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-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Editor: Alfred Weile
-
-Release Date: November 8, 2019 [EBook #60647]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE WERKE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so gekennzeichnet=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-[Illustration: W. Hauff.]
-
-
-
-
- Wilhelm Hauffs
-
- sämtliche Werke in sechs Bänden
-
- Mit einer biographischen Einleitung
- von _Alfred Weile_
-
- Neu durchgesehene Ausgabe
- :: :: in neuester Rechtschreibung :: ::
-
- Erster Band.
-
- A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei
- Berlin NO.⁴³ Neue Königstr. 9
-
-
-
-
-Erster Band.
-
-Hauffs Leben von Alfred Weile.
-
-Gedichte. -- Novellen I.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Biographische Einleitung 5
-
- Gedichte 17
-
- Novellen. Erster Teil 57
-
-
-
-
- Nachdruck verboten.
-
-
-
-
-Hauffs Leben.
-
-(Nach _G. Schwab_.)
-
-
-_Wilhelm Hauff_ ward zu Stuttgart, wo sein Vater als Regierungssekretär
-lebte, am 29. November 1802 geboren. Er war erst sechs Jahre alt, als
-sein Vater, der als »Anhänger des guten alten Rechts« (1799) acht
-Monat schuldlos im Gefängnis auf Hohenasperg saß, nach Tübingen an das
-Oberappellationstribunal versetzt wurde, 1808 als Ministerialsekretär
-wiederum nach Stuttgart berufen, dort im darauffolgenden Jahre starb.
-Seinen Großvater, der Landschaftskonsulent war, hat Hauff trefflich
-in dem alten, ehrenfesten, am Rechte haltenden Lanbek im »Jud Süß«
-gezeichnet. Die Witwe Hauff, Tochter des Obertribunalrats _Elsäßer_
-in Tübingen zog nach dem Tode ihres Gatten mit ihren Kindern nach
-ihrer Vaterstadt zurück. Diese vortreffliche Frau hatte durch ihre
-sittliche, veredelnde Erziehung einen wohltätigen Einfluß auf das
-weiche, empfängliche Gemüt des Knaben; sein Talent zu erzählen, bildete
-sich im häuslichen Kreise unter der Mutter, die selbst eine vorzügliche
-Erzählerin war, und der Schwester früh aus.
-
-Er besuchte mit seinem älteren Bruder Hermann, der ein großes
-Sprachentalent und Gedächtnis vor ihm voraus hatte, die ~Schola
-anatolica~ -- nach dem ~Mons anatolicus~, einem Vorhügel des
-Oesterberges bei Tübingen benannt.
-
-Eine rege Aufmerksamkeit auf alles und ein glückliches
-Auffassungsvermögen führten ihn zur selbständigen Ausbildung seines
-Geistes; auffallend war schon im zehnten und elften Jahre sein Hang zu
-den Gebilden der Phantasie und er schwärmte für leichte Historien und
-Romane; mit sehr viel Laune hat er später in seinem ersten Bande der
-»Memoiren des Satan« diese Neigung dargestellt und uns ein komisches
-Bild von seinem eigenen poetischen Treiben in der Schule gegeben.
-Wenig geneigt zu den lärmenden Spielen der Knaben im Freien, war
-den Brüdern der große Büchersaal des alten Großvaters der liebste
-Tummelplatz, wo die Knaben in mannigfaltigen Spielen darstellten,
-was sie in den Bildern der Folianten gesehen hatten; namentlich
-prägte sich ihnen das Mittelalter und die Zeit des Uebergangs in die
-neuere Geschichte lebhaft ein; auch die neueste Geschichte ging nicht
-leer aus, und hier waren es die Gespräche des Großvaters mit seinen
-Freunden, denen die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauschten; in
-seinen Novellen finden sich oft Eindrücke aus der napoleonischen Epoche
-wieder.
-
-Auf diesem Wege schuf sich der jugendliche Geist aus den mannigfachen
-Bildern ein Bild der Natur und des Menschen, dessen Umrisse immer
-bestimmter und fester wurden; er gewöhnte sich früh daran, jene Bilder
-mit Sicherheit im Gespräche zu handhaben, und legte dadurch den Grund
-zu der Darstellungsgabe, die später sein Hauptverdienst war.
-
-Sein überraschendes Deklamationstalent gab die Veranlassung, ihn zum
-künftigen Prediger zu bestimmen und er wurde mit ziemlich mittelmäßigen
-Kenntnissen 1817 in die Klosterschule zu Blaubeuren aufgenommen.
-Viel hatten zur Vernachlässigung der klassischen Studien eine zarte
-Konstitution und periodische Krankheit beigetragen und erst in dem
-prächtigen gesunden Albtale bei Blaubeuren fing seine Gesundheit an zu
-erstarken.
-
-Mit mehr Sinn für Literatur und Kunst als für Theologie und Philologie
-bezog er 1820 die Universität Tübingen. -- Wenn er auch wenig
-Geschick zu den ritterlichen Fertigkeiten des Burschenlebens zeigte,
-so nahm er doch an allem lebendigen Anteil, was jugendliche Gemüter
-in jener Periode begeisterte und er tat sich unter den Dichtern und
-Rednern der damals, wenigstens noch in Tübingen und anderen kleineren
-Universitäten, blühenden Burschenschaften hervor. Die Stimmung der
-Zeit, die wehmutsvolle Sehnsucht nach Freiheit, die Erinnerung an die
-zahlreichen Siege und Opfer spricht sich in vielen seiner Gedichte aus;
-auch wurden einige seiner Lieder bei dem Wartburgfeste vorgetragen.
-
-Den engern Kreis seiner Freunde ergötzte er durch seine glücklichen
-Einfälle, seine Gesprächigkeit und Munterkeit, seine Extravaganz.
-Doch selbst im Zustande burschikoser und geselliger Exaltation ließ
-er nie Besonnenheit vermissen. Obgleich jugendlich-eitel, reizbar
-und empfindlich, hörte er doch mit seinem Humor nicht, wie so viele
-Humoristen, an sich selbst auf, sondern er war der erste, der seine
-eigenen kleinen Schwachheiten zu bespötteln und in ihrer Beharrlichkeit
-als Karikatur an sich selbst darzustellen kein Bedenken trug. Zuweilen
-warf er seine Einfälle aufs Papier mit seltener Leichtigkeit und
-Gewandtheit, weder eigene noch fremde Schwäche scheuend.
-
-1824 machte er das Doktorexamen und sah sich als Kandidat der Theologie
-nach einer geeigneten Stelle um. Durch die Vermittlung eines älteren
-Freundes fand er in dem Hause des Kriegsrat-Präsidenten General
-Freiherr _von Hügel_ in Stuttgart eine Stellung als Hauslehrer
-und bekleidete diese Stelle bis zum Frühjahr 1826. In dieser
-liebenswürdigen, feingebildeten Familie lernte er die Formen des
-höheren geselligen Lebens in der Nähe kennen; der heitere, natürliche
-Ton des Hauses erlaubte ihm, manches schöne, frische Bild aus dem
-Leben aufzufassen, und solche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar,
-nachdem er sie empfangen, als irgend eine anmutige Schilderung in
-seinen Dichtungen wieder auf. Seine Stellung ließ ihm Zeit zu Studien
-und Arbeiten; auch bestand er 1825 das zweite theologische Examen.
-
-Das erste kleine Werk, mit dem er 1825 öffentlich auftrat, ist der
-»_Märchenalmanach_ auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter
-Stände«. Zunächst für seine Zöglinge niedergeschrieben, beweist diese
-kleine Sammlung Hauffs eigentliches Dichtertalent; diese Märchen, deren
-ursprünglicher Stoff zwar nicht ihm selbst angehört, die jedoch mit
-freiem Phantasiespiel behandelt und schön abgerundet sind, gehören
-mit zu den besten seiner Werke; im Almanach für 1827 folgte eine
-weitere Reihe prächtiger Märchen. Die besten davon, die nicht allein
-jugendliche Gemüter fesseln, sondern auch von dem gereiften Manne
-mit immer neuer Freude gelesen werden können, gehören nicht rein dem
-Gebiete des Märchenhaften an -- nein! diese sagenhaften Geschichten
-aus dem Spessart ergreifen das Herz und eine lebendige unvergängliche
-Jugendfrische steigt aus diesen Gebilden hervor.
-
-Unmittelbar auf diesen ersten Märchenalmanach folgt der erste Teil
-der »_Mitteilungen aus den Memoiren des Satan_«, die reich an heller
-Phantasie und glücklicher Darstellungsgabe sind und in denen ein kecker
-Humor und treffende Satire walten. Die barocke Studentenwelt, von deren
-Anschauung der junge Mann eben erst herkam, gab ihm hier vielfache
-Gelegenheit, sein Talent zu üben; diese Satansmemoiren erregten
-Aufsehen und verschafften dem Verfasser einen ausgebreiteten Ruf,
-erzeugten aber auch seiner Zeit durch ihre satirischen Ausfälle manchen
-Aerger, manche Empfindlichkeit und besonders wurde ihm der Angriff
-auf Goethe und seinen Faust sehr verübelt. Manche dieser Skizzen, in
-denen er Figuren aus seinen Bekanntenkreisen gezeichnet hat, sind von
-zwingendem Humor und reicher Satire, in denen Hauff eine Meisterschaft
-besaß. Die Novelle »Der Fluch« scheint Hauff eingeflochten zu haben,
-weil er vielleicht die eigentliche Lust zur Fortsetzung dieser
-Mitteilungen verlor.
-
-Da Hauff merkte, wie leicht ihm die Darstellung wurde und daß ihn
-seine Beobachtungsgabe auch für moderne Stoffe befähigte, entschloß
-er sich aus der idealen Märchen- und Phantasienwelt in die realere
-des Konversationslebens überzugehen. Im Winter 1825 bis 1826 schrieb
-er den »_Mann im Mond_«, einen kleinen Roman aus dem modernen Leben.
-Nach Andeutungen von G. Schwab und nach den Erinnerungen von _Wolfgang
-Menzel_ scheint Hauff zuerst lediglich die Absicht gehabt zu haben, das
-große Publikum zu interessieren. Wolfgang Menzel, der das Manuskript
-gelesen hatte, machte ihm die größten Vorwürfe, ein Machwerk ~à la~
-Clauren (Hofrat Heun in Berlin) geschrieben zu haben, und daß sein Flug
-nicht höher ginge als der des Berliner Hofrats. Er gab ihm den Rat, die
-Farben noch viel stärker aufzutragen und dann das Buch unter Claurens
-Namen erscheinen zu lassen. Hauff befolgte den Rat. Es steht jedoch
-noch in Frage, ob Menzels Darstellung eine richtige ist; sie wird von
-vielen neuerdings bestritten. Jedenfalls schaffte Hauff somit eine
-köstliche Satire auf Clauren, eine verkehrte und verwerfliche Manier
-mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung derselben
-bekämpfend.
-
-Wilhelm Hauff fühlte jedoch später, was er sich denjenigen gegenüber
-schuldig war, die ernstere Rechenschaft von dem Schriftsteller
-fordern; er griff den Gegner in seiner durch Gesinnung und Ausdruck
-nicht minder als durch beißenden Witz und echten Humor ausgezeichnete
-»_Kontroverspredigt_« auf eine gründlichere und entschiedenere Weise
-an. Seine Kontroverspredigt ist eine von sittlicher Entrüstung
-getragene vernichtende Kritik der Claurenschen Manier.
-
-Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch seinen »_Mann im
-Mond_« gefunden und die Lust, sich mit modernen Schriftstellern zu
-messen, führte ihn immer mehr den Darstellungen der modernen Welt und
-dem eigentlichen Konversationstone in der _Novelle_ zu. So entstand
-eine Reihe von Erzählungen, die in belletristischen Zeitschriften und
-Taschenbüchern erschienen -- nur »_Jud Süß_« schrieb er später -- und
-der _zweite Teil der Satansmemoiren_.
-
-Der Erfolg, den Walter Scott mit seinen historischen Romanen auch in
-Deutschland hatte, veranlaßte ihn, einen deutsch-historischen Roman
-zu schreiben, und er begann seinen »_Lichtenstein_,« den er in sehr
-kurzer Zeit beendete. Diese romantische Sage fand großen Beifall in
-ganz Deutschland. Der anmutige Stoff ist keine Sage, sondern reine
-Erfindung des Verfassers, die sich wie Efeu hinaufrankt an das alte
-Felsenschlößchen Lichtenstein. Trotz mancher Mängel der Anlage und
-Charakterzeichnung sind doch große Schönheiten im einzelnen und Hauff
-würde bei einem zweiten Romane dieser Art gewiß etwas Vollkommenes
-erreicht haben. Hauff ist in der Charakterisierung des Herzogs Ulerich
-von Württemberg bedeutend von der historischen Wahrheit abgewichen
-und hat ihn viel zu ideal geschildert, sich auch im ganzen große
-geschichtliche Licenzen erlaubt, doch spricht aus diesem Roman ein
-so edler, hoher Sinn, er ist so getragen von des Autors liebevoller
-Vertiefung in die Vergangenheit seines Heimatlandes, so viele
-erschütternde, poetische und auch komische Szenen schmücken das Werk,
-daß »Lichtenstein« stets eine Perle unseres Sagenschatzes bleiben und
-zu den Lieblingsbüchern unseres Volkes gehören wird.
-
-Nach Vollendung seines Lichtensteins verließ Hauff seine bisherigen
-Verhältnisse. Der Ertrag seiner literarischen Arbeiten erlaubte ihm
-eine Reise zunächst über Frankfurt und Mainz nach Paris und dann durch
-Belgien und Norddeutschland. Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf
-diesen Wanderungen allenthalben, besonders in Dresden, Berlin und den
-Hansestädten persönliche Freunde unter allen Klassen der Gesellschaft.
-
-Durch den Kriminaldirektor _Hitzig_ in Berlin, den er in Hamburg kennen
-gelernt hatte, wurde dem jungen Württemberger der Aufenthalt in der
-preußischen Hauptstadt so angenehm wie möglich gemacht, namentlich
-dadurch, daß er ihn mit den literarischen Kreisen vorzüglich mit
-der berühmten Mittwochs-Gesellschaft und ausgezeichneten Männern in
-Verbindung brachte. Im Spätherbst 1826 kehrte er nach Stuttgart zurück,
-durch Eindrücke gestärkt und Erfahrungen bereichert. Für die Poesie
-trugen Hauffs Reisen nur _eine_ zur vollen Reife gekommene Frucht,
-die prächtigen »_Phantasien im Bremer Ratskeller_«, womit er im Herbst
-1827 den Freunden des Weines ein Geschenk machte. Diese glückliche
-Mischung von übermütigem Humor und poetischem Ernst, diese lebendige
-Charakterisierung der köstlichen Figuren sichern den Phantasien durch
-ihre echte, feurige Poesie einen dauernden Wert. Kurz vorher hatte er
-die Erzählung »_Das Bild des Kaisers_« geschrieben, in der historische
-und poetische Wahrheit zugleich enthalten ist; er hat hierin dem
-obengenannten Baron von _Hügel_ ein Denkmal gesetzt, der seiner Zeit
-Adjutant von Napoleon war.
-
-Nach der Heimat zurückgekehrt, übernahm Hauff am 1. Januar 1827 die
-Redaktion des im Cottaschen Verlage erscheinenden »Morgenblatts für
-gebildete Stände,« dem er einen neuen Aufschwung verlieh; er brachte
-in demselben einige Abhandlungen und Skizzen. Im Februar desselben
-Jahres verheiratete er sich mit einer Cousine seines Namens, mit der
-ihn längst eine zarte Neigung verbunden hatte. Seine Freunde erzählen
-heitere Geschichten von dem Bestreben des jungen Mannes, diese
-Liebe, die den Verhältnissen gemäß den allergeradesten Gang hätte
-nehmen müssen, ins Gebiet des Phantastischen und selbst der Intrige
-hinüberzuziehen, so sehr war ihm romantische Verwicklung auch im
-täglichen Leben Bedürfnis. Dieser Bund schien übrigens sein Lebensglück
-dauerhaft zu begründen und gab ihm neue Lust zur Arbeit. Er trug sich
-mit dem Gedanken, einen historischen Roman zu schreiben, dem die Kämpfe
-in Tirol im Jahre 1809 zugrunde liegen sollten, und zu diesem Zwecke
-machte er im Juli eine Reise nach Tirol. --
-
-Leider nahte ihm im neuen, jungen Glücke ein früher Tod.
-
-Die Freude über die Geburt eines Töchterchens fand ihn schon durch
-Unpäßlichkeit gedrückt, die durch angestrengte Dienste am Kranken- und
-Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten teueren Freundes
-verursacht war. Bei der Beerdigung eines andern lieben Freundes zog
-er sich eine heftige Erkältung zu, und ein tückisches Nervenfieber
-beschlich den Widerstrebenden, der gewaltsam zur gewohnten und ihm so
-lieben Arbeit zurückkehren wollte.
-
-Wenige Stunden, so erzählt sein Bruder, bevor das Fieber seine Sinne
-in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum letztenmal seine Züge bei
-der Kunde von der Seeschlacht bei Navarin; das Ereignis, das so viele
-Dichter zu politisch-poetischen Erzeugnissen begeisterte und Freude in
-der ganzen gebildeten Welt erregte, konnte er nicht mehr besingen,
-er konnte sich nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des
-Fiebers Wahnsinn, und es war rührend zu hören, wie er, sich für den
-Schlachtboten nach dem Jenseits haltend, mehr als einmal rief: »Laßt
-mich, ich muß hin, ich muß es Müller sagen!« denn kaum vor zwei Monaten
-hatte er in Stuttgart _Wilhelm Müller_, den Sänger der Griechenlieder,
-persönlich kennen gelernt und seit wenigen Wochen seinen jähen Tod
-betrauert.
-
-Wilhelm Hauff entschlief sanft, indem er von den Seinigen Abschied nahm
-und Gott »_seinen unsterblichen Geist_« empfahl, am 18. November 1827.
-Die Teilnahme an seinem frühen Tode war allgemein und sie sprach sich
-in Stuttgart durch eine sehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und
-rührend aus. Seine geistigen Mitarbeiter wetteiferten, ihn in Nachrufen
-zu feiern.
-
-Den schönsten Nachruf widmete Wilhelm Hauffs frühem Hinscheiden _Ludwig
-Uhland_:
-
- Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,
- Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,
- Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen
- Den abgeknickten Zweig -- den blütenvollen!
-
- Noch eben war von dieses Frühlings Scheine
- Das Vaterland beglänzt. -- Auf schroffem Steine,
- Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu
- Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu.
- Doch in der Höhle, wo die stille Kraft
- Des Erdgeists -- rätselhafte Formen schafft:
- Am Fackellicht der Phantasie entfaltet,
- Sah'n wir zu Heldenbildern sie gestaltet;
- Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt,
- Ward zum beseelten Menschenwort erweckt.
-
- Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen,
- Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen
- Umkleidete das Altertum den Sarg,
- Der heiter die verglühte Asche barg:
- So hat auch er, dem uns're Träne taut,
- Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut.
-
- Die Asche ruht -- der Geist entfleucht auf Bahnen
- Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen,
- Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht
- Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht.
-
-Hauffs literarischer Nachlaß war gering; die erste Ausgabe seiner
-sämtlichen Werke wurde durch _Gustav Schwab_ veranstaltet, der
-mit ihm im persönlichen Verkehr gestanden hatte. Hauffs heiterer,
-phantasievoller Geist, sein sinnendes Gemüt, sein jugendfrisches,
-liebenswürdiges Wesen spricht lebendig aus allen seinen Werken, die
-hierdurch und durch das gewandte Erzählertalent ihren Wert erhielten
-und zu Schätzen deutscher Literatur wurden.
-
- =Alfred Weile.=
-
-
-
-
-Gedichte.
-
-
-
-
-Gedichte.
-
-
- Seite
-
- Der Schwester Traum 17
-
- Mutterliebe 19
-
- An die Freiheit 20
-
- 1. Zur Feier des 18. Junius 1824 21
-
- 2. Zur Feier des 18. Junius 1823 23
-
- 3. Zur Feier des 18. Junius 1824 23
-
- 4. Zur Feier des 18. Junius 1824 24
-
- Turnerlust 25
-
- Das Burschentum 26
-
- Trinklied 27
-
- Reiters Morgengesang 28
-
- Soldatenmut 29
-
- Prinz Wilhelm 30
-
- Soldatentreue 32
-
- Soldatenliebe 33
-
- Hans Huttens Ende 33
-
- Entschuldigung 35
-
- Jesuitenbeichte 37
-
- Regel für Kranke 38
-
- Schriftsteller 39
-
- Lehre aus Erfahrung 40
-
- Amor der Räuber 40
-
- Stille Liebe 41
-
- Hoffe 41
-
- Trost 43
-
- Sehnsucht 44
-
- Ihr Auge 45
-
- Serenade 46
-
- Lied aus der Ferne 46
-
- Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage 47
-
- An Emilie 48
-
- Der Kranke 49
-
- Grabgesang 50
-
- Aus dem Stammbuche eines Freundes 51
-
- Logogryph 51
-
- Rätsel, drei 52
-
- Scharade 53
-
-
-
-
-Der Schwester Traum.
-
-
- Sie schläft. -- Es ist die letzte Nacht des Jahres,
- Und wenn die Morgenglocken wieder tönen,
- Grüßt eine neue Zeit das holde Kind.
-
- Man sagt, in dieser letzten Mitternacht
- Entsteigen ihren Gräbern manche Schatten,
- Die Seelen schweben von dem Himmel nieder,
- Die Heimat und die Freunde zu besuchen.
- Auch _sie_ gedachte dieser alten Sage,
- Als sie im stillen, einsamen Gemach
- Die Ruhe suchte, und den schönen Augen
- Entströmten Tränen. Doch, nicht kind'sche Angst
- Vor der geheimnisvollen Wiederkehr
- Geschiedner Geister trübte ihre Blicke;
- Nein, die Erinnrung an geliebte Schatten,
- Die Wehmut um so manches teure Grab
- Senkte sich nieder in die stille Seele;
- Sie hat für sie gebetet und geweint.
-
- Sie schlummert, und es nahen die Verlornen,
- Die schönen Toten, ihrem stillen Lager;
- Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf
- Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt.
-
- Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder
- Als blühende, als irdische Gestalten;
- Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden,
- Nicht wie sie um den trauten Winterherd
- Die schaurig schönen Märchen dir erzählten,
- Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz
- Zum Maientag die schönen Haare flochtest: --
- Dies alles blieb in ihrem frühen Grab.
- Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer,
- Umstrahlt von heil'gem, überird'schem Glanz.
- Doch, sind die Blütenkränze abgestreift,
- Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen,
- Sie bringen doch die alte Liebe mit,
- Und sanfter, als in ihrer Erdenschöne,
- Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht,
- Das deine milden Züge still umschwebt,
- Sind sie genaht, und deinem geist'gen Blick
- Begegnen grüßend ihre lichten Augen,
- Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.
-
- Sie segnen dich; von ihren heil'gen Lippen
- Ertönt es wie der Aeolsharfe Ton,
- Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten
- Der Hauch des Abends weht: »Geliebte Schwester,
- Wir denken deiner und wir sind dir nah,
- Und segnend schweben wir um deine Tritte;
- So oft dein Aug' im schönen Morgenrot,
- Im heitern Blau des Mittags sich ergeht,
- Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach,
- Die in dem Meer der Abendröte segeln,
- Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl,
- Der mild und freundlich in dein Fenster fällt,
- Entschweben wir von deinem stillen Lager
- Mit deinen Tränen nach den sel'gen Höhn.«
-
- So flüstern sie und neigen sich herab,
- Die Stirn der teuern Schlafenden zu _küssen_
- Und dann beflügelt, eh' sie schnell erwacht,
- Eh' ihre Augen die Erscheinung haschen,
- Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben
- Nach sel'gen Höhn. Ja _dort_, wo anders fände
- Die Schwesterliebe ihre ew'ge Heimat?
- So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte
- Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief,
- Gleicht sie dem Bergsee, der in heil'ger Stille
- Den Himmel und die friedlichen Gestade
- Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom,
- Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt.
-
- Ja, tief und selig ist die Schwesterliebe,
- Und zarter, rührender erscheint sie kaum,
- Als wenn sie über Gräbern noch sich findet
- Und _Tote leben_ in der Schwester Traum.
-
-
-
-
-Mutterliebe.
-
-
- Mutterliebe!
- Allerheiligstes der Liebe!
- Ach! die Erdensprache ist so arm,
- O, vernähm' ich jener Engel Chöre,
- Hört' ich ihrer Töne heilig Klingen,
- Worte der Begeistrung wollt' ich singen:
- »Heilig, heilig ist die Mutterliebe!«
-
- Wie die Sonne geht sie lieblich auf,
- Blickt herab, den Blick voll süßen Frieden,
- Lächelt freundlich ihrer jungen Blüten --
- Und die Pflanze sproßt zum Licht hinauf.
- Rauhe Stürme ziehen durch die Flur,
- Und die junge Pflanze bebet,
- Doch die Sonne blickt durch die Natur,
- Und die junge Pflanze lebet,
- Neu erwärmt von ihrem Blick, und strebet
- Höher noch zu ihrer Sonne auf.
-
- Mutterliebe! du, du bist die Sonne!
- O wie leuchtest du der Blüte doch so warm!
- O wie heilig ist die Mutterwonne,
- Wenn das Kind umschlingt der treue Arm!
- So am Abend, so am Morgen,
- Nie ermattet sie,
- Wacht in Freuden, wacht in Sorgen
- Spät und früh.
- Sie begießt mit Muttertränen
- Ihrer Augen Lust,
- Wärmet sie mit stillem Sehnen
- An der treuen Brust.
- Süße Hoffnung schwellt die Mutterbrust,
- Daß die Blüte werd' zur Knospe keimen,
- Früchte sieht sie in den süßen Träumen.
- Heil'ge, reine Mutterliebe,
- Daß sich nie dein stiller Himmel trübe!
-
- Mutterliebe!
- Allerheiligstes der Liebe!
- Dir ertönten jener Engel Chöre;
- Als der Herr zur Erde niederstieg,
- Wollt' er an der Mutterlieb' erwarmen
- Und erwachte in der Mutter Armen.
-
- Sinket nieder,
- Schwestern, Brüder,
- Fleht zu dem, der Mutterlieb' gekannt,
- Der _sie_ schuf, sein reinstes Seelenband.
- Fleht mit uns, ihr Geister unsrer Lieben,
- Tragt es aufwärts, unser kindlich Flehn,
- Tragt's hinauf zu jenen Sternenhöh'n,
- Werft euch nieder vor des Vaters Thron,
- Fallet nieder vor der Mutter Sohn,
- Daß auf uns er seine Gnade senke
- Und den süßen Trost uns immer schenke --
- Das segensvolle Heiligtum der Liebe,
- Der Mutterliebe!
-
-
-
-
-An die Freiheit.
-
-
- Was mir so leise einst die Brust durchbebte,
- Als ich zuerst zum Jüngling war erwacht,
- Was sich so hold in meine Träume webte,
- Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht;
- Und was am Morgen klar noch in mir lebte,
- Was dann, zur lichten Flamme angefacht,
- Mit kühner Ahnung meine Seele füllte --
- Es wären nur der Täuschung Luftgebilde?
-
- Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten,
- Wenn ich der Völker Schicksal überlas,
- Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten
- Der Schöpfung mit dem trunknen Auge maß,
- Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden,
- Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß --
- Ich fühle es an meines Herzens Glühen,
- Es war kein Traumbild eitler Phantasieen!
-
- Du, stille Nacht, und du, o meine Laute!
- Nur euch, ihr Trauten, hab ich es gesagt;
- Ertönt's noch einmal, was ich euch vertraute,
- Erzählt's dem Abendhauch, was ich geklagt,
- O sagt's ihm, was ich fühlte, was ich schaute,
- Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt;
- O Freiheit, Freiheit, dich hab' ich gesungen,
- Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen!
-
- Die müde Sonne ist hinabgegangen,
- Der Abendschein am Horizont zerrinnt,
- Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen,
- Stiegst du hernieder mit dem Abendwind?
- Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen,
- Ich fühl's, du schwebst um mich, so mild, so lind.
- O weile hier, wirf ab die Adlerflügel!
- Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel?
-
- Wohl lange ist's, seit du so gerne wohntest
- Bei unsern Ahnen in dem düstern Hain:
- Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest
- Vom eis'gen Belt bis an den alten Rhein?
- Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest?
- Das schöne Land soll ganz vergessen sein?
- Noch denkst du sein; es wird dich wiedersehen,
- Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.
-
-
-
-
-Zur Feier des 18. Junius 1824.
-
-
-I.
-
- Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain,
- Seid mir gegrüßt, ihr meine deutschen Brüder;
- Auf! sammelt euch in festlich frohen Reihn,
- Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder;
- Daß heut der stolze Adler niedersank,
- Daß sich mein Volk einlöste mit dem Schwerte
- Sein Heldentum, der Freiheit Ruhm, die deutsche Erde,
- Trag's zu den Wolken, donnernder Gesang!
-
- Trübt auch die Wolke unsres Festes Glanz,
- Sind auch zerschlagen schon des Siegs Altäre,
- Die jüngst noch, in dem jungen Siegerkranz,
- Der Deutsche weihte seines Volkes Ehre:
- Mög' Arglist auch und Trug mit finstrem Bann
- Dem Siegervolke noch die Zunge binden, --
- Begeisterung, des Jünglings Dank, soll's laut verkünden:
- »Wer _dort_ gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!«
-
- Denn auferstehen soll ein neu Geschlecht,
- Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen,
- Zu kämpfen für die Freiheit und das Recht,
- Um deutsch zu sein wie in der Vorzeit Tagen!
- Ein hoher Sinn stieg auf aus blut'gem Streit,
- Es kehrt der biedre Geist der Väter wieder,
- Und stolzer stehn, in deutscher Kraft und frei, o Brüder,
- _Wir_ auf den Trümmern der vergangnen Zeit!
-
- Drum tretet mutig in die Kämpferbahn,
- Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen!
- Fürs liebe Vaterland hinan, hinan!
- Doch nur von innen kann das Werk gelingen,
- Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm,
- Nein, unser Weg geht durch Minervas Hallen;
- Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchsten wallen,
- Erschaffen uns ein echtes Bürgertum!
-
- Ja, so ersteht ein freies Vaterland;
- O Bruderbund, dies hast du dir erkoren!
- Hebt in die Lüfte auf die treue Hand,
- Dem Vaterlande sei es fest geschworen!
- O schöne Saat! Der junge Stamm erblüht,
- Und schützend ragt er auf wie Deutschlands Eichen;
- Blüh', schöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen,
- Und fern dahin die dunkle Wolke zieht.
-
-
-II.
-
-1823.
-
- Ferne in der fremden Erde
- Ruhet ihr bei euerm Schwerte
- In des Todes sichrer Hut;
- Heil'ger Frieden
- Lohnt euch Müden,
- Nach des Tages heißer Glut.
-
- Frankreichs Adler saht ihr fallen,
- Hörtet Siegesdonner schallen,
- Als der Tod das Auge brach.
- Heil euch Lieben,
- Träumet drüben
- Von der Freiheit goldnem Tag.
-
- Selig preis' ich eure Lose
- In der Erde kühlem Schoße.
- Ach, ihr saht der Freiheit Licht,
- Saht sie steigen
- Ueber Leichen --
- Doch sie sinken saht ihr nicht.
-
- Fern von eurem Siegestale
- Denken wir beim Todesmahle
- Innig eurer Siegerschar,
- Und wir gießen,
- Euch zu grüßen,
- Tränen auf den Festaltar.
-
-
-III.
-
-1824.
-
- So nahst du wieder, holde Siegesfeier,
- Die unsre Brust mit süßen Träumen füllt,
- Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier
- Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt:
- Du nahst -- und alle Herzen schlagen freier,
- Gesang und Jubel tönet durchs Gefild,
- Und meiner Brüder frohe Blicke sagen:
- »Es war _mein_ Volk, das diese Schlacht geschlagen!«
-
- Es war _mein_ Volk, und nicht die frohen Binden
- Von Eichlaub sollten schmücken das Gelag;
- Wohl sollten wir Zypressenkränze winden
- Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag;
- Doch -- den Gefallnen laßt uns Kränze winden,
- Und einmal noch am frohen Siegestag,
- Weil rings um uns des Sieges Früchte welken,
- Laßt uns in der Erinnrung Träumen schwelgen.
-
- Drum grüß' ich dich, du Feld, wo sie gefallen,
- Wo froh ihr Aug' im Siegesdonner brach!
- Drum grüß' ich euch in euern Wolkenhallen,
- Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unsre Schmach!
- Euch, tapfern Sängern, euch, ihr Helden, allen,
- Euch tönen unsre Liebesgrüße nach,
- Und euch, die ihr dem Auge schnell entschwunden,
- Der jungen Freiheit kurze Frühlingsstunden!
-
- Und hätte man den Denkstein euch zerschlagen
- Und eure Kränze in den Staub gedrückt:
- Die Blumen haben in des Frühlings Tagen
- Der Helden Grab mit neuem Grün geschmückt.
- So keimt auch unsre Hoffnung unter Klagen;
- Denn ob der Sturm sie Blatt für Blatt zerpflückt,
- Neu sproßt sie aus dem Hügel eurer Leichen,
- Und Gott wird wachen über ihren Zweigen.
-
-
-IV.
-
-1824.
-
- Wo _eine_ Glut die Herzen bindet,
- Wo Aug' dem Auge nur verkündet,
- Was Sehnsucht in dem Herzen spricht;
- Wo, wenn der Sturm die Form zerspaltet,
- Die Gottheit in den Trümmern waltet,
- Kennt man der Liebe Trennung nicht.
-
- Heran, ihr Brüder! Nord und Süden,
- Ob euch des Herrschers Wink geschieden,
- Laßt uns _ein_ Volk von Brüdern sein;
- Schließt ja in Schönbunds weiten Auen
- Von allen Strömen, allen Gauen
- _Ein_ Rasen unsre _Brüder_ ein.
-
- Wohl ist der Siegsgesang verklungen,
- Ganz anders wird jetzt vorgesungen,
- Ganz andre Weisen spielt man vor;
- Doch tönt, von Wehmut fortgetragen,
- _Ein_ Ton noch aus den bessern Tagen
- Und schlägt an manch empfänglich Ohr.
-
- Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen
- Den alten Ton herüberklingen
- Von unsrer Brüder Schlachtgefild?
- Der _Einklang_ ist's von tausend Tönen,
- Der mächtig in Germanias Söhnen
- Zu der Begeistrung Wogen schwillt.
-
-
-
-
-Turnerlust.
-
-
- Was zieht dort unten das Tal entlang?
- Eine Schar im weißen Gewand; --
- Wie mutig brauset der volle Gesang!
- Die Töne sind mir bekannt.
- Sie singen von Freiheit und Vaterland,
- Ich kenne die Scharen im weißen Gewand.
- Hurra! Hurra! Hurra!
- Die Turner ziehen aus.
-
- Die Turner ziehen ins grünende Feld
- Hinaus zur männlichen Lust;
- Daß Uebung kräftig die Glieder stählt,
- Mit Mut sich füllet die Brust:
- Drum schreiten die Turner das Tal entlang,
- Drum tönet ihr mutiger froher Gesang:
- Hurra! Hurra! Hurra!
- Du fröhliche Turnerlust!
-
- O sieh, wie kühn sich der Blick erhebt,
- Wenn der Arm den Gegner umfaßt!
- Und frei, wie der Aar durch die Lüfte schwebt,
- Fliegt auf der Turner am Mast;
- Dort schaut er weit in die Täler hinaus,
- Dort ruft er's froh in die Lüfte hinaus:
- Hurra! Hurra! Hurra!
- Du fröhliche Turnerlust!
-
- Es ist kein Graben zu tief, zu breit,
- Hinüber mit flüchtigem Fuß!
- Und trennt die Ufer der Strom so weit,
- Hinein in den tosenden Fluß!
- Er teilt mit dem Arm der Fluten Gewalt,
- Und aus den Wogen sein Ruf noch schallt:
- Hurra! Hurra! Hurra!
- Du fröhliche Turnerlust!
-
- Er schwingt das Schwert in der starken Hand,
- Zum Kampfe stählt er den Arm;
- O dürft' er's ziehen fürs Vaterland!
- Es wallt das Herz ihm so warm.
- Und sollte sie kommen, die herrliche Zeit,
- Sie fände den tapfern Turner bereit.
- Hurra! Hurra! Hurra!
- Wie ging's dann mutig in Feind!
-
- So wirbt der Turner um Kraft und Mut
- Mit Frührots freundlichem Strahl,
- Bis spät sich senket der Sonne Glut
- Und die Nacht sich bettet im Tal;
- Und klingt der Abendglockenklang,
- Dann ziehn wir nach Haus mit fröhlichem Sang
- Hurra! Hurra! Hurra!
- Du fröhliche Turnerlust!
-
-
-
-
-Das Burschentum.
-
-
- Wenn die Becher fröhlich kreisen,
- Wenn in vollen Sangesweisen
- Tönt so manches Helden Ruhm,
- Ja, da muß man dich auch singen,
- Muß auch dir die Becher schwingen,
- Dir, du altes Burschentum!
-
- Fragt ihr, wo die Freiheit wohne?
- Auf Europas weiter Zone
- Habt ihr nimmer sie gesehn;
- Nur bei alter, treuer Sitte,
- In der Burschen froher Mitte
- Mag ihr Tempel noch bestehn.
-
- Froh und frei, wie's unsre Alten
- Einst zu ihrer Zeit gehalten,
- Leben wir, so lang es gilt;
- Freuen uns -- mit leerer Tasche,
- Wenn uns nur aus voller Flasche
- Klar der braune Nektar quillt.
-
- Nicht in marmornen Trophäen
- Kann die späte Nachwelt sehen,
- Was wir Brüder hier getan!
- Doch zum Denkstein unsern Siegen
- Häufen wir aus leeren Krügen
- Hohe Pyramiden an.
-
- Mit dem Humpen in der Linken
- Wollen wir dein Wohlsein trinken,
- Altes, frohes Burschentum!
- Mit dem Hieber in der Rechten
- Wollen wir dich kühn verfechten,
- Freies, tapfres Burschentum!
-
-
-
-
-Trinklied.
-
-
- Wer seines Leibes Alter zählet
- Nach Nächten, die er froh durchwacht,
- Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
- Sich um den Groschen lustig macht,
- Der findet in uns seine Leute,
- Der sei uns brüderlich gegrüßt,
- Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
- In seine sanften Arme schließt.
-
- Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
- Von Flötentönen sanft berauscht,
- Fein Liebchen sich im Arme schmieget,
- Und Blick um Liebesblick sich tauscht,
- Da haben wir im Flug genossen
- Und schnell den Augenblick erhascht,
- Und Herz an Herzen festgeschlossen,
- Der Lippen süßen Gruß genascht.
-
- Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
- Doch ist sein Feuer bald verraucht,
- Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
- In seine Geisterglut dich taucht;
- Uns, die wir seine Hymnen singen,
- Uns leuchtet seine Flamme vor,
- Und auf der Töne freien Schwingen
- Steigt unser Geist zum Geist empor.
-
- Drum, die ihr frohe Freundesworte
- Zum würdigen Gesang erhebt,
- Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
- Daß ihr zu uns herniederschwebt!
- Sie tauchen auf -- sie schweben nieder,
- Im Vollton rauschet der Gesang,
- Und lieblich hallt in unsre Lieder
- Der vollen Gläser Feierklang.
-
- So haben's immer wir gehalten
- Und bleiben fürder auch dabei,
- Und mag die Welt um uns veralten,
- Wir bleiben ewig jung und neu.
- Denn, wird einmal der Geist uns trübe,
- Wir baden ihn im alten Wein
- Und ziehen mit Gesang und Liebe
- In unsern Freudenhimmel ein.
-
-
-
-
-Reiters Morgengesang.
-
-(Nach einem schwäbischen Volkslied.)
-
-
- Morgenrot,
- Leuchtest mir zum frühen Tod?
- Bald wird die Trompete blasen,
- Dann muß ich mein Leben lassen,
- Ich und mancher Kamerad!
-
- Kaum gedacht,
- War der Lust ein End' gemacht.
- Gestern noch auf stolzen Rossen,
- Heute durch die Brust geschossen,
- Morgen in das kühle Grab!
-
- Ach, wie bald
- Schwindet Schönheit und Gestalt!
- Tust du stolz mit deinen Wangen,
- Die mit Milch und Purpur prangen?
- Ach! die Rosen welken all!
-
- Darum still
- Füg' ich mich, wie Gott es will.
- Nun, so will ich wacker streiten,
- Und sollt' ich den Tod erleiden,
- Stirbt ein braver Reitersmann.
-
-
-
-
-Soldatenmut.
-
-
- Soldatenmut siegt überall,
- Im Frieden und im Krieg,
- Bei Flöten- und Kanonenschall
- Erkämpft er sich den Sieg;
- Sei's um ein Küßchen mit der Maid,
- Sei's mit dem Feind um Blut,
- Da ist er schnell zum Kampf bereit,
- Da siegt Soldatenmut!
- Hurra!
- Da siegt Soldatenmut!
-
- Wenn sich der Tanz im Wirbel schwingt
- Und Aug' in Auge blickt,
- Der Arm sich um die Hüfte schlingt
- Und Hand in Hand sich drückt,
- Da ist die Maid in kurzer Frist
- Dem schlanken Burschen gut;
- Wer lange fragt, hat nie geküßt,
- Da siegt Soldatenmut,
- Hurra!
- Da siegt Soldatenmut!
-
- Und wenn am heißen Sommertag
- Den Marsch die Hitze drückt,
- Und wenn das rasche Roß erlag
- Und müd' zur Erd' sich bückt,
- Hat der Soldat sich aufgerafft,
- Er singet wohlgemut,
- Wirbt durch Gesang sich neue Kraft;
- So siegt Soldatenmut!
- Hurra!
- So siegt Soldatenmut!
-
- Und wenn im Tal die Banner wehn
- Und Heer an Heer sich schließt,
- Und uns von den Batt'rieen Höhn
- Kanonendonner grüßt:
- Da reißt uns durch den Waffenplan
- Des Kampfes wilde Glut,
- Da mit dem Schwert, Mann gegen Mann,
- Da siegt Soldatenmut:
- Hurra!
- Da siegt Soldatenmut!
-
- Und wenn mein Stündlein kommen sollt',
- So bin ich frisch zur Hand;
- Ich sterb' ja nicht für eitles Gold,
- Ich fall' fürs Vaterland.
- Was ich gesollt, hab' ich getan,
- Und hab's gelöst mit Blut:
- So lebt, so stirbt für seine Fahn',
- So _siegt_ Soldatenmut!
- Hurra!
- So _siegt_ Soldatenmut!
-
-
-
-
-Prinz Wilhelm.
-
-
- Prinz _Wilhelm_, der edle Ritter,
- Ritt hinaus ins Schlachtgewitter,
- Ritt mit aus in blut'gen Strauß;
- Denn als man die Trommel rührte
- Und nach Frankreich abmarschierte,
- Blieb der _Kronprinz_ nicht zu Haus.
-
- Durch des Rheines wilde Wogen
- Ist er schnell hindurchgezogen,
- Ziehet weiter ohne Ruh'.
- Auf die Feinde durch die Wälder,
- Durch die eisbedeckten Felder,
- Auf die Feinde eilt er zu.
-
- Bei _Brienne_, im dunkeln Walde
- Unser Jägerhorn erschallte,
- Unsre Trommeln wirbeln drein;
- In den Feind durch Sumpf und Graben
- Stürmt der Prinz mit seinen Schwaben,
- Daß der Sieg muß unser sein.
-
- Und bei _Montereaus_ blut'ger Brücken,
- Als der Feind wollt' schier erdrücken
- Unsre kleine, treue Schar,
- Hat er gegen Sturmsgewalten
- Ritterlich den Paß gehalten,
- Bis sein Volk gerettet war.
-
- An der _Aube_, am _Marne_strande,
- An der _Seine_ weitem Lande
- Kennt man Wilhelm und sein Schwert;
- _Epinal_ auf blut'gen Wegen,
- _Troyes'_ heißer Kugelregen
- Haben seinen Stamm bewährt.
-
- Ja, wo treue Schwaben stritten,
- War auch in des Kampfes Mitten
- Unser Kronprinz stets dabei;
- Ja, so stritt im Schlachtgewitter
- Prinz _Wilhelm_, der edle Ritter,
- _Furchtlos_, wie sein Wort, _und treu_.
-
- Schlaget ein, ihr Kameraden!
- Wenn zum Krieg die Trommeln laden,
- Strömen freudig wir herbei:
- Denn als König zieht der Ritter
- Nun voraus im Schlachtgewitter,
- _Furchtlos_, wie sein Wort, _und treu_.
-
-
-
-
-Soldatentreue.
-
-
- Wohl dem, der geschworen
- Zur Fahne den Eid,
- Der sich zum Schmuck erkoren
- Des Königs Waffenkleid!
-
- Sei Treue verraten,
- Sei Ehre verbannt,
- Doch gehn mit dem Soldaten
- Sie beide Hand in Hand.
-
- Es grüßt ja zur Seite
- Sein Säbel ihm zu
- Und ruft ihm aus der Scheide:
- »_So treu_ wie Stahl seist _du_!«
-
- Die Büchse, sie winket
- So freundlich und rein;
- So rein als wie sie blinket,
- Soll seine Ehre sein.
-
- Das tönt ihm so süße,
- Das schwellt ihm den Arm,
- Das macht, wie Liebchens Küsse,
- Soldatenherz so warm!
-
- Drum auf! Es ertönen
- Trompeten voll Mut!
- In Vaterlandessöhnen
- Wallt treues Heldenblut!
-
- Die Welt mag zerreißen
- Die Schwüre wie Spreu;
- Ich weiß ein Wort wie Eisen,
- Es heißt: Soldatentreu'.
-
-
-
-
-Soldatenliebe.
-
-
- Steh' ich in finstrer Mitternacht
- So einsam auf der fernen Wacht,
- So denk' ich an mein fernes Lieb,
- Ob mir's auch treu und hold verblieb?
-
- Als ich zur Fahne fort gemüßt,
- Hat sie so herzlich mich geküßt,
- Mit Bändern meinen Hut geschmückt
- Und weinend mich ans Herz gedrückt!
-
- Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,
- Drum bin ich froh und wohlgemut!
- Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,
- Wenn es ans treue Lieb gedacht.
-
- Jetzt bei der Lampe mildem Schein
- Gehst du wohl in dein Kämmerlein
- Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn
- Auch für den Liebsten in der Fern'!
-
- Doch wenn du traurig bist und weinst,
- Mich von Gefahr umrungen meinst! --
- Sei ruhig, bin in Gottes Hut,
- Er liebt ein treu Soldatenblut.
-
- Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'
- Und löst mich ab zu dieser Stund';
- Schlaf wohl im stillen Kämmerlein
- Und denk' in deinen Träumen mein.
-
-
-
-
-Hans Huttens Ende.
-
-
- Laut rufet Herr Ulrich, der Herzog, und sagt:
- »Hans Hutten, reite mit auf die Jagd,
- Im Schönbuch weiß ich ein Mutterschwein,
- Wir schießen es für die Liebste mein.«
-
- Und im Forst sich der Herzog zum Junker wandt':
- »Hans Hutten, was flimmert an deiner Hand?«
- »Herr Herzog, es ist halt ein Ringelein,
- Ich hab' es von meiner Herzliebsten fein.«
-
- »Herr Hans, du bist ja ein stattlicher Mann,
- Hast gar auch ein güldenes Kettlein an?« --
- »Das hat mir mein herziger Schatz geschenkt
- Zum Zeichen, daß sie noch meiner gedenkt.«
-
- Und der Herzog blicket ihn schrecklich an:
- »So? Das hat alles dein Schatz getan?
- Der Trauring ist es von meinem Weib,
- Das Kettlein hing ich ihr selbst um den Leib.«
-
- O Hutten, gib deinem Rappen den Sporn,
- Schon rollet des Herzogs Auge im Zorn!
- Flieh, Hutten! es ist die höchste Zeit,
- Schon reißt er das blinkende Schwert aus der Scheid'!
-
- »Dein Schwert raus, Buhler, mich dürstet sehr,
- Zu sühnen mit Blut meines Bettes Ehr'!«
- Flugs, Junker, ein Stoßgebetlein sprich,
- Wenn Ulrich haut, haut er fürchterlich.
-
- Es krachen die Rippen, es bricht das Herz;
- Ruhig wischet Ulrich das blutige Erz,
- Ruhig nimmt er des ledigen Pferdes Zaum
- Und hänget die Leich' an den nächsten Baum.
-
- Es steht eine Eiche im Schönbuchwald
- Gar breit in den Aesten und hochgestalt;
- Zum Zeichen wird sie Jahrhunderte stahn,
- Hier hing der Herzog den Junker dran.
-
- Und wenn man den Herzog vom Lande jagt,
- Sein Nam' bleibt ihm, sein Schwert; er sagt:
- »Mein Nam', er verdorret ja nimmermehr,
- Und gerächet hab' ich des Hauses Ehr'.«
-
-
-
-
-Entschuldigung.
-
-
- Kam einst ein englischer Kapitan
- Zu Stambul in dem Hafen an,
- Der wollte nach der langen Fahrt
- Sich gütlich tun nach seiner Art
- Und in Stambuls krummen Gassen
- Vor den Leuten sich sehen lassen.
- Hatte auch weit und breit gehört,
- Wie die Türken so schöne Pferd',
- Reiche Geschirr' und Sättel haben;
- Wollte auch wie ein Türke traben,
- Und bestellt auf abends um vier
- Ein recht feurig arabisch Tier.
- Ziehet sich an im höchsten Staat,
- Rotem Rock, mit Gold auf der Naht,
- Schwärzt den Bart um Wange und Maul
- Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul.
- Drauf, als er reitet durch das Tor,
- Kam es den Türken komisch vor,
- Hatten noch keinen Reiter gesehn
- Wie den englischen Kapitän;
- Die Knie' hatt' er hinaufgezogen
- Und seinen Rücken krumm gebogen,
- Die Brust mit den Tressen eingedrückt,
- Auch den Kopf tief herabgebückt;
- Saß zu Pferde wie ein armer Schneider.
- Doch der Schiffskapitän ritt weiter,
- Glaubte getrost, die Türken lachen
- Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen.
- So ritt er bis zum großen Platz,
- Da macht der Araber einen Satz
- Und steigt; der englische Kapitän
- Ergreift des Arabers lange Mähn',
- Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen
- Und schreit ihm auf englisch in die Ohren;
- Das Roß den Reiter nicht verstand,
- Setzt wieder und wirft ihn in den Sand.
- Die Türken den Rotrock sehr beklagen,
- Haben ihn auch zu Schiff getragen,
- Und seinem Dragoman, einem Scioten,
- Haben sie hoch und streng verboten,
- Er dürf's nimmer wieder leiden,
- Daß der Herr den Araber tät reiten.
- Als sie verlassen den Kapitan,
- Befiehlt er gleich dem Dragoman,
- Ihm auf englisch auszudeuten,
- Was er gehört von diesen Leuten.
- Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter,
- Sie glauben, Ihr seid ein schlechter Reiter,
- Wollen, Ihr sollt in Stambuls Gassen
- Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.«
- Des hat sich der Kapitän gegrämt
- Und vor den Türken sehr geschämt.
- Spricht zum Dragoman: »Geh hinein
- Und sage den Türken: es kommt vom Wein;
- Der Herr ist sonst ein guter Reiter,
- Aber heut an der Tafel, leider,
- Hat er sich ziemlich in Sekt betrunken,
- Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.«
- Der Grieche ging zum Hafentor
- Und trug den Türken die Sache vor.
- Doch diese hörten ihn schaudernd an:
- »Wir glaubten Gutes vom roten Mann
- Und dachten, er sitze schlecht zu Pferd,
- Weil's ihn sein Vater nicht besser gelehrt;
- Aber wie, von Wein betrunken,
- Ist er im Rausche vom Pferd gesunken?
- Pfui dem Giaur und seinem Glas,
- Allah tue ihm dies und das!«
- Da sprach ein alter Muselmann:
- »Glaubt's nicht, Leute, höret mich an!
- Nicht, weil der Frank' zu viel getrunken,
- Ist er schmählich vom Roß gesunken.
- Hab' gleich gedacht, es wird so gehn,
- Als ich ihn habe reiten sehn,
- Die Knie' hoch hinaufgezogen,
- Den Rücken krumm und schief gebogen,
- Die Brust mit Tressen eingedrückt,
- Kopf und Nacken niedergebückt.
- Denk' ich, wenn sein Rößlein scheut,
- Ihn sein Reiten gewiß gereut.
- Aber nein, ich will euch sagen,
- Warum er wollte den Wein verklagen
- Und stellte sich lieber als Säufer gar,
- Denn als ein schlechter Reiter dar:
- Das macht des Menschen Eitelkeit,
- Die ihn zu Trug und Lug verleit't.
- Will mancher lieber ein Laster haben,
- Hätt' er nur andere glänzende Gaben;
- Und mancher lieber eine Sünd' gesteht,
- Eh' er eine Lächerlichkeit verrät;
- Ein dritter will gar zur Hölle fahren,
- Um sich ein falsch Erröten zu sparen.
- So auch der fränkische Kapitan,
- Schämt sich und lügt uns lieber an,
- Will lieber Säufer sich lassen schelten,
- Als für einen schlechten Reiter gelten.«
-
-
-
-
-Jesuitenbeichte.
-
-(Nach dem Französischen.)
-
-
- Ich liebte zwanzig Mädchen nach der Reihe,
- Und jeder war mein ganzes Herz geweiht,
- Und jede schwur mir heute ew'ge Treue
- Und brach schon morgen ihren heil'gen Eid.
- Da schwur und flucht' ich, keinem Weib zu trauen.
- »Mein Sohn, wer flucht, der sündiget. Allein
- Die Schuld liegt diesmal wirklich an den Frauen;
- Du sollst versöhnet und entschuldigt sein.«
-
- Weil ich Bestechung haßte wie die Hölle,
- Fand mein Minister mich zu ungeschickt,
- Und einem feilen Kerl gab er die Stelle,
- Der sich vor seinem Kammerdiener bückt;
- Da wünschte ich Herrn C... zum Teufel.
- »Mein Sohn, welch rohe Leidenschaft! Allein
- Bei kaltem Blut bereust du ohne Zweifel;
- Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«
-
- Mit schönen Worten, blendendem Versprechen
- Hat ein bekannter Herr mich arm gemacht,
- Und um mich für die Tausende zu rächen,
- Um die mich der Verräter hat gebracht,
- Schalt ich Herrn V... einen Beutelschneider.
- »Mein Sohn, das Wort war freilich grob. Allein
- Die Welt nennt ihn mit diesem Namen, leider;
- Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«
-
- Das Sakrileg, ich will's gestehen, nannte
- Ich ein Gesetz für Sklaven nur gemacht;
- Der Menschheit Schmach und des Jahrhunderts Schande,
- Und P..., ihn, der es ausgedacht,
- Schalt ich den Mörder aller freien Seelen.
- »Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein
- Du irrtest menschlich, irren heißt nicht fehlen;
- Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«
-
- Und als ich diese arme Welt bedachte
- Und sah, wie alles schief und irrig geht,
- Wie man die Tugend und das Recht verlachte,
- Und wie jetzt Trug und Laster oben steht,
- Da -- hielt ich Gott für einen leeren Namen!
- »Mein Sohn, du hast dich schwer verfehlt. Allein
- Gott ist barmherzig gegen Sünder, Amen;
- Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«
-
- Ich liebte Eintracht in Palast und Hütten;
- Doch als ich schleichend wiederkehren sah
- Die Zwietracht an der Hand der Jesuiten,
- Da schwur ich ew'gen Haß _Sankt Loyola_,
- Und ew'gen Haß und Rache seinen Söhnen!
- »Mein Sohn, ich bin die Langmut selbst! Allein
- Das heißt fürwahr das Heiligste verhöhnen!
- Vor _uns_ und Gott kannst du nicht schuldlos sein!«
-
-
-
-
-Regel für Kranke.
-
-
- Hast du mit dem Apotheker Streit,
- Es dem Arzt zu klagen vermeid';
- Hast du über den Arzt zu klagen,
- Sollst du's nicht dem Apotheker sagen;
- Denn sind sie auch Feinde immerdar,
-
- So werden sie Freund' am neuen Jahr,
- Verkünden: der hat dies gesagt,
- Und mir hat er von dir geklagt.
- Wirst du nun krank in den ersten Wochen,
- _Die_ Arznei sie zusammenkochen:
-
- »~Recipe~: Was er uns getan,
- Rühren wir ihm jetzt doppelt an;
- Zwanzig Drachmen von seinen Klagen
- Mit ~Asa foetida~ für den Magen.
- ~Misceatur~, ~detur~, nebst unsrem Groll,
- Alle zwei Stunden zwei Löffel voll.«
-
- Und stirbst du nicht in der Blütezeit
- Ihrer neuen Herzinnigkeit,
- Lassen sie dich so lange liegen,
- Bis sie selbst wieder Händel kriegen.
-
- * * * * *
-
- Merke: zweier Gegner Klagen
- Mußt du nicht hin und wieder tragen;
- Weißt nicht, ob, die geschieden scheinen,
- Sich nachmals gegen dich vereinen.
-
-
-
-
-Schriftsteller.
-
-
- Es ist kein Autor so gering und klein,
- Der nicht dächt', etwas Recht's zu sein;
- Und wär' er noch so ein armer Wicht,
- Geht er doch stolz und aufgericht't,
- Daß man glaubt, der leere Hut
- Noch zu dem Kleinen gehören tut.
- Auch kein Autor auf den andern baut;
- Denn sei ein Paar noch so vertraut,
- Darfst heut den einen heruntersetzen,
- Willst du den andern höher schätzen,
- Und morgen, auf des zweiten Kösten,
- Läßt sich der erste nennen den Besten.
-
-
-
-
-Lehre aus Erfahrung.
-
-
- Hat dir ein Autor Geld geliehn
- Und kommt und will den Wechsel ziehn,
- Und kannst doch nicht sogleich bezahlen,
- Ihm auch keinen andern Trug vormalen,
- So sprich getrost: »Jetzt weiß ich schon,
- 's war, als die treffliche Rezension,
- Wie Euer letztes Werk gelungen,
- Stund in den Literaturzeitungen;
- Waret gelobt übern Schellenkönig,
- Und dennoch, deucht es mir, zu wenig.
- Aber könntet Ihr nicht noch borgen
- Einige Zeit?« -- »Seid ohne Sorgen,«
- Der Autor darauf ganz freundlich spricht,
- »Nach meinem Geld verlangt mich nicht,
- Bleibet mein Freund; 's hat kein' Gefahr
- Könnt mich bezahlen bis übers Jahr.«
-
-
-
-
-Amor der Räuber.
-
-(Nach dem Italienischen.)
-
-
- Die _Unschuld_ saß in grüner Laube,
- Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß;
- Und Amor kam: Gib mir die Taube,
- Ein Weilchen nur gib deine Taube!
- Die Unschuld ließ sie lächelnd los,
- Doch hielt sie Täubchen an dem Band,
- Das sich um Täubchens Flügel wand.
-
- Doch kaum hat er die weiße Taube,
- So schneidet er den Faden ab;
- Und höhnisch lachend, mit dem Raube
- Entflieht der Räuber aus der Laube,
- Und nimmer kehrt der lose Knab';
- Und als ihr Täubchen nimmer kam,
- Ward sie dem Räuber ewig gram.
-
-
-
-
-Stille Liebe.
-
-
- O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge
- Oft so entzückend mir entgegenstrahlt,
- Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe,
- Die Wangen ihr mit hoher Röte malt!
- Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen,
- Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt?
- Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe,
- Der so entzückend ihrem Blick entquillt?
-
- Warum hat doch ihr Händchen so gezittert,
- Als ich ihr gestern guten Abend bot,
- Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute,
- Was machte sie auf einmal doch so rot?
- Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben,
- So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt;
- Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen
- Am Busen und am Sommerhütchen trägt.
-
- Warum schwieg sie auf einmal heute stille
- Und wußte nicht mehr, was ich sie gefragt?
- Hat sie gemerkt, was ich ihr gerne sagte?
- Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort gesagt.
- O hätt' ich Mut! dürft' ich Luisen sagen,
- Was mich so still, was mich so tief beglückt!
- O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge
- Oft so entzückend mir entgegenblickt!
-
-
-
-
-Hoffe!
-
-
- Stimme von dem braunen Hügel,
- Die du oft ins stille Tal
- Widertönst die lauten Worte,
- Lieben trauten Widerhall,
- Stimme, die du meine Lieder,
- Die Akkorde meiner Zither
- Widertönst, erschalle,
- Gib nicht neckend meine Frage wieder,
- Gib mir Antwort, Stimm' im stillen Tale.
-
- Stiller Strom im grauen Bette,
- Eile nicht so schnell davon,
- Daß mein Ohr einmal verstände
- Deiner Wellen leisen Ton;
- Deine schönen Silberquellen
- Sollen traulich mir erzählen,
- Rausche lauter, rausche,
- Sprich zu meinem Ohr aus deinen Wellen,
- Daß ich deine Sagen mir erlausche.
-
- Die ihr an dem alten Turme
- Oft im Mondesschimmer webt
- Und in nächtlich-stiller Stunde
- Durch den blassen Hain entschwebt,
- Nebelschatten alter Helden,
- Ach, daß sie mir doch erzählten,
- Steht mir Red', ich frage,
- Wollt ihr nichts aus euren Tagen melden,
- O wie gerne lauscht' ich eurer Sage.
-
- Von den alten, öden Zinnen
- Schauen düster sie herab,
- Ach, sie blicken von den Türmen
- Schweigend in ein ödes Grab;
- Alles Edle ist verklungen,
- Alles hat die Zeit verschlungen,
- Dem Geschlecht hienieden,
- Das so tief in seinem Fluch gesunken,
- Haben keine Antwort sie beschieden!
-
- Auch des Stromes stille Wellen
- Haben schönre Zeit gesehen.
- Als noch edlere Geschlechter
- Bauten auf der Berge Höhen,
- Stolz verachtet er die Frage,
- Uebertönet meine Klage,
- Seine blauen Wogen
- Denken schweigend jener schönen Tage,
- Schweigend sind durchs Tal sie hingezogen.
-
- Und so steh' ich denn alleine
- In der stillen Mondesnacht,
- Weine um die trüben Zeiten,
- Ob kein neu Geschlecht erwacht?
- Ach, daß sich mein Volk ermannte,
- Daß es sprengte seine Bande!
- Ob ich wohl noch hoffe?
- Lautlos fließt der Strom vom grauen Strande,
- Nur das leise Echo ruft mir: Hoffe!
-
-
-
-
-Trost.
-
-
- Die Mißgunst lauscht auf allen Wegen,
- Daß sie der Liebe Glück verrät,
- Doch treue, zarte Liebe geht
- Auf tausend unbewachten Stegen;
- Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick
- Sagt mir der Liebe süßes Glück.
-
- Und zog ich auch in weite Ferne,
- Es zog mit mir mein stilles Glück,
- Denn schau' ich nicht der Liebe Blick,
- So blick' ich auf zum Abendsterne;
- Wie ihres Auges stille Glut
- Strahlt er ins Herz getrosten Mut.
-
- Und wallen meine Tage trüber,
- Und dringt kein Trost von ihr zu mir,
- Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr,
- Kein Wort von ihr zu mir herüber; --
- Mein stilles Glück ist nicht getrübt,
- Ich weiß ja doch, daß sie mich liebt.
-
- Drum klag' ich nicht in weiter Ferne,
- Weil Neid der Liebe Weg belauscht,
- Wenn auch nicht Wort mit Wort sich tauscht,
- Mir strahlt ein Trost im Abendsterne:
- Aus seinen milden Strahlen quillt
- Mir meiner Liebe trautes Bild.
-
-
-
-
-Sehnsucht.
-
-
- Die Sonne grüßt Tubingas Höhn,
- Der Berge Morgennebel fallen,
- Und leichte Frühlingslüfte wehn,
- Im Tal die Herdenglocken schallen,
- Des Neckars sanfte Welle quillt
- An der Gestade Rebenhügel,
- Es taucht die alte Burg ihr Bild
- In seinen silberreinen Spiegel.
- Wie wär' der Morgen doch so schön,
- Könnt' ich mit _dir_ mich da ergehn!
-
- Und reger wogt's am Ufer hin,
- Wenn Mittag zu den Schatten ladet,
- Wenn sich durch frisches Blättergrün
- Die Sonne in dem Strome badet;
- Der Hirte zieht den Linden zu,
- Der Winzer steigt vom Berge nieder,
- Und in des kühlen Strandes Ruh'
- Erwachen ihre Kräfte wieder;
- Am Neckarstrand ruht' ich so gerne,
- Wär' nicht Luise in der Ferne.
-
- Der Abend senket seinen Strahl,
- Die Herden ziehen von den Weiden,
- Und fernhin durch das holde Tal
- Die Dörfer zu der Ruhe läuten;
- Da kommen Mädchen Hand in Hand
- Den Wiesenplan heraufgezogen;
- Es wölbt für sie am grünen Strand
- Der Lindengang die hohen Bogen;
- Doch jenen Linden fehlt das eine,
- Ich wandle ohne _sie_ -- alleine!
-
- Auf geht des Mondes Silberstrahl,
- Er malt den Berg mit falbem Glanze,
- Er ruft die Geister in das Tal,
- Er leuchtet ihrem Reigentanze;
- Ihr Berge all von Duft umhüllt,
- Du Tal am Strome auf und nieder,
- Du wärst so hold, du wärst so mild,
- Dir weiht' ich meine frohsten Lieder --
- Du wärst so schön im Abendscheine,
- Schlüg' _sie_ ihr Aug' hier in das meine.
-
-
-
-
-Ihr Auge.
-
-
- Ich weiß wo einen Bronnen
- Voll hellem Himmelstau,
- Es glänzt der Strahl der Sonnen
- Aus seines Spiegels Blau;
- Er ladet klar und helle
- Zu süßer Wonne ein,
- Es winkt aus seiner Quelle
- Der Sonne milder Schein.
-
- Mir war, als sollte drunten
- In seiner klaren Flut
- Das arme Herz gesunden
- Von seinem bangen Mut.
- Ich tauchte freudig nieder
- Ins klare Blaue hinab,
- Mein Herz, das kam nicht wieder,
- Fand in dem Quell sein Grab.
-
- Kennst du den süßen Bronnen,
- So klar und silberhell?
- Kennst du den Strahl der Sonnen
- Aus seinem blauen Quell?
- Das ist des Liebchens Auge,
- _Ihr_ süßer Silberblick, --
- Aus seiner Tiefe tauche
- Ich nie zum Licht zurück.
-
-
-
-
-Serenade.
-
-
- Wenn vom Berg mit leisem Tritte
- Luna wandelt durch die Nacht,
- Eil' ich zu des Liebchens Hütte,
- Lausche, ob die Holde wacht.
- Seh' ich dort die Lampe glühen
- In dem stillen Kämmerlein,
- Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein,
- Spielend um die zarten Wangen ziehen.
-
- Mit des Lichtes schönsten Strahlen
- Zög' ich um mein liebes Kind,
- Farben wollt' ich um sie malen,
- Wie sie nur am Himmel sind;
- Sänke Schlummer ihr aufs Auge,
- Löschte sie des Lämpchens Schein,
- Wär' ihr letzter, süßer Blick noch mein,
- Und ich stürbe sanft in ihrem Hauche.
-
- Nimmer darf ich um sie weben
- Wie der Lampe milder Schein,
- Doch mein Lied darf zu ihr schweben,
- Darf der Liebe Bote sein.
- Schwebt denn, Töne meiner Laute,
- Zu des Liebchens Kämmerlein,
- Wieget sie in süße Träume ein
- Und dann flüstert: »Denke mein, du Traute!«
-
-
-
-
-Lied aus der Ferne.
-
-
- Ihr Töne meiner Saiten,
- Ihr tönt so sanft, so mild,
- Mit Träumen ferner Freuden
- Habt ihr mein Herz erfüllt.
- Des Liebchens Kuß, des Liebchens Blick,
- Führt mir der sanfte Ton zurück,
- Der eurem Hauch entquillt!
- O lispelt leise, leise!
- Dann träum' ich schönre Zeiten
- Und meiner Liebe Bild.
-
- Wenn auf der Berge Höhen
- Der Strahl des Morgens fällt,
- Möcht' ich mit Windeswehen
- Zu meiner Jugendwelt,
- Möcht' eilen mit des Morgens Strahl
- Zum blauen Berg, zum fernen Tal,
- Das sie umfangen hält.
- Vergebens, ach, vergebens!
- Mir blüht kein Wiedersehen
- In meiner Jugendwelt.
-
-
-
-
-Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage.
-
-
- In deines Festes fröhliche Gesänge
- Mischt sich ein trauter Ton aus alter Zeit,
- Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge
- Zurück noch einmal zur Vergangenheit;
- Die Freundschaft ist's, es sind der Schwestern Tritte,
- Sie pochen schüchtern an der Pforte an,
- Sie nahen dir, sie flüstern ihre Bitte
- Und fragen freundlich: Denkst du noch daran?
-
- Denkst du daran, wie wir uns einst gefunden
- In unsrer Kindheit holder Blumenwelt?
- Es waren unsres Lebens Morgenstunden,
- Vom Frührot reiner Freuden schön erhellt;
- Der Schule Mühen, alle frohen Spiele
- Und aller Jubel von der Kindheit Bahn,
- Sie steigen auf in freudigem Gewühle
- Und fragen mit uns: Denkst du noch daran?
-
- Denkst du daran, wie an der Kindheit Grenzen
- Uns eine schönre Freudenwelt empfing?
- Wie uns ein Leben, voll Gesang und Tänzen,
- Gefaßt in seinen wundervollen Ring?
- Und wie auch ernste deutungsvolle Tage
- Des Lebens Ernst und Züge zeigten an?
- Es war der Jugend Frühlingstag; o sage,
- Die Schwestern bitten: Denkst du noch daran?
-
- Wohl trittst du jetzt in ernster Frauen Kreise,
- Die Myrte schmückt zum letztenmal dein Haar,
- Du tändelst nicht mehr nach der Mädchen Weise,
- Du nimmst jetzt Abschied von der Jungfraun Schar.
- Doch blickst du künftig ernst in unsern Reigen,
- Schilt unsre Freuden dann nicht leeren Wahn;
- Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen
- Und lächelnd sagen: Denkst du noch daran?
-
- Du denkst daran -- und zum Gedächtnismale,
- Als eine reine, jungfräuliche Zier,
- Nimm von den Schwestern die kristallne Schale,
- Wir reichen sie mit frommen Wünschen dir.
- So werden wir in deinem Herzen leben,
- Denn siehst du einmal diese Schale an,
- Dann wird dich die Erinnerung umschweben,
- Und freundlich sagst du: »Ja, ich denk' daran.«
-
-
-
-
-An Emilie.
-
-
- Zum Garten ging ich früh hinaus,
- Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde?
- Nach manchem Blümchen schaut' ich aus,
- Ich wollt's für dich zum Angebinde;
- Umsonst hatt' ich mich hinbemüht,
- Vergebens war mein freudig Hoffen;
- Das Veilchen war schon abgeblüht,
- Von andern Blümchen keines offen.
-
- Und trauernd späht' ich her und hin,
- Da tönte zu mir leise, leise
- Ein Flüstern aus der Zweige Grün,
- Gesang nach sel'ger Geister Weise;
- Und lieblich, wie des Morgens Licht
- Des Tales Nebelhüllen scheidet,
- Ein Röschen aus der Knospe bricht,
- Das seine Blätter schnell verbreitet.
-
- »Du suchst ein Blümchen?« spricht's zu mir,
- »So nimm mich hin mit meinen Zweigen,
- Bring mich zum Angebinde ihr!
- Ich bin der _wahren_ Freude Zeichen.
- Ob auch mein Glanz vergänglich sei,
- Es treibt aus ihrem treuen Schoße
- Die Erde meine Knospen neu,
- Drum unvergänglich ist die Rose.
-
- Und wie mein Leben ewig quillt
- Und Knosp' um Knospe sich erschließet,
- Wenn mich die Sonne sanft und mild
- Mit ihrem Feuerkuß begrüßet,
- So deine Freundin ewig blüht,
- Beseelt vom Geiste ihrer Lieben,
- Denn ob der Rose Schmelz verglüht --
- Der Rose Leben ist geblieben.«
-
-
-
-
-Der Kranke.
-
-
- Zitternd auf der Berge Säume
- Fällt der Sonne letzter Strahl,
- Eingewiegt in düstre Träume
- Blickt der Kranke in das Tal,
- Sieht der Wolken schnelles Jagen
- Durch das trübe Dämmerlicht --
- Ach, des Busens stille Klagen
- Tragen ihn zur Heimat nicht!
- Und mit glänzendem Gefieder
- Zog die Schwalbe durch die Luft,
- Nach der Heimat zog sie wieder,
- Wo ein milder Himmel ruft;
- Und er hört ihr fröhlich Singen,
- Sehnsucht füllt des Armen Blick,
- Ach, er sah sie auf sich schwingen,
- Und sein Kummer bleibt zurück.
- Schöner Fluß mit blauem Spiegel,
- Hörst du seine Klagen nicht?
- Sag' es seiner Heimat Hügel,
- Daß des Kranken Busen bricht.
- Aber kalt rauscht er vom Strande
- Und entrollt ins stille Tal,
- Schweiget in der Heimat Lande
- Von des Kranken stiller Qual.
- Und der Arme stützt die Hände
- An das müde, trübe Haupt;
- _Eins_ ist noch, wohin sich wende
- Der, dem aller Trost geraubt;
- Schlägt das blaue Auge wieder
- Mutig auf zum Horizont,
- Immer stieg ja Trost hernieder
- Dorther, wo die Liebe wohnt.
- Und es netzt die blassen Wangen
- Heil'ger Sehnsucht stiller Quell,
- Und es schweigt das Erdverlangen,
- Und das Auge wird ihm hell:
- Nach der ew'gen Heimat Lande
- Strebt sein Sehnen kühn hinauf,
- Sehnsucht sprengt der Erde Bande,
- Psyche schwingt zum Licht sich auf.
-
-
-
-
-Grabgesang.
-
-
- Vor des Friedhofs dunkler Pforte
- Bleiben Leid und Schmerzen stehn,
- Dringen nicht zum heil'gen Orte,
- Wo die sel'gen Geister gehn,
- Wo nach heißer Tage Glut
- Unser Freund in Frieden ruht.
-
- Zu des Himmels Wolkentoren
- Schwang die Seele sich hinan,
- Fern von Schmerzen, neu geboren,
- Geht sie auf -- die Sternenbahn;
- Auch vor jenen heil'gen Höhn
- Bleiben Leid und Schmerzen stehn.
-
- Sehnsucht gießet ihre Zähren
- Auf den Hügel, wo er ruht;
- Doch ein Hauch aus jenen Sphären
- Füllt das Herz mit neuem Mut;
- Nicht zur Gruft hinab -- hinan,
- Aufwärts ging des Freundes Bahn.
-
- Drum auf des Gesanges Schwingen
- Steigen wir zu ihm empor,
- Unsre Trauertöne dringen
- Aufwärts zu der Sel'gen Chor,
- Tragen ihm in stille Ruh'
- Unsre letzten Grüße zu.
-
-
-
-
-Aus dem Stammbuche eines Freundes.
-
-
- Und wird dir einst die Nachricht zugesandt,
- Daß zu den Vätern ich versammelt wäre,
- So trink und sprich: »Ich hab' ihn auch gekannt!«
- Mach hier ein Kreuz -- und gib mir eine Zähre.
-
-
-
-
-Logogryph.
-
-
- Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet?
- Kennst du der Liebe trauliches Symbol?
- Das feste Band, das sich um Freunde windet,
- Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl?
-
- An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen;
- Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind;
- Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen,
- Hast du die finstre Macht, die ich gemeint.
-
- So lang die Welt steht, liegen diese beiden
- Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust;
- Halt fest am _Ganzen_, laß sie nimmer streiten
- In deiner stillen und zufriednen Brust.
-
-
-
-
-Drei Rätsel.
-
-
-1.
-
- Es ist ein Wort, dreideutig dem Germanen;
- Einst war das _Erste_ furchtbar seinen Ahnen;
- Der schwere Zeiger der Geschichte rückt,
- Der Deutsche erbt das Zepter; ihr erblickt,
- Wie dem erwählten deutschen Sohne
- Im _Zweiten_ die gewicht'ge Krone
- Der Bischof auf die Stirne drückt.
- Es kreist im hochgewölbten Saale
- Das _Dritte_ bei dem Krönungsmahle.
-
-
-2.
-
- Noch sitzt auf halbzerfallnem Throne,
- Noch hält die längst bestrittne Krone
- Die alte Königin der Welt.
- Ob sie wohl je vom Throne fällt?
- Vielleicht; doch liest du sie von hinten,
- So wirst du einen König finden,
- Der herrscht, seitdem die Welt besteht,
- Des Reich nur mit der Welt vergeht;
- _Sie_ schießt nicht ew'ge Donnerkeile,
- Doch ewig treffen _seine_ Pfeile.
-
-
-3.
-
- Einst hieß man mich die schönste aller Frauen,
- Selbst Könige entzweite meine Macht.
- Zehntausend Krieger aus Europas Gauen,
- Von Asiens Landen schlugen manche Schlacht,
- Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel,
- Als bis erschlagen alle Heldensöhne
- Und bis ein stolzes Königshaus zerfiel;
- Und dennoch pries man die unsel'ge Schöne.
-
- Und wieder tönte jüngst mein alter Namen,
- Doch bin ich häßlich und verlassen nun,
- Von allen, die des Weges zu mir kamen,
- Will keiner lang an meiner Seite ruhn;
- Nur einer kam, der erste, dem nicht graut,
- An meinem Herd für immer still zu liegen,
- Der lange mir ins blasse Antlitz schaut
- Und bitter lacht ob meinen düstern Zügen.
-
- »Ach, darum also,« sprach er, »läßt du feiern
- Dein unheilvoll Gedächtnis bis auf heut,
- Damit du reihtest zu den alten Freiern
- Auch einen Heros aus der neuen Zeit?
- Doch lockst du mich mit keinem Erdentand,
- Denn Zeus zerschlug _dein_ Ilium in Scherben;
- Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand,
- So laß mich denn in deinen Armen sterben.«
-
-
-
-
-Scharade.
-
-
- Der _ersten_ Silb' entströmen Wein und Lieder,
- Und was du einsam denkst, macht sie bekannt,
- Oft geht sie mit dem Zwang auch Hand in Hand,
- Schlägt selbst in Fesseln deine freien Glieder!
- Doch gibt das _zweite_ Paar dir Hoffnung wieder;
- Sein Feueratem weht von Land zu Land,
- Sprengt deines Kerkers festgetürmte Wand,
- Wirft deine Häscher, deine Fesseln nieder.
- Scheint _Zwei_ mit _Eins_ sich nimmer zu vertragen.
- So ist _das Ganze_ doch ein hohes Wort,
- Woran man nur den Widerspruch getadelt;
- Doch hat sein Widerspruch manch großen Geist geadelt!
- Fürwahr! es starb des _Letzten_ letzter Hort,
- Wär' es gestorben jüngst in unsern Tagen.
-
-
-
-
-Novellen.
-
-Erster Teil.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich 57
-
- Othello 63
-
- Die Bettlerin vom Pont des Arts 104
-
- Jud Süß 200
-
-
-
-
-Vertrauliches Schreiben
-
-an
-
-Herrn W. A. Spöttlich,
-
-Vizebataillonschirurgen a. D. und Mautbeamten in Tempelhof bei Berlin.
-
-
-Sie werden mich verbinden, verehrter Herr, wenn Sie diese Vorrede
-lesen, welche ich einer kleinen Sammlung von Novellen vordrucken lasse.
-Ich ergreife nämlich diesen Weg, einiges mit Ihnen zu besprechen, teils
-weil mir nach sechs unbeantwortet gebliebenen Briefen das Porto bis
-Tempelhof zu teuer deuchte, teils aber auch, weil Sie vielleicht nicht
-begreifen, warum ich diese Novellen gerade so geschrieben habe und
-nicht anders.
-
-Sie werden nämlich nach Ihrer bekannten Weise, wenn Sie »Novellen«
-auf dem Titel lesen, die kleinen Augen noch ein wenig zudrücken, auf
-geheimnisvolle Weise lächeln und, sollte er gerade zugegen sein,
-Herrn Amtmann Kohlhaupt versichern: »Ich kenne den Mann, es ist alles
-erlogen, was er schreibt;« und doch würden Sie sich gerade bei diesen
-Novellen sehr irren. Die besten und berühmtesten Novellendichter Lopez
-de Vega, Boccaz, Goethe, Calderon, Tieck, Scott, Cervantes und auch
-ein Tempelhofer haben freilich aus einem unerschöpflichen Schatz der
-Phantasie ihre Dichtungen hervorgebracht, und die unverwelklichen
-Blumensträuße, die sie gebunden, waren nicht in Nachbars Garten
-gepflückt, sondern sie stammten aus dem ewig grünenden Paradies der
-Poesie, wozu, nach der Sage, Feen ihren Lieblingen den unsichtbaren
-Schlüssel in die Wiege legen. Daher kommt es auch, daß durch eine
-geheimnisvolle Kraft alles, was sie gelogen haben, zur schönsten
-Wahrheit geworden ist.
-
-Geringere Sterbliche, welchen jene magische Springwurzel, die nicht nur
-die unsichtbaren Wege der Phantasie erschließt, sondern auch die festen
-und undurchdringlichen Pforten der menschlichen Brust aufreißt, nicht
-zu teil wurde, müssen zu allerlei Notbehelf ihre Zuflucht nehmen, wenn
-sie -- Novellen schreiben wollen. Denn das eben ist das Aergerliche an
-der Sache, daß oft ihre Wahrheit als schlecht erfundene Lüge erscheint;
-während die Dichtung jener Feenkinder für treue, unverfälschte Wahrheit
-gilt.
-
-So bleibt oft uns geringen Burschen nichts übrig, als nach einer
-Novelle zu _spionieren_. Kaffeehäuser, Restaurationen, italienische
-Keller und dergleichen sind für diesen Zweck nicht sehr zu empfehlen.
-Gewöhnlich trifft man dort nur Männer, und Sie wissen selbst, wie
-schlecht die Restaurationsmenschen erzählen. Da wird nur dieses oder
-jenes Faktum schnell und flüchtig hingeworfen; reine Nebenbemerkungen,
-nichts Malerisches; ich möchte sagen, sie geben ihren Geschichten
-kein Fleisch, und wie oft habe ich mich geärgert, wenn man von einer
-Hinrichtung sprach, und dieser oder jener nur hinwarf »geköpft«,
-»hingerichtet«, statt daß man, wie bei ordentlichen Erzählungen
-gebräuchlich, den armen Sünder, seinen Beichtvater, den roten Mantel
-des Scharfrichters, sein blinkendes Schwert sieht, ja selbst die Luft
-pfeifen hört, wenn sein nerviger Arm den Streich führt.
-
-Es gibt gewisse Weinstuben, wo sich ältere Herren versammeln und
-nicht gerne einen »Jungen«, einen »Fremden« unter sich sehen. Diese
-pflegen schon besser zu erzählen; dadurch, daß sie diesen oder jenen
-Straßenraub, die geheimnisvolle, unerklärliche Flucht eines vornehmen
-Herrn, einen plötzlichen Sterbefall, wobei man »allerlei gemunkelt«
-habe, schon fünfzigmal erzählten, haben ihre Geschichten einen Schmuck,
-ein stattliches Kleid bekommen, und schreiten ehrbar fürder, während
-die Geschichten der Restaurationsmenschen wie Schatten hingleiten.
-Solche Herren haben auch eine Art von historischer Gründlichkeit, und
-es gereicht mir immer zu hoher Freude, wenn einer spricht: »Da bringen
-Sie mich auf einen sonderbaren Vorfall,« sich noch eine halbe Flasche
-geben läßt und dann anhebt: »In den siebziger Jahrgängen lebte in
-meiner Vaterstadt ein Kavalier von geheimnisvollem Wesen.« -- Solche
-Herren trifft man allenthalben, und sie werden von mehreren unserer
-neueren Novellisten stark benützt. Der bekannte ** versicherte mir,
-daß er einen ganzen Band seiner Novellen solchen alten Nachtfaltern
-verdanke, und erst aus diesem Geständnis konnte ich mir erklären,
-warum seine Novellen so steif und trocken waren; sie kamen mir
-nachher allesamt vor wie alte, verwelkte Junggesellen, die sich ihre
-Liebesabenteuer erzählen, welche sämtlich anfangen: »Zu meiner Zeit.«
-
-Die ergiebigste Quelle aber für Novellisten unserer Art sind Frauen,
-die das fünfundsechzigste hinter sich haben. Die Welt nennt Medisance,
-was eigentlich nur eine treffliche Weise zu erzählen ist; junge Mädchen
-von sechzehn, achtzehn pflegen mit solchen Frauen gut zu stehen und
-sich wohl in acht zu nehmen, daß sie ihnen keine Blöße geben, die
-sie in den Mund der alten Novellistinnen bringen könnte; Frauen von
-dreißig und ihre Hausfreunde gehen lieber eine Ecke weiter, um nicht
-ihren Gesichtskreis zu passieren, oder wenn sie der Zufall mit der
-Jugendfreundin ihrer seligen Großmutter zusammenführt, pflegen sie das
-gute Aussehen der Alten zu preisen und hören geduldig ein beißendes
-Lob der alten Zeiten an, das regelmäßig ein sanftes Exordium, drei
-Teile über Hauswesen, Kleidung und Kinderzucht, eine Nutzanwendung
-nebst einem frommen Amen enthält. Solche ältere Frauen pflegen gegen
-jüngere Männer, die ihnen einige Aufmerksamkeit schenken, einen
-gewissen geheimnisvoll-zutraulichen Ton anzunehmen. Sie haben für
-junge Mädchen und schöne Frauen, die jetzt dieselbe Stufe in der
-Gesellschaft bekleiden, welche sie einst selbst behauptet hatten, feine
-und bezeichnende Spitznamen, und erzählen den Herren, die ihnen ein
-Ohr leihen, allerlei »kuriose« Sachen von dem »Eichhörnlein und seiner
-Mutter«, auch »wie es in diesem oder jenem Hause zugeht«, »galante
-Abenteuer von jenem ältlichen, gesetzten Herrn, der nicht immer so
-gewesen«, und sind sie nur erst in dem abenteuerlichen Gebiet geheimer
-Hofgeschichten und schlechter Ehen, so spinnen sie mit zitternder
-Stimme, feinem Lächeln und den teuersten Versicherungen Geschichten
-aus, die man (natürlich mit veränderten Namen) sogleich in jeden
-Almanach könnte drucken lassen.
-
-Niemand weiß so trefflich wie sie das Kostüm, das Gespräch, die Sitten
-»vor fünfzig Jahren« wiederzugeben; ich glaubte einst bei einer
-solchen Unterhaltung die Reifröcke rauschen, die hohen Stelzschuhe
-klappern, die französischen Brocken schnurren zu hören, die ganze
-Erzählung roch nach Ambra und Puder wie die alten Damen selbst. Und
-so frisch und lebhaft ist ihr Gedächtnis und Mienenspiel, daß ich
-einmal, als mir eine dieser Damen von einer längst verstorbenen
-Frau Ministerin erzählte und ihren Gang und ihren schnarrenden Ton
-nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich diese Frau als Kind
-gekannt, daß sie mir mit derselben schnarrenden Stimme ein Zuckerbrot
-geschenkt habe. Mehrere Novellen, die ich aufgeschrieben, beziehen
-sich auf geheime Familiengeschichten oder sonderbare, abenteuerliche
-Vorfälle, deren wahre Ursachen wenig ins Publikum kamen, und ich kann
-versichern, daß ich sie alle, teils in Berlin, teils in Hannover,
-Kassel, Karlsruhe, selbst in Dresden eben von solchen alten Frauen, den
-Chroniken ihrer Umgebung, gehört und oft wörtlich wiedererzählt habe.
-
-Nur so ist es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüssel zum
-Feenreich, gegenwärtig in Deutschland eine so bedeutende Menge Novellen
-zu Tage fördern. Die wundervolle Märchenwelt findet kein empfängliches
-Publikum mehr, die lyrische Poesie scheint nur noch von wenigen
-geheiligten Lippen tönen zu wollen, und vom alten Drama sind uns, sagt
-man, nur die Dramaturgen geblieben. In einer solchen miserablen Zeit,
-Verehrter, ist die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel haben
-wir, wie eine Maske, von den großen Novellisten entlehnt, und Gott und
-seine lieben Kritiker mögen wissen, ob die nachstehenden Geschichten
-wirkliche und gerechte Novellen sind.
-
-Ich habe, mein werter Herr, dies alles gesagt, um Ihnen darzutun,
-wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu schreiben, wie man beim
-Novellenschreiben zu Werke gehe, und -- daß alles _getreue_ Wahrheit
-sei, wenn auch keine poetische, was ich niedergeschrieben. Sie werden
-sich noch der guten Frau von Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid
-von verblichenem gelben Samt trug, das nur eine weiche Fortsetzung
-ihrer harten, gelben Züge schien? Von ihr habe ich die Geschichte,
-»Othello« betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Residenz
-zu nennen, wo diese sonderbaren Szenen vorfielen, aber wenn ich
-bedenke, daß sie zur selben Zeit Hofdame in Scherau war, als Jean Paul
-dort lebte, so kann ich nicht anders glauben, als die Geschichte sei an
-jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle habe ich aus dem Mund der
-alten Gräfin Nelkenroth; man hält sie allgemein für eine böse Frau,
-aber ich kann versichern, daß ich sie über Josephens Schicksal Tränen
-vergießen sah. Man will zwar behaupten, daß sie oft in Gesellschaften
-weinerliche Geschichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein Maler
-versicherte, sie habe etwas von einer ~Mater dolorosa~; aber soviel
-ist gewiß, daß sie mehrere Personen des Stücks gekannt haben will, und
-die Frau, bei welcher Herr von Fröben in S. gewohnt hat, erzählte mir
-manche Sonderbarkeiten von ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich
-die Geschichte wiedererzählte, gaben sich vergebliche Mühe über Herrn
-von Fröben und die Personen, mit welchen er in Berührung kam, etwas
-Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild der Dame nach dem
-Gemälde in der Boisseréeschen Galerie von Strixner lithographiert
-worden sei. In Ostende, wo ich durch mehrere Briefe nachforschte,
-konnte ich nichts erfahren, als daß allerdings ein englisches Schiff,
-die »Luna«, Kapitän Wardwood, im August Passagiere nach Portugal an
-Bord genommen habe, und daß sich im Register des Hafendirektors ein
-Don Petro de Montanjo nebst Nichte und Dienerschaft befinde. Am Rhein,
-wo ich mich nach Herrn von Faldner und seiner Familie erkundigte, und
-erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir alles für Erfindung,
-denn es gäbe am ganzen Rhein hinab nur gesittete Landwirte, die mit
-ihren Frauen wie die Engel im Himmel leben.
-
-Sie sehen, ich habe keine Mühe gescheut, die Geschichten, die ich
-erzähle, so glaubwürdig als möglich zu machen. Es gibt freilich Leute,
-die mir dieser historischen Wahrheit wegen gram sind und behaupten,
-der echte Dichter müsse keine Straße, keine Stadt, keine bekannten
-Namen und Gegenstände nennen; alles und jedes müsse rein erdichtet
-sein, nicht durch äußern Schmuck, sondern von innen Wahrheit gewinnen,
-und wie Mohammeds Sarg müsse es in der schönen lieben, blauen Luft
-zwischen Himmel und Erde schweben. Andere halten es vielleicht auch
-für »_eine rechtswidrige Täuschung des Publikums_« und können mich
-darüber belangen wollen, daß ich behaupte, dies und jenes habe sich
-da und dort zugetragen, und ich könne doch keine stadtgerichtlichen
-Zeugnisse beibringen. Aber ist denn hier von echter Poesie, von echten
-Dichtern die Rede? Man lege doch nicht an die Erzählungen einiger
-alten Damen diesen erhabenen Maßstab! Goethe erzählte in Dichtung und
-Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer eine Türe und einen
-wunderschönen Garten gesehen. Noch heute laufen alle Fremden hin (ich
-selbst war dort) und beschauen die Mauer und wundern sich, daß man
-nicht wenigstens die Reparatur schauen könne, wenngleich das Loch nur
-geträumt und nie in der Mauer war. Solchen poetischen Frevel gegen
-ein gesetztes Publikum mag man einem Goethe vorrücken; armen Menschen,
-_ohne_ den Kammerherrnschlüssel der Poesie, der die Mauern aufschließt,
-wenn sie auch keine Türen haben, muß man solche Freiheiten zugute
-halten.
-
-Darum lesen Sie, verehrter Herr, diese Geschichten, so abenteuerlich
-sie sein mögen, als reine, treue _Wahrheit_; es wird Sie weniger
-ärgern, als wenn Sie _Dichtungen_ vor sich zu haben meinten, und Ihr
-scharfes Auge ein wirres Gewebe unwahrscheinlicher Lügen fände.
-
- W. H.
-
-
-
-
-Othello.
-
-
-1.
-
-Das Theater war gedrängt voll, ein neuangeworbener Sänger gab den
-_Don Juan_. Das Parterre wogte, von oben gesehen, wie die unruhige
-See, und die Federn und Schleier der Damen tauchten wie schimmernde
-Fische aus den dunkeln Massen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn
-mit dem Anfang der Wintersaison war eine kleine Trauer eingefallen
-und heute zum erstenmal drangen wieder die schimmernden Farben der
-reichen Turbans, der wehenden Büsche, der bunten Schals an das Licht
-hervor. Wie glänzend sich aber auch der reiche Kranz von Damen um das
-Amphitheater zog, das Diadem dieses Kreises schien ein herrliches,
-liebliches Bild zu sein, das aus der fürstlichen Loge freundlich und
-hold die Welt um und unter sich überschaute. Man war versucht, zu
-wünschen, dieses schöne Kind möchte nicht so hoch geboren sein, denn
-diese frische Farbe, diese heitere Stirne, diese kindlich-reinen,
-milden Augen, dieser holde Mund war zur Liebe, nicht zur Verehrung aus
-der Ferne geschaffen. Und wunderbar, wie wenn Prinzessin Sophie diesen
-frevelhaften Gedanken geahnet hätte -- auch ihr Anzug entsprach diesem
-Bilde einfacher natürlicher Schönheit; sie schien jeden Schmuck, den
-die Kunst verleiht, dem stolzen Damenkreis überlassen zu haben.
-
-»Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter sie ist,« sprach in einer der
-ersten Ranglogen ein fremder Herr zu dem russischen Gesandten, der
-neben ihm stand, und beschaute die Prinzessin durch das Opernglas;
-»wenn sie lächelt, wenn sie das sprechende Auge ein klein wenig
-zudrückt, und dann mit unbeschreiblichem Reiz wieder aufschlägt, wenn
-sie mit der kleinen, niedlichen Hand dazu agiert -- man sollte glauben,
-aus so weiter Ferne ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen
-zu können.«
-
-»Es ist erstaunlich!« entgegnete der Gesandte.
-
-»Und dennoch sollte dieser Himmel von Freudigkeit nur Maske sein? Sie
-sollte fühlen, schmerzlich fühlen, sie sollte unglücklich lieben,
-und doch so blühend, so heiter sein? Gnädige Frau,« wandte sich der
-Fremde zu der Gemahlin des Gesandten, »gestehen Sie, Sie wollen mich
-mystifizieren, weil ich einiges Interesse an diesem Götterkinde
-genommen habe.«
-
-»~Mon Dieu!~ Baron,« sagte diese mit dem Kopfe wackelnd, »Sie glauben
-noch immer nicht? Auf Ehre, es ist wahr, wie ich Ihnen sagte; sie
-liebt, sie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von einer Dame, der
-nichts dergleichen entgeht. Und wie, meinen Sie, eine Prinzessin, die
-von Jugend auf zur Repräsentation erzogen ist, werde nicht Tournüre
-genug haben, um ein so unschickliches Verhältnis den Augen der Welt zu
-verbergen?«
-
-»Ich kann es nicht begreifen,« flüsterte der Fremde, indem er wieder
-sinnend nach ihr hinsah; »ich kann es nicht fassen; diese Heiterkeit,
-dieser beinahe mutwillige Scherz -- und stille, unglückliche Liebe?
-Gnädige Frau, ich kann es nicht begreifen!«
-
-»Ja, warum soll sie denn nicht munter sein, Baron? Sie ahnet wohl
-nicht, daß jemand etwas von ihrer meschanten Aufführung weiß; der
-Amoroso ist in der Nähe --«
-
-»Ist in der Nähe? O bitte, Madame! Zeigen Sie mir den Glücklichen, wer
-ist er?«
-
-»Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Diskretion, die ich der
-Oberhofmarschallin schuldig bin; mein Freund, daraus wird nichts. Sie
-können zwar in Warschau wiedererzählen, was Sie hier gesehen und gehört
-haben, aber Namen? nein, Namen zu nennen in solchen Affären ist sehr
-unschicklich; mein Mann kann dergleichen nicht leiden.«
-
-Die Ouverture war ihrem Ende nahe, die Töne brausten stärker aus dem
-Orchester herauf, die Blicke der Zuschauer waren fest auf den Vorhang
-gerichtet, um den neuen Don Juan bald zu sehen; doch der Fremde in der
-Loge der russischen Gesandtschaft hatte kein Ohr für Mozarts Töne,
-kein Auge für das Stück, er sah nur das liebliche, herrliche Kind, das
-ihm um so interessanter war, als diese schönen Augen, diese süßen,
-freundlichen Lippen heimliche Liebe kennen sollten. Ihre Umgebungen,
-einige ältere und jüngere Damen, hatten zu sprechen aufgehört; sie
-lauschten auf die Musik; Sophiens Augen gleiteten durch das gefüllte
-Haus, sie schienen etwas zu vermissen, zu suchen. »Ob sie wohl nach dem
-Geliebten ihre Blicke aussendet?« dachte der Fremde; »ob sie die Reihen
-mustert, ihn zu sehen, ihn mit einem verstohlenen Lächeln, mit einem
-leisen Beugen des Hauptes, mit einem jener tausend Zeichen zu begrüßen,
-welche stille Liebe erfindet, womit sie ihre Lieblinge beglückt,
-bezaubert?« Eine schnelle, leichte Röte flog jetzt über Sophiens Züge,
-sie rückte den Stuhl mehr seitwärts, sie sah einigemal nach der Türe
-ihrer Loge: die Türe ging auf, ein großer, schöner junger Mann trat ein
-und näherte sich einer der älteren Damen, es war die Herzogin F., die
-Mutter der Prinzessin. Sophie spielte gleichgültig mit der Brille, die
-sie in der Hand hielt, aber der Fremde war Kenner genug, um in ihrem
-Auge zu lesen, daß _dieser_ und kein anderer der Glückliche sei.
-
-Noch konnte er sein Gesicht nicht sehen; aber die Gestalt, die
-Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes für ihn; die
-Fürstin zog ihre Tochter ins Gespräch, sie blickte freundlich auf, sie
-schien etwas Pikantes erwidert zu haben, denn die Mutter lächelte, der
-junge Mann wandte sich um, und -- »Mein Gott! Graf _Zronievsky_!« rief
-der Fremde so laut, so ängstlich, daß der Gesandte an seiner Seite
-heftig erschrak, und seine Gemahlin den Gast krampfhaft an der Hand
-faßte, und neben sich auf den Stuhl niederriß.
-
-»Ums Himmels willen, was machen Sie für Skandal!« rief die erzürnte
-Dame; »die Leute schauen rechts und links nach uns her; wer wird denn
-so mörderlich schreien? Es ist nur gut, daß sie da unten gerade ebenso
-mörderlich gegeigt und trompetet haben, sonst hätte jedermann Ihren
-»Zronievsky« hören müssen. Was wollen Sie nur von dem Grafen? Sie
-wissen ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!«
-
-»Kein Wort weiß ich,« erwiderte der Fremde; »wie kann ich auch wissen,
-wen Sie kennen und wen nicht, da ich erst seit drei Stunden hier bin?
-Warum vermeiden Sie es, ihn zu sehen?«
-
-»Nun, seine Verhältnisse zu unserer Regierung können Ihnen nicht
-unbekannt sein,« sprach der Gesandte; »er ist verwiesen, und es ist mir
-höchst fatal, daß er gerade hier, und immer nur hier sein will. Er hat
-sich unverschämterweise bei Hofe präsentieren lassen, und so sehe ich
-ihn auf jedem Schritt und Tritt, und doch wollen es die Verhältnisse,
-daß ich ihn ignoriere. Ueberdies macht mir der fatale Mensch sonst noch
-genug zu schaffen; man will höheren Orts wissen, wovon er lebe, und so
-glänzend lebe, da doch seine Güter konfisziert sind; und ich weiß es
-nicht herauszubringen. Sie kennen ihn, Baron?«
-
-Der Fremde hatte diese Reden nur halb gehört; er sah unverwandt nach
-der fürstlichen Loge, er sah, wie Zronievsky mit der Fürstin und
-den andern Damen sprach, wie nur sein feuriges Auge hin und wieder
-nach Sophien hingleitete, wie sie begierig diesen Strahl auffing und
-zurückgab. Der Vorhang flog auf; der Graf trat zurück und verschwand
-aus der Loge; Leporello hub seine Klagen an.
-
-»Sie kennen ihn, Baron?« flüsterte der Gesandte. »Wissen Sie mir
-Näheres über seine Verhältnisse --«
-
-»Ich habe mit ihm unter den polnischen Lanciers gedient.«
-
-»Ist wahr; er hat in der französischen Armee gedient; sahen Sie sich
-oft? kennen Sie seine Ressourcen?«
-
-»Ich habe ihn nur gesehen,« warf der Fremde leicht hin, »wenn es der
-Dienst mit sich brachte; ich weiß nichts von ihm, als daß er ein braver
-Soldat und ein sehr unterrichteter Offizier ist.«
-
-Der Gesandte schwieg; sei es, daß er diesen Worten glaubte, sei es,
-daß er zu vorsichtig war, seinem Gast durch weitere Fragen Mißtrauen
-zu zeigen. Auch der Fremde bezeigte keine Lust, das Gespräch weiter
-fortzusetzen; die Oper schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen; und
-dennoch war es ein ganz anderer Gegenstand, der seine Seele unablässig
-beschäftigte. »Also hierher hat dich dein unglückliches Geschick
-endlich getrieben?« sagte er zu sich, »armer Zronievsky! Als Knabe
-wolltest du dem Kosciuszko helfen, und dein Vaterland befreien;
-Freiheit und Kosciuszko sind verklungen und verschwunden! Als Jüngling
-warst du für den Ruhm der Waffen, für die Ehre der Adler, denen du
-folgtest, begeistert, man hat sie zerschlagen; du hattest dein Herz so
-lange vor Liebe bewahrt, sie findet dich endlich als Mann, und siehe --
-die Geliebte steht so furchtbar hoch, daß du vergessen oder untergehen
-mußt!«
-
-Das Geschick seines Freundes, denn dies war ihm Graf Zronievsky
-gewesen, stimmte den Fremden ernst und trübe, er versank in jenes
-Hinbrüten, das die Welt und alle ihre Verhältnisse vergißt, und der
-Gesandte mußte ihn, als der erste Akt der Oper zu Ende war, durch
-mehrere Fragen aus seinem Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch das
-Klatschen und Bravorufen des Parterres unterbrochen worden war.
-
-»Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt,« sagte der Gesandte; »sie
-behauptet, Ihre Familie zu kennen; kommen Sie, wischen Sie diesen
-Ernst, diese Melancholie von Ihrer Stirne; ich will Sie in die Loge
-führen und präsentieren.«
-
-Der Fremde errötete; sein Herz pochte, er wußte selbst nicht warum;
-erst als er den Korridor mit dem Gesandten hinging, als er sich der
-fürstlichen Loge näherte, fühlte er, daß es die Freude sei, was sein
-Blut in Bewegung brachte, die Freude, jenem lieblichen Wesen nahe zu
-sein, dessen stille Liebe ihn so sehr anzog.
-
-
-2.
-
-Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeichneter Güte. Sie selbst
-präsentierte ihn der Prinzessin Sophie, und der Name _Larun_ schien
-in den Ohren des schönen Kindes bekannt zu klingen; sie errötete
-flüchtig und sagte, sie glaube gehört zu haben, daß er früher in der
-französischen Armee diente. Es war dem Baron nur zu gewiß, daß ihr
-niemand anders als Zronievsky dies gesagt haben konnte, es war ihm um
-so gewisser, als ihr Auge mit einer gewissen Teilnahme auf ihm wie auf
-einem Bekannten ruhte, als sie gerne die Rede an ihn zu richten schien.
-
-»Sie sind fremd hier,« sagte die Herzogin, »Sie sind keinen Tag in
-diesen Mauern, Sie können also noch von niemand bestochen sein;
-ich fordere Sie auf, sein Sie Schiedsrichter; kann es nicht in der
-Natur geheimnisvolle Kräfte geben, die -- die, wie soll ich mich nur
-ausdrücken, die, wenn wir sie frevelhaft hervorrufen, uns Unheil
-bringen können?«
-
-»Sie sind nicht unparteiisch, Mutter;« rief die Prinzessin lebhaft,
-»Sie haben schon durch Ihre Frage, wie Sie sie stellten, die Sinne
-des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal, wenn zufällig im
-Zwischenraum von vielen Jahren von einem Hause nach und nach sechs
-Dachziegel gefallen wären und einige Leute getötet hätten, würden Sie
-nicht mehr an diesem Hause vorübergehen?«
-
-»Warum nicht? es müßten nur in diesen Ziegeln geheimnisvolle Kräfte
-liegen, welche --«
-
-»Wie mutwillig,« unterbrach ihn die Herzogin, »Sie wollen mich mit
-meinen geheimnisvollen Kräften nach Hause schicken, aber nur Geduld;
-das Gleichnis, das Sophie vorbrachte, paßt doch nicht ganz --«
-
-»Nun, wir wollen gleich sehen, wem der Baron recht gibt,« rief jene;
-»die Sache ist so, wir haben hier eine sehr hübsche Oper, man gibt
-alles mögliche, Altes und Neues durcheinander, nur _eines_ nicht, die
-schönste, herrlichste Oper, die ich kenne; auf fremdem Boden mußte ich
-sie zum erstenmal hören, das erste, was ich tat, als ich hierher kam,
-war, daß ich bat, man möchte sie hier geben, und nie wird mir mein
-Wunsch erfüllt! Und nicht etwa, weil sie zu schwer ist -- sie geben
-schwerere Stücke -- nein, der Grund ist eigentlich lächerlich.«
-
-»Und wie heißt die Oper?« fragte der Fremde.
-
-»Es ist Othello!«
-
-»Othello? gewiß, ein herrliches Kunstwerk; auch mich spricht selten
-eine Musik so an wie diese, und ich fühle mich auf lange Tage
-feierlich, ich möchte sagen heilig bewegt, wenn ich Desdemonas
-Schwanengesang zur Harfe singen gehört habe.«
-
-»Hören Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warschau, von Berlin, Gott
-weiß woher -- ich habe ihn nie gesehen, und dennoch schätzt er Othello
-so hoch. Wir müssen ihn einmal wieder sehen. Und warum soll er nicht
-wieder gegeben werden? Wegen eines Märchens, das heutzutage niemand
-mehr glaubt.«
-
-»Freveln Sie nicht!« rief die Fürstin; »es sind mir Tatsachen bekannt,
-die mich schaudern machen, wenn ich nur daran denke; doch wir sprechen
-unserm Schiedsrichter in Rätseln; stellen Sie sich einmal vor, ob es
-nicht schrecklich wäre, wenn es jedesmal, so oft Othello gegeben würde,
-brennte.«
-
-»Auch wieder ein Gleichnis,« fiel Sophie ein, »doch es ist noch viel
-toller, das Märchen selbst!«
-
-»Nein, es soll einmal brennen,« fuhr die Mutter fort. »Othello wurde
-zuerst als Drama nach Shakespeare gegeben, schon vor fünfzig Jahren;
-die Sage ging, man weiß nicht woher und warum, daß, so oft Othello
-gegeben wurde, ein gewisses Evenement erfolgte; nun also unser Brennen;
-es brannte jedesmal nach Othello. Man machte den Versuch, man gab lange
-Zeit Othello nicht; es kam eine neue geistreiche Uebersetzung auf, er
-wird gegeben -- jener unglückliche Fall ereignet sich wieder. Ich weiß
-noch wie heute, als Othello, zur Oper verwandelt, zum erstenmal gegeben
-wurde; wir lachten lange vorher, daß wir den unglücklichen Mohren um
-sein Opfer gebracht haben, indem er jetzt musikalisch geworden --
-Desdemona war gefallen, wenige Tage nachher hatte der Schwarze auch ein
-weiteres Opfer. Der Fall trat nachher noch einmal ein, und darum hat
-man Othello nie wieder gegeben; es ist töricht, aber wahr. Was sagen
-Sie dazu, Baron, aber aufrichtig, was halten Sie von unserem Streit?«
-
-»Durchlaucht haben vollkommen recht,« antwortete Larun in einem Ton,
-der zwischen Ernst und Ironie die Mitte hielt; »wenn Sie erlauben,
-werde ich durch ein Beispiel aus meinem eigenen Leben Ihre Behauptung
-bestätigen. Ich hatte eine unverheiratete Tante, eine unangenehme,
-mystische Person; wir Kinder hießen sie nur die Federntante, weil
-sie große schwarze Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei
-Ihrem Othello, so ging auch in unserer Familie eine Sage, so oft die
-Federntante kam, mußte nachher eins oder das andere krank werden.
-Es wurde darüber gescherzt und gelacht, aber die Krankheit stellte
-sich immer ein, und wir waren den Spuk schon so gewöhnt, daß, so oft
-die Federntante zum Besuch in den Hof fuhr, alle Zurüstungen für die
-kommende Krankheit gemacht und selbst der Doktor geholt wurde.«
-
-»Eine köstliche Figur, Ihre Federntante!« rief die Prinzessin lachend;
-»ich kann mir sie denken, wie sie den Kopf mit dem Federhut aus dem
-Wagen streckt, wie die Kinder laufen, als käme die Pest, weil keines
-krank werden will, und wie ein Reitknecht zur Stadt sprengen muß, um
-den Doktor zu holen, weil die Federntante erschienen sei. Da hatten Sie
-ja wahrhaftig eine lebendige weiße Frau in Ihrer Familie!«
-
-»Still von diesen Dingen,« unterbrach sie die Fürstin ernst, beinahe
-unmutig; »man sollte nicht von Dingen so leichthin reden, die man
-nicht leugnen kann, und deren Natur dennoch nie erklärt werden wird.
-So ist nun einmal auch mein Othello,« setzte sie freundlich hinzu.
-»Und Sie werden ihn nicht zu sehen bekommen, Baron, und müssen Ihr
-Lieblingsstück schon wo anders aufsuchen.«
-
-»Und Sie sollen ihn dennoch sehen,« flüsterte Sophie zu ihm hin, »ich
-muß mein Desdemonalied noch einmal hören, so recht sehen und hören auf
-der Bühne, und sollte ich selbst darüber zum Opfer werden!«
-
-»Sie selbst?« fragte der Fremde betroffen; »ich höre ja, der
-gespenstige Mohr soll nur _brennen_, nicht _töten_?«
-
-»Ach, das war ja nur das Gleichnis der Mutter!« flüsterte sie noch viel
-leiser, »die Sage ist noch viel schauriger und viel gefährlicher.«
-
-Der Kapellmeister pochte, die Introduktion des zweiten Akts begann,
-und der Fremde stand auf, die fürstliche Loge zu verlassen. Die
-Herzogin hatte ihn gütig entlassen, aber vergebens sah er sich nach
-dem Gesandten um, er war wohl längst in seine Loge zurückgekehrt.
-Unschlüssig, ob er rechts oder links gehen müsse, stand er im Korridor,
-als eine warme Hand sich in die seinige legte; er blickte auf, es war
-der Graf Zronievsky.
-
-
-3.
-
-»So habe ich doch recht gesehen?« rief der Graf, »mein Major, mein
-tapferer Major! Wie lebt alles wieder in mir auf! Ich werfe diese
-unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich bin der frohe Lancier wie
-sonst! ~Vive Poniatowsky, vive l'emp--~«
-
-»Um Gottes willen, Graf!« fiel ihm der Fremde in das Wort; »bedenken
-Sie, wo Sie sind! Und warum diese Schatten heraufbeschwören? Sie sind
-hinab mit ihrer Zeit; lasset die Toten ruhen!«
-
-»_Ruhen?_« entgegnete jener; »das ist ja gerade, was ich nicht kann;
-o daß ich unter jenen Toten wäre! Wie sanft, wie geduldig wollte ich
-ruhen! Sie schlafen, meine tapfern Polen, und keine Stimme, wie mächtig
-sie auch rufe, schreckt sie auf. Warum darf ich allein nicht rasten?«
-
-Ein düsteres, unstätes Feuer brannte in den Augen des schönen Mannes,
-seine Lippen schlossen sich schmerzlich; sein Freund betrachtete
-ihn mit besorgter Teilnahme, er sah hier nicht mehr den fröhlichen,
-heldenmütigen Jüngling, wie er ihn an der Spitze des Regiments in den
-Tagen des Glückes gesehen; das zutrauliche, gewinnende Lächeln, das ihn
-sonst so angezogen, war einem grämlichen, bittern Zuge gewichen, das
-Auge, das sonst voll stolzer Zuversicht, voll freudigen Mutes, frei und
-offen um sich blickte, schien mißtrauisch jeden Gegenstand zu prüfen,
-durchbohren zu wollen, das matte Rot, das seine Wangen bedeckte, war
-nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in den Salons von Paris den
-Namen des _schönen_ Polen erworben hatte, und dennoch, auch nach dieser
-großen Veränderung, welche Zeit und Unglück hervorgebracht hatten,
-mußte man gestehen, daß Prinzessin Sophie sehr zu entschuldigen sei.
-
-»Sie sehen mich an, Major?« sagte jener nach einigem Stillschweigen,
-»Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten Zeiten aus meinen Zügen
-herausfinden? Geben Sie sich nicht vergebliche Mühe; es ist so manches
-anders geworden, sollte nicht der Mensch mit dem Geschick sich ändern?«
-
-»Ich finde Sie nicht sehr verändert,« erwiderte der Fremde, »ich
-erkannte Sie bei dem ersten Anblick wieder. Aber eines finde ich
-nicht mehr wie früher, aus diesen Augen ist ein gewisses Zutrauen
-verschwunden, das mich sonst so oft beglückte. Alexander Zronievsky
-scheint mir nicht mehr zu trauen. Und doch,« setzte er lächelnd hinzu,
-»und dennoch war mein Geist immer bei ihm, ich weiß sogar die tiefsten
-Gedanken seines Herzens.«
-
-»Meines armen Herzens!« entgegnete der Graf wehmütig; »ich wüßte kaum,
-ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht manchmal vor Unmut pochte!
-Welche Gedanken wollen Sie aufgespürt haben, als die unwandelbare
-Freundschaft für Sie, Major? Schelten Sie nicht mein Auge, weil es
-nicht mehr fröhlich ist; ich habe mich in mich selbst zurückgezogen,
-ich habe mein Vertrauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen
-sagen, daß ich noch immer der alte bin.«
-
-»Ich danke; aber wie, ich sollte mich nicht auf die Gedanken Ihres
-Herzens verstehen? Sie sagen, es pocht nur vor Unmut; was hat denn ein
-gewisses Fürstenkind getan, daß Ihr Herz so gar unmutig pocht?«
-
-Der Graf erblaßte; er preßte des Freundes Hand fest in der seinigen:
-»Um Gottes willen, schweigen Sie; nie mehr eine Silbe über diesen
-Punkt! Ich weiß, ich verstehe, was Sie meinen, ich will sogar zugeben,
-daß Sie recht gesehen haben; der Teufel hat Ihre Augen gemacht, Major!
-Doch warum bitte ich einen Ehrenmann wie Sie, zu schweigen? Es hat ja
-noch keiner vom achten Regiment seinen Kameraden verraten.«
-
-»Sie haben recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur dies eine noch:
-vom achten verratet keiner den Kameraden, ob aber der gute Kamerad sich
-selber nicht verrät?«
-
-»Kommen Sie hier in diese Treppe,« flüsterte der Graf, denn es nahten
-sich mehrere Personen; »Jesus Maria, sollte außer Ihnen jemand etwas
-ahnen?«
-
-»Wenn Sie Vertrauen um Vertrauen geben werden, wohlan, so will ich
-beichten.«
-
-»O, foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher sagen, was Sie
-haben wollen, nur geschwind, ob jemand außer Ihnen --«
-
-Der Major von Larun erzählte, er sei heute in dieser Stadt angekommen,
-seine Depeschen seien bei dem Gesandten bald in Richtigkeit gewesen,
-man habe ihn in die Oper mitgenommen, und dort, wie er entzückt die
-Prinzessin aus der Ferne betrachtet, habe ihm die Gesandtin gesagt, daß
-Sophie in ein Verhältnis unter ihrem Stande verwickelt sei. »Sie traten
-ein in die fürstliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß niemand als
-Sie der Geliebte sein könne.«
-
-»Und die Gesandtin?« rief der Graf mit zitternder Stimme.
-
-»Sie hat es bestätigt. Wenn ich nicht irre, sprach sie auch von einer
-Oberhofmarschallin, von welcher sie die Nachricht habe.«
-
-Der Graf schwieg, einige Minuten vor sich hinstarrend; er schien mit
-sich zu ringen, er blickte einigemal den Fremden scheu von der Seite an
--- »Major,« sprach er endlich mit klangloser, matter Stimme, »können
-Sie mir hundert Napoleon leihen?«
-
-Der Major war überrascht von dieser Frage; er hatte erwartet, sein
-Freund werde etwas weniges über sein Unglück jammern, wie bei
-dergleichen Szenen gebräuchlich, er konnte sich daher nicht gleich in
-diese Frage finden, und sah den Grafen staunend an.
-
-»Ich bin ein Flüchtling,« fuhr dieser fort; »ich glaubte endlich eine
-stille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein wenig rasten könnte,
-da muß ich lieben -- muß geliebt werden, Major, wie geliebt werden!«
-Er hatte Tränen in den Augen, doch er bezwang sich und fuhr mit fester
-Stimme fort: »Es ist eine sonderbare Bitte, die ich hier nach so langem
-Wiedersehen an Sie tue, doch ich erröte nicht, zu bitten; Kamerad,
-gedenken Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden, gedenken Sie des
-Tages von Mosaisk?«
-
-»Ich gedenke!« sagte der Fremde, indem sein Auge glänzte und seine
-Wangen sich höher färbten.
-
-»Und gedenken Sie, wie die russische Batterie an der Redoute auffuhr,
-wie ihre Kartätschen in unsere Reihen sausten und der Verräter Piolsky
-zum Rückzug blasen ließ?«
-
-»Ha!« fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, »und wie Sie ihn
-herabschossen, Oberst, daß er keine Ader mehr zuckte, wie die Husaren
-rechts abschwenkten, wie _Sie_ ›vorwärts!‹ riefen, ›vorwärts, Lanciers
-vom achten!‹ und die Kanonen in fünf Minuten unser waren!« --
-
-»Gedenken Sie?« flüsterte der Graf mit Wehmut; »wohlan! ich kommandiere
-wieder vor der Front. Es gilt, einen Kameraden herauszuhauen, werdet
-Ihr ihn retten? ~En avant~, Major! vorwärts, tapferer Lancier! wirst du
-ihn retten, Kamerad?«
-
-»Ich will ihn retten!« rief der Freund, und der Graf Zronievsky schlug
-seinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an seine Brust und eilte dann von
-ihm weg, den Korridor entlang.
-
-
-4.
-
-»Gut, daß ich Sie treffe,« rief der Graf Zronievsky, als er am nächsten
-Morgen dem Major auf der Straße begegnete, »ich wollte eben zu Ihnen
-und Sie um eine kleine Gefälligkeit ansprechen --«
-
-»Die ich Ihnen schon gestern zusagte,« erwiderte jener; »wollen Sie
-mich in mein Hotel begleiten? es liegt längst für Sie bereit.« --
-
-»Um Gottes willen! jetzt nichts von Geld,« fiel der Graf ein, »Sie
-töten mich durch diese Prosa; ich bin göttlich gelaunt, selig,
-überirdisch gestimmt. O Freund, ich habe es dem Engel gesagt, daß
-man uns bemerkt, ich habe ihr gesagt, daß ich fliehen werde, denn in
-ihrer Nähe zu sein, sie nicht zu sprechen, nicht anzubeten, ist mir
-unmöglich.«
-
-»Und darf ich wissen, was sie sagte?«
-
-»Sie ist ruhig darüber, sie ist größer als diese schlechten Menschen.
-›Was ist es auch?‹ sagte sie, ›man kann uns gewiß nichts Böses
-nachsagen, und wenn man auch unser Verhältnis entdeckte, so will ich
-mir gerne einmal einen dummen Streich vergeben lassen; wo lebt ein
-Mensch, der nicht einmal einen beginge?‹«
-
-»Eine gesunde Philosophie,« bemerkte der Major; »man kann nicht
-vernünftiger über solche Verhältnisse denken; denn gerade die sind
-meist am schlechtesten beraten, die glauben, sie können alle Menschen
-blenden. Doch ist mir noch eine Frage erlaubt? Wie es scheint, so sehen
-Sie Ihre Dame _allein_? denn was Sie mir erzählten, wurde schwerlich
-gestern im Don Juan verhandelt.«
-
-»Wir sehen uns,« flüsterte jener, »ja, wir sehen uns, aber wo, darf ich
-nicht sagen, und so wahr ich lebe, das sollen auch jene Menschen nicht
-ausspähen. Aber lange, ich sehe es selbst ein, lange Zeit kann es nicht
-mehr dauern. Drum bin ich immer auf dem Sprung, Kamerad, und Ihre Hilfe
-soll mich retten, wenn indes meine Gelder nicht flüssig werden. ›Doch
-gilt es morgen, so laß uns heut noch schlürfen die Neige der köstlichen
-Zeit;‹ ich will noch glücklich, selig sein, weil es ja doch bald ein
-Ende haben muß.«
-
-»Und wozu kann ich Ihnen dienen?« fragte der Major, »wenn ich nicht
-irre, wollten Sie mich aufsuchen.«
-
-»Richtig, das war es, warum ich kommen wollte,« entgegnete jener nach
-einigem Nachsinnen. »Sophie weiß, daß Sie mein Freund sind, ich habe
-ihr schon früher von Ihnen erzählt, hauptsächlich die Geschichte von
-der Beresinabrücke, wo Sie mich zu sich auf den Rappen nahmen. Sie
-hat gestern mit Ihnen gesprochen und von _Othello_, nicht wahr? Die
-Fürstin will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend eines
-Märchens, das ich nicht mehr weiß.« --
-
-»Sie waren sehr geheimnisvoll damit,« unterbrach ihn der Freund, »und
-wie mir schien, wird es die Fürstin auch nicht zugeben.«
-
-»Und doch; ich habe sie durch ein Wort dahin gebracht. Die Prinzessin
-bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht sehen, ohne daß ich
-ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine etwas ernste Miene an und sagte:
-›Sonderbar ist es doch, wenn so etwas ins Publikum kommt, ist es wie
-der Wind in den Gesandtschaften, und kam es einmal so weit, so darf man
-nicht dafür sorgen, daß es in acht Tagen als ~Chronique scandaleuse~
-an allen Höfen erzählt wird.‹ Die Fürstin gab mir recht; sie sagte,
-wiewohl mit sehr bekümmerter und verlegener Miene zu, daß das Stück
-gegeben werden sollte; doch als sie wegging, rief sie mir noch zu: sie
-gebe das Spiel dennoch nicht verloren, denn wenn auch _Othello_ schon
-auf dem Zettel stehe, lasse sie die _Desdemona_ krank werden.«
-
-»Das haben Sie gut gemacht!« rief der Major lachend, »also die Furcht
-vor der ~Chronique scandaleuse~ hat die Gespensterfurcht und das Grauen
-vor den Geheimnissen der Natur überwunden?«
-
-»Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freuden, daß sie ihren Willen
-hat. Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der Oper; ich soll ihm
-vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung auch in pekuniärer
-Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen sein möchte, und Sie müssen
-mich zu ihm begleiten.«
-
-»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der Prinzessin diese
-Summe überbringen?«
-
-»Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekte von einigen
-Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten vor
-oder was in unseren Kram paßt. Der Regisseur wohnt nicht weit von hier
-und ist ein alter, ehrlicher Kauz, den wir schon gewinnen wollen. Nur
-hier um die Ecke, Freund; sehen Sie dort das kleine grüne Haus mit dem
-Erker?«
-
-
-5.
-
-Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, er war früher als
-Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im Alter auf seinen Lorbeeren.
-Er empfing die Freunde mit einer gewissen künstlerischen Hoheit und
-Würde, welche nur durch seine sonderbare Kleidung etwas gestört wurde;
-er trug nämlich eine schwarze Florentiner Mütze, welche er nur ablegte,
-wenn er zum Ausgehen die Perücke auf die Glatze setzte. Auffallend
-stachen gegen diese bequeme Hauskleidung des Alten ein moderner, enge
-anliegender Frack und weite, faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten,
-daß der Herr Regisseur trotz der sechzig Jährchen, die er haben mochte,
-dennoch für die Eitelkeit der Welt nicht abgestorben sei; an den
-Füßen trug er weite, ausgetretene Pelzschuhe, auf denen er künstlich
-im Zimmer herumfuhr, ohne sichtbar die Beine aufzuheben; es kam den
-Freunden vor, als fahre er auf Schlittschuhen.
-
-»Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch,« sagte
-der Regisseur, als ihn der Graf mit dem Zweck ihres Besuches bekannt
-machte, »weiß bereits um die Sache; an mir soll es nicht fehlen, mein
-einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten Ohren auf ergötzliche Weise zu
-delektieren, aber -- aber ich werde denn doch submissest wagen müssen,
-einige Gegenvorstellungen zu exhibitieren.«
-
-»Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?« rief der Graf.
-
-»Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat auf
-die allerhöchste Familie! Nein! nein! wenn mein Wort in der Sache noch
-etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück nie gegeben.«
-
-»Hätte ich doch nie gedacht,« entgegnete der Graf, »daß ein Mann wie
-Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen und Bewunderung vernahm
-ich schon in meiner frühesten Jugend in fernen Landen Ihren gefeierten
-Namen; Sie wurden die Krone der Sänger genannt, ich brannte vor
-Begierde, diesen Mann einmal zu sehen. Ich bitte, verkleinern Sie
-dieses ehrwürdige Bild nicht durch solchen Aberwitz.«
-
-Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges Lächeln
-zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände in die Taschen
-und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im Zimmer auf und ab.
-»Allzugütig, allzuviel Ehre!« rief er; »ja, wir waren unserer Zeit
-etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor! jetzt hat es freilich ein Ende.
-_Aberglaube_, belieben Sie zu sagen? ich würde mich schämen, irgend
-einem Aberglauben nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von
-Aberglauben nicht die Rede sein.«
-
-»Tatsachen?« riefen die Freunde mit _einer_ Stimme.
-
-»O ja, verehrte ~messieurs~, Tatsachen. Sie scheinen nicht aus hiesiger
-Stadt und Gegend zu sein, da Sie solche nicht wissen?«
-
-»Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört,« sagte der
-Major; »es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach Othello brennen,
-und --«
-
-»Brennen? daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß es allemal
-brennte; Feuer kann man doch löschen, man hat Brandassekuranzen, man
-kann endlich noch solch einen Brandschaden zur Not ertragen; aber
-sterben? nein, das ist ein weit gefährlicherer Casus.«
-
-»Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?«
-
-»Nun, das ist kein Geheimnis!« erwiderte der Regisseur; »so oft Othello
-gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand aus der fürstlichen Familie
-sterben.«
-
-Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn der
-prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte etwas
-Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und brachen
-über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter aus, das
-übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte.
-
-»Sie lachen?« sprach er; »ich muß es mir gefallen lassen; wenn es Sie
-übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik inspizieren
-lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren der jedesmalige Souffleur
-schreibt.«
-
-»Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren,« rief der
-Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien; und der Regisseur rutschte
-mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine Kammer und brachte einen
-in Leder und Messing gebundenen Folianten hervor.
-
-Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte in der
-Chronik. »Bemerken Sie,« sagte er, »wegen des Nachfolgenden, erstlich:
-hier steht: ›Anno 1740 den 8. Dezember ist die Actrice Charlotte
-Fandauerin in hiesigem Theater erstickt worden. Man führte das
-Trauerspiel Othello, der Mohr von Venedig, von Shakespeare auf.‹«
-
-»Wie?« unterbrach ihn der Major, »Anno 1740 sollte man hier
-Shakespeares Othello gegeben haben? und doch war es, wenn ich nicht
-irre, Schröder, der zuerst und viel später das erste Shakespearsche
-Stück in Deutschland aufführen ließ?«
-
-»Bitte um Vergebung,« erwiderte der Alte. »Der Herzog sah auf einer
-Reise durch England in London diesen Othello geben, ließ ihn, weil
-er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und nachher hier öfter
-aufführen. Meine Chronik fährt aber also fort: ›Obgedachte Charlotte
-Fandauerin hat die Desdemona gegeben und ist durch die Bettdecke, womit
-sie in dem Stücke selbst getötet werden soll, elendiglich umgekommen.
-Gott sei ihrer armen Seele gnädig!‹ Diesen Mord erzählt man sich hier
-folgendermaßen: die Fandauer soll sehr schön gewesen sein; bei Hof
-ging es damals unter dem Herzog Nepomuk sehr lasciv zu; die Fandauer
-wurde des Herzogs Geliebte. Sie aber soll sich nicht blindlings und
-unvorsichtig ihm übergeben haben; sie war abgeschreckt durch das
-Beispiel so vieler, die er nach einigen Monaten oder Jährchen verstieß
-und elendiglich herumlaufen ließ. Sie soll also ein schreckliches
-Bündnis mit ihm gemacht und erst, nachdem er es beschworen, sich
-ihm ergeben haben. Aber wie bei den andern, so war es auch bei der
-Fandauer. Er hatte sie bald satt und wollte sie auf gelinde Art
-entfernen. Sie aber drohte ihm, das Bündnis, das er mit ihr gemacht,
-drucken und in ganz Europa verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch,
-daß sie diese Schrift schon in vielen fremden Städten niedergelegt
-habe, wo sie auf ihren ersten Wink verbreitet würde.
-
-Der Herzog war ein grausamer Herr und sein Zorn kannte keine Grenzen.
-Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift haben beikommen
-wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst gekocht hatte. Er gab
-daher einem Schauspieler eine große Summe Geld und ließ den Othello
-aufführen. Sie werden sich erinnern, daß in dem Shakespeareschen
-Trauerspiel die Desdemona von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der
-Akteur machte seine Sache nur allzunatürlich, denn die Fandauerin ist
-nicht mehr erwacht.«
-
-Der Graf schauderte. »Und dies soll wahr sein?« rief er aus.
-
-»Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt, wen Sie wollen, Sie
-werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher von den Gerichten
-eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig gemacht, aber der Herzog
-schlug sie nieder, nahm den Akteur vom Theater in seine Dienste und
-erklärte, die Fandauerin habe durch Zufall der Schlag gerührt. Aber
-acht Tage darauf starb ihm sein einziges Söhnlein, ein Prinz von zwölf
-Jahren.«
-
-»Zufall!« sagte der Major.
-
-»Nennen Sie es immerhin so,« versetzte der Alte und blätterte
-weiter; »doch hören Sie, Othello wurde zwei Jahre lang nicht mehr
-gegeben, denn wegen der Erinnerung an jenen Mord mochte der Herzog
-dieses Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei Jahren -- in diesem
-Buch steht jedes Lustspiel aufgezeichnet -- nach zwei Jahren war er
-so ruchlos, es wieder aufführen zu lassen. Hier steht's: ›Den 28.
-September 1742 Othello, der Mohr von Venedig‹; und hier am Rande
-ist bemerkt: ›_Sonderbarlich!_ am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste
-verstorben, gerade auch acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren der
-höchstselige Prinz Friedrich.‹ Zufall, meine werten Herren?«
-
-»Allerdings Zufall!« riefen jene.
-
-»Weiter! ›Den 6. Februar 1748 Othello, der Mohr von Venedig.‹ Ob
-es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! Das hat der
-Souffleur hingeschrieben, bemerken Sie gefälligst, es ist dieselbe
-Hand, die hier ~in margine~ bemerkt: ›Entsetzlich! die Fandauerin
-spukt wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich gestorben, acht Tage
-nach Othello.‹« Der Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend
-an; sie schwiegen, er blätterte weiter und las: »›Den 16. Januar
-1775, zum Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig.‹
-Richtig wieder! ›Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell
-versterben! † 24. Januar 1775.‹«
-
-»Possen!« unterbrach ihn der Major; »ich gebe zu, es ist so; es soll
-einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so gefügt haben; geben
-Sie mir aber nur _einen_ vernünftigen Grund an zwischen Ursache und
-Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen am Othello versterben lassen
-wollen!«
-
-»Herr!« antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, »das kann ich nicht;
-aber ich erinnere an die Worte jenes großen Geistes, von dem auch
-dieser unglückselige Othello abstammt: ›Es gibt viele Dinge zwischen
-Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen lassen!‹«
-
-»Ich kenne das,« sagte der Graf; »aber ich wette, Shakespeare hätte
-nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, wie viel
-Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!«
-
-»Es ist möglich,« erwiderte der Sänger; »hören Sie aber weiter. Ich
-komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen ich mich erinnern
-kann, _an den Herzog selbst_.«
-
-»Wie,« unterbrach ihn der Major; »eben _jener_, der die Actrice
-ermorden ließ?«
-
-»Derselbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben
-worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde Herrschaften zum
-Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und sonderbarerweise wünschte
-eine der fremden fürstlichen Damen, _Othello_ zu sehen. Der Herzog ging
-ungern daran, nicht aus Angst vor den greulichen Umständen, die diesem
-Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und glaubte an
-nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel seiner
-Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte Abscheu vor diesem
-Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame nichts abschlagen mochte, sei
-es, daß er sich vor dem Publikum schämte, das Stück mußte über Hals und
-Kopf einstudiert werden, es wurde auf seinem Lustschloß gegeben. Sehen
-Sie, hier steht es: ›Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Lustschloß
-H... aufgeführt.‹«
-
-»Nun, Alter, und was folgte? geschwind!« riefen die Freunde ungeduldig.
-
-»Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog gestorben.«
-
-»Nicht möglich,« sagte der Major nach einigem Stillschweigen; »lassen
-Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom Herzog? Hier ist nichts
-~in margine~ bemerkt.«
-
-»Nein,« sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei; »aber hier
-seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen Sie gefälligst
-nachsehen?«
-
-Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand und las:
-»Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober 1793
-höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn -- Dummes Zeug,« rief er und
-sprang auf: »das könnte mich um den Verstand bringen! Zufall! Zufall!
-und nichts anders! Nun -- und wissen Sie noch ein solches Histörchen?«
-
-»Ich könnte Ihnen noch einige anführen,« erwiderte der Alte mit Ruhe,
-»doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren Unterhaltung; nur aus
-der neuesten Zeit noch einen Fall. _Rossini_ schrieb seine herrliche
-Oper Othello, worin er, was man bezweifelt hatte, zeigte, daß er es
-verstehe, auch die tieferen, tragischen Saiten der menschlichen Brust
-anzuschlagen. Er wurde hier höheren Orts nicht _verlangt_, daher wurde
-er auch nicht fürs Theater einstudiert. Die Kapelle aber unternahm es,
-diese Oper für sich zu studieren, es wurden einige Szenen in Konzerten
-aufgeführt, und diese wenigen Proben entzündeten im Publikum einen
-so raschen Eifer für die Oper, daß man allgemein in Zeitungen, an
-Wirtstafeln, in Singtees und dergleichen von nichts als Othello sprach,
-nichts als Othello verlangte. Von den grauenvollen Begebenheiten,
-die das Schauspiel Othello begleitet hatten, war gar nicht die Rede;
-es schien, man denke sich unter der Oper einen ganz andern Othello.
-Endlich bekam der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater und
-sang den Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper in die
-Szene zu setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof und Adel war da,
-das Orchester strengte sich übermenschlich an, die Sängerinnen ließen
-nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß nicht -- uns alle wehte ein
-unheimlicher Geist an, als Desdemona ihr Lied zur Harfe spielte, als
-sie sich zum Schlafengehen rüstete, als der Mörder, der abscheuliche
-Mohr, sich nahte. Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter, es
-war dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in derselben
-Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen, trotz der
-Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes Zittern, als der
-Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der fürstlichen Loge, wo so
-viele blühende, kräftige Gestalten auf unser Spiel herübersahen. ›Wirst
-du wohl durch die Töne, die deinen Tod begleiten, dich besänftigen
-lassen, blutdürstiges Gespenst der Gemordeten?‹ dachte ich. Es war so;
-fünf, sechs Tage hörte man nichts von einer Krankheit im Schlosse; man
-lachte, daß es nur der Einkleidung in eine Oper bedurfte, um jenen
-Geist gleichsam irre zu machen; der siebente Tag verging ruhig, am
-achten wurde Prinz Ferdinand auf der Jagd erschossen.«
-
-»Ich habe davon gehört,« sagte der Major, »aber es war Zufall; die
-Büchse seines Nachbars ging los, und --«
-
-»Sage ich denn, das Gespenst bringe die Höchstseligen selbst um,
-drücke ihnen eigenhändig die Kehle zu? Ich spreche ja nur von einem
-unerklärlichen, geheimnisvollen Zusammenhang.«
-
-»Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen erzählt? Wo
-steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener Jagd Othello gegeben
-wurde?«
-
-»Hier,« erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf eine Stelle
-in seiner Chronik wies; der Graf las: »_Othello_, Oper von Rossini,
-den 12. März;« und auf dem Rande stand dreimal unterstrichen: »den 20.
-_fiel Prinz Ferdinand auf der Jagd_.«
-
-Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke an; sie
-schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst des alten
-Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener furchtbaren Ereignisse
-tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen mochten. Der Major
-blätterte in der Chronik und pfiff vor sich hin, der Graf schien
-über etwas nachzusinnen, er hatte Stirne und Augen fest in die Hand
-gestützt. Endlich sprang er auf. »Und dies alles kann Ihnen dennoch
-nicht helfen!« rief er, »die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die
-Gesandten wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man durch
-diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert Taler, mein
-Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der Kunst, welche sie Ihnen
-zustellen, um Ihren Othello recht glänzend auftreten zu lassen. Kaufen
-Sie davon, was Sie wollen,« setzte er lächelnd hinzu, »lassen Sie
-Geisterbanner, Beschwörer kommen, kaufen Sie einen ganzen Hexenapparat,
-kurz, was nur immer nötig ist, um das Gespenst zu vertreiben -- nur
-geben Sie uns Othello.«
-
-»Meine Herren,« sagte der Alte, »es ist möglich, daß ich in meiner
-Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt hätte; das Alter
-hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, daß es Dinge gibt, die man
-nicht geradehin verwerfen muß. Ich danke für Ihr Geschenk, ich werde es
-auf eine würdige Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den strengsten
-Befehl werde ich Othello geben lassen. Ach Gott und Herr!« rief er
-kläglich, »wenn ja der Fall wieder einträte, wenn das liebe, herzige
-Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!«
-
-»Sein Sie still,« rief der Graf erblassend, »wahrhaftig, Ihre
-wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich am hellen
-Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß Othello auf jeden Fall
-gegeben wird; machen Sie mir keine Kunstgriffe mit Katarrh und Fieber,
-mit Krankwerdenlassen und eingetretenen Hindernissen. Beim Teufel, wenn
-Sie keine Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der Erwürgten
-heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt.«
-
-Der Alte kreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen Schuhen umher.
-»Welche Ruchlosigkeit,« jammerte er, »wenn sie nun erschiene wie der
-steinerne Gast? Lassen Sie solche Reden, ich bitte Sie; wer weiß, wie
-nahe jedem sein eigenes Verderben ist!«
-
-Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab und noch lange diente
-der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze und den
-Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe.
-
-
-6.
-
-Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in den Grafen,
-seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War er sonst fröhlich,
-lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte er sonst die Gesellschaft
-durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen aus seinem Leben
-unterhalten, wußte er sonst jeden, mochte er noch so gering sein, auf
-eine sinnige feine Weise zu verbinden, so daß er der Liebling aller,
-von vielen angebetet wurde, so war er in andern Momenten gerade das
-Gegenteil. Er fing an, trocken und stumm zu werden, seine Augen senkten
-sich, sein Mund preßte sich ein. Nach und nach ward er finster, spielte
-mit seinen Fingern, antwortete mürrisch und ungestüm. Der Major hatte
-ihm schon abgemerkt, daß dies die Zeit war, wo er aus der Gesellschaft
-entfernt werden müsse, denn jetzt fehlten noch wenige Minuten, so zog
-er mit leicht aufgeregter Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf
-sich, und fing an zu wüten und zu rasen.
-
-Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit eine gewisse
-Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend machte, um ihn vor
-diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft zu bewahren, desto
-greulicher brachen sie in seinen Zimmern aus; er tobte, er fluchte
-in allen Sprachen, er klagte sich an, er weinte. »Bin ich nicht ein
-elender, verworfener Mensch?« sprach er einst in einem solchen Anfall;
-»meine Pflichten mit Füßen zu treten, die treueste Liebe von mir zu
-stoßen, ein Herz zu martern, das mir so innig anhängt! Leichtsinnig
-schweife ich in der Welt umher, habe mein Glück verscherzt, weil ich in
-meinem Unsinn glaubte, ein Kosciuszko zu sein, und bin nichts als ein
-Schwachkopf, den man wegwarf. Und so viele Liebe, diese Aufopferung,
-diese Treue so zu vergelten!«
-
-Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht. »Sie sagen ja
-selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat; konnte sie je eine
-andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen erwarten als die, welche die
-Verhältnisse erlauben?«
-
-»Ha, woran mahnen Sie mich!« rief der Unglückliche, »wie klagen mich
-Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch _sie_, auch _sie_ betört! Wie
-kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter kam, als ich sie
-sah mit dem lieblichen Schmelz der Unschuld in den Augen, da fing mein
-Leichtsinn wieder an; ich vergaß alle guten Vorsätze, ich vergaß, wem
-ich allein gehören dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von Lust,
-ich begrub mein Gewissen in Vergessenheit!« Er fing an zu weinen, die
-Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. »Und konnte ich,« flüsterte
-er, »konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich sah es an jeder ihrer
-Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, daß sie mich liebte; sollte ich
-fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte der Liebe in ihren Wangen
-aufging, wie der erste leuchtende Strahl des Verständnisses aus ihrem
-Auge brach, auf mich niederfiel, mich aufzufordern schien, ihn zu
-erwidern?«
-
-»Ich beklage Sie,« sprach der Freund und drückte seine Hand; »wo lebt
-ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden wäre?«
-
-»Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie mir
-mit stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes traute,
-entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein flüchtiger
-Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken vermögen, wo man
-tagelang nur in der freudigen Erwartung eines Abends, einer Stunde,
-einer einsamen Minute lebte, wo man in der Erinnerung dieses seligen
-Augenblicks schwelgte, bis der Abend wieder erschien, bis ich aus dem
-Taumelkelch ihrer süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank; wie reich
-wußte sie zu geben, wieviel Liebe wußte sie in _ein_ Wort, in _einen_
-Blick zu legen; und ich sollte fliehen?«
-
-»Und wer verlangt dies?« sagte der Freund gerührt. »Es wäre grausam
-gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse zum Opfer brachte,
-zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich gewünscht; ich denke, noch ist
-nicht alles verloren!«
-
-Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten heftiger, sein
-glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit zu tauchen. »Und als
-sie mit holdem Erröten sagte, wie ich zu ihr gelangen könne, als sie
-erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu küssen, als der süße Mund, dessen
-Wünsche einem Volk Befehle waren, _mein_ gehörte, und die Hoheit einer
-Fürstin unterging im traulichen Flüstern der Liebe -- da, da sollte ich
-sie lassen?«
-
-»Wie glücklich sind Sie! Gerade in dem Geheimnis dieses Verhältnisses
-muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen Sie diese Liebe so tief
-verdammen? Fassen Sie sich! Das Urteil der Welt kann Ihnen gleichgültig
-sein, wenn Sie glücklich sind; denn im ganzen trägt ja wahrhaftig dies
-Verhältnis nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich, wie Sie es selbst
-sich vorstellen!«
-
-Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine Wangen färbten
-sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen. »Nicht so mild müssen Sie
-mich beurteilen,« sagte er mit dumpfer Stimme, »ich verdiene es nicht.
-Ich bin ein Frevler, vor dem Sie zurückschaudern sollten. O -- daß ich
-Vergessenheit erkaufen könnte, daß ich Jahre auslöschen könnte aus
-meinem Gedächtnis! -- Ich will vergessen, ich muß vergessen, ich werde
-wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse: schaffen Sie Wein, Kamerad; ich
-will trinken, mich dürstet, es wütet eine Flamme in mir, ich will mein
-Gedächtnis, meine Schuld versäufen!«
-
-Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich ruhig über diese
-verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und Selbstanklage. »Er ist
-leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher gekannt,« sagte er zu sich;
-»solche Menschen kommen leicht aus einem Extrem in das andere. Er sieht
-jetzt große Schuld in seiner Liebe, weil sie der Geliebten in ihren
-Verhältnissen schaden kann, und im nächsten Augenblick berauscht ihn
-wieder die Wonne der Erinnerung.« Der Wein kam, der Major goß ein; der
-Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er ging mit schnellen
-Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder, blieb vor dem Freunde
-stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte seine stillen Empfindungen
-nicht unterbrechen, er trank und beobachtete über das Glas hin
-aufmerksam die Mienen, die Bewegungen seines Freundes.
-
-»Major!« rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl nieder;
-»welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?«
-
-Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er schien
-nachzusinnen, und sagte dann: »Ohne Zweifel, das, was das freudigste
-Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden -- Ehre, gekränkte Ehre.«
-
-Der Graf lachte grimmig. »Lassen Sie sich die Taler wiedergeben,
-Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für seinen Unterricht
-gaben. Gekränkte Ehre! Also tiefer steigt Ihre Kunst nicht hinab in
-die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt sich doch selbst noch; es lebt
-doch ein Gefühl in des Gekränkten Brust, das ihn hoch erhebt über die
-Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch
-die Möglichkeit, seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waschen,
-aber tiefer, Herr Bruder,« rief er, indem er die Hand des Majors
-krampfhaft faßte, »tiefer hinab in die Seele! welches Gefühl ist noch
-schrecklicher?«
-
-»Von _einem_ habe ich gehört,« erwiderte jener, »das aber Männer wie
-wir nicht kennen -- es heißt Selbstverachtung.«
-
-Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf und sah
-den Freund lange an. »Getroffen, Kamerad!« sagte er, »das sitzt
-noch tiefer. Männer wie wir _pflegen_ es nicht zu kennen, es heißt
-Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf die
-Erde; ehe man sich versieht, ist man gefangen. Kennen Sie die Qual des
-Wankelmutes, Major?«
-
-»Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer geradeaus aufs
-Ziel!«
-
-»Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern Sie sich
-noch des Morgens, als wir aus den Toren von Warschau ritten? Unsere
-Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem großen Geiste, der sie gefangen
-hielt; aber wem gehörten die Herzen der polnischen Lanciers? Unsere
-Trompeten ließen jene Arien aus den _Krakauern_ ertönen, jene Gesänge,
-die uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert hatten;
-diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unserer Brust;
-Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?«
-
-»Dem Vaterland!« sagte der Major gerührt; »ja, damals, _damals_ war ich
-freilich wankelmütig!«
-
-»Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren, der Teufel weiß das recht
-hübsch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und
-dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor!«
-
-»Möglich; aber der Mann hat Kraft, _dem_ treu zu bleiben, was er
-gewählt hat.«
-
-»Das ist es,« rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies _eine_
-Wort, »das ist es, und daraus -- die Selbstverachtung; und warum besser
-scheinen, als ich bin? Kamerad, Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen Sie
-mich wie die Pest, ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie sind
-ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst verachten,
-wissen Sie, ich bin --«
-
-»Halt, ruhig!« unterbrach ihn der Freund, »es pochte an der Türe --
-herein!«
-
-
-7.
-
-»Bedaure, bedaure unendlich,« sprach der Regisseur der Oper und
-rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, »ich unterbreche
-Hochdieselben?«
-
-»Was bringen Sie uns?« erwiderte der Major, schneller gefaßt als der
-unglückliche Freund. »Setzen Sie sich und verschmähen Sie nicht unsern
-Wein; was führt Sie zu uns!«
-
-»Die traurige Gewißheit, daß Othello doch gegeben wird. Es hilft
-nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur gestehen, ich ließ
-die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna schon dahin gebracht,
-daß sie mir feierlich gelobte, heiser zu werden; da führt der Satan
-gestern abend die Sängerin Fanutti in die Stadt; sie kommt vom ...ner
-Theater, bittet die allerhöchste Theaterdirektion um Gastrollen, und
-stellen Sie sich vor, man sagt ihr auf nächsten Sonntag Othello zu. Ich
-habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt wurde; jetzt hilft kein Gott
-mehr dagegen, und doch habe ich schreckliche Ahnungen!«
-
-»Alter Herr!« rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte, sich zu
-sammeln. »Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben auf; ich kann
-Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten Personen ein Haar
-gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den Kirchhof, lasse mir das Grab
-der erwürgten Desdemona zeigen, mache ihr meine Aufwartung und bitte
-sie, diesmal ein Auge zuzudrücken und _mich_ zu erwürgen. Freilich hat
-sie dann nur einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer meiner
-Vorfahren hat auch eine Krone getragen!«
-
-»Freveln Sie nicht so erschrecklich,« entgegnete der Alte, »wie leicht
-kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen Dingen ist nicht
-zu scherzen. Ueberdies habe ich heute nacht im Traum einen großen
-Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man Fürsten zu begraben pflegt.«
-
-»Schreckliche Visionen, guter Herr!« lachte der Major. »Haben
-Sie vielleicht vorher ein Gläschen zuviel getrunken? Und was ist
-natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da Sie den ganzen Tag
-mit Todesgedanken umgehen!«
-
-Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen. »Gerade
-_Sie_, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben,« sagte
-er. »Ich habe Sie nie gesehen bis zu jener Stunde, wo Sie mich mit
-dem Herrn Grafen besuchten, und doch gingen wir beide heute nacht
-miteinander dem Sarge nach, Sie weinten heftig.«
-
-»Immer köstlicher! wie lebhaft Sie träumen; darum mußte ich hierher
-kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume spazieren zu gehen!«
-
-»Brechen wir ab,« erwiderte jener, »was kommen muß, wird kommen, und
-wir würden vielleicht viel darum geben, hätten wir alles nur geträumt.
-Ich komme aber hauptsächlich zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen, Sie
-haben sich so generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein Vergnügen
-daraus mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue Sängerin zu
-zeigen.«
-
-Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf schien wie immer
-seine Heftigkeit zu bereuen und diese Zerstreuung kam ihm erwünscht;
-auf dem Major hatten jene Ausbrüche einer Selbstanklage schwer und
-drückend gelegen; auch er nahm daher mit Dank diesen Ausweg an, um
-einer näheren Erklärung seines Freundes, die er eher fürchtete, als
-wünschte, zu entfliehen.
-
-
-8.
-
-Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese Saite nicht
-mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und wieder düster, ja die
-Augenblicke des tiefen Grames kehrten wieder, aber nicht mit ihnen das
-Geständnis einer großen Schuld, das damals schon auf seinen Lippen
-schwebte; er war verschlossener als sonst. Der Major sah ihn sogar
-einige Tage beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese Stadt
-gerufen hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese pflegte
-gerade der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust an der
-Sache selbst oder um im Sinne der Geliebten zu handeln und ihre
-Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen, er war in jeder
-Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine ausgebreiteten Reisen,
-sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack verbesserten unmerklich
-manches, was dem Auge und Ohr selbst eines so scharfen Kritikers,
-wie der Regisseur war, entgangen wäre; und der alte Mann vergaß oft
-stundenlang die schwarzen Ahnungen, die seine Seele quälten, so sehr
-wußte Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln.
-
-So war Othello zu einer Vollkommenheit fortgeschritten, die man anfangs
-nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war durch die sonderbaren
-Umstände, welche ihre Aufführung bisher verhindert hatten, nicht nur
-dem Publikum, sondern selbst den Sängern neu geworden; kein Wunder, daß
-sie ihr möglichstes taten, um so großen Erwartungen zu entsprechen;
-kein Wunder, daß man mit freudiger Erwartung dem Tag entgegensah, der
-_den Mohren von Venedig_ auf die Bretter rufen sollte.
-
-Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums zu
-fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf vorausgegangen, man
-war neugierig, wie sie sich vom Theater ausnehme, wie sie Desdemona
-geben werde, eine Rolle, zu der man außer schönem Gesang auch ein
-höheres tragisches Spiel verlangte. Hierzu kam das leise Gerücht von
-den sonderbaren Vorfällen, die jedesmal Othello begleitet hatten; die
-älteren Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach, zweifelten,
-vergrößerten, so daß ein großer Teil des Publikums glaubte, der Teufel
-selbst werde eine Gastrolle im Othello übernehmen.
-
-Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten über diese
-Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm, daß man bei Hof, wo
-er noch einige Abende zubrachte, kein Wort mehr über Othello sprach;
-nur Prinzessin Sophie sagte einmal flüchtig und lächelnd zu ihm:
-»Othello hätten wir denn doch herausgeschlagen, Ihrer Krankheitstante,
-Baron, und der diplomatischen Drohung des Grafen haben wir es zu
-danken. Wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein Desdemonaliedchen;
-wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein Schwanengesang werden.«
-
-»Gibt es Ahnungen?« dachte der Major bei diesen flüchtig hingeworfenen
-Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll klangen; »die
-Sage von der gespenstigen Desdemona, die Furcht des alten Regisseurs,
-seine Träume vom Trauergeleite und dieser Schwanengesang!« Er sah der
-holden, lieblichen Erscheinung nach, wie sie froh und freundlich durch
-die Säle gleitete, wie sie, gleich dem Mädchen aus der Fremde, jedem
-eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein freundliches Wort darreichte
--- wenn der Zufall es wieder wollte, dachte er, wenn sie stürbe!
-Er verlachte sich im nächsten Augenblicke selbst, er konnte nicht
-begreifen, wie ein solcher Gedanke in seine vorurteilsfreie Seele
-kommen könne -- er suchte mit Gewalt dieses lächerliche Phantom aus
-seiner Erinnerung zu verdrängen -- umsonst! dieser Gedanke kehrte immer
-wieder, überraschte ihn mitten unter den fremdartigsten Reden und
-Gegenständen, und immer noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu
-hören; »Wenn ich sterbe -- sei es mein Schwanengesang.«
-
-Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall. Der Major war
-nachmittags mit dem Grafen und mehreren Offizieren ausgeritten. Auf dem
-Heimweg überfiel sie ein Regen, der sie bis auf die Haut durchnäßte.
-Die Wohnung des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat daher den Major,
-sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf dem Kopf, in einen
-seiner Ueberröcke gehüllt, trat der Major aus dem Hause, um in seine
-eigene Wohnung zu eilen. Er mochte einige Straßen gegangen sein, und
-immer war es ihm, als schleiche jemand allen seinen Tritten nach. Er
-blieb stehen, sah sich um, und dicht hinter ihm stand ein hagerer,
-großer Mann in einem abgetragenen Rock. »Dies an Sie Herr!« sagte er
-mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick, drückte dem Erstaunten
-ein kleines Billett in die Hand und sprang um die nächste Ecke.
-Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, in der völlig fremden
-Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft kommen sollte? Er betrachtete
-das Billett von allen Seiten, es war feines, glänzendes Papier, in
-eine Schleife künstlich zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee
-gesiegelt. Keine Aufschrift. »Vielleicht will man sich einen Scherz mit
-dir machen,« dachte er und öffnete es sorglos auf der Straße, er las
-und wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte das Papier
-in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem Zimmer zu.
-
-Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er glaubte nicht recht
-gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber auch beim hellen Schein der
-Kerzen blieben die unseligen Worte fest und drohend stehen.
-
-»Elender! Du kannst dein Weib, deine kleinen Würmer im Elende
-schmachten lassen, während du vor der Welt in Glanz und Pracht
-auftrittst? Was willst du in dieser Stadt? Willst du ein ehrwürdiges
-Fürstenhaus beschimpfen, seine Tochter so unglücklich machen, als du
-dein Weib gemacht hast? Fliehe, in der Stunde, wo du dieses liest, weiß
-_Pr. Sph._ das schändliche Geheimnis deines Betrugs.«
-
-Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese Zeilen an den
-Grafen gerichtet, daß sie durch Zufall, vielleicht weil er in des
-Freundes Kleidern über die Straße gegangen, in seine Hände geraten
-seien. Jetzt wurden ihm auf einmal jene Ausbrüche der Verzweiflung
-klar; es war Reue, Selbstverachtung, die in einzelnen Momenten die
-glänzende Hülle durchbrachen, womit er sein trügerisches Spiel bedeckt
-hatte. Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch immer in der
-Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts anders bedeuten als
-den Namen des holden, jetzt so unglückseligen Geschöpfes, das jener
-gewissenlose Verräter in sein Netz gezogen hatte. Der Major war ein
-Mann von kaltem, berechnendem Blick, von starkem, konsequentem Geiste;
-er hatte sich selten oder nie von einem Gegenstand überraschen oder
-außer Fassung setzen lassen, aber in diesem Augenblick war er nicht
-mehr Herr über sich; Wut, Grimm, Verachtung kämpften wechselweise in
-seiner Seele. Er suchte sich zu bezwingen, die Sache von einem milderen
-Gesichtspunkt anzusehen, den Grafen durch seinen Charakter, seinen
-grenzenlosen Leichtsinn zu entschuldigen; aber der Gedanke an Sophie,
-der Blick auf »das Weib und die armen kleinen Würmer« des Elenden
-verjagten jede mildernde Gesinnung, brausten wie ein Sturm durch seine
-Seele, ja, es gab Augenblicke, wo seine Hand krampfhaft nach der Wand
-hinzuckte, um die Pistolen herunterzureißen und den schlechten Mann
-noch in dieser Stunde zu züchtigen. Doch die Verachtung gegen ihn
-bewirkte, was mildere Stimmen in seiner Brust nicht bewirken konnten.
-»Er muß fort, noch diese Stunde,« rief er; »die Unglückliche, die er
-betörte, darf um keinen Preis erfahren, welchem Elenden sie ihre erste
-Liebe schenkte. Sie soll ihn beweinen, vergessen; ihn verachten zu
-müssen, könnte sie töten.« Er warf diese Gedanken schnell aufs Papier,
-raffte eine große Summe, mehr als er entbehren konnte, zusammen, legte
-den unglücklichen Brief bei und schickte alles durch seinen Diener an
-den Grafen.
-
-Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte der Major
-heute keinen Menschen mehr gesehen, und doch glaubte er es der
-Prinzessin schuldig zu sein, sie vor der gedrohten Warnung zu bewahren.
-Er sann hin und her, wie er dies möglich machen könne, es blieb ihm
-nichts übrig, als sie zu beschwören, keinen Brief von fremden Händen
-anzunehmen. Er warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlassen,
-als sein Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Grafen noch in der
-Hand. »Seine Exzellenz sind soeben abgereist,« sagte er und legte das
-Paket auf den Tisch.
-
-»Abgereist?« rief der Major. »Nicht möglich!«
-
-»Vor der Türe ist sein Jäger, er hat einen Brief an Sie; soll ich ihn
-hereinbringen?«
-
-Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein, der ihm weinend
-einen Brief übergab. Er riß ihn auf. »Leben Sie wohl auf ewig! Der
-Brief, der, wie ich soeben erfahre, vor einer Stunde in Ihre Hände kam,
-wird meine Abreise ~sans adieu~ entschuldigen. Wird mein Kamerad von
-sechs Feldzügen einer geliebten Dame den Schmerz ersparen, meinen Namen
-in allen Blättern aufrufen zu hören? Wird er die wenigen Posten decken,
-die ich nicht mehr bezahlen kann?«
-
-»Wann ist Euer Herr abgereist?«
-
-»Vor einer Viertelstunde, Herr Major!«
-
-»Wußtet Ihr um seine Reise?«
-
-»Nein, Herr Major! Ich glaube, seine Exzellenz wußten es heute
-nachmittag selbst noch nicht; denn sie wollten heute abend ins Theater
-fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf zu Fuß aus und ließ mich folgen.
-Da begegnete ihm an der reformierten Kirche ein großer hagerer Mann,
-der bei seinem Anblick sehr erschrak. Er ging auf meinen Herrn zu und
-fragte, ob er der Graf Zronievsky sei? Mein Herr bejahte es; darauf
-fragte er, ob er vor einer Viertelstunde ein Billett empfangen? der
-Herr Graf verneinte es. Nun sprach der fremde Mann eine Weile heimlich
-mit meinem Herrn; er muß ihm keine gute Nachrichten gegeben haben,
-denn der Herr Graf wurde blaß und zitterte; er kehrte um nach Hause,
-schickte den Kutscher nach Postpferden, ich mußte schnell zwei Koffer
-packen; der Reisewagen mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit
-den Rechnungen und allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum Südertor
-hinaus. Er nahm vorher noch Abschied von mir, ich glaube für immer.«
-
-Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört; er befahl
-ihm, den nächsten Morgen wiederzukommen, und fuhr ins Theater.
-Die Ouvertüre hatte schon begonnen, als er in die Loge trat, er
-warf sich auf einen Stuhl nieder, von wo er die fürstliche Loge
-beobachten konnte. In allem Schmuck ihrer natürlichen Schönheit und
-Anmut saß Prinzessin Sophie neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor
-Freude zu strahlen, eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den
-feingeschnittenen Mund wehte ein holdes Lächeln, vielleicht der
-Nachklang eines heiteren Scherzes -- sie hatte ja jetzt ihren Willen
-durchgesetzt, Othello war es, der den Saal und die Logen des Hauses
-gefüllt hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie letzthin
-schien sie eifrig im Hause noch etwas zu suchen -- argloses Herz, du
-schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen Blicke
-werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens, ob nicht sein
-Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst den schönen Nacken
-zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine hohe, gebietende Gestalt
-wird sich dir nicht mehr nahen.
-
-Sie senkte das Glas; ein Wölkchen von getäuschter Erwartung und Trauer
-lagerte sich unter den blonden Locken, die schönen Bogen der Brauen
-zogen sich zusammen und ließen ein kaum merkliches Fältchen des Unmuts
-sehen. Die feinen, seidenen Wimpern senkten sich wie eine durchsichtige
-Gardine herab, sie schien zu sinnen, sie zeichnete mit der Lorgnette
-auf die Brüstung der Loge. -- Sind es vielleicht seine Chiffern, die
-sie in Gedanken versunken vor sich hinschreibt? Wie bald wird sie
-vielleicht dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele füllt!
-
-Dem Major traten unwillkürlich Tränen in die Augen, als er Sophie
-betrachtete. »Noch ahnet sie nicht, was ihrer wartet,« dachte er, »aber
-nie, nie soll sie erfahren, wie elend der war, den sie liebte.« Der
-Gedanke an diesen Elenden bemächtigte sich seiner aufs neue; er drückte
-die Augen zu, verfluchte die menschliche Natur, die durch Leichtsinn
-und Schwäche aus einem erhabenen Geist, aus einem tapfern Mann einen
-ehrvergessenen, treulosen Betrüger machen könne.
-
-Der Major hat oft gestanden, daß einer der schrecklichsten Augenblicke
-in seinem Leben der gewesen sei, wo er im ersten Zwischenakt Othellos
-in die fürstliche Loge trat. Es war ihm zu Mut, als habe er selbst
-an Sophien gefrevelt, als sei er es, der ihr Herz brechen müsse. Der
-Gedanke war ihm unerträglich, sie arglos, glücklich, erwartungsvoll
-vor sich zu sehen und doch zu wissen, welch namenloses Unglück ihrer
-warte. Er trat ein; ihre Blicke begegneten ihm sogleich, sie hatte wohl
-oft nach der Türe gesehen. Mit hastiger Ungeduld übersah sie einen
-Prinzen und zwei Generale, die sich ihr nahen wollten, sie winkte
-den Major heran. »Haben wir jetzt unsern Othello!« sagte sie, »sind
-Sie nicht auch glücklich, erwartungsvoll? -- doch _einen_ unserer
-Othelloverschworenen sehe ich nicht,« flüsterte sie leiser, indem sie
-leicht errötete; »der Graf ist sicherlich hinter den Kulissen, um recht
-warmen Dank zu verdienen, wenn er alles recht schön machen läßt?«
-
-»Verzeihen Euer Durchlaucht,« erwiderte der Major, mühsam nach Fassung
-ringend, »der Graf läßt sich entschuldigen, er ist schnell auf einige
-Tage verreist.«
-
-Sophie erbleichte. »Verreist, also nicht in der Oper? Wohin riefen
-ihn denn so schnell seine Geschäfte? O, das ist gewiß ein Scherz, den
-Sie beide zusammen machen,« rief sie; »glauben Sie denn, er werde nur
-so schnell weggehen, ohne sich zu beurlauben? Nein, nein, das gibt
-irgend einen hübschen Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein gewisses
-Briefchen zukam.«
-
-Der Major erschrak, daß er sich an dem nächsten Stuhl halten mußte.
-»Ein Briefchen?« fragte er mit bebender Stimme, eine schreckliche
-Ahnung stieg in ihm auf.
-
-»Ja, ein zierliches Billettchen,« sagte sie und ließ neckend das Ende
-eines Papiers unter dem breiten Brasselett hervorsehen, das ihren
-schönen Arm umschloß. »Ein Briefchen, das man recht geheimnisvoll
-mir zugesteckt hat. Ich sehe es Ihnen an den Augen an, Sie sind im
-Komplott. Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, es zu öffnen, denn
-einen solchen Scherz muß man nicht öffentlich machen, aber sobald ich
-in mein Boudoir komme --«
-
-»Durchlaucht! ich bitte um Gottes willen, geben Sie mir das Billett,«
-sagte der Major, von den schrecklichsten Qualen gefoltert, »es ist gar
-nicht einmal an Sie, es ist in ganz unrechte Hände gekommen.«
-
-»So? um so besser; das gebe ich um keine Welt heraus, das soll mir
-Aufschluß geben über die Geheimnisse gewisser Leute! An eine Dame war
-es also auf jeden Fall; es ist wirklich hübsch, daß es gerade in meine
-Hände kam.«
-
-Der Major wollte noch einmal bitten, beschwören, aber der Prinz fuhr
-mit seinem Kopf dazwischen, die beiden Generale fielen mit Fragen
-und Neuigkeiten herein, er mußte sich zurückziehen. Verfolgt von
-schrecklichen Qualen, ging er zu seiner Loge zurück, er preßte seine
-Augen in die Hand, um die Unglückliche nicht zu sehen, und immer wieder
-mußte er von neuem hinschauen, mußte von neuem die Qualen der Angst,
-die Gewißheit des nahenden Unglücks mit seinen Blicken einsaugen.
-
-Die Diamanten am Schlosse ihres Armbandes spielten in tausend Lichtern,
-ihre Strahlen zuckten zu ihm herüber, sie drangen wie tausend Pfeile
-in sein Herz. »Welchen Jammer verschließen jene Diamanten! Wenn sie
-im einsamen Gemach diese Bänder öffnet, öffnet sie nicht zugleich
-die Pforte eines grauenvollen Frevels? Ihr Puls schlägt an diese
-unseligen Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten pocht; wird es nicht
-stillestehen, wenn das Siegel springt, und das ahnungslose Auge auf
-eine furchtbare Kunde fällt?«
-
-Desdemona stimmte ihre Harfe; ihre wehmütigen Akkorde zogen
-flüsternd durch das Haus, sie erhob ihre Stimme, sie sang --
-ihren Schwanengesang. Wie wunderbar, wie mächtig ergriffen diese
-melancholischen Klänge jedes Herz; so einfach, so kindlich dieses Lied,
-und doch von so hohem, tragischem Effekt! Man fühlt sich bange und
-beengt, man ahnt, welch grauenvolles Schicksal ihrer warte, man glaubt
-den Mörder in der Ferne schleichen zu hören, man fühlt die unabwendbare
-Macht des Schicksals näher und näher kommen, es umrauscht sie wie die
-Fittiche des Todes. Sie ahnet es nicht; sanft, arglos wie ein süßes
-Kind sitzt sie an der Harfe, nur die Schwermut zittert in weichen
-Klängen aus ihrer Brust hervor, aus diesem vollen, liebewarmen Herzen,
-für das der Stahl schon gezückt ist. Sie flüstert Liebesgrüße in die
-Ferne nach ihm, der sie zermalmen wird; ihre Sehnsucht scheint ihn in
-ihre Arme zu rufen, er wird kommen -- sie zu morden; sie betet für ihn,
-Desdemona segnet ihn -- der ihr den Tod gibt.
