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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden - -Author: Wilhelm Hauff - -Editor: Alfred Weile - -Release Date: November 8, 2019 [EBook #60647] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE WERKE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so gekennzeichnet=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - -[Illustration: W. Hauff.] - - - - - Wilhelm Hauffs - - sämtliche Werke in sechs Bänden - - Mit einer biographischen Einleitung - von _Alfred Weile_ - - Neu durchgesehene Ausgabe - :: :: in neuester Rechtschreibung :: :: - - Erster Band. - - A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei - Berlin NO.⁴³ Neue Königstr. 9 - - - - -Erster Band. - -Hauffs Leben von Alfred Weile. - -Gedichte. -- Novellen I. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - Biographische Einleitung 5 - - Gedichte 17 - - Novellen. Erster Teil 57 - - - - - Nachdruck verboten. - - - - -Hauffs Leben. - -(Nach _G. Schwab_.) - - -_Wilhelm Hauff_ ward zu Stuttgart, wo sein Vater als Regierungssekretär -lebte, am 29. November 1802 geboren. Er war erst sechs Jahre alt, als -sein Vater, der als »Anhänger des guten alten Rechts« (1799) acht -Monat schuldlos im Gefängnis auf Hohenasperg saß, nach Tübingen an das -Oberappellationstribunal versetzt wurde, 1808 als Ministerialsekretär -wiederum nach Stuttgart berufen, dort im darauffolgenden Jahre starb. -Seinen Großvater, der Landschaftskonsulent war, hat Hauff trefflich -in dem alten, ehrenfesten, am Rechte haltenden Lanbek im »Jud Süß« -gezeichnet. Die Witwe Hauff, Tochter des Obertribunalrats _Elsäßer_ -in Tübingen zog nach dem Tode ihres Gatten mit ihren Kindern nach -ihrer Vaterstadt zurück. Diese vortreffliche Frau hatte durch ihre -sittliche, veredelnde Erziehung einen wohltätigen Einfluß auf das -weiche, empfängliche Gemüt des Knaben; sein Talent zu erzählen, bildete -sich im häuslichen Kreise unter der Mutter, die selbst eine vorzügliche -Erzählerin war, und der Schwester früh aus. - -Er besuchte mit seinem älteren Bruder Hermann, der ein großes -Sprachentalent und Gedächtnis vor ihm voraus hatte, die ~Schola -anatolica~ -- nach dem ~Mons anatolicus~, einem Vorhügel des -Oesterberges bei Tübingen benannt. - -Eine rege Aufmerksamkeit auf alles und ein glückliches -Auffassungsvermögen führten ihn zur selbständigen Ausbildung seines -Geistes; auffallend war schon im zehnten und elften Jahre sein Hang zu -den Gebilden der Phantasie und er schwärmte für leichte Historien und -Romane; mit sehr viel Laune hat er später in seinem ersten Bande der -»Memoiren des Satan« diese Neigung dargestellt und uns ein komisches -Bild von seinem eigenen poetischen Treiben in der Schule gegeben. -Wenig geneigt zu den lärmenden Spielen der Knaben im Freien, war -den Brüdern der große Büchersaal des alten Großvaters der liebste -Tummelplatz, wo die Knaben in mannigfaltigen Spielen darstellten, -was sie in den Bildern der Folianten gesehen hatten; namentlich -prägte sich ihnen das Mittelalter und die Zeit des Uebergangs in die -neuere Geschichte lebhaft ein; auch die neueste Geschichte ging nicht -leer aus, und hier waren es die Gespräche des Großvaters mit seinen -Freunden, denen die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauschten; in -seinen Novellen finden sich oft Eindrücke aus der napoleonischen Epoche -wieder. - -Auf diesem Wege schuf sich der jugendliche Geist aus den mannigfachen -Bildern ein Bild der Natur und des Menschen, dessen Umrisse immer -bestimmter und fester wurden; er gewöhnte sich früh daran, jene Bilder -mit Sicherheit im Gespräche zu handhaben, und legte dadurch den Grund -zu der Darstellungsgabe, die später sein Hauptverdienst war. - -Sein überraschendes Deklamationstalent gab die Veranlassung, ihn zum -künftigen Prediger zu bestimmen und er wurde mit ziemlich mittelmäßigen -Kenntnissen 1817 in die Klosterschule zu Blaubeuren aufgenommen. -Viel hatten zur Vernachlässigung der klassischen Studien eine zarte -Konstitution und periodische Krankheit beigetragen und erst in dem -prächtigen gesunden Albtale bei Blaubeuren fing seine Gesundheit an zu -erstarken. - -Mit mehr Sinn für Literatur und Kunst als für Theologie und Philologie -bezog er 1820 die Universität Tübingen. -- Wenn er auch wenig -Geschick zu den ritterlichen Fertigkeiten des Burschenlebens zeigte, -so nahm er doch an allem lebendigen Anteil, was jugendliche Gemüter -in jener Periode begeisterte und er tat sich unter den Dichtern und -Rednern der damals, wenigstens noch in Tübingen und anderen kleineren -Universitäten, blühenden Burschenschaften hervor. Die Stimmung der -Zeit, die wehmutsvolle Sehnsucht nach Freiheit, die Erinnerung an die -zahlreichen Siege und Opfer spricht sich in vielen seiner Gedichte aus; -auch wurden einige seiner Lieder bei dem Wartburgfeste vorgetragen. - -Den engern Kreis seiner Freunde ergötzte er durch seine glücklichen -Einfälle, seine Gesprächigkeit und Munterkeit, seine Extravaganz. -Doch selbst im Zustande burschikoser und geselliger Exaltation ließ -er nie Besonnenheit vermissen. Obgleich jugendlich-eitel, reizbar -und empfindlich, hörte er doch mit seinem Humor nicht, wie so viele -Humoristen, an sich selbst auf, sondern er war der erste, der seine -eigenen kleinen Schwachheiten zu bespötteln und in ihrer Beharrlichkeit -als Karikatur an sich selbst darzustellen kein Bedenken trug. Zuweilen -warf er seine Einfälle aufs Papier mit seltener Leichtigkeit und -Gewandtheit, weder eigene noch fremde Schwäche scheuend. - -1824 machte er das Doktorexamen und sah sich als Kandidat der Theologie -nach einer geeigneten Stelle um. Durch die Vermittlung eines älteren -Freundes fand er in dem Hause des Kriegsrat-Präsidenten General -Freiherr _von Hügel_ in Stuttgart eine Stellung als Hauslehrer -und bekleidete diese Stelle bis zum Frühjahr 1826. In dieser -liebenswürdigen, feingebildeten Familie lernte er die Formen des -höheren geselligen Lebens in der Nähe kennen; der heitere, natürliche -Ton des Hauses erlaubte ihm, manches schöne, frische Bild aus dem -Leben aufzufassen, und solche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar, -nachdem er sie empfangen, als irgend eine anmutige Schilderung in -seinen Dichtungen wieder auf. Seine Stellung ließ ihm Zeit zu Studien -und Arbeiten; auch bestand er 1825 das zweite theologische Examen. - -Das erste kleine Werk, mit dem er 1825 öffentlich auftrat, ist der -»_Märchenalmanach_ auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter -Stände«. Zunächst für seine Zöglinge niedergeschrieben, beweist diese -kleine Sammlung Hauffs eigentliches Dichtertalent; diese Märchen, deren -ursprünglicher Stoff zwar nicht ihm selbst angehört, die jedoch mit -freiem Phantasiespiel behandelt und schön abgerundet sind, gehören -mit zu den besten seiner Werke; im Almanach für 1827 folgte eine -weitere Reihe prächtiger Märchen. Die besten davon, die nicht allein -jugendliche Gemüter fesseln, sondern auch von dem gereiften Manne -mit immer neuer Freude gelesen werden können, gehören nicht rein dem -Gebiete des Märchenhaften an -- nein! diese sagenhaften Geschichten -aus dem Spessart ergreifen das Herz und eine lebendige unvergängliche -Jugendfrische steigt aus diesen Gebilden hervor. - -Unmittelbar auf diesen ersten Märchenalmanach folgt der erste Teil -der »_Mitteilungen aus den Memoiren des Satan_«, die reich an heller -Phantasie und glücklicher Darstellungsgabe sind und in denen ein kecker -Humor und treffende Satire walten. Die barocke Studentenwelt, von deren -Anschauung der junge Mann eben erst herkam, gab ihm hier vielfache -Gelegenheit, sein Talent zu üben; diese Satansmemoiren erregten -Aufsehen und verschafften dem Verfasser einen ausgebreiteten Ruf, -erzeugten aber auch seiner Zeit durch ihre satirischen Ausfälle manchen -Aerger, manche Empfindlichkeit und besonders wurde ihm der Angriff -auf Goethe und seinen Faust sehr verübelt. Manche dieser Skizzen, in -denen er Figuren aus seinen Bekanntenkreisen gezeichnet hat, sind von -zwingendem Humor und reicher Satire, in denen Hauff eine Meisterschaft -besaß. Die Novelle »Der Fluch« scheint Hauff eingeflochten zu haben, -weil er vielleicht die eigentliche Lust zur Fortsetzung dieser -Mitteilungen verlor. - -Da Hauff merkte, wie leicht ihm die Darstellung wurde und daß ihn -seine Beobachtungsgabe auch für moderne Stoffe befähigte, entschloß -er sich aus der idealen Märchen- und Phantasienwelt in die realere -des Konversationslebens überzugehen. Im Winter 1825 bis 1826 schrieb -er den »_Mann im Mond_«, einen kleinen Roman aus dem modernen Leben. -Nach Andeutungen von G. Schwab und nach den Erinnerungen von _Wolfgang -Menzel_ scheint Hauff zuerst lediglich die Absicht gehabt zu haben, das -große Publikum zu interessieren. Wolfgang Menzel, der das Manuskript -gelesen hatte, machte ihm die größten Vorwürfe, ein Machwerk ~à la~ -Clauren (Hofrat Heun in Berlin) geschrieben zu haben, und daß sein Flug -nicht höher ginge als der des Berliner Hofrats. Er gab ihm den Rat, die -Farben noch viel stärker aufzutragen und dann das Buch unter Claurens -Namen erscheinen zu lassen. Hauff befolgte den Rat. Es steht jedoch -noch in Frage, ob Menzels Darstellung eine richtige ist; sie wird von -vielen neuerdings bestritten. Jedenfalls schaffte Hauff somit eine -köstliche Satire auf Clauren, eine verkehrte und verwerfliche Manier -mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung derselben -bekämpfend. - -Wilhelm Hauff fühlte jedoch später, was er sich denjenigen gegenüber -schuldig war, die ernstere Rechenschaft von dem Schriftsteller -fordern; er griff den Gegner in seiner durch Gesinnung und Ausdruck -nicht minder als durch beißenden Witz und echten Humor ausgezeichnete -»_Kontroverspredigt_« auf eine gründlichere und entschiedenere Weise -an. Seine Kontroverspredigt ist eine von sittlicher Entrüstung -getragene vernichtende Kritik der Claurenschen Manier. - -Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch seinen »_Mann im -Mond_« gefunden und die Lust, sich mit modernen Schriftstellern zu -messen, führte ihn immer mehr den Darstellungen der modernen Welt und -dem eigentlichen Konversationstone in der _Novelle_ zu. So entstand -eine Reihe von Erzählungen, die in belletristischen Zeitschriften und -Taschenbüchern erschienen -- nur »_Jud Süß_« schrieb er später -- und -der _zweite Teil der Satansmemoiren_. - -Der Erfolg, den Walter Scott mit seinen historischen Romanen auch in -Deutschland hatte, veranlaßte ihn, einen deutsch-historischen Roman -zu schreiben, und er begann seinen »_Lichtenstein_,« den er in sehr -kurzer Zeit beendete. Diese romantische Sage fand großen Beifall in -ganz Deutschland. Der anmutige Stoff ist keine Sage, sondern reine -Erfindung des Verfassers, die sich wie Efeu hinaufrankt an das alte -Felsenschlößchen Lichtenstein. Trotz mancher Mängel der Anlage und -Charakterzeichnung sind doch große Schönheiten im einzelnen und Hauff -würde bei einem zweiten Romane dieser Art gewiß etwas Vollkommenes -erreicht haben. Hauff ist in der Charakterisierung des Herzogs Ulerich -von Württemberg bedeutend von der historischen Wahrheit abgewichen -und hat ihn viel zu ideal geschildert, sich auch im ganzen große -geschichtliche Licenzen erlaubt, doch spricht aus diesem Roman ein -so edler, hoher Sinn, er ist so getragen von des Autors liebevoller -Vertiefung in die Vergangenheit seines Heimatlandes, so viele -erschütternde, poetische und auch komische Szenen schmücken das Werk, -daß »Lichtenstein« stets eine Perle unseres Sagenschatzes bleiben und -zu den Lieblingsbüchern unseres Volkes gehören wird. - -Nach Vollendung seines Lichtensteins verließ Hauff seine bisherigen -Verhältnisse. Der Ertrag seiner literarischen Arbeiten erlaubte ihm -eine Reise zunächst über Frankfurt und Mainz nach Paris und dann durch -Belgien und Norddeutschland. Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf -diesen Wanderungen allenthalben, besonders in Dresden, Berlin und den -Hansestädten persönliche Freunde unter allen Klassen der Gesellschaft. - -Durch den Kriminaldirektor _Hitzig_ in Berlin, den er in Hamburg kennen -gelernt hatte, wurde dem jungen Württemberger der Aufenthalt in der -preußischen Hauptstadt so angenehm wie möglich gemacht, namentlich -dadurch, daß er ihn mit den literarischen Kreisen vorzüglich mit -der berühmten Mittwochs-Gesellschaft und ausgezeichneten Männern in -Verbindung brachte. Im Spätherbst 1826 kehrte er nach Stuttgart zurück, -durch Eindrücke gestärkt und Erfahrungen bereichert. Für die Poesie -trugen Hauffs Reisen nur _eine_ zur vollen Reife gekommene Frucht, -die prächtigen »_Phantasien im Bremer Ratskeller_«, womit er im Herbst -1827 den Freunden des Weines ein Geschenk machte. Diese glückliche -Mischung von übermütigem Humor und poetischem Ernst, diese lebendige -Charakterisierung der köstlichen Figuren sichern den Phantasien durch -ihre echte, feurige Poesie einen dauernden Wert. Kurz vorher hatte er -die Erzählung »_Das Bild des Kaisers_« geschrieben, in der historische -und poetische Wahrheit zugleich enthalten ist; er hat hierin dem -obengenannten Baron von _Hügel_ ein Denkmal gesetzt, der seiner Zeit -Adjutant von Napoleon war. - -Nach der Heimat zurückgekehrt, übernahm Hauff am 1. Januar 1827 die -Redaktion des im Cottaschen Verlage erscheinenden »Morgenblatts für -gebildete Stände,« dem er einen neuen Aufschwung verlieh; er brachte -in demselben einige Abhandlungen und Skizzen. Im Februar desselben -Jahres verheiratete er sich mit einer Cousine seines Namens, mit der -ihn längst eine zarte Neigung verbunden hatte. Seine Freunde erzählen -heitere Geschichten von dem Bestreben des jungen Mannes, diese -Liebe, die den Verhältnissen gemäß den allergeradesten Gang hätte -nehmen müssen, ins Gebiet des Phantastischen und selbst der Intrige -hinüberzuziehen, so sehr war ihm romantische Verwicklung auch im -täglichen Leben Bedürfnis. Dieser Bund schien übrigens sein Lebensglück -dauerhaft zu begründen und gab ihm neue Lust zur Arbeit. Er trug sich -mit dem Gedanken, einen historischen Roman zu schreiben, dem die Kämpfe -in Tirol im Jahre 1809 zugrunde liegen sollten, und zu diesem Zwecke -machte er im Juli eine Reise nach Tirol. -- - -Leider nahte ihm im neuen, jungen Glücke ein früher Tod. - -Die Freude über die Geburt eines Töchterchens fand ihn schon durch -Unpäßlichkeit gedrückt, die durch angestrengte Dienste am Kranken- und -Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten teueren Freundes -verursacht war. Bei der Beerdigung eines andern lieben Freundes zog -er sich eine heftige Erkältung zu, und ein tückisches Nervenfieber -beschlich den Widerstrebenden, der gewaltsam zur gewohnten und ihm so -lieben Arbeit zurückkehren wollte. - -Wenige Stunden, so erzählt sein Bruder, bevor das Fieber seine Sinne -in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum letztenmal seine Züge bei -der Kunde von der Seeschlacht bei Navarin; das Ereignis, das so viele -Dichter zu politisch-poetischen Erzeugnissen begeisterte und Freude in -der ganzen gebildeten Welt erregte, konnte er nicht mehr besingen, -er konnte sich nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des -Fiebers Wahnsinn, und es war rührend zu hören, wie er, sich für den -Schlachtboten nach dem Jenseits haltend, mehr als einmal rief: »Laßt -mich, ich muß hin, ich muß es Müller sagen!« denn kaum vor zwei Monaten -hatte er in Stuttgart _Wilhelm Müller_, den Sänger der Griechenlieder, -persönlich kennen gelernt und seit wenigen Wochen seinen jähen Tod -betrauert. - -Wilhelm Hauff entschlief sanft, indem er von den Seinigen Abschied nahm -und Gott »_seinen unsterblichen Geist_« empfahl, am 18. November 1827. -Die Teilnahme an seinem frühen Tode war allgemein und sie sprach sich -in Stuttgart durch eine sehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und -rührend aus. Seine geistigen Mitarbeiter wetteiferten, ihn in Nachrufen -zu feiern. - -Den schönsten Nachruf widmete Wilhelm Hauffs frühem Hinscheiden _Ludwig -Uhland_: - - Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben, - Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben, - Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen - Den abgeknickten Zweig -- den blütenvollen! - - Noch eben war von dieses Frühlings Scheine - Das Vaterland beglänzt. -- Auf schroffem Steine, - Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu - Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu. - Doch in der Höhle, wo die stille Kraft - Des Erdgeists -- rätselhafte Formen schafft: - Am Fackellicht der Phantasie entfaltet, - Sah'n wir zu Heldenbildern sie gestaltet; - Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt, - Ward zum beseelten Menschenwort erweckt. - - Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen, - Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen - Umkleidete das Altertum den Sarg, - Der heiter die verglühte Asche barg: - So hat auch er, dem uns're Träne taut, - Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut. - - Die Asche ruht -- der Geist entfleucht auf Bahnen - Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen, - Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht - Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht. - -Hauffs literarischer Nachlaß war gering; die erste Ausgabe seiner -sämtlichen Werke wurde durch _Gustav Schwab_ veranstaltet, der -mit ihm im persönlichen Verkehr gestanden hatte. Hauffs heiterer, -phantasievoller Geist, sein sinnendes Gemüt, sein jugendfrisches, -liebenswürdiges Wesen spricht lebendig aus allen seinen Werken, die -hierdurch und durch das gewandte Erzählertalent ihren Wert erhielten -und zu Schätzen deutscher Literatur wurden. - - =Alfred Weile.= - - - - -Gedichte. - - - - -Gedichte. - - - Seite - - Der Schwester Traum 17 - - Mutterliebe 19 - - An die Freiheit 20 - - 1. Zur Feier des 18. Junius 1824 21 - - 2. Zur Feier des 18. Junius 1823 23 - - 3. Zur Feier des 18. Junius 1824 23 - - 4. Zur Feier des 18. Junius 1824 24 - - Turnerlust 25 - - Das Burschentum 26 - - Trinklied 27 - - Reiters Morgengesang 28 - - Soldatenmut 29 - - Prinz Wilhelm 30 - - Soldatentreue 32 - - Soldatenliebe 33 - - Hans Huttens Ende 33 - - Entschuldigung 35 - - Jesuitenbeichte 37 - - Regel für Kranke 38 - - Schriftsteller 39 - - Lehre aus Erfahrung 40 - - Amor der Räuber 40 - - Stille Liebe 41 - - Hoffe 41 - - Trost 43 - - Sehnsucht 44 - - Ihr Auge 45 - - Serenade 46 - - Lied aus der Ferne 46 - - Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage 47 - - An Emilie 48 - - Der Kranke 49 - - Grabgesang 50 - - Aus dem Stammbuche eines Freundes 51 - - Logogryph 51 - - Rätsel, drei 52 - - Scharade 53 - - - - -Der Schwester Traum. - - - Sie schläft. -- Es ist die letzte Nacht des Jahres, - Und wenn die Morgenglocken wieder tönen, - Grüßt eine neue Zeit das holde Kind. - - Man sagt, in dieser letzten Mitternacht - Entsteigen ihren Gräbern manche Schatten, - Die Seelen schweben von dem Himmel nieder, - Die Heimat und die Freunde zu besuchen. - Auch _sie_ gedachte dieser alten Sage, - Als sie im stillen, einsamen Gemach - Die Ruhe suchte, und den schönen Augen - Entströmten Tränen. Doch, nicht kind'sche Angst - Vor der geheimnisvollen Wiederkehr - Geschiedner Geister trübte ihre Blicke; - Nein, die Erinnrung an geliebte Schatten, - Die Wehmut um so manches teure Grab - Senkte sich nieder in die stille Seele; - Sie hat für sie gebetet und geweint. - - Sie schlummert, und es nahen die Verlornen, - Die schönen Toten, ihrem stillen Lager; - Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf - Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt. - - Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder - Als blühende, als irdische Gestalten; - Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden, - Nicht wie sie um den trauten Winterherd - Die schaurig schönen Märchen dir erzählten, - Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz - Zum Maientag die schönen Haare flochtest: -- - Dies alles blieb in ihrem frühen Grab. - Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer, - Umstrahlt von heil'gem, überird'schem Glanz. - Doch, sind die Blütenkränze abgestreift, - Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen, - Sie bringen doch die alte Liebe mit, - Und sanfter, als in ihrer Erdenschöne, - Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht, - Das deine milden Züge still umschwebt, - Sind sie genaht, und deinem geist'gen Blick - Begegnen grüßend ihre lichten Augen, - Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt. - - Sie segnen dich; von ihren heil'gen Lippen - Ertönt es wie der Aeolsharfe Ton, - Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten - Der Hauch des Abends weht: »Geliebte Schwester, - Wir denken deiner und wir sind dir nah, - Und segnend schweben wir um deine Tritte; - So oft dein Aug' im schönen Morgenrot, - Im heitern Blau des Mittags sich ergeht, - Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach, - Die in dem Meer der Abendröte segeln, - Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl, - Der mild und freundlich in dein Fenster fällt, - Entschweben wir von deinem stillen Lager - Mit deinen Tränen nach den sel'gen Höhn.« - - So flüstern sie und neigen sich herab, - Die Stirn der teuern Schlafenden zu _küssen_ - Und dann beflügelt, eh' sie schnell erwacht, - Eh' ihre Augen die Erscheinung haschen, - Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben - Nach sel'gen Höhn. Ja _dort_, wo anders fände - Die Schwesterliebe ihre ew'ge Heimat? - So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte - Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief, - Gleicht sie dem Bergsee, der in heil'ger Stille - Den Himmel und die friedlichen Gestade - Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom, - Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt. - - Ja, tief und selig ist die Schwesterliebe, - Und zarter, rührender erscheint sie kaum, - Als wenn sie über Gräbern noch sich findet - Und _Tote leben_ in der Schwester Traum. - - - - -Mutterliebe. - - - Mutterliebe! - Allerheiligstes der Liebe! - Ach! die Erdensprache ist so arm, - O, vernähm' ich jener Engel Chöre, - Hört' ich ihrer Töne heilig Klingen, - Worte der Begeistrung wollt' ich singen: - »Heilig, heilig ist die Mutterliebe!« - - Wie die Sonne geht sie lieblich auf, - Blickt herab, den Blick voll süßen Frieden, - Lächelt freundlich ihrer jungen Blüten -- - Und die Pflanze sproßt zum Licht hinauf. - Rauhe Stürme ziehen durch die Flur, - Und die junge Pflanze bebet, - Doch die Sonne blickt durch die Natur, - Und die junge Pflanze lebet, - Neu erwärmt von ihrem Blick, und strebet - Höher noch zu ihrer Sonne auf. - - Mutterliebe! du, du bist die Sonne! - O wie leuchtest du der Blüte doch so warm! - O wie heilig ist die Mutterwonne, - Wenn das Kind umschlingt der treue Arm! - So am Abend, so am Morgen, - Nie ermattet sie, - Wacht in Freuden, wacht in Sorgen - Spät und früh. - Sie begießt mit Muttertränen - Ihrer Augen Lust, - Wärmet sie mit stillem Sehnen - An der treuen Brust. - Süße Hoffnung schwellt die Mutterbrust, - Daß die Blüte werd' zur Knospe keimen, - Früchte sieht sie in den süßen Träumen. - Heil'ge, reine Mutterliebe, - Daß sich nie dein stiller Himmel trübe! - - Mutterliebe! - Allerheiligstes der Liebe! - Dir ertönten jener Engel Chöre; - Als der Herr zur Erde niederstieg, - Wollt' er an der Mutterlieb' erwarmen - Und erwachte in der Mutter Armen. - - Sinket nieder, - Schwestern, Brüder, - Fleht zu dem, der Mutterlieb' gekannt, - Der _sie_ schuf, sein reinstes Seelenband. - Fleht mit uns, ihr Geister unsrer Lieben, - Tragt es aufwärts, unser kindlich Flehn, - Tragt's hinauf zu jenen Sternenhöh'n, - Werft euch nieder vor des Vaters Thron, - Fallet nieder vor der Mutter Sohn, - Daß auf uns er seine Gnade senke - Und den süßen Trost uns immer schenke -- - Das segensvolle Heiligtum der Liebe, - Der Mutterliebe! - - - - -An die Freiheit. - - - Was mir so leise einst die Brust durchbebte, - Als ich zuerst zum Jüngling war erwacht, - Was sich so hold in meine Träume webte, - Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht; - Und was am Morgen klar noch in mir lebte, - Was dann, zur lichten Flamme angefacht, - Mit kühner Ahnung meine Seele füllte -- - Es wären nur der Täuschung Luftgebilde? - - Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten, - Wenn ich der Völker Schicksal überlas, - Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten - Der Schöpfung mit dem trunknen Auge maß, - Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden, - Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß -- - Ich fühle es an meines Herzens Glühen, - Es war kein Traumbild eitler Phantasieen! - - Du, stille Nacht, und du, o meine Laute! - Nur euch, ihr Trauten, hab ich es gesagt; - Ertönt's noch einmal, was ich euch vertraute, - Erzählt's dem Abendhauch, was ich geklagt, - O sagt's ihm, was ich fühlte, was ich schaute, - Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt; - O Freiheit, Freiheit, dich hab' ich gesungen, - Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen! - - Die müde Sonne ist hinabgegangen, - Der Abendschein am Horizont zerrinnt, - Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen, - Stiegst du hernieder mit dem Abendwind? - Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen, - Ich fühl's, du schwebst um mich, so mild, so lind. - O weile hier, wirf ab die Adlerflügel! - Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel? - - Wohl lange ist's, seit du so gerne wohntest - Bei unsern Ahnen in dem düstern Hain: - Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest - Vom eis'gen Belt bis an den alten Rhein? - Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest? - Das schöne Land soll ganz vergessen sein? - Noch denkst du sein; es wird dich wiedersehen, - Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen. - - - - -Zur Feier des 18. Junius 1824. - - -I. - - Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain, - Seid mir gegrüßt, ihr meine deutschen Brüder; - Auf! sammelt euch in festlich frohen Reihn, - Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder; - Daß heut der stolze Adler niedersank, - Daß sich mein Volk einlöste mit dem Schwerte - Sein Heldentum, der Freiheit Ruhm, die deutsche Erde, - Trag's zu den Wolken, donnernder Gesang! - - Trübt auch die Wolke unsres Festes Glanz, - Sind auch zerschlagen schon des Siegs Altäre, - Die jüngst noch, in dem jungen Siegerkranz, - Der Deutsche weihte seines Volkes Ehre: - Mög' Arglist auch und Trug mit finstrem Bann - Dem Siegervolke noch die Zunge binden, -- - Begeisterung, des Jünglings Dank, soll's laut verkünden: - »Wer _dort_ gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!« - - Denn auferstehen soll ein neu Geschlecht, - Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen, - Zu kämpfen für die Freiheit und das Recht, - Um deutsch zu sein wie in der Vorzeit Tagen! - Ein hoher Sinn stieg auf aus blut'gem Streit, - Es kehrt der biedre Geist der Väter wieder, - Und stolzer stehn, in deutscher Kraft und frei, o Brüder, - _Wir_ auf den Trümmern der vergangnen Zeit! - - Drum tretet mutig in die Kämpferbahn, - Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen! - Fürs liebe Vaterland hinan, hinan! - Doch nur von innen kann das Werk gelingen, - Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm, - Nein, unser Weg geht durch Minervas Hallen; - Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchsten wallen, - Erschaffen uns ein echtes Bürgertum! - - Ja, so ersteht ein freies Vaterland; - O Bruderbund, dies hast du dir erkoren! - Hebt in die Lüfte auf die treue Hand, - Dem Vaterlande sei es fest geschworen! - O schöne Saat! Der junge Stamm erblüht, - Und schützend ragt er auf wie Deutschlands Eichen; - Blüh', schöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen, - Und fern dahin die dunkle Wolke zieht. - - -II. - -1823. - - Ferne in der fremden Erde - Ruhet ihr bei euerm Schwerte - In des Todes sichrer Hut; - Heil'ger Frieden - Lohnt euch Müden, - Nach des Tages heißer Glut. - - Frankreichs Adler saht ihr fallen, - Hörtet Siegesdonner schallen, - Als der Tod das Auge brach. - Heil euch Lieben, - Träumet drüben - Von der Freiheit goldnem Tag. - - Selig preis' ich eure Lose - In der Erde kühlem Schoße. - Ach, ihr saht der Freiheit Licht, - Saht sie steigen - Ueber Leichen -- - Doch sie sinken saht ihr nicht. - - Fern von eurem Siegestale - Denken wir beim Todesmahle - Innig eurer Siegerschar, - Und wir gießen, - Euch zu grüßen, - Tränen auf den Festaltar. - - -III. - -1824. - - So nahst du wieder, holde Siegesfeier, - Die unsre Brust mit süßen Träumen füllt, - Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier - Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt: - Du nahst -- und alle Herzen schlagen freier, - Gesang und Jubel tönet durchs Gefild, - Und meiner Brüder frohe Blicke sagen: - »Es war _mein_ Volk, das diese Schlacht geschlagen!« - - Es war _mein_ Volk, und nicht die frohen Binden - Von Eichlaub sollten schmücken das Gelag; - Wohl sollten wir Zypressenkränze winden - Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag; - Doch -- den Gefallnen laßt uns Kränze winden, - Und einmal noch am frohen Siegestag, - Weil rings um uns des Sieges Früchte welken, - Laßt uns in der Erinnrung Träumen schwelgen. - - Drum grüß' ich dich, du Feld, wo sie gefallen, - Wo froh ihr Aug' im Siegesdonner brach! - Drum grüß' ich euch in euern Wolkenhallen, - Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unsre Schmach! - Euch, tapfern Sängern, euch, ihr Helden, allen, - Euch tönen unsre Liebesgrüße nach, - Und euch, die ihr dem Auge schnell entschwunden, - Der jungen Freiheit kurze Frühlingsstunden! - - Und hätte man den Denkstein euch zerschlagen - Und eure Kränze in den Staub gedrückt: - Die Blumen haben in des Frühlings Tagen - Der Helden Grab mit neuem Grün geschmückt. - So keimt auch unsre Hoffnung unter Klagen; - Denn ob der Sturm sie Blatt für Blatt zerpflückt, - Neu sproßt sie aus dem Hügel eurer Leichen, - Und Gott wird wachen über ihren Zweigen. - - -IV. - -1824. - - Wo _eine_ Glut die Herzen bindet, - Wo Aug' dem Auge nur verkündet, - Was Sehnsucht in dem Herzen spricht; - Wo, wenn der Sturm die Form zerspaltet, - Die Gottheit in den Trümmern waltet, - Kennt man der Liebe Trennung nicht. - - Heran, ihr Brüder! Nord und Süden, - Ob euch des Herrschers Wink geschieden, - Laßt uns _ein_ Volk von Brüdern sein; - Schließt ja in Schönbunds weiten Auen - Von allen Strömen, allen Gauen - _Ein_ Rasen unsre _Brüder_ ein. - - Wohl ist der Siegsgesang verklungen, - Ganz anders wird jetzt vorgesungen, - Ganz andre Weisen spielt man vor; - Doch tönt, von Wehmut fortgetragen, - _Ein_ Ton noch aus den bessern Tagen - Und schlägt an manch empfänglich Ohr. - - Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen - Den alten Ton herüberklingen - Von unsrer Brüder Schlachtgefild? - Der _Einklang_ ist's von tausend Tönen, - Der mächtig in Germanias Söhnen - Zu der Begeistrung Wogen schwillt. - - - - -Turnerlust. - - - Was zieht dort unten das Tal entlang? - Eine Schar im weißen Gewand; -- - Wie mutig brauset der volle Gesang! - Die Töne sind mir bekannt. - Sie singen von Freiheit und Vaterland, - Ich kenne die Scharen im weißen Gewand. - Hurra! Hurra! Hurra! - Die Turner ziehen aus. - - Die Turner ziehen ins grünende Feld - Hinaus zur männlichen Lust; - Daß Uebung kräftig die Glieder stählt, - Mit Mut sich füllet die Brust: - Drum schreiten die Turner das Tal entlang, - Drum tönet ihr mutiger froher Gesang: - Hurra! Hurra! Hurra! - Du fröhliche Turnerlust! - - O sieh, wie kühn sich der Blick erhebt, - Wenn der Arm den Gegner umfaßt! - Und frei, wie der Aar durch die Lüfte schwebt, - Fliegt auf der Turner am Mast; - Dort schaut er weit in die Täler hinaus, - Dort ruft er's froh in die Lüfte hinaus: - Hurra! Hurra! Hurra! - Du fröhliche Turnerlust! - - Es ist kein Graben zu tief, zu breit, - Hinüber mit flüchtigem Fuß! - Und trennt die Ufer der Strom so weit, - Hinein in den tosenden Fluß! - Er teilt mit dem Arm der Fluten Gewalt, - Und aus den Wogen sein Ruf noch schallt: - Hurra! Hurra! Hurra! - Du fröhliche Turnerlust! - - Er schwingt das Schwert in der starken Hand, - Zum Kampfe stählt er den Arm; - O dürft' er's ziehen fürs Vaterland! - Es wallt das Herz ihm so warm. - Und sollte sie kommen, die herrliche Zeit, - Sie fände den tapfern Turner bereit. - Hurra! Hurra! Hurra! - Wie ging's dann mutig in Feind! - - So wirbt der Turner um Kraft und Mut - Mit Frührots freundlichem Strahl, - Bis spät sich senket der Sonne Glut - Und die Nacht sich bettet im Tal; - Und klingt der Abendglockenklang, - Dann ziehn wir nach Haus mit fröhlichem Sang - Hurra! Hurra! Hurra! - Du fröhliche Turnerlust! - - - - -Das Burschentum. - - - Wenn die Becher fröhlich kreisen, - Wenn in vollen Sangesweisen - Tönt so manches Helden Ruhm, - Ja, da muß man dich auch singen, - Muß auch dir die Becher schwingen, - Dir, du altes Burschentum! - - Fragt ihr, wo die Freiheit wohne? - Auf Europas weiter Zone - Habt ihr nimmer sie gesehn; - Nur bei alter, treuer Sitte, - In der Burschen froher Mitte - Mag ihr Tempel noch bestehn. - - Froh und frei, wie's unsre Alten - Einst zu ihrer Zeit gehalten, - Leben wir, so lang es gilt; - Freuen uns -- mit leerer Tasche, - Wenn uns nur aus voller Flasche - Klar der braune Nektar quillt. - - Nicht in marmornen Trophäen - Kann die späte Nachwelt sehen, - Was wir Brüder hier getan! - Doch zum Denkstein unsern Siegen - Häufen wir aus leeren Krügen - Hohe Pyramiden an. - - Mit dem Humpen in der Linken - Wollen wir dein Wohlsein trinken, - Altes, frohes Burschentum! - Mit dem Hieber in der Rechten - Wollen wir dich kühn verfechten, - Freies, tapfres Burschentum! - - - - -Trinklied. - - - Wer seines Leibes Alter zählet - Nach Nächten, die er froh durchwacht, - Wer, ob ihm auch der Taler fehlet, - Sich um den Groschen lustig macht, - Der findet in uns seine Leute, - Der sei uns brüderlich gegrüßt, - Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude - In seine sanften Arme schließt. - - Wenn von dem Tanze sanft gewieget, - Von Flötentönen sanft berauscht, - Fein Liebchen sich im Arme schmieget, - Und Blick um Liebesblick sich tauscht, - Da haben wir im Flug genossen - Und schnell den Augenblick erhascht, - Und Herz an Herzen festgeschlossen, - Der Lippen süßen Gruß genascht. - - Den Wein kannst du mit Gold bezahlen, - Doch ist sein Feuer bald verraucht, - Wenn nicht der Gott in seine Strahlen, - In seine Geisterglut dich taucht; - Uns, die wir seine Hymnen singen, - Uns leuchtet seine Flamme vor, - Und auf der Töne freien Schwingen - Steigt unser Geist zum Geist empor. - - Drum, die ihr frohe Freundesworte - Zum würdigen Gesang erhebt, - Euch grüß' ich, wogende Akkorde, - Daß ihr zu uns herniederschwebt! - Sie tauchen auf -- sie schweben nieder, - Im Vollton rauschet der Gesang, - Und lieblich hallt in unsre Lieder - Der vollen Gläser Feierklang. - - So haben's immer wir gehalten - Und bleiben fürder auch dabei, - Und mag die Welt um uns veralten, - Wir bleiben ewig jung und neu. - Denn, wird einmal der Geist uns trübe, - Wir baden ihn im alten Wein - Und ziehen mit Gesang und Liebe - In unsern Freudenhimmel ein. - - - - -Reiters Morgengesang. - -(Nach einem schwäbischen Volkslied.) - - - Morgenrot, - Leuchtest mir zum frühen Tod? - Bald wird die Trompete blasen, - Dann muß ich mein Leben lassen, - Ich und mancher Kamerad! - - Kaum gedacht, - War der Lust ein End' gemacht. - Gestern noch auf stolzen Rossen, - Heute durch die Brust geschossen, - Morgen in das kühle Grab! - - Ach, wie bald - Schwindet Schönheit und Gestalt! - Tust du stolz mit deinen Wangen, - Die mit Milch und Purpur prangen? - Ach! die Rosen welken all! - - Darum still - Füg' ich mich, wie Gott es will. - Nun, so will ich wacker streiten, - Und sollt' ich den Tod erleiden, - Stirbt ein braver Reitersmann. - - - - -Soldatenmut. - - - Soldatenmut siegt überall, - Im Frieden und im Krieg, - Bei Flöten- und Kanonenschall - Erkämpft er sich den Sieg; - Sei's um ein Küßchen mit der Maid, - Sei's mit dem Feind um Blut, - Da ist er schnell zum Kampf bereit, - Da siegt Soldatenmut! - Hurra! - Da siegt Soldatenmut! - - Wenn sich der Tanz im Wirbel schwingt - Und Aug' in Auge blickt, - Der Arm sich um die Hüfte schlingt - Und Hand in Hand sich drückt, - Da ist die Maid in kurzer Frist - Dem schlanken Burschen gut; - Wer lange fragt, hat nie geküßt, - Da siegt Soldatenmut, - Hurra! - Da siegt Soldatenmut! - - Und wenn am heißen Sommertag - Den Marsch die Hitze drückt, - Und wenn das rasche Roß erlag - Und müd' zur Erd' sich bückt, - Hat der Soldat sich aufgerafft, - Er singet wohlgemut, - Wirbt durch Gesang sich neue Kraft; - So siegt Soldatenmut! - Hurra! - So siegt Soldatenmut! - - Und wenn im Tal die Banner wehn - Und Heer an Heer sich schließt, - Und uns von den Batt'rieen Höhn - Kanonendonner grüßt: - Da reißt uns durch den Waffenplan - Des Kampfes wilde Glut, - Da mit dem Schwert, Mann gegen Mann, - Da siegt Soldatenmut: - Hurra! - Da siegt Soldatenmut! - - Und wenn mein Stündlein kommen sollt', - So bin ich frisch zur Hand; - Ich sterb' ja nicht für eitles Gold, - Ich fall' fürs Vaterland. - Was ich gesollt, hab' ich getan, - Und hab's gelöst mit Blut: - So lebt, so stirbt für seine Fahn', - So _siegt_ Soldatenmut! - Hurra! - So _siegt_ Soldatenmut! - - - - -Prinz Wilhelm. - - - Prinz _Wilhelm_, der edle Ritter, - Ritt hinaus ins Schlachtgewitter, - Ritt mit aus in blut'gen Strauß; - Denn als man die Trommel rührte - Und nach Frankreich abmarschierte, - Blieb der _Kronprinz_ nicht zu Haus. - - Durch des Rheines wilde Wogen - Ist er schnell hindurchgezogen, - Ziehet weiter ohne Ruh'. - Auf die Feinde durch die Wälder, - Durch die eisbedeckten Felder, - Auf die Feinde eilt er zu. - - Bei _Brienne_, im dunkeln Walde - Unser Jägerhorn erschallte, - Unsre Trommeln wirbeln drein; - In den Feind durch Sumpf und Graben - Stürmt der Prinz mit seinen Schwaben, - Daß der Sieg muß unser sein. - - Und bei _Montereaus_ blut'ger Brücken, - Als der Feind wollt' schier erdrücken - Unsre kleine, treue Schar, - Hat er gegen Sturmsgewalten - Ritterlich den Paß gehalten, - Bis sein Volk gerettet war. - - An der _Aube_, am _Marne_strande, - An der _Seine_ weitem Lande - Kennt man Wilhelm und sein Schwert; - _Epinal_ auf blut'gen Wegen, - _Troyes'_ heißer Kugelregen - Haben seinen Stamm bewährt. - - Ja, wo treue Schwaben stritten, - War auch in des Kampfes Mitten - Unser Kronprinz stets dabei; - Ja, so stritt im Schlachtgewitter - Prinz _Wilhelm_, der edle Ritter, - _Furchtlos_, wie sein Wort, _und treu_. - - Schlaget ein, ihr Kameraden! - Wenn zum Krieg die Trommeln laden, - Strömen freudig wir herbei: - Denn als König zieht der Ritter - Nun voraus im Schlachtgewitter, - _Furchtlos_, wie sein Wort, _und treu_. - - - - -Soldatentreue. - - - Wohl dem, der geschworen - Zur Fahne den Eid, - Der sich zum Schmuck erkoren - Des Königs Waffenkleid! - - Sei Treue verraten, - Sei Ehre verbannt, - Doch gehn mit dem Soldaten - Sie beide Hand in Hand. - - Es grüßt ja zur Seite - Sein Säbel ihm zu - Und ruft ihm aus der Scheide: - »_So treu_ wie Stahl seist _du_!« - - Die Büchse, sie winket - So freundlich und rein; - So rein als wie sie blinket, - Soll seine Ehre sein. - - Das tönt ihm so süße, - Das schwellt ihm den Arm, - Das macht, wie Liebchens Küsse, - Soldatenherz so warm! - - Drum auf! Es ertönen - Trompeten voll Mut! - In Vaterlandessöhnen - Wallt treues Heldenblut! - - Die Welt mag zerreißen - Die Schwüre wie Spreu; - Ich weiß ein Wort wie Eisen, - Es heißt: Soldatentreu'. - - - - -Soldatenliebe. - - - Steh' ich in finstrer Mitternacht - So einsam auf der fernen Wacht, - So denk' ich an mein fernes Lieb, - Ob mir's auch treu und hold verblieb? - - Als ich zur Fahne fort gemüßt, - Hat sie so herzlich mich geküßt, - Mit Bändern meinen Hut geschmückt - Und weinend mich ans Herz gedrückt! - - Sie liebt mich noch, sie ist mir gut, - Drum bin ich froh und wohlgemut! - Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht, - Wenn es ans treue Lieb gedacht. - - Jetzt bei der Lampe mildem Schein - Gehst du wohl in dein Kämmerlein - Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn - Auch für den Liebsten in der Fern'! - - Doch wenn du traurig bist und weinst, - Mich von Gefahr umrungen meinst! -- - Sei ruhig, bin in Gottes Hut, - Er liebt ein treu Soldatenblut. - - Die Glocke schlägt, bald naht die Rund' - Und löst mich ab zu dieser Stund'; - Schlaf wohl im stillen Kämmerlein - Und denk' in deinen Träumen mein. - - - - -Hans Huttens Ende. - - - Laut rufet Herr Ulrich, der Herzog, und sagt: - »Hans Hutten, reite mit auf die Jagd, - Im Schönbuch weiß ich ein Mutterschwein, - Wir schießen es für die Liebste mein.« - - Und im Forst sich der Herzog zum Junker wandt': - »Hans Hutten, was flimmert an deiner Hand?« - »Herr Herzog, es ist halt ein Ringelein, - Ich hab' es von meiner Herzliebsten fein.« - - »Herr Hans, du bist ja ein stattlicher Mann, - Hast gar auch ein güldenes Kettlein an?« -- - »Das hat mir mein herziger Schatz geschenkt - Zum Zeichen, daß sie noch meiner gedenkt.« - - Und der Herzog blicket ihn schrecklich an: - »So? Das hat alles dein Schatz getan? - Der Trauring ist es von meinem Weib, - Das Kettlein hing ich ihr selbst um den Leib.« - - O Hutten, gib deinem Rappen den Sporn, - Schon rollet des Herzogs Auge im Zorn! - Flieh, Hutten! es ist die höchste Zeit, - Schon reißt er das blinkende Schwert aus der Scheid'! - - »Dein Schwert raus, Buhler, mich dürstet sehr, - Zu sühnen mit Blut meines Bettes Ehr'!« - Flugs, Junker, ein Stoßgebetlein sprich, - Wenn Ulrich haut, haut er fürchterlich. - - Es krachen die Rippen, es bricht das Herz; - Ruhig wischet Ulrich das blutige Erz, - Ruhig nimmt er des ledigen Pferdes Zaum - Und hänget die Leich' an den nächsten Baum. - - Es steht eine Eiche im Schönbuchwald - Gar breit in den Aesten und hochgestalt; - Zum Zeichen wird sie Jahrhunderte stahn, - Hier hing der Herzog den Junker dran. - - Und wenn man den Herzog vom Lande jagt, - Sein Nam' bleibt ihm, sein Schwert; er sagt: - »Mein Nam', er verdorret ja nimmermehr, - Und gerächet hab' ich des Hauses Ehr'.« - - - - -Entschuldigung. - - - Kam einst ein englischer Kapitan - Zu Stambul in dem Hafen an, - Der wollte nach der langen Fahrt - Sich gütlich tun nach seiner Art - Und in Stambuls krummen Gassen - Vor den Leuten sich sehen lassen. - Hatte auch weit und breit gehört, - Wie die Türken so schöne Pferd', - Reiche Geschirr' und Sättel haben; - Wollte auch wie ein Türke traben, - Und bestellt auf abends um vier - Ein recht feurig arabisch Tier. - Ziehet sich an im höchsten Staat, - Rotem Rock, mit Gold auf der Naht, - Schwärzt den Bart um Wange und Maul - Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul. - Drauf, als er reitet durch das Tor, - Kam es den Türken komisch vor, - Hatten noch keinen Reiter gesehn - Wie den englischen Kapitän; - Die Knie' hatt' er hinaufgezogen - Und seinen Rücken krumm gebogen, - Die Brust mit den Tressen eingedrückt, - Auch den Kopf tief herabgebückt; - Saß zu Pferde wie ein armer Schneider. - Doch der Schiffskapitän ritt weiter, - Glaubte getrost, die Türken lachen - Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen. - So ritt er bis zum großen Platz, - Da macht der Araber einen Satz - Und steigt; der englische Kapitän - Ergreift des Arabers lange Mähn', - Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen - Und schreit ihm auf englisch in die Ohren; - Das Roß den Reiter nicht verstand, - Setzt wieder und wirft ihn in den Sand. - Die Türken den Rotrock sehr beklagen, - Haben ihn auch zu Schiff getragen, - Und seinem Dragoman, einem Scioten, - Haben sie hoch und streng verboten, - Er dürf's nimmer wieder leiden, - Daß der Herr den Araber tät reiten. - Als sie verlassen den Kapitan, - Befiehlt er gleich dem Dragoman, - Ihm auf englisch auszudeuten, - Was er gehört von diesen Leuten. - Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter, - Sie glauben, Ihr seid ein schlechter Reiter, - Wollen, Ihr sollt in Stambuls Gassen - Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.« - Des hat sich der Kapitän gegrämt - Und vor den Türken sehr geschämt. - Spricht zum Dragoman: »Geh hinein - Und sage den Türken: es kommt vom Wein; - Der Herr ist sonst ein guter Reiter, - Aber heut an der Tafel, leider, - Hat er sich ziemlich in Sekt betrunken, - Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.« - Der Grieche ging zum Hafentor - Und trug den Türken die Sache vor. - Doch diese hörten ihn schaudernd an: - »Wir glaubten Gutes vom roten Mann - Und dachten, er sitze schlecht zu Pferd, - Weil's ihn sein Vater nicht besser gelehrt; - Aber wie, von Wein betrunken, - Ist er im Rausche vom Pferd gesunken? - Pfui dem Giaur und seinem Glas, - Allah tue ihm dies und das!« - Da sprach ein alter Muselmann: - »Glaubt's nicht, Leute, höret mich an! - Nicht, weil der Frank' zu viel getrunken, - Ist er schmählich vom Roß gesunken. - Hab' gleich gedacht, es wird so gehn, - Als ich ihn habe reiten sehn, - Die Knie' hoch hinaufgezogen, - Den Rücken krumm und schief gebogen, - Die Brust mit Tressen eingedrückt, - Kopf und Nacken niedergebückt. - Denk' ich, wenn sein Rößlein scheut, - Ihn sein Reiten gewiß gereut. - Aber nein, ich will euch sagen, - Warum er wollte den Wein verklagen - Und stellte sich lieber als Säufer gar, - Denn als ein schlechter Reiter dar: - Das macht des Menschen Eitelkeit, - Die ihn zu Trug und Lug verleit't. - Will mancher lieber ein Laster haben, - Hätt' er nur andere glänzende Gaben; - Und mancher lieber eine Sünd' gesteht, - Eh' er eine Lächerlichkeit verrät; - Ein dritter will gar zur Hölle fahren, - Um sich ein falsch Erröten zu sparen. - So auch der fränkische Kapitan, - Schämt sich und lügt uns lieber an, - Will lieber Säufer sich lassen schelten, - Als für einen schlechten Reiter gelten.« - - - - -Jesuitenbeichte. - -(Nach dem Französischen.) - - - Ich liebte zwanzig Mädchen nach der Reihe, - Und jeder war mein ganzes Herz geweiht, - Und jede schwur mir heute ew'ge Treue - Und brach schon morgen ihren heil'gen Eid. - Da schwur und flucht' ich, keinem Weib zu trauen. - »Mein Sohn, wer flucht, der sündiget. Allein - Die Schuld liegt diesmal wirklich an den Frauen; - Du sollst versöhnet und entschuldigt sein.« - - Weil ich Bestechung haßte wie die Hölle, - Fand mein Minister mich zu ungeschickt, - Und einem feilen Kerl gab er die Stelle, - Der sich vor seinem Kammerdiener bückt; - Da wünschte ich Herrn C... zum Teufel. - »Mein Sohn, welch rohe Leidenschaft! Allein - Bei kaltem Blut bereust du ohne Zweifel; - Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.« - - Mit schönen Worten, blendendem Versprechen - Hat ein bekannter Herr mich arm gemacht, - Und um mich für die Tausende zu rächen, - Um die mich der Verräter hat gebracht, - Schalt ich Herrn V... einen Beutelschneider. - »Mein Sohn, das Wort war freilich grob. Allein - Die Welt nennt ihn mit diesem Namen, leider; - Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.« - - Das Sakrileg, ich will's gestehen, nannte - Ich ein Gesetz für Sklaven nur gemacht; - Der Menschheit Schmach und des Jahrhunderts Schande, - Und P..., ihn, der es ausgedacht, - Schalt ich den Mörder aller freien Seelen. - »Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein - Du irrtest menschlich, irren heißt nicht fehlen; - Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.« - - Und als ich diese arme Welt bedachte - Und sah, wie alles schief und irrig geht, - Wie man die Tugend und das Recht verlachte, - Und wie jetzt Trug und Laster oben steht, - Da -- hielt ich Gott für einen leeren Namen! - »Mein Sohn, du hast dich schwer verfehlt. Allein - Gott ist barmherzig gegen Sünder, Amen; - Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.« - - Ich liebte Eintracht in Palast und Hütten; - Doch als ich schleichend wiederkehren sah - Die Zwietracht an der Hand der Jesuiten, - Da schwur ich ew'gen Haß _Sankt Loyola_, - Und ew'gen Haß und Rache seinen Söhnen! - »Mein Sohn, ich bin die Langmut selbst! Allein - Das heißt fürwahr das Heiligste verhöhnen! - Vor _uns_ und Gott kannst du nicht schuldlos sein!« - - - - -Regel für Kranke. - - - Hast du mit dem Apotheker Streit, - Es dem Arzt zu klagen vermeid'; - Hast du über den Arzt zu klagen, - Sollst du's nicht dem Apotheker sagen; - Denn sind sie auch Feinde immerdar, - - So werden sie Freund' am neuen Jahr, - Verkünden: der hat dies gesagt, - Und mir hat er von dir geklagt. - Wirst du nun krank in den ersten Wochen, - _Die_ Arznei sie zusammenkochen: - - »~Recipe~: Was er uns getan, - Rühren wir ihm jetzt doppelt an; - Zwanzig Drachmen von seinen Klagen - Mit ~Asa foetida~ für den Magen. - ~Misceatur~, ~detur~, nebst unsrem Groll, - Alle zwei Stunden zwei Löffel voll.« - - Und stirbst du nicht in der Blütezeit - Ihrer neuen Herzinnigkeit, - Lassen sie dich so lange liegen, - Bis sie selbst wieder Händel kriegen. - - * * * * * - - Merke: zweier Gegner Klagen - Mußt du nicht hin und wieder tragen; - Weißt nicht, ob, die geschieden scheinen, - Sich nachmals gegen dich vereinen. - - - - -Schriftsteller. - - - Es ist kein Autor so gering und klein, - Der nicht dächt', etwas Recht's zu sein; - Und wär' er noch so ein armer Wicht, - Geht er doch stolz und aufgericht't, - Daß man glaubt, der leere Hut - Noch zu dem Kleinen gehören tut. - Auch kein Autor auf den andern baut; - Denn sei ein Paar noch so vertraut, - Darfst heut den einen heruntersetzen, - Willst du den andern höher schätzen, - Und morgen, auf des zweiten Kösten, - Läßt sich der erste nennen den Besten. - - - - -Lehre aus Erfahrung. - - - Hat dir ein Autor Geld geliehn - Und kommt und will den Wechsel ziehn, - Und kannst doch nicht sogleich bezahlen, - Ihm auch keinen andern Trug vormalen, - So sprich getrost: »Jetzt weiß ich schon, - 's war, als die treffliche Rezension, - Wie Euer letztes Werk gelungen, - Stund in den Literaturzeitungen; - Waret gelobt übern Schellenkönig, - Und dennoch, deucht es mir, zu wenig. - Aber könntet Ihr nicht noch borgen - Einige Zeit?« -- »Seid ohne Sorgen,« - Der Autor darauf ganz freundlich spricht, - »Nach meinem Geld verlangt mich nicht, - Bleibet mein Freund; 's hat kein' Gefahr - Könnt mich bezahlen bis übers Jahr.« - - - - -Amor der Räuber. - -(Nach dem Italienischen.) - - - Die _Unschuld_ saß in grüner Laube, - Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß; - Und Amor kam: Gib mir die Taube, - Ein Weilchen nur gib deine Taube! - Die Unschuld ließ sie lächelnd los, - Doch hielt sie Täubchen an dem Band, - Das sich um Täubchens Flügel wand. - - Doch kaum hat er die weiße Taube, - So schneidet er den Faden ab; - Und höhnisch lachend, mit dem Raube - Entflieht der Räuber aus der Laube, - Und nimmer kehrt der lose Knab'; - Und als ihr Täubchen nimmer kam, - Ward sie dem Räuber ewig gram. - - - - -Stille Liebe. - - - O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge - Oft so entzückend mir entgegenstrahlt, - Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe, - Die Wangen ihr mit hoher Röte malt! - Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen, - Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt? - Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe, - Der so entzückend ihrem Blick entquillt? - - Warum hat doch ihr Händchen so gezittert, - Als ich ihr gestern guten Abend bot, - Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute, - Was machte sie auf einmal doch so rot? - Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben, - So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt; - Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen - Am Busen und am Sommerhütchen trägt. - - Warum schwieg sie auf einmal heute stille - Und wußte nicht mehr, was ich sie gefragt? - Hat sie gemerkt, was ich ihr gerne sagte? - Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort gesagt. - O hätt' ich Mut! dürft' ich Luisen sagen, - Was mich so still, was mich so tief beglückt! - O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge - Oft so entzückend mir entgegenblickt! - - - - -Hoffe! - - - Stimme von dem braunen Hügel, - Die du oft ins stille Tal - Widertönst die lauten Worte, - Lieben trauten Widerhall, - Stimme, die du meine Lieder, - Die Akkorde meiner Zither - Widertönst, erschalle, - Gib nicht neckend meine Frage wieder, - Gib mir Antwort, Stimm' im stillen Tale. - - Stiller Strom im grauen Bette, - Eile nicht so schnell davon, - Daß mein Ohr einmal verstände - Deiner Wellen leisen Ton; - Deine schönen Silberquellen - Sollen traulich mir erzählen, - Rausche lauter, rausche, - Sprich zu meinem Ohr aus deinen Wellen, - Daß ich deine Sagen mir erlausche. - - Die ihr an dem alten Turme - Oft im Mondesschimmer webt - Und in nächtlich-stiller Stunde - Durch den blassen Hain entschwebt, - Nebelschatten alter Helden, - Ach, daß sie mir doch erzählten, - Steht mir Red', ich frage, - Wollt ihr nichts aus euren Tagen melden, - O wie gerne lauscht' ich eurer Sage. - - Von den alten, öden Zinnen - Schauen düster sie herab, - Ach, sie blicken von den Türmen - Schweigend in ein ödes Grab; - Alles Edle ist verklungen, - Alles hat die Zeit verschlungen, - Dem Geschlecht hienieden, - Das so tief in seinem Fluch gesunken, - Haben keine Antwort sie beschieden! - - Auch des Stromes stille Wellen - Haben schönre Zeit gesehen. - Als noch edlere Geschlechter - Bauten auf der Berge Höhen, - Stolz verachtet er die Frage, - Uebertönet meine Klage, - Seine blauen Wogen - Denken schweigend jener schönen Tage, - Schweigend sind durchs Tal sie hingezogen. - - Und so steh' ich denn alleine - In der stillen Mondesnacht, - Weine um die trüben Zeiten, - Ob kein neu Geschlecht erwacht? - Ach, daß sich mein Volk ermannte, - Daß es sprengte seine Bande! - Ob ich wohl noch hoffe? - Lautlos fließt der Strom vom grauen Strande, - Nur das leise Echo ruft mir: Hoffe! - - - - -Trost. - - - Die Mißgunst lauscht auf allen Wegen, - Daß sie der Liebe Glück verrät, - Doch treue, zarte Liebe geht - Auf tausend unbewachten Stegen; - Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick - Sagt mir der Liebe süßes Glück. - - Und zog ich auch in weite Ferne, - Es zog mit mir mein stilles Glück, - Denn schau' ich nicht der Liebe Blick, - So blick' ich auf zum Abendsterne; - Wie ihres Auges stille Glut - Strahlt er ins Herz getrosten Mut. - - Und wallen meine Tage trüber, - Und dringt kein Trost von ihr zu mir, - Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr, - Kein Wort von ihr zu mir herüber; -- - Mein stilles Glück ist nicht getrübt, - Ich weiß ja doch, daß sie mich liebt. - - Drum klag' ich nicht in weiter Ferne, - Weil Neid der Liebe Weg belauscht, - Wenn auch nicht Wort mit Wort sich tauscht, - Mir strahlt ein Trost im Abendsterne: - Aus seinen milden Strahlen quillt - Mir meiner Liebe trautes Bild. - - - - -Sehnsucht. - - - Die Sonne grüßt Tubingas Höhn, - Der Berge Morgennebel fallen, - Und leichte Frühlingslüfte wehn, - Im Tal die Herdenglocken schallen, - Des Neckars sanfte Welle quillt - An der Gestade Rebenhügel, - Es taucht die alte Burg ihr Bild - In seinen silberreinen Spiegel. - Wie wär' der Morgen doch so schön, - Könnt' ich mit _dir_ mich da ergehn! - - Und reger wogt's am Ufer hin, - Wenn Mittag zu den Schatten ladet, - Wenn sich durch frisches Blättergrün - Die Sonne in dem Strome badet; - Der Hirte zieht den Linden zu, - Der Winzer steigt vom Berge nieder, - Und in des kühlen Strandes Ruh' - Erwachen ihre Kräfte wieder; - Am Neckarstrand ruht' ich so gerne, - Wär' nicht Luise in der Ferne. - - Der Abend senket seinen Strahl, - Die Herden ziehen von den Weiden, - Und fernhin durch das holde Tal - Die Dörfer zu der Ruhe läuten; - Da kommen Mädchen Hand in Hand - Den Wiesenplan heraufgezogen; - Es wölbt für sie am grünen Strand - Der Lindengang die hohen Bogen; - Doch jenen Linden fehlt das eine, - Ich wandle ohne _sie_ -- alleine! - - Auf geht des Mondes Silberstrahl, - Er malt den Berg mit falbem Glanze, - Er ruft die Geister in das Tal, - Er leuchtet ihrem Reigentanze; - Ihr Berge all von Duft umhüllt, - Du Tal am Strome auf und nieder, - Du wärst so hold, du wärst so mild, - Dir weiht' ich meine frohsten Lieder -- - Du wärst so schön im Abendscheine, - Schlüg' _sie_ ihr Aug' hier in das meine. - - - - -Ihr Auge. - - - Ich weiß wo einen Bronnen - Voll hellem Himmelstau, - Es glänzt der Strahl der Sonnen - Aus seines Spiegels Blau; - Er ladet klar und helle - Zu süßer Wonne ein, - Es winkt aus seiner Quelle - Der Sonne milder Schein. - - Mir war, als sollte drunten - In seiner klaren Flut - Das arme Herz gesunden - Von seinem bangen Mut. - Ich tauchte freudig nieder - Ins klare Blaue hinab, - Mein Herz, das kam nicht wieder, - Fand in dem Quell sein Grab. - - Kennst du den süßen Bronnen, - So klar und silberhell? - Kennst du den Strahl der Sonnen - Aus seinem blauen Quell? - Das ist des Liebchens Auge, - _Ihr_ süßer Silberblick, -- - Aus seiner Tiefe tauche - Ich nie zum Licht zurück. - - - - -Serenade. - - - Wenn vom Berg mit leisem Tritte - Luna wandelt durch die Nacht, - Eil' ich zu des Liebchens Hütte, - Lausche, ob die Holde wacht. - Seh' ich dort die Lampe glühen - In dem stillen Kämmerlein, - Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein, - Spielend um die zarten Wangen ziehen. - - Mit des Lichtes schönsten Strahlen - Zög' ich um mein liebes Kind, - Farben wollt' ich um sie malen, - Wie sie nur am Himmel sind; - Sänke Schlummer ihr aufs Auge, - Löschte sie des Lämpchens Schein, - Wär' ihr letzter, süßer Blick noch mein, - Und ich stürbe sanft in ihrem Hauche. - - Nimmer darf ich um sie weben - Wie der Lampe milder Schein, - Doch mein Lied darf zu ihr schweben, - Darf der Liebe Bote sein. - Schwebt denn, Töne meiner Laute, - Zu des Liebchens Kämmerlein, - Wieget sie in süße Träume ein - Und dann flüstert: »Denke mein, du Traute!« - - - - -Lied aus der Ferne. - - - Ihr Töne meiner Saiten, - Ihr tönt so sanft, so mild, - Mit Träumen ferner Freuden - Habt ihr mein Herz erfüllt. - Des Liebchens Kuß, des Liebchens Blick, - Führt mir der sanfte Ton zurück, - Der eurem Hauch entquillt! - O lispelt leise, leise! - Dann träum' ich schönre Zeiten - Und meiner Liebe Bild. - - Wenn auf der Berge Höhen - Der Strahl des Morgens fällt, - Möcht' ich mit Windeswehen - Zu meiner Jugendwelt, - Möcht' eilen mit des Morgens Strahl - Zum blauen Berg, zum fernen Tal, - Das sie umfangen hält. - Vergebens, ach, vergebens! - Mir blüht kein Wiedersehen - In meiner Jugendwelt. - - - - -Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage. - - - In deines Festes fröhliche Gesänge - Mischt sich ein trauter Ton aus alter Zeit, - Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge - Zurück noch einmal zur Vergangenheit; - Die Freundschaft ist's, es sind der Schwestern Tritte, - Sie pochen schüchtern an der Pforte an, - Sie nahen dir, sie flüstern ihre Bitte - Und fragen freundlich: Denkst du noch daran? - - Denkst du daran, wie wir uns einst gefunden - In unsrer Kindheit holder Blumenwelt? - Es waren unsres Lebens Morgenstunden, - Vom Frührot reiner Freuden schön erhellt; - Der Schule Mühen, alle frohen Spiele - Und aller Jubel von der Kindheit Bahn, - Sie steigen auf in freudigem Gewühle - Und fragen mit uns: Denkst du noch daran? - - Denkst du daran, wie an der Kindheit Grenzen - Uns eine schönre Freudenwelt empfing? - Wie uns ein Leben, voll Gesang und Tänzen, - Gefaßt in seinen wundervollen Ring? - Und wie auch ernste deutungsvolle Tage - Des Lebens Ernst und Züge zeigten an? - Es war der Jugend Frühlingstag; o sage, - Die Schwestern bitten: Denkst du noch daran? - - Wohl trittst du jetzt in ernster Frauen Kreise, - Die Myrte schmückt zum letztenmal dein Haar, - Du tändelst nicht mehr nach der Mädchen Weise, - Du nimmst jetzt Abschied von der Jungfraun Schar. - Doch blickst du künftig ernst in unsern Reigen, - Schilt unsre Freuden dann nicht leeren Wahn; - Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen - Und lächelnd sagen: Denkst du noch daran? - - Du denkst daran -- und zum Gedächtnismale, - Als eine reine, jungfräuliche Zier, - Nimm von den Schwestern die kristallne Schale, - Wir reichen sie mit frommen Wünschen dir. - So werden wir in deinem Herzen leben, - Denn siehst du einmal diese Schale an, - Dann wird dich die Erinnerung umschweben, - Und freundlich sagst du: »Ja, ich denk' daran.« - - - - -An Emilie. - - - Zum Garten ging ich früh hinaus, - Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde? - Nach manchem Blümchen schaut' ich aus, - Ich wollt's für dich zum Angebinde; - Umsonst hatt' ich mich hinbemüht, - Vergebens war mein freudig Hoffen; - Das Veilchen war schon abgeblüht, - Von andern Blümchen keines offen. - - Und trauernd späht' ich her und hin, - Da tönte zu mir leise, leise - Ein Flüstern aus der Zweige Grün, - Gesang nach sel'ger Geister Weise; - Und lieblich, wie des Morgens Licht - Des Tales Nebelhüllen scheidet, - Ein Röschen aus der Knospe bricht, - Das seine Blätter schnell verbreitet. - - »Du suchst ein Blümchen?« spricht's zu mir, - »So nimm mich hin mit meinen Zweigen, - Bring mich zum Angebinde ihr! - Ich bin der _wahren_ Freude Zeichen. - Ob auch mein Glanz vergänglich sei, - Es treibt aus ihrem treuen Schoße - Die Erde meine Knospen neu, - Drum unvergänglich ist die Rose. - - Und wie mein Leben ewig quillt - Und Knosp' um Knospe sich erschließet, - Wenn mich die Sonne sanft und mild - Mit ihrem Feuerkuß begrüßet, - So deine Freundin ewig blüht, - Beseelt vom Geiste ihrer Lieben, - Denn ob der Rose Schmelz verglüht -- - Der Rose Leben ist geblieben.« - - - - -Der Kranke. - - - Zitternd auf der Berge Säume - Fällt der Sonne letzter Strahl, - Eingewiegt in düstre Träume - Blickt der Kranke in das Tal, - Sieht der Wolken schnelles Jagen - Durch das trübe Dämmerlicht -- - Ach, des Busens stille Klagen - Tragen ihn zur Heimat nicht! - Und mit glänzendem Gefieder - Zog die Schwalbe durch die Luft, - Nach der Heimat zog sie wieder, - Wo ein milder Himmel ruft; - Und er hört ihr fröhlich Singen, - Sehnsucht füllt des Armen Blick, - Ach, er sah sie auf sich schwingen, - Und sein Kummer bleibt zurück. - Schöner Fluß mit blauem Spiegel, - Hörst du seine Klagen nicht? - Sag' es seiner Heimat Hügel, - Daß des Kranken Busen bricht. - Aber kalt rauscht er vom Strande - Und entrollt ins stille Tal, - Schweiget in der Heimat Lande - Von des Kranken stiller Qual. - Und der Arme stützt die Hände - An das müde, trübe Haupt; - _Eins_ ist noch, wohin sich wende - Der, dem aller Trost geraubt; - Schlägt das blaue Auge wieder - Mutig auf zum Horizont, - Immer stieg ja Trost hernieder - Dorther, wo die Liebe wohnt. - Und es netzt die blassen Wangen - Heil'ger Sehnsucht stiller Quell, - Und es schweigt das Erdverlangen, - Und das Auge wird ihm hell: - Nach der ew'gen Heimat Lande - Strebt sein Sehnen kühn hinauf, - Sehnsucht sprengt der Erde Bande, - Psyche schwingt zum Licht sich auf. - - - - -Grabgesang. - - - Vor des Friedhofs dunkler Pforte - Bleiben Leid und Schmerzen stehn, - Dringen nicht zum heil'gen Orte, - Wo die sel'gen Geister gehn, - Wo nach heißer Tage Glut - Unser Freund in Frieden ruht. - - Zu des Himmels Wolkentoren - Schwang die Seele sich hinan, - Fern von Schmerzen, neu geboren, - Geht sie auf -- die Sternenbahn; - Auch vor jenen heil'gen Höhn - Bleiben Leid und Schmerzen stehn. - - Sehnsucht gießet ihre Zähren - Auf den Hügel, wo er ruht; - Doch ein Hauch aus jenen Sphären - Füllt das Herz mit neuem Mut; - Nicht zur Gruft hinab -- hinan, - Aufwärts ging des Freundes Bahn. - - Drum auf des Gesanges Schwingen - Steigen wir zu ihm empor, - Unsre Trauertöne dringen - Aufwärts zu der Sel'gen Chor, - Tragen ihm in stille Ruh' - Unsre letzten Grüße zu. - - - - -Aus dem Stammbuche eines Freundes. - - - Und wird dir einst die Nachricht zugesandt, - Daß zu den Vätern ich versammelt wäre, - So trink und sprich: »Ich hab' ihn auch gekannt!« - Mach hier ein Kreuz -- und gib mir eine Zähre. - - - - -Logogryph. - - - Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet? - Kennst du der Liebe trauliches Symbol? - Das feste Band, das sich um Freunde windet, - Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl? - - An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen; - Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind; - Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen, - Hast du die finstre Macht, die ich gemeint. - - So lang die Welt steht, liegen diese beiden - Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust; - Halt fest am _Ganzen_, laß sie nimmer streiten - In deiner stillen und zufriednen Brust. - - - - -Drei Rätsel. - - -1. - - Es ist ein Wort, dreideutig dem Germanen; - Einst war das _Erste_ furchtbar seinen Ahnen; - Der schwere Zeiger der Geschichte rückt, - Der Deutsche erbt das Zepter; ihr erblickt, - Wie dem erwählten deutschen Sohne - Im _Zweiten_ die gewicht'ge Krone - Der Bischof auf die Stirne drückt. - Es kreist im hochgewölbten Saale - Das _Dritte_ bei dem Krönungsmahle. - - -2. - - Noch sitzt auf halbzerfallnem Throne, - Noch hält die längst bestrittne Krone - Die alte Königin der Welt. - Ob sie wohl je vom Throne fällt? - Vielleicht; doch liest du sie von hinten, - So wirst du einen König finden, - Der herrscht, seitdem die Welt besteht, - Des Reich nur mit der Welt vergeht; - _Sie_ schießt nicht ew'ge Donnerkeile, - Doch ewig treffen _seine_ Pfeile. - - -3. - - Einst hieß man mich die schönste aller Frauen, - Selbst Könige entzweite meine Macht. - Zehntausend Krieger aus Europas Gauen, - Von Asiens Landen schlugen manche Schlacht, - Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel, - Als bis erschlagen alle Heldensöhne - Und bis ein stolzes Königshaus zerfiel; - Und dennoch pries man die unsel'ge Schöne. - - Und wieder tönte jüngst mein alter Namen, - Doch bin ich häßlich und verlassen nun, - Von allen, die des Weges zu mir kamen, - Will keiner lang an meiner Seite ruhn; - Nur einer kam, der erste, dem nicht graut, - An meinem Herd für immer still zu liegen, - Der lange mir ins blasse Antlitz schaut - Und bitter lacht ob meinen düstern Zügen. - - »Ach, darum also,« sprach er, »läßt du feiern - Dein unheilvoll Gedächtnis bis auf heut, - Damit du reihtest zu den alten Freiern - Auch einen Heros aus der neuen Zeit? - Doch lockst du mich mit keinem Erdentand, - Denn Zeus zerschlug _dein_ Ilium in Scherben; - Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand, - So laß mich denn in deinen Armen sterben.« - - - - -Scharade. - - - Der _ersten_ Silb' entströmen Wein und Lieder, - Und was du einsam denkst, macht sie bekannt, - Oft geht sie mit dem Zwang auch Hand in Hand, - Schlägt selbst in Fesseln deine freien Glieder! - Doch gibt das _zweite_ Paar dir Hoffnung wieder; - Sein Feueratem weht von Land zu Land, - Sprengt deines Kerkers festgetürmte Wand, - Wirft deine Häscher, deine Fesseln nieder. - Scheint _Zwei_ mit _Eins_ sich nimmer zu vertragen. - So ist _das Ganze_ doch ein hohes Wort, - Woran man nur den Widerspruch getadelt; - Doch hat sein Widerspruch manch großen Geist geadelt! - Fürwahr! es starb des _Letzten_ letzter Hort, - Wär' es gestorben jüngst in unsern Tagen. - - - - -Novellen. - -Erster Teil. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich 57 - - Othello 63 - - Die Bettlerin vom Pont des Arts 104 - - Jud Süß 200 - - - - -Vertrauliches Schreiben - -an - -Herrn W. A. Spöttlich, - -Vizebataillonschirurgen a. D. und Mautbeamten in Tempelhof bei Berlin. - - -Sie werden mich verbinden, verehrter Herr, wenn Sie diese Vorrede -lesen, welche ich einer kleinen Sammlung von Novellen vordrucken lasse. -Ich ergreife nämlich diesen Weg, einiges mit Ihnen zu besprechen, teils -weil mir nach sechs unbeantwortet gebliebenen Briefen das Porto bis -Tempelhof zu teuer deuchte, teils aber auch, weil Sie vielleicht nicht -begreifen, warum ich diese Novellen gerade so geschrieben habe und -nicht anders. - -Sie werden nämlich nach Ihrer bekannten Weise, wenn Sie »Novellen« -auf dem Titel lesen, die kleinen Augen noch ein wenig zudrücken, auf -geheimnisvolle Weise lächeln und, sollte er gerade zugegen sein, -Herrn Amtmann Kohlhaupt versichern: »Ich kenne den Mann, es ist alles -erlogen, was er schreibt;« und doch würden Sie sich gerade bei diesen -Novellen sehr irren. Die besten und berühmtesten Novellendichter Lopez -de Vega, Boccaz, Goethe, Calderon, Tieck, Scott, Cervantes und auch -ein Tempelhofer haben freilich aus einem unerschöpflichen Schatz der -Phantasie ihre Dichtungen hervorgebracht, und die unverwelklichen -Blumensträuße, die sie gebunden, waren nicht in Nachbars Garten -gepflückt, sondern sie stammten aus dem ewig grünenden Paradies der -Poesie, wozu, nach der Sage, Feen ihren Lieblingen den unsichtbaren -Schlüssel in die Wiege legen. Daher kommt es auch, daß durch eine -geheimnisvolle Kraft alles, was sie gelogen haben, zur schönsten -Wahrheit geworden ist. - -Geringere Sterbliche, welchen jene magische Springwurzel, die nicht nur -die unsichtbaren Wege der Phantasie erschließt, sondern auch die festen -und undurchdringlichen Pforten der menschlichen Brust aufreißt, nicht -zu teil wurde, müssen zu allerlei Notbehelf ihre Zuflucht nehmen, wenn -sie -- Novellen schreiben wollen. Denn das eben ist das Aergerliche an -der Sache, daß oft ihre Wahrheit als schlecht erfundene Lüge erscheint; -während die Dichtung jener Feenkinder für treue, unverfälschte Wahrheit -gilt. - -So bleibt oft uns geringen Burschen nichts übrig, als nach einer -Novelle zu _spionieren_. Kaffeehäuser, Restaurationen, italienische -Keller und dergleichen sind für diesen Zweck nicht sehr zu empfehlen. -Gewöhnlich trifft man dort nur Männer, und Sie wissen selbst, wie -schlecht die Restaurationsmenschen erzählen. Da wird nur dieses oder -jenes Faktum schnell und flüchtig hingeworfen; reine Nebenbemerkungen, -nichts Malerisches; ich möchte sagen, sie geben ihren Geschichten -kein Fleisch, und wie oft habe ich mich geärgert, wenn man von einer -Hinrichtung sprach, und dieser oder jener nur hinwarf »geköpft«, -»hingerichtet«, statt daß man, wie bei ordentlichen Erzählungen -gebräuchlich, den armen Sünder, seinen Beichtvater, den roten Mantel -des Scharfrichters, sein blinkendes Schwert sieht, ja selbst die Luft -pfeifen hört, wenn sein nerviger Arm den Streich führt. - -Es gibt gewisse Weinstuben, wo sich ältere Herren versammeln und -nicht gerne einen »Jungen«, einen »Fremden« unter sich sehen. Diese -pflegen schon besser zu erzählen; dadurch, daß sie diesen oder jenen -Straßenraub, die geheimnisvolle, unerklärliche Flucht eines vornehmen -Herrn, einen plötzlichen Sterbefall, wobei man »allerlei gemunkelt« -habe, schon fünfzigmal erzählten, haben ihre Geschichten einen Schmuck, -ein stattliches Kleid bekommen, und schreiten ehrbar fürder, während -die Geschichten der Restaurationsmenschen wie Schatten hingleiten. -Solche Herren haben auch eine Art von historischer Gründlichkeit, und -es gereicht mir immer zu hoher Freude, wenn einer spricht: »Da bringen -Sie mich auf einen sonderbaren Vorfall,« sich noch eine halbe Flasche -geben läßt und dann anhebt: »In den siebziger Jahrgängen lebte in -meiner Vaterstadt ein Kavalier von geheimnisvollem Wesen.« -- Solche -Herren trifft man allenthalben, und sie werden von mehreren unserer -neueren Novellisten stark benützt. Der bekannte ** versicherte mir, -daß er einen ganzen Band seiner Novellen solchen alten Nachtfaltern -verdanke, und erst aus diesem Geständnis konnte ich mir erklären, -warum seine Novellen so steif und trocken waren; sie kamen mir -nachher allesamt vor wie alte, verwelkte Junggesellen, die sich ihre -Liebesabenteuer erzählen, welche sämtlich anfangen: »Zu meiner Zeit.« - -Die ergiebigste Quelle aber für Novellisten unserer Art sind Frauen, -die das fünfundsechzigste hinter sich haben. Die Welt nennt Medisance, -was eigentlich nur eine treffliche Weise zu erzählen ist; junge Mädchen -von sechzehn, achtzehn pflegen mit solchen Frauen gut zu stehen und -sich wohl in acht zu nehmen, daß sie ihnen keine Blöße geben, die -sie in den Mund der alten Novellistinnen bringen könnte; Frauen von -dreißig und ihre Hausfreunde gehen lieber eine Ecke weiter, um nicht -ihren Gesichtskreis zu passieren, oder wenn sie der Zufall mit der -Jugendfreundin ihrer seligen Großmutter zusammenführt, pflegen sie das -gute Aussehen der Alten zu preisen und hören geduldig ein beißendes -Lob der alten Zeiten an, das regelmäßig ein sanftes Exordium, drei -Teile über Hauswesen, Kleidung und Kinderzucht, eine Nutzanwendung -nebst einem frommen Amen enthält. Solche ältere Frauen pflegen gegen -jüngere Männer, die ihnen einige Aufmerksamkeit schenken, einen -gewissen geheimnisvoll-zutraulichen Ton anzunehmen. Sie haben für -junge Mädchen und schöne Frauen, die jetzt dieselbe Stufe in der -Gesellschaft bekleiden, welche sie einst selbst behauptet hatten, feine -und bezeichnende Spitznamen, und erzählen den Herren, die ihnen ein -Ohr leihen, allerlei »kuriose« Sachen von dem »Eichhörnlein und seiner -Mutter«, auch »wie es in diesem oder jenem Hause zugeht«, »galante -Abenteuer von jenem ältlichen, gesetzten Herrn, der nicht immer so -gewesen«, und sind sie nur erst in dem abenteuerlichen Gebiet geheimer -Hofgeschichten und schlechter Ehen, so spinnen sie mit zitternder -Stimme, feinem Lächeln und den teuersten Versicherungen Geschichten -aus, die man (natürlich mit veränderten Namen) sogleich in jeden -Almanach könnte drucken lassen. - -Niemand weiß so trefflich wie sie das Kostüm, das Gespräch, die Sitten -»vor fünfzig Jahren« wiederzugeben; ich glaubte einst bei einer -solchen Unterhaltung die Reifröcke rauschen, die hohen Stelzschuhe -klappern, die französischen Brocken schnurren zu hören, die ganze -Erzählung roch nach Ambra und Puder wie die alten Damen selbst. Und -so frisch und lebhaft ist ihr Gedächtnis und Mienenspiel, daß ich -einmal, als mir eine dieser Damen von einer längst verstorbenen -Frau Ministerin erzählte und ihren Gang und ihren schnarrenden Ton -nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich diese Frau als Kind -gekannt, daß sie mir mit derselben schnarrenden Stimme ein Zuckerbrot -geschenkt habe. Mehrere Novellen, die ich aufgeschrieben, beziehen -sich auf geheime Familiengeschichten oder sonderbare, abenteuerliche -Vorfälle, deren wahre Ursachen wenig ins Publikum kamen, und ich kann -versichern, daß ich sie alle, teils in Berlin, teils in Hannover, -Kassel, Karlsruhe, selbst in Dresden eben von solchen alten Frauen, den -Chroniken ihrer Umgebung, gehört und oft wörtlich wiedererzählt habe. - -Nur so ist es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüssel zum -Feenreich, gegenwärtig in Deutschland eine so bedeutende Menge Novellen -zu Tage fördern. Die wundervolle Märchenwelt findet kein empfängliches -Publikum mehr, die lyrische Poesie scheint nur noch von wenigen -geheiligten Lippen tönen zu wollen, und vom alten Drama sind uns, sagt -man, nur die Dramaturgen geblieben. In einer solchen miserablen Zeit, -Verehrter, ist die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel haben -wir, wie eine Maske, von den großen Novellisten entlehnt, und Gott und -seine lieben Kritiker mögen wissen, ob die nachstehenden Geschichten -wirkliche und gerechte Novellen sind. - -Ich habe, mein werter Herr, dies alles gesagt, um Ihnen darzutun, -wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu schreiben, wie man beim -Novellenschreiben zu Werke gehe, und -- daß alles _getreue_ Wahrheit -sei, wenn auch keine poetische, was ich niedergeschrieben. Sie werden -sich noch der guten Frau von Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid -von verblichenem gelben Samt trug, das nur eine weiche Fortsetzung -ihrer harten, gelben Züge schien? Von ihr habe ich die Geschichte, -»Othello« betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Residenz -zu nennen, wo diese sonderbaren Szenen vorfielen, aber wenn ich -bedenke, daß sie zur selben Zeit Hofdame in Scherau war, als Jean Paul -dort lebte, so kann ich nicht anders glauben, als die Geschichte sei an -jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle habe ich aus dem Mund der -alten Gräfin Nelkenroth; man hält sie allgemein für eine böse Frau, -aber ich kann versichern, daß ich sie über Josephens Schicksal Tränen -vergießen sah. Man will zwar behaupten, daß sie oft in Gesellschaften -weinerliche Geschichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein Maler -versicherte, sie habe etwas von einer ~Mater dolorosa~; aber soviel -ist gewiß, daß sie mehrere Personen des Stücks gekannt haben will, und -die Frau, bei welcher Herr von Fröben in S. gewohnt hat, erzählte mir -manche Sonderbarkeiten von ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich -die Geschichte wiedererzählte, gaben sich vergebliche Mühe über Herrn -von Fröben und die Personen, mit welchen er in Berührung kam, etwas -Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild der Dame nach dem -Gemälde in der Boisseréeschen Galerie von Strixner lithographiert -worden sei. In Ostende, wo ich durch mehrere Briefe nachforschte, -konnte ich nichts erfahren, als daß allerdings ein englisches Schiff, -die »Luna«, Kapitän Wardwood, im August Passagiere nach Portugal an -Bord genommen habe, und daß sich im Register des Hafendirektors ein -Don Petro de Montanjo nebst Nichte und Dienerschaft befinde. Am Rhein, -wo ich mich nach Herrn von Faldner und seiner Familie erkundigte, und -erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir alles für Erfindung, -denn es gäbe am ganzen Rhein hinab nur gesittete Landwirte, die mit -ihren Frauen wie die Engel im Himmel leben. - -Sie sehen, ich habe keine Mühe gescheut, die Geschichten, die ich -erzähle, so glaubwürdig als möglich zu machen. Es gibt freilich Leute, -die mir dieser historischen Wahrheit wegen gram sind und behaupten, -der echte Dichter müsse keine Straße, keine Stadt, keine bekannten -Namen und Gegenstände nennen; alles und jedes müsse rein erdichtet -sein, nicht durch äußern Schmuck, sondern von innen Wahrheit gewinnen, -und wie Mohammeds Sarg müsse es in der schönen lieben, blauen Luft -zwischen Himmel und Erde schweben. Andere halten es vielleicht auch -für »_eine rechtswidrige Täuschung des Publikums_« und können mich -darüber belangen wollen, daß ich behaupte, dies und jenes habe sich -da und dort zugetragen, und ich könne doch keine stadtgerichtlichen -Zeugnisse beibringen. Aber ist denn hier von echter Poesie, von echten -Dichtern die Rede? Man lege doch nicht an die Erzählungen einiger -alten Damen diesen erhabenen Maßstab! Goethe erzählte in Dichtung und -Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer eine Türe und einen -wunderschönen Garten gesehen. Noch heute laufen alle Fremden hin (ich -selbst war dort) und beschauen die Mauer und wundern sich, daß man -nicht wenigstens die Reparatur schauen könne, wenngleich das Loch nur -geträumt und nie in der Mauer war. Solchen poetischen Frevel gegen -ein gesetztes Publikum mag man einem Goethe vorrücken; armen Menschen, -_ohne_ den Kammerherrnschlüssel der Poesie, der die Mauern aufschließt, -wenn sie auch keine Türen haben, muß man solche Freiheiten zugute -halten. - -Darum lesen Sie, verehrter Herr, diese Geschichten, so abenteuerlich -sie sein mögen, als reine, treue _Wahrheit_; es wird Sie weniger -ärgern, als wenn Sie _Dichtungen_ vor sich zu haben meinten, und Ihr -scharfes Auge ein wirres Gewebe unwahrscheinlicher Lügen fände. - - W. H. - - - - -Othello. - - -1. - -Das Theater war gedrängt voll, ein neuangeworbener Sänger gab den -_Don Juan_. Das Parterre wogte, von oben gesehen, wie die unruhige -See, und die Federn und Schleier der Damen tauchten wie schimmernde -Fische aus den dunkeln Massen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn -mit dem Anfang der Wintersaison war eine kleine Trauer eingefallen -und heute zum erstenmal drangen wieder die schimmernden Farben der -reichen Turbans, der wehenden Büsche, der bunten Schals an das Licht -hervor. Wie glänzend sich aber auch der reiche Kranz von Damen um das -Amphitheater zog, das Diadem dieses Kreises schien ein herrliches, -liebliches Bild zu sein, das aus der fürstlichen Loge freundlich und -hold die Welt um und unter sich überschaute. Man war versucht, zu -wünschen, dieses schöne Kind möchte nicht so hoch geboren sein, denn -diese frische Farbe, diese heitere Stirne, diese kindlich-reinen, -milden Augen, dieser holde Mund war zur Liebe, nicht zur Verehrung aus -der Ferne geschaffen. Und wunderbar, wie wenn Prinzessin Sophie diesen -frevelhaften Gedanken geahnet hätte -- auch ihr Anzug entsprach diesem -Bilde einfacher natürlicher Schönheit; sie schien jeden Schmuck, den -die Kunst verleiht, dem stolzen Damenkreis überlassen zu haben. - -»Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter sie ist,« sprach in einer der -ersten Ranglogen ein fremder Herr zu dem russischen Gesandten, der -neben ihm stand, und beschaute die Prinzessin durch das Opernglas; -»wenn sie lächelt, wenn sie das sprechende Auge ein klein wenig -zudrückt, und dann mit unbeschreiblichem Reiz wieder aufschlägt, wenn -sie mit der kleinen, niedlichen Hand dazu agiert -- man sollte glauben, -aus so weiter Ferne ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen -zu können.« - -»Es ist erstaunlich!« entgegnete der Gesandte. - -»Und dennoch sollte dieser Himmel von Freudigkeit nur Maske sein? Sie -sollte fühlen, schmerzlich fühlen, sie sollte unglücklich lieben, -und doch so blühend, so heiter sein? Gnädige Frau,« wandte sich der -Fremde zu der Gemahlin des Gesandten, »gestehen Sie, Sie wollen mich -mystifizieren, weil ich einiges Interesse an diesem Götterkinde -genommen habe.« - -»~Mon Dieu!~ Baron,« sagte diese mit dem Kopfe wackelnd, »Sie glauben -noch immer nicht? Auf Ehre, es ist wahr, wie ich Ihnen sagte; sie -liebt, sie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von einer Dame, der -nichts dergleichen entgeht. Und wie, meinen Sie, eine Prinzessin, die -von Jugend auf zur Repräsentation erzogen ist, werde nicht Tournüre -genug haben, um ein so unschickliches Verhältnis den Augen der Welt zu -verbergen?« - -»Ich kann es nicht begreifen,« flüsterte der Fremde, indem er wieder -sinnend nach ihr hinsah; »ich kann es nicht fassen; diese Heiterkeit, -dieser beinahe mutwillige Scherz -- und stille, unglückliche Liebe? -Gnädige Frau, ich kann es nicht begreifen!« - -»Ja, warum soll sie denn nicht munter sein, Baron? Sie ahnet wohl -nicht, daß jemand etwas von ihrer meschanten Aufführung weiß; der -Amoroso ist in der Nähe --« - -»Ist in der Nähe? O bitte, Madame! Zeigen Sie mir den Glücklichen, wer -ist er?« - -»Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Diskretion, die ich der -Oberhofmarschallin schuldig bin; mein Freund, daraus wird nichts. Sie -können zwar in Warschau wiedererzählen, was Sie hier gesehen und gehört -haben, aber Namen? nein, Namen zu nennen in solchen Affären ist sehr -unschicklich; mein Mann kann dergleichen nicht leiden.« - -Die Ouverture war ihrem Ende nahe, die Töne brausten stärker aus dem -Orchester herauf, die Blicke der Zuschauer waren fest auf den Vorhang -gerichtet, um den neuen Don Juan bald zu sehen; doch der Fremde in der -Loge der russischen Gesandtschaft hatte kein Ohr für Mozarts Töne, -kein Auge für das Stück, er sah nur das liebliche, herrliche Kind, das -ihm um so interessanter war, als diese schönen Augen, diese süßen, -freundlichen Lippen heimliche Liebe kennen sollten. Ihre Umgebungen, -einige ältere und jüngere Damen, hatten zu sprechen aufgehört; sie -lauschten auf die Musik; Sophiens Augen gleiteten durch das gefüllte -Haus, sie schienen etwas zu vermissen, zu suchen. »Ob sie wohl nach dem -Geliebten ihre Blicke aussendet?« dachte der Fremde; »ob sie die Reihen -mustert, ihn zu sehen, ihn mit einem verstohlenen Lächeln, mit einem -leisen Beugen des Hauptes, mit einem jener tausend Zeichen zu begrüßen, -welche stille Liebe erfindet, womit sie ihre Lieblinge beglückt, -bezaubert?« Eine schnelle, leichte Röte flog jetzt über Sophiens Züge, -sie rückte den Stuhl mehr seitwärts, sie sah einigemal nach der Türe -ihrer Loge: die Türe ging auf, ein großer, schöner junger Mann trat ein -und näherte sich einer der älteren Damen, es war die Herzogin F., die -Mutter der Prinzessin. Sophie spielte gleichgültig mit der Brille, die -sie in der Hand hielt, aber der Fremde war Kenner genug, um in ihrem -Auge zu lesen, daß _dieser_ und kein anderer der Glückliche sei. - -Noch konnte er sein Gesicht nicht sehen; aber die Gestalt, die -Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes für ihn; die -Fürstin zog ihre Tochter ins Gespräch, sie blickte freundlich auf, sie -schien etwas Pikantes erwidert zu haben, denn die Mutter lächelte, der -junge Mann wandte sich um, und -- »Mein Gott! Graf _Zronievsky_!« rief -der Fremde so laut, so ängstlich, daß der Gesandte an seiner Seite -heftig erschrak, und seine Gemahlin den Gast krampfhaft an der Hand -faßte, und neben sich auf den Stuhl niederriß. - -»Ums Himmels willen, was machen Sie für Skandal!« rief die erzürnte -Dame; »die Leute schauen rechts und links nach uns her; wer wird denn -so mörderlich schreien? Es ist nur gut, daß sie da unten gerade ebenso -mörderlich gegeigt und trompetet haben, sonst hätte jedermann Ihren -»Zronievsky« hören müssen. Was wollen Sie nur von dem Grafen? Sie -wissen ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!« - -»Kein Wort weiß ich,« erwiderte der Fremde; »wie kann ich auch wissen, -wen Sie kennen und wen nicht, da ich erst seit drei Stunden hier bin? -Warum vermeiden Sie es, ihn zu sehen?« - -»Nun, seine Verhältnisse zu unserer Regierung können Ihnen nicht -unbekannt sein,« sprach der Gesandte; »er ist verwiesen, und es ist mir -höchst fatal, daß er gerade hier, und immer nur hier sein will. Er hat -sich unverschämterweise bei Hofe präsentieren lassen, und so sehe ich -ihn auf jedem Schritt und Tritt, und doch wollen es die Verhältnisse, -daß ich ihn ignoriere. Ueberdies macht mir der fatale Mensch sonst noch -genug zu schaffen; man will höheren Orts wissen, wovon er lebe, und so -glänzend lebe, da doch seine Güter konfisziert sind; und ich weiß es -nicht herauszubringen. Sie kennen ihn, Baron?« - -Der Fremde hatte diese Reden nur halb gehört; er sah unverwandt nach -der fürstlichen Loge, er sah, wie Zronievsky mit der Fürstin und -den andern Damen sprach, wie nur sein feuriges Auge hin und wieder -nach Sophien hingleitete, wie sie begierig diesen Strahl auffing und -zurückgab. Der Vorhang flog auf; der Graf trat zurück und verschwand -aus der Loge; Leporello hub seine Klagen an. - -»Sie kennen ihn, Baron?« flüsterte der Gesandte. »Wissen Sie mir -Näheres über seine Verhältnisse --« - -»Ich habe mit ihm unter den polnischen Lanciers gedient.« - -»Ist wahr; er hat in der französischen Armee gedient; sahen Sie sich -oft? kennen Sie seine Ressourcen?« - -»Ich habe ihn nur gesehen,« warf der Fremde leicht hin, »wenn es der -Dienst mit sich brachte; ich weiß nichts von ihm, als daß er ein braver -Soldat und ein sehr unterrichteter Offizier ist.« - -Der Gesandte schwieg; sei es, daß er diesen Worten glaubte, sei es, -daß er zu vorsichtig war, seinem Gast durch weitere Fragen Mißtrauen -zu zeigen. Auch der Fremde bezeigte keine Lust, das Gespräch weiter -fortzusetzen; die Oper schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen; und -dennoch war es ein ganz anderer Gegenstand, der seine Seele unablässig -beschäftigte. »Also hierher hat dich dein unglückliches Geschick -endlich getrieben?« sagte er zu sich, »armer Zronievsky! Als Knabe -wolltest du dem Kosciuszko helfen, und dein Vaterland befreien; -Freiheit und Kosciuszko sind verklungen und verschwunden! Als Jüngling -warst du für den Ruhm der Waffen, für die Ehre der Adler, denen du -folgtest, begeistert, man hat sie zerschlagen; du hattest dein Herz so -lange vor Liebe bewahrt, sie findet dich endlich als Mann, und siehe -- -die Geliebte steht so furchtbar hoch, daß du vergessen oder untergehen -mußt!« - -Das Geschick seines Freundes, denn dies war ihm Graf Zronievsky -gewesen, stimmte den Fremden ernst und trübe, er versank in jenes -Hinbrüten, das die Welt und alle ihre Verhältnisse vergißt, und der -Gesandte mußte ihn, als der erste Akt der Oper zu Ende war, durch -mehrere Fragen aus seinem Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch das -Klatschen und Bravorufen des Parterres unterbrochen worden war. - -»Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt,« sagte der Gesandte; »sie -behauptet, Ihre Familie zu kennen; kommen Sie, wischen Sie diesen -Ernst, diese Melancholie von Ihrer Stirne; ich will Sie in die Loge -führen und präsentieren.« - -Der Fremde errötete; sein Herz pochte, er wußte selbst nicht warum; -erst als er den Korridor mit dem Gesandten hinging, als er sich der -fürstlichen Loge näherte, fühlte er, daß es die Freude sei, was sein -Blut in Bewegung brachte, die Freude, jenem lieblichen Wesen nahe zu -sein, dessen stille Liebe ihn so sehr anzog. - - -2. - -Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeichneter Güte. Sie selbst -präsentierte ihn der Prinzessin Sophie, und der Name _Larun_ schien -in den Ohren des schönen Kindes bekannt zu klingen; sie errötete -flüchtig und sagte, sie glaube gehört zu haben, daß er früher in der -französischen Armee diente. Es war dem Baron nur zu gewiß, daß ihr -niemand anders als Zronievsky dies gesagt haben konnte, es war ihm um -so gewisser, als ihr Auge mit einer gewissen Teilnahme auf ihm wie auf -einem Bekannten ruhte, als sie gerne die Rede an ihn zu richten schien. - -»Sie sind fremd hier,« sagte die Herzogin, »Sie sind keinen Tag in -diesen Mauern, Sie können also noch von niemand bestochen sein; -ich fordere Sie auf, sein Sie Schiedsrichter; kann es nicht in der -Natur geheimnisvolle Kräfte geben, die -- die, wie soll ich mich nur -ausdrücken, die, wenn wir sie frevelhaft hervorrufen, uns Unheil -bringen können?« - -»Sie sind nicht unparteiisch, Mutter;« rief die Prinzessin lebhaft, -»Sie haben schon durch Ihre Frage, wie Sie sie stellten, die Sinne -des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal, wenn zufällig im -Zwischenraum von vielen Jahren von einem Hause nach und nach sechs -Dachziegel gefallen wären und einige Leute getötet hätten, würden Sie -nicht mehr an diesem Hause vorübergehen?« - -»Warum nicht? es müßten nur in diesen Ziegeln geheimnisvolle Kräfte -liegen, welche --« - -»Wie mutwillig,« unterbrach ihn die Herzogin, »Sie wollen mich mit -meinen geheimnisvollen Kräften nach Hause schicken, aber nur Geduld; -das Gleichnis, das Sophie vorbrachte, paßt doch nicht ganz --« - -»Nun, wir wollen gleich sehen, wem der Baron recht gibt,« rief jene; -»die Sache ist so, wir haben hier eine sehr hübsche Oper, man gibt -alles mögliche, Altes und Neues durcheinander, nur _eines_ nicht, die -schönste, herrlichste Oper, die ich kenne; auf fremdem Boden mußte ich -sie zum erstenmal hören, das erste, was ich tat, als ich hierher kam, -war, daß ich bat, man möchte sie hier geben, und nie wird mir mein -Wunsch erfüllt! Und nicht etwa, weil sie zu schwer ist -- sie geben -schwerere Stücke -- nein, der Grund ist eigentlich lächerlich.« - -»Und wie heißt die Oper?« fragte der Fremde. - -»Es ist Othello!« - -»Othello? gewiß, ein herrliches Kunstwerk; auch mich spricht selten -eine Musik so an wie diese, und ich fühle mich auf lange Tage -feierlich, ich möchte sagen heilig bewegt, wenn ich Desdemonas -Schwanengesang zur Harfe singen gehört habe.« - -»Hören Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warschau, von Berlin, Gott -weiß woher -- ich habe ihn nie gesehen, und dennoch schätzt er Othello -so hoch. Wir müssen ihn einmal wieder sehen. Und warum soll er nicht -wieder gegeben werden? Wegen eines Märchens, das heutzutage niemand -mehr glaubt.« - -»Freveln Sie nicht!« rief die Fürstin; »es sind mir Tatsachen bekannt, -die mich schaudern machen, wenn ich nur daran denke; doch wir sprechen -unserm Schiedsrichter in Rätseln; stellen Sie sich einmal vor, ob es -nicht schrecklich wäre, wenn es jedesmal, so oft Othello gegeben würde, -brennte.« - -»Auch wieder ein Gleichnis,« fiel Sophie ein, »doch es ist noch viel -toller, das Märchen selbst!« - -»Nein, es soll einmal brennen,« fuhr die Mutter fort. »Othello wurde -zuerst als Drama nach Shakespeare gegeben, schon vor fünfzig Jahren; -die Sage ging, man weiß nicht woher und warum, daß, so oft Othello -gegeben wurde, ein gewisses Evenement erfolgte; nun also unser Brennen; -es brannte jedesmal nach Othello. Man machte den Versuch, man gab lange -Zeit Othello nicht; es kam eine neue geistreiche Uebersetzung auf, er -wird gegeben -- jener unglückliche Fall ereignet sich wieder. Ich weiß -noch wie heute, als Othello, zur Oper verwandelt, zum erstenmal gegeben -wurde; wir lachten lange vorher, daß wir den unglücklichen Mohren um -sein Opfer gebracht haben, indem er jetzt musikalisch geworden -- -Desdemona war gefallen, wenige Tage nachher hatte der Schwarze auch ein -weiteres Opfer. Der Fall trat nachher noch einmal ein, und darum hat -man Othello nie wieder gegeben; es ist töricht, aber wahr. Was sagen -Sie dazu, Baron, aber aufrichtig, was halten Sie von unserem Streit?« - -»Durchlaucht haben vollkommen recht,« antwortete Larun in einem Ton, -der zwischen Ernst und Ironie die Mitte hielt; »wenn Sie erlauben, -werde ich durch ein Beispiel aus meinem eigenen Leben Ihre Behauptung -bestätigen. Ich hatte eine unverheiratete Tante, eine unangenehme, -mystische Person; wir Kinder hießen sie nur die Federntante, weil -sie große schwarze Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei -Ihrem Othello, so ging auch in unserer Familie eine Sage, so oft die -Federntante kam, mußte nachher eins oder das andere krank werden. -Es wurde darüber gescherzt und gelacht, aber die Krankheit stellte -sich immer ein, und wir waren den Spuk schon so gewöhnt, daß, so oft -die Federntante zum Besuch in den Hof fuhr, alle Zurüstungen für die -kommende Krankheit gemacht und selbst der Doktor geholt wurde.« - -»Eine köstliche Figur, Ihre Federntante!« rief die Prinzessin lachend; -»ich kann mir sie denken, wie sie den Kopf mit dem Federhut aus dem -Wagen streckt, wie die Kinder laufen, als käme die Pest, weil keines -krank werden will, und wie ein Reitknecht zur Stadt sprengen muß, um -den Doktor zu holen, weil die Federntante erschienen sei. Da hatten Sie -ja wahrhaftig eine lebendige weiße Frau in Ihrer Familie!« - -»Still von diesen Dingen,« unterbrach sie die Fürstin ernst, beinahe -unmutig; »man sollte nicht von Dingen so leichthin reden, die man -nicht leugnen kann, und deren Natur dennoch nie erklärt werden wird. -So ist nun einmal auch mein Othello,« setzte sie freundlich hinzu. -»Und Sie werden ihn nicht zu sehen bekommen, Baron, und müssen Ihr -Lieblingsstück schon wo anders aufsuchen.« - -»Und Sie sollen ihn dennoch sehen,« flüsterte Sophie zu ihm hin, »ich -muß mein Desdemonalied noch einmal hören, so recht sehen und hören auf -der Bühne, und sollte ich selbst darüber zum Opfer werden!« - -»Sie selbst?« fragte der Fremde betroffen; »ich höre ja, der -gespenstige Mohr soll nur _brennen_, nicht _töten_?« - -»Ach, das war ja nur das Gleichnis der Mutter!« flüsterte sie noch viel -leiser, »die Sage ist noch viel schauriger und viel gefährlicher.« - -Der Kapellmeister pochte, die Introduktion des zweiten Akts begann, -und der Fremde stand auf, die fürstliche Loge zu verlassen. Die -Herzogin hatte ihn gütig entlassen, aber vergebens sah er sich nach -dem Gesandten um, er war wohl längst in seine Loge zurückgekehrt. -Unschlüssig, ob er rechts oder links gehen müsse, stand er im Korridor, -als eine warme Hand sich in die seinige legte; er blickte auf, es war -der Graf Zronievsky. - - -3. - -»So habe ich doch recht gesehen?« rief der Graf, »mein Major, mein -tapferer Major! Wie lebt alles wieder in mir auf! Ich werfe diese -unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich bin der frohe Lancier wie -sonst! ~Vive Poniatowsky, vive l'emp--~« - -»Um Gottes willen, Graf!« fiel ihm der Fremde in das Wort; »bedenken -Sie, wo Sie sind! Und warum diese Schatten heraufbeschwören? Sie sind -hinab mit ihrer Zeit; lasset die Toten ruhen!« - -»_Ruhen?_« entgegnete jener; »das ist ja gerade, was ich nicht kann; -o daß ich unter jenen Toten wäre! Wie sanft, wie geduldig wollte ich -ruhen! Sie schlafen, meine tapfern Polen, und keine Stimme, wie mächtig -sie auch rufe, schreckt sie auf. Warum darf ich allein nicht rasten?« - -Ein düsteres, unstätes Feuer brannte in den Augen des schönen Mannes, -seine Lippen schlossen sich schmerzlich; sein Freund betrachtete -ihn mit besorgter Teilnahme, er sah hier nicht mehr den fröhlichen, -heldenmütigen Jüngling, wie er ihn an der Spitze des Regiments in den -Tagen des Glückes gesehen; das zutrauliche, gewinnende Lächeln, das ihn -sonst so angezogen, war einem grämlichen, bittern Zuge gewichen, das -Auge, das sonst voll stolzer Zuversicht, voll freudigen Mutes, frei und -offen um sich blickte, schien mißtrauisch jeden Gegenstand zu prüfen, -durchbohren zu wollen, das matte Rot, das seine Wangen bedeckte, war -nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in den Salons von Paris den -Namen des _schönen_ Polen erworben hatte, und dennoch, auch nach dieser -großen Veränderung, welche Zeit und Unglück hervorgebracht hatten, -mußte man gestehen, daß Prinzessin Sophie sehr zu entschuldigen sei. - -»Sie sehen mich an, Major?« sagte jener nach einigem Stillschweigen, -»Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten Zeiten aus meinen Zügen -herausfinden? Geben Sie sich nicht vergebliche Mühe; es ist so manches -anders geworden, sollte nicht der Mensch mit dem Geschick sich ändern?« - -»Ich finde Sie nicht sehr verändert,« erwiderte der Fremde, »ich -erkannte Sie bei dem ersten Anblick wieder. Aber eines finde ich -nicht mehr wie früher, aus diesen Augen ist ein gewisses Zutrauen -verschwunden, das mich sonst so oft beglückte. Alexander Zronievsky -scheint mir nicht mehr zu trauen. Und doch,« setzte er lächelnd hinzu, -»und dennoch war mein Geist immer bei ihm, ich weiß sogar die tiefsten -Gedanken seines Herzens.« - -»Meines armen Herzens!« entgegnete der Graf wehmütig; »ich wüßte kaum, -ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht manchmal vor Unmut pochte! -Welche Gedanken wollen Sie aufgespürt haben, als die unwandelbare -Freundschaft für Sie, Major? Schelten Sie nicht mein Auge, weil es -nicht mehr fröhlich ist; ich habe mich in mich selbst zurückgezogen, -ich habe mein Vertrauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen -sagen, daß ich noch immer der alte bin.« - -»Ich danke; aber wie, ich sollte mich nicht auf die Gedanken Ihres -Herzens verstehen? Sie sagen, es pocht nur vor Unmut; was hat denn ein -gewisses Fürstenkind getan, daß Ihr Herz so gar unmutig pocht?« - -Der Graf erblaßte; er preßte des Freundes Hand fest in der seinigen: -»Um Gottes willen, schweigen Sie; nie mehr eine Silbe über diesen -Punkt! Ich weiß, ich verstehe, was Sie meinen, ich will sogar zugeben, -daß Sie recht gesehen haben; der Teufel hat Ihre Augen gemacht, Major! -Doch warum bitte ich einen Ehrenmann wie Sie, zu schweigen? Es hat ja -noch keiner vom achten Regiment seinen Kameraden verraten.« - -»Sie haben recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur dies eine noch: -vom achten verratet keiner den Kameraden, ob aber der gute Kamerad sich -selber nicht verrät?« - -»Kommen Sie hier in diese Treppe,« flüsterte der Graf, denn es nahten -sich mehrere Personen; »Jesus Maria, sollte außer Ihnen jemand etwas -ahnen?« - -»Wenn Sie Vertrauen um Vertrauen geben werden, wohlan, so will ich -beichten.« - -»O, foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher sagen, was Sie -haben wollen, nur geschwind, ob jemand außer Ihnen --« - -Der Major von Larun erzählte, er sei heute in dieser Stadt angekommen, -seine Depeschen seien bei dem Gesandten bald in Richtigkeit gewesen, -man habe ihn in die Oper mitgenommen, und dort, wie er entzückt die -Prinzessin aus der Ferne betrachtet, habe ihm die Gesandtin gesagt, daß -Sophie in ein Verhältnis unter ihrem Stande verwickelt sei. »Sie traten -ein in die fürstliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß niemand als -Sie der Geliebte sein könne.« - -»Und die Gesandtin?« rief der Graf mit zitternder Stimme. - -»Sie hat es bestätigt. Wenn ich nicht irre, sprach sie auch von einer -Oberhofmarschallin, von welcher sie die Nachricht habe.« - -Der Graf schwieg, einige Minuten vor sich hinstarrend; er schien mit -sich zu ringen, er blickte einigemal den Fremden scheu von der Seite an --- »Major,« sprach er endlich mit klangloser, matter Stimme, »können -Sie mir hundert Napoleon leihen?« - -Der Major war überrascht von dieser Frage; er hatte erwartet, sein -Freund werde etwas weniges über sein Unglück jammern, wie bei -dergleichen Szenen gebräuchlich, er konnte sich daher nicht gleich in -diese Frage finden, und sah den Grafen staunend an. - -»Ich bin ein Flüchtling,« fuhr dieser fort; »ich glaubte endlich eine -stille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein wenig rasten könnte, -da muß ich lieben -- muß geliebt werden, Major, wie geliebt werden!« -Er hatte Tränen in den Augen, doch er bezwang sich und fuhr mit fester -Stimme fort: »Es ist eine sonderbare Bitte, die ich hier nach so langem -Wiedersehen an Sie tue, doch ich erröte nicht, zu bitten; Kamerad, -gedenken Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden, gedenken Sie des -Tages von Mosaisk?« - -»Ich gedenke!« sagte der Fremde, indem sein Auge glänzte und seine -Wangen sich höher färbten. - -»Und gedenken Sie, wie die russische Batterie an der Redoute auffuhr, -wie ihre Kartätschen in unsere Reihen sausten und der Verräter Piolsky -zum Rückzug blasen ließ?« - -»Ha!« fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, »und wie Sie ihn -herabschossen, Oberst, daß er keine Ader mehr zuckte, wie die Husaren -rechts abschwenkten, wie _Sie_ ›vorwärts!‹ riefen, ›vorwärts, Lanciers -vom achten!‹ und die Kanonen in fünf Minuten unser waren!« -- - -»Gedenken Sie?« flüsterte der Graf mit Wehmut; »wohlan! ich kommandiere -wieder vor der Front. Es gilt, einen Kameraden herauszuhauen, werdet -Ihr ihn retten? ~En avant~, Major! vorwärts, tapferer Lancier! wirst du -ihn retten, Kamerad?« - -»Ich will ihn retten!« rief der Freund, und der Graf Zronievsky schlug -seinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an seine Brust und eilte dann von -ihm weg, den Korridor entlang. - - -4. - -»Gut, daß ich Sie treffe,« rief der Graf Zronievsky, als er am nächsten -Morgen dem Major auf der Straße begegnete, »ich wollte eben zu Ihnen -und Sie um eine kleine Gefälligkeit ansprechen --« - -»Die ich Ihnen schon gestern zusagte,« erwiderte jener; »wollen Sie -mich in mein Hotel begleiten? es liegt längst für Sie bereit.« -- - -»Um Gottes willen! jetzt nichts von Geld,« fiel der Graf ein, »Sie -töten mich durch diese Prosa; ich bin göttlich gelaunt, selig, -überirdisch gestimmt. O Freund, ich habe es dem Engel gesagt, daß -man uns bemerkt, ich habe ihr gesagt, daß ich fliehen werde, denn in -ihrer Nähe zu sein, sie nicht zu sprechen, nicht anzubeten, ist mir -unmöglich.« - -»Und darf ich wissen, was sie sagte?« - -»Sie ist ruhig darüber, sie ist größer als diese schlechten Menschen. -›Was ist es auch?‹ sagte sie, ›man kann uns gewiß nichts Böses -nachsagen, und wenn man auch unser Verhältnis entdeckte, so will ich -mir gerne einmal einen dummen Streich vergeben lassen; wo lebt ein -Mensch, der nicht einmal einen beginge?‹« - -»Eine gesunde Philosophie,« bemerkte der Major; »man kann nicht -vernünftiger über solche Verhältnisse denken; denn gerade die sind -meist am schlechtesten beraten, die glauben, sie können alle Menschen -blenden. Doch ist mir noch eine Frage erlaubt? Wie es scheint, so sehen -Sie Ihre Dame _allein_? denn was Sie mir erzählten, wurde schwerlich -gestern im Don Juan verhandelt.« - -»Wir sehen uns,« flüsterte jener, »ja, wir sehen uns, aber wo, darf ich -nicht sagen, und so wahr ich lebe, das sollen auch jene Menschen nicht -ausspähen. Aber lange, ich sehe es selbst ein, lange Zeit kann es nicht -mehr dauern. Drum bin ich immer auf dem Sprung, Kamerad, und Ihre Hilfe -soll mich retten, wenn indes meine Gelder nicht flüssig werden. ›Doch -gilt es morgen, so laß uns heut noch schlürfen die Neige der köstlichen -Zeit;‹ ich will noch glücklich, selig sein, weil es ja doch bald ein -Ende haben muß.« - -»Und wozu kann ich Ihnen dienen?« fragte der Major, »wenn ich nicht -irre, wollten Sie mich aufsuchen.« - -»Richtig, das war es, warum ich kommen wollte,« entgegnete jener nach -einigem Nachsinnen. »Sophie weiß, daß Sie mein Freund sind, ich habe -ihr schon früher von Ihnen erzählt, hauptsächlich die Geschichte von -der Beresinabrücke, wo Sie mich zu sich auf den Rappen nahmen. Sie -hat gestern mit Ihnen gesprochen und von _Othello_, nicht wahr? Die -Fürstin will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend eines -Märchens, das ich nicht mehr weiß.« -- - -»Sie waren sehr geheimnisvoll damit,« unterbrach ihn der Freund, »und -wie mir schien, wird es die Fürstin auch nicht zugeben.« - -»Und doch; ich habe sie durch ein Wort dahin gebracht. Die Prinzessin -bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht sehen, ohne daß ich -ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine etwas ernste Miene an und sagte: -›Sonderbar ist es doch, wenn so etwas ins Publikum kommt, ist es wie -der Wind in den Gesandtschaften, und kam es einmal so weit, so darf man -nicht dafür sorgen, daß es in acht Tagen als ~Chronique scandaleuse~ -an allen Höfen erzählt wird.‹ Die Fürstin gab mir recht; sie sagte, -wiewohl mit sehr bekümmerter und verlegener Miene zu, daß das Stück -gegeben werden sollte; doch als sie wegging, rief sie mir noch zu: sie -gebe das Spiel dennoch nicht verloren, denn wenn auch _Othello_ schon -auf dem Zettel stehe, lasse sie die _Desdemona_ krank werden.« - -»Das haben Sie gut gemacht!« rief der Major lachend, »also die Furcht -vor der ~Chronique scandaleuse~ hat die Gespensterfurcht und das Grauen -vor den Geheimnissen der Natur überwunden?« - -»Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freuden, daß sie ihren Willen -hat. Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der Oper; ich soll ihm -vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung auch in pekuniärer -Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen sein möchte, und Sie müssen -mich zu ihm begleiten.« - -»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der Prinzessin diese -Summe überbringen?« - -»Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekte von einigen -Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten vor -oder was in unseren Kram paßt. Der Regisseur wohnt nicht weit von hier -und ist ein alter, ehrlicher Kauz, den wir schon gewinnen wollen. Nur -hier um die Ecke, Freund; sehen Sie dort das kleine grüne Haus mit dem -Erker?« - - -5. - -Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, er war früher als -Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im Alter auf seinen Lorbeeren. -Er empfing die Freunde mit einer gewissen künstlerischen Hoheit und -Würde, welche nur durch seine sonderbare Kleidung etwas gestört wurde; -er trug nämlich eine schwarze Florentiner Mütze, welche er nur ablegte, -wenn er zum Ausgehen die Perücke auf die Glatze setzte. Auffallend -stachen gegen diese bequeme Hauskleidung des Alten ein moderner, enge -anliegender Frack und weite, faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten, -daß der Herr Regisseur trotz der sechzig Jährchen, die er haben mochte, -dennoch für die Eitelkeit der Welt nicht abgestorben sei; an den -Füßen trug er weite, ausgetretene Pelzschuhe, auf denen er künstlich -im Zimmer herumfuhr, ohne sichtbar die Beine aufzuheben; es kam den -Freunden vor, als fahre er auf Schlittschuhen. - -»Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch,« sagte -der Regisseur, als ihn der Graf mit dem Zweck ihres Besuches bekannt -machte, »weiß bereits um die Sache; an mir soll es nicht fehlen, mein -einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten Ohren auf ergötzliche Weise zu -delektieren, aber -- aber ich werde denn doch submissest wagen müssen, -einige Gegenvorstellungen zu exhibitieren.« - -»Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?« rief der Graf. - -»Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat auf -die allerhöchste Familie! Nein! nein! wenn mein Wort in der Sache noch -etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück nie gegeben.« - -»Hätte ich doch nie gedacht,« entgegnete der Graf, »daß ein Mann wie -Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen und Bewunderung vernahm -ich schon in meiner frühesten Jugend in fernen Landen Ihren gefeierten -Namen; Sie wurden die Krone der Sänger genannt, ich brannte vor -Begierde, diesen Mann einmal zu sehen. Ich bitte, verkleinern Sie -dieses ehrwürdige Bild nicht durch solchen Aberwitz.