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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 19:05:57 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Ma - Ein Porträt - -Author: Lou Andreas-Salomé - -Release Date: December 24, 2019 [EBook #61010] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MA *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - - - - - Ma - - Ein Porträt - - - Von - - Lou Andreas-Salomé - - - [Illustration] - - Stuttgart 1901 - - J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger - - G. m. b. H. - - - Alle Rechte vorbehalten - - Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart - - - - -=I.= - - -Die Iberische Mutter Gottes fuhr spazieren. - -Aus der Tiefe ihres kerzenerhellten blaugoldschimmernden Tempelchens vor -dem Eingang zum Schönen Platz am Kreml war sie von ehrfürchtigen Händen -in den Wagen gehoben worden. - -Da saß sie nun im prächtigen Vierspänner, ihrer ständigen Equipage, -breit auf dem Vordersitz, ihr gegenüber zwei Priester in reichen -scharlachroten Gewändern, Kreuz und Weihrauchgefäß vor sich hinhaltend. - -Irgend eine der kleinern Glocken im Kreml bimmelte und bimmelte. Hin -und wieder nur unterbrach ein vereinzelter tiefer Glockenton, lang -nachdröhnend und wie verträumt, dies helle Geläute. Hoch über den -verschneiten Straßen klang es unermüdlich, mit dringlicher Monotonie, in -den Winterwind hinein. - -Die Menge umringte den Wagen so nahe, als sie es vermochte, junge Gesichter -und alte, bärtige bückten sich in gleich demutvollem Eifer, um einen Kuß -auf das wunderthätige Bild zu erhaschen oder wenigstens auf den Rahmen -daneben. - -Ein paar elegante Offiziere, die über den Woßkreßenskiplatz herkamen, -machten mitten auf dem Fahrdamm Halt, beugten das Knie in den Schnee und -bekreuzigten sich feierlich mit bis zur Strenge ernsten Mienen. - -Täglich fuhr die Iberische Mutter aus, um allen Besuchsanforderungen zu -genügen, dennoch mußte oft ihre Gegenwart in einem Haus wochenlang vorher -erfleht werden, damit sie noch Zeit dafür fand. - -Langsam lenkte der imposante Kutscher, trotz der empfindlichen Kälte -entblößten Hauptes, seine vier Rappen aus dem Menschenhaufen heraus. - -Viele blieben noch stehn, um ihm nachzuschauen. Auf den Stufen zum -Tempelchen lagerten Pilger, Bastschuhe an den tücherumwickelten Füßen, -den Stab in der Hand. Mit ihren Anliegen wandten sie sich jetzt an die -Kopie des Bildes, die stellvertretend im Heiligtum hing, und steckten -betend brennende Wachskerzen davor auf. - -So mehrte sich drinnen immer noch Licht um Licht zu erhöhtem Glanze, -- -von außen anzusehen wie eine mächtige gelbflimmernde Sonne, die mitten -im nüchternen Alltag des Straßenlebens gleich einem leuchtenden Geheimnis -dastand und winkte und winkte --. - -Die Mutter Gottes im Vierspänner hatte mit nicht gar vielen Equipagen -zu konkurrieren. Wer sie fahren sah, konnte sie gut für die große Dame -Moskaus halten und für den Inbegriff des heiligen Mütterchens Moskau -selbst. - -Was da auf dem hartgefrorenen Schnee an Fuhrwerken vorüberglitt, waren -fast nur kleine, niedrige Schlittchen, wie sie für wenige Kopeken sogar -dem Volk zugänglich sind. Weiber mit Sack und Pack befanden sich häufig -drin, Bauern in hoch um die Ohren geschlagenen Schafpelzen. Seltener -schon flog eine Troika des Weges dahin, und, zugleich mit dem lustigen -schellenläutenden Dreigespann, vielleicht irgend ein Lied, angestimmt von -den Insassen, -- ein Lied, wie es in den Theebuden zur Harfe gesungen wird -oder in Sommernächten vor der Thür der Dorfhütten. - -Das zitterte dann mit dem nachschwingenden Glockenton wundersam in eins -zusammen, -- selbst dann wundersam in eins, wenns zufällig ein Tanzlied -war. Auch dann mußte es der Iberischen Mutter heimisch entgegenklingen. - -Und auch unter den Fußgängern begegneten ihr vorherrschend ihre -ureigensten Kinder, Kinder des Volks. Nicht das Proletariat großer -Städte, wie es gern die entlegeneren Gassen füllt, sondern Volk, -- -das Volk zu Hause auf seinen breiten Straßen und Plätzen. In der ihm -zugehörigen Tracht schritt es einher, nicht in abgelegten Almosenkleidern -Reicherer oder deren Nachahmung, und diese Tracht überwog so sehr, daß -sich die Andersgekleideten, die Allerweltstypen, fast darunter verloren. - -Das alte Moskau, -- zumal in der winterlichen Frühdämmerung einer solchen -Nachmittagsstunde, -- nahm sich beinahe aus, als sei es im Grunde -seines Herzens ein Riesendorf, zutraulich herumgebaut um die allwaltende -Herrlichkeit und Heiligkeit der Kremlhöhe. - -Rot und grün und blau an Dächern oder Mauerwerk, in Farben, wie sie -Kinder am liebsten auf ihren Bilderbogen anbringen, schauten die Häuser -zum großen Kreml empor. Und in Rot und Grün und Blau antwortete er ihnen -von der Höhe seiner Kuppeln und Paläste, väterlich ihnen angepaßt, mit -ihnen verschmelzend, und malte noch bunte Sternchen oder Streifen mitten -hinein in sein Gold. - -Mit dem Golde aber übertrumpfte er sie, überstrahlte er sie, mit dem -Golde übertönte er alles wie mit einem lauten Lobgesang, sodaß sie -gleich darauf doch wieder ganz klein unter ihm dalagen und ganz verstummt -trotz ihrer beredten Farben. Und ein andres Gold war es zu jeglicher -Stunde, zu jeder jedoch ein königliches, vom ersten Tagesgrauen an, das -über Moskau aufging, bis tief in die tiefste Nacht, denn keine gab es, -tief genug, um das Gold ganz auszulöschen. - -Immer war es da, ob breit entfaltet in seinem selbstverständlichen Glanze -oder geheinmisvoll gesammelt wie eine Leuchte von innen her, die sich -nur verstohlen verrät. Immer war es da, allen gegenwärtig, von den -äußersten Kreuzspitzen der Kathedralen an bis hinein in das verborgenste -Dunkel der Kirchenräume und selbst bis hinab in den geschlossnen Wagen, -worin die Iberierin durch die Straßen fuhr, feierlich umblitzt von -Goldfunken und dem vielfarbigen Schimmer ihres köstlichen Geschmeides. -- - -Sie machte nur eine kurze Fahrt, schon in einer Seitenstraße der Twerskaja -schien ihr Ziel erreicht. Unter einem erneuten Auflauf von Menschen, die -leise beteten, sich bekreuzigten und einen Kuß anzubringen suchten, wurde -sie hinausgehoben, um den inbrünstig Harrenden entgegengetragen zu werden, -denen ihr Besuch galt, und deren Thränen sie trocknen, deren Qual sie -bannen, oder deren Jubel über eine Glücksfügung sie Weihe und Segen -erteilen sollte. - -Am Fenster eines hölzernen Miethauses schräg gegenüber standen zwei -junge Mädchen und sahen, aneinander gelehnt, der Scene auf der Straße zu. - -»Ach Rußland -- Rußland! Mir ist doch wieder, als ob ich nach Asien -zurückgekehrt wäre,« sagte die Aeltere kopfschüttelnd, »traurig ist -es! Ich wundre mich, daß du nur dazu lachst, Sophie.« - -Sophie kehrte sich vom Fenster ab, weil es nichts mehr zu sehen gab. Sie -entgegnete mit einem sanften, begütigenden Stimmchen: »Es ist nicht so -schlimm. Vielleicht noch ein bißchen Mittelalter, aber es kann auch etwas -ganz Feierliches bekommen, mitunter. Dann lache ich auch nicht. -- Man muß -nur nicht grade als Studentin frisch aus dem Auslande angereist sein!« - -»Wir haben keinerlei Grund, uns für dies Mittelalter zu begeistern, -Sophie. Sind wir etwa Russen? Und selbst wenn wirs wären --« - -Sophie war nach dem andern Fenster gegangen, wo neben einer Gruppe -wohlgepflegter hoher Blattpflanzen ein Schaukelstuhl stand. - -»Sind wir auch nicht gradezu Russen, so sind wir doch hier zu Hause,« -meinte sie zögernd. »Und eigentlich möchte ich manchmal, wir wärens -noch mehr! Wären zum Beispiel in einem stockrussischen Gymnasium erzogen -worden, -- wenigstens ich, Schwesterchen.« - -»-- Warum --?!« - -Sophie blieb die Antwort auf diese erstaunte Frage schuldig. - -Ihre zartgliedrige Gestalt dehnte sich lang aus im Schaukelstuhl, und -sie legte den blonden Kopf mit seinen zwei schimmernden Flechten, die ihn -kranzförmig umwanden, so weit zurück an die Stuhllehne, daß ihr Blick -zur Zimmerdecke emporsah, anstatt auf die Schwester. - -Erst nach einer kleinen Pause bemerkte sie ablenkend: »Uebrigens: diese -niedrigen Decken abgerechnet, -- findest du nicht auch, Cita, daß unsre -jetzige Wohnung ganz ungeheuer behaglich ist? Ich freute mich so, als wir -wegen Mas vieler Lehrstunden in dies gute Viertel ziehen mußten.« - -Cita hatte sich auf den Fenstersims gehockt und strich sich in einer ihr -eigentümlichen hastigen Bewegung mit der Hand durch ihr kurzverschnittenes -welliges ganz dunkelblondes Haar. - -»Gewiß, -- sehr behaglich habt ihr es,« gab sie zerstreut zu, »aber es -sollte wohl selbst der vertracktesten Wohnung schwer fallen, unbehaglich zu -wirken, wenn unsre Mama sie bewohnt und einrichtet. -- Aber daß sie dies -Viertel gewählt hat, ist auch abgesehen von den Lehrstunden gut. Die -meisten ihr bekannten Häuser liegen nicht weit von hier. Ich meine: das -ist gut -- besonders für später.« - -»Wie denn: für später?« - -Cita hob ihren hübschen Bubenkopf und blickte auf die Schwester. - -»Verstehst du mich nicht? -- -- Für später, wenn sie hier allein ist, -weil auch du irgendwo im Auslande studierst, -- Medizin --« - -Sophie lachte hell auf, wie über einen Scherz. »Was dir nicht alles -einfällt! Daran denkt doch niemand im Traum!« bemerkte sie und wippte -leise mit dem Schaukelstuhle. - -Cita zog unwillig die dunkeln feinen Augenbrauen zusammen. »Ach Sophie, -laß doch die Flausen, hinter denen du dich versteckst. Gewiß denkt jemand -daran, im Traum und im Wachen: nämlich du selbst. Und aus diesem einzigen -Grunde bedauertest du offenbar plötzlich, nicht ein stockrussisches -Gymnasium hinter dir zu haben. Du erwägst in deiner Ratlosigkeit: könnt -ich wenigstens hier --, wenn nicht schon im Auslande --« - -»Ja, -- Ma verlassen --: das thu ich eben nicht!« fiel Sophie erregt ein. - -Cita entgegnete sehr ruhig: »Zeit wärs, zu wissen, was du selbst willst. -Du bist neunzehn, hast seit Ostern dein Diplom. In dem Alter war ich schon -fort. Und in anderthalb Jahren werd ich promoviert haben, -- wenn nicht -eher.« - -»Mein Gott, damit brauchst du nicht zu protzen!« sagte Sophie -empfindlich, »-- so, wie Ma dir alle Wege geebnet hat. Sogar noch -ehe Vaters Lieblingsschwester starb und jeder von uns das kleine Legat -vermachte --« - -»Ich protze nicht. Ma war reizend, in jeder Beziehung. Es spornt mich nur -an, um so energischer ans Ziel zu gelangen.« - -»Nun -- und was weiter? Ich glaube durchaus nicht, daß weibliche Juristen -heutzutage die geringsten Aussichten haben,« erklärte Sophie im Ton einer -gezwungenen Bewunderungslosigkeit und wippte heftiger. - -»Vielleicht heute noch nicht. Aber morgen. Uebermorgen meinetwegen. Wir -Frauen arbeiten eben an einem Stück Zukunft. -- -- Und inzwischen, da -will ich mir schon durchhelfen. Du mußt nicht glauben, daß ich nicht mehr -vermag, als juristisch fachzusimpeln.« - -»Ach nein, hoffentlich nicht. Denn _das_ würde unsrer Ma auch ganz -schrecklich sein.« - -Sie schwiegen beide. - -Cita trat vom Fenster fort und fing an, langsam auf und ab zu gehn, wobei -sie die Arme auf dem Rücken verschränkte und den Kopf ein wenig gesenkt -hielt, wie ein grübelnder Feldherr. - -Vor dem Schreibtisch ihrer Mutter, der, quergestellt, ein Drittel des -Zimmers durchschnitt, blieb sie einige Augenblicke stehn. - -Er war mit Büchern und Schulheften bedeckt; aus der Mitte all dieser -Tagesarbeit erhob sich ein italienischer Olivenholzrahmen mit durchbrochen -gearbeiteten verschließbaren Thüren. Dahinter verbarg sich des jung -verstorbenen Gatten Bild. - -An der einen Wand dahinter hingen mehrere Radierungen von seiner Hand, -in schlichte dunkle Holzstreifen eingefaßt: sie stammten aus den -Jahren seiner kurzen Ehe, aus der Zeit vollen Glückes und voller -Künstlerhoffnungen, -- unten in Italien verlebt. - -An der andern Wand hinter dem Schreibtisch eine ganze Gruppe -Familienporträts, darunter sehr alte, die mit sichtlicher Pietät hier -zusammengestellt waren. Zwei davon blasse Pastellbildchen: der Großvater -mütterlicherseits, Martin, mit mächtiger schwarzer Halsbinde und nach -vorn gebürstetem grauem Haar, ein kluger, fast bedeutender Kopf. Daneben -die reizende alte Großmutter, von der Cita und Sophie ein gut Teil Anmut -als Erbe erhalten hatten. - -»Für Ma wär es auch tausendmal besser gewesen, nicht hier stecken zu -bleiben,« entfuhr es Cita. - -Sie stand und betrachtete die Bilder. »Mit ihrer Begabung, ihren Talenten -hätte sie etwas werden müssen. Aber freilich, hier in Rußland, wo sie -einfach den reichen Kaufleuten die Rangen unterrichten muß --« - -Sophie hatte die Augen geschlossen. - -»Arme liebe Ma!« sagte sie leise, »du lieber Gott, die konnte eben nicht -Juristerei studieren. Dabei wären wir zwei armen kleinen Würmer geschwind -genug verhungert. -- -- Und hier in Rußland gab es doch wenigstens -Lebensmöglichkeiten, und die guten Anknüpfungen von unserm -Großvater-Gymnasialdirektor her, und schließlich doch auch Tante -Ottilie -- --. Aber schwer und schrecklich muß es gewesen sein --« - -Sophie unterbrach sich, dann fügte sie in gequältem Ton hinzu: »Du und -ich, wir sind undankbare Scheusale! Wir, mit unserm dummen Ehrgeiz -- --« - -Cita ging schon wieder mit verschränkten Armen auf und ab. Es entfuhr ihr -ungeduldig: »Deine Logik ist einfach schauderhaft. Grade das Gegenteil -muß daraus gefolgert werden: in uns beiden lebt ja doch Ma weiter, in -uns muß sie also etwas über sich selbst hinaus erreichen. Das ist doch -wahrhaftig die einzige rationelle Art von Kindesliebe.« - -»Ach, ich weiß nicht, ob das Kindesliebe ist. -- -- Und ob Kindesliebe -rationell zu sein hat,« murmelte Sophie. - -Cita bemerkte seufzend: »Du redest wirklich oft wie ein ganz -unentwickelter Mensch. Wenn ich nur nicht so gut wüßte, woher das kommt: -es ist ganz einfach Bangigkeit, du wehrst dich gegen deine eigne bessere -Erkenntnis. Die reinste Feigheit.« - -»Das verbitt ich mir denn doch!« rief Sophie aufgebracht. - -Der Schaukelstuhl flog. Sie fing an zu husten. - -Die Schwester lenkte ein. »Verzeih. Beleidigen wollt ich dich nicht. -Du hast recht: das darf man nicht. Fest zusammenstehn müssen wir Frauen -vielmehr. Uns gegenseitig unsre besten Freunde sein. Ich schelte dich als -dein Freund, Schwesterchen, -- zu deinem Besten. Bin voll Sehnsucht und -Ehrgeiz für dich, -- -- möchte dir helfen, -- und nicht nur mit Worten. -Nein, nein, bauen sollst du auf mich dürfen von Grund aus.« - -Sophie schwieg. Sie hatte die Augen voll Thränen, und aus Furcht, in der -Stimme Thränen zu verraten, blieb sie wieder die Antwort schuldig. - -Cita drängte auch nicht in sie. Sie trat langsam an das breite -Büchergestell aus kunstvoll zurecht getischlertem, braun angestrichenem -Birkenholz, das in Mannshöhe die ganze Hinterwand einnahm, und zog irgend -ein Buch heraus. - -Schon war es längst nicht mehr hell genug im Zimmer, um zu lesen, doch -nahm sie Band um Band und blätterte zerstreut darin. - -Hier fand sich allerlei noch von Großvaters, des Schulmanns, Zeiten her -zusammen. Und manches wohl auch, was der Mutter nur ihr Beruf als -Lehrerin praktisch aufgenötigt hatte. Aber der Mehrzahl nach standen die -Bücherreihen gedrängt voll von den höchsten Schätzen, die Menschengeist -gehoben hatte. Und all das war, Band für Band mühselig angeschafft, -- -Band für Band benutzt, abgegriffen, genossen --. - -Das Mädchen kam herein und brachte die Lampe. - -Sie war eine noch sehr junge und ein wenig blöd dreinschauende Person, die -unschlüssig stehn blieb und Sophie fragend anblickte. - -Diese erhob sich schweigend aus ihrem bequemen Stuhl und ging mit ihr -hinaus. Das späte Mittagessen konnte man Stanjka nicht allein anrichten -lassen. Denn so oft man das, nach allen guten Belehrungen, probeweise -gethan hatte, wurde Stanjka düster und fing an zu weinen. Sie setzte sich -dann auf die kleine Bank am Herd und klagte und betete unter Thränen zur -Mutter Gottes, die sie laut als Zeugin dafür anrief, daß es ihr sicher -nicht gegeben sei, ein Mittagessen wohlbekömmlich herzustellen. - -Das kleine Heiligenbild, braun und unkenntlich hinter seiner blanken -Zinnbekleidung, hing vorschriftsmäßig in der Küchenecke, sah immer zu -und mußte es folglich genau wissen. - -Daß es zufällig gar keine Muttergottes war, vielmehr ein heiliger -Nikolaus, das hatte sich Stanjka nicht klar gemacht, jedenfalls focht es -sie nicht weiter an. Wenn sie nicht grade »höhere« Arbeit verrichten -sollte, sondern sich im Gröbern tummeln durfte, blieb sie strahlender -Laune und bewältigte alles mit Herzenslust. - -Während Sophie noch mit ihr in der Küche herumwirtschaftete, schellte es -laut und dringlich. - -Cita war schon gegangen, um die Wohnungsthür zu öffnen. Ihre Mutter stand -davor, noch etwas atemlos vom raschen Gange. - -»Da hab ich richtig vergessen meinen Schlüssel mitzunehmen, -- mußte -schellen,« sagte sie und trat hastig ein, »-- ein Wind draußen, Kind, -- -Sophie ist doch nicht etwa unnütz an die Luft gegangen?« - -»Aber nein, Ma. Wie müde mußt du heute sein, du Arme.« - -Cita nahm ihr sorglich den leichten Grauwerkpelz ab und küßte sie. - -»Ich danke dir, Kind. Gewiß habt ihr schon einen Wolfshunger, was? -Ich lief, was ich konnte,« bemerkte die Mutter, indem sie sich die -Fellüberschuhe von den Füßen streifte. - -»So! Und nun bin ich wieder Mensch! Feierabend läutets, und die Arbeit -ist gethan,« sagte sie froh, »-- und für heute ganz gethan: am -Abend brauche ich nicht mehr fortzugehn. Wir wollens aber auch herzhaft -genießen, ihr Kinder.« - -Wer ihre Stimme so aus dem noch unerleuchteten Vorflur vernahm, konnte -dahinter leicht ein junges Geschöpf vermuten. Alle Ueberanstrengung, aller -Mißbrauch dieser Stimme hatten nicht vermocht, ihr den eigentümlichen -Schmelz zu nehmen. Den Gesichtszügen selbst sah man die vierzig Jahre eher -an. Sogar schon einzelne graue Haare mischten sich an den Schläfen in das -volle weiche Braun, das Cita in lichterer Schattierung besaß, und das sich -auch bei der Mutter hier und da übermütig zu locken versuchte, soweit der -schlichte Knoten tief im Nacken das zuließ. - -Die Mutter erreichte ihre Aelteste nicht ganz an Größe, und ihre -geschmeidige Gestalt hatte ehemals entschiedene Neigung zur Fülle gezeigt; -jetzt jedoch vereitelte das anstrengende Tagewerk gründlich jeden -Ansatz dazu. So blieb sie schlank, nahezu mager, und konnte dadurch auf -Augenblicke fast mädchenhaft wirken. - -Als die Mutter in ihrem Schlafgemach verschwunden war, um sich ein wenig -menschlich herzurichten, wie sie es nannte, machte sich Cita dran, in der -kleinen schmalen Eßstube neben dem Wohnzimmer den Tisch zu decken. Doch -war sie noch voll Nachdenklichkeit, und es ging ihr langsam von der Hand. - -Dies schmale Eßstübchen, nicht ohne Grund »der Spalt« geheißen, war -bei der Wohnungseinrichtung an Möbeln zu kurz gekommen. Die Mutter -hatte ein paar Bauerntruhen hineingestellt und rund um den Tisch einfache -Sitzschemel von gleich ländlicher Abstammung. Dann erhandelte sie jedoch -auf dem großen Trödelmarkt, den das Moskauer Volk in der Sonntagsfrühe -abhält, noch hier und da ein Stück volkstümlichen Kunstgewerbes, wodurch -der arme Spalt einen gewissen Glanz erhielt, -- so durch ein Wandbort -aus dunkelm in Spitzenmuster geschnitztem Holz mit grellen Malereien auf -Goldgrund, und durch einen originellen Stuhl, dessen ganzes Hintergestell -aus einem rotlackierten Krummholz hergestellt war, wie es die Pferde im -russischen Gespann tragen. - -Am einzigen Fenster, an dem der rote Stuhl stand und repräsentierte, -hingen buntbestickte kleinrussische Tücher als Vorhänge nieder, und auch -das grobleinene Tischtuch wies eine solche bunte Bauernstickerei an der -Kante auf. - -Als die Mutter wieder eintrat, trug sie statt des dunkeln knappen -Straßenkleides einen bequemen Hausanzug von tiefrotem Flanell. Sie kam an -den Tisch zur Tochter, und, ohne daß diese es bemerkte, schob sie jedes -Gerät auf dem Tisch ein wenig anders und gefälliger zurecht. - -Als sie aber dann einen Teller mit allerlei Obst hernahm, den Cita in die -Mitte gestellt hatte, und sorgfältig begann, die Orangen und die blassen, -länglichen Krimäpfel von ihren dünnen Papierhülsen zu befreien und -sie in einer Krystallschale zu ordnen, da meinte die Tochter mit einem -Lächeln: »So viel Mühe um das bißchen Aeußerlichkeit, Ma, müde, wie -du doch bist. Schmecken nun etwa die Früchte besser?« - -Die Mutter nickte, indem sie das Lächeln erwiderte. Ueber die Schale -geneigt, sog sie den kühlen Duft des Obstes in sich ein. - -»Auf alle Fälle schmecken sie besser,« sagte sie, »und außerdem machen -sie, daß man auf Augenblicke das ganze Leben besser genießt, während man -sie verspeist. Man genießt sie ja nicht nur um des lieben Futters willen -als bloße Magenfreude, nicht wahr?« - -Als Cita nichts antwortete, richtete sie sich auf und faßte ihre Aelteste -zärtlich um die Schulter. - -»Aber du sollst dich hier keineswegs mit Hausarbeit plagen, mein lieber -kleiner Professor du. Hast nun einmal eine Sybaritin zur Mutter. Bist aber -rechtschaffen zerarbeitet angekommen und sollst nichts thun, als es dir -wohl sein lassen, -- faulenzen. Wenigstens einstweilen, -- bis über -Weihnachten hinaus.« - -Und mit einem unterdrückten Seufzer fügte sie leiser hinzu: »Schnell -genug verlier ich dich ja wieder.« - -Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, wie um den störenden Gedanken -zu verscheuchen. Als nun Sophie, etwas erhitzt und eilig, von Stanjka -gefolgt, hereinkam, nickte sie der jüngern Tochter schon wieder wohlgemut -zu. - -»Also zu Tisch, Kinder! Wir wollen es uns schmecken lassen,« sagte sie -und hob den Deckel von der dampfenden Terrine mit roter Beetensuppe, in der -Saucischen und Schinkenschnitten schwammen. - -Sophie küßte die Mutter, ehe sie sich ihr gegenüber setzte. - -»Ich bin nicht in den Mädchenkursen gewesen, weil du es des Wetters wegen -nicht wolltest. Dafür hab ich ziemlich lange Geige geübt, und später -habe ich über den Büchern gesessen, die Doktor Tomasow neulich brachte,« -berichtete sie über ihren Tag, »er hat gewiß noch herrliche Dinge in -seiner Bibliothek, aber er sagt, ich möchte mich erst an diese Werke -halten.« - -»Thu blind, was er sagt,« bemerkte die Mutter, »aber warum ißt du -mir so wenig, Kind? Nimmst du nicht von der sauren Sahne zur Suppe? Ich -fürchte, das Herumstehn in der heißen Küche ist nichts für dich; -- es -raubt dir den Appetit.« - -»O nein! Ich esse schon noch.« - -Cita hatte auf den Lippen, zu äußern: »Die berühmte Haushaltungsarbeit -ist eben lange nicht so gesund, wie ausposaunt wird.« - -Aber sie schwieg noch immer. Es war so entsetzlich schwer, in Mas -Gegenwart ein spöttisch gefärbtes Wort mit dem nötigen Selbstbewußtsein -herauszubringen. - -Wie ein Unrecht wurde es gleich, denn die Mutter hätte den Spott darin -nicht bemerkt. Für Spott fehlte ihr das aufnehmende Organ. Sie wäre ihm -gleichsam mit offnen Armen entgegen gegangen und hätte erwidert: »Meinst -du wirklich, Kind?« und dann hätte sie versucht, mit vereinten Kräften, -mit Citas eigner Hilfe, ausfindig zu machen, was zu thun sei, -- -- und ob -nicht lieber Ma selber beim Heimkehren von den vielen Stunden jedesmal erst -noch kochen solle --. - -Die Mutter unterbrach ihren Gedankengang. Als das Fischgericht auf den -Tisch kam und sie davon austeilte, sagte sie: »Allernächstens, wenn ich -nach Hause komme, sorge ich für einen großen Weihnachtsbaum. Es ist Zeit, -sich nach einem umzusehen. In den letzten paar Tagen vor dem Festabend -steigen sie im Preise. -- Diesmal müssen wir das Allerschönste haben, was -es überhaupt gibt.« - -Beide Mädchen sahen einander unwillkürlich, wie auf Verabredung, an. - -»Einen Baum --?« fragte Sophie und stocherte im Fisch auf ihrem Teller. - -»Ja, sicherlich. Etwa nicht? Warum denn nicht, ihr Kinder?« - -»Wir haben doch voriges Jahr auch keinen gehabt.« - -»Nein. Das lag jedoch an Zufällen. Wir konnten nicht gut anders, als -bei Tante Ottilie sein. Und dann waren wir ja auch so traurig getrennt und -verwaist, ohne unsre Cita.« - -Cita warf einen dankbaren Blick auf die Mutter. - -»Natürlich können wir gern einen Baum haben, -- warum denn nicht, -Sophie?« bemerkte sie; »wenn Ma es doch gern sieht, wollen wir jedenfalls -einen haben, -- den allerschönsten. -- Aber -- -- was werden wir mit dem -Baum nur anfangen, Ma? Eigentlich gehören Kinder mit dazu.« - -Die Mutter lächelte fein. - -»Laß uns einen Abend lang Kinder sein, Liebste. Da wir zusammen sind, -haben wir reichen Grund dazu, -- haben wir reich beschert bekommen.« - -Cita schwieg. Sophie sagte für sie: »Ich weiß schon, wie es Cita meint. -Alle Welt will ja gern sich wie ein Kind fühlen. So ganz unbefangen -fröhlich sein. Aber, wenn man es absichtlich versucht, so gelingt es nie -recht. Man _ist_ eben doch kein Kind. Man kann nicht ungezwungen so thun, --- es wird so gezwungen --« - -»Das ist auch ganz natürlich,« fiel Cita, mit Fischessen beschäftigt, -ein, »denn man kann doch eben nicht ganz den schweren, den wirklichen -Ernst des Lebens vergessen. Man drängt ihn nur für einen Abend lang in -den Hintergrund. Ja, _das_ kann man, künstlich. Aber dahinter, -- da steht -er doch immer da --.« Sie war voll Eifer, mehr darüber zu sagen, indessen -eine Gräte kam ihr dazwischen. - -Beinah entschlüpfte es der Mutter: »-- Huh --! ihr Kinder! Macht ihr euch -denn wirklich schon das Leben zum ›bösen Mann‹ im Hintergrunde von -allem? Ist euch denn wirklich stets so schaudererregend ernsthaft zu -Mute --?« - -Aber sie sprach das nicht aus. Sie fürchtete, die Mädchen könnten -argwöhnen, sie habe dabei insgeheim auf dem Grunde der Seele ein Lächeln -über sie beide. - -Und sie fürchtete auch, die Mädchen könnten sie für entsetzlich -oberflächlich halten. Das letztere war sogar das Wahrscheinlichere --. - -Sie sah ihre beiden Ernsthaften mit einem tiefen Blick voll Güte an. - -»Aber nun wollen wir dennoch, während wir vor unsern Tellern sitzen, uns -bemühen, so zu thun, als ob das Leben ganz annehmbar wäre, -- was meint -ihr? Aus hygienischen Rücksichten!« schlug sie munter vor, und das -Lächeln vom verborgenen Seelengrunde kam ganz leise herauf und spielte -verhalten um ihren Mund. - -Das Fischgericht war hinausgetragen worden, und sie saßen beim Obst, als -ein unerwarteter Besuch hereinkam. - -»Ach, Ottilie, du! Wie lieb von dir. Du bekommst auch gleich dein -Schälchen Kaffee, -- starken,« sagte die Mutter. - -»Nur auf einen Sprung! Ich war grade in eurer Nähe,« entgegnete ihre -Schwester und begrüßte sie, »-- weißt du, man trifft dich ja eigentlich -nie, sonst käm ich nicht so selten.« - -Ein ganzer Strom von Winterluft wehte mit ihr ins Zimmer. Hut und -Handschuhe hatte sie garnicht abgelegt. - -Sophie schob den Stuhl aus der Fensterecke, der als Lehne das Joch besaß, -an den Tisch heran, denn auf den kurzbeinigen Schemeln saß ihre Tante -höchst ungern. - -»Danke,« bemerkte diese und nickte ihr zu, während sie Platz nahm, -»-- es ist wirklich euer einziger Stuhl, -- wenigstens hat er einen -Rücken, wenn man sich auch halb wie ein Pferd dabei vorkommt. -- Nun, das -macht nichts. Traulich ist es doch bei euch, wie jedesmal.« - -Sie sagte es mit einer Art von liebevollem Neid. Traulich war es wirklich, -und eine solche heitre Wärme, von irgend woher, über allem --. - -Saß doch Marianne, in ihrem tiefroten Hausanzug, der sie nirgends beengte, -und doch seltsam schmückte, da wie ein Bild der Ruhe und des Genusses. Die -feierte in Wahrheit Feierabend. Sie saß da und atmete mit jedem Atemzuge -Ruhe und Genuß aus, wie den Duft unsichtbarer Blumen. - -»Gott, ja, du hast es gut! Wenn ich jetzt nach Hause komme, muß ich den -Andrjuscha erst noch zu Bett bringen. Wobei er neuerdings schreit.« - -»Besorgt denn nicht das alles eure Kindsfrau, Tante Ottilie?« fragte Cita -und schälte der Tante eine Orange. - -»Ich verlasse mich nicht gern auf sie, -- ich muß immer alles selbst -thun. Aber übrigens wär es zu undankbar, wenn ich klagen wollte. Nein, -das sind ja so süße Pflichten. Man reibt sich gern für sie auf. Man ist -für sie auf der Welt.« - -»Du bist auch eine der gewissenhaftesten Mütter, die es gibt,« -bestätigte die Mutter. »Und solche haben stets zu thun, selbst bei -ausgiebigster Hilfe, -- können eigentlich nie sagen: nun ruh ich mich -aus.« - -»Ja, siehst du: so, ganz so ist es, das behaupte ich immer!« rief ihre -Schwester, ordentlich lebhaft, und lockerte ihre Hutbänder. - -Bis unter den Hut lag ihr dunkelblondes Haar glatt von der Stirn -zurückgestrichen, volles weiches Haar wie Mariannens, jedoch stärker -ergraut als bei dieser, obwohl Ottilie um ein Jahr jünger war. - -Marianne löschte zerstreut die kleine Spiritusflamme unter dem -Kaffeekocher aus und füllte die flachen Täßchen. Ihre Gedanken -schweiften unwillkürlich weit zurück in eine Zeit, wo auch sie noch ihre -Kleinen zu Bett zu bringen, zu baden, zu füttern, zu besorgen hatte --. - -Solch kleiner Nachwuchs, wie ihn Ottilie zu eigen besaß, das war doch -etwas Köstliches. Köstlich das Heranwachsen, aber köstlich auch die -Kleinen -- --. - -»Mein Mann reist nächstens nach Petersburg,« sagte die Schwester, -»-- natürlich kein Gedanke, daß ich ihn begleiten kann. Nun, damit find -ich mich schon ab. Bis meine Inotschka ganz erwachsen ist, ist es für mich -überhaupt nichts mit geselligen Freuden. Aber ihr wünschte ich wohl, daß -sie nicht nur Moskauer Kaufmannskreise kennen lernt.« - -Sophie rief: »Ach, inwiefern soll es dort besser sein? Ich habe -Moskau gern. In Petersburg ist man weder im Auslande, noch in Rußland. -Schrecklich lange Straßen, und was für ein Nebel --!« - -»Tante Ottilie hat ganz recht,« bemerkte Cita, »dort ist man wenigstens -in Europa! Man weiß wenigstens ungefähr, welches Jahrhundert man -eigentlich schreibt, während hier --« - -Tante Ottilie nickte. - -»Ja, man merkt es an allem: nicht nur, wenn man geistige Bedürfnisse hat, -sondern auch wenn man einen modernen Kleiderstoff kauft,« bestätigte sie, -»dort ist alles: die Newa, der Hof, alles Offizielle und überhaupt alles, -was gilt. Wir sind hier wie zurückgeblieben. Die Russen haben überhaupt -was Zurückgebliebenes.« - -»Gar nicht alle. Etwa Tomasow?« meinte Sophie. - -Cita mußte lachen. - -»Nein, der ist aber auch wirklich der einzige!« gab sie zu. »Wirklich -der einzige, auf den ich mich freute. Ein Glück, daß der unser liebster, -nächster Freund ist.« - -»Nun, nun! Von Haus aus doch einfach euer Arzt,« dämpfte die Tante, aber -Sophie unterbrach sie lebhaft: »Ach, da bist du aber schief gewickelt! -Wenn wir gesund sind, brauchen wir ihn noch viel mehr, nicht wahr, Ma?« - -Die Mutter blickte auf. - -»Sprecht ihr von Tomasow? Ja, lieber Himmel, was sollten wir ohne ihn wohl -anstellen?« - -Ihre Schwester warf ihr einen zurückhaltenden Blick zu. - -»Aber, liebste Marianne! Das heißt doch wohl ein wenig übertreiben.« - -Ma sagte sanft: »Nein, es ist kaum übertrieben. Das kann nur ich allein -beurteilen. Es ist ja so alte, uralt gefestete Freundschaft. Sie stammt aus -der allerersten Zeit meines Zurückkehrens hierher. Die Kinder waren damals -sechs und sieben Jahr alt. Zähl selbst.« - -»Ach ja, Marianne, das weiß ich. Aber das Wichtigste ist ja doch gewesen, -daß er dir als Arzt aushalf. Daß er dir half, dein Leben genau zu regeln. -Damals, als du dich gleich so schrecklich überanstrengtest. Und wenn er -dir dann vielleicht auch noch manche gute Beziehungen verschafft hat --« - -Ma machte eine leise abwehrende Handbewegung. - -»Laß das,« bat sie, »was du da nennst, ist das ganz Aeußerliche. Und -über das andre kann ich nicht sprechen. Nicht, ohne es zu profanieren.« - -Tante Ottilie hatte ihr allerverschlossenstes Gesicht. - -»Wirklich, Marianne, ich begreife manchmal gar nicht, wie du nur sprichst! -Du, die so ungeheuer selbständig ihr Leben in die Hand genommen hat, -- -die sich mit solcher Energie und aus eigner Kraft behauptet hat, -- wie -sprichst du mitunter nur? Ganz wie irgend eine kleine unselbständige Frau, -die andern alles verdankt, und der andre zu allem verhalfen. Nun, weißt -du, _wenn_ das so ist --« - -»-- Es ist so,« sagte Ma lächelnd. - -»Ja, dann muß ich dir sagen: dann braucht sich auch unsereins neben dir -gar nicht so gering vorzukommen, denn schließlich: unser Stück Arbeit -thun wir auch im Leben.« - -»Ja gewiß, du Liebe!« meinte Marianne, und sie lachte. - -»Aber wir schwärmen nun einmal für Doktor Tomasow,« erklärte Sophie, -im Drang, ihre Tante zu bekehren, »er ist ganz außerordentlich gescheit, -mußt du wissen.« - -»Ja, das ist er,« bestätigte Cita nachdrücklich. - -»Das ist noch eine recht zweifelhafte Tugend,« meinte die Tante etwas -kühl, »aber für euch Kindsköpfe, die ihr es in dem Punkt noch seid, -braucht ja wohl ein Mensch nur gelehrt oder gescheit zu sein, damit ihr ihn -in einer Weise anbetet -- --!« Sie hob die Augen ironisch zur Zimmerdecke. - -Cita stand brüsk auf. - -»Du kannst mir einfach leid thun, Tante Ottilie!« äußerte sie mit -einem vielsagenden Achselzucken, das nicht eben artig ausfiel. Und sich -demonstrativ abwendend, horchte sie hinaus, wo es grade geschellt hatte. - -Ihre Tante war dunkelrot geworden, doch hielt sie an sich, nur ihre Augen -zeigten einen erhöhten, stählernen Glanz. - -Sie sah über Cita hinweg auffordernd auf deren Mutter. - -»-- Ja, -- ich weiß wirklich nicht, Marianne, -- gestatten deine -Erziehungsgrundsätze diesen Ton --?« bemerkte sie fragend, und ihre -Haltung wurde gemessner. - -Aber in diesem Augenblick hatte auch Marianne nach dem Vorflur -hingelauscht. - -Man hörte, daß die Wohnungsthür wieder geschlossen wurde, eine halblaute -Frage, ein Räuspern -- - -»Das ist Doktor Tomasow!« rief Sophie. - -Sie lief hinaus. - -Tante Ottilie hatte sich bereits von ihrem Pferdejochstuhl erhoben. - -»Aber liebe Ottilie! Du wirst doch nicht deshalb fortgehn --?« - -»Gewiß nicht, meine gute Marianne; du vergißt nur, daß ich bloß auf -einen Sprung kam und eilig bin, -- auf ein andermal also,« sagte die -Schwester etwas gezwungen und verabschiedete sich kaum merklich von Cita. - -»Nun, wie du willst. Komm, laß uns durchs Wohnzimmer hinausgehn, -- -sieh, da könnten wir so gut plaudern, denn die Kinder, die schleppen jetzt -unsern Doktor in den ›Spalt‹ hinein; ich wette, sie gießen ihm noch -den kalten Kaffeerest ein.« - -Den Arm um Ottiliens Schulter, ging Marianne langsam durch das Wohnzimmer, -das nur durch eine Lampe mit dunkelgrüner Glaskuppel vom Schreibtisch her -erhellt war. Die Thür zum »Spalt« hatte sie zugedrückt. - -»-- Nun --? Stört dich der Doktor hier nicht mehr?« - -»Ach, an den dachte ich eben wahrhaftig nicht! Was mich drückt und -erstaunt, ist etwas ganz andres --;« Ottilie blieb mitten im Zimmer stehn, -und die Schwester groß anblickend, fügte sie mit betonter Langsamkeit -hinzu: »Du läßt dir deine Töchter über den Kopf wachsen, meine arme -Marianne.« - -Marianne lachte leise und schelmisch, sie ergriff die Schwester am Arm und -schüttelte sie in heiterm Zorn: »O du Böse, -- du Böse! Kannst du denn -nicht dem Mädel ein unachtsames Wort vergessen? Gewiß, sie hätt es nicht -so sagen sollen. Aber treffen und verwunden kann unsereinen doch nicht -dieser kleine schwache Pfeil --? Ein Pfeil aus solchen jugendlich heftigen, -jugendlich übereifrigen Händen?« - -»Du hättest es aber rügen müssen. Darum allein handelt es sich nur.