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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 14:53:32 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Ein kleines Kind - Weihnachts-Novelle - -Author: Karl Wartenburg - -Release Date: November 11, 2019 [EBook #60672] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - - - - - Ein kleines Kind. - - - Weihnachts-Novelle - - von - - Carl Wartenburg. - - - Der Dienst der Freiheit ist ein schwerer Dienst, - Er bringt nicht Gold, er bringt nicht Fürstengunst; - Er bringt Verbannung, Kerker, Schmach und Tod -- - Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst, - Dem sich die Edelsten des Volkes weihen! - - _L. Uhland._ - - - Wien, 1864. - - Verlag von Carl Schönewerk. - - - - -Meinem einzigen, geliebten Kinde - - Helene - -geb. 17. August 1855, gest. 17. August 1861. - - - - -1. Auf der Flucht. - - -Noch wenige Schritte und das deutsche Land lag hinter ihnen ... -Die Flüchtlinge holten still stehend Athem, ihre Blicke noch einmal -zurückwendend zur alten Heimath. Es waren drei Personen, ein Mann, ein -junges Weib und ein kleines Kind, das im Arme des Vaters lag, mit sanft -gerötheten Wangen den süßen Schlaf der Kindheit schlummernd, nicht ahnend, -daß es in diesem Augenblicke das Vaterland verlor. Eine Thräne flimmerte in -den Augen des jungen Mannes. »Lebe wohl, mein Heimathland ... mein liebes, -theures deutsches Land ... Ich verlasse dich, gejagt wie ein Thier des -Waldes von der Meute, die nach meinem Blute dürstet. Lebe wohl und vergieb -mir, daß ich dich zu sehr geliebt ... Gott segne dich, mein deutsches -Land ...« Schmerz und Wehmuth erstickten seine Stimme, er verbarg sein -Gesicht in dem Lockenköpfchen des Kindes und weinte bitterlich. - -Die junge Frau an seiner Seite blickte düster und stumm hinüber nach der -deutschen Grenze ... Auch in ihren großen dunklen Augen funkelte eine -Thräne, aber es war keine Zähre des Schmerzes und der Wehmuth, wie bei -ihrem Gatten ... - -Zorn, Stolz, Verachtung sprühten ihre Blicke, und die Lippen des fein -geformten Mundes waren fest aneinander geklemmt, als fürchte sie, daß ihr -wider ihren Willen ein Laut der Klage entschlüpfen könne ... - -So standen sie eine lange Weile, stumm und fast regungslos, ein Jedes die -Beute stürmisch fluthender Gefühle ... - -Endlich richtete der Mann sein Haupt empor, strich das blonde Haar, das ihm -wirr um die Stirne fiel, mit einer lebhaften Geberde zurück und streckte -seiner Gattin die mit einem Verbande umhüllte Rechte entgegen: »Laß uns -weiter wandern, Fanny,« sprach er mit gefaßter Stimme, »hinein in die -unbekannte Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten Vaterlande -Nichts weiter mit hinüber nehme, als die Freiheit und das Bewußtsein, für -unsere Ueberzeugung gestritten und gelitten zu haben.« Sie antwortete -ihm mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen, ohne die -dargereichte Rechte ihres Gatten zu ergreifen ... - -Da raschelte es in den Büschen, welche an dem Ufer des Baches standen, der -hier die Grenze zwischen dem deutschen und dem französischem Lande -bildet. Gewehrläufe und Helme blinkten in den Strahlen der untergehenden -Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille streckte den Flüchtlingen mit -dem Zuruf: »Halt! ... Wer da?« ihre Bajonnete entgegen. - -Die Flüchtlinge standen still, doch schon im nächsten Augenblicke hatte -sich der junge Mann gefaßt und entschlossen antwortete er: »Laßt mich ruhig -meines Weges ziehen ... Was kümmert's Euch, wer ich bin, wer giebt Euch das -Recht, hier auf diesem Grund und Boden mich anzuhalten?« - -»Wer uns das Recht giebt, Mann,« antwortete der Patrouillenführer, indem -er auf den Flüchtling zutrat und mit der Säbelscheide auf den Boden stieß, -»hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement, welches ich hier in -meiner Brieftasche trage, worin ein gewisser Walther Dennhardt, seines -Zeichens ein Bildhauer, der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden thätigen -Antheil genommen, verfolgt wird.« - -»Und wenn ich Der wäre, den Ihr sucht,« rief der Flüchtling mit drohender -Geberde, indem er das schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte, -welche mit einer gewissen düsteren Ruhe dem Vorgange folgte, »so habt Ihr -kein Recht, mich hier auf französischem Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt -mir freie Bahn oder ich schaffe sie mir ...« Und er zog mit der -Linken unter der Blouse eine doppelläufige Pistole hervor, die er dem -Patrouillenanführer entgegen streckte. - -»Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen,« schrie der -Gendarmerie-Officier, indem er den Säbel zog, »vorwärts, Leute, faßt ihn.« - -Ohne Zweifel wäre jetzt eine Scene der Brutalität, der Kampf einer vielfach -überlegenen Gewalt mit einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben -Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und energischen Zuruf: -»=Halte!=« der von dem Saume des Birkenwäldchens her erscholl, welches sich -links an dem Bache hinzog, stutzig gemacht worden wären. - -Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig ihre Blicke nach -der Richtung, von woher der Ruf gekommen, und sahen drei junge Männer in -eleganter Kleidung, die Jagdflinte über den Rücken geworfen, herankommen. - -»Was giebt es da, was geht hier vor?« frug der Vorderste von ihnen, der -einen schönen großen englischen Wasserhund an einer langen seidenen Schnur -hielt, in französischer Sprache -- und dabei glitt sein großes dunkles Auge -über die Gruppe, bis er auf der jungen Frau haften blieb. - -»Wir sind eben im Begriff einen Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer -und Rebellenführer, und Sie werden uns einen Gefallen thun, wenn Sie uns -bei diesem Geschäft nicht weiter stören,« antwortete in schlechtem, aber -doch verständlichem Französisch der Gendarmerie-Officier, indem er die -Hand nach dem Flüchtlinge ausstreckte, der beim Herzutreten der drei jungen -Männer seine Waffe gesenkt hatte. - -»Gemach, mein Herr,« unterbrach ihn der junge Mann, indem er zwischen den -Patrouillenführer und den Verfolgten trat, »und wer giebt Ihnen das Recht -dazu?« - -Erbitterte es den Officier, aus dem Munde des Fremden denselben Einwurf zu -hören, den ihm der Flüchtling entgegen gehalten, oder dürstete er zu -sehr nach Auszeichnung und Beförderung, die ihm gewiß war, wenn er den -Flüchtling einfing, genug, er vergaß alle Rücksichten der Klugheit, -und ungeduldig über die Hindernisse, welche sich der Gefangennahme des -proscribirten Freischaarenführers entgegensetzten, rief er brüsk: - -»Ich weiß nicht, wer Sie zu dieser Frage berechtigt ... gehen Sie Ihre -Wege und mischen Sie sich nicht in die Angelegenheiten Anderer ... Und -nun vorwärts, Ihr Leute, nehmt den Mann und das Weib mit dem Kinde in die -Mitte.« - -Eine dunkle Röthe hatte schon bei den ersten Worten des Officiers die -Stirne des jungen Mannes gefärbt, doch bezwang er sich so weit, daß er den -Andern vollenden ließ. - -Wie aber die Polizeisoldaten Miene machten den Befehl ihres Vorgesetzten -auszuführen, hob er drohend seine Flinte und rief mit gebieterischer -Stimme, während er zugleich mit Anstrengung den Hund, welcher sich -vom Instinct getrieben auf den Gendarmerie-Officier stürzen wollte, -zurückhielt: - -»Wie? Unverschämter, antwortet man so auf eine höfliche Frage ... Und habt -Ihr,« und er trat einen Schritt gegen den Officier vor und blickte ihn -durchdringend an, »habt Ihr vergessen, daß Ihr Euch einer Grenzverletzung -schuldig gemacht habt und auf dem Boden der französischen Republik -steht? Habt Ihr nicht jenen Grenzpfahl gesehen?« Und er deutete auf einen -blau-weiß-rothen Grenzbaum, an welchem eine Tafel befestigt war, auf -welcher die Worte standen: »=République française=.« - -»Ich könnte Euch,« fuhr er ruhiger fort, als er bemerkte, wie die Gendarmen -nebst ihrem Führer verlegen wurden, »ich könnte Euch festnehmen lassen -und nach Straßburg abliefern, wo man Euch den Proceß machen würde wegen -Verletzung der Republik mit gewaffneter Hand, aber ich will Nachsicht üben -... Doch jetzt macht schnell, daß Ihr fortkommt, oder ich schicke Euch den -Gendarmerie-Capitain Molet über den Hals, der in dem Schlosse dort,« und -er deutete auf ein hinter dem Birkenwäldchen liegendes kleines Gebäude -»einquartirt ist.« - -Murrend und knurrend, wie eine Meute, die der Befehl des Herrn von -einem Stück Wild zurückruft, welches sie eben zerreißen will, trat die -Streifpatrouille den Rückzug auf das deutsche Gebiet an und war bald in dem -Gebüsche jenseits des Baches verschwunden. - -Der Flüchtling streckte dem jungen Manne tief bewegt die Hand entgegen. - -»Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der nie vergessen wird, daß Sie dem -heimathlosen Flüchtling die Freiheit retteten, für die er im Vaterlande mit -den Waffen gekämpft.« - -Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand conventionell ergreifend und -mit einer Gemessenheit des Tones, die fast überraschend abstach gegen die -eben in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wärme: - -»Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen Dank schuldig ... Wenn ich -zwischen Sie und Ihre Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie für -die Grundsätze, welche Sie hegen, denn ich hasse die Revolution und jene -demokratischen Freiheitsideen, welche jetzt die Köpfe der Menge verwirren, -sondern es geschah, weil ich sah, daß Sie Gatte und Vater sind.« - -Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges die junge Frau, welche -unwillkürlich erröthend zur Erde niedersah. - -Ein leichter Schatten verdüsterte auf einen Moment des Flüchtlings Stirne, -als sein Befreier in so ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines -dankerfüllten Herzens antwortete, allein er unterdrückte dieses Gefühl -rasch und sprach: - -»Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhänger der Grundsätze sind, für -welche ich gefochten und geblutet habe ... Walther Dennhardt wird doch -nie aufhören sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn Sie einst einen Mann -suchen, der Ihnen einen großen Dienst leisten soll, so mögen Sie meiner -eingedenk sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ... die Sonne sinkt -und es ist noch eine tüchtige Strecke Wegs zur nächsten Eisenbahnstation. -Gieb mir das Kind, Fanny.« - -Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind, welches noch immer -schlummerte, und grüßte mit stummer Verbeugung den jungen Mann und seine -beiden Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren. - -Auch der Flüchtling grüßte noch einmal seinen Helfer in der Noth mit einem -Blick des Danks, dann wendete er sich zur Linken, der Heerstraße zu, -welche nach der Hauptstadt des Elsasses führte, gefolgt von Fanny, die -gedankenvoll hinaus ins Weite sah. - -Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie sich noch einmal von dem -Andern angerufen hörten. »Ein Wort noch, mein Herr,« rief der junge Mann, -auf die Stillstehenden zugehend, »Sie wollen heute noch nach Straßburg ... -ich glaube kaum, daß es Ihnen möglich sein wird die Stadt heute vor später -Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fünf Uhr ... in wenigen Stunden bricht -schon die Nacht an und Sie haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Für eine -zarte Frau und für ein Kind von so jungem Alter dürfte eine Nachtreise doch -bedenklich sein.« - -Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine Gattin. - -»O, was mich betrifft,« entgegnete die junge Frau mit Stolz und Energie, -»so brauchst Du keine Rücksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,« -und sie deutete nach der deutschen Grenze; »ich habe es nie geliebt ... und -jeder Schritt, der mich weiter davon entfernt, dünkt mir Gewinn zu sein.« - -Es waren die ersten Worte der jungen Frau, und das reine Französisch, -in welchem sie gesprochen wurden, überraschte den Andern ebenso wie -der energische Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich in ihnen -aussprach. - -»Sie sind eine Landsmännin von mir?« frug der junge Franzose mit lebhaftem -Tone. - -»Meine Frau ist Brüsselerin,« fiel der Flüchtling ein, indem sich eine -Wolke auf seiner Stirn zeigte, »für die aber Deutschland die zweite Heimath -wurde, die sie nie aufhören sollte zu lieben ... die sie nie schmähen -sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele erfüllt ist von Bitterkeit -und dem Bewußtsein erlittenen Unrechts.« - -Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als in vorwurfsvollem Tone -gesprochene Bemerkung ihres Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort: -»Ich wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen unter diesen -Umständen vielleicht annehmbar erscheinen dürfte. Ich bin der Besitzer -dieser Fluren und jenes Schlosses, welches Sie dort hinter dem -Birkenwäldchen sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen Ihrer -Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfügung ... Doch,« fügte -er rasch hinzu, als er eine gewisse Unentschiedenheit in den Zügen des -Flüchtlings zu erblicken glaubte, »doch zuvor ist es nöthig, daß wir näher -mit einander bekannt werden ... Kennen wir doch nicht einmal unsere Namen. -Ich bin der Vicomte Edmund von Grandlieu.« - -»Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer meinem Berufe nach.« - -»Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft sich ja herrlich,« fiel der -junge Baron von Grandlieu ein, »ich habe eine wundervolle Antike in meinem -Parke, eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des rechten Armes -fehlt ... Sie könnten, Herr Dennhardt, in voller Muße diesen Mangel -ergänzen und mich dadurch zum lebhaftesten Dank verbinden.« - -Mit einem schmerzlichen Lächeln zeigte der Bildhauer auf seine verwundete -und mit Bandagen umhüllte Rechte. »Es thut mir in der That wehe, Herr -Vicomte, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht beweisen kann. Ich -werde wohl nicht so bald wieder den Meißel und den Hammer führen können. -Der Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht meiner -Künstlerlaufbahn für immer ein Ende gemacht. Und nun nochmals herzlichen -Dank für Ihr gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht -annehmen können.« - -»Wie, Sie wollen?« erwiderte der Baron von Grandlieu, indem er ein Gefühl -der Verstimmung, welches ihn bei der abschläglichen Antwort des Bildhauers -überkommen, unterdrückte. »Und wenn Sie vielleicht das Schicksal nach Paris -führen sollte, so vergessen Sie dann nicht das Hôtel Grandlieu in der Rue -de la Paix.« - -Er grüßte, ließ noch einen lebhaften Blick auf die junge Frau fallen und -ging dann zurück zu seinen Freunden, während die Flüchtlinge ihren Weg nach -Straßburg fortsetzten, stumm und ernst, ein Jedes mit seinen Gedanken an -die Vergangenheit und die ungewisse Zukunft beschäftigt, ein Jedes fühlend, -daß zwischen ihnen Etwas lag, worüber es zur Erklärung kommen mußte. - - - - -2. Mann und Weib. - - -Die Vorhersagung des Barons von Grandlieu war in Erfüllung gegangen. Das -Geschick hatte Walther Dennhardt nebst Frau und Kind nach Paris geführt ... -An einem heitern Septembermorgen war er in der französischen Hauptstadt, -die ihm schon von einem frühern Aufenthalte her nicht ganz unbekannt war, -angelangt und hatte sich mit seiner kleinen Familie in einer der Vorstädte, -in der Nähe von Belleville, eingemiethet. - -Es war an einem Nachmittag, vielleicht eine Woche nach der Ankunft in -Paris, als Dennhardt mit seinem Kinde am Fenster saß und gedankenvoll -hinüberschaute in den Park des Nachbarhauses, in welchem der Herbstwind -schon gelbe Blätter über die noch grünen Rasenplätze trieb. - -Seine Frau war mit einer Dienerin ausgegangen, um einige Einkäufe für die -häusliche Einrichtung zu besorgen. Dennhardt hatte eine Weile mit dem Kinde -gescherzt und gespielt, bis es müde geworden das Köpfchen an seine Brust -gelehnt hatte und eingeschlummert war. - -Leise und vorsichtig, um die schlafende Kleine nicht zu erwecken, erhob -er sich und legte sie behutsam in das kleine braunlackirte Schaukelbett, -welches unweit des Fensters stand. Dann rückte er sich seinen Sessel an -die Wiege und versank von Neuem in tief-ernstes Sinnen und gedankenschweres -Brüten ... Die letzten drei Jahre, zugleich die bedeutungsvollsten seines -Lebens, zogen an ihm vorüber. Gerade vor drei Jahren hatte er Paris, wo -er in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet, verlassen, um -einen Auftrag auszuführen, welchen er von der belgischen Regierung erhalten -hatte. Er ging nach Brüssel, und hier war es wo er Fanny kennen lernte. -Sie gehörte einer reichen adeligen Familie an, die sich lange gegen die -Verbindung mit dem deutschen Künstler, der zwar einen ehrenvollen Namen in -seiner Kunst, aber doch nur einen bürgerlichen trug, sträubte. - -Aber Fanny war eine energische Natur; gerade der Widerstand, den sie fand, -reizte sie, und eines Tages war sie mit Dennhardt aus Brüssel entflohen, -um sich in einer Grenzstadt an der belgisch-holländischen Grenze mit dem -Geliebten trauen zu lassen. Der Familie blieb darauf weiter Nichts übrig, -als zu der vollendeten Thatsache ihre Zustimmung zu geben. Im Grunde -der Herzen blieb aber der Zwiespalt unausgeglichen, und Dennhardt, Dies -fühlend, verließ Brüssel, sobald er die übernommene Arbeit vollendet hatte. - -Er kam nach Deutschland zurück in einer Zeit, deren mächtiger Zug auch -kältere und weniger für alles Große und Schöne im Menschen- und Völkerleben -begeisterte Naturen in unwiderstehlicher Gewalt mit sich fortriß, im -Anfange des Jahres 1847. - -Welches Ringen, welches Streben, welches Kämpfen in der Welt der Geister, -auf allen Gebieten des Lebens, der Politik, der Kunst, der Literatur, der -Gesellschaft. Die alte Weltordnung war im Begriff vollends unterzugehen, -auch jene letzten Trümmer noch, welche die Revolution von 1789 übrig -gelassen und die von der Restauration von 1815 mit aller Macht und -Anstrengung aufrecht erhalten worden waren. In Frankreich klopfte die -Revolution schon an die Thore eines Königspalastes, dessen Bewohner -vielleicht hauptsächlich deßhalb seine Krone verlor, weil er über den schön -aufgeputzten Reden und Declamationen einer corrumpirten, mit Orden, Titeln -und Aemtern erkauften Kammermehrheit den Nothschrei und den Weheruf des -Volkes in den Straßen überhörte. - -In der Schweiz stand sich das Jesuitenthum von Luzern und das freie -Bürgerthum der Eidgenossenschaft mit gewaffneter Hand gegenüber, schon -witterte man in der Luft der Schweizerberge Etwas von einem Pulverdampfe, -der wenige Monate später über die Ebene am Gislikon wogte und in dessen -Wolken das jesuitische Sonderbündlerthum ersticken sollte ... Dazu die -Bewegung der Geister in Deutschland selbst! Seit der Thronbesteigung -Friedrich Wilhelm's IV. von Preußen war ein Ringen und Kämpfen entstanden -auf den Gebieten des öffentlichen Lebens, wie man es vorher in Deutschland -in dieser Weise nicht gekannt hatte. Große und leidenschaftliche Hoffnungen -hatten sich an den Regierungsantritt dieses Königs geknüpft. Kaum ein -Jahr war verflossen, und man sah mit zweifelloser Klarheit, daß man sich -getäuscht hatte. - -In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft, auf dem Gebiete der -Religion, überall liefen die Vorkämpfer der neuen Ideen Sturm gegen die -alten Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's, Bassermann's, -in der badischen zweiten Kammer fanden einen Wiederhall in ganz Deutschland -und weckten gleiche Stimmen im Ständesaal zu Dresden, während die Presse -mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner unterstützte. Alles rief nach -Freiheit; und so unklar für Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich -die Vorstellungen, welche sich Viele von der Freiheit machten; das Wort -hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit gewaltiger Kraft ergriff und -mit sich fortzog ... Die »Vaterlandsblätter« Robert Blum's, Gustav Struve's -»Deutscher Zuschauer,« Keil's »Leuchtthurm« wurden heißhungrig verschlungen -und jedes Blatt warf neue Funken in die schon entzündeten Gemüther. Dazu -der Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen Johannes Ronge -durch seinen berühmten Fehdebrief aus Laurahütte an den Bischof Arnoldi von -Trier zum Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister wegen Lösung -der socialen Frage, die immer drohender heranrückte und ihre Tirailleurs -in ganzen Schwärmen socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der -ängstliche zögernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche den Boden -unter ihren Füßen wanken fühlten, -- alle diese Momente mußten eine so -empfängliche Natur, wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt -ergreifen. - -Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso leidenschaftlich für die -Ideen der Freiheit und Gleichheit begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als -die gewaltige Katastrophe der Februarrevolution ausbrach, Deutschland -von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin die Barrikaden sich -erhoben, da bedurfte es der ganzen Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die -junge Frau abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die Soldaten zu -fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht, in dieser Erzählung alle -die verschiedenen Phasen der so denkwürdigen Bewegung von 1848 und 1849 zu -schildern, wir wollen nur so viel erwähnen, daß Walther Dennhardt und seine -junge Frau sich den entschiedensten Vorkämpfern der demokratischen Partei -anschlossen, und im Frühjahr 1849 finden wir sie in Baden, wo die letzten -Kämpfe der Bewegung ausgefochten wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem -seine Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte, zum ersten Mal -einen Zwiespalt zwischen seinen und Fanny's Ansichten. - -Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung eines politischen -Commissärs an. Er sollte mit ausgedehnten Vollmachten nach dem Schwarzwald -geschickt werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war dies eine -Stellung ganz selbständiger Natur und von bedeutendem Einfluß. - -Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als Freischaarenführer in -die Reihen der Kämpfer zu treten. - -Fanny machte ihm hierüber Vorwürfe: »Warum hast Du dieses Amt nicht -angenommen?« sprach sie »und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen -Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gäbe, die gut zum Dreinschlagen -sind. O, Ihr idealen deutschen Schwärmer, Ihr werdet niemals eine -wirkliche Revolution zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen -revolutionären Naturen. Ueberall diese ängstliche Bescheidenheit und -Blödigkeit, die jungen Mädchen gut steht, aber wahrlich Männern nicht -geziemt, welche eine Staatsumwälzung vollführen wollen.« - -»Ich kämpfe nicht aus selbstsüchtigen, persönlichen Motiven, sondern für -meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit; ich schlug -diesen Antrag aus, weil ich fühlte, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen -war. Als Kämpfer aber kann ich meine Pflicht erfüllen.« - -Fanny lächelte spöttisch: »War es nicht ein deutscher Dichter, Euer Göthe, -welcher das Wort vom Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit -und Einheit Deutschlands erkämpft ist, wird es noch immer Solche geben, die -befehlen, und Solche, welche gehorchen müssen. Hast Du so große Lust zu den -Letztern zu schwören?« - -»Weder zu den Einen, noch zu den Andern ... ich will Nichts weiter als ein -freier Bürger im freien Vaterlande sein. Doch lassen wir Das,« sprach er -abbrechend, »diese Erörterung ist überflüssig ... und schmerzlich dabei ist -mir nur das Eine, daß Du, Fanny, so wenig meine Grundsätze und Ueberzeugung -kennst.« - -Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten immer verhängnißvoller -wurde, der Sieg der Sache, für welche Dennhardt die Waffen in feuriger -Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mußte er manche bittere -Bemerkung seines Weibes hinnehmen, und obwohl widerstrebend mußte er sich -doch gestehen, daß Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung -seine politischen Bestrebungen gebilligt und an ihnen Theil genommen hatte, -sondern aus ganz andern Beweggründen. Zur vollen Gewißheit darüber gelangte -er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins, wo er nur durch das -Dazwischentreten des französischen Barons vom Kerker errettet wurde. -Dennhardt hatte Fanny Vorwürfe über ihr gehässiges Wort gegen Deutschland, -das sie dem Baron von Grandlieu gegenüber ausgesprochen, gemacht. - -Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede all die Bitterkeit -entquollen, die sich lange in ihr angehäuft hatte. - -»Du willst mir Vorwürfe machen,« hatte sie ihm erwiedert, »daß ich mit -Worten des Hasses und des Abscheues von Deinem Deutschland gesprochen habe. -Kann ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland haben? Ist es nicht -das Grab aller meiner Hoffnungen und Träume geworden, hat es mir etwas -Anderes als Täuschungen geboten?« - -Und als Dennhardt sie mit einem großen fragenden Blicke angesehen, hatte -sie unter dem Eindrucke einer sich immer höher steigernden Erregung weiter -gesprochen: - -»Du weißt es, Walther, als ich Dein Weib wurde, da liebt' ich Dich stark -und innig. Aber ebenso liebte ich auch Deinen Künstlerruhm, den Namen, den -Du Dir durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du, daß ich, die -Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein Herz und meine Hand gegeben -hätte, wenn Du ein unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann ohne -Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?« - -»Wie!« unterbrach sie bei diesen Worten ihr Mann mit schmerzlichem Ausdruck -in Rede und Geberde, »so war es nicht der Mann, den Du in mir liebtest, -sondern der Künstler, nicht Walther, sondern der Bildhauer Dennhardt?!« - -»Ich kann den Einen nicht von dem Andern trennen. Ich sah in Dir den -gefeierten Künstler und den Mann von Geist und Kraft, der ringend und -strebend seine Hand nach dem Höchsten auszustrecken wagt, das uns vom Leben -dargeboten wird. Und nun ...« - -»Bin ich ein heimathloser Flüchtling,« fiel Dennhardt mit schmerzlicher -Bitterkeit ihr ins Wort, »der das bittere Brod der Verbannung essen muß -und Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten! aus Deinem Munde zu -hören, Das brennt mich mehr als es jemals diese Wunde hier gethan.« - -Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten Stolzes hervor. - -»Du kennst mich wahrlich schlecht,« antwortete sie leidenschaftlich, »wenn -Du glaubst, daß es die Furcht vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals -ist, was mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, daß ich deßhalb in Vorwürfe -und Klagen ausbreche, weil die Sache, für welche Du gefochten, unterlegen -ist ... Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, daß Du nicht zu -jenen kühnen und energischen Naturen gehörst, welche zu den Höhen des -Lebens emporstreben.« - -»Sprich nicht weiter ...« unterbrach sie Walther mit einer Geberde und -einem Ausdruck in Blick und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken -mußte, »ich weiß genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen ... Also -nicht die gleiche Ueberzeugung, wie ich sie habe, die Ueberzeugung, -für eine große, gerechte und edle Sache zu kämpfen, war es, welche Dich -beseelte, nicht die Uebereinstimmung mit den Grundsätzen Deines Gatten, die -Liebe zur Freiheit sprach aus Dir, sondern die Leidenschaft zu herrschen -und zu glänzen, jener ungezügelte Ehrgeiz, für den die Ideen nur die Mittel -zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke sind. Mein Ruf und Ruhm als Künstler, -den ich mir in strenger Arbeit meines Berufs erworben, er genügte Dir nicht -mehr, Dein nach äußerer Ehre und glänzender Lebensstellung dürstendes Herz -begehrte mehr ... Suche weder mich noch Dich selbst zu täuschen, Fanny, Du -bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so empfindet ... Ich habe -in dieser sturmbewegten Zeit, wo alle Kräfte und Elemente der Menschen- und -Volksnatur entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden, welche von gleichen -Gefühlen bewegt wurde; aber nie hätte ich geglaubt, daß Du auch zu ihnen -gehörtest. Es muß wohl wahr sein,« setzte er mit einem bittern Lächeln -hinzu, während der Ton seiner Stimme zu einem dumpfen Murmeln herabsank, -»es muß wohl wahr sein das alte Wort, daß die Liebe Diejenigen blendet, -welche ihr unterthan sind.« - -So endete jenes Gespräch auf der Flucht. - -Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten ein inniges Verhältniß -zwischen den beiden Gatten fortbestehen? - -Ein Jedes von ihnen fühlte nur zu deutlich, daß Dies nicht möglich sei. - -Wenn Walther und Fanny gewöhnlichere Naturen gewesen wären, so hätte -vielleicht mit der Zeit eine Ausgleichung stattgefunden. - -Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprägte Charaktere; der ideale -Zug Walther's, der ihn zum Märtyrer für die Freiheit gemacht, die -uneigennützige Hingabe an eine große und heilige Sache stand in schroffem -und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's Wesen. Ihr Gatte hatte nicht -Unrecht gehabt, als er sie vor Selbsttäuschung warnte, die junge Frau war -sich in der That über den Ursprung ihrer Empfindungen und Meinungen nicht -klar. - -Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib oder eine Emancipirte, wie es -deren während der Bewegungsjahre eine ziemliche Anzahl unter den Frauen -gab. Nicht die Begeisterung für die großen Ideen der Demokratie hatte sie -beseelt, sondern ganz andere Motive hatten sie zur Anhängerin der Bewegung -gemacht. - -Dennhardt lebte, wie wir schon erzählt, vor dem Ausbruche der -Märzrevolution in einer deutschen Residenzstadt. - -Sein Beruf brachte ihn in häufige Berührung mit der sogenannten vornehmen -Gesellschaft. Frauen und Männer aus diesen Kreisen besuchten sein -Atelier, fast täglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen des -königlichen Hofs vor seinem Hause. - -Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit der vornehmen Kasten -in unserm Deutschland; trotzdem, daß Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde -von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau doch die geselligen -Kreise dieser Besucher verschlossen. Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter -eines hohen Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wäre! - -Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war und wollte nicht mehr -sein als der Bildhauer Walther Dennhardt. Es half ihm Nichts, daß sein -Name in der Kunst ein hoch geachteter, sogar berühmter war, all sein -Künstlerruhm öffnete ihm nicht die Thüren zu jenen aristokratischen -Salons, in welchen Abends die Herren und Damen über die Statuen und Gruppen -plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert hatten. Ihm -persönlich war Dies nun freilich sehr gleichgültig. Dennhardt würde selbst -diese geselligen Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen -überhäuft hätte. - -Er war ein principieller Gegner der Anschauungen, die unter diesen Leuten -gang und gäbe waren, er war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat, -als daß er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten hätte wohl fühlen -können. Hätte er ihnen doch sogar gern seine Werkstatt geschlossen, wenn -Dies möglich gewesen wäre. Außer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter -Freunde, welche theils Künstler, theils Gelehrte, Schriftsteller, Aerzte, -Advokaten waren, bewegte sich Dennhardt häufig in jenen Volkskreisen, wo -der Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit durch die -Naivetät der Empfindung und durch die selbstlose Hingebung an oft selbst -mißverstandene Ideen aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny. - -Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen Geschlechts, welche -dem jungen deutschen Künstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus -Trotz gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben, sie mit ihrem -stolzen Sinn, der gewöhnt war an Glanz und Huldigungen, sie, die schöne -junge Frau, nicht ganz frei von jener Koketterie, welche unbekümmert um die -Wunden, die sie schlägt, so gern stolze Triumphe feiert, sie fühlte -sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der vornehmen Kaste verletzt, -gekränkt. - -War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als der dieser hochmüthigen -deutschen Baroninnen und Gräfinnen, war sie nicht ebenso schön, vielleicht -noch schöner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge dieser -vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen, bei den Festen des -königlichen Hofes erscheinen zu dürfen, die den gesellschaftlichen Ton -angaben und deren Namen stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der -Gesellschaft gesprochen wurde? - -Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's stolze Natur nicht aufs -tiefste dadurch hätte verletzt fühlen sollen. Ihr Haß gegen jene vornehme -Kaste steigerte sich täglich, mit fieberhafter Hast las sie die Werke der -französischen und deutschen Socialisten und verfocht in den Kreisen der -Freunde ihres Mannes die Grundsätze der socialen Gleichheit mit einer -Leidenschaftlichkeit, wie man sie nur bei heißblütigen Frauennaturen -findet. - -So geschah es, daß Fanny ihrem Gatten als begeisterte Anhängerin der -Grundsätze, für welche er selbst das Leben einzusetzen bereit war, -erscheinen mußte. - -Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum heimathlosen Flüchtling -werden ließ, kannte er die tiefe Kluft, welche zwischen seinen und seiner -Gattin Ideen lag. - - * * * * * - -Dies Alles bei sich im Geiste erwägend, saß Dennhardt an dem -Herbstnachmittag an der Wiege seines Kindes in jenem Hause der Vorstadt von -Belleville. - - - - -3. Ein kleines Kind. - - -Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter nordischer Winter mit -Schneegestöber und schneidender Kälte. Weihnachten, das heilige Fest, -an welchem die Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen -Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor der Thür. - -Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf die dunklen Fluren die -geweihte Nacht, die einst mit den erhabenen Worten der Verheißung: »Ehre -sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!« den armen Hirten verkündigt -wurde. - -Friede auf Erden! Hohe, schöne Botschaft der himmlischen Heerschaaren! Aber -wo ihn suchen, um ihn zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem -Felde Palästina's sangen? In der Natur, wo oft urplötzlich entfesselte -Kräfte mit wilder dämonischer Gewalt losbrechen, Zerstörung und jähe -Vernichtung in ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des Waldes, -die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe sich zerfleischen? Oder bei -den Menschen? Vielleicht in ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe -Priester, der über Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die schleudert, -welche andern Glaubens sind? Oder in den Schulen und Hörsälen, wo die -Quellen der Weisheit fließen und die Jünger der Wissenschaft, die nach -derselben einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre beste Kraft -vergeuden in fruchtlosem Gezänke über leere Formen? Oder in den Palästen -der Könige, wo feile Schmeichler das Ohr der Mächtigen vergiften und -Zwietracht und Furcht säen zwischen Volk und Fürst? Und wenn Ihr wie jener -Unselige, der den Heiland mit der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle -stieß, Jahrhunderte lang über den Erdball wandertet, Ihr würdet ihn nimmer -an diesen Stätten finden jenen stillen sanften Frieden, nach welchem unser -Herz sich so tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden blutend, die -ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im wilden Schmerze zusammenzuckt. So -sucht den Frieden an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden -Weibes! - -Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold mit edlem Metall -verwechselt, dann müßt Ihr gestehen, daß die echten Freunde wie die -liebenden Frauen so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die -Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster Sehnsucht nach -einem Glück gequält werden, welches auf Erden nie zu finden ist. So suchen -wir vergebens den Frieden auf Erden? »Suchet und Ihr werdet finden!« Suchet -ihn da, wo ihn jener Mann gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche -Land verlassen und nach der großen Stadt Paris fliehen sehen, wo er seit -vier Monaten mit Weib und Kind weilt. - -Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther Dennhardt sitzt in demselben -Zimmer, in welchem wir ihn an jenem Septembernachmittage brütend fanden, -vor einem Tisch, um den Christbaum für sein Kind zu schmücken, für sein -liebes kleines Kind. - -Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem Wiegenbett, die kleine Mimi, -die vor zwei Monaten ihren ersten Geburtstag gefeiert hat. - -Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen, ein leichter -Aufschrei, und mit einem Sprunge ist der Vater an des Kindes Wiege. - -»Ausgeschlafen, meine kleine Mimi?