
-Sie erhob sich, um Tamara hinauszugeleiten. Da begegnete sie deren still
-und ernst auf sie gerichteten Augen, und sie gedachte mit einemmal dessen,
-daß diese Augen ja eben jetzt in grenzenloser seliger Erwartung dem
-zukünftigen Mutterglück entgegenschauten --.
-
-Sie dachte an Taraß und seine strahlende Freude und an das kalte Zimmer
-mit den Tannen, der Korbwiege und dem Kinderspielzeug --.
-
-Marianne umarmte die junge Frau plötzlich, aber ganz zaghaft, wie eine
-heimlich Geweihte, sie nahm ihre Hände zwischen die ihren, drückte sie
-an ihr Gesicht und murmelte hilflos: »-- Verzeih mir, -- ach verzeih! Hör
-nicht auf mich. -- -- Wie gut bist du doch. Hast da den weiten Weg in der
-Kälte gemacht --. Deck dich im Schlitten gut zu, hörst du --? -- -- Du
-mußt jetzt solche Wege vermeiden, -- dich in acht nehmen --.«
-
-Tamara wurde dunkelrot. Sie küßte Marianne herzhaft, mitten auf den Mund.
-
-»Ach,« sagte sie, und ihre Stimme klang ganz hell von viel Glück, »ich
-weiß es ja, -- ich wußt es ja: Sie sind doch noch ganz dieselbe, --
-unverändert dieselbe und werden es immer bleiben. -- -- Es genügte nicht,
-daß Sie mir Schulunterricht gaben und noch manchen andern, schönern
-Unterricht: ich hab es ja Ihnen allein abgeguckt, wie man eine gute Mutter
-wird, -- so eine von Herrgotts Gnaden --. -- -- Und mein kleines Kind, das
-bring ich zu Ihnen, daß es hier heimisch werde von Anfang an, und es soll
-Großmutter sagen lernen von Anfang an --.«
-
-Marianne geleitete sie hinaus und ging nicht mehr ins Schlafzimmer zurück.
-Der Theetisch wurde schon gedeckt; wie immer saß sie beim Abendthee mit
-ihren beiden Mädchen zusammen und plauderte mit ihnen.
-
-Aber eine undenkliche Mühe kostete sie ein jedes Wort, das harmlos und
-heiter klingen sollte wie immer --. Und während sie gleichgültige Dinge
-sprach, dachte sie immer denselben Gedanken: »Ist es im Grunde nicht wahr?
-Haben sie denn nicht recht? Sie lassen sich erfüllen von allem, was sie
-vorwärts bringen mag, ich aber, -- habe ich nicht jahraus, jahrein nur
-ein paar immer gleiche Sorgen mit mir herumgetragen: tägliches Brot
-beschaffen, -- Lektionen vorbereiten, -- und wieder das tägliche Brot, und
-wieder die Lektionen --. Ich habe mich bemüht, es so gut zu machen, wie
-ich nur konnte: und da hat das Wenige genügt, -- da haben diese anderthalb
-Gedanken schon genügt, -- um alle Kraft aufzuzehren --. Oder hatte ich
-nicht genug Kraft -- --?«
-
-Und langsam sank die Bitterkeit von ihrer Seele, um nur einer tiefen,
-demütigenden Entmutigung den Platz zu lassen. Bitterkeit vermochte ihre
-Seele nicht lange zu ertragen: die Entmutigung nahm sie schweigend auf.
-
-Als die Mädchen sahen, daß die Mutter nicht recht heiter gestimmt
-war, schoben sie es auf die Ermüdung durch den anstrengenden Tag, und
-unwillkürlich suchten sie ihre eigne Fröhlichkeit etwas zu dämpfen, die
-sich mitunter allzuhell Luft machte.
-
-Marianne merkte es, und das Herz zog sich ihr zusammen. »Sie wagen nicht
-mehr, mir zu zeigen, wie glücklich sie über die Wendung der Dinge sind,
--- sie fürchten mich damit zu kränken, -- sie verhalten es lieber vor
-mir, bis sie unter sich sind,« dachte sie.
-
-Und die kleinen Zärtlichkeiten ihrer Kinder thaten ihr nur weh. Sie
-fühlte etwas Nachsichtiges aus allem heraus, -- etwas Absichtliches. Nein,
-lieber noch wollte sie es sein, die sich vor ihnen verstellte, und mit
-ihnen froh sein.
-
-Aber sie konnte es nicht.
-
-Am nächsten Morgen beim Frühstückstisch wurde Cita doch trotz Mariannens
-Bemühungen stutzig. Sie meinte so genau zu wissen, daß die Mutter heute
-fast keine Lehrstunden mehr zu geben habe, und dabei schien sie sich doch
-so zu beeilen, um nur fortzukommen.
-
-Marianne behauptete sogar, sie könne noch nicht zum zweiten Frühstück
-zurück sein, sondern erst spät am Nachmittag, sie möchten nicht auf sie
-warten.
-
-Sophie machte ein pfiffiges Gesicht, offenbar hatte Ma heimliche
-Weihnachtsbesorgungen vor. Aber Cita blickte stumm und mit einem
-zweifelnden, besorgten Ausdruck vor sich nieder. Wohin ging die Mutter?
-Und warum sah sie dabei so gequält und müde aus? Ging sie vielleicht, um
-wieder mit Tomasow etwas zu besprechen? Und diesmal vielleicht etwas, womit
-sie ihren Kindern Leid anthat --? Ach, ginge sie doch nicht zu ihm! -- --
-
-Marianne atmete tief auf, als sie endlich auf der Straße stand.
-
-Langsam machte sie einen weiten Gang im klaren Winterwetter, dann raffte
-sie sich zu einem Besuch bei einer aus dem Schuldienst scheidenden Kollegin
-auf, von der sie sich erst in den Feiertagen hatte verabschieden wollen. So
-kam allmählich die Zeit für die einzige Stunde heran, die sie heute geben
-mußte.