« - -»Rügen -- sofort? Vor dir? Meine einundzwanzigjährige Tochter um einer -Bagatelle willen vor euch demütigen? Nein, wie magst du das nur sagen, -Ottilie! Du mußt auch nicht vergessen, daß Cita längst --« - -»Längst im Auslande studiert! Ja ja, das weiß ich! Das ist grade das -Unglück. Und ist sie erst ›Doktor‹, -- mein Himmel, dann darf sie wohl -vollends thun, was ihr beliebt,« fiel ihr Ottilie nervös ins Wort. - -Marianne schüttelte verneinend den Kopf. - -»Ich meinte jetzt eben nicht grade: weil sie im Auslande studiert. Ich -meinte nur: weil sie in so vielen Beziehungen schon fest und tüchtig -dasteht und jedes Vertrauens würdig, wie ein reifer Mensch,« sagte sie -warm und mit ruhigem Stolz. - -Ihre Schwester seufzte. Sie band die Hutbänder zu und wandte sich zum -Gehn. - -»Fruchtlos, mit dir zu streiten, Marianne. Wir einigen uns doch nicht. -Ich sehe den Fehler zu deutlich: du gehst immer zu weit in allem, -- das -thatest du immer. Alles packst du mit solch innrer Leidenschaft an, gibst -dich so ganz dran! Es war auch mit deiner Ehe nicht anders, glaub ich, --« - -»Da glaubst du recht!« antwortete Marianne sehr leise, und in ihre Augen -trat ein dunkles Leuchten. - -»Und die Folge?! Nun, ich will nicht drüber sprechen. Aber daß du so -ganz zerbrochen am Boden lagst, -- diese gräßliche Zeit. Man kann das -doch nicht einfach Witwentrauer nennen --. Und jetzt mit deinen Töchtern. -Sie gehn dir buchstäblich über alles. Sind dir dein ganzes Mark und -Blut.« - -»Ja, Ottilie. So ist es. Soll es denn nicht so sein?« - -Ottilie hatte schon den Griff der Thür nach dem Vorflur gefaßt. Sie ließ -ihn noch einmal los, wandte sich der Schwester voll zu und sagte halblaut: -»Nein! Nein, -- siehst du, das ist es eben: es soll nicht so sein. -Man muß die Dinge nicht so bis auf den Grund auskosten. Man muß sich -zurückhalten, sonst ist man verloren. Sonst verliert man jeden Halt.« - -»O du! Das wäre eine traurige Lehre! Man lebt ja nicht, es sei denn, um -sich hinzugeben. Man lebt ja nur soviel, als man liebt.« - -Marianne sagte es inbrünstig. - -Hinter der Thür zum Spalt hörte man Scherzen und Lachen. Ein -Durcheinanderreden von Russisch und Deutsch. - -Ottilie entgegnete mit gesenkter Stimme und einem Anflug von Bitterkeit: -»Das ist kein Ding wert. -- -- Und wer sich dermaßen ausgibt, verflacht -mit der Zeit. Was behält er dann noch Unangetastetes, Eignes? -- -- Aber -geh jetzt, bitte, zu den andern hinein. Sie warten drinnen auf dich.« - -»Sie warten nicht. Ich gebe dir deinen Pelz um,« bemerkte Marianne und -geleitete die Schwester hinaus. In ihren Gedanken weilte sie jedoch noch -beim Gespräch. Sie hätte rufen mögen: »Ein Ding ists wert: die -Kinder! Warum sie nur erziehen? Warum nicht von Grund aus sich freuen und -jubilieren über sie? Frage deine Tochter! -- sie hätt es bei mir seliger -als bei dir --.« - -»Grüße mir Inotschka!« sagte sie nur. - -»Die wird nur rot, wenn ich ihr das bestelle. Ueber alles wird sie rot. -Es ist wirklich schon fast ihre einzige Sprache, -- und dabei kann sie drei -Sprachen so gut. -- -- Willst du nicht vielleicht morgen abend den Thee -bei uns nehmen, wenn du vom Unterricht kommst? Du hast es schon lange nicht -gethan. Wir sehen uns wahrhaftig fast nur, weil du Montag Nachmittags mit -Nikolai lernst.« - -»Ja, ich will kommen,« meinte Marianne. »Am Sonntag kann ich ja -ausschlafen.« - -Sie küßten sich, und Ottilie ging. - -Nachdenklich blieb Marianne im Vorflur stehn. Sie blickte zu Boden, als -suche sie etwas. Sie suchte, sich in ihrem Innern auf etwas zu besinnen. - -Wie sagte doch Ottilie? »Sonst verflacht man mit der Zeit.« Es gab Leute, -die hielten Ottilie für »tief«. Das war es also. Sie gab sich nicht aus, -lebte einfach mit Dreivierteln ihrer selbst, -- vielleicht nicht einmal -damit --. - -Aber war es denn immer so gewesen? Nein, sicher nicht. Einst, als Kinder, -hatten sie einander viel stärker geglichen als jetzt, hatten gemeinsam und -gleich empfunden. Erst viel später mußte die Schwester ihr Temperament -außer Gebrauch gesetzt haben, -- es beiseite gelassen, -- es -»reserviert« haben --, wofür? Und wie, in aller Welt, machte man -das? -- -- - -Marianne war ins Wohnzimmer zurückgegangen und setzte sich vor das -geöffnete Pianino, worauf Sophiens Geige lag. - -Zerstreut, ganz leise schlug sie ein paar Töne an. - -Sie dachte an Inotschka. Ach, der würde sie sich auch gern hingegeben -haben. Die würde sie gern zu ihren Schülerinnen gezählt haben. - -Aber sie fühlte selbst, daß es nicht anging. Auch wider Wissen und -Wollen hätte sie jeden Augenblick ihren Einfluß dem der Eltern -entgegengerichtet. - -Inotschka, halberwachsen, noch mager, mit ihren allzu ernsthaften Augen und -einem so weichen Munde, einem so kußbedürftigen weichen Munde, blieb -vor ihrer Phantasie stehn, während sie die leisen, dunkeln Töne -anschlug -- --. - -Darüber merkte sie gar nicht, daß sich die Thür zum Spalt öffnete. - -Beide Mädchen und Doktor Tomasow drängten sich geräuschlos in den Rahmen -der Thür. - -Und da weckte ein fröhliches Gelächter Marianne aus ihrem Sinnen. Sie -schaute sich um. Alle drei standen sie da und lachten sie aus. - -Sie lachte ohne weiteres mit. - -»Kommt nur herein. Tante Ottilie ist fort,« sagte sie. - -Vor Tomasow sprach sie stets deutsch, wie mit den Kindern untereinander. - -»Ja freilich! Die ist lange fort. Aber was verstecktest du dich denn vor -uns, Ma? Dürfen wir deine geheimen Gedanken gar nicht wissen, aus denen -wir dich herausgelacht haben?« fragte Sophie neckend. - -»Jawohl. Ich dachte darüber nach, warum ich euch gutwillig mir dermaßen -über den Kopf wachsen lasse, ihr Kinder,« entgegnete Marianne, und sie -reichte dem Freunde die Hand zum Willkommen. - -Sophie schlug entrüstet die Hände über dem Kopf zusammen, Cita aber -erkundigte sich interessiert: »-- Nun, -- und das Ergebnis war, Ma --?« - -»Es war: Wachset nur, -- wachset!« sagte Marianne lachenden Mundes, und -ihre Augen strahlten gütig. - -Doktor Tomasow blickte unter halb gesenkten Lidern nach ihr hin. Sein -bartloses Gesicht, das so offen jede Falte und Furche in den Zügen des -hohen Vierzigers zur Schau trug, war in Bezug auf seine stummen Gedanken -nicht plauderhaft. Hager, mit slavisch kurzer Nase und energischen -Kinnlinien, -- dem Grundriß nach ein russisches Barbarengesicht, war -es vom Leben verarbeitet, vergeistigt, aber im Ausdruck wie verschlossen -worden. Kurz, dicht und früh ergraut, wellte sich das Haar über der -freien Stirn fast ganz grade empor. - -Die beiden jungen Mädchen mußten ihn gut kennen. Als er sich nicht in ihr -Scherzgespräch mit der Mutter mischte, blickten sie einander flüchtig -an und zogen sich dann einmütig in ihr Zimmer zurück, -- in Sophiens -eigenstes Reich, das, über den Gang hinaus, nach dem Hofe zu lag, und wo -jetzt Cita wohlgelittener Gast war. - -Die Mutter sah ihnen nach, wie sie, nach einigen heiter gewechselten -Worten, fortgingen: Cita mit ihrem festen, gleichmäßigen Schritt voran, -und hinter ihr Sophie, die sich noch einmal mit einer graziösen Wendung -umsah und lächelte. - -Als sich die Thür hinter ihnen schloß, hob Marianne ihre Augen zu Doktor -Tomasow. - -»Nicht wahr, die Sophie ist schmal in den Schultern? Sie hustet.« - -Er antwortete ruhig: »Das thun wir hier alle mehr oder minder zu dieser -Jahreszeit. Sie sind mit dem Kinde etwas zu ängstlich, Marianne.« - -»Ja, sie erinnert mich so an -- --, auch er war zart.« - -Und da sie einen zaudernden Ausdruck in Tomasows Gesicht wahrzunehmen -wähnte, trat sie ganz dicht auf ihn zu. - -»Tomasow! Wenn -- nein, wenn --, Sie dürfen mir nie etwas verschweigen, -nie --.« - -Und sie erblaßte plötzlich. - -»Aber! Aber!« sagte er mit seiner überredenden eindringlichen Stimme und -nahm ihre Hände, wie die eines Kindes, in die seinen. »Verbieten Sie -ganz harmlosen Dingen, mit Ihnen gleich so durchzugehn, wie wildgewordene -Pferde. -- -- Ganz kalte Hände haben Sie auf einmal bekommen. Kälteres -Blut wäre besser. -- -- Also: Sophie ist absolut gesund. Ich bürge Ihnen -dafür. Die Aehnlichkeit, die Sie da eben andeuteten, beschränkt sich auf -die zarte Hautpigmentierung, die mit so blondem Typus zusammengeht, -- -sie garantiert Sophie auf lange hinaus einen blendenden Teint, bei etwas -Pflege. Nun, hübsch genug ist sie schon jetzt, dächt ich. Ein liebes, -gutes, schönes Kind haben Sie an ihr, Marianne.« - -Sie hörte ihm aufmerksam zu, unendlichen Glauben in den Augen. - -Seine Gestalt, obwohl in den breiten Schultern unmerklich geneigt, -überragte sie um ein gutes Stück. Sie erschien nicht mehr mittelgroß, -sondern fast klein, und wenn sie beim Sprechen die Augen so zu ihm -heben mußte, konnte man den Altersunterschied zwischen ihnen für -beträchtlicher nehmen, als er in Wirklichkeit war. - -»Aber gut ist es für Sophie, daß sie bei mir ist, und ich für sie -sorgen kann, bis in jede Geringfügigkeit, -- das finden Sie auch? Cita ist -ja so vortrefflich aufgehoben in der Familie, bei der sie in Berlin wohnt, --- ich korrespondiere ja auch mit den Leuten, -- und doch, -- für Sophie -wäre das nichts --.« - -Sie sah ihn dabei fragend an. - -Tomasow zuckte die Achseln. - -»Natürlich würde sie es nirgends in der Welt auch nur annähernd so gut -haben, wie bei ihrer Mutter. Indessen, das ist doch selbstverständlich. -Warum fragen Sie erst danach?« - -»Ich weiß es nicht,« murmelte Marianne; »ich weiß nicht, warum sie -mein Angstkind ist. In meiner Liebe zu ihr ist so viel Angst --. Darum muß -ich manchmal von Ihnen hören, daß sie Ihnen keine Sorge macht.« - -»Nein. Die machen höchstens Sie mir von Zeit zu Zeit, kleine Ma,« sagte -er mit leisem, fast nachsichtigem Lächeln und gab ihre Hand frei. - -Er nannte sie gar zu gern mit diesem Namensstummel, der daraus entstanden -war, daß sich die Kinder in der Kindheit bisweilen herausgenommen hatten, -die Mutter wie einen guten Kameraden »Marianne« zu titulieren, was -Tomasow schon damals äußerst bezeichnend fand. Hin und wieder ließ -jedoch das Erstaunen andrer sie mitten in diesem Unternehmen stecken -bleiben. Zuletzt blieb von Mariannens Namen nur das übrig, was ein guter -Wille auch als Anlauf zu dem Wort »Mama« nehmen konnte. - -»Und die Einzigkeit der Silbe paßt zu ihr,« dachte Tomasow bei sich, -»-- dieser einzige Ton als Name, -- es ist, wie wenn man etwas nur eben -intonierte, was man nicht ganz nennen will, noch auch äußern kann. Weit, -weit hinter dem einzelnen Ton ruht und klingt das Ganze --.« - -Marianne war zum Schreibtisch getreten und schraubte die Lampe höher. - -»Stehn Sie mir da noch immer im Rücken? Das ist ja unheimlich,« sagte -sie, den Kopf nach Tomasow zurückwendend, und dann ließ sie sich müde -vor dem Schreibtisch in dem alten Luthersessel nieder, der noch von ihrem -Vater, dem Schuldirektor, stammte. - -Tomasow zog sich den langen Schaukelstuhl neben der Blattpflanzengruppe ein -wenig näher zu ihr heran. - -Er nahm von den Zigaretten, die Marianne ihm anbot, und zündete sich -schweigend eine an. - -»Ich glaube, speziell dafür bin ich am Ende auch das letzte Mal vom -Auslande wieder heimgekehrt, ein so schauderhafter Kosmopolit ich auch -schon zu werden drohte,« bemerkte er dann. - -»Wofür? Für die Plauderecke?« - -»Es ist nicht einmal eine Plauderecke, streng genommen, denn wir sind -oft ziemlich wenig redselig, besonders wenn Sie abends müde sind oder gar -anfangen, Notizen in Ihre schrecklichen blauen Schulhefte zu machen.« - -Marianne lehnte sich zurück und kehrte ihm das Gesicht zu. Sie sagte -lächelnd: »Nun, dann sitzen Sie eben und freuen sich drüber, wie -unendlich brav und artig ich bin. Denn das muß ja doch eine Freude für -Sie sein! Wer hat mich denn gelehrt, diese Schulheftexistenz auszuhalten.« - -»Ich etwa?!« Tomasow machte eine ungläubige Miene. »Ich habe Ihnen -wohl im Gegenteil alle Schwierigkeiten und Schrecknisse einer solchen -klarzumachen gesucht, als Sie sich in den greulichen Kampf stürzten.« - -»Ja. Und mich dadurch für ihn gewappnet, -- mich dadurch gelehrt, nicht -gleich beim ersten Ermatten zu erliegen. Ich wußte so bestimmt: Sie stehn -da und helfen mir immer wieder auf, -- ach, das war ein gutes Gefühl, -glauben Sie mir.« - -Tomasow rauchte schweigend. - -Ganz so war es wohl nicht. Er hatte in Wirklichkeit ihren Kräften nicht -den Existenzkampf zugetraut, den sie so löwenmutig für sich und ihre -Kleinen vollbracht hatte. Nein, ursprünglich hatte er ganz und gar nicht -annehmen können, daß sie einem derartigen Leben gewachsen sei. - -Er half ihr damals mit seinem Rat und Beistand gleichsam nur so vorläufig. -Er half ihr, um ihr nah bleiben zu können. - -Jedoch dann -- später -- wenn sie doch am Ende ihrer Kräfte sein würde, -die sie bis zum Zersprengtwerden anspannte, -- ja, damals dachte er sich -dann ein ganz andres Ende. Ein völlig andres --. - -Fast ohne daß er es wußte, fixierte Tomasows Blick bei dieser Erinnerung -den geschlossnen Olivenholzrahmen, der in der Mitte des Schreibtisches -stand. - -Marianne war der Richtung seines Blickes gefolgt. - -»Darf ich?« fragte er. - -Sie streckte, ohne zu antworten, die Hand aus, nahm den Rahmen vom Tisch -und reichte das ihm wohlbekannte Bild herüber. - -Er schaute aufmerksam auf das junge beseelte Gesicht im Rahmen, -- ein -bartloses Jünglingsgesicht. Eine Aehnlichkeit mit Sophie war in der That -unverkennbar, nur nicht in der Kühnheit der Stirn und des Kinnes. - -Aber etwas so Zartes lag über dem Ganzen --. - -Tomasow bückte sich tiefer über das Bild und bemerkte: »Wenn ich mir -vorstelle, wie Sie damals ausgesehen haben müssen, -- und wie dieses hier -aussieht, -- so kommt mir leicht das Gefühl: sieh da, zwei Kinder, die man -schützen möchte.« - -Sie lächelte unmerklich. - -»Wir brauchten keinen Schutz. Gegen nichts. Wir hatten ja einander.« - -»Zugegeben. Aber wer von Ihnen schützte wen?« - -»Jeder den andern. -- Ach, es ist nur eins nicht zu fassen: daß der eine -zurückbleibt, wenn der andre geht. Wie mag denn das nur möglich sein? --- -- Arme Menschen, daß es so ist.« - -Er erhob sich, um das Bild auf den Schreibtisch zurückzustellen. - -»Keine solchen Worte, Marianne! Keine solchen Aufwallungen, auch nicht -für Sekunden! Sie haben an sich selbst erfahren, daß das Leben immer -wieder neu keimt.« - -»Ja, das Leben: das heißt meine Kinder.« - -Tomasow nahm wieder Platz im Schaukelstuhl. Nach einer Pause, in der er -schweigend vor sich hinrauchte, sagte er langsam: »Mir hat es doch immer -scheinen wollen, als ob in Ihnen ein starkes Bedürfnis ist nach einer -Ueberlegenheit neben Ihnen, -- nach jemand, zu dem Sie aufblicken. Sie -haben so viel vom Kinde irgendwo in sich, Marianne. -- Daher kann ich -Sie mir vielleicht so schwer an der Seite -- an ›seiner‹ Seite -vorstellen.« - -Sie lehnte in ihren Stuhl tief hineingeschmiegt und starrte wie gebannt auf -den Rahmen. Auf ihren Wangen lag ein leichtes Rot. - -»O über uns beiden war ja so viel -- über uns beiden!« sagte sie -mit halber Stimme. »Wozu noch eine andre Ueberlegenheit? Wir wandelten, -ineinander geschlungen, gemeinsam unter so hohen Träumen, so hohen Zielen -entgegen. Und ich meine immer: was wir da lebten, nur das ist Leben. Von -allen Seiten wölbte es sich um uns wie ein Himmel, dem gaben wir uns -anheim. Und so war uns jede Krume Erde eine Heimat.« - -Tomasow dachte wieder: »Wie zwei Kinder.« Doch erwiderte er nichts. - -Aber Marianne wendete ihm den Kopf zu, und plötzlich streckte sie ihm -die Hand entgegen: »Sie urteilen nach später,« bemerkte sie, »ja, da -brauchte ich allerdings jemand über mir, brauchte Rat und Hilfe und Halt. --- Einen Halt in der vollkommnen Heimatlosigkeit, eine Orientierung in der -vollkommnen Fremde. -- -- Da brauchte ich _Sie_. Ich konnte nicht allein -sein, so ganz allein im Finstern. -- Und ich denke auch jetzt oft: -meinetwegen das Allerbitterste überwinden, wenn nur eine warme menschliche -Stimme dazu überredet, es befiehlt, anbefiehlt. -- Ich weiß nicht, ob -alle Frauenherzen so schwach sind. Ich bin es.« - -Er hatte ihre Hand entgegengenommen und hielt sie, darauf niederblickend, -einen Augenblick in der seinen. Ganz leicht strich er mit den Fingern über -ihren Handrücken hin, der ein wenig rauh geworden war vom Wind und der -Kälte dieser Wochen, die Marianne unausgesetzt auf die Straße trieben. - -Er wußte, daß sie einen nervösen Widerwillen gegen rauhe, gerötete -Hände oder aufgesprungene Lippen besaß. Als sie jung und glücklich war, -da mußte sie sich gewiß, selbst unter schmalen äußern Verhältnissen, -mit Entzücken gepflegt haben, wie ein schöner Mensch vor einem Fest. - -Tomasow ließ Mariannens Hand sinken und stand auf. - -»Was ist Ihnen denn? Sie wollen doch nicht schon gehn? Warten Sie noch ein -wenig, und am besten: bleiben Sie zum Thee,« schlug Marianne vor, »Sophie -wollte Ihnen so gern ihre Fortschritte im Geigenspiel vorführen, -- mögen -Sie? Dann machen Sie ihr die kleine Freude.« - -»Ja, warum nicht?« - -Tomasow war ans Fenster getreten und schaute vor sich hin. - -Marianne öffnete die Thür nach dem Gang, rief dem Mädchen etwas zu und -kam dann wieder zu ihm. - -»Was schauen Sie denn so unverwandt an?« fragte sie und trat dicht an ihn -heran. - -Er zuckte die Achseln. - -»Ich betrachte mir nur, was da in Reih und Glied zwischen den -Doppelscheiben im Fenster aufgestellt ist,« entgegnete er und deutete auf -eine Anzahl verdeckter Glasbehälter, »wie Soldaten mit Papierhelmen auf -dem Kopf. Finden Sie diese Dinger nicht häßlich?« - -»Sie sind nur häßlich, bis sie blühen. Dann kommen sie ins Zimmer, -und die Papierkappen kommen fort. Und dann sind es Hyazinthen!« sagte sie -tröstend, mit einem Lächeln. - -Aber Tomasow war verstimmt. - -»Hyazinthen? Wozu denn? Mögen Sie etwa diesen allzusüßen Duft? Es sind -doch nicht am Ende gar Ihre Lieblingsblumen, Marianne?« - -»Lieblingsblumen? -- Rosen hab ich schon lieber, -- und am liebsten, -wissen Sie was? -- am liebsten besäße ich ein ganzes Treibhaus und einen -Wintergarten dazu!« meinte sie schelmisch. »Solche Hyazinthe unter ihrer -Papierkappe ist nun eben mein Treibhaus. Man muß sie nicht allzudicht -unter die Nase halten, sondern die Gläser im Zimmer gut verteilen, dann -geht es schon. -- Frühling und Duft ist es ja doch! Und ganz ohne die -beiden mag ich so wenig sein, wie ganz ohne Musik.« - -»Wegen der Hyazinthen werden ja hier die Doppelscheiben im Winter nicht -eingeklebt, wie die übrigen,« bemerkte Sophie, die hereingekommen war und -nach ihrer Geige suchte. - -Tomasow zündete sich eine frische Zigarette an und setzte sich in der -Nähe des Fensters nieder. Er betrachtete Marianne. - -»Wie viel Genußfreudigkeit ist doch in ihr. Selbst jetzt noch!« dachte -er. »Unausgegeben, aufgestaut! Köstlich müßte es sein, das zu lösen, -zu befreien. Selbst jetzt noch.« - -Sie saß wieder auf ihrem frühern Platz, den Kopf ein wenig geneigt. -Während sie darauf wartete, daß Sophie die Kerzen am Notenpult anzünden -und beginnen sollte, schien sie vor sich hinzuträumen, -- vielleicht in -Gedanken, die das kurze Gespräch mit Tomasow über ihr Eheglück vorhin in -ihr geweckt haben mochte. So kam es ihm vor. - -Etwas sehr Sanftes lag über ihren Zügen, ein Abglanz, wie aus der Jugend. -Für die Mutter der beiden großen Mädchen hätte man sie in diesem -Augenblick kaum gehalten. - -Cita war leise eingetreten und stand noch an der Gangthür, um die ersten -Geigentöne nicht zu stören. Auch sie schaute zu Marianne hinüber, und -dabei kam auch ihr in den Sinn, wie schön ihre Mutter sei, -- wie so sanft -und schön sie doch jetzt eben aussehe. - -Es berührte sie mit einem warmen kindlichen Stolz. Ihre dunkeln Augen -erglänzten vor Freude. - -In einer Pause des Spiels trat sie von hinten an Mariannens Stuhl heran. -Und mit einer ihrer spontanen, unvermittelten Bewegungen umschlang sie die -Mutter und küßte sie in den geneigten Nacken. - -Dabei kehrte sich Cita halb gegen Tomasow, dessen Blick unverwandt auf -ihrer Mutter ruhte. Cita sah unwillkürlich, mit einem hübschen Ausdruck, -zu ihm hinüber, als wollte sie, an Marianne geschmiegt, entzückt sagen: -»Wie lieb und schön sie ist, nicht wahr? Möchte man sie nicht auf dem -Fleck totküssen?!« - -Da verdüsterten sich plötzlich ihre Augen. - -Irgend eine unerklärliche Befangenheit überfiel sie. Sie bückte ihren -Kopf, wie abwehrend, gegen den Kopf der Mutter, und errötete langsam über -das ganze Gesicht. - -Tomasow hörte inzwischen zerstreut dem Geigenspiel zu. Er liebte und -verstand Musik, musikalisch von Natur, wie fast alle Russen, aber heute war -ihm nicht nach Sophiens Musik, die noch Nachsicht verlangte. - -Ja ja! Daß die Kinder da waren, das hatte Marianne so unzugänglich -erhalten und so vorzeitig ernst gemacht. Es machte sie bisweilen ergreifend -schön, dies Ernstsein tief unter aller Heiterkeit, jedoch zu ernst, -- -allzu ernst für ihn --. - -Tomasow begegnete bei dieser Erwägung Citas Augen, die ihn forschend -anzusehen schienen. Sie stand noch an den Stuhl der Mutter gelehnt, als -schütze sie ihn. - -»Wie ein kleiner Polizist!« dachte Tomasow bei sich. - -Aber zugleich gestand er sich, daß diese Kinder es allein gewesen waren, -die einst Marianne die Fähigkeit zum Leben wiedergegeben hatten. - -Ursprünglich schien der gewaltsame Schmerz um den toten Gatten auch die -Mutter in ihr getötet zu haben. Als man sie nach Rußland brachte, -- -mit ihren beiden allerliebsten kleinen Dingern, -- da war sie nicht -bereitwillig, weiterzuleben. Sie konnte nicht leben. Und in der -Verwandtschaft begann man, von Geistesstörung zu sprechen und von -Ueberführung in eine Heilanstalt. - -Damals, während dieser ersten furchtbaren Verzweiflungszeit ihres -Schmerzes, sah Tomasow Marianne zum erstenmal. - -Er selbst kam grade verstimmt aus dem Auslande. Nach Jahren anregenden -Genusses und interessanter Arbeit in Wien und Paris, erschien ihm zu Hause -alles so schal und abgestanden, so gänzlich regungslos. Und am wenigsten -spürte er Lust, sich hier wieder dauernd in seine ärztliche Praxis -einzugewöhnen. - -An einem dieser Tage wurde er zu Marianne hineingeführt. - -Auf dem Boden ihres Zimmers kauernd, das braune Haar dicht und wirr um ihr -armes Gesicht, -- das Gesicht eines fassungslos leidenden Kindes, -- ganz -stumm und sehr abgemagert, denn sie weigerte sich, Nahrung zu sich zu -nehmen: so sah er sie zum erstenmal. - -Was ihn betroffen machte und fesselte, von allem Anfang an, das war die -Stärke dieses Temperaments, das gegen den Tod anstürmte, ihm innerlich -fortwährend seine Beute abzujagen schien. Nie, meinte Tomasow, ein -Gleiches an Seelenkampf geschaut zu haben, -- an Kampf gegen das -Unentrinnbare, -- wie er jetzt Tag um Tag vor sich sah, seitdem er begonnen -hatte, Marianne seine ärztliche Pflege zu widmen. - -Ihre Verwandten bedauerten sie aufrichtig, aber ihnen war von Beginn an die -Ehe verrückt vorgekommen. Beide Gatten so blutjung, beide noch kaum reif -für den großen Jubel und den großen Ernst, den sie vom gemeinsamen Leben -erwarteten, -- und der junge Künstler noch keineswegs genügend zu Geld -oder zu Ruhm gelangt, als er um Marianne warb. Daß er auch dazu, wie zu -allem, eben ihrer Nähe bedurfte, verstanden die vernünftigen Leute -nicht. Und er durfte sie auch keines Bessern belehren, denn als es ihm eben -gelingen wollte, mußte er schon sterben. - -Das jedoch war wiederum Marianne unfähig zu verstehn, -- nein, nie und -niemals vermochte sie es zu fassen, daß das Leben wider ihren liebsten -Menschen sein konnte, daß es ihn sterben lassen, -- ihn im Stich lassen -konnte. - -Auf Tomasows Rat kam Marianne aufs Land. In einem Dorf bei Moskau bezog -eine alte Verwandte mit ihr ein kleines Landhaus, dicht neben einem -verwilderten Park gelegen, der zu einer ehemaligen Privatbesitzung -gehörte. - -Es wurde grade Frühling, -- später nordischer Frühling. Unendliche -Ebenen im ersten Ergrünen, weite knospende Birkenwälder, ein stiller -baumumstandener See --. - -Dort in der Einsamkeit, dort im Frühling, dessen sanfte Schönheit ihr -bis zu Tode wehe that, und der ihr mit seinem Zauber die Seele blutig riß, -tobte sich für Marianne das Schwerste rückhaltlos aus. - -Sie gesundete vielleicht aus der nämlichen Kraft heraus, aus der sie -gelitten hatte, -- sie durchkostete ihren Schmerz viel zu stark und -inbrünstig, um sich nicht eines Tages auch selbst von ihm zu heilen. - -Von der Veranda des Landhauses führte ein primitives Holzbrückchen, über -etwas morastiges Wassergerinsel geschlagen, direkt auf die grasbewachsenen -Wege des alten Parks. Unzählige Mückenschwärme durchsummten ihn im -Sommer und hielten beständig einen feinen dunkeln Ton in der Luft fest; -warm und feucht stieg von den schattigen Wiesen der Duft über üppig -verwilderten Blumen auf, und hier und da stand eine zusammengebrochene, -bemooste Steinbank an lichte Birkenstämme gebaut. Hier hinaus fuhr Tomasow -jeden Tag. Wenn er kam, pflegten ihm die beiden kleinen Mädchen schon -entgegenzulaufen, Annunciata, die Aeltere, mit muntern großen Sprüngen, -und die jüngere, Sophie, die immer zu hastig lief und oft über ihre -eignen kleinen Beine stolperte, bis sie endlich der Länge nach und mit -bitterm Geschrei bei ihrem Freunde angelangt war. - -In der Stadt und in seinen eignen Angelegenheiten beschäftigten Tomasow -allerlei komplizierte Sorgen: wie er sich zur Heimat stellen, sich in -ihr einleben werde, und warum ihr noch so vieles abgehe, was in den -kulturreifern Ländern des Auslandes längst auf der Tagesordnung stand? -Aber hier in diesem sommerdunkeln Park, bei Marianne und ihren -Kindern, verblaßte ihm regelmäßig die Wichtigkeit aller Kultur- und -Geistesfragen. In den Vordergrund trat das Leben in seiner elementarsten, -seiner einfachsten Bedeutung, -- das Leben angesichts des Todes und die -Frage, ob es zu ertragen sei. Es kam ihm vor, als müsse das Leben etwas -Schönes sein, weil er Marianne leise dazu zurückkehren sah, -- ganz leise -anfangs, indem sie mit den Kindern zu spielen begann. - -Noch ehe sie wieder für sie zu sorgen und zu denken wußte, spielte sie -mit ihnen, als sei sie selbst noch nicht viel mehr, als ein schwaches Kind. -Und doch hatte sie damit schon die große Frage für sich beantwortet. - -Der erste Gedanke, der später ganz von ihr Besitz nahm, war ebenfalls -naheliegend und primitiv: der Drang, für das tägliche Brot zu arbeiten. -Für den Augenblick war diese Sorge ihr von andern abgenommen worden, -- -und im Fall der Not versprach man, ihr auch die Kinder abzunehmen. - -Sie wollte mit ihnen zusammenbleiben können, sie selbst ernähren können. -Daran erstarkte sie. - -Tomasow erinnerte sich gut des entscheidenden Gespräches darüber, an -einem unerträglich heißen Sommernachmittag voll Gewitterdrohungen, auf -einer Bank im Park. Er ging auf alles ein, was Marianne wünschte, froh, -sie überhaupt schon so weit zu haben, daß ihr starke Wünsche und Sorgen -kamen. Er erbot sich auch, alle ersten notwendigen Schritte in der Sache zu -thun. - -Da hob Marianne die kleine Sophie auf ihren Schoß und sich zu Cita -niederbeugend, die sich neugierig horchend an ihr Knie drückte, rief sie -leise: »Jetzt wird Ma für ihre lieben Kinder schrecklich viel zu thun -bekommen! Und je mehr sie thut, desto schöner und größer sollen sie ihr -werden, von Tag zu Tage! Ist das nicht herrlich, ihr Kinder?« - -Citas kleine Ohren mochten aus den Worten nur den Klang aufgefaßt haben, --- einen so ungewohnt freudigen Klang, daß er an etwas ganz Fernes, -Süßes, schon halb Vergessnes mahnen mußte, was einst durch alle Worte -der Mutter hindurchgejauchzt hatte, als seien es ebensoviel liebkosende -Verheißungen. - -So klatschte sie stürmisch in die Hände und sprach der Mutter nach: -»Herrlich, ihr Kinder!« - -Und in der schwülen Gewitterluft unter den reglosen Bäumen saß Marianne -zum erstenmal mit einem Anflug von Lächeln da, wie am Vorabend von -bessern, festlichern Tagen. - -Tomasow aber dachte fast mit Abscheu an das lähmende, entnervende -Arbeitsleben, das nun vor ihr liegen sollte. Und angesichts dieses -Lächelns stiegen andre, schönere Möglichkeiten für die Zukunft vor -seinen Gedanken auf -- --. - -»Unterschätzen Sie nur die Schwierigkeiten der Sache auch nicht -allzusehr!« bemerkte er nach einer Pause mit zögerndem Warnen. »Es ist -noch nicht sicher, ob Sie so brutalen Anforderungen an Ihre Spannkraft -gewachsen sind.« - -Marianne hob den Kopf und sah ihm mit zversichtlichem Vertrauen ins -Gesicht. Ihre Hand lag auf Citas Haar. - -»Daß ich ihnen nicht gewachsen bin, weiß ich wohl!« sagte sie ruhig. -»Aber Sie werden mir helfen, über mein bißchen Können hinauszugelangen. --- -- Wollen Sie mir nicht dazu helfen --?« - -»Ich will es gewiß, wenn Sie nicht bei näherm Zusehen selbst davor -zurückschrecken!« - -In Mariannens Augen trat ein Ausdruck wie qualvolle Erinnerung an die -überstandenen Seelenkämpfe. - -Sie murmelte: »Ich schreckte vor allem zurück, -- vor jeder Minute, -weil sie durchlebt sein wollte, -- und war nicht auch das eine brutale -Anforderung: -- leben zu sollen --? Ich weiß, daß es mich noch manchmal -überkommen wird, -- daß ich dann nicht will, nicht kann, -- ich werde -mich gewiß noch oft vor dem Leben fürchten --.« Sie brach ab, ein -Schauer ging über sie hin. Dann setzte sie jedoch langsam hinzu: »Deshalb -muß jemand mir helfen, der meine Furcht und meinen Widerstand bricht, um -der beiden Kleinen willen.« - --- In diesem Augenblick begriff er, wie nah er ihr in der schweren Zeit -getreten war als der Unbeteiligte, Unbeeinflußte, der sich ihr ärztlich -und menschlich mit strenger Sachlichkeit gewidmet hatte. Er begriff, wie -viel sie seiner Hilfe zuschrieb, was zu einem großen Teil die Hilfe ihrer -eignen Natur gewesen war. - -Ihr sollte er helfen, fortan dem Leben gewachsen zu sein, -- dabei aber -lebte er noch sein eignes Leben in unschlüssigem Zwiespalt --. - -Und dennoch: er fing an, daran zu glauben, daß es ihm ihr gegenüber -gelingen werde. Ein so starker Appell an seine eingreifende, planvolle -Kraft ging von diesen ruhig vertrauenden Augen aus, -- eine so starke -Freude an der ihm auferlegten Verantwortung weckten sie in ihm, als -spannten sich alle Fähigkeiten seiner Seele auf ein Ziel hin. - -Und seltsam: gleichzeitig empfand er es noch nie so bitter wie in der -Stunde, nicht selber zwiespaltlos und einheitlich, mit voller Thatkraft, im -Boden seiner Heimat zu wurzeln. Hätte er nicht schon als Jüngling, -- in -jugendlicher Begeisterung zu allem bereit, -- immer nur an die harte, hohe -Mauer der bestehenden Zustände stoßen müssen; hätte er nicht erst im -Auslande draußen seine volle Entwicklung finden müssen; hätte er, vom -Heimweh zurückgezerrt, nicht davon absehen müssen, in seiner Heimat grade -diejenigen Einsichten und Fortschritte zur Wirksamkeit zu bringen, deren -sie ganz augenscheinlich am dringendsten bedurfte, -- -- wie ganz anders -würde sich dann für ihn als Mann, als Mensch, sein Leben zusammengefaßt -haben! Wie oft würde es einen ähnlich starken, -- und stärkern Appell an -seine Leistungskraft enthalten haben! - -Aber davon sprach er nie zu jemand; in der Fremde sprach er von der Heimat -nur leise, und dann zärtlich, wie von einem leidenden Kinde, das auch nur -anzurühren man Fremden schon verwehrt; und daheim konnte er von seinen -Jahren im Auslande nicht mit dem Accent reden, den sie für ihn besaßen, -weil hier alle seine Worte unwillkürlich so ausfielen, als sei ihm bloß -egoistisches Genußleben gewesen, was ihm dort mindestens ebensosehr als -eifriges und ernstliches Arbeitsdasein vorgekommen war. - -Er schwieg deshalb, mißtraute den Menschen, und sie vertrauten ihm nicht -mehr recht. - --- -- Während er im alten, dichten Park auf der Steinbank unter den Birken -saß, schaute er, in solche Gedanken versunken, auf Marianne hin. - -Sie blickte gradeaus über die Wiesengründe in die Ferne, den Kopf -ein wenig vorgeneigt, die Hände leicht im Schoß gefaltet. Der lose -aufgesteckte Haarknoten ließ die sanfte Wölbung der Nackenlinie -wundervoll frei. - -Kein einziger Zug bewußter Selbständigkeit in der gesammelten Haltung, -und doch etwas wie Getrostes -- - -Es erfüllte ihn mit Erstaunen! - -Was ihm auch geschähe: zu allerletzt würde er doch im stande sein, zu -einem zweiten Menschen so vertrauensvoll aufzublicken, daß er dessen -seelischer Hilfe sich gläubig anheimgab! - -Und bei ihr war das im Wiedererwachen zum Leben das erste, -- das -Unwillkürliche --. - -Das allererste, was sie wiederfand, war eine ruhige, vertrauende -Gebärde. -- -- -- - -[Illustration] - - - - -=II.= - - -Draußen herrschte das lustigste Schneetreiben von der Welt. - -Den Kutschern und vielleicht auch ihren Gäulen lachte das Herz im Leibe -drüber, wie leicht heute die Schlitten über den weißblendenden Boden -dahinflogen, der seit etlichen Tagen einer erneuten Schneelage entbehrt -hatte, sodaß hier und da bereits das holperige Steinpflaster der -unebenen Moskauer Straßen durch den zerstampften und vergrauten Schnee -durchzuscheinen begann. - -Auch Marianne freute sich, schnell vom Fleck zu kommen. Seit dem frühen -Morgen war sie schon so viel herumgetrieben worden, in verschiedene -Privatstunden und eine Schule. - -Noch ein paar Tage lang! Dann gab es Ferien. Schlossen auch die Anstalten -erst kurz vor Weihnachtsabend, so hörte doch der Unterricht in den -Häusern meistens schon früher auf. - -Marianne kam von weit außerhalb gefahren, wo sich an den Grenzen der -Stadt ein großes Mädchenstift befand, nicht allzufern von dem berühmten -Jungfernkloster, dessen phantastische Türme herüberwinkten. Auf dem -Rückwege von dort ließ sie ihren Schlitten in einer unbelebten, fast -ländlichen Vorstadtgegend vor einem einstöckigen, rot angestrichenen -Holzhause halten. - -Sie stieg aus, bezahlte und ging über den weiten, hellen Hof, den ein -einfacher Lattenzaun umschloß, auf eine Wohnung im Erdgeschoß eines -Hauses zu, an der sie mit beinah ungeduldiger Freude läutete. - -Dies Erdgeschoß war himbeerfarben. Mit rührendem Vertrauen in die -Schönheit des Farbigen überhaupt, war hier ein bunter Ton neben den -andern gesetzt. Aber das gedämpfte Winterlicht ward zum Künstler an all -dem Grellen: es stufte es wunderseltsam ab, bis es aussah, als stünden die -bunten Farben da, wie Blumen in einem Strauß. - -Hier pflegte Marianne jeden Sonnabend vorzusprechen, wenn sie der Weg -vom Stift vorüberführte, mochte die Zeit auch noch so knapp sein. -Denn jedesmal bedeutete das für sie inmitten der Arbeitswoche eine -sonntägliche Stunde. - -Eine ihrer ehemaligen Lieblingsschülerinnen, seit Jahresfrist verheiratet, -wohnte hier; eine, die ihr innig zugethan blieb, auch nachdem sie, -längst der Schule entwachsen, mit Energie und verblüffender Leichtigkeit -Mathematik studiert und es darin zu etwas gebracht hatte. - -Die junge Frau öffnete selbst die Thür und bewillkommnete ihren -Besuch mit drei schallenden Küssen, einen auf den Mund und je einen auf -Mariannens schneenasse Wangen. Dann nahm sie ihr den weiß überschneiten -Pelz von den Schultern und schüttelte ihn aus, wobei sie aber sorglich -jedes Geräusch vermied. - -»Dadrinnen steckt Taraß tief bis über die Ohren in einer Arbeit über -das Vogelgetier,« flüsterte sie in ihrem weichen Russisch, das an sich -schon zärtlich klang, und wies auf das Hauptzimmer der kleinen Wohnung. - -Erst jetzt bemerkte Marianne die breite buntgestreifte Küchenschürze an -ihr, und daß sie die Aermel hochgezogen hatte. Eine Messerbank, nach der -sie griff, mußte sie eben erst hastig aus der Hand gestellt haben. - -Im Hintergrunde des engen dämmerigen Vorflurs stand die Thür zur Küche -noch offen; man sah die Holzscheite im Herdfeuer rot glimmen. - -»Ja, unser Mädchen ist nämlich schon wieder krank. Sie ist wirklich -ewig krank, diese Aermste,« sagte die junge Frau und zog Marianne in die -Wohnstube. - -Die Wohnstube war ziemlich groß, niedrig und so dicht über dem Hof, daß -der gegenüberliegende Schneehaufen sie schon verfinstern konnte. Auf dem -Hof flogen weiße und graue wohlgemästete Tauben umher, flatterten auf -den Fenstersims und schlugen mit ihren Flügeln an die Scheiben, an denen -drinnen blühende Azaleen standen. - -Ein Teil des Zimmers wurde durch zwei mitten hineingebaute mannshohe -Scheinwände isoliert, hier befand sich der Schlafraum. Die -zurückgeschobene Portière ließ das Ehebett unter einem Baldachin von -geblümtem Stoff sehen, sowie die Ecke mit den Heiligenbildern. Ein paar -davon besaßen schwere Silberverkleidung; unter ihnen hingen gestickte -Handtücher und lagen auf einem Wandbort geweihte Brötchen. - -Im Wohnraum am Fenster stand breit und bequem ein Tisch, worauf sich in -friedlichem Nebeneinander Schreibereien und Hausarbeiten, nicht grade -zierlich geordnet, befanden. Auf einem Seitentisch zeigte der nie fehlende -blitzende Samowar, daß hier auch gespeist wurde. - -Marianne hatte es sich wunderschön behaglich gemacht in einem -Großvaterstuhl, der dicht bei einem wärmeausstrahlenden Kachelofen von -anerkennenswerten Dimensionen stand. Neben dem Ofen hing am Bande eine -altertümliche kleinrussische Guitarre, eine Gusli. Fröstelnd vergrub -Marianne ihre durchkälteten Füße im Bärenfell, das sich vor dem Stuhl -ausbreitete. - -»Das ist unser Diwan, dort sitzen wir immer beide drin,« sagte die junge -Frau. - -»Ist es jetzt nicht sehr schlimm für euch mit dem kranken Mädchen, -Tamara?