« lächelte er dem Kinde entgegen, während -ein goldiger Freudenschimmer des ernsten Mannes Züge verklärt. Und das -Kind streckt ihm mit dem süßen Rufe »Papa« lächelnd die kleinen runden Arme -entgegen. - -Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine rosige Gesicht mit Küssen, -während Mimi mit ihren Händchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt -die Kleine den grünen Tannenbaum mit den goldenen Nüssen und silbernen -Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und in die Hände klatschend stößt sie -einen hellen Schrei aus. - -Mit einem Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit betrachtete Dennhardt -die kleine Mimi, welche nach dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die -Herrlichkeiten des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles, die kleine -Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine Welt, sein Ideal. Es war -ein herziges, liebes Kind, ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's -Phantasie in ihrer glücklichsten Stunde nicht reizender träumen konnte. - -Die blonden weichen Locken, welche den kleinen Kopf umwallten, die lieben -braunen Augen, welche so frisch in die Welt hineinblickten, das rosige -Plappermäulchen, hinter dessen rothen Lippen schon der weiße Schmelz der -ersten Zähne hervorglänzte, das weiche runde Kinn mit dem kleinen Grübchen, -die helle Stirn mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein kälteres -Herz, als es das Herz eines Vaters ist, hätte die Kleine lieben müssen. - -Da klingelte es draußen an der Thüre des Vorzimmers, leichte Schritte -wurden hörbar. Die Kleine hob das Köpfchen von der Schulter des Vaters und -fröhlich in die Händchen klatschend rief sie: »Mama ... Mama ...« - -Fanny trat ein. - -»Mimi!« und Hut und Mantel abwerfend eilte sie auf die Kleine zu, welche -ihr jauchzend entgegenzappelte. - -Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und zog es an ihre Brust, das kleine -Köpfchen mit unzähligen Küssen bedeckend. - -Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser Scene gewesen, Zeuge von den -Ausbrüchen der leidenschaftlichen Zärtlichkeit gegen das kleine reizende -Wesen, der würde sicher geglaubt haben, daß in dieser kleinen einfachen -Wohnung des deutschen Flüchtlings sich ein Tempel des häuslichen Glückes -aufgerichtet, wie man ihn in Millionen von Palästen und Hütten vergebens -sucht. - -Und doch hätte er nur den einen Blick, welchen die beiden Gatten bei ihrem -Wiedersehen mit einander wechselten, auffangen müssen, um zu erkennen, -daß dieses Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die Beiden an -einander fesselte. Wem aber jener Blick noch nicht Alles gesagt, der -hätte an dem Tone von Walther's Stimme erkannt, daß hier zwei Herzen neben -einander schlugen, die sich so fremd geworden waren, daß keines mehr den -Schlag des andern verstand. - -»Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so lange in das Schlafzimmer, -bis ich den Baum angezündet habe. Wo sind die Puppen und die anderen -Sachen?« - -»Der Commissionär wird sie auf dem Vorsaal abgelegt haben,« entgegnete die -junge Frau, in das Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so eisig -war, wie der Nordwind, der vom Montmartre herab durch die Straßen der Stadt -fegte. - -Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten Blicke nach. - -»Wir beide haben mit einander abgeschlossen,« sprach er für sich, »aber das -Herz des Kindes sollst Du mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib, -das nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und jenen Flittertand, -dem die Narren nachjagen, um darüber das wahre echte Glück des Lebens, den -Frieden des Herzens zu verlieren.« - -Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange seiner Stimme drückte sich bei -diesen Worten etwas Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese Worte -so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa wie ein Professor auf -dem Katheder über einen Satz der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte -er mit Kämpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male hätte bestehen -können. Dann trat er an den Tisch, um den Christbaum anzuzünden und den -Weihnachtstisch für seine kleine Mimi herzurichten. - -Es war finster draußen, der Wind trieb dichte Wolken von Schneeflocken -durch die Straßen und gegen die Fenster der Häuser, die Bäume des Parks -stöhnten und seufzten unter der Gewalt des Wintersturmes -- in der Brust -des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem Kinde den ersten -Christbaum anzündete, da leuchtet es in diesem Augenblicke auf von hellem, -warmem Sonnenschein. Seine Mimi war es ja, für die er die Lichter -des Tannenbaums anbrannte, ihr gehörten alle die bunten flimmernden -Herrlichkeiten dieses Tisches, dem kleinen holden Engel, welchen ihm -die gütige Gottheit gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten der -Wirrsale seines wild bewegten Lebens. - -Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die Hände, die Thür des -Nebenzimmers öffnete sich und mit einem Male strömte der helle Lichtglanz -in das dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi stand, sprachlos -die Händchen in einander gefaltet, ein Bild lieblichsten Erstaunens. Ein -Wonneschauer seligsten Entzückens ging durch des Mannes Seele. - -Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz erbeben lassen, viele -und schöne, aber eine reinere, unschuldigere, süßere Freude, als ein -liebend Elternherz empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die -Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch nach langen, -langen Jahren durch das Dunkel des Lebens uns seinen magischen Schimmer -nachsendet, eine sanftere, beglückendere Freude giebt es nicht auf dem -Erdenrund. - -Aber auch Fanny vergaß in dieser Minute alle die Dissonanzen ihres jetzigen -Lebens und versenkte sich ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still -war es im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach schwebte und -seinen Gruß dem blonden Engelsköpfchen mit den lieben braunen Augen -zuwinkte. - -Allmälig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen. Anfangs -mit zögerndem, dann mit lebhafterem Schritte näherte sie sich dem -Weihnachtstische, und als sie endlich dicht vor den schimmernden -Herrlichkeiten stand, stieß sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und faßte -mit beiden Händen nach der nächsten Puppe, die sie zärtlich an ihr kleines, -vor Aufregung und Freude laut klopfendes Herz drückte. - -O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe liegt in eines Kindes Brust, -wie sollte er gehütet werden von Denen, welchen Gott die Kinder zur -Obhut anvertraut, und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet dieses -Geschenk des Himmels, wie wird Stück für Stück dieser Juwelen der Liebe -den kleinen Kinderherzen geraubt, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und wenn sie -endlich groß sind, dann sind sie so bettelarm geworden, daß sie die -wahren Juwelen der Liebe von den falschen, unechten nicht einmal mehr -unterscheiden können. Es war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche -Liebkosungen, welche Zärtlichkeiten empfängt sie, wie offenbart sich an -dem Kinde und seiner ersten Puppe ein so schöner rührender Zug edelster -Menschlichkeit. Es fühlte das kleine Kinderherz die Hülflosigkeit seiner -Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Händen und Beinen und dem runden -rothen freundlichen Gesicht so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge -angewiesen ist. Und nun füttert die Kleine das arme Püppchen und giebt ihm -zu trinken, Kuchen und Milch, gerade wie es Mama mit ihr zu thun pflegte, -und wickelt sie in ihre Schürze, daß sie nicht friert die arme Kleine, und -macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und drückt sie zärtlich an die -Brust und schläft endlich mit ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm. - -Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit ihrer Puppe und des -Kindes Wange ruht an der ihres kleinen Schützlings und um die Lippen des -Kindes schwebt noch das letzte Lächeln, mit dem sie ihre Puppe angelächelt, -schon halb im Schlummer, umgaukelt von den rosigen Engeln der Kinderträume. -Da erhebt sich die junge Frau und verläßt das Zimmer, Hut und Shawl -ergreifend, und steigt die Treppe hinab und öffnet das Haus und steigt -in einen Wagen, der zwanzig Schritte von der Thür hält und dann mit ihr -fortrollt. - -Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege seines Kindes. - -Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis auf eine einzige Kerze, -welche mit ihrem matten Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wänden -und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums ihre Schatten -werfen. Der Geruch des Wachses durchzieht vermischt mit dem harzigen -Tannenduft die Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die -goldenen Nüsse und silbernen Aepfel magisch hervor. Erinnerungen an -alte längst verklungene Zeiten gehen durch des Flüchtlings Seele. Die -freundlichen Geister seiner Kindheit schlüpfen aus den Zweigen des -Tannenbaums hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem großen Paris in -eine kleine Stadt, inmitten der grünen Berge Thüringens. Sie führen ihn -durch die Flur eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, über den dunklen -Vorsaal in ein kleines Kämmerchen, dicht an dem Wohnzimmer. Und wie er so -in der dunklen Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet, der -sich verstohlen durchs Schlüsselloch schleicht und leise über die Diele -hingleitet, da ist es ihm auf einmal, als wäre sein ganzes späteres Leben -nur ein Traum gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht geträumt. -Er ist wieder der zehnjährige Knabe mit den langen blonden Locken, das -fröhliche Kind, welches durch das Schlüsselloch blinzelt, um Etwas von -den Geheimnissen der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut -wird, zu erlauschen. - -Da öffnet sich plötzlich die Thür, ein blendend heller Lichtstrom dringt -in die dunkle Kammer, mit glücklichem Lächeln betrachten die Eltern den -überraschten Knaben, der zögernd einige Schritte gegen den Tisch wagt, wo -unter den Zweigen des Christbaums in rosig schimmerndem Kleide mit goldenen -Flügeln ein Weihnachtsengel sitzt und ihm mit dem Finger winkt. - -Da verwirren sich ihm plötzlich die Gedanken. Er kennt den Weihnachtsengel -und die lieben guten Augen seines lieblichen Gesichts, er hat oft mit ihm -gespielt und getändelt, den kleinen Engel in seinen Armen herumgetragen, -ihn geküßt und geherzt, er hat ihn beim Namen gerufen, und doch weiß er -in dem Augenblicke nicht, ob er ihn Lenchen nennen soll, wie sein einziges -kleines Schwesterchen hieß, das so bald von den Engeln des Himmels -hinaufgetragen wurde zu den blauen Wolken, oder ob er Mimi heißt, wie sein -liebes süßes Kind. Wie wenn zwei Wasserströme sich vereinigen und ihre -Wellen sich vermischen, so fließen jetzt in Dennhardt's Traumgebilde -Vergangenheit und Gegenwart zusammen. - -Da schlägt ein Laut an sein Ohr, ein süßer, lieblicher Laut, der ihn von -den Todten auferwecken könnte. - -»Papa ... lieber Papa ...« Und gebrochen ist plötzlich der Bann, mit dem -der Traumgott ihn bestrickt. - -»Meine Mimi,« ruft er und beugt sich über die Kleine, die mit heißen Wangen -in ihrer Wiege liegt, im Halbschlummer plaudernd, noch aufgeregt von den -Eindrücken des Abends, die sie noch im Traume verfolgten. - -»Schlummere, mein kleiner Engel,« murmelte Dennhardt und legte seine Hand -leise auf des Kindes heiße Stirn, während er sein Haupt leicht auf den Rand -der Wiege stützte. Da erlosch auch die letzte Kerze, im tiefen Dunkel lag -das Zimmer und herab senkte sich auf Vater und Kind jener sanfte ruhige -Schlummer, der den Gerechten geschenkt wird, die reinen Herzens sind. - - - - -4. Ein Gespräch und seine Folgen. - - -Fanny hatte doch das Herz geklopft, als sie ihren Fuß auf den Tritt des -Wagens setzte, der sie von der Vorstadt bei Belleville weit hinein in das -Herz von Paris führen sollte. - -Dieser Schritt, Das fühlte sie klar, war ein Bruch mit der Vergangenheit, -ein entschiedener Bruch, der nicht mehr zu heilen war. Manch innerer -schwerer Kampf war vorausgegangen, ehe sie ihn wagte. - -Bevor wir aber die junge Frau auf ihrer nächtlichen Fahrt nach Paris hinein -begleiten, müssen wir von einer Begegnung erzählen, die vielleicht einen -Monat vor Weihnachten stattgefunden hatte. - -Fanny war in die innere Stadt gefahren, um hier einige Einkäufe zu -besorgen. Etwas ermüdet war sie dann in ein Café des Boulevard Italien -getreten, um eine Erfrischung zu nehmen, als mit einem halb unterdrückten -Ausruf der Freude ein junger eleganter Mann auf sie zutritt. - -»Welch glücklicher Stern, der mich Ihnen, Madame, zwei Tage nach meiner -Ankunft in Paris begegnen läßt!« - -Die junge Frau überfliegt mit einem überraschten Blicke die Züge und -Gestalt des Mannes und die Erinnerung an jene Scene an den Ufern des Rheins -steigt in ihrer Seele auf. - -»Der Herr Vicomte von Grandlieu,« entgegnete sie, »ist das nicht Ihr Name, -mein Herr?« Und ohne die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie -fort: »O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich ihm mittheile, daß Sie -in Paris sind.« - -Der Vicomte unterbrach sie: - -»Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten, Madame, sondern von Ihnen und -von Ihrem Leben in unserm großen prächtigen Paris.« Und er lud sie -durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an einem der kleinen -Marmortische des Salons Platz zu nehmen. - -»Dieses Leben ist so einfach, daß man kaum darüber sprechen kann. -Vielleicht würde ich mich darüber beklagen, wenn ich nicht ein Kind hätte, -das ich anbete und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen läßt.« - -Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese Bemerkung der jungen Frau, -und ein leiser Schatten glitt über seine Züge. - -»So sind Sie sehr glücklich, Madame, denn ich habe oft gehört, das die -Liebe der Mütter zu ihren Kindern in einem gewissen Verhältnisse zu der -Liebe gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten, so müssen Sie -gewiß den Vater dieses Kindes sehr lieben. Und was bedarf es mehr, um -glücklich zu sein?« - -»Solche allgemeine Sentenzen,« entgegnete die junge Frau, indem sie das -Auge vor dem funkelnden Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte, -»mögen zuweilen Recht haben, zuweilen lügen sie aber auch.« - -Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender junger Mann, -der sich im Umgange mit den Frauen von Paris eine Kühnheit der Sprache -angewöhnt, die oft verletzt hätte, wenn sie nicht gemildert worden wäre -durch einen Ausdruck von Ehrerbietung in Miene und Geberde und im Ton der -Stimme: Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche indiscrete und -kühne Frage verziehen. - -»Sollte bei Ihnen, Madame,« frug er mit schüchternem Ausdruck und -niedergeschlagenen Augen, wie ein Schüler von sechszehn Jahren, welcher -der Auserwählten seines Herzens seine erste schüchterne Liebeserklärung -stammelt, »sollte bei Ihnen jener Gemeinspruch eine Ausnahme machen?« - -Eine dunkle Röthe flammte über das Gesicht der jungen Frau. - -»Und wenn Dies der Fall wäre, welches Interesse könnten Sie, Herr Vicomte, -haben, Dies zu wissen?« frug sie mit leiser Stimme und ohne die Augen von -dem Parquet des Salons zu erheben. - -»Oh, Madame!« rief der junge Mann mit leisem und bebendem Tone. Eine ganze -Rede würde nicht beredter, nicht ausdrucksvoller gewesen sein, als dieser -kurze Ausruf, der so einfach, so natürlich war und doch so Viel errathen -ließ. - -Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, eine jener Pausen, in denen statt -des Mundes nur das Herz spricht, in denen man die Worte und Empfindungen -des Andern in dessen Augen lesen muß. - -Der Vicomte war es, welcher das Stillschweigen brach. Er war ein sehr -gewandter Mann, welcher wußte, daß so stolze Naturen wie Fanny sehr -behutsam behandelt werden müssen. - -»Und wissen Sie, Madame,« begann er das Gespräch in einem Tone, der den -Ausdruck achtungsvoller Vertraulichkeit trug, ohne jene durchschimmernde -Leidenschaftlichkeit, welche dem vorhergehenden Gespräch einen so -eigenthümlichen Charakter aufgeprägt hatte, »wissen Sie, welche -Angelegenheit mich schon so früh nach Paris geführt und mich den Freuden -der Jagd in meinen schönen Wäldern so bald Adieu sagen ließ?« - -Die junge Frau lächelte mit einer verneinenden Geberde. - -»Die Politik,« fuhr der Vicomte fort, »ich bin Deputirter der -Nationalversammlung, und ich und meine Freunde halten es für hohe Zeit, -diesem republikanischen Komödienspiel ein Ende zu machen und Frankreich -seinem rechtmäßigen Herrscher wiederzugeben.« - -»Wen nennen Sie den rechtmäßigen Herrscher Frankreichs?« frug Fanny, -überrascht, in dem Vicomte, welchen sie bis jetzt blos für einen jungen -Elegant gehalten, auch einen Politiker zu entdecken. - -»Wie, Madame?« rief der junge Edelmann lebhaft aus, »können Sie einen -Augenblick daran zweifeln, daß ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der -Tuilerien sehen will, als das mit den königlichen Lilien von Frankreich? -Wir Söhne des alten Frankreich kennen nur Einen rechtmäßigen Herrscher und -das ist Heinrich V.« - -»Und haben Sie wirklich gegründete Hoffnung, Ihren König wieder auf dem -Throne Frankreichs zu sehen?« - -»Sie können noch zweifeln, Madame? Ehe ein Jahr vergeht wird der Enkel -König Karl's X. in dem Schlosse seiner Ahnen wohnen.« In seiner lebhaften -Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die Pläne der Legitimisten in -der Nationalversammlung mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der -Ordnung zuvörderst die Nationalversammlung und die Republik in den Augen -des Volks zu entwürdigen suchen müßten, um dann mit einem kühnen Schlage -die weiße Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzählte Das in einem Tone der -Vertraulichkeit, mit einem Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es -vielleicht einem Freunde gegenüber thut, aber nicht einer jungen Frau; er -schien ganz zu vergessen, daß nicht ein Mann, ein Politiker vom Fach ihm -zuhörte, sondern eine schöne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in die -französischen Parteiverhältnisse eingeweiht war, um für diese Dinge ein -großes Interesse zu hegen. - -Für Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des Vicomte ein Reiz, dem sie sich -nicht entziehen konnte. Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne, -daß der Vicomte ihr gegenüber nicht blos den liebenswürdigen Mann, sondern -auch den Politiker zeigte; sie mußte voraussetzen, daß der Vicomte sie für -bedeutender hielt als tausend ihres Geschlechts, für welche er vielleicht -galante, zärtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gespräch, welches sich -um so wichtige Interessen drehte, gehabt hätte. Und als sie sich endlich -trennten, da erhielt der Vicomte nach kurzem Zögern das Versprechen -der jungen Frau, einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung -beizuwohnen, in welcher die legitimistische Partei einen Antrag auf -Zurückberufung der Prinzen des Hauses Bourbon stellen würde. - -Gegen ihren Gatten schwieg sie über das Zusammentreffen mit dem Vicomte. -Es war das erste Geheimniß, welches sie vor ihrem Manne verbarg, es sollte -nicht das letzte sein. - -Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hörte sie auf der Damentribüne -der Nationalversammlung den Vicomte von Grandlieu für die Aufhebung der -Verbannungsgesetze gegen die Prinzen des Hauses Bourbon sprechen. Der junge -legitimistische Edelmann sprach mit Feuer und einer gewissen Eleganz des -Ausdrucks, welche die vornehme Damenwelt des Faubourg St. Germain, die in -ihren glänzendsten Toiletten auf der Zuhörertribüne erschienen war, zu den -lebhaftesten Beifallsbezeigungen hinriß. - -Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor, der ihm eine so -schmeichelhafte und rauschende Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt -theilnahmlos an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen, Gräfinnen -und Baroninnen vorüber und blieb an der Gestalt einer jungen Frau haften, -die in einem einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um -die Schultern gezogen, den Oberkörper leicht an eine Säule der Tribüne -gestützt, mit strahlenden Blicken den Triumph betrachtete, welchen der -Vicomte feierte. - -Purpurröthe färbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des Vicomte begegnete, ein -leiser Schauer ließ ihre schlanke, zarte Gestalt erbeben, und wie von -einer plötzlichen Schwäche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurück. Aber -trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen, welche dem Blick -des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen auf sie richteten. Sie hörte leise -Flüsterworte, wie eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte. - -»Ein interessantes Gesicht,« sprach eine alte Herzogin zu ihrer Nachbarin, -einer jungen blonden Gräfin, »nur etwas zu selbstbewußt.« - -»Sie ist wirklich reizend,« gab die junge Frau zurück, während sich ein -leichter Seufzer ihrem Busen entrang; »aber wer mag sie wohl sein?« - -Nach Beendigung der Sitzung erwartete der Vicomte die junge Frau am Portal -und hob sie in seinen bereitstehenden Wagen. Dann nahm er ihr gegenüber -Platz und befahl seinem Kutscher nach dem Boulogner Wäldchen zu fahren. -Es verging eine Viertelstunde, ehe zwischen den Beiden ein Wort gewechselt -wurde, aber eine desto lebhaftere und innigere Sprache redeten die Augen. - -»Sie haben heute eine Schlacht gewonnen,« begann Fanny endlich. - -»Sie wollen sagen: wir sind besiegt, aber nicht geschlagen worden; denn -wenn unser Antrag auch nicht angenommen wurde, so geschah Das nicht -deßhalb, weil man unsere Gründe durch Gegengründe widerlegte, sondern weil -man uns durch das Gewicht der Mehrheit erdrückte.« - -Eine Kutsche, in welcher jene alte Marquise und die junge blonde Gräfin von -der Zuhörertribüne der Nationalversammlung saßen, rollte vorüber. - -Der Vicomte von Grandlieu grüßte mit einer Verbeugung, während ein leiser -spöttischer Zug um seine Lippen schwebte. - -»Die arme Gräfin,« sprach er zu Fanny gewendet, »sie war blos deßhalb -auf die Tribüne gekommen, um ihren Gatten, den Grafen von Bonville, als -Demosthenes zu bewundern. Der Arme bekam aber das bekannte Fieber, welches -den Soldaten, der zum ersten Male in die Schlacht geht, ebenso befällt, -wie den Komödianten, wenn er zum ersten Male vor die Lampen tritt, oder den -Priester, wenn er seine erste Predigt hält.« - -»Desto mehr waren Sie der Gegenstand ihrer Bewunderung,« entgegnete Fanny -in einem gewissen piquirten Tone, »sie applaudirte Ihnen wie ein Claqueur -in der großen Oper.« - -Trotz der Ironie, die durch diese Bemerkung schimmerte, brach ein -freudestrahlender Blick aus dem Auge des Vicomte, und indem er sich rasch -nach vorwärts beugte und einen Kuß auf Fanny's Hand drückte, flüsterte er: - -»Und doch kann ich Ihnen versichern, daß mich alle diese Zeichen des -Beifalls kalt ließen, und daß ich mich durch den stummen Blick einer jungen -Frau, welche dicht an einer der Säulen der Zuhörertribüne stand, mehr -beglückt fühlte, als durch alle diese rauschenden Acclamationen.« - -Eine tiefe Röthe färbte Fanny's Stirn bei diesen Worten des Vicomte und mit -banger Beklommenheit senkte sie den Blick nieder. - -Auch der junge Mann versank in ernstes Sinnen, und so hatten sie den Saum -des Hölzchens erreicht, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen gewechselt -worden wäre. - -Der Wagen lenkte in eine der Seitenalleen ein, welche das Wäldchen nach -allen Richtungen hin durchkreuzen. - -Es war in der düstersten und trübsten Jahreszeit, Ende November. - -Ein leichter Schneefall hatte die Bäume des Waldes weiß gefärbt, graue -Wolken bedeckten den Himmel, ein kalter Wind strich über die Erde. Dichte -Schaaren von Krähen und Dohlen saßen stumm auf den entlaubten Zweigen und -flogen mit mißtönendem Geschrei und schwerem Flügelschlag davon, wenn -die Peitsche des Kutschers durch ihren Knall die Waldeinsamkeit und tiefe -Stille unterbrach. - -Fanny gehörte nicht zu den sentimentalen Naturen, deren Seele von dem -trüben Eindruck eines melancholischen Landschaftsbildes in Schwermuth -versenkt wird, aber dennoch fühlte sie allmälig eine gewisse Traurigkeit -ihre dunklen Fittige über ihr Herz ausbreiten. - -»Lassen Sie uns zur Stadt zurückkehren,« sprach sie zu dem Vicomte, -»diese öde Stille, dieses Schweigen in der Natur macht mich traurig und -verstimmt.« - -Auf den Lippen des jungen Mannes erschien ein leichtes Lächeln. - -»Das ist wohl noch eine Erinnerung an Deutschland, die Sie aus diesem -nebligen Lande mit herüber gebracht haben in unser sonniges Frankreich, wo -solche Tage wie der heutige zu den Ausnahmen gehören. In Deutschland sollen -sich wenigstens die Dichter an grauen trüben Nebeltagen an Mondschein, -Regenschauer und Nordwind begeistern.« - -Fanny schüttelte verneinend das Haupt. - -»Ich habe Nichts mit diesem Lande gemein, seine Sitten, Gewohnheiten und -Ideen sind mir heute ebenso fremd wie an dem Tage, als ich es zum ersten -Male betrat.« - -»Und vergessen Sie, Madame,« flüsterte der Vicomte in leisem Tone, die -Augen auf seinen Hut, den er zwischen den Händen drehte, gerichtet, -»daß Sie das festeste Band mit Deutschland verknüpft, daß Ihr Gatte ein -Deutscher ist?« - -»Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte,« entgegnete die junge Frau mit -einem Ernst im Ausdruck von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann fast -einschüchterte, »Sie wollten von einem andern Bande sprechen, welches -mich vielleicht an jenes Land ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich -anbete, und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.« - -Damit brach die Unterhaltung über diesen Gegenstand ab, gewiß in so -bedeutsamer Weise, daß sie dem Vicomte eine klare Einsicht in die -Empfindungen der jungen Frau gestattete. - -Von diesem Tage an sahen sich die Beiden täglich. Entweder war Fanny auf -der Tribüne der Nationalversammlung oder sie traf den Vicomte in dem Café -Tortoni auf dem Boulevard der Italiener. - -Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgängen, sie mochte längere oder -kürzere Zeit weg bleiben, es war eine solche Entfremdung zwischen ihnen -eingetreten, daß sich ihr gegenseitiges Gespräch nur auf das Nothwendigste, -Unerläßlichste beschränkte. Die Beziehungen zwischen dem Vicomte und Fanny -wurden mit jedem Tage inniger. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es anders -gekommen wäre. - -Der junge Edelmann war allerdings in gewissem Sinne Das, was man einen -Lebemann, einen Bonvivant nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer. -Er konnte, wie aus seiner Beschäftigung mit den politischen Angelegenheiten -hervorging, sich auch noch für etwas Höheres begeistern, als für die Damen -von der großen Oper, Ballettänzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten- und -Boudoirgeheimnisse. Er fühlte, wie seine Empfindungen gegen Fanny immer -mehr den Charakter einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild -der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr erfüllte und die Trennung -von ihr ihm immer unerträglicher wurde. Hier handelte es sich nicht um eine -jener flüchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche der Sinne, ebenso -schnell erlöschen, wenn den Sinnen ihr Recht geworden, es war eine ernste -Herzensneigung, die ihn zu Fanny hinzog. - -Und daß er ihr nicht gleichgültig war, daß ein höheres Interesse sie zu ihm -hinzog, als das der Geselligkeit und das Bedürfniß des Umgangs mit einem -Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor ihrer Vermählung -selbst angehört: Das hatte der Vicomte aus einer Menge kleiner Zeichen -errathen. - -Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es ist die charakteristische -Eigenthümlichkeit mancher Frauen, besonders solcher, bei denen die Liebe -mit Stolz und Selbstbewußtsein kämpft, ihre Neigung, den Zug ihres Herzens -dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgültige Kleinigkeiten zu -verrathen, deren wahre Bedeutung nur das Auge der Liebe erkennt. - -Indessen gehört unstreitig eine große Selbstbeherrschung hiezu, wenn zwei -so lebhafte und bestimmt ausgesprochene Naturen, wie Fanny und der Vicomte -es waren, längere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen sollen. - -Eines Tages kurz vor dem Christabend faßte der Vicomte einen festen -Entschluß. - -Er schrieb folgenden Brief an die junge Frau: - -»Es liegt weder in meinem Charakter noch in meiner Kraft, den gegenwärtigen -Zustand, unter welchem ich und, wenn mich nicht Alles täuscht, unter -welchem auch Sie, Fanny, leiden, noch länger zu ertragen. Wie auch Ihre -Entscheidung ausfalle, jedenfalls werden Sie mir nicht darüber zürnen, daß -ich als Mann den Schritt gewagt und diese Entscheidung herbeigeführt habe. - -»Mit einem Worte sei die glühendste Sehnsucht meines Herzens, das Glück -meines Lebens ausgesprochen: werden Sie die Meine. Trennen Sie Ihr Geschick -von dem eines Mannes, welchen Sie, ungeachtet ich weder seinen Charakter -noch seinen Geist anzugreifen wage, nicht mehr lieben, scheiden Sie von -einem Manne, für welchen auch Sie nicht mehr jenes Ideal sind, das er in -Ihnen zu finden glaubte. Es ist ein schwerer Schritt, ein großes Opfer, -welches ich von Ihnen verlange, theure Fanny. Gewohnheit, Scheu vor der -Welt, vor Ihren Angehörigen, vielleicht auch noch ein gewisses Mitgefühl -für den Mann, welcher Ihr Gatte war und der Vater Ihres Kindes ist, das Sie -anbeten, selbst die Erinnerungen an gemeinschaftlich überstandene Leiden -und Freuden, alles Dies wird Ihnen einen harten Kampf bereiten. - -»Aber Sie haben eine kühne muthige Seele, theure Fanny, ein stolzes und -doch so liebeglühendes Herz, und Sie werden siegreich aus dem Kampfe -hervorgehen. - -»Besser ein kurzer, scharfer Schmerz, als dieses langsame Verbluten, dieses -Hinwelken der Lebenskraft in unglücklichen Verhältnissen, die für alle -Theile, für Sie, Ihren Gatten, für mich, ja sogar für Ihr Kind eine -Qual sind. Vor einer Trennung von Ihrem Kinde schützen Sie die Gesetze -Frankreichs. Bis zum fünften Jahre gehört das Kind der Mutter. Für die -spätere Zukunft überlassen Sie mir die Sorge. - -»Ich dränge Sie nicht um eine Antwort. Ich verlange auch keine -schriftliche, sondern möchte die Entscheidung aus Ihrem eigenen Munde -hören. Fällt sie gegen mich, so ist mein Entschluß gefaßt. - -»Von morgen an wird ein Wagen mit einem treuen zuverlässigen Diener täglich -in den Abendstunden zwischen sechs und acht Uhr wenige Schritte von Ihrer -Wohnung entfernt warten. Sobald Sie mit Ihrem Entschlusse einig geworden, -bitte ich Sie, zu mir zu kommen. Meinem Diener können Sie sich ohne Furcht -anvertrauen, er ist mir ganz ergeben. - -»Doch zögern Sie nicht zu lange, Fanny, und bedenken Sie, daß jeder Tag der -Ungewißheit für mich zu einer qualvollen Ewigkeit wird. Immer - -Paris, 16. December 1849. - - Ihr - Edmund von Grandlieu.« - -Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es war beim Anbruch der -Dämmerungsstunde, Walther hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooße und -sang ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem - - »Eia popeia, was raschelt im Stroh? - Es sind kleine Gänschen, die haben keine Schuh.« - -sprach Fanny zu ihrem Gatten: - -»Wir müssen uns trennen, Walther, ich fühle es, daß es nothwendig ist zu -unserem Glücke. Für das Deinige, für das meinige, und vor Allem für das -Glück unseres Kindes.« - -Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den Kopf von der Wange der -Kleinen empor und richtete einen bis in das Innerste der Seele dringenden -Blick auf seine Frau, die am Fenster saß und deren Züge von dem letzten, -bleichen, kalten Strahl der untergehenden Decembersonne erleuchtet wurden. - -»Was sprachst Du da?« frug er, und seine Stimme bebte ein wenig trotz -seiner Selbstbeherrschung. - -»Ich sprach,« wiederholte Fanny, und an dem Zittern ihres Tones und der -Langsamkeit, mit welcher sich die Worte mühsam hervordrängten, erkannte -man die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen, »ich -sprach, daß es für uns Alle besser sein würde, wenn ein Jedes seinen -eigenen Weg geht. Du wirst gewiß auch schon daran gedacht haben. Unsere -Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur. Ich will Dir -keinen Vorwurf machen, Walther, ich trage vielleicht eben so große Schuld -an der Scheidewand, welche sich zwischen uns aufgethürmt hat, allein ich -fühle die Kraft schwinden dieses Leben länger in dieser Weise fortzuführen. -Wir verstehen uns nicht mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute, -welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum laß uns ruhig von -einander scheiden, ohne Haß, ohne Zorn.« - -Sie athmete tief auf und drückte das Gesicht gegen die Fensterscheibe, die -Entgegnung ihres Mannes erwartend. - -Es verging eine Viertelstunde und noch immer verharrte Walther in tiefem -Schweigen. Die Dunkelheit war indessen völlig eingebrochen, das Kind -im Arme des Vaters eingeschlafen und eine bängliche, unheimliche Stille -herrschte in dem Zimmer. - -Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach mit einer zwar etwas dumpf -klingenden, aber festen Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte, -der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten getobt: - -»Und wie soll es mit dem Kinde werden?« - -Fanny zuckte zusammen. Diese Frage hatte sie erwartet -- und gefürchtet. - -Das Kind, diese kleine Mimi! Sie wußte, daß sie der Augapfel ihres Mannes, -sein höchstes Kleinod, sein Alles war, an dem er hing mit allen Fasern -seines Herzens. - -Und sie! Sie liebte das Kind gleichfalls mit einer verzehrenden -Leidenschaftlichkeit, mit jener ungestümen, ausschließlichen Zärtlichkeit, -die man oft bei jenen Frauen findet, welche in der Liebe zu ihren Kindern -Ersatz für eine unglückliche Ehe, für die Gleichgültigkeit oder Abneigung, -für die Kälte und Untreue des Gatten suchen. - -»Antworte mir,« wiederholte Dennhardt noch einmal seine Frage, »wie soll es -mit dem Kinde werden?« - -Angstvoll suchte sie nach einem Ausweg. - -»Ich kenne die Gesetze dieses Landes nicht,« antwortete sie endlich mit -zögernder ungewisser Stimme, »aber ich stelle ihnen die Entscheidung -anheim; was sie auch bestimmen mögen, ich werde mich ihnen unterwerfen.« - -Walther erhob sich mit einer raschen Bewegung. Das Kind fest an seine Brust -gedrückt, trat er dicht an Fanny heran, so dicht, daß ihre Wange von dem -glühenden Hauche seines Athems gestreift wurde. - -»Ah! Madame,« sprach er mit leiser, aber vor tiefster Aufregung bebender -Stimme, »die Gesetze Frankreichs wollen Sie über Ihr, über mein Kind -entscheiden lassen? Nun wohlan, so merken Sie es sich, daß ich, wenn es -sich um mein Kind handelt, nur den Gesetzen in meiner Brust folgen werde. -Und diese Gesetze gebieten mir, Ihnen unter keiner Bedingung die Seele -eines Kindes anzuvertrauen, welches Sie verderben würden.« - -Fanny war bleich geworden zum Erschrecken, während ihr Mann ihr diese -schneidenden Worte in's Ohr raunte. - -Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so beleidigend klingende -»Sie,« noch nie eine so grausame Beleidigung gehört, als die war, welche er -ihr in diesen wenigen Worten in's Gesicht schleuderte. - -»Mein Herr,« entgegnete sie endlich, »wenn ich vielleicht auch das Recht -verloren habe, von Ihnen als Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube -ich doch nicht, daß Sie das Recht und die Berechtigung haben, mich mit so -empörenden Beleidigungen zu überhäufen.« - -Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins Nebenzimmer, dessen Thür sie -hinter sich verschloß. - -Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem Christabende -stattgefunden, war zwischen den beiden Gatten kein Wort mehr über diese -Angelegenheit gewechselt worden. Es war überhaupt zwischen ihnen nur -das Nothdürftigste gesprochen worden, das Unerläßliche, was durch die -Verhältnisse des Zusammenseins eben noch geboten wurde. - -In diesen acht Tagen, qualvoll für Beide, hatte Fanny ihren Entschluß -gefaßt. Der Christabend war der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber -entschlossenem Herzen trat sie an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses, um -in den Wagen des Vicomte zu steigen, der sie nach kurzem viertelstündigen -Fahren vor das große prächtige Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix -brachte. - -Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen und senkte, wie von -einer unwillkürlichen Bewegung ergriffen, der sie nicht zu widerstehen -vermochte, das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zur Erde. Und als -sie ihren Fuß auf die erste Marmorstufe der Freitreppe setzte, da fühlte -sie ein Beben durch ihren Körper rieseln, wie ein Mensch, der auf die -Treppe des Schaffots tritt. - -Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit schuldig geglaubt, so -würde sie diesen Schritt ohne alle Scrupel gethan haben. - -»In der Ehe,« hatte sie oft gesprächsweise gegen Walther geäußert, und er -hatte ihr von seinem Standpunkte aus vollkommen beigestimmt, »in der -Ehe ist Alles auf Gegenseitigkeit gegründet. Ich protestire gegen die -beschränkte Anschauungsweise, welche die Treue bloß von den Frauen fordert, -während sie den Männern die Erlaubniß ertheilt sich darüber hinwegzusetzen. -Das heißt die Frau herabwürdigen und erinnert mich an jene Hundetreue, -welche die Hand leckt, die sie eben gezüchtigt hat. Der allein ist -schuldig, welcher zuerst die Treue bricht, er löst den Vertrag und -entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht. Es mag duldende, -schwache Frauen geben, welche sich auch dem ausschweifendsten Wüstling -gegenüber für gebunden erachten, ich aber gehöre nicht zu diesen -Duldernaturen.