-
-Der Major teilte seine Blicke zwischen der Sängerin und Sophien. Sie
-lauschte, in Wehmut versunken, auf das Lieblingslied, eine Träne hing
-in ihren Wimpern, sie weinte unbewußt über ihr _eigenes Geschick_,
-die Akkorde der Harfe verschwebten, Sophie sah sinnend, träumend vor
-sich hin. »Wenn ich einst sterbe, soll es mein Schwanengesang sein,«
-klang es in der Erinnerung des Majors. »Wahrlich, sie hat wahr gesagt,«
-sprach er zu sich, »es war der Schwanengesang ihres Glückes.« Othello
-trat auf. Sophiens Aufmerksamkeit war jetzt nicht mehr auf die Oper
-gerichtet, sie sah herab auf ihr Armband, sie spielte mit dem Schloß;
-ein heiteres Lächeln verdrängte ihre Wehmut, ihre Blicke streiften
-nach der Loge des Majors herüber, er strengte angstvoll seine Blicke
-an -- Gott im Himmel, sie schiebt das unglückselige Papier hervor
-und verbirgt es in ihr Tuch -- er glaubt zu sehen, wie sie heimlich
-das Siegel bricht -- verzweiflungsvoll stürzt er aus seiner Loge den
-Korridor entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn mit unsichtbarer
-Gewalt der fürstlichen Loge zu, er ist nur noch einige Schritte
-entfernt -- da hört er ein Geräusch in dem Haus, man kommt aus der
-Loge, Bediente und Kammerfrauen eilen ängstlich an ihm vorüber, eine
-schreckliche Ahnung sagt ihm schon vorher, was es bedeute, er fragt,
-er erhält die Antwort: »Prinzessin Sophie ist plötzlich in Ohnmacht
-gesunken!«
-
-
-9.
-
-Düster, zerrissen in seinem Innern, saß einige Tage nach diesem Vorfall
-der Major Larun in seinem Zimmer. Seine Stirne ruhte in der Hand, sein
-Gesicht war bleich, seine Augen halb geschlossen, der sonst so starke
-Mann zerdrückte manche Träne, die sich über seine Wimpern stehlen
-wollte. Er dachte an das schreckliche Geschick, in dessen innerstes
-Gewebe ihn der Zufall geworfen; er sah alle diese feinen Fäden, die,
-wenigen Augen außer ihm sichtbar, so lose sich anknüpften; er sah,
-wie sie weiter gesponnen, wie sie verknüpft und gedoppelt zu einem
-nur zu festen Netz um ein zartes, unglückliches Herz sich schlangen.
-Unbesiegbare Bitterkeit mischte sich in diese trüben Erinnerungen; sein
-alter Waffenfreund, ein so glänzendes Meteor am Horizont der Ehre, ein
-so braver Soldat, und jetzt ein Elender, Ehrvergessener, der, ohne nur
-entfernt einen andern Ausgang erwarten zu können, mit allen Künsten der
-Liebe die unbewachten Sinne eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes
-betörte! In diese Gedanken mischte sich das Bild dieses so unendlich
-leidenden Engels, mischte sich die Angst vor einer Szene, welcher er
-in der nächsten Stunde entgegengehen sollte. Eine angesehene Dame, die
-Oberhofmeisterin der Prinzessin Sophie, hatte ihn diesen Nachmittag
-zu sich rufen lassen. Sie entdeckte ihm ohne Hehl, daß Sophie von
-einer schweren Krankheit befallen sei, daß die Aerzte wenig Hoffnung
-geben, denn sie nennen ihre Krankheit einen Nervenschlag. Sie sagte
-ihm weiter, die Prinzessin habe ihr _alles_ gesagt, sie habe ihr kein
-Wort dieses strafbaren Verhältnisses verschwiegen. Sie wisse, daß in
-der Residenz nur _ein_ Mensch lebe, der jenen Grafen Zronievsky näher
-gekannt habe, dies sei der Baron von Larun. Mit einer Angst, einem
-Verlangen, das an Verzweiflung grenze, dringe die Unglückliche darauf,
-mit ihm ohne Zeugen zu sprechen. Die Oberhofmeisterin wußte wohl,
-wie sehr dies gegen die Vorschriften laufe, welche die Etikette ihr
-auferlegen, aber der Anblick des jammernden Kindes, das nur noch dies
-eine Geschäft auf der Erde abmachen zu wollen schien, erhob sie über
-die Schranken ihrer Verhältnisse, sie wagte es, dem Major den Vorschlag
-zu machen, diesen Abend unter ihrer Begleitung heimlich zu der Kranken
-zu gehen.
-
-Der Major hatte nicht nein gesagt. Er wußte, daß er ihr nichts
-Tröstliches sagen könne, er fühlte aber, wie in einem so tiefen Gram
-das Verlangen nach Mitteilung unüberwindlich werden müsse.
-
-Aber was sollte er ihr sagen? Mußte er nicht befürchten, von ihrem
-Anblick, von den trüben Erinnerungen der letzten Tage so bestürmt zu
-werden, daß sein lauter Schmerz sie noch unglücklicher machte? Er war
-noch in diese Gedanken versunken, als ihm gemeldet wurde, daß man ihn
-erwarte; die alte Oberhofmeisterin hielt in ihrem Wagen vor dem Hause;
-er setzte sich schweigend an ihre Seite.
-
-»Sie werden die Prinzessin sehr schlecht finden,« sagte diese Dame mit
-Tränen, »ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir nicht denken, daß
-in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron, noch etwas Rettendes liegen
-könne. Werden Sie ihr keinen Trost geben können, so verlischt sie uns
-wie eine Lampe, die kein Oel mehr hat, um ihre Flamme zu nähren; und
-wollten Sie ihr Trost, Hoffnung geben, so sind diese Gefühle in ihren
-Verhältnissen von so unnatürlicher Art, daß ich beinahe wünschen müßte,
-sie möge eher sterben, als ihrem Hause Schande machen.«
-
-»Also werde ich ihr den Tod bringen müssen,« sagte der Major bitter
-lächelnd; -- -- »weiß man in der Familie um diese Geschichten? Was
-denkt man von der Krankheit?«
-
-»Wie ich Ihnen sagte, Herr Baron; die Familie, der Hof und die Stadt
-weiß nichts anders, als daß sie sich erkältet haben muß; die törichten
-Leute bringen auch noch die fatale Oper ins Spiel und lassen sie am
-Othello sterben. Was wir beide _wissen_, ist sonst niemand bekannt; es
-gibt einige Damen, die dieses Verhältnis früher ahneten, aber nicht
-genau wußten.«
-
-»Und doch fürchte ich,« entgegnete der Major, indem er seinen
-durchdringenden Blick auf die Dame an seiner Seite heftete, »ich
-fürchte, sie stirbt an einem sehr gewagten Bubenstück. Man hat dieses
-Verhältnis geahnet, demselben nachgespürt, es wurde zur Gewißheit; man
-suchte eine Trennung herbeizuführen, man spürte die Verhältnisse des
-Grafen aus --«
-
-»Glauben Sie?« sagte die Oberhofmeisterin blaß und mit bebenden Lippen,
-indem sie umsonst versuchte, den Blick des Majors auszuhalten.
-
-»Man forschte diese Verhältnisse aus,« fuhr der Major fort; »man suchte
-ihn von hier wegzuschrecken, indem man ihm drohte, der Prinzessin zu
-sagen, daß er verheiratet sei. Bis hierher war der Plan nicht übel; es
-gehörte einem solchen Elenden, daß man nicht gelinder mit ihm verfuhr.
-Aber man ging weiter: man wollte auch die unglückliche Dame schnell
-von ihrer Liebe heilen, man machte sie mit dem Geheimnis des Grafen
-bekannt, man glaubte, sie werde alles über Nacht vergessen. Und hier
-war der Plan auf die Nerven eines Dragoners berechnet, aber nicht auf
-das Herz dieses zarten Kindes.«
-
-»Ich muß bitten, zu bedenken,« entgegnete die Oberhofmeisterin mit
-ihrer früheren Kälte, aber mit stechenden Blicken, »daß dieses _zarte_
-Kind eine Prinzessin des fürstlichen Hauses ist, daß sie erzogen wurde,
-um mit Anstand über solche Mißverhältnisse wegzusehen. Sollte wirklich
-irgend ein solcher Plan vorhanden gewesen sein, so kann ich die
-Handelnden nicht tadeln, sie haben wahrhaft geschickt operiert --«
-
-»Sie haben ihren Zweck erreicht, sie wird sterben;« unterbrach sie der
-Major.
-
-»_Ich_ hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß bitten --«
-
-»Sie?« sagte Larun mit gleichgültiger Stimme; »von Ihnen, gnädige Frau,
-sprach ich nicht, ich sagte: sie, die Handelnden, die Operierenden.«
-
-Die alte Dame biß sich in die Lippen und schwieg. Wenige Augenblicke
-nachher waren sie an einer Seitenpforte des Palais angelangt. Ein
-alter Diener führte sie durch ein Labyrinth von Korridors und Treppen.
-Endlich waren die Gänge breiter, die Beleuchtung auf elegantere Art
-angebracht, der Major bemerkte, daß sie in den bewohnteren Flügel des
-Schlosses gelangt seien. Der Alte winkte in eine Seitentür. Der Weg
-ging jetzt durch mehrere Gemächer bis in einen Salon, der wohl zu den
-Appartements der Prinzessin gehören mochte, wo die Oberhofmeisterin
-dem Major zuflüsterte, er möchte einstweilen in einem Fauteuil sich
-gedulden, bis sie ihn rufen lasse.
-
-Nach einer tödlich langen Viertelstunde erschien sie wieder. Sie
-sagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken er allein
-mit ihr sein werde; sie selbst wolle sich als ~dame d'honneur~ an die
-Türe setzen, wo sie gewiß nichts hören könne, wenn man nicht gar zu
-laut spreche. Uebrigens dürfe er nicht länger als eine Viertelstunde
-bleiben. Der Major trat ein. Das prachtvolle Gemach mit seinen
-schimmernden Tapeten und goldenen Leisten, die reiche Draperie der
-Gardinen, die bunten Farben des türkischen Fußteppichs taten seinem
-Auge wehe, denn das Gemüt will ein leidendes Herz, einen kranken Körper
-nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben sehen. Und wie groß war
-der Kontrast zwischen diesem Glanz der Umgebung und diesem zarten,
-lieblichen Kind, das in einem einfachen, weißen Gewand auf einer
-prachtvollen Ottomane lag.
-
-Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Gestalt, ihr ganzes Wesen zum
-erstenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt wieder in die Seele
-des Majors. Es war ihre einfache, ungeschmückte Schönheit, ihre stille
-Größe, verborgen hinter dem Zauber kindlicher Liebenswürdigkeit, was
-ihn angezogen hatte. Wohl blendete ihn damals der Glanz der frischen,
-jugendlichen Farben, die lebhaft strahlenden Augen, jenes gewinnende,
-huldvolle Lächeln, das ihre feinen, rosigen Lippen umschwebte. Ein
-Nachtfrost hatte diese Blüten abgestreift; aber gab ihr nicht diese
-durchsichtige Blässe, diese stille Trauer in dem sinnigen Auge, dieser
-wehmütige Zug um den Mund, der nie mehr scherzte, eine noch erhabenere
-Schönheit, einen noch gefährlicheren Zauber? Der Major stand einige
-Schritte von ihr stille und betrachtete sie mit tiefer Rührung. Sie
-winkte ihm nach einem Taburett, das zu ihren Füßen stand; sie sprach;
-ihre Stimme hatte zwar jenes helle Metall verloren, das sonst ihre
-heiteren Scherze, ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber diese
-weichen, rührenden Töne drangen tiefer. -- »Es wäre töricht von mir,
-Herr Baron,« sprach sie, »wollte ich Sie lange in Ungewißheit lassen,
-warum ich Sie rufen ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie, als seinen besten
-Freund, von einem Verhältnis unterrichtet hat, das nie hätte bestehen
-sollen. -- Erinnern Sie sich noch des Abends in Othello? Ich sagte
-Ihnen von einem Billett, das ich bekommen habe; ich erinnere mich, daß
-Sie mir es wiederholt abforderten; warum haben Sie das getan?«
-
-»Warum? fragen Euer Durchlaucht, weil ich den Inhalt ahnete, zu wissen
-glaubte.«
-
-»Also doch!« rief sie und eine Träne drang aus ihrem schönen Auge;
-»also doch! Ich hielt Sie, seit dem ersten Augenblick, wo ich Sie sah,
-für einen Mann von Ehre; wenn Sie die Verhältnisse des Grafen wußten,
-warum haben Sie ihn nicht bälder entfernt, warum mir nicht den Schmerz
-erspart, ihn verachten zu müssen?«
-
-»Ich kann bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre schwören,«
-entgegnete der Major, »daß ich kaum eine Stunde, bevor ich zu Euer
-Durchlaucht in die Loge trat, diese Verhältnisse durch ein Papier
-erfahren habe, das durch Zufall statt in des Grafen Hände in die
-meinigen kam. Als ich den Grafen darüber zur Rede stellen wollte, hatte
-er schon Nachricht davon bekommen und war abgereist. Ich ahnete aus
-gewissen Winken, die jenes Briefchen enthielt, daß auch _Sie_ nicht
-verschont bleiben werden; umsonst versuchte ich das unglückliche
-Blättchen Euer Durchlaucht abzuschwätzen.«
-
-»Sie glauben also an diese Erfindung?« sagte Sophie, indem ihre Tränen
-heftiger strömten; »ach, es ist ja nur ein Kunstgriff _gewisser Leute_,
-die ihn von uns entfernen wollten. Lesen Sie dieses Billett, es ist
-dasselbe, das ich erhielt; gestehen Sie selbst, es ist Verleumdung!«
-
-Der Major las:
-
-»Der Graf von Z. ist verheiratet; seine Gemahlin lebt in Avignon; drei
-kleine Kinder weinen um ihren Vater. -- Sollte eine erlauchte Dame so
-wenig Ehrgefühl, so wenig Mitleid besitzen, ihn diesen Banden noch
-länger zu entziehen?«
-
-Es war dieselbe Handschrift, dasselbe Siegel wie jenes Billett, das
-er selbst bekommen hatte. Er sah noch immer in diese Zeilen; er wagte
-nicht aufzuschauen, er wußte nicht zu antworten; denn seine strengen
-Begriffe von Wahrheit erlaubten ihm nicht, gegen seine Ueberzeugung zu
-sprechen, das tiefe Mitleid mit ihrem Schmerz ließ ihn ihre Hoffnung
-nicht so grausam niederschlagen.
-
-»Sehen Sie,« fuhr sie fort, als er noch immer schwieg, »wie ich
-dieses Briefchen arglos, neugierig erbrach, so überraschten mich jene
-schrecklichen Worte _Gemahlin_, _Vater_ wie eine Stimme des Gerichtes.
-Die Sinne schwanden mir; ich wurde recht krank und elend; aber so oft
-ich nur eine Stunde mich leichter fühle, steigt meine Hoffnung wieder;
-ich glaube, Zronievsky kann doch nicht so gar schlecht gewesen sein, er
-kann mich nicht so schrecklich betrogen haben. Lächeln Sie doch, Major,
-seien Sie freundlich! -- Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen mich verspotten,
-weil ich mich durch diese Zeilen so ganz außer Fassung bringen ließ,
--- aber nicht wahr, Sie meinen selbst, es ist eine Lüge, es ist
-Verleumdung?«
-
-Der Major war außer sich; was sollte er ihr sagen? Sie hing so
-erwartungsvoll an seinen Lippen, es war, als sollte _ein_ Wort von ihm
-sie ins Leben rufen -- ihr Auge strahlte wieder, jenes holde Lächeln
-erschien wieder auf ihren lieblichen Zügen -- sie lauschte wie auf die
-Botschaft eines guten Engels.
-
-Er antwortete nicht, er sah finster auf den Boden; da verschwand
-allmählich die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das Auge senkte sich,
-der kleine Mund preßte sich schmerzlich zusammen, das zarte Rot, das
-noch einmal ihre Wangen gefärbt hatte, floh; sie senkte ihre Stirne in
-die schöne Hand, sie verbarg ihre weinenden Augen.
-
-»Ich sehe,« sagte sie, »Sie sind zu edel, mir mit Hoffnungen zu
-schmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verschwinden müßten. Ich
-danke Ihnen auch für diese schreckliche Gewißheit. Sie ist immer besser
-als das ungewisse Schweben zwischen Schmerz und Freude; und nun, mein
-Freund, nehmen Sie dort das Kästchen, suchen Sie es ihm zuzustellen, es
-enthält manches, was mir teuer war -- doch nein, lassen Sie es mir noch
-einige Tage, ich schicke es Ihnen, wenn ich es nicht mehr brauche.
-
-Es ist mir, als werde ich nicht mehr lange leben,« fuhr sie nach
-einigen Augenblicken fort; »ich bin gewiß nicht abergläubisch, aber
-warum muß ich gerade nach diesem fatalen Othello krank werden?«
-
-»Ich hätte nicht gedacht, daß dieser Gedanke nur einen Augenblick Euer
-Durchlaucht Sorge machen könnte!« sagte der Major.
-
-»Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht, als man
-mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich werde sterben. Eine
-ernste, finstere junge Dame kam mit einem Plumeau von roter Seide auf
-mich zu, deckte ihn über mich her und preßte ihn immer stärker auf
-mich, daß ich beinahe erstickte. Dann kam plötzlich mein Großoheim,
-der Herzog Nepomuk, gerade so wie er gemalt in der Galerie hängt, und
-befreite mich von dem beengenden Druck, und das sonderbarste ist --«
-
-»Nun?« fragte der Baron lächelnd, »was fing denn der gemalte Herzog mit
-Desdemona an?«
-
-Die Prinzessin staunte: »Woher wissen Sie denn, daß die Dame Desdemona
-ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie dies?«
-
-Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. »Was ist natürlicher,«
-antwortete er dann, »als daß Sie von Desdemona träumten? Sie hatten sie
-ja am Abende zuvor in einem roten Bette verscheiden sehen.«
-
-»Sonderbar, daß _Sie_ auch gleich auf den Gedanken kamen! Das
-sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich befreite,
-ich wachte in der Tat auf und sah -- wie jene Dame mit dem Plumeau
-unter dem Arm langsam zur Türe hinausging. Seit dieser Nacht träumte
-ich immer dasselbe, immer beengender ward ihr Druck, immer später kommt
-mir der Herzog zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus dem
-Zimmer schweben! Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen ließ
-und mein liebes _Desdemonaliedchen_ spielte, da -- spotten Sie immer
-über mich! -- da ging die Türe auf und jene Dame sah ins Zimmer und
-nickte mir zu.«
-
-Sie hatte dieses halb scherzend, halb im Ernst erzählt; sie wurde
-ernster. »Nicht wahr, Major,« sagte sie, »wenn ich sterbe, gedenken
-Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen Mannes ist mir wert.«
--- »Prinzessin!« rief der Major, indem er vergebens seine Wehmut zu
-bezwingen suchte, »entfernen Sie doch diese Gedanken, die unmöglich zu
-Ihrer Genesung heilsam sein können!«
-
-Die Oberhofmeisterin erschien in der Tür und gab ein Zeichen, daß die
-Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte dem Major die Hand zum
-Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen von Schmerz, Liebe und
-Ehrfurcht die Hand eines Mädchens geküßt. Er hob sein Auge noch einmal
-zu ihr auf, er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut auf ihm ruhten.
-Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher; der Major stand
-auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten gesellschaftlichen Formen
-sich von einem Wesen zu trennen, das ihm in wenigen Minuten so teuer
-geworden war.
-
-»Ich hoffe,« sagte er, »Euer Durchlaucht bei der nächsten Cour ganz
-wiederhergestellt zu sehen.«
-
-»Sie hoffen, Major?« antwortete sie schmerzlich lächelnd; »leben Sie
-wohl, ich habe zu _hoffen_ aufgehört.«
-
-
-10.
-
-Die Residenz war einige Tage mit nichts anderem als der Krankheit
-der geliebten Prinzessin beschäftigt; man sagte sie bald sehr krank,
-bald gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken, das für alle, die sie
-näher kannten, schrecklich war. An einem Morgen, sehr frühe, brachte
-ein Diener dem Major ein Kästchen. Ein Blick auf dieses wohlbekannte
-Behältnis und auf die Trauerkleider des Dieners überzeugte ihn, daß die
-Prinzessin nicht mehr sei. Es war ihm, als sei dieses liebliche Wesen
-ihm, ihm _allein_ gestorben. Er hatte viel verloren auf der Erde, und
-doch hatte kein Verlust so empfindlich, so tief seine Seele berührt
-als dieser. Es war ihm, als habe er nur noch _ein_ Geschäft auf der
-Erde, das Vermächtnis der Verstorbenen an seinen Ort zu befördern;
-er würde diese Stadt, die so drückende Erinnerungen für ihn hatte,
-sogleich verlassen haben, hätte ihn nicht das Verlangen zurückgehalten,
-ihre sterblichen Reste beisetzen zu sehen. Als die feierlichen Klänge
-aller Glocken, als die Trauertöne der Musik und die langen Reihen der
-Fackelträger verkündeten, daß Sophie zur Gruft ihrer Ahnen geführt
-werde, da verließ er zum erstenmal wieder sein Haus und schloß sich
-dem Zuge an. Er hörte nicht auf das Geflüster der Menschen, die sich
-über die Ursachen ihrer Krankheit, ihres Todes besprachen; er hatte nur
-_einen_ Gedanken, nur jener Augenblick, wo ihr Auge noch einmal auf
-ihm geruht, wo seine Lippen ihre Hand berührt hatten, stand vor seiner
-Seele. Man nahm die Insignien ihrer hohen Geburt von dem Sarge, man
-senkte sie langsam hinab zum Staube ihrer Ahnen. Die Menge verlor sich,
-die Begleiter löschten ihre Fackeln aus und verließen die Halle. Der
-Major warf noch einen Blick nach der Stelle, wo sie verschwunden war,
-und ging.
-
-Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein alter Mann, der
-heftig weinte. Als der Major an seiner Seite war, sah jener sich um, es
-war der Regisseur der Oper. Der Alte trat näher zu ihm, sah ihn lange
-an, schien sich auf etwas zu besinnen und sprach dann: »Möchten Sie
-nicht, Herr Baron, wir hätten nur geträumt, und jenes liebliche Kind,
-das man begraben hat, wäre noch am Leben?«
-
-»Woran mahnen Sie mich!« rief der Major mit unwillkürlichem Grauen;
-»ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten; sie ist begraben, und wir
-beide gehen nebeneinander von ihrem Grab.«
-
-»Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen,« sagte der Alte
-mit trübem Ernst. »Ist es heute nicht _elf_ Tage, daß wir Othello
-gaben? Am _achten_ ist sie gestorben.«
-
-»Zufall, Zufall!« rief der Major. »Wollen Sie Ihren Wahnsinn auch jetzt
-noch fortsetzen? Weiß ich doch nur zu gut, an was sie starb? Wohl hat
-ein Dolch ihre Seele wie Desdemonas Brust durchstoßen; ein Elender,
-schwärzer als Ihr Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber dennoch ist es
-Aberglaube, Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre Oper zusammenreimen!«
-
-»Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig,« sagte der Alte mit
-Tränen. »Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter! ich werde es, wie ich
-es weiß, in meiner Opernchronik notieren. Es hat so kommen müssen!«
-
-»Nein!« erwiderte der Major beinahe wütend, »nein, es hat nicht so
-kommen müssen; _ein_ Wort von mir hätte sie vielleicht gerettet.
-Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren Othello nicht ins Spiel; es ist
-Zufall, Alter; ich will es haben, es ist Zufall!«
-
-»Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur Schickung.
-Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn hier ist meine
-Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie wollen;« setzte der Alte
-hinzu, indem er die kalte Hand des Majors in der seinigen preßte, »das
-Faktum ist da, sie starb -- _acht Tage nach Othello_.«
-
-
-
-
-Die Bettlerin vom Pont des Arts.
-
-
-1.
-
-Wer im Jahre 1824 abends hie und da in den Gasthof zum König von
-England in Stuttgart kam oder nachmittags zwischen zwei und drei in
-den Anlagen auf dem breiten Wege promenierte, muß sich, wenn anders
-sein Gedächtnis nicht zu kurz ist, noch einiger Gestalten erinnern, die
-damals jedes Auge auf sich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die
-ganz und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäste oder
-Anlagenspaziergänger paßten, sondern eher auf den Prado zu Madrid oder
-in ein Café zu Lissabon oder Sevilla zu gehören schienen. Denket euch
-einen ältlichen, großen, hageren Mann mit schwärzlichgrauen Haaren,
-tiefen, brennenden Augen von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühn
-gebogenen Nase und feinem eingepreßten Mund. Er geht langsam, stolz
-und aufrecht. Zu seinen schwarzseidenen Beinkleidern und Strümpfen,
-zu den großen Rosen auf den Schuhen und den breiten Schnallen am
-Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu dem hohen,
-etwas zugespitzten Hut mit breitem Rande, schief an die Stirne
-gedrückt, wünschet ihr, wenn euch nur einigermaßen Phantasie innewohnt,
-ein kurzes, geschlitztes Wams und einen spanischen Mantel statt des
-schwarzen Frackes, den der Alte umgelegt hat.
-
-Und der Diener, der ihm ebenso stolzen Schrittes folgt, erinnert
-er nicht durch das spitzbübische, dummdreiste Gesicht, durch die
-fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenierte Wesen, womit er um
-sich schaut, alles angafft und doch nichts bewundert, an jene Diener
-im spanischen Lustspiel, die ihrem Herrn wie ein Schatten treu, an
-Bildung tief unter ihm, an Stolz neben ihm, an List und Schlauheit über
-ihm stehen? Unter dem Arm trägt er seines Gebieters Sonnenschirm und
-Regenmantel, in der Hand eine silberne Büchse mit Zigarren und eine
-Lunte.
-
-Wer blieb nicht stehen, wenn diese beiden langsam durch die Promenade
-wandelten, um ihnen nachzusehen? Es war aber bekanntlich niemand
-anders, als _Don Pedro di San Montanjo Ligez_, der Haushofmeister des
-Prinzen von P., der sich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und
-Diego, sein Diener.
-
-Wie es oft zu geschehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes Ereignis
-dazu gehört, einen Menschen berühmt und auffallend zu machen, so
-geschah dies auch mit dem jungen Fröben, der schon seit einem halben
-Jahr (so lange mochte er sich wohl in Stuttgart aufhalten) alle Tage
-Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal in die Anlagen trat, dreimal um
-den See und fünfmal den breiten Weg auf und nieder ging, an allen den
-glänzenden Equipagen, schönen Fräulein, an einer Masse von Direktoren,
-Räten und Leutnants vorüberkam und von niemand beachtet wurde, denn er
-sah ja aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch von etwa achtundzwanzig
-bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines Nachmittags im breiten Weg
-auf _Don Pedro_ gestoßen, solcher ihn gar freundlich gegrüßt, seinen
-Arm traulich in den seinigen geschoben hatte und mit ihm einigemal,
-eifrig sprechend, auf und ab spaziert war, seitdem betrachtete man ihn
-neugierig, sogar mit einer gewissen Achtung; denn der stolze Spanier,
-der sonst mit niemand sprach, hatte ihn mit auffallender Aestimation
-behandelt.
-
-Die schönsten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles Gesicht
-habe, ja es liege sogar etwas Interessantes, überaus Anziehendes darin,
-was man in den Anlagen eben nicht häufig sehe; die Direktoren und
-allerlei Räte fragten: »Wer der junge Mann wohl sein könnte?« und nur
-einige Leutnants konnten Auskunft geben, daß er hie und da im Museum
-Beefsteaks speise, seit einem halben Jahre in der Schloßstraße wohne
-und einen schönen Mecklenburger reite, so ihm eigen angehörig. Sie
-setzten noch vieles über die Vortrefflichkeit dieses Pferdes hinzu,
-wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es sei, was es wohl kosten
-könnte, und kamen so auf die Pferde überhaupt zu sprechen, was sehr
-lehrreich zu hören gewesen sein soll.
-
-Den jungen Fröben aber sah man seit dieser Zeit öfter in Gesellschaft
-Don Pedros, und gewöhnlich fand er sich abends im König von England
-ein, wo er, etwas entfernt von andern Gästen, bei dem Sennor saß
-und mit ihm sprach. Diego aber stand hinter dem Stuhl seines Herrn
-und bediente beide fleißig mit Xeres und Zigarren. Niemand konnte
-eigentlich begreifen, wie die beiden Herren zusammengekommen oder
-welches Interesse sie aneinander fanden. Man riet hin und her, machte
-Konjekturen, und am Ende hätte doch der junge Mann selbst den besten
-Aufschluß darüber geben können, wenn ihn nur einer gefragt hätte.
-
-
-2.
-
-Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder _Boisserée_ und
-_Bertram_, wo sie sich zuerst fanden und erkannten? Diese gastfreien
-Männer hatten dem jungen Manne erlaubt, ihre Bilder so oft zu
-besuchen, als er immer wollte; und er tat dies, wenn er nur immer in
-der Mittagstunde, wo die Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es
-mochte regnen oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten
-Ausflügen in die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und
-kam dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des Herrn
-von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte, er habe die
-herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert oder nachgezeichnet.
-Nein, er kam leise in die Türe, grüßte schweigend und ging in ein
-entferntes Zimmer, vor _ein_ Bild, das er lange betrachtete; und ebenso
-still verließ er wieder die Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart,
-als daß sie ihn über seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt
-hätten; aber auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen sein, denn oft,
-wenn er herausging, konnte er nur schlecht die Tränen verbergen, die
-ihm im Auge quollen.
-
-Großen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das Bildchen
-nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb altdeutscher
-Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht mit klaren, liebevollen
-Augen, mit feinem, zierlichem Mund und zartem, rundem Kinn trat sehr
-lebendig aus dem Hintergrund hervor. Die schöne Stirne umzog reiches
-Haar und ein kleiner Hut, mit weißen buschigen Federn geschmückt,
-der etwas schalkhaft zur Seite saß. Das Gewand, das nur den schönen
-zierlichen Hals frei ließ, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und
-zeugte ebensosehr von der Sittsamkeit als dem hohen Stand der Dame.
-
-»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt,« dachte man, »wie Kalaf in
-das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich geringerer Hoffnung,
-denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre alt und das Original nicht
-mehr unter den Lebenden.«
-
-Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige Anbeter
-des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines Tages mit seinem
-Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der Haushofmeister, hatte die
-umherschreitende Schar der Zuschauer verlassen und besah sich die
-Gemälde, einsam von Zimmer zu Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz
-gerührt, mit einem Ausruf des Erstaunens, war er vor dem Bild jener
-Dame stehen geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, suchte
-man den Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit
-übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, den Mund
-eingepreßt, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde.
-
-Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe hinabsteige,
-doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke nur für _eines_ Sinn
-zu haben. Er fragte, wie dies Bild hierher gekommen sei. Man sagte
-ihm, daß es von einem berühmten Meister vor mehreren hundert Jahren
-gefertigt und durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer
-gekommen sei.
-
-»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht hundert Jahre
-alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre Sie, wo kann ich sie
-finden?«
-
-Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als daß man diesen Ausbruch
-des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch als er dieselbe
-Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und wahrscheinlich von Lukas
-Cranach selbst gemalt sei, da schüttelte er bedenklich den Kopf.
-
-»Meine Herren,« sprach er und legte beteuernd die Hand aufs Herz,
-»meine Herren, Don Pedro di San Montanjo Ligez hält Sie für ehrenwerte
-Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer und wollen mir dies Bild nicht
-als alt verkaufen; ich darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie
-genießen die Achtung dieser Provinz. Aber es müßte mich alles täuschen
-oder -- ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.«
-
-Mit diesen Worten schritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem Zimmer.
-
-»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie, »wenn wir nicht
-so genau wüßten, von wem dieses Bild gemalt ist, wann und wie es in
-unsern Besitz kam, und welche lange Reihe von Jahren es vorher in
-K. hing, man wäre versucht, an dieser Dame irre zu werden. Scheint
-nicht selbst den jungen Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich
-vor dieses Bild zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein
-jugendliches Feuer aus seinen Augen, als er gestand, daß er die Dame
-kenne, die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz
-vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müßte alles täuschen, wenn
-der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre.«
-
-
-3.
-
-Und es traf ein; kaum war die Galerie am folgenden Vormittag geöffnet
-worden, trat auch schon Don Pedro di San Montanjo Ligez festen,
-erhabenen Schrittes ein und strich an der langen Bilderreihe vorüber
-nach jenem Zimmer hin, wo die Dame mit dem Federhute aufgestellt war.
-Es verdroß ihn, daß der Platz vor dem Bilde schon besetzt war, daß er
-es nicht allein und einsam Zug für Zug mustern konnte, wie er so gerne
-getan hätte. Ein junger Mann stand davor, blickte es lange an, trat an
-ein Fenster, sah hinaus nach dem Fluge der Wolken und trat dann wieder
-zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn etwas; doch -- er mußte sich
-gedulden.
-
-Er machte sich an andern Bildern zu schaffen, aber erfüllt von dem
-Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke den Kopf um, um zu
-sehen, ob der junge Herr noch immer nicht gewichen sei, aber er stand
-wie eine Mauer, er schien in Betrachtung versunken. Der Spanier
-hustete, um ihn aus den langen Träumen zu wecken, jener träumte fort;
-er scharrte etwas weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann sah
-sich um, aber sein schönes Auge streifte flüchtig an dem alten Herrn
-vorüber und haftete dann von neuem auf dem Gemälde.
-
-»San Pedro! San Jago di Compostella!« murmelte der Alte, »welch
-langweiliger, alberner Dilettante!« Unmutig verließ er das Zimmer
-und die Galerie, denn er fühlte, heute sei ihm schon aller Genuß
-benommen durch Verdruß und Aerger. Hätte er doch lieber gewartet!
-Den Tag nachher war die Galerie geschlossen, und so mußte er sich
-achtundvierzig lange Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde
-gehen konnte, das ihn in so hohem Grade interessierte. Noch ehe
-die Glocken der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geschlagen, stieg er
-mit anständiger Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem
-wohlbekannten Zimmer zu, und getroffen! Er war der erste, war allein,
-konnte einsam betrachten.
-
-Er schaute die Dame lange mit unverwandten Blicken an, sein Auge
-füllte nach und nach eine Träne, er fuhr mit der Hand über die grauen
-Wimpern. »_O Laura!_« flüsterte er leise. Da tönte ganz vernehmlich
-ein Seufzer an seine Ohren, er wandte sich erschrocken um, der junge
-Mann von vorgestern stand wieder hier und blickte auf das Bild.
-Verdrießlich, sich unterbrochen zu sehen, nickte er mit dem Haupt ein
-flüchtiges Kompliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber
-nicht minder stolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der letztere
-den überflüssigen Nachbar abwarten; aber vergeblich, er sah zu seinem
-Schrecken, wie jener sogar einen Stuhl nahm, sich einige Schritte vor
-dem Gemälde niedersetzte, um es mit gehöriger Muße und Bequemlichkeit
-zu betrachten.
-
-»Der Geck,« murmelte Don Pedro, »ich glaube gar, er will mein graues
-Haar verhöhnen.« Er verließ, noch unmutiger als ehegestern, das Gemach.
-
-Im Vorsaal stieß er auf einen der Eigentümer der Galerie; er sagte
-ihm herzlichen Dank für den Genuß, den ihm die Sammlung bereitete,
-konnte sich aber nicht enthalten, über den jungen Ruhestörer sich
-etwas zu beklagen. »Herr B.,« sagte er, »Sie haben vielleicht bemerkt,
-daß vorzüglich _eines_ Ihrer Bilder mich anzog; es interessiert mich
-unendlich, es hat eine Bedeutung für mich, die -- die ich Ihnen nicht
-ausdrücken kann. Ich kam, so oft Sie es vergönnten, um das Bild zu
-sehen, freute mich recht, es ungestört zu sehen, weil doch gewöhnlich
-die Menge nicht lange dort verweilt, und -- denken Sie sich, da hat es
-mir ein junger, böser Mensch abgelauscht, und kommt, so oft ich komme,
-und bleibt, _mir zum Trotze_ bleibt er stundenlang vor diesem Bilde,
-das ihn doch gar nichts angeht!«
-
-Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er sich denken, wer den alten
-Herrn gestört haben mochte. »Das letztere möchte ich denn doch nicht
-behaupten,« antwortete er; »das Bild scheint den jungen Mann ebenfalls
-nahe anzugehen, denn es ist nicht das erste Mal, daß er es so lange
-betrachtet.«
-
-»Wieso? Wer ist der Mensch?«
-
-»Es ist ein Herr von Fröben,« fuhr jener fort, »der sich seit fünf,
-sechs Monaten hier aufhält, und seit er das erste Mal jenes Bild
-gesehen, eben jene Dame mit dem Federhut, das auch Sie besuchen, kommt
-er alle Tage regelmäßig zu dieser Stunde, um das Bild zu betrachten.
-Sie sehen also zum wenigsten, daß er Interesse an dem Bilde nehmen muß,
-da er es schon so lange besucht.«
-
-»Herr! Sechs Monate?« rief der Alte. »Nein, dem habe ich bitter unrecht
-getan in meinem Herzen, Gott mag es mir verzeihen! Ich glaube gar, ich
-habe ihn unhöflich behandelt im Unmut. Und ist ein Kavalier, sagen Sie?
-Nein, man soll von Pedro di Ligez nicht sagen können, daß er einen
-fremden Mann unhöflich behandelte. Ich bitte, sagen Sie ihm -- doch
-lassen Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm sprechen.«
-
-
-4.
-
-Als er den andern Tag sich wieder einfand und Fröben schon vor dem
-Gemälde traf, trat er auch hinzu mit recht freundlichem Gesicht; als
-aber der junge Mann ehrerbietig auf die Seite wich, um dem alten Herrn
-den bessern Platz einzuräumen, verbeugte sich dieser höflich grüßend
-und sprach: »Wenn ich nicht irre, Sennor, so habe ich Sie schon mehrere
-Male vor diesem Gemälde verweilen sehen. -- Da geht es Ihnen wohl
-gleich mir; auch mir ist dieses Bild sehr interessant, und ich kann es
-nie genug betrachten.«
-
-Fröben war überrascht durch diese Anrede; auch ihm waren die Besuche
-des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren, wer jener
-sei, und nach der steifen, kalten Begrüßung von gestern war er dieser
-freundlichen Anrede nicht gewärtig. »Ich gestehe, mein Herr!« erwiderte
-er nach einigem Zögern, »dieses Bild zieht mich vor allen andern an,
-denn -- weil -- es liegt etwas in diesem Gemälde, das für mich von
-Bedeutung ist.« -- Der Alte sah ihn fragend an, als genüge ihm diese
-Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: »Es ist wunderbar
-mit Kunstwerken, besonders mit Gemälden. Es gehen an einem Bilde oft
-Tausende vorüber, finden die Zeichnung richtig, geben dem Kolorit ihren
-Beifall, aber es spricht sie nicht tiefer an, während einem einzelnen
-aus solch einem Bilde eine tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt
-gefesselt stehen, kann sich kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt
-wieder und immer wieder, von neuem zu betrachten.«
-
-»Sie können recht haben,« sagte der Alte nachdenkend, indem er auf
-das Gemälde schaute, »aber -- ich denke, es ließe sich dies nur von
-größeren Kompositionen sagen, von Gemälden, in welche der Maler eine
-tiefere Idee legte. Es gehen viele vorüber, bis die Bedeutung endlich
-_einem_ aufgeht, der dann den tiefen Sinn des Künstlers bewundert. Aber
-sollte man dies von solchen Köpfen behaupten können?«
-
-Der junge Mann errötete. »Und warum nicht?« fragte er lächelnd. »Die
-schönen Formen dieses Gesichtes, die edle Stirne, dieses sinnende
-Auge, dieser holde Mund, hat sie der Künstler nicht mit tiefem Geiste
-geschaffen, liegt nicht etwas so Anziehendes in diesen Zügen, daß --«
-
-»O bitte, bitte,« unterbrach ihn der Alte, gütig abwehrend; »es war
-allerdings eine recht hübsche Person, die dem Künstler gesessen, die
-Familie hat schöne Frauen.«
-
-»Wie? welche Familie?« rief der Jüngling erstaunt; er zweifelte an dem
-gesunden Verstand des Alten, und doch schienen ihn seine Worte aufs
-höchste zu spannen. »Dies Bild ist wohl reine Phantasie, mein Herr, ist
-zum wenigsten mehrere hundert Jahre alt!«
-
-»Also glauben Sie das Märchen auch?« flüsterte der Alte; »unter uns
-gesagt, diesmal wurde der Scharfblick der Eigentümer doch getäuscht;
-ich kenne ja die Dame.«
-
-»Um Gottes willen, Sie kennen sie? wo ist sie jetzt, wie heißt sie?«
-sprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des Spaniers faßte.
-
-»Sage ich lieber, ich _habe_ sie gekannt,« antwortete dieser mit
-zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame aufschlug.
-»Ja, ich habe sie gekannt, in Valencia vor zwanzig Jahren; eine lange
-Zeit! Es ist niemand anders als Donna Laura Tortosi.«
-
-»Zwanzig Jahre!« wiederholte der junge Mann traurig und
-niedergeschlagen. »Zwanzig Jahre, nein, sie ist es nicht!«
-
-»Sie ist es nicht?« fuhr Don Pedro hitzig auf. »Nicht, sagen Sie?
-So können Sie glauben, ein Maler habe diese Züge aus seinem Hirn
-zusammengepinselt? Doch ich will nicht ungerecht sein, es war wohl
-ein tüchtiger Mann, der sie malte, denn seine Farben sind wahr und
-treu, treu und frisch wie das blühende Leben. Aber glauben Sie, daß
-ein solcher Künstler aus seiner Phantasie nicht ein ganz anderes Bild
-erschafft. Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortosi zu kennen, daß
-diese Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müsse, Familienzüge,
-bestimmt und klar von der Natur ausgesprochen, Züge, wie man sie nie
-in Gemälden der Phantasie, sondern nur bei guten Porträts findet? Es
-ist ein Porträt, sag' ich Ihnen, Sennor, und bei Gott kein anderes,
-als das der Donna Laura, wie ich sie vor zwanzig Jahren gesehen in dem
-lieblichen Valencia.«
-
-»Mein verehrter Herr,« erwiderte ihm Fröben, »es gibt Aehnlichkeiten,
-täuschende Aehnlichkeiten; man glaubt oft einen Freund sprechend
-getroffen zu sehen, nur in sonderbarem, veraltetem Kostüm, und wenn man
-fragt, ist es sein Urahn aus dem Dreißigjährigen Kriege oder überdies
-gar noch ein Fremder. Ich gebe auch zu, daß dieses Bild sogenannte
-Familienzüge trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche,
-aber _dieses_ Bild, dieses ist alt, und so viel weiß man wenigstens
-aus Registern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenenkirche zu K.
-schon seit hundertundfünfzig Jahren hing, durch zufällige Stiftung,
-nicht auf Bestellung, in die Kirche kam, und nach allen Anzeichen von
-dem deutschen Maler Lukas Cranach gefertigt wurde.«
-
-»So hole der lebendige Satan meine Augen!« rief Don Pedro ärgerlich,
-indem er aufsprang und seinen Hut nahm. »Ein Blendwerk der Hölle ist's,
-sie will mich in meinen alten Tagen noch einmal durch dies Gemälde in
-Wehmut und Gram versenken.« Tränen standen dem alten Mann in den Augen,
-als er mit hastigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ.
-
-
-5.
-
-Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal dagewesen. Fröben
-und er sahen sich noch oft vor dem Bilde, und der Alte gewann den
-jungen Mann durch sein bescheidenes, aber bestimmtes Urteil, durch
-seine liebenswürdige Offenheit, durch sein ganzes Wesen, das feine
-Erziehung, treffliche Kenntnisse und einen für diese Jahre seltenen
-Takt verriet, immer lieber. Der Alte war fremd in dieser Stadt, er
-fühlte sich einsam, dennoch war er der Welt nicht so sehr abgestorben,
-daß er nicht hin und wieder einen Menschen hätte sprechen mögen. So kam
-es, daß er sich unvermerkt näher an den jungen Fröben anschloß; zog ihn
-ja dieser auch dadurch so unbeschreiblich an, daß er ein teures Gefühl
-mit ihm teilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde.
-
-So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang gerne begleitete,
-daß er ihn oft einlud, ihm abends Gesellschaft zu leisten. Eines
-Abends, als der Speisesaal im König von England ungewöhnlich gefüllt
-war und rings um die beiden fremde Gäste saßen, so daß sie sich im
-traulichen Gespräche gehindert fühlten, sprach Don Pedro zu seinem
-jungen Freund: »Sennor, wenn Ihr anders diesen Abend nicht einer Dame
-versprochen habt, vor ihrem Gitter mit der Laute zu erscheinen, oder
-wenn Euch nicht sonst ein Versprechen hindert, so möchte ich Euch
-einladen, eine Flasche echten Ximenes mit mir auszustechen auf meinem
-Gemach.«
-
-»Sie ehren mich unendlich,« antwortete Fröben, »mich bindet kein
-Versprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch ist es hiesigen Orts
-nicht Sitte, abends die Laute zu schlagen auf der Straße oder sich mit
-der Geliebten am Fenster zu unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie
-begleiten.«
-
-»Gut; so geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit Diego die
-Einrichtung gemacht; ich werde Euch rufen lassen.«
-
-Der Alte hatte diese Einladung mit einer Art von Feierlichkeit
-gesprochen, die Fröben sonderbar auffiel. Jetzt erst entsann er sich
-auch, daß er noch nie auf Don Pedros Zimmer gewesen, denn immer hatten
-sie sich in dem allgemeinen Speisesaal des Gasthofs getroffen. Doch aus
-allem zusammen glaubte er schließen zu müssen, daß es eine besondere
-Höflichkeit sei, die ihm der Spanier durch diese Einführung bei sich
-erzeigen wolle. Nach einer Viertelstunde erschien Diego mit zwei
-silbernen Armleuchtern, neigte sich ehrerbietig vor dem jungen Mann und
-forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte, als
-er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäste ihm neugierig nachschauten
-und die Köpfe zusammensteckten. Im ersten Stock machte Diego eine
-Flügeltüre auf und winkte dem Gast, einzutreten. Ueberrascht blieb
-dieser auf der Schwelle stehen. Sein alter Freund hatte den Frack
-abgelegt, ein schwarzes, geschlitztes Wams mit roten Puffen angezogen
-und einen langen Degen mit goldenem Griff umgeschnallt; ein dunkelroter
-Mantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich schritt er seinem Gast
-entgegen und streckte seine dürre Hand aus den reichen Manschetten
-hervor, ihn zu begrüßen. »Seid mir herzlich willkommen, Don Fröbenio,«
-sprach er, »stoßet Euch nicht an diesem prunklosen Gemach; auf Reisen,
-wie Ihr wißt, fügt sich nicht alles wie zu Hause. Weicher allerdings
-geht es sich in meinem Saale zu Lissabon, und meine Diwans sind echt
-maurische Arbeit; doch setzet Euch immer zu mir auf dies schmale Ding,
-Sofa genannt, ist doch der Wein des Herrn Schwaderer echt und gut;
-setzt Euch!«
-
-Er führte unter diesen Worten den jungen Mann zu einem Sofa; der Tisch
-vor diesem war mit Konfitüren und Wein besetzt; Diego schenkte ein und
-brachte Zündstock und Zigarren.
-
-»Schon lange,« hub dann Don Pedro an, »schon lange hätte ich gern
-einmal so recht vertraulich zu Euch gesprochen, Don Fröbenio, wenn Ihr
-anders mein Vertrauen nicht gering achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur
-Mittagsstunde vor Lauras Bildnis trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr
-so recht versunken waret in Anschauung, aufmerksam betrachtet, und,
-vergebt mir, wenn meine alten Augen einen Diebstahl an Euren Augen
-begingen, ich bemerkte, daß der Gegenstand dieses Gemäldes noch höheres
-Interesse für Euch haben müsse und eine tiefere Bedeutung, als Ihr mir
-bisher gestanden.«
-
-Fröben errötete; der Alte sah ihn so scharf und durchdringend an,
-als wollte er im innersten Grund seiner Seele lesen. »Es ist wahr,«
-antwortete er, »dieses Bild hat eine tiefe Bedeutung für mich, und Sie
-haben recht gesehen, wenn Sie glauben, es sei nicht das _Kunstwerk_,
-was mich interessiere, sondern der _Gegenstand_ des Gemäldes. Ach, es
-erinnert mich an den sonderbarsten, aber glücklichsten Moment meines
-Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst ein
-Mädchen sah, das mit diesem Bild täuschende Aehnlichkeit hatte; ich sah
-sie nur einmal und nie wieder, und darum gehört es zu meinem Glück,
-wenigstens ihre holden Züge in diesem Gemälde wieder aufzusuchen.«
-
-»O Gott! das ist ja auch _mein_ Fall!« rief Don Pedro.
-
-»Doch lachen werden Sie,« fuhr Fröben fort, »wenn ich gestehe, daß ich
-nur von einem Teil des Gesichtes dieser Dame sprechen kann. Ich weiß
-nicht, ist sie blond oder braun, ist ihre Stirne hoch oder nieder, ist
-ihr Auge blau oder dunkel, ich weiß es nicht! Aber diese zierliche
-Nase, dieser liebliche Mund, diese zarten Wangen, dieses weiche Kinn
-finde ich auf dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geschaut!«
-
-»Sonderbar! -- Und diese Formen, die sich dem Gedächtnis weniger tief
-einzudrücken pflegen als Auge, Stirn und Haar, diese sollten, nachdem
-Ihr nur einmal sie gesehen, so lebhaft in Eurer Seele stehen?«
-
-»O Don Pedro!« sprach der Jüngling bewegt, »einen Mund, den man
-_einmal_ geküßt hat, einen _solchen_ Mund vergißt man so leicht nicht
-wieder. Doch, ich will erzählen, wie es mir damit ergangen.« --
-
-»Halt ein, kein Wort!« unterbrach ihn der Spanier; »Ihr würdet mich
-für sehr schlecht erzogen halten müssen, wollte ich einem Kavalier
-sein Geheimnis entlocken, ohne ihm das meine zuvor als Pfand gegeben
-zu haben. Ich will Euch erzählen von der Dame, die ich in jenem
-sonderbaren Bild erkannte, und wenn Ihr mich dann Eures Vertrauens
-würdig achtet, so möget Ihr mir mit Eurer Geschichte vergelten. Doch,
-Ihr trinket ja nicht; es ist echter, spanischer Wein, und ihn müßt Ihr
-trinken, wenn Ihr mit mir Valencia besuchen wollt.«
-
-Sie tranken von dem begeisternden Ximenes und der Alte hub an.
-
-
-6.
-
-»Sennor, ich bin in Granada geboren. Mein Vater kommandierte ein
-Regiment, und er und meine Mutter stammten aus den ältesten Familien
-dieses Königreichs. Ich wurde im Christentum und allen Wissenschaften
-erzogen, die einen Edelmann zieren, und mein Vater bestimmte mich, als
-ich zwanzig Jahre alt und gut gewachsen war, zum Soldaten. Aber er
-war ein Mann, streng und ohne Rücksicht im Dienste, und weil er die
-Zärtlichkeit meiner Mutter für mich kannte und fürchtete, sie möchte
-ihn oft verhindern, mich meine Pflicht gehörig vollbringen zu machen,
-beschloß er, mich zu einem andern Regiment zu schicken, und seine
-Wahl fiel auf Pampeluna, wo mein Oheim kommandierte. Ich lernte dort
-den Dienst sorgfältig und genau und brachte es in den folgenden zehn
-Jahren bis zum Kapitän. Als ich dreißig alt war, wurde mein Oheim nach
-Valencia versetzt. Er hatte Einfluß und wußte zu bewirken, daß ich
-ihm schon nach einem halben Jahr als Adjutant folgen konnte. Als ich
-aber in Valencia ankam, hatte sich in meines Oheims Hauswesen vieles
-geändert. Er war schon längst, noch in Pampeluna, Witwer geworden.
-In Valencia hatte er eine reiche Witwe kennen gelernt und sie einige
-Wochen früher, als ich bei ihm eintraf, geheiratet. Sie können denken,
-wie ich überrascht war, als er mir eine ältliche Dame vorstellte und
-sie seine Gemahlin nannte; meine Ueberraschung stieg aber und gewann an
-Freude, als er auch ein Mädchen, schön wie der Tag, herbeiführte und
-sie seine Tochter Laura, meine Cousine, nannte. Ich hatte bis zu jenem
-Tage nicht geliebt, und meine Kameraden hatten mich oft deshalb Pedro
-el pedro (den steinernen Pedro) genannt; aber dieser Stein zerschmolz
-wie Wachs von den feurigen Blicken Lauras.
-
-Ihr habt sie gesehen, Don Fröbenio, jenes Bild gibt ihre himmlischen
-Züge wieder, wenn es anders einem irdischen Künstler möglich ist, die
-wundervollen Werke der Natur zu erreichen. Ach, gerade so trug sie ihr
-Haar, so mutig wie auf jenem Gemälde hatte sie das Hütchen mit den
-wallenden Federn aufgesetzt, und wenn sie ihr dunkles Auge unter den
-langen Wimpern aufschlug, so war es, als ob die Pforten des Himmels
-sich öffneten und ein leuchtender Engel freundlich herabgrüßte.
-
-Meine Liebe, Sennor, war eine freudige; ich konnte ja täglich um
-sie sein; jene Schranken, die in meinem Vaterlande gewöhnlich die
-Liebenden trennen und die Liebe schmerzlich, ängstlich, gramvoll und
-verschlagen machen, jene Schranken trennten uns nicht. Und wenn ich
-in die Zukunft sah, wie lachend erschien sie mir! Mein Oheim liebte
-mich wie seinen Sohn; verstand ich seine Winke recht, so schien es
-ihm nicht unangenehm, wenn ich mich um seine Tochter bewerbe; und von
-meinem Vater konnte ich kein Hindernis erwarten, denn Laura stammte
-aus edlem Blute und der Reichtum ihrer Mutter war bekannt. Wie mächtig
-meine Liebe war, könnt Ihr schon daraus ersehen, daß ich da liebte, wo
-es so gänzlich ohne Not und Jammer abging. Denn gewöhnlich entsteht die
-Liebe aus der angenehmen Bemerkung, daß man der Geliebten vielleicht
-nicht mißfallen habe; wie Feuer unter den Dächern fortschleicht und
-durch eine Mauer aufgehalten plötzlich verzehrend nieder in das
-Haus und prasselnd auf zum Himmel schlägt, so die Liebe. Die kleine
-Neigung wächst. Die unüberwindlich scheinenden Hindernisse spornen an;
-man glaubt, eine Glut zu fühlen, die nur im Arme der Geliebten sich
-abkühlen kann. Man spricht die Dame am Gitter, man schickt ihr Briefe
-durch die Zofe, man malt im Traume und Wachen ihr Bild, ihre Gestalt
-so reizend sich vor, denn bisher sah man sie nicht anders als im
-Schleier und der verhüllenden Mantilla. Endlich, sei es durch List oder
-Gewalt, fallen die Schranken. Man fliegt herbei, führt die Errungene
-zur Kirche und -- besiehet sich nachher den Schatz etwas genauer.
-Wie auf dem schönen Wiesengrund, der nur ein Teppich ist, über ein
-sumpfig Moorland gedeckt, wenn du wie auf fester Erde ausschreitest,
-deine Füße einsinken und Quellen aus der Tiefe rieseln, so hier. Alle
-Augenblicke zeigt sich eine neue Laune bei der Dame, alle Tage lüftet
-sie Schleier und Mantilla ihres Herzens freier, und am Ende stündest
-du lieber wieder an dem Gitter, Liebesklagen zu singen, um -- nie
-wiederzukehren.«
-
-
-7.
-
-»Bei Gott, Ihr seid ein scharfer Kritiker,« erwiderte Fröben errötend;
-»es liegt in dem, was Ihr saget, etwas Wahres, aber ganz so? Nein, da
-müßte ja jener Götterfunke, der zündend ins Herz schlägt, jener selige
-Augenblick, wo die Hälfte einer Minute zum Verständnis hinreicht, müßte
-lügen, und doch glaube ich an seine himmlische Abkunft. O, ist es mir
-denn besser ergangen?«
-
-»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt,« sprach Don Pedro; »jener Moment
-ist himmlisch schön, aber er beruht gar oft auf bitterer Täuschung.
-Höret weiter. Mich reizten, mich hinderten keine Schranken, und dennoch
-liebte ich so warm als irgend ein junger Kavalier in Spanien. Das
-einzige Hindernis konnte Lauras Herz sein, und -- ihr Auge hatte mir
-ja schon oft gestanden, daß es dem meinigen gerne begegne. Alle jene
-kleinen Beweise meiner Zärtlichkeit, wie man sie in diesem Zustand
-gibt, nahm Donna Laura gütig auf, und nach einem Vierteljahre erlaubte
-sie mir, ihr meine Liebe zu gestehen. Die Eltern hatten die Sache
-längst bemerkt; mein Oheim gab mir seine Einwilligung und sagte, er
-habe für mich wegen guter Dienste, die ich geleistet, beim König um
-ein Majorspatent nachgesucht. Mit der Nachricht meines Steigens soll
-ich dem Vater meine Liebe gestehen und ihn um Einwilligung bitten. Ich
-gelobte es; ach, warum habe ich's getan! Sollte man nicht immer einen
-Dämon hinter sich glauben, der uns das Glück wie ein schönes Spielzeug
-gibt, nur um es plötzlich zu zerschlagen?
-
-Ich hatte bald nach der Gewißheit meines Glückes mit einem Hauptmann
-aus einem Schweizerregiment Bekanntschaft gemacht, den ich lieb gewann
-und täglich in mein Haus führte. Es war ein schöner, blonder Jüngling,
-mit klaren blauen Augen, von weißer Haut und roten Wangen. Er hätte zu
-weich für einen Soldaten ausgesehen, wenn nicht berühmte Waffentaten,
-die er ausgeführt, in aller Munde lebten. Um so gefährlicher war er
-für Frauen. Seine ganze Erscheinung war so neu in diesem Lande, wo die
-Sonne die Gesichter dunkel färbt, wo unter schwarzem Haar schwarze
-Augen blitzten; und wenn er von den Eisbergen, von dem ewigen Schnee
-seiner Heimat erzählte, so lauschte man gerne auf seine Rede, und
-manche Dame mochte schon den Versuch gemacht haben, das Eis seines
-Herzens zu schmelzen.
-
-Eines Morgens kam ein Freund zu mir, der um meine Liebe zu Laura
-wußte, und gab mir in allerlei geheimnisvollen Reden zu verstehen,
-ich möchte entweder auf der Hut sein oder ohne das Majorspatent meine
-Base heiraten, indem sonst noch manches sich ereignen könnte, was mir
-nicht angenehm wäre. Ich war betreten, forschte näher und erfuhr, daß
-Donna Laura bei einer verheirateten Freundin hie und da mit einem Mann
-zusammenkomme, der in einen Mantel verhüllt ins Haus schleiche. Ich
-entließ den Freund und dankte ihm. Ich glaubte nichts davon, aber ein
-Stachel von Eifersucht und Mißtrauen war in mir zurückgeblieben. Ich
-dachte nach über Lauras Betragen gegen mich, ich fand es unverändert;
-sie war hold, gütig gegen mich wie zuvor, ließ sich die Hand, wohl auch
-den schönen Mund küssen -- aber dabei blieb es auch; denn jetzt erst
-fiel mir auf, wie kalt sie immer bei meiner Umarmung war, sie drückte
-mir die Hand nicht wieder, wenn ich sie drückte, sie gab mir keinen Kuß
-zurück.
-
-Zweifel quälten mich; der Freund kam wieder, schürte durch bestimmtere
-Nachrichten das Feuer mächtiger an und ich beschloß bei mir, die
-Schritte meiner Dame aufmerksamer zu bewachen. Wir speisten gewöhnlich
-zusammen, der Oheim, die Tante, meine schöne Base und ich. Am Abend des
-Tages, als mein Freund zum zweitenmal mich gewarnt, fragte die Tante
-bei Tische ihre Tochter, ob sie ihr Gesellschaft leisten werde auf dem
-Balkon?
-
-Sie antwortete, sie habe ihrer Freundin einen Besuch zugesagt.
-Unwillkürlich mochte ich sie dabei schärfer angesehen haben, denn sie
-schlug die Augen nieder und errötete. Sie ging eine Stunde, ehe die
-Nacht einbrach, zu jener Dame. Als es dunkel wurde, schlich ich mich an
-jenes Haus und hielt Wache; rasende Eifersucht kam über mich, als ich
-die Straße herauf, nahe an die Häuser gedrückt, eine verhüllte Gestalt
-schleichen sah. Ich stellte mich vor die Haustüre, die Gestalt kam
-näher und wollte mich sanft auf die Seite schieben; aber ich faßte sie
-am Gewand und sprach: ›Sennor, wer Ihr auch seid, in diesem Augenblick
-glaube ich einen Mann von Ehre vor mir zu haben, und bei Eurer Ehre
-fordere ich Euch auf, steht mir Rede!‹
-
-Bei dem ersten Ton meiner Stimme sah ich ihn zusammenschrecken; er
-besann sich eine kleine Weile und entgegnete dann: ›Was soll es?‹
-
-›Schwört mir bei Eurer Ehre,‹ fuhr ich fort, ›daß Ihr nicht wegen Donna
-Laura di Tortosi in dieses Haus geht.‹
-
-›Wer erkühnt sich, mir über meine Schritte Rechenschaft abzufordern?‹
-rief er mit dumpfer verstellter Stimme. An seiner Aussprache merkte
-ich, daß er ein Fremder sein müsse; eine düstere Ahnung ging in meiner
-Seele auf. ›Der Kapitän di San Montanjo wagt es,‹ antwortete ich und
-riß ihm, ehe er sich dessen versah, den Mantel vom Gesicht -- es war
-mein Freund Tannensee, der Schweizer.
-
-Er stand da wie ein Verbrecher, keines Wortes mächtig. Aber ich hatte
-meinen Degen blank gezogen, und sprachlos vor Wut deutete ich ihm an,
-dasselbe zu tun. ›Ich habe keine Waffen bei mir, als einen Dolch,‹
-erwiderte er. Schon war ich willens, ihm ohne Zögern den Degen in den
-Leib zu rennen; aber als er so regungslos auf alles gefaßt vor mir
-stand, konnte ich das Schreckliche nicht vollbringen. Ich behielt noch
-so viel Fassung, daß ich ihn bestimmte, am andern Morgen vor dem Tor
-der Stadt mir Rechenschaft zu geben. Die Türe hielt ich besetzt; er
-sagte zu und ging.
-
-Noch lange hielt ich Wache, bis endlich die Sänfte für Laura gebracht
-wurde, bis ich sie einsteigen sah; dann folgte ich ihr langsam nach
-Hause. Die Qualen der Eifersucht ließen mich keinen Schlaf auf meinem
-Lager finden, und so hörte ich, wie sich um Mitternacht Schritte meiner
-Türe näherten. Man pochte an; verwundert warf ich meinen Mantel um
-und schloß auf; es war die alte Dienerin Lauras, die mir einen Brief
-übergab und eilends wieder davonging.
-
-Sennor! Gott möge Euch vor einem ähnlichen Brief in Gnaden bewahren!
-Sie gestand mir, daß sie den Schweizer längst geliebt habe, als sie
-mich noch gar nicht kannte; daß sie aus Furcht vor dem Zorn ihrer
-Mutter, die alle Fremden hasse, ihn immer zurückgehalten, um sie zu
-werben; daß sie, von den Drohungen meiner Tante genötigt, meine Anträge
-sich habe gefallen lassen. Sie nahm alle Schuld auf sich, sie schwur
-mit den heiligsten Eiden, daß Tannensee mir oft habe alles gestehen
-wollen und nur durch ihr Flehen, durch ihre Furcht, nachher strenger
-verwahrt zu werden, sich habe zurückhalten lassen. Sie deutete mir ein
-schreckliches Geheimnis an, das die Ehre der Familie beflecken werde,
-wenn ich ihr und dem Hauptmann nicht zur Flucht verhelfe. Sie beschwor
-mich, von meinem Streit abzustehen, denn wenn er falle, so bleibe ihr,
-_seiner Gattin_, nichts übrig, als sich das Leben zu nehmen. Sie schloß
-damit, meine Großmut anzurufen, sie werde mich ewig _achten_, aber
-niemals _lieben_.
-
-Ihr werdet gestehen, daß ein solcher Brief gleich kaltem Wasser alle
-Flammen der Liebe löschen kann; er löschte sogar zum Teil meinen Zorn.
-Aber vergeben konnte ich es meiner Ehre nicht, daß ich betrogen war,
-darum stellte ich mich zur bestimmten Stunde auf dem Kampfplatz ein.
-Der Kapitän mochte tief fühlen, wie sehr er mich beleidigt; obgleich
-er ein besserer Fechter war als ich, verteidigte er sich nur, und
-nicht seine Schuld ist es, daß ich meine Hand hier zwischen Daumen und
-Zeigefinger in seinen Degen rannte, so daß ich außer stande war, weiter
-zu fechten. Ich gab ihm, während ich verbunden wurde, Lauras Brief.
-Er las, er bat mich flehend, ihm zu vergeben, ich tat es mit schwerem
-Herzen.
-
-Die Geschichte meiner Liebe ist zu Ende, Don Fröbenio, denn fünf Tage
-darauf war Donna Laura mit dem Schweizer verschwunden.«
-
-»Und mit Ihrer Hilfe?« fragte Fröben.
-
-»Ich half, so gut es ging. Freilich war der Schmerz meiner Tante groß;
-aber in diesen Umständen war es besser, sie sah ihre Tochter nie
-wieder, als daß Unehre über das Haus kam.«
-
-»Edler Mann! Wie unendlich viel muß Sie dies gekostet haben!
-Wahrhaftig, es war eine harte Prüfung.«
-
-»Das war es,« antwortete der Alte mit düsterem Lächeln. »Anfangs
-glaubte ich, diese Wunde werde nie vernarben; die Zeit tut viel, mein
-Freund! Ich habe sie nie wieder gesehen, nie von ihnen gehört, nur
-einmal nannten die Zeitungen den Oberst Tannensee als einen tapfern
-Mann, der unter den Truppen Napoleons in der Schlacht von Brienne dem
-Feinde langen Widerstand getan habe. Ob es derselbe ist, ob Laura noch
-lebt, weiß ich nicht zu sagen.
-
-Als ich aber in diese Stadt kam, jene Galerie besuchte, und nach
-zwanzig langen Jahren meine Laura wieder erblickte, ganz so, wie sie
-war in den Tagen ihrer Jugend, da brachen die alten Wunden wieder auf,
-und -- nun Ihr wisset, daß ich sie täglich besuche.«
-
-
-8.
-
-Mit umständlicher Gravität, wie es dem Haushofmeister eines p...schen
-Prinzen, einem Mann aus altkastilischem Geschlechte geziemte, hatte
-Don Pedro di San Montanjo Ligez seine Geschichte vorgetragen. Als er
-geendet, trank er einigen Xeres, lüftete den Hut, strich sich über die
-Stirne und Kinn und sagte zu dem jungen Mann an seiner Seite: »Was
-ich wenigen Menschen vertraut, habe ich Euch umständlich erzählt,
-Don Fröbenio, nicht um Euch zu locken, mir mit gleichem Vertrauen zu
-erwidern, obgleich Euer Geheimnis so sicher in meiner Brust ruhte als
-der Staub der Könige von Spanien im Eskorial! -- Obgleich ich gespannt
-bin, zu wissen, inwiefern Euch jene Dame interessiert; -- aber Neugier
-ziemt dem Alter nicht, und damit gut.«
-
-Fröben dankte dem Alten für seine Mitteilung. »Mit Vergnügen werde
-ich Ihnen meinen kleinen Roman zum besten geben,« sagte er lächelnd,
-»er betrifft keiner Dame Geheimnisse und endet schon da, wo andere
-anfangen. Aber wenn Sie erlauben, werde ich morgen erzählen, denn für
-heute möchte es wohl zu spät sein.«
-
-»Ganz nach Eurer Bequemlichkeit,« erwiderte der Don, seine Hand
-drückend. »Euer Vertrauen werde ich zu ehren wissen.« So schieden sie;
-der Spanier begleitete den jungen Mann höflich bis an die Schwelle
-seines Vorsaals, und Diego leuchtete ihm bis auf die Straße.
-
-Nach seiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nachher in die Galerie;
-er stand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte er an diesem Tage
-mehr an den Alten denn an die gemalte Dame; aber er wartete über eine
-Stunde -- der Alte kam nicht. Er ging mit dem Schlag zwei Uhr in die
-Anlagen, ging langsamen Schrittes um den See, zog oft sein Fernglas
-und schaute die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Gestalt
-seines alten Freundes wollte sich nicht zeigen; umsonst schaute er
-nach den dünnen, schwarzen Beinen, nach dem spitzen Hut, umsonst nach
-Diego und den bunten Kleidern, mit Sonnenschirm und Regenmantel, er war
-nicht zu sehen. »Sollte er krank geworden sein?« fragte er sich, und
-unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz hin und nach dem Gasthof
-zum König von England, um Don Pedro zu besuchen. »Fort ist die ganze
-Wirtschaft, auf und davon;« antwortete auf seine Frage der Oberkellner,
-»gestern abend noch bekam der Prinz Depeschen, und heute vormittag
-sind Seine Hoheit nebst Gefolge in sechs Wagen nach W. abgereist;
-der Haushofmeister, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine Karte hier
-gelassen.«
-
-Begierig griff Fröben nach diesem letzten Freundeszeichen. Es war nur
-_Don Pedro di San Montanjo Ligez, Major Rio di S. A._ etc. darauf zu
-lesen. Verdrießlich wollte Fröben diesen kalten Abschied einstecken,
-da gewahrte er auf der Rückseite noch einige Worte mit der Bleifeder
-geschrieben, er las: »Lebt wohl, teurer Don Fröbenio; Eure Geschichte
-müßt Ihr mir schuldig bleiben; grüßet und küsset Donna Laura.«
-
-Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch als er in den
-nächsten Tagen wieder vor dem Bilde stand, war er wehmütiger als je,
-denn es war in seinem Leben eine Lücke entstanden durch Don Pedros
-Abreise. Er hatte sich so gerne mit dem guten Alten unterhalten,
-er hatte seit langer Zeit zum erstenmal wieder in einem genaueren
-Verhältnis mit Menschen gelebt, und deutlicher als je fühlte er
-jetzt, daß nur der Einsame, der Hoffnungslose ganz unglücklich ist.
-Wäre das Bild nicht gewesen, das ihn mit seinem eigentümlichen Zauber
-zurückhielt, schon längst hätte er Stuttgart verlassen, das sonst keine
-Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die Herren Boisserée die
-treue Kopie jenes lieben Bildes, ein lithographiertes Blatt, zeigten
-und ihn damit beschenkten, nahm er es als einen Wink des Schicksals
-auf, verabschiedete sich von dem Urbild, packte die Kopie sorgfältig
-ein und verließ diese Stadt so stille, als er sie betreten hatte.
-
-
-9.
-
-Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten, das er in
-jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptstadt Württembergs
-berührte, auf einer Reise nach dem Rhein begriffen, und dahin zog er
-nun weiter. Er gestand sich selbst, daß ihn die letzten Monate beinahe
-allzuweich gemacht hatten. Er fühlte nicht ohne Beschämung und leises
-Schaudern, daß sein Trübsinn, sein ganzes Dichten und Trachten schon
-nahe an Narrheit gestreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieses
-Jahr noch zu Reisen bestimmt, ohne sich irgend einen festen Plan, ein
-Ziel zu setzen und wollte diese lange Unterbrechung seiner Reise auf
-die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen Umgebungen schieben.
-Aber hatte er denn wirklich jene Stadt so angenehm gefunden? Hatte
-er Menschen aufgesucht, kennen gelernt? Hatte er sie nicht vielmehr
-gemieden, weil sie seine Einsamkeit, die ihm so lieb geworden, störten?
-Hatte er die herrlichen Umgebungen genossen? »Nein,« sagte er lächelnd
-zu sich, »man wäre versucht, an Zauberei zu glauben! Ich habe mich
-betragen wie ein Tor! Habe mich eingeschlossen in mein Zimmer, um
-zu lesen. Und habe ich denn wirklich gelesen? Stand nicht ihr Bild
-auf jeder Seite? Gingen meine Schritte weiter als zu _ihr_ oder um
-einmal unter dem Gewühl der Menge auf und ab zu gehen? Ist es nicht
-schon Raserei, auf so langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes
-Mädchengesicht aufmerksam zu betrachten, ob ich nicht den holden Mund
-der unbekannten Geliebten wiedererkenne?«
-
-So schalt sich der junge Mann, glaubte recht feste Vorsätze zu fassen,
-und wie oft, wenn sein Pferd langsamer bergan geschritten war, vergaß
-er oben es anzutreiben, weil seine Seele auf andern Wegen schweifte;
-wie oft, wenn er abends sein Gepäck öffnete und ihm die Rolle in die
-Hände fiel, entfaltete er unwillkürlich das Bild der Geliebten und
-vergaß, sich zur Ruhe zu legen.
-
-Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen Fluren
-von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch auf ihn den eigentümlichen
-Eindruck nicht. Sie zerstreuten ihn, sie füllten seine Seele mit
-neuen, freundlichen Bildern. Und als er eines Morgens von Bingen
-aufbrach, stand nur ein Bild vor seinem Auge, ein Bild, das er noch
-heute erblicken sollte. Fröben hatte mit einem Landsmann Frankreich
-und England bereist, und aus dem Gesellschafter war ihm nach und nach
-ein Freund erwachsen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundschaft
-nachdachte, sich selbst gestehen, daß Uebereinstimmung der Charaktere
-sie nicht zusammenführte; doch oft pflegt es ja zu geschehen, daß
-gerade das Ungleiche sich heißer liebt als das Aehnliche. Der Baron
-_von Faldner_ war etwas roh, ungebildet, selbst jene Reise, das
-bewegte Leben zweier Hauptstädte, wie Paris und London, hatte nur
-seine Außenseite etwas abschleifen und mildern können. Er war einer
-jener Menschen, die, weil sie durch fremde oder eigene Schuld,
-gewählte Lektüre, feinere tiefere Kenntnisse und die bildende Hand
-der Wissenschaften verschmähten, zur Ueberzeugung kamen, sie seien
-praktische Menschen, d. h. Leute, die in sich selbst alles tragen, um
-was sich andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen Begriff
-von Ackerbau, Viehzucht, Wirtschaft und dergleichen haben, und sich nun
-für geborene Landwirte, für praktische Haushälter ansehen, die auf dem
-natürlichsten Wege _das_ zu erreichen glauben, was die Masse in Büchern
-sucht. Dieser Egoismus machte ihn glücklich, denn er sah nicht, auf
-welchen schwachen Stützen sein Wissen beruhte; noch glücklicher wäre er
-wohl gewesen, wenn diese Eigenliebe bei den Geschäften stehen geblieben
-wäre, aber er trug sie mit sich, wohin er ging, erteilte Rat, ohne
-welchen anzunehmen, hielt sich, was man ihm nicht gerade nachsagte,
-für einen _klugen Kopf_, und ward durch dieses alles ein unangenehmer
-Gesellschafter und zu Hause vielleicht ein kleiner Tyrann, aus dem
-einfachen Grunde, weil er klug war und immer recht hatte.
-
-»Ob er wohl sein Sprichwort noch an sich hat,« fragte sich Fröben
-lächelnd, »das unabwendbare: ›Das habe ich ja gleich gesagt!‹ Wie oft,
-wenn er am wenigsten daran gedacht hatte, daß etwas gerade so geschehen
-werde, wie oft faßte er mich da bei der Hand und rief: ›Freund Fröben,
-sag' an, hab' ich es nicht schon vor vier Wochen gesagt, daß es so
-kommen würde? Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?‹ Und wenn ich ihm so
-sonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegenteil behauptet habe,
-so ließ er sich unter keiner Bedingung davon abbringen und grollte
-drei, vier Tage lang.«
-
-Fröben hoffte, Erfahrung und die schöne Natur um ihn her werden
-seinen Freund weiser gemacht haben. An einer der reizendsten Stellen
-des Rheintals, in der Nähe von Caub, lag sein Gut, und je näher der
-Reisende herabkam, desto freudiger schlug sein Herz über alle diese
-Herrlichkeit der Berge und des majestätischen Flusses, um so öfter
-sagte er zu sich: »Nein! er _muß_ sich geändert haben; in diesen
-Umgebungen kann man nur hingebend, nur freundlich und teilnehmend sein,
-und im Genuß dieser Aussicht muß man vergessen, wenn man auch wirklich
-recht hat, was bei ihm leider der seltene Fall ist.«
-
-
-10.
-
-Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab sein Pferd vor dem
-Hause einem Diener, fragte nach seinem Herrn und wurde in den Garten
-gewiesen. Dort erkannte er schon von weitem Gestalt und Stimme seines
-Freundes. Er schien in diesem Augenblick mit einem alten Mann, der an
-einem Baum mit Graben beschäftigt war, heftig zu streiten. »Und wenn
-Ihr es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian gemacht habt,
-statt fünfzig, so _muß_ der Baum doch so herausgenommen werden, wie ich
-sagte. Nur frisch daran, Alter; es kommt bei allem nur darauf an, daß
-man klug darüber nachdenkt.« Der Arbeiter setzte seufzend die Mütze
-auf, betrachtete noch einmal mit wehmütigem Blick den schönen Apfelbaum
-und stieß dann schnell, wie es schien unmutig, den Spaten in die Erde,
-um zu graben. Der Baron aber pfiff ein Liedchen, wandte sich um, und
-vor ihm stand ein Mensch, der ihn freundlich anlächelte und ihm die
-Hand entgegenstreckte. Er sah ihn verwundert an. »Was steht zu Dienst?«
-fragte er kurz und schnell.
-
-»Kennst du mich nicht mehr, Faldner?« erwiderte der Fremde. »Solltest
-du bei deiner Baumschule London und Paris so ganz vergessen haben?«
-
-»Ist's möglich, mein Fröben!« rief jener und eilte, den Freund zu
-umarmen. »Aber, mein Gott, wie hast du dich verändert, du bist so
-bleich und mager; das kommt von dem vielen Sitzen und Arbeiten; daß du
-auch gar keinen Rat befolgst, ich habe dir ja doch immer gesagt, es
-tauge nicht für dich.«
-
-»Freund!« entgegnete Fröben, den dieser Empfang unwillkürlich an seine
-Gedanken unterwegs erinnerte: »Freund, denke doch ein wenig nach;
-hast du mir nicht immer gesagt, ich tauge nicht zum Landwirt, nicht
-zum Forstmann und dergleichen, und ich müßte eine juridische oder
-diplomatische Laufbahn einschlagen?«
-
-»Ach, du guter Fröben!« sagte jener zweideutig lächelnd, »so laborierst
-du noch immer an einem kurzen Gedächtnis? sagte ich nicht schon
-damals --«
-
-»Bitte, du hast recht, streiten wir nicht!« unterbrach ihn sein Gast,
-»laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es dir erging, seit wir uns
-nicht sahen, wie du lebst?«
-
-Der Baron ließ Wein in eine Laube setzen und erzählte von seinem
-Leben und Treiben. Seine Erzählung bestand beinahe in nichts als in
-Klagen über schlechte Zeit und die Torheit der Menschen. Er gab nicht
-undeutlich zu verstehen, daß er es in den wenigen Jahren mit seinem
-hellen Kopf und den Kenntnissen, die er auf Reisen gesammelt, in der
-Landwirtschaft weit gebracht habe. Aber bald hatten ihm seine Nachbarn
-unberufen dies oder jenes abgeraten, bald hatte er unbegreifliche
-Widerspenstigkeit unter seinen Arbeitern selbst gefunden, die alles
-besser wissen wollten als er und in ihrer Verblendung sich auf lange
-Erfahrung stützten. Kurz, er lebte, wie er gestand, ein Leben voll
-ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn, und einige Prozesse
-wegen Grenzstreitigkeiten verbitterten ihm noch die wenigen frohen
-Stunden, die ihm die Besorgung seines Gutes übrig ließ. »Armer Freund!«
-dachte Fröben unter dieser Erzählung, »so reitest du noch dasselbe
-Steckenpferd, und es geht, wie der wildeste Renner, mit dir durch, ohne
-daß du es zügeln kannst.«
-
-Doch die Reihe zu erzählen kam auch an den Gast, und er konnte
-seinem Freund in wenigen Worten sagen, daß er an einigen Höfen bei
-Gesandtschaften eingeteilt gewesen sei, daß er sich überall schlecht
-unterhalten, einen langen Urlaub genommen habe und jetzt wieder ein
-wenig in der Welt umherziehe.
-
-»Du Glücklicher!« rief Faldner. »Wie beneide ich dir deine
-Verhältnisse; heute hier, morgen dort kennst keine Fesseln und kannst
-reisen, wohin und wie lange du willst. Es ist etwas Schönes um das
-Reisen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal so frei hinaus in die
-Welt!«
-
-»Nun, was hindert dich denn?« rief Fröben lachend; »deine große
-Wirtschaft doch nicht? Die kannst du alle Tage einem Pächter geben,
-läßt dein Pferd satteln und ziehest mit mir!«
-
-»Ach, das verstehst du nicht, Bester!« erwiderte der Baron verlegen
-lächelnd. »Einmal, was die Wirtschaft betrifft, da kann ich keinen Tag
-abwesend sein, ohne daß alles quer geht, denn ich bin doch die Seele
-des Ganzen. Und dann -- ich habe einen dummen Streich gemacht -- doch
-laß das gut sein; es geht einmal nicht mehr mit dem Reisen.«
-
-In diesem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube, berichtete, daß
-die gnädige Frau zurückgekommen sei und anfragen lasse, wo man den Tee
-servieren solle?
-
-»Ich denke oben im Zimmer,« sagte er, leicht errötend, und der Diener
-entfernte sich.
-
-»Wie, du bist verheiratet?« fragte Fröben erstaunt. »Und das erfahre
-ich jetzt erst! Nun, ich wünsche Glück; aber sage mir doch -- ich hätte
-mir ja eher des Himmels Einfall träumen lassen als diese Neuigkeit; und
-seit wann?«
-
-»Seit sechs Monaten,« erwiderte der Baron kleinlaut und ohne seinen
-Gast anzusehen; »doch wie kann dich dies so in Erstaunen setzen; du
-kannst dir denken, bei meiner großen Wirtschaft, da ich alles selbst
-besorge, so --«
-
-»Je nun! ich finde es ganz natürlich und angemessen; aber wenn ich
-zurückdenke, wie du dich früher über das Heiraten äußertest, da dachte
-ich nie daran, daß dir je ein Mädchen recht sein würde.«
-
-»Nein, verzeihe!« sagte Faldner, »ich sagte ja immer und schon
-damals --«
-
-»Nun ja, du sagtest ja immer und schon damals,« rief der junge Mann
-lächelnd, »und schon damals und immer sagte ich, daß du nach deinen
-Prätensionen keine finden würdest, denn diese gingen auf ein Ideal,
-das ich nicht haben möchte, und wohl auch nicht zu finden war. Doch
-noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch. Da aber eine Dame im Hause
-ist, die uns zum Tee ladet, so kann ich doch wahrlich nicht so in
-Reisekleidern erscheinen; gedulde dich nur ein wenig, ich werde bald
-wieder bei dir sein. Auf Wiedersehen!«
-
-Er verließ die Laube, und der Baron sah ihm mit trüben Blicken nach.
-»Er hat nicht unrecht,« flüsterte er.
-
-Doch in demselben Augenblick trat eine hohe weibliche Gestalt in die
-Laube. »Wer ging soeben von dir?« fragte sie schnell und hastig. »Wer
-sprach dies _auf Wiedersehen_?«
-
-Der Baron stand auf und sah seine Frau verwundert an; er bemerkte, wie
-die sonst so zarte Farbe ihrer Wangen in ein glühendes Rot übergegangen
-war. »Nein! das ist nicht auszuhalten,« rief er heftig; »Josephe, wie
-oft muß ich dir sagen, daß Hufeland Leuten von deiner Konstitution jede
-allzurasche Bewegung streng untersagt; wie du jetzt glühst! Du bist
-gewiß wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und hast dich erhitzt und
-gehst jetzt gegen alle Vernunft noch in den Garten hinab, wo es schon
-kühl ist. Immer und ewig muß ich dir alles wiederholen wie einem Kind;
-schäme dich!«
-
-»Ach, ich wollte dich ja nur abholen,« sagte Josephe mit zitternder
-Stimme; »werde nur nicht gleich so böse; ich bin gewiß den ganzen Weg
-gefahren und bin auch gar nicht erhitzt. Sei doch gut.«
-
-»Deine Wangen widersprechen,« fuhr er mürrisch fort. »Muß ich denn auch
-dir immer predigen? Und den Schal hast du auch nicht umgelegt, wie ich
-dir sagte, wenn du abends noch herab in den Garten gehst; wozu werfe
-ich denn das Geld zum Fenster hinaus für dergleichen Dinge, wenn man
-sie nicht einmal brauchen mag? O Gott! ich möchte oft rasend werden.
-Auch nicht das geringste tust du mir zu Gefallen; dein ewiger Eigensinn
-bringt mich noch um. O ich möchte oft --«
-
-»Bitte, verzeihe mir, Franz!« bat sie wehmütig, indem sie große Tränen
-im Auge zerdrückte; »ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen und
-wollte dich hier überraschen; ach, ich dachte ja nicht mehr an das Tuch
-und an den Abend. Vergib mir, willst du deinem Weib vergeben?«
-
-»Ist ja schon gut, laß mich doch in Ruhe, du weißt, ich liebe solche
-Szenen nicht; und gar vollends Tränen! Gewöhne dir doch um Gottes
-willen die fatale Weichlichkeit ab, über jeden Bettel zu weinen. -- Wir
-haben einen Gast, Fröben, von dem ich dir schon erzählte, er reiste mit
-mir. Führe dich vernünftig auf, Josephe, hörst du? Laß es an nichts
-fehlen, daß ich nicht auch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben
-muß. Im Salon wird der Tee getrunken.«
-
-Er ging schweigend ihr voran die Allee entlang nach dem Schlosse. Trübe
-folgte ihm Josephe; eine Frage schwebte auf ihren Lippen, aber so gern
-sie gesprochen hätte, sie verschloß diese Frage wieder tief in ihre
-Brust.
-
-
-11.
-
-Als der Baron spät in der Nacht seinen Gast auf sein Zimmer begleitete,
-konnte sich dieser nicht enthalten, ihm zu seiner Wahl Glück zu
-wünschen. »Wahrhaftig, Franz!« sagte er, indem er ihm feurig die Hand
-drückte, »ein solches Weib hat dir gefehlt. Du warst ein Glückskind
-von jeher, aber das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du bei
-deinen sonderbaren Maximen und Forderungen ein solch liebenswürdiges,
-herrliches Kind heimführen werdest.«
-
-»Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,« erwiderte der Baron trocken,
-indem er seine Kerze heller aufstörte; »man kann ja nicht alles
-haben. An diesen Gedanken muß man sich freilich gewöhnen auf dieser
-unvollkommenen Welt.«
-
-»Mensch! ich will nicht hoffen, daß du undankbar gegen so vieles Schöne
-bist. Ich habe viele Frauen gesehen, aber weiß Gott, keine von solch
-untadelhafter Schönheit wie dein Weib. Diese Augen! Welch rührender
-Ausdruck! Glaubt man nicht liebliche Träume auf ihrer schönen Stirne zu
-lesen? Und diese zarte, schlanke Gestalt! Und ich weiß nicht, ob ich
-ihren feinen Takt, ihr richtiges Urteil, ihren gebildeten Geist nicht
-noch mehr bewundern soll.«
-
-»Du bist ja ganz bezaubert,« lächelte Faldner; »doch von jeher hast du
-zu viel gelesen und weniger aufs Praktische gesehen; ich sagte es ja
-immer -- mit den Weibern ist es ein eigenes Ding,« fuhr er seufzend
-fort, »glaube mir, in der Wirtschaft ist oft eine, die es versteht und
-die Sache flink umtreibt, besser als ein sogenannter gebildeter Geist.
-Gute Nacht; sei froh, daß du noch frei bist und -- wähle nicht zu
-rasch.«
-
-Unmutig sah ihm Fröben nach, als er das Zimmer verlassen hatte. »Ich
-glaube, der Unmensch ist auch jetzt nicht mit seinem Lose zufrieden;
-hat einen Engel gewählt und schafft sich durch seine lächerlichen
-Prätensionen eine Hölle im Haus. Das arme Weib!«
-
-Es war ihm nicht entgangen, wie ängstlich sie bei allem, was sie tat
-und sagte, an seinen Blicken hing, wie er ihr oft ein grimmiges Auge
-zeigte, wenn sie nach seinen Begriffen einen Fehler begangen, wie er
-ihr oft mit der Hand winkte, die Lippen zusammenbiß und stöhnte, wenn
-er glaubte, von dem Gast nicht gesehen zu werden. Und mit welcher
-Engelsgeduld trug sie dies alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren
-Eindruck auf ihn gemacht. Das reiche blonde Haar, das um eine freie
-Stirn fiel, ließ blaue Augen, rote Wangen, vielleicht auch ein Näschen
-erwarten, das durch seine zierliche Keckheit Blondinen mehr als
-Brünetten ziert. Aber von alledem nichts. Unter den blonden Wimpern
-ruhte wie das Mondlicht hinter dünnen Wolken ein braunes Auge, das
-nicht durch Glut oder bloße Lebendigkeit, sondern durch ein gewisses
-Etwas von sinnender Schwermut überraschte, das Fröben bei schönen
-Frauen, so selten er es fand, so unendlich liebte. Ihre Nase näherte
-sich dem griechischen Stamm, die Wangen waren gewöhnlich bleich, nur
-von einem leisen Schatten von Rot unterlaufen, und das einzige, was in
-ihrem Gesichte blühte, waren statt der Rosen der Wangen die Lippen,
-bei deren Anblick man sich des Gedankens an zarte, rote Kirschen nicht
-erwehren konnte.
-
-»Und diese herrliche Gestalt,« fuhr Fröben in seinen Gedanken weiter
-fort, »so zart, so hoch und, wenn sie über das Zimmer geht, beinahe
-schwebend! Schwebend? Als ob ich nicht gesehen hätte, daß sie recht
-schwer zu tragen hat, daß diese Lippen so manches Wort des Grams
-verschließen, daß diese Augen nur auf die Einsamkeit warten, um über
-den rohen Gatten zu weinen! Nein, es ist unmöglich,« fuhr er nach
-einigem Sinnen fort, »sie kann ihn nicht aus Liebe geheiratet haben.
-Die Welt, die hinter diesem Auge liegt, ist zu groß für Faldners
-Verstand, das Herz seines Weibes zu zart für den rohen Druck ihres
-Haustyrannen. Ich bedaure sie!«
-
-Er war während dieser Worte an einen Schrank getreten, worin die Diener
-sein Reisegeräte niedergelegt hatten. Er schloß ihn auf, sein erster
-Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle, und er errötete. »Bin ich dir
-nicht ungetreu gewesen diesen Abend?« fragte er. »Hat nicht ein anderes
-Bild sich in mein Herz geschlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf
-Reflexionen über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die
-ihr auf jeden Fall nichts nützen können?« Er entrollte das Bild der
-Geliebten und blieb betroffen stehen. Wie ein Gedanke, der bisher in
-ihm schlummerte und verworren träumte, erwacht es jetzt mit einemmal
-in ihm, daß Frau von Faldner wunderbare Aehnlichkeit mit diesem
-Bilde habe. Zwar waren ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirn gänzlich
-verschieden von denen des Bildes, aber überraschende Aehnlichkeit
-glaubte er in Nase, Mund und Kinn, ja sogar in der Haltung des
-zierlichen Halses zu finden. »Und diese Stimme!« rief er. »Klang mir
-diese Stimme nicht gleich anfangs so bekannt? Wie ist mir denn? Wäre es
-möglich, daß die Gattin meines Freundes jenes Mädchen wäre, die ich nur
-einmal, nur halb gesehen und ewig liebe und, von jenem Augenblick an,
-vergebens suche? Die Gestalt -- ja auch sie war groß, und als ich ihr
-den Mantel umschlang, als sie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine
-feine schlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute abend so oft ihrem
-Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch sie mich wiedererkennen?
-Doch -- ich Tor! wie könnte Faldner bei seinem Mißtrauen, bei seinen
-strengen Grundsätzen über Adel und unbescholtenen Ruf eine --
-unbekannte Bettlerin geheiratet haben?«
-
-Er sah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in diesem
-Augenblick Gewißheit zu haben, im nächsten zweifelte er wieder. Er
-klagte sein treuloses Gedächtnis an. Hatte nicht dieses Gemälde sich so
-ganz mit seinen früheren Erinnerungen vermischt, daß er die Unbekannte
-sich nicht mehr anders dachte als wie dieses Bild? Und nun, da er auf
-eine neue, auffallende Aehnlichkeit gestoßen, stand er nicht vor einem
-Labyrinth von Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg
-seine heiße Stirn in die Kissen seines Bettes. Er wünschte sich tiefen
-Schlaf herbei, damit er diesen Zweifeln entgehe, daß ihm das wahre Bild
-mit siegender Kraft in seinen Träumen aufgehe.
-
-
-12.
-
-Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo er frühstücken
-sollte, war sein rastloser Freund schon ausgeritten, um eine Dammarbeit
-an der Grenze seines Gutes zu besichtigen. Der Diener, der ihm diese
-Nachricht gab, setzte mit wichtiger Miene hinzu, daß sein Herr
-wohl kaum vor Mittag zurückkommen dürfte, weil er noch seine neue
-Dampfmühle, einige Schläge im Wald, eine neue Gartenanlage, nebst
-vielem andern besichtigen müsse. »Und die gnädige Frau?« fragte der
-Gast.
-
-»War schon vor einer Stunde im Garten, um Bohnen abzubrechen, und wird
-jetzt bald zum Frühstück hier sein.«
-
-Fröben ging im Saal umher und musterte in Gedanken den vergangenen
-Abend. Wie anders erscheinen alle Bilder in der Morgenbeleuchtung,
-als sie uns im Duft des Abends erschienen! Auch mit den verworrenen
-Gedanken, die gestern in ihm auf und ab schwebten, ging es ihm so;
-er lächelte über sich selbst, über die Zweifel, die ihm seine rege
-Phantasie aufgeweckt hatte. »Der Baron,« sprach er zu sich, »ist am
-Ende doch ein guter Mensch; freilich viele Eigenheiten, einige Roheit,
-die aber mehr im Aeußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt
-sich daran, weiß sich darein zu finden. Und Josephe? wie vorschnell man
-oft urteilt! Wie oft glaubte ich rührenden Kummer, tiefe Seelenleiden,
-Resignation in den Augen, in den Mienen einer Frau zu lesen, ließ
-mich vom Teufel blenden, sie recht zart zu trösten und aufrichten
-zu wollen, und am Ende lag der ganze Zauber in meiner Einbildung:
-es war dann, näher betrachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit
-den sinnenden Augen, worin ich Wehmut sah, ängstlich die Augen an
-ihrem Strickstrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten Stirne
-bedachte, was sie auf den Abend kochen lassen wollte.« Er verfolgte
-diese Gedanken, um sich selbst mit Ironie zu strafen, um die zartere
-Empfindung, jene Nachklänge von gestern, zu verdrängen, die ihm heute
-töricht, überspannt erschienen. In diese Gedanken versunken, war er an
-den Spiegel getreten und hatte die Besuchskarten überlesen, die dort
-angesteckt waren. Da fiel ihm eine in die Hand, welche Faldners eigene
-Verlobung ankündigte. Er las die zierlich gestochenen Worte: »Freiherr
-F. von Faldner mit seiner Braut Josephe von Tannensee.«
-
-»Von Tannensee?« Wie ein Blitz erleuchtete ihm dieser Name jene dunkle
-Aehnlichkeit, die er zwischen der Gattin seines Freundes und seinem
-lieben Bilde gefunden. »Wie? Wäre sie vielleicht die Tochter jener
-Laura, die einst mein guter Don Pedro geliebt? Welche Freude für ihn,
-wenn es so wäre, wenn ich ihm von der Verlorenen Nachricht geben
-könnte. Fand er nicht in jenem wunderbaren Bilde die täuschendste
-Aehnlichkeit mit seiner Cousine? Kann nicht die Tochter der Mutter
-gleichen?«
-
-Er verbarg die Karte schnell, als er die Türe gehen hörte; er sah sich
-um und -- Josephe schwebte herein. War es das zierliche Morgenkleid,
-das ihre zarte Gestalt umschloß, war ihr die Beleuchtung des Tages
-günstiger als das Kerzenlicht? Sie kam ihm in diesem Augenblick noch
-unendlich reizender vor als gestern. Ihre Locken flatterten noch
-kunstlos um die Stirne, der frische Morgen hatte ein feines Rot auf
-ihre Wangen gehaucht, sie lächelte zu ihrem Morgengruß so freundlich,
-und doch mußte er sich schon in diesem Augenblick einen Toren schelten,
-denn ihre Augen erschienen ihm trübe und verweint.
-
-
-13.
-
-Sie lud ihn ein, sich zu ihr zum Frühstück zu setzen. Sie erzählte
-ihm, daß Faldner schon mit Tagesanbruch weggeritten sei und ihr
-seine Entschuldigung aufgetragen habe; sie beschrieb die mancherlei
-Geschäfte, die er heute vornehme und die ihn bis zu Mittag zurückhalten
-werden. »Er hat ein Leben voll Sorgen und Mühen,« sagte sie, »aber ich
-glaube, daß diese Geschäftigkeit ihm zum Bedürfnis geworden ist.«
-
-»Und ist dies nur in diesen Tagen so?« fragte Fröben; »ist jetzt gerade
-besonders viel zu tun auf den Gütern?«
-
-»Das nicht,« erwiderte sie; »es geht alles seinen gewöhnlichen Gang, er
-ist so, seit ich ihn kenne. Er ist rastlos in seinen Arbeiten. Diesen
-Frühling und Sommer verging kein Tag, an welchem er nicht auf dem Gute
-beschäftigt gewesen wäre.«
-
-»Da werden Sie sich doch oft recht einsam fühlen,« sagte der junge
-Mann, »so ganz allein auf dem Lande und Faldner den ganzen Tag
-entfernt.«
-
-»Einsam?« erwiderte sie mit zitterndem Ton und beugte sich nach einem
-Tischchen an der Seite; und Fröben sah im Spiegel, wie ihre Lippen
-schmerzlich zuckten. »Einsam? Nein! Besucht ja doch die Erinnerung
-die Einsamen und --« setzte sie hinzu, indem sie zu lächeln suchte:
-»glauben Sie denn, die Hausfrau habe in einer so großen Wirtschaft
-nicht auch recht viel zu tun und zu sorgen? Da ist man nicht einsam
-oder -- man darf es nicht sein.«
-
-Man _darf_ es nicht sein? Du Arme! dachte Fröben, verbietet dir dein
-Herz die Träume der Erinnerung, die dich in der Einsamkeit besuchen,
-oder verbietet dir der harte Freund, einsam zu sein? Es lag etwas im
-Ton, womit sie jene Worte sagte, das ihrem Lächeln zu widersprechen
-schien.
-
-»Und doch,« fuhr er fort, um seinen Empfindungen und ihren Worten eine
-andere Richtung zu geben, »und doch scheinen gerade die Frauen von
-der Natur ausdrücklich zur Stille und Einsamkeit bestimmt zu sein;
-wenigstens war bei jenen Völkern, die im allgemeinen die herrlichsten
-Männer aufzuweisen hatten, die Frau am meisten auf ihr Frauengemach
-beschränkt, so bei Römern und Griechen, so selbst in unserem
-Mittelalter.«
-
-»Daß _Sie_ diese Beispiele anführen könnten, hätte ich nicht gedacht;«
-entgegnete Josephe, indem ihr Auge wie prüfend auf seinen Zügen
-verweilte. »Glauben Sie mir, Fröben, jede Frau, auch die geringste,
-merkt dem Mann, ehe sie noch über seine Verhältnisse unterrichtet ist,
-recht bald an, ob er viel im Kreise der Frauen lebte oder nicht. Und
-unbestreitbar liegt in solchen Kreisen etwas, das jenen feinen Takt,
-jenes zarte Gefühl verleiht, immer im Gespräch auszuwählen, was gerade
-für Frauen taugt, was uns am meisten anspricht; ein Grad der Bildung,
-der eigentlich keinem Manne fehlen sollte. Sie werden mir dies um so
-weniger bestreiten,« setzte sie hinzu, »als Sie offenbar einen Teil
-Ihrer Bildung meinem Geschlecht verdanken.«
-
-»Es liegt etwas Wahres darin,« bemerkte der junge Mann, »und
-namentlich das letztere will ich zugeben, daß Frauen weniger auf meine
-Denkungsart, als auf die Art, das Gedachte auszudrücken, Einfluß
-hatten. Meine Verhältnisse nötigten mich in der letzten Zeit viel in
-der großen Welt, namentlich in Damenzirkeln zu leben. Aber eben in
-diesen Zirkeln wird mir erst recht klar, wie wenig eigentlich die
-Frauen, oder um mich anders auszudrücken, wie wenige Frauen in dieses
-großartige Leben und Treiben passen.«
-
-»Und warum?«
-
-»Ich will es sagen, auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir böse
-werden. Es ist ein schöner Zug der neueren Zeit, daß man in den
-größeren Zirkeln eingesehen hat, daß das Spiel eigentlich nur eine
-Schulkrankheit oder ein modischer Deckmantel für Geistesarmut sei. Man
-hat daher Whist, Boston, Pharo und dergleichen den älteren Herren und
-einigen Damen überlassen, die nun einmal die Konversation nicht machen
-können. In Frankreich freilich spielen in Gesellschaft Herren von
-zwanzig bis dreißig Jahren; es sind aber nur die armseligen Wichte, die
-sich nach einem englischen Dandy gebildet haben oder die selbst fühlen,
-daß ihnen der Witz abgeht, den sie im Gespräch notwendig haben müßten.
-Seitdem man nun, seien die Zirkel groß oder klein, die sogenannte
-Konversation macht, das heißt, sich um den Kamin oder in Deutschland um
-das Sofa pflanzt, Tee dazu trinkt und ungemein geistreiche Gespräche
-führt, sind die Frauen offenbar aus ihrem rechten Gleise gekommen.«
-
-»Bitte, Sie sind doch gar zu strenge, wie sollten denn --«
-
-»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fröben eifrig fort; »eine Dame der
-sogenannten guten Gesellschaft empfängt jede Woche Abendbesuche
-bei sich; sechsmal in der Woche gibt sie solche heim. In solchen
-Gesellschaften tanzt höchstens das junge Volk einigemal, außer es wäre
-auf großen Bällen, die schon seltener vorkommen. Der übrige Kreis,
-Herren und Damen, unterhält sich. Es gibt nun ungemein gebildete,
-wirklich geistreiche Männer, die im Männerkreise stumm und langweilig,
-vor Damen ungemein witzig und sprachselig sind, und einen Reichtum
-sozialer Bildung, allgemeiner Kenntnisse entfalten, die jeden staunen
-machen. Es ist nicht Eitelkeit, was diese Männer glänzend oder beredt
-macht, es ist das Gefühl, daß das Interessantere ihres Wissens sich
-mehr für Frauen als für Männer eignet, die mehr systematisch sind, die
-ihre Forderungen höher spannen.«
-
-»Gut, ich kann mir solche Männer denken, aber weiter.«
-
-»Durch solche Männer bekommt das Gespräch Gestaltung, Hintergrund,
-Leben; Frauen, besonders geistreiche Frauen, werden sich unter sich bei
-weitem nicht so lebendig unterhalten, als dies geschieht, wenn auch nur
-_ein_ Mann gleichsam als Zeuge und Schiedsrichter dabei sitzt. Indem
-nun durch solche Männer allerlei Witziges, Interessantes auf die Bahn
-gebracht wird, werden die Frauen unnatürlich gesteigert. Um doch ein
-Wort mitzusprechen, um als geistreich, gebildet zu erscheinen, müssen
-sie alles aufbieten, gleichsam alle Hahnen ihres Geistes aufdrehen, um
-ihren reichlichen Anteil zu der allgemeinen Gesprächsflut zu geben, in
-welcher sich die Gesellschaft badet. Doch, verzeihen Sie, dieser Fond
-ist gewöhnlich bald erschöpft; denken Sie sich, einen ganzen Winter
-alle Abende geistreich sein zu müssen, welche Qual!«
-
-»Aber nein, Sie machen es auch zu arg, Sie übertreiben --«
-
-»Gewiß nicht; ich sage nur, was ich gesehen, selbst erlebt habe. Seit
-in neuerer Zeit solche Konversation zur Mode geworden ist, werden
-die Mädchen ganz anders erzogen als früher; die armen Geschöpfe! Was
-müssen sie jetzt nicht alles lernen vom zehnten bis zum fünfzehnten
-Jahr. Geschichte, Geographie, Botanik, Physik, ja sogenannte höhere
-Zeichenkunst und Malerei, Aesthetik, Literaturgeschichte, von Gesang,
-Musik und Tanzen gar nicht zu erwähnen. Diese Fächer lernt der Mann
-gewöhnlich erst nach seinem achtzehnten, zwanzigsten Jahre recht
-verstehen; er lernt sie nach und nach, also gründlicher; er lernt
-manches durch sich selbst, weiß es also auch besser anzuwenden, und
-tritt er im dreiundzwanzigsten oder später noch in diese Kreise, so
-trägt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit und Gewandtheit
-hat, eine große Sicherheit in sich selbst. Aber das Mädchen? Ich bitte
-Sie! Wenn ein solches Unglückskind im fünfzehnten Jahre, vollgepfropft
-mit den verschiedenartigsten Kenntnissen und Kunststücken in die große
-Welt tritt, wie wunderlich muß ihm da alles zuerst erscheinen! Sie
-wird, obgleich ihr oft ihr einsames Zimmer lieber wäre, ohne Gnade
-in alle Zirkel mitgeschleppt, muß glänzen, muß plaudern, muß die
-Kenntnisse auskramen, und -- wie bald wird sie damit zu Ende sein!
-Sie lächeln? Hören Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit mehr, ihre
-Schulkenntnisse zu erweitern; es werden bald noch höhere Ansprüche an
-sie gemacht. Sie muß so gut wie die Aelteren über Kunstgegenstände,
-über Literatur mitsprechen können. Sie sammelt also den Tag über alle
-möglichen Kunstausdrücke, liest Journale, um ein Urteil über das
-neueste Buch zu bekommen, und jeder Abend ist eigentlich ein Examen,
-eine Schulprüfung für sie, wo sie das auf geschickte Art anbringen muß,
-was sie gelernt hat. Daß einem Mann von wahrer Bildung, von wahren
-Kenntnissen vor solchem Geplauder, vor solcher Halbbildung graut,
-können Sie sich denken; er wird diese Unsitte zuerst lächerlich,
-nachher gefährlich finden; er wird diese Ueberbildung verfluchen,
-welche die Frauen aus ihrem stillen Kreise herausreißt und sie zu
-Halbmännern macht, während die Männer Halbweiber werden, indem sie
-sich gewöhnen, alles nach Frauenart zu besprechen und zu beklatschen;
-er wird für edlere Frauen jene häusliche Stille zurückwünschen,
-jene Einsamkeit, wo sie zu Hause sind und auf jeden Fall herrlicher
-brillieren als in einem jener geistreichen Zirkel!«
-
-»Es liegt etwas Wahres in dem, was Sie hier sagten,« erwiderte Frau von
-Faldner; »ganz kann ich nicht darüber urteilen, weil ich nie das Glück
-oder das Unglück hatte, in jenen Zirkeln zu leben. Aber mir scheint
-auch dort, wie überall, das minder Gute nur aus der Uebertreibung
-hervorzugehen. Es ist wahr, was Sie sagen, daß uns Frauen ein engerer
-Kreis angewiesen ist, jene Häuslichkeit, die einmal unser Beruf ist.
-Wir werden ohne wahren Halt sein, wir werden uns in ein unsicheres Feld
-begeben, wenn wir diesen Kreis gänzlich verlassen. Aber wollen Sie
-uns die Freude einer geistreichen Unterhaltung mit Männern gänzlich
-rauben? Es ist wahr, sieben solche Abende in der Woche müssen zum
-Unnatürlichen, zur Ueberbildung oder zur Erschöpfung führen; aber
-ließe sich denn hier nicht ein Mittelweg denken?«
-
-»Ich habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt, ich wollte --«
-
-»Lassen Sie auch mich ausreden,« sagte sie, ihn sanft zurückdrängend:
-»Sie sagten selbst, daß Frauen unter sich seltener ein sogenanntes
-geistreiches Gespräch lange fortführen. Ich weiß nur allzuwohl, wie
-peinlich in einer Frauengesellschaft eine sogenannte geistreiche
-Dame ist, welcher alles frivol erscheint, was nicht allgemein,
-nicht interessant ist. Wir fühlen uns beengt und wollen am Ende mit
-unserem bißchen Wissen lieber vor einem Mann erröten als vor einer
-Frau. Gewöhnlich wird, wenn nur Frauen zusammen sind oder Mädchen,
-die Wirtschaft, das Hauswesen, die Nachbarschaft, vielleicht auch
-Neuigkeiten oder gar Moden abgehandelt; aber sollen wir denn ganz auf
-diesen Kreis beschränkt sein? Soll denn, was allgemein interessant und
-bildend ist, uns ganz fremd bleiben?«
-
-»Gott! Sie verkennen mich, wollte ich denn _dies_ sagen?«
-
-»Es ist wahr,« fuhr sie eifriger fort, »es ist wahr, die Männer
-besitzen jene tiefe, geregeltere Bildung, jene geordnete Klarheit,
-die jede Halbbildung oder gar den Schein von Wissen ausschließt oder
-gering achtet. Aber wie gerne lauschen wir Frauen auf ein Gespräch der
-Männer, das an Gegenstände grenzt, die uns nicht so ganz ferne liegen,
-zum Beispiel über ein interessantes Buch, das wir gelesen, über Bilder,
-die wir gesehen; wir lernen gewiß recht viel, wenn wir dabei zuhören
-oder gar mitsprechen dürfen; unser Urteil, das wir im stillen machten,
-bildet sich aus und wird richtiger, und jeder gebildeten Frau muß eine
-solche Unterhaltung angenehm sein. Auch glaube ich kaum, daß die Männer
-uns dies verargen werden, wenn wir nur,« setzte sie lächelnd hinzu,
-»nicht selbst glänzen, den bescheidenen Kreis nicht verlassen wollen,
-der uns einmal angewiesen ist.«
-
-
-14.
-
-Wie schön war sie in diesem Augenblick; das Gespräch hatte ihre Wangen
-mit höherem Rot übergossen, ihre Augen leuchteten, und das Lächeln,
-womit sie schloß, hatte etwas so Zauberisches, Gewinnendes an sich, daß
-Fröben nicht wußte, ob er mehr die Schönheit dieser Frau oder ihren
-Geist und die einfache schöne Weise, sich auszudrücken, bewundern
-sollte.
-
-»Gewiß,« sagte er, in ihren Anblick verloren, »gewiß, wir müßten
-sehr ungerecht sein, wenn wir solche zarte und gerechte Ansprüche
-nicht achten wollten; denn _die_ Frau müßte ich für recht unglücklich
-halten, die bei einem gebildeten Geist, bei einer Freude an Lektüre
-und gebildeter Unterhaltung keine solche Anklänge in ihrer Umgebung
-fände; wahrlich, so ganz auf sich beschränkt, müßte sie sich für sehr
-unglücklich halten.«
-
-Josephe errötete, und eine düstere Wolke zog über ihre schöne Stirne;
-sie seufzte unwillkürlich, und mit Schrecken nahm Fröben wahr, daß
-ja eine solche Frau, wie er sie eben beschrieben, an seiner Seite
-sitze. Ja, ohne es zu wollen, hatte sie ihren eigenen Gram verraten.
-Denn konnte ihr roher Gatte jenen zarten Forderungen entsprechen?
-Er, der in seiner Frau nur seine erste Schaffnerin sah, der jedes
-Geistige, was dem Menschen interessant oder wünschenswert dünkt, als
-unpraktisch geringschätzte, konnte er diese Ansprüche auf den Genuß
-einer gebildeten Unterhaltung befriedigen? War nicht zu befürchten, daß
-er ihr solche sogar geflissentlich entzog?
-
-Noch ehe Fröben so viel Fassung gewonnen hatte, seinem Satz eine
-allgemeinere Wendung zu geben und das ganze Gespräch von diesem
-Gegenstand abzuleiten, sagte Josephe, ohne ihn seinen Verstoß fühlen
-zu lassen: »Wir Frauen auf dem Lande genießen diese Freude freilich
-seltener; übrigens sind wir dennoch nicht so allein, als es dem Fremden
-vielleicht scheinen möchte; man besucht einander um so öfter; sehen Sie
-nur, welche Masse von Besuchen dort am Spiegel hängt.«
-
-Fröben sah hin, und jene Karte fiel ihm bei. »Ach ja,« sagte er,
-indem er sie hervorzog, »da habe ich vorhin einen kleinen Diebstahl
-begangen;« er zog sie hervor und zeigte sie. »Können Sie glauben, daß
-ich bis gestern nicht einmal wußte, daß mein Freund verheiratet sei?
-Und Ihren Namen erfuhr ich erst vorhin durch diese Karte. Sie heißen
-Tannensee?«
-
-»Ja,« antwortete sie lächelnd, »und diesen unberühmten Namen tauschte
-ich gegen den schönen von Faldner um.«
-
-»Unberühmt? Wenn Ihr Vater der Oberst von Tannensee war, so war Ihr
-Name wohl nicht unberühmt.«
-
-Sie errötete. »Ach, mein guter Vater!« rief sie. »Ja, man erzählte mir
-wohl von ihm, daß er für einen braven Offizier des Kaisers gegolten
-habe und -- sie haben ihn als General begraben. Ich habe ihn nicht
-gekannt; nur einmal, als er aus dem Feldzug zurückkam, sah ich ihn und
-nachher nicht wieder.«
-
-»Und war er nicht ein Schweizer?« fragte Fröben weiter.
-
-Sie sah ihn staunend an. »Wenn ich nicht irre, sagte mir meine Mutter,
-daß Verwandte von ihm in der Schweiz leben.«
-
-»Und Ihre Mutter, heißt sie nicht Laura und stammt aus einem spanischen
-Geschlecht?«
-
-Sie erbleichte, sie zitterte bei diesen Worten. »Ja, sie hieß Laura,«
-antwortete sie; »aber mein Gott, was wissen Sie denn von uns, woher? --
-Aus einem spanischen Geschlechte?« fuhr sie gefaßter fort. »Nein, da
-irren Sie, meine Mutter sprach Deutsch und war eine Deutsche.«
-
-»Wie? So ist Ihre Mutter tot?«
-
-»Seit drei Jahren,« erwiderte sie wehmütig.
-
-»O, schelten Sie mich nicht, wenn ich weiter frage; hatte sie nicht
-schwarze Haare, und, wie Sie, braune Augen? Hatte sie nicht viele
-Aehnlichkeit mit Ihnen?«
-
-»Sie kannten meine Mutter,« rief sie ängstlich und zitterte heftiger.
-
-»Nein; aber hören Sie einen sonderbaren Zufall,« erwiderte Fröben; »es
-müßte mich alles täuschen, wenn ich nicht einen trefflichen Verwandten
-Ihrer Mutter kennen gelernt hätte.« Und nun erzählte er ihr von Don
-Pedro. Er beschrieb ihr, wie sie sich vor dem Bilde gefunden, er ließ
-die Kopie von seinem Zimmer bringen und zeigte sie; er sagte ihr, wie
-sie genauer bekannt geworden und wie ihm Don Pedro seine Geschichte
-erzählte. Aber die letztere wiederholte er mit großer Schonung; er
-datierte sogar aus einem gewissen Zartgefühl jene Vorfälle und Lauras
-Flucht um ein ganzes Jahr zurück und schloß endlich damit, daß er,
-wenn Josephe ihre Mutter nicht eine Deutsche nennen würde, bestimmt
-glaubte, Mutter Laura und jene Donna Laura Tortosi des Spaniers, der
-Schweizerhauptmann Tannensee und ihr Vater, der Oberst, seien dieselben
-Personen.
-
-Josephe war nachdenklich geworden; sinnend legte sie die Stirn in die
-Hand; sie schien ihm, als er geendet hatte, nicht sogleich antworten zu
-können.
-
-»O, zürnen Sie mir nicht,« sagte Fröben, »wenn ich mich hinreißen ließ,
-dem wunderlichen Spiel des Zufalls diese Deutung zu geben.«
-
-»O, wie könnte ich denn Ihnen zürnen?« sagte sie bewegt, und Tränen
-drängten sich aus den schönen Augen. »Es ist ja nur mein schweres
-Schicksal, das auch dieses Dunkel wieder herbeiführt. Wie könnte ich
-auch wähnen, jemals _ganz_ glücklich zu sein?«
-
-»Mein Gott, was habe ich gemacht!« rief Fröben, als er sah, wie ihre
-Tränen heftiger strömten. »Es ist ja alles nur eine törichte Vermutung
-von mir. Ihre Mutter war ja eine Deutsche, Ihre Verwandten und Sie
-werden ja dies alles besser wissen --«
-
-
-15.
-
-»Meine Verwandten?« sagte sie unter Tränen. »Ach, das ist ja gerade
-mein Unglück, daß ich keine habe. Wie glücklich sind die, welche
-auf viele Geschlechter zurücksehen können, die mit den Banden der
-Verwandtschaft an gute Menschen gebunden sind; wie angenehm sind
-die Worte Oheim, Tante; sie sind gleichsam ein zweiter Vater, eine
-zweite Mutter, und welcher Zauber liegt vollends in dem Namen Bruder!
-Wahrlich, wenn ich fähig wäre, einen Menschen zu beneiden, ich hätte
-oft dies oder jenes Mädchen beneidet, die einen Bruder hatte, es war
-ihr inniger, natürlichster, aufrichtigster Freund und Beschützer.«
-
-Fröben rückte ängstlich hin und her; er hatte hier, ohne es zu wollen,
-eine Saite in Josephens Brust getroffen, die schmerzlich nachklang; es
-standen ihm Aufschlüsse bevor, vor welchen ihm unwillkürlich bangte. Er
-schwieg, als sie ihre Tränen trocknete und fortfuhr:
-
-»Das Schicksal hat mich manchmal recht sonderbar geprüft. Ich war das
-einzige Kind meiner Eltern, und so entbehrte ich schon jene große
-Wohltat, Geschwister zu haben; wir wohnten unter fremden Menschen,
-und so hatte ich auch keine Verwandten. Mein Vater schien mit den
-Seinigen in der Schweiz nicht im besten Einverständnisse zu leben,
-denn meine Mutter erzählte mir oft, daß sie ihm grollen, weil er sie
-geheiratet habe und nicht ein reiches Fräulein in der Schweiz, das man
-ihm aufdringen wollte. Auch meinen Vater sah ich nur wenig; er war bei
-der Armee, und Sie wissen, wie unruhig unter dem Kaiser die Zeiten
-waren. So blieb mir nichts als meine gute Mutter; und wahrlich, sie
-ersetzte mir alle Verwandten. Als sie starb, freilich, da stand ich
-sehr verlassen in der großen Welt; denn da war unter Millionen niemand,
-zu dem ich hätte gehen und sagen können: Nun sind sie tot, die mich
-ernährten und beschützten, seid ihr jetzt meine Eltern!«
-
-»Und Ihre Mutter hieß also nicht Tortosi?« fragte Fröben.
-
-»Ich nannte sie nicht anders als Mutter, und nie hatte sie über ihre
-früheren Verhältnisse mit mir gesprochen; ach, als ich größer wurde,
-war sie ja immer so krank! Mein Vater nannte sie nur Laura, und in den
-wenigen Papieren, die man nach ihrem Tode fand und mir übergab, wird
-sie Laura von Tortheim genannt.«
-
-»Ei nun!« rief Fröben heiter, »das ist ja so klar wie der Tag; Laura
-hieß Ihre Mutter, Tortheim ist nichts anders als Tortosi, das die
-lieben Flüchtlinge veränderten, Tannensee hieß jener Kapitän in
-Valencia, er ist Ihr Vater, der Oberst Tannensee, und noch mehr,
-sagen Sie nicht selbst, daß dieses Bild Ihrer Mutter Laura vollkommen
-gleiche, und erkannte nicht mein werter Don Pedro in dem Urbild seine
-Donna Laura? Jetzt sind Sie nicht mehr einsam, einen trefflichen Vetter
-haben Sie wenigstens, Don Pedro di San Montanjo Ligez! Ach! wie wird
-sich mein Freund über die berühmte Verwandtschaft freuen!«
-
-»O Gott, mein Mann!« rief sie schmerzlich und verhüllte das Gesicht in
-ihr Tuch.
-
-Unbegreiflich war es Fröben, wie sie dies alles so ganz anders
-ansehen könne als er; er sah ja in diesem allen nichts als die Freude
-Don Pedros, eine Tochter seiner Laura zu finden. Er war reich,
-unverheiratet, trug noch immer den alten Enthusiasmus für seine schöne
-Cousine in sich, also auch eine schöne Erbschaft kombinierte Fröben aus
-diesem wunderbaren Verhältnis. Er ergriff Josephens Hand, zog sie herab
-von ihren Augen; sie weinte heftig.
-
-»O, Sie kennen Faldner schlecht,« sagte sie, »wenn Sie meinen, daß ihn
-diese Vermutungen freudig überraschen werden! Sie kennen sein Mißtrauen
-nicht. Alles soll ja nur seinen ganz gewöhnlichen Gang gehen, alles
-recht schicklich und ordentlich sein, und alles Außergewöhnliche haßt
-er aus tiefster Seele. Ich mußte es ja,« fuhr sie nicht ohne Bitterkeit
-fort, »ich mußte es ja als eine Gnade ansehen, daß mich der reiche,
-angesehene Mann heiratete, daß er mit den wenigen Dokumenten zufrieden
-war, die ich ihm über meine Familie geben konnte. Muß ich es denn,«
-rief sie heftiger weinend, »muß ich es denn nicht noch alle Tage
-hören, daß er mit den angesehensten Familien sich hätte verbinden,
-daß er dieses oder jenes reiche Fräulein hätte heiraten können? Sagt
-er es mir nicht so oft, als er mir zürnt, daß mein Adel neu sei, daß
-man von dem Geschlecht meiner Mutter gar nichts wisse, und daß sogar
-einige Tannensee in der Schweiz das _von_ abgelegt haben und Kaufleute
-geworden seien?«
-
-Jetzt erst ging dem jungen Mann ein schreckliches Licht auf. »Also in
-ein Haus des Unglücks, in eine unglückselige Ehe bin ich gekommen,«
-sprach er zu sich. »Ach, nicht aus Liebe hat sie ihn geheiratet,
-sondern aus Not, weil sie allein stand; und Faldner, so kenne ich ihn,
-hat sie genommen, weil sie schön war, weil er mit ihr glänzen konnte.
-Das unglückliche Weib! Und der Barbar macht ihr Vorwürfe über ihr
-Unglück, läßt sie sogar fühlen, was sie ihm verdanke?« Ein gemischtes
-Gefühl von Unmut über seinen Freund, von Mitleid und Achtung gegen die
-schöne, unglückliche Frau zog ihn zu ihr hin; er bemühte sich, ihr
-Mut und Vertrauen einzuflößen. »Sehen Sie dies alles als nicht gesagt
-an,« flüsterte er; »ich sehe, es macht Ihnen Kummer; was nützt es denn
-Faldner? Verschweigen wir ihm die törichten Mutmaßungen, die ich hatte,
-die ja ohnedies zu nichts führen können.« --
-
-Josephe sah ihn bei diesen Worten groß an; ihre Tränen verlöschten in
-den weitgeöffneten Augen, und Fröben glaubte eine Art von Stolz in
-ihren Mienen zu lesen. »Mein Herr,« sagte sie, und ihre Gestalt schien
-sich höher aufzurichten, »ich kann unmöglich glauben, daß, was Sie
-sagten, Ihr Ernst sein kann; auf jeden Fall werden Sie wissen, daß die
-Gattin des Baron von Faldner kein Geheimnis mit Ihnen teilt, das nicht
-ihr Gatte wissen dürfte.«
-
-Unter diesen Worten hatte sie das Teegeschirr unsanft von sich gerückt,
-war aufgestanden und -- nach einer kurzen Verbeugung verließ sie
-den erstaunten Gast. Fröben wollte ihr nach, wollte abbitten, was
-er getan, wollte alles auf einmal gut machen, aber sie war schon in
-der Türe verschwunden, ehe er nur Fassung genug hatte, sich vom Sofa
-aufzuraffen. Unmutig ging er hinab in den Garten; er wußte nicht,
-sollte er sich selbst grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die
-ihm in diesem Augenblick übergroß erschien. Doch wie es in solchen
-Fällen zu geschehen pflegt, sein aufgeregtes Blut wallte nach und nach
-ruhiger und sein Geist gewann Raum, über sich selbst nachzusinnen. Und
-hier fand er nun manches, was Josephen zur Entschuldigung diente. »Sie
-liebt ihn nicht,« sagte er zu sich, »er behandelt sie vielleicht roh,
-zeigt sich mehr als Herr denn als Gatte. Sie wurde weich, als ich mit
-ihr über höhere Genüsse des Lebens sprach, ich sah, wie sie erschrak,
-als sie sich gegen mich verraten hatte, als sie aussprach, welcher
-Mangel selbst mitten im äußeren Glück sie drücke. Und mußte sie sich
-nicht ängstlich berührt fühlen, daß sie diesen Mangel einem Freunde
-ihres Gatten verriet? Und weiter, als ich ihr alles, alles sagte, als
-ich mit einer gewissen Bestimmtheit von ihrer Abstammung sprach, als
-ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die sonst niemand bei
-ihr antastete, mußte sie nicht dadurch schon außer sich selbst geraten?
-Und als sie vollends den Argwohn, die Zweifelsucht des Barons bedachte,
-wurde sie nicht immer ängstlicher, immer verlegener, und ich,« fuhr er
-fort, indem er sich vor die Stirne schlug, »ich konnte ihr zumuten,
-ein Geheimnis mit mir zu teilen, das sie ihrem nächsten Freund, ihrem
-Gatten, nicht verraten dürfte? Mußte sie nicht fürchten, wenn sie es
-verheimlichte, ganz in meiner Hand zu sein? Mußte ihr nicht das ganze
-Anerbieten sonderbar, unzart vorkommen?« Wie hoch, wie edel erschien
-ihm jetzt erst der Charakter dieser Frau, wo nahm sie bei dieser
-Jugend, denn sie konnte höchstens neunzehn zählen, solche Stärke,
-solche Umsicht, solche ungewöhnliche Bildung, solche feine geselligen
-Formen her? Er fühlte, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß
-den Frauen etwas von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz,
-daß ihnen ein Geheimnis innewohne, dem der Mann, selbst der stolze,
-gewichtige, nicht gewachsen sei.
-
-
-16.
-
-Der Baron von Faldner war zum Mittagessen zurückgekommen und Josephe
-hatte ihn mit der gewohnten Anmut, vielleicht ein wenig ernster als
-gewöhnlich, empfangen. Aber hastig riß er sich aus ihrer Umarmung. »Ist
-es nicht, um toll zu werden, Fröben?« rief er, ohne seine Frau weiter
-zu beachten. »Mit horrenden Kosten lasse ich mir eine Dampfmaschine
-aus England kommen, lasse sie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde
-gehe, ausschwärzen -- du kennst ja die Gesetze hierüber --, und jetzt,
-da ich meine, im Trockenen zu sein, da ich schon achtzig, ja hundert
-Prozent berechnete, jetzt geht sie nicht!«
-
-»Franz!« rief Josephe erbleichend.
-
-»Sie geht nicht?« rief ihr Fröben nach.
-
-»Sie geht nicht!« wiederholte der unglückliche Landwirt. »Die Fugen
-greifen nicht ein, das Räderwerk steht, es muß irgend etwas verloren
-gegangen sein. Ich ließ, wie du weißt, Josephe, ich ließ es mich ja
-alles kosten, mit teurem Gelde ließ ich einen Mechanikus aus Mainz
-kommen; ich legte ihm die Zeichnung vor. ›Nichts leichter als dies,‹
-sagte der Hund, und jetzt, da ich ihm A zu A, B zu B gebe, denn
-es ist alles numeriert und beschrieben, jetzt kann es kein Teufel
-zusammensetzen; o, es ist um rasend zu werden!«
-
-Man setzte sich verstimmt zu Tische. Der Baron verbiß seinen inneren
-Grimm über die fehlgeschlagene Hoffnung und den wahrscheinlichen
-Verlust des Kapitals, er trank viel Wein und exaltierte sich zu
-schlechten Scherzen. Josephe war noch bleicher als gewöhnlich; sie
-besorgte still ihr Amt als Hausfrau, und nur Fröben wußte einigermaßen
-ihre Gefühle zu deuten, denn sie vermied es, ihn anzusehen. Ihm quoll
-der Bissen im Munde; er sah den Unmut einer getäuschten Hoffnung in
-den Mienen seines Freundes, er sah den Mut, die Entschlossenheit und
-doch wieder die unverkennbare Angst auf den Mienen der schönen Frau,
-es war ihm zuweilen, als sei mit ihm erst das Unglück über dieses Haus
-hereingebrochen. Das Gespräch schlich während der Tafel nur mühsam und
-stockend hin, doch als das Dessert aufgetragen war und die Diener auf
-Josephens Wink sich entfernt hatten, holte sie einigemal mühsam Atem,
-ihre Wangen färbten sich röter, und sie sprach:
-
-»Du hast heute früh eine recht sonderbare Unterhaltung zwischen mir
-und deinem Freunde versäumt. Schon oft, wie du weißt, klagten wir über
-Mangel an Verwandtschaft von meiner Seite, jetzt scheint mir auf einmal
-ein neues Licht aufzugehen, denn er bringt uns ja viele und angesehene
-Verwandte ins Haus.«
-
-Verwundert und fragend sah Faldner seinen Freund an; dieser war im
-ersten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt es, mit Umsicht zu
-handeln. Wunderbar fühlte er in diesem Augenblicke das Uebergewicht
-eines Mannes von Welt über die niedere, beinahe rohe Denkungsart eines
-Baron Faldner, und mit mehr Gelassenheit, mit weiser Benützung der
-Umstände erzählte er die sonderbare Geschichte des Bildes und seiner
-Bekanntschaft mit Don Pedro.
-
-Gegen alle Erwartung wurde der Baron zusehends heiterer während der
-Erzählung. »Ei -- sonderbar,« waren die einzigen Worte, die ihm hie
-und da entschlüpften, und als Fröben geendet hatte, rief er: »Was
-ist klarer als dies? Donna Laura Tortosi und Laura von Tortheim, der
-Schweizer Kapitän Tannensee und dein Vater sind dieselben. Und reich
-sagst du, lieber Fröben, reich ist der Haushofmeister? Begütert,
-unverheiratet und hegt noch die alte Vorliebe für seine Dulcinea von
-Valencia? Ei der Tausend! Josephchen, da könnte es ja noch eine reiche
-Erbschaft von Piastern geben!«
-
-Josephe hatte wohl diese Aeußerung nicht erwartet; der Gast sah ihr an,
-daß sie dieses gemeine Wort lieber ohne Zeugen gehört hätte; aber eine
-drückende Last schien sich dennoch ihrem Busen zu entladen, sie drückte
-die Hand ihres Gatten, vielleicht nur, weil er ihr diesmal weniger
-Bitteres gesagt hatte als sonst, und ziemlich aufgeheitert sagte sie:
-»Mir selbst scheint in dem sonderbaren Zusammentreffen unseres Freundes
-mit dem Spanier eine eigene Fügung des Schicksals zu liegen; ja ich
-glaube sogar, daß es spanische Lieder waren, die hie und da meine
-Mutter, wenn sie einsam war, zur Laute sang. Ja vielleicht kommt es
-eben daher, daß ich nicht in eurem Glauben erzogen wurde, obgleich mein
-Vater, wie ich bestimmt weiß, reformierten Glaubens war. Nun, das beste
-ist, unser Freund schreibt an Don Pedro.«
-
-»Ja, tu mir den Gefallen,« sagte Faldner; »schreibe an den alten Don,
-seine Laura habest du nicht gefunden, aber offenbar ihre Tochter; es
-könnte doch zu etwas führen, du verstehst mich schon; wem will er auch
-seinen Mammon vermachen als dir, du Goldkind? Ich habe es ja immer
-gesagt, und auch zur Gräfin Landskron sagt' ich es, als ich um dich
-anhielt, wenn sie auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr
-kommt Segen in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch,
-sagtest du, daß du den Spanier schätzest?«
-
-
-17.
-
-Der Baron hatte frische Flaschen befohlen, und Josephe stand bei den
-letzten Worten auf und entfernte sich. Unbegreiflich war Fröben, wie
-unzart sein Freund mit dem holden, edlen Wesen verfuhr, er fühlte,
-wie sie sich vor ihm der Gemeinheit ihres Gatten schäme, er fühlte es
-und antwortete daher ziemlich unmutig: »Was weiß ich; meinst du denn,
-ich frage die Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer. Wieviel
-wiegst du?«
-
-»Ach, ich kenne ja deine sonderbaren Grillen über diesen Punkt,«
-lachte der Baron, »dir ist ein armseliger Geselle, wenn er nur das
-sogenannte Sentiment und ~Savoir vivre~ besitzt, so gut als einer, der
-zweimalhunderttausend Pfund Renten hat; aber ernstlich, mit dem Don
-müssen wir ins reine kommen, und ich rechne ganz auf dich.«
-
-»Ja doch; du kannst gänzlich auf mich rechnen. Aber wie war es denn mit
-der Gräfin Landskron? Du sagtest mir ja noch nicht einmal, wie du deine
-Frau kennen lerntest.«
-
-»Nun, das ist eigentlich eine kurze Geschichte,« erwiderte Faldner,
-indem er sich und dem Freunde von neuem Wein in das Glas goß. »Du
-kennst meinen praktischen Sinn, meinen richtigen Takt in dergleichen
-Dingen. Es stand mir die Wahl frei unter den Töchtern des Landes;
-reiche, bemittelte, schöne, hübsche, alles stand mir zu Gebot. Aber
-ich dachte: Nicht alles ist Gold, was glänzt, und suchte mir eine
-tüchtige Hausfrau. So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der
-Gräfin Landskron. Josephe war damals noch als Fräulein von Tannensee
-ihre Gesellschaftsdame. Das emsige, geschäftige Kind gefiel mir; Tee
-eingießen, Aepfel schälen, Bohnen brechen, Blumen begießen, kurz
-alles wußte sie so zierlich und nett zu machen, daß ich dachte, diese
-oder keine wird eine gute Hausfrau werden. Ich sprach mit der Gräfin
-darüber. Zwar schreckten mich anfangs die kurzgefaßten Nachrichten
-wieder ab, die mir die Landskron über Josephens Verhältnisse geben
-konnte. Sie sagte mir, daß sie Josephens Mutter gekannt und nach ihrem
-Tode das Mädchen zu sich genommen habe; Vermögen hatte sie nicht, aber
-die Gräfin gab eine anständige Ausstattung. Das Kopulationszeugnis
-ihrer Eltern, ihr Taufschein war richtig -- nun, man ist ja in der
-Liebe gewöhnlich ein Narr, und so nahm ich sie zu mir.«
-
-»Und bist gewiß unendlich glücklich mit diesem holden Wesen?«
-
-»Nun, nun, das geht so; praktisch ist sie nun einmal gar nicht, und ich
-muß ihr die dummen Bücher ordentlich konfiszieren, nur daß ich sie an
-Haus und Garten gewöhne; denn wie will man am Ende hier auf dem Lande
-auskommen, wenn die Hausfrau sich vornehm in das Sofa setzt, Romane und
-Almanachs liest, empfindelt, wozu sie ohnedies großen Hang hat, und
-weder Küche noch Garten besorgt?«
-
-»Aber mein Gott, dazu könntest du ja Mägde halten?« bemerkte Fröben,
-den der Wein und das Gespräch noch wärmer und unmutiger gemacht hatten.
-
-»Mägde?« fragte Faldner lachend und sah ihn groß an. »Mägde! Da sieht
-man wieder den Theoretiker! Freund, davon verstehst du nichts! Würden
-mir nicht die Mägde hinterrücks den halben Garten, die schönen Gemüse,
-Obst und Salat verkaufen? Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und
-Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut ist! Nein, die
-Frau muß da schalten und walten, und leider! bin ich da mit Josephen
-schlecht gefahren; doch komm, stoß an; der Don soll alles gut machen!«
-
-Fröben, so sehr sein Herz, sein zarterer Sinn durch alles, was er hier
-sah und hörte, verletzt wurde, wagte nichts entgegenzureden. Er folgte
-dem Hausherrn, als dieser jetzt aufstand, hielt seine Umarmung geduldig
-aus und nahm sogar, mehr um Josephen so bald nach diesem Vorfall nicht
-zu sehen, als aus Freude an des Barons Gesellschaft, seine Einladung
-an, ihn nach der neuen Dampfmühle zu begleiten. Die Pferde wurden
-vorgeführt, die Männer schwangen sich auf, und schon wollte Fröben
-um die Ecke biegen, als er noch einen Blick zurückwarf und Josephens
-Gestalt im Fenster erblickte; sie zog ihr Tuch von dem Auge, sie
-blickte ihnen wehmütig nach, sie grüßte mit der zierlichen Hand. »Deine
-Frau winkt uns noch, um Abschied zu nehmen,« rief er Faldner zu; aber
-dieser lachte ihn aus. »Was meinst du denn?« sagte er im Weiterreiten.
-»Glaubst du, ich habe sie so zart und weich gewöhnt, daß wir auf einen
-Nachmittag mit Küssen und Drücken, mit Grüßen und Schnupftuchwedeln
-Abschied nehmen? Gott bewahre mich, dadurch verwöhnt man die Weiber,
-und, wenn es dir einmal begegnen sollte, daß du auch heiratest, so
-mache es um Gottes willen wie ich. Kein Wort von einer Reise oder einem
-Spazierritt vorher. Das Pferd wird vorgeführt -- ›Wohin, mein Lieber?‹
-fragt sie dann das erste oder zweite Mal. Keine Antwort, sondern die
-Handschuhe angezogen. ›Aber wirst du mich denn so allein lassen?‹
-fragt sie weiter und streichelt dir die Wangen; du nimmst getrost die
-Reitpeitsche und sagst: ›Ja, ich will heute abend noch auf das Vorwerk,
-es ist dies und das zu tun. Adieu! und wenn ich bis neun Uhr nicht zu
-Hause bin, brauchst du mit der Suppe nicht zu warten.‹ Sie erschrickt,
-du achtest es nicht; sie will nach, du winkst ihr mit der Reitgerte
-zurück; sie stürzt ans Fenster, hängt sich und das Tränentüchlein
-heraus und ruft adieu! und wedelt hin und her mit dem weißen Fahnen.
-Laß wehen und achte nicht darauf. Drück dem Gaul die Sporen in den Leib
-und davon; ich kann dir schwören, das setzt die Weiber in Respekt. Das
-dritte Mal fragte die meine nicht mehr, und gottlob! das Gewinsel hat
-ein Ende!«
-
-Der Baron hatte während dieser trefflichen Rede in größter Gemütsruhe
-eine Pfeife gestopft, Feuer angeschlagen und dampfte jetzt, indem er
-seine Felder und Wälder überschaute, ohne eine Antwort seines Gastes
-zu erwarten; aber dieser preßte die Lippen zusammen, und noch stärker
-preßte die Rede des rohen Mannes sein volles Herz. »O, du Hund von
-einem Menschen,« sprach er bei sich, »schlechter noch als ein Hund,
-denn der Herr hat dir ja Vernunft gegeben. Wie man ein Pferd zureitet
-oder einen Baum in bessere Erde setzt, hast du gelernt, aber eine
-schöne Seele zu behandeln, ein liebendes Herz zu verstehen, liegt außer
-deinen Grenzen. Wie sie ihm nachsah, so voll Wehmut, denn er hatte ja
-nicht von ihr Abschied genommen, so voll Engelsgeduld, sie hatte ihm ja
-seine rohen Worte schon wieder vergeben; mit einem Blick so voll von
-Liebe! Von Liebe? _Kann_ sie ihn denn lieben? Wird nicht ihr zarter
-Sinn tausendmal von ihm beleidigt? Sieht sie denn nicht, wie er seinem
-Jagdhund mehr Zärtlichkeit beweist als ihr? Oder wie?« fuhr er in
-seinem Hinträumen fort, »sollte sie, weil sie einmal sein Weib geworden
-ist, Zärtlichkeit für den fühlen, den sie an Geist so weit überragt
-und den sie dennoch -- fürchtet? Oder sollte es immer und ewig das
-Los dieser armen Wesen sein, daß unter Hunderten nur _eine_ wahrhaft
-lieben darf, daß die andern, von der Natur zu einem herrlichen Gefäß
-zärtlicher, hoher Liebe ausgerüstet, erwachsen, blühen, verwelken, ohne
-wahre Liebe zu kennen? Doch, dieser Gedanke wäre mir noch erträglicher
-als der, daß sie ihn wirklich lieben könnte! Nein, es kann, es darf
-nicht sein!« Unwillkürlich hatte er bei dem letzten Gedanken durch eine
-rasche Bewegung seinem Pferde die Sporen gegeben, es raffte sich auf
-und flog dahin. »Ho, ho, Junge! du willst mit mir in die Wette reiten?«
-rief ihm der Baron nach und steckte die Pfeife bei. »Zweihundert
-Schritte gebe ich dir vor und hole dich dennoch ein.« Kunstgerecht
-berechnete er dann den Zwischenraum, und als er dachte, Fröben habe
-die vorgegebenen Schritte zurückgelegt, ließ er sein Pferd weit
-ausstreichen und gelangte zu seinem nicht geringen Triumph in demselben
-Moment mit dem Freunde vor der Dampfmühle an.
-
-
-18.
-
-Der Mechanikus, ein bescheidener Mann, der aber allgemein den Ruf
-großer Geschicklichkeit genoß, empfing sie an der Türe. »Noch immer
-nicht weiter?« fragte Faldner, indem sein Gesicht sich verfinsterte.
-»Wahrhaftig, entweder ist mein Korrespondent in London ein Schurke
-und verdient gehangen zu werden, oder Ihr, Meister Fröhlich, versteht
-zwar Taschenuhren zusammen zu drechseln, aber keine Dampfmühle
-aufzuschlagen, wie Ihr mir vorgespiegelt.«
-
-Der Mann schien tief gekränkt durch die Worte des Barons; eine hohe
-Röte überflog sein Gesicht und ein bitteres Wort schwebte auf seinen
-Lippen, aber er unterdrückte es und fuhr mit der Hand über sein
-schlichtes Haar, als wollte er seinen inneren Unmut wie seine Haare
-glätten. »Halten zu Gnaden, Herr Baron,« antwortete er; »wenn man
-mir Aufriß und Berechnung einer Maschine vorlegt und dazu Räderwerk
-und Schrauben so genau verzeichnet sind, so will ich eine Maschine
-zusammensetzen, wenn ich sie auch nie zuvor gesehen. Aber dann muß ich
-freies Spiel haben und dann steh' ich auch davor, daß alles recht wird,
-aber so --«
-
-»Nun, daß ich selbst ein wenig mitgeholfen, meint Ihr? Darauf soll also
-alles geschoben werden? Ihr sagt selbst, daß Ihr in Eurem Leben noch
-keine solche Maschine gesehen, und ich habe eine gesehen, zwei, drei,
-in Frankreich und England, und weiß recht gut, daß die größeren Räder
-in der Mitte des Zylinders eingreifen und die kleineren oben angebracht
-sind --«
-
-»Aber mein Gott, erlauben Eure Gnaden,« entgegnete der Künstler
-ungeduldig, »diese _Ihre_ Dampfmühle ist nun einmal nach anderer
-Struktur, das kann man ja schon an der Zeichnung sehen --«
-
-»Zeichnung hin, Zeichnung her, Dampfmaschinen sind Dampfmaschinen,
-und eine sieht aus wie die andere. Betrogen bin ich; von allen Seiten
-angeführt, das Geld zum Fenster hinausgeworfen!«
-
-Fröben hatte indessen die Zeichnungen zur Hand genommen und sie
-durchgesehen. Er fand, daß die Struktur dieser Mühle sehr einfach und
-schön, und wenn die bezeichneten Räder und Schrauben paßten, sehr
-leicht aufzuschlagen sei. Er hatte in früheren Zeiten Mathematik und
-Physik gründlich studiert, er hatte zugleich mit dem Freunde die
-berühmtesten Maschinenwerke gesehen und kennen gelernt, kam aber, weil
-er sich selten darüber äußerte, bei dem Herrn von Faldner, der sich
-mit seinen Kenntnissen ungemein viel wußte, in den Verdacht, wenig
-oder nichts vom Maschinenwesen zu verstehen. Er wandte sich nun, als
-Faldners Unmut noch größer zu werden drohte, an den Mechanikus, fragte
-nach diesen und jenen Stücken, die auf der Zeichnung angegeben waren,
-und als jener sie vorwies, als man sah, wie richtig sie ineinander
-passen, sagte er zu Faldner: »Ich wollte wetten, du bist durchaus nicht
-betrogen, denn so gut hier F und H in P passen -- du siehst, es sind
-die Hauptzüge, wodurch die Stampfmühle mit der Oelpresse in Verbindung
-gesetzt wird --, so gut muß sich auch das übrige fügen.«
-
-»Ach, Sie hat unser Herrgott hergesandt;« rief der Mechanikus freudig,
-»wie Sie doch dies gleich so wegbekamen! Ja, das F ist der Hauptzug, H
-hier greift in das Stangenwerk ein, hier wird das Rad KL befestigt.«
-
-»Die Maschine ist sehr einfach,« fuhr Fröben fort, »und der ganze
-Irrtum meines Freundes kommt daher, daß er die Struktur größerer Werke
-vor Augen hat, die freilich anders aussehen. Du wirst dich übrigens
-erinnern, daß wir in Devonshire bei Sir Henry Smith eine Oelmühle
-sahen, die beinahe ganz nach diesem Plan gebaut war.«
-
-Der Baron verbarg sein Staunen hinter einem ironischen Lächeln,
-womit er bald den Freund, bald den Mechanikus ansah. »Machet, was
-ihr wollt,« sagte er gleichgültig, »ich gebe die ganze Geschichte
-verloren; vernünftiger wäre es gewesen, ich hätte einen englischen
-Mechaniker mitkommen lassen. Versuche immer dein Heil an dem heillosen
-Schraubenwerk; ich denke, wenn ich dich in einigen Stunden abhole,
-wirst du dieses Maschinen-Abc schon satt haben; denn darin, ich weiß es
-ja, bist du doch nur ein Abcschütze.« Pfeifend verließ er das Gebäude,
-setzte sich auf und ritt in den Wald.
-
-Fröben aber ließ sogleich wieder auseinanderlegen, was nach des Barons
-eigenmächtigem Plan bisher zusammengefügt war. Die Nummern wurden
-geordnet, und er wurde unter diesem Geschäft nach und nach heiterer,
-denn es zerstreute die düsteren Bilder in seiner Seele, und nicht
-ohne Lächeln bemerkte er, wie ihn der Mechanikus mit leuchtenden
-Blicken betrachtete, wie ihn seine Gesellen und Jungen gleich einem
-Altmeister ihrer Kunst ehrfurchtsvoll ansahen. Freude und Leben war
-in die Werkstätte gekommen, wo man diesen Morgen nur die Befehle, die
-Flüche des Barons, die Bitten und Gegenreden des Meisters gehört hatte;
-bald war alles in Ordnung gebracht, und als der Baron abends aus dem
-Wald zurückkam, seinen Gast abzuholen, erstaunte er und schien sich
-im ersten Augenblick nicht einmal über das sichtbare Fortschreiten
-des Werkes zu freuen. Er hatte erwartet, alles in Bestürzung und
-Konfusion zu treffen, aber der Mechanikus überreichte ihm lächelnd die
-Zeichnung, führte ihn an den Zylinder und zeigte ihm, indem er bald
-auf das Papier, bald auf das Werk hindeutete, mit stolzer Freude, was
-sie bis jetzt schon geleistet haben. »Wenn es so fortgeht,« setzte der
-Mechanikus hinzu, »und wenn der fremde Herr dort uns auch morgen so
-trefflich an die Hand geht, so garantiere ich, daß wir noch vor Sonntag
-fertig werden.«
-
-»Tolles Zeug!« war alles, was der Baron antwortete, indem er die
-Zeichnung zurückgab, und Fröben war ungewiß, ob es Flüche oder
-Danksagungen seien, was sein Freund hin und wieder murmelte, als sie
-zusammen nach dem Schloß zurückritten.
-
-Der glückliche Fortgang des Maschinenbaues, vielleicht auch die
-schimmernde Aussicht auf Don Pedros spanische Quadrupeln, hatte den
-Baron in den nächsten Tagen fröhlicher gestimmt. Fröben hatte an
-den Spanier nach W. geschrieben, und sein Gastfreund nahm ihm das
-Versprechen ab, so lange bei ihm zu verweilen, bis aus W. eine Antwort
-angelangt sei. Auch gegen Josephe betrug er sich etwas menschlicher,
-und er hatte ihr, wahrscheinlich mehr aus Rücksicht auf den Freund als
-auf sie, sogar erlaubt, daß sie ihre Haushaltungsgeschäfte abkürzen
-und vormittags oder abends, wenn ihn selbst Geschäfte abhielten, sich
-von Fröben vorlesen lassen oder Spaziergänge mit ihm machen dürfe. Und
-sie lebte in diesen wenigen Tagen zusehends auf. Ihre Haltung wurde
-kräftiger, ihre Wangen rötete ein Schimmer von stillem Vergnügen,
-und in manchen Augenblicken, wenn ein holdes Lächeln um ihre Lippen
-zog, wenn jene feinen Grübchen in den Wangen erschienen, gestand sich
-Fröben, daß er selten eine schönere Frau gesehen habe, ja ihr Anblick
-verwirrte ihn oft so ganz, daß er ein geliebtes Bild seiner Träume
-verwirklicht glaubte, daß halbversunkene Erinnerungen wieder in ihm
-auftauchten, daß ihm sogar ihre Stimme, wenn sie bewegt, gerührt
-war, so bekannt deuchte, als hätte er sie nicht hier zum erstenmal
-gehört. Seltener zog er in jenen Tagen das Bild hervor, das er sonst
-stundenlang betrachtet hatte, und wenn es ihm zufällig in die Hände
-fiel, wenn er es aufrollte, wenn er in das Auge der unbekannten
-Geliebten sah, so fühlte er sich beschämt, er glaubte, ihrem leblosen
-Bilde diese Vernachlässigung abbitten zu müssen. »Doch,« sprach er
-dann zu sich, als müßte er sich entschuldigen, »ist es denn unrecht,
-der armen Freundin einige Tage ihres freudelosen Lebens angenehmer zu
-machen? Und wie wenig gehört dazu, dieses holde Wesen zu erfreuen, sie
-glücklicher zu stimmen! Ein schönes Buch mit ihr zu lesen, mit ihr
-zu sprechen, sie auf einem Spaziergang an ihre Lieblingsplätzchen zu
-begleiten -- dies ist ja alles, was sie braucht, um heiter und froh zu
-sein. Welchen Himmel könnte Faldner in seinem Hause haben, wenn er nur
-zuweilen die eine oder andere dieser kleinen Freuden mit ihr teilte!«
-
-Der junge Mann fühlte sich übrigens, ohne daß er es sich selbst recht
-gestand, angenehm berührt, geschmeichelt von Josephens Anhänglichkeit
-an ihn. Schien ihr nicht jeder Morgen, jeder Abend ein neues Fest zu
-sein? Wenn er herabkam zum Frühstück, hatte sie schon alles zierlich
-und nett bereitet; bald wählte sie den Saal, der eine herrliche
-Aussicht auf den fernen Rhein öffnete, bald die Terrasse, von wo
-sie das ländliche Gemälde der Arbeiter in den Feldern und an den
-Weinbergen vor sich hatten, so nah, um alles, wie ein treues Tableau,
-zu betrachten, und doch ferne genug, um im stillen Genuß des Morgens
-nicht gestört zu sein, bald hatte sie eine Laube im Garten ausgesucht,
-wo die Welt ringsum von dichten Platanen abgeschlossen und nur der
-frischen Morgenluft oder dem Frührot der Zutritt gestattet war. So
-erschien sie immer neu und überraschend, und wenn der Freund herzutrat,
-wie freudig stand sie auf, wie hold bot sie ihm die Hand zum Gruß, wie
-lebhaft wußte sie, wenn er noch ganz in ihren Anblick versunken ohne
-Worte war, das Gespräch anzuknüpfen, dies und jenes zu erzählen, durch
-Laune und feine Beobachtung allem, was sie sagte, ein eigenes Gewand,
-einen eigentümlichen Reiz zu geben! Und wenn sie dann nachher schnell
-und emsig das Geräte des Frühstücks auf die Seite räumte, wenn er sein
-Buch hervorzog, wenn sie mit der Arbeit, die sie selten beiseite legte,
-ihm sich gegenübersetzte und erwartungsvoll an seinen Lippen hing, da
-war es ihm oft, als müsse er alles, die ganze Welt vergessen, und einen
-kleinen, kurzen, seligen Augenblick träumte er, er sei ein glücklicher
-Gatte und sitze hier an der Seite eines geliebten Weibes.
-
-
-19.
-
-Es gereichte Josephen in den Augen ihres Freundes zu keinem geringen
-Ruhm, daß sie gerade jenen Dichter zu ihrem Liebling erwählt hatte, der
-auch ihn vor allen anzog. Zwar mußte er ihr oft bei Vorlesungen aus
-Jean Pauls herrlichen Dichtungen zu Hilfe kommen, um dieses oder jenes
-dunklere Gleichnis zu erklären; aber sie faßte schnell, ihr natürlicher
-Takt und ihr zarter Sinn, der so ganz in dem Dichter lebte, ließ sie
-manches erraten, ehe ihr noch der Freund Gewißheit gegeben hatte.
-
-»Es liegt doch,« sagte sie eines Tages, »eine Welt voll Gedanken in
-diesem Hesperus! Jede menschliche Empfindung bei Freude und Schmerz,
-bei Liebe und Gram liegt zergliedert vor uns da; er weiß uns, indem
-wir den süßen Duft einer Blume einsaugen, ihre innersten Teile, ihre
-zarten Blätter, ihre feinsten Staubfäden zu beschreiben, ohne daß er
-sie zerstört, entblättert. Denn das, glaube ich, ist ja das große,
-tiefe Geheimnis dieses Meisters, daß er jede tiefere Empfindung nicht
-beschreibt, sondern andeutet, und doch wieder nicht flüchtig andeutet,
-sondern wie durch das feine Mikroskop eines Gleichnisses uns einen
-tiefen Blick in die Menschenseele tun läßt, wo Gedanke an Gedanke
-aufsteigt und das Auge überrascht, aber entzückt über die wundervolle
-Schöpfung, in eine Träne übergeht.«
-
-»Sie haben,« erwiderte der Gastfreund, »wie es mir scheint, in diesen
-Worten sein Geheimnis wirklich ausgesprochen. Mir ist sonst, ich
-gestehe es offen, nichts so in der innersten Seele zuwider, als das
-sichtbare Abmühen eines Autors, dem Leser recht klar und deutlich zu
-machen, was sein Held oder die Heldin oder eine dritte, vierte Person
-da oder dort empfunden oder gedacht. Aber unser Dichter! Wie herrlich,
-wie reich ist auch hierin seine Erfindung; wir leben, wir denken, wir
-weinen unwillkürlich mit Viktor, und Klothildens bleichere Wangen,
-ihre klaglose Trauer trifft uns tiefer, als jede Beschreibung es sagen
-kann, und im warmen, weichen Glück der Liebenden möchten wir ein
-Strahl der Abendsonne sein, der in der Laube um ihre Umarmung spielt,
-jene Nachtigall, die ihnen die fromme Feier ihrer Seligkeit mit ihrer
-glockenhellen Stimme einläutete.«
-
-»Es ist sonderbar,« bemerkte Josephe, »der Faden dieses Romans, was
-man sein Gerippe nennt, würde uns bei andern nicht im mindesten
-interessant, vielleicht sogar gesucht, langweilig dünken. Sechs
-verlorene, vertauschte, wiedergefundene Söhne, statt daß z. B.
-Walter Scott gewöhnlich nur _einen_ hat und sogar der Verfasser des
-_Walladmor_ in seiner Parodie mit zweien sich begnügt; eine junge
-Dame, die zu ihrer Qual von ihrem Bruder geliebt wird, selbst aber
-seinen Freund liebt; ein kleiner, simpler Hof in Duodez, ein Pfarrhaus
-voll Ratten und Kinder, und ein Edelsitz, wo Unedle wohnen; denken
-Sie sich diese gewöhnlichen Dinge in einer Reihenfolge, so haben Sie
-einen unserer gewöhnlichen Romane von verlorenen Söhnen etc. und nicht
-einmal einen rechten Jammer, um mich so auszudrücken, als etwa La
-Beaus Ermordung durch den Hofjunker oder das tragische Ende des Lords
-im fünften Akt. Aber welch ein Leben, welch eine Welt wird aus dieser
-Geschichte, wenn ihr jener Dichter seinen Blumenmantel umhängt! Welche
-geistreiche Luft, höher und reiner als jede irdische, kommt uns aus
-der verehrenden Liebe Viktors und Klothildens zu ihrem Lehrer Emanuel,
-welche Wehmut aus den Täuschungen eines kalten Lebens, wenn Viktor und
-jenes liebenswürdige Wesen sich verkennen, nicht finden; welche Wonne
-endlich, wenn ihre Seelen unter dem nächtlichen, gestirnten Himmel im
-Schmerz der Trennung sich aufschließen und überströmen in Liebe!«
-
-»Ja,« rief der junge Mann, »unser Dichter ist ein großer Musiker! Er
-hat ein ausgespieltes, altes, längst gehörtes Thema vor sich; aber
-indem er den Gang des alten Liedchens beibehält, führt er die Gedanken
-auf eine Weise aus, die uns so überraschend, so neu erscheint, daß
-wir das Thema vergessen und nur auf die Wendungen horchen, in die er
-übergeht, in welchen er die Himmelsleiter der Töne wie ein Engel auf
-und ab geht und uns einen geöffneten seligen Himmel im Traume zeigt,
-während wir vielleicht wie Jakob in der Wirklichkeit auf recht hartem
-Lager liegen. Dann ist er bald weich wie eine Flöte, durchdringend wie
-die Hoboe, bald voll, rührend wie das Waldhorn aus der Ferne, bald
-braust er daher wie mit den mächtigsten tiefsten Bässen, majestätisch,
-erhaben, bald nur sanft lispelnd wie die Aeolsharfe oder in Wehmut
-aufgelöst wie die Töne der Harmonika.«
-
-»Wie danke ich es ihm,« sagte Josephe weich, »daß er versöhnt, daß er
-die Wunden unserer Wehmut heilt! Es hätte ja in seiner Macht gestanden,
-Klothilden untergehen zu lassen im Schmerz unerwiderter Liebe, vor
-ihrem Tode hätte ihr Viktor noch zugerufen: ›Ich liebte dich ja über
-alles,‹ und sie wäre lächelnd eingeschlafen. Denken Sie sich den
-ungeheuren Schmerz, die Bitterkeit gegen das Geschick, wenn wir diese
-Menschen so hätten untergehen sehen, ohne Hoffnung, ohne Trost! Aber
-es wäre ja nicht möglich gewesen; Viktor hätte nicht so lange geliebt,
-hätte sich an Joachime oder die Fürstin hingegeben, denn ein Mann kann
-ja ohne erwiderte Liebe nicht lange lieben!«
-
-»Glauben Sie das wirklich?« erwiderte Fröben wehmütig lächelnd. »O, wie
-wenig müssen Sie uns kennen, wie klein müssen Sie von uns denken, wenn
-wir nicht einmal den Mut besäßen, dieses kurze Leben hindurch treu zu
-lieben, auch ohne geliebt zu werden!«
-
-»Ich halte es bei Frauen für möglich,« sagte die schöne Frau; »Liebe
-ohne Gegenliebe ist ein tiefes Unglück, und Frauen sind ja mehr dazu
-gemacht, stille Leiden zu tragen ein Erdenleben lang als ihr. Der Mann
-würde einen solchen Gram von sich werfen, oder der glühende Kummer
-müßte ihn verzehren!«
-
-»Beides nicht -- ich lebe ja noch und liebe,« sagte Fröben, zerstreut
-vor sich hinblickend.
-
-»Sie lieben!« rief Josephe, und mit so eigenem Ton, daß der junge Mann
-erschrocken aufblickte; sie schlug die Augen nieder, als ihr sein Blick
-begegnete, eine tiefe Röte überflog ihr Gesicht und ging ebenso schnell
-wieder in tiefe Blässe über.
-
-»Ja,« sagte er, indem es ihm mit Mühe gelang, es scherzhaft zu sagen;
-»der Fall, den Sie setzten, ist der meinige, und noch liebe ich,
-vielleicht ruhiger, aber nicht minder innig als am ersten Tag, ich
-liebe sogar beinahe ohne Hoffnung, denn die Dame meines Herzens weiß
-nicht um meine Liebe, und dennoch, wie Sie sehen, hat mich der Kummer
-noch nicht getötet.«
-
-»Und darf man wissen,« sagte sie zutraulich, aber, wie es Fröben
-schien, mit zitternder Stimme, »darf man wissen, wer die Glückliche
-ist?«
-
-»Ach, sehen Sie, das ist gerade das Unglück, ich weiß ja nicht, wer
-sie ist, noch wo sie sich aufhält, und liebe dennoch; ja Sie werden
-mich für einen zweiten Don Quichotte halten, wenn ich gestehe, daß ich
-sie nur einigemal flüchtig sah, mich nur noch einiger Partien ihres
-Gesichtes erinnern kann, und dennoch in der Welt umherstreife, um sie
-zu finden, weil es mir zu Hause keine Ruhe läßt.«
-
-»Sonderbar,« bemerkte Josephe, indem sie ihn nachdenklich ansah,
-»sonderbar; es ist wahr, ich kann mir einen solchen Fall denken, aber
-dennoch machen Sie eine seltene Ausnahme, lieber Fröben; wissen Sie
-denn, ob Sie geliebt werden? Ob das Mädchen Ihnen treu ist?«
-
-»Nichts weiß ich von diesem allen,« erwiderte er ernst und mit
-verschlossenem Gram, »ich weiß nichts, als daß ich glücklich wäre, wenn
-ich jenes Wesen mein nennen könnte, und weiß nur allzugut, daß ich
-vielleicht auf immer verzichten muß und nie ganz glücklich werde!«
-
-Je seltener sonst der junge Mann über diese Gefühle sich aussprach,
-desto mächtiger kamen in diesem Augenblicke alle Schmerzen der
-Erinnerung an gramvolle Stunden und eine Wehmut über ihn, der er sich
-nicht gewachsen fühlte. Er stand schnell auf und ging aus der Laube dem
-Schlosse zu. Aber Josephe sah ihm mit Blicken voll unendlicher Liebe
-nach, Träne um Träne löste sich aus den zuckenden Wimpern, und erst
-als sie wie ein Quell auf ihre schöne Hand herabfielen, erweckten sie
-Josephen aus ihren Träumen. Und beschämt, als hätte sie sich bei einer
-geheimen Schuld belauscht, errötete sie und preßte ihr Tuch vor diese
-verräterischen Augen.
-
-
-20.
-
-Die Vorhersagung des alten Mechanikus war eingetroffen, denn mit dem
-letzten Tage der Woche waren auch die Maschinen der Dampfmühle fertig
-aufgestellt. Der Baron, so unmutig er anfangs gewesen war, hatte in
-der Freude seines Herzens, als der erste Versuch glücklich gelungen
-war, den Alten und seine Gesellen reichlich beschenkt entlassen und
-auf Sonntag alle seine Nachbarn in der Umgegend eingeladen, um mit
-einem kleinen Feste seine Mühle einzuweihen. So glücklich und heiter
-er an diesem Tage war, so fröhlich und jovial er seine zahlreichen
-Gäste empfing, so entging es doch Fröbens beobachtenden Blicken nicht,
-daß er die arme Josephe mit hunderterlei Aufträgen und Anordnungen
-plagte, daß sie ihm nichts zu Dank machen konnte. Bald sollte sie in
-der Küche sein, um das Gesinde anzutreiben und selbst mitzuhelfen, bald
-besserte er dies oder jenes an ihrem Putz, bald wollte er vor Ungeduld
-verzweifeln, wenn sie nicht schnell genug die Treppe herabflog, um mit
-ihm am Portal die Ankommenden zu empfangen, bald wollte er die Tafel
-so oder anders gestellt haben, bald wollte er den Kaffee im Garten,
-bald im Salon trinken. Mit Engelsgeduld und einer Resignation, die dem
-Freunde unbegreiflich war, ertrug sie alle diese Unbilden. Sie war
-überall, sorgte für alles und wußte sogar einen Augenblick zu finden,
-um den Gastfreund zu fragen, warum er gerade heute so trübe sei, ihn
-aufzumuntern, an der allgemeinen Fröhlichkeit teilzunehmen.
-
-Allgemein entzückte die Schönheit, die behende Aufmerksamkeit der
-Hausfrau; die Männer priesen den Baron glücklich, einen solchen Schatz
-im Hause zu haben, und mehrere der älteren Damen sagten ihm unverhohlen
-ihre Bewunderung über die seltenen Talente zur Wirtschaft, über die
-Einsicht und Ordnung einer so jungen Frau. »Siehst du,« flüsterte
-der Glückliche Fröben zu, »siehst du, was eine Zucht wie die meinige
-Wunder wirkt? Ich bin im ganzen heute recht zufrieden mit ihr, aber
-wenn ich nicht im geheimen überall selbst nachhülfe, wie stünde es
-dann um die wirtschaftliche Ehre der Hausfrau! Aber es macht sich, ich
-sagte es ja immer, es macht sich.« Die allgemeine Fröhlichkeit und
-der Wein steigerten Faldner immer höher, und es war endlich hohe Zeit,
-die Tafel aufzuheben, denn er und einige Herren aus der Nachbarschaft
-erlaubten sich schon Scherze und Anspielungen, welche jedes zartere Ohr
-beleidigten.
-
-Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte sie unter Scherz und
-Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück und erstaunte aufs neue
-über die geschmackvollen und doch so bequemen Anordnungen, welche
-Josephe indessen im Garten getroffen hatte. Sie hatte es gewagt, nach
-ihrer eigenen Erfindung schnell eine große geräumige Laube errichten
-zu lassen; alle möglichen Erfrischungen erwarteten dort die Gäste, und
-ihr allgemeines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht einmal
-ungehalten, daß man junge Eschen und Tannen aus seinem Walde zu der
-Laube verwendet, daß man seinen eigenen Plan, ein Zelt aus Brettern und
-Teppichen aufzuschlagen, nicht befolgt hatte. Er küßte seine Frau auf
-die Stirne und dankte ihr für die angenehme Ueberraschung.
-
-Man setzte sich in bunten Reihen umher. Die Männer sprachen den alten
-Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald hatte eine allgemeine
-Fröhlichkeit die Gesellschaft erfaßt. Man spielte witzige, geistreiche
-Spiele, und als die mutwillige Laune der Männer noch höher stieg,
-wurden sogar Pfänderspiele nicht verschmäht. So kam es, daß bei ihrer
-Auslösung auch Fröben sein Pfand mit einer Strafe lösen sollte, und
-Josephe, welcher die Bestimmung dieser Strafe aufgelegt war, befahl
-ihm, eine _wahre_ Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Man gab
-ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron schlug vor Freuden über seine
-kluge Frau in die Hände, und als Fröben zauderte und sich besann, rief
-er: »Nun soll ich etwas für dich erzählen aus deinem Leben? Etwa die
-pikante Geschichte _von dem Mädchen vom Pont des Arts_?«
-
-Fröben errötete und sah ihn mißbilligend an; aber die Gesellschaft, die
-hier vielleicht ein lustiges Geheimnis ahnete, rief: »Die Geschichte
-von dem Mädchen, die Geschichte vom Pont des Arts!« und vielleicht nur,
-um der Indiskretion seines Freundes zu entgehen, den der Wein schon
-etwas über die gewöhnlichen Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er
-sich zu erzählen; der Baron aber versprach der Gesellschaft, sobald der
-Erzähler von der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu
-der Geschichte geben, denn er sei selbst dabei gewesen.