« - -Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges Lächeln -zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände in die Taschen -und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im Zimmer auf und ab. -»Allzugütig, allzuviel Ehre!« rief er; »ja, wir waren unserer Zeit -etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor! jetzt hat es freilich ein Ende. -_Aberglaube_, belieben Sie zu sagen? ich würde mich schämen, irgend -einem Aberglauben nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von -Aberglauben nicht die Rede sein.« - -»Tatsachen?« riefen die Freunde mit _einer_ Stimme. - -»O ja, verehrte ~messieurs~, Tatsachen. Sie scheinen nicht aus hiesiger -Stadt und Gegend zu sein, da Sie solche nicht wissen?« - -»Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört,« sagte der -Major; »es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach Othello brennen, -und --« - -»Brennen? daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß es allemal -brennte; Feuer kann man doch löschen, man hat Brandassekuranzen, man -kann endlich noch solch einen Brandschaden zur Not ertragen; aber -sterben? nein, das ist ein weit gefährlicherer Casus.« - -»Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?« - -»Nun, das ist kein Geheimnis!« erwiderte der Regisseur; »so oft Othello -gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand aus der fürstlichen Familie -sterben.« - -Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn der -prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte etwas -Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und brachen -über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter aus, das -übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte. - -»Sie lachen?« sprach er; »ich muß es mir gefallen lassen; wenn es Sie -übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik inspizieren -lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren der jedesmalige Souffleur -schreibt.« - -»Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren,« rief der -Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien; und der Regisseur rutschte -mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine Kammer und brachte einen -in Leder und Messing gebundenen Folianten hervor. - -Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte in der -Chronik. »Bemerken Sie,« sagte er, »wegen des Nachfolgenden, erstlich: -hier steht: ›Anno 1740 den 8. Dezember ist die Actrice Charlotte -Fandauerin in hiesigem Theater erstickt worden. Man führte das -Trauerspiel Othello, der Mohr von Venedig, von Shakespeare auf.‹« - -»Wie?« unterbrach ihn der Major, »Anno 1740 sollte man hier -Shakespeares Othello gegeben haben? und doch war es, wenn ich nicht -irre, Schröder, der zuerst und viel später das erste Shakespearsche -Stück in Deutschland aufführen ließ?« - -»Bitte um Vergebung,« erwiderte der Alte. »Der Herzog sah auf einer -Reise durch England in London diesen Othello geben, ließ ihn, weil -er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und nachher hier öfter -aufführen. Meine Chronik fährt aber also fort: ›Obgedachte Charlotte -Fandauerin hat die Desdemona gegeben und ist durch die Bettdecke, womit -sie in dem Stücke selbst getötet werden soll, elendiglich umgekommen. -Gott sei ihrer armen Seele gnädig!‹ Diesen Mord erzählt man sich hier -folgendermaßen: die Fandauer soll sehr schön gewesen sein; bei Hof -ging es damals unter dem Herzog Nepomuk sehr lasciv zu; die Fandauer -wurde des Herzogs Geliebte. Sie aber soll sich nicht blindlings und -unvorsichtig ihm übergeben haben; sie war abgeschreckt durch das -Beispiel so vieler, die er nach einigen Monaten oder Jährchen verstieß -und elendiglich herumlaufen ließ. Sie soll also ein schreckliches -Bündnis mit ihm gemacht und erst, nachdem er es beschworen, sich -ihm ergeben haben. Aber wie bei den andern, so war es auch bei der -Fandauer. Er hatte sie bald satt und wollte sie auf gelinde Art -entfernen. Sie aber drohte ihm, das Bündnis, das er mit ihr gemacht, -drucken und in ganz Europa verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch, -daß sie diese Schrift schon in vielen fremden Städten niedergelegt -habe, wo sie auf ihren ersten Wink verbreitet würde. - -Der Herzog war ein grausamer Herr und sein Zorn kannte keine Grenzen. -Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift haben beikommen -wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst gekocht hatte. Er gab -daher einem Schauspieler eine große Summe Geld und ließ den Othello -aufführen. Sie werden sich erinnern, daß in dem Shakespeareschen -Trauerspiel die Desdemona von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der -Akteur machte seine Sache nur allzunatürlich, denn die Fandauerin ist -nicht mehr erwacht.« - -Der Graf schauderte. »Und dies soll wahr sein?« rief er aus. - -»Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt, wen Sie wollen, Sie -werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher von den Gerichten -eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig gemacht, aber der Herzog -schlug sie nieder, nahm den Akteur vom Theater in seine Dienste und -erklärte, die Fandauerin habe durch Zufall der Schlag gerührt. Aber -acht Tage darauf starb ihm sein einziges Söhnlein, ein Prinz von zwölf -Jahren.« - -»Zufall!« sagte der Major. - -»Nennen Sie es immerhin so,« versetzte der Alte und blätterte -weiter; »doch hören Sie, Othello wurde zwei Jahre lang nicht mehr -gegeben, denn wegen der Erinnerung an jenen Mord mochte der Herzog -dieses Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei Jahren -- in diesem -Buch steht jedes Lustspiel aufgezeichnet -- nach zwei Jahren war er -so ruchlos, es wieder aufführen zu lassen. Hier steht's: ›Den 28. -September 1742 Othello, der Mohr von Venedig‹; und hier am Rande -ist bemerkt: ›_Sonderbarlich!_ am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste -verstorben, gerade auch acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren der -höchstselige Prinz Friedrich.‹ Zufall, meine werten Herren?« - -»Allerdings Zufall!« riefen jene. - -»Weiter! ›Den 6. Februar 1748 Othello, der Mohr von Venedig.‹ Ob -es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! Das hat der -Souffleur hingeschrieben, bemerken Sie gefälligst, es ist dieselbe -Hand, die hier ~in margine~ bemerkt: ›Entsetzlich! die Fandauerin -spukt wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich gestorben, acht Tage -nach Othello.‹« Der Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend -an; sie schwiegen, er blätterte weiter und las: »›Den 16. Januar -1775, zum Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig.‹ -Richtig wieder! ›Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell -versterben! † 24. Januar 1775.‹« - -»Possen!« unterbrach ihn der Major; »ich gebe zu, es ist so; es soll -einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so gefügt haben; geben -Sie mir aber nur _einen_ vernünftigen Grund an zwischen Ursache und -Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen am Othello versterben lassen -wollen!« - -»Herr!« antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, »das kann ich nicht; -aber ich erinnere an die Worte jenes großen Geistes, von dem auch -dieser unglückselige Othello abstammt: ›Es gibt viele Dinge zwischen -Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen lassen!‹« - -»Ich kenne das,« sagte der Graf; »aber ich wette, Shakespeare hätte -nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, wie viel -Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!« - -»Es ist möglich,« erwiderte der Sänger; »hören Sie aber weiter. Ich -komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen ich mich erinnern -kann, _an den Herzog selbst_.« - -»Wie,« unterbrach ihn der Major; »eben _jener_, der die Actrice -ermorden ließ?« - -»Derselbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben -worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde Herrschaften zum -Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und sonderbarerweise wünschte -eine der fremden fürstlichen Damen, _Othello_ zu sehen. Der Herzog ging -ungern daran, nicht aus Angst vor den greulichen Umständen, die diesem -Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und glaubte an -nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel seiner -Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte Abscheu vor diesem -Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame nichts abschlagen mochte, sei -es, daß er sich vor dem Publikum schämte, das Stück mußte über Hals und -Kopf einstudiert werden, es wurde auf seinem Lustschloß gegeben. Sehen -Sie, hier steht es: ›Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Lustschloß -H... aufgeführt.‹« - -»Nun, Alter, und was folgte? geschwind!« riefen die Freunde ungeduldig. - -»Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog gestorben.« - -»Nicht möglich,« sagte der Major nach einigem Stillschweigen; »lassen -Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom Herzog? Hier ist nichts -~in margine~ bemerkt.« - -»Nein,« sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei; »aber hier -seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen Sie gefälligst -nachsehen?« - -Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand und las: -»Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober 1793 -höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn -- Dummes Zeug,« rief er und -sprang auf: »das könnte mich um den Verstand bringen! Zufall! Zufall! -und nichts anders! Nun -- und wissen Sie noch ein solches Histörchen?« - -»Ich könnte Ihnen noch einige anführen,« erwiderte der Alte mit Ruhe, -»doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren Unterhaltung; nur aus -der neuesten Zeit noch einen Fall. _Rossini_ schrieb seine herrliche -Oper Othello, worin er, was man bezweifelt hatte, zeigte, daß er es -verstehe, auch die tieferen, tragischen Saiten der menschlichen Brust -anzuschlagen. Er wurde hier höheren Orts nicht _verlangt_, daher wurde -er auch nicht fürs Theater einstudiert. Die Kapelle aber unternahm es, -diese Oper für sich zu studieren, es wurden einige Szenen in Konzerten -aufgeführt, und diese wenigen Proben entzündeten im Publikum einen -so raschen Eifer für die Oper, daß man allgemein in Zeitungen, an -Wirtstafeln, in Singtees und dergleichen von nichts als Othello sprach, -nichts als Othello verlangte. Von den grauenvollen Begebenheiten, -die das Schauspiel Othello begleitet hatten, war gar nicht die Rede; -es schien, man denke sich unter der Oper einen ganz andern Othello. -Endlich bekam der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater und -sang den Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper in die -Szene zu setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof und Adel war da, -das Orchester strengte sich übermenschlich an, die Sängerinnen ließen -nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß nicht -- uns alle wehte ein -unheimlicher Geist an, als Desdemona ihr Lied zur Harfe spielte, als -sie sich zum Schlafengehen rüstete, als der Mörder, der abscheuliche -Mohr, sich nahte. Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter, es -war dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in derselben -Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen, trotz der -Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes Zittern, als der -Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der fürstlichen Loge, wo so -viele blühende, kräftige Gestalten auf unser Spiel herübersahen. ›Wirst -du wohl durch die Töne, die deinen Tod begleiten, dich besänftigen -lassen, blutdürstiges Gespenst der Gemordeten?‹ dachte ich. Es war so; -fünf, sechs Tage hörte man nichts von einer Krankheit im Schlosse; man -lachte, daß es nur der Einkleidung in eine Oper bedurfte, um jenen -Geist gleichsam irre zu machen; der siebente Tag verging ruhig, am -achten wurde Prinz Ferdinand auf der Jagd erschossen.« - -»Ich habe davon gehört,« sagte der Major, »aber es war Zufall; die -Büchse seines Nachbars ging los, und --« - -»Sage ich denn, das Gespenst bringe die Höchstseligen selbst um, -drücke ihnen eigenhändig die Kehle zu? Ich spreche ja nur von einem -unerklärlichen, geheimnisvollen Zusammenhang.« - -»Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen erzählt? Wo -steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener Jagd Othello gegeben -wurde?« - -»Hier,« erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf eine Stelle -in seiner Chronik wies; der Graf las: »_Othello_, Oper von Rossini, -den 12. März;« und auf dem Rande stand dreimal unterstrichen: »den 20. -_fiel Prinz Ferdinand auf der Jagd_.« - -Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke an; sie -schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst des alten -Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener furchtbaren Ereignisse -tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen mochten. Der Major -blätterte in der Chronik und pfiff vor sich hin, der Graf schien -über etwas nachzusinnen, er hatte Stirne und Augen fest in die Hand -gestützt. Endlich sprang er auf. »Und dies alles kann Ihnen dennoch -nicht helfen!« rief er, »die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die -Gesandten wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man durch -diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert Taler, mein -Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der Kunst, welche sie Ihnen -zustellen, um Ihren Othello recht glänzend auftreten zu lassen. Kaufen -Sie davon, was Sie wollen,« setzte er lächelnd hinzu, »lassen Sie -Geisterbanner, Beschwörer kommen, kaufen Sie einen ganzen Hexenapparat, -kurz, was nur immer nötig ist, um das Gespenst zu vertreiben -- nur -geben Sie uns Othello.« - -»Meine Herren,« sagte der Alte, »es ist möglich, daß ich in meiner -Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt hätte; das Alter -hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, daß es Dinge gibt, die man -nicht geradehin verwerfen muß. Ich danke für Ihr Geschenk, ich werde es -auf eine würdige Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den strengsten -Befehl werde ich Othello geben lassen. Ach Gott und Herr!« rief er -kläglich, »wenn ja der Fall wieder einträte, wenn das liebe, herzige -Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!« - -»Sein Sie still,« rief der Graf erblassend, »wahrhaftig, Ihre -wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich am hellen -Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß Othello auf jeden Fall -gegeben wird; machen Sie mir keine Kunstgriffe mit Katarrh und Fieber, -mit Krankwerdenlassen und eingetretenen Hindernissen. Beim Teufel, wenn -Sie keine Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der Erwürgten -heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt.« - -Der Alte kreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen Schuhen umher. -»Welche Ruchlosigkeit,« jammerte er, »wenn sie nun erschiene wie der -steinerne Gast? Lassen Sie solche Reden, ich bitte Sie; wer weiß, wie -nahe jedem sein eigenes Verderben ist!« - -Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab und noch lange diente -der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze und den -Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe. - - -6. - -Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in den Grafen, -seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War er sonst fröhlich, -lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte er sonst die Gesellschaft -durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen aus seinem Leben -unterhalten, wußte er sonst jeden, mochte er noch so gering sein, auf -eine sinnige feine Weise zu verbinden, so daß er der Liebling aller, -von vielen angebetet wurde, so war er in andern Momenten gerade das -Gegenteil. Er fing an, trocken und stumm zu werden, seine Augen senkten -sich, sein Mund preßte sich ein. Nach und nach ward er finster, spielte -mit seinen Fingern, antwortete mürrisch und ungestüm. Der Major hatte -ihm schon abgemerkt, daß dies die Zeit war, wo er aus der Gesellschaft -entfernt werden müsse, denn jetzt fehlten noch wenige Minuten, so zog -er mit leicht aufgeregter Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf -sich, und fing an zu wüten und zu rasen. - -Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit eine gewisse -Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend machte, um ihn vor -diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft zu bewahren, desto -greulicher brachen sie in seinen Zimmern aus; er tobte, er fluchte -in allen Sprachen, er klagte sich an, er weinte. »Bin ich nicht ein -elender, verworfener Mensch?« sprach er einst in einem solchen Anfall; -»meine Pflichten mit Füßen zu treten, die treueste Liebe von mir zu -stoßen, ein Herz zu martern, das mir so innig anhängt! Leichtsinnig -schweife ich in der Welt umher, habe mein Glück verscherzt, weil ich in -meinem Unsinn glaubte, ein Kosciuszko zu sein, und bin nichts als ein -Schwachkopf, den man wegwarf. Und so viele Liebe, diese Aufopferung, -diese Treue so zu vergelten!« - -Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht. »Sie sagen ja -selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat; konnte sie je eine -andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen erwarten als die, welche die -Verhältnisse erlauben?« - -»Ha, woran mahnen Sie mich!« rief der Unglückliche, »wie klagen mich -Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch _sie_, auch _sie_ betört! Wie -kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter kam, als ich sie -sah mit dem lieblichen Schmelz der Unschuld in den Augen, da fing mein -Leichtsinn wieder an; ich vergaß alle guten Vorsätze, ich vergaß, wem -ich allein gehören dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von Lust, -ich begrub mein Gewissen in Vergessenheit!« Er fing an zu weinen, die -Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. »Und konnte ich,« flüsterte -er, »konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich sah es an jeder ihrer -Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, daß sie mich liebte; sollte ich -fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte der Liebe in ihren Wangen -aufging, wie der erste leuchtende Strahl des Verständnisses aus ihrem -Auge brach, auf mich niederfiel, mich aufzufordern schien, ihn zu -erwidern?« - -»Ich beklage Sie,« sprach der Freund und drückte seine Hand; »wo lebt -ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden wäre?« - -»Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie mir -mit stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes traute, -entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein flüchtiger -Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken vermögen, wo man -tagelang nur in der freudigen Erwartung eines Abends, einer Stunde, -einer einsamen Minute lebte, wo man in der Erinnerung dieses seligen -Augenblicks schwelgte, bis der Abend wieder erschien, bis ich aus dem -Taumelkelch ihrer süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank; wie reich -wußte sie zu geben, wieviel Liebe wußte sie in _ein_ Wort, in _einen_ -Blick zu legen; und ich sollte fliehen?« - -»Und wer verlangt dies?« sagte der Freund gerührt. »Es wäre grausam -gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse zum Opfer brachte, -zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich gewünscht; ich denke, noch ist -nicht alles verloren!« - -Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten heftiger, sein -glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit zu tauchen. »Und als -sie mit holdem Erröten sagte, wie ich zu ihr gelangen könne, als sie -erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu küssen, als der süße Mund, dessen -Wünsche einem Volk Befehle waren, _mein_ gehörte, und die Hoheit einer -Fürstin unterging im traulichen Flüstern der Liebe -- da, da sollte ich -sie lassen?« - -»Wie glücklich sind Sie! Gerade in dem Geheimnis dieses Verhältnisses -muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen Sie diese Liebe so tief -verdammen? Fassen Sie sich! Das Urteil der Welt kann Ihnen gleichgültig -sein, wenn Sie glücklich sind; denn im ganzen trägt ja wahrhaftig dies -Verhältnis nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich, wie Sie es selbst -sich vorstellen!« - -Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine Wangen färbten -sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen. »Nicht so mild müssen Sie -mich beurteilen,« sagte er mit dumpfer Stimme, »ich verdiene es nicht. -Ich bin ein Frevler, vor dem Sie zurückschaudern sollten. O -- daß ich -Vergessenheit erkaufen könnte, daß ich Jahre auslöschen könnte aus -meinem Gedächtnis! -- Ich will vergessen, ich muß vergessen, ich werde -wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse: schaffen Sie Wein, Kamerad; ich -will trinken, mich dürstet, es wütet eine Flamme in mir, ich will mein -Gedächtnis, meine Schuld versäufen!« - -Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich ruhig über diese -verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und Selbstanklage. »Er ist -leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher gekannt,« sagte er zu sich; -»solche Menschen kommen leicht aus einem Extrem in das andere. Er sieht -jetzt große Schuld in seiner Liebe, weil sie der Geliebten in ihren -Verhältnissen schaden kann, und im nächsten Augenblick berauscht ihn -wieder die Wonne der Erinnerung.« Der Wein kam, der Major goß ein; der -Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er ging mit schnellen -Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder, blieb vor dem Freunde -stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte seine stillen Empfindungen -nicht unterbrechen, er trank und beobachtete über das Glas hin -aufmerksam die Mienen, die Bewegungen seines Freundes. - -»Major!« rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl nieder; -»welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?« - -Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er schien -nachzusinnen, und sagte dann: »Ohne Zweifel, das, was das freudigste -Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden -- Ehre, gekränkte Ehre.« - -Der Graf lachte grimmig. »Lassen Sie sich die Taler wiedergeben, -Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für seinen Unterricht -gaben. Gekränkte Ehre! Also tiefer steigt Ihre Kunst nicht hinab in -die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt sich doch selbst noch; es lebt -doch ein Gefühl in des Gekränkten Brust, das ihn hoch erhebt über die -Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch -die Möglichkeit, seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waschen, -aber tiefer, Herr Bruder,« rief er, indem er die Hand des Majors -krampfhaft faßte, »tiefer hinab in die Seele! welches Gefühl ist noch -schrecklicher?« - -»Von _einem_ habe ich gehört,« erwiderte jener, »das aber Männer wie -wir nicht kennen -- es heißt Selbstverachtung.« - -Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf und sah -den Freund lange an. »Getroffen, Kamerad!« sagte er, »das sitzt -noch tiefer. Männer wie wir _pflegen_ es nicht zu kennen, es heißt -Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf die -Erde; ehe man sich versieht, ist man gefangen. Kennen Sie die Qual des -Wankelmutes, Major?« - -»Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer geradeaus aufs -Ziel!« - -»Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern Sie sich -noch des Morgens, als wir aus den Toren von Warschau ritten? Unsere -Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem großen Geiste, der sie gefangen -hielt; aber wem gehörten die Herzen der polnischen Lanciers? Unsere -Trompeten ließen jene Arien aus den _Krakauern_ ertönen, jene Gesänge, -die uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert hatten; -diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unserer Brust; -Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?« - -»Dem Vaterland!« sagte der Major gerührt; »ja, damals, _damals_ war ich -freilich wankelmütig!« - -»Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren, der Teufel weiß das recht -hübsch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und -dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor!« - -»Möglich; aber der Mann hat Kraft, _dem_ treu zu bleiben, was er -gewählt hat.« - -»Das ist es,« rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies _eine_ -Wort, »das ist es, und daraus -- die Selbstverachtung; und warum besser -scheinen, als ich bin? Kamerad, Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen Sie -mich wie die Pest, ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie sind -ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst verachten, -wissen Sie, ich bin --« - -»Halt, ruhig!« unterbrach ihn der Freund, »es pochte an der Türe -- -herein!« - - -7. - -»Bedaure, bedaure unendlich,« sprach der Regisseur der Oper und -rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, »ich unterbreche -Hochdieselben?« - -»Was bringen Sie uns?« erwiderte der Major, schneller gefaßt als der -unglückliche Freund. »Setzen Sie sich und verschmähen Sie nicht unsern -Wein; was führt Sie zu uns!« - -»Die traurige Gewißheit, daß Othello doch gegeben wird. Es hilft -nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur gestehen, ich ließ -die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna schon dahin gebracht, -daß sie mir feierlich gelobte, heiser zu werden; da führt der Satan -gestern abend die Sängerin Fanutti in die Stadt; sie kommt vom ...ner -Theater, bittet die allerhöchste Theaterdirektion um Gastrollen, und -stellen Sie sich vor, man sagt ihr auf nächsten Sonntag Othello zu. Ich -habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt wurde; jetzt hilft kein Gott -mehr dagegen, und doch habe ich schreckliche Ahnungen!« - -»Alter Herr!« rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte, sich zu -sammeln. »Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben auf; ich kann -Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten Personen ein Haar -gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den Kirchhof, lasse mir das Grab -der erwürgten Desdemona zeigen, mache ihr meine Aufwartung und bitte -sie, diesmal ein Auge zuzudrücken und _mich_ zu erwürgen. Freilich hat -sie dann nur einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer meiner -Vorfahren hat auch eine Krone getragen!« - -»Freveln Sie nicht so erschrecklich,« entgegnete der Alte, »wie leicht -kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen Dingen ist nicht -zu scherzen. Ueberdies habe ich heute nacht im Traum einen großen -Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man Fürsten zu begraben pflegt.« - -»Schreckliche Visionen, guter Herr!« lachte der Major. »Haben -Sie vielleicht vorher ein Gläschen zuviel getrunken? Und was ist -natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da Sie den ganzen Tag -mit Todesgedanken umgehen!« - -Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen. »Gerade -_Sie_, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben,« sagte -er. »Ich habe Sie nie gesehen bis zu jener Stunde, wo Sie mich mit -dem Herrn Grafen besuchten, und doch gingen wir beide heute nacht -miteinander dem Sarge nach, Sie weinten heftig.« - -»Immer köstlicher! wie lebhaft Sie träumen; darum mußte ich hierher -kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume spazieren zu gehen!« - -»Brechen wir ab,« erwiderte jener, »was kommen muß, wird kommen, und -wir würden vielleicht viel darum geben, hätten wir alles nur geträumt. -Ich komme aber hauptsächlich zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen, Sie -haben sich so generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein Vergnügen -daraus mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue Sängerin zu -zeigen.« - -Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf schien wie immer -seine Heftigkeit zu bereuen und diese Zerstreuung kam ihm erwünscht; -auf dem Major hatten jene Ausbrüche einer Selbstanklage schwer und -drückend gelegen; auch er nahm daher mit Dank diesen Ausweg an, um -einer näheren Erklärung seines Freundes, die er eher fürchtete, als -wünschte, zu entfliehen. - - -8. - -Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese Saite nicht -mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und wieder düster, ja die -Augenblicke des tiefen Grames kehrten wieder, aber nicht mit ihnen das -Geständnis einer großen Schuld, das damals schon auf seinen Lippen -schwebte; er war verschlossener als sonst. Der Major sah ihn sogar -einige Tage beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese Stadt -gerufen hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese pflegte -gerade der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust an der -Sache selbst oder um im Sinne der Geliebten zu handeln und ihre -Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen, er war in jeder -Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine ausgebreiteten Reisen, -sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack verbesserten unmerklich -manches, was dem Auge und Ohr selbst eines so scharfen Kritikers, -wie der Regisseur war, entgangen wäre; und der alte Mann vergaß oft -stundenlang die schwarzen Ahnungen, die seine Seele quälten, so sehr -wußte Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln. - -So war Othello zu einer Vollkommenheit fortgeschritten, die man anfangs -nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war durch die sonderbaren -Umstände, welche ihre Aufführung bisher verhindert hatten, nicht nur -dem Publikum, sondern selbst den Sängern neu geworden; kein Wunder, daß -sie ihr möglichstes taten, um so großen Erwartungen zu entsprechen; -kein Wunder, daß man mit freudiger Erwartung dem Tag entgegensah, der -_den Mohren von Venedig_ auf die Bretter rufen sollte. - -Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums zu -fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf vorausgegangen, man -war neugierig, wie sie sich vom Theater ausnehme, wie sie Desdemona -geben werde, eine Rolle, zu der man außer schönem Gesang auch ein -höheres tragisches Spiel verlangte. Hierzu kam das leise Gerücht von -den sonderbaren Vorfällen, die jedesmal Othello begleitet hatten; die -älteren Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach, zweifelten, -vergrößerten, so daß ein großer Teil des Publikums glaubte, der Teufel -selbst werde eine Gastrolle im Othello übernehmen. - -Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten über diese -Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm, daß man bei Hof, wo -er noch einige Abende zubrachte, kein Wort mehr über Othello sprach; -nur Prinzessin Sophie sagte einmal flüchtig und lächelnd zu ihm: -»Othello hätten wir denn doch herausgeschlagen, Ihrer Krankheitstante, -Baron, und der diplomatischen Drohung des Grafen haben wir es zu -danken. Wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein Desdemonaliedchen; -wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein Schwanengesang werden.« - -»Gibt es Ahnungen?« dachte der Major bei diesen flüchtig hingeworfenen -Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll klangen; »die -Sage von der gespenstigen Desdemona, die Furcht des alten Regisseurs, -seine Träume vom Trauergeleite und dieser Schwanengesang!« Er sah der -holden, lieblichen Erscheinung nach, wie sie froh und freundlich durch -die Säle gleitete, wie sie, gleich dem Mädchen aus der Fremde, jedem -eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein freundliches Wort darreichte --- wenn der Zufall es wieder wollte, dachte er, wenn sie stürbe! -Er verlachte sich im nächsten Augenblicke selbst, er konnte nicht -begreifen, wie ein solcher Gedanke in seine vorurteilsfreie Seele -kommen könne -- er suchte mit Gewalt dieses lächerliche Phantom aus -seiner Erinnerung zu verdrängen -- umsonst! dieser Gedanke kehrte immer -wieder, überraschte ihn mitten unter den fremdartigsten Reden und -Gegenständen, und immer noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu -hören; »Wenn ich sterbe -- sei es mein Schwanengesang.« - -Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall. Der Major war -nachmittags mit dem Grafen und mehreren Offizieren ausgeritten. Auf dem -Heimweg überfiel sie ein Regen, der sie bis auf die Haut durchnäßte. -Die Wohnung des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat daher den Major, -sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf dem Kopf, in einen -seiner Ueberröcke gehüllt, trat der Major aus dem Hause, um in seine -eigene Wohnung zu eilen. Er mochte einige Straßen gegangen sein, und -immer war es ihm, als schleiche jemand allen seinen Tritten nach. Er -blieb stehen, sah sich um, und dicht hinter ihm stand ein hagerer, -großer Mann in einem abgetragenen Rock. »Dies an Sie Herr!« sagte er -mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick, drückte dem Erstaunten -ein kleines Billett in die Hand und sprang um die nächste Ecke. -Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, in der völlig fremden -Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft kommen sollte? Er betrachtete -das Billett von allen Seiten, es war feines, glänzendes Papier, in -eine Schleife künstlich zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee -gesiegelt. Keine Aufschrift. »Vielleicht will man sich einen Scherz mit -dir machen,« dachte er und öffnete es sorglos auf der Straße, er las -und wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte das Papier -in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem Zimmer zu. - -Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er glaubte nicht recht -gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber auch beim hellen Schein der -Kerzen blieben die unseligen Worte fest und drohend stehen. - -»Elender! Du kannst dein Weib, deine kleinen Würmer im Elende -schmachten lassen, während du vor der Welt in Glanz und Pracht -auftrittst? Was willst du in dieser Stadt? Willst du ein ehrwürdiges -Fürstenhaus beschimpfen, seine Tochter so unglücklich machen, als du -dein Weib gemacht hast? Fliehe, in der Stunde, wo du dieses liest, weiß -_Pr. Sph._ das schändliche Geheimnis deines Betrugs.« - -Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese Zeilen an den -Grafen gerichtet, daß sie durch Zufall, vielleicht weil er in des -Freundes Kleidern über die Straße gegangen, in seine Hände geraten -seien. Jetzt wurden ihm auf einmal jene Ausbrüche der Verzweiflung -klar; es war Reue, Selbstverachtung, die in einzelnen Momenten die -glänzende Hülle durchbrachen, womit er sein trügerisches Spiel bedeckt -hatte. Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch immer in der -Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts anders bedeuten als -den Namen des holden, jetzt so unglückseligen Geschöpfes, das jener -gewissenlose Verräter in sein Netz gezogen hatte. Der Major war ein -Mann von kaltem, berechnendem Blick, von starkem, konsequentem Geiste; -er hatte sich selten oder nie von einem Gegenstand überraschen oder -außer Fassung setzen lassen, aber in diesem Augenblick war er nicht -mehr Herr über sich; Wut, Grimm, Verachtung kämpften wechselweise in -seiner Seele. Er suchte sich zu bezwingen, die Sache von einem milderen -Gesichtspunkt anzusehen, den Grafen durch seinen Charakter, seinen -grenzenlosen Leichtsinn zu entschuldigen; aber der Gedanke an Sophie, -der Blick auf »das Weib und die armen kleinen Würmer« des Elenden -verjagten jede mildernde Gesinnung, brausten wie ein Sturm durch seine -Seele, ja, es gab Augenblicke, wo seine Hand krampfhaft nach der Wand -hinzuckte, um die Pistolen herunterzureißen und den schlechten Mann -noch in dieser Stunde zu züchtigen. Doch die Verachtung gegen ihn -bewirkte, was mildere Stimmen in seiner Brust nicht bewirken konnten. -»Er muß fort, noch diese Stunde,« rief er; »die Unglückliche, die er -betörte, darf um keinen Preis erfahren, welchem Elenden sie ihre erste -Liebe schenkte. Sie soll ihn beweinen, vergessen; ihn verachten zu -müssen, könnte sie töten.« Er warf diese Gedanken schnell aufs Papier, -raffte eine große Summe, mehr als er entbehren konnte, zusammen, legte -den unglücklichen Brief bei und schickte alles durch seinen Diener an -den Grafen. - -Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte der Major -heute keinen Menschen mehr gesehen, und doch glaubte er es der -Prinzessin schuldig zu sein, sie vor der gedrohten Warnung zu bewahren. -Er sann hin und her, wie er dies möglich machen könne, es blieb ihm -nichts übrig, als sie zu beschwören, keinen Brief von fremden Händen -anzunehmen. Er warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlassen, -als sein Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Grafen noch in der -Hand. »Seine Exzellenz sind soeben abgereist,« sagte er und legte das -Paket auf den Tisch. - -»Abgereist?« rief der Major. »Nicht möglich!« - -»Vor der Türe ist sein Jäger, er hat einen Brief an Sie; soll ich ihn -hereinbringen?« - -Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein, der ihm weinend -einen Brief übergab. Er riß ihn auf. »Leben Sie wohl auf ewig! Der -Brief, der, wie ich soeben erfahre, vor einer Stunde in Ihre Hände kam, -wird meine Abreise ~sans adieu~ entschuldigen. Wird mein Kamerad von -sechs Feldzügen einer geliebten Dame den Schmerz ersparen, meinen Namen -in allen Blättern aufrufen zu hören? Wird er die wenigen Posten decken, -die ich nicht mehr bezahlen kann?« - -»Wann ist Euer Herr abgereist?« - -»Vor einer Viertelstunde, Herr Major!« - -»Wußtet Ihr um seine Reise?« - -»Nein, Herr Major! Ich glaube, seine Exzellenz wußten es heute -nachmittag selbst noch nicht; denn sie wollten heute abend ins Theater -fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf zu Fuß aus und ließ mich folgen. -Da begegnete ihm an der reformierten Kirche ein großer hagerer Mann, -der bei seinem Anblick sehr erschrak. Er ging auf meinen Herrn zu und -fragte, ob er der Graf Zronievsky sei? Mein Herr bejahte es; darauf -fragte er, ob er vor einer Viertelstunde ein Billett empfangen? der -Herr Graf verneinte es. Nun sprach der fremde Mann eine Weile heimlich -mit meinem Herrn; er muß ihm keine gute Nachrichten gegeben haben, -denn der Herr Graf wurde blaß und zitterte; er kehrte um nach Hause, -schickte den Kutscher nach Postpferden, ich mußte schnell zwei Koffer -packen; der Reisewagen mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit -den Rechnungen und allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum Südertor -hinaus. Er nahm vorher noch Abschied von mir, ich glaube für immer.« - -Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört; er befahl -ihm, den nächsten Morgen wiederzukommen, und fuhr ins Theater. -Die Ouvertüre hatte schon begonnen, als er in die Loge trat, er -warf sich auf einen Stuhl nieder, von wo er die fürstliche Loge -beobachten konnte. In allem Schmuck ihrer natürlichen Schönheit und -Anmut saß Prinzessin Sophie neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor -Freude zu strahlen, eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den -feingeschnittenen Mund wehte ein holdes Lächeln, vielleicht der -Nachklang eines heiteren Scherzes -- sie hatte ja jetzt ihren Willen -durchgesetzt, Othello war es, der den Saal und die Logen des Hauses -gefüllt hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie letzthin -schien sie eifrig im Hause noch etwas zu suchen -- argloses Herz, du -schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen Blicke -werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens, ob nicht sein -Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst den schönen Nacken -zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine hohe, gebietende Gestalt -wird sich dir nicht mehr nahen. - -Sie senkte das Glas; ein Wölkchen von getäuschter Erwartung und Trauer -lagerte sich unter den blonden Locken, die schönen Bogen der Brauen -zogen sich zusammen und ließen ein kaum merkliches Fältchen des Unmuts -sehen. Die feinen, seidenen Wimpern senkten sich wie eine durchsichtige -Gardine herab, sie schien zu sinnen, sie zeichnete mit der Lorgnette -auf die Brüstung der Loge. -- Sind es vielleicht seine Chiffern, die -sie in Gedanken versunken vor sich hinschreibt? Wie bald wird sie -vielleicht dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele füllt! - -Dem Major traten unwillkürlich Tränen in die Augen, als er Sophie -betrachtete. »Noch ahnet sie nicht, was ihrer wartet,« dachte er, »aber -nie, nie soll sie erfahren, wie elend der war, den sie liebte.« Der -Gedanke an diesen Elenden bemächtigte sich seiner aufs neue; er drückte -die Augen zu, verfluchte die menschliche Natur, die durch Leichtsinn -und Schwäche aus einem erhabenen Geist, aus einem tapfern Mann einen -ehrvergessenen, treulosen Betrüger machen könne. - -Der Major hat oft gestanden, daß einer der schrecklichsten Augenblicke -in seinem Leben der gewesen sei, wo er im ersten Zwischenakt Othellos -in die fürstliche Loge trat. Es war ihm zu Mut, als habe er selbst -an Sophien gefrevelt, als sei er es, der ihr Herz brechen müsse. Der -Gedanke war ihm unerträglich, sie arglos, glücklich, erwartungsvoll -vor sich zu sehen und doch zu wissen, welch namenloses Unglück ihrer -warte. Er trat ein; ihre Blicke begegneten ihm sogleich, sie hatte wohl -oft nach der Türe gesehen. Mit hastiger Ungeduld übersah sie einen -Prinzen und zwei Generale, die sich ihr nahen wollten, sie winkte -den Major heran. »Haben wir jetzt unsern Othello!« sagte sie, »sind -Sie nicht auch glücklich, erwartungsvoll? -- doch _einen_ unserer -Othelloverschworenen sehe ich nicht,« flüsterte sie leiser, indem sie -leicht errötete; »der Graf ist sicherlich hinter den Kulissen, um recht -warmen Dank zu verdienen, wenn er alles recht schön machen läßt?« - -»Verzeihen Euer Durchlaucht,« erwiderte der Major, mühsam nach Fassung -ringend, »der Graf läßt sich entschuldigen, er ist schnell auf einige -Tage verreist.« - -Sophie erbleichte. »Verreist, also nicht in der Oper? Wohin riefen -ihn denn so schnell seine Geschäfte? O, das ist gewiß ein Scherz, den -Sie beide zusammen machen,« rief sie; »glauben Sie denn, er werde nur -so schnell weggehen, ohne sich zu beurlauben? Nein, nein, das gibt -irgend einen hübschen Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein gewisses -Briefchen zukam.« - -Der Major erschrak, daß er sich an dem nächsten Stuhl halten mußte. -»Ein Briefchen?« fragte er mit bebender Stimme, eine schreckliche -Ahnung stieg in ihm auf. - -»Ja, ein zierliches Billettchen,« sagte sie und ließ neckend das Ende -eines Papiers unter dem breiten Brasselett hervorsehen, das ihren -schönen Arm umschloß. »Ein Briefchen, das man recht geheimnisvoll -mir zugesteckt hat. Ich sehe es Ihnen an den Augen an, Sie sind im -Komplott. Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, es zu öffnen, denn -einen solchen Scherz muß man nicht öffentlich machen, aber sobald ich -in mein Boudoir komme --« - -»Durchlaucht! ich bitte um Gottes willen, geben Sie mir das Billett,« -sagte der Major, von den schrecklichsten Qualen gefoltert, »es ist gar -nicht einmal an Sie, es ist in ganz unrechte Hände gekommen.« - -»So? um so besser; das gebe ich um keine Welt heraus, das soll mir -Aufschluß geben über die Geheimnisse gewisser Leute! An eine Dame war -es also auf jeden Fall; es ist wirklich hübsch, daß es gerade in meine -Hände kam.« - -Der Major wollte noch einmal bitten, beschwören, aber der Prinz fuhr -mit seinem Kopf dazwischen, die beiden Generale fielen mit Fragen -und Neuigkeiten herein, er mußte sich zurückziehen. Verfolgt von -schrecklichen Qualen, ging er zu seiner Loge zurück, er preßte seine -Augen in die Hand, um die Unglückliche nicht zu sehen, und immer wieder -mußte er von neuem hinschauen, mußte von neuem die Qualen der Angst, -die Gewißheit des nahenden Unglücks mit seinen Blicken einsaugen. - -Die Diamanten am Schlosse ihres Armbandes spielten in tausend Lichtern, -ihre Strahlen zuckten zu ihm herüber, sie drangen wie tausend Pfeile -in sein Herz. »Welchen Jammer verschließen jene Diamanten! Wenn sie -im einsamen Gemach diese Bänder öffnet, öffnet sie nicht zugleich -die Pforte eines grauenvollen Frevels? Ihr Puls schlägt an diese -unseligen Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten pocht; wird es nicht -stillestehen, wenn das Siegel springt, und das ahnungslose Auge auf -eine furchtbare Kunde fällt?« - -Desdemona stimmte ihre Harfe; ihre wehmütigen Akkorde zogen -flüsternd durch das Haus, sie erhob ihre Stimme, sie sang -- -ihren Schwanengesang. Wie wunderbar, wie mächtig ergriffen diese -melancholischen Klänge jedes Herz; so einfach, so kindlich dieses Lied, -und doch von so hohem, tragischem Effekt! Man fühlt sich bange und -beengt, man ahnt, welch grauenvolles Schicksal ihrer warte, man glaubt -den Mörder in der Ferne schleichen zu hören, man fühlt die unabwendbare -Macht des Schicksals näher und näher kommen, es umrauscht sie wie die -Fittiche des Todes. Sie ahnet es nicht; sanft, arglos wie ein süßes -Kind sitzt sie an der Harfe, nur die Schwermut zittert in weichen -Klängen aus ihrer Brust hervor, aus diesem vollen, liebewarmen Herzen, -für das der Stahl schon gezückt ist. Sie flüstert Liebesgrüße in die -Ferne nach ihm, der sie zermalmen wird; ihre Sehnsucht scheint ihn in -ihre Arme zu rufen, er wird kommen -- sie zu morden; sie betet für ihn, -Desdemona segnet ihn -- der ihr den Tod gibt. - -Der Major teilte seine Blicke zwischen der Sängerin und Sophien. Sie -lauschte, in Wehmut versunken, auf das Lieblingslied, eine Träne hing -in ihren Wimpern, sie weinte unbewußt über ihr _eigenes Geschick_, -die Akkorde der Harfe verschwebten, Sophie sah sinnend, träumend vor -sich hin. »Wenn ich einst sterbe, soll es mein Schwanengesang sein,« -klang es in der Erinnerung des Majors. »Wahrlich, sie hat wahr gesagt,« -sprach er zu sich, »es war der Schwanengesang ihres Glückes.« Othello -trat auf. Sophiens Aufmerksamkeit war jetzt nicht mehr auf die Oper -gerichtet, sie sah herab auf ihr Armband, sie spielte mit dem Schloß; -ein heiteres Lächeln verdrängte ihre Wehmut, ihre Blicke streiften -nach der Loge des Majors herüber, er strengte angstvoll seine Blicke -an -- Gott im Himmel, sie schiebt das unglückselige Papier hervor -und verbirgt es in ihr Tuch -- er glaubt zu sehen, wie sie heimlich -das Siegel bricht -- verzweiflungsvoll stürzt er aus seiner Loge den -Korridor entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn mit unsichtbarer -Gewalt der fürstlichen Loge zu, er ist nur noch einige Schritte -entfernt -- da hört er ein Geräusch in dem Haus, man kommt aus der -Loge, Bediente und Kammerfrauen eilen ängstlich an ihm vorüber, eine -schreckliche Ahnung sagt ihm schon vorher, was es bedeute, er fragt, -er erhält die Antwort: »Prinzessin Sophie ist plötzlich in Ohnmacht -gesunken!« - - -9. - -Düster, zerrissen in seinem Innern, saß einige Tage nach diesem Vorfall -der Major Larun in seinem Zimmer. Seine Stirne ruhte in der Hand, sein -Gesicht war bleich, seine Augen halb geschlossen, der sonst so starke -Mann zerdrückte manche Träne, die sich über seine Wimpern stehlen -wollte. Er dachte an das schreckliche Geschick, in dessen innerstes -Gewebe ihn der Zufall geworfen; er sah alle diese feinen Fäden, die, -wenigen Augen außer ihm sichtbar, so lose sich anknüpften; er sah, -wie sie weiter gesponnen, wie sie verknüpft und gedoppelt zu einem -nur zu festen Netz um ein zartes, unglückliches Herz sich schlangen. -Unbesiegbare Bitterkeit mischte sich in diese trüben Erinnerungen; sein -alter Waffenfreund, ein so glänzendes Meteor am Horizont der Ehre, ein -so braver Soldat, und jetzt ein Elender, Ehrvergessener, der, ohne nur -entfernt einen andern Ausgang erwarten zu können, mit allen Künsten der -Liebe die unbewachten Sinne eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes -betörte! In diese Gedanken mischte sich das Bild dieses so unendlich -leidenden Engels, mischte sich die Angst vor einer Szene, welcher er -in der nächsten Stunde entgegengehen sollte. Eine angesehene Dame, die -Oberhofmeisterin der Prinzessin Sophie, hatte ihn diesen Nachmittag -zu sich rufen lassen. Sie entdeckte ihm ohne Hehl, daß Sophie von -einer schweren Krankheit befallen sei, daß die Aerzte wenig Hoffnung -geben, denn sie nennen ihre Krankheit einen Nervenschlag. Sie sagte -ihm weiter, die Prinzessin habe ihr _alles_ gesagt, sie habe ihr kein -Wort dieses strafbaren Verhältnisses verschwiegen. Sie wisse, daß in -der Residenz nur _ein_ Mensch lebe, der jenen Grafen Zronievsky näher -gekannt habe, dies sei der Baron von Larun. Mit einer Angst, einem -Verlangen, das an Verzweiflung grenze, dringe die Unglückliche darauf, -mit ihm ohne Zeugen zu sprechen. Die Oberhofmeisterin wußte wohl, -wie sehr dies gegen die Vorschriften laufe, welche die Etikette ihr -auferlegen, aber der Anblick des jammernden Kindes, das nur noch dies -eine Geschäft auf der Erde abmachen zu wollen schien, erhob sie über -die Schranken ihrer Verhältnisse, sie wagte es, dem Major den Vorschlag -zu machen, diesen Abend unter ihrer Begleitung heimlich zu der Kranken -zu gehen. - -Der Major hatte nicht nein gesagt. Er wußte, daß er ihr nichts -Tröstliches sagen könne, er fühlte aber, wie in einem so tiefen Gram -das Verlangen nach Mitteilung unüberwindlich werden müsse. - -Aber was sollte er ihr sagen? Mußte er nicht befürchten, von ihrem -Anblick, von den trüben Erinnerungen der letzten Tage so bestürmt zu -werden, daß sein lauter Schmerz sie noch unglücklicher machte? Er war -noch in diese Gedanken versunken, als ihm gemeldet wurde, daß man ihn -erwarte; die alte Oberhofmeisterin hielt in ihrem Wagen vor dem Hause; -er setzte sich schweigend an ihre Seite. - -»Sie werden die Prinzessin sehr schlecht finden,« sagte diese Dame mit -Tränen, »ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir nicht denken, daß -in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron, noch etwas Rettendes liegen -könne. Werden Sie ihr keinen Trost geben können, so verlischt sie uns -wie eine Lampe, die kein Oel mehr hat, um ihre Flamme zu nähren; und -wollten Sie ihr Trost, Hoffnung geben, so sind diese Gefühle in ihren -Verhältnissen von so unnatürlicher Art, daß ich beinahe wünschen müßte, -sie möge eher sterben, als ihrem Hause Schande machen.« - -»Also werde ich ihr den Tod bringen müssen,« sagte der Major bitter -lächelnd; -- -- »weiß man in der Familie um diese Geschichten? Was -denkt man von der Krankheit?« - -»Wie ich Ihnen sagte, Herr Baron; die Familie, der Hof und die Stadt -weiß nichts anders, als daß sie sich erkältet haben muß; die törichten -Leute bringen auch noch die fatale Oper ins Spiel und lassen sie am -Othello sterben. Was wir beide _wissen_, ist sonst niemand bekannt; es -gibt einige Damen, die dieses Verhältnis früher ahneten, aber nicht -genau wußten.« - -»Und doch fürchte ich,« entgegnete der Major, indem er seinen -durchdringenden Blick auf die Dame an seiner Seite heftete, »ich -fürchte, sie stirbt an einem sehr gewagten Bubenstück. Man hat dieses -Verhältnis geahnet, demselben nachgespürt, es wurde zur Gewißheit; man -suchte eine Trennung herbeizuführen, man spürte die Verhältnisse des -Grafen aus --« - -»Glauben Sie?« sagte die Oberhofmeisterin blaß und mit bebenden Lippen, -indem sie umsonst versuchte, den Blick des Majors auszuhalten. - -»Man forschte diese Verhältnisse aus,« fuhr der Major fort; »man suchte -ihn von hier wegzuschrecken, indem man ihm drohte, der Prinzessin zu -sagen, daß er verheiratet sei. Bis hierher war der Plan nicht übel; es -gehörte einem solchen Elenden, daß man nicht gelinder mit ihm verfuhr. -Aber man ging weiter: man wollte auch die unglückliche Dame schnell -von ihrer Liebe heilen, man machte sie mit dem Geheimnis des Grafen -bekannt, man glaubte, sie werde alles über Nacht vergessen. Und hier -war der Plan auf die Nerven eines Dragoners berechnet, aber nicht auf -das Herz dieses zarten Kindes.« - -»Ich muß bitten, zu bedenken,« entgegnete die Oberhofmeisterin mit -ihrer früheren Kälte, aber mit stechenden Blicken, »daß dieses _zarte_ -Kind eine Prinzessin des fürstlichen Hauses ist, daß sie erzogen wurde, -um mit Anstand über solche Mißverhältnisse wegzusehen. Sollte wirklich -irgend ein solcher Plan vorhanden gewesen sein, so kann ich die -Handelnden nicht tadeln, sie haben wahrhaft geschickt operiert --« - -»Sie haben ihren Zweck erreicht, sie wird sterben;« unterbrach sie der -Major. - -»_Ich_ hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß bitten --« - -»Sie?« sagte Larun mit gleichgültiger Stimme; »von Ihnen, gnädige Frau, -sprach ich nicht, ich sagte: sie, die Handelnden, die Operierenden.« - -Die alte Dame biß sich in die Lippen und schwieg. Wenige Augenblicke -nachher waren sie an einer Seitenpforte des Palais angelangt. Ein -alter Diener führte sie durch ein Labyrinth von Korridors und Treppen. -Endlich waren die Gänge breiter, die Beleuchtung auf elegantere Art -angebracht, der Major bemerkte, daß sie in den bewohnteren Flügel des -Schlosses gelangt seien. Der Alte winkte in eine Seitentür. Der Weg -ging jetzt durch mehrere Gemächer bis in einen Salon, der wohl zu den -Appartements der Prinzessin gehören mochte, wo die Oberhofmeisterin -dem Major zuflüsterte, er möchte einstweilen in einem Fauteuil sich -gedulden, bis sie ihn rufen lasse. - -Nach einer tödlich langen Viertelstunde erschien sie wieder. Sie -sagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken er allein -mit ihr sein werde; sie selbst wolle sich als ~dame d'honneur~ an die -Türe setzen, wo sie gewiß nichts hören könne, wenn man nicht gar zu -laut spreche. Uebrigens dürfe er nicht länger als eine Viertelstunde -bleiben. Der Major trat ein. Das prachtvolle Gemach mit seinen -schimmernden Tapeten und goldenen Leisten, die reiche Draperie der -Gardinen, die bunten Farben des türkischen Fußteppichs taten seinem -Auge wehe, denn das Gemüt will ein leidendes Herz, einen kranken Körper -nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben sehen. Und wie groß war -der Kontrast zwischen diesem Glanz der Umgebung und diesem zarten, -lieblichen Kind, das in einem einfachen, weißen Gewand auf einer -prachtvollen Ottomane lag. - -Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Gestalt, ihr ganzes Wesen zum -erstenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt wieder in die Seele -des Majors. Es war ihre einfache, ungeschmückte Schönheit, ihre stille -Größe, verborgen hinter dem Zauber kindlicher Liebenswürdigkeit, was -ihn angezogen hatte. Wohl blendete ihn damals der Glanz der frischen, -jugendlichen Farben, die lebhaft strahlenden Augen, jenes gewinnende, -huldvolle Lächeln, das ihre feinen, rosigen Lippen umschwebte. Ein -Nachtfrost hatte diese Blüten abgestreift; aber gab ihr nicht diese -durchsichtige Blässe, diese stille Trauer in dem sinnigen Auge, dieser -wehmütige Zug um den Mund, der nie mehr scherzte, eine noch erhabenere -Schönheit, einen noch gefährlicheren Zauber? Der Major stand einige -Schritte von ihr stille und betrachtete sie mit tiefer Rührung. Sie -winkte ihm nach einem Taburett, das zu ihren Füßen stand; sie sprach; -ihre Stimme hatte zwar jenes helle Metall verloren, das sonst ihre -heiteren Scherze, ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber diese -weichen, rührenden Töne drangen tiefer. -- »Es wäre töricht von mir, -Herr Baron,« sprach sie, »wollte ich Sie lange in Ungewißheit lassen, -warum ich Sie rufen ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie, als seinen besten -Freund, von einem Verhältnis unterrichtet hat, das nie hätte bestehen -sollen. -- Erinnern Sie sich noch des Abends in Othello? Ich sagte -Ihnen von einem Billett, das ich bekommen habe; ich erinnere mich, daß -Sie mir es wiederholt abforderten; warum haben Sie das getan?« - -»Warum? fragen Euer Durchlaucht, weil ich den Inhalt ahnete, zu wissen -glaubte.« - -»Also doch!« rief sie und eine Träne drang aus ihrem schönen Auge; -»also doch! Ich hielt Sie, seit dem ersten Augenblick, wo ich Sie sah, -für einen Mann von Ehre; wenn Sie die Verhältnisse des Grafen wußten, -warum haben Sie ihn nicht bälder entfernt, warum mir nicht den Schmerz -erspart, ihn verachten zu müssen?« - -»Ich kann bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre schwören,« -entgegnete der Major, »daß ich kaum eine Stunde, bevor ich zu Euer -Durchlaucht in die Loge trat, diese Verhältnisse durch ein Papier -erfahren habe, das durch Zufall statt in des Grafen Hände in die -meinigen kam. Als ich den Grafen darüber zur Rede stellen wollte, hatte -er schon Nachricht davon bekommen und war abgereist. Ich ahnete aus -gewissen Winken, die jenes Briefchen enthielt, daß auch _Sie_ nicht -verschont bleiben werden; umsonst versuchte ich das unglückliche -Blättchen Euer Durchlaucht abzuschwätzen.« - -»Sie glauben also an diese Erfindung?« sagte Sophie, indem ihre Tränen -heftiger strömten; »ach, es ist ja nur ein Kunstgriff _gewisser Leute_, -die ihn von uns entfernen wollten. Lesen Sie dieses Billett, es ist -dasselbe, das ich erhielt; gestehen Sie selbst, es ist Verleumdung!« - -Der Major las: - -»Der Graf von Z. ist verheiratet; seine Gemahlin lebt in Avignon; drei -kleine Kinder weinen um ihren Vater. -- Sollte eine erlauchte Dame so -wenig Ehrgefühl, so wenig Mitleid besitzen, ihn diesen Banden noch -länger zu entziehen?« - -Es war dieselbe Handschrift, dasselbe Siegel wie jenes Billett, das -er selbst bekommen hatte. Er sah noch immer in diese Zeilen; er wagte -nicht aufzuschauen, er wußte nicht zu antworten; denn seine strengen -Begriffe von Wahrheit erlaubten ihm nicht, gegen seine Ueberzeugung zu -sprechen, das tiefe Mitleid mit ihrem Schmerz ließ ihn ihre Hoffnung -nicht so grausam niederschlagen. - -»Sehen Sie,« fuhr sie fort, als er noch immer schwieg, »wie ich -dieses Briefchen arglos, neugierig erbrach, so überraschten mich jene -schrecklichen Worte _Gemahlin_, _Vater_ wie eine Stimme des Gerichtes. -Die Sinne schwanden mir; ich wurde recht krank und elend; aber so oft -ich nur eine Stunde mich leichter fühle, steigt meine Hoffnung wieder; -ich glaube, Zronievsky kann doch nicht so gar schlecht gewesen sein, er -kann mich nicht so schrecklich betrogen haben. Lächeln Sie doch, Major, -seien Sie freundlich! -- Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen mich verspotten, -weil ich mich durch diese Zeilen so ganz außer Fassung bringen ließ, --- aber nicht wahr, Sie meinen selbst, es ist eine Lüge, es ist -Verleumdung?« - -Der Major war außer sich; was sollte er ihr sagen? Sie hing so -erwartungsvoll an seinen Lippen, es war, als sollte _ein_ Wort von ihm -sie ins Leben rufen -- ihr Auge strahlte wieder, jenes holde Lächeln -erschien wieder auf ihren lieblichen Zügen -- sie lauschte wie auf die -Botschaft eines guten Engels. - -Er antwortete nicht, er sah finster auf den Boden; da verschwand -allmählich die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das Auge senkte sich, -der kleine Mund preßte sich schmerzlich zusammen, das zarte Rot, das -noch einmal ihre Wangen gefärbt hatte, floh; sie senkte ihre Stirne in -die schöne Hand, sie verbarg ihre weinenden Augen. - -»Ich sehe,« sagte sie, »Sie sind zu edel, mir mit Hoffnungen zu -schmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verschwinden müßten. Ich -danke Ihnen auch für diese schreckliche Gewißheit. Sie ist immer besser -als das ungewisse Schweben zwischen Schmerz und Freude; und nun, mein -Freund, nehmen Sie dort das Kästchen, suchen Sie es ihm zuzustellen, es -enthält manches, was mir teuer war -- doch nein, lassen Sie es mir noch -einige Tage, ich schicke es Ihnen, wenn ich es nicht mehr brauche. - -Es ist mir, als werde ich nicht mehr lange leben,« fuhr sie nach -einigen Augenblicken fort; »ich bin gewiß nicht abergläubisch, aber -warum muß ich gerade nach diesem fatalen Othello krank werden?« - -»Ich hätte nicht gedacht, daß dieser Gedanke nur einen Augenblick Euer -Durchlaucht Sorge machen könnte!« sagte der Major. - -»Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht, als man -mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich werde sterben. Eine -ernste, finstere junge Dame kam mit einem Plumeau von roter Seide auf -mich zu, deckte ihn über mich her und preßte ihn immer stärker auf -mich, daß ich beinahe erstickte. Dann kam plötzlich mein Großoheim, -der Herzog Nepomuk, gerade so wie er gemalt in der Galerie hängt, und -befreite mich von dem beengenden Druck, und das sonderbarste ist --« - -»Nun?« fragte der Baron lächelnd, »was fing denn der gemalte Herzog mit -Desdemona an?« - -Die Prinzessin staunte: »Woher wissen Sie denn, daß die Dame Desdemona -ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie dies?« - -Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. »Was ist natürlicher,« -antwortete er dann, »als daß Sie von Desdemona träumten? Sie hatten sie -ja am Abende zuvor in einem roten Bette verscheiden sehen.« - -»Sonderbar, daß _Sie_ auch gleich auf den Gedanken kamen! Das -sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich befreite, -ich wachte in der Tat auf und sah -- wie jene Dame mit dem Plumeau -unter dem Arm langsam zur Türe hinausging. Seit dieser Nacht träumte -ich immer dasselbe, immer beengender ward ihr Druck, immer später kommt -mir der Herzog zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus dem -Zimmer schweben! Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen ließ -und mein liebes _Desdemonaliedchen_ spielte, da -- spotten Sie immer -über mich! -- da ging die Türe auf und jene Dame sah ins Zimmer und -nickte mir zu.« - -Sie hatte dieses halb scherzend, halb im Ernst erzählt; sie wurde -ernster. »Nicht wahr, Major,« sagte sie, »wenn ich sterbe, gedenken -Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen Mannes ist mir wert.« --- »Prinzessin!« rief der Major, indem er vergebens seine Wehmut zu -bezwingen suchte, »entfernen Sie doch diese Gedanken, die unmöglich zu -Ihrer Genesung heilsam sein können!« - -Die Oberhofmeisterin erschien in der Tür und gab ein Zeichen, daß die -Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte dem Major die Hand zum -Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen von Schmerz, Liebe und -Ehrfurcht die Hand eines Mädchens geküßt. Er hob sein Auge noch einmal -zu ihr auf, er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut auf ihm ruhten. -Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher; der Major stand -auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten gesellschaftlichen Formen -sich von einem Wesen zu trennen, das ihm in wenigen Minuten so teuer -geworden war. - -»Ich hoffe,« sagte er, »Euer Durchlaucht bei der nächsten Cour ganz -wiederhergestellt zu sehen.« - -»Sie hoffen, Major?« antwortete sie schmerzlich lächelnd; »leben Sie -wohl, ich habe zu _hoffen_ aufgehört.« - - -10. - -Die Residenz war einige Tage mit nichts anderem als der Krankheit -der geliebten Prinzessin beschäftigt; man sagte sie bald sehr krank, -bald gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken, das für alle, die sie -näher kannten, schrecklich war. An einem Morgen, sehr frühe, brachte -ein Diener dem Major ein Kästchen. Ein Blick auf dieses wohlbekannte -Behältnis und auf die Trauerkleider des Dieners überzeugte ihn, daß die -Prinzessin nicht mehr sei. Es war ihm, als sei dieses liebliche Wesen -ihm, ihm _allein_ gestorben. Er hatte viel verloren auf der Erde, und -doch hatte kein Verlust so empfindlich, so tief seine Seele berührt -als dieser. Es war ihm, als habe er nur noch _ein_ Geschäft auf der -Erde, das Vermächtnis der Verstorbenen an seinen Ort zu befördern; -er würde diese Stadt, die so drückende Erinnerungen für ihn hatte, -sogleich verlassen haben, hätte ihn nicht das Verlangen zurückgehalten, -ihre sterblichen Reste beisetzen zu sehen. Als die feierlichen Klänge -aller Glocken, als die Trauertöne der Musik und die langen Reihen der -Fackelträger verkündeten, daß Sophie zur Gruft ihrer Ahnen geführt -werde, da verließ er zum erstenmal wieder sein Haus und schloß sich -dem Zuge an. Er hörte nicht auf das Geflüster der Menschen, die sich -über die Ursachen ihrer Krankheit, ihres Todes besprachen; er hatte nur -_einen_ Gedanken, nur jener Augenblick, wo ihr Auge noch einmal auf -ihm geruht, wo seine Lippen ihre Hand berührt hatten, stand vor seiner -Seele. Man nahm die Insignien ihrer hohen Geburt von dem Sarge, man -senkte sie langsam hinab zum Staube ihrer Ahnen. Die Menge verlor sich, -die Begleiter löschten ihre Fackeln aus und verließen die Halle. Der -Major warf noch einen Blick nach der Stelle, wo sie verschwunden war, -und ging. - -Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein alter Mann, der -heftig weinte. Als der Major an seiner Seite war, sah jener sich um, es -war der Regisseur der Oper. Der Alte trat näher zu ihm, sah ihn lange -an, schien sich auf etwas zu besinnen und sprach dann: »Möchten Sie -nicht, Herr Baron, wir hätten nur geträumt, und jenes liebliche Kind, -das man begraben hat, wäre noch am Leben?« - -»Woran mahnen Sie mich!« rief der Major mit unwillkürlichem Grauen; -»ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten; sie ist begraben, und wir -beide gehen nebeneinander von ihrem Grab.« - -»Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen,« sagte der Alte -mit trübem Ernst. »Ist es heute nicht _elf_ Tage, daß wir Othello -gaben? Am _achten_ ist sie gestorben.« - -»Zufall, Zufall!« rief der Major. »Wollen Sie Ihren Wahnsinn auch jetzt -noch fortsetzen? Weiß ich doch nur zu gut, an was sie starb? Wohl hat -ein Dolch ihre Seele wie Desdemonas Brust durchstoßen; ein Elender, -schwärzer als Ihr Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber dennoch ist es -Aberglaube, Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre Oper zusammenreimen!« - -»Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig,« sagte der Alte mit -Tränen. »Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter! ich werde es, wie ich -es weiß, in meiner Opernchronik notieren. Es hat so kommen müssen!« - -»Nein!« erwiderte der Major beinahe wütend, »nein, es hat nicht so -kommen müssen; _ein_ Wort von mir hätte sie vielleicht gerettet. -Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren Othello nicht ins Spiel; es ist -Zufall, Alter; ich will es haben, es ist Zufall!« - -»Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur Schickung. -Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn hier ist meine -Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie wollen;« setzte der Alte -hinzu, indem er die kalte Hand des Majors in der seinigen preßte, »das -Faktum ist da, sie starb -- _acht Tage nach Othello_.« - - - - -Die Bettlerin vom Pont des Arts. - - -1. - -Wer im Jahre 1824 abends hie und da in den Gasthof zum König von -England in Stuttgart kam oder nachmittags zwischen zwei und drei in -den Anlagen auf dem breiten Wege promenierte, muß sich, wenn anders -sein Gedächtnis nicht zu kurz ist, noch einiger Gestalten erinnern, die -damals jedes Auge auf sich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die -ganz und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäste oder -Anlagenspaziergänger paßten, sondern eher auf den Prado zu Madrid oder -in ein Café zu Lissabon oder Sevilla zu gehören schienen. Denket euch -einen ältlichen, großen, hageren Mann mit schwärzlichgrauen Haaren, -tiefen, brennenden Augen von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühn -gebogenen Nase und feinem eingepreßten Mund. Er geht langsam, stolz -und aufrecht. Zu seinen schwarzseidenen Beinkleidern und Strümpfen, -zu den großen Rosen auf den Schuhen und den breiten Schnallen am -Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu dem hohen, -etwas zugespitzten Hut mit breitem Rande, schief an die Stirne -gedrückt, wünschet ihr, wenn euch nur einigermaßen Phantasie innewohnt, -ein kurzes, geschlitztes Wams und einen spanischen Mantel statt des -schwarzen Frackes, den der Alte umgelegt hat. - -Und der Diener, der ihm ebenso stolzen Schrittes folgt, erinnert -er nicht durch das spitzbübische, dummdreiste Gesicht, durch die -fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenierte Wesen, womit er um -sich schaut, alles angafft und doch nichts bewundert, an jene Diener -im spanischen Lustspiel, die ihrem Herrn wie ein Schatten treu, an -Bildung tief unter ihm, an Stolz neben ihm, an List und Schlauheit über -ihm stehen? Unter dem Arm trägt er seines Gebieters Sonnenschirm und -Regenmantel, in der Hand eine silberne Büchse mit Zigarren und eine -Lunte. - -Wer blieb nicht stehen, wenn diese beiden langsam durch die Promenade -wandelten, um ihnen nachzusehen? Es war aber bekanntlich niemand -anders, als _Don Pedro di San Montanjo Ligez_, der Haushofmeister des -Prinzen von P., der sich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und -Diego, sein Diener. - -Wie es oft zu geschehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes Ereignis -dazu gehört, einen Menschen berühmt und auffallend zu machen, so -geschah dies auch mit dem jungen Fröben, der schon seit einem halben -Jahr (so lange mochte er sich wohl in Stuttgart aufhalten) alle Tage -Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal in die Anlagen trat, dreimal um -den See und fünfmal den breiten Weg auf und nieder ging, an allen den -glänzenden Equipagen, schönen Fräulein, an einer Masse von Direktoren, -Räten und Leutnants vorüberkam und von niemand beachtet wurde, denn er -sah ja aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch von etwa achtundzwanzig -bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines Nachmittags im breiten Weg -auf _Don Pedro_ gestoßen, solcher ihn gar freundlich gegrüßt, seinen -Arm traulich in den seinigen geschoben hatte und mit ihm einigemal, -eifrig sprechend, auf und ab spaziert war, seitdem betrachtete man ihn -neugierig, sogar mit einer gewissen Achtung; denn der stolze Spanier, -der sonst mit niemand sprach, hatte ihn mit auffallender Aestimation -behandelt. - -Die schönsten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles Gesicht -habe, ja es liege sogar etwas Interessantes, überaus Anziehendes darin, -was man in den Anlagen eben nicht häufig sehe; die Direktoren und -allerlei Räte fragten: »Wer der junge Mann wohl sein könnte?« und nur -einige Leutnants konnten Auskunft geben, daß er hie und da im Museum -Beefsteaks speise, seit einem halben Jahre in der Schloßstraße wohne -und einen schönen Mecklenburger reite, so ihm eigen angehörig. Sie -setzten noch vieles über die Vortrefflichkeit dieses Pferdes hinzu, -wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es sei, was es wohl kosten -könnte, und kamen so auf die Pferde überhaupt zu sprechen, was sehr -lehrreich zu hören gewesen sein soll. - -Den jungen Fröben aber sah man seit dieser Zeit öfter in Gesellschaft -Don Pedros, und gewöhnlich fand er sich abends im König von England -ein, wo er, etwas entfernt von andern Gästen, bei dem Sennor saß -und mit ihm sprach. Diego aber stand hinter dem Stuhl seines Herrn -und bediente beide fleißig mit Xeres und Zigarren. Niemand konnte -eigentlich begreifen, wie die beiden Herren zusammengekommen oder -welches Interesse sie aneinander fanden. Man riet hin und her, machte -Konjekturen, und am Ende hätte doch der junge Mann selbst den besten -Aufschluß darüber geben können, wenn ihn nur einer gefragt hätte. - - -2. - -Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder _Boisserée_ und -_Bertram_, wo sie sich zuerst fanden und erkannten? Diese gastfreien -Männer hatten dem jungen Manne erlaubt, ihre Bilder so oft zu -besuchen, als er immer wollte; und er tat dies, wenn er nur immer in -der Mittagstunde, wo die Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es -mochte regnen oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten -Ausflügen in die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und -kam dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des Herrn -von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte, er habe die -herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert oder nachgezeichnet. -Nein, er kam leise in die Türe, grüßte schweigend und ging in ein -entferntes Zimmer, vor _ein_ Bild, das er lange betrachtete; und ebenso -still verließ er wieder die Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart, -als daß sie ihn über seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt -hätten; aber auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen sein, denn oft, -wenn er herausging, konnte er nur schlecht die Tränen verbergen, die -ihm im Auge quollen. - -Großen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das Bildchen -nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb altdeutscher -Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht mit klaren, liebevollen -Augen, mit feinem, zierlichem Mund und zartem, rundem Kinn trat sehr -lebendig aus dem Hintergrund hervor. Die schöne Stirne umzog reiches -Haar und ein kleiner Hut, mit weißen buschigen Federn geschmückt, -der etwas schalkhaft zur Seite saß. Das Gewand, das nur den schönen -zierlichen Hals frei ließ, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und -zeugte ebensosehr von der Sittsamkeit als dem hohen Stand der Dame. - -»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt,« dachte man, »wie Kalaf in -das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich geringerer Hoffnung, -denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre alt und das Original nicht -mehr unter den Lebenden.« - -Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige Anbeter -des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines Tages mit seinem -Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der Haushofmeister, hatte die -umherschreitende Schar der Zuschauer verlassen und besah sich die -Gemälde, einsam von Zimmer zu Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz -gerührt, mit einem Ausruf des Erstaunens, war er vor dem Bild jener -Dame stehen geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, suchte -man den Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit -übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, den Mund -eingepreßt, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde. - -Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe hinabsteige, -doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke nur für _eines_ Sinn -zu haben. Er fragte, wie dies Bild hierher gekommen sei. Man sagte -ihm, daß es von einem berühmten Meister vor mehreren hundert Jahren -gefertigt und durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer -gekommen sei. - -»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht hundert Jahre -alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre Sie, wo kann ich sie -finden?« - -Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als daß man diesen Ausbruch -des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch als er dieselbe -Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und wahrscheinlich von Lukas -Cranach selbst gemalt sei, da schüttelte er bedenklich den Kopf. - -»Meine Herren,« sprach er und legte beteuernd die Hand aufs Herz, -»meine Herren, Don Pedro di San Montanjo Ligez hält Sie für ehrenwerte -Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer und wollen mir dies Bild nicht -als alt verkaufen; ich darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie -genießen die Achtung dieser Provinz. Aber es müßte mich alles täuschen -oder -- ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.« - -Mit diesen Worten schritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem Zimmer. - -»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie, »wenn wir nicht -so genau wüßten, von wem dieses Bild gemalt ist, wann und wie es in -unsern Besitz kam, und welche lange Reihe von Jahren es vorher in -K. hing, man wäre versucht, an dieser Dame irre zu werden. Scheint -nicht selbst den jungen Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich -vor dieses Bild zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein -jugendliches Feuer aus seinen Augen, als er gestand, daß er die Dame -kenne, die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz -vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müßte alles täuschen, wenn -der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre.« - - -3. - -Und es traf ein; kaum war die Galerie am folgenden Vormittag geöffnet -worden, trat auch schon Don Pedro di San Montanjo Ligez festen, -erhabenen Schrittes ein und strich an der langen Bilderreihe vorüber -nach jenem Zimmer hin, wo die Dame mit dem Federhute aufgestellt war. -Es verdroß ihn, daß der Platz vor dem Bilde schon besetzt war, daß er -es nicht allein und einsam Zug für Zug mustern konnte, wie er so gerne -getan hätte. Ein junger Mann stand davor, blickte es lange an, trat an -ein Fenster, sah hinaus nach dem Fluge der Wolken und trat dann wieder -zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn etwas; doch -- er mußte sich -gedulden. - -Er machte sich an andern Bildern zu schaffen, aber erfüllt von dem -Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke den Kopf um, um zu -sehen, ob der junge Herr noch immer nicht gewichen sei, aber er stand -wie eine Mauer, er schien in Betrachtung versunken. Der Spanier -hustete, um ihn aus den langen Träumen zu wecken, jener träumte fort; -er scharrte etwas weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann sah -sich um, aber sein schönes Auge streifte flüchtig an dem alten Herrn -vorüber und haftete dann von neuem auf dem Gemälde. - -»San Pedro! San Jago di Compostella!« murmelte der Alte, »welch -langweiliger, alberner Dilettante!« Unmutig verließ er das Zimmer -und die Galerie, denn er fühlte, heute sei ihm schon aller Genuß -benommen durch Verdruß und Aerger. Hätte er doch lieber gewartet! -Den Tag nachher war die Galerie geschlossen, und so mußte er sich -achtundvierzig lange Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde -gehen konnte, das ihn in so hohem Grade interessierte. Noch ehe -die Glocken der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geschlagen, stieg er -mit anständiger Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem -wohlbekannten Zimmer zu, und getroffen! Er war der erste, war allein, -konnte einsam betrachten. - -Er schaute die Dame lange mit unverwandten Blicken an, sein Auge -füllte nach und nach eine Träne, er fuhr mit der Hand über die grauen -Wimpern. »_O Laura!_« flüsterte er leise. Da tönte ganz vernehmlich -ein Seufzer an seine Ohren, er wandte sich erschrocken um, der junge -Mann von vorgestern stand wieder hier und blickte auf das Bild. -Verdrießlich, sich unterbrochen zu sehen, nickte er mit dem Haupt ein -flüchtiges Kompliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber -nicht minder stolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der letztere -den überflüssigen Nachbar abwarten; aber vergeblich, er sah zu seinem -Schrecken, wie jener sogar einen Stuhl nahm, sich einige Schritte vor -dem Gemälde niedersetzte, um es mit gehöriger Muße und Bequemlichkeit -zu betrachten. - -»Der Geck,« murmelte Don Pedro, »ich glaube gar, er will mein graues -Haar verhöhnen.« Er verließ, noch unmutiger als ehegestern, das Gemach. - -Im Vorsaal stieß er auf einen der Eigentümer der Galerie; er sagte -ihm herzlichen Dank für den Genuß, den ihm die Sammlung bereitete, -konnte sich aber nicht enthalten, über den jungen Ruhestörer sich -etwas zu beklagen. »Herr B.,« sagte er, »Sie haben vielleicht bemerkt, -daß vorzüglich _eines_ Ihrer Bilder mich anzog; es interessiert mich -unendlich, es hat eine Bedeutung für mich, die -- die ich Ihnen nicht -ausdrücken kann. Ich kam, so oft Sie es vergönnten, um das Bild zu -sehen, freute mich recht, es ungestört zu sehen, weil doch gewöhnlich -die Menge nicht lange dort verweilt, und -- denken Sie sich, da hat es -mir ein junger, böser Mensch abgelauscht, und kommt, so oft ich komme, -und bleibt, _mir zum Trotze_ bleibt er stundenlang vor diesem Bilde, -das ihn doch gar nichts angeht!« - -Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er sich denken, wer den alten -Herrn gestört haben mochte. »Das letztere möchte ich denn doch nicht -behaupten,« antwortete er; »das Bild scheint den jungen Mann ebenfalls -nahe anzugehen, denn es ist nicht das erste Mal, daß er es so lange -betrachtet.« - -»Wieso? Wer ist der Mensch?« - -»Es ist ein Herr von Fröben,« fuhr jener fort, »der sich seit fünf, -sechs Monaten hier aufhält, und seit er das erste Mal jenes Bild -gesehen, eben jene Dame mit dem Federhut, das auch Sie besuchen, kommt -er alle Tage regelmäßig zu dieser Stunde, um das Bild zu betrachten. -Sie sehen also zum wenigsten, daß er Interesse an dem Bilde nehmen muß, -da er es schon so lange besucht.« - -»Herr! Sechs Monate?« rief der Alte. »Nein, dem habe ich bitter unrecht -getan in meinem Herzen, Gott mag es mir verzeihen! Ich glaube gar, ich -habe ihn unhöflich behandelt im Unmut. Und ist ein Kavalier, sagen Sie? -Nein, man soll von Pedro di Ligez nicht sagen können, daß er einen -fremden Mann unhöflich behandelte. Ich bitte, sagen Sie ihm -- doch -lassen Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm sprechen.« - - -4. - -Als er den andern Tag sich wieder einfand und Fröben schon vor dem -Gemälde traf, trat er auch hinzu mit recht freundlichem Gesicht; als -aber der junge Mann ehrerbietig auf die Seite wich, um dem alten Herrn -den bessern Platz einzuräumen, verbeugte sich dieser höflich grüßend -und sprach: »Wenn ich nicht irre, Sennor, so habe ich Sie schon mehrere -Male vor diesem Gemälde verweilen sehen. -- Da geht es Ihnen wohl -gleich mir; auch mir ist dieses Bild sehr interessant, und ich kann es -nie genug betrachten.« - -Fröben war überrascht durch diese Anrede; auch ihm waren die Besuche -des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren, wer jener -sei, und nach der steifen, kalten Begrüßung von gestern war er dieser -freundlichen Anrede nicht gewärtig. »Ich gestehe, mein Herr!« erwiderte -er nach einigem Zögern, »dieses Bild zieht mich vor allen andern an, -denn -- weil -- es liegt etwas in diesem Gemälde, das für mich von -Bedeutung ist.« -- Der Alte sah ihn fragend an, als genüge ihm diese -Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: »Es ist wunderbar -mit Kunstwerken, besonders mit Gemälden. Es gehen an einem Bilde oft -Tausende vorüber, finden die Zeichnung richtig, geben dem Kolorit ihren -Beifall, aber es spricht sie nicht tiefer an, während einem einzelnen -aus solch einem Bilde eine tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt -gefesselt stehen, kann sich kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt -wieder und immer wieder, von neuem zu betrachten.« - -»Sie können recht haben,« sagte der Alte nachdenkend, indem er auf -das Gemälde schaute, »aber -- ich denke, es ließe sich dies nur von -größeren Kompositionen sagen, von Gemälden, in welche der Maler eine -tiefere Idee legte. Es gehen viele vorüber, bis die Bedeutung endlich -_einem_ aufgeht, der dann den tiefen Sinn des Künstlers bewundert. Aber -sollte man dies von solchen Köpfen behaupten können?« - -Der junge Mann errötete. »Und warum nicht?« fragte er lächelnd. »Die -schönen Formen dieses Gesichtes, die edle Stirne, dieses sinnende -Auge, dieser holde Mund, hat sie der Künstler nicht mit tiefem Geiste -geschaffen, liegt nicht etwas so Anziehendes in diesen Zügen, daß --« - -»O bitte, bitte,« unterbrach ihn der Alte, gütig abwehrend; »es war -allerdings eine recht hübsche Person, die dem Künstler gesessen, die -Familie hat schöne Frauen.« - -»Wie? welche Familie?« rief der Jüngling erstaunt; er zweifelte an dem -gesunden Verstand des Alten, und doch schienen ihn seine Worte aufs -höchste zu spannen. »Dies Bild ist wohl reine Phantasie, mein Herr, ist -zum wenigsten mehrere hundert Jahre alt!« - -»Also glauben Sie das Märchen auch?« flüsterte der Alte; »unter uns -gesagt, diesmal wurde der Scharfblick der Eigentümer doch getäuscht; -ich kenne ja die Dame.« - -»Um Gottes willen, Sie kennen sie? wo ist sie jetzt, wie heißt sie?« -sprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des Spaniers faßte. - -»Sage ich lieber, ich _habe_ sie gekannt,« antwortete dieser mit -zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame aufschlug. -»Ja, ich habe sie gekannt, in Valencia vor zwanzig Jahren; eine lange -Zeit! Es ist niemand anders als Donna Laura Tortosi.« - -»Zwanzig Jahre!« wiederholte der junge Mann traurig und -niedergeschlagen. »Zwanzig Jahre, nein, sie ist es nicht!« - -»Sie ist es nicht?« fuhr Don Pedro hitzig auf. »Nicht, sagen Sie? -So können Sie glauben, ein Maler habe diese Züge aus seinem Hirn -zusammengepinselt? Doch ich will nicht ungerecht sein, es war wohl -ein tüchtiger Mann, der sie malte, denn seine Farben sind wahr und -treu, treu und frisch wie das blühende Leben. Aber glauben Sie, daß -ein solcher Künstler aus seiner Phantasie nicht ein ganz anderes Bild -erschafft. Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortosi zu kennen, daß -diese Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müsse, Familienzüge, -bestimmt und klar von der Natur ausgesprochen, Züge, wie man sie nie -in Gemälden der Phantasie, sondern nur bei guten Porträts findet? Es -ist ein Porträt, sag' ich Ihnen, Sennor, und bei Gott kein anderes, -als das der Donna Laura, wie ich sie vor zwanzig Jahren gesehen in dem -lieblichen Valencia.« - -»Mein verehrter Herr,« erwiderte ihm Fröben, »es gibt Aehnlichkeiten, -täuschende Aehnlichkeiten; man glaubt oft einen Freund sprechend -getroffen zu sehen, nur in sonderbarem, veraltetem Kostüm, und wenn man -fragt, ist es sein Urahn aus dem Dreißigjährigen Kriege oder überdies -gar noch ein Fremder. Ich gebe auch zu, daß dieses Bild sogenannte -Familienzüge trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche, -aber _dieses_ Bild, dieses ist alt, und so viel weiß man wenigstens -aus Registern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenenkirche zu K. -schon seit hundertundfünfzig Jahren hing, durch zufällige Stiftung, -nicht auf Bestellung, in die Kirche kam, und nach allen Anzeichen von -dem deutschen Maler Lukas Cranach gefertigt wurde.« - -»So hole der lebendige Satan meine Augen!« rief Don Pedro ärgerlich, -indem er aufsprang und seinen Hut nahm. »Ein Blendwerk der Hölle ist's, -sie will mich in meinen alten Tagen noch einmal durch dies Gemälde in -Wehmut und Gram versenken.« Tränen standen dem alten Mann in den Augen, -als er mit hastigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ. - - -5. - -Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal dagewesen. Fröben -und er sahen sich noch oft vor dem Bilde, und der Alte gewann den -jungen Mann durch sein bescheidenes, aber bestimmtes Urteil, durch -seine liebenswürdige Offenheit, durch sein ganzes Wesen, das feine -Erziehung, treffliche Kenntnisse und einen für diese Jahre seltenen -Takt verriet, immer lieber. Der Alte war fremd in dieser Stadt, er -fühlte sich einsam, dennoch war er der Welt nicht so sehr abgestorben, -daß er nicht hin und wieder einen Menschen hätte sprechen mögen. So kam -es, daß er sich unvermerkt näher an den jungen Fröben anschloß; zog ihn -ja dieser auch dadurch so unbeschreiblich an, daß er ein teures Gefühl -mit ihm teilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde. - -So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang gerne begleitete, -daß er ihn oft einlud, ihm abends Gesellschaft zu leisten. Eines -Abends, als der Speisesaal im König von England ungewöhnlich gefüllt -war und rings um die beiden fremde Gäste saßen, so daß sie sich im -traulichen Gespräche gehindert fühlten, sprach Don Pedro zu seinem -jungen Freund: »Sennor, wenn Ihr anders diesen Abend nicht einer Dame -versprochen habt, vor ihrem Gitter mit der Laute zu erscheinen, oder -wenn Euch nicht sonst ein Versprechen hindert, so möchte ich Euch -einladen, eine Flasche echten Ximenes mit mir auszustechen auf meinem -Gemach.« - -»Sie ehren mich unendlich,« antwortete Fröben, »mich bindet kein -Versprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch ist es hiesigen Orts -nicht Sitte, abends die Laute zu schlagen auf der Straße oder sich mit -der Geliebten am Fenster zu unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie -begleiten.« - -»Gut; so geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit Diego die -Einrichtung gemacht; ich werde Euch rufen lassen.« - -Der Alte hatte diese Einladung mit einer Art von Feierlichkeit -gesprochen, die Fröben sonderbar auffiel. Jetzt erst entsann er sich -auch, daß er noch nie auf Don Pedros Zimmer gewesen, denn immer hatten -sie sich in dem allgemeinen Speisesaal des Gasthofs getroffen. Doch aus -allem zusammen glaubte er schließen zu müssen, daß es eine besondere -Höflichkeit sei, die ihm der Spanier durch diese Einführung bei sich -erzeigen wolle. Nach einer Viertelstunde erschien Diego mit zwei -silbernen Armleuchtern, neigte sich ehrerbietig vor dem jungen Mann und -forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte, als -er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäste ihm neugierig nachschauten -und die Köpfe zusammensteckten. Im ersten Stock machte Diego eine -Flügeltüre auf und winkte dem Gast, einzutreten. Ueberrascht blieb -dieser auf der Schwelle stehen. Sein alter Freund hatte den Frack -abgelegt, ein schwarzes, geschlitztes Wams mit roten Puffen angezogen -und einen langen Degen mit goldenem Griff umgeschnallt; ein dunkelroter -Mantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich schritt er seinem Gast -entgegen und streckte seine dürre Hand aus den reichen Manschetten -hervor, ihn zu begrüßen. »Seid mir herzlich willkommen, Don Fröbenio,« -sprach er, »stoßet Euch nicht an diesem prunklosen Gemach; auf Reisen, -wie Ihr wißt, fügt sich nicht alles wie zu Hause. Weicher allerdings -geht es sich in meinem Saale zu Lissabon, und meine Diwans sind echt -maurische Arbeit; doch setzet Euch immer zu mir auf dies schmale Ding, -Sofa genannt, ist doch der Wein des Herrn Schwaderer echt und gut; -setzt Euch!« - -Er führte unter diesen Worten den jungen Mann zu einem Sofa; der Tisch -vor diesem war mit Konfitüren und Wein besetzt; Diego schenkte ein und -brachte Zündstock und Zigarren. - -»Schon lange,« hub dann Don Pedro an, »schon lange hätte ich gern -einmal so recht vertraulich zu Euch gesprochen, Don Fröbenio, wenn Ihr -anders mein Vertrauen nicht gering achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur -Mittagsstunde vor Lauras Bildnis trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr -so recht versunken waret in Anschauung, aufmerksam betrachtet, und, -vergebt mir, wenn meine alten Augen einen Diebstahl an Euren Augen -begingen, ich bemerkte, daß der Gegenstand dieses Gemäldes noch höheres -Interesse für Euch haben müsse und eine tiefere Bedeutung, als Ihr mir -bisher gestanden.« - -Fröben errötete; der Alte sah ihn so scharf und durchdringend an, -als wollte er im innersten Grund seiner Seele lesen. »Es ist wahr,« -antwortete er, »dieses Bild hat eine tiefe Bedeutung für mich, und Sie -haben recht gesehen, wenn Sie glauben, es sei nicht das _Kunstwerk_, -was mich interessiere, sondern der _Gegenstand_ des Gemäldes. Ach, es -erinnert mich an den sonderbarsten, aber glücklichsten Moment meines -Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst ein -Mädchen sah, das mit diesem Bild täuschende Aehnlichkeit hatte; ich sah -sie nur einmal und nie wieder, und darum gehört es zu meinem Glück, -wenigstens ihre holden Züge in diesem Gemälde wieder aufzusuchen.« - -»O Gott! das ist ja auch _mein_ Fall!« rief Don Pedro. - -»Doch lachen werden Sie,« fuhr Fröben fort, »wenn ich gestehe, daß ich -nur von einem Teil des Gesichtes dieser Dame sprechen kann. Ich weiß -nicht, ist sie blond oder braun, ist ihre Stirne hoch oder nieder, ist -ihr Auge blau oder dunkel, ich weiß es nicht! Aber diese zierliche -Nase, dieser liebliche Mund, diese zarten Wangen, dieses weiche Kinn -finde ich auf dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geschaut!« - -»Sonderbar! -- Und diese Formen, die sich dem Gedächtnis weniger tief -einzudrücken pflegen als Auge, Stirn und Haar, diese sollten, nachdem -Ihr nur einmal sie gesehen, so lebhaft in Eurer Seele stehen?« - -»O Don Pedro!« sprach der Jüngling bewegt, »einen Mund, den man -_einmal_ geküßt hat, einen _solchen_ Mund vergißt man so leicht nicht -wieder. Doch, ich will erzählen, wie es mir damit ergangen.« -- - -»Halt ein, kein Wort!« unterbrach ihn der Spanier; »Ihr würdet mich -für sehr schlecht erzogen halten müssen, wollte ich einem Kavalier -sein Geheimnis entlocken, ohne ihm das meine zuvor als Pfand gegeben -zu haben. Ich will Euch erzählen von der Dame, die ich in jenem -sonderbaren Bild erkannte, und wenn Ihr mich dann Eures Vertrauens -würdig achtet, so möget Ihr mir mit Eurer Geschichte vergelten. Doch, -Ihr trinket ja nicht; es ist echter, spanischer Wein, und ihn müßt Ihr -trinken, wenn Ihr mit mir Valencia besuchen wollt.« - -Sie tranken von dem begeisternden Ximenes und der Alte hub an. - - -6. - -»Sennor, ich bin in Granada geboren. Mein Vater kommandierte ein -Regiment, und er und meine Mutter stammten aus den ältesten Familien -dieses Königreichs. Ich wurde im Christentum und allen Wissenschaften -erzogen, die einen Edelmann zieren, und mein Vater bestimmte mich, als -ich zwanzig Jahre alt und gut gewachsen war, zum Soldaten. Aber er -war ein Mann, streng und ohne Rücksicht im Dienste, und weil er die -Zärtlichkeit meiner Mutter für mich kannte und fürchtete, sie möchte -ihn oft verhindern, mich meine Pflicht gehörig vollbringen zu machen, -beschloß er, mich zu einem andern Regiment zu schicken, und seine -Wahl fiel auf Pampeluna, wo mein Oheim kommandierte. Ich lernte dort -den Dienst sorgfältig und genau und brachte es in den folgenden zehn -Jahren bis zum Kapitän. Als ich dreißig alt war, wurde mein Oheim nach -Valencia versetzt. Er hatte Einfluß und wußte zu bewirken, daß ich -ihm schon nach einem halben Jahr als Adjutant folgen konnte. Als ich -aber in Valencia ankam, hatte sich in meines Oheims Hauswesen vieles -geändert. Er war schon längst, noch in Pampeluna, Witwer geworden. -In Valencia hatte er eine reiche Witwe kennen gelernt und sie einige -Wochen früher, als ich bei ihm eintraf, geheiratet. Sie können denken, -wie ich überrascht war, als er mir eine ältliche Dame vorstellte und -sie seine Gemahlin nannte; meine Ueberraschung stieg aber und gewann an -Freude, als er auch ein Mädchen, schön wie der Tag, herbeiführte und -sie seine Tochter Laura, meine Cousine, nannte. Ich hatte bis zu jenem -Tage nicht geliebt, und meine Kameraden hatten mich oft deshalb Pedro -el pedro (den steinernen Pedro) genannt; aber dieser Stein zerschmolz -wie Wachs von den feurigen Blicken Lauras. - -Ihr habt sie gesehen, Don Fröbenio, jenes Bild gibt ihre himmlischen -Züge wieder, wenn es anders einem irdischen Künstler möglich ist, die -wundervollen Werke der Natur zu erreichen. Ach, gerade so trug sie ihr -Haar, so mutig wie auf jenem Gemälde hatte sie das Hütchen mit den -wallenden Federn aufgesetzt, und wenn sie ihr dunkles Auge unter den -langen Wimpern aufschlug, so war es, als ob die Pforten des Himmels -sich öffneten und ein leuchtender Engel freundlich herabgrüßte. - -Meine Liebe, Sennor, war eine freudige; ich konnte ja täglich um -sie sein; jene Schranken, die in meinem Vaterlande gewöhnlich die -Liebenden trennen und die Liebe schmerzlich, ängstlich, gramvoll und -verschlagen machen, jene Schranken trennten uns nicht. Und wenn ich -in die Zukunft sah, wie lachend erschien sie mir! Mein Oheim liebte -mich wie seinen Sohn; verstand ich seine Winke recht, so schien es -ihm nicht unangenehm, wenn ich mich um seine Tochter bewerbe; und von -meinem Vater konnte ich kein Hindernis erwarten, denn Laura stammte -aus edlem Blute und der Reichtum ihrer Mutter war bekannt. Wie mächtig -meine Liebe war, könnt Ihr schon daraus ersehen, daß ich da liebte, wo -es so gänzlich ohne Not und Jammer abging. Denn gewöhnlich entsteht die -Liebe aus der angenehmen Bemerkung, daß man der Geliebten vielleicht -nicht mißfallen habe; wie Feuer unter den Dächern fortschleicht und -durch eine Mauer aufgehalten plötzlich verzehrend nieder in das -Haus und prasselnd auf zum Himmel schlägt, so die Liebe. Die kleine -Neigung wächst. Die unüberwindlich scheinenden Hindernisse spornen an; -man glaubt, eine Glut zu fühlen, die nur im Arme der Geliebten sich -abkühlen kann. Man spricht die Dame am Gitter, man schickt ihr Briefe -durch die Zofe, man malt im Traume und Wachen ihr Bild, ihre Gestalt -so reizend sich vor, denn bisher sah man sie nicht anders als im -Schleier und der verhüllenden Mantilla. Endlich, sei es durch List oder -Gewalt, fallen die Schranken. Man fliegt herbei, führt die Errungene -zur Kirche und -- besiehet sich nachher den Schatz etwas genauer. -Wie auf dem schönen Wiesengrund, der nur ein Teppich ist, über ein -sumpfig Moorland gedeckt, wenn du wie auf fester Erde ausschreitest, -deine Füße einsinken und Quellen aus der Tiefe rieseln, so hier. Alle -Augenblicke zeigt sich eine neue Laune bei der Dame, alle Tage lüftet -sie Schleier und Mantilla ihres Herzens freier, und am Ende stündest -du lieber wieder an dem Gitter, Liebesklagen zu singen, um -- nie -wiederzukehren.« - - -7. - -»Bei Gott, Ihr seid ein scharfer Kritiker,« erwiderte Fröben errötend; -»es liegt in dem, was Ihr saget, etwas Wahres, aber ganz so? Nein, da -müßte ja jener Götterfunke, der zündend ins Herz schlägt, jener selige -Augenblick, wo die Hälfte einer Minute zum Verständnis hinreicht, müßte -lügen, und doch glaube ich an seine himmlische Abkunft. O, ist es mir -denn besser ergangen?« - -»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt,« sprach Don Pedro; »jener Moment -ist himmlisch schön, aber er beruht gar oft auf bitterer Täuschung. -Höret weiter. Mich reizten, mich hinderten keine Schranken, und dennoch -liebte ich so warm als irgend ein junger Kavalier in Spanien. Das -einzige Hindernis konnte Lauras Herz sein, und -- ihr Auge hatte mir -ja schon oft gestanden, daß es dem meinigen gerne begegne. Alle jene -kleinen Beweise meiner Zärtlichkeit, wie man sie in diesem Zustand -gibt, nahm Donna Laura gütig auf, und nach einem Vierteljahre erlaubte -sie mir, ihr meine Liebe zu gestehen. Die Eltern hatten die Sache -längst bemerkt; mein Oheim gab mir seine Einwilligung und sagte, er -habe für mich wegen guter Dienste, die ich geleistet, beim König um -ein Majorspatent nachgesucht. Mit der Nachricht meines Steigens soll -ich dem Vater meine Liebe gestehen und ihn um Einwilligung bitten. Ich -gelobte es; ach, warum habe ich's getan! Sollte man nicht immer einen -Dämon hinter sich glauben, der uns das Glück wie ein schönes Spielzeug -gibt, nur um es plötzlich zu zerschlagen? - -Ich hatte bald nach der Gewißheit meines Glückes mit einem Hauptmann -aus einem Schweizerregiment Bekanntschaft gemacht, den ich lieb gewann -und täglich in mein Haus führte. Es war ein schöner, blonder Jüngling, -mit klaren blauen Augen, von weißer Haut und roten Wangen. Er hätte zu -weich für einen Soldaten ausgesehen, wenn nicht berühmte Waffentaten, -die er ausgeführt, in aller Munde lebten. Um so gefährlicher war er -für Frauen. Seine ganze Erscheinung war so neu in diesem Lande, wo die -Sonne die Gesichter dunkel färbt, wo unter schwarzem Haar schwarze -Augen blitzten; und wenn er von den Eisbergen, von dem ewigen Schnee -seiner Heimat erzählte, so lauschte man gerne auf seine Rede, und -manche Dame mochte schon den Versuch gemacht haben, das Eis seines -Herzens zu schmelzen. - -Eines Morgens kam ein Freund zu mir, der um meine Liebe zu Laura -wußte, und gab mir in allerlei geheimnisvollen Reden zu verstehen, -ich möchte entweder auf der Hut sein oder ohne das Majorspatent meine -Base heiraten, indem sonst noch manches sich ereignen könnte, was mir -nicht angenehm wäre. Ich war betreten, forschte näher und erfuhr, daß -Donna Laura bei einer verheirateten Freundin hie und da mit einem Mann -zusammenkomme, der in einen Mantel verhüllt ins Haus schleiche. Ich -entließ den Freund und dankte ihm. Ich glaubte nichts davon, aber ein -Stachel von Eifersucht und Mißtrauen war in mir zurückgeblieben. Ich -dachte nach über Lauras Betragen gegen mich, ich fand es unverändert; -sie war hold, gütig gegen mich wie zuvor, ließ sich die Hand, wohl auch -den schönen Mund küssen -- aber dabei blieb es auch; denn jetzt erst -fiel mir auf, wie kalt sie immer bei meiner Umarmung war, sie drückte -mir die Hand nicht wieder, wenn ich sie drückte, sie gab mir keinen Kuß -zurück. - -Zweifel quälten mich; der Freund kam wieder, schürte durch bestimmtere -Nachrichten das Feuer mächtiger an und ich beschloß bei mir, die -Schritte meiner Dame aufmerksamer zu bewachen. Wir speisten gewöhnlich -zusammen, der Oheim, die Tante, meine schöne Base und ich. Am Abend des -Tages, als mein Freund zum zweitenmal mich gewarnt, fragte die Tante -bei Tische ihre Tochter, ob sie ihr Gesellschaft leisten werde auf dem -Balkon? - -Sie antwortete, sie habe ihrer Freundin einen Besuch zugesagt. -Unwillkürlich mochte ich sie dabei schärfer angesehen haben, denn sie -schlug die Augen nieder und errötete. Sie ging eine Stunde, ehe die -Nacht einbrach, zu jener Dame. Als es dunkel wurde, schlich ich mich an -jenes Haus und hielt Wache; rasende Eifersucht kam über mich, als ich -die Straße herauf, nahe an die Häuser gedrückt, eine verhüllte Gestalt -schleichen sah. Ich stellte mich vor die Haustüre, die Gestalt kam -näher und wollte mich sanft auf die Seite schieben; aber ich faßte sie -am Gewand und sprach: ›Sennor, wer Ihr auch seid, in diesem Augenblick -glaube ich einen Mann von Ehre vor mir zu haben, und bei Eurer Ehre -fordere ich Euch auf, steht mir Rede!‹ - -Bei dem ersten Ton meiner Stimme sah ich ihn zusammenschrecken; er -besann sich eine kleine Weile und entgegnete dann: ›Was soll es?‹ - -›Schwört mir bei Eurer Ehre,‹ fuhr ich fort, ›daß Ihr nicht wegen Donna -Laura di Tortosi in dieses Haus geht.‹ - -›Wer erkühnt sich, mir über meine Schritte Rechenschaft abzufordern?‹ -rief er mit dumpfer verstellter Stimme. An seiner Aussprache merkte -ich, daß er ein Fremder sein müsse; eine düstere Ahnung ging in meiner -Seele auf. ›Der Kapitän di San Montanjo wagt es,‹ antwortete ich und -riß ihm, ehe er sich dessen versah, den Mantel vom Gesicht -- es war -mein Freund Tannensee, der Schweizer. - -Er stand da wie ein Verbrecher, keines Wortes mächtig. Aber ich hatte -meinen Degen blank gezogen, und sprachlos vor Wut deutete ich ihm an, -dasselbe zu tun. ›Ich habe keine Waffen bei mir, als einen Dolch,‹ -erwiderte er. Schon war ich willens, ihm ohne Zögern den Degen in den -Leib zu rennen; aber als er so regungslos auf alles gefaßt vor mir -stand, konnte ich das Schreckliche nicht vollbringen. Ich behielt noch -so viel Fassung, daß ich ihn bestimmte, am andern Morgen vor dem Tor -der Stadt mir Rechenschaft zu geben. Die Türe hielt ich besetzt; er -sagte zu und ging. - -Noch lange hielt ich Wache, bis endlich die Sänfte für Laura gebracht -wurde, bis ich sie einsteigen sah; dann folgte ich ihr langsam nach -Hause. Die Qualen der Eifersucht ließen mich keinen Schlaf auf meinem -Lager finden, und so hörte ich, wie sich um Mitternacht Schritte meiner -Türe näherten. Man pochte an; verwundert warf ich meinen Mantel um -und schloß auf; es war die alte Dienerin Lauras, die mir einen Brief -übergab und eilends wieder davonging. - -Sennor! Gott möge Euch vor einem ähnlichen Brief in Gnaden bewahren! -Sie gestand mir, daß sie den Schweizer längst geliebt habe, als sie -mich noch gar nicht kannte; daß sie aus Furcht vor dem Zorn ihrer -Mutter, die alle Fremden hasse, ihn immer zurückgehalten, um sie zu -werben; daß sie, von den Drohungen meiner Tante genötigt, meine Anträge -sich habe gefallen lassen. Sie nahm alle Schuld auf sich, sie schwur -mit den heiligsten Eiden, daß Tannensee mir oft habe alles gestehen -wollen und nur durch ihr Flehen, durch ihre Furcht, nachher strenger -verwahrt zu werden, sich habe zurückhalten lassen. Sie deutete mir ein -schreckliches Geheimnis an, das die Ehre der Familie beflecken werde, -wenn ich ihr und dem Hauptmann nicht zur Flucht verhelfe. Sie beschwor -mich, von meinem Streit abzustehen, denn wenn er falle, so bleibe ihr, -_seiner Gattin_, nichts übrig, als sich das Leben zu nehmen. Sie schloß -damit, meine Großmut anzurufen, sie werde mich ewig _achten_, aber -niemals _lieben_. - -Ihr werdet gestehen, daß ein solcher Brief gleich kaltem Wasser alle -Flammen der Liebe löschen kann; er löschte sogar zum Teil meinen Zorn. -Aber vergeben konnte ich es meiner Ehre nicht, daß ich betrogen war, -darum stellte ich mich zur bestimmten Stunde auf dem Kampfplatz ein. -Der Kapitän mochte tief fühlen, wie sehr er mich beleidigt; obgleich -er ein besserer Fechter war als ich, verteidigte er sich nur, und -nicht seine Schuld ist es, daß ich meine Hand hier zwischen Daumen und -Zeigefinger in seinen Degen rannte, so daß ich außer stande war, weiter -zu fechten. Ich gab ihm, während ich verbunden wurde, Lauras Brief. -Er las, er bat mich flehend, ihm zu vergeben, ich tat es mit schwerem -Herzen. - -Die Geschichte meiner Liebe ist zu Ende, Don Fröbenio, denn fünf Tage -darauf war Donna Laura mit dem Schweizer verschwunden.« - -»Und mit Ihrer Hilfe?« fragte Fröben. - -»Ich half, so gut es ging. Freilich war der Schmerz meiner Tante groß; -aber in diesen Umständen war es besser, sie sah ihre Tochter nie -wieder, als daß Unehre über das Haus kam.« - -»Edler Mann! Wie unendlich viel muß Sie dies gekostet haben! -Wahrhaftig, es war eine harte Prüfung.« - -»Das war es,« antwortete der Alte mit düsterem Lächeln. »Anfangs -glaubte ich, diese Wunde werde nie vernarben; die Zeit tut viel, mein -Freund! Ich habe sie nie wieder gesehen, nie von ihnen gehört, nur -einmal nannten die Zeitungen den Oberst Tannensee als einen tapfern -Mann, der unter den Truppen Napoleons in der Schlacht von Brienne dem -Feinde langen Widerstand getan habe. Ob es derselbe ist, ob Laura noch -lebt, weiß ich nicht zu sagen. - -Als ich aber in diese Stadt kam, jene Galerie besuchte, und nach -zwanzig langen Jahren meine Laura wieder erblickte, ganz so, wie sie -war in den Tagen ihrer Jugend, da brachen die alten Wunden wieder auf, -und -- nun Ihr wisset, daß ich sie täglich besuche.« - - -8. - -Mit umständlicher Gravität, wie es dem Haushofmeister eines p...schen -Prinzen, einem Mann aus altkastilischem Geschlechte geziemte, hatte -Don Pedro di San Montanjo Ligez seine Geschichte vorgetragen. Als er -geendet, trank er einigen Xeres, lüftete den Hut, strich sich über die -Stirne und Kinn und sagte zu dem jungen Mann an seiner Seite: »Was -ich wenigen Menschen vertraut, habe ich Euch umständlich erzählt, -Don Fröbenio, nicht um Euch zu locken, mir mit gleichem Vertrauen zu -erwidern, obgleich Euer Geheimnis so sicher in meiner Brust ruhte als -der Staub der Könige von Spanien im Eskorial! -- Obgleich ich gespannt -bin, zu wissen, inwiefern Euch jene Dame interessiert; -- aber Neugier -ziemt dem Alter nicht, und damit gut.« - -Fröben dankte dem Alten für seine Mitteilung. »Mit Vergnügen werde -ich Ihnen meinen kleinen Roman zum besten geben,« sagte er lächelnd, -»er betrifft keiner Dame Geheimnisse und endet schon da, wo andere -anfangen. Aber wenn Sie erlauben, werde ich morgen erzählen, denn für -heute möchte es wohl zu spät sein.« - -»Ganz nach Eurer Bequemlichkeit,« erwiderte der Don, seine Hand -drückend. »Euer Vertrauen werde ich zu ehren wissen.« So schieden sie; -der Spanier begleitete den jungen Mann höflich bis an die Schwelle -seines Vorsaals, und Diego leuchtete ihm bis auf die Straße. - -Nach seiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nachher in die Galerie; -er stand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte er an diesem Tage -mehr an den Alten denn an die gemalte Dame; aber er wartete über eine -Stunde -- der Alte kam nicht. Er ging mit dem Schlag zwei Uhr in die -Anlagen, ging langsamen Schrittes um den See, zog oft sein Fernglas -und schaute die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Gestalt -seines alten Freundes wollte sich nicht zeigen; umsonst schaute er -nach den dünnen, schwarzen Beinen, nach dem spitzen Hut, umsonst nach -Diego und den bunten Kleidern, mit Sonnenschirm und Regenmantel, er war -nicht zu sehen. »Sollte er krank geworden sein?