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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Ein kleines Kind, by Karl Wartenburg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Ein kleines Kind
- Weihnachts-Novelle
-
-Author: Karl Wartenburg
-
-Release Date: November 11, 2019 [EBook #60672]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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- Ein kleines Kind.
-
-
- Weihnachts-Novelle
-
- von
-
- Carl Wartenburg.
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-
- Der Dienst der Freiheit ist ein schwerer Dienst,
- Er bringt nicht Gold, er bringt nicht Fürstengunst;
- Er bringt Verbannung, Kerker, Schmach und Tod --
- Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst,
- Dem sich die Edelsten des Volkes weihen!
-
- _L. Uhland._
-
-
- Wien, 1864.
-
- Verlag von Carl Schönewerk.
-
-
-
-
-Meinem einzigen, geliebten Kinde
-
- Helene
-
-geb. 17. August 1855, gest. 17. August 1861.
-
-
-
-
-1. Auf der Flucht.
-
-
-Noch wenige Schritte und das deutsche Land lag hinter ihnen ...
-Die Flüchtlinge holten still stehend Athem, ihre Blicke noch einmal
-zurückwendend zur alten Heimath. Es waren drei Personen, ein Mann, ein
-junges Weib und ein kleines Kind, das im Arme des Vaters lag, mit sanft
-gerötheten Wangen den süßen Schlaf der Kindheit schlummernd, nicht ahnend,
-daß es in diesem Augenblicke das Vaterland verlor. Eine Thräne flimmerte in
-den Augen des jungen Mannes. »Lebe wohl, mein Heimathland ... mein liebes,
-theures deutsches Land ... Ich verlasse dich, gejagt wie ein Thier des
-Waldes von der Meute, die nach meinem Blute dürstet. Lebe wohl und vergieb
-mir, daß ich dich zu sehr geliebt ... Gott segne dich, mein deutsches
-Land ...« Schmerz und Wehmuth erstickten seine Stimme, er verbarg sein
-Gesicht in dem Lockenköpfchen des Kindes und weinte bitterlich.
-
-Die junge Frau an seiner Seite blickte düster und stumm hinüber nach der
-deutschen Grenze ... Auch in ihren großen dunklen Augen funkelte eine
-Thräne, aber es war keine Zähre des Schmerzes und der Wehmuth, wie bei
-ihrem Gatten ...
-
-Zorn, Stolz, Verachtung sprühten ihre Blicke, und die Lippen des fein
-geformten Mundes waren fest aneinander geklemmt, als fürchte sie, daß ihr
-wider ihren Willen ein Laut der Klage entschlüpfen könne ...
-
-So standen sie eine lange Weile, stumm und fast regungslos, ein Jedes die
-Beute stürmisch fluthender Gefühle ...
-
-Endlich richtete der Mann sein Haupt empor, strich das blonde Haar, das ihm
-wirr um die Stirne fiel, mit einer lebhaften Geberde zurück und streckte
-seiner Gattin die mit einem Verbande umhüllte Rechte entgegen: »Laß uns
-weiter wandern, Fanny,« sprach er mit gefaßter Stimme, »hinein in die
-unbekannte Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten Vaterlande
-Nichts weiter mit hinüber nehme, als die Freiheit und das Bewußtsein, für
-unsere Ueberzeugung gestritten und gelitten zu haben.« Sie antwortete
-ihm mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen, ohne die
-dargereichte Rechte ihres Gatten zu ergreifen ...
-
-Da raschelte es in den Büschen, welche an dem Ufer des Baches standen, der
-hier die Grenze zwischen dem deutschen und dem französischem Lande
-bildet. Gewehrläufe und Helme blinkten in den Strahlen der untergehenden
-Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille streckte den Flüchtlingen mit
-dem Zuruf: »Halt! ... Wer da?« ihre Bajonnete entgegen.
-
-Die Flüchtlinge standen still, doch schon im nächsten Augenblicke hatte
-sich der junge Mann gefaßt und entschlossen antwortete er: »Laßt mich ruhig
-meines Weges ziehen ... Was kümmert's Euch, wer ich bin, wer giebt Euch das
-Recht, hier auf diesem Grund und Boden mich anzuhalten?«
-
-»Wer uns das Recht giebt, Mann,« antwortete der Patrouillenführer, indem
-er auf den Flüchtling zutrat und mit der Säbelscheide auf den Boden stieß,
-»hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement, welches ich hier in
-meiner Brieftasche trage, worin ein gewisser Walther Dennhardt, seines
-Zeichens ein Bildhauer, der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden thätigen
-Antheil genommen, verfolgt wird.«
-
-»Und wenn ich Der wäre, den Ihr sucht,« rief der Flüchtling mit drohender
-Geberde, indem er das schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte,
-welche mit einer gewissen düsteren Ruhe dem Vorgange folgte, »so habt Ihr
-kein Recht, mich hier auf französischem Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt
-mir freie Bahn oder ich schaffe sie mir ...« Und er zog mit der
-Linken unter der Blouse eine doppelläufige Pistole hervor, die er dem
-Patrouillenanführer entgegen streckte.
-
-»Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen,« schrie der
-Gendarmerie-Officier, indem er den Säbel zog, »vorwärts, Leute, faßt ihn.«
-
-Ohne Zweifel wäre jetzt eine Scene der Brutalität, der Kampf einer vielfach
-überlegenen Gewalt mit einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben
-Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und energischen Zuruf:
-»=Halte!=« der von dem Saume des Birkenwäldchens her erscholl, welches sich
-links an dem Bache hinzog, stutzig gemacht worden wären.
-
-Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig ihre Blicke nach
-der Richtung, von woher der Ruf gekommen, und sahen drei junge Männer in
-eleganter Kleidung, die Jagdflinte über den Rücken geworfen, herankommen.
-
-»Was giebt es da, was geht hier vor?« frug der Vorderste von ihnen, der
-einen schönen großen englischen Wasserhund an einer langen seidenen Schnur
-hielt, in französischer Sprache -- und dabei glitt sein großes dunkles Auge
-über die Gruppe, bis er auf der jungen Frau haften blieb.
-
-»Wir sind eben im Begriff einen Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer
-und Rebellenführer, und Sie werden uns einen Gefallen thun, wenn Sie uns
-bei diesem Geschäft nicht weiter stören,« antwortete in schlechtem, aber
-doch verständlichem Französisch der Gendarmerie-Officier, indem er die
-Hand nach dem Flüchtlinge ausstreckte, der beim Herzutreten der drei jungen
-Männer seine Waffe gesenkt hatte.
-
-»Gemach, mein Herr,« unterbrach ihn der junge Mann, indem er zwischen den
-Patrouillenführer und den Verfolgten trat, »und wer giebt Ihnen das Recht
-dazu?«
-
-Erbitterte es den Officier, aus dem Munde des Fremden denselben Einwurf zu
-hören, den ihm der Flüchtling entgegen gehalten, oder dürstete er zu
-sehr nach Auszeichnung und Beförderung, die ihm gewiß war, wenn er den
-Flüchtling einfing, genug, er vergaß alle Rücksichten der Klugheit,
-und ungeduldig über die Hindernisse, welche sich der Gefangennahme des
-proscribirten Freischaarenführers entgegensetzten, rief er brüsk:
-
-»Ich weiß nicht, wer Sie zu dieser Frage berechtigt ... gehen Sie Ihre
-Wege und mischen Sie sich nicht in die Angelegenheiten Anderer ... Und
-nun vorwärts, Ihr Leute, nehmt den Mann und das Weib mit dem Kinde in die
-Mitte.«
-
-Eine dunkle Röthe hatte schon bei den ersten Worten des Officiers die
-Stirne des jungen Mannes gefärbt, doch bezwang er sich so weit, daß er den
-Andern vollenden ließ.
-
-Wie aber die Polizeisoldaten Miene machten den Befehl ihres Vorgesetzten
-auszuführen, hob er drohend seine Flinte und rief mit gebieterischer
-Stimme, während er zugleich mit Anstrengung den Hund, welcher sich
-vom Instinct getrieben auf den Gendarmerie-Officier stürzen wollte,
-zurückhielt:
-
-»Wie? Unverschämter, antwortet man so auf eine höfliche Frage ... Und habt
-Ihr,« und er trat einen Schritt gegen den Officier vor und blickte ihn
-durchdringend an, »habt Ihr vergessen, daß Ihr Euch einer Grenzverletzung
-schuldig gemacht habt und auf dem Boden der französischen Republik
-steht? Habt Ihr nicht jenen Grenzpfahl gesehen?« Und er deutete auf einen
-blau-weiß-rothen Grenzbaum, an welchem eine Tafel befestigt war, auf
-welcher die Worte standen: »=République française=.«
-
-»Ich könnte Euch,« fuhr er ruhiger fort, als er bemerkte, wie die Gendarmen
-nebst ihrem Führer verlegen wurden, »ich könnte Euch festnehmen lassen
-und nach Straßburg abliefern, wo man Euch den Proceß machen würde wegen
-Verletzung der Republik mit gewaffneter Hand, aber ich will Nachsicht üben
-... Doch jetzt macht schnell, daß Ihr fortkommt, oder ich schicke Euch den
-Gendarmerie-Capitain Molet über den Hals, der in dem Schlosse dort,« und
-er deutete auf ein hinter dem Birkenwäldchen liegendes kleines Gebäude
-»einquartirt ist.«
-
-Murrend und knurrend, wie eine Meute, die der Befehl des Herrn von
-einem Stück Wild zurückruft, welches sie eben zerreißen will, trat die
-Streifpatrouille den Rückzug auf das deutsche Gebiet an und war bald in dem
-Gebüsche jenseits des Baches verschwunden.
-
-Der Flüchtling streckte dem jungen Manne tief bewegt die Hand entgegen.
-
-»Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der nie vergessen wird, daß Sie dem
-heimathlosen Flüchtling die Freiheit retteten, für die er im Vaterlande mit
-den Waffen gekämpft.«
-
-Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand conventionell ergreifend und
-mit einer Gemessenheit des Tones, die fast überraschend abstach gegen die
-eben in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wärme:
-
-»Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen Dank schuldig ... Wenn ich
-zwischen Sie und Ihre Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie für
-die Grundsätze, welche Sie hegen, denn ich hasse die Revolution und jene
-demokratischen Freiheitsideen, welche jetzt die Köpfe der Menge verwirren,
-sondern es geschah, weil ich sah, daß Sie Gatte und Vater sind.«
-
-Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges die junge Frau, welche
-unwillkürlich erröthend zur Erde niedersah.
-
-Ein leichter Schatten verdüsterte auf einen Moment des Flüchtlings Stirne,
-als sein Befreier in so ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines
-dankerfüllten Herzens antwortete, allein er unterdrückte dieses Gefühl
-rasch und sprach:
-
-»Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhänger der Grundsätze sind, für
-welche ich gefochten und geblutet habe ... Walther Dennhardt wird doch
-nie aufhören sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn Sie einst einen Mann
-suchen, der Ihnen einen großen Dienst leisten soll, so mögen Sie meiner
-eingedenk sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ... die Sonne sinkt
-und es ist noch eine tüchtige Strecke Wegs zur nächsten Eisenbahnstation.
-Gieb mir das Kind, Fanny.«
-
-Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind, welches noch immer
-schlummerte, und grüßte mit stummer Verbeugung den jungen Mann und seine
-beiden Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren.
-
-Auch der Flüchtling grüßte noch einmal seinen Helfer in der Noth mit einem
-Blick des Danks, dann wendete er sich zur Linken, der Heerstraße zu,
-welche nach der Hauptstadt des Elsasses führte, gefolgt von Fanny, die
-gedankenvoll hinaus ins Weite sah.
-
-Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie sich noch einmal von dem
-Andern angerufen hörten. »Ein Wort noch, mein Herr,« rief der junge Mann,
-auf die Stillstehenden zugehend, »Sie wollen heute noch nach Straßburg ...
-ich glaube kaum, daß es Ihnen möglich sein wird die Stadt heute vor später
-Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fünf Uhr ... in wenigen Stunden bricht
-schon die Nacht an und Sie haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Für eine
-zarte Frau und für ein Kind von so jungem Alter dürfte eine Nachtreise doch
-bedenklich sein.«
-
-Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine Gattin.
-
-»O, was mich betrifft,« entgegnete die junge Frau mit Stolz und Energie,
-»so brauchst Du keine Rücksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,«
-und sie deutete nach der deutschen Grenze; »ich habe es nie geliebt ... und
-jeder Schritt, der mich weiter davon entfernt, dünkt mir Gewinn zu sein.«
-
-Es waren die ersten Worte der jungen Frau, und das reine Französisch,
-in welchem sie gesprochen wurden, überraschte den Andern ebenso wie
-der energische Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich in ihnen
-aussprach.
-
-»Sie sind eine Landsmännin von mir?« frug der junge Franzose mit lebhaftem
-Tone.
-
-»Meine Frau ist Brüsselerin,« fiel der Flüchtling ein, indem sich eine
-Wolke auf seiner Stirn zeigte, »für die aber Deutschland die zweite Heimath
-wurde, die sie nie aufhören sollte zu lieben ... die sie nie schmähen
-sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele erfüllt ist von Bitterkeit
-und dem Bewußtsein erlittenen Unrechts.«
-
-Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als in vorwurfsvollem Tone
-gesprochene Bemerkung ihres Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort:
-»Ich wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen unter diesen
-Umständen vielleicht annehmbar erscheinen dürfte. Ich bin der Besitzer
-dieser Fluren und jenes Schlosses, welches Sie dort hinter dem
-Birkenwäldchen sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen Ihrer
-Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfügung ... Doch,« fügte
-er rasch hinzu, als er eine gewisse Unentschiedenheit in den Zügen des
-Flüchtlings zu erblicken glaubte, »doch zuvor ist es nöthig, daß wir näher
-mit einander bekannt werden ... Kennen wir doch nicht einmal unsere Namen.
-Ich bin der Vicomte Edmund von Grandlieu.«
-
-»Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer meinem Berufe nach.«
-
-»Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft sich ja herrlich,« fiel der
-junge Baron von Grandlieu ein, »ich habe eine wundervolle Antike in meinem
-Parke, eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des rechten Armes
-fehlt ... Sie könnten, Herr Dennhardt, in voller Muße diesen Mangel
-ergänzen und mich dadurch zum lebhaftesten Dank verbinden.«
-
-Mit einem schmerzlichen Lächeln zeigte der Bildhauer auf seine verwundete
-und mit Bandagen umhüllte Rechte. »Es thut mir in der That wehe, Herr
-Vicomte, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht beweisen kann. Ich
-werde wohl nicht so bald wieder den Meißel und den Hammer führen können.
-Der Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht meiner
-Künstlerlaufbahn für immer ein Ende gemacht. Und nun nochmals herzlichen
-Dank für Ihr gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht
-annehmen können.«
-
-»Wie, Sie wollen?« erwiderte der Baron von Grandlieu, indem er ein Gefühl
-der Verstimmung, welches ihn bei der abschläglichen Antwort des Bildhauers
-überkommen, unterdrückte. »Und wenn Sie vielleicht das Schicksal nach Paris
-führen sollte, so vergessen Sie dann nicht das Hôtel Grandlieu in der Rue
-de la Paix.«
-
-Er grüßte, ließ noch einen lebhaften Blick auf die junge Frau fallen und
-ging dann zurück zu seinen Freunden, während die Flüchtlinge ihren Weg nach
-Straßburg fortsetzten, stumm und ernst, ein Jedes mit seinen Gedanken an
-die Vergangenheit und die ungewisse Zukunft beschäftigt, ein Jedes fühlend,
-daß zwischen ihnen Etwas lag, worüber es zur Erklärung kommen mußte.
-
-
-
-
-2. Mann und Weib.
-
-
-Die Vorhersagung des Barons von Grandlieu war in Erfüllung gegangen. Das
-Geschick hatte Walther Dennhardt nebst Frau und Kind nach Paris geführt ...
-An einem heitern Septembermorgen war er in der französischen Hauptstadt,
-die ihm schon von einem frühern Aufenthalte her nicht ganz unbekannt war,
-angelangt und hatte sich mit seiner kleinen Familie in einer der Vorstädte,
-in der Nähe von Belleville, eingemiethet.
-
-Es war an einem Nachmittag, vielleicht eine Woche nach der Ankunft in
-Paris, als Dennhardt mit seinem Kinde am Fenster saß und gedankenvoll
-hinüberschaute in den Park des Nachbarhauses, in welchem der Herbstwind
-schon gelbe Blätter über die noch grünen Rasenplätze trieb.
-
-Seine Frau war mit einer Dienerin ausgegangen, um einige Einkäufe für die
-häusliche Einrichtung zu besorgen. Dennhardt hatte eine Weile mit dem Kinde
-gescherzt und gespielt, bis es müde geworden das Köpfchen an seine Brust
-gelehnt hatte und eingeschlummert war.
-
-Leise und vorsichtig, um die schlafende Kleine nicht zu erwecken, erhob
-er sich und legte sie behutsam in das kleine braunlackirte Schaukelbett,
-welches unweit des Fensters stand. Dann rückte er sich seinen Sessel an
-die Wiege und versank von Neuem in tief-ernstes Sinnen und gedankenschweres
-Brüten ... Die letzten drei Jahre, zugleich die bedeutungsvollsten seines
-Lebens, zogen an ihm vorüber. Gerade vor drei Jahren hatte er Paris, wo
-er in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet, verlassen, um
-einen Auftrag auszuführen, welchen er von der belgischen Regierung erhalten
-hatte. Er ging nach Brüssel, und hier war es wo er Fanny kennen lernte.
-Sie gehörte einer reichen adeligen Familie an, die sich lange gegen die
-Verbindung mit dem deutschen Künstler, der zwar einen ehrenvollen Namen in
-seiner Kunst, aber doch nur einen bürgerlichen trug, sträubte.
-
-Aber Fanny war eine energische Natur; gerade der Widerstand, den sie fand,
-reizte sie, und eines Tages war sie mit Dennhardt aus Brüssel entflohen,
-um sich in einer Grenzstadt an der belgisch-holländischen Grenze mit dem
-Geliebten trauen zu lassen. Der Familie blieb darauf weiter Nichts übrig,
-als zu der vollendeten Thatsache ihre Zustimmung zu geben. Im Grunde
-der Herzen blieb aber der Zwiespalt unausgeglichen, und Dennhardt, Dies
-fühlend, verließ Brüssel, sobald er die übernommene Arbeit vollendet hatte.
-
-Er kam nach Deutschland zurück in einer Zeit, deren mächtiger Zug auch
-kältere und weniger für alles Große und Schöne im Menschen- und Völkerleben
-begeisterte Naturen in unwiderstehlicher Gewalt mit sich fortriß, im
-Anfange des Jahres 1847.
-
-Welches Ringen, welches Streben, welches Kämpfen in der Welt der Geister,
-auf allen Gebieten des Lebens, der Politik, der Kunst, der Literatur, der
-Gesellschaft. Die alte Weltordnung war im Begriff vollends unterzugehen,
-auch jene letzten Trümmer noch, welche die Revolution von 1789 übrig
-gelassen und die von der Restauration von 1815 mit aller Macht und
-Anstrengung aufrecht erhalten worden waren. In Frankreich klopfte die
-Revolution schon an die Thore eines Königspalastes, dessen Bewohner
-vielleicht hauptsächlich deßhalb seine Krone verlor, weil er über den schön
-aufgeputzten Reden und Declamationen einer corrumpirten, mit Orden, Titeln
-und Aemtern erkauften Kammermehrheit den Nothschrei und den Weheruf des
-Volkes in den Straßen überhörte.
-
-In der Schweiz stand sich das Jesuitenthum von Luzern und das freie
-Bürgerthum der Eidgenossenschaft mit gewaffneter Hand gegenüber, schon
-witterte man in der Luft der Schweizerberge Etwas von einem Pulverdampfe,
-der wenige Monate später über die Ebene am Gislikon wogte und in dessen
-Wolken das jesuitische Sonderbündlerthum ersticken sollte ... Dazu die
-Bewegung der Geister in Deutschland selbst! Seit der Thronbesteigung
-Friedrich Wilhelm's IV. von Preußen war ein Ringen und Kämpfen entstanden
-auf den Gebieten des öffentlichen Lebens, wie man es vorher in Deutschland
-in dieser Weise nicht gekannt hatte. Große und leidenschaftliche Hoffnungen
-hatten sich an den Regierungsantritt dieses Königs geknüpft. Kaum ein
-Jahr war verflossen, und man sah mit zweifelloser Klarheit, daß man sich
-getäuscht hatte.
-
-In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft, auf dem Gebiete der
-Religion, überall liefen die Vorkämpfer der neuen Ideen Sturm gegen die
-alten Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's, Bassermann's,
-in der badischen zweiten Kammer fanden einen Wiederhall in ganz Deutschland
-und weckten gleiche Stimmen im Ständesaal zu Dresden, während die Presse
-mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner unterstützte. Alles rief nach
-Freiheit; und so unklar für Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich
-die Vorstellungen, welche sich Viele von der Freiheit machten; das Wort
-hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit gewaltiger Kraft ergriff und
-mit sich fortzog ... Die »Vaterlandsblätter« Robert Blum's, Gustav Struve's
-»Deutscher Zuschauer,« Keil's »Leuchtthurm« wurden heißhungrig verschlungen
-und jedes Blatt warf neue Funken in die schon entzündeten Gemüther. Dazu
-der Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen Johannes Ronge
-durch seinen berühmten Fehdebrief aus Laurahütte an den Bischof Arnoldi von
-Trier zum Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister wegen Lösung
-der socialen Frage, die immer drohender heranrückte und ihre Tirailleurs
-in ganzen Schwärmen socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der
-ängstliche zögernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche den Boden
-unter ihren Füßen wanken fühlten, -- alle diese Momente mußten eine so
-empfängliche Natur, wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt
-ergreifen.
-
-Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso leidenschaftlich für die
-Ideen der Freiheit und Gleichheit begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als
-die gewaltige Katastrophe der Februarrevolution ausbrach, Deutschland
-von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin die Barrikaden sich
-erhoben, da bedurfte es der ganzen Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die
-junge Frau abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die Soldaten zu
-fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht, in dieser Erzählung alle
-die verschiedenen Phasen der so denkwürdigen Bewegung von 1848 und 1849 zu
-schildern, wir wollen nur so viel erwähnen, daß Walther Dennhardt und seine
-junge Frau sich den entschiedensten Vorkämpfern der demokratischen Partei
-anschlossen, und im Frühjahr 1849 finden wir sie in Baden, wo die letzten
-Kämpfe der Bewegung ausgefochten wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem
-seine Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte, zum ersten Mal
-einen Zwiespalt zwischen seinen und Fanny's Ansichten.
-
-Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung eines politischen
-Commissärs an. Er sollte mit ausgedehnten Vollmachten nach dem Schwarzwald
-geschickt werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war dies eine
-Stellung ganz selbständiger Natur und von bedeutendem Einfluß.
-
-Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als Freischaarenführer in
-die Reihen der Kämpfer zu treten.
-
-Fanny machte ihm hierüber Vorwürfe: »Warum hast Du dieses Amt nicht
-angenommen?« sprach sie »und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen
-Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gäbe, die gut zum Dreinschlagen
-sind. O, Ihr idealen deutschen Schwärmer, Ihr werdet niemals eine
-wirkliche Revolution zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen
-revolutionären Naturen. Ueberall diese ängstliche Bescheidenheit und
-Blödigkeit, die jungen Mädchen gut steht, aber wahrlich Männern nicht
-geziemt, welche eine Staatsumwälzung vollführen wollen.«
-
-»Ich kämpfe nicht aus selbstsüchtigen, persönlichen Motiven, sondern für
-meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit; ich schlug
-diesen Antrag aus, weil ich fühlte, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen
-war. Als Kämpfer aber kann ich meine Pflicht erfüllen.«
-
-Fanny lächelte spöttisch: »War es nicht ein deutscher Dichter, Euer Göthe,
-welcher das Wort vom Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit
-und Einheit Deutschlands erkämpft ist, wird es noch immer Solche geben, die
-befehlen, und Solche, welche gehorchen müssen. Hast Du so große Lust zu den
-Letztern zu schwören?«
-
-»Weder zu den Einen, noch zu den Andern ... ich will Nichts weiter als ein
-freier Bürger im freien Vaterlande sein. Doch lassen wir Das,« sprach er
-abbrechend, »diese Erörterung ist überflüssig ... und schmerzlich dabei ist
-mir nur das Eine, daß Du, Fanny, so wenig meine Grundsätze und Ueberzeugung
-kennst.«
-
-Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten immer verhängnißvoller
-wurde, der Sieg der Sache, für welche Dennhardt die Waffen in feuriger
-Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mußte er manche bittere
-Bemerkung seines Weibes hinnehmen, und obwohl widerstrebend mußte er sich
-doch gestehen, daß Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung
-seine politischen Bestrebungen gebilligt und an ihnen Theil genommen hatte,
-sondern aus ganz andern Beweggründen. Zur vollen Gewißheit darüber gelangte
-er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins, wo er nur durch das
-Dazwischentreten des französischen Barons vom Kerker errettet wurde.
-Dennhardt hatte Fanny Vorwürfe über ihr gehässiges Wort gegen Deutschland,
-das sie dem Baron von Grandlieu gegenüber ausgesprochen, gemacht.
-
-Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede all die Bitterkeit
-entquollen, die sich lange in ihr angehäuft hatte.
-
-»Du willst mir Vorwürfe machen,« hatte sie ihm erwiedert, »daß ich mit
-Worten des Hasses und des Abscheues von Deinem Deutschland gesprochen habe.
-Kann ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland haben? Ist es nicht
-das Grab aller meiner Hoffnungen und Träume geworden, hat es mir etwas
-Anderes als Täuschungen geboten?«
-
-Und als Dennhardt sie mit einem großen fragenden Blicke angesehen, hatte
-sie unter dem Eindrucke einer sich immer höher steigernden Erregung weiter
-gesprochen:
-
-»Du weißt es, Walther, als ich Dein Weib wurde, da liebt' ich Dich stark
-und innig. Aber ebenso liebte ich auch Deinen Künstlerruhm, den Namen, den
-Du Dir durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du, daß ich, die
-Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein Herz und meine Hand gegeben
-hätte, wenn Du ein unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann ohne
-Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«
-
-»Wie!« unterbrach sie bei diesen Worten ihr Mann mit schmerzlichem Ausdruck
-in Rede und Geberde, »so war es nicht der Mann, den Du in mir liebtest,
-sondern der Künstler, nicht Walther, sondern der Bildhauer Dennhardt?!«
-
-»Ich kann den Einen nicht von dem Andern trennen. Ich sah in Dir den
-gefeierten Künstler und den Mann von Geist und Kraft, der ringend und
-strebend seine Hand nach dem Höchsten auszustrecken wagt, das uns vom Leben
-dargeboten wird. Und nun ...«
-
-»Bin ich ein heimathloser Flüchtling,« fiel Dennhardt mit schmerzlicher
-Bitterkeit ihr ins Wort, »der das bittere Brod der Verbannung essen muß
-und Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten! aus Deinem Munde zu
-hören, Das brennt mich mehr als es jemals diese Wunde hier gethan.«
-
-Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten Stolzes hervor.
-
-»Du kennst mich wahrlich schlecht,« antwortete sie leidenschaftlich, »wenn
-Du glaubst, daß es die Furcht vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals
-ist, was mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, daß ich deßhalb in Vorwürfe
-und Klagen ausbreche, weil die Sache, für welche Du gefochten, unterlegen
-ist ... Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, daß Du nicht zu
-jenen kühnen und energischen Naturen gehörst, welche zu den Höhen des
-Lebens emporstreben.«
-
-»Sprich nicht weiter ...« unterbrach sie Walther mit einer Geberde und
-einem Ausdruck in Blick und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken
-mußte, »ich weiß genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen ... Also
-nicht die gleiche Ueberzeugung, wie ich sie habe, die Ueberzeugung,
-für eine große, gerechte und edle Sache zu kämpfen, war es, welche Dich
-beseelte, nicht die Uebereinstimmung mit den Grundsätzen Deines Gatten, die
-Liebe zur Freiheit sprach aus Dir, sondern die Leidenschaft zu herrschen
-und zu glänzen, jener ungezügelte Ehrgeiz, für den die Ideen nur die Mittel
-zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke sind. Mein Ruf und Ruhm als Künstler,
-den ich mir in strenger Arbeit meines Berufs erworben, er genügte Dir nicht
-mehr, Dein nach äußerer Ehre und glänzender Lebensstellung dürstendes Herz
-begehrte mehr ... Suche weder mich noch Dich selbst zu täuschen, Fanny, Du
-bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so empfindet ... Ich habe
-in dieser sturmbewegten Zeit, wo alle Kräfte und Elemente der Menschen- und
-Volksnatur entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden, welche von gleichen
-Gefühlen bewegt wurde; aber nie hätte ich geglaubt, daß Du auch zu ihnen
-gehörtest. Es muß wohl wahr sein,« setzte er mit einem bittern Lächeln
-hinzu, während der Ton seiner Stimme zu einem dumpfen Murmeln herabsank,
-»es muß wohl wahr sein das alte Wort, daß die Liebe Diejenigen blendet,
-welche ihr unterthan sind.«
-
-So endete jenes Gespräch auf der Flucht.
-
-Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten ein inniges Verhältniß
-zwischen den beiden Gatten fortbestehen?
-
-Ein Jedes von ihnen fühlte nur zu deutlich, daß Dies nicht möglich sei.
-
-Wenn Walther und Fanny gewöhnlichere Naturen gewesen wären, so hätte
-vielleicht mit der Zeit eine Ausgleichung stattgefunden.
-
-Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprägte Charaktere; der ideale
-Zug Walther's, der ihn zum Märtyrer für die Freiheit gemacht, die
-uneigennützige Hingabe an eine große und heilige Sache stand in schroffem
-und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's Wesen. Ihr Gatte hatte nicht
-Unrecht gehabt, als er sie vor Selbsttäuschung warnte, die junge Frau war
-sich in der That über den Ursprung ihrer Empfindungen und Meinungen nicht
-klar.
-
-Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib oder eine Emancipirte, wie es
-deren während der Bewegungsjahre eine ziemliche Anzahl unter den Frauen
-gab. Nicht die Begeisterung für die großen Ideen der Demokratie hatte sie
-beseelt, sondern ganz andere Motive hatten sie zur Anhängerin der Bewegung
-gemacht.
-
-Dennhardt lebte, wie wir schon erzählt, vor dem Ausbruche der
-Märzrevolution in einer deutschen Residenzstadt.
-
-Sein Beruf brachte ihn in häufige Berührung mit der sogenannten vornehmen
-Gesellschaft. Frauen und Männer aus diesen Kreisen besuchten sein
-Atelier, fast täglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen des
-königlichen Hofs vor seinem Hause.
-
-Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit der vornehmen Kasten
-in unserm Deutschland; trotzdem, daß Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde
-von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau doch die geselligen
-Kreise dieser Besucher verschlossen. Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter
-eines hohen Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wäre!
-
-Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war und wollte nicht mehr
-sein als der Bildhauer Walther Dennhardt. Es half ihm Nichts, daß sein
-Name in der Kunst ein hoch geachteter, sogar berühmter war, all sein
-Künstlerruhm öffnete ihm nicht die Thüren zu jenen aristokratischen
-Salons, in welchen Abends die Herren und Damen über die Statuen und Gruppen
-plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert hatten. Ihm
-persönlich war Dies nun freilich sehr gleichgültig. Dennhardt würde selbst
-diese geselligen Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen
-überhäuft hätte.
-
-Er war ein principieller Gegner der Anschauungen, die unter diesen Leuten
-gang und gäbe waren, er war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat,
-als daß er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten hätte wohl fühlen
-können. Hätte er ihnen doch sogar gern seine Werkstatt geschlossen, wenn
-Dies möglich gewesen wäre. Außer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter
-Freunde, welche theils Künstler, theils Gelehrte, Schriftsteller, Aerzte,
-Advokaten waren, bewegte sich Dennhardt häufig in jenen Volkskreisen, wo
-der Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit durch die
-Naivetät der Empfindung und durch die selbstlose Hingebung an oft selbst
-mißverstandene Ideen aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny.
-
-Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen Geschlechts, welche
-dem jungen deutschen Künstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus
-Trotz gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben, sie mit ihrem
-stolzen Sinn, der gewöhnt war an Glanz und Huldigungen, sie, die schöne
-junge Frau, nicht ganz frei von jener Koketterie, welche unbekümmert um die
-Wunden, die sie schlägt, so gern stolze Triumphe feiert, sie fühlte
-sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der vornehmen Kaste verletzt,
-gekränkt.
-
-War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als der dieser hochmüthigen
-deutschen Baroninnen und Gräfinnen, war sie nicht ebenso schön, vielleicht
-noch schöner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge dieser
-vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen, bei den Festen des
-königlichen Hofes erscheinen zu dürfen, die den gesellschaftlichen Ton
-angaben und deren Namen stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der
-Gesellschaft gesprochen wurde?
-
-Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's stolze Natur nicht aufs
-tiefste dadurch hätte verletzt fühlen sollen. Ihr Haß gegen jene vornehme
-Kaste steigerte sich täglich, mit fieberhafter Hast las sie die Werke der
-französischen und deutschen Socialisten und verfocht in den Kreisen der
-Freunde ihres Mannes die Grundsätze der socialen Gleichheit mit einer
-Leidenschaftlichkeit, wie man sie nur bei heißblütigen Frauennaturen
-findet.
-
-So geschah es, daß Fanny ihrem Gatten als begeisterte Anhängerin der
-Grundsätze, für welche er selbst das Leben einzusetzen bereit war,
-erscheinen mußte.
-
-Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum heimathlosen Flüchtling
-werden ließ, kannte er die tiefe Kluft, welche zwischen seinen und seiner
-Gattin Ideen lag.
-
- * * * * *
-
-Dies Alles bei sich im Geiste erwägend, saß Dennhardt an dem
-Herbstnachmittag an der Wiege seines Kindes in jenem Hause der Vorstadt von
-Belleville.
-
-
-
-
-3. Ein kleines Kind.
-
-
-Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter nordischer Winter mit
-Schneegestöber und schneidender Kälte. Weihnachten, das heilige Fest,
-an welchem die Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen
-Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor der Thür.
-
-Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf die dunklen Fluren die
-geweihte Nacht, die einst mit den erhabenen Worten der Verheißung: »Ehre
-sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!« den armen Hirten verkündigt
-wurde.
-
-Friede auf Erden! Hohe, schöne Botschaft der himmlischen Heerschaaren! Aber
-wo ihn suchen, um ihn zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem
-Felde Palästina's sangen? In der Natur, wo oft urplötzlich entfesselte
-Kräfte mit wilder dämonischer Gewalt losbrechen, Zerstörung und jähe
-Vernichtung in ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des Waldes,
-die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe sich zerfleischen? Oder bei
-den Menschen? Vielleicht in ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe
-Priester, der über Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die schleudert,
-welche andern Glaubens sind? Oder in den Schulen und Hörsälen, wo die
-Quellen der Weisheit fließen und die Jünger der Wissenschaft, die nach
-derselben einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre beste Kraft
-vergeuden in fruchtlosem Gezänke über leere Formen? Oder in den Palästen
-der Könige, wo feile Schmeichler das Ohr der Mächtigen vergiften und
-Zwietracht und Furcht säen zwischen Volk und Fürst? Und wenn Ihr wie jener
-Unselige, der den Heiland mit der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle
-stieß, Jahrhunderte lang über den Erdball wandertet, Ihr würdet ihn nimmer
-an diesen Stätten finden jenen stillen sanften Frieden, nach welchem unser
-Herz sich so tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden blutend, die
-ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im wilden Schmerze zusammenzuckt. So
-sucht den Frieden an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden
-Weibes!
-
-Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold mit edlem Metall
-verwechselt, dann müßt Ihr gestehen, daß die echten Freunde wie die
-liebenden Frauen so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die
-Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster Sehnsucht nach
-einem Glück gequält werden, welches auf Erden nie zu finden ist. So suchen
-wir vergebens den Frieden auf Erden? »Suchet und Ihr werdet finden!« Suchet
-ihn da, wo ihn jener Mann gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche
-Land verlassen und nach der großen Stadt Paris fliehen sehen, wo er seit
-vier Monaten mit Weib und Kind weilt.
-
-Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther Dennhardt sitzt in demselben
-Zimmer, in welchem wir ihn an jenem Septembernachmittage brütend fanden,
-vor einem Tisch, um den Christbaum für sein Kind zu schmücken, für sein
-liebes kleines Kind.
-
-Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem Wiegenbett, die kleine Mimi,
-die vor zwei Monaten ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.
-
-Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen, ein leichter
-Aufschrei, und mit einem Sprunge ist der Vater an des Kindes Wiege.
-
-»Ausgeschlafen, meine kleine Mimi?« lächelte er dem Kinde entgegen, während
-ein goldiger Freudenschimmer des ernsten Mannes Züge verklärt. Und das
-Kind streckt ihm mit dem süßen Rufe »Papa« lächelnd die kleinen runden Arme
-entgegen.
-
-Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine rosige Gesicht mit Küssen,
-während Mimi mit ihren Händchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt
-die Kleine den grünen Tannenbaum mit den goldenen Nüssen und silbernen
-Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und in die Hände klatschend stößt sie
-einen hellen Schrei aus.
-
-Mit einem Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit betrachtete Dennhardt
-die kleine Mimi, welche nach dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die
-Herrlichkeiten des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles, die kleine
-Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine Welt, sein Ideal. Es war
-ein herziges, liebes Kind, ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's
-Phantasie in ihrer glücklichsten Stunde nicht reizender träumen konnte.
-
-Die blonden weichen Locken, welche den kleinen Kopf umwallten, die lieben
-braunen Augen, welche so frisch in die Welt hineinblickten, das rosige
-Plappermäulchen, hinter dessen rothen Lippen schon der weiße Schmelz der
-ersten Zähne hervorglänzte, das weiche runde Kinn mit dem kleinen Grübchen,
-die helle Stirn mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein kälteres
-Herz, als es das Herz eines Vaters ist, hätte die Kleine lieben müssen.
-
-Da klingelte es draußen an der Thüre des Vorzimmers, leichte Schritte
-wurden hörbar. Die Kleine hob das Köpfchen von der Schulter des Vaters und
-fröhlich in die Händchen klatschend rief sie: »Mama ... Mama ...«
-
-Fanny trat ein.
-
-»Mimi!« und Hut und Mantel abwerfend eilte sie auf die Kleine zu, welche
-ihr jauchzend entgegenzappelte.
-
-Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und zog es an ihre Brust, das kleine
-Köpfchen mit unzähligen Küssen bedeckend.
-
-Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser Scene gewesen, Zeuge von den
-Ausbrüchen der leidenschaftlichen Zärtlichkeit gegen das kleine reizende
-Wesen, der würde sicher geglaubt haben, daß in dieser kleinen einfachen
-Wohnung des deutschen Flüchtlings sich ein Tempel des häuslichen Glückes
-aufgerichtet, wie man ihn in Millionen von Palästen und Hütten vergebens
-sucht.
-
-Und doch hätte er nur den einen Blick, welchen die beiden Gatten bei ihrem
-Wiedersehen mit einander wechselten, auffangen müssen, um zu erkennen,
-daß dieses Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die Beiden an
-einander fesselte. Wem aber jener Blick noch nicht Alles gesagt, der
-hätte an dem Tone von Walther's Stimme erkannt, daß hier zwei Herzen neben
-einander schlugen, die sich so fremd geworden waren, daß keines mehr den
-Schlag des andern verstand.
-
-»Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so lange in das Schlafzimmer,
-bis ich den Baum angezündet habe. Wo sind die Puppen und die anderen
-Sachen?«
-
-»Der Commissionär wird sie auf dem Vorsaal abgelegt haben,« entgegnete die
-junge Frau, in das Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so eisig
-war, wie der Nordwind, der vom Montmartre herab durch die Straßen der Stadt
-fegte.
-
-Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten Blicke nach.