« fragte Marianne bedauernd. »Da werdet ihr kündigen müssen. -Wie treibt ihr es nur überhaupt --? Du alle Morgen in deinem statistischen -Bureau, dein Mann über seiner ornithologischen Gelehrsamkeit? Was fangt -ihr denn jetzt an?« - -Tamara lachte leise auf, ihr ganzes freundliches Gesicht lachte mit. - -»Wir treibens, wie es eben geht; -- es wird ja auch wieder besser. Alles -wechselt unter dem Mond. Kündigen wollen wir nicht; darauf vertraut die -Arme so fest.« - -»Russische Sorglosigkeit!« dachte Marianne bei sich. Aber sie mochte -nichts Tadelndes äußern, sie wiegte sich darin wie in etwas Wohlthuendem. - -Vielleicht wäre es anderswo tadelnswerter gewesen, doch ihr schien immer: -wo man unter russischen Menschen war, wo diese Sprache klang, da wurde -das Leben in der That in allen Dingen gleichsam simpler und weiter, -- -vertrauender. Obschon sie selber kein russischer Mensch war, so zählte sie -doch nicht zufällig unter diesen ihre besten Freunde. - -»Aber überanstrengt es dich auch nicht, Tamara?« meinte sie besorgt. -»Noch kann es ja eine ganze Weile dauern, ehe dein Mann die verdiente -Berufung bekommt, und ehe du also dem statistischen Bureau ein Schnippchen -schlagen kannst.« - -Tamara schüttelte belustigt den Kopf, von dem zwei starke Zöpfe -unaufgesteckt niederhingen. - -»Bis dahin hilft mir eben mein Mann. Wenn ich nicht mal _das_ von Ihnen -gelernt hätte, Marianne Martinowna: gute Laune am Alltag bewahren, -- die -schönste Lektion, die Sie unbewußt allen Ihren Schülern mitgeben, --- gratis neben all dem Schulkram.« Tamara fuhr ungeniert mit dem -Messerputzen fort, worin sie der Besuch unterbrochen hatte. »Und im -Sommer,« bemerkte sie mit aufleuchtendem Blick, »da erholen wir uns -schon! Da schlepp ich den Taraß zu den Eltern aufs Gut, oben hinauf nach -Wologda, in meine lieben großen Wälder. Da erholen wir uns schon! Ach, -warum sind wir da nicht zwei Einsiedler! Sie können mir glauben: ich bin -doch gewiß glücklich, aber Heimweh nach den Wäldern und dem Norden hab -ich doch. -- -- Aber nun erzählen Sie doch mal von sich? Also die Cita ist -heimgekommen?« - -Marianne nickte. - -»Mit Beginn der deutschen Weihnachtsferien und bleibt bis über die -russischen da. Aber ich habe noch so wenig von ihr, -- es war eine so -gehetzte Arbeitszeit. Drum wird Weihnachten diesmal so strahlend schön! -Mir kommt vor, als ob ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr so darauf -gefreut hätte, wie dieses Mal. -- -- Immer möcht ich die Cita jetzt nahe -um mich haben, -- so ganz nah bei mir, -- -- sie so recht tief anschauen: -»»Bist du noch dieselbe? Ist auch nichts an dir verändert? Hat mir die -Trennung nichts gestohlen? Zeig mir all dein Schönes: -- das und das und -das, -- weißt du noch?«« Ach, Tamara, du hast noch kein Kind, -- kannst -du das wohl begreifen?« - -Tamara nickte schweigend. - -In der Küche hörte man es bedrohlich brodeln und zischen. Sie setzte die -Messerbank nieder, lief hinaus, klapperte ein Weilchen draußen zwischen -den Tiegeln und Töpfen und kehrte dann in die Stube zurück. - -»Ja,« sagte sie, »nun ist also Cita auf dem Wege, etwas Erkleckliches zu -werden. Aber, Hand aufs Herz, liebe Marianne Martinowna: wären Sie nicht -doch seelenfroh, wenn -- ja wenn sich die Cita ordentlich verliebte und -heiratete?« - -Marianne blieb einen Augenblick lang stumm. Dann sagte sie fast andächtig: -»Wenn über meine Kinder _mein_ Glück käme, -- ein so unfaßbares -Frauenglück, das reicher und weiser macht, als alle Reichtümer und -Weisheiten der ganzen Welt zusammengenommen, -- wenn ihnen das geschenkt -würde! -- -- Und wären es auch nur acht kurze Jahre, wie bei mir, -gleichviel. Und käme auch selbst dahinter -- wie bei mir --« - -Sie konnte nicht weitersprechen. - -Tamara sammelte schweigend ihre Messer zusammen. Nach einer Pause bemerkte -sie dabei: »Kenne ja auch die Freude am Lernen. Aber mein heimlichster -Traum war doch immer nur der aus dem Märchen von Puschkin, dem Zar Saltan: -möchte Gott mir geben, einen Helden, einen Bogatyr, zu gebären! Ja ja, -dafür kann man nichts thun. Sonst wär es ja auch nur wieder armseliges -Menschenwerk. So ist es: Studium ist Verdienst, aber Liebe ist Gnade. -- -Aber ganz jammerschade scheint es mir, daß Sie nicht mit Ihren beiden -Kindern zusammenleben können wegen des Studiums, -- gradezu eine Missethat -scheint es mir manchmal.« - -Marianne fiel rasch ein: »Darüber muß man nicht nachdenken. Es ist nicht -anders. Ich muß Sophie doppelt geben, doppelt --« - -»Aber ich hätte Ihnen einen kuriosen Vorschlag zu machen,« meinte -Tamara, »wenn nur Cita nicht grade in Berlin studierte.« - -»Einen Vorschlag --?« - -»Ja, von meiner Tante bin ich dazu autorisiert, -- wissen Sie, von der, -die in Bern das Mädchenpensionat leitet und voriges Jahr hier war.« - -»Ach, thut sie das noch immer? Sie klagte doch schon so über ihr Alter -und ihre Gebrechlichkeit. -- -- Will sie es etwa abtreten?« fragte -Marianne mit unverhohlener Spannung. - -»Sie möchte gern einer Hilfe die Leitung übergeben. Sie wissen: es sind -lauter unerwachsne Mädchen, vielfach Russinnen, die dort den sogenannten -letzten Schliff bekommen. -- -- Und auf Sie hält sie so große Stücke, -sie wäre entzückt. Aber es wäre doch wohl nichts?« - -Marianne schüttelte zögernd den Kopf. Im stillen rechnete sie nach. Es -war ihr klar, daß sie hier mehr verdienen konnte. Und schließlich blieb -Cita auch dann weit von ihr. - -Aber wenn es doch möglich wäre, -- mit Cita? Sie wurde ganz still und -hörte nicht auf, zu rechnen. - -An der Thür, die das Wohnzimmer mit der größern Hauptstube verband, -wurden rasche, ungeregelte Schläge hörbar, wie ein Geprassel von -Kleingewehrfeuer. - -Tamara sagte mit befriedigtem Lachen: »Das ist Taraß' Triumphgeschrei: -er hat für heute glücklich sein Ei gelegt. Es ist auch hohe Zeit, daß er -frei wird. Ich muß schnell den Tisch decken.« - -»Und ich muß leider weiter wandern,« äußerte Marianne mit einem -Seufzer; sie erhob sich ungern aus ihrer weichen, behaglichen Ecke. - -Tamara nickte betrübt. - -»Wir armen Arbeitsgäule,« meinte sie lächelnd und stieß die Thür -nach dem Vorflur auf, laut rufend: »Taraß, bist du da? Komm doch mal her, -Marianne Martinowna muß schon fortgehn.« - -»Jawohl!« schrie es aus der Küche zurück, »aber dann mußt du -herkommen, -- das Zeug brennt an!« - -Der Ton der Verzweiflung, worin das verkündet wurde, erheiterte Marianne. -Sie trat auf den Vorflur hinaus und schaute nach der Küche. Tamara war, -die Hände ringend, schon an ihr vorbei vorausgeschlüpft. - -Zwischen seinem Studierzimmer, das weit offen war, und der Küche mitten -drin stand auf dem Vorflur Tamaras Mann mit lebhaft vorgerecktem Hals und -richtete seine Augen angsterfüllt auf eine Pfanne, die auf dem Herde stand -und furchtbar zischte. Die Brille hatte er sich auf die Stirn geschoben. - -Seine Frau stürzte zur Pfanne. - -»Geh nicht so nah heran, geh ihr nicht nah!« rief er beängstigt, -»-- das Zeug spritzt! Man darf sie nur von hier aus ansehen. Es spritzt! -Paß auf, es spritzt in die Augen!« - -Als das Zischen und Prasseln gelinder wurde, wandte er sich aufatmend der -lachenden Marianne zu. Auch er lachte nun. Aus seinem hübschen dunkeln -Bart, der tief über das gestickte russische Hemd fiel, das er zu Hause -trug, schimmerten die Zähne. - -»Ja, ich war nun grade fertig, -- und angerührt hatte sie die Geschichte -ja, ich sollte nur Wache halten, -- aber aufregend ist die Sache ungeheuer, --- uff!« und er fuhr sich über die Stirn und die etwas wildgewordenen -krausen Haarringel. - -Tamara, die am Herde herumwirtschaftete, rief: »Ja, darin ist er gut, -wirklich! Sie sollten nur wissen, was wir uns beide alles zusammenkochen. -Aber ohne Herzklopfen geht es eigentlich nie ab. -- -- Die reine Nervenkur. --- -- Er thut es auch nur, um wenigstens gelegentlich zu beweisen, daß ich -ihm neben seinen Vögeln doch auch was gelte.« - -Sie kam aus der Küche, streifte die Aermel herunter und trat zu Marianne, -die sich grade an den Vögeln ergötzte, die man im offenstehenden -Arbeitszimmer sah. Jeder Platz, den die Bücher übrig gelassen hatten, -gehörte den Vögeln, -- toten, ausgestopften Bälgen -- und lebendigen in -zwei Riesenkäfigen, aus denen es zwitscherte, piepte und sang. - -»Ja, denken Sie nur,« behauptete Tamara, »sein Getier konnte er sogar -auf der Hochzeitsreise nicht vergessen. Ich konnte nicht gefühlvoll gegen -ihn werden, ohne daß er mir sofort auseinandersetzte, wie es zum Beispiel -die Enten und Gänse in ihren Liebesspielen untereinander halten. Damals -schrieb er nämlich grade über die. Zuletzt war ich ganz beschämt, keine -Gans zu sein.« - -Ihr Mann wurde verlegen, aus seinen träumerischen dunkeln Augen sah er -Marianne hilflos an. - -»So war es gar nicht, -- nein, so war es nicht,« bestritt er lebhaft. -»Ich habe nur gesagt: ein Gelehrter zu sein, das ist nichts ohne Liebe. -Man muß die Tiere lieben, dann versteht man sie gut. Und dann habe ich ihr -erzählt, die Enten wären --« - -Aber seine Frau fiel ihm ins Wort. Vom nächststehenden Tisch in seinem -Zimmer hatte sie geschwind ein dickes Buch aufgegriffen, ein Werk von ihm, -schlug es fachkundig auf und las mit heller Stimme: - -»Beispielsweise -- =pagina= 136: ›Alle Männchen ziehen sich nahe -zusammen. Dann schwimmt je ein Weibchen zwischen ihren Reihen schnell -hindurch. Hierauf schnellen die Männchen im Takt in die Höhe, biegen dann -den Schnabel gegen die Bauchmitte und pfeifen =a tempo=. Verpaßt einer der -Enteriche dabei den genauen Anschluß, so scheint das etwas Uebles zu sein: -er muß alsdann seine Kräuselfedern in die Höhe richten und vernehmlich: -›Räp!‹ rufen --‹« - -»Schäme dich! schäme dich!« rief Taraß laut, »ich habe dir nicht so -was vorgelesen, -- ich habe dir Lieder zur Gusli gesungen!« - -»Ja, wissen Sie warum?« Tamara legte das Buch aus der Hand, »um mir -mit kleinrussischen Klängen mein Nordrußland zu verleiden! Ist denn -Kleinrußland noch Rußland?! Ach, wir zanken uns darüber noch bis zu -Tode!« - -»Nicht wahr! nicht wahr!« rief Taraß dazwischen, »die schönsten Lieder -und die schönsten Sagen sind im Norden und Süden gleich! Der blinde -Sänger unten bei uns singt dir, was bei euch gesungen wird. Aber vom -Süden hinauf ist es gekommen!« - -»Vom Norden zu Euch ist es gekommen!« ereiferte sich Tamara, »von da -oben, wo alles rein russisch blieb. Wo auch später nicht einmal der Tatar -hindrang --.« - -Marianne verließ sie zwischen Küche und Stubenthür im vollsten Streit. -Sie lachte noch, als sie auf den Hof hinaustrat zwischen die gurrenden -Tauben. Beschämt sah sie nach ihrer Uhr. Noch konnte sie rechtzeitig zur -Unterrichtsstunde kommen, doch mußte sie sich tüchtig beeilen. - -Eine Weile später durfte sie endlich für kurze Zeit heimgehn. -- - -Obgleich Marianne müde war, machte sie den Heimweg zu Fuß. Das -Schneetreiben hatte nachgelassen, hier und da schaute schon die Wintersonne -freundlich zwischen zerrissnem Gewölk hervor. - -Marianne liebte es, durch diese Straßen zu wandern, die ihr bei ihren -Gängen tagein, tagaus, jahrein, jahraus vertraut geworden waren wie ein -Heimatort. Das Ungeordnete und Halbasiatische auf vielen von ihnen störte -sie nicht mehr, -- nicht die Bettler oder Betrunkenen, die ihr begegneten, -nicht die grellbemalten Schenkenschilder mitten zwischen dem bizarren Glanz -der zahllosen Kirchen und Kapellchen. - -Und sie mußte lächeln, wenn sie schmale, hügelige Gassen sich plötzlich -auf einen jener Riesenplätze öffnen sah, die wie weite Ebenen sein -konnten, und an deren Rande mitunter kleine Häuser kindlich dastanden wie -Spielzeug neben den ungeheuren Raumverhältnissen mancher Nachbarbauten. - -Denn der Raum hatte hier keine Bedeutung, keinen Hochmut; keine Pracht -schien sich ihrer Größe zu rühmen, und keine Bescheidenheit möglichst -eng zusammenzukriechen. Größe und Kleinheit warfen friedlich ihren -Wert in eins, nachlässig zu einander gesellt, wie Baum und Grashalm in -derselben Landschaft. - -Sogar der Kreml, der von jedem Punkt Allgegenwärtige, erschien fast -nur zufällig groß: als im Grunde wesensgleich irgend einem der kleinen -heiligen Altarschreine in Kapellenform, wie sie Fürst und Bauer zu eigen -besitzen, -- aber von der Inbrunst einer gewaltigen Andacht irgend wann -einmal in solchen Dimensionen geschaut und fixiert, daß er fortan immer -allen sichtbar blieb, immer allen gemeinsam gehörte --. - -Mitten in der Stadt sah sie, wie dort so oft, ein kleines mageres Füllen -neben dem Mutterpferd traben, das einen Lastwagen zog. Das glückliche -Pferd! es brauchte nicht von seinem Kinde fort, wenn es auf Arbeit ging. - -Marianne fand: alle Arbeit, die Frauen thun, müßte so weise eingerichtet -sein. - -Sie seufzte und ging rascher. - -Beim Ueberschreiten eines Fahrdammes mußte Marianne innehalten, weil zwei -Gefährte ineinander geraten waren, was beim wahllosen Durcheinanderjagen -leicht genug geschah. - -Die Fuhrleute schrieen sich an und fluchten sich gegenseitig in die Hölle; -der eine Schlitten wurde frei und flog weiter, am andern war der Gaul -ausgeglitten und gestürzt. - -Ein Mann, der den Schnee vom Fußsteig schaufelte, trat heran, um zu -helfen, doch keine Neugierigen blieben gaffend stehn. Nur ein kleines -Mädchen mit rotem Kopftuch schaute auf das daliegende Pferd und kraute es -im Vorübergehn mitleidig, mit ganz schüchterner Liebkosung, am Stirnhaar, -wie um es zu trösten. Ein Schlitten kam an der Gruppe vorbei und hielt -jählings an. - -Tomasow saß darin. Er warf dem Kutscher ein Geldstück zu, sprang heraus -und ging auf Marianne zu. - -»=Quelle chance, madame!=« sagte er lächelnd, und streckte die Hand aus. - -»Und nun begleiten Sie mich nach Hause!« meinte sie gleich. - -»Aber selbstverständlich.« - -»Das heißt, -- falls Sie nicht etwas Wichtigeres vorhaben --?« - -Tomasow machte ein etwas spöttisches Gesicht. - -»Was sollte ein Tagedieb wie ich besonders Wichtiges vorhaben?« - -»Tagedieb! O pfui!« Sie war entrüstet; -- »Sie sind ja doch Arzt!« - -»Nicht allzusehr. Mir würde es vielleicht bald genügen, Ihrer Gnaden, -Frau Mas, Leibarzt zu sein.« - -Aber sie ging auf den scherzenden Ton nicht ein. - -»Dafür sind Sie noch zu jung, um sich zurückzuziehen. Das wäre sehr, -sehr schade. Für viele!« antwortete sie ernst. - -»Aber ganz und gar nicht! Hier gibt es genug Aerzte für Moskau, -- viel -zu viele, -- sie treten einander auf die Füße. Es ist gradezu eine gute -That, Raum für sie zu schaffen. -- Sie werden sagen: in der Provinz? Ja, -das ist schon etwas andres. Aber Sie wissen, dafür bin ich verdorben. Es -fehlt mir durchaus an der nötigen Aufopferungslust, um in irgend einem -Winkel zu versimpeln, -- als Menschheitsheros oder als stiller Säufer.« - -»Sie sind heute entsetzlich garstig!« rief Marianne und hielt ihren Muff -ans Ohr. Sie lief förmlich von ihm fort. »Warum machen Sie sich schlecht -vor mir? Warum nur? Ich weiß schon selbst, ob Sie was taugen oder nicht.« - -Tomasow suchte nach seinem Kneifer, den er selten trug, und setzte ihn auf, -was seinen Gesichtsausdruck ganz verwandelte, als setze er eine Maske auf. - -»Laufen Sie nicht so schrecklich geschwind,« sagte er; »wollen wir nicht -überhaupt fahren?« - -Marianne schüttelte abwehrend den Kopf. - -»Nein, ich muß ohnehin so viel sitzen. Und die Luft thut jetzt gut. Ich -gehe so gern durch all die Buntheit und Herzlichkeit des Straßenlebens -hier; wenns die Zeit nur öfter erlaubte! Sie nicht?« - -Tomasow zuckte mit einer Gewohnheitsgebärde die Achseln. - -»Wie mans nimmt. Meistens ärgere ich mich dabei, weil ich mich frage, -warum in aller Welt einen das Heimweh immer wieder auf den alten Fleck -zurückzieht? So oft ich versuche, auf längere Zeit fortzugehn, -- ich -komme doch wieder. Was soll man aber hier? Ja, wäre man noch ein richtiger -dem Grabe entstiegener Altrusse von vor Peters Zeiten, so einer mit langem -Bart und langem Kaftan --! Denn sonst würgt man hier ja nur an alledem, -wozu man sich eventuell im europäischen Geistestreiben mit entwickelt -hat. -- -- Ich will mich nicht entschuldigen, aber das macht so merkwürdig -indolent.« - -»Sobald Sie Ihre Russen von Herzen lieben, haben Sie auch einen -Wirkungskreis unter ihnen,« meinte Marianne. - -»O nein! Das ist ein Irrtum. Sehen Sie sich nur einmal das Volk an mit -seinem breiten Gleichmut gegen die ganze eigentliche Welt der Kultur, -- -wie es alle seine wirklich tiefen Interessen anderswo hat, -- was -weiß ich, wo: bei Wind, Wetter, Tod, Musik, Ammenmärchen, -Heiligenbildern -- --. Mit seinen Aufklärern war es noch nie eins. -Gegen sie lehnt es sich auf. Und dies Naturell, dies seelische Tempo, -ist mindestens ebenso oft schuld an seinem Zurückbleiben, wie unsere oft -verrufenen Zustände.« - -»Ich weiß schon! Fangen Sie nur nicht an zu politisieren!« sagte -Marianne. -- »Lieber will ich es sein, die Ihnen von diesem Volk erzählt: -zum Beispiel könnte ich Ihnen davon erzählen, warum ich hier, in dieser -russischen Stadt, so gern grade an Sonntagen eine Gemäldegalerie besuche, -wo auch das Volk vor den Bildern steht --. Es tritt leise auf mit seinen -schweren Stiefeln und ist voll von Andacht. Haben Sie eine solche Andacht -schon anderswo häufig beobachtet? Man muß nur in des Volkes seelische Art -eingehn, um seine Seele zu fassen.« - -»Das mag alles sein. Indessen für den einzelnen bleibt das geistige -Unbehagen, hier zu leben, weil das Volk in seiner Aufklärung noch nicht -weiter ist.« - -»-- Oder weil wir nicht tiefer sind, mit all unserm Geist,« meinte -Marianne nachdenklich. »Jedes Menschenleben sollte doch von jedem Punkt -aus, durch die aufrichtige Macht seines Erlebens, bis in alle Tiefen -gelangen können, -- nicht nur da, wo der Verstand es so herrlich weit -gebracht hat. Könnten wir uns nicht durch unsre einseitige Geistigkeit um -dieses Kostbarste bringen? -- -- Was Ihnen hier auf die Nerven fällt, mein -lieber Freund, das thut mir so unendlich wohl bis in alle Nerven. Es ist -wie ein Trost, wenigstens für den, der, wie ich, nicht mehr mit kann in -der großen Kulturhetze, in den immer rastlosern Fortschritten, in der -ganzen nimmersatten Selbstentwicklung --« - -Marianne sprach lebhaft, fast übereifrig. - -Tomasow warf ihr einen aufmerksamen Blick zu. Es war selten, daß sie etwas -äußerte, was wie Resignation über ihren Tagesberuf klang, der sie zu -nichts anderm kommen ließ. - -»Ein Trost, den Sie aber doch am allerwenigsten brauchen,« bemerkte er, -»so frisch und angeregt wie Sie --« - -»-- Von Stunde zu Stunde laufen!« ergänzte sie mit gutmütiger Ironie. -»Ja, so ist es nun einmal: Zeit und Schwung läßt das nicht übrig. -Und ich würde jetzt eine traurige Rolle spielen in euren glänzenden -Geisteszirkeln, unter euren entwickelten Menschen, von denen Cita und auch -Sie so gern aus eurem ausländischen Leben erzählen --« - -»Unsinn, Ma!« fiel er ein. »Niemand in der Welt eignet sich so herrlich -dazu, wie Sie, zwischen solchen Menschen zu leben. Sie würden dort -strahlen --« - -Marianne schüttelte den Kopf. - -»Nein, das würd ich wohl nicht, und das will ich ja auch gar nicht. Aber -es ist doch gut für mich, daß ich nicht so ganz nah dabei stehn muß --. -Ich würde die Liebe zu meinem Alltagsdasein nicht festzuhalten -vermögen und fühle doch: sie ist das allein Wichtige, das allein -Ausschlaggebende -- --. Hier gibt es ja genug Hochstehende, Schaffende, -Menschen über den Alltag hinaus. Aber sie leben einsam, und leben -insgeheim doch nur für das Volk. Schon der Lärm der offiziellen -Hauptstadt ist ihnen zu viel, deshalb ziehen sie hierher, -- und am -liebsten weit hinaus, bis an die Grenzen der Stadt, wo schon die Gärten -beginnen.« - -Marianne nahm Tomasows Arm und fuhr leiser fort: »Ihnen will ich gestehn, -daß ich manchmal, aus tiefer Sehnsucht nach Erquickung heraus, hier und -da ein Künstleratelier besucht habe -- --. Aber auch die, zu denen ich -nie gekommen bin, meine ich zu kennen, als hätte ich heimliche Zugänge zu -ihnen in allen müden Stunden. -- Für mich gibt es noch ein zweites Moskau -in Moskau, -- mit stillern Straßen, als die ich Tag für Tag betrete, und -mit Häusern, wo große Menschen wohnen, die ich verehre. Und manchmal, -wenn ich so von Stunde zu Stunde haste, belebe ich meine eigne Ermüdung -damit, daß ich mir einbilde, ich ginge gar nicht zu meiner Lehrstunde, -sondern zu einem von ihnen --.« - -»Und immer noch wieder leben Sie ein Leben, wovon man nichts weiß!« -entfuhr es Tomasow. -- »Wie können Sie nur von Schwunglosigkeit sprechen? -Wer so viel Trost wie Sie schöpft aus --« - -»Warten Sie einen Augenblick!« unterbrach Marianne ihn unvermittelt und -zwang ihn, mitten auf der Straße stillzustehn, während sie sehnsüchtig -nach den ausgelegten Waren eines Straßenobsthändlers hinsah. - -Der junge Bursche hatte sein Fruchtbrett vom Kopf gehoben und hielt, sich -vor Marianne und Tomasow auf ein Knie niederlassend, ihnen erwartungsvoll -seine Zitronen, Aepfel und prachtvollen Südtrauben entgegen. - -»Ach, wer kann an so etwas vorübergehn!« bemerkte Marianne seufzend und -wählte mit entzückten Augen unter den großen tiefblauen Trauben. Tomasow -sah zu, wie eifrig sie bei der Sache waren, der junge Händler und sie. -Beide lachten vor Vergnügen. - -»Eben wollte ich damit anfangen, Sie über allerlei zu trösten; aber ich -sehe, es ist gar nicht mehr nötig,« sagte er, als Marianne fertig war; -»Sie sehen aus wie ein beschenktes Kind.« - -»Diese sind auch extra schön! Ich freu mich auf das Erstaunen der -Kinder,« entgegnete sie, schneller ausschreitend, und steckte die Düte -hinter ihren Muff; »beide essen sie gern. -- Aber wir sind wirklich gleich -zu Hause! Wollen Sie nicht ein wenig mit hinaufkommen? Die Kinder würden -so froh sein --« - -»O nein, die haben ja schon die Trauben!« sagte er spitz und schüttelte -den Kopf. »Aber ich würde für mein Leben gern einmal so ein Obstbrett -vor Ihnen ausbreiten, Marianne, -- die schönsten Früchte, -- ganz -unwahrscheinlich schöne, -- damit Sie dann so aussehen, wie jetzt eben.« - -»Dummes Zeug!« meinte sie ärgerlich, »übrigens habe ich ja fast alles -Schöne, was ich besitze, von Ihnen mal geschenkt bekommen. Ist Ihnen das -nicht genug?« - -»Geschenkt? Von mir? Ich wüßte nicht. Es ist nur Ihre eigenste -Spezialität, die Dinge so aufzufassen, als kämen sie Ihnen von andern. -Wenn ich Ihnen wirklich schenken wollte, wär es ganz anders --« - -Marianne blieb stehn. Sie waren am Hause angelangt. - -»Danke für Ihre Begleitung!« sagte sie und gab ihm die Hand. »Sie sind -zwar mitunter garstig gewesen, aber im ganzen doch gut, wie immer.« - -Er antwortete langsam: »Ein klein wenig garstig waren auch Sie. -- -- Daß -Sie mich Ihren Kindern mitbringen wollten, -- gleichsam eine zweite -Düte, neben den Trauben. -- -- Nun, irgendwann werden Sie das schon noch -einsehen.« - -»Auf Wiedersehen!« rief sie heiter und öffnete die Hausthür. - -»Auf Wiedersehen, Ma! So bald als möglich auf Wiedersehen!« - -Marianne lief rasch wie ein Mädchen die zwei Treppen hinauf, oben mußte -sie Atem schöpfen, als sie den Schlüssel in die Thür steckte. Aber alle -ihre Ermüdung war verflogen, das Sprechen und Scherzen mit dem Freunde -hatten sie von ihr fortgenommen. - -Oben schien Besuch zu sein. - -Sie trat vom Vorflur in ihr Wohnzimmer. Ja, da saß ein junger, ganz junger -blonder Mann mit ihren beiden Töchtern und erhob sich ehrfurchtsvoll, als -er ihrer ansichtig wurde. - -»Dies ist Herr Hugo Lanz, Ma,« sagte Sophie vorstellend, »-- du weißt, -wir trafen uns neulich in der Gesellschaft --« - -»Ich komme nur als Abgesandter meiner Verwandten, gnädige Frau,« -erklärte Hugo Lanz mit einer weichen sympathischen Stimme, »es handelt -sich um eine Schlittenfahrt für heute abend. Vor zehn Uhr sind alle wieder -heimgeleitet.« - -»Das ist freundlich von Ihnen,« entgegnete Ma und reichte ihm die Hand, -»ja, fahrt nur, ihr Kinder.« - -»Und du, Ma?« fragte Cita. - -»Ich bin ja heute abend zum Thee bei Tante Ottilie und werde euch dort -entschuldigen, ihr Nichtsnutze.« - -»Aber du wirst heute zu müde sein, Ma,« meinte Sophie bedenklich und -küßte die Mutter. - -»Nein, Kind, ich bin jetzt so frisch. Und morgen ist Sonntag. -- -- Aber -wer fliegt jetzt wie ein Pfeil und zaubert mir geschwind eine heiße, -starke Tasse Thee oder Kakao herbei?« - -Die Mädchen stürzten zur Thür. - -Hugo Lanz sah so heftig diensteifrig aus, als wollte auch er stürzen, aber -er besann sich rechtzeitig auf das Zwecklose eines solchen Unternehmens. - -»Thee also!« rief Sophie. - -»Nein, besser Kakao!« rief Cita. - -Sie verschwanden, und Hugo Lanz blickte ihnen ernsthaft nach -- mit einem -Gesicht, als hätte eine jede von ihnen etwas Geistreiches ausgesprochen, -was lange dunkel in ihm gelegen habe. - -Marianne sah den Blick und sah ihn selbst an und war ihm gut. Daß ihm die -Gesellschaft dieser jungen, hübschen und geweckten Mädchen ausnehmend -gefiel, begriff sie vollkommen und fand es in der Ordnung. Auch fürchtete -sie nie, daß ihre Töchter je zu »gelehrt« werden könnten, um zu -gefallen. Ihr war zu gut bekannt, wie sehr dabei nicht der Kopf, sondern -das Temperament entscheidet. - -»Sie sind noch nicht lange hier?« bemerkte sie freundlich, um dem Gast -die Zwischenzeit füllen zu helfen. - -»Nein. Ueberhaupt nur für einige Monate zu Besuch bei hiesigen -Verwandten. Dann soll ich nach Deutschland zurück, um Kaufmann zu -werden.« - -Er sagte das trübe. Sie fragte nicht, doch traf ihn ihr Blick so warm -und mütterlich, daß er spontan fortfuhr: »Mein Traum war, Künstler zu -werden.« - -Sie fragte auch nicht: in welcher Kunst? Sie sagte nur sehr weich: - -»Der höchste Traum. Und die schwerste Erfüllung.« - -Er hob die Augen bescheiden zu ihr. - -»Aber man soll doch nicht gleich anfangs verzagen, nicht wahr? Ich fühle -so bestimmt: ich könnte mich dazu durchringen, wenn man mich nicht so -ganz in die Familie einengen wollte. Ein Künstler und jeder, der es werden -will, braucht Freiheit.« - -Marianne nickte. - -»Mehr als Freiheit: Heimat,« sagte sie unwillkürlich. - -Hugo Lanz sah sie fragend und wie erwartend an. Ihre Art und Weise nahm ihn -leise gefangen. - -»Ich meine,« versuchte Marianne zu erklären, »niemand braucht so sehr -als er breitesten Spielraum, weil alle seine Bewegungen unberechenbarer, -unbezwingbarer sind, als die irgend welcher andern Entwicklung. Aber -in seiner angebornen Sensitivität, in seiner fast hilflosen -Eindrucksfähigkeit hat er zugleich, wie niemand anders, Furcht vor der -Fremde. Seine Freiheit mag sich noch so breit strecken wollen, aber an den -äußersten Grenzen seiner Freiheit, da muß er Heimat um sich fühlen, -- -eine Welt, der er vertraut.« - -Aus dem Klang ihrer Stimme vibrierte etwas, als wenn sie jedes ihrer Worte -aus tiefen, warmen Glückserfahrungen hebe. Weniger in den Worten selbst, -als in diesem Stimmklang lag etwas Suggestives, was Hugo Lanz ergriff. - -»Das ist so nur in einem Paradies!« rief er. -- »In Wirklichkeit gibt es -das nicht,« setzte er traurig hinzu. - -Marianne widersprach nicht. - -Sie schwieg, doch ihre Augen widersprachen. Sie leuchteten in so ruhigem -Glanz und wendeten sich unwillkürlich dem verschlossnen Rahmen auf dem -Schreibtisch zu. - -Da vernahm man von der Thür her Gelächter. - -Die Mädchen kehrten zurück, jede mit einer vollgefüllten Tasse in -der Hand. Den Blick starr auf ihre Tassen geheftet, deren Inhalt -überzuschlagen drohte, näherten sie sich langsam und feierlich dem -Schreibtisch, neben dem die Mutter auf ihrem gewohnten Lieblingsstuhle -saß. - -»Thee schmeckt bei weitem schöner und regt an, hat Ma stets gesagt,« -behauptete Sophie. - -»Kakao ist ihr bei weitem gesunder, hat Doktor Tomasow stets gesagt,« -behauptete Cita, »-- und zwischen dem Schönen und dem Guten, Nützlichen, -wirst du doch nicht lange zaudern, Ma! Bedenke auch, welche schlechte -Einwirkung ein böses Beispiel auf uns haben, könnte.« - -»O du überredest, das ist gegen alle Abmachung!« rief Sophie voll -Unwillen. - -»Ein Jurist überredet nie genügend, Sophie! -- Also: erst jedenfalls das -Schöne, -- und dann auch noch das Gute, Nützliche,« entschied die Mutter -sofort und zog lachend alle beiden Tassen zu sich heran. - -Cita hockte sich auf die Seitenlehne ihres Lutherstuhles. - -»Du unmoralische Mutter!« sagte sie. - -Hugo Lanz hatte sich beim Eintritt der Mädchen erhoben. Er sah ganz -zerstreut aus. Ihm erschienen mit einemmal alle beide doch noch recht -kindisch, ohne daß er ahnte, wie außerordentlich damit sein Urteil in der -Richtung fehlging. - -Wohl empfand er den heitern Reiz der kleinen harmlosen Familienscene, -aber ihm schien, daß alles Intime dieses Reizes doch ganz und gar nur von -dieser köstlichen Frau mit der jungen Stimme und den mütterlichen Augen -ausginge. - -»Wollen Sie wirklich schon gehn?« fragte Marianne freundlich, als er sich -jetzt ehrerbietig von ihr verabschiedete. »Nun, ich danke Ihnen noch für -die überbrachte Einladung. Und seien Sie uns hier zwanglos willkommen, -falls einmal Weg und Stimmung Sie bei uns vorüberführen.« - -»-- Ja, gnädige Frau, wenn ich das dürfte, -- dann danke ich Ihnen von -ganzem Herzen dafür, aber --« er stockte, »-- dann lassen Sie mich nicht -als einen Fremden kommen und gehn, denn das -- das würde ich nach diesem -kurzen Gespräch schon nicht mehr ertragen,« fügte er leiser, sehr rasch -und, im sichtlichen Kampf gegen seine eigne Schüchternheit, fast heftig -hinzu. - -Die Bitte, wiederkommen zu dürfen, hatte er vor einer Stunde erst der -Töchter wegen an sie richten wollen --. - -Marianne gab keinen Bescheid in Worten, aber er empfand ihr ganzes Wesen -als eine Antwort. Mit Bestimmtheit fühlte er, daß er von heute an hier -nur noch einkehren würde, wie man bei einer Mutter einkehrt, und nur -allein ihretwegen. - -Als er sich beim Abschied über ihre Hand beugte, gab ihm Marianne -unwillkürlich jenen Stirnkuß, auf den nach russischer Haussitte der -Gast Anspruch hat. Und als er sein Gesicht erhob, lag eine so dankbare -Kindlichkeit auf seinen jungen Zügen, daß sie Marianne rührte. - -Sobald sich die Zimmerthür hinter ihm geschlossen hatte, bemerkte Cita mit -einem Lächeln: »_Der_ sah dich ja aber mal eben kurios an, Ma. Weißt du, -wie? Ungefähr so, wie wenns ihm schlecht ginge, und er dir gleich den Kopf -in den Schoß wühlen möchte, um dir zu beichten und von dir getröstet zu -werden.« - -Sophie mußte lachen. - -Cita fuhr, nicht ganz frei von Spott, fort: »Ja, sind Männer nicht -eigentlich höchst wunderliche Pflanzen? So etwas Unmännliches sind sie, -scheint mir. Es klingt gewiß dumm, aber sag selbst, Ma! Könntest du dir -leicht vorstellen, daß ich irgend jemand so -- so hilfsbedürftig ansähe? -Nein, im Gegenteil: kerzengrade würd ich mich grade dann recken. -- -- -Alles andre ist eben Schwäche.« - -Marianne lächelte fein. - -»Nicht notwendig Schwäche. -- -- Schwere Aehren stehn auch nicht -kerzengrade,« sagte sie. - -Aber in ihrem Innern empfand sie bei Citas Worten einen heimlichen Stich. -Cita, ihr tüchtiges, kernfestes Mädchen! Sie konnte ihr vertrauen und mit -ihr reden über alle Sorgen und Nöte, fast wie mit einem klugen Freunde, -ja fast wie mit einem Mann --. - -Ja, das alles konnte sie. Aber -- den Kopf noch einmal -anschmiegungsbedürftig in Mas Schoß wühlen, das würde Cita doch wohl -nie mehr --. - -Sophie hatte sich ans Fenster gestellt. Sie sah Hugo Lanz, der aus dem -Hause herausgetreten war, unten über den Fahrdamm gehn. Er sah schlank und -fein aus in der dunkeln Pelzmütze und trotz des Pelzes, der alle Konturen -vermischte. Eigentlich gefiel er ihr doch sehr gut, viel besser, als sie es -Citas Spottlust einzugestehn wagte. - -Jetzt äußerte sie aber doch: - -»Du, -- den mag ich trotzdem gern. Warum soll er auch Ma nicht angucken, -wie er will? -- -- Ich habe mich mit ihm schon prachtvoll unterhalten, -neulich in der Gesellschaft, ehe du hier warst, Cita. Ich erzählte ihm von -den höhern Mädchenkursen, und dann, daß mich die Naturwissenschaften so -sehr interessieren, -- daß ich aber noch weit lieber ein Arzt würde, -- -grade wie Doktor Tomasow.« - -»Aber das alles sind ja dem jungen Dichter völlig gleichgültige -Beschäftigungen, Sophie,« meinte Cita und trug die Tassen der Mutter -hinaus. - -»Die Beschäftigungen an sich: ja!« gab Sophie kleinlaut zu und schaute -noch immer angestrengt einem dunkeln Punkt in weiter Entfernung -- einer -Pelzmütze -- nach, obschon sie nicht mehr ganz sicher war, ob es nicht -längst eine andre Mütze auf dem Kopfe eines andern sei. »Aber,« fuhr -sie eifrig fort, »auf die Art der Beschäftigung kommt es auch nicht -an, sondern darauf, daß er _auch_ hinausstrebt, -- fort, hinaus! Mit dem -einzigen Unterschied, daß er das infolge von Gedichten thut. Das schadet -aber doch nichts. Die Hauptsache haben wir doch gemeinsam. Auch ihm ist -eng, auch er hat allerlei Träume, die er kaum zu Hause zu nennen wagt, -- -auch seine Pläne lassen sich nun einmal nicht zu Hause verwirklichen. Und -seine Familie, -- die hält ihn. Wie sollten wir da nicht sympathisieren?! -Wie sehr kann ich ihm doch das alles nachfüh--.