« fragte er sich, und -unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz hin und nach dem Gasthof -zum König von England, um Don Pedro zu besuchen. »Fort ist die ganze -Wirtschaft, auf und davon;« antwortete auf seine Frage der Oberkellner, -»gestern abend noch bekam der Prinz Depeschen, und heute vormittag -sind Seine Hoheit nebst Gefolge in sechs Wagen nach W. abgereist; -der Haushofmeister, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine Karte hier -gelassen.« - -Begierig griff Fröben nach diesem letzten Freundeszeichen. Es war nur -_Don Pedro di San Montanjo Ligez, Major Rio di S. A._ etc. darauf zu -lesen. Verdrießlich wollte Fröben diesen kalten Abschied einstecken, -da gewahrte er auf der Rückseite noch einige Worte mit der Bleifeder -geschrieben, er las: »Lebt wohl, teurer Don Fröbenio; Eure Geschichte -müßt Ihr mir schuldig bleiben; grüßet und küsset Donna Laura.« - -Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch als er in den -nächsten Tagen wieder vor dem Bilde stand, war er wehmütiger als je, -denn es war in seinem Leben eine Lücke entstanden durch Don Pedros -Abreise. Er hatte sich so gerne mit dem guten Alten unterhalten, -er hatte seit langer Zeit zum erstenmal wieder in einem genaueren -Verhältnis mit Menschen gelebt, und deutlicher als je fühlte er -jetzt, daß nur der Einsame, der Hoffnungslose ganz unglücklich ist. -Wäre das Bild nicht gewesen, das ihn mit seinem eigentümlichen Zauber -zurückhielt, schon längst hätte er Stuttgart verlassen, das sonst keine -Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die Herren Boisserée die -treue Kopie jenes lieben Bildes, ein lithographiertes Blatt, zeigten -und ihn damit beschenkten, nahm er es als einen Wink des Schicksals -auf, verabschiedete sich von dem Urbild, packte die Kopie sorgfältig -ein und verließ diese Stadt so stille, als er sie betreten hatte. - - -9. - -Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten, das er in -jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptstadt Württembergs -berührte, auf einer Reise nach dem Rhein begriffen, und dahin zog er -nun weiter. Er gestand sich selbst, daß ihn die letzten Monate beinahe -allzuweich gemacht hatten. Er fühlte nicht ohne Beschämung und leises -Schaudern, daß sein Trübsinn, sein ganzes Dichten und Trachten schon -nahe an Narrheit gestreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieses -Jahr noch zu Reisen bestimmt, ohne sich irgend einen festen Plan, ein -Ziel zu setzen und wollte diese lange Unterbrechung seiner Reise auf -die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen Umgebungen schieben. -Aber hatte er denn wirklich jene Stadt so angenehm gefunden? Hatte -er Menschen aufgesucht, kennen gelernt? Hatte er sie nicht vielmehr -gemieden, weil sie seine Einsamkeit, die ihm so lieb geworden, störten? -Hatte er die herrlichen Umgebungen genossen? »Nein,« sagte er lächelnd -zu sich, »man wäre versucht, an Zauberei zu glauben! Ich habe mich -betragen wie ein Tor! Habe mich eingeschlossen in mein Zimmer, um -zu lesen. Und habe ich denn wirklich gelesen? Stand nicht ihr Bild -auf jeder Seite? Gingen meine Schritte weiter als zu _ihr_ oder um -einmal unter dem Gewühl der Menge auf und ab zu gehen? Ist es nicht -schon Raserei, auf so langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes -Mädchengesicht aufmerksam zu betrachten, ob ich nicht den holden Mund -der unbekannten Geliebten wiedererkenne?« - -So schalt sich der junge Mann, glaubte recht feste Vorsätze zu fassen, -und wie oft, wenn sein Pferd langsamer bergan geschritten war, vergaß -er oben es anzutreiben, weil seine Seele auf andern Wegen schweifte; -wie oft, wenn er abends sein Gepäck öffnete und ihm die Rolle in die -Hände fiel, entfaltete er unwillkürlich das Bild der Geliebten und -vergaß, sich zur Ruhe zu legen. - -Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen Fluren -von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch auf ihn den eigentümlichen -Eindruck nicht. Sie zerstreuten ihn, sie füllten seine Seele mit -neuen, freundlichen Bildern. Und als er eines Morgens von Bingen -aufbrach, stand nur ein Bild vor seinem Auge, ein Bild, das er noch -heute erblicken sollte. Fröben hatte mit einem Landsmann Frankreich -und England bereist, und aus dem Gesellschafter war ihm nach und nach -ein Freund erwachsen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundschaft -nachdachte, sich selbst gestehen, daß Uebereinstimmung der Charaktere -sie nicht zusammenführte; doch oft pflegt es ja zu geschehen, daß -gerade das Ungleiche sich heißer liebt als das Aehnliche. Der Baron -_von Faldner_ war etwas roh, ungebildet, selbst jene Reise, das -bewegte Leben zweier Hauptstädte, wie Paris und London, hatte nur -seine Außenseite etwas abschleifen und mildern können. Er war einer -jener Menschen, die, weil sie durch fremde oder eigene Schuld, -gewählte Lektüre, feinere tiefere Kenntnisse und die bildende Hand -der Wissenschaften verschmähten, zur Ueberzeugung kamen, sie seien -praktische Menschen, d. h. Leute, die in sich selbst alles tragen, um -was sich andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen Begriff -von Ackerbau, Viehzucht, Wirtschaft und dergleichen haben, und sich nun -für geborene Landwirte, für praktische Haushälter ansehen, die auf dem -natürlichsten Wege _das_ zu erreichen glauben, was die Masse in Büchern -sucht. Dieser Egoismus machte ihn glücklich, denn er sah nicht, auf -welchen schwachen Stützen sein Wissen beruhte; noch glücklicher wäre er -wohl gewesen, wenn diese Eigenliebe bei den Geschäften stehen geblieben -wäre, aber er trug sie mit sich, wohin er ging, erteilte Rat, ohne -welchen anzunehmen, hielt sich, was man ihm nicht gerade nachsagte, -für einen _klugen Kopf_, und ward durch dieses alles ein unangenehmer -Gesellschafter und zu Hause vielleicht ein kleiner Tyrann, aus dem -einfachen Grunde, weil er klug war und immer recht hatte. - -»Ob er wohl sein Sprichwort noch an sich hat,« fragte sich Fröben -lächelnd, »das unabwendbare: ›Das habe ich ja gleich gesagt!‹ Wie oft, -wenn er am wenigsten daran gedacht hatte, daß etwas gerade so geschehen -werde, wie oft faßte er mich da bei der Hand und rief: ›Freund Fröben, -sag' an, hab' ich es nicht schon vor vier Wochen gesagt, daß es so -kommen würde? Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?‹ Und wenn ich ihm so -sonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegenteil behauptet habe, -so ließ er sich unter keiner Bedingung davon abbringen und grollte -drei, vier Tage lang.« - -Fröben hoffte, Erfahrung und die schöne Natur um ihn her werden -seinen Freund weiser gemacht haben. An einer der reizendsten Stellen -des Rheintals, in der Nähe von Caub, lag sein Gut, und je näher der -Reisende herabkam, desto freudiger schlug sein Herz über alle diese -Herrlichkeit der Berge und des majestätischen Flusses, um so öfter -sagte er zu sich: »Nein! er _muß_ sich geändert haben; in diesen -Umgebungen kann man nur hingebend, nur freundlich und teilnehmend sein, -und im Genuß dieser Aussicht muß man vergessen, wenn man auch wirklich -recht hat, was bei ihm leider der seltene Fall ist.« - - -10. - -Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab sein Pferd vor dem -Hause einem Diener, fragte nach seinem Herrn und wurde in den Garten -gewiesen. Dort erkannte er schon von weitem Gestalt und Stimme seines -Freundes. Er schien in diesem Augenblick mit einem alten Mann, der an -einem Baum mit Graben beschäftigt war, heftig zu streiten. »Und wenn -Ihr es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian gemacht habt, -statt fünfzig, so _muß_ der Baum doch so herausgenommen werden, wie ich -sagte. Nur frisch daran, Alter; es kommt bei allem nur darauf an, daß -man klug darüber nachdenkt.« Der Arbeiter setzte seufzend die Mütze -auf, betrachtete noch einmal mit wehmütigem Blick den schönen Apfelbaum -und stieß dann schnell, wie es schien unmutig, den Spaten in die Erde, -um zu graben. Der Baron aber pfiff ein Liedchen, wandte sich um, und -vor ihm stand ein Mensch, der ihn freundlich anlächelte und ihm die -Hand entgegenstreckte. Er sah ihn verwundert an. »Was steht zu Dienst?« -fragte er kurz und schnell. - -»Kennst du mich nicht mehr, Faldner?« erwiderte der Fremde. »Solltest -du bei deiner Baumschule London und Paris so ganz vergessen haben?« - -»Ist's möglich, mein Fröben!« rief jener und eilte, den Freund zu -umarmen. »Aber, mein Gott, wie hast du dich verändert, du bist so -bleich und mager; das kommt von dem vielen Sitzen und Arbeiten; daß du -auch gar keinen Rat befolgst, ich habe dir ja doch immer gesagt, es -tauge nicht für dich.« - -»Freund!« entgegnete Fröben, den dieser Empfang unwillkürlich an seine -Gedanken unterwegs erinnerte: »Freund, denke doch ein wenig nach; -hast du mir nicht immer gesagt, ich tauge nicht zum Landwirt, nicht -zum Forstmann und dergleichen, und ich müßte eine juridische oder -diplomatische Laufbahn einschlagen?« - -»Ach, du guter Fröben!« sagte jener zweideutig lächelnd, »so laborierst -du noch immer an einem kurzen Gedächtnis? sagte ich nicht schon -damals --« - -»Bitte, du hast recht, streiten wir nicht!« unterbrach ihn sein Gast, -»laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es dir erging, seit wir uns -nicht sahen, wie du lebst?« - -Der Baron ließ Wein in eine Laube setzen und erzählte von seinem -Leben und Treiben. Seine Erzählung bestand beinahe in nichts als in -Klagen über schlechte Zeit und die Torheit der Menschen. Er gab nicht -undeutlich zu verstehen, daß er es in den wenigen Jahren mit seinem -hellen Kopf und den Kenntnissen, die er auf Reisen gesammelt, in der -Landwirtschaft weit gebracht habe. Aber bald hatten ihm seine Nachbarn -unberufen dies oder jenes abgeraten, bald hatte er unbegreifliche -Widerspenstigkeit unter seinen Arbeitern selbst gefunden, die alles -besser wissen wollten als er und in ihrer Verblendung sich auf lange -Erfahrung stützten. Kurz, er lebte, wie er gestand, ein Leben voll -ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn, und einige Prozesse -wegen Grenzstreitigkeiten verbitterten ihm noch die wenigen frohen -Stunden, die ihm die Besorgung seines Gutes übrig ließ. »Armer Freund!« -dachte Fröben unter dieser Erzählung, »so reitest du noch dasselbe -Steckenpferd, und es geht, wie der wildeste Renner, mit dir durch, ohne -daß du es zügeln kannst.« - -Doch die Reihe zu erzählen kam auch an den Gast, und er konnte -seinem Freund in wenigen Worten sagen, daß er an einigen Höfen bei -Gesandtschaften eingeteilt gewesen sei, daß er sich überall schlecht -unterhalten, einen langen Urlaub genommen habe und jetzt wieder ein -wenig in der Welt umherziehe. - -»Du Glücklicher!« rief Faldner. »Wie beneide ich dir deine -Verhältnisse; heute hier, morgen dort kennst keine Fesseln und kannst -reisen, wohin und wie lange du willst. Es ist etwas Schönes um das -Reisen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal so frei hinaus in die -Welt!« - -»Nun, was hindert dich denn?« rief Fröben lachend; »deine große -Wirtschaft doch nicht? Die kannst du alle Tage einem Pächter geben, -läßt dein Pferd satteln und ziehest mit mir!« - -»Ach, das verstehst du nicht, Bester!« erwiderte der Baron verlegen -lächelnd. »Einmal, was die Wirtschaft betrifft, da kann ich keinen Tag -abwesend sein, ohne daß alles quer geht, denn ich bin doch die Seele -des Ganzen. Und dann -- ich habe einen dummen Streich gemacht -- doch -laß das gut sein; es geht einmal nicht mehr mit dem Reisen.« - -In diesem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube, berichtete, daß -die gnädige Frau zurückgekommen sei und anfragen lasse, wo man den Tee -servieren solle? - -»Ich denke oben im Zimmer,« sagte er, leicht errötend, und der Diener -entfernte sich. - -»Wie, du bist verheiratet?« fragte Fröben erstaunt. »Und das erfahre -ich jetzt erst! Nun, ich wünsche Glück; aber sage mir doch -- ich hätte -mir ja eher des Himmels Einfall träumen lassen als diese Neuigkeit; und -seit wann?« - -»Seit sechs Monaten,« erwiderte der Baron kleinlaut und ohne seinen -Gast anzusehen; »doch wie kann dich dies so in Erstaunen setzen; du -kannst dir denken, bei meiner großen Wirtschaft, da ich alles selbst -besorge, so --« - -»Je nun! ich finde es ganz natürlich und angemessen; aber wenn ich -zurückdenke, wie du dich früher über das Heiraten äußertest, da dachte -ich nie daran, daß dir je ein Mädchen recht sein würde.« - -»Nein, verzeihe!« sagte Faldner, »ich sagte ja immer und schon -damals --« - -»Nun ja, du sagtest ja immer und schon damals,« rief der junge Mann -lächelnd, »und schon damals und immer sagte ich, daß du nach deinen -Prätensionen keine finden würdest, denn diese gingen auf ein Ideal, -das ich nicht haben möchte, und wohl auch nicht zu finden war. Doch -noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch. Da aber eine Dame im Hause -ist, die uns zum Tee ladet, so kann ich doch wahrlich nicht so in -Reisekleidern erscheinen; gedulde dich nur ein wenig, ich werde bald -wieder bei dir sein. Auf Wiedersehen!« - -Er verließ die Laube, und der Baron sah ihm mit trüben Blicken nach. -»Er hat nicht unrecht,« flüsterte er. - -Doch in demselben Augenblick trat eine hohe weibliche Gestalt in die -Laube. »Wer ging soeben von dir?« fragte sie schnell und hastig. »Wer -sprach dies _auf Wiedersehen_?« - -Der Baron stand auf und sah seine Frau verwundert an; er bemerkte, wie -die sonst so zarte Farbe ihrer Wangen in ein glühendes Rot übergegangen -war. »Nein! das ist nicht auszuhalten,« rief er heftig; »Josephe, wie -oft muß ich dir sagen, daß Hufeland Leuten von deiner Konstitution jede -allzurasche Bewegung streng untersagt; wie du jetzt glühst! Du bist -gewiß wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und hast dich erhitzt und -gehst jetzt gegen alle Vernunft noch in den Garten hinab, wo es schon -kühl ist. Immer und ewig muß ich dir alles wiederholen wie einem Kind; -schäme dich!« - -»Ach, ich wollte dich ja nur abholen,« sagte Josephe mit zitternder -Stimme; »werde nur nicht gleich so böse; ich bin gewiß den ganzen Weg -gefahren und bin auch gar nicht erhitzt. Sei doch gut.« - -»Deine Wangen widersprechen,« fuhr er mürrisch fort. »Muß ich denn auch -dir immer predigen? Und den Schal hast du auch nicht umgelegt, wie ich -dir sagte, wenn du abends noch herab in den Garten gehst; wozu werfe -ich denn das Geld zum Fenster hinaus für dergleichen Dinge, wenn man -sie nicht einmal brauchen mag? O Gott! ich möchte oft rasend werden. -Auch nicht das geringste tust du mir zu Gefallen; dein ewiger Eigensinn -bringt mich noch um. O ich möchte oft --« - -»Bitte, verzeihe mir, Franz!« bat sie wehmütig, indem sie große Tränen -im Auge zerdrückte; »ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen und -wollte dich hier überraschen; ach, ich dachte ja nicht mehr an das Tuch -und an den Abend. Vergib mir, willst du deinem Weib vergeben?« - -»Ist ja schon gut, laß mich doch in Ruhe, du weißt, ich liebe solche -Szenen nicht; und gar vollends Tränen! Gewöhne dir doch um Gottes -willen die fatale Weichlichkeit ab, über jeden Bettel zu weinen. -- Wir -haben einen Gast, Fröben, von dem ich dir schon erzählte, er reiste mit -mir. Führe dich vernünftig auf, Josephe, hörst du? Laß es an nichts -fehlen, daß ich nicht auch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben -muß. Im Salon wird der Tee getrunken.« - -Er ging schweigend ihr voran die Allee entlang nach dem Schlosse. Trübe -folgte ihm Josephe; eine Frage schwebte auf ihren Lippen, aber so gern -sie gesprochen hätte, sie verschloß diese Frage wieder tief in ihre -Brust. - - -11. - -Als der Baron spät in der Nacht seinen Gast auf sein Zimmer begleitete, -konnte sich dieser nicht enthalten, ihm zu seiner Wahl Glück zu -wünschen. »Wahrhaftig, Franz!« sagte er, indem er ihm feurig die Hand -drückte, »ein solches Weib hat dir gefehlt. Du warst ein Glückskind -von jeher, aber das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du bei -deinen sonderbaren Maximen und Forderungen ein solch liebenswürdiges, -herrliches Kind heimführen werdest.« - -»Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,« erwiderte der Baron trocken, -indem er seine Kerze heller aufstörte; »man kann ja nicht alles -haben. An diesen Gedanken muß man sich freilich gewöhnen auf dieser -unvollkommenen Welt.« - -»Mensch! ich will nicht hoffen, daß du undankbar gegen so vieles Schöne -bist. Ich habe viele Frauen gesehen, aber weiß Gott, keine von solch -untadelhafter Schönheit wie dein Weib. Diese Augen! Welch rührender -Ausdruck! Glaubt man nicht liebliche Träume auf ihrer schönen Stirne zu -lesen? Und diese zarte, schlanke Gestalt! Und ich weiß nicht, ob ich -ihren feinen Takt, ihr richtiges Urteil, ihren gebildeten Geist nicht -noch mehr bewundern soll.« - -»Du bist ja ganz bezaubert,« lächelte Faldner; »doch von jeher hast du -zu viel gelesen und weniger aufs Praktische gesehen; ich sagte es ja -immer -- mit den Weibern ist es ein eigenes Ding,« fuhr er seufzend -fort, »glaube mir, in der Wirtschaft ist oft eine, die es versteht und -die Sache flink umtreibt, besser als ein sogenannter gebildeter Geist. -Gute Nacht; sei froh, daß du noch frei bist und -- wähle nicht zu -rasch.« - -Unmutig sah ihm Fröben nach, als er das Zimmer verlassen hatte. »Ich -glaube, der Unmensch ist auch jetzt nicht mit seinem Lose zufrieden; -hat einen Engel gewählt und schafft sich durch seine lächerlichen -Prätensionen eine Hölle im Haus. Das arme Weib!« - -Es war ihm nicht entgangen, wie ängstlich sie bei allem, was sie tat -und sagte, an seinen Blicken hing, wie er ihr oft ein grimmiges Auge -zeigte, wenn sie nach seinen Begriffen einen Fehler begangen, wie er -ihr oft mit der Hand winkte, die Lippen zusammenbiß und stöhnte, wenn -er glaubte, von dem Gast nicht gesehen zu werden. Und mit welcher -Engelsgeduld trug sie dies alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren -Eindruck auf ihn gemacht. Das reiche blonde Haar, das um eine freie -Stirn fiel, ließ blaue Augen, rote Wangen, vielleicht auch ein Näschen -erwarten, das durch seine zierliche Keckheit Blondinen mehr als -Brünetten ziert. Aber von alledem nichts. Unter den blonden Wimpern -ruhte wie das Mondlicht hinter dünnen Wolken ein braunes Auge, das -nicht durch Glut oder bloße Lebendigkeit, sondern durch ein gewisses -Etwas von sinnender Schwermut überraschte, das Fröben bei schönen -Frauen, so selten er es fand, so unendlich liebte. Ihre Nase näherte -sich dem griechischen Stamm, die Wangen waren gewöhnlich bleich, nur -von einem leisen Schatten von Rot unterlaufen, und das einzige, was in -ihrem Gesichte blühte, waren statt der Rosen der Wangen die Lippen, -bei deren Anblick man sich des Gedankens an zarte, rote Kirschen nicht -erwehren konnte. - -»Und diese herrliche Gestalt,« fuhr Fröben in seinen Gedanken weiter -fort, »so zart, so hoch und, wenn sie über das Zimmer geht, beinahe -schwebend! Schwebend? Als ob ich nicht gesehen hätte, daß sie recht -schwer zu tragen hat, daß diese Lippen so manches Wort des Grams -verschließen, daß diese Augen nur auf die Einsamkeit warten, um über -den rohen Gatten zu weinen! Nein, es ist unmöglich,« fuhr er nach -einigem Sinnen fort, »sie kann ihn nicht aus Liebe geheiratet haben. -Die Welt, die hinter diesem Auge liegt, ist zu groß für Faldners -Verstand, das Herz seines Weibes zu zart für den rohen Druck ihres -Haustyrannen. Ich bedaure sie!« - -Er war während dieser Worte an einen Schrank getreten, worin die Diener -sein Reisegeräte niedergelegt hatten. Er schloß ihn auf, sein erster -Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle, und er errötete. »Bin ich dir -nicht ungetreu gewesen diesen Abend?« fragte er. »Hat nicht ein anderes -Bild sich in mein Herz geschlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf -Reflexionen über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die -ihr auf jeden Fall nichts nützen können?« Er entrollte das Bild der -Geliebten und blieb betroffen stehen. Wie ein Gedanke, der bisher in -ihm schlummerte und verworren träumte, erwacht es jetzt mit einemmal -in ihm, daß Frau von Faldner wunderbare Aehnlichkeit mit diesem -Bilde habe. Zwar waren ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirn gänzlich -verschieden von denen des Bildes, aber überraschende Aehnlichkeit -glaubte er in Nase, Mund und Kinn, ja sogar in der Haltung des -zierlichen Halses zu finden. »Und diese Stimme!« rief er. »Klang mir -diese Stimme nicht gleich anfangs so bekannt? Wie ist mir denn? Wäre es -möglich, daß die Gattin meines Freundes jenes Mädchen wäre, die ich nur -einmal, nur halb gesehen und ewig liebe und, von jenem Augenblick an, -vergebens suche? Die Gestalt -- ja auch sie war groß, und als ich ihr -den Mantel umschlang, als sie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine -feine schlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute abend so oft ihrem -Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch sie mich wiedererkennen? -Doch -- ich Tor! wie könnte Faldner bei seinem Mißtrauen, bei seinen -strengen Grundsätzen über Adel und unbescholtenen Ruf eine -- -unbekannte Bettlerin geheiratet haben?« - -Er sah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in diesem -Augenblick Gewißheit zu haben, im nächsten zweifelte er wieder. Er -klagte sein treuloses Gedächtnis an. Hatte nicht dieses Gemälde sich so -ganz mit seinen früheren Erinnerungen vermischt, daß er die Unbekannte -sich nicht mehr anders dachte als wie dieses Bild? Und nun, da er auf -eine neue, auffallende Aehnlichkeit gestoßen, stand er nicht vor einem -Labyrinth von Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg -seine heiße Stirn in die Kissen seines Bettes. Er wünschte sich tiefen -Schlaf herbei, damit er diesen Zweifeln entgehe, daß ihm das wahre Bild -mit siegender Kraft in seinen Träumen aufgehe. - - -12. - -Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo er frühstücken -sollte, war sein rastloser Freund schon ausgeritten, um eine Dammarbeit -an der Grenze seines Gutes zu besichtigen. Der Diener, der ihm diese -Nachricht gab, setzte mit wichtiger Miene hinzu, daß sein Herr -wohl kaum vor Mittag zurückkommen dürfte, weil er noch seine neue -Dampfmühle, einige Schläge im Wald, eine neue Gartenanlage, nebst -vielem andern besichtigen müsse. »Und die gnädige Frau?« fragte der -Gast. - -»War schon vor einer Stunde im Garten, um Bohnen abzubrechen, und wird -jetzt bald zum Frühstück hier sein.« - -Fröben ging im Saal umher und musterte in Gedanken den vergangenen -Abend. Wie anders erscheinen alle Bilder in der Morgenbeleuchtung, -als sie uns im Duft des Abends erschienen! Auch mit den verworrenen -Gedanken, die gestern in ihm auf und ab schwebten, ging es ihm so; -er lächelte über sich selbst, über die Zweifel, die ihm seine rege -Phantasie aufgeweckt hatte. »Der Baron,« sprach er zu sich, »ist am -Ende doch ein guter Mensch; freilich viele Eigenheiten, einige Roheit, -die aber mehr im Aeußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt -sich daran, weiß sich darein zu finden. Und Josephe? wie vorschnell man -oft urteilt! Wie oft glaubte ich rührenden Kummer, tiefe Seelenleiden, -Resignation in den Augen, in den Mienen einer Frau zu lesen, ließ -mich vom Teufel blenden, sie recht zart zu trösten und aufrichten -zu wollen, und am Ende lag der ganze Zauber in meiner Einbildung: -es war dann, näher betrachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit -den sinnenden Augen, worin ich Wehmut sah, ängstlich die Augen an -ihrem Strickstrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten Stirne -bedachte, was sie auf den Abend kochen lassen wollte.« Er verfolgte -diese Gedanken, um sich selbst mit Ironie zu strafen, um die zartere -Empfindung, jene Nachklänge von gestern, zu verdrängen, die ihm heute -töricht, überspannt erschienen. In diese Gedanken versunken, war er an -den Spiegel getreten und hatte die Besuchskarten überlesen, die dort -angesteckt waren. Da fiel ihm eine in die Hand, welche Faldners eigene -Verlobung ankündigte. Er las die zierlich gestochenen Worte: »Freiherr -F. von Faldner mit seiner Braut Josephe von Tannensee.« - -»Von Tannensee?« Wie ein Blitz erleuchtete ihm dieser Name jene dunkle -Aehnlichkeit, die er zwischen der Gattin seines Freundes und seinem -lieben Bilde gefunden. »Wie? Wäre sie vielleicht die Tochter jener -Laura, die einst mein guter Don Pedro geliebt? Welche Freude für ihn, -wenn es so wäre, wenn ich ihm von der Verlorenen Nachricht geben -könnte. Fand er nicht in jenem wunderbaren Bilde die täuschendste -Aehnlichkeit mit seiner Cousine? Kann nicht die Tochter der Mutter -gleichen?« - -Er verbarg die Karte schnell, als er die Türe gehen hörte; er sah sich -um und -- Josephe schwebte herein. War es das zierliche Morgenkleid, -das ihre zarte Gestalt umschloß, war ihr die Beleuchtung des Tages -günstiger als das Kerzenlicht? Sie kam ihm in diesem Augenblick noch -unendlich reizender vor als gestern. Ihre Locken flatterten noch -kunstlos um die Stirne, der frische Morgen hatte ein feines Rot auf -ihre Wangen gehaucht, sie lächelte zu ihrem Morgengruß so freundlich, -und doch mußte er sich schon in diesem Augenblick einen Toren schelten, -denn ihre Augen erschienen ihm trübe und verweint. - - -13. - -Sie lud ihn ein, sich zu ihr zum Frühstück zu setzen. Sie erzählte -ihm, daß Faldner schon mit Tagesanbruch weggeritten sei und ihr -seine Entschuldigung aufgetragen habe; sie beschrieb die mancherlei -Geschäfte, die er heute vornehme und die ihn bis zu Mittag zurückhalten -werden. »Er hat ein Leben voll Sorgen und Mühen,« sagte sie, »aber ich -glaube, daß diese Geschäftigkeit ihm zum Bedürfnis geworden ist.« - -»Und ist dies nur in diesen Tagen so?« fragte Fröben; »ist jetzt gerade -besonders viel zu tun auf den Gütern?« - -»Das nicht,« erwiderte sie; »es geht alles seinen gewöhnlichen Gang, er -ist so, seit ich ihn kenne. Er ist rastlos in seinen Arbeiten. Diesen -Frühling und Sommer verging kein Tag, an welchem er nicht auf dem Gute -beschäftigt gewesen wäre.« - -»Da werden Sie sich doch oft recht einsam fühlen,« sagte der junge -Mann, »so ganz allein auf dem Lande und Faldner den ganzen Tag -entfernt.« - -»Einsam?« erwiderte sie mit zitterndem Ton und beugte sich nach einem -Tischchen an der Seite; und Fröben sah im Spiegel, wie ihre Lippen -schmerzlich zuckten. »Einsam? Nein! Besucht ja doch die Erinnerung -die Einsamen und --« setzte sie hinzu, indem sie zu lächeln suchte: -»glauben Sie denn, die Hausfrau habe in einer so großen Wirtschaft -nicht auch recht viel zu tun und zu sorgen? Da ist man nicht einsam -oder -- man darf es nicht sein.« - -Man _darf_ es nicht sein? Du Arme! dachte Fröben, verbietet dir dein -Herz die Träume der Erinnerung, die dich in der Einsamkeit besuchen, -oder verbietet dir der harte Freund, einsam zu sein? Es lag etwas im -Ton, womit sie jene Worte sagte, das ihrem Lächeln zu widersprechen -schien. - -»Und doch,« fuhr er fort, um seinen Empfindungen und ihren Worten eine -andere Richtung zu geben, »und doch scheinen gerade die Frauen von -der Natur ausdrücklich zur Stille und Einsamkeit bestimmt zu sein; -wenigstens war bei jenen Völkern, die im allgemeinen die herrlichsten -Männer aufzuweisen hatten, die Frau am meisten auf ihr Frauengemach -beschränkt, so bei Römern und Griechen, so selbst in unserem -Mittelalter.« - -»Daß _Sie_ diese Beispiele anführen könnten, hätte ich nicht gedacht;« -entgegnete Josephe, indem ihr Auge wie prüfend auf seinen Zügen -verweilte. »Glauben Sie mir, Fröben, jede Frau, auch die geringste, -merkt dem Mann, ehe sie noch über seine Verhältnisse unterrichtet ist, -recht bald an, ob er viel im Kreise der Frauen lebte oder nicht. Und -unbestreitbar liegt in solchen Kreisen etwas, das jenen feinen Takt, -jenes zarte Gefühl verleiht, immer im Gespräch auszuwählen, was gerade -für Frauen taugt, was uns am meisten anspricht; ein Grad der Bildung, -der eigentlich keinem Manne fehlen sollte. Sie werden mir dies um so -weniger bestreiten,« setzte sie hinzu, »als Sie offenbar einen Teil -Ihrer Bildung meinem Geschlecht verdanken.« - -»Es liegt etwas Wahres darin,« bemerkte der junge Mann, »und -namentlich das letztere will ich zugeben, daß Frauen weniger auf meine -Denkungsart, als auf die Art, das Gedachte auszudrücken, Einfluß -hatten. Meine Verhältnisse nötigten mich in der letzten Zeit viel in -der großen Welt, namentlich in Damenzirkeln zu leben. Aber eben in -diesen Zirkeln wird mir erst recht klar, wie wenig eigentlich die -Frauen, oder um mich anders auszudrücken, wie wenige Frauen in dieses -großartige Leben und Treiben passen.« - -»Und warum?« - -»Ich will es sagen, auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir böse -werden. Es ist ein schöner Zug der neueren Zeit, daß man in den -größeren Zirkeln eingesehen hat, daß das Spiel eigentlich nur eine -Schulkrankheit oder ein modischer Deckmantel für Geistesarmut sei. Man -hat daher Whist, Boston, Pharo und dergleichen den älteren Herren und -einigen Damen überlassen, die nun einmal die Konversation nicht machen -können. In Frankreich freilich spielen in Gesellschaft Herren von -zwanzig bis dreißig Jahren; es sind aber nur die armseligen Wichte, die -sich nach einem englischen Dandy gebildet haben oder die selbst fühlen, -daß ihnen der Witz abgeht, den sie im Gespräch notwendig haben müßten. -Seitdem man nun, seien die Zirkel groß oder klein, die sogenannte -Konversation macht, das heißt, sich um den Kamin oder in Deutschland um -das Sofa pflanzt, Tee dazu trinkt und ungemein geistreiche Gespräche -führt, sind die Frauen offenbar aus ihrem rechten Gleise gekommen.« - -»Bitte, Sie sind doch gar zu strenge, wie sollten denn --« - -»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fröben eifrig fort; »eine Dame der -sogenannten guten Gesellschaft empfängt jede Woche Abendbesuche -bei sich; sechsmal in der Woche gibt sie solche heim. In solchen -Gesellschaften tanzt höchstens das junge Volk einigemal, außer es wäre -auf großen Bällen, die schon seltener vorkommen. Der übrige Kreis, -Herren und Damen, unterhält sich. Es gibt nun ungemein gebildete, -wirklich geistreiche Männer, die im Männerkreise stumm und langweilig, -vor Damen ungemein witzig und sprachselig sind, und einen Reichtum -sozialer Bildung, allgemeiner Kenntnisse entfalten, die jeden staunen -machen. Es ist nicht Eitelkeit, was diese Männer glänzend oder beredt -macht, es ist das Gefühl, daß das Interessantere ihres Wissens sich -mehr für Frauen als für Männer eignet, die mehr systematisch sind, die -ihre Forderungen höher spannen.« - -»Gut, ich kann mir solche Männer denken, aber weiter.« - -»Durch solche Männer bekommt das Gespräch Gestaltung, Hintergrund, -Leben; Frauen, besonders geistreiche Frauen, werden sich unter sich bei -weitem nicht so lebendig unterhalten, als dies geschieht, wenn auch nur -_ein_ Mann gleichsam als Zeuge und Schiedsrichter dabei sitzt. Indem -nun durch solche Männer allerlei Witziges, Interessantes auf die Bahn -gebracht wird, werden die Frauen unnatürlich gesteigert. Um doch ein -Wort mitzusprechen, um als geistreich, gebildet zu erscheinen, müssen -sie alles aufbieten, gleichsam alle Hahnen ihres Geistes aufdrehen, um -ihren reichlichen Anteil zu der allgemeinen Gesprächsflut zu geben, in -welcher sich die Gesellschaft badet. Doch, verzeihen Sie, dieser Fond -ist gewöhnlich bald erschöpft; denken Sie sich, einen ganzen Winter -alle Abende geistreich sein zu müssen, welche Qual!« - -»Aber nein, Sie machen es auch zu arg, Sie übertreiben --« - -»Gewiß nicht; ich sage nur, was ich gesehen, selbst erlebt habe. Seit -in neuerer Zeit solche Konversation zur Mode geworden ist, werden -die Mädchen ganz anders erzogen als früher; die armen Geschöpfe! Was -müssen sie jetzt nicht alles lernen vom zehnten bis zum fünfzehnten -Jahr. Geschichte, Geographie, Botanik, Physik, ja sogenannte höhere -Zeichenkunst und Malerei, Aesthetik, Literaturgeschichte, von Gesang, -Musik und Tanzen gar nicht zu erwähnen. Diese Fächer lernt der Mann -gewöhnlich erst nach seinem achtzehnten, zwanzigsten Jahre recht -verstehen; er lernt sie nach und nach, also gründlicher; er lernt -manches durch sich selbst, weiß es also auch besser anzuwenden, und -tritt er im dreiundzwanzigsten oder später noch in diese Kreise, so -trägt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit und Gewandtheit -hat, eine große Sicherheit in sich selbst. Aber das Mädchen? Ich bitte -Sie! Wenn ein solches Unglückskind im fünfzehnten Jahre, vollgepfropft -mit den verschiedenartigsten Kenntnissen und Kunststücken in die große -Welt tritt, wie wunderlich muß ihm da alles zuerst erscheinen! Sie -wird, obgleich ihr oft ihr einsames Zimmer lieber wäre, ohne Gnade -in alle Zirkel mitgeschleppt, muß glänzen, muß plaudern, muß die -Kenntnisse auskramen, und -- wie bald wird sie damit zu Ende sein! -Sie lächeln? Hören Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit mehr, ihre -Schulkenntnisse zu erweitern; es werden bald noch höhere Ansprüche an -sie gemacht. Sie muß so gut wie die Aelteren über Kunstgegenstände, -über Literatur mitsprechen können. Sie sammelt also den Tag über alle -möglichen Kunstausdrücke, liest Journale, um ein Urteil über das -neueste Buch zu bekommen, und jeder Abend ist eigentlich ein Examen, -eine Schulprüfung für sie, wo sie das auf geschickte Art anbringen muß, -was sie gelernt hat. Daß einem Mann von wahrer Bildung, von wahren -Kenntnissen vor solchem Geplauder, vor solcher Halbbildung graut, -können Sie sich denken; er wird diese Unsitte zuerst lächerlich, -nachher gefährlich finden; er wird diese Ueberbildung verfluchen, -welche die Frauen aus ihrem stillen Kreise herausreißt und sie zu -Halbmännern macht, während die Männer Halbweiber werden, indem sie -sich gewöhnen, alles nach Frauenart zu besprechen und zu beklatschen; -er wird für edlere Frauen jene häusliche Stille zurückwünschen, -jene Einsamkeit, wo sie zu Hause sind und auf jeden Fall herrlicher -brillieren als in einem jener geistreichen Zirkel!« - -»Es liegt etwas Wahres in dem, was Sie hier sagten,« erwiderte Frau von -Faldner; »ganz kann ich nicht darüber urteilen, weil ich nie das Glück -oder das Unglück hatte, in jenen Zirkeln zu leben. Aber mir scheint -auch dort, wie überall, das minder Gute nur aus der Uebertreibung -hervorzugehen. Es ist wahr, was Sie sagen, daß uns Frauen ein engerer -Kreis angewiesen ist, jene Häuslichkeit, die einmal unser Beruf ist. -Wir werden ohne wahren Halt sein, wir werden uns in ein unsicheres Feld -begeben, wenn wir diesen Kreis gänzlich verlassen. Aber wollen Sie -uns die Freude einer geistreichen Unterhaltung mit Männern gänzlich -rauben? Es ist wahr, sieben solche Abende in der Woche müssen zum -Unnatürlichen, zur Ueberbildung oder zur Erschöpfung führen; aber -ließe sich denn hier nicht ein Mittelweg denken?« - -»Ich habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt, ich wollte --« - -»Lassen Sie auch mich ausreden,« sagte sie, ihn sanft zurückdrängend: -»Sie sagten selbst, daß Frauen unter sich seltener ein sogenanntes -geistreiches Gespräch lange fortführen. Ich weiß nur allzuwohl, wie -peinlich in einer Frauengesellschaft eine sogenannte geistreiche -Dame ist, welcher alles frivol erscheint, was nicht allgemein, -nicht interessant ist. Wir fühlen uns beengt und wollen am Ende mit -unserem bißchen Wissen lieber vor einem Mann erröten als vor einer -Frau. Gewöhnlich wird, wenn nur Frauen zusammen sind oder Mädchen, -die Wirtschaft, das Hauswesen, die Nachbarschaft, vielleicht auch -Neuigkeiten oder gar Moden abgehandelt; aber sollen wir denn ganz auf -diesen Kreis beschränkt sein? Soll denn, was allgemein interessant und -bildend ist, uns ganz fremd bleiben?« - -»Gott! Sie verkennen mich, wollte ich denn _dies_ sagen?« - -»Es ist wahr,« fuhr sie eifriger fort, »es ist wahr, die Männer -besitzen jene tiefe, geregeltere Bildung, jene geordnete Klarheit, -die jede Halbbildung oder gar den Schein von Wissen ausschließt oder -gering achtet. Aber wie gerne lauschen wir Frauen auf ein Gespräch der -Männer, das an Gegenstände grenzt, die uns nicht so ganz ferne liegen, -zum Beispiel über ein interessantes Buch, das wir gelesen, über Bilder, -die wir gesehen; wir lernen gewiß recht viel, wenn wir dabei zuhören -oder gar mitsprechen dürfen; unser Urteil, das wir im stillen machten, -bildet sich aus und wird richtiger, und jeder gebildeten Frau muß eine -solche Unterhaltung angenehm sein. Auch glaube ich kaum, daß die Männer -uns dies verargen werden, wenn wir nur,« setzte sie lächelnd hinzu, -»nicht selbst glänzen, den bescheidenen Kreis nicht verlassen wollen, -der uns einmal angewiesen ist.« - - -14. - -Wie schön war sie in diesem Augenblick; das Gespräch hatte ihre Wangen -mit höherem Rot übergossen, ihre Augen leuchteten, und das Lächeln, -womit sie schloß, hatte etwas so Zauberisches, Gewinnendes an sich, daß -Fröben nicht wußte, ob er mehr die Schönheit dieser Frau oder ihren -Geist und die einfache schöne Weise, sich auszudrücken, bewundern -sollte. - -»Gewiß,« sagte er, in ihren Anblick verloren, »gewiß, wir müßten -sehr ungerecht sein, wenn wir solche zarte und gerechte Ansprüche -nicht achten wollten; denn _die_ Frau müßte ich für recht unglücklich -halten, die bei einem gebildeten Geist, bei einer Freude an Lektüre -und gebildeter Unterhaltung keine solche Anklänge in ihrer Umgebung -fände; wahrlich, so ganz auf sich beschränkt, müßte sie sich für sehr -unglücklich halten.« - -Josephe errötete, und eine düstere Wolke zog über ihre schöne Stirne; -sie seufzte unwillkürlich, und mit Schrecken nahm Fröben wahr, daß -ja eine solche Frau, wie er sie eben beschrieben, an seiner Seite -sitze. Ja, ohne es zu wollen, hatte sie ihren eigenen Gram verraten. -Denn konnte ihr roher Gatte jenen zarten Forderungen entsprechen? -Er, der in seiner Frau nur seine erste Schaffnerin sah, der jedes -Geistige, was dem Menschen interessant oder wünschenswert dünkt, als -unpraktisch geringschätzte, konnte er diese Ansprüche auf den Genuß -einer gebildeten Unterhaltung befriedigen? War nicht zu befürchten, daß -er ihr solche sogar geflissentlich entzog? - -Noch ehe Fröben so viel Fassung gewonnen hatte, seinem Satz eine -allgemeinere Wendung zu geben und das ganze Gespräch von diesem -Gegenstand abzuleiten, sagte Josephe, ohne ihn seinen Verstoß fühlen -zu lassen: »Wir Frauen auf dem Lande genießen diese Freude freilich -seltener; übrigens sind wir dennoch nicht so allein, als es dem Fremden -vielleicht scheinen möchte; man besucht einander um so öfter; sehen Sie -nur, welche Masse von Besuchen dort am Spiegel hängt.« - -Fröben sah hin, und jene Karte fiel ihm bei. »Ach ja,« sagte er, -indem er sie hervorzog, »da habe ich vorhin einen kleinen Diebstahl -begangen;« er zog sie hervor und zeigte sie. »Können Sie glauben, daß -ich bis gestern nicht einmal wußte, daß mein Freund verheiratet sei? -Und Ihren Namen erfuhr ich erst vorhin durch diese Karte. Sie heißen -Tannensee?« - -»Ja,« antwortete sie lächelnd, »und diesen unberühmten Namen tauschte -ich gegen den schönen von Faldner um.« - -»Unberühmt? Wenn Ihr Vater der Oberst von Tannensee war, so war Ihr -Name wohl nicht unberühmt.« - -Sie errötete. »Ach, mein guter Vater!« rief sie. »Ja, man erzählte mir -wohl von ihm, daß er für einen braven Offizier des Kaisers gegolten -habe und -- sie haben ihn als General begraben. Ich habe ihn nicht -gekannt; nur einmal, als er aus dem Feldzug zurückkam, sah ich ihn und -nachher nicht wieder.« - -»Und war er nicht ein Schweizer?« fragte Fröben weiter. - -Sie sah ihn staunend an. »Wenn ich nicht irre, sagte mir meine Mutter, -daß Verwandte von ihm in der Schweiz leben.« - -»Und Ihre Mutter, heißt sie nicht Laura und stammt aus einem spanischen -Geschlecht?« - -Sie erbleichte, sie zitterte bei diesen Worten. »Ja, sie hieß Laura,« -antwortete sie; »aber mein Gott, was wissen Sie denn von uns, woher? -- -Aus einem spanischen Geschlechte?« fuhr sie gefaßter fort. »Nein, da -irren Sie, meine Mutter sprach Deutsch und war eine Deutsche.« - -»Wie? So ist Ihre Mutter tot?« - -»Seit drei Jahren,« erwiderte sie wehmütig. - -»O, schelten Sie mich nicht, wenn ich weiter frage; hatte sie nicht -schwarze Haare, und, wie Sie, braune Augen? Hatte sie nicht viele -Aehnlichkeit mit Ihnen?« - -»Sie kannten meine Mutter,« rief sie ängstlich und zitterte heftiger. - -»Nein; aber hören Sie einen sonderbaren Zufall,« erwiderte Fröben; »es -müßte mich alles täuschen, wenn ich nicht einen trefflichen Verwandten -Ihrer Mutter kennen gelernt hätte.« Und nun erzählte er ihr von Don -Pedro. Er beschrieb ihr, wie sie sich vor dem Bilde gefunden, er ließ -die Kopie von seinem Zimmer bringen und zeigte sie; er sagte ihr, wie -sie genauer bekannt geworden und wie ihm Don Pedro seine Geschichte -erzählte. Aber die letztere wiederholte er mit großer Schonung; er -datierte sogar aus einem gewissen Zartgefühl jene Vorfälle und Lauras -Flucht um ein ganzes Jahr zurück und schloß endlich damit, daß er, -wenn Josephe ihre Mutter nicht eine Deutsche nennen würde, bestimmt -glaubte, Mutter Laura und jene Donna Laura Tortosi des Spaniers, der -Schweizerhauptmann Tannensee und ihr Vater, der Oberst, seien dieselben -Personen. - -Josephe war nachdenklich geworden; sinnend legte sie die Stirn in die -Hand; sie schien ihm, als er geendet hatte, nicht sogleich antworten zu -können. - -»O, zürnen Sie mir nicht,« sagte Fröben, »wenn ich mich hinreißen ließ, -dem wunderlichen Spiel des Zufalls diese Deutung zu geben.« - -»O, wie könnte ich denn Ihnen zürnen?« sagte sie bewegt, und Tränen -drängten sich aus den schönen Augen. »Es ist ja nur mein schweres -Schicksal, das auch dieses Dunkel wieder herbeiführt. Wie könnte ich -auch wähnen, jemals _ganz_ glücklich zu sein?« - -»Mein Gott, was habe ich gemacht!« rief Fröben, als er sah, wie ihre -Tränen heftiger strömten. »Es ist ja alles nur eine törichte Vermutung -von mir. Ihre Mutter war ja eine Deutsche, Ihre Verwandten und Sie -werden ja dies alles besser wissen --« - - -15. - -»Meine Verwandten?« sagte sie unter Tränen. »Ach, das ist ja gerade -mein Unglück, daß ich keine habe. Wie glücklich sind die, welche -auf viele Geschlechter zurücksehen können, die mit den Banden der -Verwandtschaft an gute Menschen gebunden sind; wie angenehm sind -die Worte Oheim, Tante; sie sind gleichsam ein zweiter Vater, eine -zweite Mutter, und welcher Zauber liegt vollends in dem Namen Bruder! -Wahrlich, wenn ich fähig wäre, einen Menschen zu beneiden, ich hätte -oft dies oder jenes Mädchen beneidet, die einen Bruder hatte, es war -ihr inniger, natürlichster, aufrichtigster Freund und Beschützer.« - -Fröben rückte ängstlich hin und her; er hatte hier, ohne es zu wollen, -eine Saite in Josephens Brust getroffen, die schmerzlich nachklang; es -standen ihm Aufschlüsse bevor, vor welchen ihm unwillkürlich bangte. Er -schwieg, als sie ihre Tränen trocknete und fortfuhr: - -»Das Schicksal hat mich manchmal recht sonderbar geprüft. Ich war das -einzige Kind meiner Eltern, und so entbehrte ich schon jene große -Wohltat, Geschwister zu haben; wir wohnten unter fremden Menschen, -und so hatte ich auch keine Verwandten. Mein Vater schien mit den -Seinigen in der Schweiz nicht im besten Einverständnisse zu leben, -denn meine Mutter erzählte mir oft, daß sie ihm grollen, weil er sie -geheiratet habe und nicht ein reiches Fräulein in der Schweiz, das man -ihm aufdringen wollte. Auch meinen Vater sah ich nur wenig; er war bei -der Armee, und Sie wissen, wie unruhig unter dem Kaiser die Zeiten -waren. So blieb mir nichts als meine gute Mutter; und wahrlich, sie -ersetzte mir alle Verwandten. Als sie starb, freilich, da stand ich -sehr verlassen in der großen Welt; denn da war unter Millionen niemand, -zu dem ich hätte gehen und sagen können: Nun sind sie tot, die mich -ernährten und beschützten, seid ihr jetzt meine Eltern!« - -»Und Ihre Mutter hieß also nicht Tortosi?« fragte Fröben. - -»Ich nannte sie nicht anders als Mutter, und nie hatte sie über ihre -früheren Verhältnisse mit mir gesprochen; ach, als ich größer wurde, -war sie ja immer so krank! Mein Vater nannte sie nur Laura, und in den -wenigen Papieren, die man nach ihrem Tode fand und mir übergab, wird -sie Laura von Tortheim genannt.« - -»Ei nun!« rief Fröben heiter, »das ist ja so klar wie der Tag; Laura -hieß Ihre Mutter, Tortheim ist nichts anders als Tortosi, das die -lieben Flüchtlinge veränderten, Tannensee hieß jener Kapitän in -Valencia, er ist Ihr Vater, der Oberst Tannensee, und noch mehr, -sagen Sie nicht selbst, daß dieses Bild Ihrer Mutter Laura vollkommen -gleiche, und erkannte nicht mein werter Don Pedro in dem Urbild seine -Donna Laura? Jetzt sind Sie nicht mehr einsam, einen trefflichen Vetter -haben Sie wenigstens, Don Pedro di San Montanjo Ligez! Ach! wie wird -sich mein Freund über die berühmte Verwandtschaft freuen!« - -»O Gott, mein Mann!« rief sie schmerzlich und verhüllte das Gesicht in -ihr Tuch. - -Unbegreiflich war es Fröben, wie sie dies alles so ganz anders -ansehen könne als er; er sah ja in diesem allen nichts als die Freude -Don Pedros, eine Tochter seiner Laura zu finden. Er war reich, -unverheiratet, trug noch immer den alten Enthusiasmus für seine schöne -Cousine in sich, also auch eine schöne Erbschaft kombinierte Fröben aus -diesem wunderbaren Verhältnis. Er ergriff Josephens Hand, zog sie herab -von ihren Augen; sie weinte heftig. - -»O, Sie kennen Faldner schlecht,« sagte sie, »wenn Sie meinen, daß ihn -diese Vermutungen freudig überraschen werden! Sie kennen sein Mißtrauen -nicht. Alles soll ja nur seinen ganz gewöhnlichen Gang gehen, alles -recht schicklich und ordentlich sein, und alles Außergewöhnliche haßt -er aus tiefster Seele. Ich mußte es ja,« fuhr sie nicht ohne Bitterkeit -fort, »ich mußte es ja als eine Gnade ansehen, daß mich der reiche, -angesehene Mann heiratete, daß er mit den wenigen Dokumenten zufrieden -war, die ich ihm über meine Familie geben konnte. Muß ich es denn,« -rief sie heftiger weinend, »muß ich es denn nicht noch alle Tage -hören, daß er mit den angesehensten Familien sich hätte verbinden, -daß er dieses oder jenes reiche Fräulein hätte heiraten können? Sagt -er es mir nicht so oft, als er mir zürnt, daß mein Adel neu sei, daß -man von dem Geschlecht meiner Mutter gar nichts wisse, und daß sogar -einige Tannensee in der Schweiz das _von_ abgelegt haben und Kaufleute -geworden seien?« - -Jetzt erst ging dem jungen Mann ein schreckliches Licht auf. »Also in -ein Haus des Unglücks, in eine unglückselige Ehe bin ich gekommen,« -sprach er zu sich. »Ach, nicht aus Liebe hat sie ihn geheiratet, -sondern aus Not, weil sie allein stand; und Faldner, so kenne ich ihn, -hat sie genommen, weil sie schön war, weil er mit ihr glänzen konnte. -Das unglückliche Weib! Und der Barbar macht ihr Vorwürfe über ihr -Unglück, läßt sie sogar fühlen, was sie ihm verdanke?« Ein gemischtes -Gefühl von Unmut über seinen Freund, von Mitleid und Achtung gegen die -schöne, unglückliche Frau zog ihn zu ihr hin; er bemühte sich, ihr -Mut und Vertrauen einzuflößen. »Sehen Sie dies alles als nicht gesagt -an,« flüsterte er; »ich sehe, es macht Ihnen Kummer; was nützt es denn -Faldner? Verschweigen wir ihm die törichten Mutmaßungen, die ich hatte, -die ja ohnedies zu nichts führen können.« -- - -Josephe sah ihn bei diesen Worten groß an; ihre Tränen verlöschten in -den weitgeöffneten Augen, und Fröben glaubte eine Art von Stolz in -ihren Mienen zu lesen. »Mein Herr,« sagte sie, und ihre Gestalt schien -sich höher aufzurichten, »ich kann unmöglich glauben, daß, was Sie -sagten, Ihr Ernst sein kann; auf jeden Fall werden Sie wissen, daß die -Gattin des Baron von Faldner kein Geheimnis mit Ihnen teilt, das nicht -ihr Gatte wissen dürfte.« - -Unter diesen Worten hatte sie das Teegeschirr unsanft von sich gerückt, -war aufgestanden und -- nach einer kurzen Verbeugung verließ sie -den erstaunten Gast. Fröben wollte ihr nach, wollte abbitten, was -er getan, wollte alles auf einmal gut machen, aber sie war schon in -der Türe verschwunden, ehe er nur Fassung genug hatte, sich vom Sofa -aufzuraffen. Unmutig ging er hinab in den Garten; er wußte nicht, -sollte er sich selbst grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die -ihm in diesem Augenblick übergroß erschien. Doch wie es in solchen -Fällen zu geschehen pflegt, sein aufgeregtes Blut wallte nach und nach -ruhiger und sein Geist gewann Raum, über sich selbst nachzusinnen. Und -hier fand er nun manches, was Josephen zur Entschuldigung diente. »Sie -liebt ihn nicht,« sagte er zu sich, »er behandelt sie vielleicht roh, -zeigt sich mehr als Herr denn als Gatte. Sie wurde weich, als ich mit -ihr über höhere Genüsse des Lebens sprach, ich sah, wie sie erschrak, -als sie sich gegen mich verraten hatte, als sie aussprach, welcher -Mangel selbst mitten im äußeren Glück sie drücke. Und mußte sie sich -nicht ängstlich berührt fühlen, daß sie diesen Mangel einem Freunde -ihres Gatten verriet? Und weiter, als ich ihr alles, alles sagte, als -ich mit einer gewissen Bestimmtheit von ihrer Abstammung sprach, als -ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die sonst niemand bei -ihr antastete, mußte sie nicht dadurch schon außer sich selbst geraten? -Und als sie vollends den Argwohn, die Zweifelsucht des Barons bedachte, -wurde sie nicht immer ängstlicher, immer verlegener, und ich,« fuhr er -fort, indem er sich vor die Stirne schlug, »ich konnte ihr zumuten, -ein Geheimnis mit mir zu teilen, das sie ihrem nächsten Freund, ihrem -Gatten, nicht verraten dürfte? Mußte sie nicht fürchten, wenn sie es -verheimlichte, ganz in meiner Hand zu sein? Mußte ihr nicht das ganze -Anerbieten sonderbar, unzart vorkommen?« Wie hoch, wie edel erschien -ihm jetzt erst der Charakter dieser Frau, wo nahm sie bei dieser -Jugend, denn sie konnte höchstens neunzehn zählen, solche Stärke, -solche Umsicht, solche ungewöhnliche Bildung, solche feine geselligen -Formen her? Er fühlte, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß -den Frauen etwas von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz, -daß ihnen ein Geheimnis innewohne, dem der Mann, selbst der stolze, -gewichtige, nicht gewachsen sei. - - -16. - -Der Baron von Faldner war zum Mittagessen zurückgekommen und Josephe -hatte ihn mit der gewohnten Anmut, vielleicht ein wenig ernster als -gewöhnlich, empfangen. Aber hastig riß er sich aus ihrer Umarmung. »Ist -es nicht, um toll zu werden, Fröben?« rief er, ohne seine Frau weiter -zu beachten. »Mit horrenden Kosten lasse ich mir eine Dampfmaschine -aus England kommen, lasse sie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde -gehe, ausschwärzen -- du kennst ja die Gesetze hierüber --, und jetzt, -da ich meine, im Trockenen zu sein, da ich schon achtzig, ja hundert -Prozent berechnete, jetzt geht sie nicht!« - -»Franz!« rief Josephe erbleichend. - -»Sie geht nicht?« rief ihr Fröben nach. - -»Sie geht nicht!« wiederholte der unglückliche Landwirt. »Die Fugen -greifen nicht ein, das Räderwerk steht, es muß irgend etwas verloren -gegangen sein. Ich ließ, wie du weißt, Josephe, ich ließ es mich ja -alles kosten, mit teurem Gelde ließ ich einen Mechanikus aus Mainz -kommen; ich legte ihm die Zeichnung vor. ›Nichts leichter als dies,‹ -sagte der Hund, und jetzt, da ich ihm A zu A, B zu B gebe, denn -es ist alles numeriert und beschrieben, jetzt kann es kein Teufel -zusammensetzen; o, es ist um rasend zu werden!« - -Man setzte sich verstimmt zu Tische. Der Baron verbiß seinen inneren -Grimm über die fehlgeschlagene Hoffnung und den wahrscheinlichen -Verlust des Kapitals, er trank viel Wein und exaltierte sich zu -schlechten Scherzen. Josephe war noch bleicher als gewöhnlich; sie -besorgte still ihr Amt als Hausfrau, und nur Fröben wußte einigermaßen -ihre Gefühle zu deuten, denn sie vermied es, ihn anzusehen. Ihm quoll -der Bissen im Munde; er sah den Unmut einer getäuschten Hoffnung in -den Mienen seines Freundes, er sah den Mut, die Entschlossenheit und -doch wieder die unverkennbare Angst auf den Mienen der schönen Frau, -es war ihm zuweilen, als sei mit ihm erst das Unglück über dieses Haus -hereingebrochen. Das Gespräch schlich während der Tafel nur mühsam und -stockend hin, doch als das Dessert aufgetragen war und die Diener auf -Josephens Wink sich entfernt hatten, holte sie einigemal mühsam Atem, -ihre Wangen färbten sich röter, und sie sprach: - -»Du hast heute früh eine recht sonderbare Unterhaltung zwischen mir -und deinem Freunde versäumt. Schon oft, wie du weißt, klagten wir über -Mangel an Verwandtschaft von meiner Seite, jetzt scheint mir auf einmal -ein neues Licht aufzugehen, denn er bringt uns ja viele und angesehene -Verwandte ins Haus.« - -Verwundert und fragend sah Faldner seinen Freund an; dieser war im -ersten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt es, mit Umsicht zu -handeln. Wunderbar fühlte er in diesem Augenblicke das Uebergewicht -eines Mannes von Welt über die niedere, beinahe rohe Denkungsart eines -Baron Faldner, und mit mehr Gelassenheit, mit weiser Benützung der -Umstände erzählte er die sonderbare Geschichte des Bildes und seiner -Bekanntschaft mit Don Pedro. - -Gegen alle Erwartung wurde der Baron zusehends heiterer während der -Erzählung. »Ei -- sonderbar,« waren die einzigen Worte, die ihm hie -und da entschlüpften, und als Fröben geendet hatte, rief er: »Was -ist klarer als dies? Donna Laura Tortosi und Laura von Tortheim, der -Schweizer Kapitän Tannensee und dein Vater sind dieselben. Und reich -sagst du, lieber Fröben, reich ist der Haushofmeister? Begütert, -unverheiratet und hegt noch die alte Vorliebe für seine Dulcinea von -Valencia? Ei der Tausend! Josephchen, da könnte es ja noch eine reiche -Erbschaft von Piastern geben!« - -Josephe hatte wohl diese Aeußerung nicht erwartet; der Gast sah ihr an, -daß sie dieses gemeine Wort lieber ohne Zeugen gehört hätte; aber eine -drückende Last schien sich dennoch ihrem Busen zu entladen, sie drückte -die Hand ihres Gatten, vielleicht nur, weil er ihr diesmal weniger -Bitteres gesagt hatte als sonst, und ziemlich aufgeheitert sagte sie: -»Mir selbst scheint in dem sonderbaren Zusammentreffen unseres Freundes -mit dem Spanier eine eigene Fügung des Schicksals zu liegen; ja ich -glaube sogar, daß es spanische Lieder waren, die hie und da meine -Mutter, wenn sie einsam war, zur Laute sang. Ja vielleicht kommt es -eben daher, daß ich nicht in eurem Glauben erzogen wurde, obgleich mein -Vater, wie ich bestimmt weiß, reformierten Glaubens war. Nun, das beste -ist, unser Freund schreibt an Don Pedro.« - -»Ja, tu mir den Gefallen,« sagte Faldner; »schreibe an den alten Don, -seine Laura habest du nicht gefunden, aber offenbar ihre Tochter; es -könnte doch zu etwas führen, du verstehst mich schon; wem will er auch -seinen Mammon vermachen als dir, du Goldkind? Ich habe es ja immer -gesagt, und auch zur Gräfin Landskron sagt' ich es, als ich um dich -anhielt, wenn sie auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr -kommt Segen in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch, -sagtest du, daß du den Spanier schätzest?« - - -17. - -Der Baron hatte frische Flaschen befohlen, und Josephe stand bei den -letzten Worten auf und entfernte sich. Unbegreiflich war Fröben, wie -unzart sein Freund mit dem holden, edlen Wesen verfuhr, er fühlte, -wie sie sich vor ihm der Gemeinheit ihres Gatten schäme, er fühlte es -und antwortete daher ziemlich unmutig: »Was weiß ich; meinst du denn, -ich frage die Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer. Wieviel -wiegst du?« - -»Ach, ich kenne ja deine sonderbaren Grillen über diesen Punkt,« -lachte der Baron, »dir ist ein armseliger Geselle, wenn er nur das -sogenannte Sentiment und ~Savoir vivre~ besitzt, so gut als einer, der -zweimalhunderttausend Pfund Renten hat; aber ernstlich, mit dem Don -müssen wir ins reine kommen, und ich rechne ganz auf dich.« - -»Ja doch; du kannst gänzlich auf mich rechnen. Aber wie war es denn mit -der Gräfin Landskron? Du sagtest mir ja noch nicht einmal, wie du deine -Frau kennen lerntest.« - -»Nun, das ist eigentlich eine kurze Geschichte,« erwiderte Faldner, -indem er sich und dem Freunde von neuem Wein in das Glas goß. »Du -kennst meinen praktischen Sinn, meinen richtigen Takt in dergleichen -Dingen. Es stand mir die Wahl frei unter den Töchtern des Landes; -reiche, bemittelte, schöne, hübsche, alles stand mir zu Gebot. Aber -ich dachte: Nicht alles ist Gold, was glänzt, und suchte mir eine -tüchtige Hausfrau. So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der -Gräfin Landskron. Josephe war damals noch als Fräulein von Tannensee -ihre Gesellschaftsdame. Das emsige, geschäftige Kind gefiel mir; Tee -eingießen, Aepfel schälen, Bohnen brechen, Blumen begießen, kurz -alles wußte sie so zierlich und nett zu machen, daß ich dachte, diese -oder keine wird eine gute Hausfrau werden. Ich sprach mit der Gräfin -darüber. Zwar schreckten mich anfangs die kurzgefaßten Nachrichten -wieder ab, die mir die Landskron über Josephens Verhältnisse geben -konnte. Sie sagte mir, daß sie Josephens Mutter gekannt und nach ihrem -Tode das Mädchen zu sich genommen habe; Vermögen hatte sie nicht, aber -die Gräfin gab eine anständige Ausstattung. Das Kopulationszeugnis -ihrer Eltern, ihr Taufschein war richtig -- nun, man ist ja in der -Liebe gewöhnlich ein Narr, und so nahm ich sie zu mir.« - -»Und bist gewiß unendlich glücklich mit diesem holden Wesen?« - -»Nun, nun, das geht so; praktisch ist sie nun einmal gar nicht, und ich -muß ihr die dummen Bücher ordentlich konfiszieren, nur daß ich sie an -Haus und Garten gewöhne; denn wie will man am Ende hier auf dem Lande -auskommen, wenn die Hausfrau sich vornehm in das Sofa setzt, Romane und -Almanachs liest, empfindelt, wozu sie ohnedies großen Hang hat, und -weder Küche noch Garten besorgt?« - -»Aber mein Gott, dazu könntest du ja Mägde halten?« bemerkte Fröben, -den der Wein und das Gespräch noch wärmer und unmutiger gemacht hatten. - -»Mägde?« fragte Faldner lachend und sah ihn groß an. »Mägde! Da sieht -man wieder den Theoretiker! Freund, davon verstehst du nichts! Würden -mir nicht die Mägde hinterrücks den halben Garten, die schönen Gemüse, -Obst und Salat verkaufen? Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und -Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut ist! Nein, die -Frau muß da schalten und walten, und leider! bin ich da mit Josephen -schlecht gefahren; doch komm, stoß an; der Don soll alles gut machen!« - -Fröben, so sehr sein Herz, sein zarterer Sinn durch alles, was er hier -sah und hörte, verletzt wurde, wagte nichts entgegenzureden. Er folgte -dem Hausherrn, als dieser jetzt aufstand, hielt seine Umarmung geduldig -aus und nahm sogar, mehr um Josephen so bald nach diesem Vorfall nicht -zu sehen, als aus Freude an des Barons Gesellschaft, seine Einladung -an, ihn nach der neuen Dampfmühle zu begleiten. Die Pferde wurden -vorgeführt, die Männer schwangen sich auf, und schon wollte Fröben -um die Ecke biegen, als er noch einen Blick zurückwarf und Josephens -Gestalt im Fenster erblickte; sie zog ihr Tuch von dem Auge, sie -blickte ihnen wehmütig nach, sie grüßte mit der zierlichen Hand. »Deine -Frau winkt uns noch, um Abschied zu nehmen,« rief er Faldner zu; aber -dieser lachte ihn aus. »Was meinst du denn?« sagte er im Weiterreiten. -»Glaubst du, ich habe sie so zart und weich gewöhnt, daß wir auf einen -Nachmittag mit Küssen und Drücken, mit Grüßen und Schnupftuchwedeln -Abschied nehmen? Gott bewahre mich, dadurch verwöhnt man die Weiber, -und, wenn es dir einmal begegnen sollte, daß du auch heiratest, so -mache es um Gottes willen wie ich. Kein Wort von einer Reise oder einem -Spazierritt vorher. Das Pferd wird vorgeführt -- ›Wohin, mein Lieber?‹ -fragt sie dann das erste oder zweite Mal. Keine Antwort, sondern die -Handschuhe angezogen. ›Aber wirst du mich denn so allein lassen?‹ -fragt sie weiter und streichelt dir die Wangen; du nimmst getrost die -Reitpeitsche und sagst: ›Ja, ich will heute abend noch auf das Vorwerk, -es ist dies und das zu tun. Adieu! und wenn ich bis neun Uhr nicht zu -Hause bin, brauchst du mit der Suppe nicht zu warten.‹ Sie erschrickt, -du achtest es nicht; sie will nach, du winkst ihr mit der Reitgerte -zurück; sie stürzt ans Fenster, hängt sich und das Tränentüchlein -heraus und ruft adieu! und wedelt hin und her mit dem weißen Fahnen. -Laß wehen und achte nicht darauf. Drück dem Gaul die Sporen in den Leib -und davon; ich kann dir schwören, das setzt die Weiber in Respekt. Das -dritte Mal fragte die meine nicht mehr, und gottlob! das Gewinsel hat -ein Ende!« - -Der Baron hatte während dieser trefflichen Rede in größter Gemütsruhe -eine Pfeife gestopft, Feuer angeschlagen und dampfte jetzt, indem er -seine Felder und Wälder überschaute, ohne eine Antwort seines Gastes -zu erwarten; aber dieser preßte die Lippen zusammen, und noch stärker -preßte die Rede des rohen Mannes sein volles Herz. »O, du Hund von -einem Menschen,« sprach er bei sich, »schlechter noch als ein Hund, -denn der Herr hat dir ja Vernunft gegeben. Wie man ein Pferd zureitet -oder einen Baum in bessere Erde setzt, hast du gelernt, aber eine -schöne Seele zu behandeln, ein liebendes Herz zu verstehen, liegt außer -deinen Grenzen. Wie sie ihm nachsah, so voll Wehmut, denn er hatte ja -nicht von ihr Abschied genommen, so voll Engelsgeduld, sie hatte ihm ja -seine rohen Worte schon wieder vergeben; mit einem Blick so voll von -Liebe! Von Liebe? _Kann_ sie ihn denn lieben? Wird nicht ihr zarter -Sinn tausendmal von ihm beleidigt? Sieht sie denn nicht, wie er seinem -Jagdhund mehr Zärtlichkeit beweist als ihr? Oder wie?« fuhr er in -seinem Hinträumen fort, »sollte sie, weil sie einmal sein Weib geworden -ist, Zärtlichkeit für den fühlen, den sie an Geist so weit überragt -und den sie dennoch -- fürchtet? Oder sollte es immer und ewig das -Los dieser armen Wesen sein, daß unter Hunderten nur _eine_ wahrhaft -lieben darf, daß die andern, von der Natur zu einem herrlichen Gefäß -zärtlicher, hoher Liebe ausgerüstet, erwachsen, blühen, verwelken, ohne -wahre Liebe zu kennen? Doch, dieser Gedanke wäre mir noch erträglicher -als der, daß sie ihn wirklich lieben könnte! Nein, es kann, es darf -nicht sein!« Unwillkürlich hatte er bei dem letzten Gedanken durch eine -rasche Bewegung seinem Pferde die Sporen gegeben, es raffte sich auf -und flog dahin. »Ho, ho, Junge! du willst mit mir in die Wette reiten?« -rief ihm der Baron nach und steckte die Pfeife bei. »Zweihundert -Schritte gebe ich dir vor und hole dich dennoch ein.« Kunstgerecht -berechnete er dann den Zwischenraum, und als er dachte, Fröben habe -die vorgegebenen Schritte zurückgelegt, ließ er sein Pferd weit -ausstreichen und gelangte zu seinem nicht geringen Triumph in demselben -Moment mit dem Freunde vor der Dampfmühle an. - - -18. - -Der Mechanikus, ein bescheidener Mann, der aber allgemein den Ruf -großer Geschicklichkeit genoß, empfing sie an der Türe. »Noch immer -nicht weiter?« fragte Faldner, indem sein Gesicht sich verfinsterte. -»Wahrhaftig, entweder ist mein Korrespondent in London ein Schurke -und verdient gehangen zu werden, oder Ihr, Meister Fröhlich, versteht -zwar Taschenuhren zusammen zu drechseln, aber keine Dampfmühle -aufzuschlagen, wie Ihr mir vorgespiegelt.« - -Der Mann schien tief gekränkt durch die Worte des Barons; eine hohe -Röte überflog sein Gesicht und ein bitteres Wort schwebte auf seinen -Lippen, aber er unterdrückte es und fuhr mit der Hand über sein -schlichtes Haar, als wollte er seinen inneren Unmut wie seine Haare -glätten. »Halten zu Gnaden, Herr Baron,« antwortete er; »wenn man -mir Aufriß und Berechnung einer Maschine vorlegt und dazu Räderwerk -und Schrauben so genau verzeichnet sind, so will ich eine Maschine -zusammensetzen, wenn ich sie auch nie zuvor gesehen. Aber dann muß ich -freies Spiel haben und dann steh' ich auch davor, daß alles recht wird, -aber so --« - -»Nun, daß ich selbst ein wenig mitgeholfen, meint Ihr? Darauf soll also -alles geschoben werden? Ihr sagt selbst, daß Ihr in Eurem Leben noch -keine solche Maschine gesehen, und ich habe eine gesehen, zwei, drei, -in Frankreich und England, und weiß recht gut, daß die größeren Räder -in der Mitte des Zylinders eingreifen und die kleineren oben angebracht -sind --« - -»Aber mein Gott, erlauben Eure Gnaden,« entgegnete der Künstler -ungeduldig, »diese _Ihre_ Dampfmühle ist nun einmal nach anderer -Struktur, das kann man ja schon an der Zeichnung sehen --« - -»Zeichnung hin, Zeichnung her, Dampfmaschinen sind Dampfmaschinen, -und eine sieht aus wie die andere. Betrogen bin ich; von allen Seiten -angeführt, das Geld zum Fenster hinausgeworfen!« - -Fröben hatte indessen die Zeichnungen zur Hand genommen und sie -durchgesehen. Er fand, daß die Struktur dieser Mühle sehr einfach und -schön, und wenn die bezeichneten Räder und Schrauben paßten, sehr -leicht aufzuschlagen sei. Er hatte in früheren Zeiten Mathematik und -Physik gründlich studiert, er hatte zugleich mit dem Freunde die -berühmtesten Maschinenwerke gesehen und kennen gelernt, kam aber, weil -er sich selten darüber äußerte, bei dem Herrn von Faldner, der sich -mit seinen Kenntnissen ungemein viel wußte, in den Verdacht, wenig -oder nichts vom Maschinenwesen zu verstehen. Er wandte sich nun, als -Faldners Unmut noch größer zu werden drohte, an den Mechanikus, fragte -nach diesen und jenen Stücken, die auf der Zeichnung angegeben waren, -und als jener sie vorwies, als man sah, wie richtig sie ineinander -passen, sagte er zu Faldner: »Ich wollte wetten, du bist durchaus nicht -betrogen, denn so gut hier F und H in P passen -- du siehst, es sind -die Hauptzüge, wodurch die Stampfmühle mit der Oelpresse in Verbindung -gesetzt wird --, so gut muß sich auch das übrige fügen.« - -»Ach, Sie hat unser Herrgott hergesandt;« rief der Mechanikus freudig, -»wie Sie doch dies gleich so wegbekamen! Ja, das F ist der Hauptzug, H -hier greift in das Stangenwerk ein, hier wird das Rad KL befestigt.« - -»Die Maschine ist sehr einfach,« fuhr Fröben fort, »und der ganze -Irrtum meines Freundes kommt daher, daß er die Struktur größerer Werke -vor Augen hat, die freilich anders aussehen. Du wirst dich übrigens -erinnern, daß wir in Devonshire bei Sir Henry Smith eine Oelmühle -sahen, die beinahe ganz nach diesem Plan gebaut war.« - -Der Baron verbarg sein Staunen hinter einem ironischen Lächeln, -womit er bald den Freund, bald den Mechanikus ansah. »Machet, was -ihr wollt,« sagte er gleichgültig, »ich gebe die ganze Geschichte -verloren; vernünftiger wäre es gewesen, ich hätte einen englischen -Mechaniker mitkommen lassen. Versuche immer dein Heil an dem heillosen -Schraubenwerk; ich denke, wenn ich dich in einigen Stunden abhole, -wirst du dieses Maschinen-Abc schon satt haben; denn darin, ich weiß es -ja, bist du doch nur ein Abcschütze.« Pfeifend verließ er das Gebäude, -setzte sich auf und ritt in den Wald. - -Fröben aber ließ sogleich wieder auseinanderlegen, was nach des Barons -eigenmächtigem Plan bisher zusammengefügt war. Die Nummern wurden -geordnet, und er wurde unter diesem Geschäft nach und nach heiterer, -denn es zerstreute die düsteren Bilder in seiner Seele, und nicht -ohne Lächeln bemerkte er, wie ihn der Mechanikus mit leuchtenden -Blicken betrachtete, wie ihn seine Gesellen und Jungen gleich einem -Altmeister ihrer Kunst ehrfurchtsvoll ansahen. Freude und Leben war -in die Werkstätte gekommen, wo man diesen Morgen nur die Befehle, die -Flüche des Barons, die Bitten und Gegenreden des Meisters gehört hatte; -bald war alles in Ordnung gebracht, und als der Baron abends aus dem -Wald zurückkam, seinen Gast abzuholen, erstaunte er und schien sich -im ersten Augenblick nicht einmal über das sichtbare Fortschreiten -des Werkes zu freuen. Er hatte erwartet, alles in Bestürzung und -Konfusion zu treffen, aber der Mechanikus überreichte ihm lächelnd die -Zeichnung, führte ihn an den Zylinder und zeigte ihm, indem er bald -auf das Papier, bald auf das Werk hindeutete, mit stolzer Freude, was -sie bis jetzt schon geleistet haben. »Wenn es so fortgeht,« setzte der -Mechanikus hinzu, »und wenn der fremde Herr dort uns auch morgen so -trefflich an die Hand geht, so garantiere ich, daß wir noch vor Sonntag -fertig werden.« - -»Tolles Zeug!« war alles, was der Baron antwortete, indem er die -Zeichnung zurückgab, und Fröben war ungewiß, ob es Flüche oder -Danksagungen seien, was sein Freund hin und wieder murmelte, als sie -zusammen nach dem Schloß zurückritten. - -Der glückliche Fortgang des Maschinenbaues, vielleicht auch die -schimmernde Aussicht auf Don Pedros spanische Quadrupeln, hatte den -Baron in den nächsten Tagen fröhlicher gestimmt. Fröben hatte an -den Spanier nach W. geschrieben, und sein Gastfreund nahm ihm das -Versprechen ab, so lange bei ihm zu verweilen, bis aus W. eine Antwort -angelangt sei. Auch gegen Josephe betrug er sich etwas menschlicher, -und er hatte ihr, wahrscheinlich mehr aus Rücksicht auf den Freund als -auf sie, sogar erlaubt, daß sie ihre Haushaltungsgeschäfte abkürzen -und vormittags oder abends, wenn ihn selbst Geschäfte abhielten, sich -von Fröben vorlesen lassen oder Spaziergänge mit ihm machen dürfe. Und -sie lebte in diesen wenigen Tagen zusehends auf. Ihre Haltung wurde -kräftiger, ihre Wangen rötete ein Schimmer von stillem Vergnügen, -und in manchen Augenblicken, wenn ein holdes Lächeln um ihre Lippen -zog, wenn jene feinen Grübchen in den Wangen erschienen, gestand sich -Fröben, daß er selten eine schönere Frau gesehen habe, ja ihr Anblick -verwirrte ihn oft so ganz, daß er ein geliebtes Bild seiner Träume -verwirklicht glaubte, daß halbversunkene Erinnerungen wieder in ihm -auftauchten, daß ihm sogar ihre Stimme, wenn sie bewegt, gerührt -war, so bekannt deuchte, als hätte er sie nicht hier zum erstenmal -gehört. Seltener zog er in jenen Tagen das Bild hervor, das er sonst -stundenlang betrachtet hatte, und wenn es ihm zufällig in die Hände -fiel, wenn er es aufrollte, wenn er in das Auge der unbekannten -Geliebten sah, so fühlte er sich beschämt, er glaubte, ihrem leblosen -Bilde diese Vernachlässigung abbitten zu müssen. »Doch,« sprach er -dann zu sich, als müßte er sich entschuldigen, »ist es denn unrecht, -der armen Freundin einige Tage ihres freudelosen Lebens angenehmer zu -machen? Und wie wenig gehört dazu, dieses holde Wesen zu erfreuen, sie -glücklicher zu stimmen! Ein schönes Buch mit ihr zu lesen, mit ihr -zu sprechen, sie auf einem Spaziergang an ihre Lieblingsplätzchen zu -begleiten -- dies ist ja alles, was sie braucht, um heiter und froh zu -sein. Welchen Himmel könnte Faldner in seinem Hause haben, wenn er nur -zuweilen die eine oder andere dieser kleinen Freuden mit ihr teilte!« - -Der junge Mann fühlte sich übrigens, ohne daß er es sich selbst recht -gestand, angenehm berührt, geschmeichelt von Josephens Anhänglichkeit -an ihn. Schien ihr nicht jeder Morgen, jeder Abend ein neues Fest zu -sein? Wenn er herabkam zum Frühstück, hatte sie schon alles zierlich -und nett bereitet; bald wählte sie den Saal, der eine herrliche -Aussicht auf den fernen Rhein öffnete, bald die Terrasse, von wo -sie das ländliche Gemälde der Arbeiter in den Feldern und an den -Weinbergen vor sich hatten, so nah, um alles, wie ein treues Tableau, -zu betrachten, und doch ferne genug, um im stillen Genuß des Morgens -nicht gestört zu sein, bald hatte sie eine Laube im Garten ausgesucht, -wo die Welt ringsum von dichten Platanen abgeschlossen und nur der -frischen Morgenluft oder dem Frührot der Zutritt gestattet war. So -erschien sie immer neu und überraschend, und wenn der Freund herzutrat, -wie freudig stand sie auf, wie hold bot sie ihm die Hand zum Gruß, wie -lebhaft wußte sie, wenn er noch ganz in ihren Anblick versunken ohne -Worte war, das Gespräch anzuknüpfen, dies und jenes zu erzählen, durch -Laune und feine Beobachtung allem, was sie sagte, ein eigenes Gewand, -einen eigentümlichen Reiz zu geben! Und wenn sie dann nachher schnell -und emsig das Geräte des Frühstücks auf die Seite räumte, wenn er sein -Buch hervorzog, wenn sie mit der Arbeit, die sie selten beiseite legte, -ihm sich gegenübersetzte und erwartungsvoll an seinen Lippen hing, da -war es ihm oft, als müsse er alles, die ganze Welt vergessen, und einen -kleinen, kurzen, seligen Augenblick träumte er, er sei ein glücklicher -Gatte und sitze hier an der Seite eines geliebten Weibes. - - -19. - -Es gereichte Josephen in den Augen ihres Freundes zu keinem geringen -Ruhm, daß sie gerade jenen Dichter zu ihrem Liebling erwählt hatte, der -auch ihn vor allen anzog. Zwar mußte er ihr oft bei Vorlesungen aus -Jean Pauls herrlichen Dichtungen zu Hilfe kommen, um dieses oder jenes -dunklere Gleichnis zu erklären; aber sie faßte schnell, ihr natürlicher -Takt und ihr zarter Sinn, der so ganz in dem Dichter lebte, ließ sie -manches erraten, ehe ihr noch der Freund Gewißheit gegeben hatte. - -»Es liegt doch,« sagte sie eines Tages, »eine Welt voll Gedanken in -diesem Hesperus! Jede menschliche Empfindung bei Freude und Schmerz, -bei Liebe und Gram liegt zergliedert vor uns da; er weiß uns, indem -wir den süßen Duft einer Blume einsaugen, ihre innersten Teile, ihre -zarten Blätter, ihre feinsten Staubfäden zu beschreiben, ohne daß er -sie zerstört, entblättert. Denn das, glaube ich, ist ja das große, -tiefe Geheimnis dieses Meisters, daß er jede tiefere Empfindung nicht -beschreibt, sondern andeutet, und doch wieder nicht flüchtig andeutet, -sondern wie durch das feine Mikroskop eines Gleichnisses uns einen -tiefen Blick in die Menschenseele tun läßt, wo Gedanke an Gedanke -aufsteigt und das Auge überrascht, aber entzückt über die wundervolle -Schöpfung, in eine Träne übergeht.« - -»Sie haben,« erwiderte der Gastfreund, »wie es mir scheint, in diesen -Worten sein Geheimnis wirklich ausgesprochen. Mir ist sonst, ich -gestehe es offen, nichts so in der innersten Seele zuwider, als das -sichtbare Abmühen eines Autors, dem Leser recht klar und deutlich zu -machen, was sein Held oder die Heldin oder eine dritte, vierte Person -da oder dort empfunden oder gedacht. Aber unser Dichter! Wie herrlich, -wie reich ist auch hierin seine Erfindung; wir leben, wir denken, wir -weinen unwillkürlich mit Viktor, und Klothildens bleichere Wangen, -ihre klaglose Trauer trifft uns tiefer, als jede Beschreibung es sagen -kann, und im warmen, weichen Glück der Liebenden möchten wir ein -Strahl der Abendsonne sein, der in der Laube um ihre Umarmung spielt, -jene Nachtigall, die ihnen die fromme Feier ihrer Seligkeit mit ihrer -glockenhellen Stimme einläutete.« - -»Es ist sonderbar,« bemerkte Josephe, »der Faden dieses Romans, was -man sein Gerippe nennt, würde uns bei andern nicht im mindesten -interessant, vielleicht sogar gesucht, langweilig dünken. Sechs -verlorene, vertauschte, wiedergefundene Söhne, statt daß z. B. -Walter Scott gewöhnlich nur _einen_ hat und sogar der Verfasser des -_Walladmor_ in seiner Parodie mit zweien sich begnügt; eine junge -Dame, die zu ihrer Qual von ihrem Bruder geliebt wird, selbst aber -seinen Freund liebt; ein kleiner, simpler Hof in Duodez, ein Pfarrhaus -voll Ratten und Kinder, und ein Edelsitz, wo Unedle wohnen; denken -Sie sich diese gewöhnlichen Dinge in einer Reihenfolge, so haben Sie -einen unserer gewöhnlichen Romane von verlorenen Söhnen etc. und nicht -einmal einen rechten Jammer, um mich so auszudrücken, als etwa La -Beaus Ermordung durch den Hofjunker oder das tragische Ende des Lords -im fünften Akt. Aber welch ein Leben, welch eine Welt wird aus dieser -Geschichte, wenn ihr jener Dichter seinen Blumenmantel umhängt! Welche -geistreiche Luft, höher und reiner als jede irdische, kommt uns aus -der verehrenden Liebe Viktors und Klothildens zu ihrem Lehrer Emanuel, -welche Wehmut aus den Täuschungen eines kalten Lebens, wenn Viktor und -jenes liebenswürdige Wesen sich verkennen, nicht finden; welche Wonne -endlich, wenn ihre Seelen unter dem nächtlichen, gestirnten Himmel im -Schmerz der Trennung sich aufschließen und überströmen in Liebe!« - -»Ja,« rief der junge Mann, »unser Dichter ist ein großer Musiker! Er -hat ein ausgespieltes, altes, längst gehörtes Thema vor sich; aber -indem er den Gang des alten Liedchens beibehält, führt er die Gedanken -auf eine Weise aus, die uns so überraschend, so neu erscheint, daß -wir das Thema vergessen und nur auf die Wendungen horchen, in die er -übergeht, in welchen er die Himmelsleiter der Töne wie ein Engel auf -und ab geht und uns einen geöffneten seligen Himmel im Traume zeigt, -während wir vielleicht wie Jakob in der Wirklichkeit auf recht hartem -Lager liegen. Dann ist er bald weich wie eine Flöte, durchdringend wie -die Hoboe, bald voll, rührend wie das Waldhorn aus der Ferne, bald -braust er daher wie mit den mächtigsten tiefsten Bässen, majestätisch, -erhaben, bald nur sanft lispelnd wie die Aeolsharfe oder in Wehmut -aufgelöst wie die Töne der Harmonika.« - -»Wie danke ich es ihm,« sagte Josephe weich, »daß er versöhnt, daß er -die Wunden unserer Wehmut heilt! Es hätte ja in seiner Macht gestanden, -Klothilden untergehen zu lassen im Schmerz unerwiderter Liebe, vor -ihrem Tode hätte ihr Viktor noch zugerufen: ›Ich liebte dich ja über -alles,‹ und sie wäre lächelnd eingeschlafen. Denken Sie sich den -ungeheuren Schmerz, die Bitterkeit gegen das Geschick, wenn wir diese -Menschen so hätten untergehen sehen, ohne Hoffnung, ohne Trost! Aber -es wäre ja nicht möglich gewesen; Viktor hätte nicht so lange geliebt, -hätte sich an Joachime oder die Fürstin hingegeben, denn ein Mann kann -ja ohne erwiderte Liebe nicht lange lieben!« - -»Glauben Sie das wirklich?« erwiderte Fröben wehmütig lächelnd. »O, wie -wenig müssen Sie uns kennen, wie klein müssen Sie von uns denken, wenn -wir nicht einmal den Mut besäßen, dieses kurze Leben hindurch treu zu -lieben, auch ohne geliebt zu werden!« - -»Ich halte es bei Frauen für möglich,« sagte die schöne Frau; »Liebe -ohne Gegenliebe ist ein tiefes Unglück, und Frauen sind ja mehr dazu -gemacht, stille Leiden zu tragen ein Erdenleben lang als ihr. Der Mann -würde einen solchen Gram von sich werfen, oder der glühende Kummer -müßte ihn verzehren!« - -»Beides nicht -- ich lebe ja noch und liebe,« sagte Fröben, zerstreut -vor sich hinblickend. - -»Sie lieben!« rief Josephe, und mit so eigenem Ton, daß der junge Mann -erschrocken aufblickte; sie schlug die Augen nieder, als ihr sein Blick -begegnete, eine tiefe Röte überflog ihr Gesicht und ging ebenso schnell -wieder in tiefe Blässe über. - -»Ja,« sagte er, indem es ihm mit Mühe gelang, es scherzhaft zu sagen; -»der Fall, den Sie setzten, ist der meinige, und noch liebe ich, -vielleicht ruhiger, aber nicht minder innig als am ersten Tag, ich -liebe sogar beinahe ohne Hoffnung, denn die Dame meines Herzens weiß -nicht um meine Liebe, und dennoch, wie Sie sehen, hat mich der Kummer -noch nicht getötet.« - -»Und darf man wissen,« sagte sie zutraulich, aber, wie es Fröben -schien, mit zitternder Stimme, »darf man wissen, wer die Glückliche -ist?« - -»Ach, sehen Sie, das ist gerade das Unglück, ich weiß ja nicht, wer -sie ist, noch wo sie sich aufhält, und liebe dennoch; ja Sie werden -mich für einen zweiten Don Quichotte halten, wenn ich gestehe, daß ich -sie nur einigemal flüchtig sah, mich nur noch einiger Partien ihres -Gesichtes erinnern kann, und dennoch in der Welt umherstreife, um sie -zu finden, weil es mir zu Hause keine Ruhe läßt.« - -»Sonderbar,« bemerkte Josephe, indem sie ihn nachdenklich ansah, -»sonderbar; es ist wahr, ich kann mir einen solchen Fall denken, aber -dennoch machen Sie eine seltene Ausnahme, lieber Fröben; wissen Sie -denn, ob Sie geliebt werden? Ob das Mädchen Ihnen treu ist?« - -»Nichts weiß ich von diesem allen,« erwiderte er ernst und mit -verschlossenem Gram, »ich weiß nichts, als daß ich glücklich wäre, wenn -ich jenes Wesen mein nennen könnte, und weiß nur allzugut, daß ich -vielleicht auf immer verzichten muß und nie ganz glücklich werde!« - -Je seltener sonst der junge Mann über diese Gefühle sich aussprach, -desto mächtiger kamen in diesem Augenblicke alle Schmerzen der -Erinnerung an gramvolle Stunden und eine Wehmut über ihn, der er sich -nicht gewachsen fühlte. Er stand schnell auf und ging aus der Laube dem -Schlosse zu. Aber Josephe sah ihm mit Blicken voll unendlicher Liebe -nach, Träne um Träne löste sich aus den zuckenden Wimpern, und erst -als sie wie ein Quell auf ihre schöne Hand herabfielen, erweckten sie -Josephen aus ihren Träumen. Und beschämt, als hätte sie sich bei einer -geheimen Schuld belauscht, errötete sie und preßte ihr Tuch vor diese -verräterischen Augen. - - -20. - -Die Vorhersagung des alten Mechanikus war eingetroffen, denn mit dem -letzten Tage der Woche waren auch die Maschinen der Dampfmühle fertig -aufgestellt. Der Baron, so unmutig er anfangs gewesen war, hatte in -der Freude seines Herzens, als der erste Versuch glücklich gelungen -war, den Alten und seine Gesellen reichlich beschenkt entlassen und -auf Sonntag alle seine Nachbarn in der Umgegend eingeladen, um mit -einem kleinen Feste seine Mühle einzuweihen. So glücklich und heiter -er an diesem Tage war, so fröhlich und jovial er seine zahlreichen -Gäste empfing, so entging es doch Fröbens beobachtenden Blicken nicht, -daß er die arme Josephe mit hunderterlei Aufträgen und Anordnungen -plagte, daß sie ihm nichts zu Dank machen konnte. Bald sollte sie in -der Küche sein, um das Gesinde anzutreiben und selbst mitzuhelfen, bald -besserte er dies oder jenes an ihrem Putz, bald wollte er vor Ungeduld -verzweifeln, wenn sie nicht schnell genug die Treppe herabflog, um mit -ihm am Portal die Ankommenden zu empfangen, bald wollte er die Tafel -so oder anders gestellt haben, bald wollte er den Kaffee im Garten, -bald im Salon trinken. Mit Engelsgeduld und einer Resignation, die dem -Freunde unbegreiflich war, ertrug sie alle diese Unbilden. Sie war -überall, sorgte für alles und wußte sogar einen Augenblick zu finden, -um den Gastfreund zu fragen, warum er gerade heute so trübe sei, ihn -aufzumuntern, an der allgemeinen Fröhlichkeit teilzunehmen. - -Allgemein entzückte die Schönheit, die behende Aufmerksamkeit der -Hausfrau; die Männer priesen den Baron glücklich, einen solchen Schatz -im Hause zu haben, und mehrere der älteren Damen sagten ihm unverhohlen -ihre Bewunderung über die seltenen Talente zur Wirtschaft, über die -Einsicht und Ordnung einer so jungen Frau. »Siehst du,« flüsterte -der Glückliche Fröben zu, »siehst du, was eine Zucht wie die meinige -Wunder wirkt? Ich bin im ganzen heute recht zufrieden mit ihr, aber -wenn ich nicht im geheimen überall selbst nachhülfe, wie stünde es -dann um die wirtschaftliche Ehre der Hausfrau! Aber es macht sich, ich -sagte es ja immer, es macht sich.« Die allgemeine Fröhlichkeit und -der Wein steigerten Faldner immer höher, und es war endlich hohe Zeit, -die Tafel aufzuheben, denn er und einige Herren aus der Nachbarschaft -erlaubten sich schon Scherze und Anspielungen, welche jedes zartere Ohr -beleidigten. - -Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte sie unter Scherz und -Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück und erstaunte aufs neue -über die geschmackvollen und doch so bequemen Anordnungen, welche -Josephe indessen im Garten getroffen hatte. Sie hatte es gewagt, nach -ihrer eigenen Erfindung schnell eine große geräumige Laube errichten -zu lassen; alle möglichen Erfrischungen erwarteten dort die Gäste, und -ihr allgemeines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht einmal -ungehalten, daß man junge Eschen und Tannen aus seinem Walde zu der -Laube verwendet, daß man seinen eigenen Plan, ein Zelt aus Brettern und -Teppichen aufzuschlagen, nicht befolgt hatte. Er küßte seine Frau auf -die Stirne und dankte ihr für die angenehme Ueberraschung. - -Man setzte sich in bunten Reihen umher. Die Männer sprachen den alten -Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald hatte eine allgemeine -Fröhlichkeit die Gesellschaft erfaßt. Man spielte witzige, geistreiche -Spiele, und als die mutwillige Laune der Männer noch höher stieg, -wurden sogar Pfänderspiele nicht verschmäht. So kam es, daß bei ihrer -Auslösung auch Fröben sein Pfand mit einer Strafe lösen sollte, und -Josephe, welcher die Bestimmung dieser Strafe aufgelegt war, befahl -ihm, eine _wahre_ Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Man gab -ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron schlug vor Freuden über seine -kluge Frau in die Hände, und als Fröben zauderte und sich besann, rief -er: »Nun soll ich etwas für dich erzählen aus deinem Leben? Etwa die -pikante Geschichte _von dem Mädchen vom Pont des Arts_?« - -Fröben errötete und sah ihn mißbilligend an; aber die Gesellschaft, die -hier vielleicht ein lustiges Geheimnis ahnete, rief: »Die Geschichte -von dem Mädchen, die Geschichte vom Pont des Arts!« und vielleicht nur, -um der Indiskretion seines Freundes zu entgehen, den der Wein schon -etwas über die gewöhnlichen Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er -sich zu erzählen; der Baron aber versprach der Gesellschaft, sobald der -Erzähler von der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu -der Geschichte geben, denn er sei selbst dabei gewesen. - - -21. - -»Ich weiß nicht,« hub Fröben an, »ob der Gesellschaft bekannt ist, -daß ich vor mehreren Jahren mit unserem Faldner reiste, namentlich -in Paris mit ihm einige Zeit zusammenlebte, ja _ein_ Haus mit ihm -bewohnte? Wir hatten so ziemlich gemeinschaftliche Studien, besuchten -dieselben Zirkel, machten gegenseitig unsere früheren Bekannten mit -dem Freunde bekannt und lebten auf diese Weise unzertrennlich. Wir -hatten einen gemeinschaftlichen Freund, den ebenso liebenswürdigen als -gelehrten Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne wohnte, -die bekanntlich in die Rue St. Dominique führt und auf dem linken -Ufer der Seine liegt. Unser gewöhnlicher Abendspaziergang war durch -die ~Champs elysées~ über die schöne Brücke ins Marsfeld und von da -durch Faubourg St. Germain in die Wohnung unseres Freundes, wo wir -oft noch bis tief in der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von -dem, was wir gesehen, von allem möglichen plauderten. Wir wohnten, um -dies noch hinzuzusetzen, an der Place des Victoires, ziemlich entfernt -von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich den Pont des -Arts, um das Louvre zu durchschneiden und uns einen Umweg durch die -Seitenstraßen zu ersparen. Eines Abends, es mochte nach elf Uhr sein -- -es hatte etwas geregnet und der Wind wehte besonders in der Nähe des -Flusses sehr kalt und schneidend -- gingen wir auch vom Quai Malaquais -über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des Arts ist nur für -Fußgänger zugänglich, und so kam es, daß um diese Zeit nicht mehr -viel Leben um und auf der Brücke war. Wir gingen, die Mäntel fester -um uns ziehend, stillschweigend über die Brücke; schon wollte ich die -Brückenstufen auf der andern Seite hinabeilen, als ein überraschender -Anblick mich festhielt. - -An die Brücke gelehnt, stand eine schlanke, ziemlich hohe weibliche -Gestalt. Ein schwarzes Hütchen war tief ins Gesicht geknüpft und zum -Ueberfluß noch mit einem grünen Schleier versehen; ein schwarzer -Mantel von Seide fiel um den Leib, und der Wind, der die Gewänder in -diesem Augenblick fester anschmiegte, verriet eine ungemein zarte, -jugendliche Taille; aus dem Mantel ragte eine kleine Hand hervor, die -einen Teller hielt; vor ihr aber stand ein kleines Laternchen, dessen -Licht unruhig flackerte, sein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß. -Es wohnt vielleicht nirgends so sehr als in jener Stadt das tiefste -Elend neben dem höchsten Glanz und Wohlleben, aber dennoch sieht man -verhältnismäßig wenige Bettler. Sie drängen sich selten unverschämt -herzu, und nie wird man sehen, daß sie dem Fremden nachlaufen, ihn mit -Bitten verfolgen. Alte Männer oder Blinde sitzen oder knien an den -Ecken der Straßen, den Hut ruhig vor sich hinhaltend, und überlassen es -dem Vorübergehenden, ob er ihren bittenden Blick beachten will. - -Am schauerlichsten, wenigstens für mein Gefühl, waren immer jene -verschämten Bettler, die nachts mit verhülltem Haupt eine brennende -Kerze vor sich, regungslos, fast schon wie erstorben in einer Ecke -stehen; viele meiner Bekannten in Paris hatten mir versichert, daß -man darauf rechnen könne, daß dies meistens Leute aus besseren -Ständen seien, die durch Unglück so tief herabgekommen sind, daß sie -entweder Arbeit suchen müssen, oder sind sie zu verschämt, vielleicht -zu schwach, um für Brot zu arbeiten, so ergreifen sie diesen letzten -Ausweg, ehe sie, wie so viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der -Vergessenheit übergeben. - -Von dieser Klasse der Bettelnden war die weibliche Gestalt an dem -Pont des Arts, deren Anblick mich unwiderstehlich fesselte. Ich sah -sie näher an; ihre Glieder schienen vor Frost noch heftiger zu zittern -als das Flämmchen in der Laterne, aber sie schwieg und ließ ihr Elend -und den kalten Nachtwind für sich reden. Ich suchte in der Tasche nach -kleinem Gelde, aber es wollte sich kein Sou, sogar kein einzelner -Frank finden. Ich wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber -unmutig, durch mein Zögern der schneidenden Kälte ausgesetzt zu sein, -rief er mir in unserer Sprache zu: ›So laß doch das Bettelvolk und -spute dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!‹ -- ›Nur ein paar -Sous, Bester!‹ bat ich; aber er packte mich am Mantel und wollte mich -wegziehen. - -Da rief die Verhüllte mit zitternder, aber wohltönender Stimme und -zu unserer Verwunderung auf gut deutsch: ›O meine Herren! sein Sie -barmherzig!‹ Diese Stimme, diese Worte und unsere Sprache hatten etwas -so Rührendes für mich, daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte: -›Nun wohlan, da hast du ein paar Franken,‹ sagte er, ›versuche dein -Heil mit der Jungfer, aber laß mich aus dem Zug treten.‹ Er drückte -mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich war in diesem -Augenblick wirklich verlegen, was ich tun sollte; sie mußte ja gehört -haben, was Faldner sagte, und beleidigen mag ich am wenigsten einen -Unglücklichen. Ich trat unschlüssig näher. ›Mein Kind,‹ sagte ich, -›Sie haben hier einen schlechten Standpunkt gewählt, hier werden heute -abend nicht mehr viele Menschen vorübergehen.‹ Sie antwortete nicht -gleich. ›Wenn nur,‹ flüsterte sie nach einer Weile kaum hörbar, ›diese -wenigen Gefühl für Unglück haben!‹ Diese Antwort überraschte mich, sie -war so ungesucht und doch so treffend. Die edle Haltung des Mädchens, -der Ton, womit sie jene Worte gesagt, verrieten Bildung. ›Wir sind -Landsleute,‹ fuhr ich fort, ›darf ich Sie nicht bitten, daß Sie mir -sagen, ob ich vielleicht mehr für Sie tun kann, als so im Vorübergehen -zu geschehen pflegt?‹ -- ›Wir sind sehr arm,‹ antwortete sie, wie mir -schien, etwas mutiger, ›und meine Mutter ist krank und ohne Hilfe.‹ -Ohne weitere Ueberlegung, nur von dem unbestimmten Gefühl, daß mich das -Mädchen sehr anzog, getrieben, sagte ich: ›Führen Sie mich zu ihr!‹ Sie -schwieg, der Vorschlag schien sie zu überraschen. ›Halten Sie dieses -für nichts anders,‹ fuhr ich fort, ›als für meinen redlichen Willen, -Ihnen zu helfen, wenn ich kann.‹ -- ›So kommen Sie,‹ erwiderte die -Verschleierte, hob ihr Laternchen auf, löschte es aus und verbarg es -samt dem Teller unter dem Mantel.« -- - - -22. - -»Wie?« rief der Baron laut lachend, als Fröben schwieg, »weiter willst -du nicht erzählen? Willst es auch heute wieder machen, wie du es mir -schon damals machtest? Nämlich bis hierher, meine Herren und Damen, -hat er ganz nach reiner historischer Wahrheit erzählt. Er glaubte -mich vielleicht weit weg, und ich stand keine zehn Schritte von der -erbaulichen Samariterszene unter dem Portal des Palais und sah ihm -zu; ob der Dialog wirklich so vor sich gegangen, weiß ich nicht, denn -der schändliche Wind verwehte die Worte, aber ich sah, wie die Dame -ihr Lämpchen auslöschte, und mit ihm zurück über die Brücke ging. -Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei seinem galanten Abenteuer zu -folgen, aber am Ende, ich wollte wetten, sah er weder eine kranke Mama -noch dergleichen, sondern die Dame vom Pont des Arts hatte das alte -Sirenenlied nur auf andere Weise gesungen.« - -Er belachte seinen eigenen Witz, und die Männer stimmten ein in das -rohe Gelächter, die Damen aber sahen vor sich nieder, und Josephe -schien mit den Worten ihres Gatten so unzufrieden als mit der -sonderbaren Erzählung ihres Freundes, denn bleich wie der Tod hielt -sie ihre Tasse in den Händen, daß sie klirrte, und sandte dem jungen -Mann nur _einen_ Blick zu, für den er in diesem Augenblick keine andere -als eine tief beschämende Deutung wußte. »Ich glaube zwar,« sprach -er, mit starker Stimme das Gelächter der Männer unterbrechend, »mein -Pfand gelöst zu haben, aber mein eigener Vorteil will, daß ich eine -Deutung dieses Vorfalls nicht zulasse, die mein Freund ihm unterzulegen -scheint; Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre, und bei meinem -Leben,« setzte er hinzu, indem er errötete und sein Auge höher -leuchtete, »ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen. - -Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen war. Während -ich schweigend mehr hinter als neben ihr ging, hatte ich Zeit, sie -zu betrachten. Ihre Gestalt, so weit sie der Mantel sehen ließ, ihre -ganze Haltung, besonders aber ihre Stimme war sehr jugendlich. Ihr Gang -schnell, aber leicht und schwebend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als -ich ihn zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog sie nach der Rue -Mazarin ein. ›Ist Ihre Mutter schon lange krank?‹ fragte ich, indem ich -wieder an ihre Seite trat und versuchte, durch den Schleier etwas von -ihren Zügen zu erspähen. ›Seit zwei Jahren,‹ antwortete sie seufzend, -›aber seit acht Tagen ist sie recht elend geworden.‹ -- ›Waren Sie -schon öfter an jenem Ort?‹ -- ›Wo?‹ fragte sie. -- ›Auf der Brücke.‹ -- -›Diesen Abend zum erstenmal,‹ erwiderte sie. -- ›Dann haben Sie sich -keinen guten Platz gesucht, andere Passagen sind frequenter.‹ Doch -schon, indem ich dies sagte, bereute ich, es gesagt zu haben, denn es -mußte sie ja verletzen. Mit unterdrücktem Weinen flüsterte sie: ›Ach, -ich bin ja hier so unbekannt und -- ich schämte mich, so ins Gedränge -zu gehen.‹ - -Wie grenzenlos mußte das Elend sein, das dieses Geschöpf zwang, zu -betteln. Zwar wollten auch mir, ich gestehe es, einigemal solche -Gedanken kommen, wie sie Faldner hatte, aber immer verschwanden sie -wieder, weil sie widersinnig, unnatürlich waren; wenn sie zu jener -verworfenen Klasse von Mädchen gehörte, warum sollte sie sich verhüllt -an einen einsamen Ort stellen? Warum geflissentlich eine Gestalt -verbergen, die, soviel die Umrisse flüchtig zeigten, gewiß zu den -schöneren zu zählen war? Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene -zarte Verschämtheit vor unverschuldeter Armut da, die das Unglück so -unbeschreiblich rührend macht. - -›Hat Ihre Mutter einen Arzt?‹ fragte ich wieder nach einiger Weile. -›Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei mehr kaufen konnten, wollte -er sie ins Spital des Incurables bringen lassen, und -- das konnte ich -nicht ertragen. Ach Gott, meine arme Mutter ins Spital!‹ Wieviel tiefer -Schmerz lag in den letzten Worten dieses Mädchens! - -Sie weinte, sie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans Auge, und -Laterne und Teller, die sie in der andern Hand trug, verhinderten -sie, den Mantel zusammenzuhalten; der Wind wehte ihn weit auseinander -und ich sah, daß ich mich nicht betrogen hatte; sie war von feiner -schlanker Taille, sie trug ein einfaches, soviel mein flüchtiger Blick -bemerkte, sehr reinliches Kleid. Sie haschte nach dem Mantel, und indem -ich ihr behilflich war, ihn wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche, -zarte Hand. - -Wir waren schon durch die Straßen Mazarin, St. Germain, Ecole de -Médecine und von dort durch einige kleine Seitenstraßen gegangen, als -sie auf einmal stehen blieb und klagte, sie habe den Weg verfehlt. -Ich fragte sie, in welcher Gegend sie wohne, und sie gab St. Severin -an. Ich war in Verlegenheit, denn diese Straße wußte ich selbst nicht -zu finden. Machte es Angst oder Kälte, ich sah sie heftiger zittern. -Ich sah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo -Branntwein verkauft wurde, ich bat sie, zu warten, stieg hinab und -erkundigte mich. Man wies mich zurecht, und ich glaubte mich hinfinden -zu können. Als ich heraufkam, hörte ich in der Nähe laut reden; ich -sah beim schwachen Schein einer Laterne, wie sich das Mädchen heftig -gegen zwei Männer wehrte, von denen der eine ihre Hand, der andere den -Mantel gefaßt hatte; sie lachten, sie sprachen ihr zu; ich ahnete, was -vorging, sprang herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt -hatte; sprachlos, weinend klammerte sie sich fest an meinen Arm. - -›Meine Herren,‹ sagte ich, ›ihr sehet, ihr seid hier im Irrtum, ihr -werdet im Augenblick den Mantel von Mademoiselle loslassen!‹ - -›Ach, Verzeihung, mein Herr!‹ erwiderte der, welcher ihren Mantel -gefaßt hatte. ›Ich sehe, Sie haben ältere Rechte auf Mademoiselle!‹ Und -lachend zogen sie weiter. - -Wir gingen weiter, das arme Kind zitterte heftig, sie hielt noch immer -meinen Arm fest, sie war nahe daran, niederzusinken. - -›Nur Mut!‹ sagte ich zu ihr, ›St. Severin ist nicht mehr ferne, Sie -werden bald zu Hause sein.‹ Sie antwortete nicht, sie weinte noch -immer. Als wir in der Straße waren, die nach der Beschreibung St. -Severin sein mußte, blieb sie wieder stehen. ›Nein, Sie dürfen nicht -weiter mit mir gehen, mein Herr!‹ sagte sie. ›Es darf nicht sein.‹ -- -›Aber warum denn nicht, da Sie mich so weit mitgenommen haben; ich -bitte, trauen Sie mir keine schlechten Absichten zu!‹ Ich hatte bei -diesen Worten, ohne es zu wissen, ihre Hand ergriffen und vielleicht -gedrückt; sie entzog sie mir hastig und sagte: ›Vergeben Sie, daß ich -die Unschicklichkeit beging, Sie so weit mitzuführen; bitte, verlassen -Sie mich jetzt!‹ Ich fühlte, daß der Auftritt vorhin sie tief verletzt -hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich selbst Mißtrauen einflößte, und -eben dies rührte mich unbeschreiblich; ich nahm das Silber, das mir -Faldner gegeben, und wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie -wenig diese kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und -ich gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug. - -Ihre Hand zuckte, als sie es nahm; sie schien es für Silber zu halten, -dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme und wollte gehen. - -›Noch ein Wort,‹ sagte ich und hielt sie auf; ›ich hoffe, Ihre Mutter -wird gesund werden, aber es könnte ihr doch noch an etwas gebrechen, -und Sie, mein Kind, sind nicht für solche Abendgänge, wie der heutige, -gemacht. Wollen Sie nicht heute über acht Tage um dieselbe Zeit vor -der Ecole de Médecine sein, daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen -kann?‹ Sie schien unschlüssig, endlich sagte sie: ›Ja.‹ -- ›Und setzen -Sie doch den Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie -erkenne,‹ fügte ich hinzu; sie bejahte es, dankte noch einmal, ging -eilend die Straße hin und war schnell in der Nacht verschwunden. - - -23. - -Als ich am Morgen nach dieser Begebenheit erwachte, schien es mir, -als hätte mir von diesem allen nur geträumt. Aber Faldner, der bald -herbeikam und mich nach seiner zarten Manier zu schrauben anfing, -riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache schien mir, so recht deutlich -am Morgenlicht betrachtet, doch allzu fabelhaft, als daß ich sie dem -ungläubigen Freund hätte erzählen mögen. Man ist in neuerer Zeit zu -jenem Grad der Sittenverfeinerung gekommen, die schon ins Gebiet der -Unsittlichkeit hinüberstreift; man will in manchen Fällen lieber -wild, etwas liederlich und schlecht erscheinen, man gibt lieber eine -Zweideutigkeit zu, nur um nicht als ein Tor, als ein Sonderling, als -ein Mensch von schwachem Verstand und beschränkten Lebensansichten zu -gelten. - -Im Innern kränkte mich aber noch mehr als Faldners Schraubereien eine -Unruhe, ein Etwas, was ich nicht zu deuten wußte. Ich machte mir -Vorwürfe, daß ich nicht einmal ihr Gesicht gesehen hatte. ›Wozu,‹ -sagte ich mir, ›wozu diese übertriebene Diskretion? Wenn ich ein -paar Napoleons hingebe, so kann ich doch um die Gunst bitten, den -Schleier etwas zu lüften?‹ Und doch, wenn ich mir das ganze Betragen -des Mädchens, das, so einfach es war, doch von Gemeinheit auch nicht -im geringsten etwas an sich hatte, zurückrief, wenn ich bedachte, wie -mich ihre edle Haltung, der gebildete Ton ihrer Antworten anzog, so -mußte ich mich, halb zu meinem Aerger, rechtfertigen. Es liegt etwas in -der menschlichen Stimme, das uns, ehe wir Züge und Auge, ehe wir den -Stand der Sprechenden kennen, den Ton angibt, in welchem wir mit ihm -sprechen müssen. Wie unendlich, nicht sowohl in der Form als im Klang -der Sprache, unterscheidet sich der Gebildete vom Ungebildeten, und des -Mädchens Töne waren so weich und zart, ihre kurzen Antworten oft so aus -der tiefsten Seele gesprochen. Den ganzen Tag konnte ich diese Gedanken -nicht los werden, sogar abends, in eine glänzende Gesellschaft von -Damen begleitete mich das arme Mädchen mit dem schwarzen Hütchen, dem -grünen Schleier und dem unscheinbaren Mantel. - -In den nächsten Tagen ärgerte ich mich über meine Torheit, welche -schuld war, daß ich das Mädchen erst nach acht Tagen wiedersehen -konnte: ich zählte die Stunden ab bis zu dem nächsten Freitag, und es -war, als hätte jene Hauptstadt der Welt, wie sie ihre Bewohner nennen, -nichts Reizendes mehr in sich als die Bettlerin vom Pont des Arts. -Endlich, endlich erschien der Freitag. Ich brauchte alle mögliche List, -um mich auf diesen Abend von Faldner und den übrigen Freunden los zu -machen, und trat, als es dunkel wurde, meinen Weg an. Ich hatte über -eine Stunde zu gehen, und Zeit genug, über meinen Gang nachzudenken. -›Heute‹, sagte ich zu mir, ›heute, wirst du ins reine kommen, was du -von dieser Person zu denken hast; du wirst ihr anbieten, mit ihr zu -gehen, nimmt sie es an, so hast du dich schon das erste Mal betrogen. -Auch das Gesicht muß sie heute zeigen.‹ - -Ich war so eilends gegangen, daß es noch nicht einmal zehn Uhr war, -als ich auf der Place de l'Ecole de Médecine anlangte, und -- auf -elf Uhr hatte ich sie ja erst bestimmt. Ich trat noch in ein Café, -durchblätterte gedankenlos eine Schar von Zeitungen --; endlich schlug -es elf Uhr. - -Auf dem Platz waren wenige Menschen, und so weit ich mein Auge -anstrengte, kein grüner Schleier zu sehen. Ich hielt mich immer auf -der Seite der Arzneischule, weil dort mehrere Laternen brannten. -Die Momente solchen Erwartens sind peinlich. ›Wenn sie an deinem -Golde genug hätte und gar nicht käme? Wenn sie deine Gutherzigkeit -verlachte?‹ dachte ich, als ich den Platz wohl schon zehnmal auf und -ab gegangen war. Es schlug halb zwölf, schon fing ich an, über meine -eigene Torheit zu murren, da wehte im Schein einer Laterne etwa dreißig -Schritte von mir etwas Grünes; mein Herz pochte ungestümer, ich eilte -hin -- sie war es. ›Guten Abend,‹ sagte ich, indem ich ihr die Hand -bot, ›schön, daß Sie doch Wort halten; schon glaubte ich, Sie würden -nicht mehr kommen.‹ Sie verbeugte sich, ohne meine Hand zu fassen, und -ging an meiner Seite hin; sie schien sehr gerührt: ›Mein Herr, mein -edler Landsmann,‹ sprach sie mit bewegter Stimme, ›ich muß ja Wort -halten, um Ihnen zu danken. Ich komme heute gewiß nicht, um Ihre Güte -aufs neue in Anspruch zu nehmen. Ach, wie reich, wie freigebig haben -Sie uns beschenkt! Kann Sie der innige Dank einer Tochter, können die -Gebete und Segenswünsche meiner kranken Mutter Sie entschädigen?‹ - -›Sprechen wir nicht davon,‹ erwiderte ich. ›Wie geht es Ihrer Mutter?‹ --- ›Ich glaube wieder Hoffnung schöpfen zu dürfen,‹ antwortete sie, -›der Arzt spricht zwar nichts Bestimmtes aus, aber sie selbst fühlt -sich kräftiger. O, wie danke ich Ihnen! Von Ihrem Geschenk konnte ich -ihr wieder kräftige Speisen bereiten, und glauben Sie mir, der Gedanke, -daß es noch so gute Menschen gibt, hat sie beinahe ebensosehr gestärkt.‹ - -›Was sagte Ihre Mutter, als Sie zu Hause kamen?‹ -- ›Sie war sehr in -Sorgen um mich, weil es schon so spät war,‹ erwiderte sie, ›ach, sie -hatte so ungern mir die Erlaubnis zu diesem Gang gegeben und malte sich -jetzt irgend ein Unglück vor, das mir begegnet sei. Ich erzählte ihr -alles, aber als ich mein Tuch öffnete, und die Gaben, die ich gesammelt -hatte, hervorzog und Gold dabei war, Gold unter den Kupfer- und -Silberstücken, da erstaunte sie, und --‹ Sie stockte und schien nicht -weiter reden zu können; ich dachte mir, die Mutter habe sie arger Dinge -beschuldigt, und forschte weiter, aber mit rührender Offenheit gestand -sie: die Mutter habe gesagt, der großmütige Landsmann müsse entweder -ein Engel oder ein Prinz gewesen sein. - -›Weder das eine noch das andere,‹ sagte ich ihr. ›Aber wie weit haben -Sie ausgereicht? Haben Sie noch Geld?‹ - -›O wir haben noch,‹ erwiderte sie mutig, wie es scheinen sollte, aber -mir entging nicht, daß sie vielleicht unwillkürlich dabei seufzte. - -›Und was haben Sie noch?‹ sagte ich etwas bestimmter und dringender. - -›Wir haben eine Rechnung in der Apotheke davon bezahlt und einen Monat -am Hauszins, und der Mutter habe ich davon gekocht, es ist aber immer -noch übrig geblieben.‹ - -›Wie ärmlich mußten Sie wohnen, wenn Sie von diesem Gelde eine -Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen und acht Tage lang -kochen konnten? Ich will aber genau wissen,‹ fuhr ich fort, ›was und -wieviel Sie noch haben.‹ - -›Mein Herr!‹ sagte sie, indem sie beleidigt einen Schritt zurücktrat. - -›Mein gutes Kind, das verstehen Sie nicht,‹ erwiderte ich, indem ich -ihr näher trat; ›oder Sie wollen es sich aus übertriebenem Zartgefühl -nicht gestehen; ich frage Sie ernstlich: wenn Sie mit den paar Franken -zu Rande sind, haben Sie Hilfe zu erwarten?‹ - -›Nein!‹ sagte sie schüchtern und weich; ›keine!‹ - -›Denken Sie an Ihre Mutter und verschmähen Sie meine Hilfe nicht!‹ Ich -hatte ihr bei diesen Worten meine Hand geboten; sie ergriff sie hastig, -drückte sie an ihr Herz und pries meine Güte. - -›Nun wohlan, so kommen Sie,‹ fuhr ich fort, indem ich ihren Arm in -den meinigen legte; ›ich kam leider nicht gerade von Hause, als ich -mich hierher begab, und hatte mich nicht versehen; Sie werden daher -die Güte haben, mich einige Straßen zu begleiten bis in meine Wohnung, -daß ich Ihnen für die Mutter etwas mitgebe.‹ Sie ließ sich schweigend -weiterführen, und so angenehm mir der Gedanke war, sie noch ferner -unterstützen zu können, so war doch mein Gefühl beinahe beleidigt, als -sie so ganz ohne Sträuben mitging; nachts in die Wohnung eines Mannes; -aber wie ganz anders kam es, als ich dachte. Wir mochten wohl etwa -zwei- oder dreihundert Schritte fortgegangen sein, da stand sie stille -und entzog mir ihren Arm. ›Nein, es kann, es darf nicht sein,‹ rief -sie, in Tränen ausbrechend. ›Was betrübt Sie auf einmal?‹ fragte ich -verwundert, ›was darf nicht sein?‹ - -›Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.‹ - -›Aber mein Gott,‹ erwiderte ich, indem ich mich etwas aufgebracht -stellte. ›Sie haben doch wahrhaftig sehr wenig Vertrauen zu mir; wenn -nicht Ihre Mutter wäre, gewiß ich ginge jetzt von Ihnen, denn Sie -kränken mich.‹ - -Sie nahm meine Hand, sie drückte sie bewegt. ›Habe ich Sie denn -beleidigt?‹ rief sie. ›O, Gott weiß, das wollte ich nicht; verzeihen -Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie sind so großmütig, und ich -sollte Sie beleidigen?‹ - -›Nun denn, so komm,‹ sagte ich, indem ich sie weiterzog, ›es ist keine -Zeit zu verlieren, es ist spät, und der Weg ist weit.‹ Aber sie blieb -stehen, weinte und flüsterte: ›Nein, um keinen Preis gehe ich weiter.‹ - -›Aber vor wem fürchten Sie sich denn? Es kennt Sie ja kein Mensch, es -sieht Sie ja keine Seele; Sie können getrost mit mir kommen.‹ - -›Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich! Nein, nein, es darf -nicht sein, dringen Sie nicht weiter in mich!‹ Sie zitterte; ich fühlte -wohl, wenn ich ihr die Not der Mutter noch einmal recht dringend -vorstellte, so ging sie mit, aber die Angst des Mädchens rührte mich -tief. - -›Gut, so bleiben Sie hier,‹ sprach ich. ›Aber sagen Sie mir, können Sie -vielleicht arbeiten?‹ - -›O ja, mein Herr,‹ erwiderte sie, ihre Tränen trocknend. - -›Könnten Sie vielleicht meine feinere Wäsche besorgen?‹ - -›Nein,‹ antwortete sie sehr bestimmt. ›Dazu sind wir nicht -eingerichtet.‹ - -›Hier ist ein weißes Tuch,‹ fuhr ich fort. ›Können Sie mir vielleicht -ein halb Dutzend besorgen und fertig machen?