-
-
-21.
-
-»Ich weiß nicht,« hub Fröben an, »ob der Gesellschaft bekannt ist,
-daß ich vor mehreren Jahren mit unserem Faldner reiste, namentlich
-in Paris mit ihm einige Zeit zusammenlebte, ja _ein_ Haus mit ihm
-bewohnte? Wir hatten so ziemlich gemeinschaftliche Studien, besuchten
-dieselben Zirkel, machten gegenseitig unsere früheren Bekannten mit
-dem Freunde bekannt und lebten auf diese Weise unzertrennlich. Wir
-hatten einen gemeinschaftlichen Freund, den ebenso liebenswürdigen als
-gelehrten Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne wohnte,
-die bekanntlich in die Rue St. Dominique führt und auf dem linken
-Ufer der Seine liegt. Unser gewöhnlicher Abendspaziergang war durch
-die ~Champs elysées~ über die schöne Brücke ins Marsfeld und von da
-durch Faubourg St. Germain in die Wohnung unseres Freundes, wo wir
-oft noch bis tief in der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von
-dem, was wir gesehen, von allem möglichen plauderten. Wir wohnten, um
-dies noch hinzuzusetzen, an der Place des Victoires, ziemlich entfernt
-von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich den Pont des
-Arts, um das Louvre zu durchschneiden und uns einen Umweg durch die
-Seitenstraßen zu ersparen. Eines Abends, es mochte nach elf Uhr sein --
-es hatte etwas geregnet und der Wind wehte besonders in der Nähe des
-Flusses sehr kalt und schneidend -- gingen wir auch vom Quai Malaquais
-über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des Arts ist nur für
-Fußgänger zugänglich, und so kam es, daß um diese Zeit nicht mehr
-viel Leben um und auf der Brücke war. Wir gingen, die Mäntel fester
-um uns ziehend, stillschweigend über die Brücke; schon wollte ich die
-Brückenstufen auf der andern Seite hinabeilen, als ein überraschender
-Anblick mich festhielt.
-
-An die Brücke gelehnt, stand eine schlanke, ziemlich hohe weibliche
-Gestalt. Ein schwarzes Hütchen war tief ins Gesicht geknüpft und zum
-Ueberfluß noch mit einem grünen Schleier versehen; ein schwarzer
-Mantel von Seide fiel um den Leib, und der Wind, der die Gewänder in
-diesem Augenblick fester anschmiegte, verriet eine ungemein zarte,
-jugendliche Taille; aus dem Mantel ragte eine kleine Hand hervor, die
-einen Teller hielt; vor ihr aber stand ein kleines Laternchen, dessen
-Licht unruhig flackerte, sein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß.
-Es wohnt vielleicht nirgends so sehr als in jener Stadt das tiefste
-Elend neben dem höchsten Glanz und Wohlleben, aber dennoch sieht man
-verhältnismäßig wenige Bettler. Sie drängen sich selten unverschämt
-herzu, und nie wird man sehen, daß sie dem Fremden nachlaufen, ihn mit
-Bitten verfolgen. Alte Männer oder Blinde sitzen oder knien an den
-Ecken der Straßen, den Hut ruhig vor sich hinhaltend, und überlassen es
-dem Vorübergehenden, ob er ihren bittenden Blick beachten will.
-
-Am schauerlichsten, wenigstens für mein Gefühl, waren immer jene
-verschämten Bettler, die nachts mit verhülltem Haupt eine brennende
-Kerze vor sich, regungslos, fast schon wie erstorben in einer Ecke
-stehen; viele meiner Bekannten in Paris hatten mir versichert, daß
-man darauf rechnen könne, daß dies meistens Leute aus besseren
-Ständen seien, die durch Unglück so tief herabgekommen sind, daß sie
-entweder Arbeit suchen müssen, oder sind sie zu verschämt, vielleicht
-zu schwach, um für Brot zu arbeiten, so ergreifen sie diesen letzten
-Ausweg, ehe sie, wie so viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der
-Vergessenheit übergeben.
-
-Von dieser Klasse der Bettelnden war die weibliche Gestalt an dem
-Pont des Arts, deren Anblick mich unwiderstehlich fesselte. Ich sah
-sie näher an; ihre Glieder schienen vor Frost noch heftiger zu zittern
-als das Flämmchen in der Laterne, aber sie schwieg und ließ ihr Elend
-und den kalten Nachtwind für sich reden. Ich suchte in der Tasche nach
-kleinem Gelde, aber es wollte sich kein Sou, sogar kein einzelner
-Frank finden. Ich wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber
-unmutig, durch mein Zögern der schneidenden Kälte ausgesetzt zu sein,
-rief er mir in unserer Sprache zu: ›So laß doch das Bettelvolk und
-spute dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!‹ -- ›Nur ein paar
-Sous, Bester!‹ bat ich; aber er packte mich am Mantel und wollte mich
-wegziehen.
-
-Da rief die Verhüllte mit zitternder, aber wohltönender Stimme und
-zu unserer Verwunderung auf gut deutsch: ›O meine Herren! sein Sie
-barmherzig!‹ Diese Stimme, diese Worte und unsere Sprache hatten etwas
-so Rührendes für mich, daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte:
-›Nun wohlan, da hast du ein paar Franken,‹ sagte er, ›versuche dein
-Heil mit der Jungfer, aber laß mich aus dem Zug treten.‹ Er drückte
-mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich war in diesem
-Augenblick wirklich verlegen, was ich tun sollte; sie mußte ja gehört
-haben, was Faldner sagte, und beleidigen mag ich am wenigsten einen
-Unglücklichen. Ich trat unschlüssig näher. ›Mein Kind,‹ sagte ich,
-›Sie haben hier einen schlechten Standpunkt gewählt, hier werden heute
-abend nicht mehr viele Menschen vorübergehen.‹ Sie antwortete nicht
-gleich. ›Wenn nur,‹ flüsterte sie nach einer Weile kaum hörbar, ›diese
-wenigen Gefühl für Unglück haben!‹ Diese Antwort überraschte mich, sie
-war so ungesucht und doch so treffend. Die edle Haltung des Mädchens,
-der Ton, womit sie jene Worte gesagt, verrieten Bildung. ›Wir sind
-Landsleute,‹ fuhr ich fort, ›darf ich Sie nicht bitten, daß Sie mir
-sagen, ob ich vielleicht mehr für Sie tun kann, als so im Vorübergehen
-zu geschehen pflegt?‹ -- ›Wir sind sehr arm,‹ antwortete sie, wie mir
-schien, etwas mutiger, ›und meine Mutter ist krank und ohne Hilfe.‹
-Ohne weitere Ueberlegung, nur von dem unbestimmten Gefühl, daß mich das
-Mädchen sehr anzog, getrieben, sagte ich: ›Führen Sie mich zu ihr!‹ Sie
-schwieg, der Vorschlag schien sie zu überraschen. ›Halten Sie dieses
-für nichts anders,‹ fuhr ich fort, ›als für meinen redlichen Willen,
-Ihnen zu helfen, wenn ich kann.‹ -- ›So kommen Sie,‹ erwiderte die
-Verschleierte, hob ihr Laternchen auf, löschte es aus und verbarg es
-samt dem Teller unter dem Mantel.« --
-
-
-22.
-
-»Wie?« rief der Baron laut lachend, als Fröben schwieg, »weiter willst
-du nicht erzählen? Willst es auch heute wieder machen, wie du es mir
-schon damals machtest? Nämlich bis hierher, meine Herren und Damen,
-hat er ganz nach reiner historischer Wahrheit erzählt. Er glaubte
-mich vielleicht weit weg, und ich stand keine zehn Schritte von der
-erbaulichen Samariterszene unter dem Portal des Palais und sah ihm
-zu; ob der Dialog wirklich so vor sich gegangen, weiß ich nicht, denn
-der schändliche Wind verwehte die Worte, aber ich sah, wie die Dame
-ihr Lämpchen auslöschte, und mit ihm zurück über die Brücke ging.
-Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei seinem galanten Abenteuer zu
-folgen, aber am Ende, ich wollte wetten, sah er weder eine kranke Mama
-noch dergleichen, sondern die Dame vom Pont des Arts hatte das alte
-Sirenenlied nur auf andere Weise gesungen.«
-
-Er belachte seinen eigenen Witz, und die Männer stimmten ein in das
-rohe Gelächter, die Damen aber sahen vor sich nieder, und Josephe
-schien mit den Worten ihres Gatten so unzufrieden als mit der
-sonderbaren Erzählung ihres Freundes, denn bleich wie der Tod hielt
-sie ihre Tasse in den Händen, daß sie klirrte, und sandte dem jungen
-Mann nur _einen_ Blick zu, für den er in diesem Augenblick keine andere
-als eine tief beschämende Deutung wußte. »Ich glaube zwar,« sprach
-er, mit starker Stimme das Gelächter der Männer unterbrechend, »mein
-Pfand gelöst zu haben, aber mein eigener Vorteil will, daß ich eine
-Deutung dieses Vorfalls nicht zulasse, die mein Freund ihm unterzulegen
-scheint; Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre, und bei meinem
-Leben,« setzte er hinzu, indem er errötete und sein Auge höher
-leuchtete, »ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen.
-
-Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen war. Während
-ich schweigend mehr hinter als neben ihr ging, hatte ich Zeit, sie
-zu betrachten. Ihre Gestalt, so weit sie der Mantel sehen ließ, ihre
-ganze Haltung, besonders aber ihre Stimme war sehr jugendlich. Ihr Gang
-schnell, aber leicht und schwebend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als
-ich ihn zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog sie nach der Rue
-Mazarin ein. ›Ist Ihre Mutter schon lange krank?‹ fragte ich, indem ich
-wieder an ihre Seite trat und versuchte, durch den Schleier etwas von
-ihren Zügen zu erspähen. ›Seit zwei Jahren,‹ antwortete sie seufzend,
-›aber seit acht Tagen ist sie recht elend geworden.‹ -- ›Waren Sie
-schon öfter an jenem Ort?‹ -- ›Wo?‹ fragte sie. -- ›Auf der Brücke.‹ --
-›Diesen Abend zum erstenmal,‹ erwiderte sie. -- ›Dann haben Sie sich
-keinen guten Platz gesucht, andere Passagen sind frequenter.‹ Doch
-schon, indem ich dies sagte, bereute ich, es gesagt zu haben, denn es
-mußte sie ja verletzen. Mit unterdrücktem Weinen flüsterte sie: ›Ach,
-ich bin ja hier so unbekannt und -- ich schämte mich, so ins Gedränge
-zu gehen.‹
-
-Wie grenzenlos mußte das Elend sein, das dieses Geschöpf zwang, zu
-betteln. Zwar wollten auch mir, ich gestehe es, einigemal solche
-Gedanken kommen, wie sie Faldner hatte, aber immer verschwanden sie
-wieder, weil sie widersinnig, unnatürlich waren; wenn sie zu jener
-verworfenen Klasse von Mädchen gehörte, warum sollte sie sich verhüllt
-an einen einsamen Ort stellen? Warum geflissentlich eine Gestalt
-verbergen, die, soviel die Umrisse flüchtig zeigten, gewiß zu den
-schöneren zu zählen war? Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene
-zarte Verschämtheit vor unverschuldeter Armut da, die das Unglück so
-unbeschreiblich rührend macht.
-
-›Hat Ihre Mutter einen Arzt?‹ fragte ich wieder nach einiger Weile.
-›Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei mehr kaufen konnten, wollte
-er sie ins Spital des Incurables bringen lassen, und -- das konnte ich
-nicht ertragen. Ach Gott, meine arme Mutter ins Spital!‹ Wieviel tiefer
-Schmerz lag in den letzten Worten dieses Mädchens!
-
-Sie weinte, sie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans Auge, und
-Laterne und Teller, die sie in der andern Hand trug, verhinderten
-sie, den Mantel zusammenzuhalten; der Wind wehte ihn weit auseinander
-und ich sah, daß ich mich nicht betrogen hatte; sie war von feiner
-schlanker Taille, sie trug ein einfaches, soviel mein flüchtiger Blick
-bemerkte, sehr reinliches Kleid. Sie haschte nach dem Mantel, und indem
-ich ihr behilflich war, ihn wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche,
-zarte Hand.
-
-Wir waren schon durch die Straßen Mazarin, St. Germain, Ecole de
-Médecine und von dort durch einige kleine Seitenstraßen gegangen, als
-sie auf einmal stehen blieb und klagte, sie habe den Weg verfehlt.
-Ich fragte sie, in welcher Gegend sie wohne, und sie gab St. Severin
-an. Ich war in Verlegenheit, denn diese Straße wußte ich selbst nicht
-zu finden. Machte es Angst oder Kälte, ich sah sie heftiger zittern.
-Ich sah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo
-Branntwein verkauft wurde, ich bat sie, zu warten, stieg hinab und
-erkundigte mich. Man wies mich zurecht, und ich glaubte mich hinfinden
-zu können. Als ich heraufkam, hörte ich in der Nähe laut reden; ich
-sah beim schwachen Schein einer Laterne, wie sich das Mädchen heftig
-gegen zwei Männer wehrte, von denen der eine ihre Hand, der andere den
-Mantel gefaßt hatte; sie lachten, sie sprachen ihr zu; ich ahnete, was
-vorging, sprang herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt
-hatte; sprachlos, weinend klammerte sie sich fest an meinen Arm.
-
-›Meine Herren,‹ sagte ich, ›ihr sehet, ihr seid hier im Irrtum, ihr
-werdet im Augenblick den Mantel von Mademoiselle loslassen!‹
-
-›Ach, Verzeihung, mein Herr!‹ erwiderte der, welcher ihren Mantel
-gefaßt hatte. ›Ich sehe, Sie haben ältere Rechte auf Mademoiselle!‹ Und
-lachend zogen sie weiter.
-
-Wir gingen weiter, das arme Kind zitterte heftig, sie hielt noch immer
-meinen Arm fest, sie war nahe daran, niederzusinken.
-
-›Nur Mut!‹ sagte ich zu ihr, ›St. Severin ist nicht mehr ferne, Sie
-werden bald zu Hause sein.‹ Sie antwortete nicht, sie weinte noch
-immer. Als wir in der Straße waren, die nach der Beschreibung St.
-Severin sein mußte, blieb sie wieder stehen. ›Nein, Sie dürfen nicht
-weiter mit mir gehen, mein Herr!‹ sagte sie. ›Es darf nicht sein.‹ --
-›Aber warum denn nicht, da Sie mich so weit mitgenommen haben; ich
-bitte, trauen Sie mir keine schlechten Absichten zu!‹ Ich hatte bei
-diesen Worten, ohne es zu wissen, ihre Hand ergriffen und vielleicht
-gedrückt; sie entzog sie mir hastig und sagte: ›Vergeben Sie, daß ich
-die Unschicklichkeit beging, Sie so weit mitzuführen; bitte, verlassen
-Sie mich jetzt!‹ Ich fühlte, daß der Auftritt vorhin sie tief verletzt
-hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich selbst Mißtrauen einflößte, und
-eben dies rührte mich unbeschreiblich; ich nahm das Silber, das mir
-Faldner gegeben, und wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie
-wenig diese kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und
-ich gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug.
-
-Ihre Hand zuckte, als sie es nahm; sie schien es für Silber zu halten,
-dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme und wollte gehen.
-
-›Noch ein Wort,‹ sagte ich und hielt sie auf; ›ich hoffe, Ihre Mutter
-wird gesund werden, aber es könnte ihr doch noch an etwas gebrechen,
-und Sie, mein Kind, sind nicht für solche Abendgänge, wie der heutige,
-gemacht. Wollen Sie nicht heute über acht Tage um dieselbe Zeit vor
-der Ecole de Médecine sein, daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen
-kann?‹ Sie schien unschlüssig, endlich sagte sie: ›Ja.‹ -- ›Und setzen
-Sie doch den Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie
-erkenne,‹ fügte ich hinzu; sie bejahte es, dankte noch einmal, ging
-eilend die Straße hin und war schnell in der Nacht verschwunden.
-
-
-23.
-
-Als ich am Morgen nach dieser Begebenheit erwachte, schien es mir,
-als hätte mir von diesem allen nur geträumt. Aber Faldner, der bald
-herbeikam und mich nach seiner zarten Manier zu schrauben anfing,
-riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache schien mir, so recht deutlich
-am Morgenlicht betrachtet, doch allzu fabelhaft, als daß ich sie dem
-ungläubigen Freund hätte erzählen mögen. Man ist in neuerer Zeit zu
-jenem Grad der Sittenverfeinerung gekommen, die schon ins Gebiet der
-Unsittlichkeit hinüberstreift; man will in manchen Fällen lieber
-wild, etwas liederlich und schlecht erscheinen, man gibt lieber eine
-Zweideutigkeit zu, nur um nicht als ein Tor, als ein Sonderling, als
-ein Mensch von schwachem Verstand und beschränkten Lebensansichten zu
-gelten.
-
-Im Innern kränkte mich aber noch mehr als Faldners Schraubereien eine
-Unruhe, ein Etwas, was ich nicht zu deuten wußte. Ich machte mir
-Vorwürfe, daß ich nicht einmal ihr Gesicht gesehen hatte. ›Wozu,‹
-sagte ich mir, ›wozu diese übertriebene Diskretion? Wenn ich ein
-paar Napoleons hingebe, so kann ich doch um die Gunst bitten, den
-Schleier etwas zu lüften?‹ Und doch, wenn ich mir das ganze Betragen
-des Mädchens, das, so einfach es war, doch von Gemeinheit auch nicht
-im geringsten etwas an sich hatte, zurückrief, wenn ich bedachte, wie
-mich ihre edle Haltung, der gebildete Ton ihrer Antworten anzog, so
-mußte ich mich, halb zu meinem Aerger, rechtfertigen. Es liegt etwas in
-der menschlichen Stimme, das uns, ehe wir Züge und Auge, ehe wir den
-Stand der Sprechenden kennen, den Ton angibt, in welchem wir mit ihm
-sprechen müssen. Wie unendlich, nicht sowohl in der Form als im Klang
-der Sprache, unterscheidet sich der Gebildete vom Ungebildeten, und des
-Mädchens Töne waren so weich und zart, ihre kurzen Antworten oft so aus
-der tiefsten Seele gesprochen. Den ganzen Tag konnte ich diese Gedanken
-nicht los werden, sogar abends, in eine glänzende Gesellschaft von
-Damen begleitete mich das arme Mädchen mit dem schwarzen Hütchen, dem
-grünen Schleier und dem unscheinbaren Mantel.
-
-In den nächsten Tagen ärgerte ich mich über meine Torheit, welche
-schuld war, daß ich das Mädchen erst nach acht Tagen wiedersehen
-konnte: ich zählte die Stunden ab bis zu dem nächsten Freitag, und es
-war, als hätte jene Hauptstadt der Welt, wie sie ihre Bewohner nennen,
-nichts Reizendes mehr in sich als die Bettlerin vom Pont des Arts.
-Endlich, endlich erschien der Freitag. Ich brauchte alle mögliche List,
-um mich auf diesen Abend von Faldner und den übrigen Freunden los zu
-machen, und trat, als es dunkel wurde, meinen Weg an. Ich hatte über
-eine Stunde zu gehen, und Zeit genug, über meinen Gang nachzudenken.
-›Heute‹, sagte ich zu mir, ›heute, wirst du ins reine kommen, was du
-von dieser Person zu denken hast; du wirst ihr anbieten, mit ihr zu
-gehen, nimmt sie es an, so hast du dich schon das erste Mal betrogen.
-Auch das Gesicht muß sie heute zeigen.‹
-
-Ich war so eilends gegangen, daß es noch nicht einmal zehn Uhr war,
-als ich auf der Place de l'Ecole de Médecine anlangte, und -- auf
-elf Uhr hatte ich sie ja erst bestimmt. Ich trat noch in ein Café,
-durchblätterte gedankenlos eine Schar von Zeitungen --; endlich schlug
-es elf Uhr.
-
-Auf dem Platz waren wenige Menschen, und so weit ich mein Auge
-anstrengte, kein grüner Schleier zu sehen. Ich hielt mich immer auf
-der Seite der Arzneischule, weil dort mehrere Laternen brannten.
-Die Momente solchen Erwartens sind peinlich. ›Wenn sie an deinem
-Golde genug hätte und gar nicht käme? Wenn sie deine Gutherzigkeit
-verlachte?‹ dachte ich, als ich den Platz wohl schon zehnmal auf und
-ab gegangen war. Es schlug halb zwölf, schon fing ich an, über meine
-eigene Torheit zu murren, da wehte im Schein einer Laterne etwa dreißig
-Schritte von mir etwas Grünes; mein Herz pochte ungestümer, ich eilte
-hin -- sie war es. ›Guten Abend,‹ sagte ich, indem ich ihr die Hand
-bot, ›schön, daß Sie doch Wort halten; schon glaubte ich, Sie würden
-nicht mehr kommen.‹ Sie verbeugte sich, ohne meine Hand zu fassen, und
-ging an meiner Seite hin; sie schien sehr gerührt: ›Mein Herr, mein
-edler Landsmann,‹ sprach sie mit bewegter Stimme, ›ich muß ja Wort
-halten, um Ihnen zu danken. Ich komme heute gewiß nicht, um Ihre Güte
-aufs neue in Anspruch zu nehmen. Ach, wie reich, wie freigebig haben
-Sie uns beschenkt! Kann Sie der innige Dank einer Tochter, können die
-Gebete und Segenswünsche meiner kranken Mutter Sie entschädigen?‹
-
-›Sprechen wir nicht davon,‹ erwiderte ich. ›Wie geht es Ihrer Mutter?‹
--- ›Ich glaube wieder Hoffnung schöpfen zu dürfen,‹ antwortete sie,
-›der Arzt spricht zwar nichts Bestimmtes aus, aber sie selbst fühlt
-sich kräftiger. O, wie danke ich Ihnen! Von Ihrem Geschenk konnte ich
-ihr wieder kräftige Speisen bereiten, und glauben Sie mir, der Gedanke,
-daß es noch so gute Menschen gibt, hat sie beinahe ebensosehr gestärkt.‹
-
-›Was sagte Ihre Mutter, als Sie zu Hause kamen?‹ -- ›Sie war sehr in
-Sorgen um mich, weil es schon so spät war,‹ erwiderte sie, ›ach, sie
-hatte so ungern mir die Erlaubnis zu diesem Gang gegeben und malte sich
-jetzt irgend ein Unglück vor, das mir begegnet sei. Ich erzählte ihr
-alles, aber als ich mein Tuch öffnete, und die Gaben, die ich gesammelt
-hatte, hervorzog und Gold dabei war, Gold unter den Kupfer- und
-Silberstücken, da erstaunte sie, und --‹ Sie stockte und schien nicht
-weiter reden zu können; ich dachte mir, die Mutter habe sie arger Dinge
-beschuldigt, und forschte weiter, aber mit rührender Offenheit gestand
-sie: die Mutter habe gesagt, der großmütige Landsmann müsse entweder
-ein Engel oder ein Prinz gewesen sein.
-
-›Weder das eine noch das andere,‹ sagte ich ihr. ›Aber wie weit haben
-Sie ausgereicht? Haben Sie noch Geld?‹
-
-›O wir haben noch,‹ erwiderte sie mutig, wie es scheinen sollte, aber
-mir entging nicht, daß sie vielleicht unwillkürlich dabei seufzte.
-
-›Und was haben Sie noch?‹ sagte ich etwas bestimmter und dringender.
-
-›Wir haben eine Rechnung in der Apotheke davon bezahlt und einen Monat
-am Hauszins, und der Mutter habe ich davon gekocht, es ist aber immer
-noch übrig geblieben.‹
-
-›Wie ärmlich mußten Sie wohnen, wenn Sie von diesem Gelde eine
-Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen und acht Tage lang
-kochen konnten? Ich will aber genau wissen,‹ fuhr ich fort, ›was und
-wieviel Sie noch haben.‹
-
-›Mein Herr!‹ sagte sie, indem sie beleidigt einen Schritt zurücktrat.
-
-›Mein gutes Kind, das verstehen Sie nicht,‹ erwiderte ich, indem ich
-ihr näher trat; ›oder Sie wollen es sich aus übertriebenem Zartgefühl
-nicht gestehen; ich frage Sie ernstlich: wenn Sie mit den paar Franken
-zu Rande sind, haben Sie Hilfe zu erwarten?‹
-
-›Nein!‹ sagte sie schüchtern und weich; ›keine!‹
-
-›Denken Sie an Ihre Mutter und verschmähen Sie meine Hilfe nicht!‹ Ich
-hatte ihr bei diesen Worten meine Hand geboten; sie ergriff sie hastig,
-drückte sie an ihr Herz und pries meine Güte.
-
-›Nun wohlan, so kommen Sie,‹ fuhr ich fort, indem ich ihren Arm in
-den meinigen legte; ›ich kam leider nicht gerade von Hause, als ich
-mich hierher begab, und hatte mich nicht versehen; Sie werden daher
-die Güte haben, mich einige Straßen zu begleiten bis in meine Wohnung,
-daß ich Ihnen für die Mutter etwas mitgebe.‹ Sie ließ sich schweigend
-weiterführen, und so angenehm mir der Gedanke war, sie noch ferner
-unterstützen zu können, so war doch mein Gefühl beinahe beleidigt, als
-sie so ganz ohne Sträuben mitging; nachts in die Wohnung eines Mannes;
-aber wie ganz anders kam es, als ich dachte. Wir mochten wohl etwa
-zwei- oder dreihundert Schritte fortgegangen sein, da stand sie stille
-und entzog mir ihren Arm. ›Nein, es kann, es darf nicht sein,‹ rief
-sie, in Tränen ausbrechend. ›Was betrübt Sie auf einmal?‹ fragte ich
-verwundert, ›was darf nicht sein?‹
-
-›Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.‹
-
-›Aber mein Gott,‹ erwiderte ich, indem ich mich etwas aufgebracht
-stellte. ›Sie haben doch wahrhaftig sehr wenig Vertrauen zu mir; wenn
-nicht Ihre Mutter wäre, gewiß ich ginge jetzt von Ihnen, denn Sie
-kränken mich.‹
-
-Sie nahm meine Hand, sie drückte sie bewegt. ›Habe ich Sie denn
-beleidigt?‹ rief sie. ›O, Gott weiß, das wollte ich nicht; verzeihen
-Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie sind so großmütig, und ich
-sollte Sie beleidigen?‹
-
-›Nun denn, so komm,‹ sagte ich, indem ich sie weiterzog, ›es ist keine
-Zeit zu verlieren, es ist spät, und der Weg ist weit.‹ Aber sie blieb
-stehen, weinte und flüsterte: ›Nein, um keinen Preis gehe ich weiter.‹
-
-›Aber vor wem fürchten Sie sich denn? Es kennt Sie ja kein Mensch, es
-sieht Sie ja keine Seele; Sie können getrost mit mir kommen.‹
-
-›Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich! Nein, nein, es darf
-nicht sein, dringen Sie nicht weiter in mich!‹ Sie zitterte; ich fühlte
-wohl, wenn ich ihr die Not der Mutter noch einmal recht dringend
-vorstellte, so ging sie mit, aber die Angst des Mädchens rührte mich
-tief.
-
-›Gut, so bleiben Sie hier,‹ sprach ich. ›Aber sagen Sie mir, können Sie
-vielleicht arbeiten?‹
-
-›O ja, mein Herr,‹ erwiderte sie, ihre Tränen trocknend.
-
-›Könnten Sie vielleicht meine feinere Wäsche besorgen?‹
-
-›Nein,‹ antwortete sie sehr bestimmt. ›Dazu sind wir nicht
-eingerichtet.‹
-
-›Hier ist ein weißes Tuch,‹ fuhr ich fort. ›Können Sie mir vielleicht
-ein halb Dutzend besorgen und fertig machen?‹
-
-Sie besah das Tuch und sagte: ›Mit Vergnügen, und recht fein will ich
-es nähen!‹ Zu meiner eigenen Beschämung mußte ich jetzt dennoch Geld
-hervorziehen, obgleich ich es vorhin verleugnet hatte.
-
-›Kaufen Sie sechs solcher Tücher,‹ fuhr ich fort, ›und können Sie wohl
-drei davon bis Sonntagabend fertig machen?‹ Sie versprach es; ich gab
-ihr noch etwas für die Mutter, und sagte ihr, daß ich heute darauf
-nicht eingerichtet sei, aber Sonntag mehr tun könne. Sie dankte innig;
-es schien sie zu freuen, daß ich ihr Arbeit gegeben, denn noch einmal
-plauderte sie davon, wie schön sie die Tücher machen wolle, ja wenn
-ich nicht irre, so fragte sie mich sogar, ob sie nicht einen englischen
-Saum einnähen dürfe? Ich sagte ihr alles zu, aber als sie nun Abschied
-nehmen wollte, hielt ich sie noch fest. ›Eines müssen Sie mir übrigens
-noch zu Gefallen tun,‹ sprach ich, ›Sie können es gewiß und leicht.‹
-
-›Und was?‹ fragte sie. ›Wie gern will ich alles für Sie tun.‹
-
-›Lassen Sie mich diesen neidischen Schleier aufheben und Ihr Gesicht
-sehen, daß ich doch _eine_ Erinnerung an diesen Abend habe.‹
-
-Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier fester.
-
-›Bitte, lassen Sie das,‹ erwiderte sie und schien ein wenig mit
-sich selbst zu kämpfen; ›Sie haben ja die schöne Erinnerung an Ihre
-Wohltaten; die Mutter hat mir streng verboten, den Schleier zu lüften,
-und ich versichere Ihnen,‹ setzte sie hinzu, ›ich bin häßlich wie die
-Nacht, Sie würden nur erschrecken!‹
-
-Aber dieser Widerstand reizte mich nur noch mehr; ein wirklich
-häßliches Mädchen, dachte ich, spricht nicht so von ihrer Häßlichkeit,
-ich wollte den Schleier fassen, aber wie ein Aal war sie entwischt:
-›~Dimanche à revoir!~‹ rief sie und eilte davon. Erstaunt blickte ich
-ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb sie stehen, winkte mir
-mit meinem weißen Tuch und rief mit ihrer silberhellen Stimme: ›Gute
-Nacht!‹
-
-
-24.
-
-In den nächsten Tagen beschäftigte mich der Gedanke, welchem Stande
-das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter ich mir ihre gebildete
-Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief, desto höher steigerte ich sie in
-meinen Gedanken. Darüber wenigstens mußte sie mir Gewißheit geben, nahm
-ich mir vor, und beschloß, mich nicht wieder so abspeisen zu lassen wie
-mit dem Schleier. Der Sonntag kam; du wirst dich noch jenes Nachmittags
-erinnern, Faldner, wo wir mit den Freunden in Montmorency im Garten des
-großen Dichters saßen. Ihr wolltet spät in der Nacht zu Hause fahren,
-und ich trieb immer zu einer frühen Rückfahrt, und als ihr dennoch
-bliebet, da machte ich mich trotz eures Scheltens davon. Freilich
-glaubtest du damals nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft
-nicht vertragen, aber daß ich zu einem Rendezvous mit der Bettlerin vom
-Pont des Arts eile, konntest du auch nicht denken? Sie war diesmal die
-erste auf dem Platz, und weil sie mir die Tücher zu bringen hatte, war
-sie schon bange geworden, ich könnte sie verfehlt haben und glauben,
-sie werde nicht Wort halten. Mit beinahe kindischer Freude und, wie es
-mir schien, noch größerem Zutrauen als früher plauderte sie, indem sie
-mir beim Schein einer Straßenlaterne die Tücher zeigte.
-
-Sie schien es gern zu hören, daß ich ihre feine Arbeit lobte. ›Sehen
-Sie, auch Ihren Namen habe ich herein gezeichnet,‹ sagte sie, indem sie
-das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies. Dann wollte sie mir eine
-Menge Silbergeld als Ueberschuß zurückgeben, und nur meine bestimmte
-Erklärung, daß sie mich dadurch beleidige, konnte sie bewegen, es als
-Arbeitslohn anzunehmen.
-
-Ich bestellte aufs neue wieder Arbeit, weil ich sah, daß dem zarten
-Sinn des Mädchens ein solcher Weg meiner Gaben mehr zusagte, und
-diesmal waren es Jabots und Manschetten, die ich bestellte. Ihre Mutter
-war nicht kränker geworden, konnte aber das Bett noch nicht verlassen;
-doch schon dieser Mittelzustand erschien ihr tröstlich. Als die Mutter
-abgehandelt war, wagte ich es, sie geradehin zu fragen, wie denn
-eigentlich ihre Verhältnisse seien.
-
-Die Geschichte, die sie mir in wenigen Worten preisgab, ist
-in Frankreich so alltäglich, daß sie beinahe jedem Armen zum
-Aushängeschild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in der großen Armee
-gewesen, war nach der ersten Restauration der Bourbons auf halben Sold
-gesetzt worden, hatte nachher während der hundert Tage wieder Partei
-ergriffen und war bei Mont St. Jean mit den Garden gefallen; seine
-Witwe verlor die Pension und lebte von da an ärmlich und elend. In den
-zwei letzten Jahren fristeten sie ihr Leben meist vom Verkauf ihrer
-geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußersten Grad des Elends
-gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt, als aus der Welt zu gehen.
-
-Ich fragte das Mädchen, ob sie nicht ihr Verhältnis hätte bessern
-können, wenn sie etwa ihre Mutter auf andere Weise zu unterstützen
-gesucht hätte.
-
-›Sie meinen, wenn ich einen Dienst genommen hätte?‹ erwiderte sie
-ohne alle Empfindlichkeit. ›Sehen Sie, das war nicht möglich. Vor
-der Krankheit der Mutter war ich viel zu jung, kaum vierzehn Jahre
-vorüber, und dann wurde sie auf einmal so elend, daß sie das Bett
-nicht verlassen konnte; da brauchte sie also immer jemand um sich, und
-konnte ich denn ihre Pflege einer Fremden überlassen? Ja, wenn sie
-gesund geblieben wäre, da hätte ich mit Freuden alle unsere früheren
-Verhältnisse verleugnet, wäre etwa in einen Putzladen gegangen oder als
-Gouvernante in ein anständiges Haus, denn ich habe manches gelernt,
-mein Herr! Aber so ging es ja nicht!‹
-
-Auch diesmal bat ich vergeblich, den Schleier zu lüften. Die
-Andeutungen, die sie über ihr Alter gegeben, reizten mich, ich gestehe
-es, nur noch mehr, das Gesicht dieses Mädchens zu sehen, die wenig
-über sechzehn Jahre haben konnte; aber sie bat mich so dringend, davon
-abzulassen, ihre Mutter habe ihr so triftige Gründe angegeben, daß es
-nimmer geschehen könne.
-
-Wir trafen uns von da an alle drei Tage. Ich hatte immer einige kleine
-Arbeiten für sie, und pünktlich war sie damit fertig. Je fester ich in
-dem Betragen blieb, das ich einmal gegen sie angenommen, je strenger
-ich mich immer in den Grenzen des Anstandes hielt, desto zutraulicher
-und offener wurde das gute Mädchen. Sie gestand mir sogar, daß sie zu
-Hause die drei Tage über immer an den nächsten Abend denke. Und ging
-es mir denn anders? Tag und Nacht beschäftigte ich mich mit diesem
-sonderbaren Wesen, das mir durch seinen gebildeten Geist, durch sein
-liebenswürdiges Zartgefühl, durch sein eigentümliches Verhältnis zu mir
-immer interessanter wurde.
-
-Der Frühling war indessen völlig heraufgekommen, und die Zeit war
-da, die ich mit Faldner schon längst zu einer Reise nach England
-festgesetzt hatte. Mancher hält es vielleicht für töricht, was
-ich ausspreche, aber wahr ist es, daß ich an diese Reise nur mit
-Widerwillen dachte; Paris an sich hatte nichts Interessantes mehr für
-mich; aber jenes Mädchen hatte alle meine Sinne so gefangen genommen,
-daß ich einer längeren Trennung nur mit Wehmut entgegensah. Ausweichen
-konnte ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, denn es war sonst
-kein bündiger Grund vorhanden, die Reise aufzuschieben; ich schämte
-mich sogar vor mir selbst und stellte mir die ganze Torheit meines
-Treibens vor; ich beschloß die Abreise, aber gewiß hat sich wohl keiner
-je so wenig auf England gefreut als ich.
-
-
-25.
-
-Acht Tage zuvor sagte ich es dem Mädchen; sie erschrak, sie weinte.
-Ich bat sie, ihre Mutter zu fragen, ob ich sie nicht besuchen dürfe,
-sie sagte es zu. Das nächste Mal aber brachte sie mir sehr betrübt die
-Antwort, daß mich ihre Mutter bitten lasse, diesen Besuch aufzugeben,
-der für ihren Gemütszustand allzu angreifend sein würde. Ich hatte
-jenen Besuch eigentlich nur darum nachgesucht, um mein Mädchen bei
-Tag und ohne Schleier zu sehen; ich verlangte dies also aufs neue
-wieder; aber sie bat mich, am Abend vor meiner Abreise noch einmal zu
-kommen, sie wolle ihre Mutter so lange bestürmen, bis sie die Erlaubnis
-erhalte, den Schleier aufzuheben. Unvergeßlich wird mir immer dieser
-Abend sein. Sie kam, und meine erste Frage war, ob die Mutter es
-erlaubt habe; sie sagte ja und hob von selbst den Schleier auf. Der
-Mond schien helle, und zitternd, begierig blickte ich unter den Hut.
-Aber die Erlaubnis schien nur teilweise gegeben zu sein, denn meine
-Schöne trug sogenannte Venezianeraugen, die den oberen Teil ihres
-Gesichtes verhüllten. Doch wie schön, wie reizend waren die Partien,
-welche frei waren! Eine feine, zierliche Nase, schöngeformte, blühende
-Wangen, ein kleiner, lieblicher Mund, ein Kinn wie aus Wachs geformt,
-und ein schlanker, blendend weißer Hals. Ueber die Augen konnte ich
-nicht recht ins reine kommen, aber sie schienen mir dunkel und feurig.
-
-Sie errötete, als ich sie lange, entzückt betrachtete. ›Werden Sie
-mir nicht böse,‹ flüsterte sie, ›daß ich diese Halbmaske vornahm; die
-Mutter wollte es von Anfang ganz abschlagen, nachher gestattete sie es
-nur unter dieser Bedingung; ich war selbst recht ärgerlich darüber,
-aber sie sagte mir einige Gründe, die mir einleuchteten.‹
-
-›Und was sind das für Gründe?‹ fragte ich.
-
-›Ach mein Herr,‹ erwiderte sie wehmütig. ›Sie werden ewig in unserem
-Herzen leben, aber Sie selbst sollen uns ganz vergessen; Sie sollen
-mich nie, nie wiedersehen, oder wenn Sie mich auch sehen, nicht
-erkennen.‹
-
-›Und meinen Sie denn, ich werde Ihre schönen Züge nicht wiedererkennen,
-wenn ich auch Ihre Augen, Ihre Stirne nicht sehen darf?‹
-
-›Die Mutter meint,‹ antwortete sie, ›das sei nicht wohl möglich; denn
-wenn man ein Gesicht nur zur Hälfte gesehen, sei das Wiedererkennen
-schwer.‹
-
-›Und warum soll ich dich denn nicht wiedersehen, nicht wiedererkennen?‹
-
-Sie weinte bei dieser Frage, sie drückte meine Hand und sagte: ›Es darf
-ja nicht sein! Was kann Ihnen denn daran liegen, ein unglückliches
-Mädchen wiederzuerkennen; und -- nein, die Mutter hat recht; es ist
-besser so.‹
-
-Ich sagte ihr, daß meine Reise nicht lange dauern werde; daß ich
-vielleicht schon nach zwei Monaten wieder in Paris sein könne, daß ich
-sie wiederzusehen hoffe. Sie weinte heftiger und verneinte es. Ich
-drang in sie, mir zu sagen, warum sie glaube, ich werde sie nicht mehr
-sehen.
-
-›Mir ahnt,‹ erwiderte sie, ›ich sehe Sie heute zum letztenmal; ich
-glaube, meine Mutter wird nicht lange mehr leben, der Arzt sagte es
-mir gestern, und dann ist ja alles vorbei! Und wenn sie auch länger
-lebt, in London werden Sie ein so armes Geschöpf, wie ich bin, lange
-vergessen.‹
-
-Ihr Schmerz machte mich unendlich weich; ich sprach ihr Mut ein; ich
-gelobte ihr, sie gewiß nicht zu vergessen; ich nahm ihr das Versprechen
-ab, immer den Ersten und Fünfzehnten eines jeden Monats auf diesen
-Platz zu kommen, damit ich sie wiederfinden könnte, sie sagte es unter
-Tränen lächelnd zu, als ob sie wenig Hoffnung hätte. ›Nun so lebe wohl
-auf Wiedersehen,‹ sagte ich, indem ich sie in meine Arme schloß und
-einen kleinen einfachen Ring an ihre Hand steckte, ›lebe wohl und denke
-an mich und vergiß nicht den Ersten und Fünfzehnten!‹
-
-›Wie könnte ich Sie vergessen!‹ rief sie, indem sie weinend zu mir
-aufblickte. ›Aber ich werde Sie nimmer wiedersehen; Sie nehmen Abschied
-auf immer.‹
-
-Ich konnte mich nicht enthalten, ihren schönen Mund zu küssen; sie
-errötete, ließ es aber geduldig geschehen; ich steckte ihr einen
-Tresorschein in die kleine Hand, sie sah mich noch einmal recht
-aufmerksam an und drückte sich heftiger an mich. ›Auf Wiedersehen!‹
-sprach ich, indem sie sich sanft aus meinen Armen wand. Der letzte
-Moment des Abschieds schien ihr Mut zu geben: sie zog mich noch einmal
-an ihr Herz, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen. ›Auf immer!
-Lebe wohl auf immer!‹ rief sie schmerzlich, riß sich los und eilte über
-den Platz hin.
-
-Ich habe sie nicht wiedergesehen! Nach einem Aufenthalt von drei
-Monaten kehrte ich von London nach Paris zurück; ich ging am
-Fünfzehnten auf die Place de l'Ecole de Médecine, ich wartete über eine
-Stunde, mein Mädchen erschien nicht. Noch oft am Ersten und Fünfzehnten
-wiederholte ich diese Gänge; wie oft ging ich durch die Straße St.
-Severin, blickte an den Häusern hinauf, fragte wohl auch nach einer
-armen deutschen Frau und ihrer Tochter, aber ich habe nie wieder etwas
-von ihnen erfahren, und das reizende Wesen hatte recht, als sie mir
-beim Abschied zurief: _Auf immer!_«
-
-
-26.
-
-Der junge Mann hatte seine Erzählung mit einem Feuer vorgetragen, das
-ihr große Wahrheit verlieh und wenigstens auf den weiblichen Teil
-der Gesellschaft tiefen Eindruck zu machen schien. Josephe weinte
-heftig, und auch die andern Fräulein und Frauen wischten sich hin und
-wieder die Augen. Die Männer waren ernster geworden und schienen mit
-großem Interesse zuzuhören, nur der Baron lächelte hin und wieder und
-flüsterte ihm seine Bemerkungen zu. Jetzt, als Fröben geschlossen
-hatte, brach er in lautes Gelächter aus: »Das heiße ich mir sich gut
-aus der Affaire ziehen!« rief er. »Ich habe es ja immer gesagt, mein
-Freund ist ein Schlaukopf. Seht nur, wie er die Damen zu rühren wußte,
-der Schelm! Wahrhaftig, meine Frau heult, als habe ihr der Pfarrer die
-Absolution versagt. Das ist köstlich, auf Ehre! Dichtung und Wahrheit!
-Ja, das hast du deinem Goethe abgelauscht, Dichtung und Wahrheit, es
-ist ein herrlicher Spaß.«
-
-Fröben fühlte sich durch diese Worte aufs neue verletzt. »Ich sagte
-dir schon,« sagte er unmutig, »daß ich die Dichtung oder Erdichtung
-gänzlich beiseite ließ und nur die Wahrheit sagte; ich hoffe, du wirst
-es als solche ansehen.«
-
-»Gott soll mich bewahren!« lachte der Baron. »Wahrheit, das Mädchen
-hast du dir unterhalten, Bester, das ist die ganze Geschichte, und aus
-den Abendbesuchen bei ihr hast du uns einen kleinen Roman gemacht. Aber
-gut erzählt, gut erzählt, das lasse ich gelten.«
-
-Der junge Mann errötete vor Zorn; er sah, wie Josephe ihren Gatten
-starr und ängstlich ansah; er glaubte zu sehen, daß auch sie vielleicht
-seinen Argwohn teile und schlecht von ihm denke; die Achtung dieser
-Frau wenigstens wollte er sich durch diese gemeinen Scherze nicht
-nehmen lassen. »Ich bitte, schweigen wir davon,« rief er, »ich habe
-nie in meinem Leben Ursache gehabt, irgend etwas zu bemänteln oder zu
-entstellen, kann es aber auch nicht dulden, wenn mir andere dieses
-Geschäft abnehmen wollen. Ich sage dir zum letztenmal, Faldner, daß
-sich, auf mein Wort, alles so verhält, wie ich es erzählte.«
-
-»Nun dann sei es Gott geklagt,« erwiderte jener, indem er die Hände
-zusammenschlug. »Dann hast du aus lauter übertriebenem Edelsinn und
-theoretischer Zartheit ein paar hundert Franken an ein listiges
-Freudenmädchen weggeworfen, das dich durch ein gewöhnliches Histörchen
-von Elend und kranker Mutter köderte; hast nichts davon gehabt als
-einen armseligen Kuß! Armer Teufel! In Paris sich von einer Metze so
-zum Narren halten zu lassen.«
-
-Noch mehr als die vorige Beschuldigung reizte den jungen Mann dieses
-spöttische Mitleid und das Gelächter der Gesellschaft auf, die auf
-seine Kosten den schlechten Witz des Barons applaudierte. Er wollte
-eben, aufs tiefste gekränkt, die Gesellschaft verlassen, als ein
-sonderbarer, schrecklicher Anblick ihn zurückhielt. Josephe war, bleich
-wie eine Leiche, langsam aufgestanden; sie schien ihrem Gatten etwas
-erwidern zu wollen, aber in demselben Moment sank sie ohnmächtig, wie
-tot zusammen. Bestürzt sprang man auf, alles rannte durcheinander, die
-Frauen richteten die Ohnmächtige auf, die Männer fragten sich verwirrt,
-wie dies denn so plötzlich gekommen sei, Fröben hatte der Schrecken
-beinahe selbst ohnmächtig gemacht, und der Baron murmelte Flüche über
-die zarten Nerven der Weiber, schalt auf die grenzenlose Dezenz, auf
-die ängstliche Beobachtung des Anstandes, wovon man ohnmächtig werde,
-suchte bald die Gesellschaft zu beruhigen, bald rannte er wieder zu
-seiner Frau; alles sprach, riet, schrie zusammen und keiner hörte,
-keiner verstand den andern.
-
-Josephe kam nach einigen Minuten wieder zu sich; sie verlangte nach
-ihrem Zimmer, man brachte sie dahin, und die Mädchen und Frauen
-drängten sich neugierig und geschäftig nach; sie gaben hunderterlei
-Mittel an, die wider die Ohnmacht zu gebrauchen, sie erzählten, wie
-ihnen da und dort dasselbe begegnet, sie wurden darüber einig, daß die
-große Anstrengung der Frau von Faldner, die vielen Sorgen und Geschäfte
-an diesem Tage diesen Zufall notwendig haben herbeiführen müssen, und
-die Sorge, der Baron möchte sich vielleicht blamieren, da er ohnedies
-schon recht unanständig gewesen, habe die Sache noch beschleunigt.
-
-Der Baron suchte indessen unter den Männern die vorige Ordnung
-wiederherzustellen. Er ließ fleißig einschenken, trank diesem oder
-jenem tapfer zu, und suchte sich und seine Gäste mit allerlei
-Trostgründen zu beruhigen. »Es kommt von nichts,« rief er, »als von dem
-Unwesen der neuern Zeit; jede Frau von Stande hat heutzutage schwache
-Nerven, und wenn sie die nicht hat, so gilt sie nicht für vornehm;
-Ohnmächtigwerden gehört zum guten Ton; der Teufel hat diese verrückten
-Einrichtungen erfunden. Und auch daher kommt es, daß man nichts mehr
-beim rechten Namen nennen darf. Alles soll so überaus zart, dezent,
-fein, manierlich hergehen, daß man darüber aus der Haut fahren möchte.
-Da hat sie sich jetzt alteriert, daß ich einigen Scherz riskierte, was
-doch die Würze der Gesellschaft ist; daß ich über dergleichen zarte,
-feingefühlige Geschichten nicht außer mir kam vor Rührung und Schmerz
-und mir einige praktische Konjekturen erlaubte. Was da! Unter Freunden
-muß dergleichen erlaubt sein! Und ich hätte dich für gescheiter
-gehalten, Freund Fröben, als daß du nur dergleichen übelnehmen
-könntest.«
-
-Aber der, an den der Baron den letzteren Teil seiner Rede richtete, war
-längst nicht mehr unter den Gästen; Fröben war auf sein Zimmer gegangen
-im Unmut, im Groll auf sich und die Welt. Noch konnte er sich diesen
-sonderbaren Auftritt nicht ganz enträtseln, seine Seele, halb noch
-aufgeregt von dem Zorn über die Roheit des Freundes, halb ergriffen
-von dem Schrecken über den Unfall der Freundin, war noch zu voll, zu
-stürmisch bewegt, um ruhigeren Gedanken und der Ueberlegung Raum zu
-geben. »Wird auch _sie_ mir nicht glauben,« sprach er kummervoll zu
-sich, »wird auch sie den schnöden Worten ihres Gatten mehr Gewicht
-geben als der einfachen, ungeschmückten Wahrheit, die ich erzählte?
-Was bedeuteten jene seltsamen Blicke, womit sie mich während meiner
-Erzählung zuweilen ansah? Wie konnte sie diese Begebenheit so tief
-ergreifen, daß sie erbleichte, zitterte? Sollte es denn wirklich wahr
-sein, daß sie mir gut ist, daß sie innigen Anteil an mir nimmt, daß sie
-verletzt wurde von dem Hohne des Freundes, der mich so tief in ihren
-Augen herabsetzen mußte? Und was wollte sie denn, als sie aufstand,
-als sie sprechen wollte? Wollte sie den unschicklichen Reden Faldners
-Einhalt tun, oder wollte sie mich sogar verteidigen?«
-
-Er war unter diesen Worten heftig im Zimmer auf und ab gegangen, sein
-Blick fiel jetzt auf die Rolle, die jenes Bild enthielt, er rollte
-es auf, er sah es bitter lächelnd an. »Und wie konnte ich mich auch
-von einem Gefühl der Beschämung hinreißen lassen, mein Herz Menschen
-aufschließen, die es doch nicht verstehen, von Dingen zu reden,
-die solch überaus vornehmen Leuten so fremd sind; das Schlechte,
-das Gemeine ist ihnen ja lieber, scheint ihnen natürlicher als das
-Außerordentliche; wie konnte ich von deinen lieben Wangen, von deinen
-süßen Lippen zu diesen Puppen sprechen? O, du armes, armes Kind;
-wieviel edler bist du in deinem Elend als diese Fuchsjäger und ihr
-Gelichter, die wahren Jammer und verschämte Armut nur vom Hörensagen
-kennen und jede Tugend, die sich über das Gemeine erhebt, als Märchen
-verlachen! Wo du jetzt sein magst? Und ob du des Freundes noch gedenkst
-und jener Abende, die ihn so glücklich machten!«
-
-Seine Augen gingen über, als er das Bild betrachtete, als er bedachte,
-welch bitteres Unrecht die Menschen heute diesem armen Wesen angetan.
-Er wollte seine Tränen unterdrücken, aber sie strömten nur noch
-heftiger. Es gab eine Stelle in der Brust des jungen Mannes, wohin,
-wie in ein tiefes Grab, sich alle Wehmut, alle zurückgedrängten
-Tränen des Grames still und auf lange versammelten; aber Momente wie
-dieser, wo die Schmerzen der Erinnerung und seine Hoffnungslosigkeit
-so schwer über ihn kamen, sprengten die Decke dieses Grabes und ließen
-den langverhaltenen Kummer um so mächtiger überströmen, je mehr sein
-gebrochener Mut in Wehmut überging.
-
-
-27.
-
-Fröben überdachte am andern Morgen die Vorfälle des gestrigen Tages
-und war mit sich uneinig, ob er nicht lieber jetzt gleich ein Haus
-verlassen sollte, wo ihn ein längerer Aufenthalt vielleicht noch öfter
-solchen Unannehmlichkeiten aussetzte, als die Türe aufging und der
-Baron niedergeschlagen und beschämt hereintrat. »Du bist gestern abend
-nicht zu Tisch gekommen, du hast dich heute noch nicht sehen lassen,«
-hub er an, indem er näher kam, »du zürnst mir; aber sei vernünftig und
-vergib mir; siehe es ging mir wunderlich; ich hatte den Tag über zu
-viel Wein getrunken, war erhitzt, und du kennst meine schwache Seite,
-da kann ich das Necken nicht lassen. Ich bin gestraft genug, daß der
-schöne Tag so elend endete, und daß mein Haus jetzt vier Wochen lang
-das Gespräch der Umgegend sein wird. Verbittere mir nicht vollends das
-Leben und sei mir wieder freundlich wie zuvor!«
-
-»Lasse lieber die ganze Geschichte ruhen,« entgegnete Fröben finster,
-indem er ihm die Hand bot; »ich liebe es nicht, über dergleichen mich
-noch weiter auszusprechen; aber morgen will ich fort, weiter; hier
-bleibe ich nicht länger.«
-
-»Sei doch kein Narr!« rief Faldner, der dies nicht erwartet hatte und
-ernstlich erschrak. »Wegen einer solchen Szene gleich aufbrechen zu
-wollen! Ich sagte es ja immer, daß du ein solcher Hitzkopf bist. Nein,
-daraus wird nichts; und hast du mir nicht versprochen, zu warten bis
-Briefe da sind vom Don in W.? Nein, du darfst mir nicht schon wieder
-weggehen; und wegen der Gesellschaft hast du dich nicht zu schämen, sie
-alle, besonders die Frauen, schalten mich tüchtig aus, sie gaben dir
-völlig recht und sagten, ich sei an allem schuld.«
-
-»Wie geht es deiner Frau?« fragte Fröben, um diesen Erinnerungen
-auszuweichen.
-
-»Ganz hergestellt, es war nur so ein kleiner Schrecken, weil sie
-fürchtete, wir werden ernstlich aneinander geraten; sie wartet mit dem
-Frühstück auf dich; komm jetzt mit herunter und sei vernünftig und nimm
-Raison an. Ich muß ausreiten, nimm es mir nicht übel, die Mühle kommt
-heute in Gang. Du bist also wieder ganz wie zuvor?«
-
-»Nun ja doch!« sagte der junge Mann ärgerlich. »Laß doch einmal die
-ganze Geschichte ruhen.« Er folgte mit sonderbaren Gefühlen, die er
-selbst nicht recht zu deuten wußte, dem Baron, der vergnügt über die
-schnelle Versöhnung seines Freundes ihm voraneilte, seiner Frau schnell
-berichtete, was er ausgerichtet habe, und dann das Schloß verließ, um
-seine Mühle in Gang zu bringen.
-
-Hatte sich denn heute auf einmal alles so ganz anders gestaltet, oder
-war nur er selbst anders geworden? Josephens Züge, ihr ganzes Wesen
-schien Fröben verändert, als er bei ihr eintrat. Eine stille Wehmut,
-eine weiche Trauer schien über ihr Antlitz ausgegossen, und doch war
-ihr Lächeln so hold, so traulich, als sie ihn willkommen hieß. Sie
-schrieb ihr gestriges Uebel allzugroßer Anstrengung zu und schien
-überhaupt von dem ganzen Vorfall nicht gerne zu sprechen. Aber Fröben,
-dem an der guten Meinung seiner Freundin so viel lag, konnte es nicht
-ertragen, daß sie beinahe geflissentlich seine Erzählung gar nicht
-berührte. »Nein,« rief er, »ich lasse Sie nicht so entschlüpfen,
-gnädige Frau! An dem Urteil der andern über mich lag mir wenig; was
-kümmert es mich, ob solche Alltagsmenschen mich nach ihrem gemeinen
-Maßstab messen! Aber wahrhaftig, es würde mich unendlich schmerzen,
-wenn auch Sie mich falsch beurteilten, wenn auch Sie Gedanken Raum
-gäben, die mich in Ihren Augen so tief herabsetzen müßten, wenn auch
-Sie die Wahrheit jener Erzählung bezweifelten, die ich freilich solchen
-Ohren nie hätte preisgeben sollen. O, ich beschwöre Sie, sagen Sie
-recht aufrichtig, was Sie von mir und jener Geschichte denken?«
-
-Sie sah ihn lange an; ihr schönes, großes Auge füllte sich mit Tränen,
-sie drückte seine Hand: »O Fröben, was ich davon denke?« sagte sie.
-»Und wenn die ganze Welt an der Wahrheit zweifeln würde, ich wüßte
-dennoch gewiß, daß Sie wahr gesprochen! Sie wissen ja nicht, wie gut
-ich Sie kenne!«
-
-Er errötete freudig und küßte ihre Hand. »Wie gütig sind Sie, daß Sie
-mich nicht verkennen. Und gewiß, ich habe alles, alles genau nach der
-Wahrheit erzählt.«
-
-»Und dieses Mädchen,« fuhr sie fort, »ist wohl dieselbe, von welcher
-Sie mir letzthin sagten? Erinnern Sie sich nicht, als wir von
-Viktor und Klothilden sprachen, daß Sie mir gestanden, Sie lieben
-hoffnungslos? Ist es dieselbe?«
-
-»Sie ist es,« erwiderte er traurig. »Nein, Sie werden mich wegen
-dieser Torheit nicht auslachen; Sie fühlen zu tief, als daß Sie dies
-lächerlich finden könnten. Ich weiß alles, was man dagegen sagen kann,
-ich schalt mich selbst oft genug einen Toren, einen Phantasten, der
-einem Schatten nachjage; ich weiß ja nicht einmal, ob sie mich liebt --«
-
-»Sie liebt Sie!« rief Josephe unwillkürlich aus; doch über ihre eigenen
-Worte errötend, setzte sie hinzu: »Sie muß Sie lieben; glauben Sie
-denn, so viel Edelmut müsse nicht tiefen Eindruck auf ein Mädchenherz
-von siebzehn Jahren machen, und in allen ihren Aeußerungen, die Sie uns
-erzählten, liegt, es müßte mich alles trügen, oder es liegt gewiß ein
-bedeutender Grad von Liebe darin.«
-
-Der junge Mann schien mit Entzücken auf ihre Worte zu lauschen. »Wie
-oft rief ich mir dies selbst zu,« sprach er, »wenn ich so ganz ohne
-Trost war und traurig in die Vergangenheit blickte; aber wozu denn?
-Vielleicht nur, um mich noch unglücklicher zu machen. Ich habe oft
-mit mir selbst gekämpft, habe im Gewühl der Menschen Zerstreuung, im
-Drang der Geschäfte Betäubung gesucht, es wollte mir nie gelingen.
-Immer schwebte mir jenes holde, unglückliche Wesen vor; mein einziger
-Wunsch war, sie nur noch einmal zu sehen. Es ist noch jetzt mein
-Wunsch, ich darf es Ihnen gestehen, denn Sie wissen meine Gefühle zu
-würdigen; auch diese Reise unternahm ich nur, weil meine Sehnsucht mich
-hinaustrieb, sie zu suchen, sie noch einmal zu sehen. Und wie ich denn
-so recht über diesen Wunsch nachdenke, so finde ich mich sogar oft auf
-dem Gedanken, sie auf immer zu besitzen! -- Sie blicken weg, Josephe?
-O, ich verstehe; Sie denken, ein Geschöpf, das so tief im Elend war,
-dessen Verhältnisse so zweideutig sind, dürfe ich nie wählen; Sie
-denken an das Urteil der Menschen; an alles dies habe auch ich recht
-oft gedacht, aber so wahr ich lebe, wenn ich sie so wiederfände, wie
-ich sie verlassen, ich würde niemand als mein Herz fragen. Würden Sie
-mich denn so strenge beurteilen, Josephe?«
-
-Sie antwortete ihm nicht; noch immer abgewandt, ihre Stirne in die
-Hand gestützt, bot sie ihm ein Buch hin und bat ihn vorzulesen. Er
-ergriff es zögernd, er sah sie fragend an; es war das einzige Mal, daß
-er sich in ihr Betragen nicht recht zu finden wußte; aber sie winkte
-ihm, zu lesen, und er folgte, wiewohl er gerne noch länger sein Herz
-hätte sprechen lassen. Er las von Anfang zerstreut; aber nach und
-nach zog ihn der Gegenstand an, entführte seine Gedanken mehr und
-mehr dem vorigen Gespräch und riß ihn endlich hin, so daß er im Fluß
-der Rede nicht bemerkte, wie die schöne Frau ihm ein Angesicht voll
-Wehmut zuwandte, daß ihre Blicke voll Zärtlichkeit an ihm hingen,
-daß ihr Auge sich oft mit Tränen füllen wollte, die sie nur mühsam
-wieder unterdrückte. Spät erst endete er, und Josephe hatte sich
-soweit gefaßt, daß sie mit Ruhe über das Gelesene sprechen konnte,
-aber dennoch schien es dem jungen Mann, als ob ihre Stimme hie und da
-zittere, als ob die frühere gütige Vertraulichkeit, die sie dem Freund
-ihres Gatten bewiesen, gewichen sei; er hätte sich unglücklich gefühlt,
-wenn nicht jener leuchtende Strahl eines wärmeren Gefühles, der aus
-ihrem Auge hervorbrach, ihn an seiner Beobachtung irre gemacht hätte.
-
-
-28.
-
-Da der Baron erst bis Abend zurückkehren wollte, Josephe sich aber
-nach dieser Vorlesung in ihre Zimmer zurückgezogen hatte, so beschloß
-Fröben, um diesen quälenden Gedanken auf einige Stunden wenigstens
-zu entgehen, die heiße Mittagszeit vor der Tafel zu verschlafen.
-In jener Laube, die ihm durch so manche schöne Stunde, die er mit
-der liebenswürdigen Frau hier zugebracht, wert geworden war, legte
-er sich auf die Moosbank und entschlief bald. Seine Sorgen hatte
-er zurückgelassen, sie folgten ihm nicht durch das Tor der Träume;
-nur liebliche Erinnerungen verschmolzen und mischten sich zu neuen
-reizenden Bildern; das Mädchen aus der St. Severinstraße mit ihrer
-schmelzenden Stimme schwebte zu ihm her und erzählte ihm von ihrer
-Mutter; er schalt sie, daß sie so lange auf sich habe warten lassen,
-da er doch ja den Ersten und Fünfzehnten gekommen sei; er wollte sie
-küssen zur Strafe, sie sträubte sich, er hob den Schleier auf, er
-hob das schöne Gesichtchen am Kinn empor, und siehe -- es war Don
-Pedro, der sich in des Mädchens Gewänder gesteckt hatte, und Diego,
-sein Diener, wollte sich totlachen über den herrlichen Spaß. -- Dann
-war er wieder mit einem kühnen Sprung der träumenden Phantasie in
-Stuttgart in jener Gemäldesammlung. Man hatte sie anders geordnet, er
-durchsuchte vergebens alle Säle nach dem teuren Bilde; es war nicht
-zu finden; er weinte, er fing an zu rufen und laut zu klagen; da kam
-der Galeriediener herbei und bat ihn, stille zu sein und die Bilder
-nicht zu wecken, die jetzt alle schlafen. Auf einmal sah er in einer
-Ecke das Bild hängen, aber nicht als Brustbild wie früher, sondern in
-Lebensgröße; es sah ihn neckend, mit schelmischen Blicken an, es trat
-lebendig aus dem Rahmen und umarmte den Unglücklichen; er fühlte einen
-heißen, langen Kuß auf seinen Lippen. Wie es zu geschehen pflegt, daß
-man im Traum zu erwachen glaubt, und träumend sich sagt, man habe ja
-nur geträumt, so schien es auch jetzt dem jungen Mann zu gehen. Er
-glaubte, von dem langen Kuß erweckt, die Augen zu öffnen, und siehe,
-auf ihn niedergebeugt hatte sich ein blühendes, rosiges Gesicht, das
-ihm bekannt schien. Vor Lust des süßen Atems, der liebewarmen Küsse,
-die er einsog, schloß er wieder die Augen; er hörte ein Geräusch, er
-schlug sie noch einmal auf und sah eine Gestalt in schwarzem Mantel,
-schwarzem Hütchen mit grünem Schleier entschweben; als sie eben um
-eine Ecke biegen wollte, kehrte sie ihm noch einmal das Gesicht zu;
-es waren die Züge des geliebten Mädchens, und neidisch wie damals
-hatte sie auch jetzt die Halbmaske vorgenommen. »Ach, es ist ja doch
-nur ein Traum!« sagte er lächelnd zu sich, indem er die Augen wieder
-schließen wollte; aber das Gefühl, erwacht zu sein, das Säuseln des
-Windes in den Blättern der Laube, das Plätschern des Springbrunnens war
-zu deutlich, als daß er davon nicht völlig wach und munter geworden
-wäre. Das sonderbare, lebhafte Traumbild stand noch vor seiner Seele;
-er blickte nach der Ecke, wo sie verschwunden war; er sah die Stelle
-an, wo sie gestanden, sich über ihn hingebeugt hatte, er glaubte die
-Küsse des geliebten Mädchens noch auf den Lippen zu fühlen. »So weit
-also ist es mit dir gekommen,« sprach er erschreckend zu sich, »daß du
-sogar im Wachen träumst, daß du sie bei gesunden Sinnen um dich siehst?
-Zu welchem Wahnwitz soll dies noch führen? Nein, daß man so deutlich
-träumen könne, hätte ich nie geglaubt. Es ist eine Krankheit des
-Gehirns, ein Fieber der Phantasie, ja es fehlt nicht viel, so möchte
-ich sogar behaupten, Traumbilder können Fußtapfen hinterlassen; denn
-diese Tritte hier im Sande sind nicht von meinem Fuß.« Sein Blick fiel
-auf die Bank, wo er gelegen, er sah ein zierlich gefaltetes Papier
-und nahm es verwundert auf. Es war ohne Aufschrift, es hatte ganz die
-Form eines Billetdoux; er zauderte einen Augenblick, ob er es öffnen
-dürfe; aber neugierig, wer sich hier wohl in solcher Form schreiben
-könnte, entfaltete er das Papier -- ein Ring fiel ihm entgegen. Er
-hielt ihn in der Hand und durchflog den Brief, er las: »Oft bin ich
-Dir nahe, Du mein edler Ritter und Wohltäter; ich umschwebe Dich mit
-jener unendlichen Liebe, die meine Dankbarkeit anfachte, die selbst
-mit meinem Leben nicht verglühen wird. Ich weiß, Dein großmütiges Herz
-schlägt noch immer für mich, Du hast Länder durchstreift, um mich
-zu suchen, zu finden; doch umsonst bemühst Du Dich -- vergiß ein so
-unglückliches Geschöpf; was wolltest Du auch mit mir? Wenn auch mein
-höchstes Glück in dem Gedanken liegt, ganz Dir anzugehören, so kann
-es ja doch nimmermehr sein! Auf immer! sagte ich Dir schon damals, ja
-auf immer liebe ich Dich, aber -- das Schicksal will, daß wir getrennt
-seien auf immer, daß nie an Deiner Seite, vielleicht nur in Deiner
-gütigen Erinnerung leben darf
-
- _Die Bettlerin vom Pont des Arts._«
-
-Der junge Mann glaubte noch immer oder aufs neue zu träumen; er sah
-sich mißtrauisch um, ob seine Phantasie ihn denn so ganz verführt
-habe, daß er in einer Traumwelt lebe; aber alle Gegenstände um ihn
-her, die wohlbekannte Laube, die Bank, die Bäume, das Schloß in der
-Ferne, alles stand noch wie zuvor, er sah, er wachte, er träumte
-nicht. Und diese Zeilen waren also wirklich vorhanden, waren nicht ein
-Traumbild seiner Phantasie? »Hat man vielleicht einen Scherz mit mir
-machen wollen?« fragte er sich dann; »ja gewiß; es kommt wohl alles von
-Josephe; vielleicht war auch jene Erscheinung nur eine Maske?« Indem
-er das Papier zusammenrollte, fühlte er den Ring, der in dem Briefchen
-verborgen gewesen, in seiner Hand. Neugierig zog er ihn hervor,
-betrachtete ihn und erblaßte. Nein, das wenigstens war keine Täuschung,
-es war derselbe Ring, den er dem Mädchen in jener Nacht gegeben, als
-er auf immer von ihr Abschied nahm. So sehr er im ersten Augenblick
-versucht war, hier an übernatürliche Dinge zu glauben, so erfüllte ihn
-doch der Gedanke, daß er ein Zeichen von dem geliebten Wesen habe, daß
-sie ihm nahe sei, mit so hohem Entzücken, daß er nicht mehr an die
-Worte des Briefes dachte, er zweifelte keinen Augenblick, daß er sie
-finden werde, er drückte den Ring an die Lippen, er stürzte aus der
-Laube in den Garten, und seine Blicke streiften auf allen Wegen, in
-allen Büschen nach der teuren Gestalt. Aber er spähte vergebens; er
-fragte die Arbeiter im Garten, die Diener im Schlosse, ob sie keine
-Fremde gesehen haben; man hatte sie nicht bemerkt; bestürzt, beinahe
-keiner Ueberlegung fähig, kam er zu Tische; umsonst forschte Faldner
-nach dem Grund seiner verstörten Blicke, umsonst fragte ihn Josephe, ob
-er denn vielleicht von gestern her noch so trübe gestimmt sei. »Es ist
-mir etwas begegnet,« antwortete er, »das ich ein Wunder nennen müßte,
-wenn nicht meine Vernunft sich gegen Aberglauben sträubte.«
-
-
-29.
-
-Dieser sonderbare Vorfall und die Worte des Briefchens, das er wohl
-zehnmal des Tages überlas, hatten den jungen Mann ganz tiefsinnig
-gemacht. Er fing an nachzusinnen, ob es denn möglich sei, daß
-überirdische Wesen in das Leben der Sterblichen eingreifen können.
-Wie oft hatte er über jene Schwärmer gelacht, die an Erscheinungen,
-an Boten aus einer andern Welt, an Schutzgeister, die den Menschen
-umschweben, wie an ein Evangelium glaubten. Wie oft hatte er ihnen
-sogar die physische Unmöglichkeit dargetan, daß körperlose Wesen
-dennoch sichtbar erscheinen, daß sie dies oder jenes verrichten können.
-Aber was ihm selbst begegnet war, wie sollte er es deuten? Oft nahm er
-sich vor, alles zu vergessen, gar nicht mehr daran zu denken, und im
-nächsten Augenblick quälte er sich ab, seine Erinnerung recht lebhaft
-vor das Auge treten zu lassen; deutlicher als je erschienen dann
-wieder ihre Züge, er hatte sie ja gesehen, als sie sich an der Ecke
-noch einmal umwandte; er hatte den holden Mund, diese rosigen Wangen,
-dieses Kinn, diesen schlanken Hals wiedergesehen! Er holte jenes Bild
-herbei, er verglich Zug um Zug, er deckte die Hand auf Augen und Stirne
-der Dame, und es war das holde Gesichtchen, wie es unter der Halbmaske
-hervorschaute!
-
-Er hatte sich, weil Josephe am nächsten Morgen im Hause allzusehr
-beschäftigt war, um ihn zu unterhalten, wieder in die Laube gesetzt.
-Er las, und während des Lesens beschäftigte ihn immer der Gedanke, ob
-sie ihm wohl wieder erscheinen werde. Die Hitze des Mittags wirkte
-betäubend auf ihn; mit Mühe suchte er sich wach zu halten, er las
-eifriger und angestrengter, aber nach und nach sank sein Haupt zurück,
-das Buch entfiel seinen Händen, er schlief.
-
-Beinahe um dieselbe Zeit wie gestern erwachte er, aber keine Gestalt
-mit grünem Schleier war weit und breit zu sehen; er lächelte über sich
-selbst, daß er sie erwartet habe, er stand traurig und unzufrieden auf,
-um ins Schloß zu gehen, da erblickte er neben sich ein weißes Tuch,
-das er sich nicht erinnern konnte, hingelegt zu haben; er sah es an,
-es mußte wohl dennoch ihm gehören, denn in der Ecke war sein Namenszug
-eingenäht. »Wie kommt dies Tuch hierher?« rief er bewegt, als er bei
-genauerer Besichtigung entdeckte, daß es eines jener Tücher sei, die
-ihm das Mädchen hatte fertigen müssen, und die er wie Heiligtümer
-sorgfältig verschloß. »Soll dies aufs neue ein Zeichen sein?« Er
-entfaltete das Tuch, und suchte, ob nicht vielleicht wieder einige
-Zeilen eingelegt seien? Es war leer; aber in einer andern Ecke des
-Tuches entdeckte er noch einige Lettern, die wie sein Name eingenäht
-waren; zierlich und nett standen dort die Worte: _Auf immer!_ »Also
-dennoch hier gewesen!« rief der junge Mann unmutig. »Und ich konnte
-ihre liebliche Erscheinung schnöderweise verschlafen? Warum gibt sie
-mir wohl ein neues Zeichen? Warum diese traurigen Worte wiederholen,
-die mich schon damals und erst gestern wieder so unglücklich machten?«
-Auch heute befragte er nach der Reihe die Domestiken, ob nicht eine
-fremde Person im Garten gewesen sei? Sie verneinten es einstimmig, und
-der alte Gärtner sagte, seit drei Stunden sei gar niemand durch den
-Garten gegangen als nur die gnädige Frau. »Und wie war sie angezogen?«
-fragte Fröben, auf sonderbare Weise überrascht. »Ach, Herr, da fragt
-Ihr mich zu viel,« antwortete der Alte; »sie ist halt angezogen gewesen
-in vornehmen Kleidern, aber wie, das weiß ich nicht zu beschreiben; als
-sie vor mir vorbeiging, nickte sie freundlich und sagte: ›Guten Tag,
-Jakob!‹«
-
-Der junge Mann führte den Alten beiseite: »Ich beschwöre dich,«
-flüsterte er; »trug sie einen grünen Schleier? Hatte sie nicht eine
-große schwarze Brille auf?«
-
-Der alte Gärtner sah ihn mißtrauisch und kopfschüttelnd an. »Eine
-schwarze Brille?« fragte er. »Die gnädige Frau eine große schwarze
-Brille? Ei, du Herrgott, wo denken Sie hin, sie hat so scharfe, klare
-Augen wie eine Gemse und soll eine Brille auf der Nase tragen, mit
-Respekt zu melden, eine große schwarze Brille, wie sie die alten Weiber
-in der Kirche auf die Nase klemmen, daß es feiner schnarrt, wenn sie
-singen? Nein, gnädiger Herr, solche schlechte Gedanken müssen Sie sich
-aus dem Kopf schlagen, das ist nichts; und nehmen Sie es nicht ungütig,
-aber eine Mütze sollten Sie doch aufsetzen bei dieser Hitze, es ist von
-wegen des Sonnenstichs.« So sprach der Alte und ging kopfschüttelnd
-weiter; den übrigen Dienstboten aber deutete er mit sehr verdächtiger
-Bewegung des Zeigefingers ans Hirn an, daß es mit dem jungen Herrn Gast
-hier oben nicht ganz richtig sein müsse.
-
-
-30.
-
-Auch jetzt kam Fröben zu keinem andern Resultat, als daß das Betragen
-jenes Mädchens, das er so innig liebte, unbegreiflich sei, und
-dieses rätselhafte Spiel mit seinem Schmerz, mit seiner Sehnsucht,
-beschäftigte ihn so ganz ausschließlich, daß ihm vieles entging, was
-ihm sonst wohl hätte auffallen müssen. Josephe kam mit verweinten Augen
-zu Tische; der Baron war verstimmt und einsilbig und schien seinem
-inneren Unmut, der ihm um die Stirne lag und deutlich aus den Augen
-sprach, hie und da durch einen Fluch über die schlechte Küche und die
-noch schlechtere Haushaltung Luft machen zu müssen. Die unglückliche
-Frau ließ alles still und geduldig über sich ergehen, sie schickte
-zuweilen, als wolle sie Hilfe und Trost suchen, einen flüchtigen Blick
-nach Fröben hinüber; ach, sie bemerkte nicht, wie ihr Gatte diese
-Blicke belauerte, wie seine Stirne sich röter färbte, wenn er ihre
-Augen auf diesem Wege traf.
-
-An Fröbens Auge und Ohr ging dies vorüber als etwas, an das er sich
-schon gewöhnt hatte; er gab sich nicht einmal die Mühe, Josephe um die
-Ursache dieses Aufbrausens zu befragen. Es fiel ihm nicht auf, daß sie
-zurückhaltender gegen ihn war im Beisein Faldners; er schrieb es der
-gewöhnlichen Geschäftigkeit seines Freundes zu, daß ihn dieser in den
-nächsten Tagen nötigte, mit ihm da- und dorthin auf das Gut zu gehen
-und in Wald und Feld oft einen großen Teil des Tages mit Messungen und
-Berechnungen hinzubringen. Als er aber eines Morgens, als ihn Faldner
-schon gestiefelt und gespornt erwartete, eine kleine Unpäßlichkeit
-vorschützte, um diesen unangenehmen Feldbesuchen zu entgehen, als
-er arglos hinwarf, daß er doch Josephen auch einmal wieder vorlesen
-müsse, da wollte es ihm doch auffallend dünken, daß der Baron unmutig
-rief: »Nein, sie soll mir nichts mehr lesen, gar nichts mehr. Es geht
-ohnedies seit einiger Zeit alles konträr. Das könnte ich vollends
-brauchen, wenn sie den ganzen Morgen mit Lesen zubrächte und solche
-Romanideen im Kopfe trüge, wie ich schon welche habe spuken sehen.
-Lies dir in Gottes Namen selbst vor, lieber Fröben, und nimm mir nicht
-übel, wenn ich mein Weib anders placiere. Du gehst in den Garten nach
-dem Frühstück, Josephe, es soll heute Gemüse ausgestochen werden,
-nachher bist du so gütig und gehst zu Pastors, du bist dort seit lange
-einen Besuch schuldig.« Mit diesen Worten nahm er seine Reitpeitsche
-vom Tische und schritt davon.
-
-»Was soll denn das? Was hat er denn heute?« fragte Fröben staunend die
-junge Frau, die kaum ihre Tränen zurückzuhalten vermochte.
-
-»O, er ist so ziemlich wie sonst,« erwiderte sie ohne aufzublicken.
-»Ihre Anwesenheit hat ihn einige Zeitlang aus dem gewöhnlichen Geleise
-gebracht; Sie sehen, er ist jetzt wieder wie zuvor.«
-
-»Aber mein Gott,« rief er unmutig, »so schicken Sie doch eine Magd in
-den Garten!«
-
-»Ich darf nicht,« sagte sie bestimmt, »ich muß selbst zusehen; er will
-es ja haben.«
-
-»Und den Besuch bei Pastors --?«
-
-»Muß ich machen, Sie haben es ja gehört, daß ich ihn machen _muß_;
-lassen wir das, es ist einmal so. Aber Sie,« fuhr Josephe fort, »Sie,
-mein Freund, scheinen mir seit einigen Tagen verändert, gar nicht mehr
-so munter, so zutraulich wie früher. Sollten Sie sich vielleicht nicht
-mehr hier gefallen? Sollte mein Mann, sollte vielleicht ich Ursache
-Ihrer Verstimmung sein?« --
-
-Fröben fühlte sich verlegen; er war auf dem Punkt, der Freundin jene
-sonderbaren Vorfälle im Garten zu gestehen, aber der Gedanke, sich vor
-der klugen jungen Frau eine Blöße zu geben, hielt ihn zurück. »Sie
-wissen,« sagte er ausweichend, »daß ich in den letzten Tagen Briefe
-aus S. bekam. Und wenn ich verstimmt erscheine, so tragen diese Briefe
-allein die Schuld.« Sie sah ihn zweifelnd an; eine Antwort schien auf
-ihren Lippen zu schweben, aber wie wenn sie den Mangel an Vertrauen in
-dem Blicke des jungen Mannes gelesen und sich dadurch gekränkt gefühlt
-hätte, zuckten ihre schönen Lippen und drängten die Antwort zurück;
-sie zog schweigend die Glocke, befahl ihrer Zofe, ihr Hut und Schirm
-zu bringen, und ging dann, ohne ihn zu diesem Gang einzuladen, in den
-Garten an die Arbeit.
-
-Als der junge Mann einige Stunden nachher ebenfalls in den Garten
-hinabstieg und nach Josephe fragte, hieß es, sie sei zu Pastors
-gegangen. Er eilte der Laube zu, er setzte sich mit pochendem Herzen
-nieder. Heute hatte er sich vorgenommen, nicht einzuschlafen. »Ich
-will doch sehen,« sagte er zu sich, »ob dieses Wesen, das mich so
-geheimnisvoll umschwebt, noch ein drittes Zeichen für mich hat? Ich
-will mich wie zum Schlummer niederlegen, und so wahr ich lebe, wenn
-es wieder erscheint, will ich es haschen und schauen, welcher Natur
-es sei.« Er las, bis der Mittag herangekommen war, dann legte er sich
-nieder und schloß die Augen. Oft wollte sich der Schlummer wirklich
-über ihn herabsenken, aber Erwartung, Unruhe und sein fester Wille, der
-die Mohnkörner von ihm ferne hielt, ließen ihn wach bleiben. Er mochte
-wohl eine halbe Stunde so gelegen haben, als die Zweige der Laube
-rauschten. Er öffnete die Augen kaum ein wenig und sah, wie zwei weiße
-Hände die Zweige behutsam teilten, vermutlich um eine Aussicht auf
-den Schlummernden zu öffnen. Dann knisterten leise, leise Schritte im
-Sand. Er blickte verstohlen nach dem Eingang der Laube, und sein Herz
-wollte zerspringen voll freudiger Ungeduld, als er sein Mädchen sah im
-schwarzen Mantel und Hut, den grünen Schleier zurückgeschlagen, die
-schwarzen Maskenaugen vor den obern Teil des schönen Gesichts gebunden.
-
-
-31.
-
-Sie nahte auf den Zehenspitzen. Er sah, wie auf ihrem Gesicht ein
-höheres Rot aufstieg, als sie näher trat. Sie betrachtete den Schläfer
-lange; sie seufzte tief und schien Tränen abzutrocknen. Dann trat sie
-nahe heran; sie beugte sich über ihn herab, ihr Atem berührte ihn wie
-ein Himmelsbote, der die Nähe ihrer süßen Lippen ansagte, sie senkte
-sich tiefer und ihr Mund legte sich auf den seinigen so sanft, wie das
-Morgenrot sich auf den Hügel senkt.
-
-Da hielt er sich nicht länger; schnell schlang er seinen Arm um ihren
-Leib, und mit einem kurzen Angstschrei sank sie in die Kniee. Er sprang
-erschrocken auf, er glaubte sie ohnmächtig, aber sie war nur sprachlos
-und zitterte heftig; er hob sie auf, er zog sie, erfüllt von der Wonne
-des Wiedersehens, an seiner Seite auf die Bank nieder, er bedeckte
-ihren Mund mit glühenden Küssen, er drückte sie fest an sich: »O, so
-habe ich dich wieder, endlich, endlich wieder, du geliebtes Wesen!«
-rief er; »du bist kein Trugbild, du lebst, ich halte dich in meinen
-Armen wie damals und liebe dich wie damals und bin glücklich, selig,
-denn du liebst ja auch mich!« Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen, sie
-sprach nicht, sie suchte vergebens sich aus seinen Armen zu winden.
-»Nein, jetzt lasse ich dich nicht mehr,« sprach er, und Tränen, Tränen
-des Glücks hingen an seinen Wimpern; »jetzt halte ich dich fest und
-keine Welt darf dich von mir reißen. Und komm, hinweg mit dieser
-neidischen Maske, ganz will ich dein schönes Antlitz schauen, ach, es
-lebte ja immer in meinen Träumen!« Sie schien mit der letzten Kraft
-die Hand von der Halbmaske abhalten zu wollen, sie atmete schwer, sie
-rang mit ihm, aber die trunkene Lust des jungen Mannes, nach so langer
-Entbehrung sich so unaussprechlich glücklich zu wissen, gewährte ihm
-einen leichten Sieg. Er hielt ihre Arme mit der einen Hand, zitternd
-stieß er mit der andern den Hut zurück, band die Maske los und
-erblickte -- die Gattin seines Freundes.
-
-»Josephe!« rief er, wie in einen Abgrund niedergeschmettert, und seine
-Gedanken drehten sich im Ringe. »Josephe!«
-
-Bleich, erstarrt, tränenlos saß sie neben ihm und sagte wehmütig
-lächelnd: »Ja, Josephe.«
-
-»_Sie_ haben mich also getäuscht?« sagte er bitter, indem alle
-Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augenblicks an ihm vorüberflog.
-»O, dieses Possenspiel konnten Sie uns ersparen. Doch,« fuhr er fort,
-indem ein Gedanke ihn durchblitzte; »um Gottes willen, wo haben Sie den
-Ring her, woher das Tuch?«
-
-Sie errötete von neuem, sie brach in Tränen aus, sie verbarg ihr Haupt
-an seiner Brust. »Nein,« rief er, »Antwort muß ich haben; es ist mein
-Ring, das Tuch -- ich beschwöre Sie, wie kam beides in Ihre Hände,
-woher haben Sie den Ring?«
-
-»Von _dir_!« flüsterte sie, indem sie sich beschämt fester an ihn
-drückte.
-
-Da fiel ein Lichtstrahl in Fröbens Seele; noch blendete ihn dies zu
-helle Licht, aber er hob sanft ihr Haupt in die Höhe und sah sie an
-mit Blicken voll Verwunderung und Liebe. »Du bist es? Träume ich denn
-wieder?« sprach er, nachdem er sie lange angeblickt. »Sagtest du nicht,
-du seiest mein süßes Mädchen? O Gott, welcher Schleier lag denn auf
-meinen Augen? Ja, das sind ja deine holden Wangen, das ist ja dein
-reizender Mund, der mich heute nicht zum erstenmal küßte!«
-
-Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie sah ihn voll Wonne und
-Entzücken an. »Was wäre aus mir geworden ohne dich, du edler Mann!«
-rief sie, indem sich in Tränen der Schimmer ihrer Augen brach. »Ich
-bringe dir den Segen meiner guten Mutter, du hast ihre letzten Tage
-leicht gemacht und die Decke des Elends gelüftet, die so schwer auf
-ihrer kranken Brust lag. O! Wie kann ich dir danken? Was wäre ich
-geworden ohne dich! Doch --« fuhr sie fort, indem sie mit ihren Händen
-das Gesicht bedeckte, »was _bin_ ich denn geworden, das Weib eines
-andern, deines Freundes Weib!«
-
-Er sah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Busen hob und senkte, wie
-durch die zarten Finger ihre Tränen gleich Quellen herabrieselten. Er
-fühlte, wie innig sie ihn liebe, und kein Gedanke an einen Vorwurf,
-daß sie einem andern als ihm gehören könnte, kam in seine Seele. »Es
-ist so,« sagte er traurig, indem er sie fester an sich drückte, als
-könne er sie dennoch nicht verlieren. »Es ist so; wir wollen denken,
-es sollte so sein, es habe so kommen müssen, weil wir vielleicht zu
-glücklich gewesen wären. Doch in diesem Moment bist du mein, denke, du
-kommst herüber über den Platz der Arzneischule und ich erwarte dich: o
-komm, umarme mich so wie damals, ach, nur noch ein einziges Mal!«
-
-In Erinnerung verloren, hing sie an seinem Hals; hinter ihren düsteren
-Blicken schien der Gedanke an die Wirklichkeit sich zu verlieren;
-heller und heller, freundlicher und immer freundlicher schien die
-Erinnerung aufzutauchen; ein holdes Lächeln zog um ihren Mund und
-senkte sich auf ihren Wangen in zarte Grübchen. »Und kanntest du mich
-denn nicht?« fragte sie lächelnd. »Und du kanntest mich nicht?« fragte
-er, sie voll Zärtlichkeit betrachtend. »Ach!« antwortete sie. »Ich
-hatte mir damals deine Züge recht abgelauscht und tief in mein Herz
-geschrieben, aber wahrlich, ich hätte dich nimmer erkannt. Es mochte
-wohl auch daher kommen, daß ich dich nur immer bei Nacht sah in den
-Mantel eingewickelt, den Hut tief in der Stirne, und wie konnt' ich
-auch denken -- Freilich, als du am ersten Abend Faldner zuriefst: ›Auf
-Wiedersehen!‹ da kam mir der Ton so bekannt vor, als hätte ich ihn
-schon gehört; aber ich lachte mich immer selbst aus über die törichten
-Vermutungen. Nachher war es mir hie und da, als müßtest du der sein,
-den ich meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als du am Sonntag
-nur erst Pont des Arts genannt hattest, da ging auf einmal eine eigene
-Sonne auf deinem Gesicht auf; du schienest ganz in Erinnerung zu leben
-und mit den ersten Worten ward es mir klar, daß du, du es bist! Aber
-freilich, mich konntest du nicht wiedererkennen, nicht wahr, ich bin
-recht bleich geworden?«
-
-»Josephe,« erwiderte er; »wo waren meine Sinne? Wo mein Auge, mein Ohr,
-daß ich dich nicht erkannte? Gleich bei deinem ersten Anblick flog ein
-freudiger Schreck durch meine Seele, du glichst ja ganz jenem Bilde,
-das ich, durch einen wahrhaften Kreislauf der Dinge, als dir ähnlich
-gefunden und geliebt hatte; aber die Entdeckung über das Geschlecht
-der Mutter führte mich in eine Irrbahn; ich sah in dir nur noch die
-ähnliche Tochter der schönen Laura, und oft, während ich neben dir saß,
-streifte mein Geist ferne, weithin nach -- dir!«
-
-»O Gott!« rief Josephe, »ist es denn wahr, ist es möglich? Kannst du
-mich denn noch lieben?«
-
-»Ob ich es kann? -- Aber darf ich denn? Gott im Himmel, du heißt ja
-Frau von Faldner; sage mir nur um des Himmels willen, wie fügte sich
-dies alles? Wie hast du auch nicht ein einzigesmal mehr mich erwarten
-mögen?«
-
-
-32.
-
-Sie stillte ihre Tränen, sie faßte sich mit Mühe, um zu sprechen.
-»Siehe,« sagte sie, »es war, als ob ein feindliches Geschick alles nur
-so geordnet hätte, um mich recht unglücklich zu machen. Als du weg
-warst, hatte ich keine Freude mehr. Jene Abende mit dir waren mir so
-unendlich viel gewesen. Siehe, schon von dem ersten Moment an, als du
-in der lieben Muttersprache deinen Begleiter um Geld batest, von da an
-schlug mein Herz für dich; und als du mit so unendlichem Edelmut, mit
-so viel Zartsinn für uns sorgtest, ach, da hätte ich dich oft an mein
-Herz schließen und dir gestehen mögen, daß ich dich wie ein höheres
-Geschöpf anbete. Ich weiß nicht, was mir für dich zu tun zu schwer
-gewesen wäre; und wie groß, wie edel hast du dich gegen mich benommen!
-Du gingst, ich weinte lange, denn ein schmerzliches Gefühl sagte mir,
-daß es auf immer geschieden sei; acht Tage nachdem du abgereist warst,
-starb meine arme Mutter sehr schnell. Was du mir damals noch gegeben,
-reichte hin, meine Mutter zu beerdigen und ihr Andenken nicht in
-Unehre geraten zu lassen. Eine Dame, es war die Gräfin Landskron, die
-in unserer Nachbarschaft wohnte und von uns Armen hörte, ließ mich zu
-sich kommen. Sie prüfte mich in allem, sie durchschaute die Papiere
-meiner Mutter, die ich ihr geben mußte, genau; sie schien zufrieden
-und nahm mich als Gesellschaftsfräulein an. Wir reisten; ich will
-dir nicht beschreiben, wie mein Herz blutete, als ich dieses Paris
-verlassen mußte; es fehlten nur noch vierzehn Tage, bis die Zeit um
-war, die du zu deiner Rückkehr bestimmtest; dann wäre ich am Ersten
-auf den Platz gegangen, hätte dich noch einmal gesprochen, noch einmal
-von dir Abschied genommen! Es sollte nicht so sein; als wir aus der
-St. Severinstraße über den wohlbekannten Platz der Ecole de Médecine
-hinfuhren, da wollte mein Herz brechen, und ich sagte zu mir: ›Auf
-immer!‹ Eduard! ich habe nie wieder von dir gehört, dein Name war mir
-unbekannt, du mußtest ja die Bettlerin längst vergessen haben; ich
-lebte von der Gnade fremder Leute, ich hatte manches Bittere zu tragen,
-ich trug es, es war ja nicht das Schmerzlichste. Als aber die Gräfin in
-diese Gegend auf ihr Gut zog, als Faldner sich um mich bewarb, als ich
-merkte, daß sie es gutmütig für eine gute Versorgung halte, vielleicht
-auch meiner überdrüssig war -- nun ich war ja nur ein einzigesmal
-glücklich gewesen, konnte nimmer hoffen, es wieder zu werden; das
-übrige war ja so gleichgültig -- da wurde ich seine Frau.«
-
-»Armes Kind! an diesen Faldner, warum denn gerade du mit so weicher
-Seele, mit so zartem Sinn, mit so viel gültigem Anspruch auf ein zum
-mindesten edleres Los, warum gerade du seine Frau? Doch es ist so;
-Josephe, ich kann, ich darf keinen Tag mehr hier sein; ich habe ihn
-bei allem, was er Rohes haben mag, einst Freund genannt, bin jetzt
-sein Gastfreund, und wenn auch alles nicht wäre, wir dürfen ja nicht
-zusammen glücklich sein!« Es lag ein unendlicher Schmerz in seinen
-Worten; er küßte die Augen der schönen Frau, nur um durch den Gram,
-der in ihnen wohnte, nicht noch weicher zu werden. »O, nur noch
-_einen_ Tag,« flüsterte sie zärtlich; »hab' dich ja jetzt eben erst
-gefunden, und du denkst schon zu entfliehen. Siehe, wenn du weg bist,
-da verschließt sich wieder die Türe meines Glücks auf immer; ich werde
-Hartes ertragen müssen, und da muß ich doch ein wenig Erinnerung mir
-aufsparen, von der ich zehren kann in der endlosen Wüste.«
-
-»Höre, ich will Faldner alles gestehen,« sprach nach einigem Sinnen der
-junge Mann, »ich will es ihm alles vormalen, daß es ihn selbst rühren
-muß; er liebt dich doch nicht, du ihn nicht und bist unglücklich; er
-soll dich _mir_ abtreten. Mein Haus liegt nicht so schön wie dieses
-Schloß; meine Güter kannst du vom Belvedere auf dem Dache übersehen, du
-verließest hier großen Wohlstand, aber wenn du einzögest in mein Haus,
-wollte ich dir meine Hände als Teppich unterlegen, auf den Händen
-wollte ich dich tragen, du solltest die Königin sein in meinem Hause
-und ich dein erster treuer Diener!«
-
-Sie blickte schmerzlich zum Himmel auf, sie weinte heftiger. »Ach ja,
-wenn ich deines Glaubens wäre, dann ginge es wohl, aber wir sind ja gut
-katholisch getraut worden, und das scheidet nur der Tod! O du großer
-Gott, wie unglücklich machen oft diese Gesetze! Welch eine Seligkeit
-mit dir, bei dir zu sein, immer für dich zu sorgen, an deinen Blicken
-zu hängen und alle Tage dir durch zärtliche Liebe ein Tausendteil von
-dem heimzugeben, was du an meiner lieben Mutter und an mir getan.«
-
-»Also dennoch auf immer,« erwiderte er traurig; »also nur noch morgen,
-und dann für immer scheiden?«
-
-»Für immer!« hauchte sie kaum hörbar, indem sie ihn fester an ihre
-Lippen schloß.
-
-»Hier also findet man dich, du niederträchtige Metze!« schrie in diesem
-Augenblick ein dritter, der neben dieser Gruppe stand. Sie sprangen
-erschreckt auf; zitternd vor Zorn, knirschend vor Wut stand der Baron,
-in der einen Hand ein Papier, in der andern die Reitpeitsche haltend,
-die er eben aufhob, um sie über den schönen Nacken der Unglücklichen
-herabschwirren zu lassen. Fröben fiel ihm in den Arm, entwand ihm mit
-Mühe die Peitsche und warf sie weit hinweg. »Ich bitte dich,« sagte er
-zu dem Wütenden; »nur hier keine Szene; deine Leute sind im Garten, du
-schändest dich und dein Haus durch einen solchen Auftritt.«
-
-»Was?« schrie jener, »ist mein Haus nicht schon genug geschändet durch
-diese niederträchtige Person, durch dieses Bettlerpack, das ich in
-meinem Haus hatte? Meinst du, ich kenne deine Handschrift nicht,«
-fuhr er fort, indem er ihr das Papier hinstreckte; »das ist ja ein
-süßes Briefchen an den Herrn Galan hier, an den Romanhelden. Also eine
-Dirne mußte ich heiraten, die du unterhieltst, und als du ihrer satt
-warest, sollte der ehrliche Faldner sie zur gnädigen Frau machen; dann
-kommt man nach sechs Monaten so zufällig zu Besuch, um den Hörnern
-des Gemahls noch einige Enden anzusetzen. Das sollst du mir bezahlen,
-Schandbube; aber dieses Bettelweib mag immer wieder mit Teller und
-Laterne sich am Pont des Arts aufstellen oder von deinem Sündenlohn
-leben. Meine Knechte sollen sie mit Hetzpeitschen vom Hof jagen!«
-
-
-33.
-
-Der Mann von gediegener Bildung hat in solchen Momenten ein
-entschiedenes Uebergewicht über den Rohen, der von Wut zur
-Unbesonnenheit hingerissen, unsicher ist, was er beginnen soll. Ein
-Blick auf Josephe, die bleich, zitternd, sprachlos auf der Moosbank
-saß, überzeugte Fröben, was hier zu tun sei. Er bot ihr den Arm und
-führte sie aus der Laube nach dem Schlosse. Wütend sah ihnen der Baron
-nach; er war im Begriff, seine Knechte zusammenzurufen, um seine
-Drohung zu erfüllen, aber die Furcht, seine Schande noch größer zu
-machen, hielt ihn ab. Er rannte hinauf in den Saal, wo Josephe auf dem
-Sofa lag, ihr weinendes Gesicht in den Kissen verbarg, wo Fröben wie
-gedankenlos am Fenster stand und hinausstarrte. Scheltend und fluchend
-rannte jener in dem Saal umher; er verfluchte sich, daß er sein Leben
-an eine solche Dirne gehängt habe. »Es müßte keine Gerechtigkeit mehr
-im Lande sein, wenn ich sie mir nicht vom Halse schaffte!« rief er.
-»Sie hat Taufschein und alles fälschlich angegeben; sie hat sich für
-ebenbürtig ausgegeben, die Bettlerin, diese Ehe ist null und nichtig!«
-
-»Das wird allerdings das vernünftigste sein,« unterbrach ihn Fröben;
-»es kommt nur darauf an, wie du es angreifst, um dich nicht noch mehr
-zu blamieren --«
-
-»Ha, mein Herr!« schrie der Baron in wildem Zorn, »Sie spotten noch
-über mich, nachdem Sie durch Ihre grenzenlose Frechheit all diese
-Schande über mich brachten? Folgen Sie mir, zu _unserer_ Scheidung
-brauchen wir weiter keine Assisen; die kann sogleich abgemacht werden.
-Folgen Sie!«
-
-Josephe, die diese Worte verstand, sprang auf; sie warf sich vor dem
-Wütenden nieder, sie beschwor ihn, alles nur über sie ergehen zu
-lassen; denn sein Freund sei ja ganz unschuldig; sie wies hin auf den
-Zettel in seiner Hand, den sie erkannte; sie schwur, daß Fröben erst
-heute erfahren, wer sie sei. Aber der junge Mann selbst unterbrach ihre
-Fürbitten, er hob sie auf und führte sie zum Sofa zurück. »Ich bin
-gewohnt,« sagte er kaltblütig zum Baron, »bei solchen Gängen zuerst
-meine Arrangements zu treffen, und du wirst wohl tun, es auch nicht zu
-unterlassen. Vor allem geht deine Frau jetzt aus dem Schloß, denn hier
-will ich sie nicht mehr wissen, wenn ich nicht da bin, sie vor deinen
-Mißhandlungen zu schützen.«
-
-»Du handelst ja hier wie in deinem Eigentum,« erwiderte der Baron vor
-Zorn lachend; »doch Madame war ja schon vorher dein Eigentum, ich hätte
-es beinahe vergessen; wohin soll denn der süße Engel gebracht werden?
-In ein Armenhaus, in ein Spital oder an den nächsten besten Zaun, um
-ihr Gewerbe fortzusetzen?«
-
-Fröben hörte nicht auf ihn; er wandte sich zu Josephe. »Wohnt die
-Gräfin noch in der Nähe?« fragte er sie. »Glauben Sie wohl für die
-nächsten Tage einen Aufenthalt dort zu finden?«
-
-»Ich will zu ihr gehen,« flüsterte sie.
-
-»Gut; Faldner wird die Gnade haben, Sie hinfahren zu lassen, dort
-erwarten Sie das Weitere, ob er einsieht, wie unrecht er uns beiden
-getan, oder ob er darauf beharrt, sich von Ihnen zu trennen.«
-
-
-34.
-
-Josephe war zu der Gräfin abgefahren; der Freund hatte ihr geraten, bei
-ihrer Ankunft nur einen Besuch von einigen Tagen vorzugeben, indessen
-wolle er ihr über die Stimmung seines Freundes Nachricht geben, und
-wenn es möglich wäre, ihn bereden, sich mit ihr zu versöhnen. »Nein,«
-rief sie leidenschaftlich, indem sie von der Terrasse an den Wagen
-hinabstieg, »in diese Türe kehre ich nie mehr zurück, auf ewig wende
-ich diesen Mauern den Rücken. Glauben Sie, eine Frau vermag viel zu
-ertragen, ich habe lange dulden müssen, und das Herz wollte mir oft
-zerspringen, aber heute hat er mich zu tief beleidigt, als daß ich ihm
-vergeben könnte. Und sollte ich wieder zurückkehren müssen auf den
-Pont des Arts, die Menschen um ein paar Sous anzuflehen, ich will es
-lieber tun, als noch länger solche niedrige Behandlung von diesem rohen
-Menschen mir gefallen lassen. Mein Vater war ein tapferer Soldat und
-ein geachteter Offizier Frankreichs, seine Tochter darf sich nicht bis
-zur Magd eines Faldner entwürdigen.«
-
-Der junge Mann hatte nach ihrer Abreise einige Briefe geschrieben und
-war gerade mit Ordnen seines kleinen Gepäcks beschäftigt, als Faldner
-in das Zimmer trat. Fröben sah ihn verwundert an und erwartete neue
-Angriffe und Ausbrüche seines Zorns. Jener aber sagte: »Ich glaube,
-je mehr ich diese unglücklichen Zeilen lese, die ich heute mittag auf
-deinem Zimmer fand, immer mehr, daß du eigentlich doch unschuldig an
-der miserablen Historie bist, nämlich, daß du vorher nichts wußtest
-und die Person nicht kanntest; daß ich mein Weib in deinen Armen traf,
-verzeihe ich dir, denn jene Person hatte aufgehört, mein zu sein, als
-sie den törichten Brief an dich schrieb.«
-
-»Es ist mir wegen unseres alten Verhältnisses erwünscht,« antwortete
-Fröben, »wenn du die Sache so ansiehst, hauptsächlich auch, weil ich
-dadurch Gelegenheit bekomme, vernünftig und ruhig mit dir über Josephe
-zu sprechen. Fürs erste mein heiliges Wort, daß zwischen ihr und
-mir bis heute mittag nie, auch früher nicht, etwas vorging, was im
-geringsten ihrer Ehre nachteilig wäre; daß sie arm war, daß sie einmal
-genötigt war, die Hilfe der Menschen anzurufen --«
-
-»Nein, sag lieber, daß sie bettelte,« rief Faldner hitzig, »und nachts
-auf den Straßen und Brücken der liederlichen Hauptstadt umherzog, um
-Geld zu verdienen; ich hätte ja schon damals das Vergnügen ihrer nähern
-Bekanntschaft haben können, ich war ja bei der rührenden Szene auf dem
-Pont des Arts. Nein, wenn ich dir auch alles glaubte, ich bin dennoch
-beschimpft; die Familie Faldner und eine Bettlerin!«
-
-»Ihr Vater und ihre Mutter waren von gutem Hause --«
-
-»Fabeln, Dichtung! Daß ich mich so fangen ließ; ebensogut hätte ich die
-Kellnerin aus der Schenke heiraten können, wenn sie ein Bierglas im
-Wappen führte und ein falsches Zeugnis ihrer Geburt brachte!«
-
-»Das ist in meinen Augen das Geringste bei der Sache; die Hauptsache
-ist, daß du sie gleich von Anfang wie eine Magd behandeltest und nicht
-wie deine Frau; sie konnte dich nie lieben; ihr paßt nicht füreinander.«
-
-»Das ist das rechte Wort,« entgegnete der Baron, »wir passen nicht
-zusammen; der Freiherr von Faldner und eine Bettlerin können nie
-zusammen passen. Und jetzt freut es mich erst recht, daß ich meinem
-Kopf folgte und sie so behandelte, die Dirne hat es nicht besser
-verdient. Ich hab' es ja gleich gesagt, sie hat so etwas Gemeines an
-sich.«
-
-Diese Roheit empörte den jungen Mann, er wollte ihm etwas Bitteres
-entgegnen, aber er bezwang sich, um Josephen nützlich zu sein. Er
-redete mit dem Baron ab, was hierin zu tun sei, und sie kamen dahin
-überein, daß sie die ganze Sache vor die bürgerlichen Gerichte bringen
-und gegenseitige Abneigung als Grund zur Trennung angeben sollten.
-Freilich konnte bei ihren Glaubensverhältnissen keiner der beiden
-Teile hoffen, in einer neuen Verbindung Trost zu finden; aber Josephen,
-wenn sie auch mit Schrecken in eine hilflose Zukunft blickte, schien
-kein Los so schwer, daß es nicht gegen die unwürdige Behandlung, die
-sie in Faldners Hause erduldete, erträglich geschienen hätte, und der
-Baron, wenn ihn auch in manchen einsamen Stunden Reue anwandelte,
-suchte Zerstreuung in seinen Geschäften und Trost in dem Gedanken, daß
-ja niemand seine Schande erfahren habe, eine Bettlerin von zweideutigem
-Charakter zur Frau von Faldner gemacht zu haben.
-
-
-35.
-
-Einige Wochen nach diesem Vorfall ging Fröben in Mainz, wohin er
-sich, um doch in Josephens Nähe zu sein, zurückgezogen hatte, auf
-der Rheinbrücke abends hin und wieder. Er gedachte der sonderbaren
-Verkettung des Schicksals, er dachte an mancherlei Auswege, die ihn
-und die geliebte Frau vielleicht noch glücklich machen könnten; da
-fuhr ein Reisewagen über die Brücke her, dessen wunderlicher Bau
-die Aufmerksamkeit des jungen Mannes schon von weitem auf sich zog.
-Bald aber haftete sein Auge nur noch an dem Bedienten, der auf dem
-Bock saß; dieses braungelbe, heitere Gesicht, das neugierig um sich
-schaute, schien ihm ebenso bekannt als die grellen Farben der Livree.
-Als der Wagen, der sich auf der Brücke nur im Schritt weiter bewegen
-durfte, näher herankam, bemerkte auch der Diener den jungen Mann und
-rief: »San Jago di Compostella! Das ist er ja selbst!« Er riß das
-Wagenfenster auf, das ihn von dem Innern des Wagens trennte, und sprach
-eifrig hinein. Alsobald wurde auf der Seite des Wagens ein Fenster
-niedergelassen und heraus fuhr das wohlbekannte Gesicht Don Pedros di
-San Montanjo Ligez. Der Wagen hielt; der junge Mann sprang freudig
-herzu, um den Schlag zu öffnen, und der alte Herr sank in seine Arme.
-»Wo ist sie, wo habt Ihr sie, die Tochter meiner Laura? O, um der
-heiligen Jungfrau willen, habt Ihr sie hier? Sagt an, junger Herr! Wo
-ist sie?«
-
-Der junge Mann schwieg betreten; er führte den Alten auf der Brücke
-weiter und sagte ihm dann, daß sie nicht weit von dieser Stadt sich
-aufhalte, und morgen wolle er ihn zu ihr führen.
-
-Der Spanier hatte Freudentränen im Auge. »Wie danke ich Euch für die
-Nachrichten, die Ihr mir gegeben!« sprach er. »Sobald ich Urlaub
-bekommen hatte, setzte ich mich mit Diego in den Wagen und ließ mich
-von W. bis hier täglich sechs Meilen fahren, denn länger hielt ich es
-nicht aus. Und lebt sie glücklich? Sieht sie ihrer Mutter ähnlich, und
-was erzählt sie von Laura Tortosi?« Fröben versprach, auf seinem Zimmer
-alle seine Fragen zu beantworten. Er ließ, nachdem sich der Spanier ein
-wenig ausgeruht und umgekleidet hatte, Xeres bringen, schenkte ein,
-Diego reichte, wie damals, die Zigarren, und als Don Pedro recht bequem
-saß, fing der junge Mann seine Erzählung an. Mit steigendem Interesse
-hörte ihn der Spanier an; zu großem Aergernis Diegos ließ er seit
-zwanzig Jahren zum erstenmal die Zigarre ausgehen, und als der junge
-Mann an jene empörende Szene zwischen Faldner und der unglücklichen
-Frau kam, da konnte er sich nicht mehr halten; sein altes, südliches
-Blut kochte auf; er drückte den Hut tief in die Stirne, wickelte den
-linken Arm in den Mantel und rief mit blitzenden Augen: »Meinen langen
-Stoßdegen her, Diego, den mach' ich kalt, so wahr ich ein guter Christ
-und spanischer Edelmann bin; ich stech' ihn nieder und hätte er ein
-Kruzifix vor der Brust, ich bring' ihn um; ohne Absolution und ohne
-alle Sakramente schick' ich ihn zur Hölle, so tu' ich. Bring mir mein
-Schwert, Diego!«
-
-Aber Fröben zog den zitternden, vom Zorn erschöpften Alten zu sich
-nieder; er suchte ihm begreiflich zu machen, wie dies alles nicht nötig
-sei, denn Josephe sei schon aus der Gewalt des rohen Menschen befreit
-und lebe getrennt von ihm. Er holte, um ihn noch mehr zu besänftigen,
-jenes Bild herbei und entfaltete es vor den staunenden Blicken Pedros.
-Entzückt betrachtete es der Don. »Ja, sie ist es,« rief er, alles
-übrige vergessend, »meine arme, unglückliche Laura!« Und weinend
-umarmte er den jungen Mann, nannte ihn seinen lieben Sohn und dankte
-ihm mit gebrochener Stimme für alles, was er an der unglücklichen
-Mutter und ihrer armen Tochter getan.
-
-Am andern Morgen brach er mit Fröben nach dem Gut der Gräfin auf. Es
-war ein rührender Anblick, wie der alte Mann die schöne jugendliche
-Gestalt Josephens umschlungen hielt, wie er ihre Züge aufmerksam
-betrachtete, wie seine strengen Züge immer weicher wurden, wie er sie
-dann gerührt auf Auge und Mund küßte. »Ja, du bist Lauras Tochter!«
-rief er. »Dein Vater hat dir nichts gegeben als sein blondes Haar, aber
-das sind ihre lieben Augen, das ist ihr Mund, das sind die schönen
-Züge der Tortosi! Sei meine Tochter, liebes Kind; ich habe keine
-Verwandten und bin reich; durch Verwandtschaft, mein Herz und einen
-zwanzigjährigen Gram gehörst du mir näher an als irgend jemand auf der
-Erde!« Ihre Blicke, die über seine Schultern weg auf Fröben fielen,
-schienen diese letztere Behauptung nicht gerade zu bestätigen, aber
-sie küßte gerührt seine Hand und nannte ihn ihren Oheim, ihren zweiten
-Vater.
-
-Die Freude des Wiedersehens dauerte übrigens nur wenige Tage. Don Pedro
-erklärte sehr bestimmt, daß ihn seine Geschäfte nach Portugal rufen
-und zugleich schien er gar nicht einzusehen, was Josephen abhalten
-könnte, ihm dahin zu folgen; er hegte zu strenge Grundsätze über die
-Artikel seiner Kirche, als daß er den Gedanken für möglich gehalten
-hätte, Fröben könne Josephe, die getrennte Gattin eines andern, zur
-Frau begehren. Es ist uns nicht bekannt geworden, was die Liebenden
-über diesen strittigen Punkt verhandelten; nur so viel ist gewiß, daß
-Fröben einigemal darauf hindeutete, sie solle zum evangelischen Glauben
-zurückkehren, daß sie jedoch, zwar mit unendlichem Schmerz, aber sehr
-bestimmt, diesen Vorschlag abwies. Oft soll ihr der junge Mann in
-Verzweiflung über die herannahende Trennung vorgeschlagen haben, sie
-solle Don Pedro ziehen lassen, sie solle für sich leben, in Deutschland
-bleiben, er wolle, wenn er nicht ihr Gatte werden könne, auf immer
-als Freund um sie sein. Aber auch dies lehnte sie ab; sie gestand ihm
-offen, daß sie sich zu schwach fühle, ein solches Verhältnis mit Ehren
-hinauszuführen, und stolzer gemacht durch ihr Unglück, bebte sie zurück
-vor dem Gedanken an eine unwürdige Verbindung mit einem Mann, den sie
-so hoch achtete, als sie ihn liebte. Allein mit sich, gestand sie sich
-wohl, daß ein noch edelmütigerer Gedanke ihre Schritte lenke. »Sollte
-er,« sagte sie zu sich, »die Blüte des Lebens an ein unglückliches
-Geschöpf verlieren, das ihm nur Freundin sein darf? Soll er den hohen
-Genuß häuslicher Freuden, das Glück, Kinder und Enkel um sich zu
-versammeln, wegen meiner aufgeben? Nein, er hat mich schon einmal
-verloren und die Zeit wird auch jetzt seinen Schmerz lindern, er wird
-ein unglückliches Wesen vergessen, das ewig an ihn denken, ihn lieben,
-für ihn beten wird.«
-
-So schienen denn jene prophetischen Worte Josephens: »Auf immer!« in
-Erfüllung zu gehen. Don Pedro verließ mit seiner neuen Verwandten das
-Gut der Gräfin, um durch Holland auf die See zu gehen. Fröben, den
-vielleicht nur der Gedanke, Josephen bald nach Portugal nachzufolgen
-und dort ihr Freund zu sein, aufrecht erhielt, geleitete die Geliebte
-auf der Reise durch Deutschland und Holland; und so oft sie ihn bat,
-durch längeres Begleiten die Tage der Trennung nicht noch schwerer
-zu machen, bat er mit Tränen im Auge: »Nur bis ans Meer und dann auf
-immer!«
-
-
-36.
-
-Im August dieses Jahres wurde in Ostende ein englisches Schiff klar,
-das nach Portugal Schiffsgut und Passagiere brachte. Es war ein
-schöner Morgen, die Nebel hatten sich gesenkt und die Tage schienen
-für die Fahrt günstig werden zu wollen. Es war um neun Uhr morgens,
-als ein Kanonenschuß von dem Engländer herüberschallte, zum Zeichen,
-daß die Passagiere sich an die Küste begeben sollen. Zu gleicher Zeit
-ruderte eine Schaluppe heran und warf ihr Brett aus, um die Reisenden
-einzunehmen. Vom Land her kamen viele Personen mit Gepäck, gingen über
-das Brett, und bald war die Schaluppe voll und die erste Ladung wurde
-an Bord gebracht. Ehe noch die Schaluppe zum zweitenmal anlegte, sah
-man vier Personen sich dem Strande nähern, die sich durch Gang, Haltung
-und Kleidung von den übrigen ärmlicheren Passagieren unterschieden. Ein
-hoher, ältlicher Mann ging stolzen Schrittes voraus; er hatte einen
-breitgekrempten Hut auf und den Mantel so kunstreich und bequem um die
-Schultern geschlagen, daß ein Schiffer, der ihn kommen sah, ausrief:
-»Ich laß mich fressen, wenn es kein Spanier ist!« hinter jenem kam ein
-jüngerer Herr, der eine schöne, schlankgebaute Dame führte. Der junge
-Herr war sehr bleich, schien einen großen Kummer niederzukämpfen, um
-durch Zureden einen noch größeren bei der Dame zu beschwichtigen. Ihr
-schönes Gesicht war um Auge und Stirne von heftigem Weinen gerötet,
-der Mund schmerzlich eingepreßt und die Wangen und untern Teile des
-Gesichtes sehr bleich. Sie ging schwankend, auf den Arm des jungen
-Mannes gestützt; ein Hütchen mit wallenden Straußfedern; ein wallendes
-Kleid von schwerem schwarzen Seidenzeug, um Hals und Busen reiche
-Goldketten, schienen nicht zur Reise zu passen, und man konnte daher
-glauben, daß sie den jungen Mann an Bord begleite; hinter beiden ging
-ein Diener in bunten Kleidern; er trug einen großen Sonnenschirm unter
-dem Arm und hatte ein spanisches Netz über seine dunkeln Haare gezogen.
-
-Als sie so weit herabgekommen waren, wo der Sand von der vorigen Flut
-noch feucht war, an die Stelle, wo man das Brett nach der Schaluppe
-auswarf, blieben sie stehen, und das schöne junge Paar sah nach dem
-Schiff, dann sahen sie sich an und die Dame legte ihr Haupt auf die
-Schulter des Mannes, daß die Straußfedern um sein Gesicht spielten und
-seine stillen Tränen den Augen der Neugierigen verbargen. Der alte Herr
-stand nicht weit davon, wickelte sich, finster auf die See blickend,
-tief in seinen Mantel, und sein Auge blinkte, man wußte nicht ob von
-einer Träne oder dem Widerschein der glänzenden Wellen. Jetzt kam die
-Schaluppe plätschernd ans Ufer; das Brett wurde ausgeworfen und ein
-donnernder Schuß vom Schiffe schreckte das Paar aus seiner Umarmung.
-Der alte Herr trat heran, bot dem jungen Mann die Hand, schüttelte sie
-kräftig und stieg dann schnell über das Brett, sein Diener folgte,
-nachdem auch er dem Jüngling herzlich die Hand geboten. Jetzt umarmten
-sich die jungen Leute noch einmal; er wandte sich zuerst los und führte
-die Dame nach dem Brett. »Auf immer!« flüsterte sie mit wehmütigem
-Lächeln. »Auf immer!« antwortete der junge Mann, indem er sie bebend,
-mit Tränen ansah. Noch einen Händedruck und sie wandte sich, das
-Brett hinanzusteigen. Schon stand sie oben, der Oberbootsmann, ein
-breiter Engländer, wartete am Brett, streckte seine breite Hand aus,
-um die schöne Dame zu empfangen, und hatte schon einige gutgemeinte
-Trostgründe in Bereitschaft. Da wandte sie von dem unendlichen Meer
-ihr dunkles Auge noch einmal zurück nach dem jungen Mann. Ihre hohe
-herrliche Gestalt schwebte kühn auf dem schmalen Brett, ihr schlanker
-Hals war nach dem Land zurückgebogen, die schwankenden Federn des Hutes
-schienen hinüberzugrüßen. Er breitete die Arme aus, in seinen Zügen
-mischte sich die Seligkeit der Liebe mit dem Schmerz der Trennung. Da
-schien sie ihrer selbst nicht mehr mächtig zu sein; sie sprang über
-das Brett und hinab auf das Land, und ehe der Bootsmann die Hände vor
-Verwunderung zusammenschlagen konnte, hing sie schon an des jungen
-Mannes Hals, an seinen Lippen. »Nein, ich kann nicht über das Meer,«
-rief sie, »ich will bleiben; ich will alles tun, was du willst, will
-diese Fesseln eines Glaubens von mir werfen, der mich hindert, meinem
-bessern Gefühl zu folgen; du bist mein Vaterland, meine Familie, mein
-alles; ich bleibe!«
-
-»Josephe, meine Josephe!« rief der junge Mann, indem er sie mit
-stürmischem Entzücken an sein Herz drückte. »Mein, mein auf immer? Ein
-Gott hat dein Herz gelenkt, o, ich wäre untergegangen unter der Qual
-dieser Trennung!« Sie hielten sich noch umschlungen, als der alte Herr
-mit hastigen Schritten über Bord und das Brett herabstieg und zu der
-Gruppe trat: »Kinder,« sagte er, »einmal Abschied zu nehmen wäre genug
-gewesen; komm, Josephe, es hilft ja doch zu nichts, sie werden gleich
-zum drittenmal schießen.«
-
-»Laßt sie mit Stückkugeln schießen, Don Pedro,« rief der junge Mann mit
-freudig verklärten Zügen, »sie bleibt hier, sie bleibt bei mir!«
-
-»Was höre ich?« erwiderte jener sehr ernst. »Ich will nicht hoffen, daß
-dies so ist, wie der Kavalier sagt; du wirst deinem Verwandten folgen,
-Josephe!«
-
-»Nein!« rief sie mutig, »als ich dort oben auf dem Rand der Schaluppe
-stand und hinaussah auf diese Fluten, die mich von ihm trennen sollten,
-da stand fest in mir, was ich zu tun habe; meine Mutter hat mir den
-Weg gezeigt; sie ist einst dem Mann ihres Herzens in die weite Welt
-gefolgt, hat Vater und Mutter verlassen aus Liebe; ich weiß, was auch
-ich zu tun habe, hier steht der, dem meine arme Mutter ihre letzten
-süßen Stunden, dem ich Leben, Ehre, alles verdanke, und ich sollte ihn
-verlassen? Grüßet die Gräber meiner Ahnen in Valencia, Don Pedro, und
-saget ihnen, daß es noch eine aus dem Stamm der Tortosi gibt, der die
-Liebe höher gilt als das Leben!«
-
-Don Pedro wurde weich. »So folge deinem Herzen, vielleicht ratet es dir
-besser als ein alter Mann; ich weiß dich zum mindesten glücklich in den
-Armen dieses edlen Mannes, und sein hoher Sinn bürgt mir dafür, daß ihm
-unsere Ehre nicht minder hoch als die seine gilt. Aber, Don Fröbenio,
-was werden Sie zu Ihren stolzen Verwandten sagen, wenn Sie dieses Kind
-des Elends vorstellen? Gott! Werden Sie auch den Mut haben, den Spott
-der Welt zu ertragen?«
-
-»Fahre wohl, Don Pedro,« sagte der junge Mann mit mutigem Gesicht,
-indem er jenem die eine Hand zum Abschied bot und mit der andern die
-Geliebte umschlang; »seid getrost und verzaget nicht an mir. Ich werde
-sie der Welt zeigen, und wenn man mich fragt: Wer war sie denn? so
-werde ich mit freudigem Stolz antworten: Es war _die Bettlerin vom Pont
-des Arts_.«
-
-
-
-
-Jud Süß.
-
-
-1.
-
-Der Karneval war nie in Stuttgart mit so großem Glanz und Pomp gefeiert
-worden als im Jahr 1737. Wenn ein Fremder in die ungeheuren Säle trat,
-die zu diesem Zwecke aufgebaut und prachtvoll dekoriert waren, wenn
-er die Tausende von glänzenden und fröhlichen Masken überschaute, das
-Lachen und Singen der Menge hörte, wie es die zahlreichen Fanfaren der
-Musikchöre übertönte, da glaubte er wohl nicht in Württemberg zu sein,
-in diesem strengen, ernsten Württemberg, streng geworden durch einen
-eifrigen, oft asketischen Protestantismus, der Lustbarkeiten dieser Art
-als Ueberbleibsel einer andern Religionspartei haßte; ernst, beinahe
-finster und trübe durch die bedenkliche Lage, durch Elend und Armut,
-worein es die systematischen Kunstgriffe eines allgewaltigen Ministers
-gebracht hatten.
-
-Der prachtvollste dieser Freudentage war wohl der zwölfte Februar,
-an welchem der Stifter und Erfinder dieser Lustbarkeiten und so
-vieles andern, was nicht gerade zur Lust reizte, der _Jud Süß_,
-Kabinettsminister und Finanzdirektor, seinen Geburtstag feierte. Der
-Herzog hatte ihm Geschenke aller Art am Morgen dieses Tages zugesandt;
-das angenehmste aber für den Kabinettsminister war wohl ein Edikt,
-welches das Datum dieses Freudentages trug, ein Edikt, das ihn auf ewig
-von aller Verantwortung wegen Vergangenheit und Zukunft freisprach.
-Jene unzähligen Kreaturen jeden Standes, Glaubens und Alters, die er an
-die Stelle besserer Männer gepflanzt hatte, belagerten seine Treppen
-und Vorzimmer, um ihm Glück zu wünschen, und manchen ehrliebenden,
-biedern Beamten trieb an diesem Tage die Furcht, durch Trotz seine
-Familie unglücklich zu machen, zum Handkuß in das Haus des Juden.
-
-Dieselben Motive füllten auch abends die Karnevalsäle. Seinen Anhängern
-und Freunden war es ein Freudenfest, das sie noch oft zu begehen
-gedachten; Männer, die ihn im stillen haßten und öffentlich verehren
-mußten, hüllten sich zähneknirschend in ihre Dominos und zogen mit Weib
-und Kindern zu der prachtvollen Versammlung der Torheit, überzeugt,
-daß ihre Namen gar wohl ins Register eingetragen und die Lücken schwer
-geahndet würden; das Volk aber sah diese Tage als Traumstunden an,
-wo sie im Rausch der Sinne ihr drückendes Elend vergessen könnten;
-sie berechneten nicht, daß die hohen Eintrittsgelder nur eine neue
-indirekte Steuer waren, die sie dem Juden entrichteten.
-
-Der Glanzpunkt dieses Abends war der Moment, als die Flügeltüren
-aufflogen, eine erwartungsvolle Stille über der Versammlung lag, und
-endlich ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit auffallenden, markierten
-Zügen, mit glänzenden, funkelnden Augen, die lebhaft und lauernd durch
-die Reihen liefen, in den Saal trat. Er trug einen weißen Domino, einen
-weißen Hut mit purpurroten Federn, auf welchen er die schwarze Maske
-nachlässig gesteckt hatte; es war nichts Prachtvolles an ihm als ein
-ungewöhnlich großer Solitär, welcher am Hals die purpurrote Bajute von
-Seidenflor, die über den Domino herabfiel, zusammenhielt. Er führte
-eine schlanke, zartgebaute Dame, die, in ein mit Gold und Steinen
-überladenes orientalisches Kostüm gekleidet, aller Augen auf sich zog.
-
-»Der Herr Finanzdirektor, der Herr Minister,« flüsterte die Menge,
-als er vornehm grüßend durch die Reihen ging, die sich ihm willig
-öffneten; und als er in der Mitte des Hauptsaales angekommen war,
-begrüßten ihn Trompeten und Pauken und ein nicht unbeträchtlicher Teil
-der Masken klatschte ihm Beifall, während man andere wie von einem
-unzüchtigen Schauspiele sich abwenden sah. Aber allgemein schien die
-Teilnahme, womit man die schöne Orientalin betrachtete, die mit dem
-Minister gekommen war. Seine Lebensweise war zu bekannt, als daß nicht
-die meisten unter der Larve der reich geschmückten Dame eine seiner
-Freundinnen geahnet hätten, nur darüber schien man uneinig, welcher
-von diesen solche Auszeichnung zu teil geworden sei; die eine schien
-zu klein für diese Figur, die andere zu korpulent für diese zierliche
-Taille, die dritte zu schwerfällig, um so leicht und beinahe schwebend
-über den Boden zu gleiten, und einer vierten, bei welcher man endlich
-stille stehen wollte, konnte nicht dieses glänzend schwarze Haar, das
-in reichen Locken um den stolzen Nacken fiel, nicht dieses herrliche,
-dunkle Auge gehören, das man aus der Maske hervorleuchten sah.
-
-Die Menge pflegt, wenn ihre Neugier nicht sogleich befriedigt wird,
-bei Gelegenheiten von so glänzender und rauschender Art, wie dieser
-Karneval war, nicht lange bei _einem_ Gegenstand stille zu stehen.
-»Wenn sie die Maske abnimmt, wird man ja sehen!« sprach man, ohne der
-Dame noch längere Aufmerksamkeit zu schenken, als nötig war, um zu
-bemerken, wie sie zum Menuett antrat. Aber drei junge Männer, die müßig
-hinter den Reihen der Tanzenden standen, schienen diese Erscheinung
-noch immer unablässig zu verfolgen.
-
-»Wer sie nur sein mag?« rief der eine ungeduldig. »Ich wollte gern
-dem verzweifelten Juden fünfzig Eintrittskarten abkaufen, wenn er mir
-sagte, woher dieses Mädchen kommt, das er wie eine Fürstin in den Saal
-führte.«
-
-»Herr Bruder!« erwiderte der zweite, indem er unter dem Sprechen kein
-Auge von der Orientalin abwandte: »Herr Bruder, ~Parole d'honneur~!
-Diese Widersprüche kann ich nicht vereinigen, und wenn ich bei
-Cartesius selbst die Logik samt dem ›~cogito, ergo sum~‹ studiert
-hätte; eine so ungewöhnliche feine Gestalt, diese Haltung, diese nach
-den neuesten und vornehmsten Regeln abgemessene Bewegung, diese Art,
-das Handgelenk rund und spielend zu bewegen, wie ich sie nur in den
-bedeutendsten Zirkeln zu Wien und Paris sah, dieser Anstand, womit sie
-den Nacken trägt --«
-
-»Gott verdamm' mich, du hast recht, Herr Bruder!« unterbrach ihn der
-dritte. »Dieses alles und -- mit Süß auf den Ball zu kommen! Nein, ein
-solcher Kontrast ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen!«
-
-»Aus unserer Bekanntschaft,« fuhr der erste fort, »aus unsern Kreisen
-kann sie nicht sein; denn wenn es auch wahr ist, was man flüstert,
-daß schon mancher elende Kerl von einem Vater seine Tochter mit einer
-Bittschrift zum Juden schickte, so laut läßt keiner seine Schande
-werden, daß er sein leibliches Kind mit dieser Mazette auf den Ball
-schickt!«
-
-»Bitte dich ums Himmels willen, Herr Bruder, nicht so laut, er hat
-überall seine Spione, und uns ist er ohnedies nicht grün; denk an deine
-Familie, willst du dich unglücklich machen? Aber wahr ist's, es kann
-kein Mädchen aus bessern Ständen sein, und doch ist ihr Wesen für eine
-Bürgerstochter zu anständig. Doch halt, wer ist der Sarazene, der dort
-auf uns zukommt? Die Farbe seines Turbans ist ja dieselbe, wie ihn die
-Scharmante des Juden hat!«
-
-Die jungen Männer wandten sich um und sahen einen schlanken,
-schöngewachsenen Mann, der, als Sarazene gekleidet, sich durch
-die einfache Pracht seines Kostüms wie durch Gang und Haltung vor
-gemeineren Masken auszeichnete. Auch er schien die jungen Männer ins
-Auge gefaßt zu haben, denn er ging langsam an sie heran und zögerte, an
-ihnen vorüber zu schreiten.
-
-»Was ist deine Parole?« fragte der eine der jungen Männer, der in der
-Maske einen Freund zu erkennen glaubte. »Hast du nur dein _Allah_ zum
-Feldgeschrei, oder weißt du sonst ein Sprüchlein?«
-
-»~Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus~,« erwiderte der Sarazene, indem
-er stille stand.
-
-»Er ist's, er ist's,« riefen zwei dieser jungen Herren und schüttelten
-die Hand des Sarazenen. »Gut, daß wir die Parole gaben, ich hätte sonst
-kein Erkennungszeichen für dich gehabt, denn ich war meiner Sache so
-gewiß, du seiest als Bauer hier, daß ich mit dem Kapitän eine Flasche
-gewettet habe, du müßtest ein Bauer sein!«
-
-»Laßt uns ans Büffet treten,« sagte der zweite, »ich habe dir hier
-jemand vorzustellen, Bruder Gustav, der sich auf deine Bekanntschaft
-freut, und du weißt, in Larven erkennt man sich schlecht.«
-
-»Freund,« erwiderte Gustav, »ich nehme die Larve nicht ab, ich habe
-Gründe; so angenehm mir die Bekanntschaft dieses Herrn wäre, so muß ich
-sie doch bis morgen versparen.«
-
-»Und wenn es nun Pinassa wäre, nach welchem du so oft gefragt?«
-antwortete jener.
-
-»Pinassa? Mit dem du dich geschlagen? Nein, das ändert die Sache, den
-will ich sehen und begrüßen; aber -- meine Maske nehme ich nur auf zwei
-Augenblicke und im fernsten Winkel des Speisesaals ab.«
-
-»Wir sind's zufrieden, Bruder Sarazene,« antwortete der Kapitän. »Aber
-laß uns nur erst an die zweite Flasche kommen, dann sollst du auch die
-Gründe beichten, warum du dein Angesicht nicht leuchten lassen willst
-vor den Freunden!«
-
-
-2.
-
-In dem Speisesaal, welchen sie wählten, waren nur wenige Menschen,
-denn man verkaufte hier nur ausgesuchte Weine, feine Früchte und warme
-Getränke, während die größeren Trinkstuben, wo Landwein, Bier und
-derbere Speisen zu haben waren, die größere Menge an sich zogen. In
-einer Ecke des Zimmers war ein Tischchen leer, wo der Sarazene, wenn
-er dem übrigen Teil des Saales den Rücken kehrte, ohne Gefahr, erkannt
-zu werden, die Maske abnehmen konnte. Sie wählten diesen Platz, und
-als die vollen Römer vor ihnen standen, legten die zwei jungen Krieger
-die Masken ab, und der Kapitän begann: »Herr Bruder, ich habe die
-Ehre, dir hier den unvergleichlichen Kavalier Pinassa vorzustellen,
-den berühmtesten Fechter seiner Zeit; denn es gelang ihm, durch eine
-unbesiegliche Terz-Quart-Terz, _mich_, bedenke, mich den Senior des
-Amicistenordens, in Leipzigs unvergeßlichem Rosenthal ~hors de combat~
-zu machen. Er hat gleich mir die Musen verlassen, hat gesungen: ›Will
-mich Minerva nicht, so mag Bellona raten‹, und hat den alten Hieber
-und sein ungeheures Stichblatt, worauf er sein Frühstück zu verzehren
-pflegte, mit dem Paradedegen eines herzoglich württembergischen
-Leutnants vertauscht.«
-
-»Der Tausch ist nicht übel, Herr von Pinassa, und mein Vaterland kann
-sich dazu Glück wünschen,« sagte der Sarazene, indem er sich vor dem
-neuen Leutnant verbeugte. »Wolltet Ihr einmal in unsern Dienst treten,
-so war diese Laufbahn die angenehmste. Der Zivilist hat zu dieser Zeit
-wenig Aussicht, wenn er nicht ein Amt für fünftausend Gulden oder für
-sein Gewissen und ehrlichen Namen beim Juden kaufen will. Doch diese
-dünnen Bretterwände haben Ohren -- stille davon, es ist doch nicht zu
-ändern. Wie anders sind Eure Verhältnisse! Der Herzog ist ein tapferer
-Herr, dem ich einen Staat von zweimalhunderttausend Kriegern gönnen
-möchte; für uns -- ist er zu groß. Der Krieg ist sein Vergnügen, ein
-Regiment im Waffenglanz seine Freude; leider fällt für uns andere
-selten eine müßige Stunde ab, und daher kommt es, daß diese Juden und
-Judenchristen das Zepter führen. Er gilt für einen großen General, er
-hat mit Prinz Eugen schöne Waffentaten verrichtet, und ein schlanker,
-junger Mann, mit einer Narbe auf der Stirne, Mut in den Blicken, wie
-Ihr, Herr von Pinassa, ist ihm jederzeit in seinem Heere willkommen.«
-
-»Was der Sarazene altklug sprechen kann über Juden und Christen!«
-sprach der Kapitän. »Doch öffne dein Visier und zeige deine Farben,
-mein Kamerad soll nun auch wissen, mit wem er spricht: das ist der
-umsichtige, rechtskundige, fürtreffliche Herr ~Juris utriusque~ Doctor
-Lanbek, leiblicher Sohn des berühmten Landschaftskonsulenten Lanbek,
-welchem er als Aktuarius substituiert ist; ein vortrefflicher Junge,
-~Parole d'honneur~, wenn er sich nicht in neuerer Zeit hin und wieder
-durch sonderbare Melancholie prostituierte, noch trefflicher, wenn ihm
-der Herr auch einen Sinn für das schöne Geschlecht eingepflanzt hätte.«
-
-Lanbek nahm bei diesen Worten die Maske ab und zeigte dem neuen
-Bekannten ein errötendes Gesicht von hoher Schönheit. Unter dem Turban
-stahlen sich gelbe Locken hervor und umwallten kunstlos und ungepudert
-die Stirne. Eine kühn gebogene Nase und dunkle, tiefblaue Augen gaben
-seinem Gesicht einen Ausdruck von unternehmender Kraft und einen
-tiefen Ernst, der mit den weichen Haaren und ihrer sanften Farbe in
-überraschendem Widerspruch war. Doch das Strenge dieser Züge und dieser
-Augen milderte ein angenehmer Zug um den Mund, als er antwortete: »Ich
-öffne mein Visier und zeige Euch ein Gesicht, das Euch recht herzlich
-bei uns willkommen heißt. Ich trinke auf Euer Wohl dieses Glas, dann
-aber werdet Ihr entschuldigen, wenn ich aufbreche.«
-
-»~Pro poena~ trinkst du zwei,« rief der Kapitän mit komischem Pathos,
-indem er einen ungeheuren Hausschlüssel aus der Tasche nahm und ihn
-als Zepter gegen den Sarazenen senkte. »Hast du so wenig Ehrfurcht vor
-deinem Senior, daß du dich erfrechst, ~in loco~ Gläser zu trinken, ohne
-daß sie dir ordentlich vom Präses diktiert sind? ~O tempora, o mores!~
-Wo ist Zucht und Sitte dieser Füchse hin? Pinassa! Zu unserer Zeit war
-es doch anders!«
-
-Die jungen Männer lachten über diese klägliche Reminiszenz des
-ehemaligen Amicistenseniors; der Kapitän aber faßte Lanbek schärfer
-ins Auge und sagte: »Herr Bruder, nimm mir's nicht übel, aber in dir
-steckte schon lange etwas wie ein Fieber, und heute abend ist die
-Krisis; ich setze meine verlorene Flasche, davon geht nichts ab, aber
-ich wette zehn neue; sei ehrlich, Gustav -- du warst heute abend schon
-als Bauer hier, und dein Alter weiß nichts vom Sarazenen.«
-
-Gustav errötete, reichte dem Freunde die Hand und winkte ihm ein Ja zu.
-
-»Alle Tausend!« rief der Kapitän. »Junge, was treibst du? Wer hätte das
-hinter dem stillen Aktuarius gesucht? Auf dem Karneval das Kostüm zu
-ändern! Und so ängstlich, so geheimnisvoll, so abgebrochen; willst du
-etwa dem Juden zu Leibe gehen?«
-
-Der Gefragte errötete noch tiefer und nahm schnell die Maske vor; ehe
-er noch antworten konnte, sagte Reelzingen: »Herr Bruder, du bringst
-mich auf die rechte Fährte. Wo habt ihr beide, du und die Orientalin,
-die der Finanzdirektor führte, das Zeug zu euren Turbanen gekauft?
-Gustav, Gustav!« setzte er, mit einem Finger drohend, hinzu. »Du wohnst
-dem Juden gegenüber, ich wette, du weißt, wer die stolze Donna ist, die
-er führt.«
-
-»Was weiß ich!« murmelte Lanbek unter seiner Larve.
-
-»Nicht von der Stelle, bis du es sagst,« rief der Kapitän; »und wenn
-du auf deinem Trotz beharrst, so schleiche ich mich an die Orientalin
-und flüstere ihr ins Ohr, der Sarazene habe mich in sein Geheimnis
-eingeweiht.«
-
-»Das wirst du nicht tun, wenn ich dich ernstlich bitte, es zu
-unterlassen,« erwiderte der junge Mann, wie es schien, sehr ernst;
-»wenn ich übrigens Vermutungen trauen darf, so ist es Lea Oppenheimer,
-des Ministers Schwester. Und nun adieu! Wenn ihr mir im Saal begegnen
-solltet, kennt ihr mich nicht, und Reelzingen, wenn mein Vater fragt --«
-
-»So weiß ich nichts von dir, versteht sich,« erwiderte dieser. Der
-Sarazene erhob sich und ging. Die Freunde aber sahen einander an, und
-keiner schien zu wissen, ob er recht gehört habe, oder wie er dies
-alles deuten sollte. »Hat denn der Jude eine Schwester?« fragte Pinassa.
-
-»Man sprach vor einiger Zeit davon, daß er eine Schwester zu sich
-genommen habe, doch hielt man sie für noch ganz jung, weil sie sich
-nirgends sehen läßt;« erwiderte Reelzingen nachdenklich. »Und wie er
-errötete, Herr Bruder, du wirst sehen, da läßt auch einmal wieder der
-Satan einen vernünftigen Jungen einen dummen Streich machen.«
-
-
-3.
-
-Lanbek irrte, als er die Freunde verlassen hatte, in den Sälen umher;
-seine Blicke gleiteten unruhig über die Menge hin, sein Gesicht glühte
-unter der Larve, und mühsam mußte er oft nach Atem suchen, so drückend
-war die Luft in dem Saale und so schwer lag Erwartung, Sehnsucht und
-Angst auf seinem Herzen. Dichter und stürmischer drängte sich die
-Menge, als er in die Mitte des zweiten Saales kam; mit Mühe schob er
-sich noch eine Zeitlang durch, aber endlich riß ihn unwillkürlich der
-Strom fort, der sich nach einer Seite hindrängte, und ehe er sich
-dessen versah, stand er an einem Spieltisch, wo _Süß_ mit einigen
-seiner Finanzräte Karten spielte. Große Haufen Goldes lagen auf dem
-Tische, und die neugierige Menge beobachtete den berühmtesten Mann
-ihres Landes und teilte sich flüsternd und murmelnd Bemerkungen mit
-über die ungeheuren Summen, die er, ohne eine Miene zu verändern,
-hingab oder gewann.
-
-Gustav hatte den Gewaltigen noch nie so in der Nähe beobachtet wie
-jetzt, da er, festgehalten durch die Menge, die wie eine Mauer um ihn
-stand, zum unwillkürlichen Beobachter wurde. Er gestand sich, daß
-das Gesicht dieses Mannes von Natur schön und edel geformt sei, daß
-sogar seine Stirne, sein Auge durch Gewohnheit zu herrschen etwas
-Imponierendes bekommen haben; aber feindliche, abstoßende Falten lagen
-zwischen den Augenbrauen da, wo sich die freie Stirne an die schön
-geformte Nase anschließen wollte, das Bärtchen auf der Oberlippe konnte
-einen hämischen Zug um den Mund nicht verbergen; und wahrhaft greulich
-schien dem jungen Mann ein heiseres, gezwungenes Lachen, womit der
-jüdische Minister Gewinn oder Verlust begleitete.
-
-Während die Herren, von der Menge umlagert, spielten und auf irgend
-etwas zu warten schienen, trat ein Mann in der Kleidung eines Bauern
-aus der Steinlach aus den Reihen der Neugierigen; ein alter Hut auf
-dem Kopf, eine grobe blaue Jacke, eine rote Weste mit großen Knöpfen
-von Zinn, Beinkleider von gelbem Leder und schwarze Strümpfe machten
-sein unscheinbares Kostüm aus; aber er trug eine sehr feine, gutgemalte
-Larve. Er stützte sich nach Art der Landleute mit der Hand auf den fünf
-Fuß hohen Knotenstock, legte sein Kinn auf die Hand und sprach in gut
-nachgeahmtem Dialekt des Steinlachtals: »Viel Geld habt Ihr daliegen,
-Herr! Und habt alles selbst verdient?«
-
-Der Minister sah sich um und bemühte sich, über diese Maskenfreiheit
-zu lächeln. Vielleicht mochte ihm diese Gelegenheit erwünscht kommen,
-um sich ein populäres Ansehen zu geben, denn er antwortete freundlich:
-»Guten Abend, Landsmann.«
-
-»Euer Landsmann bin ich gerade nicht,« erwiderte der Bauer mit großer
-Ruhe: »so wie ich tragen sich gewöhnlich die Mausche nicht.« Ein
-unterdrücktes Lachen flog durch die Reihen der Zuschauer. Der Minister
-schien es aber nicht zu bemerken, denn er fuhr ganz leutselig fort: »Du
-bist witzig, mein Freund.«
-
-»Gott bewahr' mich, daß ich Euer Freund sei, Herr Süß,« entgegnete der
-Bauer. »Wär' ich Euer Freund, so ging' ich wohl nicht in dem schlechten
-Rock und durchlöcherten Hut; Ihr macht ja Eure Freunde reich.«
-
-»Nun, dann muß ganz Württemberg mein Freund sein, denn ich mache es
-reich,« sagte Süß und begleitete seine Rede mit heiserem, unangenehmem
-Lachen.
-
-»Ihr seid ein Allerweltsgoldmacher,« entgegnete der Bauer. »Wie schön
-diese Dukaten sind; wieviel Schweißtropfen armer Leute gehen wohl auf
-ein solches Goldstück?«
-
-»Du bist ein kapitaler Kerl!« rief Süß, ganz ruhig weiter spielend.
-
-Als der Bauer zu einer neuen Rede ansetzen wollte, zog eine neue
-Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Mann, dessen Kostüm
-beinahe ebenso war wie des Bauers, nur hatte er einen langen, spitzen
-Bart am Kinn, und trug einen Tressenrock. Der Bauer sah ihn eine
-Zeitlang verwundert an, schüttelte ihm dann die Hand und rief: »Ei
-Hans! Wo kommst du her, und so schmuck und stattlich! Gar nicht mehr
-wie unsereiner!«
-
-»Das macht,« erwiderte Hans, indem er aus einer silbernen Dose
-schnupfte, »ich bin bei einem vornehmen Herrn in Dienst getreten.«
-
-»Wer ist denn dein Herr?« fragte der Bauer.
-
-»Ein Schinder, aber ein vornehmer. Meinst du, er schindet gemeines
-Vieh, Pferde, Hunde und dergleichen? Nein, ein Leuteschinder ist er und
-noch überdies ein Kartenfabrikant.«
-
-»Ein Kartenfabrikant?« rief der Bauer.
-
-»Jawohl, denn alle Karten im Lande muß man von ihm kaufen, er stempelt
-sie; er ist aber auch ein Gerber.«
-
-»Wie das?«
-
-»Nun alle Gerber im Lande müssen die Häute gegerbt von ihm kaufen; er
-ist aber auch ein Prägestock.«
-
-»Wie! ein Prägestock?«
-
-»Ja, er macht alles Geld, was im Lande ist.«
-
-»Das ist erlogen,« sagte der Bauer, »du willst sagen, er macht alles zu
-Geld, was im Lande ist; aber darum ist er noch kein Prägestock. Es gibt
-nur _einen_ Prägestock in Württemberg, der dem Land seinen Namenszug
-aufgedrückt hat.«
-
-Die Menge hatte bisher nur ihren Beifall gemurmelt, aber bei der
-letzten Anspielung auf die Münze brach sie in lautes Gelächter aus; die
-Stirne des Gewaltigen verfinsterte sich etwas, aber noch immer spielte
-er ruhig weiter.
-
-»Aber warum hast du dir den Bart so spitzig wachsen lassen?« fragte der
-Bauer weiter. »Das sieht ja ganz jüdisch aus.«
-
-»Es ist halt so Mode,« erwiderte Hans, »seit die Juden Meister im Lande
-sind; bald will ich vollends ganz jüdisch werden.«
-
-Als Hans diese letzten Worte sprach, rief eine vernehmliche Stimme aus
-dem dicksten Haufen: »Warte noch ein paar Wochen, Hans, dann kannst du
-gut katholisch werden.«
-
-Wem je der schreckliche Anblick wurde, wie in einer volkreichen
-Straße, durch Unvorsichtigkeit oder Bedacht entzündet, eine Tonne
-Pulvers aufspringt, dem bot sich kaum eine so seltsame Szene dar, als
-die, welche diese wenigen geheimnisvollen Worte hervorbrachten. Der
-Minister, bleich wie eine Leiche, springt vom Sessel auf, er wirft die
-Karten mit wütendem Blick auf den Tisch: »Wer sagt dies? Greift ihn
-im Namen des Herzogs!« ruft er und stürzt, wie von einer unsichtbaren
-Macht getrieben, auf die Menge; seine Genossen, nicht weniger bestürzt,
-aber besonnener, ergreifen seinen Arm und ziehen ihn zurück, suchen
-ihn zu beschwichtigen -- sein dunkles Auge will sich durch die Menge
-bohren, um den Gegenstand seiner Wut zu fassen, die Masken murmeln
-unwillig und drängen sich; doch als der gefürchtete Mann seine Hand
-nach dem Bauer ausstreckt und ruft: »So sollst du mir für ihn haften,«
-da ist er plötzlich von einer drohenden Menge umringt. »Maskenfreiheit,
-Jude!« hört man in dumpfen, gefährlichen Tönen, der Bauer und sein
-Geselle sind in einem Augenblick von ihm getrennt, verschwunden, und so
-schnell als er vorhin umringt war, ist er wieder verlassen, denn die
-Menge zerstiebt, von geheimer Furcht gejagt, nach allen Seiten.
-
-Das Gedränge riß Gustav Lanbek mit sich hinweg; seine Gedanken
-verwirrten sich, es war ihm noch nicht möglich, sich klar vorzustellen,
-was diesen seltsamen Auftritt verursacht haben könnte. So stand er
-einige Augenblicke in seinen Gedanken verloren, als er plötzlich seine
-Hand von einer andern ergriffen fühlte; er sah sich um, die Orientalin
-stand vor ihm.
-
-
-4.
-
-»Wo stammt die Rose her auf deinem Hut, Maske?« fragte die Orientalin
-mit zitternder Stimme.
-
-»Vom See Tiberias,« war die Antwort des Sarazenen.
-
-»Schnell! Folgen Sie mir!« rief die Dame und schlüpfte durchs Gedränge.
-Er folgte, mit Mühe sich durch die Massen schiebend, und nur ihr Turban
-zeigte ihm hin und wieder den Weg; sein Herz pochte lauter, sein Ohr
-trug noch die letzten Laute dieser süßen Stimme, und sein Auge sah
-keinen andern Gegenstand mehr als sie. In einer dunkleren Ecke des
-zweiten Saales hielt sie an und wandte sich um. »Gustav, ich beschwöre
-Sie, was ist mit meinem Bruder vorgefallen? Die Menschen flüstern
-allenthalben seinen Namen; ich weiß nicht, was sie sagen, aber ich
-denke, es ist nichts Gutes; hat er Streit gehabt? Ach, ich weiß wohl,
-diese Menschen hassen unser Volk.«
-
-Der junge Mann war in peinlicher Verlegenheit. Sollte er mit einemmal
-den arglosen Wahn dieses liebenswürdigen Geschöpfes zerstören? Sollte
-er ihr sagen, daß auf ihrem Bruder der Fluch der Württemberger
-ruhe, daß sie für alle Menschen beten, und nur ihn aus dem Gebet
-ausschließen, daß es zur Sitte geworden sei, zu bitten: »Herr erlöse
-uns von dem Uebel und von dem Juden Süß.« -- »Lea,« antwortete er sehr
-befangen, »Ihr Bruder wurde von einigen Masken im Spiel gestört und
-hatte einen Wortwechsel, der vielleicht gerade an diesem Ort auffiel,
-ängstigen Sie sich nicht.«
-
-»Was bin ich doch für ein törichtes Mädchen!« sagte sie. »Ich habe
-so schwere Träume, und dann bin ich den Tag über so traurig und
-niedergeschlagen. Und so reizbar bin ich, daß mich alles erschreckt,
-daß ich immer gleich an meinen Bruder denke und glaube, es könnte ihm
-Unglück zugestoßen sein.«
-
-»Lea,« flüsterte der junge Mann, um diese Gedanken zu zerstreuen,
-»erinnerst du dich, was du versprachst, wenn wir uns auf dem Karneval
-träfen? Wolltest du mir nicht einmal eine einsame Stunde schenken, wo
-wir recht viel plaudern könnten?«
-
-»Ich will,« sagte sie nach einigem Zögern; »Sara, meine Amme, steht am
-Ausgang und wird mich begleiten. Doch wo?«
-
-»Dafür ist gesorgt,« erwiderte er; »folge mir, verliere mich nicht aus
-dem Auge; am Eingang rechts.«
-
-Der erfinderische Sinn des jüdischen Ministers hatte, als er den
-Karneval in Stuttgart arrangierte und diese Säle schnell aus Holz
-aufrichten ließ, dafür gesorgt, daß, wie in großen Häusern und
-Schlössern, an diese Säle auch kleinere Zimmer stoßen möchten, wo
-kleine Zirkel ein Abendessen verzehren konnten, ohne gerade im
-allgemeinen Speisesaal ihr Inkognito abzulegen. Der Aktuarius hatte
-durch eine dritte Hand und hinlängliche Bezahlung sich den Schlüssel
-zu einem dieser Zimmer zu verschaffen gewußt, eine kleine Kollation
-stand dort bereit, und Lea freute sich über diese Artigkeit des jungen
-Christen, der sein möglichstes getan hatte, den Sinn einer in der
-Küche erfahrenen Dame zu befriedigen, obgleich das Zimmerchen, das
-nur einen Tisch und wenige Stühle von leichtem Holz enthielt, wenig
-Bequemlichkeit bot.
-
-»Wie bin ich froh, endlich die lästige Larve ablegen zu können!« sagte
-sie, als sie mit ihrer Amme eintrat; sie sah sich nach einem Spiegel
-um, und als sie nur leere Bretterwände erblickte, setzte sie lächelnd
-hinzu: »Sie müssen mir schon statt eines Spiegels dienen, Gustav, und
-sagen, ob diese drängende Menge mir den Haarputz nicht verdorben hat?«
-
-Entzückt und mit leuchtenden Augen betrachtete der junge Mann das
-schöne Mädchen. Man konnte ihr Gesicht die Vollendung orientalischer
-Züge nennen. Dieses Ebenmaß in den feingeschnittenen Zügen, diese
-wundervollen dunkeln Augen, beschattet von langen, seidenen Wimpern,
-diese kühngewölbten, glänzend schwarzen Brauen und die dunkeln Locken,
-die in so angenehmem Kontrast um die weiße Stirne und den schönen Hals
-fielen und den Vereinigungspunkt dieser lieblichen Züge, zarte rote
-Lippen und die zierlichsten weißen Zähne noch mehr hervorhoben; der
-Turban, der sich durch ihre Locken schlang, die reichen Perlen, die
-den Hals umspielten, das reizende und doch so züchtige Kostüm einer
-türkischen Dame -- sie wirkten, verbunden mit diesen Zügen, eine solche
-Täuschung, daß der junge Mann eine jener herrlichen Erscheinungen
-zu sehen glaubte, wie sie Tasso beschreibt, wie sie die ergriffene
-Phantasie der Reisenden bei ihrer Heimkehr malte.
-
-»Wahrlich,« rief er, »du gleichst der Zauberin Armida, und so denke ich
-mir die Töchter deines Stammes, als ihr noch Kanaan bewohntet. So war
-Rebekka und die Tochter Jephthas.«
-
-»Wie oft schon habe ich dies gesagt,« bemerkte Sara, »wenn ich mein
-Kind, meine Lea in ihrer Pracht anblickte; die Poschen und Reifröcke,
-die hohen Absatzschuhe und alle Modewaren stehen ihr bei weitem nicht
-wie diese Tracht.«
-
-»Du hast recht, gute Sara,« erwiderte der junge Mann; »doch setze dich
-hier an den Tisch; du hast zu lange unter Christen gelebt, um vor
-diesem Punsch und diesem Backwerke zurückzuschaudern; unterhalte dich
-gut mit diesen Dingen.«
-
-Sara, welche den Sinn und die Weise des Nachbars kannte, sträubte sich
-nicht lange und erbarmte sich über die Kunstprodukte der Zuckerbäcker;
-der junge Mann aber setzte sich einige Schritte vor ihr neben die
-schöne Lea. »Und nun aufrichtig, Mädchen,« sagte er, »du hast Kummer,
-du hast gestern kaum das Weinen unterdrückt, und auch heute wieder ist
-eine Wolke auf dieser Stirne, die ich so gern zerstreuen möchte. Oder
-glaubst du etwa nicht, ungläubiges Kind, daß ich dein Freund bin und
-gern alles tun möchte, um dich aufzuheitern?«
-
-»Ich weiß es ja, o, ich sehe es ja immer und auch heute wieder,« sagte
-sie, mühsam ihre Tränen bekämpfend, »und es macht mich ja glücklich.
-Als Sie mich das erste Mal an unserem Gartenzaun grüßten, als Sie
-nachher, es war Anfang Oktober, mit mir über den Zaun hinübersprachen,
-und nachher und immer so freundlich und traulich waren, gar nicht wie
-andere Christen gegen uns, da wußte ich ja wohl, daß Sie es gut mit mir
-meinen, und -- es ist ja mein einziges, mein stilles Glück!« Sie sagte
-es, und einzelne Tränen stahlen sich aus den schönen Augen, indem sie
-sich bemühte, ihn freundlich und lächelnd anzusehen.
-
-»Aber dennoch --« fragte Gustav.
-
-»Aber dennoch bin ich nicht glücklich, nicht ganz glücklich. In
-Frankfurt hatte ich meine Gespielinnen, hatte meine eigene Welt, wollte
-nichts von der übrigen. Ich dachte nicht nach über unsere Verhältnisse,
-es kränkte mich nicht, daß uns die Christen nicht achteten, ich saß
-in meinem Stübchen unter Freunden, und wollte nichts von allem, was
-draußen war. Mein Bruder ließ mich zu sich nach Stuttgart bringen. Man
-sagte mir, er sei ein großer Herr geworden, er regiere ein Land, in
-seinem Hause sei es herrlich und voll Freude, und die Christen leben
-mit ihm, wie wir unter uns; ich gestehe, es freute mich, wenn meine
-Freundinnen meine Zukunft so glänzend ausmalten; welches Mädchen hätte
-sich an meiner Stelle nicht gefreut?«
-
-Tränen unterbrachen sie aufs neue, und der junge Mann, voll Mitleid mit
-ihrem Kummer, fühlte, daß es besser sei, ihre Tränen einige Augenblicke
-strömen zu lassen. Es gibt ein Gefühl in der menschlichen Brust, das
-wehmütiger macht als jeder andere Kummer; ich möchte es Mitleiden mit
-uns selbst heißen, es übermannt uns, wenn wir am Grabe zerstörter
-Hoffnungen in die Tage zurückgehen, wo diese Hoffnungen noch blühten,
-wenn wir die fröhlichen Gedanken zurückrufen, mit welchen wir einer
-heiteren Zukunft entgegengingen; wahrlich, dieser bittere Kontrast hat
-wohl schon stärkere Herzen in Wehmut aufgelöst als das Herz der schönen
-Jüdin.
-
-»Ich habe alles anders gefunden,« fuhr Lea nach einer Weile fort. »In
-meines Bruders Hause bin ich einsamer als in meiner Kindheit. Ich darf
-nicht kommen, wenn er Bälle und große Tafeln gibt. Die Musik tönt in
-mein einsames Zimmer, man schickt mir Kuchen und süße Weine wie einem
-Kinde, das noch nicht alt genug ist, um in Gesellschaft zu gehen. Und
-wenn ich meinen Bruder bitte, mich doch auch einmal, nur in seinem
-Hause wenigstens, teilnehmen zu lassen, so schlägt er es entweder ganz
-kalt ab, oder wenn er gerade in sonderbarer Laune war, erschreckte er
-mich durch seine Antwort.«
-
-»Was antwortete er denn?« fragte der Jüngling gespannt.
-
-»Er sieht mich dann lange und seufzend an, seine Augen werden trüber,
-seine Züge düster und melancholisch, und er antwortet: Ich dürfe nicht
-auch verloren gehen; ich solle unablässig zu dem Gott unserer Väter
-beten, daß er mich fromm und rein erhalte, auf daß meine Seele ein
-reines Opfer werde für _seine_ Seele.«
-
-»Törichter Aberglaube!« rief der junge Mann unmutig. »Darum also sollst
-du, armes Kind, allen Freuden des Lebens entsagen, damit er --«
-
-»Hat er sich denn so arg versündigt?« fragte Lea, als ihr Freund, wie
-bei einer unbesonnenen Rede, schnell abbrach. »Was soll ich denn büßen?
-Solche hingeworfenen Worte machen mich so unglücklich: es ist mir, als
-schwebe irgend ein Unglück über meinem Bruder, auch sei nicht alles
-recht, was er tut. Niemand steht mir darüber Rede, auch Saras Worte
-kann ich nicht deuten, denn wenn ich sie darüber befrage, weicht sie
-aus oder nennt ihn geheimnisvoll den Rächer unseres Volkes.«
-
-»Sie ist nicht klug,« erwiderte der junge Mann befangen; »dein Bruder
-hat, wie es überall geht, eine mächtige Gegenpartei; manche seiner
-Finanzoperationen werden getadelt. Aber wegen seiner darfst du ruhig
-schlafen,« setzte er bitter lachend hinzu, »der Herzog hat ihm heute
-einen Freibrief geschenkt, der ihn vor jeder Gefahr und Verantwortung
-sichert.«
-
-»O, wie danke ich dies dem guten Herzog!« sagte sie aufgeheitert, indem
-sie die dunklen Locken aus der weißen Stirne strich. »So hat er also
-gar niemand zu fürchten? Die Christen können ihn nicht verfolgen? --
-Sie antworten nicht? Gestehen Sie nur, Gustav, Sie sind meinem armen
-Bruder gram?«
-
-»Deinem _armen_ Bruder? -- Wenn er arm wäre, könnte ich ihn vielleicht
-um seines Verstandes willen ehren! Aber was geht uns dein Bruder an,«
-fuhr Lanbek düster lächelnd fort; »ich liebe dich, und hättest du alle
-bösen Engel zu Brüdern; aber _eines_ versprich mir, Lea, die Hand
-darauf.«
-
-Sie sah ihn erwartungsvoll und zärtlich an, indem sie ihre Hand in die
-seinige legte.
-
-»Bitte deinen Bruder niemals wieder,« fuhr er fort, »dich zu seinen
-Zirkeln zuzulassen. Mag er nun Gründe haben, welche er will, es ist
-gut, wenn du nicht dort bist. So viel kann ich dir versichern,« setzte
-er mit blitzenden Augen hinzu, »wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal
-dort gewesen, kein Wort mehr würde ich mit dir sprechen!«
-
-Befangen und mit Tränen im Auge wollte sie eben um Aufschluß über
-dieses neue Rätsel bitten, als ein lauter Zank im Nebenzimmer die
-Liebenden aufstörte. Mehrere Männer schienen mit der Polizei sich zu
-streiten, man hatte die Türe des Kabinetts gesprengt, und über diesen
-Eingriff in die Rechte des Karnevals wurde schnell und mit Heftigkeit
-gestritten.
-
-»Mein Gott! das ist meines Vaters Stimme,« rief der junge Lanbek,
-»schleiche dich mit Sara in den Saal, Mädchen; nehmet den Schlüssel
-dieser Türe zu euch, vielleicht können wir später uns wiedersehen.« Er
-drückte der überraschten Lea schnell einen Kuß auf die Stirne, nahm
-seine Maske vor, und noch ehe sie sich über diesen schnellen Wechsel
-besinnen konnte, war der Aktuarius schon aus der Tür gestürzt. Im
-Korridor, den er jetzt betrat, stand schon eine dichte Menschenmasse
-um die geöffnete Tür des Nebenzimmers versammelt. Deutlicher vernahm
-er die gewichtige, tiefe Stimme seines Vaters; er stieß und drängte
-sich wie ein Wütender durch und kam endlich in das Gemach. Fünf alte
-Herren, die ihm als ehrenwerte Männer und Freunde seines Vaters
-wohlbekannt waren, standen um den alten Landschaftskonsulenten
-Lanbek; die einen zankten, die andern suchten zu beruhigen. Es war
-damals eine gefährliche Sache, mit der Polizei in Streit zu geraten;
-sie stand unter dem besondern Schutz des jüdischen Ministers, und
-man erzählte sich mehrere Beispiele, daß biedere, ruhige Bürger und
-Beamte, vielleicht nur weil sie einem Diener dieser geheimen Polizei
-widersprochen oder Gewalttätigkeiten verhindert hatten, mehrere Wochen
-lang ins Gefängnis geworfen und nachher mit der kahlen Entschuldigung
-es sei aus Versehen geschehen, entlassen worden waren. Doch der alte
-Lanbek schien keine Furcht vor diesen Menschen zu kennen; er bestand
-darauf, daß die Häscher das Zimmer sogleich verlassen müßten, und es
-wäre vielleicht zu noch schlimmeren Händeln als einem Wortwechsel
-gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick ein ganz anderer Gegenstand
-die Aufmerksamkeit des Anführers der Häscher auf sich gezogen hätte.
-Der junge Lanbek hatte sich beinahe bis an die Seite seines Vaters
-vorgedrängt, bereit, wenn es zu Tätlichkeiten kommen sollte, den
-alten Herrn kräftig zu unterstützen. Er hatte eben seine Maske fester
-gebunden, damit sie ihm im Handgemenge nicht verloren gehen möchte, als
-ihn der Polizeidiener erblickte und mit lauter Stimme, indem er auf ihn
-deutete, rief: »Im Namen des Herzogs, diesen greift, den Türken dort,
-der ist der Rechte!«
-
-Die Ueberraschung und sechs Arme, die sich plötzlich um ihn schlangen,
-machten ihn wehrlos. So nahe seinem Vater, der ihn hätte retten können,
-wagte er doch nicht, sich auch nur durch einen Laut zu erkennen zu
-geben, weil er den Zorn seines Vaters noch mehr fürchtete als die
-Gewalt des Juden.
-
-Die alten Herren waren stumm vor Staunen über diesen Vorfall, der
-Anführer der Häscher wurde, als er seinen Zweck erreicht hatte, artiger
-und entschuldigte sich, worauf jene kalt und abgemessen dankten.
-Willenlos ließ sich der junge Mann dahinführen. Die Menge, die sich
-vor der Tür versammelt hatte, teilte sich, aber manche schauten ihm
-neugierig in die Augen, um zu erraten, wer es sein möchte, den man
-hier mitten aus der öffentlichen Lust herausriß. Gustav hörte, als er
-weiter hingeführt wurde, einen schwachen Schrei; er sah sich um, und
-beim schwachen Schein der Lampen glaubte er, den Turban der schönen
-Orientalin gesehen zu haben. Schmerzlich bewegt ging er weiter, und
-erst, als die kalte Winternacht schneidend auf ihn zuwehte, erwachte er
-aus seiner Betäubung und übersah nicht ohne Besorgnis die Folgen, die
-seine Gefangennehmung haben könnte.
-
-
-5.
-
-Die Polizeidiener hatten den Sarazenen, wahrscheinlich aus Rücksicht
-auf seine feine und reiche Kleidung, in das Offizierszimmer der
-Hauptwache gebracht. Der wachhabende Offizier wies ihm mit einer
-mürrischen Verbeugung eine Bank, die in der fernsten Ecke des Zimmers
-stand, zu seiner Schlafstätte an, und ermüdet von dem langen Umherirren
-auf dem Ball, fand der junge Mann dieses Lager nicht zu hart, um nicht
-bald einzuschlafen.