« Aber er hatte ihr _nie_ die geringste Veranlassung gegeben -an seiner Treue zu zweifeln -- und nun mußte sie den ersten Schritt thun. - -Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit einem Leuchter in der Hand. Er -war allein, weder ein Kammerdiener, noch sonst ein Lakai ließ sich sehen. - -»Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fuß dieses Haus betritt, Fanny,« -flüsterte er und ergriff ihre Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine -Lippen drückte. - -»Möge ich nie bereuen, was ich heute thue,« entgegnete sie. - -»Nur Schwächlinge bereuen, Fanny, und Sie gehören zu jenen starken Naturen, -die entweder brechen oder siegen.« - -Während dieser leise gewechselten Reden hatte der Vicomte die junge Frau -über einen Corridor, auf dessen weichen Teppichen die Tritte lautlos -verhallten, in ein Zimmer geführt, welches den gemischten Charakter eines -Boudoirs und eines eleganten Studiercabinets trug. Herabgelassene -Gardinen von dunkelrother Seide, eine Tapete von ernster brauner Farbe mit -Goldleisten, Sessel =à la= Voltaire mit violettem Sammet, fein gearbeitete -Pfeiler- und Spiegeltischchen, auf welchen eine Menge kleiner interessanter -Spielereien standen, zwei mäßige Bücherschränke mit wissenschaftlichen und -dichterischen Werken, ein elegant gearbeiteter Schreibtisch, über welchem -einige Waffen, alte Stücke aus dem Mittelalter, und das Porträt des -Herzogs von Bordeaux hingen, bildeten die Ausstattung des Cabinets, dessen -Atmosphäre durch die knisternde Flamme in dem Kamin von bläulichem Marmor -angenehm erwärmt war. - -Der junge Vicomte führte Fanny zu einem Sessel, in welchem die junge Frau -wie erschöpft von einem weiten Wege niedersank, und nahm dann ihr gegenüber -Platz. - -Sie drückte die Hände vor die Augen, stumm und regungslos, während der -Vicomte gleichfalls in tiefem Stillschweigen auf den Boden niederblickte. - -Endlich nach einer langen, langen Weile ließ sie die Hände sinken, ihr -Blick begegnete dem des Vicomte. - -Sie sah blaß aus, sehr blaß; aus ihren Augen strahlte ein übernatürlicher -Glanz und ihre Stimme klang matt und bebend: als sie flüsterte: - -»Edmund ... werden wir auch glücklich sein?« - -»Fanny,« und er sank vor ihr auf seine Knie, »kannst Du zweifeln? Die -Sterne einer geweihten Nacht leuchten uns zu dem feierlichen Augenblicke, -in dem wir den Bund für's Leben schließen, aber goldener und strahlender -als alle die Gestirne des Himmels, welche dort oben glänzen, leuchtet -der Stern der Liebe in meiner Brust -- möge Gott mich einst vor seinem -Richterstuhle verwerfen, wenn dieser Stern jemals untergehen sollte.« - -»Schwöre nicht,« sprach sie, die Hand abwehrend erhebend, »Schwüre werden -oft zu lästigen Fesseln, die deßhalb immer unerträglicher werden, weil -man glaubt, daß man sich nicht von ihnen befreien kann, ohne die Rache -der Gottheit wach zu rufen. Der freie Wille ist oft ein festeres Band als -tausend Schwüre und Eide. Doch nun laß uns von den nächsten Aufgaben reden, -denn Du begreifst, daß ich von heute an meinen Aufenthalt in der Wohnung -Dennhardt's nur noch nach Tagen zählen kann.« - -Es lag so etwas Tiefernstes, Feierliches in der Art und Weise, mit welcher -sie alles Dies sprach, daß der junge Vicomte, so leidenschaftlich er -auch in Liebe und Verlangen aufglühte, doch in eine ernste Haltung -zurückgescheucht wurde. - -»Ich habe,« sprach er, »mit einem der besten Advocaten von Paris -Rücksprache genommen. Es werden wenig Schwierigkeiten zu überwinden sein, -da Ihr Beide protestantisch seid.« - -»Aber das Kind, meine süße liebe Mimi,« unterbrach die junge Frau den -Vicomte, »was war sein Urtheil darüber?« - -Der Vicomte zögerte mit der Antwort. - -»Bis zum fünften Jahre,« sprach er endlich, »würde es unbestritten der -mütterlichen Obhut anvertraut werden müssen, von da an aber ...« - -Er hielt stockend inne. - -»Weiter, weiter, Edmund,« drängte Fanny, die ihm jedes Wort von den Lippen -zu nehmen schien, »was sprach er über die fernere Zukunft?« - -»Ueber die fernere Zukunft, meinte er, könne sich leicht eine Controverse -entspinnen ... da Dennhardt kein französischer Staatsbürger, sondern ein -Deutscher und als solcher ...« - -»Genug, genug,« rief Fanny, ihn von Neuem unterbrechend, aus, »ich verstehe -... Vom fünften Jahre an wird er das Recht haben mir mein Kind zu rauben. -Du siehst wohl, Edmund,« setzte sie traurig hinzu, »daß wir auf unser Glück -verzichten müssen.« - -»Fanny, Fanny, so leicht giebst Du mich auf?« rief der junge Mann mit -schmerzlichem Ausdrucke, »ohne zu kämpfen, ohne zu wagen! Können wir nicht -mit Deinem Kinde in den fernsten Winkel der Erde fliehen, wo uns der Arm -jenes Mannes nicht erreichen kann, können wir nicht durch tausend Listen -seine Nachforschungen und Verfolgungen vereiteln? Ich bin reich, Fanny, -und Du weißt, daß das Geld heut zu Tage alle Hindernisse und alle -Schwierigkeiten besiegen kann.« - -Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken. Dann erhob sie ihr Haupt, -fest und entschlossen. - -»Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir vorhin schwören wolltest, da -sprach ich: schwöre nicht. Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen -Schwur bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur, selbst Dein Leben -daran zu setzen, um mir mein Kind zu sichern.« - -Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher Geberde die Hand. - -»Ich schwöre,« sprach er. - -»Und ich,« flüsterte Fanny, indem sie ihre Arme um seinen Nacken schlang -und ihm tief und glühend in die Augen blickte, »und ich bin von diesem -Augenblicke an Dein ...« - - - - -5. Verschwunden. - - -Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner Frau, welche gegen Mitternacht -in dem Wagen des Vicomte in ihre Wohnung zurückgekehrt war, Nichts bemerkt -oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwähnte den immerhin auffälligen -Weggang Fanny's und ihre späte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst zeigte -sich in seinem Benehmen keine Veränderung, nur daß er vielleicht, wenn Das -überhaupt möglich war, sich noch wortkarger und verschlossener zeigte. - -Nach der Verabredung, welche Fanny und der Vicomte getroffen, sollte -Fanny am Sylvesterabend unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen, -vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu machen, dann die von -dem Vicomte für sie eingerichtete Wohnung beziehen und hieran die Scheidung -einleiten. Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche -Entweichen; ihrem stolzen Sinne wäre es viel lieber gewesen, wenn sie -in offnem Bruch sich von ihrem Manne hätte entfernen können. Allein der -Vicomte hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen ein -solches Verfahren sein würde, wie es leicht zu einer Katastrophe führen -könnte, die für sie und das Kind verhängnißvoll werden könnte. - -Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch geschwankt. Der Vicomte, Dies -bemerkend und eine Unbesonnenheit der jungen Frau befürchtend, hatte ihr -wenige Tage nach dem Besuche in seinem Hôtel einen Brief geschrieben, worin -er sie mit den eindringlichsten Worten beschwor, seinem Rath zu folgen. - -»Ich beschwöre Dich,« schrieb er ihr, »bei unserer Liebe, bei dem Haupte -Deines Kindes, nur scheide nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er -würde vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und wie mir mein -Sachwalter versichert, könnte Dein Mann bis zur Entscheidung des Processes -das Kind bei sich behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren können nach -England und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit mit dem Kinde zu -flüchten und Dir es für immer zu entziehen. Folgst Du aber meinem Rath, -scheidest Du mit dem Kinde von Dennhardt, ohne daß er es ahnt, so brauchen -wir Nichts zu fürchten. Meine Vorsichtsmaßregeln habe ich so getroffen, daß -er, selbst für den Fall, daß er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu Dir -und dem Kinde gelangen wird.« - -Dieser Brief entschied. Fanny beschloß, am nächsten Tag mit dem Kinde ihren -Gatten zu verlassen, und nur das Eine wollte sie noch thun, ihm noch einmal -in einem zurückgelassenen Schreiben die Motive dieses Schrittes darlegen. - -Sie hatte die Zeilen, in welchen der Vicomte sie zugleich um eine -Zusammenkunft für den Nachmittag in dem Café Tortoni gebeten, in den -Vormittagsstunden empfangen, hatte dann in ihrem Schlafzimmer den für ihren -Mann bestimmten Brief geschrieben und war, nachdem sie die kleine Mimi, -welche ihren Nachmittagsschlummer hielt, zärtlich geküßt, ausgegangen. Wäre -sie weniger mit dem Gedanken an ihre Flucht beschäftigt gewesen und hätte -sie das Wesen ihres Mannes an diesem Tage nur etwas schärfer beobachtet, -so würde sie vielleicht nicht so ruhig und zuversichtlich auf das Gelingen -ihres Planes das Haus verlassen haben. - -Walther stand am Fenster, als sie über die Straße ging, um in eine der an -der Ecke haltenden Droschken zu steigen. - -Er blickte ihr nach, so lange sein Auge sie erreichen konnte. - -Dann, als auch der Saum ihres Gewandes nicht mehr sichtbar war, wendete er -sich mit einer raschen Bewegung ab und strich sich mit der Hand leicht über -die Augen. - -Blendete ihn der Sonnenstrahl des heiteren Decembertages oder perlte eine -Thräne an seinen Wimpern? - -»Leb' wohl,« murmelte er, sich noch einmal nach dem Fenster wendend und die -Hand nach der Gegend ausstreckend, wo Fanny verschwunden; »lebe wohl für -immer!« - -Es war vier Stunden später ... Die Sonne sank hinab, und ihre letzten -schwachen Strahlen vergoldeten mit mattem Glanze die Höhen von Belleville. -Eine Droschke rollte an das Haus, in welchem der Flüchtling wohnte. Fanny -sprang aus dem Wagen und eilte die Treppe zu ihrer Wohnung hinan. Sie kam -von der Unterredung mit dem Vicomte, und diese Nacht sollte unwiderruflich -die letzte sein, welche sie und Mimi in der Wohnung Dennhardt's verleben -sollten. - -Sie ist schon auf der letzten Stiege, dicht vor der Thür des Vorsaals, als -sie sich von der Portière des Hauses angerufen hört. - -»Der Schlüssel, Madame,« ruft sie und eilt die Treppe hinan. - -»Ist mein Mann ausgegangen?« stammelt sie, von einer dunklen Ahnung, an -deren Verwirklichung sie aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, »und -wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?« Und während sie Dies bebend -spricht, hat sie schon, ohne die Antwort abzuwarten, die Thür geöffnet und -stürzt über den Vorsaal nach dem Wohnzimmer. - -Mit zitternder Hast reißt sie die Thür auf, wirft einen Blick in das leere -Zimmer und stößt einen lauten gellenden Schrei der Verzweiflung aus. - -»Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.« - -Sie wankt, und die bestürzte Portière, welche ihr gefolgt war, fängt sie in -ihren Armen auf und läßt sie langsam auf den Divan niedergleiten. - -Aber diese Schwäche dauert nur einen Augenblick. - -Sie rafft sich empor und stürzt in das anstoßende Schlafzimmer. Ihr Blick -fällt auf ein Blatt Papier, das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein -Brief von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert, das Couvert -des Briefes, welchen ihr der Vicomte diesen Morgen gesendet hatte. - -»Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen,« liest sie, »muß man auch sehr -schlau und vorsichtig sein. Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das -Andere, Du würdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des Briefes -gewesen sein, dessen Couvert ich zurücklasse zum Beweise, daß mir Alles -bekannt ist. Der Schlag, mit dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt -bin, mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein Kind raubtet, -er fällt auf Dich selbst zurück. - -»Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose That nicht geschehen -lassen. Wenn ich auch längst den Verrath ahnte, den Du mir gegenüber -begingst, so hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft -der Herzen, keine Sympathie der Seelen vorhanden, da fällt auch die -Gemeinschaft des Lebens. Aber daß Du mir mein Kind rauben wolltest, Das -konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib. - -»Lebe wohl und sei glücklich, wenn Du es vermagst. Alles Forschen wird -vergeblich sein -- betrachte mich und das Kind für Dich gestorben. Es -ist so am besten. In unserer Ehe hätte für das Kind ohnedieß kein Glück -erblühen können. Kinderaugen sehen klar und scharf und erkennen nur zu -bald, wenn Die, welche ihnen am nächsten stehen, auf getrennten Wegen -wandeln. - -»Was wir an Hab und Gut besitzen, Das überlasse ich Dir. - -»Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem Schreibpulte finden. Ich -behalte nur so viel als nöthig ist, um mir eine Existenz zu schaffen, -welche mir meinen und meines Kindes Unterhalt gewährt. - - Lebe wohl für immer! - Walther Dennhardt.« - -Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewußtlos zusammen, und die -einzigen Worte, die sie stammeln konnte, waren: - -»Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.« - -Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf. Sie befahl der Portière -die Wohnung zu schließen und die Schlüssel an sich zu halten und alle -Briefe, die an sie einlaufen würden, in das Hôtel Grandlieu in der Rue de -la Paix zu senden. - -Am Morgen des andern Tages verließ der Vicomte mit Fanny, die gestern Abend -verstört und bleich zu ihm ins Hôtel Grandlieu mit den Worten gekommen war: -»Schwöre mir, morgen Paris zu verlassen und mir mein Kind suchen zu helfen, -und ich folge Dir bis an's Weltende,« auf der Nordbahn die Seinestadt. - - - - -6. Stilles Leben. - - -Kennt Ihr die grünen Hügel von Morbihan? Jene Berge der alten Bretagne, auf -deren Abhängen, in kleinen Dörfern und Weilern zerstreut, einfache Hirten -und Bauern wohnen, an denen die Cultur von Jahrhunderten vorübergegangen -ist, ohne einen Blick in ihre Hütten zu werfen? Dort, wo diese -bretagnischen Berge von den Wellen des Meeres bespült werden, wenige Meilen -von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes, dessen Bevölkerung zur Hälfte -aus Hirten, zur Hälfte aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem -Jahre der deutsche Flüchtling mit seinem Kinde. - -Es war in den Nachmittagsstunden eines milden Herbsttages, Anfangs October -des Jahres 1850. Auf der Düne, deren Sand von den Strahlen der Sonne -erwärmt worden war, saß Walther Dennhardt mit seinem Kinde und blickte -hinaus auf die unendliche See. - -Er hatte das Haupt in die Hand gestützt und lauschte dem geheimnißvollen -Rauschen der Meereswogen, während Mimi zu seinen Füßen im Sande spielte. -Sie hatte sich einen kleinen Garten gebaut, mit Beeten und Sträußern aus -Seegras und Herbstblumen, die sie mit Papa auf dem Wege zur Düne gepflückt -hatte. - -Das Kind liebte die Blumen leidenschaftlich. Zu jedem Maßliebchen und -Veilchen bückte sie sich nieder, jeder Rose und jeder Lilie nickte sie -einen Gruß zu, mit den blauen Kornblumen plauderte sie wie mit lebenden -Gespielinnen, und von keinem Spaziergange kehrte sie zurück, ohne einen -großen Strauß ihrer stillen Blumenfreundinnen mitzubringen. - -Die Kleine klatschte jetzt freudig in die Händchen. - -»Sieh, Papa,« rief sie, »mein Garten ist fertig.« - -Walther betrachtete mit heiterem Lächeln das frohe blühende Kind und sein -Spielwerk. - -»Ach der schöne Garten, den meine Mimi sich gebaut hat,« sprach er und -beugte sich zu der Kleinen nieder, die mit jenem Ausdruck glücklicher -Zufriedenheit, den wir in seiner unverfälschten Reinheit nur bei Kindern -finden, ihre strahlenden Blicke bald auf den kleinen Garten, bald auf ihren -Vater richtete. - -Mit einem Male stand die Kleine auf und frug indem sie hinauf nach dem -blauen wolkenlosen Himmel deutete: - -»Papa, haben die Engel im Himmel auch schöne Blumen wie wir?« - -»Noch viel schönere, mein Kind,« entgegnete Walther, den die Frage etwas -überraschte, »die hellen Sterne, welche wir Abends sehen, sind lauter große -goldene Blumen, die dort oben im Himmelsgarten wachsen.« - -»Ach! weißt Du was, Papa,« rief die Kleine indem sie ihren Papa recht -ernsthaft anblickte, »dann will ich auch ein Engel werden.« - -Ein wehmüthiges Lächeln, das aber augenblicklich wieder verschwand, glitt -über Walther's Züge. - -»Alle guten Menschen werden einmal Engel werden, meine Mimi, aber jetzt -bleibst Du noch bei mir, nicht wahr?« - -Die Kleine nickte, und so verständig und ernsthaft, als habe sie den ganzen -bedeutungsvollen Inhalt dieser Frage begriffen. - -Walther erhob sich und nahm die Kleine auf seinen Arm. - -»Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi, Du bist müde von dem weiten -Wege. Morgen gehen wir wieder hieher und besuchen Deinen schönen Garten.« -Und er schritt mit der Kleinen, welche das Köpfchen auf seine Schulter -legte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er -ein kleines einstockiges Haus bewohnte. - -Eine ältliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute sie nannten, die Witwe -eines Schiffers, der auf einer Fahrt nach Westindien verunglückt war, -besorgte seine häuslichen Geschäfte, während er selbst vollauf zu thun -hatte, um für sich und sein Kind die Bedürfnisse des Lebens zu erwerben. - -Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedieß nicht bedeutenden -Vermögen seiner Frau, das in einer Rente von vielleicht zweitausend Francs -bestand, Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte bei der Trennung -von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen als sechshundert Thaler, -die Reste seines eigenen erworbenen Vermögens, welches während der -revolutionären Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes in Paris bis -auf diesen geringen Betrag aufgezehrt worden war. - -Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der Ankauf des kleinen Hauses mit -dem daran befindlichen Gärtchen, die häusliche, wenn auch sehr bescheidene -Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's Capital bis auf kaum -hundert Francs aufgezehrt, und es galt jetzt die Aufbietung aller seiner -Kräfte, wenn er nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten -Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war zwar geheilt, aber für -seinen Beruf war sie untauglich geworden. Als Bildhauer konnte er -ferner nicht arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durch -schriftstellerische Thätigkeit eine neue Existenz zu gründen. Aber es war -nur der Gedanke eines Augenblicks. Er erinnerte sich sofort aus der Zeit -seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt, wo er häufigen Umgang mit -Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf nur von Denen gewählt -werden darf, die dazu berufen sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft -aufreibend derselbe ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht -die Pflicht der Sorge für ein anderes Wesen obliegt, es wagen kann, sein -Geschick an das seiner Feder zu knüpfen, während es ein großes Wagniß ist, -auch die Geschicke Anderer daran zu fesseln. - -»Glauben Sie mir,« hatte ihm damals ein junger und talentvoller -Schriftsteller gesagt, »unsere modernen Literaturzustände gleichen dem -Labyrinthe mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen Wagehälsen reizt -der geheimnißvolle Zauber, und Hunderte verirren sich und werden ein Opfer -des lauernden Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit andern Namen -bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz sich auf die Stirn setzen zu -können und weiß nicht, daß in dem Kranze Dornen verborgen sind, welche so -tief stechen, daß die Meisten, während sie danach greifen und bevor der -Lorbeer ihre Scheitel berührt, sich daran verbluten.« - -In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch thätig sein? Als -Publicist hatte er in Frankreich und vollends in diesem einsamen Dorfe der -Bretagne durchaus keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker oder -Romanschriftsteller sich eine Stellung zu erringen, dazu, Das fühlte er, -fehlte ihm die dichterische Begabung. - -Er vermied die Klippe, an welcher so Viele zu Grunde gehen, eine -Klippe, die zwar nur in der eigenen Einbildung besteht, aber darum desto -gefährlicher ist. - -Aber einen andern Gedanken ergriff er mit Lebhaftigkeit und setzte ihn mit -der seinem Wesen eigenen Energie ins Werk. - -Als er eines Tages mit Mimi nach Vannes gefahren war, um dort einige -nothwendige Einkäufe für seine kleine Wirthschaft zu besorgen, da hatte -die Kleine plötzlich in der Nähe der Kathedrale fröhlich in die Händchen -geklatscht und ausgerufen: »Papa, Papa ... schöne Puppen.« Es war ein -Tabuletkrämer, der auf seinem Tisch ein paar schlecht geformte Wachsfiguren -stehen hatte, die Jungfrau Maria im Stalle zu Bethlehem mit dem -Christuskind und den anbetenden drei Königen aus dem Morgenlande. Er frug -nach dem Preise. Der Mann nannte ihm einen ungewöhnlich hohen. - -»Ist das Wachs hier zu Lande so theuer?« warf Dennhardt mit einem -spöttischen Blick auf die schlecht gearbeiteten Figuren hin. - -»Das Wachs nicht, Herr, aber die Leute, welche solche Sachen machen!« - -»Und würde man, wenn diese Figuren wohlfeiler wären, viel davon verkaufen?« - -»Gewiß, Herr, besonders zur Weihnachts- und Osterzeit.« - -Dennhardt dankte dem Manne für die Auskunft und meinte, vielleicht würde er -bald von ihm hören. - -Sein Plan war rasch gefaßt. Konnte er auch nicht mehr als Bildhauer -arbeiten, so war ihm doch noch die Möglichkeit geblieben, sein plastisches -Talent im Formen weicher Stoffe zu verwerthen. - -Er kaufte in Vannes Wachs und ging den nächsten Tag schon an die Arbeit. - -Als er die erste Gruppe, die Geburt unseres Heilandes darstellend, fertig -hatte, rief er seine alte Dienerin, welche mit Mimi im Garten war. - -»Wie gefällt Euch das, Mama Poisson?« Das Kind wollte die Figuren küssen -und herzen, und die alte Frau schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. - -»Glaubt Ihr,« frug Dennhardt lächelnd weiter, »daß man mir diese Figuren in -Vannes abkaufen wird?« - -»Und wenn Ihr so viel hättet, als es Schafe und Lämmer auf den Hügeln von -Morbihan giebt, Ihr würdet keine einzige übrig behalten.« - -Die alte Frau hatte nicht ganz Unrecht. Die Wachsfiguren, welche Dennhardt, -theils in Gruppen, theils als Einzelgestalten bildete, fanden in Vannes -Abnahme über Abnahme. Dennhardt stellte nach und nach die ganze biblische -Geschichte in ihren Hauptmomenten bildlich dar. Die Gegend um Vannes ist -streng katholisch, und diese religiöse Richtung der Bevölkerung begünstigte -sehr den Absatz der kleinen, zierlich aus buntem Wachs gearbeiteten Figuren -Dennhardt's. - -Für die kleine Mimi war diese Beschäftigung ihres Vaters eine -unerschöpfliche Quelle der Freude und des Vergnügens. - -Da sie mit den andern Kindern nur wenig Umgang hatte, schon deßhalb nicht, -weil Dennhardt, der mit der Kleinen nur die Muttersprache, sein geliebtes -Deutsch, sprach, nicht wollte, daß das Kind eher des Französischen mächtig -würde, bevor es sich im Deutschen verständlich ausdrücken konnte, so waren -die Wachspuppen ihre vorzüglichsten Spielgenossen. - -Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten, gab einer Jeden -täglich ihre Portion Essen, die dann natürlich, wie es die heidnischen -Priester mit den Opfermahlzeiten ihrer Götter thaten, von der Darspenderin -selbst verzehrt wurde, sie brachte sie zu Bett, sang ihnen Liedchen vor und -deckte sie jeden Abend sorglich zu, damit die armen kleinen Pipi's, wie sie -zu ihrem Vater sagte, in der Nacht nicht frören und sich erkälteten. - -So verging Monat auf Monat und die Kleine wurde mit jedem Tage -verständiger, wenn man eine gewisse Sinnigkeit ihres Wesens so nennen darf. - -An ihrem Vater oder »Papa,« wie sie ihn nur nannte, hing sie mit einer -unbeschreiblichen Zärtlichkeit. - -War Dennhardt, was selten, aber doch zuweilen vorkam, ohne Mimi -ausgegangen, vielleicht in die Nachbarschaft, um irgend Etwas, was er zu -seinen Arbeiten bedurfte, zu holen, und Mimi saß unter der Aufsicht der -alten Mama Poisson vor der Thür und erblickte ihn von weitem, dann flog -sie ihm, so schnell als es ihre kleinen Füße vermochten, mit flatternden -Locken, glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen mit dem Rufe: »Mein Papa -kommt ... mein Papa kommt ...« entgegen. - -Fand sie auf den Spaziergängen eine schöne seltene Blume, so pflückte sie -dieselbe nicht eher, als bis der Papa sie bewundert hatte, und sie schlief -an keinem Abende ein, ohne ihren Papa geküßt und geherzt zu haben. - -Für Walther aber war das Kind der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit. -Alle seine Empfindungen, Gedanken, all sein Thun, Handeln drehte sich um -seine kleine Mimi. Das Stück französischer Erde, auf welcher er mit ihr -lebte, war für ihn die Welt; was hinter diesen bretagnischen Bergen lag, -hatte er Alles vergessen. - -Die Kämpfe der Parteien wie die Leidenschaften des Herzens, sie hatte er -jenseits der grünen Hügel von Morbihan gelassen und Nichts aus der früheren -Zeit mit herüber genommen, als die Liebe zu seinem Kinde. Gewiß lieben alle -Eltern ihre Kinder, wenn sie keine Rabenherzen im Busen tragen, aber diese -Liebe Walther's zu seiner kleinen Mimi war doch noch ganz anderer Art. - -Schon ehe das Kind geboren war, liebte er es, und während die Wünsche der -Väter in der Regel auf einen Knaben gerichtet sind, wünschte er, daß es -eine Tochter sein möchte. - -Als nun sein Wunsch erfüllt wurde, da war er so glücklich, so wie es -vielleicht ein Jüngling ist, dem endlich aus dem Munde der unendlich -Geliebten das Wort der Erhörung wird. - -Jetzt nun vollends, wo die Kleine das einzige Wesen war, welches er sein -nennen konnte, jetzt hing er mit allen Lebensfasern an ihr und sie war der -Mittelpunkt, um welchen sich alle seine Gefühle, Empfindungen, Gedanken, -Entwürfe drehten. - -Einst, als er mit ihr am Meeresstrande stand, auf jener Düne, wo er -an jenem Herbstnachmittag mit dem Kinde saß und spielte -- es war sein -liebster Ort, den er bei seinen Spaziergängen stets besuchte -- frug Mimi, -hinüber zu der unendlichen Meeresfläche deutend: - -»Papa, wohnen da drüben über dem großen Wasser auch Leute?« - -»Gewiß, mein Kind, viele, viele tausend Menschen wohnen dort. Das Land, -in welchem sie leben, nennt man England. Wenn Du groß geworden bist, meine -Mimi, fahren wir einmal zusammen auf einem Schiffe hinüber und sehen uns -die Leute und ihre Städte an.« - -Das Kind hatte still und mit einer gewissen andächtigen Miene den Worten -des Vaters gelauscht. - -Dann hob es sein Köpfchen mit den blonden weichen Locken und den lieben -braunen Augen zu dem Vater empor und sprach mit einem Ausdruck kindlichen -Ernstes, der gerade, weil er aus einem so jugendlichen, lebensfrischen -Munde kam, einen rührenden Eindruck erzeugte: - -»Weißt Du was, Papa, ich will gar nicht groß werden ... ich will Deine -kleine Mimi bleiben.« - -Ein Gefühl urplötzlich aufsteigender Wehmuth bemächtigte sich seiner bei -diesen Worten des Kindes und er vermochte nicht eine Thräne, die sich -hervordrängte, zu unterdrücken. - -»Nicht weinen, Papa,« bat Mimi, indem sie ihre Händchen bittend -emporstreckte und als Dennhardt sie zu sich empor hob, legte sie ihr -Lockenköpfchen an des Vaters Wange und sprach: »Du bist mein bester, guter -Herzenspapa.« - -Und dann fing sie an zu lachen und zappelte lustig vom Arme des Vaters -herab, lief jauchzend hinter einem Schmetterling her und jubelte laut auf, -als sie während dieser Verfolgung in dem weichen Sand stolperte und sanft -von der Düne herabrollte, gerade in die ausgebreiteten Arme ihres Papa. - -So schwand Monat nach Monat dahin. Dennhardt fühlte sich so glücklich, wie -es noch nie in seinem Leben der Fall gewesen. - -Es liegt eine so stille, friedliche Seligkeit in der Liebe zu einem Kinde, -zu einem so unschuldigen und hülflosen Wesen, es verbreitet sich aus diesem -Gefühl ein so sanfter, ruhiger Friede über den ganzen Menschen, über all -sein Denken, Thun und Handeln, daß alle andern Empfindungen des Herzens -dagegen als aufreibende Leidenschaften erscheinen. - -Im schnellen Wechsel fliegen die Jahreszeiten dahin. Wenn der Sommer mit -seinem bunten Farbenschimmer von Blumen und Blüthen, mit seinem grünen -Schmelz der Wiesen, mit seinem blauen Himmel und goldnen Sonnenlicht -dahingegangen war und der Herbst mit seinen kalten Regengüssen, seinen -Stürmen auf dem Meere ihm folgte, und Dennhardt mit seinem Kinde daheim bei -der knisternden Flamme des Kamins bleiben mußte, dann brach für die kleine -Mimi eine Zeit neuen märchenvollen Glückes an. - -»Papa, erzähle mir eine Geschichte!« Mit diesen Worten erwachte sie früh -in ihrem Bettchen, das dicht neben dem ihres Vaters stand, und mit diesen -Worten ging sie schlafen. - -Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich zugedeckt, an ihr -Lager, nahm ihre kleine, weiche, warme Hand in die seinige und erzählte ihr -lauter kleine, das Kind mächtig fesselnde Geschichtchen aus seiner Jugend, -wie er noch ein kleiner Junge war, von seinem lieben Schwesterchen Helene, -die so bald gestorben und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie -»Anna« nannte, mit in den Sarg gegeben, und von den grünen Wäldern in -Thüringen, in welchen allerlei wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde -Schweine, Luchse und Dachse, Geschöpfe, welche die Kleine nur aus ihren -Bilderbüchern kannte. Am meisten aber interessirte sie die Erzählung von -dem getreuen Eckard, der auch in den thüringischen Wäldern lebt und -die Kinder beschützt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser. Sie war -unermüdlich im Anhören dieser Erzählungen, und oft flüsterte sie, endlich -doch vom Schlafe übermannt, während sich ihre Augen schon schlossen und -sie sich in die Kissen vergrub, noch mit leiser Stimme: »Papa, noch eine -Geschichte ...« und war in der nächsten Minute fest eingeschlummert. - -So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem Leben. Mimi war fünf Jahre -alt geworden und plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde Alles -heraus, was ihr Herz bewegte. - -Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, während sie mit der alten Mutter Poisson -Französisch plauderte. - -Es gab Dennhardt, trotzdem daß er glaubte Alles überwunden zu haben, doch -einen scharfen Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimi zu der -alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem Hause auf und ab ging, sagen -hörte: - -»=Ma chère mère, reposons-nous un moment sur ce banc de gazon.=« (Meine -gute Mutter, laß uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.) - -»=Ma chère mère!=« Armes Kind, das nie wieder die Stimme der Mutter hören -sollte! Eine Erinnerung an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine nicht zu -haben, wenigstens erwähnte und frug sie niemals danach. Freilich war sie -auch, als Walther mit ihr Paris verließ, noch nicht zwei Jahre alt gewesen, -und die Veränderung des Wohnorts, die Reise, die neuen tausendfachen -Eindrücke der Außenwelt auf die junge erwachende Kindesseele verscheuchten -schon in der ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in ihrem -Gedächtniß befunden hatten. Als sie endlich das Französische sprechen -gelernt, hatte sie in den zwei Kindern eines Lootsen, der früher lange -als Obersteuermann auf einem Kriegsschiff gedient und in dem Hause nebenan -wohnte, ein paar Gespielinnen erhalten. - -Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter wie Mimi, doch viel -schüchterner, blöder als die Kleine. Der Lootse, sonst ein ganz braver -Mann, hatte noch immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und ließ die -Kinder nicht selten seine schwere Hand fühlen, während Mimi bei aller -ihrer Kindlichkeit sich so ruhig, sicher, so selbstständig bewegte, daß der -Unterschied sofort in die Augen sprang. - -Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese liebenswürdige Sicherheit und -Unbefangenheit, die sie selbst größern Personen gegenüber zeigte. - -Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an einer Gruppe, welche für -eine Capelle in der Nachbarschaft bestellt war, spielte sie mit Pauline und -Lisette und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten ihres Hauses. - -Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und verursachten ein wenig Lärm, -welcher den Feldhüter oder Flurschützen des Orts, der eben aus der Schenke -kam, einen griesgrämigen Patron, störte. - -Der Flurschütz ist für die Kinder in den französischen Dörfern dieselbe -Popanzfigur, wie es der Polizeidiener unserer kleinen deutschen Städte für -die liebe Gassenjugend ist. - -Der rothe Streifen an der Mütze und am Kragen hat diesseits wie jenseits -des Rheins dieselbe Wirkung: die Kinder flüchteten, als sie den Mann mit -der Flinte über dem Rücken und den Stock drohend erhebend daher kommen -sahen, nach links und rechts in die benachbarten Häuser. - -Nur Mimi blieb mit ihrer Puppe im Arm ruhig in der Mitte der Straße stehen. - -»Heda, Du kleiner Balg,« rief der Flurschütz mit einer drohenden Bewegung -die Hand erhebend, »willst Du machen, daß Du fort kommst?« - -Die Kleine rührte sich nicht, sondern blickte dem Mann mit ihren großen -strahlenden Augen fest ins Gesicht. - -»Nun, wird es werden?« schrie er erbost, »oder soll ich Dich fortprügeln?« - -»Mein Papa hat gesagt, ich soll hier spielen, und was mein Papa gesagt hat, -Das thue ich, und wenn Du mich prügelst, dann schießt Dich mein Papa mit -seiner Flinte todt.« - -Der Mann erschrack fast, als das kleine fünfjährige Mädchen ihm mit solcher -Ruhe und Bestimmtheit vom Todtschießen sprach. - -»Dein Papa?« brummte er, »und wer ist Dein Papa?« - -»Die Leute nennen meinen Papa Herrn Dennhardt und ich bin Mimi Dennhardt.« - -»Ah! die Tochter von dem deutschen Réfugié,« murmelte der Feldwächter, -indem er einen scheuen Blick nach dem Hause Dennhardt's warf, »er soll -ein verwegener Bursche sein und in Deutschland bei einem Massacre -vierundzwanzig Aristos umgebracht haben.« Ein derartiges Märchen gehörte zu -den Gerüchten, welche sich über Dennhardt's Betheiligung an der Revolution -bei einigen leichtgläubigen und neugierigen Schwätzern verbreitet hatten -und sehr wohl in einem Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit -dem Begriff der Revolution auch zugleich der der Guillotine und der -Niedermetzelung der Aristokraten verband. - -Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche Gerücht für Mimi indessen -das Gute, daß der Feldwächter, ein Poltron, für welchen von jeher -der ernste Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart etwas -Zurückscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt, die Kleine ungehindert -weiter spielen ließ und nur beim Weitergehen mit den halblaut gemurmelten -Worten: »Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich aber morgen wieder -hier treffe, so wirst Du mich kennen lernen,« seine gefährdete Autorität -rettete. - -Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt, das er ihr stets -mitbrachte, wenn er in Vannes gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen -Silberstimme ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei. - -War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft in drei Theile, -war es ein Spielwerk, dann mußten die Kinder ebenso damit spielen, als wäre -es das ihrige. Mitunter kam es vor, daß die Kleinen, schüchtern und blöde, -wie sie in Folge der strengen Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die -Annahme dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten; dann aber -gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche Aufregung und versuchte oft -mit Gewalt die Kinder zur Annahme zu zwingen, was schließlich Geschrei und -Thränen zur Folge hatte. Dann kam gewöhnlich Dennhardt herbei und überwand -durch Zureden die Blödigkeit der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi -darbot, dann war die Kleine wieder so außer sich vor Freude, daß sie die -Kinder stürmisch umarmte, küßte und mit allerlei Schmeichelnamen nannte. - -Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den Frauen, stand Mimi in großer -Gunst. Sie war der erklärte Liebling der jungen Mütter, welche bereitwillig -die liebliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit des fremden Kindes -anerkannten. - -Viel trug auch Dennhardt's Wohlthätigkeit dazu bei, der bei seinem -überreichen Verdienst manche Gabe in die Hütten der Armuth sendete und als -Geberin gewöhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so daß das Kind, -wenn es über die Schwelle einer armseligen Hütte trat, von den Bewohnern -wie ein kleiner rettender Engel begrüßt wurde. - - - - -7. Das Räthsel des Lebens. - - -Es war im Sommer, wenige Wochen vor Mimi's sechstem Geburtstage. Eine -dumpfe Schwüle lag auf dem kleinen Orte, überall sah man traurige und -verweinte Gesichter. Der Todesengel war eingezogen in dem Dorfe und hielt -eine reiche Ernte unter den lieblichsten Blumen der Menschheit, unter den -Kindern. - -Es war eine bösartige Epidemie, eine jener verheerenden Krankheiten, welche -an die düstere blutige Sage von dem Würgengel erinnern. - -Auch Mimi war von der Krankheit ergriffen worden und lag schon einige Tage -hart darnieder. - -Dennhardt wich nicht einen Augenblick von ihrem Bette. Gleich als sich die -ersten Symptome des Fiebers zeigten, hatte er einen reitenden Boten nach -Vannes geschickt und den tüchtigsten Arzt der Stadt holen lassen, der auch -wenige Stunden später erschien. - -Wie ein Sterbender, mit dem Ausdruck tiefster Seelenangst in den verstörten -Zügen trat ihm Dennhardt unter der Hausthüre entgegen. - -»Retten Sie mir mein Kind, Doctor,« sprach er mit bebender Stimme, indem er -ihm seine zitternde Hand entgegenstreckte, »meine Mimi ...