‹ - -Sie besah das Tuch und sagte: ›Mit Vergnügen, und recht fein will ich -es nähen!‹ Zu meiner eigenen Beschämung mußte ich jetzt dennoch Geld -hervorziehen, obgleich ich es vorhin verleugnet hatte. - -›Kaufen Sie sechs solcher Tücher,‹ fuhr ich fort, ›und können Sie wohl -drei davon bis Sonntagabend fertig machen?‹ Sie versprach es; ich gab -ihr noch etwas für die Mutter, und sagte ihr, daß ich heute darauf -nicht eingerichtet sei, aber Sonntag mehr tun könne. Sie dankte innig; -es schien sie zu freuen, daß ich ihr Arbeit gegeben, denn noch einmal -plauderte sie davon, wie schön sie die Tücher machen wolle, ja wenn -ich nicht irre, so fragte sie mich sogar, ob sie nicht einen englischen -Saum einnähen dürfe? Ich sagte ihr alles zu, aber als sie nun Abschied -nehmen wollte, hielt ich sie noch fest. ›Eines müssen Sie mir übrigens -noch zu Gefallen tun,‹ sprach ich, ›Sie können es gewiß und leicht.‹ - -›Und was?‹ fragte sie. ›Wie gern will ich alles für Sie tun.‹ - -›Lassen Sie mich diesen neidischen Schleier aufheben und Ihr Gesicht -sehen, daß ich doch _eine_ Erinnerung an diesen Abend habe.‹ - -Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier fester. - -›Bitte, lassen Sie das,‹ erwiderte sie und schien ein wenig mit -sich selbst zu kämpfen; ›Sie haben ja die schöne Erinnerung an Ihre -Wohltaten; die Mutter hat mir streng verboten, den Schleier zu lüften, -und ich versichere Ihnen,‹ setzte sie hinzu, ›ich bin häßlich wie die -Nacht, Sie würden nur erschrecken!‹ - -Aber dieser Widerstand reizte mich nur noch mehr; ein wirklich -häßliches Mädchen, dachte ich, spricht nicht so von ihrer Häßlichkeit, -ich wollte den Schleier fassen, aber wie ein Aal war sie entwischt: -›~Dimanche à revoir!~‹ rief sie und eilte davon. Erstaunt blickte ich -ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb sie stehen, winkte mir -mit meinem weißen Tuch und rief mit ihrer silberhellen Stimme: ›Gute -Nacht!‹ - - -24. - -In den nächsten Tagen beschäftigte mich der Gedanke, welchem Stande -das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter ich mir ihre gebildete -Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief, desto höher steigerte ich sie in -meinen Gedanken. Darüber wenigstens mußte sie mir Gewißheit geben, nahm -ich mir vor, und beschloß, mich nicht wieder so abspeisen zu lassen wie -mit dem Schleier. Der Sonntag kam; du wirst dich noch jenes Nachmittags -erinnern, Faldner, wo wir mit den Freunden in Montmorency im Garten des -großen Dichters saßen. Ihr wolltet spät in der Nacht zu Hause fahren, -und ich trieb immer zu einer frühen Rückfahrt, und als ihr dennoch -bliebet, da machte ich mich trotz eures Scheltens davon. Freilich -glaubtest du damals nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft -nicht vertragen, aber daß ich zu einem Rendezvous mit der Bettlerin vom -Pont des Arts eile, konntest du auch nicht denken? Sie war diesmal die -erste auf dem Platz, und weil sie mir die Tücher zu bringen hatte, war -sie schon bange geworden, ich könnte sie verfehlt haben und glauben, -sie werde nicht Wort halten. Mit beinahe kindischer Freude und, wie es -mir schien, noch größerem Zutrauen als früher plauderte sie, indem sie -mir beim Schein einer Straßenlaterne die Tücher zeigte. - -Sie schien es gern zu hören, daß ich ihre feine Arbeit lobte. ›Sehen -Sie, auch Ihren Namen habe ich herein gezeichnet,‹ sagte sie, indem sie -das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies. Dann wollte sie mir eine -Menge Silbergeld als Ueberschuß zurückgeben, und nur meine bestimmte -Erklärung, daß sie mich dadurch beleidige, konnte sie bewegen, es als -Arbeitslohn anzunehmen. - -Ich bestellte aufs neue wieder Arbeit, weil ich sah, daß dem zarten -Sinn des Mädchens ein solcher Weg meiner Gaben mehr zusagte, und -diesmal waren es Jabots und Manschetten, die ich bestellte. Ihre Mutter -war nicht kränker geworden, konnte aber das Bett noch nicht verlassen; -doch schon dieser Mittelzustand erschien ihr tröstlich. Als die Mutter -abgehandelt war, wagte ich es, sie geradehin zu fragen, wie denn -eigentlich ihre Verhältnisse seien. - -Die Geschichte, die sie mir in wenigen Worten preisgab, ist -in Frankreich so alltäglich, daß sie beinahe jedem Armen zum -Aushängeschild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in der großen Armee -gewesen, war nach der ersten Restauration der Bourbons auf halben Sold -gesetzt worden, hatte nachher während der hundert Tage wieder Partei -ergriffen und war bei Mont St. Jean mit den Garden gefallen; seine -Witwe verlor die Pension und lebte von da an ärmlich und elend. In den -zwei letzten Jahren fristeten sie ihr Leben meist vom Verkauf ihrer -geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußersten Grad des Elends -gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt, als aus der Welt zu gehen. - -Ich fragte das Mädchen, ob sie nicht ihr Verhältnis hätte bessern -können, wenn sie etwa ihre Mutter auf andere Weise zu unterstützen -gesucht hätte. - -›Sie meinen, wenn ich einen Dienst genommen hätte?‹ erwiderte sie -ohne alle Empfindlichkeit. ›Sehen Sie, das war nicht möglich. Vor -der Krankheit der Mutter war ich viel zu jung, kaum vierzehn Jahre -vorüber, und dann wurde sie auf einmal so elend, daß sie das Bett -nicht verlassen konnte; da brauchte sie also immer jemand um sich, und -konnte ich denn ihre Pflege einer Fremden überlassen? Ja, wenn sie -gesund geblieben wäre, da hätte ich mit Freuden alle unsere früheren -Verhältnisse verleugnet, wäre etwa in einen Putzladen gegangen oder als -Gouvernante in ein anständiges Haus, denn ich habe manches gelernt, -mein Herr! Aber so ging es ja nicht!‹ - -Auch diesmal bat ich vergeblich, den Schleier zu lüften. Die -Andeutungen, die sie über ihr Alter gegeben, reizten mich, ich gestehe -es, nur noch mehr, das Gesicht dieses Mädchens zu sehen, die wenig -über sechzehn Jahre haben konnte; aber sie bat mich so dringend, davon -abzulassen, ihre Mutter habe ihr so triftige Gründe angegeben, daß es -nimmer geschehen könne. - -Wir trafen uns von da an alle drei Tage. Ich hatte immer einige kleine -Arbeiten für sie, und pünktlich war sie damit fertig. Je fester ich in -dem Betragen blieb, das ich einmal gegen sie angenommen, je strenger -ich mich immer in den Grenzen des Anstandes hielt, desto zutraulicher -und offener wurde das gute Mädchen. Sie gestand mir sogar, daß sie zu -Hause die drei Tage über immer an den nächsten Abend denke. Und ging -es mir denn anders? Tag und Nacht beschäftigte ich mich mit diesem -sonderbaren Wesen, das mir durch seinen gebildeten Geist, durch sein -liebenswürdiges Zartgefühl, durch sein eigentümliches Verhältnis zu mir -immer interessanter wurde. - -Der Frühling war indessen völlig heraufgekommen, und die Zeit war -da, die ich mit Faldner schon längst zu einer Reise nach England -festgesetzt hatte. Mancher hält es vielleicht für töricht, was -ich ausspreche, aber wahr ist es, daß ich an diese Reise nur mit -Widerwillen dachte; Paris an sich hatte nichts Interessantes mehr für -mich; aber jenes Mädchen hatte alle meine Sinne so gefangen genommen, -daß ich einer längeren Trennung nur mit Wehmut entgegensah. Ausweichen -konnte ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, denn es war sonst -kein bündiger Grund vorhanden, die Reise aufzuschieben; ich schämte -mich sogar vor mir selbst und stellte mir die ganze Torheit meines -Treibens vor; ich beschloß die Abreise, aber gewiß hat sich wohl keiner -je so wenig auf England gefreut als ich. - - -25. - -Acht Tage zuvor sagte ich es dem Mädchen; sie erschrak, sie weinte. -Ich bat sie, ihre Mutter zu fragen, ob ich sie nicht besuchen dürfe, -sie sagte es zu. Das nächste Mal aber brachte sie mir sehr betrübt die -Antwort, daß mich ihre Mutter bitten lasse, diesen Besuch aufzugeben, -der für ihren Gemütszustand allzu angreifend sein würde. Ich hatte -jenen Besuch eigentlich nur darum nachgesucht, um mein Mädchen bei -Tag und ohne Schleier zu sehen; ich verlangte dies also aufs neue -wieder; aber sie bat mich, am Abend vor meiner Abreise noch einmal zu -kommen, sie wolle ihre Mutter so lange bestürmen, bis sie die Erlaubnis -erhalte, den Schleier aufzuheben. Unvergeßlich wird mir immer dieser -Abend sein. Sie kam, und meine erste Frage war, ob die Mutter es -erlaubt habe; sie sagte ja und hob von selbst den Schleier auf. Der -Mond schien helle, und zitternd, begierig blickte ich unter den Hut. -Aber die Erlaubnis schien nur teilweise gegeben zu sein, denn meine -Schöne trug sogenannte Venezianeraugen, die den oberen Teil ihres -Gesichtes verhüllten. Doch wie schön, wie reizend waren die Partien, -welche frei waren! Eine feine, zierliche Nase, schöngeformte, blühende -Wangen, ein kleiner, lieblicher Mund, ein Kinn wie aus Wachs geformt, -und ein schlanker, blendend weißer Hals. Ueber die Augen konnte ich -nicht recht ins reine kommen, aber sie schienen mir dunkel und feurig. - -Sie errötete, als ich sie lange, entzückt betrachtete. ›Werden Sie -mir nicht böse,‹ flüsterte sie, ›daß ich diese Halbmaske vornahm; die -Mutter wollte es von Anfang ganz abschlagen, nachher gestattete sie es -nur unter dieser Bedingung; ich war selbst recht ärgerlich darüber, -aber sie sagte mir einige Gründe, die mir einleuchteten.‹ - -›Und was sind das für Gründe?‹ fragte ich. - -›Ach mein Herr,‹ erwiderte sie wehmütig. ›Sie werden ewig in unserem -Herzen leben, aber Sie selbst sollen uns ganz vergessen; Sie sollen -mich nie, nie wiedersehen, oder wenn Sie mich auch sehen, nicht -erkennen.‹ - -›Und meinen Sie denn, ich werde Ihre schönen Züge nicht wiedererkennen, -wenn ich auch Ihre Augen, Ihre Stirne nicht sehen darf?‹ - -›Die Mutter meint,‹ antwortete sie, ›das sei nicht wohl möglich; denn -wenn man ein Gesicht nur zur Hälfte gesehen, sei das Wiedererkennen -schwer.‹ - -›Und warum soll ich dich denn nicht wiedersehen, nicht wiedererkennen?‹ - -Sie weinte bei dieser Frage, sie drückte meine Hand und sagte: ›Es darf -ja nicht sein! Was kann Ihnen denn daran liegen, ein unglückliches -Mädchen wiederzuerkennen; und -- nein, die Mutter hat recht; es ist -besser so.‹ - -Ich sagte ihr, daß meine Reise nicht lange dauern werde; daß ich -vielleicht schon nach zwei Monaten wieder in Paris sein könne, daß ich -sie wiederzusehen hoffe. Sie weinte heftiger und verneinte es. Ich -drang in sie, mir zu sagen, warum sie glaube, ich werde sie nicht mehr -sehen. - -›Mir ahnt,‹ erwiderte sie, ›ich sehe Sie heute zum letztenmal; ich -glaube, meine Mutter wird nicht lange mehr leben, der Arzt sagte es -mir gestern, und dann ist ja alles vorbei! Und wenn sie auch länger -lebt, in London werden Sie ein so armes Geschöpf, wie ich bin, lange -vergessen.‹ - -Ihr Schmerz machte mich unendlich weich; ich sprach ihr Mut ein; ich -gelobte ihr, sie gewiß nicht zu vergessen; ich nahm ihr das Versprechen -ab, immer den Ersten und Fünfzehnten eines jeden Monats auf diesen -Platz zu kommen, damit ich sie wiederfinden könnte, sie sagte es unter -Tränen lächelnd zu, als ob sie wenig Hoffnung hätte. ›Nun so lebe wohl -auf Wiedersehen,‹ sagte ich, indem ich sie in meine Arme schloß und -einen kleinen einfachen Ring an ihre Hand steckte, ›lebe wohl und denke -an mich und vergiß nicht den Ersten und Fünfzehnten!‹ - -›Wie könnte ich Sie vergessen!‹ rief sie, indem sie weinend zu mir -aufblickte. ›Aber ich werde Sie nimmer wiedersehen; Sie nehmen Abschied -auf immer.‹ - -Ich konnte mich nicht enthalten, ihren schönen Mund zu küssen; sie -errötete, ließ es aber geduldig geschehen; ich steckte ihr einen -Tresorschein in die kleine Hand, sie sah mich noch einmal recht -aufmerksam an und drückte sich heftiger an mich. ›Auf Wiedersehen!‹ -sprach ich, indem sie sich sanft aus meinen Armen wand. Der letzte -Moment des Abschieds schien ihr Mut zu geben: sie zog mich noch einmal -an ihr Herz, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen. ›Auf immer! -Lebe wohl auf immer!‹ rief sie schmerzlich, riß sich los und eilte über -den Platz hin. - -Ich habe sie nicht wiedergesehen! Nach einem Aufenthalt von drei -Monaten kehrte ich von London nach Paris zurück; ich ging am -Fünfzehnten auf die Place de l'Ecole de Médecine, ich wartete über eine -Stunde, mein Mädchen erschien nicht. Noch oft am Ersten und Fünfzehnten -wiederholte ich diese Gänge; wie oft ging ich durch die Straße St. -Severin, blickte an den Häusern hinauf, fragte wohl auch nach einer -armen deutschen Frau und ihrer Tochter, aber ich habe nie wieder etwas -von ihnen erfahren, und das reizende Wesen hatte recht, als sie mir -beim Abschied zurief: _Auf immer!_« - - -26. - -Der junge Mann hatte seine Erzählung mit einem Feuer vorgetragen, das -ihr große Wahrheit verlieh und wenigstens auf den weiblichen Teil -der Gesellschaft tiefen Eindruck zu machen schien. Josephe weinte -heftig, und auch die andern Fräulein und Frauen wischten sich hin und -wieder die Augen. Die Männer waren ernster geworden und schienen mit -großem Interesse zuzuhören, nur der Baron lächelte hin und wieder und -flüsterte ihm seine Bemerkungen zu. Jetzt, als Fröben geschlossen -hatte, brach er in lautes Gelächter aus: »Das heiße ich mir sich gut -aus der Affaire ziehen!« rief er. »Ich habe es ja immer gesagt, mein -Freund ist ein Schlaukopf. Seht nur, wie er die Damen zu rühren wußte, -der Schelm! Wahrhaftig, meine Frau heult, als habe ihr der Pfarrer die -Absolution versagt. Das ist köstlich, auf Ehre! Dichtung und Wahrheit! -Ja, das hast du deinem Goethe abgelauscht, Dichtung und Wahrheit, es -ist ein herrlicher Spaß.« - -Fröben fühlte sich durch diese Worte aufs neue verletzt. »Ich sagte -dir schon,« sagte er unmutig, »daß ich die Dichtung oder Erdichtung -gänzlich beiseite ließ und nur die Wahrheit sagte; ich hoffe, du wirst -es als solche ansehen.« - -»Gott soll mich bewahren!« lachte der Baron. »Wahrheit, das Mädchen -hast du dir unterhalten, Bester, das ist die ganze Geschichte, und aus -den Abendbesuchen bei ihr hast du uns einen kleinen Roman gemacht. Aber -gut erzählt, gut erzählt, das lasse ich gelten.« - -Der junge Mann errötete vor Zorn; er sah, wie Josephe ihren Gatten -starr und ängstlich ansah; er glaubte zu sehen, daß auch sie vielleicht -seinen Argwohn teile und schlecht von ihm denke; die Achtung dieser -Frau wenigstens wollte er sich durch diese gemeinen Scherze nicht -nehmen lassen. »Ich bitte, schweigen wir davon,« rief er, »ich habe -nie in meinem Leben Ursache gehabt, irgend etwas zu bemänteln oder zu -entstellen, kann es aber auch nicht dulden, wenn mir andere dieses -Geschäft abnehmen wollen. Ich sage dir zum letztenmal, Faldner, daß -sich, auf mein Wort, alles so verhält, wie ich es erzählte.« - -»Nun dann sei es Gott geklagt,« erwiderte jener, indem er die Hände -zusammenschlug. »Dann hast du aus lauter übertriebenem Edelsinn und -theoretischer Zartheit ein paar hundert Franken an ein listiges -Freudenmädchen weggeworfen, das dich durch ein gewöhnliches Histörchen -von Elend und kranker Mutter köderte; hast nichts davon gehabt als -einen armseligen Kuß! Armer Teufel! In Paris sich von einer Metze so -zum Narren halten zu lassen.« - -Noch mehr als die vorige Beschuldigung reizte den jungen Mann dieses -spöttische Mitleid und das Gelächter der Gesellschaft auf, die auf -seine Kosten den schlechten Witz des Barons applaudierte. Er wollte -eben, aufs tiefste gekränkt, die Gesellschaft verlassen, als ein -sonderbarer, schrecklicher Anblick ihn zurückhielt. Josephe war, bleich -wie eine Leiche, langsam aufgestanden; sie schien ihrem Gatten etwas -erwidern zu wollen, aber in demselben Moment sank sie ohnmächtig, wie -tot zusammen. Bestürzt sprang man auf, alles rannte durcheinander, die -Frauen richteten die Ohnmächtige auf, die Männer fragten sich verwirrt, -wie dies denn so plötzlich gekommen sei, Fröben hatte der Schrecken -beinahe selbst ohnmächtig gemacht, und der Baron murmelte Flüche über -die zarten Nerven der Weiber, schalt auf die grenzenlose Dezenz, auf -die ängstliche Beobachtung des Anstandes, wovon man ohnmächtig werde, -suchte bald die Gesellschaft zu beruhigen, bald rannte er wieder zu -seiner Frau; alles sprach, riet, schrie zusammen und keiner hörte, -keiner verstand den andern. - -Josephe kam nach einigen Minuten wieder zu sich; sie verlangte nach -ihrem Zimmer, man brachte sie dahin, und die Mädchen und Frauen -drängten sich neugierig und geschäftig nach; sie gaben hunderterlei -Mittel an, die wider die Ohnmacht zu gebrauchen, sie erzählten, wie -ihnen da und dort dasselbe begegnet, sie wurden darüber einig, daß die -große Anstrengung der Frau von Faldner, die vielen Sorgen und Geschäfte -an diesem Tage diesen Zufall notwendig haben herbeiführen müssen, und -die Sorge, der Baron möchte sich vielleicht blamieren, da er ohnedies -schon recht unanständig gewesen, habe die Sache noch beschleunigt. - -Der Baron suchte indessen unter den Männern die vorige Ordnung -wiederherzustellen. Er ließ fleißig einschenken, trank diesem oder -jenem tapfer zu, und suchte sich und seine Gäste mit allerlei -Trostgründen zu beruhigen. »Es kommt von nichts,« rief er, »als von dem -Unwesen der neuern Zeit; jede Frau von Stande hat heutzutage schwache -Nerven, und wenn sie die nicht hat, so gilt sie nicht für vornehm; -Ohnmächtigwerden gehört zum guten Ton; der Teufel hat diese verrückten -Einrichtungen erfunden. Und auch daher kommt es, daß man nichts mehr -beim rechten Namen nennen darf. Alles soll so überaus zart, dezent, -fein, manierlich hergehen, daß man darüber aus der Haut fahren möchte. -Da hat sie sich jetzt alteriert, daß ich einigen Scherz riskierte, was -doch die Würze der Gesellschaft ist; daß ich über dergleichen zarte, -feingefühlige Geschichten nicht außer mir kam vor Rührung und Schmerz -und mir einige praktische Konjekturen erlaubte. Was da! Unter Freunden -muß dergleichen erlaubt sein! Und ich hätte dich für gescheiter -gehalten, Freund Fröben, als daß du nur dergleichen übelnehmen -könntest.« - -Aber der, an den der Baron den letzteren Teil seiner Rede richtete, war -längst nicht mehr unter den Gästen; Fröben war auf sein Zimmer gegangen -im Unmut, im Groll auf sich und die Welt. Noch konnte er sich diesen -sonderbaren Auftritt nicht ganz enträtseln, seine Seele, halb noch -aufgeregt von dem Zorn über die Roheit des Freundes, halb ergriffen -von dem Schrecken über den Unfall der Freundin, war noch zu voll, zu -stürmisch bewegt, um ruhigeren Gedanken und der Ueberlegung Raum zu -geben. »Wird auch _sie_ mir nicht glauben,« sprach er kummervoll zu -sich, »wird auch sie den schnöden Worten ihres Gatten mehr Gewicht -geben als der einfachen, ungeschmückten Wahrheit, die ich erzählte? -Was bedeuteten jene seltsamen Blicke, womit sie mich während meiner -Erzählung zuweilen ansah? Wie konnte sie diese Begebenheit so tief -ergreifen, daß sie erbleichte, zitterte? Sollte es denn wirklich wahr -sein, daß sie mir gut ist, daß sie innigen Anteil an mir nimmt, daß sie -verletzt wurde von dem Hohne des Freundes, der mich so tief in ihren -Augen herabsetzen mußte? Und was wollte sie denn, als sie aufstand, -als sie sprechen wollte? Wollte sie den unschicklichen Reden Faldners -Einhalt tun, oder wollte sie mich sogar verteidigen?« - -Er war unter diesen Worten heftig im Zimmer auf und ab gegangen, sein -Blick fiel jetzt auf die Rolle, die jenes Bild enthielt, er rollte -es auf, er sah es bitter lächelnd an. »Und wie konnte ich mich auch -von einem Gefühl der Beschämung hinreißen lassen, mein Herz Menschen -aufschließen, die es doch nicht verstehen, von Dingen zu reden, -die solch überaus vornehmen Leuten so fremd sind; das Schlechte, -das Gemeine ist ihnen ja lieber, scheint ihnen natürlicher als das -Außerordentliche; wie konnte ich von deinen lieben Wangen, von deinen -süßen Lippen zu diesen Puppen sprechen? O, du armes, armes Kind; -wieviel edler bist du in deinem Elend als diese Fuchsjäger und ihr -Gelichter, die wahren Jammer und verschämte Armut nur vom Hörensagen -kennen und jede Tugend, die sich über das Gemeine erhebt, als Märchen -verlachen! Wo du jetzt sein magst? Und ob du des Freundes noch gedenkst -und jener Abende, die ihn so glücklich machten!« - -Seine Augen gingen über, als er das Bild betrachtete, als er bedachte, -welch bitteres Unrecht die Menschen heute diesem armen Wesen angetan. -Er wollte seine Tränen unterdrücken, aber sie strömten nur noch -heftiger. Es gab eine Stelle in der Brust des jungen Mannes, wohin, -wie in ein tiefes Grab, sich alle Wehmut, alle zurückgedrängten -Tränen des Grames still und auf lange versammelten; aber Momente wie -dieser, wo die Schmerzen der Erinnerung und seine Hoffnungslosigkeit -so schwer über ihn kamen, sprengten die Decke dieses Grabes und ließen -den langverhaltenen Kummer um so mächtiger überströmen, je mehr sein -gebrochener Mut in Wehmut überging. - - -27. - -Fröben überdachte am andern Morgen die Vorfälle des gestrigen Tages -und war mit sich uneinig, ob er nicht lieber jetzt gleich ein Haus -verlassen sollte, wo ihn ein längerer Aufenthalt vielleicht noch öfter -solchen Unannehmlichkeiten aussetzte, als die Türe aufging und der -Baron niedergeschlagen und beschämt hereintrat. »Du bist gestern abend -nicht zu Tisch gekommen, du hast dich heute noch nicht sehen lassen,« -hub er an, indem er näher kam, »du zürnst mir; aber sei vernünftig und -vergib mir; siehe es ging mir wunderlich; ich hatte den Tag über zu -viel Wein getrunken, war erhitzt, und du kennst meine schwache Seite, -da kann ich das Necken nicht lassen. Ich bin gestraft genug, daß der -schöne Tag so elend endete, und daß mein Haus jetzt vier Wochen lang -das Gespräch der Umgegend sein wird. Verbittere mir nicht vollends das -Leben und sei mir wieder freundlich wie zuvor!« - -»Lasse lieber die ganze Geschichte ruhen,« entgegnete Fröben finster, -indem er ihm die Hand bot; »ich liebe es nicht, über dergleichen mich -noch weiter auszusprechen; aber morgen will ich fort, weiter; hier -bleibe ich nicht länger.« - -»Sei doch kein Narr!« rief Faldner, der dies nicht erwartet hatte und -ernstlich erschrak. »Wegen einer solchen Szene gleich aufbrechen zu -wollen! Ich sagte es ja immer, daß du ein solcher Hitzkopf bist. Nein, -daraus wird nichts; und hast du mir nicht versprochen, zu warten bis -Briefe da sind vom Don in W.? Nein, du darfst mir nicht schon wieder -weggehen; und wegen der Gesellschaft hast du dich nicht zu schämen, sie -alle, besonders die Frauen, schalten mich tüchtig aus, sie gaben dir -völlig recht und sagten, ich sei an allem schuld.« - -»Wie geht es deiner Frau?« fragte Fröben, um diesen Erinnerungen -auszuweichen. - -»Ganz hergestellt, es war nur so ein kleiner Schrecken, weil sie -fürchtete, wir werden ernstlich aneinander geraten; sie wartet mit dem -Frühstück auf dich; komm jetzt mit herunter und sei vernünftig und nimm -Raison an. Ich muß ausreiten, nimm es mir nicht übel, die Mühle kommt -heute in Gang. Du bist also wieder ganz wie zuvor?« - -»Nun ja doch!« sagte der junge Mann ärgerlich. »Laß doch einmal die -ganze Geschichte ruhen.« Er folgte mit sonderbaren Gefühlen, die er -selbst nicht recht zu deuten wußte, dem Baron, der vergnügt über die -schnelle Versöhnung seines Freundes ihm voraneilte, seiner Frau schnell -berichtete, was er ausgerichtet habe, und dann das Schloß verließ, um -seine Mühle in Gang zu bringen. - -Hatte sich denn heute auf einmal alles so ganz anders gestaltet, oder -war nur er selbst anders geworden? Josephens Züge, ihr ganzes Wesen -schien Fröben verändert, als er bei ihr eintrat. Eine stille Wehmut, -eine weiche Trauer schien über ihr Antlitz ausgegossen, und doch war -ihr Lächeln so hold, so traulich, als sie ihn willkommen hieß. Sie -schrieb ihr gestriges Uebel allzugroßer Anstrengung zu und schien -überhaupt von dem ganzen Vorfall nicht gerne zu sprechen. Aber Fröben, -dem an der guten Meinung seiner Freundin so viel lag, konnte es nicht -ertragen, daß sie beinahe geflissentlich seine Erzählung gar nicht -berührte. »Nein,« rief er, »ich lasse Sie nicht so entschlüpfen, -gnädige Frau! An dem Urteil der andern über mich lag mir wenig; was -kümmert es mich, ob solche Alltagsmenschen mich nach ihrem gemeinen -Maßstab messen! Aber wahrhaftig, es würde mich unendlich schmerzen, -wenn auch Sie mich falsch beurteilten, wenn auch Sie Gedanken Raum -gäben, die mich in Ihren Augen so tief herabsetzen müßten, wenn auch -Sie die Wahrheit jener Erzählung bezweifelten, die ich freilich solchen -Ohren nie hätte preisgeben sollen. O, ich beschwöre Sie, sagen Sie -recht aufrichtig, was Sie von mir und jener Geschichte denken?« - -Sie sah ihn lange an; ihr schönes, großes Auge füllte sich mit Tränen, -sie drückte seine Hand: »O Fröben, was ich davon denke?« sagte sie. -»Und wenn die ganze Welt an der Wahrheit zweifeln würde, ich wüßte -dennoch gewiß, daß Sie wahr gesprochen! Sie wissen ja nicht, wie gut -ich Sie kenne!« - -Er errötete freudig und küßte ihre Hand. »Wie gütig sind Sie, daß Sie -mich nicht verkennen. Und gewiß, ich habe alles, alles genau nach der -Wahrheit erzählt.« - -»Und dieses Mädchen,« fuhr sie fort, »ist wohl dieselbe, von welcher -Sie mir letzthin sagten? Erinnern Sie sich nicht, als wir von -Viktor und Klothilden sprachen, daß Sie mir gestanden, Sie lieben -hoffnungslos? Ist es dieselbe?« - -»Sie ist es,« erwiderte er traurig. »Nein, Sie werden mich wegen -dieser Torheit nicht auslachen; Sie fühlen zu tief, als daß Sie dies -lächerlich finden könnten. Ich weiß alles, was man dagegen sagen kann, -ich schalt mich selbst oft genug einen Toren, einen Phantasten, der -einem Schatten nachjage; ich weiß ja nicht einmal, ob sie mich liebt --« - -»Sie liebt Sie!« rief Josephe unwillkürlich aus; doch über ihre eigenen -Worte errötend, setzte sie hinzu: »Sie muß Sie lieben; glauben Sie -denn, so viel Edelmut müsse nicht tiefen Eindruck auf ein Mädchenherz -von siebzehn Jahren machen, und in allen ihren Aeußerungen, die Sie uns -erzählten, liegt, es müßte mich alles trügen, oder es liegt gewiß ein -bedeutender Grad von Liebe darin.« - -Der junge Mann schien mit Entzücken auf ihre Worte zu lauschen. »Wie -oft rief ich mir dies selbst zu,« sprach er, »wenn ich so ganz ohne -Trost war und traurig in die Vergangenheit blickte; aber wozu denn? -Vielleicht nur, um mich noch unglücklicher zu machen. Ich habe oft -mit mir selbst gekämpft, habe im Gewühl der Menschen Zerstreuung, im -Drang der Geschäfte Betäubung gesucht, es wollte mir nie gelingen. -Immer schwebte mir jenes holde, unglückliche Wesen vor; mein einziger -Wunsch war, sie nur noch einmal zu sehen. Es ist noch jetzt mein -Wunsch, ich darf es Ihnen gestehen, denn Sie wissen meine Gefühle zu -würdigen; auch diese Reise unternahm ich nur, weil meine Sehnsucht mich -hinaustrieb, sie zu suchen, sie noch einmal zu sehen. Und wie ich denn -so recht über diesen Wunsch nachdenke, so finde ich mich sogar oft auf -dem Gedanken, sie auf immer zu besitzen! -- Sie blicken weg, Josephe? -O, ich verstehe; Sie denken, ein Geschöpf, das so tief im Elend war, -dessen Verhältnisse so zweideutig sind, dürfe ich nie wählen; Sie -denken an das Urteil der Menschen; an alles dies habe auch ich recht -oft gedacht, aber so wahr ich lebe, wenn ich sie so wiederfände, wie -ich sie verlassen, ich würde niemand als mein Herz fragen. Würden Sie -mich denn so strenge beurteilen, Josephe?« - -Sie antwortete ihm nicht; noch immer abgewandt, ihre Stirne in die -Hand gestützt, bot sie ihm ein Buch hin und bat ihn vorzulesen. Er -ergriff es zögernd, er sah sie fragend an; es war das einzige Mal, daß -er sich in ihr Betragen nicht recht zu finden wußte; aber sie winkte -ihm, zu lesen, und er folgte, wiewohl er gerne noch länger sein Herz -hätte sprechen lassen. Er las von Anfang zerstreut; aber nach und -nach zog ihn der Gegenstand an, entführte seine Gedanken mehr und -mehr dem vorigen Gespräch und riß ihn endlich hin, so daß er im Fluß -der Rede nicht bemerkte, wie die schöne Frau ihm ein Angesicht voll -Wehmut zuwandte, daß ihre Blicke voll Zärtlichkeit an ihm hingen, -daß ihr Auge sich oft mit Tränen füllen wollte, die sie nur mühsam -wieder unterdrückte. Spät erst endete er, und Josephe hatte sich -soweit gefaßt, daß sie mit Ruhe über das Gelesene sprechen konnte, -aber dennoch schien es dem jungen Mann, als ob ihre Stimme hie und da -zittere, als ob die frühere gütige Vertraulichkeit, die sie dem Freund -ihres Gatten bewiesen, gewichen sei; er hätte sich unglücklich gefühlt, -wenn nicht jener leuchtende Strahl eines wärmeren Gefühles, der aus -ihrem Auge hervorbrach, ihn an seiner Beobachtung irre gemacht hätte. - - -28. - -Da der Baron erst bis Abend zurückkehren wollte, Josephe sich aber -nach dieser Vorlesung in ihre Zimmer zurückgezogen hatte, so beschloß -Fröben, um diesen quälenden Gedanken auf einige Stunden wenigstens -zu entgehen, die heiße Mittagszeit vor der Tafel zu verschlafen. -In jener Laube, die ihm durch so manche schöne Stunde, die er mit -der liebenswürdigen Frau hier zugebracht, wert geworden war, legte -er sich auf die Moosbank und entschlief bald. Seine Sorgen hatte -er zurückgelassen, sie folgten ihm nicht durch das Tor der Träume; -nur liebliche Erinnerungen verschmolzen und mischten sich zu neuen -reizenden Bildern; das Mädchen aus der St. Severinstraße mit ihrer -schmelzenden Stimme schwebte zu ihm her und erzählte ihm von ihrer -Mutter; er schalt sie, daß sie so lange auf sich habe warten lassen, -da er doch ja den Ersten und Fünfzehnten gekommen sei; er wollte sie -küssen zur Strafe, sie sträubte sich, er hob den Schleier auf, er -hob das schöne Gesichtchen am Kinn empor, und siehe -- es war Don -Pedro, der sich in des Mädchens Gewänder gesteckt hatte, und Diego, -sein Diener, wollte sich totlachen über den herrlichen Spaß. -- Dann -war er wieder mit einem kühnen Sprung der träumenden Phantasie in -Stuttgart in jener Gemäldesammlung. Man hatte sie anders geordnet, er -durchsuchte vergebens alle Säle nach dem teuren Bilde; es war nicht -zu finden; er weinte, er fing an zu rufen und laut zu klagen; da kam -der Galeriediener herbei und bat ihn, stille zu sein und die Bilder -nicht zu wecken, die jetzt alle schlafen. Auf einmal sah er in einer -Ecke das Bild hängen, aber nicht als Brustbild wie früher, sondern in -Lebensgröße; es sah ihn neckend, mit schelmischen Blicken an, es trat -lebendig aus dem Rahmen und umarmte den Unglücklichen; er fühlte einen -heißen, langen Kuß auf seinen Lippen. Wie es zu geschehen pflegt, daß -man im Traum zu erwachen glaubt, und träumend sich sagt, man habe ja -nur geträumt, so schien es auch jetzt dem jungen Mann zu gehen. Er -glaubte, von dem langen Kuß erweckt, die Augen zu öffnen, und siehe, -auf ihn niedergebeugt hatte sich ein blühendes, rosiges Gesicht, das -ihm bekannt schien. Vor Lust des süßen Atems, der liebewarmen Küsse, -die er einsog, schloß er wieder die Augen; er hörte ein Geräusch, er -schlug sie noch einmal auf und sah eine Gestalt in schwarzem Mantel, -schwarzem Hütchen mit grünem Schleier entschweben; als sie eben um -eine Ecke biegen wollte, kehrte sie ihm noch einmal das Gesicht zu; -es waren die Züge des geliebten Mädchens, und neidisch wie damals -hatte sie auch jetzt die Halbmaske vorgenommen. »Ach, es ist ja doch -nur ein Traum!« sagte er lächelnd zu sich, indem er die Augen wieder -schließen wollte; aber das Gefühl, erwacht zu sein, das Säuseln des -Windes in den Blättern der Laube, das Plätschern des Springbrunnens war -zu deutlich, als daß er davon nicht völlig wach und munter geworden -wäre. Das sonderbare, lebhafte Traumbild stand noch vor seiner Seele; -er blickte nach der Ecke, wo sie verschwunden war; er sah die Stelle -an, wo sie gestanden, sich über ihn hingebeugt hatte, er glaubte die -Küsse des geliebten Mädchens noch auf den Lippen zu fühlen. »So weit -also ist es mit dir gekommen,« sprach er erschreckend zu sich, »daß du -sogar im Wachen träumst, daß du sie bei gesunden Sinnen um dich siehst? -Zu welchem Wahnwitz soll dies noch führen? Nein, daß man so deutlich -träumen könne, hätte ich nie geglaubt. Es ist eine Krankheit des -Gehirns, ein Fieber der Phantasie, ja es fehlt nicht viel, so möchte -ich sogar behaupten, Traumbilder können Fußtapfen hinterlassen; denn -diese Tritte hier im Sande sind nicht von meinem Fuß.« Sein Blick fiel -auf die Bank, wo er gelegen, er sah ein zierlich gefaltetes Papier -und nahm es verwundert auf. Es war ohne Aufschrift, es hatte ganz die -Form eines Billetdoux; er zauderte einen Augenblick, ob er es öffnen -dürfe; aber neugierig, wer sich hier wohl in solcher Form schreiben -könnte, entfaltete er das Papier -- ein Ring fiel ihm entgegen. Er -hielt ihn in der Hand und durchflog den Brief, er las: »Oft bin ich -Dir nahe, Du mein edler Ritter und Wohltäter; ich umschwebe Dich mit -jener unendlichen Liebe, die meine Dankbarkeit anfachte, die selbst -mit meinem Leben nicht verglühen wird. Ich weiß, Dein großmütiges Herz -schlägt noch immer für mich, Du hast Länder durchstreift, um mich -zu suchen, zu finden; doch umsonst bemühst Du Dich -- vergiß ein so -unglückliches Geschöpf; was wolltest Du auch mit mir? Wenn auch mein -höchstes Glück in dem Gedanken liegt, ganz Dir anzugehören, so kann -es ja doch nimmermehr sein! Auf immer! sagte ich Dir schon damals, ja -auf immer liebe ich Dich, aber -- das Schicksal will, daß wir getrennt -seien auf immer, daß nie an Deiner Seite, vielleicht nur in Deiner -gütigen Erinnerung leben darf - - _Die Bettlerin vom Pont des Arts._« - -Der junge Mann glaubte noch immer oder aufs neue zu träumen; er sah -sich mißtrauisch um, ob seine Phantasie ihn denn so ganz verführt -habe, daß er in einer Traumwelt lebe; aber alle Gegenstände um ihn -her, die wohlbekannte Laube, die Bank, die Bäume, das Schloß in der -Ferne, alles stand noch wie zuvor, er sah, er wachte, er träumte -nicht. Und diese Zeilen waren also wirklich vorhanden, waren nicht ein -Traumbild seiner Phantasie? »Hat man vielleicht einen Scherz mit mir -machen wollen?« fragte er sich dann; »ja gewiß; es kommt wohl alles von -Josephe; vielleicht war auch jene Erscheinung nur eine Maske?« Indem -er das Papier zusammenrollte, fühlte er den Ring, der in dem Briefchen -verborgen gewesen, in seiner Hand. Neugierig zog er ihn hervor, -betrachtete ihn und erblaßte. Nein, das wenigstens war keine Täuschung, -es war derselbe Ring, den er dem Mädchen in jener Nacht gegeben, als -er auf immer von ihr Abschied nahm. So sehr er im ersten Augenblick -versucht war, hier an übernatürliche Dinge zu glauben, so erfüllte ihn -doch der Gedanke, daß er ein Zeichen von dem geliebten Wesen habe, daß -sie ihm nahe sei, mit so hohem Entzücken, daß er nicht mehr an die -Worte des Briefes dachte, er zweifelte keinen Augenblick, daß er sie -finden werde, er drückte den Ring an die Lippen, er stürzte aus der -Laube in den Garten, und seine Blicke streiften auf allen Wegen, in -allen Büschen nach der teuren Gestalt. Aber er spähte vergebens; er -fragte die Arbeiter im Garten, die Diener im Schlosse, ob sie keine -Fremde gesehen haben; man hatte sie nicht bemerkt; bestürzt, beinahe -keiner Ueberlegung fähig, kam er zu Tische; umsonst forschte Faldner -nach dem Grund seiner verstörten Blicke, umsonst fragte ihn Josephe, ob -er denn vielleicht von gestern her noch so trübe gestimmt sei. »Es ist -mir etwas begegnet,« antwortete er, »das ich ein Wunder nennen müßte, -wenn nicht meine Vernunft sich gegen Aberglauben sträubte.« - - -29. - -Dieser sonderbare Vorfall und die Worte des Briefchens, das er wohl -zehnmal des Tages überlas, hatten den jungen Mann ganz tiefsinnig -gemacht. Er fing an nachzusinnen, ob es denn möglich sei, daß -überirdische Wesen in das Leben der Sterblichen eingreifen können. -Wie oft hatte er über jene Schwärmer gelacht, die an Erscheinungen, -an Boten aus einer andern Welt, an Schutzgeister, die den Menschen -umschweben, wie an ein Evangelium glaubten. Wie oft hatte er ihnen -sogar die physische Unmöglichkeit dargetan, daß körperlose Wesen -dennoch sichtbar erscheinen, daß sie dies oder jenes verrichten können. -Aber was ihm selbst begegnet war, wie sollte er es deuten? Oft nahm er -sich vor, alles zu vergessen, gar nicht mehr daran zu denken, und im -nächsten Augenblick quälte er sich ab, seine Erinnerung recht lebhaft -vor das Auge treten zu lassen; deutlicher als je erschienen dann -wieder ihre Züge, er hatte sie ja gesehen, als sie sich an der Ecke -noch einmal umwandte; er hatte den holden Mund, diese rosigen Wangen, -dieses Kinn, diesen schlanken Hals wiedergesehen! Er holte jenes Bild -herbei, er verglich Zug um Zug, er deckte die Hand auf Augen und Stirne -der Dame, und es war das holde Gesichtchen, wie es unter der Halbmaske -hervorschaute! - -Er hatte sich, weil Josephe am nächsten Morgen im Hause allzusehr -beschäftigt war, um ihn zu unterhalten, wieder in die Laube gesetzt. -Er las, und während des Lesens beschäftigte ihn immer der Gedanke, ob -sie ihm wohl wieder erscheinen werde. Die Hitze des Mittags wirkte -betäubend auf ihn; mit Mühe suchte er sich wach zu halten, er las -eifriger und angestrengter, aber nach und nach sank sein Haupt zurück, -das Buch entfiel seinen Händen, er schlief. - -Beinahe um dieselbe Zeit wie gestern erwachte er, aber keine Gestalt -mit grünem Schleier war weit und breit zu sehen; er lächelte über sich -selbst, daß er sie erwartet habe, er stand traurig und unzufrieden auf, -um ins Schloß zu gehen, da erblickte er neben sich ein weißes Tuch, -das er sich nicht erinnern konnte, hingelegt zu haben; er sah es an, -es mußte wohl dennoch ihm gehören, denn in der Ecke war sein Namenszug -eingenäht. »Wie kommt dies Tuch hierher?« rief er bewegt, als er bei -genauerer Besichtigung entdeckte, daß es eines jener Tücher sei, die -ihm das Mädchen hatte fertigen müssen, und die er wie Heiligtümer -sorgfältig verschloß. »Soll dies aufs neue ein Zeichen sein?« Er -entfaltete das Tuch, und suchte, ob nicht vielleicht wieder einige -Zeilen eingelegt seien? Es war leer; aber in einer andern Ecke des -Tuches entdeckte er noch einige Lettern, die wie sein Name eingenäht -waren; zierlich und nett standen dort die Worte: _Auf immer!_ »Also -dennoch hier gewesen!« rief der junge Mann unmutig. »Und ich konnte -ihre liebliche Erscheinung schnöderweise verschlafen? Warum gibt sie -mir wohl ein neues Zeichen? Warum diese traurigen Worte wiederholen, -die mich schon damals und erst gestern wieder so unglücklich machten?« -Auch heute befragte er nach der Reihe die Domestiken, ob nicht eine -fremde Person im Garten gewesen sei? Sie verneinten es einstimmig, und -der alte Gärtner sagte, seit drei Stunden sei gar niemand durch den -Garten gegangen als nur die gnädige Frau. »Und wie war sie angezogen?« -fragte Fröben, auf sonderbare Weise überrascht. »Ach, Herr, da fragt -Ihr mich zu viel,« antwortete der Alte; »sie ist halt angezogen gewesen -in vornehmen Kleidern, aber wie, das weiß ich nicht zu beschreiben; als -sie vor mir vorbeiging, nickte sie freundlich und sagte: ›Guten Tag, -Jakob!‹« - -Der junge Mann führte den Alten beiseite: »Ich beschwöre dich,« -flüsterte er; »trug sie einen grünen Schleier? Hatte sie nicht eine -große schwarze Brille auf?« - -Der alte Gärtner sah ihn mißtrauisch und kopfschüttelnd an. »Eine -schwarze Brille?« fragte er. »Die gnädige Frau eine große schwarze -Brille? Ei, du Herrgott, wo denken Sie hin, sie hat so scharfe, klare -Augen wie eine Gemse und soll eine Brille auf der Nase tragen, mit -Respekt zu melden, eine große schwarze Brille, wie sie die alten Weiber -in der Kirche auf die Nase klemmen, daß es feiner schnarrt, wenn sie -singen? Nein, gnädiger Herr, solche schlechte Gedanken müssen Sie sich -aus dem Kopf schlagen, das ist nichts; und nehmen Sie es nicht ungütig, -aber eine Mütze sollten Sie doch aufsetzen bei dieser Hitze, es ist von -wegen des Sonnenstichs.« So sprach der Alte und ging kopfschüttelnd -weiter; den übrigen Dienstboten aber deutete er mit sehr verdächtiger -Bewegung des Zeigefingers ans Hirn an, daß es mit dem jungen Herrn Gast -hier oben nicht ganz richtig sein müsse. - - -30. - -Auch jetzt kam Fröben zu keinem andern Resultat, als daß das Betragen -jenes Mädchens, das er so innig liebte, unbegreiflich sei, und -dieses rätselhafte Spiel mit seinem Schmerz, mit seiner Sehnsucht, -beschäftigte ihn so ganz ausschließlich, daß ihm vieles entging, was -ihm sonst wohl hätte auffallen müssen. Josephe kam mit verweinten Augen -zu Tische; der Baron war verstimmt und einsilbig und schien seinem -inneren Unmut, der ihm um die Stirne lag und deutlich aus den Augen -sprach, hie und da durch einen Fluch über die schlechte Küche und die -noch schlechtere Haushaltung Luft machen zu müssen. Die unglückliche -Frau ließ alles still und geduldig über sich ergehen, sie schickte -zuweilen, als wolle sie Hilfe und Trost suchen, einen flüchtigen Blick -nach Fröben hinüber; ach, sie bemerkte nicht, wie ihr Gatte diese -Blicke belauerte, wie seine Stirne sich röter färbte, wenn er ihre -Augen auf diesem Wege traf. - -An Fröbens Auge und Ohr ging dies vorüber als etwas, an das er sich -schon gewöhnt hatte; er gab sich nicht einmal die Mühe, Josephe um die -Ursache dieses Aufbrausens zu befragen. Es fiel ihm nicht auf, daß sie -zurückhaltender gegen ihn war im Beisein Faldners; er schrieb es der -gewöhnlichen Geschäftigkeit seines Freundes zu, daß ihn dieser in den -nächsten Tagen nötigte, mit ihm da- und dorthin auf das Gut zu gehen -und in Wald und Feld oft einen großen Teil des Tages mit Messungen und -Berechnungen hinzubringen. Als er aber eines Morgens, als ihn Faldner -schon gestiefelt und gespornt erwartete, eine kleine Unpäßlichkeit -vorschützte, um diesen unangenehmen Feldbesuchen zu entgehen, als -er arglos hinwarf, daß er doch Josephen auch einmal wieder vorlesen -müsse, da wollte es ihm doch auffallend dünken, daß der Baron unmutig -rief: »Nein, sie soll mir nichts mehr lesen, gar nichts mehr. Es geht -ohnedies seit einiger Zeit alles konträr. Das könnte ich vollends -brauchen, wenn sie den ganzen Morgen mit Lesen zubrächte und solche -Romanideen im Kopfe trüge, wie ich schon welche habe spuken sehen. -Lies dir in Gottes Namen selbst vor, lieber Fröben, und nimm mir nicht -übel, wenn ich mein Weib anders placiere. Du gehst in den Garten nach -dem Frühstück, Josephe, es soll heute Gemüse ausgestochen werden, -nachher bist du so gütig und gehst zu Pastors, du bist dort seit lange -einen Besuch schuldig.« Mit diesen Worten nahm er seine Reitpeitsche -vom Tische und schritt davon. - -»Was soll denn das? Was hat er denn heute?« fragte Fröben staunend die -junge Frau, die kaum ihre Tränen zurückzuhalten vermochte. - -»O, er ist so ziemlich wie sonst,« erwiderte sie ohne aufzublicken. -»Ihre Anwesenheit hat ihn einige Zeitlang aus dem gewöhnlichen Geleise -gebracht; Sie sehen, er ist jetzt wieder wie zuvor.« - -»Aber mein Gott,« rief er unmutig, »so schicken Sie doch eine Magd in -den Garten!« - -»Ich darf nicht,« sagte sie bestimmt, »ich muß selbst zusehen; er will -es ja haben.« - -»Und den Besuch bei Pastors --?« - -»Muß ich machen, Sie haben es ja gehört, daß ich ihn machen _muß_; -lassen wir das, es ist einmal so. Aber Sie,« fuhr Josephe fort, »Sie, -mein Freund, scheinen mir seit einigen Tagen verändert, gar nicht mehr -so munter, so zutraulich wie früher. Sollten Sie sich vielleicht nicht -mehr hier gefallen? Sollte mein Mann, sollte vielleicht ich Ursache -Ihrer Verstimmung sein?« -- - -Fröben fühlte sich verlegen; er war auf dem Punkt, der Freundin jene -sonderbaren Vorfälle im Garten zu gestehen, aber der Gedanke, sich vor -der klugen jungen Frau eine Blöße zu geben, hielt ihn zurück. »Sie -wissen,« sagte er ausweichend, »daß ich in den letzten Tagen Briefe -aus S. bekam. Und wenn ich verstimmt erscheine, so tragen diese Briefe -allein die Schuld.« Sie sah ihn zweifelnd an; eine Antwort schien auf -ihren Lippen zu schweben, aber wie wenn sie den Mangel an Vertrauen in -dem Blicke des jungen Mannes gelesen und sich dadurch gekränkt gefühlt -hätte, zuckten ihre schönen Lippen und drängten die Antwort zurück; -sie zog schweigend die Glocke, befahl ihrer Zofe, ihr Hut und Schirm -zu bringen, und ging dann, ohne ihn zu diesem Gang einzuladen, in den -Garten an die Arbeit. - -Als der junge Mann einige Stunden nachher ebenfalls in den Garten -hinabstieg und nach Josephe fragte, hieß es, sie sei zu Pastors -gegangen. Er eilte der Laube zu, er setzte sich mit pochendem Herzen -nieder. Heute hatte er sich vorgenommen, nicht einzuschlafen. »Ich -will doch sehen,« sagte er zu sich, »ob dieses Wesen, das mich so -geheimnisvoll umschwebt, noch ein drittes Zeichen für mich hat? Ich -will mich wie zum Schlummer niederlegen, und so wahr ich lebe, wenn -es wieder erscheint, will ich es haschen und schauen, welcher Natur -es sei.« Er las, bis der Mittag herangekommen war, dann legte er sich -nieder und schloß die Augen. Oft wollte sich der Schlummer wirklich -über ihn herabsenken, aber Erwartung, Unruhe und sein fester Wille, der -die Mohnkörner von ihm ferne hielt, ließen ihn wach bleiben. Er mochte -wohl eine halbe Stunde so gelegen haben, als die Zweige der Laube -rauschten. Er öffnete die Augen kaum ein wenig und sah, wie zwei weiße -Hände die Zweige behutsam teilten, vermutlich um eine Aussicht auf -den Schlummernden zu öffnen. Dann knisterten leise, leise Schritte im -Sand. Er blickte verstohlen nach dem Eingang der Laube, und sein Herz -wollte zerspringen voll freudiger Ungeduld, als er sein Mädchen sah im -schwarzen Mantel und Hut, den grünen Schleier zurückgeschlagen, die -schwarzen Maskenaugen vor den obern Teil des schönen Gesichts gebunden. - - -31. - -Sie nahte auf den Zehenspitzen. Er sah, wie auf ihrem Gesicht ein -höheres Rot aufstieg, als sie näher trat. Sie betrachtete den Schläfer -lange; sie seufzte tief und schien Tränen abzutrocknen. Dann trat sie -nahe heran; sie beugte sich über ihn herab, ihr Atem berührte ihn wie -ein Himmelsbote, der die Nähe ihrer süßen Lippen ansagte, sie senkte -sich tiefer und ihr Mund legte sich auf den seinigen so sanft, wie das -Morgenrot sich auf den Hügel senkt. - -Da hielt er sich nicht länger; schnell schlang er seinen Arm um ihren -Leib, und mit einem kurzen Angstschrei sank sie in die Kniee. Er sprang -erschrocken auf, er glaubte sie ohnmächtig, aber sie war nur sprachlos -und zitterte heftig; er hob sie auf, er zog sie, erfüllt von der Wonne -des Wiedersehens, an seiner Seite auf die Bank nieder, er bedeckte -ihren Mund mit glühenden Küssen, er drückte sie fest an sich: »O, so -habe ich dich wieder, endlich, endlich wieder, du geliebtes Wesen!« -rief er; »du bist kein Trugbild, du lebst, ich halte dich in meinen -Armen wie damals und liebe dich wie damals und bin glücklich, selig, -denn du liebst ja auch mich!« Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen, sie -sprach nicht, sie suchte vergebens sich aus seinen Armen zu winden. -»Nein, jetzt lasse ich dich nicht mehr,« sprach er, und Tränen, Tränen -des Glücks hingen an seinen Wimpern; »jetzt halte ich dich fest und -keine Welt darf dich von mir reißen. Und komm, hinweg mit dieser -neidischen Maske, ganz will ich dein schönes Antlitz schauen, ach, es -lebte ja immer in meinen Träumen!« Sie schien mit der letzten Kraft -die Hand von der Halbmaske abhalten zu wollen, sie atmete schwer, sie -rang mit ihm, aber die trunkene Lust des jungen Mannes, nach so langer -Entbehrung sich so unaussprechlich glücklich zu wissen, gewährte ihm -einen leichten Sieg. Er hielt ihre Arme mit der einen Hand, zitternd -stieß er mit der andern den Hut zurück, band die Maske los und -erblickte -- die Gattin seines Freundes. - -»Josephe!« rief er, wie in einen Abgrund niedergeschmettert, und seine -Gedanken drehten sich im Ringe. »Josephe!« - -Bleich, erstarrt, tränenlos saß sie neben ihm und sagte wehmütig -lächelnd: »Ja, Josephe.« - -»_Sie_ haben mich also getäuscht?« sagte er bitter, indem alle -Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augenblicks an ihm vorüberflog. -»O, dieses Possenspiel konnten Sie uns ersparen. Doch,« fuhr er fort, -indem ein Gedanke ihn durchblitzte; »um Gottes willen, wo haben Sie den -Ring her, woher das Tuch?« - -Sie errötete von neuem, sie brach in Tränen aus, sie verbarg ihr Haupt -an seiner Brust. »Nein,« rief er, »Antwort muß ich haben; es ist mein -Ring, das Tuch -- ich beschwöre Sie, wie kam beides in Ihre Hände, -woher haben Sie den Ring?« - -»Von _dir_!« flüsterte sie, indem sie sich beschämt fester an ihn -drückte. - -Da fiel ein Lichtstrahl in Fröbens Seele; noch blendete ihn dies zu -helle Licht, aber er hob sanft ihr Haupt in die Höhe und sah sie an -mit Blicken voll Verwunderung und Liebe. »Du bist es? Träume ich denn -wieder?« sprach er, nachdem er sie lange angeblickt. »Sagtest du nicht, -du seiest mein süßes Mädchen? O Gott, welcher Schleier lag denn auf -meinen Augen? Ja, das sind ja deine holden Wangen, das ist ja dein -reizender Mund, der mich heute nicht zum erstenmal küßte!« - -Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie sah ihn voll Wonne und -Entzücken an. »Was wäre aus mir geworden ohne dich, du edler Mann!« -rief sie, indem sich in Tränen der Schimmer ihrer Augen brach. »Ich -bringe dir den Segen meiner guten Mutter, du hast ihre letzten Tage -leicht gemacht und die Decke des Elends gelüftet, die so schwer auf -ihrer kranken Brust lag. O! Wie kann ich dir danken? Was wäre ich -geworden ohne dich! Doch --« fuhr sie fort, indem sie mit ihren Händen -das Gesicht bedeckte, »was _bin_ ich denn geworden, das Weib eines -andern, deines Freundes Weib!« - -Er sah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Busen hob und senkte, wie -durch die zarten Finger ihre Tränen gleich Quellen herabrieselten. Er -fühlte, wie innig sie ihn liebe, und kein Gedanke an einen Vorwurf, -daß sie einem andern als ihm gehören könnte, kam in seine Seele. »Es -ist so,« sagte er traurig, indem er sie fester an sich drückte, als -könne er sie dennoch nicht verlieren. »Es ist so; wir wollen denken, -es sollte so sein, es habe so kommen müssen, weil wir vielleicht zu -glücklich gewesen wären. Doch in diesem Moment bist du mein, denke, du -kommst herüber über den Platz der Arzneischule und ich erwarte dich: o -komm, umarme mich so wie damals, ach, nur noch ein einziges Mal!« - -In Erinnerung verloren, hing sie an seinem Hals; hinter ihren düsteren -Blicken schien der Gedanke an die Wirklichkeit sich zu verlieren; -heller und heller, freundlicher und immer freundlicher schien die -Erinnerung aufzutauchen; ein holdes Lächeln zog um ihren Mund und -senkte sich auf ihren Wangen in zarte Grübchen. »Und kanntest du mich -denn nicht?« fragte sie lächelnd. »Und du kanntest mich nicht?« fragte -er, sie voll Zärtlichkeit betrachtend. »Ach!« antwortete sie. »Ich -hatte mir damals deine Züge recht abgelauscht und tief in mein Herz -geschrieben, aber wahrlich, ich hätte dich nimmer erkannt. Es mochte -wohl auch daher kommen, daß ich dich nur immer bei Nacht sah in den -Mantel eingewickelt, den Hut tief in der Stirne, und wie konnt' ich -auch denken -- Freilich, als du am ersten Abend Faldner zuriefst: ›Auf -Wiedersehen!‹ da kam mir der Ton so bekannt vor, als hätte ich ihn -schon gehört; aber ich lachte mich immer selbst aus über die törichten -Vermutungen. Nachher war es mir hie und da, als müßtest du der sein, -den ich meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als du am Sonntag -nur erst Pont des Arts genannt hattest, da ging auf einmal eine eigene -Sonne auf deinem Gesicht auf; du schienest ganz in Erinnerung zu leben -und mit den ersten Worten ward es mir klar, daß du, du es bist! Aber -freilich, mich konntest du nicht wiedererkennen, nicht wahr, ich bin -recht bleich geworden?« - -»Josephe,« erwiderte er; »wo waren meine Sinne? Wo mein Auge, mein Ohr, -daß ich dich nicht erkannte? Gleich bei deinem ersten Anblick flog ein -freudiger Schreck durch meine Seele, du glichst ja ganz jenem Bilde, -das ich, durch einen wahrhaften Kreislauf der Dinge, als dir ähnlich -gefunden und geliebt hatte; aber die Entdeckung über das Geschlecht -der Mutter führte mich in eine Irrbahn; ich sah in dir nur noch die -ähnliche Tochter der schönen Laura, und oft, während ich neben dir saß, -streifte mein Geist ferne, weithin nach -- dir!« - -»O Gott!« rief Josephe, »ist es denn wahr, ist es möglich? Kannst du -mich denn noch lieben?« - -»Ob ich es kann? -- Aber darf ich denn? Gott im Himmel, du heißt ja -Frau von Faldner; sage mir nur um des Himmels willen, wie fügte sich -dies alles? Wie hast du auch nicht ein einzigesmal mehr mich erwarten -mögen?« - - -32. - -Sie stillte ihre Tränen, sie faßte sich mit Mühe, um zu sprechen. -»Siehe,« sagte sie, »es war, als ob ein feindliches Geschick alles nur -so geordnet hätte, um mich recht unglücklich zu machen. Als du weg -warst, hatte ich keine Freude mehr. Jene Abende mit dir waren mir so -unendlich viel gewesen. Siehe, schon von dem ersten Moment an, als du -in der lieben Muttersprache deinen Begleiter um Geld batest, von da an -schlug mein Herz für dich; und als du mit so unendlichem Edelmut, mit -so viel Zartsinn für uns sorgtest, ach, da hätte ich dich oft an mein -Herz schließen und dir gestehen mögen, daß ich dich wie ein höheres -Geschöpf anbete. Ich weiß nicht, was mir für dich zu tun zu schwer -gewesen wäre; und wie groß, wie edel hast du dich gegen mich benommen! -Du gingst, ich weinte lange, denn ein schmerzliches Gefühl sagte mir, -daß es auf immer geschieden sei; acht Tage nachdem du abgereist warst, -starb meine arme Mutter sehr schnell. Was du mir damals noch gegeben, -reichte hin, meine Mutter zu beerdigen und ihr Andenken nicht in -Unehre geraten zu lassen. Eine Dame, es war die Gräfin Landskron, die -in unserer Nachbarschaft wohnte und von uns Armen hörte, ließ mich zu -sich kommen. Sie prüfte mich in allem, sie durchschaute die Papiere -meiner Mutter, die ich ihr geben mußte, genau; sie schien zufrieden -und nahm mich als Gesellschaftsfräulein an. Wir reisten; ich will -dir nicht beschreiben, wie mein Herz blutete, als ich dieses Paris -verlassen mußte; es fehlten nur noch vierzehn Tage, bis die Zeit um -war, die du zu deiner Rückkehr bestimmtest; dann wäre ich am Ersten -auf den Platz gegangen, hätte dich noch einmal gesprochen, noch einmal -von dir Abschied genommen! Es sollte nicht so sein; als wir aus der -St. Severinstraße über den wohlbekannten Platz der Ecole de Médecine -hinfuhren, da wollte mein Herz brechen, und ich sagte zu mir: ›Auf -immer!‹ Eduard! ich habe nie wieder von dir gehört, dein Name war mir -unbekannt, du mußtest ja die Bettlerin längst vergessen haben; ich -lebte von der Gnade fremder Leute, ich hatte manches Bittere zu tragen, -ich trug es, es war ja nicht das Schmerzlichste. Als aber die Gräfin in -diese Gegend auf ihr Gut zog, als Faldner sich um mich bewarb, als ich -merkte, daß sie es gutmütig für eine gute Versorgung halte, vielleicht -auch meiner überdrüssig war -- nun ich war ja nur ein einzigesmal -glücklich gewesen, konnte nimmer hoffen, es wieder zu werden; das -übrige war ja so gleichgültig -- da wurde ich seine Frau.« - -»Armes Kind! an diesen Faldner, warum denn gerade du mit so weicher -Seele, mit so zartem Sinn, mit so viel gültigem Anspruch auf ein zum -mindesten edleres Los, warum gerade du seine Frau? Doch es ist so; -Josephe, ich kann, ich darf keinen Tag mehr hier sein; ich habe ihn -bei allem, was er Rohes haben mag, einst Freund genannt, bin jetzt -sein Gastfreund, und wenn auch alles nicht wäre, wir dürfen ja nicht -zusammen glücklich sein!« Es lag ein unendlicher Schmerz in seinen -Worten; er küßte die Augen der schönen Frau, nur um durch den Gram, -der in ihnen wohnte, nicht noch weicher zu werden. »O, nur noch -_einen_ Tag,« flüsterte sie zärtlich; »hab' dich ja jetzt eben erst -gefunden, und du denkst schon zu entfliehen. Siehe, wenn du weg bist, -da verschließt sich wieder die Türe meines Glücks auf immer; ich werde -Hartes ertragen müssen, und da muß ich doch ein wenig Erinnerung mir -aufsparen, von der ich zehren kann in der endlosen Wüste.« - -»Höre, ich will Faldner alles gestehen,« sprach nach einigem Sinnen der -junge Mann, »ich will es ihm alles vormalen, daß es ihn selbst rühren -muß; er liebt dich doch nicht, du ihn nicht und bist unglücklich; er -soll dich _mir_ abtreten. Mein Haus liegt nicht so schön wie dieses -Schloß; meine Güter kannst du vom Belvedere auf dem Dache übersehen, du -verließest hier großen Wohlstand, aber wenn du einzögest in mein Haus, -wollte ich dir meine Hände als Teppich unterlegen, auf den Händen -wollte ich dich tragen, du solltest die Königin sein in meinem Hause -und ich dein erster treuer Diener!« - -Sie blickte schmerzlich zum Himmel auf, sie weinte heftiger. »Ach ja, -wenn ich deines Glaubens wäre, dann ginge es wohl, aber wir sind ja gut -katholisch getraut worden, und das scheidet nur der Tod! O du großer -Gott, wie unglücklich machen oft diese Gesetze! Welch eine Seligkeit -mit dir, bei dir zu sein, immer für dich zu sorgen, an deinen Blicken -zu hängen und alle Tage dir durch zärtliche Liebe ein Tausendteil von -dem heimzugeben, was du an meiner lieben Mutter und an mir getan.« - -»Also dennoch auf immer,« erwiderte er traurig; »also nur noch morgen, -und dann für immer scheiden?« - -»Für immer!« hauchte sie kaum hörbar, indem sie ihn fester an ihre -Lippen schloß. - -»Hier also findet man dich, du niederträchtige Metze!« schrie in diesem -Augenblick ein dritter, der neben dieser Gruppe stand. Sie sprangen -erschreckt auf; zitternd vor Zorn, knirschend vor Wut stand der Baron, -in der einen Hand ein Papier, in der andern die Reitpeitsche haltend, -die er eben aufhob, um sie über den schönen Nacken der Unglücklichen -herabschwirren zu lassen. Fröben fiel ihm in den Arm, entwand ihm mit -Mühe die Peitsche und warf sie weit hinweg. »Ich bitte dich,« sagte er -zu dem Wütenden; »nur hier keine Szene; deine Leute sind im Garten, du -schändest dich und dein Haus durch einen solchen Auftritt.« - -»Was?« schrie jener, »ist mein Haus nicht schon genug geschändet durch -diese niederträchtige Person, durch dieses Bettlerpack, das ich in -meinem Haus hatte? Meinst du, ich kenne deine Handschrift nicht,« -fuhr er fort, indem er ihr das Papier hinstreckte; »das ist ja ein -süßes Briefchen an den Herrn Galan hier, an den Romanhelden. Also eine -Dirne mußte ich heiraten, die du unterhieltst, und als du ihrer satt -warest, sollte der ehrliche Faldner sie zur gnädigen Frau machen; dann -kommt man nach sechs Monaten so zufällig zu Besuch, um den Hörnern -des Gemahls noch einige Enden anzusetzen. Das sollst du mir bezahlen, -Schandbube; aber dieses Bettelweib mag immer wieder mit Teller und -Laterne sich am Pont des Arts aufstellen oder von deinem Sündenlohn -leben. Meine Knechte sollen sie mit Hetzpeitschen vom Hof jagen!« - - -33. - -Der Mann von gediegener Bildung hat in solchen Momenten ein -entschiedenes Uebergewicht über den Rohen, der von Wut zur -Unbesonnenheit hingerissen, unsicher ist, was er beginnen soll. Ein -Blick auf Josephe, die bleich, zitternd, sprachlos auf der Moosbank -saß, überzeugte Fröben, was hier zu tun sei. Er bot ihr den Arm und -führte sie aus der Laube nach dem Schlosse. Wütend sah ihnen der Baron -nach; er war im Begriff, seine Knechte zusammenzurufen, um seine -Drohung zu erfüllen, aber die Furcht, seine Schande noch größer zu -machen, hielt ihn ab. Er rannte hinauf in den Saal, wo Josephe auf dem -Sofa lag, ihr weinendes Gesicht in den Kissen verbarg, wo Fröben wie -gedankenlos am Fenster stand und hinausstarrte. Scheltend und fluchend -rannte jener in dem Saal umher; er verfluchte sich, daß er sein Leben -an eine solche Dirne gehängt habe. »Es müßte keine Gerechtigkeit mehr -im Lande sein, wenn ich sie mir nicht vom Halse schaffte!« rief er. -»Sie hat Taufschein und alles fälschlich angegeben; sie hat sich für -ebenbürtig ausgegeben, die Bettlerin, diese Ehe ist null und nichtig!« - -»Das wird allerdings das vernünftigste sein,« unterbrach ihn Fröben; -»es kommt nur darauf an, wie du es angreifst, um dich nicht noch mehr -zu blamieren --« - -»Ha, mein Herr!« schrie der Baron in wildem Zorn, »Sie spotten noch -über mich, nachdem Sie durch Ihre grenzenlose Frechheit all diese -Schande über mich brachten? Folgen Sie mir, zu _unserer_ Scheidung -brauchen wir weiter keine Assisen; die kann sogleich abgemacht werden. -Folgen Sie!« - -Josephe, die diese Worte verstand, sprang auf; sie warf sich vor dem -Wütenden nieder, sie beschwor ihn, alles nur über sie ergehen zu -lassen; denn sein Freund sei ja ganz unschuldig; sie wies hin auf den -Zettel in seiner Hand, den sie erkannte; sie schwur, daß Fröben erst -heute erfahren, wer sie sei. Aber der junge Mann selbst unterbrach ihre -Fürbitten, er hob sie auf und führte sie zum Sofa zurück. »Ich bin -gewohnt,« sagte er kaltblütig zum Baron, »bei solchen Gängen zuerst -meine Arrangements zu treffen, und du wirst wohl tun, es auch nicht zu -unterlassen. Vor allem geht deine Frau jetzt aus dem Schloß, denn hier -will ich sie nicht mehr wissen, wenn ich nicht da bin, sie vor deinen -Mißhandlungen zu schützen.« - -»Du handelst ja hier wie in deinem Eigentum,« erwiderte der Baron vor -Zorn lachend; »doch Madame war ja schon vorher dein Eigentum, ich hätte -es beinahe vergessen; wohin soll denn der süße Engel gebracht werden? -In ein Armenhaus, in ein Spital oder an den nächsten besten Zaun, um -ihr Gewerbe fortzusetzen?« - -Fröben hörte nicht auf ihn; er wandte sich zu Josephe. »Wohnt die -Gräfin noch in der Nähe?« fragte er sie. »Glauben Sie wohl für die -nächsten Tage einen Aufenthalt dort zu finden?« - -»Ich will zu ihr gehen,« flüsterte sie. - -»Gut; Faldner wird die Gnade haben, Sie hinfahren zu lassen, dort -erwarten Sie das Weitere, ob er einsieht, wie unrecht er uns beiden -getan, oder ob er darauf beharrt, sich von Ihnen zu trennen.« - - -34. - -Josephe war zu der Gräfin abgefahren; der Freund hatte ihr geraten, bei -ihrer Ankunft nur einen Besuch von einigen Tagen vorzugeben, indessen -wolle er ihr über die Stimmung seines Freundes Nachricht geben, und -wenn es möglich wäre, ihn bereden, sich mit ihr zu versöhnen. »Nein,« -rief sie leidenschaftlich, indem sie von der Terrasse an den Wagen -hinabstieg, »in diese Türe kehre ich nie mehr zurück, auf ewig wende -ich diesen Mauern den Rücken. Glauben Sie, eine Frau vermag viel zu -ertragen, ich habe lange dulden müssen, und das Herz wollte mir oft -zerspringen, aber heute hat er mich zu tief beleidigt, als daß ich ihm -vergeben könnte. Und sollte ich wieder zurückkehren müssen auf den -Pont des Arts, die Menschen um ein paar Sous anzuflehen, ich will es -lieber tun, als noch länger solche niedrige Behandlung von diesem rohen -Menschen mir gefallen lassen. Mein Vater war ein tapferer Soldat und -ein geachteter Offizier Frankreichs, seine Tochter darf sich nicht bis -zur Magd eines Faldner entwürdigen.« - -Der junge Mann hatte nach ihrer Abreise einige Briefe geschrieben und -war gerade mit Ordnen seines kleinen Gepäcks beschäftigt, als Faldner -in das Zimmer trat. Fröben sah ihn verwundert an und erwartete neue -Angriffe und Ausbrüche seines Zorns. Jener aber sagte: »Ich glaube, -je mehr ich diese unglücklichen Zeilen lese, die ich heute mittag auf -deinem Zimmer fand, immer mehr, daß du eigentlich doch unschuldig an -der miserablen Historie bist, nämlich, daß du vorher nichts wußtest -und die Person nicht kanntest; daß ich mein Weib in deinen Armen traf, -verzeihe ich dir, denn jene Person hatte aufgehört, mein zu sein, als -sie den törichten Brief an dich schrieb.« - -»Es ist mir wegen unseres alten Verhältnisses erwünscht,« antwortete -Fröben, »wenn du die Sache so ansiehst, hauptsächlich auch, weil ich -dadurch Gelegenheit bekomme, vernünftig und ruhig mit dir über Josephe -zu sprechen. Fürs erste mein heiliges Wort, daß zwischen ihr und -mir bis heute mittag nie, auch früher nicht, etwas vorging, was im -geringsten ihrer Ehre nachteilig wäre; daß sie arm war, daß sie einmal -genötigt war, die Hilfe der Menschen anzurufen --« - -»Nein, sag lieber, daß sie bettelte,« rief Faldner hitzig, »und nachts -auf den Straßen und Brücken der liederlichen Hauptstadt umherzog, um -Geld zu verdienen; ich hätte ja schon damals das Vergnügen ihrer nähern -Bekanntschaft haben können, ich war ja bei der rührenden Szene auf dem -Pont des Arts. Nein, wenn ich dir auch alles glaubte, ich bin dennoch -beschimpft; die Familie Faldner und eine Bettlerin!« - -»Ihr Vater und ihre Mutter waren von gutem Hause --« - -»Fabeln, Dichtung! Daß ich mich so fangen ließ; ebensogut hätte ich die -Kellnerin aus der Schenke heiraten können, wenn sie ein Bierglas im -Wappen führte und ein falsches Zeugnis ihrer Geburt brachte!« - -»Das ist in meinen Augen das Geringste bei der Sache; die Hauptsache -ist, daß du sie gleich von Anfang wie eine Magd behandeltest und nicht -wie deine Frau; sie konnte dich nie lieben; ihr paßt nicht füreinander.« - -»Das ist das rechte Wort,« entgegnete der Baron, »wir passen nicht -zusammen; der Freiherr von Faldner und eine Bettlerin können nie -zusammen passen. Und jetzt freut es mich erst recht, daß ich meinem -Kopf folgte und sie so behandelte, die Dirne hat es nicht besser -verdient. Ich hab' es ja gleich gesagt, sie hat so etwas Gemeines an -sich.« - -Diese Roheit empörte den jungen Mann, er wollte ihm etwas Bitteres -entgegnen, aber er bezwang sich, um Josephen nützlich zu sein. Er -redete mit dem Baron ab, was hierin zu tun sei, und sie kamen dahin -überein, daß sie die ganze Sache vor die bürgerlichen Gerichte bringen -und gegenseitige Abneigung als Grund zur Trennung angeben sollten. -Freilich konnte bei ihren Glaubensverhältnissen keiner der beiden -Teile hoffen, in einer neuen Verbindung Trost zu finden; aber Josephen, -wenn sie auch mit Schrecken in eine hilflose Zukunft blickte, schien -kein Los so schwer, daß es nicht gegen die unwürdige Behandlung, die -sie in Faldners Hause erduldete, erträglich geschienen hätte, und der -Baron, wenn ihn auch in manchen einsamen Stunden Reue anwandelte, -suchte Zerstreuung in seinen Geschäften und Trost in dem Gedanken, daß -ja niemand seine Schande erfahren habe, eine Bettlerin von zweideutigem -Charakter zur Frau von Faldner gemacht zu haben. - - -35. - -Einige Wochen nach diesem Vorfall ging Fröben in Mainz, wohin er -sich, um doch in Josephens Nähe zu sein, zurückgezogen hatte, auf -der Rheinbrücke abends hin und wieder. Er gedachte der sonderbaren -Verkettung des Schicksals, er dachte an mancherlei Auswege, die ihn -und die geliebte Frau vielleicht noch glücklich machen könnten; da -fuhr ein Reisewagen über die Brücke her, dessen wunderlicher Bau -die Aufmerksamkeit des jungen Mannes schon von weitem auf sich zog. -Bald aber haftete sein Auge nur noch an dem Bedienten, der auf dem -Bock saß; dieses braungelbe, heitere Gesicht, das neugierig um sich -schaute, schien ihm ebenso bekannt als die grellen Farben der Livree. -Als der Wagen, der sich auf der Brücke nur im Schritt weiter bewegen -durfte, näher herankam, bemerkte auch der Diener den jungen Mann und -rief: »San Jago di Compostella! Das ist er ja selbst!« Er riß das -Wagenfenster auf, das ihn von dem Innern des Wagens trennte, und sprach -eifrig hinein. Alsobald wurde auf der Seite des Wagens ein Fenster -niedergelassen und heraus fuhr das wohlbekannte Gesicht Don Pedros di -San Montanjo Ligez. Der Wagen hielt; der junge Mann sprang freudig -herzu, um den Schlag zu öffnen, und der alte Herr sank in seine Arme. -»Wo ist sie, wo habt Ihr sie, die Tochter meiner Laura? O, um der -heiligen Jungfrau willen, habt Ihr sie hier? Sagt an, junger Herr! Wo -ist sie?« - -Der junge Mann schwieg betreten; er führte den Alten auf der Brücke -weiter und sagte ihm dann, daß sie nicht weit von dieser Stadt sich -aufhalte, und morgen wolle er ihn zu ihr führen. - -Der Spanier hatte Freudentränen im Auge. »Wie danke ich Euch für die -Nachrichten, die Ihr mir gegeben!« sprach er. »Sobald ich Urlaub -bekommen hatte, setzte ich mich mit Diego in den Wagen und ließ mich -von W. bis hier täglich sechs Meilen fahren, denn länger hielt ich es -nicht aus. Und lebt sie glücklich? Sieht sie ihrer Mutter ähnlich, und -was erzählt sie von Laura Tortosi?« Fröben versprach, auf seinem Zimmer -alle seine Fragen zu beantworten. Er ließ, nachdem sich der Spanier ein -wenig ausgeruht und umgekleidet hatte, Xeres bringen, schenkte ein, -Diego reichte, wie damals, die Zigarren, und als Don Pedro recht bequem -saß, fing der junge Mann seine Erzählung an. Mit steigendem Interesse -hörte ihn der Spanier an; zu großem Aergernis Diegos ließ er seit -zwanzig Jahren zum erstenmal die Zigarre ausgehen, und als der junge -Mann an jene empörende Szene zwischen Faldner und der unglücklichen -Frau kam, da konnte er sich nicht mehr halten; sein altes, südliches -Blut kochte auf; er drückte den Hut tief in die Stirne, wickelte den -linken Arm in den Mantel und rief mit blitzenden Augen: »Meinen langen -Stoßdegen her, Diego, den mach' ich kalt, so wahr ich ein guter Christ -und spanischer Edelmann bin; ich stech' ihn nieder und hätte er ein -Kruzifix vor der Brust, ich bring' ihn um; ohne Absolution und ohne -alle Sakramente schick' ich ihn zur Hölle, so tu' ich. Bring mir mein -Schwert, Diego!« - -Aber Fröben zog den zitternden, vom Zorn erschöpften Alten zu sich -nieder; er suchte ihm begreiflich zu machen, wie dies alles nicht nötig -sei, denn Josephe sei schon aus der Gewalt des rohen Menschen befreit -und lebe getrennt von ihm. Er holte, um ihn noch mehr zu besänftigen, -jenes Bild herbei und entfaltete es vor den staunenden Blicken Pedros. -Entzückt betrachtete es der Don. »Ja, sie ist es,« rief er, alles -übrige vergessend, »meine arme, unglückliche Laura!« Und weinend -umarmte er den jungen Mann, nannte ihn seinen lieben Sohn und dankte -ihm mit gebrochener Stimme für alles, was er an der unglücklichen -Mutter und ihrer armen Tochter getan. - -Am andern Morgen brach er mit Fröben nach dem Gut der Gräfin auf. Es -war ein rührender Anblick, wie der alte Mann die schöne jugendliche -Gestalt Josephens umschlungen hielt, wie er ihre Züge aufmerksam -betrachtete, wie seine strengen Züge immer weicher wurden, wie er sie -dann gerührt auf Auge und Mund küßte. »Ja, du bist Lauras Tochter!« -rief er. »Dein Vater hat dir nichts gegeben als sein blondes Haar, aber -das sind ihre lieben Augen, das ist ihr Mund, das sind die schönen -Züge der Tortosi! Sei meine Tochter, liebes Kind; ich habe keine -Verwandten und bin reich; durch Verwandtschaft, mein Herz und einen -zwanzigjährigen Gram gehörst du mir näher an als irgend jemand auf der -Erde!« Ihre Blicke, die über seine Schultern weg auf Fröben fielen, -schienen diese letztere Behauptung nicht gerade zu bestätigen, aber -sie küßte gerührt seine Hand und nannte ihn ihren Oheim, ihren zweiten -Vater. - -Die Freude des Wiedersehens dauerte übrigens nur wenige Tage. Don Pedro -erklärte sehr bestimmt, daß ihn seine Geschäfte nach Portugal rufen -und zugleich schien er gar nicht einzusehen, was Josephen abhalten -könnte, ihm dahin zu folgen; er hegte zu strenge Grundsätze über die -Artikel seiner Kirche, als daß er den Gedanken für möglich gehalten -hätte, Fröben könne Josephe, die getrennte Gattin eines andern, zur -Frau begehren. Es ist uns nicht bekannt geworden, was die Liebenden -über diesen strittigen Punkt verhandelten; nur so viel ist gewiß, daß -Fröben einigemal darauf hindeutete, sie solle zum evangelischen Glauben -zurückkehren, daß sie jedoch, zwar mit unendlichem Schmerz, aber sehr -bestimmt, diesen Vorschlag abwies. Oft soll ihr der junge Mann in -Verzweiflung über die herannahende Trennung vorgeschlagen haben, sie -solle Don Pedro ziehen lassen, sie solle für sich leben, in Deutschland -bleiben, er wolle, wenn er nicht ihr Gatte werden könne, auf immer -als Freund um sie sein. Aber auch dies lehnte sie ab; sie gestand ihm -offen, daß sie sich zu schwach fühle, ein solches Verhältnis mit Ehren -hinauszuführen, und stolzer gemacht durch ihr Unglück, bebte sie zurück -vor dem Gedanken an eine unwürdige Verbindung mit einem Mann, den sie -so hoch achtete, als sie ihn liebte. Allein mit sich, gestand sie sich -wohl, daß ein noch edelmütigerer Gedanke ihre Schritte lenke. »Sollte -er,« sagte sie zu sich, »die Blüte des Lebens an ein unglückliches -Geschöpf verlieren, das ihm nur Freundin sein darf? Soll er den hohen -Genuß häuslicher Freuden, das Glück, Kinder und Enkel um sich zu -versammeln, wegen meiner aufgeben? Nein, er hat mich schon einmal -verloren und die Zeit wird auch jetzt seinen Schmerz lindern, er wird -ein unglückliches Wesen vergessen, das ewig an ihn denken, ihn lieben, -für ihn beten wird.« - -So schienen denn jene prophetischen Worte Josephens: »Auf immer!« in -Erfüllung zu gehen. Don Pedro verließ mit seiner neuen Verwandten das -Gut der Gräfin, um durch Holland auf die See zu gehen. Fröben, den -vielleicht nur der Gedanke, Josephen bald nach Portugal nachzufolgen -und dort ihr Freund zu sein, aufrecht erhielt, geleitete die Geliebte -auf der Reise durch Deutschland und Holland; und so oft sie ihn bat, -durch längeres Begleiten die Tage der Trennung nicht noch schwerer -zu machen, bat er mit Tränen im Auge: »Nur bis ans Meer und dann auf -immer!« - - -36. - -Im August dieses Jahres wurde in Ostende ein englisches Schiff klar, -das nach Portugal Schiffsgut und Passagiere brachte. Es war ein -schöner Morgen, die Nebel hatten sich gesenkt und die Tage schienen -für die Fahrt günstig werden zu wollen. Es war um neun Uhr morgens, -als ein Kanonenschuß von dem Engländer herüberschallte, zum Zeichen, -daß die Passagiere sich an die Küste begeben sollen. Zu gleicher Zeit -ruderte eine Schaluppe heran und warf ihr Brett aus, um die Reisenden -einzunehmen. Vom Land her kamen viele Personen mit Gepäck, gingen über -das Brett, und bald war die Schaluppe voll und die erste Ladung wurde -an Bord gebracht. Ehe noch die Schaluppe zum zweitenmal anlegte, sah -man vier Personen sich dem Strande nähern, die sich durch Gang, Haltung -und Kleidung von den übrigen ärmlicheren Passagieren unterschieden. Ein -hoher, ältlicher Mann ging stolzen Schrittes voraus; er hatte einen -breitgekrempten Hut auf und den Mantel so kunstreich und bequem um die -Schultern geschlagen, daß ein Schiffer, der ihn kommen sah, ausrief: -»Ich laß mich fressen, wenn es kein Spanier ist!« hinter jenem kam ein -jüngerer Herr, der eine schöne, schlankgebaute Dame führte. Der junge -Herr war sehr bleich, schien einen großen Kummer niederzukämpfen, um -durch Zureden einen noch größeren bei der Dame zu beschwichtigen. Ihr -schönes Gesicht war um Auge und Stirne von heftigem Weinen gerötet, -der Mund schmerzlich eingepreßt und die Wangen und untern Teile des -Gesichtes sehr bleich. Sie ging schwankend, auf den Arm des jungen -Mannes gestützt; ein Hütchen mit wallenden Straußfedern; ein wallendes -Kleid von schwerem schwarzen Seidenzeug, um Hals und Busen reiche -Goldketten, schienen nicht zur Reise zu passen, und man konnte daher -glauben, daß sie den jungen Mann an Bord begleite; hinter beiden ging -ein Diener in bunten Kleidern; er trug einen großen Sonnenschirm unter -dem Arm und hatte ein spanisches Netz über seine dunkeln Haare gezogen. - -Als sie so weit herabgekommen waren, wo der Sand von der vorigen Flut -noch feucht war, an die Stelle, wo man das Brett nach der Schaluppe -auswarf, blieben sie stehen, und das schöne junge Paar sah nach dem -Schiff, dann sahen sie sich an und die Dame legte ihr Haupt auf die -Schulter des Mannes, daß die Straußfedern um sein Gesicht spielten und -seine stillen Tränen den Augen der Neugierigen verbargen. Der alte Herr -stand nicht weit davon, wickelte sich, finster auf die See blickend, -tief in seinen Mantel, und sein Auge blinkte, man wußte nicht ob von -einer Träne oder dem Widerschein der glänzenden Wellen. Jetzt kam die -Schaluppe plätschernd ans Ufer; das Brett wurde ausgeworfen und ein -donnernder Schuß vom Schiffe schreckte das Paar aus seiner Umarmung. -Der alte Herr trat heran, bot dem jungen Mann die Hand, schüttelte sie -kräftig und stieg dann schnell über das Brett, sein Diener folgte, -nachdem auch er dem Jüngling herzlich die Hand geboten. Jetzt umarmten -sich die jungen Leute noch einmal; er wandte sich zuerst los und führte -die Dame nach dem Brett. »Auf immer!« flüsterte sie mit wehmütigem -Lächeln. »Auf immer!« antwortete der junge Mann, indem er sie bebend, -mit Tränen ansah. Noch einen Händedruck und sie wandte sich, das -Brett hinanzusteigen. Schon stand sie oben, der Oberbootsmann, ein -breiter Engländer, wartete am Brett, streckte seine breite Hand aus, -um die schöne Dame zu empfangen, und hatte schon einige gutgemeinte -Trostgründe in Bereitschaft. Da wandte sie von dem unendlichen Meer -ihr dunkles Auge noch einmal zurück nach dem jungen Mann. Ihre hohe -herrliche Gestalt schwebte kühn auf dem schmalen Brett, ihr schlanker -Hals war nach dem Land zurückgebogen, die schwankenden Federn des Hutes -schienen hinüberzugrüßen. Er breitete die Arme aus, in seinen Zügen -mischte sich die Seligkeit der Liebe mit dem Schmerz der Trennung. Da -schien sie ihrer selbst nicht mehr mächtig zu sein; sie sprang über -das Brett und hinab auf das Land, und ehe der Bootsmann die Hände vor -Verwunderung zusammenschlagen konnte, hing sie schon an des jungen -Mannes Hals, an seinen Lippen. »Nein, ich kann nicht über das Meer,« -rief sie, »ich will bleiben; ich will alles tun, was du willst, will -diese Fesseln eines Glaubens von mir werfen, der mich hindert, meinem -bessern Gefühl zu folgen; du bist mein Vaterland, meine Familie, mein -alles; ich bleibe!« - -»Josephe, meine Josephe!« rief der junge Mann, indem er sie mit -stürmischem Entzücken an sein Herz drückte. »Mein, mein auf immer? Ein -Gott hat dein Herz gelenkt, o, ich wäre untergegangen unter der Qual -dieser Trennung!« Sie hielten sich noch umschlungen, als der alte Herr -mit hastigen Schritten über Bord und das Brett herabstieg und zu der -Gruppe trat: »Kinder,« sagte er, »einmal Abschied zu nehmen wäre genug -gewesen; komm, Josephe, es hilft ja doch zu nichts, sie werden gleich -zum drittenmal schießen.« - -»Laßt sie mit Stückkugeln schießen, Don Pedro,« rief der junge Mann mit -freudig verklärten Zügen, »sie bleibt hier, sie bleibt bei mir!« - -»Was höre ich?« erwiderte jener sehr ernst. »Ich will nicht hoffen, daß -dies so ist, wie der Kavalier sagt; du wirst deinem Verwandten folgen, -Josephe!« - -»Nein!« rief sie mutig, »als ich dort oben auf dem Rand der Schaluppe -stand und hinaussah auf diese Fluten, die mich von ihm trennen sollten, -da stand fest in mir, was ich zu tun habe; meine Mutter hat mir den -Weg gezeigt; sie ist einst dem Mann ihres Herzens in die weite Welt -gefolgt, hat Vater und Mutter verlassen aus Liebe; ich weiß, was auch -ich zu tun habe, hier steht der, dem meine arme Mutter ihre letzten -süßen Stunden, dem ich Leben, Ehre, alles verdanke, und ich sollte ihn -verlassen? Grüßet die Gräber meiner Ahnen in Valencia, Don Pedro, und -saget ihnen, daß es noch eine aus dem Stamm der Tortosi gibt, der die -Liebe höher gilt als das Leben!« - -Don Pedro wurde weich. »So folge deinem Herzen, vielleicht ratet es dir -besser als ein alter Mann; ich weiß dich zum mindesten glücklich in den -Armen dieses edlen Mannes, und sein hoher Sinn bürgt mir dafür, daß ihm -unsere Ehre nicht minder hoch als die seine gilt. Aber, Don Fröbenio, -was werden Sie zu Ihren stolzen Verwandten sagen, wenn Sie dieses Kind -des Elends vorstellen? Gott! Werden Sie auch den Mut haben, den Spott -der Welt zu ertragen?« - -»Fahre wohl, Don Pedro,« sagte der junge Mann mit mutigem Gesicht, -indem er jenem die eine Hand zum Abschied bot und mit der andern die -Geliebte umschlang; »seid getrost und verzaget nicht an mir. Ich werde -sie der Welt zeigen, und wenn man mich fragt: Wer war sie denn? so -werde ich mit freudigem Stolz antworten: Es war _die Bettlerin vom Pont -des Arts_.« - - - - -Jud Süß. - - -1. - -Der Karneval war nie in Stuttgart mit so großem Glanz und Pomp gefeiert -worden als im Jahr 1737. Wenn ein Fremder in die ungeheuren Säle trat, -die zu diesem Zwecke aufgebaut und prachtvoll dekoriert waren, wenn -er die Tausende von glänzenden und fröhlichen Masken überschaute, das -Lachen und Singen der Menge hörte, wie es die zahlreichen Fanfaren der -Musikchöre übertönte, da glaubte er wohl nicht in Württemberg zu sein, -in diesem strengen, ernsten Württemberg, streng geworden durch einen -eifrigen, oft asketischen Protestantismus, der Lustbarkeiten dieser Art -als Ueberbleibsel einer andern Religionspartei haßte; ernst, beinahe -finster und trübe durch die bedenkliche Lage, durch Elend und Armut, -worein es die systematischen Kunstgriffe eines allgewaltigen Ministers -gebracht hatten. - -Der prachtvollste dieser Freudentage war wohl der zwölfte Februar, -an welchem der Stifter und Erfinder dieser Lustbarkeiten und so -vieles andern, was nicht gerade zur Lust reizte, der _Jud Süß_, -Kabinettsminister und Finanzdirektor, seinen Geburtstag feierte. Der -Herzog hatte ihm Geschenke aller Art am Morgen dieses Tages zugesandt; -das angenehmste aber für den Kabinettsminister war wohl ein Edikt, -welches das Datum dieses Freudentages trug, ein Edikt, das ihn auf ewig -von aller Verantwortung wegen Vergangenheit und Zukunft freisprach. -Jene unzähligen Kreaturen jeden Standes, Glaubens und Alters, die er an -die Stelle besserer Männer gepflanzt hatte, belagerten seine Treppen -und Vorzimmer, um ihm Glück zu wünschen, und manchen ehrliebenden, -biedern Beamten trieb an diesem Tage die Furcht, durch Trotz seine -Familie unglücklich zu machen, zum Handkuß in das Haus des Juden. - -Dieselben Motive füllten auch abends die Karnevalsäle. Seinen Anhängern -und Freunden war es ein Freudenfest, das sie noch oft zu begehen -gedachten; Männer, die ihn im stillen haßten und öffentlich verehren -mußten, hüllten sich zähneknirschend in ihre Dominos und zogen mit Weib -und Kindern zu der prachtvollen Versammlung der Torheit, überzeugt, -daß ihre Namen gar wohl ins Register eingetragen und die Lücken schwer -geahndet würden; das Volk aber sah diese Tage als Traumstunden an, -wo sie im Rausch der Sinne ihr drückendes Elend vergessen könnten; -sie berechneten nicht, daß die hohen Eintrittsgelder nur eine neue -indirekte Steuer waren, die sie dem Juden entrichteten. - -Der Glanzpunkt dieses Abends war der Moment, als die Flügeltüren -aufflogen, eine erwartungsvolle Stille über der Versammlung lag, und -endlich ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit auffallenden, markierten -Zügen, mit glänzenden, funkelnden Augen, die lebhaft und lauernd durch -die Reihen liefen, in den Saal trat. Er trug einen weißen Domino, einen -weißen Hut mit purpurroten Federn, auf welchen er die schwarze Maske -nachlässig gesteckt hatte; es war nichts Prachtvolles an ihm als ein -ungewöhnlich großer Solitär, welcher am Hals die purpurrote Bajute von -Seidenflor, die über den Domino herabfiel, zusammenhielt. Er führte -eine schlanke, zartgebaute Dame, die, in ein mit Gold und Steinen -überladenes orientalisches Kostüm gekleidet, aller Augen auf sich zog. - -»Der Herr Finanzdirektor, der Herr Minister,« flüsterte die Menge, -als er vornehm grüßend durch die Reihen ging, die sich ihm willig -öffneten; und als er in der Mitte des Hauptsaales angekommen war, -begrüßten ihn Trompeten und Pauken und ein nicht unbeträchtlicher Teil -der Masken klatschte ihm Beifall, während man andere wie von einem -unzüchtigen Schauspiele sich abwenden sah. Aber allgemein schien die -Teilnahme, womit man die schöne Orientalin betrachtete, die mit dem -Minister gekommen war. Seine Lebensweise war zu bekannt, als daß nicht -die meisten unter der Larve der reich geschmückten Dame eine seiner -Freundinnen geahnet hätten, nur darüber schien man uneinig, welcher -von diesen solche Auszeichnung zu teil geworden sei; die eine schien -zu klein für diese Figur, die andere zu korpulent für diese zierliche -Taille, die dritte zu schwerfällig, um so leicht und beinahe schwebend -über den Boden zu gleiten, und einer vierten, bei welcher man endlich -stille stehen wollte, konnte nicht dieses glänzend schwarze Haar, das -in reichen Locken um den stolzen Nacken fiel, nicht dieses herrliche, -dunkle Auge gehören, das man aus der Maske hervorleuchten sah. - -Die Menge pflegt, wenn ihre Neugier nicht sogleich befriedigt wird, -bei Gelegenheiten von so glänzender und rauschender Art, wie dieser -Karneval war, nicht lange bei _einem_ Gegenstand stille zu stehen. -»Wenn sie die Maske abnimmt, wird man ja sehen!« sprach man, ohne der -Dame noch längere Aufmerksamkeit zu schenken, als nötig war, um zu -bemerken, wie sie zum Menuett antrat. Aber drei junge Männer, die müßig -hinter den Reihen der Tanzenden standen, schienen diese Erscheinung -noch immer unablässig zu verfolgen. - -»Wer sie nur sein mag?« rief der eine ungeduldig. »Ich wollte gern -dem verzweifelten Juden fünfzig Eintrittskarten abkaufen, wenn er mir -sagte, woher dieses Mädchen kommt, das er wie eine Fürstin in den Saal -führte.« - -»Herr Bruder!« erwiderte der zweite, indem er unter dem Sprechen kein -Auge von der Orientalin abwandte: »Herr Bruder, ~Parole d'honneur~! -Diese Widersprüche kann ich nicht vereinigen, und wenn ich bei -Cartesius selbst die Logik samt dem ›~cogito, ergo sum~‹ studiert -hätte; eine so ungewöhnliche feine Gestalt, diese Haltung, diese nach -den neuesten und vornehmsten Regeln abgemessene Bewegung, diese Art, -das Handgelenk rund und spielend zu bewegen, wie ich sie nur in den -bedeutendsten Zirkeln zu Wien und Paris sah, dieser Anstand, womit sie -den Nacken trägt --« - -»Gott verdamm' mich, du hast recht, Herr Bruder!« unterbrach ihn der -dritte. »Dieses alles und -- mit Süß auf den Ball zu kommen! Nein, ein -solcher Kontrast ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen!« - -»Aus unserer Bekanntschaft,« fuhr der erste fort, »aus unsern Kreisen -kann sie nicht sein; denn wenn es auch wahr ist, was man flüstert, -daß schon mancher elende Kerl von einem Vater seine Tochter mit einer -Bittschrift zum Juden schickte, so laut läßt keiner seine Schande -werden, daß er sein leibliches Kind mit dieser Mazette auf den Ball -schickt!« - -»Bitte dich ums Himmels willen, Herr Bruder, nicht so laut, er hat -überall seine Spione, und uns ist er ohnedies nicht grün; denk an deine -Familie, willst du dich unglücklich machen? Aber wahr ist's, es kann -kein Mädchen aus bessern Ständen sein, und doch ist ihr Wesen für eine -Bürgerstochter zu anständig. Doch halt, wer ist der Sarazene, der dort -auf uns zukommt? Die Farbe seines Turbans ist ja dieselbe, wie ihn die -Scharmante des Juden hat!« - -Die jungen Männer wandten sich um und sahen einen schlanken, -schöngewachsenen Mann, der, als Sarazene gekleidet, sich durch -die einfache Pracht seines Kostüms wie durch Gang und Haltung vor -gemeineren Masken auszeichnete. Auch er schien die jungen Männer ins -Auge gefaßt zu haben, denn er ging langsam an sie heran und zögerte, an -ihnen vorüber zu schreiten. - -»Was ist deine Parole?« fragte der eine der jungen Männer, der in der -Maske einen Freund zu erkennen glaubte. »Hast du nur dein _Allah_ zum -Feldgeschrei, oder weißt du sonst ein Sprüchlein?« - -»~Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus~,« erwiderte der Sarazene, indem -er stille stand. - -»Er ist's, er ist's,« riefen zwei dieser jungen Herren und schüttelten -die Hand des Sarazenen. »Gut, daß wir die Parole gaben, ich hätte sonst -kein Erkennungszeichen für dich gehabt, denn ich war meiner Sache so -gewiß, du seiest als Bauer hier, daß ich mit dem Kapitän eine Flasche -gewettet habe, du müßtest ein Bauer sein!« - -»Laßt uns ans Büffet treten,« sagte der zweite, »ich habe dir hier -jemand vorzustellen, Bruder Gustav, der sich auf deine Bekanntschaft -freut, und du weißt, in Larven erkennt man sich schlecht.« - -»Freund,« erwiderte Gustav, »ich nehme die Larve nicht ab, ich habe -Gründe; so angenehm mir die Bekanntschaft dieses Herrn wäre, so muß ich -sie doch bis morgen versparen.« - -»Und wenn es nun Pinassa wäre, nach welchem du so oft gefragt?« -antwortete jener. - -»Pinassa? Mit dem du dich geschlagen? Nein, das ändert die Sache, den -will ich sehen und begrüßen; aber -- meine Maske nehme ich nur auf zwei -Augenblicke und im fernsten Winkel des Speisesaals ab.« - -»Wir sind's zufrieden, Bruder Sarazene,« antwortete der Kapitän. »Aber -laß uns nur erst an die zweite Flasche kommen, dann sollst du auch die -Gründe beichten, warum du dein Angesicht nicht leuchten lassen willst -vor den Freunden!« - - -2. - -In dem Speisesaal, welchen sie wählten, waren nur wenige Menschen, -denn man verkaufte hier nur ausgesuchte Weine, feine Früchte und warme -Getränke, während die größeren Trinkstuben, wo Landwein, Bier und -derbere Speisen zu haben waren, die größere Menge an sich zogen. In -einer Ecke des Zimmers war ein Tischchen leer, wo der Sarazene, wenn -er dem übrigen Teil des Saales den Rücken kehrte, ohne Gefahr, erkannt -zu werden, die Maske abnehmen konnte. Sie wählten diesen Platz, und -als die vollen Römer vor ihnen standen, legten die zwei jungen Krieger -die Masken ab, und der Kapitän begann: »Herr Bruder, ich habe die -Ehre, dir hier den unvergleichlichen Kavalier Pinassa vorzustellen, -den berühmtesten Fechter seiner Zeit; denn es gelang ihm, durch eine -unbesiegliche Terz-Quart-Terz, _mich_, bedenke, mich den Senior des -Amicistenordens, in Leipzigs unvergeßlichem Rosenthal ~hors de combat~ -zu machen. Er hat gleich mir die Musen verlassen, hat gesungen: ›Will -mich Minerva nicht, so mag Bellona raten‹, und hat den alten Hieber -und sein ungeheures Stichblatt, worauf er sein Frühstück zu verzehren -pflegte, mit dem Paradedegen eines herzoglich württembergischen -Leutnants vertauscht.« - -»Der Tausch ist nicht übel, Herr von Pinassa, und mein Vaterland kann -sich dazu Glück wünschen,« sagte der Sarazene, indem er sich vor dem -neuen Leutnant verbeugte. »Wolltet Ihr einmal in unsern Dienst treten, -so war diese Laufbahn die angenehmste. Der Zivilist hat zu dieser Zeit -wenig Aussicht, wenn er nicht ein Amt für fünftausend Gulden oder für -sein Gewissen und ehrlichen Namen beim Juden kaufen will. Doch diese -dünnen Bretterwände haben Ohren -- stille davon, es ist doch nicht zu -ändern. Wie anders sind Eure Verhältnisse! Der Herzog ist ein tapferer -Herr, dem ich einen Staat von zweimalhunderttausend Kriegern gönnen -möchte; für uns -- ist er zu groß. Der Krieg ist sein Vergnügen, ein -Regiment im Waffenglanz seine Freude; leider fällt für uns andere -selten eine müßige Stunde ab, und daher kommt es, daß diese Juden und -Judenchristen das Zepter führen. Er gilt für einen großen General, er -hat mit Prinz Eugen schöne Waffentaten verrichtet, und ein schlanker, -junger Mann, mit einer Narbe auf der Stirne, Mut in den Blicken, wie -Ihr, Herr von Pinassa, ist ihm jederzeit in seinem Heere willkommen.« - -»Was der Sarazene altklug sprechen kann über Juden und Christen!« -sprach der Kapitän. »Doch öffne dein Visier und zeige deine Farben, -mein Kamerad soll nun auch wissen, mit wem er spricht: das ist der -umsichtige, rechtskundige, fürtreffliche Herr ~Juris utriusque~ Doctor -Lanbek, leiblicher Sohn des berühmten Landschaftskonsulenten Lanbek, -welchem er als Aktuarius substituiert ist; ein vortrefflicher Junge, -~Parole d'honneur~, wenn er sich nicht in neuerer Zeit hin und wieder -durch sonderbare Melancholie prostituierte, noch trefflicher, wenn ihm -der Herr auch einen Sinn für das schöne Geschlecht eingepflanzt hätte.« - -Lanbek nahm bei diesen Worten die Maske ab und zeigte dem neuen -Bekannten ein errötendes Gesicht von hoher Schönheit. Unter dem Turban -stahlen sich gelbe Locken hervor und umwallten kunstlos und ungepudert -die Stirne. Eine kühn gebogene Nase und dunkle, tiefblaue Augen gaben -seinem Gesicht einen Ausdruck von unternehmender Kraft und einen -tiefen Ernst, der mit den weichen Haaren und ihrer sanften Farbe in -überraschendem Widerspruch war. Doch das Strenge dieser Züge und dieser -Augen milderte ein angenehmer Zug um den Mund, als er antwortete: »Ich -öffne mein Visier und zeige Euch ein Gesicht, das Euch recht herzlich -bei uns willkommen heißt. Ich trinke auf Euer Wohl dieses Glas, dann -aber werdet Ihr entschuldigen, wenn ich aufbreche.« - -»~Pro poena~ trinkst du zwei,« rief der Kapitän mit komischem Pathos, -indem er einen ungeheuren Hausschlüssel aus der Tasche nahm und ihn -als Zepter gegen den Sarazenen senkte. »Hast du so wenig Ehrfurcht vor -deinem Senior, daß du dich erfrechst, ~in loco~ Gläser zu trinken, ohne -daß sie dir ordentlich vom Präses diktiert sind? ~O tempora, o mores!~ -Wo ist Zucht und Sitte dieser Füchse hin? Pinassa! Zu unserer Zeit war -es doch anders!« - -Die jungen Männer lachten über diese klägliche Reminiszenz des -ehemaligen Amicistenseniors; der Kapitän aber faßte Lanbek schärfer -ins Auge und sagte: »Herr Bruder, nimm mir's nicht übel, aber in dir -steckte schon lange etwas wie ein Fieber, und heute abend ist die -Krisis; ich setze meine verlorene Flasche, davon geht nichts ab, aber -ich wette zehn neue; sei ehrlich, Gustav -- du warst heute abend schon -als Bauer hier, und dein Alter weiß nichts vom Sarazenen.« - -Gustav errötete, reichte dem Freunde die Hand und winkte ihm ein Ja zu. - -»Alle Tausend!« rief der Kapitän. »Junge, was treibst du? Wer hätte das -hinter dem stillen Aktuarius gesucht? Auf dem Karneval das Kostüm zu -ändern! Und so ängstlich, so geheimnisvoll, so abgebrochen; willst du -etwa dem Juden zu Leibe gehen?« - -Der Gefragte errötete noch tiefer und nahm schnell die Maske vor; ehe -er noch antworten konnte, sagte Reelzingen: »Herr Bruder, du bringst -mich auf die rechte Fährte. Wo habt ihr beide, du und die Orientalin, -die der Finanzdirektor führte, das Zeug zu euren Turbanen gekauft? -Gustav, Gustav!« setzte er, mit einem Finger drohend, hinzu. »Du wohnst -dem Juden gegenüber, ich wette, du weißt, wer die stolze Donna ist, die -er führt.« - -»Was weiß ich!« murmelte Lanbek unter seiner Larve. - -»Nicht von der Stelle, bis du es sagst,« rief der Kapitän; »und wenn -du auf deinem Trotz beharrst, so schleiche ich mich an die Orientalin -und flüstere ihr ins Ohr, der Sarazene habe mich in sein Geheimnis -eingeweiht.« - -»Das wirst du nicht tun, wenn ich dich ernstlich bitte, es zu -unterlassen,« erwiderte der junge Mann, wie es schien, sehr ernst; -»wenn ich übrigens Vermutungen trauen darf, so ist es Lea Oppenheimer, -des Ministers Schwester. Und nun adieu! Wenn ihr mir im Saal begegnen -solltet, kennt ihr mich nicht, und Reelzingen, wenn mein Vater fragt --« - -»So weiß ich nichts von dir, versteht sich,« erwiderte dieser. Der -Sarazene erhob sich und ging. Die Freunde aber sahen einander an, und -keiner schien zu wissen, ob er recht gehört habe, oder wie er dies -alles deuten sollte. »Hat denn der Jude eine Schwester?« fragte Pinassa. - -»Man sprach vor einiger Zeit davon, daß er eine Schwester zu sich -genommen habe, doch hielt man sie für noch ganz jung, weil sie sich -nirgends sehen läßt;« erwiderte Reelzingen nachdenklich. »Und wie er -errötete, Herr Bruder, du wirst sehen, da läßt auch einmal wieder der -Satan einen vernünftigen Jungen einen dummen Streich machen.« - - -3. - -Lanbek irrte, als er die Freunde verlassen hatte, in den Sälen umher; -seine Blicke gleiteten unruhig über die Menge hin, sein Gesicht glühte -unter der Larve, und mühsam mußte er oft nach Atem suchen, so drückend -war die Luft in dem Saale und so schwer lag Erwartung, Sehnsucht und -Angst auf seinem Herzen. Dichter und stürmischer drängte sich die -Menge, als er in die Mitte des zweiten Saales kam; mit Mühe schob er -sich noch eine Zeitlang durch, aber endlich riß ihn unwillkürlich der -Strom fort, der sich nach einer Seite hindrängte, und ehe er sich -dessen versah, stand er an einem Spieltisch, wo _Süß_ mit einigen -seiner Finanzräte Karten spielte. Große Haufen Goldes lagen auf dem -Tische, und die neugierige Menge beobachtete den berühmtesten Mann -ihres Landes und teilte sich flüsternd und murmelnd Bemerkungen mit -über die ungeheuren Summen, die er, ohne eine Miene zu verändern, -hingab oder gewann. - -Gustav hatte den Gewaltigen noch nie so in der Nähe beobachtet wie -jetzt, da er, festgehalten durch die Menge, die wie eine Mauer um ihn -stand, zum unwillkürlichen Beobachter wurde. Er gestand sich, daß -das Gesicht dieses Mannes von Natur schön und edel geformt sei, daß -sogar seine Stirne, sein Auge durch Gewohnheit zu herrschen etwas -Imponierendes bekommen haben; aber feindliche, abstoßende Falten lagen -zwischen den Augenbrauen da, wo sich die freie Stirne an die schön -geformte Nase anschließen wollte, das Bärtchen auf der Oberlippe konnte -einen hämischen Zug um den Mund nicht verbergen; und wahrhaft greulich -schien dem jungen Mann ein heiseres, gezwungenes Lachen, womit der -jüdische Minister Gewinn oder Verlust begleitete. - -Während die Herren, von der Menge umlagert, spielten und auf irgend -etwas zu warten schienen, trat ein Mann in der Kleidung eines Bauern -aus der Steinlach aus den Reihen der Neugierigen; ein alter Hut auf -dem Kopf, eine grobe blaue Jacke, eine rote Weste mit großen Knöpfen -von Zinn, Beinkleider von gelbem Leder und schwarze Strümpfe machten -sein unscheinbares Kostüm aus; aber er trug eine sehr feine, gutgemalte -Larve. Er stützte sich nach Art der Landleute mit der Hand auf den fünf -Fuß hohen Knotenstock, legte sein Kinn auf die Hand und sprach in gut -nachgeahmtem Dialekt des Steinlachtals: »Viel Geld habt Ihr daliegen, -Herr! Und habt alles selbst verdient?« - -Der Minister sah sich um und bemühte sich, über diese Maskenfreiheit -zu lächeln. Vielleicht mochte ihm diese Gelegenheit erwünscht kommen, -um sich ein populäres Ansehen zu geben, denn er antwortete freundlich: -»Guten Abend, Landsmann.« - -»Euer Landsmann bin ich gerade nicht,« erwiderte der Bauer mit großer -Ruhe: »so wie ich tragen sich gewöhnlich die Mausche nicht.« Ein -unterdrücktes Lachen flog durch die Reihen der Zuschauer. Der Minister -schien es aber nicht zu bemerken, denn er fuhr ganz leutselig fort: »Du -bist witzig, mein Freund.« - -»Gott bewahr' mich, daß ich Euer Freund sei, Herr Süß,« entgegnete der -Bauer. »Wär' ich Euer Freund, so ging' ich wohl nicht in dem schlechten -Rock und durchlöcherten Hut; Ihr macht ja Eure Freunde reich.« - -»Nun, dann muß ganz Württemberg mein Freund sein, denn ich mache es -reich,« sagte Süß und begleitete seine Rede mit heiserem, unangenehmem -Lachen. - -»Ihr seid ein Allerweltsgoldmacher,« entgegnete der Bauer. »Wie schön -diese Dukaten sind; wieviel Schweißtropfen armer Leute gehen wohl auf -ein solches Goldstück?« - -»Du bist ein kapitaler Kerl!« rief Süß, ganz ruhig weiter spielend. - -Als der Bauer zu einer neuen Rede ansetzen wollte, zog eine neue -Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Mann, dessen Kostüm -beinahe ebenso war wie des Bauers, nur hatte er einen langen, spitzen -Bart am Kinn, und trug einen Tressenrock. Der Bauer sah ihn eine -Zeitlang verwundert an, schüttelte ihm dann die Hand und rief: »Ei -Hans! Wo kommst du her, und so schmuck und stattlich! Gar nicht mehr -wie unsereiner!« - -»Das macht,« erwiderte Hans, indem er aus einer silbernen Dose -schnupfte, »ich bin bei einem vornehmen Herrn in Dienst getreten.« - -»Wer ist denn dein Herr?« fragte der Bauer. - -»Ein Schinder, aber ein vornehmer. Meinst du, er schindet gemeines -Vieh, Pferde, Hunde und dergleichen? Nein, ein Leuteschinder ist er und -noch überdies ein Kartenfabrikant.« - -»Ein Kartenfabrikant?« rief der Bauer. - -»Jawohl, denn alle Karten im Lande muß man von ihm kaufen, er stempelt -sie; er ist aber auch ein Gerber.« - -»Wie das?« - -»Nun alle Gerber im Lande müssen die Häute gegerbt von ihm kaufen; er -ist aber auch ein Prägestock.« - -»Wie! ein Prägestock?« - -»Ja, er macht alles Geld, was im Lande ist.« - -»Das ist erlogen,« sagte der Bauer, »du willst sagen, er macht alles zu -Geld, was im Lande ist; aber darum ist er noch kein Prägestock. Es gibt -nur _einen_ Prägestock in Württemberg, der dem Land seinen Namenszug -aufgedrückt hat.« - -Die Menge hatte bisher nur ihren Beifall gemurmelt, aber bei der -letzten Anspielung auf die Münze brach sie in lautes Gelächter aus; die -Stirne des Gewaltigen verfinsterte sich etwas, aber noch immer spielte -er ruhig weiter. - -»Aber warum hast du dir den Bart so spitzig wachsen lassen?« fragte der -Bauer weiter. »Das sieht ja ganz jüdisch aus.« - -»Es ist halt so Mode,« erwiderte Hans, »seit die Juden Meister im Lande -sind; bald will ich vollends ganz jüdisch werden.« - -Als Hans diese letzten Worte sprach, rief eine vernehmliche Stimme aus -dem dicksten Haufen: »Warte noch ein paar Wochen, Hans, dann kannst du -gut katholisch werden.« - -Wem je der schreckliche Anblick wurde, wie in einer volkreichen -Straße, durch Unvorsichtigkeit oder Bedacht entzündet, eine Tonne -Pulvers aufspringt, dem bot sich kaum eine so seltsame Szene dar, als -die, welche diese wenigen geheimnisvollen Worte hervorbrachten. Der -Minister, bleich wie eine Leiche, springt vom Sessel auf, er wirft die -Karten mit wütendem Blick auf den Tisch: »Wer sagt dies? Greift ihn -im Namen des Herzogs!« ruft er und stürzt, wie von einer unsichtbaren -Macht getrieben, auf die Menge; seine Genossen, nicht weniger bestürzt, -aber besonnener, ergreifen seinen Arm und ziehen ihn zurück, suchen -ihn zu beschwichtigen -- sein dunkles Auge will sich durch die Menge -bohren, um den Gegenstand seiner Wut zu fassen, die Masken murmeln -unwillig und drängen sich; doch als der gefürchtete Mann seine Hand -nach dem Bauer ausstreckt und ruft: »So sollst du mir für ihn haften,« -da ist er plötzlich von einer drohenden Menge umringt. »Maskenfreiheit, -Jude!« hört man in dumpfen, gefährlichen Tönen, der Bauer und sein -Geselle sind in einem Augenblick von ihm getrennt, verschwunden, und so -schnell als er vorhin umringt war, ist er wieder verlassen, denn die -Menge zerstiebt, von geheimer Furcht gejagt, nach allen Seiten. - -Das Gedränge riß Gustav Lanbek mit sich hinweg; seine Gedanken -verwirrten sich, es war ihm noch nicht möglich, sich klar vorzustellen, -was diesen seltsamen Auftritt verursacht haben könnte. So stand er -einige Augenblicke in seinen Gedanken verloren, als er plötzlich seine -Hand von einer andern ergriffen fühlte; er sah sich um, die Orientalin -stand vor ihm. - - -4. - -»Wo stammt die Rose her auf deinem Hut, Maske?« fragte die Orientalin -mit zitternder Stimme. - -»Vom See Tiberias,« war die Antwort des Sarazenen. - -»Schnell! Folgen Sie mir!« rief die Dame und schlüpfte durchs Gedränge. -Er folgte, mit Mühe sich durch die Massen schiebend, und nur ihr Turban -zeigte ihm hin und wieder den Weg; sein Herz pochte lauter, sein Ohr -trug noch die letzten Laute dieser süßen Stimme, und sein Auge sah -keinen andern Gegenstand mehr als sie. In einer dunkleren Ecke des -zweiten Saales hielt sie an und wandte sich um. »Gustav, ich beschwöre -Sie, was ist mit meinem Bruder vorgefallen? Die Menschen flüstern -allenthalben seinen Namen; ich weiß nicht, was sie sagen, aber ich -denke, es ist nichts Gutes; hat er Streit gehabt? Ach, ich weiß wohl, -diese Menschen hassen unser Volk.« - -Der junge Mann war in peinlicher Verlegenheit. Sollte er mit einemmal -den arglosen Wahn dieses liebenswürdigen Geschöpfes zerstören? Sollte -er ihr sagen, daß auf ihrem Bruder der Fluch der Württemberger -ruhe, daß sie für alle Menschen beten, und nur ihn aus dem Gebet -ausschließen, daß es zur Sitte geworden sei, zu bitten: »Herr erlöse -uns von dem Uebel und von dem Juden Süß.« -- »Lea,« antwortete er sehr -befangen, »Ihr Bruder wurde von einigen Masken im Spiel gestört und -hatte einen Wortwechsel, der vielleicht gerade an diesem Ort auffiel, -ängstigen Sie sich nicht.« - -»Was bin ich doch für ein törichtes Mädchen!« sagte sie. »Ich habe -so schwere Träume, und dann bin ich den Tag über so traurig und -niedergeschlagen. Und so reizbar bin ich, daß mich alles erschreckt, -daß ich immer gleich an meinen Bruder denke und glaube, es könnte ihm -Unglück zugestoßen sein.« - -»Lea,« flüsterte der junge Mann, um diese Gedanken zu zerstreuen, -»erinnerst du dich, was du versprachst, wenn wir uns auf dem Karneval -träfen? Wolltest du mir nicht einmal eine einsame Stunde schenken, wo -wir recht viel plaudern könnten?« - -»Ich will,« sagte sie nach einigem Zögern; »Sara, meine Amme, steht am -Ausgang und wird mich begleiten. Doch wo?« - -»Dafür ist gesorgt,« erwiderte er; »folge mir, verliere mich nicht aus -dem Auge; am Eingang rechts.« - -Der erfinderische Sinn des jüdischen Ministers hatte, als er den -Karneval in Stuttgart arrangierte und diese Säle schnell aus Holz -aufrichten ließ, dafür gesorgt, daß, wie in großen Häusern und -Schlössern, an diese Säle auch kleinere Zimmer stoßen möchten, wo -kleine Zirkel ein Abendessen verzehren konnten, ohne gerade im -allgemeinen Speisesaal ihr Inkognito abzulegen. Der Aktuarius hatte -durch eine dritte Hand und hinlängliche Bezahlung sich den Schlüssel -zu einem dieser Zimmer zu verschaffen gewußt, eine kleine Kollation -stand dort bereit, und Lea freute sich über diese Artigkeit des jungen -Christen, der sein möglichstes getan hatte, den Sinn einer in der -Küche erfahrenen Dame zu befriedigen, obgleich das Zimmerchen, das -nur einen Tisch und wenige Stühle von leichtem Holz enthielt, wenig -Bequemlichkeit bot. - -»Wie bin ich froh, endlich die lästige Larve ablegen zu können!« sagte -sie, als sie mit ihrer Amme eintrat; sie sah sich nach einem Spiegel -um, und als sie nur leere Bretterwände erblickte, setzte sie lächelnd -hinzu: »Sie müssen mir schon statt eines Spiegels dienen, Gustav, und -sagen, ob diese drängende Menge mir den Haarputz nicht verdorben hat?« - -Entzückt und mit leuchtenden Augen betrachtete der junge Mann das -schöne Mädchen. Man konnte ihr Gesicht die Vollendung orientalischer -Züge nennen. Dieses Ebenmaß in den feingeschnittenen Zügen, diese -wundervollen dunkeln Augen, beschattet von langen, seidenen Wimpern, -diese kühngewölbten, glänzend schwarzen Brauen und die dunkeln Locken, -die in so angenehmem Kontrast um die weiße Stirne und den schönen Hals -fielen und den Vereinigungspunkt dieser lieblichen Züge, zarte rote -Lippen und die zierlichsten weißen Zähne noch mehr hervorhoben; der -Turban, der sich durch ihre Locken schlang, die reichen Perlen, die -den Hals umspielten, das reizende und doch so züchtige Kostüm einer -türkischen Dame -- sie wirkten, verbunden mit diesen Zügen, eine solche -Täuschung, daß der junge Mann eine jener herrlichen Erscheinungen -zu sehen glaubte, wie sie Tasso beschreibt, wie sie die ergriffene -Phantasie der Reisenden bei ihrer Heimkehr malte. - -»Wahrlich,« rief er, »du gleichst der Zauberin Armida, und so denke ich -mir die Töchter deines Stammes, als ihr noch Kanaan bewohntet. So war -Rebekka und die Tochter Jephthas.« - -»Wie oft schon habe ich dies gesagt,« bemerkte Sara, »wenn ich mein -Kind, meine Lea in ihrer Pracht anblickte; die Poschen und Reifröcke, -die hohen Absatzschuhe und alle Modewaren stehen ihr bei weitem nicht -wie diese Tracht.« - -»Du hast recht, gute Sara,« erwiderte der junge Mann; »doch setze dich -hier an den Tisch; du hast zu lange unter Christen gelebt, um vor -diesem Punsch und diesem Backwerke zurückzuschaudern; unterhalte dich -gut mit diesen Dingen.« - -Sara, welche den Sinn und die Weise des Nachbars kannte, sträubte sich -nicht lange und erbarmte sich über die Kunstprodukte der Zuckerbäcker; -der junge Mann aber setzte sich einige Schritte vor ihr neben die -schöne Lea. »Und nun aufrichtig, Mädchen,« sagte er, »du hast Kummer, -du hast gestern kaum das Weinen unterdrückt, und auch heute wieder ist -eine Wolke auf dieser Stirne, die ich so gern zerstreuen möchte. Oder -glaubst du etwa nicht, ungläubiges Kind, daß ich dein Freund bin und -gern alles tun möchte, um dich aufzuheitern?« - -»Ich weiß es ja, o, ich sehe es ja immer und auch heute wieder,« sagte -sie, mühsam ihre Tränen bekämpfend, »und es macht mich ja glücklich. -Als Sie mich das erste Mal an unserem Gartenzaun grüßten, als Sie -nachher, es war Anfang Oktober, mit mir über den Zaun hinübersprachen, -und nachher und immer so freundlich und traulich waren, gar nicht wie -andere Christen gegen uns, da wußte ich ja wohl, daß Sie es gut mit mir -meinen, und -- es ist ja mein einziges, mein stilles Glück!« Sie sagte -es, und einzelne Tränen stahlen sich aus den schönen Augen, indem sie -sich bemühte, ihn freundlich und lächelnd anzusehen. - -»Aber dennoch --« fragte Gustav. - -»Aber dennoch bin ich nicht glücklich, nicht ganz glücklich. In -Frankfurt hatte ich meine Gespielinnen, hatte meine eigene Welt, wollte -nichts von der übrigen. Ich dachte nicht nach über unsere Verhältnisse, -es kränkte mich nicht, daß uns die Christen nicht achteten, ich saß -in meinem Stübchen unter Freunden, und wollte nichts von allem, was -draußen war. Mein Bruder ließ mich zu sich nach Stuttgart bringen. Man -sagte mir, er sei ein großer Herr geworden, er regiere ein Land, in -seinem Hause sei es herrlich und voll Freude, und die Christen leben -mit ihm, wie wir unter uns; ich gestehe, es freute mich, wenn meine -Freundinnen meine Zukunft so glänzend ausmalten; welches Mädchen hätte -sich an meiner Stelle nicht gefreut?