-
-Trommeln weckten ihn am nächsten Morgen; schlaftrunken sah er sich in
-dem öden Gemach um, blickte bald auf sein hartes Lager, bald auf seine
-Kleidung, und nach einer geraumen Weile erst konnte er sich besinnen,
-wo er sei und wie er hierhergekommen. Er trat ans Fenster, noch war
-alles still auf dem Platze vor der Hauptwache, und nur die Kompagnie,
-die gerade vor seinem Fenster zur Ablösung aufzog, unterbrach die
-Stille des trüben Februarmorgens. Indem die Trommeln auf der Straße
-schwiegen, hörte er von der Stiftskirche acht Uhr schlagen, und der Ton
-dieser Glocke rief ihm alles Unangenehme und Besorgliche seiner Lage
-zurück. »Bald wird er nach dir fragen,« dachte er, »und wie unangenehm
-wird es ihn überraschen, wenn er hört, ich sei in der Nacht nicht zu
-Hause gekommen!« --
-
-Im Hause des alten Landschaftskonsulenten Lanbek ging alles einen so
-geordneten Gang, daß dieses Ereignis allerdings sehr störend erscheinen
-mußte. Zu dieser Stunde pflegte der alte Herr, seit vielen Jahren,
-sein Frühstück zu nehmen; mit dem ersten Glockenschlag erschien dann,
-zugleich mit dem Diener, der den Kaffee auftrug, sein Sohn; man
-besprach sich über Tagesneuigkeiten, über den Gang der Geschäfte,
-und zu jener Zeit ließ es der allgewaltige Minister nicht an Stoff
-zu solchen Gesprächen fehlen. Das Gespräch war regelmäßig mit dem
-Frühstück zu Ende; der Aktuarius küßte dem Alten die Hand und ging
-dann, einen Tag wie den andern, ein Viertel vor neun Uhr nach seiner
-Kanzlei. Diese langjährige Sitte des Hauses rief sich Gustav in diesen
-Augenblicken zurück. »Jetzt wird Johann die Tassen bringen,« sagte
-er zu sich, »jetzt wird er erwartungsvoll nach der Türe sehen, weil
-ich noch nicht eingetreten bin, jetzt wird er mich rufen lassen; daß
-ich doch dem guten alten Herrn solchen Aerger bereiten mußte!« Er
-warf unwillig seinen Turban weg, stützte die Stirne in die Hand, und
-beschloß, den Offizier, sobald er wieder erscheinen würde, um die
-Ursache seiner Verhaftung zu fragen.
-
-Die Trommeln ertönten wieder, die Abgelösten zogen weiter, er hörte
-die Gewehre zusammenstellen und bald darauf trat ein Offizier in
-das halbdunkle Gemach. Er warf einen flüchtigen Blick nach seinem
-Gefangenen in der Ecke, legte Hut und Degen auf den Tisch und setzte
-sich nieder. Lanbek, der jenen nicht zuerst anreden mochte, bewegte
-sich, um anzudeuten, daß er nicht mehr schlafe. »~Bonjour~, mein
-Herr,« sagte der Offizier, als er ihn sah, »wollen Sie vielleicht mein
-Dejeuner mit mir teilen?«
-
-Die Stimme schien Gustav bekannt; er stand auf, trat höflich grüßend
-näher, und mit einem Ausruf des Staunens standen sich die beiden jungen
-Männer gegenüber. »~Parole d'honneur~, Herr Bruder!« rief der Kapitän
-von Reelzingen, »_dich_ hätte ich hier nicht gesucht! Wie kommst du in
-Arrest? Weiß Gott, Blankenberg hat nicht unrecht, als er prätendierte,
-du werdest irgend etwas ~contra rationem~ riskieren.«
-
-»Ich möchte dich fragen, Kapitän,« entgegnete der junge Mann, »warum
-ich hier sitze? Mir hat kein Mensch den Grund angegeben, warum man mich
-gefangen nehme; du hast die Wache, Reelzingen; bitte dich, du mußt doch
-wissen --«
-
-»~Dieu me garde!~ Ich?« rief der Kapitän lächelnd. »Meinst du, er habe
-mich mit seiner besondern Aestimation beehrt und in seine Konfidenz
-gezogen? Nein, Herr Bruder! Als ich ablöste, sagte mir der Leutnant von
-gestern: ›Oben sitzt einer, den sie vom Karneval auf ausdrücklichen
-Befehl hergebracht haben.‹ Er pflegt es gewöhnlich so zu machen.«
-
-»Wer pflegt es so zu machen?« fragte Lanbek erblassend.
-
-»Wer?« erwiderte jener leise flüsternd; »dein Schwager ~in spe~, der
-Jude.«
-
-»Wie?« fuhr jener errötend fort, »du glaubst, er selbst? Ich hoffte
-bisher, es sei vielleicht eine Verwechslung vorgefallen! Du hast wohl
-von dem Auftritte gehört, der, bald nachdem ich euch verlassen hatte,
-mit dem Juden vorfiel, man rief etwas von Katholischwerden, und da fuhr
-der Finanzminister auf --«
-
-»Was sagst du?« unterbrach ihn der Kapitän mit ernster Miene, indem er
-näher zu dem Freund trat und seine Hand faßte. »Das war es also? Uns
-hat man es anders erzählt; wie ging es zu? Was hat man gerufen?«
-
-Den Aktuarius befremdete der Ernst, den er auf den Zügen des sonst
-so fröhlichen und sorglosen Freundes las, nicht wenig; er erzählte
-den Vorfall, wie er ihn mit angesehen hatte, und sah, wie sich
-die Neugierde des Freundes mehr und mehr steigerte, wie seine
-Blicke feuriger wurden; als er aber beschrieb, wie Süß nach jenem
-geheimnisvollen Ausruf wütend geworden, aufgesprungen sei, da fühlte
-er die Hand des Kapitäns auf sonderbare Weise in der seinigen zucken.
-»Was bewegt dich so sehr?« fragte Gustav befremdet. »Wie nimmst du
-nur an solchen Karnevalsscherzen, die am Ende auf irgend eine Torheit
-hinauslaufen, solchen Anteil? Wenn ich nicht wüßte, daß du evangelisch
-bist, ich glaubte, mein Bericht habe dich beleidigt.«
-
-»Herr Bruder,« erwiderte der Kapitän, indem er seinen Ernst hinter
-einem gleichgültigen Lächeln zu verbergen suchte, »du kennst mich
-ja, mich interessiert alles auf der Welt, und ich bin erstaunlich
-neugierig; überdies ist manches ernster, als man glaubt, und im Scherz
-liegt oft Bedeutung.«
-
-»Wie verstehst du das?« sagte der Aktuarius verwundert. »Was macht dich
-so nachdenklich? Hast du wieder Schulden? Kann ich dir vielleicht mit
-etwas dienen?«
-
-»Bruderherz,« entgegnete der Soldat, »du mußt in den letzten Wochen
-gewaltig verliebt gewesen sein, sonst wäre deinem klaren Blick
-manches nicht entgangen, was selbst an meinem leichten Sinn nicht
-vorüberschlüpfte. Sag einmal, was spricht der Papa von solchen Zeiten?
-Siehst du den Oberst von Röder nie bei ihm? Waren nicht am Freitagabend
-die Prälaten in eurem Hause?«
-
-»Du sprichst in Rätseln, Kapitän!« antwortete der junge Mann staunend.
-»Was soll mein Vater mit einem Oberst von der Leibschwadron und mit
-Prälaten?«
-
-»Freund, mach es kurz!« sagte Reelzingen. »Halte mich in solchen
-Dingen nicht für leichtsinnig; ich will mich nicht in euer Vertrauen
-eindrängen, aber ich kann dir sagen, daß ich dennoch schon ziemlich
-viel weiß, und -- ~Parole d'honneur!~« setzte er hinzu, »ich denke
-darüber, wie es einem Edelmann und meinem Portepee geziemt.«
-
-»Was geht mich dein alter Adelsbrief und dein neues Portepee an?«
-erwiderte der Aktuar; »und wie kommst du dazu, dich mit diesen Dingen
-gegen mich breit zu machen? Ich sage dir, daß ich von allem, was du da
-so geheimnisvoll schwatzest, keine Silbe verstehe, und kann dir mein
-Wort darauf geben, und damit genug, Herr von Reelzingen!«
-
-»~O mon Dieu!~« rief jener lächelnd; »Herr Bruder, wir sind nicht
-mehr in Leipzig, dies Zimmer ist nicht der göttliche Ratskeller,
-sondern eine Wachtstube; wir sind keine Musen mehr, sondern du bist
-herzoglicher Aktuar, und ich -- Soldat; aber Freunde sind wir noch in
-Not und Tod, und darum sei vernünftig und brause nicht mehr auf wie
-vorhin. Ich glaube dir ja aufs Wort, daß du nichts weißt, aber gut wäre
-es von deinem Vater gewesen, wenn er dich präveniert hätte. Deine Amour
-mit der Jüdin ist überdies jetzt ganz und gar nicht an der Zeit, wir
-alle bitten dich, laß deine Scharmante, mit der du doch niemals eine
-vernünftige und ehrenvolle Liaison treffen kannst --«
-
-»Was wißt Ihr denn von diesem Verhältnis?« unterbrach ihn der junge
-Mann düster und erbittert. »Ich dächte, ehe ich Euch hierüber um Rat
-gefragt, könntet Ihr billigerweise mit Eurer Mahnung warten.«
-
-Der feurige junge Soldat, um seinem Freunde zu nützen, wollte eben
-in derselben Sprache etwas erwidern, als man an der Türe pochte.
-Der Kapitän schloß auf, und einer seiner Sergeanten winkte ihm,
-herauszutreten. Gustav hörte sie einige Worte wechseln und sah den
-Freund bald darauf mit verstörter Miene wieder zurückkehren: »Du
-bekommst einen sonderbaren Besuch,« flüsterte er ihm zu, »er wird
-gleich selbst eintreten, und ich darf nicht zugegen sein.«
-
-»Wer doch? Mein Vater?« fragte Gustav bestürzt.
-
-»Er kommt,« sagte der Kapitän, indem er eilends Hut und Degen vom
-Tische nahm, »_der Jud Süß_!«
-
-
-6.
-
-Vor der Tür des Offizierszimmers hatten seine Diener dem Minister
-den spanischen Mantel abgenommen, und er trat jetzt ein, stattlich
-geschmückt und vornehm gekleidet, wie es einem Günstling des Glücks und
-eines Herzogs in damaliger Zeit zukam. Er trug einen roten Rock mit
-goldenen Troddeln und Quasten besetzt; die goldgestickten Aufschläge
-seines Rocks gingen bis zum Ellbogen zurück, und die Weste von
-Goldbrokat reichte herab bis an das Knie. Ein kurzer, breiter Degen
-mit reichbesetztem Griff hing an seiner Seite, ein mächtiger Stock
-unterstützte seine Hand, und auf den reichen, hellbraunen Locken,
-die bis tief in den Nacken herabfielen, saß ein Hütchen von feinem
-schwarzen Wachstuch, mit Gold und weißen Federn verbrämt. Die Züge
-dieses merkwürdigen Mannes waren, in der Nähe betrachtet, zwar etwas
-zu kühn geschnitten, um schön und anmutig zu heißen, aber sie waren
-edler als sein Gewerbe und ungewöhnlich; sein dunkelbraunes Auge, das
-frei und stolz um sich blickte, konnte sogar für schön gelten; die
-ganze Erscheinung imponierte, und sie hätte sogar etwas Würdiges und
-Erhabenes gehabt, wäre es nicht ein hämischer, feindlicher Zug um die
-stolz aufgeworfenen Lippen gewesen, was diesen Eindruck störte und
-manchen, der ihm begegnete, mit unheimlichem Grauen füllte.
-
-Der Kapitän stand fest und aufgerichtet an der Tür, den Hut in der
-einen, den Degengriff in der andern Hand, als der Minister Süß eintrat.
-Dieser nahm sein Hütchen ab, musterte, auf seinen Stock gestützt, den
-Soldaten mit scharfem Blick und sagte dann kurz und mit leiser Stimme:
-»Wie ist der Name?«
-
-»Hans von Reelzingen, Kapitän im zweiten Grenadierbataillon, dritte
-Kompagnie.«
-
-»Man hat studiert?« fuhr der Jude etwas artiger fort.
-
-»Die Jurisprudenz in Leipzig,« antwortete der Kapitän mit militärischer
-Kürze.
-
-»Wie lange dient der Herr Kapitän?«
-
-»Ein Jahr und zwei Monate; zuerst bei --«
-
-»Schon gut,« unterbrach ihn der Minister mit einer gnädigen Bewegung
-der Hand; »können abtreten.«
-
-Der Kapitän Reelzingen verbarg seinen Verdruß über das stolze Wesen
-des Emporkömmlings unter einer tiefen Verbeugung und trat ab. Dem
-Aktuarius aber, obgleich er keine Menschenfurcht kannte, pochte das
-Herz, als er nun mit dem Mann allein war, vor dem ein ganzes Land mit
-abergläubischer Furcht zitterte. Er errötete unwillkürlich, als jener
-ihn lange und prüfend ansah und ihm Gelegenheit gab, auch seine Züge
-zu mustern und hin und wieder etwas zu finden, das ihn an die schöne
-Lea erinnerte. Der Minister setzte sich endlich in den Armstuhl, den
-die Offiziere der Garnison zur Bequemlichkeit dieses Zimmers gestiftet
-hatten, und winkte dem Sarazenen herablassend, sich auf einer Bank, die
-unfern stand, niederzulassen.
-
-»Junger Mann,« sprach er, »wenn Euch Eure eigene Ruhe und Wohlfahrt
-lieb ist, so antwortet mir auf das, was ich Euch fragen werde, offen
-und ehrlich; denn Ihr könnet leichtlich denken, daß es mir nicht schwer
-werden kann, Euch jeder Lüge, die Ihr wagtet, zu überweisen.«
-
-»Ich bin herzoglich württembergischer Aktuar,« erwiderte der junge
-Mann, »und der Eid, den ich als Christ und Bürger --«
-
-»~Laissez cela~,« fiel ihm der Jude ins Wort, »Ihr wäret nicht der
-erste, der seinen Eid gebrochen. Wer waren gestern, frag' ich, die
-beiden Masken, die sich an meinem Tisch zur Belustigung des Publikums
-unterhielten? Ihr wißt es, Ihr standet zunächst bei mir.«
-
-»Das ist mir nicht bekannt, Ew. Exzellenz,« sagte Gustav mit fester
-Stimme.
-
-»Nicht bekannt?« rief der Minister. »Bedenket wohl, was Ihr gesagt, ich
-stehe hier als Euer Richter; habt Ihr keinen an der Stimme gekannt?«
-
-»Keinen.«
-
-»Keinen?« fuhr jener heftiger fort. »Und Euren Vater solltet Ihr nicht
-an der Stimme kennen?«
-
-»_Meinen Vater!_« rief der junge Mann erblassend; doch besonnen setzte
-er nach einer Weile hinzu: »Ihr irrt Euch, Herr Finanzdirektor, oder
-vielmehr, Ihr seid schlecht berichtet; mein Vater ist ein ruhiger,
-gesetzter Mann, und sein Charakter, sein Amt, seine Jahre verbieten
-ihm, das Publikum auf einem Maskenball zu amüsieren.«
-
-»_Sie sollten_ es ihm verbieten,« erwiderte jener mit blitzenden Augen,
-»und ich werde Mittel finden, es ihm zu verbieten. Ich weiß recht
-wohl, daß ich diesen Herren von der Landschaft ein Dorn im Auge bin,
-und zwar aus dem einzigen Grund, weil die Herren nicht rechnen können;
-verständen sie das Einmaleins so gut wie ich, sie würden sehen, was dem
-Lande frommt. Noch ist aber nicht aller Tage Abend, und ich will diesen
-Rebellen zeigen, wer _sie_ sind und wer _ich_ bin!«
-
-»Herr Finanzdirektor!« rief der junge Mann mit der Röte des Unmutes auf
-den Wangen.
-
-»Herr Aktuarius?« erwiderte Süß mit spöttischem Lächeln.
-
-»Mein Vater ist ein Ehrenmann,« fuhr Gustav fort, ohne sich von der
-stolzen Miene des Gewaltigen einschüchtern zu lassen; »Sie sprechen
-von Rebellen? Wie können Sie sagen, daß mein Vater dem Herzog nicht
-immer treu gedient hat? Wie können Sie wagen, ihn einen Rebellen zu
-schimpfen?«
-
-»Wagen?« lachte Süß. »Hier ist von keiner Wagnis die Rede, Herr
-Aktuarius, aber Rebell ist jeder, der nur dem Land und nicht dem
-Herzog dient; er ist des Herzogs Diener, aber er dient ihm schlecht;
-doch das soll nicht lange mehr so bleiben. Das mögt Ihr übrigens dem
-Herrn Landschaftskonsulenten, Eurem Vater, sagen, daß ich recht wohl
-weiß, was die beiden Masken wollten, und daß sie es mit dem dritten
-abgekartet hatten; ich konnte ihn gestern nacht so gut wie Euch
-verhaften lassen, und wenn ich es _nicht_ tat, so verdankt er diese
-Schonung nur Euch!«
-
-»Mir?« antwortete der junge Mann staunend. »Mir? Und ist dies etwa auch
-Schonung, daß ich, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, diese Nacht
-in diesem Zimmer zubringen durfte?«
-
-»Nein!« fuhr jener gütig lächelnd fort, »dies war nur zur Abkühlung
-auf Euer Rendezvous veranstaltet.« Er weidete sich einige Augenblicke
-an der Verlegenheit des Jünglings und fuhr dann fort: »Das gute
-Kind, wie hat sie mich gefleht und auf den Knieen gebeten, Euch zu
-retten! Sie glaubte nicht anders, als Ihr seiet wegen irgend eines
-Kapitalverbrechens gefangen. Wie? Und habt Ihr mir gar nichts zu sagen,
-Herr Lanbek?«
-
-»Ihr kanntet mich nicht,« erwiderte Gustav, »und es ist mir nun wohl
-begreiflich, warum Ihr so hart mit mir verfuhret; aber Leas Charakter
-hätte Euch wohl dafür bürgen können, daß nichts Strafbares in diesem
-Verhältnis liege.«
-
-»Wirklich? ~Mort de ma vie!~« rief der Minister. »Nichts Strafbares?
-Meinen Sie, wenn ich etwas Strafbares in diesem Verhältnis ahnete, Sie
-hätten es mit einer Nacht auf der Wache abgebüßt? Bei den Gebeinen
-meiner Väter! Wenn ich -- auf Neuffen oder Asperg gibt es Keller und
-Kasematten, wo kein Mond und keine Sonne scheint, da hätte ich den
-Herrn Sarazenen sitzen lassen, bis er sein Schwabenalter erreicht
-hätte. Oder meint Ihr etwa in Eurem christlichen Hochmut, einem
-Israeliten gelte die Ehre seiner Familie nicht ebenso hoch als einem
-Nazarener?«
-
-Der junge Mann erschrak vor dieser Drohung, denn er bedachte, daß es
-dem Allgewaltigen ein leichtes gewesen wäre, ihn spurlos von der Erde
-verschwinden zu lassen, aber sein mutiger Sinn lehnte sich auf gegen
-den Uebermut dieses Mannes, der seine Privatsache zu einer öffentlichen
-machte, und zur Wahrung seines Hausrechtes mit den Festungen des
-Landes drohte. »Exzellenz,« sagte er mit Blicken, vor welchen der
-Minister die Augen niederschlug, »wie Sie über Ihre eigene Ehre denken,
-weiß ich nicht, doch scheint es mir nicht sehr ehrenvoll zu sein,
-solche Drohungen auszustoßen. Mein Vater ist zwar nur ein geringer
-Mann im Vergleich mit einem so gewaltigen und hohen Herrn; aber der
-Landschaftskonsulent Lanbek weiß, wo man in Deutschland Gerechtigkeit
-findet. Wien ist nicht so fern von Stuttgart, und Euern Gnadenbrief von
-gestern hat der Kaiser nicht unterzeichnet; was aber die Ehre Eurer
-Schwester betrifft, so kann ich Euch versichern, daß sie mir nicht
-minder teuer ist als meine eigene.«
-
-»Ihr habt hübsche Anlagen zu einem Landschaftskonsulenten,« sagte der
-Jude ruhig lächelnd; »übrigens im Vertrauen gesagt, auf den Kaiser müßt
-Ihr nicht zu sehr pochen; wegen eines württembergischen Schreibers
-fängt man in Wien mit uns keine Händel an. Aber Ihr gefallt mir, mein
-Schatz; ich habe Eure Arbeiten loben hören, und Köpfe wie der Eure kann
-man zu etwas Besserem brauchen, als Akten zu heften und Fascikel zu
-binden; Ihr seid Expeditionsrat mit sechshundert Gulden Besoldung, und
-es freut mich, daß ich der erste bin, der Euch hierzu gratuliert.«
-
-Der junge Mann sprang von seiner Bank auf und wollte reden, aber
-Ueberraschung und Schrecken schlossen ihm den Mund. Hundert Gedanken
-kreuzten sich in seinem Kopf. Es war nicht die Freude, vier Stufen,
-durch welche man sich sonst lange und mühevoll schleppte, nun in einem
-Augenblicke übersprungen zu haben, was seine Seele füllte; es war der
-schreckliche Gedanke, vor der Welt für einen Günstling dieses Mannes
-zu gelten, vor seinem Vater, vor allen guten Männern gebrandmarkt
-dazustehen.
-
-»Exzellenz!« sprach er befangen. »Ich darf, ich kann diese Gnade nicht
-annehmen! Bedenken Sie, was wird man sagen, so viele ältere, verdiente
-Männer --«
-
-»Was da! Ich habe Euch Platz gemacht,« antwortete der Jude in
-befehlendem Ton, »ich habe Euch zum Rat ernannt und Ihr seid es.
-Keinen Dank, keine übergroße Delikatesse, ich liebe das nicht. Nun,«
-fuhr er gütig, beinahe zärtlich fort, »und wie steht Ihr mit meiner
-Lea? Ihr habt mir ja das stille blöde Kind ganz verzaubert. Fürchtet
-Euch nicht vor mir, junger Herr, ich bin nicht der Mann, der gerade so
-sehr auf Reichtum sieht; Eure Familie gehört unter die ältesten und
-angesehensten Bürgerfamilien, und das gilt mir in diesem Fall so viel
-oder mehr als Reichtum. Euer Vater wird Euch zwar nicht viel mitgeben,
-aber mit mir sollt Ihr zufrieden sein; fürstlich will ich meine Lea
-ausstatten.«
-
-Die Felsenkeller von Neuffen und die tiefen Kasematten von Asperg wären
-in diesem Augenblick dem jungen Manne willkommener gewesen als diese
-Versicherung; er dachte an seinen stolzen Vater, an seine angesehene
-Familie, und so groß war die Furcht vor Schande, so tief eingewurzelt
-damals noch die Vorurteile gegen jene unglücklichen Kinder Abrahams,
-daß sie sogar seine zärtlichen Gefühle für die schöne Tochter Israels
-in diesem schrecklichen Augenblick übermannten. »Herr Minister!« sprach
-er zögernd, »Lea kann keinen wärmeren Freund als mich haben; aber
-ich fürchte, daß Sie dieses Gefühl falsch deuten, mit einem andern
-verwechseln, das -- ich möchte nicht, daß Sie mich falsch verstehen,
-und Lea wird Ihnen nie gesagt haben, daß ich jemals davon gesprochen
-hätte --«
-
-Der stolze Mann errötete, warf seine Lippen auf, drückte die Augen
-beinahe zu, und an seiner Stirne begann eine Ader hoch anzuschwellen.
-»Was ist das?« sagte er streng. »Wie soll ich diese Redensart deuten?«
-
-»Herr Minister,« erwiderte Gustav gefaßter, »bedenken Sie doch den
-Unterschied der Religion.«
-
-»Habt Ihr diesen bedacht, Herr! als Ihr meiner Schwester diese
-Liebeleien in den Kopf setztet? Aber ich kann Euch darüber trösten,
-Lea wird Euch in dieser Hinsicht kein Hindernis geben. Ihr schweigt?«
-fuhr er heftiger fort, »soll ich mit Eurem Vater darüber reden, junger
-Mensch? War etwa meine Schwester gut genug dazu, Eure müßigen Stunden
-auszufüllen, zur Gattin aber wollt Ihr sie nicht? Wehe Euch, wenn
-Ihr so dächtet! Dich und deinen ganzen Stamm würde ich verderben!
-Euer Vater ist gestern eines schweren Verbrechens schuldig worden, es
-steht in meiner Hand, ihn zur Verantwortung zu ziehen; in Eure Hand
-lege ich nun das Schicksal Eures Vaters; entweder -- Ihr macht Eure
-Unvorsichtigkeit gegen mein Haus gut und heiratet meine Schwester, oder
-ich erkläre Euch öffentlich für einen Schurken und lasse den Herrn
-Konsulenten in Ketten legen. Vier Wochen gebe ich Euch Bedenkzeit; mein
-Haus steht Euch offen, Ihr könnt Eure Braut besuchen, so oft Ihr wollt;
-vier Wochen, versteht Ihr mich? Jetzt seid Ihr frei, und morgen, Herr
-Expeditionsrat, werdet Ihr Euer Amt antreten.«
-
-Nach diesen Worten verbeugte er sich kurz und verließ stolzen Schrittes
-das Zimmer; dem Kapitän, den er im Vorzimmer traf, befahl er, Kleider
-für den Herrn Expeditionsrat herbeischaffen zu lassen und ihm seine
-Freiheit anzukündigen.
-
-Staunend über diesen ganzen Vorfall, besonders über die letzten Worte
-des Ministers, trat Reelzingen in sein Zimmer. Er fand den Freund
-bleich und verstört, die Arme über die Brust gekreuzt, das Haupt
-kraftlos auf die Brust herabgesunken. »Nun, sag mir ums Himmels
-willen,« fing der Kapitän an, indem er vor Gustav stehen blieb, »was
-wollte er bei dir? warum ließ er dich verhaften? Was hat sein Besuch zu
-bedeuten?«
-
-»Er kam, um mir zu gratulieren,« antwortete er mit sonderbarem Lächeln.
-
-»Zu gratulieren? Wozu? Daß du eine Nacht auf der Wache zubrachtest?«
-
-»Nein, weil ich in dieser Nacht Expeditionsrat geworden bin.«
-
-»Du?« rief der Kapitän lachend. »Gottlob, daß du so heiter bist und
-scherzen kannst; als ich hereintrat und dich sah, glaubte ich dich
-nicht so spaßhaft zu finden; aber im Ernst, Freund, was wollte der
-Jude?«
-
-»Ich sagte es ja, und es ist Ernst; zum Rat hat er mich gemacht. Ist
-das nicht ein schönes Avancement?«
-
-Der Kapitän sah ihn mit zweifelhaften Blicken lange an; endlich sagte
-er gerührt: »Nein, du kannst nicht auch zum Schurken werden, Gustav;
-Gott weiß, wie dies zusammenhängen mag! Aber siehe, wenn ich dich
-nicht so lange und so genau kennte -- glaube mir, die Welt wird dich
-hart beurteilen; doch nein, du lächelst, gestehe, es ist alles Scherz.
-Expeditionsrat! Ebensogut könntest du seine Schwester heiraten.«
-
-»Ei, das wird ja auch geschehen,« sagte Lanbek düster lächelnd; »in
-vier Wochen, meint mein Schwager, soll die Hochzeit sein.«
-
-»Tod und Hölle!« fuhr der Kapitän auf, »mach mich nicht rasend mit
-diesen Antworten. Wahrhaftig, mit solchen Dingen ist nicht zu spaßen.«
-
-»Wer sagt dir denn, daß ich spaße?« erwiderte Lanbek, indem er langsam
-aufstand. »Es ist alles so, wie ich sagte, auf Ehre!«
-
-Dem Kapitän schwamm eine Träne im Auge, als er den Freund, den er
-geliebt hatte, also sprechen hörte; doch nur einen Augenblick gab er
-diesen weichern Empfindungen nach, dann trat er heftig auf den Boden,
-setzte seinen Hut auf und rief: »So sei der Tag verflucht, an welchem
-ich dich zum erstenmal sah und Bruder nannte. Geh, hilf deinem Juden,
-dem armen Land das Fell vollends vom Leibe ziehen, schinde dir auch
-ein Stück herunter und mach dich reich. O Lanbek, Lanbek! Aber mein
-Portepee, ja ein Jahr meines Lebens wollte ich verhandeln, um einem
-meiner Kameraden die Wache abzukaufen; ich selbst will die Exekution
-kommandieren, wenn man dich und den Juden zum Galgen führt.«
-
-»So hoch werde ich mich wohl nicht poussieren,« erwiderte Gustav ruhig
-und ernst; »aber meiner Leiche kannst du folgen, wenn sie mich morgen
-um Mitternacht neben der Kirchhofsmauer einscharren.«
-
-Der Kapitän sah ihn erschrocken an; er mochte tiefen Ernst auf der
-Stirne des jungen Mannes lesen, denn er wiederholte diesen Blick und
-begegnete Gustavs Auge. »Willst du mich fünf Minuten lang anhören,
-Reelzingen?« fragte er. »Du wirst dann über die Uneigennützigkeit
-dieses Ministers staunen. Sonst war doch der Preis einer Amtei
-zweitausend und ein Expeditionsrat galt seine dreitausend Gulden unter
-Brüdern; aber ich Glückskind bekomme ihn umsonst, rein ~pour rien~!
-Denn das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Familie, der heitere
-Frieden meines Vaters -- daß diese bei dem Handel verloren gehen, ist
-ja gering zu achten. Doch höre.«
-
-Staunend vernahm der Kapitän diese Worte; aufmerksam setzte er sich
-neben Gustav nieder. Je höher der Glaube an seinen Freund während
-seiner Erzählung stieg, desto ängstlicher wurde er für ihn und seine
-Familie besorgt. Er schloß ihn in seine Arme, er versuchte es, ihm
-Trost einzusprechen, obgleich er selbst an diese Trostgründe nicht
-glaubte. »Der Jude ist ein feiner Spieler,« sagte er, »deine besten
-Tarocks hat er dir abgejagt und das Spiel scheint in seiner Hand zu
-liegen; aber -- er könnte sich verrechnet haben, wir wollen sehen, wie
-er beschlagen ist, wenn wir -- Spadi anspielen.«
-
-
-7.
-
-Wir führen unsere Leser aus dem Offizierszimmer der Hauptwache in
-Stuttgart nach dem Hause des Landschaftskonsulenten Lanbek. In einem
-weiten, geräumigen Zimmer, dessen Hausrat nicht überladen und prächtig,
-aber solid und stattlich ist, finden wir einen ältlichen Mann von mehr
-als mittlerer Größe. Sein Gesicht und seine Gestalt beweisen, daß er,
-als er in den Fünfzigen stand, wohlbeleibt gewesen sein mochte, jetzt,
-zehn Jahre später, hatten sich Falten um Mund und Stirne gelegt, und
-der weite Schlafrock von feinem grünen Tuch, mit Pelz verbrämt, war für
-eine reichliche Fülle gefertigt und schlug jetzt weite Falten um den
-Leib; aber die rötlichen Wangen, die klaren grauen Augen, der feste
-Schritt, womit er im Zimmer auf und ab ging, ließen, noch ehe man seine
-volle, sonore Stimme vernahm, ahnen, daß der alte Konsulent an Geist
-und Körper noch frisch und rüstig sei.
-
-In der Vertiefung des breiten Fensters saßen zwei schöne Mädchen von
-achtzehn bis zwanzig Jahren, die dem Alten, so oft er ihnen den Rücken
-wandte, besorglich und ängstlich nachschauten, wohl auch untereinander
-flüsterten, so lange sie von ihm nicht gesehen wurden. Die eine war
-bemüht, des Vaters ungeheure Allongeperücke in Ordnung zu bringen,
-und trotz dem Kummer, der aus ihren Blicken sprach, schien sie doch
-Freude an dem schönen Kontrast zu finden, welchen die schwarzen Locken
-dieses Haargebäudes mit ihren zarten, weißen Händchen bildeten.
-Die dunkelblauen Augen der andern jungen Dame schienen mehr mit der
-Straße als mit der feinen Arbeit, an welcher sie nähte, beschäftigt,
-doch waren ihre Züge zu ernst, als daß man es müßiger Neugier hätte
-zuschreiben dürfen.
-
-Sie hatten mehrere Minuten lang geschwiegen, denn die Mädchen waren
-viel zu streng erzogen, als daß sie den Vater, der seinen Gedanken
-nachhing, mit Fragen belästigt hätten; plötzlich sprang die junge
-Nähterin auf, ließ ihre schöne Arbeit zu Boden fallen, beugte den
-schlanken Hals näher ans Fenster und sah gespannt nach der Straße. Der
-Vater sah diese Bewegungen, hielt seine Schritte an, blickte aufmerksam
-nach seiner Tochter und fragte nur mit Blicken; Käthchen, die jüngere
-Schwester, vollendete schnell noch eine Stirnlocke der Perücke, setzte
-dann das Prachtwerk behutsam auf eine Kommode und kam eben noch zeitig
-an, um mit Hedwig zu rufen: »Er ist's, er hat heraufgesehen, Vater; er
-geht sehr schnell; sieh doch, was er für einen sonderbaren Rock anhat!«
-
-»Das ist Blankenbergs Jagdkleid;« sagte Hedwig leise zu ihrer Schwester.
-
-»Geh doch, was weißt du von Blankenbergs Garderobe?« erwiderte die
-jüngere, bedeutungsvoll lächelnd.
-
-»Er hat Gustav schon oft in diesem Kleid besucht,« antwortete sie,
-indem eine dunkle Röte über ihre Wangen flog.
-
-Die Ankunft Gustavs verhinderte seine jüngere Schwester, Hedwig nach
-ihrer Gewohnheit noch länger zu quälen. Der Vater sah noch ernster aus
-als vorhin, er hatte sich in seinen Lehnstuhl gesetzt und die strengen
-Augen auf die Türe geheftet; bang und ängstlich pochte den Schwestern
-das Herz, als jetzt die Türe aufging und ihr Bruder hereintrat. -- Nach
-dem ersten »Guten Morgen« trat für alle drei Parteien eine peinliche
-Pause ein; endlich trat der Sohn bescheiden zum Vater. »Sie haben mich
-wohl diesen Morgen vermißt, Vater?« fragte er. »Es ist allerdings ein
-seltener Fall in unserm Hause, und Sie wurden vielleicht besorgt um
-mich.«
-
-»Das nicht,« antwortete der Alte sehr ernst; »du bist alt genug, um
-nicht verloren zu gehen; aber zweierlei ist mir aufgefallen, nämlich,
-daß man dich nur eine Stunde auf dem Karneval sah, und daß du diese
-Nacht und ihre Lustbarkeiten so unregelmäßig lang bis morgens neun Uhr
-ausdehnst; du solltest schon seit einer halben Stunde in deiner Kanzlei
-sein.«
-
-»Ich bin heute dort entschuldigt,« sagte Gustav lächelnd; »ich habe
-auch seit heute früh ein Uhr so schrecklich geschwärmt und so
-unordentlich gelebt, daß es kein Wunder ist, wenn man so spät zu Hause
-kommt; ratet einmal ihr Mädchen, wo ich gewesen bin!«
-
-Die Schwestern sahen ihn unwillig an, denn sie befürchteten mit Recht,
-dieser leichtfertige Ton möchte dem alten Herrn mißfallen. »Wie können
-wir dies wissen?« erwiderte Hedwig. »Ich habe nie danach gefragt, wo du
-dich mit deinen Kameraden umtreibst; doch heute, Bruder, bist du mir
-ein Rätsel.«
-
-»Und in einem Lustschloß bin ich gewesen,« fuhr der junge Mann fort,
-»wo weder ihr beide noch Papa jemals waren; ihr erratet es doch nie --
-auf der Wache.«
-
-»Auf der Wache!« riefen die Schwestern entsetzt.
-
-»Das ist mir sehr unangenehm, Gustav,« setzte der Landschaftskonsulent
-hinzu; »meines Wissens bist du der erste Lanbek, den man auf die Wache
-setzte.«
-
-»Mir ist es doppelt unangenehm,« antwortete sein Sohn, indem er den
-Vater fest anblickte, »weil es im Grunde eine Namensverwechslung zu
-sein scheint; denn meines Wissens bin nicht _ich_ jener Lanbek, der die
-Szene an dem Tisch des Juden aufführte.«
-
-Der Alte sah ihn bleich und betroffen an. »Gehet ins Nebenzimmer,
-Mädchen!« rief er, und als sich die Schwestern staunend, aber schnell
-und gehorsam zurückgezogen hatten, faßte er die Hand seines Sohnes,
-zog ihn auf einen Stuhl neben sich nieder und fragte hastig, aber mit
-leiser Stimme: »Was ist das? Woher weißt du? Wer sagt dir davon?«
-
-»Er selbst,« antwortete der Sohn.
-
-»Der Jude?« fragte der Alte. »Wie ist dies möglich?«
-
-»Er war bei mir auf der Wache; ich sehe, wie Sie staunen, Vater, aber
-bereiten Sie sich auf noch wunderlichere Dinge vor.« Der junge Mann
-hielt es für das beste, seinem Vater soviel als möglich zu entdecken;
-er erzählte ihm also, wie aufgebracht der Minister auf den Konsulenten
-und seine Partei sei, wie der Sohn ihm widersprochen, wie der Minister,
-statt in heftigeren Zorn zu geraten, ihn plötzlich zum Expeditionsrat
-ernannt habe. Nur Leas erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän
-hatte ihm dies geraten, und er beschloß, davon zu schweigen, bis er
-seine Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen
-Verhältnisses unvermeidlich wäre.
-
-»Ich sehe, was ich sehe,« sprach der Konsulent nach einigem Nachdenken.
-»Meinst du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte, er würde mich geschont
-und dich dafür ergriffen haben, um mich gleichsam durch seine Gnade
-zu beschämen? Er hat mich gefürchtet, und er hat alle Ursache dazu.
-Ich bin ihm zu populär, und auch du wirst ihm nach und nach zu bekannt
-mit den hiesigen Bürgern, weil du jetzt statt meiner die Armenprozesse
-führst. Der Expeditionsrat ist -- _eine Falle_, die er uns beiden legen
-wollte, der kluge Fuchs.«
-
-»Wie verstehen Sie dies, Papa?« fragte Gustav, dem es leichter ums Herz
-wurde, seit er ahnte, wie sein Vater die Sache aufnehme.
-
-»Sieh, Freund,« sprach der Alte zutraulicher, als er je getan, »du
-wirst das Opfer dieser Kabale; aber so wahr ich dein Vater bin, du
-sollst es nicht lange sein. Dieser Jude denkt aber also: Verwehre ich
-dir, diese Stelle anzunehmen, weil du dadurch in übeln Geruch kommen
-könntest, so macht er es zu seiner Ehrensache, beklagt sich beim Herrn
-und ergreift die einzige Gelegenheit, die sich bot, mich zu zwingen,
-auch _mein_ Amt aufzugeben. Er kennt mich, er weiß, daß er so wenig als
-der Herzog mich absetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek ist,
-nämlich -- sein Feind. Nehmen wir die Stelle an, kalkulierte er weiter,
-so werden wir verdächtig bei allen, die das Bessere wollen. Der Vater,
-Konsulent der Landschaft, würde man denken, der Sohn -- Expeditionsrat;
-gekauft hat ihm der Alte die Stelle nicht und der Süß gibt bekanntlich
-nichts ohne großen Gewinn an Geld oder geheimem Einfluß, folglich --
-sind wir übergetreten zu dem Gewaltigen. So, glaubt er, werden die
-Leute urteilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt mich
-nicht ganz; noch weiß ich, gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen der
-Besseren zu erhalten, und du -- wirst und bleibst Expeditionsrat;
-ändern sich die Verhältnisse, so wirst du wieder Aktuarius und die
-Menschen erkennen dann deine Unschuld.«
-
-»Aber Vater!« sagte der junge Mann zaudernd. »_Ihr_ Ruf ist felsenfest,
-aber der _meinige_? Wie lange wird es noch anstehen, bis die
-Verhältnisse sich ändern!«
-
-»Sohn!« erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. »Du siehst, wie dieses
-schöne Land bis in sein innerstes Mark zerrüttet ist; meinst du, es
-könne immer so fortgehen? -- Glaube mir, ehe der Frühling ins Land
-kommt, _muß_ es anders werden; schlechter kann es nimmer werden, aber
-besser. Darum glaube mir und vertraue auf Gott!«
-
-
-8.
-
-Während der alte Lanbek noch so sprach und seinem Sohn Mut einzureden
-suchte, wurde die Hausglocke heftig angezogen, und bald darauf trat ein
-Offizier in das Zimmer, dem der Konsulent freundlich entgegeneilte.
-Wenn man das dunkelrote Gesicht, die freien, mutigen Züge und das
-kleine, aber scharfblickende Auge des Mannes sah, so konnte man die
-Sage von kühner Entschlossenheit und beinahe fabelhafter Tapferkeit,
-die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen Eugenius bewiesen
-haben sollte, glaublich finden.
-
-»Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,« sprach der Alte, »der
-Oberst von Röder, den du wenigstens dem Namen nach kennen wirst.«
-
-»Wie sollte ich nicht?« erwiderte Gustav, indem er sich verbeugte;
-»wenn unsere Truppen von Malplaquet und Peterwardein erzählen, so hört
-man diesen Namen immer unter die ersten und glänzendsten zählen.«
-
-»Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur seine Schuldigkeit getan,«
-antwortete der Oberst. »Aber Konsulent, was sagt Ihr dazu, daß der Jude
-jetzt auch uns ins Handwerk greift? Ich komme zu Euch eigentlich nur,
-um zu fragen: soll ich, oder soll ich nicht?«
-
-»Wie soll ich das verstehen?« fragte der Konsulent staunend; »Röder,
-nur jetzt keinen übereilten Streich!«
-
-»Das ist es eben!« rief jener auf den Boden stampfend, »meine Ehre und
-die Ehre des ganzen Korps ist gekränkt! einen meiner talentvollsten
-Offiziere sollte ich nach Fug und Recht kassieren lassen um dieses
-Hundes willen, und tu' ich's, so bin ich morgen selbst außer Dienst.«
-
-»Aber so sprecht doch, Oberst!« sagte der Alte, indem er seinem Sohn
-winkte, Stühle zu setzen, »setzt Euch, Ihr seid noch in der ersten
-Hitze.«
-
-»Mein Regiment hat gestern und heute den Dienst,« fuhr jener eifrig
-fort; »da bringt man nun gestern nacht von der Redoute weg einen
-Menschen auf unsere Wache, mit dem ausdrücklichen Befehl vom Juden,
-ihn wohl zu bewachen, aber keinen weitern Rapport abzustatten; heute
-früh zieht der Kapitän Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im
-Offizierszimmer, von welchem nichts im Rapport steht, und denkt Euch
--- nach einer halben Stunde kommt der Minister selbst, schickt den
-Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unserer Wache den Gefangenen
-insgeheim, entläßt ihn dann und _befiehlt_ dem Kapitän noch einmal,
-keinen Rapport abzustatten und -- nimmt ihm das Ehrenwort ab -- er
-einem Offizier auf der Wache -- nimmt ihm das Wort ab, den Namen des
-Gefangenen nicht zu nennen; dahin also ist es gekommen, daß jeder
-Schreiber oder gar ein hergelaufener Jude uns kommandiert? Nach
-Kriegsrecht muß ich den Kapitän kassieren lassen; meine Ehre fordert,
-daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienst, und ich muß mich
-rühren, sollte es mich auch meine Stelle kosten.«
-
-Die beiden Lanbek hatten sich während der heftigen Rede des Obersten
-bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. »Der Jude ist listiger, als wir
-dachten,« sagte, als jener geendet hatte, der Vater; »also auch auf den
-Oberst war es abgesehen, auch für ihn war die Falle aufgestellt! Wer
-meint Ihr wohl, daß der Gefangene war? Da, seht ihn, mein leiblicher
-Sohn saß heute nacht auf Eurer Wache!«
-
-Der Oberst fuhr staunend zurück, und so groß war der Unmut über den
-Eingriff in seine militärischen Rechte, daß er sich nicht enthalten
-konnte, einen unwilligen, finstern Blick auf den jungen Mann zu werfen.
-Als aber der alte Lanbek fortfuhr und ihm erzählte, wie er selbst
-eigentlich die Ursache dieses Vorfalls gewesen, und wie alles andere so
-sonderbar gekommen sei, als er ihm den arglistigen Plan des Ministers
-näher auseinandersetzte, da sprang Herr von Röder von seinem Stuhl auf.
-»Wohlan, Alter!« sagte er mit bewegter Stimme zu dem Konsulenten, »daß
-er _mich_ verfolgt und haßt, hat am Ende nichts zu bedeuten, und daran
-ist nur der General Römchingen schuld, der mich nie leiden konnte; aber
-über _dir_ soll er den Hals brechen, oder ich will nicht selig werden!
-Herr Aktuarius! Die Stelle müßt Ihr annehmen, das ist jetzt keine Frage
-mehr! Denn Euer Vater darf jetzt nicht von seinem Amt kommen, oder
-Verfassung und Religion stehen auf dem Spiel. Aber zum Herzog will ich
-gehen, will sprechen, und sollt' es mich mein Leben kosten.«
-
-»Das werdet Ihr _nicht_ tun, Oberst!« sagte der Alte mit Nachdruck und
-Ernst. »Leset diesen Brief, den man uns aus Würzburg schickt, und sagt
-mir dann, ob Ihr noch waget, zum Herzog zu gehen und zu sprechen.« Der
-Oberst nahm aus seiner Hand ein Schreiben und fing an zu lesen; doch
-je weiter er las, desto bestürzter wurden seine Züge, bis er staunend,
-aber mit zornsprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme sinken
-ließ.
-
-»Vater!« sprach der junge Mann, der betroffen bald den Alten, bald den
-Obersten betrachtete, »Vater, Sie machen mich hier zum Zeugen eines
-Auftrittes, bei welchem ich vielleicht besser nicht zugegen gewesen
-wäre. Ich soll aber gezwungenerweise eine Rolle übernehmen, die mir
-nicht zusagt. Ich bin zum Expeditionsrat ernannt und weiß nicht warum;
-ich darf die Stelle nicht ablehnen, obgleich sie mich vor der Welt zum
-Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor im Staat und
-in meines Vaters Hause, man verhehlt sie mir, und ich weiß wieder nicht
-warum. Herr Oberst von Röder, Sie überreden mich, eine Stelle nicht
-auszuschlagen, die meines Vaters Namen beschimpft; von Ihnen glaube ich
-Gründe verlangen zu können, warum ich es nicht tun soll?«
-
-»Gott weiß, er hat recht!« rief Röder, indem er den jungen Mann
-nachdenkend betrachtete. »Ich weiß auch nicht, Alter, warum Ihr ihm
-nicht längst den Schlüssel gegeben habt. Wenn Ihr ihm übrigens die
-Augen nicht öffnen wollt, so will ich ihm diesen Dienst tun, weil ich
-weiß, wie drückend es ist, ein wichtiges Geheimnis halb zu erraten und
-halb zu ahnen.«
-
-»Es sei,« sagte der Vater, »setzet Euch wieder; wenn ich dich, mein
-Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieser Art vertraut gemacht habe, so
-geschah es nur aus Furcht, für einen allzu stolzen Vater zu gelten,
-denn wir hatten uns das Wort gegeben, nur erprobten und ausgezeichneten
-Männern uns anzuvertrauen. Ich darf dir nicht erst sagen, was in den
-drei Jahren, seit Alexander regiert, aus Württemberg geworden ist.
-Man soll von einem Lanbek nicht sagen können, daß er gegen seinen
-Herrn gemurrt hätte, er ist ein tapferer Mann und nach Prinz Eugenius
-vielleicht der erste Feldherr unserer Zeit, aber das Feldregiment taugt
-wohl im Lager und vor dem Feind, nicht so in der Kanzlei. Er sieht die
-Regierung des _Ländchens_, wie er sagt, etwas zu heldenmäßig an, das
-heißt, er sieht darüber hinweg und läßt andere dafür sorgen.«
-
-»Dieses Ländchen!« rief der Oberst bitter. »Dieses schöne Württemberg!
-Es heißt wohl ein alter Spruch, daß, wenn man auch sich alle Mühe gebe,
-dieses Land doch nicht könne zu Grunde gerichtet werden; aber ~nous
-verrons~! Wenn es so fortgeht, wenn man es durch Verkauf der Aemter,
-durch Verhöhnung der Besseren, durch Erhebung der niederträchtigsten
-Bursche geflissentlich verderbt, wenn man seine Kräfte bis aufs Mark
-aussaugt --«
-
-»Kurz, mein Freund,« fuhr der Alte fort, »es kann nicht so fortgehen.
-Nach und nach kann es nicht besser werden, denn schon jetzt sitzen
-bei uns in der Landschaft fünf Schurken, die nicht einmal der
-Gott-sei-bei-uns für sich repräsentieren ließe, alle Aemter sind
-verkauft oder für Süßsche Kreaturen käuflich, also kann es nur
-schlechter werden. Aber es sind zwei Parteien, die da sagen: ›Es muß
-anders werden.‹ Die eine Partei ist Süß, der schnöde Jude, der General
-Römchingen, der feinste von diesen Burschen, Hallwachs, dein neuer
-Kollege, Metz und noch einige von der Landschaft. Wir wissen, was sie
-wollen, und es ist nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag
-völlig aufzuheben.«
-
-»Und, Gott sei's geklagt,« sagte Herr von Röder, »den Herzog haben Sie
-von seiner edelmütigen Seite gepackt, er ist mit allem zufrieden. Das
-Land sei aufgebracht über die Stände, sagen sie ihm, man murre über
-die Landschaft, und nun hat er sich entschlossen, das Institut wie ein
-Korps Invaliden aufzulösen, dem Lande die jährlichen Kosten der Stände
-edelmütig zu schenken und allein zu regieren.«
-
-»Wie? Verstehe ich recht?« rief der junge Lanbek. »Also unsern letzten
-Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die unrichtige Ansicht eines
-Herrn will man uns rauben? Auf die Verfassung ist es abgesehen? Doch
-das ist nicht möglich, Alexander hat sie ja beschworen, und mit welchen
-Mitteln will er dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberst, der
-württembergische Soldat werde seine eigenen Rechte unterdrücken?«
-
-»Hier sind die Hunde,« erwiderte der Oberst, indem er auf den Brief
-zeigte, »die man bei diesem Treibjagen hetzen will.«
-
-»Nur ruhig,« sprach der Landschaftskonsulent, »höre mich ganz. Der
-Herzog ist aufs abscheulichste getäuscht; er glaubt fest, daß es ihn
-nur ein Wort koste, so werden die Stände nicht mehr sein, und alle
-Herzen werden ihm zufliegen. So haben es der Jude und Römchingen ihm
-vorgeschwatzt; aber sie kennen uns besser und wissen, daß Gewalt zu
-einem solchen Schritt gehört. Hier ist ein Brief an den Erzbischof von
-Würzburg, den der General Römchingen geschrieben: man wolle zum Besten
-des Landes einige Aenderungen vornehmen, man könne sich aber auf die
-Truppen im Lande nicht verlassen, daher solle der Bischof bewirken, daß
-die Truppen des fränkischen Kreises an einem bestimmten Tag an unserer
-Grenze seien. Auch an einige Reichsstände in Oberschwaben hat er
-ähnliche Schreiben erlassen.«
-
-»Und im Namen des Herzogs?« fragte der junge Mann.
-
-»Nein, sie lassen ihn nur so durchblicken, aber eine andere Lockspeise
-haben sie dem Bischof hingeworfen; man sagt nicht umsonst, daß unser
-alter Reformator Brenz seit einigen Nächten aus seinem Grab aufstehe
-und die Kanzel besteige -- katholisch wollen sie uns machen. Du
-staunst? Du willst nicht glauben? Auch ich glaube, daß sie es nicht
-aus Religiosität tun wollen, sondern entweder soll es den Bischof und
-die Oberschwaben enger für die Sache verbinden, oder sie meinen, dem
-Herzog gefällig zu sein, wenn sie in vierundzwanzig Stunden den Glauben
-reformieren, wie sie das alte Recht reformieren wollen.«
-
-»Es kann, es darf nicht sein!« rief der junge Mann. »Die Grundpfeiler
-unseres Glückes und unserer Zufriedenheit mit _einem_ Schlag umstürzen?
-Es ist nicht möglich, der Herzog kann es nicht dulden.«
-
-»Er weiß und denkt nicht, daß sie dies alles vorhaben,« sagte der
-Oberst; »sein Ruhm ist ihm zu teuer, als daß er ihn auf diese Weise
-beflecken möchte; aber wenn es geschehen ist, ohne daß die Schuld auf
-ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte nicht wiederherstellen.
-Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn, habe der Jude dem Herzog das Edikt
-von gestern abgeschwatzt, worin er für Vergangenheit und Zukunft von
-aller Verantwortlichkeit freigesprochen wird? Das soll ihn schützen in
-dem kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und ergebenen
-Herren Räte erbost würde, die ihm die unumschränkte Macht zu Füßen
-legen und in der Stiftskirche einen Krummstab aufpflanzen.«
-
-»Und gegen diese wollt ihr kämpfen?« fragte Gustav besorgt und
-zweifelhaft.
-
-»Kämpfen oder zusammen untergehen,« sprach der Alte. »Wer mit uns
-verbunden ist, mußt du jetzt nicht wissen; es genüge dir zu erfahren,
-daß es die Trefflichsten des Adels und die Wackersten der Bürger
-sind. Wir wollten den Kaiser um Schutz anflehen, aber die Umstände
-sind ungünstig, die Zeit ist zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu
-gelangen, und überdies hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett
-seit den letzten Kriegen; man würde uns abweisen. Uns bleibt nichts
-übrig als --«
-
-»Wir müssen,« rief der Oberst mutig und entschlossen, »das Prävenire
-müssen wir spielen; St. Joseph, den neunzehnten März, haben sie sich
-zum Ziel gesteckt; aber einige Tage zuvor müssen wir die Feinde des
-Landes gefangen nehmen, die treuen Truppen nach Stuttgart ziehen,
-das Landvolk zu unserer Hilfe aufrufen, und wenn es gelungen ist,
-dem Herzog von neuem huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren
-Abgrund er und wir gestanden. Und dann -- er ist ein tapferer Soldat
-und ein Mann von Ehre, dann wird er erröten vor der Schande, zu welcher
-ihn jene Elenden verführen wollten.«
-
-»Aber der Herzog,« fragte der junge Mann, »wo soll er sein und bleiben,
-während ihr diese furchtbare Gegenmine auffliegen lasset?«
-
-»Das ist es ja gerade, was uns zur Eile zwingt,« erwiderte der Oberst;
-»sie haben ihn überredet, im nächsten Monate die Festungen Kehl
-und Philippsburg zu bereisen, und hinter seinem Rücken wollen sie
-reformieren. Den elften will er abreisen; schon sind die Adjutanten
-ernannt, die ihn begleiten sollen, und, wenn ich es sagen darf, mit
-solchem Gepränge und so viel und laut wird von dieser Reise gesprochen,
-daß ich fürchte, die ganze Fahrt ist nur Maske und der Herzog wird
-nicht über die Grenze gehen.«
-
-»Du kennst jetzt unsere Pläne,« sprach der alte Herr zu seinem Sohn,
-»sei klug und vorsichtig. _Ein_ Wort zuviel kann _alles_ verraten.
-Darum, wie es unter uns gebräuchlich ist, lege deine Hand in die deines
-Vaters und dieses tapfern Mannes und schwöre uns, zu schweigen.«
-
-»Ich schwöre,« sagte Lanbek mit fester Stimme, aber bleich und mit
-starren Augen; und sein Vater und der Oberst zogen ihn an ihre Brust
-und begrüßten ihn als einen der Ihrigen.
-
-
-9.
-
-Ein drückender, trüber Nebel lag über Stuttgart und gab den Bergen
-umher und der Stadt ein trauriges, ödes Ansehen; gerade so lag auch
-ein trüber, ängstlicher Ernst auf den Gesichtern, die man auf den
-Straßen sah, und es war, als hätte ein Unglück, das man nicht vergessen
-konnte, oder ein neuer Schlag, den man fürchtet, alle Herzen wie die
-sonst so lieblichen Berge umflort und in Trauer gehüllt. Am Abend eines
-solchen Tages schlich der junge Lanbek durch die feuchten Gänge des
-Gartens. Sein Gesicht war bleich, sein Auge trübe, sein Mund heftig
-zusammengepreßt, seine hohe Gestalt trug er nicht mehr so leicht und
-aufgerichtet wie zuvor, und es schien, als sei er in den letzten
-acht Tagen um ebenso viele Jahre älter geworden. Was er vorausgesehen
-hatte, war eingetroffen; niemand, der die Lanbeks auch nur dem Rufe
-nach kannte, konnte die schnelle Erhebung des jungen Mannes begreifen
-oder rechtfertigen. Die Günstlinge und Kreaturen des mächtigen Juden
-traten ihm mit jener lästigen Traulichkeit, mit jener rohen Freude
-entgegen, wie etwa Diebe und falsche Spieler einem neuen Genossen ihrer
-Schlechtigkeit beweisen, und des jungen Lanbeks Gefühl bei solchen
-neuen, werten Bekanntschaften läßt sich am besten mit den unangenehmen
-und wehmütigen Empfindungen eines Mannes vergleichen, den das Unglück
-in _einen_ Kerker mit dem Auswurf der Menschen warf, und der sich von
-Räubern und gemeinen Weibern als ihresgleichen begrüßen lassen muß.
-
-Die gnädigen Blicke, die ihm der Minister hin und wieder öffentlich,
-beinahe zum Hohn, zuwarf, bezeichneten ihn als einen neuen Günstling.
-Jetzt erst sah er, wie viele gute Menschen ihm sonst wohlgewollt
-hatten; denn so manches bekannte Gesicht, das sonst dem Sohne des alten
-Lanbek einen »guten Tag« zugelächelt hatte, erschien jetzt finster, und
-selbst wackere Bürgersleute und jene biederen, ehrlichen Weingärtner,
-die sich bei ihm und dem Alten so oft Rats erholt hatten, wandten jetzt
-die Augen ab und gingen vorüber, ohne den Hut zu rücken.
-
-Der Gedanke an Lea erhöhte noch sein Unglück. Er wußte genau, wie
-unglücklich sein alter Vater, er selbst und die Seinigen werden
-könnten, wenn der verzweifelte Schlag, den sie führen wollten, mißlang;
-und doch, so groß der Frevel war, den jener fürchterliche Mann auf sich
-geladen hatte, dennoch graute ihm, wenn er sich die Folgen überlegte,
-die sein Sturz nach sich ziehen würde. Was sollte aus der armen Lea
-werden, wenn der Bruder vielleicht monatelang gefangen saß? Konnte
-der Herzog, ein so strenger Herr, Vergehungen und Pläne, wie die des
-Juden, vergeben, selbst wenn er ihm durch jenes Edikt Straflosigkeit
-zugesichert hatte?
-
-Und dann durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an jene schreckliche
-Drohung, die Süß gegen ihn ausgestoßen, als er das Verhältnis des
-jungen Mannes zu seiner Schwester berührte. Alle Angst vor seinem alten
-Vater, vor der Schande, die eine solche Verbindung, wenn sie auch nur
-besprochen würde, brächte, kam über ihn. Es gab Augenblicke, wo er
-seine Torheit, mit der schönen Jüdin auch nur ein Wort gewechselt zu
-haben, verwünschte, wo er entschlossen war, den Garten zu verlassen,
-sie nie wieder zu sehen, seinem Vater alles zu sagen, ehe es zu
-spät wäre; aber wenn er sich dann das schöne Oval ihres Hauptes, die
-reinen, unschuldigen und doch so interessanten Züge und jenes Auge
-dachte, das so gerne und mit so unnennbarem Ausdruck auf seinen eigenen
-Zügen ruhte, da war es, ich weiß nicht ob Eitelkeit, Torheit, Liebe
-oder gar der Einfluß jenes wunderbaren Zaubers, der sich, aus Rahels
-Tagen, unter den Töchtern Israels erhalten haben soll -- es zog ihn
-ein unwiderstehliches Etwas nach jener Seite hin, wo ihn, seit die
-Dämmerung des ersten Märzabends finsterer geworden war, die schöne Lea
-erwartete.
-
-»Endlich, endlich!« sagte Lea mit Tränen, indem sie ihre weiße Hand
-durch die Staketen bot, welche die beiden Gärten trennten. »Wenn nicht
-der Frühling indes hätte kommen müssen, wahrhaftig, ich hätte gedacht,
-es sei schon ein Vierteljahr vorüber. Ich bin recht ungehalten; wozu
-denn auch in den Garten gehen bei dieser schlimmen Jahreszeit, wenn
-Ihr frei und offen durch die Haustüre kommen dürft? Wisset nur, Herr
-Nachbar, ich bin sehr unzufrieden.«
-
-»Lea,« erwiderte er, indem er die schöne Hand an seine Lippen zog,
-»verkenne mich nicht, Mädchen! Ich konnte wahrhaftig nicht kommen,
-Kind! Zu dir durfte ich nicht kommen, und in die Zirkel deines Bruders
-gehe ich nicht; und wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal da warst,
-würde ich dich nicht mehr sprechen.« Trotz der Dunkelheit glaubte der
-junge Mann dennoch, eine hohe Röte auf Leas Wangen aufsteigen zu sehen.
-Er sah sie zweifelhaft an; sie schlug die Augen nieder und antwortete:
-»Du hast recht, ich darf nicht in die Zirkel meines Bruders gehen.«
-
-»So bist du da gewesen? Ja, du bist dort gewesen!« rief Lanbek unmutig.
-»Gestehe nur, ich kann jetzt doch schon alles in deinen Augen lesen.«
-
-»Höre mich an,« erwiderte sie, indem sie bewegt seine Hand drückte,
-»die Amme hat dir gesagt, was nach dem Karneval vorging, und wie ich
-ihn bat und flehte, dich frei zu lassen. Seit jener Zeit hat sich
-sein Betragen ganz geändert; er ist freundlicher, behandelt mich, wie
-wenn ich auf einmal um fünf Jahre älter geworden wäre, und läßt mich
-zuweilen sogar mit sich ausfahren. Vor einigen Tagen befahl er mir,
-mich so schön als möglich anzukleiden, legte mir ein schönes Halsband
-in die Hand, und abends führte er mich die Treppe herab in seine
-eigenen Zimmer. Da waren nur wenige, die ich kannte, die meisten Herren
-und Damen waren mir fremd. Man spielte und tanzte, und von Anfang
-gefiel es mir sehr wohl, nachher freilich nicht, denn --«
-
-»Denn?« fragte Lanbek gespannt.
-
-»Kurz, es gefiel mir nicht, und ich werde nicht mehr hingehen.«
-
-»Ich wollte, du wärest nie dort gewesen,« sagte der junge Mann.
-
-»Ach, konnte ich denn wissen, daß die Gesellschaft nicht für mich
-passen würde?« erwiderte Lea traurig. »Und überdies sagte mein Bruder
-ausdrücklich, es werde meinen Herrn Bräutigam freuen, wenn ich auch
-unter die Leute komme.«
-
-»Wen hat er gesagt, _wen_ werde es freuen?« rief Lanbek.
-
-»Nun dich,« antwortete Lea; »überhaupt, Lanbek, ich weiß gar nicht, wie
-ich dich verstehen soll; du bist so kalt, so gespannt; gerade jetzt,
-da wir offen und ohne Hindernis reden können, bist du so ängstlich,
-beinahe stumm; statt ins Haus zu uns zu kommen, bestellst du mich
-heimlich in den Garten, ich weiß doch nicht, vor wem man sich so sehr
-zu fürchten hat, wenn man einmal in einem solchen Verhältnis steht?«
-
-»In welchem Verhältnis?« fragte Lanbek.
-
-»Nun, wie fragst du doch wieder so sonderbar! Du hast bei meinem Bruder
-um mich angehalten, und er sagte dir zu, im Fall ich wollte und der
-Herzog durch ein Reskript das Hindernis wegen der Religion zwischen uns
-aufhöbe. Ich bin nur froh, daß du nicht Katholik bist, da wäre es nicht
-möglich, aber ihr Protestanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und
-seid doch eigentlich so gut Ketzer wie wir Juden.«
-
-»Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!« rief der junge Mann mit
-Entsetzen. »Wer hat dir diese Dinge gesagt? O Gott, wie soll ich dir
-diesen furchtbaren Irrtum benehmen?«
-
-»Ach, geh doch!« erwiderte Lea. »Daß ich es wagte, mein verhaßtes Volk
-neben euch zu stellen, bringt dich auf. Aber sei nicht bange; mein
-Bruder, sagen die Leute, kann alles, er wird uns gewiß helfen, denn was
-er sagt, ist dem Herzog recht. Doch eine Bitte habe ich, Gustav: willst
-du mich nicht bei den Deinigen einführen? Du hast zwei liebenswürdige
-Schwestern; ich habe sie schon einigemal vom Fenster aus gesehen; wie
-freut es mich, einst so nahe mit ihnen verbunden zu sein! Bitte, laß
-mich sie kennen lernen.«
-
-Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur _ein_ Wort zu
-erwidern; seine Gedanken, sein Herz wollten stille stehen. Er blickte
-wie einer, der durch einen plötzlichen Schrecken aller Sinne beraubt
-ist, mit weiten, trockenen Augen nach dem Mädchen hin, das, wenn auch
-nicht in diesem Augenblick, doch bald vielleicht, noch unglücklicher
-werden mußte als er, und das jetzt lächelnd, träumend, sorglos wie ein
-Kind an einem furchtbaren Abgrund sich Blumen zu seinem Kranze pflückte.
-
-»Was fehlt dir, Gustav?« sprach sie ängstlich, als er noch immer
-schwieg. »Deine Hand zittert in der meinigen: bist du krank? Du bist
-so verändert.« Doch -- noch ehe er antworten konnte, sprach eine tiefe
-Stimme neben Lea: »~Bon soir~, Herr Expeditionsrat; Sie unterhalten
-sich hier im Dunkeln mit Dero Braut? Es ist ein kühler Abend; warum
-spazieren Sie nicht lieber hinauf ins warme Zimmer? Sie wissen ja, daß
-mein Haus Ihnen jederzeit offen steht.«
-
-»Mit wem sprichst du hier, Gustav?« sagte der alte Lanbek, der beinahe
-in demselben Augenblick herantrat. »Deine Schwestern behaupten, du
-unterhieltest dich hier unten mit einem Frauenzimmer.«
-
-»Es ist der Minister,« antwortete Gustav beinahe atemlos.
-
-»Gehorsamer Diener,« sprach der Alte trocken; »ich habe zwar nicht
-das Vergnügen, Ew. Exzellenz zu sehen in dieser Dunkelheit, aber ich
-nehme Gelegenheit, meinen gehorsamsten Dank von wegen der Erhebung
-meines Sohnes abzustatten; bin auch sehr scharmiert, daß Sie so treue
-Nachbarschaft mit meinem Gustav halten.«
-
-»Man irrt sich,« erwiderte Süß, heiser lachend, »wenn man glaubt, ich
-bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln über den Zaun herüber zu
-parlieren, ich kam nur, um meine Schwester abzuholen, weil es etwas
-kühles Wetter ist und die Nachtluft ihr schaden könnte.«
-
-»Mit Ihrer Schwester?« sagte der Alte streng. »Bursche, wie soll ich
-das verstehen, sprich!«
-
-»Echauffieren sich doch der Herr Landschaftskonsulent nicht so sehr!«
-erwiderte der Jude. »Jugend hat nicht Tugend, und er macht ja nur
-meiner Lea in allen Ehren die Cour.«
-
-»Schandbube!« rief der alte Mann, indem er seine Hand um den Arm seines
-Sohnes schlang und ihn hinwegzog. »Geh auf dein Zimmer; ich will ein
-Wort mit dir sprechen; und _Sie_, Jungfer Süßin, daß Sie sich nimmer
-einfallen läßt, mit dem Sohn eines ehrlichen Christen, mit _meinem_
-Sohn ein Wort zu sprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jerusalem, es
-würde meinem Hause dennoch keine Ehre sein.« Mit schwankenden unsichern
-Schritten führte er seinen Sohn hinweg. Lea weinte laut, aber der
-Minister lachte höhnisch. »~Parole d'honneur!~« rief er. »Das war eine
-schöne Szene; vergessen Sie übrigens nicht, Herr Expeditionsrat, daß
-Sie nur noch vierzehn Tage Frist zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und
-von dort an werde ich mein Wort halten.«
-
-
-10.
-
-Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lanbek hieß ihn geduldig
-und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige Erfahrungen über
-den Charakter des Alten verboten ihm in diesem Augenblick, wo der
-Schein so auffallend gegen ihn war, sich zu entschuldigen. Der
-Landschaftskonsulent warf sich in seinem Zimmer in einen Armsessel und
-verhüllte sein Gesicht. Besorgt und ängstlich stand Gustav neben ihm
-und wagte nicht zu reden; aber die beiden schönen Schwestern des jungen
-Mannes flogen herbei, als sie die Schwäche des Vaters sahen, fragten
-zärtlich, was ihm fehle, suchten seine Hände vom Gesicht herabzuziehen
-und benetzten sie mit ihren Tränen. -- »Das ist der Bube,« rief er nach
-einiger Zeit, indem sein Zorn über seine körperliche Schwäche siegte;
-»_der_ ist es, der das Haus eures Vaters, unsern alten guten Namen,
-euch, ihr unschuldigen Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte;
-der Judas, der Vatermörder -- denn heute hat er den Nagel in meinen
-Sarg geschlagen.«
-
-»Vater! Um Gottes willen! Gustav!« riefen die Mädchen bebend, indem sie
-ihren bleichen Bruder scheu anblickten und sich an den alten Lanbek
-schmiegten.
-
-»Ich weiß,« sagte der unglückliche junge Mann, »ich weiß, daß der
-Schein gegen mich --«
-
-»Willst du schweigen!« fuhr der Konsulent mit glühenden Augen und
-einer drohenden Gebärde auf. »Schein? Meinst du, du könntest meine
-alten Augen auch wieder blenden wie damals nach dem Karneval? Nicht
-wahr, es wäre weit bequemer, wenn sich diese beiden Augen schon ganz
-geschlossen, wenn sie den alten Lanbek so tief verscharrt hätten, daß
-keine Kunde von der Schande seines Namens mehr zu ihm dringt. Aber
-verrechnet hast du dich, Elender! Enterben will ich dich; hier stehen
-meine lieben Kinder, du aber sollst ausgestoßen sein, meines ehrlichen
-Namens beraubt, verflucht --«
-
-»Vater!« riefen seine drei Kinder mit _einer_ Stimme; die Töchter
-stürzten sich auf ihn und zum erstenmal wagte es Hedwig, ihre Lippen
-auf die geheiligten Lippen des Vaters zu legen, indem sie ihm den zum
-Fluch geöffneten Mund mit Küssen verschloß. Die jüngere hatte sich
-unwillkürlich vor Gustav gestellt, seine Hand ergriffen, als wollte
-sie ihn verteidigen, der junge Mann aber riß sich kräftig los; nie so
-als in diesem Augenblick glich sein Gesicht, sein drohendes Auge den
-Zügen seines Vaters, und die beengte Brust weit vorwerfend, sprach er:
-»Ich habe alles ertragen, was möglicherweise ein Sohn von seinem Vater
-ertragen darf, ich habe aber noch andere Pflichten, meine eigene Ehre
-muß ich wahren, und wäre es mein eigener Vater, der sie antastet. Es
-hätte Ihnen genügen können, wenn ich bei allem, was mir heilig ist,
-versichere, daß ich nicht das bin, wofür Sie mich halten. Wenn _Sie_
-keinen Glauben mehr an mich haben, wenn Sie mich aufgeben, dann bleibt
-nichts mehr übrig. _Lebet_ wohl -- ich will euch nur noch _eine_
-Schande machen.«
-
-»Du bleibst!« rief ihm der Alte, mehr ängstlich und bebend als
-befehlend nach. »Meinst du, dies sei der Weg, einen gekränkten Vater
-zu versöhnen? Hast du so sehr Eile, mir voranzugehen, und einen Weg
-einzuschlagen, wo ich dich nie mehr träfe? Denn ich habe redlich und
-nach meinem Gewissen gelebt, dich aber und deine Absicht verstand ich
-wohl.«
-
-»Aber Vater,« sprach seine jüngste Tochter mit sanfter Stimme, »wir
-hatten ja alle Gustav immer so lieb, und Sie selbst sagten so oft, wie
-tüchtig er sei; was kann er denn so Schreckliches verbrochen haben, daß
-Sie so hart mit ihm verfahren?«
-
-»Das verstehst du nicht, oder ja, du kannst es verstehen: des Juden
-Schwester liebt er, und mit ihr und mit seinem Herrn Schwager Süß
-hat er sich am Gartenzaun unterhalten. Jetzt sprich! Kannst du dich
-entschuldigen? O, ich Tor, der ich mir einbildete, man habe ihn, um mir
-eine Falle zu legen, erhoben und angestellt! Seine jüdische Scharmante
-hat ihn zum Expeditionsrat gemacht!«
-
-»Der Vater will mich nicht verstehen,« sprach der junge Mann mit Tränen
-in den Augen, »darum will ich zu euch sprechen. Euch, liebe Schwestern,
-will ich redlich erzählen, wie die Umstände sich verhalten, und ich
-glaube nicht, daß ihr mich verdammen werdet.« Die Mädchen setzten sich
-traurig nieder, der Alte stützte seine gefurchte Stirne auf die Hand
-und horchte aufmerksam zu. Gustav erzählte anfangs errötend und dann
-oft von Wehmut unterbrochen, wie er Lea kennen gelernt habe, wie
-gut und kindlich sie gewesen sei, wie gerne sie mit ihm gesprochen
-habe, weil sie sonst niemand hatte, mit dem sie sprechen konnte. Er
-wiederholte dann das Gespräch mit dem jüdischen Minister und dessen
-arglistige Anträge; er versicherte, daß er nie dem Gedanken an
-eine Verbindung mit Lea Raum gegeben habe, und daß er diesen Abend
-dem Minister es selbst gesagt haben würde, wäre nicht der Vater so
-plötzlich dazwischen gekommen.
-
-»Du hast sehr gefehlt, Gustav,« sagte Hedwig, seine ältere Schwester,
-ein ruhiges und vernünftiges Mädchen. »Da du nie, auch nur entfernt,
-an eine Verbindung mit diesem Mädchen denken konntest, so war es deine
-Pflicht als redlicher Mann, dich gar nicht mit ihr einzulassen. Auch
-darin hast du sehr gefehlt, daß du nicht gleich damals schon deinem
-Vater alles anvertraut hast; aber so hast du jetzt deine ganze Familie
-unglücklich und zum Gespött der Leute gemacht; denn meinst du, der Süß
-werde nicht halten, was er gedroht? Ach, er wird sich an Papa, an dir,
-an uns allen rächen.«
-
-»Geh, bitte den Vater um Verzeihung!« sprach das schöne Käthchen
-weinend. »Du mußt ihm nicht noch Vorwürfe machen, Hedwig, er ist
-unglücklich genug. Komm, Gustav,« fuhr sie fort, indem sie seine Hand
-ergriff und ihn zu dem Vater führte, »bitte, daß er dir vergibt; ja,
-wir werden recht unglücklich werden, der böse Mann wird uns verderben,
-wie er das Land verdorben hat, aber dann lasset doch wenigstens Frieden
-unter _uns_ sein. Wenn wir uns noch haben, so haben wir viel, wenn er
-uns alles übrige nimmt.«
-
-Der Alte blickte seinen Sohn lange, doch nicht unwillig an. »Du hast
-gehandelt wie ein eitler junger Mensch, und die Aufmerksamkeit, die
-dir diese Jüdin schenkte, hat dich verblendet. Du hast, ich fühle es
-für dich, vielleicht schon seit geraumer Zeit, gewiß aber diesen Abend
-dafür gebüßt. Katharine hat recht; ich will dir nicht länger grollen;
-wir müssen uns jetzt gegen einen furchtbaren Feind waffnen. Glaubst
-du, daß er Wort halten wird mit den vierzehn Tagen Frist, die er dir
-nachrief?«
-
-»Ich glaube und hoffe es,« antwortete der junge Mann.
-
-»Um jene Zeit muß sich mehr entscheiden als nur das Schicksal unsers
-Hauses,« fuhr der Alte fort; »Römchingen und Süß -- oder wir; wer
-verliert, bezahlt die Zeche. Jetzt gelobe mir aber, Gustav, die Jüdin
-nie mehr, weder im Garten noch sonstwo aufzusuchen, und unter dieser
-Bedingung will ich deine Torheit verzeihen.«
-
-Gustav versprach es mit bebenden Lippen und verließ dann das Zimmer,
-um seine Bewegung zu verbergen. Noch lange und mit unendlicher Wehmut
-dachte er dort über das unglückliche Geschöpf nach, dessen Herz ihm
-gehörte, und das er nicht lieben durfte. Er teilte zwar alle strengen
-religiösen Ansichten seiner Zeit, aber er schauderte über dem Fluch,
-der einen heimatlosen Menschenstamm bis ins tausendste Glied verfolgte
-und jeden ins Verderben zu ziehen schien, der sich auch den Edelsten
-unter ihnen auf die natürlichste Weise näherte. Er fand zwar keine
-Entschuldigung für sich und seine verbotene Neigung zu einem Mädchen,
-das nicht auch seinen Glauben teilte, aber er gewann einigen Trost,
-indem er sein eigenes Schicksal einer höheren Fügung unterordnete.
-
-Sein Vater und die Schwestern unterhielten sich noch lange über ihn
-und diese Vorfälle, und die Erinnerung an so manche schöne Tugend des
-jungen Mannes versöhnte nach und nach den Alten, so daß er selbst das
-Geheimhalten jener Vorschläge des Ministers einigermaßen entschuldigte.
-Als aber spät abends die beiden Schwestern allein waren, sagte
-Käthchen: »Wahr ist es doch, Gustav hat zwar gefehlt. Ich habe sie
-einmal am Fenster und einmal im Garten gesehen; so schön und anmutig
-sah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was sind alle Gesichter in
-Stuttgart, was ist selbst die schöne Marie, von der man so viel Wunder
-macht, gegen dieses herrliche Gesicht! Nein, Hedwig, ich hätte mich
-ganz in sie verlieben können!«
-
-»Wie magst du nur so töricht schwatzen!« erwiderte Hedwig unwillig.
-»Mag sie sein, wie sie will, sie ist und bleibt doch nur eine Jüdin.«
-
-
-11.
-
-Nicht die unglückliche Liebe ihres Bruders allein war es, was in den
-folgenden Tagen die schönen Töchter des Landschaftskonsulenten Lanbek
-ängstigte; nein, es war das sonderbare und drückende Verhältnis, das
-zwischen Vater und Sohn zu herrschen schien, was den vier schönen
-blauen Augen im stillen so manche Träne kostete. Man konnte nicht
-sagen, daß sie sich finster angeblickt, mürrisch gefragt oder kalt
-geantwortet hätten; aber dennoch sah man ihnen beiden an, daß Gram
-und Sorgen sie beschäftigten, und die Mädchen wurden immer wieder in
-ihren Vermutungen über den Grund dieses Grämens irre geleitet, wenn
-sie zuweilen den alten Mann und seinen Sohn in einer Fensternische
-beisammenstehen und zutraulicher, aber auch ernster als je zusammen
-flüstern sahen. Endlich wurden sie sogar für drei Abende in der
-Woche förmlich aus dem großen Familienzimmer, das winters allen zum
-Aufenthalt diente, verwiesen, und, was ihres Wissens nie geschehen war,
-Papas kleines Bibliothekzimmer wurde ihnen für solche Abende besonders
-geheizt und ihnen die Erlaubnis gegeben, sich an den trefflichen
-Juristen und Philosophen zu amüsieren.
-
-Freilich bedachten bei solchem Exil weder Vater noch Sohn, daß man von
-der Bibliothek im oberen Stock in das Studierzimmer, von diesem in das
-Gastzimmer und von dem Gastzimmer in die sogenannte Rumpelkammer kommen
-könne, von welcher eine viereckige Oeffnung, mit einem kleinen Deckel
-versehen, in das Wohnzimmer hinabging, um Luft oder Wärme in dieses
-Gemach zu leiten; sie bedachten auch nicht, daß weibliche Neugierde
-wohl noch stärkere Schranken durchbrochen haben würde als diese, die
-zwischen jener Kammer und der Bibliothek lagen. Einige Abende hatte
-übrigens doch noch ein mächtigeres Gefühl als Neugierde die Mädchen in
-der Bibliothek zurückgehalten, nämlich Furcht. Hedwig behauptete, schon
-öfters oben in jener Kammer Fußtritte und ein schreckliches Stöhnen
-gehört zu haben, und dem schönen Käthchen graute dort hinzugehen, weil
-jenes Gemach nur eine dünne Wand aus Holz und Backsteinen von den
-Zimmern des gefürchteten Juden Süß trennte.
-
-Eines Abends jedoch, als man die Mädchen schon längst weggeschickt
-hatte, sah Käthchen, die sich bis auf die Mitte der Treppe
-hinabgeschlichen hatte, drei Männer bei ihrem Vater eintreten, die
-ihre Neugierde aufs höchste trieben. Der erste, der sich langsam und
-schnaubend die untere Treppe heraufschob und auf der Hausflur einige
-Minuten stehen blieb, um Atem zu sammeln, war niemand Geringeres als
-der lutherische Prälat Klinger. Seine schneeweiße Perücke, seine
-Prälatenkette, die gerade auf dem Magen ruhte, und seine alten
-verwitterten Züge flößten dem Mädchen ungemeine Ehrfurcht ein; ihm
-folgte hastigen Schrittes der Oberst und Stallmeister von Röder, ein
-Mann, den man für sehr klug und tapfer, aber zugleich auch in seinen
-Sitten für sehr unheilig hielt, und über den dritten hätte sie beinahe
-laut aufgelacht, es war der fröhliche Kapitän Reelzingen, der so
-drollige Geschichten und Schnurren zu erzählen wußte, und sie schon
-auf manchem Ball beinahe zum Lachen gebracht hatte. Heute hatte er
-sein Gesicht in ganz ehrbare Falten gelegt und sah gerade aus wie
-damals, als er ihr auf ~Parole d'honneur~ schwur, daß er sie ~vraiment~
-liebe. Sie sah ihm lächelnd nach, bis sein ungeheurer Degen in der
-Türe verschwunden war, und eilte dann in das Bibliothekzimmer, wo sie
-die blonde Hedwig traf, welche die Augen fest zugeschlossen hatte, um
-nicht über ein Gespenst zu erschrecken, wenn etwa zufällig eines in der
-Bibliothek auf und ab wandelte. »Heute _müssen_ wir hinuntergucken!«
-erklärte Käthchen. »Und komm nur jetzt gleich mit; denke dir, die Leute
-kommen hier zusammen wie beim Karneval. Hast du je sonst den Prälaten
-Klinger und den Kapitän Reelzingen in _einem_ Zimmer gesehen, und dazu
-den Oberst Röder und« -- setzte sie hinzu, als die Schwester zauderte
--- »ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht, als die Tür einmal
-aufging, auch Blankenberg gesehen hätte.«
-
-Dieser letzte Name entschied; Käthchen nahm das Licht und ging mit
-pochendem Herzen voran, Hedwig folgte ihr, so nahe als möglich an die
-mutigere Schwester gedrängt, und als jene die verhängnisvolle Kammertür
-aufschloß, hielt sie sich fest an ihrem Kleide. Die Oeffnung war gerade
-über dem Ofen des Wohnzimmers, das einen Stock tiefer lag, angebracht,
-und Käthchen konnte, als sie die Klappe aufzog, selbst wenn sie sich
-auf die Knie legte und den Kopf tief herabbeugte, doch nicht mehr
-als vier oder fünf der versammelten Männer sehen; auch Hedwig beugte
-sich jetzt herab und versuchte es, noch tiefer zu blicken als ihre
-Schwester, aber verdrießlich stand sie wieder auf und sagte: »Nichts
-als den breiten Rücken des Prälaten, einige Perücken und die Uniform
-des Obersten kann ich sehen; weißt du denn gewiß, daß Blankenberg
-zugegen ist?«
-
-»Sicher!« erwiderte Käthchen, schalkhaft lächelnd. »Doch laß uns
-horchen, was sie sprechen; vielleicht kennst du deinen Liebhaber an der
-Stimme.«
-
-Sie setzten sich auf den Fußboden neben der Oeffnung und lauschten;
-die angenehme Wärme, die von dem Ofen heraufdrang, und ihre Neugierde
-ließen sie eine Zeitlang die empfindliche Kälte der Märznacht
-vergessen; endlich richtete sich Hedwig unmutig auf. »Meinst du, wir
-werden klug werden aus diesem Geplauder, wovon man nur die Hälfte
-versteht? Sie schwatzen wieder, wie immer, vom Wohl des Landes, vom
-Herzog, von Süß, von allem; was geht das uns an! Komm! Es ist gar
-schaurig hier und kalt. Mädchen, so steh doch auf!«
-
-Aber Käthchen winkte ihr zu schweigen; man hörte jetzt eben den Oberst
-Röder mit bestimmter und vernehmlicher Stimme etwas vorlesen; die tiefe
-Stille umher unterbrach nur zuweilen ein schnell verrauschendes Murmeln
-des Unwillens. Jetzt sprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche
-Züge gingen nach und nach in Staunen und Angst über; endlich, als die
-Männer unten wieder laut, aber beifällig zusammensprachen und die
-Gläser anstießen, flog eine hohe Röte über das Gesicht des Mädchens,
-ihre Augen leuchteten, als sie vorsichtig die Klappe schloß, die Lampe
-ergriff und mit ihrer Schwester den Rückweg einschlug.
-
-»Hast du was verstanden?« fragte Hedwig. »Du schienst auf einmal so
-aufmerksam; was haben sie denn Besonderes gesprochen?«
-
-»Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles sagen,« erwiderte Käthchen
-nachdenkend; »mir ist's, als hätte mir alles geträumt. Höre -- aber
-schweig! Es könnte uns alle unglücklich machen. Das sind gefährliche
-Menschen in Vaters Zimmer unten. Mir graut, wenn ich daran denke, was
-daraus entstehen kann.«
-
-»So sprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre älter als du, und
-du sollst keine Geheimnisse vor mir haben.«
-
-»Denke dir,« fuhr Käthchen mit leiser Stimme fort, »der Süß will uns
-katholisch machen und die Landschaft umstürzen; da verlöre der Vater
-und alle andern verlören ihre Stellen!«
-
-»Katholisch!« rief Hedwig mit Entsetzen. »Da müßten wir ja Nonnen
-werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das ist abscheulich!«
-
-»Ach, warum nicht gar,« erwiderte Käthchen, lächelnd über den Jammer
-ihrer Schwester, »da müßte es viele Nonnen geben, wenn alle, die keine
-Männer bekommen, ins Kloster gingen; aber sei ruhig, es kommt nicht
-so weit. In drei Tagen, sagte Röder, werde der Herzog verreisen, und
-während er in Philippsburg ist, wollen die Männer da unten den Juden
-und alle seine Gehilfen im Namen der Landschaft gefangen nehmen und
-dann dem Herzog beweisen, wie schlecht seine Minister waren.«
-
-»Ach Gott, ach Gott! Das geht nicht gut,« sagte Hedwig weinend. »Alles
-werden sie verlieren, denn der Herzog traut allen eher als denen von
-der Landschaft; ich weiß ja, was mir einmal die Oberstjägermeisterin
-über den Vater sagte. Du wirst sehen, es geht unglücklich!«
-
-»Und wenn auch,« antwortete Käthchen, »so sind wir die Töchter eines
-Mannes, der, was er tut, zum Besten seines Vaterlandes tut. Das kann
-uns trösten.« Das mutige Mädchen holte aus dem Schranke eine mit vielen
-schönen Kupfern geschmückte Bibel. Sie gab der weinenden Schwester das
-neue Testament, um sich an den Kupfern und Reimsprüchen zu zerstreuen.
-Sie selbst schlug sich das Alte Testament auf. Sie verbarg ihre eigene
-Besorgnis um ihren Vater unter einem Liedchen, das sie leise vor sich
-hinsang, während ihre schönen Fingerchen emsig die vergilbten Blätter
-von einem Bilde zum andern durcheilten.
-
-
-12.
-
-Es gibt im Leben einzelner Staaten Momente, wo der aufmerksame
-Beschauer noch nach einem Jahrhundert sagen wird, hier, gerade hier
-mußte eine Krise eintreten; ein oder zwei Jahre nachher wären dieselben
-Umstände nicht mehr von derselben Wirkung gewesen. Es ist dann dem
-endlichen Geist nicht mehr möglich, eine solche Fügung der Dinge
-sich hinwegzudenken, und aus der unendlichen Reihe von möglichen
-Folgen diejenigen aneinander zu knüpfen, die ein ebenso notwendig
-verkettetes Ganze bilden als ein verflossenes Jahrhundert mit allen
-seinen historischen Wahrheiten. Hier zeigt sich der Finger Gottes,
-pflegt man zu sagen, wenn man auf solche wichtige Augenblicke im Leben
-eines Staates stößt. Es hat aber zu allen Zeiten Männer gegeben,
-die, mochte ihr eigener Genius, mochte das Studium der Geschichte
-sie leiten, solche Momente geahnet, berechnet haben, und sie wirkten
-dann am überraschendsten, wenn sie sich nicht begnügten, solche
-Krisen vorhergesehen zu haben, sondern wenn sie Mut genug besaßen,
-zu rechter Zeit selbst einzuschreiten, Kraft genug, um eine Rolle
-durchzuführen. Die Geschichte hat längst über die kurze Regierung der
-Minister Karl Alexanders entschieden. Sie flucht keinem Sterblichen,
-sonst müßte sie die Tränen und Seufzer Württembergs in schwere Worte
-gegen die Urheber seines Unglücks im Jahre 1737 verwandeln; aber sie
-gedenkt mit Liebe einiger Männer, die sich nicht von dem Strome der
-allgemeinen Verderbnis hinreißen ließen, die ahneten, es müsse anders
-kommen, die vor dem Gedanken nicht zitterten, eine Aenderung der Dinge
-herbeizuführen, und die auch dann mit Ruhe und Gelassenheit die Sache
-ihres Landes führten, als ein _Höherer_ es übernommen hatte, einen
-unerwartet schnellen Wechsel der Dinge herbeizuführen, indem er zwei
-feurige Augen schloß und ein tapferes Herz stille stehen hieß.
-
-Wer sollte es diesem heiteren Stuttgart und seinen friedlichen Straßen
-ansehen, daß es einst der Schauplatz so drückender Besorgnisse war? Wie
-beruhigt über den Gang der Dinge sind die Enkel derer, die in jenem
-verhängnisvollen März jede Stunde für das Schicksal ihrer Familien,
-für die alten Rechte ihres Landes, selbst für ihren Glauben zittern
-mußten!
-
-Wer den übermütigen Süß in seiner Karosse, mit sechs Pferden bespannt,
-durch die »reiche Vorstadt« fahren sah, wie er stolz lächelnd auf
-die bleichen, feindlichen Gesichter herabblickte, die ihm überall
-begegneten; wer den schrecklichen _Hallwachs_, seinen innigen Freund
-und Ratgeber, neben ihm sah und bedachte, wie viele verderbliche Pläne
-dieser Mann ersonnen, wie viele unerhörte Monopole er eingeführt
-habe und wie er immer neue zu erfinden trachte; wer das unbegrenzte
-Vertrauen kannte, das der Herzog in diese Menschen setzte, der mußte
-wohl an der Möglichkeit der Rettung verzweifeln.
-
-Dazu kamen noch die sonderbaren und widersprechenden Gerüchte, die
-im Umlauf waren. Die einen sagten, der Herzog sei nach Philippsburg
-und Kehl gereist, habe aber das Regiment nicht an den Geheimenrat,
-sondern das Siegel dem Juden Süß gegeben; andere widersprachen und
-behaupteten, man habe den Herzog an einem Fenster des Ludwigsburger
-Schlosses gesehen, auch seien seine Pferde noch dort, und er sei nicht
-abgereist. In einem Dorf an der österreichischen Grenze im Oberland
-sollen die Katholiken plötzlich über die protestantischen Einwohner
-hergefallen sein, und als letztere den Kampfplatz behaupteten, sei eine
-Kompagnie Kreistruppen über die Grenze herein ins Dorf gerückt. Am
-sonderbarsten klang das Gerücht, das sich überdies noch bestätigte, der
-Oberfinanzrat Hallwachs habe ein kostbares Meßgewand beim Hofsticker
-bestellt und ihm befohlen, es bis zum achtzehnten März fertig zu machen
-und wenn er mit fünfzig Gesellen arbeiten müßte; bringe er es nicht
-fertig, so werde er eingesetzt. Ein lutherischer Geistlicher, den man
-mit Namen nannte, soll den Kindern in der Schule Kreuzchen, aus Holz
-geschnitzt, geschenkt haben, mit den Worten: »Nur wenn ihr diese in
-Händen haltet, könnet ihr recht beten.« Endlich erzählte man sich als
-etwas Verbürgtes, der Jude habe zum Herzog über der Tafel gesagt: »Ihre
-Stände, Durchlaucht, sind eigentliche Widerstände; aber sie stehen
-schon so lange, daß sie müde und matt sind.« Karl Alexander habe ihm
-lächelnd zur Antwort gegeben: »~C'est vrai; allons donc leur donner
-des chaises, et une fois assis, ils ne se leveront plus.~« Auch jene
-Männer, die entschlossen waren, dem drohenden Verderben zuvorzukommen,
-hörten diese Gerüchte. Aber sie waren dabei kalt und ruhig; wußten
-sie ja doch, Württemberg stehe eine solche Veränderung bevor, daß es
-entweder erleichtert oder so tief ins Unglück gestürzt werden würde,
-daß der Jammer des einzelnen davor verstummen müßte. Man erzählt sich,
-sie haben alles, was dazu gehört, einem mächtigen und bösartigen Feind
-mit Hilfe des Landvolks zu begegnen, vorbereitet gehabt, und wenn ihr
-Unternehmen gelingen sollte, so verdankten sie es nur den wenigen
-hellstrahlenden Namen einiger Männer aus der Landschaft; denn an diese
-war man in Württemberg gewöhnt, das Interesse des Landes zu ketten.
-
-Es war spät abends den elften März, als der Landschaftskonsulent
-Lanbek mit seinem Sohne und dem Kapitän Reelzingen in seiner Wohnstube
-beim Weine saß. Die beiden Lanbek waren ernst und düster, der Kapitän
-aber konnte auch jetzt seinen fröhlichen Lebensmut nicht verbergen,
-denn er teilte seine Aufmerksamkeit und sein Gespräch zwischen der
-Fensternische, wo die beiden Schwestern Gustavs saßen, und zwischen den
-beiden Männern an seiner Seite. Hedwig sah bleich und still vor sich
-hin auf ihre Nadeln, aber auf Käthchens Gesichtchen lag eine höhere
-Röte als gewöhnlich und alle Augenblicke zeigte sie die weißen Zähne
-und die schönen Grübchen in ihren Wangen, denn der Kapitän wußte wieder
-wunderschöne Späße und Geschichten.
-
-»Wie ist Euer Pferd, Kapitän?« fragte der alte Lanbek.
-
-»Mein Fuchs ist ein besserer Infanterist als ich selbst,« erwiderte er.
-»Wenn ich die sechs ersten Stunden Trab und bergauf Schritt reite, so
-kann ich die nächsten sechs bequem Galopp reiten. Er hat nur _einen_
-Fehler, den, daß er noch nicht bezahlt ist, und macht mir durch diese
-Untugend oft großen Jammer.«
-
-»Ihr könnt,« fuhr der Alte fort, »wenn ihr von der Galgensteige an
-scharf Trab reitet, zwischen elf und zwölf Ludwigsburg passieren; um
-vier Uhr müßt ihr in Heilbronn sein und dort laßt ihr die Pferde ruhen;
-zwischen acht und zehn Uhr seid ihr morgen in Oehringen.«
-
-»Aber Vater,« fiel Gustav ein, »wäre es nicht ratsamer, gegen
-Heidelberg zu reiten? Ich wollte darauf wetten, wir sind gegen
-Oehringen hin nicht mehr sicher. Bedenken Sie, daß der Deutschorden
-dort tief herein sich erstreckt, daß sie in Mergentheim gewiß von dem
-Bischof in Würzburg unterrichtet sind, daß --«
-
-»Daß,« fuhr der Vater fort, »ihr auf der Straße nach Heidelberg viel
-mehr auffallet und daß ihr, wenn ihr etwa die Gegend nicht mehr rein
-fändet eine letzte Zuflucht bei meinem alten Herrn und Gönner, dem
-Herzog in Neustadt, habt, der euch gewiß in den ersten Tagen nicht
-herausgibt. Ist dann Karl Alexander zufrieden mit dem, was wir hier
-getan, so könnet ihr immer zurückkehren; wo nicht, so gehet ihr, wie
-schon gesagt, weiter nach Frankfurt.«
-
-»Gott! daß ich euch in einer solchen Krisis zurücklassen soll!« rief
-Gustav mit Tränen. »Daß ich vielleicht an eurem Unglück schuld bin; daß
-alles schlecht gehen kann, wenn Süß meine Flucht erfährt und sich an
-Ihnen, Vater, rächt! Nein, ich kann, ich darf nicht gehen!«
-
-»Nein, Vater,« fiel Hedwig ein, indem sie noch bleicher als zuvor
-herbeieilte und ihres Vaters Hand ergriff, »er darf uns nicht
-verlassen; o, ihr habt schreckliche Dinge vor, ich weiß es wohl, ihr
-wollt eine Verschwörung gegen diese mächtigen Menschen machen. Lassen
-Sie ab davon, Vater; Süß und die andern werden Ihnen verzeihen; ach,
-mich tötet die Angst!«
-
-»Geh, Mädchen,« sprach Käthchen, die auch herangetreten war; »was
-Männer tun und was unser Vater tut, geht uns nichts an. Aber warum soll
-denn gerade jetzt Gustav so schnell hinweg? Er könnte uns allen so
-nützlich sein.«
-
-»Weil ich keine Jüdin zur Tochter mag;« sagte der Alte streng, »darum
-soll er fort. Weil ich ein Briefchen seiner Scharmanten aufgefangen und
-mit Protest an den Juden geschickt habe, und weil dieser jetzt wütet
-und euren Bruder mit Gewalt zum Schwager haben oder auf Neuffen setzen
-will, darum soll und muß er ihm jetzt aus dem Wege gehen. Doch, ich
-wollte dir in dieser Stunde nicht wehe tun, Gustav; wir scheiden als
-Freunde, und alles andere soll vergessen sein, wer weiß, wann und wo
-wir uns wiedersehen!«
-
-Indem der Alte die letzten Worte sprach und seinem Sohn die Hand
-reichte, wurde schnell und heftig an der Tür gepocht, und ehe noch
-jemand antwortete, trat plötzlich eine Gestalt, in einen Mantel
-gehüllt, ein. »Was soll dies?« fuhr der alte Lanbek auf. »Wer drängt
-sich so bei Nacht in mein Haus, wer sind Sie?«
-
-»Blankenberg!« rief Hedwig, als jener den Mantel abwarf, und trat
-schnell und errötend einige Schritte vor.
-
-»Verzeihung, Herr Konsulent,« sprach der junge Mann eilend, »die
-Not muß mich entschuldigen. Gustav, du mußt im Augenblick fort; der
-Leutnant Pinassa schrieb mir soeben, daß er dich auf Befehl des General
-Römchingen heute nacht zwischen elf und zwölf Uhr aufheben müsse. Der
-ehrliche Junge möchte dich nicht gern im Nest treffen.«
-
-»Dank, Dank,« erwiderte der Alte, indem er Blankenberg die Hand
-drückte. »Trinket aus, Kinder, und macht den Abschied schnell; hier,
-mein lieber Reelzingen,« fuhr er fort und drückte dem überraschten
-Kapitän einen großen Beutel in die Hand; »man kann nicht wissen, ob
-sich euer Weg nicht teilt. Sie sind so edelmütig, meinen Sohn zu
-begleiten.«
-
-»Und mit Geld wollen Sie dies lohnen?« unterbrach ihn der Kapitän
-unmutig. »~Parole d'honneur~, Herr! ich begleite meinen Bruder, weil
-wir alte Amicisten sind, und nicht wegen Ihrer Spieße. Da soll mich
-doch --«
-
-»Reelzingen,« sagte Käthchen mit ihrer süßen Stimme, »Ihr versteht doch
-gar keinen Scherz; es sind lauter Kupfermünzen, und ich habe dem Vater
-den Beutel gegeben, Euch in April zu schicken.«
-
-»Ich verstehe,« flüsterte der Kapitän, indem er errötend dem schönen
-Mädchen die Hand küßte. »Ich will Euch dafür etwas Schönes von
-Frankfurt mitbringen.«
-
-»Bringet mir,« antwortete sie, indem sie die Tränen nicht mehr
-zurückhalten konnte, »nur unsern Gustav wohlbehalten zurück, und,«
-setzte sie, durch Tränen lächelnd, hinzu, »machet mir keine tollen
-Streiche, die euch verraten könnten.«
-
-»Die Pferde sind vor dem Seetor,« sprach der Alte zu Reelzingen und
-seinem Sohn. »Ihr dürft nicht das Tor selbst passieren; denn die
-erste Runde ist schon vorüber. Begleiten Sie meinen Sohn, Herr von
-Blankenberg, durch die Gärten und bringen Sie mir Nachricht, wie sie
-fortgekommen sind.«
-
-Der junge Lanbek umarmte Vater und Geschwister, die Schwestern folgten
-ihm und seinen Freunden weinend bis unter die Gartentüre, und als
-nachher Hedwig ihre jüngere Schwester bitter tadelte, weil sie erlaubt
-habe, daß der Kapitän sie auf den Mund küsse, antwortete jene: »Du hast
-gefehlt, nicht ich, daß du es unterlassen hast; solche Höflichkeit
-waren wir einem Manne schuldig, der für unsern Bruder so viel tut.«
-
-»Ei,« erwiderte Hedwig errötend, »Blankenberg hat ihn eigentlich doch
-auch gerettet.«
-
-
-13.
-
-Die beiden jungen Männer ritten schweigend durch die finstere Nacht
-hin. Kein Stern war am Himmel und der Wind heulte um die Berge. »Hu!
-Siehst du dort?« flüsterte Reelzingen, als sie an dem eisernen Galgen
-vorbeiritten, den einst (1597) Herzog Friedrich dem Alchimisten Honauer
-aus dem Metall errichten ließ, das er in Gold zu verwandeln versprochen
-hatte. »Schau, diese ungeheure Menge Raben, es ist, als witterten sie
-eine neue Beute.«
-
-Sein Freund blickte schweigend hinauf, schlug aber plötzlich wieder die
-Augen nieder, denn ihm war, als sähe er Leas feine, liebliche Gestalt
-klagend unter dem Galgen sitzen. »Fest genug ist diese Schandsäule aus
-Eisen,« fuhr der Kapitän fort, »um alle Schurken im Lande zu tragen;
-aber wollte man das Gold mit aufhängen, das sie eingesackt haben,
-würde selbst dieser Galgen wie ein morscher Stab zusammenbrechen! Wie
-diese Raben schaurige Melodien singen! Doch wie? -- ~Dieu nous garde~,
-Kamerad! Gib deinem Roß die Sporen, wahrhaftig, dort sitzt ein Gespenst
-am Galgen!«
-
-Es war, als ob die Pferde selbst diesen Ort des Schreckens fürchteten,
-denn auf diesen Ruf jagten sie mit Sturmeseile den Berg hinan und waren
-nicht mehr ruhig, bis man das Gekreisch der Raben nicht mehr hörte.
-
-Es liegt eine kleine Brücke zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, von
-welcher das Volk viel Schauerliches zu erzählen weiß; so viel ist
-gewiß, daß schon Unerklärliches dort vorgefallen ist, und daß mancher
-Mann sein Gebet spricht, wenn er nachts allein über diese Stelle
-reitet. Die Sage sagt, daß der Sohn des Konsulenten und sein Freund,
-der muntere Kapitän, glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke
-gekommen seien; dort aber seien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle
-gegangen und haben geschnaubt und gezittert. Die jungen Leute spornten
-und gebrauchten ihre Peitschen, als eine alte, zitternde Stimme rief:
-»Gebt einem alten Mann doch ein Almosen!«
-
-»Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück, Alter, von der
-Brücke weg, unsere Pferde scheuen vor Euch, zurück, sag' ich, oder Ihr
-sollt meine Peitsche fühlen!«
-
-»Nicht so rasch, junges Blut! Nicht so rasch!« sagte der Alte, dessen
-dunkle Gestalt sie jetzt auf dem Brückengeländer sitzen sahen. »Eile
-mit Weile! Kommet noch früh genug, gebet einem alten Mann ein Almosen!«
-
-»Jetzt ist meine Geduld zu Ende,« rief der Kapitän und schwang seine
-Peitsche in der Luft. »Ich zähle drei, wenn du nicht weg bist, hau' ich
-zu.«
-
-Der Alte hüstelte und kicherte, Gustav kam es vor, als wachse seine
-dunkle Gestalt ins Unendliche und -- ein langer Arm streckte einen
-großen Hut heran, und zum drittenmal, aber drohend und mit furchtbarer
-Stimme krächzte der Mann von der Brücke: »Einem alten Mann gib ein
-Almosen! Es wird dir Glück bringen, und reite nicht so schnell; vor
-zwölf Uhr darfst du nicht dort sein.«
-
-Reelzingen ließ kraftlos und zitternd seinen Arm sinken; er gestand
-nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe. Gustav aber zog mit
-pochendem Herzen die Börse und warf ein Silberstück in den großen Hut.
-»Wieviel Uhr ist's, Alter?« fragte er.
-
-»Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,« sprach die Gestalt, die wieder
-auf dem Geländer zusammenkauerte, mit dumpfer Stimme. »Dank dir,
-sollst Glück haben; reit' zu!« Er sagte es und stürzte rücklings mit
-einem dumpfen Fall in den Sumpf, über den die Brücke führte. Entsetzt
-gab Reelzingen seinem Pferde die Sporen, daß es sich hoch aufbäumte
-und dann in zwei Sprüngen über die Brücke setzte. Gustav aber hielt
-erschrocken sein Pferd an, stieg ab und blickte über das Geländer
-der Brücke. Es rührte sich nichts. »Alter!« rief er hinab, »hast du
-Schaden genommen? Kann ich dir helfen?« -- Keine Antwort, und alles
-war still unten wie im Grabe. Jetzt faßte auch den jungen Lanbek
-eine unerklärliche Angst; er fühlte, als er aufstieg, wie sein Pferd
-zitterte; er wagte es nicht, sich noch einmal nach dem grauenvollen Ort
-umzusehen, als er seinem Freund nachjagte.
-
-»Das ist das zweite Mal, daß er mir begegnet ist,« flüsterte Reelzingen
-tief aufatmend, als Lanbek wieder an seiner Seite war.
-
-»Wer?« fragte dieser betroffen.
-
-»Der Teufel,« antwortete der Kapitän.
-
-Lanbek gab ihm keine Antwort auf die sonderbare Rede, und sie jagten
-weiter durch die Nacht hin. In Zuffenhausen schlug es Viertel vor
-zwölf Uhr, als sie durchritten; in den meisten Häusern brannten noch
-die Kerzen und da und dort hörte man geistliche Lieder aus den Stuben.
-Der Nachtwächter stieß eben ins Horn und rief die Stunde; der Kapitän
-hielt an und fragte ihn, was die späten Gesänge und Gebete zu bedeuten
-haben.
-
-»Ach Herr! Das ist eine arge Nacht,« antwortete dieser, »es hat ein
-Mann an vielen Häusern gepocht und befohlen, die Leute sollen die ganze
-Nacht bis zwölf Uhr beten.«
-
-»Wer ist der Mann?« fragte Lanbek staunend.
-
-»Alte Leute, Herr, die ihn gesehen haben, versichern, es sei unser
-alter Pfarrer gewesen; Gott hab' ihn selig, er ist seit zwanzig Jahren
-tot; aber es war ja nichts Unchristliches, was er verlangte, drum beten
-und singen sie in den Lichtkarzstuben und spinnen dazu.«
-
-»Diese Nacht kann mich noch wahnsinnig machen!« rief der Kapitän, indem
-sie wegritten. »Gustav, ich glaube, heute nacht geht er leibhaftig
-auf der Erde um; ich denke, es wäre jetzt gerade die beste Zeit, den
-alten Burschen zu zitieren, wenn man etwa schnell Oberst werden oder
-zweimalhunderttausend spanische Quadrupel haben möchte.«
-
-»Tor!« antwortete der Freund. »Der, den du meinst, hat mit dem Gebet
-nichts gemein.«
-
-Es war, als ob ihre Pferde nur zum Schein die Beine aufhöben, denn jede
-Viertelstunde, die sie zurücklegten, schien zu einer neuen anzuwachsen.
-Noch immer wollte Ludwigsburg nicht erscheinen und die Nacht war so
-finster, daß sie auch an der Gegend nicht erkennen konnten, ob sie
-fehlgeritten oder ob sie der Stadt schon nahe seien. Endlich, nachdem
-sie etwa wieder eine halbe Stunde geritten sein mochten, sahen sie in
-der Entfernung von etwa tausend Schritten Lichter schimmern, fanden
-aber auch zugleich ihren Weg durch vier Pferde versperrt, die, an einen
-Reisewagen gespannt, quer über die Landstraße standen.
-
-»Führ' deine Pferde hinweg, Fuhrmann!« rief der Kapitän, »oder meine
-Peitsche wird sie bald weggetrieben haben; warum versperrst du den Weg?«
-
-»Gemach, ihr Herren, soll gleich geschehen,« antwortete ein Mann,
-der von dem Wagen stieg. Aber die Zeit, die er dazu brauchte, die
-herabgefallenen Zügel aufzunehmen und zu ordnen, dauerte dem raschen
-Soldaten zu lange, er versuchte über die schlaff liegenden Stränge
-des vordersten Gespanns wegzusetzen, und forderte seinen Freund auf,
-ein gleiches zu tun; doch wie es in solchen Fällen blinder Eile zu
-geschehen pflegt, in demselben Augenblick zog der Mann am Wagen die
-Zügel an, und das Pferd des Kapitäns blieb mit einem Fuß in den straff
-aufgerichteten Strängen hängen.
-
-Lanbek sprang ab, um dem Freund zu helfen, der Kutscher lief bedauernd
-herzu, und eben war der Fuß des unbezahlten Rosses frei, als man einige
-Reiter in aller Eile von der Stadt herbeijagen hörte. Der erste mochte
-einen Vorsprung von fünfhundert Schritten, aber kein gutes Pferd haben,
-denn der Kapitän unterschied deutlich, daß es kurzen Paradegalopp ging,
-die Tritte der nachfolgenden Pferde schlugen zwar minder kräftig auf,
-waren aber flüchtiger. »Platz -- ~allons!~ -- Platz!« rief der erste
-Reiter; aber in demselben Augenblick hörten auch die beiden jungen
-Männer eine bekannte Stimme, die mit dem wildesten Ausdruck rief:
-»Halt, Jude! oder ich schieß' dich mitten durch den Leib!«
-
-Unter dem Volke in Württemberg hört man zuweilen noch einen Reim, der
-diesen merkwürdigen Moment bezeichnet, er heißt:
-
- Da sprach der Herr von Röder:
- Halt oder stirb entweder!
-
-Und der alte Oberst war es auch, der in diesem Augenblick seinen
-Begleitern weit voran, eine Pistole in der Hand, ansprengte, den ersten
-Reiter wütend am Arme packte und schrie: »Wo hinaus, Jude? Warum so
-schnell zu Roß, als ich dir nachrief zu warten?«
-
-»Mäßigt Euch, Herr Oberst,« erwiderte der erste mit stolzem Ton, in
-welchem aber doch einige Angst durchzitterte; »ich gehe nach Stuttgart,
-der Frau Herzogin Durchlaucht zu sagen, was in diesem Augenblick für
-Maßregeln --«
-
-»Das ist auch mein Weg, Herr!« erwiderte der Oberst mit furchtbarer
-Stimme; »und keinen Augenblick geht Ihr von meiner Seite, sonst werde
-ich mit meiner Pistole Beschlag auf Euch legen. Platz da, wer steht
-hier im Weg?«
-
-»Der Kapitän von Reelzingen von der dritten Kompagnie und der
-Expeditionsrat Lanbek.«
-
-»Guten Abend, meine Herren!« fuhr Röder fort. »Habt Ihr geladene
-Pistolen, Kapitän?«
-
-»Ja, mein Herr Oberst,« war die Antwort des Soldaten, indem er sie aus
-den Halftern losmachte.
-
-»Ich kommandiere Euch, in welchem Auftrag Ihr jetzt auch sein
-möget, auf der linken Seite des Herrn Ministers Süß zu reiten. Bei
-Eurem Dienst und Eurer Ehre als Edelmann, sobald er Miene macht zu
-entfliehen, jagt ihm eine Kugel nach. Die Verantwortung nehme ich auf
-mich.«
-
-»Herr Expeditionsrat,« rief Süß, »ich nehme Euch zum Zeugen, daß mir
-hier schändliche Gewalt geschieht. Oberst Röder, ich warne Sie noch
-einmal; dieser Auftritt soll gerächt werden!«
-
-»Aber Herr von Röder,« flüsterte Gustav; »ums Himmels willen, übereilen
-Sie nichts, bedenken Sie, was daraus entstehen kann. Bedenken Sie,«
-setzte er lauter hinzu, »den furchtbaren Zorn des Herzogs.«
-
-»Der Herzog ist tot,« sagte Röder laut genug, daß es alle hören konnten.
-
-»Karl Alexander tot?« rief der Kapitän, auf den alle Begebenheiten
-dieser Nacht mit einemmal in schrecklichen Erinnerungen hereinstürzten.
-
-»Hat man sichere Nachricht? Gott! welch ein Fall!« sagte Gustav
-besorgt. »War er in Kehl?«
-
-»Er ist in Ludwigsburg vor einer Viertelstunde schnell und plötzlich
-gestorben. Drum ist es unsere Pflicht, diesen Herrn da, der sich
-mit der Regierung sehr stark beschäftigte, schnell an das verwaiste
-Staatsruder zu bringen.«
-
-»Wie, in Ludwigsburg, sagt Ihr,« rief Lanbek, »und schnell gestorben?
-O, ewige Vorsicht!«
-
-»In diesem Ludwigsburg hier,« sagte Röder wehmütig, »und im Bette am
-Schlag gestorben. Friede mit seiner Asche! Er war ein tapferer Herr.
-Aber jetzt weiter, ihr Freunde, daß die Nachricht nicht vor uns nach
-Stuttgart kommt!«
-
-»Meine Herren,« rief Süß mit einer Stimme, die Zorn und Angst beinahe
-erstickte, »noch bin ich Minister, und erinnere Sie an das Edikt des
-Herzogs, das mich von aller Verantwortung freispricht; ich sage Ihnen,
-es kann Ihnen allen schlimm gehen, wenn Sie sich mit Herrn von Röder
-verbinden. Im Namen des Herzogs und seines Erben befehle ich Ihnen, von
-mir abzulassen.«
-
-»Jetzt hat dein Reich ein Ende, Jude!« rief der Kapitän, lachte wild,
-riß ihm den Zaum aus der Hand und schlug sein Pferd mit der langen
-Peitsche auf den Rücken; der Oberst ritt an der rechten Seite, seine
-Pistole in der Hand; der Zug setzte sich in Galopp, und Gustav folgte
-halb träumend durch das singende Dorf, an dem alten Mann, der heiser
-lachend wieder auf der Brücke saß, und an dem Galgen vorüber, wo die
-Raben krächzten und mit den Flügeln schlugen. Erst hier, als er einen
-scheuen Blick nach der Richtstätte warf, fiel ihm mit ängstlicher
-Ahnung Lea und ihr unglückliches Schicksal bei.
-
-
-14.
-
-Als die Stuttgarter am Morgen nach dieser verhängnisvollen Nacht
-erwachten, wurden sie von zwei beinahe ganz unglaublichen Nachrichten
-überrascht. Der Herzog sei, statt außer Landes verreist zu sein, in
-dieser Nacht zu Ludwigsburg schnell gestorben. Er war ein gesunder,
-kräftiger Mann gewesen, dem mancher, der ihn gesehen, wohl noch zwanzig
-bis dreißig Jahre gegeben hätte. Die Klagen um seinen Tod verstummten
-beinahe vor der Freude über eine andere Nachricht: der Jude Süß sei mit
-mehreren der höchsten Hofherren im Ludwigsburger Schloß gewesen, als
-der Herzog so plötzlich starb; er habe sich alsobald, nachdem er die
-Leiche gesehen, aufs Pferd geschwungen und sei wie wahnsinnig Stuttgart
-zu geritten; Herr von Röder aber, ein Mann, mit dem sich nicht spaßen
-lasse, habe ihn eingeholt und bewacht nach Stuttgart geführt. Man
-lachte über die sonderbare Verblendung des Juden; als er nämlich von
-der Frau Herzogin, welcher er noch in der Nacht aufgewartet hatte,
-um zu kondolieren, heraustrat und eine Eskorte nach Haus verlangte,
-weil er wichtige Akten holen müsse, schloß sich ein Leutnant mit sechs
-Mann an ihn an. Am Ende des Korridors machte ihm ein Hauptmann das
-Kompliment und folgte mit zwölf Mann; jener meinte zwar lächelnd,
-»es sei zuviel Ehre,« als er aber an Lanbeks Haus um die Ecke bog,
-und vier Schildwachen vor seinem Palais bemerkte, als er oben an der
-Treppe Bajonette blitzen sah und Lea bleich, verstört und weinend ihm
-entgegenstürzte, da merkte er, welche Stunde geschlagen habe, und rief:
-»~Ciel, je suis perdu!~«
-
-Obgleich das Testament des verstorbenen Herzogs im Fall seines Todes
-eine Administration bestellt hatte, welche seinen Ministern angenehmer
-gewesen wäre, so übernahm doch Herzog Rudolf von Neustadt, trotz seines
-hohen Alters, als der nächste Agnat, die Administration, und das Land
-fühlte sich erleichtert und zufrieden dabei. Er ließ, außer anerkannt
-schlechten Menschen, jeden in der Würde, in der er unter der vorigen
-Regierung stand, und es war dies wirklich eine Art von Gnadenakt, wenn
-man bedenkt, daß früher zwei Dritteile aller Aemter im Lande gekauft
-worden waren. Nur _einer_ war nicht zufrieden mit dem Amt, das ihm der
-Herzog Administrator mit den huldreichsten Ausdrücken bestätigt hatte;
-es war der junge Lanbek. Er wurde nicht nur als Expeditionsrat aufs
-neue ernannt, sondern, als der alte Röder, im Feuer der Freundschaft
-für den Landschaftskonsulenten, dessen Sohn als einen klugen Kopf und
-trefflichen Juristen schilderte, wählte ihn der Herzog sogar in die
-Kommission, die den Prozeß gegen den Juden Süß zu führen hatte. Der
-alte Lanbek fühlte sich dadurch nicht wenig geehrt und nannte seinen
-Sohn mehreremal den Stolz und die Stütze seines Alters; aber Gustav
-machte diese Wahl unaussprechlich unglücklich. Nicht als ob er nicht,
-wie jeder andere Bürger, den Mann verdammt hätte, der das Land in so
-tiefes Elend gestürzt; nicht als ob es gegen sein Gewissen gewesen
-wäre, Verbrechen ans Licht zu ziehen, die man so künstlich verborgen
-hatte; aber Lea, es war ja ihr Bruder, den er richten sollte, und der
-Gedanke war es, der ihm dieses Geschäft zum Abscheu machte. Kleine
-Seelen sättigen sich gerne an Rache, und manchem wäre es eine innige
-Freude gewesen, einen Mann, der noch vor kurzem so hoch stand, jetzt in
-der tiefsten Kasematte der Festung zu besuchen, mit herrischer Stimme
-ihn von seinem Lager aufzujagen und ihn zu martern und zu peinigen.
-Dieser Mann hatte sich noch überdies gegen Gustav persönlich verfehlt,
-er hatte ihn mit dem empörendsten Uebermut behandelt, ihm sogar mit
-demselben Gefängnis gedroht, in welchem er jetzt selbst, bange um
-künftige Freiheit, vielleicht selbst um sein Leben, schmachtete. Aber
-das Herz des jungen Mannes war zu groß, als daß es hätte freudig
-pochen sollen, als er zum erstenmal als Richter in den Kerker des
-Mannes trat, der jetzt, entblößt von aller irdischen Herrlichkeit,
-angetan mit zerlumpten Kleidern, bleich, verwildert, sich langsam aus
-seinen rasselnden Ketten aufrichtete. Erinnerte ihn doch jetzt noch
-dieses Gesicht an die Züge eines unglücklichen, geliebten Wesens; und
-er konnte sich kaum der Tränen enthalten, als nach dem Schlusse des
-Verhörs der Gefangene sprach: »Herr Lanbek, es gibt ein unglückliches,
-unschuldiges Mädchen, das wir beide kennen; als man in meinem Hause
-versiegelte, haben sie die rohen Menschen auf die Straße gestoßen --
-sie war ja eine Jüdin und verdiente also kein Mitleid. -- Mir, Herr,
-ist kein Pfennig geblieben, womit ich ihr Leben fristen könnte; ich
-weiß nicht, wo sie ist -- wenn Sie etwas von ihr hören sollten -- sie
-hat nichts als das Kleid, das sie trug, als man sie von der Schwelle
-stieß -- geben Sie ihr aus Barmherzigkeit ein Almosen.«
-
-Der junge Mann ließ seinen Tränen freien Lauf, als er allein den Berg
-von Hohenneuffen herabstieg; er erfuhr zwar nachher, daß ihn der Jude
-belogen habe, daß er, obgleich man über fünfmalhunderttausend Gulden in
-Gold und Juwelen in seinem Hause fand, doch beinahe hunderttausend in
-Frankfurt in sichern Händen habe, und Gustav konnte leicht einsehen,
-daß ihn Süß durch diese Vorstellungen von Elend nur habe weich stimmen
-wollen; aber dennoch konnte er den Gedanken nicht entfernen, daß
-Lea verlassen und unglücklich sei, und dieser Gedanke wurde immer
-peinlicher, als er trotz seiner Nachforschungen keine Spur von ihr
-entdecken konnte.
-
-Der Frühling, Sommer und Herbst waren vorüber gegangen und noch immer
-dauerte der Prozeß. Es waren Dinge zur Sprache gekommen, wovor selbst
-den kältesten Richtern graute; aber obgleich der junge Lanbek der
-Kommission mit edlem Unwillen vorstellte, daß noch vier andere Männer
-nicht minder schuldig seien als Süß, so schien man doch nur gegen
-diesen ernstlich verfahren zu wollen, weil ihn der allgemeine Haß als
-den Schuldigsten bezeichnete.
-
-Es war an einem trüben Oktoberabend -- der alte Konsulent war seit
-einigen Tagen verreist und sein Sohn arbeitete im Bibliothekzimmer
-an einem neuen Verhör --, als seine jüngere Schwester, jetzt die
-glückliche Braut des Kapitäns Reelzingen, ernster als gewöhnlich zu ihm
-eintrat. Sie sprach anfangs Gleichgültiges, schien aber nur mit Mühe
-eine Träne unterdrücken zu können, die endlich wirklich in dem sanften
-Auge glänzte, als sie fragte, ob er ihr nicht zürnen werde, wenn sie
-eine bekannte Person zu ihm führe? Er sah sie staunend und verwundert
-an, doch noch ehe er eine Antwort zu geben vermochte, eilte Käthchen
-weinend aus dem Zimmer und trat bald darauf mit einem verschleierten
-Mädchen wieder ein. Noch ehe die trübe Kerze ihre Umrisse deutlich
-zeigte, noch ehe sie den Schleier zurückschlug, sagte ihm sein
-ahnendes Herz, wen er vor sich habe; errötend sprang er auf, aber
-schon hatte die Unglückliche sich vor ihm niedergeworfen, den Schleier
-zurückgeschlagen, und Lea war es, welche die einst so geliebten Augen
-düster und bittend zu ihm aufschlug und die bleichen, magern Hände
-ineinander gerungen, flehend nach ihm hinstreckte. »Barmherzigkeit!«
-rief sie. »Nur nicht sterben lassen Sie ihn; man sagt, er müsse
-sterben; seine einzige Hoffnung ruht noch auf Ihnen. Wo soll ich Worte
-nehmen, Ihr großmütiges Herz zu erweichen? Welche Sprache soll ich
-erdenken, an ein Ohr zu sprechen, das mich einst so wohl verstand?«
--- Tränen ließen sie nicht weiterreden, und auch Käthchen weinte
-bitterlich. Voll von Schmerz und Ueberraschung faßte Gustav ihre kalten
-Hände und richtete sie auf; er sah sie an -- wie schmerzlich war ihm
-ihr Anblick! Ihre Wangen waren bleich und eingefallen, die schönen
-Augen lagen tief, und der Mund, der sonst nur zum Lächeln geschaffen
-schien, zeigte, daß er jenes süße Lächeln längst nicht mehr kenne. Das
-schwarze Haar, das um die weiße Stirne hing, und das bleiche Gesicht
-vollendeten das Gespenstische ihres Anblicks.
-
-»Lea! Unglückliche Lea!« rief der junge Mann. »Wie lange haben Sie sich
-verborgen gehalten und Ihren Freunden den letzten Trost geraubt, zu
-wissen, ob es Ihnen an nichts gebricht, ob die Freunde etwas für Sie
-tun können?«
-
-»Ach! Das ist es nicht, um was ich Ihre edelmütige Schwester gebeten
-habe, mich hierher zu führen;« sagte sie schmerzlich lächelnd. »Warum
-soll es mir denn nicht gut gehen? Ich habe alle meine Hoffnungen und
-Träume längst begraben, ich pflanzte die Erinnerungen als Blumen auf
-das Grab und begieße diese Blumen mit meinen Tränen. Nein! Sie waren
-immer so großmütig gegen Unglückliche, geben Sie mir nur den Trost, daß
-mein Bruder nicht sterben muß. Ach! es ist so bitter zu sterben, und
-was nützt sein Tod diesem Lande?«
-
-»Lea,« antwortete der junge Mann verlegen, »gewiß, es ist bis jetzt
-noch nicht davon die Rede gewesen, und ich glaube auch nicht -- Sie
-dürfen sich trösten -- es wird nicht so weit kommen.«
-
-»Es wird, und in Ihrer Hand liegt sein Schicksal,« flüsterte sie;
-»er hat es mir gesagt, ich habe ihn gesprochen: ›Wenn nur der Brief
-nicht wäre, der Brief kann mich verderben.‹ O Gustav! Halten Sie ihn
-jahrelang, auf immer im Gefängnis, was liegt an ihm, wenn er in Ketten
-sitzt? Nur nicht sterben; Gustav sein Sie edelmütig -- vergessen Sie
-den Brief, um den niemand weiß als Sie -- mit jener schwachen Kerze
-dort können Sie das Leben eines Menschen retten.«
-
-»Bruder,« sagte Katharina, nähertretend, indem sie seine Hand faßte,
-»tu es, dein Gewissen kann nicht gefährdet werden, denn er ist ja
-auf immer unschädlich gemacht; verbrenne den Brief, er kann sich ja
-verloren haben.«
-
-Der junge Mann sah die weinenden Mädchen an; ein unabweisbares Gefühl
-kämpfte in ihm, er schwankte einen Augenblick, und Lea, die diesen
-Kampf in seinen Mienen las, faßte seine Hand, drückte sie stürmisch
-an ihr Herz, zog sie zärtlich an ihre Lippen. »Er will!« rief sie
-entzückt. »O, ich wußte es wohl, er ist edel; er will sich nicht wie
-die andern, an dem Unglücklichen rächen, der ihn einst beleidigt hat,
-er läßt ihn nicht sterben, belastet mit Sünden, er läßt ihn leben und
-fromm und weise werden. Wie gütig bist du, o Gott, daß du noch deiner
-Engel einen gesendet hast auf diese öde Erde, der mit der offenen Hand
-der Barmherzigkeit segnet und nicht mit dem flammenden Schwert der
-Rache den Verbrecher zerschmettert!«
-
-»Nein -- nein -- es ist nicht möglich!« sprach Lanbek mit tiefem
-Schmerz. »Sieh, Lea, mein Leben möchte ich hingeben, um deine Ruhe zu
-erkaufen, aber meine Ehre! Meinen guten Namen! Es ist nicht möglich!
-Sie wissen um diesen Brief, einige haben ihn gelesen und -- morgen soll
-ich ihn vortragen. Käthchen! Sprich, ich beschwöre dich, kann, darf ich
-es tun?«
-
-Käthchen weinte, und eine leise Bewegung ihres Hauptes schien
-anzudeuten, daß es auch ihr unmöglich scheine. Lea aber hatte ihm mit
-starren Blicken zugehört; über die bleichen Wangen ergoß sich die
-Röte der Angst, sie beugte sich vor, als könne sie die schreckliche
-Verneinung nicht recht vernehmen; sie sah, als sich Gustav auf seine
-Schwester berief, mit einem Blick voll schmerzlicher Zuversicht nach
-dieser hin, sie streckte die Hand krampfhaft aus wie ein Ertrinkender,
-der nach dem schwachen Zweig am Ufer die Hand ausstreckt -- vergebens.
-
-»So muß er sterben,« sagte sie nach einer Weile leise, »und du -- du
-brichst ihm den Stab? Das war es also, warum ich lebte -- und liebte?
-Es ist ein sonderbares Rätsel, das Leben! Hätte ich dies gedacht,
-als ich noch ein fröhliches Kind war? Hätte ich gedacht, daß wir so
-untergehen müßten?«
-
-»Armes, unglückliches Mädchen!« sprach Käthchen und schloß sie in ihre
-Arme. »Ach, gewiß, er kann nicht anders handeln, ich sehe es selbst
-ein; und wenn es dich trösten kann, komm zu mir, so oft du willst, du
-sollst gewiß treue Teilnahme finden --«
-
-»Lea,« unterbrach sie ihr Bruder, »wenn wir etwas für Sie tun können;
-Sie sind an Wohlstand gewöhnt -- dieses Kleid hier sagt mir, daß Sie in
-Not sind.«
-
-»Komm, Lea,« fuhr Käthchen fort, »wir sind beinahe von derselben Größe,
-nimm von meinen Tüchern, von meinen Kleidern, du machst mir Freude,
-wenn du es tun willst.«
-
-»Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes besitzt,« sagte
-Gustav, »soll und muß für Sie gerettet werden, Sie haben die nächsten
-Ansprüche, und ich will gewiß das Meinige tun.«
-
-»Guter Gustav,« unterbrach sie ihn, indem sie sich zu einem Lächeln
-zwang; »lassen wir das; die Leute sagen, daß er sein Vermögen den Armen
-dieses Landes entzogen habe. Da hatte er unrecht, und es wäre besser,
-er hätte dieses Land nie gesehen; aber ebenso unrecht wäre es von mir,
-von diesem Golde Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird.
-Aber von dir, liebes, schönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil es
-jetzt so kalt wird. Ich höre, du bist Braut; sei doch recht glücklich!
-Möchten dies die letzten Tränen sein, die jetzt in deinen Wimpern
-hängen; und wenn du weinen mußt, so sei es nur fremdes Unglück, um das
-dein schönes Herz trauert.«
-
-»Lea,« sagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, »ich kann dich nicht so
-hinweglassen; es ist die trügerische Ruhe der Verzweiflung die aus dir
-spricht. Besuche doch meine Schwester; sage, wo du wohnst. -- Ach, wenn
-du Mangel littest! -- Scheide nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß,
-daß ich nicht anders konnte!«
-
-»Und auch ich weiß es, Gustav, und war ein törichtes Mädchen, dich auf
-diese gefährliche Probe zu stellen; unser Unglück ist so groß, daß
-eine kleine Hilfe mit deiner Ehre, mit deiner Ruhe zu teuer erkauft
-wäre. Lebet wohl! Ich brauche wenig, vielleicht bald gar nichts mehr,
-und sollte ich etwas nötig haben, so bin ich nicht zu stolz, zu dieser
-Freundin zu kommen, der einzigen, die mir das Unglück erworben hat.«
-
-»Und vergibst du?« sagte Gustav mit Tränen.
-
-»Ich habe nichts zu vergeben,« erwiderte sie, indem sie ihm mit mehr
-Fassung, als die beiden Geschwister erhalten hatten, die Hand bot.
-»Lebe wohl, Freund! Ich gehe, meine Blumen zu begießen. Möge der
-Gott meiner Väter dich so glücklich machen, als es dein reines Herz
-verdient!« Sie sagte es, warf noch einen Blick voll Liebe auf ihn und
-ging, von Käthchen begleitet.
-
-Der junge Mann blickte ihr wehmütig nach; es war ihm, als hätte diese
-Stunde einen mächtigen Einfluß auf sein Leben, aber er ahnte auch, daß
-er das unglückliche Mädchen zum letztenmal gesehen habe.
-
-
-15.
-
-Es würde unsere Leser ermüden, wollten wir sie von dem Prozeß des
-Juden Süß noch länger unterhalten. Es ging damals wie ein Lauffeuer
-durch alle Länder und wird da und dort noch heute erwähnt, daß am
-4. Februar 1738 die Württemberger ihren Finanzminister wegen allzu
-gewagter Finanzoperationen aufgehenkt haben. Sie hingen ihn an einem
-ungeheuren Galgen von Eisen in einem eisernen Käfig auf. Im Dekret
-des Herzogs Administrator heißt es: »Ihme zu wohlverdienter Straff,
-jedermänniglich aber zum abscheulichen Exempel.« Beides, die Art,
-wie dieser unglückliche Mann mit Württemberg verfahren konnte, und
-seine Strafe sind gleich auffallend und unbegreiflich zu einer Zeit,
-wo man schon längst die Anfänge der Zivilisation und Aufklärung
-hinter sich gelassen, wo die Blüte der französischen Literatur mit
-unwiderstehlicher Gewalt den gebildeten Teil Europas aufwärts riß.
-
-Man wäre versucht, das damalige Württemberg der schmählichsten Barbarei
-anzuklagen, wenn nicht ein Umstand einträte, den Männer, die zu jener
-Zeit gelebt haben, oft wiederholen, und der, wenn er auch nicht die Tat
-rechtfertigt, doch ihre Notwendigkeit darzutun scheint. »Er mußte,«
-sagen sie, »nicht sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen als
-für die Schandtaten und Pläne mächtiger Männer am Galgen sterben.«
-Verwandtschaften, Ansehen, heimliche Versprechungen retteten die
-andern, den Juden -- konnte und mochte niemand retten, und so schrieb
-man, wie sich der alte Landschaftskonsulent Lanbek ausdrückte, »was die
-übrigen verzehrt hatten, auf _seine Zeche_.« Es sind seitdem neunzig
-Jahre verflossen, und wir wissen nicht, ob damals der schmähliche
-Tod dieses Mannes die Gemüter über alles Frühere beruhigte und
-befriedigte. Ein Edikt des Administrators wenigstens scheint es nicht
-ganz zu beweisen, denn er sah sich genötigt, zu _verordnen_: »daß die
-Untertanen alle widrigen Nachreden und ungleichen Urteile über den
-hochseligen Herrn, bei Strafe und Ahndung, vermeiden, und denselben im
-schuldigst-respektuösesten Andenken halten sollen.«
-
-Der alte Lanbek tat das letztere auch ohne dies Edikt, denn so oft der
-Name Karl Alexanders genannt wurde, lüftete er mit besorgter Miene
-sein Mützchen und sagte: »Gott habe ihn selig!« Er folgte auch dem
-hochseligen Herrn noch unter der Vormundschaft Rudolfs von Neustadt.
-Man sagt, sein Sohn habe nie wieder gelächelt, und selbst Schwager
-Reelzingen konnte ihm mit den herrlichsten Späßen keine heitere Miene
-abgewinnen. Noch Anno 93 sah man ihn als einen hohen, magern Greis
-an einem Stock über die Straße schreiten; seine Miene war ernst und
-düster, aber sein Auge konnte zuweilen weich und teilnehmend sein.
-Er hat nie geheiratet, und die Sage ging damals, daß er nur einmal,
-und ein unglückliches Mädchen geliebt habe, das ihren Tod im Neckar
-freiwillig fand. Männer, die ihn gekannt haben, versichern, daß er
-gewöhnlich kalt und verschlossen, dennoch sehr interessant in der
-Unterhaltung gewesen sei, wenn man ihn auf gewisse metaphysische
-Untersuchungen brachte, mit welchen er sich in seinem hohen Alter
-hauptsächlich beschäftigte. Er starb, betrauert von vielen, die ihn und
-sein Schicksal kannten, und beweint von den Armen und Unglücklichen.
-Mein Großvater pflegte von ihm zu sagen: »Es war einer von jenen
-Menschen, die, wenn sie einmal recht unglücklich gewesen sind, sich
-nicht mehr an das Glück gewöhnen mögen.«
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 71: keinen → keiner
- Es hat ja noch {keiner} vom achten Regiment
-
- S. 205: Melancholei → Melancholie
- durch sonderbare {Melancholie} prostituierte
-
- S. 247: Stadium → Studium
- mochte das {Studium} der Geschichte
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden, by Wilhelm Hauff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE WERKE ***
-
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Editor: Alfred Weile
-
-Release Date: November 8, 2019 [EBook #60647]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE WERKE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-001.jpg" alt="W. Hauff." />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h1>Wilhelm Hauffs<br />
-<span class="smaller">sämtliche Werke in sechs Bänden</span></h1>
-
-<p class="center">Mit einer biographischen Einleitung
-von <em class="gesperrt">Alfred Weile</em></p>
-
-<p class="center smaller">Neu durchgesehene Ausgabe<br />
-:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::</p>
-
-<p class="center">Erster Band.</p>
-
-<p class="center p2">A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei
-Berlin NO.<sup>43</sup> Neue Königstr. 9
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Erster_Band">Erster Band.</h2>
-
-<p class="center">Hauffs Leben <span class="smaller">von</span> Alfred Weile.</p>
-
-<p class="center">Gedichte. &ndash; Novellen I.</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Biographische Einleitung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Biographische_Einleitung">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Gedichte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Gedichte">17</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Novellen. Erster Teil</td>
- <td class="tdr"><a href="#Novellen">57</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span>
-
-<p class="right smaller">
-Nachdruck verboten.
-</p>
-
-<h2 id="Biographische_Einleitung">Hauffs Leben.</h2>
-
-<p class="center">(Nach <em class="gesperrt">G. Schwab</em>.)</p>
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Wilhelm Hauff</em> ward zu Stuttgart, wo sein Vater
-als Regierungssekretär lebte, am 29. November 1802 geboren.
-Er war erst sechs Jahre alt, als sein Vater, der als »Anhänger
-des guten alten Rechts« (1799) acht Monat schuldlos im Gefängnis
-auf Hohenasperg saß, nach Tübingen an das Oberappellationstribunal
-versetzt wurde, 1808 als Ministerialsekretär
-wiederum nach Stuttgart berufen, dort im darauffolgenden
-Jahre starb. Seinen Großvater, der Landschaftskonsulent
-war, hat Hauff trefflich in dem alten, ehrenfesten, am Rechte
-haltenden Lanbek im »Jud Süß« gezeichnet. Die Witwe
-Hauff, Tochter des Obertribunalrats <em class="gesperrt">Elsäßer</em> in Tübingen zog
-nach dem Tode ihres Gatten mit ihren Kindern nach ihrer
-Vaterstadt zurück. Diese vortreffliche Frau hatte durch ihre
-sittliche, veredelnde Erziehung einen wohltätigen Einfluß auf
-das weiche, empfängliche Gemüt des Knaben; sein Talent zu
-erzählen, bildete sich im häuslichen Kreise unter der Mutter,
-die selbst eine vorzügliche Erzählerin war, und der Schwester
-früh aus.</p>
-
-<p>Er besuchte mit seinem älteren Bruder Hermann, der ein
-großes Sprachentalent und Gedächtnis vor ihm voraus hatte, die
-<em class="antiqua">Schola anatolica</em> &ndash; nach dem <em class="antiqua">Mons anatolicus</em>, einem Vorhügel
-des Oesterberges bei Tübingen benannt.</p>
-
-<p>Eine rege Aufmerksamkeit auf alles und ein glückliches Auffassungsvermögen
-führten ihn zur selbständigen Ausbildung
-seines Geistes; auffallend war schon im zehnten und elften
-Jahre sein Hang zu den Gebilden der Phantasie und er
-schwärmte für leichte Historien und Romane; mit sehr viel
-Laune hat er später in seinem ersten Bande der »Memoiren des
-Satan« diese Neigung dargestellt und uns ein komisches Bild
-von seinem eigenen poetischen Treiben in der Schule gegeben.<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span>
-Wenig geneigt zu den lärmenden Spielen der Knaben im
-Freien, war den Brüdern der große Büchersaal des alten Großvaters
-der liebste Tummelplatz, wo die Knaben in mannigfaltigen
-Spielen darstellten, was sie in den Bildern der Folianten
-gesehen hatten; namentlich prägte sich ihnen das Mittelalter und
-die Zeit des Uebergangs in die neuere Geschichte lebhaft ein;
-auch die neueste Geschichte ging nicht leer aus, und hier waren
-es die Gespräche des Großvaters mit seinen Freunden, denen
-die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauschten; in seinen
-Novellen finden sich oft Eindrücke aus der napoleonischen Epoche
-wieder.</p>
-
-<p>Auf diesem Wege schuf sich der jugendliche Geist aus den
-mannigfachen Bildern ein Bild der Natur und des Menschen,
-dessen Umrisse immer bestimmter und fester wurden; er gewöhnte
-sich früh daran, jene Bilder mit Sicherheit im Gespräche
-zu handhaben, und legte dadurch den Grund zu der Darstellungsgabe,
-die später sein Hauptverdienst war.</p>
-
-<p>Sein überraschendes Deklamationstalent gab die Veranlassung,
-ihn zum künftigen Prediger zu bestimmen und er wurde
-mit ziemlich mittelmäßigen Kenntnissen 1817 in die Klosterschule
-zu Blaubeuren aufgenommen. Viel hatten zur Vernachlässigung
-der klassischen Studien eine zarte Konstitution und
-periodische Krankheit beigetragen und erst in dem prächtigen
-gesunden Albtale bei Blaubeuren fing seine Gesundheit an zu
-erstarken.</p>
-
-<p>Mit mehr Sinn für Literatur und Kunst als für Theologie
-und Philologie bezog er 1820 die Universität Tübingen. &ndash;
-Wenn er auch wenig Geschick zu den ritterlichen Fertigkeiten
-des Burschenlebens zeigte, so nahm er doch an allem lebendigen
-Anteil, was jugendliche Gemüter in jener Periode begeisterte
-und er tat sich unter den Dichtern und Rednern der damals,
-wenigstens noch in Tübingen und anderen kleineren Universitäten,
-blühenden Burschenschaften hervor. Die Stimmung der
-Zeit, die wehmutsvolle Sehnsucht nach Freiheit, die Erinnerung
-an die zahlreichen Siege und Opfer spricht sich in vielen seiner
-Gedichte aus; auch wurden einige seiner Lieder bei dem Wartburgfeste
-vorgetragen.</p>
-
-<p>Den engern Kreis seiner Freunde ergötzte er durch seine
-glücklichen Einfälle, seine Gesprächigkeit und Munterkeit, seine
-Extravaganz. Doch selbst im Zustande burschikoser und geselliger
-Exaltation ließ er nie Besonnenheit vermissen. Obgleich jugendlich-eitel,
-reizbar und empfindlich, hörte er doch mit seinem<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span>
-Humor nicht, wie so viele Humoristen, an sich selbst auf, sondern
-er war der erste, der seine eigenen kleinen Schwachheiten zu bespötteln
-und in ihrer Beharrlichkeit als Karikatur an sich selbst
-darzustellen kein Bedenken trug. Zuweilen warf er seine Einfälle
-aufs Papier mit seltener Leichtigkeit und Gewandtheit, weder
-eigene noch fremde Schwäche scheuend.</p>
-
-<p>1824 machte er das Doktorexamen und sah sich als Kandidat
-der Theologie nach einer geeigneten Stelle um. Durch die
-Vermittlung eines älteren Freundes fand er in dem Hause des
-Kriegsrat-Präsidenten General Freiherr <em class="gesperrt">von Hügel</em> in
-Stuttgart eine Stellung als Hauslehrer und bekleidete diese
-Stelle bis zum Frühjahr 1826. In dieser liebenswürdigen,
-feingebildeten Familie lernte er die Formen des höheren geselligen
-Lebens in der Nähe kennen; der heitere, natürliche Ton
-des Hauses erlaubte ihm, manches schöne, frische Bild aus dem
-Leben aufzufassen, und solche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar,
-nachdem er sie empfangen, als irgend eine anmutige
-Schilderung in seinen Dichtungen wieder auf. Seine Stellung
-ließ ihm Zeit zu Studien und Arbeiten; auch bestand er
-1825 das zweite theologische Examen.</p>
-
-<p>Das erste kleine Werk, mit dem er 1825 öffentlich auftrat,
-ist der »<em class="gesperrt">Märchenalmanach</em> auf das Jahr 1826 für Söhne
-und Töchter gebildeter Stände«. Zunächst für seine Zöglinge
-niedergeschrieben, beweist diese kleine Sammlung Hauffs eigentliches
-Dichtertalent; diese Märchen, deren ursprünglicher Stoff
-zwar nicht ihm selbst angehört, die jedoch mit freiem Phantasiespiel
-behandelt und schön abgerundet sind, gehören mit zu den
-besten seiner Werke; im Almanach für 1827 folgte eine weitere
-Reihe prächtiger Märchen. Die besten davon, die nicht allein
-jugendliche Gemüter fesseln, sondern auch von dem gereiften
-Manne mit immer neuer Freude gelesen werden können, gehören
-nicht rein dem Gebiete des Märchenhaften an &ndash; nein!
-diese sagenhaften Geschichten aus dem Spessart ergreifen das
-Herz und eine lebendige unvergängliche Jugendfrische steigt aus
-diesen Gebilden hervor.</p>
-
-<p>Unmittelbar auf diesen ersten Märchenalmanach folgt der
-erste Teil der »<em class="gesperrt">Mitteilungen aus den Memoiren
-des Satan</em>«, die reich an heller Phantasie und glücklicher
-Darstellungsgabe sind und in denen ein kecker Humor und
-treffende Satire walten. Die barocke Studentenwelt, von deren
-Anschauung der junge Mann eben erst herkam, gab ihm hier
-vielfache Gelegenheit, sein Talent zu üben; diese Satansmemoiren<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-erregten Aufsehen und verschafften dem Verfasser
-einen ausgebreiteten Ruf, erzeugten aber auch seiner Zeit durch
-ihre satirischen Ausfälle manchen Aerger, manche Empfindlichkeit
-und besonders wurde ihm der Angriff auf Goethe und seinen
-Faust sehr verübelt. Manche dieser Skizzen, in denen er Figuren
-aus seinen Bekanntenkreisen gezeichnet hat, sind von zwingendem
-Humor und reicher Satire, in denen Hauff eine Meisterschaft
-besaß. Die Novelle »Der Fluch« scheint Hauff eingeflochten zu
-haben, weil er vielleicht die eigentliche Lust zur Fortsetzung
-dieser Mitteilungen verlor.</p>
-
-<p>Da Hauff merkte, wie leicht ihm die Darstellung wurde
-und daß ihn seine Beobachtungsgabe auch für moderne Stoffe
-befähigte, entschloß er sich aus der idealen Märchen- und Phantasienwelt
-in die realere des Konversationslebens überzugehen.
-Im Winter 1825 bis 1826 schrieb er den »<em class="gesperrt">Mann im
-Mond</em>«, einen kleinen Roman aus dem modernen Leben. Nach
-Andeutungen von G. Schwab und nach den Erinnerungen von
-<em class="gesperrt">Wolfgang Menzel</em> scheint Hauff zuerst lediglich die Absicht
-gehabt zu haben, das große Publikum zu interessieren.
-Wolfgang Menzel, der das Manuskript gelesen hatte, machte
-ihm die größten Vorwürfe, ein Machwerk <em class="antiqua">à la</em> Clauren (Hofrat
-Heun in Berlin) geschrieben zu haben, und daß sein Flug
-nicht höher ginge als der des Berliner Hofrats. Er gab ihm
-den Rat, die Farben noch viel stärker aufzutragen und dann
-das Buch unter Claurens Namen erscheinen zu lassen. Hauff
-befolgte den Rat. Es steht jedoch noch in Frage, ob Menzels
-Darstellung eine richtige ist; sie wird von vielen neuerdings
-bestritten. Jedenfalls schaffte Hauff somit eine köstliche
-Satire auf Clauren, eine verkehrte und verwerfliche Manier
-mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung
-derselben bekämpfend.</p>
-
-<p>Wilhelm Hauff fühlte jedoch später, was er sich denjenigen
-gegenüber schuldig war, die ernstere Rechenschaft von dem
-Schriftsteller fordern; er griff den Gegner in seiner durch Gesinnung
-und Ausdruck nicht minder als durch beißenden Witz
-und echten Humor ausgezeichnete »<em class="gesperrt">Kontroverspredigt</em>«
-auf eine gründlichere und entschiedenere Weise an. Seine Kontroverspredigt
-ist eine von sittlicher Entrüstung getragene vernichtende
-Kritik der Claurenschen Manier.</p>
-
-<p>Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch
-seinen »<em class="gesperrt">Mann im Mond</em>« gefunden und die Lust, sich mit
-modernen Schriftstellern zu messen, führte ihn immer mehr den<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
-Darstellungen der modernen Welt und dem eigentlichen Konversationstone
-in der <em class="gesperrt">Novelle</em> zu. So entstand eine Reihe
-von Erzählungen, die in belletristischen Zeitschriften und
-Taschenbüchern erschienen &ndash; nur »<em class="gesperrt">Jud Süß</em>« schrieb er
-später &ndash; und der <em class="gesperrt">zweite Teil der Satansmemoiren</em>.</p>
-
-<p>Der Erfolg, den Walter Scott mit seinen historischen
-Romanen auch in Deutschland hatte, veranlaßte ihn, einen
-deutsch-historischen Roman zu schreiben, und er begann seinen
-»<em class="gesperrt">Lichtenstein</em>,« den er in sehr kurzer Zeit beendete. Diese
-romantische Sage fand großen Beifall in ganz Deutschland. Der
-anmutige Stoff ist keine Sage, sondern reine Erfindung des
-Verfassers, die sich wie Efeu hinaufrankt an das alte Felsenschlößchen
-Lichtenstein. Trotz mancher Mängel der Anlage und
-Charakterzeichnung sind doch große Schönheiten im einzelnen
-und Hauff würde bei einem zweiten Romane dieser Art gewiß
-etwas Vollkommenes erreicht haben. Hauff ist in der Charakterisierung
-des Herzogs Ulerich von Württemberg bedeutend
-von der historischen Wahrheit abgewichen und hat ihn viel zu
-ideal geschildert, sich auch im ganzen große geschichtliche Licenzen
-erlaubt, doch spricht aus diesem Roman ein so edler, hoher
-Sinn, er ist so getragen von des Autors liebevoller Vertiefung
-in die Vergangenheit seines Heimatlandes, so viele erschütternde,
-poetische und auch komische Szenen schmücken das Werk,
-daß »Lichtenstein« stets eine Perle unseres Sagenschatzes bleiben
-und zu den Lieblingsbüchern unseres Volkes gehören wird.</p>
-
-<p>Nach Vollendung seines Lichtensteins verließ Hauff seine
-bisherigen Verhältnisse. Der Ertrag seiner literarischen Arbeiten
-erlaubte ihm eine Reise zunächst über Frankfurt und
-Mainz nach Paris und dann durch Belgien und Norddeutschland.
-Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf diesen Wanderungen
-allenthalben, besonders in Dresden, Berlin und den
-Hansestädten persönliche Freunde unter allen Klassen der Gesellschaft.</p>
-
-<p>Durch den Kriminaldirektor <em class="gesperrt">Hitzig</em> in Berlin, den er in
-Hamburg kennen gelernt hatte, wurde dem jungen Württemberger
-der Aufenthalt in der preußischen Hauptstadt so angenehm
-wie möglich gemacht, namentlich dadurch, daß er ihn mit
-den literarischen Kreisen vorzüglich mit der berühmten Mittwochs-Gesellschaft
-und ausgezeichneten Männern in Verbindung
-brachte. Im Spätherbst 1826 kehrte er nach Stuttgart zurück,
-durch Eindrücke gestärkt und Erfahrungen bereichert. Für die
-Poesie trugen Hauffs Reisen nur <em class="gesperrt">eine</em> zur vollen Reife gekommene<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-Frucht, die prächtigen »<em class="gesperrt">Phantasien im Bremer
-Ratskeller</em>«, womit er im Herbst 1827 den Freunden des
-Weines ein Geschenk machte. Diese glückliche Mischung von
-übermütigem Humor und poetischem Ernst, diese lebendige Charakterisierung
-der köstlichen Figuren sichern den Phantasien
-durch ihre echte, feurige Poesie einen dauernden Wert. Kurz
-vorher hatte er die Erzählung »<em class="gesperrt">Das Bild des Kaisers</em>«
-geschrieben, in der historische und poetische Wahrheit zugleich
-enthalten ist; er hat hierin dem obengenannten Baron von
-<em class="gesperrt">Hügel</em> ein Denkmal gesetzt, der seiner Zeit Adjutant von
-Napoleon war.</p>
-
-<p>Nach der Heimat zurückgekehrt, übernahm Hauff am 1.
-Januar 1827 die Redaktion des im Cottaschen Verlage erscheinenden
-»Morgenblatts für gebildete Stände,« dem er einen
-neuen Aufschwung verlieh; er brachte in demselben einige Abhandlungen
-und Skizzen. Im Februar desselben Jahres verheiratete
-er sich mit einer Cousine seines Namens, mit der ihn
-längst eine zarte Neigung verbunden hatte. Seine Freunde erzählen
-heitere Geschichten von dem Bestreben des jungen Mannes,
-diese Liebe, die den Verhältnissen gemäß den allergeradesten
-Gang hätte nehmen müssen, ins Gebiet des Phantastischen und
-selbst der Intrige hinüberzuziehen, so sehr war ihm romantische
-Verwicklung auch im täglichen Leben Bedürfnis. Dieser
-Bund schien übrigens sein Lebensglück dauerhaft zu begründen
-und gab ihm neue Lust zur Arbeit. Er trug sich mit dem Gedanken,
-einen historischen Roman zu schreiben, dem die Kämpfe
-in Tirol im Jahre 1809 zugrunde liegen sollten, und zu diesem
-Zwecke machte er im Juli eine Reise nach Tirol.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Leider nahte ihm im neuen, jungen Glücke ein früher Tod.</p>
-
-<p>Die Freude über die Geburt eines Töchterchens fand ihn
-schon durch Unpäßlichkeit gedrückt, die durch angestrengte Dienste
-am Kranken- und Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten
-teueren Freundes verursacht war. Bei der Beerdigung
-eines andern lieben Freundes zog er sich eine heftige Erkältung
-zu, und ein tückisches Nervenfieber beschlich den Widerstrebenden,
-der gewaltsam zur gewohnten und ihm so lieben
-Arbeit zurückkehren wollte.</p>
-
-<p>Wenige Stunden, so erzählt sein Bruder, bevor das Fieber
-seine Sinne in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum
-letztenmal seine Züge bei der Kunde von der Seeschlacht bei
-Navarin; das Ereignis, das so viele Dichter zu politisch-poetischen
-Erzeugnissen begeisterte und Freude in der ganzen gebildeten<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span>
-Welt erregte, konnte er nicht mehr besingen, er konnte sich
-nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des Fiebers
-Wahnsinn, und es war rührend zu hören, wie er, sich für den
-Schlachtboten nach dem Jenseits haltend, mehr als einmal rief:
-»Laßt mich, ich muß hin, ich muß es Müller sagen!« denn kaum
-vor zwei Monaten hatte er in Stuttgart <em class="gesperrt">Wilhelm Müller</em>,
-den Sänger der Griechenlieder, persönlich kennen gelernt und
-seit wenigen Wochen seinen jähen Tod betrauert.</p>
-
-<p>Wilhelm Hauff entschlief sanft, indem er von den Seinigen
-Abschied nahm und Gott »<em class="gesperrt">seinen unsterblichen Geist</em>«
-empfahl, am 18. November 1827. Die Teilnahme an seinem
-frühen Tode war allgemein und sie sprach sich in Stuttgart
-durch eine sehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und
-rührend aus. Seine geistigen Mitarbeiter wetteiferten, ihn in
-Nachrufen zu feiern.</p>
-
-<p>Den schönsten Nachruf widmete Wilhelm Hauffs frühem
-Hinscheiden <em class="gesperrt">Ludwig Uhland</em>:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,<br /></span>
-<span class="i0">Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,<br /></span>
-<span class="i0">Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen<br /></span>
-<span class="i0">Den abgeknickten Zweig &ndash; den blütenvollen!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Noch eben war von dieses Frühlings Scheine<br /></span>
-<span class="i0">Das Vaterland beglänzt. &ndash; Auf schroffem Steine,<br /></span>
-<span class="i0">Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu<br /></span>
-<span class="i0">Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu.<br /></span>
-<span class="i0">Doch in der Höhle, wo die stille Kraft<br /></span>
-<span class="i0">Des Erdgeists &ndash; rätselhafte Formen schafft:<br /></span>
-<span class="i0">Am Fackellicht der Phantasie entfaltet,<br /></span>
-<span class="i0">Sah'n wir zu Heldenbildern sie gestaltet;<br /></span>
-<span class="i0">Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt,<br /></span>
-<span class="i0">Ward zum beseelten Menschenwort erweckt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen,<br /></span>
-<span class="i0">Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen<br /></span>
-<span class="i0">Umkleidete das Altertum den Sarg,<br /></span>
-<span class="i0">Der heiter die verglühte Asche barg:<br /></span>
-<span class="i0">So hat auch er, dem uns're Träne taut,<br /></span>
-<span class="i0">Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Asche ruht &ndash; der Geist entfleucht auf Bahnen<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen,<br /></span>
-<span class="i0">Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht<br /></span>
-<span class="i0">Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht.<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span></p>
-<p>Hauffs literarischer Nachlaß war gering; die erste Ausgabe
-seiner sämtlichen Werke wurde durch <em class="gesperrt">Gustav Schwab</em> veranstaltet,
-der mit ihm im persönlichen Verkehr gestanden hatte.