« Er konnte nicht -mehr sprechen, die Stimme versagte ihm. - -Der Arzt, welcher Dennhardt von seinen Besuchen in Vannes her kannte und -sich, schon weil er politischer Gesinnungsgenosse des deutschen Flüchtlings -war, zu Dennhardt hingezogen fühlte und ihn bei näherer Bekanntschaft auch -wegen der Bravheit seines Charakters hoch schätzen gelernt, war im ersten -Augenblick ganz überrascht von dieser tiefen Bewegung Dennhardt's. - -Wußte er auch, daß der Bildhauer sein Kind auf das zärtlichste liebte, so -hätte er doch nimmer in dem ernsten ruhigen Manne eine solche Weiche des -Gefühls vermuthet. - -»Fassen Sie sich, mein Lieber, man darf, so lange der Odem des Menschen -aus- und eingeht, nie verzagen, am Wenigsten aber bei den Krankheiten der -Kinder, wo die Heilkraft der Natur, viel häufiger als es von dem klügsten -Arzt erwartet wird, Genesung fast urplötzlich bringt.« - -Er trat an das Bett der Kleinen, die in einer Art Halbschlummer lag. -Dennhardt's Auge hing an des Arztes Mienen, und es entging ihm nicht, -wie diese, trotz der Selbstbeherrschung des Mannes, einen sehr ernsten, -bedenklichen Charakter annahmen. - -»Das Kind ist krank ... sehr krank,« sprach er vom Bett zurücktretend in -leisem Tone zu Dennhardt, welcher mit vor Aufregung laut hämmerndem Herzen -dem Arzte gewissermaßen jedes Wort von den Lippen nahm, »indessen man darf -noch nicht die Hoffnung aufgeben. Vor allen Dingen sorgen Sie dafür, daß -die Arznei, welche ich verschreibe, rasch geholt wird.« - -»Nicht alle Hoffnung aufgeben,« wiederholte Dennhardt mit erloschener -Stimme und einem Blicke verzweifelter Seelenangst, »o, ich weiß, was diese -Worte in dem Munde eines Arztes bedeuten.« - -»Muth, Muth, Mann,« tröstete der Doctor, »und vor Allem die Arznei. Ich -komme morgen mit dem Frühesten wieder, für außerordentliche Fälle wenden -Sie sich an den Doctor Godin, der ganz in der Nähe, eine Viertelstunde von -hier, auf seinem Landgute lebt. Er prakticirt zwar nicht mehr, aber hier -wird er eine Ausnahme machen, ich will im Vorbeifahren selbst mit -ihm sprechen. Gott stehe Ihnen bei, mein Freund!« Mit diesen Worten -verabschiedete sich der Arzt. - -In tödtlicher Spannung und Ungewißheit vergingen einige Tage. Täglich kam -der Doctor und täglich wußte er für das von Todesqualen erfüllte Herz des -Vaters keine andere Antwort, als die furchtbaren Worte: »Das Kind ist sehr -krank ... indessen man darf die Hoffnung noch nicht aufgeben.« - -Zehn entsetzlich peinvolle Tage und Nächte waren so dahingegangen. -Dennhardt's Augen hatten sich während dieser Zeit auch nicht auf eine -Minute zum Schlafe geschlossen. Eine alle Nerven und Fibern aufregende, -gewöhnliche menschliche Kraft weit übersteigende Willensmacht erhielt ihn -munter. - -Er wich nicht einen Augenblick von Mimi's Bett, und sein Auge überwachte -die geringste Bewegung des Kindes. - -Es war in der elften Nacht ihrer Krankheit ... die Gewalt des Fiebers, -welches gegen Abend nachgelassen, hatte sich eine Stunde vor Mitternacht -wieder heftig gesteigert, der Puls flog in stürmischer Eile ... der Athem -war kurz und beklommen ... - -»Papa,« sagte plötzlich das Kind, welches während der Krankheit meist stumm -und theilnahmlos gegen seine Umgebung sich verhalten hatte, »Papa ... ich -kann gar nicht Luft bekommen.« - -Es war des Kindes erste Klage, aber sie traf Dennhardt wie der Stoß eines -glühenden Schwertes mitten in das Herz hinein! - -»Meine gute, liebe Mimi,« sprach er mit halberstickter Stimme, die Kleine -sanft emporrichtend und das Bett aufschüttelnd, »ich will Dir ein Kissen -unterlegen, Du liegst so niedrig, dann wirst Du auch leichter athmen -können.« - -Aber er konnte es nicht verwehren, daß ihm zwei Thränen über die Wangen -liefen, trotz seiner Anstrengung dem Kinde seinen Schmerz zu verbergen. - -Die Kleine sah die Thränen. - -»Nicht weinen, Papa,« sagte sie mit ihrer leisen, weichen Stimme und indem -sie mit ihren glänzenden Augen aufmerksam ihres Papa's Züge betrachtete. -Dann wendete sie sich auf die andere Seite und verfiel wieder in jenen -dumpfen Halbschlummer, in welchem weder die Phantasie, noch der Körper -ruht, und der nicht sowohl stärkend, als vielmehr erschöpfend wirkt. - -Nach Mitternacht steigerten sich die fieberhaften Erscheinungen und die -Beklemmungen beim Athmen so, daß Dennhardt einen Boten nach dem Doctor -Godin schickte. - -Dieser kam und hatte kaum einen Blick auf das Kind geworfen, als er eilig -nach Blutegeln verlangte. - -Man holte sie beim Dorfbader und setzte der Kleinen, die Alles geduldig -ertrug, drei der schwarzen häßlichen Thiere in die Nähe des Herzens. - -Da wurde die Thüre geöffnet und die junge Lootsenfrau erschien weinend auf -der Schwelle und bat den Doctor, von dessen Ankunft sie gehört, zu ihrem -todtkranken Kinde, ihrer Lisette, zu kommen. - -»Auf der Stelle komme ich,« entgegnete der menschenfreundliche alte Arzt, -der längst der Praxis entsagt hatte und nur aus Humanität seine Dienste -der leidenden Menschheit widmete, »ich werde gleich zurück sein, lieber -Freund.« - -Er ging und Dennhardt blieb allein mit der Mutter Poisson bei seinem Kinde -zurück. - -Es war eine dumpfe und schwüle Nacht. Ueber den Bergen wie über dem Meere -hingen dunkle Wetterwolken, und am fernsten Horizonte, da wo Wasser und -Himmel sich zu vermählen scheinen, leuchteten schon feurige Blitze. In -der Stube brannte nur die schwache Flamme einer mit einem grünen Schirm -umgebenen Lampe, da das Kind sich vom Anfang der Krankheit an gegen den -hellen Lichtschimmer empfindlich gezeigt hatte. - -Kein Geräusch in dem Zimmer, als des Kindes rasche Athemzüge und das -hörbare Hämmern und Klopfen des kleinen Herzens. - -Dennhardt kämpfte vergebens gegen den Ausbruch eines Schmerzes, den er -lange unterdrückt hatte, der aber endlich mit Gewalt hervorbrach und in -heißen Thränenströmen über seine Wangen fluthete. - -Es war jenes stille Weinen einer kräftigen Männernatur, die unverzagt im -Sturm und Wetter steht, die selbst mit zerbrochenem Schwerte und aus zehn -Wunden blutend noch die Schlacht des Lebens gegen den äußern Feind schlägt, -die aber weich wird wie eine Kinderseele, wenn des Schicksals Hand an das -Herz greift und von diesem Herzen das einzige Wesen reißt, an welchem es -mit allen Fasern hing. - -Hab und Gut, Vaterland und Beruf, Weib und Lust des Lebens hatte Dennhardt -in seinem Kampfe für die großen Ideen der Freiheit verloren, es hatte ihn -nicht erschüttern können, selbst die Trennung von Fanny hatte ihn kaum eine -Thräne gekostet, denn sie hatte ja nicht ohne ihre eigene Schuld aufgehört -das Weib seiner Liebe zu sein; aber dieser drohende Verlust seines Kindes, -seiner kleinen lieben Mimi, ergriff ihn mitten an seine Lebensnerven, er -ließ ihn zusammenbrechen. - -Schmerzliches, aber zugleich rührendes Beispiel der Hinfälligkeit -menschlicher Kraft, der Ohnmacht menschlicher Größe, gegenüber dem Walten -eines ewigen, allmächtigen Wesens, dessen Natur für uns unbegreiflich ist, -das wir nur in seinen Schöpfungen ahnen können, dessen Macht aber jede -Creatur anerkennen muß und stände sie auf der obersten Stufenleiter, auf -der letzten Sprosse der Schöpfung, und wäre sie auch geschaffen nach dem -Bilde des ewigen unbegreiflichen Wesens, mit der Gottähnlichkeit. - -Ein leiser Ruf des Kindes weckte den unglücklichen Vater aus der dumpfen -Betäubung, welcher dem Ausbruch seiner Thränen gefolgt war. Es war dieselbe -frühere sanfte Klage der kleinen Mimi, die einzige, welche sie laut werden -ließ: - -»Papa, ich kann gar nicht Luft bekommen.« - -»O Gott, Gott!« seufzte der unglückliche Vater aus der Tiefe seines Herzens -und sandte einen verzweifelten Blick zum Himmel empor, »von aller der Luft, -welche uns umweht, hat mein armes Kind nicht so viel, um athmen zu können.« - -In diesem Augenblicke kam der Doctor Godin aus dem Nachbarhause zurück. - -»Saugen die Blutegel noch?« frug er schon unter der Thür. - -Eins der Thiere war abgefallen und die nachblutende Wunde hatte, ohne -daß Dennhardt in seinem Schmerze es bemerkt, die weißen Linnen des Bettes -blutig gefärbt. - -»Barmherziger Gott!« rief er mit halb erstickter Stimme, »was ist Das? ... -das Kind verblutet sich.« - -»Still,« sprach der Arzt mit einer ernsten Geberde, »wenn auch Das nicht -zu befürchten ist, so muß die Blutung doch schnell gestillt werden.« Und er -zog aus einem kleinen Etui eine Federspule hervor, mit welcher er rasch die -blutende Wunde berührte. - -Aber bei der ersten Berührung stieß das Kind einen so heftigen, -durchdringenden Schrei aus, daß Dennhardt zusammenzuckend des Arztes Hand -faßte und sie krampfhaft drückte. - -»Papa ... Papa ... der alte Mann sticht mich,« schrie das Kind mit -verwirrter, ängstlicher Geberde und abwehrenden Händen, »jag' ihn fort, -Papa ... jag' ihn fort ...« - -»Seien Sie ein Mann,« flüsterte der Arzt dem Erbleichenden zu, auf dessen -Stirn Angsttropfen perlten, »es ist Nichts ... ein kurzer, vorübergehender -Schmerz ... die Gefahr, welche durch den Blutverlust entsteht, ist nicht -gering.« Und wieder versuchte er mit dem kleinen Stift der Spule die Wunde -zu berühren. - -»Mein süßer ... süßer Papa,« schrie die Kleine auf, sich angstvoll in dem -Bettchen emporschnellend und die Arme nach ihrem Vater, der zu Häupten des -Bettes stand, ausbreitend, »der böse Mann ... der böse Mann ... jag' ihn -fort ... jag' ihn fort, Papa.« Und sie schlang ihre Händchen mit entsetzten -Blicken um ihres Papa's Nacken. - -Das Blut aber rann immer noch in kleinen Strömen aus der Wunde. - -»Barmherziger Gott, Doctor, giebt es kein anderes Mittel die Blutung zu -stillen?« - -»Versuchen Sie es selbst,« sprach der Doctor tief bewegt, »hier ... nehmen -Sie den Stift ... touchiren Sie.« - -Mit zitternder Hand nahm Dennhardt die Spule mit dem Höllensteinstift und -flüsterte mit bebender Stimme dem zitternden Kinde zu: - -»Es ist Nichts, meine kleine süße Mimi. Du wirst auch bald wieder gesund -und dann gehen wir zusammen.« Und er berührte die Wunde. - -»Papa ... Papa ... Du stichst mich. Ach ... Papa.« - -Der Stift entfiel seiner Hand. - -»Ich kann nicht mehr ... Doctor ... O Gott, Gott!« Der Unglückliche wankte -und wäre zu Boden gestürzt, wenn ihn der Arzt nicht aufrecht erhalten. - -»Beruhigen Sie sich ... fassen Sie Muth,« raunte er dem Verzweifelten zu, -»Ihre Hand traf sicherer als die meinige, die das Alter zitternd machte. -Das Blut steht ... etwas Charpie aufgelegt, und wir haben Nichts weiter zu -befürchten.« - -Das Kind war indessen auch ruhiger geworden und schloß die Augen zu einem -kurzen Schlummer, während Dennhardt todtmüde an Geist und Körper, blutend -aus der tiefsten Herzenswunde, welche ihm der Schmerz dieser qualvollen -Nacht geschlagen, auf seinen Sitz neben dem Bett zurücksank und lautlos vor -sich hinstarrte. - -»In zwei Tagen,« sagte der alte Doctor, von dem schmerzerfüllten Vater -Abschied nehmend, »wird die Entscheidung eingetreten sein ... bis dahin, -mein alter Freund, Geduld und Ruhe.« - - * * * * * - -Der Tag brach an, ein drückend heißer Augusttag ... die Gewitter der -verflossenen Nacht hatten die Gluth nur wenig abzukühlen vermocht, die -Sonne warf von dem wolkenlosen blauen Himmel sengende Strahlen auf die Erde -herab, die Luft stand still, nicht der leiseste Windhauch bewegte sie. - -Trotz der herabgelassenen Gardinen, der geöffneten Thür, welche auf den -kühlen Vorsaal des Hauses führte, und trotz der Sprengung mit Wasser und -Essig herrschte in dem Zimmer, wo die kleine Kranke lag, doch eine schwüle -Atmosphäre. - -Mimi war eben wieder eingeschlummert, die alte Mutter Poisson saß mit -rothgeweinten Augen am Bett des Kindes und scheuchte mit einem Baumzweig -die zudringlichen Fliegen ab, welche das Haupt des Kindes umschwirrten. - -Dennhardt war hinaus in den Garten gegangen, um einen Strauß Blumen zu -brechen. - -Es war heute Mimi's Geburtstag, heute vor sechs Jahren hatten ihre Augen -zum ersten Mal das freundliche Licht der Sonne erblickt. - -Sonst war Mimi's Geburtstag immer als ein hoher Festtag in dem kleinen -Hause gefeiert worden; Dennhardt hatte stets an diesem Tage die -Nachbarkinder zu sich geladen und Mimi dabei mit liebenswürdiger Gravität -die Honneurs als Wirthin gemacht und die Kinder mit Kuchen, Chocolade, -Obst, Apfelwein und anderen Leckereien bewirthet. - -Und heute nun! Welcher Unterschied zwischen heute und dem Geburtstage -voriges Jahr! - -Damals blühend wie eine Rose, dahin flatternd in dem buntfarbigen Gewand, -dem gelben Strohhute mit Blumen und Rosabändern wie ein Schmetterling, -und heute lag sie drinnen auf dem Krankenbette still und bleich wie eine -geknickte Sommerblume, wie eine zarte Lilie, über welche der Sturm dahin -gefahren ist. - -Seit elf Tagen hatte die Kleine keine Blume gesehen, ihre liebsten -Gespielinnen, die stillen, bunten Blumen, mit denen sie so lieblich und -verständig plauderte, als wären es beseelte Wesen, hatte sie entbehren -müssen, weil der Arzt den Blumenduft für aufregend erklärt hatte. - -Und seltsam! Die Kleine schien während dieser Tage der Krankheit ganz -vergessen zu haben, daß es Blumen gab, sie hatte nicht ein einziges Mal -danach verlangt, eben so wenig wie nach ihren Puppen, ihren Bilderbüchern -oder anderm Spielwerk. Ihren Geburtstag aber ohne Blumen vorübergehen zu -lassen, Das vermochte Dennhardt nicht übers Herz zu bringen. Vielleicht -wollte er sich auch, begreifliche Schwäche des menschlichen Herzens, selbst -täuschen, wenn auch nur auf ein paar Augenblicke, und sich glauben machen, -er breche die Blumen zum Geburtstage der gesunden, frohen Mimi, welche -damit ihren kleinen Tisch schmücken wolle, um die kleinen Genossinnen der -Kaffeegesellschaft festlich zu empfangen. - -Es war ein großer prächtiger Strauß von Georginen, Rosen, Nelken, Astern -und Reseda, den er gepflückt, und bei jeder Blume, die er brach, erinnerte -er sich der kleinen Zwiegespräche, die Mimi in dem Garten mit ihren stillen -Blumenfreundinnen gehalten. - -»Sieh, Papa,« hatte sie dann gesagt, wenn ein leichter Wind über die Beete -hinsäuselte und die Blumen ihre Häupter bewegten, »sieh, Papa, meine Blumen -antworten mir. Siehst Du nicht wie sie nicken und flüstern?!« - -Er kehrte in das Haus zurück und in demselben Moment erwachte auch Mimi aus -ihrem Halbschlummer. Mit den Blumen in der Hand eilte der Vater dem Kinde -entgegen. - -»Ei!« rief sie, die Hand nach den Blumen ausstreckend, mit ihrer -silberhellen Stimme, deren lieblicher Klang sich während ihrer ganzen -Krankheit nicht verändert hatte, »ei!« und wie ein heller goldener -Freudenstrahl flog es über ihr blasses, leidendes Gesichtchen. Ihre matte, -zitternde Hand vermochte die Blumen kaum zu halten; aber ihr Auge glänzte -von einem Feuer, das zu schön, zu himmlisch war, um nicht zu verkünden, -daß die reine Kinderseele, welche in dieser lieblichen Hülle gewohnt, sich -schon ihrer Heimath wieder nahe fühlte, ihrer himmlischen Heimath, aus der -sie herabgestiegen auf die dunkle Erde, um eine kurze Spanne Zeit darüber -hinzuflattern und dann wieder zurückzukehren in die Wohnungen des ewigen -Lichts. - -»Meine Mimi!« murmelte mit vor Thränen halb erstickter Stimme der zur Seite -des Bettes knieende Vater. - -»Mein Papa,« flüsterte das Kind, mit der Linken die Blumen gegen ihr -kleines matt schlagendes Herz drückend, während sie den rechten Arm mit -müder Geberde um den Nacken ihres Vaters schlang, gerade so wie in -früheren gesunden Tagen, wenn er die müde Kleine auf der Heimkehr von dem -Spaziergange in seine Arme nahm. - -Niemand war in dem Gemach, als der Flüchtling und sein Kind, sein -sterbendes Kind. - -»Papa,« flüsterte die Kleine, nachdem sie eine Weile mit ihren in -wunderbarem, verklärtem Glanze strahlenden Augen nach dem Fenster, welches -nach der Gartenseite hin lag, geblickt, »Papa ... siehst Du den schönen -Engel dort am Fenster, ach ... Papa ... wie schön er sieht ... viel, viel -schöner als mein Weihnachtsengel ... siehst Du ... Papa ... jetzt winkt er -mir ... ach! die vielen Engel ... sie fliegen durchs Fenster ... siehst Du? -draußen im Garten.« - -Dennhardt's Herz wollte brechen, aber mit einer fast wunderbar zu nennenden -Kraft, welche in den schmerzlichsten Augenblicken des Lebens aus einer -unsichtbaren Quelle uns zuzuströmen scheint, hielt er sich aufrecht. - -»Meine gute ... liebe Mimi ...« murmelte er und bedeckte die bleiche Stirn -des Kindes mit seinen Küssen. - -»Ich will zu Hause gehen, Papa ...« und das Kind blickte mit ihren -glänzenden Augen wie in eine weite, weite Ferne hinaus, an deren Ende sie -ihre Wohnung erblickte, gerade so, wie sie es zuweilen wohl gethan, wenn -sie mit ihrem Papa auf einem der Hügel von Morbihan stand und weit, weit -unten im Thale das väterliche Haus mit dem kleinen Blumengarten erblickte, -»ich will zu Hause gehen ... Papa ...« Das Köpfchen sank leise und matt auf -das Kissen zurück, die Blumen entfielen der kleinen erkaltenden Hand, -die schönen lieben Himmelsaugen öffneten sich noch einmal, aber schon wie -umflort von einem dunklen Schleier, mit leiser ängstlicher Stimme rief sie: -»Papa ... Papa ...« und schloß dann die Augen, deren letzter brechender -Blick die Gestalt ihres Vaters gesucht, zum ewigen Schlummer. - -Sanft und schmerzlos trat der Todesengel zu ihr; wie eine Flamme, die den -letzten Tropfen Oel verzehrt, erlischt, langsam und still, so erlosch die -Flamme dieses kurzen Blüthenlebens. - -Die erkaltete Hand seines Kindes in der seinigen, das Haupt an der Schulter -der kleinen Entschlafenen, stumm und regungslos kniete Dennhardt neben dem -Sterbebette der kleinen Mimi. - -Für den Schmerz eines Vater- und Mutterherzens in diesem Augenblick giebt -es keine Worte der Schilderung; man müßte die Feder in Thränen und Herzblut -tauchen. - - * * * * * - -Auf der Höhe der Düne, am Fuße eines kleinen Grabhügels, auf welchem sich -ein einfaches Kreuz mit der Inschrift: »_Hier ruhet mein Glück_,« erhob, -saß am Abend eines düsteren Septembertages, wenige Wochen nach jenem -Augustmorgen, an welchem die kleine Mimi ihren himmlischen Geburtstag -feierte, ein Mann mit grauem Locken- und Barthaar und gramdurchfurchten -Zügen. Es war der deutsche Flüchtling Walther Dennhardt, der hier am Grabe -seines Kindes saß und hinüberstarrte auf das Meer, das sich vor seinen -Blicken ausbreitete, unendlich und grenzenlos wie die Ewigkeit. - -»Die Ewigkeit! Giebt es eine Ewigkeit?« frug er sich, »eine Ewigkeit für -das geschaffene Individuum, für die Creatur, die mit Bewußtsein über die -Erde wanderte, bis das ewige, uralte Geheimniß des Todes an sie herantrat -und den Leib in Staub zerfallen ließ, den Leib, die Wohnung eines ewigen, -unzerstörbaren Geistes, der nur die Hülle wechselt, oder welcher der Mensch -selbst ist, mit dessen Zerfall auch das ganze Dasein endigt? O dieses -Räthsel des Lebens! Wer es lösen könnte, wer das Siegel von der Pforte -nehmen könnte, welche die Geheimnisse des Todes verbirgt!« - -Aber wie er auch sann und sann, und grübelte und grübelte, es war Alles -eitel, Alles vergeblich -- kein Strahl des Lichtes in dieser Finsterniß, -welche die Schatten des Todes erzeugt hatten. - -In früheren schönen Tagen, wo noch für ihn die Quelle des Lebens in -freudigem Sprudel hervorsprang, hatte Dennhardt oft im kleinen Kreise -vertrauter Freunde über diese Räthsel des Lebens gesprochen und eine Lösung -dieser Fragen, über welche Tausende im Taumel der Alltäglichkeit hinweg -schlüpfen, ohne je darüber nachgedacht zu haben, gesucht, aber bei allem -Ernste seines Strebens nach Wahrheit hatten ihm diese Räthsel der Schöpfung -nie so sehr in der Seele gebrannt, nie hatte er so sehr das Bedürfniß nach -einer Lösung empfunden, als seit dem Tage, an welchem der Finger des Todes -an seine Thür pochte und das Leben seiner Mimi von ihm forderte. - -Tod! Tod! Gab es einen wirklichen Tod, hatte seine Mimi aufgehört zu -sein, gab es für ihn keine Hoffnung sein Kind einst in verklärter Gestalt -wiederzufinden, dann war ihm die ganze Schöpfung eine große Lüge, die Welt -ein Todtenhaus, durch welches ewig der bleiche Würgengel schreitet; dann -war ihm die Erschaffung der Menschheit die bitterste Ironie, der grimmigste -Hohn, die grausamste Ausgeburt eines fluchwürdigen Zufalls der Natur. - -In dem ganzen Dorfe war Niemand, mit welchem Dennhardt über den Zustand -seiner Seele, über diese entsetzlichen Zweifel, welche ihn marterten, hätte -sprechen können. - -Der katholische Pfarrer des Orts stand ihm mit seinen streng auf den Dogmen -der katholischen Kirche beruhenden Ansichten viel zu fern, als daß zwischen -ihnen Anknüpfungs- oder nur Berührungspunkte hätten vorhanden sein können. - -Dennhardt hatte bis jetzt von dem Christenthume nur die Moral in sich -aufgenommen, die Glaubenslehre war ihm immer ein Gebiet gewesen, das ihm -unbekannt und fremd erschien, eine =terra incognita=, deren Bedeutung er -erst begriff, als das furchtbarste Verhängniß seines Lebens sich erfüllte, -als ihm seine Mimi von der kalten Hand des Todes geraubt wurde. Mit einer -fast wahnwitzigen Begier verschlang er alle Werke, welche sich auf jenes -große Räthsel des Lebens, auf dieses uralte Geheimniß des Todes bezogen, -jenes Geheimniß, an dessen Lösung die Menschheit schon seit Jahrtausenden -arbeitet, und das sie niemals enthüllen wird, dessen Schleier von keiner -sterblichen Hand gelüftet werden wird. - -Und als er sie alle gelesen, die Werke der Philosophen, von Aristoteles -an bis herab zu Hegel, Strauß und Feuerbach, da erkannte er, daß es eine -unübersteigliche Grenze für die menschliche Erkenntniß gebe, daß das letzte -Blatt im Buche des Lebens, das Blatt, auf welchem die Geheimnisse des -Todes verzeichnet stehen, mit einem Siegel geschlossen sei, welches von den -Weltweisen aller Jahrhunderte vergebens zu lösen gesucht wurde. - -Und dann lief er hinaus zum Grabe seines Kindes auf der Düne, zu dem -kleinen Grabe, für welches der fanatische Priester keinen Platz innerhalb -des Kirchhofs hatte, weil es das Kind eines Protestanten, eines Ketzers -war, und setzte sich an dem kleinen Rasenhügel nieder und weinte heiße, -blutige Thränen, und sprach mit seinem Kinde, mit seiner kleinen Mimi, der -er allerlei Schmeichelnamen gab, gleich als verstehe sie ihn. - -Wenn dann der Wind vom Meer herüber wehte und durch die Zweige des kleinen -Tannenbaumes, welchen er auf das Grab gepflanzt, strich, wenn die Aeste -und Zweige und die Blumenstengel der Astern sich flüsternd bewegten, dann -glaubte er, es sei die kleine Mimi, welche ihm antwortete. - -Der Gang nach dem kleinen Grabe, den er täglich gegen Sonnenuntergang -antrat, mochte das Wetter auch noch so stürmisch sein, war sein einziger -Ausgang. Weder in Vannes, noch in dem Dorfe ließ er sich sonst sehen. - -Der Doktor Godin, welcher ihn zuweilen besuchte, forderte ihn vergebens -auf, einmal mit nach Vannes zu gehen, sich etwas zu zerstreuen und den -Trübsinn abzuschütteln, der ihn tagtäglich immer mehr gefangen nahm. - -»Lassen Sie mich, Doctor,« gab er kopfschüttelnd zur Antwort, »ich will -Nichts mehr von der Welt da draußen wissen ... Sehen Sie, Doktor, wenn -ich jetzt unter die Leute komme, wie es mir neulich einmal geschah, und -es begegnen mir Eltern mit ihren Kindern, und wenn es der ärmste Hirt ist, -dessen Hütte die letzte im Dorfe, und seine Kinder springen vor ihm her, -barfuß und halbnackt, so fühle ich mich so bettelarm gegen den Mann, daß -ich mich vor ihm hinter dem nächsten Busch verstecken möchte. Es ist mir -Alles genommen mit dem Kinde, nur mein Körper wandelt noch auf Erden, meine -Seele aber ist bei meiner Mimi.« - -Und wie er grau und alt geworden war in den wenigen Wochen! Wie alle -Frische des Lebens aus den Zügen des noch so jungen Mannes weggewischt -war, wie das blonde Haar sich entfärbt hatte und so wirr um sein Haupt -flatterte! - -Seine Beschäftigung hatte er ganz und gar aufgegeben. Er lebte von seinen -Ersparnissen, die einst seiner Mimi gehören sollten, einen Theil davon -hatte er zu einer Stiftung für arme Kinder des Dorfes verwendet. So verging -der Herbst, und der Winter kam heran und überzog die grünen Berge von -Morbihan mit seinem weißen Schneegewand, und auch das kleine Grab des -kleinen deutschen Mädchens auf der Düne von Morbihan überzog er mit dem -Leichentuche der hinsterbenden Natur. - -Und wieder war der Weihnachtsabend da, jener heilige Abend, an welchem die -Freude in tausend und aber tausend fröhliche Kinderseelen und glückliche -Elternherzen einzieht. Den ganzen Tag über hatte Dennhardt, zu Mutter -Poisson's großer Verwunderung, in seinem Arbeitszimmer sich eingeschlossen -und eine auffällige Geschäftigkeit gezeigt. Als aber der Abend hereinbrach, -ein windstiller, reiner, klarer Winterabend, so ein echter Christabend mit -Tausenden von funkelnden Sternen am weiten Himmelsdome, da schlug Dennhardt -seinen Mantel um die Schultern und wanderte hinaus nach der Düne zu dem -Grabe seiner kleinen Mimi. - -Was sich da ereignete, haben die Bewohner des Dorfes nie so recht erfahren -können; nur Vermuthungen und die Aussagen eines Hirten, der in später -Stunde seine Heerde unweit der Düne vorüber trieb, dem aber der Schreck -über den seltsamen Anblick die ruhige Beobachtung raubte, so wie einige -andere sichtbare Zeichen ließen auf den muthmaßlichen Zusammenhang -schließen. - -»Als ich,« so erzählte der Hirt, »spät am Abend mit meinen Ziegen und -Schafen unweit der Düne vorbeizog, sah ich plötzlich an der Stelle, wo das -Grab des kleinen deutschen Mädchens ist, helles strahlendes Licht ... Es -war mir, als ob eine Unzahl Flammen aus der Erde aufstiegen und immer höher -und höher wuchsen ... Und dann sah ich eine dunkle Gestalt mit flatterndem -Haar und ausgebreiteten Armen, ein Buch in der Hand, neben dem Grabe -stehen, und hörte seltsame, unverständliche Töne, die mir aber einen -solchen Schreck in die Glieder jagten, daß ich entsetzt über den Spuk mit -meiner Heerde in eiliger Flucht den Abhang hinab nach dem Dorfe zu sprang.« - -Als Dennhardt am Morgen des Weihnachtstages noch nicht wieder nach Hause -zurückgekehrt war, lief Mutter Poisson zu dem Doctor Godin und theilte -diesem ihre Besorgnisse mit. Dieser ging zum Maire und fuhr dann mit diesem -nach dem Dünenhügel. - -Beim Erblicken des kleinen Grabes stieg eine Thräne in des Arztes Auge. Der -Anblick war ein traurigrührender. Der kleine Tannenbaum auf dem Grabe war -in einen schönen buntschimmernden Weihnachtsbaum verwandelt, an dem Nichts -fehlte, weder der Erzengel von Rauschgold, noch das Zuckerwerk, noch die -goldenen und silbernen Nüsse und Aepfel. Nur die gelben Wachslichter waren -bis auf den Stumpf niedergebrannt. Es waren die Flammen gewesen, in welchen -die abergläubische Phantasie bretagnischer Hirten böse Geister erblickt -hatte. Am Fuße des Grabes, das Haupt auf den kleinen Rasenhügel gestützt, -lag der deutsche Flüchtling, bleich und entseelt, aber mit dem Ausdrucke -eines tiefen Seelenfriedens, ja einer gewissen Verklärung und freudigen -Zuversicht in den bleichen Zügen. - -Seine erstarrte Hand hielt ein aufgeschlagenes Buch; es war die Bibel. Tief -bewegt beugte sich der Arzt zu dem Entschlafenen nieder, um das Buch -aus der kalten Hand des Todten zu nehmen. Da traf sein Blick auf die -aufgeschlagene Stelle, auf welcher wohl zuletzt das Auge des Entschlafenen -geruht. - -Es waren die Worte des Apostels: - -»Siehe, ich sage euch ein Geheimniß: wir werden nicht Alle entschlafen, wir -werden aber Alle verwandelt werden. Der Tod ist verschlungen in den Sieg.« - -»Er hat das Räthsel des Lebens gelöst,« murmelte der Arzt, »er hat sein -Kind wiedergefunden.« - -Noch am selbigen Tage begrub man den Flüchtling an der Seite seines Kindes, -seinen letzten sehnlichsten Wunsch, den er häufig im Gespräch mit dem -Doctor geäußert, erfüllend. - -Jahre sind seit jenem Weihnachtsabend vorüber gegangen, aber noch heute -sieht man die beiden Gräber auf der Höhe von Morbihan. Und wenn die -Meereswogen heranbrausen zur Düne, und die Möven über die Grabhügel -hinstreichen, und es in dem Tannenbaum rauscht und flüstert, und zufällig -ein Hirt mit seiner Heerde vorüberzieht, dann ergreift er nicht mehr die -Flucht, sondern er pflückt eine Blume und legt sie auf das Grab des kleinen -deutschen Mädchens und ihres Vaters, die hier im fernen fremden Lande jene -letzte Ruhestätte fanden, welche das Ziel aller irdischen Wanderung ist. - -Die Mütter des Dorfes aber führen ihre Kinder des Sonntags häufig zum Grabe -der kleinen Mimi und erzählen ihnen die Geschichte von dem schönen kleinen -Mädchen und von dem letzten Weihnachtsbaum, den ihr Vater auf ihr Grab -pflanzte. - - * * * * * - -Und Fanny? Vergebens hat sie als Gattin des Vicomte von Grandlieu mehrere -Jahre Europa nach allen Richtungen durchstreift, um Mimi zu finden. - -Sie hat die Hoffnung endlich aufgegeben und sich mit ihrem Manne nach Paris -zurückgezogen, wo sie, trotzdem daß der Schmerz seine leserliche Schrift in -ihr schönes Antlitz gegraben, noch immer den Mittelpunkt eines glänzenden -Kreises bildet, der sich um sie gesammelt. - -Ob sie glücklich ist? Wir wagen es nicht zu glauben, denn eine Mutter -bleibt immer Mutter, und mitten in dem Geräusch der Feste durchzuckt oft -ein stechender Schmerz ihr Herz und eine düstere Trauer umflort ihre Stirn; -sie bedeckt sich die Augen und zieht sich in ihr Zimmer zurück, wo sie ihr -Gemahl dann von Thränen überfluthet auffindet. - -Ahnt sie vielleicht das Geschick ihres Kindes und des Mannes, der einst ihr -Gatte war? - -Wie dem auch sei, die Ruhe ist von ihr geflohen und sie würde vielleicht -den Rest ihres Lebens dahingeben, wenn sie ihr Geschick wieder mit dem -jener zwei Seelen vereinigen könnte, deren irdische Hüllen in jenen Gräbern -auf der Düne von Morbihan ruhen. - -Sie ruhen sanft! Und das Murmeln des Meeres ist ihr ewiges Schlummerlied! - - -Wien. Druck von Jacob & Holzhausen. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Symbole für abweichende Schriftarten: - - _gesperrt_ : =Antiqua= . - -Bei direkter Rede wurde, der überwiegenden Verwendung im Originalbuch -folgend, das Kommazeichen einheitlich jeweils vor dem schließenden -Anführungszeichen angeordnet. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidern" -- "erwiedern", -mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 5: - "Aufrüher" geändert in "Aufrührer" - (Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer) - - Seite 16: - "berühmtensten" geändert in "berühmtesten" - (in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet) - - Seite 21: - "endeckte" geändert in "entdeckte" - (Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin) - - Seite 22: - "Uebezeugung" geändert in "Ueberzeugung" - (meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit) - - Seite 25: - "«" eingefügt - (ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«) - - Seite 26: - "»" eingefügt - (antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst) - - Seite 30: - "gäng" geändert in "gang" - (die unter diesen Leuten gang und gäbe waren) - - Seite 44: - "Tühr" geändert in "Thür" - (der zwanzig Schritte von der Thür hält) - - Seite 48: - "Bellville" geändert in "Belleville" - (von der Vorstadt bei Belleville weit hinein) - - Seite 54: - "ergeizigen" geändert in "ehrgeizigen" - (Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne) - - Seite 72: - "Tühr" geändert in "Thür" - (an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses) - - Seite 84: - "«" eingefügt - (wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?«) - - Seite 100: - "Jügling" geändert in "Jüngling" - (so wie es vielleicht ein Jüngling ist) - - Seite 103: - "," eingefügt - (wilde Schweine, Luchse und Dachse) - - Seite 108: - "vierunzwanzig" geändert in "vierundzwanzig" - (bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht) - - Seite 123: - "lautlaus" geändert in "lautlos" - (und lautlos vor sich hinstarrte)] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ein kleines Kind, by Karl Wartenburg - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND *** - -***** This file should be named 60672-8.txt or 60672-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/7/60672/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Ein kleines Kind - Weihnachts-Novelle - -Author: Karl Wartenburg - -Release Date: November 11, 2019 [EBook #60672] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - - -<h1>Ein<br /> -<span class="fsl ge">kleines Kind.</span></h1> - -<hr /> - -<p class="ce lh15 fsl">Weihnachts-Novelle<br /> -<span class="fss">von</span><br /> -<span class="fsl ge">Carl Wartenburg.</span></p> - -<div class="mw42"> -<table class="mt2 tab1 fss" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Der Dienst der Freiheit ist ein schwerer Dienst,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Er bringt nicht Gold, er bringt nicht Fürstengunst;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Er bringt Verbannung, Kerker, Schmach und Tod –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dem sich die Edelsten des Volkes weihen!</td></tr> - <tr><td class="tdr"><span class="ge lh15">L. Uhland.</span> </td></tr> -</table> -</div> - -<hr /> - -<p class="ce"><span class="fsl">Wien, 1864.</span><br /> -<span class="ge">Verlag von Carl Schönewerk.</span></p> - - -<p class="pb mt6 ce lh15">Meinem einzigen, geliebten Kinde<br /> -<span class="ge fsl">Helene</span><br /> -geb. 17. August 1855, gest. 17. August 1861.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -1. Auf der Flucht.</h2> - - -<p>Noch wenige Schritte und das deutsche Land lag -hinter ihnen ... Die Flüchtlinge holten still stehend -Athem, ihre Blicke noch einmal zurückwendend zur alten -Heimath. Es waren drei Personen, ein Mann, ein -junges Weib und ein kleines Kind, das im Arme des -Vaters lag, mit sanft gerötheten Wangen den süßen -Schlaf der Kindheit schlummernd, nicht ahnend, daß es -in diesem Augenblicke das Vaterland verlor. Eine -Thräne flimmerte in den Augen des jungen Mannes. -»Lebe wohl, mein Heimathland ... mein liebes, theures -deutsches Land ... Ich verlasse dich, gejagt wie -ein Thier des Waldes von der Meute, die nach meinem -Blute dürstet. Lebe wohl und vergieb mir, daß ich dich -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -zu sehr geliebt ... Gott segne dich, mein deutsches -Land ...« Schmerz und Wehmuth erstickten seine -Stimme, er verbarg sein Gesicht in dem Lockenköpfchen -des Kindes und weinte bitterlich.</p> - -<p>Die junge Frau an seiner Seite blickte düster und -stumm hinüber nach der deutschen Grenze ... Auch -in ihren großen dunklen Augen funkelte eine Thräne, -aber es war keine Zähre des Schmerzes und der Wehmuth, -wie bei ihrem Gatten ...</p> - -<p>Zorn, Stolz, Verachtung sprühten ihre Blicke, -und die Lippen des fein geformten Mundes waren fest -aneinander geklemmt, als fürchte sie, daß ihr wider -ihren Willen ein Laut der Klage entschlüpfen könne ...</p> - -<p>So standen sie eine lange Weile, stumm und -fast regungslos, ein Jedes die Beute stürmisch fluthender -Gefühle ...</p> - -<p>Endlich richtete der Mann sein Haupt empor, -strich das blonde Haar, das ihm wirr um die Stirne -fiel, mit einer lebhaften Geberde zurück und streckte -seiner Gattin die mit einem Verbande umhüllte Rechte -entgegen: »Laß uns weiter wandern, Fanny,« sprach -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -er mit gefaßter Stimme, »hinein in die unbekannte -Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten -Vaterlande Nichts weiter mit hinüber nehme, als die -Freiheit und das Bewußtsein, für unsere Ueberzeugung -gestritten und gelitten zu haben.« Sie antwortete ihm -mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen, -ohne die dargereichte Rechte ihres Gatten zu -ergreifen ...</p> - -<p>Da raschelte es in den Büschen, welche an dem -Ufer des Baches standen, der hier die Grenze zwischen -dem deutschen und dem französischem Lande bildet. -Gewehrläufe und Helme blinkten in den Strahlen der -untergehenden Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille -streckte den Flüchtlingen mit dem Zuruf: -»Halt! ... Wer da?« ihre Bajonnete entgegen.</p> - -<p>Die Flüchtlinge standen still, doch schon im nächsten -Augenblicke hatte sich der junge Mann gefaßt und -entschlossen antwortete er: »Laßt mich ruhig meines -Weges ziehen ... Was kümmert's Euch, wer ich bin, -wer giebt Euch das Recht, hier auf diesem Grund und -Boden mich anzuhalten?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -»Wer uns das Recht giebt, Mann,« antwortete -der Patrouillenführer, indem er auf den Flüchtling zutrat -und mit der Säbelscheide auf den Boden stieß, -»hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement, -welches ich hier in meiner Brieftasche trage, worin ein -gewisser Walther Dennhardt, seines Zeichens ein Bildhauer, -der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden -thätigen Antheil genommen, verfolgt wird.«</p> - -<p>»Und wenn ich Der wäre, den Ihr sucht,« rief -der Flüchtling mit drohender Geberde, indem er das -schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte, -welche mit einer gewissen düsteren Ruhe dem Vorgange -folgte, »so habt Ihr kein Recht, mich hier auf französischem -Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt mir freie -Bahn oder ich schaffe sie mir ...« Und er zog mit der -Linken unter der Blouse eine doppelläufige Pistole hervor, -die er dem Patrouillenanführer entgegen streckte.</p> - -<p>»Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen,« -schrie der Gendarmerie-Officier, indem er den Säbel -zog, »vorwärts, Leute, faßt ihn.