-
-Dabei weilten ihre Gedanken zu Hause. Alle Räume ihrer kleinen Wohnung
-durchschritt sie, aber, als sei ihr Blick verhext, erschienen sie ihr alle
-schon öde und leer. Sie erwog schon, wo, -- in welchem Raum, an welchem
-Platz -- sie wohl sitzen würde, so ganz allein --. Kleinigkeiten erwog
-sie angestrengt: ob man die hohen Blattpflanzen, ihre Lieblinge, nicht
-fortgeben sollte, da sie nicht auf ihre Pflege achten konnte, wenn sie so
-von Stunde zu Stunde lief -- --.
-
-Von ihrer einzigen Unterrichtsstunde wäre Marianne fast aus Zerstreutheit
-nach Hause gegangen. Plötzlich fiel ihr jedoch der Weihnachtsbaum ein,
-der sich so groß und anspruchsvoll mitten in ihrem Zimmer erhob, -- als
-erwarte er sie da förmlich mit herausforderndem Hohn. -- -- Morgen war
-schon heiliger Abend. Da würde man ihn sogar noch schmücken müssen.
-Denn das wollten die Mädchen ja ihretwegen gern thun, obschon es ihnen
-ein bißchen lästig war, -- sie selbst hielten nichts auf solche
-Kindereien --.
-
-Wie recht sie hatten! Wie froh wäre sie jetzt gewesen über ein sang- und
-klangloses Weihnachten!
-
-Nein, sie vermochte nicht heimzugehn und sich an den gedeckten
-Frühstückstisch zwischen ihre beiden Kinder hinzusetzen --.
-
-Frierend und unschlüssig, wie obdachlos, stand Marianne auf der Straße im
-Winterwinde.
-
-Sie, die sich so auf die Ferien gefreut hatte, sie, die es so haßte, sich
-Tag für Tag draußen herumtreiben zu müssen, sie stand jetzt da, um den
-Ihrigen Lehrstunden vorzutäuschen, die sie gar nicht zu geben hatte --.
-
-Einmal fiel sie durch ihr zauderndes Stehnbleiben auf. Irgend ein
-Straßenflaneur beugte sich vor, um sie deutlicher zu sehen --. Es war
-mitten im Menschengetriebe unweit der Schmiedebrücke; Marianne durchquerte
-den Fahrdamm, um in eine der stillern Seitenstraßen einzubiegen, als sie
-zwischen den dahinhastenden Menschen Tomasows Gestalt erkannte.
-
-Er schritt langsam neben irgend einem Bekannten. Als er Marianne auf sich
-zukommen sah, verabschiedete er sich jedoch von ihm und ging ihr erfreut
-entgegen.
-
-Leise schob sie ihren Arm in den seinen.
-
-»Danke!« sagte er lächelnd. »-- Offenbar auf Weihnachtswegen?«
-
-Sie schüttelte den Kopf.
-
-»Nein. Ich bin todmüde. Ich möchte irgendwo eintreten, wo ich etwas
-essen könnte.«
-
-»Sie wollen nicht erst den langen Weg nach Haus?« Er besann sich. »Gehen
-wir zu Philippow? Oder ziehen Sie ein Restaurant vor?«
-
-»Keins von beiden. Ueberall könnten Bekannte sein. Ich möchte dort in
-der Seitenstraße in eine der kleinen billigen Theebuden, wo kein Mensch
-hinkommt.«
-
-Sie suchte ihn die paar Schritt weit hinzulenken.
-
-»Aber, Ma! Da geht man mit einer Dame nicht hin.«
-
-Marianne ließ geschwind seinen Arm los.
-
-»-- Dann lassen Sie mich allein hingehen -- Ich nahm wirklich zu dem Zweck
-Ihre Begleitung an,« sagte sie und blickte aus so sonderbar müden Augen
-auf ihn, daß er sofort nachgab.
-
-Er zuckte die Achseln.
-
-»Nun es sei, also wie Sie wünschen,« meinte er zögernd und führte sie
-dem kleinen Lokal zu, das mit einem breiten grellblauen Schild zum Eintritt
-lud. »Schließlich ist es eine warme Ecke, wie eine andre, wenn sie auch
-ein bißchen tief im Erdgeschoß drin liegt.«
-
-Im Innern der Theestube hingen blendend saubere Leinwandvorhänge an den
-niedrigen, fast quadratischen Fensterchen, und auch das weiße Holz der
-simpeln Einrichtung sah so weiß und sauber aus, als müsse es
-Seifengeruch ausströmen. Im ersten Raum dampften ein paar mächtige blanke
-Kupfersamoware auf dem Schenktisch, und an den Wänden lagen bis hoch
-hinauf unendlich viele Schwarzbrote aufgestapelt.
-
-Doch gab es auf Wunsch auch helles Gebäck, sowie die volkstümlichen
-Pastetchen mit Grützfüllung, und Tomasow bestellte davon, dessen sicher,
-sie vorzüglich bereitet zu finden. Der bedienende Gehilfe im weißen
-Leinwandkittel und hohen, dermaßen glänzend gewichsten Kniestiefeln, daß
-man sich in ihnen beinahe hätte spiegeln können, brachte das Verlangte
-in den schmalen Nebenraum, wo Marianne schon im Hintergrunde an einem der
-länglichen ungestrichenen Holztische saß.
-
-Nur zwei Frauen aus dem Kleinbürgerstande, mit bunten Kopftüchern und
-kurzen Schaffellpelzen, tranken beim Fenster ihren Thee, wobei sie
-die gefüllte Untertasse auf den gespreizten Fingern der rechten Hand
-balancierten; schweigend, mit einer gewissen Feierlichkeit und ohne um sich
-zu sehen, nahmen sie einen heißen Schluck um den andern.