-
-»Wir beide haben mit einander abgeschlossen,« sprach er für sich, »aber das
-Herz des Kindes sollst Du mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib,
-das nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und jenen Flittertand,
-dem die Narren nachjagen, um darüber das wahre echte Glück des Lebens, den
-Frieden des Herzens zu verlieren.«
-
-Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange seiner Stimme drückte sich bei
-diesen Worten etwas Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese Worte
-so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa wie ein Professor auf
-dem Katheder über einen Satz der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte
-er mit Kämpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male hätte bestehen
-können. Dann trat er an den Tisch, um den Christbaum anzuzünden und den
-Weihnachtstisch für seine kleine Mimi herzurichten.
-
-Es war finster draußen, der Wind trieb dichte Wolken von Schneeflocken
-durch die Straßen und gegen die Fenster der Häuser, die Bäume des Parks
-stöhnten und seufzten unter der Gewalt des Wintersturmes -- in der Brust
-des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem Kinde den ersten
-Christbaum anzündete, da leuchtet es in diesem Augenblicke auf von hellem,
-warmem Sonnenschein. Seine Mimi war es ja, für die er die Lichter
-des Tannenbaums anbrannte, ihr gehörten alle die bunten flimmernden
-Herrlichkeiten dieses Tisches, dem kleinen holden Engel, welchen ihm
-die gütige Gottheit gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten der
-Wirrsale seines wild bewegten Lebens.
-
-Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die Hände, die Thür des
-Nebenzimmers öffnete sich und mit einem Male strömte der helle Lichtglanz
-in das dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi stand, sprachlos
-die Händchen in einander gefaltet, ein Bild lieblichsten Erstaunens. Ein
-Wonneschauer seligsten Entzückens ging durch des Mannes Seele.
-
-Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz erbeben lassen, viele
-und schöne, aber eine reinere, unschuldigere, süßere Freude, als ein
-liebend Elternherz empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die
-Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch nach langen,
-langen Jahren durch das Dunkel des Lebens uns seinen magischen Schimmer
-nachsendet, eine sanftere, beglückendere Freude giebt es nicht auf dem
-Erdenrund.
-
-Aber auch Fanny vergaß in dieser Minute alle die Dissonanzen ihres jetzigen
-Lebens und versenkte sich ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still
-war es im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach schwebte und
-seinen Gruß dem blonden Engelsköpfchen mit den lieben braunen Augen
-zuwinkte.
-
-Allmälig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen. Anfangs
-mit zögerndem, dann mit lebhafterem Schritte näherte sie sich dem
-Weihnachtstische, und als sie endlich dicht vor den schimmernden
-Herrlichkeiten stand, stieß sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und faßte
-mit beiden Händen nach der nächsten Puppe, die sie zärtlich an ihr kleines,
-vor Aufregung und Freude laut klopfendes Herz drückte.
-
-O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe liegt in eines Kindes Brust,
-wie sollte er gehütet werden von Denen, welchen Gott die Kinder zur
-Obhut anvertraut, und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet dieses
-Geschenk des Himmels, wie wird Stück für Stück dieser Juwelen der Liebe
-den kleinen Kinderherzen geraubt, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und wenn sie
-endlich groß sind, dann sind sie so bettelarm geworden, daß sie die
-wahren Juwelen der Liebe von den falschen, unechten nicht einmal mehr
-unterscheiden können. Es war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche
-Liebkosungen, welche Zärtlichkeiten empfängt sie, wie offenbart sich an
-dem Kinde und seiner ersten Puppe ein so schöner rührender Zug edelster
-Menschlichkeit. Es fühlte das kleine Kinderherz die Hülflosigkeit seiner
-Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Händen und Beinen und dem runden
-rothen freundlichen Gesicht so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge
-angewiesen ist. Und nun füttert die Kleine das arme Püppchen und giebt ihm
-zu trinken, Kuchen und Milch, gerade wie es Mama mit ihr zu thun pflegte,
-und wickelt sie in ihre Schürze, daß sie nicht friert die arme Kleine, und
-macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und drückt sie zärtlich an die
-Brust und schläft endlich mit ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm.
-
-Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit ihrer Puppe und des
-Kindes Wange ruht an der ihres kleinen Schützlings und um die Lippen des
-Kindes schwebt noch das letzte Lächeln, mit dem sie ihre Puppe angelächelt,
-schon halb im Schlummer, umgaukelt von den rosigen Engeln der Kinderträume.
-Da erhebt sich die junge Frau und verläßt das Zimmer, Hut und Shawl
-ergreifend, und steigt die Treppe hinab und öffnet das Haus und steigt
-in einen Wagen, der zwanzig Schritte von der Thür hält und dann mit ihr
-fortrollt.
-
-Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege seines Kindes.
-
-Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis auf eine einzige Kerze,
-welche mit ihrem matten Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wänden
-und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums ihre Schatten
-werfen. Der Geruch des Wachses durchzieht vermischt mit dem harzigen
-Tannenduft die Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die
-goldenen Nüsse und silbernen Aepfel magisch hervor. Erinnerungen an
-alte längst verklungene Zeiten gehen durch des Flüchtlings Seele. Die
-freundlichen Geister seiner Kindheit schlüpfen aus den Zweigen des
-Tannenbaums hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem großen Paris in
-eine kleine Stadt, inmitten der grünen Berge Thüringens. Sie führen ihn
-durch die Flur eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, über den dunklen
-Vorsaal in ein kleines Kämmerchen, dicht an dem Wohnzimmer. Und wie er so
-in der dunklen Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet, der
-sich verstohlen durchs Schlüsselloch schleicht und leise über die Diele
-hingleitet, da ist es ihm auf einmal, als wäre sein ganzes späteres Leben
-nur ein Traum gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht geträumt.
-Er ist wieder der zehnjährige Knabe mit den langen blonden Locken, das
-fröhliche Kind, welches durch das Schlüsselloch blinzelt, um Etwas von
-den Geheimnissen der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut
-wird, zu erlauschen.
-
-Da öffnet sich plötzlich die Thür, ein blendend heller Lichtstrom dringt
-in die dunkle Kammer, mit glücklichem Lächeln betrachten die Eltern den
-überraschten Knaben, der zögernd einige Schritte gegen den Tisch wagt, wo
-unter den Zweigen des Christbaums in rosig schimmerndem Kleide mit goldenen
-Flügeln ein Weihnachtsengel sitzt und ihm mit dem Finger winkt.
-
-Da verwirren sich ihm plötzlich die Gedanken. Er kennt den Weihnachtsengel
-und die lieben guten Augen seines lieblichen Gesichts, er hat oft mit ihm
-gespielt und getändelt, den kleinen Engel in seinen Armen herumgetragen,
-ihn geküßt und geherzt, er hat ihn beim Namen gerufen, und doch weiß er
-in dem Augenblicke nicht, ob er ihn Lenchen nennen soll, wie sein einziges
-kleines Schwesterchen hieß, das so bald von den Engeln des Himmels
-hinaufgetragen wurde zu den blauen Wolken, oder ob er Mimi heißt, wie sein
-liebes süßes Kind. Wie wenn zwei Wasserströme sich vereinigen und ihre
-Wellen sich vermischen, so fließen jetzt in Dennhardt's Traumgebilde
-Vergangenheit und Gegenwart zusammen.
-
-Da schlägt ein Laut an sein Ohr, ein süßer, lieblicher Laut, der ihn von
-den Todten auferwecken könnte.
-
-»Papa ... lieber Papa ...« Und gebrochen ist plötzlich der Bann, mit dem
-der Traumgott ihn bestrickt.
-
-»Meine Mimi,« ruft er und beugt sich über die Kleine, die mit heißen Wangen
-in ihrer Wiege liegt, im Halbschlummer plaudernd, noch aufgeregt von den
-Eindrücken des Abends, die sie noch im Traume verfolgten.
-
-»Schlummere, mein kleiner Engel,« murmelte Dennhardt und legte seine Hand
-leise auf des Kindes heiße Stirn, während er sein Haupt leicht auf den Rand
-der Wiege stützte. Da erlosch auch die letzte Kerze, im tiefen Dunkel lag
-das Zimmer und herab senkte sich auf Vater und Kind jener sanfte ruhige
-Schlummer, der den Gerechten geschenkt wird, die reinen Herzens sind.
-
-
-
-
-4. Ein Gespräch und seine Folgen.
-
-
-Fanny hatte doch das Herz geklopft, als sie ihren Fuß auf den Tritt des
-Wagens setzte, der sie von der Vorstadt bei Belleville weit hinein in das
-Herz von Paris führen sollte.
-
-Dieser Schritt, Das fühlte sie klar, war ein Bruch mit der Vergangenheit,
-ein entschiedener Bruch, der nicht mehr zu heilen war. Manch innerer
-schwerer Kampf war vorausgegangen, ehe sie ihn wagte.
-
-Bevor wir aber die junge Frau auf ihrer nächtlichen Fahrt nach Paris hinein
-begleiten, müssen wir von einer Begegnung erzählen, die vielleicht einen
-Monat vor Weihnachten stattgefunden hatte.
-
-Fanny war in die innere Stadt gefahren, um hier einige Einkäufe zu
-besorgen. Etwas ermüdet war sie dann in ein Café des Boulevard Italien
-getreten, um eine Erfrischung zu nehmen, als mit einem halb unterdrückten
-Ausruf der Freude ein junger eleganter Mann auf sie zutritt.
-
-»Welch glücklicher Stern, der mich Ihnen, Madame, zwei Tage nach meiner
-Ankunft in Paris begegnen läßt!«
-
-Die junge Frau überfliegt mit einem überraschten Blicke die Züge und
-Gestalt des Mannes und die Erinnerung an jene Scene an den Ufern des Rheins
-steigt in ihrer Seele auf.
-
-»Der Herr Vicomte von Grandlieu,« entgegnete sie, »ist das nicht Ihr Name,
-mein Herr?« Und ohne die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie
-fort: »O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich ihm mittheile, daß Sie
-in Paris sind.«
-
-Der Vicomte unterbrach sie:
-
-»Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten, Madame, sondern von Ihnen und
-von Ihrem Leben in unserm großen prächtigen Paris.« Und er lud sie
-durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an einem der kleinen
-Marmortische des Salons Platz zu nehmen.
-
-»Dieses Leben ist so einfach, daß man kaum darüber sprechen kann.
-Vielleicht würde ich mich darüber beklagen, wenn ich nicht ein Kind hätte,
-das ich anbete und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen läßt.«
-
-Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese Bemerkung der jungen Frau,
-und ein leiser Schatten glitt über seine Züge.
-
-»So sind Sie sehr glücklich, Madame, denn ich habe oft gehört, das die
-Liebe der Mütter zu ihren Kindern in einem gewissen Verhältnisse zu der
-Liebe gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten, so müssen Sie
-gewiß den Vater dieses Kindes sehr lieben. Und was bedarf es mehr, um
-glücklich zu sein?«
-
-»Solche allgemeine Sentenzen,« entgegnete die junge Frau, indem sie das
-Auge vor dem funkelnden Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte,
-»mögen zuweilen Recht haben, zuweilen lügen sie aber auch.«
-
-Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender junger Mann,
-der sich im Umgange mit den Frauen von Paris eine Kühnheit der Sprache
-angewöhnt, die oft verletzt hätte, wenn sie nicht gemildert worden wäre
-durch einen Ausdruck von Ehrerbietung in Miene und Geberde und im Ton der
-Stimme: Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche indiscrete und
-kühne Frage verziehen.
-
-»Sollte bei Ihnen, Madame,« frug er mit schüchternem Ausdruck und
-niedergeschlagenen Augen, wie ein Schüler von sechszehn Jahren, welcher
-der Auserwählten seines Herzens seine erste schüchterne Liebeserklärung
-stammelt, »sollte bei Ihnen jener Gemeinspruch eine Ausnahme machen?«
-
-Eine dunkle Röthe flammte über das Gesicht der jungen Frau.
-
-»Und wenn Dies der Fall wäre, welches Interesse könnten Sie, Herr Vicomte,
-haben, Dies zu wissen?« frug sie mit leiser Stimme und ohne die Augen von
-dem Parquet des Salons zu erheben.
-
-»Oh, Madame!« rief der junge Mann mit leisem und bebendem Tone. Eine ganze
-Rede würde nicht beredter, nicht ausdrucksvoller gewesen sein, als dieser
-kurze Ausruf, der so einfach, so natürlich war und doch so Viel errathen
-ließ.
-
-Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, eine jener Pausen, in denen statt
-des Mundes nur das Herz spricht, in denen man die Worte und Empfindungen
-des Andern in dessen Augen lesen muß.
-
-Der Vicomte war es, welcher das Stillschweigen brach. Er war ein sehr
-gewandter Mann, welcher wußte, daß so stolze Naturen wie Fanny sehr
-behutsam behandelt werden müssen.
-
-»Und wissen Sie, Madame,« begann er das Gespräch in einem Tone, der den
-Ausdruck achtungsvoller Vertraulichkeit trug, ohne jene durchschimmernde
-Leidenschaftlichkeit, welche dem vorhergehenden Gespräch einen so
-eigenthümlichen Charakter aufgeprägt hatte, »wissen Sie, welche
-Angelegenheit mich schon so früh nach Paris geführt und mich den Freuden
-der Jagd in meinen schönen Wäldern so bald Adieu sagen ließ?«
-
-Die junge Frau lächelte mit einer verneinenden Geberde.
-
-»Die Politik,« fuhr der Vicomte fort, »ich bin Deputirter der
-Nationalversammlung, und ich und meine Freunde halten es für hohe Zeit,
-diesem republikanischen Komödienspiel ein Ende zu machen und Frankreich
-seinem rechtmäßigen Herrscher wiederzugeben.«
-
-»Wen nennen Sie den rechtmäßigen Herrscher Frankreichs?« frug Fanny,
-überrascht, in dem Vicomte, welchen sie bis jetzt blos für einen jungen
-Elegant gehalten, auch einen Politiker zu entdecken.
-
-»Wie, Madame?« rief der junge Edelmann lebhaft aus, »können Sie einen
-Augenblick daran zweifeln, daß ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der
-Tuilerien sehen will, als das mit den königlichen Lilien von Frankreich?
-Wir Söhne des alten Frankreich kennen nur Einen rechtmäßigen Herrscher und
-das ist Heinrich V.«
-
-»Und haben Sie wirklich gegründete Hoffnung, Ihren König wieder auf dem
-Throne Frankreichs zu sehen?«
-
-»Sie können noch zweifeln, Madame? Ehe ein Jahr vergeht wird der Enkel
-König Karl's X. in dem Schlosse seiner Ahnen wohnen.« In seiner lebhaften
-Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die Pläne der Legitimisten in
-der Nationalversammlung mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der
-Ordnung zuvörderst die Nationalversammlung und die Republik in den Augen
-des Volks zu entwürdigen suchen müßten, um dann mit einem kühnen Schlage
-die weiße Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzählte Das in einem Tone der
-Vertraulichkeit, mit einem Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es
-vielleicht einem Freunde gegenüber thut, aber nicht einer jungen Frau; er
-schien ganz zu vergessen, daß nicht ein Mann, ein Politiker vom Fach ihm
-zuhörte, sondern eine schöne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in die
-französischen Parteiverhältnisse eingeweiht war, um für diese Dinge ein
-großes Interesse zu hegen.
-
-Für Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des Vicomte ein Reiz, dem sie sich
-nicht entziehen konnte. Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne,
-daß der Vicomte ihr gegenüber nicht blos den liebenswürdigen Mann, sondern
-auch den Politiker zeigte; sie mußte voraussetzen, daß der Vicomte sie für
-bedeutender hielt als tausend ihres Geschlechts, für welche er vielleicht
-galante, zärtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gespräch, welches sich
-um so wichtige Interessen drehte, gehabt hätte. Und als sie sich endlich
-trennten, da erhielt der Vicomte nach kurzem Zögern das Versprechen
-der jungen Frau, einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung
-beizuwohnen, in welcher die legitimistische Partei einen Antrag auf
-Zurückberufung der Prinzen des Hauses Bourbon stellen würde.
-
-Gegen ihren Gatten schwieg sie über das Zusammentreffen mit dem Vicomte.
-Es war das erste Geheimniß, welches sie vor ihrem Manne verbarg, es sollte
-nicht das letzte sein.
-
-Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hörte sie auf der Damentribüne
-der Nationalversammlung den Vicomte von Grandlieu für die Aufhebung der
-Verbannungsgesetze gegen die Prinzen des Hauses Bourbon sprechen. Der junge
-legitimistische Edelmann sprach mit Feuer und einer gewissen Eleganz des
-Ausdrucks, welche die vornehme Damenwelt des Faubourg St. Germain, die in
-ihren glänzendsten Toiletten auf der Zuhörertribüne erschienen war, zu den
-lebhaftesten Beifallsbezeigungen hinriß.
-
-Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor, der ihm eine so
-schmeichelhafte und rauschende Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt
-theilnahmlos an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen, Gräfinnen
-und Baroninnen vorüber und blieb an der Gestalt einer jungen Frau haften,
-die in einem einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um
-die Schultern gezogen, den Oberkörper leicht an eine Säule der Tribüne
-gestützt, mit strahlenden Blicken den Triumph betrachtete, welchen der
-Vicomte feierte.
-
-Purpurröthe färbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des Vicomte begegnete, ein
-leiser Schauer ließ ihre schlanke, zarte Gestalt erbeben, und wie von
-einer plötzlichen Schwäche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurück. Aber
-trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen, welche dem Blick
-des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen auf sie richteten. Sie hörte leise
-Flüsterworte, wie eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte.
-
-»Ein interessantes Gesicht,« sprach eine alte Herzogin zu ihrer Nachbarin,
-einer jungen blonden Gräfin, »nur etwas zu selbstbewußt.«
-
-»Sie ist wirklich reizend,« gab die junge Frau zurück, während sich ein
-leichter Seufzer ihrem Busen entrang; »aber wer mag sie wohl sein?«
-
-Nach Beendigung der Sitzung erwartete der Vicomte die junge Frau am Portal
-und hob sie in seinen bereitstehenden Wagen. Dann nahm er ihr gegenüber
-Platz und befahl seinem Kutscher nach dem Boulogner Wäldchen zu fahren.
-Es verging eine Viertelstunde, ehe zwischen den Beiden ein Wort gewechselt
-wurde, aber eine desto lebhaftere und innigere Sprache redeten die Augen.
-
-»Sie haben heute eine Schlacht gewonnen,« begann Fanny endlich.
-
-»Sie wollen sagen: wir sind besiegt, aber nicht geschlagen worden; denn
-wenn unser Antrag auch nicht angenommen wurde, so geschah Das nicht
-deßhalb, weil man unsere Gründe durch Gegengründe widerlegte, sondern weil
-man uns durch das Gewicht der Mehrheit erdrückte.«
-
-Eine Kutsche, in welcher jene alte Marquise und die junge blonde Gräfin von
-der Zuhörertribüne der Nationalversammlung saßen, rollte vorüber.
-
-Der Vicomte von Grandlieu grüßte mit einer Verbeugung, während ein leiser
-spöttischer Zug um seine Lippen schwebte.
-
-»Die arme Gräfin,« sprach er zu Fanny gewendet, »sie war blos deßhalb
-auf die Tribüne gekommen, um ihren Gatten, den Grafen von Bonville, als
-Demosthenes zu bewundern. Der Arme bekam aber das bekannte Fieber, welches
-den Soldaten, der zum ersten Male in die Schlacht geht, ebenso befällt,
-wie den Komödianten, wenn er zum ersten Male vor die Lampen tritt, oder den
-Priester, wenn er seine erste Predigt hält.«
-
-»Desto mehr waren Sie der Gegenstand ihrer Bewunderung,« entgegnete Fanny
-in einem gewissen piquirten Tone, »sie applaudirte Ihnen wie ein Claqueur
-in der großen Oper.«
-
-Trotz der Ironie, die durch diese Bemerkung schimmerte, brach ein
-freudestrahlender Blick aus dem Auge des Vicomte, und indem er sich rasch
-nach vorwärts beugte und einen Kuß auf Fanny's Hand drückte, flüsterte er:
-
-»Und doch kann ich Ihnen versichern, daß mich alle diese Zeichen des
-Beifalls kalt ließen, und daß ich mich durch den stummen Blick einer jungen
-Frau, welche dicht an einer der Säulen der Zuhörertribüne stand, mehr
-beglückt fühlte, als durch alle diese rauschenden Acclamationen.«
-
-Eine tiefe Röthe färbte Fanny's Stirn bei diesen Worten des Vicomte und mit
-banger Beklommenheit senkte sie den Blick nieder.
-
-Auch der junge Mann versank in ernstes Sinnen, und so hatten sie den Saum
-des Hölzchens erreicht, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen gewechselt
-worden wäre.
-
-Der Wagen lenkte in eine der Seitenalleen ein, welche das Wäldchen nach
-allen Richtungen hin durchkreuzen.
-
-Es war in der düstersten und trübsten Jahreszeit, Ende November.
-
-Ein leichter Schneefall hatte die Bäume des Waldes weiß gefärbt, graue
-Wolken bedeckten den Himmel, ein kalter Wind strich über die Erde. Dichte
-Schaaren von Krähen und Dohlen saßen stumm auf den entlaubten Zweigen und
-flogen mit mißtönendem Geschrei und schwerem Flügelschlag davon, wenn
-die Peitsche des Kutschers durch ihren Knall die Waldeinsamkeit und tiefe
-Stille unterbrach.
-
-Fanny gehörte nicht zu den sentimentalen Naturen, deren Seele von dem
-trüben Eindruck eines melancholischen Landschaftsbildes in Schwermuth
-versenkt wird, aber dennoch fühlte sie allmälig eine gewisse Traurigkeit
-ihre dunklen Fittige über ihr Herz ausbreiten.
-
-»Lassen Sie uns zur Stadt zurückkehren,« sprach sie zu dem Vicomte,
-»diese öde Stille, dieses Schweigen in der Natur macht mich traurig und
-verstimmt.«
-
-Auf den Lippen des jungen Mannes erschien ein leichtes Lächeln.
-
-»Das ist wohl noch eine Erinnerung an Deutschland, die Sie aus diesem
-nebligen Lande mit herüber gebracht haben in unser sonniges Frankreich, wo
-solche Tage wie der heutige zu den Ausnahmen gehören. In Deutschland sollen
-sich wenigstens die Dichter an grauen trüben Nebeltagen an Mondschein,
-Regenschauer und Nordwind begeistern.«
-
-Fanny schüttelte verneinend das Haupt.
-
-»Ich habe Nichts mit diesem Lande gemein, seine Sitten, Gewohnheiten und
-Ideen sind mir heute ebenso fremd wie an dem Tage, als ich es zum ersten
-Male betrat.«
-
-»Und vergessen Sie, Madame,« flüsterte der Vicomte in leisem Tone, die
-Augen auf seinen Hut, den er zwischen den Händen drehte, gerichtet,
-»daß Sie das festeste Band mit Deutschland verknüpft, daß Ihr Gatte ein
-Deutscher ist?«
-
-»Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte,« entgegnete die junge Frau mit
-einem Ernst im Ausdruck von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann fast
-einschüchterte, »Sie wollten von einem andern Bande sprechen, welches
-mich vielleicht an jenes Land ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich
-anbete, und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.«
-
-Damit brach die Unterhaltung über diesen Gegenstand ab, gewiß in so
-bedeutsamer Weise, daß sie dem Vicomte eine klare Einsicht in die
-Empfindungen der jungen Frau gestattete.
-
-Von diesem Tage an sahen sich die Beiden täglich. Entweder war Fanny auf
-der Tribüne der Nationalversammlung oder sie traf den Vicomte in dem Café
-Tortoni auf dem Boulevard der Italiener.
-
-Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgängen, sie mochte längere oder
-kürzere Zeit weg bleiben, es war eine solche Entfremdung zwischen ihnen
-eingetreten, daß sich ihr gegenseitiges Gespräch nur auf das Nothwendigste,
-Unerläßlichste beschränkte. Die Beziehungen zwischen dem Vicomte und Fanny
-wurden mit jedem Tage inniger. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es anders
-gekommen wäre.
-
-Der junge Edelmann war allerdings in gewissem Sinne Das, was man einen
-Lebemann, einen Bonvivant nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer.
-Er konnte, wie aus seiner Beschäftigung mit den politischen Angelegenheiten
-hervorging, sich auch noch für etwas Höheres begeistern, als für die Damen
-von der großen Oper, Ballettänzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten- und
-Boudoirgeheimnisse. Er fühlte, wie seine Empfindungen gegen Fanny immer
-mehr den Charakter einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild
-der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr erfüllte und die Trennung
-von ihr ihm immer unerträglicher wurde. Hier handelte es sich nicht um eine
-jener flüchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche der Sinne, ebenso
-schnell erlöschen, wenn den Sinnen ihr Recht geworden, es war eine ernste
-Herzensneigung, die ihn zu Fanny hinzog.
-
-Und daß er ihr nicht gleichgültig war, daß ein höheres Interesse sie zu ihm
-hinzog, als das der Geselligkeit und das Bedürfniß des Umgangs mit einem
-Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor ihrer Vermählung
-selbst angehört: Das hatte der Vicomte aus einer Menge kleiner Zeichen
-errathen.
-
-Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es ist die charakteristische
-Eigenthümlichkeit mancher Frauen, besonders solcher, bei denen die Liebe
-mit Stolz und Selbstbewußtsein kämpft, ihre Neigung, den Zug ihres Herzens
-dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgültige Kleinigkeiten zu
-verrathen, deren wahre Bedeutung nur das Auge der Liebe erkennt.
-
-Indessen gehört unstreitig eine große Selbstbeherrschung hiezu, wenn zwei
-so lebhafte und bestimmt ausgesprochene Naturen, wie Fanny und der Vicomte
-es waren, längere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen sollen.
-
-Eines Tages kurz vor dem Christabend faßte der Vicomte einen festen
-Entschluß.
-
-Er schrieb folgenden Brief an die junge Frau:
-
-»Es liegt weder in meinem Charakter noch in meiner Kraft, den gegenwärtigen
-Zustand, unter welchem ich und, wenn mich nicht Alles täuscht, unter
-welchem auch Sie, Fanny, leiden, noch länger zu ertragen. Wie auch Ihre
-Entscheidung ausfalle, jedenfalls werden Sie mir nicht darüber zürnen, daß
-ich als Mann den Schritt gewagt und diese Entscheidung herbeigeführt habe.
-
-»Mit einem Worte sei die glühendste Sehnsucht meines Herzens, das Glück
-meines Lebens ausgesprochen: werden Sie die Meine. Trennen Sie Ihr Geschick
-von dem eines Mannes, welchen Sie, ungeachtet ich weder seinen Charakter
-noch seinen Geist anzugreifen wage, nicht mehr lieben, scheiden Sie von
-einem Manne, für welchen auch Sie nicht mehr jenes Ideal sind, das er in
-Ihnen zu finden glaubte. Es ist ein schwerer Schritt, ein großes Opfer,
-welches ich von Ihnen verlange, theure Fanny. Gewohnheit, Scheu vor der
-Welt, vor Ihren Angehörigen, vielleicht auch noch ein gewisses Mitgefühl
-für den Mann, welcher Ihr Gatte war und der Vater Ihres Kindes ist, das Sie
-anbeten, selbst die Erinnerungen an gemeinschaftlich überstandene Leiden
-und Freuden, alles Dies wird Ihnen einen harten Kampf bereiten.
-
-»Aber Sie haben eine kühne muthige Seele, theure Fanny, ein stolzes und
-doch so liebeglühendes Herz, und Sie werden siegreich aus dem Kampfe
-hervorgehen.
-
-»Besser ein kurzer, scharfer Schmerz, als dieses langsame Verbluten, dieses
-Hinwelken der Lebenskraft in unglücklichen Verhältnissen, die für alle
-Theile, für Sie, Ihren Gatten, für mich, ja sogar für Ihr Kind eine
-Qual sind. Vor einer Trennung von Ihrem Kinde schützen Sie die Gesetze
-Frankreichs. Bis zum fünften Jahre gehört das Kind der Mutter. Für die
-spätere Zukunft überlassen Sie mir die Sorge.
-
-»Ich dränge Sie nicht um eine Antwort. Ich verlange auch keine
-schriftliche, sondern möchte die Entscheidung aus Ihrem eigenen Munde
-hören. Fällt sie gegen mich, so ist mein Entschluß gefaßt.
-
-»Von morgen an wird ein Wagen mit einem treuen zuverlässigen Diener täglich
-in den Abendstunden zwischen sechs und acht Uhr wenige Schritte von Ihrer
-Wohnung entfernt warten. Sobald Sie mit Ihrem Entschlusse einig geworden,
-bitte ich Sie, zu mir zu kommen. Meinem Diener können Sie sich ohne Furcht
-anvertrauen, er ist mir ganz ergeben.
-
-»Doch zögern Sie nicht zu lange, Fanny, und bedenken Sie, daß jeder Tag der
-Ungewißheit für mich zu einer qualvollen Ewigkeit wird. Immer
-
-Paris, 16. December 1849.
-
- Ihr
- Edmund von Grandlieu.«
-
-Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es war beim Anbruch der
-Dämmerungsstunde, Walther hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooße und
-sang ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem
-
- »Eia popeia, was raschelt im Stroh?
- Es sind kleine Gänschen, die haben keine Schuh.«
-
-sprach Fanny zu ihrem Gatten:
-
-»Wir müssen uns trennen, Walther, ich fühle es, daß es nothwendig ist zu
-unserem Glücke. Für das Deinige, für das meinige, und vor Allem für das
-Glück unseres Kindes.«
-
-Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den Kopf von der Wange der
-Kleinen empor und richtete einen bis in das Innerste der Seele dringenden
-Blick auf seine Frau, die am Fenster saß und deren Züge von dem letzten,
-bleichen, kalten Strahl der untergehenden Decembersonne erleuchtet wurden.
-
-»Was sprachst Du da?« frug er, und seine Stimme bebte ein wenig trotz
-seiner Selbstbeherrschung.
-
-»Ich sprach,« wiederholte Fanny, und an dem Zittern ihres Tones und der
-Langsamkeit, mit welcher sich die Worte mühsam hervordrängten, erkannte
-man die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen, »ich
-sprach, daß es für uns Alle besser sein würde, wenn ein Jedes seinen
-eigenen Weg geht. Du wirst gewiß auch schon daran gedacht haben. Unsere
-Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur. Ich will Dir
-keinen Vorwurf machen, Walther, ich trage vielleicht eben so große Schuld
-an der Scheidewand, welche sich zwischen uns aufgethürmt hat, allein ich
-fühle die Kraft schwinden dieses Leben länger in dieser Weise fortzuführen.
-Wir verstehen uns nicht mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute,
-welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum laß uns ruhig von
-einander scheiden, ohne Haß, ohne Zorn.«
-
-Sie athmete tief auf und drückte das Gesicht gegen die Fensterscheibe, die
-Entgegnung ihres Mannes erwartend.
-
-Es verging eine Viertelstunde und noch immer verharrte Walther in tiefem
-Schweigen. Die Dunkelheit war indessen völlig eingebrochen, das Kind
-im Arme des Vaters eingeschlafen und eine bängliche, unheimliche Stille
-herrschte in dem Zimmer.
-
-Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach mit einer zwar etwas dumpf
-klingenden, aber festen Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte,
-der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten getobt:
-
-»Und wie soll es mit dem Kinde werden?«
-
-Fanny zuckte zusammen. Diese Frage hatte sie erwartet -- und gefürchtet.
-
-Das Kind, diese kleine Mimi! Sie wußte, daß sie der Augapfel ihres Mannes,
-sein höchstes Kleinod, sein Alles war, an dem er hing mit allen Fasern
-seines Herzens.
-
-Und sie! Sie liebte das Kind gleichfalls mit einer verzehrenden
-Leidenschaftlichkeit, mit jener ungestümen, ausschließlichen Zärtlichkeit,
-die man oft bei jenen Frauen findet, welche in der Liebe zu ihren Kindern
-Ersatz für eine unglückliche Ehe, für die Gleichgültigkeit oder Abneigung,
-für die Kälte und Untreue des Gatten suchen.
-
-»Antworte mir,« wiederholte Dennhardt noch einmal seine Frage, »wie soll es
-mit dem Kinde werden?«
-
-Angstvoll suchte sie nach einem Ausweg.
-
-»Ich kenne die Gesetze dieses Landes nicht,« antwortete sie endlich mit
-zögernder ungewisser Stimme, »aber ich stelle ihnen die Entscheidung
-anheim; was sie auch bestimmen mögen, ich werde mich ihnen unterwerfen.«
-
-Walther erhob sich mit einer raschen Bewegung. Das Kind fest an seine Brust
-gedrückt, trat er dicht an Fanny heran, so dicht, daß ihre Wange von dem
-glühenden Hauche seines Athems gestreift wurde.
-
-»Ah! Madame,« sprach er mit leiser, aber vor tiefster Aufregung bebender
-Stimme, »die Gesetze Frankreichs wollen Sie über Ihr, über mein Kind
-entscheiden lassen? Nun wohlan, so merken Sie es sich, daß ich, wenn es
-sich um mein Kind handelt, nur den Gesetzen in meiner Brust folgen werde.
-Und diese Gesetze gebieten mir, Ihnen unter keiner Bedingung die Seele
-eines Kindes anzuvertrauen, welches Sie verderben würden.«
-
-Fanny war bleich geworden zum Erschrecken, während ihr Mann ihr diese
-schneidenden Worte in's Ohr raunte.
-
-Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so beleidigend klingende
-»Sie,« noch nie eine so grausame Beleidigung gehört, als die war, welche er
-ihr in diesen wenigen Worten in's Gesicht schleuderte.
-
-»Mein Herr,« entgegnete sie endlich, »wenn ich vielleicht auch das Recht
-verloren habe, von Ihnen als Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube
-ich doch nicht, daß Sie das Recht und die Berechtigung haben, mich mit so
-empörenden Beleidigungen zu überhäufen.«
-
-Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins Nebenzimmer, dessen Thür sie
-hinter sich verschloß.
-
-Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem Christabende
-stattgefunden, war zwischen den beiden Gatten kein Wort mehr über diese
-Angelegenheit gewechselt worden. Es war überhaupt zwischen ihnen nur
-das Nothdürftigste gesprochen worden, das Unerläßliche, was durch die
-Verhältnisse des Zusammenseins eben noch geboten wurde.
-
-In diesen acht Tagen, qualvoll für Beide, hatte Fanny ihren Entschluß
-gefaßt. Der Christabend war der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber
-entschlossenem Herzen trat sie an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses, um
-in den Wagen des Vicomte zu steigen, der sie nach kurzem viertelstündigen
-Fahren vor das große prächtige Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix
-brachte.
-
-Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen und senkte, wie von
-einer unwillkürlichen Bewegung ergriffen, der sie nicht zu widerstehen
-vermochte, das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zur Erde. Und als
-sie ihren Fuß auf die erste Marmorstufe der Freitreppe setzte, da fühlte
-sie ein Beben durch ihren Körper rieseln, wie ein Mensch, der auf die
-Treppe des Schaffots tritt.
-
-Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit schuldig geglaubt, so
-würde sie diesen Schritt ohne alle Scrupel gethan haben.
-
-»In der Ehe,« hatte sie oft gesprächsweise gegen Walther geäußert, und er
-hatte ihr von seinem Standpunkte aus vollkommen beigestimmt, »in der
-Ehe ist Alles auf Gegenseitigkeit gegründet. Ich protestire gegen die
-beschränkte Anschauungsweise, welche die Treue bloß von den Frauen fordert,
-während sie den Männern die Erlaubniß ertheilt sich darüber hinwegzusetzen.
-Das heißt die Frau herabwürdigen und erinnert mich an jene Hundetreue,
-welche die Hand leckt, die sie eben gezüchtigt hat. Der allein ist
-schuldig, welcher zuerst die Treue bricht, er löst den Vertrag und
-entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht. Es mag duldende,
-schwache Frauen geben, welche sich auch dem ausschweifendsten Wüstling
-gegenüber für gebunden erachten, ich aber gehöre nicht zu diesen
-Duldernaturen.« Aber er hatte ihr _nie_ die geringste Veranlassung gegeben
-an seiner Treue zu zweifeln -- und nun mußte sie den ersten Schritt thun.
-
-Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit einem Leuchter in der Hand. Er
-war allein, weder ein Kammerdiener, noch sonst ein Lakai ließ sich sehen.
-
-»Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fuß dieses Haus betritt, Fanny,«
-flüsterte er und ergriff ihre Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine
-Lippen drückte.
-
-»Möge ich nie bereuen, was ich heute thue,« entgegnete sie.
-
-»Nur Schwächlinge bereuen, Fanny, und Sie gehören zu jenen starken Naturen,
-die entweder brechen oder siegen.«
-
-Während dieser leise gewechselten Reden hatte der Vicomte die junge Frau
-über einen Corridor, auf dessen weichen Teppichen die Tritte lautlos
-verhallten, in ein Zimmer geführt, welches den gemischten Charakter eines
-Boudoirs und eines eleganten Studiercabinets trug. Herabgelassene
-Gardinen von dunkelrother Seide, eine Tapete von ernster brauner Farbe mit
-Goldleisten, Sessel =à la= Voltaire mit violettem Sammet, fein gearbeitete
-Pfeiler- und Spiegeltischchen, auf welchen eine Menge kleiner interessanter
-Spielereien standen, zwei mäßige Bücherschränke mit wissenschaftlichen und
-dichterischen Werken, ein elegant gearbeiteter Schreibtisch, über welchem
-einige Waffen, alte Stücke aus dem Mittelalter, und das Porträt des
-Herzogs von Bordeaux hingen, bildeten die Ausstattung des Cabinets, dessen
-Atmosphäre durch die knisternde Flamme in dem Kamin von bläulichem Marmor
-angenehm erwärmt war.
-
-Der junge Vicomte führte Fanny zu einem Sessel, in welchem die junge Frau
-wie erschöpft von einem weiten Wege niedersank, und nahm dann ihr gegenüber
-Platz.
-
-Sie drückte die Hände vor die Augen, stumm und regungslos, während der
-Vicomte gleichfalls in tiefem Stillschweigen auf den Boden niederblickte.
-
-Endlich nach einer langen, langen Weile ließ sie die Hände sinken, ihr
-Blick begegnete dem des Vicomte.
-
-Sie sah blaß aus, sehr blaß; aus ihren Augen strahlte ein übernatürlicher
-Glanz und ihre Stimme klang matt und bebend: als sie flüsterte:
-
-»Edmund ... werden wir auch glücklich sein?«
-
-»Fanny,« und er sank vor ihr auf seine Knie, »kannst Du zweifeln? Die
-Sterne einer geweihten Nacht leuchten uns zu dem feierlichen Augenblicke,
-in dem wir den Bund für's Leben schließen, aber goldener und strahlender
-als alle die Gestirne des Himmels, welche dort oben glänzen, leuchtet
-der Stern der Liebe in meiner Brust -- möge Gott mich einst vor seinem
-Richterstuhle verwerfen, wenn dieser Stern jemals untergehen sollte.«
-
-»Schwöre nicht,« sprach sie, die Hand abwehrend erhebend, »Schwüre werden
-oft zu lästigen Fesseln, die deßhalb immer unerträglicher werden, weil
-man glaubt, daß man sich nicht von ihnen befreien kann, ohne die Rache
-der Gottheit wach zu rufen. Der freie Wille ist oft ein festeres Band als
-tausend Schwüre und Eide. Doch nun laß uns von den nächsten Aufgaben reden,
-denn Du begreifst, daß ich von heute an meinen Aufenthalt in der Wohnung
-Dennhardt's nur noch nach Tagen zählen kann.«
-
-Es lag so etwas Tiefernstes, Feierliches in der Art und Weise, mit welcher
-sie alles Dies sprach, daß der junge Vicomte, so leidenschaftlich er
-auch in Liebe und Verlangen aufglühte, doch in eine ernste Haltung
-zurückgescheucht wurde.