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -Ohne Zweifel wäre jetzt eine Scene der Brutalität, -der Kampf einer vielfach überlegenen Gewalt mit -einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben -Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und -energischen Zuruf: »<i>Halte!</i>« der von dem Saume des -Birkenwäldchens her erscholl, welches sich links an dem -Bache hinzog, stutzig gemacht worden wären.</p> - -<p>Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig -ihre Blicke nach der Richtung, von woher der -Ruf gekommen, und sahen drei junge Männer in eleganter -Kleidung, die Jagdflinte über den Rücken geworfen, -herankommen.</p> - -<p>»Was giebt es da, was geht hier vor?« frug der -Vorderste von ihnen, der einen schönen großen englischen -Wasserhund an einer langen seidenen Schnur hielt, in -französischer Sprache – und dabei glitt sein großes -dunkles Auge über die Gruppe, bis er auf der jungen -Frau haften blieb.</p> - -<p>»Wir sind eben im Begriff einen Verbrecher zu -verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer, und Sie -werden uns einen Gefallen thun, wenn Sie uns bei -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -diesem Geschäft nicht weiter stören,« antwortete in -schlechtem, aber doch verständlichem Französisch der -Gendarmerie-Officier, indem er die Hand nach dem -Flüchtlinge ausstreckte, der beim Herzutreten der drei -jungen Männer seine Waffe gesenkt hatte.</p> - -<p>»Gemach, mein Herr,« unterbrach ihn der junge -Mann, indem er zwischen den Patrouillenführer und den -Verfolgten trat, »und wer giebt Ihnen das Recht dazu?«</p> - -<p>Erbitterte es den Officier, aus dem Munde des -Fremden denselben Einwurf zu hören, den ihm der -Flüchtling entgegen gehalten, oder dürstete er zu sehr -nach Auszeichnung und Beförderung, die ihm gewiß -war, wenn er den Flüchtling einfing, genug, er vergaß -alle Rücksichten der Klugheit, und ungeduldig über die -Hindernisse, welche sich der Gefangennahme des proscribirten -Freischaarenführers entgegensetzten, rief er brüsk:</p> - -<p>»Ich weiß nicht, wer Sie zu dieser Frage berechtigt -... gehen Sie Ihre Wege und mischen Sie sich -nicht in die Angelegenheiten Anderer ... Und nun -vorwärts, Ihr Leute, nehmt den Mann und das Weib -mit dem Kinde in die Mitte.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Eine dunkle Röthe hatte schon bei den ersten -Worten des Officiers die Stirne des jungen Mannes -gefärbt, doch bezwang er sich so weit, daß er den Andern -vollenden ließ.</p> - -<p>Wie aber die Polizeisoldaten Miene machten den -Befehl ihres Vorgesetzten auszuführen, hob er drohend -seine Flinte und rief mit gebieterischer Stimme, während -er zugleich mit Anstrengung den Hund, welcher sich -vom Instinct getrieben auf den Gendarmerie-Officier -stürzen wollte, zurückhielt:</p> - -<p>»Wie? Unverschämter, antwortet man so auf eine -höfliche Frage ... Und habt Ihr,« und er trat einen -Schritt gegen den Officier vor und blickte ihn durchdringend -an, »habt Ihr vergessen, daß Ihr Euch einer -Grenzverletzung schuldig gemacht habt und auf dem -Boden der französischen Republik steht? Habt Ihr -nicht jenen Grenzpfahl gesehen?« Und er deutete auf -einen blau-weiß-rothen Grenzbaum, an welchem eine -Tafel befestigt war, auf welcher die Worte standen: -»<i>République française</i>.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -»Ich könnte Euch,« fuhr er ruhiger fort, als er -bemerkte, wie die Gendarmen nebst ihrem Führer verlegen -wurden, »ich könnte Euch festnehmen lassen und -nach Straßburg abliefern, wo man Euch den Proceß -machen würde wegen Verletzung der Republik mit gewaffneter -Hand, aber ich will Nachsicht üben ... Doch -jetzt macht schnell, daß Ihr fortkommt, oder ich schicke -Euch den Gendarmerie-Capitain Molet über den -Hals, der in dem Schlosse dort,« und er deutete auf -ein hinter dem Birkenwäldchen liegendes kleines Gebäude -»einquartirt ist.«</p> - -<p>Murrend und knurrend, wie eine Meute, die der -Befehl des Herrn von einem Stück Wild zurückruft, -welches sie eben zerreißen will, trat die Streifpatrouille -den Rückzug auf das deutsche Gebiet an und war bald -in dem Gebüsche jenseits des Baches verschwunden.</p> - -<p>Der Flüchtling streckte dem jungen Manne tief -bewegt die Hand entgegen.</p> - -<p>»Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der -nie vergessen wird, daß Sie dem heimathlosen Flüchtling -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -die Freiheit retteten, für die er im Vaterlande mit -den Waffen gekämpft.«</p> - -<p>Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand -conventionell ergreifend und mit einer Gemessenheit -des Tones, die fast überraschend abstach gegen die eben -in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wärme:</p> - -<p>»Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen -Dank schuldig ... Wenn ich zwischen Sie und Ihre -Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie für -die Grundsätze, welche Sie hegen, denn ich hasse die -Revolution und jene demokratischen Freiheitsideen, -welche jetzt die Köpfe der Menge verwirren, sondern es -geschah, weil ich sah, daß Sie Gatte und Vater sind.«</p> - -<p>Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges -die junge Frau, welche unwillkürlich erröthend zur Erde -niedersah.</p> - -<p>Ein leichter Schatten verdüsterte auf einen Moment -des Flüchtlings Stirne, als sein Befreier in so -ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines -dankerfüllten Herzens antwortete, allein er unterdrückte -dieses Gefühl rasch und sprach:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -»Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhänger -der Grundsätze sind, für welche ich gefochten und geblutet -habe ... Walther Dennhardt wird doch nie -aufhören sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn -Sie einst einen Mann suchen, der Ihnen einen großen -Dienst leisten soll, so mögen Sie meiner eingedenk -sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ... -die Sonne sinkt und es ist noch eine tüchtige Strecke -Wegs zur nächsten Eisenbahnstation. Gieb mir das -Kind, Fanny.«</p> - -<p>Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind, -welches noch immer schlummerte, und grüßte mit stummer -Verbeugung den jungen Mann und seine beiden -Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren.</p> - -<p>Auch der Flüchtling grüßte noch einmal seinen -Helfer in der Noth mit einem Blick des Danks, dann -wendete er sich zur Linken, der Heerstraße zu, welche -nach der Hauptstadt des Elsasses führte, gefolgt von -Fanny, die gedankenvoll hinaus ins Weite sah.</p> - -<p>Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie -sich noch einmal von dem Andern angerufen hörten. -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -»Ein Wort noch, mein Herr,« rief der junge Mann, -auf die Stillstehenden zugehend, »Sie wollen heute -noch nach Straßburg ... ich glaube kaum, daß es -Ihnen möglich sein wird die Stadt heute vor später -Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fünf Uhr ... in -wenigen Stunden bricht schon die Nacht an und Sie -haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Für eine -zarte Frau und für ein Kind von so jungem Alter -dürfte eine Nachtreise doch bedenklich sein.«</p> - -<p>Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine -Gattin.</p> - -<p>»O, was mich betrifft,« entgegnete die junge -Frau mit Stolz und Energie, »so brauchst Du keine -Rücksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,« -und sie deutete nach der deutschen Grenze; »ich habe es -nie geliebt ... und jeder Schritt, der mich weiter davon -entfernt, dünkt mir Gewinn zu sein.«</p> - -<p>Es waren die ersten Worte der jungen Frau, -und das reine Französisch, in welchem sie gesprochen -wurden, überraschte den Andern ebenso wie der energische -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich -in ihnen aussprach.</p> - -<p>»Sie sind eine Landsmännin von mir?« frug der -junge Franzose mit lebhaftem Tone.</p> - -<p>»Meine Frau ist Brüsselerin,« fiel der Flüchtling -ein, indem sich eine Wolke auf seiner Stirn zeigte, -»für die aber Deutschland die zweite Heimath wurde, -die sie nie aufhören sollte zu lieben ... die sie nie -schmähen sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele -erfüllt ist von Bitterkeit und dem Bewußtsein erlittenen -Unrechts.«</p> - -<p>Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als -in vorwurfsvollem Tone gesprochene Bemerkung ihres -Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort: »Ich -wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen -unter diesen Umständen vielleicht annehmbar erscheinen -dürfte. Ich bin der Besitzer dieser Fluren und jenes -Schlosses, welches Sie dort hinter dem Birkenwäldchen -sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen -Ihrer Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfügung -... Doch,« fügte er rasch hinzu, als er eine -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -gewisse Unentschiedenheit in den Zügen des Flüchtlings -zu erblicken glaubte, »doch zuvor ist es nöthig, daß -wir näher mit einander bekannt werden ... Kennen -wir doch nicht einmal unsere Namen. Ich bin der -Vicomte Edmund von Grandlieu.«</p> - -<p>»Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer -meinem Berufe nach.«</p> - -<p>»Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft -sich ja herrlich,« fiel der junge Baron von Grandlieu -ein, »ich habe eine wundervolle Antike in meinem Parke, -eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des -rechten Armes fehlt ... Sie könnten, Herr Dennhardt, -in voller Muße diesen Mangel ergänzen und mich dadurch -zum lebhaftesten Dank verbinden.«</p> - -<p>Mit einem schmerzlichen Lächeln zeigte der Bildhauer -auf seine verwundete und mit Bandagen umhüllte -Rechte. »Es thut mir in der That wehe, Herr -Vicomte, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht -beweisen kann. Ich werde wohl nicht so bald wieder -den Meißel und den Hammer führen können. Der -Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -meiner Künstlerlaufbahn für immer ein Ende -gemacht. Und nun nochmals herzlichen Dank für Ihr -gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht -annehmen können.«</p> - -<p>»Wie, Sie wollen?« erwiderte der Baron von -Grandlieu, indem er ein Gefühl der Verstimmung, welches -ihn bei der abschläglichen Antwort des Bildhauers -überkommen, unterdrückte. »Und wenn Sie vielleicht -das Schicksal nach Paris führen sollte, so vergessen -Sie dann nicht das Hôtel Grandlieu in der Rue de la -Paix.«</p> - -<p>Er grüßte, ließ noch einen lebhaften Blick auf die -junge Frau fallen und ging dann zurück zu seinen -Freunden, während die Flüchtlinge ihren Weg nach -Straßburg fortsetzten, stumm und ernst, ein Jedes mit -seinen Gedanken an die Vergangenheit und die ungewisse -Zukunft beschäftigt, ein Jedes fühlend, daß -zwischen ihnen Etwas lag, worüber es zur Erklärung -kommen mußte.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -2. Mann und Weib.</h2> - - -<p>Die Vorhersagung des Barons von Grandlieu -war in Erfüllung gegangen. Das Geschick hatte Walther -Dennhardt nebst Frau und Kind nach Paris geführt -... An einem heitern Septembermorgen war er -in der französischen Hauptstadt, die ihm schon von einem -frühern Aufenthalte her nicht ganz unbekannt war, angelangt -und hatte sich mit seiner kleinen Familie in -einer der Vorstädte, in der Nähe von Belleville, eingemiethet.</p> - -<p>Es war an einem Nachmittag, vielleicht eine -Woche nach der Ankunft in Paris, als Dennhardt mit -seinem Kinde am Fenster saß und gedankenvoll hinüberschaute -in den Park des Nachbarhauses, in welchem -der Herbstwind schon gelbe Blätter über die noch grünen -Rasenplätze trieb.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Seine Frau war mit einer Dienerin ausgegangen, -um einige Einkäufe für die häusliche Einrichtung zu -besorgen. Dennhardt hatte eine Weile mit dem Kinde -gescherzt und gespielt, bis es müde geworden das -Köpfchen an seine Brust gelehnt hatte und eingeschlummert -war.</p> - -<p>Leise und vorsichtig, um die schlafende Kleine -nicht zu erwecken, erhob er sich und legte sie behutsam -in das kleine braunlackirte Schaukelbett, welches unweit -des Fensters stand. Dann rückte er sich seinen Sessel -an die Wiege und versank von Neuem in tief-ernstes -Sinnen und gedankenschweres Brüten ... Die letzten -drei Jahre, zugleich die bedeutungsvollsten seines Lebens, -zogen an ihm vorüber. Gerade vor drei Jahren hatte -er Paris, wo er in dem Atelier eines der berühmtesten -Meister gearbeitet, verlassen, um einen Auftrag auszuführen, -welchen er von der belgischen Regierung erhalten -hatte. Er ging nach Brüssel, und hier war es -wo er Fanny kennen lernte. Sie gehörte einer reichen -adeligen Familie an, die sich lange gegen die Verbindung -mit dem deutschen Künstler, der zwar einen -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -ehrenvollen Namen in seiner Kunst, aber doch nur einen -bürgerlichen trug, sträubte.</p> - -<p>Aber Fanny war eine energische Natur; gerade der -Widerstand, den sie fand, reizte sie, und eines Tages -war sie mit Dennhardt aus Brüssel entflohen, um sich -in einer Grenzstadt an der belgisch-holländischen Grenze -mit dem Geliebten trauen zu lassen. Der Familie -blieb darauf weiter Nichts übrig, als zu der vollendeten -Thatsache ihre Zustimmung zu geben. Im Grunde -der Herzen blieb aber der Zwiespalt unausgeglichen, -und Dennhardt, Dies fühlend, verließ Brüssel, sobald -er die übernommene Arbeit vollendet hatte.</p> - -<p>Er kam nach Deutschland zurück in einer Zeit, -deren mächtiger Zug auch kältere und weniger für alles -Große und Schöne im Menschen- und Völkerleben -begeisterte Naturen in unwiderstehlicher Gewalt mit -sich fortriß, im Anfange des Jahres 1847.</p> - -<p>Welches Ringen, welches Streben, welches Kämpfen -in der Welt der Geister, auf allen Gebieten des -Lebens, der Politik, der Kunst, der Literatur, der Gesellschaft. -Die alte Weltordnung war im Begriff -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -vollends unterzugehen, auch jene letzten Trümmer noch, -welche die Revolution von 1789 übrig gelassen und -die von der Restauration von 1815 mit aller Macht -und Anstrengung aufrecht erhalten worden waren. -In Frankreich klopfte die Revolution schon an die -Thore eines Königspalastes, dessen Bewohner vielleicht -hauptsächlich deßhalb seine Krone verlor, weil er über -den schön aufgeputzten Reden und Declamationen einer -corrumpirten, mit Orden, Titeln und Aemtern erkauften -Kammermehrheit den Nothschrei und den Weheruf -des Volkes in den Straßen überhörte.</p> - -<p>In der Schweiz stand sich das Jesuitenthum von -Luzern und das freie Bürgerthum der Eidgenossenschaft -mit gewaffneter Hand gegenüber, schon witterte man in -der Luft der Schweizerberge Etwas von einem Pulverdampfe, -der wenige Monate später über die Ebene -am Gislikon wogte und in dessen Wolken das jesuitische -Sonderbündlerthum ersticken sollte ... Dazu die Bewegung -der Geister in Deutschland selbst! Seit der -Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's IV. von Preußen -war ein Ringen und Kämpfen entstanden auf den -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -Gebieten des öffentlichen Lebens, wie man es vorher in -Deutschland in dieser Weise nicht gekannt hatte. Große -und leidenschaftliche Hoffnungen hatten sich an den -Regierungsantritt dieses Königs geknüpft. Kaum ein -Jahr war verflossen, und man sah mit zweifelloser -Klarheit, daß man sich getäuscht hatte.</p> - -<p>In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft, -auf dem Gebiete der Religion, überall liefen die -Vorkämpfer der neuen Ideen Sturm gegen die alten -Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's, -Bassermann's, in der badischen zweiten Kammer fanden -einen Wiederhall in ganz Deutschland und weckten -gleiche Stimmen im Ständesaal zu Dresden, während -die Presse mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner -unterstützte. Alles rief nach Freiheit; und so unklar für -Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich die Vorstellungen, -welche sich Viele von der Freiheit machten; -das Wort hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit -gewaltiger Kraft ergriff und mit sich fortzog ... Die -»Vaterlandsblätter« Robert Blum's, Gustav Struve's -»Deutscher Zuschauer,« Keil's »Leuchtthurm« wurden -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -heißhungrig verschlungen und jedes Blatt warf neue -Funken in die schon entzündeten Gemüther. Dazu der -Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen -Johannes Ronge durch seinen berühmten Fehdebrief -aus Laurahütte an den Bischof Arnoldi von Trier zum -Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister -wegen Lösung der socialen Frage, die immer drohender -heranrückte und ihre Tirailleurs in ganzen Schwärmen -socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der ängstliche -zögernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche -den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten, – alle -diese Momente mußten eine so empfängliche Natur, -wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt -ergreifen.</p> - -<p>Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso -leidenschaftlich für die Ideen der Freiheit und Gleichheit -begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als die gewaltige Katastrophe -der Februarrevolution ausbrach, Deutschland -von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin -die Barrikaden sich erhoben, da bedurfte es der ganzen -Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die junge Frau -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die -Soldaten zu fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht, -in dieser Erzählung alle die verschiedenen Phasen -der so denkwürdigen Bewegung von 1848 und 1849 -zu schildern, wir wollen nur so viel erwähnen, daß -Walther Dennhardt und seine junge Frau sich den entschiedensten -Vorkämpfern der demokratischen Partei -anschlossen, und im Frühjahr 1849 finden wir sie in -Baden, wo die letzten Kämpfe der Bewegung ausgefochten -wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem seine -Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte, -zum ersten Mal einen Zwiespalt zwischen seinen und -Fanny's Ansichten.</p> - -<p>Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung -eines politischen Commissärs an. Er sollte mit ausgedehnten -Vollmachten nach dem Schwarzwald geschickt -werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war -dies eine Stellung ganz selbständiger Natur und von -bedeutendem Einfluß.</p> - -<p>Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als -Freischaarenführer in die Reihen der Kämpfer zu treten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -Fanny machte ihm hierüber Vorwürfe: »Warum -hast Du dieses Amt nicht angenommen?« sprach sie -»und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen -Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gäbe, die -gut zum Dreinschlagen sind. O, Ihr idealen deutschen -Schwärmer, Ihr werdet niemals eine wirkliche Revolution -zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen -revolutionären Naturen. Ueberall diese ängstliche -Bescheidenheit und Blödigkeit, die jungen Mädchen gut -steht, aber wahrlich Männern nicht geziemt, welche -eine Staatsumwälzung vollführen wollen.«</p> - -<p>»Ich kämpfe nicht aus selbstsüchtigen, persönlichen -Motiven, sondern für meine Ueberzeugung, für Deutschlands -Einheit und Freiheit; ich schlug diesen Antrag -aus, weil ich fühlte, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen -war. Als Kämpfer aber kann ich meine Pflicht -erfüllen.«</p> - -<p>Fanny lächelte spöttisch: »War es nicht ein deutscher -Dichter, Euer Göthe, welcher das Wort vom -Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit -und Einheit Deutschlands erkämpft ist, wird es -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -noch immer Solche geben, die befehlen, und Solche, -welche gehorchen müssen. Hast Du so große Lust zu den -Letztern zu schwören?«</p> - -<p>»Weder zu den Einen, noch zu den Andern ... -ich will Nichts weiter als ein freier Bürger im freien -Vaterlande sein. Doch lassen wir Das,« sprach er -abbrechend, »diese Erörterung ist überflüssig ... und -schmerzlich dabei ist mir nur das Eine, daß Du, Fanny, -so wenig meine Grundsätze und Ueberzeugung kennst.«</p> - -<p>Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten -immer verhängnißvoller wurde, der Sieg der -Sache, für welche Dennhardt die Waffen in feuriger -Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mußte -er manche bittere Bemerkung seines Weibes hinnehmen, -und obwohl widerstrebend mußte er sich doch gestehen, -daß Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung -seine politischen Bestrebungen gebilligt und an -ihnen Theil genommen hatte, sondern aus ganz andern -Beweggründen. Zur vollen Gewißheit darüber gelangte -er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins, -wo er nur durch das Dazwischentreten des französischen -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -Barons vom Kerker errettet wurde. Dennhardt -hatte Fanny Vorwürfe über ihr gehässiges Wort gegen -Deutschland, das sie dem Baron von Grandlieu gegenüber -ausgesprochen, gemacht.</p> - -<p>Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede -all die Bitterkeit entquollen, die sich lange in ihr angehäuft -hatte.</p> - -<p>»Du willst mir Vorwürfe machen,« hatte sie ihm -erwiedert, »daß ich mit Worten des Hasses und des Abscheues -von Deinem Deutschland gesprochen habe. Kann -ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland -haben? Ist es nicht das Grab aller meiner Hoffnungen -und Träume geworden, hat es mir etwas Anderes -als Täuschungen geboten?«</p> - -<p>Und als Dennhardt sie mit einem großen fragenden -Blicke angesehen, hatte sie unter dem Eindrucke -einer sich immer höher steigernden Erregung weiter -gesprochen:</p> - -<p>»Du weißt es, Walther, als ich Dein Weib wurde, -da liebt' ich Dich stark und innig. Aber ebenso liebte -ich auch Deinen Künstlerruhm, den Namen, den Du Dir -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du, -daß ich, die Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein -Herz und meine Hand gegeben hätte, wenn Du ein -unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann -ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«</p> - -<p>»Wie!« unterbrach sie bei diesen Worten ihr -Mann mit schmerzlichem Ausdruck in Rede und Geberde, -»so war es nicht der Mann, den Du in mir -liebtest, sondern der Künstler, nicht Walther, sondern -der Bildhauer Dennhardt?!«</p> - -<p>»Ich kann den Einen nicht von dem Andern -trennen. Ich sah in Dir den gefeierten Künstler und -den Mann von Geist und Kraft, der ringend und strebend -seine Hand nach dem Höchsten auszustrecken wagt, -das uns vom Leben dargeboten wird. Und nun ...«</p> - -<p>»Bin ich ein heimathloser Flüchtling,« fiel -Dennhardt mit schmerzlicher Bitterkeit ihr ins Wort, -»der das bittere Brod der Verbannung essen muß und -Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten! -aus Deinem Munde zu hören, Das brennt mich mehr -als es jemals diese Wunde hier gethan.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten -Stolzes hervor.</p> - -<p>»Du kennst mich wahrlich schlecht,« antwortete sie -leidenschaftlich, »wenn Du glaubst, daß es die Furcht -vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals ist, was -mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, daß ich deßhalb -in Vorwürfe und Klagen ausbreche, weil die -Sache, für welche Du gefochten, unterlegen ist ... -Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, daß Du -nicht zu jenen kühnen und energischen Naturen gehörst, -welche zu den Höhen des Lebens emporstreben.«</p> - -<p>»Sprich nicht weiter ...« unterbrach sie Walther -mit einer Geberde und einem Ausdruck in Blick -und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken -mußte, »ich weiß genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen -... Also nicht die gleiche Ueberzeugung, wie -ich sie habe, die Ueberzeugung, für eine große, gerechte -und edle Sache zu kämpfen, war es, welche Dich beseelte, -nicht die Uebereinstimmung mit den Grundsätzen -Deines Gatten, die Liebe zur Freiheit sprach aus Dir, -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -sondern die Leidenschaft zu herrschen und zu glänzen, -jener ungezügelte Ehrgeiz, für den die Ideen nur die -Mittel zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke sind. -Mein Ruf und Ruhm als Künstler, den ich mir in -strenger Arbeit meines Berufs erworben, er genügte -Dir nicht mehr, Dein nach äußerer Ehre und glänzender -Lebensstellung dürstendes Herz begehrte mehr ... -Suche weder mich noch Dich selbst zu täuschen, Fanny, -Du bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so -empfindet ... Ich habe in dieser sturmbewegten Zeit, -wo alle Kräfte und Elemente der Menschen- und Volksnatur -entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden, -welche von gleichen Gefühlen bewegt wurde; aber nie -hätte ich geglaubt, daß Du auch zu ihnen gehörtest. -Es muß wohl wahr sein,« setzte er mit einem bittern -Lächeln hinzu, während der Ton seiner Stimme zu -einem dumpfen Murmeln herabsank, »es muß wohl -wahr sein das alte Wort, daß die Liebe Diejenigen -blendet, welche ihr unterthan sind.«</p> - -<p>So endete jenes Gespräch auf der Flucht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten -ein inniges Verhältniß zwischen den beiden Gatten -fortbestehen?</p> - -<p>Ein Jedes von ihnen fühlte nur zu deutlich, daß -Dies nicht möglich sei.</p> - -<p>Wenn Walther und Fanny gewöhnlichere Naturen -gewesen wären, so hätte vielleicht mit der Zeit eine -Ausgleichung stattgefunden.</p> - -<p>Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprägte -Charaktere; der ideale Zug Walther's, der ihn zum -Märtyrer für die Freiheit gemacht, die uneigennützige -Hingabe an eine große und heilige Sache stand in -schroffem und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's -Wesen. Ihr Gatte hatte nicht Unrecht gehabt, als er -sie vor Selbsttäuschung warnte, die junge Frau war -sich in der That über den Ursprung ihrer Empfindungen -und Meinungen nicht klar.</p> - -<p>Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib -oder eine Emancipirte, wie es deren während der Bewegungsjahre -eine ziemliche Anzahl unter den Frauen -gab. Nicht die Begeisterung für die großen Ideen der -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -Demokratie hatte sie beseelt, sondern ganz andere Motive -hatten sie zur Anhängerin der Bewegung gemacht.</p> - -<p>Dennhardt lebte, wie wir schon erzählt, vor dem -Ausbruche der Märzrevolution in einer deutschen Residenzstadt.</p> - -<p>Sein Beruf brachte ihn in häufige Berührung -mit der sogenannten vornehmen Gesellschaft. Frauen -und Männer aus diesen Kreisen besuchten sein Atelier, -fast täglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen -des königlichen Hofs vor seinem Hause.</p> - -<p>Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit -der vornehmen Kasten in unserm Deutschland; -trotzdem, daß Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde -von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau -doch die geselligen Kreise dieser Besucher verschlossen. -Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter eines hohen -Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wäre!</p> - -<p>Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war -und wollte nicht mehr sein als der Bildhauer Walther -Dennhardt. Es half ihm Nichts, daß sein Name in -der Kunst ein hoch geachteter, sogar berühmter war, -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -all sein Künstlerruhm öffnete ihm nicht die Thüren zu -jenen aristokratischen Salons, in welchen Abends die -Herren und Damen über die Statuen und Gruppen -plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert -hatten. Ihm persönlich war Dies nun freilich -sehr gleichgültig. Dennhardt würde selbst diese geselligen -Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen -überhäuft hätte.</p> - -<p>Er war ein principieller Gegner der Anschauungen, -die unter diesen Leuten gang und gäbe waren, er -war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat, als -daß er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten -hätte wohl fühlen können. Hätte er ihnen doch sogar -gern seine Werkstatt geschlossen, wenn Dies möglich -gewesen wäre. Außer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter -Freunde, welche theils Künstler, theils Gelehrte, -Schriftsteller, Aerzte, Advokaten waren, bewegte -sich Dennhardt häufig in jenen Volkskreisen, wo der -Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit -durch die Naivetät der Empfindung und durch die -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -selbstlose Hingebung an oft selbst mißverstandene Ideen -aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny.</p> - -<p>Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen -Geschlechts, welche dem jungen deutschen -Künstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus Trotz -gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben, -sie mit ihrem stolzen Sinn, der gewöhnt war an Glanz -und Huldigungen, sie, die schöne junge Frau, nicht ganz -frei von jener Koketterie, welche unbekümmert um die -Wunden, die sie schlägt, so gern stolze Triumphe feiert, -sie fühlte sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der -vornehmen Kaste verletzt, gekränkt.</p> - -<p>War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als -der dieser hochmüthigen deutschen Baroninnen und -Gräfinnen, war sie nicht ebenso schön, vielleicht noch -schöner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge -dieser vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen, -bei den Festen des königlichen Hofes erscheinen zu dürfen, -die den gesellschaftlichen Ton angaben und deren Namen -stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der -Gesellschaft gesprochen wurde?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's -stolze Natur nicht aufs tiefste dadurch hätte verletzt -fühlen sollen. Ihr Haß gegen jene vornehme Kaste -steigerte sich täglich, mit fieberhafter Hast las sie die -Werke der französischen und deutschen Socialisten -und verfocht in den Kreisen der Freunde ihres Mannes -die Grundsätze der socialen Gleichheit mit einer Leidenschaftlichkeit, -wie man sie nur bei heißblütigen Frauennaturen -findet.</p> - -<p>So geschah es, daß Fanny ihrem Gatten als -begeisterte Anhängerin der Grundsätze, für welche er -selbst das Leben einzusetzen bereit war, erscheinen -mußte.</p> - -<p>Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum -heimathlosen Flüchtling werden ließ, kannte er die tiefe -Kluft, welche zwischen seinen und seiner Gattin Ideen lag.</p> - -<hr /> - -<p>Dies Alles bei sich im Geiste erwägend, saß Dennhardt -an dem Herbstnachmittag an der Wiege seines -Kindes in jenem Hause der Vorstadt von Belleville.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -3. Ein kleines Kind.</h2> - - -<p>Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter -nordischer Winter mit Schneegestöber und schneidender -Kälte. Weihnachten, das heilige Fest, an welchem die -Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen -Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor -der Thür.</p> - -<p>Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf -die dunklen Fluren die geweihte Nacht, die einst mit -den erhabenen Worten der Verheißung: »Ehre sei Gott -in der Höhe und Friede auf Erden!« den armen Hirten -verkündigt wurde.</p> - -<p>Friede auf Erden! Hohe, schöne Botschaft der -himmlischen Heerschaaren! Aber wo ihn suchen, um ihn -zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Felde Palästina's sangen? In der Natur, wo oft urplötzlich -entfesselte Kräfte mit wilder dämonischer Gewalt -losbrechen, Zerstörung und jähe Vernichtung in -ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des -Waldes, die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe -sich zerfleischen? Oder bei den Menschen? Vielleicht in -ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe Priester, -der über Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die -schleudert, welche andern Glaubens sind? Oder in den -Schulen und Hörsälen, wo die Quellen der Weisheit -fließen und die Jünger der Wissenschaft, die nach derselben -einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre -beste Kraft vergeuden in fruchtlosem Gezänke über leere -Formen? Oder in den Palästen der Könige, wo feile -Schmeichler das Ohr der Mächtigen vergiften und -Zwietracht und Furcht säen zwischen Volk und Fürst? -Und wenn Ihr wie jener Unselige, der den Heiland mit -der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle stieß, -Jahrhunderte lang über den Erdball wandertet, Ihr -würdet ihn nimmer an diesen Stätten finden jenen -stillen sanften Frieden, nach welchem unser Herz sich so -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden -blutend, die ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im -wilden Schmerze zusammenzuckt. So sucht den Frieden -an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden -Weibes!</p> - -<p>Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold -mit edlem Metall verwechselt, dann müßt Ihr gestehen, -daß die echten Freunde wie die liebenden Frauen -so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die -Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster -Sehnsucht nach einem Glück gequält werden, welches -auf Erden nie zu finden ist. So suchen wir vergebens -den Frieden auf Erden? »Suchet und Ihr -werdet finden!« Suchet ihn da, wo ihn jener Mann -gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche Land -verlassen und nach der großen Stadt Paris fliehen -sehen, wo er seit vier Monaten mit Weib und Kind -weilt.</p> - -<p>Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther -Dennhardt sitzt in demselben Zimmer, in welchem wir -ihn an jenem Septembernachmittage brütend fanden, -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -vor einem Tisch, um den Christbaum für sein Kind -zu schmücken, für sein liebes kleines Kind.</p> - -<p>Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem -Wiegenbett, die kleine Mimi, die vor zwei Monaten -ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.</p> - -<p>Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen, -ein leichter Aufschrei, und mit einem Sprunge -ist der Vater an des Kindes Wiege.</p> - -<p>»Ausgeschlafen, meine kleine Mimi?« lächelte er -dem Kinde entgegen, während ein goldiger Freudenschimmer -des ernsten Mannes Züge verklärt. Und das -Kind streckt ihm mit dem süßen Rufe »Papa« lächelnd -die kleinen runden Arme entgegen.</p> - -<p>Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine -rosige Gesicht mit Küssen, während Mimi mit ihren -Händchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt die -Kleine den grünen Tannenbaum mit den goldenen Nüssen -und silbernen Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und -in die Hände klatschend stößt sie einen hellen Schrei aus.</p> - -<p>Mit einem Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit -betrachtete Dennhardt die kleine Mimi, welche nach -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die Herrlichkeiten -des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles, -die kleine Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine -Welt, sein Ideal. Es war ein herziges, liebes Kind, -ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's Phantasie -in ihrer glücklichsten Stunde nicht reizender träumen -konnte.</p> - -<p>Die blonden weichen Locken, welche den kleinen -Kopf umwallten, die lieben braunen Augen, welche so -frisch in die Welt hineinblickten, das rosige Plappermäulchen, -hinter dessen rothen Lippen schon der weiße -Schmelz der ersten Zähne hervorglänzte, das weiche -runde Kinn mit dem kleinen Grübchen, die helle Stirn -mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein kälteres -Herz, als es das Herz eines Vaters ist, hätte die -Kleine lieben müssen.</p> - -<p>Da klingelte es draußen an der Thüre des Vorzimmers, -leichte Schritte wurden hörbar. Die Kleine -hob das Köpfchen von der Schulter des Vaters und -fröhlich in die Händchen klatschend rief sie: »Mama ... -Mama ...«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -Fanny trat ein.</p> - -<p>»Mimi!« und Hut und Mantel abwerfend eilte -sie auf die Kleine zu, welche ihr jauchzend entgegenzappelte.</p> - -<p>Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und -zog es an ihre Brust, das kleine Köpfchen mit unzähligen -Küssen bedeckend.</p> - -<p>Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser -Scene gewesen, Zeuge von den Ausbrüchen der leidenschaftlichen -Zärtlichkeit gegen das kleine reizende Wesen, -der würde sicher geglaubt haben, daß in dieser kleinen -einfachen Wohnung des deutschen Flüchtlings sich ein -Tempel des häuslichen Glückes aufgerichtet, wie man -ihn in Millionen von Palästen und Hütten vergebens -sucht.</p> - -<p>Und doch hätte er nur den einen Blick, welchen die -beiden Gatten bei ihrem Wiedersehen mit einander -wechselten, auffangen müssen, um zu erkennen, daß dieses -Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die -Beiden an einander fesselte. Wem aber jener Blick noch -nicht Alles gesagt, der hätte an dem Tone von Walther's -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -Stimme erkannt, daß hier zwei Herzen neben einander -schlugen, die sich so fremd geworden waren, daß keines -mehr den Schlag des andern verstand.</p> - -<p>»Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so -lange in das Schlafzimmer, bis ich den Baum angezündet -habe. Wo sind die Puppen und die anderen -Sachen?