-Hauffs heiterer, phantasievoller Geist, sein sinnendes Gemüt,
-sein jugendfrisches, liebenswürdiges Wesen spricht lebendig aus
-allen seinen Werken, die hierdurch und durch das gewandte
-Erzählertalent ihren Wert erhielten und zu Schätzen deutscher
-Literatur wurden.</p>
-
-<p class="right">
-<b>Alfred Weile.</b>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Gedichte">Gedichte.</h2>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p>
-
-<h3 id="Gedichte_Inhalt">Gedichte.</h3>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt Gedichte">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Schwester Traum</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Schwester_Traum">17</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Mutterliebe</td>
- <td class="tdr"><a href="#Mutterliebe">19</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>An die Freiheit</td>
- <td class="tdr"><a href="#An_die_Freiheit">20</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>1. Zur Feier des 18. Junius 1824</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zur_Feier_des_18_Junius_1824">21</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>2. Zur Feier des 18. Junius 1823</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zur_Feier_ii">23</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>3. Zur Feier des 18. Junius 1824</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zur_Feier_iii">23</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>4. Zur Feier des 18. Junius 1824</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zur_Feier_iv">24</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Turnerlust</td>
- <td class="tdr"><a href="#Turnerlust">25</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Burschentum</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Burschentum">26</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Trinklied</td>
- <td class="tdr"><a href="#Trinklied">27</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Reiters Morgengesang</td>
- <td class="tdr"><a href="#Reiters_Morgengesang">28</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Soldatenmut</td>
- <td class="tdr"><a href="#Soldatenmut">29</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Prinz Wilhelm</td>
- <td class="tdr"><a href="#Prinz_Wilhelm">30</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Soldatentreue</td>
- <td class="tdr"><a href="#Soldatentreue">32</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Soldatenliebe</td>
- <td class="tdr"><a href="#Soldatenliebe">33</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Hans Huttens Ende</td>
- <td class="tdr"><a href="#Hans_Huttens_Ende">33</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Entschuldigung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Entschuldigung">35</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Jesuitenbeichte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Jesuitenbeichte">37</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Regel für Kranke</td>
- <td class="tdr"><a href="#Regel_fur_Kranke">38</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Schriftsteller</td>
- <td class="tdr"><a href="#Schriftsteller">39</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Lehre aus Erfahrung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Lehre_aus_Erfahrung">40</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Amor der Räuber</td>
- <td class="tdr"><a href="#Amor_der_Rauber">40</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Stille Liebe</td>
- <td class="tdr"><a href="#Stille_Liebe">41</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Hoffe</td>
- <td class="tdr"><a href="#Hoffe">41</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Trost</td>
- <td class="tdr"><a href="#Trost">43</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sehnsucht</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sehnsucht">44</a></td>
-</tr>
-
-<tr>
-<td>Ihr Auge<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></td>
- <td class="tdr"><a href="#Ihr_Auge">45</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Serenade</td>
- <td class="tdr"><a href="#Serenade">46</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Lied aus der Ferne</td>
- <td class="tdr"><a href="#Lied_aus_der_Ferne">46</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Freundinnen_an_der_Freundin_Hochzeittage">47</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>An Emilie</td>
- <td class="tdr"><a href="#An_Emilie">48</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Kranke</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Kranke">49</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Grabgesang</td>
- <td class="tdr"><a href="#Grabgesang">50</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aus dem Stammbuche eines Freundes</td>
- <td class="tdr"><a href="#Aus_dem_Stammbuche_eines_Freundes">51</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Logogryph</td>
- <td class="tdr"><a href="#Logogryph">51</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Rätsel, drei</td>
- <td class="tdr"><a href="#Drei_Ratsel">52</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Scharade</td>
- <td class="tdr"><a href="#Scharade">53</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-
-<h3 id="Der_Schwester_Traum">Der Schwester Traum.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Sie schläft. &ndash; Es ist die letzte Nacht des Jahres,<br /></span>
-<span class="i0">Und wenn die Morgenglocken wieder tönen,<br /></span>
-<span class="i0">Grüßt eine neue Zeit das holde Kind.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">Man sagt, in dieser letzten Mitternacht<br /></span>
-<span class="i0">Entsteigen ihren Gräbern manche Schatten,<br /></span>
-<span class="i0">Die Seelen schweben von dem Himmel nieder,<br /></span>
-<span class="i0">Die Heimat und die Freunde zu besuchen.<br /></span>
-<span class="i0">Auch <em class="gesperrt">sie</em> gedachte dieser alten Sage,<br /></span>
-<span class="i0">Als sie im stillen, einsamen Gemach<br /></span>
-<span class="i0">Die Ruhe suchte, und den schönen Augen<br /></span>
-<span class="i0">Entströmten Tränen. Doch, nicht kind'sche Angst<br /></span>
-<span class="i0">Vor der geheimnisvollen Wiederkehr<br /></span>
-<span class="i0">Geschiedner Geister trübte ihre Blicke;<br /></span>
-<span class="i0">Nein, die Erinnrung an geliebte Schatten,<br /></span>
-<span class="i0">Die Wehmut um so manches teure Grab<br /></span>
-<span class="i0">Senkte sich nieder in die stille Seele;<br /></span>
-<span class="i0">Sie hat für sie gebetet und geweint.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">Sie schlummert, und es nahen die Verlornen,<br /></span>
-<span class="i0">Die schönen Toten, ihrem stillen Lager;<br /></span>
-<span class="i0">Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf<br /></span>
-<span class="i0">Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder<br /></span>
-<span class="i0">Als blühende, als irdische Gestalten;<br /></span>
-<span class="i0">Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden,<br /></span>
-<span class="i0">Nicht wie sie um den trauten Winterherd<br /></span>
-<span class="i0">Die schaurig schönen Märchen dir erzählten,<br /></span>
-<span class="i0">Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz<br /></span>
-<span class="i0">Zum Maientag die schönen Haare flochtest:&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Dies alles blieb in ihrem frühen Grab.<br /></span>
-<span class="i0">Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer,<br /></span>
-<span class="i0">Umstrahlt von heil'gem, überird'schem Glanz.<br /></span>
-<span class="i0">Doch, sind die Blütenkränze abgestreift,<br /></span>
-<span class="i0">Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
-<span class="i0">Sie bringen doch die alte Liebe mit,<br /></span>
-<span class="i0">Und sanfter, als in ihrer Erdenschöne,<br /></span>
-<span class="i0">Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht,<br /></span>
-<span class="i0">Das deine milden Züge still umschwebt,<br /></span>
-<span class="i0">Sind sie genaht, und deinem geist'gen Blick<br /></span>
-<span class="i0">Begegnen grüßend ihre lichten Augen,<br /></span>
-<span class="i0">Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">Sie segnen dich; von ihren heil'gen Lippen<br /></span>
-<span class="i0">Ertönt es wie der Aeolsharfe Ton,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten<br /></span>
-<span class="i0">Der Hauch des Abends weht: »Geliebte Schwester,<br /></span>
-<span class="i0">Wir denken deiner und wir sind dir nah,<br /></span>
-<span class="i0">Und segnend schweben wir um deine Tritte;<br /></span>
-<span class="i0">So oft dein Aug' im schönen Morgenrot,<br /></span>
-<span class="i0">Im heitern Blau des Mittags sich ergeht,<br /></span>
-<span class="i0">Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach,<br /></span>
-<span class="i0">Die in dem Meer der Abendröte segeln,<br /></span>
-<span class="i0">Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl,<br /></span>
-<span class="i0">Der mild und freundlich in dein Fenster fällt,<br /></span>
-<span class="i0">Entschweben wir von deinem stillen Lager<br /></span>
-<span class="i0">Mit deinen Tränen nach den sel'gen Höhn.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">So flüstern sie und neigen sich herab,<br /></span>
-<span class="i0">Die Stirn der teuern Schlafenden zu <em class="gesperrt">küssen</em><br /></span>
-<span class="i0">Und dann beflügelt, eh' sie schnell erwacht,<br /></span>
-<span class="i0">Eh' ihre Augen die Erscheinung haschen,<br /></span>
-<span class="i0">Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben<br /></span>
-<span class="i0">Nach sel'gen Höhn. Ja <em class="gesperrt">dort</em>, wo anders fände<br /></span>
-<span class="i0">Die Schwesterliebe ihre ew'ge Heimat?<br /></span>
-<span class="i0">So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte<br /></span>
-<span class="i0">Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief,<br /></span>
-<span class="i0">Gleicht sie dem Bergsee, der in heil'ger Stille<br /></span>
-<span class="i0">Den Himmel und die friedlichen Gestade<br /></span>
-<span class="i0">Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom,<br /></span>
-<span class="i0">Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">Ja, tief und selig ist die Schwesterliebe,<br /></span>
-<span class="i0">Und zarter, rührender erscheint sie kaum,<br /></span>
-<span class="i0">Als wenn sie über Gräbern noch sich findet<br /></span>
-<span class="i0">Und <em class="gesperrt">Tote leben</em> in der Schwester Traum.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
-
-<h3 id="Mutterliebe">Mutterliebe.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Mutterliebe!<br /></span>
-<span class="i0">Allerheiligstes der Liebe!<br /></span>
-<span class="i0">Ach! die Erdensprache ist so arm,<br /></span>
-<span class="i0">O, vernähm' ich jener Engel Chöre,<br /></span>
-<span class="i0">Hört' ich ihrer Töne heilig Klingen,<br /></span>
-<span class="i0">Worte der Begeistrung wollt' ich singen:<br /></span>
-<span class="i0">»Heilig, heilig ist die Mutterliebe!«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wie die Sonne geht sie lieblich auf,<br /></span>
-<span class="i0">Blickt herab, den Blick voll süßen Frieden,<br /></span>
-<span class="i0">Lächelt freundlich ihrer jungen Blüten&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Und die Pflanze sproßt zum Licht hinauf.<br /></span>
-<span class="i0">Rauhe Stürme ziehen durch die Flur,<br /></span>
-<span class="i0">Und die junge Pflanze bebet,<br /></span>
-<span class="i0">Doch die Sonne blickt durch die Natur,<br /></span>
-<span class="i0">Und die junge Pflanze lebet,<br /></span>
-<span class="i0">Neu erwärmt von ihrem Blick, und strebet<br /></span>
-<span class="i0">Höher noch zu ihrer Sonne auf.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Mutterliebe! du, du bist die Sonne!<br /></span>
-<span class="i0">O wie leuchtest du der Blüte doch so warm!<br /></span>
-<span class="i0">O wie heilig ist die Mutterwonne,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn das Kind umschlingt der treue Arm!<br /></span>
-<span class="i0">So am Abend, so am Morgen,<br /></span>
-<span class="i0">Nie ermattet sie,<br /></span>
-<span class="i0">Wacht in Freuden, wacht in Sorgen<br /></span>
-<span class="i0">Spät und früh.<br /></span>
-<span class="i0">Sie begießt mit Muttertränen<br /></span>
-<span class="i0">Ihrer Augen Lust,<br /></span>
-<span class="i0">Wärmet sie mit stillem Sehnen<br /></span>
-<span class="i0">An der treuen Brust.<br /></span>
-<span class="i0">Süße Hoffnung schwellt die Mutterbrust,<br /></span>
-<span class="i0">Daß die Blüte werd' zur Knospe keimen,<br /></span>
-<span class="i0">Früchte sieht sie in den süßen Träumen.<br /></span>
-<span class="i0">Heil'ge, reine Mutterliebe,<br /></span>
-<span class="i0">Daß sich nie dein stiller Himmel trübe!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Mutterliebe!<br /></span>
-<span class="i0">Allerheiligstes der Liebe!<br /></span>
-<span class="i0">Dir ertönten jener Engel Chöre;<br /></span>
-<span class="i0">Als der Herr zur Erde niederstieg,<br /></span>
-<span class="i0">Wollt' er an der Mutterlieb' erwarmen<br /></span>
-<span class="i0">Und erwachte in der Mutter Armen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sinket nieder,<br /></span>
-<span class="i0">Schwestern, Brüder,<br /></span>
-<span class="i0">Fleht zu dem, der Mutterlieb' gekannt,<br /></span>
-<span class="i0">Der <em class="gesperrt">sie</em> schuf, sein reinstes Seelenband.<br /></span>
-<span class="i0">Fleht mit uns, ihr Geister unsrer Lieben,<br /></span>
-<span class="i0">Tragt es aufwärts, unser kindlich Flehn,<br /></span>
-<span class="i0">Tragt's hinauf zu jenen Sternenhöh'n,<br /></span>
-<span class="i0">Werft euch nieder vor des Vaters Thron,<br /></span>
-<span class="i0">Fallet nieder vor der Mutter Sohn,<br /></span>
-<span class="i0">Daß auf uns er seine Gnade senke<br /></span>
-<span class="i0">Und den süßen Trost uns immer schenke&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Das segensvolle Heiligtum der Liebe,<br /></span>
-<span class="i0">Der Mutterliebe!<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="An_die_Freiheit">An die Freiheit.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Was mir so leise einst die Brust durchbebte,<br /></span>
-<span class="i0">Als ich zuerst zum Jüngling war erwacht,<br /></span>
-<span class="i0">Was sich so hold in meine Träume webte,<br /></span>
-<span class="i0">Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht;<br /></span>
-<span class="i0">Und was am Morgen klar noch in mir lebte,<br /></span>
-<span class="i0">Was dann, zur lichten Flamme angefacht,<br /></span>
-<span class="i0">Mit kühner Ahnung meine Seele füllte&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Es wären nur der Täuschung Luftgebilde?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn ich der Völker Schicksal überlas,<br /></span>
-<span class="i0">Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten<br /></span>
-<span class="i0">Der Schöpfung mit dem trunknen Auge maß,<br /></span>
-<span class="i0">Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Ich fühle es an meines Herzens Glühen,<br /></span>
-<span class="i0">Es war kein Traumbild eitler Phantasieen!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Du, stille Nacht, und du, o meine Laute!<br /></span>
-<span class="i0">Nur euch, ihr Trauten, hab ich es gesagt;<br /></span>
-<span class="i0">Ertönt's noch einmal, was ich euch vertraute,<br /></span>
-<span class="i0">Erzählt's dem Abendhauch, was ich geklagt,<br /></span>
-<span class="i0">O sagt's ihm, was ich fühlte, was ich schaute,<br /></span>
-<span class="i0">Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt;<br /></span>
-<span class="i0">O Freiheit, Freiheit, dich hab' ich gesungen,<br /></span>
-<span class="i0">Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die müde Sonne ist hinabgegangen,<br /></span>
-<span class="i0">Der Abendschein am Horizont zerrinnt,<br /></span>
-<span class="i0">Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen,<br /></span>
-<span class="i0">Stiegst du hernieder mit dem Abendwind?<br /></span>
-<span class="i0">Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen,<br /></span>
-<span class="i0">Ich fühl's, du schwebst um mich, so mild, so lind.<br /></span>
-<span class="i0">O weile hier, wirf ab die Adlerflügel!<br /></span>
-<span class="i0">Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wohl lange ist's, seit du so gerne wohntest<br /></span>
-<span class="i0">Bei unsern Ahnen in dem düstern Hain:<br /></span>
-<span class="i0">Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest<br /></span>
-<span class="i0">Vom eis'gen Belt bis an den alten Rhein?<br /></span>
-<span class="i0">Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest?<br /></span>
-<span class="i0">Das schöne Land soll ganz vergessen sein?<br /></span>
-<span class="i0">Noch denkst du sein; es wird dich wiedersehen,<br /></span>
-<span class="i0">Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Zur_Feier_des_18_Junius_1824">Zur Feier des 18. Junius 1824.</h3>
-
-<h4>I.</h4>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain,<br /></span>
-<span class="i0">Seid mir gegrüßt, ihr meine deutschen Brüder;<br /></span>
-<span class="i0">Auf! sammelt euch in festlich frohen Reihn,<br /></span>
-<span class="i0">Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder;<br /></span>
-<span class="i0">Daß heut der stolze Adler niedersank,<br /></span>
-<span class="i0">Daß sich mein Volk einlöste mit dem Schwerte<br /></span>
-<span class="i0">Sein Heldentum, der Freiheit Ruhm, die deutsche Erde,<br /></span>
-<span class="i0">Trag's zu den Wolken, donnernder Gesang!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Trübt auch die Wolke unsres Festes Glanz,<br /></span>
-<span class="i0">Sind auch zerschlagen schon des Siegs Altäre,<br /></span>
-<span class="i0">Die jüngst noch, in dem jungen Siegerkranz,<br /></span>
-<span class="i0">Der Deutsche weihte seines Volkes Ehre:<br /></span>
-<span class="i0">Mög' Arglist auch und Trug mit finstrem Bann<br /></span>
-<span class="i0">Dem Siegervolke noch die Zunge binden,&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Begeisterung, des Jünglings Dank, soll's laut verkünden:<br /></span>
-<span class="i0">»Wer <em class="gesperrt">dort</em> gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Denn auferstehen soll ein neu Geschlecht,<br /></span>
-<span class="i0">Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen,<br /></span>
-<span class="i0">Zu kämpfen für die Freiheit und das Recht,<br /></span>
-<span class="i0">Um deutsch zu sein wie in der Vorzeit Tagen!<br /></span>
-<span class="i0">Ein hoher Sinn stieg auf aus blut'gem Streit,<br /></span>
-<span class="i0">Es kehrt der biedre Geist der Väter wieder,<br /></span>
-<span class="i0">Und stolzer stehn, in deutscher Kraft und frei, o Brüder,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Wir</em> auf den Trümmern der vergangnen Zeit!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Drum tretet mutig in die Kämpferbahn,<br /></span>
-<span class="i0">Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen!<br /></span>
-<span class="i0">Fürs liebe Vaterland hinan, hinan!<br /></span>
-<span class="i0">Doch nur von innen kann das Werk gelingen,<br /></span>
-<span class="i0">Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm,<br /></span>
-<span class="i0">Nein, unser Weg geht durch Minervas Hallen;<br /></span>
-<span class="i0">Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchsten wallen,<br /></span>
-<span class="i0">Erschaffen uns ein echtes Bürgertum!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ja, so ersteht ein freies Vaterland;<br /></span>
-<span class="i0">O Bruderbund, dies hast du dir erkoren!<br /></span>
-<span class="i0">Hebt in die Lüfte auf die treue Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Dem Vaterlande sei es fest geschworen!<br /></span>
-<span class="i0">O schöne Saat! Der junge Stamm erblüht,<br /></span>
-<span class="i0">Und schützend ragt er auf wie Deutschlands Eichen;<br /></span>
-<span class="i0">Blüh', schöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen,<br /></span>
-<span class="i0">Und fern dahin die dunkle Wolke zieht.<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p>
-
-<h4 id="Zur_Feier_ii">II.<br />
-1823.</h4>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ferne in der fremden Erde<br /></span>
-<span class="i0">Ruhet ihr bei euerm Schwerte<br /></span>
-<span class="i0">In des Todes sichrer Hut;<br /></span>
-<span class="i0">Heil'ger Frieden<br /></span>
-<span class="i0">Lohnt euch Müden,<br /></span>
-<span class="i0">Nach des Tages heißer Glut.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Frankreichs Adler saht ihr fallen,<br /></span>
-<span class="i0">Hörtet Siegesdonner schallen,<br /></span>
-<span class="i0">Als der Tod das Auge brach.<br /></span>
-<span class="i0">Heil euch Lieben,<br /></span>
-<span class="i0">Träumet drüben<br /></span>
-<span class="i0">Von der Freiheit goldnem Tag.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Selig preis' ich eure Lose<br /></span>
-<span class="i0">In der Erde kühlem Schoße.<br /></span>
-<span class="i0">Ach, ihr saht der Freiheit Licht,<br /></span>
-<span class="i0">Saht sie steigen<br /></span>
-<span class="i0">Ueber Leichen&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Doch sie sinken saht ihr nicht.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Fern von eurem Siegestale<br /></span>
-<span class="i0">Denken wir beim Todesmahle<br /></span>
-<span class="i0">Innig eurer Siegerschar,<br /></span>
-<span class="i0">Und wir gießen,<br /></span>
-<span class="i0">Euch zu grüßen,<br /></span>
-<span class="i0">Tränen auf den Festaltar.<br /></span>
-</div></div>
-
-<h4 id="Zur_Feier_iii">III.<br />
-1824.</h4>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">So nahst du wieder, holde Siegesfeier,<br /></span>
-<span class="i0">Die unsre Brust mit süßen Träumen füllt,<br /></span>
-<span class="i0">Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier<br /></span>
-<span class="i0">Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt:<br /></span>
-<span class="i0">Du nahst &ndash; und alle Herzen schlagen freier,<br /></span>
-<span class="i0">Gesang und Jubel tönet durchs Gefild,<br /></span>
-<span class="i0">Und meiner Brüder frohe Blicke sagen:<br /></span>
-<span class="i0">»Es war <em class="gesperrt">mein</em> Volk, das diese Schlacht geschlagen!«<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Es war <em class="gesperrt">mein</em> Volk, und nicht die frohen Binden<br /></span>
-<span class="i0">Von Eichlaub sollten schmücken das Gelag;<br /></span>
-<span class="i0">Wohl sollten wir Zypressenkränze winden<br /></span>
-<span class="i0">Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag;<br /></span>
-<span class="i0">Doch &ndash; den Gefallnen laßt uns Kränze winden,<br /></span>
-<span class="i0">Und einmal noch am frohen Siegestag,<br /></span>
-<span class="i0">Weil rings um uns des Sieges Früchte welken,<br /></span>
-<span class="i0">Laßt uns in der Erinnrung Träumen schwelgen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Drum grüß' ich dich, du Feld, wo sie gefallen,<br /></span>
-<span class="i0">Wo froh ihr Aug' im Siegesdonner brach!<br /></span>
-<span class="i0">Drum grüß' ich euch in euern Wolkenhallen,<br /></span>
-<span class="i0">Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unsre Schmach!<br /></span>
-<span class="i0">Euch, tapfern Sängern, euch, ihr Helden, allen,<br /></span>
-<span class="i0">Euch tönen unsre Liebesgrüße nach,<br /></span>
-<span class="i0">Und euch, die ihr dem Auge schnell entschwunden,<br /></span>
-<span class="i0">Der jungen Freiheit kurze Frühlingsstunden!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und hätte man den Denkstein euch zerschlagen<br /></span>
-<span class="i0">Und eure Kränze in den Staub gedrückt:<br /></span>
-<span class="i0">Die Blumen haben in des Frühlings Tagen<br /></span>
-<span class="i0">Der Helden Grab mit neuem Grün geschmückt.<br /></span>
-<span class="i0">So keimt auch unsre Hoffnung unter Klagen;<br /></span>
-<span class="i0">Denn ob der Sturm sie Blatt für Blatt zerpflückt,<br /></span>
-<span class="i0">Neu sproßt sie aus dem Hügel eurer Leichen,<br /></span>
-<span class="i0">Und Gott wird wachen über ihren Zweigen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<h4 id="Zur_Feier_iv">IV.<br />
-1824.</h4>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wo <em class="gesperrt">eine</em> Glut die Herzen bindet,<br /></span>
-<span class="i0">Wo Aug' dem Auge nur verkündet,<br /></span>
-<span class="i0">Was Sehnsucht in dem Herzen spricht;<br /></span>
-<span class="i0">Wo, wenn der Sturm die Form zerspaltet,<br /></span>
-<span class="i0">Die Gottheit in den Trümmern waltet,<br /></span>
-<span class="i0">Kennt man der Liebe Trennung nicht.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Heran, ihr Brüder! Nord und Süden,<br /></span>
-<span class="i0">Ob euch des Herrschers Wink geschieden,<br /></span>
-<span class="i0">Laßt uns <em class="gesperrt">ein</em> Volk von Brüdern sein;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span>
-<span class="i0">Schließt ja in Schönbunds weiten Auen<br /></span>
-<span class="i0">Von allen Strömen, allen Gauen<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Ein</em> Rasen unsre <em class="gesperrt">Brüder</em> ein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wohl ist der Siegsgesang verklungen,<br /></span>
-<span class="i0">Ganz anders wird jetzt vorgesungen,<br /></span>
-<span class="i0">Ganz andre Weisen spielt man vor;<br /></span>
-<span class="i0">Doch tönt, von Wehmut fortgetragen,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Ein</em> Ton noch aus den bessern Tagen<br /></span>
-<span class="i0">Und schlägt an manch empfänglich Ohr.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen<br /></span>
-<span class="i0">Den alten Ton herüberklingen<br /></span>
-<span class="i0">Von unsrer Brüder Schlachtgefild?<br /></span>
-<span class="i0">Der <em class="gesperrt">Einklang</em> ist's von tausend Tönen,<br /></span>
-<span class="i0">Der mächtig in Germanias Söhnen<br /></span>
-<span class="i0">Zu der Begeistrung Wogen schwillt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Turnerlust">Turnerlust.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Was zieht dort unten das Tal entlang?<br /></span>
-<span class="i0">Eine Schar im weißen Gewand;&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Wie mutig brauset der volle Gesang!<br /></span>
-<span class="i0">Die Töne sind mir bekannt.<br /></span>
-<span class="i0">Sie singen von Freiheit und Vaterland,<br /></span>
-<span class="i0">Ich kenne die Scharen im weißen Gewand.<br /></span>
-<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Die Turner ziehen aus.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Turner ziehen ins grünende Feld<br /></span>
-<span class="i0">Hinaus zur männlichen Lust;<br /></span>
-<span class="i0">Daß Uebung kräftig die Glieder stählt,<br /></span>
-<span class="i0">Mit Mut sich füllet die Brust:<br /></span>
-<span class="i0">Drum schreiten die Turner das Tal entlang,<br /></span>
-<span class="i0">Drum tönet ihr mutiger froher Gesang:<br /></span>
-<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Du fröhliche Turnerlust!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">O sieh, wie kühn sich der Blick erhebt,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn der Arm den Gegner umfaßt!<br /></span>
-<span class="i0">Und frei, wie der Aar durch die Lüfte schwebt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-<span class="i0">Fliegt auf der Turner am Mast;<br /></span>
-<span class="i0">Dort schaut er weit in die Täler hinaus,<br /></span>
-<span class="i0">Dort ruft er's froh in die Lüfte hinaus:<br /></span>
-<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Du fröhliche Turnerlust!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Es ist kein Graben zu tief, zu breit,<br /></span>
-<span class="i0">Hinüber mit flüchtigem Fuß!<br /></span>
-<span class="i0">Und trennt die Ufer der Strom so weit,<br /></span>
-<span class="i0">Hinein in den tosenden Fluß!<br /></span>
-<span class="i0">Er teilt mit dem Arm der Fluten Gewalt,<br /></span>
-<span class="i0">Und aus den Wogen sein Ruf noch schallt:<br /></span>
-<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Du fröhliche Turnerlust!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Er schwingt das Schwert in der starken Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Zum Kampfe stählt er den Arm;<br /></span>
-<span class="i0">O dürft' er's ziehen fürs Vaterland!<br /></span>
-<span class="i0">Es wallt das Herz ihm so warm.<br /></span>
-<span class="i0">Und sollte sie kommen, die herrliche Zeit,<br /></span>
-<span class="i0">Sie fände den tapfern Turner bereit.<br /></span>
-<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Wie ging's dann mutig in Feind!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">So wirbt der Turner um Kraft und Mut<br /></span>
-<span class="i0">Mit Frührots freundlichem Strahl,<br /></span>
-<span class="i0">Bis spät sich senket der Sonne Glut<br /></span>
-<span class="i0">Und die Nacht sich bettet im Tal;<br /></span>
-<span class="i0">Und klingt der Abendglockenklang,<br /></span>
-<span class="i0">Dann ziehn wir nach Haus mit fröhlichem Sang<br /></span>
-<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Du fröhliche Turnerlust!<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Das_Burschentum">Das Burschentum.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wenn die Becher fröhlich kreisen,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn in vollen Sangesweisen<br /></span>
-<span class="i0">Tönt so manches Helden Ruhm,<br /></span>
-<span class="i0">Ja, da muß man dich auch singen,<br /></span>
-<span class="i0">Muß auch dir die Becher schwingen,<br /></span>
-<span class="i0">Dir, du altes Burschentum!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Fragt ihr, wo die Freiheit wohne?<br /></span>
-<span class="i0">Auf Europas weiter Zone<br /></span>
-<span class="i0">Habt ihr nimmer sie gesehn;<br /></span>
-<span class="i0">Nur bei alter, treuer Sitte,<br /></span>
-<span class="i0">In der Burschen froher Mitte<br /></span>
-<span class="i0">Mag ihr Tempel noch bestehn.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Froh und frei, wie's unsre Alten<br /></span>
-<span class="i0">Einst zu ihrer Zeit gehalten,<br /></span>
-<span class="i0">Leben wir, so lang es gilt;<br /></span>
-<span class="i0">Freuen uns &ndash; mit leerer Tasche,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn uns nur aus voller Flasche<br /></span>
-<span class="i0">Klar der braune Nektar quillt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Nicht in marmornen Trophäen<br /></span>
-<span class="i0">Kann die späte Nachwelt sehen,<br /></span>
-<span class="i0">Was wir Brüder hier getan!<br /></span>
-<span class="i0">Doch zum Denkstein unsern Siegen<br /></span>
-<span class="i0">Häufen wir aus leeren Krügen<br /></span>
-<span class="i0">Hohe Pyramiden an.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Mit dem Humpen in der Linken<br /></span>
-<span class="i0">Wollen wir dein Wohlsein trinken,<br /></span>
-<span class="i0">Altes, frohes Burschentum!<br /></span>
-<span class="i0">Mit dem Hieber in der Rechten<br /></span>
-<span class="i0">Wollen wir dich kühn verfechten,<br /></span>
-<span class="i0">Freies, tapfres Burschentum!<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Trinklied">Trinklied.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wer seines Leibes Alter zählet<br /></span>
-<span class="i0">Nach Nächten, die er froh durchwacht,<br /></span>
-<span class="i0">Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,<br /></span>
-<span class="i0">Sich um den Groschen lustig macht,<br /></span>
-<span class="i0">Der findet in uns seine Leute,<br /></span>
-<span class="i0">Der sei uns brüderlich gegrüßt,<br /></span>
-<span class="i0">Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude<br /></span>
-<span class="i0">In seine sanften Arme schließt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wenn von dem Tanze sanft gewieget,<br /></span>
-<span class="i0">Von Flötentönen sanft berauscht,<br /></span>
-<span class="i0">Fein Liebchen sich im Arme schmieget,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-<span class="i0">Und Blick um Liebesblick sich tauscht,<br /></span>
-<span class="i0">Da haben wir im Flug genossen<br /></span>
-<span class="i0">Und schnell den Augenblick erhascht,<br /></span>
-<span class="i0">Und Herz an Herzen festgeschlossen,<br /></span>
-<span class="i0">Der Lippen süßen Gruß genascht.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,<br /></span>
-<span class="i0">Doch ist sein Feuer bald verraucht,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,<br /></span>
-<span class="i0">In seine Geisterglut dich taucht;<br /></span>
-<span class="i0">Uns, die wir seine Hymnen singen,<br /></span>
-<span class="i0">Uns leuchtet seine Flamme vor,<br /></span>
-<span class="i0">Und auf der Töne freien Schwingen<br /></span>
-<span class="i0">Steigt unser Geist zum Geist empor.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Drum, die ihr frohe Freundesworte<br /></span>
-<span class="i0">Zum würdigen Gesang erhebt,<br /></span>
-<span class="i0">Euch grüß' ich, wogende Akkorde,<br /></span>
-<span class="i0">Daß ihr zu uns herniederschwebt!<br /></span>
-<span class="i0">Sie tauchen auf &ndash; sie schweben nieder,<br /></span>
-<span class="i0">Im Vollton rauschet der Gesang,<br /></span>
-<span class="i0">Und lieblich hallt in unsre Lieder<br /></span>
-<span class="i0">Der vollen Gläser Feierklang.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">So haben's immer wir gehalten<br /></span>
-<span class="i0">Und bleiben fürder auch dabei,<br /></span>
-<span class="i0">Und mag die Welt um uns veralten,<br /></span>
-<span class="i0">Wir bleiben ewig jung und neu.<br /></span>
-<span class="i0">Denn, wird einmal der Geist uns trübe,<br /></span>
-<span class="i0">Wir baden ihn im alten Wein<br /></span>
-<span class="i0">Und ziehen mit Gesang und Liebe<br /></span>
-<span class="i0">In unsern Freudenhimmel ein.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Reiters_Morgengesang">Reiters Morgengesang.</h3>
-
-<p class="center">(Nach einem schwäbischen Volkslied.)</p>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Morgenrot,<br /></span>
-<span class="i0">Leuchtest mir zum frühen Tod?<br /></span>
-<span class="i0">Bald wird die Trompete blasen,<br /></span>
-<span class="i0">Dann muß ich mein Leben lassen,<br /></span>
-<span class="i0">Ich und mancher Kamerad!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Kaum gedacht,<br /></span>
-<span class="i0">War der Lust ein End' gemacht.<br /></span>
-<span class="i0">Gestern noch auf stolzen Rossen,<br /></span>
-<span class="i0">Heute durch die Brust geschossen,<br /></span>
-<span class="i0">Morgen in das kühle Grab!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ach, wie bald<br /></span>
-<span class="i0">Schwindet Schönheit und Gestalt!<br /></span>
-<span class="i0">Tust du stolz mit deinen Wangen,<br /></span>
-<span class="i0">Die mit Milch und Purpur prangen?<br /></span>
-<span class="i0">Ach! die Rosen welken all!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Darum still<br /></span>
-<span class="i0">Füg' ich mich, wie Gott es will.<br /></span>
-<span class="i0">Nun, so will ich wacker streiten,<br /></span>
-<span class="i0">Und sollt' ich den Tod erleiden,<br /></span>
-<span class="i0">Stirbt ein braver Reitersmann.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Soldatenmut">Soldatenmut.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Soldatenmut siegt überall,<br /></span>
-<span class="i0">Im Frieden und im Krieg,<br /></span>
-<span class="i0">Bei Flöten- und Kanonenschall<br /></span>
-<span class="i0">Erkämpft er sich den Sieg;<br /></span>
-<span class="i0">Sei's um ein Küßchen mit der Maid,<br /></span>
-<span class="i0">Sei's mit dem Feind um Blut,<br /></span>
-<span class="i0">Da ist er schnell zum Kampf bereit,<br /></span>
-<span class="i0">Da siegt Soldatenmut!<br /></span>
-<span class="i0">Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Da siegt Soldatenmut!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wenn sich der Tanz im Wirbel schwingt<br /></span>
-<span class="i0">Und Aug' in Auge blickt,<br /></span>
-<span class="i0">Der Arm sich um die Hüfte schlingt<br /></span>
-<span class="i0">Und Hand in Hand sich drückt,<br /></span>
-<span class="i0">Da ist die Maid in kurzer Frist<br /></span>
-<span class="i0">Dem schlanken Burschen gut;<br /></span>
-<span class="i0">Wer lange fragt, hat nie geküßt,<br /></span>
-<span class="i0">Da siegt Soldatenmut,<br /></span>
-<span class="i0">Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Da siegt Soldatenmut!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wenn am heißen Sommertag<br /></span>
-<span class="i0">Den Marsch die Hitze drückt,<br /></span>
-<span class="i0">Und wenn das rasche Roß erlag<br /></span>
-<span class="i0">Und müd' zur Erd' sich bückt,<br /></span>
-<span class="i0">Hat der Soldat sich aufgerafft,<br /></span>
-<span class="i0">Er singet wohlgemut,<br /></span>
-<span class="i0">Wirbt durch Gesang sich neue Kraft;<br /></span>
-<span class="i0">So siegt Soldatenmut!<br /></span>
-<span class="i0">Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">So siegt Soldatenmut!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wenn im Tal die Banner wehn<br /></span>
-<span class="i0">Und Heer an Heer sich schließt,<br /></span>
-<span class="i0">Und uns von den Batt'rieen Höhn<br /></span>
-<span class="i0">Kanonendonner grüßt:<br /></span>
-<span class="i0">Da reißt uns durch den Waffenplan<br /></span>
-<span class="i0">Des Kampfes wilde Glut,<br /></span>
-<span class="i0">Da mit dem Schwert, Mann gegen Mann,<br /></span>
-<span class="i0">Da siegt Soldatenmut:<br /></span>
-<span class="i0">Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">Da siegt Soldatenmut!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wenn mein Stündlein kommen sollt',<br /></span>
-<span class="i0">So bin ich frisch zur Hand;<br /></span>
-<span class="i0">Ich sterb' ja nicht für eitles Gold,<br /></span>
-<span class="i0">Ich fall' fürs Vaterland.<br /></span>
-<span class="i0">Was ich gesollt, hab' ich getan,<br /></span>
-<span class="i0">Und hab's gelöst mit Blut:<br /></span>
-<span class="i0">So lebt, so stirbt für seine Fahn',<br /></span>
-<span class="i0">So <em class="gesperrt">siegt</em> Soldatenmut!<br /></span>
-<span class="i0">Hurra!<br /></span>
-<span class="i0">So <em class="gesperrt">siegt</em> Soldatenmut!<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Prinz_Wilhelm">Prinz Wilhelm.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Prinz <em class="gesperrt">Wilhelm</em>, der edle Ritter,<br /></span>
-<span class="i0">Ritt hinaus ins Schlachtgewitter,<br /></span>
-<span class="i0">Ritt mit aus in blut'gen Strauß;<br /></span>
-<span class="i0">Denn als man die Trommel rührte<br /></span>
-<span class="i0">Und nach Frankreich abmarschierte,<br /></span>
-<span class="i0">Blieb der <em class="gesperrt">Kronprinz</em> nicht zu Haus.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Durch des Rheines wilde Wogen<br /></span>
-<span class="i0">Ist er schnell hindurchgezogen,<br /></span>
-<span class="i0">Ziehet weiter ohne Ruh'.<br /></span>
-<span class="i0">Auf die Feinde durch die Wälder,<br /></span>
-<span class="i0">Durch die eisbedeckten Felder,<br /></span>
-<span class="i0">Auf die Feinde eilt er zu.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Bei <em class="gesperrt">Brienne</em>, im dunkeln Walde<br /></span>
-<span class="i0">Unser Jägerhorn erschallte,<br /></span>
-<span class="i0">Unsre Trommeln wirbeln drein;<br /></span>
-<span class="i0">In den Feind durch Sumpf und Graben<br /></span>
-<span class="i0">Stürmt der Prinz mit seinen Schwaben,<br /></span>
-<span class="i0">Daß der Sieg muß unser sein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und bei <em class="gesperrt">Montereaus</em> blut'ger Brücken,<br /></span>
-<span class="i0">Als der Feind wollt' schier erdrücken<br /></span>
-<span class="i0">Unsre kleine, treue Schar,<br /></span>
-<span class="i0">Hat er gegen Sturmsgewalten<br /></span>
-<span class="i0">Ritterlich den Paß gehalten,<br /></span>
-<span class="i0">Bis sein Volk gerettet war.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">An der <em class="gesperrt">Aube</em>, am <em class="gesperrt">Marne</em>strande,<br /></span>
-<span class="i0">An der <em class="gesperrt">Seine</em> weitem Lande<br /></span>
-<span class="i0">Kennt man Wilhelm und sein Schwert;<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Epinal</em> auf blut'gen Wegen,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Troyes'</em> heißer Kugelregen<br /></span>
-<span class="i0">Haben seinen Stamm bewährt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ja, wo treue Schwaben stritten,<br /></span>
-<span class="i0">War auch in des Kampfes Mitten<br /></span>
-<span class="i0">Unser Kronprinz stets dabei;<br /></span>
-<span class="i0">Ja, so stritt im Schlachtgewitter<br /></span>
-<span class="i0">Prinz <em class="gesperrt">Wilhelm</em>, der edle Ritter,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Furchtlos</em>, wie sein Wort, <em class="gesperrt">und treu</em>.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Schlaget ein, ihr Kameraden!<br /></span>
-<span class="i0">Wenn zum Krieg die Trommeln laden,<br /></span>
-<span class="i0">Strömen freudig wir herbei:<br /></span>
-<span class="i0">Denn als König zieht der Ritter<br /></span>
-<span class="i0">Nun voraus im Schlachtgewitter,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Furchtlos</em>, wie sein Wort, <em class="gesperrt">und treu</em>.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span></p>
-
-<h3 id="Soldatentreue">Soldatentreue.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wohl dem, der geschworen<br /></span>
-<span class="i0">Zur Fahne den Eid,<br /></span>
-<span class="i0">Der sich zum Schmuck erkoren<br /></span>
-<span class="i0">Des Königs Waffenkleid!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sei Treue verraten,<br /></span>
-<span class="i0">Sei Ehre verbannt,<br /></span>
-<span class="i0">Doch gehn mit dem Soldaten<br /></span>
-<span class="i0">Sie beide Hand in Hand.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Es grüßt ja zur Seite<br /></span>
-<span class="i0">Sein Säbel ihm zu<br /></span>
-<span class="i0">Und ruft ihm aus der Scheide:<br /></span>
-<span class="i0">»<em class="gesperrt">So treu</em> wie Stahl seist <em class="gesperrt">du</em>!«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Büchse, sie winket<br /></span>
-<span class="i0">So freundlich und rein;<br /></span>
-<span class="i0">So rein als wie sie blinket,<br /></span>
-<span class="i0">Soll seine Ehre sein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Das tönt ihm so süße,<br /></span>
-<span class="i0">Das schwellt ihm den Arm,<br /></span>
-<span class="i0">Das macht, wie Liebchens Küsse,<br /></span>
-<span class="i0">Soldatenherz so warm!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Drum auf! Es ertönen<br /></span>
-<span class="i0">Trompeten voll Mut!<br /></span>
-<span class="i0">In Vaterlandessöhnen<br /></span>
-<span class="i0">Wallt treues Heldenblut!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Welt mag zerreißen<br /></span>
-<span class="i0">Die Schwüre wie Spreu;<br /></span>
-<span class="i0">Ich weiß ein Wort wie Eisen,<br /></span>
-<span class="i0">Es heißt: Soldatentreu'.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span></p>
-
-<h3 id="Soldatenliebe">Soldatenliebe.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Steh' ich in finstrer Mitternacht<br /></span>
-<span class="i0">So einsam auf der fernen Wacht,<br /></span>
-<span class="i0">So denk' ich an mein fernes Lieb,<br /></span>
-<span class="i0">Ob mir's auch treu und hold verblieb?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Als ich zur Fahne fort gemüßt,<br /></span>
-<span class="i0">Hat sie so herzlich mich geküßt,<br /></span>
-<span class="i0">Mit Bändern meinen Hut geschmückt<br /></span>
-<span class="i0">Und weinend mich ans Herz gedrückt!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,<br /></span>
-<span class="i0">Drum bin ich froh und wohlgemut!<br /></span>
-<span class="i0">Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn es ans treue Lieb gedacht.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Jetzt bei der Lampe mildem Schein<br /></span>
-<span class="i0">Gehst du wohl in dein Kämmerlein<br /></span>
-<span class="i0">Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn<br /></span>
-<span class="i0">Auch für den Liebsten in der Fern'!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Doch wenn du traurig bist und weinst,<br /></span>
-<span class="i0">Mich von Gefahr umrungen meinst!&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Sei ruhig, bin in Gottes Hut,<br /></span>
-<span class="i0">Er liebt ein treu Soldatenblut.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'<br /></span>
-<span class="i0">Und löst mich ab zu dieser Stund';<br /></span>
-<span class="i0">Schlaf wohl im stillen Kämmerlein<br /></span>
-<span class="i0">Und denk' in deinen Träumen mein.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Hans_Huttens_Ende">Hans Huttens Ende.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Laut rufet Herr Ulrich, der Herzog, und sagt:<br /></span>
-<span class="i0">»Hans Hutten, reite mit auf die Jagd,<br /></span>
-<span class="i0">Im Schönbuch weiß ich ein Mutterschwein,<br /></span>
-<span class="i0">Wir schießen es für die Liebste mein.«<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und im Forst sich der Herzog zum Junker wandt':<br /></span>
-<span class="i0">»Hans Hutten, was flimmert an deiner Hand?«<br /></span>
-<span class="i0">»Herr Herzog, es ist halt ein Ringelein,<br /></span>
-<span class="i0">Ich hab' es von meiner Herzliebsten fein.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">»Herr Hans, du bist ja ein stattlicher Mann,<br /></span>
-<span class="i0">Hast gar auch ein güldenes Kettlein an?«&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">»Das hat mir mein herziger Schatz geschenkt<br /></span>
-<span class="i0">Zum Zeichen, daß sie noch meiner gedenkt.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und der Herzog blicket ihn schrecklich an:<br /></span>
-<span class="i0">»So? Das hat alles dein Schatz getan?<br /></span>
-<span class="i0">Der Trauring ist es von meinem Weib,<br /></span>
-<span class="i0">Das Kettlein hing ich ihr selbst um den Leib.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">O Hutten, gib deinem Rappen den Sporn,<br /></span>
-<span class="i0">Schon rollet des Herzogs Auge im Zorn!<br /></span>
-<span class="i0">Flieh, Hutten! es ist die höchste Zeit,<br /></span>
-<span class="i0">Schon reißt er das blinkende Schwert aus der Scheid'!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">»Dein Schwert raus, Buhler, mich dürstet sehr,<br /></span>
-<span class="i0">Zu sühnen mit Blut meines Bettes Ehr'!«<br /></span>
-<span class="i0">Flugs, Junker, ein Stoßgebetlein sprich,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn Ulrich haut, haut er fürchterlich.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Es krachen die Rippen, es bricht das Herz;<br /></span>
-<span class="i0">Ruhig wischet Ulrich das blutige Erz,<br /></span>
-<span class="i0">Ruhig nimmt er des ledigen Pferdes Zaum<br /></span>
-<span class="i0">Und hänget die Leich' an den nächsten Baum.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Es steht eine Eiche im Schönbuchwald<br /></span>
-<span class="i0">Gar breit in den Aesten und hochgestalt;<br /></span>
-<span class="i0">Zum Zeichen wird sie Jahrhunderte stahn,<br /></span>
-<span class="i0">Hier hing der Herzog den Junker dran.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wenn man den Herzog vom Lande jagt,<br /></span>
-<span class="i0">Sein Nam' bleibt ihm, sein Schwert; er sagt:<br /></span>
-<span class="i0">»Mein Nam', er verdorret ja nimmermehr,<br /></span>
-<span class="i0">Und gerächet hab' ich des Hauses Ehr'.«<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span></p>
-
-<h3 id="Entschuldigung">Entschuldigung.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Kam einst ein englischer Kapitan<br /></span>
-<span class="i0">Zu Stambul in dem Hafen an,<br /></span>
-<span class="i0">Der wollte nach der langen Fahrt<br /></span>
-<span class="i0">Sich gütlich tun nach seiner Art<br /></span>
-<span class="i0">Und in Stambuls krummen Gassen<br /></span>
-<span class="i0">Vor den Leuten sich sehen lassen.<br /></span>
-<span class="i0">Hatte auch weit und breit gehört,<br /></span>
-<span class="i0">Wie die Türken so schöne Pferd',<br /></span>
-<span class="i0">Reiche Geschirr' und Sättel haben;<br /></span>
-<span class="i0">Wollte auch wie ein Türke traben,<br /></span>
-<span class="i0">Und bestellt auf abends um vier<br /></span>
-<span class="i0">Ein recht feurig arabisch Tier.<br /></span>
-<span class="i0">Ziehet sich an im höchsten Staat,<br /></span>
-<span class="i0">Rotem Rock, mit Gold auf der Naht,<br /></span>
-<span class="i0">Schwärzt den Bart um Wange und Maul<br /></span>
-<span class="i0">Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul.<br /></span>
-<span class="i0">Drauf, als er reitet durch das Tor,<br /></span>
-<span class="i0">Kam es den Türken komisch vor,<br /></span>
-<span class="i0">Hatten noch keinen Reiter gesehn<br /></span>
-<span class="i0">Wie den englischen Kapitän;<br /></span>
-<span class="i0">Die Knie' hatt' er hinaufgezogen<br /></span>
-<span class="i0">Und seinen Rücken krumm gebogen,<br /></span>
-<span class="i0">Die Brust mit den Tressen eingedrückt,<br /></span>
-<span class="i0">Auch den Kopf tief herabgebückt;<br /></span>
-<span class="i0">Saß zu Pferde wie ein armer Schneider.<br /></span>
-<span class="i0">Doch der Schiffskapitän ritt weiter,<br /></span>
-<span class="i0">Glaubte getrost, die Türken lachen<br /></span>
-<span class="i0">Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen.<br /></span>
-<span class="i0">So ritt er bis zum großen Platz,<br /></span>
-<span class="i0">Da macht der Araber einen Satz<br /></span>
-<span class="i0">Und steigt; der englische Kapitän<br /></span>
-<span class="i0">Ergreift des Arabers lange Mähn',<br /></span>
-<span class="i0">Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen<br /></span>
-<span class="i0">Und schreit ihm auf englisch in die Ohren;<br /></span>
-<span class="i0">Das Roß den Reiter nicht verstand,<br /></span>
-<span class="i0">Setzt wieder und wirft ihn in den Sand.<br /></span>
-<span class="i0">Die Türken den Rotrock sehr beklagen,<br /></span>
-<span class="i0">Haben ihn auch zu Schiff getragen,<br /></span>
-<span class="i0">Und seinem Dragoman, einem Scioten,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-<span class="i0">Haben sie hoch und streng verboten,<br /></span>
-<span class="i0">Er dürf's nimmer wieder leiden,<br /></span>
-<span class="i0">Daß der Herr den Araber tät reiten.<br /></span>
-<span class="i0">Als sie verlassen den Kapitan,<br /></span>
-<span class="i0">Befiehlt er gleich dem Dragoman,<br /></span>
-<span class="i0">Ihm auf englisch auszudeuten,<br /></span>
-<span class="i0">Was er gehört von diesen Leuten.<br /></span>
-<span class="i0">Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter,<br /></span>
-<span class="i0">Sie glauben, Ihr seid ein schlechter Reiter,<br /></span>
-<span class="i0">Wollen, Ihr sollt in Stambuls Gassen<br /></span>
-<span class="i0">Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.«<br /></span>
-<span class="i0">Des hat sich der Kapitän gegrämt<br /></span>
-<span class="i0">Und vor den Türken sehr geschämt.<br /></span>
-<span class="i0">Spricht zum Dragoman: »Geh hinein<br /></span>
-<span class="i0">Und sage den Türken: es kommt vom Wein;<br /></span>
-<span class="i0">Der Herr ist sonst ein guter Reiter,<br /></span>
-<span class="i0">Aber heut an der Tafel, leider,<br /></span>
-<span class="i0">Hat er sich ziemlich in Sekt betrunken,<br /></span>
-<span class="i0">Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.«<br /></span>
-<span class="i0">Der Grieche ging zum Hafentor<br /></span>
-<span class="i0">Und trug den Türken die Sache vor.<br /></span>
-<span class="i0">Doch diese hörten ihn schaudernd an:<br /></span>
-<span class="i0">»Wir glaubten Gutes vom roten Mann<br /></span>
-<span class="i0">Und dachten, er sitze schlecht zu Pferd,<br /></span>
-<span class="i0">Weil's ihn sein Vater nicht besser gelehrt;<br /></span>
-<span class="i0">Aber wie, von Wein betrunken,<br /></span>
-<span class="i0">Ist er im Rausche vom Pferd gesunken?<br /></span>
-<span class="i0">Pfui dem Giaur und seinem Glas,<br /></span>
-<span class="i0">Allah tue ihm dies und das!«<br /></span>
-<span class="i0">Da sprach ein alter Muselmann:<br /></span>
-<span class="i0">»Glaubt's nicht, Leute, höret mich an!<br /></span>
-<span class="i0">Nicht, weil der Frank' zu viel getrunken,<br /></span>
-<span class="i0">Ist er schmählich vom Roß gesunken.<br /></span>
-<span class="i0">Hab' gleich gedacht, es wird so gehn,<br /></span>
-<span class="i0">Als ich ihn habe reiten sehn,<br /></span>
-<span class="i0">Die Knie' hoch hinaufgezogen,<br /></span>
-<span class="i0">Den Rücken krumm und schief gebogen,<br /></span>
-<span class="i0">Die Brust mit Tressen eingedrückt,<br /></span>
-<span class="i0">Kopf und Nacken niedergebückt.<br /></span>
-<span class="i0">Denk' ich, wenn sein Rößlein scheut,<br /></span>
-<span class="i0">Ihn sein Reiten gewiß gereut.<br /></span>
-<span class="i0">Aber nein, ich will euch sagen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-<span class="i0">Warum er wollte den Wein verklagen<br /></span>
-<span class="i0">Und stellte sich lieber als Säufer gar,<br /></span>
-<span class="i0">Denn als ein schlechter Reiter dar:<br /></span>
-<span class="i0">Das macht des Menschen Eitelkeit,<br /></span>
-<span class="i0">Die ihn zu Trug und Lug verleit't.<br /></span>
-<span class="i0">Will mancher lieber ein Laster haben,<br /></span>
-<span class="i0">Hätt' er nur andere glänzende Gaben;<br /></span>
-<span class="i0">Und mancher lieber eine Sünd' gesteht,<br /></span>
-<span class="i0">Eh' er eine Lächerlichkeit verrät;<br /></span>
-<span class="i0">Ein dritter will gar zur Hölle fahren,<br /></span>
-<span class="i0">Um sich ein falsch Erröten zu sparen.<br /></span>
-<span class="i0">So auch der fränkische Kapitan,<br /></span>
-<span class="i0">Schämt sich und lügt uns lieber an,<br /></span>
-<span class="i0">Will lieber Säufer sich lassen schelten,<br /></span>
-<span class="i0">Als für einen schlechten Reiter gelten.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Jesuitenbeichte">Jesuitenbeichte.</h3>
-
-<p class="center">(Nach dem Französischen.)</p>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich liebte zwanzig Mädchen nach der Reihe,<br /></span>
-<span class="i0">Und jeder war mein ganzes Herz geweiht,<br /></span>
-<span class="i0">Und jede schwur mir heute ew'ge Treue<br /></span>
-<span class="i0">Und brach schon morgen ihren heil'gen Eid.<br /></span>
-<span class="i0">Da schwur und flucht' ich, keinem Weib zu trauen.<br /></span>
-<span class="i0">»Mein Sohn, wer flucht, der sündiget. Allein<br /></span>
-<span class="i0">Die Schuld liegt diesmal wirklich an den Frauen;<br /></span>
-<span class="i0">Du sollst versöhnet und entschuldigt sein.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Weil ich Bestechung haßte wie die Hölle,<br /></span>
-<span class="i0">Fand mein Minister mich zu ungeschickt,<br /></span>
-<span class="i0">Und einem feilen Kerl gab er die Stelle,<br /></span>
-<span class="i0">Der sich vor seinem Kammerdiener bückt;<br /></span>
-<span class="i0">Da wünschte ich Herrn C… zum Teufel.<br /></span>
-<span class="i0">»Mein Sohn, welch rohe Leidenschaft! Allein<br /></span>
-<span class="i0">Bei kaltem Blut bereust du ohne Zweifel;<br /></span>
-<span class="i0">Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Mit schönen Worten, blendendem Versprechen<br /></span>
-<span class="i0">Hat ein bekannter Herr mich arm gemacht,<br /></span>
-<span class="i0">Und um mich für die Tausende zu rächen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span>
-<span class="i0">Um die mich der Verräter hat gebracht,<br /></span>
-<span class="i0">Schalt ich Herrn V… einen Beutelschneider.<br /></span>
-<span class="i0">»Mein Sohn, das Wort war freilich grob. Allein<br /></span>
-<span class="i0">Die Welt nennt ihn mit diesem Namen, leider;<br /></span>
-<span class="i0">Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Das Sakrileg, ich will's gestehen, nannte<br /></span>
-<span class="i0">Ich ein Gesetz für Sklaven nur gemacht;<br /></span>
-<span class="i0">Der Menschheit Schmach und des Jahrhunderts Schande,<br /></span>
-<span class="i0">Und P…, ihn, der es ausgedacht,<br /></span>
-<span class="i0">Schalt ich den Mörder aller freien Seelen.<br /></span>
-<span class="i0">»Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein<br /></span>
-<span class="i0">Du irrtest menschlich, irren heißt nicht fehlen;<br /></span>
-<span class="i0">Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und als ich diese arme Welt bedachte<br /></span>
-<span class="i0">Und sah, wie alles schief und irrig geht,<br /></span>
-<span class="i0">Wie man die Tugend und das Recht verlachte,<br /></span>
-<span class="i0">Und wie jetzt Trug und Laster oben steht,<br /></span>
-<span class="i0">Da &ndash; hielt ich Gott für einen leeren Namen!<br /></span>
-<span class="i0">»Mein Sohn, du hast dich schwer verfehlt. Allein<br /></span>
-<span class="i0">Gott ist barmherzig gegen Sünder, Amen;<br /></span>
-<span class="i0">Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich liebte Eintracht in Palast und Hütten;<br /></span>
-<span class="i0">Doch als ich schleichend wiederkehren sah<br /></span>
-<span class="i0">Die Zwietracht an der Hand der Jesuiten,<br /></span>
-<span class="i0">Da schwur ich ew'gen Haß <em class="gesperrt">Sankt Loyola</em>,<br /></span>
-<span class="i0">Und ew'gen Haß und Rache seinen Söhnen!<br /></span>
-<span class="i0">»Mein Sohn, ich bin die Langmut selbst! Allein<br /></span>
-<span class="i0">Das heißt fürwahr das Heiligste verhöhnen!<br /></span>
-<span class="i0">Vor <em class="gesperrt">uns</em> und Gott kannst du nicht schuldlos sein!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Regel_fur_Kranke">Regel für Kranke.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Hast du mit dem Apotheker Streit,<br /></span>
-<span class="i0">Es dem Arzt zu klagen vermeid';<br /></span>
-<span class="i0">Hast du über den Arzt zu klagen,<br /></span>
-<span class="i0">Sollst du's nicht dem Apotheker sagen;<br /></span>
-<span class="i0">Denn sind sie auch Feinde immerdar,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">So werden sie Freund' am neuen Jahr,<br /></span>
-<span class="i0">Verkünden: der hat dies gesagt,<br /></span>
-<span class="i0">Und mir hat er von dir geklagt.<br /></span>
-<span class="i0">Wirst du nun krank in den ersten Wochen,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Die</em> Arznei sie zusammenkochen:<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">»<em class="antiqua">Recipe</em>: Was er uns getan,<br /></span>
-<span class="i0">Rühren wir ihm jetzt doppelt an;<br /></span>
-<span class="i0">Zwanzig Drachmen von seinen Klagen<br /></span>
-<span class="i0">Mit <em class="antiqua">Asa foetida</em> für den Magen.<br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Misceatur</em>, <em class="antiqua">detur</em>, nebst unsrem Groll,<br /></span>
-<span class="i0">Alle zwei Stunden zwei Löffel voll.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und stirbst du nicht in der Blütezeit<br /></span>
-<span class="i0">Ihrer neuen Herzinnigkeit,<br /></span>
-<span class="i0">Lassen sie dich so lange liegen,<br /></span>
-<span class="i0">Bis sie selbst wieder Händel kriegen.<br /></span>
-</div>
-
-<div class="stanza">
-<span class="i6">*<sub class="spacer">*</sub>*<br /></span>
-</div>
-
-<div class="stanza">
-<span class="i0">Merke: zweier Gegner Klagen<br /></span>
-<span class="i0">Mußt du nicht hin und wieder tragen;<br /></span>
-<span class="i0">Weißt nicht, ob, die geschieden scheinen,<br /></span>
-<span class="i0">Sich nachmals gegen dich vereinen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Schriftsteller">Schriftsteller.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Es ist kein Autor so gering und klein,<br /></span>
-<span class="i0">Der nicht dächt', etwas Recht's zu sein;<br /></span>
-<span class="i0">Und wär' er noch so ein armer Wicht,<br /></span>
-<span class="i0">Geht er doch stolz und aufgericht't,<br /></span>
-<span class="i0">Daß man glaubt, der leere Hut<br /></span>
-<span class="i0">Noch zu dem Kleinen gehören tut.<br /></span>
-<span class="i0">Auch kein Autor auf den andern baut;<br /></span>
-<span class="i0">Denn sei ein Paar noch so vertraut,<br /></span>
-<span class="i0">Darfst heut den einen heruntersetzen,<br /></span>
-<span class="i0">Willst du den andern höher schätzen,<br /></span>
-<span class="i0">Und morgen, auf des zweiten Kösten,<br /></span>
-<span class="i0">Läßt sich der erste nennen den Besten.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span></p>
-
-<h3 id="Lehre_aus_Erfahrung">Lehre aus Erfahrung.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Hat dir ein Autor Geld geliehn<br /></span>
-<span class="i0">Und kommt und will den Wechsel ziehn,<br /></span>
-<span class="i0">Und kannst doch nicht sogleich bezahlen,<br /></span>
-<span class="i0">Ihm auch keinen andern Trug vormalen,<br /></span>
-<span class="i0">So sprich getrost: »Jetzt weiß ich schon,<br /></span>
-<span class="i0">'s war, als die treffliche Rezension,<br /></span>
-<span class="i0">Wie Euer letztes Werk gelungen,<br /></span>
-<span class="i0">Stund in den Literaturzeitungen;<br /></span>
-<span class="i0">Waret gelobt übern Schellenkönig,<br /></span>
-<span class="i0">Und dennoch, deucht es mir, zu wenig.<br /></span>
-<span class="i0">Aber könntet Ihr nicht noch borgen<br /></span>
-<span class="i0">Einige Zeit?« &ndash; »Seid ohne Sorgen,«<br /></span>
-<span class="i0">Der Autor darauf ganz freundlich spricht,<br /></span>
-<span class="i0">»Nach meinem Geld verlangt mich nicht,<br /></span>
-<span class="i0">Bleibet mein Freund; 's hat kein' Gefahr<br /></span>
-<span class="i0">Könnt mich bezahlen bis übers Jahr.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Amor_der_Rauber">Amor der Räuber.</h3>
-
-<p class="center">(Nach dem Italienischen.)</p>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Die <em class="gesperrt">Unschuld</em> saß in grüner Laube,<br /></span>
-<span class="i0">Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß;<br /></span>
-<span class="i0">Und Amor kam: Gib mir die Taube,<br /></span>
-<span class="i0">Ein Weilchen nur gib deine Taube!<br /></span>
-<span class="i0">Die Unschuld ließ sie lächelnd los,<br /></span>
-<span class="i0">Doch hielt sie Täubchen an dem Band,<br /></span>
-<span class="i0">Das sich um Täubchens Flügel wand.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Doch kaum hat er die weiße Taube,<br /></span>
-<span class="i0">So schneidet er den Faden ab;<br /></span>
-<span class="i0">Und höhnisch lachend, mit dem Raube<br /></span>
-<span class="i0">Entflieht der Räuber aus der Laube,<br /></span>
-<span class="i0">Und nimmer kehrt der lose Knab';<br /></span>
-<span class="i0">Und als ihr Täubchen nimmer kam,<br /></span>
-<span class="i0">Ward sie dem Räuber ewig gram.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span></p>
-
-<h3 id="Stille_Liebe">Stille Liebe.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge<br /></span>
-<span class="i0">Oft so entzückend mir entgegenstrahlt,<br /></span>
-<span class="i0">Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe,<br /></span>
-<span class="i0">Die Wangen ihr mit hoher Röte malt!<br /></span>
-<span class="i0">Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen,<br /></span>
-<span class="i0">Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt?<br /></span>
-<span class="i0">Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe,<br /></span>
-<span class="i0">Der so entzückend ihrem Blick entquillt?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Warum hat doch ihr Händchen so gezittert,<br /></span>
-<span class="i0">Als ich ihr gestern guten Abend bot,<br /></span>
-<span class="i0">Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute,<br /></span>
-<span class="i0">Was machte sie auf einmal doch so rot?<br /></span>
-<span class="i0">Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben,<br /></span>
-<span class="i0">So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt;<br /></span>
-<span class="i0">Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen<br /></span>
-<span class="i0">Am Busen und am Sommerhütchen trägt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Warum schwieg sie auf einmal heute stille<br /></span>
-<span class="i0">Und wußte nicht mehr, was ich sie gefragt?<br /></span>
-<span class="i0">Hat sie gemerkt, was ich ihr gerne sagte?<br /></span>
-<span class="i0">Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort gesagt.<br /></span>
-<span class="i0">O hätt' ich Mut! dürft' ich Luisen sagen,<br /></span>
-<span class="i0">Was mich so still, was mich so tief beglückt!<br /></span>
-<span class="i0">O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge<br /></span>
-<span class="i0">Oft so entzückend mir entgegenblickt!<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Hoffe">Hoffe!</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Stimme von dem braunen Hügel,<br /></span>
-<span class="i2">Die du oft ins stille Tal<br /></span>
-<span class="i0">Widertönst die lauten Worte,<br /></span>
-<span class="i2">Lieben trauten Widerhall,<br /></span>
-<span class="i0">Stimme, die du meine Lieder,<br /></span>
-<span class="i0">Die Akkorde meiner Zither<br /></span>
-<span class="i2">Widertönst, erschalle,<br /></span>
-<span class="i0">Gib nicht neckend meine Frage wieder,<br /></span>
-<span class="i0">Gib mir Antwort, Stimm' im stillen Tale.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Stiller Strom im grauen Bette,<br /></span>
-<span class="i2">Eile nicht so schnell davon,<br /></span>
-<span class="i0">Daß mein Ohr einmal verstände<br /></span>
-<span class="i2">Deiner Wellen leisen Ton;<br /></span>
-<span class="i0">Deine schönen Silberquellen<br /></span>
-<span class="i0">Sollen traulich mir erzählen,<br /></span>
-<span class="i2">Rausche lauter, rausche,<br /></span>
-<span class="i0">Sprich zu meinem Ohr aus deinen Wellen,<br /></span>
-<span class="i0">Daß ich deine Sagen mir erlausche.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die ihr an dem alten Turme<br /></span>
-<span class="i2">Oft im Mondesschimmer webt<br /></span>
-<span class="i0">Und in nächtlich-stiller Stunde<br /></span>
-<span class="i2">Durch den blassen Hain entschwebt,<br /></span>
-<span class="i0">Nebelschatten alter Helden,<br /></span>
-<span class="i0">Ach, daß sie mir doch erzählten,<br /></span>
-<span class="i2">Steht mir Red', ich frage,<br /></span>
-<span class="i0">Wollt ihr nichts aus euren Tagen melden,<br /></span>
-<span class="i0">O wie gerne lauscht' ich eurer Sage.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Von den alten, öden Zinnen<br /></span>
-<span class="i2">Schauen düster sie herab,<br /></span>
-<span class="i0">Ach, sie blicken von den Türmen<br /></span>
-<span class="i2">Schweigend in ein ödes Grab;<br /></span>
-<span class="i0">Alles Edle ist verklungen,<br /></span>
-<span class="i0">Alles hat die Zeit verschlungen,<br /></span>
-<span class="i2">Dem Geschlecht hienieden,<br /></span>
-<span class="i0">Das so tief in seinem Fluch gesunken,<br /></span>
-<span class="i0">Haben keine Antwort sie beschieden!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Auch des Stromes stille Wellen<br /></span>
-<span class="i2">Haben schönre Zeit gesehen.<br /></span>
-<span class="i0">Als noch edlere Geschlechter<br /></span>
-<span class="i2">Bauten auf der Berge Höhen,<br /></span>
-<span class="i0">Stolz verachtet er die Frage,<br /></span>
-<span class="i0">Uebertönet meine Klage,<br /></span>
-<span class="i2">Seine blauen Wogen<br /></span>
-<span class="i0">Denken schweigend jener schönen Tage,<br /></span>
-<span class="i0">Schweigend sind durchs Tal sie hingezogen.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und so steh' ich denn alleine<br /></span>
-<span class="i2">In der stillen Mondesnacht,<br /></span>
-<span class="i0">Weine um die trüben Zeiten,<br /></span>
-<span class="i2">Ob kein neu Geschlecht erwacht?<br /></span>
-<span class="i0">Ach, daß sich mein Volk ermannte,<br /></span>
-<span class="i0">Daß es sprengte seine Bande!<br /></span>
-<span class="i2">Ob ich wohl noch hoffe?<br /></span>
-<span class="i0">Lautlos fließt der Strom vom grauen Strande,<br /></span>
-<span class="i0">Nur das leise Echo ruft mir: Hoffe!<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Trost">Trost.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Mißgunst lauscht auf allen Wegen,<br /></span>
-<span class="i0">Daß sie der Liebe Glück verrät,<br /></span>
-<span class="i0">Doch treue, zarte Liebe geht<br /></span>
-<span class="i0">Auf tausend unbewachten Stegen;<br /></span>
-<span class="i0">Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick<br /></span>
-<span class="i0">Sagt mir der Liebe süßes Glück.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und zog ich auch in weite Ferne,<br /></span>
-<span class="i0">Es zog mit mir mein stilles Glück,<br /></span>
-<span class="i0">Denn schau' ich nicht der Liebe Blick,<br /></span>
-<span class="i0">So blick' ich auf zum Abendsterne;<br /></span>
-<span class="i0">Wie ihres Auges stille Glut<br /></span>
-<span class="i0">Strahlt er ins Herz getrosten Mut.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wallen meine Tage trüber,<br /></span>
-<span class="i0">Und dringt kein Trost von ihr zu mir,<br /></span>
-<span class="i0">Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr,<br /></span>
-<span class="i0">Kein Wort von ihr zu mir herüber;&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Mein stilles Glück ist nicht getrübt,<br /></span>
-<span class="i0">Ich weiß ja doch, daß sie mich liebt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Drum klag' ich nicht in weiter Ferne,<br /></span>
-<span class="i0">Weil Neid der Liebe Weg belauscht,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn auch nicht Wort mit Wort sich tauscht,<br /></span>
-<span class="i0">Mir strahlt ein Trost im Abendsterne:<br /></span>
-<span class="i0">Aus seinen milden Strahlen quillt<br /></span>
-<span class="i0">Mir meiner Liebe trautes Bild.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p>
-
-<h3 id="Sehnsucht">Sehnsucht.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Sonne grüßt Tubingas Höhn,<br /></span>
-<span class="i0">Der Berge Morgennebel fallen,<br /></span>
-<span class="i0">Und leichte Frühlingslüfte wehn,<br /></span>
-<span class="i0">Im Tal die Herdenglocken schallen,<br /></span>
-<span class="i0">Des Neckars sanfte Welle quillt<br /></span>
-<span class="i0">An der Gestade Rebenhügel,<br /></span>
-<span class="i0">Es taucht die alte Burg ihr Bild<br /></span>
-<span class="i0">In seinen silberreinen Spiegel.<br /></span>
-<span class="i0">Wie wär' der Morgen doch so schön,<br /></span>
-<span class="i0">Könnt' ich mit <em class="gesperrt">dir</em> mich da ergehn!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und reger wogt's am Ufer hin,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn Mittag zu den Schatten ladet,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn sich durch frisches Blättergrün<br /></span>
-<span class="i0">Die Sonne in dem Strome badet;<br /></span>
-<span class="i0">Der Hirte zieht den Linden zu,<br /></span>
-<span class="i0">Der Winzer steigt vom Berge nieder,<br /></span>
-<span class="i0">Und in des kühlen Strandes Ruh'<br /></span>
-<span class="i0">Erwachen ihre Kräfte wieder;<br /></span>
-<span class="i0">Am Neckarstrand ruht' ich so gerne,<br /></span>
-<span class="i0">Wär' nicht Luise in der Ferne.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Abend senket seinen Strahl,<br /></span>
-<span class="i0">Die Herden ziehen von den Weiden,<br /></span>
-<span class="i0">Und fernhin durch das holde Tal<br /></span>
-<span class="i0">Die Dörfer zu der Ruhe läuten;<br /></span>
-<span class="i0">Da kommen Mädchen Hand in Hand<br /></span>
-<span class="i0">Den Wiesenplan heraufgezogen;<br /></span>
-<span class="i0">Es wölbt für sie am grünen Strand<br /></span>
-<span class="i0">Der Lindengang die hohen Bogen;<br /></span>
-<span class="i0">Doch jenen Linden fehlt das eine,<br /></span>
-<span class="i0">Ich wandle ohne <em class="gesperrt">sie</em> &ndash; alleine!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Auf geht des Mondes Silberstrahl,<br /></span>
-<span class="i0">Er malt den Berg mit falbem Glanze,<br /></span>
-<span class="i0">Er ruft die Geister in das Tal,<br /></span>
-<span class="i0">Er leuchtet ihrem Reigentanze;<br /></span>
-<span class="i0">Ihr Berge all von Duft umhüllt,<br /></span>
-<span class="i0">Du Tal am Strome auf und nieder,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span>
-<span class="i0">Du wärst so hold, du wärst so mild,<br /></span>
-<span class="i0">Dir weiht' ich meine frohsten Lieder&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Du wärst so schön im Abendscheine,<br /></span>
-<span class="i0">Schlüg' <em class="gesperrt">sie</em> ihr Aug' hier in das meine.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Ihr_Auge">Ihr Auge.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich weiß wo einen Bronnen<br /></span>
-<span class="i0">Voll hellem Himmelstau,<br /></span>
-<span class="i0">Es glänzt der Strahl der Sonnen<br /></span>
-<span class="i0">Aus seines Spiegels Blau;<br /></span>
-<span class="i0">Er ladet klar und helle<br /></span>
-<span class="i0">Zu süßer Wonne ein,<br /></span>
-<span class="i0">Es winkt aus seiner Quelle<br /></span>
-<span class="i0">Der Sonne milder Schein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Mir war, als sollte drunten<br /></span>
-<span class="i0">In seiner klaren Flut<br /></span>
-<span class="i0">Das arme Herz gesunden<br /></span>
-<span class="i0">Von seinem bangen Mut.<br /></span>
-<span class="i0">Ich tauchte freudig nieder<br /></span>
-<span class="i0">Ins klare Blaue hinab,<br /></span>
-<span class="i0">Mein Herz, das kam nicht wieder,<br /></span>
-<span class="i0">Fand in dem Quell sein Grab.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Kennst du den süßen Bronnen,<br /></span>
-<span class="i0">So klar und silberhell?<br /></span>
-<span class="i0">Kennst du den Strahl der Sonnen<br /></span>
-<span class="i0">Aus seinem blauen Quell?<br /></span>
-<span class="i0">Das ist des Liebchens Auge,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Ihr</em> süßer Silberblick,&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Aus seiner Tiefe tauche<br /></span>
-<span class="i0">Ich nie zum Licht zurück.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p>
-
-<h3 id="Serenade">Serenade.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wenn vom Berg mit leisem Tritte<br /></span>
-<span class="i0">Luna wandelt durch die Nacht,<br /></span>
-<span class="i0">Eil' ich zu des Liebchens Hütte,<br /></span>
-<span class="i0">Lausche, ob die Holde wacht.<br /></span>
-<span class="i0">Seh' ich dort die Lampe glühen<br /></span>
-<span class="i0">In dem stillen Kämmerlein,<br /></span>
-<span class="i0">Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein,<br /></span>
-<span class="i0">Spielend um die zarten Wangen ziehen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Mit des Lichtes schönsten Strahlen<br /></span>
-<span class="i0">Zög' ich um mein liebes Kind,<br /></span>
-<span class="i0">Farben wollt' ich um sie malen,<br /></span>
-<span class="i0">Wie sie nur am Himmel sind;<br /></span>
-<span class="i0">Sänke Schlummer ihr aufs Auge,<br /></span>
-<span class="i0">Löschte sie des Lämpchens Schein,<br /></span>
-<span class="i0">Wär' ihr letzter, süßer Blick noch mein,<br /></span>
-<span class="i0">Und ich stürbe sanft in ihrem Hauche.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Nimmer darf ich um sie weben<br /></span>
-<span class="i0">Wie der Lampe milder Schein,<br /></span>
-<span class="i0">Doch mein Lied darf zu ihr schweben,<br /></span>
-<span class="i0">Darf der Liebe Bote sein.<br /></span>
-<span class="i0">Schwebt denn, Töne meiner Laute,<br /></span>
-<span class="i0">Zu des Liebchens Kämmerlein,<br /></span>
-<span class="i0">Wieget sie in süße Träume ein<br /></span>
-<span class="i0">Und dann flüstert: »Denke mein, du Traute!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Lied_aus_der_Ferne">Lied aus der Ferne.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ihr Töne meiner Saiten,<br /></span>
-<span class="i2">Ihr tönt so sanft, so mild,<br /></span>
-<span class="i0">Mit Träumen ferner Freuden<br /></span>
-<span class="i2">Habt ihr mein Herz erfüllt.<br /></span>
-<span class="i0">Des Liebchens Kuß, des Liebchens Blick,<br /></span>
-<span class="i2">Führt mir der sanfte Ton zurück,<br /></span>
-<span class="i2">Der eurem Hauch entquillt!<br /></span>
-<span class="i0">O lispelt leise, leise!<br /></span>
-<span class="i2">Dann träum' ich schönre Zeiten<br /></span>
-<span class="i2">Und meiner Liebe Bild.<br /></span>
-<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span></div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wenn auf der Berge Höhen<br /></span>
-<span class="i2">Der Strahl des Morgens fällt,<br /></span>
-<span class="i0">Möcht' ich mit Windeswehen<br /></span>
-<span class="i2">Zu meiner Jugendwelt,<br /></span>
-<span class="i0">Möcht' eilen mit des Morgens Strahl<br /></span>
-<span class="i2">Zum blauen Berg, zum fernen Tal,<br /></span>
-<span class="i2">Das sie umfangen hält.<br /></span>
-<span class="i0">Vergebens, ach, vergebens!<br /></span>
-<span class="i2">Mir blüht kein Wiedersehen<br /></span>
-<span class="i2">In meiner Jugendwelt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Die_Freundinnen_an_der_Freundin_Hochzeittage">Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">In deines Festes fröhliche Gesänge<br /></span>
-<span class="i0">Mischt sich ein trauter Ton aus alter Zeit,<br /></span>
-<span class="i0">Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge<br /></span>
-<span class="i0">Zurück noch einmal zur Vergangenheit;<br /></span>
-<span class="i0">Die Freundschaft ist's, es sind der Schwestern Tritte,<br /></span>
-<span class="i0">Sie pochen schüchtern an der Pforte an,<br /></span>
-<span class="i0">Sie nahen dir, sie flüstern ihre Bitte<br /></span>
-<span class="i0">Und fragen freundlich: Denkst du noch daran?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Denkst du daran, wie wir uns einst gefunden<br /></span>
-<span class="i0">In unsrer Kindheit holder Blumenwelt?<br /></span>
-<span class="i0">Es waren unsres Lebens Morgenstunden,<br /></span>
-<span class="i0">Vom Frührot reiner Freuden schön erhellt;<br /></span>
-<span class="i0">Der Schule Mühen, alle frohen Spiele<br /></span>
-<span class="i0">Und aller Jubel von der Kindheit Bahn,<br /></span>
-<span class="i0">Sie steigen auf in freudigem Gewühle<br /></span>
-<span class="i0">Und fragen mit uns: Denkst du noch daran?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Denkst du daran, wie an der Kindheit Grenzen<br /></span>
-<span class="i0">Uns eine schönre Freudenwelt empfing?<br /></span>
-<span class="i0">Wie uns ein Leben, voll Gesang und Tänzen,<br /></span>
-<span class="i0">Gefaßt in seinen wundervollen Ring?<br /></span>
-<span class="i0">Und wie auch ernste deutungsvolle Tage<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens Ernst und Züge zeigten an?<br /></span>
-<span class="i0">Es war der Jugend Frühlingstag; o sage,<br /></span>
-<span class="i0">Die Schwestern bitten: Denkst du noch daran?<br /></span>
-<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wohl trittst du jetzt in ernster Frauen Kreise,<br /></span>
-<span class="i0">Die Myrte schmückt zum letztenmal dein Haar,<br /></span>
-<span class="i0">Du tändelst nicht mehr nach der Mädchen Weise,<br /></span>
-<span class="i0">Du nimmst jetzt Abschied von der Jungfraun Schar.<br /></span>
-<span class="i0">Doch blickst du künftig ernst in unsern Reigen,<br /></span>
-<span class="i0">Schilt unsre Freuden dann nicht leeren Wahn;<br /></span>
-<span class="i0">Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen<br /></span>
-<span class="i0">Und lächelnd sagen: Denkst du noch daran?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Du denkst daran &ndash; und zum Gedächtnismale,<br /></span>
-<span class="i0">Als eine reine, jungfräuliche Zier,<br /></span>
-<span class="i0">Nimm von den Schwestern die kristallne Schale,<br /></span>
-<span class="i0">Wir reichen sie mit frommen Wünschen dir.<br /></span>
-<span class="i0">So werden wir in deinem Herzen leben,<br /></span>
-<span class="i0">Denn siehst du einmal diese Schale an,<br /></span>
-<span class="i0">Dann wird dich die Erinnerung umschweben,<br /></span>
-<span class="i0">Und freundlich sagst du: »Ja, ich denk' daran.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="An_Emilie">An Emilie.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Zum Garten ging ich früh hinaus,<br /></span>
-<span class="i0">Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde?<br /></span>
-<span class="i0">Nach manchem Blümchen schaut' ich aus,<br /></span>
-<span class="i0">Ich wollt's für dich zum Angebinde;<br /></span>
-<span class="i0">Umsonst hatt' ich mich hinbemüht,<br /></span>
-<span class="i0">Vergebens war mein freudig Hoffen;<br /></span>
-<span class="i0">Das Veilchen war schon abgeblüht,<br /></span>
-<span class="i0">Von andern Blümchen keines offen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und trauernd späht' ich her und hin,<br /></span>
-<span class="i0">Da tönte zu mir leise, leise<br /></span>
-<span class="i0">Ein Flüstern aus der Zweige Grün,<br /></span>
-<span class="i0">Gesang nach sel'ger Geister Weise;<br /></span>
-<span class="i0">Und lieblich, wie des Morgens Licht<br /></span>
-<span class="i0">Des Tales Nebelhüllen scheidet,<br /></span>
-<span class="i0">Ein Röschen aus der Knospe bricht,<br /></span>
-<span class="i0">Das seine Blätter schnell verbreitet.<br /></span>
-<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span></div><div class="stanza">
-<span class="i0">»Du suchst ein Blümchen?« spricht's zu mir,<br /></span>
-<span class="i0">»So nimm mich hin mit meinen Zweigen,<br /></span>
-<span class="i0">Bring mich zum Angebinde ihr!<br /></span>
-<span class="i0">Ich bin der <em class="gesperrt">wahren</em> Freude Zeichen.<br /></span>
-<span class="i0">Ob auch mein Glanz vergänglich sei,<br /></span>
-<span class="i0">Es treibt aus ihrem treuen Schoße<br /></span>
-<span class="i0">Die Erde meine Knospen neu,<br /></span>
-<span class="i0">Drum unvergänglich ist die Rose.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wie mein Leben ewig quillt<br /></span>
-<span class="i0">Und Knosp' um Knospe sich erschließet,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn mich die Sonne sanft und mild<br /></span>
-<span class="i0">Mit ihrem Feuerkuß begrüßet,<br /></span>
-<span class="i0">So deine Freundin ewig blüht,<br /></span>
-<span class="i0">Beseelt vom Geiste ihrer Lieben,<br /></span>
-<span class="i0">Denn ob der Rose Schmelz verglüht&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Der Rose Leben ist geblieben.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Der_Kranke">Der Kranke.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Zitternd auf der Berge Säume<br /></span>
-<span class="i0">Fällt der Sonne letzter Strahl,<br /></span>
-<span class="i0">Eingewiegt in düstre Träume<br /></span>
-<span class="i0">Blickt der Kranke in das Tal,<br /></span>
-<span class="i0">Sieht der Wolken schnelles Jagen<br /></span>
-<span class="i0">Durch das trübe Dämmerlicht&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Ach, des Busens stille Klagen<br /></span>
-<span class="i0">Tragen ihn zur Heimat nicht!<br /></span>
-<span class="i0">Und mit glänzendem Gefieder<br /></span>
-<span class="i0">Zog die Schwalbe durch die Luft,<br /></span>
-<span class="i0">Nach der Heimat zog sie wieder,<br /></span>
-<span class="i0">Wo ein milder Himmel ruft;<br /></span>
-<span class="i0">Und er hört ihr fröhlich Singen,<br /></span>
-<span class="i0">Sehnsucht füllt des Armen Blick,<br /></span>
-<span class="i0">Ach, er sah sie auf sich schwingen,<br /></span>
-<span class="i0">Und sein Kummer bleibt zurück.<br /></span>
-<span class="i0">Schöner Fluß mit blauem Spiegel,<br /></span>
-<span class="i0">Hörst du seine Klagen nicht?<br /></span>
-<span class="i0">Sag' es seiner Heimat Hügel,<br /></span>
-<span class="i0">Daß des Kranken Busen bricht.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span>
-<span class="i0">Aber kalt rauscht er vom Strande<br /></span>
-<span class="i0">Und entrollt ins stille Tal,<br /></span>
-<span class="i0">Schweiget in der Heimat Lande<br /></span>
-<span class="i0">Von des Kranken stiller Qual.<br /></span>
-<span class="i0">Und der Arme stützt die Hände<br /></span>
-<span class="i0">An das müde, trübe Haupt;<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Eins</em> ist noch, wohin sich wende<br /></span>
-<span class="i0">Der, dem aller Trost geraubt;<br /></span>
-<span class="i0">Schlägt das blaue Auge wieder<br /></span>
-<span class="i0">Mutig auf zum Horizont,<br /></span>
-<span class="i0">Immer stieg ja Trost hernieder<br /></span>
-<span class="i0">Dorther, wo die Liebe wohnt.<br /></span>
-<span class="i0">Und es netzt die blassen Wangen<br /></span>
-<span class="i0">Heil'ger Sehnsucht stiller Quell,<br /></span>
-<span class="i0">Und es schweigt das Erdverlangen,<br /></span>
-<span class="i0">Und das Auge wird ihm hell:<br /></span>
-<span class="i0">Nach der ew'gen Heimat Lande<br /></span>
-<span class="i0">Strebt sein Sehnen kühn hinauf,<br /></span>
-<span class="i0">Sehnsucht sprengt der Erde Bande,<br /></span>
-<span class="i0">Psyche schwingt zum Licht sich auf.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Grabgesang">Grabgesang.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Vor des Friedhofs dunkler Pforte<br /></span>
-<span class="i0">Bleiben Leid und Schmerzen stehn,<br /></span>
-<span class="i0">Dringen nicht zum heil'gen Orte,<br /></span>
-<span class="i0">Wo die sel'gen Geister gehn,<br /></span>
-<span class="i0">Wo nach heißer Tage Glut<br /></span>
-<span class="i0">Unser Freund in Frieden ruht.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Zu des Himmels Wolkentoren<br /></span>
-<span class="i0">Schwang die Seele sich hinan,<br /></span>
-<span class="i0">Fern von Schmerzen, neu geboren,<br /></span>
-<span class="i0">Geht sie auf &ndash; die Sternenbahn;<br /></span>
-<span class="i0">Auch vor jenen heil'gen Höhn<br /></span>
-<span class="i0">Bleiben Leid und Schmerzen stehn.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sehnsucht gießet ihre Zähren<br /></span>
-<span class="i0">Auf den Hügel, wo er ruht;<br /></span>
-<span class="i0">Doch ein Hauch aus jenen Sphären<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-<span class="i0">Füllt das Herz mit neuem Mut;<br /></span>
-<span class="i0">Nicht zur Gruft hinab &ndash; hinan,<br /></span>
-<span class="i0">Aufwärts ging des Freundes Bahn.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Drum auf des Gesanges Schwingen<br /></span>
-<span class="i0">Steigen wir zu ihm empor,<br /></span>
-<span class="i0">Unsre Trauertöne dringen<br /></span>
-<span class="i0">Aufwärts zu der Sel'gen Chor,<br /></span>
-<span class="i0">Tragen ihm in stille Ruh'<br /></span>
-<span class="i0">Unsre letzten Grüße zu.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Aus_dem_Stammbuche_eines_Freundes">Aus dem Stammbuche eines Freundes.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wird dir einst die Nachricht zugesandt,<br /></span>
-<span class="i0">Daß zu den Vätern ich versammelt wäre,<br /></span>
-<span class="i0">So trink und sprich: »Ich hab' ihn auch gekannt!«<br /></span>
-<span class="i0">Mach hier ein Kreuz &ndash; und gib mir eine Zähre.<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 id="Logogryph">Logogryph.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet?<br /></span>
-<span class="i0">Kennst du der Liebe trauliches Symbol?<br /></span>
-<span class="i0">Das feste Band, das sich um Freunde windet,<br /></span>
-<span class="i0">Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen;<br /></span>
-<span class="i0">Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind;<br /></span>
-<span class="i0">Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen,<br /></span>
-<span class="i0">Hast du die finstre Macht, die ich gemeint.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">So lang die Welt steht, liegen diese beiden<br /></span>
-<span class="i0">Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust;<br /></span>
-<span class="i0">Halt fest am <em class="gesperrt">Ganzen</em>, laß sie nimmer streiten<br /></span>
-<span class="i0">In deiner stillen und zufriednen Brust.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p>
-
-<h3 id="Drei_Ratsel">Drei Rätsel.</h3>
-</div>
-
-<h4>1.</h4>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Es ist ein Wort, dreideutig dem Germanen;<br /></span>
-<span class="i0">Einst war das <em class="gesperrt">Erste</em> furchtbar seinen Ahnen;<br /></span>
-<span class="i0">Der schwere Zeiger der Geschichte rückt,<br /></span>
-<span class="i0">Der Deutsche erbt das Zepter; ihr erblickt,<br /></span>
-<span class="i0">Wie dem erwählten deutschen Sohne<br /></span>
-<span class="i0">Im <em class="gesperrt">Zweiten</em> die gewicht'ge Krone<br /></span>
-<span class="i0">Der Bischof auf die Stirne drückt.<br /></span>
-<span class="i0">Es kreist im hochgewölbten Saale<br /></span>
-<span class="i0">Das <em class="gesperrt">Dritte</em> bei dem Krönungsmahle.<br /></span>
-</div></div>
-
-<h4>2.</h4>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Noch sitzt auf halbzerfallnem Throne,<br /></span>
-<span class="i0">Noch hält die längst bestrittne Krone<br /></span>
-<span class="i0">Die alte Königin der Welt.<br /></span>
-<span class="i0">Ob sie wohl je vom Throne fällt?<br /></span>
-<span class="i0">Vielleicht; doch liest du sie von hinten,<br /></span>
-<span class="i0">So wirst du einen König finden,<br /></span>
-<span class="i0">Der herrscht, seitdem die Welt besteht,<br /></span>
-<span class="i0">Des Reich nur mit der Welt vergeht;<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Sie</em> schießt nicht ew'ge Donnerkeile,<br /></span>
-<span class="i0">Doch ewig treffen <em class="gesperrt">seine</em> Pfeile.<br /></span>
-</div></div>
-
-<h4>3.</h4>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Einst hieß man mich die schönste aller Frauen,<br /></span>
-<span class="i0">Selbst Könige entzweite meine Macht.<br /></span>
-<span class="i0">Zehntausend Krieger aus Europas Gauen,<br /></span>
-<span class="i0">Von Asiens Landen schlugen manche Schlacht,<br /></span>
-<span class="i0">Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel,<br /></span>
-<span class="i0">Als bis erschlagen alle Heldensöhne<br /></span>
-<span class="i0">Und bis ein stolzes Königshaus zerfiel;<br /></span>
-<span class="i0">Und dennoch pries man die unsel'ge Schöne.<br /></span>
-<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wieder tönte jüngst mein alter Namen,<br /></span>
-<span class="i0">Doch bin ich häßlich und verlassen nun,<br /></span>
-<span class="i0">Von allen, die des Weges zu mir kamen,<br /></span>
-<span class="i0">Will keiner lang an meiner Seite ruhn;<br /></span>
-<span class="i0">Nur einer kam, der erste, dem nicht graut,<br /></span>
-<span class="i0">An meinem Herd für immer still zu liegen,<br /></span>
-<span class="i0">Der lange mir ins blasse Antlitz schaut<br /></span>
-<span class="i0">Und bitter lacht ob meinen düstern Zügen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ach, darum also,« sprach er, »läßt du feiern<br /></span>
-<span class="i0">Dein unheilvoll Gedächtnis bis auf heut,<br /></span>
-<span class="i0">Damit du reihtest zu den alten Freiern<br /></span>
-<span class="i0">Auch einen Heros aus der neuen Zeit?<br /></span>
-<span class="i0">Doch lockst du mich mit keinem Erdentand,<br /></span>
-<span class="i0">Denn Zeus zerschlug <em class="gesperrt">dein</em> Ilium in Scherben;<br /></span>
-<span class="i0">Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand,<br /></span>
-<span class="i0">So laß mich denn in deinen Armen sterben.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3 id="Scharade">Scharade.</h3>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Der <em class="gesperrt">ersten</em> Silb' entströmen Wein und Lieder,<br /></span>
-<span class="i0">Und was du einsam denkst, macht sie bekannt,<br /></span>
-<span class="i0">Oft geht sie mit dem Zwang auch Hand in Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Schlägt selbst in Fesseln deine freien Glieder!<br /></span>
-<span class="i0">Doch gibt das <em class="gesperrt">zweite</em> Paar dir Hoffnung wieder;<br /></span>
-<span class="i0">Sein Feueratem weht von Land zu Land,<br /></span>
-<span class="i0">Sprengt deines Kerkers festgetürmte Wand,<br /></span>
-<span class="i0">Wirft deine Häscher, deine Fesseln nieder.<br /></span>
-<span class="i0">Scheint <em class="gesperrt">Zwei</em> mit <em class="gesperrt">Eins</em> sich nimmer zu vertragen.<br /></span>
-<span class="i0">So ist <em class="gesperrt">das Ganze</em> doch ein hohes Wort,<br /></span>
-<span class="i0">Woran man nur den Widerspruch getadelt;<br /></span>
-<span class="i0">Doch hat sein Widerspruch manch großen Geist geadelt!<br /></span>
-<span class="i0">Fürwahr! es starb des <em class="gesperrt">Letzten</em> letzter Hort,<br /></span>
-<span class="i0">Wär' es gestorben jüngst in unsern Tagen.<br /></span>
-</div></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p>
-
-<h2 id="Novellen">Novellen.</h2>
-
-<p class="center">Erster Teil.</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span></p>
-
-<h3 id="Inhalt_Novellen">Inhaltsverzeichnis.</h3>
-
-<table summary="Inhalt Novellen">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vertrauliches_Schreiben">57</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Othello</td>
- <td class="tdr"><a href="#Othello">63</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Bettlerin vom Pont des Arts</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Bettlerin_vom_Pont_des_Arts">104</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Jud Süß</td>
- <td class="tdr"><a href="#Jud_Suss">200</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span>
-
-<h3 id="Vertrauliches_Schreiben">Vertrauliches Schreiben<br />
-<span class="smaller">an</span><br />
-<span class="larger">Herrn W. A. Spöttlich,</span></h3>
-
-<p class="center smaller">Vizebataillonschirurgen a. D. und Mautbeamten in Tempelhof bei Berlin.</p>
-</div>
-
-<p>Sie werden mich verbinden, verehrter Herr, wenn Sie
-diese Vorrede lesen, welche ich einer kleinen Sammlung von
-Novellen vordrucken lasse. Ich ergreife nämlich diesen Weg,
-einiges mit Ihnen zu besprechen, teils weil mir nach sechs unbeantwortet
-gebliebenen Briefen das Porto bis Tempelhof zu
-teuer deuchte, teils aber auch, weil Sie vielleicht nicht begreifen,
-warum ich diese Novellen gerade so geschrieben habe und nicht
-anders.</p>
-
-<p>Sie werden nämlich nach Ihrer bekannten Weise, wenn
-Sie »Novellen« auf dem Titel lesen, die kleinen Augen noch ein
-wenig zudrücken, auf geheimnisvolle Weise lächeln und, sollte er
-gerade zugegen sein, Herrn Amtmann Kohlhaupt versichern:
-»Ich kenne den Mann, es ist alles erlogen, was er schreibt;« und
-doch würden Sie sich gerade bei diesen Novellen sehr irren. Die
-besten und berühmtesten Novellendichter Lopez de Vega, Boccaz,
-Goethe, Calderon, Tieck, Scott, Cervantes und auch ein Tempelhofer
-haben freilich aus einem unerschöpflichen Schatz der
-Phantasie ihre Dichtungen hervorgebracht, und die unverwelklichen
-Blumensträuße, die sie gebunden, waren nicht in Nachbars
-Garten gepflückt, sondern sie stammten aus dem ewig
-grünenden Paradies der Poesie, wozu, nach der Sage, Feen
-ihren Lieblingen den unsichtbaren Schlüssel in die Wiege legen.
-Daher kommt es auch, daß durch eine geheimnisvolle Kraft alles,
-was sie gelogen haben, zur schönsten Wahrheit geworden ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>Geringere Sterbliche, welchen jene magische Springwurzel,
-die nicht nur die unsichtbaren Wege der Phantasie erschließt,
-sondern auch die festen und undurchdringlichen Pforten der
-menschlichen Brust aufreißt, nicht zu teil wurde, müssen zu allerlei
-Notbehelf ihre Zuflucht nehmen, wenn sie &ndash; Novellen
-schreiben wollen. Denn das eben ist das Aergerliche an der
-Sache, daß oft ihre Wahrheit als schlecht erfundene Lüge erscheint;
-während die Dichtung jener Feenkinder für treue, unverfälschte
-Wahrheit gilt.</p>
-
-<p>So bleibt oft uns geringen Burschen nichts übrig, als nach
-einer Novelle zu <em class="gesperrt">spionieren</em>. Kaffeehäuser, Restaurationen,
-italienische Keller und dergleichen sind für diesen Zweck nicht
-sehr zu empfehlen. Gewöhnlich trifft man dort nur Männer,
-und Sie wissen selbst, wie schlecht die Restaurationsmenschen
-erzählen. Da wird nur dieses oder jenes Faktum schnell und
-flüchtig hingeworfen; reine Nebenbemerkungen, nichts Malerisches;
-ich möchte sagen, sie geben ihren Geschichten kein Fleisch,
-und wie oft habe ich mich geärgert, wenn man von einer Hinrichtung
-sprach, und dieser oder jener nur hinwarf »geköpft«,
-»hingerichtet«, statt daß man, wie bei ordentlichen Erzählungen
-gebräuchlich, den armen Sünder, seinen Beichtvater, den roten
-Mantel des Scharfrichters, sein blinkendes Schwert sieht, ja
-selbst die Luft pfeifen hört, wenn sein nerviger Arm den Streich
-führt.</p>
-
-<p>Es gibt gewisse Weinstuben, wo sich ältere Herren versammeln
-und nicht gerne einen »Jungen«, einen »Fremden«
-unter sich sehen. Diese pflegen schon besser zu erzählen; dadurch,
-daß sie diesen oder jenen Straßenraub, die geheimnisvolle,
-unerklärliche Flucht eines vornehmen Herrn, einen plötzlichen
-Sterbefall, wobei man »allerlei gemunkelt« habe, schon fünfzigmal
-erzählten, haben ihre Geschichten einen Schmuck, ein stattliches
-Kleid bekommen, und schreiten ehrbar fürder, während
-die Geschichten der Restaurationsmenschen wie Schatten hingleiten.
-Solche Herren haben auch eine Art von historischer
-Gründlichkeit, und es gereicht mir immer zu hoher Freude, wenn
-einer spricht: »Da bringen Sie mich auf einen sonderbaren
-Vorfall,« sich noch eine halbe Flasche geben läßt und dann anhebt:
-»In den siebziger Jahrgängen lebte in meiner Vaterstadt
-ein Kavalier von geheimnisvollem Wesen.« &ndash; Solche
-Herren trifft man allenthalben, und sie werden von mehreren
-unserer neueren Novellisten stark benützt. Der bekannte **<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span>
-versicherte mir, daß er einen ganzen Band seiner Novellen
-solchen alten Nachtfaltern verdanke, und erst aus diesem Geständnis
-konnte ich mir erklären, warum seine Novellen so
-steif und trocken waren; sie kamen mir nachher allesamt vor wie
-alte, verwelkte Junggesellen, die sich ihre Liebesabenteuer erzählen,
-welche sämtlich anfangen: »Zu meiner Zeit.«</p>
-
-<p>Die ergiebigste Quelle aber für Novellisten unserer Art
-sind Frauen, die das fünfundsechzigste hinter sich haben. Die
-Welt nennt Medisance, was eigentlich nur eine treffliche Weise
-zu erzählen ist; junge Mädchen von sechzehn, achtzehn pflegen
-mit solchen Frauen gut zu stehen und sich wohl in acht zu
-nehmen, daß sie ihnen keine Blöße geben, die sie in den Mund
-der alten Novellistinnen bringen könnte; Frauen von dreißig
-und ihre Hausfreunde gehen lieber eine Ecke weiter, um nicht
-ihren Gesichtskreis zu passieren, oder wenn sie der Zufall mit
-der Jugendfreundin ihrer seligen Großmutter zusammenführt,
-pflegen sie das gute Aussehen der Alten zu preisen und hören
-geduldig ein beißendes Lob der alten Zeiten an, das regelmäßig
-ein sanftes Exordium, drei Teile über Hauswesen, Kleidung
-und Kinderzucht, eine Nutzanwendung nebst einem frommen
-Amen enthält. Solche ältere Frauen pflegen gegen jüngere
-Männer, die ihnen einige Aufmerksamkeit schenken, einen gewissen
-geheimnisvoll-zutraulichen Ton anzunehmen. Sie haben
-für junge Mädchen und schöne Frauen, die jetzt dieselbe Stufe
-in der Gesellschaft bekleiden, welche sie einst selbst behauptet
-hatten, feine und bezeichnende Spitznamen, und erzählen den
-Herren, die ihnen ein Ohr leihen, allerlei »kuriose« Sachen
-von dem »Eichhörnlein und seiner Mutter«, auch »wie es in
-diesem oder jenem Hause zugeht«, »galante Abenteuer von jenem
-ältlichen, gesetzten Herrn, der nicht immer so gewesen«, und sind
-sie nur erst in dem abenteuerlichen Gebiet geheimer Hofgeschichten
-und schlechter Ehen, so spinnen sie mit zitternder Stimme,
-feinem Lächeln und den teuersten Versicherungen Geschichten
-aus, die man (natürlich mit veränderten Namen) sogleich in
-jeden Almanach könnte drucken lassen.</p>
-
-<p>Niemand weiß so trefflich wie sie das Kostüm, das Gespräch,
-die Sitten »vor fünfzig Jahren« wiederzugeben; ich
-glaubte einst bei einer solchen Unterhaltung die Reifröcke
-rauschen, die hohen Stelzschuhe klappern, die französischen Brocken
-schnurren zu hören, die ganze Erzählung roch nach Ambra und
-Puder wie die alten Damen selbst. Und so frisch und lebhaft<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span>
-ist ihr Gedächtnis und Mienenspiel, daß ich einmal, als mir
-eine dieser Damen von einer längst verstorbenen Frau Ministerin
-erzählte und ihren Gang und ihren schnarrenden Ton
-nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich diese Frau als
-Kind gekannt, daß sie mir mit derselben schnarrenden Stimme
-ein Zuckerbrot geschenkt habe. Mehrere Novellen, die ich aufgeschrieben,
-beziehen sich auf geheime Familiengeschichten oder
-sonderbare, abenteuerliche Vorfälle, deren wahre Ursachen wenig
-ins Publikum kamen, und ich kann versichern, daß ich sie alle,
-teils in Berlin, teils in Hannover, Kassel, Karlsruhe, selbst in
-Dresden eben von solchen alten Frauen, den Chroniken ihrer
-Umgebung, gehört und oft wörtlich wiedererzählt habe.</p>
-
-<p>Nur so ist es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüssel
-zum Feenreich, gegenwärtig in Deutschland eine so bedeutende
-Menge Novellen zu Tage fördern. Die wundervolle Märchenwelt
-findet kein empfängliches Publikum mehr, die lyrische
-Poesie scheint nur noch von wenigen geheiligten Lippen tönen zu
-wollen, und vom alten Drama sind uns, sagt man, nur die
-Dramaturgen geblieben. In einer solchen miserablen Zeit,
-Verehrter, ist die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel
-haben wir, wie eine Maske, von den großen Novellisten entlehnt,
-und Gott und seine lieben Kritiker mögen wissen, ob die
-nachstehenden Geschichten wirkliche und gerechte Novellen sind.</p>
-
-<p>Ich habe, mein werter Herr, dies alles gesagt, um Ihnen
-darzutun, wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu schreiben,
-wie man beim Novellenschreiben zu Werke gehe, und &ndash; daß
-alles <em class="gesperrt">getreue</em> Wahrheit sei, wenn auch keine poetische, was
-ich niedergeschrieben. Sie werden sich noch der guten Frau von
-Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid von verblichenem
-gelben Samt trug, das nur eine weiche Fortsetzung ihrer harten,
-gelben Züge schien? Von ihr habe ich die Geschichte, »Othello«
-betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Residenz
-zu nennen, wo diese sonderbaren Szenen vorfielen, aber wenn
-ich bedenke, daß sie zur selben Zeit Hofdame in Scherau war, als
-Jean Paul dort lebte, so kann ich nicht anders glauben, als
-die Geschichte sei an jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle
-habe ich aus dem Mund der alten Gräfin Nelkenroth; man
-hält sie allgemein für eine böse Frau, aber ich kann versichern,
-daß ich sie über Josephens Schicksal Tränen vergießen sah.
-Man will zwar behaupten, daß sie oft in Gesellschaften weinerliche
-Geschichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span>
-Maler versicherte, sie habe etwas von einer <em class="antiqua">Mater dolorosa</em>;
-aber soviel ist gewiß, daß sie mehrere Personen des Stücks gekannt
-haben will, und die Frau, bei welcher Herr von Fröben
-in S. gewohnt hat, erzählte mir manche Sonderbarkeiten von
-ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich die Geschichte
-wiedererzählte, gaben sich vergebliche Mühe über Herrn von
-Fröben und die Personen, mit welchen er in Berührung kam,
-etwas Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild
-der Dame nach dem Gemälde in der Boisseréeschen Galerie von
-Strixner lithographiert worden sei. In Ostende, wo ich durch
-mehrere Briefe nachforschte, konnte ich nichts erfahren, als daß
-allerdings ein englisches Schiff, die »Luna«, Kapitän Wardwood,
-im August Passagiere nach Portugal an Bord genommen
-habe, und daß sich im Register des Hafendirektors ein Don
-Petro de Montanjo nebst Nichte und Dienerschaft befinde. Am
-Rhein, wo ich mich nach Herrn von Faldner und seiner Familie
-erkundigte, und erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir
-alles für Erfindung, denn es gäbe am ganzen Rhein hinab
-nur gesittete Landwirte, die mit ihren Frauen wie die Engel
-im Himmel leben.</p>
-
-<p>Sie sehen, ich habe keine Mühe gescheut, die Geschichten,
-die ich erzähle, so glaubwürdig als möglich zu machen. Es
-gibt freilich Leute, die mir dieser historischen Wahrheit wegen
-gram sind und behaupten, der echte Dichter müsse keine Straße,
-keine Stadt, keine bekannten Namen und Gegenstände nennen;
-alles und jedes müsse rein erdichtet sein, nicht durch äußern
-Schmuck, sondern von innen Wahrheit gewinnen, und wie
-Mohammeds Sarg müsse es in der schönen lieben, blauen Luft
-zwischen Himmel und Erde schweben. Andere halten es vielleicht
-auch für »<em class="gesperrt">eine rechtswidrige Täuschung des
-Publikums</em>« und können mich darüber belangen wollen,
-daß ich behaupte, dies und jenes habe sich da und dort zugetragen,
-und ich könne doch keine stadtgerichtlichen Zeugnisse beibringen.
-Aber ist denn hier von echter Poesie, von echten Dichtern
-die Rede? Man lege doch nicht an die Erzählungen einiger
-alten Damen diesen erhabenen Maßstab! Goethe erzählte in
-Dichtung und Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer
-eine Türe und einen wunderschönen Garten gesehen.
-Noch heute laufen alle Fremden hin (ich selbst war dort) und
-beschauen die Mauer und wundern sich, daß man nicht wenigstens
-die Reparatur schauen könne, wenngleich das Loch nur
-geträumt und nie in der Mauer war. Solchen poetischen<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-Frevel gegen ein gesetztes Publikum mag man einem Goethe
-vorrücken; armen Menschen, <em class="gesperrt">ohne</em> den Kammerherrnschlüssel
-der Poesie, der die Mauern aufschließt, wenn sie auch keine
-Türen haben, muß man solche Freiheiten zugute halten.</p>
-
-<p>Darum lesen Sie, verehrter Herr, diese Geschichten, so
-abenteuerlich sie sein mögen, als reine, treue <em class="gesperrt">Wahrheit</em>;
-es wird Sie weniger ärgern, als wenn Sie <em class="gesperrt">Dichtungen</em>
-vor sich zu haben meinten, und Ihr scharfes Auge ein wirres
-Gewebe unwahrscheinlicher Lügen fände.</p>
-
-<p class="right">
-W. H.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p>
-
-<h3 id="Othello">Othello.</h3>
-
-<h4>1.</h4>
-</div>
-
-<p>Das Theater war gedrängt voll, ein neuangeworbener
-Sänger gab den <em class="gesperrt">Don Juan</em>. Das Parterre wogte, von
-oben gesehen, wie die unruhige See, und die Federn und
-Schleier der Damen tauchten wie schimmernde Fische aus den
-dunkeln Massen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn
-mit dem Anfang der Wintersaison war eine kleine Trauer eingefallen
-und heute zum erstenmal drangen wieder die schimmernden
-Farben der reichen Turbans, der wehenden Büsche,
-der bunten Schals an das Licht hervor. Wie glänzend sich
-aber auch der reiche Kranz von Damen um das Amphitheater
-zog, das Diadem dieses Kreises schien ein herrliches, liebliches
-Bild zu sein, das aus der fürstlichen Loge freundlich und hold
-die Welt um und unter sich überschaute. Man war versucht, zu
-wünschen, dieses schöne Kind möchte nicht so hoch geboren sein,
-denn diese frische Farbe, diese heitere Stirne, diese kindlich-reinen,
-milden Augen, dieser holde Mund war zur Liebe, nicht
-zur Verehrung aus der Ferne geschaffen. Und wunderbar, wie
-wenn Prinzessin Sophie diesen frevelhaften Gedanken geahnet
-hätte &ndash; auch ihr Anzug entsprach diesem Bilde einfacher natürlicher
-Schönheit; sie schien jeden Schmuck, den die Kunst verleiht,
-dem stolzen Damenkreis überlassen zu haben.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter sie ist,« sprach in
-einer der ersten Ranglogen ein fremder Herr zu dem russischen
-Gesandten, der neben ihm stand, und beschaute die Prinzessin
-durch das Opernglas; »wenn sie lächelt, wenn sie das sprechende
-Auge ein klein wenig zudrückt, und dann mit unbeschreiblichem
-Reiz wieder aufschlägt, wenn sie mit der kleinen, niedlichen
-Hand dazu agiert &ndash; man sollte glauben, aus so weiter Ferne
-ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen zu können.«</p>
-
-<p>»Es ist erstaunlich!« entgegnete der Gesandte.</p>
-
-<p>»Und dennoch sollte dieser Himmel von Freudigkeit nur
-Maske sein? Sie sollte fühlen, schmerzlich fühlen, sie sollte<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-unglücklich lieben, und doch so blühend, so heiter sein? Gnädige
-Frau,« wandte sich der Fremde zu der Gemahlin des Gesandten,
-»gestehen Sie, Sie wollen mich mystifizieren, weil ich
-einiges Interesse an diesem Götterkinde genommen habe.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Mon Dieu!</em> Baron,« sagte diese mit dem Kopfe wackelnd,
-»Sie glauben noch immer nicht? Auf Ehre, es ist wahr, wie ich
-Ihnen sagte; sie liebt, sie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von
-einer Dame, der nichts dergleichen entgeht. Und wie, meinen
-Sie, eine Prinzessin, die von Jugend auf zur Repräsentation
-erzogen ist, werde nicht Tournüre genug haben, um ein so
-unschickliches Verhältnis den Augen der Welt zu verbergen?«</p>
-
-<p>»Ich kann es nicht begreifen,« flüsterte der Fremde, indem
-er wieder sinnend nach ihr hinsah; »ich kann es nicht fassen;
-diese Heiterkeit, dieser beinahe mutwillige Scherz &ndash; und stille,
-unglückliche Liebe? Gnädige Frau, ich kann es nicht begreifen!«</p>
-
-<p>»Ja, warum soll sie denn nicht munter sein, Baron? Sie
-ahnet wohl nicht, daß jemand etwas von ihrer meschanten Aufführung
-weiß; der Amoroso ist in der Nähe&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ist in der Nähe? O bitte, Madame! Zeigen Sie mir
-den Glücklichen, wer ist er?«</p>
-
-<p>»Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Diskretion,
-die ich der Oberhofmarschallin schuldig bin; mein Freund,
-daraus wird nichts. Sie können zwar in Warschau wiedererzählen,
-was Sie hier gesehen und gehört haben, aber Namen?
-nein, Namen zu nennen in solchen Affären ist sehr unschicklich;
-mein Mann kann dergleichen nicht leiden.«</p>
-
-<p>Die Ouverture war ihrem Ende nahe, die Töne brausten
-stärker aus dem Orchester herauf, die Blicke der Zuschauer
-waren fest auf den Vorhang gerichtet, um den neuen Don Juan
-bald zu sehen; doch der Fremde in der Loge der russischen Gesandtschaft
-hatte kein Ohr für Mozarts Töne, kein Auge für
-das Stück, er sah nur das liebliche, herrliche Kind, das ihm
-um so interessanter war, als diese schönen Augen, diese süßen,
-freundlichen Lippen heimliche Liebe kennen sollten. Ihre Umgebungen,
-einige ältere und jüngere Damen, hatten zu sprechen
-aufgehört; sie lauschten auf die Musik; Sophiens Augen gleiteten
-durch das gefüllte Haus, sie schienen etwas zu vermissen, zu
-suchen. »Ob sie wohl nach dem Geliebten ihre Blicke aussendet?«
-dachte der Fremde; »ob sie die Reihen mustert, ihn zu sehen, ihn
-mit einem verstohlenen Lächeln, mit einem leisen Beugen des
-Hauptes, mit einem jener tausend Zeichen zu begrüßen, welche<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-stille Liebe erfindet, womit sie ihre Lieblinge beglückt, bezaubert?«
-Eine schnelle, leichte Röte flog jetzt über Sophiens
-Züge, sie rückte den Stuhl mehr seitwärts, sie sah einigemal nach
-der Türe ihrer Loge: die Türe ging auf, ein großer, schöner
-junger Mann trat ein und näherte sich einer der älteren Damen,
-es war die Herzogin F., die Mutter der Prinzessin. Sophie
-spielte gleichgültig mit der Brille, die sie in der Hand hielt, aber
-der Fremde war Kenner genug, um in ihrem Auge zu lesen,
-daß <em class="gesperrt">dieser</em> und kein anderer der Glückliche sei.</p>
-
-<p>Noch konnte er sein Gesicht nicht sehen; aber die Gestalt,
-die Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes
-für ihn; die Fürstin zog ihre Tochter ins Gespräch, sie blickte
-freundlich auf, sie schien etwas Pikantes erwidert zu haben,
-denn die Mutter lächelte, der junge Mann wandte sich um, und
-&ndash; »Mein Gott! Graf <em class="gesperrt">Zronievsky</em>!« rief der Fremde so
-laut, so ängstlich, daß der Gesandte an seiner Seite heftig erschrak,
-und seine Gemahlin den Gast krampfhaft an der Hand
-faßte, und neben sich auf den Stuhl niederriß.</p>
-
-<p>»Ums Himmels willen, was machen Sie für Skandal!«
-rief die erzürnte Dame; »die Leute schauen rechts und links
-nach uns her; wer wird denn so mörderlich schreien? Es ist nur
-gut, daß sie da unten gerade ebenso mörderlich gegeigt und trompetet
-haben, sonst hätte jedermann Ihren »Zronievsky« hören
-müssen. Was wollen Sie nur von dem Grafen? Sie wissen
-ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!«</p>
-
-<p>»Kein Wort weiß ich,« erwiderte der Fremde; »wie kann
-ich auch wissen, wen Sie kennen und wen nicht, da ich erst seit
-drei Stunden hier bin? Warum vermeiden Sie es, ihn zu
-sehen?«</p>
-
-<p>»Nun, seine Verhältnisse zu unserer Regierung können
-Ihnen nicht unbekannt sein,« sprach der Gesandte; »er ist verwiesen,
-und es ist mir höchst fatal, daß er gerade hier, und
-immer nur hier sein will. Er hat sich unverschämterweise bei
-Hofe präsentieren lassen, und so sehe ich ihn auf jedem Schritt
-und Tritt, und doch wollen es die Verhältnisse, daß ich ihn
-ignoriere. Ueberdies macht mir der fatale Mensch sonst noch
-genug zu schaffen; man will höheren Orts wissen, wovon er
-lebe, und so glänzend lebe, da doch seine Güter konfisziert
-sind; und ich weiß es nicht herauszubringen. Sie kennen ihn,
-Baron?«</p>
-
-<p>Der Fremde hatte diese Reden nur halb gehört; er sah
-unverwandt nach der fürstlichen Loge, er sah, wie Zronievsky<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-mit der Fürstin und den andern Damen sprach, wie nur sein
-feuriges Auge hin und wieder nach Sophien hingleitete, wie
-sie begierig diesen Strahl auffing und zurückgab. Der Vorhang
-flog auf; der Graf trat zurück und verschwand aus der Loge;
-Leporello hub seine Klagen an.</p>
-
-<p>»Sie kennen ihn, Baron?« flüsterte der Gesandte. »Wissen
-Sie mir Näheres über seine Verhältnisse&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich habe mit ihm unter den polnischen Lanciers gedient.«</p>
-
-<p>»Ist wahr; er hat in der französischen Armee gedient;
-sahen Sie sich oft? kennen Sie seine Ressourcen?«</p>
-
-<p>»Ich habe ihn nur gesehen,« warf der Fremde leicht hin,
-»wenn es der Dienst mit sich brachte; ich weiß nichts von ihm,
-als daß er ein braver Soldat und ein sehr unterrichteter Offizier
-ist.«</p>
-
-<p>Der Gesandte schwieg; sei es, daß er diesen Worten
-glaubte, sei es, daß er zu vorsichtig war, seinem Gast durch
-weitere Fragen Mißtrauen zu zeigen. Auch der Fremde bezeigte
-keine Lust, das Gespräch weiter fortzusetzen; die Oper
-schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen; und dennoch war es
-ein ganz anderer Gegenstand, der seine Seele unablässig beschäftigte.
-»Also hierher hat dich dein unglückliches Geschick
-endlich getrieben?« sagte er zu sich, »armer Zronievsky! Als
-Knabe wolltest du dem Kosciuszko helfen, und dein Vaterland
-befreien; Freiheit und Kosciuszko sind verklungen und verschwunden!
-Als Jüngling warst du für den Ruhm der Waffen,
-für die Ehre der Adler, denen du folgtest, begeistert, man hat
-sie zerschlagen; du hattest dein Herz so lange vor Liebe bewahrt,
-sie findet dich endlich als Mann, und siehe &ndash; die Geliebte steht
-so furchtbar hoch, daß du vergessen oder untergehen mußt!«</p>
-
-<p>Das Geschick seines Freundes, denn dies war ihm Graf
-Zronievsky gewesen, stimmte den Fremden ernst und trübe, er
-versank in jenes Hinbrüten, das die Welt und alle ihre Verhältnisse
-vergißt, und der Gesandte mußte ihn, als der erste Akt
-der Oper zu Ende war, durch mehrere Fragen aus seinem
-Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch das Klatschen und
-Bravorufen des Parterres unterbrochen worden war.</p>
-
-<p>»Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt,« sagte der Gesandte;
-»sie behauptet, Ihre Familie zu kennen; kommen Sie,
-wischen Sie diesen Ernst, diese Melancholie von Ihrer Stirne;
-ich will Sie in die Loge führen und präsentieren.«</p>
-
-<p>Der Fremde errötete; sein Herz pochte, er wußte selbst
-nicht warum; erst als er den Korridor mit dem Gesandten hinging,<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span>
-als er sich der fürstlichen Loge näherte, fühlte er, daß es
-die Freude sei, was sein Blut in Bewegung brachte, die Freude,
-jenem lieblichen Wesen nahe zu sein, dessen stille Liebe ihn so
-sehr anzog.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>2.</h4>
-</div>
-
-<p>Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeichneter
-Güte. Sie selbst präsentierte ihn der Prinzessin Sophie, und
-der Name <em class="gesperrt">Larun</em> schien in den Ohren des schönen Kindes
-bekannt zu klingen; sie errötete flüchtig und sagte, sie glaube
-gehört zu haben, daß er früher in der französischen Armee
-diente. Es war dem Baron nur zu gewiß, daß ihr niemand
-anders als Zronievsky dies gesagt haben konnte, es war ihm
-um so gewisser, als ihr Auge mit einer gewissen Teilnahme auf
-ihm wie auf einem Bekannten ruhte, als sie gerne die Rede an
-ihn zu richten schien.</p>
-
-<p>»Sie sind fremd hier,« sagte die Herzogin, »Sie sind keinen
-Tag in diesen Mauern, Sie können also noch von niemand bestochen
-sein; ich fordere Sie auf, sein Sie Schiedsrichter; kann
-es nicht in der Natur geheimnisvolle Kräfte geben, die &ndash; die,
-wie soll ich mich nur ausdrücken, die, wenn wir sie frevelhaft
-hervorrufen, uns Unheil bringen können?«</p>
-
-<p>»Sie sind nicht unparteiisch, Mutter;« rief die Prinzessin
-lebhaft, »Sie haben schon durch Ihre Frage, wie Sie sie stellten,
-die Sinne des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal,
-wenn zufällig im Zwischenraum von vielen Jahren von
-einem Hause nach und nach sechs Dachziegel gefallen wären
-und einige Leute getötet hätten, würden Sie nicht mehr an
-diesem Hause vorübergehen?«</p>
-
-<p>»Warum nicht? es müßten nur in diesen Ziegeln geheimnisvolle
-Kräfte liegen, welche&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie mutwillig,« unterbrach ihn die Herzogin, »Sie
-wollen mich mit meinen geheimnisvollen Kräften nach Hause
-schicken, aber nur Geduld; das Gleichnis, das Sophie vorbrachte,
-paßt doch nicht ganz&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun, wir wollen gleich sehen, wem der Baron recht gibt,«
-rief jene; »die Sache ist so, wir haben hier eine sehr hübsche
-Oper, man gibt alles mögliche, Altes und Neues durcheinander,
-nur <em class="gesperrt">eines</em> nicht, die schönste, herrlichste Oper, die ich kenne;
-auf fremdem Boden mußte ich sie zum erstenmal hören, das erste,
-was ich tat, als ich hierher kam, war, daß ich bat, man möchte
-sie hier geben, und nie wird mir mein Wunsch erfüllt! Und<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
-nicht etwa, weil sie zu schwer ist &ndash; sie geben schwerere Stücke &ndash;
-nein, der Grund ist eigentlich lächerlich.«</p>
-
-<p>»Und wie heißt die Oper?« fragte der Fremde.</p>
-
-<p>»Es ist Othello!«</p>
-
-<p>»Othello? gewiß, ein herrliches Kunstwerk; auch mich
-spricht selten eine Musik so an wie diese, und ich fühle mich
-auf lange Tage feierlich, ich möchte sagen heilig bewegt, wenn
-ich Desdemonas Schwanengesang zur Harfe singen gehört habe.«</p>
-
-<p>»Hören Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warschau,
-von Berlin, Gott weiß woher &ndash; ich habe ihn nie gesehen,
-und dennoch schätzt er Othello so hoch. Wir müssen ihn einmal
-wieder sehen. Und warum soll er nicht wieder gegeben werden?
-Wegen eines Märchens, das heutzutage niemand mehr glaubt.«</p>
-
-<p>»Freveln Sie nicht!« rief die Fürstin; »es sind mir Tatsachen
-bekannt, die mich schaudern machen, wenn ich nur daran
-denke; doch wir sprechen unserm Schiedsrichter in Rätseln;
-stellen Sie sich einmal vor, ob es nicht schrecklich wäre, wenn
-es jedesmal, so oft Othello gegeben würde, brennte.«</p>
-
-<p>»Auch wieder ein Gleichnis,« fiel Sophie ein, »doch es ist
-noch viel toller, das Märchen selbst!«</p>
-
-<p>»Nein, es soll einmal brennen,« fuhr die Mutter fort.
-»Othello wurde zuerst als Drama nach Shakespeare gegeben,
-schon vor fünfzig Jahren; die Sage ging, man weiß nicht woher
-und warum, daß, so oft Othello gegeben wurde, ein gewisses
-Evenement erfolgte; nun also unser Brennen; es brannte jedesmal
-nach Othello. Man machte den Versuch, man gab lange
-Zeit Othello nicht; es kam eine neue geistreiche Uebersetzung auf,
-er wird gegeben &ndash; jener unglückliche Fall ereignet sich wieder.
-Ich weiß noch wie heute, als Othello, zur Oper verwandelt, zum
-erstenmal gegeben wurde; wir lachten lange vorher, daß wir
-den unglücklichen Mohren um sein Opfer gebracht haben, indem
-er jetzt musikalisch geworden &ndash; Desdemona war gefallen,
-wenige Tage nachher hatte der Schwarze auch ein weiteres
-Opfer. Der Fall trat nachher noch einmal ein, und darum
-hat man Othello nie wieder gegeben; es ist töricht, aber wahr.
-Was sagen Sie dazu, Baron, aber aufrichtig, was halten Sie
-von unserem Streit?«</p>
-
-<p>»Durchlaucht haben vollkommen recht,« antwortete Larun
-in einem Ton, der zwischen Ernst und Ironie die Mitte hielt;
-»wenn Sie erlauben, werde ich durch ein Beispiel aus meinem
-eigenen Leben Ihre Behauptung bestätigen. Ich hatte eine unverheiratete
-Tante, eine unangenehme, mystische Person; wir<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span>
-Kinder hießen sie nur die Federntante, weil sie große schwarze
-Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei Ihrem
-Othello, so ging auch in unserer Familie eine Sage, so oft die
-Federntante kam, mußte nachher eins oder das andere krank
-werden. Es wurde darüber gescherzt und gelacht, aber die
-Krankheit stellte sich immer ein, und wir waren den Spuk schon
-so gewöhnt, daß, so oft die Federntante zum Besuch in den Hof
-fuhr, alle Zurüstungen für die kommende Krankheit gemacht
-und selbst der Doktor geholt wurde.«</p>
-
-<p>»Eine köstliche Figur, Ihre Federntante!« rief die Prinzessin
-lachend; »ich kann mir sie denken, wie sie den Kopf mit
-dem Federhut aus dem Wagen streckt, wie die Kinder laufen,
-als käme die Pest, weil keines krank werden will, und wie ein
-Reitknecht zur Stadt sprengen muß, um den Doktor zu holen,
-weil die Federntante erschienen sei. Da hatten Sie ja wahrhaftig
-eine lebendige weiße Frau in Ihrer Familie!«</p>
-
-<p>»Still von diesen Dingen,« unterbrach sie die Fürstin
-ernst, beinahe unmutig; »man sollte nicht von Dingen so leichthin
-reden, die man nicht leugnen kann, und deren Natur dennoch
-nie erklärt werden wird. So ist nun einmal auch mein
-Othello,« setzte sie freundlich hinzu. »Und Sie werden ihn
-nicht zu sehen bekommen, Baron, und müssen Ihr Lieblingsstück
-schon wo anders aufsuchen.«</p>
-
-<p>»Und Sie sollen ihn dennoch sehen,« flüsterte Sophie zu
-ihm hin, »ich muß mein Desdemonalied noch einmal hören, so
-recht sehen und hören auf der Bühne, und sollte ich selbst darüber
-zum Opfer werden!«</p>
-
-<p>»Sie selbst?« fragte der Fremde betroffen; »ich höre ja,
-der gespenstige Mohr soll nur <em class="gesperrt">brennen</em>, nicht <em class="gesperrt">töten</em>?«</p>
-
-<p>»Ach, das war ja nur das Gleichnis der Mutter!« flüsterte
-sie noch viel leiser, »die Sage ist noch viel schauriger und viel
-gefährlicher.«</p>
-
-<p>Der Kapellmeister pochte, die Introduktion des zweiten
-Akts begann, und der Fremde stand auf, die fürstliche Loge zu
-verlassen. Die Herzogin hatte ihn gütig entlassen, aber vergebens
-sah er sich nach dem Gesandten um, er war wohl längst
-in seine Loge zurückgekehrt. Unschlüssig, ob er rechts oder
-links gehen müsse, stand er im Korridor, als eine warme Hand
-sich in die seinige legte; er blickte auf, es war der Graf Zronievsky.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>3.</h4>
-</div>
-
-<p>»So habe ich doch recht gesehen?« rief der Graf, »mein
-Major, mein tapferer Major! Wie lebt alles wieder in mir
-auf! Ich werfe diese unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich
-bin der frohe Lancier wie sonst! <em class="antiqua">Vive Poniatowsky, vive
-l'emp&ndash;</em>«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Graf!« fiel ihm der Fremde in das
-Wort; »bedenken Sie, wo Sie sind! Und warum diese Schatten
-heraufbeschwören? Sie sind hinab mit ihrer Zeit; lasset die
-Toten ruhen!«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ruhen?</em>« entgegnete jener; »das ist ja gerade, was ich
-nicht kann; o daß ich unter jenen Toten wäre! Wie sanft, wie
-geduldig wollte ich ruhen! Sie schlafen, meine tapfern Polen,
-und keine Stimme, wie mächtig sie auch rufe, schreckt sie auf.
-Warum darf ich allein nicht rasten?«</p>
-
-<p>Ein düsteres, unstätes Feuer brannte in den Augen des
-schönen Mannes, seine Lippen schlossen sich schmerzlich; sein
-Freund betrachtete ihn mit besorgter Teilnahme, er sah hier
-nicht mehr den fröhlichen, heldenmütigen Jüngling, wie er ihn
-an der Spitze des Regiments in den Tagen des Glückes gesehen;
-das zutrauliche, gewinnende Lächeln, das ihn sonst so angezogen,
-war einem grämlichen, bittern Zuge gewichen, das Auge, das
-sonst voll stolzer Zuversicht, voll freudigen Mutes, frei und offen
-um sich blickte, schien mißtrauisch jeden Gegenstand zu prüfen,
-durchbohren zu wollen, das matte Rot, das seine Wangen bedeckte,
-war nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in den
-Salons von Paris den Namen des <em class="gesperrt">schönen</em> Polen erworben
-hatte, und dennoch, auch nach dieser großen Veränderung, welche
-Zeit und Unglück hervorgebracht hatten, mußte man gestehen,
-daß Prinzessin Sophie sehr zu entschuldigen sei.</p>
-
-<p>»Sie sehen mich an, Major?« sagte jener nach einigem
-Stillschweigen, »Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten
-Zeiten aus meinen Zügen herausfinden? Geben Sie sich nicht
-vergebliche Mühe; es ist so manches anders geworden, sollte nicht
-der Mensch mit dem Geschick sich ändern?«</p>
-
-<p>»Ich finde Sie nicht sehr verändert,« erwiderte der
-Fremde, »ich erkannte Sie bei dem ersten Anblick wieder. Aber
-eines finde ich nicht mehr wie früher, aus diesen Augen ist ein
-gewisses Zutrauen verschwunden, das mich sonst so oft beglückte.
-Alexander Zronievsky scheint mir nicht mehr zu trauen. Und<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-doch,« setzte er lächelnd hinzu, »und dennoch war mein Geist
-immer bei ihm, ich weiß sogar die tiefsten Gedanken seines
-Herzens.«</p>
-
-<p>»Meines armen Herzens!« entgegnete der Graf wehmütig;
-»ich wüßte kaum, ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht
-manchmal vor Unmut pochte! Welche Gedanken wollen Sie
-aufgespürt haben, als die unwandelbare Freundschaft für Sie,
-Major? Schelten Sie nicht mein Auge, weil es nicht mehr
-fröhlich ist; ich habe mich in mich selbst zurückgezogen, ich habe
-mein Vertrauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen
-sagen, daß ich noch immer der alte bin.«</p>
-
-<p>»Ich danke; aber wie, ich sollte mich nicht auf die Gedanken
-Ihres Herzens verstehen? Sie sagen, es pocht nur vor
-Unmut; was hat denn ein gewisses Fürstenkind getan, daß Ihr
-Herz so gar unmutig pocht?«</p>
-
-<p>Der Graf erblaßte; er preßte des Freundes Hand fest in
-der seinigen: »Um Gottes willen, schweigen Sie; nie mehr eine
-Silbe über diesen Punkt! Ich weiß, ich verstehe, was Sie
-meinen, ich will sogar zugeben, daß Sie recht gesehen haben; der
-Teufel hat Ihre Augen gemacht, Major! Doch warum bitte ich
-einen Ehrenmann wie Sie, zu schweigen? Es hat ja noch <span id="corr071">keiner</span>
-vom achten Regiment seinen Kameraden verraten.«</p>
-
-<p>»Sie haben recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur
-dies eine noch: vom achten verratet keiner den Kameraden, ob
-aber der gute Kamerad sich selber nicht verrät?«</p>
-
-<p>»Kommen Sie hier in diese Treppe,« flüsterte der Graf,
-denn es nahten sich mehrere Personen; »Jesus Maria, sollte
-außer Ihnen jemand etwas ahnen?«</p>
-
-<p>»Wenn Sie Vertrauen um Vertrauen geben werden, wohlan,
-so will ich beichten.«</p>
-
-<p>»O, foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher
-sagen, was Sie haben wollen, nur geschwind, ob jemand außer
-Ihnen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Major von Larun erzählte, er sei heute in dieser
-Stadt angekommen, seine Depeschen seien bei dem Gesandten
-bald in Richtigkeit gewesen, man habe ihn in die Oper mitgenommen,
-und dort, wie er entzückt die Prinzessin aus der Ferne
-betrachtet, habe ihm die Gesandtin gesagt, daß Sophie in ein
-Verhältnis unter ihrem Stande verwickelt sei. »Sie traten
-ein in die fürstliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß niemand
-als Sie der Geliebte sein könne.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p>
-
-<p>»Und die Gesandtin?« rief der Graf mit zitternder
-Stimme.</p>
-
-<p>»Sie hat es bestätigt. Wenn ich nicht irre, sprach sie auch
-von einer Oberhofmarschallin, von welcher sie die Nachricht
-habe.«</p>
-
-<p>Der Graf schwieg, einige Minuten vor sich hinstarrend; er
-schien mit sich zu ringen, er blickte einigemal den Fremden scheu
-von der Seite an &ndash; »Major,« sprach er endlich mit klangloser,
-matter Stimme, »können Sie mir hundert Napoleon leihen?«</p>
-
-<p>Der Major war überrascht von dieser Frage; er hatte erwartet,
-sein Freund werde etwas weniges über sein Unglück
-jammern, wie bei dergleichen Szenen gebräuchlich, er konnte
-sich daher nicht gleich in diese Frage finden, und sah den Grafen
-staunend an.</p>
-
-<p>»Ich bin ein Flüchtling,« fuhr dieser fort; »ich glaubte
-endlich eine stille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein
-wenig rasten könnte, da muß ich lieben &ndash; muß geliebt werden,
-Major, wie geliebt werden!« Er hatte Tränen in den Augen,
-doch er bezwang sich und fuhr mit fester Stimme fort: »Es ist
-eine sonderbare Bitte, die ich hier nach so langem Wiedersehen
-an Sie tue, doch ich erröte nicht, zu bitten; Kamerad, gedenken
-Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden, gedenken Sie
-des Tages von Mosaisk?«</p>
-
-<p>»Ich gedenke!« sagte der Fremde, indem sein Auge glänzte
-und seine Wangen sich höher färbten.</p>
-
-<p>»Und gedenken Sie, wie die russische Batterie an der Redoute
-auffuhr, wie ihre Kartätschen in unsere Reihen sausten
-und der Verräter Piolsky zum Rückzug blasen ließ?«</p>
-
-<p>»Ha!« fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, »und
-wie Sie ihn herabschossen, Oberst, daß er keine Ader mehr
-zuckte, wie die Husaren rechts abschwenkten, wie <em class="gesperrt">Sie</em> ›vorwärts!‹
-riefen, ›vorwärts, Lanciers vom achten!‹ und die Kanonen
-in fünf Minuten unser waren!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Gedenken Sie?« flüsterte der Graf mit Wehmut; »wohlan!
-ich kommandiere wieder vor der Front. Es gilt, einen Kameraden
-herauszuhauen, werdet Ihr ihn retten? <em class="antiqua">En avant</em>,
-Major! vorwärts, tapferer Lancier! wirst du ihn retten,
-Kamerad?«</p>
-
-<p>»Ich will ihn retten!« rief der Freund, und der Graf Zronievsky
-schlug seinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an seine
-Brust und eilte dann von ihm weg, den Korridor entlang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>4.</h4>
-</div>
-
-<p>»Gut, daß ich Sie treffe,« rief der Graf Zronievsky, als
-er am nächsten Morgen dem Major auf der Straße begegnete,
-»ich wollte eben zu Ihnen und Sie um eine kleine Gefälligkeit
-ansprechen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die ich Ihnen schon gestern zusagte,« erwiderte jener;
-»wollen Sie mich in mein Hotel begleiten? es liegt längst für
-Sie bereit.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Um Gottes willen! jetzt nichts von Geld,« fiel der Graf
-ein, »Sie töten mich durch diese Prosa; ich bin göttlich gelaunt,
-selig, überirdisch gestimmt. O Freund, ich habe es dem Engel
-gesagt, daß man uns bemerkt, ich habe ihr gesagt, daß ich fliehen
-werde, denn in ihrer Nähe zu sein, sie nicht zu sprechen, nicht
-anzubeten, ist mir unmöglich.«</p>
-
-<p>»Und darf ich wissen, was sie sagte?«</p>
-
-<p>»Sie ist ruhig darüber, sie ist größer als diese schlechten
-Menschen. ›Was ist es auch?‹ sagte sie, ›man kann uns gewiß
-nichts Böses nachsagen, und wenn man auch unser Verhältnis
-entdeckte, so will ich mir gerne einmal einen dummen Streich
-vergeben lassen; wo lebt ein Mensch, der nicht einmal einen
-beginge?‹«</p>
-
-<p>»Eine gesunde Philosophie,« bemerkte der Major; »man
-kann nicht vernünftiger über solche Verhältnisse denken; denn
-gerade die sind meist am schlechtesten beraten, die glauben, sie
-können alle Menschen blenden. Doch ist mir noch eine Frage
-erlaubt? Wie es scheint, so sehen Sie Ihre Dame <em class="gesperrt">allein</em>?
-denn was Sie mir erzählten, wurde schwerlich gestern im Don
-Juan verhandelt.«</p>
-
-<p>»Wir sehen uns,« flüsterte jener, »ja, wir sehen uns, aber
-wo, darf ich nicht sagen, und so wahr ich lebe, das sollen auch
-jene Menschen nicht ausspähen. Aber lange, ich sehe es selbst
-ein, lange Zeit kann es nicht mehr dauern. Drum bin ich
-immer auf dem Sprung, Kamerad, und Ihre Hilfe soll mich
-retten, wenn indes meine Gelder nicht flüssig werden. ›Doch
-gilt es morgen, so laß uns heut noch schlürfen die Neige der
-köstlichen Zeit;‹ ich will noch glücklich, selig sein, weil es ja
-doch bald ein Ende haben muß.«</p>
-
-<p>»Und wozu kann ich Ihnen dienen?« fragte der Major,
-»wenn ich nicht irre, wollten Sie mich aufsuchen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>»Richtig, das war es, warum ich kommen wollte,« entgegnete
-jener nach einigem Nachsinnen. »Sophie weiß, daß
-Sie mein Freund sind, ich habe ihr schon früher von Ihnen erzählt,
-hauptsächlich die Geschichte von der Beresinabrücke, wo
-Sie mich zu sich auf den Rappen nahmen. Sie hat gestern mit
-Ihnen gesprochen und von <em class="gesperrt">Othello</em>, nicht wahr? Die Fürstin
-will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend
-eines Märchens, das ich nicht mehr weiß.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sie waren sehr geheimnisvoll damit,« unterbrach ihn der
-Freund, »und wie mir schien, wird es die Fürstin auch nicht
-zugeben.«</p>
-
-<p>»Und doch; ich habe sie durch ein Wort dahin gebracht. Die
-Prinzessin bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht
-sehen, ohne daß ich ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine
-etwas ernste Miene an und sagte: ›Sonderbar ist es doch, wenn
-so etwas ins Publikum kommt, ist es wie der Wind in den Gesandtschaften,
-und kam es einmal so weit, so darf man nicht
-dafür sorgen, daß es in acht Tagen als <em class="antiqua">Chronique scandaleuse</em>
-an allen Höfen erzählt wird.‹ Die Fürstin gab mir recht; sie
-sagte, wiewohl mit sehr bekümmerter und verlegener Miene zu,
-daß das Stück gegeben werden sollte; doch als sie wegging, rief
-sie mir noch zu: sie gebe das Spiel dennoch nicht verloren, denn
-wenn auch <em class="gesperrt">Othello</em> schon auf dem Zettel stehe, lasse sie die
-<em class="gesperrt">Desdemona</em> krank werden.«</p>
-
-<p>»Das haben Sie gut gemacht!« rief der Major lachend,
-»also die Furcht vor der <em class="antiqua">Chronique scandaleuse</em> hat die Gespensterfurcht
-und das Grauen vor den Geheimnissen der Natur
-überwunden?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freuden, daß sie ihren
-Willen hat. Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der
-Oper; ich soll ihm vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung
-auch in pekuniärer Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen
-sein möchte, und Sie müssen mich zu ihm begleiten.«</p>
-
-<p>»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der
-Prinzessin diese Summe überbringen?«</p>
-
-<p>»Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekte von einigen
-Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten
-vor oder was in unseren Kram paßt. Der Regisseur wohnt
-nicht weit von hier und ist ein alter, ehrlicher Kauz, den wir
-schon gewinnen wollen. Nur hier um die Ecke, Freund; sehen
-Sie dort das kleine grüne Haus mit dem Erker?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>5.</h4>
-</div>
-
-<p>Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann,
-er war früher als Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im
-Alter auf seinen Lorbeeren. Er empfing die Freunde mit einer
-gewissen künstlerischen Hoheit und Würde, welche nur durch seine
-sonderbare Kleidung etwas gestört wurde; er trug nämlich eine
-schwarze Florentiner Mütze, welche er nur ablegte, wenn er zum
-Ausgehen die Perücke auf die Glatze setzte. Auffallend stachen
-gegen diese bequeme Hauskleidung des Alten ein moderner, enge
-anliegender Frack und weite, faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten,
-daß der Herr Regisseur trotz der sechzig Jährchen, die er
-haben mochte, dennoch für die Eitelkeit der Welt nicht abgestorben
-sei; an den Füßen trug er weite, ausgetretene Pelzschuhe,
-auf denen er künstlich im Zimmer herumfuhr, ohne sichtbar die
-Beine aufzuheben; es kam den Freunden vor, als fahre er auf
-Schlittschuhen.</p>
-
-<p>»Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch,«
-sagte der Regisseur, als ihn der Graf mit dem Zweck ihres Besuches
-bekannt machte, »weiß bereits um die Sache; an mir soll
-es nicht fehlen, mein einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten
-Ohren auf ergötzliche Weise zu delektieren, aber &ndash; aber ich
-werde denn doch submissest wagen müssen, einige Gegenvorstellungen
-zu exhibitieren.«</p>
-
-<p>»Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?« rief der Graf.</p>
-
-<p>»Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat
-auf die allerhöchste Familie! Nein! nein! wenn mein
-Wort in der Sache noch etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück
-nie gegeben.«</p>
-
-<p>»Hätte ich doch nie gedacht,« entgegnete der Graf, »daß ein
-Mann wie Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen
-und Bewunderung vernahm ich schon in meiner frühesten Jugend
-in fernen Landen Ihren gefeierten Namen; Sie wurden die
-Krone der Sänger genannt, ich brannte vor Begierde, diesen
-Mann einmal zu sehen. Ich bitte, verkleinern Sie dieses ehrwürdige
-Bild nicht durch solchen Aberwitz.«</p>
-
-<p>Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges
-Lächeln zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände
-in die Taschen und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im
-Zimmer auf und ab. »Allzugütig, allzuviel Ehre!« rief er; »ja,
-wir waren unserer Zeit etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor!<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-jetzt hat es freilich ein Ende. <em class="gesperrt">Aberglaube</em>, belieben Sie
-zu sagen? ich würde mich schämen, irgend einem Aberglauben
-nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von Aberglauben
-nicht die Rede sein.«</p>
-
-<p>»Tatsachen?« riefen die Freunde mit <em class="gesperrt">einer</em> Stimme.</p>
-
-<p>»O ja, verehrte <em class="antiqua">messieurs</em>, Tatsachen. Sie scheinen nicht
-aus hiesiger Stadt und Gegend zu sein, da Sie solche nicht
-wissen?«</p>
-
-<p>»Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört,«
-sagte der Major; »es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach
-Othello brennen, und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Brennen? daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß
-es allemal brennte; Feuer kann man doch löschen, man hat
-Brandassekuranzen, man kann endlich noch solch einen Brandschaden
-zur Not ertragen; aber sterben? nein, das ist ein weit
-gefährlicherer Casus.«</p>
-
-<p>»Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?«</p>
-
-<p>»Nun, das ist kein Geheimnis!« erwiderte der Regisseur;
-»so oft Othello gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand
-aus der fürstlichen Familie sterben.«</p>
-
-<p>Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn
-der prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte
-etwas Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und
-brachen über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter
-aus, das übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte.</p>
-
-<p>»Sie lachen?« sprach er; »ich muß es mir gefallen lassen;
-wenn es Sie übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik
-inspizieren lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren
-der jedesmalige Souffleur schreibt.«</p>
-
-<p>»Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren,«
-rief der Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien; und der
-Regisseur rutschte mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine
-Kammer und brachte einen in Leder und Messing gebundenen
-Folianten hervor.</p>
-
-<p>Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte
-in der Chronik. »Bemerken Sie,« sagte er, »wegen des
-Nachfolgenden, erstlich: hier steht: ›Anno 1740 den 8. Dezember
-ist die Actrice Charlotte Fandauerin in hiesigem Theater erstickt
-worden. Man führte das Trauerspiel Othello, der Mohr
-von Venedig, von Shakespeare auf.‹«</p>
-
-<p>»Wie?« unterbrach ihn der Major, »Anno 1740 sollte
-man hier Shakespeares Othello gegeben haben? und doch war<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span>
-es, wenn ich nicht irre, Schröder, der zuerst und viel später das
-erste Shakespearsche Stück in Deutschland aufführen ließ?«</p>
-
-<p>»Bitte um Vergebung,« erwiderte der Alte. »Der Herzog
-sah auf einer Reise durch England in London diesen Othello
-geben, ließ ihn, weil er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und
-nachher hier öfter aufführen. Meine Chronik fährt aber also
-fort: ›Obgedachte Charlotte Fandauerin hat die Desdemona gegeben
-und ist durch die Bettdecke, womit sie in dem Stücke selbst
-getötet werden soll, elendiglich umgekommen. Gott sei ihrer
-armen Seele gnädig!‹ Diesen Mord erzählt man sich hier folgendermaßen:
-die Fandauer soll sehr schön gewesen sein; bei
-Hof ging es damals unter dem Herzog Nepomuk sehr lasciv zu;
-die Fandauer wurde des Herzogs Geliebte. Sie aber soll sich
-nicht blindlings und unvorsichtig ihm übergeben haben; sie war
-abgeschreckt durch das Beispiel so vieler, die er nach einigen
-Monaten oder Jährchen verstieß und elendiglich herumlaufen
-ließ. Sie soll also ein schreckliches Bündnis mit ihm gemacht
-und erst, nachdem er es beschworen, sich ihm ergeben haben.
-Aber wie bei den andern, so war es auch bei der Fandauer. Er
-hatte sie bald satt und wollte sie auf gelinde Art entfernen. Sie
-aber drohte ihm, das Bündnis, das er mit ihr gemacht, drucken
-und in ganz Europa verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch,
-daß sie diese Schrift schon in vielen fremden Städten niedergelegt
-habe, wo sie auf ihren ersten Wink verbreitet würde.</p>
-
-<p>Der Herzog war ein grausamer Herr und sein Zorn kannte
-keine Grenzen. Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift
-haben beikommen wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst
-gekocht hatte. Er gab daher einem Schauspieler eine große
-Summe Geld und ließ den Othello aufführen. Sie werden sich
-erinnern, daß in dem Shakespeareschen Trauerspiel die Desdemona
-von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der Akteur
-machte seine Sache nur allzunatürlich, denn die Fandauerin ist
-nicht mehr erwacht.«</p>
-
-<p>Der Graf schauderte. »Und dies soll wahr sein?« rief
-er aus.</p>
-
-<p>»Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt, wen Sie
-wollen, Sie werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher
-von den Gerichten eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig
-gemacht, aber der Herzog schlug sie nieder, nahm den Akteur
-vom Theater in seine Dienste und erklärte, die Fandauerin
-habe durch Zufall der Schlag gerührt. Aber acht Tage darauf
-starb ihm sein einziges Söhnlein, ein Prinz von zwölf Jahren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>»Zufall!« sagte der Major.</p>
-
-<p>»Nennen Sie es immerhin so,« versetzte der Alte und blätterte
-weiter; »doch hören Sie, Othello wurde zwei Jahre lang
-nicht mehr gegeben, denn wegen der Erinnerung an jenen Mord
-mochte der Herzog dieses Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei
-Jahren &ndash; in diesem Buch steht jedes Lustspiel aufgezeichnet &ndash;
-nach zwei Jahren war er so ruchlos, es wieder aufführen zu lassen.
-Hier steht's: ›Den 28. September 1742 Othello, der Mohr von
-Venedig‹; und hier am Rande ist bemerkt: ›<em class="gesperrt">Sonderbarlich!</em>
-am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste verstorben, gerade auch
-acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren der höchstselige
-Prinz Friedrich.‹ Zufall, meine werten Herren?«</p>
-
-<p>»Allerdings Zufall!« riefen jene.</p>
-
-<p>»Weiter! ›Den 6. Februar 1748 Othello, der Mohr von
-Venedig.‹ Ob es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her,
-meine Herren! Das hat der Souffleur hingeschrieben, bemerken
-Sie gefälligst, es ist dieselbe Hand, die hier <em class="antiqua">in margine</em>
-bemerkt: ›Entsetzlich! die Fandauerin spukt wieder, Prinz Alexander
-den 14. plötzlich gestorben, acht Tage nach Othello.‹« Der
-Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend an; sie schwiegen,
-er blätterte weiter und las: »›Den 16. Januar 1775, zum Benefiz
-der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig.‹ Richtig
-wieder! ›Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell
-versterben! † 24. Januar 1775.‹«</p>
-
-<p>»Possen!« unterbrach ihn der Major; »ich gebe zu, es ist
-so; es soll einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so
-gefügt haben; geben Sie mir aber nur <em class="gesperrt">einen</em> vernünftigen
-Grund an zwischen Ursache und Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen
-am Othello versterben lassen wollen!«</p>
-
-<p>»Herr!« antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, »das
-kann ich nicht; aber ich erinnere an die Worte jenes großen
-Geistes, von dem auch dieser unglückselige Othello abstammt:
-›Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich
-die Philosophen nichts träumen lassen!‹«</p>
-
-<p>»Ich kenne das,« sagte der Graf; »aber ich wette, Shakespeare
-hätte nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt,
-wie viel Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!«</p>
-
-<p>»Es ist möglich,« erwiderte der Sänger; »hören Sie aber
-weiter. Ich komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen
-ich mich erinnern kann, <em class="gesperrt">an den Herzog selbst</em>.«</p>
-
-<p>»Wie,« unterbrach ihn der Major; »eben <em class="gesperrt">jener</em>, der die
-Actrice ermorden ließ?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span></p>
-
-<p>»Derselbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr
-gegeben worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde
-Herrschaften zum Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und
-sonderbarerweise wünschte eine der fremden fürstlichen Damen,
-<em class="gesperrt">Othello</em> zu sehen. Der Herzog ging ungern daran, nicht
-aus Angst vor den greulichen Umständen, die diesem Stück zu
-folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und glaubte an
-nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel
-seiner Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte Abscheu
-vor diesem Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame
-nichts abschlagen mochte, sei es, daß er sich vor dem Publikum
-schämte, das Stück mußte über Hals und Kopf einstudiert werden,
-es wurde auf seinem Lustschloß gegeben. Sehen Sie, hier
-steht es: ›Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Lustschloß
-H… aufgeführt.‹«</p>
-
-<p>»Nun, Alter, und was folgte? geschwind!« riefen die
-Freunde ungeduldig.</p>
-
-<p>»Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog
-gestorben.«</p>
-
-<p>»Nicht möglich,« sagte der Major nach einigem Stillschweigen;
-»lassen Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom
-Herzog? Hier ist nichts <em class="antiqua">in margine</em> bemerkt.«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei;
-»aber hier seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen
-Sie gefälligst nachsehen?«</p>
-
-<p>Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand
-und las: »Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober
-1793 höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn &ndash; Dummes
-Zeug,« rief er und sprang auf: »das könnte mich um den
-Verstand bringen! Zufall! Zufall! und nichts anders! Nun &ndash;
-und wissen Sie noch ein solches Histörchen?«</p>
-
-<p>»Ich könnte Ihnen noch einige anführen,« erwiderte der
-Alte mit Ruhe, »doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren
-Unterhaltung; nur aus der neuesten Zeit noch einen Fall.
-<em class="gesperrt">Rossini</em> schrieb seine herrliche Oper Othello, worin er, was
-man bezweifelt hatte, zeigte, daß er es verstehe, auch die tieferen,
-tragischen Saiten der menschlichen Brust anzuschlagen. Er wurde
-hier höheren Orts nicht <em class="gesperrt">verlangt</em>, daher wurde er auch nicht
-fürs Theater einstudiert. Die Kapelle aber unternahm es, diese
-Oper für sich zu studieren, es wurden einige Szenen in Konzerten
-aufgeführt, und diese wenigen Proben entzündeten im
-Publikum einen so raschen Eifer für die Oper, daß man allgemein<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-in Zeitungen, an Wirtstafeln, in Singtees und dergleichen
-von nichts als Othello sprach, nichts als Othello verlangte.
-Von den grauenvollen Begebenheiten, die das Schauspiel
-Othello begleitet hatten, war gar nicht die Rede; es schien,
-man denke sich unter der Oper einen ganz andern Othello. Endlich
-bekam der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater
-und sang den Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper
-in die Szene zu setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof
-und Adel war da, das Orchester strengte sich übermenschlich an,
-die Sängerinnen ließen nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß
-nicht &ndash; uns alle wehte ein unheimlicher Geist an, als Desdemona
-ihr Lied zur Harfe spielte, als sie sich zum Schlafengehen
-rüstete, als der Mörder, der abscheuliche Mohr, sich nahte.
-Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter, es war
-dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in derselben
-Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen,
-trotz der Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes
-Zittern, als der Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der
-fürstlichen Loge, wo so viele blühende, kräftige Gestalten auf
-unser Spiel herübersahen. ›Wirst du wohl durch die Töne, die
-deinen Tod begleiten, dich besänftigen lassen, blutdürstiges Gespenst
-der Gemordeten?‹ dachte ich. Es war so; fünf, sechs
-Tage hörte man nichts von einer Krankheit im Schlosse; man
-lachte, daß es nur der Einkleidung in eine Oper bedurfte, um
-jenen Geist gleichsam irre zu machen; der siebente Tag verging
-ruhig, am achten wurde Prinz Ferdinand auf der Jagd erschossen.«</p>
-
-<p>»Ich habe davon gehört,« sagte der Major, »aber es war
-Zufall; die Büchse seines Nachbars ging los, und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sage ich denn, das Gespenst bringe die Höchstseligen
-selbst um, drücke ihnen eigenhändig die Kehle zu? Ich spreche
-ja nur von einem unerklärlichen, geheimnisvollen Zusammenhang.«</p>
-
-<p>»Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen
-erzählt? Wo steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener
-Jagd Othello gegeben wurde?«</p>
-
-<p>»Hier,« erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf
-eine Stelle in seiner Chronik wies; der Graf las: »<em class="gesperrt">Othello</em>,
-Oper von Rossini, den 12. März;« und auf dem Rande stand
-dreimal unterstrichen: »den 20. <em class="gesperrt">fiel Prinz Ferdinand
-auf der Jagd</em>.«</p>
-
-<p>Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span>
-an; sie schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst
-des alten Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener
-furchtbaren Ereignisse tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen
-mochten. Der Major blätterte in der Chronik und
-pfiff vor sich hin, der Graf schien über etwas nachzusinnen, er
-hatte Stirne und Augen fest in die Hand gestützt. Endlich sprang
-er auf. »Und dies alles kann Ihnen dennoch nicht helfen!«
-rief er, »die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die Gesandten
-wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man
-durch diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert
-Taler, mein Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der
-Kunst, welche sie Ihnen zustellen, um Ihren Othello recht glänzend
-auftreten zu lassen. Kaufen Sie davon, was Sie wollen,«
-setzte er lächelnd hinzu, »lassen Sie Geisterbanner, Beschwörer
-kommen, kaufen Sie einen ganzen Hexenapparat, kurz, was
-nur immer nötig ist, um das Gespenst zu vertreiben &ndash; nur
-geben Sie uns Othello.«</p>
-
-<p>»Meine Herren,« sagte der Alte, »es ist möglich, daß ich
-in meiner Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt
-hätte; das Alter hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt,
-daß es Dinge gibt, die man nicht geradehin verwerfen muß.
-Ich danke für Ihr Geschenk, ich werde es auf eine würdige
-Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den strengsten Befehl
-werde ich Othello geben lassen. Ach Gott und Herr!« rief er
-kläglich, »wenn ja der Fall wieder einträte, wenn das liebe,
-herzige Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!«</p>
-
-<p>»Sein Sie still,« rief der Graf erblassend, »wahrhaftig,
-Ihre wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich
-am hellen Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß
-Othello auf jeden Fall gegeben wird; machen Sie mir keine
-Kunstgriffe mit Katarrh und Fieber, mit Krankwerdenlassen
-und eingetretenen Hindernissen. Beim Teufel, wenn Sie keine
-Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der Erwürgten
-heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt.«</p>
-
-<p>Der Alte kreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen
-Schuhen umher. »Welche Ruchlosigkeit,« jammerte er, »wenn
-sie nun erschiene wie der steinerne Gast? Lassen Sie solche
-Reden, ich bitte Sie; wer weiß, wie nahe jedem sein eigenes
-Verderben ist!«</p>
-
-<p>Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab und noch
-lange diente der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze
-und den Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>6.</h4>
-</div>
-
-<p>Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in
-den Grafen, seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War
-er sonst fröhlich, lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte
-er sonst die Gesellschaft durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen
-aus seinem Leben unterhalten, wußte er sonst jeden,
-mochte er noch so gering sein, auf eine sinnige feine Weise zu
-verbinden, so daß er der Liebling aller, von vielen angebetet
-wurde, so war er in andern Momenten gerade das Gegenteil.
-Er fing an, trocken und stumm zu werden, seine Augen senkten
-sich, sein Mund preßte sich ein. Nach und nach ward er finster,
-spielte mit seinen Fingern, antwortete mürrisch und ungestüm.
-Der Major hatte ihm schon abgemerkt, daß dies die Zeit war,
-wo er aus der Gesellschaft entfernt werden müsse, denn jetzt
-fehlten noch wenige Minuten, so zog er mit leicht aufgeregter
-Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf sich, und fing an
-zu wüten und zu rasen.</p>
-
-<p>Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit
-eine gewisse Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend
-machte, um ihn vor diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft
-zu bewahren, desto greulicher brachen sie in seinen
-Zimmern aus; er tobte, er fluchte in allen Sprachen, er klagte
-sich an, er weinte. »Bin ich nicht ein elender, verworfener
-Mensch?« sprach er einst in einem solchen Anfall; »meine Pflichten
-mit Füßen zu treten, die treueste Liebe von mir zu stoßen,
-ein Herz zu martern, das mir so innig anhängt! Leichtsinnig
-schweife ich in der Welt umher, habe mein Glück verscherzt, weil
-ich in meinem Unsinn glaubte, ein Kosciuszko zu sein, und bin
-nichts als ein Schwachkopf, den man wegwarf. Und so viele
-Liebe, diese Aufopferung, diese Treue so zu vergelten!«</p>
-
-<p>Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht.
-»Sie sagen ja selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat;
-konnte sie je eine andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen
-erwarten als die, welche die Verhältnisse erlauben?«</p>
-
-<p>»Ha, woran mahnen Sie mich!« rief der Unglückliche, »wie
-klagen mich Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch <em class="gesperrt">sie</em>, auch
-<em class="gesperrt">sie</em> betört! Wie kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter
-kam, als ich sie sah mit dem lieblichen Schmelz der Unschuld
-in den Augen, da fing mein Leichtsinn wieder an; ich vergaß
-alle guten Vorsätze, ich vergaß, wem ich allein gehören<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von Lust, ich begrub
-mein Gewissen in Vergessenheit!« Er fing an zu weinen, die
-Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. »Und konnte ich,«
-flüsterte er, »konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich sah
-es an jeder ihrer Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, daß
-sie mich liebte; sollte ich fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte
-der Liebe in ihren Wangen aufging, wie der erste leuchtende
-Strahl des Verständnisses aus ihrem Auge brach, auf mich
-niederfiel, mich aufzufordern schien, ihn zu erwidern?«</p>
-
-<p>»Ich beklage Sie,« sprach der Freund und drückte seine
-Hand; »wo lebt ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden
-wäre?«</p>
-
-<p>»Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie
-mir mit stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes
-traute, entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein
-flüchtiger Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken
-vermögen, wo man tagelang nur in der freudigen Erwartung
-eines Abends, einer Stunde, einer einsamen Minute lebte, wo
-man in der Erinnerung dieses seligen Augenblicks schwelgte, bis
-der Abend wieder erschien, bis ich aus dem Taumelkelch ihrer
-süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank; wie reich wußte sie
-zu geben, wieviel Liebe wußte sie in <em class="gesperrt">ein</em> Wort, in <em class="gesperrt">einen</em> Blick
-zu legen; und ich sollte fliehen?«</p>
-
-<p>»Und wer verlangt dies?« sagte der Freund gerührt. »Es
-wäre grausam gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse
-zum Opfer brachte, zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich
-gewünscht; ich denke, noch ist nicht alles verloren!«</p>
-
-<p>Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten
-heftiger, sein glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit
-zu tauchen. »Und als sie mit holdem Erröten sagte, wie ich zu
-ihr gelangen könne, als sie erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu
-küssen, als der süße Mund, dessen Wünsche einem Volk Befehle
-waren, <em class="gesperrt">mein</em> gehörte, und die Hoheit einer Fürstin unterging
-im traulichen Flüstern der Liebe &ndash; da, da sollte ich sie lassen?«</p>
-
-<p>»Wie glücklich sind Sie! Gerade in dem Geheimnis dieses
-Verhältnisses muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen
-Sie diese Liebe so tief verdammen? Fassen Sie sich! Das
-Urteil der Welt kann Ihnen gleichgültig sein, wenn Sie glücklich
-sind; denn im ganzen trägt ja wahrhaftig dies Verhältnis
-nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich, wie Sie es selbst sich
-vorstellen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine
-Wangen färbten sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen. »Nicht
-so mild müssen Sie mich beurteilen,« sagte er mit dumpfer
-Stimme, »ich verdiene es nicht. Ich bin ein Frevler, vor dem
-Sie zurückschaudern sollten. O &ndash; daß ich Vergessenheit erkaufen
-könnte, daß ich Jahre auslöschen könnte aus meinem
-Gedächtnis! &ndash; Ich will vergessen, ich muß vergessen, ich werde
-wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse: schaffen Sie Wein, Kamerad;
-ich will trinken, mich dürstet, es wütet eine Flamme in
-mir, ich will mein Gedächtnis, meine Schuld versäufen!«</p>
-
-<p>Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich
-ruhig über diese verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und
-Selbstanklage. »Er ist leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher
-gekannt,« sagte er zu sich; »solche Menschen kommen leicht aus
-einem Extrem in das andere. Er sieht jetzt große Schuld in
-seiner Liebe, weil sie der Geliebten in ihren Verhältnissen schaden
-kann, und im nächsten Augenblick berauscht ihn wieder die
-Wonne der Erinnerung.« Der Wein kam, der Major goß ein;
-der Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er ging mit
-schnellen Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder, blieb
-vor dem Freunde stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte
-seine stillen Empfindungen nicht unterbrechen, er trank und
-beobachtete über das Glas hin aufmerksam die Mienen, die
-Bewegungen seines Freundes.</p>
-
-<p>»Major!« rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl
-nieder; »welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?«</p>
-
-<p>Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er
-schien nachzusinnen, und sagte dann: »Ohne Zweifel, das, was
-das freudigste Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden &ndash;
-Ehre, gekränkte Ehre.«</p>
-
-<p>Der Graf lachte grimmig. »Lassen Sie sich die Taler
-wiedergeben, Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für
-seinen Unterricht gaben. Gekränkte Ehre! Also tiefer steigt
-Ihre Kunst nicht hinab in die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt
-sich doch selbst noch; es lebt doch ein Gefühl in des Gekränkten
-Brust, das ihn hoch erhebt über die Kränkung, er kann die
-Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch die Möglichkeit,
-seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waschen, aber tiefer,
-Herr Bruder,« rief er, indem er die Hand des Majors krampfhaft
-faßte, »tiefer hinab in die Seele! welches Gefühl ist noch
-schrecklicher?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>»Von <em class="gesperrt">einem</em> habe ich gehört,« erwiderte jener, »das
-aber Männer wie wir nicht kennen &ndash; es heißt Selbstverachtung.«</p>
-
-<p>Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf
-und sah den Freund lange an. »Getroffen, Kamerad!« sagte
-er, »das sitzt noch tiefer. Männer wie wir <em class="gesperrt">pflegen</em> es nicht
-zu kennen, es heißt Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch
-gar feine Schlingen auf die Erde; ehe man sich versieht, ist
-man gefangen. Kennen Sie die Qual des Wankelmutes, Major?«</p>
-
-<p>»Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer
-geradeaus aufs Ziel!«</p>
-
-<p>»Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern
-Sie sich noch des Morgens, als wir aus den Toren von
-Warschau ritten? Unsere Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem
-großen Geiste, der sie gefangen hielt; aber wem gehörten die
-Herzen der polnischen Lanciers? Unsere Trompeten ließen
-jene Arien aus den <em class="gesperrt">Krakauern</em> ertönen, jene Gesänge, die
-uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert
-hatten; diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte
-unserer Brust; Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?«</p>
-
-<p>»Dem Vaterland!« sagte der Major gerührt; »ja, damals,
-<em class="gesperrt">damals</em> war ich freilich wankelmütig!«</p>
-
-<p>»Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren, der Teufel weiß
-das recht hübsch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich
-werden, und dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch
-größeres Glück uns vor!«</p>
-
-<p>»Möglich; aber der Mann hat Kraft, <em class="gesperrt">dem</em> treu zu bleiben,
-was er gewählt hat.«</p>
-
-<p>»Das ist es,« rief der Graf, wie niedergedonnert durch
-dies <em class="gesperrt">eine</em> Wort, »das ist es, und daraus &ndash; die Selbstverachtung;
-und warum besser scheinen, als ich bin? Kamerad,
-Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen Sie mich wie die Pest,
-ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie sind ein Mann
-von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst verachten,
-wissen Sie, ich bin&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Halt, ruhig!« unterbrach ihn der Freund, »es pochte an
-der Türe &ndash; herein!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>7.</h4>
-</div>
-
-<p>»Bedaure, bedaure unendlich,« sprach der Regisseur der
-Oper und rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, »ich
-unterbreche Hochdieselben?«</p>
-
-<p>»Was bringen Sie uns?« erwiderte der Major, schneller
-gefaßt als der unglückliche Freund. »Setzen Sie sich und verschmähen
-Sie nicht unsern Wein; was führt Sie zu uns!«</p>
-
-<p>»Die traurige Gewißheit, daß Othello doch gegeben wird.
-Es hilft nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur
-gestehen, ich ließ die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna
-schon dahin gebracht, daß sie mir feierlich gelobte, heiser
-zu werden; da führt der Satan gestern abend die Sängerin
-Fanutti in die Stadt; sie kommt vom …ner Theater, bittet
-die allerhöchste Theaterdirektion um Gastrollen, und stellen Sie
-sich vor, man sagt ihr auf nächsten Sonntag Othello zu. Ich
-habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt wurde; jetzt hilft
-kein Gott mehr dagegen, und doch habe ich schreckliche Ahnungen!«</p>
-
-<p>»Alter Herr!« rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte,
-sich zu sammeln. »Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben
-auf; ich kann Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten
-Personen ein Haar gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den
-Kirchhof, lasse mir das Grab der erwürgten Desdemona zeigen,
-mache ihr meine Aufwartung und bitte sie, diesmal ein Auge
-zuzudrücken und <em class="gesperrt">mich</em> zu erwürgen. Freilich hat sie dann nur
-einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer meiner Vorfahren
-hat auch eine Krone getragen!«</p>
-
-<p>»Freveln Sie nicht so erschrecklich,« entgegnete der Alte, »wie
-leicht kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen
-Dingen ist nicht zu scherzen. Ueberdies habe ich heute nacht im
-Traum einen großen Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man
-Fürsten zu begraben pflegt.«</p>
-
-<p>»Schreckliche Visionen, guter Herr!« lachte der Major.
-»Haben Sie vielleicht vorher ein Gläschen zuviel getrunken?
-Und was ist natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da
-Sie den ganzen Tag mit Todesgedanken umgehen!«</p>
-
-<p>Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen.
-»Gerade <em class="gesperrt">Sie</em>, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben,«
-sagte er. »Ich habe Sie nie gesehen bis zu jener Stunde,
-wo Sie mich mit dem Herrn Grafen besuchten, und doch gingen<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span>
-wir beide heute nacht miteinander dem Sarge nach, Sie weinten
-heftig.«</p>
-
-<p>»Immer köstlicher! wie lebhaft Sie träumen; darum mußte
-ich hierher kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume
-spazieren zu gehen!«</p>
-
-<p>»Brechen wir ab,« erwiderte jener, »was kommen muß,
-wird kommen, und wir würden vielleicht viel darum geben,
-hätten wir alles nur geträumt. Ich komme aber hauptsächlich
-zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen, Sie haben sich so
-generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein Vergnügen daraus
-mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue Sängerin
-zu zeigen.«</p>
-
-<p>Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf
-schien wie immer seine Heftigkeit zu bereuen und diese Zerstreuung
-kam ihm erwünscht; auf dem Major hatten jene Ausbrüche
-einer Selbstanklage schwer und drückend gelegen; auch
-er nahm daher mit Dank diesen Ausweg an, um einer näheren
-Erklärung seines Freundes, die er eher fürchtete, als wünschte,
-zu entfliehen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>8.</h4>
-</div>
-
-<p>Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese
-Saite nicht mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und
-wieder düster, ja die Augenblicke des tiefen Grames kehrten
-wieder, aber nicht mit ihnen das Geständnis einer großen
-Schuld, das damals schon auf seinen Lippen schwebte; er war
-verschlossener als sonst. Der Major sah ihn sogar einige Tage
-beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese Stadt gerufen
-hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese pflegte gerade
-der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust
-an der Sache selbst oder um im Sinne der Geliebten zu handeln
-und ihre Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen,
-er war in jeder Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine
-ausgebreiteten Reisen, sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack
-verbesserten unmerklich manches, was dem Auge und
-Ohr selbst eines so scharfen Kritikers, wie der Regisseur war,
-entgangen wäre; und der alte Mann vergaß oft stundenlang die
-schwarzen Ahnungen, die seine Seele quälten, so sehr wußte
-Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln.</p>
-
-<p>So war Othello zu einer Vollkommenheit fortgeschritten,
-die man anfangs nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war
-durch die sonderbaren Umstände, welche ihre Aufführung bisher<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-verhindert hatten, nicht nur dem Publikum, sondern selbst den
-Sängern neu geworden; kein Wunder, daß sie ihr möglichstes
-taten, um so großen Erwartungen zu entsprechen; kein Wunder,
-daß man mit freudiger Erwartung dem Tag entgegensah, der
-<em class="gesperrt">den Mohren von Venedig</em> auf die Bretter rufen sollte.</p>
-
-<p>Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums
-zu fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf
-vorausgegangen, man war neugierig, wie sie sich vom Theater
-ausnehme, wie sie Desdemona geben werde, eine Rolle, zu der
-man außer schönem Gesang auch ein höheres tragisches Spiel
-verlangte. Hierzu kam das leise Gerücht von den sonderbaren
-Vorfällen, die jedesmal Othello begleitet hatten; die älteren
-Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach, zweifelten, vergrößerten,
-so daß ein großer Teil des Publikums glaubte, der
-Teufel selbst werde eine Gastrolle im Othello übernehmen.</p>
-
-<p>Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten
-über diese Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm,
-daß man bei Hof, wo er noch einige Abende zubrachte, kein
-Wort mehr über Othello sprach; nur Prinzessin Sophie sagte
-einmal flüchtig und lächelnd zu ihm: »Othello hätten wir denn
-doch herausgeschlagen, Ihrer Krankheitstante, Baron, und der
-diplomatischen Drohung des Grafen haben wir es zu danken.
-Wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein Desdemonaliedchen;
-wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein Schwanengesang
-werden.«</p>
-
-<p>»Gibt es Ahnungen?« dachte der Major bei diesen flüchtig
-hingeworfenen Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll
-klangen; »die Sage von der gespenstigen Desdemona,
-die Furcht des alten Regisseurs, seine Träume vom
-Trauergeleite und dieser Schwanengesang!« Er sah der holden,
-lieblichen Erscheinung nach, wie sie froh und freundlich durch
-die Säle gleitete, wie sie, gleich dem Mädchen aus der Fremde,
-jedem eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein freundliches Wort
-darreichte &ndash; wenn der Zufall es wieder wollte, dachte er, wenn
-sie stürbe! Er verlachte sich im nächsten Augenblicke selbst, er
-konnte nicht begreifen, wie ein solcher Gedanke in seine vorurteilsfreie
-Seele kommen könne &ndash; er suchte mit Gewalt dieses
-lächerliche Phantom aus seiner Erinnerung zu verdrängen &ndash;
-umsonst! dieser Gedanke kehrte immer wieder, überraschte ihn
-mitten unter den fremdartigsten Reden und Gegenständen, und
-immer noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu hören;
-»Wenn ich sterbe &ndash; sei es mein Schwanengesang.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall.
-Der Major war nachmittags mit dem Grafen und mehreren
-Offizieren ausgeritten. Auf dem Heimweg überfiel sie ein
-Regen, der sie bis auf die Haut durchnäßte. Die Wohnung
-des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat daher den Major,
-sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf dem
-Kopf, in einen seiner Ueberröcke gehüllt, trat der Major aus
-dem Hause, um in seine eigene Wohnung zu eilen. Er mochte
-einige Straßen gegangen sein, und immer war es ihm, als
-schleiche jemand allen seinen Tritten nach. Er blieb stehen, sah
-sich um, und dicht hinter ihm stand ein hagerer, großer Mann
-in einem abgetragenen Rock. »Dies an Sie Herr!« sagte er
-mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick, drückte dem
-Erstaunten ein kleines Billett in die Hand und sprang um die
-nächste Ecke. Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm,
-in der völlig fremden Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft
-kommen sollte? Er betrachtete das Billett von allen Seiten,
-es war feines, glänzendes Papier, in eine Schleife künstlich
-zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee gesiegelt. Keine
-Aufschrift. »Vielleicht will man sich einen Scherz mit dir
-machen,« dachte er und öffnete es sorglos auf der Straße, er
-las und wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte
-das Papier in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem
-Zimmer zu.</p>
-
-<p>Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er
-glaubte nicht recht gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber
-auch beim hellen Schein der Kerzen blieben die unseligen Worte
-fest und drohend stehen.</p>
-
-<p>»Elender! Du kannst dein Weib, deine kleinen Würmer
-im Elende schmachten lassen, während du vor der Welt in Glanz
-und Pracht auftrittst? Was willst du in dieser Stadt? Willst
-du ein ehrwürdiges Fürstenhaus beschimpfen, seine Tochter so
-unglücklich machen, als du dein Weib gemacht hast? Fliehe, in
-der Stunde, wo du dieses liest, weiß <em class="gesperrt">Pr. Sph.</em> das schändliche
-Geheimnis deines Betrugs.«</p>
-
-<p>Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese
-Zeilen an den Grafen gerichtet, daß sie durch Zufall, vielleicht
-weil er in des Freundes Kleidern über die Straße gegangen,
-in seine Hände geraten seien. Jetzt wurden ihm auf einmal
-jene Ausbrüche der Verzweiflung klar; es war Reue, Selbstverachtung,
-die in einzelnen Momenten die glänzende Hülle
-durchbrachen, womit er sein trügerisches Spiel bedeckt hatte.<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span>
-Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch immer in der
-Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts anders bedeuten
-als den Namen des holden, jetzt so unglückseligen Geschöpfes,
-das jener gewissenlose Verräter in sein Netz gezogen
-hatte. Der Major war ein Mann von kaltem, berechnendem
-Blick, von starkem, konsequentem Geiste; er hatte sich selten oder
-nie von einem Gegenstand überraschen oder außer Fassung setzen
-lassen, aber in diesem Augenblick war er nicht mehr Herr über
-sich; Wut, Grimm, Verachtung kämpften wechselweise in seiner
-Seele. Er suchte sich zu bezwingen, die Sache von einem milderen
-Gesichtspunkt anzusehen, den Grafen durch seinen Charakter,
-seinen grenzenlosen Leichtsinn zu entschuldigen; aber der
-Gedanke an Sophie, der Blick auf »das Weib und die armen
-kleinen Würmer« des Elenden verjagten jede mildernde Gesinnung,
-brausten wie ein Sturm durch seine Seele, ja, es gab
-Augenblicke, wo seine Hand krampfhaft nach der Wand hinzuckte,
-um die Pistolen herunterzureißen und den schlechten Mann noch
-in dieser Stunde zu züchtigen. Doch die Verachtung gegen ihn
-bewirkte, was mildere Stimmen in seiner Brust nicht bewirken
-konnten. »Er muß fort, noch diese Stunde,« rief er; »die Unglückliche,
-die er betörte, darf um keinen Preis erfahren, welchem
-Elenden sie ihre erste Liebe schenkte. Sie soll ihn beweinen,
-vergessen; ihn verachten zu müssen, könnte sie töten.« Er warf
-diese Gedanken schnell aufs Papier, raffte eine große Summe,
-mehr als er entbehren konnte, zusammen, legte den unglücklichen
-Brief bei und schickte alles durch seinen Diener an den
-Grafen.</p>
-
-<p>Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte
-der Major heute keinen Menschen mehr gesehen, und doch
-glaubte er es der Prinzessin schuldig zu sein, sie vor der gedrohten
-Warnung zu bewahren. Er sann hin und her, wie er
-dies möglich machen könne, es blieb ihm nichts übrig, als sie zu
-beschwören, keinen Brief von fremden Händen anzunehmen. Er
-warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlassen,
-als sein Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Grafen
-noch in der Hand. »Seine Exzellenz sind soeben abgereist,«
-sagte er und legte das Paket auf den Tisch.</p>
-
-<p>»Abgereist?« rief der Major. »Nicht möglich!«</p>
-
-<p>»Vor der Türe ist sein Jäger, er hat einen Brief an Sie;
-soll ich ihn hereinbringen?«</p>
-
-<p>Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein,
-der ihm weinend einen Brief übergab. Er riß ihn auf. »Leben<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span>
-Sie wohl auf ewig! Der Brief, der, wie ich soeben erfahre,
-vor einer Stunde in Ihre Hände kam, wird meine Abreise
-<em class="antiqua">sans adieu</em> entschuldigen. Wird mein Kamerad von sechs Feldzügen
-einer geliebten Dame den Schmerz ersparen, meinen
-Namen in allen Blättern aufrufen zu hören? Wird er die
-wenigen Posten decken, die ich nicht mehr bezahlen kann?«</p>
-
-<p>»Wann ist Euer Herr abgereist?«</p>
-
-<p>»Vor einer Viertelstunde, Herr Major!«</p>
-
-<p>»Wußtet Ihr um seine Reise?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Major! Ich glaube, seine Exzellenz wußten
-es heute nachmittag selbst noch nicht; denn sie wollten heute
-abend ins Theater fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf
-zu Fuß aus und ließ mich folgen. Da begegnete ihm an der
-reformierten Kirche ein großer hagerer Mann, der bei seinem
-Anblick sehr erschrak. Er ging auf meinen Herrn zu und fragte,
-ob er der Graf Zronievsky sei? Mein Herr bejahte es; darauf
-fragte er, ob er vor einer Viertelstunde ein Billett empfangen?