-
-»Ich habe,« sprach er, »mit einem der besten Advocaten von Paris
-Rücksprache genommen. Es werden wenig Schwierigkeiten zu überwinden sein,
-da Ihr Beide protestantisch seid.«
-
-»Aber das Kind, meine süße liebe Mimi,« unterbrach die junge Frau den
-Vicomte, »was war sein Urtheil darüber?«
-
-Der Vicomte zögerte mit der Antwort.
-
-»Bis zum fünften Jahre,« sprach er endlich, »würde es unbestritten der
-mütterlichen Obhut anvertraut werden müssen, von da an aber ...«
-
-Er hielt stockend inne.
-
-»Weiter, weiter, Edmund,« drängte Fanny, die ihm jedes Wort von den Lippen
-zu nehmen schien, »was sprach er über die fernere Zukunft?«
-
-»Ueber die fernere Zukunft, meinte er, könne sich leicht eine Controverse
-entspinnen ... da Dennhardt kein französischer Staatsbürger, sondern ein
-Deutscher und als solcher ...«
-
-»Genug, genug,« rief Fanny, ihn von Neuem unterbrechend, aus, »ich verstehe
-... Vom fünften Jahre an wird er das Recht haben mir mein Kind zu rauben.
-Du siehst wohl, Edmund,« setzte sie traurig hinzu, »daß wir auf unser Glück
-verzichten müssen.«
-
-»Fanny, Fanny, so leicht giebst Du mich auf?« rief der junge Mann mit
-schmerzlichem Ausdrucke, »ohne zu kämpfen, ohne zu wagen! Können wir nicht
-mit Deinem Kinde in den fernsten Winkel der Erde fliehen, wo uns der Arm
-jenes Mannes nicht erreichen kann, können wir nicht durch tausend Listen
-seine Nachforschungen und Verfolgungen vereiteln? Ich bin reich, Fanny,
-und Du weißt, daß das Geld heut zu Tage alle Hindernisse und alle
-Schwierigkeiten besiegen kann.«
-
-Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken. Dann erhob sie ihr Haupt,
-fest und entschlossen.
-
-»Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir vorhin schwören wolltest, da
-sprach ich: schwöre nicht. Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen
-Schwur bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur, selbst Dein Leben
-daran zu setzen, um mir mein Kind zu sichern.«
-
-Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher Geberde die Hand.
-
-»Ich schwöre,« sprach er.
-
-»Und ich,« flüsterte Fanny, indem sie ihre Arme um seinen Nacken schlang
-und ihm tief und glühend in die Augen blickte, »und ich bin von diesem
-Augenblicke an Dein ...«
-
-
-
-
-5. Verschwunden.
-
-
-Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner Frau, welche gegen Mitternacht
-in dem Wagen des Vicomte in ihre Wohnung zurückgekehrt war, Nichts bemerkt
-oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwähnte den immerhin auffälligen
-Weggang Fanny's und ihre späte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst zeigte
-sich in seinem Benehmen keine Veränderung, nur daß er vielleicht, wenn Das
-überhaupt möglich war, sich noch wortkarger und verschlossener zeigte.
-
-Nach der Verabredung, welche Fanny und der Vicomte getroffen, sollte
-Fanny am Sylvesterabend unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen,
-vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu machen, dann die von
-dem Vicomte für sie eingerichtete Wohnung beziehen und hieran die Scheidung
-einleiten. Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche
-Entweichen; ihrem stolzen Sinne wäre es viel lieber gewesen, wenn sie
-in offnem Bruch sich von ihrem Manne hätte entfernen können. Allein der
-Vicomte hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen ein
-solches Verfahren sein würde, wie es leicht zu einer Katastrophe führen
-könnte, die für sie und das Kind verhängnißvoll werden könnte.
-
-Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch geschwankt. Der Vicomte, Dies
-bemerkend und eine Unbesonnenheit der jungen Frau befürchtend, hatte ihr
-wenige Tage nach dem Besuche in seinem Hôtel einen Brief geschrieben, worin
-er sie mit den eindringlichsten Worten beschwor, seinem Rath zu folgen.
-
-»Ich beschwöre Dich,« schrieb er ihr, »bei unserer Liebe, bei dem Haupte
-Deines Kindes, nur scheide nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er
-würde vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und wie mir mein
-Sachwalter versichert, könnte Dein Mann bis zur Entscheidung des Processes
-das Kind bei sich behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren können nach
-England und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit mit dem Kinde zu
-flüchten und Dir es für immer zu entziehen. Folgst Du aber meinem Rath,
-scheidest Du mit dem Kinde von Dennhardt, ohne daß er es ahnt, so brauchen
-wir Nichts zu fürchten. Meine Vorsichtsmaßregeln habe ich so getroffen, daß
-er, selbst für den Fall, daß er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu Dir
-und dem Kinde gelangen wird.«
-
-Dieser Brief entschied. Fanny beschloß, am nächsten Tag mit dem Kinde ihren
-Gatten zu verlassen, und nur das Eine wollte sie noch thun, ihm noch einmal
-in einem zurückgelassenen Schreiben die Motive dieses Schrittes darlegen.
-
-Sie hatte die Zeilen, in welchen der Vicomte sie zugleich um eine
-Zusammenkunft für den Nachmittag in dem Café Tortoni gebeten, in den
-Vormittagsstunden empfangen, hatte dann in ihrem Schlafzimmer den für ihren
-Mann bestimmten Brief geschrieben und war, nachdem sie die kleine Mimi,
-welche ihren Nachmittagsschlummer hielt, zärtlich geküßt, ausgegangen. Wäre
-sie weniger mit dem Gedanken an ihre Flucht beschäftigt gewesen und hätte
-sie das Wesen ihres Mannes an diesem Tage nur etwas schärfer beobachtet,
-so würde sie vielleicht nicht so ruhig und zuversichtlich auf das Gelingen
-ihres Planes das Haus verlassen haben.
-
-Walther stand am Fenster, als sie über die Straße ging, um in eine der an
-der Ecke haltenden Droschken zu steigen.
-
-Er blickte ihr nach, so lange sein Auge sie erreichen konnte.
-
-Dann, als auch der Saum ihres Gewandes nicht mehr sichtbar war, wendete er
-sich mit einer raschen Bewegung ab und strich sich mit der Hand leicht über
-die Augen.
-
-Blendete ihn der Sonnenstrahl des heiteren Decembertages oder perlte eine
-Thräne an seinen Wimpern?
-
-»Leb' wohl,« murmelte er, sich noch einmal nach dem Fenster wendend und die
-Hand nach der Gegend ausstreckend, wo Fanny verschwunden; »lebe wohl für
-immer!«
-
-Es war vier Stunden später ... Die Sonne sank hinab, und ihre letzten
-schwachen Strahlen vergoldeten mit mattem Glanze die Höhen von Belleville.
-Eine Droschke rollte an das Haus, in welchem der Flüchtling wohnte. Fanny
-sprang aus dem Wagen und eilte die Treppe zu ihrer Wohnung hinan. Sie kam
-von der Unterredung mit dem Vicomte, und diese Nacht sollte unwiderruflich
-die letzte sein, welche sie und Mimi in der Wohnung Dennhardt's verleben
-sollten.
-
-Sie ist schon auf der letzten Stiege, dicht vor der Thür des Vorsaals, als
-sie sich von der Portière des Hauses angerufen hört.
-
-»Der Schlüssel, Madame,« ruft sie und eilt die Treppe hinan.
-
-»Ist mein Mann ausgegangen?« stammelt sie, von einer dunklen Ahnung, an
-deren Verwirklichung sie aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, »und
-wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?« Und während sie Dies bebend
-spricht, hat sie schon, ohne die Antwort abzuwarten, die Thür geöffnet und
-stürzt über den Vorsaal nach dem Wohnzimmer.
-
-Mit zitternder Hast reißt sie die Thür auf, wirft einen Blick in das leere
-Zimmer und stößt einen lauten gellenden Schrei der Verzweiflung aus.
-
-»Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.«
-
-Sie wankt, und die bestürzte Portière, welche ihr gefolgt war, fängt sie in
-ihren Armen auf und läßt sie langsam auf den Divan niedergleiten.
-
-Aber diese Schwäche dauert nur einen Augenblick.
-
-Sie rafft sich empor und stürzt in das anstoßende Schlafzimmer. Ihr Blick
-fällt auf ein Blatt Papier, das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein
-Brief von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert, das Couvert
-des Briefes, welchen ihr der Vicomte diesen Morgen gesendet hatte.
-
-»Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen,« liest sie, »muß man auch sehr
-schlau und vorsichtig sein. Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das
-Andere, Du würdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des Briefes
-gewesen sein, dessen Couvert ich zurücklasse zum Beweise, daß mir Alles
-bekannt ist. Der Schlag, mit dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt
-bin, mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein Kind raubtet,
-er fällt auf Dich selbst zurück.
-
-»Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose That nicht geschehen
-lassen. Wenn ich auch längst den Verrath ahnte, den Du mir gegenüber
-begingst, so hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft
-der Herzen, keine Sympathie der Seelen vorhanden, da fällt auch die
-Gemeinschaft des Lebens. Aber daß Du mir mein Kind rauben wolltest, Das
-konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib.
-
-»Lebe wohl und sei glücklich, wenn Du es vermagst. Alles Forschen wird
-vergeblich sein -- betrachte mich und das Kind für Dich gestorben. Es
-ist so am besten. In unserer Ehe hätte für das Kind ohnedieß kein Glück
-erblühen können. Kinderaugen sehen klar und scharf und erkennen nur zu
-bald, wenn Die, welche ihnen am nächsten stehen, auf getrennten Wegen
-wandeln.
-
-»Was wir an Hab und Gut besitzen, Das überlasse ich Dir.
-
-»Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem Schreibpulte finden. Ich
-behalte nur so viel als nöthig ist, um mir eine Existenz zu schaffen,
-welche mir meinen und meines Kindes Unterhalt gewährt.
-
- Lebe wohl für immer!
- Walther Dennhardt.«
-
-Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewußtlos zusammen, und die
-einzigen Worte, die sie stammeln konnte, waren:
-
-»Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.«
-
-Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf. Sie befahl der Portière
-die Wohnung zu schließen und die Schlüssel an sich zu halten und alle
-Briefe, die an sie einlaufen würden, in das Hôtel Grandlieu in der Rue de
-la Paix zu senden.
-
-Am Morgen des andern Tages verließ der Vicomte mit Fanny, die gestern Abend
-verstört und bleich zu ihm ins Hôtel Grandlieu mit den Worten gekommen war:
-»Schwöre mir, morgen Paris zu verlassen und mir mein Kind suchen zu helfen,
-und ich folge Dir bis an's Weltende,« auf der Nordbahn die Seinestadt.
-
-
-
-
-6. Stilles Leben.
-
-
-Kennt Ihr die grünen Hügel von Morbihan? Jene Berge der alten Bretagne, auf
-deren Abhängen, in kleinen Dörfern und Weilern zerstreut, einfache Hirten
-und Bauern wohnen, an denen die Cultur von Jahrhunderten vorübergegangen
-ist, ohne einen Blick in ihre Hütten zu werfen? Dort, wo diese
-bretagnischen Berge von den Wellen des Meeres bespült werden, wenige Meilen
-von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes, dessen Bevölkerung zur Hälfte
-aus Hirten, zur Hälfte aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem
-Jahre der deutsche Flüchtling mit seinem Kinde.
-
-Es war in den Nachmittagsstunden eines milden Herbsttages, Anfangs October
-des Jahres 1850. Auf der Düne, deren Sand von den Strahlen der Sonne
-erwärmt worden war, saß Walther Dennhardt mit seinem Kinde und blickte
-hinaus auf die unendliche See.
-
-Er hatte das Haupt in die Hand gestützt und lauschte dem geheimnißvollen
-Rauschen der Meereswogen, während Mimi zu seinen Füßen im Sande spielte.
-Sie hatte sich einen kleinen Garten gebaut, mit Beeten und Sträußern aus
-Seegras und Herbstblumen, die sie mit Papa auf dem Wege zur Düne gepflückt
-hatte.
-
-Das Kind liebte die Blumen leidenschaftlich. Zu jedem Maßliebchen und
-Veilchen bückte sie sich nieder, jeder Rose und jeder Lilie nickte sie
-einen Gruß zu, mit den blauen Kornblumen plauderte sie wie mit lebenden
-Gespielinnen, und von keinem Spaziergange kehrte sie zurück, ohne einen
-großen Strauß ihrer stillen Blumenfreundinnen mitzubringen.
-
-Die Kleine klatschte jetzt freudig in die Händchen.
-
-»Sieh, Papa,« rief sie, »mein Garten ist fertig.«
-
-Walther betrachtete mit heiterem Lächeln das frohe blühende Kind und sein
-Spielwerk.
-
-»Ach der schöne Garten, den meine Mimi sich gebaut hat,« sprach er und
-beugte sich zu der Kleinen nieder, die mit jenem Ausdruck glücklicher
-Zufriedenheit, den wir in seiner unverfälschten Reinheit nur bei Kindern
-finden, ihre strahlenden Blicke bald auf den kleinen Garten, bald auf ihren
-Vater richtete.
-
-Mit einem Male stand die Kleine auf und frug indem sie hinauf nach dem
-blauen wolkenlosen Himmel deutete:
-
-»Papa, haben die Engel im Himmel auch schöne Blumen wie wir?«
-
-»Noch viel schönere, mein Kind,« entgegnete Walther, den die Frage etwas
-überraschte, »die hellen Sterne, welche wir Abends sehen, sind lauter große
-goldene Blumen, die dort oben im Himmelsgarten wachsen.«
-
-»Ach! weißt Du was, Papa,« rief die Kleine indem sie ihren Papa recht
-ernsthaft anblickte, »dann will ich auch ein Engel werden.«
-
-Ein wehmüthiges Lächeln, das aber augenblicklich wieder verschwand, glitt
-über Walther's Züge.
-
-»Alle guten Menschen werden einmal Engel werden, meine Mimi, aber jetzt
-bleibst Du noch bei mir, nicht wahr?«
-
-Die Kleine nickte, und so verständig und ernsthaft, als habe sie den ganzen
-bedeutungsvollen Inhalt dieser Frage begriffen.
-
-Walther erhob sich und nahm die Kleine auf seinen Arm.
-
-»Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi, Du bist müde von dem weiten
-Wege. Morgen gehen wir wieder hieher und besuchen Deinen schönen Garten.«
-Und er schritt mit der Kleinen, welche das Köpfchen auf seine Schulter
-legte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er
-ein kleines einstockiges Haus bewohnte.
-
-Eine ältliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute sie nannten, die Witwe
-eines Schiffers, der auf einer Fahrt nach Westindien verunglückt war,
-besorgte seine häuslichen Geschäfte, während er selbst vollauf zu thun
-hatte, um für sich und sein Kind die Bedürfnisse des Lebens zu erwerben.
-
-Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedieß nicht bedeutenden
-Vermögen seiner Frau, das in einer Rente von vielleicht zweitausend Francs
-bestand, Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte bei der Trennung
-von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen als sechshundert Thaler,
-die Reste seines eigenen erworbenen Vermögens, welches während der
-revolutionären Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes in Paris bis
-auf diesen geringen Betrag aufgezehrt worden war.
-
-Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der Ankauf des kleinen Hauses mit
-dem daran befindlichen Gärtchen, die häusliche, wenn auch sehr bescheidene
-Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's Capital bis auf kaum
-hundert Francs aufgezehrt, und es galt jetzt die Aufbietung aller seiner
-Kräfte, wenn er nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten
-Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war zwar geheilt, aber für
-seinen Beruf war sie untauglich geworden. Als Bildhauer konnte er
-ferner nicht arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durch
-schriftstellerische Thätigkeit eine neue Existenz zu gründen. Aber es war
-nur der Gedanke eines Augenblicks. Er erinnerte sich sofort aus der Zeit
-seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt, wo er häufigen Umgang mit
-Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf nur von Denen gewählt
-werden darf, die dazu berufen sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft
-aufreibend derselbe ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht
-die Pflicht der Sorge für ein anderes Wesen obliegt, es wagen kann, sein
-Geschick an das seiner Feder zu knüpfen, während es ein großes Wagniß ist,
-auch die Geschicke Anderer daran zu fesseln.
-
-»Glauben Sie mir,« hatte ihm damals ein junger und talentvoller
-Schriftsteller gesagt, »unsere modernen Literaturzustände gleichen dem
-Labyrinthe mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen Wagehälsen reizt
-der geheimnißvolle Zauber, und Hunderte verirren sich und werden ein Opfer
-des lauernden Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit andern Namen
-bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz sich auf die Stirn setzen zu
-können und weiß nicht, daß in dem Kranze Dornen verborgen sind, welche so
-tief stechen, daß die Meisten, während sie danach greifen und bevor der
-Lorbeer ihre Scheitel berührt, sich daran verbluten.«
-
-In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch thätig sein? Als
-Publicist hatte er in Frankreich und vollends in diesem einsamen Dorfe der
-Bretagne durchaus keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker oder
-Romanschriftsteller sich eine Stellung zu erringen, dazu, Das fühlte er,
-fehlte ihm die dichterische Begabung.
-
-Er vermied die Klippe, an welcher so Viele zu Grunde gehen, eine
-Klippe, die zwar nur in der eigenen Einbildung besteht, aber darum desto
-gefährlicher ist.
-
-Aber einen andern Gedanken ergriff er mit Lebhaftigkeit und setzte ihn mit
-der seinem Wesen eigenen Energie ins Werk.
-
-Als er eines Tages mit Mimi nach Vannes gefahren war, um dort einige
-nothwendige Einkäufe für seine kleine Wirthschaft zu besorgen, da hatte
-die Kleine plötzlich in der Nähe der Kathedrale fröhlich in die Händchen
-geklatscht und ausgerufen: »Papa, Papa ... schöne Puppen.« Es war ein
-Tabuletkrämer, der auf seinem Tisch ein paar schlecht geformte Wachsfiguren
-stehen hatte, die Jungfrau Maria im Stalle zu Bethlehem mit dem
-Christuskind und den anbetenden drei Königen aus dem Morgenlande. Er frug
-nach dem Preise. Der Mann nannte ihm einen ungewöhnlich hohen.
-
-»Ist das Wachs hier zu Lande so theuer?« warf Dennhardt mit einem
-spöttischen Blick auf die schlecht gearbeiteten Figuren hin.
-
-»Das Wachs nicht, Herr, aber die Leute, welche solche Sachen machen!«
-
-»Und würde man, wenn diese Figuren wohlfeiler wären, viel davon verkaufen?«
-
-»Gewiß, Herr, besonders zur Weihnachts- und Osterzeit.«
-
-Dennhardt dankte dem Manne für die Auskunft und meinte, vielleicht würde er
-bald von ihm hören.
-
-Sein Plan war rasch gefaßt. Konnte er auch nicht mehr als Bildhauer
-arbeiten, so war ihm doch noch die Möglichkeit geblieben, sein plastisches
-Talent im Formen weicher Stoffe zu verwerthen.
-
-Er kaufte in Vannes Wachs und ging den nächsten Tag schon an die Arbeit.
-
-Als er die erste Gruppe, die Geburt unseres Heilandes darstellend, fertig
-hatte, rief er seine alte Dienerin, welche mit Mimi im Garten war.
-
-»Wie gefällt Euch das, Mama Poisson?« Das Kind wollte die Figuren küssen
-und herzen, und die alte Frau schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.
-
-»Glaubt Ihr,« frug Dennhardt lächelnd weiter, »daß man mir diese Figuren in
-Vannes abkaufen wird?«
-
-»Und wenn Ihr so viel hättet, als es Schafe und Lämmer auf den Hügeln von
-Morbihan giebt, Ihr würdet keine einzige übrig behalten.«
-
-Die alte Frau hatte nicht ganz Unrecht. Die Wachsfiguren, welche Dennhardt,
-theils in Gruppen, theils als Einzelgestalten bildete, fanden in Vannes
-Abnahme über Abnahme. Dennhardt stellte nach und nach die ganze biblische
-Geschichte in ihren Hauptmomenten bildlich dar. Die Gegend um Vannes ist
-streng katholisch, und diese religiöse Richtung der Bevölkerung begünstigte
-sehr den Absatz der kleinen, zierlich aus buntem Wachs gearbeiteten Figuren
-Dennhardt's.
-
-Für die kleine Mimi war diese Beschäftigung ihres Vaters eine
-unerschöpfliche Quelle der Freude und des Vergnügens.
-
-Da sie mit den andern Kindern nur wenig Umgang hatte, schon deßhalb nicht,
-weil Dennhardt, der mit der Kleinen nur die Muttersprache, sein geliebtes
-Deutsch, sprach, nicht wollte, daß das Kind eher des Französischen mächtig
-würde, bevor es sich im Deutschen verständlich ausdrücken konnte, so waren
-die Wachspuppen ihre vorzüglichsten Spielgenossen.
-
-Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten, gab einer Jeden
-täglich ihre Portion Essen, die dann natürlich, wie es die heidnischen
-Priester mit den Opfermahlzeiten ihrer Götter thaten, von der Darspenderin
-selbst verzehrt wurde, sie brachte sie zu Bett, sang ihnen Liedchen vor und
-deckte sie jeden Abend sorglich zu, damit die armen kleinen Pipi's, wie sie
-zu ihrem Vater sagte, in der Nacht nicht frören und sich erkälteten.
-
-So verging Monat auf Monat und die Kleine wurde mit jedem Tage
-verständiger, wenn man eine gewisse Sinnigkeit ihres Wesens so nennen darf.
-
-An ihrem Vater oder »Papa,« wie sie ihn nur nannte, hing sie mit einer
-unbeschreiblichen Zärtlichkeit.
-
-War Dennhardt, was selten, aber doch zuweilen vorkam, ohne Mimi
-ausgegangen, vielleicht in die Nachbarschaft, um irgend Etwas, was er zu
-seinen Arbeiten bedurfte, zu holen, und Mimi saß unter der Aufsicht der
-alten Mama Poisson vor der Thür und erblickte ihn von weitem, dann flog
-sie ihm, so schnell als es ihre kleinen Füße vermochten, mit flatternden
-Locken, glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen mit dem Rufe: »Mein Papa
-kommt ... mein Papa kommt ...« entgegen.
-
-Fand sie auf den Spaziergängen eine schöne seltene Blume, so pflückte sie
-dieselbe nicht eher, als bis der Papa sie bewundert hatte, und sie schlief
-an keinem Abende ein, ohne ihren Papa geküßt und geherzt zu haben.
-
-Für Walther aber war das Kind der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit.
-Alle seine Empfindungen, Gedanken, all sein Thun, Handeln drehte sich um
-seine kleine Mimi. Das Stück französischer Erde, auf welcher er mit ihr
-lebte, war für ihn die Welt; was hinter diesen bretagnischen Bergen lag,
-hatte er Alles vergessen.
-
-Die Kämpfe der Parteien wie die Leidenschaften des Herzens, sie hatte er
-jenseits der grünen Hügel von Morbihan gelassen und Nichts aus der früheren
-Zeit mit herüber genommen, als die Liebe zu seinem Kinde. Gewiß lieben alle
-Eltern ihre Kinder, wenn sie keine Rabenherzen im Busen tragen, aber diese
-Liebe Walther's zu seiner kleinen Mimi war doch noch ganz anderer Art.
-
-Schon ehe das Kind geboren war, liebte er es, und während die Wünsche der
-Väter in der Regel auf einen Knaben gerichtet sind, wünschte er, daß es
-eine Tochter sein möchte.
-
-Als nun sein Wunsch erfüllt wurde, da war er so glücklich, so wie es
-vielleicht ein Jüngling ist, dem endlich aus dem Munde der unendlich
-Geliebten das Wort der Erhörung wird.
-
-Jetzt nun vollends, wo die Kleine das einzige Wesen war, welches er sein
-nennen konnte, jetzt hing er mit allen Lebensfasern an ihr und sie war der
-Mittelpunkt, um welchen sich alle seine Gefühle, Empfindungen, Gedanken,
-Entwürfe drehten.
-
-Einst, als er mit ihr am Meeresstrande stand, auf jener Düne, wo er
-an jenem Herbstnachmittag mit dem Kinde saß und spielte -- es war sein
-liebster Ort, den er bei seinen Spaziergängen stets besuchte -- frug Mimi,
-hinüber zu der unendlichen Meeresfläche deutend:
-
-»Papa, wohnen da drüben über dem großen Wasser auch Leute?«
-
-»Gewiß, mein Kind, viele, viele tausend Menschen wohnen dort. Das Land,
-in welchem sie leben, nennt man England. Wenn Du groß geworden bist, meine
-Mimi, fahren wir einmal zusammen auf einem Schiffe hinüber und sehen uns
-die Leute und ihre Städte an.«
-
-Das Kind hatte still und mit einer gewissen andächtigen Miene den Worten
-des Vaters gelauscht.
-
-Dann hob es sein Köpfchen mit den blonden weichen Locken und den lieben
-braunen Augen zu dem Vater empor und sprach mit einem Ausdruck kindlichen
-Ernstes, der gerade, weil er aus einem so jugendlichen, lebensfrischen
-Munde kam, einen rührenden Eindruck erzeugte:
-
-»Weißt Du was, Papa, ich will gar nicht groß werden ... ich will Deine
-kleine Mimi bleiben.«
-
-Ein Gefühl urplötzlich aufsteigender Wehmuth bemächtigte sich seiner bei
-diesen Worten des Kindes und er vermochte nicht eine Thräne, die sich
-hervordrängte, zu unterdrücken.
-
-»Nicht weinen, Papa,« bat Mimi, indem sie ihre Händchen bittend
-emporstreckte und als Dennhardt sie zu sich empor hob, legte sie ihr
-Lockenköpfchen an des Vaters Wange und sprach: »Du bist mein bester, guter
-Herzenspapa.«
-
-Und dann fing sie an zu lachen und zappelte lustig vom Arme des Vaters
-herab, lief jauchzend hinter einem Schmetterling her und jubelte laut auf,
-als sie während dieser Verfolgung in dem weichen Sand stolperte und sanft
-von der Düne herabrollte, gerade in die ausgebreiteten Arme ihres Papa.
-
-So schwand Monat nach Monat dahin. Dennhardt fühlte sich so glücklich, wie
-es noch nie in seinem Leben der Fall gewesen.
-
-Es liegt eine so stille, friedliche Seligkeit in der Liebe zu einem Kinde,
-zu einem so unschuldigen und hülflosen Wesen, es verbreitet sich aus diesem
-Gefühl ein so sanfter, ruhiger Friede über den ganzen Menschen, über all
-sein Denken, Thun und Handeln, daß alle andern Empfindungen des Herzens
-dagegen als aufreibende Leidenschaften erscheinen.
-
-Im schnellen Wechsel fliegen die Jahreszeiten dahin. Wenn der Sommer mit
-seinem bunten Farbenschimmer von Blumen und Blüthen, mit seinem grünen
-Schmelz der Wiesen, mit seinem blauen Himmel und goldnen Sonnenlicht
-dahingegangen war und der Herbst mit seinen kalten Regengüssen, seinen
-Stürmen auf dem Meere ihm folgte, und Dennhardt mit seinem Kinde daheim bei
-der knisternden Flamme des Kamins bleiben mußte, dann brach für die kleine
-Mimi eine Zeit neuen märchenvollen Glückes an.
-
-»Papa, erzähle mir eine Geschichte!« Mit diesen Worten erwachte sie früh
-in ihrem Bettchen, das dicht neben dem ihres Vaters stand, und mit diesen
-Worten ging sie schlafen.
-
-Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich zugedeckt, an ihr
-Lager, nahm ihre kleine, weiche, warme Hand in die seinige und erzählte ihr
-lauter kleine, das Kind mächtig fesselnde Geschichtchen aus seiner Jugend,
-wie er noch ein kleiner Junge war, von seinem lieben Schwesterchen Helene,
-die so bald gestorben und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie
-»Anna« nannte, mit in den Sarg gegeben, und von den grünen Wäldern in
-Thüringen, in welchen allerlei wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde
-Schweine, Luchse und Dachse, Geschöpfe, welche die Kleine nur aus ihren
-Bilderbüchern kannte. Am meisten aber interessirte sie die Erzählung von
-dem getreuen Eckard, der auch in den thüringischen Wäldern lebt und
-die Kinder beschützt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser. Sie war
-unermüdlich im Anhören dieser Erzählungen, und oft flüsterte sie, endlich
-doch vom Schlafe übermannt, während sich ihre Augen schon schlossen und
-sie sich in die Kissen vergrub, noch mit leiser Stimme: »Papa, noch eine
-Geschichte ...« und war in der nächsten Minute fest eingeschlummert.
-
-So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem Leben. Mimi war fünf Jahre
-alt geworden und plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde Alles
-heraus, was ihr Herz bewegte.
-
-Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, während sie mit der alten Mutter Poisson
-Französisch plauderte.
-
-Es gab Dennhardt, trotzdem daß er glaubte Alles überwunden zu haben, doch
-einen scharfen Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimi zu der
-alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem Hause auf und ab ging, sagen
-hörte:
-
-»=Ma chère mère, reposons-nous un moment sur ce banc de gazon.=« (Meine
-gute Mutter, laß uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.)
-
-»=Ma chère mère!=« Armes Kind, das nie wieder die Stimme der Mutter hören
-sollte! Eine Erinnerung an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine nicht zu
-haben, wenigstens erwähnte und frug sie niemals danach. Freilich war sie
-auch, als Walther mit ihr Paris verließ, noch nicht zwei Jahre alt gewesen,
-und die Veränderung des Wohnorts, die Reise, die neuen tausendfachen
-Eindrücke der Außenwelt auf die junge erwachende Kindesseele verscheuchten
-schon in der ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in ihrem
-Gedächtniß befunden hatten. Als sie endlich das Französische sprechen
-gelernt, hatte sie in den zwei Kindern eines Lootsen, der früher lange
-als Obersteuermann auf einem Kriegsschiff gedient und in dem Hause nebenan
-wohnte, ein paar Gespielinnen erhalten.
-
-Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter wie Mimi, doch viel
-schüchterner, blöder als die Kleine. Der Lootse, sonst ein ganz braver
-Mann, hatte noch immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und ließ die
-Kinder nicht selten seine schwere Hand fühlen, während Mimi bei aller
-ihrer Kindlichkeit sich so ruhig, sicher, so selbstständig bewegte, daß der
-Unterschied sofort in die Augen sprang.
-
-Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese liebenswürdige Sicherheit und
-Unbefangenheit, die sie selbst größern Personen gegenüber zeigte.
-
-Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an einer Gruppe, welche für
-eine Capelle in der Nachbarschaft bestellt war, spielte sie mit Pauline und
-Lisette und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten ihres Hauses.
-
-Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und verursachten ein wenig Lärm,
-welcher den Feldhüter oder Flurschützen des Orts, der eben aus der Schenke
-kam, einen griesgrämigen Patron, störte.
-
-Der Flurschütz ist für die Kinder in den französischen Dörfern dieselbe
-Popanzfigur, wie es der Polizeidiener unserer kleinen deutschen Städte für
-die liebe Gassenjugend ist.
-
-Der rothe Streifen an der Mütze und am Kragen hat diesseits wie jenseits
-des Rheins dieselbe Wirkung: die Kinder flüchteten, als sie den Mann mit
-der Flinte über dem Rücken und den Stock drohend erhebend daher kommen
-sahen, nach links und rechts in die benachbarten Häuser.
-
-Nur Mimi blieb mit ihrer Puppe im Arm ruhig in der Mitte der Straße stehen.
-
-»Heda, Du kleiner Balg,« rief der Flurschütz mit einer drohenden Bewegung
-die Hand erhebend, »willst Du machen, daß Du fort kommst?«
-
-Die Kleine rührte sich nicht, sondern blickte dem Mann mit ihren großen
-strahlenden Augen fest ins Gesicht.
-
-»Nun, wird es werden?« schrie er erbost, »oder soll ich Dich fortprügeln?«
-
-»Mein Papa hat gesagt, ich soll hier spielen, und was mein Papa gesagt hat,
-Das thue ich, und wenn Du mich prügelst, dann schießt Dich mein Papa mit
-seiner Flinte todt.«
-
-Der Mann erschrack fast, als das kleine fünfjährige Mädchen ihm mit solcher
-Ruhe und Bestimmtheit vom Todtschießen sprach.
-
-»Dein Papa?« brummte er, »und wer ist Dein Papa?«
-
-»Die Leute nennen meinen Papa Herrn Dennhardt und ich bin Mimi Dennhardt.«
-
-»Ah! die Tochter von dem deutschen Réfugié,« murmelte der Feldwächter,
-indem er einen scheuen Blick nach dem Hause Dennhardt's warf, »er soll
-ein verwegener Bursche sein und in Deutschland bei einem Massacre
-vierundzwanzig Aristos umgebracht haben.« Ein derartiges Märchen gehörte zu
-den Gerüchten, welche sich über Dennhardt's Betheiligung an der Revolution
-bei einigen leichtgläubigen und neugierigen Schwätzern verbreitet hatten
-und sehr wohl in einem Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit
-dem Begriff der Revolution auch zugleich der der Guillotine und der
-Niedermetzelung der Aristokraten verband.
-
-Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche Gerücht für Mimi indessen
-das Gute, daß der Feldwächter, ein Poltron, für welchen von jeher
-der ernste Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart etwas
-Zurückscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt, die Kleine ungehindert
-weiter spielen ließ und nur beim Weitergehen mit den halblaut gemurmelten
-Worten: »Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich aber morgen wieder
-hier treffe, so wirst Du mich kennen lernen,« seine gefährdete Autorität
-rettete.
-
-Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt, das er ihr stets
-mitbrachte, wenn er in Vannes gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen
-Silberstimme ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei.
-
-War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft in drei Theile,
-war es ein Spielwerk, dann mußten die Kinder ebenso damit spielen, als wäre
-es das ihrige. Mitunter kam es vor, daß die Kleinen, schüchtern und blöde,
-wie sie in Folge der strengen Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die
-Annahme dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten; dann aber
-gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche Aufregung und versuchte oft
-mit Gewalt die Kinder zur Annahme zu zwingen, was schließlich Geschrei und
-Thränen zur Folge hatte. Dann kam gewöhnlich Dennhardt herbei und überwand
-durch Zureden die Blödigkeit der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi
-darbot, dann war die Kleine wieder so außer sich vor Freude, daß sie die
-Kinder stürmisch umarmte, küßte und mit allerlei Schmeichelnamen nannte.
-
-Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den Frauen, stand Mimi in großer
-Gunst. Sie war der erklärte Liebling der jungen Mütter, welche bereitwillig
-die liebliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit des fremden Kindes
-anerkannten.
-
-Viel trug auch Dennhardt's Wohlthätigkeit dazu bei, der bei seinem
-überreichen Verdienst manche Gabe in die Hütten der Armuth sendete und als
-Geberin gewöhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so daß das Kind,
-wenn es über die Schwelle einer armseligen Hütte trat, von den Bewohnern
-wie ein kleiner rettender Engel begrüßt wurde.
-
-
-
-
-7. Das Räthsel des Lebens.
-
-
-Es war im Sommer, wenige Wochen vor Mimi's sechstem Geburtstage. Eine
-dumpfe Schwüle lag auf dem kleinen Orte, überall sah man traurige und
-verweinte Gesichter. Der Todesengel war eingezogen in dem Dorfe und hielt
-eine reiche Ernte unter den lieblichsten Blumen der Menschheit, unter den
-Kindern.
-
-Es war eine bösartige Epidemie, eine jener verheerenden Krankheiten, welche
-an die düstere blutige Sage von dem Würgengel erinnern.
-
-Auch Mimi war von der Krankheit ergriffen worden und lag schon einige Tage
-hart darnieder.
-
-Dennhardt wich nicht einen Augenblick von ihrem Bette. Gleich als sich die
-ersten Symptome des Fiebers zeigten, hatte er einen reitenden Boten nach
-Vannes geschickt und den tüchtigsten Arzt der Stadt holen lassen, der auch
-wenige Stunden später erschien.
-
-Wie ein Sterbender, mit dem Ausdruck tiefster Seelenangst in den verstörten
-Zügen trat ihm Dennhardt unter der Hausthüre entgegen.
-
-»Retten Sie mir mein Kind, Doctor,« sprach er mit bebender Stimme, indem er
-ihm seine zitternde Hand entgegenstreckte, »meine Mimi ...« Er konnte nicht
-mehr sprechen, die Stimme versagte ihm.
-
-Der Arzt, welcher Dennhardt von seinen Besuchen in Vannes her kannte und
-sich, schon weil er politischer Gesinnungsgenosse des deutschen Flüchtlings
-war, zu Dennhardt hingezogen fühlte und ihn bei näherer Bekanntschaft auch
-wegen der Bravheit seines Charakters hoch schätzen gelernt, war im ersten
-Augenblick ganz überrascht von dieser tiefen Bewegung Dennhardt's.
-
-Wußte er auch, daß der Bildhauer sein Kind auf das zärtlichste liebte, so
-hätte er doch nimmer in dem ernsten ruhigen Manne eine solche Weiche des
-Gefühls vermuthet.
-
-»Fassen Sie sich, mein Lieber, man darf, so lange der Odem des Menschen
-aus- und eingeht, nie verzagen, am Wenigsten aber bei den Krankheiten der
-Kinder, wo die Heilkraft der Natur, viel häufiger als es von dem klügsten
-Arzt erwartet wird, Genesung fast urplötzlich bringt.«
-
-Er trat an das Bett der Kleinen, die in einer Art Halbschlummer lag.
-Dennhardt's Auge hing an des Arztes Mienen, und es entging ihm nicht,
-wie diese, trotz der Selbstbeherrschung des Mannes, einen sehr ernsten,
-bedenklichen Charakter annahmen.
-
-»Das Kind ist krank ... sehr krank,« sprach er vom Bett zurücktretend in
-leisem Tone zu Dennhardt, welcher mit vor Aufregung laut hämmerndem Herzen
-dem Arzte gewissermaßen jedes Wort von den Lippen nahm, »indessen man darf
-noch nicht die Hoffnung aufgeben. Vor allen Dingen sorgen Sie dafür, daß
-die Arznei, welche ich verschreibe, rasch geholt wird.«
-
-»Nicht alle Hoffnung aufgeben,« wiederholte Dennhardt mit erloschener
-Stimme und einem Blicke verzweifelter Seelenangst, »o, ich weiß, was diese
-Worte in dem Munde eines Arztes bedeuten.«
-
-»Muth, Muth, Mann,« tröstete der Doctor, »und vor Allem die Arznei. Ich
-komme morgen mit dem Frühesten wieder, für außerordentliche Fälle wenden
-Sie sich an den Doctor Godin, der ganz in der Nähe, eine Viertelstunde von
-hier, auf seinem Landgute lebt. Er prakticirt zwar nicht mehr, aber hier
-wird er eine Ausnahme machen, ich will im Vorbeifahren selbst mit
-ihm sprechen. Gott stehe Ihnen bei, mein Freund!« Mit diesen Worten
-verabschiedete sich der Arzt.
-
-In tödtlicher Spannung und Ungewißheit vergingen einige Tage. Täglich kam
-der Doctor und täglich wußte er für das von Todesqualen erfüllte Herz des
-Vaters keine andere Antwort, als die furchtbaren Worte: »Das Kind ist sehr
-krank ... indessen man darf die Hoffnung noch nicht aufgeben.«
-
-Zehn entsetzlich peinvolle Tage und Nächte waren so dahingegangen.
-Dennhardt's Augen hatten sich während dieser Zeit auch nicht auf eine
-Minute zum Schlafe geschlossen. Eine alle Nerven und Fibern aufregende,
-gewöhnliche menschliche Kraft weit übersteigende Willensmacht erhielt ihn
-munter.
-
-Er wich nicht einen Augenblick von Mimi's Bett, und sein Auge überwachte
-die geringste Bewegung des Kindes.
-
-Es war in der elften Nacht ihrer Krankheit ... die Gewalt des Fiebers,
-welches gegen Abend nachgelassen, hatte sich eine Stunde vor Mitternacht
-wieder heftig gesteigert, der Puls flog in stürmischer Eile ... der Athem
-war kurz und beklommen ...