«</p> - -<p>»Der Commissionär wird sie auf dem Vorsaal -abgelegt haben,« entgegnete die junge Frau, in das -Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so -eisig war, wie der Nordwind, der vom Montmartre -herab durch die Straßen der Stadt fegte.</p> - -<p>Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten -Blicke nach.</p> - -<p>»Wir beide haben mit einander abgeschlossen,« -sprach er für sich, »aber das Herz des Kindes sollst Du -mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib, das -nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und -jenen Flittertand, dem die Narren nachjagen, um darüber -das wahre echte Glück des Lebens, den Frieden des -Herzens zu verlieren.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange -seiner Stimme drückte sich bei diesen Worten etwas -Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese -Worte so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa -wie ein Professor auf dem Katheder über einen Satz -der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte er mit -Kämpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male -hätte bestehen können. Dann trat er an den Tisch, -um den Christbaum anzuzünden und den Weihnachtstisch -für seine kleine Mimi herzurichten.</p> - -<p>Es war finster draußen, der Wind trieb dichte Wolken -von Schneeflocken durch die Straßen und gegen die Fenster -der Häuser, die Bäume des Parks stöhnten und seufzten -unter der Gewalt des Wintersturmes – in der Brust -des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem -Kinde den ersten Christbaum anzündete, da leuchtet es -in diesem Augenblicke auf von hellem, warmem Sonnenschein. -Seine Mimi war es ja, für die er die -Lichter des Tannenbaums anbrannte, ihr gehörten alle -die bunten flimmernden Herrlichkeiten dieses Tisches, -dem kleinen holden Engel, welchen ihm die gütige Gottheit -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten -der Wirrsale seines wild bewegten Lebens.</p> - -<p>Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die -Hände, die Thür des Nebenzimmers öffnete sich und -mit einem Male strömte der helle Lichtglanz in das -dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi -stand, sprachlos die Händchen in einander gefaltet, ein -Bild lieblichsten Erstaunens. Ein Wonneschauer seligsten -Entzückens ging durch des Mannes Seele.</p> - -<p>Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz -erbeben lassen, viele und schöne, aber eine reinere, -unschuldigere, süßere Freude, als ein liebend Elternherz -empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die -Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch -nach langen, langen Jahren durch das Dunkel des -Lebens uns seinen magischen Schimmer nachsendet, eine -sanftere, beglückendere Freude giebt es nicht auf dem -Erdenrund.</p> - -<p>Aber auch Fanny vergaß in dieser Minute alle -die Dissonanzen ihres jetzigen Lebens und versenkte sich -ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still war es -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach -schwebte und seinen Gruß dem blonden Engelsköpfchen -mit den lieben braunen Augen zuwinkte.</p> - -<p>Allmälig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen. -Anfangs mit zögerndem, dann mit lebhafterem -Schritte näherte sie sich dem Weihnachtstische, und als -sie endlich dicht vor den schimmernden Herrlichkeiten -stand, stieß sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und -faßte mit beiden Händen nach der nächsten Puppe, die -sie zärtlich an ihr kleines, vor Aufregung und Freude -laut klopfendes Herz drückte.</p> - -<p>O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe -liegt in eines Kindes Brust, wie sollte er gehütet werden -von Denen, welchen Gott die Kinder zur Obhut anvertraut, -und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet -dieses Geschenk des Himmels, wie wird Stück für Stück -dieser Juwelen der Liebe den kleinen Kinderherzen geraubt, -Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und wenn sie -endlich groß sind, dann sind sie so bettelarm geworden, -daß sie die wahren Juwelen der Liebe von den falschen, -unechten nicht einmal mehr unterscheiden können. Es -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche -Liebkosungen, welche Zärtlichkeiten empfängt sie, wie -offenbart sich an dem Kinde und seiner ersten Puppe -ein so schöner rührender Zug edelster Menschlichkeit. -Es fühlte das kleine Kinderherz die Hülflosigkeit seiner -Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Händen -und Beinen und dem runden rothen freundlichen Gesicht -so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge angewiesen -ist. Und nun füttert die Kleine das arme Püppchen -und giebt ihm zu trinken, Kuchen und Milch, gerade -wie es Mama mit ihr zu thun pflegte, und wickelt sie -in ihre Schürze, daß sie nicht friert die arme Kleine, -und macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und -drückt sie zärtlich an die Brust und schläft endlich mit -ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm.</p> - -<p>Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit -ihrer Puppe und des Kindes Wange ruht an der ihres -kleinen Schützlings und um die Lippen des Kindes -schwebt noch das letzte Lächeln, mit dem sie ihre Puppe -angelächelt, schon halb im Schlummer, umgaukelt von -den rosigen Engeln der Kinderträume. Da erhebt sich -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -die junge Frau und verläßt das Zimmer, Hut und -Shawl ergreifend, und steigt die Treppe hinab und -öffnet das Haus und steigt in einen Wagen, der zwanzig -Schritte von der Thür hält und dann mit ihr fortrollt.</p> - -<p>Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege -seines Kindes.</p> - -<p>Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis -auf eine einzige Kerze, welche mit ihrem matten -Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wänden -und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums -ihre Schatten werfen. Der Geruch des Wachses -durchzieht vermischt mit dem harzigen Tannenduft die -Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die -goldenen Nüsse und silbernen Aepfel magisch hervor. -Erinnerungen an alte längst verklungene Zeiten gehen -durch des Flüchtlings Seele. Die freundlichen Geister -seiner Kindheit schlüpfen aus den Zweigen des Tannenbaums -hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem -großen Paris in eine kleine Stadt, inmitten der grünen -Berge Thüringens. Sie führen ihn durch die Flur -eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, über den -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -dunklen Vorsaal in ein kleines Kämmerchen, dicht an -dem Wohnzimmer. Und wie er so in der dunklen -Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet, -der sich verstohlen durchs Schlüsselloch schleicht und -leise über die Diele hingleitet, da ist es ihm auf einmal, -als wäre sein ganzes späteres Leben nur ein Traum -gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht geträumt. -Er ist wieder der zehnjährige Knabe mit den langen -blonden Locken, das fröhliche Kind, welches durch das -Schlüsselloch blinzelt, um Etwas von den Geheimnissen -der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut -wird, zu erlauschen.</p> - -<p>Da öffnet sich plötzlich die Thür, ein blendend -heller Lichtstrom dringt in die dunkle Kammer, mit -glücklichem Lächeln betrachten die Eltern den überraschten -Knaben, der zögernd einige Schritte gegen den Tisch -wagt, wo unter den Zweigen des Christbaums in rosig -schimmerndem Kleide mit goldenen Flügeln ein Weihnachtsengel -sitzt und ihm mit dem Finger winkt.</p> - -<p>Da verwirren sich ihm plötzlich die Gedanken. Er -kennt den Weihnachtsengel und die lieben guten Augen -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -seines lieblichen Gesichts, er hat oft mit ihm gespielt -und getändelt, den kleinen Engel in seinen Armen -herumgetragen, ihn geküßt und geherzt, er hat ihn beim -Namen gerufen, und doch weiß er in dem Augenblicke -nicht, ob er ihn Lenchen nennen soll, wie sein einziges -kleines Schwesterchen hieß, das so bald von den Engeln -des Himmels hinaufgetragen wurde zu den blauen -Wolken, oder ob er Mimi heißt, wie sein liebes süßes -Kind. Wie wenn zwei Wasserströme sich vereinigen -und ihre Wellen sich vermischen, so fließen jetzt in -Dennhardt's Traumgebilde Vergangenheit und Gegenwart -zusammen.</p> - -<p>Da schlägt ein Laut an sein Ohr, ein süßer, lieblicher -Laut, der ihn von den Todten auferwecken könnte.</p> - -<p>»Papa ... lieber Papa ...« Und gebrochen ist -plötzlich der Bann, mit dem der Traumgott ihn bestrickt.</p> - -<p>»Meine Mimi,« ruft er und beugt sich über die -Kleine, die mit heißen Wangen in ihrer Wiege liegt, -im Halbschlummer plaudernd, noch aufgeregt von den -Eindrücken des Abends, die sie noch im Traume verfolgten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -»Schlummere, mein kleiner Engel,« murmelte -Dennhardt und legte seine Hand leise auf des Kindes -heiße Stirn, während er sein Haupt leicht auf den -Rand der Wiege stützte. Da erlosch auch die letzte -Kerze, im tiefen Dunkel lag das Zimmer und herab -senkte sich auf Vater und Kind jener sanfte ruhige -Schlummer, der den Gerechten geschenkt wird, die reinen -Herzens sind.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -4. Ein Gespräch und seine Folgen.</h2> - - -<p>Fanny hatte doch das Herz geklopft, als sie -ihren Fuß auf den Tritt des Wagens setzte, der sie von -der Vorstadt bei Belleville weit hinein in das Herz von -Paris führen sollte.</p> - -<p>Dieser Schritt, Das fühlte sie klar, war ein Bruch -mit der Vergangenheit, ein entschiedener Bruch, der -nicht mehr zu heilen war. Manch innerer schwerer -Kampf war vorausgegangen, ehe sie ihn wagte.</p> - -<p>Bevor wir aber die junge Frau auf ihrer nächtlichen -Fahrt nach Paris hinein begleiten, müssen wir -von einer Begegnung erzählen, die vielleicht einen -Monat vor Weihnachten stattgefunden hatte.</p> - -<p>Fanny war in die innere Stadt gefahren, um hier -einige Einkäufe zu besorgen. Etwas ermüdet war sie -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -dann in ein Café des Boulevard Italien getreten, um -eine Erfrischung zu nehmen, als mit einem halb unterdrückten -Ausruf der Freude ein junger eleganter Mann -auf sie zutritt.</p> - -<p>»Welch glücklicher Stern, der mich Ihnen, Madame, -zwei Tage nach meiner Ankunft in Paris -begegnen läßt!«</p> - -<p>Die junge Frau überfliegt mit einem überraschten -Blicke die Züge und Gestalt des Mannes und die Erinnerung -an jene Scene an den Ufern des Rheins steigt -in ihrer Seele auf.</p> - -<p>»Der Herr Vicomte von Grandlieu,« entgegnete -sie, »ist das nicht Ihr Name, mein Herr?« Und ohne -die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie -fort: »O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich -ihm mittheile, daß Sie in Paris sind.«</p> - -<p>Der Vicomte unterbrach sie:</p> - -<p>»Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten, -Madame, sondern von Ihnen und von Ihrem Leben -in unserm großen prächtigen Paris.« Und er lud sie -durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -einem der kleinen Marmortische des Salons Platz zu -nehmen.</p> - -<p>»Dieses Leben ist so einfach, daß man kaum darüber -sprechen kann. Vielleicht würde ich mich darüber beklagen, -wenn ich nicht ein Kind hätte, das ich anbete -und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen läßt.«</p> - -<p>Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese -Bemerkung der jungen Frau, und ein leiser Schatten -glitt über seine Züge.</p> - -<p>»So sind Sie sehr glücklich, Madame, denn -ich habe oft gehört, das die Liebe der Mütter zu ihren -Kindern in einem gewissen Verhältnisse zu der Liebe -gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten, -so müssen Sie gewiß den Vater dieses Kindes sehr -lieben. Und was bedarf es mehr, um glücklich zu sein?«</p> - -<p>»Solche allgemeine Sentenzen,« entgegnete die -junge Frau, indem sie das Auge vor dem funkelnden -Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte, -»mögen zuweilen Recht haben, zuweilen lügen sie -aber auch.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender -junger Mann, der sich im Umgange mit den -Frauen von Paris eine Kühnheit der Sprache angewöhnt, -die oft verletzt hätte, wenn sie nicht gemildert -worden wäre durch einen Ausdruck von Ehrerbietung -in Miene und Geberde und im Ton der Stimme: -Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche -indiscrete und kühne Frage verziehen.</p> - -<p>»Sollte bei Ihnen, Madame,« frug er mit schüchternem -Ausdruck und niedergeschlagenen Augen, wie -ein Schüler von sechszehn Jahren, welcher der Auserwählten -seines Herzens seine erste schüchterne Liebeserklärung -stammelt, »sollte bei Ihnen jener Gemeinspruch -eine Ausnahme machen?«</p> - -<p>Eine dunkle Röthe flammte über das Gesicht der -jungen Frau.</p> - -<p>»Und wenn Dies der Fall wäre, welches Interesse -könnten Sie, Herr Vicomte, haben, Dies zu wissen?« -frug sie mit leiser Stimme und ohne die Augen von dem -Parquet des Salons zu erheben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -»Oh, Madame!« rief der junge Mann mit leisem -und bebendem Tone. Eine ganze Rede würde nicht -beredter, nicht ausdrucksvoller gewesen sein, als dieser -kurze Ausruf, der so einfach, so natürlich war und doch -so Viel errathen ließ.</p> - -<p>Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, eine jener -Pausen, in denen statt des Mundes nur das Herz -spricht, in denen man die Worte und Empfindungen -des Andern in dessen Augen lesen muß.</p> - -<p>Der Vicomte war es, welcher das Stillschweigen -brach. Er war ein sehr gewandter Mann, welcher -wußte, daß so stolze Naturen wie Fanny sehr behutsam -behandelt werden müssen.</p> - -<p>»Und wissen Sie, Madame,« begann er das -Gespräch in einem Tone, der den Ausdruck achtungsvoller -Vertraulichkeit trug, ohne jene durchschimmernde -Leidenschaftlichkeit, welche dem vorhergehenden Gespräch -einen so eigenthümlichen Charakter aufgeprägt hatte, -»wissen Sie, welche Angelegenheit mich schon so früh -nach Paris geführt und mich den Freuden der Jagd in -meinen schönen Wäldern so bald Adieu sagen ließ?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Die junge Frau lächelte mit einer verneinenden -Geberde.</p> - -<p>»Die Politik,« fuhr der Vicomte fort, »ich bin -Deputirter der Nationalversammlung, und ich und -meine Freunde halten es für hohe Zeit, diesem republikanischen -Komödienspiel ein Ende zu machen und Frankreich -seinem rechtmäßigen Herrscher wiederzugeben.«</p> - -<p>»Wen nennen Sie den rechtmäßigen Herrscher -Frankreichs?« frug Fanny, überrascht, in dem Vicomte, -welchen sie bis jetzt blos für einen jungen Elegant gehalten, -auch einen Politiker zu entdecken.</p> - -<p>»Wie, Madame?« rief der junge Edelmann lebhaft -aus, »können Sie einen Augenblick daran zweifeln, -daß ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der -Tuilerien sehen will, als das mit den königlichen Lilien -von Frankreich? Wir Söhne des alten Frankreich -kennen nur Einen rechtmäßigen Herrscher und das ist -Heinrich V.«</p> - -<p>»Und haben Sie wirklich gegründete Hoffnung, -Ihren König wieder auf dem Throne Frankreichs zu -sehen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -»Sie können noch zweifeln, Madame? Ehe ein -Jahr vergeht wird der Enkel König Karl's X. in dem -Schlosse seiner Ahnen wohnen.« In seiner lebhaften -Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die -Pläne der Legitimisten in der Nationalversammlung -mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der -Ordnung zuvörderst die Nationalversammlung und die -Republik in den Augen des Volks zu entwürdigen -suchen müßten, um dann mit einem kühnen Schlage -die weiße Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzählte -Das in einem Tone der Vertraulichkeit, mit einem -Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es -vielleicht einem Freunde gegenüber thut, aber nicht einer -jungen Frau; er schien ganz zu vergessen, daß nicht ein -Mann, ein Politiker vom Fach ihm zuhörte, sondern -eine schöne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in -die französischen Parteiverhältnisse eingeweiht war, um -für diese Dinge ein großes Interesse zu hegen.</p> - -<p>Für Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des -Vicomte ein Reiz, dem sie sich nicht entziehen konnte. -Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne, daß -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -der Vicomte ihr gegenüber nicht blos den liebenswürdigen -Mann, sondern auch den Politiker zeigte; sie -mußte voraussetzen, daß der Vicomte sie für bedeutender -hielt als tausend ihres Geschlechts, für welche er vielleicht -galante, zärtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gespräch, -welches sich um so wichtige Interessen drehte, gehabt -hätte. Und als sie sich endlich trennten, da erhielt -der Vicomte nach kurzem Zögern das Versprechen der -jungen Frau, einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung -beizuwohnen, in welcher die legitimistische -Partei einen Antrag auf Zurückberufung der -Prinzen des Hauses Bourbon stellen würde.</p> - -<p>Gegen ihren Gatten schwieg sie über das Zusammentreffen -mit dem Vicomte. Es war das erste Geheimniß, -welches sie vor ihrem Manne verbarg, es -sollte nicht das letzte sein.</p> - -<p>Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hörte -sie auf der Damentribüne der Nationalversammlung den -Vicomte von Grandlieu für die Aufhebung der Verbannungsgesetze -gegen die Prinzen des Hauses Bourbon -sprechen. Der junge legitimistische Edelmann sprach mit -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -Feuer und einer gewissen Eleganz des Ausdrucks, welche -die vornehme Damenwelt des Faubourg St. Germain, -die in ihren glänzendsten Toiletten auf der Zuhörertribüne -erschienen war, zu den lebhaftesten Beifallsbezeigungen -hinriß.</p> - -<p>Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor, -der ihm eine so schmeichelhafte und rauschende -Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt theilnahmlos -an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen, -Gräfinnen und Baroninnen vorüber und blieb -an der Gestalt einer jungen Frau haften, die in einem -einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um -die Schultern gezogen, den Oberkörper leicht an eine -Säule der Tribüne gestützt, mit strahlenden Blicken -den Triumph betrachtete, welchen der Vicomte feierte.</p> - -<p>Purpurröthe färbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des -Vicomte begegnete, ein leiser Schauer ließ ihre schlanke, -zarte Gestalt erbeben, und wie von einer plötzlichen -Schwäche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurück. Aber -trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen, -welche dem Blick des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -auf sie richteten. Sie hörte leise Flüsterworte, wie -eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte.</p> - -<p>»Ein interessantes Gesicht,« sprach eine alte -Herzogin zu ihrer Nachbarin, einer jungen blonden -Gräfin, »nur etwas zu selbstbewußt.«</p> - -<p>»Sie ist wirklich reizend,« gab die junge Frau -zurück, während sich ein leichter Seufzer ihrem Busen -entrang; »aber wer mag sie wohl sein?«</p> - -<p>Nach Beendigung der Sitzung erwartete der -Vicomte die junge Frau am Portal und hob sie in -seinen bereitstehenden Wagen. Dann nahm er ihr gegenüber -Platz und befahl seinem Kutscher nach dem Boulogner -Wäldchen zu fahren. Es verging eine Viertelstunde, -ehe zwischen den Beiden ein Wort gewechselt -wurde, aber eine desto lebhaftere und innigere Sprache -redeten die Augen.</p> - -<p>»Sie haben heute eine Schlacht gewonnen,« begann -Fanny endlich.</p> - -<p>»Sie wollen sagen: wir sind besiegt, aber nicht -geschlagen worden; denn wenn unser Antrag auch nicht -angenommen wurde, so geschah Das nicht deßhalb, weil -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -man unsere Gründe durch Gegengründe widerlegte, -sondern weil man uns durch das Gewicht der Mehrheit -erdrückte.«</p> - -<p>Eine Kutsche, in welcher jene alte Marquise und -die junge blonde Gräfin von der Zuhörertribüne der -Nationalversammlung saßen, rollte vorüber.</p> - -<p>Der Vicomte von Grandlieu grüßte mit einer -Verbeugung, während ein leiser spöttischer Zug um -seine Lippen schwebte.</p> - -<p>»Die arme Gräfin,« sprach er zu Fanny gewendet, -»sie war blos deßhalb auf die Tribüne gekommen, um -ihren Gatten, den Grafen von Bonville, als Demosthenes -zu bewundern. Der Arme bekam aber das bekannte -Fieber, welches den Soldaten, der zum ersten Male in -die Schlacht geht, ebenso befällt, wie den Komödianten, -wenn er zum ersten Male vor die Lampen tritt, oder -den Priester, wenn er seine erste Predigt hält.«</p> - -<p>»Desto mehr waren Sie der Gegenstand ihrer -Bewunderung,« entgegnete Fanny in einem gewissen -piquirten Tone, »sie applaudirte Ihnen wie ein -Claqueur in der großen Oper.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -Trotz der Ironie, die durch diese Bemerkung -schimmerte, brach ein freudestrahlender Blick aus dem -Auge des Vicomte, und indem er sich rasch nach vorwärts -beugte und einen Kuß auf Fanny's Hand drückte, -flüsterte er:</p> - -<p>»Und doch kann ich Ihnen versichern, daß mich -alle diese Zeichen des Beifalls kalt ließen, und daß ich -mich durch den stummen Blick einer jungen Frau, welche -dicht an einer der Säulen der Zuhörertribüne stand, -mehr beglückt fühlte, als durch alle diese rauschenden -Acclamationen.«</p> - -<p>Eine tiefe Röthe färbte Fanny's Stirn bei diesen -Worten des Vicomte und mit banger Beklommenheit -senkte sie den Blick nieder.</p> - -<p>Auch der junge Mann versank in ernstes Sinnen, -und so hatten sie den Saum des Hölzchens erreicht, ohne -daß weiter ein Wort zwischen ihnen gewechselt worden -wäre.</p> - -<p>Der Wagen lenkte in eine der Seitenalleen ein, -welche das Wäldchen nach allen Richtungen hin durchkreuzen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Es war in der düstersten und trübsten Jahreszeit, -Ende November.</p> - -<p>Ein leichter Schneefall hatte die Bäume des -Waldes weiß gefärbt, graue Wolken bedeckten den -Himmel, ein kalter Wind strich über die Erde. Dichte -Schaaren von Krähen und Dohlen saßen stumm auf -den entlaubten Zweigen und flogen mit mißtönendem -Geschrei und schwerem Flügelschlag davon, wenn die -Peitsche des Kutschers durch ihren Knall die Waldeinsamkeit -und tiefe Stille unterbrach.</p> - -<p>Fanny gehörte nicht zu den sentimentalen Naturen, -deren Seele von dem trüben Eindruck eines melancholischen -Landschaftsbildes in Schwermuth versenkt wird, -aber dennoch fühlte sie allmälig eine gewisse Traurigkeit -ihre dunklen Fittige über ihr Herz ausbreiten.</p> - -<p>»Lassen Sie uns zur Stadt zurückkehren,« sprach -sie zu dem Vicomte, »diese öde Stille, dieses Schweigen -in der Natur macht mich traurig und verstimmt.«</p> - -<p>Auf den Lippen des jungen Mannes erschien ein -leichtes Lächeln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -»Das ist wohl noch eine Erinnerung an Deutschland, -die Sie aus diesem nebligen Lande mit herüber -gebracht haben in unser sonniges Frankreich, wo solche -Tage wie der heutige zu den Ausnahmen gehören. In -Deutschland sollen sich wenigstens die Dichter an grauen -trüben Nebeltagen an Mondschein, Regenschauer und -Nordwind begeistern.«</p> - -<p>Fanny schüttelte verneinend das Haupt.</p> - -<p>»Ich habe Nichts mit diesem Lande gemein, seine -Sitten, Gewohnheiten und Ideen sind mir heute ebenso -fremd wie an dem Tage, als ich es zum ersten Male -betrat.«</p> - -<p>»Und vergessen Sie, Madame,« flüsterte der -Vicomte in leisem Tone, die Augen auf seinen Hut, -den er zwischen den Händen drehte, gerichtet, »daß Sie -das festeste Band mit Deutschland verknüpft, daß Ihr -Gatte ein Deutscher ist?«</p> - -<p>»Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte,« entgegnete -die junge Frau mit einem Ernst im Ausdruck -von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann -fast einschüchterte, »Sie wollten von einem andern -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Bande sprechen, welches mich vielleicht an jenes Land -ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich anbete, -und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.«</p> - -<p>Damit brach die Unterhaltung über diesen Gegenstand -ab, gewiß in so bedeutsamer Weise, daß sie dem -Vicomte eine klare Einsicht in die Empfindungen der -jungen Frau gestattete.</p> - -<p>Von diesem Tage an sahen sich die Beiden täglich. -Entweder war Fanny auf der Tribüne der Nationalversammlung -oder sie traf den Vicomte in dem Café -Tortoni auf dem Boulevard der Italiener.</p> - -<p>Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgängen, sie -mochte längere oder kürzere Zeit weg bleiben, es war -eine solche Entfremdung zwischen ihnen eingetreten, daß -sich ihr gegenseitiges Gespräch nur auf das Nothwendigste, -Unerläßlichste beschränkte. Die Beziehungen -zwischen dem Vicomte und Fanny wurden mit jedem -Tage inniger. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es -anders gekommen wäre.</p> - -<p>Der junge Edelmann war allerdings in gewissem -Sinne Das, was man einen Lebemann, einen Bonvivant -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer. -Er konnte, wie aus seiner Beschäftigung mit den politischen -Angelegenheiten hervorging, sich auch noch für -etwas Höheres begeistern, als für die Damen von der -großen Oper, Ballettänzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten- -und Boudoirgeheimnisse. Er fühlte, wie seine -Empfindungen gegen Fanny immer mehr den Charakter -einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild -der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr -erfüllte und die Trennung von ihr ihm immer unerträglicher -wurde. Hier handelte es sich nicht um eine -jener flüchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche -der Sinne, ebenso schnell erlöschen, wenn den Sinnen -ihr Recht geworden, es war eine ernste Herzensneigung, -die ihn zu Fanny hinzog.</p> - -<p>Und daß er ihr nicht gleichgültig war, daß ein -höheres Interesse sie zu ihm hinzog, als das der Geselligkeit -und das Bedürfniß des Umgangs mit einem -Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor -ihrer Vermählung selbst angehört: Das hatte der Vicomte -aus einer Menge kleiner Zeichen errathen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es -ist die charakteristische Eigenthümlichkeit mancher Frauen, -besonders solcher, bei denen die Liebe mit Stolz und -Selbstbewußtsein kämpft, ihre Neigung, den Zug ihres -Herzens dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgültige -Kleinigkeiten zu verrathen, deren wahre Bedeutung -nur das Auge der Liebe erkennt.</p> - -<p>Indessen gehört unstreitig eine große Selbstbeherrschung -hiezu, wenn zwei so lebhafte und bestimmt ausgesprochene -Naturen, wie Fanny und der Vicomte es -waren, längere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen -sollen.</p> - -<p>Eines Tages kurz vor dem Christabend faßte der -Vicomte einen festen Entschluß.</p> - -<p>Er schrieb folgenden Brief an die junge Frau:</p> - -<p>»Es liegt weder in meinem Charakter noch in -meiner Kraft, den gegenwärtigen Zustand, unter welchem -ich und, wenn mich nicht Alles täuscht, unter welchem -auch Sie, Fanny, leiden, noch länger zu ertragen. -Wie auch Ihre Entscheidung ausfalle, jedenfalls werden -Sie mir nicht darüber zürnen, daß ich als Mann -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -den Schritt gewagt und diese Entscheidung herbeigeführt -habe.</p> - -<p>»Mit einem Worte sei die glühendste Sehnsucht -meines Herzens, das Glück meines Lebens ausgesprochen: -werden Sie die Meine. Trennen Sie Ihr Geschick -von dem eines Mannes, welchen Sie, ungeachtet -ich weder seinen Charakter noch seinen Geist anzugreifen -wage, nicht mehr lieben, scheiden Sie von einem -Manne, für welchen auch Sie nicht mehr jenes Ideal -sind, das er in Ihnen zu finden glaubte. Es ist ein -schwerer Schritt, ein großes Opfer, welches ich von -Ihnen verlange, theure Fanny. Gewohnheit, Scheu -vor der Welt, vor Ihren Angehörigen, vielleicht auch -noch ein gewisses Mitgefühl für den Mann, welcher -Ihr Gatte war und der Vater Ihres Kindes ist, das -Sie anbeten, selbst die Erinnerungen an gemeinschaftlich -überstandene Leiden und Freuden, alles Dies wird -Ihnen einen harten Kampf bereiten.</p> - -<p>»Aber Sie haben eine kühne muthige Seele, theure -Fanny, ein stolzes und doch so liebeglühendes Herz, und -Sie werden siegreich aus dem Kampfe hervorgehen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -»Besser ein kurzer, scharfer Schmerz, als dieses -langsame Verbluten, dieses Hinwelken der Lebenskraft -in unglücklichen Verhältnissen, die für alle Theile, für -Sie, Ihren Gatten, für mich, ja sogar für Ihr Kind -eine Qual sind. Vor einer Trennung von Ihrem Kinde -schützen Sie die Gesetze Frankreichs. Bis zum fünften -Jahre gehört das Kind der Mutter. Für die spätere -Zukunft überlassen Sie mir die Sorge.</p> - -<p>»Ich dränge Sie nicht um eine Antwort. Ich verlange -auch keine schriftliche, sondern möchte die Entscheidung -aus Ihrem eigenen Munde hören. Fällt sie gegen -mich, so ist mein Entschluß gefaßt.</p> - -<p>»Von morgen an wird ein Wagen mit einem treuen -zuverlässigen Diener täglich in den Abendstunden zwischen -sechs und acht Uhr wenige Schritte von Ihrer -Wohnung entfernt warten. Sobald Sie mit Ihrem -Entschlusse einig geworden, bitte ich Sie, zu mir zu -kommen. Meinem Diener können Sie sich ohne Furcht -anvertrauen, er ist mir ganz ergeben.</p> - -<p>»Doch zögern Sie nicht zu lange, Fanny, und -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -bedenken Sie, daß jeder Tag der Ungewißheit für mich -zu einer qualvollen Ewigkeit wird. Immer</p> - -<p>Paris, 16. December 1849.</p> - -<table class="tab1" summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdc">Ihr</td></tr> - <tr><td class="tdc">Edmund von Grandlieu.«</td></tr> -</table> - -<p>Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es -war beim Anbruch der Dämmerungsstunde, Walther -hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooße und sang -ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem</p> - -<table class="tab3" summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Eia popeia, was raschelt im Stroh?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es sind kleine Gänschen, die haben keine Schuh.«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">sprach Fanny zu ihrem Gatten:</p> - -<p>»Wir müssen uns trennen, Walther, ich fühle es, -daß es nothwendig ist zu unserem Glücke. Für das -Deinige, für das meinige, und vor Allem für das Glück -unseres Kindes.«</p> - -<p>Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den -Kopf von der Wange der Kleinen empor und richtete -einen bis in das Innerste der Seele dringenden Blick -auf seine Frau, die am Fenster saß und deren Züge -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -von dem letzten, bleichen, kalten Strahl der untergehenden -Decembersonne erleuchtet wurden.</p> - -<p>»Was sprachst Du da?« frug er, und seine -Stimme bebte ein wenig trotz seiner Selbstbeherrschung.</p> - -<p>»Ich sprach,« wiederholte Fanny, und an dem -Zittern ihres Tones und der Langsamkeit, mit welcher -sich die Worte mühsam hervordrängten, erkannte man -die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen, -»ich sprach, daß es für uns Alle besser -sein würde, wenn ein Jedes seinen eigenen Weg geht. -Du wirst gewiß auch schon daran gedacht haben. Unsere -Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur. -Ich will Dir keinen Vorwurf machen, Walther, ich -trage vielleicht eben so große Schuld an der Scheidewand, -welche sich zwischen uns aufgethürmt hat, allein -ich fühle die Kraft schwinden dieses Leben länger in -dieser Weise fortzuführen. Wir verstehen uns nicht -mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute, -welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum -laß uns ruhig von einander scheiden, ohne Haß, ohne -Zorn.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Sie athmete tief auf und drückte das Gesicht gegen -die Fensterscheibe, die Entgegnung ihres Mannes erwartend.</p> - -<p>Es verging eine Viertelstunde und noch immer -verharrte Walther in tiefem Schweigen. Die Dunkelheit -war indessen völlig eingebrochen, das Kind im -Arme des Vaters eingeschlafen und eine bängliche, unheimliche -Stille herrschte in dem Zimmer.</p> - -<p>Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach -mit einer zwar etwas dumpf klingenden, aber festen -Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte, -der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten -getobt:</p> - -<p>»Und wie soll es mit dem Kinde werden?«</p> - -<p>Fanny zuckte zusammen. Diese Frage hatte sie -erwartet – und gefürchtet.</p> - -<p>Das Kind, diese kleine Mimi! Sie wußte, daß -sie der Augapfel ihres Mannes, sein höchstes Kleinod, -sein Alles war, an dem er hing mit allen Fasern seines -Herzens.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -Und sie! Sie liebte das Kind gleichfalls mit einer -verzehrenden Leidenschaftlichkeit, mit jener ungestümen, -ausschließlichen Zärtlichkeit, die man oft bei jenen -Frauen findet, welche in der Liebe zu ihren Kindern -Ersatz für eine unglückliche Ehe, für die Gleichgültigkeit -oder Abneigung, für die Kälte und Untreue des -Gatten suchen.</p> - -<p>»Antworte mir,« wiederholte Dennhardt noch -einmal seine Frage, »wie soll es mit dem Kinde -werden?«</p> - -<p>Angstvoll suchte sie nach einem Ausweg.</p> - -<p>»Ich kenne die Gesetze dieses Landes nicht,« antwortete -sie endlich mit zögernder ungewisser Stimme, -»aber ich stelle ihnen die Entscheidung anheim; was -sie auch bestimmen mögen, ich werde mich ihnen unterwerfen.«</p> - -<p>Walther erhob sich mit einer raschen Bewegung. -Das Kind fest an seine Brust gedrückt, trat er -dicht an Fanny heran, so dicht, daß ihre Wange -von dem glühenden Hauche seines Athems gestreift -wurde.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -»Ah! Madame,« sprach er mit leiser, aber vor -tiefster Aufregung bebender Stimme, »die Gesetze -Frankreichs wollen Sie über Ihr, über mein Kind -entscheiden lassen? Nun wohlan, so merken Sie es sich, -daß ich, wenn es sich um mein Kind handelt, nur den -Gesetzen in meiner Brust folgen werde. Und diese Gesetze -gebieten mir, Ihnen unter keiner Bedingung die -Seele eines Kindes anzuvertrauen, welches Sie verderben -würden.«</p> - -<p>Fanny war bleich geworden zum Erschrecken, -während ihr Mann ihr diese schneidenden Worte in's -Ohr raunte.</p> - -<p>Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so -beleidigend klingende »Sie,« noch nie eine so grausame -Beleidigung gehört, als die war, welche er ihr in diesen -wenigen Worten in's Gesicht schleuderte.</p> - -<p>»Mein Herr,« entgegnete sie endlich, »wenn ich -vielleicht auch das Recht verloren habe, von Ihnen als -Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube ich doch -nicht, daß Sie das Recht und die Berechtigung haben, -mich mit so empörenden Beleidigungen zu überhäufen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins -Nebenzimmer, dessen Thür sie hinter sich verschloß.</p> - -<p>Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem -Christabende stattgefunden, war zwischen den beiden -Gatten kein Wort mehr über diese Angelegenheit gewechselt -worden. Es war überhaupt zwischen ihnen -nur das Nothdürftigste gesprochen worden, das Unerläßliche, -was durch die Verhältnisse des Zusammenseins -eben noch geboten wurde.</p> - -<p>In diesen acht Tagen, qualvoll für Beide, hatte -Fanny ihren Entschluß gefaßt. Der Christabend war -der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber entschlossenem -Herzen trat sie an jenem Abend aus der -Thür ihres Hauses, um in den Wagen des Vicomte zu -steigen, der sie nach kurzem viertelstündigen Fahren vor -das große prächtige Hôtel Grandlieu in der Rue de la -Paix brachte.</p> - -<p>Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen -und senkte, wie von einer unwillkürlichen Bewegung -ergriffen, der sie nicht zu widerstehen vermochte, -das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zur -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -Erde. Und als sie ihren Fuß auf die erste Marmorstufe -der Freitreppe setzte, da fühlte sie ein Beben durch ihren -Körper rieseln, wie ein Mensch, der auf die Treppe des -Schaffots tritt.</p> - -<p>Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit -schuldig geglaubt, so würde sie diesen Schritt ohne -alle Scrupel gethan haben.</p> - -<p>»In der Ehe,« hatte sie oft gesprächsweise gegen -Walther geäußert, und er hatte ihr von seinem Standpunkte -aus vollkommen beigestimmt, »in der Ehe ist -Alles auf Gegenseitigkeit gegründet. Ich protestire -gegen die beschränkte Anschauungsweise, welche die -Treue bloß von den Frauen fordert, während sie den -Männern die Erlaubniß ertheilt sich darüber hinwegzusetzen. -Das heißt die Frau herabwürdigen und erinnert -mich an jene Hundetreue, welche die Hand leckt, -die sie eben gezüchtigt hat. Der allein ist schuldig, welcher -zuerst die Treue bricht, er löst den Vertrag und -entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht. -Es mag duldende, schwache Frauen geben, welche sich -auch dem ausschweifendsten Wüstling gegenüber für -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -gebunden erachten, ich aber gehöre nicht zu diesen Duldernaturen.« -Aber er hatte ihr <em class="ge">nie</em> die geringste Veranlassung -gegeben an seiner Treue zu zweifeln – und -nun mußte sie den ersten Schritt thun.