« - -Sie stockte jäh. - -Die Nase an die Scheibe gedrückt, hatte sie ganz vergessen, wo sie sich -eigentlich befand. Ihr ward plötzlich erst bewußt, was sie da sagte. - -Cita konnte es überhaupt nicht mehr hören, die war ja eben mit den beiden -Tassen hinausgegangen. - -Aber da, im Luthersessel vor dem Schreibtisch, mit dem Gesicht grade zum -Fenster, da saß, Sophie im Rücken, ganz schweigsam -- Ma -- - -Einen Augenblick lang, einen Augenblick nur, war ihr Ma wirklich ganz und -gar aus dem Gedächtnis entschwunden gewesen. - -Wohl eine volle Minute stand Sophie wie erstarrt. Sie bekam ein Gefühl, -als wär es noch besser, sich mit ihrer kleinen Nase ganz durch das -Fensterglas durchzubohren, um nie, nie wieder die Augen zurückwenden zu -müssen. - -Ihr Herz schlug heftig, sprunghaft, die Lippen wurden ihr trocken. »Arme, -süße, liebe Ma!« dachte sie außer sich, voller Wut. - -Plötzlich drehte sich Sophie gewaltsam um, zu ihrem eignen Schreck. Sie -sah das Zimmer vor sich wie im Nebel. Sie lief auf die Mutter zu, fiel vor -ihr auf die Kniee und umhalste sie wortlos, stürmisch. - -»Ach Ma, -- dummes Zeug -- solch dummes, -- ich benutzte unwillkürlich -seine Worte, -- weißt du: einfach seine Worte -- sie passen ja auch einzig -und allein für ihn, alle, alle diese Worte!« stammelte sie endlich, ganz -in Thränen, und dann lachte sie fast ein wenig, verlegen und sonderbar. - -Marianne herzte sie ganz leise. - -»Aber -- du wildes Mädchen, -- wie kann man sich dermaßen erregen! -Viel zu leicht erregt bist du, weißt du das? Du mußt dich besser -zusammennehmen. -- Komm, sei nun wieder ruhig und mein liebes altes heitres -Kind, -- ja?« - -Sophie hob den Kopf. Bei diesen sanften Worten verflog langsam ihr Schreck, -sänftigte sich auch ihre Reue. -- Vielleicht hatte Ma gar nicht so genau -hingehört vorhin -- --. - -Marianne strich ihr liebreich über das schimmernde blonde Haar. Ihre Augen -aber schauten großgeöffnet über ihr Kind hinweg. - -Dann stand sie auf. - -»Man braucht nur ein wenig wieder ›daheim‹ zu sein, um gleich wieder -zu vergessen, daß es auch noch ein ›Draußen‹ mit allerlei Pflichten -gibt, -- ich muß ja fort,« sagte sie zu Cita, die eben eintrat und einen -heimlich verwunderten Blick auf das thränenfeuchte, gerötete Gesicht der -Schwester warf. - -»Ach, mußt du schon gehn, Ma? Ist es nicht zu früh?« Cita holte schnell -den Pelz und die Ueberschuhe vom Vorflur herein. »Komm, ich helfe dir! Du -wirst wohl von Tante Ottilie später nach Hause kommen, als wir.« - -»Wohl nur wenig später,« meinte Marianne, »und ihr wißt: wer zuerst -kommt, geht schlafen, ohne zu warten, -- nach unsrer alten Verabredung.« - -»Es ist aber wirklich noch viel zu früh, deine Stunde fängt viel später -an,« murmelte Sophie, die der Schwester Mas Ueberschuhe hastig aus der -Hand gezogen hatte. Sie kniete mit ihnen zu Füßen der Mutter, um sie ihr -anzuziehen. - -Marianne ließ es schweigend geschehen. - -»Lebt wohl, ihr Kinder, und vergnügt euch so gut wie möglich! Der Himmel -ist jetzt klar, und ich denke, ihr bekommt herrlichen Sternenschein zu -eurer Ausfahrt.« - -Sie sagte es einfach und harmlos. Aber die Art, wie sie beide noch einmal -küßte, war voll unterdrückter Leidenschaftlichkeit. Rasch ging sie fort. - -Die reine kalte Winterluft draußen that ihr wohl. Ihr war das Herz -plötzlich so schwer geworden, so bange und schwer. - -Einen Augenblick lang, vorhin, fühlte sie deutlich, -- so deutlich wie in -einer grellen höhnischen Beleuchtung, die sie blendete und verwirrte, -- -ihre beiden Kinder fern von sich: die eine lebenssicher, im Grunde fertig, -nur noch ein Gast im Mutterheim, und die andre -- ja, die andre sich -sehnend, -- sich von ihr hinwegsehnend. - -Es war in der That noch nicht die Zeit für die beiden Privatstunden, -die sie, ganz in der Nähe von Ottiliens Wohnung, in einem reichen -Kaufmannshause zu geben hatte. Es hatte sie nur nicht länger gelitten, mit -ihrer wehen Angst, unter den Augen der Kinder. - -Marianne ging einige Straßen weit in der Richtung auf ihr Ziel, dann blieb -sie unterwegs vor einem Stift für arme Frauen stehn. Von zwei kleinern -Nebenbauten flankiert, lag es lang und flach hinter einem grün -angestrichenen hölzernen Zaun. - -Noch ehe sie sich überlegt hatte, ob sie eintreten wolle, war sie bereits -aus einem Fenster des Erdgeschosses von derjenigen bemerkt worden, der ihr -Besuch galt. - -Kaum stand sie im steingepflasterten Flur, der die ganze Mitte des Hauses -durchschnitt, als sich auch schon eine der vielen Zimmerthüren zu seinen -beiden Seiten öffnete, und die ihr wohlbekannte energische Stimme auf -russisch erfreut herausrief: »Willkommen! Willkommen! Frau Marinka!« - -Aus dem Hintergrunde des Flurs, wo dieser in ziemlich dunkle Küchenräume -zu münden schien, quoll starker Dampf und Speisegeruch. Eine dralle Magd, -mit aufgekrempelten Aermeln und in Bastschuhen, schlürfte vorüber. - -Aber im Zimmer selbst, das Marianne betrat, war es, trotz seiner rohen -grellbunten Tapete und den ungestrichenen Dielen, nicht unbehaglich. Wer -hier eigne Möbel um sich aufstellen konnte, entbehrte nicht ganz eines -gewissen Komforts. - -Aus einem Sessel am Fenster hatte sich eine große, starkknochige -Sechzigerin erhoben und ging Marianne belebt entgegen, wobei sie sich auf -einen Stock stützte. - -»Nun, meine Liebe, das ist wirklich aufopfernd von Ihnen, -- ich wäre -Ihnen auch längst auf dem zugkalten Flur entgegengelaufen, aber, Sie -wissen: die dumme Gicht! Und Doktor Tomasows Verbot! -- Setzen Sie sich, -meine Einzige; was kann ich Ihnen anbieten: Thee, Obst, Schokolade, Konfekt -oder etwa kaltes Rebhuhn?« -- fragte sie, in rascher, lebhafter Rede, mit -der Miene einer Schloßfrau, die bewirtet; zugleich hob sie den Krückstock -und deutete damit auf die verschiedenen Stellen im Zimmer, wo die -angebotenen Herrlichkeiten ihren Platz gefunden hatten. - -Marianne mußte lächeln, sie sah um sich. Ja, da standen in der That -allerlei Leckereien, -- die guten Bekannten hatten sie gebracht. - -»Ach, Wera Petrowna, das ist ganz gut, aber daß Sie hier wohnen müssen! -Sie sollten es jetzt besser haben: hat Tomasow Ihnen von der neuen billigen -Pension erzählt?« - -Wera Petrowna lachte voll Nichtachtung und zeigte dabei ihre starken, -gelblichen, wohlerhaltenen Zähne. - -»Thorheit, meine Liebe, Thorheit!« sagte sie und zog Marianne neben sich -auf das große, mit verblichener geblümter Wolle überzogene Sofa. »Von -meinem winzigen Gelde kann ich auch in der billigsten Pension nicht leben. -Armenstift, -- das ist Vorurteil. -- Und Konfekt und Rebhuhn, das ist ja -recht schön, aber wenn meine Verwandten glauben, daß sie mich dadurch -ködern und willfährig machen können, -- daß ich deshalb bei ihnen -irgendwie als gute Tante unterkriechen würde! -- Ich esse einfach die -guten Sachen, und komme doch nicht.« - -Die Alte wußte ganz gut, welch schmerzlicher Stein des Anstoßes ihren -ansehnlichen Verwandten ihr »Schloß« war, wie sie das Armenasyl nannte. - -Sie nahm bedächtig eine Prise. - -»Kommen Sie nicht vielleicht morgen zu uns zum Frühstück?« fragte -Marianne. »Heute habe ich knapp Zeit, aber dann könnten wir von den -Weihnachtseinkäufen plaudern. Ich weiß schon, daß Sie so gut sind, -mir mancherlei Besorgungen abzunehmen, -- ich komme ja erst dicht vor -Thorschluß dazu.« - -Wera Petrowna nickte. - -»Ja, so gut bin ich, -- sehr gern, thu ich sehr gern. Sie wissen ja, wie -für mein Leben gern ich in den schönen Läden herumflankiere. -- Mit -einigen blanken Rubeln oder ein paar Papierscheinchen lauter gute -Dinge ansehen und bestellen, -- nun, und die Verkäufer, die haben auch -höllischen Respekt vor meinen scharfen Augen und müssen herzeigen, -worauf ich mit dem Stock weise, -- und sollten sie sich selbst beim -Hinundherklettern den Hals verrenken.« - -»Aber reinen Mund vor den Kindern!« warnte Marianne. - -»Natürlich. Freue mich recht, morgen die beiden wiederzusehen. Sah die -Cita ja lange nicht. Und sie sind beide so recht hübsch zum Ansehen, -- -nun, auch zum Sprechen gut, wirklich sehr gut. Schade, zu denken, daß so -was bald weggeheiratet wird. Schade, schade.« - -»Ganz so pessimistisch urteile ich darüber nicht, ein solches Fortgehn -ist nicht das schlimmste Fortgehn,« sagte Marianne leise. - -»Nun, ist vielleicht auch wahr. Wenn ich so denke, wie es mir erging. -Verschlagen ins ärgste Gutsleben in entlegenster russischer Provinz -- -vom ersten Tage der Ehe an. Und hineingekommen mitten aus der feinsten -städtischen Erziehung, -- ja, alles, was wahr ist: mitten aus den feinsten -Pensionaten und voll von allerlei Bildungsbedürfnissen. Und trotzdem -- -was meinen Sie wohl? -- trotzdem hab ich doch diesen Menschen bis an seinen -Tod angebetet, diesen prachtvollen Jungen, meinen Mann! Konnte er etwa mehr -als Gutsarbeit, Trinken, Spielen --? Nein, keine Spur! Und brutal war er -auch, wenn er nicht grade zärtlich war. Was that mir das alles? Tottreten -hätt er mich dürfen! -- -- Nun ja, Leidenschaft ist blind und taub, das -weiß man ja, -- und mitunter ist sie auch unglaublich dauerhaft dabei, --- das muß wahr sein. -- -- Die längste Zeit des Lebens ist man einfach -verrückt.« - -Es klang fast cynisch. Marianne kannte diesen Ton. Aber auch das kannte -sie: daß Wera Petrowna dasaß und durch ihr lebhaftes Erzählen von irgend -etwas Marianne von der Unterhaltung enthob, weil sie merkte, wie wenig -Marianne, ihrer lieben »Marinka«, nach Unterhaltung zu Mute sei. Und was -merkte sie nicht? Gewiß schon bei den ersten Begrüßungsworten hatten -diese hellgrauen fast ironisch blickenden Augen alles, was sie wollten, -gesehen. - -Wera Petrowna griff nach einem frisch angebrochenen Zigarettenkästchen und -machte Feuer. - -»Geschenk von meinem Neffen!« bemerkte sie kurz. »Und Sie rauchen noch -immer nicht? -- -- Wird auch noch kommen, meine Einzige, wird auch noch -kommen. Wissen Sie überhaupt: alle wahren Genüsse kommen im Alter, -- und -so weit sind Sie eben noch immer nicht, Sie Aermste. -- Da hat man nämlich -erst die Ruhe dazu, -- ich meine: so die inwendige Ruhe. Man hat -kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt nicht alles so wahnsinnig -persönlich, woraus ja doch allein alle schrecklichen Schmerzen kommen. -- -Nun, ich will Ihnen übrigens alle diese spannenden Vorteile nicht vorweg -erzählen, Sie erleben sie ja auch noch. -- Es ist wirklich zu schön, -sagte der Bauer, und da ließ er sich zur Ader, so lange, bis er -starb --.« - -Sie lachte auf und rauchte wie ein Schornstein. - -Marianne sah nach der Uhr. - -»Jetzt muß ich zur Stunde,« sagte sie bedauernd, »also auf morgen. Wie -gut und ruhig sitzt es sich bei Ihnen, man ruht aus.« - -»Ja, mein Täubchen, wollten Sie nur noch bleiben, -- ich würde gern das -Maul halten; übrigens, ich begleite Sie, wenn Sie erlauben. Fahre mit der -Pferdebahn von der Ecke an in der Richtung der Schmiedebrücke. Ich habe, -weiß Gott, hier nichts zu thun. -- Für gestern abend bekam ich richtig -noch ein überzähliges Theaterbillett zugesteckt. Ein Lotterleben führt -die Alte, was?« - -Sie erhob sich schwerfällig und streichelte Marianne liebkosend die Wange. - -»Ein Leben, um dessen Frische und Elastizität der Jüngste Sie beneiden -muß,« versetzte Marianne, »wer von uns würd es an Ihrer Stelle wohl -ohne Trübsal aushalten -- bei diesem Mangel an dem Ihnen gewohnten Behagen -und Ueberfluß?« - -Wera Petrowna hatte ihre Haube von dem ganz dünnen grauen Haar -heruntergenommen und band sich umständlich einen wattierten Kapottehut, -mit Ohrenklappen für den Wind, auf dem Kopf fest. - -»Behagen? Da hust ich drauf!« antwortete sie derb, und es wetterleuchtete -von Spott über ihren scharf geschnittenen Zügen; »was schert mich denn -das bißchen Behagen? Eiderdaunen und Tischporzellan, fette Braten und -Dienerschaft rechts und links, bis man sich nicht mehr rührt noch regt, -sondern irgendwo einschläft. Mit all dem Behagen haben wir uns da hinten -auf dem Gut gestopft, wie Mastgänse. Das Behagen quoll uns direkt zum -Halse heraus. Aber das Leben stand mir still, -- all mein Leben, bis auf -das eine verliebter Leute. Nun bin ich als Mastgans alt geworden, aber vom -Leben will ich noch schnell was mitnehmen, soviel eben eine alte Gans noch -begreift.« - -Sie ließ sich von Marianne in ihren Pelz helfen, versorgte sich reichlich -mit Zigaretten und klapperte mit ihrem Stock auf den steinernen Flur -hinaus. - -Sie gingen nur ein kleines Stück gemeinsam, bis zu der Pferdebahn. - -»Sehen Sie, da kommt sie schon!« sagte Wera Petrowna mit -innigem Vergnügen und wies mit ihrem Stock auf den herannahenden -Straßenbahnwagen: »Und nun geht es für bloße fünf Kopeken mitten -hinein in die Wagen und Menschen, Schauläden und Ausstellungen -- und -sogar in die Unglücksfälle -- meinetwegen, wenn das Genick doch schon -gebrochen sein muß.« - -Marianne blieb lächelnd stehn, bis sie die Alte im Inneren des Wagens gut -placiert sah, dann schritt sie schneller aus, zu ihrer Privatstunde. - -Die Eindrücke des heutigen Nachmittags zu Hause traten dabei langsam in -den Hintergrund, und die Notwendigkeit, alles zurückzudrängen, was sie -nicht in ihren Beruf mitbringen durfte, erwies sich, wie so oft, heilsam -befreiend für ihre Stimmung. Als sie vom Unterricht zu ihrer Schwester -ging, hatte ihre Grundnatur, getrost und tapfer, bereits wieder den Sieg -über die Traurigkeit gewonnen. - -Es war schon halb neun Uhr. Sie kam bei Ottilie grade noch zum Abendthee -zurecht. Neben dem Tisch im Eßzimmer dampfte schon der silberne Samowar -auf seinem Gestell, die Theegläser standen bereit und dazwischen -flache Schüsseln mit eingekochten Früchten und mit winzigen belegten -Brotschnittchen, -- jedes grade ein Mundvoll groß, fast so zierlich wie -Konfekt hergerichtet. - -»Aber seid ihr etwa nicht allein heute?« fragte Marianne beunruhigt, als -sie diese kunstvollen Zuthaten zum Abendthee wahrnahm und die hübschen -gestickten Tellerservietten, -- Ottiliens eigne mühsame Handarbeit. - -»So gut wie allein,« versetzte ihr Schwager, der sie empfangen und -hereingeführt hatte, »Ottilie sitzt nur noch drinnen mit einem Fräulein --- eine ausländische Konzertsängerin, glaub ich --. Jedenfalls schwärmt -Tilie für das Fräulein Clarissa.« - -Er machte bei seinen Worten ein gutmütiges, behagliches Gesicht. Ihm -gefiel, wenn schon nicht die Konzertsängerin, so doch der um ihretwillen -so schön bestellte Theetisch sehr gut. - -Ueber die Schüssel mit den zierlichen Brotscheibchen gebeugt, steckte er -eins davon, mit geräuchertem zartrotem Lachs belegt, in den Mund. Grade -wollte er Marianne auffordern, sich der gleichen Beschäftigung hinzugeben, -als seine Frau mit dem fremden Fräulein bereits eintrat. - -Nun wurde nach den Kindern gerufen, man nahm geräuschvoll Platz und -tauschte die üblichen Redensarten. Inotschka, die dreizehnjährige -Tochter, erschien schüchtern an der Thür, sie machte vor der Fremden -ihren eingelernten Knix mit einer Befangenheit, die sie linkisch aussehen -ließ und die schlanke Grazie ihrer feinen Bewegungen ganz verwischte. - -Rot bis an den lichtbraunen Haarschopf über ihrer Stirn, setzte sie sich -in ängstlicher Haltung neben ihre Mutter, deren Stirnrunzeln sie schon -bemerkt hatte. Aber dabei flog ihr Blick mit einem Aufleuchten zu Marianne -hinüber, die von ihr in all der Verlegenheit nicht einmal begrüßt worden -war. Dafür grüßten sie ihre Augen nun fortwährend und brachten dadurch -ihr Theeglas in Gefahr, von den unachtsamen schmalen, rötlichen Händen -umgestoßen zu werden. - -Nikolai, der älteste Sohn, ein großer Junge in der kleidsamen -Gymnasiastenuniform, saß neben Marianne, mit der er sich ebenfalls -besonders gut stand. An seinen freien Montagnachmittagen war er ihr -Schüler, da trieben sie auf Wunsch des Vaters englische und französische -Konversationsstudien, und bei diesen Gelegenheiten hatte er mit vielen -grammatikalischen Fehlern Marianne mehr von seinen vierzehnjährigen -Wünschen und Nöten anvertraut, als je auf gut russisch seinen eignen -Eltern. Heute klagte er Marianne heimlich, mit ausdrucksvollen Andeutungen, -sein Leid über diesen unerwarteten Damenbesuch; er wollte zu bestimmter -Stunde einen Kameraden treffen, und nun konnte »die Geschichte schrecklich -lange dauern hier bei Tisch«. - -Seine beiden kleinen Brüder schauten hinter ihren breiten Milchtassen nur -ganz verstohlen auf den fremden Gast in dem für einen simpeln Familienthee -etwas zu prächtig geratenen Gesellschaftsanzug. Sie waren beide -beängstigend artig, -- so artig, wie, nach Mariannens in diesem Punkt -ziemlich trüben Lebenserfahrungen, lebhafte Kinder nur dann sind, wenn -sich bald darauf etwas Fürchterliches ereignet. - -Aber diese Kleinen hier regierte auch bei Tisch der wachsame Blick ihrer -Mutter mit unmerklicher Strenge. Der Jüngste, Mariannens Liebling, war -schon zu Bett. - -Ottilie verstand es musterhaft, in sich stets gleichbleibender -Liebenswürdigkeit sowohl für die Unterhaltung wie für das Betragen der -Kinder zu sorgen. Und während sie emsig ihrem Mann den Thee auf seine ganz -spezielle Weise mit Fruchtgelee anrührte, blieb sie doch ganz Ohr und -fiel bei jeder heitern Aeußerung ihres Gastes mit einem kleinen hellen, -klingenden Lachen ein. - -»Sie ist darin einfach bewunderungswürdig!« dachte Marianne aufrichtig, -die inzwischen ganz still geworden war. Sie hatte genug damit zu thun, -gegen ihre Abspannung anzukämpfen, von der sie an solchen Tagen, beim -ersten Nachlassen von Pflicht oder Freude, überfallen werden konnte. - -Hin und wieder verschwammen ihr die Worte der andern in einem eintönigen -Gesumm. Sie wußte sich sogar ganz gut im stande -- zu ihrer eignen -Beschämung --, auf diesem bequemen Stuhl mitten unter ihnen allen recht -tief und süß einzunicken, um dann zu einer gegebenen Zeit frisch und -heiter zu erwachen, von neuem aller ihrer Kräfte Meister --. - -Erschrocken bemühte sie sich, besser zuzuhören. Fräulein Clarissa -schwärmte soeben von Oesterreich. - -»Das ist ganz Wasser auf die Mühle meiner Frau!« sagte der Schwager. --- »Die ist ganz versessen drauf, und nun gar Wien! -- Hier ist nur das -Diesseits, dort das schönere Jenseits: so etwa denkt sie sichs. Und die -Praterfahrten, und die feschen Offiziere, -- nicht wahr, Tilie?« - -Er sprach mit gutmütigem Spott, Stockrusse, wie er durch und durch war, -kaum je über die Landesgrenze gekommen, und vielleicht zu seiner eignen -Verwunderung mit einer halben Nichtrussin verheiratet. Sein naiver -Chauvinismus kam seiner Karriere als höherer Beamter sehr zu statten, war -indessen intensiv ehrlich gemeint. - -Ottilie erwiderte gar nichts. Doch hatten sich alle Züge ihres Gesichtes -während seiner Worte verändert, strafften sich plötzlich, -- es sah aus, -wie wenn sie sich auf Eis legte. Die Theekanne zitterte leicht in ihrer -Hand. - -Nur Marianne bemerkte es. Ganz erstaunt sah sie die Schwester an. Ach so, --- der fesche Offizier?! -- Nein, das konnt es doch wohl nicht sein? Ein -österreichisch-ungarischer schmucker Husar, Leichtfuß und nichtssagend, -hatte Ottilie einst einen Heiratsantrag gemacht -- in gänzlicher -Verkennung der materiellen Verhältnisse. Eine belanglose Schwärmerei -Ottiliens. Wie belanglos, das empfand Marianne damals doppelt deutlich -gegenüber ihrem eignen Bündnis, das sie kurz zuvor eingegangen war. - -Sie erinnerte sich noch ganz gut, wie heftig der zigeunerische Teint und -die Husarentracht die Schwester bestachen. Und um wie viel älter sie -sich selbst urplötzlich daneben vorkam. Um so viel älter wie erglühende -inbrünstige Jugend neben den Gefühlswallungen der Backfischentwicklung. - -Ottiliens Mann hatte die Bedeutung dieses ominösen Husaren offenbar rein -vergessen. Ottilie hatte sie jedoch sonderbarerweise hinter ihrer ruhigen, -liebenswürdigen Verschlossenheit ganz und gar nicht vergessen. Der -Schwager schien nicht allzuviel Ahnung von den geheimen »Tiefen« in -seiner Frau zu haben. - -Nikolai rückte immer unruhiger auf seinem Stuhl herum und schielte nach -der großen Wanduhr gegenüber. Er wagte aber nicht, aufzustehn. Der Blick -seiner Mutter, der jetzt um eine Nuance schärfer und gereizter schien -als vorher, mahnte ihn wiederholt daran, daß auch er einen, wenn auch nur -bescheidenen Beitrag zur Unterhaltung zu liefern habe, weil es sich für -seine Jahre schicke, die Umgangsformen zu üben. - -Nikolai zermarterte sein Gehirn. Ihm kam eine entsetzliche Menge von -Gedanken und Vorstellungen, aber sie waren alle so merkwürdig unpassend. - -Schon war er nahe daran, bei Tante Marianne einen kleinen Gedanken zu -borgen. Da fiel ihm grade noch etwas ein, und er sagte ganz verzweifelt, -- -viel zu laut mitten hinein ins Gespräch der übrigen: »In unsrer Schule -ist ein Junge für immer abhanden gekommen.« - -»Wie denn abhanden gekommen?« fragte Marianne befremdet. - -»Ja so, ganz abhanden. Er war dort Pensionär, lief fort und hinterließ -einen Zettel, daß er sich töten wolle. Niemand weiß, wo und was. Seine -Eltern leben in Südrußland. Man hat ihn noch nicht aufgefunden.« - -Ein kleiner Alarm entstand am Theetisch. Nikolai war ganz stolz. Alle -redeten durcheinander. - -»Mein Himmel, daß du das auch nicht gleich erzählt hast!« rief sein -Vater. - -Nikolai nahm sich das heimlich bereits für das nächste Mal vor, wenn -wieder ein Junge abhanden kommen sollte. Er hatte gefürchtet, es sei im -Hinblick auf einen Gast ein zu bescheidener Beitrag. - -Ottilie seufzte. Sie sah streng und bitter aus. - -»Das sind Zustände!« bemerkte sie empört. -- »Ja, wenn schon die -Kinder so anfangen! Dann ist es freilich nicht zu verwundern, wenn sie sich -ohne alle Zucht und Sitte erst recht töten, nachdem man sie glücklich -bis zum Erwachsensein durchgebracht hat. Was für ein Kind muß das gewesen -sein, das so etwas Schändliches thut.« - -»Und welch eine Behandlung, die so etwas ermöglicht!« setzte Marianne im -stillen hinzu. Sie erschauerte. Konnte man sich wohl je genügend tief in -eine Kinderseele hineindenken, die zu solchen Entschlüssen gelangt war? -Vielleicht bezwungen vom Heimweh, -- von irgend einer unverstandenen Angst, --- Angst vor dem ganzen Leben selbst vielleicht, -- wer weiß es denn? - -Und ihr wurde das Herz ganz weit und groß, als müßte sichs über eine -Welt ausdehnen und alle Kinder darin umfassen, -- mit solcher Wärme und -Inbrunst umfassen, daß keins davon ausgeschlossen bliebe. - -Ganz verträumt und zerstreut stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn -sie jetzt hingehn könnte und suchen und finden, und wie das ratlose Kind, -anstatt in irgend eine letzte Dunkelheit, sich hinein verfangen würde in -helfende, starke, mutterzärtliche Hände --. - -Endlich erhob man sich. - -Nikolai entfloh. Die kleinen Brüder machten ihre Runde mit einem -schläfrigen, etwas schwankenden Kratzfuß und wünschten gute Nacht. Im -Nebenzimmer wurde der schöne Flügel geöffnet, und Fräulein Clarissa -setzte sich davor, um ein Arie aus Figaros Hochzeit vorzutragen. - -Marianne griff der Gesang an. Die Stimme, ein prachtvoller Alt, erwies -sich als zu groß für das nicht sehr geräumige Zimmer. Ottilie ließ sich -augenscheinlich nicht weiter davon anfechten, übrigens war sie auch nicht -sonderlich musikalisch. - -Der Schwager setzte sich zu Marianne. Er schob ihr ein bequemes Kissen in -das Sofa, dessen Polsterlehne im Rücken unbequem einfiel, und warf seine -Zigarette fort. Etwas so Sorgliches besaß er. - -»Findest du nicht: Tilie sieht schön und vorteilhaft aus, sogar neben der -viel Jüngern, -- ihr seid eine dauerhafte Rasse, ihr beide!« bemerkte er -mit einem freudigen Blick auf seine Frau, die am Flügel stand. - -»Ja. Ich bewunderte sie heute wiederholt,« gestand Marianne. - -Er nickte eifrig. - -»Einfach famos!« Und er versank in Gedanken über die Vorzüge seiner -Frau, die er aufrichtig liebte. - -Inotschka hatte sich hinter das Sofa geschlichen, gegen das sie sich -lehnte, indem sie ihre Arme auf seiner Rückseite verschränkte, sodaß sie -Mariannes Haar berührten. - -Marianne gab leise nach und legte den Kopf zurück an die magern -zärtlichen Mädchenarme, von denen sie wußte, wie viel lieber sie sie -herzhaft umhalsen würden. - -Immer hatte sie an sich gehalten, wenn sie spürte, daß ihr Inotschkas -Vertrauen entgegenflog, denn sie durfte sie nicht der Mutter wissentlich -entfremden. - -Dadurch wurde der Wortaustausch zwischen ihnen wunderlich einsilbig und -karg. Doch beredter als Worte schlich sich eine feine leise Zärtlichkeit -ergänzend in ihren Verkehr, kaum wahrnehmbar andern, kaum merklich ihnen -selbst --. - -Marianne dachte: »-- Wenn Inotschka erst älter und reifer ist, dann -wird sie mir auch mehr zugehören dürfen. Ueber diese paar Jahre muß sie -hinweg, wie so viele --.« - -Und sie dachte dankbar daran, daß in diesem Alter nicht viele so ganz eins -im Sinn und Sein mit der eignen Mutter sind, wie es Cita und Sophie mit ihr -gewesen waren. - -Darüber fiel ihr der heutige Nachmittag wieder ein --. - -Aber sie wollte nicht wieder zaghaft werden: diese Zeit der innigsten -Zueinandergehörigkeit konnte nicht vorbei sein. Wußte doch sie am -allerbesten, wie viel, wie unendlich viel sie ihren Kindern noch gar nicht -gegeben, noch gar nicht mit ihnen geteilt hatte, weil sie auch jetzt -noch zu jung und unerfahren waren, um alles zu empfangen. Voll Freude -und Ungeduld ersehnte sie die Zukunft, wo ihnen einmal alles, ihr ganzer -tiefster Lebensgewinn, zu eigen werden durfte. Wo sie einander ganz -verstanden und durchdrangen, wie drei Freunde, -- um miteinander eine -unzertrennliche seelische Einheit zu bilden. Dann erst würden alle ihre -Schmerzen und Erfahrungen, alle ihre Kämpfe und Siege kostbare Ernte -tragen, -- eine Ernte auf den Feldern ihrer Kinder --. - -Marianne bekam Heimweh nach ihren beiden Mädchen, es trieb sie aus dem -heißen Zimmer nach Haus. - -Als sie endlich mit gutem Anstand fortgehn konnte, war es über dem Singen -elf Uhr geworden. - -Die Begleitung des Schwagers schlug Marianne aus. Sie schlich sich nur noch -für einen Augenblick in die große Schlafstube, um das jüngste Bübchen -in seinem Gitterbett schlummern zu sehen, was sie nie zu thun unterließ. - -Dann gab ihr Inotschka das Geleit bis auf die Treppe hinaus. - -»Wann kommst du denn wieder zu uns, Tante Marianne?« fragte sie ganz zum -Schluß und lehnte sich über das Treppengeländer. - -»Sehr bald, mein liebes Kind, -- ich komme ja schon übermorgen wieder, zu -Nikolais Konversationsstunde,« antwortete Marianne. - -Inotschka schwieg eine Weile, aber als Marianne schon hinunterging, -bemerkte sie zögernd: »Weißt du, -- ich sticke Pantoffeln für Mama zu -Weihnachten.« - -»So? Bist du noch nicht mit den Weihnachtsarbeiten fertig?« fragte -Marianne. - -»Nein, nicht ganz. Da dachte ich, -- mit dem Pantoffel könnte ich mich -gut in unsre Lernstube setzen, während du bei Nikolai bist --. Meinst du -nicht auch?« - -Marianne sah zu ihr hinauf. - -»Gewiß, wenn Mama nichts dagegen hat? Aber du mußt sie lieber erst -fragen.« - -Inotschka nickte schweigend. - -»Gute Nacht, meine kleine Ina!« rief Marianne ihr noch zu, während sie -schon die letzte Treppe hinabstieg. - -Indessen Inotschka antwortete noch nicht gleich, sie bückte sich nur -tiefer über die Brüstung, und erst als sie nicht mehr wissen konnte, -ob ihre Worte von unten her noch vernehmbar wären, rief sie zaghaft, mit -gedämpfter Stimme, und ganz hastig hinunter: »Gute Nacht! Gute Nacht! Ich -muß dir doch noch schnell sagen, daß ich dich ganz schrecklich lieb habe, -und daß du mich fortnehmen sollst zu dir, und daß ich immer bei dir sein -will und nirgends sonst. Und daß du mich nicht so stehn lassen sollst -- -nicht so allein --.« - -Sie brach ab. Schon während der ersten Worte schloß der Portier unten -geräuschvoll die Hausthür auf, die dann mit einem mächtigen Knall -zuklappte. - -Im Treppenhause wurde es plötzlich so beängstigend still. - -»Sie hat nichts gehört, -- gar nichts hat sie gehört. Das ist mal gut. -Unsinn, -- wozu auch!« sagte Inotschka wesentlich lauter als vorhin. - -Aber obwohl sie es gut fand, daß Marianne nichts mehr vernommen hatte, -verfinsterte sich ihr schmales Gesichtchen mit dem weichen Munde. Sie -drückte die Zähne auf die Lippen und rieb sich mit blinzelnden Augen, um -nicht loszuweinen, am Geländer, bis die Stimme der Mutter von drinnen in -erstauntem Ton nach ihr rief. - -[Illustration] - - - - -=III.= - - -Seit zehn Uhr waren die jungen Mädchen von ihrer Schlittenfahrt im -Sternschein zurück. - -Cita saß schon eine Weile auf dem Rande ihres weißlackierten Eisenbettes -und zog sich bedächtig die Strümpfe von den hübschen Füßen. - -Sophie ging noch unausgekleidet umher, sie machte sich bei ihren Büchern -zu schaffen, die sie auf ihrem Tisch am Fenster aufzustapeln pflegte, und -etliche von ihnen trug sie ins Wohnzimmer auf den Schreibtisch der Mutter -hinüber. - -Dabei sprach sie kein Wort. Sie war schon den ganzen Abend gegen ihre -Gewohnheit still gewesen und behielt auch jetzt die Miene einer düster -Versonnenen. - -Cita legte gähnend ihre Strümpfe auf den Stuhl am Bett. - -»Schlittenfahren ist ganz schön,« entschied sie, »aber dies gesellige -Vergnügtsein von Männlein und Weiblein, die nichts Besseres zu thun -wissen, -- wie bin ich froh, daß ich mich davon gründlich entwöhnt habe! -Kindisch ist es einfach. Es gibt doch wahrhaftig ernstere Aufgaben in der -Welt.« - -»Meinetwegen kann es auch aufhören,« versetzte Sophie apathisch, mit -einer bekümmerten kleinen Stimme, »und auch das Schlittenfahren, und -überhaupt alles.« - -Sie kam eben wieder aus dem Wohnzimmer zurück. Cita fragte gar nicht, was -sie dort eigentlich treibe, sie wußte gar nicht, daß Sophie soeben ihre -Studienbücher und Lieblingswerke auf Mas Schreibtisch aufgeschichtet -hatte, wie man sündhafte Kostbarkeiten auf einen Scheiterhaufen trägt. - -Sie wollte Ma so gern nach der heutigen Kränkung ihre rückhaltlose -Ergebenheit beweisen. So gern ihr zeigen: »Siehst du, ich entsage allem, -was mich von hier fort zu locken anfing! Schließe es für immer vor mir -zu.« - -Aber Cita brauchte das einstweilen noch nicht zu wissen. Denn Sophie -fürchtete sich entsetzlich davor, ihr eignes Thun klar und endgültig -aussprechen zu hören. - -Sonst hätte sie es noch am liebsten heute abend Hugo Lanz anvertraut. Ja, -dem am ehesten! Sie meinte: wenn er zum Beispiel, davon erschüttert, nun -auch seinerseits alle ehrgeizigen Pläne fahren ließe, dann hätten sie -gemeinsam trauern, sich gemeinsam trösten und ermannen können. - -Er würde dann kein Dichter werden, sondern ein Kaufmann, und sie kein -Arzt, sondern -- sondern vielleicht irgend wann einmal die Frau eines -Arztes, Dichters oder Kaufmanns in der Welt. - -»Geh doch endlich schlafen!« rief Cita in ihre schwermütigen -Betrachtungen hinein. Sie selbst lag bereits im Bett, grade auf dem Rücken -ausgestreckt, die Arme über dem Kopf verschränkt. - -Sophie setzte sich zu ihr auf die Bettkante. - -»Glaubst du, daß es glückliche Ehen gibt?« fragte sie langsam und -ernst. - -Cita gähnte gleichmütig. - -»Ja,« versetzte sie nach kurzer Ueberlegung, »aber entschieden nur -unter den Frauen, die sich unsrer Frauenbewegung anschließen. Das ist -sonnenklar: denn die setzen sich in den Stand, sich selbst zu versorgen, -den Mann nicht zu brauchen. Also kann es die schlimmste Eheschließung -überhaupt nicht mehr geben: nämlich die wegen Geld und ohne Liebe. Dafür -sind andre, schönere nun erst möglich, --« - -»Zum Beispiel sogar ohne Geld und mit Liebe!« fiel Sophie hoffnungsvoll -ein. Wie schön war das eigentlich! Aber davon schloß sie sich auch -aus, wenn sie nicht Arzt wurde, -- kein selbständiger, erwerbender -Berufsmensch. - -Cita sagte plötzlich leise: »An die ganze Heiraterei mag ich aber -einstweilen weniger als je denken. -- -- Weißt du, es hat etwas so -Schreckliches: man ist keines Menschen sicher, -- jedem kann noch -einfallen, das Verrückte zu thun und zu heiraten. -- -- Stell dir zum -Beispiel vor, daß unsre Ma -- --« - -Sophie stellte es sich nicht vor. Sie schüttelte den Kopf und lachte. - -»Schäm dich,« sagte sie kurz. - -Cita richtete sich im Bett auf. Ihre dunkeln Augen hefteten sich erregt und -finster auf die Schwester. - -»Nein, nein, glaube mir! Ich behaupte nur, daß so etwas möglich ist, -- -nichts weiter. Aber möglich ist es. Es ist möglich, es ist möglich.« - -Der Ton, in dem sie es wiederholte, wurde immer härter und kälter. Nach -einer Pause fuhr sie fort: »Und wer könnte auch was dagegen thun, dagegen -sagen? Schließlich ist es doch das Recht eines jeden Menschen -- --. -Auch Mas Recht also, -- -- jawohl, unsrer Ma auch, die bis jetzt so ganz -ausschließlich uns gehörte, -- ganz allein _unsre_ Ma war, an die niemand -sonst den geringsten Anspruch machen darf. Niemand, niemand --« - -»Nein, niemand!« bestätigte Sophie gedehnt. »Niemand außer uns --« - -»Es ist aber ihr gutes Recht! Vergiß nicht: ihr gutes Recht!« fiel Cita -nachdrücklich ein. »Von uns ist es ganz unberechtigt, so zu sprechen. -Ja, vollständig. Mama kann jeden Tag heiraten, wenn sie will, -- und -überhaupt thun und lassen, was sie will --« - -Sie brach ab. Ihre Stimme vibrierte von verhaltener Erregung. - -Sophie stand auf und küßte die Schwester flüchtig auf die Stirn. - -»Gute Nacht. Schlaf lieber. Du bist einfach verrückt geworden. Ich -glaube, du träumst schon!« erklärte sie. »Ebensogut könnte ich mir -vorstellen, daß Ma überhaupt gar kein Mensch, sondern ein Walfisch ist.