-
-»Papa,« sagte plötzlich das Kind, welches während der Krankheit meist stumm
-und theilnahmlos gegen seine Umgebung sich verhalten hatte, »Papa ... ich
-kann gar nicht Luft bekommen.«
-
-Es war des Kindes erste Klage, aber sie traf Dennhardt wie der Stoß eines
-glühenden Schwertes mitten in das Herz hinein!
-
-»Meine gute, liebe Mimi,« sprach er mit halberstickter Stimme, die Kleine
-sanft emporrichtend und das Bett aufschüttelnd, »ich will Dir ein Kissen
-unterlegen, Du liegst so niedrig, dann wirst Du auch leichter athmen
-können.«
-
-Aber er konnte es nicht verwehren, daß ihm zwei Thränen über die Wangen
-liefen, trotz seiner Anstrengung dem Kinde seinen Schmerz zu verbergen.
-
-Die Kleine sah die Thränen.
-
-»Nicht weinen, Papa,« sagte sie mit ihrer leisen, weichen Stimme und indem
-sie mit ihren glänzenden Augen aufmerksam ihres Papa's Züge betrachtete.
-Dann wendete sie sich auf die andere Seite und verfiel wieder in jenen
-dumpfen Halbschlummer, in welchem weder die Phantasie, noch der Körper
-ruht, und der nicht sowohl stärkend, als vielmehr erschöpfend wirkt.
-
-Nach Mitternacht steigerten sich die fieberhaften Erscheinungen und die
-Beklemmungen beim Athmen so, daß Dennhardt einen Boten nach dem Doctor
-Godin schickte.
-
-Dieser kam und hatte kaum einen Blick auf das Kind geworfen, als er eilig
-nach Blutegeln verlangte.
-
-Man holte sie beim Dorfbader und setzte der Kleinen, die Alles geduldig
-ertrug, drei der schwarzen häßlichen Thiere in die Nähe des Herzens.
-
-Da wurde die Thüre geöffnet und die junge Lootsenfrau erschien weinend auf
-der Schwelle und bat den Doctor, von dessen Ankunft sie gehört, zu ihrem
-todtkranken Kinde, ihrer Lisette, zu kommen.
-
-»Auf der Stelle komme ich,« entgegnete der menschenfreundliche alte Arzt,
-der längst der Praxis entsagt hatte und nur aus Humanität seine Dienste
-der leidenden Menschheit widmete, »ich werde gleich zurück sein, lieber
-Freund.«
-
-Er ging und Dennhardt blieb allein mit der Mutter Poisson bei seinem Kinde
-zurück.
-
-Es war eine dumpfe und schwüle Nacht. Ueber den Bergen wie über dem Meere
-hingen dunkle Wetterwolken, und am fernsten Horizonte, da wo Wasser und
-Himmel sich zu vermählen scheinen, leuchteten schon feurige Blitze. In
-der Stube brannte nur die schwache Flamme einer mit einem grünen Schirm
-umgebenen Lampe, da das Kind sich vom Anfang der Krankheit an gegen den
-hellen Lichtschimmer empfindlich gezeigt hatte.
-
-Kein Geräusch in dem Zimmer, als des Kindes rasche Athemzüge und das
-hörbare Hämmern und Klopfen des kleinen Herzens.
-
-Dennhardt kämpfte vergebens gegen den Ausbruch eines Schmerzes, den er
-lange unterdrückt hatte, der aber endlich mit Gewalt hervorbrach und in
-heißen Thränenströmen über seine Wangen fluthete.
-
-Es war jenes stille Weinen einer kräftigen Männernatur, die unverzagt im
-Sturm und Wetter steht, die selbst mit zerbrochenem Schwerte und aus zehn
-Wunden blutend noch die Schlacht des Lebens gegen den äußern Feind schlägt,
-die aber weich wird wie eine Kinderseele, wenn des Schicksals Hand an das
-Herz greift und von diesem Herzen das einzige Wesen reißt, an welchem es
-mit allen Fasern hing.
-
-Hab und Gut, Vaterland und Beruf, Weib und Lust des Lebens hatte Dennhardt
-in seinem Kampfe für die großen Ideen der Freiheit verloren, es hatte ihn
-nicht erschüttern können, selbst die Trennung von Fanny hatte ihn kaum eine
-Thräne gekostet, denn sie hatte ja nicht ohne ihre eigene Schuld aufgehört
-das Weib seiner Liebe zu sein; aber dieser drohende Verlust seines Kindes,
-seiner kleinen lieben Mimi, ergriff ihn mitten an seine Lebensnerven, er
-ließ ihn zusammenbrechen.
-
-Schmerzliches, aber zugleich rührendes Beispiel der Hinfälligkeit
-menschlicher Kraft, der Ohnmacht menschlicher Größe, gegenüber dem Walten
-eines ewigen, allmächtigen Wesens, dessen Natur für uns unbegreiflich ist,
-das wir nur in seinen Schöpfungen ahnen können, dessen Macht aber jede
-Creatur anerkennen muß und stände sie auf der obersten Stufenleiter, auf
-der letzten Sprosse der Schöpfung, und wäre sie auch geschaffen nach dem
-Bilde des ewigen unbegreiflichen Wesens, mit der Gottähnlichkeit.
-
-Ein leiser Ruf des Kindes weckte den unglücklichen Vater aus der dumpfen
-Betäubung, welcher dem Ausbruch seiner Thränen gefolgt war. Es war dieselbe
-frühere sanfte Klage der kleinen Mimi, die einzige, welche sie laut werden
-ließ:
-
-»Papa, ich kann gar nicht Luft bekommen.«
-
-»O Gott, Gott!« seufzte der unglückliche Vater aus der Tiefe seines Herzens
-und sandte einen verzweifelten Blick zum Himmel empor, »von aller der Luft,
-welche uns umweht, hat mein armes Kind nicht so viel, um athmen zu können.«
-
-In diesem Augenblicke kam der Doctor Godin aus dem Nachbarhause zurück.
-
-»Saugen die Blutegel noch?« frug er schon unter der Thür.
-
-Eins der Thiere war abgefallen und die nachblutende Wunde hatte, ohne
-daß Dennhardt in seinem Schmerze es bemerkt, die weißen Linnen des Bettes
-blutig gefärbt.
-
-»Barmherziger Gott!« rief er mit halb erstickter Stimme, »was ist Das? ...
-das Kind verblutet sich.«
-
-»Still,« sprach der Arzt mit einer ernsten Geberde, »wenn auch Das nicht
-zu befürchten ist, so muß die Blutung doch schnell gestillt werden.« Und er
-zog aus einem kleinen Etui eine Federspule hervor, mit welcher er rasch die
-blutende Wunde berührte.
-
-Aber bei der ersten Berührung stieß das Kind einen so heftigen,
-durchdringenden Schrei aus, daß Dennhardt zusammenzuckend des Arztes Hand
-faßte und sie krampfhaft drückte.
-
-»Papa ... Papa ... der alte Mann sticht mich,« schrie das Kind mit
-verwirrter, ängstlicher Geberde und abwehrenden Händen, »jag' ihn fort,
-Papa ... jag' ihn fort ...«
-
-»Seien Sie ein Mann,« flüsterte der Arzt dem Erbleichenden zu, auf dessen
-Stirn Angsttropfen perlten, »es ist Nichts ... ein kurzer, vorübergehender
-Schmerz ... die Gefahr, welche durch den Blutverlust entsteht, ist nicht
-gering.« Und wieder versuchte er mit dem kleinen Stift der Spule die Wunde
-zu berühren.
-
-»Mein süßer ... süßer Papa,« schrie die Kleine auf, sich angstvoll in dem
-Bettchen emporschnellend und die Arme nach ihrem Vater, der zu Häupten des
-Bettes stand, ausbreitend, »der böse Mann ... der böse Mann ... jag' ihn
-fort ... jag' ihn fort, Papa.« Und sie schlang ihre Händchen mit entsetzten
-Blicken um ihres Papa's Nacken.
-
-Das Blut aber rann immer noch in kleinen Strömen aus der Wunde.
-
-»Barmherziger Gott, Doctor, giebt es kein anderes Mittel die Blutung zu
-stillen?«
-
-»Versuchen Sie es selbst,« sprach der Doctor tief bewegt, »hier ... nehmen
-Sie den Stift ... touchiren Sie.«
-
-Mit zitternder Hand nahm Dennhardt die Spule mit dem Höllensteinstift und
-flüsterte mit bebender Stimme dem zitternden Kinde zu:
-
-»Es ist Nichts, meine kleine süße Mimi. Du wirst auch bald wieder gesund
-und dann gehen wir zusammen.« Und er berührte die Wunde.
-
-»Papa ... Papa ... Du stichst mich. Ach ... Papa.«
-
-Der Stift entfiel seiner Hand.
-
-»Ich kann nicht mehr ... Doctor ... O Gott, Gott!« Der Unglückliche wankte
-und wäre zu Boden gestürzt, wenn ihn der Arzt nicht aufrecht erhalten.
-
-»Beruhigen Sie sich ... fassen Sie Muth,« raunte er dem Verzweifelten zu,
-»Ihre Hand traf sicherer als die meinige, die das Alter zitternd machte.
-Das Blut steht ... etwas Charpie aufgelegt, und wir haben Nichts weiter zu
-befürchten.«
-
-Das Kind war indessen auch ruhiger geworden und schloß die Augen zu einem
-kurzen Schlummer, während Dennhardt todtmüde an Geist und Körper, blutend
-aus der tiefsten Herzenswunde, welche ihm der Schmerz dieser qualvollen
-Nacht geschlagen, auf seinen Sitz neben dem Bett zurücksank und lautlos vor
-sich hinstarrte.
-
-»In zwei Tagen,« sagte der alte Doctor, von dem schmerzerfüllten Vater
-Abschied nehmend, »wird die Entscheidung eingetreten sein ... bis dahin,
-mein alter Freund, Geduld und Ruhe.«
-
- * * * * *
-
-Der Tag brach an, ein drückend heißer Augusttag ... die Gewitter der
-verflossenen Nacht hatten die Gluth nur wenig abzukühlen vermocht, die
-Sonne warf von dem wolkenlosen blauen Himmel sengende Strahlen auf die Erde
-herab, die Luft stand still, nicht der leiseste Windhauch bewegte sie.
-
-Trotz der herabgelassenen Gardinen, der geöffneten Thür, welche auf den
-kühlen Vorsaal des Hauses führte, und trotz der Sprengung mit Wasser und
-Essig herrschte in dem Zimmer, wo die kleine Kranke lag, doch eine schwüle
-Atmosphäre.
-
-Mimi war eben wieder eingeschlummert, die alte Mutter Poisson saß mit
-rothgeweinten Augen am Bett des Kindes und scheuchte mit einem Baumzweig
-die zudringlichen Fliegen ab, welche das Haupt des Kindes umschwirrten.
-
-Dennhardt war hinaus in den Garten gegangen, um einen Strauß Blumen zu
-brechen.
-
-Es war heute Mimi's Geburtstag, heute vor sechs Jahren hatten ihre Augen
-zum ersten Mal das freundliche Licht der Sonne erblickt.
-
-Sonst war Mimi's Geburtstag immer als ein hoher Festtag in dem kleinen
-Hause gefeiert worden; Dennhardt hatte stets an diesem Tage die
-Nachbarkinder zu sich geladen und Mimi dabei mit liebenswürdiger Gravität
-die Honneurs als Wirthin gemacht und die Kinder mit Kuchen, Chocolade,
-Obst, Apfelwein und anderen Leckereien bewirthet.
-
-Und heute nun! Welcher Unterschied zwischen heute und dem Geburtstage
-voriges Jahr!
-
-Damals blühend wie eine Rose, dahin flatternd in dem buntfarbigen Gewand,
-dem gelben Strohhute mit Blumen und Rosabändern wie ein Schmetterling,
-und heute lag sie drinnen auf dem Krankenbette still und bleich wie eine
-geknickte Sommerblume, wie eine zarte Lilie, über welche der Sturm dahin
-gefahren ist.
-
-Seit elf Tagen hatte die Kleine keine Blume gesehen, ihre liebsten
-Gespielinnen, die stillen, bunten Blumen, mit denen sie so lieblich und
-verständig plauderte, als wären es beseelte Wesen, hatte sie entbehren
-müssen, weil der Arzt den Blumenduft für aufregend erklärt hatte.
-
-Und seltsam! Die Kleine schien während dieser Tage der Krankheit ganz
-vergessen zu haben, daß es Blumen gab, sie hatte nicht ein einziges Mal
-danach verlangt, eben so wenig wie nach ihren Puppen, ihren Bilderbüchern
-oder anderm Spielwerk. Ihren Geburtstag aber ohne Blumen vorübergehen zu
-lassen, Das vermochte Dennhardt nicht übers Herz zu bringen. Vielleicht
-wollte er sich auch, begreifliche Schwäche des menschlichen Herzens, selbst
-täuschen, wenn auch nur auf ein paar Augenblicke, und sich glauben machen,
-er breche die Blumen zum Geburtstage der gesunden, frohen Mimi, welche
-damit ihren kleinen Tisch schmücken wolle, um die kleinen Genossinnen der
-Kaffeegesellschaft festlich zu empfangen.
-
-Es war ein großer prächtiger Strauß von Georginen, Rosen, Nelken, Astern
-und Reseda, den er gepflückt, und bei jeder Blume, die er brach, erinnerte
-er sich der kleinen Zwiegespräche, die Mimi in dem Garten mit ihren stillen
-Blumenfreundinnen gehalten.
-
-»Sieh, Papa,« hatte sie dann gesagt, wenn ein leichter Wind über die Beete
-hinsäuselte und die Blumen ihre Häupter bewegten, »sieh, Papa, meine Blumen
-antworten mir. Siehst Du nicht wie sie nicken und flüstern?!«
-
-Er kehrte in das Haus zurück und in demselben Moment erwachte auch Mimi aus
-ihrem Halbschlummer. Mit den Blumen in der Hand eilte der Vater dem Kinde
-entgegen.
-
-»Ei!« rief sie, die Hand nach den Blumen ausstreckend, mit ihrer
-silberhellen Stimme, deren lieblicher Klang sich während ihrer ganzen
-Krankheit nicht verändert hatte, »ei!« und wie ein heller goldener
-Freudenstrahl flog es über ihr blasses, leidendes Gesichtchen. Ihre matte,
-zitternde Hand vermochte die Blumen kaum zu halten; aber ihr Auge glänzte
-von einem Feuer, das zu schön, zu himmlisch war, um nicht zu verkünden,
-daß die reine Kinderseele, welche in dieser lieblichen Hülle gewohnt, sich
-schon ihrer Heimath wieder nahe fühlte, ihrer himmlischen Heimath, aus der
-sie herabgestiegen auf die dunkle Erde, um eine kurze Spanne Zeit darüber
-hinzuflattern und dann wieder zurückzukehren in die Wohnungen des ewigen
-Lichts.
-
-»Meine Mimi!« murmelte mit vor Thränen halb erstickter Stimme der zur Seite
-des Bettes knieende Vater.
-
-»Mein Papa,« flüsterte das Kind, mit der Linken die Blumen gegen ihr
-kleines matt schlagendes Herz drückend, während sie den rechten Arm mit
-müder Geberde um den Nacken ihres Vaters schlang, gerade so wie in
-früheren gesunden Tagen, wenn er die müde Kleine auf der Heimkehr von dem
-Spaziergange in seine Arme nahm.
-
-Niemand war in dem Gemach, als der Flüchtling und sein Kind, sein
-sterbendes Kind.
-
-»Papa,« flüsterte die Kleine, nachdem sie eine Weile mit ihren in
-wunderbarem, verklärtem Glanze strahlenden Augen nach dem Fenster, welches
-nach der Gartenseite hin lag, geblickt, »Papa ... siehst Du den schönen
-Engel dort am Fenster, ach ... Papa ... wie schön er sieht ... viel, viel
-schöner als mein Weihnachtsengel ... siehst Du ... Papa ... jetzt winkt er
-mir ... ach! die vielen Engel ... sie fliegen durchs Fenster ... siehst Du?
-draußen im Garten.«
-
-Dennhardt's Herz wollte brechen, aber mit einer fast wunderbar zu nennenden
-Kraft, welche in den schmerzlichsten Augenblicken des Lebens aus einer
-unsichtbaren Quelle uns zuzuströmen scheint, hielt er sich aufrecht.
-
-»Meine gute ... liebe Mimi ...« murmelte er und bedeckte die bleiche Stirn
-des Kindes mit seinen Küssen.
-
-»Ich will zu Hause gehen, Papa ...« und das Kind blickte mit ihren
-glänzenden Augen wie in eine weite, weite Ferne hinaus, an deren Ende sie
-ihre Wohnung erblickte, gerade so, wie sie es zuweilen wohl gethan, wenn
-sie mit ihrem Papa auf einem der Hügel von Morbihan stand und weit, weit
-unten im Thale das väterliche Haus mit dem kleinen Blumengarten erblickte,
-»ich will zu Hause gehen ... Papa ...« Das Köpfchen sank leise und matt auf
-das Kissen zurück, die Blumen entfielen der kleinen erkaltenden Hand,
-die schönen lieben Himmelsaugen öffneten sich noch einmal, aber schon wie
-umflort von einem dunklen Schleier, mit leiser ängstlicher Stimme rief sie:
-»Papa ... Papa ...« und schloß dann die Augen, deren letzter brechender
-Blick die Gestalt ihres Vaters gesucht, zum ewigen Schlummer.
-
-Sanft und schmerzlos trat der Todesengel zu ihr; wie eine Flamme, die den
-letzten Tropfen Oel verzehrt, erlischt, langsam und still, so erlosch die
-Flamme dieses kurzen Blüthenlebens.
-
-Die erkaltete Hand seines Kindes in der seinigen, das Haupt an der Schulter
-der kleinen Entschlafenen, stumm und regungslos kniete Dennhardt neben dem
-Sterbebette der kleinen Mimi.
-
-Für den Schmerz eines Vater- und Mutterherzens in diesem Augenblick giebt
-es keine Worte der Schilderung; man müßte die Feder in Thränen und Herzblut
-tauchen.
-
- * * * * *
-
-Auf der Höhe der Düne, am Fuße eines kleinen Grabhügels, auf welchem sich
-ein einfaches Kreuz mit der Inschrift: »_Hier ruhet mein Glück_,« erhob,
-saß am Abend eines düsteren Septembertages, wenige Wochen nach jenem
-Augustmorgen, an welchem die kleine Mimi ihren himmlischen Geburtstag
-feierte, ein Mann mit grauem Locken- und Barthaar und gramdurchfurchten
-Zügen. Es war der deutsche Flüchtling Walther Dennhardt, der hier am Grabe
-seines Kindes saß und hinüberstarrte auf das Meer, das sich vor seinen
-Blicken ausbreitete, unendlich und grenzenlos wie die Ewigkeit.
-
-»Die Ewigkeit! Giebt es eine Ewigkeit?« frug er sich, »eine Ewigkeit für
-das geschaffene Individuum, für die Creatur, die mit Bewußtsein über die
-Erde wanderte, bis das ewige, uralte Geheimniß des Todes an sie herantrat
-und den Leib in Staub zerfallen ließ, den Leib, die Wohnung eines ewigen,
-unzerstörbaren Geistes, der nur die Hülle wechselt, oder welcher der Mensch
-selbst ist, mit dessen Zerfall auch das ganze Dasein endigt? O dieses
-Räthsel des Lebens! Wer es lösen könnte, wer das Siegel von der Pforte
-nehmen könnte, welche die Geheimnisse des Todes verbirgt!«
-
-Aber wie er auch sann und sann, und grübelte und grübelte, es war Alles
-eitel, Alles vergeblich -- kein Strahl des Lichtes in dieser Finsterniß,
-welche die Schatten des Todes erzeugt hatten.
-
-In früheren schönen Tagen, wo noch für ihn die Quelle des Lebens in
-freudigem Sprudel hervorsprang, hatte Dennhardt oft im kleinen Kreise
-vertrauter Freunde über diese Räthsel des Lebens gesprochen und eine Lösung
-dieser Fragen, über welche Tausende im Taumel der Alltäglichkeit hinweg
-schlüpfen, ohne je darüber nachgedacht zu haben, gesucht, aber bei allem
-Ernste seines Strebens nach Wahrheit hatten ihm diese Räthsel der Schöpfung
-nie so sehr in der Seele gebrannt, nie hatte er so sehr das Bedürfniß nach
-einer Lösung empfunden, als seit dem Tage, an welchem der Finger des Todes
-an seine Thür pochte und das Leben seiner Mimi von ihm forderte.
-
-Tod! Tod! Gab es einen wirklichen Tod, hatte seine Mimi aufgehört zu
-sein, gab es für ihn keine Hoffnung sein Kind einst in verklärter Gestalt
-wiederzufinden, dann war ihm die ganze Schöpfung eine große Lüge, die Welt
-ein Todtenhaus, durch welches ewig der bleiche Würgengel schreitet; dann
-war ihm die Erschaffung der Menschheit die bitterste Ironie, der grimmigste
-Hohn, die grausamste Ausgeburt eines fluchwürdigen Zufalls der Natur.
-
-In dem ganzen Dorfe war Niemand, mit welchem Dennhardt über den Zustand
-seiner Seele, über diese entsetzlichen Zweifel, welche ihn marterten, hätte
-sprechen können.
-
-Der katholische Pfarrer des Orts stand ihm mit seinen streng auf den Dogmen
-der katholischen Kirche beruhenden Ansichten viel zu fern, als daß zwischen
-ihnen Anknüpfungs- oder nur Berührungspunkte hätten vorhanden sein können.
-
-Dennhardt hatte bis jetzt von dem Christenthume nur die Moral in sich
-aufgenommen, die Glaubenslehre war ihm immer ein Gebiet gewesen, das ihm
-unbekannt und fremd erschien, eine =terra incognita=, deren Bedeutung er
-erst begriff, als das furchtbarste Verhängniß seines Lebens sich erfüllte,
-als ihm seine Mimi von der kalten Hand des Todes geraubt wurde. Mit einer
-fast wahnwitzigen Begier verschlang er alle Werke, welche sich auf jenes
-große Räthsel des Lebens, auf dieses uralte Geheimniß des Todes bezogen,
-jenes Geheimniß, an dessen Lösung die Menschheit schon seit Jahrtausenden
-arbeitet, und das sie niemals enthüllen wird, dessen Schleier von keiner
-sterblichen Hand gelüftet werden wird.
-
-Und als er sie alle gelesen, die Werke der Philosophen, von Aristoteles
-an bis herab zu Hegel, Strauß und Feuerbach, da erkannte er, daß es eine
-unübersteigliche Grenze für die menschliche Erkenntniß gebe, daß das letzte
-Blatt im Buche des Lebens, das Blatt, auf welchem die Geheimnisse des
-Todes verzeichnet stehen, mit einem Siegel geschlossen sei, welches von den
-Weltweisen aller Jahrhunderte vergebens zu lösen gesucht wurde.
-
-Und dann lief er hinaus zum Grabe seines Kindes auf der Düne, zu dem
-kleinen Grabe, für welches der fanatische Priester keinen Platz innerhalb
-des Kirchhofs hatte, weil es das Kind eines Protestanten, eines Ketzers
-war, und setzte sich an dem kleinen Rasenhügel nieder und weinte heiße,
-blutige Thränen, und sprach mit seinem Kinde, mit seiner kleinen Mimi, der
-er allerlei Schmeichelnamen gab, gleich als verstehe sie ihn.
-
-Wenn dann der Wind vom Meer herüber wehte und durch die Zweige des kleinen
-Tannenbaumes, welchen er auf das Grab gepflanzt, strich, wenn die Aeste
-und Zweige und die Blumenstengel der Astern sich flüsternd bewegten, dann
-glaubte er, es sei die kleine Mimi, welche ihm antwortete.
-
-Der Gang nach dem kleinen Grabe, den er täglich gegen Sonnenuntergang
-antrat, mochte das Wetter auch noch so stürmisch sein, war sein einziger
-Ausgang. Weder in Vannes, noch in dem Dorfe ließ er sich sonst sehen.
-
-Der Doktor Godin, welcher ihn zuweilen besuchte, forderte ihn vergebens
-auf, einmal mit nach Vannes zu gehen, sich etwas zu zerstreuen und den
-Trübsinn abzuschütteln, der ihn tagtäglich immer mehr gefangen nahm.
-
-»Lassen Sie mich, Doctor,« gab er kopfschüttelnd zur Antwort, »ich will
-Nichts mehr von der Welt da draußen wissen ... Sehen Sie, Doktor, wenn
-ich jetzt unter die Leute komme, wie es mir neulich einmal geschah, und
-es begegnen mir Eltern mit ihren Kindern, und wenn es der ärmste Hirt ist,
-dessen Hütte die letzte im Dorfe, und seine Kinder springen vor ihm her,
-barfuß und halbnackt, so fühle ich mich so bettelarm gegen den Mann, daß
-ich mich vor ihm hinter dem nächsten Busch verstecken möchte. Es ist mir
-Alles genommen mit dem Kinde, nur mein Körper wandelt noch auf Erden, meine
-Seele aber ist bei meiner Mimi.«
-
-Und wie er grau und alt geworden war in den wenigen Wochen! Wie alle
-Frische des Lebens aus den Zügen des noch so jungen Mannes weggewischt
-war, wie das blonde Haar sich entfärbt hatte und so wirr um sein Haupt
-flatterte!
-
-Seine Beschäftigung hatte er ganz und gar aufgegeben. Er lebte von seinen
-Ersparnissen, die einst seiner Mimi gehören sollten, einen Theil davon
-hatte er zu einer Stiftung für arme Kinder des Dorfes verwendet. So verging
-der Herbst, und der Winter kam heran und überzog die grünen Berge von
-Morbihan mit seinem weißen Schneegewand, und auch das kleine Grab des
-kleinen deutschen Mädchens auf der Düne von Morbihan überzog er mit dem
-Leichentuche der hinsterbenden Natur.
-
-Und wieder war der Weihnachtsabend da, jener heilige Abend, an welchem die
-Freude in tausend und aber tausend fröhliche Kinderseelen und glückliche
-Elternherzen einzieht. Den ganzen Tag über hatte Dennhardt, zu Mutter
-Poisson's großer Verwunderung, in seinem Arbeitszimmer sich eingeschlossen
-und eine auffällige Geschäftigkeit gezeigt. Als aber der Abend hereinbrach,
-ein windstiller, reiner, klarer Winterabend, so ein echter Christabend mit
-Tausenden von funkelnden Sternen am weiten Himmelsdome, da schlug Dennhardt
-seinen Mantel um die Schultern und wanderte hinaus nach der Düne zu dem
-Grabe seiner kleinen Mimi.
-
-Was sich da ereignete, haben die Bewohner des Dorfes nie so recht erfahren
-können; nur Vermuthungen und die Aussagen eines Hirten, der in später
-Stunde seine Heerde unweit der Düne vorüber trieb, dem aber der Schreck
-über den seltsamen Anblick die ruhige Beobachtung raubte, so wie einige
-andere sichtbare Zeichen ließen auf den muthmaßlichen Zusammenhang
-schließen.
-
-»Als ich,« so erzählte der Hirt, »spät am Abend mit meinen Ziegen und
-Schafen unweit der Düne vorbeizog, sah ich plötzlich an der Stelle, wo das
-Grab des kleinen deutschen Mädchens ist, helles strahlendes Licht ... Es
-war mir, als ob eine Unzahl Flammen aus der Erde aufstiegen und immer höher
-und höher wuchsen ... Und dann sah ich eine dunkle Gestalt mit flatterndem
-Haar und ausgebreiteten Armen, ein Buch in der Hand, neben dem Grabe
-stehen, und hörte seltsame, unverständliche Töne, die mir aber einen
-solchen Schreck in die Glieder jagten, daß ich entsetzt über den Spuk mit
-meiner Heerde in eiliger Flucht den Abhang hinab nach dem Dorfe zu sprang.«
-
-Als Dennhardt am Morgen des Weihnachtstages noch nicht wieder nach Hause
-zurückgekehrt war, lief Mutter Poisson zu dem Doctor Godin und theilte
-diesem ihre Besorgnisse mit. Dieser ging zum Maire und fuhr dann mit diesem
-nach dem Dünenhügel.
-
-Beim Erblicken des kleinen Grabes stieg eine Thräne in des Arztes Auge. Der
-Anblick war ein traurigrührender. Der kleine Tannenbaum auf dem Grabe war
-in einen schönen buntschimmernden Weihnachtsbaum verwandelt, an dem Nichts
-fehlte, weder der Erzengel von Rauschgold, noch das Zuckerwerk, noch die
-goldenen und silbernen Nüsse und Aepfel. Nur die gelben Wachslichter waren
-bis auf den Stumpf niedergebrannt. Es waren die Flammen gewesen, in welchen
-die abergläubische Phantasie bretagnischer Hirten böse Geister erblickt
-hatte. Am Fuße des Grabes, das Haupt auf den kleinen Rasenhügel gestützt,
-lag der deutsche Flüchtling, bleich und entseelt, aber mit dem Ausdrucke
-eines tiefen Seelenfriedens, ja einer gewissen Verklärung und freudigen
-Zuversicht in den bleichen Zügen.
-
-Seine erstarrte Hand hielt ein aufgeschlagenes Buch; es war die Bibel. Tief
-bewegt beugte sich der Arzt zu dem Entschlafenen nieder, um das Buch
-aus der kalten Hand des Todten zu nehmen. Da traf sein Blick auf die
-aufgeschlagene Stelle, auf welcher wohl zuletzt das Auge des Entschlafenen
-geruht.
-
-Es waren die Worte des Apostels:
-
-»Siehe, ich sage euch ein Geheimniß: wir werden nicht Alle entschlafen, wir
-werden aber Alle verwandelt werden. Der Tod ist verschlungen in den Sieg.«
-
-»Er hat das Räthsel des Lebens gelöst,« murmelte der Arzt, »er hat sein
-Kind wiedergefunden.«
-
-Noch am selbigen Tage begrub man den Flüchtling an der Seite seines Kindes,
-seinen letzten sehnlichsten Wunsch, den er häufig im Gespräch mit dem
-Doctor geäußert, erfüllend.
-
-Jahre sind seit jenem Weihnachtsabend vorüber gegangen, aber noch heute
-sieht man die beiden Gräber auf der Höhe von Morbihan. Und wenn die
-Meereswogen heranbrausen zur Düne, und die Möven über die Grabhügel
-hinstreichen, und es in dem Tannenbaum rauscht und flüstert, und zufällig
-ein Hirt mit seiner Heerde vorüberzieht, dann ergreift er nicht mehr die
-Flucht, sondern er pflückt eine Blume und legt sie auf das Grab des kleinen
-deutschen Mädchens und ihres Vaters, die hier im fernen fremden Lande jene
-letzte Ruhestätte fanden, welche das Ziel aller irdischen Wanderung ist.
-
-Die Mütter des Dorfes aber führen ihre Kinder des Sonntags häufig zum Grabe
-der kleinen Mimi und erzählen ihnen die Geschichte von dem schönen kleinen
-Mädchen und von dem letzten Weihnachtsbaum, den ihr Vater auf ihr Grab
-pflanzte.
-
- * * * * *
-
-Und Fanny? Vergebens hat sie als Gattin des Vicomte von Grandlieu mehrere
-Jahre Europa nach allen Richtungen durchstreift, um Mimi zu finden.
-
-Sie hat die Hoffnung endlich aufgegeben und sich mit ihrem Manne nach Paris
-zurückgezogen, wo sie, trotzdem daß der Schmerz seine leserliche Schrift in
-ihr schönes Antlitz gegraben, noch immer den Mittelpunkt eines glänzenden
-Kreises bildet, der sich um sie gesammelt.
-
-Ob sie glücklich ist? Wir wagen es nicht zu glauben, denn eine Mutter
-bleibt immer Mutter, und mitten in dem Geräusch der Feste durchzuckt oft
-ein stechender Schmerz ihr Herz und eine düstere Trauer umflort ihre Stirn;
-sie bedeckt sich die Augen und zieht sich in ihr Zimmer zurück, wo sie ihr
-Gemahl dann von Thränen überfluthet auffindet.
-
-Ahnt sie vielleicht das Geschick ihres Kindes und des Mannes, der einst ihr
-Gatte war?
-
-Wie dem auch sei, die Ruhe ist von ihr geflohen und sie würde vielleicht
-den Rest ihres Lebens dahingeben, wenn sie ihr Geschick wieder mit dem
-jener zwei Seelen vereinigen könnte, deren irdische Hüllen in jenen Gräbern
-auf der Düne von Morbihan ruhen.
-
-Sie ruhen sanft! Und das Murmeln des Meeres ist ihr ewiges Schlummerlied!
-
-
-Wien. Druck von Jacob & Holzhausen.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Symbole für abweichende Schriftarten:
-
- _gesperrt_ : =Antiqua= .
-
-Bei direkter Rede wurde, der überwiegenden Verwendung im Originalbuch
-folgend, das Kommazeichen einheitlich jeweils vor dem schließenden
-Anführungszeichen angeordnet.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidern" -- "erwiedern",
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 5:
- "Aufrüher" geändert in "Aufrührer"
- (Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer)
-
- Seite 16:
- "berühmtensten" geändert in "berühmtesten"
- (in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet)
-
- Seite 21:
- "endeckte" geändert in "entdeckte"
- (Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin)
-
- Seite 22:
- "Uebezeugung" geändert in "Ueberzeugung"
- (meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit)
-
- Seite 25:
- "«" eingefügt
- (ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«)
-
- Seite 26:
- "»" eingefügt
- (antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst)
-
- Seite 30:
- "gäng" geändert in "gang"
- (die unter diesen Leuten gang und gäbe waren)
-
- Seite 44:
- "Tühr" geändert in "Thür"
- (der zwanzig Schritte von der Thür hält)
-
- Seite 48:
- "Bellville" geändert in "Belleville"
- (von der Vorstadt bei Belleville weit hinein)
-
- Seite 54:
- "ergeizigen" geändert in "ehrgeizigen"
- (Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne)
-
- Seite 72:
- "Tühr" geändert in "Thür"
- (an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses)
-
- Seite 84:
- "«" eingefügt
- (wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?«)
-
- Seite 100:
- "Jügling" geändert in "Jüngling"
- (so wie es vielleicht ein Jüngling ist)
-
- Seite 103:
- "," eingefügt
- (wilde Schweine, Luchse und Dachse)
-
- Seite 108:
- "vierunzwanzig" geändert in "vierundzwanzig"
- (bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht)
-
- Seite 123:
- "lautlaus" geändert in "lautlos"
- (und lautlos vor sich hinstarrte)]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ein kleines Kind, by Karl Wartenburg
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND ***
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-The Project Gutenberg EBook of Ein kleines Kind, by Karl Wartenburg
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-Title: Ein kleines Kind
- Weihnachts-Novelle
-
-Author: Karl Wartenburg
-
-Release Date: November 11, 2019 [EBook #60672]
-
-Language: German
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
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-<h1>Ein<br />
-<span class="fsl ge">kleines Kind.</span></h1>
-
-<hr />
-
-<p class="ce lh15 fsl">Weihnachts-Novelle<br />
-<span class="fss">von</span><br />
-<span class="fsl ge">Carl Wartenburg.</span></p>
-
-<div class="mw42">
-<table class="mt2 tab1 fss" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Der&nbsp;Dienst&nbsp;der&nbsp;Freiheit&nbsp;ist&nbsp;ein&nbsp;schwerer&nbsp;Dienst,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Er&nbsp;bringt&nbsp;nicht&nbsp;Gold,&nbsp;er&nbsp;bringt&nbsp;nicht&nbsp;Fürstengunst;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Er&nbsp;bringt&nbsp;Verbannung,&nbsp;Kerker,&nbsp;Schmach&nbsp;und&nbsp;Tod&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und&nbsp;doch&nbsp;ist&nbsp;dieser&nbsp;Dienst&nbsp;der&nbsp;höchste&nbsp;Dienst,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dem&nbsp;sich&nbsp;die&nbsp;Edelsten&nbsp;des&nbsp;Volkes&nbsp;weihen!</td></tr>
- <tr><td class="tdr"><span class="ge lh15">L. Uhland.</span>&emsp;</td></tr>
-</table>
-</div>
-
-<hr />
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Wien, 1864.</span><br />
-<span class="ge">Verlag von Carl Schönewerk.</span></p>
-
-
-<p class="pb mt6 ce lh15">Meinem einzigen, geliebten Kinde<br />
-<span class="ge fsl">Helene</span><br />
-geb. 17. August 1855, gest. 17. August 1861.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-1. Auf der Flucht.</h2>
-
-
-<p>Noch wenige Schritte und das deutsche Land lag
-hinter ihnen ... Die Flüchtlinge holten still stehend
-Athem, ihre Blicke noch einmal zurückwendend zur alten
-Heimath. Es waren drei Personen, ein Mann, ein
-junges Weib und ein kleines Kind, das im Arme des
-Vaters lag, mit sanft gerötheten Wangen den süßen
-Schlaf der Kindheit schlummernd, nicht ahnend, daß es
-in diesem Augenblicke das Vaterland verlor. Eine
-Thräne flimmerte in den Augen des jungen Mannes.
-»Lebe wohl, mein Heimathland ... mein liebes, theures
-deutsches Land ... Ich verlasse dich, gejagt wie
-ein Thier des Waldes von der Meute, die nach meinem
-Blute dürstet. Lebe wohl und vergieb mir, daß ich dich
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-zu sehr geliebt ... Gott segne dich, mein deutsches
-Land&nbsp;...« Schmerz und Wehmuth erstickten seine
-Stimme, er verbarg sein Gesicht in dem Lockenköpfchen
-des Kindes und weinte bitterlich.</p>
-
-<p>Die junge Frau an seiner Seite blickte düster und
-stumm hinüber nach der deutschen Grenze ... Auch
-in ihren großen dunklen Augen funkelte eine Thräne,
-aber es war keine Zähre des Schmerzes und der Wehmuth,
-wie bei ihrem Gatten&nbsp;...</p>
-
-<p>Zorn, Stolz, Verachtung sprühten ihre Blicke,
-und die Lippen des fein geformten Mundes waren fest
-aneinander geklemmt, als fürchte sie, daß ihr wider
-ihren Willen ein Laut der Klage entschlüpfen könne&nbsp;...</p>
-
-<p>So standen sie eine lange Weile, stumm und
-fast regungslos, ein Jedes die Beute stürmisch fluthender
-Gefühle&nbsp;...</p>
-
-<p>Endlich richtete der Mann sein Haupt empor,
-strich das blonde Haar, das ihm wirr um die Stirne
-fiel, mit einer lebhaften Geberde zurück und streckte
-seiner Gattin die mit einem Verbande umhüllte Rechte
-entgegen: »Laß uns weiter wandern, Fanny,« sprach
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-er mit gefaßter Stimme, »hinein in die unbekannte
-Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten
-Vaterlande Nichts weiter mit hinüber nehme, als die
-Freiheit und das Bewußtsein, für unsere Ueberzeugung
-gestritten und gelitten zu haben.« Sie antwortete ihm
-mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen,
-ohne die dargereichte Rechte ihres Gatten zu
-ergreifen&nbsp;...</p>
-
-<p>Da raschelte es in den Büschen, welche an dem
-Ufer des Baches standen, der hier die Grenze zwischen
-dem deutschen und dem französischem Lande bildet.