-
-»Hier ist es gut!« sagte Marianne.
-
-Sie sah abgespannt aus, und dabei brannte ihr das Gesicht vom Winde. Die
-Hitze, die der mächtige Kachelofen im geschlossnen Zimmerchen ausströmte,
-machte es noch fühlbarer.
-
-Marianne empfand wirklichen Hunger, er war ganz plötzlich und fast mit
-Gier erwacht, als sie beim Eintreten das viele ringsum an den Wandborten
-aufgeschichtete Brot sah. Aber wie nun ihr Frühstück vor ihr stand,
-vermochte sie ebenso plötzlich nichts mehr zu essen.
-
-Sie bückte sich über ihr Theeglas, aus dem dicht vor ihrem Gesicht der
-Dampf in die Höhe stieg, und folgte mit dem Blick gedankenlos seinen
-Windungen. Dieses Gefühl von sich nachgebender Schwäche war merkwürdig
-angenehm.
-
-Tomasow betrachtete sie aufmerksam.
-
-»Sie gefallen mir ganz und gar nicht!« äußerte er; »aber eigentlich
-hätt ich mir das ja schon vorgestern selbst voraussagen können --«
-
-Marianne hob verwundert den Kopf.
-
-»Was denn --?« fragte sie zerstreut.
-
-»Daß der erste Kraftaufwand nicht vorhalten, -- daß die Stimmung
-zunächst sinken würde --. Sie haben sich seelisch bis zum äußersten
-anspannen müssen, und jetzt kommt der Rückschlag.«
-
-Marianne rührte mit ihrem Löffel im Thee herum. Ihr fiel ein, daß
-Tomasow ja so gar nichts vom gestrigen Tage wußte. Ueberhaupt nichts
-von der heimlichen Hoffnung, die sie ja allein so tapfer hatte erscheinen
-lassen, -- noch auch von der großen Bitterkeit hinterher.
-
-Es war etwas ganz Ungewohntes für sie, daß er nicht vollen Bescheid
-wußte und dementsprechend urteilte. Aber nur nicht davon erzählen! Sogar
-ihm nichts! Was konnt es denn helfen?
-
-Tomasow stützte einen Arm auf, und sich näher zu Marianne hinwendend, mit
-dem Rücken gegen das Fenster, bemerkte er halblaut: »Frau Marianne,
-jetzt ist es an der Zeit, daß Sie mir mehr Machtvollkommenheit geben --.
-Vollmacht, Sie ganz anders als bisher in Obhut zu nehmen, zu pflegen,
-abzulenken, zu beaufsichtigen, -- kurz: um Sie zu sein --«
-
-Sie faßte seine Worte nur ungenau auf, in ihre Kümmernisse klangen sie
-aus solcher Ferne herein, daß sie keinerlei verborgenen Sinn hinter ihnen
-vermutete.
-
-»Ich weiß, Sie sind immer gut!« sagte sie nur freundlich.
-
-»-- Gut --?! Nein, Marianne, mit meinem Gutsein hört es nun auf. Glauben
-Sie nur, es ist mir nicht immer leicht gefallen ›gut‹ gegen Sie zu
-sein, Ihr guter Freund zu sein -- alle die Jahre. Jetzt aber, wo Sie allein
-bleiben, wo sich Ihre Töchter ihr eignes Leben bauen, da will ich ein
-andres Recht, als das der Güte: das Recht, auch ein Leben aufzubauen --
-Ihnen und mir.«
-
-Er sprach noch immer halblaut, jedoch rasch und bestimmt, und in seiner
-Stimme vibrierte tief gedämpft ein Ton, den er Marianne gegenüber noch
-nie angeschlagen hatte.
-
-Sie schrak aus ihrer Müdigkeit auf, ihr Blick streifte Tomasow wie
-erwachend und noch verständnislos erstaunt; als sie jedoch dabei seinen
-fest auf sie gerichteten Augen begegnete, geriet sie in Verwirrung.
-
-Tomasow sagte fast gütig: »Es ist schlecht von mir, daß ich Sie so
-überfalle, Ma --. Aber es hilft nun nichts mehr: bei Ihnen zu Hause bin
-ich mit Ihnen tausendmal weniger allein als hier, -- und im nächsten
-Augenblick stehn Sie wieder lächelnd und gewappnet da, -- in jeden
-Arm hineingeschmiegt eins Ihrer Kinder. -- -- Sie sollen mir auch nicht
-antworten müssen, Ma. Heute nicht und selbst morgen nicht, wenn Sie
-wollen. Nur wissen, -- wissen, daß Sie keineswegs so selbstherrlich
-allein dastehn werden, wie Sie wohl glauben, -- -- weil ich Sie mir nunmehr
-nehme --«
-
-Marianne sah nicht auf. Die Röte auf ihren Wangen hatte sich vertieft,
-als ob sie wieder den Wind draußen um sich sausen fühle. Sie sprach sich
-innerlich die Worte vor, die sie Tomasow jetzt zweifellos sagen mußte, --
-sie nahm sich vor, den Kopf zu heben und ihn einfach zu bitten, -- ja,
-zu bitten, er möchte doch wieder, ganz so wie bisher, gegen sie »gut«
-sein --.
-
-Aber nach seiner Bemerkung, daß er keine Antwort erwarte, beugte sie
-den Kopf nur noch tiefer, und mit einem seltsamen Gefühl von Beklemmung
-erließ sie sich alles, um was sie bitten wollte.
-
-Denn bei dem Ton seiner Stimme, da quoll langsam, unvermutet und betäubend
-eine wunderseltsame Gemütswallung in ihr auf -- --. Und machte sie
-zaudern, und ließ sie verwirrt den Blick Tomasows meiden, wie wenn eine
-geheime Sehnsucht etwas ganz andres ersehnt habe, als alle jemals bewußt
-gewordenen Gedanken in ihr.