« - -Mit diesem Bescheid kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und setzte sich an -den Schreibtisch vor die aufgeopferten Bücher. Oben drauf hatte sie das -Mikroskop gestellt, das sie erst vorigen Weihnachten zum Geschenk erhalten -hatte. Nun war es eine ganze Pyramide von Sachen. - -Eigentlich wollte sie Ma hier erwarten. Es sollte keine Nacht drüber -hingehn und sie wankend machen und auf andre Gedanken bringen --. - -Seltsamerweise fiel ihr wieder Hugo Lanz ein. Ja, wer weiß: indem sie dem -erwählten Beruf entsagte, entsagte sie vielleicht sogar einer jener allein -glücklichen Eheschließungen, die Cita noch gelten ließ. -- -- Denn Hugo -Lanz besaß kein Geld -- --. - -Also war es wirklich ein Totalverzicht. Ein Opfer der Kindesliebe, wie es -nicht bald ein zweites gab. - -Sophie saß beim Schreibtisch mit gefalteten Händen und den gemischten -Gefühlen einer über ihre eigne Größe fast bis zur Verlegenheit -erstaunten Märtyrerin. - -Cita hatte inzwischen ihren Rat befolgt und war in gesunder Müdigkeit nach -der langen Fahrt durch die Winterkälte fest eingeschlafen. Aber sie lag da -mit finster zusammengerückten Augenbrauen und einem bösen Ausdruck um den -Mund. - -Die zurückgedrängte Bitterkeit in ihrem Herzen hatte noch ihre Schrift -auf ihr Gesicht geschrieben. Ihr letzter klarer Gedanke war das Gelübde -gewesen, mehr als je ganz allein auf sich selbst stehn zu wollen. - -Doch als sie in das Land der Träume hinüberglitt, senkte sich dichter -und dichter eine große Finsternis um sie. Sie schaute vergebens nach den -Dingen aus, die ihr vertraut gewesen waren, nach den Stätten, an denen -sie sich heimisch fühlte. Eine schwarze Wand wehrte ihr Durchgang und -Ausblick. - -Und da überfiel sie Angst, wie sie nur als kleines Kind Angst gekannt -hatte. - -Beide Hände legte sie vor die Augen, um wenigstens das Dunkel nicht zu -sehen. Doch was sie nicht sah, das fühlte sie: wie alle Gegenstände und -alle Fernen über sie her kamen, wie sie sich zusammenrotteten und ballten, -um sie zu ersticken -- - -Da entrang sich ihr in dumpfem Entsetzen Mas Name. Mit leiser, furchtsamer -Stimme rief sie nach Ma. War denn nicht auch Ma irgendwo unter all dem -da draußen, was sie umdrohte und gefährdete? Dann würde sie alles -entwirren, alles Böse abhalten --. - -Aber Ma war nicht da. - -Und plötzlich wußte sie, daß Ma nicht mehr da war, -- das allein, nur -das war die Finsternis ringsum -- --. - - * * * * * - -Gegen Mitternacht fuhr ein Schlitten vor. - -Marianne stieg die Treppe hinauf und öffnete so geräuschlos wie möglich -die Thür zur Wohnung. - -Alles blieb still. Also schliefen die Kinder bereits. So ging sie leise -hinüber in ihr nach dem Hofe gelegenes Schlafzimmer neben Sophiens und -Citas Stübchen. - -Hier hatten zärtliche Hände schon für alles gesorgt. Die Lampe -angezündet, die warmen Vorhänge vor dem Fenster zugezogen, jedes Ding -bequem bereit gestellt, von der Wasserkaraffe auf dem niedrigen Tischchen -bis zu den tiefroten, kleinen Tuchpantoffeln vor dem aufgeschlagenen -weißen Bett. - -Neben der Karaffe stand am Bett ein schmales Kelchglas mit einer Handvoll -italienischer Anemonen darin, -- blaßrote, violette, gelbe --, -- ein -wenig angewelkt noch von dem Weg hierher. - -Die Blumen mußten die Mädchen heute abend bei den Bekannten geschenkt -bekommen haben. Und sie wußten, warum die Mutter diese Erinnerungen an -Italien und seine Sonne so leidenschaftlich liebte --. - -Marianne hob die angewelkten Stengel behutsam einzeln aus dem Wasser und -beschnitt sie unten etwas, damit sie besser saugen möchten. Dann ordnete -sie sie neu, mit Bewegungen, die sie fast liebkosten. - -Die feine kleine Freude machte sie warm und wach. Ach, daß die beiden -schon schliefen, die Langschläfer! Jetzt hätte sie sich gern noch auf -einen Augenblick an ihre Betten gesetzt und sie geherzt. - -Ihr war so kindfroh und bewegt zu Mut. - -Als sie das Licht angezündet hatte und die Lampe herausstellen und -auslöschen wollte, bemerkte sie einen hellen Schein in der Thürritze des -Wohnzimmers. - -Hatten sie die grüne Studierlampe brennen lassen? War doch noch eine von -ihnen wach? - -Sie glitt in die Tuchpantöffelchen und ging leise über den Gang zurück. -Die Thür war nur angelehnt, sie stieß sie auf, um einzutreten. - -Aber jählings hielt sie inne. Sie sah Sophie am Schreibtisch sitzen, -die Arme auf den Büchern verschränkt, den Kopf mit den halb offen -niederhängenden Flechten darauf, -- fest schlummernd. - -Sie sah die Bücher, das Mikroskop, -- und das Gesicht sah sie, das ihr im -Profil zugekehrt lag, hell bestrahlt vom Schein der Lampe. - -Es war naß von Thränen. Die Mundwinkel wie im Weinen herabgezogen, die -Augenbrauen so rührend im Ausdruck, so hilflos --. Ein so bekümmertes, -schmerzliches, -- ein fast gramvolles kleines Gesicht! - -Ja, hier mußte Sophie auf die Mutter gewartet haben, aus irgend einem -Grunde. Gewartet mitsamt allen ihren Büchern, die sie hier aufeinander -getragen hatte. Vielleicht um etwas zu erbitten? Vielleicht um zu sagen: -»Sieh doch, wie lieb mir das alles geworden ist, wie gern ich frei sein -möchte und mich dem widmen!« - -Vielleicht auch, um etwas abzubitten. Um zu sagen: »Nimm es alles fort -von mir, ich gebe dirs zurück, denn es weckt in mir die Sehnsucht, von dir -hinwegzugehn.« - -Und nun war sie unter Thränen hier eingeschlafen, wie ein müdes Kind, und -nur dies traurige, kleine Gesicht erzählte der Mutter von ihren Nöten --. - -Marianne stand noch in der halboffnen Thür, den Kopf gegen den Thürrahmen -zurückgelehnt. Ihre Hände hingen schlaff an ihr herunter. - -Was half es, daß sie fortgewesen, daß sie getroster und freudiger -heimgekehrt war. Zu Hause trat es ihr wieder entgegen, das Gefürchtete, -- -wie ein Gespenst. - -Und mit diesem Gespenst trat ihr die liebste Gestalt entgegen, sie, von der -sie es nicht ertrug. - -Konnte die Mutter denn gewähren, was ihr Liebling von ihr heischte? -Konnte sie denn wirklich auch die letzte fortlassen? Ganz, ganz allein -nachbleiben? Mußte das sein? - -»Nein! Nein!« schrie es in ihr. - -Und mit Blitzesklarheit nahm die Erkenntnis ihr Herz ein: »Wenn du jetzt --- jetzt gleich sie wecktest, wenn du vor dein Kind hintreten würdest -wie vor eine Ertappte, die du heimlich belauscht, -- wenn du ihre kleine -schmiegsame Mädchenseele jetzt in die Hand nehmen und nach deinem -stärkeren Willen prägen würdest: ja, dann wäre es vielleicht möglich, -deinem Einfluß in ihr Gewalt zu verleihen. Nimm den Augenblick wahr, wo -sie, sich selbst verratend, daliegt, als sei sie dir ausgeliefert. Mache -sie zu deinesgleichen, hauche ihr dein Wesen und deine Wünsche ein. Sie -ist ja dein. Sie vertraut dir grenzenlos, und ihr höchster Maßstab bist -du. Nutze deine Macht über dein Kind --.« - -Aber noch während Marianne deutlich ein jedes dieser Worte in ihrem Innern -vernahm, als raune irgend wer sie unablässig ihr zu, machte sie eine -übermenschliche Anstrengung, sich ebenso unbemerkt zu entfernen, wie sie -hergekommen war. - -Nur jetzt keinen Laut! Nur jetzt leise, leise hinweg, ehe sie erwacht, -ehe sie ahnt, wer hier gestanden und mehr, als sie sagen wollte, von ihr -erfahren hat --. - -Es gelang Marianne, die Thür wieder anzulehnen und geräuschlos ihr -Schlafzimmer zu erreichen. - -Mechanisch begann sie, sich zu entkleiden. - -Da standen noch die Anemonen. - -Marianne blickte mit heißen Augen auf sie. - -Dann löschte sie die Kerze aus. - -Unerwartet, dicht, ohne den kleinsten Lichtfleck von draußen, den die -zugezogenen Vorhänge am Fenster aussperrten, umhüllte sie das Dunkel wie -eine Gruft. - -Sie stürzte vor dem Bett in die Kniee und verbarg ihren Kopf in den -Kissen --. - - * * * * * - -Dieser Sonntag war kein Sonntag zum Ausschlafen gewesen. Sowohl Marianne -als die Kinder erschienen am Morgen übernächtig und mit übermüdeten -Augen. - -Keines von ihnen dreien wußte indessen etwas von dem eigentlichen Grunde -der Traurigkeit in der Seele des andern. Cita schwieg, ihr war wunderlich -weich, als ob ihr allerlei nächtliche Träume nachgingen, aber auch ihre -Befürchtungen waren noch in ihr und stimmten sie reizbar, obgleich sie -sichs auszureden suchte. - -Marianne bemühte sich, vor den Augen der Kinder wohlgemut zu erscheinen. -Als Sophie hereinkam, sagte sie freundlich: »Ich sehe, du hast gestern -meinen Schreibtisch für deine Beschäftigungen auserkoren. Das ist recht -so, ich gebrauche ihn jetzt in der Weihnachtszeit ja nicht. Und Cita wird -vielleicht etwas stark Anspruch an den deinigen machen.« - -Sophie errötete lebhaft, ohne zu antworten. Sie wußte nur noch dunkel, -auf welche Weise sie gestern schließlich zu Bett gekommen war. Und es -kam ihr im nüchternen Morgenlicht unmöglich vor, der Mutter die großen -Eröffnungen zu machen. Jedenfalls lag es an der Nacht, daß diese Dinge -ihr wesentlich leichter und natürlicher erschienen waren. - -Das Dienstmädchen Stanjka, das sich zum Kirchgang rüstete, war die -einzige, die sonntäglich und unbeschwert zwischen ihnen herumging. Sie -trug ein neues grellrot gemustertes Kattuntuch um den Hals und hatte ihr -aschblondes Haar mit Kwas glänzend gemacht; der Sonntag gehörte ihr fast -immer, und sie freute sich auf ihn während der ganzen Woche. - -Alles Gute war augenscheinlich immer auf einen Sonntag gefallen: in den -Kirchen, in den Häusern, in den Vergnügungslokalen und Theebuden feierte -man nur ihn! Die Glocken, die mit mächtigen Klängen die Luft erfüllten -und in die Stuben hineintönten, redeten Stanjkas frommer Naivetät ganz -unterschiedslos von himmlischen wie von irdischen Herrlichkeiten, von -Kniebeugungen bei Orgelklang und Kirchengesang, wie vom Tanz zur Balalaika. - -Nach dem Gottesdienst brauchte sie nur noch um zwölf Uhr den -Frühstückstisch zu richten und den Samowar aufzustellen. - -Kurz vorher erschien Wera Petrowna zur festgesetzten Stunde. - -Sie hatte ein altmodisches und durch langen Gebrauch reichlich leuchtend -gewordenes schwarzes Seidenkleid angezogen und trug auf dem Kopf eine -komplizierte Haube mit lila Tolle, die sich im wattierten Kapottehut auf -keine Weise unterbringen ließ, und die sie daher stets in einem besondern -Beutel mit sich führte. - -»Um ein Haar wär ich nicht gekommen, ich sollte nämlich heute vormittag -in das Dawydowkonzert,« erklärte sie, als sie sich zu Tisch setzten. -»Das Billet war noch nicht da, ich wartete drauf bis halb zwölf, es kam -jedoch nicht. Es sollte nämlich nur dann kommen, wenn die Frau meines -Neffen, die sich gestern abend schon unwohl fühlte, über Nacht krank -würde. Sie ist aber nicht krank geworden.« - -Sophie mußte lachen. - -»Dafür ist es freilich kein Ersatz, wenn wir Ihnen später etwas -vorspielen und vorsingen wollen,« meinte sie und legte Wera Petrowna von -den kleinen Pasteten mit gehacktem Fleisch und Kohl vor. - -»Nein, meine liebe, schöne, kleine Sophie. Auch muß ich später ohnehin -fortgehn, denn ich habe noch andre Billete. Die habe ich mir eben geholt. -Später drängen sich die Menschen so an der Kasse. Es ist weit besser, man -ist versorgt.« - -»Wohin denn?« fragte Cita ohne Neugier. Sie kannte die Ausgehewut und -Belustigungssucht der Alten. - -»Diesmal nur zur behaarten Riesin und zum zweiköpfigen Kind,« sagte Wera -Petrowna gelassen und nahm sich Citrone zum Thee. - -»Sie sind doch immer kreuzfidel, -- aber wirklich immer!« bemerkte Cita -nachsichtig. - -»Kreuzfidel? Nein, ihr junges Volk, das bin ich gar nicht. Ich muß mich -nur beeilen, die Augen aufzureißen, ich habe viel nachzuholen. Wie lange -dauert es, dann heißt es: Mund zu und Erde auf die Augen. -- -- Nun, -hoffentlich dauert es noch ein Weilchen,« ergänzte sie. - -»Nachholen? Ja, -- aber -- die behaarte Riesin --?« - -»Nun, wenn auch nur eine Riesin. Was meinen Sie denn, ob bei uns dahinten -auf dem Gut auch nur so eine gewesen wäre?! Nein, keine Spur! Das wäre ja -Sensation genug für lange hinaus gewesen. -- Natürlich gibt es auch noch -was Besseres als das. Natürlich. Man muß aber zufrieden sein, wie es sich -trifft; die besseren Treffer kommen auch noch.« - -Sie konnte es den jungen Mädchen gut anmerken, daß sie nicht mehr recht -wußten, ob sie sich selbst ironisiere, oder ob sie von ihr zum Narren -gemacht würden. Wera Petrowna gefiel das ausnehmend; sie betrachtete aus -ihren klugen Augen die beiden Schwestern mit Wohlgefallen. - -»Ja, ja, wenn ich auch noch so jung wäre. Herr du mein Gott!« sagte sie -und schob den Teller zurück. - -»Dann würden Sie sich ohne Zweifel noch weit besser und viel mehr -amüsieren, nicht wahr?« äußerte Cita und zuckte bedauernd die Achseln. -»Nun sehen Sie, daran liegt uns trotz aller Jugend gar nichts.« - -»Nein, meine lieben dummen Unschuldstäubchen, -- ich würde ins Kloster -gehen, ja, das würde ich!« behauptete die Alte, und ihr ganzes Gesicht -lächelte fein und spitzbübisch aus allen seinen Fältchen. »Ja, davon -habt ihr noch keinen Begriff,« fuhr sie auf der Mädchen erstaunten Blicke -fort und nickte ihnen zu, »so eine Jugend, die geht ins Zeug! Nun, wohl -bekomm's! Prosit Mahlzeit also!« - -Sie stand auf, noch ehe Marianne, die geduldig dasaß und wartete, das -Zeichen dazu gegeben hatte. - -Marianne wollte ja mit ihr noch allerhand Weihnachtsbesorgungen besprechen. -Und so viel sah sie recht wohl mit ihren beiden guten Augen: daß ihre -liebe Marinka auch heute ein bedrücktes Herz haben mochte. Aus irgend -einem Grunde, gleichviel aus welchem. Jedenfalls schienen heute selbst die -Kinder dagegen machtlos zu sein, deren Geplauder die Mutter sonst heiter zu -stimmen pflegte. - -Ihr schien, daß sich Marianne nach Ruhe sehne, -- vielleicht nach einem -Alleinsein, das die jungen Mädchen grade in ihrer zärtlichen Sorge -vereitelten. - -Als alles erledigt war, was zu besprechen gewesen, zog sie ihre Staatshaube -vom Kopf und bestand darauf, fortzugehen. Aber schon im Mantel und -Kapottehut mit zugebundenen Ohrenwärmern, klapperte sie noch einmal an -ihrem Stock in den »Spalt« hinein, wo die Schwestern soeben an Stanjkas -Statt den Tisch abgeräumt hatten. - -»Also auf Wiedersehen, meine zwei Täubchen,« sagte sie, -- »wie ist -es nun? Ich bin eine alte Frau, die am Stock humpelt -- in meiner Jugend -würde man so eine nicht allein ins Menschengedränge haben gehn lassen, -- -aber die junge Welt von heute --« - -Cita und Sophie sahen sich verdutzt an. Sie blieben vor ihr stehn und -machten verlegene Gesichter. - -»Ja, warten kann ich nicht!« entschied die Alte und schwenkte aufmunternd -ihren Beutel, »-- also, eins, zwei, drei: geht jemand mit mir ins -Sonntagsvergnügen bei der behaarten Riesin und dem zweiköpfigen Kinde, -- -und wer?« - -Im edlen Wetteifer, nicht der andern die lästige Pflicht aufzubürden, -riefen sie alle beide kleinlaut: »Ich!« - -»Bravo! Bravo! Also alle beide!« lobte Wera Petrowna, und es zuckte dabei -ganz wunderlich um ihre Mundwinkel, in Güte und Bosheit zugleich; »-- nun -freilich! junges Volk ist eben junges Volk, wie ernsthaft es auch thut, da -sieht man wieder: es will sich amüsieren.« - -Marianne that es leid, als sie die beiden Mädchen betreten hinter der -Alten fortgehn sah, indessen mochte sie ihr die so dringend provozierte -Begleitung nicht mißgönnen. Ihr Kopf schmerzte heftig, sie hätte sich am -liebsten mutterseelenallein in ein Zimmer mit verhängten Fenstern gelegt. - -Aber eine innere Unruhe ließ es nicht zu. Mehr noch als nach Stille und -Vergessen sehnte sie sich nach einem Beistand. - -Langsam ging sie durch die Wohnstube. Bei den hohen Blattpflanzen, ihren -gepflegten und geschonten Lieblingen, blieb sie einen Augenblick stehn. -Sie las ein welkes Blatt ab und schaute nach den harten, knollenförmigen -Knospen am Gummibaum. - -Der Schreibtisch stand schön aufgeräumt. Neben den Schulheften lagen ein -paar kleine dünne Bücher, -- Kindergeschichten, mit neuem Buchschmuck -herausgegeben. Sie kosteten nur wenige Kopeken, und Marianne hatte sie voll -Entzücken gekauft. Fast immer lag hier dergleichen, als warteten immer -allerlei Kinderhände auf sie --. - -So totenstill war es. Man war wie allein auf der Welt. Nichts von der -hastigen Geschäftigkeit der Wochentage in der Wohnung. - -Es wollte ihr vorkommen wie ein Atemanhalten um sie her. Alle Dinge wurden -darin beredter, belauschbarer --. - -Die Stille machte bange, sie war so selten allein. - -Alle Dinge in dieser kleinen Wohnung liebte sie, ein jedes Stück darin -hatte sie mit zärtlichem Bedacht gewählt, -- nur was sie lieb haben -konnte, das hatte sie allmählich zusammengetragen. - -Sie hatte gewünscht, diese Räume sollten mehr als wohnlich wirken, -- wie -Arme, die sich weit und warm erschließen. - -Aber sie wirkten nur so, weil geliebte Menschen sie erwärmten. Weil immer -noch Sophie in ihnen ging und stand, lebte und lachte, -- weil Sophie in -ihnen die Mutter erwartete, wenn sie abends müde von der Tagespflicht -heimkam. - -Wenn alle diese Liebesfülle keine Bethätigung mehr fand, dann konnte auch -keine Liebe mehr auf die Dinge überströmen. Sie blieben nicht länger -beseelt, -- sie entseelten sich, -- -- starben --. - -Marianne fröstelte. Und plötzlich richtete sie sich entschlossen auf, -schritt in den Vorflur hinaus und nahm ihren Mantel. - -Sie wußte wohl, was sie thun mußte. Einen Beistand brauchte sie. Sie -mußte, wie mit allem, so auch hiermit zu Tomasow. Mit ihm sich beraten, -ihn hören. Daß er da war, das war eine Zuflucht. - -Aber in all ihrem Verlangen danach fürchtete sie sich zugleich, und mit -schwerer Hand machte sie sich fertig, zu ihm zu gehn. Sie wußte: zu den -weichen Tröstern gehörte er nicht. Ihm eingestehn, was sie heute quälte, -das hieß sich entscheiden --. - -Draußen ruhte frostige Winterdämmerung, obschon es noch früh am -Nachmittag war. Der Wind machte es bitterlich kalt. Marianne durchquerte -einen Teil des Kreml; in dampfenden Wölkchen stieg ihr Atem und gefror zu -Tausenden winziger Eisperlchen an ihrem Pelzkragen fest. - -Stumpf und leblos wölbte sich der dicke Schnee um alles ringsum, rundete -jeden Umriß, verwischte jede scharfe Linie. Hier und da klang ein -Glockenton an, -- wie im Traum, -- leise verhallend. Es war, als raune eine -Glocke der andern schlaftrunken etwas zu. - -An manchen Kirchenthüren auf dem großen Kremlplatz lagerten Pilger oder -lehnten an den Mauern, auf ihren Pilgerstab gestützt. Marianne war -nicht in der Stimmung, um irgend etwas von der Außenwelt mit Interesse -aufzufassen, aber auf diesem Bilde blieb ihr Blick mit einer dunkeln, -unverstandenen Sehnsucht ruhen; über den zerlumpten Pilgern, -- -über ihnen, die sich bis an die Thore der Gotteshäuser in vielleicht -wochenlanger mühseliger Wanderung durchgefroren und durchgehungert -hatten, lag eine solche kindliche Zufriedenheit. Man sah ihnen allen an, -- -Greisen, Weibern, jungen Menschen: sie standen am Ziel -- da, wo sich alle -Wünsche erfüllen, und man alle Bürden abwirft, -- _zu Hause_ --. - -Gern hätte auch sie ihre Füße wund gelaufen, um Frieden zu finden und -sich alles Schweren zu entlasten. Würde sie das erreichen, unter Tomasows -klugen und guten Worten? würde sie es bei ihm erreichen? In diesem -Augenblick glaubte sie es. - -Bald war Marianne an seinem Haus angelangt. In einer ruhigen Straße stand -es, einstöckig und unscheinbar, hinter einem hofartigen Vorgärtchen. - -An den Vorflur stieß ein großes Schrankzimmer, wo der Diener, Andrian, -sich aufzuhalten hatte, der, aus Tomasows Heimatsdorf gebürtig, ihm seit -vielen Jahren anhing, und auch alle Reisen ins Ausland mitmachte. Dies -Schrankzimmer erschien Marianne stets als der weitaus behaglichste -Raum zwischen den konventionell eingerichteten Empfangsgemächern im -Erdgeschoß. Vielleicht aus reiner Bequemlichkeit mochte Andrian hier alles -zusammengehäuft haben, was seiner speziellen Pflege oblag: eine stattliche -Reihe hoher Blattpflanzen, besonders mehrere prachtvolle Palmen, an denen -er unermüdlich herumspritzte und putzte; daneben hing am Fenster ein Bauer -mit einem singfrohen Kanarienvögelchen, Batjuschka »Väterchen« genannt, -mit dem Andrian sich den ganzen Tag über alles, was geschah, unterhielt. - -Marianne ertappte sich auf dem Gefühl, das manchen von Tomasows Patienten -beschleichen mochte: lieber in diesem friedlichen Idyll von Palmenlaub -und Vogelgezwitscher verweilen zu wollen, als sich weiter zu wagen in die -Zimmer des Arztes. - -Indessen noch hatte Andrian ihren Besuch nicht melden können, als bereits -Tomasow selbst erschien, sichtlich beunruhigt über ihr unerwartetes -Kommen. In Anwesenheit des Dieners that er keine Frage, sondern führte sie -gleich durch seine Bibliothek in die Studierstube. - -Marianne ließ sich in den ersten besten Sessel sinken, hilflos zu ihm -aufschauend. - -»-- Sophie will fort!« sagte sie unvermittelt, wie man mit geschlossnen -Augen blind losschießt. - -»-- Hat sie es Ihnen gestanden?« - -Sie schüttelte den Kopf. - -»Das nicht -- --. Aber untereinander werden beide gewiß schon davon -geredet haben. So direkt sagt sie es nicht. -- -- Aber jetzt weiß ich: -erst neulich brachen beide ganz verlegen ein Gespräch ab, weil ich -unvermutet eintrat. Und ich -- meinte, es handle sich vielleicht nur um -Weihnachten --. -- -- Haben die Mädchen am Ende auch Ihnen -- --?« - -»Nein,« entgegnete Tomasow. - -Er war vor ihr stehn geblieben, gespannte Aufmerksamkeit im Gesicht, -während sie rasch und mit trockenen Lippen sprach. - -»Nun, das ist gut,« fügte er jetzt hinzu. - -»-- Gut --?!« - -»Ja. Es mußte einmal zur Sprache kommen und zum Ausbruch, -- es war hohe -Zeit!« sagte er ruhig, »denn vorher ließ sich nichts machen, weil Sie -es nicht zuließen, Marianne. Obschon Sie es vor sich selbst verheimlicht -haben, nagte die Furcht davor doch schon unablässig leise an Ihren Nerven. -Das mißfiel mir längst. Aber nun ist es gut, daß es durchgekämpft -wird.« - -Marianne hob ihren Blick angstvoll zu ihm auf. - -»-- Ich kann aber Sophie nicht hergeben! -- -- Nein, nicht auch Sophie -noch -- --. Sie ist ja auch zart, sie bedarf meiner fortwährend -- -- Gott -sei Lob und Dank, daß sie meiner noch bedarf!« - -Tomasow zog einen Stuhl heran. - -»Nun lassen Sie einmal sehen, Marianne! Jetzt bitte ohne alle Hinterhalte. -Wie ist es denn mit Sophie? Sie machen doch ihrer Freude am Studium die -weitgehendsten Konzessionen. Sie veranlaßten mich noch selbst, ihrem -Verlangen nach ganz bestimmten Fachbüchern nachzugeben --« - -»Ja,« sagte Marianne hastig, »so ist es ja auch. Weil doch ihr Interesse -grade hierfür alle übrigen Interessen so entschieden überwuchs. Und wenn -ich nun bedenke, daß Sophie die höhern Kurse besucht, und daß sie Sie -zum Berater hat und vorwärts lernt, so viel sie nur will, -- ist es damit -nicht genug? Muß sie durchaus auf den praktischen Arzt studieren, -- muß -sie von mir fortgehn --?« - -Tomasow zuckte scheinbar erstaunt die Achseln. - -»Nein, selbstverständlich muß sie das keineswegs. Sie beruft sich dabei -einfach auf ihr Reifezeugnis zum Universitätsbesuch und auf ihre Neigung, -so zu handeln. Beides braucht ganz und gar nicht den Ausschlag zu geben. --- Indessen: ob ich sie für genügend befähigt dafür halte, ob mir die -Sache aussichtsvoll erscheint, -- auch das haben Sie doch schon nebenher -von mir zu erfahren gesucht, Ma.« - -Marianne entgegnete heiser: »Ja, aber umsonst. -- -- -- Verstehn Sie -denn nicht, Tomasow: ich wollte wissen, wie Sie sich selbst insgeheim dazu -stellen, -- wie Sie selbst -- eventuell -- in meiner Lage handeln würden. -Aber Sie antworteten stets nur auf ganz bestimmte praktische Fragen, -eingehend und gewissenhaft. Dabei erfuhr ich das mir Wesentliche nicht.« - -Tomasow erhob sich. Er antwortete zurückhaltend: »Nein, natürlich nicht. -Denn abgesehen von den möglichen praktischen Ueberlegungen, gibt es da -eben keine letzte, objektiv gültige Entscheidung. Was ich thäte, wenn -ich Töchter hätte, kann ich nicht so abstrakt von vornherein feststellen, -vielleicht -- möglicherweise -- wäre meine Erziehung der Ihrigen sogar -entgegengesetzt von allem Anfang an. Vielleicht wäre sie weltlich, oder -philiströs, oder gleichviel wie! Ganz genau aber kann ich feststellen, was -_Sie_ thun werden, -- Ihrem ganzen Sein und Wesen nach, und das hätt -ich Ihnen längst sagen können, wenn Sie es hätten hören wollen. Und -offenbar, wenn ich nicht völlig irre, kamen Sie jetzt auch nur dazu -hierher: nicht um meine Meinung zu erfahren, sondern um -- nun, um eine -letzte kleine Feigheit zu überwinden, die Sie bisher noch hinderte, sich -selbst anzuhören.« - -Marianne sprang nervös auf. - -»Wie reden Sie denn nur! Sie quälen mich!« murmelte sie gereizt, die -Stimme voll Thränen. - -Seine Augen richteten sich mit einem eindringlich forschenden Blick auf -sie. - -»Ich weiß, daß ich das thue!« sagte er ernst. »Und ich weiß auch, -daß Ihre Nerven grade heute um Schonung schreien. -- Und nun hören Sie -mich an, Marianne, und zwar ganz getrost, denn ich kann Ihnen wirklich -helfen, wenn Sie nur wollen. Ich schlage vor: überlassen Sie die ganze -Sache mir. Ueberlassen Sie es mir, Sophie von ihren hochfliegenden -Wünschen zu kurieren. So gänzlich zu kurieren, daß sie nie wieder Lust -nach dem ärztlichen Studium und Beruf verspürt. Wollen Sie?« - -Marianne sah ihm ungläubig in die Augen. - -»Wie sollte das wohl möglich sein? Womit könnten selbst Sie das -erreichen?« - -»Das ist meine Sache. Für das Gelingen steh ich ein.« - -Ein seliger Hoffnungsschimmer überflog ihr Gesicht, aber so zaghaft noch, -daß es ihn rührte. - -»Aber -- warum hätten Sie das dann nicht längst gethan?!« - -»Warum? Nun offenbar darum, weil Sie ja für die Pläne und Interessen -Ihrer Kinder nicht nur Nachsicht zeigen, sondern sie gradezu -- in Ihrer -unnachahmlichen Art, Ma, -- heilig halten, ängstlich bemüht um die -geistige Eigenart jedes einzelnen.« - -Marianne sah sehr unruhig aus. - -»Ja, das ist doch aber auch das einzig Richtige? -- Sie sprechen ja -jetzt doch wohl nur davon, Sophie rechtzeitig in wirklich bestehende und -unausweichliche Schattenseiten Ihres Berufes einzuweihen --?« - -Tomasow schwieg einen Augenblick. - -»Meine liebe Ma!« versetzte er dann. »Die Dinge sind nun einmal, als was -sie uns erscheinen. Suggestion ist schließlich alles. Ich halte mich für -sehr wohl im stande, stärkern Wesen als ein Mädelchen wie Sophie ihr -Studium für alle Ewigkeit hinaus zu verekeln, unerträglich zu machen, --- und ebenso bürge ich dafür, daß ich ein viel zarteres kleines -Menschenkind, als sie ist, mit etwas Kraftaufwand durch alle -Schwierigkeiten und Fährlichkeiten derselben Sache mit Erfolg -hindurchbringen würde.« - -Marianne machte eine hilflose Bewegung. Sie suchte nach Worten, -- -lehnte sich innerlich auf gegen die Worte, die ihr kamen, -- und endlich -entschlüpfte es ihr leidenschaftlich: »-- Nein -- o nicht! Sophie nichts -anthun! Nichts Hemmendes, nichts Arges --. Nichts gegen ihr Wachstum, -nichts gegen ihre Kraft und Freudigkeit --,« sie unterbrach sich und hielt -erschrocken inne. - -»... nichts gegen ihren Wunsch, fortzugehn --?« ergänzte Tomasow. - -»Also doch!« murmelte er, als sie darauf nichts antwortete. - -Er nahm ihre Hand in die seine, küßte sie fast unwillkürlich und hielt -sie fest, während er sich dicht über Marianne neigte: »Kind! Jetzt -haben Sie sich richtig selbst in die Entscheidung hineingestoßen, -- jetzt -besiegen Sie auch die Angst, die Sie haben, weiter zu sprechen. Sehen Sie -nun ein, wie wenig es hilft, Ihnen helfen zu wollen? Sie laufen ja doch -gradeswegs in das hinein, was Ihnen das Schwerste ist und Sie ängstigt. -Und eben deshalb muß es entschieden sein! Dieser hingezogene Kampf ist ein -Wahnsinn. Verwerfen Sie meinen Vorschlag von vorhin, so siegt Sophie. Soll -sie das --? Soll sie gehn dürfen, oder soll sie bei Ihnen bleiben --?« - -»-- Gehn!« sagte sie und brach in ein bitterliches Weinen aus. - -Tomasow ließ sie mehrere Minuten gewähren. - -Er atmete tief auf und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Sein Gesicht -behielt dabei den gespannten, aufmerksamen Ausdruck. - -Dann kam er wieder zu Marianne. Er zog ihr leise, mit sanftem Zwange die -Hand von den Augen, die sie verdeckt hielt. - -»Nun ist es aber genug!« äußerte er lächelnd, »zeigen Sie Ihren -Nerven den Herrn. -- Wollen Sie nicht eine Tasse Thee nehmen? Sehen Sie, -dort steht das ganze Geschirr noch, -- ich war grade dabei, als Sie kamen. -Zur Strafe trinken Sie ihn nun kalt, natürlich.« - -Sie gehorchte mechanisch und ließ sich ein wenig Thee eingießen, in den -Tomasow aus einem Arzneifläschchen ein paar Tropfen mengte. - -Dann überließ er sie wieder sich selbst und nahm den Spaziergang im -Zimmer von neuem auf. - -Aber Marianne erhob sich vom Eisbärfell. - -»Es ist spät geworden. Ich will nach Hause gehen,« sagte sie mit einer -leisen Stimme, »die Kinder sind gewiß schon zurück und warten erstaunt. -Sie waren nur für kurze Zeit mit Wera Petrowna ausgegangen.« - -Tomasow blickte auf die Uhr. - -»Wie Sie wollen, Ma. Vielleicht ist es so am besten. Indessen -- sind Sie -jetzt auch schon dazu im stande? Sind Sie Ihrer selbst ganz sicher? Ich -lasse Sie nicht fort, ehe ich das genau weiß.« - -Und als Marianne ihn müde fragend ansah, fügte er hinzu: »Ihrer Töchter -halber ist es notwendig, daß sie ihre Mutter in dieser Angelegenheit -fest und sicher auftreten sehen. Als eine Autorität -- nicht wie ein -hingeschlachtetes Opferlamm. -- Darum müssen Sie es sein, Marianne, die -entschlossen die Initiative ergreift.« - -»-- Ich soll selbst --?« murmelte Marianne. - -»Ja. Das ist notwendig, und zwar sofort. Lassen Sie die Ungewißheit keine -Stunde länger anstehen. Lassen Sie sich keinen Raum zu Beängstigungen und -Traurigkeiten dazwischen. Bringen Sie noch heute -- heute noch! die Sache -zur Sprache und Entscheidung.« - -»-- Heute?!« wiederholte sie erschreckt. - -Sie war tief erblaßt. - -Tomasow ergriff ihre Hand und nahm sie in seine beiden Hände. Er sagte -ermutigend: »Versuchen Sie es nur! Bleiben Sie nicht mitten im Kampf -stecken, der Ihren Nerven stündlich härter zusetzen wird -- überstehen -Sie es schnell ganz. Hinterher kommt die allheilende Ruhe. -- Glauben Sie, -daß Sie es mir versprechen können?« - -»Ja. Ich will es thun,« sagte sie traurig. - -»Dann lasse ich Sie ruhigen Herzens fort. -- Wenn Sie erlauben, geleite -ich Sie selbst an einen Schlitten,« bemerkte Tomasow und führte Marianne -durch die Bibliothek hinaus. - -Er schellte nicht dem Diener, sondern gab ihr selbst den Mantel um. -Marianne that seine Art so wohl, wie einem leise umsorgten Kinde. - -»Ich bin ganz zerschlagen und wund,« meinte sie mit einem mühsamen -Lächeln, »aber ich danke Ihnen, Tomasow.« - -»Ach, Ma --« er stockte und murmelte: »Wenn Sie nur -- wenn Sie -wenigstens ohne Groll herdenken. Es ist eine schändliche Aufgabe, die -mir wiederholt zufällt, Ihnen weh thun zu müssen, Sie zu etwas Hartem -ermannen zu müssen. -- Die Erleichterung wird auch diesmal nachkommen, ich -hoffe es mit Bestimmtheit. Aber die Ueberwindung ist deshalb nicht minder -schwer.« - -Marianne schwieg. Sie stand, fest an ihn gelehnt und schloß die Augen. - -Nein, so feige würde sie doch nie sein, sich nicht immer diesem -unbestechlichsten aller Freunde mit ihren Nöten und Schwächen -anzuvertrauen, weil er streng gegen sie war! Ein großer Dank gegen ihn -stieg in ihr auf. Wenn nur er ihr blieb --! - -Tomasow verstand die stumme Antwort vollkommen. - -Er öffnete die Thür und rief Andrian zu, einen Schlitten vor das -Gitterthor zu winken. - -Dann geleitete er Marianne durch den verschneiten Vorgarten, half ihr -einsteigen und knüpfte ihr die Felldecke um die Kniee. - -»Ich bin heute viel aus,« bemerkte er dabei, -- »darf ich gegen Abend -für einen einzigen Augenblick bei Ihnen vorsprechen? Mich überzeugen, wie -alles steht --?« - -Marianne nickte. Sie wußte, wovon er sich überzeugen wollte --. Dann also -mußte es schon geschehen sein --. Ihr schlug das Herz stärker bei dem -Gedanken. - -Als der Schlitten fortfuhr, ging Tomasow langsam ins Haus zurück. - -Andrians Gesicht strahlte, er freute sich immer, wenn er Marianne sah, denn -es kam vor, daß sie sich von ihm Geschichten aus dem Dorfleben erzählen -ließ, und das war ihm das Höchste. So erfuhr sie manche Einzelheit aus -Tomasows Kindheit, der als kleiner Bursche, zu Besuch beim Großvater, -- -einem echten alten Bauern, -- mit Andrian noch barfuß umhergelaufen war. - -»So ein Mütterchen, -- wirklich, so ein prächtiges!« entschied -Andrian, und sah seinen Herrn lächelnd an, während er seine schwachen -kurzsichtigen Augen zukniff, die der Schnee blendete. Ganz wie sein Herr -trug er einen Kneifer, wenn auch keinen goldnen, und nur einen mit dunkelm -Schutzglas. Er fühlte sich sehr stolz auf diesen Kneifer, und kam sich -darin ganz wie ein Ausländer vor. - -Tomasow würdigte Andrian keiner Antwort. Er ging schweigend in sein Zimmer -hinüber und ließ den Thee forträumen. - -Nachdenklich schritt er dabei auf und ab. - -»So ein Mütterchen!« In seinen eignen Erinnerungen spielte Elterntreue -eine große Rolle. Den Vater hatte er wenig gesehen: der hatte sich zum -Kaufmann und Reeder heraufgearbeitet, ungeheuer erwerbstüchtig, ungeheuer -strebsam, bewußt einseitig, ohne Zeit sich Bildung anzueignen: alles -das für die Kinder. Die sollten dann alles haben: Bildung, Macht, -Geld, Glück. Zwei Schwestern von Tomasow verheirateten sich früh und -ansehnlich. Und er, als Student der Medizin, in jugendlichem Enthusiasmus -fast in nihilistische Umtriebe verwickelt, voll drängender, unruhiger -Energie, kam immer wieder ins Dorf zurück, zum Großvater. Wenn er den -Alten vor sich sah, eisgrau, mit den klugen, beredten Augen unter den -buschigen Brauen, dann erschien er ihm in seinem Schafspelz wie ein ganz -Großer, wie ein Fürst oder Gewaltherr. Herr in seiner Hütte, auf seinem -Felde, Ahnherr eines starken Geschlechts. Dies Dorfbild behielt für -Tomasow eine sonderbare Poesie --. - -Plötzlich blieb er mitten im Hin- und Herschreiten stehn. Er horchte. -Drüben im Dienerzimmer unterhielt sich Andrian mit Batjuschka. Er pfiff -ihm russische Weisen vor und erzählte --. - -Tomasow beschlich ein leiser Neid. Wenn Andrian seinen Kneifer fallen -ließ, so war er wieder der Bauer von einst, aller europäische Firniß -fiel einfach von ihm ab. Wer das ebenso machen könnte, oder aber sich eine -neue Welt bauen --. Ja, der wäre erst des »Mütterchens« wert --. - -Er stand auf und horchte auf das Geplauder und Gezwitscher in der -Dienerstube. - - * * * * * - -Ma erwartete zu Hause eine Ueberraschung. - -Ihre beiden Mädchen waren soeben heimgekommen. Noch stand die -Wohnungsthür weit offen, und ein Bauersmann mühte sich eben damit ab, -einen hohen herrlichen Weihnachtsbaum in der Stube unterzubringen. - -Sophie sah die Mutter glückstrahlend an. Es war doch eine gute Idee, -das mit dem Baum! Es war _ihre_ Idee. Ma hatte ihn sich doch so -sehr gewünscht, und wenn sie ihr auch erst gestern abend etwas weit -Großartigeres darbringen wollte, so erleichterte sie dies doch für den -Augenblick. - -Cita stand noch in Mütze und Pelzjacke und lohnte den Mann ab; mitten im -Wohnzimmer erhob sich jetzt die Tanne und duftete wirklich wie ein ganzer -Wald. Oben stieß sie sogar ein wenig an die geweißte Decke an, sodaß -sie ihre höchste Spitze krümmen mußte, von der Seite jedoch breitete sie -ihre Aeste ebenmäßig und tiefgrün, wie ein schirmendes Dach, über Mas -Schreibtisch aus. - -Sophie hatte sich an das geöffnete Pianino gestellt, das der Baum von der -andern Seite überschattete, und unter seine Zweige gebückt, suchte sie -ein paar Accorde eines alten Weihnachtsliedes. - -Die Mutter äußerte nichts, bis der Mann hinausgegangen war. Sie sah blaß -aus, und ihre Augen besaßen etwas so Stilles, so nach innen Gekehrtes im -Blick. - -Endlich sagte sie mit ihrer warmen Stimme: »Dank euch! Ja, dies -Weihnachtsfest soll uns schön werden, wie nie eins gewesen ist! Wir wollen -froh sein, wir drei zusammen! Denn es wird hier am Ort unser letztes sein. -Uebers Jahr feiert auch Sophie es nicht mehr hier. -- Ich dank euch, ihr -Kinder.« - -Sophie, die eine leise Melodie angeschlagen hatte, brach mit einem -gräßlichen Mißton ab. - -Cita, eben im Begriff, ihre Sachen abzulegen, hielt erwartungsvoll inne und -blickte die Mutter an. - -Da ging Marianne zu ihrer Jüngsten hin und nahm sie in die Arme. - -»Aber nicht getrennt!« sagte sie bewegt, »-- ich werde mein -Weihnachtsfest da haben, wo du grade studieren wirst.« - -»-- Ach -- Ma!« schrie Sophie auf. - -Sie glaubte es noch nicht recht. Mit dunkel gerötetem Gesicht schaute sie -angstvoll und zugleich strahlend zur Mutter auf und umklammerte ihren Hals. - -»-- Ach, Ma --! Ist es denn wirklich wahr --?« - -Dieser Augenblick that Marianne doch bitterer weh, als sie jetzt eben beim -Heimkehren geglaubt hatte. Sie drückte Sophiens leuchtendes Gesicht an -sich, um nicht den Ausdruck der Freude darin zu sehen. - -»Ja, es ist wahr, Herzenskind. Alles Nähere besprechen wir noch ein -anderes Mal. Auch mit Cita muß ich noch vieles besprechen. So ganz einfach -ist es nicht. -- Aber die Sache selbst ist entschieden. Nun sollst also -auch du hinaus, -- gebe Gott, einst zu deinem und deiner Mitmenschen -Segen.« - -Sophie drückte sich fester an sie. - -Sie schämte sich schrecklich vor Cita, aber sie weinte dennoch Ströme -von Thränen in Mas Hals hinein, als ob sie nichts in der Welt je von da -fortreißen sollte --. - -Cita stand mit großen ernsten Augen beiseite. Das Wort, das ihr innerlich -kam, lautete ganz spontan: »Donnerwetter!