« - -Tränen unterbrachen sie aufs neue, und der junge Mann, voll Mitleid mit -ihrem Kummer, fühlte, daß es besser sei, ihre Tränen einige Augenblicke -strömen zu lassen. Es gibt ein Gefühl in der menschlichen Brust, das -wehmütiger macht als jeder andere Kummer; ich möchte es Mitleiden mit -uns selbst heißen, es übermannt uns, wenn wir am Grabe zerstörter -Hoffnungen in die Tage zurückgehen, wo diese Hoffnungen noch blühten, -wenn wir die fröhlichen Gedanken zurückrufen, mit welchen wir einer -heiteren Zukunft entgegengingen; wahrlich, dieser bittere Kontrast hat -wohl schon stärkere Herzen in Wehmut aufgelöst als das Herz der schönen -Jüdin. - -»Ich habe alles anders gefunden,« fuhr Lea nach einer Weile fort. »In -meines Bruders Hause bin ich einsamer als in meiner Kindheit. Ich darf -nicht kommen, wenn er Bälle und große Tafeln gibt. Die Musik tönt in -mein einsames Zimmer, man schickt mir Kuchen und süße Weine wie einem -Kinde, das noch nicht alt genug ist, um in Gesellschaft zu gehen. Und -wenn ich meinen Bruder bitte, mich doch auch einmal, nur in seinem -Hause wenigstens, teilnehmen zu lassen, so schlägt er es entweder ganz -kalt ab, oder wenn er gerade in sonderbarer Laune war, erschreckte er -mich durch seine Antwort.« - -»Was antwortete er denn?« fragte der Jüngling gespannt. - -»Er sieht mich dann lange und seufzend an, seine Augen werden trüber, -seine Züge düster und melancholisch, und er antwortet: Ich dürfe nicht -auch verloren gehen; ich solle unablässig zu dem Gott unserer Väter -beten, daß er mich fromm und rein erhalte, auf daß meine Seele ein -reines Opfer werde für _seine_ Seele.« - -»Törichter Aberglaube!« rief der junge Mann unmutig. »Darum also sollst -du, armes Kind, allen Freuden des Lebens entsagen, damit er --« - -»Hat er sich denn so arg versündigt?« fragte Lea, als ihr Freund, wie -bei einer unbesonnenen Rede, schnell abbrach. »Was soll ich denn büßen? -Solche hingeworfenen Worte machen mich so unglücklich: es ist mir, als -schwebe irgend ein Unglück über meinem Bruder, auch sei nicht alles -recht, was er tut. Niemand steht mir darüber Rede, auch Saras Worte -kann ich nicht deuten, denn wenn ich sie darüber befrage, weicht sie -aus oder nennt ihn geheimnisvoll den Rächer unseres Volkes.« - -»Sie ist nicht klug,« erwiderte der junge Mann befangen; »dein Bruder -hat, wie es überall geht, eine mächtige Gegenpartei; manche seiner -Finanzoperationen werden getadelt. Aber wegen seiner darfst du ruhig -schlafen,« setzte er bitter lachend hinzu, »der Herzog hat ihm heute -einen Freibrief geschenkt, der ihn vor jeder Gefahr und Verantwortung -sichert.« - -»O, wie danke ich dies dem guten Herzog!« sagte sie aufgeheitert, indem -sie die dunklen Locken aus der weißen Stirne strich. »So hat er also -gar niemand zu fürchten? Die Christen können ihn nicht verfolgen? -- -Sie antworten nicht? Gestehen Sie nur, Gustav, Sie sind meinem armen -Bruder gram?« - -»Deinem _armen_ Bruder? -- Wenn er arm wäre, könnte ich ihn vielleicht -um seines Verstandes willen ehren! Aber was geht uns dein Bruder an,« -fuhr Lanbek düster lächelnd fort; »ich liebe dich, und hättest du alle -bösen Engel zu Brüdern; aber _eines_ versprich mir, Lea, die Hand -darauf.« - -Sie sah ihn erwartungsvoll und zärtlich an, indem sie ihre Hand in die -seinige legte. - -»Bitte deinen Bruder niemals wieder,« fuhr er fort, »dich zu seinen -Zirkeln zuzulassen. Mag er nun Gründe haben, welche er will, es ist -gut, wenn du nicht dort bist. So viel kann ich dir versichern,« setzte -er mit blitzenden Augen hinzu, »wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal -dort gewesen, kein Wort mehr würde ich mit dir sprechen!« - -Befangen und mit Tränen im Auge wollte sie eben um Aufschluß über -dieses neue Rätsel bitten, als ein lauter Zank im Nebenzimmer die -Liebenden aufstörte. Mehrere Männer schienen mit der Polizei sich zu -streiten, man hatte die Türe des Kabinetts gesprengt, und über diesen -Eingriff in die Rechte des Karnevals wurde schnell und mit Heftigkeit -gestritten. - -»Mein Gott! das ist meines Vaters Stimme,« rief der junge Lanbek, -»schleiche dich mit Sara in den Saal, Mädchen; nehmet den Schlüssel -dieser Türe zu euch, vielleicht können wir später uns wiedersehen.« Er -drückte der überraschten Lea schnell einen Kuß auf die Stirne, nahm -seine Maske vor, und noch ehe sie sich über diesen schnellen Wechsel -besinnen konnte, war der Aktuarius schon aus der Tür gestürzt. Im -Korridor, den er jetzt betrat, stand schon eine dichte Menschenmasse -um die geöffnete Tür des Nebenzimmers versammelt. Deutlicher vernahm -er die gewichtige, tiefe Stimme seines Vaters; er stieß und drängte -sich wie ein Wütender durch und kam endlich in das Gemach. Fünf alte -Herren, die ihm als ehrenwerte Männer und Freunde seines Vaters -wohlbekannt waren, standen um den alten Landschaftskonsulenten -Lanbek; die einen zankten, die andern suchten zu beruhigen. Es war -damals eine gefährliche Sache, mit der Polizei in Streit zu geraten; -sie stand unter dem besondern Schutz des jüdischen Ministers, und -man erzählte sich mehrere Beispiele, daß biedere, ruhige Bürger und -Beamte, vielleicht nur weil sie einem Diener dieser geheimen Polizei -widersprochen oder Gewalttätigkeiten verhindert hatten, mehrere Wochen -lang ins Gefängnis geworfen und nachher mit der kahlen Entschuldigung -es sei aus Versehen geschehen, entlassen worden waren. Doch der alte -Lanbek schien keine Furcht vor diesen Menschen zu kennen; er bestand -darauf, daß die Häscher das Zimmer sogleich verlassen müßten, und es -wäre vielleicht zu noch schlimmeren Händeln als einem Wortwechsel -gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick ein ganz anderer Gegenstand -die Aufmerksamkeit des Anführers der Häscher auf sich gezogen hätte. -Der junge Lanbek hatte sich beinahe bis an die Seite seines Vaters -vorgedrängt, bereit, wenn es zu Tätlichkeiten kommen sollte, den -alten Herrn kräftig zu unterstützen. Er hatte eben seine Maske fester -gebunden, damit sie ihm im Handgemenge nicht verloren gehen möchte, als -ihn der Polizeidiener erblickte und mit lauter Stimme, indem er auf ihn -deutete, rief: »Im Namen des Herzogs, diesen greift, den Türken dort, -der ist der Rechte!« - -Die Ueberraschung und sechs Arme, die sich plötzlich um ihn schlangen, -machten ihn wehrlos. So nahe seinem Vater, der ihn hätte retten können, -wagte er doch nicht, sich auch nur durch einen Laut zu erkennen zu -geben, weil er den Zorn seines Vaters noch mehr fürchtete als die -Gewalt des Juden. - -Die alten Herren waren stumm vor Staunen über diesen Vorfall, der -Anführer der Häscher wurde, als er seinen Zweck erreicht hatte, artiger -und entschuldigte sich, worauf jene kalt und abgemessen dankten. -Willenlos ließ sich der junge Mann dahinführen. Die Menge, die sich -vor der Tür versammelt hatte, teilte sich, aber manche schauten ihm -neugierig in die Augen, um zu erraten, wer es sein möchte, den man -hier mitten aus der öffentlichen Lust herausriß. Gustav hörte, als er -weiter hingeführt wurde, einen schwachen Schrei; er sah sich um, und -beim schwachen Schein der Lampen glaubte er, den Turban der schönen -Orientalin gesehen zu haben. Schmerzlich bewegt ging er weiter, und -erst, als die kalte Winternacht schneidend auf ihn zuwehte, erwachte er -aus seiner Betäubung und übersah nicht ohne Besorgnis die Folgen, die -seine Gefangennehmung haben könnte. - - -5. - -Die Polizeidiener hatten den Sarazenen, wahrscheinlich aus Rücksicht -auf seine feine und reiche Kleidung, in das Offizierszimmer der -Hauptwache gebracht. Der wachhabende Offizier wies ihm mit einer -mürrischen Verbeugung eine Bank, die in der fernsten Ecke des Zimmers -stand, zu seiner Schlafstätte an, und ermüdet von dem langen Umherirren -auf dem Ball, fand der junge Mann dieses Lager nicht zu hart, um nicht -bald einzuschlafen. - -Trommeln weckten ihn am nächsten Morgen; schlaftrunken sah er sich in -dem öden Gemach um, blickte bald auf sein hartes Lager, bald auf seine -Kleidung, und nach einer geraumen Weile erst konnte er sich besinnen, -wo er sei und wie er hierhergekommen. Er trat ans Fenster, noch war -alles still auf dem Platze vor der Hauptwache, und nur die Kompagnie, -die gerade vor seinem Fenster zur Ablösung aufzog, unterbrach die -Stille des trüben Februarmorgens. Indem die Trommeln auf der Straße -schwiegen, hörte er von der Stiftskirche acht Uhr schlagen, und der Ton -dieser Glocke rief ihm alles Unangenehme und Besorgliche seiner Lage -zurück. »Bald wird er nach dir fragen,« dachte er, »und wie unangenehm -wird es ihn überraschen, wenn er hört, ich sei in der Nacht nicht zu -Hause gekommen!« -- - -Im Hause des alten Landschaftskonsulenten Lanbek ging alles einen so -geordneten Gang, daß dieses Ereignis allerdings sehr störend erscheinen -mußte. Zu dieser Stunde pflegte der alte Herr, seit vielen Jahren, -sein Frühstück zu nehmen; mit dem ersten Glockenschlag erschien dann, -zugleich mit dem Diener, der den Kaffee auftrug, sein Sohn; man -besprach sich über Tagesneuigkeiten, über den Gang der Geschäfte, -und zu jener Zeit ließ es der allgewaltige Minister nicht an Stoff -zu solchen Gesprächen fehlen. Das Gespräch war regelmäßig mit dem -Frühstück zu Ende; der Aktuarius küßte dem Alten die Hand und ging -dann, einen Tag wie den andern, ein Viertel vor neun Uhr nach seiner -Kanzlei. Diese langjährige Sitte des Hauses rief sich Gustav in diesen -Augenblicken zurück. »Jetzt wird Johann die Tassen bringen,« sagte -er zu sich, »jetzt wird er erwartungsvoll nach der Türe sehen, weil -ich noch nicht eingetreten bin, jetzt wird er mich rufen lassen; daß -ich doch dem guten alten Herrn solchen Aerger bereiten mußte!« Er -warf unwillig seinen Turban weg, stützte die Stirne in die Hand, und -beschloß, den Offizier, sobald er wieder erscheinen würde, um die -Ursache seiner Verhaftung zu fragen. - -Die Trommeln ertönten wieder, die Abgelösten zogen weiter, er hörte -die Gewehre zusammenstellen und bald darauf trat ein Offizier in -das halbdunkle Gemach. Er warf einen flüchtigen Blick nach seinem -Gefangenen in der Ecke, legte Hut und Degen auf den Tisch und setzte -sich nieder. Lanbek, der jenen nicht zuerst anreden mochte, bewegte -sich, um anzudeuten, daß er nicht mehr schlafe. »~Bonjour~, mein -Herr,« sagte der Offizier, als er ihn sah, »wollen Sie vielleicht mein -Dejeuner mit mir teilen?« - -Die Stimme schien Gustav bekannt; er stand auf, trat höflich grüßend -näher, und mit einem Ausruf des Staunens standen sich die beiden jungen -Männer gegenüber. »~Parole d'honneur~, Herr Bruder!« rief der Kapitän -von Reelzingen, »_dich_ hätte ich hier nicht gesucht! Wie kommst du in -Arrest? Weiß Gott, Blankenberg hat nicht unrecht, als er prätendierte, -du werdest irgend etwas ~contra rationem~ riskieren.« - -»Ich möchte dich fragen, Kapitän,« entgegnete der junge Mann, »warum -ich hier sitze? Mir hat kein Mensch den Grund angegeben, warum man mich -gefangen nehme; du hast die Wache, Reelzingen; bitte dich, du mußt doch -wissen --« - -»~Dieu me garde!~ Ich?« rief der Kapitän lächelnd. »Meinst du, er habe -mich mit seiner besondern Aestimation beehrt und in seine Konfidenz -gezogen? Nein, Herr Bruder! Als ich ablöste, sagte mir der Leutnant von -gestern: ›Oben sitzt einer, den sie vom Karneval auf ausdrücklichen -Befehl hergebracht haben.‹ Er pflegt es gewöhnlich so zu machen.« - -»Wer pflegt es so zu machen?« fragte Lanbek erblassend. - -»Wer?« erwiderte jener leise flüsternd; »dein Schwager ~in spe~, der -Jude.« - -»Wie?« fuhr jener errötend fort, »du glaubst, er selbst? Ich hoffte -bisher, es sei vielleicht eine Verwechslung vorgefallen! Du hast wohl -von dem Auftritte gehört, der, bald nachdem ich euch verlassen hatte, -mit dem Juden vorfiel, man rief etwas von Katholischwerden, und da fuhr -der Finanzminister auf --« - -»Was sagst du?« unterbrach ihn der Kapitän mit ernster Miene, indem er -näher zu dem Freund trat und seine Hand faßte. »Das war es also? Uns -hat man es anders erzählt; wie ging es zu? Was hat man gerufen?« - -Den Aktuarius befremdete der Ernst, den er auf den Zügen des sonst -so fröhlichen und sorglosen Freundes las, nicht wenig; er erzählte -den Vorfall, wie er ihn mit angesehen hatte, und sah, wie sich -die Neugierde des Freundes mehr und mehr steigerte, wie seine -Blicke feuriger wurden; als er aber beschrieb, wie Süß nach jenem -geheimnisvollen Ausruf wütend geworden, aufgesprungen sei, da fühlte -er die Hand des Kapitäns auf sonderbare Weise in der seinigen zucken. -»Was bewegt dich so sehr?« fragte Gustav befremdet. »Wie nimmst du -nur an solchen Karnevalsscherzen, die am Ende auf irgend eine Torheit -hinauslaufen, solchen Anteil? Wenn ich nicht wüßte, daß du evangelisch -bist, ich glaubte, mein Bericht habe dich beleidigt.« - -»Herr Bruder,« erwiderte der Kapitän, indem er seinen Ernst hinter -einem gleichgültigen Lächeln zu verbergen suchte, »du kennst mich -ja, mich interessiert alles auf der Welt, und ich bin erstaunlich -neugierig; überdies ist manches ernster, als man glaubt, und im Scherz -liegt oft Bedeutung.« - -»Wie verstehst du das?« sagte der Aktuarius verwundert. »Was macht dich -so nachdenklich? Hast du wieder Schulden? Kann ich dir vielleicht mit -etwas dienen?« - -»Bruderherz,« entgegnete der Soldat, »du mußt in den letzten Wochen -gewaltig verliebt gewesen sein, sonst wäre deinem klaren Blick -manches nicht entgangen, was selbst an meinem leichten Sinn nicht -vorüberschlüpfte. Sag einmal, was spricht der Papa von solchen Zeiten? -Siehst du den Oberst von Röder nie bei ihm? Waren nicht am Freitagabend -die Prälaten in eurem Hause?« - -»Du sprichst in Rätseln, Kapitän!« antwortete der junge Mann staunend. -»Was soll mein Vater mit einem Oberst von der Leibschwadron und mit -Prälaten?« - -»Freund, mach es kurz!« sagte Reelzingen. »Halte mich in solchen -Dingen nicht für leichtsinnig; ich will mich nicht in euer Vertrauen -eindrängen, aber ich kann dir sagen, daß ich dennoch schon ziemlich -viel weiß, und -- ~Parole d'honneur!~« setzte er hinzu, »ich denke -darüber, wie es einem Edelmann und meinem Portepee geziemt.« - -»Was geht mich dein alter Adelsbrief und dein neues Portepee an?« -erwiderte der Aktuar; »und wie kommst du dazu, dich mit diesen Dingen -gegen mich breit zu machen? Ich sage dir, daß ich von allem, was du da -so geheimnisvoll schwatzest, keine Silbe verstehe, und kann dir mein -Wort darauf geben, und damit genug, Herr von Reelzingen!« - -»~O mon Dieu!~« rief jener lächelnd; »Herr Bruder, wir sind nicht -mehr in Leipzig, dies Zimmer ist nicht der göttliche Ratskeller, -sondern eine Wachtstube; wir sind keine Musen mehr, sondern du bist -herzoglicher Aktuar, und ich -- Soldat; aber Freunde sind wir noch in -Not und Tod, und darum sei vernünftig und brause nicht mehr auf wie -vorhin. Ich glaube dir ja aufs Wort, daß du nichts weißt, aber gut wäre -es von deinem Vater gewesen, wenn er dich präveniert hätte. Deine Amour -mit der Jüdin ist überdies jetzt ganz und gar nicht an der Zeit, wir -alle bitten dich, laß deine Scharmante, mit der du doch niemals eine -vernünftige und ehrenvolle Liaison treffen kannst --« - -»Was wißt Ihr denn von diesem Verhältnis?« unterbrach ihn der junge -Mann düster und erbittert. »Ich dächte, ehe ich Euch hierüber um Rat -gefragt, könntet Ihr billigerweise mit Eurer Mahnung warten.« - -Der feurige junge Soldat, um seinem Freunde zu nützen, wollte eben -in derselben Sprache etwas erwidern, als man an der Türe pochte. -Der Kapitän schloß auf, und einer seiner Sergeanten winkte ihm, -herauszutreten. Gustav hörte sie einige Worte wechseln und sah den -Freund bald darauf mit verstörter Miene wieder zurückkehren: »Du -bekommst einen sonderbaren Besuch,« flüsterte er ihm zu, »er wird -gleich selbst eintreten, und ich darf nicht zugegen sein.« - -»Wer doch? Mein Vater?« fragte Gustav bestürzt. - -»Er kommt,« sagte der Kapitän, indem er eilends Hut und Degen vom -Tische nahm, »_der Jud Süß_!« - - -6. - -Vor der Tür des Offizierszimmers hatten seine Diener dem Minister -den spanischen Mantel abgenommen, und er trat jetzt ein, stattlich -geschmückt und vornehm gekleidet, wie es einem Günstling des Glücks und -eines Herzogs in damaliger Zeit zukam. Er trug einen roten Rock mit -goldenen Troddeln und Quasten besetzt; die goldgestickten Aufschläge -seines Rocks gingen bis zum Ellbogen zurück, und die Weste von -Goldbrokat reichte herab bis an das Knie. Ein kurzer, breiter Degen -mit reichbesetztem Griff hing an seiner Seite, ein mächtiger Stock -unterstützte seine Hand, und auf den reichen, hellbraunen Locken, -die bis tief in den Nacken herabfielen, saß ein Hütchen von feinem -schwarzen Wachstuch, mit Gold und weißen Federn verbrämt. Die Züge -dieses merkwürdigen Mannes waren, in der Nähe betrachtet, zwar etwas -zu kühn geschnitten, um schön und anmutig zu heißen, aber sie waren -edler als sein Gewerbe und ungewöhnlich; sein dunkelbraunes Auge, das -frei und stolz um sich blickte, konnte sogar für schön gelten; die -ganze Erscheinung imponierte, und sie hätte sogar etwas Würdiges und -Erhabenes gehabt, wäre es nicht ein hämischer, feindlicher Zug um die -stolz aufgeworfenen Lippen gewesen, was diesen Eindruck störte und -manchen, der ihm begegnete, mit unheimlichem Grauen füllte. - -Der Kapitän stand fest und aufgerichtet an der Tür, den Hut in der -einen, den Degengriff in der andern Hand, als der Minister Süß eintrat. -Dieser nahm sein Hütchen ab, musterte, auf seinen Stock gestützt, den -Soldaten mit scharfem Blick und sagte dann kurz und mit leiser Stimme: -»Wie ist der Name?« - -»Hans von Reelzingen, Kapitän im zweiten Grenadierbataillon, dritte -Kompagnie.« - -»Man hat studiert?« fuhr der Jude etwas artiger fort. - -»Die Jurisprudenz in Leipzig,« antwortete der Kapitän mit militärischer -Kürze. - -»Wie lange dient der Herr Kapitän?« - -»Ein Jahr und zwei Monate; zuerst bei --« - -»Schon gut,« unterbrach ihn der Minister mit einer gnädigen Bewegung -der Hand; »können abtreten.« - -Der Kapitän Reelzingen verbarg seinen Verdruß über das stolze Wesen -des Emporkömmlings unter einer tiefen Verbeugung und trat ab. Dem -Aktuarius aber, obgleich er keine Menschenfurcht kannte, pochte das -Herz, als er nun mit dem Mann allein war, vor dem ein ganzes Land mit -abergläubischer Furcht zitterte. Er errötete unwillkürlich, als jener -ihn lange und prüfend ansah und ihm Gelegenheit gab, auch seine Züge -zu mustern und hin und wieder etwas zu finden, das ihn an die schöne -Lea erinnerte. Der Minister setzte sich endlich in den Armstuhl, den -die Offiziere der Garnison zur Bequemlichkeit dieses Zimmers gestiftet -hatten, und winkte dem Sarazenen herablassend, sich auf einer Bank, die -unfern stand, niederzulassen. - -»Junger Mann,« sprach er, »wenn Euch Eure eigene Ruhe und Wohlfahrt -lieb ist, so antwortet mir auf das, was ich Euch fragen werde, offen -und ehrlich; denn Ihr könnet leichtlich denken, daß es mir nicht schwer -werden kann, Euch jeder Lüge, die Ihr wagtet, zu überweisen.« - -»Ich bin herzoglich württembergischer Aktuar,« erwiderte der junge -Mann, »und der Eid, den ich als Christ und Bürger --« - -»~Laissez cela~,« fiel ihm der Jude ins Wort, »Ihr wäret nicht der -erste, der seinen Eid gebrochen. Wer waren gestern, frag' ich, die -beiden Masken, die sich an meinem Tisch zur Belustigung des Publikums -unterhielten? Ihr wißt es, Ihr standet zunächst bei mir.« - -»Das ist mir nicht bekannt, Ew. Exzellenz,« sagte Gustav mit fester -Stimme. - -»Nicht bekannt?« rief der Minister. »Bedenket wohl, was Ihr gesagt, ich -stehe hier als Euer Richter; habt Ihr keinen an der Stimme gekannt?« - -»Keinen.« - -»Keinen?« fuhr jener heftiger fort. »Und Euren Vater solltet Ihr nicht -an der Stimme kennen?« - -»_Meinen Vater!_« rief der junge Mann erblassend; doch besonnen setzte -er nach einer Weile hinzu: »Ihr irrt Euch, Herr Finanzdirektor, oder -vielmehr, Ihr seid schlecht berichtet; mein Vater ist ein ruhiger, -gesetzter Mann, und sein Charakter, sein Amt, seine Jahre verbieten -ihm, das Publikum auf einem Maskenball zu amüsieren.« - -»_Sie sollten_ es ihm verbieten,« erwiderte jener mit blitzenden Augen, -»und ich werde Mittel finden, es ihm zu verbieten. Ich weiß recht -wohl, daß ich diesen Herren von der Landschaft ein Dorn im Auge bin, -und zwar aus dem einzigen Grund, weil die Herren nicht rechnen können; -verständen sie das Einmaleins so gut wie ich, sie würden sehen, was dem -Lande frommt. Noch ist aber nicht aller Tage Abend, und ich will diesen -Rebellen zeigen, wer _sie_ sind und wer _ich_ bin!« - -»Herr Finanzdirektor!« rief der junge Mann mit der Röte des Unmutes auf -den Wangen. - -»Herr Aktuarius?« erwiderte Süß mit spöttischem Lächeln. - -»Mein Vater ist ein Ehrenmann,« fuhr Gustav fort, ohne sich von der -stolzen Miene des Gewaltigen einschüchtern zu lassen; »Sie sprechen -von Rebellen? Wie können Sie sagen, daß mein Vater dem Herzog nicht -immer treu gedient hat? Wie können Sie wagen, ihn einen Rebellen zu -schimpfen?« - -»Wagen?« lachte Süß. »Hier ist von keiner Wagnis die Rede, Herr -Aktuarius, aber Rebell ist jeder, der nur dem Land und nicht dem -Herzog dient; er ist des Herzogs Diener, aber er dient ihm schlecht; -doch das soll nicht lange mehr so bleiben. Das mögt Ihr übrigens dem -Herrn Landschaftskonsulenten, Eurem Vater, sagen, daß ich recht wohl -weiß, was die beiden Masken wollten, und daß sie es mit dem dritten -abgekartet hatten; ich konnte ihn gestern nacht so gut wie Euch -verhaften lassen, und wenn ich es _nicht_ tat, so verdankt er diese -Schonung nur Euch!« - -»Mir?« antwortete der junge Mann staunend. »Mir? Und ist dies etwa auch -Schonung, daß ich, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, diese Nacht -in diesem Zimmer zubringen durfte?« - -»Nein!« fuhr jener gütig lächelnd fort, »dies war nur zur Abkühlung -auf Euer Rendezvous veranstaltet.« Er weidete sich einige Augenblicke -an der Verlegenheit des Jünglings und fuhr dann fort: »Das gute -Kind, wie hat sie mich gefleht und auf den Knieen gebeten, Euch zu -retten! Sie glaubte nicht anders, als Ihr seiet wegen irgend eines -Kapitalverbrechens gefangen. Wie? Und habt Ihr mir gar nichts zu sagen, -Herr Lanbek?« - -»Ihr kanntet mich nicht,« erwiderte Gustav, »und es ist mir nun wohl -begreiflich, warum Ihr so hart mit mir verfuhret; aber Leas Charakter -hätte Euch wohl dafür bürgen können, daß nichts Strafbares in diesem -Verhältnis liege.« - -»Wirklich? ~Mort de ma vie!~« rief der Minister. »Nichts Strafbares? -Meinen Sie, wenn ich etwas Strafbares in diesem Verhältnis ahnete, Sie -hätten es mit einer Nacht auf der Wache abgebüßt? Bei den Gebeinen -meiner Väter! Wenn ich -- auf Neuffen oder Asperg gibt es Keller und -Kasematten, wo kein Mond und keine Sonne scheint, da hätte ich den -Herrn Sarazenen sitzen lassen, bis er sein Schwabenalter erreicht -hätte. Oder meint Ihr etwa in Eurem christlichen Hochmut, einem -Israeliten gelte die Ehre seiner Familie nicht ebenso hoch als einem -Nazarener?« - -Der junge Mann erschrak vor dieser Drohung, denn er bedachte, daß es -dem Allgewaltigen ein leichtes gewesen wäre, ihn spurlos von der Erde -verschwinden zu lassen, aber sein mutiger Sinn lehnte sich auf gegen -den Uebermut dieses Mannes, der seine Privatsache zu einer öffentlichen -machte, und zur Wahrung seines Hausrechtes mit den Festungen des -Landes drohte. »Exzellenz,« sagte er mit Blicken, vor welchen der -Minister die Augen niederschlug, »wie Sie über Ihre eigene Ehre denken, -weiß ich nicht, doch scheint es mir nicht sehr ehrenvoll zu sein, -solche Drohungen auszustoßen. Mein Vater ist zwar nur ein geringer -Mann im Vergleich mit einem so gewaltigen und hohen Herrn; aber der -Landschaftskonsulent Lanbek weiß, wo man in Deutschland Gerechtigkeit -findet. Wien ist nicht so fern von Stuttgart, und Euern Gnadenbrief von -gestern hat der Kaiser nicht unterzeichnet; was aber die Ehre Eurer -Schwester betrifft, so kann ich Euch versichern, daß sie mir nicht -minder teuer ist als meine eigene.« - -»Ihr habt hübsche Anlagen zu einem Landschaftskonsulenten,« sagte der -Jude ruhig lächelnd; »übrigens im Vertrauen gesagt, auf den Kaiser müßt -Ihr nicht zu sehr pochen; wegen eines württembergischen Schreibers -fängt man in Wien mit uns keine Händel an. Aber Ihr gefallt mir, mein -Schatz; ich habe Eure Arbeiten loben hören, und Köpfe wie der Eure kann -man zu etwas Besserem brauchen, als Akten zu heften und Fascikel zu -binden; Ihr seid Expeditionsrat mit sechshundert Gulden Besoldung, und -es freut mich, daß ich der erste bin, der Euch hierzu gratuliert.« - -Der junge Mann sprang von seiner Bank auf und wollte reden, aber -Ueberraschung und Schrecken schlossen ihm den Mund. Hundert Gedanken -kreuzten sich in seinem Kopf. Es war nicht die Freude, vier Stufen, -durch welche man sich sonst lange und mühevoll schleppte, nun in einem -Augenblicke übersprungen zu haben, was seine Seele füllte; es war der -schreckliche Gedanke, vor der Welt für einen Günstling dieses Mannes -zu gelten, vor seinem Vater, vor allen guten Männern gebrandmarkt -dazustehen. - -»Exzellenz!« sprach er befangen. »Ich darf, ich kann diese Gnade nicht -annehmen! Bedenken Sie, was wird man sagen, so viele ältere, verdiente -Männer --« - -»Was da! Ich habe Euch Platz gemacht,« antwortete der Jude in -befehlendem Ton, »ich habe Euch zum Rat ernannt und Ihr seid es. -Keinen Dank, keine übergroße Delikatesse, ich liebe das nicht. Nun,« -fuhr er gütig, beinahe zärtlich fort, »und wie steht Ihr mit meiner -Lea? Ihr habt mir ja das stille blöde Kind ganz verzaubert. Fürchtet -Euch nicht vor mir, junger Herr, ich bin nicht der Mann, der gerade so -sehr auf Reichtum sieht; Eure Familie gehört unter die ältesten und -angesehensten Bürgerfamilien, und das gilt mir in diesem Fall so viel -oder mehr als Reichtum. Euer Vater wird Euch zwar nicht viel mitgeben, -aber mit mir sollt Ihr zufrieden sein; fürstlich will ich meine Lea -ausstatten.« - -Die Felsenkeller von Neuffen und die tiefen Kasematten von Asperg wären -in diesem Augenblick dem jungen Manne willkommener gewesen als diese -Versicherung; er dachte an seinen stolzen Vater, an seine angesehene -Familie, und so groß war die Furcht vor Schande, so tief eingewurzelt -damals noch die Vorurteile gegen jene unglücklichen Kinder Abrahams, -daß sie sogar seine zärtlichen Gefühle für die schöne Tochter Israels -in diesem schrecklichen Augenblick übermannten. »Herr Minister!« sprach -er zögernd, »Lea kann keinen wärmeren Freund als mich haben; aber -ich fürchte, daß Sie dieses Gefühl falsch deuten, mit einem andern -verwechseln, das -- ich möchte nicht, daß Sie mich falsch verstehen, -und Lea wird Ihnen nie gesagt haben, daß ich jemals davon gesprochen -hätte --« - -Der stolze Mann errötete, warf seine Lippen auf, drückte die Augen -beinahe zu, und an seiner Stirne begann eine Ader hoch anzuschwellen. -»Was ist das?« sagte er streng. »Wie soll ich diese Redensart deuten?« - -»Herr Minister,« erwiderte Gustav gefaßter, »bedenken Sie doch den -Unterschied der Religion.« - -»Habt Ihr diesen bedacht, Herr! als Ihr meiner Schwester diese -Liebeleien in den Kopf setztet? Aber ich kann Euch darüber trösten, -Lea wird Euch in dieser Hinsicht kein Hindernis geben. Ihr schweigt?« -fuhr er heftiger fort, »soll ich mit Eurem Vater darüber reden, junger -Mensch? War etwa meine Schwester gut genug dazu, Eure müßigen Stunden -auszufüllen, zur Gattin aber wollt Ihr sie nicht? Wehe Euch, wenn -Ihr so dächtet! Dich und deinen ganzen Stamm würde ich verderben! -Euer Vater ist gestern eines schweren Verbrechens schuldig worden, es -steht in meiner Hand, ihn zur Verantwortung zu ziehen; in Eure Hand -lege ich nun das Schicksal Eures Vaters; entweder -- Ihr macht Eure -Unvorsichtigkeit gegen mein Haus gut und heiratet meine Schwester, oder -ich erkläre Euch öffentlich für einen Schurken und lasse den Herrn -Konsulenten in Ketten legen. Vier Wochen gebe ich Euch Bedenkzeit; mein -Haus steht Euch offen, Ihr könnt Eure Braut besuchen, so oft Ihr wollt; -vier Wochen, versteht Ihr mich? Jetzt seid Ihr frei, und morgen, Herr -Expeditionsrat, werdet Ihr Euer Amt antreten.« - -Nach diesen Worten verbeugte er sich kurz und verließ stolzen Schrittes -das Zimmer; dem Kapitän, den er im Vorzimmer traf, befahl er, Kleider -für den Herrn Expeditionsrat herbeischaffen zu lassen und ihm seine -Freiheit anzukündigen. - -Staunend über diesen ganzen Vorfall, besonders über die letzten Worte -des Ministers, trat Reelzingen in sein Zimmer. Er fand den Freund -bleich und verstört, die Arme über die Brust gekreuzt, das Haupt -kraftlos auf die Brust herabgesunken. »Nun, sag mir ums Himmels -willen,« fing der Kapitän an, indem er vor Gustav stehen blieb, »was -wollte er bei dir? warum ließ er dich verhaften? Was hat sein Besuch zu -bedeuten?« - -»Er kam, um mir zu gratulieren,« antwortete er mit sonderbarem Lächeln. - -»Zu gratulieren? Wozu? Daß du eine Nacht auf der Wache zubrachtest?« - -»Nein, weil ich in dieser Nacht Expeditionsrat geworden bin.« - -»Du?« rief der Kapitän lachend. »Gottlob, daß du so heiter bist und -scherzen kannst; als ich hereintrat und dich sah, glaubte ich dich -nicht so spaßhaft zu finden; aber im Ernst, Freund, was wollte der -Jude?« - -»Ich sagte es ja, und es ist Ernst; zum Rat hat er mich gemacht. Ist -das nicht ein schönes Avancement?« - -Der Kapitän sah ihn mit zweifelhaften Blicken lange an; endlich sagte -er gerührt: »Nein, du kannst nicht auch zum Schurken werden, Gustav; -Gott weiß, wie dies zusammenhängen mag! Aber siehe, wenn ich dich -nicht so lange und so genau kennte -- glaube mir, die Welt wird dich -hart beurteilen; doch nein, du lächelst, gestehe, es ist alles Scherz. -Expeditionsrat! Ebensogut könntest du seine Schwester heiraten.« - -»Ei, das wird ja auch geschehen,« sagte Lanbek düster lächelnd; »in -vier Wochen, meint mein Schwager, soll die Hochzeit sein.« - -»Tod und Hölle!« fuhr der Kapitän auf, »mach mich nicht rasend mit -diesen Antworten. Wahrhaftig, mit solchen Dingen ist nicht zu spaßen.« - -»Wer sagt dir denn, daß ich spaße?« erwiderte Lanbek, indem er langsam -aufstand. »Es ist alles so, wie ich sagte, auf Ehre!« - -Dem Kapitän schwamm eine Träne im Auge, als er den Freund, den er -geliebt hatte, also sprechen hörte; doch nur einen Augenblick gab er -diesen weichern Empfindungen nach, dann trat er heftig auf den Boden, -setzte seinen Hut auf und rief: »So sei der Tag verflucht, an welchem -ich dich zum erstenmal sah und Bruder nannte. Geh, hilf deinem Juden, -dem armen Land das Fell vollends vom Leibe ziehen, schinde dir auch -ein Stück herunter und mach dich reich. O Lanbek, Lanbek! Aber mein -Portepee, ja ein Jahr meines Lebens wollte ich verhandeln, um einem -meiner Kameraden die Wache abzukaufen; ich selbst will die Exekution -kommandieren, wenn man dich und den Juden zum Galgen führt.« - -»So hoch werde ich mich wohl nicht poussieren,« erwiderte Gustav ruhig -und ernst; »aber meiner Leiche kannst du folgen, wenn sie mich morgen -um Mitternacht neben der Kirchhofsmauer einscharren.« - -Der Kapitän sah ihn erschrocken an; er mochte tiefen Ernst auf der -Stirne des jungen Mannes lesen, denn er wiederholte diesen Blick und -begegnete Gustavs Auge. »Willst du mich fünf Minuten lang anhören, -Reelzingen?« fragte er. »Du wirst dann über die Uneigennützigkeit -dieses Ministers staunen. Sonst war doch der Preis einer Amtei -zweitausend und ein Expeditionsrat galt seine dreitausend Gulden unter -Brüdern; aber ich Glückskind bekomme ihn umsonst, rein ~pour rien~! -Denn das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Familie, der heitere -Frieden meines Vaters -- daß diese bei dem Handel verloren gehen, ist -ja gering zu achten. Doch höre.« - -Staunend vernahm der Kapitän diese Worte; aufmerksam setzte er sich -neben Gustav nieder. Je höher der Glaube an seinen Freund während -seiner Erzählung stieg, desto ängstlicher wurde er für ihn und seine -Familie besorgt. Er schloß ihn in seine Arme, er versuchte es, ihm -Trost einzusprechen, obgleich er selbst an diese Trostgründe nicht -glaubte. »Der Jude ist ein feiner Spieler,« sagte er, »deine besten -Tarocks hat er dir abgejagt und das Spiel scheint in seiner Hand zu -liegen; aber -- er könnte sich verrechnet haben, wir wollen sehen, wie -er beschlagen ist, wenn wir -- Spadi anspielen.« - - -7. - -Wir führen unsere Leser aus dem Offizierszimmer der Hauptwache in -Stuttgart nach dem Hause des Landschaftskonsulenten Lanbek. In einem -weiten, geräumigen Zimmer, dessen Hausrat nicht überladen und prächtig, -aber solid und stattlich ist, finden wir einen ältlichen Mann von mehr -als mittlerer Größe. Sein Gesicht und seine Gestalt beweisen, daß er, -als er in den Fünfzigen stand, wohlbeleibt gewesen sein mochte, jetzt, -zehn Jahre später, hatten sich Falten um Mund und Stirne gelegt, und -der weite Schlafrock von feinem grünen Tuch, mit Pelz verbrämt, war für -eine reichliche Fülle gefertigt und schlug jetzt weite Falten um den -Leib; aber die rötlichen Wangen, die klaren grauen Augen, der feste -Schritt, womit er im Zimmer auf und ab ging, ließen, noch ehe man seine -volle, sonore Stimme vernahm, ahnen, daß der alte Konsulent an Geist -und Körper noch frisch und rüstig sei. - -In der Vertiefung des breiten Fensters saßen zwei schöne Mädchen von -achtzehn bis zwanzig Jahren, die dem Alten, so oft er ihnen den Rücken -wandte, besorglich und ängstlich nachschauten, wohl auch untereinander -flüsterten, so lange sie von ihm nicht gesehen wurden. Die eine war -bemüht, des Vaters ungeheure Allongeperücke in Ordnung zu bringen, -und trotz dem Kummer, der aus ihren Blicken sprach, schien sie doch -Freude an dem schönen Kontrast zu finden, welchen die schwarzen Locken -dieses Haargebäudes mit ihren zarten, weißen Händchen bildeten. -Die dunkelblauen Augen der andern jungen Dame schienen mehr mit der -Straße als mit der feinen Arbeit, an welcher sie nähte, beschäftigt, -doch waren ihre Züge zu ernst, als daß man es müßiger Neugier hätte -zuschreiben dürfen. - -Sie hatten mehrere Minuten lang geschwiegen, denn die Mädchen waren -viel zu streng erzogen, als daß sie den Vater, der seinen Gedanken -nachhing, mit Fragen belästigt hätten; plötzlich sprang die junge -Nähterin auf, ließ ihre schöne Arbeit zu Boden fallen, beugte den -schlanken Hals näher ans Fenster und sah gespannt nach der Straße. Der -Vater sah diese Bewegungen, hielt seine Schritte an, blickte aufmerksam -nach seiner Tochter und fragte nur mit Blicken; Käthchen, die jüngere -Schwester, vollendete schnell noch eine Stirnlocke der Perücke, setzte -dann das Prachtwerk behutsam auf eine Kommode und kam eben noch zeitig -an, um mit Hedwig zu rufen: »Er ist's, er hat heraufgesehen, Vater; er -geht sehr schnell; sieh doch, was er für einen sonderbaren Rock anhat!« - -»Das ist Blankenbergs Jagdkleid;« sagte Hedwig leise zu ihrer Schwester. - -»Geh doch, was weißt du von Blankenbergs Garderobe?« erwiderte die -jüngere, bedeutungsvoll lächelnd. - -»Er hat Gustav schon oft in diesem Kleid besucht,« antwortete sie, -indem eine dunkle Röte über ihre Wangen flog. - -Die Ankunft Gustavs verhinderte seine jüngere Schwester, Hedwig nach -ihrer Gewohnheit noch länger zu quälen. Der Vater sah noch ernster aus -als vorhin, er hatte sich in seinen Lehnstuhl gesetzt und die strengen -Augen auf die Türe geheftet; bang und ängstlich pochte den Schwestern -das Herz, als jetzt die Türe aufging und ihr Bruder hereintrat. -- Nach -dem ersten »Guten Morgen« trat für alle drei Parteien eine peinliche -Pause ein; endlich trat der Sohn bescheiden zum Vater. »Sie haben mich -wohl diesen Morgen vermißt, Vater?« fragte er. »Es ist allerdings ein -seltener Fall in unserm Hause, und Sie wurden vielleicht besorgt um -mich.« - -»Das nicht,« antwortete der Alte sehr ernst; »du bist alt genug, um -nicht verloren zu gehen; aber zweierlei ist mir aufgefallen, nämlich, -daß man dich nur eine Stunde auf dem Karneval sah, und daß du diese -Nacht und ihre Lustbarkeiten so unregelmäßig lang bis morgens neun Uhr -ausdehnst; du solltest schon seit einer halben Stunde in deiner Kanzlei -sein.« - -»Ich bin heute dort entschuldigt,« sagte Gustav lächelnd; »ich habe -auch seit heute früh ein Uhr so schrecklich geschwärmt und so -unordentlich gelebt, daß es kein Wunder ist, wenn man so spät zu Hause -kommt; ratet einmal ihr Mädchen, wo ich gewesen bin!« - -Die Schwestern sahen ihn unwillig an, denn sie befürchteten mit Recht, -dieser leichtfertige Ton möchte dem alten Herrn mißfallen. »Wie können -wir dies wissen?« erwiderte Hedwig. »Ich habe nie danach gefragt, wo du -dich mit deinen Kameraden umtreibst; doch heute, Bruder, bist du mir -ein Rätsel.« - -»Und in einem Lustschloß bin ich gewesen,« fuhr der junge Mann fort, -»wo weder ihr beide noch Papa jemals waren; ihr erratet es doch nie -- -auf der Wache.« - -»Auf der Wache!« riefen die Schwestern entsetzt. - -»Das ist mir sehr unangenehm, Gustav,« setzte der Landschaftskonsulent -hinzu; »meines Wissens bist du der erste Lanbek, den man auf die Wache -setzte.« - -»Mir ist es doppelt unangenehm,« antwortete sein Sohn, indem er den -Vater fest anblickte, »weil es im Grunde eine Namensverwechslung zu -sein scheint; denn meines Wissens bin nicht _ich_ jener Lanbek, der die -Szene an dem Tisch des Juden aufführte.« - -Der Alte sah ihn bleich und betroffen an. »Gehet ins Nebenzimmer, -Mädchen!« rief er, und als sich die Schwestern staunend, aber schnell -und gehorsam zurückgezogen hatten, faßte er die Hand seines Sohnes, -zog ihn auf einen Stuhl neben sich nieder und fragte hastig, aber mit -leiser Stimme: »Was ist das? Woher weißt du? Wer sagt dir davon?« - -»Er selbst,« antwortete der Sohn. - -»Der Jude?« fragte der Alte. »Wie ist dies möglich?« - -»Er war bei mir auf der Wache; ich sehe, wie Sie staunen, Vater, aber -bereiten Sie sich auf noch wunderlichere Dinge vor.« Der junge Mann -hielt es für das beste, seinem Vater soviel als möglich zu entdecken; -er erzählte ihm also, wie aufgebracht der Minister auf den Konsulenten -und seine Partei sei, wie der Sohn ihm widersprochen, wie der Minister, -statt in heftigeren Zorn zu geraten, ihn plötzlich zum Expeditionsrat -ernannt habe. Nur Leas erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän -hatte ihm dies geraten, und er beschloß, davon zu schweigen, bis er -seine Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen -Verhältnisses unvermeidlich wäre. - -»Ich sehe, was ich sehe,« sprach der Konsulent nach einigem Nachdenken. -»Meinst du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte, er würde mich geschont -und dich dafür ergriffen haben, um mich gleichsam durch seine Gnade -zu beschämen? Er hat mich gefürchtet, und er hat alle Ursache dazu. -Ich bin ihm zu populär, und auch du wirst ihm nach und nach zu bekannt -mit den hiesigen Bürgern, weil du jetzt statt meiner die Armenprozesse -führst. Der Expeditionsrat ist -- _eine Falle_, die er uns beiden legen -wollte, der kluge Fuchs.« - -»Wie verstehen Sie dies, Papa?« fragte Gustav, dem es leichter ums Herz -wurde, seit er ahnte, wie sein Vater die Sache aufnehme. - -»Sieh, Freund,« sprach der Alte zutraulicher, als er je getan, »du -wirst das Opfer dieser Kabale; aber so wahr ich dein Vater bin, du -sollst es nicht lange sein. Dieser Jude denkt aber also: Verwehre ich -dir, diese Stelle anzunehmen, weil du dadurch in übeln Geruch kommen -könntest, so macht er es zu seiner Ehrensache, beklagt sich beim Herrn -und ergreift die einzige Gelegenheit, die sich bot, mich zu zwingen, -auch _mein_ Amt aufzugeben. Er kennt mich, er weiß, daß er so wenig als -der Herzog mich absetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek ist, -nämlich -- sein Feind. Nehmen wir die Stelle an, kalkulierte er weiter, -so werden wir verdächtig bei allen, die das Bessere wollen. Der Vater, -Konsulent der Landschaft, würde man denken, der Sohn -- Expeditionsrat; -gekauft hat ihm der Alte die Stelle nicht und der Süß gibt bekanntlich -nichts ohne großen Gewinn an Geld oder geheimem Einfluß, folglich -- -sind wir übergetreten zu dem Gewaltigen. So, glaubt er, werden die -Leute urteilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt mich -nicht ganz; noch weiß ich, gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen der -Besseren zu erhalten, und du -- wirst und bleibst Expeditionsrat; -ändern sich die Verhältnisse, so wirst du wieder Aktuarius und die -Menschen erkennen dann deine Unschuld.« - -»Aber Vater!« sagte der junge Mann zaudernd. »_Ihr_ Ruf ist felsenfest, -aber der _meinige_? Wie lange wird es noch anstehen, bis die -Verhältnisse sich ändern!« - -»Sohn!« erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. »Du siehst, wie dieses -schöne Land bis in sein innerstes Mark zerrüttet ist; meinst du, es -könne immer so fortgehen? -- Glaube mir, ehe der Frühling ins Land -kommt, _muß_ es anders werden; schlechter kann es nimmer werden, aber -besser. Darum glaube mir und vertraue auf Gott!« - - -8. - -Während der alte Lanbek noch so sprach und seinem Sohn Mut einzureden -suchte, wurde die Hausglocke heftig angezogen, und bald darauf trat ein -Offizier in das Zimmer, dem der Konsulent freundlich entgegeneilte. -Wenn man das dunkelrote Gesicht, die freien, mutigen Züge und das -kleine, aber scharfblickende Auge des Mannes sah, so konnte man die -Sage von kühner Entschlossenheit und beinahe fabelhafter Tapferkeit, -die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen Eugenius bewiesen -haben sollte, glaublich finden. - -»Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,« sprach der Alte, »der -Oberst von Röder, den du wenigstens dem Namen nach kennen wirst.« - -»Wie sollte ich nicht?« erwiderte Gustav, indem er sich verbeugte; -»wenn unsere Truppen von Malplaquet und Peterwardein erzählen, so hört -man diesen Namen immer unter die ersten und glänzendsten zählen.« - -»Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur seine Schuldigkeit getan,« -antwortete der Oberst. »Aber Konsulent, was sagt Ihr dazu, daß der Jude -jetzt auch uns ins Handwerk greift? Ich komme zu Euch eigentlich nur, -um zu fragen: soll ich, oder soll ich nicht?« - -»Wie soll ich das verstehen?« fragte der Konsulent staunend; »Röder, -nur jetzt keinen übereilten Streich!« - -»Das ist es eben!« rief jener auf den Boden stampfend, »meine Ehre und -die Ehre des ganzen Korps ist gekränkt! einen meiner talentvollsten -Offiziere sollte ich nach Fug und Recht kassieren lassen um dieses -Hundes willen, und tu' ich's, so bin ich morgen selbst außer Dienst.« - -»Aber so sprecht doch, Oberst!« sagte der Alte, indem er seinem Sohn -winkte, Stühle zu setzen, »setzt Euch, Ihr seid noch in der ersten -Hitze.« - -»Mein Regiment hat gestern und heute den Dienst,« fuhr jener eifrig -fort; »da bringt man nun gestern nacht von der Redoute weg einen -Menschen auf unsere Wache, mit dem ausdrücklichen Befehl vom Juden, -ihn wohl zu bewachen, aber keinen weitern Rapport abzustatten; heute -früh zieht der Kapitän Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im -Offizierszimmer, von welchem nichts im Rapport steht, und denkt Euch --- nach einer halben Stunde kommt der Minister selbst, schickt den -Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unserer Wache den Gefangenen -insgeheim, entläßt ihn dann und _befiehlt_ dem Kapitän noch einmal, -keinen Rapport abzustatten und -- nimmt ihm das Ehrenwort ab -- er -einem Offizier auf der Wache -- nimmt ihm das Wort ab, den Namen des -Gefangenen nicht zu nennen; dahin also ist es gekommen, daß jeder -Schreiber oder gar ein hergelaufener Jude uns kommandiert? Nach -Kriegsrecht muß ich den Kapitän kassieren lassen; meine Ehre fordert, -daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienst, und ich muß mich -rühren, sollte es mich auch meine Stelle kosten.« - -Die beiden Lanbek hatten sich während der heftigen Rede des Obersten -bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. »Der Jude ist listiger, als wir -dachten,« sagte, als jener geendet hatte, der Vater; »also auch auf den -Oberst war es abgesehen, auch für ihn war die Falle aufgestellt! Wer -meint Ihr wohl, daß der Gefangene war? Da, seht ihn, mein leiblicher -Sohn saß heute nacht auf Eurer Wache!« - -Der Oberst fuhr staunend zurück, und so groß war der Unmut über den -Eingriff in seine militärischen Rechte, daß er sich nicht enthalten -konnte, einen unwilligen, finstern Blick auf den jungen Mann zu werfen. -Als aber der alte Lanbek fortfuhr und ihm erzählte, wie er selbst -eigentlich die Ursache dieses Vorfalls gewesen, und wie alles andere so -sonderbar gekommen sei, als er ihm den arglistigen Plan des Ministers -näher auseinandersetzte, da sprang Herr von Röder von seinem Stuhl auf. -»Wohlan, Alter!« sagte er mit bewegter Stimme zu dem Konsulenten, »daß -er _mich_ verfolgt und haßt, hat am Ende nichts zu bedeuten, und daran -ist nur der General Römchingen schuld, der mich nie leiden konnte; aber -über _dir_ soll er den Hals brechen, oder ich will nicht selig werden! -Herr Aktuarius! Die Stelle müßt Ihr annehmen, das ist jetzt keine Frage -mehr! Denn Euer Vater darf jetzt nicht von seinem Amt kommen, oder -Verfassung und Religion stehen auf dem Spiel. Aber zum Herzog will ich -gehen, will sprechen, und sollt' es mich mein Leben kosten.« - -»Das werdet Ihr _nicht_ tun, Oberst!« sagte der Alte mit Nachdruck und -Ernst. »Leset diesen Brief, den man uns aus Würzburg schickt, und sagt -mir dann, ob Ihr noch waget, zum Herzog zu gehen und zu sprechen.« Der -Oberst nahm aus seiner Hand ein Schreiben und fing an zu lesen; doch -je weiter er las, desto bestürzter wurden seine Züge, bis er staunend, -aber mit zornsprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme sinken -ließ. - -»Vater!« sprach der junge Mann, der betroffen bald den Alten, bald den -Obersten betrachtete, »Vater, Sie machen mich hier zum Zeugen eines -Auftrittes, bei welchem ich vielleicht besser nicht zugegen gewesen -wäre. Ich soll aber gezwungenerweise eine Rolle übernehmen, die mir -nicht zusagt. Ich bin zum Expeditionsrat ernannt und weiß nicht warum; -ich darf die Stelle nicht ablehnen, obgleich sie mich vor der Welt zum -Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor im Staat und -in meines Vaters Hause, man verhehlt sie mir, und ich weiß wieder nicht -warum. Herr Oberst von Röder, Sie überreden mich, eine Stelle nicht -auszuschlagen, die meines Vaters Namen beschimpft; von Ihnen glaube ich -Gründe verlangen zu können, warum ich es nicht tun soll?« - -»Gott weiß, er hat recht!« rief Röder, indem er den jungen Mann -nachdenkend betrachtete. »Ich weiß auch nicht, Alter, warum Ihr ihm -nicht längst den Schlüssel gegeben habt. Wenn Ihr ihm übrigens die -Augen nicht öffnen wollt, so will ich ihm diesen Dienst tun, weil ich -weiß, wie drückend es ist, ein wichtiges Geheimnis halb zu erraten und -halb zu ahnen.« - -»Es sei,« sagte der Vater, »setzet Euch wieder; wenn ich dich, mein -Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieser Art vertraut gemacht habe, so -geschah es nur aus Furcht, für einen allzu stolzen Vater zu gelten, -denn wir hatten uns das Wort gegeben, nur erprobten und ausgezeichneten -Männern uns anzuvertrauen. Ich darf dir nicht erst sagen, was in den -drei Jahren, seit Alexander regiert, aus Württemberg geworden ist. -Man soll von einem Lanbek nicht sagen können, daß er gegen seinen -Herrn gemurrt hätte, er ist ein tapferer Mann und nach Prinz Eugenius -vielleicht der erste Feldherr unserer Zeit, aber das Feldregiment taugt -wohl im Lager und vor dem Feind, nicht so in der Kanzlei. Er sieht die -Regierung des _Ländchens_, wie er sagt, etwas zu heldenmäßig an, das -heißt, er sieht darüber hinweg und läßt andere dafür sorgen.« - -»Dieses Ländchen!« rief der Oberst bitter. »Dieses schöne Württemberg! -Es heißt wohl ein alter Spruch, daß, wenn man auch sich alle Mühe gebe, -dieses Land doch nicht könne zu Grunde gerichtet werden; aber ~nous -verrons~! Wenn es so fortgeht, wenn man es durch Verkauf der Aemter, -durch Verhöhnung der Besseren, durch Erhebung der niederträchtigsten -Bursche geflissentlich verderbt, wenn man seine Kräfte bis aufs Mark -aussaugt --« - -»Kurz, mein Freund,« fuhr der Alte fort, »es kann nicht so fortgehen. -Nach und nach kann es nicht besser werden, denn schon jetzt sitzen -bei uns in der Landschaft fünf Schurken, die nicht einmal der -Gott-sei-bei-uns für sich repräsentieren ließe, alle Aemter sind -verkauft oder für Süßsche Kreaturen käuflich, also kann es nur -schlechter werden. Aber es sind zwei Parteien, die da sagen: ›Es muß -anders werden.‹ Die eine Partei ist Süß, der schnöde Jude, der General -Römchingen, der feinste von diesen Burschen, Hallwachs, dein neuer -Kollege, Metz und noch einige von der Landschaft. Wir wissen, was sie -wollen, und es ist nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag -völlig aufzuheben.« - -»Und, Gott sei's geklagt,« sagte Herr von Röder, »den Herzog haben Sie -von seiner edelmütigen Seite gepackt, er ist mit allem zufrieden. Das -Land sei aufgebracht über die Stände, sagen sie ihm, man murre über -die Landschaft, und nun hat er sich entschlossen, das Institut wie ein -Korps Invaliden aufzulösen, dem Lande die jährlichen Kosten der Stände -edelmütig zu schenken und allein zu regieren.« - -»Wie? Verstehe ich recht?« rief der junge Lanbek. »Also unsern letzten -Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die unrichtige Ansicht eines -Herrn will man uns rauben? Auf die Verfassung ist es abgesehen? Doch -das ist nicht möglich, Alexander hat sie ja beschworen, und mit welchen -Mitteln will er dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberst, der -württembergische Soldat werde seine eigenen Rechte unterdrücken?« - -»Hier sind die Hunde,« erwiderte der Oberst, indem er auf den Brief -zeigte, »die man bei diesem Treibjagen hetzen will.« - -»Nur ruhig,« sprach der Landschaftskonsulent, »höre mich ganz. Der -Herzog ist aufs abscheulichste getäuscht; er glaubt fest, daß es ihn -nur ein Wort koste, so werden die Stände nicht mehr sein, und alle -Herzen werden ihm zufliegen. So haben es der Jude und Römchingen ihm -vorgeschwatzt; aber sie kennen uns besser und wissen, daß Gewalt zu -einem solchen Schritt gehört. Hier ist ein Brief an den Erzbischof von -Würzburg, den der General Römchingen geschrieben: man wolle zum Besten -des Landes einige Aenderungen vornehmen, man könne sich aber auf die -Truppen im Lande nicht verlassen, daher solle der Bischof bewirken, daß -die Truppen des fränkischen Kreises an einem bestimmten Tag an unserer -Grenze seien. Auch an einige Reichsstände in Oberschwaben hat er -ähnliche Schreiben erlassen.« - -»Und im Namen des Herzogs?« fragte der junge Mann. - -»Nein, sie lassen ihn nur so durchblicken, aber eine andere Lockspeise -haben sie dem Bischof hingeworfen; man sagt nicht umsonst, daß unser -alter Reformator Brenz seit einigen Nächten aus seinem Grab aufstehe -und die Kanzel besteige -- katholisch wollen sie uns machen. Du -staunst? Du willst nicht glauben? Auch ich glaube, daß sie es nicht -aus Religiosität tun wollen, sondern entweder soll es den Bischof und -die Oberschwaben enger für die Sache verbinden, oder sie meinen, dem -Herzog gefällig zu sein, wenn sie in vierundzwanzig Stunden den Glauben -reformieren, wie sie das alte Recht reformieren wollen.« - -»Es kann, es darf nicht sein!« rief der junge Mann. »Die Grundpfeiler -unseres Glückes und unserer Zufriedenheit mit _einem_ Schlag umstürzen? -Es ist nicht möglich, der Herzog kann es nicht dulden.« - -»Er weiß und denkt nicht, daß sie dies alles vorhaben,« sagte der -Oberst; »sein Ruhm ist ihm zu teuer, als daß er ihn auf diese Weise -beflecken möchte; aber wenn es geschehen ist, ohne daß die Schuld auf -ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte nicht wiederherstellen. -Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn, habe der Jude dem Herzog das Edikt -von gestern abgeschwatzt, worin er für Vergangenheit und Zukunft von -aller Verantwortlichkeit freigesprochen wird? Das soll ihn schützen in -dem kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und ergebenen -Herren Räte erbost würde, die ihm die unumschränkte Macht zu Füßen -legen und in der Stiftskirche einen Krummstab aufpflanzen.« - -»Und gegen diese wollt ihr kämpfen?« fragte Gustav besorgt und -zweifelhaft. - -»Kämpfen oder zusammen untergehen,« sprach der Alte. »Wer mit uns -verbunden ist, mußt du jetzt nicht wissen; es genüge dir zu erfahren, -daß es die Trefflichsten des Adels und die Wackersten der Bürger -sind. Wir wollten den Kaiser um Schutz anflehen, aber die Umstände -sind ungünstig, die Zeit ist zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu -gelangen, und überdies hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett -seit den letzten Kriegen; man würde uns abweisen. Uns bleibt nichts -übrig als --« - -»Wir müssen,« rief der Oberst mutig und entschlossen, »das Prävenire -müssen wir spielen; St. Joseph, den neunzehnten März, haben sie sich -zum Ziel gesteckt; aber einige Tage zuvor müssen wir die Feinde des -Landes gefangen nehmen, die treuen Truppen nach Stuttgart ziehen, -das Landvolk zu unserer Hilfe aufrufen, und wenn es gelungen ist, -dem Herzog von neuem huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren -Abgrund er und wir gestanden. Und dann -- er ist ein tapferer Soldat -und ein Mann von Ehre, dann wird er erröten vor der Schande, zu welcher -ihn jene Elenden verführen wollten.« - -»Aber der Herzog,« fragte der junge Mann, »wo soll er sein und bleiben, -während ihr diese furchtbare Gegenmine auffliegen lasset?« - -»Das ist es ja gerade, was uns zur Eile zwingt,« erwiderte der Oberst; -»sie haben ihn überredet, im nächsten Monate die Festungen Kehl -und Philippsburg zu bereisen, und hinter seinem Rücken wollen sie -reformieren. Den elften will er abreisen; schon sind die Adjutanten -ernannt, die ihn begleiten sollen, und, wenn ich es sagen darf, mit -solchem Gepränge und so viel und laut wird von dieser Reise gesprochen, -daß ich fürchte, die ganze Fahrt ist nur Maske und der Herzog wird -nicht über die Grenze gehen.« - -»Du kennst jetzt unsere Pläne,« sprach der alte Herr zu seinem Sohn, -»sei klug und vorsichtig. _Ein_ Wort zuviel kann _alles_ verraten. -Darum, wie es unter uns gebräuchlich ist, lege deine Hand in die deines -Vaters und dieses tapfern Mannes und schwöre uns, zu schweigen.« - -»Ich schwöre,« sagte Lanbek mit fester Stimme, aber bleich und mit -starren Augen; und sein Vater und der Oberst zogen ihn an ihre Brust -und begrüßten ihn als einen der Ihrigen. - - -9. - -Ein drückender, trüber Nebel lag über Stuttgart und gab den Bergen -umher und der Stadt ein trauriges, ödes Ansehen; gerade so lag auch -ein trüber, ängstlicher Ernst auf den Gesichtern, die man auf den -Straßen sah, und es war, als hätte ein Unglück, das man nicht vergessen -konnte, oder ein neuer Schlag, den man fürchtet, alle Herzen wie die -sonst so lieblichen Berge umflort und in Trauer gehüllt. Am Abend eines -solchen Tages schlich der junge Lanbek durch die feuchten Gänge des -Gartens. Sein Gesicht war bleich, sein Auge trübe, sein Mund heftig -zusammengepreßt, seine hohe Gestalt trug er nicht mehr so leicht und -aufgerichtet wie zuvor, und es schien, als sei er in den letzten -acht Tagen um ebenso viele Jahre älter geworden. Was er vorausgesehen -hatte, war eingetroffen; niemand, der die Lanbeks auch nur dem Rufe -nach kannte, konnte die schnelle Erhebung des jungen Mannes begreifen -oder rechtfertigen. Die Günstlinge und Kreaturen des mächtigen Juden -traten ihm mit jener lästigen Traulichkeit, mit jener rohen Freude -entgegen, wie etwa Diebe und falsche Spieler einem neuen Genossen ihrer -Schlechtigkeit beweisen, und des jungen Lanbeks Gefühl bei solchen -neuen, werten Bekanntschaften läßt sich am besten mit den unangenehmen -und wehmütigen Empfindungen eines Mannes vergleichen, den das Unglück -in _einen_ Kerker mit dem Auswurf der Menschen warf, und der sich von -Räubern und gemeinen Weibern als ihresgleichen begrüßen lassen muß. - -Die gnädigen Blicke, die ihm der Minister hin und wieder öffentlich, -beinahe zum Hohn, zuwarf, bezeichneten ihn als einen neuen Günstling. -Jetzt erst sah er, wie viele gute Menschen ihm sonst wohlgewollt -hatten; denn so manches bekannte Gesicht, das sonst dem Sohne des alten -Lanbek einen »guten Tag« zugelächelt hatte, erschien jetzt finster, und -selbst wackere Bürgersleute und jene biederen, ehrlichen Weingärtner, -die sich bei ihm und dem Alten so oft Rats erholt hatten, wandten jetzt -die Augen ab und gingen vorüber, ohne den Hut zu rücken. - -Der Gedanke an Lea erhöhte noch sein Unglück. Er wußte genau, wie -unglücklich sein alter Vater, er selbst und die Seinigen werden -könnten, wenn der verzweifelte Schlag, den sie führen wollten, mißlang; -und doch, so groß der Frevel war, den jener fürchterliche Mann auf sich -geladen hatte, dennoch graute ihm, wenn er sich die Folgen überlegte, -die sein Sturz nach sich ziehen würde. Was sollte aus der armen Lea -werden, wenn der Bruder vielleicht monatelang gefangen saß? Konnte -der Herzog, ein so strenger Herr, Vergehungen und Pläne, wie die des -Juden, vergeben, selbst wenn er ihm durch jenes Edikt Straflosigkeit -zugesichert hatte? - -Und dann durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an jene schreckliche -Drohung, die Süß gegen ihn ausgestoßen, als er das Verhältnis des -jungen Mannes zu seiner Schwester berührte. Alle Angst vor seinem alten -Vater, vor der Schande, die eine solche Verbindung, wenn sie auch nur -besprochen würde, brächte, kam über ihn. Es gab Augenblicke, wo er -seine Torheit, mit der schönen Jüdin auch nur ein Wort gewechselt zu -haben, verwünschte, wo er entschlossen war, den Garten zu verlassen, -sie nie wieder zu sehen, seinem Vater alles zu sagen, ehe es zu -spät wäre; aber wenn er sich dann das schöne Oval ihres Hauptes, die -reinen, unschuldigen und doch so interessanten Züge und jenes Auge -dachte, das so gerne und mit so unnennbarem Ausdruck auf seinen eigenen -Zügen ruhte, da war es, ich weiß nicht ob Eitelkeit, Torheit, Liebe -oder gar der Einfluß jenes wunderbaren Zaubers, der sich, aus Rahels -Tagen, unter den Töchtern Israels erhalten haben soll -- es zog ihn -ein unwiderstehliches Etwas nach jener Seite hin, wo ihn, seit die -Dämmerung des ersten Märzabends finsterer geworden war, die schöne Lea -erwartete. - -»Endlich, endlich!« sagte Lea mit Tränen, indem sie ihre weiße Hand -durch die Staketen bot, welche die beiden Gärten trennten. »Wenn nicht -der Frühling indes hätte kommen müssen, wahrhaftig, ich hätte gedacht, -es sei schon ein Vierteljahr vorüber. Ich bin recht ungehalten; wozu -denn auch in den Garten gehen bei dieser schlimmen Jahreszeit, wenn -Ihr frei und offen durch die Haustüre kommen dürft? Wisset nur, Herr -Nachbar, ich bin sehr unzufrieden.« - -»Lea,« erwiderte er, indem er die schöne Hand an seine Lippen zog, -»verkenne mich nicht, Mädchen! Ich konnte wahrhaftig nicht kommen, -Kind! Zu dir durfte ich nicht kommen, und in die Zirkel deines Bruders -gehe ich nicht; und wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal da warst, -würde ich dich nicht mehr sprechen.« Trotz der Dunkelheit glaubte der -junge Mann dennoch, eine hohe Röte auf Leas Wangen aufsteigen zu sehen. -Er sah sie zweifelhaft an; sie schlug die Augen nieder und antwortete: -»Du hast recht, ich darf nicht in die Zirkel meines Bruders gehen.« - -»So bist du da gewesen? Ja, du bist dort gewesen!« rief Lanbek unmutig. -»Gestehe nur, ich kann jetzt doch schon alles in deinen Augen lesen.« - -»Höre mich an,« erwiderte sie, indem sie bewegt seine Hand drückte, -»die Amme hat dir gesagt, was nach dem Karneval vorging, und wie ich -ihn bat und flehte, dich frei zu lassen. Seit jener Zeit hat sich -sein Betragen ganz geändert; er ist freundlicher, behandelt mich, wie -wenn ich auf einmal um fünf Jahre älter geworden wäre, und läßt mich -zuweilen sogar mit sich ausfahren. Vor einigen Tagen befahl er mir, -mich so schön als möglich anzukleiden, legte mir ein schönes Halsband -in die Hand, und abends führte er mich die Treppe herab in seine -eigenen Zimmer. Da waren nur wenige, die ich kannte, die meisten Herren -und Damen waren mir fremd. Man spielte und tanzte, und von Anfang -gefiel es mir sehr wohl, nachher freilich nicht, denn --« - -»Denn?« fragte Lanbek gespannt. - -»Kurz, es gefiel mir nicht, und ich werde nicht mehr hingehen.« - -»Ich wollte, du wärest nie dort gewesen,« sagte der junge Mann. - -»Ach, konnte ich denn wissen, daß die Gesellschaft nicht für mich -passen würde?« erwiderte Lea traurig. »Und überdies sagte mein Bruder -ausdrücklich, es werde meinen Herrn Bräutigam freuen, wenn ich auch -unter die Leute komme.« - -»Wen hat er gesagt, _wen_ werde es freuen?« rief Lanbek. - -»Nun dich,« antwortete Lea; »überhaupt, Lanbek, ich weiß gar nicht, wie -ich dich verstehen soll; du bist so kalt, so gespannt; gerade jetzt, -da wir offen und ohne Hindernis reden können, bist du so ängstlich, -beinahe stumm; statt ins Haus zu uns zu kommen, bestellst du mich -heimlich in den Garten, ich weiß doch nicht, vor wem man sich so sehr -zu fürchten hat, wenn man einmal in einem solchen Verhältnis steht?« - -»In welchem Verhältnis?« fragte Lanbek. - -»Nun, wie fragst du doch wieder so sonderbar! Du hast bei meinem Bruder -um mich angehalten, und er sagte dir zu, im Fall ich wollte und der -Herzog durch ein Reskript das Hindernis wegen der Religion zwischen uns -aufhöbe. Ich bin nur froh, daß du nicht Katholik bist, da wäre es nicht -möglich, aber ihr Protestanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und -seid doch eigentlich so gut Ketzer wie wir Juden.« - -»Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!« rief der junge Mann mit -Entsetzen. »Wer hat dir diese Dinge gesagt? O Gott, wie soll ich dir -diesen furchtbaren Irrtum benehmen?« - -»Ach, geh doch!« erwiderte Lea. »Daß ich es wagte, mein verhaßtes Volk -neben euch zu stellen, bringt dich auf. Aber sei nicht bange; mein -Bruder, sagen die Leute, kann alles, er wird uns gewiß helfen, denn was -er sagt, ist dem Herzog recht. Doch eine Bitte habe ich, Gustav: willst -du mich nicht bei den Deinigen einführen? Du hast zwei liebenswürdige -Schwestern; ich habe sie schon einigemal vom Fenster aus gesehen; wie -freut es mich, einst so nahe mit ihnen verbunden zu sein! Bitte, laß -mich sie kennen lernen.« - -Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur _ein_ Wort zu -erwidern; seine Gedanken, sein Herz wollten stille stehen. Er blickte -wie einer, der durch einen plötzlichen Schrecken aller Sinne beraubt -ist, mit weiten, trockenen Augen nach dem Mädchen hin, das, wenn auch -nicht in diesem Augenblick, doch bald vielleicht, noch unglücklicher -werden mußte als er, und das jetzt lächelnd, träumend, sorglos wie ein -Kind an einem furchtbaren Abgrund sich Blumen zu seinem Kranze pflückte. - -»Was fehlt dir, Gustav?« sprach sie ängstlich, als er noch immer -schwieg. »Deine Hand zittert in der meinigen: bist du krank? Du bist -so verändert.« Doch -- noch ehe er antworten konnte, sprach eine tiefe -Stimme neben Lea: »~Bon soir~, Herr Expeditionsrat; Sie unterhalten -sich hier im Dunkeln mit Dero Braut? Es ist ein kühler Abend; warum -spazieren Sie nicht lieber hinauf ins warme Zimmer? Sie wissen ja, daß -mein Haus Ihnen jederzeit offen steht.« - -»Mit wem sprichst du hier, Gustav?« sagte der alte Lanbek, der beinahe -in demselben Augenblick herantrat. »Deine Schwestern behaupten, du -unterhieltest dich hier unten mit einem Frauenzimmer.« - -»Es ist der Minister,« antwortete Gustav beinahe atemlos. - -»Gehorsamer Diener,« sprach der Alte trocken; »ich habe zwar nicht -das Vergnügen, Ew. Exzellenz zu sehen in dieser Dunkelheit, aber ich -nehme Gelegenheit, meinen gehorsamsten Dank von wegen der Erhebung -meines Sohnes abzustatten; bin auch sehr scharmiert, daß Sie so treue -Nachbarschaft mit meinem Gustav halten.« - -»Man irrt sich,« erwiderte Süß, heiser lachend, »wenn man glaubt, ich -bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln über den Zaun herüber zu -parlieren, ich kam nur, um meine Schwester abzuholen, weil es etwas -kühles Wetter ist und die Nachtluft ihr schaden könnte.« - -»Mit Ihrer Schwester?« sagte der Alte streng. »Bursche, wie soll ich -das verstehen, sprich!« - -»Echauffieren sich doch der Herr Landschaftskonsulent nicht so sehr!« -erwiderte der Jude. »Jugend hat nicht Tugend, und er macht ja nur -meiner Lea in allen Ehren die Cour.« - -»Schandbube!« rief der alte Mann, indem er seine Hand um den Arm seines -Sohnes schlang und ihn hinwegzog. »Geh auf dein Zimmer; ich will ein -Wort mit dir sprechen; und _Sie_, Jungfer Süßin, daß Sie sich nimmer -einfallen läßt, mit dem Sohn eines ehrlichen Christen, mit _meinem_ -Sohn ein Wort zu sprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jerusalem, es -würde meinem Hause dennoch keine Ehre sein.« Mit schwankenden unsichern -Schritten führte er seinen Sohn hinweg. Lea weinte laut, aber der -Minister lachte höhnisch. »~Parole d'honneur!~« rief er. »Das war eine -schöne Szene; vergessen Sie übrigens nicht, Herr Expeditionsrat, daß -Sie nur noch vierzehn Tage Frist zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und -von dort an werde ich mein Wort halten.« - - -10. - -Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lanbek hieß ihn geduldig -und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige Erfahrungen über -den Charakter des Alten verboten ihm in diesem Augenblick, wo der -Schein so auffallend gegen ihn war, sich zu entschuldigen. Der -Landschaftskonsulent warf sich in seinem Zimmer in einen Armsessel und -verhüllte sein Gesicht. Besorgt und ängstlich stand Gustav neben ihm -und wagte nicht zu reden; aber die beiden schönen Schwestern des jungen -Mannes flogen herbei, als sie die Schwäche des Vaters sahen, fragten -zärtlich, was ihm fehle, suchten seine Hände vom Gesicht herabzuziehen -und benetzten sie mit ihren Tränen. -- »Das ist der Bube,« rief er nach -einiger Zeit, indem sein Zorn über seine körperliche Schwäche siegte; -»_der_ ist es, der das Haus eures Vaters, unsern alten guten Namen, -euch, ihr unschuldigen Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte; -der Judas, der Vatermörder -- denn heute hat er den Nagel in meinen -Sarg geschlagen.« - -»Vater! Um Gottes willen! Gustav!« riefen die Mädchen bebend, indem sie -ihren bleichen Bruder scheu anblickten und sich an den alten Lanbek -schmiegten. - -»Ich weiß,« sagte der unglückliche junge Mann, »ich weiß, daß der -Schein gegen mich --« - -»Willst du schweigen!« fuhr der Konsulent mit glühenden Augen und -einer drohenden Gebärde auf. »Schein? Meinst du, du könntest meine -alten Augen auch wieder blenden wie damals nach dem Karneval? Nicht -wahr, es wäre weit bequemer, wenn sich diese beiden Augen schon ganz -geschlossen, wenn sie den alten Lanbek so tief verscharrt hätten, daß -keine Kunde von der Schande seines Namens mehr zu ihm dringt. Aber -verrechnet hast du dich, Elender! Enterben will ich dich; hier stehen -meine lieben Kinder, du aber sollst ausgestoßen sein, meines ehrlichen -Namens beraubt, verflucht --« - -»Vater!« riefen seine drei Kinder mit _einer_ Stimme; die Töchter -stürzten sich auf ihn und zum erstenmal wagte es Hedwig, ihre Lippen -auf die geheiligten Lippen des Vaters zu legen, indem sie ihm den zum -Fluch geöffneten Mund mit Küssen verschloß. Die jüngere hatte sich -unwillkürlich vor Gustav gestellt, seine Hand ergriffen, als wollte -sie ihn verteidigen, der junge Mann aber riß sich kräftig los; nie so -als in diesem Augenblick glich sein Gesicht, sein drohendes Auge den -Zügen seines Vaters, und die beengte Brust weit vorwerfend, sprach er: -»Ich habe alles ertragen, was möglicherweise ein Sohn von seinem Vater -ertragen darf, ich habe aber noch andere Pflichten, meine eigene Ehre -muß ich wahren, und wäre es mein eigener Vater, der sie antastet. Es -hätte Ihnen genügen können, wenn ich bei allem, was mir heilig ist, -versichere, daß ich nicht das bin, wofür Sie mich halten. Wenn _Sie_ -keinen Glauben mehr an mich haben, wenn Sie mich aufgeben, dann bleibt -nichts mehr übrig. _Lebet_ wohl -- ich will euch nur noch _eine_ -Schande machen.« - -»Du bleibst!« rief ihm der Alte, mehr ängstlich und bebend als -befehlend nach. »Meinst du, dies sei der Weg, einen gekränkten Vater -zu versöhnen? Hast du so sehr Eile, mir voranzugehen, und einen Weg -einzuschlagen, wo ich dich nie mehr träfe? Denn ich habe redlich und -nach meinem Gewissen gelebt, dich aber und deine Absicht verstand ich -wohl.« - -»Aber Vater,« sprach seine jüngste Tochter mit sanfter Stimme, »wir -hatten ja alle Gustav immer so lieb, und Sie selbst sagten so oft, wie -tüchtig er sei; was kann er denn so Schreckliches verbrochen haben, daß -Sie so hart mit ihm verfahren?« - -»Das verstehst du nicht, oder ja, du kannst es verstehen: des Juden -Schwester liebt er, und mit ihr und mit seinem Herrn Schwager Süß -hat er sich am Gartenzaun unterhalten. Jetzt sprich! Kannst du dich -entschuldigen? O, ich Tor, der ich mir einbildete, man habe ihn, um mir -eine Falle zu legen, erhoben und angestellt! Seine jüdische Scharmante -hat ihn zum Expeditionsrat gemacht!« - -»Der Vater will mich nicht verstehen,« sprach der junge Mann mit Tränen -in den Augen, »darum will ich zu euch sprechen. Euch, liebe Schwestern, -will ich redlich erzählen, wie die Umstände sich verhalten, und ich -glaube nicht, daß ihr mich verdammen werdet.« Die Mädchen setzten sich -traurig nieder, der Alte stützte seine gefurchte Stirne auf die Hand -und horchte aufmerksam zu. Gustav erzählte anfangs errötend und dann -oft von Wehmut unterbrochen, wie er Lea kennen gelernt habe, wie -gut und kindlich sie gewesen sei, wie gerne sie mit ihm gesprochen -habe, weil sie sonst niemand hatte, mit dem sie sprechen konnte. Er -wiederholte dann das Gespräch mit dem jüdischen Minister und dessen -arglistige Anträge; er versicherte, daß er nie dem Gedanken an -eine Verbindung mit Lea Raum gegeben habe, und daß er diesen Abend -dem Minister es selbst gesagt haben würde, wäre nicht der Vater so -plötzlich dazwischen gekommen. - -»Du hast sehr gefehlt, Gustav,« sagte Hedwig, seine ältere Schwester, -ein ruhiges und vernünftiges Mädchen. »Da du nie, auch nur entfernt, -an eine Verbindung mit diesem Mädchen denken konntest, so war es deine -Pflicht als redlicher Mann, dich gar nicht mit ihr einzulassen. Auch -darin hast du sehr gefehlt, daß du nicht gleich damals schon deinem -Vater alles anvertraut hast; aber so hast du jetzt deine ganze Familie -unglücklich und zum Gespött der Leute gemacht; denn meinst du, der Süß -werde nicht halten, was er gedroht? Ach, er wird sich an Papa, an dir, -an uns allen rächen.« - -»Geh, bitte den Vater um Verzeihung!« sprach das schöne Käthchen -weinend. »Du mußt ihm nicht noch Vorwürfe machen, Hedwig, er ist -unglücklich genug. Komm, Gustav,« fuhr sie fort, indem sie seine Hand -ergriff und ihn zu dem Vater führte, »bitte, daß er dir vergibt; ja, -wir werden recht unglücklich werden, der böse Mann wird uns verderben, -wie er das Land verdorben hat, aber dann lasset doch wenigstens Frieden -unter _uns_ sein. Wenn wir uns noch haben, so haben wir viel, wenn er -uns alles übrige nimmt.« - -Der Alte blickte seinen Sohn lange, doch nicht unwillig an. »Du hast -gehandelt wie ein eitler junger Mensch, und die Aufmerksamkeit, die -dir diese Jüdin schenkte, hat dich verblendet. Du hast, ich fühle es -für dich, vielleicht schon seit geraumer Zeit, gewiß aber diesen Abend -dafür gebüßt. Katharine hat recht; ich will dir nicht länger grollen; -wir müssen uns jetzt gegen einen furchtbaren Feind waffnen. Glaubst -du, daß er Wort halten wird mit den vierzehn Tagen Frist, die er dir -nachrief?« - -»Ich glaube und hoffe es,« antwortete der junge Mann. - -»Um jene Zeit muß sich mehr entscheiden als nur das Schicksal unsers -Hauses,« fuhr der Alte fort; »Römchingen und Süß -- oder wir; wer -verliert, bezahlt die Zeche. Jetzt gelobe mir aber, Gustav, die Jüdin -nie mehr, weder im Garten noch sonstwo aufzusuchen, und unter dieser -Bedingung will ich deine Torheit verzeihen.« - -Gustav versprach es mit bebenden Lippen und verließ dann das Zimmer, -um seine Bewegung zu verbergen. Noch lange und mit unendlicher Wehmut -dachte er dort über das unglückliche Geschöpf nach, dessen Herz ihm -gehörte, und das er nicht lieben durfte. Er teilte zwar alle strengen -religiösen Ansichten seiner Zeit, aber er schauderte über dem Fluch, -der einen heimatlosen Menschenstamm bis ins tausendste Glied verfolgte -und jeden ins Verderben zu ziehen schien, der sich auch den Edelsten -unter ihnen auf die natürlichste Weise näherte. Er fand zwar keine -Entschuldigung für sich und seine verbotene Neigung zu einem Mädchen, -das nicht auch seinen Glauben teilte, aber er gewann einigen Trost, -indem er sein eigenes Schicksal einer höheren Fügung unterordnete. - -Sein Vater und die Schwestern unterhielten sich noch lange über ihn -und diese Vorfälle, und die Erinnerung an so manche schöne Tugend des -jungen Mannes versöhnte nach und nach den Alten, so daß er selbst das -Geheimhalten jener Vorschläge des Ministers einigermaßen entschuldigte. -Als aber spät abends die beiden Schwestern allein waren, sagte -Käthchen: »Wahr ist es doch, Gustav hat zwar gefehlt. Ich habe sie -einmal am Fenster und einmal im Garten gesehen; so schön und anmutig -sah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was sind alle Gesichter in -Stuttgart, was ist selbst die schöne Marie, von der man so viel Wunder -macht, gegen dieses herrliche Gesicht! Nein, Hedwig, ich hätte mich -ganz in sie verlieben können!« - -»Wie magst du nur so töricht schwatzen!« erwiderte Hedwig unwillig. -»Mag sie sein, wie sie will, sie ist und bleibt doch nur eine Jüdin.« - - -11. - -Nicht die unglückliche Liebe ihres Bruders allein war es, was in den -folgenden Tagen die schönen Töchter des Landschaftskonsulenten Lanbek -ängstigte; nein, es war das sonderbare und drückende Verhältnis, das -zwischen Vater und Sohn zu herrschen schien, was den vier schönen -blauen Augen im stillen so manche Träne kostete. Man konnte nicht -sagen, daß sie sich finster angeblickt, mürrisch gefragt oder kalt -geantwortet hätten; aber dennoch sah man ihnen beiden an, daß Gram -und Sorgen sie beschäftigten, und die Mädchen wurden immer wieder in -ihren Vermutungen über den Grund dieses Grämens irre geleitet, wenn -sie zuweilen den alten Mann und seinen Sohn in einer Fensternische -beisammenstehen und zutraulicher, aber auch ernster als je zusammen -flüstern sahen. Endlich wurden sie sogar für drei Abende in der -Woche förmlich aus dem großen Familienzimmer, das winters allen zum -Aufenthalt diente, verwiesen, und, was ihres Wissens nie geschehen war, -Papas kleines Bibliothekzimmer wurde ihnen für solche Abende besonders -geheizt und ihnen die Erlaubnis gegeben, sich an den trefflichen -Juristen und Philosophen zu amüsieren. - -Freilich bedachten bei solchem Exil weder Vater noch Sohn, daß man von -der Bibliothek im oberen Stock in das Studierzimmer, von diesem in das -Gastzimmer und von dem Gastzimmer in die sogenannte Rumpelkammer kommen -könne, von welcher eine viereckige Oeffnung, mit einem kleinen Deckel -versehen, in das Wohnzimmer hinabging, um Luft oder Wärme in dieses -Gemach zu leiten; sie bedachten auch nicht, daß weibliche Neugierde -wohl noch stärkere Schranken durchbrochen haben würde als diese, die -zwischen jener Kammer und der Bibliothek lagen. Einige Abende hatte -übrigens doch noch ein mächtigeres Gefühl als Neugierde die Mädchen in -der Bibliothek zurückgehalten, nämlich Furcht. Hedwig behauptete, schon -öfters oben in jener Kammer Fußtritte und ein schreckliches Stöhnen -gehört zu haben, und dem schönen Käthchen graute dort hinzugehen, weil -jenes Gemach nur eine dünne Wand aus Holz und Backsteinen von den -Zimmern des gefürchteten Juden Süß trennte. - -Eines Abends jedoch, als man die Mädchen schon längst weggeschickt -hatte, sah Käthchen, die sich bis auf die Mitte der Treppe -hinabgeschlichen hatte, drei Männer bei ihrem Vater eintreten, die -ihre Neugierde aufs höchste trieben. Der erste, der sich langsam und -schnaubend die untere Treppe heraufschob und auf der Hausflur einige -Minuten stehen blieb, um Atem zu sammeln, war niemand Geringeres als -der lutherische Prälat Klinger. Seine schneeweiße Perücke, seine -Prälatenkette, die gerade auf dem Magen ruhte, und seine alten -verwitterten Züge flößten dem Mädchen ungemeine Ehrfurcht ein; ihm -folgte hastigen Schrittes der Oberst und Stallmeister von Röder, ein -Mann, den man für sehr klug und tapfer, aber zugleich auch in seinen -Sitten für sehr unheilig hielt, und über den dritten hätte sie beinahe -laut aufgelacht, es war der fröhliche Kapitän Reelzingen, der so -drollige Geschichten und Schnurren zu erzählen wußte, und sie schon -auf manchem Ball beinahe zum Lachen gebracht hatte. Heute hatte er -sein Gesicht in ganz ehrbare Falten gelegt und sah gerade aus wie -damals, als er ihr auf ~Parole d'honneur~ schwur, daß er sie ~vraiment~ -liebe. Sie sah ihm lächelnd nach, bis sein ungeheurer Degen in der -Türe verschwunden war, und eilte dann in das Bibliothekzimmer, wo sie -die blonde Hedwig traf, welche die Augen fest zugeschlossen hatte, um -nicht über ein Gespenst zu erschrecken, wenn etwa zufällig eines in der -Bibliothek auf und ab wandelte. »Heute _müssen_ wir hinuntergucken!« -erklärte Käthchen. »Und komm nur jetzt gleich mit; denke dir, die Leute -kommen hier zusammen wie beim Karneval. Hast du je sonst den Prälaten -Klinger und den Kapitän Reelzingen in _einem_ Zimmer gesehen, und dazu -den Oberst Röder und« -- setzte sie hinzu, als die Schwester zauderte --- »ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht, als die Tür einmal -aufging, auch Blankenberg gesehen hätte.« - -Dieser letzte Name entschied; Käthchen nahm das Licht und ging mit -pochendem Herzen voran, Hedwig folgte ihr, so nahe als möglich an die -mutigere Schwester gedrängt, und als jene die verhängnisvolle Kammertür -aufschloß, hielt sie sich fest an ihrem Kleide. Die Oeffnung war gerade -über dem Ofen des Wohnzimmers, das einen Stock tiefer lag, angebracht, -und Käthchen konnte, als sie die Klappe aufzog, selbst wenn sie sich -auf die Knie legte und den Kopf tief herabbeugte, doch nicht mehr -als vier oder fünf der versammelten Männer sehen; auch Hedwig beugte -sich jetzt herab und versuchte es, noch tiefer zu blicken als ihre -Schwester, aber verdrießlich stand sie wieder auf und sagte: »Nichts -als den breiten Rücken des Prälaten, einige Perücken und die Uniform -des Obersten kann ich sehen; weißt du denn gewiß, daß Blankenberg -zugegen ist?« - -»Sicher!« erwiderte Käthchen, schalkhaft lächelnd. »Doch laß uns -horchen, was sie sprechen; vielleicht kennst du deinen Liebhaber an der -Stimme.« - -Sie setzten sich auf den Fußboden neben der Oeffnung und lauschten; -die angenehme Wärme, die von dem Ofen heraufdrang, und ihre Neugierde -ließen sie eine Zeitlang die empfindliche Kälte der Märznacht -vergessen; endlich richtete sich Hedwig unmutig auf. »Meinst du, wir -werden klug werden aus diesem Geplauder, wovon man nur die Hälfte -versteht? Sie schwatzen wieder, wie immer, vom Wohl des Landes, vom -Herzog, von Süß, von allem; was geht das uns an! Komm! Es ist gar -schaurig hier und kalt. Mädchen, so steh doch auf!« - -Aber Käthchen winkte ihr zu schweigen; man hörte jetzt eben den Oberst -Röder mit bestimmter und vernehmlicher Stimme etwas vorlesen; die tiefe -Stille umher unterbrach nur zuweilen ein schnell verrauschendes Murmeln -des Unwillens. Jetzt sprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche -Züge gingen nach und nach in Staunen und Angst über; endlich, als die -Männer unten wieder laut, aber beifällig zusammensprachen und die -Gläser anstießen, flog eine hohe Röte über das Gesicht des Mädchens, -ihre Augen leuchteten, als sie vorsichtig die Klappe schloß, die Lampe -ergriff und mit ihrer Schwester den Rückweg einschlug. - -»Hast du was verstanden?« fragte Hedwig. »Du schienst auf einmal so -aufmerksam; was haben sie denn Besonderes gesprochen?« - -»Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles sagen,« erwiderte Käthchen -nachdenkend; »mir ist's, als hätte mir alles geträumt. Höre -- aber -schweig! Es könnte uns alle unglücklich machen. Das sind gefährliche -Menschen in Vaters Zimmer unten. Mir graut, wenn ich daran denke, was -daraus entstehen kann.« - -»So sprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre älter als du, und -du sollst keine Geheimnisse vor mir haben.« - -»Denke dir,« fuhr Käthchen mit leiser Stimme fort, »der Süß will uns -katholisch machen und die Landschaft umstürzen; da verlöre der Vater -und alle andern verlören ihre Stellen!« - -»Katholisch!« rief Hedwig mit Entsetzen. »Da müßten wir ja Nonnen -werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das ist abscheulich!« - -»Ach, warum nicht gar,« erwiderte Käthchen, lächelnd über den Jammer -ihrer Schwester, »da müßte es viele Nonnen geben, wenn alle, die keine -Männer bekommen, ins Kloster gingen; aber sei ruhig, es kommt nicht -so weit. In drei Tagen, sagte Röder, werde der Herzog verreisen, und -während er in Philippsburg ist, wollen die Männer da unten den Juden -und alle seine Gehilfen im Namen der Landschaft gefangen nehmen und -dann dem Herzog beweisen, wie schlecht seine Minister waren.« - -»Ach Gott, ach Gott! Das geht nicht gut,« sagte Hedwig weinend. »Alles -werden sie verlieren, denn der Herzog traut allen eher als denen von -der Landschaft; ich weiß ja, was mir einmal die Oberstjägermeisterin -über den Vater sagte. Du wirst sehen, es geht unglücklich!« - -»Und wenn auch,« antwortete Käthchen, »so sind wir die Töchter eines -Mannes, der, was er tut, zum Besten seines Vaterlandes tut. Das kann -uns trösten.« Das mutige Mädchen holte aus dem Schranke eine mit vielen -schönen Kupfern geschmückte Bibel. Sie gab der weinenden Schwester das -neue Testament, um sich an den Kupfern und Reimsprüchen zu zerstreuen. -Sie selbst schlug sich das Alte Testament auf. Sie verbarg ihre eigene -Besorgnis um ihren Vater unter einem Liedchen, das sie leise vor sich -hinsang, während ihre schönen Fingerchen emsig die vergilbten Blätter -von einem Bilde zum andern durcheilten. - - -12. - -Es gibt im Leben einzelner Staaten Momente, wo der aufmerksame -Beschauer noch nach einem Jahrhundert sagen wird, hier, gerade hier -mußte eine Krise eintreten; ein oder zwei Jahre nachher wären dieselben -Umstände nicht mehr von derselben Wirkung gewesen. Es ist dann dem -endlichen Geist nicht mehr möglich, eine solche Fügung der Dinge -sich hinwegzudenken, und aus der unendlichen Reihe von möglichen -Folgen diejenigen aneinander zu knüpfen, die ein ebenso notwendig -verkettetes Ganze bilden als ein verflossenes Jahrhundert mit allen -seinen historischen Wahrheiten. Hier zeigt sich der Finger Gottes, -pflegt man zu sagen, wenn man auf solche wichtige Augenblicke im Leben -eines Staates stößt. Es hat aber zu allen Zeiten Männer gegeben, -die, mochte ihr eigener Genius, mochte das Studium der Geschichte -sie leiten, solche Momente geahnet, berechnet haben, und sie wirkten -dann am überraschendsten, wenn sie sich nicht begnügten, solche -Krisen vorhergesehen zu haben, sondern wenn sie Mut genug besaßen, -zu rechter Zeit selbst einzuschreiten, Kraft genug, um eine Rolle -durchzuführen. Die Geschichte hat längst über die kurze Regierung der -Minister Karl Alexanders entschieden. Sie flucht keinem Sterblichen, -sonst müßte sie die Tränen und Seufzer Württembergs in schwere Worte -gegen die Urheber seines Unglücks im Jahre 1737 verwandeln; aber sie -gedenkt mit Liebe einiger Männer, die sich nicht von dem Strome der -allgemeinen Verderbnis hinreißen ließen, die ahneten, es müsse anders -kommen, die vor dem Gedanken nicht zitterten, eine Aenderung der Dinge -herbeizuführen, und die auch dann mit Ruhe und Gelassenheit die Sache -ihres Landes führten, als ein _Höherer_ es übernommen hatte, einen -unerwartet schnellen Wechsel der Dinge herbeizuführen, indem er zwei -feurige Augen schloß und ein tapferes Herz stille stehen hieß. - -Wer sollte es diesem heiteren Stuttgart und seinen friedlichen Straßen -ansehen, daß es einst der Schauplatz so drückender Besorgnisse war? Wie -beruhigt über den Gang der Dinge sind die Enkel derer, die in jenem -verhängnisvollen März jede Stunde für das Schicksal ihrer Familien, -für die alten Rechte ihres Landes, selbst für ihren Glauben zittern -mußten! - -Wer den übermütigen Süß in seiner Karosse, mit sechs Pferden bespannt, -durch die »reiche Vorstadt« fahren sah, wie er stolz lächelnd auf -die bleichen, feindlichen Gesichter herabblickte, die ihm überall -begegneten; wer den schrecklichen _Hallwachs_, seinen innigen Freund -und Ratgeber, neben ihm sah und bedachte, wie viele verderbliche Pläne -dieser Mann ersonnen, wie viele unerhörte Monopole er eingeführt -habe und wie er immer neue zu erfinden trachte; wer das unbegrenzte -Vertrauen kannte, das der Herzog in diese Menschen setzte, der mußte -wohl an der Möglichkeit der Rettung verzweifeln. - -Dazu kamen noch die sonderbaren und widersprechenden Gerüchte, die -im Umlauf waren. Die einen sagten, der Herzog sei nach Philippsburg -und Kehl gereist, habe aber das Regiment nicht an den Geheimenrat, -sondern das Siegel dem Juden Süß gegeben; andere widersprachen und -behaupteten, man habe den Herzog an einem Fenster des Ludwigsburger -Schlosses gesehen, auch seien seine Pferde noch dort, und er sei nicht -abgereist. In einem Dorf an der österreichischen Grenze im Oberland -sollen die Katholiken plötzlich über die protestantischen Einwohner -hergefallen sein, und als letztere den Kampfplatz behaupteten, sei eine -Kompagnie Kreistruppen über die Grenze herein ins Dorf gerückt. Am -sonderbarsten klang das Gerücht, das sich überdies noch bestätigte, der -Oberfinanzrat Hallwachs habe ein kostbares Meßgewand beim Hofsticker -bestellt und ihm befohlen, es bis zum achtzehnten März fertig zu machen -und wenn er mit fünfzig Gesellen arbeiten müßte; bringe er es nicht -fertig, so werde er eingesetzt. Ein lutherischer Geistlicher, den man -mit Namen nannte, soll den Kindern in der Schule Kreuzchen, aus Holz -geschnitzt, geschenkt haben, mit den Worten: »Nur wenn ihr diese in -Händen haltet, könnet ihr recht beten.« Endlich erzählte man sich als -etwas Verbürgtes, der Jude habe zum Herzog über der Tafel gesagt: »Ihre -Stände, Durchlaucht, sind eigentliche Widerstände; aber sie stehen -schon so lange, daß sie müde und matt sind.« Karl Alexander habe ihm -lächelnd zur Antwort gegeben: »~C'est vrai; allons donc leur donner -des chaises, et une fois assis, ils ne se leveront plus.~« Auch jene -Männer, die entschlossen waren, dem drohenden Verderben zuvorzukommen, -hörten diese Gerüchte. Aber sie waren dabei kalt und ruhig; wußten -sie ja doch, Württemberg stehe eine solche Veränderung bevor, daß es -entweder erleichtert oder so tief ins Unglück gestürzt werden würde, -daß der Jammer des einzelnen davor verstummen müßte. Man erzählt sich, -sie haben alles, was dazu gehört, einem mächtigen und bösartigen Feind -mit Hilfe des Landvolks zu begegnen, vorbereitet gehabt, und wenn ihr -Unternehmen gelingen sollte, so verdankten sie es nur den wenigen -hellstrahlenden Namen einiger Männer aus der Landschaft; denn an diese -war man in Württemberg gewöhnt, das Interesse des Landes zu ketten. - -Es war spät abends den elften März, als der Landschaftskonsulent -Lanbek mit seinem Sohne und dem Kapitän Reelzingen in seiner Wohnstube -beim Weine saß. Die beiden Lanbek waren ernst und düster, der Kapitän -aber konnte auch jetzt seinen fröhlichen Lebensmut nicht verbergen, -denn er teilte seine Aufmerksamkeit und sein Gespräch zwischen der -Fensternische, wo die beiden Schwestern Gustavs saßen, und zwischen den -beiden Männern an seiner Seite. Hedwig sah bleich und still vor sich -hin auf ihre Nadeln, aber auf Käthchens Gesichtchen lag eine höhere -Röte als gewöhnlich und alle Augenblicke zeigte sie die weißen Zähne -und die schönen Grübchen in ihren Wangen, denn der Kapitän wußte wieder -wunderschöne Späße und Geschichten. - -»Wie ist Euer Pferd, Kapitän?« fragte der alte Lanbek. - -»Mein Fuchs ist ein besserer Infanterist als ich selbst,« erwiderte er. -»Wenn ich die sechs ersten Stunden Trab und bergauf Schritt reite, so -kann ich die nächsten sechs bequem Galopp reiten. Er hat nur _einen_ -Fehler, den, daß er noch nicht bezahlt ist, und macht mir durch diese -Untugend oft großen Jammer.« - -»Ihr könnt,« fuhr der Alte fort, »wenn ihr von der Galgensteige an -scharf Trab reitet, zwischen elf und zwölf Ludwigsburg passieren; um -vier Uhr müßt ihr in Heilbronn sein und dort laßt ihr die Pferde ruhen; -zwischen acht und zehn Uhr seid ihr morgen in Oehringen.« - -»Aber Vater,« fiel Gustav ein, »wäre es nicht ratsamer, gegen -Heidelberg zu reiten? Ich wollte darauf wetten, wir sind gegen -Oehringen hin nicht mehr sicher. Bedenken Sie, daß der Deutschorden -dort tief herein sich erstreckt, daß sie in Mergentheim gewiß von dem -Bischof in Würzburg unterrichtet sind, daß --« - -»Daß,« fuhr der Vater fort, »ihr auf der Straße nach Heidelberg viel -mehr auffallet und daß ihr, wenn ihr etwa die Gegend nicht mehr rein -fändet eine letzte Zuflucht bei meinem alten Herrn und Gönner, dem -Herzog in Neustadt, habt, der euch gewiß in den ersten Tagen nicht -herausgibt. Ist dann Karl Alexander zufrieden mit dem, was wir hier -getan, so könnet ihr immer zurückkehren; wo nicht, so gehet ihr, wie -schon gesagt, weiter nach Frankfurt.« - -»Gott! daß ich euch in einer solchen Krisis zurücklassen soll!« rief -Gustav mit Tränen. »Daß ich vielleicht an eurem Unglück schuld bin; daß -alles schlecht gehen kann, wenn Süß meine Flucht erfährt und sich an -Ihnen, Vater, rächt! Nein, ich kann, ich darf nicht gehen!« - -»Nein, Vater,« fiel Hedwig ein, indem sie noch bleicher als zuvor -herbeieilte und ihres Vaters Hand ergriff, »er darf uns nicht -verlassen; o, ihr habt schreckliche Dinge vor, ich weiß es wohl, ihr -wollt eine Verschwörung gegen diese mächtigen Menschen machen. Lassen -Sie ab davon, Vater; Süß und die andern werden Ihnen verzeihen; ach, -mich tötet die Angst!« - -»Geh, Mädchen,« sprach Käthchen, die auch herangetreten war; »was -Männer tun und was unser Vater tut, geht uns nichts an. Aber warum soll -denn gerade jetzt Gustav so schnell hinweg? Er könnte uns allen so -nützlich sein.« - -»Weil ich keine Jüdin zur Tochter mag;« sagte der Alte streng, »darum -soll er fort. Weil ich ein Briefchen seiner Scharmanten aufgefangen und -mit Protest an den Juden geschickt habe, und weil dieser jetzt wütet -und euren Bruder mit Gewalt zum Schwager haben oder auf Neuffen setzen -will, darum soll und muß er ihm jetzt aus dem Wege gehen. Doch, ich -wollte dir in dieser Stunde nicht wehe tun, Gustav; wir scheiden als -Freunde, und alles andere soll vergessen sein, wer weiß, wann und wo -wir uns wiedersehen!« - -Indem der Alte die letzten Worte sprach und seinem Sohn die Hand -reichte, wurde schnell und heftig an der Tür gepocht, und ehe noch -jemand antwortete, trat plötzlich eine Gestalt, in einen Mantel -gehüllt, ein. »Was soll dies?« fuhr der alte Lanbek auf. »Wer drängt -sich so bei Nacht in mein Haus, wer sind Sie?« - -»Blankenberg!« rief Hedwig, als jener den Mantel abwarf, und trat -schnell und errötend einige Schritte vor. - -»Verzeihung, Herr Konsulent,« sprach der junge Mann eilend, »die -Not muß mich entschuldigen. Gustav, du mußt im Augenblick fort; der -Leutnant Pinassa schrieb mir soeben, daß er dich auf Befehl des General -Römchingen heute nacht zwischen elf und zwölf Uhr aufheben müsse. Der -ehrliche Junge möchte dich nicht gern im Nest treffen.« - -»Dank, Dank,« erwiderte der Alte, indem er Blankenberg die Hand -drückte. »Trinket aus, Kinder, und macht den Abschied schnell; hier, -mein lieber Reelzingen,« fuhr er fort und drückte dem überraschten -Kapitän einen großen Beutel in die Hand; »man kann nicht wissen, ob -sich euer Weg nicht teilt. Sie sind so edelmütig, meinen Sohn zu -begleiten.« - -»Und mit Geld wollen Sie dies lohnen?« unterbrach ihn der Kapitän -unmutig. »~Parole d'honneur~, Herr! ich begleite meinen Bruder, weil -wir alte Amicisten sind, und nicht wegen Ihrer Spieße. Da soll mich -doch --« - -»Reelzingen,« sagte Käthchen mit ihrer süßen Stimme, »Ihr versteht doch -gar keinen Scherz; es sind lauter Kupfermünzen, und ich habe dem Vater -den Beutel gegeben, Euch in April zu schicken.« - -»Ich verstehe,« flüsterte der Kapitän, indem er errötend dem schönen -Mädchen die Hand küßte. »Ich will Euch dafür etwas Schönes von -Frankfurt mitbringen.« - -»Bringet mir,« antwortete sie, indem sie die Tränen nicht mehr -zurückhalten konnte, »nur unsern Gustav wohlbehalten zurück, und,« -setzte sie, durch Tränen lächelnd, hinzu, »machet mir keine tollen -Streiche, die euch verraten könnten.« - -»Die Pferde sind vor dem Seetor,« sprach der Alte zu Reelzingen und -seinem Sohn. »Ihr dürft nicht das Tor selbst passieren; denn die -erste Runde ist schon vorüber. Begleiten Sie meinen Sohn, Herr von -Blankenberg, durch die Gärten und bringen Sie mir Nachricht, wie sie -fortgekommen sind.« - -Der junge Lanbek umarmte Vater und Geschwister, die Schwestern folgten -ihm und seinen Freunden weinend bis unter die Gartentüre, und als -nachher Hedwig ihre jüngere Schwester bitter tadelte, weil sie erlaubt -habe, daß der Kapitän sie auf den Mund küsse, antwortete jene: »Du hast -gefehlt, nicht ich, daß du es unterlassen hast; solche Höflichkeit -waren wir einem Manne schuldig, der für unsern Bruder so viel tut.« - -»Ei,« erwiderte Hedwig errötend, »Blankenberg hat ihn eigentlich doch -auch gerettet.« - - -13. - -Die beiden jungen Männer ritten schweigend durch die finstere Nacht -hin. Kein Stern war am Himmel und der Wind heulte um die Berge. »Hu! -Siehst du dort?« flüsterte Reelzingen, als sie an dem eisernen Galgen -vorbeiritten, den einst (1597) Herzog Friedrich dem Alchimisten Honauer -aus dem Metall errichten ließ, das er in Gold zu verwandeln versprochen -hatte. »Schau, diese ungeheure Menge Raben, es ist, als witterten sie -eine neue Beute.« - -Sein Freund blickte schweigend hinauf, schlug aber plötzlich wieder die -Augen nieder, denn ihm war, als sähe er Leas feine, liebliche Gestalt -klagend unter dem Galgen sitzen. »Fest genug ist diese Schandsäule aus -Eisen,« fuhr der Kapitän fort, »um alle Schurken im Lande zu tragen; -aber wollte man das Gold mit aufhängen, das sie eingesackt haben, -würde selbst dieser Galgen wie ein morscher Stab zusammenbrechen! Wie -diese Raben schaurige Melodien singen! Doch wie? -- ~Dieu nous garde~, -Kamerad! Gib deinem Roß die Sporen, wahrhaftig, dort sitzt ein Gespenst -am Galgen!« - -Es war, als ob die Pferde selbst diesen Ort des Schreckens fürchteten, -denn auf diesen Ruf jagten sie mit Sturmeseile den Berg hinan und waren -nicht mehr ruhig, bis man das Gekreisch der Raben nicht mehr hörte. - -Es liegt eine kleine Brücke zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, von -welcher das Volk viel Schauerliches zu erzählen weiß; so viel ist -gewiß, daß schon Unerklärliches dort vorgefallen ist, und daß mancher -Mann sein Gebet spricht, wenn er nachts allein über diese Stelle -reitet. Die Sage sagt, daß der Sohn des Konsulenten und sein Freund, -der muntere Kapitän, glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke -gekommen seien; dort aber seien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle -gegangen und haben geschnaubt und gezittert. Die jungen Leute spornten -und gebrauchten ihre Peitschen, als eine alte, zitternde Stimme rief: -»Gebt einem alten Mann doch ein Almosen!« - -»Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück, Alter, von der -Brücke weg, unsere Pferde scheuen vor Euch, zurück, sag' ich, oder Ihr -sollt meine Peitsche fühlen!« - -»Nicht so rasch, junges Blut! Nicht so rasch!« sagte der Alte, dessen -dunkle Gestalt sie jetzt auf dem Brückengeländer sitzen sahen. »Eile -mit Weile! Kommet noch früh genug, gebet einem alten Mann ein Almosen!« - -»Jetzt ist meine Geduld zu Ende,« rief der Kapitän und schwang seine -Peitsche in der Luft. »Ich zähle drei, wenn du nicht weg bist, hau' ich -zu.« - -Der Alte hüstelte und kicherte, Gustav kam es vor, als wachse seine -dunkle Gestalt ins Unendliche und -- ein langer Arm streckte einen -großen Hut heran, und zum drittenmal, aber drohend und mit furchtbarer -Stimme krächzte der Mann von der Brücke: »Einem alten Mann gib ein -Almosen! Es wird dir Glück bringen, und reite nicht so schnell; vor -zwölf Uhr darfst du nicht dort sein.« - -Reelzingen ließ kraftlos und zitternd seinen Arm sinken; er gestand -nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe. Gustav aber zog mit -pochendem Herzen die Börse und warf ein Silberstück in den großen Hut. -»Wieviel Uhr ist's, Alter?« fragte er. - -»Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,« sprach die Gestalt, die wieder -auf dem Geländer zusammenkauerte, mit dumpfer Stimme. »Dank dir, -sollst Glück haben; reit' zu!« Er sagte es und stürzte rücklings mit -einem dumpfen Fall in den Sumpf, über den die Brücke führte. Entsetzt -gab Reelzingen seinem Pferde die Sporen, daß es sich hoch aufbäumte -und dann in zwei Sprüngen über die Brücke setzte. Gustav aber hielt -erschrocken sein Pferd an, stieg ab und blickte über das Geländer -der Brücke. Es rührte sich nichts. »Alter!« rief er hinab, »hast du -Schaden genommen? Kann ich dir helfen?« -- Keine Antwort, und alles -war still unten wie im Grabe. Jetzt faßte auch den jungen Lanbek -eine unerklärliche Angst; er fühlte, als er aufstieg, wie sein Pferd -zitterte; er wagte es nicht, sich noch einmal nach dem grauenvollen Ort -umzusehen, als er seinem Freund nachjagte. - -»Das ist das zweite Mal, daß er mir begegnet ist,« flüsterte Reelzingen -tief aufatmend, als Lanbek wieder an seiner Seite war. - -»Wer?« fragte dieser betroffen. - -»Der Teufel,« antwortete der Kapitän. - -Lanbek gab ihm keine Antwort auf die sonderbare Rede, und sie jagten -weiter durch die Nacht hin. In Zuffenhausen schlug es Viertel vor -zwölf Uhr, als sie durchritten; in den meisten Häusern brannten noch -die Kerzen und da und dort hörte man geistliche Lieder aus den Stuben. -Der Nachtwächter stieß eben ins Horn und rief die Stunde; der Kapitän -hielt an und fragte ihn, was die späten Gesänge und Gebete zu bedeuten -haben. - -»Ach Herr! Das ist eine arge Nacht,« antwortete dieser, »es hat ein -Mann an vielen Häusern gepocht und befohlen, die Leute sollen die ganze -Nacht bis zwölf Uhr beten.« - -»Wer ist der Mann?« fragte Lanbek staunend. - -»Alte Leute, Herr, die ihn gesehen haben, versichern, es sei unser -alter Pfarrer gewesen; Gott hab' ihn selig, er ist seit zwanzig Jahren -tot; aber es war ja nichts Unchristliches, was er verlangte, drum beten -und singen sie in den Lichtkarzstuben und spinnen dazu.« - -»Diese Nacht kann mich noch wahnsinnig machen!« rief der Kapitän, indem -sie wegritten. »Gustav, ich glaube, heute nacht geht er leibhaftig -auf der Erde um; ich denke, es wäre jetzt gerade die beste Zeit, den -alten Burschen zu zitieren, wenn man etwa schnell Oberst werden oder -zweimalhunderttausend spanische Quadrupel haben möchte.« - -»Tor!« antwortete der Freund. »Der, den du meinst, hat mit dem Gebet -nichts gemein.« - -Es war, als ob ihre Pferde nur zum Schein die Beine aufhöben, denn jede -Viertelstunde, die sie zurücklegten, schien zu einer neuen anzuwachsen. -Noch immer wollte Ludwigsburg nicht erscheinen und die Nacht war so -finster, daß sie auch an der Gegend nicht erkennen konnten, ob sie -fehlgeritten oder ob sie der Stadt schon nahe seien. Endlich, nachdem -sie etwa wieder eine halbe Stunde geritten sein mochten, sahen sie in -der Entfernung von etwa tausend Schritten Lichter schimmern, fanden -aber auch zugleich ihren Weg durch vier Pferde versperrt, die, an einen -Reisewagen gespannt, quer über die Landstraße standen. - -»Führ' deine Pferde hinweg, Fuhrmann!« rief der Kapitän, »oder meine -Peitsche wird sie bald weggetrieben haben; warum versperrst du den Weg?« - -»Gemach, ihr Herren, soll gleich geschehen,« antwortete ein Mann, -der von dem Wagen stieg. Aber die Zeit, die er dazu brauchte, die -herabgefallenen Zügel aufzunehmen und zu ordnen, dauerte dem raschen -Soldaten zu lange, er versuchte über die schlaff liegenden Stränge -des vordersten Gespanns wegzusetzen, und forderte seinen Freund auf, -ein gleiches zu tun; doch wie es in solchen Fällen blinder Eile zu -geschehen pflegt, in demselben Augenblick zog der Mann am Wagen die -Zügel an, und das Pferd des Kapitäns blieb mit einem Fuß in den straff -aufgerichteten Strängen hängen. - -Lanbek sprang ab, um dem Freund zu helfen, der Kutscher lief bedauernd -herzu, und eben war der Fuß des unbezahlten Rosses frei, als man einige -Reiter in aller Eile von der Stadt herbeijagen hörte. Der erste mochte -einen Vorsprung von fünfhundert Schritten, aber kein gutes Pferd haben, -denn der Kapitän unterschied deutlich, daß es kurzen Paradegalopp ging, -die Tritte der nachfolgenden Pferde schlugen zwar minder kräftig auf, -waren aber flüchtiger. »Platz -- ~allons!~ -- Platz!« rief der erste -Reiter; aber in demselben Augenblick hörten auch die beiden jungen -Männer eine bekannte Stimme, die mit dem wildesten Ausdruck rief: -»Halt, Jude! oder ich schieß' dich mitten durch den Leib!« - -Unter dem Volke in Württemberg hört man zuweilen noch einen Reim, der -diesen merkwürdigen Moment bezeichnet, er heißt: - - Da sprach der Herr von Röder: - Halt oder stirb entweder! - -Und der alte Oberst war es auch, der in diesem Augenblick seinen -Begleitern weit voran, eine Pistole in der Hand, ansprengte, den ersten -Reiter wütend am Arme packte und schrie: »Wo hinaus, Jude? Warum so -schnell zu Roß, als ich dir nachrief zu warten?« - -»Mäßigt Euch, Herr Oberst,« erwiderte der erste mit stolzem Ton, in -welchem aber doch einige Angst durchzitterte; »ich gehe nach Stuttgart, -der Frau Herzogin Durchlaucht zu sagen, was in diesem Augenblick für -Maßregeln --« - -»Das ist auch mein Weg, Herr!« erwiderte der Oberst mit furchtbarer -Stimme; »und keinen Augenblick geht Ihr von meiner Seite, sonst werde -ich mit meiner Pistole Beschlag auf Euch legen. Platz da, wer steht -hier im Weg?« - -»Der Kapitän von Reelzingen von der dritten Kompagnie und der -Expeditionsrat Lanbek.« - -»Guten Abend, meine Herren!« fuhr Röder fort. »Habt Ihr geladene -Pistolen, Kapitän?« - -»Ja, mein Herr Oberst,« war die Antwort des Soldaten, indem er sie aus -den Halftern losmachte. - -»Ich kommandiere Euch, in welchem Auftrag Ihr jetzt auch sein -möget, auf der linken Seite des Herrn Ministers Süß zu reiten. Bei -Eurem Dienst und Eurer Ehre als Edelmann, sobald er Miene macht zu -entfliehen, jagt ihm eine Kugel nach. Die Verantwortung nehme ich auf -mich.« - -»Herr Expeditionsrat,« rief Süß, »ich nehme Euch zum Zeugen, daß mir -hier schändliche Gewalt geschieht. Oberst Röder, ich warne Sie noch -einmal; dieser Auftritt soll gerächt werden!« - -»Aber Herr von Röder,« flüsterte Gustav; »ums Himmels willen, übereilen -Sie nichts, bedenken Sie, was daraus entstehen kann. Bedenken Sie,« -setzte er lauter hinzu, »den furchtbaren Zorn des Herzogs.« - -»Der Herzog ist tot,« sagte Röder laut genug, daß es alle hören konnten. - -»Karl Alexander tot?« rief der Kapitän, auf den alle Begebenheiten -dieser Nacht mit einemmal in schrecklichen Erinnerungen hereinstürzten. - -»Hat man sichere Nachricht? Gott! welch ein Fall!« sagte Gustav -besorgt. »War er in Kehl?« - -»Er ist in Ludwigsburg vor einer Viertelstunde schnell und plötzlich -gestorben. Drum ist es unsere Pflicht, diesen Herrn da, der sich -mit der Regierung sehr stark beschäftigte, schnell an das verwaiste -Staatsruder zu bringen.« - -»Wie, in Ludwigsburg, sagt Ihr,« rief Lanbek, »und schnell gestorben? -O, ewige Vorsicht!« - -»In diesem Ludwigsburg hier,« sagte Röder wehmütig, »und im Bette am -Schlag gestorben. Friede mit seiner Asche! Er war ein tapferer Herr. -Aber jetzt weiter, ihr Freunde, daß die Nachricht nicht vor uns nach -Stuttgart kommt!« - -»Meine Herren,« rief Süß mit einer Stimme, die Zorn und Angst beinahe -erstickte, »noch bin ich Minister, und erinnere Sie an das Edikt des -Herzogs, das mich von aller Verantwortung freispricht; ich sage Ihnen, -es kann Ihnen allen schlimm gehen, wenn Sie sich mit Herrn von Röder -verbinden. Im Namen des Herzogs und seines Erben befehle ich Ihnen, von -mir abzulassen.« - -»Jetzt hat dein Reich ein Ende, Jude!« rief der Kapitän, lachte wild, -riß ihm den Zaum aus der Hand und schlug sein Pferd mit der langen -Peitsche auf den Rücken; der Oberst ritt an der rechten Seite, seine -Pistole in der Hand; der Zug setzte sich in Galopp, und Gustav folgte -halb träumend durch das singende Dorf, an dem alten Mann, der heiser -lachend wieder auf der Brücke saß, und an dem Galgen vorüber, wo die -Raben krächzten und mit den Flügeln schlugen. Erst hier, als er einen -scheuen Blick nach der Richtstätte warf, fiel ihm mit ängstlicher -Ahnung Lea und ihr unglückliches Schicksal bei. - - -14. - -Als die Stuttgarter am Morgen nach dieser verhängnisvollen Nacht -erwachten, wurden sie von zwei beinahe ganz unglaublichen Nachrichten -überrascht. Der Herzog sei, statt außer Landes verreist zu sein, in -dieser Nacht zu Ludwigsburg schnell gestorben. Er war ein gesunder, -kräftiger Mann gewesen, dem mancher, der ihn gesehen, wohl noch zwanzig -bis dreißig Jahre gegeben hätte. Die Klagen um seinen Tod verstummten -beinahe vor der Freude über eine andere Nachricht: der Jude Süß sei mit -mehreren der höchsten Hofherren im Ludwigsburger Schloß gewesen, als -der Herzog so plötzlich starb; er habe sich alsobald, nachdem er die -Leiche gesehen, aufs Pferd geschwungen und sei wie wahnsinnig Stuttgart -zu geritten; Herr von Röder aber, ein Mann, mit dem sich nicht spaßen -lasse, habe ihn eingeholt und bewacht nach Stuttgart geführt. Man -lachte über die sonderbare Verblendung des Juden; als er nämlich von -der Frau Herzogin, welcher er noch in der Nacht aufgewartet hatte, -um zu kondolieren, heraustrat und eine Eskorte nach Haus verlangte, -weil er wichtige Akten holen müsse, schloß sich ein Leutnant mit sechs -Mann an ihn an. Am Ende des Korridors machte ihm ein Hauptmann das -Kompliment und folgte mit zwölf Mann; jener meinte zwar lächelnd, -»es sei zuviel Ehre,« als er aber an Lanbeks Haus um die Ecke bog, -und vier Schildwachen vor seinem Palais bemerkte, als er oben an der -Treppe Bajonette blitzen sah und Lea bleich, verstört und weinend ihm -entgegenstürzte, da merkte er, welche Stunde geschlagen habe, und rief: -»~Ciel, je suis perdu!~« - -Obgleich das Testament des verstorbenen Herzogs im Fall seines Todes -eine Administration bestellt hatte, welche seinen Ministern angenehmer -gewesen wäre, so übernahm doch Herzog Rudolf von Neustadt, trotz seines -hohen Alters, als der nächste Agnat, die Administration, und das Land -fühlte sich erleichtert und zufrieden dabei. Er ließ, außer anerkannt -schlechten Menschen, jeden in der Würde, in der er unter der vorigen -Regierung stand, und es war dies wirklich eine Art von Gnadenakt, wenn -man bedenkt, daß früher zwei Dritteile aller Aemter im Lande gekauft -worden waren. Nur _einer_ war nicht zufrieden mit dem Amt, das ihm der -Herzog Administrator mit den huldreichsten Ausdrücken bestätigt hatte; -es war der junge Lanbek. Er wurde nicht nur als Expeditionsrat aufs -neue ernannt, sondern, als der alte Röder, im Feuer der Freundschaft -für den Landschaftskonsulenten, dessen Sohn als einen klugen Kopf und -trefflichen Juristen schilderte, wählte ihn der Herzog sogar in die -Kommission, die den Prozeß gegen den Juden Süß zu führen hatte. Der -alte Lanbek fühlte sich dadurch nicht wenig geehrt und nannte seinen -Sohn mehreremal den Stolz und die Stütze seines Alters; aber Gustav -machte diese Wahl unaussprechlich unglücklich. Nicht als ob er nicht, -wie jeder andere Bürger, den Mann verdammt hätte, der das Land in so -tiefes Elend gestürzt; nicht als ob es gegen sein Gewissen gewesen -wäre, Verbrechen ans Licht zu ziehen, die man so künstlich verborgen -hatte; aber Lea, es war ja ihr Bruder, den er richten sollte, und der -Gedanke war es, der ihm dieses Geschäft zum Abscheu machte. Kleine -Seelen sättigen sich gerne an Rache, und manchem wäre es eine innige -Freude gewesen, einen Mann, der noch vor kurzem so hoch stand, jetzt in -der tiefsten Kasematte der Festung zu besuchen, mit herrischer Stimme -ihn von seinem Lager aufzujagen und ihn zu martern und zu peinigen. -Dieser Mann hatte sich noch überdies gegen Gustav persönlich verfehlt, -er hatte ihn mit dem empörendsten Uebermut behandelt, ihm sogar mit -demselben Gefängnis gedroht, in welchem er jetzt selbst, bange um -künftige Freiheit, vielleicht selbst um sein Leben, schmachtete. Aber -das Herz des jungen Mannes war zu groß, als daß es hätte freudig -pochen sollen, als er zum erstenmal als Richter in den Kerker des -Mannes trat, der jetzt, entblößt von aller irdischen Herrlichkeit, -angetan mit zerlumpten Kleidern, bleich, verwildert, sich langsam aus -seinen rasselnden Ketten aufrichtete. Erinnerte ihn doch jetzt noch -dieses Gesicht an die Züge eines unglücklichen, geliebten Wesens; und -er konnte sich kaum der Tränen enthalten, als nach dem Schlusse des -Verhörs der Gefangene sprach: »Herr Lanbek, es gibt ein unglückliches, -unschuldiges Mädchen, das wir beide kennen; als man in meinem Hause -versiegelte, haben sie die rohen Menschen auf die Straße gestoßen -- -sie war ja eine Jüdin und verdiente also kein Mitleid. -- Mir, Herr, -ist kein Pfennig geblieben, womit ich ihr Leben fristen könnte; ich -weiß nicht, wo sie ist -- wenn Sie etwas von ihr hören sollten -- sie -hat nichts als das Kleid, das sie trug, als man sie von der Schwelle -stieß -- geben Sie ihr aus Barmherzigkeit ein Almosen.