-
--- -- Es war grade, als risse Tomasow mit ein paar gewaltsamen Griffen den
-Vorhang von irgend einer fremden Landschaft zurück, sodaß ihr plötzlich
-bewußt werden sollte: nur ein Vorhang scheide sie davon --.
-
-Sie meinte noch nie durch diese Landschaft gewandelt zu sein und wußte
-doch auf einmal: nur ganz durchsichtig verhangen war sie ihr gewesen,
-und immer da war sie gewesen, dicht vor ihr. Und blitzschnell, zu neuem,
-verwirrendem Wiedererkennen, drängte sich plötzlich vor ihrem Auge Bild
-auf Bild daraus. Minuten, Momente aus ihrem Verkehr mit Tomasow sah sie
-vor sich, -- oft unterbrochen durch Monate und weit länger, oft einander
-rascher folgend in feinen, unmerklichen Sensationen, -- auf die sie mit
-dem Finger hätte weisen können: da -- und da -- und da, -- ja, war sie
-da seinen Wünschen nicht, ohne es zu wissen, ganz nah gewesen, -- ganz nah
-einem weiblichen, eignen Glücksverlangen --?
-
-Marianne saß regungslos und noch immer im Bann der leichten Mattigkeit,
-die sie heute umfing. Allmählich vermischte sichs ihr ganz, wo und wozu
-sie sich hier befand, tief benommen von der Gemütsbewegung, die Macht
-über sie gewann. Sie fühlte sich wie jemand, der ganz unvermutet geweckt
-wird und in völlig irreführender Gegend zum Erwachen kommt. -- --
-
-Tomasow war ebenfalls verstummt. Nur sein Blick ruhte immer wieder auf
-Marianne und mochte ihm einiges von dem enträtseln, was in ihr vorging.
-
-Ohne daß sie miteinander sprachen, ohne daß sie einander auch
-nur anschauten, leitete sich zwischen ihnen eine Verwandlung ihres
-gegenseitigen Verhältnisses ein: das nahm er mit allen Nerven wahr.
-Und auch er überließ sich einem Hinträumen, das ihn weit fort
-entführte -- --.
-
-Das Blut stieg ihm in die Schläfen, und seine Augen bekamen einen
-eigentümlichen starken Glanz.
-
-Ganz still war es in dem kleinen heißen Zimmer. Ein einziges Mal ging
-draußen im Vorraum kreischend die Außenthür, ein paar schwere Tritte,
-kurze Frage und Antwort, Papierknistern, und wieder wurde alles still.
-
-Die beiden Frauen am Fenster hatten sich erhoben, rückten ihre Kopftücher
-zurecht und gingen auf knarrenden Schuhen mit wortlosem Gruß hinaus.
-
-Da blickte Marianne auf, fast verstört. Unmittelbar darauf erhob sie sich
-schon. Die dumpfe, schwere Ofenluft benahm ihr den Atem.
-
-»-- Sie wollen gehn?« fragte Tomasow und half ihr in den Pelz.
-»-- Wollen Sie nichts weiter genießen?«
-
-Marianne schüttelte stumm den Kopf. Sie schien zu meinen: jetzt an die
-freie Luft draußen gelangen, das hieße zugleich, den ganzen Bann und
-Druck abschütteln. Diese heiße Stubenschwüle war allein schuld --.
-
-Tomasow zahlte, und sie entfernten sich. Der Ostwind blies ihnen auf der
-Straße scharf, förmlich wehethuend entgegen, er weckte fast ein Gefühl
-unwillkürlichen Sichbergenwollens.
-
-»Wohin nun?« fragte Tomasow, »muß es schon heimwärts gehn?«
-
-Marianne nickte zögernd.
-
-»Den Kreml durchqueren,« meinte sie, »das ist wohl der nächste Weg.«
-
-»-- Und wärs auch nicht der nächste! Denn allzu kurz darf er nicht
-geraten,« bemerkte er lächelnd.
-
-Beim Ueberschreiten des Fahrdamms, zwischen den durcheinander sausenden
-Schlittengespannen, hatte er Marianne den Arm gegeben und führte sie mit
-der sichern Haltung dessen, bei dem sie sich von nun an bergen sollte. Oder
-empfand nur sie es so, als ob alles um eine Nuance verändert sei, als
-ob in allem schon eine stillschweigend anerkannte Zueinandergehörigkeit
-betont liege --.
-
-Eben begann Tomasow Marianne von seiner Liebe zu reden, da traten sie
-schon in das Erlöserthor ein, das in den Kreml hineinführt. Die Fuhrwerke
-mäßigten den Schritt, die Menschen entblößten ihr Haupt, und Tomasow,
-der mechanisch seinen Hut abnahm, konnte in der um sie eingetretenen Stille
-nicht recht weitersprechen.
-
-Dann kamen sie auf den weiten Platz hinaus, vorüber an den Kathedralen
-und dem alten Facettenpalast. Er schaute hin, und ihm fiel eine kleine
-Zeichnung von Rjepin zu dessen Gemälde »Die Brautwahl« ein, -- ja, so
-hätte er um Ma freien mögen: inmitten der Pracht der alten Palasträume,
-der niedrigen Wölbungen russischer Terems, als der alten Fürsten
-einer --. Und er dachte zurück: noch sein Großvater hatte sich
-seine Bäuerin vom Feld in die Hütte geführt, und die geschmückten
-Dorfmädchen tanzten zur Hochzeit. Ja, Hütte oder Palast, das war fast das
-gleiche: in beiden Fällen ward der Mann der Fürst, der Herr vor seinem
-Weibe, das von ihm sein Leben empfing.