</p> - -<p>Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit -einem Leuchter in der Hand. Er war allein, weder ein -Kammerdiener, noch sonst ein Lakai ließ sich sehen.</p> - -<p>»Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fuß dieses -Haus betritt, Fanny,« flüsterte er und ergriff ihre -Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine Lippen -drückte.</p> - -<p>»Möge ich nie bereuen, was ich heute thue,« entgegnete -sie.</p> - -<p>»Nur Schwächlinge bereuen, Fanny, und Sie -gehören zu jenen starken Naturen, die entweder brechen -oder siegen.«</p> - -<p>Während dieser leise gewechselten Reden hatte der -Vicomte die junge Frau über einen Corridor, auf -dessen weichen Teppichen die Tritte lautlos verhallten, -in ein Zimmer geführt, welches den gemischten Charakter -eines Boudoirs und eines eleganten Studiercabinets -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -trug. Herabgelassene Gardinen von dunkelrother -Seide, eine Tapete von ernster brauner Farbe -mit Goldleisten, Sessel <i>à la</i> Voltaire mit violettem -Sammet, fein gearbeitete Pfeiler- und Spiegeltischchen, -auf welchen eine Menge kleiner interessanter Spielereien -standen, zwei mäßige Bücherschränke mit wissenschaftlichen -und dichterischen Werken, ein elegant gearbeiteter -Schreibtisch, über welchem einige Waffen, alte Stücke -aus dem Mittelalter, und das Porträt des Herzogs -von Bordeaux hingen, bildeten die Ausstattung des -Cabinets, dessen Atmosphäre durch die knisternde -Flamme in dem Kamin von bläulichem Marmor angenehm -erwärmt war.</p> - -<p>Der junge Vicomte führte Fanny zu einem -Sessel, in welchem die junge Frau wie erschöpft von -einem weiten Wege niedersank, und nahm dann ihr -gegenüber Platz.</p> - -<p>Sie drückte die Hände vor die Augen, stumm und -regungslos, während der Vicomte gleichfalls in tiefem -Stillschweigen auf den Boden niederblickte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Endlich nach einer langen, langen Weile ließ sie -die Hände sinken, ihr Blick begegnete dem des Vicomte.</p> - -<p>Sie sah blaß aus, sehr blaß; aus ihren Augen -strahlte ein übernatürlicher Glanz und ihre Stimme -klang matt und bebend: als sie flüsterte:</p> - -<p>»Edmund ... werden wir auch glücklich sein?«</p> - -<p>»Fanny,« und er sank vor ihr auf seine Knie, -»kannst Du zweifeln? Die Sterne einer geweihten -Nacht leuchten uns zu dem feierlichen Augenblicke, in -dem wir den Bund für's Leben schließen, aber goldener -und strahlender als alle die Gestirne des Himmels, -welche dort oben glänzen, leuchtet der Stern der Liebe -in meiner Brust – möge Gott mich einst vor seinem -Richterstuhle verwerfen, wenn dieser Stern jemals -untergehen sollte.«</p> - -<p>»Schwöre nicht,« sprach sie, die Hand abwehrend -erhebend, »Schwüre werden oft zu lästigen Fesseln, die -deßhalb immer unerträglicher werden, weil man glaubt, -daß man sich nicht von ihnen befreien kann, ohne die -Rache der Gottheit wach zu rufen. Der freie Wille ist -oft ein festeres Band als tausend Schwüre und Eide. -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Doch nun laß uns von den nächsten Aufgaben reden, -denn Du begreifst, daß ich von heute an meinen Aufenthalt -in der Wohnung Dennhardt's nur noch nach -Tagen zählen kann.«</p> - -<p>Es lag so etwas Tiefernstes, Feierliches in der -Art und Weise, mit welcher sie alles Dies sprach, daß -der junge Vicomte, so leidenschaftlich er auch in Liebe -und Verlangen aufglühte, doch in eine ernste Haltung -zurückgescheucht wurde.</p> - -<p>»Ich habe,« sprach er, »mit einem der besten Advocaten -von Paris Rücksprache genommen. Es werden -wenig Schwierigkeiten zu überwinden sein, da Ihr -Beide protestantisch seid.«</p> - -<p>»Aber das Kind, meine süße liebe Mimi,« unterbrach -die junge Frau den Vicomte, »was war sein -Urtheil darüber?«</p> - -<p>Der Vicomte zögerte mit der Antwort.</p> - -<p>»Bis zum fünften Jahre,« sprach er endlich, -»würde es unbestritten der mütterlichen Obhut anvertraut -werden müssen, von da an aber ...«</p> - -<p>Er hielt stockend inne.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -»Weiter, weiter, Edmund,« drängte Fanny, die -ihm jedes Wort von den Lippen zu nehmen schien, »was -sprach er über die fernere Zukunft?«</p> - -<p>»Ueber die fernere Zukunft, meinte er, könne sich -leicht eine Controverse entspinnen ... da Dennhardt -kein französischer Staatsbürger, sondern ein Deutscher -und als solcher ...«</p> - -<p>»Genug, genug,« rief Fanny, ihn von Neuem -unterbrechend, aus, »ich verstehe ... Vom fünften -Jahre an wird er das Recht haben mir mein Kind zu -rauben. Du siehst wohl, Edmund,« setzte sie traurig -hinzu, »daß wir auf unser Glück verzichten müssen.«</p> - -<p>»Fanny, Fanny, so leicht giebst Du mich auf?« -rief der junge Mann mit schmerzlichem Ausdrucke, -»ohne zu kämpfen, ohne zu wagen! Können wir nicht -mit Deinem Kinde in den fernsten Winkel der Erde -fliehen, wo uns der Arm jenes Mannes nicht erreichen -kann, können wir nicht durch tausend Listen seine Nachforschungen -und Verfolgungen vereiteln? Ich bin reich, -Fanny, und Du weißt, daß das Geld heut zu Tage -alle Hindernisse und alle Schwierigkeiten besiegen kann.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken. -Dann erhob sie ihr Haupt, fest und entschlossen.</p> - -<p>»Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir -vorhin schwören wolltest, da sprach ich: schwöre nicht. -Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen Schwur -bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur, -selbst Dein Leben daran zu setzen, um mir mein Kind -zu sichern.«</p> - -<p>Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher -Geberde die Hand.</p> - -<p>»Ich schwöre,« sprach er.</p> - -<p>»Und ich,« flüsterte Fanny, indem sie ihre Arme -um seinen Nacken schlang und ihm tief und glühend in -die Augen blickte, »und ich bin von diesem Augenblicke -an Dein ...«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -5. Verschwunden.</h2> - - -<p>Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner -Frau, welche gegen Mitternacht in dem Wagen des -Vicomte in ihre Wohnung zurückgekehrt war, Nichts -bemerkt oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwähnte -den immerhin auffälligen Weggang Fanny's -und ihre späte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst -zeigte sich in seinem Benehmen keine Veränderung, nur -daß er vielleicht, wenn Das überhaupt möglich war, -sich noch wortkarger und verschlossener zeigte.</p> - -<p>Nach der Verabredung, welche Fanny und der -Vicomte getroffen, sollte Fanny am Sylvesterabend -unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen, -vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu -machen, dann die von dem Vicomte für sie eingerichtete -Wohnung beziehen und hieran die Scheidung einleiten. -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche -Entweichen; ihrem stolzen Sinne wäre es viel lieber -gewesen, wenn sie in offnem Bruch sich von ihrem -Manne hätte entfernen können. Allein der Vicomte -hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen -ein solches Verfahren sein würde, wie es leicht -zu einer Katastrophe führen könnte, die für sie und das -Kind verhängnißvoll werden könnte.</p> - -<p>Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch -geschwankt. Der Vicomte, Dies bemerkend und eine -Unbesonnenheit der jungen Frau befürchtend, hatte ihr -wenige Tage nach dem Besuche in seinem Hôtel einen -Brief geschrieben, worin er sie mit den eindringlichsten -Worten beschwor, seinem Rath zu folgen.</p> - -<p>»Ich beschwöre Dich,« schrieb er ihr, »bei unserer -Liebe, bei dem Haupte Deines Kindes, nur scheide -nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er würde -vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und -wie mir mein Sachwalter versichert, könnte Dein Mann -bis zur Entscheidung des Processes das Kind bei sich -behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren können nach -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -England und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit -mit dem Kinde zu flüchten und Dir es für immer zu -entziehen. Folgst Du aber meinem Rath, scheidest Du -mit dem Kinde von Dennhardt, ohne daß er es ahnt, -so brauchen wir Nichts zu fürchten. Meine Vorsichtsmaßregeln -habe ich so getroffen, daß er, selbst für den -Fall, daß er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu -Dir und dem Kinde gelangen wird.«</p> - -<p>Dieser Brief entschied. Fanny beschloß, am -nächsten Tag mit dem Kinde ihren Gatten zu verlassen, -und nur das Eine wollte sie noch thun, ihm noch einmal -in einem zurückgelassenen Schreiben die Motive -dieses Schrittes darlegen.</p> - -<p>Sie hatte die Zeilen, in welchen der Vicomte sie -zugleich um eine Zusammenkunft für den Nachmittag -in dem Café Tortoni gebeten, in den Vormittagsstunden -empfangen, hatte dann in ihrem Schlafzimmer den -für ihren Mann bestimmten Brief geschrieben und war, -nachdem sie die kleine Mimi, welche ihren Nachmittagsschlummer -hielt, zärtlich geküßt, ausgegangen. Wäre -sie weniger mit dem Gedanken an ihre Flucht beschäftigt -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -gewesen und hätte sie das Wesen ihres Mannes an -diesem Tage nur etwas schärfer beobachtet, so würde sie -vielleicht nicht so ruhig und zuversichtlich auf das Gelingen -ihres Planes das Haus verlassen haben.</p> - -<p>Walther stand am Fenster, als sie über die Straße -ging, um in eine der an der Ecke haltenden Droschken -zu steigen.</p> - -<p>Er blickte ihr nach, so lange sein Auge sie erreichen -konnte.</p> - -<p>Dann, als auch der Saum ihres Gewandes nicht -mehr sichtbar war, wendete er sich mit einer raschen -Bewegung ab und strich sich mit der Hand leicht über -die Augen.</p> - -<p>Blendete ihn der Sonnenstrahl des heiteren Decembertages -oder perlte eine Thräne an seinen Wimpern?</p> - -<p>»Leb' wohl,« murmelte er, sich noch einmal nach -dem Fenster wendend und die Hand nach der Gegend -ausstreckend, wo Fanny verschwunden; »lebe wohl für -immer!«</p> - -<p>Es war vier Stunden später ... Die Sonne -sank hinab, und ihre letzten schwachen Strahlen vergoldeten -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -mit mattem Glanze die Höhen von Belleville. -Eine Droschke rollte an das Haus, in welchem der -Flüchtling wohnte. Fanny sprang aus dem Wagen -und eilte die Treppe zu ihrer Wohnung hinan. Sie -kam von der Unterredung mit dem Vicomte, und diese -Nacht sollte unwiderruflich die letzte sein, welche sie und -Mimi in der Wohnung Dennhardt's verleben sollten.</p> - -<p>Sie ist schon auf der letzten Stiege, dicht vor der -Thür des Vorsaals, als sie sich von der Portière des -Hauses angerufen hört.</p> - -<p>»Der Schlüssel, Madame,« ruft sie und eilt die -Treppe hinan.</p> - -<p>»Ist mein Mann ausgegangen?« stammelt sie, -von einer dunklen Ahnung, an deren Verwirklichung sie -aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, »und wo ist -mein Kind ... hat er es mitgenommen?« Und während -sie Dies bebend spricht, hat sie schon, ohne die Antwort -abzuwarten, die Thür geöffnet und stürzt über den Vorsaal -nach dem Wohnzimmer.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -Mit zitternder Hast reißt sie die Thür auf, wirft -einen Blick in das leere Zimmer und stößt einen lauten -gellenden Schrei der Verzweiflung aus.</p> - -<p>»Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.«</p> - -<p>Sie wankt, und die bestürzte Portière, welche ihr -gefolgt war, fängt sie in ihren Armen auf und läßt sie -langsam auf den Divan niedergleiten.</p> - -<p>Aber diese Schwäche dauert nur einen Augenblick.</p> - -<p>Sie rafft sich empor und stürzt in das anstoßende -Schlafzimmer. Ihr Blick fällt auf ein Blatt Papier, -das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein Brief -von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert, -das Couvert des Briefes, welchen ihr der Vicomte -diesen Morgen gesendet hatte.</p> - -<p>»Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen,« -liest sie, »muß man auch sehr schlau und vorsichtig sein. -Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das Andere, -Du würdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des -Briefes gewesen sein, dessen Couvert ich zurücklasse zum -Beweise, daß mir Alles bekannt ist. Der Schlag, mit -dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt bin, -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein -Kind raubtet, er fällt auf Dich selbst zurück.</p> - -<p>»Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose -That nicht geschehen lassen. Wenn ich auch längst den -Verrath ahnte, den Du mir gegenüber begingst, so -hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft -der Herzen, keine Sympathie der Seelen -vorhanden, da fällt auch die Gemeinschaft des Lebens. -Aber daß Du mir mein Kind rauben wolltest, Das -konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib.</p> - -<p>»Lebe wohl und sei glücklich, wenn Du es vermagst. -Alles Forschen wird vergeblich sein – betrachte -mich und das Kind für Dich gestorben. Es ist so am -besten. In unserer Ehe hätte für das Kind ohnedieß -kein Glück erblühen können. Kinderaugen sehen klar -und scharf und erkennen nur zu bald, wenn Die, welche -ihnen am nächsten stehen, auf getrennten Wegen wandeln.</p> - -<p>»Was wir an Hab und Gut besitzen, Das überlasse -ich Dir.</p> - -<p>»Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem -Schreibpulte finden. Ich behalte nur so viel als nöthig -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -ist, um mir eine Existenz zu schaffen, welche mir meinen -und meines Kindes Unterhalt gewährt.</p> - -<div> - <div class="ce">Lebe wohl für immer!</div> - <div class="si">Walther Dennhardt.«</div> -</div> - -<p>Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewußtlos -zusammen, und die einzigen Worte, die sie stammeln -konnte, waren:</p> - -<p>»Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.«</p> - -<p>Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf. -Sie befahl der Portière die Wohnung zu schließen und -die Schlüssel an sich zu halten und alle Briefe, die an -sie einlaufen würden, in das Hôtel Grandlieu in der -Rue de la Paix zu senden.</p> - -<p>Am Morgen des andern Tages verließ der Vicomte -mit Fanny, die gestern Abend verstört und bleich -zu ihm ins Hôtel Grandlieu mit den Worten gekommen -war: »Schwöre mir, morgen Paris zu verlassen und -mir mein Kind suchen zu helfen, und ich folge Dir bis -an's Weltende,« auf der Nordbahn die Seinestadt.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -6. Stilles Leben.</h2> - - -<p>Kennt Ihr die grünen Hügel von Morbihan? -Jene Berge der alten Bretagne, auf deren Abhängen, -in kleinen Dörfern und Weilern zerstreut, einfache -Hirten und Bauern wohnen, an denen die Cultur von -Jahrhunderten vorübergegangen ist, ohne einen Blick -in ihre Hütten zu werfen? Dort, wo diese bretagnischen -Berge von den Wellen des Meeres bespült werden, wenige -Meilen von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes, -dessen Bevölkerung zur Hälfte aus Hirten, zur Hälfte -aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem Jahre -der deutsche Flüchtling mit seinem Kinde.</p> - -<p>Es war in den Nachmittagsstunden eines milden -Herbsttages, Anfangs October des Jahres 1850. Auf -der Düne, deren Sand von den Strahlen der Sonne -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -erwärmt worden war, saß Walther Dennhardt mit -seinem Kinde und blickte hinaus auf die unendliche See.</p> - -<p>Er hatte das Haupt in die Hand gestützt und -lauschte dem geheimnißvollen Rauschen der Meereswogen, -während Mimi zu seinen Füßen im Sande -spielte. Sie hatte sich einen kleinen Garten gebaut, mit -Beeten und Sträußern aus Seegras und Herbstblumen, -die sie mit Papa auf dem Wege zur Düne gepflückt -hatte.</p> - -<p>Das Kind liebte die Blumen leidenschaftlich. Zu -jedem Maßliebchen und Veilchen bückte sie sich nieder, -jeder Rose und jeder Lilie nickte sie einen Gruß zu, mit -den blauen Kornblumen plauderte sie wie mit lebenden -Gespielinnen, und von keinem Spaziergange kehrte sie -zurück, ohne einen großen Strauß ihrer stillen Blumenfreundinnen -mitzubringen.</p> - -<p>Die Kleine klatschte jetzt freudig in die Händchen.</p> - -<p>»Sieh, Papa,« rief sie, »mein Garten ist -fertig.«</p> - -<p>Walther betrachtete mit heiterem Lächeln das frohe -blühende Kind und sein Spielwerk.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -»Ach der schöne Garten, den meine Mimi sich gebaut -hat,« sprach er und beugte sich zu der Kleinen -nieder, die mit jenem Ausdruck glücklicher Zufriedenheit, -den wir in seiner unverfälschten Reinheit nur bei Kindern -finden, ihre strahlenden Blicke bald auf den kleinen -Garten, bald auf ihren Vater richtete.</p> - -<p>Mit einem Male stand die Kleine auf und frug -indem sie hinauf nach dem blauen wolkenlosen Himmel -deutete:</p> - -<p>»Papa, haben die Engel im Himmel auch schöne -Blumen wie wir?«</p> - -<p>»Noch viel schönere, mein Kind,« entgegnete -Walther, den die Frage etwas überraschte, »die hellen -Sterne, welche wir Abends sehen, sind lauter große -goldene Blumen, die dort oben im Himmelsgarten -wachsen.«</p> - -<p>»Ach! weißt Du was, Papa,« rief die Kleine -indem sie ihren Papa recht ernsthaft anblickte, »dann -will ich auch ein Engel werden.«</p> - -<p>Ein wehmüthiges Lächeln, das aber augenblicklich -wieder verschwand, glitt über Walther's Züge.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -»Alle guten Menschen werden einmal Engel -werden, meine Mimi, aber jetzt bleibst Du noch bei mir, -nicht wahr?«</p> - -<p>Die Kleine nickte, und so verständig und ernsthaft, -als habe sie den ganzen bedeutungsvollen Inhalt -dieser Frage begriffen.</p> - -<p>Walther erhob sich und nahm die Kleine auf -seinen Arm.</p> - -<p>»Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi, -Du bist müde von dem weiten Wege. Morgen gehen -wir wieder hieher und besuchen Deinen schönen Garten.« -Und er schritt mit der Kleinen, welche das Köpfchen -auf seine Schulter legte und ihre Arme um seinen -Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er ein kleines -einstockiges Haus bewohnte.</p> - -<p>Eine ältliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute -sie nannten, die Witwe eines Schiffers, der auf einer -Fahrt nach Westindien verunglückt war, besorgte seine -häuslichen Geschäfte, während er selbst vollauf zu thun -hatte, um für sich und sein Kind die Bedürfnisse des -Lebens zu erwerben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedieß -nicht bedeutenden Vermögen seiner Frau, das in -einer Rente von vielleicht zweitausend Francs bestand, -Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte -bei der Trennung von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen -als sechshundert Thaler, die Reste seines -eigenen erworbenen Vermögens, welches während der -revolutionären Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes -in Paris bis auf diesen geringen Betrag aufgezehrt -worden war.</p> - -<p>Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der -Ankauf des kleinen Hauses mit dem daran befindlichen -Gärtchen, die häusliche, wenn auch sehr bescheidene -Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's -Capital bis auf kaum hundert Francs aufgezehrt, und -es galt jetzt die Aufbietung aller seiner Kräfte, wenn er -nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten -Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war -zwar geheilt, aber für seinen Beruf war sie untauglich -geworden. Als Bildhauer konnte er ferner nicht -arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durch -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -schriftstellerische Thätigkeit eine neue Existenz zu gründen. -Aber es war nur der Gedanke eines Augenblicks. -Er erinnerte sich sofort aus der Zeit seines Aufenthalts -in der deutschen Hauptstadt, wo er häufigen Umgang -mit Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf -nur von Denen gewählt werden darf, die dazu berufen -sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft aufreibend derselbe -ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht die Pflicht -der Sorge für ein anderes Wesen obliegt, es wagen -kann, sein Geschick an das seiner Feder zu knüpfen, -während es ein großes Wagniß ist, auch die Geschicke -Anderer daran zu fesseln.</p> - -<p>»Glauben Sie mir,« hatte ihm damals ein -junger und talentvoller Schriftsteller gesagt, »unsere -modernen Literaturzustände gleichen dem Labyrinthe -mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen -Wagehälsen reizt der geheimnißvolle Zauber, und -Hunderte verirren sich und werden ein Opfer des lauernden -Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit -andern Namen bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz -sich auf die Stirn setzen zu können und weiß -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -nicht, daß in dem Kranze Dornen verborgen sind, -welche so tief stechen, daß die Meisten, während sie danach -greifen und bevor der Lorbeer ihre Scheitel berührt, -sich daran verbluten.«</p> - -<p>In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch -thätig sein? Als Publicist hatte er in Frankreich und -vollends in diesem einsamen Dorfe der Bretagne durchaus -keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker -oder Romanschriftsteller sich eine Stellung zu -erringen, dazu, Das fühlte er, fehlte ihm die dichterische -Begabung.</p> - -<p>Er vermied die Klippe, an welcher so Viele zu -Grunde gehen, eine Klippe, die zwar nur in der -eigenen Einbildung besteht, aber darum desto gefährlicher -ist.</p> - -<p>Aber einen andern Gedanken ergriff er mit Lebhaftigkeit -und setzte ihn mit der seinem Wesen eigenen -Energie ins Werk.</p> - -<p>Als er eines Tages mit Mimi nach Vannes gefahren -war, um dort einige nothwendige Einkäufe für -seine kleine Wirthschaft zu besorgen, da hatte die Kleine -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -plötzlich in der Nähe der Kathedrale fröhlich in die -Händchen geklatscht und ausgerufen: »Papa, Papa ... -schöne Puppen.« Es war ein Tabuletkrämer, der auf -seinem Tisch ein paar schlecht geformte Wachsfiguren -stehen hatte, die Jungfrau Maria im Stalle zu Bethlehem -mit dem Christuskind und den anbetenden drei -Königen aus dem Morgenlande. Er frug nach dem -Preise. Der Mann nannte ihm einen ungewöhnlich -hohen.</p> - -<p>»Ist das Wachs hier zu Lande so theuer?« warf -Dennhardt mit einem spöttischen Blick auf die schlecht -gearbeiteten Figuren hin.</p> - -<p>»Das Wachs nicht, Herr, aber die Leute, welche -solche Sachen machen!«</p> - -<p>»Und würde man, wenn diese Figuren wohlfeiler -wären, viel davon verkaufen?«</p> - -<p>»Gewiß, Herr, besonders zur Weihnachts- und -Osterzeit.«</p> - -<p>Dennhardt dankte dem Manne für die Auskunft -und meinte, vielleicht würde er bald von ihm hören.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -Sein Plan war rasch gefaßt. Konnte er auch -nicht mehr als Bildhauer arbeiten, so war ihm doch -noch die Möglichkeit geblieben, sein plastisches Talent -im Formen weicher Stoffe zu verwerthen.</p> - -<p>Er kaufte in Vannes Wachs und ging den nächsten -Tag schon an die Arbeit.</p> - -<p>Als er die erste Gruppe, die Geburt unseres Heilandes -darstellend, fertig hatte, rief er seine alte Dienerin, -welche mit Mimi im Garten war.</p> - -<p>»Wie gefällt Euch das, Mama Poisson?« Das -Kind wollte die Figuren küssen und herzen, und die -alte Frau schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.</p> - -<p>»Glaubt Ihr,« frug Dennhardt lächelnd weiter, -»daß man mir diese Figuren in Vannes abkaufen -wird?«</p> - -<p>»Und wenn Ihr so viel hättet, als es Schafe und -Lämmer auf den Hügeln von Morbihan giebt, Ihr -würdet keine einzige übrig behalten.«</p> - -<p>Die alte Frau hatte nicht ganz Unrecht. Die -Wachsfiguren, welche Dennhardt, theils in Gruppen, -theils als Einzelgestalten bildete, fanden in Vannes -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -Abnahme über Abnahme. Dennhardt stellte nach und -nach die ganze biblische Geschichte in ihren Hauptmomenten -bildlich dar. Die Gegend um Vannes ist streng -katholisch, und diese religiöse Richtung der Bevölkerung -begünstigte sehr den Absatz der kleinen, zierlich aus buntem -Wachs gearbeiteten Figuren Dennhardt's.</p> - -<p>Für die kleine Mimi war diese Beschäftigung -ihres Vaters eine unerschöpfliche Quelle der Freude und -des Vergnügens.</p> - -<p>Da sie mit den andern Kindern nur wenig Umgang -hatte, schon deßhalb nicht, weil Dennhardt, der -mit der Kleinen nur die Muttersprache, sein geliebtes -Deutsch, sprach, nicht wollte, daß das Kind eher des -Französischen mächtig würde, bevor es sich im Deutschen -verständlich ausdrücken konnte, so waren die Wachspuppen -ihre vorzüglichsten Spielgenossen.</p> - -<p>Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten, -gab einer Jeden täglich ihre Portion Essen, die -dann natürlich, wie es die heidnischen Priester mit den -Opfermahlzeiten ihrer Götter thaten, von der Darspenderin -selbst verzehrt wurde, sie brachte sie zu Bett, -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -sang ihnen Liedchen vor und deckte sie jeden Abend -sorglich zu, damit die armen kleinen Pipi's, wie sie zu -ihrem Vater sagte, in der Nacht nicht frören und sich -erkälteten.</p> - -<p>So verging Monat auf Monat und die Kleine -wurde mit jedem Tage verständiger, wenn man eine -gewisse Sinnigkeit ihres Wesens so nennen darf.</p> - -<p>An ihrem Vater oder »Papa,« wie sie ihn nur -nannte, hing sie mit einer unbeschreiblichen Zärtlichkeit.</p> - -<p>War Dennhardt, was selten, aber doch zuweilen -vorkam, ohne Mimi ausgegangen, vielleicht in die Nachbarschaft, -um irgend Etwas, was er zu seinen Arbeiten -bedurfte, zu holen, und Mimi saß unter der Aufsicht -der alten Mama Poisson vor der Thür und erblickte -ihn von weitem, dann flog sie ihm, so schnell als es -ihre kleinen Füße vermochten, mit flatternden Locken, -glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen mit dem -Rufe: »Mein Papa kommt ... mein Papa kommt ...« -entgegen.</p> - -<p>Fand sie auf den Spaziergängen eine schöne -seltene Blume, so pflückte sie dieselbe nicht eher, als -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -bis der Papa sie bewundert hatte, und sie schlief an -keinem Abende ein, ohne ihren Papa geküßt und geherzt -zu haben.</p> - -<p>Für Walther aber war das Kind der Inbegriff -aller irdischen Glückseligkeit. Alle seine Empfindungen, -Gedanken, all sein Thun, Handeln drehte sich um seine -kleine Mimi. Das Stück französischer Erde, auf welcher -er mit ihr lebte, war für ihn die Welt; was hinter -diesen bretagnischen Bergen lag, hatte er Alles vergessen.</p> - -<p>Die Kämpfe der Parteien wie die Leidenschaften -des Herzens, sie hatte er jenseits der grünen Hügel von -Morbihan gelassen und Nichts aus der früheren Zeit -mit herüber genommen, als die Liebe zu seinem Kinde. -Gewiß lieben alle Eltern ihre Kinder, wenn sie keine -Rabenherzen im Busen tragen, aber diese Liebe -Walther's zu seiner kleinen Mimi war doch noch ganz -anderer Art.</p> - -<p>Schon ehe das Kind geboren war, liebte er es, und -während die Wünsche der Väter in der Regel auf einen -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Knaben gerichtet sind, wünschte er, daß es eine Tochter -sein möchte.</p> - -<p>Als nun sein Wunsch erfüllt wurde, da war er so -glücklich, so wie es vielleicht ein Jüngling ist, dem endlich -aus dem Munde der unendlich Geliebten das Wort -der Erhörung wird.</p> - -<p>Jetzt nun vollends, wo die Kleine das einzige -Wesen war, welches er sein nennen konnte, jetzt hing er -mit allen Lebensfasern an ihr und sie war der Mittelpunkt, -um welchen sich alle seine Gefühle, Empfindungen, -Gedanken, Entwürfe drehten.</p> - -<p>Einst, als er mit ihr am Meeresstrande stand, -auf jener Düne, wo er an jenem Herbstnachmittag mit -dem Kinde saß und spielte – es war sein liebster Ort, -den er bei seinen Spaziergängen stets besuchte – -frug Mimi, hinüber zu der unendlichen Meeresfläche -deutend:</p> - -<p>»Papa, wohnen da drüben über dem großen -Wasser auch Leute?«</p> - -<p>»Gewiß, mein Kind, viele, viele tausend Menschen -wohnen dort. Das Land, in welchem sie leben, nennt -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -man England. Wenn Du groß geworden bist, meine -Mimi, fahren wir einmal zusammen auf einem Schiffe -hinüber und sehen uns die Leute und ihre Städte an.«</p> - -<p>Das Kind hatte still und mit einer gewissen andächtigen -Miene den Worten des Vaters gelauscht.</p> - -<p>Dann hob es sein Köpfchen mit den blonden -weichen Locken und den lieben braunen Augen zu dem -Vater empor und sprach mit einem Ausdruck kindlichen -Ernstes, der gerade, weil er aus einem so jugendlichen, -lebensfrischen Munde kam, einen rührenden Eindruck -erzeugte:</p> - -<p>»Weißt Du was, Papa, ich will gar nicht groß -werden ... ich will Deine kleine Mimi bleiben.«</p> - -<p>Ein Gefühl urplötzlich aufsteigender Wehmuth bemächtigte -sich seiner bei diesen Worten des Kindes und -er vermochte nicht eine Thräne, die sich hervordrängte, -zu unterdrücken.</p> - -<p>»Nicht weinen, Papa,« bat Mimi, indem sie ihre -Händchen bittend emporstreckte und als Dennhardt sie -zu sich empor hob, legte sie ihr Lockenköpfchen an des -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Vaters Wange und sprach: »Du bist mein bester, guter -Herzenspapa.«</p> - -<p>Und dann fing sie an zu lachen und zappelte lustig -vom Arme des Vaters herab, lief jauchzend hinter einem -Schmetterling her und jubelte laut auf, als sie während -dieser Verfolgung in dem weichen Sand stolperte und -sanft von der Düne herabrollte, gerade in die ausgebreiteten -Arme ihres Papa.</p> - -<p>So schwand Monat nach Monat dahin. Dennhardt -fühlte sich so glücklich, wie es noch nie in seinem -Leben der Fall gewesen.</p> - -<p>Es liegt eine so stille, friedliche Seligkeit in der -Liebe zu einem Kinde, zu einem so unschuldigen und -hülflosen Wesen, es verbreitet sich aus diesem Gefühl -ein so sanfter, ruhiger Friede über den ganzen Menschen, -über all sein Denken, Thun und Handeln, daß alle -andern Empfindungen des Herzens dagegen als aufreibende -Leidenschaften erscheinen.</p> - -<p>Im schnellen Wechsel fliegen die Jahreszeiten -dahin. Wenn der Sommer mit seinem bunten Farbenschimmer -von Blumen und Blüthen, mit seinem grünen -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Schmelz der Wiesen, mit seinem blauen Himmel und -goldnen Sonnenlicht dahingegangen war und der -Herbst mit seinen kalten Regengüssen, seinen Stürmen -auf dem Meere ihm folgte, und Dennhardt mit seinem -Kinde daheim bei der knisternden Flamme des Kamins -bleiben mußte, dann brach für die kleine Mimi eine -Zeit neuen märchenvollen Glückes an.</p> - -<p>»Papa, erzähle mir eine Geschichte!« Mit diesen -Worten erwachte sie früh in ihrem Bettchen, das dicht -neben dem ihres Vaters stand, und mit diesen Worten -ging sie schlafen.</p> - -<p>Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich -zugedeckt, an ihr Lager, nahm ihre kleine, weiche, -warme Hand in die seinige und erzählte ihr lauter -kleine, das Kind mächtig fesselnde Geschichtchen aus -seiner Jugend, wie er noch ein kleiner Junge war, von -seinem lieben Schwesterchen Helene, die so bald gestorben -und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie -»Anna« nannte, mit in den Sarg gegeben, und von -den grünen Wäldern in Thüringen, in welchen allerlei -wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde Schweine, -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Luchse und Dachse, Geschöpfe, welche die Kleine nur -aus ihren Bilderbüchern kannte. Am meisten aber -interessirte sie die Erzählung von dem getreuen Eckard, -der auch in den thüringischen Wäldern lebt und die -Kinder beschützt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser. -Sie war unermüdlich im Anhören dieser Erzählungen, -und oft flüsterte sie, endlich doch vom -Schlafe übermannt, während sich ihre Augen schon -schlossen und sie sich in die Kissen vergrub, noch mit -leiser Stimme: »Papa, noch eine Geschichte ...« und -war in der nächsten Minute fest eingeschlummert.</p> - -<p>So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem -Leben. Mimi war fünf Jahre alt geworden und -plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde -Alles heraus, was ihr Herz bewegte.</p> - -<p>Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, während sie -mit der alten Mutter Poisson Französisch plauderte.</p> - -<p>Es gab Dennhardt, trotzdem daß er glaubte -Alles überwunden zu haben, doch einen scharfen -Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimi -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -zu der alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem -Hause auf und ab ging, sagen hörte:</p> - -<p>»<i>Ma chère mère, reposons-nous un moment -sur ce banc de gazon.</i>« (Meine gute Mutter, laß -uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.)</p> - -<p>»<i>Ma chère mère!</i>« Armes Kind, das nie wieder -die Stimme der Mutter hören sollte! Eine Erinnerung -an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine -nicht zu haben, wenigstens erwähnte und frug sie niemals -danach. Freilich war sie auch, als Walther mit -ihr Paris verließ, noch nicht zwei Jahre alt gewesen, -und die Veränderung des Wohnorts, die Reise, die -neuen tausendfachen Eindrücke der Außenwelt auf die -junge erwachende Kindesseele verscheuchten schon in der -ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in -ihrem Gedächtniß befunden hatten. Als sie endlich das -Französische sprechen gelernt, hatte sie in den zwei -Kindern eines Lootsen, der früher lange als Obersteuermann -auf einem Kriegsschiff gedient und in -dem Hause nebenan wohnte, ein paar Gespielinnen -erhalten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter -wie Mimi, doch viel schüchterner, blöder als die Kleine. -Der Lootse, sonst ein ganz braver Mann, hatte noch -immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und -ließ die Kinder nicht selten seine schwere Hand fühlen, -während Mimi bei aller ihrer Kindlichkeit sich so ruhig, -sicher, so selbstständig bewegte, daß der Unterschied sofort -in die Augen sprang.</p> - -<p>Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese -liebenswürdige Sicherheit und Unbefangenheit, die sie -selbst größern Personen gegenüber zeigte.</p> - -<p>Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an -einer Gruppe, welche für eine Capelle in der Nachbarschaft -bestellt war, spielte sie mit Pauline und Lisette -und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten -ihres Hauses.</p> - -<p>Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und -verursachten ein wenig Lärm, welcher den Feldhüter -oder Flurschützen des Orts, der eben aus der Schenke -kam, einen griesgrämigen Patron, störte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Der Flurschütz ist für die Kinder in den französischen -Dörfern dieselbe Popanzfigur, wie es der Polizeidiener -unserer kleinen deutschen Städte für die liebe -Gassenjugend ist.</p> - -<p>Der rothe Streifen an der Mütze und am Kragen -hat diesseits wie jenseits des Rheins dieselbe Wirkung: -die Kinder flüchteten, als sie den Mann mit der Flinte -über dem Rücken und den Stock drohend erhebend daher -kommen sahen, nach links und rechts in die benachbarten -Häuser.</p> - -<p>Nur Mimi blieb mit ihrer Puppe im Arm ruhig -in der Mitte der Straße stehen.</p> - -<p>»Heda, Du kleiner Balg,« rief der Flurschütz mit -einer drohenden Bewegung die Hand erhebend, »willst -Du machen, daß Du fort kommst?«</p> - -<p>Die Kleine rührte sich nicht, sondern blickte dem -Mann mit ihren großen strahlenden Augen fest ins Gesicht.</p> - -<p>»Nun, wird es werden?« schrie er erbost, »oder -soll ich Dich fortprügeln?«</p> - -<p>»Mein Papa hat gesagt, ich soll hier spielen, und -was mein Papa gesagt hat, Das thue ich, und wenn -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -Du mich prügelst, dann schießt Dich mein Papa mit -seiner Flinte todt.«</p> - -<p>Der Mann erschrack fast, als das kleine fünfjährige -Mädchen ihm mit solcher Ruhe und Bestimmtheit -vom Todtschießen sprach.</p> - -<p>»Dein Papa?« brummte er, »und wer ist Dein -Papa?«</p> - -<p>»Die Leute nennen meinen Papa Herrn Dennhardt -und ich bin Mimi Dennhardt.«</p> - -<p>»Ah! die Tochter von dem deutschen Réfugié,« -murmelte der Feldwächter, indem er einen scheuen Blick -nach dem Hause Dennhardt's warf, »er soll ein verwegener -Bursche sein und in Deutschland bei einem -Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht haben.« -Ein derartiges Märchen gehörte zu den Gerüchten, -welche sich über Dennhardt's Betheiligung an der Revolution -bei einigen leichtgläubigen und neugierigen -Schwätzern verbreitet hatten und sehr wohl in einem -Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit dem Begriff -der Revolution auch zugleich der der Guillotine -und der Niedermetzelung der Aristokraten verband.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche -Gerücht für Mimi indessen das Gute, daß der Feldwächter, -ein Poltron, für welchen von jeher der ernste -Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart -etwas Zurückscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt, -die Kleine ungehindert weiter spielen ließ und nur beim -Weitergehen mit den halblaut gemurmelten Worten: -»Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich -aber morgen wieder hier treffe, so wirst Du mich kennen -lernen,« seine gefährdete Autorität rettete.</p> - -<p>Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt, -das er ihr stets mitbrachte, wenn er in Vannes -gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen Silberstimme -ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei.</p> - -<p>War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft -in drei Theile, war es ein Spielwerk, dann -mußten die Kinder ebenso damit spielen, als wäre es -das ihrige. Mitunter kam es vor, daß die Kleinen, -schüchtern und blöde, wie sie in Folge der strengen -Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die Annahme -dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten; -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -dann aber gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche -Aufregung und versuchte oft mit Gewalt die Kinder -zur Annahme zu zwingen, was schließlich Geschrei und -Thränen zur Folge hatte. Dann kam gewöhnlich Dennhardt -herbei und überwand durch Zureden die Blödigkeit -der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi -darbot, dann war die Kleine wieder so außer sich vor -Freude, daß sie die Kinder stürmisch umarmte, küßte -und mit allerlei Schmeichelnamen nannte.</p> - -<p>Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den -Frauen, stand Mimi in großer Gunst. Sie war der -erklärte Liebling der jungen Mütter, welche bereitwillig -die liebliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit des -fremden Kindes anerkannten.</p> - -<p>Viel trug auch Dennhardt's Wohlthätigkeit dazu -bei, der bei seinem überreichen Verdienst manche Gabe -in die Hütten der Armuth sendete und als Geberin -gewöhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so -daß das Kind, wenn es über die Schwelle einer armseligen -Hütte trat, von den Bewohnern wie ein kleiner -rettender Engel begrüßt wurde.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -7. Das Räthsel des Lebens.</h2> - - -<p>Es war im Sommer, wenige Wochen vor -Mimi's sechstem Geburtstage. Eine dumpfe Schwüle -lag auf dem kleinen Orte, überall sah man traurige -und verweinte Gesichter. Der Todesengel war eingezogen -in dem Dorfe und hielt eine reiche Ernte -unter den lieblichsten Blumen der Menschheit, unter -den Kindern.</p> - -<p>Es war eine bösartige Epidemie, eine jener verheerenden -Krankheiten, welche an die düstere blutige -Sage von dem Würgengel erinnern.</p> - -<p>Auch Mimi war von der Krankheit ergriffen -worden und lag schon einige Tage hart darnieder.</p> - -<p>Dennhardt wich nicht einen Augenblick von ihrem -Bette. Gleich als sich die ersten Symptome des Fiebers -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -zeigten, hatte er einen reitenden Boten nach Vannes -geschickt und den tüchtigsten Arzt der Stadt holen lassen, -der auch wenige Stunden später erschien.</p> - -<p>Wie ein Sterbender, mit dem Ausdruck tiefster -Seelenangst in den verstörten Zügen trat ihm Dennhardt -unter der Hausthüre entgegen.</p> - -<p>»Retten Sie mir mein Kind, Doctor,« sprach er -mit bebender Stimme, indem er ihm seine zitternde -Hand entgegenstreckte, »meine Mimi ...« Er konnte -nicht mehr sprechen, die Stimme versagte ihm.</p> - -<p>Der Arzt, welcher Dennhardt von seinen Besuchen -in Vannes her kannte und sich, schon weil er -politischer Gesinnungsgenosse des deutschen Flüchtlings -war, zu Dennhardt hingezogen fühlte und ihn -bei näherer Bekanntschaft auch wegen der Bravheit -seines Charakters hoch schätzen gelernt, war im ersten -Augenblick ganz überrascht von dieser tiefen Bewegung -Dennhardt's.</p> - -<p>Wußte er auch, daß der Bildhauer sein Kind auf -das zärtlichste liebte, so hätte er doch nimmer in dem -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -ernsten ruhigen Manne eine solche Weiche des Gefühls -vermuthet.</p> - -<p>»Fassen Sie sich, mein Lieber, man darf, so lange -der Odem des Menschen aus- und eingeht, nie verzagen, -am Wenigsten aber bei den Krankheiten der -Kinder, wo die Heilkraft der Natur, viel häufiger als -es von dem klügsten Arzt erwartet wird, Genesung fast -urplötzlich bringt.«</p> - -<p>Er trat an das Bett der Kleinen, die in einer -Art Halbschlummer lag. Dennhardt's Auge hing an -des Arztes Mienen, und es entging ihm nicht, wie -diese, trotz der Selbstbeherrschung des Mannes, einen -sehr ernsten, bedenklichen Charakter annahmen.</p> - -<p>»Das Kind ist krank ... sehr krank,« sprach er -vom Bett zurücktretend in leisem Tone zu Dennhardt, -welcher mit vor Aufregung laut hämmerndem Herzen -dem Arzte gewissermaßen jedes Wort von den Lippen -nahm, »indessen man darf noch nicht die Hoffnung aufgeben. -Vor allen Dingen sorgen Sie dafür, daß die -Arznei, welche ich verschreibe, rasch geholt wird.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -»Nicht alle Hoffnung aufgeben,« wiederholte -Dennhardt mit erloschener Stimme und einem Blicke -verzweifelter Seelenangst, »o, ich weiß, was diese Worte -in dem Munde eines Arztes bedeuten.«</p> - -<p>»Muth, Muth, Mann,« tröstete der Doctor, -»und vor Allem die Arznei. Ich komme morgen mit -dem Frühesten wieder, für außerordentliche Fälle -wenden Sie sich an den Doctor Godin, der ganz in -der Nähe, eine Viertelstunde von hier, auf seinem -Landgute lebt. Er prakticirt zwar nicht mehr, aber hier -wird er eine Ausnahme machen, ich will im Vorbeifahren -selbst mit ihm sprechen. Gott stehe Ihnen bei, -mein Freund!« Mit diesen Worten verabschiedete sich -der Arzt.</p> - -<p>In tödtlicher Spannung und Ungewißheit vergingen -einige Tage. Täglich kam der Doctor und täglich -wußte er für das von Todesqualen erfüllte Herz des -Vaters keine andere Antwort, als die furchtbaren Worte: -»Das Kind ist sehr krank ... indessen man darf die -Hoffnung noch nicht aufgeben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Zehn entsetzlich peinvolle Tage und Nächte waren -so dahingegangen. Dennhardt's Augen hatten sich -während dieser Zeit auch nicht auf eine Minute zum -Schlafe geschlossen. Eine alle Nerven und Fibern aufregende, -gewöhnliche menschliche Kraft weit übersteigende -Willensmacht erhielt ihn munter.</p> - -<p>Er wich nicht einen Augenblick von Mimi's Bett, -und sein Auge überwachte die geringste Bewegung des -Kindes.</p> - -<p>Es war in der elften Nacht ihrer Krankheit ... -die Gewalt des Fiebers, welches gegen Abend nachgelassen, -hatte sich eine Stunde vor Mitternacht wieder -heftig gesteigert, der Puls flog in stürmischer Eile ... -der Athem war kurz und beklommen ...</p> - -<p>»Papa,« sagte plötzlich das Kind, welches während -der Krankheit meist stumm und theilnahmlos -gegen seine Umgebung sich verhalten hatte, »Papa ... -ich kann gar nicht Luft bekommen.«</p> - -<p>Es war des Kindes erste Klage, aber sie traf -Dennhardt wie der Stoß eines glühenden Schwertes -mitten in das Herz hinein!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -»Meine gute, liebe Mimi,« sprach er mit halberstickter -Stimme, die Kleine sanft emporrichtend und -das Bett aufschüttelnd, »ich will Dir ein Kissen unterlegen, -Du liegst so niedrig, dann wirst Du auch leichter -athmen können.«</p> - -<p>Aber er konnte es nicht verwehren, daß ihm zwei -Thränen über die Wangen liefen, trotz seiner Anstrengung -dem Kinde seinen Schmerz zu verbergen.</p> - -<p>Die Kleine sah die Thränen.</p> - -<p>»Nicht weinen, Papa,« sagte sie mit ihrer leisen, -weichen Stimme und indem sie mit ihren glänzenden -Augen aufmerksam ihres Papa's Züge betrachtete. -Dann wendete sie sich auf die andere Seite und verfiel -wieder in jenen dumpfen Halbschlummer, in welchem -weder die Phantasie, noch der Körper ruht, und der -nicht sowohl stärkend, als vielmehr erschöpfend wirkt.</p> - -<p>Nach Mitternacht steigerten sich die fieberhaften -Erscheinungen und die Beklemmungen beim Athmen so, -daß Dennhardt einen Boten nach dem Doctor Godin -schickte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Dieser kam und hatte kaum einen Blick auf das -Kind geworfen, als er eilig nach Blutegeln verlangte.</p> - -<p>Man holte sie beim Dorfbader und setzte der -Kleinen, die Alles geduldig ertrug, drei der schwarzen -häßlichen Thiere in die Nähe des Herzens.</p> - -<p>Da wurde die Thüre geöffnet und die junge Lootsenfrau -erschien weinend auf der Schwelle und bat den -Doctor, von dessen Ankunft sie gehört, zu ihrem todtkranken -Kinde, ihrer Lisette, zu kommen.</p> - -<p>»Auf der Stelle komme ich,« entgegnete der -menschenfreundliche alte Arzt, der längst der Praxis -entsagt hatte und nur aus Humanität seine Dienste -der leidenden Menschheit widmete, »ich werde gleich zurück -sein, lieber Freund.«</p> - -<p>Er ging und Dennhardt blieb allein mit der -Mutter Poisson bei seinem Kinde zurück.</p> - -<p>Es war eine dumpfe und schwüle Nacht. Ueber den -Bergen wie über dem Meere hingen dunkle Wetterwolken, -und am fernsten Horizonte, da wo Wasser -und Himmel sich zu vermählen scheinen, leuchteten -schon feurige Blitze. In der Stube brannte nur die -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -schwache Flamme einer mit einem grünen Schirm umgebenen -Lampe, da das Kind sich vom Anfang der -Krankheit an gegen den hellen Lichtschimmer empfindlich -gezeigt hatte.</p> - -<p>Kein Geräusch in dem Zimmer, als des Kindes -rasche Athemzüge und das hörbare Hämmern und -Klopfen des kleinen Herzens.</p> - -<p>Dennhardt kämpfte vergebens gegen den Ausbruch -eines Schmerzes, den er lange unterdrückt hatte, der -aber endlich mit Gewalt hervorbrach und in heißen -Thränenströmen über seine Wangen fluthete.</p> - -<p>Es war jenes stille Weinen einer kräftigen Männernatur, -die unverzagt im Sturm und Wetter steht, -die selbst mit zerbrochenem Schwerte und aus zehn -Wunden blutend noch die Schlacht des Lebens gegen -den äußern Feind schlägt, die aber weich wird wie eine -Kinderseele, wenn des Schicksals Hand an das Herz -greift und von diesem Herzen das einzige Wesen reißt, -an welchem es mit allen Fasern hing.</p> - -<p>Hab und Gut, Vaterland und Beruf, Weib und -Lust des Lebens hatte Dennhardt in seinem Kampfe -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -für die großen Ideen der Freiheit verloren, es hatte -ihn nicht erschüttern können, selbst die Trennung von -Fanny hatte ihn kaum eine Thräne gekostet, denn sie -hatte ja nicht ohne ihre eigene Schuld aufgehört das -Weib seiner Liebe zu sein; aber dieser drohende Verlust -seines Kindes, seiner kleinen lieben Mimi, ergriff ihn -mitten an seine Lebensnerven, er ließ ihn zusammenbrechen.</p> - -<p>Schmerzliches, aber zugleich rührendes Beispiel -der Hinfälligkeit menschlicher Kraft, der Ohnmacht -menschlicher Größe, gegenüber dem Walten eines ewigen, -allmächtigen Wesens, dessen Natur für uns unbegreiflich -ist, das wir nur in seinen Schöpfungen ahnen können, -dessen Macht aber jede Creatur anerkennen muß und -stände sie auf der obersten Stufenleiter, auf der letzten -Sprosse der Schöpfung, und wäre sie auch geschaffen -nach dem Bilde des ewigen unbegreiflichen Wesens, -mit der Gottähnlichkeit.</p> - -<p>Ein leiser Ruf des Kindes weckte den unglücklichen -Vater aus der dumpfen Betäubung, welcher dem Ausbruch -seiner Thränen gefolgt war. Es war dieselbe -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -frühere sanfte Klage der kleinen Mimi, die einzige, -welche sie laut werden ließ:</p> - -<p>»Papa, ich kann gar nicht Luft bekommen.«</p> - -<p>»O Gott, Gott!« seufzte der unglückliche Vater -aus der Tiefe seines Herzens und sandte einen verzweifelten -Blick zum Himmel empor, »von aller der -Luft, welche uns umweht, hat mein armes Kind nicht -so viel, um athmen zu können.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke kam der Doctor Godin -aus dem Nachbarhause zurück.</p> - -<p>»Saugen die Blutegel noch?« frug er schon -unter der Thür.</p> - -<p>Eins der Thiere war abgefallen und die nachblutende -Wunde hatte, ohne daß Dennhardt in seinem -Schmerze es bemerkt, die weißen Linnen des Bettes -blutig gefärbt.</p> - -<p>»Barmherziger Gott!« rief er mit halb erstickter -Stimme, »was ist Das? ... das Kind verblutet sich.«</p> - -<p>»Still,« sprach der Arzt mit einer ernsten -Geberde, »wenn auch Das nicht zu befürchten ist, so -muß die Blutung doch schnell gestillt werden.« Und er -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -zog aus einem kleinen Etui eine Federspule hervor, -mit welcher er rasch die blutende Wunde berührte.</p> - -<p>Aber bei der ersten Berührung stieß das Kind -einen so heftigen, durchdringenden Schrei aus, daß -Dennhardt zusammenzuckend des Arztes Hand faßte -und sie krampfhaft drückte.</p> - -<p>»Papa ... Papa ... der alte Mann sticht mich,« -schrie das Kind mit verwirrter, ängstlicher Geberde -und abwehrenden Händen, »jag' ihn fort, Papa ... -jag' ihn fort ...«</p> - -<p>»Seien Sie ein Mann,« flüsterte der Arzt dem -Erbleichenden zu, auf dessen Stirn Angsttropfen perlten, -»es ist Nichts ... ein kurzer, vorübergehender -Schmerz ... die Gefahr, welche durch den Blutverlust -entsteht, ist nicht gering.« Und wieder versuchte er mit -dem kleinen Stift der Spule die Wunde zu berühren.</p> - -<p>»Mein süßer ... süßer Papa,« schrie die Kleine -auf, sich angstvoll in dem Bettchen emporschnellend und -die Arme nach ihrem Vater, der zu Häupten des Bettes -stand, ausbreitend, »der böse Mann ... der böse -Mann ... jag' ihn fort ... jag' ihn fort, Papa.« -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -Und sie schlang ihre Händchen mit entsetzten Blicken -um ihres Papa's Nacken.</p> - -<p>Das Blut aber rann immer noch in kleinen -Strömen aus der Wunde.</p> - -<p>»Barmherziger Gott, Doctor, giebt es kein -anderes Mittel die Blutung zu stillen?«</p> - -<p>»Versuchen Sie es selbst,« sprach der Doctor -tief bewegt, »hier ... nehmen Sie den Stift ... -touchiren Sie.«</p> - -<p>Mit zitternder Hand nahm Dennhardt die Spule -mit dem Höllensteinstift und flüsterte mit bebender -Stimme dem zitternden Kinde zu:</p> - -<p>»Es ist Nichts, meine kleine süße Mimi. Du -wirst auch bald wieder gesund und dann gehen wir -zusammen.« Und er berührte die Wunde.</p> - -<p>»Papa ... Papa ... Du stichst mich. Ach ... -Papa.«</p> - -<p>Der Stift entfiel seiner Hand.</p> - -<p>»Ich kann nicht mehr ... Doctor ... O Gott, -Gott!« Der Unglückliche wankte und wäre zu Boden -gestürzt, wenn ihn der Arzt nicht aufrecht erhalten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -»Beruhigen Sie sich ... fassen Sie Muth,« -raunte er dem Verzweifelten zu, »Ihre Hand traf -sicherer als die meinige, die das Alter zitternd machte. -Das Blut steht ... etwas Charpie aufgelegt, und wir -haben Nichts weiter zu befürchten.«</p> - -<p>Das Kind war indessen auch ruhiger geworden -und schloß die Augen zu einem kurzen Schlummer, -während Dennhardt todtmüde an Geist und Körper, -blutend aus der tiefsten Herzenswunde, welche ihm der -Schmerz dieser qualvollen Nacht geschlagen, auf seinen -Sitz neben dem Bett zurücksank und lautlos vor sich -hinstarrte.</p> - -<p>»In zwei Tagen,« sagte der alte Doctor, von -dem schmerzerfüllten Vater Abschied nehmend, »wird -die Entscheidung eingetreten sein ... bis dahin, mein -alter Freund, Geduld und Ruhe.«</p> - -<hr /> - -<p>Der Tag brach an, ein drückend heißer Augusttag -... die Gewitter der verflossenen Nacht hatten die -Gluth nur wenig abzukühlen vermocht, die Sonne -warf von dem wolkenlosen blauen Himmel sengende -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Strahlen auf die Erde herab, die Luft stand still, nicht -der leiseste Windhauch bewegte sie.</p> - -<p>Trotz der herabgelassenen Gardinen, der geöffneten -Thür, welche auf den kühlen Vorsaal des Hauses -führte, und trotz der Sprengung mit Wasser und Essig -herrschte in dem Zimmer, wo die kleine Kranke lag, -doch eine schwüle Atmosphäre.</p> - -<p>Mimi war eben wieder eingeschlummert, die alte -Mutter Poisson saß mit rothgeweinten Augen am Bett -des Kindes und scheuchte mit einem Baumzweig die -zudringlichen Fliegen ab, welche das Haupt des Kindes -umschwirrten.</p> - -<p>Dennhardt war hinaus in den Garten gegangen, -um einen Strauß Blumen zu brechen.</p> - -<p>Es war heute Mimi's Geburtstag, heute vor -sechs Jahren hatten ihre Augen zum ersten Mal das -freundliche Licht der Sonne erblickt.</p> - -<p>Sonst war Mimi's Geburtstag immer als ein -hoher Festtag in dem kleinen Hause gefeiert worden; -Dennhardt hatte stets an diesem Tage die Nachbarkinder -zu sich geladen und Mimi dabei mit liebenswürdiger -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -Gravität die Honneurs als Wirthin gemacht -und die Kinder mit Kuchen, Chocolade, Obst, Apfelwein -und anderen Leckereien bewirthet.</p> - -<p>Und heute nun! Welcher Unterschied zwischen -heute und dem Geburtstage voriges Jahr!</p> - -<p>Damals blühend wie eine Rose, dahin flatternd -in dem buntfarbigen Gewand, dem gelben Strohhute -mit Blumen und Rosabändern wie ein Schmetterling, -und heute lag sie drinnen auf dem Krankenbette still -und bleich wie eine geknickte Sommerblume, wie eine -zarte Lilie, über welche der Sturm dahin gefahren ist.</p> - -<p>Seit elf Tagen hatte die Kleine keine Blume -gesehen, ihre liebsten Gespielinnen, die stillen, bunten -Blumen, mit denen sie so lieblich und verständig plauderte, -als wären es beseelte Wesen, hatte sie entbehren -müssen, weil der Arzt den Blumenduft für aufregend -erklärt hatte.</p> - -<p>Und seltsam! Die Kleine schien während dieser -Tage der Krankheit ganz vergessen zu haben, daß es -Blumen gab, sie hatte nicht ein einziges Mal danach -verlangt, eben so wenig wie nach ihren Puppen, ihren -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Bilderbüchern oder anderm Spielwerk. Ihren Geburtstag -aber ohne Blumen vorübergehen zu lassen, Das -vermochte Dennhardt nicht übers Herz zu bringen. -Vielleicht wollte er sich auch, begreifliche Schwäche des -menschlichen Herzens, selbst täuschen, wenn auch nur -auf ein paar Augenblicke, und sich glauben machen, -er breche die Blumen zum Geburtstage der gesunden, -frohen Mimi, welche damit ihren kleinen Tisch schmücken -wolle, um die kleinen Genossinnen der Kaffeegesellschaft -festlich zu empfangen.</p> - -<p>Es war ein großer prächtiger Strauß von Georginen, -Rosen, Nelken, Astern und Reseda, den er gepflückt, -und bei jeder Blume, die er brach, erinnerte er -sich der kleinen Zwiegespräche, die Mimi in dem Garten -mit ihren stillen Blumenfreundinnen gehalten.</p> - -<p>»Sieh, Papa,« hatte sie dann gesagt, wenn ein -leichter Wind über die Beete hinsäuselte und die Blumen -ihre Häupter bewegten, »sieh, Papa, meine Blumen -antworten mir. Siehst Du nicht wie sie nicken und -flüstern?!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -Er kehrte in das Haus zurück und in demselben -Moment erwachte auch Mimi aus ihrem Halbschlummer. -Mit den Blumen in der Hand eilte der Vater dem -Kinde entgegen.</p> - -<p>»Ei!« rief sie, die Hand nach den Blumen ausstreckend, -mit ihrer silberhellen Stimme, deren lieblicher -Klang sich während ihrer ganzen Krankheit nicht verändert -hatte, »ei!« und wie ein heller goldener Freudenstrahl -flog es über ihr blasses, leidendes Gesichtchen. -Ihre matte, zitternde Hand vermochte die Blumen kaum -zu halten; aber ihr Auge glänzte von einem Feuer, das -zu schön, zu himmlisch war, um nicht zu verkünden, -daß die reine Kinderseele, welche in dieser lieblichen -Hülle gewohnt, sich schon ihrer Heimath wieder nahe -fühlte, ihrer himmlischen Heimath, aus der sie herabgestiegen -auf die dunkle Erde, um eine kurze Spanne -Zeit darüber hinzuflattern und dann wieder zurückzukehren -in die Wohnungen des ewigen Lichts.</p> - -<p>»Meine Mimi!« murmelte mit vor Thränen halb -erstickter Stimme der zur Seite des Bettes knieende -Vater.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -»Mein Papa,« flüsterte das Kind, mit der Linken -die Blumen gegen ihr kleines matt schlagendes Herz -drückend, während sie den rechten Arm mit müder Geberde -um den Nacken ihres Vaters schlang, gerade so -wie in früheren gesunden Tagen, wenn er die müde -Kleine auf der Heimkehr von dem Spaziergange in seine -Arme nahm.</p> - -<p>Niemand war in dem Gemach, als der Flüchtling -und sein Kind, sein sterbendes Kind.</p> - -<p>»Papa,« flüsterte die Kleine, nachdem sie eine -Weile mit ihren in wunderbarem, verklärtem Glanze -strahlenden Augen nach dem Fenster, welches nach der -Gartenseite hin lag, geblickt, »Papa ... siehst Du den -schönen Engel dort am Fenster, ach ... Papa ... wie -schön er sieht ... viel, viel schöner als mein Weihnachtsengel -... siehst Du ... Papa ... jetzt winkt er mir ... -ach! die vielen Engel ... sie fliegen durchs Fenster ... -siehst Du? draußen im Garten.«</p> - -<p>Dennhardt's Herz wollte brechen, aber mit einer -fast wunderbar zu nennenden Kraft, welche in den -schmerzlichsten Augenblicken des Lebens aus einer -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -unsichtbaren Quelle uns zuzuströmen scheint, hielt er -sich aufrecht.</p> - -<p>»Meine gute ... liebe Mimi ...« murmelte er -und bedeckte die bleiche Stirn des Kindes mit seinen -Küssen.</p> - -<p>»Ich will zu Hause gehen, Papa ...« und das -Kind blickte mit ihren glänzenden Augen wie in eine -weite, weite Ferne hinaus, an deren Ende sie ihre -Wohnung erblickte, gerade so, wie sie es zuweilen wohl -gethan, wenn sie mit ihrem Papa auf einem der Hügel -von Morbihan stand und weit, weit unten im Thale -das väterliche Haus mit dem kleinen Blumengarten -erblickte, »ich will zu Hause gehen ... Papa ...« -Das Köpfchen sank leise und matt auf das Kissen -zurück, die Blumen entfielen der kleinen erkaltenden -Hand, die schönen lieben Himmelsaugen öffneten sich -noch einmal, aber schon wie umflort von einem dunklen -Schleier, mit leiser ängstlicher Stimme rief sie: -»Papa ... Papa ...« und schloß dann die Augen, -deren letzter brechender Blick die Gestalt ihres Vaters -gesucht, zum ewigen Schlummer.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Sanft und schmerzlos trat der Todesengel zu ihr; -wie eine Flamme, die den letzten Tropfen Oel verzehrt, -erlischt, langsam und still, so erlosch die Flamme dieses -kurzen Blüthenlebens.</p> - -<p>Die erkaltete Hand seines Kindes in der seinigen, -das Haupt an der Schulter der kleinen Entschlafenen, -stumm und regungslos kniete Dennhardt neben dem -Sterbebette der kleinen Mimi.</p> - -<p>Für den Schmerz eines Vater- und Mutterherzens -in diesem Augenblick giebt es keine Worte der Schilderung; -man müßte die Feder in Thränen und Herzblut tauchen.</p> - -<hr /> - -<p>Auf der Höhe der Düne, am Fuße eines kleinen -Grabhügels, auf welchem sich ein einfaches Kreuz mit -der Inschrift: »<span class="ge">Hier ruhet mein Glück</span>,« erhob, -saß am Abend eines düsteren Septembertages, wenige -Wochen nach jenem Augustmorgen, an welchem die -kleine Mimi ihren himmlischen Geburtstag feierte, ein -Mann mit grauem Locken- und Barthaar und gramdurchfurchten -Zügen. Es war der deutsche Flüchtling -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -Walther Dennhardt, der hier am Grabe seines Kindes -saß und hinüberstarrte auf das Meer, das sich vor -seinen Blicken ausbreitete, unendlich und grenzenlos -wie die Ewigkeit.</p> - -<p>»Die Ewigkeit! Giebt es eine Ewigkeit?« frug -er sich, »eine Ewigkeit für das geschaffene Individuum, -für die Creatur, die mit Bewußtsein über die Erde -wanderte, bis das ewige, uralte Geheimniß des Todes -an sie herantrat und den Leib in Staub zerfallen ließ, -den Leib, die Wohnung eines ewigen, unzerstörbaren -Geistes, der nur die Hülle wechselt, oder welcher der -Mensch selbst ist, mit dessen Zerfall auch das ganze -Dasein endigt? O dieses Räthsel des Lebens! Wer es -lösen könnte, wer das Siegel von der Pforte nehmen -könnte, welche die Geheimnisse des Todes verbirgt!«</p> - -<p>Aber wie er auch sann und sann, und grübelte -und grübelte, es war Alles eitel, Alles vergeblich – -kein Strahl des Lichtes in dieser Finsterniß, welche -die Schatten des Todes erzeugt hatten.</p> - -<p>In früheren schönen Tagen, wo noch für ihn die -Quelle des Lebens in freudigem Sprudel hervorsprang, -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -hatte Dennhardt oft im kleinen Kreise vertrauter -Freunde über diese Räthsel des Lebens gesprochen und -eine Lösung dieser Fragen, über welche Tausende im -Taumel der Alltäglichkeit hinweg schlüpfen, ohne je -darüber nachgedacht zu haben, gesucht, aber bei allem -Ernste seines Strebens nach Wahrheit hatten ihm diese -Räthsel der Schöpfung nie so sehr in der Seele gebrannt, -nie hatte er so sehr das Bedürfniß nach einer Lösung -empfunden, als seit dem Tage, an welchem der Finger -des Todes an seine Thür pochte und das Leben seiner -Mimi von ihm forderte.</p> - -<p>Tod! Tod! Gab es einen wirklichen Tod, hatte -seine Mimi aufgehört zu sein, gab es für ihn keine -Hoffnung sein Kind einst in verklärter Gestalt wiederzufinden, -dann war ihm die ganze Schöpfung eine -große Lüge, die Welt ein Todtenhaus, durch welches -ewig der bleiche Würgengel schreitet; dann war ihm -die Erschaffung der Menschheit die bitterste Ironie, der -grimmigste Hohn, die grausamste Ausgeburt eines -fluchwürdigen Zufalls der Natur.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -In dem ganzen Dorfe war Niemand, mit welchem -Dennhardt über den Zustand seiner Seele, über diese -entsetzlichen Zweifel, welche ihn marterten, hätte sprechen -können.</p> - -<p>Der katholische Pfarrer des Orts stand ihm mit -seinen streng auf den Dogmen der katholischen Kirche -beruhenden Ansichten viel zu fern, als daß zwischen -ihnen Anknüpfungs- oder nur Berührungspunkte hätten -vorhanden sein können.</p> - -<p>Dennhardt hatte bis jetzt von dem Christenthume -nur die Moral in sich aufgenommen, die Glaubenslehre -war ihm immer ein Gebiet gewesen, das ihm unbekannt -und fremd erschien, eine <i>terra incognita</i>, deren Bedeutung -er erst begriff, als das furchtbarste Verhängniß -seines Lebens sich erfüllte, als ihm seine Mimi von der -kalten Hand des Todes geraubt wurde. Mit einer fast -wahnwitzigen Begier verschlang er alle Werke, welche -sich auf jenes große Räthsel des Lebens, auf dieses -uralte Geheimniß des Todes bezogen, jenes Geheimniß, -an dessen Lösung die Menschheit schon seit Jahrtausenden -arbeitet, und das sie niemals enthüllen -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -wird, dessen Schleier von keiner sterblichen Hand gelüftet -werden wird.</p> - -<p>Und als er sie alle gelesen, die Werke der Philosophen, -von Aristoteles an bis herab zu Hegel, Strauß -und Feuerbach, da erkannte er, daß es eine unübersteigliche -Grenze für die menschliche Erkenntniß gebe, -daß das letzte Blatt im Buche des Lebens, das Blatt, -auf welchem die Geheimnisse des Todes verzeichnet -stehen, mit einem Siegel geschlossen sei, welches von -den Weltweisen aller Jahrhunderte vergebens zu lösen -gesucht wurde.</p> - -<p>Und dann lief er hinaus zum Grabe seines Kindes -auf der Düne, zu dem kleinen Grabe, für welches der -fanatische Priester keinen Platz innerhalb des Kirchhofs -hatte, weil es das Kind eines Protestanten, eines -Ketzers war, und setzte sich an dem kleinen Rasenhügel -nieder und weinte heiße, blutige Thränen, und sprach -mit seinem Kinde, mit seiner kleinen Mimi, der er -allerlei Schmeichelnamen gab, gleich als verstehe sie ihn.</p> - -<p>Wenn dann der Wind vom Meer herüber wehte -und durch die Zweige des kleinen Tannenbaumes, welchen -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -er auf das Grab gepflanzt, strich, wenn die Aeste -und Zweige und die Blumenstengel der Astern sich -flüsternd bewegten, dann glaubte er, es sei die kleine -Mimi, welche ihm antwortete.</p> - -<p>Der Gang nach dem kleinen Grabe, den er täglich -gegen Sonnenuntergang antrat, mochte das Wetter -auch noch so stürmisch sein, war sein einziger Ausgang. -Weder in Vannes, noch in dem Dorfe ließ er sich sonst -sehen.</p> - -<p>Der Doktor Godin, welcher ihn zuweilen besuchte, -forderte ihn vergebens auf, einmal mit nach Vannes -zu gehen, sich etwas zu zerstreuen und den Trübsinn -abzuschütteln, der ihn tagtäglich immer mehr gefangen -nahm.</p> - -<p>»Lassen Sie mich, Doctor,« gab er kopfschüttelnd -zur Antwort, »ich will Nichts mehr von der Welt da -draußen wissen ... Sehen Sie, Doktor, wenn ich jetzt -unter die Leute komme, wie es mir neulich einmal -geschah, und es begegnen mir Eltern mit ihren Kindern, -und wenn es der ärmste Hirt ist, dessen Hütte -die letzte im Dorfe, und seine Kinder springen vor ihm -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -her, barfuß und halbnackt, so fühle ich mich so bettelarm -gegen den Mann, daß ich mich vor ihm hinter -dem nächsten Busch verstecken möchte. Es ist mir -Alles genommen mit dem Kinde, nur mein Körper -wandelt noch auf Erden, meine Seele aber ist bei -meiner Mimi.«</p> - -<p>Und wie er grau und alt geworden war in den -wenigen Wochen! Wie alle Frische des Lebens aus den -Zügen des noch so jungen Mannes weggewischt war, -wie das blonde Haar sich entfärbt hatte und so wirr -um sein Haupt flatterte!</p> - -<p>Seine Beschäftigung hatte er ganz und gar aufgegeben. -Er lebte von seinen Ersparnissen, die einst -seiner Mimi gehören sollten, einen Theil davon hatte -er zu einer Stiftung für arme Kinder des Dorfes verwendet. -So verging der Herbst, und der Winter kam -heran und überzog die grünen Berge von Morbihan -mit seinem weißen Schneegewand, und auch das kleine -Grab des kleinen deutschen Mädchens auf der Düne -von Morbihan überzog er mit dem Leichentuche der -hinsterbenden Natur.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Und wieder war der Weihnachtsabend da, jener -heilige Abend, an welchem die Freude in tausend und -aber tausend fröhliche Kinderseelen und glückliche Elternherzen -einzieht. Den ganzen Tag über hatte Dennhardt, -zu Mutter Poisson's großer Verwunderung, in -seinem Arbeitszimmer sich eingeschlossen und eine auffällige -Geschäftigkeit gezeigt. Als aber der Abend hereinbrach, -ein windstiller, reiner, klarer Winterabend, -so ein echter Christabend mit Tausenden von funkelnden -Sternen am weiten Himmelsdome, da schlug -Dennhardt seinen Mantel um die Schultern und wanderte -hinaus nach der Düne zu dem Grabe seiner -kleinen Mimi.</p> - -<p>Was sich da ereignete, haben die Bewohner des -Dorfes nie so recht erfahren können; nur Vermuthungen -und die Aussagen eines Hirten, der in später -Stunde seine Heerde unweit der Düne vorüber trieb, -dem aber der Schreck über den seltsamen Anblick die -ruhige Beobachtung raubte, so wie einige andere sichtbare -Zeichen ließen auf den muthmaßlichen Zusammenhang -schließen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -»Als ich,« so erzählte der Hirt, »spät am Abend -mit meinen Ziegen und Schafen unweit der Düne vorbeizog, -sah ich plötzlich an der Stelle, wo das Grab -des kleinen deutschen Mädchens ist, helles strahlendes -Licht ... Es war mir, als ob eine Unzahl Flammen -aus der Erde aufstiegen und immer höher und höher -wuchsen ... Und dann sah ich eine dunkle Gestalt mit -flatterndem Haar und ausgebreiteten Armen, ein Buch -in der Hand, neben dem Grabe stehen, und hörte seltsame, -unverständliche Töne, die mir aber einen solchen -Schreck in die Glieder jagten, daß ich entsetzt über den -Spuk mit meiner Heerde in eiliger Flucht den Abhang -hinab nach dem Dorfe zu sprang.«</p> - -<p>Als Dennhardt am Morgen des Weihnachtstages -noch nicht wieder nach Hause zurückgekehrt war, lief -Mutter Poisson zu dem Doctor Godin und theilte diesem -ihre Besorgnisse mit. Dieser ging zum Maire und -fuhr dann mit diesem nach dem Dünenhügel.</p> - -<p>Beim Erblicken des kleinen Grabes stieg eine -Thräne in des Arztes Auge. Der Anblick war ein -traurigrührender. Der kleine Tannenbaum auf dem -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Grabe war in einen schönen buntschimmernden Weihnachtsbaum -verwandelt, an dem Nichts fehlte, weder -der Erzengel von Rauschgold, noch das Zuckerwerk, -noch die goldenen und silbernen Nüsse und Aepfel. Nur -die gelben Wachslichter waren bis auf den Stumpf -niedergebrannt. Es waren die Flammen gewesen, in -welchen die abergläubische Phantasie bretagnischer Hirten -böse Geister erblickt hatte. Am Fuße des Grabes, -das Haupt auf den kleinen Rasenhügel gestützt, lag -der deutsche Flüchtling, bleich und entseelt, aber mit -dem Ausdrucke eines tiefen Seelenfriedens, ja einer gewissen -Verklärung und freudigen Zuversicht in den -bleichen Zügen.</p> - -<p>Seine erstarrte Hand hielt ein aufgeschlagenes -Buch; es war die Bibel. Tief bewegt beugte sich der -Arzt zu dem Entschlafenen nieder, um das Buch aus -der kalten Hand des Todten zu nehmen. Da traf sein -Blick auf die aufgeschlagene Stelle, auf welcher wohl -zuletzt das Auge des Entschlafenen geruht.</p> - -<p>Es waren die Worte des Apostels:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -»Siehe, ich sage euch ein Geheimniß: wir werden -nicht Alle entschlafen, wir werden aber Alle verwandelt -werden. Der Tod ist verschlungen in den Sieg.«</p> - -<p>»Er hat das Räthsel des Lebens gelöst,« murmelte -der Arzt, »er hat sein Kind wiedergefunden.«</p> - -<p>Noch am selbigen Tage begrub man den Flüchtling -an der Seite seines Kindes, seinen letzten sehnlichsten -Wunsch, den er häufig im Gespräch mit dem -Doctor geäußert, erfüllend.</p> - -<p>Jahre sind seit jenem Weihnachtsabend vorüber -gegangen, aber noch heute sieht man die beiden Gräber -auf der Höhe von Morbihan. Und wenn die Meereswogen -heranbrausen zur Düne, und die Möven über -die Grabhügel hinstreichen, und es in dem Tannenbaum -rauscht und flüstert, und zufällig ein Hirt mit -seiner Heerde vorüberzieht, dann ergreift er nicht mehr -die Flucht, sondern er pflückt eine Blume und legt sie -auf das Grab des kleinen deutschen Mädchens und -ihres Vaters, die hier im fernen fremden Lande jene -letzte Ruhestätte fanden, welche das Ziel aller irdischen -Wanderung ist.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -Die Mütter des Dorfes aber führen ihre Kinder -des Sonntags häufig zum Grabe der kleinen Mimi -und erzählen ihnen die Geschichte von dem schönen -kleinen Mädchen und von dem letzten Weihnachtsbaum, -den ihr Vater auf ihr Grab pflanzte.</p> - -<hr /> - -<p>Und Fanny? Vergebens hat sie als Gattin des -Vicomte von Grandlieu mehrere Jahre Europa nach -allen Richtungen durchstreift, um Mimi zu finden.</p> - -<p>Sie hat die Hoffnung endlich aufgegeben und sich -mit ihrem Manne nach Paris zurückgezogen, wo sie, -trotzdem daß der Schmerz seine leserliche Schrift in -ihr schönes Antlitz gegraben, noch immer den Mittelpunkt -eines glänzenden Kreises bildet, der sich um sie -gesammelt.</p> - -<p>Ob sie glücklich ist? Wir wagen es nicht zu glauben, -denn eine Mutter bleibt immer Mutter, und -mitten in dem Geräusch der Feste durchzuckt oft ein -stechender Schmerz ihr Herz und eine düstere Trauer -umflort ihre Stirn; sie bedeckt sich die Augen und zieht -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -sich in ihr Zimmer zurück, wo sie ihr Gemahl dann -von Thränen überfluthet auffindet.</p> - -<p>Ahnt sie vielleicht das Geschick ihres Kindes und -des Mannes, der einst ihr Gatte war?</p> - -<p>Wie dem auch sei, die Ruhe ist von ihr geflohen -und sie würde vielleicht den Rest ihres Lebens -dahingeben, wenn sie ihr Geschick wieder mit dem jener -zwei Seelen vereinigen könnte, deren irdische Hüllen in -jenen Gräbern auf der Düne von Morbihan ruhen.</p> - -<p>Sie ruhen sanft! Und das Murmeln des Meeres -ist ihr ewiges Schlummerlied!</p> - - -<p class="mt6 ce fss">Wien. Druck von Jacob & Holzhausen.</p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p> - -<p class="in0">Bei direkter Rede wurde, der überwiegenden Verwendung -im Originalbuch folgend, das Kommazeichen einheitlich jeweils vor -dem schließenden Anführungszeichen angeordnet.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidern" – "erwiedern", -mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br /> -"Aufrüher" geändert in "Aufrührer"<br /> -(Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_016">16</a>:<br /> -"berühmtensten" geändert in "berühmtesten"<br /> -(in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_021">21</a>:<br /> -"endeckte" geändert in "entdeckte"<br /> -(Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_022">22</a>:<br /> -"Uebezeugung" geändert in "Ueberzeugung"<br /> -(meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_025">25</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_026">26</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_030">30</a>:<br /> -"gäng" geändert in "gang"<br /> -(die unter diesen Leuten gang und gäbe waren)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_044">44</a>:<br /> -"Tühr" geändert in "Thür"<br /> -(der zwanzig Schritte von der Thür hält)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_048">48</a>:<br /> -"Bellville" geändert in "Belleville"<br /> -(von der Vorstadt bei Belleville weit hinein)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_054">54</a>:<br /> -"ergeizigen" geändert in "ehrgeizigen"<br /> -(Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br /> -"Tühr" geändert in "Thür"<br /> -(an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_084">84</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_100">100</a>:<br /> -"Jügling" geändert in "Jüngling"<br /> -(so wie es vielleicht ein Jüngling ist)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_103">103</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(wilde Schweine, Luchse und Dachse)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_108">108</a>:<br /> -"vierunzwanzig" geändert in "vierundzwanzig"<br /> -(bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_123">123</a>:<br /> -"lautlaus" geändert in "lautlos"<br /> -(und lautlos vor sich hinstarrte)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ein kleines Kind, by Karl Wartenburg - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND *** - -***** This file should be named 60672-h.htm or 60672-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/7/60672/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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