« - -Der junge Mann ließ seinen Tränen freien Lauf, als er allein den Berg -von Hohenneuffen herabstieg; er erfuhr zwar nachher, daß ihn der Jude -belogen habe, daß er, obgleich man über fünfmalhunderttausend Gulden in -Gold und Juwelen in seinem Hause fand, doch beinahe hunderttausend in -Frankfurt in sichern Händen habe, und Gustav konnte leicht einsehen, -daß ihn Süß durch diese Vorstellungen von Elend nur habe weich stimmen -wollen; aber dennoch konnte er den Gedanken nicht entfernen, daß -Lea verlassen und unglücklich sei, und dieser Gedanke wurde immer -peinlicher, als er trotz seiner Nachforschungen keine Spur von ihr -entdecken konnte. - -Der Frühling, Sommer und Herbst waren vorüber gegangen und noch immer -dauerte der Prozeß. Es waren Dinge zur Sprache gekommen, wovor selbst -den kältesten Richtern graute; aber obgleich der junge Lanbek der -Kommission mit edlem Unwillen vorstellte, daß noch vier andere Männer -nicht minder schuldig seien als Süß, so schien man doch nur gegen -diesen ernstlich verfahren zu wollen, weil ihn der allgemeine Haß als -den Schuldigsten bezeichnete. - -Es war an einem trüben Oktoberabend -- der alte Konsulent war seit -einigen Tagen verreist und sein Sohn arbeitete im Bibliothekzimmer -an einem neuen Verhör --, als seine jüngere Schwester, jetzt die -glückliche Braut des Kapitäns Reelzingen, ernster als gewöhnlich zu ihm -eintrat. Sie sprach anfangs Gleichgültiges, schien aber nur mit Mühe -eine Träne unterdrücken zu können, die endlich wirklich in dem sanften -Auge glänzte, als sie fragte, ob er ihr nicht zürnen werde, wenn sie -eine bekannte Person zu ihm führe? Er sah sie staunend und verwundert -an, doch noch ehe er eine Antwort zu geben vermochte, eilte Käthchen -weinend aus dem Zimmer und trat bald darauf mit einem verschleierten -Mädchen wieder ein. Noch ehe die trübe Kerze ihre Umrisse deutlich -zeigte, noch ehe sie den Schleier zurückschlug, sagte ihm sein -ahnendes Herz, wen er vor sich habe; errötend sprang er auf, aber -schon hatte die Unglückliche sich vor ihm niedergeworfen, den Schleier -zurückgeschlagen, und Lea war es, welche die einst so geliebten Augen -düster und bittend zu ihm aufschlug und die bleichen, magern Hände -ineinander gerungen, flehend nach ihm hinstreckte. »Barmherzigkeit!« -rief sie. »Nur nicht sterben lassen Sie ihn; man sagt, er müsse -sterben; seine einzige Hoffnung ruht noch auf Ihnen. Wo soll ich Worte -nehmen, Ihr großmütiges Herz zu erweichen? Welche Sprache soll ich -erdenken, an ein Ohr zu sprechen, das mich einst so wohl verstand?« --- Tränen ließen sie nicht weiterreden, und auch Käthchen weinte -bitterlich. Voll von Schmerz und Ueberraschung faßte Gustav ihre kalten -Hände und richtete sie auf; er sah sie an -- wie schmerzlich war ihm -ihr Anblick! Ihre Wangen waren bleich und eingefallen, die schönen -Augen lagen tief, und der Mund, der sonst nur zum Lächeln geschaffen -schien, zeigte, daß er jenes süße Lächeln längst nicht mehr kenne. Das -schwarze Haar, das um die weiße Stirne hing, und das bleiche Gesicht -vollendeten das Gespenstische ihres Anblicks. - -»Lea! Unglückliche Lea!« rief der junge Mann. »Wie lange haben Sie sich -verborgen gehalten und Ihren Freunden den letzten Trost geraubt, zu -wissen, ob es Ihnen an nichts gebricht, ob die Freunde etwas für Sie -tun können?« - -»Ach! Das ist es nicht, um was ich Ihre edelmütige Schwester gebeten -habe, mich hierher zu führen;« sagte sie schmerzlich lächelnd. »Warum -soll es mir denn nicht gut gehen? Ich habe alle meine Hoffnungen und -Träume längst begraben, ich pflanzte die Erinnerungen als Blumen auf -das Grab und begieße diese Blumen mit meinen Tränen. Nein! Sie waren -immer so großmütig gegen Unglückliche, geben Sie mir nur den Trost, daß -mein Bruder nicht sterben muß. Ach! es ist so bitter zu sterben, und -was nützt sein Tod diesem Lande?« - -»Lea,« antwortete der junge Mann verlegen, »gewiß, es ist bis jetzt -noch nicht davon die Rede gewesen, und ich glaube auch nicht -- Sie -dürfen sich trösten -- es wird nicht so weit kommen.« - -»Es wird, und in Ihrer Hand liegt sein Schicksal,« flüsterte sie; -»er hat es mir gesagt, ich habe ihn gesprochen: ›Wenn nur der Brief -nicht wäre, der Brief kann mich verderben.‹ O Gustav! Halten Sie ihn -jahrelang, auf immer im Gefängnis, was liegt an ihm, wenn er in Ketten -sitzt? Nur nicht sterben; Gustav sein Sie edelmütig -- vergessen Sie -den Brief, um den niemand weiß als Sie -- mit jener schwachen Kerze -dort können Sie das Leben eines Menschen retten.« - -»Bruder,« sagte Katharina, nähertretend, indem sie seine Hand faßte, -»tu es, dein Gewissen kann nicht gefährdet werden, denn er ist ja -auf immer unschädlich gemacht; verbrenne den Brief, er kann sich ja -verloren haben.« - -Der junge Mann sah die weinenden Mädchen an; ein unabweisbares Gefühl -kämpfte in ihm, er schwankte einen Augenblick, und Lea, die diesen -Kampf in seinen Mienen las, faßte seine Hand, drückte sie stürmisch -an ihr Herz, zog sie zärtlich an ihre Lippen. »Er will!« rief sie -entzückt. »O, ich wußte es wohl, er ist edel; er will sich nicht wie -die andern, an dem Unglücklichen rächen, der ihn einst beleidigt hat, -er läßt ihn nicht sterben, belastet mit Sünden, er läßt ihn leben und -fromm und weise werden. Wie gütig bist du, o Gott, daß du noch deiner -Engel einen gesendet hast auf diese öde Erde, der mit der offenen Hand -der Barmherzigkeit segnet und nicht mit dem flammenden Schwert der -Rache den Verbrecher zerschmettert!« - -»Nein -- nein -- es ist nicht möglich!« sprach Lanbek mit tiefem -Schmerz. »Sieh, Lea, mein Leben möchte ich hingeben, um deine Ruhe zu -erkaufen, aber meine Ehre! Meinen guten Namen! Es ist nicht möglich! -Sie wissen um diesen Brief, einige haben ihn gelesen und -- morgen soll -ich ihn vortragen. Käthchen! Sprich, ich beschwöre dich, kann, darf ich -es tun?« - -Käthchen weinte, und eine leise Bewegung ihres Hauptes schien -anzudeuten, daß es auch ihr unmöglich scheine. Lea aber hatte ihm mit -starren Blicken zugehört; über die bleichen Wangen ergoß sich die -Röte der Angst, sie beugte sich vor, als könne sie die schreckliche -Verneinung nicht recht vernehmen; sie sah, als sich Gustav auf seine -Schwester berief, mit einem Blick voll schmerzlicher Zuversicht nach -dieser hin, sie streckte die Hand krampfhaft aus wie ein Ertrinkender, -der nach dem schwachen Zweig am Ufer die Hand ausstreckt -- vergebens. - -»So muß er sterben,« sagte sie nach einer Weile leise, »und du -- du -brichst ihm den Stab? Das war es also, warum ich lebte -- und liebte? -Es ist ein sonderbares Rätsel, das Leben! Hätte ich dies gedacht, -als ich noch ein fröhliches Kind war? Hätte ich gedacht, daß wir so -untergehen müßten?« - -»Armes, unglückliches Mädchen!« sprach Käthchen und schloß sie in ihre -Arme. »Ach, gewiß, er kann nicht anders handeln, ich sehe es selbst -ein; und wenn es dich trösten kann, komm zu mir, so oft du willst, du -sollst gewiß treue Teilnahme finden --« - -»Lea,« unterbrach sie ihr Bruder, »wenn wir etwas für Sie tun können; -Sie sind an Wohlstand gewöhnt -- dieses Kleid hier sagt mir, daß Sie in -Not sind.« - -»Komm, Lea,« fuhr Käthchen fort, »wir sind beinahe von derselben Größe, -nimm von meinen Tüchern, von meinen Kleidern, du machst mir Freude, -wenn du es tun willst.« - -»Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes besitzt,« sagte -Gustav, »soll und muß für Sie gerettet werden, Sie haben die nächsten -Ansprüche, und ich will gewiß das Meinige tun.« - -»Guter Gustav,« unterbrach sie ihn, indem sie sich zu einem Lächeln -zwang; »lassen wir das; die Leute sagen, daß er sein Vermögen den Armen -dieses Landes entzogen habe. Da hatte er unrecht, und es wäre besser, -er hätte dieses Land nie gesehen; aber ebenso unrecht wäre es von mir, -von diesem Golde Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird. -Aber von dir, liebes, schönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil es -jetzt so kalt wird. Ich höre, du bist Braut; sei doch recht glücklich! -Möchten dies die letzten Tränen sein, die jetzt in deinen Wimpern -hängen; und wenn du weinen mußt, so sei es nur fremdes Unglück, um das -dein schönes Herz trauert.« - -»Lea,« sagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, »ich kann dich nicht so -hinweglassen; es ist die trügerische Ruhe der Verzweiflung die aus dir -spricht. Besuche doch meine Schwester; sage, wo du wohnst. -- Ach, wenn -du Mangel littest! -- Scheide nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß, -daß ich nicht anders konnte!« - -»Und auch ich weiß es, Gustav, und war ein törichtes Mädchen, dich auf -diese gefährliche Probe zu stellen; unser Unglück ist so groß, daß -eine kleine Hilfe mit deiner Ehre, mit deiner Ruhe zu teuer erkauft -wäre. Lebet wohl! Ich brauche wenig, vielleicht bald gar nichts mehr, -und sollte ich etwas nötig haben, so bin ich nicht zu stolz, zu dieser -Freundin zu kommen, der einzigen, die mir das Unglück erworben hat.« - -»Und vergibst du?« sagte Gustav mit Tränen. - -»Ich habe nichts zu vergeben,« erwiderte sie, indem sie ihm mit mehr -Fassung, als die beiden Geschwister erhalten hatten, die Hand bot. -»Lebe wohl, Freund! Ich gehe, meine Blumen zu begießen. Möge der -Gott meiner Väter dich so glücklich machen, als es dein reines Herz -verdient!« Sie sagte es, warf noch einen Blick voll Liebe auf ihn und -ging, von Käthchen begleitet. - -Der junge Mann blickte ihr wehmütig nach; es war ihm, als hätte diese -Stunde einen mächtigen Einfluß auf sein Leben, aber er ahnte auch, daß -er das unglückliche Mädchen zum letztenmal gesehen habe. - - -15. - -Es würde unsere Leser ermüden, wollten wir sie von dem Prozeß des -Juden Süß noch länger unterhalten. Es ging damals wie ein Lauffeuer -durch alle Länder und wird da und dort noch heute erwähnt, daß am -4. Februar 1738 die Württemberger ihren Finanzminister wegen allzu -gewagter Finanzoperationen aufgehenkt haben. Sie hingen ihn an einem -ungeheuren Galgen von Eisen in einem eisernen Käfig auf. Im Dekret -des Herzogs Administrator heißt es: »Ihme zu wohlverdienter Straff, -jedermänniglich aber zum abscheulichen Exempel.« Beides, die Art, -wie dieser unglückliche Mann mit Württemberg verfahren konnte, und -seine Strafe sind gleich auffallend und unbegreiflich zu einer Zeit, -wo man schon längst die Anfänge der Zivilisation und Aufklärung -hinter sich gelassen, wo die Blüte der französischen Literatur mit -unwiderstehlicher Gewalt den gebildeten Teil Europas aufwärts riß. - -Man wäre versucht, das damalige Württemberg der schmählichsten Barbarei -anzuklagen, wenn nicht ein Umstand einträte, den Männer, die zu jener -Zeit gelebt haben, oft wiederholen, und der, wenn er auch nicht die Tat -rechtfertigt, doch ihre Notwendigkeit darzutun scheint. »Er mußte,« -sagen sie, »nicht sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen als -für die Schandtaten und Pläne mächtiger Männer am Galgen sterben.« -Verwandtschaften, Ansehen, heimliche Versprechungen retteten die -andern, den Juden -- konnte und mochte niemand retten, und so schrieb -man, wie sich der alte Landschaftskonsulent Lanbek ausdrückte, »was die -übrigen verzehrt hatten, auf _seine Zeche_.« Es sind seitdem neunzig -Jahre verflossen, und wir wissen nicht, ob damals der schmähliche -Tod dieses Mannes die Gemüter über alles Frühere beruhigte und -befriedigte. Ein Edikt des Administrators wenigstens scheint es nicht -ganz zu beweisen, denn er sah sich genötigt, zu _verordnen_: »daß die -Untertanen alle widrigen Nachreden und ungleichen Urteile über den -hochseligen Herrn, bei Strafe und Ahndung, vermeiden, und denselben im -schuldigst-respektuösesten Andenken halten sollen.« - -Der alte Lanbek tat das letztere auch ohne dies Edikt, denn so oft der -Name Karl Alexanders genannt wurde, lüftete er mit besorgter Miene -sein Mützchen und sagte: »Gott habe ihn selig!« Er folgte auch dem -hochseligen Herrn noch unter der Vormundschaft Rudolfs von Neustadt. -Man sagt, sein Sohn habe nie wieder gelächelt, und selbst Schwager -Reelzingen konnte ihm mit den herrlichsten Späßen keine heitere Miene -abgewinnen. Noch Anno 93 sah man ihn als einen hohen, magern Greis -an einem Stock über die Straße schreiten; seine Miene war ernst und -düster, aber sein Auge konnte zuweilen weich und teilnehmend sein. -Er hat nie geheiratet, und die Sage ging damals, daß er nur einmal, -und ein unglückliches Mädchen geliebt habe, das ihren Tod im Neckar -freiwillig fand. Männer, die ihn gekannt haben, versichern, daß er -gewöhnlich kalt und verschlossen, dennoch sehr interessant in der -Unterhaltung gewesen sei, wenn man ihn auf gewisse metaphysische -Untersuchungen brachte, mit welchen er sich in seinem hohen Alter -hauptsächlich beschäftigte. Er starb, betrauert von vielen, die ihn und -sein Schicksal kannten, und beweint von den Armen und Unglücklichen. -Mein Großvater pflegte von ihm zu sagen: »Es war einer von jenen -Menschen, die, wenn sie einmal recht unglücklich gewesen sind, sich -nicht mehr an das Glück gewöhnen mögen.« - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 71: keinen → keiner - Es hat ja noch {keiner} vom achten Regiment - - S. 205: Melancholei → Melancholie - durch sonderbare {Melancholie} prostituierte - - S. 247: Stadium → Studium - mochte das {Studium} der Geschichte - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i - sechs Bänden, by Wilhelm Hauff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE WERKE *** - -***** This file should be named 60647-0.txt or 60647-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/4/60647/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden - -Author: Wilhelm Hauff - -Editor: Alfred Weile - -Release Date: November 8, 2019 [EBook #60647] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE WERKE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-001.jpg" alt="W. Hauff." /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h1>Wilhelm Hauffs<br /> -<span class="smaller">sämtliche Werke in sechs Bänden</span></h1> - -<p class="center">Mit einer biographischen Einleitung -von <em class="gesperrt">Alfred Weile</em></p> - -<p class="center smaller">Neu durchgesehene Ausgabe<br /> -:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::</p> - -<p class="center">Erster Band.</p> - -<p class="center p2">A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei -Berlin NO.<sup>43</sup> Neue Königstr. 9 -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Erster_Band">Erster Band.</h2> - -<p class="center">Hauffs Leben <span class="smaller">von</span> Alfred Weile.</p> - -<p class="center">Gedichte. – Novellen I.</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Biographische Einleitung</td> - <td class="tdr"><a href="#Biographische_Einleitung">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Gedichte</td> - <td class="tdr"><a href="#Gedichte">17</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Novellen. Erster Teil</td> - <td class="tdr"><a href="#Novellen">57</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span> - -<p class="right smaller"> -Nachdruck verboten. -</p> - -<h2 id="Biographische_Einleitung">Hauffs Leben.</h2> - -<p class="center">(Nach <em class="gesperrt">G. Schwab</em>.)</p> -</div> - -<p><em class="gesperrt">Wilhelm Hauff</em> ward zu Stuttgart, wo sein Vater -als Regierungssekretär lebte, am 29. November 1802 geboren. -Er war erst sechs Jahre alt, als sein Vater, der als »Anhänger -des guten alten Rechts« (1799) acht Monat schuldlos im Gefängnis -auf Hohenasperg saß, nach Tübingen an das Oberappellationstribunal -versetzt wurde, 1808 als Ministerialsekretär -wiederum nach Stuttgart berufen, dort im darauffolgenden -Jahre starb. Seinen Großvater, der Landschaftskonsulent -war, hat Hauff trefflich in dem alten, ehrenfesten, am Rechte -haltenden Lanbek im »Jud Süß« gezeichnet. Die Witwe -Hauff, Tochter des Obertribunalrats <em class="gesperrt">Elsäßer</em> in Tübingen zog -nach dem Tode ihres Gatten mit ihren Kindern nach ihrer -Vaterstadt zurück. Diese vortreffliche Frau hatte durch ihre -sittliche, veredelnde Erziehung einen wohltätigen Einfluß auf -das weiche, empfängliche Gemüt des Knaben; sein Talent zu -erzählen, bildete sich im häuslichen Kreise unter der Mutter, -die selbst eine vorzügliche Erzählerin war, und der Schwester -früh aus.</p> - -<p>Er besuchte mit seinem älteren Bruder Hermann, der ein -großes Sprachentalent und Gedächtnis vor ihm voraus hatte, die -<em class="antiqua">Schola anatolica</em> – nach dem <em class="antiqua">Mons anatolicus</em>, einem Vorhügel -des Oesterberges bei Tübingen benannt.</p> - -<p>Eine rege Aufmerksamkeit auf alles und ein glückliches Auffassungsvermögen -führten ihn zur selbständigen Ausbildung -seines Geistes; auffallend war schon im zehnten und elften -Jahre sein Hang zu den Gebilden der Phantasie und er -schwärmte für leichte Historien und Romane; mit sehr viel -Laune hat er später in seinem ersten Bande der »Memoiren des -Satan« diese Neigung dargestellt und uns ein komisches Bild -von seinem eigenen poetischen Treiben in der Schule gegeben.<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span> -Wenig geneigt zu den lärmenden Spielen der Knaben im -Freien, war den Brüdern der große Büchersaal des alten Großvaters -der liebste Tummelplatz, wo die Knaben in mannigfaltigen -Spielen darstellten, was sie in den Bildern der Folianten -gesehen hatten; namentlich prägte sich ihnen das Mittelalter und -die Zeit des Uebergangs in die neuere Geschichte lebhaft ein; -auch die neueste Geschichte ging nicht leer aus, und hier waren -es die Gespräche des Großvaters mit seinen Freunden, denen -die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauschten; in seinen -Novellen finden sich oft Eindrücke aus der napoleonischen Epoche -wieder.</p> - -<p>Auf diesem Wege schuf sich der jugendliche Geist aus den -mannigfachen Bildern ein Bild der Natur und des Menschen, -dessen Umrisse immer bestimmter und fester wurden; er gewöhnte -sich früh daran, jene Bilder mit Sicherheit im Gespräche -zu handhaben, und legte dadurch den Grund zu der Darstellungsgabe, -die später sein Hauptverdienst war.</p> - -<p>Sein überraschendes Deklamationstalent gab die Veranlassung, -ihn zum künftigen Prediger zu bestimmen und er wurde -mit ziemlich mittelmäßigen Kenntnissen 1817 in die Klosterschule -zu Blaubeuren aufgenommen. Viel hatten zur Vernachlässigung -der klassischen Studien eine zarte Konstitution und -periodische Krankheit beigetragen und erst in dem prächtigen -gesunden Albtale bei Blaubeuren fing seine Gesundheit an zu -erstarken.</p> - -<p>Mit mehr Sinn für Literatur und Kunst als für Theologie -und Philologie bezog er 1820 die Universität Tübingen. – -Wenn er auch wenig Geschick zu den ritterlichen Fertigkeiten -des Burschenlebens zeigte, so nahm er doch an allem lebendigen -Anteil, was jugendliche Gemüter in jener Periode begeisterte -und er tat sich unter den Dichtern und Rednern der damals, -wenigstens noch in Tübingen und anderen kleineren Universitäten, -blühenden Burschenschaften hervor. Die Stimmung der -Zeit, die wehmutsvolle Sehnsucht nach Freiheit, die Erinnerung -an die zahlreichen Siege und Opfer spricht sich in vielen seiner -Gedichte aus; auch wurden einige seiner Lieder bei dem Wartburgfeste -vorgetragen.</p> - -<p>Den engern Kreis seiner Freunde ergötzte er durch seine -glücklichen Einfälle, seine Gesprächigkeit und Munterkeit, seine -Extravaganz. Doch selbst im Zustande burschikoser und geselliger -Exaltation ließ er nie Besonnenheit vermissen. Obgleich jugendlich-eitel, -reizbar und empfindlich, hörte er doch mit seinem<span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span> -Humor nicht, wie so viele Humoristen, an sich selbst auf, sondern -er war der erste, der seine eigenen kleinen Schwachheiten zu bespötteln -und in ihrer Beharrlichkeit als Karikatur an sich selbst -darzustellen kein Bedenken trug. Zuweilen warf er seine Einfälle -aufs Papier mit seltener Leichtigkeit und Gewandtheit, weder -eigene noch fremde Schwäche scheuend.</p> - -<p>1824 machte er das Doktorexamen und sah sich als Kandidat -der Theologie nach einer geeigneten Stelle um. Durch die -Vermittlung eines älteren Freundes fand er in dem Hause des -Kriegsrat-Präsidenten General Freiherr <em class="gesperrt">von Hügel</em> in -Stuttgart eine Stellung als Hauslehrer und bekleidete diese -Stelle bis zum Frühjahr 1826. In dieser liebenswürdigen, -feingebildeten Familie lernte er die Formen des höheren geselligen -Lebens in der Nähe kennen; der heitere, natürliche Ton -des Hauses erlaubte ihm, manches schöne, frische Bild aus dem -Leben aufzufassen, und solche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar, -nachdem er sie empfangen, als irgend eine anmutige -Schilderung in seinen Dichtungen wieder auf. Seine Stellung -ließ ihm Zeit zu Studien und Arbeiten; auch bestand er -1825 das zweite theologische Examen.</p> - -<p>Das erste kleine Werk, mit dem er 1825 öffentlich auftrat, -ist der »<em class="gesperrt">Märchenalmanach</em> auf das Jahr 1826 für Söhne -und Töchter gebildeter Stände«. Zunächst für seine Zöglinge -niedergeschrieben, beweist diese kleine Sammlung Hauffs eigentliches -Dichtertalent; diese Märchen, deren ursprünglicher Stoff -zwar nicht ihm selbst angehört, die jedoch mit freiem Phantasiespiel -behandelt und schön abgerundet sind, gehören mit zu den -besten seiner Werke; im Almanach für 1827 folgte eine weitere -Reihe prächtiger Märchen. Die besten davon, die nicht allein -jugendliche Gemüter fesseln, sondern auch von dem gereiften -Manne mit immer neuer Freude gelesen werden können, gehören -nicht rein dem Gebiete des Märchenhaften an – nein! -diese sagenhaften Geschichten aus dem Spessart ergreifen das -Herz und eine lebendige unvergängliche Jugendfrische steigt aus -diesen Gebilden hervor.</p> - -<p>Unmittelbar auf diesen ersten Märchenalmanach folgt der -erste Teil der »<em class="gesperrt">Mitteilungen aus den Memoiren -des Satan</em>«, die reich an heller Phantasie und glücklicher -Darstellungsgabe sind und in denen ein kecker Humor und -treffende Satire walten. Die barocke Studentenwelt, von deren -Anschauung der junge Mann eben erst herkam, gab ihm hier -vielfache Gelegenheit, sein Talent zu üben; diese Satansmemoiren<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -erregten Aufsehen und verschafften dem Verfasser -einen ausgebreiteten Ruf, erzeugten aber auch seiner Zeit durch -ihre satirischen Ausfälle manchen Aerger, manche Empfindlichkeit -und besonders wurde ihm der Angriff auf Goethe und seinen -Faust sehr verübelt. Manche dieser Skizzen, in denen er Figuren -aus seinen Bekanntenkreisen gezeichnet hat, sind von zwingendem -Humor und reicher Satire, in denen Hauff eine Meisterschaft -besaß. Die Novelle »Der Fluch« scheint Hauff eingeflochten zu -haben, weil er vielleicht die eigentliche Lust zur Fortsetzung -dieser Mitteilungen verlor.</p> - -<p>Da Hauff merkte, wie leicht ihm die Darstellung wurde -und daß ihn seine Beobachtungsgabe auch für moderne Stoffe -befähigte, entschloß er sich aus der idealen Märchen- und Phantasienwelt -in die realere des Konversationslebens überzugehen. -Im Winter 1825 bis 1826 schrieb er den »<em class="gesperrt">Mann im -Mond</em>«, einen kleinen Roman aus dem modernen Leben. Nach -Andeutungen von G. Schwab und nach den Erinnerungen von -<em class="gesperrt">Wolfgang Menzel</em> scheint Hauff zuerst lediglich die Absicht -gehabt zu haben, das große Publikum zu interessieren. -Wolfgang Menzel, der das Manuskript gelesen hatte, machte -ihm die größten Vorwürfe, ein Machwerk <em class="antiqua">à la</em> Clauren (Hofrat -Heun in Berlin) geschrieben zu haben, und daß sein Flug -nicht höher ginge als der des Berliner Hofrats. Er gab ihm -den Rat, die Farben noch viel stärker aufzutragen und dann -das Buch unter Claurens Namen erscheinen zu lassen. Hauff -befolgte den Rat. Es steht jedoch noch in Frage, ob Menzels -Darstellung eine richtige ist; sie wird von vielen neuerdings -bestritten. Jedenfalls schaffte Hauff somit eine köstliche -Satire auf Clauren, eine verkehrte und verwerfliche Manier -mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung -derselben bekämpfend.</p> - -<p>Wilhelm Hauff fühlte jedoch später, was er sich denjenigen -gegenüber schuldig war, die ernstere Rechenschaft von dem -Schriftsteller fordern; er griff den Gegner in seiner durch Gesinnung -und Ausdruck nicht minder als durch beißenden Witz -und echten Humor ausgezeichnete »<em class="gesperrt">Kontroverspredigt</em>« -auf eine gründlichere und entschiedenere Weise an. Seine Kontroverspredigt -ist eine von sittlicher Entrüstung getragene vernichtende -Kritik der Claurenschen Manier.</p> - -<p>Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch -seinen »<em class="gesperrt">Mann im Mond</em>« gefunden und die Lust, sich mit -modernen Schriftstellern zu messen, führte ihn immer mehr den<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -Darstellungen der modernen Welt und dem eigentlichen Konversationstone -in der <em class="gesperrt">Novelle</em> zu. So entstand eine Reihe -von Erzählungen, die in belletristischen Zeitschriften und -Taschenbüchern erschienen – nur »<em class="gesperrt">Jud Süß</em>« schrieb er -später – und der <em class="gesperrt">zweite Teil der Satansmemoiren</em>.</p> - -<p>Der Erfolg, den Walter Scott mit seinen historischen -Romanen auch in Deutschland hatte, veranlaßte ihn, einen -deutsch-historischen Roman zu schreiben, und er begann seinen -»<em class="gesperrt">Lichtenstein</em>,« den er in sehr kurzer Zeit beendete. Diese -romantische Sage fand großen Beifall in ganz Deutschland. Der -anmutige Stoff ist keine Sage, sondern reine Erfindung des -Verfassers, die sich wie Efeu hinaufrankt an das alte Felsenschlößchen -Lichtenstein. Trotz mancher Mängel der Anlage und -Charakterzeichnung sind doch große Schönheiten im einzelnen -und Hauff würde bei einem zweiten Romane dieser Art gewiß -etwas Vollkommenes erreicht haben. Hauff ist in der Charakterisierung -des Herzogs Ulerich von Württemberg bedeutend -von der historischen Wahrheit abgewichen und hat ihn viel zu -ideal geschildert, sich auch im ganzen große geschichtliche Licenzen -erlaubt, doch spricht aus diesem Roman ein so edler, hoher -Sinn, er ist so getragen von des Autors liebevoller Vertiefung -in die Vergangenheit seines Heimatlandes, so viele erschütternde, -poetische und auch komische Szenen schmücken das Werk, -daß »Lichtenstein« stets eine Perle unseres Sagenschatzes bleiben -und zu den Lieblingsbüchern unseres Volkes gehören wird.</p> - -<p>Nach Vollendung seines Lichtensteins verließ Hauff seine -bisherigen Verhältnisse. Der Ertrag seiner literarischen Arbeiten -erlaubte ihm eine Reise zunächst über Frankfurt und -Mainz nach Paris und dann durch Belgien und Norddeutschland. -Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf diesen Wanderungen -allenthalben, besonders in Dresden, Berlin und den -Hansestädten persönliche Freunde unter allen Klassen der Gesellschaft.</p> - -<p>Durch den Kriminaldirektor <em class="gesperrt">Hitzig</em> in Berlin, den er in -Hamburg kennen gelernt hatte, wurde dem jungen Württemberger -der Aufenthalt in der preußischen Hauptstadt so angenehm -wie möglich gemacht, namentlich dadurch, daß er ihn mit -den literarischen Kreisen vorzüglich mit der berühmten Mittwochs-Gesellschaft -und ausgezeichneten Männern in Verbindung -brachte. Im Spätherbst 1826 kehrte er nach Stuttgart zurück, -durch Eindrücke gestärkt und Erfahrungen bereichert. Für die -Poesie trugen Hauffs Reisen nur <em class="gesperrt">eine</em> zur vollen Reife gekommene<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -Frucht, die prächtigen »<em class="gesperrt">Phantasien im Bremer -Ratskeller</em>«, womit er im Herbst 1827 den Freunden des -Weines ein Geschenk machte. Diese glückliche Mischung von -übermütigem Humor und poetischem Ernst, diese lebendige Charakterisierung -der köstlichen Figuren sichern den Phantasien -durch ihre echte, feurige Poesie einen dauernden Wert. Kurz -vorher hatte er die Erzählung »<em class="gesperrt">Das Bild des Kaisers</em>« -geschrieben, in der historische und poetische Wahrheit zugleich -enthalten ist; er hat hierin dem obengenannten Baron von -<em class="gesperrt">Hügel</em> ein Denkmal gesetzt, der seiner Zeit Adjutant von -Napoleon war.</p> - -<p>Nach der Heimat zurückgekehrt, übernahm Hauff am 1. -Januar 1827 die Redaktion des im Cottaschen Verlage erscheinenden -»Morgenblatts für gebildete Stände,« dem er einen -neuen Aufschwung verlieh; er brachte in demselben einige Abhandlungen -und Skizzen. Im Februar desselben Jahres verheiratete -er sich mit einer Cousine seines Namens, mit der ihn -längst eine zarte Neigung verbunden hatte. Seine Freunde erzählen -heitere Geschichten von dem Bestreben des jungen Mannes, -diese Liebe, die den Verhältnissen gemäß den allergeradesten -Gang hätte nehmen müssen, ins Gebiet des Phantastischen und -selbst der Intrige hinüberzuziehen, so sehr war ihm romantische -Verwicklung auch im täglichen Leben Bedürfnis. Dieser -Bund schien übrigens sein Lebensglück dauerhaft zu begründen -und gab ihm neue Lust zur Arbeit. Er trug sich mit dem Gedanken, -einen historischen Roman zu schreiben, dem die Kämpfe -in Tirol im Jahre 1809 zugrunde liegen sollten, und zu diesem -Zwecke machte er im Juli eine Reise nach Tirol. –</p> - -<p>Leider nahte ihm im neuen, jungen Glücke ein früher Tod.</p> - -<p>Die Freude über die Geburt eines Töchterchens fand ihn -schon durch Unpäßlichkeit gedrückt, die durch angestrengte Dienste -am Kranken- und Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten -teueren Freundes verursacht war. Bei der Beerdigung -eines andern lieben Freundes zog er sich eine heftige Erkältung -zu, und ein tückisches Nervenfieber beschlich den Widerstrebenden, -der gewaltsam zur gewohnten und ihm so lieben -Arbeit zurückkehren wollte.</p> - -<p>Wenige Stunden, so erzählt sein Bruder, bevor das Fieber -seine Sinne in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum -letztenmal seine Züge bei der Kunde von der Seeschlacht bei -Navarin; das Ereignis, das so viele Dichter zu politisch-poetischen -Erzeugnissen begeisterte und Freude in der ganzen gebildeten<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span> -Welt erregte, konnte er nicht mehr besingen, er konnte sich -nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des Fiebers -Wahnsinn, und es war rührend zu hören, wie er, sich für den -Schlachtboten nach dem Jenseits haltend, mehr als einmal rief: -»Laßt mich, ich muß hin, ich muß es Müller sagen!« denn kaum -vor zwei Monaten hatte er in Stuttgart <em class="gesperrt">Wilhelm Müller</em>, -den Sänger der Griechenlieder, persönlich kennen gelernt und -seit wenigen Wochen seinen jähen Tod betrauert.</p> - -<p>Wilhelm Hauff entschlief sanft, indem er von den Seinigen -Abschied nahm und Gott »<em class="gesperrt">seinen unsterblichen Geist</em>« -empfahl, am 18. November 1827. Die Teilnahme an seinem -frühen Tode war allgemein und sie sprach sich in Stuttgart -durch eine sehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und -rührend aus. Seine geistigen Mitarbeiter wetteiferten, ihn in -Nachrufen zu feiern.</p> - -<p>Den schönsten Nachruf widmete Wilhelm Hauffs frühem -Hinscheiden <em class="gesperrt">Ludwig Uhland</em>:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,<br /></span> -<span class="i0">Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,<br /></span> -<span class="i0">Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen<br /></span> -<span class="i0">Den abgeknickten Zweig – den blütenvollen!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Noch eben war von dieses Frühlings Scheine<br /></span> -<span class="i0">Das Vaterland beglänzt. – Auf schroffem Steine,<br /></span> -<span class="i0">Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu<br /></span> -<span class="i0">Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu.<br /></span> -<span class="i0">Doch in der Höhle, wo die stille Kraft<br /></span> -<span class="i0">Des Erdgeists – rätselhafte Formen schafft:<br /></span> -<span class="i0">Am Fackellicht der Phantasie entfaltet,<br /></span> -<span class="i0">Sah'n wir zu Heldenbildern sie gestaltet;<br /></span> -<span class="i0">Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt,<br /></span> -<span class="i0">Ward zum beseelten Menschenwort erweckt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen,<br /></span> -<span class="i0">Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen<br /></span> -<span class="i0">Umkleidete das Altertum den Sarg,<br /></span> -<span class="i0">Der heiter die verglühte Asche barg:<br /></span> -<span class="i0">So hat auch er, dem uns're Träne taut,<br /></span> -<span class="i0">Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Asche ruht – der Geist entfleucht auf Bahnen<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen,<br /></span> -<span class="i0">Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht<br /></span> -<span class="i0">Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht.<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span></p> -<p>Hauffs literarischer Nachlaß war gering; die erste Ausgabe -seiner sämtlichen Werke wurde durch <em class="gesperrt">Gustav Schwab</em> veranstaltet, -der mit ihm im persönlichen Verkehr gestanden hatte. -Hauffs heiterer, phantasievoller Geist, sein sinnendes Gemüt, -sein jugendfrisches, liebenswürdiges Wesen spricht lebendig aus -allen seinen Werken, die hierdurch und durch das gewandte -Erzählertalent ihren Wert erhielten und zu Schätzen deutscher -Literatur wurden.</p> - -<p class="right"> -<b>Alfred Weile.</b> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span></p> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Gedichte">Gedichte.</h2> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p> - -<h3 id="Gedichte_Inhalt">Gedichte.</h3> -</div> - -<table summary="Inhalt Gedichte"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Der Schwester Traum</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Schwester_Traum">17</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Mutterliebe</td> - <td class="tdr"><a href="#Mutterliebe">19</a></td> -</tr> -<tr> -<td>An die Freiheit</td> - <td class="tdr"><a href="#An_die_Freiheit">20</a></td> -</tr> -<tr> -<td>1. Zur Feier des 18. Junius 1824</td> - <td class="tdr"><a href="#Zur_Feier_des_18_Junius_1824">21</a></td> -</tr> -<tr> -<td>2. Zur Feier des 18. Junius 1823</td> - <td class="tdr"><a href="#Zur_Feier_ii">23</a></td> -</tr> -<tr> -<td>3. Zur Feier des 18. Junius 1824</td> - <td class="tdr"><a href="#Zur_Feier_iii">23</a></td> -</tr> -<tr> -<td>4. Zur Feier des 18. Junius 1824</td> - <td class="tdr"><a href="#Zur_Feier_iv">24</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Turnerlust</td> - <td class="tdr"><a href="#Turnerlust">25</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Burschentum</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Burschentum">26</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Trinklied</td> - <td class="tdr"><a href="#Trinklied">27</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Reiters Morgengesang</td> - <td class="tdr"><a href="#Reiters_Morgengesang">28</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Soldatenmut</td> - <td class="tdr"><a href="#Soldatenmut">29</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Prinz Wilhelm</td> - <td class="tdr"><a href="#Prinz_Wilhelm">30</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Soldatentreue</td> - <td class="tdr"><a href="#Soldatentreue">32</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Soldatenliebe</td> - <td class="tdr"><a href="#Soldatenliebe">33</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Hans Huttens Ende</td> - <td class="tdr"><a href="#Hans_Huttens_Ende">33</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Entschuldigung</td> - <td class="tdr"><a href="#Entschuldigung">35</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Jesuitenbeichte</td> - <td class="tdr"><a href="#Jesuitenbeichte">37</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Regel für Kranke</td> - <td class="tdr"><a href="#Regel_fur_Kranke">38</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Schriftsteller</td> - <td class="tdr"><a href="#Schriftsteller">39</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Lehre aus Erfahrung</td> - <td class="tdr"><a href="#Lehre_aus_Erfahrung">40</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Amor der Räuber</td> - <td class="tdr"><a href="#Amor_der_Rauber">40</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Stille Liebe</td> - <td class="tdr"><a href="#Stille_Liebe">41</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Hoffe</td> - <td class="tdr"><a href="#Hoffe">41</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Trost</td> - <td class="tdr"><a href="#Trost">43</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Sehnsucht</td> - <td class="tdr"><a href="#Sehnsucht">44</a></td> -</tr> - -<tr> -<td>Ihr Auge<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></td> - <td class="tdr"><a href="#Ihr_Auge">45</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Serenade</td> - <td class="tdr"><a href="#Serenade">46</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Lied aus der Ferne</td> - <td class="tdr"><a href="#Lied_aus_der_Ferne">46</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Freundinnen_an_der_Freundin_Hochzeittage">47</a></td> -</tr> -<tr> -<td>An Emilie</td> - <td class="tdr"><a href="#An_Emilie">48</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Kranke</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Kranke">49</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Grabgesang</td> - <td class="tdr"><a href="#Grabgesang">50</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Aus dem Stammbuche eines Freundes</td> - <td class="tdr"><a href="#Aus_dem_Stammbuche_eines_Freundes">51</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Logogryph</td> - <td class="tdr"><a href="#Logogryph">51</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Rätsel, drei</td> - <td class="tdr"><a href="#Drei_Ratsel">52</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Scharade</td> - <td class="tdr"><a href="#Scharade">53</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> - -<h3 id="Der_Schwester_Traum">Der Schwester Traum.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Sie schläft. – Es ist die letzte Nacht des Jahres,<br /></span> -<span class="i0">Und wenn die Morgenglocken wieder tönen,<br /></span> -<span class="i0">Grüßt eine neue Zeit das holde Kind.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Man sagt, in dieser letzten Mitternacht<br /></span> -<span class="i0">Entsteigen ihren Gräbern manche Schatten,<br /></span> -<span class="i0">Die Seelen schweben von dem Himmel nieder,<br /></span> -<span class="i0">Die Heimat und die Freunde zu besuchen.<br /></span> -<span class="i0">Auch <em class="gesperrt">sie</em> gedachte dieser alten Sage,<br /></span> -<span class="i0">Als sie im stillen, einsamen Gemach<br /></span> -<span class="i0">Die Ruhe suchte, und den schönen Augen<br /></span> -<span class="i0">Entströmten Tränen. Doch, nicht kind'sche Angst<br /></span> -<span class="i0">Vor der geheimnisvollen Wiederkehr<br /></span> -<span class="i0">Geschiedner Geister trübte ihre Blicke;<br /></span> -<span class="i0">Nein, die Erinnrung an geliebte Schatten,<br /></span> -<span class="i0">Die Wehmut um so manches teure Grab<br /></span> -<span class="i0">Senkte sich nieder in die stille Seele;<br /></span> -<span class="i0">Sie hat für sie gebetet und geweint.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Sie schlummert, und es nahen die Verlornen,<br /></span> -<span class="i0">Die schönen Toten, ihrem stillen Lager;<br /></span> -<span class="i0">Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf<br /></span> -<span class="i0">Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder<br /></span> -<span class="i0">Als blühende, als irdische Gestalten;<br /></span> -<span class="i0">Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden,<br /></span> -<span class="i0">Nicht wie sie um den trauten Winterherd<br /></span> -<span class="i0">Die schaurig schönen Märchen dir erzählten,<br /></span> -<span class="i0">Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz<br /></span> -<span class="i0">Zum Maientag die schönen Haare flochtest: –<br /></span> -<span class="i0">Dies alles blieb in ihrem frühen Grab.<br /></span> -<span class="i0">Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer,<br /></span> -<span class="i0">Umstrahlt von heil'gem, überird'schem Glanz.<br /></span> -<span class="i0">Doch, sind die Blütenkränze abgestreift,<br /></span> -<span class="i0">Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> -<span class="i0">Sie bringen doch die alte Liebe mit,<br /></span> -<span class="i0">Und sanfter, als in ihrer Erdenschöne,<br /></span> -<span class="i0">Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht,<br /></span> -<span class="i0">Das deine milden Züge still umschwebt,<br /></span> -<span class="i0">Sind sie genaht, und deinem geist'gen Blick<br /></span> -<span class="i0">Begegnen grüßend ihre lichten Augen,<br /></span> -<span class="i0">Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Sie segnen dich; von ihren heil'gen Lippen<br /></span> -<span class="i0">Ertönt es wie der Aeolsharfe Ton,<br /></span> -<span class="i0">Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten<br /></span> -<span class="i0">Der Hauch des Abends weht: »Geliebte Schwester,<br /></span> -<span class="i0">Wir denken deiner und wir sind dir nah,<br /></span> -<span class="i0">Und segnend schweben wir um deine Tritte;<br /></span> -<span class="i0">So oft dein Aug' im schönen Morgenrot,<br /></span> -<span class="i0">Im heitern Blau des Mittags sich ergeht,<br /></span> -<span class="i0">Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach,<br /></span> -<span class="i0">Die in dem Meer der Abendröte segeln,<br /></span> -<span class="i0">Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl,<br /></span> -<span class="i0">Der mild und freundlich in dein Fenster fällt,<br /></span> -<span class="i0">Entschweben wir von deinem stillen Lager<br /></span> -<span class="i0">Mit deinen Tränen nach den sel'gen Höhn.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">So flüstern sie und neigen sich herab,<br /></span> -<span class="i0">Die Stirn der teuern Schlafenden zu <em class="gesperrt">küssen</em><br /></span> -<span class="i0">Und dann beflügelt, eh' sie schnell erwacht,<br /></span> -<span class="i0">Eh' ihre Augen die Erscheinung haschen,<br /></span> -<span class="i0">Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben<br /></span> -<span class="i0">Nach sel'gen Höhn. Ja <em class="gesperrt">dort</em>, wo anders fände<br /></span> -<span class="i0">Die Schwesterliebe ihre ew'ge Heimat?<br /></span> -<span class="i0">So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte<br /></span> -<span class="i0">Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief,<br /></span> -<span class="i0">Gleicht sie dem Bergsee, der in heil'ger Stille<br /></span> -<span class="i0">Den Himmel und die friedlichen Gestade<br /></span> -<span class="i0">Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom,<br /></span> -<span class="i0">Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Ja, tief und selig ist die Schwesterliebe,<br /></span> -<span class="i0">Und zarter, rührender erscheint sie kaum,<br /></span> -<span class="i0">Als wenn sie über Gräbern noch sich findet<br /></span> -<span class="i0">Und <em class="gesperrt">Tote leben</em> in der Schwester Traum.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span> - -<h3 id="Mutterliebe">Mutterliebe.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Mutterliebe!<br /></span> -<span class="i0">Allerheiligstes der Liebe!<br /></span> -<span class="i0">Ach! die Erdensprache ist so arm,<br /></span> -<span class="i0">O, vernähm' ich jener Engel Chöre,<br /></span> -<span class="i0">Hört' ich ihrer Töne heilig Klingen,<br /></span> -<span class="i0">Worte der Begeistrung wollt' ich singen:<br /></span> -<span class="i0">»Heilig, heilig ist die Mutterliebe!«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wie die Sonne geht sie lieblich auf,<br /></span> -<span class="i0">Blickt herab, den Blick voll süßen Frieden,<br /></span> -<span class="i0">Lächelt freundlich ihrer jungen Blüten –<br /></span> -<span class="i0">Und die Pflanze sproßt zum Licht hinauf.<br /></span> -<span class="i0">Rauhe Stürme ziehen durch die Flur,<br /></span> -<span class="i0">Und die junge Pflanze bebet,<br /></span> -<span class="i0">Doch die Sonne blickt durch die Natur,<br /></span> -<span class="i0">Und die junge Pflanze lebet,<br /></span> -<span class="i0">Neu erwärmt von ihrem Blick, und strebet<br /></span> -<span class="i0">Höher noch zu ihrer Sonne auf.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Mutterliebe! du, du bist die Sonne!<br /></span> -<span class="i0">O wie leuchtest du der Blüte doch so warm!<br /></span> -<span class="i0">O wie heilig ist die Mutterwonne,<br /></span> -<span class="i0">Wenn das Kind umschlingt der treue Arm!<br /></span> -<span class="i0">So am Abend, so am Morgen,<br /></span> -<span class="i0">Nie ermattet sie,<br /></span> -<span class="i0">Wacht in Freuden, wacht in Sorgen<br /></span> -<span class="i0">Spät und früh.<br /></span> -<span class="i0">Sie begießt mit Muttertränen<br /></span> -<span class="i0">Ihrer Augen Lust,<br /></span> -<span class="i0">Wärmet sie mit stillem Sehnen<br /></span> -<span class="i0">An der treuen Brust.<br /></span> -<span class="i0">Süße Hoffnung schwellt die Mutterbrust,<br /></span> -<span class="i0">Daß die Blüte werd' zur Knospe keimen,<br /></span> -<span class="i0">Früchte sieht sie in den süßen Träumen.<br /></span> -<span class="i0">Heil'ge, reine Mutterliebe,<br /></span> -<span class="i0">Daß sich nie dein stiller Himmel trübe!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Mutterliebe!<br /></span> -<span class="i0">Allerheiligstes der Liebe!<br /></span> -<span class="i0">Dir ertönten jener Engel Chöre;<br /></span> -<span class="i0">Als der Herr zur Erde niederstieg,<br /></span> -<span class="i0">Wollt' er an der Mutterlieb' erwarmen<br /></span> -<span class="i0">Und erwachte in der Mutter Armen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sinket nieder,<br /></span> -<span class="i0">Schwestern, Brüder,<br /></span> -<span class="i0">Fleht zu dem, der Mutterlieb' gekannt,<br /></span> -<span class="i0">Der <em class="gesperrt">sie</em> schuf, sein reinstes Seelenband.<br /></span> -<span class="i0">Fleht mit uns, ihr Geister unsrer Lieben,<br /></span> -<span class="i0">Tragt es aufwärts, unser kindlich Flehn,<br /></span> -<span class="i0">Tragt's hinauf zu jenen Sternenhöh'n,<br /></span> -<span class="i0">Werft euch nieder vor des Vaters Thron,<br /></span> -<span class="i0">Fallet nieder vor der Mutter Sohn,<br /></span> -<span class="i0">Daß auf uns er seine Gnade senke<br /></span> -<span class="i0">Und den süßen Trost uns immer schenke –<br /></span> -<span class="i0">Das segensvolle Heiligtum der Liebe,<br /></span> -<span class="i0">Der Mutterliebe!<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="An_die_Freiheit">An die Freiheit.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was mir so leise einst die Brust durchbebte,<br /></span> -<span class="i0">Als ich zuerst zum Jüngling war erwacht,<br /></span> -<span class="i0">Was sich so hold in meine Träume webte,<br /></span> -<span class="i0">Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht;<br /></span> -<span class="i0">Und was am Morgen klar noch in mir lebte,<br /></span> -<span class="i0">Was dann, zur lichten Flamme angefacht,<br /></span> -<span class="i0">Mit kühner Ahnung meine Seele füllte –<br /></span> -<span class="i0">Es wären nur der Täuschung Luftgebilde?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten,<br /></span> -<span class="i0">Wenn ich der Völker Schicksal überlas,<br /></span> -<span class="i0">Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten<br /></span> -<span class="i0">Der Schöpfung mit dem trunknen Auge maß,<br /></span> -<span class="i0">Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden,<br /></span> -<span class="i0">Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß –<br /></span> -<span class="i0">Ich fühle es an meines Herzens Glühen,<br /></span> -<span class="i0">Es war kein Traumbild eitler Phantasieen!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Du, stille Nacht, und du, o meine Laute!<br /></span> -<span class="i0">Nur euch, ihr Trauten, hab ich es gesagt;<br /></span> -<span class="i0">Ertönt's noch einmal, was ich euch vertraute,<br /></span> -<span class="i0">Erzählt's dem Abendhauch, was ich geklagt,<br /></span> -<span class="i0">O sagt's ihm, was ich fühlte, was ich schaute,<br /></span> -<span class="i0">Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt;<br /></span> -<span class="i0">O Freiheit, Freiheit, dich hab' ich gesungen,<br /></span> -<span class="i0">Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die müde Sonne ist hinabgegangen,<br /></span> -<span class="i0">Der Abendschein am Horizont zerrinnt,<br /></span> -<span class="i0">Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen,<br /></span> -<span class="i0">Stiegst du hernieder mit dem Abendwind?<br /></span> -<span class="i0">Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen,<br /></span> -<span class="i0">Ich fühl's, du schwebst um mich, so mild, so lind.<br /></span> -<span class="i0">O weile hier, wirf ab die Adlerflügel!<br /></span> -<span class="i0">Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wohl lange ist's, seit du so gerne wohntest<br /></span> -<span class="i0">Bei unsern Ahnen in dem düstern Hain:<br /></span> -<span class="i0">Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest<br /></span> -<span class="i0">Vom eis'gen Belt bis an den alten Rhein?<br /></span> -<span class="i0">Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest?<br /></span> -<span class="i0">Das schöne Land soll ganz vergessen sein?<br /></span> -<span class="i0">Noch denkst du sein; es wird dich wiedersehen,<br /></span> -<span class="i0">Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Zur_Feier_des_18_Junius_1824">Zur Feier des 18. Junius 1824.</h3> - -<h4>I.</h4> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain,<br /></span> -<span class="i0">Seid mir gegrüßt, ihr meine deutschen Brüder;<br /></span> -<span class="i0">Auf! sammelt euch in festlich frohen Reihn,<br /></span> -<span class="i0">Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder;<br /></span> -<span class="i0">Daß heut der stolze Adler niedersank,<br /></span> -<span class="i0">Daß sich mein Volk einlöste mit dem Schwerte<br /></span> -<span class="i0">Sein Heldentum, der Freiheit Ruhm, die deutsche Erde,<br /></span> -<span class="i0">Trag's zu den Wolken, donnernder Gesang!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Trübt auch die Wolke unsres Festes Glanz,<br /></span> -<span class="i0">Sind auch zerschlagen schon des Siegs Altäre,<br /></span> -<span class="i0">Die jüngst noch, in dem jungen Siegerkranz,<br /></span> -<span class="i0">Der Deutsche weihte seines Volkes Ehre:<br /></span> -<span class="i0">Mög' Arglist auch und Trug mit finstrem Bann<br /></span> -<span class="i0">Dem Siegervolke noch die Zunge binden, –<br /></span> -<span class="i0">Begeisterung, des Jünglings Dank, soll's laut verkünden:<br /></span> -<span class="i0">»Wer <em class="gesperrt">dort</em> gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Denn auferstehen soll ein neu Geschlecht,<br /></span> -<span class="i0">Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen,<br /></span> -<span class="i0">Zu kämpfen für die Freiheit und das Recht,<br /></span> -<span class="i0">Um deutsch zu sein wie in der Vorzeit Tagen!<br /></span> -<span class="i0">Ein hoher Sinn stieg auf aus blut'gem Streit,<br /></span> -<span class="i0">Es kehrt der biedre Geist der Väter wieder,<br /></span> -<span class="i0">Und stolzer stehn, in deutscher Kraft und frei, o Brüder,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Wir</em> auf den Trümmern der vergangnen Zeit!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Drum tretet mutig in die Kämpferbahn,<br /></span> -<span class="i0">Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen!<br /></span> -<span class="i0">Fürs liebe Vaterland hinan, hinan!<br /></span> -<span class="i0">Doch nur von innen kann das Werk gelingen,<br /></span> -<span class="i0">Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm,<br /></span> -<span class="i0">Nein, unser Weg geht durch Minervas Hallen;<br /></span> -<span class="i0">Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchsten wallen,<br /></span> -<span class="i0">Erschaffen uns ein echtes Bürgertum!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ja, so ersteht ein freies Vaterland;<br /></span> -<span class="i0">O Bruderbund, dies hast du dir erkoren!<br /></span> -<span class="i0">Hebt in die Lüfte auf die treue Hand,<br /></span> -<span class="i0">Dem Vaterlande sei es fest geschworen!<br /></span> -<span class="i0">O schöne Saat! Der junge Stamm erblüht,<br /></span> -<span class="i0">Und schützend ragt er auf wie Deutschlands Eichen;<br /></span> -<span class="i0">Blüh', schöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen,<br /></span> -<span class="i0">Und fern dahin die dunkle Wolke zieht.<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p> - -<h4 id="Zur_Feier_ii">II.<br /> -1823.</h4> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ferne in der fremden Erde<br /></span> -<span class="i0">Ruhet ihr bei euerm Schwerte<br /></span> -<span class="i0">In des Todes sichrer Hut;<br /></span> -<span class="i0">Heil'ger Frieden<br /></span> -<span class="i0">Lohnt euch Müden,<br /></span> -<span class="i0">Nach des Tages heißer Glut.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Frankreichs Adler saht ihr fallen,<br /></span> -<span class="i0">Hörtet Siegesdonner schallen,<br /></span> -<span class="i0">Als der Tod das Auge brach.<br /></span> -<span class="i0">Heil euch Lieben,<br /></span> -<span class="i0">Träumet drüben<br /></span> -<span class="i0">Von der Freiheit goldnem Tag.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Selig preis' ich eure Lose<br /></span> -<span class="i0">In der Erde kühlem Schoße.<br /></span> -<span class="i0">Ach, ihr saht der Freiheit Licht,<br /></span> -<span class="i0">Saht sie steigen<br /></span> -<span class="i0">Ueber Leichen –<br /></span> -<span class="i0">Doch sie sinken saht ihr nicht.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Fern von eurem Siegestale<br /></span> -<span class="i0">Denken wir beim Todesmahle<br /></span> -<span class="i0">Innig eurer Siegerschar,<br /></span> -<span class="i0">Und wir gießen,<br /></span> -<span class="i0">Euch zu grüßen,<br /></span> -<span class="i0">Tränen auf den Festaltar.<br /></span> -</div></div> - -<h4 id="Zur_Feier_iii">III.<br /> -1824.</h4> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">So nahst du wieder, holde Siegesfeier,<br /></span> -<span class="i0">Die unsre Brust mit süßen Träumen füllt,<br /></span> -<span class="i0">Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier<br /></span> -<span class="i0">Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt:<br /></span> -<span class="i0">Du nahst – und alle Herzen schlagen freier,<br /></span> -<span class="i0">Gesang und Jubel tönet durchs Gefild,<br /></span> -<span class="i0">Und meiner Brüder frohe Blicke sagen:<br /></span> -<span class="i0">»Es war <em class="gesperrt">mein</em> Volk, das diese Schlacht geschlagen!«<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Es war <em class="gesperrt">mein</em> Volk, und nicht die frohen Binden<br /></span> -<span class="i0">Von Eichlaub sollten schmücken das Gelag;<br /></span> -<span class="i0">Wohl sollten wir Zypressenkränze winden<br /></span> -<span class="i0">Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag;<br /></span> -<span class="i0">Doch – den Gefallnen laßt uns Kränze winden,<br /></span> -<span class="i0">Und einmal noch am frohen Siegestag,<br /></span> -<span class="i0">Weil rings um uns des Sieges Früchte welken,<br /></span> -<span class="i0">Laßt uns in der Erinnrung Träumen schwelgen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Drum grüß' ich dich, du Feld, wo sie gefallen,<br /></span> -<span class="i0">Wo froh ihr Aug' im Siegesdonner brach!<br /></span> -<span class="i0">Drum grüß' ich euch in euern Wolkenhallen,<br /></span> -<span class="i0">Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unsre Schmach!<br /></span> -<span class="i0">Euch, tapfern Sängern, euch, ihr Helden, allen,<br /></span> -<span class="i0">Euch tönen unsre Liebesgrüße nach,<br /></span> -<span class="i0">Und euch, die ihr dem Auge schnell entschwunden,<br /></span> -<span class="i0">Der jungen Freiheit kurze Frühlingsstunden!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und hätte man den Denkstein euch zerschlagen<br /></span> -<span class="i0">Und eure Kränze in den Staub gedrückt:<br /></span> -<span class="i0">Die Blumen haben in des Frühlings Tagen<br /></span> -<span class="i0">Der Helden Grab mit neuem Grün geschmückt.<br /></span> -<span class="i0">So keimt auch unsre Hoffnung unter Klagen;<br /></span> -<span class="i0">Denn ob der Sturm sie Blatt für Blatt zerpflückt,<br /></span> -<span class="i0">Neu sproßt sie aus dem Hügel eurer Leichen,<br /></span> -<span class="i0">Und Gott wird wachen über ihren Zweigen.<br /></span> -</div></div> - -<h4 id="Zur_Feier_iv">IV.<br /> -1824.</h4> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wo <em class="gesperrt">eine</em> Glut die Herzen bindet,<br /></span> -<span class="i0">Wo Aug' dem Auge nur verkündet,<br /></span> -<span class="i0">Was Sehnsucht in dem Herzen spricht;<br /></span> -<span class="i0">Wo, wenn der Sturm die Form zerspaltet,<br /></span> -<span class="i0">Die Gottheit in den Trümmern waltet,<br /></span> -<span class="i0">Kennt man der Liebe Trennung nicht.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Heran, ihr Brüder! Nord und Süden,<br /></span> -<span class="i0">Ob euch des Herrschers Wink geschieden,<br /></span> -<span class="i0">Laßt uns <em class="gesperrt">ein</em> Volk von Brüdern sein;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span> -<span class="i0">Schließt ja in Schönbunds weiten Auen<br /></span> -<span class="i0">Von allen Strömen, allen Gauen<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Ein</em> Rasen unsre <em class="gesperrt">Brüder</em> ein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wohl ist der Siegsgesang verklungen,<br /></span> -<span class="i0">Ganz anders wird jetzt vorgesungen,<br /></span> -<span class="i0">Ganz andre Weisen spielt man vor;<br /></span> -<span class="i0">Doch tönt, von Wehmut fortgetragen,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Ein</em> Ton noch aus den bessern Tagen<br /></span> -<span class="i0">Und schlägt an manch empfänglich Ohr.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen<br /></span> -<span class="i0">Den alten Ton herüberklingen<br /></span> -<span class="i0">Von unsrer Brüder Schlachtgefild?<br /></span> -<span class="i0">Der <em class="gesperrt">Einklang</em> ist's von tausend Tönen,<br /></span> -<span class="i0">Der mächtig in Germanias Söhnen<br /></span> -<span class="i0">Zu der Begeistrung Wogen schwillt.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Turnerlust">Turnerlust.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was zieht dort unten das Tal entlang?<br /></span> -<span class="i0">Eine Schar im weißen Gewand; –<br /></span> -<span class="i0">Wie mutig brauset der volle Gesang!<br /></span> -<span class="i0">Die Töne sind mir bekannt.<br /></span> -<span class="i0">Sie singen von Freiheit und Vaterland,<br /></span> -<span class="i0">Ich kenne die Scharen im weißen Gewand.<br /></span> -<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Die Turner ziehen aus.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Turner ziehen ins grünende Feld<br /></span> -<span class="i0">Hinaus zur männlichen Lust;<br /></span> -<span class="i0">Daß Uebung kräftig die Glieder stählt,<br /></span> -<span class="i0">Mit Mut sich füllet die Brust:<br /></span> -<span class="i0">Drum schreiten die Turner das Tal entlang,<br /></span> -<span class="i0">Drum tönet ihr mutiger froher Gesang:<br /></span> -<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Du fröhliche Turnerlust!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">O sieh, wie kühn sich der Blick erhebt,<br /></span> -<span class="i0">Wenn der Arm den Gegner umfaßt!<br /></span> -<span class="i0">Und frei, wie der Aar durch die Lüfte schwebt,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -<span class="i0">Fliegt auf der Turner am Mast;<br /></span> -<span class="i0">Dort schaut er weit in die Täler hinaus,<br /></span> -<span class="i0">Dort ruft er's froh in die Lüfte hinaus:<br /></span> -<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Du fröhliche Turnerlust!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Es ist kein Graben zu tief, zu breit,<br /></span> -<span class="i0">Hinüber mit flüchtigem Fuß!<br /></span> -<span class="i0">Und trennt die Ufer der Strom so weit,<br /></span> -<span class="i0">Hinein in den tosenden Fluß!<br /></span> -<span class="i0">Er teilt mit dem Arm der Fluten Gewalt,<br /></span> -<span class="i0">Und aus den Wogen sein Ruf noch schallt:<br /></span> -<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Du fröhliche Turnerlust!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Er schwingt das Schwert in der starken Hand,<br /></span> -<span class="i0">Zum Kampfe stählt er den Arm;<br /></span> -<span class="i0">O dürft' er's ziehen fürs Vaterland!<br /></span> -<span class="i0">Es wallt das Herz ihm so warm.<br /></span> -<span class="i0">Und sollte sie kommen, die herrliche Zeit,<br /></span> -<span class="i0">Sie fände den tapfern Turner bereit.<br /></span> -<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Wie ging's dann mutig in Feind!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">So wirbt der Turner um Kraft und Mut<br /></span> -<span class="i0">Mit Frührots freundlichem Strahl,<br /></span> -<span class="i0">Bis spät sich senket der Sonne Glut<br /></span> -<span class="i0">Und die Nacht sich bettet im Tal;<br /></span> -<span class="i0">Und klingt der Abendglockenklang,<br /></span> -<span class="i0">Dann ziehn wir nach Haus mit fröhlichem Sang<br /></span> -<span class="i0">Hurra! Hurra! Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Du fröhliche Turnerlust!<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Das_Burschentum">Das Burschentum.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wenn die Becher fröhlich kreisen,<br /></span> -<span class="i0">Wenn in vollen Sangesweisen<br /></span> -<span class="i0">Tönt so manches Helden Ruhm,<br /></span> -<span class="i0">Ja, da muß man dich auch singen,<br /></span> -<span class="i0">Muß auch dir die Becher schwingen,<br /></span> -<span class="i0">Dir, du altes Burschentum!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Fragt ihr, wo die Freiheit wohne?<br /></span> -<span class="i0">Auf Europas weiter Zone<br /></span> -<span class="i0">Habt ihr nimmer sie gesehn;<br /></span> -<span class="i0">Nur bei alter, treuer Sitte,<br /></span> -<span class="i0">In der Burschen froher Mitte<br /></span> -<span class="i0">Mag ihr Tempel noch bestehn.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Froh und frei, wie's unsre Alten<br /></span> -<span class="i0">Einst zu ihrer Zeit gehalten,<br /></span> -<span class="i0">Leben wir, so lang es gilt;<br /></span> -<span class="i0">Freuen uns – mit leerer Tasche,<br /></span> -<span class="i0">Wenn uns nur aus voller Flasche<br /></span> -<span class="i0">Klar der braune Nektar quillt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Nicht in marmornen Trophäen<br /></span> -<span class="i0">Kann die späte Nachwelt sehen,<br /></span> -<span class="i0">Was wir Brüder hier getan!<br /></span> -<span class="i0">Doch zum Denkstein unsern Siegen<br /></span> -<span class="i0">Häufen wir aus leeren Krügen<br /></span> -<span class="i0">Hohe Pyramiden an.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Mit dem Humpen in der Linken<br /></span> -<span class="i0">Wollen wir dein Wohlsein trinken,<br /></span> -<span class="i0">Altes, frohes Burschentum!<br /></span> -<span class="i0">Mit dem Hieber in der Rechten<br /></span> -<span class="i0">Wollen wir dich kühn verfechten,<br /></span> -<span class="i0">Freies, tapfres Burschentum!<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Trinklied">Trinklied.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wer seines Leibes Alter zählet<br /></span> -<span class="i0">Nach Nächten, die er froh durchwacht,<br /></span> -<span class="i0">Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,<br /></span> -<span class="i0">Sich um den Groschen lustig macht,<br /></span> -<span class="i0">Der findet in uns seine Leute,<br /></span> -<span class="i0">Der sei uns brüderlich gegrüßt,<br /></span> -<span class="i0">Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude<br /></span> -<span class="i0">In seine sanften Arme schließt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wenn von dem Tanze sanft gewieget,<br /></span> -<span class="i0">Von Flötentönen sanft berauscht,<br /></span> -<span class="i0">Fein Liebchen sich im Arme schmieget,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -<span class="i0">Und Blick um Liebesblick sich tauscht,<br /></span> -<span class="i0">Da haben wir im Flug genossen<br /></span> -<span class="i0">Und schnell den Augenblick erhascht,<br /></span> -<span class="i0">Und Herz an Herzen festgeschlossen,<br /></span> -<span class="i0">Der Lippen süßen Gruß genascht.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,<br /></span> -<span class="i0">Doch ist sein Feuer bald verraucht,<br /></span> -<span class="i0">Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,<br /></span> -<span class="i0">In seine Geisterglut dich taucht;<br /></span> -<span class="i0">Uns, die wir seine Hymnen singen,<br /></span> -<span class="i0">Uns leuchtet seine Flamme vor,<br /></span> -<span class="i0">Und auf der Töne freien Schwingen<br /></span> -<span class="i0">Steigt unser Geist zum Geist empor.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Drum, die ihr frohe Freundesworte<br /></span> -<span class="i0">Zum würdigen Gesang erhebt,<br /></span> -<span class="i0">Euch grüß' ich, wogende Akkorde,<br /></span> -<span class="i0">Daß ihr zu uns herniederschwebt!<br /></span> -<span class="i0">Sie tauchen auf – sie schweben nieder,<br /></span> -<span class="i0">Im Vollton rauschet der Gesang,<br /></span> -<span class="i0">Und lieblich hallt in unsre Lieder<br /></span> -<span class="i0">Der vollen Gläser Feierklang.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">So haben's immer wir gehalten<br /></span> -<span class="i0">Und bleiben fürder auch dabei,<br /></span> -<span class="i0">Und mag die Welt um uns veralten,<br /></span> -<span class="i0">Wir bleiben ewig jung und neu.<br /></span> -<span class="i0">Denn, wird einmal der Geist uns trübe,<br /></span> -<span class="i0">Wir baden ihn im alten Wein<br /></span> -<span class="i0">Und ziehen mit Gesang und Liebe<br /></span> -<span class="i0">In unsern Freudenhimmel ein.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Reiters_Morgengesang">Reiters Morgengesang.</h3> - -<p class="center">(Nach einem schwäbischen Volkslied.)</p> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Morgenrot,<br /></span> -<span class="i0">Leuchtest mir zum frühen Tod?<br /></span> -<span class="i0">Bald wird die Trompete blasen,<br /></span> -<span class="i0">Dann muß ich mein Leben lassen,<br /></span> -<span class="i0">Ich und mancher Kamerad!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Kaum gedacht,<br /></span> -<span class="i0">War der Lust ein End' gemacht.<br /></span> -<span class="i0">Gestern noch auf stolzen Rossen,<br /></span> -<span class="i0">Heute durch die Brust geschossen,<br /></span> -<span class="i0">Morgen in das kühle Grab!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ach, wie bald<br /></span> -<span class="i0">Schwindet Schönheit und Gestalt!<br /></span> -<span class="i0">Tust du stolz mit deinen Wangen,<br /></span> -<span class="i0">Die mit Milch und Purpur prangen?<br /></span> -<span class="i0">Ach! die Rosen welken all!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Darum still<br /></span> -<span class="i0">Füg' ich mich, wie Gott es will.<br /></span> -<span class="i0">Nun, so will ich wacker streiten,<br /></span> -<span class="i0">Und sollt' ich den Tod erleiden,<br /></span> -<span class="i0">Stirbt ein braver Reitersmann.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Soldatenmut">Soldatenmut.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Soldatenmut siegt überall,<br /></span> -<span class="i0">Im Frieden und im Krieg,<br /></span> -<span class="i0">Bei Flöten- und Kanonenschall<br /></span> -<span class="i0">Erkämpft er sich den Sieg;<br /></span> -<span class="i0">Sei's um ein Küßchen mit der Maid,<br /></span> -<span class="i0">Sei's mit dem Feind um Blut,<br /></span> -<span class="i0">Da ist er schnell zum Kampf bereit,<br /></span> -<span class="i0">Da siegt Soldatenmut!<br /></span> -<span class="i0">Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Da siegt Soldatenmut!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wenn sich der Tanz im Wirbel schwingt<br /></span> -<span class="i0">Und Aug' in Auge blickt,<br /></span> -<span class="i0">Der Arm sich um die Hüfte schlingt<br /></span> -<span class="i0">Und Hand in Hand sich drückt,<br /></span> -<span class="i0">Da ist die Maid in kurzer Frist<br /></span> -<span class="i0">Dem schlanken Burschen gut;<br /></span> -<span class="i0">Wer lange fragt, hat nie geküßt,<br /></span> -<span class="i0">Da siegt Soldatenmut,<br /></span> -<span class="i0">Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Da siegt Soldatenmut!<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wenn am heißen Sommertag<br /></span> -<span class="i0">Den Marsch die Hitze drückt,<br /></span> -<span class="i0">Und wenn das rasche Roß erlag<br /></span> -<span class="i0">Und müd' zur Erd' sich bückt,<br /></span> -<span class="i0">Hat der Soldat sich aufgerafft,<br /></span> -<span class="i0">Er singet wohlgemut,<br /></span> -<span class="i0">Wirbt durch Gesang sich neue Kraft;<br /></span> -<span class="i0">So siegt Soldatenmut!<br /></span> -<span class="i0">Hurra!<br /></span> -<span class="i0">So siegt Soldatenmut!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wenn im Tal die Banner wehn<br /></span> -<span class="i0">Und Heer an Heer sich schließt,<br /></span> -<span class="i0">Und uns von den Batt'rieen Höhn<br /></span> -<span class="i0">Kanonendonner grüßt:<br /></span> -<span class="i0">Da reißt uns durch den Waffenplan<br /></span> -<span class="i0">Des Kampfes wilde Glut,<br /></span> -<span class="i0">Da mit dem Schwert, Mann gegen Mann,<br /></span> -<span class="i0">Da siegt Soldatenmut:<br /></span> -<span class="i0">Hurra!<br /></span> -<span class="i0">Da siegt Soldatenmut!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wenn mein Stündlein kommen sollt',<br /></span> -<span class="i0">So bin ich frisch zur Hand;<br /></span> -<span class="i0">Ich sterb' ja nicht für eitles Gold,<br /></span> -<span class="i0">Ich fall' fürs Vaterland.<br /></span> -<span class="i0">Was ich gesollt, hab' ich getan,<br /></span> -<span class="i0">Und hab's gelöst mit Blut:<br /></span> -<span class="i0">So lebt, so stirbt für seine Fahn',<br /></span> -<span class="i0">So <em class="gesperrt">siegt</em> Soldatenmut!<br /></span> -<span class="i0">Hurra!<br /></span> -<span class="i0">So <em class="gesperrt">siegt</em> Soldatenmut!<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Prinz_Wilhelm">Prinz Wilhelm.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Prinz <em class="gesperrt">Wilhelm</em>, der edle Ritter,<br /></span> -<span class="i0">Ritt hinaus ins Schlachtgewitter,<br /></span> -<span class="i0">Ritt mit aus in blut'gen Strauß;<br /></span> -<span class="i0">Denn als man die Trommel rührte<br /></span> -<span class="i0">Und nach Frankreich abmarschierte,<br /></span> -<span class="i0">Blieb der <em class="gesperrt">Kronprinz</em> nicht zu Haus.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Durch des Rheines wilde Wogen<br /></span> -<span class="i0">Ist er schnell hindurchgezogen,<br /></span> -<span class="i0">Ziehet weiter ohne Ruh'.<br /></span> -<span class="i0">Auf die Feinde durch die Wälder,<br /></span> -<span class="i0">Durch die eisbedeckten Felder,<br /></span> -<span class="i0">Auf die Feinde eilt er zu.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Bei <em class="gesperrt">Brienne</em>, im dunkeln Walde<br /></span> -<span class="i0">Unser Jägerhorn erschallte,<br /></span> -<span class="i0">Unsre Trommeln wirbeln drein;<br /></span> -<span class="i0">In den Feind durch Sumpf und Graben<br /></span> -<span class="i0">Stürmt der Prinz mit seinen Schwaben,<br /></span> -<span class="i0">Daß der Sieg muß unser sein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und bei <em class="gesperrt">Montereaus</em> blut'ger Brücken,<br /></span> -<span class="i0">Als der Feind wollt' schier erdrücken<br /></span> -<span class="i0">Unsre kleine, treue Schar,<br /></span> -<span class="i0">Hat er gegen Sturmsgewalten<br /></span> -<span class="i0">Ritterlich den Paß gehalten,<br /></span> -<span class="i0">Bis sein Volk gerettet war.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">An der <em class="gesperrt">Aube</em>, am <em class="gesperrt">Marne</em>strande,<br /></span> -<span class="i0">An der <em class="gesperrt">Seine</em> weitem Lande<br /></span> -<span class="i0">Kennt man Wilhelm und sein Schwert;<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Epinal</em> auf blut'gen Wegen,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Troyes'</em> heißer Kugelregen<br /></span> -<span class="i0">Haben seinen Stamm bewährt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ja, wo treue Schwaben stritten,<br /></span> -<span class="i0">War auch in des Kampfes Mitten<br /></span> -<span class="i0">Unser Kronprinz stets dabei;<br /></span> -<span class="i0">Ja, so stritt im Schlachtgewitter<br /></span> -<span class="i0">Prinz <em class="gesperrt">Wilhelm</em>, der edle Ritter,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Furchtlos</em>, wie sein Wort, <em class="gesperrt">und treu</em>.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Schlaget ein, ihr Kameraden!<br /></span> -<span class="i0">Wenn zum Krieg die Trommeln laden,<br /></span> -<span class="i0">Strömen freudig wir herbei:<br /></span> -<span class="i0">Denn als König zieht der Ritter<br /></span> -<span class="i0">Nun voraus im Schlachtgewitter,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Furchtlos</em>, wie sein Wort, <em class="gesperrt">und treu</em>.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span></p> - -<h3 id="Soldatentreue">Soldatentreue.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wohl dem, der geschworen<br /></span> -<span class="i0">Zur Fahne den Eid,<br /></span> -<span class="i0">Der sich zum Schmuck erkoren<br /></span> -<span class="i0">Des Königs Waffenkleid!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sei Treue verraten,<br /></span> -<span class="i0">Sei Ehre verbannt,<br /></span> -<span class="i0">Doch gehn mit dem Soldaten<br /></span> -<span class="i0">Sie beide Hand in Hand.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Es grüßt ja zur Seite<br /></span> -<span class="i0">Sein Säbel ihm zu<br /></span> -<span class="i0">Und ruft ihm aus der Scheide:<br /></span> -<span class="i0">»<em class="gesperrt">So treu</em> wie Stahl seist <em class="gesperrt">du</em>!«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Büchse, sie winket<br /></span> -<span class="i0">So freundlich und rein;<br /></span> -<span class="i0">So rein als wie sie blinket,<br /></span> -<span class="i0">Soll seine Ehre sein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Das tönt ihm so süße,<br /></span> -<span class="i0">Das schwellt ihm den Arm,<br /></span> -<span class="i0">Das macht, wie Liebchens Küsse,<br /></span> -<span class="i0">Soldatenherz so warm!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Drum auf! Es ertönen<br /></span> -<span class="i0">Trompeten voll Mut!<br /></span> -<span class="i0">In Vaterlandessöhnen<br /></span> -<span class="i0">Wallt treues Heldenblut!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Welt mag zerreißen<br /></span> -<span class="i0">Die Schwüre wie Spreu;<br /></span> -<span class="i0">Ich weiß ein Wort wie Eisen,<br /></span> -<span class="i0">Es heißt: Soldatentreu'.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span></p> - -<h3 id="Soldatenliebe">Soldatenliebe.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Steh' ich in finstrer Mitternacht<br /></span> -<span class="i0">So einsam auf der fernen Wacht,<br /></span> -<span class="i0">So denk' ich an mein fernes Lieb,<br /></span> -<span class="i0">Ob mir's auch treu und hold verblieb?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Als ich zur Fahne fort gemüßt,<br /></span> -<span class="i0">Hat sie so herzlich mich geküßt,<br /></span> -<span class="i0">Mit Bändern meinen Hut geschmückt<br /></span> -<span class="i0">Und weinend mich ans Herz gedrückt!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,<br /></span> -<span class="i0">Drum bin ich froh und wohlgemut!<br /></span> -<span class="i0">Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,<br /></span> -<span class="i0">Wenn es ans treue Lieb gedacht.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Jetzt bei der Lampe mildem Schein<br /></span> -<span class="i0">Gehst du wohl in dein Kämmerlein<br /></span> -<span class="i0">Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn<br /></span> -<span class="i0">Auch für den Liebsten in der Fern'!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch wenn du traurig bist und weinst,<br /></span> -<span class="i0">Mich von Gefahr umrungen meinst! –<br /></span> -<span class="i0">Sei ruhig, bin in Gottes Hut,<br /></span> -<span class="i0">Er liebt ein treu Soldatenblut.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'<br /></span> -<span class="i0">Und löst mich ab zu dieser Stund';<br /></span> -<span class="i0">Schlaf wohl im stillen Kämmerlein<br /></span> -<span class="i0">Und denk' in deinen Träumen mein.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Hans_Huttens_Ende">Hans Huttens Ende.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Laut rufet Herr Ulrich, der Herzog, und sagt:<br /></span> -<span class="i0">»Hans Hutten, reite mit auf die Jagd,<br /></span> -<span class="i0">Im Schönbuch weiß ich ein Mutterschwein,<br /></span> -<span class="i0">Wir schießen es für die Liebste mein.«<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und im Forst sich der Herzog zum Junker wandt':<br /></span> -<span class="i0">»Hans Hutten, was flimmert an deiner Hand?«<br /></span> -<span class="i0">»Herr Herzog, es ist halt ein Ringelein,<br /></span> -<span class="i0">Ich hab' es von meiner Herzliebsten fein.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">»Herr Hans, du bist ja ein stattlicher Mann,<br /></span> -<span class="i0">Hast gar auch ein güldenes Kettlein an?« –<br /></span> -<span class="i0">»Das hat mir mein herziger Schatz geschenkt<br /></span> -<span class="i0">Zum Zeichen, daß sie noch meiner gedenkt.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und der Herzog blicket ihn schrecklich an:<br /></span> -<span class="i0">»So? Das hat alles dein Schatz getan?<br /></span> -<span class="i0">Der Trauring ist es von meinem Weib,<br /></span> -<span class="i0">Das Kettlein hing ich ihr selbst um den Leib.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">O Hutten, gib deinem Rappen den Sporn,<br /></span> -<span class="i0">Schon rollet des Herzogs Auge im Zorn!<br /></span> -<span class="i0">Flieh, Hutten! es ist die höchste Zeit,<br /></span> -<span class="i0">Schon reißt er das blinkende Schwert aus der Scheid'!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">»Dein Schwert raus, Buhler, mich dürstet sehr,<br /></span> -<span class="i0">Zu sühnen mit Blut meines Bettes Ehr'!«<br /></span> -<span class="i0">Flugs, Junker, ein Stoßgebetlein sprich,<br /></span> -<span class="i0">Wenn Ulrich haut, haut er fürchterlich.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Es krachen die Rippen, es bricht das Herz;<br /></span> -<span class="i0">Ruhig wischet Ulrich das blutige Erz,<br /></span> -<span class="i0">Ruhig nimmt er des ledigen Pferdes Zaum<br /></span> -<span class="i0">Und hänget die Leich' an den nächsten Baum.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Es steht eine Eiche im Schönbuchwald<br /></span> -<span class="i0">Gar breit in den Aesten und hochgestalt;<br /></span> -<span class="i0">Zum Zeichen wird sie Jahrhunderte stahn,<br /></span> -<span class="i0">Hier hing der Herzog den Junker dran.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wenn man den Herzog vom Lande jagt,<br /></span> -<span class="i0">Sein Nam' bleibt ihm, sein Schwert; er sagt:<br /></span> -<span class="i0">»Mein Nam', er verdorret ja nimmermehr,<br /></span> -<span class="i0">Und gerächet hab' ich des Hauses Ehr'.«<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span></p> - -<h3 id="Entschuldigung">Entschuldigung.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Kam einst ein englischer Kapitan<br /></span> -<span class="i0">Zu Stambul in dem Hafen an,<br /></span> -<span class="i0">Der wollte nach der langen Fahrt<br /></span> -<span class="i0">Sich gütlich tun nach seiner Art<br /></span> -<span class="i0">Und in Stambuls krummen Gassen<br /></span> -<span class="i0">Vor den Leuten sich sehen lassen.<br /></span> -<span class="i0">Hatte auch weit und breit gehört,<br /></span> -<span class="i0">Wie die Türken so schöne Pferd',<br /></span> -<span class="i0">Reiche Geschirr' und Sättel haben;<br /></span> -<span class="i0">Wollte auch wie ein Türke traben,<br /></span> -<span class="i0">Und bestellt auf abends um vier<br /></span> -<span class="i0">Ein recht feurig arabisch Tier.<br /></span> -<span class="i0">Ziehet sich an im höchsten Staat,<br /></span> -<span class="i0">Rotem Rock, mit Gold auf der Naht,<br /></span> -<span class="i0">Schwärzt den Bart um Wange und Maul<br /></span> -<span class="i0">Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul.<br /></span> -<span class="i0">Drauf, als er reitet durch das Tor,<br /></span> -<span class="i0">Kam es den Türken komisch vor,<br /></span> -<span class="i0">Hatten noch keinen Reiter gesehn<br /></span> -<span class="i0">Wie den englischen Kapitän;<br /></span> -<span class="i0">Die Knie' hatt' er hinaufgezogen<br /></span> -<span class="i0">Und seinen Rücken krumm gebogen,<br /></span> -<span class="i0">Die Brust mit den Tressen eingedrückt,<br /></span> -<span class="i0">Auch den Kopf tief herabgebückt;<br /></span> -<span class="i0">Saß zu Pferde wie ein armer Schneider.<br /></span> -<span class="i0">Doch der Schiffskapitän ritt weiter,<br /></span> -<span class="i0">Glaubte getrost, die Türken lachen<br /></span> -<span class="i0">Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen.<br /></span> -<span class="i0">So ritt er bis zum großen Platz,<br /></span> -<span class="i0">Da macht der Araber einen Satz<br /></span> -<span class="i0">Und steigt; der englische Kapitän<br /></span> -<span class="i0">Ergreift des Arabers lange Mähn',<br /></span> -<span class="i0">Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen<br /></span> -<span class="i0">Und schreit ihm auf englisch in die Ohren;<br /></span> -<span class="i0">Das Roß den Reiter nicht verstand,<br /></span> -<span class="i0">Setzt wieder und wirft ihn in den Sand.<br /></span> -<span class="i0">Die Türken den Rotrock sehr beklagen,<br /></span> -<span class="i0">Haben ihn auch zu Schiff getragen,<br /></span> -<span class="i0">Und seinem Dragoman, einem Scioten,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -<span class="i0">Haben sie hoch und streng verboten,<br /></span> -<span class="i0">Er dürf's nimmer wieder leiden,<br /></span> -<span class="i0">Daß der Herr den Araber tät reiten.<br /></span> -<span class="i0">Als sie verlassen den Kapitan,<br /></span> -<span class="i0">Befiehlt er gleich dem Dragoman,<br /></span> -<span class="i0">Ihm auf englisch auszudeuten,<br /></span> -<span class="i0">Was er gehört von diesen Leuten.<br /></span> -<span class="i0">Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter,<br /></span> -<span class="i0">Sie glauben, Ihr seid ein schlechter Reiter,<br /></span> -<span class="i0">Wollen, Ihr sollt in Stambuls Gassen<br /></span> -<span class="i0">Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.«<br /></span> -<span class="i0">Des hat sich der Kapitän gegrämt<br /></span> -<span class="i0">Und vor den Türken sehr geschämt.<br /></span> -<span class="i0">Spricht zum Dragoman: »Geh hinein<br /></span> -<span class="i0">Und sage den Türken: es kommt vom Wein;<br /></span> -<span class="i0">Der Herr ist sonst ein guter Reiter,<br /></span> -<span class="i0">Aber heut an der Tafel, leider,<br /></span> -<span class="i0">Hat er sich ziemlich in Sekt betrunken,<br /></span> -<span class="i0">Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.«<br /></span> -<span class="i0">Der Grieche ging zum Hafentor<br /></span> -<span class="i0">Und trug den Türken die Sache vor.<br /></span> -<span class="i0">Doch diese hörten ihn schaudernd an:<br /></span> -<span class="i0">»Wir glaubten Gutes vom roten Mann<br /></span> -<span class="i0">Und dachten, er sitze schlecht zu Pferd,<br /></span> -<span class="i0">Weil's ihn sein Vater nicht besser gelehrt;<br /></span> -<span class="i0">Aber wie, von Wein betrunken,<br /></span> -<span class="i0">Ist er im Rausche vom Pferd gesunken?<br /></span> -<span class="i0">Pfui dem Giaur und seinem Glas,<br /></span> -<span class="i0">Allah tue ihm dies und das!«<br /></span> -<span class="i0">Da sprach ein alter Muselmann:<br /></span> -<span class="i0">»Glaubt's nicht, Leute, höret mich an!<br /></span> -<span class="i0">Nicht, weil der Frank' zu viel getrunken,<br /></span> -<span class="i0">Ist er schmählich vom Roß gesunken.<br /></span> -<span class="i0">Hab' gleich gedacht, es wird so gehn,<br /></span> -<span class="i0">Als ich ihn habe reiten sehn,<br /></span> -<span class="i0">Die Knie' hoch hinaufgezogen,<br /></span> -<span class="i0">Den Rücken krumm und schief gebogen,<br /></span> -<span class="i0">Die Brust mit Tressen eingedrückt,<br /></span> -<span class="i0">Kopf und Nacken niedergebückt.<br /></span> -<span class="i0">Denk' ich, wenn sein Rößlein scheut,<br /></span> -<span class="i0">Ihn sein Reiten gewiß gereut.<br /></span> -<span class="i0">Aber nein, ich will euch sagen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -<span class="i0">Warum er wollte den Wein verklagen<br /></span> -<span class="i0">Und stellte sich lieber als Säufer gar,<br /></span> -<span class="i0">Denn als ein schlechter Reiter dar:<br /></span> -<span class="i0">Das macht des Menschen Eitelkeit,<br /></span> -<span class="i0">Die ihn zu Trug und Lug verleit't.<br /></span> -<span class="i0">Will mancher lieber ein Laster haben,<br /></span> -<span class="i0">Hätt' er nur andere glänzende Gaben;<br /></span> -<span class="i0">Und mancher lieber eine Sünd' gesteht,<br /></span> -<span class="i0">Eh' er eine Lächerlichkeit verrät;<br /></span> -<span class="i0">Ein dritter will gar zur Hölle fahren,<br /></span> -<span class="i0">Um sich ein falsch Erröten zu sparen.<br /></span> -<span class="i0">So auch der fränkische Kapitan,<br /></span> -<span class="i0">Schämt sich und lügt uns lieber an,<br /></span> -<span class="i0">Will lieber Säufer sich lassen schelten,<br /></span> -<span class="i0">Als für einen schlechten Reiter gelten.«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Jesuitenbeichte">Jesuitenbeichte.</h3> - -<p class="center">(Nach dem Französischen.)</p> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich liebte zwanzig Mädchen nach der Reihe,<br /></span> -<span class="i0">Und jeder war mein ganzes Herz geweiht,<br /></span> -<span class="i0">Und jede schwur mir heute ew'ge Treue<br /></span> -<span class="i0">Und brach schon morgen ihren heil'gen Eid.<br /></span> -<span class="i0">Da schwur und flucht' ich, keinem Weib zu trauen.<br /></span> -<span class="i0">»Mein Sohn, wer flucht, der sündiget. Allein<br /></span> -<span class="i0">Die Schuld liegt diesmal wirklich an den Frauen;<br /></span> -<span class="i0">Du sollst versöhnet und entschuldigt sein.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Weil ich Bestechung haßte wie die Hölle,<br /></span> -<span class="i0">Fand mein Minister mich zu ungeschickt,<br /></span> -<span class="i0">Und einem feilen Kerl gab er die Stelle,<br /></span> -<span class="i0">Der sich vor seinem Kammerdiener bückt;<br /></span> -<span class="i0">Da wünschte ich Herrn C… zum Teufel.<br /></span> -<span class="i0">»Mein Sohn, welch rohe Leidenschaft! Allein<br /></span> -<span class="i0">Bei kaltem Blut bereust du ohne Zweifel;<br /></span> -<span class="i0">Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Mit schönen Worten, blendendem Versprechen<br /></span> -<span class="i0">Hat ein bekannter Herr mich arm gemacht,<br /></span> -<span class="i0">Und um mich für die Tausende zu rächen,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> -<span class="i0">Um die mich der Verräter hat gebracht,<br /></span> -<span class="i0">Schalt ich Herrn V… einen Beutelschneider.<br /></span> -<span class="i0">»Mein Sohn, das Wort war freilich grob. Allein<br /></span> -<span class="i0">Die Welt nennt ihn mit diesem Namen, leider;<br /></span> -<span class="i0">Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Das Sakrileg, ich will's gestehen, nannte<br /></span> -<span class="i0">Ich ein Gesetz für Sklaven nur gemacht;<br /></span> -<span class="i0">Der Menschheit Schmach und des Jahrhunderts Schande,<br /></span> -<span class="i0">Und P…, ihn, der es ausgedacht,<br /></span> -<span class="i0">Schalt ich den Mörder aller freien Seelen.<br /></span> -<span class="i0">»Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein<br /></span> -<span class="i0">Du irrtest menschlich, irren heißt nicht fehlen;<br /></span> -<span class="i0">Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und als ich diese arme Welt bedachte<br /></span> -<span class="i0">Und sah, wie alles schief und irrig geht,<br /></span> -<span class="i0">Wie man die Tugend und das Recht verlachte,<br /></span> -<span class="i0">Und wie jetzt Trug und Laster oben steht,<br /></span> -<span class="i0">Da – hielt ich Gott für einen leeren Namen!<br /></span> -<span class="i0">»Mein Sohn, du hast dich schwer verfehlt. Allein<br /></span> -<span class="i0">Gott ist barmherzig gegen Sünder, Amen;<br /></span> -<span class="i0">Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich liebte Eintracht in Palast und Hütten;<br /></span> -<span class="i0">Doch als ich schleichend wiederkehren sah<br /></span> -<span class="i0">Die Zwietracht an der Hand der Jesuiten,<br /></span> -<span class="i0">Da schwur ich ew'gen Haß <em class="gesperrt">Sankt Loyola</em>,<br /></span> -<span class="i0">Und ew'gen Haß und Rache seinen Söhnen!<br /></span> -<span class="i0">»Mein Sohn, ich bin die Langmut selbst! Allein<br /></span> -<span class="i0">Das heißt fürwahr das Heiligste verhöhnen!<br /></span> -<span class="i0">Vor <em class="gesperrt">uns</em> und Gott kannst du nicht schuldlos sein!«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Regel_fur_Kranke">Regel für Kranke.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Hast du mit dem Apotheker Streit,<br /></span> -<span class="i0">Es dem Arzt zu klagen vermeid';<br /></span> -<span class="i0">Hast du über den Arzt zu klagen,<br /></span> -<span class="i0">Sollst du's nicht dem Apotheker sagen;<br /></span> -<span class="i0">Denn sind sie auch Feinde immerdar,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">So werden sie Freund' am neuen Jahr,<br /></span> -<span class="i0">Verkünden: der hat dies gesagt,<br /></span> -<span class="i0">Und mir hat er von dir geklagt.<br /></span> -<span class="i0">Wirst du nun krank in den ersten Wochen,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Die</em> Arznei sie zusammenkochen:<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">»<em class="antiqua">Recipe</em>: Was er uns getan,<br /></span> -<span class="i0">Rühren wir ihm jetzt doppelt an;<br /></span> -<span class="i0">Zwanzig Drachmen von seinen Klagen<br /></span> -<span class="i0">Mit <em class="antiqua">Asa foetida</em> für den Magen.<br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Misceatur</em>, <em class="antiqua">detur</em>, nebst unsrem Groll,<br /></span> -<span class="i0">Alle zwei Stunden zwei Löffel voll.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und stirbst du nicht in der Blütezeit<br /></span> -<span class="i0">Ihrer neuen Herzinnigkeit,<br /></span> -<span class="i0">Lassen sie dich so lange liegen,<br /></span> -<span class="i0">Bis sie selbst wieder Händel kriegen.<br /></span> -</div> - -<div class="stanza"> -<span class="i6">*<sub class="spacer">*</sub>*<br /></span> -</div> - -<div class="stanza"> -<span class="i0">Merke: zweier Gegner Klagen<br /></span> -<span class="i0">Mußt du nicht hin und wieder tragen;<br /></span> -<span class="i0">Weißt nicht, ob, die geschieden scheinen,<br /></span> -<span class="i0">Sich nachmals gegen dich vereinen.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Schriftsteller">Schriftsteller.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es ist kein Autor so gering und klein,<br /></span> -<span class="i0">Der nicht dächt', etwas Recht's zu sein;<br /></span> -<span class="i0">Und wär' er noch so ein armer Wicht,<br /></span> -<span class="i0">Geht er doch stolz und aufgericht't,<br /></span> -<span class="i0">Daß man glaubt, der leere Hut<br /></span> -<span class="i0">Noch zu dem Kleinen gehören tut.<br /></span> -<span class="i0">Auch kein Autor auf den andern baut;<br /></span> -<span class="i0">Denn sei ein Paar noch so vertraut,<br /></span> -<span class="i0">Darfst heut den einen heruntersetzen,<br /></span> -<span class="i0">Willst du den andern höher schätzen,<br /></span> -<span class="i0">Und morgen, auf des zweiten Kösten,<br /></span> -<span class="i0">Läßt sich der erste nennen den Besten.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span></p> - -<h3 id="Lehre_aus_Erfahrung">Lehre aus Erfahrung.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Hat dir ein Autor Geld geliehn<br /></span> -<span class="i0">Und kommt und will den Wechsel ziehn,<br /></span> -<span class="i0">Und kannst doch nicht sogleich bezahlen,<br /></span> -<span class="i0">Ihm auch keinen andern Trug vormalen,<br /></span> -<span class="i0">So sprich getrost: »Jetzt weiß ich schon,<br /></span> -<span class="i0">'s war, als die treffliche Rezension,<br /></span> -<span class="i0">Wie Euer letztes Werk gelungen,<br /></span> -<span class="i0">Stund in den Literaturzeitungen;<br /></span> -<span class="i0">Waret gelobt übern Schellenkönig,<br /></span> -<span class="i0">Und dennoch, deucht es mir, zu wenig.<br /></span> -<span class="i0">Aber könntet Ihr nicht noch borgen<br /></span> -<span class="i0">Einige Zeit?« – »Seid ohne Sorgen,«<br /></span> -<span class="i0">Der Autor darauf ganz freundlich spricht,<br /></span> -<span class="i0">»Nach meinem Geld verlangt mich nicht,<br /></span> -<span class="i0">Bleibet mein Freund; 's hat kein' Gefahr<br /></span> -<span class="i0">Könnt mich bezahlen bis übers Jahr.«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Amor_der_Rauber">Amor der Räuber.</h3> - -<p class="center">(Nach dem Italienischen.)</p> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Die <em class="gesperrt">Unschuld</em> saß in grüner Laube,<br /></span> -<span class="i0">Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß;<br /></span> -<span class="i0">Und Amor kam: Gib mir die Taube,<br /></span> -<span class="i0">Ein Weilchen nur gib deine Taube!<br /></span> -<span class="i0">Die Unschuld ließ sie lächelnd los,<br /></span> -<span class="i0">Doch hielt sie Täubchen an dem Band,<br /></span> -<span class="i0">Das sich um Täubchens Flügel wand.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch kaum hat er die weiße Taube,<br /></span> -<span class="i0">So schneidet er den Faden ab;<br /></span> -<span class="i0">Und höhnisch lachend, mit dem Raube<br /></span> -<span class="i0">Entflieht der Räuber aus der Laube,<br /></span> -<span class="i0">Und nimmer kehrt der lose Knab';<br /></span> -<span class="i0">Und als ihr Täubchen nimmer kam,<br /></span> -<span class="i0">Ward sie dem Räuber ewig gram.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span></p> - -<h3 id="Stille_Liebe">Stille Liebe.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge<br /></span> -<span class="i0">Oft so entzückend mir entgegenstrahlt,<br /></span> -<span class="i0">Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe,<br /></span> -<span class="i0">Die Wangen ihr mit hoher Röte malt!<br /></span> -<span class="i0">Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen,<br /></span> -<span class="i0">Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt?<br /></span> -<span class="i0">Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe,<br /></span> -<span class="i0">Der so entzückend ihrem Blick entquillt?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Warum hat doch ihr Händchen so gezittert,<br /></span> -<span class="i0">Als ich ihr gestern guten Abend bot,<br /></span> -<span class="i0">Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute,<br /></span> -<span class="i0">Was machte sie auf einmal doch so rot?<br /></span> -<span class="i0">Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben,<br /></span> -<span class="i0">So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt;<br /></span> -<span class="i0">Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen<br /></span> -<span class="i0">Am Busen und am Sommerhütchen trägt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Warum schwieg sie auf einmal heute stille<br /></span> -<span class="i0">Und wußte nicht mehr, was ich sie gefragt?<br /></span> -<span class="i0">Hat sie gemerkt, was ich ihr gerne sagte?<br /></span> -<span class="i0">Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort gesagt.<br /></span> -<span class="i0">O hätt' ich Mut! dürft' ich Luisen sagen,<br /></span> -<span class="i0">Was mich so still, was mich so tief beglückt!<br /></span> -<span class="i0">O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge<br /></span> -<span class="i0">Oft so entzückend mir entgegenblickt!<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Hoffe">Hoffe!</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Stimme von dem braunen Hügel,<br /></span> -<span class="i2">Die du oft ins stille Tal<br /></span> -<span class="i0">Widertönst die lauten Worte,<br /></span> -<span class="i2">Lieben trauten Widerhall,<br /></span> -<span class="i0">Stimme, die du meine Lieder,<br /></span> -<span class="i0">Die Akkorde meiner Zither<br /></span> -<span class="i2">Widertönst, erschalle,<br /></span> -<span class="i0">Gib nicht neckend meine Frage wieder,<br /></span> -<span class="i0">Gib mir Antwort, Stimm' im stillen Tale.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Stiller Strom im grauen Bette,<br /></span> -<span class="i2">Eile nicht so schnell davon,<br /></span> -<span class="i0">Daß mein Ohr einmal verstände<br /></span> -<span class="i2">Deiner Wellen leisen Ton;<br /></span> -<span class="i0">Deine schönen Silberquellen<br /></span> -<span class="i0">Sollen traulich mir erzählen,<br /></span> -<span class="i2">Rausche lauter, rausche,<br /></span> -<span class="i0">Sprich zu meinem Ohr aus deinen Wellen,<br /></span> -<span class="i0">Daß ich deine Sagen mir erlausche.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die ihr an dem alten Turme<br /></span> -<span class="i2">Oft im Mondesschimmer webt<br /></span> -<span class="i0">Und in nächtlich-stiller Stunde<br /></span> -<span class="i2">Durch den blassen Hain entschwebt,<br /></span> -<span class="i0">Nebelschatten alter Helden,<br /></span> -<span class="i0">Ach, daß sie mir doch erzählten,<br /></span> -<span class="i2">Steht mir Red', ich frage,<br /></span> -<span class="i0">Wollt ihr nichts aus euren Tagen melden,<br /></span> -<span class="i0">O wie gerne lauscht' ich eurer Sage.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Von den alten, öden Zinnen<br /></span> -<span class="i2">Schauen düster sie herab,<br /></span> -<span class="i0">Ach, sie blicken von den Türmen<br /></span> -<span class="i2">Schweigend in ein ödes Grab;<br /></span> -<span class="i0">Alles Edle ist verklungen,<br /></span> -<span class="i0">Alles hat die Zeit verschlungen,<br /></span> -<span class="i2">Dem Geschlecht hienieden,<br /></span> -<span class="i0">Das so tief in seinem Fluch gesunken,<br /></span> -<span class="i0">Haben keine Antwort sie beschieden!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Auch des Stromes stille Wellen<br /></span> -<span class="i2">Haben schönre Zeit gesehen.<br /></span> -<span class="i0">Als noch edlere Geschlechter<br /></span> -<span class="i2">Bauten auf der Berge Höhen,<br /></span> -<span class="i0">Stolz verachtet er die Frage,<br /></span> -<span class="i0">Uebertönet meine Klage,<br /></span> -<span class="i2">Seine blauen Wogen<br /></span> -<span class="i0">Denken schweigend jener schönen Tage,<br /></span> -<span class="i0">Schweigend sind durchs Tal sie hingezogen.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und so steh' ich denn alleine<br /></span> -<span class="i2">In der stillen Mondesnacht,<br /></span> -<span class="i0">Weine um die trüben Zeiten,<br /></span> -<span class="i2">Ob kein neu Geschlecht erwacht?<br /></span> -<span class="i0">Ach, daß sich mein Volk ermannte,<br /></span> -<span class="i0">Daß es sprengte seine Bande!<br /></span> -<span class="i2">Ob ich wohl noch hoffe?<br /></span> -<span class="i0">Lautlos fließt der Strom vom grauen Strande,<br /></span> -<span class="i0">Nur das leise Echo ruft mir: Hoffe!<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Trost">Trost.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Mißgunst lauscht auf allen Wegen,<br /></span> -<span class="i0">Daß sie der Liebe Glück verrät,<br /></span> -<span class="i0">Doch treue, zarte Liebe geht<br /></span> -<span class="i0">Auf tausend unbewachten Stegen;<br /></span> -<span class="i0">Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick<br /></span> -<span class="i0">Sagt mir der Liebe süßes Glück.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und zog ich auch in weite Ferne,<br /></span> -<span class="i0">Es zog mit mir mein stilles Glück,<br /></span> -<span class="i0">Denn schau' ich nicht der Liebe Blick,<br /></span> -<span class="i0">So blick' ich auf zum Abendsterne;<br /></span> -<span class="i0">Wie ihres Auges stille Glut<br /></span> -<span class="i0">Strahlt er ins Herz getrosten Mut.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wallen meine Tage trüber,<br /></span> -<span class="i0">Und dringt kein Trost von ihr zu mir,<br /></span> -<span class="i0">Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr,<br /></span> -<span class="i0">Kein Wort von ihr zu mir herüber; –<br /></span> -<span class="i0">Mein stilles Glück ist nicht getrübt,<br /></span> -<span class="i0">Ich weiß ja doch, daß sie mich liebt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Drum klag' ich nicht in weiter Ferne,<br /></span> -<span class="i0">Weil Neid der Liebe Weg belauscht,<br /></span> -<span class="i0">Wenn auch nicht Wort mit Wort sich tauscht,<br /></span> -<span class="i0">Mir strahlt ein Trost im Abendsterne:<br /></span> -<span class="i0">Aus seinen milden Strahlen quillt<br /></span> -<span class="i0">Mir meiner Liebe trautes Bild.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p> - -<h3 id="Sehnsucht">Sehnsucht.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Sonne grüßt Tubingas Höhn,<br /></span> -<span class="i0">Der Berge Morgennebel fallen,<br /></span> -<span class="i0">Und leichte Frühlingslüfte wehn,<br /></span> -<span class="i0">Im Tal die Herdenglocken schallen,<br /></span> -<span class="i0">Des Neckars sanfte Welle quillt<br /></span> -<span class="i0">An der Gestade Rebenhügel,<br /></span> -<span class="i0">Es taucht die alte Burg ihr Bild<br /></span> -<span class="i0">In seinen silberreinen Spiegel.<br /></span> -<span class="i0">Wie wär' der Morgen doch so schön,<br /></span> -<span class="i0">Könnt' ich mit <em class="gesperrt">dir</em> mich da ergehn!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und reger wogt's am Ufer hin,<br /></span> -<span class="i0">Wenn Mittag zu den Schatten ladet,<br /></span> -<span class="i0">Wenn sich durch frisches Blättergrün<br /></span> -<span class="i0">Die Sonne in dem Strome badet;<br /></span> -<span class="i0">Der Hirte zieht den Linden zu,<br /></span> -<span class="i0">Der Winzer steigt vom Berge nieder,<br /></span> -<span class="i0">Und in des kühlen Strandes Ruh'<br /></span> -<span class="i0">Erwachen ihre Kräfte wieder;<br /></span> -<span class="i0">Am Neckarstrand ruht' ich so gerne,<br /></span> -<span class="i0">Wär' nicht Luise in der Ferne.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Abend senket seinen Strahl,<br /></span> -<span class="i0">Die Herden ziehen von den Weiden,<br /></span> -<span class="i0">Und fernhin durch das holde Tal<br /></span> -<span class="i0">Die Dörfer zu der Ruhe läuten;<br /></span> -<span class="i0">Da kommen Mädchen Hand in Hand<br /></span> -<span class="i0">Den Wiesenplan heraufgezogen;<br /></span> -<span class="i0">Es wölbt für sie am grünen Strand<br /></span> -<span class="i0">Der Lindengang die hohen Bogen;<br /></span> -<span class="i0">Doch jenen Linden fehlt das eine,<br /></span> -<span class="i0">Ich wandle ohne <em class="gesperrt">sie</em> – alleine!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Auf geht des Mondes Silberstrahl,<br /></span> -<span class="i0">Er malt den Berg mit falbem Glanze,<br /></span> -<span class="i0">Er ruft die Geister in das Tal,<br /></span> -<span class="i0">Er leuchtet ihrem Reigentanze;<br /></span> -<span class="i0">Ihr Berge all von Duft umhüllt,<br /></span> -<span class="i0">Du Tal am Strome auf und nieder,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span> -<span class="i0">Du wärst so hold, du wärst so mild,<br /></span> -<span class="i0">Dir weiht' ich meine frohsten Lieder –<br /></span> -<span class="i0">Du wärst so schön im Abendscheine,<br /></span> -<span class="i0">Schlüg' <em class="gesperrt">sie</em> ihr Aug' hier in das meine.