-Gewehrläufe und Helme blinkten in den Strahlen der
-untergehenden Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille
-streckte den Flüchtlingen mit dem Zuruf:
-»Halt! ... Wer da?« ihre Bajonnete entgegen.</p>
-
-<p>Die Flüchtlinge standen still, doch schon im nächsten
-Augenblicke hatte sich der junge Mann gefaßt und
-entschlossen antwortete er: »Laßt mich ruhig meines
-Weges ziehen ... Was kümmert's Euch, wer ich bin,
-wer giebt Euch das Recht, hier auf diesem Grund und
-Boden mich anzuhalten?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-»Wer uns das Recht giebt, Mann,« antwortete
-der Patrouillenführer, indem er auf den Flüchtling zutrat
-und mit der Säbelscheide auf den Boden stieß,
-»hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement,
-welches ich hier in meiner Brieftasche trage, worin ein
-gewisser Walther Dennhardt, seines Zeichens ein Bildhauer,
-der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden
-thätigen Antheil genommen, verfolgt wird.«</p>
-
-<p>»Und wenn ich Der wäre, den Ihr sucht,« rief
-der Flüchtling mit drohender Geberde, indem er das
-schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte,
-welche mit einer gewissen düsteren Ruhe dem Vorgange
-folgte, »so habt Ihr kein Recht, mich hier auf französischem
-Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt mir freie
-Bahn oder ich schaffe sie mir&nbsp;...« Und er zog mit der
-Linken unter der Blouse eine doppelläufige Pistole hervor,
-die er dem Patrouillenanführer entgegen streckte.</p>
-
-<p>»Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen,«
-schrie der Gendarmerie-Officier, indem er den Säbel
-zog, »vorwärts, Leute, faßt ihn.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-Ohne Zweifel wäre jetzt eine Scene der Brutalität,
-der Kampf einer vielfach überlegenen Gewalt mit
-einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben
-Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und
-energischen Zuruf: »<i>Halte!</i>« der von dem Saume des
-Birkenwäldchens her erscholl, welches sich links an dem
-Bache hinzog, stutzig gemacht worden wären.</p>
-
-<p>Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig
-ihre Blicke nach der Richtung, von woher der
-Ruf gekommen, und sahen drei junge Männer in eleganter
-Kleidung, die Jagdflinte über den Rücken geworfen,
-herankommen.</p>
-
-<p>»Was giebt es da, was geht hier vor?« frug der
-Vorderste von ihnen, der einen schönen großen englischen
-Wasserhund an einer langen seidenen Schnur hielt, in
-französischer Sprache &ndash; und dabei glitt sein großes
-dunkles Auge über die Gruppe, bis er auf der jungen
-Frau haften blieb.</p>
-
-<p>»Wir sind eben im Begriff einen Verbrecher zu
-verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer, und Sie
-werden uns einen Gefallen thun, wenn Sie uns bei
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-diesem Geschäft nicht weiter stören,« antwortete in
-schlechtem, aber doch verständlichem Französisch der
-Gendarmerie-Officier, indem er die Hand nach dem
-Flüchtlinge ausstreckte, der beim Herzutreten der drei
-jungen Männer seine Waffe gesenkt hatte.</p>
-
-<p>»Gemach, mein Herr,« unterbrach ihn der junge
-Mann, indem er zwischen den Patrouillenführer und den
-Verfolgten trat, »und wer giebt Ihnen das Recht dazu?«</p>
-
-<p>Erbitterte es den Officier, aus dem Munde des
-Fremden denselben Einwurf zu hören, den ihm der
-Flüchtling entgegen gehalten, oder dürstete er zu sehr
-nach Auszeichnung und Beförderung, die ihm gewiß
-war, wenn er den Flüchtling einfing, genug, er vergaß
-alle Rücksichten der Klugheit, und ungeduldig über die
-Hindernisse, welche sich der Gefangennahme des proscribirten
-Freischaarenführers entgegensetzten, rief er brüsk:</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, wer Sie zu dieser Frage berechtigt
-... gehen Sie Ihre Wege und mischen Sie sich
-nicht in die Angelegenheiten Anderer ... Und nun
-vorwärts, Ihr Leute, nehmt den Mann und das Weib
-mit dem Kinde in die Mitte.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Eine dunkle Röthe hatte schon bei den ersten
-Worten des Officiers die Stirne des jungen Mannes
-gefärbt, doch bezwang er sich so weit, daß er den Andern
-vollenden ließ.</p>
-
-<p>Wie aber die Polizeisoldaten Miene machten den
-Befehl ihres Vorgesetzten auszuführen, hob er drohend
-seine Flinte und rief mit gebieterischer Stimme, während
-er zugleich mit Anstrengung den Hund, welcher sich
-vom Instinct getrieben auf den Gendarmerie-Officier
-stürzen wollte, zurückhielt:</p>
-
-<p>»Wie? Unverschämter, antwortet man so auf eine
-höfliche Frage ... Und habt Ihr,« und er trat einen
-Schritt gegen den Officier vor und blickte ihn durchdringend
-an, »habt Ihr vergessen, daß Ihr Euch einer
-Grenzverletzung schuldig gemacht habt und auf dem
-Boden der französischen Republik steht? Habt Ihr
-nicht jenen Grenzpfahl gesehen?« Und er deutete auf
-einen blau-weiß-rothen Grenzbaum, an welchem eine
-Tafel befestigt war, auf welcher die Worte standen:
-»<i>République française</i>.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-»Ich könnte Euch,« fuhr er ruhiger fort, als er
-bemerkte, wie die Gendarmen nebst ihrem Führer verlegen
-wurden, »ich könnte Euch festnehmen lassen und
-nach Straßburg abliefern, wo man Euch den Proceß
-machen würde wegen Verletzung der Republik mit gewaffneter
-Hand, aber ich will Nachsicht üben ... Doch
-jetzt macht schnell, daß Ihr fortkommt, oder ich schicke
-Euch den Gendarmerie-Capitain Molet über den
-Hals, der in dem Schlosse dort,« und er deutete auf
-ein hinter dem Birkenwäldchen liegendes kleines Gebäude
-»einquartirt ist.«</p>
-
-<p>Murrend und knurrend, wie eine Meute, die der
-Befehl des Herrn von einem Stück Wild zurückruft,
-welches sie eben zerreißen will, trat die Streifpatrouille
-den Rückzug auf das deutsche Gebiet an und war bald
-in dem Gebüsche jenseits des Baches verschwunden.</p>
-
-<p>Der Flüchtling streckte dem jungen Manne tief
-bewegt die Hand entgegen.</p>
-
-<p>»Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der
-nie vergessen wird, daß Sie dem heimathlosen Flüchtling
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-die Freiheit retteten, für die er im Vaterlande mit
-den Waffen gekämpft.«</p>
-
-<p>Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand
-conventionell ergreifend und mit einer Gemessenheit
-des Tones, die fast überraschend abstach gegen die eben
-in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wärme:</p>
-
-<p>»Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen
-Dank schuldig ... Wenn ich zwischen Sie und Ihre
-Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie für
-die Grundsätze, welche Sie hegen, denn ich hasse die
-Revolution und jene demokratischen Freiheitsideen,
-welche jetzt die Köpfe der Menge verwirren, sondern es
-geschah, weil ich sah, daß Sie Gatte und Vater sind.«</p>
-
-<p>Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges
-die junge Frau, welche unwillkürlich erröthend zur Erde
-niedersah.</p>
-
-<p>Ein leichter Schatten verdüsterte auf einen Moment
-des Flüchtlings Stirne, als sein Befreier in so
-ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines
-dankerfüllten Herzens antwortete, allein er unterdrückte
-dieses Gefühl rasch und sprach:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-»Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhänger
-der Grundsätze sind, für welche ich gefochten und geblutet
-habe ... Walther Dennhardt wird doch nie
-aufhören sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn
-Sie einst einen Mann suchen, der Ihnen einen großen
-Dienst leisten soll, so mögen Sie meiner eingedenk
-sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ...
-die Sonne sinkt und es ist noch eine tüchtige Strecke
-Wegs zur nächsten Eisenbahnstation. Gieb mir das
-Kind, Fanny.«</p>
-
-<p>Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind,
-welches noch immer schlummerte, und grüßte mit stummer
-Verbeugung den jungen Mann und seine beiden
-Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren.</p>
-
-<p>Auch der Flüchtling grüßte noch einmal seinen
-Helfer in der Noth mit einem Blick des Danks, dann
-wendete er sich zur Linken, der Heerstraße zu, welche
-nach der Hauptstadt des Elsasses führte, gefolgt von
-Fanny, die gedankenvoll hinaus ins Weite sah.</p>
-
-<p>Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie
-sich noch einmal von dem Andern angerufen hörten.
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-»Ein Wort noch, mein Herr,« rief der junge Mann,
-auf die Stillstehenden zugehend, »Sie wollen heute
-noch nach Straßburg ... ich glaube kaum, daß es
-Ihnen möglich sein wird die Stadt heute vor später
-Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fünf Uhr ... in
-wenigen Stunden bricht schon die Nacht an und Sie
-haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Für eine
-zarte Frau und für ein Kind von so jungem Alter
-dürfte eine Nachtreise doch bedenklich sein.«</p>
-
-<p>Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine
-Gattin.</p>
-
-<p>»O, was mich betrifft,« entgegnete die junge
-Frau mit Stolz und Energie, »so brauchst Du keine
-Rücksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,«
-und sie deutete nach der deutschen Grenze; »ich habe es
-nie geliebt ... und jeder Schritt, der mich weiter davon
-entfernt, dünkt mir Gewinn zu sein.«</p>
-
-<p>Es waren die ersten Worte der jungen Frau,
-und das reine Französisch, in welchem sie gesprochen
-wurden, überraschte den Andern ebenso wie der energische
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich
-in ihnen aussprach.</p>
-
-<p>»Sie sind eine Landsmännin von mir?« frug der
-junge Franzose mit lebhaftem Tone.</p>
-
-<p>»Meine Frau ist Brüsselerin,« fiel der Flüchtling
-ein, indem sich eine Wolke auf seiner Stirn zeigte,
-»für die aber Deutschland die zweite Heimath wurde,
-die sie nie aufhören sollte zu lieben ... die sie nie
-schmähen sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele
-erfüllt ist von Bitterkeit und dem Bewußtsein erlittenen
-Unrechts.«</p>
-
-<p>Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als
-in vorwurfsvollem Tone gesprochene Bemerkung ihres
-Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort: »Ich
-wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen
-unter diesen Umständen vielleicht annehmbar erscheinen
-dürfte. Ich bin der Besitzer dieser Fluren und jenes
-Schlosses, welches Sie dort hinter dem Birkenwäldchen
-sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen
-Ihrer Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfügung
-... Doch,« fügte er rasch hinzu, als er eine
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-gewisse Unentschiedenheit in den Zügen des Flüchtlings
-zu erblicken glaubte, »doch zuvor ist es nöthig, daß
-wir näher mit einander bekannt werden ... Kennen
-wir doch nicht einmal unsere Namen. Ich bin der
-Vicomte Edmund von Grandlieu.«</p>
-
-<p>»Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer
-meinem Berufe nach.«</p>
-
-<p>»Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft
-sich ja herrlich,« fiel der junge Baron von Grandlieu
-ein, »ich habe eine wundervolle Antike in meinem Parke,
-eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des
-rechten Armes fehlt ... Sie könnten, Herr Dennhardt,
-in voller Muße diesen Mangel ergänzen und mich dadurch
-zum lebhaftesten Dank verbinden.«</p>
-
-<p>Mit einem schmerzlichen Lächeln zeigte der Bildhauer
-auf seine verwundete und mit Bandagen umhüllte
-Rechte. »Es thut mir in der That wehe, Herr
-Vicomte, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht
-beweisen kann. Ich werde wohl nicht so bald wieder
-den Meißel und den Hammer führen können. Der
-Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-meiner Künstlerlaufbahn für immer ein Ende
-gemacht. Und nun nochmals herzlichen Dank für Ihr
-gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht
-annehmen können.«</p>
-
-<p>»Wie, Sie wollen?« erwiderte der Baron von
-Grandlieu, indem er ein Gefühl der Verstimmung, welches
-ihn bei der abschläglichen Antwort des Bildhauers
-überkommen, unterdrückte. »Und wenn Sie vielleicht
-das Schicksal nach Paris führen sollte, so vergessen
-Sie dann nicht das Hôtel Grandlieu in der Rue de la
-Paix.«</p>
-
-<p>Er grüßte, ließ noch einen lebhaften Blick auf die
-junge Frau fallen und ging dann zurück zu seinen
-Freunden, während die Flüchtlinge ihren Weg nach
-Straßburg fortsetzten, stumm und ernst, ein Jedes mit
-seinen Gedanken an die Vergangenheit und die ungewisse
-Zukunft beschäftigt, ein Jedes fühlend, daß
-zwischen ihnen Etwas lag, worüber es zur Erklärung
-kommen mußte.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-2. Mann und Weib.</h2>
-
-
-<p>Die Vorhersagung des Barons von Grandlieu
-war in Erfüllung gegangen. Das Geschick hatte Walther
-Dennhardt nebst Frau und Kind nach Paris geführt
-... An einem heitern Septembermorgen war er
-in der französischen Hauptstadt, die ihm schon von einem
-frühern Aufenthalte her nicht ganz unbekannt war, angelangt
-und hatte sich mit seiner kleinen Familie in
-einer der Vorstädte, in der Nähe von Belleville, eingemiethet.</p>
-
-<p>Es war an einem Nachmittag, vielleicht eine
-Woche nach der Ankunft in Paris, als Dennhardt mit
-seinem Kinde am Fenster saß und gedankenvoll hinüberschaute
-in den Park des Nachbarhauses, in welchem
-der Herbstwind schon gelbe Blätter über die noch grünen
-Rasenplätze trieb.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Seine Frau war mit einer Dienerin ausgegangen,
-um einige Einkäufe für die häusliche Einrichtung zu
-besorgen. Dennhardt hatte eine Weile mit dem Kinde
-gescherzt und gespielt, bis es müde geworden das
-Köpfchen an seine Brust gelehnt hatte und eingeschlummert
-war.</p>
-
-<p>Leise und vorsichtig, um die schlafende Kleine
-nicht zu erwecken, erhob er sich und legte sie behutsam
-in das kleine braunlackirte Schaukelbett, welches unweit
-des Fensters stand. Dann rückte er sich seinen Sessel
-an die Wiege und versank von Neuem in tief-ernstes
-Sinnen und gedankenschweres Brüten ... Die letzten
-drei Jahre, zugleich die bedeutungsvollsten seines Lebens,
-zogen an ihm vorüber. Gerade vor drei Jahren hatte
-er Paris, wo er in dem Atelier eines der berühmtesten
-Meister gearbeitet, verlassen, um einen Auftrag auszuführen,
-welchen er von der belgischen Regierung erhalten
-hatte. Er ging nach Brüssel, und hier war es
-wo er Fanny kennen lernte. Sie gehörte einer reichen
-adeligen Familie an, die sich lange gegen die Verbindung
-mit dem deutschen Künstler, der zwar einen
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-ehrenvollen Namen in seiner Kunst, aber doch nur einen
-bürgerlichen trug, sträubte.</p>
-
-<p>Aber Fanny war eine energische Natur; gerade der
-Widerstand, den sie fand, reizte sie, und eines Tages
-war sie mit Dennhardt aus Brüssel entflohen, um sich
-in einer Grenzstadt an der belgisch-holländischen Grenze
-mit dem Geliebten trauen zu lassen. Der Familie
-blieb darauf weiter Nichts übrig, als zu der vollendeten
-Thatsache ihre Zustimmung zu geben. Im Grunde
-der Herzen blieb aber der Zwiespalt unausgeglichen,
-und Dennhardt, Dies fühlend, verließ Brüssel, sobald
-er die übernommene Arbeit vollendet hatte.</p>
-
-<p>Er kam nach Deutschland zurück in einer Zeit,
-deren mächtiger Zug auch kältere und weniger für alles
-Große und Schöne im Menschen- und Völkerleben
-begeisterte Naturen in unwiderstehlicher Gewalt mit
-sich fortriß, im Anfange des Jahres 1847.</p>
-
-<p>Welches Ringen, welches Streben, welches Kämpfen
-in der Welt der Geister, auf allen Gebieten des
-Lebens, der Politik, der Kunst, der Literatur, der Gesellschaft.
-Die alte Weltordnung war im Begriff
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-vollends unterzugehen, auch jene letzten Trümmer noch,
-welche die Revolution von 1789 übrig gelassen und
-die von der Restauration von 1815 mit aller Macht
-und Anstrengung aufrecht erhalten worden waren.
-In Frankreich klopfte die Revolution schon an die
-Thore eines Königspalastes, dessen Bewohner vielleicht
-hauptsächlich deßhalb seine Krone verlor, weil er über
-den schön aufgeputzten Reden und Declamationen einer
-corrumpirten, mit Orden, Titeln und Aemtern erkauften
-Kammermehrheit den Nothschrei und den Weheruf
-des Volkes in den Straßen überhörte.</p>
-
-<p>In der Schweiz stand sich das Jesuitenthum von
-Luzern und das freie Bürgerthum der Eidgenossenschaft
-mit gewaffneter Hand gegenüber, schon witterte man in
-der Luft der Schweizerberge Etwas von einem Pulverdampfe,
-der wenige Monate später über die Ebene
-am Gislikon wogte und in dessen Wolken das jesuitische
-Sonderbündlerthum ersticken sollte ... Dazu die Bewegung
-der Geister in Deutschland selbst! Seit der
-Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's&nbsp;IV. von Preußen
-war ein Ringen und Kämpfen entstanden auf den
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-Gebieten des öffentlichen Lebens, wie man es vorher in
-Deutschland in dieser Weise nicht gekannt hatte. Große
-und leidenschaftliche Hoffnungen hatten sich an den
-Regierungsantritt dieses Königs geknüpft. Kaum ein
-Jahr war verflossen, und man sah mit zweifelloser
-Klarheit, daß man sich getäuscht hatte.</p>
-
-<p>In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft,
-auf dem Gebiete der Religion, überall liefen die
-Vorkämpfer der neuen Ideen Sturm gegen die alten
-Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's,
-Bassermann's, in der badischen zweiten Kammer fanden
-einen Wiederhall in ganz Deutschland und weckten
-gleiche Stimmen im Ständesaal zu Dresden, während
-die Presse mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner
-unterstützte. Alles rief nach Freiheit; und so unklar für
-Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich die Vorstellungen,
-welche sich Viele von der Freiheit machten;
-das Wort hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit
-gewaltiger Kraft ergriff und mit sich fortzog ... Die
-»Vaterlandsblätter« Robert Blum's, Gustav Struve's
-»Deutscher Zuschauer,« Keil's »Leuchtthurm« wurden
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-heißhungrig verschlungen und jedes Blatt warf neue
-Funken in die schon entzündeten Gemüther. Dazu der
-Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen
-Johannes Ronge durch seinen berühmten Fehdebrief
-aus Laurahütte an den Bischof Arnoldi von Trier zum
-Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister
-wegen Lösung der socialen Frage, die immer drohender
-heranrückte und ihre Tirailleurs in ganzen Schwärmen
-socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der ängstliche
-zögernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche
-den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten, &ndash; alle
-diese Momente mußten eine so empfängliche Natur,
-wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt
-ergreifen.</p>
-
-<p>Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso
-leidenschaftlich für die Ideen der Freiheit und Gleichheit
-begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als die gewaltige Katastrophe
-der Februarrevolution ausbrach, Deutschland
-von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin
-die Barrikaden sich erhoben, da bedurfte es der ganzen
-Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die junge Frau
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die
-Soldaten zu fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht,
-in dieser Erzählung alle die verschiedenen Phasen
-der so denkwürdigen Bewegung von 1848 und 1849
-zu schildern, wir wollen nur so viel erwähnen, daß
-Walther Dennhardt und seine junge Frau sich den entschiedensten
-Vorkämpfern der demokratischen Partei
-anschlossen, und im Frühjahr 1849 finden wir sie in
-Baden, wo die letzten Kämpfe der Bewegung ausgefochten
-wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem seine
-Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte,
-zum ersten Mal einen Zwiespalt zwischen seinen und
-Fanny's Ansichten.</p>
-
-<p>Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung
-eines politischen Commissärs an. Er sollte mit ausgedehnten
-Vollmachten nach dem Schwarzwald geschickt
-werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war
-dies eine Stellung ganz selbständiger Natur und von
-bedeutendem Einfluß.</p>
-
-<p>Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als
-Freischaarenführer in die Reihen der Kämpfer zu treten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Fanny machte ihm hierüber Vorwürfe: »Warum
-hast Du dieses Amt nicht angenommen?« sprach sie
-»und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen
-Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gäbe, die
-gut zum Dreinschlagen sind. O, Ihr idealen deutschen
-Schwärmer, Ihr werdet niemals eine wirkliche Revolution
-zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen
-revolutionären Naturen. Ueberall diese ängstliche
-Bescheidenheit und Blödigkeit, die jungen Mädchen gut
-steht, aber wahrlich Männern nicht geziemt, welche
-eine Staatsumwälzung vollführen wollen.«</p>
-
-<p>»Ich kämpfe nicht aus selbstsüchtigen, persönlichen
-Motiven, sondern für meine Ueberzeugung, für Deutschlands
-Einheit und Freiheit; ich schlug diesen Antrag
-aus, weil ich fühlte, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen
-war. Als Kämpfer aber kann ich meine Pflicht
-erfüllen.«</p>
-
-<p>Fanny lächelte spöttisch: »War es nicht ein deutscher
-Dichter, Euer Göthe, welcher das Wort vom
-Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit
-und Einheit Deutschlands erkämpft ist, wird es
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-noch immer Solche geben, die befehlen, und Solche,
-welche gehorchen müssen. Hast Du so große Lust zu den
-Letztern zu schwören?«</p>
-
-<p>»Weder zu den Einen, noch zu den Andern ...
-ich will Nichts weiter als ein freier Bürger im freien
-Vaterlande sein. Doch lassen wir Das,« sprach er
-abbrechend, »diese Erörterung ist überflüssig ... und
-schmerzlich dabei ist mir nur das Eine, daß Du, Fanny,
-so wenig meine Grundsätze und Ueberzeugung kennst.«</p>
-
-<p>Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten
-immer verhängnißvoller wurde, der Sieg der
-Sache, für welche Dennhardt die Waffen in feuriger
-Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mußte
-er manche bittere Bemerkung seines Weibes hinnehmen,
-und obwohl widerstrebend mußte er sich doch gestehen,
-daß Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung
-seine politischen Bestrebungen gebilligt und an
-ihnen Theil genommen hatte, sondern aus ganz andern
-Beweggründen. Zur vollen Gewißheit darüber gelangte
-er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins,
-wo er nur durch das Dazwischentreten des französischen
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-Barons vom Kerker errettet wurde. Dennhardt
-hatte Fanny Vorwürfe über ihr gehässiges Wort gegen
-Deutschland, das sie dem Baron von Grandlieu gegenüber
-ausgesprochen, gemacht.</p>
-
-<p>Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede
-all die Bitterkeit entquollen, die sich lange in ihr angehäuft
-hatte.</p>
-
-<p>»Du willst mir Vorwürfe machen,« hatte sie ihm
-erwiedert, »daß ich mit Worten des Hasses und des Abscheues
-von Deinem Deutschland gesprochen habe. Kann
-ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland
-haben? Ist es nicht das Grab aller meiner Hoffnungen
-und Träume geworden, hat es mir etwas Anderes
-als Täuschungen geboten?«</p>
-
-<p>Und als Dennhardt sie mit einem großen fragenden
-Blicke angesehen, hatte sie unter dem Eindrucke
-einer sich immer höher steigernden Erregung weiter
-gesprochen:</p>
-
-<p>»Du weißt es, Walther, als ich Dein Weib wurde,
-da liebt' ich Dich stark und innig. Aber ebenso liebte
-ich auch Deinen Künstlerruhm, den Namen, den Du Dir
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du,
-daß ich, die Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein
-Herz und meine Hand gegeben hätte, wenn Du ein
-unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann
-ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«</p>
-
-<p>»Wie!« unterbrach sie bei diesen Worten ihr
-Mann mit schmerzlichem Ausdruck in Rede und Geberde,
-»so war es nicht der Mann, den Du in mir
-liebtest, sondern der Künstler, nicht Walther, sondern
-der Bildhauer Dennhardt?!«</p>
-
-<p>»Ich kann den Einen nicht von dem Andern
-trennen. Ich sah in Dir den gefeierten Künstler und
-den Mann von Geist und Kraft, der ringend und strebend
-seine Hand nach dem Höchsten auszustrecken wagt,
-das uns vom Leben dargeboten wird. Und nun&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Bin ich ein heimathloser Flüchtling,« fiel
-Dennhardt mit schmerzlicher Bitterkeit ihr ins Wort,
-»der das bittere Brod der Verbannung essen muß und
-Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten!
-aus Deinem Munde zu hören, Das brennt mich mehr
-als es jemals diese Wunde hier gethan.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten
-Stolzes hervor.</p>
-
-<p>»Du kennst mich wahrlich schlecht,« antwortete sie
-leidenschaftlich, »wenn Du glaubst, daß es die Furcht
-vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals ist, was
-mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, daß ich deßhalb
-in Vorwürfe und Klagen ausbreche, weil die
-Sache, für welche Du gefochten, unterlegen ist ...
-Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, daß Du
-nicht zu jenen kühnen und energischen Naturen gehörst,
-welche zu den Höhen des Lebens emporstreben.«</p>
-
-<p>»Sprich nicht weiter&nbsp;...« unterbrach sie Walther
-mit einer Geberde und einem Ausdruck in Blick
-und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken
-mußte, »ich weiß genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen
-... Also nicht die gleiche Ueberzeugung, wie
-ich sie habe, die Ueberzeugung, für eine große, gerechte
-und edle Sache zu kämpfen, war es, welche Dich beseelte,
-nicht die Uebereinstimmung mit den Grundsätzen
-Deines Gatten, die Liebe zur Freiheit sprach aus Dir,
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-sondern die Leidenschaft zu herrschen und zu glänzen,
-jener ungezügelte Ehrgeiz, für den die Ideen nur die
-Mittel zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke sind.
-Mein Ruf und Ruhm als Künstler, den ich mir in
-strenger Arbeit meines Berufs erworben, er genügte
-Dir nicht mehr, Dein nach äußerer Ehre und glänzender
-Lebensstellung dürstendes Herz begehrte mehr ...
-Suche weder mich noch Dich selbst zu täuschen, Fanny,
-Du bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so
-empfindet ... Ich habe in dieser sturmbewegten Zeit,
-wo alle Kräfte und Elemente der Menschen- und Volksnatur
-entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden,
-welche von gleichen Gefühlen bewegt wurde; aber nie
-hätte ich geglaubt, daß Du auch zu ihnen gehörtest.
-Es muß wohl wahr sein,« setzte er mit einem bittern
-Lächeln hinzu, während der Ton seiner Stimme zu
-einem dumpfen Murmeln herabsank, »es muß wohl
-wahr sein das alte Wort, daß die Liebe Diejenigen
-blendet, welche ihr unterthan sind.«</p>
-
-<p>So endete jenes Gespräch auf der Flucht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten
-ein inniges Verhältniß zwischen den beiden Gatten
-fortbestehen?</p>
-
-<p>Ein Jedes von ihnen fühlte nur zu deutlich, daß
-Dies nicht möglich sei.</p>
-
-<p>Wenn Walther und Fanny gewöhnlichere Naturen
-gewesen wären, so hätte vielleicht mit der Zeit eine
-Ausgleichung stattgefunden.</p>
-
-<p>Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprägte
-Charaktere; der ideale Zug Walther's, der ihn zum
-Märtyrer für die Freiheit gemacht, die uneigennützige
-Hingabe an eine große und heilige Sache stand in
-schroffem und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's
-Wesen. Ihr Gatte hatte nicht Unrecht gehabt, als er
-sie vor Selbsttäuschung warnte, die junge Frau war
-sich in der That über den Ursprung ihrer Empfindungen
-und Meinungen nicht klar.</p>
-
-<p>Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib
-oder eine Emancipirte, wie es deren während der Bewegungsjahre
-eine ziemliche Anzahl unter den Frauen
-gab. Nicht die Begeisterung für die großen Ideen der
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-Demokratie hatte sie beseelt, sondern ganz andere Motive
-hatten sie zur Anhängerin der Bewegung gemacht.</p>
-
-<p>Dennhardt lebte, wie wir schon erzählt, vor dem
-Ausbruche der Märzrevolution in einer deutschen Residenzstadt.</p>
-
-<p>Sein Beruf brachte ihn in häufige Berührung
-mit der sogenannten vornehmen Gesellschaft. Frauen
-und Männer aus diesen Kreisen besuchten sein Atelier,
-fast täglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen
-des königlichen Hofs vor seinem Hause.</p>
-
-<p>Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit
-der vornehmen Kasten in unserm Deutschland;
-trotzdem, daß Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde
-von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau
-doch die geselligen Kreise dieser Besucher verschlossen.
-Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter eines hohen
-Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wäre!</p>
-
-<p>Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war
-und wollte nicht mehr sein als der Bildhauer Walther
-Dennhardt. Es half ihm Nichts, daß sein Name in
-der Kunst ein hoch geachteter, sogar berühmter war,
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-all sein Künstlerruhm öffnete ihm nicht die Thüren zu
-jenen aristokratischen Salons, in welchen Abends die
-Herren und Damen über die Statuen und Gruppen
-plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert
-hatten. Ihm persönlich war Dies nun freilich
-sehr gleichgültig. Dennhardt würde selbst diese geselligen
-Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen
-überhäuft hätte.</p>
-
-<p>Er war ein principieller Gegner der Anschauungen,
-die unter diesen Leuten gang und gäbe waren, er
-war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat, als
-daß er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten
-hätte wohl fühlen können. Hätte er ihnen doch sogar
-gern seine Werkstatt geschlossen, wenn Dies möglich
-gewesen wäre. Außer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter
-Freunde, welche theils Künstler, theils Gelehrte,
-Schriftsteller, Aerzte, Advokaten waren, bewegte
-sich Dennhardt häufig in jenen Volkskreisen, wo der
-Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit
-durch die Naivetät der Empfindung und durch die
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-selbstlose Hingebung an oft selbst mißverstandene Ideen
-aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny.</p>
-
-<p>Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen
-Geschlechts, welche dem jungen deutschen
-Künstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus Trotz
-gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben,
-sie mit ihrem stolzen Sinn, der gewöhnt war an Glanz
-und Huldigungen, sie, die schöne junge Frau, nicht ganz
-frei von jener Koketterie, welche unbekümmert um die
-Wunden, die sie schlägt, so gern stolze Triumphe feiert,
-sie fühlte sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der
-vornehmen Kaste verletzt, gekränkt.</p>
-
-<p>War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als
-der dieser hochmüthigen deutschen Baroninnen und
-Gräfinnen, war sie nicht ebenso schön, vielleicht noch
-schöner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge
-dieser vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen,
-bei den Festen des königlichen Hofes erscheinen zu dürfen,
-die den gesellschaftlichen Ton angaben und deren Namen
-stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der
-Gesellschaft gesprochen wurde?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's
-stolze Natur nicht aufs tiefste dadurch hätte verletzt
-fühlen sollen. Ihr Haß gegen jene vornehme Kaste
-steigerte sich täglich, mit fieberhafter Hast las sie die
-Werke der französischen und deutschen Socialisten
-und verfocht in den Kreisen der Freunde ihres Mannes
-die Grundsätze der socialen Gleichheit mit einer Leidenschaftlichkeit,
-wie man sie nur bei heißblütigen Frauennaturen
-findet.</p>
-
-<p>So geschah es, daß Fanny ihrem Gatten als
-begeisterte Anhängerin der Grundsätze, für welche er
-selbst das Leben einzusetzen bereit war, erscheinen
-mußte.</p>
-
-<p>Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum
-heimathlosen Flüchtling werden ließ, kannte er die tiefe
-Kluft, welche zwischen seinen und seiner Gattin Ideen lag.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dies Alles bei sich im Geiste erwägend, saß Dennhardt
-an dem Herbstnachmittag an der Wiege seines
-Kindes in jenem Hause der Vorstadt von Belleville.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-3. Ein kleines Kind.</h2>
-
-
-<p>Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter
-nordischer Winter mit Schneegestöber und schneidender
-Kälte. Weihnachten, das heilige Fest, an welchem die
-Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen
-Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor
-der Thür.</p>
-
-<p>Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf
-die dunklen Fluren die geweihte Nacht, die einst mit
-den erhabenen Worten der Verheißung: »Ehre sei Gott
-in der Höhe und Friede auf Erden!« den armen Hirten
-verkündigt wurde.</p>
-
-<p>Friede auf Erden! Hohe, schöne Botschaft der
-himmlischen Heerschaaren! Aber wo ihn suchen, um ihn
-zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Felde Palästina's sangen? In der Natur, wo oft urplötzlich
-entfesselte Kräfte mit wilder dämonischer Gewalt
-losbrechen, Zerstörung und jähe Vernichtung in
-ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des
-Waldes, die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe
-sich zerfleischen? Oder bei den Menschen? Vielleicht in
-ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe Priester,
-der über Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die
-schleudert, welche andern Glaubens sind? Oder in den
-Schulen und Hörsälen, wo die Quellen der Weisheit
-fließen und die Jünger der Wissenschaft, die nach derselben
-einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre
-beste Kraft vergeuden in fruchtlosem Gezänke über leere
-Formen? Oder in den Palästen der Könige, wo feile
-Schmeichler das Ohr der Mächtigen vergiften und
-Zwietracht und Furcht säen zwischen Volk und Fürst?
-Und wenn Ihr wie jener Unselige, der den Heiland mit
-der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle stieß,
-Jahrhunderte lang über den Erdball wandertet, Ihr
-würdet ihn nimmer an diesen Stätten finden jenen
-stillen sanften Frieden, nach welchem unser Herz sich so
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden
-blutend, die ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im
-wilden Schmerze zusammenzuckt. So sucht den Frieden
-an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden
-Weibes!</p>
-
-<p>Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold
-mit edlem Metall verwechselt, dann müßt Ihr gestehen,
-daß die echten Freunde wie die liebenden Frauen
-so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die
-Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster
-Sehnsucht nach einem Glück gequält werden, welches
-auf Erden nie zu finden ist. So suchen wir vergebens
-den Frieden auf Erden? »Suchet und Ihr
-werdet finden!« Suchet ihn da, wo ihn jener Mann
-gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche Land
-verlassen und nach der großen Stadt Paris fliehen
-sehen, wo er seit vier Monaten mit Weib und Kind
-weilt.</p>
-
-<p>Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther
-Dennhardt sitzt in demselben Zimmer, in welchem wir
-ihn an jenem Septembernachmittage brütend fanden,
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-vor einem Tisch, um den Christbaum für sein Kind
-zu schmücken, für sein liebes kleines Kind.</p>
-
-<p>Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem
-Wiegenbett, die kleine Mimi, die vor zwei Monaten
-ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.</p>
-
-<p>Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen,
-ein leichter Aufschrei, und mit einem Sprunge
-ist der Vater an des Kindes Wiege.</p>
-
-<p>»Ausgeschlafen, meine kleine Mimi?« lächelte er
-dem Kinde entgegen, während ein goldiger Freudenschimmer
-des ernsten Mannes Züge verklärt. Und das
-Kind streckt ihm mit dem süßen Rufe »Papa« lächelnd
-die kleinen runden Arme entgegen.</p>
-
-<p>Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine
-rosige Gesicht mit Küssen, während Mimi mit ihren
-Händchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt die
-Kleine den grünen Tannenbaum mit den goldenen Nüssen
-und silbernen Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und
-in die Hände klatschend stößt sie einen hellen Schrei aus.</p>
-
-<p>Mit einem Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit
-betrachtete Dennhardt die kleine Mimi, welche nach
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die Herrlichkeiten
-des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles,
-die kleine Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine
-Welt, sein Ideal. Es war ein herziges, liebes Kind,
-ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's Phantasie
-in ihrer glücklichsten Stunde nicht reizender träumen
-konnte.</p>
-
-<p>Die blonden weichen Locken, welche den kleinen
-Kopf umwallten, die lieben braunen Augen, welche so
-frisch in die Welt hineinblickten, das rosige Plappermäulchen,
-hinter dessen rothen Lippen schon der weiße
-Schmelz der ersten Zähne hervorglänzte, das weiche
-runde Kinn mit dem kleinen Grübchen, die helle Stirn
-mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein kälteres
-Herz, als es das Herz eines Vaters ist, hätte die
-Kleine lieben müssen.</p>
-
-<p>Da klingelte es draußen an der Thüre des Vorzimmers,
-leichte Schritte wurden hörbar. Die Kleine
-hob das Köpfchen von der Schulter des Vaters und
-fröhlich in die Händchen klatschend rief sie: »Mama ...
-Mama&nbsp;...«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-Fanny trat ein.</p>
-
-<p>»Mimi!« und Hut und Mantel abwerfend eilte
-sie auf die Kleine zu, welche ihr jauchzend entgegenzappelte.</p>
-
-<p>Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und
-zog es an ihre Brust, das kleine Köpfchen mit unzähligen
-Küssen bedeckend.</p>
-
-<p>Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser
-Scene gewesen, Zeuge von den Ausbrüchen der leidenschaftlichen
-Zärtlichkeit gegen das kleine reizende Wesen,
-der würde sicher geglaubt haben, daß in dieser kleinen
-einfachen Wohnung des deutschen Flüchtlings sich ein
-Tempel des häuslichen Glückes aufgerichtet, wie man
-ihn in Millionen von Palästen und Hütten vergebens
-sucht.</p>
-
-<p>Und doch hätte er nur den einen Blick, welchen die
-beiden Gatten bei ihrem Wiedersehen mit einander
-wechselten, auffangen müssen, um zu erkennen, daß dieses
-Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die
-Beiden an einander fesselte. Wem aber jener Blick noch
-nicht Alles gesagt, der hätte an dem Tone von Walther's
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-Stimme erkannt, daß hier zwei Herzen neben einander
-schlugen, die sich so fremd geworden waren, daß keines
-mehr den Schlag des andern verstand.</p>
-
-<p>»Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so
-lange in das Schlafzimmer, bis ich den Baum angezündet
-habe. Wo sind die Puppen und die anderen
-Sachen?«</p>
-
-<p>»Der Commissionär wird sie auf dem Vorsaal
-abgelegt haben,« entgegnete die junge Frau, in das
-Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so
-eisig war, wie der Nordwind, der vom Montmartre
-herab durch die Straßen der Stadt fegte.</p>
-
-<p>Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten
-Blicke nach.</p>
-
-<p>»Wir beide haben mit einander abgeschlossen,«
-sprach er für sich, »aber das Herz des Kindes sollst Du
-mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib, das
-nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und
-jenen Flittertand, dem die Narren nachjagen, um darüber
-das wahre echte Glück des Lebens, den Frieden des
-Herzens zu verlieren.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange
-seiner Stimme drückte sich bei diesen Worten etwas
-Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese
-Worte so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa
-wie ein Professor auf dem Katheder über einen Satz
-der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte er mit
-Kämpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male
-hätte bestehen können. Dann trat er an den Tisch,
-um den Christbaum anzuzünden und den Weihnachtstisch
-für seine kleine Mimi herzurichten.</p>
-
-<p>Es war finster draußen, der Wind trieb dichte Wolken
-von Schneeflocken durch die Straßen und gegen die Fenster
-der Häuser, die Bäume des Parks stöhnten und seufzten
-unter der Gewalt des Wintersturmes &ndash; in der Brust
-des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem
-Kinde den ersten Christbaum anzündete, da leuchtet es
-in diesem Augenblicke auf von hellem, warmem Sonnenschein.
-Seine Mimi war es ja, für die er die
-Lichter des Tannenbaums anbrannte, ihr gehörten alle
-die bunten flimmernden Herrlichkeiten dieses Tisches,
-dem kleinen holden Engel, welchen ihm die gütige Gottheit
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten
-der Wirrsale seines wild bewegten Lebens.</p>
-
-<p>Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die
-Hände, die Thür des Nebenzimmers öffnete sich und
-mit einem Male strömte der helle Lichtglanz in das
-dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi
-stand, sprachlos die Händchen in einander gefaltet, ein
-Bild lieblichsten Erstaunens. Ein Wonneschauer seligsten
-Entzückens ging durch des Mannes Seele.</p>
-
-<p>Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz
-erbeben lassen, viele und schöne, aber eine reinere,
-unschuldigere, süßere Freude, als ein liebend Elternherz
-empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die
-Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch
-nach langen, langen Jahren durch das Dunkel des
-Lebens uns seinen magischen Schimmer nachsendet, eine
-sanftere, beglückendere Freude giebt es nicht auf dem
-Erdenrund.</p>
-
-<p>Aber auch Fanny vergaß in dieser Minute alle
-die Dissonanzen ihres jetzigen Lebens und versenkte sich
-ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still war es
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach
-schwebte und seinen Gruß dem blonden Engelsköpfchen
-mit den lieben braunen Augen zuwinkte.</p>
-
-<p>Allmälig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen.