« Aber glücklicherweise behielt -sie es bei sich. - -Ein tiefer Respekt prägte sich auf ihrem jungen Gesicht aus. - -Plötzlich kam sie auf die Mutter zu, ergriff deren Hand und küßte sie. - -»Du bist wahrhaftig der famoseste Kerl unter der Sonne, du herrliche Ma!« -versicherte sie ganz begeistert. - -Marianne lächelte nicht über diese Ehrfurchtsbezeugung; sie überlegte -auch nicht, ob sie nun nicht gradezu glänzend ihre Autorität behauptet -und die Initiative ergriffen habe. - -Sie hielt ihr weinendes Kind im Arm und bückte ihr Gesicht tief zu ihm -herab, als lausche sie fast gierig diesen Thränen, -- als redeten -diese Thränen artikuliert zu ihr -- Süßes, Versöhnendes, -Beschwichtigendes --. - -Dann trocknete sie Sophie, wie einem kleinen Kinde, das nasse Gesicht mit -ihrem eignen Taschentuch ab. - -»Komm,« sagte sie sanft, »es ist doch ein großer Entschluß und daher -ein großer Tag für dich. Geh hinaus und bring uns eine Flasche Wein. Wir -wollen auf dein Wohl anstoßen.« - -Sophie ging, der Mutter Taschentuch vor die Augen gepreßt, langsam, als -sei dieser Tag mehr ein schwerer als ein großer für sie. - -Cita sah ihr unwillig nach. - -Sie bemerkte zur Mutter: »Sophie ist doch noch sehr ein Kind. Hiernach -muß doch nun ein jeder denken, es ginge zur Schlachtbank. Aber du kannst -mir glauben, daß sie darauf brennt, zu studieren. Man muß nur erst in ihr -alles das klären und ordnen.« - -Marianne schwieg einen Augenblick. - -»-- Bist du es, die diesen Entschluß in ihr zu klären versucht hat?« -fragte sie dann ruhig. - -Cita begegnete ihrem Blick fest und offen. - -»Ja, Ma. Sobald mir das selbst klar geworden war. Sie konnte nur nicht den -Mut finden, dich zu fragen --. Sieh, ich stehe ja so dazu: es ist etwas, -wofür ich jederzeit kämpfe und eintrete, -- wie denn also nicht, wo es -die eigne Schwester gilt? Nur mit einem Unterschiede freilich: daß ich in -diesem Fall nicht nur für die allgemeine Sache einstehe, sondern auch mit -jedem Blutstropfen für Sophie selbst. Daß ich mich ihrem Leben verbinde, -ihr helfen, zu ihr halten will jederzeit, -- was auch geschehe.« - -Marianne zauderte nur noch einen letzten Augenblick. Dann reichte sie ihrer -Aeltesten schweigend die Hand. - -Sie schauten einander dabei voll in die Augen, wie zwei Freunde, die, wenn -sie auch nicht auf ganz gleichem Boden kämpfen, es doch in gleichem Sinn -und für dasselbe höchste Ziel thun. - -»Ich stelle Sophie in deine Obhut, -- ich baue auf deine Treue: Höheres -hab ich dir nicht anzuvertrauen,« sprach Marianne leise; »-- Sophie war -›sein‹ Liebling -- und ›seinen‹ Blick hat Sophie. Mir ist, als -ginge noch einmal ›er‹ von mir hinweg, indem sie geht --.« - -Cita war sehr blaß. - -Ihre Schwester kam mit Rheinwein und Gläsern zurück, entkorkte die -Flasche und goß ein. - -Keiner von den dreien sprach ein Wort, als Marianne ihr Glas erhob und mit -ihnen anstieß. - -Sie küßte ihre blonde Tochter, ihr zarteres Herzenskind, doch that sie es -heiter und herzhaft, um keinesfalls mehr Thränen aufkommen zu lassen. - -Cita unterstützte sie in dieser Absicht nach Möglichkeit, denn es -verletzte sie fast, daß Sophie heute weinen konnte. - -»Eigentlich ist das ja ein Weihnachtsgeschenk, das allergrößte, und -gleich unter den noch ungeschmückten Baum gelegt!« sagte sie scherzend, -»-- wie kann man nur seine Gaben so vorweg verschwenden, Ma! Jetzt sollte -ich von Rechts wegen alle übrigen Geschenke bekommen, denn Sophie hat nun -an diesem einen vollauf genug.« - -»Bis zum Weihnachtsabend hab ich vielleicht noch ein andres Geschenk -für euch, -- und dann für euch beide!« erwiderte Marianne mit leisem -Lächeln, und man hörte ihr an, daß sie von einer noch zaghaften, aber -goldnen Hoffnung sprach. - -»Noch ein andres? Noch ein schöneres? Nein, denn das gibt es ja gar nicht -mehr auf der Welt. Nicht wahr, Sophie?« - -Sophie schüttelte energisch den Kopf, ihre geröteten Augen strahlten -jetzt doch. - -»Also dies einzig ist das Schönste für sie, Besseres gibt es nicht!« -dachte Marianne still, einen Augenblick lang weh berührt, doch an der -verschwiegnen Hoffnung, die sie hegte, hob sich ihr Mut wieder. Diese -Stunde sollte eine freudige sein, und sie wurde es. So vieles drängte -sich zur Aussprache, den beiden Mädchen wurde es in diesen Minuten erst -bewußt, daß sie in mancherlei Heimlichkeiten gelebt hätten die Zeit -über, -- und daß es köstlich sei und an sich schon ein Fest, keinerlei -Heimlichkeiten mehr zu kennen, Mas Blick und Lächeln gegenüber. - -Und allgemach lenkte Marianne das Gespräch in immer ruhigere Bahnen. Sie -saßen eng zusammengerückt bei der halbgeleerten Flasche, und während -sie die praktische Seite der Frage näher erörterten, scherzten sie schon -wieder. - -Endlich stand Marianne auf. Es war fast halb sechs geworden. - -»Jetzt möchte ich hineingehn und ein wenig ruhen, ihr beiden -Taugenichtse. Diese Nacht war nicht gut für mich. Und morgen ist kein -Sonntag mehr --. Aber von da an nehmen die Stunden endlich reißend ab. -- -Bis wir um halb sieben essen, bin ich wieder da. Sollte nun noch inzwischen -ein Sonntagsgast kommen, so bestrickt ihn mit so viel Liebenswürdigkeit, -als ihr wollt, mich jedoch soll er auf alle Fälle in Frieden lassen.« - -An der Thür wendete sie sich noch einmal nach den Mädchen um und nickte -ihnen zu. Sie sah ihre leuchtenden zutraulichen Augen, und ein warmes -Dankgefühl kam über sie, als fiele langsam von ihren Schultern eine Last, -unter der gebückt sie gegangen war: -- wieder lagen jetzt die Herzen ihrer -Kinder offen und ihr zu eigen vor ihr da, wie ihre blühenden Gärten. -- - -Nur ein Sonntagsgast schellte ein wenig später. Es war Tomasow. - -Marianne hatte gewußt, daß er noch kurz vorsprechen wollte, indessen -hatte sie selbst ihn in diesen Stunden vollständig vergessen. - -Die beiden Mädchen erzählten ihm wörtlich den Auftrag der Mutter, falls -jemand zu Besuch käme. Er mußte lachen --, nun wußte er genug. - -Was etwa noch fehlte, ergänzte ihm ein einziger Blick auf die Schwestern. -Sophies Gesicht war noch voll roter Thränenspuren. Cita war blaß und die -dunkeln Augen brannten ihr. - -»Nun, das hier scheint mir ja schon mehr ein Bacchanal gewesen zu sein!« -bemerkte Tomasow, als er ins Wohnzimmer kam, wo noch die leeren Gläser -standen. - -Sophie fuhr es heraus: »Ja --! Denn ich soll nun Cita ins Ausland folgen -und von Ostern ab Medizin studieren!« - -Sie kam aus der Küche, die weiße Schürze schief umgebunden; heute konnte -man wohl einige Bedenken wegen ihrer Beaufsichtigung des Mittagmahles -hegen. - -Tomasow sprach das nicht aus; er sagte nur: »-- So, so. -- Nun, und Ma, -- -was sagt denn die dazu?« - -»Ma ist es ja grade, die es selbst vorgeschlagen hat,« erklärte Cita. - -»So. -- Nun, und wo wird denn Sophie diese große That thun?« - -Sophie rief: »Aber natürlich in Berlin!« - -»Natürlich da, wo ich mit ihr zusammen sein kann,« meinte Cita. - -»Nein, Cita, das kannst du so doch nicht sagen. Deshalb allein doch wohl -nicht,« verbesserte Sophie einschränkend. - -Tomasow hatte sich im Schaukelstuhl niedergelassen. - -Er nahm seinen Kneifer aus der Seitentasche, rieb ihn mit einer Ecke des -bastseidenen Taschentuches klar und setzte ihn auf seine etwas stumpfe -Nase. Dann blickte er den beiden sichtlich noch ganz aufgeregten Mädchen -nacheinander prüfend ins Gesicht. - -»Eine kleinere Universitätsstadt, -- eine solche natürlich mit gut -bestellter medizinischer Fakultät, -- wäre für den Beginn ebenfalls -nicht übel!« bemerkte er langsam. - -»Ach nein!« rief Sophie unwillig und ergriff ihn am Aermel, »-- daß -Sie sich nicht etwa unterstehn, Doktor Tomasow, unsrer Ma dergleichen -einzublasen!« - -»Aber Sophie, du benimmst dich rein wie ein Kind!« tadelte Cita, von der -zwanglosen Intimität dieser Worte unangenehm berührt. - -»Mir scheint hiernach aber doch,« nahm Tomasow sehr gelassen das Wort, -»daß Sophie nur mit löblicher Offenherzigkeit ihres Herzens Meinung, -- -und auch Ihres Herzens Meinung, Cita! -- kundgibt. Mir scheint, daß bei -Ihnen die Wahl des Ortes fast eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die -soeben erst eingeholte Erlaubnis zum Studium selbst, -- hab ich nicht -recht?« - -Sophie errötete und wollte widersprechen. Aber Cita setzte sich Tomasow -gegenüber seitwärts auf einen Stuhl, schlang den Arm um die Lehne und -bemerkte eifrig: »So kindisch ist es nicht zu nehmen, wie es bei Sophie -leicht aussieht. Allerdings freut sie sich darauf, -- und ich für sie! --- daß sie auch außerhalb des Studiums am Leben teilnehmen wird. Aber -selbstverständlich nicht etwa an seichten Vergnügungen! Nicht um irgend -welcher Genüsse willen, die eine große Stadt naturgemäß reicher -bietet, --.« Citas Lippen kräuselten sich bei dieser Erwähnung fast so -verächtlich, wie die einer jungen Nonne, die im Kloster vom Weltverzicht -spricht. - -Im »Spalt« nebenan, wohin Sophie eben verschwunden war, um einiges -Geschirr für die Küche zurechtzustellen, hörte man es beängstigend laut -klirren. - -»-- Sondern --?« forderte Tomasow Cita zum Weitersprechen auf. Der -Kneifer saß ihm noch immer auf der Nase. Eigentlich hatte sie wenig Lust, -weiterzusprechen. Sie fand ihn heute ganz merkwürdig arrogant aussehend. - -»-- Sondern um teilzunehmen am Leben der heutigen strebenden Frauenwelt, --- an dieser ganzen Bewegung,« sagte sie dennoch. »Sophie wird sich bald, -so wie ich es thue, innerlich eins damit fühlen, daran emporwachsen --« - -»-- Jedenfalls hat es etwas Begeisterndes!« fiel Sophie ein, die es -doch nicht aushielt, im Hintergrunde zu bleiben. Sie hatte das Geschirr -niedergesetzt und trat wieder zu ihnen. Sie fand, daß man ganz über sie -hinwegspräche, während es sich doch ausschließlich um ihre eigenste -Angelegenheit handelte. Auch sie wollte sich Luft machen und mit ihrer -Ueberzeugung herausrücken. - -So fuhr sie lebhaft fort: »Es ist doch etwas ganz andres, ob man so vor -sich hin studiert und nur ganz egoistisch an die eigne Zukunft denkt, -- -oder ob man mit allen zusammen diesen neuen großen Zielen entgegengeht. --- -- Es hat etwas Begeisterndes!« wiederholte sie mit einer inbrünstigen -Betonung, die darüber hinweghelfen sollte, daß ihr gar nichts weiter -einfiel. - -Sie stand neben Tomasows Stuhl, sodaß er zu ihr hinaufsehen mußte. Wie -sie diese Worte mit so viel Wärme sprach und dabei so zart und lieblich -dastand, flog ein Ausdruck durch seine Augen, der Cita frappierte, obwohl -sie ihn nicht verstand. Arrogant nahm er sich jedenfalls nicht mehr aus. - -Tomasow nickte vor sich hin und bemerkte, indem er den Kneifer fallen -ließ: »Ja ja, es ist schon so. Studieren oder nicht, -- das ist gar nicht -mehr allein die Frage. Sondern damit bildet sich zugleich ein neuer Typus -der Frauen heraus, -- ja, gewissermaßen ein neuer Typus, man muß es wohl -so nennen. Damit, daß eine studiert hat, ist es nicht mehr abgethan.« - -»Sehr richtig! Man muß das nur erst allerseits einsehen lernen!« -bestätigte Cita billigend, während ihre Schwester mit einem -unterdrückten Seufzer in die Küche abging, obwohl sie sich weit lieber an -dieser interessanten Diskussion beteiligt hätte. - -»Sind Sie nun eigentlich für oder gegen den neuen Typus -- so im Grunde -Ihrer Seele, Doktor Tomasow? Farbe bekennen!« fügte Cita lächelnd hinzu. - -Jetzt waren seine Augen wieder voller Spott. - -Er verneigte sich, das Lächeln zurückgebend, ironisch vor dem jungen -Mädchen. - -»Werde die Ehre haben, mich zu entscheiden, sobald Sie mir das erste -vollzählige Regiment neuer Musterexemplare vorführen! -- -- Einstweilen, --- Sie wissen: wer neue Wege sucht, muß sich drauf gefaßt machen, unter -Umständen mit zerfetzten Kleidern und einigen dicken Beulen und Schrammen -aus dem Dickicht wieder aufzutauchen, -- -- was einem Frauengesicht --« - -»-- Davor fürchten wir uns nicht, Doktor Tomasow!« unterbrach ihn Cita -etwas scharf, einen feinen Hochmut um die Lippen. - -»Nein, -- wie ich sehe!« versetzte er, und wieder glitt der Ausdruck von -vorhin durch seine Augen, »-- auch befürchte ich selbst für euch beide -jetzt noch kaum sehr viel. Nein, für euch beide minder als für manche -andre. Denn möglicherweise seid ihr bis zu gewissem Grade -- gefeit. -- -Obschon keinesfalls durch euer eignes Verdienst,« fügte Tomasow hinzu, -indem er sich aus dem Schaukelstuhl erhob. »Ich muß nun gehn. Meinen -Gruß eurer Mutter und der kleinen zukünftigen Kollegin.« - -»Gefeit, und nicht durch eignes Verdienst?!« wiederholte Cita erstaunt -und entrüstet. Auch sie stand auf und trat mit ihm hinaus auf den Vorflur; -»-- das wäre wirklich das Aeußerste. Wenn wir einmal durch eigne Kraft -etwas Tüchtiges geworden sind, werden Sie uns auch noch das Verdienst -daran abstreiten --! Ich möchte wissen, wer dies Verdienst -- --« - -Sie vollendete nicht, weil sich grade die Thür zu Mariannens Schlafzimmer -öffnete, und diese in den Gang hinaustrat, wo ihr Sophie von der Küche -her entgegenlief. - -»Das Essen ist gleich fertig!« rief Sophie erhitzt. - -Marianne kam auf den Gast zu. - -Tomasow, der schon im Pelz, zum Fortgehn bereit, dastand, blickte Cita -schweigend an. - -Und plötzlich verstand sie, was er meinte, -- wen er meinte --. Ihre -Entrüstung hielt nicht stand, fast gegen ihren Willen kam Demut in ihre -Augen, als sie dem Ehrfurchtheischenden in seinen Augen begegnete. -Denn dieser Blick hatte fast etwas Gebieterisches, etwas, was sich ihr -eindrücken, einprägen wollte, wie eine Stimme, die deutlich sprach: »Ihr -seid die Kleinen, die eine Große großmütig auf ihre Schultern hebt. -Eine, die ihre Schultern beugt, damit sie euch tragen kann. Ich weiß das: -ich habe geholfen, euch da hinaufzuheben. Nun seht ihr euch die Welt von da -oben an!« - -»Was, Sie wollen schon gehn?!« fragte Marianne und gab ihm die Hand. - -»Ja, ich muß gehn. Und Sie, lassen Sie gefälligst die Suppe auf dem -Tisch nicht kalt werden, -- nach meiner Berechnung hat sie heute dem -jüngsten Fräulein Tochter arge Mühe gekostet. -- -- Froh bin ich, Sie -noch zu sehen. Sie sind aber auch eine entsetzliche Langschläferin, meine -Gnädige.« - -»Ja, ich habe wirklich geschlafen!« sagte Marianne. - -Sie stand lächelnd, mit schlafroten Wangen, wie ein eben aufgewachtes -Kind, und mit blinzelnden Augen da, denen das Lampenlicht noch weh that. - -An jeder Seite hing ihr jetzt eine Tochter. Sophie hatte ihr einen Arm -um die Hüfte geschlungen und sich an sie geschmiegt, sodaß sie nicht -vorwärts gehn konnte. Cita schob ihre Hand leise in den Arm der Mutter. - -Marianne stand da und strahlte in einer so warmen und innigen Schönheit, -daß Tomasow ganz betroffen davon war. - -»-- Sie ist ja doch die tausendmal Jüngste von allen dreien, -- die -tausendmal Anfänglichere --; sie ist wie das Leben an der Wurzel selbst -und am unversieglichen Anfang --!« dachte er wie berauscht, als er die -Treppe hinabstieg. - -Ganz langsam trat er den Heimweg an. - -Ein eigenartiges Triumphgefühl mischte sich in sein Entzücken über -Marianne, -- eine feine Sensation, wie sie ihm nur durch ihr Wesen -vermittelt wurde. Das kam von dem ausschlaggebenden Anteil, den seine -Bestimmungen an allen ihren wichtigen Entschlüssen zu haben pflegten. Was -sie so schön und sieghaft aussehen ließ, führte stets irgendwo auf einen -Einfluß, ein Zureden, einen Rat von ihm zurück: und bei ihrer ganzen Art, -so tief und inbrünstig zu leben, lag in dieser Mitarbeit daran etwas, was -seinen Ehrgeiz wunderlich erregte. - -Mochte er auch in seinem persönlichen Dasein enttäuscht oder -gleichgültig geworden sein in hundert Punkten, -- in diesem einen Punkt -fühlte er um viele Jahre jünger, in diesem einen Punkt bekam seine -Energie wertvollen Spielraum und großen Stil. - -Als sich Tomasow schon seinem Hause näherte, blieb er zögernd stehn. Er -bog in eine hügelige Seitenstraße und schritt sie langsam hinauf, bis -ihm die kleinen erhellten Fenster des Stifts für unbemittelte Frauen -entgegenblinkten. - -An den Zaun gelehnt, schaute er nach dem Erdgeschoß hinüber, dann trat -er an das Mittelgebäude heran und klopfte mit seinem Stock leicht an das -Fenster von Wera Petrownas Stube, wo kein Licht brannte. - -Das Klopfen wurde sofort von innen erwidert, und als er dann durch den -Hausflur ging, wurde auch schon die Zimmerthür geöffnet. - -Wera Petrowna war eifrig damit beschäftigt, die Lampe anzuzünden, sie -sagte vor aller Begrüßung, indem sie eilig ein Streichholz anstrich, -abwehrend: »-- Ja, ich weiß, -- ich weiß schon: ich soll nicht abends -im Dunkeln dasitzen, um den Tropfen Petroleum zu sparen, und vorzeitig -einzunicken auf dem alten Sofa, und dann nachts nicht zu schlafen --. --- -- Aber ich bin wirklich eben erst nach Hause gekommen, -- und, der -Abwechslung halber, -- -- es denkt sich so gut im Dunkeln.« - -Sie setzte die Glaskuppel auf die Lampe, deren schwerer Fuß und -vorzügliches Brennwerk aus bessern Zeiten stammten, und schob sie in die -Mitte des Tisches vor das geblümte Sofa. - -»Unverbesserlich!« bemerkte Tomasow. - -»Herrlich, daß Sie mal kommen! Seit einer Woche freu ich mich schon von -Tag zu Tag, --« lenkte sie ab und ging geschäftig zu der Kommode, wo das -Schachbrett nebst Figurenkasten immer bereit stand. - -Sie griff nach dem Brett und schaute Tomasow fragend und bittend an. - -»-- Sie mögen doch --?« - -Er nahm ihr Brett und Kasten ab, trug beides auf den Tisch und rückte -einen Stuhl heran. - -Aber anstatt die Figuren aufzustellen, setzte er sich nur hin, stützte -den Kopf in die Hand und blickte zerstreut in das geöffnete Kästchen, als -müsse er raten, was darin sei. - -Wera Petrowna hatte sich ihm gegenüber auf das Sofa niedergelassen und sah -erwartungsvoll zu. Als nichts weiter kam, schüttelte sie den Kopf. - -»Schlechter Laune!« konstatierte sie erbarmungslos. - -Dabei schob sie ihm aufmunternd die Zigarettenschachtel hin. Die Zigaretten -ihres Neffen waren gar nicht zu verachten. - -»Von wo kommen Sie denn? Hat vielleicht irgend ein Patient Ihnen den Kopf -beschwert?« - -»Nein. Ich komme jetzt eben von Frau Marianne.« - -»Ach so -- --, am Ende -- -- selbst Patient --?« - -Tomasow schaute zu ihr hinüber und runzelte merklich die Stirn. - -Die Alte setzte ihr allerharmlosestes Gesicht auf. - -»Nun, nichts für ungut. Mit bejahrten schwatzhaften Personen muß man -Nachsicht üben, lieber Tomasow. -- -- Und wir Frauen sind nun mal so -veranlagt, daß es uns immer nur von der Liebe zu singen und zu sagen -drängt.« - -Er mußte unwillkürlich lächeln, Wera Petrownas Worte und ihr Aeußeres -bildeten einen zu heitern Kontrast. Mit ihrem alten energischen Gesicht -und im fadenscheinigen weiten schwarzen Gewande, -- dem ziemlich traurigen -Produkt eigner Schneiderkunst, -- in dem sie zu Hause umherging wie in -einem Talar, sah sie einem herabgekommenen russischen Popen um vieles -ähnlicher als einer Frau. - -Vorhin, in der Eile, von seinem Besuch überrascht, hatte sie vergessen, -ihre Alltagshaube aufzustülpen; der Ofenhitze wegen, die nichts zu -wünschen übrig ließ, bedeckte sie ihr dünnes Haar am liebsten gar -nicht, das, wie unter einem durchsichtigen Schleier, überall schon die -Kopfhaut hell durchscheinen ließ und ihr jetzt hinten in traurigen kleinen -Strähnen lose in den starken Nacken hing. - -»Warum haben Sie eigentlich nicht geheiratet?« fragte Wera Petrowna -plötzlich. Sie war aufgestanden, langte sich mit ausgestrecktem Arm ihre -alte Tüllhaube von einem Nebentisch und that sie auf ihren Kopf wie eine -Krone; »-- schon längst hätten Sie das vollbringen können, -- selbst im -Auslande --« - -»Einer Ausländerin würde es hier nicht behagt haben,« bemerkte Tomasow, -eine Zigarette anzündend. - -»Aha, -- also gegeben hat es dort doch eine!« bemerkte sie mit weiblicher -Logik und ließ sich auf ihren vorigen Platz nieder, -- »nun, und hier --? --- Auch hier wüßte ich mehr als ein Genre, das ganz gut für Sie gepaßt -hätte.« - -Wera Petrowna musterte dabei ihr Gegenüber mit hellen, etwas ironischen -Augen sorgfältig prüfend, während sie den Rauch ihrer Zigarette in -langen Ringeln von sich stieß. »-- Ein Mann wie Sie --? Was wird denn -den am heftigsten angezogen haben --,« sagte sie nachdenklich; »-- nichts -Naives natürlich, -- etwas Pikantes. Möglicherweise irgend ein Typus -der Frauen mit den Verführungskünsten --, die Frau als die große -Verführerin und Lehrmeisterin auf schweres Lehrgeld, -- möglicherweise -überhaupt ein Leben, das mehr verführt als befriedigt -- --. Wenn ich Sie -mir so anschaue --« - -»Ach, lieber Himmel, vor hundert Jahren vielleicht?« unterbrach er sie -halb ärgerlich, halb belustigt. - -Wera Petrowna griff resolut in das Kästchen und begann an Tomasows Statt, -die Figuren auf dem Brett aufzustellen. - -»Nun ja, das ist wahr: jetzt sind Sie bequem geworden,« gab sie zu, -»-- und ich will auch nichts Indiskretes ausplaudern über das, was mir -allerlei kleine Fältchen um Ihren Mund da und um Ihre Augen bereitwillig -zu verstehn geben. -- -- Aber: nun zum Beispiel eine Ehe mit einer -Mustergattin, -- dafür ist mitunter grade das russische Mädchen ein -Prachtexemplar: liebevoll, heiter, nachgiebig, voll Tüchtigkeit und -Tapferkeit --« - -Tomasow nickte anerkennend. - -»Schätze ich auch ungemein,« bestätigte er kurz. - -»Und man sollte doch meinen, jemand wie Sie, der ganz gern herrscht, der -müßte doch auch gern endlich sein eignes Haus um sich bauen, -- sein -Leben breit ausbauen mit so einer russischen Frau -- von jener Sorte, der -noch der Mann das Schicksal ist, das sie liebt, und dem sie gehorcht --« - -»Ein schönes Glück!« bemerkte Tomasow spöttisch, »sein eignes Leben -mit allen Unzulänglichkeiten und Defekten so festgenagelt zu sehen rund -um sich, -- ein Wesen darin mit einer Miene umhergehn zu sehen, als sei das -nun wirklich das Paradies --. Nein, für den Reiz danke ich. Ich danke für -die kleine Art der Männertyrannei. Leicht genug zu herrschen, wo nichts zu -beherrschen ist. Wozu?« - -»Sieh da! Sie können sich sogar selbst verspotten,« entgegnete die Alte -beifällig. »Das wirft mir ein ganz neues Licht auf Sie. Da begreif ich -zum Beispiel schon besser, daß Sie mal, in Ihrer Jugend Blüte, für eins -von den kleinen heldenmütigen Mädchen geschwärmt haben, die hier und -da aus lauter edelm Fanatismus in unsre entlegensten und verarmtesten -Provinzen als Lehrerinnen abgehn. Wie sah die aus? Mager, sehr mager, -blaß, mit großen enthusiastischen Augen --? -- -- Aber geheiratet haben -Sie das kleine Mädchen doch nicht --.« - -»Möchten Sie nicht vielleicht Ihre diesbezüglichen Meinungen lieber für -sich behalten?« meinte Tomasow grob, aber er lächelte. - -»Wenn es Ihnen besser behagt, -- warum denn nicht?« sagte die Alte -seelenruhig, »-- ich spiele ja viel lieber Schach. -- -- Aber das -reine Wohlwollen treibt mich -- --, -- es ist wirklich merkwürdig, wie -reichhaltig Sie sind, ich kann mir so ganz verschiedenartige Frauen recht -gut neben Ihnen vorstellen --. Ist das nun Reichtum, oder -- oder ist -irgend etwas nicht recht zum einheitlichen Ende gekommen --? -- -- Also -spielen wir?« - -Sie fingen endlich damit an, wie jedesmal, wenn Tomasow herkam. Erst mußte -die Redelust der Alten ein wenig ausschäumen. - -Wera Petrowna blieb indessen zerstreut. Sie machte Fehler auf Fehler. -Zuletzt lachte sie kurz auf, sodaß sich die Oberlippe von den -Vorderzähnen fast höhnisch hob, und äußerte ohne rechten Grund: »Die -Zeiten ändern sich. Der Heldenmut auch. Jetzt ziehen es die kleinen -Mädchen manchmal vor, ihre Mutter zu verlassen, um irgendwo in allem -Behagen und mit viel männlichem Selbstbewußtsein zu studieren. So wie -Marianne ihre -- --. Ein Glück noch, daß Sophie --« - -»-- Sophie geht ebenfalls. Um Ostern. Heute hat Frau Marianne -eingewilligt,« sagte Tomasow. - -Wera Petrowna starrte ihn erst ungläubig an. Wie mit einem Schlage -verschwand aus ihren Zügen alles Ironische und der spielende Spott und das -versteckte Lachen. Schrecken und ein fast ehrfürchtiges Erstaunen stritten -in ihrem lebhaften alten Gesicht um die Herrschaft. - -Sie schlug laut die Hände ineinander. - -»O du grundgütiges Seelentäubchen, meine einzige Marinka --! Was das sie -kostet --! Und das sagen Sie mir erst jetzt, Sie Eisbär, Sie Feuerländer, -Sie -- Sie -- --. Was das sie kostet --!« Sie hielt inne und starrte ihn -wieder an. Man konnte deutlich sehen, wie angestrengt und durchdringend -hinter ihrer Stirn und ihrem sich sammelnden Blick hundert Gedanken -auftauchten. »Die Kinder fort!« sagte sie langsam, »-- beide Kinder, -- -das ist ein ganz neues Leben, ein ganz zerbrochenes Weitervegetieren -für sie oder -- --. Es ist eine vollkommne Einsamkeit, Vereinsamung, -- -oder -- --? -- Marianne ist noch jung, -- sie ist noch immer jung --« - -Tomasow, der unwillkürlich niedergeblickt und mechanisch mit dem Deckel -der Zigarettenschachtel gespielt hatte, hob den Blick. - -Eine kurze Pause lang schauten sie einander schweigend in die Augen, einer -des andern Gedanken enträtselnd --. - -Wera Petrowna rief plötzlich in fast klagendem Ton: »-- Ach Tomasow, wer -verdient denn das aber, so viel Glück, wie diese Frau noch geben könnte, --- was für ein Mannsbild verdient denn das --?« - -Er wollte etwas erwidern, aber sie unterbrach ihn gereizt: »Nein, -schweigen Sie nur! Es ist schon so, -- ich weiß, ich weiß!« beharrte sie -fast giftig. - -Und plötzlich stand sie auf und fuhr mit der Hand durch die Figuren, daß -sie alle umfielen. - -»Es muß schon so sein! Die Jugend muß wohl immer erst heraus aus einem -Menschen, -- da hilft nichts!« murmelte sie ergrimmt, und sie fing an, an -ihrem Stock auf und ab zu gehn. Das Sitzen hielt sie nicht mehr aus. - -Tomasow schob das Brett zurück und rauchte schweigend. Gegen die -Sonderbarkeiten der Alten war er nachsichtig. Und viel lieber, als zu -spielen, hing er jetzt seinen Gedanken nach. - -Da hörte er sie sagen, ganz in Zorn: »-- Ist es nicht wie eine -Löwengrube, -- so ein Menschenleben --? Man muß doch immer wieder hinein, --- immer wieder hinein --. Und was hat diese Frau nicht angesammelt in -all den langen Jahren, -- all die unausgegebene Fülle -- --. Es ist sogar -einerlei im Grunde: ob sie noch einmal neu anfängt mit dem Leben, oder ob -sie einsam bleibt, -- diese ganze Fülle, die ganze Inbrunst reißt sie -ja doch notwendig in die tausend Lebenskämpfe, wie unter brüllende -Tiere --« - -Nach einer Weile fuhr sie grollend fort: -- »Da ist nun Sophie, -- nun -viel ist sie noch gar nicht, -- aber was bedeutet so ein Mensch mitunter -nicht alles für seinen Mitmenschen! Daß sie bei ihr war, glich für -Marianne alles aus, -- sänftigte das ganze Leben --. Manchmal genügt so -wenig, -- so ein bißchen Menschennähe, um gar nicht zu merken, wie -viel man noch in sich herumträgt, -- wie vieles man noch unter Schmerzen -entladen soll. -- Erst wenn diese sänftigende Schutzdecke davon abgerissen -wird, -- plötzlich steht man da wieder hart am Rande, -- ganz hart -am Absturz -- mitten in alle Untiefen von neuem hinein -- unerbittlich -hinein!« Wera Petrowna holte sich in ihrer Erregung die Haube vom Kopf -herunter und lief fast auf und ab. »Gott meint es erst gut mit denen, die -es hinter sich haben, -- hinter sich. -- -- Arme Marinka!« - -Tomasow saß zurückgelehnt, mit dem Rücken nach ihr. Er vernahm wohl -ihre Worte, aber gleichzeitig umfingen ihn andre, weit weniger düstere -Bilder --. Und auch sie scharten sich um dieselbe Erwägung, wie um ein -Leitmotiv dazu: »-- Marianne ist noch immer jung --« - -Die Alte hinter ihm im Zimmer war still geworden. Auch ihr Stock berührte -nicht mehr, im Takt aufschlagend, den Fußboden. - -Tomasow empfand spontan, wie starkes Erleben und Erkennen hinter ihrer -gewohnten Alltagsironie stehn, -- wie tief sie selbst in die Löwengrube -hinabgestiegen sein mochte, -- und daß sie von dort herausgekommen war mit -einem Herzen, das ganz wund war von zartem Mitleid und verstehender Furcht -für andre --. - -Er wandte sich zu ihr um. Sie saß im Stuhl am Fenster. Die Haube hielt sie -noch wie einen wunderlichen dunkeln Knäuel in der Hand. - -Und sonderbar hob sich dieser nackte Kopf von der hellen unfeinen Tapete -des Zimmers ab, -- wie durchaus nicht hergehörig in diese banale Stube, --- wie nicht einem Mann und nicht einer Frau zugehörig, -- vielmehr einem -geheimnisvollen Wesen oder Unwesen, das nun dasitzt in den Wohnungen der -Menschen, um dunkle Dinge zu weissagen --. - -Ganz unbeweglich saß sie da. Und ihm wurde es fast unheimlich, so auf -sie hinzuschauen. -- -- Als müßte er schnell, jetzt gleich, irgend einen -Bannspruch, irgend einen Wahrspruch finden, -- der ihre finstern Gedanken, --- der den Lebensgedanken selbst -- in Freude löste. -- -- Oder als würde -sie sich selbst langsam erheben, unmenschlich groß, und etwas Unerhörtes, -Unüberwindliches sagen --. - --- In solcher Stimmung hört man als Kind Märchen erzählen -- --. - -Tomasow erhob sich und trat zu ihr hin ans Fenster. - -Da blickte Wera Petrowna auf. Sie sah auf mit dem welken, freundlichen -Antlitz einer alten Frau, die sich Sorgen macht. - -»-- Arme Marinka --!« sagte sie nur mit einer schwachen, bekümmerten -Stimme. - -[Illustration] - - - - -=IV.= - - -»-- Also: Schluß für vierzehn Tage. Junge, klapp die Bücher zu und freu -dich!« sagte Marianne zu ihrem Neffen nach Beendigung der französischen -Montagskonversation. - -Sie saßen schon bei der Lampe im Lernzimmer der ältern Kinder. Nikolai -hatte beide Ellbogen aufgestützt und schob trübselig seine etwas breit -geratene Unterlippe vor. - -»Freu mich gar nicht. Aber auch nicht die Spur!« versicherte er; »worauf -denn? Eine Menge Familientage, schrecklich lange Mittagessen, -- und zu -Hause sitzen --. Ob man sich schließlich in der Schule ducken muß oder zu -Hause -- --. Mußt du denn schon gehn?« - -Marianne war heute so besonders angenehm gewesen, fast so lustig wie ein -guter Schulkamerad, daher paßte es ihm nicht, daß sie schon ging. - -»Du hast doch eine Menge Vergnügen in deinen Ferien! Ein undankbarer -Junge, nicht wahr, Inotschka?« meinte Marianne. - -Inotschka beugte sich über ihre Weihnachtsstickerei, die ihr heute -wirklich Eingang zu der Montagsstunde verschafft hatte. An diesen Tagen -heimlicher Arbeit ging vieles ungerügt durch. - -»Ach, was weiß denn Ina! Ein Mädchen! Gut ist es doch nicht eher, als -bis man groß ist und ein selbständiger Mann,« konstatierte Nikolai, -griff verdrießlich nach seinen Büchern und verließ das Zimmer. - -Inotschka antwortete ganz still: »Nein, so darf man nicht sprechen. Die -Eltern bereiten uns so viel Freude, wie sie nur können. Wir müssen ihnen -sehr dankbar sein.« - -Dann sah sie jedoch sehnsüchtig zu Marianne hin und fügte in ganz anderm, -drängendem Tone hinzu: »Warum ist es nur so, daß ihr diesmal nicht -mit uns Weihnachten feiert? Ach, thus doch! Weißt du noch: voriges -Jahr -- --!« - -Marianne, die schon aufgestanden war, strich mit der Hand Inotschka über -das weiche Haar, dessen feinen seidigen Strähnen man die Fülle, die sie -enthielten, kaum ansah. Es lockte sie immer heimlich, dies feine Haar zu -lösen und ganz anders zu ordnen. - -»Das war ja nur ein Zufall voriges Jahr! Du mußt dich nicht so danach -sehnen,« sagte sie sanft. »Sieh mal: ist es denn nicht überhaupt ein -Zufall, daß ich hier in eurer Nähe lebe? Wie leicht hätte es so kommen -können, daß ich im Auslande blieb. -- -- Und vielleicht -- -- vielleicht -kommt es noch dazu, Inotschka.« - -Die Kleine hatte ihre Stickerei auf den Tisch geworfen. Sie schaute mit -erschrockenen Augen empor. - -»Das -- das hab ich gefühlt --!« entfuhr es ihr heftig. - -»Aber nein! Sei nur ruhig, meine kleine Ina, -- heute und morgen ist noch -alles beim alten. -- -- Und übermorgen, im Handumdrehen, -- da ist aus der -Ina schon ein großes, vernünftiges Mädchen geworden!« beschwichtigte -Marianne sie tröstend. - -Aber Ina war aufgesprungen. Sie hing sich Marianne an den Hals und brach -hilflos in Thränen aus. - -»Ich werde nicht groß! Ich werde nicht vernünftig! Alle Vernünftigen -sind so gräßlich. Laß mich doch klein bleiben! Laß mich bei dir -bleiben!« - -Marianne blieb ganz stumm. Sie schlang nur ihre Arme um sie und küßte sie -auf das Haar und auf die weinenden Augen. Dann, nach Minuten schweigender -Liebkosung, beugte sie den Kopf tief zu Inotschka nieder und flüsterte ihr -ins kleine heiße Ohr: »Sei still, mein Herz, ich komme jetzt oft und oft -zu dir, -- so oft du mich nur wirst haben wollen --.« - -Ina ließ sie los und blickte ungläubig auf. »Wirklich?! Sagst du es auch -nicht nur so?« - -»Nein. Ich sage es nicht nur so. Ich werde Mama um die Erlaubnis bitten, -recht oft kommen zu dürfen, um mit dir zusammen zu sein.« - -»Und glaubst du, daß -- --, meinst du, Mama wird erlauben, daß du -so wirklich zu mir kommst -- --? Denn wenn ich mit den Großen dabei -zusammensitzen soll -- --« - -Marianne setzte sich auf Inas Stuhl und zog sie wie ein kleines Kind zu -sich auf die Kniee. - -»Mama erlaubt alles, was geeignet ist, dich froh und glücklich zu -machen,« entgegnete sie zuversichtlich, und als sie Inas schüchterne -Augen voll Zweifel auf sich gerichtet sah, fügte sie ernst hinzu: »Du -denkst mit Unrecht, deine Mama enthielte dir dies oder jenes vor, und du -wirst scheu, weil du meinst, vor verschlossnen Thüren zu stehn. Aber sie -gehn noch alle auf, mein Liebling. -- -- Siehst du, davon und von vielem -andern will ich dir erzählen, wenn wir so bei einander sind, wie jetzt.« - -»Willst du mir von Mama erzählen, wenn du bei mir bist?« fragte Ina -stockend und sah sie unsicher an. - -Marianne streichelte sie mit einem feinen Lächeln voll Güte. - -»Von uns Mamas überhaupt. Denn, weißt du wohl, wer das ist? Eine Mama, -das ist jemand, der gewaltig reich geworden ist durch das Verlangen, recht -viel zum Verschenken an seine Kinder zu haben. Aber die Kinder sind erst -ganz klein, und dann jedes Jahr nur ein bißchen größer, und es dauert -lange, bis sie ganz groß sind, sodaß sie wirklich alle die reichen -Geschenke benutzen können. Daher muß Stück für Stück in festen Truhen -verwahrt bleiben, und wenn die Mama aufschließt und nachschaut, was sich -für ihre Lieblinge wohl schon eignet, dann darf sie sich doch nichts -merken lassen von der Bescherung, für die es noch zu früh ist. Und dann -sieht es den Kindern fast so aus, als hätte sie nichts übrig für sie. --- -- Aber alle ihre Truhen sind grade dann voll Gold. -- -- Jemand, der -ungeduldig und sehnsüchtig zwischen lauter Truhen voll Kostbarkeiten -umhergeht: das ist eine Mama. -- -- Weißt du es nun?« - -Ina schmiegte sich fester an Marianne an. - -»Und du hast auch solche Truhen, die du nicht aufmachst?« fragte sie, -»-- du auch?« - -»Ja, ich auch. Viele -- viele.« - -»Aber einmal -- da springen sie alle auf! Alle?« Ina richtete sich mit -verlangenden Augen auf Mariannens Schoß hoch. - -»Alle -- alle!« versicherte Marianne mit unterdrücktem Jubel in der -Stimme und legte ihre Arme um das kleine Mädchen. Man fühlte, daß irgend -eine eigne große Freude oder Erwartung aus allen ihren Worten herausklang -wie eine überströmende Wärme. - -Inotschka lächelte, sie hatte leicht gerötete Wangen und sah unendlich -zufrieden aus. »Was für wunderschöne Geschichten du aber auch weißt, -Tante Marianne! Wirst du mir noch viele erzählen?« - -»Ich werde dir gewiß noch schönere erzählen. Denn nun mache ich bald -die allerschönste Truhe auf --« - -»Für mich auch!