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Ihr_Auge">Ihr Auge.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich weiß wo einen Bronnen<br /></span> -<span class="i0">Voll hellem Himmelstau,<br /></span> -<span class="i0">Es glänzt der Strahl der Sonnen<br /></span> -<span class="i0">Aus seines Spiegels Blau;<br /></span> -<span class="i0">Er ladet klar und helle<br /></span> -<span class="i0">Zu süßer Wonne ein,<br /></span> -<span class="i0">Es winkt aus seiner Quelle<br /></span> -<span class="i0">Der Sonne milder Schein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Mir war, als sollte drunten<br /></span> -<span class="i0">In seiner klaren Flut<br /></span> -<span class="i0">Das arme Herz gesunden<br /></span> -<span class="i0">Von seinem bangen Mut.<br /></span> -<span class="i0">Ich tauchte freudig nieder<br /></span> -<span class="i0">Ins klare Blaue hinab,<br /></span> -<span class="i0">Mein Herz, das kam nicht wieder,<br /></span> -<span class="i0">Fand in dem Quell sein Grab.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Kennst du den süßen Bronnen,<br /></span> -<span class="i0">So klar und silberhell?<br /></span> -<span class="i0">Kennst du den Strahl der Sonnen<br /></span> -<span class="i0">Aus seinem blauen Quell?<br /></span> -<span class="i0">Das ist des Liebchens Auge,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Ihr</em> süßer Silberblick, –<br /></span> -<span class="i0">Aus seiner Tiefe tauche<br /></span> -<span class="i0">Ich nie zum Licht zurück.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p> - -<h3 id="Serenade">Serenade.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wenn vom Berg mit leisem Tritte<br /></span> -<span class="i0">Luna wandelt durch die Nacht,<br /></span> -<span class="i0">Eil' ich zu des Liebchens Hütte,<br /></span> -<span class="i0">Lausche, ob die Holde wacht.<br /></span> -<span class="i0">Seh' ich dort die Lampe glühen<br /></span> -<span class="i0">In dem stillen Kämmerlein,<br /></span> -<span class="i0">Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein,<br /></span> -<span class="i0">Spielend um die zarten Wangen ziehen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Mit des Lichtes schönsten Strahlen<br /></span> -<span class="i0">Zög' ich um mein liebes Kind,<br /></span> -<span class="i0">Farben wollt' ich um sie malen,<br /></span> -<span class="i0">Wie sie nur am Himmel sind;<br /></span> -<span class="i0">Sänke Schlummer ihr aufs Auge,<br /></span> -<span class="i0">Löschte sie des Lämpchens Schein,<br /></span> -<span class="i0">Wär' ihr letzter, süßer Blick noch mein,<br /></span> -<span class="i0">Und ich stürbe sanft in ihrem Hauche.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Nimmer darf ich um sie weben<br /></span> -<span class="i0">Wie der Lampe milder Schein,<br /></span> -<span class="i0">Doch mein Lied darf zu ihr schweben,<br /></span> -<span class="i0">Darf der Liebe Bote sein.<br /></span> -<span class="i0">Schwebt denn, Töne meiner Laute,<br /></span> -<span class="i0">Zu des Liebchens Kämmerlein,<br /></span> -<span class="i0">Wieget sie in süße Träume ein<br /></span> -<span class="i0">Und dann flüstert: »Denke mein, du Traute!«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Lied_aus_der_Ferne">Lied aus der Ferne.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ihr Töne meiner Saiten,<br /></span> -<span class="i2">Ihr tönt so sanft, so mild,<br /></span> -<span class="i0">Mit Träumen ferner Freuden<br /></span> -<span class="i2">Habt ihr mein Herz erfüllt.<br /></span> -<span class="i0">Des Liebchens Kuß, des Liebchens Blick,<br /></span> -<span class="i2">Führt mir der sanfte Ton zurück,<br /></span> -<span class="i2">Der eurem Hauch entquillt!<br /></span> -<span class="i0">O lispelt leise, leise!<br /></span> -<span class="i2">Dann träum' ich schönre Zeiten<br /></span> -<span class="i2">Und meiner Liebe Bild.<br /></span> -<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span></div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wenn auf der Berge Höhen<br /></span> -<span class="i2">Der Strahl des Morgens fällt,<br /></span> -<span class="i0">Möcht' ich mit Windeswehen<br /></span> -<span class="i2">Zu meiner Jugendwelt,<br /></span> -<span class="i0">Möcht' eilen mit des Morgens Strahl<br /></span> -<span class="i2">Zum blauen Berg, zum fernen Tal,<br /></span> -<span class="i2">Das sie umfangen hält.<br /></span> -<span class="i0">Vergebens, ach, vergebens!<br /></span> -<span class="i2">Mir blüht kein Wiedersehen<br /></span> -<span class="i2">In meiner Jugendwelt.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Die_Freundinnen_an_der_Freundin_Hochzeittage">Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">In deines Festes fröhliche Gesänge<br /></span> -<span class="i0">Mischt sich ein trauter Ton aus alter Zeit,<br /></span> -<span class="i0">Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge<br /></span> -<span class="i0">Zurück noch einmal zur Vergangenheit;<br /></span> -<span class="i0">Die Freundschaft ist's, es sind der Schwestern Tritte,<br /></span> -<span class="i0">Sie pochen schüchtern an der Pforte an,<br /></span> -<span class="i0">Sie nahen dir, sie flüstern ihre Bitte<br /></span> -<span class="i0">Und fragen freundlich: Denkst du noch daran?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Denkst du daran, wie wir uns einst gefunden<br /></span> -<span class="i0">In unsrer Kindheit holder Blumenwelt?<br /></span> -<span class="i0">Es waren unsres Lebens Morgenstunden,<br /></span> -<span class="i0">Vom Frührot reiner Freuden schön erhellt;<br /></span> -<span class="i0">Der Schule Mühen, alle frohen Spiele<br /></span> -<span class="i0">Und aller Jubel von der Kindheit Bahn,<br /></span> -<span class="i0">Sie steigen auf in freudigem Gewühle<br /></span> -<span class="i0">Und fragen mit uns: Denkst du noch daran?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Denkst du daran, wie an der Kindheit Grenzen<br /></span> -<span class="i0">Uns eine schönre Freudenwelt empfing?<br /></span> -<span class="i0">Wie uns ein Leben, voll Gesang und Tänzen,<br /></span> -<span class="i0">Gefaßt in seinen wundervollen Ring?<br /></span> -<span class="i0">Und wie auch ernste deutungsvolle Tage<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens Ernst und Züge zeigten an?<br /></span> -<span class="i0">Es war der Jugend Frühlingstag; o sage,<br /></span> -<span class="i0">Die Schwestern bitten: Denkst du noch daran?<br /></span> -<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wohl trittst du jetzt in ernster Frauen Kreise,<br /></span> -<span class="i0">Die Myrte schmückt zum letztenmal dein Haar,<br /></span> -<span class="i0">Du tändelst nicht mehr nach der Mädchen Weise,<br /></span> -<span class="i0">Du nimmst jetzt Abschied von der Jungfraun Schar.<br /></span> -<span class="i0">Doch blickst du künftig ernst in unsern Reigen,<br /></span> -<span class="i0">Schilt unsre Freuden dann nicht leeren Wahn;<br /></span> -<span class="i0">Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen<br /></span> -<span class="i0">Und lächelnd sagen: Denkst du noch daran?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Du denkst daran – und zum Gedächtnismale,<br /></span> -<span class="i0">Als eine reine, jungfräuliche Zier,<br /></span> -<span class="i0">Nimm von den Schwestern die kristallne Schale,<br /></span> -<span class="i0">Wir reichen sie mit frommen Wünschen dir.<br /></span> -<span class="i0">So werden wir in deinem Herzen leben,<br /></span> -<span class="i0">Denn siehst du einmal diese Schale an,<br /></span> -<span class="i0">Dann wird dich die Erinnerung umschweben,<br /></span> -<span class="i0">Und freundlich sagst du: »Ja, ich denk' daran.«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="An_Emilie">An Emilie.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Zum Garten ging ich früh hinaus,<br /></span> -<span class="i0">Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde?<br /></span> -<span class="i0">Nach manchem Blümchen schaut' ich aus,<br /></span> -<span class="i0">Ich wollt's für dich zum Angebinde;<br /></span> -<span class="i0">Umsonst hatt' ich mich hinbemüht,<br /></span> -<span class="i0">Vergebens war mein freudig Hoffen;<br /></span> -<span class="i0">Das Veilchen war schon abgeblüht,<br /></span> -<span class="i0">Von andern Blümchen keines offen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und trauernd späht' ich her und hin,<br /></span> -<span class="i0">Da tönte zu mir leise, leise<br /></span> -<span class="i0">Ein Flüstern aus der Zweige Grün,<br /></span> -<span class="i0">Gesang nach sel'ger Geister Weise;<br /></span> -<span class="i0">Und lieblich, wie des Morgens Licht<br /></span> -<span class="i0">Des Tales Nebelhüllen scheidet,<br /></span> -<span class="i0">Ein Röschen aus der Knospe bricht,<br /></span> -<span class="i0">Das seine Blätter schnell verbreitet.<br /></span> -<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span></div><div class="stanza"> -<span class="i0">»Du suchst ein Blümchen?« spricht's zu mir,<br /></span> -<span class="i0">»So nimm mich hin mit meinen Zweigen,<br /></span> -<span class="i0">Bring mich zum Angebinde ihr!<br /></span> -<span class="i0">Ich bin der <em class="gesperrt">wahren</em> Freude Zeichen.<br /></span> -<span class="i0">Ob auch mein Glanz vergänglich sei,<br /></span> -<span class="i0">Es treibt aus ihrem treuen Schoße<br /></span> -<span class="i0">Die Erde meine Knospen neu,<br /></span> -<span class="i0">Drum unvergänglich ist die Rose.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wie mein Leben ewig quillt<br /></span> -<span class="i0">Und Knosp' um Knospe sich erschließet,<br /></span> -<span class="i0">Wenn mich die Sonne sanft und mild<br /></span> -<span class="i0">Mit ihrem Feuerkuß begrüßet,<br /></span> -<span class="i0">So deine Freundin ewig blüht,<br /></span> -<span class="i0">Beseelt vom Geiste ihrer Lieben,<br /></span> -<span class="i0">Denn ob der Rose Schmelz verglüht –<br /></span> -<span class="i0">Der Rose Leben ist geblieben.«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Der_Kranke">Der Kranke.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Zitternd auf der Berge Säume<br /></span> -<span class="i0">Fällt der Sonne letzter Strahl,<br /></span> -<span class="i0">Eingewiegt in düstre Träume<br /></span> -<span class="i0">Blickt der Kranke in das Tal,<br /></span> -<span class="i0">Sieht der Wolken schnelles Jagen<br /></span> -<span class="i0">Durch das trübe Dämmerlicht –<br /></span> -<span class="i0">Ach, des Busens stille Klagen<br /></span> -<span class="i0">Tragen ihn zur Heimat nicht!<br /></span> -<span class="i0">Und mit glänzendem Gefieder<br /></span> -<span class="i0">Zog die Schwalbe durch die Luft,<br /></span> -<span class="i0">Nach der Heimat zog sie wieder,<br /></span> -<span class="i0">Wo ein milder Himmel ruft;<br /></span> -<span class="i0">Und er hört ihr fröhlich Singen,<br /></span> -<span class="i0">Sehnsucht füllt des Armen Blick,<br /></span> -<span class="i0">Ach, er sah sie auf sich schwingen,<br /></span> -<span class="i0">Und sein Kummer bleibt zurück.<br /></span> -<span class="i0">Schöner Fluß mit blauem Spiegel,<br /></span> -<span class="i0">Hörst du seine Klagen nicht?<br /></span> -<span class="i0">Sag' es seiner Heimat Hügel,<br /></span> -<span class="i0">Daß des Kranken Busen bricht.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span> -<span class="i0">Aber kalt rauscht er vom Strande<br /></span> -<span class="i0">Und entrollt ins stille Tal,<br /></span> -<span class="i0">Schweiget in der Heimat Lande<br /></span> -<span class="i0">Von des Kranken stiller Qual.<br /></span> -<span class="i0">Und der Arme stützt die Hände<br /></span> -<span class="i0">An das müde, trübe Haupt;<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Eins</em> ist noch, wohin sich wende<br /></span> -<span class="i0">Der, dem aller Trost geraubt;<br /></span> -<span class="i0">Schlägt das blaue Auge wieder<br /></span> -<span class="i0">Mutig auf zum Horizont,<br /></span> -<span class="i0">Immer stieg ja Trost hernieder<br /></span> -<span class="i0">Dorther, wo die Liebe wohnt.<br /></span> -<span class="i0">Und es netzt die blassen Wangen<br /></span> -<span class="i0">Heil'ger Sehnsucht stiller Quell,<br /></span> -<span class="i0">Und es schweigt das Erdverlangen,<br /></span> -<span class="i0">Und das Auge wird ihm hell:<br /></span> -<span class="i0">Nach der ew'gen Heimat Lande<br /></span> -<span class="i0">Strebt sein Sehnen kühn hinauf,<br /></span> -<span class="i0">Sehnsucht sprengt der Erde Bande,<br /></span> -<span class="i0">Psyche schwingt zum Licht sich auf.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Grabgesang">Grabgesang.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Vor des Friedhofs dunkler Pforte<br /></span> -<span class="i0">Bleiben Leid und Schmerzen stehn,<br /></span> -<span class="i0">Dringen nicht zum heil'gen Orte,<br /></span> -<span class="i0">Wo die sel'gen Geister gehn,<br /></span> -<span class="i0">Wo nach heißer Tage Glut<br /></span> -<span class="i0">Unser Freund in Frieden ruht.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Zu des Himmels Wolkentoren<br /></span> -<span class="i0">Schwang die Seele sich hinan,<br /></span> -<span class="i0">Fern von Schmerzen, neu geboren,<br /></span> -<span class="i0">Geht sie auf – die Sternenbahn;<br /></span> -<span class="i0">Auch vor jenen heil'gen Höhn<br /></span> -<span class="i0">Bleiben Leid und Schmerzen stehn.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sehnsucht gießet ihre Zähren<br /></span> -<span class="i0">Auf den Hügel, wo er ruht;<br /></span> -<span class="i0">Doch ein Hauch aus jenen Sphären<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -<span class="i0">Füllt das Herz mit neuem Mut;<br /></span> -<span class="i0">Nicht zur Gruft hinab – hinan,<br /></span> -<span class="i0">Aufwärts ging des Freundes Bahn.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Drum auf des Gesanges Schwingen<br /></span> -<span class="i0">Steigen wir zu ihm empor,<br /></span> -<span class="i0">Unsre Trauertöne dringen<br /></span> -<span class="i0">Aufwärts zu der Sel'gen Chor,<br /></span> -<span class="i0">Tragen ihm in stille Ruh'<br /></span> -<span class="i0">Unsre letzten Grüße zu.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Aus_dem_Stammbuche_eines_Freundes">Aus dem Stammbuche eines Freundes.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wird dir einst die Nachricht zugesandt,<br /></span> -<span class="i0">Daß zu den Vätern ich versammelt wäre,<br /></span> -<span class="i0">So trink und sprich: »Ich hab' ihn auch gekannt!«<br /></span> -<span class="i0">Mach hier ein Kreuz – und gib mir eine Zähre.<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 id="Logogryph">Logogryph.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet?<br /></span> -<span class="i0">Kennst du der Liebe trauliches Symbol?<br /></span> -<span class="i0">Das feste Band, das sich um Freunde windet,<br /></span> -<span class="i0">Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen;<br /></span> -<span class="i0">Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind;<br /></span> -<span class="i0">Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen,<br /></span> -<span class="i0">Hast du die finstre Macht, die ich gemeint.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">So lang die Welt steht, liegen diese beiden<br /></span> -<span class="i0">Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust;<br /></span> -<span class="i0">Halt fest am <em class="gesperrt">Ganzen</em>, laß sie nimmer streiten<br /></span> -<span class="i0">In deiner stillen und zufriednen Brust.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p> - -<h3 id="Drei_Ratsel">Drei Rätsel.</h3> -</div> - -<h4>1.</h4> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es ist ein Wort, dreideutig dem Germanen;<br /></span> -<span class="i0">Einst war das <em class="gesperrt">Erste</em> furchtbar seinen Ahnen;<br /></span> -<span class="i0">Der schwere Zeiger der Geschichte rückt,<br /></span> -<span class="i0">Der Deutsche erbt das Zepter; ihr erblickt,<br /></span> -<span class="i0">Wie dem erwählten deutschen Sohne<br /></span> -<span class="i0">Im <em class="gesperrt">Zweiten</em> die gewicht'ge Krone<br /></span> -<span class="i0">Der Bischof auf die Stirne drückt.<br /></span> -<span class="i0">Es kreist im hochgewölbten Saale<br /></span> -<span class="i0">Das <em class="gesperrt">Dritte</em> bei dem Krönungsmahle.<br /></span> -</div></div> - -<h4>2.</h4> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Noch sitzt auf halbzerfallnem Throne,<br /></span> -<span class="i0">Noch hält die längst bestrittne Krone<br /></span> -<span class="i0">Die alte Königin der Welt.<br /></span> -<span class="i0">Ob sie wohl je vom Throne fällt?<br /></span> -<span class="i0">Vielleicht; doch liest du sie von hinten,<br /></span> -<span class="i0">So wirst du einen König finden,<br /></span> -<span class="i0">Der herrscht, seitdem die Welt besteht,<br /></span> -<span class="i0">Des Reich nur mit der Welt vergeht;<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Sie</em> schießt nicht ew'ge Donnerkeile,<br /></span> -<span class="i0">Doch ewig treffen <em class="gesperrt">seine</em> Pfeile.<br /></span> -</div></div> - -<h4>3.</h4> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Einst hieß man mich die schönste aller Frauen,<br /></span> -<span class="i0">Selbst Könige entzweite meine Macht.<br /></span> -<span class="i0">Zehntausend Krieger aus Europas Gauen,<br /></span> -<span class="i0">Von Asiens Landen schlugen manche Schlacht,<br /></span> -<span class="i0">Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel,<br /></span> -<span class="i0">Als bis erschlagen alle Heldensöhne<br /></span> -<span class="i0">Und bis ein stolzes Königshaus zerfiel;<br /></span> -<span class="i0">Und dennoch pries man die unsel'ge Schöne.<br /></span> -<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wieder tönte jüngst mein alter Namen,<br /></span> -<span class="i0">Doch bin ich häßlich und verlassen nun,<br /></span> -<span class="i0">Von allen, die des Weges zu mir kamen,<br /></span> -<span class="i0">Will keiner lang an meiner Seite ruhn;<br /></span> -<span class="i0">Nur einer kam, der erste, dem nicht graut,<br /></span> -<span class="i0">An meinem Herd für immer still zu liegen,<br /></span> -<span class="i0">Der lange mir ins blasse Antlitz schaut<br /></span> -<span class="i0">Und bitter lacht ob meinen düstern Zügen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ach, darum also,« sprach er, »läßt du feiern<br /></span> -<span class="i0">Dein unheilvoll Gedächtnis bis auf heut,<br /></span> -<span class="i0">Damit du reihtest zu den alten Freiern<br /></span> -<span class="i0">Auch einen Heros aus der neuen Zeit?<br /></span> -<span class="i0">Doch lockst du mich mit keinem Erdentand,<br /></span> -<span class="i0">Denn Zeus zerschlug <em class="gesperrt">dein</em> Ilium in Scherben;<br /></span> -<span class="i0">Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand,<br /></span> -<span class="i0">So laß mich denn in deinen Armen sterben.«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3 id="Scharade">Scharade.</h3> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Der <em class="gesperrt">ersten</em> Silb' entströmen Wein und Lieder,<br /></span> -<span class="i0">Und was du einsam denkst, macht sie bekannt,<br /></span> -<span class="i0">Oft geht sie mit dem Zwang auch Hand in Hand,<br /></span> -<span class="i0">Schlägt selbst in Fesseln deine freien Glieder!<br /></span> -<span class="i0">Doch gibt das <em class="gesperrt">zweite</em> Paar dir Hoffnung wieder;<br /></span> -<span class="i0">Sein Feueratem weht von Land zu Land,<br /></span> -<span class="i0">Sprengt deines Kerkers festgetürmte Wand,<br /></span> -<span class="i0">Wirft deine Häscher, deine Fesseln nieder.<br /></span> -<span class="i0">Scheint <em class="gesperrt">Zwei</em> mit <em class="gesperrt">Eins</em> sich nimmer zu vertragen.<br /></span> -<span class="i0">So ist <em class="gesperrt">das Ganze</em> doch ein hohes Wort,<br /></span> -<span class="i0">Woran man nur den Widerspruch getadelt;<br /></span> -<span class="i0">Doch hat sein Widerspruch manch großen Geist geadelt!<br /></span> -<span class="i0">Fürwahr! es starb des <em class="gesperrt">Letzten</em> letzter Hort,<br /></span> -<span class="i0">Wär' es gestorben jüngst in unsern Tagen.<br /></span> -</div></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p> - -<h2 id="Novellen">Novellen.</h2> - -<p class="center">Erster Teil.</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span></p> - -<h3 id="Inhalt_Novellen">Inhaltsverzeichnis.</h3> - -<table summary="Inhalt Novellen"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich</td> - <td class="tdr"><a href="#Vertrauliches_Schreiben">57</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Othello</td> - <td class="tdr"><a href="#Othello">63</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Bettlerin vom Pont des Arts</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Bettlerin_vom_Pont_des_Arts">104</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Jud Süß</td> - <td class="tdr"><a href="#Jud_Suss">200</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span> - -<h3 id="Vertrauliches_Schreiben">Vertrauliches Schreiben<br /> -<span class="smaller">an</span><br /> -<span class="larger">Herrn W. A. Spöttlich,</span></h3> - -<p class="center smaller">Vizebataillonschirurgen a. D. und Mautbeamten in Tempelhof bei Berlin.</p> -</div> - -<p>Sie werden mich verbinden, verehrter Herr, wenn Sie -diese Vorrede lesen, welche ich einer kleinen Sammlung von -Novellen vordrucken lasse. Ich ergreife nämlich diesen Weg, -einiges mit Ihnen zu besprechen, teils weil mir nach sechs unbeantwortet -gebliebenen Briefen das Porto bis Tempelhof zu -teuer deuchte, teils aber auch, weil Sie vielleicht nicht begreifen, -warum ich diese Novellen gerade so geschrieben habe und nicht -anders.</p> - -<p>Sie werden nämlich nach Ihrer bekannten Weise, wenn -Sie »Novellen« auf dem Titel lesen, die kleinen Augen noch ein -wenig zudrücken, auf geheimnisvolle Weise lächeln und, sollte er -gerade zugegen sein, Herrn Amtmann Kohlhaupt versichern: -»Ich kenne den Mann, es ist alles erlogen, was er schreibt;« und -doch würden Sie sich gerade bei diesen Novellen sehr irren. Die -besten und berühmtesten Novellendichter Lopez de Vega, Boccaz, -Goethe, Calderon, Tieck, Scott, Cervantes und auch ein Tempelhofer -haben freilich aus einem unerschöpflichen Schatz der -Phantasie ihre Dichtungen hervorgebracht, und die unverwelklichen -Blumensträuße, die sie gebunden, waren nicht in Nachbars -Garten gepflückt, sondern sie stammten aus dem ewig -grünenden Paradies der Poesie, wozu, nach der Sage, Feen -ihren Lieblingen den unsichtbaren Schlüssel in die Wiege legen. -Daher kommt es auch, daß durch eine geheimnisvolle Kraft alles, -was sie gelogen haben, zur schönsten Wahrheit geworden ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span></p> - -<p>Geringere Sterbliche, welchen jene magische Springwurzel, -die nicht nur die unsichtbaren Wege der Phantasie erschließt, -sondern auch die festen und undurchdringlichen Pforten der -menschlichen Brust aufreißt, nicht zu teil wurde, müssen zu allerlei -Notbehelf ihre Zuflucht nehmen, wenn sie – Novellen -schreiben wollen. Denn das eben ist das Aergerliche an der -Sache, daß oft ihre Wahrheit als schlecht erfundene Lüge erscheint; -während die Dichtung jener Feenkinder für treue, unverfälschte -Wahrheit gilt.</p> - -<p>So bleibt oft uns geringen Burschen nichts übrig, als nach -einer Novelle zu <em class="gesperrt">spionieren</em>. Kaffeehäuser, Restaurationen, -italienische Keller und dergleichen sind für diesen Zweck nicht -sehr zu empfehlen. Gewöhnlich trifft man dort nur Männer, -und Sie wissen selbst, wie schlecht die Restaurationsmenschen -erzählen. Da wird nur dieses oder jenes Faktum schnell und -flüchtig hingeworfen; reine Nebenbemerkungen, nichts Malerisches; -ich möchte sagen, sie geben ihren Geschichten kein Fleisch, -und wie oft habe ich mich geärgert, wenn man von einer Hinrichtung -sprach, und dieser oder jener nur hinwarf »geköpft«, -»hingerichtet«, statt daß man, wie bei ordentlichen Erzählungen -gebräuchlich, den armen Sünder, seinen Beichtvater, den roten -Mantel des Scharfrichters, sein blinkendes Schwert sieht, ja -selbst die Luft pfeifen hört, wenn sein nerviger Arm den Streich -führt.</p> - -<p>Es gibt gewisse Weinstuben, wo sich ältere Herren versammeln -und nicht gerne einen »Jungen«, einen »Fremden« -unter sich sehen. Diese pflegen schon besser zu erzählen; dadurch, -daß sie diesen oder jenen Straßenraub, die geheimnisvolle, -unerklärliche Flucht eines vornehmen Herrn, einen plötzlichen -Sterbefall, wobei man »allerlei gemunkelt« habe, schon fünfzigmal -erzählten, haben ihre Geschichten einen Schmuck, ein stattliches -Kleid bekommen, und schreiten ehrbar fürder, während -die Geschichten der Restaurationsmenschen wie Schatten hingleiten. -Solche Herren haben auch eine Art von historischer -Gründlichkeit, und es gereicht mir immer zu hoher Freude, wenn -einer spricht: »Da bringen Sie mich auf einen sonderbaren -Vorfall,« sich noch eine halbe Flasche geben läßt und dann anhebt: -»In den siebziger Jahrgängen lebte in meiner Vaterstadt -ein Kavalier von geheimnisvollem Wesen.« – Solche -Herren trifft man allenthalben, und sie werden von mehreren -unserer neueren Novellisten stark benützt. Der bekannte **<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span> -versicherte mir, daß er einen ganzen Band seiner Novellen -solchen alten Nachtfaltern verdanke, und erst aus diesem Geständnis -konnte ich mir erklären, warum seine Novellen so -steif und trocken waren; sie kamen mir nachher allesamt vor wie -alte, verwelkte Junggesellen, die sich ihre Liebesabenteuer erzählen, -welche sämtlich anfangen: »Zu meiner Zeit.«</p> - -<p>Die ergiebigste Quelle aber für Novellisten unserer Art -sind Frauen, die das fünfundsechzigste hinter sich haben. Die -Welt nennt Medisance, was eigentlich nur eine treffliche Weise -zu erzählen ist; junge Mädchen von sechzehn, achtzehn pflegen -mit solchen Frauen gut zu stehen und sich wohl in acht zu -nehmen, daß sie ihnen keine Blöße geben, die sie in den Mund -der alten Novellistinnen bringen könnte; Frauen von dreißig -und ihre Hausfreunde gehen lieber eine Ecke weiter, um nicht -ihren Gesichtskreis zu passieren, oder wenn sie der Zufall mit -der Jugendfreundin ihrer seligen Großmutter zusammenführt, -pflegen sie das gute Aussehen der Alten zu preisen und hören -geduldig ein beißendes Lob der alten Zeiten an, das regelmäßig -ein sanftes Exordium, drei Teile über Hauswesen, Kleidung -und Kinderzucht, eine Nutzanwendung nebst einem frommen -Amen enthält. Solche ältere Frauen pflegen gegen jüngere -Männer, die ihnen einige Aufmerksamkeit schenken, einen gewissen -geheimnisvoll-zutraulichen Ton anzunehmen. Sie haben -für junge Mädchen und schöne Frauen, die jetzt dieselbe Stufe -in der Gesellschaft bekleiden, welche sie einst selbst behauptet -hatten, feine und bezeichnende Spitznamen, und erzählen den -Herren, die ihnen ein Ohr leihen, allerlei »kuriose« Sachen -von dem »Eichhörnlein und seiner Mutter«, auch »wie es in -diesem oder jenem Hause zugeht«, »galante Abenteuer von jenem -ältlichen, gesetzten Herrn, der nicht immer so gewesen«, und sind -sie nur erst in dem abenteuerlichen Gebiet geheimer Hofgeschichten -und schlechter Ehen, so spinnen sie mit zitternder Stimme, -feinem Lächeln und den teuersten Versicherungen Geschichten -aus, die man (natürlich mit veränderten Namen) sogleich in -jeden Almanach könnte drucken lassen.</p> - -<p>Niemand weiß so trefflich wie sie das Kostüm, das Gespräch, -die Sitten »vor fünfzig Jahren« wiederzugeben; ich -glaubte einst bei einer solchen Unterhaltung die Reifröcke -rauschen, die hohen Stelzschuhe klappern, die französischen Brocken -schnurren zu hören, die ganze Erzählung roch nach Ambra und -Puder wie die alten Damen selbst. Und so frisch und lebhaft<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span> -ist ihr Gedächtnis und Mienenspiel, daß ich einmal, als mir -eine dieser Damen von einer längst verstorbenen Frau Ministerin -erzählte und ihren Gang und ihren schnarrenden Ton -nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich diese Frau als -Kind gekannt, daß sie mir mit derselben schnarrenden Stimme -ein Zuckerbrot geschenkt habe. Mehrere Novellen, die ich aufgeschrieben, -beziehen sich auf geheime Familiengeschichten oder -sonderbare, abenteuerliche Vorfälle, deren wahre Ursachen wenig -ins Publikum kamen, und ich kann versichern, daß ich sie alle, -teils in Berlin, teils in Hannover, Kassel, Karlsruhe, selbst in -Dresden eben von solchen alten Frauen, den Chroniken ihrer -Umgebung, gehört und oft wörtlich wiedererzählt habe.</p> - -<p>Nur so ist es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüssel -zum Feenreich, gegenwärtig in Deutschland eine so bedeutende -Menge Novellen zu Tage fördern. Die wundervolle Märchenwelt -findet kein empfängliches Publikum mehr, die lyrische -Poesie scheint nur noch von wenigen geheiligten Lippen tönen zu -wollen, und vom alten Drama sind uns, sagt man, nur die -Dramaturgen geblieben. In einer solchen miserablen Zeit, -Verehrter, ist die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel -haben wir, wie eine Maske, von den großen Novellisten entlehnt, -und Gott und seine lieben Kritiker mögen wissen, ob die -nachstehenden Geschichten wirkliche und gerechte Novellen sind.</p> - -<p>Ich habe, mein werter Herr, dies alles gesagt, um Ihnen -darzutun, wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu schreiben, -wie man beim Novellenschreiben zu Werke gehe, und – daß -alles <em class="gesperrt">getreue</em> Wahrheit sei, wenn auch keine poetische, was -ich niedergeschrieben. Sie werden sich noch der guten Frau von -Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid von verblichenem -gelben Samt trug, das nur eine weiche Fortsetzung ihrer harten, -gelben Züge schien? Von ihr habe ich die Geschichte, »Othello« -betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Residenz -zu nennen, wo diese sonderbaren Szenen vorfielen, aber wenn -ich bedenke, daß sie zur selben Zeit Hofdame in Scherau war, als -Jean Paul dort lebte, so kann ich nicht anders glauben, als -die Geschichte sei an jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle -habe ich aus dem Mund der alten Gräfin Nelkenroth; man -hält sie allgemein für eine böse Frau, aber ich kann versichern, -daß ich sie über Josephens Schicksal Tränen vergießen sah. -Man will zwar behaupten, daß sie oft in Gesellschaften weinerliche -Geschichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -Maler versicherte, sie habe etwas von einer <em class="antiqua">Mater dolorosa</em>; -aber soviel ist gewiß, daß sie mehrere Personen des Stücks gekannt -haben will, und die Frau, bei welcher Herr von Fröben -in S. gewohnt hat, erzählte mir manche Sonderbarkeiten von -ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich die Geschichte -wiedererzählte, gaben sich vergebliche Mühe über Herrn von -Fröben und die Personen, mit welchen er in Berührung kam, -etwas Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild -der Dame nach dem Gemälde in der Boisseréeschen Galerie von -Strixner lithographiert worden sei. In Ostende, wo ich durch -mehrere Briefe nachforschte, konnte ich nichts erfahren, als daß -allerdings ein englisches Schiff, die »Luna«, Kapitän Wardwood, -im August Passagiere nach Portugal an Bord genommen -habe, und daß sich im Register des Hafendirektors ein Don -Petro de Montanjo nebst Nichte und Dienerschaft befinde. Am -Rhein, wo ich mich nach Herrn von Faldner und seiner Familie -erkundigte, und erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir -alles für Erfindung, denn es gäbe am ganzen Rhein hinab -nur gesittete Landwirte, die mit ihren Frauen wie die Engel -im Himmel leben.</p> - -<p>Sie sehen, ich habe keine Mühe gescheut, die Geschichten, -die ich erzähle, so glaubwürdig als möglich zu machen. Es -gibt freilich Leute, die mir dieser historischen Wahrheit wegen -gram sind und behaupten, der echte Dichter müsse keine Straße, -keine Stadt, keine bekannten Namen und Gegenstände nennen; -alles und jedes müsse rein erdichtet sein, nicht durch äußern -Schmuck, sondern von innen Wahrheit gewinnen, und wie -Mohammeds Sarg müsse es in der schönen lieben, blauen Luft -zwischen Himmel und Erde schweben. Andere halten es vielleicht -auch für »<em class="gesperrt">eine rechtswidrige Täuschung des -Publikums</em>« und können mich darüber belangen wollen, -daß ich behaupte, dies und jenes habe sich da und dort zugetragen, -und ich könne doch keine stadtgerichtlichen Zeugnisse beibringen. -Aber ist denn hier von echter Poesie, von echten Dichtern -die Rede? Man lege doch nicht an die Erzählungen einiger -alten Damen diesen erhabenen Maßstab! Goethe erzählte in -Dichtung und Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer -eine Türe und einen wunderschönen Garten gesehen. -Noch heute laufen alle Fremden hin (ich selbst war dort) und -beschauen die Mauer und wundern sich, daß man nicht wenigstens -die Reparatur schauen könne, wenngleich das Loch nur -geträumt und nie in der Mauer war. Solchen poetischen<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -Frevel gegen ein gesetztes Publikum mag man einem Goethe -vorrücken; armen Menschen, <em class="gesperrt">ohne</em> den Kammerherrnschlüssel -der Poesie, der die Mauern aufschließt, wenn sie auch keine -Türen haben, muß man solche Freiheiten zugute halten.</p> - -<p>Darum lesen Sie, verehrter Herr, diese Geschichten, so -abenteuerlich sie sein mögen, als reine, treue <em class="gesperrt">Wahrheit</em>; -es wird Sie weniger ärgern, als wenn Sie <em class="gesperrt">Dichtungen</em> -vor sich zu haben meinten, und Ihr scharfes Auge ein wirres -Gewebe unwahrscheinlicher Lügen fände.</p> - -<p class="right"> -W. H. -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p> - -<h3 id="Othello">Othello.</h3> - -<h4>1.</h4> -</div> - -<p>Das Theater war gedrängt voll, ein neuangeworbener -Sänger gab den <em class="gesperrt">Don Juan</em>. Das Parterre wogte, von -oben gesehen, wie die unruhige See, und die Federn und -Schleier der Damen tauchten wie schimmernde Fische aus den -dunkeln Massen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn -mit dem Anfang der Wintersaison war eine kleine Trauer eingefallen -und heute zum erstenmal drangen wieder die schimmernden -Farben der reichen Turbans, der wehenden Büsche, -der bunten Schals an das Licht hervor. Wie glänzend sich -aber auch der reiche Kranz von Damen um das Amphitheater -zog, das Diadem dieses Kreises schien ein herrliches, liebliches -Bild zu sein, das aus der fürstlichen Loge freundlich und hold -die Welt um und unter sich überschaute. Man war versucht, zu -wünschen, dieses schöne Kind möchte nicht so hoch geboren sein, -denn diese frische Farbe, diese heitere Stirne, diese kindlich-reinen, -milden Augen, dieser holde Mund war zur Liebe, nicht -zur Verehrung aus der Ferne geschaffen. Und wunderbar, wie -wenn Prinzessin Sophie diesen frevelhaften Gedanken geahnet -hätte – auch ihr Anzug entsprach diesem Bilde einfacher natürlicher -Schönheit; sie schien jeden Schmuck, den die Kunst verleiht, -dem stolzen Damenkreis überlassen zu haben.</p> - -<p>»Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter sie ist,« sprach in -einer der ersten Ranglogen ein fremder Herr zu dem russischen -Gesandten, der neben ihm stand, und beschaute die Prinzessin -durch das Opernglas; »wenn sie lächelt, wenn sie das sprechende -Auge ein klein wenig zudrückt, und dann mit unbeschreiblichem -Reiz wieder aufschlägt, wenn sie mit der kleinen, niedlichen -Hand dazu agiert – man sollte glauben, aus so weiter Ferne -ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen zu können.«</p> - -<p>»Es ist erstaunlich!« entgegnete der Gesandte.</p> - -<p>»Und dennoch sollte dieser Himmel von Freudigkeit nur -Maske sein? Sie sollte fühlen, schmerzlich fühlen, sie sollte<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -unglücklich lieben, und doch so blühend, so heiter sein? Gnädige -Frau,« wandte sich der Fremde zu der Gemahlin des Gesandten, -»gestehen Sie, Sie wollen mich mystifizieren, weil ich -einiges Interesse an diesem Götterkinde genommen habe.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Mon Dieu!</em> Baron,« sagte diese mit dem Kopfe wackelnd, -»Sie glauben noch immer nicht? Auf Ehre, es ist wahr, wie ich -Ihnen sagte; sie liebt, sie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von -einer Dame, der nichts dergleichen entgeht. Und wie, meinen -Sie, eine Prinzessin, die von Jugend auf zur Repräsentation -erzogen ist, werde nicht Tournüre genug haben, um ein so -unschickliches Verhältnis den Augen der Welt zu verbergen?«</p> - -<p>»Ich kann es nicht begreifen,« flüsterte der Fremde, indem -er wieder sinnend nach ihr hinsah; »ich kann es nicht fassen; -diese Heiterkeit, dieser beinahe mutwillige Scherz – und stille, -unglückliche Liebe? Gnädige Frau, ich kann es nicht begreifen!«</p> - -<p>»Ja, warum soll sie denn nicht munter sein, Baron? Sie -ahnet wohl nicht, daß jemand etwas von ihrer meschanten Aufführung -weiß; der Amoroso ist in der Nähe –«</p> - -<p>»Ist in der Nähe? O bitte, Madame! Zeigen Sie mir -den Glücklichen, wer ist er?«</p> - -<p>»Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Diskretion, -die ich der Oberhofmarschallin schuldig bin; mein Freund, -daraus wird nichts. Sie können zwar in Warschau wiedererzählen, -was Sie hier gesehen und gehört haben, aber Namen? -nein, Namen zu nennen in solchen Affären ist sehr unschicklich; -mein Mann kann dergleichen nicht leiden.«</p> - -<p>Die Ouverture war ihrem Ende nahe, die Töne brausten -stärker aus dem Orchester herauf, die Blicke der Zuschauer -waren fest auf den Vorhang gerichtet, um den neuen Don Juan -bald zu sehen; doch der Fremde in der Loge der russischen Gesandtschaft -hatte kein Ohr für Mozarts Töne, kein Auge für -das Stück, er sah nur das liebliche, herrliche Kind, das ihm -um so interessanter war, als diese schönen Augen, diese süßen, -freundlichen Lippen heimliche Liebe kennen sollten. Ihre Umgebungen, -einige ältere und jüngere Damen, hatten zu sprechen -aufgehört; sie lauschten auf die Musik; Sophiens Augen gleiteten -durch das gefüllte Haus, sie schienen etwas zu vermissen, zu -suchen. »Ob sie wohl nach dem Geliebten ihre Blicke aussendet?« -dachte der Fremde; »ob sie die Reihen mustert, ihn zu sehen, ihn -mit einem verstohlenen Lächeln, mit einem leisen Beugen des -Hauptes, mit einem jener tausend Zeichen zu begrüßen, welche<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -stille Liebe erfindet, womit sie ihre Lieblinge beglückt, bezaubert?« -Eine schnelle, leichte Röte flog jetzt über Sophiens -Züge, sie rückte den Stuhl mehr seitwärts, sie sah einigemal nach -der Türe ihrer Loge: die Türe ging auf, ein großer, schöner -junger Mann trat ein und näherte sich einer der älteren Damen, -es war die Herzogin F., die Mutter der Prinzessin. Sophie -spielte gleichgültig mit der Brille, die sie in der Hand hielt, aber -der Fremde war Kenner genug, um in ihrem Auge zu lesen, -daß <em class="gesperrt">dieser</em> und kein anderer der Glückliche sei.</p> - -<p>Noch konnte er sein Gesicht nicht sehen; aber die Gestalt, -die Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes -für ihn; die Fürstin zog ihre Tochter ins Gespräch, sie blickte -freundlich auf, sie schien etwas Pikantes erwidert zu haben, -denn die Mutter lächelte, der junge Mann wandte sich um, und -– »Mein Gott! Graf <em class="gesperrt">Zronievsky</em>!« rief der Fremde so -laut, so ängstlich, daß der Gesandte an seiner Seite heftig erschrak, -und seine Gemahlin den Gast krampfhaft an der Hand -faßte, und neben sich auf den Stuhl niederriß.</p> - -<p>»Ums Himmels willen, was machen Sie für Skandal!« -rief die erzürnte Dame; »die Leute schauen rechts und links -nach uns her; wer wird denn so mörderlich schreien? Es ist nur -gut, daß sie da unten gerade ebenso mörderlich gegeigt und trompetet -haben, sonst hätte jedermann Ihren »Zronievsky« hören -müssen. Was wollen Sie nur von dem Grafen? Sie wissen -ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!«</p> - -<p>»Kein Wort weiß ich,« erwiderte der Fremde; »wie kann -ich auch wissen, wen Sie kennen und wen nicht, da ich erst seit -drei Stunden hier bin? Warum vermeiden Sie es, ihn zu -sehen?«</p> - -<p>»Nun, seine Verhältnisse zu unserer Regierung können -Ihnen nicht unbekannt sein,« sprach der Gesandte; »er ist verwiesen, -und es ist mir höchst fatal, daß er gerade hier, und -immer nur hier sein will. Er hat sich unverschämterweise bei -Hofe präsentieren lassen, und so sehe ich ihn auf jedem Schritt -und Tritt, und doch wollen es die Verhältnisse, daß ich ihn -ignoriere. Ueberdies macht mir der fatale Mensch sonst noch -genug zu schaffen; man will höheren Orts wissen, wovon er -lebe, und so glänzend lebe, da doch seine Güter konfisziert -sind; und ich weiß es nicht herauszubringen. Sie kennen ihn, -Baron?«</p> - -<p>Der Fremde hatte diese Reden nur halb gehört; er sah -unverwandt nach der fürstlichen Loge, er sah, wie Zronievsky<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -mit der Fürstin und den andern Damen sprach, wie nur sein -feuriges Auge hin und wieder nach Sophien hingleitete, wie -sie begierig diesen Strahl auffing und zurückgab. Der Vorhang -flog auf; der Graf trat zurück und verschwand aus der Loge; -Leporello hub seine Klagen an.</p> - -<p>»Sie kennen ihn, Baron?« flüsterte der Gesandte. »Wissen -Sie mir Näheres über seine Verhältnisse –«</p> - -<p>»Ich habe mit ihm unter den polnischen Lanciers gedient.«</p> - -<p>»Ist wahr; er hat in der französischen Armee gedient; -sahen Sie sich oft? kennen Sie seine Ressourcen?«</p> - -<p>»Ich habe ihn nur gesehen,« warf der Fremde leicht hin, -»wenn es der Dienst mit sich brachte; ich weiß nichts von ihm, -als daß er ein braver Soldat und ein sehr unterrichteter Offizier -ist.«</p> - -<p>Der Gesandte schwieg; sei es, daß er diesen Worten -glaubte, sei es, daß er zu vorsichtig war, seinem Gast durch -weitere Fragen Mißtrauen zu zeigen. Auch der Fremde bezeigte -keine Lust, das Gespräch weiter fortzusetzen; die Oper -schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen; und dennoch war es -ein ganz anderer Gegenstand, der seine Seele unablässig beschäftigte. -»Also hierher hat dich dein unglückliches Geschick -endlich getrieben?« sagte er zu sich, »armer Zronievsky! Als -Knabe wolltest du dem Kosciuszko helfen, und dein Vaterland -befreien; Freiheit und Kosciuszko sind verklungen und verschwunden! -Als Jüngling warst du für den Ruhm der Waffen, -für die Ehre der Adler, denen du folgtest, begeistert, man hat -sie zerschlagen; du hattest dein Herz so lange vor Liebe bewahrt, -sie findet dich endlich als Mann, und siehe – die Geliebte steht -so furchtbar hoch, daß du vergessen oder untergehen mußt!«</p> - -<p>Das Geschick seines Freundes, denn dies war ihm Graf -Zronievsky gewesen, stimmte den Fremden ernst und trübe, er -versank in jenes Hinbrüten, das die Welt und alle ihre Verhältnisse -vergißt, und der Gesandte mußte ihn, als der erste Akt -der Oper zu Ende war, durch mehrere Fragen aus seinem -Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch das Klatschen und -Bravorufen des Parterres unterbrochen worden war.</p> - -<p>»Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt,« sagte der Gesandte; -»sie behauptet, Ihre Familie zu kennen; kommen Sie, -wischen Sie diesen Ernst, diese Melancholie von Ihrer Stirne; -ich will Sie in die Loge führen und präsentieren.«</p> - -<p>Der Fremde errötete; sein Herz pochte, er wußte selbst -nicht warum; erst als er den Korridor mit dem Gesandten hinging,<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span> -als er sich der fürstlichen Loge näherte, fühlte er, daß es -die Freude sei, was sein Blut in Bewegung brachte, die Freude, -jenem lieblichen Wesen nahe zu sein, dessen stille Liebe ihn so -sehr anzog.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>2.</h4> -</div> - -<p>Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeichneter -Güte. Sie selbst präsentierte ihn der Prinzessin Sophie, und -der Name <em class="gesperrt">Larun</em> schien in den Ohren des schönen Kindes -bekannt zu klingen; sie errötete flüchtig und sagte, sie glaube -gehört zu haben, daß er früher in der französischen Armee -diente. Es war dem Baron nur zu gewiß, daß ihr niemand -anders als Zronievsky dies gesagt haben konnte, es war ihm -um so gewisser, als ihr Auge mit einer gewissen Teilnahme auf -ihm wie auf einem Bekannten ruhte, als sie gerne die Rede an -ihn zu richten schien.</p> - -<p>»Sie sind fremd hier,« sagte die Herzogin, »Sie sind keinen -Tag in diesen Mauern, Sie können also noch von niemand bestochen -sein; ich fordere Sie auf, sein Sie Schiedsrichter; kann -es nicht in der Natur geheimnisvolle Kräfte geben, die – die, -wie soll ich mich nur ausdrücken, die, wenn wir sie frevelhaft -hervorrufen, uns Unheil bringen können?«</p> - -<p>»Sie sind nicht unparteiisch, Mutter;« rief die Prinzessin -lebhaft, »Sie haben schon durch Ihre Frage, wie Sie sie stellten, -die Sinne des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal, -wenn zufällig im Zwischenraum von vielen Jahren von -einem Hause nach und nach sechs Dachziegel gefallen wären -und einige Leute getötet hätten, würden Sie nicht mehr an -diesem Hause vorübergehen?«</p> - -<p>»Warum nicht? es müßten nur in diesen Ziegeln geheimnisvolle -Kräfte liegen, welche –«</p> - -<p>»Wie mutwillig,« unterbrach ihn die Herzogin, »Sie -wollen mich mit meinen geheimnisvollen Kräften nach Hause -schicken, aber nur Geduld; das Gleichnis, das Sophie vorbrachte, -paßt doch nicht ganz –«</p> - -<p>»Nun, wir wollen gleich sehen, wem der Baron recht gibt,« -rief jene; »die Sache ist so, wir haben hier eine sehr hübsche -Oper, man gibt alles mögliche, Altes und Neues durcheinander, -nur <em class="gesperrt">eines</em> nicht, die schönste, herrlichste Oper, die ich kenne; -auf fremdem Boden mußte ich sie zum erstenmal hören, das erste, -was ich tat, als ich hierher kam, war, daß ich bat, man möchte -sie hier geben, und nie wird mir mein Wunsch erfüllt! Und<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span> -nicht etwa, weil sie zu schwer ist – sie geben schwerere Stücke – -nein, der Grund ist eigentlich lächerlich.«</p> - -<p>»Und wie heißt die Oper?« fragte der Fremde.</p> - -<p>»Es ist Othello!«</p> - -<p>»Othello? gewiß, ein herrliches Kunstwerk; auch mich -spricht selten eine Musik so an wie diese, und ich fühle mich -auf lange Tage feierlich, ich möchte sagen heilig bewegt, wenn -ich Desdemonas Schwanengesang zur Harfe singen gehört habe.«</p> - -<p>»Hören Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warschau, -von Berlin, Gott weiß woher – ich habe ihn nie gesehen, -und dennoch schätzt er Othello so hoch. Wir müssen ihn einmal -wieder sehen. Und warum soll er nicht wieder gegeben werden? -Wegen eines Märchens, das heutzutage niemand mehr glaubt.«</p> - -<p>»Freveln Sie nicht!« rief die Fürstin; »es sind mir Tatsachen -bekannt, die mich schaudern machen, wenn ich nur daran -denke; doch wir sprechen unserm Schiedsrichter in Rätseln; -stellen Sie sich einmal vor, ob es nicht schrecklich wäre, wenn -es jedesmal, so oft Othello gegeben würde, brennte.«</p> - -<p>»Auch wieder ein Gleichnis,« fiel Sophie ein, »doch es ist -noch viel toller, das Märchen selbst!«</p> - -<p>»Nein, es soll einmal brennen,« fuhr die Mutter fort. -»Othello wurde zuerst als Drama nach Shakespeare gegeben, -schon vor fünfzig Jahren; die Sage ging, man weiß nicht woher -und warum, daß, so oft Othello gegeben wurde, ein gewisses -Evenement erfolgte; nun also unser Brennen; es brannte jedesmal -nach Othello. Man machte den Versuch, man gab lange -Zeit Othello nicht; es kam eine neue geistreiche Uebersetzung auf, -er wird gegeben – jener unglückliche Fall ereignet sich wieder. -Ich weiß noch wie heute, als Othello, zur Oper verwandelt, zum -erstenmal gegeben wurde; wir lachten lange vorher, daß wir -den unglücklichen Mohren um sein Opfer gebracht haben, indem -er jetzt musikalisch geworden – Desdemona war gefallen, -wenige Tage nachher hatte der Schwarze auch ein weiteres -Opfer. Der Fall trat nachher noch einmal ein, und darum -hat man Othello nie wieder gegeben; es ist töricht, aber wahr. -Was sagen Sie dazu, Baron, aber aufrichtig, was halten Sie -von unserem Streit?«</p> - -<p>»Durchlaucht haben vollkommen recht,« antwortete Larun -in einem Ton, der zwischen Ernst und Ironie die Mitte hielt; -»wenn Sie erlauben, werde ich durch ein Beispiel aus meinem -eigenen Leben Ihre Behauptung bestätigen. Ich hatte eine unverheiratete -Tante, eine unangenehme, mystische Person; wir<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span> -Kinder hießen sie nur die Federntante, weil sie große schwarze -Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei Ihrem -Othello, so ging auch in unserer Familie eine Sage, so oft die -Federntante kam, mußte nachher eins oder das andere krank -werden. Es wurde darüber gescherzt und gelacht, aber die -Krankheit stellte sich immer ein, und wir waren den Spuk schon -so gewöhnt, daß, so oft die Federntante zum Besuch in den Hof -fuhr, alle Zurüstungen für die kommende Krankheit gemacht -und selbst der Doktor geholt wurde.«</p> - -<p>»Eine köstliche Figur, Ihre Federntante!« rief die Prinzessin -lachend; »ich kann mir sie denken, wie sie den Kopf mit -dem Federhut aus dem Wagen streckt, wie die Kinder laufen, -als käme die Pest, weil keines krank werden will, und wie ein -Reitknecht zur Stadt sprengen muß, um den Doktor zu holen, -weil die Federntante erschienen sei. Da hatten Sie ja wahrhaftig -eine lebendige weiße Frau in Ihrer Familie!«</p> - -<p>»Still von diesen Dingen,« unterbrach sie die Fürstin -ernst, beinahe unmutig; »man sollte nicht von Dingen so leichthin -reden, die man nicht leugnen kann, und deren Natur dennoch -nie erklärt werden wird. So ist nun einmal auch mein -Othello,« setzte sie freundlich hinzu. »Und Sie werden ihn -nicht zu sehen bekommen, Baron, und müssen Ihr Lieblingsstück -schon wo anders aufsuchen.«</p> - -<p>»Und Sie sollen ihn dennoch sehen,« flüsterte Sophie zu -ihm hin, »ich muß mein Desdemonalied noch einmal hören, so -recht sehen und hören auf der Bühne, und sollte ich selbst darüber -zum Opfer werden!«</p> - -<p>»Sie selbst?« fragte der Fremde betroffen; »ich höre ja, -der gespenstige Mohr soll nur <em class="gesperrt">brennen</em>, nicht <em class="gesperrt">töten</em>?«</p> - -<p>»Ach, das war ja nur das Gleichnis der Mutter!« flüsterte -sie noch viel leiser, »die Sage ist noch viel schauriger und viel -gefährlicher.«</p> - -<p>Der Kapellmeister pochte, die Introduktion des zweiten -Akts begann, und der Fremde stand auf, die fürstliche Loge zu -verlassen. Die Herzogin hatte ihn gütig entlassen, aber vergebens -sah er sich nach dem Gesandten um, er war wohl längst -in seine Loge zurückgekehrt. Unschlüssig, ob er rechts oder -links gehen müsse, stand er im Korridor, als eine warme Hand -sich in die seinige legte; er blickte auf, es war der Graf Zronievsky.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>3.</h4> -</div> - -<p>»So habe ich doch recht gesehen?« rief der Graf, »mein -Major, mein tapferer Major! Wie lebt alles wieder in mir -auf! Ich werfe diese unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich -bin der frohe Lancier wie sonst! <em class="antiqua">Vive Poniatowsky, vive -l'emp–</em>«</p> - -<p>»Um Gottes willen, Graf!« fiel ihm der Fremde in das -Wort; »bedenken Sie, wo Sie sind! Und warum diese Schatten -heraufbeschwören? Sie sind hinab mit ihrer Zeit; lasset die -Toten ruhen!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ruhen?</em>« entgegnete jener; »das ist ja gerade, was ich -nicht kann; o daß ich unter jenen Toten wäre! Wie sanft, wie -geduldig wollte ich ruhen! Sie schlafen, meine tapfern Polen, -und keine Stimme, wie mächtig sie auch rufe, schreckt sie auf. -Warum darf ich allein nicht rasten?«</p> - -<p>Ein düsteres, unstätes Feuer brannte in den Augen des -schönen Mannes, seine Lippen schlossen sich schmerzlich; sein -Freund betrachtete ihn mit besorgter Teilnahme, er sah hier -nicht mehr den fröhlichen, heldenmütigen Jüngling, wie er ihn -an der Spitze des Regiments in den Tagen des Glückes gesehen; -das zutrauliche, gewinnende Lächeln, das ihn sonst so angezogen, -war einem grämlichen, bittern Zuge gewichen, das Auge, das -sonst voll stolzer Zuversicht, voll freudigen Mutes, frei und offen -um sich blickte, schien mißtrauisch jeden Gegenstand zu prüfen, -durchbohren zu wollen, das matte Rot, das seine Wangen bedeckte, -war nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in den -Salons von Paris den Namen des <em class="gesperrt">schönen</em> Polen erworben -hatte, und dennoch, auch nach dieser großen Veränderung, welche -Zeit und Unglück hervorgebracht hatten, mußte man gestehen, -daß Prinzessin Sophie sehr zu entschuldigen sei.</p> - -<p>»Sie sehen mich an, Major?« sagte jener nach einigem -Stillschweigen, »Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten -Zeiten aus meinen Zügen herausfinden? Geben Sie sich nicht -vergebliche Mühe; es ist so manches anders geworden, sollte nicht -der Mensch mit dem Geschick sich ändern?«</p> - -<p>»Ich finde Sie nicht sehr verändert,« erwiderte der -Fremde, »ich erkannte Sie bei dem ersten Anblick wieder. Aber -eines finde ich nicht mehr wie früher, aus diesen Augen ist ein -gewisses Zutrauen verschwunden, das mich sonst so oft beglückte. -Alexander Zronievsky scheint mir nicht mehr zu trauen. Und<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -doch,« setzte er lächelnd hinzu, »und dennoch war mein Geist -immer bei ihm, ich weiß sogar die tiefsten Gedanken seines -Herzens.«</p> - -<p>»Meines armen Herzens!« entgegnete der Graf wehmütig; -»ich wüßte kaum, ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht -manchmal vor Unmut pochte! Welche Gedanken wollen Sie -aufgespürt haben, als die unwandelbare Freundschaft für Sie, -Major? Schelten Sie nicht mein Auge, weil es nicht mehr -fröhlich ist; ich habe mich in mich selbst zurückgezogen, ich habe -mein Vertrauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen -sagen, daß ich noch immer der alte bin.«</p> - -<p>»Ich danke; aber wie, ich sollte mich nicht auf die Gedanken -Ihres Herzens verstehen? Sie sagen, es pocht nur vor -Unmut; was hat denn ein gewisses Fürstenkind getan, daß Ihr -Herz so gar unmutig pocht?«</p> - -<p>Der Graf erblaßte; er preßte des Freundes Hand fest in -der seinigen: »Um Gottes willen, schweigen Sie; nie mehr eine -Silbe über diesen Punkt! Ich weiß, ich verstehe, was Sie -meinen, ich will sogar zugeben, daß Sie recht gesehen haben; der -Teufel hat Ihre Augen gemacht, Major! Doch warum bitte ich -einen Ehrenmann wie Sie, zu schweigen? Es hat ja noch <span id="corr071">keiner</span> -vom achten Regiment seinen Kameraden verraten.«</p> - -<p>»Sie haben recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur -dies eine noch: vom achten verratet keiner den Kameraden, ob -aber der gute Kamerad sich selber nicht verrät?«</p> - -<p>»Kommen Sie hier in diese Treppe,« flüsterte der Graf, -denn es nahten sich mehrere Personen; »Jesus Maria, sollte -außer Ihnen jemand etwas ahnen?«</p> - -<p>»Wenn Sie Vertrauen um Vertrauen geben werden, wohlan, -so will ich beichten.«</p> - -<p>»O, foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher -sagen, was Sie haben wollen, nur geschwind, ob jemand außer -Ihnen –«</p> - -<p>Der Major von Larun erzählte, er sei heute in dieser -Stadt angekommen, seine Depeschen seien bei dem Gesandten -bald in Richtigkeit gewesen, man habe ihn in die Oper mitgenommen, -und dort, wie er entzückt die Prinzessin aus der Ferne -betrachtet, habe ihm die Gesandtin gesagt, daß Sophie in ein -Verhältnis unter ihrem Stande verwickelt sei. »Sie traten -ein in die fürstliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß niemand -als Sie der Geliebte sein könne.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p> - -<p>»Und die Gesandtin?« rief der Graf mit zitternder -Stimme.</p> - -<p>»Sie hat es bestätigt. Wenn ich nicht irre, sprach sie auch -von einer Oberhofmarschallin, von welcher sie die Nachricht -habe.«</p> - -<p>Der Graf schwieg, einige Minuten vor sich hinstarrend; er -schien mit sich zu ringen, er blickte einigemal den Fremden scheu -von der Seite an – »Major,« sprach er endlich mit klangloser, -matter Stimme, »können Sie mir hundert Napoleon leihen?«</p> - -<p>Der Major war überrascht von dieser Frage; er hatte erwartet, -sein Freund werde etwas weniges über sein Unglück -jammern, wie bei dergleichen Szenen gebräuchlich, er konnte -sich daher nicht gleich in diese Frage finden, und sah den Grafen -staunend an.</p> - -<p>»Ich bin ein Flüchtling,« fuhr dieser fort; »ich glaubte -endlich eine stille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein -wenig rasten könnte, da muß ich lieben – muß geliebt werden, -Major, wie geliebt werden!« Er hatte Tränen in den Augen, -doch er bezwang sich und fuhr mit fester Stimme fort: »Es ist -eine sonderbare Bitte, die ich hier nach so langem Wiedersehen -an Sie tue, doch ich erröte nicht, zu bitten; Kamerad, gedenken -Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden, gedenken Sie -des Tages von Mosaisk?«</p> - -<p>»Ich gedenke!« sagte der Fremde, indem sein Auge glänzte -und seine Wangen sich höher färbten.</p> - -<p>»Und gedenken Sie, wie die russische Batterie an der Redoute -auffuhr, wie ihre Kartätschen in unsere Reihen sausten -und der Verräter Piolsky zum Rückzug blasen ließ?«</p> - -<p>»Ha!« fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, »und -wie Sie ihn herabschossen, Oberst, daß er keine Ader mehr -zuckte, wie die Husaren rechts abschwenkten, wie <em class="gesperrt">Sie</em> ›vorwärts!‹ -riefen, ›vorwärts, Lanciers vom achten!‹ und die Kanonen -in fünf Minuten unser waren!« –</p> - -<p>»Gedenken Sie?« flüsterte der Graf mit Wehmut; »wohlan! -ich kommandiere wieder vor der Front. Es gilt, einen Kameraden -herauszuhauen, werdet Ihr ihn retten? <em class="antiqua">En avant</em>, -Major! vorwärts, tapferer Lancier! wirst du ihn retten, -Kamerad?«</p> - -<p>»Ich will ihn retten!« rief der Freund, und der Graf Zronievsky -schlug seinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an seine -Brust und eilte dann von ihm weg, den Korridor entlang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>4.</h4> -</div> - -<p>»Gut, daß ich Sie treffe,« rief der Graf Zronievsky, als -er am nächsten Morgen dem Major auf der Straße begegnete, -»ich wollte eben zu Ihnen und Sie um eine kleine Gefälligkeit -ansprechen –«</p> - -<p>»Die ich Ihnen schon gestern zusagte,« erwiderte jener; -»wollen Sie mich in mein Hotel begleiten? es liegt längst für -Sie bereit.« –</p> - -<p>»Um Gottes willen! jetzt nichts von Geld,« fiel der Graf -ein, »Sie töten mich durch diese Prosa; ich bin göttlich gelaunt, -selig, überirdisch gestimmt. O Freund, ich habe es dem Engel -gesagt, daß man uns bemerkt, ich habe ihr gesagt, daß ich fliehen -werde, denn in ihrer Nähe zu sein, sie nicht zu sprechen, nicht -anzubeten, ist mir unmöglich.«</p> - -<p>»Und darf ich wissen, was sie sagte?«</p> - -<p>»Sie ist ruhig darüber, sie ist größer als diese schlechten -Menschen. ›Was ist es auch?‹ sagte sie, ›man kann uns gewiß -nichts Böses nachsagen, und wenn man auch unser Verhältnis -entdeckte, so will ich mir gerne einmal einen dummen Streich -vergeben lassen; wo lebt ein Mensch, der nicht einmal einen -beginge?‹«</p> - -<p>»Eine gesunde Philosophie,« bemerkte der Major; »man -kann nicht vernünftiger über solche Verhältnisse denken; denn -gerade die sind meist am schlechtesten beraten, die glauben, sie -können alle Menschen blenden. Doch ist mir noch eine Frage -erlaubt? Wie es scheint, so sehen Sie Ihre Dame <em class="gesperrt">allein</em>? -denn was Sie mir erzählten, wurde schwerlich gestern im Don -Juan verhandelt.«</p> - -<p>»Wir sehen uns,« flüsterte jener, »ja, wir sehen uns, aber -wo, darf ich nicht sagen, und so wahr ich lebe, das sollen auch -jene Menschen nicht ausspähen. Aber lange, ich sehe es selbst -ein, lange Zeit kann es nicht mehr dauern. Drum bin ich -immer auf dem Sprung, Kamerad, und Ihre Hilfe soll mich -retten, wenn indes meine Gelder nicht flüssig werden. ›Doch -gilt es morgen, so laß uns heut noch schlürfen die Neige der -köstlichen Zeit;‹ ich will noch glücklich, selig sein, weil es ja -doch bald ein Ende haben muß.«</p> - -<p>»Und wozu kann ich Ihnen dienen?« fragte der Major, -»wenn ich nicht irre, wollten Sie mich aufsuchen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p> - -<p>»Richtig, das war es, warum ich kommen wollte,« entgegnete -jener nach einigem Nachsinnen. »Sophie weiß, daß -Sie mein Freund sind, ich habe ihr schon früher von Ihnen erzählt, -hauptsächlich die Geschichte von der Beresinabrücke, wo -Sie mich zu sich auf den Rappen nahmen. Sie hat gestern mit -Ihnen gesprochen und von <em class="gesperrt">Othello</em>, nicht wahr? Die Fürstin -will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend -eines Märchens, das ich nicht mehr weiß.« –</p> - -<p>»Sie waren sehr geheimnisvoll damit,« unterbrach ihn der -Freund, »und wie mir schien, wird es die Fürstin auch nicht -zugeben.«</p> - -<p>»Und doch; ich habe sie durch ein Wort dahin gebracht. Die -Prinzessin bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht -sehen, ohne daß ich ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine -etwas ernste Miene an und sagte: ›Sonderbar ist es doch, wenn -so etwas ins Publikum kommt, ist es wie der Wind in den Gesandtschaften, -und kam es einmal so weit, so darf man nicht -dafür sorgen, daß es in acht Tagen als <em class="antiqua">Chronique scandaleuse</em> -an allen Höfen erzählt wird.‹ Die Fürstin gab mir recht; sie -sagte, wiewohl mit sehr bekümmerter und verlegener Miene zu, -daß das Stück gegeben werden sollte; doch als sie wegging, rief -sie mir noch zu: sie gebe das Spiel dennoch nicht verloren, denn -wenn auch <em class="gesperrt">Othello</em> schon auf dem Zettel stehe, lasse sie die -<em class="gesperrt">Desdemona</em> krank werden.«</p> - -<p>»Das haben Sie gut gemacht!« rief der Major lachend, -»also die Furcht vor der <em class="antiqua">Chronique scandaleuse</em> hat die Gespensterfurcht -und das Grauen vor den Geheimnissen der Natur -überwunden?«</p> - -<p>»Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freuden, daß sie ihren -Willen hat. Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der -Oper; ich soll ihm vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung -auch in pekuniärer Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen -sein möchte, und Sie müssen mich zu ihm begleiten.«</p> - -<p>»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der -Prinzessin diese Summe überbringen?«</p> - -<p>»Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekte von einigen -Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten -vor oder was in unseren Kram paßt. Der Regisseur wohnt -nicht weit von hier und ist ein alter, ehrlicher Kauz, den wir -schon gewinnen wollen. Nur hier um die Ecke, Freund; sehen -Sie dort das kleine grüne Haus mit dem Erker?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>5.</h4> -</div> - -<p>Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, -er war früher als Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im -Alter auf seinen Lorbeeren. Er empfing die Freunde mit einer -gewissen künstlerischen Hoheit und Würde, welche nur durch seine -sonderbare Kleidung etwas gestört wurde; er trug nämlich eine -schwarze Florentiner Mütze, welche er nur ablegte, wenn er zum -Ausgehen die Perücke auf die Glatze setzte. Auffallend stachen -gegen diese bequeme Hauskleidung des Alten ein moderner, enge -anliegender Frack und weite, faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten, -daß der Herr Regisseur trotz der sechzig Jährchen, die er -haben mochte, dennoch für die Eitelkeit der Welt nicht abgestorben -sei; an den Füßen trug er weite, ausgetretene Pelzschuhe, -auf denen er künstlich im Zimmer herumfuhr, ohne sichtbar die -Beine aufzuheben; es kam den Freunden vor, als fahre er auf -Schlittschuhen.</p> - -<p>»Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch,« -sagte der Regisseur, als ihn der Graf mit dem Zweck ihres Besuches -bekannt machte, »weiß bereits um die Sache; an mir soll -es nicht fehlen, mein einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten -Ohren auf ergötzliche Weise zu delektieren, aber – aber ich -werde denn doch submissest wagen müssen, einige Gegenvorstellungen -zu exhibitieren.«</p> - -<p>»Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?« rief der Graf.</p> - -<p>»Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat -auf die allerhöchste Familie! Nein! nein! wenn mein -Wort in der Sache noch etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück -nie gegeben.«</p> - -<p>»Hätte ich doch nie gedacht,« entgegnete der Graf, »daß ein -Mann wie Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen -und Bewunderung vernahm ich schon in meiner frühesten Jugend -in fernen Landen Ihren gefeierten Namen; Sie wurden die -Krone der Sänger genannt, ich brannte vor Begierde, diesen -Mann einmal zu sehen. Ich bitte, verkleinern Sie dieses ehrwürdige -Bild nicht durch solchen Aberwitz.«</p> - -<p>Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges -Lächeln zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände -in die Taschen und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im -Zimmer auf und ab. »Allzugütig, allzuviel Ehre!« rief er; »ja, -wir waren unserer Zeit etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor!<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -jetzt hat es freilich ein Ende. <em class="gesperrt">Aberglaube</em>, belieben Sie -zu sagen? ich würde mich schämen, irgend einem Aberglauben -nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von Aberglauben -nicht die Rede sein.«</p> - -<p>»Tatsachen?« riefen die Freunde mit <em class="gesperrt">einer</em> Stimme.</p> - -<p>»O ja, verehrte <em class="antiqua">messieurs</em>, Tatsachen. Sie scheinen nicht -aus hiesiger Stadt und Gegend zu sein, da Sie solche nicht -wissen?«</p> - -<p>»Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört,« -sagte der Major; »es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach -Othello brennen, und –«</p> - -<p>»Brennen? daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß -es allemal brennte; Feuer kann man doch löschen, man hat -Brandassekuranzen, man kann endlich noch solch einen Brandschaden -zur Not ertragen; aber sterben? nein, das ist ein weit -gefährlicherer Casus.«</p> - -<p>»Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?«</p> - -<p>»Nun, das ist kein Geheimnis!« erwiderte der Regisseur; -»so oft Othello gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand -aus der fürstlichen Familie sterben.«</p> - -<p>Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn -der prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte -etwas Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und -brachen über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter -aus, das übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte.</p> - -<p>»Sie lachen?« sprach er; »ich muß es mir gefallen lassen; -wenn es Sie übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik -inspizieren lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren -der jedesmalige Souffleur schreibt.«</p> - -<p>»Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren,« -rief der Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien; und der -Regisseur rutschte mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine -Kammer und brachte einen in Leder und Messing gebundenen -Folianten hervor.</p> - -<p>Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte -in der Chronik. »Bemerken Sie,« sagte er, »wegen des -Nachfolgenden, erstlich: hier steht: ›Anno 1740 den 8. Dezember -ist die Actrice Charlotte Fandauerin in hiesigem Theater erstickt -worden. Man führte das Trauerspiel Othello, der Mohr -von Venedig, von Shakespeare auf.‹«</p> - -<p>»Wie?« unterbrach ihn der Major, »Anno 1740 sollte -man hier Shakespeares Othello gegeben haben? und doch war<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span> -es, wenn ich nicht irre, Schröder, der zuerst und viel später das -erste Shakespearsche Stück in Deutschland aufführen ließ?«</p> - -<p>»Bitte um Vergebung,« erwiderte der Alte. »Der Herzog -sah auf einer Reise durch England in London diesen Othello -geben, ließ ihn, weil er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und -nachher hier öfter aufführen. Meine Chronik fährt aber also -fort: ›Obgedachte Charlotte Fandauerin hat die Desdemona gegeben -und ist durch die Bettdecke, womit sie in dem Stücke selbst -getötet werden soll, elendiglich umgekommen. Gott sei ihrer -armen Seele gnädig!‹ Diesen Mord erzählt man sich hier folgendermaßen: -die Fandauer soll sehr schön gewesen sein; bei -Hof ging es damals unter dem Herzog Nepomuk sehr lasciv zu; -die Fandauer wurde des Herzogs Geliebte. Sie aber soll sich -nicht blindlings und unvorsichtig ihm übergeben haben; sie war -abgeschreckt durch das Beispiel so vieler, die er nach einigen -Monaten oder Jährchen verstieß und elendiglich herumlaufen -ließ. Sie soll also ein schreckliches Bündnis mit ihm gemacht -und erst, nachdem er es beschworen, sich ihm ergeben haben. -Aber wie bei den andern, so war es auch bei der Fandauer. Er -hatte sie bald satt und wollte sie auf gelinde Art entfernen. Sie -aber drohte ihm, das Bündnis, das er mit ihr gemacht, drucken -und in ganz Europa verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch, -daß sie diese Schrift schon in vielen fremden Städten niedergelegt -habe, wo sie auf ihren ersten Wink verbreitet würde.</p> - -<p>Der Herzog war ein grausamer Herr und sein Zorn kannte -keine Grenzen. Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift -haben beikommen wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst -gekocht hatte. Er gab daher einem Schauspieler eine große -Summe Geld und ließ den Othello aufführen. Sie werden sich -erinnern, daß in dem Shakespeareschen Trauerspiel die Desdemona -von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der Akteur -machte seine Sache nur allzunatürlich, denn die Fandauerin ist -nicht mehr erwacht.«</p> - -<p>Der Graf schauderte. »Und dies soll wahr sein?« rief -er aus.</p> - -<p>»Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt, wen Sie -wollen, Sie werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher -von den Gerichten eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig -gemacht, aber der Herzog schlug sie nieder, nahm den Akteur -vom Theater in seine Dienste und erklärte, die Fandauerin -habe durch Zufall der Schlag gerührt. Aber acht Tage darauf -starb ihm sein einziges Söhnlein, ein Prinz von zwölf Jahren.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p> - -<p>»Zufall!« sagte der Major.</p> - -<p>»Nennen Sie es immerhin so,« versetzte der Alte und blätterte -weiter; »doch hören Sie, Othello wurde zwei Jahre lang -nicht mehr gegeben, denn wegen der Erinnerung an jenen Mord -mochte der Herzog dieses Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei -Jahren – in diesem Buch steht jedes Lustspiel aufgezeichnet – -nach zwei Jahren war er so ruchlos, es wieder aufführen zu lassen. -Hier steht's: ›Den 28. September 1742 Othello, der Mohr von -Venedig‹; und hier am Rande ist bemerkt: ›<em class="gesperrt">Sonderbarlich!</em> -am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste verstorben, gerade auch -acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren der höchstselige -Prinz Friedrich.‹ Zufall, meine werten Herren?«</p> - -<p>»Allerdings Zufall!« riefen jene.</p> - -<p>»Weiter! ›Den 6. Februar 1748 Othello, der Mohr von -Venedig.‹ Ob es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, -meine Herren! Das hat der Souffleur hingeschrieben, bemerken -Sie gefälligst, es ist dieselbe Hand, die hier <em class="antiqua">in margine</em> -bemerkt: ›Entsetzlich! die Fandauerin spukt wieder, Prinz Alexander -den 14. plötzlich gestorben, acht Tage nach Othello.‹« Der -Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend an; sie schwiegen, -er blätterte weiter und las: »›Den 16. Januar 1775, zum Benefiz -der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig.‹ Richtig -wieder! ›Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell -versterben! † 24. Januar 1775.‹«</p> - -<p>»Possen!« unterbrach ihn der Major; »ich gebe zu, es ist -so; es soll einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so -gefügt haben; geben Sie mir aber nur <em class="gesperrt">einen</em> vernünftigen -Grund an zwischen Ursache und Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen -am Othello versterben lassen wollen!«</p> - -<p>»Herr!« antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, »das -kann ich nicht; aber ich erinnere an die Worte jenes großen -Geistes, von dem auch dieser unglückselige Othello abstammt: -›Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich -die Philosophen nichts träumen lassen!‹«</p> - -<p>»Ich kenne das,« sagte der Graf; »aber ich wette, Shakespeare -hätte nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, -wie viel Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!«</p> - -<p>»Es ist möglich,« erwiderte der Sänger; »hören Sie aber -weiter. Ich komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen -ich mich erinnern kann, <em class="gesperrt">an den Herzog selbst</em>.«</p> - -<p>»Wie,« unterbrach ihn der Major; »eben <em class="gesperrt">jener</em>, der die -Actrice ermorden ließ?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span></p> - -<p>»Derselbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr -gegeben worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde -Herrschaften zum Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und -sonderbarerweise wünschte eine der fremden fürstlichen Damen, -<em class="gesperrt">Othello</em> zu sehen. Der Herzog ging ungern daran, nicht -aus Angst vor den greulichen Umständen, die diesem Stück zu -folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und glaubte an -nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel -seiner Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte Abscheu -vor diesem Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame -nichts abschlagen mochte, sei es, daß er sich vor dem Publikum -schämte, das Stück mußte über Hals und Kopf einstudiert werden, -es wurde auf seinem Lustschloß gegeben. Sehen Sie, hier -steht es: ›Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Lustschloß -H… aufgeführt.‹«</p> - -<p>»Nun, Alter, und was folgte? geschwind!« riefen die -Freunde ungeduldig.</p> - -<p>»Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog -gestorben.«</p> - -<p>»Nicht möglich,« sagte der Major nach einigem Stillschweigen; -»lassen Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom -Herzog? Hier ist nichts <em class="antiqua">in margine</em> bemerkt.«</p> - -<p>»Nein,« sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei; -»aber hier seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen -Sie gefälligst nachsehen?«</p> - -<p>Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand -und las: »Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober -1793 höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn – Dummes -Zeug,« rief er und sprang auf: »das könnte mich um den -Verstand bringen! Zufall! Zufall! und nichts anders! Nun – -und wissen Sie noch ein solches Histörchen?«</p> - -<p>»Ich könnte Ihnen noch einige anführen,« erwiderte der -Alte mit Ruhe, »doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren -Unterhaltung; nur aus der neuesten Zeit noch einen Fall. -<em class="gesperrt">Rossini</em> schrieb seine herrliche Oper Othello, worin er, was -man bezweifelt hatte, zeigte, daß er es verstehe, auch die tieferen, -tragischen Saiten der menschlichen Brust anzuschlagen. Er wurde -hier höheren Orts nicht <em class="gesperrt">verlangt</em>, daher wurde er auch nicht -fürs Theater einstudiert. Die Kapelle aber unternahm es, diese -Oper für sich zu studieren, es wurden einige Szenen in Konzerten -aufgeführt, und diese wenigen Proben entzündeten im -Publikum einen so raschen Eifer für die Oper, daß man allgemein<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -in Zeitungen, an Wirtstafeln, in Singtees und dergleichen -von nichts als Othello sprach, nichts als Othello verlangte. -Von den grauenvollen Begebenheiten, die das Schauspiel -Othello begleitet hatten, war gar nicht die Rede; es schien, -man denke sich unter der Oper einen ganz andern Othello. Endlich -bekam der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater -und sang den Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper -in die Szene zu setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof -und Adel war da, das Orchester strengte sich übermenschlich an, -die Sängerinnen ließen nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß -nicht – uns alle wehte ein unheimlicher Geist an, als Desdemona -ihr Lied zur Harfe spielte, als sie sich zum Schlafengehen -rüstete, als der Mörder, der abscheuliche Mohr, sich nahte. -Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter, es war -dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in derselben -Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen, -trotz der Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes -Zittern, als der Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der -fürstlichen Loge, wo so viele blühende, kräftige Gestalten auf -unser Spiel herübersahen. ›Wirst du wohl durch die Töne, die -deinen Tod begleiten, dich besänftigen lassen, blutdürstiges Gespenst -der Gemordeten?‹ dachte ich. Es war so; fünf, sechs -Tage hörte man nichts von einer Krankheit im Schlosse; man -lachte, daß es nur der Einkleidung in eine Oper bedurfte, um -jenen Geist gleichsam irre zu machen; der siebente Tag verging -ruhig, am achten wurde Prinz Ferdinand auf der Jagd erschossen.«</p> - -<p>»Ich habe davon gehört,« sagte der Major, »aber es war -Zufall; die Büchse seines Nachbars ging los, und –«</p> - -<p>»Sage ich denn, das Gespenst bringe die Höchstseligen -selbst um, drücke ihnen eigenhändig die Kehle zu? Ich spreche -ja nur von einem unerklärlichen, geheimnisvollen Zusammenhang.«</p> - -<p>»Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen -erzählt? Wo steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener -Jagd Othello gegeben wurde?«</p> - -<p>»Hier,« erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf -eine Stelle in seiner Chronik wies; der Graf las: »<em class="gesperrt">Othello</em>, -Oper von Rossini, den 12. März;« und auf dem Rande stand -dreimal unterstrichen: »den 20. <em class="gesperrt">fiel Prinz Ferdinand -auf der Jagd</em>.«</p> - -<p>Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span> -an; sie schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst -des alten Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener -furchtbaren Ereignisse tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen -mochten. Der Major blätterte in der Chronik und -pfiff vor sich hin, der Graf schien über etwas nachzusinnen, er -hatte Stirne und Augen fest in die Hand gestützt. Endlich sprang -er auf. »Und dies alles kann Ihnen dennoch nicht helfen!« -rief er, »die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die Gesandten -wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man -durch diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert -Taler, mein Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der -Kunst, welche sie Ihnen zustellen, um Ihren Othello recht glänzend -auftreten zu lassen. Kaufen Sie davon, was Sie wollen,« -setzte er lächelnd hinzu, »lassen Sie Geisterbanner, Beschwörer -kommen, kaufen Sie einen ganzen Hexenapparat, kurz, was -nur immer nötig ist, um das Gespenst zu vertreiben – nur -geben Sie uns Othello.«</p> - -<p>»Meine Herren,« sagte der Alte, »es ist möglich, daß ich -in meiner Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt -hätte; das Alter hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, -daß es Dinge gibt, die man nicht geradehin verwerfen muß. -Ich danke für Ihr Geschenk, ich werde es auf eine würdige -Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den strengsten Befehl -werde ich Othello geben lassen. Ach Gott und Herr!« rief er -kläglich, »wenn ja der Fall wieder einträte, wenn das liebe, -herzige Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!«</p> - -<p>»Sein Sie still,« rief der Graf erblassend, »wahrhaftig, -Ihre wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich -am hellen Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß -Othello auf jeden Fall gegeben wird; machen Sie mir keine -Kunstgriffe mit Katarrh und Fieber, mit Krankwerdenlassen -und eingetretenen Hindernissen. Beim Teufel, wenn Sie keine -Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der Erwürgten -heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt.«</p> - -<p>Der Alte kreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen -Schuhen umher. »Welche Ruchlosigkeit,« jammerte er, »wenn -sie nun erschiene wie der steinerne Gast? Lassen Sie solche -Reden, ich bitte Sie; wer weiß, wie nahe jedem sein eigenes -Verderben ist!«</p> - -<p>Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab und noch -lange diente der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze -und den Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>6.</h4> -</div> - -<p>Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in -den Grafen, seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War -er sonst fröhlich, lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte -er sonst die Gesellschaft durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen -aus seinem Leben unterhalten, wußte er sonst jeden, -mochte er noch so gering sein, auf eine sinnige feine Weise zu -verbinden, so daß er der Liebling aller, von vielen angebetet -wurde, so war er in andern Momenten gerade das Gegenteil. -Er fing an, trocken und stumm zu werden, seine Augen senkten -sich, sein Mund preßte sich ein. Nach und nach ward er finster, -spielte mit seinen Fingern, antwortete mürrisch und ungestüm. -Der Major hatte ihm schon abgemerkt, daß dies die Zeit war, -wo er aus der Gesellschaft entfernt werden müsse, denn jetzt -fehlten noch wenige Minuten, so zog er mit leicht aufgeregter -Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf sich, und fing an -zu wüten und zu rasen.</p> - -<p>Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit -eine gewisse Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend -machte, um ihn vor diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft -zu bewahren, desto greulicher brachen sie in seinen -Zimmern aus; er tobte, er fluchte in allen Sprachen, er klagte -sich an, er weinte. »Bin ich nicht ein elender, verworfener -Mensch?« sprach er einst in einem solchen Anfall; »meine Pflichten -mit Füßen zu treten, die treueste Liebe von mir zu stoßen, -ein Herz zu martern, das mir so innig anhängt! Leichtsinnig -schweife ich in der Welt umher, habe mein Glück verscherzt, weil -ich in meinem Unsinn glaubte, ein Kosciuszko zu sein, und bin -nichts als ein Schwachkopf, den man wegwarf. Und so viele -Liebe, diese Aufopferung, diese Treue so zu vergelten!«</p> - -<p>Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht. -»Sie sagen ja selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat; -konnte sie je eine andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen -erwarten als die, welche die Verhältnisse erlauben?«</p> - -<p>»Ha, woran mahnen Sie mich!« rief der Unglückliche, »wie -klagen mich Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch <em class="gesperrt">sie</em>, auch -<em class="gesperrt">sie</em> betört! Wie kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter -kam, als ich sie sah mit dem lieblichen Schmelz der Unschuld -in den Augen, da fing mein Leichtsinn wieder an; ich vergaß -alle guten Vorsätze, ich vergaß, wem ich allein gehören<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von Lust, ich begrub -mein Gewissen in Vergessenheit!« Er fing an zu weinen, die -Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. »Und konnte ich,« -flüsterte er, »konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich sah -es an jeder ihrer Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, daß -sie mich liebte; sollte ich fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte -der Liebe in ihren Wangen aufging, wie der erste leuchtende -Strahl des Verständnisses aus ihrem Auge brach, auf mich -niederfiel, mich aufzufordern schien, ihn zu erwidern?«</p> - -<p>»Ich beklage Sie,« sprach der Freund und drückte seine -Hand; »wo lebt ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden -wäre?«</p> - -<p>»Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie -mir mit stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes -traute, entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein -flüchtiger Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken -vermögen, wo man tagelang nur in der freudigen Erwartung -eines Abends, einer Stunde, einer einsamen Minute lebte, wo -man in der Erinnerung dieses seligen Augenblicks schwelgte, bis -der Abend wieder erschien, bis ich aus dem Taumelkelch ihrer -süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank; wie reich wußte sie -zu geben, wieviel Liebe wußte sie in <em class="gesperrt">ein</em> Wort, in <em class="gesperrt">einen</em> Blick -zu legen; und ich sollte fliehen?«</p> - -<p>»Und wer verlangt dies?« sagte der Freund gerührt. »Es -wäre grausam gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse -zum Opfer brachte, zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich -gewünscht; ich denke, noch ist nicht alles verloren!«</p> - -<p>Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten -heftiger, sein glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit -zu tauchen. »Und als sie mit holdem Erröten sagte, wie ich zu -ihr gelangen könne, als sie erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu -küssen, als der süße Mund, dessen Wünsche einem Volk Befehle -waren, <em class="gesperrt">mein</em> gehörte, und die Hoheit einer Fürstin unterging -im traulichen Flüstern der Liebe – da, da sollte ich sie lassen?«</p> - -<p>»Wie glücklich sind Sie! Gerade in dem Geheimnis dieses -Verhältnisses muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen -Sie diese Liebe so tief verdammen? Fassen Sie sich! Das -Urteil der Welt kann Ihnen gleichgültig sein, wenn Sie glücklich -sind; denn im ganzen trägt ja wahrhaftig dies Verhältnis -nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich, wie Sie es selbst sich -vorstellen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p> - -<p>Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine -Wangen färbten sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen. »Nicht -so mild müssen Sie mich beurteilen,« sagte er mit dumpfer -Stimme, »ich verdiene es nicht. Ich bin ein Frevler, vor dem -Sie zurückschaudern sollten. O – daß ich Vergessenheit erkaufen -könnte, daß ich Jahre auslöschen könnte aus meinem -Gedächtnis! – Ich will vergessen, ich muß vergessen, ich werde -wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse: schaffen Sie Wein, Kamerad; -ich will trinken, mich dürstet, es wütet eine Flamme in -mir, ich will mein Gedächtnis, meine Schuld versäufen!«</p> - -<p>Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich -ruhig über diese verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und -Selbstanklage. »Er ist leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher -gekannt,« sagte er zu sich; »solche Menschen kommen leicht aus -einem Extrem in das andere. Er sieht jetzt große Schuld in -seiner Liebe, weil sie der Geliebten in ihren Verhältnissen schaden -kann, und im nächsten Augenblick berauscht ihn wieder die -Wonne der Erinnerung.« Der Wein kam, der Major goß ein; -der Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er ging mit -schnellen Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder, blieb -vor dem Freunde stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte -seine stillen Empfindungen nicht unterbrechen, er trank und -beobachtete über das Glas hin aufmerksam die Mienen, die -Bewegungen seines Freundes.</p> - -<p>»Major!« rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl -nieder; »welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?«</p> - -<p>Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er -schien nachzusinnen, und sagte dann: »Ohne Zweifel, das, was -das freudigste Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden – -Ehre, gekränkte Ehre.«</p> - -<p>Der Graf lachte grimmig. »Lassen Sie sich die Taler -wiedergeben, Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für -seinen Unterricht gaben. Gekränkte Ehre! Also tiefer steigt -Ihre Kunst nicht hinab in die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt -sich doch selbst noch; es lebt doch ein Gefühl in des Gekränkten -Brust, das ihn hoch erhebt über die Kränkung, er kann die -Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch die Möglichkeit, -seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waschen, aber tiefer, -Herr Bruder,« rief er, indem er die Hand des Majors krampfhaft -faßte, »tiefer hinab in die Seele! welches Gefühl ist noch -schrecklicher?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p> - -<p>»Von <em class="gesperrt">einem</em> habe ich gehört,« erwiderte jener, »das -aber Männer wie wir nicht kennen – es heißt Selbstverachtung.«</p> - -<p>Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf -und sah den Freund lange an. »Getroffen, Kamerad!« sagte -er, »das sitzt noch tiefer. Männer wie wir <em class="gesperrt">pflegen</em> es nicht -zu kennen, es heißt Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch -gar feine Schlingen auf die Erde; ehe man sich versieht, ist -man gefangen. Kennen Sie die Qual des Wankelmutes, Major?«</p> - -<p>»Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer -geradeaus aufs Ziel!«</p> - -<p>»Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern -Sie sich noch des Morgens, als wir aus den Toren von -Warschau ritten? Unsere Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem -großen Geiste, der sie gefangen hielt; aber wem gehörten die -Herzen der polnischen Lanciers? Unsere Trompeten ließen -jene Arien aus den <em class="gesperrt">Krakauern</em> ertönen, jene Gesänge, die -uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert -hatten; diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte -unserer Brust; Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?«</p> - -<p>»Dem Vaterland!« sagte der Major gerührt; »ja, damals, -<em class="gesperrt">damals</em> war ich freilich wankelmütig!«</p> - -<p>»Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren, der Teufel weiß -das recht hübsch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich -werden, und dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch -größeres Glück uns vor!«</p> - -<p>»Möglich; aber der Mann hat Kraft, <em class="gesperrt">dem</em> treu zu bleiben, -was er gewählt hat.«</p> - -<p>»Das ist es,« rief der Graf, wie niedergedonnert durch -dies <em class="gesperrt">eine</em> Wort, »das ist es, und daraus – die Selbstverachtung; -und warum besser scheinen, als ich bin? Kamerad, -Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen Sie mich wie die Pest, -ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie sind ein Mann -von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst verachten, -wissen Sie, ich bin –«</p> - -<p>»Halt, ruhig!« unterbrach ihn der Freund, »es pochte an -der Türe – herein!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>7.</h4> -</div> - -<p>»Bedaure, bedaure unendlich,« sprach der Regisseur der -Oper und rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, »ich -unterbreche Hochdieselben?«</p> - -<p>»Was bringen Sie uns?« erwiderte der Major, schneller -gefaßt als der unglückliche Freund. »Setzen Sie sich und verschmähen -Sie nicht unsern Wein; was führt Sie zu uns!«</p> - -<p>»Die traurige Gewißheit, daß Othello doch gegeben wird. -Es hilft nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur -gestehen, ich ließ die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna -schon dahin gebracht, daß sie mir feierlich gelobte, heiser -zu werden; da führt der Satan gestern abend die Sängerin -Fanutti in die Stadt; sie kommt vom …ner Theater, bittet -die allerhöchste Theaterdirektion um Gastrollen, und stellen Sie -sich vor, man sagt ihr auf nächsten Sonntag Othello zu. Ich -habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt wurde; jetzt hilft -kein Gott mehr dagegen, und doch habe ich schreckliche Ahnungen!«</p> - -<p>»Alter Herr!« rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte, -sich zu sammeln. »Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben -auf; ich kann Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten -Personen ein Haar gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den -Kirchhof, lasse mir das Grab der erwürgten Desdemona zeigen, -mache ihr meine Aufwartung und bitte sie, diesmal ein Auge -zuzudrücken und <em class="gesperrt">mich</em> zu erwürgen. Freilich hat sie dann nur -einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer meiner Vorfahren -hat auch eine Krone getragen!«</p> - -<p>»Freveln Sie nicht so erschrecklich,« entgegnete der Alte, »wie -leicht kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen -Dingen ist nicht zu scherzen. Ueberdies habe ich heute nacht im -Traum einen großen Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man -Fürsten zu begraben pflegt.«</p> - -<p>»Schreckliche Visionen, guter Herr!« lachte der Major. -»Haben Sie vielleicht vorher ein Gläschen zuviel getrunken? -Und was ist natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da -Sie den ganzen Tag mit Todesgedanken umgehen!«</p> - -<p>Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen. -»Gerade <em class="gesperrt">Sie</em>, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben,« -sagte er. »Ich habe Sie nie gesehen bis zu jener Stunde, -wo Sie mich mit dem Herrn Grafen besuchten, und doch gingen<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span> -wir beide heute nacht miteinander dem Sarge nach, Sie weinten -heftig.«</p> - -<p>»Immer köstlicher! wie lebhaft Sie träumen; darum mußte -ich hierher kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume -spazieren zu gehen!«</p> - -<p>»Brechen wir ab,« erwiderte jener, »was kommen muß, -wird kommen, und wir würden vielleicht viel darum geben, -hätten wir alles nur geträumt. Ich komme aber hauptsächlich -zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen, Sie haben sich so -generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein Vergnügen daraus -mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue Sängerin -zu zeigen.«</p> - -<p>Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf -schien wie immer seine Heftigkeit zu bereuen und diese Zerstreuung -kam ihm erwünscht; auf dem Major hatten jene Ausbrüche -einer Selbstanklage schwer und drückend gelegen; auch -er nahm daher mit Dank diesen Ausweg an, um einer näheren -Erklärung seines Freundes, die er eher fürchtete, als wünschte, -zu entfliehen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>8.</h4> -</div> - -<p>Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese -Saite nicht mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und -wieder düster, ja die Augenblicke des tiefen Grames kehrten -wieder, aber nicht mit ihnen das Geständnis einer großen -Schuld, das damals schon auf seinen Lippen schwebte; er war -verschlossener als sonst. Der Major sah ihn sogar einige Tage -beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese Stadt gerufen -hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese pflegte gerade -der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust -an der Sache selbst oder um im Sinne der Geliebten zu handeln -und ihre Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen, -er war in jeder Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine -ausgebreiteten Reisen, sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack -verbesserten unmerklich manches, was dem Auge und -Ohr selbst eines so scharfen Kritikers, wie der Regisseur war, -entgangen wäre; und der alte Mann vergaß oft stundenlang die -schwarzen Ahnungen, die seine Seele quälten, so sehr wußte -Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln.</p> - -<p>So war Othello zu einer Vollkommenheit fortgeschritten, -die man anfangs nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war -durch die sonderbaren Umstände, welche ihre Aufführung bisher<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -verhindert hatten, nicht nur dem Publikum, sondern selbst den -Sängern neu geworden; kein Wunder, daß sie ihr möglichstes -taten, um so großen Erwartungen zu entsprechen; kein Wunder, -daß man mit freudiger Erwartung dem Tag entgegensah, der -<em class="gesperrt">den Mohren von Venedig</em> auf die Bretter rufen sollte.</p> - -<p>Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums -zu fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf -vorausgegangen, man war neugierig, wie sie sich vom Theater -ausnehme, wie sie Desdemona geben werde, eine Rolle, zu der -man außer schönem Gesang auch ein höheres tragisches Spiel -verlangte. Hierzu kam das leise Gerücht von den sonderbaren -Vorfällen, die jedesmal Othello begleitet hatten; die älteren -Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach, zweifelten, vergrößerten, -so daß ein großer Teil des Publikums glaubte, der -Teufel selbst werde eine Gastrolle im Othello übernehmen.</p> - -<p>Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten -über diese Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm, -daß man bei Hof, wo er noch einige Abende zubrachte, kein -Wort mehr über Othello sprach; nur Prinzessin Sophie sagte -einmal flüchtig und lächelnd zu ihm: »Othello hätten wir denn -doch herausgeschlagen, Ihrer Krankheitstante, Baron, und der -diplomatischen Drohung des Grafen haben wir es zu danken. -Wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein Desdemonaliedchen; -wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein Schwanengesang -werden.«</p> - -<p>»Gibt es Ahnungen?« dachte der Major bei diesen flüchtig -hingeworfenen Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll -klangen; »die Sage von der gespenstigen Desdemona, -die Furcht des alten Regisseurs, seine Träume vom -Trauergeleite und dieser Schwanengesang!« Er sah der holden, -lieblichen Erscheinung nach, wie sie froh und freundlich durch -die Säle gleitete, wie sie, gleich dem Mädchen aus der Fremde, -jedem eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein freundliches Wort -darreichte – wenn der Zufall es wieder wollte, dachte er, wenn -sie stürbe! Er verlachte sich im nächsten Augenblicke selbst, er -konnte nicht begreifen, wie ein solcher Gedanke in seine vorurteilsfreie -Seele kommen könne – er suchte mit Gewalt dieses -lächerliche Phantom aus seiner Erinnerung zu verdrängen – -umsonst! dieser Gedanke kehrte immer wieder, überraschte ihn -mitten unter den fremdartigsten Reden und Gegenständen, und -immer noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu hören; -»Wenn ich sterbe – sei es mein Schwanengesang.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p> - -<p>Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall. -Der Major war nachmittags mit dem Grafen und mehreren -Offizieren ausgeritten. Auf dem Heimweg überfiel sie ein -Regen, der sie bis auf die Haut durchnäßte. Die Wohnung -des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat daher den Major, -sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf dem -Kopf, in einen seiner Ueberröcke gehüllt, trat der Major aus -dem Hause, um in seine eigene Wohnung zu eilen. Er mochte -einige Straßen gegangen sein, und immer war es ihm, als -schleiche jemand allen seinen Tritten nach. Er blieb stehen, sah -sich um, und dicht hinter ihm stand ein hagerer, großer Mann -in einem abgetragenen Rock. »Dies an Sie Herr!« sagte er -mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick, drückte dem -Erstaunten ein kleines Billett in die Hand und sprang um die -nächste Ecke. Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, -in der völlig fremden Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft -kommen sollte? Er betrachtete das Billett von allen Seiten, -es war feines, glänzendes Papier, in eine Schleife künstlich -zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee gesiegelt. Keine -Aufschrift. »Vielleicht will man sich einen Scherz mit dir -machen,« dachte er und öffnete es sorglos auf der Straße, er -las und wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte -das Papier in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem -Zimmer zu.</p> - -<p>Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er -glaubte nicht recht gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber -auch beim hellen Schein der Kerzen blieben die unseligen Worte -fest und drohend stehen.</p> - -<p>»Elender! Du kannst dein Weib, deine kleinen Würmer -im Elende schmachten lassen, während du vor der Welt in Glanz -und Pracht auftrittst? Was willst du in dieser Stadt? Willst -du ein ehrwürdiges Fürstenhaus beschimpfen, seine Tochter so -unglücklich machen, als du dein Weib gemacht hast? Fliehe, in -der Stunde, wo du dieses liest, weiß <em class="gesperrt">Pr. Sph.</em> das schändliche -Geheimnis deines Betrugs.«</p> - -<p>Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese -Zeilen an den Grafen gerichtet, daß sie durch Zufall, vielleicht -weil er in des Freundes Kleidern über die Straße gegangen, -in seine Hände geraten seien. Jetzt wurden ihm auf einmal -jene Ausbrüche der Verzweiflung klar; es war Reue, Selbstverachtung, -die in einzelnen Momenten die glänzende Hülle -durchbrachen, womit er sein trügerisches Spiel bedeckt hatte.<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span> -Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch immer in der -Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts anders bedeuten -als den Namen des holden, jetzt so unglückseligen Geschöpfes, -das jener gewissenlose Verräter in sein Netz gezogen -hatte. Der Major war ein Mann von kaltem, berechnendem -Blick, von starkem, konsequentem Geiste; er hatte sich selten oder -nie von einem Gegenstand überraschen oder außer Fassung setzen -lassen, aber in diesem Augenblick war er nicht mehr Herr über -sich; Wut, Grimm, Verachtung kämpften wechselweise in seiner -Seele. Er suchte sich zu bezwingen, die Sache von einem milderen -Gesichtspunkt anzusehen, den Grafen durch seinen Charakter, -seinen grenzenlosen Leichtsinn zu entschuldigen; aber der -Gedanke an Sophie, der Blick auf »das Weib und die armen -kleinen Würmer« des Elenden verjagten jede mildernde Gesinnung, -brausten wie ein Sturm durch seine Seele, ja, es gab -Augenblicke, wo seine Hand krampfhaft nach der Wand hinzuckte, -um die Pistolen herunterzureißen und den schlechten Mann noch -in dieser Stunde zu züchtigen. Doch die Verachtung gegen ihn -bewirkte, was mildere Stimmen in seiner Brust nicht bewirken -konnten. »Er muß fort, noch diese Stunde,« rief er; »die Unglückliche, -die er betörte, darf um keinen Preis erfahren, welchem -Elenden sie ihre erste Liebe schenkte. Sie soll ihn beweinen, -vergessen; ihn verachten zu müssen, könnte sie töten.« Er warf -diese Gedanken schnell aufs Papier, raffte eine große Summe, -mehr als er entbehren konnte, zusammen, legte den unglücklichen -Brief bei und schickte alles durch seinen Diener an den -Grafen.</p> - -<p>Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte -der Major heute keinen Menschen mehr gesehen, und doch -glaubte er es der Prinzessin schuldig zu sein, sie vor der gedrohten -Warnung zu bewahren. Er sann hin und her, wie er -dies möglich machen könne, es blieb ihm nichts übrig, als sie zu -beschwören, keinen Brief von fremden Händen anzunehmen. Er -warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlassen, -als sein Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Grafen -noch in der Hand. »Seine Exzellenz sind soeben abgereist,« -sagte er und legte das Paket auf den Tisch.</p> - -<p>»Abgereist?« rief der Major. »Nicht möglich!«</p> - -<p>»Vor der Türe ist sein Jäger, er hat einen Brief an Sie; -soll ich ihn hereinbringen?«</p> - -<p>Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein, -der ihm weinend einen Brief übergab. Er riß ihn auf. »Leben<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span> -Sie wohl auf ewig! Der Brief, der, wie ich soeben erfahre, -vor einer Stunde in Ihre Hände kam, wird meine Abreise -<em class="antiqua">sans adieu</em> entschuldigen. Wird mein Kamerad von sechs Feldzügen -einer geliebten Dame den Schmerz ersparen, meinen -Namen in allen Blättern aufrufen zu hören? Wird er die -wenigen Posten decken, die ich nicht mehr bezahlen kann?«</p> - -<p>»Wann ist Euer Herr abgereist?«</p> - -<p>»Vor einer Viertelstunde, Herr Major!«</p> - -<p>»Wußtet Ihr um seine Reise?«</p> - -<p>»Nein, Herr Major! Ich glaube, seine Exzellenz wußten -es heute nachmittag selbst noch nicht; denn sie wollten heute -abend ins Theater fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf -zu Fuß aus und ließ mich folgen. Da begegnete ihm an der -reformierten Kirche ein großer hagerer Mann, der bei seinem -Anblick sehr erschrak. Er ging auf meinen Herrn zu und fragte, -ob er der Graf Zronievsky sei? Mein Herr bejahte es; darauf -fragte er, ob er vor einer Viertelstunde ein Billett empfangen? -der Herr Graf verneinte es. Nun sprach der fremde Mann -eine Weile heimlich mit meinem Herrn; er muß ihm keine gute -Nachrichten gegeben haben, denn der Herr Graf wurde blaß und -zitterte; er kehrte um nach Hause, schickte den Kutscher nach -Postpferden, ich mußte schnell zwei Koffer packen; der Reisewagen -mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit den -Rechnungen und allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum -Südertor hinaus. Er nahm vorher noch Abschied von mir, ich -glaube für immer.«</p> - -<p>Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört; -er befahl ihm, den nächsten Morgen wiederzukommen, -und fuhr ins Theater. Die Ouvertüre hatte schon begonnen, -als er in die Loge trat, er warf sich auf einen Stuhl nieder, von -wo er die fürstliche Loge beobachten konnte. In allem Schmuck -ihrer natürlichen Schönheit und Anmut saß Prinzessin Sophie -neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor Freude zu strahlen, -eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den feingeschnittenen -Mund wehte ein holdes Lächeln, vielleicht der Nachklang eines -heiteren Scherzes – sie hatte ja jetzt ihren Willen durchgesetzt, -Othello war es, der den Saal und die Logen des Hauses gefüllt -hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie letzthin -schien sie eifrig im Hause noch etwas zu suchen – argloses Herz, -du schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen -Blicke werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens, -ob nicht sein Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span> -den schönen Nacken zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine -hohe, gebietende Gestalt wird sich dir nicht mehr nahen.</p> - -<p>Sie senkte das Glas; ein Wölkchen von getäuschter Erwartung -und Trauer lagerte sich unter den blonden Locken, die -schönen Bogen der Brauen zogen sich zusammen und ließen ein -kaum merkliches Fältchen des Unmuts sehen. Die feinen, seidenen -Wimpern senkten sich wie eine durchsichtige Gardine herab, sie -schien zu sinnen, sie zeichnete mit der Lorgnette auf die Brüstung -der Loge. – Sind es vielleicht seine Chiffern, die sie in Gedanken -versunken vor sich hinschreibt? Wie bald wird sie vielleicht -dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele füllt!