-
-Vor Tomasows unruhig umherblickenden Augen erhob sich der Uspenski-Dom in
-der energischen Schlichtheit seiner männlich gedrungenen Architektur,
-die grauen Kuppeln gleich Heldenhelmen auf Heldenhäuptern, ohne andern
-Schmuck, andre Farbe, als die verwitterten Bilder unter dem dunkeln
-Bleidach über dem Thor. Und davor, wie in sich selbst zusammengeschmiegt,
-in festlicher Anmut, die reizende Verkündigungskirche, die Vielkuppelige,
-die aussieht, als bildete die Gliederung ihrer Mauern nur eben soviele
-Vorwände, um eine stillleuchtende Kuppel nach der andern über sich
-emporzuhalten. Wie Weib und Mann standen die beiden in Tomasows Phantasie
-zusammen, die überall Symbole dessen schaute, wovon sie aufgeregt erfüllt
-war.
-
-Den Kopf gesenkt, ging Marianne neben ihm, ihren Blick immer auf den
-flimmernden Schnee am Boden gerichtet, wie wenn sie mit geblendeten Augen
-was ablese von dem weißen Geglitzer mit seinen bläulichen huschenden
-Schatten und Lichtern.
-
-Ihre Hand ruhte im Arm Tomasows; ein wenig zu ihr vorgebeugt, unterhielt er
-nun Marianne mit halber Stimme. Unruhevoll schweiften ihre Gedanken um das,
-was er zu ihr sprach. Kaum vermochte sie es aufzunehmen in den
-einzelnen Sätzen, in den verhaltenen Worten, so stark wirkte es seiner
-Grundbedeutung nach auf sie --. Ihr ward beklommen wie in der kleinen
-dumpfen Gaststube vorhin; die Schwüle blieb -- --.
-
-Führte er sie nicht hinauf auf einen Berg und zeigte ihr der Welt
-Herrlichkeit, -- jene Herrlichkeit, die man zu eignem Genießen haben kann,
-in der man sich selbst leben kann, sich sättigen in allem Angenehmen
-und Erfreulichen des Daseins? Führte er sie nicht hinweg aus der
-Alltagsniederung mit ihrer einseitigen, bittern Mühsal, mit den armseligen
-paar Aufgaben, die ihre Kraft aufgesaugt, sie gedemütigt und unfähig
-gemacht hatten zu eigner, breiterer Entfaltung? -- -- Und wieder schaute
-sie bei Tomasows Worten wie in lockende Weiten, in eine Landschaft hinein,
-seltsam fremd, seltsam vertraut, in der sie sollte ausruhen dürfen an
-labendem Glück, sich gehn lassen in süßer Ermattung, -- und seine Stimme
-verhieß ihr fort und fort: wolle nur, und all dies ist dein --.
-
-Sie überschritten grade den Platz, als ein erster tiefer Glockenklang mit
-überwältigender Gewalt die Luft durchhallte. Unmittelbar darauf setzte
-das Geläute von mehreren großen Glocken ein. Es that den Menschen kund,
-daß die Feierzeit nahe, daß sie das Werkzeug niederlegen möchten und die
-Seele öffnen, auf daß auch sie feiere.
-
-Und in Mariannens Seele wiederhallte es in einer lauten Bejahung: sie
-sehnte sich, zu feiern --.
-
-Aber gleichzeitig klangen mit den Glockenklängen ganz andre Stimmungen als
-zuvor in ihr an, sie kam heim von ihren ungewiß schweifenden Träumereien,
-zurück in die Gegenwart ihres wirklichen Lebens, und -- wie zwei, die
-sie gewaltsam hatte vergessen wollen, -- schauten ihr die Gesichter ihrer
-beiden Kinder fragend daraus entgegen --.
-
-Fragend, -- so wie heute morgen: Sophiens Gesicht dabei ein wenig
-verschmitzt, voll pfiffiger Erwartung, beinahe wie sie auch als kleines
-Kind ausgesehen hatte, wenn die Heimlichkeiten um Weihnachten begannen.
-Citas Augen fragten nicht mehr kindlich: bringst du mir auch was Schönes
-mit? Sie hatte sorgenvoll vor sich hingeblickt, -- zweifelnd fast, -- sie
-war beunruhigt durch das Benehmen der Mutter. Und wenn sie jetzt erfuhr, --
-Cita --
-
-Mariannens Herz that plötzlich einen starken, harten Schlag. Sie blieb
-stehn, wie atemlos: wenn Cita erfuhr -- und auch Sophie -- --, sie sah mit
-einem Schlage die beiden Gesichter verwandelt, bestürzt, ungläubig --,
-sie fühlte mit unwiderleglicher Deutlichkeit: dann erst entfremdeten sich
-ihr die Kinder ganz --.
-
-Alles Entfremden bisher bedeutete, dagegen gehalten, noch wenig, -- wie weh
-es auch thun mochte, es mußte machtlos bleiben, solange die Mutter selbst
-nur ihren Mädchen dieselbe blieb. Auch wenn sie Tausende von Meilen weit
-fort von ihr gingen: sie entfernten sich weniger weit, als durch einen
-einzigen Schritt, den sie selber fort von ihnen that.
-
-»-- Die Kinder --!« sagte Marianne unwillkürlich, mitten in Tomasows
-Worte hinein, und sie hob zum erstenmal den Blick zu ihm, -- ratlos,
-hilfeheischend. War er doch da, ging er doch neben ihr, -- er, der immer
-alles entschieden, bei allem helfend eingegriffen hatte.
-
-Voll Zuversicht schaute sie zu ihm auf.