-der Herr Graf verneinte es. Nun sprach der fremde Mann
-eine Weile heimlich mit meinem Herrn; er muß ihm keine gute
-Nachrichten gegeben haben, denn der Herr Graf wurde blaß und
-zitterte; er kehrte um nach Hause, schickte den Kutscher nach
-Postpferden, ich mußte schnell zwei Koffer packen; der Reisewagen
-mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit den
-Rechnungen und allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum
-Südertor hinaus. Er nahm vorher noch Abschied von mir, ich
-glaube für immer.«</p>
-
-<p>Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört;
-er befahl ihm, den nächsten Morgen wiederzukommen,
-und fuhr ins Theater. Die Ouvertüre hatte schon begonnen,
-als er in die Loge trat, er warf sich auf einen Stuhl nieder, von
-wo er die fürstliche Loge beobachten konnte. In allem Schmuck
-ihrer natürlichen Schönheit und Anmut saß Prinzessin Sophie
-neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor Freude zu strahlen,
-eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den feingeschnittenen
-Mund wehte ein holdes Lächeln, vielleicht der Nachklang eines
-heiteren Scherzes &ndash; sie hatte ja jetzt ihren Willen durchgesetzt,
-Othello war es, der den Saal und die Logen des Hauses gefüllt
-hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie letzthin
-schien sie eifrig im Hause noch etwas zu suchen &ndash; argloses Herz,
-du schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen
-Blicke werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens,
-ob nicht sein Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span>
-den schönen Nacken zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine
-hohe, gebietende Gestalt wird sich dir nicht mehr nahen.</p>
-
-<p>Sie senkte das Glas; ein Wölkchen von getäuschter Erwartung
-und Trauer lagerte sich unter den blonden Locken, die
-schönen Bogen der Brauen zogen sich zusammen und ließen ein
-kaum merkliches Fältchen des Unmuts sehen. Die feinen, seidenen
-Wimpern senkten sich wie eine durchsichtige Gardine herab, sie
-schien zu sinnen, sie zeichnete mit der Lorgnette auf die Brüstung
-der Loge. &ndash; Sind es vielleicht seine Chiffern, die sie in Gedanken
-versunken vor sich hinschreibt? Wie bald wird sie vielleicht
-dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele füllt!</p>
-
-<p>Dem Major traten unwillkürlich Tränen in die Augen, als
-er Sophie betrachtete. »Noch ahnet sie nicht, was ihrer wartet,«
-dachte er, »aber nie, nie soll sie erfahren, wie elend der war, den
-sie liebte.« Der Gedanke an diesen Elenden bemächtigte sich
-seiner aufs neue; er drückte die Augen zu, verfluchte die menschliche
-Natur, die durch Leichtsinn und Schwäche aus einem erhabenen
-Geist, aus einem tapfern Mann einen ehrvergessenen,
-treulosen Betrüger machen könne.</p>
-
-<p>Der Major hat oft gestanden, daß einer der schrecklichsten
-Augenblicke in seinem Leben der gewesen sei, wo er im ersten
-Zwischenakt Othellos in die fürstliche Loge trat. Es war ihm
-zu Mut, als habe er selbst an Sophien gefrevelt, als sei er es,
-der ihr Herz brechen müsse. Der Gedanke war ihm unerträglich,
-sie arglos, glücklich, erwartungsvoll vor sich zu sehen und
-doch zu wissen, welch namenloses Unglück ihrer warte. Er trat
-ein; ihre Blicke begegneten ihm sogleich, sie hatte wohl oft nach
-der Türe gesehen. Mit hastiger Ungeduld übersah sie einen
-Prinzen und zwei Generale, die sich ihr nahen wollten, sie winkte
-den Major heran. »Haben wir jetzt unsern Othello!« sagte
-sie, »sind Sie nicht auch glücklich, erwartungsvoll? &ndash; doch
-<em class="gesperrt">einen</em> unserer Othelloverschworenen sehe ich nicht,« flüsterte
-sie leiser, indem sie leicht errötete; »der Graf ist sicherlich hinter
-den Kulissen, um recht warmen Dank zu verdienen, wenn er
-alles recht schön machen läßt?«</p>
-
-<p>»Verzeihen Euer Durchlaucht,« erwiderte der Major, mühsam
-nach Fassung ringend, »der Graf läßt sich entschuldigen,
-er ist schnell auf einige Tage verreist.«</p>
-
-<p>Sophie erbleichte. »Verreist, also nicht in der Oper?
-Wohin riefen ihn denn so schnell seine Geschäfte? O, das ist
-gewiß ein Scherz, den Sie beide zusammen machen,« rief sie;
-»glauben Sie denn, er werde nur so schnell weggehen, ohne sich<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span>
-zu beurlauben? Nein, nein, das gibt irgend einen hübschen
-Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein gewisses Briefchen
-zukam.«</p>
-
-<p>Der Major erschrak, daß er sich an dem nächsten Stuhl
-halten mußte. »Ein Briefchen?« fragte er mit bebender Stimme,
-eine schreckliche Ahnung stieg in ihm auf.</p>
-
-<p>»Ja, ein zierliches Billettchen,« sagte sie und ließ neckend
-das Ende eines Papiers unter dem breiten Brasselett hervorsehen,
-das ihren schönen Arm umschloß. »Ein Briefchen, das
-man recht geheimnisvoll mir zugesteckt hat. Ich sehe es Ihnen
-an den Augen an, Sie sind im Komplott. Ich habe noch keine
-Gelegenheit gefunden, es zu öffnen, denn einen solchen Scherz
-muß man nicht öffentlich machen, aber sobald ich in mein Boudoir
-komme&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Durchlaucht! ich bitte um Gottes willen, geben Sie mir
-das Billett,« sagte der Major, von den schrecklichsten Qualen
-gefoltert, »es ist gar nicht einmal an Sie, es ist in ganz unrechte
-Hände gekommen.«</p>
-
-<p>»So? um so besser; das gebe ich um keine Welt heraus, das
-soll mir Aufschluß geben über die Geheimnisse gewisser Leute!
-An eine Dame war es also auf jeden Fall; es ist wirklich hübsch,
-daß es gerade in meine Hände kam.«</p>
-
-<p>Der Major wollte noch einmal bitten, beschwören, aber
-der Prinz fuhr mit seinem Kopf dazwischen, die beiden Generale
-fielen mit Fragen und Neuigkeiten herein, er mußte sich zurückziehen.
-Verfolgt von schrecklichen Qualen, ging er zu seiner Loge
-zurück, er preßte seine Augen in die Hand, um die Unglückliche
-nicht zu sehen, und immer wieder mußte er von neuem hinschauen,
-mußte von neuem die Qualen der Angst, die Gewißheit
-des nahenden Unglücks mit seinen Blicken einsaugen.</p>
-
-<p>Die Diamanten am Schlosse ihres Armbandes spielten in
-tausend Lichtern, ihre Strahlen zuckten zu ihm herüber, sie
-drangen wie tausend Pfeile in sein Herz. »Welchen Jammer
-verschließen jene Diamanten! Wenn sie im einsamen Gemach
-diese Bänder öffnet, öffnet sie nicht zugleich die Pforte eines
-grauenvollen Frevels? Ihr Puls schlägt an diese unseligen
-Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten pocht; wird es nicht
-stillestehen, wenn das Siegel springt, und das ahnungslose Auge
-auf eine furchtbare Kunde fällt?«</p>
-
-<p>Desdemona stimmte ihre Harfe; ihre wehmütigen Akkorde
-zogen flüsternd durch das Haus, sie erhob ihre Stimme, sie sang
-&ndash; ihren Schwanengesang. Wie wunderbar, wie mächtig ergriffen<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span>
-diese melancholischen Klänge jedes Herz; so einfach, so
-kindlich dieses Lied, und doch von so hohem, tragischem Effekt!
-Man fühlt sich bange und beengt, man ahnt, welch grauenvolles
-Schicksal ihrer warte, man glaubt den Mörder in der Ferne
-schleichen zu hören, man fühlt die unabwendbare Macht des
-Schicksals näher und näher kommen, es umrauscht sie wie die
-Fittiche des Todes. Sie ahnet es nicht; sanft, arglos wie ein
-süßes Kind sitzt sie an der Harfe, nur die Schwermut zittert in
-weichen Klängen aus ihrer Brust hervor, aus diesem vollen, liebewarmen
-Herzen, für das der Stahl schon gezückt ist. Sie flüstert
-Liebesgrüße in die Ferne nach ihm, der sie zermalmen wird;
-ihre Sehnsucht scheint ihn in ihre Arme zu rufen, er wird kommen
-&ndash; sie zu morden; sie betet für ihn, Desdemona segnet ihn
-&ndash; der ihr den Tod gibt.</p>
-
-<p>Der Major teilte seine Blicke zwischen der Sängerin und
-Sophien. Sie lauschte, in Wehmut versunken, auf das Lieblingslied,
-eine Träne hing in ihren Wimpern, sie weinte unbewußt
-über ihr <em class="gesperrt">eigenes Geschick</em>, die Akkorde der Harfe
-verschwebten, Sophie sah sinnend, träumend vor sich hin. »Wenn
-ich einst sterbe, soll es mein Schwanengesang sein,« klang es in
-der Erinnerung des Majors. »Wahrlich, sie hat wahr gesagt,«
-sprach er zu sich, »es war der Schwanengesang ihres Glückes.«
-Othello trat auf. Sophiens Aufmerksamkeit war jetzt nicht
-mehr auf die Oper gerichtet, sie sah herab auf ihr Armband, sie
-spielte mit dem Schloß; ein heiteres Lächeln verdrängte ihre
-Wehmut, ihre Blicke streiften nach der Loge des Majors herüber,
-er strengte angstvoll seine Blicke an &ndash; Gott im Himmel,
-sie schiebt das unglückselige Papier hervor und verbirgt es in
-ihr Tuch &ndash; er glaubt zu sehen, wie sie heimlich das Siegel
-bricht &ndash; verzweiflungsvoll stürzt er aus seiner Loge den Korridor
-entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn mit unsichtbarer
-Gewalt der fürstlichen Loge zu, er ist nur noch einige
-Schritte entfernt &ndash; da hört er ein Geräusch in dem Haus, man
-kommt aus der Loge, Bediente und Kammerfrauen eilen ängstlich
-an ihm vorüber, eine schreckliche Ahnung sagt ihm schon
-vorher, was es bedeute, er fragt, er erhält die Antwort: »Prinzessin
-Sophie ist plötzlich in Ohnmacht gesunken!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>9.</h4>
-</div>
-
-<p>Düster, zerrissen in seinem Innern, saß einige Tage nach
-diesem Vorfall der Major Larun in seinem Zimmer. Seine
-Stirne ruhte in der Hand, sein Gesicht war bleich, seine Augen
-halb geschlossen, der sonst so starke Mann zerdrückte manche
-Träne, die sich über seine Wimpern stehlen wollte. Er dachte
-an das schreckliche Geschick, in dessen innerstes Gewebe ihn der
-Zufall geworfen; er sah alle diese feinen Fäden, die, wenigen
-Augen außer ihm sichtbar, so lose sich anknüpften; er sah, wie
-sie weiter gesponnen, wie sie verknüpft und gedoppelt zu einem
-nur zu festen Netz um ein zartes, unglückliches Herz sich schlangen.
-Unbesiegbare Bitterkeit mischte sich in diese trüben Erinnerungen;
-sein alter Waffenfreund, ein so glänzendes Meteor
-am Horizont der Ehre, ein so braver Soldat, und jetzt ein Elender,
-Ehrvergessener, der, ohne nur entfernt einen andern Ausgang
-erwarten zu können, mit allen Künsten der Liebe die unbewachten
-Sinne eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes
-betörte! In diese Gedanken mischte sich das Bild dieses so unendlich
-leidenden Engels, mischte sich die Angst vor einer Szene,
-welcher er in der nächsten Stunde entgegengehen sollte. Eine
-angesehene Dame, die Oberhofmeisterin der Prinzessin Sophie,
-hatte ihn diesen Nachmittag zu sich rufen lassen. Sie entdeckte
-ihm ohne Hehl, daß Sophie von einer schweren Krankheit befallen
-sei, daß die Aerzte wenig Hoffnung geben, denn sie nennen
-ihre Krankheit einen Nervenschlag. Sie sagte ihm weiter, die
-Prinzessin habe ihr <em class="gesperrt">alles</em> gesagt, sie habe ihr kein Wort
-dieses strafbaren Verhältnisses verschwiegen. Sie wisse, daß
-in der Residenz nur <em class="gesperrt">ein</em> Mensch lebe, der jenen Grafen Zronievsky
-näher gekannt habe, dies sei der Baron von Larun. Mit
-einer Angst, einem Verlangen, das an Verzweiflung grenze,
-dringe die Unglückliche darauf, mit ihm ohne Zeugen zu sprechen.
-Die Oberhofmeisterin wußte wohl, wie sehr dies gegen die Vorschriften
-laufe, welche die Etikette ihr auferlegen, aber der Anblick
-des jammernden Kindes, das nur noch dies eine Geschäft
-auf der Erde abmachen zu wollen schien, erhob sie über die
-Schranken ihrer Verhältnisse, sie wagte es, dem Major den
-Vorschlag zu machen, diesen Abend unter ihrer Begleitung heimlich
-zu der Kranken zu gehen.</p>
-
-<p>Der Major hatte nicht nein gesagt. Er wußte, daß er ihr
-nichts Tröstliches sagen könne, er fühlte aber, wie in einem so<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span>
-tiefen Gram das Verlangen nach Mitteilung unüberwindlich
-werden müsse.</p>
-
-<p>Aber was sollte er ihr sagen? Mußte er nicht befürchten,
-von ihrem Anblick, von den trüben Erinnerungen der letzten
-Tage so bestürmt zu werden, daß sein lauter Schmerz sie noch
-unglücklicher machte? Er war noch in diese Gedanken versunken,
-als ihm gemeldet wurde, daß man ihn erwarte; die alte
-Oberhofmeisterin hielt in ihrem Wagen vor dem Hause; er
-setzte sich schweigend an ihre Seite.</p>
-
-<p>»Sie werden die Prinzessin sehr schlecht finden,« sagte diese
-Dame mit Tränen, »ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir
-nicht denken, daß in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron,
-noch etwas Rettendes liegen könne. Werden Sie ihr keinen
-Trost geben können, so verlischt sie uns wie eine Lampe, die
-kein Oel mehr hat, um ihre Flamme zu nähren; und wollten
-Sie ihr Trost, Hoffnung geben, so sind diese Gefühle in ihren
-Verhältnissen von so unnatürlicher Art, daß ich beinahe wünschen
-müßte, sie möge eher sterben, als ihrem Hause Schande machen.«</p>
-
-<p>»Also werde ich ihr den Tod bringen müssen,« sagte der
-Major bitter lächelnd; &ndash;&nbsp;&ndash; »weiß man in der Familie um
-diese Geschichten? Was denkt man von der Krankheit?«</p>
-
-<p>»Wie ich Ihnen sagte, Herr Baron; die Familie, der Hof
-und die Stadt weiß nichts anders, als daß sie sich erkältet haben
-muß; die törichten Leute bringen auch noch die fatale Oper ins
-Spiel und lassen sie am Othello sterben. Was wir beide
-<em class="gesperrt">wissen</em>, ist sonst niemand bekannt; es gibt einige Damen, die
-dieses Verhältnis früher ahneten, aber nicht genau wußten.«</p>
-
-<p>»Und doch fürchte ich,« entgegnete der Major, indem er
-seinen durchdringenden Blick auf die Dame an seiner Seite
-heftete, »ich fürchte, sie stirbt an einem sehr gewagten Bubenstück.
-Man hat dieses Verhältnis geahnet, demselben nachgespürt,
-es wurde zur Gewißheit; man suchte eine Trennung
-herbeizuführen, man spürte die Verhältnisse des Grafen aus&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Glauben Sie?« sagte die Oberhofmeisterin blaß und mit
-bebenden Lippen, indem sie umsonst versuchte, den Blick des
-Majors auszuhalten.</p>
-
-<p>»Man forschte diese Verhältnisse aus,« fuhr der Major
-fort; »man suchte ihn von hier wegzuschrecken, indem man ihm
-drohte, der Prinzessin zu sagen, daß er verheiratet sei. Bis
-hierher war der Plan nicht übel; es gehörte einem solchen
-Elenden, daß man nicht gelinder mit ihm verfuhr. Aber man
-ging weiter: man wollte auch die unglückliche Dame schnell von<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span>
-ihrer Liebe heilen, man machte sie mit dem Geheimnis des
-Grafen bekannt, man glaubte, sie werde alles über Nacht vergessen.
-Und hier war der Plan auf die Nerven eines Dragoners
-berechnet, aber nicht auf das Herz dieses zarten Kindes.«</p>
-
-<p>»Ich muß bitten, zu bedenken,« entgegnete die Oberhofmeisterin
-mit ihrer früheren Kälte, aber mit stechenden Blicken,
-»daß dieses <em class="gesperrt">zarte</em> Kind eine Prinzessin des fürstlichen Hauses
-ist, daß sie erzogen wurde, um mit Anstand über solche Mißverhältnisse
-wegzusehen. Sollte wirklich irgend ein solcher
-Plan vorhanden gewesen sein, so kann ich die Handelnden nicht
-tadeln, sie haben wahrhaft geschickt operiert&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie haben ihren Zweck erreicht, sie wird sterben;« unterbrach
-sie der Major.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß
-bitten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie?« sagte Larun mit gleichgültiger Stimme; »von
-Ihnen, gnädige Frau, sprach ich nicht, ich sagte: sie, die Handelnden,
-die Operierenden.«</p>
-
-<p>Die alte Dame biß sich in die Lippen und schwieg. Wenige
-Augenblicke nachher waren sie an einer Seitenpforte des Palais
-angelangt. Ein alter Diener führte sie durch ein Labyrinth
-von Korridors und Treppen. Endlich waren die Gänge breiter,
-die Beleuchtung auf elegantere Art angebracht, der Major bemerkte,
-daß sie in den bewohnteren Flügel des Schlosses gelangt
-seien. Der Alte winkte in eine Seitentür. Der Weg ging jetzt
-durch mehrere Gemächer bis in einen Salon, der wohl zu den
-Appartements der Prinzessin gehören mochte, wo die Oberhofmeisterin
-dem Major zuflüsterte, er möchte einstweilen in
-einem Fauteuil sich gedulden, bis sie ihn rufen lasse.</p>
-
-<p>Nach einer tödlich langen Viertelstunde erschien sie wieder.
-Sie sagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken
-er allein mit ihr sein werde; sie selbst wolle sich als <em class="antiqua">dame
-d'honneur</em> an die Türe setzen, wo sie gewiß nichts hören könne,
-wenn man nicht gar zu laut spreche. Uebrigens dürfe er nicht
-länger als eine Viertelstunde bleiben. Der Major trat ein.
-Das prachtvolle Gemach mit seinen schimmernden Tapeten und
-goldenen Leisten, die reiche Draperie der Gardinen, die bunten
-Farben des türkischen Fußteppichs taten seinem Auge wehe,
-denn das Gemüt will ein leidendes Herz, einen kranken Körper
-nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben sehen. Und wie
-groß war der Kontrast zwischen diesem Glanz der Umgebung<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
-und diesem zarten, lieblichen Kind, das in einem einfachen,
-weißen Gewand auf einer prachtvollen Ottomane lag.</p>
-
-<p>Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Gestalt, ihr ganzes
-Wesen zum erstenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt
-wieder in die Seele des Majors. Es war ihre einfache, ungeschmückte
-Schönheit, ihre stille Größe, verborgen hinter dem
-Zauber kindlicher Liebenswürdigkeit, was ihn angezogen hatte.
-Wohl blendete ihn damals der Glanz der frischen, jugendlichen
-Farben, die lebhaft strahlenden Augen, jenes gewinnende, huldvolle
-Lächeln, das ihre feinen, rosigen Lippen umschwebte. Ein
-Nachtfrost hatte diese Blüten abgestreift; aber gab ihr nicht diese
-durchsichtige Blässe, diese stille Trauer in dem sinnigen Auge,
-dieser wehmütige Zug um den Mund, der nie mehr scherzte,
-eine noch erhabenere Schönheit, einen noch gefährlicheren
-Zauber? Der Major stand einige Schritte von ihr stille und
-betrachtete sie mit tiefer Rührung. Sie winkte ihm nach einem
-Taburett, das zu ihren Füßen stand; sie sprach; ihre Stimme
-hatte zwar jenes helle Metall verloren, das sonst ihre heiteren
-Scherze, ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber diese weichen,
-rührenden Töne drangen tiefer. &ndash; »Es wäre töricht von mir,
-Herr Baron,« sprach sie, »wollte ich Sie lange in Ungewißheit
-lassen, warum ich Sie rufen ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie,
-als seinen besten Freund, von einem Verhältnis unterrichtet
-hat, das nie hätte bestehen sollen. &ndash; Erinnern Sie sich noch
-des Abends in Othello? Ich sagte Ihnen von einem Billett, das
-ich bekommen habe; ich erinnere mich, daß Sie mir es wiederholt
-abforderten; warum haben Sie das getan?«</p>
-
-<p>»Warum? fragen Euer Durchlaucht, weil ich den Inhalt
-ahnete, zu wissen glaubte.«</p>
-
-<p>»Also doch!« rief sie und eine Träne drang aus ihrem
-schönen Auge; »also doch! Ich hielt Sie, seit dem ersten Augenblick,
-wo ich Sie sah, für einen Mann von Ehre; wenn Sie die
-Verhältnisse des Grafen wußten, warum haben Sie ihn nicht
-bälder entfernt, warum mir nicht den Schmerz erspart, ihn verachten
-zu müssen?«</p>
-
-<p>»Ich kann bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre
-schwören,« entgegnete der Major, »daß ich kaum eine Stunde,
-bevor ich zu Euer Durchlaucht in die Loge trat, diese Verhältnisse
-durch ein Papier erfahren habe, das durch Zufall statt in
-des Grafen Hände in die meinigen kam. Als ich den Grafen
-darüber zur Rede stellen wollte, hatte er schon Nachricht davon<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span>
-bekommen und war abgereist. Ich ahnete aus gewissen Winken,
-die jenes Briefchen enthielt, daß auch <em class="gesperrt">Sie</em> nicht verschont bleiben
-werden; umsonst versuchte ich das unglückliche Blättchen
-Euer Durchlaucht abzuschwätzen.«</p>
-
-<p>»Sie glauben also an diese Erfindung?« sagte Sophie, indem
-ihre Tränen heftiger strömten; »ach, es ist ja nur ein Kunstgriff
-<em class="gesperrt">gewisser Leute</em>, die ihn von uns entfernen wollten.
-Lesen Sie dieses Billett, es ist dasselbe, das ich erhielt; gestehen
-Sie selbst, es ist Verleumdung!«</p>
-
-<p>Der Major las:</p>
-
-<p>»Der Graf von Z. ist verheiratet; seine Gemahlin lebt in
-Avignon; drei kleine Kinder weinen um ihren Vater. &ndash; Sollte
-eine erlauchte Dame so wenig Ehrgefühl, so wenig Mitleid besitzen,
-ihn diesen Banden noch länger zu entziehen?«</p>
-
-<p>Es war dieselbe Handschrift, dasselbe Siegel wie jenes
-Billett, das er selbst bekommen hatte. Er sah noch immer in
-diese Zeilen; er wagte nicht aufzuschauen, er wußte nicht zu
-antworten; denn seine strengen Begriffe von Wahrheit erlaubten
-ihm nicht, gegen seine Ueberzeugung zu sprechen, das tiefe Mitleid
-mit ihrem Schmerz ließ ihn ihre Hoffnung nicht so grausam
-niederschlagen.</p>
-
-<p>»Sehen Sie,« fuhr sie fort, als er noch immer schwieg,
-»wie ich dieses Briefchen arglos, neugierig erbrach, so überraschten
-mich jene schrecklichen Worte <em class="gesperrt">Gemahlin</em>, <em class="gesperrt">Vater</em>
-wie eine Stimme des Gerichtes. Die Sinne schwanden mir;
-ich wurde recht krank und elend; aber so oft ich nur eine Stunde
-mich leichter fühle, steigt meine Hoffnung wieder; ich glaube,
-Zronievsky kann doch nicht so gar schlecht gewesen sein, er
-kann mich nicht so schrecklich betrogen haben. Lächeln Sie doch,
-Major, seien Sie freundlich! &ndash; Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen
-mich verspotten, weil ich mich durch diese Zeilen so ganz außer
-Fassung bringen ließ, &ndash; aber nicht wahr, Sie meinen selbst,
-es ist eine Lüge, es ist Verleumdung?«</p>
-
-<p>Der Major war außer sich; was sollte er ihr sagen? Sie
-hing so erwartungsvoll an seinen Lippen, es war, als sollte
-<em class="gesperrt">ein</em> Wort von ihm sie ins Leben rufen &ndash; ihr Auge strahlte
-wieder, jenes holde Lächeln erschien wieder auf ihren lieblichen
-Zügen &ndash; sie lauschte wie auf die Botschaft eines guten Engels.</p>
-
-<p>Er antwortete nicht, er sah finster auf den Boden; da verschwand
-allmählich die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das
-Auge senkte sich, der kleine Mund preßte sich schmerzlich zusammen,
-das zarte Rot, das noch einmal ihre Wangen gefärbt<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-hatte, floh; sie senkte ihre Stirne in die schöne Hand, sie verbarg
-ihre weinenden Augen.</p>
-
-<p>»Ich sehe,« sagte sie, »Sie sind zu edel, mir mit Hoffnungen
-zu schmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verschwinden
-müßten. Ich danke Ihnen auch für diese schreckliche Gewißheit.
-Sie ist immer besser als das ungewisse Schweben zwischen
-Schmerz und Freude; und nun, mein Freund, nehmen Sie dort
-das Kästchen, suchen Sie es ihm zuzustellen, es enthält manches,
-was mir teuer war &ndash; doch nein, lassen Sie es mir noch einige
-Tage, ich schicke es Ihnen, wenn ich es nicht mehr brauche.</p>
-
-<p>Es ist mir, als werde ich nicht mehr lange leben,« fuhr
-sie nach einigen Augenblicken fort; »ich bin gewiß nicht abergläubisch,
-aber warum muß ich gerade nach diesem fatalen
-Othello krank werden?«</p>
-
-<p>»Ich hätte nicht gedacht, daß dieser Gedanke nur einen
-Augenblick Euer Durchlaucht Sorge machen könnte!« sagte der
-Major.</p>
-
-<p>»Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht,
-als man mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich
-werde sterben. Eine ernste, finstere junge Dame kam mit einem
-Plumeau von roter Seide auf mich zu, deckte ihn über mich her
-und preßte ihn immer stärker auf mich, daß ich beinahe erstickte.
-Dann kam plötzlich mein Großoheim, der Herzog Nepomuk,
-gerade so wie er gemalt in der Galerie hängt, und befreite mich
-von dem beengenden Druck, und das sonderbarste ist&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun?« fragte der Baron lächelnd, »was fing denn der
-gemalte Herzog mit Desdemona an?«</p>
-
-<p>Die Prinzessin staunte: »Woher wissen Sie denn, daß die
-Dame Desdemona ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie
-dies?«</p>
-
-<p>Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. »Was ist
-natürlicher,« antwortete er dann, »als daß Sie von Desdemona
-träumten? Sie hatten sie ja am Abende zuvor in einem roten
-Bette verscheiden sehen.«</p>
-
-<p>»Sonderbar, daß <em class="gesperrt">Sie</em> auch gleich auf den Gedanken kamen!
-Das sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich
-befreite, ich wachte in der Tat auf und sah &ndash; wie jene Dame
-mit dem Plumeau unter dem Arm langsam zur Türe hinausging.
-Seit dieser Nacht träumte ich immer dasselbe, immer
-beengender ward ihr Druck, immer später kommt mir der Herzog
-zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus dem Zimmer<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
-schweben! Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen
-ließ und mein liebes <em class="gesperrt">Desdemonaliedchen</em> spielte, da &ndash;
-spotten Sie immer über mich! &ndash; da ging die Türe auf und jene
-Dame sah ins Zimmer und nickte mir zu.«</p>
-
-<p>Sie hatte dieses halb scherzend, halb im Ernst erzählt; sie
-wurde ernster. »Nicht wahr, Major,« sagte sie, »wenn ich
-sterbe, gedenken Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen
-Mannes ist mir wert.« &ndash; »Prinzessin!« rief der Major, indem
-er vergebens seine Wehmut zu bezwingen suchte, »entfernen
-Sie doch diese Gedanken, die unmöglich zu Ihrer Genesung heilsam
-sein können!«</p>
-
-<p>Die Oberhofmeisterin erschien in der Tür und gab ein
-Zeichen, daß die Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte
-dem Major die Hand zum Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen
-von Schmerz, Liebe und Ehrfurcht die Hand eines
-Mädchens geküßt. Er hob sein Auge noch einmal zu ihr auf,
-er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut auf ihm ruhten.
-Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher; der
-Major stand auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten gesellschaftlichen
-Formen sich von einem Wesen zu trennen, das ihm
-in wenigen Minuten so teuer geworden war.</p>
-
-<p>»Ich hoffe,« sagte er, »Euer Durchlaucht bei der nächsten
-Cour ganz wiederhergestellt zu sehen.«</p>
-
-<p>»Sie hoffen, Major?« antwortete sie schmerzlich lächelnd;
-»leben Sie wohl, ich habe zu <em class="gesperrt">hoffen</em> aufgehört.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>10.</h4>
-</div>
-
-<p>Die Residenz war einige Tage mit nichts anderem als der
-Krankheit der geliebten Prinzessin beschäftigt; man sagte sie
-bald sehr krank, bald gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken,
-das für alle, die sie näher kannten, schrecklich war. An einem
-Morgen, sehr frühe, brachte ein Diener dem Major ein Kästchen.
-Ein Blick auf dieses wohlbekannte Behältnis und auf die
-Trauerkleider des Dieners überzeugte ihn, daß die Prinzessin
-nicht mehr sei. Es war ihm, als sei dieses liebliche Wesen ihm,
-ihm <em class="gesperrt">allein</em> gestorben. Er hatte viel verloren auf der Erde,
-und doch hatte kein Verlust so empfindlich, so tief seine Seele
-berührt als dieser. Es war ihm, als habe er nur noch <em class="gesperrt">ein</em>
-Geschäft auf der Erde, das Vermächtnis der Verstorbenen an<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span>
-seinen Ort zu befördern; er würde diese Stadt, die so drückende
-Erinnerungen für ihn hatte, sogleich verlassen haben, hätte ihn
-nicht das Verlangen zurückgehalten, ihre sterblichen Reste beisetzen
-zu sehen. Als die feierlichen Klänge aller Glocken, als die
-Trauertöne der Musik und die langen Reihen der Fackelträger
-verkündeten, daß Sophie zur Gruft ihrer Ahnen geführt werde,
-da verließ er zum erstenmal wieder sein Haus und schloß sich
-dem Zuge an. Er hörte nicht auf das Geflüster der Menschen,
-die sich über die Ursachen ihrer Krankheit, ihres Todes besprachen;
-er hatte nur <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken, nur jener Augenblick,
-wo ihr Auge noch einmal auf ihm geruht, wo seine Lippen ihre
-Hand berührt hatten, stand vor seiner Seele. Man nahm die
-Insignien ihrer hohen Geburt von dem Sarge, man senkte sie
-langsam hinab zum Staube ihrer Ahnen. Die Menge verlor sich,
-die Begleiter löschten ihre Fackeln aus und verließen die Halle.
-Der Major warf noch einen Blick nach der Stelle, wo sie verschwunden
-war, und ging.</p>
-
-<p>Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein
-alter Mann, der heftig weinte. Als der Major an seiner Seite
-war, sah jener sich um, es war der Regisseur der Oper. Der
-Alte trat näher zu ihm, sah ihn lange an, schien sich auf etwas
-zu besinnen und sprach dann: »Möchten Sie nicht, Herr Baron,
-wir hätten nur geträumt, und jenes liebliche Kind, das man
-begraben hat, wäre noch am Leben?«</p>
-
-<p>»Woran mahnen Sie mich!« rief der Major mit unwillkürlichem
-Grauen; »ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten;
-sie ist begraben, und wir beide gehen nebeneinander von ihrem
-Grab.«</p>
-
-<p>»Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen,«
-sagte der Alte mit trübem Ernst. »Ist es heute nicht <em class="gesperrt">elf</em> Tage,
-daß wir Othello gaben? Am <em class="gesperrt">achten</em> ist sie gestorben.«</p>
-
-<p>»Zufall, Zufall!« rief der Major. »Wollen Sie Ihren
-Wahnsinn auch jetzt noch fortsetzen? Weiß ich doch nur zu gut,
-an was sie starb? Wohl hat ein Dolch ihre Seele wie Desdemonas
-Brust durchstoßen; ein Elender, schwärzer als Ihr
-Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber dennoch ist es Aberglaube,
-Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre Oper zusammenreimen!«</p>
-
-<p>»Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig,« sagte der
-Alte mit Tränen. »Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter!<span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span>
-ich werde es, wie ich es weiß, in meiner Opernchronik notieren.
-Es hat so kommen müssen!«</p>
-
-<p>»Nein!« erwiderte der Major beinahe wütend, »nein, es
-hat nicht so kommen müssen; <em class="gesperrt">ein</em> Wort von mir hätte sie vielleicht
-gerettet. Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren
-Othello nicht ins Spiel; es ist Zufall, Alter; ich will es haben,
-es ist Zufall!«</p>
-
-<p>»Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur
-Schickung. Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn
-hier ist meine Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie
-wollen;« setzte der Alte hinzu, indem er die kalte Hand des
-Majors in der seinigen preßte, »das Faktum ist da, sie starb
-&ndash; <em class="gesperrt">acht Tage nach Othello</em>.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p>
-
-<h3 id="Die_Bettlerin_vom_Pont_des_Arts">Die Bettlerin vom Pont des Arts.</h3>
-
-<h4>1.</h4>
-</div>
-<p>Wer im Jahre 1824 abends hie und da in den Gasthof
-zum König von England in Stuttgart kam oder nachmittags
-zwischen zwei und drei in den Anlagen auf dem breiten Wege
-promenierte, muß sich, wenn anders sein Gedächtnis nicht zu
-kurz ist, noch einiger Gestalten erinnern, die damals jedes
-Auge auf sich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die ganz
-und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäste
-oder Anlagenspaziergänger paßten, sondern eher auf den Prado
-zu Madrid oder in ein Café zu Lissabon oder Sevilla zu gehören
-schienen. Denket euch einen ältlichen, großen, hageren
-Mann mit schwärzlichgrauen Haaren, tiefen, brennenden Augen
-von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühn gebogenen Nase und
-feinem eingepreßten Mund. Er geht langsam, stolz und aufrecht.
-Zu seinen schwarzseidenen Beinkleidern und Strümpfen,
-zu den großen Rosen auf den Schuhen und den breiten Schnallen
-am Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu
-dem hohen, etwas zugespitzten Hut mit breitem Rande, schief an
-die Stirne gedrückt, wünschet ihr, wenn euch nur einigermaßen
-Phantasie innewohnt, ein kurzes, geschlitztes Wams und einen
-spanischen Mantel statt des schwarzen Frackes, den der Alte umgelegt
-hat.</p>
-
-<p>Und der Diener, der ihm ebenso stolzen Schrittes folgt,
-erinnert er nicht durch das spitzbübische, dummdreiste Gesicht,
-durch die fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenierte
-Wesen, womit er um sich schaut, alles angafft und doch nichts
-bewundert, an jene Diener im spanischen Lustspiel, die ihrem
-Herrn wie ein Schatten treu, an Bildung tief unter ihm, an
-Stolz neben ihm, an List und Schlauheit über ihm stehen?
-Unter dem Arm trägt er seines Gebieters Sonnenschirm und
-Regenmantel, in der Hand eine silberne Büchse mit Zigarren
-und eine Lunte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p>
-
-<p>Wer blieb nicht stehen, wenn diese beiden langsam durch die
-Promenade wandelten, um ihnen nachzusehen? Es war aber
-bekanntlich niemand anders, als <em class="gesperrt">Don Pedro di San Montanjo
-Ligez</em>, der Haushofmeister des Prinzen von P., der
-sich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und Diego, sein Diener.</p>
-
-<p>Wie es oft zu geschehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes
-Ereignis dazu gehört, einen Menschen berühmt und auffallend zu
-machen, so geschah dies auch mit dem jungen Fröben, der schon
-seit einem halben Jahr (so lange mochte er sich wohl in Stuttgart
-aufhalten) alle Tage Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal
-in die Anlagen trat, dreimal um den See und fünfmal den
-breiten Weg auf und nieder ging, an allen den glänzenden
-Equipagen, schönen Fräulein, an einer Masse von Direktoren,
-Räten und Leutnants vorüberkam und von niemand beachtet
-wurde, denn er sah ja aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch von
-etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines
-Nachmittags im breiten Weg auf <em class="gesperrt">Don Pedro</em> gestoßen, solcher
-ihn gar freundlich gegrüßt, seinen Arm traulich in den seinigen
-geschoben hatte und mit ihm einigemal, eifrig sprechend, auf
-und ab spaziert war, seitdem betrachtete man ihn neugierig,
-sogar mit einer gewissen Achtung; denn der stolze Spanier, der
-sonst mit niemand sprach, hatte ihn mit auffallender Aestimation
-behandelt.</p>
-
-<p>Die schönsten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles
-Gesicht habe, ja es liege sogar etwas Interessantes, überaus
-Anziehendes darin, was man in den Anlagen eben nicht häufig
-sehe; die Direktoren und allerlei Räte fragten: »Wer der junge
-Mann wohl sein könnte?« und nur einige Leutnants konnten
-Auskunft geben, daß er hie und da im Museum Beefsteaks
-speise, seit einem halben Jahre in der Schloßstraße wohne und
-einen schönen Mecklenburger reite, so ihm eigen angehörig. Sie
-setzten noch vieles über die Vortrefflichkeit dieses Pferdes hinzu,
-wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es sei, was es wohl
-kosten könnte, und kamen so auf die Pferde überhaupt zu
-sprechen, was sehr lehrreich zu hören gewesen sein soll.</p>
-
-<p>Den jungen Fröben aber sah man seit dieser Zeit öfter
-in Gesellschaft Don Pedros, und gewöhnlich fand er sich abends
-im König von England ein, wo er, etwas entfernt von andern
-Gästen, bei dem Sennor saß und mit ihm sprach. Diego aber
-stand hinter dem Stuhl seines Herrn und bediente beide fleißig
-mit Xeres und Zigarren. Niemand konnte eigentlich begreifen,<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span>
-wie die beiden Herren zusammengekommen oder welches Interesse
-sie aneinander fanden. Man riet hin und her, machte Konjekturen,
-und am Ende hätte doch der junge Mann selbst den
-besten Aufschluß darüber geben können, wenn ihn nur einer gefragt
-hätte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>2.</h4>
-</div>
-
-<p>Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder
-<em class="gesperrt">Boisserée</em> und <em class="gesperrt">Bertram</em>, wo sie sich zuerst fanden und
-erkannten? Diese gastfreien Männer hatten dem jungen Manne
-erlaubt, ihre Bilder so oft zu besuchen, als er immer wollte; und
-er tat dies, wenn er nur immer in der Mittagstunde, wo die
-Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es mochte regnen
-oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten Ausflügen in
-die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und kam
-dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des
-Herrn von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte,
-er habe die herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert
-oder nachgezeichnet. Nein, er kam leise in die Türe, grüßte
-schweigend und ging in ein entferntes Zimmer, vor <em class="gesperrt">ein</em> Bild,
-das er lange betrachtete; und ebenso still verließ er wieder die
-Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart, als daß sie ihn über
-seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt hätten; aber
-auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen sein, denn oft, wenn
-er herausging, konnte er nur schlecht die Tränen verbergen, die
-ihm im Auge quollen.</p>
-
-<p>Großen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das
-Bildchen nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb
-altdeutscher Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht
-mit klaren, liebevollen Augen, mit feinem, zierlichem Mund und
-zartem, rundem Kinn trat sehr lebendig aus dem Hintergrund
-hervor. Die schöne Stirne umzog reiches Haar und ein kleiner
-Hut, mit weißen buschigen Federn geschmückt, der etwas schalkhaft
-zur Seite saß. Das Gewand, das nur den schönen zierlichen
-Hals frei ließ, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und
-zeugte ebensosehr von der Sittsamkeit als dem hohen Stand der
-Dame.</p>
-
-<p>»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt,« dachte man,
-»wie Kalaf in das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich
-geringerer Hoffnung, denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre
-alt und das Original nicht mehr unter den Lebenden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige
-Anbeter des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines
-Tages mit seinem Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der
-Haushofmeister, hatte die umherschreitende Schar der Zuschauer
-verlassen und besah sich die Gemälde, einsam von Zimmer zu
-Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz gerührt, mit einem Ausruf
-des Erstaunens, war er vor dem Bild jener Dame stehen
-geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, suchte man den
-Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit
-übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt,
-den Mund eingepreßt, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde.</p>
-
-<p>Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe
-hinabsteige, doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke
-nur für <em class="gesperrt">eines</em> Sinn zu haben. Er fragte, wie dies Bild
-hierher gekommen sei. Man sagte ihm, daß es von einem berühmten
-Meister vor mehreren hundert Jahren gefertigt und
-durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer gekommen sei.</p>
-
-<p>»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht
-hundert Jahre alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre
-Sie, wo kann ich sie finden?«</p>
-
-<p>Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als daß man
-diesen Ausbruch des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch
-als er dieselbe Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und
-wahrscheinlich von Lukas Cranach selbst gemalt sei, da schüttelte
-er bedenklich den Kopf.</p>
-
-<p>»Meine Herren,« sprach er und legte beteuernd die Hand
-aufs Herz, »meine Herren, Don Pedro di San Montanjo Ligez
-hält Sie für ehrenwerte Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer
-und wollen mir dies Bild nicht als alt verkaufen; ich
-darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie genießen die
-Achtung dieser Provinz. Aber es müßte mich alles täuschen
-oder &ndash; ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten schritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem
-Zimmer.</p>
-
-<p>»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie,
-»wenn wir nicht so genau wüßten, von wem dieses Bild gemalt
-ist, wann und wie es in unsern Besitz kam, und welche lange
-Reihe von Jahren es vorher in K. hing, man wäre versucht, an
-dieser Dame irre zu werden. Scheint nicht selbst den jungen
-Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich vor dieses Bild<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span>
-zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein jugendliches
-Feuer aus seinen Augen, als er gestand, daß er die Dame kenne,
-die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz
-vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müßte alles täuschen,
-wenn der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>3.</h4>
-</div>
-
-<p>Und es traf ein; kaum war die Galerie am folgenden Vormittag
-geöffnet worden, trat auch schon Don Pedro di San Montanjo
-Ligez festen, erhabenen Schrittes ein und strich an der
-langen Bilderreihe vorüber nach jenem Zimmer hin, wo die
-Dame mit dem Federhute aufgestellt war. Es verdroß ihn, daß
-der Platz vor dem Bilde schon besetzt war, daß er es nicht allein
-und einsam Zug für Zug mustern konnte, wie er so gerne getan
-hätte. Ein junger Mann stand davor, blickte es lange an,
-trat an ein Fenster, sah hinaus nach dem Fluge der Wolken und
-trat dann wieder zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn
-etwas; doch &ndash; er mußte sich gedulden.</p>
-
-<p>Er machte sich an andern Bildern zu schaffen, aber erfüllt
-von dem Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke
-den Kopf um, um zu sehen, ob der junge Herr noch immer nicht
-gewichen sei, aber er stand wie eine Mauer, er schien in Betrachtung
-versunken. Der Spanier hustete, um ihn aus den
-langen Träumen zu wecken, jener träumte fort; er scharrte etwas
-weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann sah sich
-um, aber sein schönes Auge streifte flüchtig an dem alten Herrn
-vorüber und haftete dann von neuem auf dem Gemälde.</p>
-
-<p>»San Pedro! San Jago di Compostella!« murmelte der
-Alte, »welch langweiliger, alberner Dilettante!« Unmutig verließ
-er das Zimmer und die Galerie, denn er fühlte, heute sei
-ihm schon aller Genuß benommen durch Verdruß und Aerger.
-Hätte er doch lieber gewartet! Den Tag nachher war die
-Galerie geschlossen, und so mußte er sich achtundvierzig lange
-Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde gehen konnte,
-das ihn in so hohem Grade interessierte. Noch ehe die Glocken
-der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geschlagen, stieg er mit anständiger
-Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem wohlbekannten
-Zimmer zu, und getroffen! Er war der erste, war
-allein, konnte einsam betrachten.</p>
-
-<p>Er schaute die Dame lange mit unverwandten Blicken an,
-sein Auge füllte nach und nach eine Träne, er fuhr mit der<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span>
-Hand über die grauen Wimpern. »<em class="gesperrt">O Laura!</em>« flüsterte er
-leise. Da tönte ganz vernehmlich ein Seufzer an seine Ohren,
-er wandte sich erschrocken um, der junge Mann von vorgestern
-stand wieder hier und blickte auf das Bild. Verdrießlich, sich
-unterbrochen zu sehen, nickte er mit dem Haupt ein flüchtiges
-Kompliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber
-nicht minder stolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der
-letztere den überflüssigen Nachbar abwarten; aber vergeblich,
-er sah zu seinem Schrecken, wie jener sogar einen Stuhl nahm,
-sich einige Schritte vor dem Gemälde niedersetzte, um es mit gehöriger
-Muße und Bequemlichkeit zu betrachten.</p>
-
-<p>»Der Geck,« murmelte Don Pedro, »ich glaube gar, er will
-mein graues Haar verhöhnen.« Er verließ, noch unmutiger
-als ehegestern, das Gemach.</p>
-
-<p>Im Vorsaal stieß er auf einen der Eigentümer der Galerie;
-er sagte ihm herzlichen Dank für den Genuß, den ihm die Sammlung
-bereitete, konnte sich aber nicht enthalten, über den jungen
-Ruhestörer sich etwas zu beklagen. »Herr B.,« sagte er, »Sie
-haben vielleicht bemerkt, daß vorzüglich <em class="gesperrt">eines</em> Ihrer Bilder
-mich anzog; es interessiert mich unendlich, es hat eine Bedeutung
-für mich, die &ndash; die ich Ihnen nicht ausdrücken kann. Ich kam,
-so oft Sie es vergönnten, um das Bild zu sehen, freute mich recht,
-es ungestört zu sehen, weil doch gewöhnlich die Menge nicht lange
-dort verweilt, und &ndash; denken Sie sich, da hat es mir ein junger,
-böser Mensch abgelauscht, und kommt, so oft ich komme, und
-bleibt, <em class="gesperrt">mir zum Trotze</em> bleibt er stundenlang vor diesem
-Bilde, das ihn doch gar nichts angeht!«</p>
-
-<p>Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er sich denken, wer
-den alten Herrn gestört haben mochte. »Das letztere möchte ich
-denn doch nicht behaupten,« antwortete er; »das Bild scheint den
-jungen Mann ebenfalls nahe anzugehen, denn es ist nicht das
-erste Mal, daß er es so lange betrachtet.«</p>
-
-<p>»Wieso? Wer ist der Mensch?«</p>
-
-<p>»Es ist ein Herr von Fröben,« fuhr jener fort, »der sich
-seit fünf, sechs Monaten hier aufhält, und seit er das erste Mal
-jenes Bild gesehen, eben jene Dame mit dem Federhut, das auch
-Sie besuchen, kommt er alle Tage regelmäßig zu dieser Stunde,
-um das Bild zu betrachten. Sie sehen also zum wenigsten, daß
-er Interesse an dem Bilde nehmen muß, da er es schon so lange
-besucht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p>
-
-<p>»Herr! Sechs Monate?« rief der Alte. »Nein, dem habe
-ich bitter unrecht getan in meinem Herzen, Gott mag es mir
-verzeihen! Ich glaube gar, ich habe ihn unhöflich behandelt im
-Unmut. Und ist ein Kavalier, sagen Sie? Nein, man soll von
-Pedro di Ligez nicht sagen können, daß er einen fremden Mann
-unhöflich behandelte. Ich bitte, sagen Sie ihm &ndash; doch lassen
-Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm sprechen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>4.</h4>
-</div>
-
-<p>Als er den andern Tag sich wieder einfand und Fröben
-schon vor dem Gemälde traf, trat er auch hinzu mit recht freundlichem
-Gesicht; als aber der junge Mann ehrerbietig auf die
-Seite wich, um dem alten Herrn den bessern Platz einzuräumen,
-verbeugte sich dieser höflich grüßend und sprach: »Wenn ich
-nicht irre, Sennor, so habe ich Sie schon mehrere Male vor
-diesem Gemälde verweilen sehen. &ndash; Da geht es Ihnen wohl
-gleich mir; auch mir ist dieses Bild sehr interessant, und ich kann
-es nie genug betrachten.«</p>
-
-<p>Fröben war überrascht durch diese Anrede; auch ihm waren
-die Besuche des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren,
-wer jener sei, und nach der steifen, kalten Begrüßung
-von gestern war er dieser freundlichen Anrede nicht gewärtig.
-»Ich gestehe, mein Herr!« erwiderte er nach einigem Zögern,
-»dieses Bild zieht mich vor allen andern an, denn &ndash; weil &ndash;
-es liegt etwas in diesem Gemälde, das für mich von Bedeutung
-ist.« &ndash; Der Alte sah ihn fragend an, als genüge ihm diese
-Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: »Es ist
-wunderbar mit Kunstwerken, besonders mit Gemälden. Es gehen
-an einem Bilde oft Tausende vorüber, finden die Zeichnung
-richtig, geben dem Kolorit ihren Beifall, aber es spricht sie nicht
-tiefer an, während einem einzelnen aus solch einem Bilde eine
-tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt gefesselt stehen, kann sich
-kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt wieder und immer
-wieder, von neuem zu betrachten.«</p>
-
-<p>»Sie können recht haben,« sagte der Alte nachdenkend, indem
-er auf das Gemälde schaute, »aber &ndash; ich denke, es ließe sich
-dies nur von größeren Kompositionen sagen, von Gemälden, in
-welche der Maler eine tiefere Idee legte. Es gehen viele vorüber,
-bis die Bedeutung endlich <em class="gesperrt">einem</em> aufgeht, der dann den
-tiefen Sinn des Künstlers bewundert. Aber sollte man dies
-von solchen Köpfen behaupten können?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Mann errötete. »Und warum nicht?« fragte er
-lächelnd. »Die schönen Formen dieses Gesichtes, die edle Stirne,
-dieses sinnende Auge, dieser holde Mund, hat sie der Künstler
-nicht mit tiefem Geiste geschaffen, liegt nicht etwas so Anziehendes
-in diesen Zügen, daß&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O bitte, bitte,« unterbrach ihn der Alte, gütig abwehrend;
-»es war allerdings eine recht hübsche Person, die dem Künstler
-gesessen, die Familie hat schöne Frauen.«</p>
-
-<p>»Wie? welche Familie?« rief der Jüngling erstaunt; er
-zweifelte an dem gesunden Verstand des Alten, und doch schienen
-ihn seine Worte aufs höchste zu spannen. »Dies Bild ist wohl
-reine Phantasie, mein Herr, ist zum wenigsten mehrere hundert
-Jahre alt!«</p>
-
-<p>»Also glauben Sie das Märchen auch?« flüsterte der Alte;
-»unter uns gesagt, diesmal wurde der Scharfblick der Eigentümer
-doch getäuscht; ich kenne ja die Dame.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Sie kennen sie? wo ist sie jetzt, wie
-heißt sie?« sprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des
-Spaniers faßte.</p>
-
-<p>»Sage ich lieber, ich <em class="gesperrt">habe</em> sie gekannt,« antwortete dieser
-mit zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame
-aufschlug. »Ja, ich habe sie gekannt, in Valencia vor zwanzig
-Jahren; eine lange Zeit! Es ist niemand anders als Donna
-Laura Tortosi.«</p>
-
-<p>»Zwanzig Jahre!« wiederholte der junge Mann traurig
-und niedergeschlagen. »Zwanzig Jahre, nein, sie ist es nicht!«</p>
-
-<p>»Sie ist es nicht?« fuhr Don Pedro hitzig auf. »Nicht,
-sagen Sie? So können Sie glauben, ein Maler habe diese Züge
-aus seinem Hirn zusammengepinselt? Doch ich will nicht ungerecht
-sein, es war wohl ein tüchtiger Mann, der sie malte,
-denn seine Farben sind wahr und treu, treu und frisch wie das
-blühende Leben. Aber glauben Sie, daß ein solcher Künstler
-aus seiner Phantasie nicht ein ganz anderes Bild erschafft.
-Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortosi zu kennen, daß diese
-Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müsse, Familienzüge,
-bestimmt und klar von der Natur ausgesprochen, Züge, wie man
-sie nie in Gemälden der Phantasie, sondern nur bei guten
-Porträts findet? Es ist ein Porträt, sag' ich Ihnen, Sennor,
-und bei Gott kein anderes, als das der Donna Laura, wie ich
-sie vor zwanzig Jahren gesehen in dem lieblichen Valencia.«</p>
-
-<p>»Mein verehrter Herr,« erwiderte ihm Fröben, »es gibt
-Aehnlichkeiten, täuschende Aehnlichkeiten; man glaubt oft einen<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span>
-Freund sprechend getroffen zu sehen, nur in sonderbarem, veraltetem
-Kostüm, und wenn man fragt, ist es sein Urahn aus
-dem Dreißigjährigen Kriege oder überdies gar noch ein Fremder.
-Ich gebe auch zu, daß dieses Bild sogenannte Familienzüge
-trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche,
-aber <em class="gesperrt">dieses</em> Bild, dieses ist alt, und so viel weiß man wenigstens
-aus Registern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenenkirche
-zu K. schon seit hundertundfünfzig Jahren hing,
-durch zufällige Stiftung, nicht auf Bestellung, in die Kirche kam,
-und nach allen Anzeichen von dem deutschen Maler Lukas Cranach
-gefertigt wurde.«</p>
-
-<p>»So hole der lebendige Satan meine Augen!« rief Don
-Pedro ärgerlich, indem er aufsprang und seinen Hut nahm.
-»Ein Blendwerk der Hölle ist's, sie will mich in meinen alten
-Tagen noch einmal durch dies Gemälde in Wehmut und Gram
-versenken.« Tränen standen dem alten Mann in den Augen,
-als er mit hastigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>5.</h4>
-</div>
-
-<p>Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal dagewesen.
-Fröben und er sahen sich noch oft vor dem Bilde, und
-der Alte gewann den jungen Mann durch sein bescheidenes, aber
-bestimmtes Urteil, durch seine liebenswürdige Offenheit, durch
-sein ganzes Wesen, das feine Erziehung, treffliche Kenntnisse
-und einen für diese Jahre seltenen Takt verriet, immer lieber.
-Der Alte war fremd in dieser Stadt, er fühlte sich einsam,
-dennoch war er der Welt nicht so sehr abgestorben, daß er nicht
-hin und wieder einen Menschen hätte sprechen mögen. So kam
-es, daß er sich unvermerkt näher an den jungen Fröben anschloß;
-zog ihn ja dieser auch dadurch so unbeschreiblich an, daß er ein
-teures Gefühl mit ihm teilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde.</p>
-
-<p>So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang
-gerne begleitete, daß er ihn oft einlud, ihm abends Gesellschaft
-zu leisten. Eines Abends, als der Speisesaal im König
-von England ungewöhnlich gefüllt war und rings um die beiden
-fremde Gäste saßen, so daß sie sich im traulichen Gespräche
-gehindert fühlten, sprach Don Pedro zu seinem jungen Freund:
-»Sennor, wenn Ihr anders diesen Abend nicht einer Dame versprochen
-habt, vor ihrem Gitter mit der Laute zu erscheinen,
-oder wenn Euch nicht sonst ein Versprechen hindert, so möchte<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span>
-ich Euch einladen, eine Flasche echten Ximenes mit mir auszustechen
-auf meinem Gemach.«</p>
-
-<p>»Sie ehren mich unendlich,« antwortete Fröben, »mich
-bindet kein Versprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch
-ist es hiesigen Orts nicht Sitte, abends die Laute zu schlagen
-auf der Straße oder sich mit der Geliebten am Fenster zu
-unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie begleiten.«</p>
-
-<p>»Gut; so geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit
-Diego die Einrichtung gemacht; ich werde Euch rufen lassen.«</p>
-
-<p>Der Alte hatte diese Einladung mit einer Art von Feierlichkeit
-gesprochen, die Fröben sonderbar auffiel. Jetzt erst entsann
-er sich auch, daß er noch nie auf Don Pedros Zimmer gewesen,
-denn immer hatten sie sich in dem allgemeinen Speisesaal
-des Gasthofs getroffen. Doch aus allem zusammen glaubte
-er schließen zu müssen, daß es eine besondere Höflichkeit sei, die
-ihm der Spanier durch diese Einführung bei sich erzeigen wolle.
-Nach einer Viertelstunde erschien Diego mit zwei silbernen Armleuchtern,
-neigte sich ehrerbietig vor dem jungen Mann und
-forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte,
-als er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäste ihm
-neugierig nachschauten und die Köpfe zusammensteckten. Im
-ersten Stock machte Diego eine Flügeltüre auf und winkte dem
-Gast, einzutreten. Ueberrascht blieb dieser auf der Schwelle
-stehen. Sein alter Freund hatte den Frack abgelegt, ein schwarzes,
-geschlitztes Wams mit roten Puffen angezogen und einen
-langen Degen mit goldenem Griff umgeschnallt; ein dunkelroter
-Mantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich schritt er
-seinem Gast entgegen und streckte seine dürre Hand aus den
-reichen Manschetten hervor, ihn zu begrüßen. »Seid mir herzlich
-willkommen, Don Fröbenio,« sprach er, »stoßet Euch nicht
-an diesem prunklosen Gemach; auf Reisen, wie Ihr wißt, fügt
-sich nicht alles wie zu Hause. Weicher allerdings geht es sich in
-meinem Saale zu Lissabon, und meine Diwans sind echt maurische
-Arbeit; doch setzet Euch immer zu mir auf dies schmale
-Ding, Sofa genannt, ist doch der Wein des Herrn Schwaderer
-echt und gut; setzt Euch!«</p>
-
-<p>Er führte unter diesen Worten den jungen Mann zu einem
-Sofa; der Tisch vor diesem war mit Konfitüren und Wein besetzt;
-Diego schenkte ein und brachte Zündstock und Zigarren.</p>
-
-<p>»Schon lange,« hub dann Don Pedro an, »schon lange
-hätte ich gern einmal so recht vertraulich zu Euch gesprochen,<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span>
-Don Fröbenio, wenn Ihr anders mein Vertrauen nicht gering
-achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur Mittagsstunde vor Lauras
-Bildnis trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr so recht versunken
-waret in Anschauung, aufmerksam betrachtet, und, vergebt mir,
-wenn meine alten Augen einen Diebstahl an Euren Augen begingen,
-ich bemerkte, daß der Gegenstand dieses Gemäldes noch
-höheres Interesse für Euch haben müsse und eine tiefere Bedeutung,
-als Ihr mir bisher gestanden.«</p>
-
-<p>Fröben errötete; der Alte sah ihn so scharf und durchdringend
-an, als wollte er im innersten Grund seiner Seele
-lesen. »Es ist wahr,« antwortete er, »dieses Bild hat eine tiefe
-Bedeutung für mich, und Sie haben recht gesehen, wenn Sie
-glauben, es sei nicht das <em class="gesperrt">Kunstwerk</em>, was mich interessiere,
-sondern der <em class="gesperrt">Gegenstand</em> des Gemäldes. Ach, es erinnert
-mich an den sonderbarsten, aber glücklichsten Moment meines
-Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst
-ein Mädchen sah, das mit diesem Bild täuschende Aehnlichkeit
-hatte; ich sah sie nur einmal und nie wieder, und darum gehört
-es zu meinem Glück, wenigstens ihre holden Züge in diesem Gemälde
-wieder aufzusuchen.«</p>
-
-<p>»O Gott! das ist ja auch <em class="gesperrt">mein</em> Fall!« rief Don Pedro.</p>
-
-<p>»Doch lachen werden Sie,« fuhr Fröben fort, »wenn ich
-gestehe, daß ich nur von einem Teil des Gesichtes dieser Dame
-sprechen kann. Ich weiß nicht, ist sie blond oder braun, ist ihre
-Stirne hoch oder nieder, ist ihr Auge blau oder dunkel,
-ich weiß es nicht! Aber diese zierliche Nase, dieser liebliche
-Mund, diese zarten Wangen, dieses weiche Kinn finde ich auf
-dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geschaut!«</p>
-
-<p>»Sonderbar! &ndash; Und diese Formen, die sich dem Gedächtnis
-weniger tief einzudrücken pflegen als Auge, Stirn und Haar,
-diese sollten, nachdem Ihr nur einmal sie gesehen, so lebhaft in
-Eurer Seele stehen?«</p>
-
-<p>»O Don Pedro!« sprach der Jüngling bewegt, »einen
-Mund, den man <em class="gesperrt">einmal</em> geküßt hat, einen <em class="gesperrt">solchen</em> Mund
-vergißt man so leicht nicht wieder. Doch, ich will erzählen, wie
-es mir damit ergangen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Halt ein, kein Wort!« unterbrach ihn der Spanier; »Ihr
-würdet mich für sehr schlecht erzogen halten müssen, wollte ich
-einem Kavalier sein Geheimnis entlocken, ohne ihm das meine
-zuvor als Pfand gegeben zu haben. Ich will Euch erzählen von
-der Dame, die ich in jenem sonderbaren Bild erkannte, und wenn<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span>
-Ihr mich dann Eures Vertrauens würdig achtet, so möget Ihr
-mir mit Eurer Geschichte vergelten. Doch, Ihr trinket ja nicht;
-es ist echter, spanischer Wein, und ihn müßt Ihr trinken, wenn
-Ihr mit mir Valencia besuchen wollt.«</p>
-
-<p>Sie tranken von dem begeisternden Ximenes und der Alte
-hub an.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>6.</h4>
-</div>
-
-<p>»Sennor, ich bin in Granada geboren. Mein Vater kommandierte
-ein Regiment, und er und meine Mutter stammten
-aus den ältesten Familien dieses Königreichs. Ich wurde im
-Christentum und allen Wissenschaften erzogen, die einen Edelmann
-zieren, und mein Vater bestimmte mich, als ich zwanzig
-Jahre alt und gut gewachsen war, zum Soldaten. Aber er
-war ein Mann, streng und ohne Rücksicht im Dienste, und weil
-er die Zärtlichkeit meiner Mutter für mich kannte und fürchtete,
-sie möchte ihn oft verhindern, mich meine Pflicht gehörig vollbringen
-zu machen, beschloß er, mich zu einem andern Regiment
-zu schicken, und seine Wahl fiel auf Pampeluna, wo mein Oheim
-kommandierte. Ich lernte dort den Dienst sorgfältig und genau
-und brachte es in den folgenden zehn Jahren bis zum Kapitän.
-Als ich dreißig alt war, wurde mein Oheim nach Valencia
-versetzt. Er hatte Einfluß und wußte zu bewirken, daß ich ihm
-schon nach einem halben Jahr als Adjutant folgen konnte. Als
-ich aber in Valencia ankam, hatte sich in meines Oheims Hauswesen
-vieles geändert. Er war schon längst, noch in Pampeluna,
-Witwer geworden. In Valencia hatte er eine reiche Witwe
-kennen gelernt und sie einige Wochen früher, als ich bei ihm
-eintraf, geheiratet. Sie können denken, wie ich überrascht war,
-als er mir eine ältliche Dame vorstellte und sie seine Gemahlin
-nannte; meine Ueberraschung stieg aber und gewann an Freude,
-als er auch ein Mädchen, schön wie der Tag, herbeiführte und
-sie seine Tochter Laura, meine Cousine, nannte. Ich hatte bis
-zu jenem Tage nicht geliebt, und meine Kameraden hatten mich
-oft deshalb Pedro el pedro (den steinernen Pedro) genannt;
-aber dieser Stein zerschmolz wie Wachs von den feurigen Blicken
-Lauras.</p>
-
-<p>Ihr habt sie gesehen, Don Fröbenio, jenes Bild gibt ihre
-himmlischen Züge wieder, wenn es anders einem irdischen Künstler
-möglich ist, die wundervollen Werke der Natur zu erreichen.
-Ach, gerade so trug sie ihr Haar, so mutig wie auf jenem Gemälde
-hatte sie das Hütchen mit den wallenden Federn aufgesetzt,<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span>
-und wenn sie ihr dunkles Auge unter den langen Wimpern
-aufschlug, so war es, als ob die Pforten des Himmels sich
-öffneten und ein leuchtender Engel freundlich herabgrüßte.</p>
-
-<p>Meine Liebe, Sennor, war eine freudige; ich konnte ja
-täglich um sie sein; jene Schranken, die in meinem Vaterlande
-gewöhnlich die Liebenden trennen und die Liebe schmerzlich,
-ängstlich, gramvoll und verschlagen machen, jene Schranken
-trennten uns nicht. Und wenn ich in die Zukunft sah, wie
-lachend erschien sie mir! Mein Oheim liebte mich wie seinen
-Sohn; verstand ich seine Winke recht, so schien es ihm nicht
-unangenehm, wenn ich mich um seine Tochter bewerbe; und von
-meinem Vater konnte ich kein Hindernis erwarten, denn Laura
-stammte aus edlem Blute und der Reichtum ihrer Mutter war
-bekannt. Wie mächtig meine Liebe war, könnt Ihr schon daraus
-ersehen, daß ich da liebte, wo es so gänzlich ohne Not und Jammer
-abging. Denn gewöhnlich entsteht die Liebe aus der angenehmen
-Bemerkung, daß man der Geliebten vielleicht nicht mißfallen
-habe; wie Feuer unter den Dächern fortschleicht und durch
-eine Mauer aufgehalten plötzlich verzehrend nieder in das Haus
-und prasselnd auf zum Himmel schlägt, so die Liebe. Die kleine
-Neigung wächst. Die unüberwindlich scheinenden Hindernisse
-spornen an; man glaubt, eine Glut zu fühlen, die nur im Arme
-der Geliebten sich abkühlen kann. Man spricht die Dame am
-Gitter, man schickt ihr Briefe durch die Zofe, man malt im
-Traume und Wachen ihr Bild, ihre Gestalt so reizend sich vor,
-denn bisher sah man sie nicht anders als im Schleier und der
-verhüllenden Mantilla. Endlich, sei es durch List oder Gewalt,
-fallen die Schranken. Man fliegt herbei, führt die Errungene
-zur Kirche und &ndash; besiehet sich nachher den Schatz etwas genauer.
-Wie auf dem schönen Wiesengrund, der nur ein Teppich ist, über
-ein sumpfig Moorland gedeckt, wenn du wie auf fester Erde ausschreitest,
-deine Füße einsinken und Quellen aus der Tiefe
-rieseln, so hier. Alle Augenblicke zeigt sich eine neue Laune bei
-der Dame, alle Tage lüftet sie Schleier und Mantilla ihres
-Herzens freier, und am Ende stündest du lieber wieder an dem
-Gitter, Liebesklagen zu singen, um &ndash; nie wiederzukehren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>7.</h4>
-</div>
-
-<p>»Bei Gott, Ihr seid ein scharfer Kritiker,« erwiderte Fröben
-errötend; »es liegt in dem, was Ihr saget, etwas Wahres,
-aber ganz so? Nein, da müßte ja jener Götterfunke, der zündend
-ins Herz schlägt, jener selige Augenblick, wo die Hälfte
-einer Minute zum Verständnis hinreicht, müßte lügen, und doch
-glaube ich an seine himmlische Abkunft. O, ist es mir denn
-besser ergangen?«</p>
-
-<p>»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt,« sprach Don Pedro;
-»jener Moment ist himmlisch schön, aber er beruht gar oft auf
-bitterer Täuschung. Höret weiter. Mich reizten, mich hinderten
-keine Schranken, und dennoch liebte ich so warm als irgend
-ein junger Kavalier in Spanien. Das einzige Hindernis konnte
-Lauras Herz sein, und &ndash; ihr Auge hatte mir ja schon oft gestanden,
-daß es dem meinigen gerne begegne. Alle jene kleinen
-Beweise meiner Zärtlichkeit, wie man sie in diesem Zustand
-gibt, nahm Donna Laura gütig auf, und nach einem Vierteljahre
-erlaubte sie mir, ihr meine Liebe zu gestehen. Die Eltern hatten
-die Sache längst bemerkt; mein Oheim gab mir seine Einwilligung
-und sagte, er habe für mich wegen guter Dienste, die
-ich geleistet, beim König um ein Majorspatent nachgesucht. Mit
-der Nachricht meines Steigens soll ich dem Vater meine Liebe
-gestehen und ihn um Einwilligung bitten. Ich gelobte es; ach,
-warum habe ich's getan! Sollte man nicht immer einen Dämon
-hinter sich glauben, der uns das Glück wie ein schönes Spielzeug
-gibt, nur um es plötzlich zu zerschlagen?</p>
-
-<p>Ich hatte bald nach der Gewißheit meines Glückes mit
-einem Hauptmann aus einem Schweizerregiment Bekanntschaft
-gemacht, den ich lieb gewann und täglich in mein Haus führte.
-Es war ein schöner, blonder Jüngling, mit klaren blauen Augen,
-von weißer Haut und roten Wangen. Er hätte zu weich für
-einen Soldaten ausgesehen, wenn nicht berühmte Waffentaten,
-die er ausgeführt, in aller Munde lebten. Um so gefährlicher
-war er für Frauen. Seine ganze Erscheinung war so neu in
-diesem Lande, wo die Sonne die Gesichter dunkel färbt, wo unter
-schwarzem Haar schwarze Augen blitzten; und wenn er von den
-Eisbergen, von dem ewigen Schnee seiner Heimat erzählte, so
-lauschte man gerne auf seine Rede, und manche Dame mochte
-schon den Versuch gemacht haben, das Eis seines Herzens zu
-schmelzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span></p>
-
-<p>Eines Morgens kam ein Freund zu mir, der um meine
-Liebe zu Laura wußte, und gab mir in allerlei geheimnisvollen
-Reden zu verstehen, ich möchte entweder auf der Hut sein oder
-ohne das Majorspatent meine Base heiraten, indem sonst noch
-manches sich ereignen könnte, was mir nicht angenehm wäre.
-Ich war betreten, forschte näher und erfuhr, daß Donna Laura
-bei einer verheirateten Freundin hie und da mit einem Mann
-zusammenkomme, der in einen Mantel verhüllt ins Haus
-schleiche. Ich entließ den Freund und dankte ihm. Ich glaubte
-nichts davon, aber ein Stachel von Eifersucht und Mißtrauen
-war in mir zurückgeblieben. Ich dachte nach über Lauras Betragen
-gegen mich, ich fand es unverändert; sie war hold, gütig
-gegen mich wie zuvor, ließ sich die Hand, wohl auch den schönen
-Mund küssen &ndash; aber dabei blieb es auch; denn jetzt erst fiel
-mir auf, wie kalt sie immer bei meiner Umarmung war, sie
-drückte mir die Hand nicht wieder, wenn ich sie drückte, sie gab
-mir keinen Kuß zurück.</p>
-
-<p>Zweifel quälten mich; der Freund kam wieder, schürte
-durch bestimmtere Nachrichten das Feuer mächtiger an und ich
-beschloß bei mir, die Schritte meiner Dame aufmerksamer zu
-bewachen. Wir speisten gewöhnlich zusammen, der Oheim, die
-Tante, meine schöne Base und ich. Am Abend des Tages, als
-mein Freund zum zweitenmal mich gewarnt, fragte die Tante
-bei Tische ihre Tochter, ob sie ihr Gesellschaft leisten werde auf
-dem Balkon?</p>
-
-<p>Sie antwortete, sie habe ihrer Freundin einen Besuch
-zugesagt. Unwillkürlich mochte ich sie dabei schärfer angesehen
-haben, denn sie schlug die Augen nieder und errötete. Sie ging
-eine Stunde, ehe die Nacht einbrach, zu jener Dame. Als es
-dunkel wurde, schlich ich mich an jenes Haus und hielt Wache;
-rasende Eifersucht kam über mich, als ich die Straße herauf,
-nahe an die Häuser gedrückt, eine verhüllte Gestalt schleichen
-sah. Ich stellte mich vor die Haustüre, die Gestalt kam näher
-und wollte mich sanft auf die Seite schieben; aber ich faßte sie
-am Gewand und sprach: ›Sennor, wer Ihr auch seid, in diesem
-Augenblick glaube ich einen Mann von Ehre vor mir zu haben,
-und bei Eurer Ehre fordere ich Euch auf, steht mir Rede!‹</p>
-
-<p>Bei dem ersten Ton meiner Stimme sah ich ihn zusammenschrecken;
-er besann sich eine kleine Weile und entgegnete
-dann: ›Was soll es?‹</p>
-
-<p>›Schwört mir bei Eurer Ehre,‹ fuhr ich fort, ›daß Ihr nicht
-wegen Donna Laura di Tortosi in dieses Haus geht.<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span>‹</p>
-
-<p>›Wer erkühnt sich, mir über meine Schritte Rechenschaft
-abzufordern?‹ rief er mit dumpfer verstellter Stimme. An
-seiner Aussprache merkte ich, daß er ein Fremder sein müsse;
-eine düstere Ahnung ging in meiner Seele auf. ›Der Kapitän
-di San Montanjo wagt es,‹ antwortete ich und riß ihm, ehe er
-sich dessen versah, den Mantel vom Gesicht &ndash; es war mein
-Freund Tannensee, der Schweizer.</p>
-
-<p>Er stand da wie ein Verbrecher, keines Wortes mächtig.
-Aber ich hatte meinen Degen blank gezogen, und sprachlos vor
-Wut deutete ich ihm an, dasselbe zu tun. ›Ich habe keine Waffen
-bei mir, als einen Dolch,‹ erwiderte er. Schon war ich willens,
-ihm ohne Zögern den Degen in den Leib zu rennen; aber als er
-so regungslos auf alles gefaßt vor mir stand, konnte ich das
-Schreckliche nicht vollbringen. Ich behielt noch so viel Fassung,
-daß ich ihn bestimmte, am andern Morgen vor dem Tor der
-Stadt mir Rechenschaft zu geben. Die Türe hielt ich besetzt;
-er sagte zu und ging.</p>
-
-<p>Noch lange hielt ich Wache, bis endlich die Sänfte für
-Laura gebracht wurde, bis ich sie einsteigen sah; dann folgte
-ich ihr langsam nach Hause. Die Qualen der Eifersucht ließen
-mich keinen Schlaf auf meinem Lager finden, und so hörte ich,
-wie sich um Mitternacht Schritte meiner Türe näherten. Man
-pochte an; verwundert warf ich meinen Mantel um und schloß
-auf; es war die alte Dienerin Lauras, die mir einen Brief
-übergab und eilends wieder davonging.</p>
-
-<p>Sennor! Gott möge Euch vor einem ähnlichen Brief in
-Gnaden bewahren! Sie gestand mir, daß sie den Schweizer
-längst geliebt habe, als sie mich noch gar nicht kannte; daß sie
-aus Furcht vor dem Zorn ihrer Mutter, die alle Fremden hasse,
-ihn immer zurückgehalten, um sie zu werben; daß sie, von den
-Drohungen meiner Tante genötigt, meine Anträge sich habe gefallen
-lassen. Sie nahm alle Schuld auf sich, sie schwur mit
-den heiligsten Eiden, daß Tannensee mir oft habe alles gestehen
-wollen und nur durch ihr Flehen, durch ihre Furcht, nachher
-strenger verwahrt zu werden, sich habe zurückhalten lassen. Sie
-deutete mir ein schreckliches Geheimnis an, das die Ehre der
-Familie beflecken werde, wenn ich ihr und dem Hauptmann nicht
-zur Flucht verhelfe. Sie beschwor mich, von meinem Streit
-abzustehen, denn wenn er falle, so bleibe ihr, <em class="gesperrt">seiner Gattin</em>,
-nichts übrig, als sich das Leben zu nehmen. Sie schloß damit,
-meine Großmut anzurufen, sie werde mich ewig <em class="gesperrt">achten</em>, aber
-niemals <em class="gesperrt">lieben</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p>
-
-<p>Ihr werdet gestehen, daß ein solcher Brief gleich kaltem
-Wasser alle Flammen der Liebe löschen kann; er löschte sogar
-zum Teil meinen Zorn. Aber vergeben konnte ich es meiner
-Ehre nicht, daß ich betrogen war, darum stellte ich mich zur
-bestimmten Stunde auf dem Kampfplatz ein. Der Kapitän
-mochte tief fühlen, wie sehr er mich beleidigt; obgleich er ein
-besserer Fechter war als ich, verteidigte er sich nur, und nicht
-seine Schuld ist es, daß ich meine Hand hier zwischen Daumen
-und Zeigefinger in seinen Degen rannte, so daß ich außer stande
-war, weiter zu fechten. Ich gab ihm, während ich verbunden
-wurde, Lauras Brief. Er las, er bat mich flehend, ihm zu vergeben,
-ich tat es mit schwerem Herzen.</p>
-
-<p>Die Geschichte meiner Liebe ist zu Ende, Don Fröbenio,
-denn fünf Tage darauf war Donna Laura mit dem Schweizer
-verschwunden.«</p>
-
-<p>»Und mit Ihrer Hilfe?« fragte Fröben.</p>
-
-<p>»Ich half, so gut es ging. Freilich war der Schmerz meiner
-Tante groß; aber in diesen Umständen war es besser, sie sah
-ihre Tochter nie wieder, als daß Unehre über das Haus kam.«</p>
-
-<p>»Edler Mann! Wie unendlich viel muß Sie dies gekostet
-haben! Wahrhaftig, es war eine harte Prüfung.«</p>
-
-<p>»Das war es,« antwortete der Alte mit düsterem Lächeln.
-»Anfangs glaubte ich, diese Wunde werde nie vernarben; die
-Zeit tut viel, mein Freund! Ich habe sie nie wieder gesehen,
-nie von ihnen gehört, nur einmal nannten die Zeitungen den
-Oberst Tannensee als einen tapfern Mann, der unter den
-Truppen Napoleons in der Schlacht von Brienne dem Feinde
-langen Widerstand getan habe. Ob es derselbe ist, ob Laura
-noch lebt, weiß ich nicht zu sagen.</p>
-
-<p>Als ich aber in diese Stadt kam, jene Galerie besuchte,
-und nach zwanzig langen Jahren meine Laura wieder erblickte,
-ganz so, wie sie war in den Tagen ihrer Jugend, da brachen
-die alten Wunden wieder auf, und &ndash; nun Ihr wisset, daß ich sie
-täglich besuche.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>8.</h4>
-</div>
-
-<p>Mit umständlicher Gravität, wie es dem Haushofmeister
-eines p…schen Prinzen, einem Mann aus altkastilischem
-Geschlechte geziemte, hatte Don Pedro di San Montanjo Ligez
-seine Geschichte vorgetragen. Als er geendet, trank er einigen
-Xeres, lüftete den Hut, strich sich über die Stirne und Kinn und
-sagte zu dem jungen Mann an seiner Seite: »Was ich wenigen<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span>
-Menschen vertraut, habe ich Euch umständlich erzählt, Don
-Fröbenio, nicht um Euch zu locken, mir mit gleichem Vertrauen
-zu erwidern, obgleich Euer Geheimnis so sicher in meiner Brust
-ruhte als der Staub der Könige von Spanien im Eskorial! &ndash;
-Obgleich ich gespannt bin, zu wissen, inwiefern Euch jene Dame
-interessiert; &ndash; aber Neugier ziemt dem Alter nicht, und damit
-gut.«</p>
-
-<p>Fröben dankte dem Alten für seine Mitteilung. »Mit Vergnügen
-werde ich Ihnen meinen kleinen Roman zum besten
-geben,« sagte er lächelnd, »er betrifft keiner Dame Geheimnisse
-und endet schon da, wo andere anfangen. Aber wenn Sie erlauben,
-werde ich morgen erzählen, denn für heute möchte es
-wohl zu spät sein.«</p>
-
-<p>»Ganz nach Eurer Bequemlichkeit,« erwiderte der Don,
-seine Hand drückend. »Euer Vertrauen werde ich zu ehren
-wissen.« So schieden sie; der Spanier begleitete den jungen
-Mann höflich bis an die Schwelle seines Vorsaals, und Diego
-leuchtete ihm bis auf die Straße.</p>
-
-<p>Nach seiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nachher in
-die Galerie; er stand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte
-er an diesem Tage mehr an den Alten denn an die gemalte
-Dame; aber er wartete über eine Stunde &ndash; der Alte kam nicht.
-Er ging mit dem Schlag zwei Uhr in die Anlagen, ging langsamen
-Schrittes um den See, zog oft sein Fernglas und schaute
-die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Gestalt seines
-alten Freundes wollte sich nicht zeigen; umsonst schaute er nach
-den dünnen, schwarzen Beinen, nach dem spitzen Hut, umsonst nach
-Diego und den bunten Kleidern, mit Sonnenschirm und Regenmantel,
-er war nicht zu sehen. »Sollte er krank geworden sein?«
-fragte er sich, und unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz
-hin und nach dem Gasthof zum König von England, um Don
-Pedro zu besuchen. »Fort ist die ganze Wirtschaft, auf und
-davon;« antwortete auf seine Frage der Oberkellner, »gestern
-abend noch bekam der Prinz Depeschen, und heute vormittag
-sind Seine Hoheit nebst Gefolge in sechs Wagen nach W. abgereist;
-der Haushofmeister, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine
-Karte hier gelassen.«</p>
-
-<p>Begierig griff Fröben nach diesem letzten Freundeszeichen.
-Es war nur <em class="gesperrt">Don Pedro di San Montanjo Ligez,
-Major Rio di S. A.</em> etc. darauf zu lesen. Verdrießlich wollte
-Fröben diesen kalten Abschied einstecken, da gewahrte er auf der
-Rückseite noch einige Worte mit der Bleifeder geschrieben, er las:<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span>
-»Lebt wohl, teurer Don Fröbenio; Eure Geschichte müßt Ihr
-mir schuldig bleiben; grüßet und küsset Donna Laura.«</p>
-
-<p>Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch
-als er in den nächsten Tagen wieder vor dem Bilde stand, war
-er wehmütiger als je, denn es war in seinem Leben eine Lücke
-entstanden durch Don Pedros Abreise. Er hatte sich so gerne
-mit dem guten Alten unterhalten, er hatte seit langer Zeit zum
-erstenmal wieder in einem genaueren Verhältnis mit Menschen
-gelebt, und deutlicher als je fühlte er jetzt, daß nur der Einsame,
-der Hoffnungslose ganz unglücklich ist. Wäre das Bild
-nicht gewesen, das ihn mit seinem eigentümlichen Zauber zurückhielt,
-schon längst hätte er Stuttgart verlassen, das sonst
-keine Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die
-Herren Boisserée die treue Kopie jenes lieben Bildes, ein lithographiertes
-Blatt, zeigten und ihn damit beschenkten, nahm er
-es als einen Wink des Schicksals auf, verabschiedete sich von dem
-Urbild, packte die Kopie sorgfältig ein und verließ diese Stadt
-so stille, als er sie betreten hatte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>9.</h4>
-</div>
-
-<p>Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten,
-das er in jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptstadt
-Württembergs berührte, auf einer Reise nach dem Rhein
-begriffen, und dahin zog er nun weiter. Er gestand sich selbst,
-daß ihn die letzten Monate beinahe allzuweich gemacht hatten.
-Er fühlte nicht ohne Beschämung und leises Schaudern, daß
-sein Trübsinn, sein ganzes Dichten und Trachten schon nahe an
-Narrheit gestreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieses
-Jahr noch zu Reisen bestimmt, ohne sich irgend einen festen
-Plan, ein Ziel zu setzen und wollte diese lange Unterbrechung
-seiner Reise auf die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen
-Umgebungen schieben. Aber hatte er denn wirklich jene
-Stadt so angenehm gefunden? Hatte er Menschen aufgesucht,
-kennen gelernt? Hatte er sie nicht vielmehr gemieden, weil sie
-seine Einsamkeit, die ihm so lieb geworden, störten? Hatte er
-die herrlichen Umgebungen genossen? »Nein,« sagte er lächelnd
-zu sich, »man wäre versucht, an Zauberei zu glauben! Ich habe
-mich betragen wie ein Tor! Habe mich eingeschlossen in mein
-Zimmer, um zu lesen. Und habe ich denn wirklich gelesen?
-Stand nicht ihr Bild auf jeder Seite? Gingen meine Schritte
-weiter als zu <em class="gesperrt">ihr</em> oder um einmal unter dem Gewühl der<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span>
-Menge auf und ab zu gehen? Ist es nicht schon Raserei, auf
-so langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes Mädchengesicht
-aufmerksam zu betrachten, ob ich nicht den holden Mund
-der unbekannten Geliebten wiedererkenne?«</p>
-
-<p>So schalt sich der junge Mann, glaubte recht feste Vorsätze
-zu fassen, und wie oft, wenn sein Pferd langsamer bergan geschritten
-war, vergaß er oben es anzutreiben, weil seine Seele
-auf andern Wegen schweifte; wie oft, wenn er abends sein Gepäck
-öffnete und ihm die Rolle in die Hände fiel, entfaltete er
-unwillkürlich das Bild der Geliebten und vergaß, sich zur Ruhe
-zu legen.</p>
-
-<p>Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen
-Fluren von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch
-auf ihn den eigentümlichen Eindruck nicht. Sie zerstreuten ihn,
-sie füllten seine Seele mit neuen, freundlichen Bildern. Und
-als er eines Morgens von Bingen aufbrach, stand nur ein Bild
-vor seinem Auge, ein Bild, das er noch heute erblicken sollte.
-Fröben hatte mit einem Landsmann Frankreich und England
-bereist, und aus dem Gesellschafter war ihm nach und nach ein
-Freund erwachsen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundschaft
-nachdachte, sich selbst gestehen, daß Uebereinstimmung der
-Charaktere sie nicht zusammenführte; doch oft pflegt es ja zu
-geschehen, daß gerade das Ungleiche sich heißer liebt als das
-Aehnliche. Der Baron <em class="gesperrt">von Faldner</em> war etwas roh, ungebildet,
-selbst jene Reise, das bewegte Leben zweier Hauptstädte,
-wie Paris und London, hatte nur seine Außenseite etwas abschleifen
-und mildern können. Er war einer jener Menschen,
-die, weil sie durch fremde oder eigene Schuld, gewählte Lektüre,
-feinere tiefere Kenntnisse und die bildende Hand der Wissenschaften
-verschmähten, zur Ueberzeugung kamen, sie seien praktische
-Menschen, d. h. Leute, die in sich selbst alles tragen, um
-was sich andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen
-Begriff von Ackerbau, Viehzucht, Wirtschaft und dergleichen
-haben, und sich nun für geborene Landwirte, für praktische
-Haushälter ansehen, die auf dem natürlichsten Wege <em class="gesperrt">das</em> zu
-erreichen glauben, was die Masse in Büchern sucht. Dieser
-Egoismus machte ihn glücklich, denn er sah nicht, auf welchen
-schwachen Stützen sein Wissen beruhte; noch glücklicher wäre
-er wohl gewesen, wenn diese Eigenliebe bei den Geschäften
-stehen geblieben wäre, aber er trug sie mit sich, wohin er ging,
-erteilte Rat, ohne welchen anzunehmen, hielt sich, was man ihm
-nicht gerade nachsagte, für einen <em class="gesperrt">klugen Kopf</em>, und ward<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span>
-durch dieses alles ein unangenehmer Gesellschafter und zu Hause
-vielleicht ein kleiner Tyrann, aus dem einfachen Grunde, weil er
-klug war und immer recht hatte.</p>
-
-<p>»Ob er wohl sein Sprichwort noch an sich hat,« fragte sich
-Fröben lächelnd, »das unabwendbare: ›Das habe ich ja gleich
-gesagt!‹ Wie oft, wenn er am wenigsten daran gedacht hatte,
-daß etwas gerade so geschehen werde, wie oft faßte er mich da
-bei der Hand und rief: ›Freund Fröben, sag' an, hab' ich es
-nicht schon vor vier Wochen gesagt, daß es so kommen würde?
-Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?‹ Und wenn ich ihm so
-sonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegenteil behauptet
-habe, so ließ er sich unter keiner Bedingung davon abbringen
-und grollte drei, vier Tage lang.«</p>
-
-<p>Fröben hoffte, Erfahrung und die schöne Natur um ihn
-her werden seinen Freund weiser gemacht haben. An einer der
-reizendsten Stellen des Rheintals, in der Nähe von Caub, lag
-sein Gut, und je näher der Reisende herabkam, desto freudiger
-schlug sein Herz über alle diese Herrlichkeit der Berge und
-des majestätischen Flusses, um so öfter sagte er zu sich: »Nein!
-er <em class="gesperrt">muß</em> sich geändert haben; in diesen Umgebungen kann man
-nur hingebend, nur freundlich und teilnehmend sein, und im
-Genuß dieser Aussicht muß man vergessen, wenn man auch wirklich
-recht hat, was bei ihm leider der seltene Fall ist.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>10.</h4>
-</div>
-
-<p>Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab sein Pferd
-vor dem Hause einem Diener, fragte nach seinem Herrn und
-wurde in den Garten gewiesen. Dort erkannte er schon von
-weitem Gestalt und Stimme seines Freundes. Er schien in
-diesem Augenblick mit einem alten Mann, der an einem Baum
-mit Graben beschäftigt war, heftig zu streiten. »Und wenn Ihr
-es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian gemacht
-habt, statt fünfzig, so <em class="gesperrt">muß</em> der Baum doch so herausgenommen
-werden, wie ich sagte. Nur frisch daran, Alter; es kommt
-bei allem nur darauf an, daß man klug darüber nachdenkt.« Der
-Arbeiter setzte seufzend die Mütze auf, betrachtete noch einmal
-mit wehmütigem Blick den schönen Apfelbaum und stieß dann
-schnell, wie es schien unmutig, den Spaten in die Erde, um
-zu graben. Der Baron aber pfiff ein Liedchen, wandte sich um,
-und vor ihm stand ein Mensch, der ihn freundlich anlächelte und<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span>
-ihm die Hand entgegenstreckte. Er sah ihn verwundert an.
-»Was steht zu Dienst?« fragte er kurz und schnell.</p>
-
-<p>»Kennst du mich nicht mehr, Faldner?« erwiderte der
-Fremde. »Solltest du bei deiner Baumschule London und Paris
-so ganz vergessen haben?«</p>
-
-<p>»Ist's möglich, mein Fröben!« rief jener und eilte, den
-Freund zu umarmen. »Aber, mein Gott, wie hast du dich verändert,
-du bist so bleich und mager; das kommt von dem vielen
-Sitzen und Arbeiten; daß du auch gar keinen Rat befolgst, ich
-habe dir ja doch immer gesagt, es tauge nicht für dich.«</p>
-
-<p>»Freund!« entgegnete Fröben, den dieser Empfang unwillkürlich
-an seine Gedanken unterwegs erinnerte: »Freund, denke
-doch ein wenig nach; hast du mir nicht immer gesagt, ich tauge
-nicht zum Landwirt, nicht zum Forstmann und dergleichen, und
-ich müßte eine juridische oder diplomatische Laufbahn einschlagen?«</p>
-
-<p>»Ach, du guter Fröben!« sagte jener zweideutig lächelnd,
-»so laborierst du noch immer an einem kurzen Gedächtnis?
-sagte ich nicht schon damals&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bitte, du hast recht, streiten wir nicht!« unterbrach ihn
-sein Gast, »laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es dir erging,
-seit wir uns nicht sahen, wie du lebst?«</p>
-
-<p>Der Baron ließ Wein in eine Laube setzen und erzählte
-von seinem Leben und Treiben. Seine Erzählung bestand beinahe
-in nichts als in Klagen über schlechte Zeit und die Torheit
-der Menschen. Er gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er es
-in den wenigen Jahren mit seinem hellen Kopf und den Kenntnissen,
-die er auf Reisen gesammelt, in der Landwirtschaft weit
-gebracht habe. Aber bald hatten ihm seine Nachbarn unberufen
-dies oder jenes abgeraten, bald hatte er unbegreifliche Widerspenstigkeit
-unter seinen Arbeitern selbst gefunden, die alles
-besser wissen wollten als er und in ihrer Verblendung sich auf
-lange Erfahrung stützten. Kurz, er lebte, wie er gestand, ein
-Leben voll ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn,
-und einige Prozesse wegen Grenzstreitigkeiten verbitterten ihm
-noch die wenigen frohen Stunden, die ihm die Besorgung seines
-Gutes übrig ließ. »Armer Freund!« dachte Fröben unter
-dieser Erzählung, »so reitest du noch dasselbe Steckenpferd, und
-es geht, wie der wildeste Renner, mit dir durch, ohne daß du
-es zügeln kannst.«</p>
-
-<p>Doch die Reihe zu erzählen kam auch an den Gast, und er
-konnte seinem Freund in wenigen Worten sagen, daß er an<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span>
-einigen Höfen bei Gesandtschaften eingeteilt gewesen sei, daß er
-sich überall schlecht unterhalten, einen langen Urlaub genommen
-habe und jetzt wieder ein wenig in der Welt umherziehe.</p>
-
-<p>»Du Glücklicher!« rief Faldner. »Wie beneide ich dir deine
-Verhältnisse; heute hier, morgen dort kennst keine Fesseln und
-kannst reisen, wohin und wie lange du willst. Es ist etwas
-Schönes um das Reisen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal
-so frei hinaus in die Welt!«</p>
-
-<p>»Nun, was hindert dich denn?« rief Fröben lachend;
-»deine große Wirtschaft doch nicht? Die kannst du alle Tage
-einem Pächter geben, läßt dein Pferd satteln und ziehest mit
-mir!«</p>
-
-<p>»Ach, das verstehst du nicht, Bester!« erwiderte der Baron
-verlegen lächelnd. »Einmal, was die Wirtschaft betrifft, da
-kann ich keinen Tag abwesend sein, ohne daß alles quer geht,
-denn ich bin doch die Seele des Ganzen. Und dann &ndash; ich habe
-einen dummen Streich gemacht &ndash; doch laß das gut sein; es
-geht einmal nicht mehr mit dem Reisen.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube,
-berichtete, daß die gnädige Frau zurückgekommen sei und anfragen
-lasse, wo man den Tee servieren solle?</p>
-
-<p>»Ich denke oben im Zimmer,« sagte er, leicht errötend, und
-der Diener entfernte sich.</p>
-
-<p>»Wie, du bist verheiratet?« fragte Fröben erstaunt. »Und
-das erfahre ich jetzt erst! Nun, ich wünsche Glück; aber sage
-mir doch &ndash; ich hätte mir ja eher des Himmels Einfall träumen
-lassen als diese Neuigkeit; und seit wann?«</p>
-
-<p>»Seit sechs Monaten,« erwiderte der Baron kleinlaut und
-ohne seinen Gast anzusehen; »doch wie kann dich dies so in Erstaunen
-setzen; du kannst dir denken, bei meiner großen Wirtschaft,
-da ich alles selbst besorge, so&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Je nun! ich finde es ganz natürlich und angemessen; aber
-wenn ich zurückdenke, wie du dich früher über das Heiraten
-äußertest, da dachte ich nie daran, daß dir je ein Mädchen recht
-sein würde.«</p>
-
-<p>»Nein, verzeihe!« sagte Faldner, »ich sagte ja immer und
-schon damals&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun ja, du sagtest ja immer und schon damals,« rief der
-junge Mann lächelnd, »und schon damals und immer sagte ich,
-daß du nach deinen Prätensionen keine finden würdest, denn
-diese gingen auf ein Ideal, das ich nicht haben möchte, und wohl
-auch nicht zu finden war. Doch noch einmal meinen herzlichen<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span>
-Glückwunsch. Da aber eine Dame im Hause ist, die uns zum
-Tee ladet, so kann ich doch wahrlich nicht so in Reisekleidern erscheinen;
-gedulde dich nur ein wenig, ich werde bald wieder bei
-dir sein. Auf Wiedersehen!«</p>
-
-<p>Er verließ die Laube, und der Baron sah ihm mit trüben
-Blicken nach. »Er hat nicht unrecht,« flüsterte er.</p>
-
-<p>Doch in demselben Augenblick trat eine hohe weibliche
-Gestalt in die Laube. »Wer ging soeben von dir?« fragte sie
-schnell und hastig. »Wer sprach dies <em class="gesperrt">auf Wiedersehen</em>?«</p>
-
-<p>Der Baron stand auf und sah seine Frau verwundert an;
-er bemerkte, wie die sonst so zarte Farbe ihrer Wangen in ein
-glühendes Rot übergegangen war. »Nein! das ist nicht auszuhalten,«
-rief er heftig; »Josephe, wie oft muß ich dir sagen,
-daß Hufeland Leuten von deiner Konstitution jede allzurasche
-Bewegung streng untersagt; wie du jetzt glühst! Du bist gewiß
-wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und hast dich erhitzt und
-gehst jetzt gegen alle Vernunft noch in den Garten hinab, wo es
-schon kühl ist. Immer und ewig muß ich dir alles wiederholen
-wie einem Kind; schäme dich!«</p>
-
-<p>»Ach, ich wollte dich ja nur abholen,« sagte Josephe mit
-zitternder Stimme; »werde nur nicht gleich so böse; ich bin gewiß
-den ganzen Weg gefahren und bin auch gar nicht erhitzt.
-Sei doch gut.«</p>
-
-<p>»Deine Wangen widersprechen,« fuhr er mürrisch fort.
-»Muß ich denn auch dir immer predigen? Und den Schal hast
-du auch nicht umgelegt, wie ich dir sagte, wenn du abends noch
-herab in den Garten gehst; wozu werfe ich denn das Geld zum
-Fenster hinaus für dergleichen Dinge, wenn man sie nicht einmal
-brauchen mag? O Gott! ich möchte oft rasend werden.
-Auch nicht das geringste tust du mir zu Gefallen; dein ewiger
-Eigensinn bringt mich noch um. O ich möchte oft&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bitte, verzeihe mir, Franz!« bat sie wehmütig, indem
-sie große Tränen im Auge zerdrückte; »ich habe dich den ganzen
-Tag nicht gesehen und wollte dich hier überraschen; ach, ich
-dachte ja nicht mehr an das Tuch und an den Abend. Vergib
-mir, willst du deinem Weib vergeben?«</p>
-
-<p>»Ist ja schon gut, laß mich doch in Ruhe, du weißt, ich liebe
-solche Szenen nicht; und gar vollends Tränen! Gewöhne dir
-doch um Gottes willen die fatale Weichlichkeit ab, über jeden
-Bettel zu weinen. &ndash; Wir haben einen Gast, Fröben, von dem
-ich dir schon erzählte, er reiste mit mir. Führe dich vernünftig
-auf, Josephe, hörst du? Laß es an nichts fehlen, daß ich nicht<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span>
-auch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben muß. Im
-Salon wird der Tee getrunken.«</p>
-
-<p>Er ging schweigend ihr voran die Allee entlang nach dem
-Schlosse. Trübe folgte ihm Josephe; eine Frage schwebte auf
-ihren Lippen, aber so gern sie gesprochen hätte, sie verschloß
-diese Frage wieder tief in ihre Brust.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>11.</h4>
-</div>
-
-<p>Als der Baron spät in der Nacht seinen Gast auf sein
-Zimmer begleitete, konnte sich dieser nicht enthalten, ihm zu
-seiner Wahl Glück zu wünschen. »Wahrhaftig, Franz!« sagte
-er, indem er ihm feurig die Hand drückte, »ein solches Weib
-hat dir gefehlt. Du warst ein Glückskind von jeher, aber das
-hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du bei deinen sonderbaren
-Maximen und Forderungen ein solch liebenswürdiges, herrliches
-Kind heimführen werdest.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,« erwiderte der Baron
-trocken, indem er seine Kerze heller aufstörte; »man kann ja
-nicht alles haben. An diesen Gedanken muß man sich freilich gewöhnen
-auf dieser unvollkommenen Welt.«</p>
-
-<p>»Mensch! ich will nicht hoffen, daß du undankbar gegen
-so vieles Schöne bist. Ich habe viele Frauen gesehen, aber
-weiß Gott, keine von solch untadelhafter Schönheit wie dein
-Weib. Diese Augen! Welch rührender Ausdruck! Glaubt man
-nicht liebliche Träume auf ihrer schönen Stirne zu lesen? Und
-diese zarte, schlanke Gestalt! Und ich weiß nicht, ob ich ihren
-feinen Takt, ihr richtiges Urteil, ihren gebildeten Geist nicht
-noch mehr bewundern soll.«</p>
-
-<p>»Du bist ja ganz bezaubert,« lächelte Faldner; »doch von
-jeher hast du zu viel gelesen und weniger aufs Praktische gesehen;
-ich sagte es ja immer &ndash; mit den Weibern ist es ein
-eigenes Ding,« fuhr er seufzend fort, »glaube mir, in der Wirtschaft
-ist oft eine, die es versteht und die Sache flink umtreibt,
-besser als ein sogenannter gebildeter Geist. Gute Nacht; sei
-froh, daß du noch frei bist und &ndash; wähle nicht zu rasch.«</p>
-
-<p>Unmutig sah ihm Fröben nach, als er das Zimmer verlassen
-hatte. »Ich glaube, der Unmensch ist auch jetzt nicht mit
-seinem Lose zufrieden; hat einen Engel gewählt und schafft sich
-durch seine lächerlichen Prätensionen eine Hölle im Haus. Das
-arme Weib!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>Es war ihm nicht entgangen, wie ängstlich sie bei allem,
-was sie tat und sagte, an seinen Blicken hing, wie er ihr oft
-ein grimmiges Auge zeigte, wenn sie nach seinen Begriffen einen
-Fehler begangen, wie er ihr oft mit der Hand winkte, die
-Lippen zusammenbiß und stöhnte, wenn er glaubte, von dem
-Gast nicht gesehen zu werden. Und mit welcher Engelsgeduld
-trug sie dies alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren Eindruck
-auf ihn gemacht. Das reiche blonde Haar, das um eine freie
-Stirn fiel, ließ blaue Augen, rote Wangen, vielleicht auch ein
-Näschen erwarten, das durch seine zierliche Keckheit Blondinen
-mehr als Brünetten ziert. Aber von alledem nichts. Unter
-den blonden Wimpern ruhte wie das Mondlicht hinter dünnen
-Wolken ein braunes Auge, das nicht durch Glut oder bloße
-Lebendigkeit, sondern durch ein gewisses Etwas von sinnender
-Schwermut überraschte, das Fröben bei schönen Frauen, so selten
-er es fand, so unendlich liebte. Ihre Nase näherte sich dem
-griechischen Stamm, die Wangen waren gewöhnlich bleich, nur
-von einem leisen Schatten von Rot unterlaufen, und das einzige,
-was in ihrem Gesichte blühte, waren statt der Rosen der Wangen
-die Lippen, bei deren Anblick man sich des Gedankens an zarte,
-rote Kirschen nicht erwehren konnte.</p>
-
-<p>»Und diese herrliche Gestalt,« fuhr Fröben in seinen Gedanken
-weiter fort, »so zart, so hoch und, wenn sie über das
-Zimmer geht, beinahe schwebend! Schwebend? Als ob ich
-nicht gesehen hätte, daß sie recht schwer zu tragen hat, daß diese
-Lippen so manches Wort des Grams verschließen, daß diese
-Augen nur auf die Einsamkeit warten, um über den rohen
-Gatten zu weinen! Nein, es ist unmöglich,« fuhr er nach
-einigem Sinnen fort, »sie kann ihn nicht aus Liebe geheiratet
-haben. Die Welt, die hinter diesem Auge liegt, ist zu groß für
-Faldners Verstand, das Herz seines Weibes zu zart für den
-rohen Druck ihres Haustyrannen. Ich bedaure sie!«</p>
-
-<p>Er war während dieser Worte an einen Schrank getreten,
-worin die Diener sein Reisegeräte niedergelegt hatten. Er
-schloß ihn auf, sein erster Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle,
-und er errötete. »Bin ich dir nicht ungetreu gewesen diesen
-Abend?« fragte er. »Hat nicht ein anderes Bild sich in mein
-Herz geschlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf Reflexionen
-über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die ihr
-auf jeden Fall nichts nützen können?« Er entrollte das Bild
-der Geliebten und blieb betroffen stehen. Wie ein Gedanke,
-der bisher in ihm schlummerte und verworren träumte, erwacht<span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span>
-es jetzt mit einemmal in ihm, daß Frau von Faldner
-wunderbare Aehnlichkeit mit diesem Bilde habe. Zwar waren
-ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirn gänzlich verschieden von
-denen des Bildes, aber überraschende Aehnlichkeit glaubte er
-in Nase, Mund und Kinn, ja sogar in der Haltung des zierlichen
-Halses zu finden. »Und diese Stimme!« rief er. »Klang
-mir diese Stimme nicht gleich anfangs so bekannt? Wie ist
-mir denn? Wäre es möglich, daß die Gattin meines Freundes
-jenes Mädchen wäre, die ich nur einmal, nur halb gesehen und
-ewig liebe und, von jenem Augenblick an, vergebens suche? Die
-Gestalt &ndash; ja auch sie war groß, und als ich ihr den Mantel
-umschlang, als sie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine feine
-schlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute abend so oft
-ihrem Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch sie mich
-wiedererkennen? Doch &ndash; ich Tor! wie könnte Faldner bei
-seinem Mißtrauen, bei seinen strengen Grundsätzen über Adel
-und unbescholtenen Ruf eine &ndash; unbekannte Bettlerin geheiratet
-haben?«</p>
-
-<p>Er sah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in
-diesem Augenblick Gewißheit zu haben, im nächsten zweifelte
-er wieder. Er klagte sein treuloses Gedächtnis an. Hatte nicht
-dieses Gemälde sich so ganz mit seinen früheren Erinnerungen
-vermischt, daß er die Unbekannte sich nicht mehr anders dachte
-als wie dieses Bild? Und nun, da er auf eine neue, auffallende
-Aehnlichkeit gestoßen, stand er nicht vor einem Labyrinth von
-Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg
-seine heiße Stirn in die Kissen seines Bettes. Er wünschte
-sich tiefen Schlaf herbei, damit er diesen Zweifeln entgehe, daß
-ihm das wahre Bild mit siegender Kraft in seinen Träumen
-aufgehe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>12.</h4>
-</div>
-
-<p>Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo
-er frühstücken sollte, war sein rastloser Freund schon ausgeritten,
-um eine Dammarbeit an der Grenze seines Gutes zu besichtigen.
-Der Diener, der ihm diese Nachricht gab, setzte mit wichtiger
-Miene hinzu, daß sein Herr wohl kaum vor Mittag zurückkommen
-dürfte, weil er noch seine neue Dampfmühle, einige Schläge im
-Wald, eine neue Gartenanlage, nebst vielem andern besichtigen
-müsse. »Und die gnädige Frau?« fragte der Gast.</p>
-
-<p>»War schon vor einer Stunde im Garten, um Bohnen abzubrechen,
-und wird jetzt bald zum Frühstück hier sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span></p>
-
-<p>Fröben ging im Saal umher und musterte in Gedanken
-den vergangenen Abend. Wie anders erscheinen alle Bilder in
-der Morgenbeleuchtung, als sie uns im Duft des Abends erschienen!
-Auch mit den verworrenen Gedanken, die gestern in
-ihm auf und ab schwebten, ging es ihm so; er lächelte über sich
-selbst, über die Zweifel, die ihm seine rege Phantasie aufgeweckt
-hatte. »Der Baron,« sprach er zu sich, »ist am Ende doch ein
-guter Mensch; freilich viele Eigenheiten, einige Roheit, die aber
-mehr im Aeußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt
-sich daran, weiß sich darein zu finden. Und Josephe? wie
-vorschnell man oft urteilt! Wie oft glaubte ich rührenden
-Kummer, tiefe Seelenleiden, Resignation in den Augen, in den
-Mienen einer Frau zu lesen, ließ mich vom Teufel blenden, sie
-recht zart zu trösten und aufrichten zu wollen, und am Ende lag
-der ganze Zauber in meiner Einbildung: es war dann, näher
-betrachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit den sinnenden
-Augen, worin ich Wehmut sah, ängstlich die Augen an ihrem
-Strickstrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten
-Stirne bedachte, was sie auf den Abend kochen lassen wollte.«
-Er verfolgte diese Gedanken, um sich selbst mit Ironie zu
-strafen, um die zartere Empfindung, jene Nachklänge von gestern,
-zu verdrängen, die ihm heute töricht, überspannt erschienen. In
-diese Gedanken versunken, war er an den Spiegel getreten und
-hatte die Besuchskarten überlesen, die dort angesteckt waren. Da
-fiel ihm eine in die Hand, welche Faldners eigene Verlobung
-ankündigte. Er las die zierlich gestochenen Worte: »Freiherr
-F. von Faldner mit seiner Braut Josephe von Tannensee.«</p>
-
-<p>»Von Tannensee?« Wie ein Blitz erleuchtete ihm dieser
-Name jene dunkle Aehnlichkeit, die er zwischen der Gattin seines
-Freundes und seinem lieben Bilde gefunden. »Wie? Wäre sie
-vielleicht die Tochter jener Laura, die einst mein guter Don
-Pedro geliebt? Welche Freude für ihn, wenn es so wäre, wenn
-ich ihm von der Verlorenen Nachricht geben könnte. Fand er
-nicht in jenem wunderbaren Bilde die täuschendste Aehnlichkeit
-mit seiner Cousine? Kann nicht die Tochter der Mutter
-gleichen?«</p>
-
-<p>Er verbarg die Karte schnell, als er die Türe gehen hörte;
-er sah sich um und &ndash; Josephe schwebte herein. War es das
-zierliche Morgenkleid, das ihre zarte Gestalt umschloß, war ihr
-die Beleuchtung des Tages günstiger als das Kerzenlicht? Sie
-kam ihm in diesem Augenblick noch unendlich reizender vor als
-gestern. Ihre Locken flatterten noch kunstlos um die Stirne,<span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span>
-der frische Morgen hatte ein feines Rot auf ihre Wangen gehaucht,
-sie lächelte zu ihrem Morgengruß so freundlich, und doch
-mußte er sich schon in diesem Augenblick einen Toren schelten,
-denn ihre Augen erschienen ihm trübe und verweint.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>13.</h4>
-</div>
-
-<p>Sie lud ihn ein, sich zu ihr zum Frühstück zu setzen. Sie
-erzählte ihm, daß Faldner schon mit Tagesanbruch weggeritten
-sei und ihr seine Entschuldigung aufgetragen habe; sie beschrieb
-die mancherlei Geschäfte, die er heute vornehme und die ihn bis
-zu Mittag zurückhalten werden. »Er hat ein Leben voll Sorgen
-und Mühen,« sagte sie, »aber ich glaube, daß diese Geschäftigkeit
-ihm zum Bedürfnis geworden ist.«</p>
-
-<p>»Und ist dies nur in diesen Tagen so?« fragte Fröben;
-»ist jetzt gerade besonders viel zu tun auf den Gütern?«</p>
-
-<p>»Das nicht,« erwiderte sie; »es geht alles seinen gewöhnlichen
-Gang, er ist so, seit ich ihn kenne. Er ist rastlos in seinen
-Arbeiten. Diesen Frühling und Sommer verging kein Tag, an
-welchem er nicht auf dem Gute beschäftigt gewesen wäre.«</p>
-
-<p>»Da werden Sie sich doch oft recht einsam fühlen,« sagte
-der junge Mann, »so ganz allein auf dem Lande und Faldner
-den ganzen Tag entfernt.«</p>
-
-<p>»Einsam?« erwiderte sie mit zitterndem Ton und beugte
-sich nach einem Tischchen an der Seite; und Fröben sah im
-Spiegel, wie ihre Lippen schmerzlich zuckten. »Einsam? Nein!
-Besucht ja doch die Erinnerung die Einsamen und &ndash;« setzte sie
-hinzu, indem sie zu lächeln suchte: »glauben Sie denn, die
-Hausfrau habe in einer so großen Wirtschaft nicht auch recht
-viel zu tun und zu sorgen? Da ist man nicht einsam oder &ndash;
-man darf es nicht sein.«</p>
-
-<p>Man <em class="gesperrt">darf</em> es nicht sein? Du Arme! dachte Fröben, verbietet
-dir dein Herz die Träume der Erinnerung, die dich in der
-Einsamkeit besuchen, oder verbietet dir der harte Freund, einsam
-zu sein? Es lag etwas im Ton, womit sie jene Worte
-sagte, das ihrem Lächeln zu widersprechen schien.</p>
-
-<p>»Und doch,« fuhr er fort, um seinen Empfindungen und
-ihren Worten eine andere Richtung zu geben, »und doch scheinen
-gerade die Frauen von der Natur ausdrücklich zur Stille und
-Einsamkeit bestimmt zu sein; wenigstens war bei jenen Völkern,
-die im allgemeinen die herrlichsten Männer aufzuweisen hatten,<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span>
-die Frau am meisten auf ihr Frauengemach beschränkt, so bei
-Römern und Griechen, so selbst in unserem Mittelalter.«</p>
-
-<p>»Daß <em class="gesperrt">Sie</em> diese Beispiele anführen könnten, hätte ich
-nicht gedacht;« entgegnete Josephe, indem ihr Auge wie prüfend
-auf seinen Zügen verweilte. »Glauben Sie mir, Fröben, jede
-Frau, auch die geringste, merkt dem Mann, ehe sie noch über
-seine Verhältnisse unterrichtet ist, recht bald an, ob er viel
-im Kreise der Frauen lebte oder nicht. Und unbestreitbar liegt
-in solchen Kreisen etwas, das jenen feinen Takt, jenes zarte Gefühl
-verleiht, immer im Gespräch auszuwählen, was gerade für
-Frauen taugt, was uns am meisten anspricht; ein Grad der
-Bildung, der eigentlich keinem Manne fehlen sollte. Sie werden
-mir dies um so weniger bestreiten,« setzte sie hinzu, »als Sie
-offenbar einen Teil Ihrer Bildung meinem Geschlecht verdanken.«</p>
-
-<p>»Es liegt etwas Wahres darin,« bemerkte der junge Mann,
-»und namentlich das letztere will ich zugeben, daß Frauen
-weniger auf meine Denkungsart, als auf die Art, das Gedachte
-auszudrücken, Einfluß hatten. Meine Verhältnisse
-nötigten mich in der letzten Zeit viel in der großen Welt,
-namentlich in Damenzirkeln zu leben. Aber eben in diesen
-Zirkeln wird mir erst recht klar, wie wenig eigentlich die Frauen,
-oder um mich anders auszudrücken, wie wenige Frauen in dieses
-großartige Leben und Treiben passen.«</p>
-
-<p>»Und warum?«</p>
-
-<p>»Ich will es sagen, auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir
-böse werden. Es ist ein schöner Zug der neueren Zeit, daß man
-in den größeren Zirkeln eingesehen hat, daß das Spiel eigentlich
-nur eine Schulkrankheit oder ein modischer Deckmantel für
-Geistesarmut sei. Man hat daher Whist, Boston, Pharo und
-dergleichen den älteren Herren und einigen Damen überlassen,
-die nun einmal die Konversation nicht machen können. In
-Frankreich freilich spielen in Gesellschaft Herren von zwanzig
-bis dreißig Jahren; es sind aber nur die armseligen Wichte,
-die sich nach einem englischen Dandy gebildet haben oder die
-selbst fühlen, daß ihnen der Witz abgeht, den sie im Gespräch
-notwendig haben müßten. Seitdem man nun, seien die Zirkel
-groß oder klein, die sogenannte Konversation macht, das heißt,
-sich um den Kamin oder in Deutschland um das Sofa pflanzt,
-Tee dazu trinkt und ungemein geistreiche Gespräche führt, sind
-die Frauen offenbar aus ihrem rechten Gleise gekommen.«</p>
-
-<p>»Bitte, Sie sind doch gar zu strenge, wie sollten denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span></p>
-
-<p>»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fröben eifrig fort;
-»eine Dame der sogenannten guten Gesellschaft empfängt jede
-Woche Abendbesuche bei sich; sechsmal in der Woche gibt sie solche
-heim. In solchen Gesellschaften tanzt höchstens das junge Volk
-einigemal, außer es wäre auf großen Bällen, die schon seltener
-vorkommen. Der übrige Kreis, Herren und Damen, unterhält
-sich. Es gibt nun ungemein gebildete, wirklich geistreiche
-Männer, die im Männerkreise stumm und langweilig, vor
-Damen ungemein witzig und sprachselig sind, und einen Reichtum
-sozialer Bildung, allgemeiner Kenntnisse entfalten, die
-jeden staunen machen. Es ist nicht Eitelkeit, was diese
-Männer glänzend oder beredt macht, es ist das Gefühl, daß das
-Interessantere ihres Wissens sich mehr für Frauen als für
-Männer eignet, die mehr systematisch sind, die ihre Forderungen
-höher spannen.«</p>
-
-<p>»Gut, ich kann mir solche Männer denken, aber weiter.«</p>
-
-<p>»Durch solche Männer bekommt das Gespräch Gestaltung,
-Hintergrund, Leben; Frauen, besonders geistreiche Frauen,
-werden sich unter sich bei weitem nicht so lebendig unterhalten,
-als dies geschieht, wenn auch nur <em class="gesperrt">ein</em> Mann gleichsam als
-Zeuge und Schiedsrichter dabei sitzt. Indem nun durch solche
-Männer allerlei Witziges, Interessantes auf die Bahn gebracht
-wird, werden die Frauen unnatürlich gesteigert. Um doch ein
-Wort mitzusprechen, um als geistreich, gebildet zu erscheinen,
-müssen sie alles aufbieten, gleichsam alle Hahnen ihres Geistes
-aufdrehen, um ihren reichlichen Anteil zu der allgemeinen Gesprächsflut
-zu geben, in welcher sich die Gesellschaft badet. Doch,
-verzeihen Sie, dieser Fond ist gewöhnlich bald erschöpft; denken
-Sie sich, einen ganzen Winter alle Abende geistreich sein zu
-müssen, welche Qual!«</p>
-
-<p>»Aber nein, Sie machen es auch zu arg, Sie übertreiben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht; ich sage nur, was ich gesehen, selbst erlebt
-habe. Seit in neuerer Zeit solche Konversation zur Mode geworden
-ist, werden die Mädchen ganz anders erzogen als früher;
-die armen Geschöpfe! Was müssen sie jetzt nicht alles lernen
-vom zehnten bis zum fünfzehnten Jahr. Geschichte, Geographie,
-Botanik, Physik, ja sogenannte höhere Zeichenkunst und Malerei,
-Aesthetik, Literaturgeschichte, von Gesang, Musik und Tanzen
-gar nicht zu erwähnen. Diese Fächer lernt der Mann gewöhnlich
-erst nach seinem achtzehnten, zwanzigsten Jahre recht verstehen;
-er lernt sie nach und nach, also gründlicher; er lernt<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span>
-manches durch sich selbst, weiß es also auch besser anzuwenden,
-und tritt er im dreiundzwanzigsten oder später noch in diese
-Kreise, so trägt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit
-und Gewandtheit hat, eine große Sicherheit in sich selbst. Aber
-das Mädchen? Ich bitte Sie! Wenn ein solches Unglückskind
-im fünfzehnten Jahre, vollgepfropft mit den verschiedenartigsten
-Kenntnissen und Kunststücken in die große Welt tritt, wie
-wunderlich muß ihm da alles zuerst erscheinen! Sie wird, obgleich
-ihr oft ihr einsames Zimmer lieber wäre, ohne Gnade in
-alle Zirkel mitgeschleppt, muß glänzen, muß plaudern, muß die
-Kenntnisse auskramen, und &ndash; wie bald wird sie damit zu Ende
-sein! Sie lächeln? Hören Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit
-mehr, ihre Schulkenntnisse zu erweitern; es werden bald noch
-höhere Ansprüche an sie gemacht. Sie muß so gut wie die
-Aelteren über Kunstgegenstände, über Literatur mitsprechen
-können. Sie sammelt also den Tag über alle möglichen Kunstausdrücke,
-liest Journale, um ein Urteil über das neueste Buch
-zu bekommen, und jeder Abend ist eigentlich ein Examen, eine
-Schulprüfung für sie, wo sie das auf geschickte Art anbringen
-muß, was sie gelernt hat. Daß einem Mann von wahrer
-Bildung, von wahren Kenntnissen vor solchem Geplauder, vor
-solcher Halbbildung graut, können Sie sich denken; er wird diese
-Unsitte zuerst lächerlich, nachher gefährlich finden; er wird diese
-Ueberbildung verfluchen, welche die Frauen aus ihrem stillen
-Kreise herausreißt und sie zu Halbmännern macht, während die
-Männer Halbweiber werden, indem sie sich gewöhnen, alles nach
-Frauenart zu besprechen und zu beklatschen; er wird für edlere
-Frauen jene häusliche Stille zurückwünschen, jene Einsamkeit,
-wo sie zu Hause sind und auf jeden Fall herrlicher brillieren
-als in einem jener geistreichen Zirkel!«</p>
-
-<p>»Es liegt etwas Wahres in dem, was Sie hier sagten,«
-erwiderte Frau von Faldner; »ganz kann ich nicht darüber
-urteilen, weil ich nie das Glück oder das Unglück hatte, in jenen
-Zirkeln zu leben. Aber mir scheint auch dort, wie überall, das
-minder Gute nur aus der Uebertreibung hervorzugehen. Es
-ist wahr, was Sie sagen, daß uns Frauen ein engerer Kreis
-angewiesen ist, jene Häuslichkeit, die einmal unser Beruf ist.
-Wir werden ohne wahren Halt sein, wir werden uns in ein unsicheres
-Feld begeben, wenn wir diesen Kreis gänzlich verlassen.
-Aber wollen Sie uns die Freude einer geistreichen Unterhaltung
-mit Männern gänzlich rauben? Es ist wahr, sieben solche
-Abende in der Woche müssen zum Unnatürlichen, zur Ueberbildung<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span>
-oder zur Erschöpfung führen; aber ließe sich denn hier
-nicht ein Mittelweg denken?«</p>
-
-<p>»Ich habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt, ich wollte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Lassen Sie auch mich ausreden,« sagte sie, ihn sanft zurückdrängend:
-»Sie sagten selbst, daß Frauen unter sich seltener
-ein sogenanntes geistreiches Gespräch lange fortführen. Ich
-weiß nur allzuwohl, wie peinlich in einer Frauengesellschaft eine
-sogenannte geistreiche Dame ist, welcher alles frivol erscheint,
-was nicht allgemein, nicht interessant ist. Wir fühlen uns beengt
-und wollen am Ende mit unserem bißchen Wissen lieber
-vor einem Mann erröten als vor einer Frau. Gewöhnlich wird,
-wenn nur Frauen zusammen sind oder Mädchen, die Wirtschaft,
-das Hauswesen, die Nachbarschaft, vielleicht auch Neuigkeiten
-oder gar Moden abgehandelt; aber sollen wir denn ganz auf
-diesen Kreis beschränkt sein? Soll denn, was allgemein interessant
-und bildend ist, uns ganz fremd bleiben?«</p>
-
-<p>»Gott! Sie verkennen mich, wollte ich denn <em class="gesperrt">dies</em> sagen?«</p>
-
-<p>»Es ist wahr,« fuhr sie eifriger fort, »es ist wahr, die
-Männer besitzen jene tiefe, geregeltere Bildung, jene geordnete
-Klarheit, die jede Halbbildung oder gar den Schein von Wissen
-ausschließt oder gering achtet. Aber wie gerne lauschen wir
-Frauen auf ein Gespräch der Männer, das an Gegenstände
-grenzt, die uns nicht so ganz ferne liegen, zum Beispiel über
-ein interessantes Buch, das wir gelesen, über Bilder, die wir
-gesehen; wir lernen gewiß recht viel, wenn wir dabei zuhören
-oder gar mitsprechen dürfen; unser Urteil, das wir im stillen
-machten, bildet sich aus und wird richtiger, und jeder gebildeten
-Frau muß eine solche Unterhaltung angenehm sein. Auch glaube
-ich kaum, daß die Männer uns dies verargen werden, wenn wir
-nur,« setzte sie lächelnd hinzu, »nicht selbst glänzen, den bescheidenen
-Kreis nicht verlassen wollen, der uns einmal angewiesen
-ist.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>14.</h4>
-</div>
-
-<p>Wie schön war sie in diesem Augenblick; das Gespräch hatte
-ihre Wangen mit höherem Rot übergossen, ihre Augen leuchteten,
-und das Lächeln, womit sie schloß, hatte etwas so Zauberisches,
-Gewinnendes an sich, daß Fröben nicht wußte, ob er
-mehr die Schönheit dieser Frau oder ihren Geist und die einfache
-schöne Weise, sich auszudrücken, bewundern sollte.</p>
-
-<p>»Gewiß,« sagte er, in ihren Anblick verloren, »gewiß, wir
-müßten sehr ungerecht sein, wenn wir solche zarte und gerechte<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span>
-Ansprüche nicht achten wollten; denn <em class="gesperrt">die</em> Frau müßte ich für
-recht unglücklich halten, die bei einem gebildeten Geist, bei einer
-Freude an Lektüre und gebildeter Unterhaltung keine solche Anklänge
-in ihrer Umgebung fände; wahrlich, so ganz auf sich beschränkt,
-müßte sie sich für sehr unglücklich halten.«</p>
-
-<p>Josephe errötete, und eine düstere Wolke zog über ihre
-schöne Stirne; sie seufzte unwillkürlich, und mit Schrecken nahm
-Fröben wahr, daß ja eine solche Frau, wie er sie eben beschrieben,
-an seiner Seite sitze. Ja, ohne es zu wollen, hatte sie ihren
-eigenen Gram verraten. Denn konnte ihr roher Gatte jenen
-zarten Forderungen entsprechen? Er, der in seiner Frau nur
-seine erste Schaffnerin sah, der jedes Geistige, was dem Menschen
-interessant oder wünschenswert dünkt, als unpraktisch geringschätzte,
-konnte er diese Ansprüche auf den Genuß einer gebildeten
-Unterhaltung befriedigen? War nicht zu befürchten, daß
-er ihr solche sogar geflissentlich entzog?</p>
-
-<p>Noch ehe Fröben so viel Fassung gewonnen hatte, seinem
-Satz eine allgemeinere Wendung zu geben und das ganze Gespräch
-von diesem Gegenstand abzuleiten, sagte Josephe, ohne ihn
-seinen Verstoß fühlen zu lassen: »Wir Frauen auf dem Lande
-genießen diese Freude freilich seltener; übrigens sind wir dennoch
-nicht so allein, als es dem Fremden vielleicht scheinen
-möchte; man besucht einander um so öfter; sehen Sie nur,
-welche Masse von Besuchen dort am Spiegel hängt.«</p>
-
-<p>Fröben sah hin, und jene Karte fiel ihm bei. »Ach ja,«
-sagte er, indem er sie hervorzog, »da habe ich vorhin einen
-kleinen Diebstahl begangen;« er zog sie hervor und zeigte sie.
-»Können Sie glauben, daß ich bis gestern nicht einmal wußte,
-daß mein Freund verheiratet sei? Und Ihren Namen erfuhr
-ich erst vorhin durch diese Karte. Sie heißen Tannensee?«</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete sie lächelnd, »und diesen unberühmten
-Namen tauschte ich gegen den schönen von Faldner um.«</p>
-
-<p>»Unberühmt? Wenn Ihr Vater der Oberst von Tannensee
-war, so war Ihr Name wohl nicht unberühmt.«</p>
-
-<p>Sie errötete. »Ach, mein guter Vater!« rief sie. »Ja,
-man erzählte mir wohl von ihm, daß er für einen braven Offizier
-des Kaisers gegolten habe und &ndash; sie haben ihn als General
-begraben. Ich habe ihn nicht gekannt; nur einmal, als er aus
-dem Feldzug zurückkam, sah ich ihn und nachher nicht wieder.«</p>
-
-<p>»Und war er nicht ein Schweizer?« fragte Fröben weiter.</p>
-
-<p>Sie sah ihn staunend an. »Wenn ich nicht irre, sagte mir
-meine Mutter, daß Verwandte von ihm in der Schweiz leben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span></p>
-
-<p>»Und Ihre Mutter, heißt sie nicht Laura und stammt aus
-einem spanischen Geschlecht?«</p>
-
-<p>Sie erbleichte, sie zitterte bei diesen Worten. »Ja, sie hieß
-Laura,« antwortete sie; »aber mein Gott, was wissen Sie denn
-von uns, woher? &ndash; Aus einem spanischen Geschlechte?« fuhr
-sie gefaßter fort. »Nein, da irren Sie, meine Mutter sprach
-Deutsch und war eine Deutsche.«</p>
-
-<p>»Wie? So ist Ihre Mutter tot?«</p>
-
-<p>»Seit drei Jahren,« erwiderte sie wehmütig.</p>
-
-<p>»O, schelten Sie mich nicht, wenn ich weiter frage; hatte
-sie nicht schwarze Haare, und, wie Sie, braune Augen? Hatte
-sie nicht viele Aehnlichkeit mit Ihnen?«</p>
-
-<p>»Sie kannten meine Mutter,« rief sie ängstlich und zitterte
-heftiger.</p>
-
-<p>»Nein; aber hören Sie einen sonderbaren Zufall,« erwiderte
-Fröben; »es müßte mich alles täuschen, wenn ich nicht
-einen trefflichen Verwandten Ihrer Mutter kennen gelernt
-hätte.« Und nun erzählte er ihr von Don Pedro. Er beschrieb
-ihr, wie sie sich vor dem Bilde gefunden, er ließ die Kopie von
-seinem Zimmer bringen und zeigte sie; er sagte ihr, wie sie
-genauer bekannt geworden und wie ihm Don Pedro seine Geschichte
-erzählte. Aber die letztere wiederholte er mit großer
-Schonung; er datierte sogar aus einem gewissen Zartgefühl jene
-Vorfälle und Lauras Flucht um ein ganzes Jahr zurück und
-schloß endlich damit, daß er, wenn Josephe ihre Mutter nicht
-eine Deutsche nennen würde, bestimmt glaubte, Mutter Laura
-und jene Donna Laura Tortosi des Spaniers, der Schweizerhauptmann
-Tannensee und ihr Vater, der Oberst, seien dieselben
-Personen.</p>
-
-<p>Josephe war nachdenklich geworden; sinnend legte sie die
-Stirn in die Hand; sie schien ihm, als er geendet hatte, nicht
-sogleich antworten zu können.</p>
-
-<p>»O, zürnen Sie mir nicht,« sagte Fröben, »wenn ich mich
-hinreißen ließ, dem wunderlichen Spiel des Zufalls diese Deutung
-zu geben.«</p>
-
-<p>»O, wie könnte ich denn Ihnen zürnen?« sagte sie bewegt,
-und Tränen drängten sich aus den schönen Augen. »Es ist ja
-nur mein schweres Schicksal, das auch dieses Dunkel wieder herbeiführt.
-Wie könnte ich auch wähnen, jemals <em class="gesperrt">ganz</em> glücklich
-zu sein?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span></p>
-
-<p>»Mein Gott, was habe ich gemacht!« rief Fröben, als er
-sah, wie ihre Tränen heftiger strömten. »Es ist ja alles nur
-eine törichte Vermutung von mir. Ihre Mutter war ja eine
-Deutsche, Ihre Verwandten und Sie werden ja dies alles besser
-wissen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>15.</h4>
-</div>
-
-<p>»Meine Verwandten?« sagte sie unter Tränen. »Ach, das
-ist ja gerade mein Unglück, daß ich keine habe. Wie glücklich
-sind die, welche auf viele Geschlechter zurücksehen können, die
-mit den Banden der Verwandtschaft an gute Menschen gebunden
-sind; wie angenehm sind die Worte Oheim, Tante; sie sind
-gleichsam ein zweiter Vater, eine zweite Mutter, und welcher
-Zauber liegt vollends in dem Namen Bruder! Wahrlich, wenn
-ich fähig wäre, einen Menschen zu beneiden, ich hätte oft dies
-oder jenes Mädchen beneidet, die einen Bruder hatte, es war ihr
-inniger, natürlichster, aufrichtigster Freund und Beschützer.«</p>
-
-<p>Fröben rückte ängstlich hin und her; er hatte hier, ohne es
-zu wollen, eine Saite in Josephens Brust getroffen, die schmerzlich
-nachklang; es standen ihm Aufschlüsse bevor, vor welchen ihm
-unwillkürlich bangte. Er schwieg, als sie ihre Tränen trocknete
-und fortfuhr:</p>
-
-<p>»Das Schicksal hat mich manchmal recht sonderbar geprüft.
-Ich war das einzige Kind meiner Eltern, und so entbehrte ich
-schon jene große Wohltat, Geschwister zu haben; wir wohnten
-unter fremden Menschen, und so hatte ich auch keine Verwandten.
-Mein Vater schien mit den Seinigen in der Schweiz nicht im
-besten Einverständnisse zu leben, denn meine Mutter erzählte
-mir oft, daß sie ihm grollen, weil er sie geheiratet habe und
-nicht ein reiches Fräulein in der Schweiz, das man ihm aufdringen
-wollte. Auch meinen Vater sah ich nur wenig; er war
-bei der Armee, und Sie wissen, wie unruhig unter dem Kaiser
-die Zeiten waren. So blieb mir nichts als meine gute Mutter;
-und wahrlich, sie ersetzte mir alle Verwandten. Als sie starb,
-freilich, da stand ich sehr verlassen in der großen Welt; denn da
-war unter Millionen niemand, zu dem ich hätte gehen und sagen
-können: Nun sind sie tot, die mich ernährten und beschützten,
-seid ihr jetzt meine Eltern!«</p>
-
-<p>»Und Ihre Mutter hieß also nicht Tortosi?« fragte Fröben.</p>
-
-<p>»Ich nannte sie nicht anders als Mutter, und nie hatte sie
-über ihre früheren Verhältnisse mit mir gesprochen; ach, als
-ich größer wurde, war sie ja immer so krank! Mein Vater<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span>
-nannte sie nur Laura, und in den wenigen Papieren, die man
-nach ihrem Tode fand und mir übergab, wird sie Laura von
-Tortheim genannt.«</p>
-
-<p>»Ei nun!« rief Fröben heiter, »das ist ja so klar wie der
-Tag; Laura hieß Ihre Mutter, Tortheim ist nichts anders als
-Tortosi, das die lieben Flüchtlinge veränderten, Tannensee hieß
-jener Kapitän in Valencia, er ist Ihr Vater, der Oberst Tannensee,
-und noch mehr, sagen Sie nicht selbst, daß dieses Bild Ihrer
-Mutter Laura vollkommen gleiche, und erkannte nicht mein
-werter Don Pedro in dem Urbild seine Donna Laura? Jetzt
-sind Sie nicht mehr einsam, einen trefflichen Vetter haben Sie
-wenigstens, Don Pedro di San Montanjo Ligez! Ach! wie
-wird sich mein Freund über die berühmte Verwandtschaft
-freuen!«</p>
-
-<p>»O Gott, mein Mann!« rief sie schmerzlich und verhüllte
-das Gesicht in ihr Tuch.</p>
-
-<p>Unbegreiflich war es Fröben, wie sie dies alles so ganz
-anders ansehen könne als er; er sah ja in diesem allen nichts
-als die Freude Don Pedros, eine Tochter seiner Laura zu finden.
-Er war reich, unverheiratet, trug noch immer den alten Enthusiasmus
-für seine schöne Cousine in sich, also auch eine schöne
-Erbschaft kombinierte Fröben aus diesem wunderbaren Verhältnis.
-Er ergriff Josephens Hand, zog sie herab von ihren
-Augen; sie weinte heftig.</p>
-
-<p>»O, Sie kennen Faldner schlecht,« sagte sie, »wenn Sie
-meinen, daß ihn diese Vermutungen freudig überraschen werden!
-Sie kennen sein Mißtrauen nicht. Alles soll ja nur
-seinen ganz gewöhnlichen Gang gehen, alles recht schicklich und
-ordentlich sein, und alles Außergewöhnliche haßt er aus tiefster
-Seele. Ich mußte es ja,« fuhr sie nicht ohne Bitterkeit fort,
-»ich mußte es ja als eine Gnade ansehen, daß mich der reiche,
-angesehene Mann heiratete, daß er mit den wenigen Dokumenten
-zufrieden war, die ich ihm über meine Familie geben konnte.
-Muß ich es denn,« rief sie heftiger weinend, »muß ich es denn
-nicht noch alle Tage hören, daß er mit den angesehensten Familien
-sich hätte verbinden, daß er dieses oder jenes reiche
-Fräulein hätte heiraten können? Sagt er es mir nicht so oft,
-als er mir zürnt, daß mein Adel neu sei, daß man von dem
-Geschlecht meiner Mutter gar nichts wisse, und daß sogar einige
-Tannensee in der Schweiz das <em class="gesperrt">von</em> abgelegt haben und Kaufleute
-geworden seien?«</p>
-
-<p>Jetzt erst ging dem jungen Mann ein schreckliches Licht<span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span>
-auf. »Also in ein Haus des Unglücks, in eine unglückselige
-Ehe bin ich gekommen,« sprach er zu sich. »Ach, nicht aus Liebe
-hat sie ihn geheiratet, sondern aus Not, weil sie allein stand;
-und Faldner, so kenne ich ihn, hat sie genommen, weil sie schön
-war, weil er mit ihr glänzen konnte. Das unglückliche Weib!
-Und der Barbar macht ihr Vorwürfe über ihr Unglück, läßt sie
-sogar fühlen, was sie ihm verdanke?« Ein gemischtes Gefühl
-von Unmut über seinen Freund, von Mitleid und Achtung gegen
-die schöne, unglückliche Frau zog ihn zu ihr hin; er bemühte sich,
-ihr Mut und Vertrauen einzuflößen. »Sehen Sie dies alles
-als nicht gesagt an,« flüsterte er; »ich sehe, es macht Ihnen
-Kummer; was nützt es denn Faldner? Verschweigen wir ihm
-die törichten Mutmaßungen, die ich hatte, die ja ohnedies zu
-nichts führen können.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Josephe sah ihn bei diesen Worten groß an; ihre Tränen
-verlöschten in den weitgeöffneten Augen, und Fröben glaubte
-eine Art von Stolz in ihren Mienen zu lesen. »Mein Herr,«
-sagte sie, und ihre Gestalt schien sich höher aufzurichten, »ich
-kann unmöglich glauben, daß, was Sie sagten, Ihr Ernst sein
-kann; auf jeden Fall werden Sie wissen, daß die Gattin des
-Baron von Faldner kein Geheimnis mit Ihnen teilt, das nicht
-ihr Gatte wissen dürfte.«</p>
-
-<p>Unter diesen Worten hatte sie das Teegeschirr unsanft von
-sich gerückt, war aufgestanden und &ndash; nach einer kurzen Verbeugung
-verließ sie den erstaunten Gast. Fröben wollte ihr
-nach, wollte abbitten, was er getan, wollte alles auf einmal gut
-machen, aber sie war schon in der Türe verschwunden, ehe er
-nur Fassung genug hatte, sich vom Sofa aufzuraffen. Unmutig
-ging er hinab in den Garten; er wußte nicht, sollte er sich selbst
-grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die ihm in diesem
-Augenblick übergroß erschien. Doch wie es in solchen Fällen
-zu geschehen pflegt, sein aufgeregtes Blut wallte nach und nach
-ruhiger und sein Geist gewann Raum, über sich selbst nachzusinnen.
-Und hier fand er nun manches, was Josephen zur Entschuldigung
-diente. »Sie liebt ihn nicht,« sagte er zu sich, »er
-behandelt sie vielleicht roh, zeigt sich mehr als Herr denn als
-Gatte. Sie wurde weich, als ich mit ihr über höhere Genüsse
-des Lebens sprach, ich sah, wie sie erschrak, als sie sich gegen
-mich verraten hatte, als sie aussprach, welcher Mangel selbst
-mitten im äußeren Glück sie drücke. Und mußte sie sich nicht
-ängstlich berührt fühlen, daß sie diesen Mangel einem Freunde
-ihres Gatten verriet? Und weiter, als ich ihr alles, alles sagte,<span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span>
-als ich mit einer gewissen Bestimmtheit von ihrer Abstammung
-sprach, als ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die
-sonst niemand bei ihr antastete, mußte sie nicht dadurch schon
-außer sich selbst geraten? Und als sie vollends den Argwohn,
-die Zweifelsucht des Barons bedachte, wurde sie nicht immer
-ängstlicher, immer verlegener, und ich,« fuhr er fort, indem er
-sich vor die Stirne schlug, »ich konnte ihr zumuten, ein Geheimnis
-mit mir zu teilen, das sie ihrem nächsten Freund, ihrem
-Gatten, nicht verraten dürfte? Mußte sie nicht fürchten, wenn
-sie es verheimlichte, ganz in meiner Hand zu sein? Mußte
-ihr nicht das ganze Anerbieten sonderbar, unzart vorkommen?«
-Wie hoch, wie edel erschien ihm jetzt erst der Charakter dieser
-Frau, wo nahm sie bei dieser Jugend, denn sie konnte höchstens
-neunzehn zählen, solche Stärke, solche Umsicht, solche ungewöhnliche
-Bildung, solche feine geselligen Formen her? Er fühlte,
-vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß den Frauen etwas
-von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz, daß ihnen
-ein Geheimnis innewohne, dem der Mann, selbst der stolze, gewichtige,
-nicht gewachsen sei.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>16.</h4>
-</div>
-
-<p>Der Baron von Faldner war zum Mittagessen zurückgekommen
-und Josephe hatte ihn mit der gewohnten Anmut, vielleicht
-ein wenig ernster als gewöhnlich, empfangen. Aber hastig riß
-er sich aus ihrer Umarmung. »Ist es nicht, um toll zu werden,
-Fröben?« rief er, ohne seine Frau weiter zu beachten. »Mit
-horrenden Kosten lasse ich mir eine Dampfmaschine aus England
-kommen, lasse sie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde
-gehe, ausschwärzen &ndash; du kennst ja die Gesetze hierüber&nbsp;&ndash;, und
-jetzt, da ich meine, im Trockenen zu sein, da ich schon achtzig, ja
-hundert Prozent berechnete, jetzt geht sie nicht!«</p>
-
-<p>»Franz!« rief Josephe erbleichend.</p>
-
-<p>»Sie geht nicht?« rief ihr Fröben nach.</p>
-
-<p>»Sie geht nicht!« wiederholte der unglückliche Landwirt.
-»Die Fugen greifen nicht ein, das Räderwerk steht, es muß
-irgend etwas verloren gegangen sein. Ich ließ, wie du weißt,
-Josephe, ich ließ es mich ja alles kosten, mit teurem Gelde ließ
-ich einen Mechanikus aus Mainz kommen; ich legte ihm die
-Zeichnung vor. ›Nichts leichter als dies,‹ sagte der Hund,
-und jetzt, da ich ihm A zu A, B zu B gebe, denn es ist alles
-numeriert und beschrieben, jetzt kann es kein Teufel zusammensetzen;
-o, es ist um rasend zu werden!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Man setzte sich verstimmt zu Tische. Der Baron verbiß
-seinen inneren Grimm über die fehlgeschlagene Hoffnung und den
-wahrscheinlichen Verlust des Kapitals, er trank viel Wein und
-exaltierte sich zu schlechten Scherzen. Josephe war noch bleicher
-als gewöhnlich; sie besorgte still ihr Amt als Hausfrau, und
-nur Fröben wußte einigermaßen ihre Gefühle zu deuten, denn
-sie vermied es, ihn anzusehen. Ihm quoll der Bissen im Munde;
-er sah den Unmut einer getäuschten Hoffnung in den Mienen
-seines Freundes, er sah den Mut, die Entschlossenheit und doch
-wieder die unverkennbare Angst auf den Mienen der schönen
-Frau, es war ihm zuweilen, als sei mit ihm erst das Unglück
-über dieses Haus hereingebrochen. Das Gespräch schlich während
-der Tafel nur mühsam und stockend hin, doch als das Dessert
-aufgetragen war und die Diener auf Josephens Wink sich entfernt
-hatten, holte sie einigemal mühsam Atem, ihre Wangen
-färbten sich röter, und sie sprach:</p>
-
-<p>»Du hast heute früh eine recht sonderbare Unterhaltung
-zwischen mir und deinem Freunde versäumt. Schon oft, wie du
-weißt, klagten wir über Mangel an Verwandtschaft von meiner
-Seite, jetzt scheint mir auf einmal ein neues Licht aufzugehen,
-denn er bringt uns ja viele und angesehene Verwandte ins
-Haus.«</p>
-
-<p>Verwundert und fragend sah Faldner seinen Freund an;
-dieser war im ersten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt
-es, mit Umsicht zu handeln. Wunderbar fühlte er in diesem
-Augenblicke das Uebergewicht eines Mannes von Welt über die
-niedere, beinahe rohe Denkungsart eines Baron Faldner, und
-mit mehr Gelassenheit, mit weiser Benützung der Umstände erzählte
-er die sonderbare Geschichte des Bildes und seiner Bekanntschaft
-mit Don Pedro.</p>
-
-<p>Gegen alle Erwartung wurde der Baron zusehends heiterer
-während der Erzählung. »Ei &ndash; sonderbar,« waren die einzigen
-Worte, die ihm hie und da entschlüpften, und als Fröben
-geendet hatte, rief er: »Was ist klarer als dies? Donna Laura
-Tortosi und Laura von Tortheim, der Schweizer Kapitän
-Tannensee und dein Vater sind dieselben. Und reich sagst du,
-lieber Fröben, reich ist der Haushofmeister? Begütert, unverheiratet
-und hegt noch die alte Vorliebe für seine Dulcinea von
-Valencia? Ei der Tausend! Josephchen, da könnte es ja noch
-eine reiche Erbschaft von Piastern geben!«</p>
-
-<p>Josephe hatte wohl diese Aeußerung nicht erwartet; der
-Gast sah ihr an, daß sie dieses gemeine Wort lieber ohne Zeugen<span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span>
-gehört hätte; aber eine drückende Last schien sich dennoch ihrem
-Busen zu entladen, sie drückte die Hand ihres Gatten, vielleicht
-nur, weil er ihr diesmal weniger Bitteres gesagt hatte als sonst,
-und ziemlich aufgeheitert sagte sie: »Mir selbst scheint in dem
-sonderbaren Zusammentreffen unseres Freundes mit dem Spanier
-eine eigene Fügung des Schicksals zu liegen; ja ich glaube
-sogar, daß es spanische Lieder waren, die hie und da meine
-Mutter, wenn sie einsam war, zur Laute sang. Ja vielleicht
-kommt es eben daher, daß ich nicht in eurem Glauben erzogen
-wurde, obgleich mein Vater, wie ich bestimmt weiß, reformierten
-Glaubens war. Nun, das beste ist, unser Freund schreibt an
-Don Pedro.«</p>
-
-<p>»Ja, tu mir den Gefallen,« sagte Faldner; »schreibe an
-den alten Don, seine Laura habest du nicht gefunden, aber offenbar
-ihre Tochter; es könnte doch zu etwas führen, du verstehst
-mich schon; wem will er auch seinen Mammon vermachen als
-dir, du Goldkind? Ich habe es ja immer gesagt, und auch zur
-Gräfin Landskron sagt' ich es, als ich um dich anhielt, wenn sie
-auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr kommt Segen
-in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch,
-sagtest du, daß du den Spanier schätzest?«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>17.</h4>
-</div>
-
-<p>Der Baron hatte frische Flaschen befohlen, und Josephe
-stand bei den letzten Worten auf und entfernte sich. Unbegreiflich
-war Fröben, wie unzart sein Freund mit dem holden,
-edlen Wesen verfuhr, er fühlte, wie sie sich vor ihm der Gemeinheit
-ihres Gatten schäme, er fühlte es und antwortete daher
-ziemlich unmutig: »Was weiß ich; meinst du denn, ich frage die
-Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer. Wieviel
-wiegst du?«</p>
-
-<p>»Ach, ich kenne ja deine sonderbaren Grillen über diesen
-Punkt,« lachte der Baron, »dir ist ein armseliger Geselle, wenn
-er nur das sogenannte Sentiment und <em class="antiqua">Savoir vivre</em> besitzt,
-so gut als einer, der zweimalhunderttausend Pfund Renten hat;
-aber ernstlich, mit dem Don müssen wir ins reine kommen, und
-ich rechne ganz auf dich.«</p>
-
-<p>»Ja doch; du kannst gänzlich auf mich rechnen. Aber wie
-war es denn mit der Gräfin Landskron? Du sagtest mir ja noch
-nicht einmal, wie du deine Frau kennen lerntest.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, das ist eigentlich eine kurze Geschichte,« erwiderte
-Faldner, indem er sich und dem Freunde von neuem Wein in
-das Glas goß. »Du kennst meinen praktischen Sinn, meinen
-richtigen Takt in dergleichen Dingen. Es stand mir die Wahl
-frei unter den Töchtern des Landes; reiche, bemittelte, schöne,
-hübsche, alles stand mir zu Gebot. Aber ich dachte: Nicht alles
-ist Gold, was glänzt, und suchte mir eine tüchtige Hausfrau.
-So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der Gräfin Landskron.
-Josephe war damals noch als Fräulein von Tannensee
-ihre Gesellschaftsdame. Das emsige, geschäftige Kind gefiel mir;
-Tee eingießen, Aepfel schälen, Bohnen brechen, Blumen begießen,
-kurz alles wußte sie so zierlich und nett zu machen, daß
-ich dachte, diese oder keine wird eine gute Hausfrau werden.
-Ich sprach mit der Gräfin darüber. Zwar schreckten mich anfangs
-die kurzgefaßten Nachrichten wieder ab, die mir die
-Landskron über Josephens Verhältnisse geben konnte. Sie
-sagte mir, daß sie Josephens Mutter gekannt und nach ihrem
-Tode das Mädchen zu sich genommen habe; Vermögen hatte sie
-nicht, aber die Gräfin gab eine anständige Ausstattung. Das
-Kopulationszeugnis ihrer Eltern, ihr Taufschein war richtig &ndash;
-nun, man ist ja in der Liebe gewöhnlich ein Narr, und so nahm
-ich sie zu mir.«</p>
-
-<p>»Und bist gewiß unendlich glücklich mit diesem holden
-Wesen?«</p>
-
-<p>»Nun, nun, das geht so; praktisch ist sie nun einmal gar
-nicht, und ich muß ihr die dummen Bücher ordentlich konfiszieren,
-nur daß ich sie an Haus und Garten gewöhne; denn wie
-will man am Ende hier auf dem Lande auskommen, wenn die
-Hausfrau sich vornehm in das Sofa setzt, Romane und Almanachs
-liest, empfindelt, wozu sie ohnedies großen Hang hat, und
-weder Küche noch Garten besorgt?«</p>
-
-<p>»Aber mein Gott, dazu könntest du ja Mägde halten?«
-bemerkte Fröben, den der Wein und das Gespräch noch wärmer
-und unmutiger gemacht hatten.</p>
-
-<p>»Mägde?« fragte Faldner lachend und sah ihn groß an.
-»Mägde! Da sieht man wieder den Theoretiker! Freund, davon
-verstehst du nichts! Würden mir nicht die Mägde hinterrücks
-den halben Garten, die schönen Gemüse, Obst und Salat verkaufen?
-Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und
-Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut ist!
-Nein, die Frau muß da schalten und walten, und leider! bin ich<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span>
-da mit Josephen schlecht gefahren; doch komm, stoß an; der Don
-soll alles gut machen!«</p>
-
-<p>Fröben, so sehr sein Herz, sein zarterer Sinn durch alles,
-was er hier sah und hörte, verletzt wurde, wagte nichts entgegenzureden.
-Er folgte dem Hausherrn, als dieser jetzt aufstand,
-hielt seine Umarmung geduldig aus und nahm sogar,
-mehr um Josephen so bald nach diesem Vorfall nicht zu sehen,
-als aus Freude an des Barons Gesellschaft, seine Einladung
-an, ihn nach der neuen Dampfmühle zu begleiten. Die Pferde
-wurden vorgeführt, die Männer schwangen sich auf, und schon
-wollte Fröben um die Ecke biegen, als er noch einen Blick zurückwarf
-und Josephens Gestalt im Fenster erblickte; sie zog ihr
-Tuch von dem Auge, sie blickte ihnen wehmütig nach, sie grüßte
-mit der zierlichen Hand. »Deine Frau winkt uns noch, um
-Abschied zu nehmen,« rief er Faldner zu; aber dieser lachte ihn
-aus. »Was meinst du denn?« sagte er im Weiterreiten. »Glaubst
-du, ich habe sie so zart und weich gewöhnt, daß wir auf einen
-Nachmittag mit Küssen und Drücken, mit Grüßen und Schnupftuchwedeln
-Abschied nehmen? Gott bewahre mich, dadurch verwöhnt
-man die Weiber, und, wenn es dir einmal begegnen sollte,
-daß du auch heiratest, so mache es um Gottes willen wie ich.
-Kein Wort von einer Reise oder einem Spazierritt vorher. Das
-Pferd wird vorgeführt &ndash; ›Wohin, mein Lieber?‹ fragt sie
-dann das erste oder zweite Mal. Keine Antwort, sondern die
-Handschuhe angezogen. ›Aber wirst du mich denn so allein
-lassen?‹ fragt sie weiter und streichelt dir die Wangen; du
-nimmst getrost die Reitpeitsche und sagst: ›Ja, ich will heute
-abend noch auf das Vorwerk, es ist dies und das zu tun. Adieu!
-und wenn ich bis neun Uhr nicht zu Hause bin, brauchst du mit
-der Suppe nicht zu warten.‹ Sie erschrickt, du achtest es nicht;
-sie will nach, du winkst ihr mit der Reitgerte zurück; sie stürzt
-ans Fenster, hängt sich und das Tränentüchlein heraus und
-ruft adieu! und wedelt hin und her mit dem weißen Fahnen.
-Laß wehen und achte nicht darauf. Drück dem Gaul die Sporen
-in den Leib und davon; ich kann dir schwören, das setzt die
-Weiber in Respekt. Das dritte Mal fragte die meine nicht
-mehr, und gottlob! das Gewinsel hat ein Ende!«</p>
-
-<p>Der Baron hatte während dieser trefflichen Rede in größter
-Gemütsruhe eine Pfeife gestopft, Feuer angeschlagen und dampfte
-jetzt, indem er seine Felder und Wälder überschaute, ohne eine
-Antwort seines Gastes zu erwarten; aber dieser preßte die Lippen
-zusammen, und noch stärker preßte die Rede des rohen Mannes<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span>
-sein volles Herz. »O, du Hund von einem Menschen,«
-sprach er bei sich, »schlechter noch als ein Hund, denn der Herr
-hat dir ja Vernunft gegeben. Wie man ein Pferd zureitet oder
-einen Baum in bessere Erde setzt, hast du gelernt, aber eine
-schöne Seele zu behandeln, ein liebendes Herz zu verstehen, liegt
-außer deinen Grenzen. Wie sie ihm nachsah, so voll Wehmut,
-denn er hatte ja nicht von ihr Abschied genommen, so voll
-Engelsgeduld, sie hatte ihm ja seine rohen Worte schon wieder
-vergeben; mit einem Blick so voll von Liebe! Von Liebe?
-<em class="gesperrt">Kann</em> sie ihn denn lieben? Wird nicht ihr zarter Sinn
-tausendmal von ihm beleidigt? Sieht sie denn nicht, wie er
-seinem Jagdhund mehr Zärtlichkeit beweist als ihr? Oder wie?«
-fuhr er in seinem Hinträumen fort, »sollte sie, weil sie einmal
-sein Weib geworden ist, Zärtlichkeit für den fühlen, den sie an
-Geist so weit überragt und den sie dennoch &ndash; fürchtet? Oder
-sollte es immer und ewig das Los dieser armen Wesen sein, daß
-unter Hunderten nur <em class="gesperrt">eine</em> wahrhaft lieben darf, daß die
-andern, von der Natur zu einem herrlichen Gefäß zärtlicher,
-hoher Liebe ausgerüstet, erwachsen, blühen, verwelken, ohne
-wahre Liebe zu kennen? Doch, dieser Gedanke wäre mir noch
-erträglicher als der, daß sie ihn wirklich lieben könnte! Nein,
-es kann, es darf nicht sein!« Unwillkürlich hatte er bei dem
-letzten Gedanken durch eine rasche Bewegung seinem Pferde die
-Sporen gegeben, es raffte sich auf und flog dahin. »Ho, ho,
-Junge! du willst mit mir in die Wette reiten?« rief ihm der
-Baron nach und steckte die Pfeife bei. »Zweihundert Schritte
-gebe ich dir vor und hole dich dennoch ein.« Kunstgerecht berechnete
-er dann den Zwischenraum, und als er dachte, Fröben
-habe die vorgegebenen Schritte zurückgelegt, ließ er sein Pferd
-weit ausstreichen und gelangte zu seinem nicht geringen Triumph
-in demselben Moment mit dem Freunde vor der Dampfmühle an.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>18.</h4>
-</div>
-
-<p>Der Mechanikus, ein bescheidener Mann, der aber allgemein
-den Ruf großer Geschicklichkeit genoß, empfing sie an der
-Türe. »Noch immer nicht weiter?« fragte Faldner, indem sein
-Gesicht sich verfinsterte. »Wahrhaftig, entweder ist mein Korrespondent
-in London ein Schurke und verdient gehangen zu werden,
-oder Ihr, Meister Fröhlich, versteht zwar Taschenuhren
-zusammen zu drechseln, aber keine Dampfmühle aufzuschlagen,
-wie Ihr mir vorgespiegelt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span></p>
-
-<p>Der Mann schien tief gekränkt durch die Worte des Barons;
-eine hohe Röte überflog sein Gesicht und ein bitteres Wort
-schwebte auf seinen Lippen, aber er unterdrückte es und fuhr
-mit der Hand über sein schlichtes Haar, als wollte er seinen
-inneren Unmut wie seine Haare glätten. »Halten zu Gnaden,
-Herr Baron,« antwortete er; »wenn man mir Aufriß und Berechnung
-einer Maschine vorlegt und dazu Räderwerk und
-Schrauben so genau verzeichnet sind, so will ich eine Maschine
-zusammensetzen, wenn ich sie auch nie zuvor gesehen. Aber
-dann muß ich freies Spiel haben und dann steh' ich auch davor,
-daß alles recht wird, aber so&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun, daß ich selbst ein wenig mitgeholfen, meint Ihr?
-Darauf soll also alles geschoben werden? Ihr sagt selbst, daß
-Ihr in Eurem Leben noch keine solche Maschine gesehen, und
-ich habe eine gesehen, zwei, drei, in Frankreich und England,
-und weiß recht gut, daß die größeren Räder in der Mitte des
-Zylinders eingreifen und die kleineren oben angebracht sind&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber mein Gott, erlauben Eure Gnaden,« entgegnete der
-Künstler ungeduldig, »diese <em class="gesperrt">Ihre</em> Dampfmühle ist nun einmal
-nach anderer Struktur, das kann man ja schon an der Zeichnung
-sehen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Zeichnung hin, Zeichnung her, Dampfmaschinen sind
-Dampfmaschinen, und eine sieht aus wie die andere. Betrogen
-bin ich; von allen Seiten angeführt, das Geld zum Fenster
-hinausgeworfen!«</p>
-
-<p>Fröben hatte indessen die Zeichnungen zur Hand genommen
-und sie durchgesehen. Er fand, daß die Struktur dieser
-Mühle sehr einfach und schön, und wenn die bezeichneten Räder
-und Schrauben paßten, sehr leicht aufzuschlagen sei. Er hatte in
-früheren Zeiten Mathematik und Physik gründlich studiert, er hatte
-zugleich mit dem Freunde die berühmtesten Maschinenwerke gesehen
-und kennen gelernt, kam aber, weil er sich selten darüber
-äußerte, bei dem Herrn von Faldner, der sich mit seinen Kenntnissen
-ungemein viel wußte, in den Verdacht, wenig oder nichts
-vom Maschinenwesen zu verstehen. Er wandte sich nun, als Faldners
-Unmut noch größer zu werden drohte, an den Mechanikus,
-fragte nach diesen und jenen Stücken, die auf der Zeichnung
-angegeben waren, und als jener sie vorwies, als man sah, wie
-richtig sie ineinander passen, sagte er zu Faldner: »Ich wollte
-wetten, du bist durchaus nicht betrogen, denn so gut hier F und H
-in P passen &ndash; du siehst, es sind die Hauptzüge, wodurch die<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span>
-Stampfmühle mit der Oelpresse in Verbindung gesetzt wird&nbsp;&ndash;,
-so gut muß sich auch das übrige fügen.«</p>
-
-<p>»Ach, Sie hat unser Herrgott hergesandt;« rief der Mechanikus
-freudig, »wie Sie doch dies gleich so wegbekamen! Ja,
-das F ist der Hauptzug, H hier greift in das Stangenwerk ein,
-hier wird das Rad KL befestigt.«</p>
-
-<p>»Die Maschine ist sehr einfach,« fuhr Fröben fort, »und
-der ganze Irrtum meines Freundes kommt daher, daß er die
-Struktur größerer Werke vor Augen hat, die freilich anders
-aussehen. Du wirst dich übrigens erinnern, daß wir in Devonshire
-bei Sir Henry Smith eine Oelmühle sahen, die beinahe
-ganz nach diesem Plan gebaut war.«</p>
-
-<p>Der Baron verbarg sein Staunen hinter einem ironischen
-Lächeln, womit er bald den Freund, bald den Mechanikus ansah.
-»Machet, was ihr wollt,« sagte er gleichgültig, »ich gebe die
-ganze Geschichte verloren; vernünftiger wäre es gewesen, ich
-hätte einen englischen Mechaniker mitkommen lassen. Versuche
-immer dein Heil an dem heillosen Schraubenwerk; ich denke,
-wenn ich dich in einigen Stunden abhole, wirst du dieses Maschinen-Abc
-schon satt haben; denn darin, ich weiß es ja, bist du
-doch nur ein Abcschütze.« Pfeifend verließ er das Gebäude, setzte
-sich auf und ritt in den Wald.</p>
-
-<p>Fröben aber ließ sogleich wieder auseinanderlegen, was
-nach des Barons eigenmächtigem Plan bisher zusammengefügt
-war. Die Nummern wurden geordnet, und er wurde unter
-diesem Geschäft nach und nach heiterer, denn es zerstreute die
-düsteren Bilder in seiner Seele, und nicht ohne Lächeln bemerkte
-er, wie ihn der Mechanikus mit leuchtenden Blicken betrachtete,
-wie ihn seine Gesellen und Jungen gleich einem Altmeister
-ihrer Kunst ehrfurchtsvoll ansahen. Freude und Leben
-war in die Werkstätte gekommen, wo man diesen Morgen nur
-die Befehle, die Flüche des Barons, die Bitten und Gegenreden
-des Meisters gehört hatte; bald war alles in Ordnung gebracht,
-und als der Baron abends aus dem Wald zurückkam,
-seinen Gast abzuholen, erstaunte er und schien sich im ersten
-Augenblick nicht einmal über das sichtbare Fortschreiten des
-Werkes zu freuen. Er hatte erwartet, alles in Bestürzung und
-Konfusion zu treffen, aber der Mechanikus überreichte ihm
-lächelnd die Zeichnung, führte ihn an den Zylinder und zeigte
-ihm, indem er bald auf das Papier, bald auf das Werk hindeutete,
-mit stolzer Freude, was sie bis jetzt schon geleistet haben.
-»Wenn es so fortgeht,« setzte der Mechanikus hinzu, »und wenn<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span>
-der fremde Herr dort uns auch morgen so trefflich an die Hand
-geht, so garantiere ich, daß wir noch vor Sonntag fertig werden.«</p>
-
-<p>»Tolles Zeug!« war alles, was der Baron antwortete, indem
-er die Zeichnung zurückgab, und Fröben war ungewiß, ob
-es Flüche oder Danksagungen seien, was sein Freund hin und
-wieder murmelte, als sie zusammen nach dem Schloß zurückritten.</p>
-
-<p>Der glückliche Fortgang des Maschinenbaues, vielleicht auch
-die schimmernde Aussicht auf Don Pedros spanische Quadrupeln,
-hatte den Baron in den nächsten Tagen fröhlicher gestimmt.