-Anfangs mit zögerndem, dann mit lebhafterem
-Schritte näherte sie sich dem Weihnachtstische, und als
-sie endlich dicht vor den schimmernden Herrlichkeiten
-stand, stieß sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und
-faßte mit beiden Händen nach der nächsten Puppe, die
-sie zärtlich an ihr kleines, vor Aufregung und Freude
-laut klopfendes Herz drückte.</p>
-
-<p>O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe
-liegt in eines Kindes Brust, wie sollte er gehütet werden
-von Denen, welchen Gott die Kinder zur Obhut anvertraut,
-und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet
-dieses Geschenk des Himmels, wie wird Stück für Stück
-dieser Juwelen der Liebe den kleinen Kinderherzen geraubt,
-Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und wenn sie
-endlich groß sind, dann sind sie so bettelarm geworden,
-daß sie die wahren Juwelen der Liebe von den falschen,
-unechten nicht einmal mehr unterscheiden können. Es
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche
-Liebkosungen, welche Zärtlichkeiten empfängt sie, wie
-offenbart sich an dem Kinde und seiner ersten Puppe
-ein so schöner rührender Zug edelster Menschlichkeit.
-Es fühlte das kleine Kinderherz die Hülflosigkeit seiner
-Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Händen
-und Beinen und dem runden rothen freundlichen Gesicht
-so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge angewiesen
-ist. Und nun füttert die Kleine das arme Püppchen
-und giebt ihm zu trinken, Kuchen und Milch, gerade
-wie es Mama mit ihr zu thun pflegte, und wickelt sie
-in ihre Schürze, daß sie nicht friert die arme Kleine,
-und macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und
-drückt sie zärtlich an die Brust und schläft endlich mit
-ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm.</p>
-
-<p>Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit
-ihrer Puppe und des Kindes Wange ruht an der ihres
-kleinen Schützlings und um die Lippen des Kindes
-schwebt noch das letzte Lächeln, mit dem sie ihre Puppe
-angelächelt, schon halb im Schlummer, umgaukelt von
-den rosigen Engeln der Kinderträume. Da erhebt sich
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-die junge Frau und verläßt das Zimmer, Hut und
-Shawl ergreifend, und steigt die Treppe hinab und
-öffnet das Haus und steigt in einen Wagen, der zwanzig
-Schritte von der Thür hält und dann mit ihr fortrollt.</p>
-
-<p>Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege
-seines Kindes.</p>
-
-<p>Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis
-auf eine einzige Kerze, welche mit ihrem matten
-Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wänden
-und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums
-ihre Schatten werfen. Der Geruch des Wachses
-durchzieht vermischt mit dem harzigen Tannenduft die
-Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die
-goldenen Nüsse und silbernen Aepfel magisch hervor.
-Erinnerungen an alte längst verklungene Zeiten gehen
-durch des Flüchtlings Seele. Die freundlichen Geister
-seiner Kindheit schlüpfen aus den Zweigen des Tannenbaums
-hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem
-großen Paris in eine kleine Stadt, inmitten der grünen
-Berge Thüringens. Sie führen ihn durch die Flur
-eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, über den
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-dunklen Vorsaal in ein kleines Kämmerchen, dicht an
-dem Wohnzimmer. Und wie er so in der dunklen
-Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet,
-der sich verstohlen durchs Schlüsselloch schleicht und
-leise über die Diele hingleitet, da ist es ihm auf einmal,
-als wäre sein ganzes späteres Leben nur ein Traum
-gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht geträumt.
-Er ist wieder der zehnjährige Knabe mit den langen
-blonden Locken, das fröhliche Kind, welches durch das
-Schlüsselloch blinzelt, um Etwas von den Geheimnissen
-der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut
-wird, zu erlauschen.</p>
-
-<p>Da öffnet sich plötzlich die Thür, ein blendend
-heller Lichtstrom dringt in die dunkle Kammer, mit
-glücklichem Lächeln betrachten die Eltern den überraschten
-Knaben, der zögernd einige Schritte gegen den Tisch
-wagt, wo unter den Zweigen des Christbaums in rosig
-schimmerndem Kleide mit goldenen Flügeln ein Weihnachtsengel
-sitzt und ihm mit dem Finger winkt.</p>
-
-<p>Da verwirren sich ihm plötzlich die Gedanken. Er
-kennt den Weihnachtsengel und die lieben guten Augen
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-seines lieblichen Gesichts, er hat oft mit ihm gespielt
-und getändelt, den kleinen Engel in seinen Armen
-herumgetragen, ihn geküßt und geherzt, er hat ihn beim
-Namen gerufen, und doch weiß er in dem Augenblicke
-nicht, ob er ihn Lenchen nennen soll, wie sein einziges
-kleines Schwesterchen hieß, das so bald von den Engeln
-des Himmels hinaufgetragen wurde zu den blauen
-Wolken, oder ob er Mimi heißt, wie sein liebes süßes
-Kind. Wie wenn zwei Wasserströme sich vereinigen
-und ihre Wellen sich vermischen, so fließen jetzt in
-Dennhardt's Traumgebilde Vergangenheit und Gegenwart
-zusammen.</p>
-
-<p>Da schlägt ein Laut an sein Ohr, ein süßer, lieblicher
-Laut, der ihn von den Todten auferwecken könnte.</p>
-
-<p>»Papa ... lieber Papa&nbsp;...« Und gebrochen ist
-plötzlich der Bann, mit dem der Traumgott ihn bestrickt.</p>
-
-<p>»Meine Mimi,« ruft er und beugt sich über die
-Kleine, die mit heißen Wangen in ihrer Wiege liegt,
-im Halbschlummer plaudernd, noch aufgeregt von den
-Eindrücken des Abends, die sie noch im Traume verfolgten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-»Schlummere, mein kleiner Engel,« murmelte
-Dennhardt und legte seine Hand leise auf des Kindes
-heiße Stirn, während er sein Haupt leicht auf den
-Rand der Wiege stützte. Da erlosch auch die letzte
-Kerze, im tiefen Dunkel lag das Zimmer und herab
-senkte sich auf Vater und Kind jener sanfte ruhige
-Schlummer, der den Gerechten geschenkt wird, die reinen
-Herzens sind.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-4. Ein Gespräch und seine Folgen.</h2>
-
-
-<p>Fanny hatte doch das Herz geklopft, als sie
-ihren Fuß auf den Tritt des Wagens setzte, der sie von
-der Vorstadt bei Belleville weit hinein in das Herz von
-Paris führen sollte.</p>
-
-<p>Dieser Schritt, Das fühlte sie klar, war ein Bruch
-mit der Vergangenheit, ein entschiedener Bruch, der
-nicht mehr zu heilen war. Manch innerer schwerer
-Kampf war vorausgegangen, ehe sie ihn wagte.</p>
-
-<p>Bevor wir aber die junge Frau auf ihrer nächtlichen
-Fahrt nach Paris hinein begleiten, müssen wir
-von einer Begegnung erzählen, die vielleicht einen
-Monat vor Weihnachten stattgefunden hatte.</p>
-
-<p>Fanny war in die innere Stadt gefahren, um hier
-einige Einkäufe zu besorgen. Etwas ermüdet war sie
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-dann in ein Café des Boulevard Italien getreten, um
-eine Erfrischung zu nehmen, als mit einem halb unterdrückten
-Ausruf der Freude ein junger eleganter Mann
-auf sie zutritt.</p>
-
-<p>»Welch glücklicher Stern, der mich Ihnen, Madame,
-zwei Tage nach meiner Ankunft in Paris
-begegnen läßt!«</p>
-
-<p>Die junge Frau überfliegt mit einem überraschten
-Blicke die Züge und Gestalt des Mannes und die Erinnerung
-an jene Scene an den Ufern des Rheins steigt
-in ihrer Seele auf.</p>
-
-<p>»Der Herr Vicomte von Grandlieu,« entgegnete
-sie, »ist das nicht Ihr Name, mein Herr?« Und ohne
-die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie
-fort: »O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich
-ihm mittheile, daß Sie in Paris sind.«</p>
-
-<p>Der Vicomte unterbrach sie:</p>
-
-<p>»Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten,
-Madame, sondern von Ihnen und von Ihrem Leben
-in unserm großen prächtigen Paris.« Und er lud sie
-durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-einem der kleinen Marmortische des Salons Platz zu
-nehmen.</p>
-
-<p>»Dieses Leben ist so einfach, daß man kaum darüber
-sprechen kann. Vielleicht würde ich mich darüber beklagen,
-wenn ich nicht ein Kind hätte, das ich anbete
-und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen läßt.«</p>
-
-<p>Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese
-Bemerkung der jungen Frau, und ein leiser Schatten
-glitt über seine Züge.</p>
-
-<p>»So sind Sie sehr glücklich, Madame, denn
-ich habe oft gehört, das die Liebe der Mütter zu ihren
-Kindern in einem gewissen Verhältnisse zu der Liebe
-gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten,
-so müssen Sie gewiß den Vater dieses Kindes sehr
-lieben. Und was bedarf es mehr, um glücklich zu sein?«</p>
-
-<p>»Solche allgemeine Sentenzen,« entgegnete die
-junge Frau, indem sie das Auge vor dem funkelnden
-Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte,
-»mögen zuweilen Recht haben, zuweilen lügen sie
-aber auch.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender
-junger Mann, der sich im Umgange mit den
-Frauen von Paris eine Kühnheit der Sprache angewöhnt,
-die oft verletzt hätte, wenn sie nicht gemildert
-worden wäre durch einen Ausdruck von Ehrerbietung
-in Miene und Geberde und im Ton der Stimme:
-Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche
-indiscrete und kühne Frage verziehen.</p>
-
-<p>»Sollte bei Ihnen, Madame,« frug er mit schüchternem
-Ausdruck und niedergeschlagenen Augen, wie
-ein Schüler von sechszehn Jahren, welcher der Auserwählten
-seines Herzens seine erste schüchterne Liebeserklärung
-stammelt, »sollte bei Ihnen jener Gemeinspruch
-eine Ausnahme machen?«</p>
-
-<p>Eine dunkle Röthe flammte über das Gesicht der
-jungen Frau.</p>
-
-<p>»Und wenn Dies der Fall wäre, welches Interesse
-könnten Sie, Herr Vicomte, haben, Dies zu wissen?«
-frug sie mit leiser Stimme und ohne die Augen von dem
-Parquet des Salons zu erheben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-»Oh, Madame!« rief der junge Mann mit leisem
-und bebendem Tone. Eine ganze Rede würde nicht
-beredter, nicht ausdrucksvoller gewesen sein, als dieser
-kurze Ausruf, der so einfach, so natürlich war und doch
-so Viel errathen ließ.</p>
-
-<p>Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, eine jener
-Pausen, in denen statt des Mundes nur das Herz
-spricht, in denen man die Worte und Empfindungen
-des Andern in dessen Augen lesen muß.</p>
-
-<p>Der Vicomte war es, welcher das Stillschweigen
-brach. Er war ein sehr gewandter Mann, welcher
-wußte, daß so stolze Naturen wie Fanny sehr behutsam
-behandelt werden müssen.</p>
-
-<p>»Und wissen Sie, Madame,« begann er das
-Gespräch in einem Tone, der den Ausdruck achtungsvoller
-Vertraulichkeit trug, ohne jene durchschimmernde
-Leidenschaftlichkeit, welche dem vorhergehenden Gespräch
-einen so eigenthümlichen Charakter aufgeprägt hatte,
-»wissen Sie, welche Angelegenheit mich schon so früh
-nach Paris geführt und mich den Freuden der Jagd in
-meinen schönen Wäldern so bald Adieu sagen ließ?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Die junge Frau lächelte mit einer verneinenden
-Geberde.</p>
-
-<p>»Die Politik,« fuhr der Vicomte fort, »ich bin
-Deputirter der Nationalversammlung, und ich und
-meine Freunde halten es für hohe Zeit, diesem republikanischen
-Komödienspiel ein Ende zu machen und Frankreich
-seinem rechtmäßigen Herrscher wiederzugeben.«</p>
-
-<p>»Wen nennen Sie den rechtmäßigen Herrscher
-Frankreichs?« frug Fanny, überrascht, in dem Vicomte,
-welchen sie bis jetzt blos für einen jungen Elegant gehalten,
-auch einen Politiker zu entdecken.</p>
-
-<p>»Wie, Madame?« rief der junge Edelmann lebhaft
-aus, »können Sie einen Augenblick daran zweifeln,
-daß ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der
-Tuilerien sehen will, als das mit den königlichen Lilien
-von Frankreich? Wir Söhne des alten Frankreich
-kennen nur Einen rechtmäßigen Herrscher und das ist
-Heinrich&nbsp;V.«</p>
-
-<p>»Und haben Sie wirklich gegründete Hoffnung,
-Ihren König wieder auf dem Throne Frankreichs zu
-sehen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-»Sie können noch zweifeln, Madame? Ehe ein
-Jahr vergeht wird der Enkel König Karl's&nbsp;X. in dem
-Schlosse seiner Ahnen wohnen.« In seiner lebhaften
-Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die
-Pläne der Legitimisten in der Nationalversammlung
-mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der
-Ordnung zuvörderst die Nationalversammlung und die
-Republik in den Augen des Volks zu entwürdigen
-suchen müßten, um dann mit einem kühnen Schlage
-die weiße Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzählte
-Das in einem Tone der Vertraulichkeit, mit einem
-Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es
-vielleicht einem Freunde gegenüber thut, aber nicht einer
-jungen Frau; er schien ganz zu vergessen, daß nicht ein
-Mann, ein Politiker vom Fach ihm zuhörte, sondern
-eine schöne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in
-die französischen Parteiverhältnisse eingeweiht war, um
-für diese Dinge ein großes Interesse zu hegen.</p>
-
-<p>Für Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des
-Vicomte ein Reiz, dem sie sich nicht entziehen konnte.
-Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne, daß
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-der Vicomte ihr gegenüber nicht blos den liebenswürdigen
-Mann, sondern auch den Politiker zeigte; sie
-mußte voraussetzen, daß der Vicomte sie für bedeutender
-hielt als tausend ihres Geschlechts, für welche er vielleicht
-galante, zärtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gespräch,
-welches sich um so wichtige Interessen drehte, gehabt
-hätte. Und als sie sich endlich trennten, da erhielt
-der Vicomte nach kurzem Zögern das Versprechen der
-jungen Frau, einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung
-beizuwohnen, in welcher die legitimistische
-Partei einen Antrag auf Zurückberufung der
-Prinzen des Hauses Bourbon stellen würde.</p>
-
-<p>Gegen ihren Gatten schwieg sie über das Zusammentreffen
-mit dem Vicomte. Es war das erste Geheimniß,
-welches sie vor ihrem Manne verbarg, es
-sollte nicht das letzte sein.</p>
-
-<p>Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hörte
-sie auf der Damentribüne der Nationalversammlung den
-Vicomte von Grandlieu für die Aufhebung der Verbannungsgesetze
-gegen die Prinzen des Hauses Bourbon
-sprechen. Der junge legitimistische Edelmann sprach mit
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-Feuer und einer gewissen Eleganz des Ausdrucks, welche
-die vornehme Damenwelt des Faubourg St.&nbsp;Germain,
-die in ihren glänzendsten Toiletten auf der Zuhörertribüne
-erschienen war, zu den lebhaftesten Beifallsbezeigungen
-hinriß.</p>
-
-<p>Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor,
-der ihm eine so schmeichelhafte und rauschende
-Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt theilnahmlos
-an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen,
-Gräfinnen und Baroninnen vorüber und blieb
-an der Gestalt einer jungen Frau haften, die in einem
-einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um
-die Schultern gezogen, den Oberkörper leicht an eine
-Säule der Tribüne gestützt, mit strahlenden Blicken
-den Triumph betrachtete, welchen der Vicomte feierte.</p>
-
-<p>Purpurröthe färbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des
-Vicomte begegnete, ein leiser Schauer ließ ihre schlanke,
-zarte Gestalt erbeben, und wie von einer plötzlichen
-Schwäche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurück. Aber
-trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen,
-welche dem Blick des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-auf sie richteten. Sie hörte leise Flüsterworte, wie
-eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte.</p>
-
-<p>»Ein interessantes Gesicht,« sprach eine alte
-Herzogin zu ihrer Nachbarin, einer jungen blonden
-Gräfin, »nur etwas zu selbstbewußt.«</p>
-
-<p>»Sie ist wirklich reizend,« gab die junge Frau
-zurück, während sich ein leichter Seufzer ihrem Busen
-entrang; »aber wer mag sie wohl sein?«</p>
-
-<p>Nach Beendigung der Sitzung erwartete der
-Vicomte die junge Frau am Portal und hob sie in
-seinen bereitstehenden Wagen. Dann nahm er ihr gegenüber
-Platz und befahl seinem Kutscher nach dem Boulogner
-Wäldchen zu fahren. Es verging eine Viertelstunde,
-ehe zwischen den Beiden ein Wort gewechselt
-wurde, aber eine desto lebhaftere und innigere Sprache
-redeten die Augen.</p>
-
-<p>»Sie haben heute eine Schlacht gewonnen,« begann
-Fanny endlich.</p>
-
-<p>»Sie wollen sagen: wir sind besiegt, aber nicht
-geschlagen worden; denn wenn unser Antrag auch nicht
-angenommen wurde, so geschah Das nicht deßhalb, weil
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-man unsere Gründe durch Gegengründe widerlegte,
-sondern weil man uns durch das Gewicht der Mehrheit
-erdrückte.«</p>
-
-<p>Eine Kutsche, in welcher jene alte Marquise und
-die junge blonde Gräfin von der Zuhörertribüne der
-Nationalversammlung saßen, rollte vorüber.</p>
-
-<p>Der Vicomte von Grandlieu grüßte mit einer
-Verbeugung, während ein leiser spöttischer Zug um
-seine Lippen schwebte.</p>
-
-<p>»Die arme Gräfin,« sprach er zu Fanny gewendet,
-»sie war blos deßhalb auf die Tribüne gekommen, um
-ihren Gatten, den Grafen von Bonville, als Demosthenes
-zu bewundern. Der Arme bekam aber das bekannte
-Fieber, welches den Soldaten, der zum ersten Male in
-die Schlacht geht, ebenso befällt, wie den Komödianten,
-wenn er zum ersten Male vor die Lampen tritt, oder
-den Priester, wenn er seine erste Predigt hält.«</p>
-
-<p>»Desto mehr waren Sie der Gegenstand ihrer
-Bewunderung,« entgegnete Fanny in einem gewissen
-piquirten Tone, »sie applaudirte Ihnen wie ein
-Claqueur in der großen Oper.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Trotz der Ironie, die durch diese Bemerkung
-schimmerte, brach ein freudestrahlender Blick aus dem
-Auge des Vicomte, und indem er sich rasch nach vorwärts
-beugte und einen Kuß auf Fanny's Hand drückte,
-flüsterte er:</p>
-
-<p>»Und doch kann ich Ihnen versichern, daß mich
-alle diese Zeichen des Beifalls kalt ließen, und daß ich
-mich durch den stummen Blick einer jungen Frau, welche
-dicht an einer der Säulen der Zuhörertribüne stand,
-mehr beglückt fühlte, als durch alle diese rauschenden
-Acclamationen.«</p>
-
-<p>Eine tiefe Röthe färbte Fanny's Stirn bei diesen
-Worten des Vicomte und mit banger Beklommenheit
-senkte sie den Blick nieder.</p>
-
-<p>Auch der junge Mann versank in ernstes Sinnen,
-und so hatten sie den Saum des Hölzchens erreicht, ohne
-daß weiter ein Wort zwischen ihnen gewechselt worden
-wäre.</p>
-
-<p>Der Wagen lenkte in eine der Seitenalleen ein,
-welche das Wäldchen nach allen Richtungen hin durchkreuzen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Es war in der düstersten und trübsten Jahreszeit,
-Ende November.</p>
-
-<p>Ein leichter Schneefall hatte die Bäume des
-Waldes weiß gefärbt, graue Wolken bedeckten den
-Himmel, ein kalter Wind strich über die Erde. Dichte
-Schaaren von Krähen und Dohlen saßen stumm auf
-den entlaubten Zweigen und flogen mit mißtönendem
-Geschrei und schwerem Flügelschlag davon, wenn die
-Peitsche des Kutschers durch ihren Knall die Waldeinsamkeit
-und tiefe Stille unterbrach.</p>
-
-<p>Fanny gehörte nicht zu den sentimentalen Naturen,
-deren Seele von dem trüben Eindruck eines melancholischen
-Landschaftsbildes in Schwermuth versenkt wird,
-aber dennoch fühlte sie allmälig eine gewisse Traurigkeit
-ihre dunklen Fittige über ihr Herz ausbreiten.</p>
-
-<p>»Lassen Sie uns zur Stadt zurückkehren,« sprach
-sie zu dem Vicomte, »diese öde Stille, dieses Schweigen
-in der Natur macht mich traurig und verstimmt.«</p>
-
-<p>Auf den Lippen des jungen Mannes erschien ein
-leichtes Lächeln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-»Das ist wohl noch eine Erinnerung an Deutschland,
-die Sie aus diesem nebligen Lande mit herüber
-gebracht haben in unser sonniges Frankreich, wo solche
-Tage wie der heutige zu den Ausnahmen gehören. In
-Deutschland sollen sich wenigstens die Dichter an grauen
-trüben Nebeltagen an Mondschein, Regenschauer und
-Nordwind begeistern.«</p>
-
-<p>Fanny schüttelte verneinend das Haupt.</p>
-
-<p>»Ich habe Nichts mit diesem Lande gemein, seine
-Sitten, Gewohnheiten und Ideen sind mir heute ebenso
-fremd wie an dem Tage, als ich es zum ersten Male
-betrat.«</p>
-
-<p>»Und vergessen Sie, Madame,« flüsterte der
-Vicomte in leisem Tone, die Augen auf seinen Hut,
-den er zwischen den Händen drehte, gerichtet, »daß Sie
-das festeste Band mit Deutschland verknüpft, daß Ihr
-Gatte ein Deutscher ist?«</p>
-
-<p>»Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte,« entgegnete
-die junge Frau mit einem Ernst im Ausdruck
-von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann
-fast einschüchterte, »Sie wollten von einem andern
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Bande sprechen, welches mich vielleicht an jenes Land
-ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich anbete,
-und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.«</p>
-
-<p>Damit brach die Unterhaltung über diesen Gegenstand
-ab, gewiß in so bedeutsamer Weise, daß sie dem
-Vicomte eine klare Einsicht in die Empfindungen der
-jungen Frau gestattete.</p>
-
-<p>Von diesem Tage an sahen sich die Beiden täglich.
-Entweder war Fanny auf der Tribüne der Nationalversammlung
-oder sie traf den Vicomte in dem Café
-Tortoni auf dem Boulevard der Italiener.</p>
-
-<p>Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgängen, sie
-mochte längere oder kürzere Zeit weg bleiben, es war
-eine solche Entfremdung zwischen ihnen eingetreten, daß
-sich ihr gegenseitiges Gespräch nur auf das Nothwendigste,
-Unerläßlichste beschränkte. Die Beziehungen
-zwischen dem Vicomte und Fanny wurden mit jedem
-Tage inniger. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es
-anders gekommen wäre.</p>
-
-<p>Der junge Edelmann war allerdings in gewissem
-Sinne Das, was man einen Lebemann, einen Bonvivant
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer.
-Er konnte, wie aus seiner Beschäftigung mit den politischen
-Angelegenheiten hervorging, sich auch noch für
-etwas Höheres begeistern, als für die Damen von der
-großen Oper, Ballettänzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten-
-und Boudoirgeheimnisse. Er fühlte, wie seine
-Empfindungen gegen Fanny immer mehr den Charakter
-einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild
-der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr
-erfüllte und die Trennung von ihr ihm immer unerträglicher
-wurde. Hier handelte es sich nicht um eine
-jener flüchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche
-der Sinne, ebenso schnell erlöschen, wenn den Sinnen
-ihr Recht geworden, es war eine ernste Herzensneigung,
-die ihn zu Fanny hinzog.</p>
-
-<p>Und daß er ihr nicht gleichgültig war, daß ein
-höheres Interesse sie zu ihm hinzog, als das der Geselligkeit
-und das Bedürfniß des Umgangs mit einem
-Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor
-ihrer Vermählung selbst angehört: Das hatte der Vicomte
-aus einer Menge kleiner Zeichen errathen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es
-ist die charakteristische Eigenthümlichkeit mancher Frauen,
-besonders solcher, bei denen die Liebe mit Stolz und
-Selbstbewußtsein kämpft, ihre Neigung, den Zug ihres
-Herzens dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgültige
-Kleinigkeiten zu verrathen, deren wahre Bedeutung
-nur das Auge der Liebe erkennt.</p>
-
-<p>Indessen gehört unstreitig eine große Selbstbeherrschung
-hiezu, wenn zwei so lebhafte und bestimmt ausgesprochene
-Naturen, wie Fanny und der Vicomte es
-waren, längere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen
-sollen.</p>
-
-<p>Eines Tages kurz vor dem Christabend faßte der
-Vicomte einen festen Entschluß.</p>
-
-<p>Er schrieb folgenden Brief an die junge Frau:</p>
-
-<p>»Es liegt weder in meinem Charakter noch in
-meiner Kraft, den gegenwärtigen Zustand, unter welchem
-ich und, wenn mich nicht Alles täuscht, unter welchem
-auch Sie, Fanny, leiden, noch länger zu ertragen.
-Wie auch Ihre Entscheidung ausfalle, jedenfalls werden
-Sie mir nicht darüber zürnen, daß ich als Mann
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-den Schritt gewagt und diese Entscheidung herbeigeführt
-habe.</p>
-
-<p>»Mit einem Worte sei die glühendste Sehnsucht
-meines Herzens, das Glück meines Lebens ausgesprochen:
-werden Sie die Meine. Trennen Sie Ihr Geschick
-von dem eines Mannes, welchen Sie, ungeachtet
-ich weder seinen Charakter noch seinen Geist anzugreifen
-wage, nicht mehr lieben, scheiden Sie von einem
-Manne, für welchen auch Sie nicht mehr jenes Ideal
-sind, das er in Ihnen zu finden glaubte. Es ist ein
-schwerer Schritt, ein großes Opfer, welches ich von
-Ihnen verlange, theure Fanny. Gewohnheit, Scheu
-vor der Welt, vor Ihren Angehörigen, vielleicht auch
-noch ein gewisses Mitgefühl für den Mann, welcher
-Ihr Gatte war und der Vater Ihres Kindes ist, das
-Sie anbeten, selbst die Erinnerungen an gemeinschaftlich
-überstandene Leiden und Freuden, alles Dies wird
-Ihnen einen harten Kampf bereiten.</p>
-
-<p>»Aber Sie haben eine kühne muthige Seele, theure
-Fanny, ein stolzes und doch so liebeglühendes Herz, und
-Sie werden siegreich aus dem Kampfe hervorgehen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-»Besser ein kurzer, scharfer Schmerz, als dieses
-langsame Verbluten, dieses Hinwelken der Lebenskraft
-in unglücklichen Verhältnissen, die für alle Theile, für
-Sie, Ihren Gatten, für mich, ja sogar für Ihr Kind
-eine Qual sind. Vor einer Trennung von Ihrem Kinde
-schützen Sie die Gesetze Frankreichs. Bis zum fünften
-Jahre gehört das Kind der Mutter. Für die spätere
-Zukunft überlassen Sie mir die Sorge.</p>
-
-<p>»Ich dränge Sie nicht um eine Antwort. Ich verlange
-auch keine schriftliche, sondern möchte die Entscheidung
-aus Ihrem eigenen Munde hören. Fällt sie gegen
-mich, so ist mein Entschluß gefaßt.</p>
-
-<p>»Von morgen an wird ein Wagen mit einem treuen
-zuverlässigen Diener täglich in den Abendstunden zwischen
-sechs und acht Uhr wenige Schritte von Ihrer
-Wohnung entfernt warten. Sobald Sie mit Ihrem
-Entschlusse einig geworden, bitte ich Sie, zu mir zu
-kommen. Meinem Diener können Sie sich ohne Furcht
-anvertrauen, er ist mir ganz ergeben.</p>
-
-<p>»Doch zögern Sie nicht zu lange, Fanny, und
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-bedenken Sie, daß jeder Tag der Ungewißheit für mich
-zu einer qualvollen Ewigkeit wird. Immer</p>
-
-<p>Paris, 16. December 1849.</p>
-
-<table class="tab1" summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdc">Ihr</td></tr>
- <tr><td class="tdc">Edmund von Grandlieu.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es
-war beim Anbruch der Dämmerungsstunde, Walther
-hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooße und sang
-ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem</p>
-
-<table class="tab3" summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Eia popeia, was raschelt im Stroh?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es sind kleine Gänschen, die haben keine Schuh.«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">sprach Fanny zu ihrem Gatten:</p>
-
-<p>»Wir müssen uns trennen, Walther, ich fühle es,
-daß es nothwendig ist zu unserem Glücke. Für das
-Deinige, für das meinige, und vor Allem für das Glück
-unseres Kindes.«</p>
-
-<p>Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den
-Kopf von der Wange der Kleinen empor und richtete
-einen bis in das Innerste der Seele dringenden Blick
-auf seine Frau, die am Fenster saß und deren Züge
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-von dem letzten, bleichen, kalten Strahl der untergehenden
-Decembersonne erleuchtet wurden.</p>
-
-<p>»Was sprachst Du da?« frug er, und seine
-Stimme bebte ein wenig trotz seiner Selbstbeherrschung.</p>
-
-<p>»Ich sprach,« wiederholte Fanny, und an dem
-Zittern ihres Tones und der Langsamkeit, mit welcher
-sich die Worte mühsam hervordrängten, erkannte man
-die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen,
-»ich sprach, daß es für uns Alle besser
-sein würde, wenn ein Jedes seinen eigenen Weg geht.
-Du wirst gewiß auch schon daran gedacht haben. Unsere
-Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur.
-Ich will Dir keinen Vorwurf machen, Walther, ich
-trage vielleicht eben so große Schuld an der Scheidewand,
-welche sich zwischen uns aufgethürmt hat, allein
-ich fühle die Kraft schwinden dieses Leben länger in
-dieser Weise fortzuführen. Wir verstehen uns nicht
-mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute,
-welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum
-laß uns ruhig von einander scheiden, ohne Haß, ohne
-Zorn.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Sie athmete tief auf und drückte das Gesicht gegen
-die Fensterscheibe, die Entgegnung ihres Mannes erwartend.</p>
-
-<p>Es verging eine Viertelstunde und noch immer
-verharrte Walther in tiefem Schweigen. Die Dunkelheit
-war indessen völlig eingebrochen, das Kind im
-Arme des Vaters eingeschlafen und eine bängliche, unheimliche
-Stille herrschte in dem Zimmer.</p>
-
-<p>Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach
-mit einer zwar etwas dumpf klingenden, aber festen
-Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte,
-der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten
-getobt:</p>
-
-<p>»Und wie soll es mit dem Kinde werden?«</p>
-
-<p>Fanny zuckte zusammen. Diese Frage hatte sie
-erwartet &ndash; und gefürchtet.</p>
-
-<p>Das Kind, diese kleine Mimi! Sie wußte, daß
-sie der Augapfel ihres Mannes, sein höchstes Kleinod,
-sein Alles war, an dem er hing mit allen Fasern seines
-Herzens.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-Und sie! Sie liebte das Kind gleichfalls mit einer
-verzehrenden Leidenschaftlichkeit, mit jener ungestümen,
-ausschließlichen Zärtlichkeit, die man oft bei jenen
-Frauen findet, welche in der Liebe zu ihren Kindern
-Ersatz für eine unglückliche Ehe, für die Gleichgültigkeit
-oder Abneigung, für die Kälte und Untreue des
-Gatten suchen.</p>
-
-<p>»Antworte mir,« wiederholte Dennhardt noch
-einmal seine Frage, »wie soll es mit dem Kinde
-werden?«</p>
-
-<p>Angstvoll suchte sie nach einem Ausweg.</p>
-
-<p>»Ich kenne die Gesetze dieses Landes nicht,« antwortete
-sie endlich mit zögernder ungewisser Stimme,
-»aber ich stelle ihnen die Entscheidung anheim; was
-sie auch bestimmen mögen, ich werde mich ihnen unterwerfen.«</p>
-
-<p>Walther erhob sich mit einer raschen Bewegung.
-Das Kind fest an seine Brust gedrückt, trat er
-dicht an Fanny heran, so dicht, daß ihre Wange
-von dem glühenden Hauche seines Athems gestreift
-wurde.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-»Ah! Madame,« sprach er mit leiser, aber vor
-tiefster Aufregung bebender Stimme, »die Gesetze
-Frankreichs wollen Sie über Ihr, über mein Kind
-entscheiden lassen? Nun wohlan, so merken Sie es sich,
-daß ich, wenn es sich um mein Kind handelt, nur den
-Gesetzen in meiner Brust folgen werde. Und diese Gesetze
-gebieten mir, Ihnen unter keiner Bedingung die
-Seele eines Kindes anzuvertrauen, welches Sie verderben
-würden.«</p>
-
-<p>Fanny war bleich geworden zum Erschrecken,
-während ihr Mann ihr diese schneidenden Worte in's
-Ohr raunte.</p>
-
-<p>Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so
-beleidigend klingende »Sie,« noch nie eine so grausame
-Beleidigung gehört, als die war, welche er ihr in diesen
-wenigen Worten in's Gesicht schleuderte.</p>
-
-<p>»Mein Herr,« entgegnete sie endlich, »wenn ich
-vielleicht auch das Recht verloren habe, von Ihnen als
-Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube ich doch
-nicht, daß Sie das Recht und die Berechtigung haben,
-mich mit so empörenden Beleidigungen zu überhäufen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins
-Nebenzimmer, dessen Thür sie hinter sich verschloß.</p>
-
-<p>Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem
-Christabende stattgefunden, war zwischen den beiden
-Gatten kein Wort mehr über diese Angelegenheit gewechselt
-worden. Es war überhaupt zwischen ihnen
-nur das Nothdürftigste gesprochen worden, das Unerläßliche,
-was durch die Verhältnisse des Zusammenseins
-eben noch geboten wurde.</p>
-
-<p>In diesen acht Tagen, qualvoll für Beide, hatte
-Fanny ihren Entschluß gefaßt. Der Christabend war
-der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber entschlossenem
-Herzen trat sie an jenem Abend aus der
-Thür ihres Hauses, um in den Wagen des Vicomte zu
-steigen, der sie nach kurzem viertelstündigen Fahren vor
-das große prächtige Hôtel Grandlieu in der Rue de la
-Paix brachte.</p>
-
-<p>Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen
-und senkte, wie von einer unwillkürlichen Bewegung
-ergriffen, der sie nicht zu widerstehen vermochte,
-das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zur
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-Erde. Und als sie ihren Fuß auf die erste Marmorstufe
-der Freitreppe setzte, da fühlte sie ein Beben durch ihren
-Körper rieseln, wie ein Mensch, der auf die Treppe des
-Schaffots tritt.</p>
-
-<p>Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit
-schuldig geglaubt, so würde sie diesen Schritt ohne
-alle Scrupel gethan haben.</p>
-
-<p>»In der Ehe,« hatte sie oft gesprächsweise gegen
-Walther geäußert, und er hatte ihr von seinem Standpunkte
-aus vollkommen beigestimmt, »in der Ehe ist
-Alles auf Gegenseitigkeit gegründet. Ich protestire
-gegen die beschränkte Anschauungsweise, welche die
-Treue bloß von den Frauen fordert, während sie den
-Männern die Erlaubniß ertheilt sich darüber hinwegzusetzen.
-Das heißt die Frau herabwürdigen und erinnert
-mich an jene Hundetreue, welche die Hand leckt,
-die sie eben gezüchtigt hat. Der allein ist schuldig, welcher
-zuerst die Treue bricht, er löst den Vertrag und
-entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht.
-Es mag duldende, schwache Frauen geben, welche sich
-auch dem ausschweifendsten Wüstling gegenüber für
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-gebunden erachten, ich aber gehöre nicht zu diesen Duldernaturen.«
-Aber er hatte ihr <em class="ge">nie</em> die geringste Veranlassung
-gegeben an seiner Treue zu zweifeln &ndash; und
-nun mußte sie den ersten Schritt thun.</p>
-
-<p>Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit
-einem Leuchter in der Hand. Er war allein, weder ein
-Kammerdiener, noch sonst ein Lakai ließ sich sehen.</p>
-
-<p>»Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fuß dieses
-Haus betritt, Fanny,« flüsterte er und ergriff ihre
-Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine Lippen
-drückte.</p>
-
-<p>»Möge ich nie bereuen, was ich heute thue,« entgegnete
-sie.</p>
-
-<p>»Nur Schwächlinge bereuen, Fanny, und Sie
-gehören zu jenen starken Naturen, die entweder brechen
-oder siegen.«</p>
-
-<p>Während dieser leise gewechselten Reden hatte der
-Vicomte die junge Frau über einen Corridor, auf
-dessen weichen Teppichen die Tritte lautlos verhallten,
-in ein Zimmer geführt, welches den gemischten Charakter
-eines Boudoirs und eines eleganten Studiercabinets
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-trug. Herabgelassene Gardinen von dunkelrother
-Seide, eine Tapete von ernster brauner Farbe
-mit Goldleisten, Sessel <i>à la</i> Voltaire mit violettem
-Sammet, fein gearbeitete Pfeiler- und Spiegeltischchen,
-auf welchen eine Menge kleiner interessanter Spielereien
-standen, zwei mäßige Bücherschränke mit wissenschaftlichen
-und dichterischen Werken, ein elegant gearbeiteter
-Schreibtisch, über welchem einige Waffen, alte Stücke
-aus dem Mittelalter, und das Porträt des Herzogs
-von Bordeaux hingen, bildeten die Ausstattung des
-Cabinets, dessen Atmosphäre durch die knisternde
-Flamme in dem Kamin von bläulichem Marmor angenehm
-erwärmt war.</p>
-
-<p>Der junge Vicomte führte Fanny zu einem
-Sessel, in welchem die junge Frau wie erschöpft von
-einem weiten Wege niedersank, und nahm dann ihr
-gegenüber Platz.</p>
-
-<p>Sie drückte die Hände vor die Augen, stumm und
-regungslos, während der Vicomte gleichfalls in tiefem
-Stillschweigen auf den Boden niederblickte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Endlich nach einer langen, langen Weile ließ sie
-die Hände sinken, ihr Blick begegnete dem des Vicomte.</p>
-
-<p>Sie sah blaß aus, sehr blaß; aus ihren Augen
-strahlte ein übernatürlicher Glanz und ihre Stimme
-klang matt und bebend: als sie flüsterte:</p>
-
-<p>»Edmund ... werden wir auch glücklich sein?«</p>
-
-<p>»Fanny,« und er sank vor ihr auf seine Knie,
-»kannst Du zweifeln? Die Sterne einer geweihten
-Nacht leuchten uns zu dem feierlichen Augenblicke, in
-dem wir den Bund für's Leben schließen, aber goldener
-und strahlender als alle die Gestirne des Himmels,
-welche dort oben glänzen, leuchtet der Stern der Liebe
-in meiner Brust &ndash; möge Gott mich einst vor seinem
-Richterstuhle verwerfen, wenn dieser Stern jemals
-untergehen sollte.«</p>
-
-<p>»Schwöre nicht,« sprach sie, die Hand abwehrend
-erhebend, »Schwüre werden oft zu lästigen Fesseln, die
-deßhalb immer unerträglicher werden, weil man glaubt,
-daß man sich nicht von ihnen befreien kann, ohne die
-Rache der Gottheit wach zu rufen. Der freie Wille ist
-oft ein festeres Band als tausend Schwüre und Eide.