-
-»Was ist denn mit den Kindern?« fragte er etwas brüsk, aus der Stimmung
-gerissen; seine Augen begegneten den ihren mit eigentümlichem, flackerndem
-Leuchten, »-- es handelt sich jetzt doch gar nicht um die Kinder.«
-
-Mariannens Blick glitt rasch, betroffen von ihm ab. Wer half ihr von nun an
-in allen Fragen und Kämpfen? Er nicht mehr! Er half ihr nicht mehr gegen
-ihre eignen Schwächen. Bisher konnte er sich ihr so geben, wie sie ihn
-brauchte, um sich als Mensch hoch und höher emporzuringen. Jetzt, ohne
-alle Zurückhaltung, brauchte er sie selbst, brauchte sie ohne die Kinder.
-Wie weit, -- weit standen ihm da ihre Herzenssorgen --!
-
-Irgend etwas in Marianne, irgend ein eben erst entfachtes, eben erst
-wiedererwachtes Sehnen des Weibes in ihr verschüttete sich wieder und
-wollte zagend erlöschen --.
-
-Tomasow fühlte sofort, daß er einen Fehler begangen habe.
-
-»Alles hat seine Zeit!« sagte er schnell und bestimmt. »Auch die Kinder
-haben ihre Zeit gehabt, wo Sie sich ihnen ausschließlich widmeten. Nun
-ist es endlich Zeit geworden, in diesem Punkt vernünftig umzulernen.
-Schließlich muß man eben wählen, ob man einander leben will und dem
-Glück, oder ob man von ihrem unreifen Willen abhängen will.«
-
-Und mit größerer Dringlichkeit als vorher sprach er auf sie ein, indessen
-sie weitergingen im hallenden Glockengeläut, vorbei an den weißgoldenen
-Mauern der zahllosen Kirchen und Kathedralen. Und je länger er redete,
-desto mehr wurde es eine Apotheose des sorglosen Feierns und Genießens,
-wozu er sie einlud. Er suchte alles hervor, was er ihr schenken könnte,
-und alles ward immer wieder Genuß und Fest. Aber Mariannens Hand lag nur
-ganz leicht in seinem Arm, sie stützte sich nicht mehr auf ihn, sie
-sah unruhig aus, und aus ihrem Gesicht war die gläubige Zuversicht
-geschwunden.
-
-Und Tomasow überfiel plötzlich eine zornige, bittere Ungeduld wider
-alles, was er da selbst zu Marianne sprach. Alle die Worte von Glück und
-Freude erschienen ihm unwahr und schal. Er begriff plötzlich, daß er,
-an Mariannens Seite, doch immer nach einem suchen würde, nach eben dieser
-emporschauenden Zuversicht, nach eben dieser gläubigen Anlehnung an ihn,
-als an einen Stärkern, Ueberlegenen, -- an den Herrn. Glück mit ihr
-genießen, das konnte nur heißen: ihr im Leben selber so hoch und stark
-als Mensch überlegen sein, wie er ihrs in einzelnen Stunden durch Verstand
-und Rat gewesen war --.
-
-Tomasow verstummte.
-
-Und Marianne merkte es kaum. Wie sie so an seinem Arm hinging, schienen ihr
-jetzt die Glocken über ihr mit den weithin hallenden Feierklängen nicht
-mehr dieselbe Sprache zu sprechen, wie die dringliche Stimme dicht an ihrem
-Ohr, -- aus einer andern Welt schienen sie zu reden, als dies halblaute
-überredende Raunen von Feiertagsglück und abgeworfenen Sorgen --. Und
-immer mächtiger wurden die Glockenklänge und immer verhaltener die
-zuredende Stimme, und endlich vernahm sie nur noch Glocken, -- Glocken
-allein -- --.
-
-»-- Leben Sie wohl, Ma!« hörte sie unvermittelt Tomasow sagen, der stehn
-blieb. »Ich habe Ihre Antwort schon, noch ehe Sie eine Antwort in Worten
-gefunden haben. Und lassen Sie mich bekennen: Sie haben recht --«
-
-»Tomasow,« fiel Marianne tief bewegt ein, »-- warum wollen Sie so -- --!
--- Sie sind immer und immer mein bester, einziger, liebster Freund --«
-
-»-- Gewesen!« ergänzte er rasch mit einem unmerklichen Lächeln, und
-dann, sich umsehend, trat er zur Seite. Es kam jemand von hinten her an
-ihnen vorbei und zog grüßend den Hut.
-
-Hugo Lanz war es, der desselben Weges ging und Marianne hocherfreut
-begrüßte. Marianne mußte ihn Tomasow vorstellen.
-
-»Ich eilte grade zu Ihnen, gnädige Frau,« bemerkte Hugo Lanz, »um Ihnen
-eine für mich freudige Nachricht mitzuteilen --«
-
-»Das trifft sich in der That gut,« meinte Tomasow etwas heiser, »daß
-ich mithin die gnädige Frau in Ihrer Begleitung lassen kann. Mein Weg
-führt hier leider nach andrer Richtung.«
-
-Marianne reichte Tomasow die Hand, zögernd, fast zitternd.
-
-»-- Aber doch auf Wiedersehen sehr bald --?« fragte sie mit nicht ganz
-beherrschter Stimme.
-
-»Gewiß, gnädige Frau: sobald sich einmal gute Bekannte bei Ihnen
-versammeln, dann gestatten Sie mir vielleicht, auch dabei zu sein,«
-entgegnete er mit leichter Betonung dieser Antwort, beugte sich über
-ihre Hand, grüßte Hugo Lanz und entfernte sich, in die nächste Straße
-einbiegend.
-
-Marianne ging statt vorwärts wieder zurück, ohne recht zu wissen und
-zu sehen, wo sie ging. Ein Angstgefühl umklammerte sie dumpf: sie konnte
-nicht fassen, daß das ein Abschied für das Leben gewesen war.
-
-Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, um sich Hugo Lanz zuzuwenden,
-dessen offnes Gesicht von Freude geleuchtet hatte, der aber jetzt ernst und
-still aussah, weil er sie so seltsam ernst vor sich hin gehn sah.