« rief Ina vergnügt und klatschte in die Hände. - -Plötzlich hielt sie jedoch inne. Sie ließ Marianne los und glitt von -ihren Knieen hinunter. - -»Da kommt Mama!« murmelte sie, »-- vorhin fuhr ein Schlitten vor --. -Die Wohlthätigkeitsvorstellung muß jetzt auch schon längst vorüber -sein --.« - -Man vernahm etwas hastige Schritte und das Rascheln eines seidenen Kleides. -Die Thür wurde nur ein ganz klein wenig geöffnet, Ottilie schob den -frisierten Kopf an die Spalte. - -»Bist du noch da, Marianne? Hast du Zeit --? Nein, Inotschka, mein Kind, -laß dich nicht stören, du brauchst nicht zu erschrecken, Mama hat -nichts gesehen, -- du sollst sehen, wie überrascht ich sein werde zu -Weihnachten --.« - -Marianne trat zu ihr heraus, in das Schlafzimmer der Schwester. - -»Ich höre, du kommst aus der Oper, Otti?! Du und in die Oper, mitten am -Tage? Du wirst ja noch ganz musikalisch auf deine alten Jahre,« bemerkte -Marianne erstaunt. - -»-- Der ›Troubadour‹ -- zu wohlthätigen Zwecken -- und mit dem -durchreisenden Star als Gast. -- -- Fräulein Clarissa überredete mich. -Herrgott, es passiert ja auch selten genug!« entgegnete Ottilie, noch in -voller Theatererregung, und begann sich in aller Hast umzukleiden. - -In einer Ecke am Tisch fütterte die Wärterin den Jüngsten, dem sie -in russischem Kinderkauderwelsch zusprach, in der Nebenstube sah man die -beiden ältern kleinen Brüder sitzen und artig Flittergold auf Nüsse -kleben, als Schmuck für den Weihnachtsbaum. - -Ottilie warf ihre geschnürte Seidentaille ab und ergriff Marianne am Arm. - -»-- Ich sage dir: schön ist so was! Siehst du: in dem Augenblick, da lebt -man! Wenn sie so füreinander sterben -- --« Ottiliens Augen strahlten. - -Marianne lachte. - -»Aber du, seit wann hast du so romantische Anwandlungen --? Du bist doch -sonst die Nüchternheit selbst?« - -»-- Sonst --? Ja, du lieber Gott, im wirklichen Leben ist doch kein Raum -dafür. Da heißt es seine Pflicht thun, und damit basta. Das muß jeder -anständige Mensch. -- -- Aber deshalb bewahrt man sich doch einen Winkel -für das Ideale innerlich. Einen Winkel, wo das Leben anders wäre, wenn es -nach uns ginge --: edel, höher, -- noch unbefleckt schön, -- kurz --« - -»-- Romantisch?« fragte Marianne zweifelnd, mit einem gutmütigen -Lächeln. Sie wußte selbst nicht, woher ihr Ottilie plötzlich so viel -jünger geworden vorkam, ja fast unerwachsen jung, wie vor langen Jahren. - -»-- Romantisch --!« wiederholte die Schwester etwas gereizt, während -sie sich von Marianne in ihr Hauskleid hineinhelfen ließ, »-- meinetwegen -nenn es so. Name ist bekanntlich Schall und Rauch. Aber du willst wohl -andeuten: davon verstünde ich nichts, -- davon verstündest nur du was, --- einfach, weil du zufällig so blitzjung und so kopfüber eine Liebesehe -geschlossen hast --. Aber was ist am Ende mit solcher Ehe los --?! Ich kann -dir nur sagen, wovon ich nicht oft spreche: mein erstes Liebeserwachen war -zwar lauter Verzicht, -- aber was ich hier innen besitze, --« - -Sie sagte nicht, was sie innen besaß, sondern ließ ihre Worte unvollendet -und knüpfte sich mit aufgeregter Hand das Kleid zu, wobei sie Mühe hatte, -die richtigen Knöpfe zu finden. - -»-- Du meinst doch nicht etwa den Husaren --?« wollte Marianne schon -fragen, unterdrückte es jedoch. - -Sie setzte sich neben den Toilettenspiegel, vor dem sich Ottilie -ankleidete, und schaute die Schwester mit im Schoß gefalteten Händen -gedankenvoll an. - -Der harmlose Husar konnte so wenig dafür! Der mußte, wie es schien, nur -ritterlich stillhalten bei allem, was ihm Ottilie so allmählich auf sein -armes kleines Konto hinzuschrieb --. Vielleicht war es grade das Fehlen -jeglichen starken Seelenaufruhrs in Ottiliens geordnetem Leben gewesen, das -in ihr so allerlei emotionelle Restbestände aufgestapelt hatte -- --. - -Ottilie mißverstand Mariannens Verstummen. Sie nickte ihr zu, wie von -einer verborgenen Höhe. - -»Ich glaube, du hast auch nur wenig Anlage dazu: du hast dich ja stets so -ganz im Thatsächlichen ausgegeben und es überschätzt,« bemerkte sie -und steckte sich ihr Häubchen fest. Auf ihren Wangen blühten noch zwei -blaßrote Flecke. - -Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung, irgend eine -kleine Gebärde, -- fast wie unbewußte Koketterie einer Ungeübten, -- -die mit einemmal Marianne wie eine lebendig gewordene Erinnerung aus beider -frühester Jugendzeit durchfuhr. - -Es paßte gar nicht recht hinein in das Wesen der jetzigen Ottilie, -der musterhaft Fertigen, Korrekten! Aber dafür waren es nicht -mühsam erworbene, sondern ihre eigensten einstigen kleinen Mienen und -Gebärden --. - -Sie besaßen etwas wunderlich Halbes, Verlorenes, -- wie wenn künstlich -gestutzte Vögelchen zu fliegen unternehmen, -- dachte Marianne bei sich. - -Und plötzlich umfaßte sie Ottilie von hinten und stand auf und küßte -sie innig mitten ins erstaunte Gesicht. Ja, das war wirklich die Otti von -ehemals, mit der sie so vieles geteilt, so kindisch geschwärmt hatte! Dann -kam das ganze Leben dazwischen: das war von Marianne mit zitterndem Herzen, -selig und schmerzlich, durchlebt worden, -- von Ottilie nicht --. - -Und da ging sie nun in irgend eine alte Oper, und mit einemmal kamen -allerlei hinuntergedrängte Sensationen herauf, -- unbegründet, etwas -hysterisch, alle durcheinander: der Husar und die Ideale, Backfischhaftes -und Erhabenes, Pathos und Koketterie --. - -»-- Was fällt dir ein? Nein, aber Marianne, was fällt dir denn ein?! -Man küßt sich doch nicht derartig mitten am Tage, ich muß jetzt an den -Speiseschrank,« sagte Ottilie und wehrte sich. - -»Und ich nach Hause. Aber, weißt du, Schwesterlein: ich komme nun oft, -viel öfter --. Gib mir recht viel Raum. Laß mich viel mit euch sein, auch -mit Inotschka --. Wer weiß, ob ich noch lange hier --« Marianne brach ab -und wandte sich dem Kleinsten zu, sie hob ihn von den Knieen der Wärterin -auf ihrem Arm hoch und liebkoste ihn, während er sie vergnügt ankrähte. - -»Das ist schon recht, falls wir hier wirklich etwas haben, was dich, --- die viel Anspruchsvollere, -- fesseln kann,« erwiderte Ottilie; -sie vermochte nicht den Uebergang ins Tagesleben ganz ohne Gereiztheit -zurückzufinden. - -»O! Ihr habt ja so vieles, was sich noch willig lieben läßt!« meinte -Marianne leise und herzte noch immer das Kind. - -»Ja, wie du das auch gleich sagst! Ich glaube wahrhaftig, Marianne, trotz -deiner vielen Kenntnisse und Fähigkeiten, -- nimm mirs nicht übel: aber -es ist im Grunde das einzige, was du zu thun weißt. -- Du sprachst von -Inotschka: sag, glaubst du, daß sie den Pantoffel noch fertig stickt?« - -»Der ist ja für dich, -- weißt du?« rief Marianne. - -»Eben darum, weil er für mich ist, kann ich mich nicht gut drum kümmern. -Wenn sie ihn vertrödelt, -- du verstehst, es ist mir nicht um den -Pantoffel. Aber es wäre von übler Wirkung auf das Kind. Es gibt einem -Kinde Selbstbewußtsein, seinerseits was zum Verschenken bereit zu haben. --- Von solchen Dingen hängt mitunter der moralische Halt im spätern Leben -ab.« - -Marianne seufzte. Sie setzte den Kleinen auf den Schoß seiner Wärterin -nieder und ging mit der Schwester hinaus. - -Sollte sie nun Ottilie erzählen: »Sophie geht Ostern auch zum Studium -ins Ausland?« -- Würde Ottilie nicht fragen: »Was schenkt sie dir aber -dafür wieder?« -- Ja, -- etwas Aehnliches würde sie fragen. - -Wie konnte sie ihr das deutlich machen! Dieses Einssein mit den Kindern, -dieses Mutterglück und diese drängende Hingebung in allen Fasern. Dieses -Auskosten der vollen Liebe bis auf den letzten Tropfen. Denn jetzt waren -sie zu Hause alle drei doch nur noch wie ein Mensch, -- nun erst ganz -unzertrennlich. - -Marianne ging fort, ohne etwas von der großen Neuigkeit mitgeteilt zu -haben. - -Trotz ihrer Ungeduld, heimzukehren, entschloß sie sich noch zu einem -weiten Umweg. - -Sie benutzte eine Pferdebahn, die nahe bis zu Tamaras kleiner Wohnung im -Vorstadtviertel heranfuhr. Tamaras Mann öffnete ihr, mit einem listigen -und erwartungsvollen Gesicht, -- er hatte seine Frau erwartet. - -»Was, sie ist aus?« fragte Marianne stark enttäuscht, »ich muß sie so -notwendig sprechen, und dachte sie zu dieser Stunde sicher zu treffen.« - -»Ja, glücklicherweise ist sie fort, ich kann sie nämlich momentan gar -nicht brauchen.« - -Marianne bemerkte erst jetzt, wie er aussah. Im dicken Paletot, den Kragen -hochgeschlagen, sogar warme Ueberschuhe an den Füßen, stand er da und -rieb sich die Hände. In der That schien es kalt da drinnen zu sein. - -»Was machen Sie eigentlich?! Frieren Sie vielleicht Ihre Vögel aus?« - -»Ach nein, bei mir ist es warm. Wir müssen jetzt dort sitzen, zwischen -den Vögeln, leider. Wir schlafen die paar Tage auch drin. Denn im -Wohnzimmer, da wird jetzt nicht geheizt. Das ist wegen Weihnachten. Es soll -nämlich wie ein Wald werden, -- Tamara stammt doch aus dem Walde. Sie darf -jetzt nicht herein.« - -Er öffnete die Thür zur Wohnstube, und Marianne erblickte in drei von -ihren Ecken je einen großen Tannenbaum. Eine Küchenlampe stand am Boden. -In dem ungewissen Schein, den das Lämpchen von unten her verbreitete, nahm -sich die Bescherung seltsam genug aus, die zwischen den Tannen im Aufbau -begriffen war. - -Da näherten sich, fast lebensgroß in bemalter Pappe ausgeführt, die -heiligen drei Könige einer kleinen Korbwiege, deren blaue Vorhänge dicht -geschlossen waren. Was die Weisen des Morgenlandes darbrachten, bestand -aber nicht in Gold oder Juwelen, sondern in den winzigsten Hemdchen, -Jäckchen und Strümpfchen, die man sich denken konnte. - -Die Bäume waren nicht geschmückt. Nur an dem schönsten, der sich über -der Wiege erhob, hing Kinderspielzeug, -- Hampelmänner, Glöckchen an -Knochengriffen -- und, wie ein Hinweis auf die Zukunft, schon ein erstes, -zartes Paar Schuhe, lächerlich klein, aus rotem weichem Saffian, mit -silberner Stickerei bedeckt. - -In der Anordnung des Ganzen drückte sich ein unbeholfener jubelnder -Ueberschwang aus, der Marianne ergriff. - -Sie wandte sich zu Taraß und sagte leise: »Ich wußte gar nicht -- -- -Aber es ist noch lange hin --« - -Er nickte. - -»Lange noch bis dahin,« bestätigte er, »aber, wissen Sie, ich kenne -ja Tamara. In diesen Monaten wird sie schon ungeduldig sein: wann sie das -alles arbeiten soll, -- ich bitte Sie, eine solche Menge! Und sie hat doch -gar keine Zeit! Es mag ja schön sein, selbst daran zu nähen, nun aber, -sie soll sehen: es geht auch so. Eine große Näherin ist sie überhaupt -gar nicht. Sie sticht sich dreimal nacheinander in jeden Finger. Und -allzufest näht sie auch nicht. -- Aber eine Mutter wird das sein! Ja, das -ist noch eine Mutter!« - -Er sah strahlend aus und trat frierend von einem kalten Fuß auf den -andern. - -»Darf ich Tamara nichts ausrichten? Soll sie zu Ihnen kommen?« - -»Nein nein,« wehrte Marianne hastig ab, »ich komme lieber selbst wieder. -Sagen Sie ihr nur: ich sei wegen des Vorschlages gekommen, den sie mir -neulich im Auftrag des Berner Mädchenpensionates gemacht habe. Sagen Sie -ihr: den wollte ich annehmen. Auf alle Fälle annehmen. Sie möchte mir -helfen, die Sache so schnell als möglich ins reine zu bringen.« - -Taraß schlürfte in den Ueberschuhen ihr voran zur Hausthür. - -»Dann wird Tamara gleich alle Hebel in Bewegung setzen. Ich weiß, sie -sprach davon. Und wir sind so froh, wenn wir Ihnen zeigen können, wie lieb -wir Sie haben.« - -Er küßte Marianne die Hand, und sie beugte sich auf seine Stirn. Ihr kam -es vor, als sei alles bereits erledigt. Sie zweifelte nicht am Gelingen. Es -mußte gelingen. Und sie war zu jedem Opfer bereit, zu jedem Nebenverdienst -durch Stunden --. - -Nur mit ihrem Kind zusammenbleiben mußte sie. Dann wollten sie auch schon -Cita näher bekommen, -- mindestens näher als jetzt --. - -Als sie sich wieder in die Pferdebahn setzte, schien es ihr, als führe sie -schon weit, weit fort aus ihrem bisherigen, hiesigen Wirkungskreis. - -Fast abschiednehmend spähte ihr Blick nach den einzelnen Häusern, die sie -kannte. Da -- und da, -- und dort war sie zum Unterricht hingegangen. Nun -aber wollte sie weit, weit fort, so weit wie ihre Kinder wollten. - -All dies wurde Vergangenheit. Die Kinder allein, das war ja Heimat. - -Kurz ehe sie den Bahnwagen verließ, stieg ein armer Krüppel ein, ein -Stelzfuß in zerlumpter Kleidung. - -Mit ehrerbietigem Blick bekreuzigte sich der Schaffner vor ihm und nahm -kein Geld von ihm an. Diese Handlungsweise war allgemein üblich, solche -Unglückliche durften fest darauf rechnen. - -Als sich Marianne erhob, um auszusteigen, sah sie, daß jemand dem lahmen -Mann ein Kupferstück zusteckte. - -Da fuhr sie in die Tasche, faßte nach dem gehäkelten Seidenbeutelchen mit -dem Tagesbedarf an Silberlingen, das sie grade frisch gefüllt hatte, und -schob es im Vorübergehn dem Krüppel in die Hände. - -Das gewährte ihr eine momentane Erleichterung. Sie wäre gern in irgend -einer Weise aktiv geworden, aus ihrer weichen, warmen Stimmung heraus, --- wäre gern mütterlich geworden an irgend einem armen Wesen, aus ihrem -Ueberfluß heraus --. - -Und nun konnte sie nicht einmal für ihre nächsten Pläne etwas thun, -weil sie Tamara verfehlt hatte. Aber ihr wollte es scheinen, als schade das -alles nichts, wenn man ihr nur ringsum von der warmen Liebeslast abnahm --. - -Oben öffnete ihr Stanjka. Doch im Wohnzimmer lief ihr Sophie entgegen. - -»Cita ist nur für eine kurze Besorgung fortgegangen, Ma, sie kommt gleich -wieder. -- -- Aber du bliebst so lange fort, -- ach, ganz schrecklich -lange, wo warst du nur noch?« - -Marianne drückte sie an sich. - -»War das so schlimm? Du bist wohl ungeduldig geworden?« - -»Ja, Ma. Jetzt möchte ich jede Minute bei dir sein. Das ist doch ganz -natürlich, -- immer, immer.« - -»Und wenn wir uns nun nicht trennten, -- wenn wir beisammen blieben, du -mein Herzenskind!« murmelte Marianne. - -Es kam ihr fast gegen ihren Willen auf die Lippen. Sollte sich Sophie -unnütz quälen, -- und wären es auch nur Tage --, um der Trennung willen, -die nach ihrer Ansicht bevorstand? - -»Ach ja, Ma!« rief Sophie innig, jedoch gleich darauf schien sie ein -plötzlicher Schreck zu durchfahren. »-- -- Du meinst doch nicht, -- ich -soll doch nicht --« - -Sie war ganz blaß geworden. - -»Nein, o nein!« sagte Marianne schnell, »wie kannst du das glauben! -Nichts wird rückgängig gemacht. Aber denke dir, mein Liebling, denke -dirs nur als eine noch nicht gewisse Möglichkeit: wir blieben trotzdem -beisammen, -- in einem kleinen Städtchen zum Beispiel, -- etwa in den -Schweizer Bergen --« - -Sophie machte sich sichtlich beunruhigt frei. - -»-- Warum denn ein so ganz kleines Städtchen, Ma --?« - -»Ich meine natürlich ein Universitätsstädtchen.« - -»Ja ja, aber wenn auch --. Daß es so gar klein sein soll --? Warum denn -eigentlich nur?« - -»Stell dir zum Beispiel vor, dort wäre eine Mädchenpension, die ich zu -leiten hätte, -- eine solche ist nämlich in Bern, -- lauter halberwachsne -Mädchen --« - -»-- Aber -- das wäre ja gräßlich, Ma!« fiel ihr Sophie ängstlich ins -Wort. - -Marianne hielt einen Augenblick inne. - -Sie suchte mit plötzlicher Bangigkeit Sophiens Blick. - -»-- Wäre das so gräßlich, -- Sophie?« - -»Nein, -- das heißt: es wäre ja wunderschön natürlich, -- aber, -- ach -nein, Ma! das kann ja doch gar nicht dein Ernst sein?« - -Marianne versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß ihr mitten in diesem -schwachen Lächeln die Lippen kalt wurden. - -»-- Nur so eine Idee, Kind,« sagte sie mühsam. - -»Siehst du, das dachte ich.« Sophie küßte sie heftig und lachte -beruhigt: »Das wäre ja auch gar nichts, nicht wahr? Denke nur: so eine -Mädchenpension, -- Hammelherde, -- huh! Da müßten wir uns ja immer -nach den Zimperliesen richten. Wenn du da Stunden gäbst und von allen -möglichen Leuten abhingest, wäre alles gleich so gebunden, -- so wie -hier --. -- -- Und übrigens, solches Kleinstädtchen doch auch für dich -im Grunde recht öde, -- nicht?« - -Marianne nickte, ohne Sophie aus den Augen zu lassen, die ihr unleidlich -brannten und stachen von den bemeisterten Thränen. - -»Ja ja, Sophie. Daran, ob es öde wäre, hab ich so gar nicht gedacht --. -Wenn ich mir das überlege, ist es also wohl nichts damit.« - -Sophie wurde wieder ganz heiter. - -»Nein, was du aber auch für eine Phantasie hast, Ma?« meinte sie -neckend und setzte sich der Mutter auf den Schoß. Sie war voll kleiner -Zärtlichkeiten. - -Nun wollte sie Ma auch ordentlich erzählen, wie sie sich das Leben -dächte, mit Cita zusammen, in Berlin, wo Cita ja so vortrefflich -aufgehoben sei und schon Beziehungen habe, und wo sie es nun ebenso gut -haben werde. Beziehungen nämlich, das ist wichtig --! -- -- Eine Menge -interessanter Einzelheiten plauderte ihr Sophie redselig vor. - -Marianne saß müde in ihrem alten Lutherstuhl. - -Sie hörte immer mit dem gleichen Anflug von Lächeln zu, es war wie -erstarrt auf ihrem Gesicht. - -Das also war das weitaus Schönere, wovon Sophie träumte. Und das hatte -sie ja nun endgültig den Kindern gegeben, ihnen erlaubt. Mehr zu geben -hatte sie nun überhaupt nicht. Nein: nur sich selbst noch hinzugeben hatte -sie wollen. Sie selbst jedoch, -- ja sie selbst -- lehnten sie leise ab --. - --- Marianne überfiel plötzlich, mitten in Sophiens Hinplaudern, -eine jähe Furcht, sie könnte mit einemmal -- jetzt gleich -- etwas -Gräßliches, Grelles thun müssen, entweder laut schreien oder gar -lachen --. - -Besonders das letztere: jawohl, grell und gell lachen --. - -In der Furcht davor brachte sie kein Wort heraus. - -Zum Glück kam Cita nach Haus, eh es Sophie auffiel. - -Als sie zu ihnen ins Wohnzimmer trat, sprang Sophie vom Schoß der Mutter -heiter auf. - -»Denke nur!« rief sie der Schwester ganz unbefangen entgegen, »Ma und -ich sitzen hier gemütlich und malen es uns eben aus, wie das sein würde, -wenn wir in ein ganz kleines Universitätsstädtchen zögen, anstatt -nach Berlin. Und wenn Ma dort gar eine Pension leitete, -- und -- und -wir Sonntags nachmittags mit im Zuge der Mädchen vor dem Thor spazieren -gingen --« - -Sie erzählte es ganz wie einen Scherz. Und ganz wie über einen Scherz -lachte Cita mit ihr. - -»Uff!« sagte diese dann, die Handschuhe abstreifend, und warf sich in den -Schaukelstuhl, -- »wie gut ist es hier bei dir, Ma. Ja, das wird Sophie -schon noch vermissen! Sie muß sich eben erst gewöhnen, man lernt es -aber. Bis jetzt redet sie nur so hin. Wenn sie nur erst ordentlich in ihrem -Studium drin ist --« - -Marianne richtete ihre Augen müde und groß auf ihre Aelteste. - -»Wenn es nur so ist, Cita, daß man dann nichts mehr vermißt,« sagte sie -leise, mit matter Stimme, »-- denn das meint ihr doch wohl nicht, -- das -kannst du doch selber nicht wollen: so ein Fachstudium, und nichts mehr -dahinter und darüber --. Etwas so Spezielles, etwas so Hartes --. Du mußt -nicht vergessen, wie sehr Sophie, -- und früher auch du, -- euch in einem -allseitigern, harmonischern Ganzen geistig angeregt habt. Es schloß ein -Studium nicht aus, aber das beseelte Leben ging doch noch drüber --.« - -»Es war einfach dilettantischer,« bemerkte Cita ruhig. Sie hatte -ernsthaft zugehört, während sie leise schaukelte und ihre Handschuhe bald -zurollte, bald in alle einzelnen Finger auseinanderbreitete. - -Marianne lehnte sich erschöpft zurück. Sie hatte sich gewundert, -woher ihr nur so viele Worte kamen. Als ob sich ihre Zunge löste und -selbständig spräche --. Aber als sie einsah, daß diese Worte ohne -Wirkung waren, gab sie es auf, zu widersprechen. - -Cita nahm ihr Schweigen wie ein leises Gekränktsein und fuhr rasch fort: -»Ja, süße Ma, du hast sicherlich recht. Aber, siehst du, was du so das -›beseelte Leben‹ und ›das Allseitigere‹ in der geistigen Anregung -nennst, das werden wir ebenfalls haben. Das Fachstudium wird bei -weitem nicht alles sein, sondern der ganze Kreis der Interessen in der -Frauenbewegung. Das wird uns frisch und kampflustig erhalten. Sieg der -modernen Frau! Das soll die Losung sein. -- -- Hier konnte Sophie diesen -belebenden Geist unmöglich aufnehmen. Uns fehlte hier ja auch der laufende -Zusammenhang mit allem Modernen. Wenn man aus dem Auslande kommt, spürt -man das arg, du kannst es glauben! Nun, aber es schadet weiter nichts: wir -holens schon nach.« - -Sie erhob sich aus dem Schaukelstuhl, kam zur Mutter, bückte sich, küßte -sie auf den Scheitel und sagte mit fast mütterlicher Zärtlichkeit im Ton: -»Du unsre süße Ma! hier ist es einzig und allein schön, weil du hier -bist. Vielleicht würdest du dich in einem andern Rahmen nicht mehr wohl -fühlen. Und du machst alles schön rings um dich her. Aber wir können -jetzt nicht nur auf das Schöne achten.« - -Dann richtete sie sich auf, verschränkte die Arme auf dem Rücken und -stellte sich nachdenklich musternd vor das Bücherregal. - -»Siehst du, Sophie, -- dort hinein schaffen wir dann auch Ma neue Bücher, --- nicht an Stelle der alten, aber mindestens zwischen die alten. -- -- Man -kann auch nicht immer nur Dante und Homer und Shakespeare und Goethe und -ähnliche Herren lesen. Nicht wahr, Ma?« - -Marianne saß ganz still und lauschte. Sie lauschte noch, als gar keine -Rede mehr kam, und die Schwestern miteinander in den Büchern zu kramen -anfingen, wobei Sophie auf dem Boden saß und Unsinn trieb. - -Sie lauschte in alle geredeten Worte tief hinein --. Denn daraus klang ja -nicht nur die naive Ablehnung Sophiens, nein, etwas viel Tieferliegendes -hörte sie immer deutlicher heraus, -- etwas auf dem verborgenen Grund -aller dieser Worte --. - -Sophiens Gefühl war so ganz unwillkürlich gewesen. Aber es verriet, daß -Mutter und Kinder ganz und gar nicht eins waren, eines Wesens, -- daß das -ein bloßes Trugbild war, ein Traum. Die arme Sophie konnte nichts für -ihren naiven Egoismus, -- Cita, die sagte es ja: sie waren etwas andres, -wollten etwas andres, strebten anderm zu, als die Mutter --. - -Der Mutter gehörten sozusagen nur noch Wesensreste aus der Kindheit, -- -nicht mehr der entwickelte Mensch. Dem wurde sie leise fremd -- fremd -- -fremd. Von dem wurde sie mit dankbarer Nachsicht geliebt. Notwendig blieb -sie ihm nicht mehr. - -Wahrscheinlich ging das immer so zu. Auch dann, wenn das Muttersein das -gesamte Wesen eines Menschen aufgesogen und ausgemacht hatte --? Auch -dann, wenn er sich mit seiner ganzen tragenden, nährenden Lebensfülle -den Kindern einverleibt hatte --? Ja, auch dann. Auch dann blieb er wie ein -blutendes, losgerissnes Stück am Boden liegen, allein liegen, -- ohne es -ändern zu können -- --. - -Cita hatte ja im Grunde recht: während die Mutter hier umherging und -Stunden gab, vermochte sie nicht zugleich die Wege weiterzugehn, die sich -nun den beiden öffnen sollten, -- die Wege neuer Zeiten, einer -neuen Generation --. Und wohin die führen würden? Ob nicht zum -entgegengesetzten Ende dessen, was sie mit heißester Inbrunst für ihre -Kinder erfleht und selbst in ihrem ganzen Leben demütig zu verwirklichen -gestrebt hatte? - -Ja, vielleicht, -- wer konnte es wissen --? Ihr Urteil und das der Kinder -würde sich in diesem Punkt wahrscheinlich entgegenstehn. Welche Instanz -wollte über sie richten? - -Mariannens Gedanken verschwammen, schmerzgefoltert, undeutlich ineinander. -Noch hörte sie die beiden plaudern und lachen und sich gegenseitig Stellen -aus Büchern vorlesen. - -Ihre Arme waren wie gelähmt. Die Stimmen schienen ihr von weit, weit her -zu kommen. Konnte sie die Arme nicht mehr ausbreiten, ihre Mädchen darin -zu umfangen? Konnte sie ihnen denn nichts, gar nichts zum kostbaren Besitz -und zum Leitstern mit auf den Weg geben von alledem, was zu gewinnen ihres -Lebens Inhalt gewesen war --? - -Weit, weit gingen sie fort --. Und plötzlich kamen Marianne, -- seltsam -und leise, wie ein Raunen von Wind zwischen Blättern in der Nacht, --- Klänge aus einem Lied, -- aus einem Wiegenlied, der Dichtung eines -Dichters von heute mit dem klaren Erkennen von heute. Es waren nur einzelne -abgerissne Klänge, und während sie ihnen lauschte, wußte sie schon nicht -mehr, ob sie sie nicht nur weinte --. - - * * * * * - - »-- Blinde, so gehn wir, und gehen allein, - Keiner kann keinem Gefährte hier sein. - - Schlaf mein Kind, und horch nicht auf mich! - Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich! - - Schall nur, wie Windesweh'n, Wassergerinn, - Worte -- vielleicht eines Lebens Gewinn. - Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein: - Keiner kann keinem ein Erbe hier sein --.« *) - - *) Aus Richard Beer-Hofmann, Pan 1899. - - * * * * * - -Die jungen Mädchen bemerkten gar nicht den Augenblick, wo Marianne das -Zimmer verließ. - -Erst als es hastig im Vorflur schellte, und gleich darauf Stanjka hereinkam -und Tamaras Besuch meldete, blickten sie sich erstaunt nach Ma um. - -»Eben war sie noch hier,« versicherte Cita, während Sophie den Gast -hereinzog und unterhielt; »-- Ma, hör doch! Tamara ist gekommen!« - -Marianne öffnete die Thür des Schlafzimmers, wo sie allein gesessen -hatte. Sie ließ Tamara dort eintreten. - -Diese fiel ihr um den Hals. - -»Liebste Marianne Martinowna! Eben komm ich nach Hause, und Taraß -erzählt mir --. Mein erster Gedanke: gleich hierher! Ich habe gar nicht -erst abgelegt. -- -- Es ist allzu wichtig: natürlich muß die Sache gleich -ins reine gebracht werden --.« - -»Wie gut bist du!« murmelte Marianne. »-- Du weißt, daß Sophie zu -Ostern --« - -Tamara nickte. - -»Sie sagte es mir soeben. Ja, ich dachte mir, daß so etwas der Grund sein -würde. Wie könnten Sie sich von den Mädchen trennen, -- wie können die -Mädchen Sie entbehren! -- -- So muß es denn sein, daß wir Sie aus unsrer -Mitte verlieren.« - -Marianne erwiderte nichts darauf. Sie saß neben einem kleinen Tisch, -worauf eine einzelne Kerze brannte, und blickte an Tamara vorüber. - -Tamara wurde sich erst jetzt dessen bewußt, daß irgend etwas an Marianne -anders sei als sonst. Etwas so wunderlich Eingefrornes, Steifes. - -Sie hatte sich nahe zu ihr gesetzt und faßte jetzt unwillkürlich besorgt -nach Mariannens Händen, die ruhig im Schoß lagen. - -Da sagte Marianne: »Weißt du, -- halte mich nicht für die -wetterwendischeste Person, die es gibt. Aber seit meinem Gespräch mit -deinem Mann hab ich mirs anders überlegt. Ich halt es für unmöglich, -fortzugehn.« - -Tamara sah sie erstaunt und ungläubig an. - -»Aber warum?!« - -»-- Diese ganze ungeheure Veränderung! Das schwierige Einleben dort. Wer -weiß, ob wir alle drei es nicht später bereuen würden --. Es war eine -erste Aufwallung, weißt du, aber -- -- die ist ganz vorüber.« - -Tamara schwieg. Wie sie Marianne so dasitzen sah, bei dieser einzelnen -Kerze, auf dem Rohrstuhl, -- da erschien sie ihr plötzlich wie eine -Gefangene zwischen den Wänden des eignen Zimmers -- --. - -Hinter Ma, über dem Bett, hing die Totenmaske ihres Gatten, daneben, -wie ein Schmerzensschrei, Vogelers Radierung: das greise Paar, das in den -Frühling hinausblickt. - -Tamara sagte halblaut, tief betroffen: »Ach, Liebste, ich kann es -nicht glauben. Wie -- ja wie wollen Sie alle drei denn so ohne einander -auskommen? Ist das nicht das Wichtigste --?« - -Ma lächelte. - -»Ich denke, ganz gut. Weißt du, Tamara, eins muß man durchaus lernen, -- -merke du dirs auch: die Dinge nicht zu weit zu treiben. Die Gefühle sich -nicht über den Kopf wachsen zu lassen. Alles muß schließlich eine Grenze -haben. Wenn man das gelernt hat, geht wirklich alles ganz leicht, -- viel -leichter.« - -Tamara stand auf. - -»-- Also ist es wirklich entschieden. Nun, ich weiß nicht, ob ich mich -freuen darf. -- -- Ich muß jetzt nach Hause eilen, Taraß wartet auf mich. --- Aber -- sagten _Sie_ diese Worte, Marianne Martinowna? Sie, die -doch immer so ganz innig in ihrem Gefühl lebte, wie in einer großen -unteilbaren Freude --.« - -Marianne entgegnete rasch, mit plötzlicher Bitterkeit: »-- Kein -Freudenbecher, der nicht zum Leidenskelch wird, wenn man ihn bis zur Neige -leert! Nein nein, kein einziger, -- und vielleicht am wenigsten von allen -das vielgepriesene Mutterglück.« - -Sie erhob sich, um Tamara hinauszugeleiten. Da begegnete sie deren still -und ernst auf sie gerichteten Augen, und sie gedachte mit einemmal dessen, -daß diese Augen ja eben jetzt in grenzenloser seliger Erwartung dem -zukünftigen Mutterglück entgegenschauten --. - -Sie dachte an Taraß und seine strahlende Freude und an das kalte Zimmer -mit den Tannen, der Korbwiege und dem Kinderspielzeug --. - -Marianne umarmte die junge Frau plötzlich, aber ganz zaghaft, wie eine -heimlich Geweihte, sie nahm ihre Hände zwischen die ihren, drückte sie -an ihr Gesicht und murmelte hilflos: »-- Verzeih mir, -- ach verzeih! Hör -nicht auf mich. -- -- Wie gut bist du doch. Hast da den weiten Weg in der -Kälte gemacht --. Deck dich im Schlitten gut zu, hörst du --? -- -- Du -mußt jetzt solche Wege vermeiden, -- dich in acht nehmen --.« - -Tamara wurde dunkelrot. Sie küßte Marianne herzhaft, mitten auf den Mund. - -»Ach,« sagte sie, und ihre Stimme klang ganz hell von viel Glück, »ich -weiß es ja, -- ich wußt es ja: Sie sind doch noch ganz dieselbe, -- -unverändert dieselbe und werden es immer bleiben. -- -- Es genügte nicht, -daß Sie mir Schulunterricht gaben und noch manchen andern, schönern -Unterricht: ich hab es ja Ihnen allein abgeguckt, wie man eine gute Mutter -wird, -- so eine von Herrgotts Gnaden --. -- -- Und mein kleines Kind, das -bring ich zu Ihnen, daß es hier heimisch werde von Anfang an, und es soll -Großmutter sagen lernen von Anfang an --.« - -Marianne geleitete sie hinaus und ging nicht mehr ins Schlafzimmer zurück. -Der Theetisch wurde schon gedeckt; wie immer saß sie beim Abendthee mit -ihren beiden Mädchen zusammen und plauderte mit ihnen. - -Aber eine undenkliche Mühe kostete sie ein jedes Wort, das harmlos und -heiter klingen sollte wie immer --. Und während sie gleichgültige Dinge -sprach, dachte sie immer denselben Gedanken: »Ist es im Grunde nicht wahr? -Haben sie denn nicht recht? Sie lassen sich erfüllen von allem, was sie -vorwärts bringen mag, ich aber, -- habe ich nicht jahraus, jahrein nur -ein paar immer gleiche Sorgen mit mir herumgetragen: tägliches Brot -beschaffen, -- Lektionen vorbereiten, -- und wieder das tägliche Brot, und -wieder die Lektionen --. Ich habe mich bemüht, es so gut zu machen, wie -ich nur konnte: und da hat das Wenige genügt, -- da haben diese anderthalb -Gedanken schon genügt, -- um alle Kraft aufzuzehren --. Oder hatte ich -nicht genug Kraft -- --?« - -Und langsam sank die Bitterkeit von ihrer Seele, um nur einer tiefen, -demütigenden Entmutigung den Platz zu lassen. Bitterkeit vermochte ihre -Seele nicht lange zu ertragen: die Entmutigung nahm sie schweigend auf. - -Als die Mädchen sahen, daß die Mutter nicht recht heiter gestimmt -war, schoben sie es auf die Ermüdung durch den anstrengenden Tag, und -unwillkürlich suchten sie ihre eigne Fröhlichkeit etwas zu dämpfen, die -sich mitunter allzuhell Luft machte. - -Marianne merkte es, und das Herz zog sich ihr zusammen. »Sie wagen nicht -mehr, mir zu zeigen, wie glücklich sie über die Wendung der Dinge sind, --- sie fürchten mich damit zu kränken, -- sie verhalten es lieber vor -mir, bis sie unter sich sind,« dachte sie. - -Und die kleinen Zärtlichkeiten ihrer Kinder thaten ihr nur weh. Sie -fühlte etwas Nachsichtiges aus allem heraus, -- etwas Absichtliches. Nein, -lieber noch wollte sie es sein, die sich vor ihnen verstellte, und mit -ihnen froh sein. - -Aber sie konnte es nicht. - -Am nächsten Morgen beim Frühstückstisch wurde Cita doch trotz Mariannens -Bemühungen stutzig. Sie meinte so genau zu wissen, daß die Mutter heute -fast keine Lehrstunden mehr zu geben habe, und dabei schien sie sich doch -so zu beeilen, um nur fortzukommen. - -Marianne behauptete sogar, sie könne noch nicht zum zweiten Frühstück -zurück sein, sondern erst spät am Nachmittag, sie möchten nicht auf sie -warten. - -Sophie machte ein pfiffiges Gesicht, offenbar hatte Ma heimliche -Weihnachtsbesorgungen vor. Aber Cita blickte stumm und mit einem -zweifelnden, besorgten Ausdruck vor sich nieder. Wohin ging die Mutter? -Und warum sah sie dabei so gequält und müde aus? Ging sie vielleicht, um -wieder mit Tomasow etwas zu besprechen? Und diesmal vielleicht etwas, womit -sie ihren Kindern Leid anthat --? Ach, ginge sie doch nicht zu ihm! -- -- - -Marianne atmete tief auf, als sie endlich auf der Straße stand. - -Langsam machte sie einen weiten Gang im klaren Winterwetter, dann raffte -sie sich zu einem Besuch bei einer aus dem Schuldienst scheidenden Kollegin -auf, von der sie sich erst in den Feiertagen hatte verabschieden wollen. So -kam allmählich die Zeit für die einzige Stunde heran, die sie heute geben -mußte. - -Dabei weilten ihre Gedanken zu Hause. Alle Räume ihrer kleinen Wohnung -durchschritt sie, aber, als sei ihr Blick verhext, erschienen sie ihr alle -schon öde und leer. Sie erwog schon, wo, -- in welchem Raum, an welchem -Platz -- sie wohl sitzen würde, so ganz allein --. Kleinigkeiten erwog -sie angestrengt: ob man die hohen Blattpflanzen, ihre Lieblinge, nicht -fortgeben sollte, da sie nicht auf ihre Pflege achten konnte, wenn sie so -von Stunde zu Stunde lief -- --. - -Von ihrer einzigen Unterrichtsstunde wäre Marianne fast aus Zerstreutheit -nach Hause gegangen. Plötzlich fiel ihr jedoch der Weihnachtsbaum ein, -der sich so groß und anspruchsvoll mitten in ihrem Zimmer erhob, -- als -erwarte er sie da förmlich mit herausforderndem Hohn. -- -- Morgen war -schon heiliger Abend. Da würde man ihn sogar noch schmücken müssen. -Denn das wollten die Mädchen ja ihretwegen gern thun, obschon es ihnen -ein bißchen lästig war, -- sie selbst hielten nichts auf solche -Kindereien --. - -Wie recht sie hatten! Wie froh wäre sie jetzt gewesen über ein sang- und -klangloses Weihnachten! - -Nein, sie vermochte nicht heimzugehn und sich an den gedeckten -Frühstückstisch zwischen ihre beiden Kinder hinzusetzen --. - -Frierend und unschlüssig, wie obdachlos, stand Marianne auf der Straße im -Winterwinde. - -Sie, die sich so auf die Ferien gefreut hatte, sie, die es so haßte, sich -Tag für Tag draußen herumtreiben zu müssen, sie stand jetzt da, um den -Ihrigen Lehrstunden vorzutäuschen, die sie gar nicht zu geben hatte --. - -Einmal fiel sie durch ihr zauderndes Stehnbleiben auf. Irgend ein -Straßenflaneur beugte sich vor, um sie deutlicher zu sehen --. Es war -mitten im Menschengetriebe unweit der Schmiedebrücke; Marianne durchquerte -den Fahrdamm, um in eine der stillern Seitenstraßen einzubiegen, als sie -zwischen den dahinhastenden Menschen Tomasows Gestalt erkannte. - -Er schritt langsam neben irgend einem Bekannten. Als er Marianne auf sich -zukommen sah, verabschiedete er sich jedoch von ihm und ging ihr erfreut -entgegen. - -Leise schob sie ihren Arm in den seinen. - -»Danke!« sagte er lächelnd. »-- Offenbar auf Weihnachtswegen?« - -Sie schüttelte den Kopf. - -»Nein. Ich bin todmüde. Ich möchte irgendwo eintreten, wo ich etwas -essen könnte.« - -»Sie wollen nicht erst den langen Weg nach Haus?« Er besann sich. »Gehen -wir zu Philippow? Oder ziehen Sie ein Restaurant vor?« - -»Keins von beiden. Ueberall könnten Bekannte sein. Ich möchte dort in -der Seitenstraße in eine der kleinen billigen Theebuden, wo kein Mensch -hinkommt.« - -Sie suchte ihn die paar Schritt weit hinzulenken. - -»Aber, Ma! Da geht man mit einer Dame nicht hin.