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Doch nun laß uns von den nächsten Aufgaben reden,
-denn Du begreifst, daß ich von heute an meinen Aufenthalt
-in der Wohnung Dennhardt's nur noch nach
-Tagen zählen kann.«</p>
-
-<p>Es lag so etwas Tiefernstes, Feierliches in der
-Art und Weise, mit welcher sie alles Dies sprach, daß
-der junge Vicomte, so leidenschaftlich er auch in Liebe
-und Verlangen aufglühte, doch in eine ernste Haltung
-zurückgescheucht wurde.</p>
-
-<p>»Ich habe,« sprach er, »mit einem der besten Advocaten
-von Paris Rücksprache genommen. Es werden
-wenig Schwierigkeiten zu überwinden sein, da Ihr
-Beide protestantisch seid.«</p>
-
-<p>»Aber das Kind, meine süße liebe Mimi,« unterbrach
-die junge Frau den Vicomte, »was war sein
-Urtheil darüber?«</p>
-
-<p>Der Vicomte zögerte mit der Antwort.</p>
-
-<p>»Bis zum fünften Jahre,« sprach er endlich,
-»würde es unbestritten der mütterlichen Obhut anvertraut
-werden müssen, von da an aber&nbsp;...«</p>
-
-<p>Er hielt stockend inne.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-»Weiter, weiter, Edmund,« drängte Fanny, die
-ihm jedes Wort von den Lippen zu nehmen schien, »was
-sprach er über die fernere Zukunft?«</p>
-
-<p>»Ueber die fernere Zukunft, meinte er, könne sich
-leicht eine Controverse entspinnen ... da Dennhardt
-kein französischer Staatsbürger, sondern ein Deutscher
-und als solcher&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Genug, genug,« rief Fanny, ihn von Neuem
-unterbrechend, aus, »ich verstehe ... Vom fünften
-Jahre an wird er das Recht haben mir mein Kind zu
-rauben. Du siehst wohl, Edmund,« setzte sie traurig
-hinzu, »daß wir auf unser Glück verzichten müssen.«</p>
-
-<p>»Fanny, Fanny, so leicht giebst Du mich auf?«
-rief der junge Mann mit schmerzlichem Ausdrucke,
-»ohne zu kämpfen, ohne zu wagen! Können wir nicht
-mit Deinem Kinde in den fernsten Winkel der Erde
-fliehen, wo uns der Arm jenes Mannes nicht erreichen
-kann, können wir nicht durch tausend Listen seine Nachforschungen
-und Verfolgungen vereiteln? Ich bin reich,
-Fanny, und Du weißt, daß das Geld heut zu Tage
-alle Hindernisse und alle Schwierigkeiten besiegen kann.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken.
-Dann erhob sie ihr Haupt, fest und entschlossen.</p>
-
-<p>»Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir
-vorhin schwören wolltest, da sprach ich: schwöre nicht.
-Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen Schwur
-bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur,
-selbst Dein Leben daran zu setzen, um mir mein Kind
-zu sichern.«</p>
-
-<p>Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher
-Geberde die Hand.</p>
-
-<p>»Ich schwöre,« sprach er.</p>
-
-<p>»Und ich,« flüsterte Fanny, indem sie ihre Arme
-um seinen Nacken schlang und ihm tief und glühend in
-die Augen blickte, »und ich bin von diesem Augenblicke
-an Dein&nbsp;...«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-5. Verschwunden.</h2>
-
-
-<p>Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner
-Frau, welche gegen Mitternacht in dem Wagen des
-Vicomte in ihre Wohnung zurückgekehrt war, Nichts
-bemerkt oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwähnte
-den immerhin auffälligen Weggang Fanny's
-und ihre späte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst
-zeigte sich in seinem Benehmen keine Veränderung, nur
-daß er vielleicht, wenn Das überhaupt möglich war,
-sich noch wortkarger und verschlossener zeigte.</p>
-
-<p>Nach der Verabredung, welche Fanny und der
-Vicomte getroffen, sollte Fanny am Sylvesterabend
-unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen,
-vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu
-machen, dann die von dem Vicomte für sie eingerichtete
-Wohnung beziehen und hieran die Scheidung einleiten.
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche
-Entweichen; ihrem stolzen Sinne wäre es viel lieber
-gewesen, wenn sie in offnem Bruch sich von ihrem
-Manne hätte entfernen können. Allein der Vicomte
-hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen
-ein solches Verfahren sein würde, wie es leicht
-zu einer Katastrophe führen könnte, die für sie und das
-Kind verhängnißvoll werden könnte.</p>
-
-<p>Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch
-geschwankt. Der Vicomte, Dies bemerkend und eine
-Unbesonnenheit der jungen Frau befürchtend, hatte ihr
-wenige Tage nach dem Besuche in seinem Hôtel einen
-Brief geschrieben, worin er sie mit den eindringlichsten
-Worten beschwor, seinem Rath zu folgen.</p>
-
-<p>»Ich beschwöre Dich,« schrieb er ihr, »bei unserer
-Liebe, bei dem Haupte Deines Kindes, nur scheide
-nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er würde
-vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und
-wie mir mein Sachwalter versichert, könnte Dein Mann
-bis zur Entscheidung des Processes das Kind bei sich
-behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren können nach
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-England und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit
-mit dem Kinde zu flüchten und Dir es für immer zu
-entziehen. Folgst Du aber meinem Rath, scheidest Du
-mit dem Kinde von Dennhardt, ohne daß er es ahnt,
-so brauchen wir Nichts zu fürchten. Meine Vorsichtsmaßregeln
-habe ich so getroffen, daß er, selbst für den
-Fall, daß er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu
-Dir und dem Kinde gelangen wird.«</p>
-
-<p>Dieser Brief entschied. Fanny beschloß, am
-nächsten Tag mit dem Kinde ihren Gatten zu verlassen,
-und nur das Eine wollte sie noch thun, ihm noch einmal
-in einem zurückgelassenen Schreiben die Motive
-dieses Schrittes darlegen.</p>
-
-<p>Sie hatte die Zeilen, in welchen der Vicomte sie
-zugleich um eine Zusammenkunft für den Nachmittag
-in dem Café Tortoni gebeten, in den Vormittagsstunden
-empfangen, hatte dann in ihrem Schlafzimmer den
-für ihren Mann bestimmten Brief geschrieben und war,
-nachdem sie die kleine Mimi, welche ihren Nachmittagsschlummer
-hielt, zärtlich geküßt, ausgegangen. Wäre
-sie weniger mit dem Gedanken an ihre Flucht beschäftigt
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-gewesen und hätte sie das Wesen ihres Mannes an
-diesem Tage nur etwas schärfer beobachtet, so würde sie
-vielleicht nicht so ruhig und zuversichtlich auf das Gelingen
-ihres Planes das Haus verlassen haben.</p>
-
-<p>Walther stand am Fenster, als sie über die Straße
-ging, um in eine der an der Ecke haltenden Droschken
-zu steigen.</p>
-
-<p>Er blickte ihr nach, so lange sein Auge sie erreichen
-konnte.</p>
-
-<p>Dann, als auch der Saum ihres Gewandes nicht
-mehr sichtbar war, wendete er sich mit einer raschen
-Bewegung ab und strich sich mit der Hand leicht über
-die Augen.</p>
-
-<p>Blendete ihn der Sonnenstrahl des heiteren Decembertages
-oder perlte eine Thräne an seinen Wimpern?</p>
-
-<p>»Leb' wohl,« murmelte er, sich noch einmal nach
-dem Fenster wendend und die Hand nach der Gegend
-ausstreckend, wo Fanny verschwunden; »lebe wohl für
-immer!«</p>
-
-<p>Es war vier Stunden später ... Die Sonne
-sank hinab, und ihre letzten schwachen Strahlen vergoldeten
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-mit mattem Glanze die Höhen von Belleville.
-Eine Droschke rollte an das Haus, in welchem der
-Flüchtling wohnte. Fanny sprang aus dem Wagen
-und eilte die Treppe zu ihrer Wohnung hinan. Sie
-kam von der Unterredung mit dem Vicomte, und diese
-Nacht sollte unwiderruflich die letzte sein, welche sie und
-Mimi in der Wohnung Dennhardt's verleben sollten.</p>
-
-<p>Sie ist schon auf der letzten Stiege, dicht vor der
-Thür des Vorsaals, als sie sich von der Portière des
-Hauses angerufen hört.</p>
-
-<p>»Der Schlüssel, Madame,« ruft sie und eilt die
-Treppe hinan.</p>
-
-<p>»Ist mein Mann ausgegangen?« stammelt sie,
-von einer dunklen Ahnung, an deren Verwirklichung sie
-aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, »und wo ist
-mein Kind ... hat er es mitgenommen?« Und während
-sie Dies bebend spricht, hat sie schon, ohne die Antwort
-abzuwarten, die Thür geöffnet und stürzt über den Vorsaal
-nach dem Wohnzimmer.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-Mit zitternder Hast reißt sie die Thür auf, wirft
-einen Blick in das leere Zimmer und stößt einen lauten
-gellenden Schrei der Verzweiflung aus.</p>
-
-<p>»Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.«</p>
-
-<p>Sie wankt, und die bestürzte Portière, welche ihr
-gefolgt war, fängt sie in ihren Armen auf und läßt sie
-langsam auf den Divan niedergleiten.</p>
-
-<p>Aber diese Schwäche dauert nur einen Augenblick.</p>
-
-<p>Sie rafft sich empor und stürzt in das anstoßende
-Schlafzimmer. Ihr Blick fällt auf ein Blatt Papier,
-das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein Brief
-von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert,
-das Couvert des Briefes, welchen ihr der Vicomte
-diesen Morgen gesendet hatte.</p>
-
-<p>»Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen,«
-liest sie, »muß man auch sehr schlau und vorsichtig sein.
-Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das Andere,
-Du würdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des
-Briefes gewesen sein, dessen Couvert ich zurücklasse zum
-Beweise, daß mir Alles bekannt ist. Der Schlag, mit
-dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt bin,
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein
-Kind raubtet, er fällt auf Dich selbst zurück.</p>
-
-<p>»Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose
-That nicht geschehen lassen. Wenn ich auch längst den
-Verrath ahnte, den Du mir gegenüber begingst, so
-hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft
-der Herzen, keine Sympathie der Seelen
-vorhanden, da fällt auch die Gemeinschaft des Lebens.
-Aber daß Du mir mein Kind rauben wolltest, Das
-konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib.</p>
-
-<p>»Lebe wohl und sei glücklich, wenn Du es vermagst.
-Alles Forschen wird vergeblich sein &ndash; betrachte
-mich und das Kind für Dich gestorben. Es ist so am
-besten. In unserer Ehe hätte für das Kind ohnedieß
-kein Glück erblühen können. Kinderaugen sehen klar
-und scharf und erkennen nur zu bald, wenn Die, welche
-ihnen am nächsten stehen, auf getrennten Wegen wandeln.</p>
-
-<p>»Was wir an Hab und Gut besitzen, Das überlasse
-ich Dir.</p>
-
-<p>»Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem
-Schreibpulte finden. Ich behalte nur so viel als nöthig
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-ist, um mir eine Existenz zu schaffen, welche mir meinen
-und meines Kindes Unterhalt gewährt.</p>
-
-<div>
- <div class="ce">Lebe wohl für immer!</div>
- <div class="si">Walther Dennhardt.«</div>
-</div>
-
-<p>Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewußtlos
-zusammen, und die einzigen Worte, die sie stammeln
-konnte, waren:</p>
-
-<p>»Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.«</p>
-
-<p>Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf.
-Sie befahl der Portière die Wohnung zu schließen und
-die Schlüssel an sich zu halten und alle Briefe, die an
-sie einlaufen würden, in das Hôtel Grandlieu in der
-Rue de la Paix zu senden.</p>
-
-<p>Am Morgen des andern Tages verließ der Vicomte
-mit Fanny, die gestern Abend verstört und bleich
-zu ihm ins Hôtel Grandlieu mit den Worten gekommen
-war: »Schwöre mir, morgen Paris zu verlassen und
-mir mein Kind suchen zu helfen, und ich folge Dir bis
-an's Weltende,« auf der Nordbahn die Seinestadt.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-6. Stilles Leben.</h2>
-
-
-<p>Kennt Ihr die grünen Hügel von Morbihan?
-Jene Berge der alten Bretagne, auf deren Abhängen,
-in kleinen Dörfern und Weilern zerstreut, einfache
-Hirten und Bauern wohnen, an denen die Cultur von
-Jahrhunderten vorübergegangen ist, ohne einen Blick
-in ihre Hütten zu werfen? Dort, wo diese bretagnischen
-Berge von den Wellen des Meeres bespült werden, wenige
-Meilen von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes,
-dessen Bevölkerung zur Hälfte aus Hirten, zur Hälfte
-aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem Jahre
-der deutsche Flüchtling mit seinem Kinde.</p>
-
-<p>Es war in den Nachmittagsstunden eines milden
-Herbsttages, Anfangs October des Jahres 1850. Auf
-der Düne, deren Sand von den Strahlen der Sonne
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-erwärmt worden war, saß Walther Dennhardt mit
-seinem Kinde und blickte hinaus auf die unendliche See.</p>
-
-<p>Er hatte das Haupt in die Hand gestützt und
-lauschte dem geheimnißvollen Rauschen der Meereswogen,
-während Mimi zu seinen Füßen im Sande
-spielte. Sie hatte sich einen kleinen Garten gebaut, mit
-Beeten und Sträußern aus Seegras und Herbstblumen,
-die sie mit Papa auf dem Wege zur Düne gepflückt
-hatte.</p>
-
-<p>Das Kind liebte die Blumen leidenschaftlich. Zu
-jedem Maßliebchen und Veilchen bückte sie sich nieder,
-jeder Rose und jeder Lilie nickte sie einen Gruß zu, mit
-den blauen Kornblumen plauderte sie wie mit lebenden
-Gespielinnen, und von keinem Spaziergange kehrte sie
-zurück, ohne einen großen Strauß ihrer stillen Blumenfreundinnen
-mitzubringen.</p>
-
-<p>Die Kleine klatschte jetzt freudig in die Händchen.</p>
-
-<p>»Sieh, Papa,« rief sie, »mein Garten ist
-fertig.«</p>
-
-<p>Walther betrachtete mit heiterem Lächeln das frohe
-blühende Kind und sein Spielwerk.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-»Ach der schöne Garten, den meine Mimi sich gebaut
-hat,« sprach er und beugte sich zu der Kleinen
-nieder, die mit jenem Ausdruck glücklicher Zufriedenheit,
-den wir in seiner unverfälschten Reinheit nur bei Kindern
-finden, ihre strahlenden Blicke bald auf den kleinen
-Garten, bald auf ihren Vater richtete.</p>
-
-<p>Mit einem Male stand die Kleine auf und frug
-indem sie hinauf nach dem blauen wolkenlosen Himmel
-deutete:</p>
-
-<p>»Papa, haben die Engel im Himmel auch schöne
-Blumen wie wir?«</p>
-
-<p>»Noch viel schönere, mein Kind,« entgegnete
-Walther, den die Frage etwas überraschte, »die hellen
-Sterne, welche wir Abends sehen, sind lauter große
-goldene Blumen, die dort oben im Himmelsgarten
-wachsen.«</p>
-
-<p>»Ach! weißt Du was, Papa,« rief die Kleine
-indem sie ihren Papa recht ernsthaft anblickte, »dann
-will ich auch ein Engel werden.«</p>
-
-<p>Ein wehmüthiges Lächeln, das aber augenblicklich
-wieder verschwand, glitt über Walther's Züge.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-»Alle guten Menschen werden einmal Engel
-werden, meine Mimi, aber jetzt bleibst Du noch bei mir,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>Die Kleine nickte, und so verständig und ernsthaft,
-als habe sie den ganzen bedeutungsvollen Inhalt
-dieser Frage begriffen.</p>
-
-<p>Walther erhob sich und nahm die Kleine auf
-seinen Arm.</p>
-
-<p>»Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi,
-Du bist müde von dem weiten Wege. Morgen gehen
-wir wieder hieher und besuchen Deinen schönen Garten.«
-Und er schritt mit der Kleinen, welche das Köpfchen
-auf seine Schulter legte und ihre Arme um seinen
-Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er ein kleines
-einstockiges Haus bewohnte.</p>
-
-<p>Eine ältliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute
-sie nannten, die Witwe eines Schiffers, der auf einer
-Fahrt nach Westindien verunglückt war, besorgte seine
-häuslichen Geschäfte, während er selbst vollauf zu thun
-hatte, um für sich und sein Kind die Bedürfnisse des
-Lebens zu erwerben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedieß
-nicht bedeutenden Vermögen seiner Frau, das in
-einer Rente von vielleicht zweitausend Francs bestand,
-Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte
-bei der Trennung von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen
-als sechshundert Thaler, die Reste seines
-eigenen erworbenen Vermögens, welches während der
-revolutionären Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes
-in Paris bis auf diesen geringen Betrag aufgezehrt
-worden war.</p>
-
-<p>Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der
-Ankauf des kleinen Hauses mit dem daran befindlichen
-Gärtchen, die häusliche, wenn auch sehr bescheidene
-Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's
-Capital bis auf kaum hundert Francs aufgezehrt, und
-es galt jetzt die Aufbietung aller seiner Kräfte, wenn er
-nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten
-Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war
-zwar geheilt, aber für seinen Beruf war sie untauglich
-geworden. Als Bildhauer konnte er ferner nicht
-arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durch
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-schriftstellerische Thätigkeit eine neue Existenz zu gründen.
-Aber es war nur der Gedanke eines Augenblicks.
-Er erinnerte sich sofort aus der Zeit seines Aufenthalts
-in der deutschen Hauptstadt, wo er häufigen Umgang
-mit Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf
-nur von Denen gewählt werden darf, die dazu berufen
-sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft aufreibend derselbe
-ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht die Pflicht
-der Sorge für ein anderes Wesen obliegt, es wagen
-kann, sein Geschick an das seiner Feder zu knüpfen,
-während es ein großes Wagniß ist, auch die Geschicke
-Anderer daran zu fesseln.</p>
-
-<p>»Glauben Sie mir,« hatte ihm damals ein
-junger und talentvoller Schriftsteller gesagt, »unsere
-modernen Literaturzustände gleichen dem Labyrinthe
-mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen
-Wagehälsen reizt der geheimnißvolle Zauber, und
-Hunderte verirren sich und werden ein Opfer des lauernden
-Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit
-andern Namen bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz
-sich auf die Stirn setzen zu können und weiß
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-nicht, daß in dem Kranze Dornen verborgen sind,
-welche so tief stechen, daß die Meisten, während sie danach
-greifen und bevor der Lorbeer ihre Scheitel berührt,
-sich daran verbluten.«</p>
-
-<p>In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch
-thätig sein? Als Publicist hatte er in Frankreich und
-vollends in diesem einsamen Dorfe der Bretagne durchaus
-keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker
-oder Romanschriftsteller sich eine Stellung zu
-erringen, dazu, Das fühlte er, fehlte ihm die dichterische
-Begabung.</p>
-
-<p>Er vermied die Klippe, an welcher so Viele zu
-Grunde gehen, eine Klippe, die zwar nur in der
-eigenen Einbildung besteht, aber darum desto gefährlicher
-ist.</p>
-
-<p>Aber einen andern Gedanken ergriff er mit Lebhaftigkeit
-und setzte ihn mit der seinem Wesen eigenen
-Energie ins Werk.</p>
-
-<p>Als er eines Tages mit Mimi nach Vannes gefahren
-war, um dort einige nothwendige Einkäufe für
-seine kleine Wirthschaft zu besorgen, da hatte die Kleine
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-plötzlich in der Nähe der Kathedrale fröhlich in die
-Händchen geklatscht und ausgerufen: »Papa, Papa ...
-schöne Puppen.« Es war ein Tabuletkrämer, der auf
-seinem Tisch ein paar schlecht geformte Wachsfiguren
-stehen hatte, die Jungfrau Maria im Stalle zu Bethlehem
-mit dem Christuskind und den anbetenden drei
-Königen aus dem Morgenlande. Er frug nach dem
-Preise. Der Mann nannte ihm einen ungewöhnlich
-hohen.</p>
-
-<p>»Ist das Wachs hier zu Lande so theuer?« warf
-Dennhardt mit einem spöttischen Blick auf die schlecht
-gearbeiteten Figuren hin.</p>
-
-<p>»Das Wachs nicht, Herr, aber die Leute, welche
-solche Sachen machen!«</p>
-
-<p>»Und würde man, wenn diese Figuren wohlfeiler
-wären, viel davon verkaufen?«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr, besonders zur Weihnachts- und
-Osterzeit.«</p>
-
-<p>Dennhardt dankte dem Manne für die Auskunft
-und meinte, vielleicht würde er bald von ihm hören.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-Sein Plan war rasch gefaßt. Konnte er auch
-nicht mehr als Bildhauer arbeiten, so war ihm doch
-noch die Möglichkeit geblieben, sein plastisches Talent
-im Formen weicher Stoffe zu verwerthen.</p>
-
-<p>Er kaufte in Vannes Wachs und ging den nächsten
-Tag schon an die Arbeit.</p>
-
-<p>Als er die erste Gruppe, die Geburt unseres Heilandes
-darstellend, fertig hatte, rief er seine alte Dienerin,
-welche mit Mimi im Garten war.</p>
-
-<p>»Wie gefällt Euch das, Mama Poisson?« Das
-Kind wollte die Figuren küssen und herzen, und die
-alte Frau schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.</p>
-
-<p>»Glaubt Ihr,« frug Dennhardt lächelnd weiter,
-»daß man mir diese Figuren in Vannes abkaufen
-wird?«</p>
-
-<p>»Und wenn Ihr so viel hättet, als es Schafe und
-Lämmer auf den Hügeln von Morbihan giebt, Ihr
-würdet keine einzige übrig behalten.«</p>
-
-<p>Die alte Frau hatte nicht ganz Unrecht. Die
-Wachsfiguren, welche Dennhardt, theils in Gruppen,
-theils als Einzelgestalten bildete, fanden in Vannes
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-Abnahme über Abnahme. Dennhardt stellte nach und
-nach die ganze biblische Geschichte in ihren Hauptmomenten
-bildlich dar. Die Gegend um Vannes ist streng
-katholisch, und diese religiöse Richtung der Bevölkerung
-begünstigte sehr den Absatz der kleinen, zierlich aus buntem
-Wachs gearbeiteten Figuren Dennhardt's.</p>
-
-<p>Für die kleine Mimi war diese Beschäftigung
-ihres Vaters eine unerschöpfliche Quelle der Freude und
-des Vergnügens.</p>
-
-<p>Da sie mit den andern Kindern nur wenig Umgang
-hatte, schon deßhalb nicht, weil Dennhardt, der
-mit der Kleinen nur die Muttersprache, sein geliebtes
-Deutsch, sprach, nicht wollte, daß das Kind eher des
-Französischen mächtig würde, bevor es sich im Deutschen
-verständlich ausdrücken konnte, so waren die Wachspuppen
-ihre vorzüglichsten Spielgenossen.</p>
-
-<p>Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten,
-gab einer Jeden täglich ihre Portion Essen, die
-dann natürlich, wie es die heidnischen Priester mit den
-Opfermahlzeiten ihrer Götter thaten, von der Darspenderin
-selbst verzehrt wurde, sie brachte sie zu Bett,
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-sang ihnen Liedchen vor und deckte sie jeden Abend
-sorglich zu, damit die armen kleinen Pipi's, wie sie zu
-ihrem Vater sagte, in der Nacht nicht frören und sich
-erkälteten.</p>
-
-<p>So verging Monat auf Monat und die Kleine
-wurde mit jedem Tage verständiger, wenn man eine
-gewisse Sinnigkeit ihres Wesens so nennen darf.</p>
-
-<p>An ihrem Vater oder »Papa,« wie sie ihn nur
-nannte, hing sie mit einer unbeschreiblichen Zärtlichkeit.</p>
-
-<p>War Dennhardt, was selten, aber doch zuweilen
-vorkam, ohne Mimi ausgegangen, vielleicht in die Nachbarschaft,
-um irgend Etwas, was er zu seinen Arbeiten
-bedurfte, zu holen, und Mimi saß unter der Aufsicht
-der alten Mama Poisson vor der Thür und erblickte
-ihn von weitem, dann flog sie ihm, so schnell als es
-ihre kleinen Füße vermochten, mit flatternden Locken,
-glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen mit dem
-Rufe: »Mein Papa kommt ... mein Papa kommt&nbsp;...«
-entgegen.</p>
-
-<p>Fand sie auf den Spaziergängen eine schöne
-seltene Blume, so pflückte sie dieselbe nicht eher, als
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-bis der Papa sie bewundert hatte, und sie schlief an
-keinem Abende ein, ohne ihren Papa geküßt und geherzt
-zu haben.</p>
-
-<p>Für Walther aber war das Kind der Inbegriff
-aller irdischen Glückseligkeit. Alle seine Empfindungen,
-Gedanken, all sein Thun, Handeln drehte sich um seine
-kleine Mimi. Das Stück französischer Erde, auf welcher
-er mit ihr lebte, war für ihn die Welt; was hinter
-diesen bretagnischen Bergen lag, hatte er Alles vergessen.</p>
-
-<p>Die Kämpfe der Parteien wie die Leidenschaften
-des Herzens, sie hatte er jenseits der grünen Hügel von
-Morbihan gelassen und Nichts aus der früheren Zeit
-mit herüber genommen, als die Liebe zu seinem Kinde.
-Gewiß lieben alle Eltern ihre Kinder, wenn sie keine
-Rabenherzen im Busen tragen, aber diese Liebe
-Walther's zu seiner kleinen Mimi war doch noch ganz
-anderer Art.</p>
-
-<p>Schon ehe das Kind geboren war, liebte er es, und
-während die Wünsche der Väter in der Regel auf einen
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Knaben gerichtet sind, wünschte er, daß es eine Tochter
-sein möchte.</p>
-
-<p>Als nun sein Wunsch erfüllt wurde, da war er so
-glücklich, so wie es vielleicht ein Jüngling ist, dem endlich
-aus dem Munde der unendlich Geliebten das Wort
-der Erhörung wird.</p>
-
-<p>Jetzt nun vollends, wo die Kleine das einzige
-Wesen war, welches er sein nennen konnte, jetzt hing er
-mit allen Lebensfasern an ihr und sie war der Mittelpunkt,
-um welchen sich alle seine Gefühle, Empfindungen,
-Gedanken, Entwürfe drehten.</p>
-
-<p>Einst, als er mit ihr am Meeresstrande stand,
-auf jener Düne, wo er an jenem Herbstnachmittag mit
-dem Kinde saß und spielte &ndash; es war sein liebster Ort,
-den er bei seinen Spaziergängen stets besuchte &ndash;
-frug Mimi, hinüber zu der unendlichen Meeresfläche
-deutend:</p>
-
-<p>»Papa, wohnen da drüben über dem großen
-Wasser auch Leute?«</p>
-
-<p>»Gewiß, mein Kind, viele, viele tausend Menschen
-wohnen dort. Das Land, in welchem sie leben, nennt
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-man England. Wenn Du groß geworden bist, meine
-Mimi, fahren wir einmal zusammen auf einem Schiffe
-hinüber und sehen uns die Leute und ihre Städte an.«</p>
-
-<p>Das Kind hatte still und mit einer gewissen andächtigen
-Miene den Worten des Vaters gelauscht.</p>
-
-<p>Dann hob es sein Köpfchen mit den blonden
-weichen Locken und den lieben braunen Augen zu dem
-Vater empor und sprach mit einem Ausdruck kindlichen
-Ernstes, der gerade, weil er aus einem so jugendlichen,
-lebensfrischen Munde kam, einen rührenden Eindruck
-erzeugte:</p>
-
-<p>»Weißt Du was, Papa, ich will gar nicht groß
-werden ... ich will Deine kleine Mimi bleiben.«</p>
-
-<p>Ein Gefühl urplötzlich aufsteigender Wehmuth bemächtigte
-sich seiner bei diesen Worten des Kindes und
-er vermochte nicht eine Thräne, die sich hervordrängte,
-zu unterdrücken.</p>
-
-<p>»Nicht weinen, Papa,« bat Mimi, indem sie ihre
-Händchen bittend emporstreckte und als Dennhardt sie
-zu sich empor hob, legte sie ihr Lockenköpfchen an des
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Vaters Wange und sprach: »Du bist mein bester, guter
-Herzenspapa.«</p>
-
-<p>Und dann fing sie an zu lachen und zappelte lustig
-vom Arme des Vaters herab, lief jauchzend hinter einem
-Schmetterling her und jubelte laut auf, als sie während
-dieser Verfolgung in dem weichen Sand stolperte und
-sanft von der Düne herabrollte, gerade in die ausgebreiteten
-Arme ihres Papa.</p>
-
-<p>So schwand Monat nach Monat dahin. Dennhardt
-fühlte sich so glücklich, wie es noch nie in seinem
-Leben der Fall gewesen.</p>
-
-<p>Es liegt eine so stille, friedliche Seligkeit in der
-Liebe zu einem Kinde, zu einem so unschuldigen und
-hülflosen Wesen, es verbreitet sich aus diesem Gefühl
-ein so sanfter, ruhiger Friede über den ganzen Menschen,
-über all sein Denken, Thun und Handeln, daß alle
-andern Empfindungen des Herzens dagegen als aufreibende
-Leidenschaften erscheinen.</p>
-
-<p>Im schnellen Wechsel fliegen die Jahreszeiten
-dahin. Wenn der Sommer mit seinem bunten Farbenschimmer
-von Blumen und Blüthen, mit seinem grünen
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Schmelz der Wiesen, mit seinem blauen Himmel und
-goldnen Sonnenlicht dahingegangen war und der
-Herbst mit seinen kalten Regengüssen, seinen Stürmen
-auf dem Meere ihm folgte, und Dennhardt mit seinem
-Kinde daheim bei der knisternden Flamme des Kamins
-bleiben mußte, dann brach für die kleine Mimi eine
-Zeit neuen märchenvollen Glückes an.</p>
-
-<p>»Papa, erzähle mir eine Geschichte!« Mit diesen
-Worten erwachte sie früh in ihrem Bettchen, das dicht
-neben dem ihres Vaters stand, und mit diesen Worten
-ging sie schlafen.</p>
-
-<p>Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich
-zugedeckt, an ihr Lager, nahm ihre kleine, weiche,
-warme Hand in die seinige und erzählte ihr lauter
-kleine, das Kind mächtig fesselnde Geschichtchen aus
-seiner Jugend, wie er noch ein kleiner Junge war, von
-seinem lieben Schwesterchen Helene, die so bald gestorben
-und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie
-»Anna« nannte, mit in den Sarg gegeben, und von
-den grünen Wäldern in Thüringen, in welchen allerlei
-wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde Schweine,
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Luchse und Dachse, Geschöpfe, welche die Kleine nur
-aus ihren Bilderbüchern kannte. Am meisten aber
-interessirte sie die Erzählung von dem getreuen Eckard,
-der auch in den thüringischen Wäldern lebt und die
-Kinder beschützt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser.
-Sie war unermüdlich im Anhören dieser Erzählungen,
-und oft flüsterte sie, endlich doch vom
-Schlafe übermannt, während sich ihre Augen schon
-schlossen und sie sich in die Kissen vergrub, noch mit
-leiser Stimme: »Papa, noch eine Geschichte&nbsp;...« und
-war in der nächsten Minute fest eingeschlummert.</p>
-
-<p>So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem
-Leben. Mimi war fünf Jahre alt geworden und
-plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde
-Alles heraus, was ihr Herz bewegte.</p>
-
-<p>Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, während sie
-mit der alten Mutter Poisson Französisch plauderte.</p>
-
-<p>Es gab Dennhardt, trotzdem daß er glaubte
-Alles überwunden zu haben, doch einen scharfen
-Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimi
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-zu der alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem
-Hause auf und ab ging, sagen hörte:</p>
-
-<p>»<i>Ma chère mère, reposons-nous un moment
-sur ce banc de gazon.</i>« (Meine gute Mutter, laß
-uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.)</p>
-
-<p>»<i>Ma chère mère!</i>« Armes Kind, das nie wieder
-die Stimme der Mutter hören sollte! Eine Erinnerung
-an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine
-nicht zu haben, wenigstens erwähnte und frug sie niemals
-danach. Freilich war sie auch, als Walther mit
-ihr Paris verließ, noch nicht zwei Jahre alt gewesen,
-und die Veränderung des Wohnorts, die Reise, die
-neuen tausendfachen Eindrücke der Außenwelt auf die
-junge erwachende Kindesseele verscheuchten schon in der
-ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in
-ihrem Gedächtniß befunden hatten. Als sie endlich das
-Französische sprechen gelernt, hatte sie in den zwei
-Kindern eines Lootsen, der früher lange als Obersteuermann
-auf einem Kriegsschiff gedient und in
-dem Hause nebenan wohnte, ein paar Gespielinnen
-erhalten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter
-wie Mimi, doch viel schüchterner, blöder als die Kleine.
-Der Lootse, sonst ein ganz braver Mann, hatte noch
-immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und
-ließ die Kinder nicht selten seine schwere Hand fühlen,
-während Mimi bei aller ihrer Kindlichkeit sich so ruhig,
-sicher, so selbstständig bewegte, daß der Unterschied sofort
-in die Augen sprang.</p>
-
-<p>Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese
-liebenswürdige Sicherheit und Unbefangenheit, die sie
-selbst größern Personen gegenüber zeigte.</p>
-
-<p>Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an
-einer Gruppe, welche für eine Capelle in der Nachbarschaft
-bestellt war, spielte sie mit Pauline und Lisette
-und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten
-ihres Hauses.</p>
-
-<p>Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und
-verursachten ein wenig Lärm, welcher den Feldhüter
-oder Flurschützen des Orts, der eben aus der Schenke
-kam, einen griesgrämigen Patron, störte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Der Flurschütz ist für die Kinder in den französischen
-Dörfern dieselbe Popanzfigur, wie es der Polizeidiener
-unserer kleinen deutschen Städte für die liebe
-Gassenjugend ist.</p>
-
-<p>Der rothe Streifen an der Mütze und am Kragen
-hat diesseits wie jenseits des Rheins dieselbe Wirkung:
-die Kinder flüchteten, als sie den Mann mit der Flinte
-über dem Rücken und den Stock drohend erhebend daher
-kommen sahen, nach links und rechts in die benachbarten
-Häuser.</p>
-
-<p>Nur Mimi blieb mit ihrer Puppe im Arm ruhig
-in der Mitte der Straße stehen.</p>
-
-<p>»Heda, Du kleiner Balg,« rief der Flurschütz mit
-einer drohenden Bewegung die Hand erhebend, »willst
-Du machen, daß Du fort kommst?«</p>
-
-<p>Die Kleine rührte sich nicht, sondern blickte dem
-Mann mit ihren großen strahlenden Augen fest ins Gesicht.</p>
-
-<p>»Nun, wird es werden?« schrie er erbost, »oder
-soll ich Dich fortprügeln?«</p>
-
-<p>»Mein Papa hat gesagt, ich soll hier spielen, und
-was mein Papa gesagt hat, Das thue ich, und wenn
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-Du mich prügelst, dann schießt Dich mein Papa mit
-seiner Flinte todt.«</p>
-
-<p>Der Mann erschrack fast, als das kleine fünfjährige
-Mädchen ihm mit solcher Ruhe und Bestimmtheit
-vom Todtschießen sprach.</p>
-
-<p>»Dein Papa?« brummte er, »und wer ist Dein
-Papa?«</p>
-
-<p>»Die Leute nennen meinen Papa Herrn Dennhardt
-und ich bin Mimi Dennhardt.«</p>
-
-<p>»Ah! die Tochter von dem deutschen Réfugié,«
-murmelte der Feldwächter, indem er einen scheuen Blick
-nach dem Hause Dennhardt's warf, »er soll ein verwegener
-Bursche sein und in Deutschland bei einem
-Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht haben.«
-Ein derartiges Märchen gehörte zu den Gerüchten,
-welche sich über Dennhardt's Betheiligung an der Revolution
-bei einigen leichtgläubigen und neugierigen
-Schwätzern verbreitet hatten und sehr wohl in einem
-Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit dem Begriff
-der Revolution auch zugleich der der Guillotine
-und der Niedermetzelung der Aristokraten verband.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche
-Gerücht für Mimi indessen das Gute, daß der Feldwächter,
-ein Poltron, für welchen von jeher der ernste
-Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart
-etwas Zurückscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt,
-die Kleine ungehindert weiter spielen ließ und nur beim
-Weitergehen mit den halblaut gemurmelten Worten:
-»Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich
-aber morgen wieder hier treffe, so wirst Du mich kennen
-lernen,« seine gefährdete Autorität rettete.</p>
-
-<p>Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt,
-das er ihr stets mitbrachte, wenn er in Vannes
-gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen Silberstimme
-ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei.</p>
-
-<p>War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft
-in drei Theile, war es ein Spielwerk, dann
-mußten die Kinder ebenso damit spielen, als wäre es
-das ihrige. Mitunter kam es vor, daß die Kleinen,
-schüchtern und blöde, wie sie in Folge der strengen
-Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die Annahme
-dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten;
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-dann aber gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche
-Aufregung und versuchte oft mit Gewalt die Kinder
-zur Annahme zu zwingen, was schließlich Geschrei und
-Thränen zur Folge hatte. Dann kam gewöhnlich Dennhardt
-herbei und überwand durch Zureden die Blödigkeit
-der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi
-darbot, dann war die Kleine wieder so außer sich vor
-Freude, daß sie die Kinder stürmisch umarmte, küßte
-und mit allerlei Schmeichelnamen nannte.</p>
-
-<p>Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den
-Frauen, stand Mimi in großer Gunst. Sie war der
-erklärte Liebling der jungen Mütter, welche bereitwillig
-die liebliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit des
-fremden Kindes anerkannten.</p>
-
-<p>Viel trug auch Dennhardt's Wohlthätigkeit dazu
-bei, der bei seinem überreichen Verdienst manche Gabe
-in die Hütten der Armuth sendete und als Geberin
-gewöhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so
-daß das Kind, wenn es über die Schwelle einer armseligen
-Hütte trat, von den Bewohnern wie ein kleiner
-rettender Engel begrüßt wurde.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-7. Das Räthsel des Lebens.</h2>
-
-
-<p>Es war im Sommer, wenige Wochen vor
-Mimi's sechstem Geburtstage. Eine dumpfe Schwüle
-lag auf dem kleinen Orte, überall sah man traurige
-und verweinte Gesichter. Der Todesengel war eingezogen
-in dem Dorfe und hielt eine reiche Ernte
-unter den lieblichsten Blumen der Menschheit, unter
-den Kindern.</p>
-
-<p>Es war eine bösartige Epidemie, eine jener verheerenden
-Krankheiten, welche an die düstere blutige
-Sage von dem Würgengel erinnern.</p>
-
-<p>Auch Mimi war von der Krankheit ergriffen
-worden und lag schon einige Tage hart darnieder.</p>
-
-<p>Dennhardt wich nicht einen Augenblick von ihrem
-Bette. Gleich als sich die ersten Symptome des Fiebers
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-zeigten, hatte er einen reitenden Boten nach Vannes
-geschickt und den tüchtigsten Arzt der Stadt holen lassen,
-der auch wenige Stunden später erschien.</p>
-
-<p>Wie ein Sterbender, mit dem Ausdruck tiefster
-Seelenangst in den verstörten Zügen trat ihm Dennhardt
-unter der Hausthüre entgegen.</p>
-
-<p>»Retten Sie mir mein Kind, Doctor,« sprach er
-mit bebender Stimme, indem er ihm seine zitternde
-Hand entgegenstreckte, »meine Mimi&nbsp;...« Er konnte
-nicht mehr sprechen, die Stimme versagte ihm.</p>
-
-<p>Der Arzt, welcher Dennhardt von seinen Besuchen
-in Vannes her kannte und sich, schon weil er
-politischer Gesinnungsgenosse des deutschen Flüchtlings
-war, zu Dennhardt hingezogen fühlte und ihn
-bei näherer Bekanntschaft auch wegen der Bravheit
-seines Charakters hoch schätzen gelernt, war im ersten
-Augenblick ganz überrascht von dieser tiefen Bewegung
-Dennhardt's.</p>
-
-<p>Wußte er auch, daß der Bildhauer sein Kind auf
-das zärtlichste liebte, so hätte er doch nimmer in dem
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-ernsten ruhigen Manne eine solche Weiche des Gefühls
-vermuthet.</p>
-
-<p>»Fassen Sie sich, mein Lieber, man darf, so lange
-der Odem des Menschen aus- und eingeht, nie verzagen,
-am Wenigsten aber bei den Krankheiten der
-Kinder, wo die Heilkraft der Natur, viel häufiger als
-es von dem klügsten Arzt erwartet wird, Genesung fast
-urplötzlich bringt.«</p>
-
-<p>Er trat an das Bett der Kleinen, die in einer
-Art Halbschlummer lag. Dennhardt's Auge hing an
-des Arztes Mienen, und es entging ihm nicht, wie
-diese, trotz der Selbstbeherrschung des Mannes, einen
-sehr ernsten, bedenklichen Charakter annahmen.</p>
-
-<p>»Das Kind ist krank ... sehr krank,« sprach er
-vom Bett zurücktretend in leisem Tone zu Dennhardt,
-welcher mit vor Aufregung laut hämmerndem Herzen
-dem Arzte gewissermaßen jedes Wort von den Lippen
-nahm, »indessen man darf noch nicht die Hoffnung aufgeben.