-
-Er erzählte dennoch froh: »Soeben erst hab ich die Erlaubnis ausgewirkt,
-den nächsten Winter noch ganz frei zu bleiben, -- und ich werde ihn hier
-zubringen. Meine Verwandten haben mich aufgefordert, bei ihnen zu wohnen.
-Und schon die Aussicht, Sie und Ihre Familie besuchen zu dürfen --«
-
-»Das freut mich innig,« bemerkte Marianne leise, »doch werden Sie im
-nächsten Winter nur noch mich wiederfinden, -- nicht mehr meine Töchter.
-Auch Sophie geht fort, folgt der Schwester ins Ausland.«
-
-Hugo Lanz blickte Marianne mit aufrichtigem Schreck ins Gesicht. Die
-kleine Familienscene, der er beigewohnt hatte, stand vor ihm, Mariannens
-strahlendes Glück zwischen ihren Kindern, -- auch dessen, was ihm Sophie
-mitgeteilt hatte, entsann er sich.
-
-»-- Ganz allein bleiben Sie --?« entfuhr es ihm voll Mitleid und in
-unwillkürlichem Unwillen.
-
-Marianne wiederholte mechanisch: »-- Allein --,« und sie nickte bejahend.
-Aber das dumpfe Angstgefühl in ihr verstärkte sich dabei, als risse es
-sie mit jedem Schritt gewaltsamer hinein in etwas Endloses, Grenzenloses,
--- wie in eine leere, gähnende Unermeßlichkeit, wo ihre Kinder und der
-Freund und alles, was ihr lieb gewesen war, alles Warme, alles Trostvolle,
-alles Hilfreiche, weiter und immer weiter zurückwich, -- unerkenntlich
-geworden schon, -- unaufhaltsam, unerreichbar -- --.
-
-Und mit dunkelm Grauen stieg in ihrer Seele eine Erinnerung auf an
-abgrundtiefe Einsamkeit, aus der sie doch nur die Hand des Freundes und
-der Blick ihrer Kinder gerettet hatte, -- und sie fühlte, daß das dunkle
-Grauen nahe und näher über ihrer Seele zusammenschlug, -- als würde sie
-unbarmherzig dahinein gestoßen von derselben Hand, von denselben Blicken,
-die sie einst rettend festhielten, -- und als fände sie diesmal nie mehr,
--- nie mehr hinaus --.
-
-Marianne nahm nichts mehr deutlich wahr, die Dinge ringsum schienen ihr
-langsam zu entschwinden, sich in sich selbst aufzutrinken, unterzugehn in
-einem chaotischen Nebel. Einförmig nur und erschütternd laut hallten fort
-und fort die Glocken über ihr, -- hallten um sie, -- hallten in ihr, --
-begruben sie wie unter einem Mantel von dröhnenden, besinnungraubenden
-Tonwellen, -- ließen alles an ihr erbeben unter der Gewalt des einen
-unerbittlichen Klanges, -- drangen auf ihre zitternde Schwäche ein, wie
-mit läutenden Unendlichkeiten -- --
-
-Marianne war, einer Ohnmacht nahe, stehn geblieben und rang nach Atem.
-
-Sie standen wieder dicht vor der Verkündigungskirche, an den Stufen, über
-denen sich die Eingangspforte erhebt. Hugo Lanz hatte einen Arm um Marianne
-gelegt und führte sie, sie vorsichtig stützend, hinauf bis in den
-Seitengang, wo längs den Fensterchen von gewelltem Glas eine Bank stand.
-
-Dort ließ er Marianne niedersitzen und neigte sich, neben ihr stehn
-bleibend, mit besorgter Frage zu ihr.
-
-Aber sie achtete nicht auf das, was er flüsternd fragte. Dicht vor ihr
-öffnete sich das blausilberne Portal in den innern Kirchenraum, auf der
-Seite, wo sie eben hereingetreten waren, blickte von der Thür ein großes
-dunkles Christusbild zu ihr nieder, die Züge kaum kenntlich, ein schwarzer
-Fleck, umhüllt und umkleidet von unendlichem Goldglanz. Sie starrte darauf
-hin, bis sie vor Thränen nichts mehr sah. Rätsel hinter Gold --.
-
-Aber leise und wohlthuend legte sich die Dämmerung dieser Kirchenwände
-wie schützend um sie. Kaum glichen sie Wänden, bedeckt mit alten
-nachgedunkelten Malereien wie reiche alte Stoffe, sich niedrig wölbend und
-wellend, wie ein ungeheurer Mantel, der sich in schweren weichen Falten um
-den Betenden legt, ihn sanft bergend vor der Außenwelt --.
-
-Sie hob beide Hände vor das Gesicht und beugte sich tief vor, ohne ein
-Wort zu sprechen. Schweigend verharrte sie lange so.
-
-Hier und da kamen von draußen Menschen vorüber, meistens Leute aus dem
-Volk; leise auftretend mit ihrem groben Schuhwerk, schritten sie tiefer
-hinein in das Schiff der Kirche, das in feierlicher Dämmerung vor ihnen
-dalag, nur an wenigen Punkten schwach erhellt von vereinzelten Wachskerzen,
-die daraus hervorblinkten.
-
-Hugo Lanz stand neben Marianne, an ihre Bank gelehnt, und blickte auf sie
-nieder. Er wußte nicht, was in ihr vorgehn mochte, aber daß in dieser
-Stille etwas Erschütterndes in ihrer Seele zum Austrag kam, das mußte er
-wohl fühlen -- --. Und wenn er einst zu ihr gekommen war im drängenden
-Verlangen, an ihrer warmen Mütterlichkeit getrost und froh zu werden wie
-ein Kind, so wuchs jetzt eine Sehnsucht in ihm empor, -- groß, wie er
-sie nie gekannt hatte, -- stark zu werden und kraftvoll, ein Mann, um
-beschützen und behüten zu dürfen --.