-Fröben hatte an den Spanier nach W. geschrieben, und sein Gastfreund
-nahm ihm das Versprechen ab, so lange bei ihm zu verweilen,
-bis aus W. eine Antwort angelangt sei. Auch gegen
-Josephe betrug er sich etwas menschlicher, und er hatte ihr,
-wahrscheinlich mehr aus Rücksicht auf den Freund als auf sie,
-sogar erlaubt, daß sie ihre Haushaltungsgeschäfte abkürzen und
-vormittags oder abends, wenn ihn selbst Geschäfte abhielten,
-sich von Fröben vorlesen lassen oder Spaziergänge mit ihm
-machen dürfe. Und sie lebte in diesen wenigen Tagen zusehends
-auf. Ihre Haltung wurde kräftiger, ihre Wangen rötete ein
-Schimmer von stillem Vergnügen, und in manchen Augenblicken,
-wenn ein holdes Lächeln um ihre Lippen zog, wenn jene feinen
-Grübchen in den Wangen erschienen, gestand sich Fröben, daß
-er selten eine schönere Frau gesehen habe, ja ihr Anblick verwirrte
-ihn oft so ganz, daß er ein geliebtes Bild seiner Träume
-verwirklicht glaubte, daß halbversunkene Erinnerungen wieder in
-ihm auftauchten, daß ihm sogar ihre Stimme, wenn sie bewegt,
-gerührt war, so bekannt deuchte, als hätte er sie nicht hier zum
-erstenmal gehört. Seltener zog er in jenen Tagen das Bild
-hervor, das er sonst stundenlang betrachtet hatte, und wenn es
-ihm zufällig in die Hände fiel, wenn er es aufrollte, wenn er
-in das Auge der unbekannten Geliebten sah, so fühlte er sich
-beschämt, er glaubte, ihrem leblosen Bilde diese Vernachlässigung
-abbitten zu müssen. »Doch,« sprach er dann zu sich, als
-müßte er sich entschuldigen, »ist es denn unrecht, der armen
-Freundin einige Tage ihres freudelosen Lebens angenehmer zu
-machen? Und wie wenig gehört dazu, dieses holde Wesen zu
-erfreuen, sie glücklicher zu stimmen! Ein schönes Buch mit ihr
-zu lesen, mit ihr zu sprechen, sie auf einem Spaziergang an
-ihre Lieblingsplätzchen zu begleiten &ndash; dies ist ja alles, was sie
-braucht, um heiter und froh zu sein. Welchen Himmel könnte
-Faldner in seinem Hause haben, wenn er nur zuweilen die eine
-oder andere dieser kleinen Freuden mit ihr teilte!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Mann fühlte sich übrigens, ohne daß er es sich
-selbst recht gestand, angenehm berührt, geschmeichelt von Josephens
-Anhänglichkeit an ihn. Schien ihr nicht jeder Morgen,
-jeder Abend ein neues Fest zu sein? Wenn er herabkam zum
-Frühstück, hatte sie schon alles zierlich und nett bereitet; bald
-wählte sie den Saal, der eine herrliche Aussicht auf den fernen
-Rhein öffnete, bald die Terrasse, von wo sie das ländliche Gemälde
-der Arbeiter in den Feldern und an den Weinbergen vor
-sich hatten, so nah, um alles, wie ein treues Tableau, zu betrachten,
-und doch ferne genug, um im stillen Genuß des Morgens
-nicht gestört zu sein, bald hatte sie eine Laube im Garten
-ausgesucht, wo die Welt ringsum von dichten Platanen abgeschlossen
-und nur der frischen Morgenluft oder dem Frührot der
-Zutritt gestattet war. So erschien sie immer neu und überraschend,
-und wenn der Freund herzutrat, wie freudig stand sie
-auf, wie hold bot sie ihm die Hand zum Gruß, wie lebhaft
-wußte sie, wenn er noch ganz in ihren Anblick versunken ohne
-Worte war, das Gespräch anzuknüpfen, dies und jenes zu erzählen,
-durch Laune und feine Beobachtung allem, was sie sagte,
-ein eigenes Gewand, einen eigentümlichen Reiz zu geben! Und
-wenn sie dann nachher schnell und emsig das Geräte des Frühstücks
-auf die Seite räumte, wenn er sein Buch hervorzog, wenn
-sie mit der Arbeit, die sie selten beiseite legte, ihm sich gegenübersetzte
-und erwartungsvoll an seinen Lippen hing, da war es
-ihm oft, als müsse er alles, die ganze Welt vergessen, und einen
-kleinen, kurzen, seligen Augenblick träumte er, er sei ein glücklicher
-Gatte und sitze hier an der Seite eines geliebten Weibes.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>19.</h4>
-</div>
-
-<p>Es gereichte Josephen in den Augen ihres Freundes zu
-keinem geringen Ruhm, daß sie gerade jenen Dichter zu ihrem
-Liebling erwählt hatte, der auch ihn vor allen anzog. Zwar
-mußte er ihr oft bei Vorlesungen aus Jean Pauls herrlichen
-Dichtungen zu Hilfe kommen, um dieses oder jenes dunklere
-Gleichnis zu erklären; aber sie faßte schnell, ihr natürlicher
-Takt und ihr zarter Sinn, der so ganz in dem Dichter lebte,
-ließ sie manches erraten, ehe ihr noch der Freund Gewißheit
-gegeben hatte.</p>
-
-<p>»Es liegt doch,« sagte sie eines Tages, »eine Welt voll Gedanken
-in diesem Hesperus! Jede menschliche Empfindung bei
-Freude und Schmerz, bei Liebe und Gram liegt zergliedert vor<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span>
-uns da; er weiß uns, indem wir den süßen Duft einer Blume
-einsaugen, ihre innersten Teile, ihre zarten Blätter, ihre feinsten
-Staubfäden zu beschreiben, ohne daß er sie zerstört, entblättert.
-Denn das, glaube ich, ist ja das große, tiefe Geheimnis
-dieses Meisters, daß er jede tiefere Empfindung nicht beschreibt,
-sondern andeutet, und doch wieder nicht flüchtig andeutet,
-sondern wie durch das feine Mikroskop eines Gleichnisses
-uns einen tiefen Blick in die Menschenseele tun läßt, wo Gedanke
-an Gedanke aufsteigt und das Auge überrascht, aber entzückt
-über die wundervolle Schöpfung, in eine Träne übergeht.«</p>
-
-<p>»Sie haben,« erwiderte der Gastfreund, »wie es mir scheint,
-in diesen Worten sein Geheimnis wirklich ausgesprochen. Mir
-ist sonst, ich gestehe es offen, nichts so in der innersten Seele
-zuwider, als das sichtbare Abmühen eines Autors, dem Leser
-recht klar und deutlich zu machen, was sein Held oder die
-Heldin oder eine dritte, vierte Person da oder dort empfunden
-oder gedacht. Aber unser Dichter! Wie herrlich, wie reich ist
-auch hierin seine Erfindung; wir leben, wir denken, wir weinen
-unwillkürlich mit Viktor, und Klothildens bleichere Wangen,
-ihre klaglose Trauer trifft uns tiefer, als jede Beschreibung es
-sagen kann, und im warmen, weichen Glück der Liebenden möchten
-wir ein Strahl der Abendsonne sein, der in der Laube um
-ihre Umarmung spielt, jene Nachtigall, die ihnen die fromme
-Feier ihrer Seligkeit mit ihrer glockenhellen Stimme einläutete.«</p>
-
-<p>»Es ist sonderbar,« bemerkte Josephe, »der Faden dieses
-Romans, was man sein Gerippe nennt, würde uns bei andern
-nicht im mindesten interessant, vielleicht sogar gesucht, langweilig
-dünken. Sechs verlorene, vertauschte, wiedergefundene Söhne,
-statt daß z. B. Walter Scott gewöhnlich nur <em class="gesperrt">einen</em> hat und
-sogar der Verfasser des <em class="gesperrt">Walladmor</em> in seiner Parodie mit
-zweien sich begnügt; eine junge Dame, die zu ihrer Qual von
-ihrem Bruder geliebt wird, selbst aber seinen Freund liebt; ein
-kleiner, simpler Hof in Duodez, ein Pfarrhaus voll Ratten und
-Kinder, und ein Edelsitz, wo Unedle wohnen; denken Sie sich
-diese gewöhnlichen Dinge in einer Reihenfolge, so haben Sie
-einen unserer gewöhnlichen Romane von verlorenen Söhnen etc.
-und nicht einmal einen rechten Jammer, um mich so auszudrücken,
-als etwa La Beaus Ermordung durch den Hofjunker
-oder das tragische Ende des Lords im fünften Akt. Aber welch
-ein Leben, welch eine Welt wird aus dieser Geschichte, wenn
-ihr jener Dichter seinen Blumenmantel umhängt! Welche geistreiche
-Luft, höher und reiner als jede irdische, kommt uns aus<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span>
-der verehrenden Liebe Viktors und Klothildens zu ihrem Lehrer
-Emanuel, welche Wehmut aus den Täuschungen eines kalten
-Lebens, wenn Viktor und jenes liebenswürdige Wesen sich verkennen,
-nicht finden; welche Wonne endlich, wenn ihre Seelen
-unter dem nächtlichen, gestirnten Himmel im Schmerz der Trennung
-sich aufschließen und überströmen in Liebe!«</p>
-
-<p>»Ja,« rief der junge Mann, »unser Dichter ist ein großer
-Musiker! Er hat ein ausgespieltes, altes, längst gehörtes Thema
-vor sich; aber indem er den Gang des alten Liedchens beibehält,
-führt er die Gedanken auf eine Weise aus, die uns so überraschend,
-so neu erscheint, daß wir das Thema vergessen und
-nur auf die Wendungen horchen, in die er übergeht, in welchen
-er die Himmelsleiter der Töne wie ein Engel auf und ab geht
-und uns einen geöffneten seligen Himmel im Traume zeigt,
-während wir vielleicht wie Jakob in der Wirklichkeit auf recht
-hartem Lager liegen. Dann ist er bald weich wie eine Flöte,
-durchdringend wie die Hoboe, bald voll, rührend wie das Waldhorn
-aus der Ferne, bald braust er daher wie mit den mächtigsten
-tiefsten Bässen, majestätisch, erhaben, bald nur sanft
-lispelnd wie die Aeolsharfe oder in Wehmut aufgelöst wie die
-Töne der Harmonika.«</p>
-
-<p>»Wie danke ich es ihm,« sagte Josephe weich, »daß er versöhnt,
-daß er die Wunden unserer Wehmut heilt! Es hätte ja
-in seiner Macht gestanden, Klothilden untergehen zu lassen im
-Schmerz unerwiderter Liebe, vor ihrem Tode hätte ihr Viktor
-noch zugerufen: ›Ich liebte dich ja über alles,‹ und sie wäre
-lächelnd eingeschlafen. Denken Sie sich den ungeheuren Schmerz,
-die Bitterkeit gegen das Geschick, wenn wir diese Menschen so
-hätten untergehen sehen, ohne Hoffnung, ohne Trost! Aber es
-wäre ja nicht möglich gewesen; Viktor hätte nicht so lange geliebt,
-hätte sich an Joachime oder die Fürstin hingegeben, denn
-ein Mann kann ja ohne erwiderte Liebe nicht lange lieben!«</p>
-
-<p>»Glauben Sie das wirklich?« erwiderte Fröben wehmütig
-lächelnd. »O, wie wenig müssen Sie uns kennen, wie klein
-müssen Sie von uns denken, wenn wir nicht einmal den Mut
-besäßen, dieses kurze Leben hindurch treu zu lieben, auch ohne
-geliebt zu werden!«</p>
-
-<p>»Ich halte es bei Frauen für möglich,« sagte die schöne
-Frau; »Liebe ohne Gegenliebe ist ein tiefes Unglück, und Frauen
-sind ja mehr dazu gemacht, stille Leiden zu tragen ein Erdenleben
-lang als ihr. Der Mann würde einen solchen Gram von
-sich werfen, oder der glühende Kummer müßte ihn verzehren!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span></p>
-
-<p>»Beides nicht &ndash; ich lebe ja noch und liebe,« sagte Fröben,
-zerstreut vor sich hinblickend.</p>
-
-<p>»Sie lieben!« rief Josephe, und mit so eigenem Ton, daß
-der junge Mann erschrocken aufblickte; sie schlug die Augen
-nieder, als ihr sein Blick begegnete, eine tiefe Röte überflog ihr
-Gesicht und ging ebenso schnell wieder in tiefe Blässe über.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er, indem es ihm mit Mühe gelang, es scherzhaft
-zu sagen; »der Fall, den Sie setzten, ist der meinige, und
-noch liebe ich, vielleicht ruhiger, aber nicht minder innig als am
-ersten Tag, ich liebe sogar beinahe ohne Hoffnung, denn die
-Dame meines Herzens weiß nicht um meine Liebe, und dennoch,
-wie Sie sehen, hat mich der Kummer noch nicht getötet.«</p>
-
-<p>»Und darf man wissen,« sagte sie zutraulich, aber, wie es
-Fröben schien, mit zitternder Stimme, »darf man wissen, wer
-die Glückliche ist?«</p>
-
-<p>»Ach, sehen Sie, das ist gerade das Unglück, ich weiß ja
-nicht, wer sie ist, noch wo sie sich aufhält, und liebe dennoch; ja
-Sie werden mich für einen zweiten Don Quichotte halten, wenn
-ich gestehe, daß ich sie nur einigemal flüchtig sah, mich nur noch
-einiger Partien ihres Gesichtes erinnern kann, und dennoch in
-der Welt umherstreife, um sie zu finden, weil es mir zu Hause
-keine Ruhe läßt.«</p>
-
-<p>»Sonderbar,« bemerkte Josephe, indem sie ihn nachdenklich
-ansah, »sonderbar; es ist wahr, ich kann mir einen solchen Fall
-denken, aber dennoch machen Sie eine seltene Ausnahme, lieber
-Fröben; wissen Sie denn, ob Sie geliebt werden? Ob das Mädchen
-Ihnen treu ist?«</p>
-
-<p>»Nichts weiß ich von diesem allen,« erwiderte er ernst und
-mit verschlossenem Gram, »ich weiß nichts, als daß ich glücklich
-wäre, wenn ich jenes Wesen mein nennen könnte, und weiß nur
-allzugut, daß ich vielleicht auf immer verzichten muß und nie
-ganz glücklich werde!«</p>
-
-<p>Je seltener sonst der junge Mann über diese Gefühle sich
-aussprach, desto mächtiger kamen in diesem Augenblicke alle
-Schmerzen der Erinnerung an gramvolle Stunden und eine
-Wehmut über ihn, der er sich nicht gewachsen fühlte. Er stand
-schnell auf und ging aus der Laube dem Schlosse zu. Aber
-Josephe sah ihm mit Blicken voll unendlicher Liebe nach, Träne
-um Träne löste sich aus den zuckenden Wimpern, und erst als<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span>
-sie wie ein Quell auf ihre schöne Hand herabfielen, erweckten
-sie Josephen aus ihren Träumen. Und beschämt, als hätte sie
-sich bei einer geheimen Schuld belauscht, errötete sie und preßte
-ihr Tuch vor diese verräterischen Augen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>20.</h4>
-</div>
-
-<p>Die Vorhersagung des alten Mechanikus war eingetroffen,
-denn mit dem letzten Tage der Woche waren auch die Maschinen
-der Dampfmühle fertig aufgestellt. Der Baron, so unmutig er
-anfangs gewesen war, hatte in der Freude seines Herzens, als
-der erste Versuch glücklich gelungen war, den Alten und seine
-Gesellen reichlich beschenkt entlassen und auf Sonntag alle seine
-Nachbarn in der Umgegend eingeladen, um mit einem kleinen
-Feste seine Mühle einzuweihen. So glücklich und heiter er an
-diesem Tage war, so fröhlich und jovial er seine zahlreichen Gäste
-empfing, so entging es doch Fröbens beobachtenden Blicken nicht,
-daß er die arme Josephe mit hunderterlei Aufträgen und Anordnungen
-plagte, daß sie ihm nichts zu Dank machen konnte.
-Bald sollte sie in der Küche sein, um das Gesinde anzutreiben
-und selbst mitzuhelfen, bald besserte er dies oder jenes an ihrem
-Putz, bald wollte er vor Ungeduld verzweifeln, wenn sie nicht
-schnell genug die Treppe herabflog, um mit ihm am Portal die
-Ankommenden zu empfangen, bald wollte er die Tafel so oder
-anders gestellt haben, bald wollte er den Kaffee im Garten, bald
-im Salon trinken. Mit Engelsgeduld und einer Resignation,
-die dem Freunde unbegreiflich war, ertrug sie alle diese Unbilden.
-Sie war überall, sorgte für alles und wußte sogar einen
-Augenblick zu finden, um den Gastfreund zu fragen, warum er
-gerade heute so trübe sei, ihn aufzumuntern, an der allgemeinen
-Fröhlichkeit teilzunehmen.</p>
-
-<p>Allgemein entzückte die Schönheit, die behende Aufmerksamkeit
-der Hausfrau; die Männer priesen den Baron glücklich,
-einen solchen Schatz im Hause zu haben, und mehrere der älteren
-Damen sagten ihm unverhohlen ihre Bewunderung über die
-seltenen Talente zur Wirtschaft, über die Einsicht und Ordnung
-einer so jungen Frau. »Siehst du,« flüsterte der Glückliche
-Fröben zu, »siehst du, was eine Zucht wie die meinige Wunder
-wirkt? Ich bin im ganzen heute recht zufrieden mit ihr, aber
-wenn ich nicht im geheimen überall selbst nachhülfe, wie stünde
-es dann um die wirtschaftliche Ehre der Hausfrau! Aber es
-macht sich, ich sagte es ja immer, es macht sich.« Die allgemeine<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span>
-Fröhlichkeit und der Wein steigerten Faldner immer höher, und
-es war endlich hohe Zeit, die Tafel aufzuheben, denn er und
-einige Herren aus der Nachbarschaft erlaubten sich schon Scherze
-und Anspielungen, welche jedes zartere Ohr beleidigten.</p>
-
-<p>Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte sie
-unter Scherz und Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück
-und erstaunte aufs neue über die geschmackvollen und doch so
-bequemen Anordnungen, welche Josephe indessen im Garten getroffen
-hatte. Sie hatte es gewagt, nach ihrer eigenen Erfindung
-schnell eine große geräumige Laube errichten zu lassen;
-alle möglichen Erfrischungen erwarteten dort die Gäste, und ihr
-allgemeines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht
-einmal ungehalten, daß man junge Eschen und Tannen aus
-seinem Walde zu der Laube verwendet, daß man seinen eigenen
-Plan, ein Zelt aus Brettern und Teppichen aufzuschlagen, nicht
-befolgt hatte. Er küßte seine Frau auf die Stirne und dankte
-ihr für die angenehme Ueberraschung.</p>
-
-<p>Man setzte sich in bunten Reihen umher. Die Männer
-sprachen den alten Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald
-hatte eine allgemeine Fröhlichkeit die Gesellschaft erfaßt. Man
-spielte witzige, geistreiche Spiele, und als die mutwillige Laune
-der Männer noch höher stieg, wurden sogar Pfänderspiele nicht
-verschmäht. So kam es, daß bei ihrer Auslösung auch Fröben
-sein Pfand mit einer Strafe lösen sollte, und Josephe, welcher
-die Bestimmung dieser Strafe aufgelegt war, befahl ihm, eine
-<em class="gesperrt">wahre</em> Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Man gab
-ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron schlug vor Freuden
-über seine kluge Frau in die Hände, und als Fröben zauderte
-und sich besann, rief er: »Nun soll ich etwas für dich erzählen
-aus deinem Leben? Etwa die pikante Geschichte <em class="gesperrt">von dem
-Mädchen vom Pont des Arts</em>?«</p>
-
-<p>Fröben errötete und sah ihn mißbilligend an; aber die Gesellschaft,
-die hier vielleicht ein lustiges Geheimnis ahnete, rief:
-»Die Geschichte von dem Mädchen, die Geschichte vom Pont des
-Arts!« und vielleicht nur, um der Indiskretion seines Freundes
-zu entgehen, den der Wein schon etwas über die gewöhnlichen
-Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er sich zu erzählen; der
-Baron aber versprach der Gesellschaft, sobald der Erzähler von
-der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu der
-Geschichte geben, denn er sei selbst dabei gewesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>21.</h4>
-</div>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« hub Fröben an, »ob der Gesellschaft bekannt
-ist, daß ich vor mehreren Jahren mit unserem Faldner
-reiste, namentlich in Paris mit ihm einige Zeit zusammenlebte, ja
-<em class="gesperrt">ein</em> Haus mit ihm bewohnte? Wir hatten so ziemlich gemeinschaftliche
-Studien, besuchten dieselben Zirkel, machten gegenseitig
-unsere früheren Bekannten mit dem Freunde bekannt und
-lebten auf diese Weise unzertrennlich. Wir hatten einen gemeinschaftlichen
-Freund, den ebenso liebenswürdigen als gelehrten
-Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne
-wohnte, die bekanntlich in die Rue St. Dominique führt und
-auf dem linken Ufer der Seine liegt. Unser gewöhnlicher
-Abendspaziergang war durch die <em class="antiqua">Champs elysées</em> über die schöne
-Brücke ins Marsfeld und von da durch Faubourg St. Germain
-in die Wohnung unseres Freundes, wo wir oft noch bis tief in
-der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von dem, was wir
-gesehen, von allem möglichen plauderten. Wir wohnten, um
-dies noch hinzuzusetzen, an der Place des Victoires, ziemlich
-entfernt von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich
-den Pont des Arts, um das Louvre zu durchschneiden
-und uns einen Umweg durch die Seitenstraßen zu ersparen.
-Eines Abends, es mochte nach elf Uhr sein &ndash; es hatte etwas
-geregnet und der Wind wehte besonders in der Nähe des Flusses
-sehr kalt und schneidend &ndash; gingen wir auch vom Quai Malaquais
-über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des
-Arts ist nur für Fußgänger zugänglich, und so kam es, daß um
-diese Zeit nicht mehr viel Leben um und auf der Brücke war.
-Wir gingen, die Mäntel fester um uns ziehend, stillschweigend
-über die Brücke; schon wollte ich die Brückenstufen auf der
-andern Seite hinabeilen, als ein überraschender Anblick mich
-festhielt.</p>
-
-<p>An die Brücke gelehnt, stand eine schlanke, ziemlich hohe
-weibliche Gestalt. Ein schwarzes Hütchen war tief ins Gesicht
-geknüpft und zum Ueberfluß noch mit einem grünen Schleier
-versehen; ein schwarzer Mantel von Seide fiel um den Leib,
-und der Wind, der die Gewänder in diesem Augenblick fester
-anschmiegte, verriet eine ungemein zarte, jugendliche Taille;
-aus dem Mantel ragte eine kleine Hand hervor, die einen Teller
-hielt; vor ihr aber stand ein kleines Laternchen, dessen Licht
-unruhig flackerte, sein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß. Es<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span>
-wohnt vielleicht nirgends so sehr als in jener Stadt das tiefste
-Elend neben dem höchsten Glanz und Wohlleben, aber dennoch
-sieht man verhältnismäßig wenige Bettler. Sie drängen sich
-selten unverschämt herzu, und nie wird man sehen, daß sie dem
-Fremden nachlaufen, ihn mit Bitten verfolgen. Alte Männer
-oder Blinde sitzen oder knien an den Ecken der Straßen, den
-Hut ruhig vor sich hinhaltend, und überlassen es dem Vorübergehenden,
-ob er ihren bittenden Blick beachten will.</p>
-
-<p>Am schauerlichsten, wenigstens für mein Gefühl, waren
-immer jene verschämten Bettler, die nachts mit verhülltem
-Haupt eine brennende Kerze vor sich, regungslos, fast schon wie
-erstorben in einer Ecke stehen; viele meiner Bekannten in Paris
-hatten mir versichert, daß man darauf rechnen könne, daß dies
-meistens Leute aus besseren Ständen seien, die durch Unglück so
-tief herabgekommen sind, daß sie entweder Arbeit suchen müssen,
-oder sind sie zu verschämt, vielleicht zu schwach, um für Brot zu
-arbeiten, so ergreifen sie diesen letzten Ausweg, ehe sie, wie so
-viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der Vergessenheit
-übergeben.</p>
-
-<p>Von dieser Klasse der Bettelnden war die weibliche Gestalt
-an dem Pont des Arts, deren Anblick mich unwiderstehlich
-fesselte. Ich sah sie näher an; ihre Glieder schienen vor Frost
-noch heftiger zu zittern als das Flämmchen in der Laterne, aber
-sie schwieg und ließ ihr Elend und den kalten Nachtwind für sich
-reden. Ich suchte in der Tasche nach kleinem Gelde, aber es
-wollte sich kein Sou, sogar kein einzelner Frank finden. Ich
-wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber unmutig,
-durch mein Zögern der schneidenden Kälte ausgesetzt zu sein,
-rief er mir in unserer Sprache zu: ›So laß doch das Bettelvolk
-und spute dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!‹ &ndash; ›Nur
-ein paar Sous, Bester!‹ bat ich; aber er packte mich am Mantel
-und wollte mich wegziehen.</p>
-
-<p>Da rief die Verhüllte mit zitternder, aber wohltönender
-Stimme und zu unserer Verwunderung auf gut deutsch: ›O
-meine Herren! sein Sie barmherzig!‹ Diese Stimme, diese
-Worte und unsere Sprache hatten etwas so Rührendes für mich,
-daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte: ›Nun
-wohlan, da hast du ein paar Franken,‹ sagte er, ›versuche dein
-Heil mit der Jungfer, aber laß mich aus dem Zug treten.‹ Er
-drückte mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich
-war in diesem Augenblick wirklich verlegen, was ich tun sollte;
-sie mußte ja gehört haben, was Faldner sagte, und beleidigen<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span>
-mag ich am wenigsten einen Unglücklichen. Ich trat unschlüssig
-näher. ›Mein Kind,‹ sagte ich, ›Sie haben hier einen schlechten
-Standpunkt gewählt, hier werden heute abend nicht mehr viele
-Menschen vorübergehen.‹ Sie antwortete nicht gleich. ›Wenn
-nur,‹ flüsterte sie nach einer Weile kaum hörbar, ›diese wenigen
-Gefühl für Unglück haben!‹ Diese Antwort überraschte mich,
-sie war so ungesucht und doch so treffend. Die edle Haltung
-des Mädchens, der Ton, womit sie jene Worte gesagt, verrieten
-Bildung. ›Wir sind Landsleute,‹ fuhr ich fort, ›darf ich Sie
-nicht bitten, daß Sie mir sagen, ob ich vielleicht mehr für Sie
-tun kann, als so im Vorübergehen zu geschehen pflegt?‹ &ndash;
-›Wir sind sehr arm,‹ antwortete sie, wie mir schien, etwas
-mutiger, ›und meine Mutter ist krank und ohne Hilfe.‹ Ohne
-weitere Ueberlegung, nur von dem unbestimmten Gefühl, daß
-mich das Mädchen sehr anzog, getrieben, sagte ich: ›Führen Sie
-mich zu ihr!‹ Sie schwieg, der Vorschlag schien sie zu überraschen.
-›Halten Sie dieses für nichts anders,‹ fuhr ich fort,
-›als für meinen redlichen Willen, Ihnen zu helfen, wenn ich
-kann.‹ &ndash; ›So kommen Sie,‹ erwiderte die Verschleierte, hob ihr
-Laternchen auf, löschte es aus und verbarg es samt dem Teller
-unter dem Mantel.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>22.</h4>
-</div>
-
-<p>»Wie?« rief der Baron laut lachend, als Fröben schwieg,
-»weiter willst du nicht erzählen? Willst es auch heute wieder
-machen, wie du es mir schon damals machtest? Nämlich bis
-hierher, meine Herren und Damen, hat er ganz nach reiner
-historischer Wahrheit erzählt. Er glaubte mich vielleicht weit
-weg, und ich stand keine zehn Schritte von der erbaulichen
-Samariterszene unter dem Portal des Palais und sah ihm zu;
-ob der Dialog wirklich so vor sich gegangen, weiß ich nicht, denn
-der schändliche Wind verwehte die Worte, aber ich sah, wie die
-Dame ihr Lämpchen auslöschte, und mit ihm zurück über die
-Brücke ging. Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei seinem
-galanten Abenteuer zu folgen, aber am Ende, ich wollte wetten,
-sah er weder eine kranke Mama noch dergleichen, sondern die
-Dame vom Pont des Arts hatte das alte Sirenenlied nur auf
-andere Weise gesungen.«</p>
-
-<p>Er belachte seinen eigenen Witz, und die Männer stimmten
-ein in das rohe Gelächter, die Damen aber sahen vor sich nieder,
-und Josephe schien mit den Worten ihres Gatten so unzufrieden
-als mit der sonderbaren Erzählung ihres Freundes, denn bleich<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span>
-wie der Tod hielt sie ihre Tasse in den Händen, daß sie klirrte,
-und sandte dem jungen Mann nur <em class="gesperrt">einen</em> Blick zu, für den
-er in diesem Augenblick keine andere als eine tief beschämende
-Deutung wußte. »Ich glaube zwar,« sprach er, mit starker
-Stimme das Gelächter der Männer unterbrechend, »mein Pfand
-gelöst zu haben, aber mein eigener Vorteil will, daß ich eine
-Deutung dieses Vorfalls nicht zulasse, die mein Freund ihm
-unterzulegen scheint; Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre,
-und bei meinem Leben,« setzte er hinzu, indem er errötete und
-sein Auge höher leuchtete, »ich will Ihnen die reine Wahrheit
-sagen.</p>
-
-<p>Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen
-war. Während ich schweigend mehr hinter als neben ihr
-ging, hatte ich Zeit, sie zu betrachten. Ihre Gestalt, so weit
-sie der Mantel sehen ließ, ihre ganze Haltung, besonders aber
-ihre Stimme war sehr jugendlich. Ihr Gang schnell, aber leicht
-und schwebend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als ich ihn
-zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog sie nach der
-Rue Mazarin ein. ›Ist Ihre Mutter schon lange krank?‹ fragte
-ich, indem ich wieder an ihre Seite trat und versuchte, durch
-den Schleier etwas von ihren Zügen zu erspähen. ›Seit zwei
-Jahren,‹ antwortete sie seufzend, ›aber seit acht Tagen ist sie
-recht elend geworden.‹ &ndash; ›Waren Sie schon öfter an jenem
-Ort?‹ &ndash; ›Wo?‹ fragte sie. &ndash; ›Auf der Brücke.‹ &ndash; ›Diesen Abend
-zum erstenmal,‹ erwiderte sie. &ndash; ›Dann haben Sie sich keinen
-guten Platz gesucht, andere Passagen sind frequenter.‹ Doch schon,
-indem ich dies sagte, bereute ich, es gesagt zu haben, denn es
-mußte sie ja verletzen. Mit unterdrücktem Weinen flüsterte sie:
-›Ach, ich bin ja hier so unbekannt und &ndash; ich schämte mich, so
-ins Gedränge zu gehen.‹</p>
-
-<p>Wie grenzenlos mußte das Elend sein, das dieses Geschöpf
-zwang, zu betteln. Zwar wollten auch mir, ich gestehe es, einigemal
-solche Gedanken kommen, wie sie Faldner hatte, aber immer
-verschwanden sie wieder, weil sie widersinnig, unnatürlich waren;
-wenn sie zu jener verworfenen Klasse von Mädchen gehörte,
-warum sollte sie sich verhüllt an einen einsamen Ort stellen?
-Warum geflissentlich eine Gestalt verbergen, die, soviel die
-Umrisse flüchtig zeigten, gewiß zu den schöneren zu zählen war?
-Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene zarte Verschämtheit
-vor unverschuldeter Armut da, die das Unglück so unbeschreiblich
-rührend macht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p>
-
-<p>›Hat Ihre Mutter einen Arzt?‹ fragte ich wieder nach
-einiger Weile. ›Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei
-mehr kaufen konnten, wollte er sie ins Spital des Incurables
-bringen lassen, und &ndash; das konnte ich nicht ertragen. Ach Gott,
-meine arme Mutter ins Spital!‹ Wieviel tiefer Schmerz lag
-in den letzten Worten dieses Mädchens!</p>
-
-<p>Sie weinte, sie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans
-Auge, und Laterne und Teller, die sie in der andern Hand trug,
-verhinderten sie, den Mantel zusammenzuhalten; der Wind wehte
-ihn weit auseinander und ich sah, daß ich mich nicht betrogen
-hatte; sie war von feiner schlanker Taille, sie trug ein einfaches,
-soviel mein flüchtiger Blick bemerkte, sehr reinliches Kleid. Sie
-haschte nach dem Mantel, und indem ich ihr behilflich war, ihn
-wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche, zarte Hand.</p>
-
-<p>Wir waren schon durch die Straßen Mazarin, St. Germain,
-Ecole de Médecine und von dort durch einige kleine
-Seitenstraßen gegangen, als sie auf einmal stehen blieb und
-klagte, sie habe den Weg verfehlt. Ich fragte sie, in welcher
-Gegend sie wohne, und sie gab St. Severin an. Ich war in
-Verlegenheit, denn diese Straße wußte ich selbst nicht zu finden.
-Machte es Angst oder Kälte, ich sah sie heftiger zittern. Ich
-sah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo
-Branntwein verkauft wurde, ich bat sie, zu warten, stieg hinab
-und erkundigte mich. Man wies mich zurecht, und ich glaubte
-mich hinfinden zu können. Als ich heraufkam, hörte ich in der
-Nähe laut reden; ich sah beim schwachen Schein einer Laterne,
-wie sich das Mädchen heftig gegen zwei Männer wehrte, von
-denen der eine ihre Hand, der andere den Mantel gefaßt hatte;
-sie lachten, sie sprachen ihr zu; ich ahnete, was vorging, sprang
-herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt hatte;
-sprachlos, weinend klammerte sie sich fest an meinen Arm.</p>
-
-<p>›Meine Herren,‹ sagte ich, ›ihr sehet, ihr seid hier im
-Irrtum, ihr werdet im Augenblick den Mantel von Mademoiselle
-loslassen!‹</p>
-
-<p>›Ach, Verzeihung, mein Herr!‹ erwiderte der, welcher
-ihren Mantel gefaßt hatte. ›Ich sehe, Sie haben ältere Rechte
-auf Mademoiselle!‹ Und lachend zogen sie weiter.</p>
-
-<p>Wir gingen weiter, das arme Kind zitterte heftig, sie
-hielt noch immer meinen Arm fest, sie war nahe daran, niederzusinken.</p>
-
-<p>›Nur Mut!‹ sagte ich zu ihr, ›St. Severin ist nicht mehr
-ferne, Sie werden bald zu Hause sein.‹ Sie antwortete nicht,<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span>
-sie weinte noch immer. Als wir in der Straße waren, die nach
-der Beschreibung St. Severin sein mußte, blieb sie wieder
-stehen. ›Nein, Sie dürfen nicht weiter mit mir gehen, mein
-Herr!‹ sagte sie. ›Es darf nicht sein.‹ &ndash; ›Aber warum denn
-nicht, da Sie mich so weit mitgenommen haben; ich bitte, trauen
-Sie mir keine schlechten Absichten zu!‹ Ich hatte bei diesen
-Worten, ohne es zu wissen, ihre Hand ergriffen und vielleicht
-gedrückt; sie entzog sie mir hastig und sagte: ›Vergeben Sie,
-daß ich die Unschicklichkeit beging, Sie so weit mitzuführen;
-bitte, verlassen Sie mich jetzt!‹ Ich fühlte, daß der Auftritt
-vorhin sie tief verletzt hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich
-selbst Mißtrauen einflößte, und eben dies rührte mich unbeschreiblich;
-ich nahm das Silber, das mir Faldner gegeben, und
-wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie wenig diese
-kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und ich
-gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug.</p>
-
-<p>Ihre Hand zuckte, als sie es nahm; sie schien es für Silber
-zu halten, dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme
-und wollte gehen.</p>
-
-<p>›Noch ein Wort,‹ sagte ich und hielt sie auf; ›ich hoffe,
-Ihre Mutter wird gesund werden, aber es könnte ihr doch noch
-an etwas gebrechen, und Sie, mein Kind, sind nicht für solche
-Abendgänge, wie der heutige, gemacht. Wollen Sie nicht heute
-über acht Tage um dieselbe Zeit vor der Ecole de Médecine sein,
-daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen kann?‹ Sie schien
-unschlüssig, endlich sagte sie: ›Ja.‹ &ndash; ›Und setzen Sie doch den
-Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie erkenne,‹
-fügte ich hinzu; sie bejahte es, dankte noch einmal, ging eilend
-die Straße hin und war schnell in der Nacht verschwunden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>23.</h4>
-</div>
-
-<p>Als ich am Morgen nach dieser Begebenheit erwachte,
-schien es mir, als hätte mir von diesem allen nur geträumt. Aber
-Faldner, der bald herbeikam und mich nach seiner zarten Manier
-zu schrauben anfing, riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache
-schien mir, so recht deutlich am Morgenlicht betrachtet, doch allzu
-fabelhaft, als daß ich sie dem ungläubigen Freund hätte erzählen
-mögen. Man ist in neuerer Zeit zu jenem Grad der Sittenverfeinerung
-gekommen, die schon ins Gebiet der Unsittlichkeit hinüberstreift;
-man will in manchen Fällen lieber wild, etwas
-liederlich und schlecht erscheinen, man gibt lieber eine Zweideutigkeit<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span>
-zu, nur um nicht als ein Tor, als ein Sonderling, als
-ein Mensch von schwachem Verstand und beschränkten Lebensansichten
-zu gelten.</p>
-
-<p>Im Innern kränkte mich aber noch mehr als Faldners
-Schraubereien eine Unruhe, ein Etwas, was ich nicht zu deuten
-wußte. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich nicht einmal ihr Gesicht
-gesehen hatte. ›Wozu,‹ sagte ich mir, ›wozu diese übertriebene
-Diskretion? Wenn ich ein paar Napoleons hingebe,
-so kann ich doch um die Gunst bitten, den Schleier etwas zu
-lüften?‹ Und doch, wenn ich mir das ganze Betragen des Mädchens,
-das, so einfach es war, doch von Gemeinheit auch nicht
-im geringsten etwas an sich hatte, zurückrief, wenn ich bedachte,
-wie mich ihre edle Haltung, der gebildete Ton ihrer Antworten
-anzog, so mußte ich mich, halb zu meinem Aerger, rechtfertigen.
-Es liegt etwas in der menschlichen Stimme, das uns, ehe wir
-Züge und Auge, ehe wir den Stand der Sprechenden kennen,
-den Ton angibt, in welchem wir mit ihm sprechen müssen. Wie
-unendlich, nicht sowohl in der Form als im Klang der Sprache,
-unterscheidet sich der Gebildete vom Ungebildeten, und des Mädchens
-Töne waren so weich und zart, ihre kurzen Antworten oft
-so aus der tiefsten Seele gesprochen. Den ganzen Tag konnte
-ich diese Gedanken nicht los werden, sogar abends, in eine glänzende
-Gesellschaft von Damen begleitete mich das arme Mädchen
-mit dem schwarzen Hütchen, dem grünen Schleier und dem unscheinbaren
-Mantel.</p>
-
-<p>In den nächsten Tagen ärgerte ich mich über meine Torheit,
-welche schuld war, daß ich das Mädchen erst nach acht Tagen
-wiedersehen konnte: ich zählte die Stunden ab bis zu dem
-nächsten Freitag, und es war, als hätte jene Hauptstadt der
-Welt, wie sie ihre Bewohner nennen, nichts Reizendes mehr in
-sich als die Bettlerin vom Pont des Arts. Endlich, endlich erschien
-der Freitag. Ich brauchte alle mögliche List, um mich auf
-diesen Abend von Faldner und den übrigen Freunden los zu
-machen, und trat, als es dunkel wurde, meinen Weg an. Ich
-hatte über eine Stunde zu gehen, und Zeit genug, über meinen
-Gang nachzudenken. ›Heute‹, sagte ich zu mir, ›heute, wirst du
-ins reine kommen, was du von dieser Person zu denken hast; du
-wirst ihr anbieten, mit ihr zu gehen, nimmt sie es an, so hast
-du dich schon das erste Mal betrogen. Auch das Gesicht muß sie
-heute zeigen.‹</p>
-
-<p>Ich war so eilends gegangen, daß es noch nicht einmal
-zehn Uhr war, als ich auf der Place de l'Ecole de Médecine<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span>
-anlangte, und &ndash; auf elf Uhr hatte ich sie ja erst bestimmt. Ich
-trat noch in ein Café, durchblätterte gedankenlos eine Schar von
-Zeitungen&nbsp;&ndash;; endlich schlug es elf Uhr.</p>
-
-<p>Auf dem Platz waren wenige Menschen, und so weit ich
-mein Auge anstrengte, kein grüner Schleier zu sehen. Ich hielt
-mich immer auf der Seite der Arzneischule, weil dort mehrere
-Laternen brannten. Die Momente solchen Erwartens sind peinlich.
-›Wenn sie an deinem Golde genug hätte und gar nicht
-käme? Wenn sie deine Gutherzigkeit verlachte?‹ dachte ich, als
-ich den Platz wohl schon zehnmal auf und ab gegangen war. Es
-schlug halb zwölf, schon fing ich an, über meine eigene Torheit
-zu murren, da wehte im Schein einer Laterne etwa dreißig
-Schritte von mir etwas Grünes; mein Herz pochte ungestümer,
-ich eilte hin &ndash; sie war es. ›Guten Abend,‹ sagte ich, indem ich
-ihr die Hand bot, ›schön, daß Sie doch Wort halten; schon glaubte
-ich, Sie würden nicht mehr kommen.‹ Sie verbeugte sich, ohne
-meine Hand zu fassen, und ging an meiner Seite hin; sie schien
-sehr gerührt: ›Mein Herr, mein edler Landsmann,‹ sprach sie
-mit bewegter Stimme, ›ich muß ja Wort halten, um Ihnen zu
-danken. Ich komme heute gewiß nicht, um Ihre Güte aufs neue
-in Anspruch zu nehmen. Ach, wie reich, wie freigebig haben
-Sie uns beschenkt! Kann Sie der innige Dank einer Tochter,
-können die Gebete und Segenswünsche meiner kranken Mutter
-Sie entschädigen?‹</p>
-
-<p>›Sprechen wir nicht davon,‹ erwiderte ich. ›Wie geht es
-Ihrer Mutter?‹ &ndash; ›Ich glaube wieder Hoffnung schöpfen zu
-dürfen,‹ antwortete sie, ›der Arzt spricht zwar nichts Bestimmtes
-aus, aber sie selbst fühlt sich kräftiger. O, wie danke ich Ihnen!
-Von Ihrem Geschenk konnte ich ihr wieder kräftige Speisen bereiten,
-und glauben Sie mir, der Gedanke, daß es noch so gute
-Menschen gibt, hat sie beinahe ebensosehr gestärkt.‹</p>
-
-<p>›Was sagte Ihre Mutter, als Sie zu Hause kamen?‹ &ndash;
-›Sie war sehr in Sorgen um mich, weil es schon so spät war,‹
-erwiderte sie, ›ach, sie hatte so ungern mir die Erlaubnis zu
-diesem Gang gegeben und malte sich jetzt irgend ein Unglück
-vor, das mir begegnet sei. Ich erzählte ihr alles, aber als ich
-mein Tuch öffnete, und die Gaben, die ich gesammelt hatte, hervorzog
-und Gold dabei war, Gold unter den Kupfer- und Silberstücken,
-da erstaunte sie, und&nbsp;&ndash;‹ Sie stockte und schien nicht
-weiter reden zu können; ich dachte mir, die Mutter habe sie arger
-Dinge beschuldigt, und forschte weiter, aber mit rührender Offenheit<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span>
-gestand sie: die Mutter habe gesagt, der großmütige Landsmann
-müsse entweder ein Engel oder ein Prinz gewesen sein.</p>
-
-<p>›Weder das eine noch das andere,‹ sagte ich ihr. ›Aber
-wie weit haben Sie ausgereicht? Haben Sie noch Geld?‹</p>
-
-<p>›O wir haben noch,‹ erwiderte sie mutig, wie es scheinen
-sollte, aber mir entging nicht, daß sie vielleicht unwillkürlich
-dabei seufzte.</p>
-
-<p>›Und was haben Sie noch?‹ sagte ich etwas bestimmter
-und dringender.</p>
-
-<p>›Wir haben eine Rechnung in der Apotheke davon bezahlt
-und einen Monat am Hauszins, und der Mutter habe ich
-davon gekocht, es ist aber immer noch übrig geblieben.‹</p>
-
-<p>›Wie ärmlich mußten Sie wohnen, wenn Sie von diesem
-Gelde eine Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen
-und acht Tage lang kochen konnten? Ich will aber genau
-wissen,‹ fuhr ich fort, ›was und wieviel Sie noch haben.‹</p>
-
-<p>›Mein Herr!‹ sagte sie, indem sie beleidigt einen Schritt
-zurücktrat.</p>
-
-<p>›Mein gutes Kind, das verstehen Sie nicht,‹ erwiderte ich,
-indem ich ihr näher trat; ›oder Sie wollen es sich aus übertriebenem
-Zartgefühl nicht gestehen; ich frage Sie ernstlich:
-wenn Sie mit den paar Franken zu Rande sind, haben Sie
-Hilfe zu erwarten?‹</p>
-
-<p>›Nein!‹ sagte sie schüchtern und weich; ›keine!‹</p>
-
-<p>›Denken Sie an Ihre Mutter und verschmähen Sie meine
-Hilfe nicht!‹ Ich hatte ihr bei diesen Worten meine Hand geboten;
-sie ergriff sie hastig, drückte sie an ihr Herz und pries
-meine Güte.</p>
-
-<p>›Nun wohlan, so kommen Sie,‹ fuhr ich fort, indem ich
-ihren Arm in den meinigen legte; ›ich kam leider nicht gerade
-von Hause, als ich mich hierher begab, und hatte mich nicht versehen;
-Sie werden daher die Güte haben, mich einige Straßen
-zu begleiten bis in meine Wohnung, daß ich Ihnen für die
-Mutter etwas mitgebe.‹ Sie ließ sich schweigend weiterführen,
-und so angenehm mir der Gedanke war, sie noch ferner unterstützen
-zu können, so war doch mein Gefühl beinahe beleidigt,
-als sie so ganz ohne Sträuben mitging; nachts in die Wohnung
-eines Mannes; aber wie ganz anders kam es, als ich dachte.
-Wir mochten wohl etwa zwei- oder dreihundert Schritte fortgegangen
-sein, da stand sie stille und entzog mir ihren Arm.<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span>
-›Nein, es kann, es darf nicht sein,‹ rief sie, in Tränen ausbrechend.
-›Was betrübt Sie auf einmal?‹ fragte ich verwundert,
-›was darf nicht sein?‹</p>
-
-<p>›Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.‹</p>
-
-<p>›Aber mein Gott,‹ erwiderte ich, indem ich mich etwas
-aufgebracht stellte. ›Sie haben doch wahrhaftig sehr wenig Vertrauen
-zu mir; wenn nicht Ihre Mutter wäre, gewiß ich ginge
-jetzt von Ihnen, denn Sie kränken mich.‹</p>
-
-<p>Sie nahm meine Hand, sie drückte sie bewegt. ›Habe ich
-Sie denn beleidigt?‹ rief sie. ›O, Gott weiß, das wollte ich nicht;
-verzeihen Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie sind
-so großmütig, und ich sollte Sie beleidigen?‹</p>
-
-<p>›Nun denn, so komm,‹ sagte ich, indem ich sie weiterzog,
-›es ist keine Zeit zu verlieren, es ist spät, und der Weg ist weit.‹
-Aber sie blieb stehen, weinte und flüsterte: ›Nein, um keinen
-Preis gehe ich weiter.‹</p>
-
-<p>›Aber vor wem fürchten Sie sich denn? Es kennt Sie
-ja kein Mensch, es sieht Sie ja keine Seele; Sie können getrost
-mit mir kommen.‹</p>
-
-<p>›Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich! Nein,
-nein, es darf nicht sein, dringen Sie nicht weiter in mich!‹ Sie
-zitterte; ich fühlte wohl, wenn ich ihr die Not der Mutter noch
-einmal recht dringend vorstellte, so ging sie mit, aber die Angst
-des Mädchens rührte mich tief.</p>
-
-<p>›Gut, so bleiben Sie hier,‹ sprach ich. ›Aber sagen Sie
-mir, können Sie vielleicht arbeiten?‹</p>
-
-<p>›O ja, mein Herr,‹ erwiderte sie, ihre Tränen trocknend.</p>
-
-<p>›Könnten Sie vielleicht meine feinere Wäsche besorgen?‹</p>
-
-<p>›Nein,‹ antwortete sie sehr bestimmt. ›Dazu sind wir
-nicht eingerichtet.‹</p>
-
-<p>›Hier ist ein weißes Tuch,‹ fuhr ich fort. ›Können Sie
-mir vielleicht ein halb Dutzend besorgen und fertig machen?‹</p>
-
-<p>Sie besah das Tuch und sagte: ›Mit Vergnügen, und recht
-fein will ich es nähen!‹ Zu meiner eigenen Beschämung mußte
-ich jetzt dennoch Geld hervorziehen, obgleich ich es vorhin verleugnet
-hatte.</p>
-
-<p>›Kaufen Sie sechs solcher Tücher,‹ fuhr ich fort, ›und können
-Sie wohl drei davon bis Sonntagabend fertig machen?‹ Sie
-versprach es; ich gab ihr noch etwas für die Mutter, und sagte
-ihr, daß ich heute darauf nicht eingerichtet sei, aber Sonntag
-mehr tun könne. Sie dankte innig; es schien sie zu freuen, daß
-ich ihr Arbeit gegeben, denn noch einmal plauderte sie davon,<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span>
-wie schön sie die Tücher machen wolle, ja wenn ich nicht irre,
-so fragte sie mich sogar, ob sie nicht einen englischen Saum einnähen
-dürfe? Ich sagte ihr alles zu, aber als sie nun Abschied
-nehmen wollte, hielt ich sie noch fest. ›Eines müssen Sie mir
-übrigens noch zu Gefallen tun,‹ sprach ich, ›Sie können es
-gewiß und leicht.‹</p>
-
-<p>›Und was?‹ fragte sie. ›Wie gern will ich alles für Sie
-tun.‹</p>
-
-<p>›Lassen Sie mich diesen neidischen Schleier aufheben und
-Ihr Gesicht sehen, daß ich doch <em class="gesperrt">eine</em> Erinnerung an diesen
-Abend habe.‹</p>
-
-<p>Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier fester.</p>
-
-<p>›Bitte, lassen Sie das,‹ erwiderte sie und schien ein wenig
-mit sich selbst zu kämpfen; ›Sie haben ja die schöne Erinnerung
-an Ihre Wohltaten; die Mutter hat mir streng verboten, den
-Schleier zu lüften, und ich versichere Ihnen,‹ setzte sie hinzu, ›ich
-bin häßlich wie die Nacht, Sie würden nur erschrecken!‹</p>
-
-<p>Aber dieser Widerstand reizte mich nur noch mehr; ein
-wirklich häßliches Mädchen, dachte ich, spricht nicht so von ihrer
-Häßlichkeit, ich wollte den Schleier fassen, aber wie ein Aal
-war sie entwischt: ›<em class="antiqua">Dimanche à revoir!</em>‹ rief sie und eilte davon.
-Erstaunt blickte ich ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb
-sie stehen, winkte mir mit meinem weißen Tuch und rief mit
-ihrer silberhellen Stimme: ›Gute Nacht!‹</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>24.</h4>
-</div>
-
-<p>In den nächsten Tagen beschäftigte mich der Gedanke, welchem
-Stande das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter
-ich mir ihre gebildete Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief,
-desto höher steigerte ich sie in meinen Gedanken. Darüber wenigstens
-mußte sie mir Gewißheit geben, nahm ich mir vor, und
-beschloß, mich nicht wieder so abspeisen zu lassen wie mit dem
-Schleier. Der Sonntag kam; du wirst dich noch jenes Nachmittags
-erinnern, Faldner, wo wir mit den Freunden in Montmorency
-im Garten des großen Dichters saßen. Ihr wolltet
-spät in der Nacht zu Hause fahren, und ich trieb immer zu einer
-frühen Rückfahrt, und als ihr dennoch bliebet, da machte ich
-mich trotz eures Scheltens davon. Freilich glaubtest du damals
-nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft nicht vertragen,
-aber daß ich zu einem Rendezvous mit der Bettlerin vom Pont
-des Arts eile, konntest du auch nicht denken? Sie war diesmal<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span>
-die erste auf dem Platz, und weil sie mir die Tücher zu bringen
-hatte, war sie schon bange geworden, ich könnte sie verfehlt
-haben und glauben, sie werde nicht Wort halten. Mit beinahe
-kindischer Freude und, wie es mir schien, noch größerem Zutrauen
-als früher plauderte sie, indem sie mir beim Schein
-einer Straßenlaterne die Tücher zeigte.</p>
-
-<p>Sie schien es gern zu hören, daß ich ihre feine Arbeit
-lobte. ›Sehen Sie, auch Ihren Namen habe ich herein gezeichnet,‹
-sagte sie, indem sie das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies.
-Dann wollte sie mir eine Menge Silbergeld als Ueberschuß
-zurückgeben, und nur meine bestimmte Erklärung, daß sie
-mich dadurch beleidige, konnte sie bewegen, es als Arbeitslohn
-anzunehmen.</p>
-
-<p>Ich bestellte aufs neue wieder Arbeit, weil ich sah, daß
-dem zarten Sinn des Mädchens ein solcher Weg meiner Gaben
-mehr zusagte, und diesmal waren es Jabots und Manschetten,
-die ich bestellte. Ihre Mutter war nicht kränker geworden,
-konnte aber das Bett noch nicht verlassen; doch schon dieser
-Mittelzustand erschien ihr tröstlich. Als die Mutter abgehandelt
-war, wagte ich es, sie geradehin zu fragen, wie denn eigentlich ihre
-Verhältnisse seien.</p>
-
-<p>Die Geschichte, die sie mir in wenigen Worten preisgab,
-ist in Frankreich so alltäglich, daß sie beinahe jedem Armen
-zum Aushängeschild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in
-der großen Armee gewesen, war nach der ersten Restauration
-der Bourbons auf halben Sold gesetzt worden, hatte nachher
-während der hundert Tage wieder Partei ergriffen und war bei
-Mont St. Jean mit den Garden gefallen; seine Witwe verlor
-die Pension und lebte von da an ärmlich und elend. In den
-zwei letzten Jahren fristeten sie ihr Leben meist vom Verkauf
-ihrer geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußersten
-Grad des Elends gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt,
-als aus der Welt zu gehen.</p>
-
-<p>Ich fragte das Mädchen, ob sie nicht ihr Verhältnis hätte
-bessern können, wenn sie etwa ihre Mutter auf andere Weise
-zu unterstützen gesucht hätte.</p>
-
-<p>›Sie meinen, wenn ich einen Dienst genommen hätte?‹
-erwiderte sie ohne alle Empfindlichkeit. ›Sehen Sie, das war
-nicht möglich. Vor der Krankheit der Mutter war ich viel zu
-jung, kaum vierzehn Jahre vorüber, und dann wurde sie auf
-einmal so elend, daß sie das Bett nicht verlassen konnte; da
-brauchte sie also immer jemand um sich, und konnte ich denn<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span>
-ihre Pflege einer Fremden überlassen? Ja, wenn sie gesund
-geblieben wäre, da hätte ich mit Freuden alle unsere früheren
-Verhältnisse verleugnet, wäre etwa in einen Putzladen gegangen
-oder als Gouvernante in ein anständiges Haus, denn ich habe
-manches gelernt, mein Herr! Aber so ging es ja nicht!‹</p>
-
-<p>Auch diesmal bat ich vergeblich, den Schleier zu lüften.
-Die Andeutungen, die sie über ihr Alter gegeben, reizten mich,
-ich gestehe es, nur noch mehr, das Gesicht dieses Mädchens zu
-sehen, die wenig über sechzehn Jahre haben konnte; aber sie bat
-mich so dringend, davon abzulassen, ihre Mutter habe ihr so
-triftige Gründe angegeben, daß es nimmer geschehen könne.</p>
-
-<p>Wir trafen uns von da an alle drei Tage. Ich hatte immer
-einige kleine Arbeiten für sie, und pünktlich war sie damit fertig.
-Je fester ich in dem Betragen blieb, das ich einmal gegen sie
-angenommen, je strenger ich mich immer in den Grenzen des
-Anstandes hielt, desto zutraulicher und offener wurde das gute
-Mädchen. Sie gestand mir sogar, daß sie zu Hause die drei
-Tage über immer an den nächsten Abend denke. Und ging es
-mir denn anders? Tag und Nacht beschäftigte ich mich mit
-diesem sonderbaren Wesen, das mir durch seinen gebildeten
-Geist, durch sein liebenswürdiges Zartgefühl, durch sein eigentümliches
-Verhältnis zu mir immer interessanter wurde.</p>
-
-<p>Der Frühling war indessen völlig heraufgekommen, und
-die Zeit war da, die ich mit Faldner schon längst zu einer Reise
-nach England festgesetzt hatte. Mancher hält es vielleicht für
-töricht, was ich ausspreche, aber wahr ist es, daß ich an diese
-Reise nur mit Widerwillen dachte; Paris an sich hatte nichts
-Interessantes mehr für mich; aber jenes Mädchen hatte alle
-meine Sinne so gefangen genommen, daß ich einer längeren
-Trennung nur mit Wehmut entgegensah. Ausweichen konnte
-ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, denn es war sonst kein
-bündiger Grund vorhanden, die Reise aufzuschieben; ich schämte
-mich sogar vor mir selbst und stellte mir die ganze Torheit
-meines Treibens vor; ich beschloß die Abreise, aber gewiß hat
-sich wohl keiner je so wenig auf England gefreut als ich.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>25.</h4>
-</div>
-
-<p>Acht Tage zuvor sagte ich es dem Mädchen; sie erschrak,
-sie weinte. Ich bat sie, ihre Mutter zu fragen, ob ich sie nicht
-besuchen dürfe, sie sagte es zu. Das nächste Mal aber brachte
-sie mir sehr betrübt die Antwort, daß mich ihre Mutter bitten<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span>
-lasse, diesen Besuch aufzugeben, der für ihren Gemütszustand
-allzu angreifend sein würde. Ich hatte jenen Besuch eigentlich
-nur darum nachgesucht, um mein Mädchen bei Tag und ohne
-Schleier zu sehen; ich verlangte dies also aufs neue wieder;
-aber sie bat mich, am Abend vor meiner Abreise noch einmal
-zu kommen, sie wolle ihre Mutter so lange bestürmen, bis sie
-die Erlaubnis erhalte, den Schleier aufzuheben. Unvergeßlich
-wird mir immer dieser Abend sein. Sie kam, und meine erste
-Frage war, ob die Mutter es erlaubt habe; sie sagte ja und hob
-von selbst den Schleier auf. Der Mond schien helle, und zitternd,
-begierig blickte ich unter den Hut. Aber die Erlaubnis schien
-nur teilweise gegeben zu sein, denn meine Schöne trug sogenannte
-Venezianeraugen, die den oberen Teil ihres Gesichtes
-verhüllten. Doch wie schön, wie reizend waren die Partien,
-welche frei waren! Eine feine, zierliche Nase, schöngeformte,
-blühende Wangen, ein kleiner, lieblicher Mund, ein Kinn wie
-aus Wachs geformt, und ein schlanker, blendend weißer Hals.
-Ueber die Augen konnte ich nicht recht ins reine kommen, aber
-sie schienen mir dunkel und feurig.</p>
-
-<p>Sie errötete, als ich sie lange, entzückt betrachtete. ›Werden
-Sie mir nicht böse,‹ flüsterte sie, ›daß ich diese Halbmaske
-vornahm; die Mutter wollte es von Anfang ganz abschlagen,
-nachher gestattete sie es nur unter dieser Bedingung; ich war
-selbst recht ärgerlich darüber, aber sie sagte mir einige Gründe,
-die mir einleuchteten.‹</p>
-
-<p>›Und was sind das für Gründe?‹ fragte ich.</p>
-
-<p>›Ach mein Herr,‹ erwiderte sie wehmütig. ›Sie werden
-ewig in unserem Herzen leben, aber Sie selbst sollen uns ganz
-vergessen; Sie sollen mich nie, nie wiedersehen, oder wenn Sie
-mich auch sehen, nicht erkennen.‹</p>
-
-<p>›Und meinen Sie denn, ich werde Ihre schönen Züge nicht
-wiedererkennen, wenn ich auch Ihre Augen, Ihre Stirne nicht
-sehen darf?‹</p>
-
-<p>›Die Mutter meint,‹ antwortete sie, ›das sei nicht wohl
-möglich; denn wenn man ein Gesicht nur zur Hälfte gesehen,
-sei das Wiedererkennen schwer.‹</p>
-
-<p>›Und warum soll ich dich denn nicht wiedersehen, nicht
-wiedererkennen?‹</p>
-
-<p>Sie weinte bei dieser Frage, sie drückte meine Hand und
-sagte: ›Es darf ja nicht sein! Was kann Ihnen denn daran
-liegen, ein unglückliches Mädchen wiederzuerkennen; und &ndash;
-nein, die Mutter hat recht; es ist besser so.<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span>‹</p>
-
-<p>Ich sagte ihr, daß meine Reise nicht lange dauern werde;
-daß ich vielleicht schon nach zwei Monaten wieder in Paris
-sein könne, daß ich sie wiederzusehen hoffe. Sie weinte heftiger
-und verneinte es. Ich drang in sie, mir zu sagen, warum sie
-glaube, ich werde sie nicht mehr sehen.</p>
-
-<p>›Mir ahnt,‹ erwiderte sie, ›ich sehe Sie heute zum letztenmal;
-ich glaube, meine Mutter wird nicht lange mehr leben, der
-Arzt sagte es mir gestern, und dann ist ja alles vorbei! Und
-wenn sie auch länger lebt, in London werden Sie ein so armes
-Geschöpf, wie ich bin, lange vergessen.‹</p>
-
-<p>Ihr Schmerz machte mich unendlich weich; ich sprach ihr
-Mut ein; ich gelobte ihr, sie gewiß nicht zu vergessen; ich nahm
-ihr das Versprechen ab, immer den Ersten und Fünfzehnten
-eines jeden Monats auf diesen Platz zu kommen, damit ich sie
-wiederfinden könnte, sie sagte es unter Tränen lächelnd zu, als
-ob sie wenig Hoffnung hätte. ›Nun so lebe wohl auf Wiedersehen,‹
-sagte ich, indem ich sie in meine Arme schloß und einen
-kleinen einfachen Ring an ihre Hand steckte, ›lebe wohl und denke
-an mich und vergiß nicht den Ersten und Fünfzehnten!‹</p>
-
-<p>›Wie könnte ich Sie vergessen!‹ rief sie, indem sie weinend
-zu mir aufblickte. ›Aber ich werde Sie nimmer wiedersehen;
-Sie nehmen Abschied auf immer.‹</p>
-
-<p>Ich konnte mich nicht enthalten, ihren schönen Mund zu
-küssen; sie errötete, ließ es aber geduldig geschehen; ich steckte
-ihr einen Tresorschein in die kleine Hand, sie sah mich noch
-einmal recht aufmerksam an und drückte sich heftiger an mich.
-›Auf Wiedersehen!‹ sprach ich, indem sie sich sanft aus meinen
-Armen wand. Der letzte Moment des Abschieds schien ihr
-Mut zu geben: sie zog mich noch einmal an ihr Herz, ich fühlte
-einen heißen Kuß auf meinen Lippen. ›Auf immer! Lebe wohl
-auf immer!‹ rief sie schmerzlich, riß sich los und eilte über den
-Platz hin.</p>
-
-<p>Ich habe sie nicht wiedergesehen! Nach einem Aufenthalt
-von drei Monaten kehrte ich von London nach Paris zurück; ich
-ging am Fünfzehnten auf die Place de l'Ecole de Médecine, ich
-wartete über eine Stunde, mein Mädchen erschien nicht. Noch
-oft am Ersten und Fünfzehnten wiederholte ich diese Gänge; wie
-oft ging ich durch die Straße St. Severin, blickte an den Häusern
-hinauf, fragte wohl auch nach einer armen deutschen Frau und
-ihrer Tochter, aber ich habe nie wieder etwas von ihnen erfahren,
-und das reizende Wesen hatte recht, als sie mir beim
-Abschied zurief: <em class="gesperrt">Auf immer!</em>«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>26.</h4>
-</div>
-
-<p>Der junge Mann hatte seine Erzählung mit einem Feuer
-vorgetragen, das ihr große Wahrheit verlieh und wenigstens
-auf den weiblichen Teil der Gesellschaft tiefen Eindruck zu
-machen schien. Josephe weinte heftig, und auch die andern
-Fräulein und Frauen wischten sich hin und wieder die Augen.
-Die Männer waren ernster geworden und schienen mit großem
-Interesse zuzuhören, nur der Baron lächelte hin und wieder
-und flüsterte ihm seine Bemerkungen zu. Jetzt, als Fröben geschlossen
-hatte, brach er in lautes Gelächter aus: »Das heiße ich
-mir sich gut aus der Affaire ziehen!« rief er. »Ich habe es
-ja immer gesagt, mein Freund ist ein Schlaukopf. Seht nur,
-wie er die Damen zu rühren wußte, der Schelm! Wahrhaftig,
-meine Frau heult, als habe ihr der Pfarrer die Absolution versagt.
-Das ist köstlich, auf Ehre! Dichtung und Wahrheit! Ja,
-das hast du deinem Goethe abgelauscht, Dichtung und Wahrheit,
-es ist ein herrlicher Spaß.«</p>
-
-<p>Fröben fühlte sich durch diese Worte aufs neue verletzt.
-»Ich sagte dir schon,« sagte er unmutig, »daß ich die Dichtung
-oder Erdichtung gänzlich beiseite ließ und nur die Wahrheit sagte;
-ich hoffe, du wirst es als solche ansehen.«</p>
-
-<p>»Gott soll mich bewahren!« lachte der Baron. »Wahrheit,
-das Mädchen hast du dir unterhalten, Bester, das ist die ganze
-Geschichte, und aus den Abendbesuchen bei ihr hast du uns
-einen kleinen Roman gemacht. Aber gut erzählt, gut erzählt,
-das lasse ich gelten.«</p>
-
-<p>Der junge Mann errötete vor Zorn; er sah, wie Josephe
-ihren Gatten starr und ängstlich ansah; er glaubte zu sehen,
-daß auch sie vielleicht seinen Argwohn teile und schlecht von ihm
-denke; die Achtung dieser Frau wenigstens wollte er sich durch
-diese gemeinen Scherze nicht nehmen lassen. »Ich bitte, schweigen
-wir davon,« rief er, »ich habe nie in meinem Leben Ursache
-gehabt, irgend etwas zu bemänteln oder zu entstellen, kann es
-aber auch nicht dulden, wenn mir andere dieses Geschäft abnehmen
-wollen. Ich sage dir zum letztenmal, Faldner, daß sich,
-auf mein Wort, alles so verhält, wie ich es erzählte.«</p>
-
-<p>»Nun dann sei es Gott geklagt,« erwiderte jener, indem
-er die Hände zusammenschlug. »Dann hast du aus lauter übertriebenem
-Edelsinn und theoretischer Zartheit ein paar hundert
-Franken an ein listiges Freudenmädchen weggeworfen, das dich<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span>
-durch ein gewöhnliches Histörchen von Elend und kranker Mutter
-köderte; hast nichts davon gehabt als einen armseligen Kuß!
-Armer Teufel! In Paris sich von einer Metze so zum Narren
-halten zu lassen.«</p>
-
-<p>Noch mehr als die vorige Beschuldigung reizte den jungen
-Mann dieses spöttische Mitleid und das Gelächter der Gesellschaft
-auf, die auf seine Kosten den schlechten Witz des Barons applaudierte.
-Er wollte eben, aufs tiefste gekränkt, die Gesellschaft
-verlassen, als ein sonderbarer, schrecklicher Anblick ihn zurückhielt.
-Josephe war, bleich wie eine Leiche, langsam aufgestanden;
-sie schien ihrem Gatten etwas erwidern zu wollen, aber
-in demselben Moment sank sie ohnmächtig, wie tot zusammen.
-Bestürzt sprang man auf, alles rannte durcheinander, die
-Frauen richteten die Ohnmächtige auf, die Männer fragten sich
-verwirrt, wie dies denn so plötzlich gekommen sei, Fröben hatte
-der Schrecken beinahe selbst ohnmächtig gemacht, und der Baron
-murmelte Flüche über die zarten Nerven der Weiber, schalt auf
-die grenzenlose Dezenz, auf die ängstliche Beobachtung des Anstandes,
-wovon man ohnmächtig werde, suchte bald die Gesellschaft
-zu beruhigen, bald rannte er wieder zu seiner Frau; alles
-sprach, riet, schrie zusammen und keiner hörte, keiner verstand
-den andern.</p>
-
-<p>Josephe kam nach einigen Minuten wieder zu sich; sie
-verlangte nach ihrem Zimmer, man brachte sie dahin, und die
-Mädchen und Frauen drängten sich neugierig und geschäftig nach;
-sie gaben hunderterlei Mittel an, die wider die Ohnmacht zu gebrauchen,
-sie erzählten, wie ihnen da und dort dasselbe begegnet,
-sie wurden darüber einig, daß die große Anstrengung der Frau
-von Faldner, die vielen Sorgen und Geschäfte an diesem Tage
-diesen Zufall notwendig haben herbeiführen müssen, und die
-Sorge, der Baron möchte sich vielleicht blamieren, da er ohnedies
-schon recht unanständig gewesen, habe die Sache noch beschleunigt.</p>
-
-<p>Der Baron suchte indessen unter den Männern die vorige
-Ordnung wiederherzustellen. Er ließ fleißig einschenken, trank
-diesem oder jenem tapfer zu, und suchte sich und seine Gäste
-mit allerlei Trostgründen zu beruhigen. »Es kommt von nichts,«
-rief er, »als von dem Unwesen der neuern Zeit; jede Frau
-von Stande hat heutzutage schwache Nerven, und wenn sie die
-nicht hat, so gilt sie nicht für vornehm; Ohnmächtigwerden gehört
-zum guten Ton; der Teufel hat diese verrückten Einrichtungen
-erfunden. Und auch daher kommt es, daß man nichts<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span>
-mehr beim rechten Namen nennen darf. Alles soll so überaus
-zart, dezent, fein, manierlich hergehen, daß man darüber aus
-der Haut fahren möchte. Da hat sie sich jetzt alteriert, daß ich
-einigen Scherz riskierte, was doch die Würze der Gesellschaft
-ist; daß ich über dergleichen zarte, feingefühlige Geschichten
-nicht außer mir kam vor Rührung und Schmerz und mir einige
-praktische Konjekturen erlaubte. Was da! Unter Freunden
-muß dergleichen erlaubt sein! Und ich hätte dich für gescheiter
-gehalten, Freund Fröben, als daß du nur dergleichen übelnehmen
-könntest.«</p>
-
-<p>Aber der, an den der Baron den letzteren Teil seiner Rede
-richtete, war längst nicht mehr unter den Gästen; Fröben war
-auf sein Zimmer gegangen im Unmut, im Groll auf sich und
-die Welt. Noch konnte er sich diesen sonderbaren Auftritt nicht
-ganz enträtseln, seine Seele, halb noch aufgeregt von dem Zorn
-über die Roheit des Freundes, halb ergriffen von dem Schrecken
-über den Unfall der Freundin, war noch zu voll, zu stürmisch
-bewegt, um ruhigeren Gedanken und der Ueberlegung Raum
-zu geben. »Wird auch <em class="gesperrt">sie</em> mir nicht glauben,« sprach er
-kummervoll zu sich, »wird auch sie den schnöden Worten ihres
-Gatten mehr Gewicht geben als der einfachen, ungeschmückten
-Wahrheit, die ich erzählte? Was bedeuteten jene seltsamen
-Blicke, womit sie mich während meiner Erzählung zuweilen ansah?
-Wie konnte sie diese Begebenheit so tief ergreifen, daß
-sie erbleichte, zitterte? Sollte es denn wirklich wahr sein, daß
-sie mir gut ist, daß sie innigen Anteil an mir nimmt, daß sie
-verletzt wurde von dem Hohne des Freundes, der mich so tief
-in ihren Augen herabsetzen mußte? Und was wollte sie denn,
-als sie aufstand, als sie sprechen wollte? Wollte sie den unschicklichen
-Reden Faldners Einhalt tun, oder wollte sie mich
-sogar verteidigen?«</p>
-
-<p>Er war unter diesen Worten heftig im Zimmer auf und
-ab gegangen, sein Blick fiel jetzt auf die Rolle, die jenes Bild
-enthielt, er rollte es auf, er sah es bitter lächelnd an. »Und wie
-konnte ich mich auch von einem Gefühl der Beschämung hinreißen
-lassen, mein Herz Menschen aufschließen, die es doch
-nicht verstehen, von Dingen zu reden, die solch überaus vornehmen
-Leuten so fremd sind; das Schlechte, das Gemeine ist
-ihnen ja lieber, scheint ihnen natürlicher als das Außerordentliche;
-wie konnte ich von deinen lieben Wangen, von deinen
-süßen Lippen zu diesen Puppen sprechen? O, du armes, armes
-Kind; wieviel edler bist du in deinem Elend als diese Fuchsjäger<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span>
-und ihr Gelichter, die wahren Jammer und verschämte
-Armut nur vom Hörensagen kennen und jede Tugend, die sich
-über das Gemeine erhebt, als Märchen verlachen! Wo du
-jetzt sein magst? Und ob du des Freundes noch gedenkst und
-jener Abende, die ihn so glücklich machten!«</p>
-
-<p>Seine Augen gingen über, als er das Bild betrachtete,
-als er bedachte, welch bitteres Unrecht die Menschen heute diesem
-armen Wesen angetan. Er wollte seine Tränen unterdrücken,
-aber sie strömten nur noch heftiger. Es gab eine Stelle in der
-Brust des jungen Mannes, wohin, wie in ein tiefes Grab, sich
-alle Wehmut, alle zurückgedrängten Tränen des Grames still
-und auf lange versammelten; aber Momente wie dieser, wo die
-Schmerzen der Erinnerung und seine Hoffnungslosigkeit so
-schwer über ihn kamen, sprengten die Decke dieses Grabes und
-ließen den langverhaltenen Kummer um so mächtiger überströmen,
-je mehr sein gebrochener Mut in Wehmut überging.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>27.</h4>
-</div>
-
-<p>Fröben überdachte am andern Morgen die Vorfälle des
-gestrigen Tages und war mit sich uneinig, ob er nicht lieber
-jetzt gleich ein Haus verlassen sollte, wo ihn ein längerer Aufenthalt
-vielleicht noch öfter solchen Unannehmlichkeiten aussetzte,
-als die Türe aufging und der Baron niedergeschlagen und beschämt
-hereintrat. »Du bist gestern abend nicht zu Tisch gekommen,
-du hast dich heute noch nicht sehen lassen,« hub er an,
-indem er näher kam, »du zürnst mir; aber sei vernünftig und
-vergib mir; siehe es ging mir wunderlich; ich hatte den Tag über
-zu viel Wein getrunken, war erhitzt, und du kennst meine
-schwache Seite, da kann ich das Necken nicht lassen. Ich bin gestraft
-genug, daß der schöne Tag so elend endete, und daß mein
-Haus jetzt vier Wochen lang das Gespräch der Umgegend sein
-wird. Verbittere mir nicht vollends das Leben und sei mir
-wieder freundlich wie zuvor!«</p>
-
-<p>»Lasse lieber die ganze Geschichte ruhen,« entgegnete Fröben
-finster, indem er ihm die Hand bot; »ich liebe es nicht, über
-dergleichen mich noch weiter auszusprechen; aber morgen will
-ich fort, weiter; hier bleibe ich nicht länger.«</p>
-
-<p>»Sei doch kein Narr!« rief Faldner, der dies nicht erwartet
-hatte und ernstlich erschrak. »Wegen einer solchen Szene gleich
-aufbrechen zu wollen! Ich sagte es ja immer, daß du ein solcher
-Hitzkopf bist. Nein, daraus wird nichts; und hast du mir nicht<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span>
-versprochen, zu warten bis Briefe da sind vom Don in W.?
-Nein, du darfst mir nicht schon wieder weggehen; und wegen
-der Gesellschaft hast du dich nicht zu schämen, sie alle, besonders
-die Frauen, schalten mich tüchtig aus, sie gaben dir völlig recht
-und sagten, ich sei an allem schuld.«</p>
-
-<p>»Wie geht es deiner Frau?« fragte Fröben, um diesen
-Erinnerungen auszuweichen.</p>
-
-<p>»Ganz hergestellt, es war nur so ein kleiner Schrecken,
-weil sie fürchtete, wir werden ernstlich aneinander geraten; sie
-wartet mit dem Frühstück auf dich; komm jetzt mit herunter und
-sei vernünftig und nimm Raison an. Ich muß ausreiten, nimm
-es mir nicht übel, die Mühle kommt heute in Gang. Du bist
-also wieder ganz wie zuvor?«</p>
-
-<p>»Nun ja doch!« sagte der junge Mann ärgerlich. »Laß
-doch einmal die ganze Geschichte ruhen.« Er folgte mit sonderbaren
-Gefühlen, die er selbst nicht recht zu deuten wußte, dem
-Baron, der vergnügt über die schnelle Versöhnung seines
-Freundes ihm voraneilte, seiner Frau schnell berichtete, was er
-ausgerichtet habe, und dann das Schloß verließ, um seine Mühle
-in Gang zu bringen.</p>
-
-<p>Hatte sich denn heute auf einmal alles so ganz anders gestaltet,
-oder war nur er selbst anders geworden? Josephens
-Züge, ihr ganzes Wesen schien Fröben verändert, als er bei ihr
-eintrat. Eine stille Wehmut, eine weiche Trauer schien über
-ihr Antlitz ausgegossen, und doch war ihr Lächeln so hold, so
-traulich, als sie ihn willkommen hieß. Sie schrieb ihr gestriges
-Uebel allzugroßer Anstrengung zu und schien überhaupt von
-dem ganzen Vorfall nicht gerne zu sprechen. Aber Fröben, dem
-an der guten Meinung seiner Freundin so viel lag, konnte es
-nicht ertragen, daß sie beinahe geflissentlich seine Erzählung gar
-nicht berührte. »Nein,« rief er, »ich lasse Sie nicht so entschlüpfen,
-gnädige Frau! An dem Urteil der andern über mich
-lag mir wenig; was kümmert es mich, ob solche Alltagsmenschen
-mich nach ihrem gemeinen Maßstab messen! Aber wahrhaftig, es
-würde mich unendlich schmerzen, wenn auch Sie mich falsch beurteilten,
-wenn auch Sie Gedanken Raum gäben, die mich in
-Ihren Augen so tief herabsetzen müßten, wenn auch Sie die
-Wahrheit jener Erzählung bezweifelten, die ich freilich solchen
-Ohren nie hätte preisgeben sollen. O, ich beschwöre Sie, sagen
-Sie recht aufrichtig, was Sie von mir und jener Geschichte
-denken?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span></p>
-
-<p>Sie sah ihn lange an; ihr schönes, großes Auge füllte sich
-mit Tränen, sie drückte seine Hand: »O Fröben, was ich davon
-denke?« sagte sie. »Und wenn die ganze Welt an der Wahrheit
-zweifeln würde, ich wüßte dennoch gewiß, daß Sie wahr gesprochen!
-Sie wissen ja nicht, wie gut ich Sie kenne!«</p>
-
-<p>Er errötete freudig und küßte ihre Hand. »Wie gütig sind
-Sie, daß Sie mich nicht verkennen. Und gewiß, ich habe alles,
-alles genau nach der Wahrheit erzählt.«</p>
-
-<p>»Und dieses Mädchen,« fuhr sie fort, »ist wohl dieselbe,
-von welcher Sie mir letzthin sagten? Erinnern Sie sich nicht,
-als wir von Viktor und Klothilden sprachen, daß Sie mir gestanden,
-Sie lieben hoffnungslos? Ist es dieselbe?«</p>
-
-<p>»Sie ist es,« erwiderte er traurig. »Nein, Sie werden
-mich wegen dieser Torheit nicht auslachen; Sie fühlen zu tief,
-als daß Sie dies lächerlich finden könnten. Ich weiß alles, was
-man dagegen sagen kann, ich schalt mich selbst oft genug einen
-Toren, einen Phantasten, der einem Schatten nachjage; ich
-weiß ja nicht einmal, ob sie mich liebt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie liebt Sie!« rief Josephe unwillkürlich aus; doch über
-ihre eigenen Worte errötend, setzte sie hinzu: »Sie muß Sie
-lieben; glauben Sie denn, so viel Edelmut müsse nicht tiefen
-Eindruck auf ein Mädchenherz von siebzehn Jahren machen,
-und in allen ihren Aeußerungen, die Sie uns erzählten, liegt,
-es müßte mich alles trügen, oder es liegt gewiß ein bedeutender
-Grad von Liebe darin.«</p>
-
-<p>Der junge Mann schien mit Entzücken auf ihre Worte zu
-lauschen. »Wie oft rief ich mir dies selbst zu,« sprach er, »wenn
-ich so ganz ohne Trost war und traurig in die Vergangenheit
-blickte; aber wozu denn? Vielleicht nur, um mich noch unglücklicher
-zu machen. Ich habe oft mit mir selbst gekämpft, habe
-im Gewühl der Menschen Zerstreuung, im Drang der Geschäfte
-Betäubung gesucht, es wollte mir nie gelingen. Immer schwebte
-mir jenes holde, unglückliche Wesen vor; mein einziger Wunsch
-war, sie nur noch einmal zu sehen. Es ist noch jetzt mein Wunsch,
-ich darf es Ihnen gestehen, denn Sie wissen meine Gefühle zu
-würdigen; auch diese Reise unternahm ich nur, weil meine
-Sehnsucht mich hinaustrieb, sie zu suchen, sie noch einmal zu
-sehen. Und wie ich denn so recht über diesen Wunsch nachdenke,
-so finde ich mich sogar oft auf dem Gedanken, sie auf immer zu
-besitzen! &ndash; Sie blicken weg, Josephe? O, ich verstehe; Sie
-denken, ein Geschöpf, das so tief im Elend war, dessen Verhältnisse
-so zweideutig sind, dürfe ich nie wählen; Sie denken an<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span>
-das Urteil der Menschen; an alles dies habe auch ich recht oft
-gedacht, aber so wahr ich lebe, wenn ich sie so wiederfände, wie
-ich sie verlassen, ich würde niemand als mein Herz fragen.
-Würden Sie mich denn so strenge beurteilen, Josephe?«</p>
-
-<p>Sie antwortete ihm nicht; noch immer abgewandt, ihre
-Stirne in die Hand gestützt, bot sie ihm ein Buch hin und bat
-ihn vorzulesen. Er ergriff es zögernd, er sah sie fragend an;
-es war das einzige Mal, daß er sich in ihr Betragen nicht recht
-zu finden wußte; aber sie winkte ihm, zu lesen, und er folgte,
-wiewohl er gerne noch länger sein Herz hätte sprechen lassen.
-Er las von Anfang zerstreut; aber nach und nach zog ihn der
-Gegenstand an, entführte seine Gedanken mehr und mehr dem
-vorigen Gespräch und riß ihn endlich hin, so daß er im Fluß
-der Rede nicht bemerkte, wie die schöne Frau ihm ein Angesicht
-voll Wehmut zuwandte, daß ihre Blicke voll Zärtlichkeit an ihm
-hingen, daß ihr Auge sich oft mit Tränen füllen wollte, die sie
-nur mühsam wieder unterdrückte. Spät erst endete er, und
-Josephe hatte sich soweit gefaßt, daß sie mit Ruhe über das Gelesene
-sprechen konnte, aber dennoch schien es dem jungen Mann,
-als ob ihre Stimme hie und da zittere, als ob die frühere gütige
-Vertraulichkeit, die sie dem Freund ihres Gatten bewiesen, gewichen
-sei; er hätte sich unglücklich gefühlt, wenn nicht jener
-leuchtende Strahl eines wärmeren Gefühles, der aus ihrem
-Auge hervorbrach, ihn an seiner Beobachtung irre gemacht hätte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>28.</h4>
-</div>
-
-<p>Da der Baron erst bis Abend zurückkehren wollte, Josephe
-sich aber nach dieser Vorlesung in ihre Zimmer zurückgezogen
-hatte, so beschloß Fröben, um diesen quälenden Gedanken auf
-einige Stunden wenigstens zu entgehen, die heiße Mittagszeit
-vor der Tafel zu verschlafen. In jener Laube, die ihm durch so
-manche schöne Stunde, die er mit der liebenswürdigen Frau hier
-zugebracht, wert geworden war, legte er sich auf die Moosbank
-und entschlief bald. Seine Sorgen hatte er zurückgelassen, sie
-folgten ihm nicht durch das Tor der Träume; nur liebliche Erinnerungen
-verschmolzen und mischten sich zu neuen reizenden
-Bildern; das Mädchen aus der St. Severinstraße mit ihrer
-schmelzenden Stimme schwebte zu ihm her und erzählte ihm von
-ihrer Mutter; er schalt sie, daß sie so lange auf sich habe warten
-lassen, da er doch ja den Ersten und Fünfzehnten gekommen
-sei; er wollte sie küssen zur Strafe, sie sträubte sich, er hob den<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span>
-Schleier auf, er hob das schöne Gesichtchen am Kinn empor, und
-siehe &ndash; es war Don Pedro, der sich in des Mädchens Gewänder
-gesteckt hatte, und Diego, sein Diener, wollte sich totlachen über
-den herrlichen Spaß. &ndash; Dann war er wieder mit einem kühnen
-Sprung der träumenden Phantasie in Stuttgart in jener Gemäldesammlung.
-Man hatte sie anders geordnet, er durchsuchte
-vergebens alle Säle nach dem teuren Bilde; es war nicht zu
-finden; er weinte, er fing an zu rufen und laut zu klagen; da
-kam der Galeriediener herbei und bat ihn, stille zu sein und
-die Bilder nicht zu wecken, die jetzt alle schlafen. Auf einmal
-sah er in einer Ecke das Bild hängen, aber nicht als Brustbild
-wie früher, sondern in Lebensgröße; es sah ihn neckend, mit
-schelmischen Blicken an, es trat lebendig aus dem Rahmen und
-umarmte den Unglücklichen; er fühlte einen heißen, langen Kuß
-auf seinen Lippen. Wie es zu geschehen pflegt, daß man im
-Traum zu erwachen glaubt, und träumend sich sagt, man habe
-ja nur geträumt, so schien es auch jetzt dem jungen Mann zu
-gehen. Er glaubte, von dem langen Kuß erweckt, die Augen zu
-öffnen, und siehe, auf ihn niedergebeugt hatte sich ein blühendes,
-rosiges Gesicht, das ihm bekannt schien. Vor Lust des süßen
-Atems, der liebewarmen Küsse, die er einsog, schloß er wieder
-die Augen; er hörte ein Geräusch, er schlug sie noch einmal auf
-und sah eine Gestalt in schwarzem Mantel, schwarzem Hütchen
-mit grünem Schleier entschweben; als sie eben um eine Ecke
-biegen wollte, kehrte sie ihm noch einmal das Gesicht zu; es
-waren die Züge des geliebten Mädchens, und neidisch wie damals
-hatte sie auch jetzt die Halbmaske vorgenommen. »Ach, es ist
-ja doch nur ein Traum!« sagte er lächelnd zu sich, indem er die
-Augen wieder schließen wollte; aber das Gefühl, erwacht zu
-sein, das Säuseln des Windes in den Blättern der Laube, das
-Plätschern des Springbrunnens war zu deutlich, als daß er
-davon nicht völlig wach und munter geworden wäre. Das
-sonderbare, lebhafte Traumbild stand noch vor seiner Seele; er
-blickte nach der Ecke, wo sie verschwunden war; er sah die Stelle
-an, wo sie gestanden, sich über ihn hingebeugt hatte, er glaubte
-die Küsse des geliebten Mädchens noch auf den Lippen zu fühlen.
-»So weit also ist es mit dir gekommen,« sprach er erschreckend
-zu sich, »daß du sogar im Wachen träumst, daß du sie bei gesunden
-Sinnen um dich siehst? Zu welchem Wahnwitz soll dies
-noch führen? Nein, daß man so deutlich träumen könne, hätte
-ich nie geglaubt. Es ist eine Krankheit des Gehirns, ein Fieber
-der Phantasie, ja es fehlt nicht viel, so möchte ich sogar behaupten,<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span>
-Traumbilder können Fußtapfen hinterlassen; denn
-diese Tritte hier im Sande sind nicht von meinem Fuß.« Sein
-Blick fiel auf die Bank, wo er gelegen, er sah ein zierlich gefaltetes
-Papier und nahm es verwundert auf. Es war ohne
-Aufschrift, es hatte ganz die Form eines Billetdoux; er zauderte
-einen Augenblick, ob er es öffnen dürfe; aber neugierig, wer sich
-hier wohl in solcher Form schreiben könnte, entfaltete er das
-Papier &ndash; ein Ring fiel ihm entgegen. Er hielt ihn in der Hand
-und durchflog den Brief, er las: »Oft bin ich Dir nahe, Du
-mein edler Ritter und Wohltäter; ich umschwebe Dich mit jener
-unendlichen Liebe, die meine Dankbarkeit anfachte, die selbst
-mit meinem Leben nicht verglühen wird. Ich weiß, Dein großmütiges
-Herz schlägt noch immer für mich, Du hast Länder
-durchstreift, um mich zu suchen, zu finden; doch umsonst bemühst
-Du Dich &ndash; vergiß ein so unglückliches Geschöpf; was wolltest
-Du auch mit mir? Wenn auch mein höchstes Glück in dem Gedanken
-liegt, ganz Dir anzugehören, so kann es ja doch nimmermehr
-sein! Auf immer! sagte ich Dir schon damals, ja auf
-immer liebe ich Dich, aber &ndash; das Schicksal will, daß wir getrennt
-seien auf immer, daß nie an Deiner Seite, vielleicht nur in
-Deiner gütigen Erinnerung leben darf</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die Bettlerin vom Pont des Arts.</em>«
-</p>
-
-<p>Der junge Mann glaubte noch immer oder aufs neue zu
-träumen; er sah sich mißtrauisch um, ob seine Phantasie ihn
-denn so ganz verführt habe, daß er in einer Traumwelt lebe;
-aber alle Gegenstände um ihn her, die wohlbekannte Laube, die
-Bank, die Bäume, das Schloß in der Ferne, alles stand noch
-wie zuvor, er sah, er wachte, er träumte nicht. Und diese Zeilen
-waren also wirklich vorhanden, waren nicht ein Traumbild
-seiner Phantasie? »Hat man vielleicht einen Scherz mit mir
-machen wollen?« fragte er sich dann; »ja gewiß; es kommt
-wohl alles von Josephe; vielleicht war auch jene Erscheinung
-nur eine Maske?« Indem er das Papier zusammenrollte,
-fühlte er den Ring, der in dem Briefchen verborgen gewesen, in
-seiner Hand. Neugierig zog er ihn hervor, betrachtete ihn und
-erblaßte. Nein, das wenigstens war keine Täuschung, es war
-derselbe Ring, den er dem Mädchen in jener Nacht gegeben, als
-er auf immer von ihr Abschied nahm. So sehr er im ersten
-Augenblick versucht war, hier an übernatürliche Dinge zu glauben,
-so erfüllte ihn doch der Gedanke, daß er ein Zeichen von
-dem geliebten Wesen habe, daß sie ihm nahe sei, mit so hohem<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span>
-Entzücken, daß er nicht mehr an die Worte des Briefes dachte,
-er zweifelte keinen Augenblick, daß er sie finden werde, er drückte
-den Ring an die Lippen, er stürzte aus der Laube in den Garten,
-und seine Blicke streiften auf allen Wegen, in allen Büschen
-nach der teuren Gestalt. Aber er spähte vergebens; er fragte
-die Arbeiter im Garten, die Diener im Schlosse, ob sie keine
-Fremde gesehen haben; man hatte sie nicht bemerkt; bestürzt,
-beinahe keiner Ueberlegung fähig, kam er zu Tische; umsonst
-forschte Faldner nach dem Grund seiner verstörten Blicke, umsonst
-fragte ihn Josephe, ob er denn vielleicht von gestern her
-noch so trübe gestimmt sei. »Es ist mir etwas begegnet,« antwortete
-er, »das ich ein Wunder nennen müßte, wenn nicht
-meine Vernunft sich gegen Aberglauben sträubte.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>29.</h4>
-</div>
-
-<p>Dieser sonderbare Vorfall und die Worte des Briefchens,
-das er wohl zehnmal des Tages überlas, hatten den jungen
-Mann ganz tiefsinnig gemacht. Er fing an nachzusinnen, ob
-es denn möglich sei, daß überirdische Wesen in das Leben der
-Sterblichen eingreifen können. Wie oft hatte er über jene
-Schwärmer gelacht, die an Erscheinungen, an Boten aus einer
-andern Welt, an Schutzgeister, die den Menschen umschweben,
-wie an ein Evangelium glaubten. Wie oft hatte er ihnen sogar
-die physische Unmöglichkeit dargetan, daß körperlose Wesen dennoch
-sichtbar erscheinen, daß sie dies oder jenes verrichten können.
-Aber was ihm selbst begegnet war, wie sollte er es deuten? Oft
-nahm er sich vor, alles zu vergessen, gar nicht mehr daran zu
-denken, und im nächsten Augenblick quälte er sich ab, seine Erinnerung
-recht lebhaft vor das Auge treten zu lassen; deutlicher
-als je erschienen dann wieder ihre Züge, er hatte sie ja gesehen,
-als sie sich an der Ecke noch einmal umwandte; er hatte den
-holden Mund, diese rosigen Wangen, dieses Kinn, diesen schlanken
-Hals wiedergesehen! Er holte jenes Bild herbei, er verglich
-Zug um Zug, er deckte die Hand auf Augen und Stirne der
-Dame, und es war das holde Gesichtchen, wie es unter der
-Halbmaske hervorschaute!</p>
-
-<p>Er hatte sich, weil Josephe am nächsten Morgen im Hause
-allzusehr beschäftigt war, um ihn zu unterhalten, wieder in die
-Laube gesetzt. Er las, und während des Lesens beschäftigte ihn
-immer der Gedanke, ob sie ihm wohl wieder erscheinen werde.
-Die Hitze des Mittags wirkte betäubend auf ihn; mit Mühe
-suchte er sich wach zu halten, er las eifriger und angestrengter,<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span>
-aber nach und nach sank sein Haupt zurück, das Buch entfiel
-seinen Händen, er schlief.</p>
-
-<p>Beinahe um dieselbe Zeit wie gestern erwachte er, aber
-keine Gestalt mit grünem Schleier war weit und breit zu sehen;
-er lächelte über sich selbst, daß er sie erwartet habe, er stand
-traurig und unzufrieden auf, um ins Schloß zu gehen, da erblickte
-er neben sich ein weißes Tuch, das er sich nicht erinnern
-konnte, hingelegt zu haben; er sah es an, es mußte wohl dennoch
-ihm gehören, denn in der Ecke war sein Namenszug eingenäht.
-»Wie kommt dies Tuch hierher?« rief er bewegt, als er bei genauerer
-Besichtigung entdeckte, daß es eines jener Tücher sei,
-die ihm das Mädchen hatte fertigen müssen, und die er wie
-Heiligtümer sorgfältig verschloß. »Soll dies aufs neue ein
-Zeichen sein?« Er entfaltete das Tuch, und suchte, ob nicht
-vielleicht wieder einige Zeilen eingelegt seien? Es war leer;
-aber in einer andern Ecke des Tuches entdeckte er noch einige
-Lettern, die wie sein Name eingenäht waren; zierlich und nett
-standen dort die Worte: <em class="gesperrt">Auf immer!</em> »Also dennoch hier
-gewesen!« rief der junge Mann unmutig. »Und ich konnte ihre
-liebliche Erscheinung schnöderweise verschlafen? Warum gibt
-sie mir wohl ein neues Zeichen? Warum diese traurigen Worte
-wiederholen, die mich schon damals und erst gestern wieder so
-unglücklich machten?« Auch heute befragte er nach der Reihe
-die Domestiken, ob nicht eine fremde Person im Garten gewesen
-sei? Sie verneinten es einstimmig, und der alte Gärtner
-sagte, seit drei Stunden sei gar niemand durch den Garten gegangen
-als nur die gnädige Frau. »Und wie war sie angezogen?«
-fragte Fröben, auf sonderbare Weise überrascht. »Ach,
-Herr, da fragt Ihr mich zu viel,« antwortete der Alte; »sie ist
-halt angezogen gewesen in vornehmen Kleidern, aber wie, das
-weiß ich nicht zu beschreiben; als sie vor mir vorbeiging, nickte
-sie freundlich und sagte: ›Guten Tag, Jakob!‹«</p>
-
-<p>Der junge Mann führte den Alten beiseite: »Ich beschwöre
-dich,« flüsterte er; »trug sie einen grünen Schleier? Hatte sie
-nicht eine große schwarze Brille auf?«</p>
-
-<p>Der alte Gärtner sah ihn mißtrauisch und kopfschüttelnd
-an. »Eine schwarze Brille?« fragte er. »Die gnädige Frau
-eine große schwarze Brille? Ei, du Herrgott, wo denken Sie
-hin, sie hat so scharfe, klare Augen wie eine Gemse und soll eine
-Brille auf der Nase tragen, mit Respekt zu melden, eine große
-schwarze Brille, wie sie die alten Weiber in der Kirche auf die
-Nase klemmen, daß es feiner schnarrt, wenn sie singen? Nein,<span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span>
-gnädiger Herr, solche schlechte Gedanken müssen Sie sich aus
-dem Kopf schlagen, das ist nichts; und nehmen Sie es nicht
-ungütig, aber eine Mütze sollten Sie doch aufsetzen bei dieser
-Hitze, es ist von wegen des Sonnenstichs.« So sprach der Alte
-und ging kopfschüttelnd weiter; den übrigen Dienstboten aber
-deutete er mit sehr verdächtiger Bewegung des Zeigefingers ans
-Hirn an, daß es mit dem jungen Herrn Gast hier oben nicht
-ganz richtig sein müsse.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>30.</h4>
-</div>
-
-<p>Auch jetzt kam Fröben zu keinem andern Resultat, als daß
-das Betragen jenes Mädchens, das er so innig liebte, unbegreiflich
-sei, und dieses rätselhafte Spiel mit seinem Schmerz,
-mit seiner Sehnsucht, beschäftigte ihn so ganz ausschließlich, daß
-ihm vieles entging, was ihm sonst wohl hätte auffallen müssen.
-Josephe kam mit verweinten Augen zu Tische; der Baron war
-verstimmt und einsilbig und schien seinem inneren Unmut, der
-ihm um die Stirne lag und deutlich aus den Augen sprach, hie
-und da durch einen Fluch über die schlechte Küche und die noch
-schlechtere Haushaltung Luft machen zu müssen. Die unglückliche
-Frau ließ alles still und geduldig über sich ergehen, sie
-schickte zuweilen, als wolle sie Hilfe und Trost suchen, einen
-flüchtigen Blick nach Fröben hinüber; ach, sie bemerkte nicht,
-wie ihr Gatte diese Blicke belauerte, wie seine Stirne sich röter
-färbte, wenn er ihre Augen auf diesem Wege traf.</p>
-
-<p>An Fröbens Auge und Ohr ging dies vorüber als etwas,
-an das er sich schon gewöhnt hatte; er gab sich nicht einmal die
-Mühe, Josephe um die Ursache dieses Aufbrausens zu befragen.
-Es fiel ihm nicht auf, daß sie zurückhaltender gegen ihn war im
-Beisein Faldners; er schrieb es der gewöhnlichen Geschäftigkeit
-seines Freundes zu, daß ihn dieser in den nächsten Tagen nötigte,
-mit ihm da- und dorthin auf das Gut zu gehen und in Wald
-und Feld oft einen großen Teil des Tages mit Messungen und
-Berechnungen hinzubringen. Als er aber eines Morgens, als
-ihn Faldner schon gestiefelt und gespornt erwartete, eine kleine
-Unpäßlichkeit vorschützte, um diesen unangenehmen Feldbesuchen
-zu entgehen, als er arglos hinwarf, daß er doch Josephen auch
-einmal wieder vorlesen müsse, da wollte es ihm doch auffallend
-dünken, daß der Baron unmutig rief: »Nein, sie soll mir nichts
-mehr lesen, gar nichts mehr. Es geht ohnedies seit einiger Zeit
-alles konträr. Das könnte ich vollends brauchen, wenn sie den
-ganzen Morgen mit Lesen zubrächte und solche Romanideen im<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span>
-Kopfe trüge, wie ich schon welche habe spuken sehen. Lies dir
-in Gottes Namen selbst vor, lieber Fröben, und nimm mir nicht
-übel, wenn ich mein Weib anders placiere. Du gehst in den
-Garten nach dem Frühstück, Josephe, es soll heute Gemüse ausgestochen
-werden, nachher bist du so gütig und gehst zu Pastors,
-du bist dort seit lange einen Besuch schuldig.« Mit diesen
-Worten nahm er seine Reitpeitsche vom Tische und schritt davon.</p>
-
-<p>»Was soll denn das? Was hat er denn heute?« fragte
-Fröben staunend die junge Frau, die kaum ihre Tränen zurückzuhalten
-vermochte.</p>
-
-<p>»O, er ist so ziemlich wie sonst,« erwiderte sie ohne aufzublicken.
-»Ihre Anwesenheit hat ihn einige Zeitlang aus dem
-gewöhnlichen Geleise gebracht; Sie sehen, er ist jetzt wieder wie
-zuvor.«</p>
-
-<p>»Aber mein Gott,« rief er unmutig, »so schicken Sie doch
-eine Magd in den Garten!«</p>
-
-<p>»Ich darf nicht,« sagte sie bestimmt, »ich muß selbst zusehen;
-er will es ja haben.«</p>
-
-<p>»Und den Besuch bei Pastors&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Muß ich machen, Sie haben es ja gehört, daß ich ihn
-machen <em class="gesperrt">muß</em>; lassen wir das, es ist einmal so. Aber Sie,«
-fuhr Josephe fort, »Sie, mein Freund, scheinen mir seit einigen
-Tagen verändert, gar nicht mehr so munter, so zutraulich wie
-früher. Sollten Sie sich vielleicht nicht mehr hier gefallen?
-Sollte mein Mann, sollte vielleicht ich Ursache Ihrer Verstimmung
-sein?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Fröben fühlte sich verlegen; er war auf dem Punkt, der
-Freundin jene sonderbaren Vorfälle im Garten zu gestehen, aber
-der Gedanke, sich vor der klugen jungen Frau eine Blöße zu
-geben, hielt ihn zurück. »Sie wissen,« sagte er ausweichend,
-»daß ich in den letzten Tagen Briefe aus S. bekam. Und
-wenn ich verstimmt erscheine, so tragen diese Briefe allein die
-Schuld.« Sie sah ihn zweifelnd an; eine Antwort schien auf
-ihren Lippen zu schweben, aber wie wenn sie den Mangel an
-Vertrauen in dem Blicke des jungen Mannes gelesen und sich
-dadurch gekränkt gefühlt hätte, zuckten ihre schönen Lippen und
-drängten die Antwort zurück; sie zog schweigend die Glocke, befahl
-ihrer Zofe, ihr Hut und Schirm zu bringen, und ging dann,
-ohne ihn zu diesem Gang einzuladen, in den Garten an die
-Arbeit.</p>
-
-<p>Als der junge Mann einige Stunden nachher ebenfalls
-in den Garten hinabstieg und nach Josephe fragte, hieß es, sie<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span>
-sei zu Pastors gegangen. Er eilte der Laube zu, er setzte sich
-mit pochendem Herzen nieder. Heute hatte er sich vorgenommen,
-nicht einzuschlafen. »Ich will doch sehen,« sagte er zu
-sich, »ob dieses Wesen, das mich so geheimnisvoll umschwebt,
-noch ein drittes Zeichen für mich hat? Ich will mich wie zum
-Schlummer niederlegen, und so wahr ich lebe, wenn es wieder
-erscheint, will ich es haschen und schauen, welcher Natur es sei.«
-Er las, bis der Mittag herangekommen war, dann legte er sich
-nieder und schloß die Augen. Oft wollte sich der Schlummer
-wirklich über ihn herabsenken, aber Erwartung, Unruhe und
-sein fester Wille, der die Mohnkörner von ihm ferne hielt, ließen
-ihn wach bleiben. Er mochte wohl eine halbe Stunde so gelegen
-haben, als die Zweige der Laube rauschten. Er öffnete
-die Augen kaum ein wenig und sah, wie zwei weiße Hände die
-Zweige behutsam teilten, vermutlich um eine Aussicht auf den
-Schlummernden zu öffnen. Dann knisterten leise, leise Schritte
-im Sand. Er blickte verstohlen nach dem Eingang der Laube,
-und sein Herz wollte zerspringen voll freudiger Ungeduld, als
-er sein Mädchen sah im schwarzen Mantel und Hut, den grünen
-Schleier zurückgeschlagen, die schwarzen Maskenaugen vor den
-obern Teil des schönen Gesichts gebunden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>31.</h4>
-</div>
-
-<p>Sie nahte auf den Zehenspitzen. Er sah, wie auf ihrem
-Gesicht ein höheres Rot aufstieg, als sie näher trat. Sie betrachtete
-den Schläfer lange; sie seufzte tief und schien Tränen
-abzutrocknen. Dann trat sie nahe heran; sie beugte sich über
-ihn herab, ihr Atem berührte ihn wie ein Himmelsbote, der
-die Nähe ihrer süßen Lippen ansagte, sie senkte sich tiefer und
-ihr Mund legte sich auf den seinigen so sanft, wie das Morgenrot
-sich auf den Hügel senkt.</p>
-
-<p>Da hielt er sich nicht länger; schnell schlang er seinen Arm
-um ihren Leib, und mit einem kurzen Angstschrei sank sie in die
-Kniee. Er sprang erschrocken auf, er glaubte sie ohnmächtig,
-aber sie war nur sprachlos und zitterte heftig; er hob sie auf,
-er zog sie, erfüllt von der Wonne des Wiedersehens, an seiner
-Seite auf die Bank nieder, er bedeckte ihren Mund mit glühenden
-Küssen, er drückte sie fest an sich: »O, so habe ich dich wieder,
-endlich, endlich wieder, du geliebtes Wesen!« rief er; »du bist
-kein Trugbild, du lebst, ich halte dich in meinen Armen wie
-damals und liebe dich wie damals und bin glücklich, selig, denn<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span>
-du liebst ja auch mich!« Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen,
-sie sprach nicht, sie suchte vergebens sich aus seinen Armen zu
-winden. »Nein, jetzt lasse ich dich nicht mehr,« sprach er, und
-Tränen, Tränen des Glücks hingen an seinen Wimpern; »jetzt
-halte ich dich fest und keine Welt darf dich von mir
-reißen. Und komm, hinweg mit dieser neidischen Maske,
-ganz will ich dein schönes Antlitz schauen, ach, es lebte
-ja immer in meinen Träumen!« Sie schien mit der letzten Kraft
-die Hand von der Halbmaske abhalten zu wollen, sie atmete
-schwer, sie rang mit ihm, aber die trunkene Lust des jungen
-Mannes, nach so langer Entbehrung sich so unaussprechlich glücklich
-zu wissen, gewährte ihm einen leichten Sieg. Er hielt ihre
-Arme mit der einen Hand, zitternd stieß er mit der andern den
-Hut zurück, band die Maske los und erblickte &ndash; die Gattin
-seines Freundes.</p>
-
-<p>»Josephe!« rief er, wie in einen Abgrund niedergeschmettert,
-und seine Gedanken drehten sich im Ringe. »Josephe!«</p>
-
-<p>Bleich, erstarrt, tränenlos saß sie neben ihm und sagte wehmütig
-lächelnd: »Ja, Josephe.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Sie</em> haben mich also getäuscht?« sagte er bitter, indem
-alle Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augenblicks an ihm
-vorüberflog. »O, dieses Possenspiel konnten Sie uns ersparen.
-Doch,« fuhr er fort, indem ein Gedanke ihn durchblitzte; »um
-Gottes willen, wo haben Sie den Ring her, woher das Tuch?«</p>
-
-<p>Sie errötete von neuem, sie brach in Tränen aus, sie verbarg
-ihr Haupt an seiner Brust. »Nein,« rief er, »Antwort
-muß ich haben; es ist mein Ring, das Tuch &ndash; ich beschwöre
-Sie, wie kam beides in Ihre Hände, woher haben Sie den
-Ring?«</p>
-
-<p>»Von <em class="gesperrt">dir</em>!« flüsterte sie, indem sie sich beschämt fester an
-ihn drückte.</p>
-
-<p>Da fiel ein Lichtstrahl in Fröbens Seele; noch blendete ihn
-dies zu helle Licht, aber er hob sanft ihr Haupt in die Höhe und
-sah sie an mit Blicken voll Verwunderung und Liebe. »Du
-bist es? Träume ich denn wieder?« sprach er, nachdem er sie
-lange angeblickt. »Sagtest du nicht, du seiest mein süßes Mädchen?
-O Gott, welcher Schleier lag denn auf meinen Augen?
-Ja, das sind ja deine holden Wangen, das ist ja dein reizender
-Mund, der mich heute nicht zum erstenmal küßte!«</p>
-
-<p>Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie sah ihn voll
-Wonne und Entzücken an. »Was wäre aus mir geworden ohne
-dich, du edler Mann!« rief sie, indem sich in Tränen der Schimmer<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span>
-ihrer Augen brach. »Ich bringe dir den Segen meiner
-guten Mutter, du hast ihre letzten Tage leicht gemacht und die
-Decke des Elends gelüftet, die so schwer auf ihrer kranken Brust
-lag. O! Wie kann ich dir danken? Was wäre ich geworden
-ohne dich! Doch&nbsp;&ndash;« fuhr sie fort, indem sie mit ihren Händen
-das Gesicht bedeckte, »was <em class="gesperrt">bin</em> ich denn geworden, das Weib
-eines andern, deines Freundes Weib!«</p>
-
-<p>Er sah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Busen hob und
-senkte, wie durch die zarten Finger ihre Tränen gleich Quellen
-herabrieselten. Er fühlte, wie innig sie ihn liebe, und kein Gedanke
-an einen Vorwurf, daß sie einem andern als ihm gehören
-könnte, kam in seine Seele. »Es ist so,« sagte er traurig, indem
-er sie fester an sich drückte, als könne er sie dennoch nicht verlieren.
-»Es ist so; wir wollen denken, es sollte so sein, es
-habe so kommen müssen, weil wir vielleicht zu glücklich gewesen
-wären. Doch in diesem Moment bist du mein, denke, du kommst
-herüber über den Platz der Arzneischule und ich erwarte dich:
-o komm, umarme mich so wie damals, ach, nur noch ein einziges
-Mal!«</p>
-
-<p>In Erinnerung verloren, hing sie an seinem Hals; hinter
-ihren düsteren Blicken schien der Gedanke an die Wirklichkeit
-sich zu verlieren; heller und heller, freundlicher und immer
-freundlicher schien die Erinnerung aufzutauchen; ein holdes
-Lächeln zog um ihren Mund und senkte sich auf ihren Wangen
-in zarte Grübchen. »Und kanntest du mich denn nicht?« fragte
-sie lächelnd. »Und du kanntest mich nicht?« fragte er, sie voll
-Zärtlichkeit betrachtend. »Ach!« antwortete sie. »Ich hatte mir
-damals deine Züge recht abgelauscht und tief in mein Herz geschrieben,
-aber wahrlich, ich hätte dich nimmer erkannt. Es
-mochte wohl auch daher kommen, daß ich dich nur immer bei
-Nacht sah in den Mantel eingewickelt, den Hut tief in der Stirne,
-und wie konnt' ich auch denken &ndash; Freilich, als du am ersten
-Abend Faldner zuriefst: ›Auf Wiedersehen!‹ da kam mir der Ton
-so bekannt vor, als hätte ich ihn schon gehört; aber ich lachte
-mich immer selbst aus über die törichten Vermutungen. Nachher
-war es mir hie und da, als müßtest du der sein, den ich
-meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als du am Sonntag
-nur erst Pont des Arts genannt hattest, da ging auf einmal
-eine eigene Sonne auf deinem Gesicht auf; du schienest
-ganz in Erinnerung zu leben und mit den ersten Worten ward
-es mir klar, daß du, du es bist! Aber freilich, mich konntest du
-nicht wiedererkennen, nicht wahr, ich bin recht bleich geworden?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>»Josephe,« erwiderte er; »wo waren meine Sinne? Wo
-mein Auge, mein Ohr, daß ich dich nicht erkannte? Gleich
-bei deinem ersten Anblick flog ein freudiger Schreck durch meine
-Seele, du glichst ja ganz jenem Bilde, das ich, durch einen
-wahrhaften Kreislauf der Dinge, als dir ähnlich gefunden und
-geliebt hatte; aber die Entdeckung über das Geschlecht der Mutter
-führte mich in eine Irrbahn; ich sah in dir nur noch die ähnliche
-Tochter der schönen Laura, und oft, während ich neben
-dir saß, streifte mein Geist ferne, weithin nach &ndash; dir!«</p>
-
-<p>»O Gott!« rief Josephe, »ist es denn wahr, ist es möglich?
-Kannst du mich denn noch lieben?«</p>
-
-<p>»Ob ich es kann? &ndash; Aber darf ich denn? Gott im Himmel,
-du heißt ja Frau von Faldner; sage mir nur um des
-Himmels willen, wie fügte sich dies alles? Wie hast du auch
-nicht ein einzigesmal mehr mich erwarten mögen?«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>32.</h4>
-</div>
-
-<p>Sie stillte ihre Tränen, sie faßte sich mit Mühe, um zu
-sprechen. »Siehe,« sagte sie, »es war, als ob ein feindliches
-Geschick alles nur so geordnet hätte, um mich recht unglücklich
-zu machen. Als du weg warst, hatte ich keine Freude mehr.
-Jene Abende mit dir waren mir so unendlich viel gewesen. Siehe,
-schon von dem ersten Moment an, als du in der lieben Muttersprache
-deinen Begleiter um Geld batest, von da an schlug mein
-Herz für dich; und als du mit so unendlichem Edelmut, mit so
-viel Zartsinn für uns sorgtest, ach, da hätte ich dich oft an mein
-Herz schließen und dir gestehen mögen, daß ich dich wie ein
-höheres Geschöpf anbete. Ich weiß nicht, was mir für dich zu
-tun zu schwer gewesen wäre; und wie groß, wie edel hast du dich
-gegen mich benommen! Du gingst, ich weinte lange, denn ein
-schmerzliches Gefühl sagte mir, daß es auf immer geschieden
-sei; acht Tage nachdem du abgereist warst, starb meine arme
-Mutter sehr schnell. Was du mir damals noch gegeben, reichte
-hin, meine Mutter zu beerdigen und ihr Andenken nicht in
-Unehre geraten zu lassen. Eine Dame, es war die Gräfin
-Landskron, die in unserer Nachbarschaft wohnte und von uns
-Armen hörte, ließ mich zu sich kommen. Sie prüfte mich in
-allem, sie durchschaute die Papiere meiner Mutter, die ich ihr
-geben mußte, genau; sie schien zufrieden und nahm mich als
-Gesellschaftsfräulein an. Wir reisten; ich will dir nicht beschreiben,
-wie mein Herz blutete, als ich dieses Paris verlassen<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span>
-mußte; es fehlten nur noch vierzehn Tage, bis die Zeit um
-war, die du zu deiner Rückkehr bestimmtest; dann wäre ich am
-Ersten auf den Platz gegangen, hätte dich noch einmal gesprochen,
-noch einmal von dir Abschied genommen! Es sollte nicht
-so sein; als wir aus der St. Severinstraße über den wohlbekannten
-Platz der Ecole de Médecine hinfuhren, da wollte mein
-Herz brechen, und ich sagte zu mir: ›Auf immer!‹ Eduard!
-ich habe nie wieder von dir gehört, dein Name war mir unbekannt,
-du mußtest ja die Bettlerin längst vergessen haben;
-ich lebte von der Gnade fremder Leute, ich hatte manches Bittere
-zu tragen, ich trug es, es war ja nicht das Schmerzlichste. Als
-aber die Gräfin in diese Gegend auf ihr Gut zog, als Faldner
-sich um mich bewarb, als ich merkte, daß sie es gutmütig für
-eine gute Versorgung halte, vielleicht auch meiner überdrüssig
-war &ndash; nun ich war ja nur ein einzigesmal glücklich gewesen,
-konnte nimmer hoffen, es wieder zu werden; das übrige war
-ja so gleichgültig &ndash; da wurde ich seine Frau.«</p>
-
-<p>»Armes Kind! an diesen Faldner, warum denn gerade
-du mit so weicher Seele, mit so zartem Sinn, mit so viel gültigem
-Anspruch auf ein zum mindesten edleres Los, warum
-gerade du seine Frau? Doch es ist so; Josephe, ich kann, ich
-darf keinen Tag mehr hier sein; ich habe ihn bei allem, was er
-Rohes haben mag, einst Freund genannt, bin jetzt sein Gastfreund,
-und wenn auch alles nicht wäre, wir dürfen ja nicht zusammen
-glücklich sein!« Es lag ein unendlicher Schmerz in
-seinen Worten; er küßte die Augen der schönen Frau, nur um
-durch den Gram, der in ihnen wohnte, nicht noch weicher zu
-werden. »O, nur noch <em class="gesperrt">einen</em> Tag,« flüsterte sie zärtlich; »hab'
-dich ja jetzt eben erst gefunden, und du denkst schon zu entfliehen.
-Siehe, wenn du weg bist, da verschließt sich wieder die Türe
-meines Glücks auf immer; ich werde Hartes ertragen müssen,
-und da muß ich doch ein wenig Erinnerung mir aufsparen, von
-der ich zehren kann in der endlosen Wüste.«</p>
-
-<p>»Höre, ich will Faldner alles gestehen,« sprach nach einigem
-Sinnen der junge Mann, »ich will es ihm alles vormalen, daß
-es ihn selbst rühren muß; er liebt dich doch nicht, du ihn nicht
-und bist unglücklich; er soll dich <em class="gesperrt">mir</em> abtreten. Mein Haus
-liegt nicht so schön wie dieses Schloß; meine Güter kannst du
-vom Belvedere auf dem Dache übersehen, du verließest hier
-großen Wohlstand, aber wenn du einzögest in mein Haus, wollte
-ich dir meine Hände als Teppich unterlegen, auf den Händen<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span>
-wollte ich dich tragen, du solltest die Königin sein in meinem
-Hause und ich dein erster treuer Diener!«</p>
-
-<p>Sie blickte schmerzlich zum Himmel auf, sie weinte heftiger.
-»Ach ja, wenn ich deines Glaubens wäre, dann ginge es wohl,
-aber wir sind ja gut katholisch getraut worden, und das scheidet
-nur der Tod! O du großer Gott, wie unglücklich machen oft
-diese Gesetze! Welch eine Seligkeit mit dir, bei dir zu sein,
-immer für dich zu sorgen, an deinen Blicken zu hängen und alle
-Tage dir durch zärtliche Liebe ein Tausendteil von dem heimzugeben,
-was du an meiner lieben Mutter und an mir getan.«</p>
-
-<p>»Also dennoch auf immer,« erwiderte er traurig; »also nur
-noch morgen, und dann für immer scheiden?«</p>
-
-<p>»Für immer!« hauchte sie kaum hörbar, indem sie ihn
-fester an ihre Lippen schloß.</p>
-
-<p>»Hier also findet man dich, du niederträchtige Metze!« schrie
-in diesem Augenblick ein dritter, der neben dieser Gruppe stand.
-Sie sprangen erschreckt auf; zitternd vor Zorn, knirschend vor
-Wut stand der Baron, in der einen Hand ein Papier, in der
-andern die Reitpeitsche haltend, die er eben aufhob, um sie über
-den schönen Nacken der Unglücklichen herabschwirren zu lassen.
-Fröben fiel ihm in den Arm, entwand ihm mit Mühe die
-Peitsche und warf sie weit hinweg. »Ich bitte dich,« sagte er
-zu dem Wütenden; »nur hier keine Szene; deine Leute sind im
-Garten, du schändest dich und dein Haus durch einen solchen
-Auftritt.«</p>
-
-<p>»Was?« schrie jener, »ist mein Haus nicht schon genug
-geschändet durch diese niederträchtige Person, durch dieses
-Bettlerpack, das ich in meinem Haus hatte? Meinst du, ich
-kenne deine Handschrift nicht,« fuhr er fort, indem er ihr das
-Papier hinstreckte; »das ist ja ein süßes Briefchen an den Herrn
-Galan hier, an den Romanhelden. Also eine Dirne mußte ich
-heiraten, die du unterhieltst, und als du ihrer satt warest, sollte
-der ehrliche Faldner sie zur gnädigen Frau machen; dann kommt
-man nach sechs Monaten so zufällig zu Besuch, um den Hörnern
-des Gemahls noch einige Enden anzusetzen. Das sollst du
-mir bezahlen, Schandbube; aber dieses Bettelweib mag immer
-wieder mit Teller und Laterne sich am Pont des Arts aufstellen
-oder von deinem Sündenlohn leben. Meine Knechte sollen sie
-mit Hetzpeitschen vom Hof jagen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>33.</h4>
-</div>
-
-<p>Der Mann von gediegener Bildung hat in solchen Momenten
-ein entschiedenes Uebergewicht über den Rohen, der von
-Wut zur Unbesonnenheit hingerissen, unsicher ist, was er beginnen
-soll. Ein Blick auf Josephe, die bleich, zitternd, sprachlos
-auf der Moosbank saß, überzeugte Fröben, was hier zu tun
-sei. Er bot ihr den Arm und führte sie aus der Laube nach
-dem Schlosse. Wütend sah ihnen der Baron nach; er war im
-Begriff, seine Knechte zusammenzurufen, um seine Drohung zu
-erfüllen, aber die Furcht, seine Schande noch größer zu machen,
-hielt ihn ab. Er rannte hinauf in den Saal, wo Josephe auf
-dem Sofa lag, ihr weinendes Gesicht in den Kissen verbarg, wo
-Fröben wie gedankenlos am Fenster stand und hinausstarrte.
-Scheltend und fluchend rannte jener in dem Saal umher; er
-verfluchte sich, daß er sein Leben an eine solche Dirne gehängt
-habe. »Es müßte keine Gerechtigkeit mehr im Lande sein,
-wenn ich sie mir nicht vom Halse schaffte!« rief er. »Sie hat
-Taufschein und alles fälschlich angegeben; sie hat sich für ebenbürtig
-ausgegeben, die Bettlerin, diese Ehe ist null und nichtig!«</p>
-
-<p>»Das wird allerdings das vernünftigste sein,« unterbrach
-ihn Fröben; »es kommt nur darauf an, wie du es angreifst, um
-dich nicht noch mehr zu blamieren&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ha, mein Herr!« schrie der Baron in wildem Zorn,
-»Sie spotten noch über mich, nachdem Sie durch Ihre grenzenlose
-Frechheit all diese Schande über mich brachten? Folgen
-Sie mir, zu <em class="gesperrt">unserer</em> Scheidung brauchen wir weiter keine
-Assisen; die kann sogleich abgemacht werden. Folgen Sie!«</p>
-
-<p>Josephe, die diese Worte verstand, sprang auf; sie warf sich
-vor dem Wütenden nieder, sie beschwor ihn, alles nur über sie
-ergehen zu lassen; denn sein Freund sei ja ganz unschuldig; sie
-wies hin auf den Zettel in seiner Hand, den sie erkannte; sie
-schwur, daß Fröben erst heute erfahren, wer sie sei. Aber der
-junge Mann selbst unterbrach ihre Fürbitten, er hob sie auf und
-führte sie zum Sofa zurück. »Ich bin gewohnt,« sagte er kaltblütig
-zum Baron, »bei solchen Gängen zuerst meine Arrangements
-zu treffen, und du wirst wohl tun, es auch nicht zu unterlassen.
-Vor allem geht deine Frau jetzt aus dem Schloß, denn
-hier will ich sie nicht mehr wissen, wenn ich nicht da bin, sie
-vor deinen Mißhandlungen zu schützen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span></p>
-
-<p>»Du handelst ja hier wie in deinem Eigentum,« erwiderte
-der Baron vor Zorn lachend; »doch Madame war ja schon vorher
-dein Eigentum, ich hätte es beinahe vergessen; wohin soll denn
-der süße Engel gebracht werden? In ein Armenhaus, in ein
-Spital oder an den nächsten besten Zaun, um ihr Gewerbe
-fortzusetzen?«</p>
-
-<p>Fröben hörte nicht auf ihn; er wandte sich zu Josephe.
-»Wohnt die Gräfin noch in der Nähe?« fragte er sie. »Glauben
-Sie wohl für die nächsten Tage einen Aufenthalt dort zu
-finden?«</p>
-
-<p>»Ich will zu ihr gehen,« flüsterte sie.</p>
-
-<p>»Gut; Faldner wird die Gnade haben, Sie hinfahren zu
-lassen, dort erwarten Sie das Weitere, ob er einsieht, wie unrecht
-er uns beiden getan, oder ob er darauf beharrt, sich von
-Ihnen zu trennen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>34.</h4>
-</div>
-
-<p>Josephe war zu der Gräfin abgefahren; der Freund hatte
-ihr geraten, bei ihrer Ankunft nur einen Besuch von einigen
-Tagen vorzugeben, indessen wolle er ihr über die Stimmung
-seines Freundes Nachricht geben, und wenn es möglich wäre,
-ihn bereden, sich mit ihr zu versöhnen. »Nein,« rief sie leidenschaftlich,
-indem sie von der Terrasse an den Wagen hinabstieg,
-»in diese Türe kehre ich nie mehr zurück, auf ewig wende ich
-diesen Mauern den Rücken. Glauben Sie, eine Frau vermag
-viel zu ertragen, ich habe lange dulden müssen, und das Herz
-wollte mir oft zerspringen, aber heute hat er mich zu tief beleidigt,
-als daß ich ihm vergeben könnte. Und sollte ich wieder
-zurückkehren müssen auf den Pont des Arts, die Menschen um
-ein paar Sous anzuflehen, ich will es lieber tun, als noch länger
-solche niedrige Behandlung von diesem rohen Menschen mir gefallen
-lassen. Mein Vater war ein tapferer Soldat und ein
-geachteter Offizier Frankreichs, seine Tochter darf sich nicht bis
-zur Magd eines Faldner entwürdigen.«</p>
-
-<p>Der junge Mann hatte nach ihrer Abreise einige Briefe
-geschrieben und war gerade mit Ordnen seines kleinen Gepäcks
-beschäftigt, als Faldner in das Zimmer trat. Fröben sah ihn
-verwundert an und erwartete neue Angriffe und Ausbrüche
-seines Zorns. Jener aber sagte: »Ich glaube, je mehr ich
-diese unglücklichen Zeilen lese, die ich heute mittag auf deinem
-Zimmer fand, immer mehr, daß du eigentlich doch unschuldig
-an der miserablen Historie bist, nämlich, daß du vorher nichts<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span>
-wußtest und die Person nicht kanntest; daß ich mein Weib in
-deinen Armen traf, verzeihe ich dir, denn jene Person hatte
-aufgehört, mein zu sein, als sie den törichten Brief an dich
-schrieb.«</p>
-
-<p>»Es ist mir wegen unseres alten Verhältnisses erwünscht,«
-antwortete Fröben, »wenn du die Sache so ansiehst, hauptsächlich
-auch, weil ich dadurch Gelegenheit bekomme, vernünftig und
-ruhig mit dir über Josephe zu sprechen. Fürs erste mein heiliges
-Wort, daß zwischen ihr und mir bis heute mittag nie, auch
-früher nicht, etwas vorging, was im geringsten ihrer Ehre nachteilig
-wäre; daß sie arm war, daß sie einmal genötigt war, die
-Hilfe der Menschen anzurufen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, sag lieber, daß sie bettelte,« rief Faldner hitzig,
-»und nachts auf den Straßen und Brücken der liederlichen
-Hauptstadt umherzog, um Geld zu verdienen; ich hätte ja schon
-damals das Vergnügen ihrer nähern Bekanntschaft haben können,
-ich war ja bei der rührenden Szene auf dem Pont des Arts.
-Nein, wenn ich dir auch alles glaubte, ich bin dennoch beschimpft;
-die Familie Faldner und eine Bettlerin!«</p>
-
-<p>»Ihr Vater und ihre Mutter waren von gutem Hause&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Fabeln, Dichtung! Daß ich mich so fangen ließ; ebensogut
-hätte ich die Kellnerin aus der Schenke heiraten können, wenn
-sie ein Bierglas im Wappen führte und ein falsches Zeugnis
-ihrer Geburt brachte!«</p>
-
-<p>»Das ist in meinen Augen das Geringste bei der Sache;
-die Hauptsache ist, daß du sie gleich von Anfang wie eine Magd
-behandeltest und nicht wie deine Frau; sie konnte dich nie lieben;
-ihr paßt nicht füreinander.«</p>
-
-<p>»Das ist das rechte Wort,« entgegnete der Baron, »wir
-passen nicht zusammen; der Freiherr von Faldner und eine
-Bettlerin können nie zusammen passen. Und jetzt freut es mich
-erst recht, daß ich meinem Kopf folgte und sie so behandelte, die
-Dirne hat es nicht besser verdient. Ich hab' es ja gleich gesagt,
-sie hat so etwas Gemeines an sich.«</p>
-
-<p>Diese Roheit empörte den jungen Mann, er wollte ihm
-etwas Bitteres entgegnen, aber er bezwang sich, um Josephen
-nützlich zu sein. Er redete mit dem Baron ab, was hierin zu
-tun sei, und sie kamen dahin überein, daß sie die ganze Sache
-vor die bürgerlichen Gerichte bringen und gegenseitige Abneigung
-als Grund zur Trennung angeben sollten. Freilich<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span>
-konnte bei ihren Glaubensverhältnissen keiner der beiden Teile
-hoffen, in einer neuen Verbindung Trost zu finden; aber Josephen,
-wenn sie auch mit Schrecken in eine hilflose Zukunft blickte,
-schien kein Los so schwer, daß es nicht gegen die unwürdige Behandlung,
-die sie in Faldners Hause erduldete, erträglich geschienen
-hätte, und der Baron, wenn ihn auch in manchen einsamen
-Stunden Reue anwandelte, suchte Zerstreuung in seinen
-Geschäften und Trost in dem Gedanken, daß ja niemand seine
-Schande erfahren habe, eine Bettlerin von zweideutigem Charakter
-zur Frau von Faldner gemacht zu haben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>35.</h4>
-</div>
-
-<p>Einige Wochen nach diesem Vorfall ging Fröben in Mainz,
-wohin er sich, um doch in Josephens Nähe zu sein, zurückgezogen
-hatte, auf der Rheinbrücke abends hin und wieder. Er
-gedachte der sonderbaren Verkettung des Schicksals, er dachte an
-mancherlei Auswege, die ihn und die geliebte Frau vielleicht
-noch glücklich machen könnten; da fuhr ein Reisewagen über die
-Brücke her, dessen wunderlicher Bau die Aufmerksamkeit des
-jungen Mannes schon von weitem auf sich zog. Bald aber
-haftete sein Auge nur noch an dem Bedienten, der auf dem
-Bock saß; dieses braungelbe, heitere Gesicht, das neugierig um
-sich schaute, schien ihm ebenso bekannt als die grellen Farben
-der Livree. Als der Wagen, der sich auf der Brücke nur im
-Schritt weiter bewegen durfte, näher herankam, bemerkte auch
-der Diener den jungen Mann und rief: »San Jago di Compostella!
-Das ist er ja selbst!« Er riß das Wagenfenster auf,
-das ihn von dem Innern des Wagens trennte, und sprach eifrig
-hinein. Alsobald wurde auf der Seite des Wagens ein Fenster
-niedergelassen und heraus fuhr das wohlbekannte Gesicht Don
-Pedros di San Montanjo Ligez. Der Wagen hielt; der junge
-Mann sprang freudig herzu, um den Schlag zu öffnen, und der
-alte Herr sank in seine Arme. »Wo ist sie, wo habt Ihr sie,
-die Tochter meiner Laura? O, um der heiligen Jungfrau
-willen, habt Ihr sie hier? Sagt an, junger Herr! Wo ist sie?«</p>
-
-<p>Der junge Mann schwieg betreten; er führte den Alten auf
-der Brücke weiter und sagte ihm dann, daß sie nicht weit von
-dieser Stadt sich aufhalte, und morgen wolle er ihn zu ihr
-führen.</p>
-
-<p>Der Spanier hatte Freudentränen im Auge. »Wie danke
-ich Euch für die Nachrichten, die Ihr mir gegeben!« sprach er.<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span>
-»Sobald ich Urlaub bekommen hatte, setzte ich mich mit Diego in
-den Wagen und ließ mich von W. bis hier täglich sechs Meilen
-fahren, denn länger hielt ich es nicht aus. Und lebt sie glücklich?
-Sieht sie ihrer Mutter ähnlich, und was erzählt sie von Laura
-Tortosi?« Fröben versprach, auf seinem Zimmer alle seine
-Fragen zu beantworten. Er ließ, nachdem sich der Spanier ein
-wenig ausgeruht und umgekleidet hatte, Xeres bringen, schenkte
-ein, Diego reichte, wie damals, die Zigarren, und als Don Pedro
-recht bequem saß, fing der junge Mann seine Erzählung an.
-Mit steigendem Interesse hörte ihn der Spanier an; zu großem
-Aergernis Diegos ließ er seit zwanzig Jahren zum erstenmal
-die Zigarre ausgehen, und als der junge Mann an jene empörende
-Szene zwischen Faldner und der unglücklichen Frau
-kam, da konnte er sich nicht mehr halten; sein altes, südliches
-Blut kochte auf; er drückte den Hut tief in die Stirne, wickelte
-den linken Arm in den Mantel und rief mit blitzenden Augen:
-»Meinen langen Stoßdegen her, Diego, den mach' ich kalt, so
-wahr ich ein guter Christ und spanischer Edelmann bin; ich stech'
-ihn nieder und hätte er ein Kruzifix vor der Brust, ich bring'
-ihn um; ohne Absolution und ohne alle Sakramente schick' ich
-ihn zur Hölle, so tu' ich. Bring mir mein Schwert, Diego!«</p>
-
-<p>Aber Fröben zog den zitternden, vom Zorn erschöpften
-Alten zu sich nieder; er suchte ihm begreiflich zu machen, wie
-dies alles nicht nötig sei, denn Josephe sei schon aus der Gewalt
-des rohen Menschen befreit und lebe getrennt von ihm. Er
-holte, um ihn noch mehr zu besänftigen, jenes Bild herbei und
-entfaltete es vor den staunenden Blicken Pedros. Entzückt betrachtete
-es der Don. »Ja, sie ist es,« rief er, alles übrige vergessend,
-»meine arme, unglückliche Laura!« Und weinend umarmte
-er den jungen Mann, nannte ihn seinen lieben Sohn
-und dankte ihm mit gebrochener Stimme für alles, was er an
-der unglücklichen Mutter und ihrer armen Tochter getan.</p>
-
-<p>Am andern Morgen brach er mit Fröben nach dem Gut
-der Gräfin auf. Es war ein rührender Anblick, wie der alte
-Mann die schöne jugendliche Gestalt Josephens umschlungen
-hielt, wie er ihre Züge aufmerksam betrachtete, wie seine strengen
-Züge immer weicher wurden, wie er sie dann gerührt auf
-Auge und Mund küßte. »Ja, du bist Lauras Tochter!« rief er.
-»Dein Vater hat dir nichts gegeben als sein blondes Haar, aber
-das sind ihre lieben Augen, das ist ihr Mund, das sind die
-schönen Züge der Tortosi! Sei meine Tochter, liebes Kind;<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span>
-ich habe keine Verwandten und bin reich; durch Verwandtschaft,
-mein Herz und einen zwanzigjährigen Gram gehörst du mir
-näher an als irgend jemand auf der Erde!« Ihre Blicke, die
-über seine Schultern weg auf Fröben fielen, schienen diese letztere
-Behauptung nicht gerade zu bestätigen, aber sie küßte gerührt
-seine Hand und nannte ihn ihren Oheim, ihren zweiten Vater.</p>
-
-<p>Die Freude des Wiedersehens dauerte übrigens nur wenige
-Tage. Don Pedro erklärte sehr bestimmt, daß ihn seine Geschäfte
-nach Portugal rufen und zugleich schien er gar nicht einzusehen,
-was Josephen abhalten könnte, ihm dahin zu folgen;
-er hegte zu strenge Grundsätze über die Artikel seiner Kirche,
-als daß er den Gedanken für möglich gehalten hätte, Fröben
-könne Josephe, die getrennte Gattin eines andern, zur Frau
-begehren. Es ist uns nicht bekannt geworden, was die Liebenden
-über diesen strittigen Punkt verhandelten; nur so viel ist
-gewiß, daß Fröben einigemal darauf hindeutete, sie solle zum
-evangelischen Glauben zurückkehren, daß sie jedoch, zwar mit
-unendlichem Schmerz, aber sehr bestimmt, diesen Vorschlag abwies.
-Oft soll ihr der junge Mann in Verzweiflung über die
-herannahende Trennung vorgeschlagen haben, sie solle Don
-Pedro ziehen lassen, sie solle für sich leben, in Deutschland bleiben,
-er wolle, wenn er nicht ihr Gatte werden könne, auf immer
-als Freund um sie sein. Aber auch dies lehnte sie ab; sie gestand
-ihm offen, daß sie sich zu schwach fühle, ein solches Verhältnis
-mit Ehren hinauszuführen, und stolzer gemacht durch
-ihr Unglück, bebte sie zurück vor dem Gedanken an eine unwürdige
-Verbindung mit einem Mann, den sie so hoch achtete,
-als sie ihn liebte. Allein mit sich, gestand sie sich wohl, daß
-ein noch edelmütigerer Gedanke ihre Schritte lenke. »Sollte
-er,« sagte sie zu sich, »die Blüte des Lebens an ein unglückliches
-Geschöpf verlieren, das ihm nur Freundin sein darf? Soll er
-den hohen Genuß häuslicher Freuden, das Glück, Kinder und
-Enkel um sich zu versammeln, wegen meiner aufgeben? Nein,
-er hat mich schon einmal verloren und die Zeit wird auch jetzt
-seinen Schmerz lindern, er wird ein unglückliches Wesen vergessen,
-das ewig an ihn denken, ihn lieben, für ihn beten wird.«</p>
-
-<p>So schienen denn jene prophetischen Worte Josephens:
-»Auf immer!« in Erfüllung zu gehen. Don Pedro verließ mit
-seiner neuen Verwandten das Gut der Gräfin, um durch Holland
-auf die See zu gehen. Fröben, den vielleicht nur der Gedanke,
-Josephen bald nach Portugal nachzufolgen und dort ihr<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span>
-Freund zu sein, aufrecht erhielt, geleitete die Geliebte auf der
-Reise durch Deutschland und Holland; und so oft sie ihn bat,
-durch längeres Begleiten die Tage der Trennung nicht noch
-schwerer zu machen, bat er mit Tränen im Auge: »Nur bis
-ans Meer und dann auf immer!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>36.</h4>
-</div>
-
-<p>Im August dieses Jahres wurde in Ostende ein englisches
-Schiff klar, das nach Portugal Schiffsgut und Passagiere brachte.
-Es war ein schöner Morgen, die Nebel hatten sich gesenkt und
-die Tage schienen für die Fahrt günstig werden zu wollen. Es
-war um neun Uhr morgens, als ein Kanonenschuß von dem
-Engländer herüberschallte, zum Zeichen, daß die Passagiere sich
-an die Küste begeben sollen. Zu gleicher Zeit ruderte eine
-Schaluppe heran und warf ihr Brett aus, um die Reisenden
-einzunehmen. Vom Land her kamen viele Personen mit Gepäck,
-gingen über das Brett, und bald war die Schaluppe voll und
-die erste Ladung wurde an Bord gebracht. Ehe noch die Schaluppe
-zum zweitenmal anlegte, sah man vier Personen sich dem
-Strande nähern, die sich durch Gang, Haltung und Kleidung
-von den übrigen ärmlicheren Passagieren unterschieden. Ein
-hoher, ältlicher Mann ging stolzen Schrittes voraus; er hatte
-einen breitgekrempten Hut auf und den Mantel so kunstreich
-und bequem um die Schultern geschlagen, daß ein Schiffer, der
-ihn kommen sah, ausrief: »Ich laß mich fressen, wenn es kein
-Spanier ist!« hinter jenem kam ein jüngerer Herr, der eine
-schöne, schlankgebaute Dame führte. Der junge Herr war sehr
-bleich, schien einen großen Kummer niederzukämpfen, um durch
-Zureden einen noch größeren bei der Dame zu beschwichtigen.
-Ihr schönes Gesicht war um Auge und Stirne von heftigem
-Weinen gerötet, der Mund schmerzlich eingepreßt und die Wangen
-und untern Teile des Gesichtes sehr bleich. Sie ging schwankend,
-auf den Arm des jungen Mannes gestützt; ein Hütchen
-mit wallenden Straußfedern; ein wallendes Kleid von schwerem
-schwarzen Seidenzeug, um Hals und Busen reiche Goldketten,
-schienen nicht zur Reise zu passen, und man konnte daher glauben,
-daß sie den jungen Mann an Bord begleite; hinter beiden
-ging ein Diener in bunten Kleidern; er trug einen großen
-Sonnenschirm unter dem Arm und hatte ein spanisches Netz
-über seine dunkeln Haare gezogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span></p>
-
-<p>Als sie so weit herabgekommen waren, wo der Sand von
-der vorigen Flut noch feucht war, an die Stelle, wo man das
-Brett nach der Schaluppe auswarf, blieben sie stehen, und das
-schöne junge Paar sah nach dem Schiff, dann sahen sie sich an
-und die Dame legte ihr Haupt auf die Schulter des Mannes,
-daß die Straußfedern um sein Gesicht spielten und seine stillen
-Tränen den Augen der Neugierigen verbargen. Der alte Herr
-stand nicht weit davon, wickelte sich, finster auf die See blickend,
-tief in seinen Mantel, und sein Auge blinkte, man wußte nicht
-ob von einer Träne oder dem Widerschein der glänzenden
-Wellen. Jetzt kam die Schaluppe plätschernd ans Ufer; das
-Brett wurde ausgeworfen und ein donnernder Schuß vom
-Schiffe schreckte das Paar aus seiner Umarmung. Der alte
-Herr trat heran, bot dem jungen Mann die Hand, schüttelte sie
-kräftig und stieg dann schnell über das Brett, sein Diener folgte,
-nachdem auch er dem Jüngling herzlich die Hand geboten. Jetzt
-umarmten sich die jungen Leute noch einmal; er wandte sich
-zuerst los und führte die Dame nach dem Brett. »Auf immer!«
-flüsterte sie mit wehmütigem Lächeln. »Auf immer!« antwortete
-der junge Mann, indem er sie bebend, mit Tränen ansah. Noch
-einen Händedruck und sie wandte sich, das Brett hinanzusteigen.
-Schon stand sie oben, der Oberbootsmann, ein breiter Engländer,
-wartete am Brett, streckte seine breite Hand aus, um die
-schöne Dame zu empfangen, und hatte schon einige gutgemeinte
-Trostgründe in Bereitschaft. Da wandte sie von dem unendlichen
-Meer ihr dunkles Auge noch einmal zurück nach dem
-jungen Mann. Ihre hohe herrliche Gestalt schwebte kühn auf
-dem schmalen Brett, ihr schlanker Hals war nach dem Land zurückgebogen,
-die schwankenden Federn des Hutes schienen hinüberzugrüßen.
-Er breitete die Arme aus, in seinen Zügen
-mischte sich die Seligkeit der Liebe mit dem Schmerz der Trennung.
-Da schien sie ihrer selbst nicht mehr mächtig zu sein; sie
-sprang über das Brett und hinab auf das Land, und ehe der
-Bootsmann die Hände vor Verwunderung zusammenschlagen
-konnte, hing sie schon an des jungen Mannes Hals, an seinen
-Lippen. »Nein, ich kann nicht über das Meer,« rief sie, »ich will
-bleiben; ich will alles tun, was du willst, will diese Fesseln eines
-Glaubens von mir werfen, der mich hindert, meinem bessern
-Gefühl zu folgen; du bist mein Vaterland, meine Familie, mein
-alles; ich bleibe!«</p>
-
-<p>»Josephe, meine Josephe!« rief der junge Mann, indem er
-sie mit stürmischem Entzücken an sein Herz drückte. »Mein,<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span>
-mein auf immer? Ein Gott hat dein Herz gelenkt, o, ich wäre
-untergegangen unter der Qual dieser Trennung!« Sie hielten sich
-noch umschlungen, als der alte Herr mit hastigen Schritten über
-Bord und das Brett herabstieg und zu der Gruppe trat: »Kinder,«
-sagte er, »einmal Abschied zu nehmen wäre genug gewesen;
-komm, Josephe, es hilft ja doch zu nichts, sie werden
-gleich zum drittenmal schießen.«</p>
-
-<p>»Laßt sie mit Stückkugeln schießen, Don Pedro,« rief der
-junge Mann mit freudig verklärten Zügen, »sie bleibt hier, sie
-bleibt bei mir!«</p>
-
-<p>»Was höre ich?« erwiderte jener sehr ernst. »Ich will
-nicht hoffen, daß dies so ist, wie der Kavalier sagt; du wirst
-deinem Verwandten folgen, Josephe!«</p>
-
-<p>»Nein!« rief sie mutig, »als ich dort oben auf dem Rand
-der Schaluppe stand und hinaussah auf diese Fluten, die mich
-von ihm trennen sollten, da stand fest in mir, was ich zu tun
-habe; meine Mutter hat mir den Weg gezeigt; sie ist einst dem
-Mann ihres Herzens in die weite Welt gefolgt, hat Vater und
-Mutter verlassen aus Liebe; ich weiß, was auch ich zu tun habe,
-hier steht der, dem meine arme Mutter ihre letzten süßen Stunden,
-dem ich Leben, Ehre, alles verdanke, und ich sollte ihn verlassen?
-Grüßet die Gräber meiner Ahnen in Valencia, Don
-Pedro, und saget ihnen, daß es noch eine aus dem Stamm der
-Tortosi gibt, der die Liebe höher gilt als das Leben!«</p>
-
-<p>Don Pedro wurde weich. »So folge deinem Herzen, vielleicht
-ratet es dir besser als ein alter Mann; ich weiß dich zum
-mindesten glücklich in den Armen dieses edlen Mannes, und sein
-hoher Sinn bürgt mir dafür, daß ihm unsere Ehre nicht minder
-hoch als die seine gilt. Aber, Don Fröbenio, was werden Sie
-zu Ihren stolzen Verwandten sagen, wenn Sie dieses Kind des
-Elends vorstellen? Gott! Werden Sie auch den Mut haben,
-den Spott der Welt zu ertragen?«</p>
-
-<p>»Fahre wohl, Don Pedro,« sagte der junge Mann mit
-mutigem Gesicht, indem er jenem die eine Hand zum Abschied
-bot und mit der andern die Geliebte umschlang; »seid getrost
-und verzaget nicht an mir. Ich werde sie der Welt zeigen, und
-wenn man mich fragt: Wer war sie denn? so werde ich mit
-freudigem Stolz antworten: Es war <em class="gesperrt">die Bettlerin vom
-Pont des Arts</em>.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span></p>
-
-<h3 id="Jud_Suss">Jud Süß.</h3>
-
-<h4>1.</h4>
-</div>
-
-<p>Der Karneval war nie in Stuttgart mit so großem Glanz
-und Pomp gefeiert worden als im Jahr 1737. Wenn ein
-Fremder in die ungeheuren Säle trat, die zu diesem Zwecke aufgebaut
-und prachtvoll dekoriert waren, wenn er die Tausende
-von glänzenden und fröhlichen Masken überschaute, das Lachen
-und Singen der Menge hörte, wie es die zahlreichen Fanfaren
-der Musikchöre übertönte, da glaubte er wohl nicht in Württemberg
-zu sein, in diesem strengen, ernsten Württemberg, streng
-geworden durch einen eifrigen, oft asketischen Protestantismus,
-der Lustbarkeiten dieser Art als Ueberbleibsel einer andern
-Religionspartei haßte; ernst, beinahe finster und trübe durch die
-bedenkliche Lage, durch Elend und Armut, worein es die systematischen
-Kunstgriffe eines allgewaltigen Ministers gebracht
-hatten.</p>
-
-<p>Der prachtvollste dieser Freudentage war wohl der zwölfte
-Februar, an welchem der Stifter und Erfinder dieser Lustbarkeiten
-und so vieles andern, was nicht gerade zur Lust reizte,
-der <em class="gesperrt">Jud Süß</em>, Kabinettsminister und Finanzdirektor, seinen
-Geburtstag feierte. Der Herzog hatte ihm Geschenke aller Art
-am Morgen dieses Tages zugesandt; das angenehmste aber für
-den Kabinettsminister war wohl ein Edikt, welches das Datum
-dieses Freudentages trug, ein Edikt, das ihn auf ewig
-von aller Verantwortung wegen Vergangenheit und Zukunft
-freisprach. Jene unzähligen Kreaturen jeden Standes, Glaubens
-und Alters, die er an die Stelle besserer Männer gepflanzt
-hatte, belagerten seine Treppen und Vorzimmer, um ihm Glück
-zu wünschen, und manchen ehrliebenden, biedern Beamten trieb
-an diesem Tage die Furcht, durch Trotz seine Familie unglücklich
-zu machen, zum Handkuß in das Haus des Juden.</p>
-
-<p>Dieselben Motive füllten auch abends die Karnevalsäle.
-Seinen Anhängern und Freunden war es ein Freudenfest, das
-sie noch oft zu begehen gedachten; Männer, die ihn im stillen<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span>
-haßten und öffentlich verehren mußten, hüllten sich zähneknirschend
-in ihre Dominos und zogen mit Weib und Kindern zu
-der prachtvollen Versammlung der Torheit, überzeugt, daß ihre
-Namen gar wohl ins Register eingetragen und die Lücken schwer
-geahndet würden; das Volk aber sah diese Tage als Traumstunden
-an, wo sie im Rausch der Sinne ihr drückendes Elend vergessen
-könnten; sie berechneten nicht, daß die hohen Eintrittsgelder
-nur eine neue indirekte Steuer waren, die sie dem Juden
-entrichteten.</p>
-
-<p>Der Glanzpunkt dieses Abends war der Moment, als die
-Flügeltüren aufflogen, eine erwartungsvolle Stille über der
-Versammlung lag, und endlich ein Mann von etwa vierzig
-Jahren, mit auffallenden, markierten Zügen, mit glänzenden,
-funkelnden Augen, die lebhaft und lauernd durch die Reihen
-liefen, in den Saal trat. Er trug einen weißen Domino, einen
-weißen Hut mit purpurroten Federn, auf welchen er die schwarze
-Maske nachlässig gesteckt hatte; es war nichts Prachtvolles an
-ihm als ein ungewöhnlich großer Solitär, welcher am Hals
-die purpurrote Bajute von Seidenflor, die über den Domino
-herabfiel, zusammenhielt. Er führte eine schlanke, zartgebaute
-Dame, die, in ein mit Gold und Steinen überladenes orientalisches
-Kostüm gekleidet, aller Augen auf sich zog.</p>
-
-<p>»Der Herr Finanzdirektor, der Herr Minister,« flüsterte
-die Menge, als er vornehm grüßend durch die Reihen ging, die
-sich ihm willig öffneten; und als er in der Mitte des Hauptsaales
-angekommen war, begrüßten ihn Trompeten und Pauken
-und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Masken klatschte ihm
-Beifall, während man andere wie von einem unzüchtigen Schauspiele
-sich abwenden sah. Aber allgemein schien die Teilnahme,
-womit man die schöne Orientalin betrachtete, die mit dem
-Minister gekommen war. Seine Lebensweise war zu bekannt,
-als daß nicht die meisten unter der Larve der reich geschmückten
-Dame eine seiner Freundinnen geahnet hätten, nur darüber
-schien man uneinig, welcher von diesen solche Auszeichnung zu
-teil geworden sei; die eine schien zu klein für diese Figur, die
-andere zu korpulent für diese zierliche Taille, die dritte zu schwerfällig,
-um so leicht und beinahe schwebend über den Boden zu
-gleiten, und einer vierten, bei welcher man endlich stille stehen
-wollte, konnte nicht dieses glänzend schwarze Haar, das in
-reichen Locken um den stolzen Nacken fiel, nicht dieses herrliche,
-dunkle Auge gehören, das man aus der Maske hervorleuchten
-sah.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span></p>
-
-<p>Die Menge pflegt, wenn ihre Neugier nicht sogleich befriedigt
-wird, bei Gelegenheiten von so glänzender und rauschender
-Art, wie dieser Karneval war, nicht lange bei <em class="gesperrt">einem</em> Gegenstand
-stille zu stehen. »Wenn sie die Maske abnimmt, wird
-man ja sehen!« sprach man, ohne der Dame noch längere Aufmerksamkeit
-zu schenken, als nötig war, um zu bemerken, wie
-sie zum Menuett antrat. Aber drei junge Männer, die müßig
-hinter den Reihen der Tanzenden standen, schienen diese Erscheinung
-noch immer unablässig zu verfolgen.</p>
-
-<p>»Wer sie nur sein mag?« rief der eine ungeduldig. »Ich
-wollte gern dem verzweifelten Juden fünfzig Eintrittskarten
-abkaufen, wenn er mir sagte, woher dieses Mädchen kommt, das
-er wie eine Fürstin in den Saal führte.«</p>
-
-<p>»Herr Bruder!« erwiderte der zweite, indem er unter dem
-Sprechen kein Auge von der Orientalin abwandte: »Herr
-Bruder, <em class="antiqua">Parole d'honneur</em>! Diese Widersprüche kann ich nicht
-vereinigen, und wenn ich bei Cartesius selbst die Logik samt dem
-›<em class="antiqua">cogito, ergo sum</em>‹ studiert hätte; eine so ungewöhnliche feine
-Gestalt, diese Haltung, diese nach den neuesten und vornehmsten
-Regeln abgemessene Bewegung, diese Art, das Handgelenk rund
-und spielend zu bewegen, wie ich sie nur in den bedeutendsten
-Zirkeln zu Wien und Paris sah, dieser Anstand, womit sie den
-Nacken trägt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gott verdamm' mich, du hast recht, Herr Bruder!« unterbrach
-ihn der dritte. »Dieses alles und &ndash; mit Süß auf den
-Ball zu kommen! Nein, ein solcher Kontrast ist mir in meinem
-Leben nicht vorgekommen!«</p>
-
-<p>»Aus unserer Bekanntschaft,« fuhr der erste fort, »aus
-unsern Kreisen kann sie nicht sein; denn wenn es auch wahr ist,
-was man flüstert, daß schon mancher elende Kerl von einem
-Vater seine Tochter mit einer Bittschrift zum Juden schickte, so
-laut läßt keiner seine Schande werden, daß er sein leibliches
-Kind mit dieser Mazette auf den Ball schickt!«</p>
-
-<p>»Bitte dich ums Himmels willen, Herr Bruder, nicht so
-laut, er hat überall seine Spione, und uns ist er ohnedies nicht
-grün; denk an deine Familie, willst du dich unglücklich machen?
-Aber wahr ist's, es kann kein Mädchen aus bessern Ständen
-sein, und doch ist ihr Wesen für eine Bürgerstochter zu anständig.
-Doch halt, wer ist der Sarazene, der dort auf uns zukommt?
-Die Farbe seines Turbans ist ja dieselbe, wie ihn die
-Scharmante des Juden hat!«</p>
-
-<p>Die jungen Männer wandten sich um und sahen einen<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span>
-schlanken, schöngewachsenen Mann, der, als Sarazene gekleidet,
-sich durch die einfache Pracht seines Kostüms wie durch Gang
-und Haltung vor gemeineren Masken auszeichnete. Auch er
-schien die jungen Männer ins Auge gefaßt zu haben, denn er
-ging langsam an sie heran und zögerte, an ihnen vorüber zu
-schreiten.</p>
-
-<p>»Was ist deine Parole?« fragte der eine der jungen
-Männer, der in der Maske einen Freund zu erkennen glaubte.
-»Hast du nur dein <em class="gesperrt">Allah</em> zum Feldgeschrei, oder weißt du sonst
-ein Sprüchlein?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus</em>,« erwiderte der
-Sarazene, indem er stille stand.</p>
-
-<p>»Er ist's, er ist's,« riefen zwei dieser jungen Herren und
-schüttelten die Hand des Sarazenen. »Gut, daß wir die Parole
-gaben, ich hätte sonst kein Erkennungszeichen für dich gehabt,
-denn ich war meiner Sache so gewiß, du seiest als Bauer hier,
-daß ich mit dem Kapitän eine Flasche gewettet habe, du müßtest
-ein Bauer sein!«</p>
-
-<p>»Laßt uns ans Büffet treten,« sagte der zweite, »ich habe
-dir hier jemand vorzustellen, Bruder Gustav, der sich auf deine
-Bekanntschaft freut, und du weißt, in Larven erkennt man sich
-schlecht.«</p>
-
-<p>»Freund,« erwiderte Gustav, »ich nehme die Larve nicht
-ab, ich habe Gründe; so angenehm mir die Bekanntschaft dieses
-Herrn wäre, so muß ich sie doch bis morgen versparen.«</p>
-
-<p>»Und wenn es nun Pinassa wäre, nach welchem du so oft
-gefragt?« antwortete jener.</p>
-
-<p>»Pinassa? Mit dem du dich geschlagen? Nein, das ändert
-die Sache, den will ich sehen und begrüßen; aber &ndash; meine Maske
-nehme ich nur auf zwei Augenblicke und im fernsten Winkel des
-Speisesaals ab.«</p>
-
-<p>»Wir sind's zufrieden, Bruder Sarazene,« antwortete der
-Kapitän. »Aber laß uns nur erst an die zweite Flasche kommen,
-dann sollst du auch die Gründe beichten, warum du dein Angesicht
-nicht leuchten lassen willst vor den Freunden!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>2.</h4>
-</div>
-
-<p>In dem Speisesaal, welchen sie wählten, waren nur wenige
-Menschen, denn man verkaufte hier nur ausgesuchte Weine,
-feine Früchte und warme Getränke, während die größeren Trinkstuben,
-wo Landwein, Bier und derbere Speisen zu haben
-waren, die größere Menge an sich zogen. In einer Ecke des<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span>
-Zimmers war ein Tischchen leer, wo der Sarazene, wenn er
-dem übrigen Teil des Saales den Rücken kehrte, ohne Gefahr,
-erkannt zu werden, die Maske abnehmen konnte. Sie wählten
-diesen Platz, und als die vollen Römer vor ihnen standen, legten
-die zwei jungen Krieger die Masken ab, und der Kapitän begann:
-»Herr Bruder, ich habe die Ehre, dir hier den unvergleichlichen
-Kavalier Pinassa vorzustellen, den berühmtesten Fechter seiner
-Zeit; denn es gelang ihm, durch eine unbesiegliche Terz-Quart-Terz,
-<em class="gesperrt">mich</em>, bedenke, mich den Senior des Amicistenordens, in
-Leipzigs unvergeßlichem Rosenthal <em class="antiqua">hors de combat</em> zu machen.
-Er hat gleich mir die Musen verlassen, hat gesungen: ›Will mich
-Minerva nicht, so mag Bellona raten‹, und hat den alten Hieber
-und sein ungeheures Stichblatt, worauf er sein Frühstück zu verzehren
-pflegte, mit dem Paradedegen eines herzoglich württembergischen
-Leutnants vertauscht.«</p>
-
-<p>»Der Tausch ist nicht übel, Herr von Pinassa, und mein
-Vaterland kann sich dazu Glück wünschen,« sagte der Sarazene,
-indem er sich vor dem neuen Leutnant verbeugte. »Wolltet Ihr
-einmal in unsern Dienst treten, so war diese Laufbahn die angenehmste.
-Der Zivilist hat zu dieser Zeit wenig Aussicht, wenn
-er nicht ein Amt für fünftausend Gulden oder für sein Gewissen
-und ehrlichen Namen beim Juden kaufen will. Doch diese dünnen
-Bretterwände haben Ohren &ndash; stille davon, es ist doch nicht zu
-ändern. Wie anders sind Eure Verhältnisse! Der Herzog ist
-ein tapferer Herr, dem ich einen Staat von zweimalhunderttausend
-Kriegern gönnen möchte; für uns &ndash; ist er zu groß.
-Der Krieg ist sein Vergnügen, ein Regiment im Waffenglanz
-seine Freude; leider fällt für uns andere selten eine müßige
-Stunde ab, und daher kommt es, daß diese Juden und Judenchristen
-das Zepter führen. Er gilt für einen großen General,
-er hat mit Prinz Eugen schöne Waffentaten verrichtet, und ein
-schlanker, junger Mann, mit einer Narbe auf der Stirne, Mut
-in den Blicken, wie Ihr, Herr von Pinassa, ist ihm jederzeit in
-seinem Heere willkommen.«</p>
-
-<p>»Was der Sarazene altklug sprechen kann über Juden
-und Christen!« sprach der Kapitän. »Doch öffne dein Visier
-und zeige deine Farben, mein Kamerad soll nun auch wissen, mit
-wem er spricht: das ist der umsichtige, rechtskundige, fürtreffliche
-Herr <em class="antiqua">Juris utriusque</em> Doctor Lanbek, leiblicher Sohn
-des berühmten Landschaftskonsulenten Lanbek, welchem er als
-Aktuarius substituiert ist; ein vortrefflicher Junge, <em class="antiqua">Parole
-d'honneur</em>, wenn er sich nicht in neuerer Zeit hin und wieder<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span>
-durch sonderbare <span id="corr205">Melancholie</span> prostituierte, noch trefflicher, wenn
-ihm der Herr auch einen Sinn für das schöne Geschlecht eingepflanzt
-hätte.«</p>
-
-<p>Lanbek nahm bei diesen Worten die Maske ab und zeigte
-dem neuen Bekannten ein errötendes Gesicht von hoher Schönheit.
-Unter dem Turban stahlen sich gelbe Locken hervor und
-umwallten kunstlos und ungepudert die Stirne. Eine kühn
-gebogene Nase und dunkle, tiefblaue Augen gaben seinem Gesicht
-einen Ausdruck von unternehmender Kraft und einen tiefen
-Ernst, der mit den weichen Haaren und ihrer sanften Farbe in
-überraschendem Widerspruch war. Doch das Strenge dieser
-Züge und dieser Augen milderte ein angenehmer Zug um den
-Mund, als er antwortete: »Ich öffne mein Visier und zeige
-Euch ein Gesicht, das Euch recht herzlich bei uns willkommen
-heißt. Ich trinke auf Euer Wohl dieses Glas, dann aber werdet
-Ihr entschuldigen, wenn ich aufbreche.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Pro poena</em> trinkst du zwei,« rief der Kapitän mit
-komischem Pathos, indem er einen ungeheuren Hausschlüssel
-aus der Tasche nahm und ihn als Zepter gegen den Sarazenen
-senkte. »Hast du so wenig Ehrfurcht vor deinem Senior, daß
-du dich erfrechst, <em class="antiqua">in loco</em> Gläser zu trinken, ohne daß sie dir
-ordentlich vom Präses diktiert sind? <em class="antiqua">O tempora, o mores!</em>
-Wo ist Zucht und Sitte dieser Füchse hin? Pinassa! Zu unserer
-Zeit war es doch anders!«</p>
-
-<p>Die jungen Männer lachten über diese klägliche Reminiszenz
-des ehemaligen Amicistenseniors; der Kapitän aber faßte
-Lanbek schärfer ins Auge und sagte: »Herr Bruder, nimm mir's
-nicht übel, aber in dir steckte schon lange etwas wie ein Fieber,
-und heute abend ist die Krisis; ich setze meine verlorene Flasche,
-davon geht nichts ab, aber ich wette zehn neue; sei ehrlich, Gustav
-&ndash; du warst heute abend schon als Bauer hier, und dein Alter
-weiß nichts vom Sarazenen.«</p>
-
-<p>Gustav errötete, reichte dem Freunde die Hand und winkte
-ihm ein Ja zu.</p>
-
-<p>»Alle Tausend!« rief der Kapitän. »Junge, was treibst
-du? Wer hätte das hinter dem stillen Aktuarius gesucht? Auf
-dem Karneval das Kostüm zu ändern! Und so ängstlich, so
-geheimnisvoll, so abgebrochen; willst du etwa dem Juden zu
-Leibe gehen?«</p>
-
-<p>Der Gefragte errötete noch tiefer und nahm schnell die
-Maske vor; ehe er noch antworten konnte, sagte Reelzingen:
-»Herr Bruder, du bringst mich auf die rechte Fährte. Wo habt<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span>
-ihr beide, du und die Orientalin, die der Finanzdirektor führte,
-das Zeug zu euren Turbanen gekauft? Gustav, Gustav!« setzte
-er, mit einem Finger drohend, hinzu. »Du wohnst dem Juden
-gegenüber, ich wette, du weißt, wer die stolze Donna ist, die er
-führt.«</p>
-
-<p>»Was weiß ich!« murmelte Lanbek unter seiner Larve.</p>
-
-<p>»Nicht von der Stelle, bis du es sagst,« rief der Kapitän;
-»und wenn du auf deinem Trotz beharrst, so schleiche ich mich an
-die Orientalin und flüstere ihr ins Ohr, der Sarazene habe mich
-in sein Geheimnis eingeweiht.«</p>
-
-<p>»Das wirst du nicht tun, wenn ich dich ernstlich bitte, es
-zu unterlassen,« erwiderte der junge Mann, wie es schien, sehr
-ernst; »wenn ich übrigens Vermutungen trauen darf, so ist es
-Lea Oppenheimer, des Ministers Schwester. Und nun adieu!
-Wenn ihr mir im Saal begegnen solltet, kennt ihr mich nicht,
-und Reelzingen, wenn mein Vater fragt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So weiß ich nichts von dir, versteht sich,« erwiderte dieser.
-Der Sarazene erhob sich und ging. Die Freunde aber sahen
-einander an, und keiner schien zu wissen, ob er recht gehört
-habe, oder wie er dies alles deuten sollte. »Hat denn der Jude
-eine Schwester?« fragte Pinassa.</p>
-
-<p>»Man sprach vor einiger Zeit davon, daß er eine Schwester
-zu sich genommen habe, doch hielt man sie für noch ganz jung,
-weil sie sich nirgends sehen läßt;« erwiderte Reelzingen nachdenklich.
-»Und wie er errötete, Herr Bruder, du wirst sehen,
-da läßt auch einmal wieder der Satan einen vernünftigen
-Jungen einen dummen Streich machen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>3.</h4>
-</div>
-
-<p>Lanbek irrte, als er die Freunde verlassen hatte, in den
-Sälen umher; seine Blicke gleiteten unruhig über die Menge
-hin, sein Gesicht glühte unter der Larve, und mühsam mußte
-er oft nach Atem suchen, so drückend war die Luft in dem Saale
-und so schwer lag Erwartung, Sehnsucht und Angst auf seinem
-Herzen. Dichter und stürmischer drängte sich die Menge, als
-er in die Mitte des zweiten Saales kam; mit Mühe schob er
-sich noch eine Zeitlang durch, aber endlich riß ihn unwillkürlich
-der Strom fort, der sich nach einer Seite hindrängte, und ehe
-er sich dessen versah, stand er an einem Spieltisch, wo <em class="gesperrt">Süß</em> mit
-einigen seiner Finanzräte Karten spielte. Große Haufen Goldes
-lagen auf dem Tische, und die neugierige Menge beobachtete<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span>
-den berühmtesten Mann ihres Landes und teilte sich flüsternd
-und murmelnd Bemerkungen mit über die ungeheuren Summen,
-die er, ohne eine Miene zu verändern, hingab oder gewann.</p>
-
-<p>Gustav hatte den Gewaltigen noch nie so in der Nähe beobachtet
-wie jetzt, da er, festgehalten durch die Menge, die wie
-eine Mauer um ihn stand, zum unwillkürlichen Beobachter wurde.