-Vor allen Dingen sorgen Sie dafür, daß die
-Arznei, welche ich verschreibe, rasch geholt wird.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-»Nicht alle Hoffnung aufgeben,« wiederholte
-Dennhardt mit erloschener Stimme und einem Blicke
-verzweifelter Seelenangst, »o, ich weiß, was diese Worte
-in dem Munde eines Arztes bedeuten.«</p>
-
-<p>»Muth, Muth, Mann,« tröstete der Doctor,
-»und vor Allem die Arznei. Ich komme morgen mit
-dem Frühesten wieder, für außerordentliche Fälle
-wenden Sie sich an den Doctor Godin, der ganz in
-der Nähe, eine Viertelstunde von hier, auf seinem
-Landgute lebt. Er prakticirt zwar nicht mehr, aber hier
-wird er eine Ausnahme machen, ich will im Vorbeifahren
-selbst mit ihm sprechen. Gott stehe Ihnen bei,
-mein Freund!« Mit diesen Worten verabschiedete sich
-der Arzt.</p>
-
-<p>In tödtlicher Spannung und Ungewißheit vergingen
-einige Tage. Täglich kam der Doctor und täglich
-wußte er für das von Todesqualen erfüllte Herz des
-Vaters keine andere Antwort, als die furchtbaren Worte:
-»Das Kind ist sehr krank ... indessen man darf die
-Hoffnung noch nicht aufgeben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Zehn entsetzlich peinvolle Tage und Nächte waren
-so dahingegangen. Dennhardt's Augen hatten sich
-während dieser Zeit auch nicht auf eine Minute zum
-Schlafe geschlossen. Eine alle Nerven und Fibern aufregende,
-gewöhnliche menschliche Kraft weit übersteigende
-Willensmacht erhielt ihn munter.</p>
-
-<p>Er wich nicht einen Augenblick von Mimi's Bett,
-und sein Auge überwachte die geringste Bewegung des
-Kindes.</p>
-
-<p>Es war in der elften Nacht ihrer Krankheit ...
-die Gewalt des Fiebers, welches gegen Abend nachgelassen,
-hatte sich eine Stunde vor Mitternacht wieder
-heftig gesteigert, der Puls flog in stürmischer Eile ...
-der Athem war kurz und beklommen&nbsp;...</p>
-
-<p>»Papa,« sagte plötzlich das Kind, welches während
-der Krankheit meist stumm und theilnahmlos
-gegen seine Umgebung sich verhalten hatte, »Papa ...
-ich kann gar nicht Luft bekommen.«</p>
-
-<p>Es war des Kindes erste Klage, aber sie traf
-Dennhardt wie der Stoß eines glühenden Schwertes
-mitten in das Herz hinein!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-»Meine gute, liebe Mimi,« sprach er mit halberstickter
-Stimme, die Kleine sanft emporrichtend und
-das Bett aufschüttelnd, »ich will Dir ein Kissen unterlegen,
-Du liegst so niedrig, dann wirst Du auch leichter
-athmen können.«</p>
-
-<p>Aber er konnte es nicht verwehren, daß ihm zwei
-Thränen über die Wangen liefen, trotz seiner Anstrengung
-dem Kinde seinen Schmerz zu verbergen.</p>
-
-<p>Die Kleine sah die Thränen.</p>
-
-<p>»Nicht weinen, Papa,« sagte sie mit ihrer leisen,
-weichen Stimme und indem sie mit ihren glänzenden
-Augen aufmerksam ihres Papa's Züge betrachtete.
-Dann wendete sie sich auf die andere Seite und verfiel
-wieder in jenen dumpfen Halbschlummer, in welchem
-weder die Phantasie, noch der Körper ruht, und der
-nicht sowohl stärkend, als vielmehr erschöpfend wirkt.</p>
-
-<p>Nach Mitternacht steigerten sich die fieberhaften
-Erscheinungen und die Beklemmungen beim Athmen so,
-daß Dennhardt einen Boten nach dem Doctor Godin
-schickte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Dieser kam und hatte kaum einen Blick auf das
-Kind geworfen, als er eilig nach Blutegeln verlangte.</p>
-
-<p>Man holte sie beim Dorfbader und setzte der
-Kleinen, die Alles geduldig ertrug, drei der schwarzen
-häßlichen Thiere in die Nähe des Herzens.</p>
-
-<p>Da wurde die Thüre geöffnet und die junge Lootsenfrau
-erschien weinend auf der Schwelle und bat den
-Doctor, von dessen Ankunft sie gehört, zu ihrem todtkranken
-Kinde, ihrer Lisette, zu kommen.</p>
-
-<p>»Auf der Stelle komme ich,« entgegnete der
-menschenfreundliche alte Arzt, der längst der Praxis
-entsagt hatte und nur aus Humanität seine Dienste
-der leidenden Menschheit widmete, »ich werde gleich zurück
-sein, lieber Freund.«</p>
-
-<p>Er ging und Dennhardt blieb allein mit der
-Mutter Poisson bei seinem Kinde zurück.</p>
-
-<p>Es war eine dumpfe und schwüle Nacht. Ueber den
-Bergen wie über dem Meere hingen dunkle Wetterwolken,
-und am fernsten Horizonte, da wo Wasser
-und Himmel sich zu vermählen scheinen, leuchteten
-schon feurige Blitze. In der Stube brannte nur die
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-schwache Flamme einer mit einem grünen Schirm umgebenen
-Lampe, da das Kind sich vom Anfang der
-Krankheit an gegen den hellen Lichtschimmer empfindlich
-gezeigt hatte.</p>
-
-<p>Kein Geräusch in dem Zimmer, als des Kindes
-rasche Athemzüge und das hörbare Hämmern und
-Klopfen des kleinen Herzens.</p>
-
-<p>Dennhardt kämpfte vergebens gegen den Ausbruch
-eines Schmerzes, den er lange unterdrückt hatte, der
-aber endlich mit Gewalt hervorbrach und in heißen
-Thränenströmen über seine Wangen fluthete.</p>
-
-<p>Es war jenes stille Weinen einer kräftigen Männernatur,
-die unverzagt im Sturm und Wetter steht,
-die selbst mit zerbrochenem Schwerte und aus zehn
-Wunden blutend noch die Schlacht des Lebens gegen
-den äußern Feind schlägt, die aber weich wird wie eine
-Kinderseele, wenn des Schicksals Hand an das Herz
-greift und von diesem Herzen das einzige Wesen reißt,
-an welchem es mit allen Fasern hing.</p>
-
-<p>Hab und Gut, Vaterland und Beruf, Weib und
-Lust des Lebens hatte Dennhardt in seinem Kampfe
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-für die großen Ideen der Freiheit verloren, es hatte
-ihn nicht erschüttern können, selbst die Trennung von
-Fanny hatte ihn kaum eine Thräne gekostet, denn sie
-hatte ja nicht ohne ihre eigene Schuld aufgehört das
-Weib seiner Liebe zu sein; aber dieser drohende Verlust
-seines Kindes, seiner kleinen lieben Mimi, ergriff ihn
-mitten an seine Lebensnerven, er ließ ihn zusammenbrechen.</p>
-
-<p>Schmerzliches, aber zugleich rührendes Beispiel
-der Hinfälligkeit menschlicher Kraft, der Ohnmacht
-menschlicher Größe, gegenüber dem Walten eines ewigen,
-allmächtigen Wesens, dessen Natur für uns unbegreiflich
-ist, das wir nur in seinen Schöpfungen ahnen können,
-dessen Macht aber jede Creatur anerkennen muß und
-stände sie auf der obersten Stufenleiter, auf der letzten
-Sprosse der Schöpfung, und wäre sie auch geschaffen
-nach dem Bilde des ewigen unbegreiflichen Wesens,
-mit der Gottähnlichkeit.</p>
-
-<p>Ein leiser Ruf des Kindes weckte den unglücklichen
-Vater aus der dumpfen Betäubung, welcher dem Ausbruch
-seiner Thränen gefolgt war. Es war dieselbe
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-frühere sanfte Klage der kleinen Mimi, die einzige,
-welche sie laut werden ließ:</p>
-
-<p>»Papa, ich kann gar nicht Luft bekommen.«</p>
-
-<p>»O Gott, Gott!« seufzte der unglückliche Vater
-aus der Tiefe seines Herzens und sandte einen verzweifelten
-Blick zum Himmel empor, »von aller der
-Luft, welche uns umweht, hat mein armes Kind nicht
-so viel, um athmen zu können.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke kam der Doctor Godin
-aus dem Nachbarhause zurück.</p>
-
-<p>»Saugen die Blutegel noch?« frug er schon
-unter der Thür.</p>
-
-<p>Eins der Thiere war abgefallen und die nachblutende
-Wunde hatte, ohne daß Dennhardt in seinem
-Schmerze es bemerkt, die weißen Linnen des Bettes
-blutig gefärbt.</p>
-
-<p>»Barmherziger Gott!« rief er mit halb erstickter
-Stimme, »was ist Das? ... das Kind verblutet sich.«</p>
-
-<p>»Still,« sprach der Arzt mit einer ernsten
-Geberde, »wenn auch Das nicht zu befürchten ist, so
-muß die Blutung doch schnell gestillt werden.« Und er
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-zog aus einem kleinen Etui eine Federspule hervor,
-mit welcher er rasch die blutende Wunde berührte.</p>
-
-<p>Aber bei der ersten Berührung stieß das Kind
-einen so heftigen, durchdringenden Schrei aus, daß
-Dennhardt zusammenzuckend des Arztes Hand faßte
-und sie krampfhaft drückte.</p>
-
-<p>»Papa ... Papa ... der alte Mann sticht mich,«
-schrie das Kind mit verwirrter, ängstlicher Geberde
-und abwehrenden Händen, »jag' ihn fort, Papa ...
-jag' ihn fort&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Seien Sie ein Mann,« flüsterte der Arzt dem
-Erbleichenden zu, auf dessen Stirn Angsttropfen perlten,
-»es ist Nichts ... ein kurzer, vorübergehender
-Schmerz ... die Gefahr, welche durch den Blutverlust
-entsteht, ist nicht gering.« Und wieder versuchte er mit
-dem kleinen Stift der Spule die Wunde zu berühren.</p>
-
-<p>»Mein süßer ... süßer Papa,« schrie die Kleine
-auf, sich angstvoll in dem Bettchen emporschnellend und
-die Arme nach ihrem Vater, der zu Häupten des Bettes
-stand, ausbreitend, »der böse Mann ... der böse
-Mann ... jag' ihn fort ... jag' ihn fort, Papa.«
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-Und sie schlang ihre Händchen mit entsetzten Blicken
-um ihres Papa's Nacken.</p>
-
-<p>Das Blut aber rann immer noch in kleinen
-Strömen aus der Wunde.</p>
-
-<p>»Barmherziger Gott, Doctor, giebt es kein
-anderes Mittel die Blutung zu stillen?«</p>
-
-<p>»Versuchen Sie es selbst,« sprach der Doctor
-tief bewegt, »hier ... nehmen Sie den Stift ...
-touchiren Sie.«</p>
-
-<p>Mit zitternder Hand nahm Dennhardt die Spule
-mit dem Höllensteinstift und flüsterte mit bebender
-Stimme dem zitternden Kinde zu:</p>
-
-<p>»Es ist Nichts, meine kleine süße Mimi. Du
-wirst auch bald wieder gesund und dann gehen wir
-zusammen.« Und er berührte die Wunde.</p>
-
-<p>»Papa ... Papa ... Du stichst mich. Ach ...
-Papa.«</p>
-
-<p>Der Stift entfiel seiner Hand.</p>
-
-<p>»Ich kann nicht mehr ... Doctor ... O Gott,
-Gott!« Der Unglückliche wankte und wäre zu Boden
-gestürzt, wenn ihn der Arzt nicht aufrecht erhalten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-»Beruhigen Sie sich ... fassen Sie Muth,«
-raunte er dem Verzweifelten zu, »Ihre Hand traf
-sicherer als die meinige, die das Alter zitternd machte.
-Das Blut steht ... etwas Charpie aufgelegt, und wir
-haben Nichts weiter zu befürchten.«</p>
-
-<p>Das Kind war indessen auch ruhiger geworden
-und schloß die Augen zu einem kurzen Schlummer,
-während Dennhardt todtmüde an Geist und Körper,
-blutend aus der tiefsten Herzenswunde, welche ihm der
-Schmerz dieser qualvollen Nacht geschlagen, auf seinen
-Sitz neben dem Bett zurücksank und lautlos vor sich
-hinstarrte.</p>
-
-<p>»In zwei Tagen,« sagte der alte Doctor, von
-dem schmerzerfüllten Vater Abschied nehmend, »wird
-die Entscheidung eingetreten sein ... bis dahin, mein
-alter Freund, Geduld und Ruhe.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Der Tag brach an, ein drückend heißer Augusttag
-... die Gewitter der verflossenen Nacht hatten die
-Gluth nur wenig abzukühlen vermocht, die Sonne
-warf von dem wolkenlosen blauen Himmel sengende
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Strahlen auf die Erde herab, die Luft stand still, nicht
-der leiseste Windhauch bewegte sie.</p>
-
-<p>Trotz der herabgelassenen Gardinen, der geöffneten
-Thür, welche auf den kühlen Vorsaal des Hauses
-führte, und trotz der Sprengung mit Wasser und Essig
-herrschte in dem Zimmer, wo die kleine Kranke lag,
-doch eine schwüle Atmosphäre.</p>
-
-<p>Mimi war eben wieder eingeschlummert, die alte
-Mutter Poisson saß mit rothgeweinten Augen am Bett
-des Kindes und scheuchte mit einem Baumzweig die
-zudringlichen Fliegen ab, welche das Haupt des Kindes
-umschwirrten.</p>
-
-<p>Dennhardt war hinaus in den Garten gegangen,
-um einen Strauß Blumen zu brechen.</p>
-
-<p>Es war heute Mimi's Geburtstag, heute vor
-sechs Jahren hatten ihre Augen zum ersten Mal das
-freundliche Licht der Sonne erblickt.</p>
-
-<p>Sonst war Mimi's Geburtstag immer als ein
-hoher Festtag in dem kleinen Hause gefeiert worden;
-Dennhardt hatte stets an diesem Tage die Nachbarkinder
-zu sich geladen und Mimi dabei mit liebenswürdiger
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Gravität die Honneurs als Wirthin gemacht
-und die Kinder mit Kuchen, Chocolade, Obst, Apfelwein
-und anderen Leckereien bewirthet.</p>
-
-<p>Und heute nun! Welcher Unterschied zwischen
-heute und dem Geburtstage voriges Jahr!</p>
-
-<p>Damals blühend wie eine Rose, dahin flatternd
-in dem buntfarbigen Gewand, dem gelben Strohhute
-mit Blumen und Rosabändern wie ein Schmetterling,
-und heute lag sie drinnen auf dem Krankenbette still
-und bleich wie eine geknickte Sommerblume, wie eine
-zarte Lilie, über welche der Sturm dahin gefahren ist.</p>
-
-<p>Seit elf Tagen hatte die Kleine keine Blume
-gesehen, ihre liebsten Gespielinnen, die stillen, bunten
-Blumen, mit denen sie so lieblich und verständig plauderte,
-als wären es beseelte Wesen, hatte sie entbehren
-müssen, weil der Arzt den Blumenduft für aufregend
-erklärt hatte.</p>
-
-<p>Und seltsam! Die Kleine schien während dieser
-Tage der Krankheit ganz vergessen zu haben, daß es
-Blumen gab, sie hatte nicht ein einziges Mal danach
-verlangt, eben so wenig wie nach ihren Puppen, ihren
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Bilderbüchern oder anderm Spielwerk. Ihren Geburtstag
-aber ohne Blumen vorübergehen zu lassen, Das
-vermochte Dennhardt nicht übers Herz zu bringen.
-Vielleicht wollte er sich auch, begreifliche Schwäche des
-menschlichen Herzens, selbst täuschen, wenn auch nur
-auf ein paar Augenblicke, und sich glauben machen,
-er breche die Blumen zum Geburtstage der gesunden,
-frohen Mimi, welche damit ihren kleinen Tisch schmücken
-wolle, um die kleinen Genossinnen der Kaffeegesellschaft
-festlich zu empfangen.</p>
-
-<p>Es war ein großer prächtiger Strauß von Georginen,
-Rosen, Nelken, Astern und Reseda, den er gepflückt,
-und bei jeder Blume, die er brach, erinnerte er
-sich der kleinen Zwiegespräche, die Mimi in dem Garten
-mit ihren stillen Blumenfreundinnen gehalten.</p>
-
-<p>»Sieh, Papa,« hatte sie dann gesagt, wenn ein
-leichter Wind über die Beete hinsäuselte und die Blumen
-ihre Häupter bewegten, »sieh, Papa, meine Blumen
-antworten mir. Siehst Du nicht wie sie nicken und
-flüstern?!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-Er kehrte in das Haus zurück und in demselben
-Moment erwachte auch Mimi aus ihrem Halbschlummer.
-Mit den Blumen in der Hand eilte der Vater dem
-Kinde entgegen.</p>
-
-<p>»Ei!« rief sie, die Hand nach den Blumen ausstreckend,
-mit ihrer silberhellen Stimme, deren lieblicher
-Klang sich während ihrer ganzen Krankheit nicht verändert
-hatte, »ei!« und wie ein heller goldener Freudenstrahl
-flog es über ihr blasses, leidendes Gesichtchen.
-Ihre matte, zitternde Hand vermochte die Blumen kaum
-zu halten; aber ihr Auge glänzte von einem Feuer, das
-zu schön, zu himmlisch war, um nicht zu verkünden,
-daß die reine Kinderseele, welche in dieser lieblichen
-Hülle gewohnt, sich schon ihrer Heimath wieder nahe
-fühlte, ihrer himmlischen Heimath, aus der sie herabgestiegen
-auf die dunkle Erde, um eine kurze Spanne
-Zeit darüber hinzuflattern und dann wieder zurückzukehren
-in die Wohnungen des ewigen Lichts.</p>
-
-<p>»Meine Mimi!« murmelte mit vor Thränen halb
-erstickter Stimme der zur Seite des Bettes knieende
-Vater.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-»Mein Papa,« flüsterte das Kind, mit der Linken
-die Blumen gegen ihr kleines matt schlagendes Herz
-drückend, während sie den rechten Arm mit müder Geberde
-um den Nacken ihres Vaters schlang, gerade so
-wie in früheren gesunden Tagen, wenn er die müde
-Kleine auf der Heimkehr von dem Spaziergange in seine
-Arme nahm.</p>
-
-<p>Niemand war in dem Gemach, als der Flüchtling
-und sein Kind, sein sterbendes Kind.</p>
-
-<p>»Papa,« flüsterte die Kleine, nachdem sie eine
-Weile mit ihren in wunderbarem, verklärtem Glanze
-strahlenden Augen nach dem Fenster, welches nach der
-Gartenseite hin lag, geblickt, »Papa ... siehst Du den
-schönen Engel dort am Fenster, ach ... Papa ... wie
-schön er sieht ... viel, viel schöner als mein Weihnachtsengel
-... siehst Du ... Papa ... jetzt winkt er mir ...
-ach! die vielen Engel ... sie fliegen durchs Fenster ...
-siehst Du? draußen im Garten.«</p>
-
-<p>Dennhardt's Herz wollte brechen, aber mit einer
-fast wunderbar zu nennenden Kraft, welche in den
-schmerzlichsten Augenblicken des Lebens aus einer
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-unsichtbaren Quelle uns zuzuströmen scheint, hielt er
-sich aufrecht.</p>
-
-<p>»Meine gute ... liebe Mimi&nbsp;...« murmelte er
-und bedeckte die bleiche Stirn des Kindes mit seinen
-Küssen.</p>
-
-<p>»Ich will zu Hause gehen, Papa&nbsp;...« und das
-Kind blickte mit ihren glänzenden Augen wie in eine
-weite, weite Ferne hinaus, an deren Ende sie ihre
-Wohnung erblickte, gerade so, wie sie es zuweilen wohl
-gethan, wenn sie mit ihrem Papa auf einem der Hügel
-von Morbihan stand und weit, weit unten im Thale
-das väterliche Haus mit dem kleinen Blumengarten
-erblickte, »ich will zu Hause gehen ... Papa&nbsp;...«
-Das Köpfchen sank leise und matt auf das Kissen
-zurück, die Blumen entfielen der kleinen erkaltenden
-Hand, die schönen lieben Himmelsaugen öffneten sich
-noch einmal, aber schon wie umflort von einem dunklen
-Schleier, mit leiser ängstlicher Stimme rief sie:
-»Papa ... Papa&nbsp;...« und schloß dann die Augen,
-deren letzter brechender Blick die Gestalt ihres Vaters
-gesucht, zum ewigen Schlummer.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Sanft und schmerzlos trat der Todesengel zu ihr;
-wie eine Flamme, die den letzten Tropfen Oel verzehrt,
-erlischt, langsam und still, so erlosch die Flamme dieses
-kurzen Blüthenlebens.</p>
-
-<p>Die erkaltete Hand seines Kindes in der seinigen,
-das Haupt an der Schulter der kleinen Entschlafenen,
-stumm und regungslos kniete Dennhardt neben dem
-Sterbebette der kleinen Mimi.</p>
-
-<p>Für den Schmerz eines Vater- und Mutterherzens
-in diesem Augenblick giebt es keine Worte der Schilderung;
-man müßte die Feder in Thränen und Herzblut tauchen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Auf der Höhe der Düne, am Fuße eines kleinen
-Grabhügels, auf welchem sich ein einfaches Kreuz mit
-der Inschrift: »<span class="ge">Hier ruhet mein Glück</span>,« erhob,
-saß am Abend eines düsteren Septembertages, wenige
-Wochen nach jenem Augustmorgen, an welchem die
-kleine Mimi ihren himmlischen Geburtstag feierte, ein
-Mann mit grauem Locken- und Barthaar und gramdurchfurchten
-Zügen. Es war der deutsche Flüchtling
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Walther Dennhardt, der hier am Grabe seines Kindes
-saß und hinüberstarrte auf das Meer, das sich vor
-seinen Blicken ausbreitete, unendlich und grenzenlos
-wie die Ewigkeit.</p>
-
-<p>»Die Ewigkeit! Giebt es eine Ewigkeit?« frug
-er sich, »eine Ewigkeit für das geschaffene Individuum,
-für die Creatur, die mit Bewußtsein über die Erde
-wanderte, bis das ewige, uralte Geheimniß des Todes
-an sie herantrat und den Leib in Staub zerfallen ließ,
-den Leib, die Wohnung eines ewigen, unzerstörbaren
-Geistes, der nur die Hülle wechselt, oder welcher der
-Mensch selbst ist, mit dessen Zerfall auch das ganze
-Dasein endigt? O dieses Räthsel des Lebens! Wer es
-lösen könnte, wer das Siegel von der Pforte nehmen
-könnte, welche die Geheimnisse des Todes verbirgt!«</p>
-
-<p>Aber wie er auch sann und sann, und grübelte
-und grübelte, es war Alles eitel, Alles vergeblich &ndash;
-kein Strahl des Lichtes in dieser Finsterniß, welche
-die Schatten des Todes erzeugt hatten.</p>
-
-<p>In früheren schönen Tagen, wo noch für ihn die
-Quelle des Lebens in freudigem Sprudel hervorsprang,
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-hatte Dennhardt oft im kleinen Kreise vertrauter
-Freunde über diese Räthsel des Lebens gesprochen und
-eine Lösung dieser Fragen, über welche Tausende im
-Taumel der Alltäglichkeit hinweg schlüpfen, ohne je
-darüber nachgedacht zu haben, gesucht, aber bei allem
-Ernste seines Strebens nach Wahrheit hatten ihm diese
-Räthsel der Schöpfung nie so sehr in der Seele gebrannt,
-nie hatte er so sehr das Bedürfniß nach einer Lösung
-empfunden, als seit dem Tage, an welchem der Finger
-des Todes an seine Thür pochte und das Leben seiner
-Mimi von ihm forderte.</p>
-
-<p>Tod! Tod! Gab es einen wirklichen Tod, hatte
-seine Mimi aufgehört zu sein, gab es für ihn keine
-Hoffnung sein Kind einst in verklärter Gestalt wiederzufinden,
-dann war ihm die ganze Schöpfung eine
-große Lüge, die Welt ein Todtenhaus, durch welches
-ewig der bleiche Würgengel schreitet; dann war ihm
-die Erschaffung der Menschheit die bitterste Ironie, der
-grimmigste Hohn, die grausamste Ausgeburt eines
-fluchwürdigen Zufalls der Natur.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-In dem ganzen Dorfe war Niemand, mit welchem
-Dennhardt über den Zustand seiner Seele, über diese
-entsetzlichen Zweifel, welche ihn marterten, hätte sprechen
-können.</p>
-
-<p>Der katholische Pfarrer des Orts stand ihm mit
-seinen streng auf den Dogmen der katholischen Kirche
-beruhenden Ansichten viel zu fern, als daß zwischen
-ihnen Anknüpfungs- oder nur Berührungspunkte hätten
-vorhanden sein können.</p>
-
-<p>Dennhardt hatte bis jetzt von dem Christenthume
-nur die Moral in sich aufgenommen, die Glaubenslehre
-war ihm immer ein Gebiet gewesen, das ihm unbekannt
-und fremd erschien, eine <i>terra incognita</i>, deren Bedeutung
-er erst begriff, als das furchtbarste Verhängniß
-seines Lebens sich erfüllte, als ihm seine Mimi von der
-kalten Hand des Todes geraubt wurde. Mit einer fast
-wahnwitzigen Begier verschlang er alle Werke, welche
-sich auf jenes große Räthsel des Lebens, auf dieses
-uralte Geheimniß des Todes bezogen, jenes Geheimniß,
-an dessen Lösung die Menschheit schon seit Jahrtausenden
-arbeitet, und das sie niemals enthüllen
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-wird, dessen Schleier von keiner sterblichen Hand gelüftet
-werden wird.</p>
-
-<p>Und als er sie alle gelesen, die Werke der Philosophen,
-von Aristoteles an bis herab zu Hegel, Strauß
-und Feuerbach, da erkannte er, daß es eine unübersteigliche
-Grenze für die menschliche Erkenntniß gebe,
-daß das letzte Blatt im Buche des Lebens, das Blatt,
-auf welchem die Geheimnisse des Todes verzeichnet
-stehen, mit einem Siegel geschlossen sei, welches von
-den Weltweisen aller Jahrhunderte vergebens zu lösen
-gesucht wurde.</p>
-
-<p>Und dann lief er hinaus zum Grabe seines Kindes
-auf der Düne, zu dem kleinen Grabe, für welches der
-fanatische Priester keinen Platz innerhalb des Kirchhofs
-hatte, weil es das Kind eines Protestanten, eines
-Ketzers war, und setzte sich an dem kleinen Rasenhügel
-nieder und weinte heiße, blutige Thränen, und sprach
-mit seinem Kinde, mit seiner kleinen Mimi, der er
-allerlei Schmeichelnamen gab, gleich als verstehe sie ihn.</p>
-
-<p>Wenn dann der Wind vom Meer herüber wehte
-und durch die Zweige des kleinen Tannenbaumes, welchen
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-er auf das Grab gepflanzt, strich, wenn die Aeste
-und Zweige und die Blumenstengel der Astern sich
-flüsternd bewegten, dann glaubte er, es sei die kleine
-Mimi, welche ihm antwortete.</p>
-
-<p>Der Gang nach dem kleinen Grabe, den er täglich
-gegen Sonnenuntergang antrat, mochte das Wetter
-auch noch so stürmisch sein, war sein einziger Ausgang.
-Weder in Vannes, noch in dem Dorfe ließ er sich sonst
-sehen.</p>
-
-<p>Der Doktor Godin, welcher ihn zuweilen besuchte,
-forderte ihn vergebens auf, einmal mit nach Vannes
-zu gehen, sich etwas zu zerstreuen und den Trübsinn
-abzuschütteln, der ihn tagtäglich immer mehr gefangen
-nahm.</p>
-
-<p>»Lassen Sie mich, Doctor,« gab er kopfschüttelnd
-zur Antwort, »ich will Nichts mehr von der Welt da
-draußen wissen ... Sehen Sie, Doktor, wenn ich jetzt
-unter die Leute komme, wie es mir neulich einmal
-geschah, und es begegnen mir Eltern mit ihren Kindern,
-und wenn es der ärmste Hirt ist, dessen Hütte
-die letzte im Dorfe, und seine Kinder springen vor ihm
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-her, barfuß und halbnackt, so fühle ich mich so bettelarm
-gegen den Mann, daß ich mich vor ihm hinter
-dem nächsten Busch verstecken möchte. Es ist mir
-Alles genommen mit dem Kinde, nur mein Körper
-wandelt noch auf Erden, meine Seele aber ist bei
-meiner Mimi.«</p>
-
-<p>Und wie er grau und alt geworden war in den
-wenigen Wochen! Wie alle Frische des Lebens aus den
-Zügen des noch so jungen Mannes weggewischt war,
-wie das blonde Haar sich entfärbt hatte und so wirr
-um sein Haupt flatterte!</p>
-
-<p>Seine Beschäftigung hatte er ganz und gar aufgegeben.
-Er lebte von seinen Ersparnissen, die einst
-seiner Mimi gehören sollten, einen Theil davon hatte
-er zu einer Stiftung für arme Kinder des Dorfes verwendet.
-So verging der Herbst, und der Winter kam
-heran und überzog die grünen Berge von Morbihan
-mit seinem weißen Schneegewand, und auch das kleine
-Grab des kleinen deutschen Mädchens auf der Düne
-von Morbihan überzog er mit dem Leichentuche der
-hinsterbenden Natur.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Und wieder war der Weihnachtsabend da, jener
-heilige Abend, an welchem die Freude in tausend und
-aber tausend fröhliche Kinderseelen und glückliche Elternherzen
-einzieht. Den ganzen Tag über hatte Dennhardt,
-zu Mutter Poisson's großer Verwunderung, in
-seinem Arbeitszimmer sich eingeschlossen und eine auffällige
-Geschäftigkeit gezeigt. Als aber der Abend hereinbrach,
-ein windstiller, reiner, klarer Winterabend,
-so ein echter Christabend mit Tausenden von funkelnden
-Sternen am weiten Himmelsdome, da schlug
-Dennhardt seinen Mantel um die Schultern und wanderte
-hinaus nach der Düne zu dem Grabe seiner
-kleinen Mimi.</p>
-
-<p>Was sich da ereignete, haben die Bewohner des
-Dorfes nie so recht erfahren können; nur Vermuthungen
-und die Aussagen eines Hirten, der in später
-Stunde seine Heerde unweit der Düne vorüber trieb,
-dem aber der Schreck über den seltsamen Anblick die
-ruhige Beobachtung raubte, so wie einige andere sichtbare
-Zeichen ließen auf den muthmaßlichen Zusammenhang
-schließen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-»Als ich,« so erzählte der Hirt, »spät am Abend
-mit meinen Ziegen und Schafen unweit der Düne vorbeizog,
-sah ich plötzlich an der Stelle, wo das Grab
-des kleinen deutschen Mädchens ist, helles strahlendes
-Licht ... Es war mir, als ob eine Unzahl Flammen
-aus der Erde aufstiegen und immer höher und höher
-wuchsen ... Und dann sah ich eine dunkle Gestalt mit
-flatterndem Haar und ausgebreiteten Armen, ein Buch
-in der Hand, neben dem Grabe stehen, und hörte seltsame,
-unverständliche Töne, die mir aber einen solchen
-Schreck in die Glieder jagten, daß ich entsetzt über den
-Spuk mit meiner Heerde in eiliger Flucht den Abhang
-hinab nach dem Dorfe zu sprang.«</p>
-
-<p>Als Dennhardt am Morgen des Weihnachtstages
-noch nicht wieder nach Hause zurückgekehrt war, lief
-Mutter Poisson zu dem Doctor Godin und theilte diesem
-ihre Besorgnisse mit. Dieser ging zum Maire und
-fuhr dann mit diesem nach dem Dünenhügel.</p>
-
-<p>Beim Erblicken des kleinen Grabes stieg eine
-Thräne in des Arztes Auge. Der Anblick war ein
-traurigrührender. Der kleine Tannenbaum auf dem
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Grabe war in einen schönen buntschimmernden Weihnachtsbaum
-verwandelt, an dem Nichts fehlte, weder
-der Erzengel von Rauschgold, noch das Zuckerwerk,
-noch die goldenen und silbernen Nüsse und Aepfel. Nur
-die gelben Wachslichter waren bis auf den Stumpf
-niedergebrannt. Es waren die Flammen gewesen, in
-welchen die abergläubische Phantasie bretagnischer Hirten
-böse Geister erblickt hatte. Am Fuße des Grabes,
-das Haupt auf den kleinen Rasenhügel gestützt, lag
-der deutsche Flüchtling, bleich und entseelt, aber mit
-dem Ausdrucke eines tiefen Seelenfriedens, ja einer gewissen
-Verklärung und freudigen Zuversicht in den
-bleichen Zügen.</p>
-
-<p>Seine erstarrte Hand hielt ein aufgeschlagenes
-Buch; es war die Bibel. Tief bewegt beugte sich der
-Arzt zu dem Entschlafenen nieder, um das Buch aus
-der kalten Hand des Todten zu nehmen. Da traf sein
-Blick auf die aufgeschlagene Stelle, auf welcher wohl
-zuletzt das Auge des Entschlafenen geruht.</p>
-
-<p>Es waren die Worte des Apostels:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-»Siehe, ich sage euch ein Geheimniß: wir werden
-nicht Alle entschlafen, wir werden aber Alle verwandelt
-werden. Der Tod ist verschlungen in den Sieg.«</p>
-
-<p>»Er hat das Räthsel des Lebens gelöst,« murmelte
-der Arzt, »er hat sein Kind wiedergefunden.«</p>
-
-<p>Noch am selbigen Tage begrub man den Flüchtling
-an der Seite seines Kindes, seinen letzten sehnlichsten
-Wunsch, den er häufig im Gespräch mit dem
-Doctor geäußert, erfüllend.</p>
-
-<p>Jahre sind seit jenem Weihnachtsabend vorüber
-gegangen, aber noch heute sieht man die beiden Gräber
-auf der Höhe von Morbihan. Und wenn die Meereswogen
-heranbrausen zur Düne, und die Möven über
-die Grabhügel hinstreichen, und es in dem Tannenbaum
-rauscht und flüstert, und zufällig ein Hirt mit
-seiner Heerde vorüberzieht, dann ergreift er nicht mehr
-die Flucht, sondern er pflückt eine Blume und legt sie
-auf das Grab des kleinen deutschen Mädchens und
-ihres Vaters, die hier im fernen fremden Lande jene
-letzte Ruhestätte fanden, welche das Ziel aller irdischen
-Wanderung ist.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Die Mütter des Dorfes aber führen ihre Kinder
-des Sonntags häufig zum Grabe der kleinen Mimi
-und erzählen ihnen die Geschichte von dem schönen
-kleinen Mädchen und von dem letzten Weihnachtsbaum,
-den ihr Vater auf ihr Grab pflanzte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Und Fanny? Vergebens hat sie als Gattin des
-Vicomte von Grandlieu mehrere Jahre Europa nach
-allen Richtungen durchstreift, um Mimi zu finden.</p>
-
-<p>Sie hat die Hoffnung endlich aufgegeben und sich
-mit ihrem Manne nach Paris zurückgezogen, wo sie,
-trotzdem daß der Schmerz seine leserliche Schrift in
-ihr schönes Antlitz gegraben, noch immer den Mittelpunkt
-eines glänzenden Kreises bildet, der sich um sie
-gesammelt.</p>
-
-<p>Ob sie glücklich ist? Wir wagen es nicht zu glauben,
-denn eine Mutter bleibt immer Mutter, und
-mitten in dem Geräusch der Feste durchzuckt oft ein
-stechender Schmerz ihr Herz und eine düstere Trauer
-umflort ihre Stirn; sie bedeckt sich die Augen und zieht
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-sich in ihr Zimmer zurück, wo sie ihr Gemahl dann
-von Thränen überfluthet auffindet.</p>
-
-<p>Ahnt sie vielleicht das Geschick ihres Kindes und
-des Mannes, der einst ihr Gatte war?</p>
-
-<p>Wie dem auch sei, die Ruhe ist von ihr geflohen
-und sie würde vielleicht den Rest ihres Lebens
-dahingeben, wenn sie ihr Geschick wieder mit dem jener
-zwei Seelen vereinigen könnte, deren irdische Hüllen in
-jenen Gräbern auf der Düne von Morbihan ruhen.</p>
-
-<p>Sie ruhen sanft! Und das Murmeln des Meeres
-ist ihr ewiges Schlummerlied!</p>
-
-
-<p class="mt6 ce fss">Wien. Druck von Jacob &amp; Holzhausen.</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p>
-
-<p class="in0">Bei direkter Rede wurde, der überwiegenden Verwendung
-im Originalbuch folgend, das Kommazeichen einheitlich jeweils vor
-dem schließenden Anführungszeichen angeordnet.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidern" &ndash; "erwiedern",
-mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br />
-"Aufrüher" geändert in "Aufrührer"<br />
-(Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_016">16</a>:<br />
-"berühmtensten" geändert in "berühmtesten"<br />
-(in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_021">21</a>:<br />
-"endeckte" geändert in "entdeckte"<br />
-(Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_022">22</a>:<br />
-"Uebezeugung" geändert in "Ueberzeugung"<br />
-(meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_025">25</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_026">26</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_030">30</a>:<br />
-"gäng" geändert in "gang"<br />
-(die unter diesen Leuten gang und gäbe waren)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_044">44</a>:<br />
-"Tühr" geändert in "Thür"<br />
-(der zwanzig Schritte von der Thür hält)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_048">48</a>:<br />
-"Bellville" geändert in "Belleville"<br />
-(von der Vorstadt bei Belleville weit hinein)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_054">54</a>:<br />
-"ergeizigen" geändert in "ehrgeizigen"<br />
-(Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br />
-"Tühr" geändert in "Thür"<br />
-(an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_084">84</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_100">100</a>:<br />
-"Jügling" geändert in "Jüngling"<br />
-(so wie es vielleicht ein Jüngling ist)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_103">103</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(wilde Schweine, Luchse und Dachse)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_108">108</a>:<br />
-"vierunzwanzig" geändert in "vierundzwanzig"<br />
-(bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_123">123</a>:<br />
-"lautlaus" geändert in "lautlos"<br />
-(und lautlos vor sich hinstarrte)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ein kleines Kind, by Karl Wartenburg
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND ***
-
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