« - -Marianne ließ geschwind seinen Arm los. - -»-- Dann lassen Sie mich allein hingehen -- Ich nahm wirklich zu dem Zweck -Ihre Begleitung an,« sagte sie und blickte aus so sonderbar müden Augen -auf ihn, daß er sofort nachgab. - -Er zuckte die Achseln. - -»Nun es sei, also wie Sie wünschen,« meinte er zögernd und führte sie -dem kleinen Lokal zu, das mit einem breiten grellblauen Schild zum Eintritt -lud. »Schließlich ist es eine warme Ecke, wie eine andre, wenn sie auch -ein bißchen tief im Erdgeschoß drin liegt.« - -Im Innern der Theestube hingen blendend saubere Leinwandvorhänge an den -niedrigen, fast quadratischen Fensterchen, und auch das weiße Holz der -simpeln Einrichtung sah so weiß und sauber aus, als müsse es -Seifengeruch ausströmen. Im ersten Raum dampften ein paar mächtige blanke -Kupfersamoware auf dem Schenktisch, und an den Wänden lagen bis hoch -hinauf unendlich viele Schwarzbrote aufgestapelt. - -Doch gab es auf Wunsch auch helles Gebäck, sowie die volkstümlichen -Pastetchen mit Grützfüllung, und Tomasow bestellte davon, dessen sicher, -sie vorzüglich bereitet zu finden. Der bedienende Gehilfe im weißen -Leinwandkittel und hohen, dermaßen glänzend gewichsten Kniestiefeln, daß -man sich in ihnen beinahe hätte spiegeln können, brachte das Verlangte -in den schmalen Nebenraum, wo Marianne schon im Hintergrunde an einem der -länglichen ungestrichenen Holztische saß. - -Nur zwei Frauen aus dem Kleinbürgerstande, mit bunten Kopftüchern und -kurzen Schaffellpelzen, tranken beim Fenster ihren Thee, wobei sie -die gefüllte Untertasse auf den gespreizten Fingern der rechten Hand -balancierten; schweigend, mit einer gewissen Feierlichkeit und ohne um sich -zu sehen, nahmen sie einen heißen Schluck um den andern. - -»Hier ist es gut!« sagte Marianne. - -Sie sah abgespannt aus, und dabei brannte ihr das Gesicht vom Winde. Die -Hitze, die der mächtige Kachelofen im geschlossnen Zimmerchen ausströmte, -machte es noch fühlbarer. - -Marianne empfand wirklichen Hunger, er war ganz plötzlich und fast mit -Gier erwacht, als sie beim Eintreten das viele ringsum an den Wandborten -aufgeschichtete Brot sah. Aber wie nun ihr Frühstück vor ihr stand, -vermochte sie ebenso plötzlich nichts mehr zu essen. - -Sie bückte sich über ihr Theeglas, aus dem dicht vor ihrem Gesicht der -Dampf in die Höhe stieg, und folgte mit dem Blick gedankenlos seinen -Windungen. Dieses Gefühl von sich nachgebender Schwäche war merkwürdig -angenehm. - -Tomasow betrachtete sie aufmerksam. - -»Sie gefallen mir ganz und gar nicht!« äußerte er; »aber eigentlich -hätt ich mir das ja schon vorgestern selbst voraussagen können --« - -Marianne hob verwundert den Kopf. - -»Was denn --?« fragte sie zerstreut. - -»Daß der erste Kraftaufwand nicht vorhalten, -- daß die Stimmung -zunächst sinken würde --. Sie haben sich seelisch bis zum äußersten -anspannen müssen, und jetzt kommt der Rückschlag.« - -Marianne rührte mit ihrem Löffel im Thee herum. Ihr fiel ein, daß -Tomasow ja so gar nichts vom gestrigen Tage wußte. Ueberhaupt nichts -von der heimlichen Hoffnung, die sie ja allein so tapfer hatte erscheinen -lassen, -- noch auch von der großen Bitterkeit hinterher. - -Es war etwas ganz Ungewohntes für sie, daß er nicht vollen Bescheid -wußte und dementsprechend urteilte. Aber nur nicht davon erzählen! Sogar -ihm nichts! Was konnt es denn helfen? - -Tomasow stützte einen Arm auf, und sich näher zu Marianne hinwendend, mit -dem Rücken gegen das Fenster, bemerkte er halblaut: »Frau Marianne, -jetzt ist es an der Zeit, daß Sie mir mehr Machtvollkommenheit geben --. -Vollmacht, Sie ganz anders als bisher in Obhut zu nehmen, zu pflegen, -abzulenken, zu beaufsichtigen, -- kurz: um Sie zu sein --« - -Sie faßte seine Worte nur ungenau auf, in ihre Kümmernisse klangen sie -aus solcher Ferne herein, daß sie keinerlei verborgenen Sinn hinter ihnen -vermutete. - -»Ich weiß, Sie sind immer gut!« sagte sie nur freundlich. - -»-- Gut --?! Nein, Marianne, mit meinem Gutsein hört es nun auf. Glauben -Sie nur, es ist mir nicht immer leicht gefallen ›gut‹ gegen Sie zu -sein, Ihr guter Freund zu sein -- alle die Jahre. Jetzt aber, wo Sie allein -bleiben, wo sich Ihre Töchter ihr eignes Leben bauen, da will ich ein -andres Recht, als das der Güte: das Recht, auch ein Leben aufzubauen -- -Ihnen und mir.« - -Er sprach noch immer halblaut, jedoch rasch und bestimmt, und in seiner -Stimme vibrierte tief gedämpft ein Ton, den er Marianne gegenüber noch -nie angeschlagen hatte. - -Sie schrak aus ihrer Müdigkeit auf, ihr Blick streifte Tomasow wie -erwachend und noch verständnislos erstaunt; als sie jedoch dabei seinen -fest auf sie gerichteten Augen begegnete, geriet sie in Verwirrung. - -Tomasow sagte fast gütig: »Es ist schlecht von mir, daß ich Sie so -überfalle, Ma --. Aber es hilft nun nichts mehr: bei Ihnen zu Hause bin -ich mit Ihnen tausendmal weniger allein als hier, -- und im nächsten -Augenblick stehn Sie wieder lächelnd und gewappnet da, -- in jeden -Arm hineingeschmiegt eins Ihrer Kinder. -- -- Sie sollen mir auch nicht -antworten müssen, Ma. Heute nicht und selbst morgen nicht, wenn Sie -wollen. Nur wissen, -- wissen, daß Sie keineswegs so selbstherrlich -allein dastehn werden, wie Sie wohl glauben, -- -- weil ich Sie mir nunmehr -nehme --« - -Marianne sah nicht auf. Die Röte auf ihren Wangen hatte sich vertieft, -als ob sie wieder den Wind draußen um sich sausen fühle. Sie sprach sich -innerlich die Worte vor, die sie Tomasow jetzt zweifellos sagen mußte, -- -sie nahm sich vor, den Kopf zu heben und ihn einfach zu bitten, -- ja, -zu bitten, er möchte doch wieder, ganz so wie bisher, gegen sie »gut« -sein --. - -Aber nach seiner Bemerkung, daß er keine Antwort erwarte, beugte sie -den Kopf nur noch tiefer, und mit einem seltsamen Gefühl von Beklemmung -erließ sie sich alles, um was sie bitten wollte. - -Denn bei dem Ton seiner Stimme, da quoll langsam, unvermutet und betäubend -eine wunderseltsame Gemütswallung in ihr auf -- --. Und machte sie -zaudern, und ließ sie verwirrt den Blick Tomasows meiden, wie wenn eine -geheime Sehnsucht etwas ganz andres ersehnt habe, als alle jemals bewußt -gewordenen Gedanken in ihr. - --- -- Es war grade, als risse Tomasow mit ein paar gewaltsamen Griffen den -Vorhang von irgend einer fremden Landschaft zurück, sodaß ihr plötzlich -bewußt werden sollte: nur ein Vorhang scheide sie davon --. - -Sie meinte noch nie durch diese Landschaft gewandelt zu sein und wußte -doch auf einmal: nur ganz durchsichtig verhangen war sie ihr gewesen, -und immer da war sie gewesen, dicht vor ihr. Und blitzschnell, zu neuem, -verwirrendem Wiedererkennen, drängte sich plötzlich vor ihrem Auge Bild -auf Bild daraus. Minuten, Momente aus ihrem Verkehr mit Tomasow sah sie -vor sich, -- oft unterbrochen durch Monate und weit länger, oft einander -rascher folgend in feinen, unmerklichen Sensationen, -- auf die sie mit -dem Finger hätte weisen können: da -- und da -- und da, -- ja, war sie -da seinen Wünschen nicht, ohne es zu wissen, ganz nah gewesen, -- ganz nah -einem weiblichen, eignen Glücksverlangen --? - -Marianne saß regungslos und noch immer im Bann der leichten Mattigkeit, -die sie heute umfing. Allmählich vermischte sichs ihr ganz, wo und wozu -sie sich hier befand, tief benommen von der Gemütsbewegung, die Macht -über sie gewann. Sie fühlte sich wie jemand, der ganz unvermutet geweckt -wird und in völlig irreführender Gegend zum Erwachen kommt. -- -- - -Tomasow war ebenfalls verstummt. Nur sein Blick ruhte immer wieder auf -Marianne und mochte ihm einiges von dem enträtseln, was in ihr vorging. - -Ohne daß sie miteinander sprachen, ohne daß sie einander auch -nur anschauten, leitete sich zwischen ihnen eine Verwandlung ihres -gegenseitigen Verhältnisses ein: das nahm er mit allen Nerven wahr. -Und auch er überließ sich einem Hinträumen, das ihn weit fort -entführte -- --. - -Das Blut stieg ihm in die Schläfen, und seine Augen bekamen einen -eigentümlichen starken Glanz. - -Ganz still war es in dem kleinen heißen Zimmer. Ein einziges Mal ging -draußen im Vorraum kreischend die Außenthür, ein paar schwere Tritte, -kurze Frage und Antwort, Papierknistern, und wieder wurde alles still. - -Die beiden Frauen am Fenster hatten sich erhoben, rückten ihre Kopftücher -zurecht und gingen auf knarrenden Schuhen mit wortlosem Gruß hinaus. - -Da blickte Marianne auf, fast verstört. Unmittelbar darauf erhob sie sich -schon. Die dumpfe, schwere Ofenluft benahm ihr den Atem. - -»-- Sie wollen gehn?« fragte Tomasow und half ihr in den Pelz. -»-- Wollen Sie nichts weiter genießen?« - -Marianne schüttelte stumm den Kopf. Sie schien zu meinen: jetzt an die -freie Luft draußen gelangen, das hieße zugleich, den ganzen Bann und -Druck abschütteln. Diese heiße Stubenschwüle war allein schuld --. - -Tomasow zahlte, und sie entfernten sich. Der Ostwind blies ihnen auf der -Straße scharf, förmlich wehethuend entgegen, er weckte fast ein Gefühl -unwillkürlichen Sichbergenwollens. - -»Wohin nun?« fragte Tomasow, »muß es schon heimwärts gehn?« - -Marianne nickte zögernd. - -»Den Kreml durchqueren,« meinte sie, »das ist wohl der nächste Weg.« - -»-- Und wärs auch nicht der nächste! Denn allzu kurz darf er nicht -geraten,« bemerkte er lächelnd. - -Beim Ueberschreiten des Fahrdamms, zwischen den durcheinander sausenden -Schlittengespannen, hatte er Marianne den Arm gegeben und führte sie mit -der sichern Haltung dessen, bei dem sie sich von nun an bergen sollte. Oder -empfand nur sie es so, als ob alles um eine Nuance verändert sei, als -ob in allem schon eine stillschweigend anerkannte Zueinandergehörigkeit -betont liege --. - -Eben begann Tomasow Marianne von seiner Liebe zu reden, da traten sie -schon in das Erlöserthor ein, das in den Kreml hineinführt. Die Fuhrwerke -mäßigten den Schritt, die Menschen entblößten ihr Haupt, und Tomasow, -der mechanisch seinen Hut abnahm, konnte in der um sie eingetretenen Stille -nicht recht weitersprechen. - -Dann kamen sie auf den weiten Platz hinaus, vorüber an den Kathedralen -und dem alten Facettenpalast. Er schaute hin, und ihm fiel eine kleine -Zeichnung von Rjepin zu dessen Gemälde »Die Brautwahl« ein, -- ja, so -hätte er um Ma freien mögen: inmitten der Pracht der alten Palasträume, -der niedrigen Wölbungen russischer Terems, als der alten Fürsten -einer --. Und er dachte zurück: noch sein Großvater hatte sich -seine Bäuerin vom Feld in die Hütte geführt, und die geschmückten -Dorfmädchen tanzten zur Hochzeit. Ja, Hütte oder Palast, das war fast das -gleiche: in beiden Fällen ward der Mann der Fürst, der Herr vor seinem -Weibe, das von ihm sein Leben empfing. - -Vor Tomasows unruhig umherblickenden Augen erhob sich der Uspenski-Dom in -der energischen Schlichtheit seiner männlich gedrungenen Architektur, -die grauen Kuppeln gleich Heldenhelmen auf Heldenhäuptern, ohne andern -Schmuck, andre Farbe, als die verwitterten Bilder unter dem dunkeln -Bleidach über dem Thor. Und davor, wie in sich selbst zusammengeschmiegt, -in festlicher Anmut, die reizende Verkündigungskirche, die Vielkuppelige, -die aussieht, als bildete die Gliederung ihrer Mauern nur eben soviele -Vorwände, um eine stillleuchtende Kuppel nach der andern über sich -emporzuhalten. Wie Weib und Mann standen die beiden in Tomasows Phantasie -zusammen, die überall Symbole dessen schaute, wovon sie aufgeregt erfüllt -war. - -Den Kopf gesenkt, ging Marianne neben ihm, ihren Blick immer auf den -flimmernden Schnee am Boden gerichtet, wie wenn sie mit geblendeten Augen -was ablese von dem weißen Geglitzer mit seinen bläulichen huschenden -Schatten und Lichtern. - -Ihre Hand ruhte im Arm Tomasows; ein wenig zu ihr vorgebeugt, unterhielt er -nun Marianne mit halber Stimme. Unruhevoll schweiften ihre Gedanken um das, -was er zu ihr sprach. Kaum vermochte sie es aufzunehmen in den -einzelnen Sätzen, in den verhaltenen Worten, so stark wirkte es seiner -Grundbedeutung nach auf sie --. Ihr ward beklommen wie in der kleinen -dumpfen Gaststube vorhin; die Schwüle blieb -- --. - -Führte er sie nicht hinauf auf einen Berg und zeigte ihr der Welt -Herrlichkeit, -- jene Herrlichkeit, die man zu eignem Genießen haben kann, -in der man sich selbst leben kann, sich sättigen in allem Angenehmen -und Erfreulichen des Daseins? Führte er sie nicht hinweg aus der -Alltagsniederung mit ihrer einseitigen, bittern Mühsal, mit den armseligen -paar Aufgaben, die ihre Kraft aufgesaugt, sie gedemütigt und unfähig -gemacht hatten zu eigner, breiterer Entfaltung? -- -- Und wieder schaute -sie bei Tomasows Worten wie in lockende Weiten, in eine Landschaft hinein, -seltsam fremd, seltsam vertraut, in der sie sollte ausruhen dürfen an -labendem Glück, sich gehn lassen in süßer Ermattung, -- und seine Stimme -verhieß ihr fort und fort: wolle nur, und all dies ist dein --. - -Sie überschritten grade den Platz, als ein erster tiefer Glockenklang mit -überwältigender Gewalt die Luft durchhallte. Unmittelbar darauf setzte -das Geläute von mehreren großen Glocken ein. Es that den Menschen kund, -daß die Feierzeit nahe, daß sie das Werkzeug niederlegen möchten und die -Seele öffnen, auf daß auch sie feiere. - -Und in Mariannens Seele wiederhallte es in einer lauten Bejahung: sie -sehnte sich, zu feiern --. - -Aber gleichzeitig klangen mit den Glockenklängen ganz andre Stimmungen als -zuvor in ihr an, sie kam heim von ihren ungewiß schweifenden Träumereien, -zurück in die Gegenwart ihres wirklichen Lebens, und -- wie zwei, die -sie gewaltsam hatte vergessen wollen, -- schauten ihr die Gesichter ihrer -beiden Kinder fragend daraus entgegen --. - -Fragend, -- so wie heute morgen: Sophiens Gesicht dabei ein wenig -verschmitzt, voll pfiffiger Erwartung, beinahe wie sie auch als kleines -Kind ausgesehen hatte, wenn die Heimlichkeiten um Weihnachten begannen. -Citas Augen fragten nicht mehr kindlich: bringst du mir auch was Schönes -mit? Sie hatte sorgenvoll vor sich hingeblickt, -- zweifelnd fast, -- sie -war beunruhigt durch das Benehmen der Mutter. Und wenn sie jetzt erfuhr, -- -Cita -- - -Mariannens Herz that plötzlich einen starken, harten Schlag. Sie blieb -stehn, wie atemlos: wenn Cita erfuhr -- und auch Sophie -- --, sie sah mit -einem Schlage die beiden Gesichter verwandelt, bestürzt, ungläubig --, -sie fühlte mit unwiderleglicher Deutlichkeit: dann erst entfremdeten sich -ihr die Kinder ganz --. - -Alles Entfremden bisher bedeutete, dagegen gehalten, noch wenig, -- wie weh -es auch thun mochte, es mußte machtlos bleiben, solange die Mutter selbst -nur ihren Mädchen dieselbe blieb. Auch wenn sie Tausende von Meilen weit -fort von ihr gingen: sie entfernten sich weniger weit, als durch einen -einzigen Schritt, den sie selber fort von ihnen that. - -»-- Die Kinder --!« sagte Marianne unwillkürlich, mitten in Tomasows -Worte hinein, und sie hob zum erstenmal den Blick zu ihm, -- ratlos, -hilfeheischend. War er doch da, ging er doch neben ihr, -- er, der immer -alles entschieden, bei allem helfend eingegriffen hatte. - -Voll Zuversicht schaute sie zu ihm auf. - -»Was ist denn mit den Kindern?« fragte er etwas brüsk, aus der Stimmung -gerissen; seine Augen begegneten den ihren mit eigentümlichem, flackerndem -Leuchten, »-- es handelt sich jetzt doch gar nicht um die Kinder.« - -Mariannens Blick glitt rasch, betroffen von ihm ab. Wer half ihr von nun an -in allen Fragen und Kämpfen? Er nicht mehr! Er half ihr nicht mehr gegen -ihre eignen Schwächen. Bisher konnte er sich ihr so geben, wie sie ihn -brauchte, um sich als Mensch hoch und höher emporzuringen. Jetzt, ohne -alle Zurückhaltung, brauchte er sie selbst, brauchte sie ohne die Kinder. -Wie weit, -- weit standen ihm da ihre Herzenssorgen --! - -Irgend etwas in Marianne, irgend ein eben erst entfachtes, eben erst -wiedererwachtes Sehnen des Weibes in ihr verschüttete sich wieder und -wollte zagend erlöschen --. - -Tomasow fühlte sofort, daß er einen Fehler begangen habe. - -»Alles hat seine Zeit!« sagte er schnell und bestimmt. »Auch die Kinder -haben ihre Zeit gehabt, wo Sie sich ihnen ausschließlich widmeten. Nun -ist es endlich Zeit geworden, in diesem Punkt vernünftig umzulernen. -Schließlich muß man eben wählen, ob man einander leben will und dem -Glück, oder ob man von ihrem unreifen Willen abhängen will.« - -Und mit größerer Dringlichkeit als vorher sprach er auf sie ein, indessen -sie weitergingen im hallenden Glockengeläut, vorbei an den weißgoldenen -Mauern der zahllosen Kirchen und Kathedralen. Und je länger er redete, -desto mehr wurde es eine Apotheose des sorglosen Feierns und Genießens, -wozu er sie einlud. Er suchte alles hervor, was er ihr schenken könnte, -und alles ward immer wieder Genuß und Fest. Aber Mariannens Hand lag nur -ganz leicht in seinem Arm, sie stützte sich nicht mehr auf ihn, sie -sah unruhig aus, und aus ihrem Gesicht war die gläubige Zuversicht -geschwunden. - -Und Tomasow überfiel plötzlich eine zornige, bittere Ungeduld wider -alles, was er da selbst zu Marianne sprach. Alle die Worte von Glück und -Freude erschienen ihm unwahr und schal. Er begriff plötzlich, daß er, -an Mariannens Seite, doch immer nach einem suchen würde, nach eben dieser -emporschauenden Zuversicht, nach eben dieser gläubigen Anlehnung an ihn, -als an einen Stärkern, Ueberlegenen, -- an den Herrn. Glück mit ihr -genießen, das konnte nur heißen: ihr im Leben selber so hoch und stark -als Mensch überlegen sein, wie er ihrs in einzelnen Stunden durch Verstand -und Rat gewesen war --. - -Tomasow verstummte. - -Und Marianne merkte es kaum. Wie sie so an seinem Arm hinging, schienen ihr -jetzt die Glocken über ihr mit den weithin hallenden Feierklängen nicht -mehr dieselbe Sprache zu sprechen, wie die dringliche Stimme dicht an ihrem -Ohr, -- aus einer andern Welt schienen sie zu reden, als dies halblaute -überredende Raunen von Feiertagsglück und abgeworfenen Sorgen --. Und -immer mächtiger wurden die Glockenklänge und immer verhaltener die -zuredende Stimme, und endlich vernahm sie nur noch Glocken, -- Glocken -allein -- --. - -»-- Leben Sie wohl, Ma!« hörte sie unvermittelt Tomasow sagen, der stehn -blieb. »Ich habe Ihre Antwort schon, noch ehe Sie eine Antwort in Worten -gefunden haben. Und lassen Sie mich bekennen: Sie haben recht --« - -»Tomasow,« fiel Marianne tief bewegt ein, »-- warum wollen Sie so -- --! --- Sie sind immer und immer mein bester, einziger, liebster Freund --« - -»-- Gewesen!« ergänzte er rasch mit einem unmerklichen Lächeln, und -dann, sich umsehend, trat er zur Seite. Es kam jemand von hinten her an -ihnen vorbei und zog grüßend den Hut. - -Hugo Lanz war es, der desselben Weges ging und Marianne hocherfreut -begrüßte. Marianne mußte ihn Tomasow vorstellen. - -»Ich eilte grade zu Ihnen, gnädige Frau,« bemerkte Hugo Lanz, »um Ihnen -eine für mich freudige Nachricht mitzuteilen --« - -»Das trifft sich in der That gut,« meinte Tomasow etwas heiser, »daß -ich mithin die gnädige Frau in Ihrer Begleitung lassen kann. Mein Weg -führt hier leider nach andrer Richtung.« - -Marianne reichte Tomasow die Hand, zögernd, fast zitternd. - -»-- Aber doch auf Wiedersehen sehr bald --?« fragte sie mit nicht ganz -beherrschter Stimme. - -»Gewiß, gnädige Frau: sobald sich einmal gute Bekannte bei Ihnen -versammeln, dann gestatten Sie mir vielleicht, auch dabei zu sein,« -entgegnete er mit leichter Betonung dieser Antwort, beugte sich über -ihre Hand, grüßte Hugo Lanz und entfernte sich, in die nächste Straße -einbiegend. - -Marianne ging statt vorwärts wieder zurück, ohne recht zu wissen und -zu sehen, wo sie ging. Ein Angstgefühl umklammerte sie dumpf: sie konnte -nicht fassen, daß das ein Abschied für das Leben gewesen war. - -Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, um sich Hugo Lanz zuzuwenden, -dessen offnes Gesicht von Freude geleuchtet hatte, der aber jetzt ernst und -still aussah, weil er sie so seltsam ernst vor sich hin gehn sah. - -Er erzählte dennoch froh: »Soeben erst hab ich die Erlaubnis ausgewirkt, -den nächsten Winter noch ganz frei zu bleiben, -- und ich werde ihn hier -zubringen. Meine Verwandten haben mich aufgefordert, bei ihnen zu wohnen. -Und schon die Aussicht, Sie und Ihre Familie besuchen zu dürfen --« - -»Das freut mich innig,« bemerkte Marianne leise, »doch werden Sie im -nächsten Winter nur noch mich wiederfinden, -- nicht mehr meine Töchter. -Auch Sophie geht fort, folgt der Schwester ins Ausland.« - -Hugo Lanz blickte Marianne mit aufrichtigem Schreck ins Gesicht. Die -kleine Familienscene, der er beigewohnt hatte, stand vor ihm, Mariannens -strahlendes Glück zwischen ihren Kindern, -- auch dessen, was ihm Sophie -mitgeteilt hatte, entsann er sich. - -»-- Ganz allein bleiben Sie --?« entfuhr es ihm voll Mitleid und in -unwillkürlichem Unwillen. - -Marianne wiederholte mechanisch: »-- Allein --,« und sie nickte bejahend. -Aber das dumpfe Angstgefühl in ihr verstärkte sich dabei, als risse es -sie mit jedem Schritt gewaltsamer hinein in etwas Endloses, Grenzenloses, --- wie in eine leere, gähnende Unermeßlichkeit, wo ihre Kinder und der -Freund und alles, was ihr lieb gewesen war, alles Warme, alles Trostvolle, -alles Hilfreiche, weiter und immer weiter zurückwich, -- unerkenntlich -geworden schon, -- unaufhaltsam, unerreichbar -- --. - -Und mit dunkelm Grauen stieg in ihrer Seele eine Erinnerung auf an -abgrundtiefe Einsamkeit, aus der sie doch nur die Hand des Freundes und -der Blick ihrer Kinder gerettet hatte, -- und sie fühlte, daß das dunkle -Grauen nahe und näher über ihrer Seele zusammenschlug, -- als würde sie -unbarmherzig dahinein gestoßen von derselben Hand, von denselben Blicken, -die sie einst rettend festhielten, -- und als fände sie diesmal nie mehr, --- nie mehr hinaus --. - -Marianne nahm nichts mehr deutlich wahr, die Dinge ringsum schienen ihr -langsam zu entschwinden, sich in sich selbst aufzutrinken, unterzugehn in -einem chaotischen Nebel. Einförmig nur und erschütternd laut hallten fort -und fort die Glocken über ihr, -- hallten um sie, -- hallten in ihr, -- -begruben sie wie unter einem Mantel von dröhnenden, besinnungraubenden -Tonwellen, -- ließen alles an ihr erbeben unter der Gewalt des einen -unerbittlichen Klanges, -- drangen auf ihre zitternde Schwäche ein, wie -mit läutenden Unendlichkeiten -- -- - -Marianne war, einer Ohnmacht nahe, stehn geblieben und rang nach Atem. - -Sie standen wieder dicht vor der Verkündigungskirche, an den Stufen, über -denen sich die Eingangspforte erhebt. Hugo Lanz hatte einen Arm um Marianne -gelegt und führte sie, sie vorsichtig stützend, hinauf bis in den -Seitengang, wo längs den Fensterchen von gewelltem Glas eine Bank stand. - -Dort ließ er Marianne niedersitzen und neigte sich, neben ihr stehn -bleibend, mit besorgter Frage zu ihr. - -Aber sie achtete nicht auf das, was er flüsternd fragte. Dicht vor ihr -öffnete sich das blausilberne Portal in den innern Kirchenraum, auf der -Seite, wo sie eben hereingetreten waren, blickte von der Thür ein großes -dunkles Christusbild zu ihr nieder, die Züge kaum kenntlich, ein schwarzer -Fleck, umhüllt und umkleidet von unendlichem Goldglanz. Sie starrte darauf -hin, bis sie vor Thränen nichts mehr sah. Rätsel hinter Gold --. - -Aber leise und wohlthuend legte sich die Dämmerung dieser Kirchenwände -wie schützend um sie. Kaum glichen sie Wänden, bedeckt mit alten -nachgedunkelten Malereien wie reiche alte Stoffe, sich niedrig wölbend und -wellend, wie ein ungeheurer Mantel, der sich in schweren weichen Falten um -den Betenden legt, ihn sanft bergend vor der Außenwelt --. - -Sie hob beide Hände vor das Gesicht und beugte sich tief vor, ohne ein -Wort zu sprechen. Schweigend verharrte sie lange so. - -Hier und da kamen von draußen Menschen vorüber, meistens Leute aus dem -Volk; leise auftretend mit ihrem groben Schuhwerk, schritten sie tiefer -hinein in das Schiff der Kirche, das in feierlicher Dämmerung vor ihnen -dalag, nur an wenigen Punkten schwach erhellt von vereinzelten Wachskerzen, -die daraus hervorblinkten. - -Hugo Lanz stand neben Marianne, an ihre Bank gelehnt, und blickte auf sie -nieder. Er wußte nicht, was in ihr vorgehn mochte, aber daß in dieser -Stille etwas Erschütterndes in ihrer Seele zum Austrag kam, das mußte er -wohl fühlen -- --. Und wenn er einst zu ihr gekommen war im drängenden -Verlangen, an ihrer warmen Mütterlichkeit getrost und froh zu werden wie -ein Kind, so wuchs jetzt eine Sehnsucht in ihm empor, -- groß, wie er -sie nie gekannt hatte, -- stark zu werden und kraftvoll, ein Mann, um -beschützen und behüten zu dürfen --. - -Er stand da und horchte stumm auf das Geläute der Glocken, -- auf den -seltsam packenden Klang dieser russischen Glocken, die sich weigern, sich -mit ihren Klängen mitzuwiegen, und ehern feststehn, daß der Klöppel in -ihnen anschlägt wie ein weithin tönender Befehl -- --. - -Da ließ Marianne die Hände von ihrem Gesicht sinken und erhob sich ganz -langsam. Hugo Lanz machte eine Bewegung zu ihr hin, aber die Andacht -in ihren Augen und in ihrer ganzen Haltung bannte ihn. Es war wie eine -unsichtbare Einsamkeit und Hoheit um sie, die er nicht zu entweihen wagte. -Und unwillkürlich trat er zur Seite. - -Einen Augenblick lang stand Marianne da, sich besinnend, fast schüchtern, -mit einer sanften Neigung des Kopfes, die etwas Rührendes für ihn hatte, -etwas von unaussprechlicher Ergebung. Aber auf ihren Zügen lag ein ruhiger -Glanz, alle Angst war von ihnen gewichen. - -Sie machte eine Wendung, um aus dem Portal hinauszutreten, ohne ihren -Begleiter zu bemerken. In diesen Minuten hatte sie auch ihn vergessen. Er -schaute ihr nach, und unwiderleglich kam ihm das Gefühl: -- als ginge sie -gar nicht allein -- --. - -Ein paar Schritte hinter ihr trat er hinaus auf den Platz. - -Unten in der Stadt, die dem Kreml zu Füßen lag, blinkten eben die ersten -Lichter auf. Schon war es nicht mehr ganz hell. Weißlicher Winternebel zog -sich in der Ferne über die Ufer des Flusses. Fest um den Kreml geschmiegt, -standen die Häuser da, rot und blau und grün an Dächern oder Mauerwerk, -und erwarteten nach des Tages Treiben das Dunkel, durch das das siegende -Gold der zahllosen Kuppeln hindurchschien wie eine ewige Leuchte, die nicht -mit dem Tage erlischt. - -Ein unerhörtes Abendrot stand über Moskau. Und die Buntheit der Farben -ringsum nahm auch noch den schwächsten Abglanz davon, nahm auch den -leisesten Funken so innig auf, hielt sich ihm an der Oberfläche aller -Dinge als ein so williges Gefäß entgegen, daß es fast wirkte wie ein -Lobgesang, der emporstieg von der Erde zum erglühenden Himmel. Eine -Stimmung wie ein Ausgleich zwischen Freude und Gebet lag über dem Ganzen. -Die paar Wolken, die inmitten der Bläue des Himmels zögernd dunkelten, -zogen sich, lichtdurchschossen, langsam zu breitschimmernden Goldbändern -auseinander -- --. - -Da ging ein flüchtiger Regenschauer nieder, warm und ganz kurz, wie ein -Thränensturz. - -Hugo Lanz blieb stehn und schaute hinab, dorthin wo Mas feine ruhige -Gestalt im Abstieg zu den Anlagen sichtbar blieb. - -Wie klein und unscheinbar verschwand sie dort zwischen den Bäumen. Und ihm -schien doch alles ringsum sie allein zu feiern und zu umstrahlen --. - -Denn in ihm arbeitete sich irgend ein Bild mit mächtiger Gewalt zu -künstlerischer Klarheit hindurch, -- ein Bild, in dem er Ma vor sich sah, --- ein Bild, in dem ihr Glück lebte und ihr Vereinsamen, und ihr Weh, und -ihr Sieg, -- ein Bild, in dem geheimnisvoll lebte, was in diesem Augenblick -in ihr selbst wohl nur in dunkeln Ahnungen rang -- --. - -Und es kam ihm vor, als stünde er angesichts eines großen Schauspiels, -um deswillen man das Leben fürchten und lieben lernen mag. Und das den -Schauenden, dem es seine Heimlichkeit enthüllt, zum Kinde werden lassen -mag, und zum Manne, -- und zum Dichter. - --- Ganz benommen und wie sich selbst entrückt, blickte er hinab von der -Kremlhöhe in die Tiefe der Stadt. - -So sah er Ma schweigend, still niedersteigen unter dem verhallenden -Geläute der Glocken, -- einen von oben in die Wohnungen der Menschen -entsendeten guten Geist. - -[Illustration] - - - - -J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. in Stuttgart. - - -Die nachstehend verzeichneten Romane und Novellen sind auch elegant in -Leinwand gebunden zu beziehen. - -Preis für den Einband 1 Mark. - - _Andreas-Salomé_, Lou, Ruth. Erzählung. 3. Auflage. Geheftet M. 3.50. - - --"-- Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. - 2. Aufl. " M. 2.-- - - --"-- Fenitschka. Eine Ausschweifung. Zwei Erzählungen. " M. 2.50. - - --"-- Menschenkinder. Novellencyklus. " M. 3.50. - - --"-- Ma. Ein Porträt. " M. 2.50. - - _Anzengruber_, Ludw., Wolken und Sunn'schein. 2. Aufl. " M. 3.-- - - _Arminius_, Wilhelm, Der Weg zur Erkenntnis. Roman. " M. 3.-- - - --"-- Yorks Offiziere. Historischer Roman. " M. 3.50. - - _Bobertag_, Bianca, Moderne Jugend. Roman. " M. 4.-- - - _Bourget_, Paul, Das gelobte Land. Roman. " M. 3.-- - - _Boy-Ed_, Ida, Die Lampe der Psyche. Roman. 2. Aufl. " M. 4.-- - - --"-- Um Helena. Roman. " M. 3.50. - - _Bülow_, Frieda v., Kara. Roman. " M. 4.-- - - _Burckhard_, Max, Simon Thums. 2. Auflage. " M. 3.-- - - _Busse_, Carl, Die Schüler von Polajewo. Novellen. " M. 2.50. - - _Ebner-Eschenbach_, Marie v., Erzählungen. 3. Aufl. " M. 3.-- - - --"-- Božena. Erzählung. 5. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Margarete. 4. Auflage. " M. 2.-- - - -- Moriz v., =Hypnosis perennis=. Ein Wunder des - heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten. " M. 2.-- - - _Eckstein_, Ernst, Nero. Roman. 6. Auflage. " M. 5.-- - - _Ertl_, Emil, Mistral. Novellen. " M. 3.-- - - _Fulda_, L., Lebensfragmente. Zwei Novellen. 7. Auflage. " M. 2.-- - - _Haushofer_, Max, Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman. " M. 3.50. - - _Heer_, J. C., An heiligen Wassern. Roman. 6. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Der König der Bernina. Roman. 9. Auflage. " M. 3.50. - - _Heilborn_, Ernst, Kleefeld. Roman. " M. 2.-- - - _Heyse_, Paul, Neue Novellen. 7. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Marthas Briefe an Maria. 2. Auflage. " M. 1.-- - - _Hillern_, Wilhelmine v., 's Reis am Weg. 2. Auflage. " M. 1.50. - - --"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Auflage. " M. 3.-- - - _Höcker_, Paul Oskar, Väterchen. Roman. " M. 3.-- - - _Hopfen_, H., Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte. - 3. Aufl. " M. 2.50. - - _Junghans_, Sophie, Schwertlilie. Roman. 2. Auflage. " M. 4.-- - - _Kirchbach_, Wolfgang, Miniaturen. Fünf Novellen. " M. 4.-- - - _Langmann_, Philipp, Verflogene Rufe. Novellen. " M. 2.50. - - _Lindau_, Paul, Der Zug nach d. Westen. Roman. 9. Aufl. " M. 4.-- - - _Loti_, Pierre, Japanische Herbsteindrücke. " M. 3.-- - - _Mauthner_, Fritz, Hypatia. Roman. 2. Auflage. " M. 3.50. - - _Meyer-Förster_, Wilhelm, Eldena. Roman. 2. Auflage. " M. 3.-- - - _Muellenbach_, E. (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen. " M. 3.-- - - --"-- Vom heißen Stein. Roman. " M. 3.-- - - _Petri_, Julius, Pater peccavi! Roman. " M. 3.-- - - _Prel_, Karl du, Das Kreuz am Ferner. Roman. 2. Aufl. " M. 5.-- - - _Proelß_, Johannes, Bilderstürmer! Roman. 2. Auflage. " M. 4.-- - - _Riehl_, W. H., Aus der Ecke. Sieben Novellen. 4. Auflage. " M. 4.-- - - --"-- Neues Novellenbuch. 3. Aufl. (6. Abdruck.) " M. 4.-- - - _Saitschick_, Robert, Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch. " M. 2.-- - - _Schunsui_, Tamenaga, Treu bis in den Tod. Hist. Roman. " M. 3.-- - - _Seidel_, Heinrich, Leberecht Hühnchen. Gesamtausgabe. " M. 4.-- - - _Stegemann_, Hermann, Stille Wasser. Roman. " M. 3.-- - - _Stratz_, Rudolph, Der weiße Tod. Roman. 5. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. 2. Auflage. " M. 2.50. - - --"-- Der arme Konrad. Roman. 3. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Die letzte Wahl. Roman. 3. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Montblanc. Roman. 5. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Die ewige Burg. Roman. 3. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Die thörichte Jungfrau. Roman. 5. Auflage. " M. 3.50. - - _Sudermann_, Herm., Frau Sorge. Roman. 57. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Geschwister. Zwei Novellen. 22. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Der Katzensteg. Roman. 44. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 26. Auflage. " M. 2.-- - - --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 23. Auflage. " M. 2.-- - - --"-- Es war. Roman. 30. Auflage. " M. 5.-- - - _Telmann_, Konrad, Trinacria. Sizilische Geschichten. " M. 4.-- - - _Voß_, Richard, Römische Dorfgeschichten. 4. Auflage. " M. 3.-- - - _Wereschagin_, W. W., Der Kriegskorrespondent. " M. 2.-- - - _Widmann_, J. V., Touristennovellen. " M. 4.-- - - _Wilbrand_, Adolf, Fridolins heimliche Ehe. 3. Aufl. " M. 2.50. - - --"-- Meister Amor. Roman. 2. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Novellen aus der Heimat. 2. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Hermann Isinger. Roman. 5. Auflage. " M. 4.-- - - --"-- Der Dornenweg. Roman. 4. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Die Osterinsel. Roman. 3. Auflage. " M. 4.-- - - --"-- Die Rothenburger. Roman. 5. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 3. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Vater Robinson. Roman. 3. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Der Sänger. Roman. 4. Auflage. " M. 4.-- - - --"-- Erika. Das Kind. Erzählungen. 3. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Feuerblumen. Roman. 3. Auflage. " M. 3.-- - - --"-- Franz. Roman. 3. Auflage. " M. 3.50. - - --"-- Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Auflage. " M. 3.-- - - _Wildenbruch_, E. v., Schwester-Seele. Roman. 11. Aufl. " M. 4.-- - - _Worms_, Carl, Du bist mein. Zeitroman. " M. 4.-- - - --"-- Thoms friert. Roman. " M. 4.-- - -[Illustration] - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: - - _gesperrt_ : =Antiqua= - -Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 23: - "nichs" geändert in "nichts" - (Nun, das macht nichts.) - - Seite 49: - "leiebkosende" geändert in "liebkosende" - (als seien es ebensoviel liebkosende Verheißungen) - - Seite 63: - "»" eingefügt - (»die schönsten Lieder und die schönsten Sagen) - - Seite 109: - "auch" geändert in "nach" - (in die Hand nehmen und nach deinem stärkeren Willen prägen) - - Seite 112: - "«" eingefügt - (Sie ist aber nicht krank geworden.«) - - Seite 160: - "halbmäd henhafte" geändert in "halbmädchenhafte" - (Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung) - - Seite 168: - "Das" geändert in "das" - (»Nein, -- das heißt: es wäre ja wunderschön) - - Seite 179: - "." eingefügt - (um alle Kraft aufzuzehren --.) - - Seite 185: - "«" hinter "helfen?" entfernt - (Was konnt es denn helfen?) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ma, by Lou Andreas-Salomé - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MA *** - -***** This file should be named 61010-0.txt or 61010-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/0/1/61010/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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