-Er gestand sich, daß das Gesicht dieses Mannes von Natur schön
-und edel geformt sei, daß sogar seine Stirne, sein Auge durch
-Gewohnheit zu herrschen etwas Imponierendes bekommen haben;
-aber feindliche, abstoßende Falten lagen zwischen den Augenbrauen
-da, wo sich die freie Stirne an die schön geformte
-Nase anschließen wollte, das Bärtchen auf der Oberlippe konnte
-einen hämischen Zug um den Mund nicht verbergen; und wahrhaft
-greulich schien dem jungen Mann ein heiseres, gezwungenes
-Lachen, womit der jüdische Minister Gewinn oder Verlust
-begleitete.</p>
-
-<p>Während die Herren, von der Menge umlagert, spielten
-und auf irgend etwas zu warten schienen, trat ein Mann in der
-Kleidung eines Bauern aus der Steinlach aus den Reihen der
-Neugierigen; ein alter Hut auf dem Kopf, eine grobe blaue
-Jacke, eine rote Weste mit großen Knöpfen von Zinn, Beinkleider
-von gelbem Leder und schwarze Strümpfe machten sein
-unscheinbares Kostüm aus; aber er trug eine sehr feine, gutgemalte
-Larve. Er stützte sich nach Art der Landleute mit der
-Hand auf den fünf Fuß hohen Knotenstock, legte sein Kinn auf
-die Hand und sprach in gut nachgeahmtem Dialekt des Steinlachtals:
-»Viel Geld habt Ihr daliegen, Herr! Und habt alles
-selbst verdient?«</p>
-
-<p>Der Minister sah sich um und bemühte sich, über diese
-Maskenfreiheit zu lächeln. Vielleicht mochte ihm diese Gelegenheit
-erwünscht kommen, um sich ein populäres Ansehen zu geben,
-denn er antwortete freundlich: »Guten Abend, Landsmann.«</p>
-
-<p>»Euer Landsmann bin ich gerade nicht,« erwiderte der
-Bauer mit großer Ruhe: »so wie ich tragen sich gewöhnlich
-die Mausche nicht.« Ein unterdrücktes Lachen flog durch die
-Reihen der Zuschauer. Der Minister schien es aber nicht zu
-bemerken, denn er fuhr ganz leutselig fort: »Du bist witzig,
-mein Freund.«</p>
-
-<p>»Gott bewahr' mich, daß ich Euer Freund sei, Herr Süß,«
-entgegnete der Bauer. »Wär' ich Euer Freund, so ging' ich
-wohl nicht in dem schlechten Rock und durchlöcherten Hut; Ihr
-macht ja Eure Freunde reich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, dann muß ganz Württemberg mein Freund sein,
-denn ich mache es reich,« sagte Süß und begleitete seine Rede
-mit heiserem, unangenehmem Lachen.</p>
-
-<p>»Ihr seid ein Allerweltsgoldmacher,« entgegnete der
-Bauer. »Wie schön diese Dukaten sind; wieviel Schweißtropfen
-armer Leute gehen wohl auf ein solches Goldstück?«</p>
-
-<p>»Du bist ein kapitaler Kerl!« rief Süß, ganz ruhig weiter
-spielend.</p>
-
-<p>Als der Bauer zu einer neuen Rede ansetzen wollte, zog
-eine neue Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein
-Mann, dessen Kostüm beinahe ebenso war wie des Bauers, nur
-hatte er einen langen, spitzen Bart am Kinn, und trug einen
-Tressenrock. Der Bauer sah ihn eine Zeitlang verwundert an,
-schüttelte ihm dann die Hand und rief: »Ei Hans! Wo kommst
-du her, und so schmuck und stattlich! Gar nicht mehr wie unsereiner!«</p>
-
-<p>»Das macht,« erwiderte Hans, indem er aus einer silbernen
-Dose schnupfte, »ich bin bei einem vornehmen Herrn in
-Dienst getreten.«</p>
-
-<p>»Wer ist denn dein Herr?« fragte der Bauer.</p>
-
-<p>»Ein Schinder, aber ein vornehmer. Meinst du, er schindet
-gemeines Vieh, Pferde, Hunde und dergleichen? Nein, ein
-Leuteschinder ist er und noch überdies ein Kartenfabrikant.«</p>
-
-<p>»Ein Kartenfabrikant?« rief der Bauer.</p>
-
-<p>»Jawohl, denn alle Karten im Lande muß man von ihm
-kaufen, er stempelt sie; er ist aber auch ein Gerber.«</p>
-
-<p>»Wie das?«</p>
-
-<p>»Nun alle Gerber im Lande müssen die Häute gegerbt von
-ihm kaufen; er ist aber auch ein Prägestock.«</p>
-
-<p>»Wie! ein Prägestock?«</p>
-
-<p>»Ja, er macht alles Geld, was im Lande ist.«</p>
-
-<p>»Das ist erlogen,« sagte der Bauer, »du willst sagen, er
-macht alles zu Geld, was im Lande ist; aber darum ist er noch
-kein Prägestock. Es gibt nur <em class="gesperrt">einen</em> Prägestock in Württemberg,
-der dem Land seinen Namenszug aufgedrückt hat.«</p>
-
-<p>Die Menge hatte bisher nur ihren Beifall gemurmelt,
-aber bei der letzten Anspielung auf die Münze brach sie in lautes
-Gelächter aus; die Stirne des Gewaltigen verfinsterte sich
-etwas, aber noch immer spielte er ruhig weiter.</p>
-
-<p>»Aber warum hast du dir den Bart so spitzig wachsen
-lassen?« fragte der Bauer weiter. »Das sieht ja ganz jüdisch
-aus.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist halt so Mode,« erwiderte Hans, »seit die Juden
-Meister im Lande sind; bald will ich vollends ganz jüdisch
-werden.«</p>
-
-<p>Als Hans diese letzten Worte sprach, rief eine vernehmliche
-Stimme aus dem dicksten Haufen: »Warte noch ein paar
-Wochen, Hans, dann kannst du gut katholisch werden.«</p>
-
-<p>Wem je der schreckliche Anblick wurde, wie in einer volkreichen
-Straße, durch Unvorsichtigkeit oder Bedacht entzündet,
-eine Tonne Pulvers aufspringt, dem bot sich kaum eine so seltsame
-Szene dar, als die, welche diese wenigen geheimnisvollen
-Worte hervorbrachten. Der Minister, bleich wie eine Leiche,
-springt vom Sessel auf, er wirft die Karten mit wütendem Blick
-auf den Tisch: »Wer sagt dies? Greift ihn im Namen des
-Herzogs!« ruft er und stürzt, wie von einer unsichtbaren Macht
-getrieben, auf die Menge; seine Genossen, nicht weniger bestürzt,
-aber besonnener, ergreifen seinen Arm und ziehen ihn
-zurück, suchen ihn zu beschwichtigen &ndash; sein dunkles Auge will
-sich durch die Menge bohren, um den Gegenstand seiner Wut zu
-fassen, die Masken murmeln unwillig und drängen sich; doch
-als der gefürchtete Mann seine Hand nach dem Bauer ausstreckt
-und ruft: »So sollst du mir für ihn haften,« da ist er plötzlich
-von einer drohenden Menge umringt. »Maskenfreiheit,
-Jude!« hört man in dumpfen, gefährlichen Tönen, der Bauer
-und sein Geselle sind in einem Augenblick von ihm getrennt,
-verschwunden, und so schnell als er vorhin umringt war, ist
-er wieder verlassen, denn die Menge zerstiebt, von geheimer
-Furcht gejagt, nach allen Seiten.</p>
-
-<p>Das Gedränge riß Gustav Lanbek mit sich hinweg; seine
-Gedanken verwirrten sich, es war ihm noch nicht möglich, sich
-klar vorzustellen, was diesen seltsamen Auftritt verursacht haben
-könnte. So stand er einige Augenblicke in seinen Gedanken verloren,
-als er plötzlich seine Hand von einer andern ergriffen
-fühlte; er sah sich um, die Orientalin stand vor ihm.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>4.</h4>
-</div>
-
-<p>»Wo stammt die Rose her auf deinem Hut, Maske?« fragte
-die Orientalin mit zitternder Stimme.</p>
-
-<p>»Vom See Tiberias,« war die Antwort des Sarazenen.</p>
-
-<p>»Schnell! Folgen Sie mir!« rief die Dame und schlüpfte
-durchs Gedränge. Er folgte, mit Mühe sich durch die Massen
-schiebend, und nur ihr Turban zeigte ihm hin und wieder den<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span>
-Weg; sein Herz pochte lauter, sein Ohr trug noch die letzten
-Laute dieser süßen Stimme, und sein Auge sah keinen andern
-Gegenstand mehr als sie. In einer dunkleren Ecke des zweiten
-Saales hielt sie an und wandte sich um. »Gustav, ich beschwöre
-Sie, was ist mit meinem Bruder vorgefallen? Die Menschen
-flüstern allenthalben seinen Namen; ich weiß nicht, was sie
-sagen, aber ich denke, es ist nichts Gutes; hat er Streit gehabt?
-Ach, ich weiß wohl, diese Menschen hassen unser Volk.«</p>
-
-<p>Der junge Mann war in peinlicher Verlegenheit. Sollte
-er mit einemmal den arglosen Wahn dieses liebenswürdigen
-Geschöpfes zerstören? Sollte er ihr sagen, daß auf ihrem
-Bruder der Fluch der Württemberger ruhe, daß sie für alle
-Menschen beten, und nur ihn aus dem Gebet ausschließen, daß
-es zur Sitte geworden sei, zu bitten: »Herr erlöse uns von
-dem Uebel und von dem Juden Süß.« &ndash; »Lea,« antwortete er
-sehr befangen, »Ihr Bruder wurde von einigen Masken im
-Spiel gestört und hatte einen Wortwechsel, der vielleicht gerade
-an diesem Ort auffiel, ängstigen Sie sich nicht.«</p>
-
-<p>»Was bin ich doch für ein törichtes Mädchen!« sagte sie.
-»Ich habe so schwere Träume, und dann bin ich den Tag über
-so traurig und niedergeschlagen. Und so reizbar bin ich, daß
-mich alles erschreckt, daß ich immer gleich an meinen Bruder
-denke und glaube, es könnte ihm Unglück zugestoßen sein.«</p>
-
-<p>»Lea,« flüsterte der junge Mann, um diese Gedanken zu
-zerstreuen, »erinnerst du dich, was du versprachst, wenn wir uns
-auf dem Karneval träfen? Wolltest du mir nicht einmal eine
-einsame Stunde schenken, wo wir recht viel plaudern könnten?«</p>
-
-<p>»Ich will,« sagte sie nach einigem Zögern; »Sara, meine
-Amme, steht am Ausgang und wird mich begleiten. Doch wo?«</p>
-
-<p>»Dafür ist gesorgt,« erwiderte er; »folge mir, verliere mich
-nicht aus dem Auge; am Eingang rechts.«</p>
-
-<p>Der erfinderische Sinn des jüdischen Ministers hatte, als
-er den Karneval in Stuttgart arrangierte und diese Säle schnell
-aus Holz aufrichten ließ, dafür gesorgt, daß, wie in großen
-Häusern und Schlössern, an diese Säle auch kleinere Zimmer
-stoßen möchten, wo kleine Zirkel ein Abendessen verzehren
-konnten, ohne gerade im allgemeinen Speisesaal ihr Inkognito
-abzulegen. Der Aktuarius hatte durch eine dritte Hand und
-hinlängliche Bezahlung sich den Schlüssel zu einem dieser Zimmer
-zu verschaffen gewußt, eine kleine Kollation stand dort
-bereit, und Lea freute sich über diese Artigkeit des jungen
-Christen, der sein möglichstes getan hatte, den Sinn einer in<span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span>
-der Küche erfahrenen Dame zu befriedigen, obgleich das
-Zimmerchen, das nur einen Tisch und wenige Stühle von leichtem
-Holz enthielt, wenig Bequemlichkeit bot.</p>
-
-<p>»Wie bin ich froh, endlich die lästige Larve ablegen zu
-können!« sagte sie, als sie mit ihrer Amme eintrat; sie sah sich
-nach einem Spiegel um, und als sie nur leere Bretterwände erblickte,
-setzte sie lächelnd hinzu: »Sie müssen mir schon statt
-eines Spiegels dienen, Gustav, und sagen, ob diese drängende
-Menge mir den Haarputz nicht verdorben hat?«</p>
-
-<p>Entzückt und mit leuchtenden Augen betrachtete der junge
-Mann das schöne Mädchen. Man konnte ihr Gesicht die Vollendung
-orientalischer Züge nennen. Dieses Ebenmaß in den
-feingeschnittenen Zügen, diese wundervollen dunkeln Augen, beschattet
-von langen, seidenen Wimpern, diese kühngewölbten,
-glänzend schwarzen Brauen und die dunkeln Locken, die in so
-angenehmem Kontrast um die weiße Stirne und den schönen
-Hals fielen und den Vereinigungspunkt dieser lieblichen Züge,
-zarte rote Lippen und die zierlichsten weißen Zähne noch mehr
-hervorhoben; der Turban, der sich durch ihre Locken schlang,
-die reichen Perlen, die den Hals umspielten, das reizende und
-doch so züchtige Kostüm einer türkischen Dame &ndash; sie wirkten,
-verbunden mit diesen Zügen, eine solche Täuschung, daß der
-junge Mann eine jener herrlichen Erscheinungen zu sehen
-glaubte, wie sie Tasso beschreibt, wie sie die ergriffene Phantasie
-der Reisenden bei ihrer Heimkehr malte.</p>
-
-<p>»Wahrlich,« rief er, »du gleichst der Zauberin Armida,
-und so denke ich mir die Töchter deines Stammes, als ihr noch
-Kanaan bewohntet. So war Rebekka und die Tochter Jephthas.«</p>
-
-<p>»Wie oft schon habe ich dies gesagt,« bemerkte Sara, »wenn
-ich mein Kind, meine Lea in ihrer Pracht anblickte; die Poschen
-und Reifröcke, die hohen Absatzschuhe und alle Modewaren stehen
-ihr bei weitem nicht wie diese Tracht.«</p>
-
-<p>»Du hast recht, gute Sara,« erwiderte der junge Mann;
-»doch setze dich hier an den Tisch; du hast zu lange unter Christen
-gelebt, um vor diesem Punsch und diesem Backwerke zurückzuschaudern;
-unterhalte dich gut mit diesen Dingen.«</p>
-
-<p>Sara, welche den Sinn und die Weise des Nachbars kannte,
-sträubte sich nicht lange und erbarmte sich über die Kunstprodukte
-der Zuckerbäcker; der junge Mann aber setzte sich einige
-Schritte vor ihr neben die schöne Lea. »Und nun aufrichtig,
-Mädchen,« sagte er, »du hast Kummer, du hast gestern kaum<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span>
-das Weinen unterdrückt, und auch heute wieder ist eine Wolke
-auf dieser Stirne, die ich so gern zerstreuen möchte. Oder
-glaubst du etwa nicht, ungläubiges Kind, daß ich dein Freund
-bin und gern alles tun möchte, um dich aufzuheitern?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es ja, o, ich sehe es ja immer und auch heute
-wieder,« sagte sie, mühsam ihre Tränen bekämpfend, »und es
-macht mich ja glücklich. Als Sie mich das erste Mal an unserem
-Gartenzaun grüßten, als Sie nachher, es war Anfang Oktober,
-mit mir über den Zaun hinübersprachen, und nachher und immer
-so freundlich und traulich waren, gar nicht wie andere Christen
-gegen uns, da wußte ich ja wohl, daß Sie es gut mit mir meinen,
-und &ndash; es ist ja mein einziges, mein stilles Glück!« Sie sagte
-es, und einzelne Tränen stahlen sich aus den schönen Augen,
-indem sie sich bemühte, ihn freundlich und lächelnd anzusehen.</p>
-
-<p>»Aber dennoch&nbsp;&ndash;« fragte Gustav.</p>
-
-<p>»Aber dennoch bin ich nicht glücklich, nicht ganz glücklich.
-In Frankfurt hatte ich meine Gespielinnen, hatte meine eigene
-Welt, wollte nichts von der übrigen. Ich dachte nicht nach
-über unsere Verhältnisse, es kränkte mich nicht, daß uns die
-Christen nicht achteten, ich saß in meinem Stübchen unter Freunden,
-und wollte nichts von allem, was draußen war. Mein
-Bruder ließ mich zu sich nach Stuttgart bringen. Man sagte
-mir, er sei ein großer Herr geworden, er regiere ein Land, in
-seinem Hause sei es herrlich und voll Freude, und die Christen
-leben mit ihm, wie wir unter uns; ich gestehe, es freute mich,
-wenn meine Freundinnen meine Zukunft so glänzend ausmalten;
-welches Mädchen hätte sich an meiner Stelle nicht gefreut?«</p>
-
-<p>Tränen unterbrachen sie aufs neue, und der junge Mann,
-voll Mitleid mit ihrem Kummer, fühlte, daß es besser sei, ihre
-Tränen einige Augenblicke strömen zu lassen. Es gibt ein
-Gefühl in der menschlichen Brust, das wehmütiger macht als jeder
-andere Kummer; ich möchte es Mitleiden mit uns selbst heißen,
-es übermannt uns, wenn wir am Grabe zerstörter Hoffnungen
-in die Tage zurückgehen, wo diese Hoffnungen noch blühten,
-wenn wir die fröhlichen Gedanken zurückrufen, mit welchen
-wir einer heiteren Zukunft entgegengingen; wahrlich, dieser
-bittere Kontrast hat wohl schon stärkere Herzen in Wehmut
-aufgelöst als das Herz der schönen Jüdin.</p>
-
-<p>»Ich habe alles anders gefunden,« fuhr Lea nach einer
-Weile fort. »In meines Bruders Hause bin ich einsamer als
-in meiner Kindheit. Ich darf nicht kommen, wenn er Bälle und
-große Tafeln gibt. Die Musik tönt in mein einsames Zimmer,<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span>
-man schickt mir Kuchen und süße Weine wie einem Kinde, das
-noch nicht alt genug ist, um in Gesellschaft zu gehen. Und wenn
-ich meinen Bruder bitte, mich doch auch einmal, nur in seinem
-Hause wenigstens, teilnehmen zu lassen, so schlägt er es entweder
-ganz kalt ab, oder wenn er gerade in sonderbarer Laune war,
-erschreckte er mich durch seine Antwort.«</p>
-
-<p>»Was antwortete er denn?« fragte der Jüngling gespannt.</p>
-
-<p>»Er sieht mich dann lange und seufzend an, seine Augen
-werden trüber, seine Züge düster und melancholisch, und er
-antwortet: Ich dürfe nicht auch verloren gehen; ich solle unablässig
-zu dem Gott unserer Väter beten, daß er mich fromm und
-rein erhalte, auf daß meine Seele ein reines Opfer werde für
-<em class="gesperrt">seine</em> Seele.«</p>
-
-<p>»Törichter Aberglaube!« rief der junge Mann unmutig.
-»Darum also sollst du, armes Kind, allen Freuden des Lebens
-entsagen, damit er&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Hat er sich denn so arg versündigt?« fragte Lea, als ihr
-Freund, wie bei einer unbesonnenen Rede, schnell abbrach. »Was
-soll ich denn büßen? Solche hingeworfenen Worte machen mich
-so unglücklich: es ist mir, als schwebe irgend ein Unglück über
-meinem Bruder, auch sei nicht alles recht, was er tut. Niemand
-steht mir darüber Rede, auch Saras Worte kann ich nicht deuten,
-denn wenn ich sie darüber befrage, weicht sie aus oder nennt
-ihn geheimnisvoll den Rächer unseres Volkes.«</p>
-
-<p>»Sie ist nicht klug,« erwiderte der junge Mann befangen;
-»dein Bruder hat, wie es überall geht, eine mächtige Gegenpartei;
-manche seiner Finanzoperationen werden getadelt. Aber
-wegen seiner darfst du ruhig schlafen,« setzte er bitter lachend
-hinzu, »der Herzog hat ihm heute einen Freibrief geschenkt,
-der ihn vor jeder Gefahr und Verantwortung sichert.«</p>
-
-<p>»O, wie danke ich dies dem guten Herzog!« sagte sie aufgeheitert,
-indem sie die dunklen Locken aus der weißen Stirne
-strich. »So hat er also gar niemand zu fürchten? Die Christen
-können ihn nicht verfolgen? &ndash; Sie antworten nicht? Gestehen
-Sie nur, Gustav, Sie sind meinem armen Bruder gram?«</p>
-
-<p>»Deinem <em class="gesperrt">armen</em> Bruder? &ndash; Wenn er arm wäre, könnte
-ich ihn vielleicht um seines Verstandes willen ehren! Aber was
-geht uns dein Bruder an,« fuhr Lanbek düster lächelnd fort;
-»ich liebe dich, und hättest du alle bösen Engel zu Brüdern; aber
-<em class="gesperrt">eines</em> versprich mir, Lea, die Hand darauf.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn erwartungsvoll und zärtlich an, indem sie ihre
-Hand in die seinige legte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span></p>
-
-<p>»Bitte deinen Bruder niemals wieder,« fuhr er fort, »dich
-zu seinen Zirkeln zuzulassen. Mag er nun Gründe haben, welche
-er will, es ist gut, wenn du nicht dort bist. So viel kann ich
-dir versichern,« setzte er mit blitzenden Augen hinzu, »wenn
-ich wüßte, daß du ein einzigesmal dort gewesen, kein Wort mehr
-würde ich mit dir sprechen!«</p>
-
-<p>Befangen und mit Tränen im Auge wollte sie eben um
-Aufschluß über dieses neue Rätsel bitten, als ein lauter Zank
-im Nebenzimmer die Liebenden aufstörte. Mehrere Männer
-schienen mit der Polizei sich zu streiten, man hatte die Türe
-des Kabinetts gesprengt, und über diesen Eingriff in die Rechte
-des Karnevals wurde schnell und mit Heftigkeit gestritten.</p>
-
-<p>»Mein Gott! das ist meines Vaters Stimme,« rief der
-junge Lanbek, »schleiche dich mit Sara in den Saal, Mädchen;
-nehmet den Schlüssel dieser Türe zu euch, vielleicht können wir
-später uns wiedersehen.« Er drückte der überraschten Lea schnell
-einen Kuß auf die Stirne, nahm seine Maske vor, und noch ehe
-sie sich über diesen schnellen Wechsel besinnen konnte, war der
-Aktuarius schon aus der Tür gestürzt. Im Korridor, den er
-jetzt betrat, stand schon eine dichte Menschenmasse um die geöffnete
-Tür des Nebenzimmers versammelt. Deutlicher vernahm
-er die gewichtige, tiefe Stimme seines Vaters; er stieß
-und drängte sich wie ein Wütender durch und kam endlich in
-das Gemach. Fünf alte Herren, die ihm als ehrenwerte Männer
-und Freunde seines Vaters wohlbekannt waren, standen um den
-alten Landschaftskonsulenten Lanbek; die einen zankten, die
-andern suchten zu beruhigen. Es war damals eine gefährliche
-Sache, mit der Polizei in Streit zu geraten; sie stand unter dem
-besondern Schutz des jüdischen Ministers, und man erzählte
-sich mehrere Beispiele, daß biedere, ruhige Bürger und Beamte,
-vielleicht nur weil sie einem Diener dieser geheimen Polizei
-widersprochen oder Gewalttätigkeiten verhindert hatten, mehrere
-Wochen lang ins Gefängnis geworfen und nachher mit der
-kahlen Entschuldigung es sei aus Versehen geschehen, entlassen
-worden waren. Doch der alte Lanbek schien keine Furcht vor
-diesen Menschen zu kennen; er bestand darauf, daß die Häscher
-das Zimmer sogleich verlassen müßten, und es wäre vielleicht
-zu noch schlimmeren Händeln als einem Wortwechsel gekommen,
-wenn nicht in diesem Augenblick ein ganz anderer Gegenstand
-die Aufmerksamkeit des Anführers der Häscher auf sich gezogen
-hätte. Der junge Lanbek hatte sich beinahe bis an die Seite
-seines Vaters vorgedrängt, bereit, wenn es zu Tätlichkeiten<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span>
-kommen sollte, den alten Herrn kräftig zu unterstützen. Er
-hatte eben seine Maske fester gebunden, damit sie ihm im Handgemenge
-nicht verloren gehen möchte, als ihn der Polizeidiener
-erblickte und mit lauter Stimme, indem er auf ihn deutete, rief:
-»Im Namen des Herzogs, diesen greift, den Türken dort, der
-ist der Rechte!«</p>
-
-<p>Die Ueberraschung und sechs Arme, die sich plötzlich um
-ihn schlangen, machten ihn wehrlos. So nahe seinem Vater,
-der ihn hätte retten können, wagte er doch nicht, sich auch nur
-durch einen Laut zu erkennen zu geben, weil er den Zorn seines
-Vaters noch mehr fürchtete als die Gewalt des Juden.</p>
-
-<p>Die alten Herren waren stumm vor Staunen über diesen
-Vorfall, der Anführer der Häscher wurde, als er seinen Zweck
-erreicht hatte, artiger und entschuldigte sich, worauf jene kalt
-und abgemessen dankten. Willenlos ließ sich der junge Mann
-dahinführen. Die Menge, die sich vor der Tür versammelt
-hatte, teilte sich, aber manche schauten ihm neugierig in die
-Augen, um zu erraten, wer es sein möchte, den man hier mitten
-aus der öffentlichen Lust herausriß. Gustav hörte, als er weiter
-hingeführt wurde, einen schwachen Schrei; er sah sich um, und
-beim schwachen Schein der Lampen glaubte er, den Turban der
-schönen Orientalin gesehen zu haben. Schmerzlich bewegt ging
-er weiter, und erst, als die kalte Winternacht schneidend auf ihn
-zuwehte, erwachte er aus seiner Betäubung und übersah nicht
-ohne Besorgnis die Folgen, die seine Gefangennehmung haben
-könnte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>5.</h4>
-</div>
-
-<p>Die Polizeidiener hatten den Sarazenen, wahrscheinlich
-aus Rücksicht auf seine feine und reiche Kleidung, in das Offizierszimmer
-der Hauptwache gebracht. Der wachhabende Offizier
-wies ihm mit einer mürrischen Verbeugung eine Bank, die
-in der fernsten Ecke des Zimmers stand, zu seiner Schlafstätte
-an, und ermüdet von dem langen Umherirren auf dem Ball,
-fand der junge Mann dieses Lager nicht zu hart, um nicht bald
-einzuschlafen.</p>
-
-<p>Trommeln weckten ihn am nächsten Morgen; schlaftrunken
-sah er sich in dem öden Gemach um, blickte bald auf sein hartes
-Lager, bald auf seine Kleidung, und nach einer geraumen Weile
-erst konnte er sich besinnen, wo er sei und wie er hierhergekommen.
-Er trat ans Fenster, noch war alles still auf dem
-Platze vor der Hauptwache, und nur die Kompagnie, die gerade<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span>
-vor seinem Fenster zur Ablösung aufzog, unterbrach die Stille
-des trüben Februarmorgens. Indem die Trommeln auf der
-Straße schwiegen, hörte er von der Stiftskirche acht Uhr schlagen,
-und der Ton dieser Glocke rief ihm alles Unangenehme und
-Besorgliche seiner Lage zurück. »Bald wird er nach dir fragen,«
-dachte er, »und wie unangenehm wird es ihn überraschen, wenn
-er hört, ich sei in der Nacht nicht zu Hause gekommen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im Hause des alten Landschaftskonsulenten Lanbek ging alles
-einen so geordneten Gang, daß dieses Ereignis allerdings sehr
-störend erscheinen mußte. Zu dieser Stunde pflegte der alte
-Herr, seit vielen Jahren, sein Frühstück zu nehmen; mit dem
-ersten Glockenschlag erschien dann, zugleich mit dem Diener, der
-den Kaffee auftrug, sein Sohn; man besprach sich über Tagesneuigkeiten,
-über den Gang der Geschäfte, und zu jener Zeit
-ließ es der allgewaltige Minister nicht an Stoff zu solchen Gesprächen
-fehlen. Das Gespräch war regelmäßig mit dem Frühstück
-zu Ende; der Aktuarius küßte dem Alten die Hand und
-ging dann, einen Tag wie den andern, ein Viertel vor neun Uhr
-nach seiner Kanzlei. Diese langjährige Sitte des Hauses rief
-sich Gustav in diesen Augenblicken zurück. »Jetzt wird Johann
-die Tassen bringen,« sagte er zu sich, »jetzt wird er erwartungsvoll
-nach der Türe sehen, weil ich noch nicht eingetreten bin,
-jetzt wird er mich rufen lassen; daß ich doch dem guten alten
-Herrn solchen Aerger bereiten mußte!« Er warf unwillig seinen
-Turban weg, stützte die Stirne in die Hand, und beschloß, den
-Offizier, sobald er wieder erscheinen würde, um die Ursache seiner
-Verhaftung zu fragen.</p>
-
-<p>Die Trommeln ertönten wieder, die Abgelösten zogen
-weiter, er hörte die Gewehre zusammenstellen und bald darauf
-trat ein Offizier in das halbdunkle Gemach. Er warf einen
-flüchtigen Blick nach seinem Gefangenen in der Ecke, legte Hut
-und Degen auf den Tisch und setzte sich nieder. Lanbek, der
-jenen nicht zuerst anreden mochte, bewegte sich, um anzudeuten,
-daß er nicht mehr schlafe. »<em class="antiqua">Bonjour</em>, mein Herr,« sagte der
-Offizier, als er ihn sah, »wollen Sie vielleicht mein Dejeuner
-mit mir teilen?«</p>
-
-<p>Die Stimme schien Gustav bekannt; er stand auf, trat höflich
-grüßend näher, und mit einem Ausruf des Staunens standen
-sich die beiden jungen Männer gegenüber. »<em class="antiqua">Parole d'honneur</em>,
-Herr Bruder!« rief der Kapitän von Reelzingen, »<em class="gesperrt">dich</em> hätte
-ich hier nicht gesucht! Wie kommst du in Arrest? Weiß Gott,<span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span>
-Blankenberg hat nicht unrecht, als er prätendierte, du werdest
-irgend etwas <em class="antiqua">contra rationem</em> riskieren.«</p>
-
-<p>»Ich möchte dich fragen, Kapitän,« entgegnete der junge
-Mann, »warum ich hier sitze? Mir hat kein Mensch den Grund
-angegeben, warum man mich gefangen nehme; du hast die Wache,
-Reelzingen; bitte dich, du mußt doch wissen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Dieu me garde!</em> Ich?« rief der Kapitän lächelnd. »Meinst
-du, er habe mich mit seiner besondern Aestimation beehrt und
-in seine Konfidenz gezogen? Nein, Herr Bruder! Als ich
-ablöste, sagte mir der Leutnant von gestern: ›Oben sitzt einer,
-den sie vom Karneval auf ausdrücklichen Befehl hergebracht
-haben.‹ Er pflegt es gewöhnlich so zu machen.«</p>
-
-<p>»Wer pflegt es so zu machen?« fragte Lanbek erblassend.</p>
-
-<p>»Wer?« erwiderte jener leise flüsternd; »dein Schwager
-<em class="antiqua">in spe</em>, der Jude.«</p>
-
-<p>»Wie?« fuhr jener errötend fort, »du glaubst, er selbst?
-Ich hoffte bisher, es sei vielleicht eine Verwechslung vorgefallen!
-Du hast wohl von dem Auftritte gehört, der, bald nachdem ich
-euch verlassen hatte, mit dem Juden vorfiel, man rief etwas von
-Katholischwerden, und da fuhr der Finanzminister auf&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was sagst du?« unterbrach ihn der Kapitän mit ernster
-Miene, indem er näher zu dem Freund trat und seine Hand
-faßte. »Das war es also? Uns hat man es anders erzählt;
-wie ging es zu? Was hat man gerufen?«</p>
-
-<p>Den Aktuarius befremdete der Ernst, den er auf den Zügen
-des sonst so fröhlichen und sorglosen Freundes las, nicht wenig;
-er erzählte den Vorfall, wie er ihn mit angesehen hatte, und sah,
-wie sich die Neugierde des Freundes mehr und mehr steigerte,
-wie seine Blicke feuriger wurden; als er aber beschrieb, wie
-Süß nach jenem geheimnisvollen Ausruf wütend geworden, aufgesprungen
-sei, da fühlte er die Hand des Kapitäns auf sonderbare
-Weise in der seinigen zucken. »Was bewegt dich so sehr?«
-fragte Gustav befremdet. »Wie nimmst du nur an solchen
-Karnevalsscherzen, die am Ende auf irgend eine Torheit hinauslaufen,
-solchen Anteil? Wenn ich nicht wüßte, daß du evangelisch
-bist, ich glaubte, mein Bericht habe dich beleidigt.«</p>
-
-<p>»Herr Bruder,« erwiderte der Kapitän, indem er seinen
-Ernst hinter einem gleichgültigen Lächeln zu verbergen suchte,
-»du kennst mich ja, mich interessiert alles auf der Welt, und ich
-bin erstaunlich neugierig; überdies ist manches ernster, als man
-glaubt, und im Scherz liegt oft Bedeutung.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>»Wie verstehst du das?« sagte der Aktuarius verwundert.
-»Was macht dich so nachdenklich? Hast du wieder Schulden?
-Kann ich dir vielleicht mit etwas dienen?«</p>
-
-<p>»Bruderherz,« entgegnete der Soldat, »du mußt in den
-letzten Wochen gewaltig verliebt gewesen sein, sonst wäre deinem
-klaren Blick manches nicht entgangen, was selbst an meinem
-leichten Sinn nicht vorüberschlüpfte. Sag einmal, was spricht
-der Papa von solchen Zeiten? Siehst du den Oberst von Röder
-nie bei ihm? Waren nicht am Freitagabend die Prälaten in
-eurem Hause?«</p>
-
-<p>»Du sprichst in Rätseln, Kapitän!« antwortete der junge
-Mann staunend. »Was soll mein Vater mit einem Oberst von
-der Leibschwadron und mit Prälaten?«</p>
-
-<p>»Freund, mach es kurz!« sagte Reelzingen. »Halte mich
-in solchen Dingen nicht für leichtsinnig; ich will mich nicht in
-euer Vertrauen eindrängen, aber ich kann dir sagen, daß ich
-dennoch schon ziemlich viel weiß, und &ndash; <em class="antiqua">Parole d'honneur!</em>«
-setzte er hinzu, »ich denke darüber, wie es einem Edelmann und
-meinem Portepee geziemt.«</p>
-
-<p>»Was geht mich dein alter Adelsbrief und dein neues
-Portepee an?« erwiderte der Aktuar; »und wie kommst du dazu,
-dich mit diesen Dingen gegen mich breit zu machen? Ich sage
-dir, daß ich von allem, was du da so geheimnisvoll schwatzest,
-keine Silbe verstehe, und kann dir mein Wort darauf geben,
-und damit genug, Herr von Reelzingen!«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">O mon Dieu!</em>« rief jener lächelnd; »Herr Bruder, wir
-sind nicht mehr in Leipzig, dies Zimmer ist nicht der göttliche
-Ratskeller, sondern eine Wachtstube; wir sind keine Musen
-mehr, sondern du bist herzoglicher Aktuar, und ich &ndash; Soldat;
-aber Freunde sind wir noch in Not und Tod, und darum sei vernünftig
-und brause nicht mehr auf wie vorhin. Ich glaube
-dir ja aufs Wort, daß du nichts weißt, aber gut wäre es von
-deinem Vater gewesen, wenn er dich präveniert hätte. Deine
-Amour mit der Jüdin ist überdies jetzt ganz und gar nicht an
-der Zeit, wir alle bitten dich, laß deine Scharmante, mit der
-du doch niemals eine vernünftige und ehrenvolle Liaison treffen
-kannst&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was wißt Ihr denn von diesem Verhältnis?« unterbrach
-ihn der junge Mann düster und erbittert. »Ich dächte, ehe
-ich Euch hierüber um Rat gefragt, könntet Ihr billigerweise mit
-Eurer Mahnung warten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span></p>
-
-<p>Der feurige junge Soldat, um seinem Freunde zu nützen,
-wollte eben in derselben Sprache etwas erwidern, als man an
-der Türe pochte. Der Kapitän schloß auf, und einer seiner Sergeanten
-winkte ihm, herauszutreten. Gustav hörte sie einige
-Worte wechseln und sah den Freund bald darauf mit verstörter
-Miene wieder zurückkehren: »Du bekommst einen sonderbaren
-Besuch,« flüsterte er ihm zu, »er wird gleich selbst eintreten, und
-ich darf nicht zugegen sein.«</p>
-
-<p>»Wer doch? Mein Vater?« fragte Gustav bestürzt.</p>
-
-<p>»Er kommt,« sagte der Kapitän, indem er eilends Hut und
-Degen vom Tische nahm, »<em class="gesperrt">der Jud Süß</em>!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>6.</h4>
-</div>
-
-<p>Vor der Tür des Offizierszimmers hatten seine Diener
-dem Minister den spanischen Mantel abgenommen, und er trat
-jetzt ein, stattlich geschmückt und vornehm gekleidet, wie es einem
-Günstling des Glücks und eines Herzogs in damaliger Zeit
-zukam. Er trug einen roten Rock mit goldenen Troddeln und
-Quasten besetzt; die goldgestickten Aufschläge seines Rocks gingen
-bis zum Ellbogen zurück, und die Weste von Goldbrokat reichte
-herab bis an das Knie. Ein kurzer, breiter Degen mit reichbesetztem
-Griff hing an seiner Seite, ein mächtiger Stock unterstützte
-seine Hand, und auf den reichen, hellbraunen Locken, die
-bis tief in den Nacken herabfielen, saß ein Hütchen von feinem
-schwarzen Wachstuch, mit Gold und weißen Federn verbrämt.
-Die Züge dieses merkwürdigen Mannes waren, in der Nähe
-betrachtet, zwar etwas zu kühn geschnitten, um schön und anmutig
-zu heißen, aber sie waren edler als sein Gewerbe und
-ungewöhnlich; sein dunkelbraunes Auge, das frei und stolz um
-sich blickte, konnte sogar für schön gelten; die ganze Erscheinung
-imponierte, und sie hätte sogar etwas Würdiges und Erhabenes
-gehabt, wäre es nicht ein hämischer, feindlicher Zug um die stolz
-aufgeworfenen Lippen gewesen, was diesen Eindruck störte und
-manchen, der ihm begegnete, mit unheimlichem Grauen füllte.</p>
-
-<p>Der Kapitän stand fest und aufgerichtet an der Tür, den
-Hut in der einen, den Degengriff in der andern Hand, als der
-Minister Süß eintrat. Dieser nahm sein Hütchen ab, musterte,
-auf seinen Stock gestützt, den Soldaten mit scharfem Blick und
-sagte dann kurz und mit leiser Stimme: »Wie ist der Name?«</p>
-
-<p>»Hans von Reelzingen, Kapitän im zweiten Grenadierbataillon,
-dritte Kompagnie.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>»Man hat studiert?« fuhr der Jude etwas artiger fort.</p>
-
-<p>»Die Jurisprudenz in Leipzig,« antwortete der Kapitän
-mit militärischer Kürze.</p>
-
-<p>»Wie lange dient der Herr Kapitän?«</p>
-
-<p>»Ein Jahr und zwei Monate; zuerst bei&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon gut,« unterbrach ihn der Minister mit einer gnädigen
-Bewegung der Hand; »können abtreten.«</p>
-
-<p>Der Kapitän Reelzingen verbarg seinen Verdruß über
-das stolze Wesen des Emporkömmlings unter einer tiefen Verbeugung
-und trat ab. Dem Aktuarius aber, obgleich er keine
-Menschenfurcht kannte, pochte das Herz, als er nun mit dem
-Mann allein war, vor dem ein ganzes Land mit abergläubischer
-Furcht zitterte. Er errötete unwillkürlich, als jener ihn lange
-und prüfend ansah und ihm Gelegenheit gab, auch seine Züge
-zu mustern und hin und wieder etwas zu finden, das ihn an
-die schöne Lea erinnerte. Der Minister setzte sich endlich in
-den Armstuhl, den die Offiziere der Garnison zur Bequemlichkeit
-dieses Zimmers gestiftet hatten, und winkte dem Sarazenen
-herablassend, sich auf einer Bank, die unfern stand, niederzulassen.</p>
-
-<p>»Junger Mann,« sprach er, »wenn Euch Eure eigene Ruhe
-und Wohlfahrt lieb ist, so antwortet mir auf das, was ich Euch
-fragen werde, offen und ehrlich; denn Ihr könnet leichtlich
-denken, daß es mir nicht schwer werden kann, Euch jeder Lüge,
-die Ihr wagtet, zu überweisen.«</p>
-
-<p>»Ich bin herzoglich württembergischer Aktuar,« erwiderte
-der junge Mann, »und der Eid, den ich als Christ und
-Bürger&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Laissez cela</em>,« fiel ihm der Jude ins Wort, »Ihr wäret
-nicht der erste, der seinen Eid gebrochen. Wer waren gestern,
-frag' ich, die beiden Masken, die sich an meinem Tisch zur Belustigung
-des Publikums unterhielten? Ihr wißt es, Ihr
-standet zunächst bei mir.«</p>
-
-<p>»Das ist mir nicht bekannt, Ew. Exzellenz,« sagte Gustav
-mit fester Stimme.</p>
-
-<p>»Nicht bekannt?« rief der Minister. »Bedenket wohl, was
-Ihr gesagt, ich stehe hier als Euer Richter; habt Ihr keinen an
-der Stimme gekannt?«</p>
-
-<p>»Keinen.«</p>
-
-<p>»Keinen?« fuhr jener heftiger fort. »Und Euren Vater
-solltet Ihr nicht an der Stimme kennen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span></p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Meinen Vater!</em>« rief der junge Mann erblassend;
-doch besonnen setzte er nach einer Weile hinzu: »Ihr irrt Euch,
-Herr Finanzdirektor, oder vielmehr, Ihr seid schlecht berichtet;
-mein Vater ist ein ruhiger, gesetzter Mann, und sein Charakter,
-sein Amt, seine Jahre verbieten ihm, das Publikum auf einem
-Maskenball zu amüsieren.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Sie sollten</em> es ihm verbieten,« erwiderte jener mit
-blitzenden Augen, »und ich werde Mittel finden, es ihm zu verbieten.
-Ich weiß recht wohl, daß ich diesen Herren von der
-Landschaft ein Dorn im Auge bin, und zwar aus dem einzigen
-Grund, weil die Herren nicht rechnen können; verständen sie
-das Einmaleins so gut wie ich, sie würden sehen, was dem
-Lande frommt. Noch ist aber nicht aller Tage Abend, und ich
-will diesen Rebellen zeigen, wer <em class="gesperrt">sie</em> sind und wer <em class="gesperrt">ich</em> bin!«</p>
-
-<p>»Herr Finanzdirektor!« rief der junge Mann mit der Röte
-des Unmutes auf den Wangen.</p>
-
-<p>»Herr Aktuarius?« erwiderte Süß mit spöttischem Lächeln.</p>
-
-<p>»Mein Vater ist ein Ehrenmann,« fuhr Gustav fort, ohne
-sich von der stolzen Miene des Gewaltigen einschüchtern zu
-lassen; »Sie sprechen von Rebellen? Wie können Sie sagen,
-daß mein Vater dem Herzog nicht immer treu gedient hat? Wie
-können Sie wagen, ihn einen Rebellen zu schimpfen?«</p>
-
-<p>»Wagen?« lachte Süß. »Hier ist von keiner Wagnis die
-Rede, Herr Aktuarius, aber Rebell ist jeder, der nur dem Land
-und nicht dem Herzog dient; er ist des Herzogs Diener, aber
-er dient ihm schlecht; doch das soll nicht lange mehr so bleiben.
-Das mögt Ihr übrigens dem Herrn Landschaftskonsulenten,
-Eurem Vater, sagen, daß ich recht wohl weiß, was die beiden
-Masken wollten, und daß sie es mit dem dritten abgekartet
-hatten; ich konnte ihn gestern nacht so gut wie Euch verhaften
-lassen, und wenn ich es <em class="gesperrt">nicht</em> tat, so verdankt er diese Schonung
-nur Euch!«</p>
-
-<p>»Mir?« antwortete der junge Mann staunend. »Mir?
-Und ist dies etwa auch Schonung, daß ich, ohne ein Verbrechen
-begangen zu haben, diese Nacht in diesem Zimmer zubringen
-durfte?«</p>
-
-<p>»Nein!« fuhr jener gütig lächelnd fort, »dies war nur zur
-Abkühlung auf Euer Rendezvous veranstaltet.« Er weidete sich
-einige Augenblicke an der Verlegenheit des Jünglings und fuhr
-dann fort: »Das gute Kind, wie hat sie mich gefleht und auf den
-Knieen gebeten, Euch zu retten! Sie glaubte nicht anders, als<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span>
-Ihr seiet wegen irgend eines Kapitalverbrechens gefangen. Wie?
-Und habt Ihr mir gar nichts zu sagen, Herr Lanbek?«</p>
-
-<p>»Ihr kanntet mich nicht,« erwiderte Gustav, »und es ist
-mir nun wohl begreiflich, warum Ihr so hart mit mir verfuhret;
-aber Leas Charakter hätte Euch wohl dafür bürgen können,
-daß nichts Strafbares in diesem Verhältnis liege.«</p>
-
-<p>»Wirklich? <em class="antiqua">Mort de ma vie!</em>« rief der Minister. »Nichts
-Strafbares? Meinen Sie, wenn ich etwas Strafbares in
-diesem Verhältnis ahnete, Sie hätten es mit einer Nacht auf
-der Wache abgebüßt? Bei den Gebeinen meiner Väter! Wenn
-ich &ndash; auf Neuffen oder Asperg gibt es Keller und Kasematten,
-wo kein Mond und keine Sonne scheint, da hätte ich den Herrn
-Sarazenen sitzen lassen, bis er sein Schwabenalter erreicht
-hätte. Oder meint Ihr etwa in Eurem christlichen Hochmut,
-einem Israeliten gelte die Ehre seiner Familie nicht ebenso hoch
-als einem Nazarener?«</p>
-
-<p>Der junge Mann erschrak vor dieser Drohung, denn er
-bedachte, daß es dem Allgewaltigen ein leichtes gewesen wäre,
-ihn spurlos von der Erde verschwinden zu lassen, aber sein
-mutiger Sinn lehnte sich auf gegen den Uebermut dieses Mannes,
-der seine Privatsache zu einer öffentlichen machte, und zur
-Wahrung seines Hausrechtes mit den Festungen des Landes
-drohte. »Exzellenz,« sagte er mit Blicken, vor welchen der
-Minister die Augen niederschlug, »wie Sie über Ihre eigene
-Ehre denken, weiß ich nicht, doch scheint es mir nicht sehr ehrenvoll
-zu sein, solche Drohungen auszustoßen. Mein Vater ist
-zwar nur ein geringer Mann im Vergleich mit einem so gewaltigen
-und hohen Herrn; aber der Landschaftskonsulent
-Lanbek weiß, wo man in Deutschland Gerechtigkeit findet.
-Wien ist nicht so fern von Stuttgart, und Euern Gnadenbrief
-von gestern hat der Kaiser nicht unterzeichnet; was aber die
-Ehre Eurer Schwester betrifft, so kann ich Euch versichern, daß
-sie mir nicht minder teuer ist als meine eigene.«</p>
-
-<p>»Ihr habt hübsche Anlagen zu einem Landschaftskonsulenten,«
-sagte der Jude ruhig lächelnd; »übrigens im Vertrauen
-gesagt, auf den Kaiser müßt Ihr nicht zu sehr pochen; wegen
-eines württembergischen Schreibers fängt man in Wien mit uns
-keine Händel an. Aber Ihr gefallt mir, mein Schatz; ich habe
-Eure Arbeiten loben hören, und Köpfe wie der Eure kann man
-zu etwas Besserem brauchen, als Akten zu heften und Fascikel
-zu binden; Ihr seid Expeditionsrat mit sechshundert Gulden<span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span>
-Besoldung, und es freut mich, daß ich der erste bin, der Euch
-hierzu gratuliert.«</p>
-
-<p>Der junge Mann sprang von seiner Bank auf und wollte
-reden, aber Ueberraschung und Schrecken schlossen ihm den Mund.
-Hundert Gedanken kreuzten sich in seinem Kopf. Es war nicht
-die Freude, vier Stufen, durch welche man sich sonst lange und
-mühevoll schleppte, nun in einem Augenblicke übersprungen zu
-haben, was seine Seele füllte; es war der schreckliche Gedanke,
-vor der Welt für einen Günstling dieses Mannes zu gelten,
-vor seinem Vater, vor allen guten Männern gebrandmarkt
-dazustehen.</p>
-
-<p>»Exzellenz!« sprach er befangen. »Ich darf, ich kann diese
-Gnade nicht annehmen! Bedenken Sie, was wird man sagen,
-so viele ältere, verdiente Männer&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was da! Ich habe Euch Platz gemacht,« antwortete der
-Jude in befehlendem Ton, »ich habe Euch zum Rat ernannt und
-Ihr seid es. Keinen Dank, keine übergroße Delikatesse, ich
-liebe das nicht. Nun,« fuhr er gütig, beinahe zärtlich fort,
-»und wie steht Ihr mit meiner Lea? Ihr habt mir ja das
-stille blöde Kind ganz verzaubert. Fürchtet Euch nicht vor mir,
-junger Herr, ich bin nicht der Mann, der gerade so sehr auf
-Reichtum sieht; Eure Familie gehört unter die ältesten und
-angesehensten Bürgerfamilien, und das gilt mir in diesem Fall
-so viel oder mehr als Reichtum. Euer Vater wird Euch zwar
-nicht viel mitgeben, aber mit mir sollt Ihr zufrieden sein; fürstlich
-will ich meine Lea ausstatten.«</p>
-
-<p>Die Felsenkeller von Neuffen und die tiefen Kasematten
-von Asperg wären in diesem Augenblick dem jungen Manne
-willkommener gewesen als diese Versicherung; er dachte an
-seinen stolzen Vater, an seine angesehene Familie, und so groß
-war die Furcht vor Schande, so tief eingewurzelt damals noch
-die Vorurteile gegen jene unglücklichen Kinder Abrahams, daß
-sie sogar seine zärtlichen Gefühle für die schöne Tochter Israels
-in diesem schrecklichen Augenblick übermannten. »Herr Minister!«
-sprach er zögernd, »Lea kann keinen wärmeren Freund als
-mich haben; aber ich fürchte, daß Sie dieses Gefühl falsch
-deuten, mit einem andern verwechseln, das &ndash; ich möchte nicht,
-daß Sie mich falsch verstehen, und Lea wird Ihnen nie gesagt
-haben, daß ich jemals davon gesprochen hätte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der stolze Mann errötete, warf seine Lippen auf, drückte
-die Augen beinahe zu, und an seiner Stirne begann eine Ader<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span>
-hoch anzuschwellen. »Was ist das?« sagte er streng. »Wie soll
-ich diese Redensart deuten?«</p>
-
-<p>»Herr Minister,« erwiderte Gustav gefaßter, »bedenken Sie
-doch den Unterschied der Religion.«</p>
-
-<p>»Habt Ihr diesen bedacht, Herr! als Ihr meiner Schwester
-diese Liebeleien in den Kopf setztet? Aber ich kann Euch darüber
-trösten, Lea wird Euch in dieser Hinsicht kein Hindernis
-geben. Ihr schweigt?« fuhr er heftiger fort, »soll ich mit
-Eurem Vater darüber reden, junger Mensch? War etwa meine
-Schwester gut genug dazu, Eure müßigen Stunden auszufüllen,
-zur Gattin aber wollt Ihr sie nicht? Wehe Euch, wenn Ihr
-so dächtet! Dich und deinen ganzen Stamm würde ich verderben!
-Euer Vater ist gestern eines schweren Verbrechens
-schuldig worden, es steht in meiner Hand, ihn zur Verantwortung
-zu ziehen; in Eure Hand lege ich nun das Schicksal Eures
-Vaters; entweder &ndash; Ihr macht Eure Unvorsichtigkeit gegen
-mein Haus gut und heiratet meine Schwester, oder ich erkläre
-Euch öffentlich für einen Schurken und lasse den Herrn Konsulenten
-in Ketten legen. Vier Wochen gebe ich Euch Bedenkzeit;
-mein Haus steht Euch offen, Ihr könnt Eure Braut besuchen,
-so oft Ihr wollt; vier Wochen, versteht Ihr mich? Jetzt seid
-Ihr frei, und morgen, Herr Expeditionsrat, werdet Ihr Euer
-Amt antreten.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten verbeugte er sich kurz und verließ
-stolzen Schrittes das Zimmer; dem Kapitän, den er im Vorzimmer
-traf, befahl er, Kleider für den Herrn Expeditionsrat
-herbeischaffen zu lassen und ihm seine Freiheit anzukündigen.</p>
-
-<p>Staunend über diesen ganzen Vorfall, besonders über die
-letzten Worte des Ministers, trat Reelzingen in sein Zimmer.
-Er fand den Freund bleich und verstört, die Arme über die Brust
-gekreuzt, das Haupt kraftlos auf die Brust herabgesunken. »Nun,
-sag mir ums Himmels willen,« fing der Kapitän an, indem er
-vor Gustav stehen blieb, »was wollte er bei dir? warum ließ
-er dich verhaften? Was hat sein Besuch zu bedeuten?«</p>
-
-<p>»Er kam, um mir zu gratulieren,« antwortete er mit sonderbarem
-Lächeln.</p>
-
-<p>»Zu gratulieren? Wozu? Daß du eine Nacht auf der
-Wache zubrachtest?«</p>
-
-<p>»Nein, weil ich in dieser Nacht Expeditionsrat geworden
-bin.«</p>
-
-<p>»Du?« rief der Kapitän lachend. »Gottlob, daß du so
-heiter bist und scherzen kannst; als ich hereintrat und dich sah,<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span>
-glaubte ich dich nicht so spaßhaft zu finden; aber im Ernst,
-Freund, was wollte der Jude?«</p>
-
-<p>»Ich sagte es ja, und es ist Ernst; zum Rat hat er mich
-gemacht. Ist das nicht ein schönes Avancement?«</p>
-
-<p>Der Kapitän sah ihn mit zweifelhaften Blicken lange an;
-endlich sagte er gerührt: »Nein, du kannst nicht auch zum Schurken
-werden, Gustav; Gott weiß, wie dies zusammenhängen mag!
-Aber siehe, wenn ich dich nicht so lange und so genau kennte &ndash;
-glaube mir, die Welt wird dich hart beurteilen; doch nein, du
-lächelst, gestehe, es ist alles Scherz. Expeditionsrat! Ebensogut
-könntest du seine Schwester heiraten.«</p>
-
-<p>»Ei, das wird ja auch geschehen,« sagte Lanbek düster
-lächelnd; »in vier Wochen, meint mein Schwager, soll die
-Hochzeit sein.«</p>
-
-<p>»Tod und Hölle!« fuhr der Kapitän auf, »mach mich nicht
-rasend mit diesen Antworten. Wahrhaftig, mit solchen Dingen
-ist nicht zu spaßen.«</p>
-
-<p>»Wer sagt dir denn, daß ich spaße?« erwiderte Lanbek, indem
-er langsam aufstand. »Es ist alles so, wie ich sagte, auf
-Ehre!«</p>
-
-<p>Dem Kapitän schwamm eine Träne im Auge, als er den
-Freund, den er geliebt hatte, also sprechen hörte; doch nur einen
-Augenblick gab er diesen weichern Empfindungen nach, dann trat
-er heftig auf den Boden, setzte seinen Hut auf und rief: »So
-sei der Tag verflucht, an welchem ich dich zum erstenmal sah
-und Bruder nannte. Geh, hilf deinem Juden, dem armen
-Land das Fell vollends vom Leibe ziehen, schinde dir auch ein
-Stück herunter und mach dich reich. O Lanbek, Lanbek! Aber
-mein Portepee, ja ein Jahr meines Lebens wollte ich verhandeln,
-um einem meiner Kameraden die Wache abzukaufen; ich
-selbst will die Exekution kommandieren, wenn man dich und
-den Juden zum Galgen führt.«</p>
-
-<p>»So hoch werde ich mich wohl nicht poussieren,« erwiderte
-Gustav ruhig und ernst; »aber meiner Leiche kannst du folgen,
-wenn sie mich morgen um Mitternacht neben der Kirchhofsmauer
-einscharren.«</p>
-
-<p>Der Kapitän sah ihn erschrocken an; er mochte tiefen Ernst
-auf der Stirne des jungen Mannes lesen, denn er wiederholte
-diesen Blick und begegnete Gustavs Auge. »Willst du mich fünf
-Minuten lang anhören, Reelzingen?« fragte er. »Du wirst
-dann über die Uneigennützigkeit dieses Ministers staunen. Sonst
-war doch der Preis einer Amtei zweitausend und ein Expeditionsrat<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span>
-galt seine dreitausend Gulden unter Brüdern; aber
-ich Glückskind bekomme ihn umsonst, rein <em class="antiqua">pour rien</em>! Denn
-das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Familie, der heitere
-Frieden meines Vaters &ndash; daß diese bei dem Handel verloren
-gehen, ist ja gering zu achten. Doch höre.«</p>
-
-<p>Staunend vernahm der Kapitän diese Worte; aufmerksam
-setzte er sich neben Gustav nieder. Je höher der Glaube an
-seinen Freund während seiner Erzählung stieg, desto ängstlicher
-wurde er für ihn und seine Familie besorgt. Er schloß
-ihn in seine Arme, er versuchte es, ihm Trost einzusprechen,
-obgleich er selbst an diese Trostgründe nicht glaubte. »Der Jude
-ist ein feiner Spieler,« sagte er, »deine besten Tarocks hat er
-dir abgejagt und das Spiel scheint in seiner Hand zu liegen;
-aber &ndash; er könnte sich verrechnet haben, wir wollen sehen, wie
-er beschlagen ist, wenn wir &ndash; Spadi anspielen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>7.</h4>
-</div>
-
-<p>Wir führen unsere Leser aus dem Offizierszimmer der
-Hauptwache in Stuttgart nach dem Hause des Landschaftskonsulenten
-Lanbek. In einem weiten, geräumigen Zimmer, dessen
-Hausrat nicht überladen und prächtig, aber solid und stattlich ist,
-finden wir einen ältlichen Mann von mehr als mittlerer Größe.
-Sein Gesicht und seine Gestalt beweisen, daß er, als er in den
-Fünfzigen stand, wohlbeleibt gewesen sein mochte, jetzt, zehn
-Jahre später, hatten sich Falten um Mund und Stirne gelegt,
-und der weite Schlafrock von feinem grünen Tuch, mit Pelz
-verbrämt, war für eine reichliche Fülle gefertigt und schlug jetzt
-weite Falten um den Leib; aber die rötlichen Wangen, die
-klaren grauen Augen, der feste Schritt, womit er im Zimmer
-auf und ab ging, ließen, noch ehe man seine volle, sonore
-Stimme vernahm, ahnen, daß der alte Konsulent an Geist und
-Körper noch frisch und rüstig sei.</p>
-
-<p>In der Vertiefung des breiten Fensters saßen zwei schöne
-Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren, die dem Alten, so
-oft er ihnen den Rücken wandte, besorglich und ängstlich nachschauten,
-wohl auch untereinander flüsterten, so lange sie von ihm
-nicht gesehen wurden. Die eine war bemüht, des Vaters ungeheure
-Allongeperücke in Ordnung zu bringen, und trotz dem
-Kummer, der aus ihren Blicken sprach, schien sie doch Freude
-an dem schönen Kontrast zu finden, welchen die schwarzen
-Locken dieses Haargebäudes mit ihren zarten, weißen Händchen<span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span>
-bildeten. Die dunkelblauen Augen der andern jungen Dame
-schienen mehr mit der Straße als mit der feinen Arbeit, an
-welcher sie nähte, beschäftigt, doch waren ihre Züge zu ernst, als
-daß man es müßiger Neugier hätte zuschreiben dürfen.</p>
-
-<p>Sie hatten mehrere Minuten lang geschwiegen, denn die
-Mädchen waren viel zu streng erzogen, als daß sie den Vater,
-der seinen Gedanken nachhing, mit Fragen belästigt hätten;
-plötzlich sprang die junge Nähterin auf, ließ ihre schöne Arbeit
-zu Boden fallen, beugte den schlanken Hals näher ans Fenster
-und sah gespannt nach der Straße. Der Vater sah diese Bewegungen,
-hielt seine Schritte an, blickte aufmerksam nach
-seiner Tochter und fragte nur mit Blicken; Käthchen, die
-jüngere Schwester, vollendete schnell noch eine Stirnlocke der
-Perücke, setzte dann das Prachtwerk behutsam auf eine Kommode
-und kam eben noch zeitig an, um mit Hedwig zu rufen:
-»Er ist's, er hat heraufgesehen, Vater; er geht sehr schnell; sieh
-doch, was er für einen sonderbaren Rock anhat!«</p>
-
-<p>»Das ist Blankenbergs Jagdkleid;« sagte Hedwig leise zu
-ihrer Schwester.</p>
-
-<p>»Geh doch, was weißt du von Blankenbergs Garderobe?«
-erwiderte die jüngere, bedeutungsvoll lächelnd.</p>
-
-<p>»Er hat Gustav schon oft in diesem Kleid besucht,« antwortete
-sie, indem eine dunkle Röte über ihre Wangen flog.</p>
-
-<p>Die Ankunft Gustavs verhinderte seine jüngere Schwester,
-Hedwig nach ihrer Gewohnheit noch länger zu quälen. Der
-Vater sah noch ernster aus als vorhin, er hatte sich in seinen
-Lehnstuhl gesetzt und die strengen Augen auf die Türe geheftet;
-bang und ängstlich pochte den Schwestern das Herz, als jetzt die
-Türe aufging und ihr Bruder hereintrat. &ndash; Nach dem ersten
-»Guten Morgen« trat für alle drei Parteien eine peinliche
-Pause ein; endlich trat der Sohn bescheiden zum Vater. »Sie
-haben mich wohl diesen Morgen vermißt, Vater?« fragte er.
-»Es ist allerdings ein seltener Fall in unserm Hause, und Sie
-wurden vielleicht besorgt um mich.«</p>
-
-<p>»Das nicht,« antwortete der Alte sehr ernst; »du bist alt
-genug, um nicht verloren zu gehen; aber zweierlei ist mir aufgefallen,
-nämlich, daß man dich nur eine Stunde auf dem Karneval
-sah, und daß du diese Nacht und ihre Lustbarkeiten so
-unregelmäßig lang bis morgens neun Uhr ausdehnst; du solltest
-schon seit einer halben Stunde in deiner Kanzlei sein.«</p>
-
-<p>»Ich bin heute dort entschuldigt,« sagte Gustav lächelnd;
-»ich habe auch seit heute früh ein Uhr so schrecklich geschwärmt<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span>
-und so unordentlich gelebt, daß es kein Wunder ist, wenn man
-so spät zu Hause kommt; ratet einmal ihr Mädchen, wo ich gewesen
-bin!«</p>
-
-<p>Die Schwestern sahen ihn unwillig an, denn sie befürchteten
-mit Recht, dieser leichtfertige Ton möchte dem alten Herrn mißfallen.
-»Wie können wir dies wissen?« erwiderte Hedwig. »Ich
-habe nie danach gefragt, wo du dich mit deinen Kameraden umtreibst;
-doch heute, Bruder, bist du mir ein Rätsel.«</p>
-
-<p>»Und in einem Lustschloß bin ich gewesen,« fuhr der junge
-Mann fort, »wo weder ihr beide noch Papa jemals waren; ihr
-erratet es doch nie &ndash; auf der Wache.«</p>
-
-<p>»Auf der Wache!« riefen die Schwestern entsetzt.</p>
-
-<p>»Das ist mir sehr unangenehm, Gustav,« setzte der Landschaftskonsulent
-hinzu; »meines Wissens bist du der erste Lanbek,
-den man auf die Wache setzte.«</p>
-
-<p>»Mir ist es doppelt unangenehm,« antwortete sein Sohn,
-indem er den Vater fest anblickte, »weil es im Grunde eine
-Namensverwechslung zu sein scheint; denn meines Wissens bin
-nicht <em class="gesperrt">ich</em> jener Lanbek, der die Szene an dem Tisch des Juden
-aufführte.«</p>
-
-<p>Der Alte sah ihn bleich und betroffen an. »Gehet ins
-Nebenzimmer, Mädchen!« rief er, und als sich die Schwestern
-staunend, aber schnell und gehorsam zurückgezogen hatten, faßte
-er die Hand seines Sohnes, zog ihn auf einen Stuhl neben sich
-nieder und fragte hastig, aber mit leiser Stimme: »Was ist
-das? Woher weißt du? Wer sagt dir davon?«</p>
-
-<p>»Er selbst,« antwortete der Sohn.</p>
-
-<p>»Der Jude?« fragte der Alte. »Wie ist dies möglich?«</p>
-
-<p>»Er war bei mir auf der Wache; ich sehe, wie Sie staunen,
-Vater, aber bereiten Sie sich auf noch wunderlichere Dinge vor.«
-Der junge Mann hielt es für das beste, seinem Vater soviel
-als möglich zu entdecken; er erzählte ihm also, wie aufgebracht
-der Minister auf den Konsulenten und seine Partei sei, wie
-der Sohn ihm widersprochen, wie der Minister, statt in heftigeren
-Zorn zu geraten, ihn plötzlich zum Expeditionsrat ernannt habe.
-Nur Leas erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän hatte ihm
-dies geraten, und er beschloß, davon zu schweigen, bis er seine
-Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen
-Verhältnisses unvermeidlich wäre.</p>
-
-<p>»Ich sehe, was ich sehe,« sprach der Konsulent nach einigem
-Nachdenken. »Meinst du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte,
-er würde mich geschont und dich dafür ergriffen haben, um mich<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span>
-gleichsam durch seine Gnade zu beschämen? Er hat mich gefürchtet,
-und er hat alle Ursache dazu. Ich bin ihm zu populär,
-und auch du wirst ihm nach und nach zu bekannt mit den hiesigen
-Bürgern, weil du jetzt statt meiner die Armenprozesse führst.
-Der Expeditionsrat ist &ndash; <em class="gesperrt">eine Falle</em>, die er uns beiden
-legen wollte, der kluge Fuchs.«</p>
-
-<p>»Wie verstehen Sie dies, Papa?« fragte Gustav, dem es
-leichter ums Herz wurde, seit er ahnte, wie sein Vater die
-Sache aufnehme.</p>
-
-<p>»Sieh, Freund,« sprach der Alte zutraulicher, als er je
-getan, »du wirst das Opfer dieser Kabale; aber so wahr ich dein
-Vater bin, du sollst es nicht lange sein. Dieser Jude denkt aber
-also: Verwehre ich dir, diese Stelle anzunehmen, weil du dadurch
-in übeln Geruch kommen könntest, so macht er es zu seiner
-Ehrensache, beklagt sich beim Herrn und ergreift die einzige Gelegenheit,
-die sich bot, mich zu zwingen, auch <em class="gesperrt">mein</em> Amt aufzugeben.
-Er kennt mich, er weiß, daß er so wenig als der Herzog
-mich absetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek ist, nämlich
-&ndash; sein Feind. Nehmen wir die Stelle an, kalkulierte er
-weiter, so werden wir verdächtig bei allen, die das Bessere
-wollen. Der Vater, Konsulent der Landschaft, würde man denken,
-der Sohn &ndash; Expeditionsrat; gekauft hat ihm der Alte die
-Stelle nicht und der Süß gibt bekanntlich nichts ohne großen
-Gewinn an Geld oder geheimem Einfluß, folglich &ndash; sind wir
-übergetreten zu dem Gewaltigen. So, glaubt er, werden die
-Leute urteilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt
-mich nicht ganz; noch weiß ich, gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen
-der Besseren zu erhalten, und du &ndash; wirst und bleibst
-Expeditionsrat; ändern sich die Verhältnisse, so wirst du wieder
-Aktuarius und die Menschen erkennen dann deine Unschuld.«</p>
-
-<p>»Aber Vater!« sagte der junge Mann zaudernd. »<em class="gesperrt">Ihr</em>
-Ruf ist felsenfest, aber der <em class="gesperrt">meinige</em>? Wie lange wird es
-noch anstehen, bis die Verhältnisse sich ändern!«</p>
-
-<p>»Sohn!« erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. »Du
-siehst, wie dieses schöne Land bis in sein innerstes Mark zerrüttet
-ist; meinst du, es könne immer so fortgehen? &ndash; Glaube mir,
-ehe der Frühling ins Land kommt, <em class="gesperrt">muß</em> es anders werden;
-schlechter kann es nimmer werden, aber besser. Darum glaube
-mir und vertraue auf Gott!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>8.</h4>
-</div>
-
-<p>Während der alte Lanbek noch so sprach und seinem Sohn
-Mut einzureden suchte, wurde die Hausglocke heftig angezogen,
-und bald darauf trat ein Offizier in das Zimmer, dem der Konsulent
-freundlich entgegeneilte. Wenn man das dunkelrote Gesicht,
-die freien, mutigen Züge und das kleine, aber scharfblickende
-Auge des Mannes sah, so konnte man die Sage von
-kühner Entschlossenheit und beinahe fabelhafter Tapferkeit,
-die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen
-Eugenius bewiesen haben sollte, glaublich finden.</p>
-
-<p>»Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,« sprach der
-Alte, »der Oberst von Röder, den du wenigstens dem Namen
-nach kennen wirst.«</p>
-
-<p>»Wie sollte ich nicht?« erwiderte Gustav, indem er sich verbeugte;
-»wenn unsere Truppen von Malplaquet und Peterwardein
-erzählen, so hört man diesen Namen immer unter die ersten
-und glänzendsten zählen.«</p>
-
-<p>»Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur seine Schuldigkeit
-getan,« antwortete der Oberst. »Aber Konsulent, was
-sagt Ihr dazu, daß der Jude jetzt auch uns ins Handwerk greift?
-Ich komme zu Euch eigentlich nur, um zu fragen: soll ich, oder
-soll ich nicht?«</p>
-
-<p>»Wie soll ich das verstehen?« fragte der Konsulent staunend;
-»Röder, nur jetzt keinen übereilten Streich!«</p>
-
-<p>»Das ist es eben!« rief jener auf den Boden stampfend,
-»meine Ehre und die Ehre des ganzen Korps ist gekränkt! einen
-meiner talentvollsten Offiziere sollte ich nach Fug und Recht
-kassieren lassen um dieses Hundes willen, und tu' ich's, so bin ich
-morgen selbst außer Dienst.«</p>
-
-<p>»Aber so sprecht doch, Oberst!« sagte der Alte, indem er
-seinem Sohn winkte, Stühle zu setzen, »setzt Euch, Ihr seid noch
-in der ersten Hitze.«</p>
-
-<p>»Mein Regiment hat gestern und heute den Dienst,« fuhr
-jener eifrig fort; »da bringt man nun gestern nacht von der
-Redoute weg einen Menschen auf unsere Wache, mit dem ausdrücklichen
-Befehl vom Juden, ihn wohl zu bewachen, aber
-keinen weitern Rapport abzustatten; heute früh zieht der Kapitän
-Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im Offizierszimmer,
-von welchem nichts im Rapport steht, und denkt Euch &ndash;
-nach einer halben Stunde kommt der Minister selbst, schickt den<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span>
-Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unserer Wache den Gefangenen
-insgeheim, entläßt ihn dann und <em class="gesperrt">befiehlt</em> dem
-Kapitän noch einmal, keinen Rapport abzustatten und &ndash; nimmt
-ihm das Ehrenwort ab &ndash; er einem Offizier auf der Wache &ndash;
-nimmt ihm das Wort ab, den Namen des Gefangenen nicht zu
-nennen; dahin also ist es gekommen, daß jeder Schreiber oder
-gar ein hergelaufener Jude uns kommandiert? Nach Kriegsrecht
-muß ich den Kapitän kassieren lassen; meine Ehre fordert,
-daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienst, und ich muß
-mich rühren, sollte es mich auch meine Stelle kosten.«</p>
-
-<p>Die beiden Lanbek hatten sich während der heftigen Rede
-des Obersten bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. »Der Jude
-ist listiger, als wir dachten,« sagte, als jener geendet hatte, der
-Vater; »also auch auf den Oberst war es abgesehen, auch für ihn
-war die Falle aufgestellt! Wer meint Ihr wohl, daß der Gefangene
-war? Da, seht ihn, mein leiblicher Sohn saß heute
-nacht auf Eurer Wache!«</p>
-
-<p>Der Oberst fuhr staunend zurück, und so groß war der
-Unmut über den Eingriff in seine militärischen Rechte, daß er
-sich nicht enthalten konnte, einen unwilligen, finstern Blick auf
-den jungen Mann zu werfen. Als aber der alte Lanbek fortfuhr
-und ihm erzählte, wie er selbst eigentlich die Ursache dieses
-Vorfalls gewesen, und wie alles andere so sonderbar gekommen
-sei, als er ihm den arglistigen Plan des Ministers näher
-auseinandersetzte, da sprang Herr von Röder von seinem Stuhl
-auf. »Wohlan, Alter!« sagte er mit bewegter Stimme zu dem
-Konsulenten, »daß er <em class="gesperrt">mich</em> verfolgt und haßt, hat am Ende
-nichts zu bedeuten, und daran ist nur der General Römchingen
-schuld, der mich nie leiden konnte; aber über <em class="gesperrt">dir</em> soll er den
-Hals brechen, oder ich will nicht selig werden! Herr Aktuarius!
-Die Stelle müßt Ihr annehmen, das ist jetzt keine Frage mehr!
-Denn Euer Vater darf jetzt nicht von seinem Amt kommen,
-oder Verfassung und Religion stehen auf dem Spiel. Aber
-zum Herzog will ich gehen, will sprechen, und sollt' es mich
-mein Leben kosten.«</p>
-
-<p>»Das werdet Ihr <em class="gesperrt">nicht</em> tun, Oberst!« sagte der Alte mit
-Nachdruck und Ernst. »Leset diesen Brief, den man uns aus
-Würzburg schickt, und sagt mir dann, ob Ihr noch waget, zum
-Herzog zu gehen und zu sprechen.« Der Oberst nahm aus
-seiner Hand ein Schreiben und fing an zu lesen; doch je weiter
-er las, desto bestürzter wurden seine Züge, bis er staunend, aber<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span>
-mit zornsprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme
-sinken ließ.</p>
-
-<p>»Vater!« sprach der junge Mann, der betroffen bald den
-Alten, bald den Obersten betrachtete, »Vater, Sie machen mich
-hier zum Zeugen eines Auftrittes, bei welchem ich vielleicht
-besser nicht zugegen gewesen wäre. Ich soll aber gezwungenerweise
-eine Rolle übernehmen, die mir nicht zusagt. Ich bin
-zum Expeditionsrat ernannt und weiß nicht warum; ich darf
-die Stelle nicht ablehnen, obgleich sie mich vor der Welt zum
-Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor
-im Staat und in meines Vaters Hause, man verhehlt sie mir,
-und ich weiß wieder nicht warum. Herr Oberst von Röder, Sie
-überreden mich, eine Stelle nicht auszuschlagen, die meines
-Vaters Namen beschimpft; von Ihnen glaube ich Gründe verlangen
-zu können, warum ich es nicht tun soll?«</p>
-
-<p>»Gott weiß, er hat recht!« rief Röder, indem er den
-jungen Mann nachdenkend betrachtete. »Ich weiß auch nicht,
-Alter, warum Ihr ihm nicht längst den Schlüssel gegeben habt.
-Wenn Ihr ihm übrigens die Augen nicht öffnen wollt, so will
-ich ihm diesen Dienst tun, weil ich weiß, wie drückend es ist, ein
-wichtiges Geheimnis halb zu erraten und halb zu ahnen.«</p>
-
-<p>»Es sei,« sagte der Vater, »setzet Euch wieder; wenn ich
-dich, mein Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieser Art vertraut
-gemacht habe, so geschah es nur aus Furcht, für einen allzu
-stolzen Vater zu gelten, denn wir hatten uns das Wort gegeben,
-nur erprobten und ausgezeichneten Männern uns anzuvertrauen.
-Ich darf dir nicht erst sagen, was in den drei Jahren,
-seit Alexander regiert, aus Württemberg geworden ist. Man
-soll von einem Lanbek nicht sagen können, daß er gegen seinen
-Herrn gemurrt hätte, er ist ein tapferer Mann und nach Prinz
-Eugenius vielleicht der erste Feldherr unserer Zeit, aber das
-Feldregiment taugt wohl im Lager und vor dem Feind, nicht so
-in der Kanzlei. Er sieht die Regierung des <em class="gesperrt">Ländchens</em>, wie
-er sagt, etwas zu heldenmäßig an, das heißt, er sieht darüber hinweg
-und läßt andere dafür sorgen.«</p>
-
-<p>»Dieses Ländchen!« rief der Oberst bitter. »Dieses schöne
-Württemberg! Es heißt wohl ein alter Spruch, daß, wenn man
-auch sich alle Mühe gebe, dieses Land doch nicht könne zu Grunde
-gerichtet werden; aber <em class="antiqua">nous verrons</em>! Wenn es so fortgeht,
-wenn man es durch Verkauf der Aemter, durch Verhöhnung der
-Besseren, durch Erhebung der niederträchtigsten Bursche geflissentlich<span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span>
-verderbt, wenn man seine Kräfte bis aufs Mark
-aussaugt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Kurz, mein Freund,« fuhr der Alte fort, »es kann nicht
-so fortgehen. Nach und nach kann es nicht besser werden, denn
-schon jetzt sitzen bei uns in der Landschaft fünf Schurken, die
-nicht einmal der Gott-sei-bei-uns für sich repräsentieren ließe,
-alle Aemter sind verkauft oder für Süßsche Kreaturen käuflich,
-also kann es nur schlechter werden. Aber es sind zwei Parteien,
-die da sagen: ›Es muß anders werden.‹ Die eine Partei ist
-Süß, der schnöde Jude, der General Römchingen, der feinste
-von diesen Burschen, Hallwachs, dein neuer Kollege, Metz und
-noch einige von der Landschaft. Wir wissen, was sie wollen, und
-es ist nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag völlig
-aufzuheben.«</p>
-
-<p>»Und, Gott sei's geklagt,« sagte Herr von Röder, »den
-Herzog haben Sie von seiner edelmütigen Seite gepackt, er ist
-mit allem zufrieden. Das Land sei aufgebracht über die
-Stände, sagen sie ihm, man murre über die Landschaft, und nun
-hat er sich entschlossen, das Institut wie ein Korps Invaliden
-aufzulösen, dem Lande die jährlichen Kosten der Stände edelmütig
-zu schenken und allein zu regieren.«</p>
-
-<p>»Wie? Verstehe ich recht?« rief der junge Lanbek. »Also
-unsern letzten Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die
-unrichtige Ansicht eines Herrn will man uns rauben? Auf die
-Verfassung ist es abgesehen? Doch das ist nicht möglich, Alexander
-hat sie ja beschworen, und mit welchen Mitteln will er
-dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberst, der württembergische
-Soldat werde seine eigenen Rechte unterdrücken?«</p>
-
-<p>»Hier sind die Hunde,« erwiderte der Oberst, indem er auf
-den Brief zeigte, »die man bei diesem Treibjagen hetzen will.«</p>
-
-<p>»Nur ruhig,« sprach der Landschaftskonsulent, »höre mich
-ganz. Der Herzog ist aufs abscheulichste getäuscht; er glaubt
-fest, daß es ihn nur ein Wort koste, so werden die Stände nicht
-mehr sein, und alle Herzen werden ihm zufliegen. So haben es
-der Jude und Römchingen ihm vorgeschwatzt; aber sie kennen
-uns besser und wissen, daß Gewalt zu einem solchen Schritt
-gehört. Hier ist ein Brief an den Erzbischof von Würzburg,
-den der General Römchingen geschrieben: man wolle zum
-Besten des Landes einige Aenderungen vornehmen, man könne
-sich aber auf die Truppen im Lande nicht verlassen, daher solle
-der Bischof bewirken, daß die Truppen des fränkischen Kreises
-an einem bestimmten Tag an unserer Grenze seien. Auch an<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span>
-einige Reichsstände in Oberschwaben hat er ähnliche Schreiben
-erlassen.«</p>
-
-<p>»Und im Namen des Herzogs?« fragte der junge Mann.</p>
-
-<p>»Nein, sie lassen ihn nur so durchblicken, aber eine andere
-Lockspeise haben sie dem Bischof hingeworfen; man sagt nicht
-umsonst, daß unser alter Reformator Brenz seit einigen Nächten
-aus seinem Grab aufstehe und die Kanzel besteige &ndash; katholisch
-wollen sie uns machen. Du staunst? Du willst nicht glauben?
-Auch ich glaube, daß sie es nicht aus Religiosität tun
-wollen, sondern entweder soll es den Bischof und die Oberschwaben
-enger für die Sache verbinden, oder sie meinen, dem
-Herzog gefällig zu sein, wenn sie in vierundzwanzig Stunden
-den Glauben reformieren, wie sie das alte Recht reformieren
-wollen.«</p>
-
-<p>»Es kann, es darf nicht sein!« rief der junge Mann. »Die
-Grundpfeiler unseres Glückes und unserer Zufriedenheit mit
-<em class="gesperrt">einem</em> Schlag umstürzen? Es ist nicht möglich, der Herzog
-kann es nicht dulden.«</p>
-
-<p>»Er weiß und denkt nicht, daß sie dies alles vorhaben,«
-sagte der Oberst; »sein Ruhm ist ihm zu teuer, als daß er ihn
-auf diese Weise beflecken möchte; aber wenn es geschehen ist, ohne
-daß die Schuld auf ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte
-nicht wiederherstellen. Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn,
-habe der Jude dem Herzog das Edikt von gestern abgeschwatzt,
-worin er für Vergangenheit und Zukunft von aller Verantwortlichkeit
-freigesprochen wird? Das soll ihn schützen in dem
-kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und
-ergebenen Herren Räte erbost würde, die ihm die unumschränkte
-Macht zu Füßen legen und in der Stiftskirche einen Krummstab
-aufpflanzen.«</p>
-
-<p>»Und gegen diese wollt ihr kämpfen?« fragte Gustav besorgt
-und zweifelhaft.</p>
-
-<p>»Kämpfen oder zusammen untergehen,« sprach der Alte.
-»Wer mit uns verbunden ist, mußt du jetzt nicht wissen; es genüge
-dir zu erfahren, daß es die Trefflichsten des Adels und
-die Wackersten der Bürger sind. Wir wollten den Kaiser um
-Schutz anflehen, aber die Umstände sind ungünstig, die Zeit ist
-zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu gelangen, und überdies
-hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett seit den
-letzten Kriegen; man würde uns abweisen. Uns bleibt nichts
-übrig als&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wir müssen,« rief der Oberst mutig und entschlossen, »das<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span>
-Prävenire müssen wir spielen; St. Joseph, den neunzehnten
-März, haben sie sich zum Ziel gesteckt; aber einige Tage zuvor
-müssen wir die Feinde des Landes gefangen nehmen, die treuen
-Truppen nach Stuttgart ziehen, das Landvolk zu unserer Hilfe
-aufrufen, und wenn es gelungen ist, dem Herzog von neuem
-huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren Abgrund er
-und wir gestanden. Und dann &ndash; er ist ein tapferer Soldat
-und ein Mann von Ehre, dann wird er erröten vor der Schande,
-zu welcher ihn jene Elenden verführen wollten.«</p>
-
-<p>»Aber der Herzog,« fragte der junge Mann, »wo soll er
-sein und bleiben, während ihr diese furchtbare Gegenmine auffliegen
-lasset?«</p>
-
-<p>»Das ist es ja gerade, was uns zur Eile zwingt,« erwiderte
-der Oberst; »sie haben ihn überredet, im nächsten
-Monate die Festungen Kehl und Philippsburg zu bereisen, und
-hinter seinem Rücken wollen sie reformieren. Den elften will
-er abreisen; schon sind die Adjutanten ernannt, die ihn begleiten
-sollen, und, wenn ich es sagen darf, mit solchem Gepränge
-und so viel und laut wird von dieser Reise gesprochen,
-daß ich fürchte, die ganze Fahrt ist nur Maske und der Herzog
-wird nicht über die Grenze gehen.«</p>
-
-<p>»Du kennst jetzt unsere Pläne,« sprach der alte Herr zu
-seinem Sohn, »sei klug und vorsichtig. <em class="gesperrt">Ein</em> Wort zuviel kann
-<em class="gesperrt">alles</em> verraten. Darum, wie es unter uns gebräuchlich ist,
-lege deine Hand in die deines Vaters und dieses tapfern Mannes
-und schwöre uns, zu schweigen.«</p>
-
-<p>»Ich schwöre,« sagte Lanbek mit fester Stimme, aber bleich
-und mit starren Augen; und sein Vater und der Oberst zogen
-ihn an ihre Brust und begrüßten ihn als einen der Ihrigen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>9.</h4>
-</div>
-
-<p>Ein drückender, trüber Nebel lag über Stuttgart und gab
-den Bergen umher und der Stadt ein trauriges, ödes Ansehen;
-gerade so lag auch ein trüber, ängstlicher Ernst auf den Gesichtern,
-die man auf den Straßen sah, und es war, als hätte ein
-Unglück, das man nicht vergessen konnte, oder ein neuer Schlag,
-den man fürchtet, alle Herzen wie die sonst so lieblichen Berge
-umflort und in Trauer gehüllt. Am Abend eines solchen Tages
-schlich der junge Lanbek durch die feuchten Gänge des Gartens.
-Sein Gesicht war bleich, sein Auge trübe, sein Mund heftig zusammengepreßt,
-seine hohe Gestalt trug er nicht mehr so leicht
-und aufgerichtet wie zuvor, und es schien, als sei er in den<span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span>
-letzten acht Tagen um ebenso viele Jahre älter geworden. Was
-er vorausgesehen hatte, war eingetroffen; niemand, der die
-Lanbeks auch nur dem Rufe nach kannte, konnte die schnelle Erhebung
-des jungen Mannes begreifen oder rechtfertigen. Die
-Günstlinge und Kreaturen des mächtigen Juden traten ihm
-mit jener lästigen Traulichkeit, mit jener rohen Freude entgegen,
-wie etwa Diebe und falsche Spieler einem neuen Genossen
-ihrer Schlechtigkeit beweisen, und des jungen Lanbeks Gefühl
-bei solchen neuen, werten Bekanntschaften läßt sich am besten
-mit den unangenehmen und wehmütigen Empfindungen eines
-Mannes vergleichen, den das Unglück in <em class="gesperrt">einen</em> Kerker mit
-dem Auswurf der Menschen warf, und der sich von Räubern
-und gemeinen Weibern als ihresgleichen begrüßen lassen muß.</p>
-
-<p>Die gnädigen Blicke, die ihm der Minister hin und wieder
-öffentlich, beinahe zum Hohn, zuwarf, bezeichneten ihn als einen
-neuen Günstling. Jetzt erst sah er, wie viele gute Menschen
-ihm sonst wohlgewollt hatten; denn so manches bekannte Gesicht,
-das sonst dem Sohne des alten Lanbek einen »guten Tag« zugelächelt
-hatte, erschien jetzt finster, und selbst wackere Bürgersleute
-und jene biederen, ehrlichen Weingärtner, die sich bei ihm
-und dem Alten so oft Rats erholt hatten, wandten jetzt die
-Augen ab und gingen vorüber, ohne den Hut zu rücken.</p>
-
-<p>Der Gedanke an Lea erhöhte noch sein Unglück. Er wußte
-genau, wie unglücklich sein alter Vater, er selbst und die Seinigen
-werden könnten, wenn der verzweifelte Schlag, den sie
-führen wollten, mißlang; und doch, so groß der Frevel war, den
-jener fürchterliche Mann auf sich geladen hatte, dennoch graute
-ihm, wenn er sich die Folgen überlegte, die sein Sturz nach sich
-ziehen würde. Was sollte aus der armen Lea werden, wenn
-der Bruder vielleicht monatelang gefangen saß? Konnte der
-Herzog, ein so strenger Herr, Vergehungen und Pläne, wie die
-des Juden, vergeben, selbst wenn er ihm durch jenes Edikt
-Straflosigkeit zugesichert hatte?</p>
-
-<p>Und dann durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an jene
-schreckliche Drohung, die Süß gegen ihn ausgestoßen, als er das
-Verhältnis des jungen Mannes zu seiner Schwester berührte.
-Alle Angst vor seinem alten Vater, vor der Schande, die eine
-solche Verbindung, wenn sie auch nur besprochen würde, brächte,
-kam über ihn. Es gab Augenblicke, wo er seine Torheit, mit
-der schönen Jüdin auch nur ein Wort gewechselt zu haben, verwünschte,
-wo er entschlossen war, den Garten zu verlassen, sie
-nie wieder zu sehen, seinem Vater alles zu sagen, ehe es zu<span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span>
-spät wäre; aber wenn er sich dann das schöne Oval ihres Hauptes,
-die reinen, unschuldigen und doch so interessanten Züge und
-jenes Auge dachte, das so gerne und mit so unnennbarem Ausdruck
-auf seinen eigenen Zügen ruhte, da war es, ich weiß nicht
-ob Eitelkeit, Torheit, Liebe oder gar der Einfluß jenes wunderbaren
-Zaubers, der sich, aus Rahels Tagen, unter den Töchtern
-Israels erhalten haben soll &ndash; es zog ihn ein unwiderstehliches
-Etwas nach jener Seite hin, wo ihn, seit die Dämmerung
-des ersten Märzabends finsterer geworden war, die
-schöne Lea erwartete.</p>
-
-<p>»Endlich, endlich!« sagte Lea mit Tränen, indem sie ihre
-weiße Hand durch die Staketen bot, welche die beiden Gärten
-trennten. »Wenn nicht der Frühling indes hätte kommen
-müssen, wahrhaftig, ich hätte gedacht, es sei schon ein Vierteljahr
-vorüber. Ich bin recht ungehalten; wozu denn auch in den
-Garten gehen bei dieser schlimmen Jahreszeit, wenn Ihr frei
-und offen durch die Haustüre kommen dürft? Wisset nur, Herr
-Nachbar, ich bin sehr unzufrieden.«</p>
-
-<p>»Lea,« erwiderte er, indem er die schöne Hand an seine
-Lippen zog, »verkenne mich nicht, Mädchen! Ich konnte wahrhaftig
-nicht kommen, Kind! Zu dir durfte ich nicht kommen,
-und in die Zirkel deines Bruders gehe ich nicht; und wenn ich
-wüßte, daß du ein einzigesmal da warst, würde ich dich nicht
-mehr sprechen.« Trotz der Dunkelheit glaubte der junge Mann
-dennoch, eine hohe Röte auf Leas Wangen aufsteigen zu sehen.
-Er sah sie zweifelhaft an; sie schlug die Augen nieder und antwortete:
-»Du hast recht, ich darf nicht in die Zirkel meines
-Bruders gehen.«</p>
-
-<p>»So bist du da gewesen? Ja, du bist dort gewesen!« rief
-Lanbek unmutig. »Gestehe nur, ich kann jetzt doch schon alles in
-deinen Augen lesen.«</p>
-
-<p>»Höre mich an,« erwiderte sie, indem sie bewegt seine Hand
-drückte, »die Amme hat dir gesagt, was nach dem Karneval vorging,
-und wie ich ihn bat und flehte, dich frei zu lassen. Seit
-jener Zeit hat sich sein Betragen ganz geändert; er ist freundlicher,
-behandelt mich, wie wenn ich auf einmal um fünf Jahre
-älter geworden wäre, und läßt mich zuweilen sogar mit sich ausfahren.
-Vor einigen Tagen befahl er mir, mich so schön als
-möglich anzukleiden, legte mir ein schönes Halsband in die
-Hand, und abends führte er mich die Treppe herab in seine
-eigenen Zimmer. Da waren nur wenige, die ich kannte, die
-meisten Herren und Damen waren mir fremd. Man spielte<span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span>
-und tanzte, und von Anfang gefiel es mir sehr wohl, nachher
-freilich nicht, denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Denn?« fragte Lanbek gespannt.</p>
-
-<p>»Kurz, es gefiel mir nicht, und ich werde nicht mehr hingehen.«</p>
-
-<p>»Ich wollte, du wärest nie dort gewesen,« sagte der junge
-Mann.</p>
-
-<p>»Ach, konnte ich denn wissen, daß die Gesellschaft nicht für
-mich passen würde?« erwiderte Lea traurig. »Und überdies
-sagte mein Bruder ausdrücklich, es werde meinen Herrn Bräutigam
-freuen, wenn ich auch unter die Leute komme.«</p>
-
-<p>»Wen hat er gesagt, <em class="gesperrt">wen</em> werde es freuen?« rief Lanbek.</p>
-
-<p>»Nun dich,« antwortete Lea; »überhaupt, Lanbek, ich weiß
-gar nicht, wie ich dich verstehen soll; du bist so kalt, so gespannt;
-gerade jetzt, da wir offen und ohne Hindernis reden können, bist
-du so ängstlich, beinahe stumm; statt ins Haus zu uns zu
-kommen, bestellst du mich heimlich in den Garten, ich weiß doch
-nicht, vor wem man sich so sehr zu fürchten hat, wenn man einmal
-in einem solchen Verhältnis steht?«</p>
-
-<p>»In welchem Verhältnis?« fragte Lanbek.</p>
-
-<p>»Nun, wie fragst du doch wieder so sonderbar! Du hast
-bei meinem Bruder um mich angehalten, und er sagte dir zu,
-im Fall ich wollte und der Herzog durch ein Reskript das Hindernis
-wegen der Religion zwischen uns aufhöbe. Ich bin nur
-froh, daß du nicht Katholik bist, da wäre es nicht möglich, aber
-ihr Protestanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und seid doch
-eigentlich so gut Ketzer wie wir Juden.«</p>
-
-<p>»Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!« rief der junge
-Mann mit Entsetzen. »Wer hat dir diese Dinge gesagt? O
-Gott, wie soll ich dir diesen furchtbaren Irrtum benehmen?«</p>
-
-<p>»Ach, geh doch!« erwiderte Lea. »Daß ich es wagte, mein
-verhaßtes Volk neben euch zu stellen, bringt dich auf. Aber sei
-nicht bange; mein Bruder, sagen die Leute, kann alles, er wird
-uns gewiß helfen, denn was er sagt, ist dem Herzog recht. Doch
-eine Bitte habe ich, Gustav: willst du mich nicht bei den Deinigen
-einführen? Du hast zwei liebenswürdige Schwestern; ich
-habe sie schon einigemal vom Fenster aus gesehen; wie freut
-es mich, einst so nahe mit ihnen verbunden zu sein! Bitte, laß
-mich sie kennen lernen.«</p>
-
-<p>Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur
-<em class="gesperrt">ein</em> Wort zu erwidern; seine Gedanken, sein Herz wollten stille
-stehen. Er blickte wie einer, der durch einen plötzlichen Schrecken<span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span>
-aller Sinne beraubt ist, mit weiten, trockenen Augen nach dem
-Mädchen hin, das, wenn auch nicht in diesem Augenblick, doch
-bald vielleicht, noch unglücklicher werden mußte als er, und das
-jetzt lächelnd, träumend, sorglos wie ein Kind an einem furchtbaren
-Abgrund sich Blumen zu seinem Kranze pflückte.</p>
-
-<p>»Was fehlt dir, Gustav?« sprach sie ängstlich, als er noch
-immer schwieg. »Deine Hand zittert in der meinigen: bist du
-krank? Du bist so verändert.« Doch &ndash; noch ehe er antworten
-konnte, sprach eine tiefe Stimme neben Lea: »<em class="antiqua">Bon soir</em>, Herr
-Expeditionsrat; Sie unterhalten sich hier im Dunkeln mit
-Dero Braut? Es ist ein kühler Abend; warum spazieren Sie
-nicht lieber hinauf ins warme Zimmer? Sie wissen ja, daß
-mein Haus Ihnen jederzeit offen steht.«</p>
-
-<p>»Mit wem sprichst du hier, Gustav?« sagte der alte Lanbek,
-der beinahe in demselben Augenblick herantrat. »Deine
-Schwestern behaupten, du unterhieltest dich hier unten mit einem
-Frauenzimmer.«</p>
-
-<p>»Es ist der Minister,« antwortete Gustav beinahe atemlos.</p>
-
-<p>»Gehorsamer Diener,« sprach der Alte trocken; »ich habe
-zwar nicht das Vergnügen, Ew. Exzellenz zu sehen in dieser
-Dunkelheit, aber ich nehme Gelegenheit, meinen gehorsamsten
-Dank von wegen der Erhebung meines Sohnes abzustatten; bin
-auch sehr scharmiert, daß Sie so treue Nachbarschaft mit meinem
-Gustav halten.«</p>
-
-<p>»Man irrt sich,« erwiderte Süß, heiser lachend, »wenn
-man glaubt, ich bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln
-über den Zaun herüber zu parlieren, ich kam nur, um meine
-Schwester abzuholen, weil es etwas kühles Wetter ist und die
-Nachtluft ihr schaden könnte.«</p>
-
-<p>»Mit Ihrer Schwester?« sagte der Alte streng. »Bursche,
-wie soll ich das verstehen, sprich!«</p>
-
-<p>»Echauffieren sich doch der Herr Landschaftskonsulent nicht
-so sehr!« erwiderte der Jude. »Jugend hat nicht Tugend, und
-er macht ja nur meiner Lea in allen Ehren die Cour.«</p>
-
-<p>»Schandbube!« rief der alte Mann, indem er seine Hand
-um den Arm seines Sohnes schlang und ihn hinwegzog. »Geh
-auf dein Zimmer; ich will ein Wort mit dir sprechen; und <em class="gesperrt">Sie</em>,
-Jungfer Süßin, daß Sie sich nimmer einfallen läßt, mit dem
-Sohn eines ehrlichen Christen, mit <em class="gesperrt">meinem</em> Sohn ein Wort
-zu sprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jerusalem, es
-würde meinem Hause dennoch keine Ehre sein.« Mit schwankenden
-unsichern Schritten führte er seinen Sohn hinweg. Lea<span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span>
-weinte laut, aber der Minister lachte höhnisch. »<em class="antiqua">Parole d'honneur!</em>«
-rief er. »Das war eine schöne Szene; vergessen Sie
-übrigens nicht, Herr Expeditionsrat, daß Sie nur noch vierzehn
-Tage Frist zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und von
-dort an werde ich mein Wort halten.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>10.</h4>
-</div>
-
-<p>Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lanbek hieß
-ihn geduldig und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige
-Erfahrungen über den Charakter des Alten verboten
-ihm in diesem Augenblick, wo der Schein so auffallend gegen
-ihn war, sich zu entschuldigen. Der Landschaftskonsulent warf
-sich in seinem Zimmer in einen Armsessel und verhüllte sein
-Gesicht. Besorgt und ängstlich stand Gustav neben ihm und
-wagte nicht zu reden; aber die beiden schönen Schwestern des
-jungen Mannes flogen herbei, als sie die Schwäche des Vaters
-sahen, fragten zärtlich, was ihm fehle, suchten seine Hände vom
-Gesicht herabzuziehen und benetzten sie mit ihren Tränen. &ndash;
-»Das ist der Bube,« rief er nach einiger Zeit, indem sein Zorn
-über seine körperliche Schwäche siegte; »<em class="gesperrt">der</em> ist es, der das
-Haus eures Vaters, unsern alten guten Namen, euch, ihr unschuldigen
-Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte;
-der Judas, der Vatermörder &ndash; denn heute hat er den Nagel
-in meinen Sarg geschlagen.«</p>
-
-<p>»Vater! Um Gottes willen! Gustav!« riefen die Mädchen
-bebend, indem sie ihren bleichen Bruder scheu anblickten und sich
-an den alten Lanbek schmiegten.</p>
-
-<p>»Ich weiß,« sagte der unglückliche junge Mann, »ich weiß,
-daß der Schein gegen mich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Willst du schweigen!« fuhr der Konsulent mit glühenden
-Augen und einer drohenden Gebärde auf. »Schein? Meinst
-du, du könntest meine alten Augen auch wieder blenden wie
-damals nach dem Karneval? Nicht wahr, es wäre weit bequemer,
-wenn sich diese beiden Augen schon ganz geschlossen,
-wenn sie den alten Lanbek so tief verscharrt hätten, daß keine
-Kunde von der Schande seines Namens mehr zu ihm dringt.
-Aber verrechnet hast du dich, Elender! Enterben will ich dich;
-hier stehen meine lieben Kinder, du aber sollst ausgestoßen sein,
-meines ehrlichen Namens beraubt, verflucht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Vater!« riefen seine drei Kinder mit <em class="gesperrt">einer</em> Stimme;
-die Töchter stürzten sich auf ihn und zum erstenmal wagte es<span class="pagenum"><a id="Page_241">[241]</a></span>
-Hedwig, ihre Lippen auf die geheiligten Lippen des Vaters zu
-legen, indem sie ihm den zum Fluch geöffneten Mund mit
-Küssen verschloß. Die jüngere hatte sich unwillkürlich vor
-Gustav gestellt, seine Hand ergriffen, als wollte sie ihn verteidigen,
-der junge Mann aber riß sich kräftig los; nie so als
-in diesem Augenblick glich sein Gesicht, sein drohendes Auge
-den Zügen seines Vaters, und die beengte Brust weit vorwerfend,
-sprach er: »Ich habe alles ertragen, was möglicherweise
-ein Sohn von seinem Vater ertragen darf, ich habe aber
-noch andere Pflichten, meine eigene Ehre muß ich wahren, und
-wäre es mein eigener Vater, der sie antastet. Es hätte Ihnen
-genügen können, wenn ich bei allem, was mir heilig ist, versichere,
-daß ich nicht das bin, wofür Sie mich halten. Wenn
-<em class="gesperrt">Sie</em> keinen Glauben mehr an mich haben, wenn Sie mich
-aufgeben, dann bleibt nichts mehr übrig. <em class="gesperrt">Lebet</em> wohl &ndash; ich
-will euch nur noch <em class="gesperrt">eine</em> Schande machen.«</p>
-
-<p>»Du bleibst!« rief ihm der Alte, mehr ängstlich und bebend
-als befehlend nach. »Meinst du, dies sei der Weg, einen gekränkten
-Vater zu versöhnen? Hast du so sehr Eile, mir voranzugehen,
-und einen Weg einzuschlagen, wo ich dich nie mehr
-träfe? Denn ich habe redlich und nach meinem Gewissen gelebt,
-dich aber und deine Absicht verstand ich wohl.«</p>
-
-<p>»Aber Vater,« sprach seine jüngste Tochter mit sanfter
-Stimme, »wir hatten ja alle Gustav immer so lieb, und Sie
-selbst sagten so oft, wie tüchtig er sei; was kann er denn so
-Schreckliches verbrochen haben, daß Sie so hart mit ihm verfahren?«</p>
-
-<p>»Das verstehst du nicht, oder ja, du kannst es verstehen:
-des Juden Schwester liebt er, und mit ihr und mit seinem Herrn
-Schwager Süß hat er sich am Gartenzaun unterhalten. Jetzt
-sprich! Kannst du dich entschuldigen? O, ich Tor, der ich
-mir einbildete, man habe ihn, um mir eine Falle zu legen, erhoben
-und angestellt! Seine jüdische Scharmante hat ihn zum
-Expeditionsrat gemacht!«</p>
-
-<p>»Der Vater will mich nicht verstehen,« sprach der junge
-Mann mit Tränen in den Augen, »darum will ich zu euch
-sprechen. Euch, liebe Schwestern, will ich redlich erzählen, wie
-die Umstände sich verhalten, und ich glaube nicht, daß ihr mich
-verdammen werdet.« Die Mädchen setzten sich traurig nieder,
-der Alte stützte seine gefurchte Stirne auf die Hand und horchte
-aufmerksam zu. Gustav erzählte anfangs errötend und dann
-oft von Wehmut unterbrochen, wie er Lea kennen gelernt habe,<span class="pagenum"><a id="Page_242">[242]</a></span>
-wie gut und kindlich sie gewesen sei, wie gerne sie mit ihm gesprochen
-habe, weil sie sonst niemand hatte, mit dem sie sprechen
-konnte. Er wiederholte dann das Gespräch mit dem jüdischen
-Minister und dessen arglistige Anträge; er versicherte, daß er
-nie dem Gedanken an eine Verbindung mit Lea Raum gegeben
-habe, und daß er diesen Abend dem Minister es selbst gesagt
-haben würde, wäre nicht der Vater so plötzlich dazwischen gekommen.</p>
-
-<p>»Du hast sehr gefehlt, Gustav,« sagte Hedwig, seine ältere
-Schwester, ein ruhiges und vernünftiges Mädchen. »Da du
-nie, auch nur entfernt, an eine Verbindung mit diesem Mädchen
-denken konntest, so war es deine Pflicht als redlicher Mann, dich
-gar nicht mit ihr einzulassen. Auch darin hast du sehr gefehlt,
-daß du nicht gleich damals schon deinem Vater alles anvertraut
-hast; aber so hast du jetzt deine ganze Familie unglücklich und
-zum Gespött der Leute gemacht; denn meinst du, der Süß werde
-nicht halten, was er gedroht? Ach, er wird sich an Papa, an
-dir, an uns allen rächen.«</p>
-
-<p>»Geh, bitte den Vater um Verzeihung!« sprach das schöne
-Käthchen weinend. »Du mußt ihm nicht noch Vorwürfe machen,
-Hedwig, er ist unglücklich genug. Komm, Gustav,« fuhr sie
-fort, indem sie seine Hand ergriff und ihn zu dem Vater führte,
-»bitte, daß er dir vergibt; ja, wir werden recht unglücklich
-werden, der böse Mann wird uns verderben, wie er das Land
-verdorben hat, aber dann lasset doch wenigstens Frieden unter
-<em class="gesperrt">uns</em> sein. Wenn wir uns noch haben, so haben wir viel, wenn
-er uns alles übrige nimmt.«</p>
-
-<p>Der Alte blickte seinen Sohn lange, doch nicht unwillig an.
-»Du hast gehandelt wie ein eitler junger Mensch, und die Aufmerksamkeit,
-die dir diese Jüdin schenkte, hat dich verblendet.
-Du hast, ich fühle es für dich, vielleicht schon seit geraumer Zeit,
-gewiß aber diesen Abend dafür gebüßt. Katharine hat recht;
-ich will dir nicht länger grollen; wir müssen uns jetzt gegen
-einen furchtbaren Feind waffnen. Glaubst du, daß er Wort
-halten wird mit den vierzehn Tagen Frist, die er dir nachrief?«</p>
-
-<p>»Ich glaube und hoffe es,« antwortete der junge Mann.</p>
-
-<p>»Um jene Zeit muß sich mehr entscheiden als nur das Schicksal
-unsers Hauses,« fuhr der Alte fort; »Römchingen und Süß
-&ndash; oder wir; wer verliert, bezahlt die Zeche. Jetzt gelobe mir
-aber, Gustav, die Jüdin nie mehr, weder im Garten noch sonstwo
-aufzusuchen, und unter dieser Bedingung will ich deine Torheit
-verzeihen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>Gustav versprach es mit bebenden Lippen und verließ dann
-das Zimmer, um seine Bewegung zu verbergen. Noch lange
-und mit unendlicher Wehmut dachte er dort über das unglückliche
-Geschöpf nach, dessen Herz ihm gehörte, und das er nicht
-lieben durfte. Er teilte zwar alle strengen religiösen Ansichten
-seiner Zeit, aber er schauderte über dem Fluch, der einen heimatlosen
-Menschenstamm bis ins tausendste Glied verfolgte und
-jeden ins Verderben zu ziehen schien, der sich auch den Edelsten
-unter ihnen auf die natürlichste Weise näherte. Er fand zwar
-keine Entschuldigung für sich und seine verbotene Neigung zu
-einem Mädchen, das nicht auch seinen Glauben teilte, aber er
-gewann einigen Trost, indem er sein eigenes Schicksal einer
-höheren Fügung unterordnete.</p>
-
-<p>Sein Vater und die Schwestern unterhielten sich noch lange
-über ihn und diese Vorfälle, und die Erinnerung an so manche
-schöne Tugend des jungen Mannes versöhnte nach und nach den
-Alten, so daß er selbst das Geheimhalten jener Vorschläge des
-Ministers einigermaßen entschuldigte. Als aber spät abends
-die beiden Schwestern allein waren, sagte Käthchen: »Wahr ist
-es doch, Gustav hat zwar gefehlt. Ich habe sie einmal am
-Fenster und einmal im Garten gesehen; so schön und anmutig
-sah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was sind alle Gesichter
-in Stuttgart, was ist selbst die schöne Marie, von der man so
-viel Wunder macht, gegen dieses herrliche Gesicht! Nein, Hedwig,
-ich hätte mich ganz in sie verlieben können!«</p>
-
-<p>»Wie magst du nur so töricht schwatzen!« erwiderte Hedwig
-unwillig. »Mag sie sein, wie sie will, sie ist und bleibt doch nur
-eine Jüdin.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>11.</h4>
-</div>
-
-<p>Nicht die unglückliche Liebe ihres Bruders allein war es,
-was in den folgenden Tagen die schönen Töchter des Landschaftskonsulenten
-Lanbek ängstigte; nein, es war das sonderbare und
-drückende Verhältnis, das zwischen Vater und Sohn zu herrschen
-schien, was den vier schönen blauen Augen im stillen so
-manche Träne kostete. Man konnte nicht sagen, daß sie sich
-finster angeblickt, mürrisch gefragt oder kalt geantwortet hätten;
-aber dennoch sah man ihnen beiden an, daß Gram und Sorgen
-sie beschäftigten, und die Mädchen wurden immer wieder in
-ihren Vermutungen über den Grund dieses Grämens irre geleitet,
-wenn sie zuweilen den alten Mann und seinen Sohn in
-einer Fensternische beisammenstehen und zutraulicher, aber auch<span class="pagenum"><a id="Page_244">[244]</a></span>
-ernster als je zusammen flüstern sahen. Endlich wurden sie
-sogar für drei Abende in der Woche förmlich aus dem großen
-Familienzimmer, das winters allen zum Aufenthalt diente,
-verwiesen, und, was ihres Wissens nie geschehen war, Papas
-kleines Bibliothekzimmer wurde ihnen für solche Abende besonders
-geheizt und ihnen die Erlaubnis gegeben, sich an den
-trefflichen Juristen und Philosophen zu amüsieren.</p>
-
-<p>Freilich bedachten bei solchem Exil weder Vater noch Sohn,
-daß man von der Bibliothek im oberen Stock in das Studierzimmer,
-von diesem in das Gastzimmer und von dem Gastzimmer
-in die sogenannte Rumpelkammer kommen könne, von
-welcher eine viereckige Oeffnung, mit einem kleinen Deckel versehen,
-in das Wohnzimmer hinabging, um Luft oder Wärme in
-dieses Gemach zu leiten; sie bedachten auch nicht, daß weibliche
-Neugierde wohl noch stärkere Schranken durchbrochen haben
-würde als diese, die zwischen jener Kammer und der Bibliothek
-lagen. Einige Abende hatte übrigens doch noch ein mächtigeres
-Gefühl als Neugierde die Mädchen in der Bibliothek zurückgehalten,
-nämlich Furcht. Hedwig behauptete, schon öfters oben
-in jener Kammer Fußtritte und ein schreckliches Stöhnen gehört
-zu haben, und dem schönen Käthchen graute dort hinzugehen,
-weil jenes Gemach nur eine dünne Wand aus Holz und Backsteinen
-von den Zimmern des gefürchteten Juden Süß trennte.</p>
-
-<p>Eines Abends jedoch, als man die Mädchen schon längst
-weggeschickt hatte, sah Käthchen, die sich bis auf die Mitte der
-Treppe hinabgeschlichen hatte, drei Männer bei ihrem Vater
-eintreten, die ihre Neugierde aufs höchste trieben. Der erste,
-der sich langsam und schnaubend die untere Treppe heraufschob
-und auf der Hausflur einige Minuten stehen blieb, um Atem
-zu sammeln, war niemand Geringeres als der lutherische Prälat
-Klinger. Seine schneeweiße Perücke, seine Prälatenkette, die
-gerade auf dem Magen ruhte, und seine alten verwitterten
-Züge flößten dem Mädchen ungemeine Ehrfurcht ein; ihm folgte
-hastigen Schrittes der Oberst und Stallmeister von Röder, ein
-Mann, den man für sehr klug und tapfer, aber zugleich auch
-in seinen Sitten für sehr unheilig hielt, und über den dritten
-hätte sie beinahe laut aufgelacht, es war der fröhliche Kapitän
-Reelzingen, der so drollige Geschichten und Schnurren zu erzählen
-wußte, und sie schon auf manchem Ball beinahe zum
-Lachen gebracht hatte. Heute hatte er sein Gesicht in ganz ehrbare
-Falten gelegt und sah gerade aus wie damals, als er ihr
-auf <em class="antiqua">Parole d'honneur</em> schwur, daß er sie <em class="antiqua">vraiment</em> liebe. Sie<span class="pagenum"><a id="Page_245">[245]</a></span>
-sah ihm lächelnd nach, bis sein ungeheurer Degen in der Türe
-verschwunden war, und eilte dann in das Bibliothekzimmer, wo
-sie die blonde Hedwig traf, welche die Augen fest zugeschlossen
-hatte, um nicht über ein Gespenst zu erschrecken, wenn etwa zufällig
-eines in der Bibliothek auf und ab wandelte. »Heute
-<em class="gesperrt">müssen</em> wir hinuntergucken!« erklärte Käthchen. »Und komm
-nur jetzt gleich mit; denke dir, die Leute kommen hier zusammen
-wie beim Karneval. Hast du je sonst den Prälaten Klinger und
-den Kapitän Reelzingen in <em class="gesperrt">einem</em> Zimmer gesehen, und dazu
-den Oberst Röder und« &ndash; setzte sie hinzu, als die Schwester
-zauderte &ndash; »ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht, als die
-Tür einmal aufging, auch Blankenberg gesehen hätte.«</p>
-
-<p>Dieser letzte Name entschied; Käthchen nahm das Licht und
-ging mit pochendem Herzen voran, Hedwig folgte ihr, so nahe
-als möglich an die mutigere Schwester gedrängt, und als jene die
-verhängnisvolle Kammertür aufschloß, hielt sie sich fest an ihrem
-Kleide. Die Oeffnung war gerade über dem Ofen des Wohnzimmers,
-das einen Stock tiefer lag, angebracht, und Käthchen
-konnte, als sie die Klappe aufzog, selbst wenn sie sich auf die
-Knie legte und den Kopf tief herabbeugte, doch nicht mehr als
-vier oder fünf der versammelten Männer sehen; auch Hedwig
-beugte sich jetzt herab und versuchte es, noch tiefer zu blicken
-als ihre Schwester, aber verdrießlich stand sie wieder auf und
-sagte: »Nichts als den breiten Rücken des Prälaten, einige
-Perücken und die Uniform des Obersten kann ich sehen; weißt du
-denn gewiß, daß Blankenberg zugegen ist?«</p>
-
-<p>»Sicher!« erwiderte Käthchen, schalkhaft lächelnd. »Doch
-laß uns horchen, was sie sprechen; vielleicht kennst du deinen
-Liebhaber an der Stimme.«</p>
-
-<p>Sie setzten sich auf den Fußboden neben der Oeffnung
-und lauschten; die angenehme Wärme, die von dem Ofen heraufdrang,
-und ihre Neugierde ließen sie eine Zeitlang die empfindliche
-Kälte der Märznacht vergessen; endlich richtete sich Hedwig
-unmutig auf. »Meinst du, wir werden klug werden aus diesem
-Geplauder, wovon man nur die Hälfte versteht? Sie schwatzen
-wieder, wie immer, vom Wohl des Landes, vom Herzog, von
-Süß, von allem; was geht das uns an! Komm! Es ist gar
-schaurig hier und kalt. Mädchen, so steh doch auf!«</p>
-
-<p>Aber Käthchen winkte ihr zu schweigen; man hörte jetzt eben
-den Oberst Röder mit bestimmter und vernehmlicher Stimme
-etwas vorlesen; die tiefe Stille umher unterbrach nur zuweilen
-ein schnell verrauschendes Murmeln des Unwillens. Jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_246">[246]</a></span>
-sprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche Züge gingen nach
-und nach in Staunen und Angst über; endlich, als die Männer
-unten wieder laut, aber beifällig zusammensprachen und die
-Gläser anstießen, flog eine hohe Röte über das Gesicht des
-Mädchens, ihre Augen leuchteten, als sie vorsichtig die Klappe
-schloß, die Lampe ergriff und mit ihrer Schwester den Rückweg
-einschlug.</p>
-
-<p>»Hast du was verstanden?« fragte Hedwig. »Du schienst
-auf einmal so aufmerksam; was haben sie denn Besonderes gesprochen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles sagen,« erwiderte
-Käthchen nachdenkend; »mir ist's, als hätte mir alles geträumt.
-Höre &ndash; aber schweig! Es könnte uns alle unglücklich machen.
-Das sind gefährliche Menschen in Vaters Zimmer unten. Mir
-graut, wenn ich daran denke, was daraus entstehen kann.«</p>
-
-<p>»So sprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre
-älter als du, und du sollst keine Geheimnisse vor mir haben.«</p>
-
-<p>»Denke dir,« fuhr Käthchen mit leiser Stimme fort, »der
-Süß will uns katholisch machen und die Landschaft umstürzen;
-da verlöre der Vater und alle andern verlören ihre Stellen!«</p>
-
-<p>»Katholisch!« rief Hedwig mit Entsetzen. »Da müßten
-wir ja Nonnen werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das
-ist abscheulich!«</p>
-
-<p>»Ach, warum nicht gar,« erwiderte Käthchen, lächelnd über
-den Jammer ihrer Schwester, »da müßte es viele Nonnen geben,
-wenn alle, die keine Männer bekommen, ins Kloster gingen;
-aber sei ruhig, es kommt nicht so weit. In drei Tagen, sagte
-Röder, werde der Herzog verreisen, und während er in Philippsburg
-ist, wollen die Männer da unten den Juden und alle seine
-Gehilfen im Namen der Landschaft gefangen nehmen und dann
-dem Herzog beweisen, wie schlecht seine Minister waren.«</p>
-
-<p>»Ach Gott, ach Gott! Das geht nicht gut,« sagte Hedwig
-weinend. »Alles werden sie verlieren, denn der Herzog traut
-allen eher als denen von der Landschaft; ich weiß ja, was mir
-einmal die Oberstjägermeisterin über den Vater sagte. Du
-wirst sehen, es geht unglücklich!«</p>
-
-<p>»Und wenn auch,« antwortete Käthchen, »so sind wir die
-Töchter eines Mannes, der, was er tut, zum Besten seines
-Vaterlandes tut. Das kann uns trösten.« Das mutige Mädchen
-holte aus dem Schranke eine mit vielen schönen Kupfern
-geschmückte Bibel. Sie gab der weinenden Schwester das neue
-Testament, um sich an den Kupfern und Reimsprüchen zu zerstreuen.<span class="pagenum"><a id="Page_247">[247]</a></span>
-Sie selbst schlug sich das Alte Testament auf. Sie verbarg
-ihre eigene Besorgnis um ihren Vater unter einem Liedchen,
-das sie leise vor sich hinsang, während ihre schönen Fingerchen
-emsig die vergilbten Blätter von einem Bilde zum andern
-durcheilten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>12.</h4>
-</div>
-
-<p>Es gibt im Leben einzelner Staaten Momente, wo der
-aufmerksame Beschauer noch nach einem Jahrhundert sagen
-wird, hier, gerade hier mußte eine Krise eintreten; ein oder
-zwei Jahre nachher wären dieselben Umstände nicht mehr von derselben
-Wirkung gewesen. Es ist dann dem endlichen Geist nicht
-mehr möglich, eine solche Fügung der Dinge sich hinwegzudenken,
-und aus der unendlichen Reihe von möglichen Folgen
-diejenigen aneinander zu knüpfen, die ein ebenso notwendig
-verkettetes Ganze bilden als ein verflossenes Jahrhundert mit
-allen seinen historischen Wahrheiten. Hier zeigt sich der Finger
-Gottes, pflegt man zu sagen, wenn man auf solche wichtige
-Augenblicke im Leben eines Staates stößt. Es hat aber zu allen
-Zeiten Männer gegeben, die, mochte ihr eigener Genius, mochte
-das <span id="corr247">Studium</span> der Geschichte sie leiten, solche Momente geahnet,
-berechnet haben, und sie wirkten dann am überraschendsten,
-wenn sie sich nicht begnügten, solche Krisen vorhergesehen zu
-haben, sondern wenn sie Mut genug besaßen, zu rechter Zeit
-selbst einzuschreiten, Kraft genug, um eine Rolle durchzuführen.
-Die Geschichte hat längst über die kurze Regierung der Minister
-Karl Alexanders entschieden. Sie flucht keinem Sterblichen,
-sonst müßte sie die Tränen und Seufzer Württembergs in
-schwere Worte gegen die Urheber seines Unglücks im Jahre 1737
-verwandeln; aber sie gedenkt mit Liebe einiger Männer, die
-sich nicht von dem Strome der allgemeinen Verderbnis hinreißen
-ließen, die ahneten, es müsse anders kommen, die vor
-dem Gedanken nicht zitterten, eine Aenderung der Dinge herbeizuführen,
-und die auch dann mit Ruhe und Gelassenheit die
-Sache ihres Landes führten, als ein <em class="gesperrt">Höherer</em> es übernommen
-hatte, einen unerwartet schnellen Wechsel der Dinge herbeizuführen,
-indem er zwei feurige Augen schloß und ein tapferes
-Herz stille stehen hieß.</p>
-
-<p>Wer sollte es diesem heiteren Stuttgart und seinen friedlichen
-Straßen ansehen, daß es einst der Schauplatz so drückender
-Besorgnisse war? Wie beruhigt über den Gang der Dinge
-sind die Enkel derer, die in jenem verhängnisvollen März jede<span class="pagenum"><a id="Page_248">[248]</a></span>
-Stunde für das Schicksal ihrer Familien, für die alten Rechte
-ihres Landes, selbst für ihren Glauben zittern mußten!</p>
-
-<p>Wer den übermütigen Süß in seiner Karosse, mit sechs
-Pferden bespannt, durch die »reiche Vorstadt« fahren sah, wie
-er stolz lächelnd auf die bleichen, feindlichen Gesichter herabblickte,
-die ihm überall begegneten; wer den schrecklichen <em class="gesperrt">Hallwachs</em>,
-seinen innigen Freund und Ratgeber, neben ihm sah
-und bedachte, wie viele verderbliche Pläne dieser Mann ersonnen,
-wie viele unerhörte Monopole er eingeführt habe und
-wie er immer neue zu erfinden trachte; wer das unbegrenzte
-Vertrauen kannte, das der Herzog in diese Menschen setzte, der
-mußte wohl an der Möglichkeit der Rettung verzweifeln.</p>
-
-<p>Dazu kamen noch die sonderbaren und widersprechenden
-Gerüchte, die im Umlauf waren. Die einen sagten, der Herzog
-sei nach Philippsburg und Kehl gereist, habe aber das Regiment
-nicht an den Geheimenrat, sondern das Siegel dem Juden Süß
-gegeben; andere widersprachen und behaupteten, man habe den
-Herzog an einem Fenster des Ludwigsburger Schlosses gesehen,
-auch seien seine Pferde noch dort, und er sei nicht abgereist.
-In einem Dorf an der österreichischen Grenze im Oberland
-sollen die Katholiken plötzlich über die protestantischen Einwohner
-hergefallen sein, und als letztere den Kampfplatz behaupteten,
-sei eine Kompagnie Kreistruppen über die Grenze
-herein ins Dorf gerückt. Am sonderbarsten klang das Gerücht,
-das sich überdies noch bestätigte, der Oberfinanzrat Hallwachs
-habe ein kostbares Meßgewand beim Hofsticker bestellt und ihm
-befohlen, es bis zum achtzehnten März fertig zu machen und
-wenn er mit fünfzig Gesellen arbeiten müßte; bringe er es nicht
-fertig, so werde er eingesetzt. Ein lutherischer Geistlicher, den
-man mit Namen nannte, soll den Kindern in der Schule Kreuzchen,
-aus Holz geschnitzt, geschenkt haben, mit den Worten: »Nur
-wenn ihr diese in Händen haltet, könnet ihr recht beten.« Endlich
-erzählte man sich als etwas Verbürgtes, der Jude habe zum
-Herzog über der Tafel gesagt: »Ihre Stände, Durchlaucht, sind
-eigentliche Widerstände; aber sie stehen schon so lange, daß sie
-müde und matt sind.« Karl Alexander habe ihm lächelnd zur
-Antwort gegeben: »<em class="antiqua">C'est vrai; allons donc leur donner
-des chaises, et une fois assis, ils ne se leveront plus.</em>«
-Auch jene Männer, die entschlossen waren, dem drohenden Verderben
-zuvorzukommen, hörten diese Gerüchte. Aber sie waren
-dabei kalt und ruhig; wußten sie ja doch, Württemberg stehe
-eine solche Veränderung bevor, daß es entweder erleichtert oder<span class="pagenum"><a id="Page_249">[249]</a></span>
-so tief ins Unglück gestürzt werden würde, daß der Jammer des
-einzelnen davor verstummen müßte. Man erzählt sich, sie haben
-alles, was dazu gehört, einem mächtigen und bösartigen Feind
-mit Hilfe des Landvolks zu begegnen, vorbereitet gehabt, und
-wenn ihr Unternehmen gelingen sollte, so verdankten sie es nur
-den wenigen hellstrahlenden Namen einiger Männer aus der
-Landschaft; denn an diese war man in Württemberg gewöhnt,
-das Interesse des Landes zu ketten.</p>
-
-<p>Es war spät abends den elften März, als der Landschaftskonsulent
-Lanbek mit seinem Sohne und dem Kapitän Reelzingen
-in seiner Wohnstube beim Weine saß. Die beiden Lanbek
-waren ernst und düster, der Kapitän aber konnte auch jetzt
-seinen fröhlichen Lebensmut nicht verbergen, denn er teilte seine
-Aufmerksamkeit und sein Gespräch zwischen der Fensternische,
-wo die beiden Schwestern Gustavs saßen, und zwischen den
-beiden Männern an seiner Seite. Hedwig sah bleich und still
-vor sich hin auf ihre Nadeln, aber auf Käthchens Gesichtchen
-lag eine höhere Röte als gewöhnlich und alle Augenblicke zeigte
-sie die weißen Zähne und die schönen Grübchen in ihren Wangen,
-denn der Kapitän wußte wieder wunderschöne Späße und Geschichten.</p>
-
-<p>»Wie ist Euer Pferd, Kapitän?« fragte der alte Lanbek.</p>
-
-<p>»Mein Fuchs ist ein besserer Infanterist als ich selbst,« erwiderte
-er. »Wenn ich die sechs ersten Stunden Trab und bergauf
-Schritt reite, so kann ich die nächsten sechs bequem Galopp
-reiten. Er hat nur <em class="gesperrt">einen</em> Fehler, den, daß er noch nicht bezahlt
-ist, und macht mir durch diese Untugend oft großen
-Jammer.«</p>
-
-<p>»Ihr könnt,« fuhr der Alte fort, »wenn ihr von der Galgensteige
-an scharf Trab reitet, zwischen elf und zwölf Ludwigsburg
-passieren; um vier Uhr müßt ihr in Heilbronn sein und
-dort laßt ihr die Pferde ruhen; zwischen acht und zehn Uhr seid
-ihr morgen in Oehringen.«</p>
-
-<p>»Aber Vater,« fiel Gustav ein, »wäre es nicht ratsamer,
-gegen Heidelberg zu reiten? Ich wollte darauf wetten, wir
-sind gegen Oehringen hin nicht mehr sicher. Bedenken Sie,
-daß der Deutschorden dort tief herein sich erstreckt, daß sie in
-Mergentheim gewiß von dem Bischof in Würzburg unterrichtet
-sind, daß&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Daß,« fuhr der Vater fort, »ihr auf der Straße nach
-Heidelberg viel mehr auffallet und daß ihr, wenn ihr etwa die
-Gegend nicht mehr rein fändet eine letzte Zuflucht bei meinem<span class="pagenum"><a id="Page_250">[250]</a></span>
-alten Herrn und Gönner, dem Herzog in Neustadt, habt, der
-euch gewiß in den ersten Tagen nicht herausgibt. Ist dann
-Karl Alexander zufrieden mit dem, was wir hier getan, so
-könnet ihr immer zurückkehren; wo nicht, so gehet ihr, wie schon
-gesagt, weiter nach Frankfurt.«</p>
-
-<p>»Gott! daß ich euch in einer solchen Krisis zurücklassen
-soll!« rief Gustav mit Tränen. »Daß ich vielleicht an eurem
-Unglück schuld bin; daß alles schlecht gehen kann, wenn Süß
-meine Flucht erfährt und sich an Ihnen, Vater, rächt! Nein,
-ich kann, ich darf nicht gehen!«</p>
-
-<p>»Nein, Vater,« fiel Hedwig ein, indem sie noch bleicher
-als zuvor herbeieilte und ihres Vaters Hand ergriff, »er darf
-uns nicht verlassen; o, ihr habt schreckliche Dinge vor, ich weiß
-es wohl, ihr wollt eine Verschwörung gegen diese mächtigen
-Menschen machen. Lassen Sie ab davon, Vater; Süß und die
-andern werden Ihnen verzeihen; ach, mich tötet die Angst!«</p>
-
-<p>»Geh, Mädchen,« sprach Käthchen, die auch herangetreten
-war; »was Männer tun und was unser Vater tut, geht uns
-nichts an. Aber warum soll denn gerade jetzt Gustav so schnell
-hinweg? Er könnte uns allen so nützlich sein.«</p>
-
-<p>»Weil ich keine Jüdin zur Tochter mag;« sagte der Alte
-streng, »darum soll er fort. Weil ich ein Briefchen seiner
-Scharmanten aufgefangen und mit Protest an den Juden geschickt
-habe, und weil dieser jetzt wütet und euren Bruder mit
-Gewalt zum Schwager haben oder auf Neuffen setzen will,
-darum soll und muß er ihm jetzt aus dem Wege gehen. Doch,
-ich wollte dir in dieser Stunde nicht wehe tun, Gustav; wir
-scheiden als Freunde, und alles andere soll vergessen sein, wer
-weiß, wann und wo wir uns wiedersehen!«</p>
-
-<p>Indem der Alte die letzten Worte sprach und seinem Sohn
-die Hand reichte, wurde schnell und heftig an der Tür gepocht,
-und ehe noch jemand antwortete, trat plötzlich eine Gestalt, in
-einen Mantel gehüllt, ein. »Was soll dies?« fuhr der alte
-Lanbek auf. »Wer drängt sich so bei Nacht in mein Haus, wer
-sind Sie?«</p>
-
-<p>»Blankenberg!« rief Hedwig, als jener den Mantel abwarf,
-und trat schnell und errötend einige Schritte vor.</p>
-
-<p>»Verzeihung, Herr Konsulent,« sprach der junge Mann
-eilend, »die Not muß mich entschuldigen. Gustav, du mußt
-im Augenblick fort; der Leutnant Pinassa schrieb mir soeben,
-daß er dich auf Befehl des General Römchingen heute nacht<span class="pagenum"><a id="Page_251">[251]</a></span>
-zwischen elf und zwölf Uhr aufheben müsse. Der ehrliche Junge
-möchte dich nicht gern im Nest treffen.«</p>
-
-<p>»Dank, Dank,« erwiderte der Alte, indem er Blankenberg
-die Hand drückte. »Trinket aus, Kinder, und macht den Abschied
-schnell; hier, mein lieber Reelzingen,« fuhr er fort und
-drückte dem überraschten Kapitän einen großen Beutel in die
-Hand; »man kann nicht wissen, ob sich euer Weg nicht teilt. Sie
-sind so edelmütig, meinen Sohn zu begleiten.«</p>
-
-<p>»Und mit Geld wollen Sie dies lohnen?« unterbrach ihn
-der Kapitän unmutig. »<em class="antiqua">Parole d'honneur</em>, Herr! ich begleite
-meinen Bruder, weil wir alte Amicisten sind, und nicht wegen
-Ihrer Spieße. Da soll mich doch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Reelzingen,« sagte Käthchen mit ihrer süßen Stimme,
-»Ihr versteht doch gar keinen Scherz; es sind lauter Kupfermünzen,
-und ich habe dem Vater den Beutel gegeben, Euch in
-April zu schicken.«</p>
-
-<p>»Ich verstehe,« flüsterte der Kapitän, indem er errötend
-dem schönen Mädchen die Hand küßte. »Ich will Euch dafür
-etwas Schönes von Frankfurt mitbringen.«</p>
-
-<p>»Bringet mir,« antwortete sie, indem sie die Tränen nicht
-mehr zurückhalten konnte, »nur unsern Gustav wohlbehalten
-zurück, und,« setzte sie, durch Tränen lächelnd, hinzu, »machet mir
-keine tollen Streiche, die euch verraten könnten.«</p>
-
-<p>»Die Pferde sind vor dem Seetor,« sprach der Alte zu
-Reelzingen und seinem Sohn. »Ihr dürft nicht das Tor selbst
-passieren; denn die erste Runde ist schon vorüber. Begleiten
-Sie meinen Sohn, Herr von Blankenberg, durch die Gärten
-und bringen Sie mir Nachricht, wie sie fortgekommen sind.«</p>
-
-<p>Der junge Lanbek umarmte Vater und Geschwister, die
-Schwestern folgten ihm und seinen Freunden weinend bis unter
-die Gartentüre, und als nachher Hedwig ihre jüngere Schwester
-bitter tadelte, weil sie erlaubt habe, daß der Kapitän sie auf
-den Mund küsse, antwortete jene: »Du hast gefehlt, nicht ich,
-daß du es unterlassen hast; solche Höflichkeit waren wir einem
-Manne schuldig, der für unsern Bruder so viel tut.«</p>
-
-<p>»Ei,« erwiderte Hedwig errötend, »Blankenberg hat ihn
-eigentlich doch auch gerettet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[252]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>13.</h4>
-</div>
-
-<p>Die beiden jungen Männer ritten schweigend durch die
-finstere Nacht hin. Kein Stern war am Himmel und der
-Wind heulte um die Berge. »Hu! Siehst du dort?« flüsterte
-Reelzingen, als sie an dem eisernen Galgen vorbeiritten, den
-einst (1597) Herzog Friedrich dem Alchimisten Honauer aus
-dem Metall errichten ließ, das er in Gold zu verwandeln versprochen
-hatte. »Schau, diese ungeheure Menge Raben, es ist,
-als witterten sie eine neue Beute.«</p>
-
-<p>Sein Freund blickte schweigend hinauf, schlug aber plötzlich
-wieder die Augen nieder, denn ihm war, als sähe er Leas
-feine, liebliche Gestalt klagend unter dem Galgen sitzen. »Fest
-genug ist diese Schandsäule aus Eisen,« fuhr der Kapitän fort,
-»um alle Schurken im Lande zu tragen; aber wollte man das
-Gold mit aufhängen, das sie eingesackt haben, würde selbst
-dieser Galgen wie ein morscher Stab zusammenbrechen! Wie
-diese Raben schaurige Melodien singen! Doch wie? &ndash; <em class="antiqua">Dieu
-nous garde</em>, Kamerad! Gib deinem Roß die Sporen, wahrhaftig,
-dort sitzt ein Gespenst am Galgen!«</p>
-
-<p>Es war, als ob die Pferde selbst diesen Ort des Schreckens
-fürchteten, denn auf diesen Ruf jagten sie mit Sturmeseile den
-Berg hinan und waren nicht mehr ruhig, bis man das Gekreisch
-der Raben nicht mehr hörte.</p>
-
-<p>Es liegt eine kleine Brücke zwischen Stuttgart und Ludwigsburg,
-von welcher das Volk viel Schauerliches zu erzählen
-weiß; so viel ist gewiß, daß schon Unerklärliches dort vorgefallen
-ist, und daß mancher Mann sein Gebet spricht, wenn er
-nachts allein über diese Stelle reitet. Die Sage sagt, daß der
-Sohn des Konsulenten und sein Freund, der muntere Kapitän,
-glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke gekommen seien;
-dort aber seien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle gegangen
-und haben geschnaubt und gezittert. Die jungen Leute spornten
-und gebrauchten ihre Peitschen, als eine alte, zitternde
-Stimme rief: »Gebt einem alten Mann doch ein Almosen!«</p>
-
-<p>»Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück,
-Alter, von der Brücke weg, unsere Pferde scheuen vor Euch,
-zurück, sag' ich, oder Ihr sollt meine Peitsche fühlen!«</p>
-
-<p>»Nicht so rasch, junges Blut! Nicht so rasch!« sagte der
-Alte, dessen dunkle Gestalt sie jetzt auf dem Brückengeländer<span class="pagenum"><a id="Page_253">[253]</a></span>
-sitzen sahen. »Eile mit Weile! Kommet noch früh genug, gebet
-einem alten Mann ein Almosen!«</p>
-
-<p>»Jetzt ist meine Geduld zu Ende,« rief der Kapitän und
-schwang seine Peitsche in der Luft. »Ich zähle drei, wenn du
-nicht weg bist, hau' ich zu.«</p>
-
-<p>Der Alte hüstelte und kicherte, Gustav kam es vor, als
-wachse seine dunkle Gestalt ins Unendliche und &ndash; ein langer
-Arm streckte einen großen Hut heran, und zum drittenmal, aber
-drohend und mit furchtbarer Stimme krächzte der Mann von
-der Brücke: »Einem alten Mann gib ein Almosen! Es wird
-dir Glück bringen, und reite nicht so schnell; vor zwölf Uhr
-darfst du nicht dort sein.«</p>
-
-<p>Reelzingen ließ kraftlos und zitternd seinen Arm sinken;
-er gestand nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe.
-Gustav aber zog mit pochendem Herzen die Börse und warf ein
-Silberstück in den großen Hut. »Wieviel Uhr ist's, Alter?«
-fragte er.</p>
-
-<p>»Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,« sprach die Gestalt,
-die wieder auf dem Geländer zusammenkauerte, mit dumpfer
-Stimme. »Dank dir, sollst Glück haben; reit' zu!« Er sagte
-es und stürzte rücklings mit einem dumpfen Fall in den Sumpf,
-über den die Brücke führte. Entsetzt gab Reelzingen seinem
-Pferde die Sporen, daß es sich hoch aufbäumte und dann in
-zwei Sprüngen über die Brücke setzte. Gustav aber hielt erschrocken
-sein Pferd an, stieg ab und blickte über das Geländer
-der Brücke. Es rührte sich nichts. »Alter!« rief er hinab,
-»hast du Schaden genommen? Kann ich dir helfen?« &ndash; Keine
-Antwort, und alles war still unten wie im Grabe. Jetzt faßte
-auch den jungen Lanbek eine unerklärliche Angst; er fühlte, als
-er aufstieg, wie sein Pferd zitterte; er wagte es nicht, sich noch
-einmal nach dem grauenvollen Ort umzusehen, als er seinem
-Freund nachjagte.</p>
-
-<p>»Das ist das zweite Mal, daß er mir begegnet ist,« flüsterte
-Reelzingen tief aufatmend, als Lanbek wieder an seiner Seite
-war.</p>
-
-<p>»Wer?« fragte dieser betroffen.</p>
-
-<p>»Der Teufel,« antwortete der Kapitän.</p>
-
-<p>Lanbek gab ihm keine Antwort auf die sonderbare Rede,
-und sie jagten weiter durch die Nacht hin. In Zuffenhausen
-schlug es Viertel vor zwölf Uhr, als sie durchritten; in den
-meisten Häusern brannten noch die Kerzen und da und dort
-hörte man geistliche Lieder aus den Stuben. Der Nachtwächter<span class="pagenum"><a id="Page_254">[254]</a></span>
-stieß eben ins Horn und rief die Stunde; der Kapitän hielt an
-und fragte ihn, was die späten Gesänge und Gebete zu bedeuten
-haben.</p>
-
-<p>»Ach Herr! Das ist eine arge Nacht,« antwortete dieser,
-»es hat ein Mann an vielen Häusern gepocht und befohlen, die
-Leute sollen die ganze Nacht bis zwölf Uhr beten.«</p>
-
-<p>»Wer ist der Mann?« fragte Lanbek staunend.</p>
-
-<p>»Alte Leute, Herr, die ihn gesehen haben, versichern, es
-sei unser alter Pfarrer gewesen; Gott hab' ihn selig, er ist seit
-zwanzig Jahren tot; aber es war ja nichts Unchristliches, was
-er verlangte, drum beten und singen sie in den Lichtkarzstuben
-und spinnen dazu.«</p>
-
-<p>»Diese Nacht kann mich noch wahnsinnig machen!« rief
-der Kapitän, indem sie wegritten. »Gustav, ich glaube, heute
-nacht geht er leibhaftig auf der Erde um; ich denke, es wäre jetzt
-gerade die beste Zeit, den alten Burschen zu zitieren, wenn man
-etwa schnell Oberst werden oder zweimalhunderttausend spanische
-Quadrupel haben möchte.«</p>
-
-<p>»Tor!« antwortete der Freund. »Der, den du meinst,
-hat mit dem Gebet nichts gemein.«</p>
-
-<p>Es war, als ob ihre Pferde nur zum Schein die Beine
-aufhöben, denn jede Viertelstunde, die sie zurücklegten, schien
-zu einer neuen anzuwachsen. Noch immer wollte Ludwigsburg
-nicht erscheinen und die Nacht war so finster, daß sie auch an
-der Gegend nicht erkennen konnten, ob sie fehlgeritten oder ob
-sie der Stadt schon nahe seien. Endlich, nachdem sie etwa
-wieder eine halbe Stunde geritten sein mochten, sahen sie in der
-Entfernung von etwa tausend Schritten Lichter schimmern, fanden
-aber auch zugleich ihren Weg durch vier Pferde versperrt,
-die, an einen Reisewagen gespannt, quer über die Landstraße
-standen.</p>
-
-<p>»Führ' deine Pferde hinweg, Fuhrmann!« rief der Kapitän,
-»oder meine Peitsche wird sie bald weggetrieben haben; warum
-versperrst du den Weg?«</p>
-
-<p>»Gemach, ihr Herren, soll gleich geschehen,« antwortete ein
-Mann, der von dem Wagen stieg. Aber die Zeit, die er dazu
-brauchte, die herabgefallenen Zügel aufzunehmen und zu ordnen,
-dauerte dem raschen Soldaten zu lange, er versuchte über die
-schlaff liegenden Stränge des vordersten Gespanns wegzusetzen,
-und forderte seinen Freund auf, ein gleiches zu tun; doch wie es
-in solchen Fällen blinder Eile zu geschehen pflegt, in demselben
-Augenblick zog der Mann am Wagen die Zügel an, und das<span class="pagenum"><a id="Page_255">[255]</a></span>
-Pferd des Kapitäns blieb mit einem Fuß in den straff aufgerichteten
-Strängen hängen.</p>
-
-<p>Lanbek sprang ab, um dem Freund zu helfen, der Kutscher
-lief bedauernd herzu, und eben war der Fuß des unbezahlten
-Rosses frei, als man einige Reiter in aller Eile von der Stadt
-herbeijagen hörte. Der erste mochte einen Vorsprung von fünfhundert
-Schritten, aber kein gutes Pferd haben, denn der
-Kapitän unterschied deutlich, daß es kurzen Paradegalopp ging,
-die Tritte der nachfolgenden Pferde schlugen zwar minder
-kräftig auf, waren aber flüchtiger. »Platz &ndash; <em class="antiqua">allons!</em> &ndash; Platz!«
-rief der erste Reiter; aber in demselben Augenblick hörten auch
-die beiden jungen Männer eine bekannte Stimme, die mit dem
-wildesten Ausdruck rief: »Halt, Jude! oder ich schieß' dich mitten
-durch den Leib!«</p>
-
-<p>Unter dem Volke in Württemberg hört man zuweilen noch
-einen Reim, der diesen merkwürdigen Moment bezeichnet,
-er heißt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Da sprach der Herr von Röder:<br /></span>
-<span class="i0">Halt oder stirb entweder!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und der alte Oberst war es auch, der in diesem Augenblick
-seinen Begleitern weit voran, eine Pistole in der Hand, ansprengte,
-den ersten Reiter wütend am Arme packte und schrie:
-»Wo hinaus, Jude? Warum so schnell zu Roß, als ich dir
-nachrief zu warten?«</p>
-
-<p>»Mäßigt Euch, Herr Oberst,« erwiderte der erste mit
-stolzem Ton, in welchem aber doch einige Angst durchzitterte;
-»ich gehe nach Stuttgart, der Frau Herzogin Durchlaucht zu
-sagen, was in diesem Augenblick für Maßregeln&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das ist auch mein Weg, Herr!« erwiderte der Oberst mit
-furchtbarer Stimme; »und keinen Augenblick geht Ihr von
-meiner Seite, sonst werde ich mit meiner Pistole Beschlag auf
-Euch legen. Platz da, wer steht hier im Weg?«</p>
-
-<p>»Der Kapitän von Reelzingen von der dritten Kompagnie
-und der Expeditionsrat Lanbek.«</p>
-
-<p>»Guten Abend, meine Herren!« fuhr Röder fort. »Habt
-Ihr geladene Pistolen, Kapitän?«</p>
-
-<p>»Ja, mein Herr Oberst,« war die Antwort des Soldaten,
-indem er sie aus den Halftern losmachte.</p>
-
-<p>»Ich kommandiere Euch, in welchem Auftrag Ihr jetzt auch
-sein möget, auf der linken Seite des Herrn Ministers Süß zu
-reiten. Bei Eurem Dienst und Eurer Ehre als Edelmann,<span class="pagenum"><a id="Page_256">[256]</a></span>
-sobald er Miene macht zu entfliehen, jagt ihm eine Kugel nach.
-Die Verantwortung nehme ich auf mich.«</p>
-
-<p>»Herr Expeditionsrat,« rief Süß, »ich nehme Euch zum
-Zeugen, daß mir hier schändliche Gewalt geschieht. Oberst
-Röder, ich warne Sie noch einmal; dieser Auftritt soll gerächt
-werden!«</p>
-
-<p>»Aber Herr von Röder,« flüsterte Gustav; »ums Himmels
-willen, übereilen Sie nichts, bedenken Sie, was daraus entstehen
-kann. Bedenken Sie,« setzte er lauter hinzu, »den furchtbaren
-Zorn des Herzogs.«</p>
-
-<p>»Der Herzog ist tot,« sagte Röder laut genug, daß es
-alle hören konnten.</p>
-
-<p>»Karl Alexander tot?« rief der Kapitän, auf den alle Begebenheiten
-dieser Nacht mit einemmal in schrecklichen Erinnerungen
-hereinstürzten.</p>
-
-<p>»Hat man sichere Nachricht? Gott! welch ein Fall!« sagte
-Gustav besorgt. »War er in Kehl?«</p>
-
-<p>»Er ist in Ludwigsburg vor einer Viertelstunde schnell
-und plötzlich gestorben. Drum ist es unsere Pflicht, diesen
-Herrn da, der sich mit der Regierung sehr stark beschäftigte,
-schnell an das verwaiste Staatsruder zu bringen.«</p>
-
-<p>»Wie, in Ludwigsburg, sagt Ihr,« rief Lanbek, »und schnell
-gestorben? O, ewige Vorsicht!«</p>
-
-<p>»In diesem Ludwigsburg hier,« sagte Röder wehmütig,
-»und im Bette am Schlag gestorben. Friede mit seiner Asche!
-Er war ein tapferer Herr. Aber jetzt weiter, ihr Freunde,
-daß die Nachricht nicht vor uns nach Stuttgart kommt!«</p>
-
-<p>»Meine Herren,« rief Süß mit einer Stimme, die Zorn
-und Angst beinahe erstickte, »noch bin ich Minister, und erinnere
-Sie an das Edikt des Herzogs, das mich von aller Verantwortung
-freispricht; ich sage Ihnen, es kann Ihnen allen
-schlimm gehen, wenn Sie sich mit Herrn von Röder verbinden.
-Im Namen des Herzogs und seines Erben befehle ich Ihnen,
-von mir abzulassen.«</p>
-
-<p>»Jetzt hat dein Reich ein Ende, Jude!« rief der Kapitän,
-lachte wild, riß ihm den Zaum aus der Hand und schlug sein
-Pferd mit der langen Peitsche auf den Rücken; der Oberst ritt
-an der rechten Seite, seine Pistole in der Hand; der Zug setzte
-sich in Galopp, und Gustav folgte halb träumend durch das
-singende Dorf, an dem alten Mann, der heiser lachend wieder<span class="pagenum"><a id="Page_257">[257]</a></span>
-auf der Brücke saß, und an dem Galgen vorüber, wo die Raben
-krächzten und mit den Flügeln schlugen. Erst hier, als er
-einen scheuen Blick nach der Richtstätte warf, fiel ihm mit ängstlicher
-Ahnung Lea und ihr unglückliches Schicksal bei.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>14.</h4>
-</div>
-
-<p>Als die Stuttgarter am Morgen nach dieser verhängnisvollen
-Nacht erwachten, wurden sie von zwei beinahe ganz unglaublichen
-Nachrichten überrascht. Der Herzog sei, statt außer
-Landes verreist zu sein, in dieser Nacht zu Ludwigsburg schnell
-gestorben. Er war ein gesunder, kräftiger Mann gewesen, dem
-mancher, der ihn gesehen, wohl noch zwanzig bis dreißig Jahre
-gegeben hätte. Die Klagen um seinen Tod verstummten beinahe
-vor der Freude über eine andere Nachricht: der Jude Süß
-sei mit mehreren der höchsten Hofherren im Ludwigsburger
-Schloß gewesen, als der Herzog so plötzlich starb; er habe sich
-alsobald, nachdem er die Leiche gesehen, aufs Pferd geschwungen
-und sei wie wahnsinnig Stuttgart zu geritten; Herr von Röder
-aber, ein Mann, mit dem sich nicht spaßen lasse, habe ihn eingeholt
-und bewacht nach Stuttgart geführt. Man lachte über
-die sonderbare Verblendung des Juden; als er nämlich von der
-Frau Herzogin, welcher er noch in der Nacht aufgewartet hatte,
-um zu kondolieren, heraustrat und eine Eskorte nach Haus verlangte,
-weil er wichtige Akten holen müsse, schloß sich ein Leutnant
-mit sechs Mann an ihn an. Am Ende des Korridors
-machte ihm ein Hauptmann das Kompliment und folgte mit
-zwölf Mann; jener meinte zwar lächelnd, »es sei zuviel Ehre,«
-als er aber an Lanbeks Haus um die Ecke bog, und vier Schildwachen
-vor seinem Palais bemerkte, als er oben an der Treppe
-Bajonette blitzen sah und Lea bleich, verstört und weinend ihm
-entgegenstürzte, da merkte er, welche Stunde geschlagen habe,
-und rief: »<em class="antiqua">Ciel, je suis perdu!</em>«</p>
-
-<p>Obgleich das Testament des verstorbenen Herzogs im Fall
-seines Todes eine Administration bestellt hatte, welche seinen
-Ministern angenehmer gewesen wäre, so übernahm doch Herzog
-Rudolf von Neustadt, trotz seines hohen Alters, als der nächste
-Agnat, die Administration, und das Land fühlte sich erleichtert
-und zufrieden dabei. Er ließ, außer anerkannt schlechten Menschen,
-jeden in der Würde, in der er unter der vorigen Regierung
-stand, und es war dies wirklich eine Art von Gnadenakt,
-wenn man bedenkt, daß früher zwei Dritteile aller Aemter<span class="pagenum"><a id="Page_258">[258]</a></span>
-im Lande gekauft worden waren. Nur <em class="gesperrt">einer</em> war nicht zufrieden
-mit dem Amt, das ihm der Herzog Administrator mit den
-huldreichsten Ausdrücken bestätigt hatte; es war der junge
-Lanbek. Er wurde nicht nur als Expeditionsrat aufs neue ernannt,
-sondern, als der alte Röder, im Feuer der Freundschaft
-für den Landschaftskonsulenten, dessen Sohn als einen klugen
-Kopf und trefflichen Juristen schilderte, wählte ihn der Herzog
-sogar in die Kommission, die den Prozeß gegen den Juden
-Süß zu führen hatte. Der alte Lanbek fühlte sich dadurch nicht
-wenig geehrt und nannte seinen Sohn mehreremal den Stolz
-und die Stütze seines Alters; aber Gustav machte diese Wahl
-unaussprechlich unglücklich. Nicht als ob er nicht, wie jeder
-andere Bürger, den Mann verdammt hätte, der das Land in
-so tiefes Elend gestürzt; nicht als ob es gegen sein Gewissen
-gewesen wäre, Verbrechen ans Licht zu ziehen, die man so künstlich
-verborgen hatte; aber Lea, es war ja ihr Bruder, den er
-richten sollte, und der Gedanke war es, der ihm dieses Geschäft
-zum Abscheu machte. Kleine Seelen sättigen sich gerne an
-Rache, und manchem wäre es eine innige Freude gewesen, einen
-Mann, der noch vor kurzem so hoch stand, jetzt in der tiefsten
-Kasematte der Festung zu besuchen, mit herrischer Stimme ihn
-von seinem Lager aufzujagen und ihn zu martern und zu
-peinigen. Dieser Mann hatte sich noch überdies gegen Gustav
-persönlich verfehlt, er hatte ihn mit dem empörendsten Uebermut
-behandelt, ihm sogar mit demselben Gefängnis gedroht,
-in welchem er jetzt selbst, bange um künftige Freiheit, vielleicht
-selbst um sein Leben, schmachtete. Aber das Herz des
-jungen Mannes war zu groß, als daß es hätte freudig pochen
-sollen, als er zum erstenmal als Richter in den Kerker des
-Mannes trat, der jetzt, entblößt von aller irdischen Herrlichkeit,
-angetan mit zerlumpten Kleidern, bleich, verwildert, sich
-langsam aus seinen rasselnden Ketten aufrichtete. Erinnerte
-ihn doch jetzt noch dieses Gesicht an die Züge eines unglücklichen,
-geliebten Wesens; und er konnte sich kaum der Tränen enthalten,
-als nach dem Schlusse des Verhörs der Gefangene sprach:
-»Herr Lanbek, es gibt ein unglückliches, unschuldiges Mädchen,
-das wir beide kennen; als man in meinem Hause versiegelte,
-haben sie die rohen Menschen auf die Straße gestoßen &ndash; sie war
-ja eine Jüdin und verdiente also kein Mitleid. &ndash; Mir, Herr,
-ist kein Pfennig geblieben, womit ich ihr Leben fristen könnte;
-ich weiß nicht, wo sie ist &ndash; wenn Sie etwas von ihr hören
-sollten &ndash; sie hat nichts als das Kleid, das sie trug, als man sie<span class="pagenum"><a id="Page_259">[259]</a></span>
-von der Schwelle stieß &ndash; geben Sie ihr aus Barmherzigkeit ein
-Almosen.«</p>
-
-<p>Der junge Mann ließ seinen Tränen freien Lauf, als er
-allein den Berg von Hohenneuffen herabstieg; er erfuhr zwar
-nachher, daß ihn der Jude belogen habe, daß er, obgleich man
-über fünfmalhunderttausend Gulden in Gold und Juwelen in
-seinem Hause fand, doch beinahe hunderttausend in Frankfurt
-in sichern Händen habe, und Gustav konnte leicht einsehen, daß
-ihn Süß durch diese Vorstellungen von Elend nur habe weich
-stimmen wollen; aber dennoch konnte er den Gedanken nicht
-entfernen, daß Lea verlassen und unglücklich sei, und dieser Gedanke
-wurde immer peinlicher, als er trotz seiner Nachforschungen
-keine Spur von ihr entdecken konnte.</p>
-
-<p>Der Frühling, Sommer und Herbst waren vorüber gegangen
-und noch immer dauerte der Prozeß. Es waren Dinge
-zur Sprache gekommen, wovor selbst den kältesten Richtern
-graute; aber obgleich der junge Lanbek der Kommission mit
-edlem Unwillen vorstellte, daß noch vier andere Männer nicht
-minder schuldig seien als Süß, so schien man doch nur gegen
-diesen ernstlich verfahren zu wollen, weil ihn der allgemeine
-Haß als den Schuldigsten bezeichnete.</p>
-
-<p>Es war an einem trüben Oktoberabend &ndash; der alte Konsulent
-war seit einigen Tagen verreist und sein Sohn arbeitete
-im Bibliothekzimmer an einem neuen Verhör&nbsp;&ndash;, als seine
-jüngere Schwester, jetzt die glückliche Braut des Kapitäns Reelzingen,
-ernster als gewöhnlich zu ihm eintrat. Sie sprach
-anfangs Gleichgültiges, schien aber nur mit Mühe eine Träne
-unterdrücken zu können, die endlich wirklich in dem sanften Auge
-glänzte, als sie fragte, ob er ihr nicht zürnen werde, wenn sie
-eine bekannte Person zu ihm führe? Er sah sie staunend und
-verwundert an, doch noch ehe er eine Antwort zu geben vermochte,
-eilte Käthchen weinend aus dem Zimmer und trat bald
-darauf mit einem verschleierten Mädchen wieder ein. Noch ehe
-die trübe Kerze ihre Umrisse deutlich zeigte, noch ehe sie den
-Schleier zurückschlug, sagte ihm sein ahnendes Herz, wen er
-vor sich habe; errötend sprang er auf, aber schon hatte die Unglückliche
-sich vor ihm niedergeworfen, den Schleier zurückgeschlagen,
-und Lea war es, welche die einst so geliebten Augen
-düster und bittend zu ihm aufschlug und die bleichen, magern
-Hände ineinander gerungen, flehend nach ihm hinstreckte.
-»Barmherzigkeit!« rief sie. »Nur nicht sterben lassen Sie
-ihn; man sagt, er müsse sterben; seine einzige Hoffnung<span class="pagenum"><a id="Page_260">[260]</a></span>
-ruht noch auf Ihnen. Wo soll ich Worte nehmen, Ihr
-großmütiges Herz zu erweichen? Welche Sprache soll ich
-erdenken, an ein Ohr zu sprechen, das mich einst so wohl verstand?«
-&ndash; Tränen ließen sie nicht weiterreden, und auch Käthchen
-weinte bitterlich. Voll von Schmerz und Ueberraschung
-faßte Gustav ihre kalten Hände und richtete sie auf; er sah sie
-an &ndash; wie schmerzlich war ihm ihr Anblick! Ihre Wangen
-waren bleich und eingefallen, die schönen Augen lagen tief, und
-der Mund, der sonst nur zum Lächeln geschaffen schien, zeigte,
-daß er jenes süße Lächeln längst nicht mehr kenne. Das schwarze
-Haar, das um die weiße Stirne hing, und das bleiche Gesicht
-vollendeten das Gespenstische ihres Anblicks.</p>
-
-<p>»Lea! Unglückliche Lea!« rief der junge Mann. »Wie
-lange haben Sie sich verborgen gehalten und Ihren Freunden
-den letzten Trost geraubt, zu wissen, ob es Ihnen an nichts gebricht,
-ob die Freunde etwas für Sie tun können?«</p>
-
-<p>»Ach! Das ist es nicht, um was ich Ihre edelmütige
-Schwester gebeten habe, mich hierher zu führen;« sagte sie
-schmerzlich lächelnd. »Warum soll es mir denn nicht gut gehen?
-Ich habe alle meine Hoffnungen und Träume längst begraben,
-ich pflanzte die Erinnerungen als Blumen auf das Grab und
-begieße diese Blumen mit meinen Tränen. Nein! Sie waren
-immer so großmütig gegen Unglückliche, geben Sie mir nur
-den Trost, daß mein Bruder nicht sterben muß. Ach! es ist
-so bitter zu sterben, und was nützt sein Tod diesem Lande?«</p>
-
-<p>»Lea,« antwortete der junge Mann verlegen, »gewiß, es ist
-bis jetzt noch nicht davon die Rede gewesen, und ich glaube auch
-nicht &ndash; Sie dürfen sich trösten &ndash; es wird nicht so weit
-kommen.«</p>
-
-<p>»Es wird, und in Ihrer Hand liegt sein Schicksal,« flüsterte
-sie; »er hat es mir gesagt, ich habe ihn gesprochen: ›Wenn nur
-der Brief nicht wäre, der Brief kann mich verderben.‹ O Gustav!
-Halten Sie ihn jahrelang, auf immer im Gefängnis, was liegt
-an ihm, wenn er in Ketten sitzt? Nur nicht sterben; Gustav
-sein Sie edelmütig &ndash; vergessen Sie den Brief, um den niemand
-weiß als Sie &ndash; mit jener schwachen Kerze dort können Sie
-das Leben eines Menschen retten.«</p>
-
-<p>»Bruder,« sagte Katharina, nähertretend, indem sie seine
-Hand faßte, »tu es, dein Gewissen kann nicht gefährdet werden,
-denn er ist ja auf immer unschädlich gemacht; verbrenne den
-Brief, er kann sich ja verloren haben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_261">[261]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Mann sah die weinenden Mädchen an; ein unabweisbares
-Gefühl kämpfte in ihm, er schwankte einen Augenblick,
-und Lea, die diesen Kampf in seinen Mienen las, faßte
-seine Hand, drückte sie stürmisch an ihr Herz, zog sie zärtlich
-an ihre Lippen. »Er will!« rief sie entzückt. »O, ich wußte es
-wohl, er ist edel; er will sich nicht wie die andern, an dem Unglücklichen
-rächen, der ihn einst beleidigt hat, er läßt ihn nicht
-sterben, belastet mit Sünden, er läßt ihn leben und fromm und
-weise werden. Wie gütig bist du, o Gott, daß du noch deiner
-Engel einen gesendet hast auf diese öde Erde, der mit der offenen
-Hand der Barmherzigkeit segnet und nicht mit dem flammenden
-Schwert der Rache den Verbrecher zerschmettert!«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; nein &ndash; es ist nicht möglich!« sprach Lanbek mit
-tiefem Schmerz. »Sieh, Lea, mein Leben möchte ich hingeben,
-um deine Ruhe zu erkaufen, aber meine Ehre! Meinen guten
-Namen! Es ist nicht möglich! Sie wissen um diesen Brief,
-einige haben ihn gelesen und &ndash; morgen soll ich ihn vortragen.
-Käthchen! Sprich, ich beschwöre dich, kann, darf ich es tun?«</p>
-
-<p>Käthchen weinte, und eine leise Bewegung ihres Hauptes
-schien anzudeuten, daß es auch ihr unmöglich scheine. Lea aber
-hatte ihm mit starren Blicken zugehört; über die bleichen Wangen
-ergoß sich die Röte der Angst, sie beugte sich vor, als könne sie
-die schreckliche Verneinung nicht recht vernehmen; sie sah, als
-sich Gustav auf seine Schwester berief, mit einem Blick voll
-schmerzlicher Zuversicht nach dieser hin, sie streckte die Hand
-krampfhaft aus wie ein Ertrinkender, der nach dem schwachen
-Zweig am Ufer die Hand ausstreckt &ndash; vergebens.</p>
-
-<p>»So muß er sterben,« sagte sie nach einer Weile leise, »und
-du &ndash; du brichst ihm den Stab? Das war es also, warum ich
-lebte &ndash; und liebte? Es ist ein sonderbares Rätsel, das Leben!
-Hätte ich dies gedacht, als ich noch ein fröhliches Kind war?
-Hätte ich gedacht, daß wir so untergehen müßten?«</p>
-
-<p>»Armes, unglückliches Mädchen!« sprach Käthchen und schloß
-sie in ihre Arme. »Ach, gewiß, er kann nicht anders handeln,
-ich sehe es selbst ein; und wenn es dich trösten kann, komm zu
-mir, so oft du willst, du sollst gewiß treue Teilnahme finden&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Lea,« unterbrach sie ihr Bruder, »wenn wir etwas für
-Sie tun können; Sie sind an Wohlstand gewöhnt &ndash; dieses
-Kleid hier sagt mir, daß Sie in Not sind.«</p>
-
-<p>»Komm, Lea,« fuhr Käthchen fort, »wir sind beinahe von
-derselben Größe, nimm von meinen Tüchern, von meinen Kleidern,
-du machst mir Freude, wenn du es tun willst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_262">[262]</a></span></p>
-
-<p>»Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes
-besitzt,« sagte Gustav, »soll und muß für Sie gerettet werden,
-Sie haben die nächsten Ansprüche, und ich will gewiß das
-Meinige tun.«</p>
-
-<p>»Guter Gustav,« unterbrach sie ihn, indem sie sich zu
-einem Lächeln zwang; »lassen wir das; die Leute sagen, daß er
-sein Vermögen den Armen dieses Landes entzogen habe. Da
-hatte er unrecht, und es wäre besser, er hätte dieses Land nie
-gesehen; aber ebenso unrecht wäre es von mir, von diesem Golde
-Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird. Aber
-von dir, liebes, schönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil
-es jetzt so kalt wird. Ich höre, du bist Braut; sei doch recht glücklich!
-Möchten dies die letzten Tränen sein, die jetzt in deinen
-Wimpern hängen; und wenn du weinen mußt, so sei es nur
-fremdes Unglück, um das dein schönes Herz trauert.«</p>
-
-<p>»Lea,« sagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, »ich
-kann dich nicht so hinweglassen; es ist die trügerische Ruhe der
-Verzweiflung die aus dir spricht. Besuche doch meine Schwester;
-sage, wo du wohnst. &ndash; Ach, wenn du Mangel littest! &ndash; Scheide
-nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß, daß ich nicht anders
-konnte!«</p>
-
-<p>»Und auch ich weiß es, Gustav, und war ein törichtes
-Mädchen, dich auf diese gefährliche Probe zu stellen; unser Unglück
-ist so groß, daß eine kleine Hilfe mit deiner Ehre, mit
-deiner Ruhe zu teuer erkauft wäre. Lebet wohl! Ich brauche
-wenig, vielleicht bald gar nichts mehr, und sollte ich etwas nötig
-haben, so bin ich nicht zu stolz, zu dieser Freundin zu kommen,
-der einzigen, die mir das Unglück erworben hat.«</p>
-
-<p>»Und vergibst du?« sagte Gustav mit Tränen.</p>
-
-<p>»Ich habe nichts zu vergeben,« erwiderte sie, indem sie ihm
-mit mehr Fassung, als die beiden Geschwister erhalten hatten,
-die Hand bot. »Lebe wohl, Freund! Ich gehe, meine Blumen
-zu begießen. Möge der Gott meiner Väter dich so glücklich
-machen, als es dein reines Herz verdient!« Sie sagte es, warf
-noch einen Blick voll Liebe auf ihn und ging, von Käthchen begleitet.</p>
-
-<p>Der junge Mann blickte ihr wehmütig nach; es war ihm,
-als hätte diese Stunde einen mächtigen Einfluß auf sein Leben,
-aber er ahnte auch, daß er das unglückliche Mädchen zum letztenmal
-gesehen habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_263">[263]</a></span></p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h4>15.</h4>
-</div>
-
-<p>Es würde unsere Leser ermüden, wollten wir sie von dem
-Prozeß des Juden Süß noch länger unterhalten. Es ging damals
-wie ein Lauffeuer durch alle Länder und wird da und
-dort noch heute erwähnt, daß am 4. Februar 1738 die Württemberger
-ihren Finanzminister wegen allzu gewagter Finanzoperationen
-aufgehenkt haben. Sie hingen ihn an einem ungeheuren
-Galgen von Eisen in einem eisernen Käfig auf. Im
-Dekret des Herzogs Administrator heißt es: »Ihme zu wohlverdienter
-Straff, jedermänniglich aber zum abscheulichen
-Exempel.« Beides, die Art, wie dieser unglückliche Mann mit
-Württemberg verfahren konnte, und seine Strafe sind gleich
-auffallend und unbegreiflich zu einer Zeit, wo man schon längst
-die Anfänge der Zivilisation und Aufklärung hinter sich gelassen,
-wo die Blüte der französischen Literatur mit unwiderstehlicher
-Gewalt den gebildeten Teil Europas aufwärts riß.</p>
-
-<p>Man wäre versucht, das damalige Württemberg der schmählichsten
-Barbarei anzuklagen, wenn nicht ein Umstand einträte,
-den Männer, die zu jener Zeit gelebt haben, oft wiederholen,
-und der, wenn er auch nicht die Tat rechtfertigt, doch ihre Notwendigkeit
-darzutun scheint. »Er mußte,« sagen sie, »nicht
-sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen als für die
-Schandtaten und Pläne mächtiger Männer am Galgen sterben.«
-Verwandtschaften, Ansehen, heimliche Versprechungen retteten
-die andern, den Juden &ndash; konnte und mochte niemand retten,
-und so schrieb man, wie sich der alte Landschaftskonsulent Lanbek
-ausdrückte, »was die übrigen verzehrt hatten, auf <em class="gesperrt">seine
-Zeche</em>.« Es sind seitdem neunzig Jahre verflossen, und wir
-wissen nicht, ob damals der schmähliche Tod dieses Mannes die
-Gemüter über alles Frühere beruhigte und befriedigte. Ein
-Edikt des Administrators wenigstens scheint es nicht ganz zu
-beweisen, denn er sah sich genötigt, zu <em class="gesperrt">verordnen</em>: »daß die
-Untertanen alle widrigen Nachreden und ungleichen Urteile über
-den hochseligen Herrn, bei Strafe und Ahndung, vermeiden, und
-denselben im schuldigst-respektuösesten Andenken halten sollen.«</p>
-
-<p>Der alte Lanbek tat das letztere auch ohne dies Edikt, denn
-so oft der Name Karl Alexanders genannt wurde, lüftete er mit
-besorgter Miene sein Mützchen und sagte: »Gott habe ihn selig!«
-Er folgte auch dem hochseligen Herrn noch unter der Vormundschaft
-Rudolfs von Neustadt. Man sagt, sein Sohn habe nie<span class="pagenum"><a id="Page_264">[264]</a></span>
-wieder gelächelt, und selbst Schwager Reelzingen konnte ihm
-mit den herrlichsten Späßen keine heitere Miene abgewinnen.
-Noch Anno 93 sah man ihn als einen hohen, magern Greis an
-einem Stock über die Straße schreiten; seine Miene war ernst
-und düster, aber sein Auge konnte zuweilen weich und teilnehmend
-sein. Er hat nie geheiratet, und die Sage ging damals,
-daß er nur einmal, und ein unglückliches Mädchen geliebt
-habe, das ihren Tod im Neckar freiwillig fand. Männer, die
-ihn gekannt haben, versichern, daß er gewöhnlich kalt und verschlossen,
-dennoch sehr interessant in der Unterhaltung gewesen
-sei, wenn man ihn auf gewisse metaphysische Untersuchungen
-brachte, mit welchen er sich in seinem hohen Alter hauptsächlich
-beschäftigte. Er starb, betrauert von vielen, die ihn und sein
-Schicksal kannten, und beweint von den Armen und Unglücklichen.
-Mein Großvater pflegte von ihm zu sagen: »Es war
-einer von jenen Menschen, die, wenn sie einmal recht unglücklich
-gewesen sind, sich nicht mehr an das Glück gewöhnen mögen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 71: keinen → keiner<br />
-Es hat ja noch <a href="#corr071">keiner</a> vom achten Regiment</p>
-<p>
-S. 205: Melancholei → Melancholie<br />
-durch sonderbare <a href="#corr205">Melancholie</a> prostituierte</p>
-<p>
-S. 247: Stadium → Studium<br />
-mochte das <a href="#corr247">Studium</a> der Geschichte</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden, by Wilhelm Hauff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE WERKE ***
-
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