-
-Er stand da und horchte stumm auf das Geläute der Glocken, -- auf den
-seltsam packenden Klang dieser russischen Glocken, die sich weigern, sich
-mit ihren Klängen mitzuwiegen, und ehern feststehn, daß der Klöppel in
-ihnen anschlägt wie ein weithin tönender Befehl -- --.
-
-Da ließ Marianne die Hände von ihrem Gesicht sinken und erhob sich ganz
-langsam. Hugo Lanz machte eine Bewegung zu ihr hin, aber die Andacht
-in ihren Augen und in ihrer ganzen Haltung bannte ihn. Es war wie eine
-unsichtbare Einsamkeit und Hoheit um sie, die er nicht zu entweihen wagte.
-Und unwillkürlich trat er zur Seite.
-
-Einen Augenblick lang stand Marianne da, sich besinnend, fast schüchtern,
-mit einer sanften Neigung des Kopfes, die etwas Rührendes für ihn hatte,
-etwas von unaussprechlicher Ergebung. Aber auf ihren Zügen lag ein ruhiger
-Glanz, alle Angst war von ihnen gewichen.
-
-Sie machte eine Wendung, um aus dem Portal hinauszutreten, ohne ihren
-Begleiter zu bemerken. In diesen Minuten hatte sie auch ihn vergessen. Er
-schaute ihr nach, und unwiderleglich kam ihm das Gefühl: -- als ginge sie
-gar nicht allein -- --.
-
-Ein paar Schritte hinter ihr trat er hinaus auf den Platz.
-
-Unten in der Stadt, die dem Kreml zu Füßen lag, blinkten eben die ersten
-Lichter auf. Schon war es nicht mehr ganz hell. Weißlicher Winternebel zog
-sich in der Ferne über die Ufer des Flusses. Fest um den Kreml geschmiegt,
-standen die Häuser da, rot und blau und grün an Dächern oder Mauerwerk,
-und erwarteten nach des Tages Treiben das Dunkel, durch das das siegende
-Gold der zahllosen Kuppeln hindurchschien wie eine ewige Leuchte, die nicht
-mit dem Tage erlischt.
-
-Ein unerhörtes Abendrot stand über Moskau. Und die Buntheit der Farben
-ringsum nahm auch noch den schwächsten Abglanz davon, nahm auch den
-leisesten Funken so innig auf, hielt sich ihm an der Oberfläche aller
-Dinge als ein so williges Gefäß entgegen, daß es fast wirkte wie ein
-Lobgesang, der emporstieg von der Erde zum erglühenden Himmel. Eine
-Stimmung wie ein Ausgleich zwischen Freude und Gebet lag über dem Ganzen.
-Die paar Wolken, die inmitten der Bläue des Himmels zögernd dunkelten,
-zogen sich, lichtdurchschossen, langsam zu breitschimmernden Goldbändern
-auseinander -- --.
-
-Da ging ein flüchtiger Regenschauer nieder, warm und ganz kurz, wie ein
-Thränensturz.
-
-Hugo Lanz blieb stehn und schaute hinab, dorthin wo Mas feine ruhige
-Gestalt im Abstieg zu den Anlagen sichtbar blieb.
-
-Wie klein und unscheinbar verschwand sie dort zwischen den Bäumen. Und ihm
-schien doch alles ringsum sie allein zu feiern und zu umstrahlen --.
-
-Denn in ihm arbeitete sich irgend ein Bild mit mächtiger Gewalt zu
-künstlerischer Klarheit hindurch, -- ein Bild, in dem er Ma vor sich sah,
--- ein Bild, in dem ihr Glück lebte und ihr Vereinsamen, und ihr Weh, und
-ihr Sieg, -- ein Bild, in dem geheimnisvoll lebte, was in diesem Augenblick
-in ihr selbst wohl nur in dunkeln Ahnungen rang -- --.
-
-Und es kam ihm vor, als stünde er angesichts eines großen Schauspiels,
-um deswillen man das Leben fürchten und lieben lernen mag. Und das den
-Schauenden, dem es seine Heimlichkeit enthüllt, zum Kinde werden lassen
-mag, und zum Manne, -- und zum Dichter.
-
--- Ganz benommen und wie sich selbst entrückt, blickte er hinab von der
-Kremlhöhe in die Tiefe der Stadt.
-
-So sah er Ma schweigend, still niedersteigen unter dem verhallenden
-Geläute der Glocken, -- einen von oben in die Wohnungen der Menschen
-entsendeten guten Geist.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
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-
- --"-- Thoms friert. Roman. " M. 4.--
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten:
-
-  _gesperrt_ : =Antiqua=
-
-Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 23:
- "nichs" geändert in "nichts"
- (Nun, das macht nichts.)
-
- Seite 49:
- "leiebkosende" geändert in "liebkosende"
- (als seien es ebensoviel liebkosende Verheißungen)
-
- Seite 63:
- "»" eingefügt
- (»die schönsten Lieder und die schönsten Sagen)
-
- Seite 109:
- "auch" geändert in "nach"
- (in die Hand nehmen und nach deinem stärkeren Willen prägen)
-
- Seite 112:
- "«" eingefügt
- (Sie ist aber nicht krank geworden.«)
-
- Seite 160:
- "halbmäd henhafte" geändert in "halbmädchenhafte"
- (Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung)
-
- Seite 168:
- "Das" geändert in "das"
- (»Nein, -- das heißt: es wäre ja wunderschön)
-
- Seite 179:
- "." eingefügt
- (um alle Kraft aufzuzehren --.)
-
- Seite 185:
- "«" hinter "helfen?" entfernt
- (Was konnt es denn helfen?) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ma, by Lou Andreas-Salomé
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MA ***
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