</p> - -<p>Dem Major traten unwillkürlich Tränen in die Augen, als -er Sophie betrachtete. »Noch ahnet sie nicht, was ihrer wartet,« -dachte er, »aber nie, nie soll sie erfahren, wie elend der war, den -sie liebte.« Der Gedanke an diesen Elenden bemächtigte sich -seiner aufs neue; er drückte die Augen zu, verfluchte die menschliche -Natur, die durch Leichtsinn und Schwäche aus einem erhabenen -Geist, aus einem tapfern Mann einen ehrvergessenen, -treulosen Betrüger machen könne.</p> - -<p>Der Major hat oft gestanden, daß einer der schrecklichsten -Augenblicke in seinem Leben der gewesen sei, wo er im ersten -Zwischenakt Othellos in die fürstliche Loge trat. Es war ihm -zu Mut, als habe er selbst an Sophien gefrevelt, als sei er es, -der ihr Herz brechen müsse. Der Gedanke war ihm unerträglich, -sie arglos, glücklich, erwartungsvoll vor sich zu sehen und -doch zu wissen, welch namenloses Unglück ihrer warte. Er trat -ein; ihre Blicke begegneten ihm sogleich, sie hatte wohl oft nach -der Türe gesehen. Mit hastiger Ungeduld übersah sie einen -Prinzen und zwei Generale, die sich ihr nahen wollten, sie winkte -den Major heran. »Haben wir jetzt unsern Othello!« sagte -sie, »sind Sie nicht auch glücklich, erwartungsvoll? – doch -<em class="gesperrt">einen</em> unserer Othelloverschworenen sehe ich nicht,« flüsterte -sie leiser, indem sie leicht errötete; »der Graf ist sicherlich hinter -den Kulissen, um recht warmen Dank zu verdienen, wenn er -alles recht schön machen läßt?«</p> - -<p>»Verzeihen Euer Durchlaucht,« erwiderte der Major, mühsam -nach Fassung ringend, »der Graf läßt sich entschuldigen, -er ist schnell auf einige Tage verreist.«</p> - -<p>Sophie erbleichte. »Verreist, also nicht in der Oper? -Wohin riefen ihn denn so schnell seine Geschäfte? O, das ist -gewiß ein Scherz, den Sie beide zusammen machen,« rief sie; -»glauben Sie denn, er werde nur so schnell weggehen, ohne sich<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span> -zu beurlauben? Nein, nein, das gibt irgend einen hübschen -Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein gewisses Briefchen -zukam.«</p> - -<p>Der Major erschrak, daß er sich an dem nächsten Stuhl -halten mußte. »Ein Briefchen?« fragte er mit bebender Stimme, -eine schreckliche Ahnung stieg in ihm auf.</p> - -<p>»Ja, ein zierliches Billettchen,« sagte sie und ließ neckend -das Ende eines Papiers unter dem breiten Brasselett hervorsehen, -das ihren schönen Arm umschloß. »Ein Briefchen, das -man recht geheimnisvoll mir zugesteckt hat. Ich sehe es Ihnen -an den Augen an, Sie sind im Komplott. Ich habe noch keine -Gelegenheit gefunden, es zu öffnen, denn einen solchen Scherz -muß man nicht öffentlich machen, aber sobald ich in mein Boudoir -komme –«</p> - -<p>»Durchlaucht! ich bitte um Gottes willen, geben Sie mir -das Billett,« sagte der Major, von den schrecklichsten Qualen -gefoltert, »es ist gar nicht einmal an Sie, es ist in ganz unrechte -Hände gekommen.«</p> - -<p>»So? um so besser; das gebe ich um keine Welt heraus, das -soll mir Aufschluß geben über die Geheimnisse gewisser Leute! -An eine Dame war es also auf jeden Fall; es ist wirklich hübsch, -daß es gerade in meine Hände kam.«</p> - -<p>Der Major wollte noch einmal bitten, beschwören, aber -der Prinz fuhr mit seinem Kopf dazwischen, die beiden Generale -fielen mit Fragen und Neuigkeiten herein, er mußte sich zurückziehen. -Verfolgt von schrecklichen Qualen, ging er zu seiner Loge -zurück, er preßte seine Augen in die Hand, um die Unglückliche -nicht zu sehen, und immer wieder mußte er von neuem hinschauen, -mußte von neuem die Qualen der Angst, die Gewißheit -des nahenden Unglücks mit seinen Blicken einsaugen.</p> - -<p>Die Diamanten am Schlosse ihres Armbandes spielten in -tausend Lichtern, ihre Strahlen zuckten zu ihm herüber, sie -drangen wie tausend Pfeile in sein Herz. »Welchen Jammer -verschließen jene Diamanten! Wenn sie im einsamen Gemach -diese Bänder öffnet, öffnet sie nicht zugleich die Pforte eines -grauenvollen Frevels? Ihr Puls schlägt an diese unseligen -Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten pocht; wird es nicht -stillestehen, wenn das Siegel springt, und das ahnungslose Auge -auf eine furchtbare Kunde fällt?«</p> - -<p>Desdemona stimmte ihre Harfe; ihre wehmütigen Akkorde -zogen flüsternd durch das Haus, sie erhob ihre Stimme, sie sang -– ihren Schwanengesang. Wie wunderbar, wie mächtig ergriffen<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -diese melancholischen Klänge jedes Herz; so einfach, so -kindlich dieses Lied, und doch von so hohem, tragischem Effekt! -Man fühlt sich bange und beengt, man ahnt, welch grauenvolles -Schicksal ihrer warte, man glaubt den Mörder in der Ferne -schleichen zu hören, man fühlt die unabwendbare Macht des -Schicksals näher und näher kommen, es umrauscht sie wie die -Fittiche des Todes. Sie ahnet es nicht; sanft, arglos wie ein -süßes Kind sitzt sie an der Harfe, nur die Schwermut zittert in -weichen Klängen aus ihrer Brust hervor, aus diesem vollen, liebewarmen -Herzen, für das der Stahl schon gezückt ist. Sie flüstert -Liebesgrüße in die Ferne nach ihm, der sie zermalmen wird; -ihre Sehnsucht scheint ihn in ihre Arme zu rufen, er wird kommen -– sie zu morden; sie betet für ihn, Desdemona segnet ihn -– der ihr den Tod gibt.</p> - -<p>Der Major teilte seine Blicke zwischen der Sängerin und -Sophien. Sie lauschte, in Wehmut versunken, auf das Lieblingslied, -eine Träne hing in ihren Wimpern, sie weinte unbewußt -über ihr <em class="gesperrt">eigenes Geschick</em>, die Akkorde der Harfe -verschwebten, Sophie sah sinnend, träumend vor sich hin. »Wenn -ich einst sterbe, soll es mein Schwanengesang sein,« klang es in -der Erinnerung des Majors. »Wahrlich, sie hat wahr gesagt,« -sprach er zu sich, »es war der Schwanengesang ihres Glückes.« -Othello trat auf. Sophiens Aufmerksamkeit war jetzt nicht -mehr auf die Oper gerichtet, sie sah herab auf ihr Armband, sie -spielte mit dem Schloß; ein heiteres Lächeln verdrängte ihre -Wehmut, ihre Blicke streiften nach der Loge des Majors herüber, -er strengte angstvoll seine Blicke an – Gott im Himmel, -sie schiebt das unglückselige Papier hervor und verbirgt es in -ihr Tuch – er glaubt zu sehen, wie sie heimlich das Siegel -bricht – verzweiflungsvoll stürzt er aus seiner Loge den Korridor -entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn mit unsichtbarer -Gewalt der fürstlichen Loge zu, er ist nur noch einige -Schritte entfernt – da hört er ein Geräusch in dem Haus, man -kommt aus der Loge, Bediente und Kammerfrauen eilen ängstlich -an ihm vorüber, eine schreckliche Ahnung sagt ihm schon -vorher, was es bedeute, er fragt, er erhält die Antwort: »Prinzessin -Sophie ist plötzlich in Ohnmacht gesunken!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>9.</h4> -</div> - -<p>Düster, zerrissen in seinem Innern, saß einige Tage nach -diesem Vorfall der Major Larun in seinem Zimmer. Seine -Stirne ruhte in der Hand, sein Gesicht war bleich, seine Augen -halb geschlossen, der sonst so starke Mann zerdrückte manche -Träne, die sich über seine Wimpern stehlen wollte. Er dachte -an das schreckliche Geschick, in dessen innerstes Gewebe ihn der -Zufall geworfen; er sah alle diese feinen Fäden, die, wenigen -Augen außer ihm sichtbar, so lose sich anknüpften; er sah, wie -sie weiter gesponnen, wie sie verknüpft und gedoppelt zu einem -nur zu festen Netz um ein zartes, unglückliches Herz sich schlangen. -Unbesiegbare Bitterkeit mischte sich in diese trüben Erinnerungen; -sein alter Waffenfreund, ein so glänzendes Meteor -am Horizont der Ehre, ein so braver Soldat, und jetzt ein Elender, -Ehrvergessener, der, ohne nur entfernt einen andern Ausgang -erwarten zu können, mit allen Künsten der Liebe die unbewachten -Sinne eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes -betörte! In diese Gedanken mischte sich das Bild dieses so unendlich -leidenden Engels, mischte sich die Angst vor einer Szene, -welcher er in der nächsten Stunde entgegengehen sollte. Eine -angesehene Dame, die Oberhofmeisterin der Prinzessin Sophie, -hatte ihn diesen Nachmittag zu sich rufen lassen. Sie entdeckte -ihm ohne Hehl, daß Sophie von einer schweren Krankheit befallen -sei, daß die Aerzte wenig Hoffnung geben, denn sie nennen -ihre Krankheit einen Nervenschlag. Sie sagte ihm weiter, die -Prinzessin habe ihr <em class="gesperrt">alles</em> gesagt, sie habe ihr kein Wort -dieses strafbaren Verhältnisses verschwiegen. Sie wisse, daß -in der Residenz nur <em class="gesperrt">ein</em> Mensch lebe, der jenen Grafen Zronievsky -näher gekannt habe, dies sei der Baron von Larun. Mit -einer Angst, einem Verlangen, das an Verzweiflung grenze, -dringe die Unglückliche darauf, mit ihm ohne Zeugen zu sprechen. -Die Oberhofmeisterin wußte wohl, wie sehr dies gegen die Vorschriften -laufe, welche die Etikette ihr auferlegen, aber der Anblick -des jammernden Kindes, das nur noch dies eine Geschäft -auf der Erde abmachen zu wollen schien, erhob sie über die -Schranken ihrer Verhältnisse, sie wagte es, dem Major den -Vorschlag zu machen, diesen Abend unter ihrer Begleitung heimlich -zu der Kranken zu gehen.</p> - -<p>Der Major hatte nicht nein gesagt. Er wußte, daß er ihr -nichts Tröstliches sagen könne, er fühlte aber, wie in einem so<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> -tiefen Gram das Verlangen nach Mitteilung unüberwindlich -werden müsse.</p> - -<p>Aber was sollte er ihr sagen? Mußte er nicht befürchten, -von ihrem Anblick, von den trüben Erinnerungen der letzten -Tage so bestürmt zu werden, daß sein lauter Schmerz sie noch -unglücklicher machte? Er war noch in diese Gedanken versunken, -als ihm gemeldet wurde, daß man ihn erwarte; die alte -Oberhofmeisterin hielt in ihrem Wagen vor dem Hause; er -setzte sich schweigend an ihre Seite.</p> - -<p>»Sie werden die Prinzessin sehr schlecht finden,« sagte diese -Dame mit Tränen, »ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir -nicht denken, daß in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron, -noch etwas Rettendes liegen könne. Werden Sie ihr keinen -Trost geben können, so verlischt sie uns wie eine Lampe, die -kein Oel mehr hat, um ihre Flamme zu nähren; und wollten -Sie ihr Trost, Hoffnung geben, so sind diese Gefühle in ihren -Verhältnissen von so unnatürlicher Art, daß ich beinahe wünschen -müßte, sie möge eher sterben, als ihrem Hause Schande machen.«</p> - -<p>»Also werde ich ihr den Tod bringen müssen,« sagte der -Major bitter lächelnd; – – »weiß man in der Familie um -diese Geschichten? Was denkt man von der Krankheit?«</p> - -<p>»Wie ich Ihnen sagte, Herr Baron; die Familie, der Hof -und die Stadt weiß nichts anders, als daß sie sich erkältet haben -muß; die törichten Leute bringen auch noch die fatale Oper ins -Spiel und lassen sie am Othello sterben. Was wir beide -<em class="gesperrt">wissen</em>, ist sonst niemand bekannt; es gibt einige Damen, die -dieses Verhältnis früher ahneten, aber nicht genau wußten.«</p> - -<p>»Und doch fürchte ich,« entgegnete der Major, indem er -seinen durchdringenden Blick auf die Dame an seiner Seite -heftete, »ich fürchte, sie stirbt an einem sehr gewagten Bubenstück. -Man hat dieses Verhältnis geahnet, demselben nachgespürt, -es wurde zur Gewißheit; man suchte eine Trennung -herbeizuführen, man spürte die Verhältnisse des Grafen aus –«</p> - -<p>»Glauben Sie?« sagte die Oberhofmeisterin blaß und mit -bebenden Lippen, indem sie umsonst versuchte, den Blick des -Majors auszuhalten.</p> - -<p>»Man forschte diese Verhältnisse aus,« fuhr der Major -fort; »man suchte ihn von hier wegzuschrecken, indem man ihm -drohte, der Prinzessin zu sagen, daß er verheiratet sei. Bis -hierher war der Plan nicht übel; es gehörte einem solchen -Elenden, daß man nicht gelinder mit ihm verfuhr. Aber man -ging weiter: man wollte auch die unglückliche Dame schnell von<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span> -ihrer Liebe heilen, man machte sie mit dem Geheimnis des -Grafen bekannt, man glaubte, sie werde alles über Nacht vergessen. -Und hier war der Plan auf die Nerven eines Dragoners -berechnet, aber nicht auf das Herz dieses zarten Kindes.«</p> - -<p>»Ich muß bitten, zu bedenken,« entgegnete die Oberhofmeisterin -mit ihrer früheren Kälte, aber mit stechenden Blicken, -»daß dieses <em class="gesperrt">zarte</em> Kind eine Prinzessin des fürstlichen Hauses -ist, daß sie erzogen wurde, um mit Anstand über solche Mißverhältnisse -wegzusehen. Sollte wirklich irgend ein solcher -Plan vorhanden gewesen sein, so kann ich die Handelnden nicht -tadeln, sie haben wahrhaft geschickt operiert –«</p> - -<p>»Sie haben ihren Zweck erreicht, sie wird sterben;« unterbrach -sie der Major.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß -bitten –«</p> - -<p>»Sie?« sagte Larun mit gleichgültiger Stimme; »von -Ihnen, gnädige Frau, sprach ich nicht, ich sagte: sie, die Handelnden, -die Operierenden.«</p> - -<p>Die alte Dame biß sich in die Lippen und schwieg. Wenige -Augenblicke nachher waren sie an einer Seitenpforte des Palais -angelangt. Ein alter Diener führte sie durch ein Labyrinth -von Korridors und Treppen. Endlich waren die Gänge breiter, -die Beleuchtung auf elegantere Art angebracht, der Major bemerkte, -daß sie in den bewohnteren Flügel des Schlosses gelangt -seien. Der Alte winkte in eine Seitentür. Der Weg ging jetzt -durch mehrere Gemächer bis in einen Salon, der wohl zu den -Appartements der Prinzessin gehören mochte, wo die Oberhofmeisterin -dem Major zuflüsterte, er möchte einstweilen in -einem Fauteuil sich gedulden, bis sie ihn rufen lasse.</p> - -<p>Nach einer tödlich langen Viertelstunde erschien sie wieder. -Sie sagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken -er allein mit ihr sein werde; sie selbst wolle sich als <em class="antiqua">dame -d'honneur</em> an die Türe setzen, wo sie gewiß nichts hören könne, -wenn man nicht gar zu laut spreche. Uebrigens dürfe er nicht -länger als eine Viertelstunde bleiben. Der Major trat ein. -Das prachtvolle Gemach mit seinen schimmernden Tapeten und -goldenen Leisten, die reiche Draperie der Gardinen, die bunten -Farben des türkischen Fußteppichs taten seinem Auge wehe, -denn das Gemüt will ein leidendes Herz, einen kranken Körper -nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben sehen. Und wie -groß war der Kontrast zwischen diesem Glanz der Umgebung<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -und diesem zarten, lieblichen Kind, das in einem einfachen, -weißen Gewand auf einer prachtvollen Ottomane lag.</p> - -<p>Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Gestalt, ihr ganzes -Wesen zum erstenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt -wieder in die Seele des Majors. Es war ihre einfache, ungeschmückte -Schönheit, ihre stille Größe, verborgen hinter dem -Zauber kindlicher Liebenswürdigkeit, was ihn angezogen hatte. -Wohl blendete ihn damals der Glanz der frischen, jugendlichen -Farben, die lebhaft strahlenden Augen, jenes gewinnende, huldvolle -Lächeln, das ihre feinen, rosigen Lippen umschwebte. Ein -Nachtfrost hatte diese Blüten abgestreift; aber gab ihr nicht diese -durchsichtige Blässe, diese stille Trauer in dem sinnigen Auge, -dieser wehmütige Zug um den Mund, der nie mehr scherzte, -eine noch erhabenere Schönheit, einen noch gefährlicheren -Zauber? Der Major stand einige Schritte von ihr stille und -betrachtete sie mit tiefer Rührung. Sie winkte ihm nach einem -Taburett, das zu ihren Füßen stand; sie sprach; ihre Stimme -hatte zwar jenes helle Metall verloren, das sonst ihre heiteren -Scherze, ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber diese weichen, -rührenden Töne drangen tiefer. – »Es wäre töricht von mir, -Herr Baron,« sprach sie, »wollte ich Sie lange in Ungewißheit -lassen, warum ich Sie rufen ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie, -als seinen besten Freund, von einem Verhältnis unterrichtet -hat, das nie hätte bestehen sollen. – Erinnern Sie sich noch -des Abends in Othello? Ich sagte Ihnen von einem Billett, das -ich bekommen habe; ich erinnere mich, daß Sie mir es wiederholt -abforderten; warum haben Sie das getan?«</p> - -<p>»Warum? fragen Euer Durchlaucht, weil ich den Inhalt -ahnete, zu wissen glaubte.«</p> - -<p>»Also doch!« rief sie und eine Träne drang aus ihrem -schönen Auge; »also doch! Ich hielt Sie, seit dem ersten Augenblick, -wo ich Sie sah, für einen Mann von Ehre; wenn Sie die -Verhältnisse des Grafen wußten, warum haben Sie ihn nicht -bälder entfernt, warum mir nicht den Schmerz erspart, ihn verachten -zu müssen?«</p> - -<p>»Ich kann bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre -schwören,« entgegnete der Major, »daß ich kaum eine Stunde, -bevor ich zu Euer Durchlaucht in die Loge trat, diese Verhältnisse -durch ein Papier erfahren habe, das durch Zufall statt in -des Grafen Hände in die meinigen kam. Als ich den Grafen -darüber zur Rede stellen wollte, hatte er schon Nachricht davon<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -bekommen und war abgereist. Ich ahnete aus gewissen Winken, -die jenes Briefchen enthielt, daß auch <em class="gesperrt">Sie</em> nicht verschont bleiben -werden; umsonst versuchte ich das unglückliche Blättchen -Euer Durchlaucht abzuschwätzen.«</p> - -<p>»Sie glauben also an diese Erfindung?« sagte Sophie, indem -ihre Tränen heftiger strömten; »ach, es ist ja nur ein Kunstgriff -<em class="gesperrt">gewisser Leute</em>, die ihn von uns entfernen wollten. -Lesen Sie dieses Billett, es ist dasselbe, das ich erhielt; gestehen -Sie selbst, es ist Verleumdung!«</p> - -<p>Der Major las:</p> - -<p>»Der Graf von Z. ist verheiratet; seine Gemahlin lebt in -Avignon; drei kleine Kinder weinen um ihren Vater. – Sollte -eine erlauchte Dame so wenig Ehrgefühl, so wenig Mitleid besitzen, -ihn diesen Banden noch länger zu entziehen?«</p> - -<p>Es war dieselbe Handschrift, dasselbe Siegel wie jenes -Billett, das er selbst bekommen hatte. Er sah noch immer in -diese Zeilen; er wagte nicht aufzuschauen, er wußte nicht zu -antworten; denn seine strengen Begriffe von Wahrheit erlaubten -ihm nicht, gegen seine Ueberzeugung zu sprechen, das tiefe Mitleid -mit ihrem Schmerz ließ ihn ihre Hoffnung nicht so grausam -niederschlagen.</p> - -<p>»Sehen Sie,« fuhr sie fort, als er noch immer schwieg, -»wie ich dieses Briefchen arglos, neugierig erbrach, so überraschten -mich jene schrecklichen Worte <em class="gesperrt">Gemahlin</em>, <em class="gesperrt">Vater</em> -wie eine Stimme des Gerichtes. Die Sinne schwanden mir; -ich wurde recht krank und elend; aber so oft ich nur eine Stunde -mich leichter fühle, steigt meine Hoffnung wieder; ich glaube, -Zronievsky kann doch nicht so gar schlecht gewesen sein, er -kann mich nicht so schrecklich betrogen haben. Lächeln Sie doch, -Major, seien Sie freundlich! – Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen -mich verspotten, weil ich mich durch diese Zeilen so ganz außer -Fassung bringen ließ, – aber nicht wahr, Sie meinen selbst, -es ist eine Lüge, es ist Verleumdung?«</p> - -<p>Der Major war außer sich; was sollte er ihr sagen? Sie -hing so erwartungsvoll an seinen Lippen, es war, als sollte -<em class="gesperrt">ein</em> Wort von ihm sie ins Leben rufen – ihr Auge strahlte -wieder, jenes holde Lächeln erschien wieder auf ihren lieblichen -Zügen – sie lauschte wie auf die Botschaft eines guten Engels.</p> - -<p>Er antwortete nicht, er sah finster auf den Boden; da verschwand -allmählich die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das -Auge senkte sich, der kleine Mund preßte sich schmerzlich zusammen, -das zarte Rot, das noch einmal ihre Wangen gefärbt<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -hatte, floh; sie senkte ihre Stirne in die schöne Hand, sie verbarg -ihre weinenden Augen.</p> - -<p>»Ich sehe,« sagte sie, »Sie sind zu edel, mir mit Hoffnungen -zu schmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verschwinden -müßten. Ich danke Ihnen auch für diese schreckliche Gewißheit. -Sie ist immer besser als das ungewisse Schweben zwischen -Schmerz und Freude; und nun, mein Freund, nehmen Sie dort -das Kästchen, suchen Sie es ihm zuzustellen, es enthält manches, -was mir teuer war – doch nein, lassen Sie es mir noch einige -Tage, ich schicke es Ihnen, wenn ich es nicht mehr brauche.</p> - -<p>Es ist mir, als werde ich nicht mehr lange leben,« fuhr -sie nach einigen Augenblicken fort; »ich bin gewiß nicht abergläubisch, -aber warum muß ich gerade nach diesem fatalen -Othello krank werden?«</p> - -<p>»Ich hätte nicht gedacht, daß dieser Gedanke nur einen -Augenblick Euer Durchlaucht Sorge machen könnte!« sagte der -Major.</p> - -<p>»Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht, -als man mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich -werde sterben. Eine ernste, finstere junge Dame kam mit einem -Plumeau von roter Seide auf mich zu, deckte ihn über mich her -und preßte ihn immer stärker auf mich, daß ich beinahe erstickte. -Dann kam plötzlich mein Großoheim, der Herzog Nepomuk, -gerade so wie er gemalt in der Galerie hängt, und befreite mich -von dem beengenden Druck, und das sonderbarste ist –«</p> - -<p>»Nun?« fragte der Baron lächelnd, »was fing denn der -gemalte Herzog mit Desdemona an?«</p> - -<p>Die Prinzessin staunte: »Woher wissen Sie denn, daß die -Dame Desdemona ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie -dies?«</p> - -<p>Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. »Was ist -natürlicher,« antwortete er dann, »als daß Sie von Desdemona -träumten? Sie hatten sie ja am Abende zuvor in einem roten -Bette verscheiden sehen.«</p> - -<p>»Sonderbar, daß <em class="gesperrt">Sie</em> auch gleich auf den Gedanken kamen! -Das sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich -befreite, ich wachte in der Tat auf und sah – wie jene Dame -mit dem Plumeau unter dem Arm langsam zur Türe hinausging. -Seit dieser Nacht träumte ich immer dasselbe, immer -beengender ward ihr Druck, immer später kommt mir der Herzog -zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus dem Zimmer<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -schweben! Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen -ließ und mein liebes <em class="gesperrt">Desdemonaliedchen</em> spielte, da – -spotten Sie immer über mich! – da ging die Türe auf und jene -Dame sah ins Zimmer und nickte mir zu.«</p> - -<p>Sie hatte dieses halb scherzend, halb im Ernst erzählt; sie -wurde ernster. »Nicht wahr, Major,« sagte sie, »wenn ich -sterbe, gedenken Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen -Mannes ist mir wert.« – »Prinzessin!« rief der Major, indem -er vergebens seine Wehmut zu bezwingen suchte, »entfernen -Sie doch diese Gedanken, die unmöglich zu Ihrer Genesung heilsam -sein können!«</p> - -<p>Die Oberhofmeisterin erschien in der Tür und gab ein -Zeichen, daß die Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte -dem Major die Hand zum Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen -von Schmerz, Liebe und Ehrfurcht die Hand eines -Mädchens geküßt. Er hob sein Auge noch einmal zu ihr auf, -er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut auf ihm ruhten. -Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher; der -Major stand auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten gesellschaftlichen -Formen sich von einem Wesen zu trennen, das ihm -in wenigen Minuten so teuer geworden war.</p> - -<p>»Ich hoffe,« sagte er, »Euer Durchlaucht bei der nächsten -Cour ganz wiederhergestellt zu sehen.«</p> - -<p>»Sie hoffen, Major?« antwortete sie schmerzlich lächelnd; -»leben Sie wohl, ich habe zu <em class="gesperrt">hoffen</em> aufgehört.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>10.</h4> -</div> - -<p>Die Residenz war einige Tage mit nichts anderem als der -Krankheit der geliebten Prinzessin beschäftigt; man sagte sie -bald sehr krank, bald gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken, -das für alle, die sie näher kannten, schrecklich war. An einem -Morgen, sehr frühe, brachte ein Diener dem Major ein Kästchen. -Ein Blick auf dieses wohlbekannte Behältnis und auf die -Trauerkleider des Dieners überzeugte ihn, daß die Prinzessin -nicht mehr sei. Es war ihm, als sei dieses liebliche Wesen ihm, -ihm <em class="gesperrt">allein</em> gestorben. Er hatte viel verloren auf der Erde, -und doch hatte kein Verlust so empfindlich, so tief seine Seele -berührt als dieser. Es war ihm, als habe er nur noch <em class="gesperrt">ein</em> -Geschäft auf der Erde, das Vermächtnis der Verstorbenen an<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -seinen Ort zu befördern; er würde diese Stadt, die so drückende -Erinnerungen für ihn hatte, sogleich verlassen haben, hätte ihn -nicht das Verlangen zurückgehalten, ihre sterblichen Reste beisetzen -zu sehen. Als die feierlichen Klänge aller Glocken, als die -Trauertöne der Musik und die langen Reihen der Fackelträger -verkündeten, daß Sophie zur Gruft ihrer Ahnen geführt werde, -da verließ er zum erstenmal wieder sein Haus und schloß sich -dem Zuge an. Er hörte nicht auf das Geflüster der Menschen, -die sich über die Ursachen ihrer Krankheit, ihres Todes besprachen; -er hatte nur <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken, nur jener Augenblick, -wo ihr Auge noch einmal auf ihm geruht, wo seine Lippen ihre -Hand berührt hatten, stand vor seiner Seele. Man nahm die -Insignien ihrer hohen Geburt von dem Sarge, man senkte sie -langsam hinab zum Staube ihrer Ahnen. Die Menge verlor sich, -die Begleiter löschten ihre Fackeln aus und verließen die Halle. -Der Major warf noch einen Blick nach der Stelle, wo sie verschwunden -war, und ging.</p> - -<p>Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein -alter Mann, der heftig weinte. Als der Major an seiner Seite -war, sah jener sich um, es war der Regisseur der Oper. Der -Alte trat näher zu ihm, sah ihn lange an, schien sich auf etwas -zu besinnen und sprach dann: »Möchten Sie nicht, Herr Baron, -wir hätten nur geträumt, und jenes liebliche Kind, das man -begraben hat, wäre noch am Leben?«</p> - -<p>»Woran mahnen Sie mich!« rief der Major mit unwillkürlichem -Grauen; »ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten; -sie ist begraben, und wir beide gehen nebeneinander von ihrem -Grab.«</p> - -<p>»Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen,« -sagte der Alte mit trübem Ernst. »Ist es heute nicht <em class="gesperrt">elf</em> Tage, -daß wir Othello gaben? Am <em class="gesperrt">achten</em> ist sie gestorben.«</p> - -<p>»Zufall, Zufall!« rief der Major. »Wollen Sie Ihren -Wahnsinn auch jetzt noch fortsetzen? Weiß ich doch nur zu gut, -an was sie starb? Wohl hat ein Dolch ihre Seele wie Desdemonas -Brust durchstoßen; ein Elender, schwärzer als Ihr -Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber dennoch ist es Aberglaube, -Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre Oper zusammenreimen!«</p> - -<p>»Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig,« sagte der -Alte mit Tränen. »Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter!<span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span> -ich werde es, wie ich es weiß, in meiner Opernchronik notieren. -Es hat so kommen müssen!«</p> - -<p>»Nein!« erwiderte der Major beinahe wütend, »nein, es -hat nicht so kommen müssen; <em class="gesperrt">ein</em> Wort von mir hätte sie vielleicht -gerettet. Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren -Othello nicht ins Spiel; es ist Zufall, Alter; ich will es haben, -es ist Zufall!«</p> - -<p>»Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur -Schickung. Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn -hier ist meine Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie -wollen;« setzte der Alte hinzu, indem er die kalte Hand des -Majors in der seinigen preßte, »das Faktum ist da, sie starb -– <em class="gesperrt">acht Tage nach Othello</em>.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p> - -<h3 id="Die_Bettlerin_vom_Pont_des_Arts">Die Bettlerin vom Pont des Arts.</h3> - -<h4>1.</h4> -</div> -<p>Wer im Jahre 1824 abends hie und da in den Gasthof -zum König von England in Stuttgart kam oder nachmittags -zwischen zwei und drei in den Anlagen auf dem breiten Wege -promenierte, muß sich, wenn anders sein Gedächtnis nicht zu -kurz ist, noch einiger Gestalten erinnern, die damals jedes -Auge auf sich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die ganz -und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäste -oder Anlagenspaziergänger paßten, sondern eher auf den Prado -zu Madrid oder in ein Café zu Lissabon oder Sevilla zu gehören -schienen. Denket euch einen ältlichen, großen, hageren -Mann mit schwärzlichgrauen Haaren, tiefen, brennenden Augen -von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühn gebogenen Nase und -feinem eingepreßten Mund. Er geht langsam, stolz und aufrecht. -Zu seinen schwarzseidenen Beinkleidern und Strümpfen, -zu den großen Rosen auf den Schuhen und den breiten Schnallen -am Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu -dem hohen, etwas zugespitzten Hut mit breitem Rande, schief an -die Stirne gedrückt, wünschet ihr, wenn euch nur einigermaßen -Phantasie innewohnt, ein kurzes, geschlitztes Wams und einen -spanischen Mantel statt des schwarzen Frackes, den der Alte umgelegt -hat.</p> - -<p>Und der Diener, der ihm ebenso stolzen Schrittes folgt, -erinnert er nicht durch das spitzbübische, dummdreiste Gesicht, -durch die fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenierte -Wesen, womit er um sich schaut, alles angafft und doch nichts -bewundert, an jene Diener im spanischen Lustspiel, die ihrem -Herrn wie ein Schatten treu, an Bildung tief unter ihm, an -Stolz neben ihm, an List und Schlauheit über ihm stehen? -Unter dem Arm trägt er seines Gebieters Sonnenschirm und -Regenmantel, in der Hand eine silberne Büchse mit Zigarren -und eine Lunte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p> - -<p>Wer blieb nicht stehen, wenn diese beiden langsam durch die -Promenade wandelten, um ihnen nachzusehen? Es war aber -bekanntlich niemand anders, als <em class="gesperrt">Don Pedro di San Montanjo -Ligez</em>, der Haushofmeister des Prinzen von P., der -sich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und Diego, sein Diener.</p> - -<p>Wie es oft zu geschehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes -Ereignis dazu gehört, einen Menschen berühmt und auffallend zu -machen, so geschah dies auch mit dem jungen Fröben, der schon -seit einem halben Jahr (so lange mochte er sich wohl in Stuttgart -aufhalten) alle Tage Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal -in die Anlagen trat, dreimal um den See und fünfmal den -breiten Weg auf und nieder ging, an allen den glänzenden -Equipagen, schönen Fräulein, an einer Masse von Direktoren, -Räten und Leutnants vorüberkam und von niemand beachtet -wurde, denn er sah ja aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch von -etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines -Nachmittags im breiten Weg auf <em class="gesperrt">Don Pedro</em> gestoßen, solcher -ihn gar freundlich gegrüßt, seinen Arm traulich in den seinigen -geschoben hatte und mit ihm einigemal, eifrig sprechend, auf -und ab spaziert war, seitdem betrachtete man ihn neugierig, -sogar mit einer gewissen Achtung; denn der stolze Spanier, der -sonst mit niemand sprach, hatte ihn mit auffallender Aestimation -behandelt.</p> - -<p>Die schönsten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles -Gesicht habe, ja es liege sogar etwas Interessantes, überaus -Anziehendes darin, was man in den Anlagen eben nicht häufig -sehe; die Direktoren und allerlei Räte fragten: »Wer der junge -Mann wohl sein könnte?« und nur einige Leutnants konnten -Auskunft geben, daß er hie und da im Museum Beefsteaks -speise, seit einem halben Jahre in der Schloßstraße wohne und -einen schönen Mecklenburger reite, so ihm eigen angehörig. Sie -setzten noch vieles über die Vortrefflichkeit dieses Pferdes hinzu, -wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es sei, was es wohl -kosten könnte, und kamen so auf die Pferde überhaupt zu -sprechen, was sehr lehrreich zu hören gewesen sein soll.</p> - -<p>Den jungen Fröben aber sah man seit dieser Zeit öfter -in Gesellschaft Don Pedros, und gewöhnlich fand er sich abends -im König von England ein, wo er, etwas entfernt von andern -Gästen, bei dem Sennor saß und mit ihm sprach. Diego aber -stand hinter dem Stuhl seines Herrn und bediente beide fleißig -mit Xeres und Zigarren. Niemand konnte eigentlich begreifen,<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -wie die beiden Herren zusammengekommen oder welches Interesse -sie aneinander fanden. Man riet hin und her, machte Konjekturen, -und am Ende hätte doch der junge Mann selbst den -besten Aufschluß darüber geben können, wenn ihn nur einer gefragt -hätte.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>2.</h4> -</div> - -<p>Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder -<em class="gesperrt">Boisserée</em> und <em class="gesperrt">Bertram</em>, wo sie sich zuerst fanden und -erkannten? Diese gastfreien Männer hatten dem jungen Manne -erlaubt, ihre Bilder so oft zu besuchen, als er immer wollte; und -er tat dies, wenn er nur immer in der Mittagstunde, wo die -Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es mochte regnen -oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten Ausflügen in -die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und kam -dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des -Herrn von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte, -er habe die herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert -oder nachgezeichnet. Nein, er kam leise in die Türe, grüßte -schweigend und ging in ein entferntes Zimmer, vor <em class="gesperrt">ein</em> Bild, -das er lange betrachtete; und ebenso still verließ er wieder die -Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart, als daß sie ihn über -seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt hätten; aber -auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen sein, denn oft, wenn -er herausging, konnte er nur schlecht die Tränen verbergen, die -ihm im Auge quollen.</p> - -<p>Großen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das -Bildchen nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb -altdeutscher Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht -mit klaren, liebevollen Augen, mit feinem, zierlichem Mund und -zartem, rundem Kinn trat sehr lebendig aus dem Hintergrund -hervor. Die schöne Stirne umzog reiches Haar und ein kleiner -Hut, mit weißen buschigen Federn geschmückt, der etwas schalkhaft -zur Seite saß. Das Gewand, das nur den schönen zierlichen -Hals frei ließ, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und -zeugte ebensosehr von der Sittsamkeit als dem hohen Stand der -Dame.</p> - -<p>»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt,« dachte man, -»wie Kalaf in das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich -geringerer Hoffnung, denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre -alt und das Original nicht mehr unter den Lebenden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p> - -<p>Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige -Anbeter des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines -Tages mit seinem Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der -Haushofmeister, hatte die umherschreitende Schar der Zuschauer -verlassen und besah sich die Gemälde, einsam von Zimmer zu -Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz gerührt, mit einem Ausruf -des Erstaunens, war er vor dem Bild jener Dame stehen -geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, suchte man den -Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit -übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, -den Mund eingepreßt, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde.</p> - -<p>Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe -hinabsteige, doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke -nur für <em class="gesperrt">eines</em> Sinn zu haben. Er fragte, wie dies Bild -hierher gekommen sei. Man sagte ihm, daß es von einem berühmten -Meister vor mehreren hundert Jahren gefertigt und -durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer gekommen sei.</p> - -<p>»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht -hundert Jahre alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre -Sie, wo kann ich sie finden?«</p> - -<p>Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als daß man -diesen Ausbruch des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch -als er dieselbe Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und -wahrscheinlich von Lukas Cranach selbst gemalt sei, da schüttelte -er bedenklich den Kopf.</p> - -<p>»Meine Herren,« sprach er und legte beteuernd die Hand -aufs Herz, »meine Herren, Don Pedro di San Montanjo Ligez -hält Sie für ehrenwerte Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer -und wollen mir dies Bild nicht als alt verkaufen; ich -darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie genießen die -Achtung dieser Provinz. Aber es müßte mich alles täuschen -oder – ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.«</p> - -<p>Mit diesen Worten schritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem -Zimmer.</p> - -<p>»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie, -»wenn wir nicht so genau wüßten, von wem dieses Bild gemalt -ist, wann und wie es in unsern Besitz kam, und welche lange -Reihe von Jahren es vorher in K. hing, man wäre versucht, an -dieser Dame irre zu werden. Scheint nicht selbst den jungen -Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich vor dieses Bild<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span> -zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein jugendliches -Feuer aus seinen Augen, als er gestand, daß er die Dame kenne, -die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz -vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müßte alles täuschen, -wenn der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>3.</h4> -</div> - -<p>Und es traf ein; kaum war die Galerie am folgenden Vormittag -geöffnet worden, trat auch schon Don Pedro di San Montanjo -Ligez festen, erhabenen Schrittes ein und strich an der -langen Bilderreihe vorüber nach jenem Zimmer hin, wo die -Dame mit dem Federhute aufgestellt war. Es verdroß ihn, daß -der Platz vor dem Bilde schon besetzt war, daß er es nicht allein -und einsam Zug für Zug mustern konnte, wie er so gerne getan -hätte. Ein junger Mann stand davor, blickte es lange an, -trat an ein Fenster, sah hinaus nach dem Fluge der Wolken und -trat dann wieder zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn -etwas; doch – er mußte sich gedulden.</p> - -<p>Er machte sich an andern Bildern zu schaffen, aber erfüllt -von dem Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke -den Kopf um, um zu sehen, ob der junge Herr noch immer nicht -gewichen sei, aber er stand wie eine Mauer, er schien in Betrachtung -versunken. Der Spanier hustete, um ihn aus den -langen Träumen zu wecken, jener träumte fort; er scharrte etwas -weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann sah sich -um, aber sein schönes Auge streifte flüchtig an dem alten Herrn -vorüber und haftete dann von neuem auf dem Gemälde.</p> - -<p>»San Pedro! San Jago di Compostella!« murmelte der -Alte, »welch langweiliger, alberner Dilettante!« Unmutig verließ -er das Zimmer und die Galerie, denn er fühlte, heute sei -ihm schon aller Genuß benommen durch Verdruß und Aerger. -Hätte er doch lieber gewartet! Den Tag nachher war die -Galerie geschlossen, und so mußte er sich achtundvierzig lange -Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde gehen konnte, -das ihn in so hohem Grade interessierte. Noch ehe die Glocken -der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geschlagen, stieg er mit anständiger -Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem wohlbekannten -Zimmer zu, und getroffen! Er war der erste, war -allein, konnte einsam betrachten.</p> - -<p>Er schaute die Dame lange mit unverwandten Blicken an, -sein Auge füllte nach und nach eine Träne, er fuhr mit der<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -Hand über die grauen Wimpern. »<em class="gesperrt">O Laura!</em>« flüsterte er -leise. Da tönte ganz vernehmlich ein Seufzer an seine Ohren, -er wandte sich erschrocken um, der junge Mann von vorgestern -stand wieder hier und blickte auf das Bild. Verdrießlich, sich -unterbrochen zu sehen, nickte er mit dem Haupt ein flüchtiges -Kompliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber -nicht minder stolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der -letztere den überflüssigen Nachbar abwarten; aber vergeblich, -er sah zu seinem Schrecken, wie jener sogar einen Stuhl nahm, -sich einige Schritte vor dem Gemälde niedersetzte, um es mit gehöriger -Muße und Bequemlichkeit zu betrachten.</p> - -<p>»Der Geck,« murmelte Don Pedro, »ich glaube gar, er will -mein graues Haar verhöhnen.« Er verließ, noch unmutiger -als ehegestern, das Gemach.</p> - -<p>Im Vorsaal stieß er auf einen der Eigentümer der Galerie; -er sagte ihm herzlichen Dank für den Genuß, den ihm die Sammlung -bereitete, konnte sich aber nicht enthalten, über den jungen -Ruhestörer sich etwas zu beklagen. »Herr B.,« sagte er, »Sie -haben vielleicht bemerkt, daß vorzüglich <em class="gesperrt">eines</em> Ihrer Bilder -mich anzog; es interessiert mich unendlich, es hat eine Bedeutung -für mich, die – die ich Ihnen nicht ausdrücken kann. Ich kam, -so oft Sie es vergönnten, um das Bild zu sehen, freute mich recht, -es ungestört zu sehen, weil doch gewöhnlich die Menge nicht lange -dort verweilt, und – denken Sie sich, da hat es mir ein junger, -böser Mensch abgelauscht, und kommt, so oft ich komme, und -bleibt, <em class="gesperrt">mir zum Trotze</em> bleibt er stundenlang vor diesem -Bilde, das ihn doch gar nichts angeht!«</p> - -<p>Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er sich denken, wer -den alten Herrn gestört haben mochte. »Das letztere möchte ich -denn doch nicht behaupten,« antwortete er; »das Bild scheint den -jungen Mann ebenfalls nahe anzugehen, denn es ist nicht das -erste Mal, daß er es so lange betrachtet.«</p> - -<p>»Wieso? Wer ist der Mensch?«</p> - -<p>»Es ist ein Herr von Fröben,« fuhr jener fort, »der sich -seit fünf, sechs Monaten hier aufhält, und seit er das erste Mal -jenes Bild gesehen, eben jene Dame mit dem Federhut, das auch -Sie besuchen, kommt er alle Tage regelmäßig zu dieser Stunde, -um das Bild zu betrachten. Sie sehen also zum wenigsten, daß -er Interesse an dem Bilde nehmen muß, da er es schon so lange -besucht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p> - -<p>»Herr! Sechs Monate?« rief der Alte. »Nein, dem habe -ich bitter unrecht getan in meinem Herzen, Gott mag es mir -verzeihen! Ich glaube gar, ich habe ihn unhöflich behandelt im -Unmut. Und ist ein Kavalier, sagen Sie? Nein, man soll von -Pedro di Ligez nicht sagen können, daß er einen fremden Mann -unhöflich behandelte. Ich bitte, sagen Sie ihm – doch lassen -Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm sprechen.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>4.</h4> -</div> - -<p>Als er den andern Tag sich wieder einfand und Fröben -schon vor dem Gemälde traf, trat er auch hinzu mit recht freundlichem -Gesicht; als aber der junge Mann ehrerbietig auf die -Seite wich, um dem alten Herrn den bessern Platz einzuräumen, -verbeugte sich dieser höflich grüßend und sprach: »Wenn ich -nicht irre, Sennor, so habe ich Sie schon mehrere Male vor -diesem Gemälde verweilen sehen. – Da geht es Ihnen wohl -gleich mir; auch mir ist dieses Bild sehr interessant, und ich kann -es nie genug betrachten.«</p> - -<p>Fröben war überrascht durch diese Anrede; auch ihm waren -die Besuche des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren, -wer jener sei, und nach der steifen, kalten Begrüßung -von gestern war er dieser freundlichen Anrede nicht gewärtig. -»Ich gestehe, mein Herr!« erwiderte er nach einigem Zögern, -»dieses Bild zieht mich vor allen andern an, denn – weil – -es liegt etwas in diesem Gemälde, das für mich von Bedeutung -ist.« – Der Alte sah ihn fragend an, als genüge ihm diese -Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: »Es ist -wunderbar mit Kunstwerken, besonders mit Gemälden. Es gehen -an einem Bilde oft Tausende vorüber, finden die Zeichnung -richtig, geben dem Kolorit ihren Beifall, aber es spricht sie nicht -tiefer an, während einem einzelnen aus solch einem Bilde eine -tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt gefesselt stehen, kann sich -kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt wieder und immer -wieder, von neuem zu betrachten.«</p> - -<p>»Sie können recht haben,« sagte der Alte nachdenkend, indem -er auf das Gemälde schaute, »aber – ich denke, es ließe sich -dies nur von größeren Kompositionen sagen, von Gemälden, in -welche der Maler eine tiefere Idee legte. Es gehen viele vorüber, -bis die Bedeutung endlich <em class="gesperrt">einem</em> aufgeht, der dann den -tiefen Sinn des Künstlers bewundert. Aber sollte man dies -von solchen Köpfen behaupten können?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span></p> - -<p>Der junge Mann errötete. »Und warum nicht?« fragte er -lächelnd. »Die schönen Formen dieses Gesichtes, die edle Stirne, -dieses sinnende Auge, dieser holde Mund, hat sie der Künstler -nicht mit tiefem Geiste geschaffen, liegt nicht etwas so Anziehendes -in diesen Zügen, daß –«</p> - -<p>»O bitte, bitte,« unterbrach ihn der Alte, gütig abwehrend; -»es war allerdings eine recht hübsche Person, die dem Künstler -gesessen, die Familie hat schöne Frauen.«</p> - -<p>»Wie? welche Familie?« rief der Jüngling erstaunt; er -zweifelte an dem gesunden Verstand des Alten, und doch schienen -ihn seine Worte aufs höchste zu spannen. »Dies Bild ist wohl -reine Phantasie, mein Herr, ist zum wenigsten mehrere hundert -Jahre alt!«</p> - -<p>»Also glauben Sie das Märchen auch?« flüsterte der Alte; -»unter uns gesagt, diesmal wurde der Scharfblick der Eigentümer -doch getäuscht; ich kenne ja die Dame.«</p> - -<p>»Um Gottes willen, Sie kennen sie? wo ist sie jetzt, wie -heißt sie?« sprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des -Spaniers faßte.</p> - -<p>»Sage ich lieber, ich <em class="gesperrt">habe</em> sie gekannt,« antwortete dieser -mit zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame -aufschlug. »Ja, ich habe sie gekannt, in Valencia vor zwanzig -Jahren; eine lange Zeit! Es ist niemand anders als Donna -Laura Tortosi.«</p> - -<p>»Zwanzig Jahre!« wiederholte der junge Mann traurig -und niedergeschlagen. »Zwanzig Jahre, nein, sie ist es nicht!«</p> - -<p>»Sie ist es nicht?« fuhr Don Pedro hitzig auf. »Nicht, -sagen Sie? So können Sie glauben, ein Maler habe diese Züge -aus seinem Hirn zusammengepinselt? Doch ich will nicht ungerecht -sein, es war wohl ein tüchtiger Mann, der sie malte, -denn seine Farben sind wahr und treu, treu und frisch wie das -blühende Leben. Aber glauben Sie, daß ein solcher Künstler -aus seiner Phantasie nicht ein ganz anderes Bild erschafft. -Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortosi zu kennen, daß diese -Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müsse, Familienzüge, -bestimmt und klar von der Natur ausgesprochen, Züge, wie man -sie nie in Gemälden der Phantasie, sondern nur bei guten -Porträts findet? Es ist ein Porträt, sag' ich Ihnen, Sennor, -und bei Gott kein anderes, als das der Donna Laura, wie ich -sie vor zwanzig Jahren gesehen in dem lieblichen Valencia.«</p> - -<p>»Mein verehrter Herr,« erwiderte ihm Fröben, »es gibt -Aehnlichkeiten, täuschende Aehnlichkeiten; man glaubt oft einen<span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span> -Freund sprechend getroffen zu sehen, nur in sonderbarem, veraltetem -Kostüm, und wenn man fragt, ist es sein Urahn aus -dem Dreißigjährigen Kriege oder überdies gar noch ein Fremder. -Ich gebe auch zu, daß dieses Bild sogenannte Familienzüge -trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche, -aber <em class="gesperrt">dieses</em> Bild, dieses ist alt, und so viel weiß man wenigstens -aus Registern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenenkirche -zu K. schon seit hundertundfünfzig Jahren hing, -durch zufällige Stiftung, nicht auf Bestellung, in die Kirche kam, -und nach allen Anzeichen von dem deutschen Maler Lukas Cranach -gefertigt wurde.«</p> - -<p>»So hole der lebendige Satan meine Augen!« rief Don -Pedro ärgerlich, indem er aufsprang und seinen Hut nahm. -»Ein Blendwerk der Hölle ist's, sie will mich in meinen alten -Tagen noch einmal durch dies Gemälde in Wehmut und Gram -versenken.« Tränen standen dem alten Mann in den Augen, -als er mit hastigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>5.</h4> -</div> - -<p>Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal dagewesen. -Fröben und er sahen sich noch oft vor dem Bilde, und -der Alte gewann den jungen Mann durch sein bescheidenes, aber -bestimmtes Urteil, durch seine liebenswürdige Offenheit, durch -sein ganzes Wesen, das feine Erziehung, treffliche Kenntnisse -und einen für diese Jahre seltenen Takt verriet, immer lieber. -Der Alte war fremd in dieser Stadt, er fühlte sich einsam, -dennoch war er der Welt nicht so sehr abgestorben, daß er nicht -hin und wieder einen Menschen hätte sprechen mögen. So kam -es, daß er sich unvermerkt näher an den jungen Fröben anschloß; -zog ihn ja dieser auch dadurch so unbeschreiblich an, daß er ein -teures Gefühl mit ihm teilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde.</p> - -<p>So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang -gerne begleitete, daß er ihn oft einlud, ihm abends Gesellschaft -zu leisten. Eines Abends, als der Speisesaal im König -von England ungewöhnlich gefüllt war und rings um die beiden -fremde Gäste saßen, so daß sie sich im traulichen Gespräche -gehindert fühlten, sprach Don Pedro zu seinem jungen Freund: -»Sennor, wenn Ihr anders diesen Abend nicht einer Dame versprochen -habt, vor ihrem Gitter mit der Laute zu erscheinen, -oder wenn Euch nicht sonst ein Versprechen hindert, so möchte<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span> -ich Euch einladen, eine Flasche echten Ximenes mit mir auszustechen -auf meinem Gemach.«</p> - -<p>»Sie ehren mich unendlich,« antwortete Fröben, »mich -bindet kein Versprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch -ist es hiesigen Orts nicht Sitte, abends die Laute zu schlagen -auf der Straße oder sich mit der Geliebten am Fenster zu -unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie begleiten.«</p> - -<p>»Gut; so geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit -Diego die Einrichtung gemacht; ich werde Euch rufen lassen.«</p> - -<p>Der Alte hatte diese Einladung mit einer Art von Feierlichkeit -gesprochen, die Fröben sonderbar auffiel. Jetzt erst entsann -er sich auch, daß er noch nie auf Don Pedros Zimmer gewesen, -denn immer hatten sie sich in dem allgemeinen Speisesaal -des Gasthofs getroffen. Doch aus allem zusammen glaubte -er schließen zu müssen, daß es eine besondere Höflichkeit sei, die -ihm der Spanier durch diese Einführung bei sich erzeigen wolle. -Nach einer Viertelstunde erschien Diego mit zwei silbernen Armleuchtern, -neigte sich ehrerbietig vor dem jungen Mann und -forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte, -als er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäste ihm -neugierig nachschauten und die Köpfe zusammensteckten. Im -ersten Stock machte Diego eine Flügeltüre auf und winkte dem -Gast, einzutreten. Ueberrascht blieb dieser auf der Schwelle -stehen. Sein alter Freund hatte den Frack abgelegt, ein schwarzes, -geschlitztes Wams mit roten Puffen angezogen und einen -langen Degen mit goldenem Griff umgeschnallt; ein dunkelroter -Mantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich schritt er -seinem Gast entgegen und streckte seine dürre Hand aus den -reichen Manschetten hervor, ihn zu begrüßen. »Seid mir herzlich -willkommen, Don Fröbenio,« sprach er, »stoßet Euch nicht -an diesem prunklosen Gemach; auf Reisen, wie Ihr wißt, fügt -sich nicht alles wie zu Hause. Weicher allerdings geht es sich in -meinem Saale zu Lissabon, und meine Diwans sind echt maurische -Arbeit; doch setzet Euch immer zu mir auf dies schmale -Ding, Sofa genannt, ist doch der Wein des Herrn Schwaderer -echt und gut; setzt Euch!«</p> - -<p>Er führte unter diesen Worten den jungen Mann zu einem -Sofa; der Tisch vor diesem war mit Konfitüren und Wein besetzt; -Diego schenkte ein und brachte Zündstock und Zigarren.</p> - -<p>»Schon lange,« hub dann Don Pedro an, »schon lange -hätte ich gern einmal so recht vertraulich zu Euch gesprochen,<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -Don Fröbenio, wenn Ihr anders mein Vertrauen nicht gering -achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur Mittagsstunde vor Lauras -Bildnis trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr so recht versunken -waret in Anschauung, aufmerksam betrachtet, und, vergebt mir, -wenn meine alten Augen einen Diebstahl an Euren Augen begingen, -ich bemerkte, daß der Gegenstand dieses Gemäldes noch -höheres Interesse für Euch haben müsse und eine tiefere Bedeutung, -als Ihr mir bisher gestanden.«</p> - -<p>Fröben errötete; der Alte sah ihn so scharf und durchdringend -an, als wollte er im innersten Grund seiner Seele -lesen. »Es ist wahr,« antwortete er, »dieses Bild hat eine tiefe -Bedeutung für mich, und Sie haben recht gesehen, wenn Sie -glauben, es sei nicht das <em class="gesperrt">Kunstwerk</em>, was mich interessiere, -sondern der <em class="gesperrt">Gegenstand</em> des Gemäldes. Ach, es erinnert -mich an den sonderbarsten, aber glücklichsten Moment meines -Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst -ein Mädchen sah, das mit diesem Bild täuschende Aehnlichkeit -hatte; ich sah sie nur einmal und nie wieder, und darum gehört -es zu meinem Glück, wenigstens ihre holden Züge in diesem Gemälde -wieder aufzusuchen.«</p> - -<p>»O Gott! das ist ja auch <em class="gesperrt">mein</em> Fall!« rief Don Pedro.</p> - -<p>»Doch lachen werden Sie,« fuhr Fröben fort, »wenn ich -gestehe, daß ich nur von einem Teil des Gesichtes dieser Dame -sprechen kann. Ich weiß nicht, ist sie blond oder braun, ist ihre -Stirne hoch oder nieder, ist ihr Auge blau oder dunkel, -ich weiß es nicht! Aber diese zierliche Nase, dieser liebliche -Mund, diese zarten Wangen, dieses weiche Kinn finde ich auf -dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geschaut!«</p> - -<p>»Sonderbar! – Und diese Formen, die sich dem Gedächtnis -weniger tief einzudrücken pflegen als Auge, Stirn und Haar, -diese sollten, nachdem Ihr nur einmal sie gesehen, so lebhaft in -Eurer Seele stehen?«</p> - -<p>»O Don Pedro!« sprach der Jüngling bewegt, »einen -Mund, den man <em class="gesperrt">einmal</em> geküßt hat, einen <em class="gesperrt">solchen</em> Mund -vergißt man so leicht nicht wieder. Doch, ich will erzählen, wie -es mir damit ergangen.« –</p> - -<p>»Halt ein, kein Wort!« unterbrach ihn der Spanier; »Ihr -würdet mich für sehr schlecht erzogen halten müssen, wollte ich -einem Kavalier sein Geheimnis entlocken, ohne ihm das meine -zuvor als Pfand gegeben zu haben. Ich will Euch erzählen von -der Dame, die ich in jenem sonderbaren Bild erkannte, und wenn<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -Ihr mich dann Eures Vertrauens würdig achtet, so möget Ihr -mir mit Eurer Geschichte vergelten. Doch, Ihr trinket ja nicht; -es ist echter, spanischer Wein, und ihn müßt Ihr trinken, wenn -Ihr mit mir Valencia besuchen wollt.«</p> - -<p>Sie tranken von dem begeisternden Ximenes und der Alte -hub an.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>6.</h4> -</div> - -<p>»Sennor, ich bin in Granada geboren. Mein Vater kommandierte -ein Regiment, und er und meine Mutter stammten -aus den ältesten Familien dieses Königreichs. Ich wurde im -Christentum und allen Wissenschaften erzogen, die einen Edelmann -zieren, und mein Vater bestimmte mich, als ich zwanzig -Jahre alt und gut gewachsen war, zum Soldaten. Aber er -war ein Mann, streng und ohne Rücksicht im Dienste, und weil -er die Zärtlichkeit meiner Mutter für mich kannte und fürchtete, -sie möchte ihn oft verhindern, mich meine Pflicht gehörig vollbringen -zu machen, beschloß er, mich zu einem andern Regiment -zu schicken, und seine Wahl fiel auf Pampeluna, wo mein Oheim -kommandierte. Ich lernte dort den Dienst sorgfältig und genau -und brachte es in den folgenden zehn Jahren bis zum Kapitän. -Als ich dreißig alt war, wurde mein Oheim nach Valencia -versetzt. Er hatte Einfluß und wußte zu bewirken, daß ich ihm -schon nach einem halben Jahr als Adjutant folgen konnte. Als -ich aber in Valencia ankam, hatte sich in meines Oheims Hauswesen -vieles geändert. Er war schon längst, noch in Pampeluna, -Witwer geworden. In Valencia hatte er eine reiche Witwe -kennen gelernt und sie einige Wochen früher, als ich bei ihm -eintraf, geheiratet. Sie können denken, wie ich überrascht war, -als er mir eine ältliche Dame vorstellte und sie seine Gemahlin -nannte; meine Ueberraschung stieg aber und gewann an Freude, -als er auch ein Mädchen, schön wie der Tag, herbeiführte und -sie seine Tochter Laura, meine Cousine, nannte. Ich hatte bis -zu jenem Tage nicht geliebt, und meine Kameraden hatten mich -oft deshalb Pedro el pedro (den steinernen Pedro) genannt; -aber dieser Stein zerschmolz wie Wachs von den feurigen Blicken -Lauras.</p> - -<p>Ihr habt sie gesehen, Don Fröbenio, jenes Bild gibt ihre -himmlischen Züge wieder, wenn es anders einem irdischen Künstler -möglich ist, die wundervollen Werke der Natur zu erreichen. -Ach, gerade so trug sie ihr Haar, so mutig wie auf jenem Gemälde -hatte sie das Hütchen mit den wallenden Federn aufgesetzt,<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span> -und wenn sie ihr dunkles Auge unter den langen Wimpern -aufschlug, so war es, als ob die Pforten des Himmels sich -öffneten und ein leuchtender Engel freundlich herabgrüßte.</p> - -<p>Meine Liebe, Sennor, war eine freudige; ich konnte ja -täglich um sie sein; jene Schranken, die in meinem Vaterlande -gewöhnlich die Liebenden trennen und die Liebe schmerzlich, -ängstlich, gramvoll und verschlagen machen, jene Schranken -trennten uns nicht. Und wenn ich in die Zukunft sah, wie -lachend erschien sie mir! Mein Oheim liebte mich wie seinen -Sohn; verstand ich seine Winke recht, so schien es ihm nicht -unangenehm, wenn ich mich um seine Tochter bewerbe; und von -meinem Vater konnte ich kein Hindernis erwarten, denn Laura -stammte aus edlem Blute und der Reichtum ihrer Mutter war -bekannt. Wie mächtig meine Liebe war, könnt Ihr schon daraus -ersehen, daß ich da liebte, wo es so gänzlich ohne Not und Jammer -abging. Denn gewöhnlich entsteht die Liebe aus der angenehmen -Bemerkung, daß man der Geliebten vielleicht nicht mißfallen -habe; wie Feuer unter den Dächern fortschleicht und durch -eine Mauer aufgehalten plötzlich verzehrend nieder in das Haus -und prasselnd auf zum Himmel schlägt, so die Liebe. Die kleine -Neigung wächst. Die unüberwindlich scheinenden Hindernisse -spornen an; man glaubt, eine Glut zu fühlen, die nur im Arme -der Geliebten sich abkühlen kann. Man spricht die Dame am -Gitter, man schickt ihr Briefe durch die Zofe, man malt im -Traume und Wachen ihr Bild, ihre Gestalt so reizend sich vor, -denn bisher sah man sie nicht anders als im Schleier und der -verhüllenden Mantilla. Endlich, sei es durch List oder Gewalt, -fallen die Schranken. Man fliegt herbei, führt die Errungene -zur Kirche und – besiehet sich nachher den Schatz etwas genauer. -Wie auf dem schönen Wiesengrund, der nur ein Teppich ist, über -ein sumpfig Moorland gedeckt, wenn du wie auf fester Erde ausschreitest, -deine Füße einsinken und Quellen aus der Tiefe -rieseln, so hier. Alle Augenblicke zeigt sich eine neue Laune bei -der Dame, alle Tage lüftet sie Schleier und Mantilla ihres -Herzens freier, und am Ende stündest du lieber wieder an dem -Gitter, Liebesklagen zu singen, um – nie wiederzukehren.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>7.</h4> -</div> - -<p>»Bei Gott, Ihr seid ein scharfer Kritiker,« erwiderte Fröben -errötend; »es liegt in dem, was Ihr saget, etwas Wahres, -aber ganz so? Nein, da müßte ja jener Götterfunke, der zündend -ins Herz schlägt, jener selige Augenblick, wo die Hälfte -einer Minute zum Verständnis hinreicht, müßte lügen, und doch -glaube ich an seine himmlische Abkunft. O, ist es mir denn -besser ergangen?«</p> - -<p>»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt,« sprach Don Pedro; -»jener Moment ist himmlisch schön, aber er beruht gar oft auf -bitterer Täuschung. Höret weiter. Mich reizten, mich hinderten -keine Schranken, und dennoch liebte ich so warm als irgend -ein junger Kavalier in Spanien. Das einzige Hindernis konnte -Lauras Herz sein, und – ihr Auge hatte mir ja schon oft gestanden, -daß es dem meinigen gerne begegne. Alle jene kleinen -Beweise meiner Zärtlichkeit, wie man sie in diesem Zustand -gibt, nahm Donna Laura gütig auf, und nach einem Vierteljahre -erlaubte sie mir, ihr meine Liebe zu gestehen. Die Eltern hatten -die Sache längst bemerkt; mein Oheim gab mir seine Einwilligung -und sagte, er habe für mich wegen guter Dienste, die -ich geleistet, beim König um ein Majorspatent nachgesucht. Mit -der Nachricht meines Steigens soll ich dem Vater meine Liebe -gestehen und ihn um Einwilligung bitten. Ich gelobte es; ach, -warum habe ich's getan! Sollte man nicht immer einen Dämon -hinter sich glauben, der uns das Glück wie ein schönes Spielzeug -gibt, nur um es plötzlich zu zerschlagen?</p> - -<p>Ich hatte bald nach der Gewißheit meines Glückes mit -einem Hauptmann aus einem Schweizerregiment Bekanntschaft -gemacht, den ich lieb gewann und täglich in mein Haus führte. -Es war ein schöner, blonder Jüngling, mit klaren blauen Augen, -von weißer Haut und roten Wangen. Er hätte zu weich für -einen Soldaten ausgesehen, wenn nicht berühmte Waffentaten, -die er ausgeführt, in aller Munde lebten. Um so gefährlicher -war er für Frauen. Seine ganze Erscheinung war so neu in -diesem Lande, wo die Sonne die Gesichter dunkel färbt, wo unter -schwarzem Haar schwarze Augen blitzten; und wenn er von den -Eisbergen, von dem ewigen Schnee seiner Heimat erzählte, so -lauschte man gerne auf seine Rede, und manche Dame mochte -schon den Versuch gemacht haben, das Eis seines Herzens zu -schmelzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span></p> - -<p>Eines Morgens kam ein Freund zu mir, der um meine -Liebe zu Laura wußte, und gab mir in allerlei geheimnisvollen -Reden zu verstehen, ich möchte entweder auf der Hut sein oder -ohne das Majorspatent meine Base heiraten, indem sonst noch -manches sich ereignen könnte, was mir nicht angenehm wäre. -Ich war betreten, forschte näher und erfuhr, daß Donna Laura -bei einer verheirateten Freundin hie und da mit einem Mann -zusammenkomme, der in einen Mantel verhüllt ins Haus -schleiche. Ich entließ den Freund und dankte ihm. Ich glaubte -nichts davon, aber ein Stachel von Eifersucht und Mißtrauen -war in mir zurückgeblieben. Ich dachte nach über Lauras Betragen -gegen mich, ich fand es unverändert; sie war hold, gütig -gegen mich wie zuvor, ließ sich die Hand, wohl auch den schönen -Mund küssen – aber dabei blieb es auch; denn jetzt erst fiel -mir auf, wie kalt sie immer bei meiner Umarmung war, sie -drückte mir die Hand nicht wieder, wenn ich sie drückte, sie gab -mir keinen Kuß zurück.</p> - -<p>Zweifel quälten mich; der Freund kam wieder, schürte -durch bestimmtere Nachrichten das Feuer mächtiger an und ich -beschloß bei mir, die Schritte meiner Dame aufmerksamer zu -bewachen. Wir speisten gewöhnlich zusammen, der Oheim, die -Tante, meine schöne Base und ich. Am Abend des Tages, als -mein Freund zum zweitenmal mich gewarnt, fragte die Tante -bei Tische ihre Tochter, ob sie ihr Gesellschaft leisten werde auf -dem Balkon?</p> - -<p>Sie antwortete, sie habe ihrer Freundin einen Besuch -zugesagt. Unwillkürlich mochte ich sie dabei schärfer angesehen -haben, denn sie schlug die Augen nieder und errötete. Sie ging -eine Stunde, ehe die Nacht einbrach, zu jener Dame. Als es -dunkel wurde, schlich ich mich an jenes Haus und hielt Wache; -rasende Eifersucht kam über mich, als ich die Straße herauf, -nahe an die Häuser gedrückt, eine verhüllte Gestalt schleichen -sah. Ich stellte mich vor die Haustüre, die Gestalt kam näher -und wollte mich sanft auf die Seite schieben; aber ich faßte sie -am Gewand und sprach: ›Sennor, wer Ihr auch seid, in diesem -Augenblick glaube ich einen Mann von Ehre vor mir zu haben, -und bei Eurer Ehre fordere ich Euch auf, steht mir Rede!‹</p> - -<p>Bei dem ersten Ton meiner Stimme sah ich ihn zusammenschrecken; -er besann sich eine kleine Weile und entgegnete -dann: ›Was soll es?‹</p> - -<p>›Schwört mir bei Eurer Ehre,‹ fuhr ich fort, ›daß Ihr nicht -wegen Donna Laura di Tortosi in dieses Haus geht.<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span>‹</p> - -<p>›Wer erkühnt sich, mir über meine Schritte Rechenschaft -abzufordern?‹ rief er mit dumpfer verstellter Stimme. An -seiner Aussprache merkte ich, daß er ein Fremder sein müsse; -eine düstere Ahnung ging in meiner Seele auf. ›Der Kapitän -di San Montanjo wagt es,‹ antwortete ich und riß ihm, ehe er -sich dessen versah, den Mantel vom Gesicht – es war mein -Freund Tannensee, der Schweizer.</p> - -<p>Er stand da wie ein Verbrecher, keines Wortes mächtig. -Aber ich hatte meinen Degen blank gezogen, und sprachlos vor -Wut deutete ich ihm an, dasselbe zu tun. ›Ich habe keine Waffen -bei mir, als einen Dolch,‹ erwiderte er. Schon war ich willens, -ihm ohne Zögern den Degen in den Leib zu rennen; aber als er -so regungslos auf alles gefaßt vor mir stand, konnte ich das -Schreckliche nicht vollbringen. Ich behielt noch so viel Fassung, -daß ich ihn bestimmte, am andern Morgen vor dem Tor der -Stadt mir Rechenschaft zu geben. Die Türe hielt ich besetzt; -er sagte zu und ging.</p> - -<p>Noch lange hielt ich Wache, bis endlich die Sänfte für -Laura gebracht wurde, bis ich sie einsteigen sah; dann folgte -ich ihr langsam nach Hause. Die Qualen der Eifersucht ließen -mich keinen Schlaf auf meinem Lager finden, und so hörte ich, -wie sich um Mitternacht Schritte meiner Türe näherten. Man -pochte an; verwundert warf ich meinen Mantel um und schloß -auf; es war die alte Dienerin Lauras, die mir einen Brief -übergab und eilends wieder davonging.</p> - -<p>Sennor! Gott möge Euch vor einem ähnlichen Brief in -Gnaden bewahren! Sie gestand mir, daß sie den Schweizer -längst geliebt habe, als sie mich noch gar nicht kannte; daß sie -aus Furcht vor dem Zorn ihrer Mutter, die alle Fremden hasse, -ihn immer zurückgehalten, um sie zu werben; daß sie, von den -Drohungen meiner Tante genötigt, meine Anträge sich habe gefallen -lassen. Sie nahm alle Schuld auf sich, sie schwur mit -den heiligsten Eiden, daß Tannensee mir oft habe alles gestehen -wollen und nur durch ihr Flehen, durch ihre Furcht, nachher -strenger verwahrt zu werden, sich habe zurückhalten lassen. Sie -deutete mir ein schreckliches Geheimnis an, das die Ehre der -Familie beflecken werde, wenn ich ihr und dem Hauptmann nicht -zur Flucht verhelfe. Sie beschwor mich, von meinem Streit -abzustehen, denn wenn er falle, so bleibe ihr, <em class="gesperrt">seiner Gattin</em>, -nichts übrig, als sich das Leben zu nehmen. Sie schloß damit, -meine Großmut anzurufen, sie werde mich ewig <em class="gesperrt">achten</em>, aber -niemals <em class="gesperrt">lieben</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p> - -<p>Ihr werdet gestehen, daß ein solcher Brief gleich kaltem -Wasser alle Flammen der Liebe löschen kann; er löschte sogar -zum Teil meinen Zorn. Aber vergeben konnte ich es meiner -Ehre nicht, daß ich betrogen war, darum stellte ich mich zur -bestimmten Stunde auf dem Kampfplatz ein. Der Kapitän -mochte tief fühlen, wie sehr er mich beleidigt; obgleich er ein -besserer Fechter war als ich, verteidigte er sich nur, und nicht -seine Schuld ist es, daß ich meine Hand hier zwischen Daumen -und Zeigefinger in seinen Degen rannte, so daß ich außer stande -war, weiter zu fechten. Ich gab ihm, während ich verbunden -wurde, Lauras Brief. Er las, er bat mich flehend, ihm zu vergeben, -ich tat es mit schwerem Herzen.</p> - -<p>Die Geschichte meiner Liebe ist zu Ende, Don Fröbenio, -denn fünf Tage darauf war Donna Laura mit dem Schweizer -verschwunden.«</p> - -<p>»Und mit Ihrer Hilfe?« fragte Fröben.</p> - -<p>»Ich half, so gut es ging. Freilich war der Schmerz meiner -Tante groß; aber in diesen Umständen war es besser, sie sah -ihre Tochter nie wieder, als daß Unehre über das Haus kam.«</p> - -<p>»Edler Mann! Wie unendlich viel muß Sie dies gekostet -haben! Wahrhaftig, es war eine harte Prüfung.«</p> - -<p>»Das war es,« antwortete der Alte mit düsterem Lächeln. -»Anfangs glaubte ich, diese Wunde werde nie vernarben; die -Zeit tut viel, mein Freund! Ich habe sie nie wieder gesehen, -nie von ihnen gehört, nur einmal nannten die Zeitungen den -Oberst Tannensee als einen tapfern Mann, der unter den -Truppen Napoleons in der Schlacht von Brienne dem Feinde -langen Widerstand getan habe. Ob es derselbe ist, ob Laura -noch lebt, weiß ich nicht zu sagen.</p> - -<p>Als ich aber in diese Stadt kam, jene Galerie besuchte, -und nach zwanzig langen Jahren meine Laura wieder erblickte, -ganz so, wie sie war in den Tagen ihrer Jugend, da brachen -die alten Wunden wieder auf, und – nun Ihr wisset, daß ich sie -täglich besuche.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>8.</h4> -</div> - -<p>Mit umständlicher Gravität, wie es dem Haushofmeister -eines p…schen Prinzen, einem Mann aus altkastilischem -Geschlechte geziemte, hatte Don Pedro di San Montanjo Ligez -seine Geschichte vorgetragen. Als er geendet, trank er einigen -Xeres, lüftete den Hut, strich sich über die Stirne und Kinn und -sagte zu dem jungen Mann an seiner Seite: »Was ich wenigen<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span> -Menschen vertraut, habe ich Euch umständlich erzählt, Don -Fröbenio, nicht um Euch zu locken, mir mit gleichem Vertrauen -zu erwidern, obgleich Euer Geheimnis so sicher in meiner Brust -ruhte als der Staub der Könige von Spanien im Eskorial! – -Obgleich ich gespannt bin, zu wissen, inwiefern Euch jene Dame -interessiert; – aber Neugier ziemt dem Alter nicht, und damit -gut.«</p> - -<p>Fröben dankte dem Alten für seine Mitteilung. »Mit Vergnügen -werde ich Ihnen meinen kleinen Roman zum besten -geben,« sagte er lächelnd, »er betrifft keiner Dame Geheimnisse -und endet schon da, wo andere anfangen. Aber wenn Sie erlauben, -werde ich morgen erzählen, denn für heute möchte es -wohl zu spät sein.«</p> - -<p>»Ganz nach Eurer Bequemlichkeit,« erwiderte der Don, -seine Hand drückend. »Euer Vertrauen werde ich zu ehren -wissen.« So schieden sie; der Spanier begleitete den jungen -Mann höflich bis an die Schwelle seines Vorsaals, und Diego -leuchtete ihm bis auf die Straße.</p> - -<p>Nach seiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nachher in -die Galerie; er stand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte -er an diesem Tage mehr an den Alten denn an die gemalte -Dame; aber er wartete über eine Stunde – der Alte kam nicht. -Er ging mit dem Schlag zwei Uhr in die Anlagen, ging langsamen -Schrittes um den See, zog oft sein Fernglas und schaute -die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Gestalt seines -alten Freundes wollte sich nicht zeigen; umsonst schaute er nach -den dünnen, schwarzen Beinen, nach dem spitzen Hut, umsonst nach -Diego und den bunten Kleidern, mit Sonnenschirm und Regenmantel, -er war nicht zu sehen. »Sollte er krank geworden sein?« -fragte er sich, und unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz -hin und nach dem Gasthof zum König von England, um Don -Pedro zu besuchen. »Fort ist die ganze Wirtschaft, auf und -davon;« antwortete auf seine Frage der Oberkellner, »gestern -abend noch bekam der Prinz Depeschen, und heute vormittag -sind Seine Hoheit nebst Gefolge in sechs Wagen nach W. abgereist; -der Haushofmeister, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine -Karte hier gelassen.«</p> - -<p>Begierig griff Fröben nach diesem letzten Freundeszeichen. -Es war nur <em class="gesperrt">Don Pedro di San Montanjo Ligez, -Major Rio di S. A.</em> etc. darauf zu lesen. Verdrießlich wollte -Fröben diesen kalten Abschied einstecken, da gewahrte er auf der -Rückseite noch einige Worte mit der Bleifeder geschrieben, er las:<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -»Lebt wohl, teurer Don Fröbenio; Eure Geschichte müßt Ihr -mir schuldig bleiben; grüßet und küsset Donna Laura.«</p> - -<p>Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch -als er in den nächsten Tagen wieder vor dem Bilde stand, war -er wehmütiger als je, denn es war in seinem Leben eine Lücke -entstanden durch Don Pedros Abreise. Er hatte sich so gerne -mit dem guten Alten unterhalten, er hatte seit langer Zeit zum -erstenmal wieder in einem genaueren Verhältnis mit Menschen -gelebt, und deutlicher als je fühlte er jetzt, daß nur der Einsame, -der Hoffnungslose ganz unglücklich ist. Wäre das Bild -nicht gewesen, das ihn mit seinem eigentümlichen Zauber zurückhielt, -schon längst hätte er Stuttgart verlassen, das sonst -keine Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die -Herren Boisserée die treue Kopie jenes lieben Bildes, ein lithographiertes -Blatt, zeigten und ihn damit beschenkten, nahm er -es als einen Wink des Schicksals auf, verabschiedete sich von dem -Urbild, packte die Kopie sorgfältig ein und verließ diese Stadt -so stille, als er sie betreten hatte.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>9.</h4> -</div> - -<p>Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten, -das er in jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptstadt -Württembergs berührte, auf einer Reise nach dem Rhein -begriffen, und dahin zog er nun weiter. Er gestand sich selbst, -daß ihn die letzten Monate beinahe allzuweich gemacht hatten. -Er fühlte nicht ohne Beschämung und leises Schaudern, daß -sein Trübsinn, sein ganzes Dichten und Trachten schon nahe an -Narrheit gestreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieses -Jahr noch zu Reisen bestimmt, ohne sich irgend einen festen -Plan, ein Ziel zu setzen und wollte diese lange Unterbrechung -seiner Reise auf die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen -Umgebungen schieben. Aber hatte er denn wirklich jene -Stadt so angenehm gefunden? Hatte er Menschen aufgesucht, -kennen gelernt? Hatte er sie nicht vielmehr gemieden, weil sie -seine Einsamkeit, die ihm so lieb geworden, störten? Hatte er -die herrlichen Umgebungen genossen? »Nein,« sagte er lächelnd -zu sich, »man wäre versucht, an Zauberei zu glauben! Ich habe -mich betragen wie ein Tor! Habe mich eingeschlossen in mein -Zimmer, um zu lesen. Und habe ich denn wirklich gelesen? -Stand nicht ihr Bild auf jeder Seite? Gingen meine Schritte -weiter als zu <em class="gesperrt">ihr</em> oder um einmal unter dem Gewühl der<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -Menge auf und ab zu gehen? Ist es nicht schon Raserei, auf -so langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes Mädchengesicht -aufmerksam zu betrachten, ob ich nicht den holden Mund -der unbekannten Geliebten wiedererkenne?«</p> - -<p>So schalt sich der junge Mann, glaubte recht feste Vorsätze -zu fassen, und wie oft, wenn sein Pferd langsamer bergan geschritten -war, vergaß er oben es anzutreiben, weil seine Seele -auf andern Wegen schweifte; wie oft, wenn er abends sein Gepäck -öffnete und ihm die Rolle in die Hände fiel, entfaltete er -unwillkürlich das Bild der Geliebten und vergaß, sich zur Ruhe -zu legen.</p> - -<p>Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen -Fluren von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch -auf ihn den eigentümlichen Eindruck nicht. Sie zerstreuten ihn, -sie füllten seine Seele mit neuen, freundlichen Bildern. Und -als er eines Morgens von Bingen aufbrach, stand nur ein Bild -vor seinem Auge, ein Bild, das er noch heute erblicken sollte. -Fröben hatte mit einem Landsmann Frankreich und England -bereist, und aus dem Gesellschafter war ihm nach und nach ein -Freund erwachsen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundschaft -nachdachte, sich selbst gestehen, daß Uebereinstimmung der -Charaktere sie nicht zusammenführte; doch oft pflegt es ja zu -geschehen, daß gerade das Ungleiche sich heißer liebt als das -Aehnliche. Der Baron <em class="gesperrt">von Faldner</em> war etwas roh, ungebildet, -selbst jene Reise, das bewegte Leben zweier Hauptstädte, -wie Paris und London, hatte nur seine Außenseite etwas abschleifen -und mildern können. Er war einer jener Menschen, -die, weil sie durch fremde oder eigene Schuld, gewählte Lektüre, -feinere tiefere Kenntnisse und die bildende Hand der Wissenschaften -verschmähten, zur Ueberzeugung kamen, sie seien praktische -Menschen, d. h. Leute, die in sich selbst alles tragen, um -was sich andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen -Begriff von Ackerbau, Viehzucht, Wirtschaft und dergleichen -haben, und sich nun für geborene Landwirte, für praktische -Haushälter ansehen, die auf dem natürlichsten Wege <em class="gesperrt">das</em> zu -erreichen glauben, was die Masse in Büchern sucht. Dieser -Egoismus machte ihn glücklich, denn er sah nicht, auf welchen -schwachen Stützen sein Wissen beruhte; noch glücklicher wäre -er wohl gewesen, wenn diese Eigenliebe bei den Geschäften -stehen geblieben wäre, aber er trug sie mit sich, wohin er ging, -erteilte Rat, ohne welchen anzunehmen, hielt sich, was man ihm -nicht gerade nachsagte, für einen <em class="gesperrt">klugen Kopf</em>, und ward<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -durch dieses alles ein unangenehmer Gesellschafter und zu Hause -vielleicht ein kleiner Tyrann, aus dem einfachen Grunde, weil er -klug war und immer recht hatte.</p> - -<p>»Ob er wohl sein Sprichwort noch an sich hat,« fragte sich -Fröben lächelnd, »das unabwendbare: ›Das habe ich ja gleich -gesagt!‹ Wie oft, wenn er am wenigsten daran gedacht hatte, -daß etwas gerade so geschehen werde, wie oft faßte er mich da -bei der Hand und rief: ›Freund Fröben, sag' an, hab' ich es -nicht schon vor vier Wochen gesagt, daß es so kommen würde? -Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?‹ Und wenn ich ihm so -sonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegenteil behauptet -habe, so ließ er sich unter keiner Bedingung davon abbringen -und grollte drei, vier Tage lang.«</p> - -<p>Fröben hoffte, Erfahrung und die schöne Natur um ihn -her werden seinen Freund weiser gemacht haben. An einer der -reizendsten Stellen des Rheintals, in der Nähe von Caub, lag -sein Gut, und je näher der Reisende herabkam, desto freudiger -schlug sein Herz über alle diese Herrlichkeit der Berge und -des majestätischen Flusses, um so öfter sagte er zu sich: »Nein! -er <em class="gesperrt">muß</em> sich geändert haben; in diesen Umgebungen kann man -nur hingebend, nur freundlich und teilnehmend sein, und im -Genuß dieser Aussicht muß man vergessen, wenn man auch wirklich -recht hat, was bei ihm leider der seltene Fall ist.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>10.</h4> -</div> - -<p>Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab sein Pferd -vor dem Hause einem Diener, fragte nach seinem Herrn und -wurde in den Garten gewiesen. Dort erkannte er schon von -weitem Gestalt und Stimme seines Freundes. Er schien in -diesem Augenblick mit einem alten Mann, der an einem Baum -mit Graben beschäftigt war, heftig zu streiten. »Und wenn Ihr -es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian gemacht -habt, statt fünfzig, so <em class="gesperrt">muß</em> der Baum doch so herausgenommen -werden, wie ich sagte. Nur frisch daran, Alter; es kommt -bei allem nur darauf an, daß man klug darüber nachdenkt.« Der -Arbeiter setzte seufzend die Mütze auf, betrachtete noch einmal -mit wehmütigem Blick den schönen Apfelbaum und stieß dann -schnell, wie es schien unmutig, den Spaten in die Erde, um -zu graben. Der Baron aber pfiff ein Liedchen, wandte sich um, -und vor ihm stand ein Mensch, der ihn freundlich anlächelte und<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -ihm die Hand entgegenstreckte. Er sah ihn verwundert an. -»Was steht zu Dienst?« fragte er kurz und schnell.</p> - -<p>»Kennst du mich nicht mehr, Faldner?« erwiderte der -Fremde. »Solltest du bei deiner Baumschule London und Paris -so ganz vergessen haben?«</p> - -<p>»Ist's möglich, mein Fröben!« rief jener und eilte, den -Freund zu umarmen. »Aber, mein Gott, wie hast du dich verändert, -du bist so bleich und mager; das kommt von dem vielen -Sitzen und Arbeiten; daß du auch gar keinen Rat befolgst, ich -habe dir ja doch immer gesagt, es tauge nicht für dich.«</p> - -<p>»Freund!« entgegnete Fröben, den dieser Empfang unwillkürlich -an seine Gedanken unterwegs erinnerte: »Freund, denke -doch ein wenig nach; hast du mir nicht immer gesagt, ich tauge -nicht zum Landwirt, nicht zum Forstmann und dergleichen, und -ich müßte eine juridische oder diplomatische Laufbahn einschlagen?«</p> - -<p>»Ach, du guter Fröben!« sagte jener zweideutig lächelnd, -»so laborierst du noch immer an einem kurzen Gedächtnis? -sagte ich nicht schon damals –«</p> - -<p>»Bitte, du hast recht, streiten wir nicht!« unterbrach ihn -sein Gast, »laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es dir erging, -seit wir uns nicht sahen, wie du lebst?«</p> - -<p>Der Baron ließ Wein in eine Laube setzen und erzählte -von seinem Leben und Treiben. Seine Erzählung bestand beinahe -in nichts als in Klagen über schlechte Zeit und die Torheit -der Menschen. Er gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er es -in den wenigen Jahren mit seinem hellen Kopf und den Kenntnissen, -die er auf Reisen gesammelt, in der Landwirtschaft weit -gebracht habe. Aber bald hatten ihm seine Nachbarn unberufen -dies oder jenes abgeraten, bald hatte er unbegreifliche Widerspenstigkeit -unter seinen Arbeitern selbst gefunden, die alles -besser wissen wollten als er und in ihrer Verblendung sich auf -lange Erfahrung stützten. Kurz, er lebte, wie er gestand, ein -Leben voll ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn, -und einige Prozesse wegen Grenzstreitigkeiten verbitterten ihm -noch die wenigen frohen Stunden, die ihm die Besorgung seines -Gutes übrig ließ. »Armer Freund!« dachte Fröben unter -dieser Erzählung, »so reitest du noch dasselbe Steckenpferd, und -es geht, wie der wildeste Renner, mit dir durch, ohne daß du -es zügeln kannst.«</p> - -<p>Doch die Reihe zu erzählen kam auch an den Gast, und er -konnte seinem Freund in wenigen Worten sagen, daß er an<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span> -einigen Höfen bei Gesandtschaften eingeteilt gewesen sei, daß er -sich überall schlecht unterhalten, einen langen Urlaub genommen -habe und jetzt wieder ein wenig in der Welt umherziehe.</p> - -<p>»Du Glücklicher!« rief Faldner. »Wie beneide ich dir deine -Verhältnisse; heute hier, morgen dort kennst keine Fesseln und -kannst reisen, wohin und wie lange du willst. Es ist etwas -Schönes um das Reisen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal -so frei hinaus in die Welt!«</p> - -<p>»Nun, was hindert dich denn?« rief Fröben lachend; -»deine große Wirtschaft doch nicht? Die kannst du alle Tage -einem Pächter geben, läßt dein Pferd satteln und ziehest mit -mir!«</p> - -<p>»Ach, das verstehst du nicht, Bester!« erwiderte der Baron -verlegen lächelnd. »Einmal, was die Wirtschaft betrifft, da -kann ich keinen Tag abwesend sein, ohne daß alles quer geht, -denn ich bin doch die Seele des Ganzen. Und dann – ich habe -einen dummen Streich gemacht – doch laß das gut sein; es -geht einmal nicht mehr mit dem Reisen.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube, -berichtete, daß die gnädige Frau zurückgekommen sei und anfragen -lasse, wo man den Tee servieren solle?</p> - -<p>»Ich denke oben im Zimmer,« sagte er, leicht errötend, und -der Diener entfernte sich.</p> - -<p>»Wie, du bist verheiratet?« fragte Fröben erstaunt. »Und -das erfahre ich jetzt erst! Nun, ich wünsche Glück; aber sage -mir doch – ich hätte mir ja eher des Himmels Einfall träumen -lassen als diese Neuigkeit; und seit wann?«</p> - -<p>»Seit sechs Monaten,« erwiderte der Baron kleinlaut und -ohne seinen Gast anzusehen; »doch wie kann dich dies so in Erstaunen -setzen; du kannst dir denken, bei meiner großen Wirtschaft, -da ich alles selbst besorge, so –«</p> - -<p>»Je nun! ich finde es ganz natürlich und angemessen; aber -wenn ich zurückdenke, wie du dich früher über das Heiraten -äußertest, da dachte ich nie daran, daß dir je ein Mädchen recht -sein würde.«</p> - -<p>»Nein, verzeihe!« sagte Faldner, »ich sagte ja immer und -schon damals –«</p> - -<p>»Nun ja, du sagtest ja immer und schon damals,« rief der -junge Mann lächelnd, »und schon damals und immer sagte ich, -daß du nach deinen Prätensionen keine finden würdest, denn -diese gingen auf ein Ideal, das ich nicht haben möchte, und wohl -auch nicht zu finden war. Doch noch einmal meinen herzlichen<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span> -Glückwunsch. Da aber eine Dame im Hause ist, die uns zum -Tee ladet, so kann ich doch wahrlich nicht so in Reisekleidern erscheinen; -gedulde dich nur ein wenig, ich werde bald wieder bei -dir sein. Auf Wiedersehen!«</p> - -<p>Er verließ die Laube, und der Baron sah ihm mit trüben -Blicken nach. »Er hat nicht unrecht,« flüsterte er.</p> - -<p>Doch in demselben Augenblick trat eine hohe weibliche -Gestalt in die Laube. »Wer ging soeben von dir?« fragte sie -schnell und hastig. »Wer sprach dies <em class="gesperrt">auf Wiedersehen</em>?«</p> - -<p>Der Baron stand auf und sah seine Frau verwundert an; -er bemerkte, wie die sonst so zarte Farbe ihrer Wangen in ein -glühendes Rot übergegangen war. »Nein! das ist nicht auszuhalten,« -rief er heftig; »Josephe, wie oft muß ich dir sagen, -daß Hufeland Leuten von deiner Konstitution jede allzurasche -Bewegung streng untersagt; wie du jetzt glühst! Du bist gewiß -wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und hast dich erhitzt und -gehst jetzt gegen alle Vernunft noch in den Garten hinab, wo es -schon kühl ist. Immer und ewig muß ich dir alles wiederholen -wie einem Kind; schäme dich!«</p> - -<p>»Ach, ich wollte dich ja nur abholen,« sagte Josephe mit -zitternder Stimme; »werde nur nicht gleich so böse; ich bin gewiß -den ganzen Weg gefahren und bin auch gar nicht erhitzt. -Sei doch gut.«</p> - -<p>»Deine Wangen widersprechen,« fuhr er mürrisch fort. -»Muß ich denn auch dir immer predigen? Und den Schal hast -du auch nicht umgelegt, wie ich dir sagte, wenn du abends noch -herab in den Garten gehst; wozu werfe ich denn das Geld zum -Fenster hinaus für dergleichen Dinge, wenn man sie nicht einmal -brauchen mag? O Gott! ich möchte oft rasend werden. -Auch nicht das geringste tust du mir zu Gefallen; dein ewiger -Eigensinn bringt mich noch um. O ich möchte oft –«</p> - -<p>»Bitte, verzeihe mir, Franz!« bat sie wehmütig, indem -sie große Tränen im Auge zerdrückte; »ich habe dich den ganzen -Tag nicht gesehen und wollte dich hier überraschen; ach, ich -dachte ja nicht mehr an das Tuch und an den Abend. Vergib -mir, willst du deinem Weib vergeben?«</p> - -<p>»Ist ja schon gut, laß mich doch in Ruhe, du weißt, ich liebe -solche Szenen nicht; und gar vollends Tränen! Gewöhne dir -doch um Gottes willen die fatale Weichlichkeit ab, über jeden -Bettel zu weinen. – Wir haben einen Gast, Fröben, von dem -ich dir schon erzählte, er reiste mit mir. Führe dich vernünftig -auf, Josephe, hörst du? Laß es an nichts fehlen, daß ich nicht<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span> -auch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben muß. Im -Salon wird der Tee getrunken.«</p> - -<p>Er ging schweigend ihr voran die Allee entlang nach dem -Schlosse. Trübe folgte ihm Josephe; eine Frage schwebte auf -ihren Lippen, aber so gern sie gesprochen hätte, sie verschloß -diese Frage wieder tief in ihre Brust.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>11.</h4> -</div> - -<p>Als der Baron spät in der Nacht seinen Gast auf sein -Zimmer begleitete, konnte sich dieser nicht enthalten, ihm zu -seiner Wahl Glück zu wünschen. »Wahrhaftig, Franz!« sagte -er, indem er ihm feurig die Hand drückte, »ein solches Weib -hat dir gefehlt. Du warst ein Glückskind von jeher, aber das -hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du bei deinen sonderbaren -Maximen und Forderungen ein solch liebenswürdiges, herrliches -Kind heimführen werdest.«</p> - -<p>»Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,« erwiderte der Baron -trocken, indem er seine Kerze heller aufstörte; »man kann ja -nicht alles haben. An diesen Gedanken muß man sich freilich gewöhnen -auf dieser unvollkommenen Welt.«</p> - -<p>»Mensch! ich will nicht hoffen, daß du undankbar gegen -so vieles Schöne bist. Ich habe viele Frauen gesehen, aber -weiß Gott, keine von solch untadelhafter Schönheit wie dein -Weib. Diese Augen! Welch rührender Ausdruck! Glaubt man -nicht liebliche Träume auf ihrer schönen Stirne zu lesen? Und -diese zarte, schlanke Gestalt! Und ich weiß nicht, ob ich ihren -feinen Takt, ihr richtiges Urteil, ihren gebildeten Geist nicht -noch mehr bewundern soll.«</p> - -<p>»Du bist ja ganz bezaubert,« lächelte Faldner; »doch von -jeher hast du zu viel gelesen und weniger aufs Praktische gesehen; -ich sagte es ja immer – mit den Weibern ist es ein -eigenes Ding,« fuhr er seufzend fort, »glaube mir, in der Wirtschaft -ist oft eine, die es versteht und die Sache flink umtreibt, -besser als ein sogenannter gebildeter Geist. Gute Nacht; sei -froh, daß du noch frei bist und – wähle nicht zu rasch.«</p> - -<p>Unmutig sah ihm Fröben nach, als er das Zimmer verlassen -hatte. »Ich glaube, der Unmensch ist auch jetzt nicht mit -seinem Lose zufrieden; hat einen Engel gewählt und schafft sich -durch seine lächerlichen Prätensionen eine Hölle im Haus. Das -arme Weib!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p> - -<p>Es war ihm nicht entgangen, wie ängstlich sie bei allem, -was sie tat und sagte, an seinen Blicken hing, wie er ihr oft -ein grimmiges Auge zeigte, wenn sie nach seinen Begriffen einen -Fehler begangen, wie er ihr oft mit der Hand winkte, die -Lippen zusammenbiß und stöhnte, wenn er glaubte, von dem -Gast nicht gesehen zu werden. Und mit welcher Engelsgeduld -trug sie dies alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren Eindruck -auf ihn gemacht. Das reiche blonde Haar, das um eine freie -Stirn fiel, ließ blaue Augen, rote Wangen, vielleicht auch ein -Näschen erwarten, das durch seine zierliche Keckheit Blondinen -mehr als Brünetten ziert. Aber von alledem nichts. Unter -den blonden Wimpern ruhte wie das Mondlicht hinter dünnen -Wolken ein braunes Auge, das nicht durch Glut oder bloße -Lebendigkeit, sondern durch ein gewisses Etwas von sinnender -Schwermut überraschte, das Fröben bei schönen Frauen, so selten -er es fand, so unendlich liebte. Ihre Nase näherte sich dem -griechischen Stamm, die Wangen waren gewöhnlich bleich, nur -von einem leisen Schatten von Rot unterlaufen, und das einzige, -was in ihrem Gesichte blühte, waren statt der Rosen der Wangen -die Lippen, bei deren Anblick man sich des Gedankens an zarte, -rote Kirschen nicht erwehren konnte.</p> - -<p>»Und diese herrliche Gestalt,« fuhr Fröben in seinen Gedanken -weiter fort, »so zart, so hoch und, wenn sie über das -Zimmer geht, beinahe schwebend! Schwebend? Als ob ich -nicht gesehen hätte, daß sie recht schwer zu tragen hat, daß diese -Lippen so manches Wort des Grams verschließen, daß diese -Augen nur auf die Einsamkeit warten, um über den rohen -Gatten zu weinen! Nein, es ist unmöglich,« fuhr er nach -einigem Sinnen fort, »sie kann ihn nicht aus Liebe geheiratet -haben. Die Welt, die hinter diesem Auge liegt, ist zu groß für -Faldners Verstand, das Herz seines Weibes zu zart für den -rohen Druck ihres Haustyrannen. Ich bedaure sie!«</p> - -<p>Er war während dieser Worte an einen Schrank getreten, -worin die Diener sein Reisegeräte niedergelegt hatten. Er -schloß ihn auf, sein erster Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle, -und er errötete. »Bin ich dir nicht ungetreu gewesen diesen -Abend?« fragte er. »Hat nicht ein anderes Bild sich in mein -Herz geschlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf Reflexionen -über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die ihr -auf jeden Fall nichts nützen können?« Er entrollte das Bild -der Geliebten und blieb betroffen stehen. Wie ein Gedanke, -der bisher in ihm schlummerte und verworren träumte, erwacht<span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span> -es jetzt mit einemmal in ihm, daß Frau von Faldner -wunderbare Aehnlichkeit mit diesem Bilde habe. Zwar waren -ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirn gänzlich verschieden von -denen des Bildes, aber überraschende Aehnlichkeit glaubte er -in Nase, Mund und Kinn, ja sogar in der Haltung des zierlichen -Halses zu finden. »Und diese Stimme!« rief er. »Klang -mir diese Stimme nicht gleich anfangs so bekannt? Wie ist -mir denn? Wäre es möglich, daß die Gattin meines Freundes -jenes Mädchen wäre, die ich nur einmal, nur halb gesehen und -ewig liebe und, von jenem Augenblick an, vergebens suche? Die -Gestalt – ja auch sie war groß, und als ich ihr den Mantel -umschlang, als sie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine feine -schlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute abend so oft -ihrem Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch sie mich -wiedererkennen? Doch – ich Tor! wie könnte Faldner bei -seinem Mißtrauen, bei seinen strengen Grundsätzen über Adel -und unbescholtenen Ruf eine – unbekannte Bettlerin geheiratet -haben?«</p> - -<p>Er sah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in -diesem Augenblick Gewißheit zu haben, im nächsten zweifelte -er wieder. Er klagte sein treuloses Gedächtnis an. Hatte nicht -dieses Gemälde sich so ganz mit seinen früheren Erinnerungen -vermischt, daß er die Unbekannte sich nicht mehr anders dachte -als wie dieses Bild? Und nun, da er auf eine neue, auffallende -Aehnlichkeit gestoßen, stand er nicht vor einem Labyrinth von -Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg -seine heiße Stirn in die Kissen seines Bettes. Er wünschte -sich tiefen Schlaf herbei, damit er diesen Zweifeln entgehe, daß -ihm das wahre Bild mit siegender Kraft in seinen Träumen -aufgehe.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>12.</h4> -</div> - -<p>Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo -er frühstücken sollte, war sein rastloser Freund schon ausgeritten, -um eine Dammarbeit an der Grenze seines Gutes zu besichtigen. -Der Diener, der ihm diese Nachricht gab, setzte mit wichtiger -Miene hinzu, daß sein Herr wohl kaum vor Mittag zurückkommen -dürfte, weil er noch seine neue Dampfmühle, einige Schläge im -Wald, eine neue Gartenanlage, nebst vielem andern besichtigen -müsse. »Und die gnädige Frau?« fragte der Gast.</p> - -<p>»War schon vor einer Stunde im Garten, um Bohnen abzubrechen, -und wird jetzt bald zum Frühstück hier sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span></p> - -<p>Fröben ging im Saal umher und musterte in Gedanken -den vergangenen Abend. Wie anders erscheinen alle Bilder in -der Morgenbeleuchtung, als sie uns im Duft des Abends erschienen! -Auch mit den verworrenen Gedanken, die gestern in -ihm auf und ab schwebten, ging es ihm so; er lächelte über sich -selbst, über die Zweifel, die ihm seine rege Phantasie aufgeweckt -hatte. »Der Baron,« sprach er zu sich, »ist am Ende doch ein -guter Mensch; freilich viele Eigenheiten, einige Roheit, die aber -mehr im Aeußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt -sich daran, weiß sich darein zu finden. Und Josephe? wie -vorschnell man oft urteilt! Wie oft glaubte ich rührenden -Kummer, tiefe Seelenleiden, Resignation in den Augen, in den -Mienen einer Frau zu lesen, ließ mich vom Teufel blenden, sie -recht zart zu trösten und aufrichten zu wollen, und am Ende lag -der ganze Zauber in meiner Einbildung: es war dann, näher -betrachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit den sinnenden -Augen, worin ich Wehmut sah, ängstlich die Augen an ihrem -Strickstrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten -Stirne bedachte, was sie auf den Abend kochen lassen wollte.« -Er verfolgte diese Gedanken, um sich selbst mit Ironie zu -strafen, um die zartere Empfindung, jene Nachklänge von gestern, -zu verdrängen, die ihm heute töricht, überspannt erschienen. In -diese Gedanken versunken, war er an den Spiegel getreten und -hatte die Besuchskarten überlesen, die dort angesteckt waren. Da -fiel ihm eine in die Hand, welche Faldners eigene Verlobung -ankündigte. Er las die zierlich gestochenen Worte: »Freiherr -F. von Faldner mit seiner Braut Josephe von Tannensee.«</p> - -<p>»Von Tannensee?« Wie ein Blitz erleuchtete ihm dieser -Name jene dunkle Aehnlichkeit, die er zwischen der Gattin seines -Freundes und seinem lieben Bilde gefunden. »Wie? Wäre sie -vielleicht die Tochter jener Laura, die einst mein guter Don -Pedro geliebt? Welche Freude für ihn, wenn es so wäre, wenn -ich ihm von der Verlorenen Nachricht geben könnte. Fand er -nicht in jenem wunderbaren Bilde die täuschendste Aehnlichkeit -mit seiner Cousine? Kann nicht die Tochter der Mutter -gleichen?«</p> - -<p>Er verbarg die Karte schnell, als er die Türe gehen hörte; -er sah sich um und – Josephe schwebte herein. War es das -zierliche Morgenkleid, das ihre zarte Gestalt umschloß, war ihr -die Beleuchtung des Tages günstiger als das Kerzenlicht? Sie -kam ihm in diesem Augenblick noch unendlich reizender vor als -gestern. Ihre Locken flatterten noch kunstlos um die Stirne,<span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span> -der frische Morgen hatte ein feines Rot auf ihre Wangen gehaucht, -sie lächelte zu ihrem Morgengruß so freundlich, und doch -mußte er sich schon in diesem Augenblick einen Toren schelten, -denn ihre Augen erschienen ihm trübe und verweint.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>13.</h4> -</div> - -<p>Sie lud ihn ein, sich zu ihr zum Frühstück zu setzen. Sie -erzählte ihm, daß Faldner schon mit Tagesanbruch weggeritten -sei und ihr seine Entschuldigung aufgetragen habe; sie beschrieb -die mancherlei Geschäfte, die er heute vornehme und die ihn bis -zu Mittag zurückhalten werden. »Er hat ein Leben voll Sorgen -und Mühen,« sagte sie, »aber ich glaube, daß diese Geschäftigkeit -ihm zum Bedürfnis geworden ist.«</p> - -<p>»Und ist dies nur in diesen Tagen so?« fragte Fröben; -»ist jetzt gerade besonders viel zu tun auf den Gütern?«</p> - -<p>»Das nicht,« erwiderte sie; »es geht alles seinen gewöhnlichen -Gang, er ist so, seit ich ihn kenne. Er ist rastlos in seinen -Arbeiten. Diesen Frühling und Sommer verging kein Tag, an -welchem er nicht auf dem Gute beschäftigt gewesen wäre.«</p> - -<p>»Da werden Sie sich doch oft recht einsam fühlen,« sagte -der junge Mann, »so ganz allein auf dem Lande und Faldner -den ganzen Tag entfernt.«</p> - -<p>»Einsam?« erwiderte sie mit zitterndem Ton und beugte -sich nach einem Tischchen an der Seite; und Fröben sah im -Spiegel, wie ihre Lippen schmerzlich zuckten. »Einsam? Nein! -Besucht ja doch die Erinnerung die Einsamen und –« setzte sie -hinzu, indem sie zu lächeln suchte: »glauben Sie denn, die -Hausfrau habe in einer so großen Wirtschaft nicht auch recht -viel zu tun und zu sorgen? Da ist man nicht einsam oder – -man darf es nicht sein.«</p> - -<p>Man <em class="gesperrt">darf</em> es nicht sein? Du Arme! dachte Fröben, verbietet -dir dein Herz die Träume der Erinnerung, die dich in der -Einsamkeit besuchen, oder verbietet dir der harte Freund, einsam -zu sein? Es lag etwas im Ton, womit sie jene Worte -sagte, das ihrem Lächeln zu widersprechen schien.</p> - -<p>»Und doch,« fuhr er fort, um seinen Empfindungen und -ihren Worten eine andere Richtung zu geben, »und doch scheinen -gerade die Frauen von der Natur ausdrücklich zur Stille und -Einsamkeit bestimmt zu sein; wenigstens war bei jenen Völkern, -die im allgemeinen die herrlichsten Männer aufzuweisen hatten,<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span> -die Frau am meisten auf ihr Frauengemach beschränkt, so bei -Römern und Griechen, so selbst in unserem Mittelalter.«</p> - -<p>»Daß <em class="gesperrt">Sie</em> diese Beispiele anführen könnten, hätte ich -nicht gedacht;« entgegnete Josephe, indem ihr Auge wie prüfend -auf seinen Zügen verweilte. »Glauben Sie mir, Fröben, jede -Frau, auch die geringste, merkt dem Mann, ehe sie noch über -seine Verhältnisse unterrichtet ist, recht bald an, ob er viel -im Kreise der Frauen lebte oder nicht. Und unbestreitbar liegt -in solchen Kreisen etwas, das jenen feinen Takt, jenes zarte Gefühl -verleiht, immer im Gespräch auszuwählen, was gerade für -Frauen taugt, was uns am meisten anspricht; ein Grad der -Bildung, der eigentlich keinem Manne fehlen sollte. Sie werden -mir dies um so weniger bestreiten,« setzte sie hinzu, »als Sie -offenbar einen Teil Ihrer Bildung meinem Geschlecht verdanken.«</p> - -<p>»Es liegt etwas Wahres darin,« bemerkte der junge Mann, -»und namentlich das letztere will ich zugeben, daß Frauen -weniger auf meine Denkungsart, als auf die Art, das Gedachte -auszudrücken, Einfluß hatten. Meine Verhältnisse -nötigten mich in der letzten Zeit viel in der großen Welt, -namentlich in Damenzirkeln zu leben. Aber eben in diesen -Zirkeln wird mir erst recht klar, wie wenig eigentlich die Frauen, -oder um mich anders auszudrücken, wie wenige Frauen in dieses -großartige Leben und Treiben passen.«</p> - -<p>»Und warum?«</p> - -<p>»Ich will es sagen, auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir -böse werden. Es ist ein schöner Zug der neueren Zeit, daß man -in den größeren Zirkeln eingesehen hat, daß das Spiel eigentlich -nur eine Schulkrankheit oder ein modischer Deckmantel für -Geistesarmut sei. Man hat daher Whist, Boston, Pharo und -dergleichen den älteren Herren und einigen Damen überlassen, -die nun einmal die Konversation nicht machen können. In -Frankreich freilich spielen in Gesellschaft Herren von zwanzig -bis dreißig Jahren; es sind aber nur die armseligen Wichte, -die sich nach einem englischen Dandy gebildet haben oder die -selbst fühlen, daß ihnen der Witz abgeht, den sie im Gespräch -notwendig haben müßten. Seitdem man nun, seien die Zirkel -groß oder klein, die sogenannte Konversation macht, das heißt, -sich um den Kamin oder in Deutschland um das Sofa pflanzt, -Tee dazu trinkt und ungemein geistreiche Gespräche führt, sind -die Frauen offenbar aus ihrem rechten Gleise gekommen.«</p> - -<p>»Bitte, Sie sind doch gar zu strenge, wie sollten denn –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span></p> - -<p>»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fröben eifrig fort; -»eine Dame der sogenannten guten Gesellschaft empfängt jede -Woche Abendbesuche bei sich; sechsmal in der Woche gibt sie solche -heim. In solchen Gesellschaften tanzt höchstens das junge Volk -einigemal, außer es wäre auf großen Bällen, die schon seltener -vorkommen. Der übrige Kreis, Herren und Damen, unterhält -sich. Es gibt nun ungemein gebildete, wirklich geistreiche -Männer, die im Männerkreise stumm und langweilig, vor -Damen ungemein witzig und sprachselig sind, und einen Reichtum -sozialer Bildung, allgemeiner Kenntnisse entfalten, die -jeden staunen machen. Es ist nicht Eitelkeit, was diese -Männer glänzend oder beredt macht, es ist das Gefühl, daß das -Interessantere ihres Wissens sich mehr für Frauen als für -Männer eignet, die mehr systematisch sind, die ihre Forderungen -höher spannen.«</p> - -<p>»Gut, ich kann mir solche Männer denken, aber weiter.«</p> - -<p>»Durch solche Männer bekommt das Gespräch Gestaltung, -Hintergrund, Leben; Frauen, besonders geistreiche Frauen, -werden sich unter sich bei weitem nicht so lebendig unterhalten, -als dies geschieht, wenn auch nur <em class="gesperrt">ein</em> Mann gleichsam als -Zeuge und Schiedsrichter dabei sitzt. Indem nun durch solche -Männer allerlei Witziges, Interessantes auf die Bahn gebracht -wird, werden die Frauen unnatürlich gesteigert. Um doch ein -Wort mitzusprechen, um als geistreich, gebildet zu erscheinen, -müssen sie alles aufbieten, gleichsam alle Hahnen ihres Geistes -aufdrehen, um ihren reichlichen Anteil zu der allgemeinen Gesprächsflut -zu geben, in welcher sich die Gesellschaft badet. Doch, -verzeihen Sie, dieser Fond ist gewöhnlich bald erschöpft; denken -Sie sich, einen ganzen Winter alle Abende geistreich sein zu -müssen, welche Qual!«</p> - -<p>»Aber nein, Sie machen es auch zu arg, Sie übertreiben –«</p> - -<p>»Gewiß nicht; ich sage nur, was ich gesehen, selbst erlebt -habe. Seit in neuerer Zeit solche Konversation zur Mode geworden -ist, werden die Mädchen ganz anders erzogen als früher; -die armen Geschöpfe! Was müssen sie jetzt nicht alles lernen -vom zehnten bis zum fünfzehnten Jahr. Geschichte, Geographie, -Botanik, Physik, ja sogenannte höhere Zeichenkunst und Malerei, -Aesthetik, Literaturgeschichte, von Gesang, Musik und Tanzen -gar nicht zu erwähnen. Diese Fächer lernt der Mann gewöhnlich -erst nach seinem achtzehnten, zwanzigsten Jahre recht verstehen; -er lernt sie nach und nach, also gründlicher; er lernt<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span> -manches durch sich selbst, weiß es also auch besser anzuwenden, -und tritt er im dreiundzwanzigsten oder später noch in diese -Kreise, so trägt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit -und Gewandtheit hat, eine große Sicherheit in sich selbst. Aber -das Mädchen? Ich bitte Sie! Wenn ein solches Unglückskind -im fünfzehnten Jahre, vollgepfropft mit den verschiedenartigsten -Kenntnissen und Kunststücken in die große Welt tritt, wie -wunderlich muß ihm da alles zuerst erscheinen! Sie wird, obgleich -ihr oft ihr einsames Zimmer lieber wäre, ohne Gnade in -alle Zirkel mitgeschleppt, muß glänzen, muß plaudern, muß die -Kenntnisse auskramen, und – wie bald wird sie damit zu Ende -sein! Sie lächeln? Hören Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit -mehr, ihre Schulkenntnisse zu erweitern; es werden bald noch -höhere Ansprüche an sie gemacht. Sie muß so gut wie die -Aelteren über Kunstgegenstände, über Literatur mitsprechen -können. Sie sammelt also den Tag über alle möglichen Kunstausdrücke, -liest Journale, um ein Urteil über das neueste Buch -zu bekommen, und jeder Abend ist eigentlich ein Examen, eine -Schulprüfung für sie, wo sie das auf geschickte Art anbringen -muß, was sie gelernt hat. Daß einem Mann von wahrer -Bildung, von wahren Kenntnissen vor solchem Geplauder, vor -solcher Halbbildung graut, können Sie sich denken; er wird diese -Unsitte zuerst lächerlich, nachher gefährlich finden; er wird diese -Ueberbildung verfluchen, welche die Frauen aus ihrem stillen -Kreise herausreißt und sie zu Halbmännern macht, während die -Männer Halbweiber werden, indem sie sich gewöhnen, alles nach -Frauenart zu besprechen und zu beklatschen; er wird für edlere -Frauen jene häusliche Stille zurückwünschen, jene Einsamkeit, -wo sie zu Hause sind und auf jeden Fall herrlicher brillieren -als in einem jener geistreichen Zirkel!«</p> - -<p>»Es liegt etwas Wahres in dem, was Sie hier sagten,« -erwiderte Frau von Faldner; »ganz kann ich nicht darüber -urteilen, weil ich nie das Glück oder das Unglück hatte, in jenen -Zirkeln zu leben. Aber mir scheint auch dort, wie überall, das -minder Gute nur aus der Uebertreibung hervorzugehen. Es -ist wahr, was Sie sagen, daß uns Frauen ein engerer Kreis -angewiesen ist, jene Häuslichkeit, die einmal unser Beruf ist. -Wir werden ohne wahren Halt sein, wir werden uns in ein unsicheres -Feld begeben, wenn wir diesen Kreis gänzlich verlassen. -Aber wollen Sie uns die Freude einer geistreichen Unterhaltung -mit Männern gänzlich rauben? Es ist wahr, sieben solche -Abende in der Woche müssen zum Unnatürlichen, zur Ueberbildung<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span> -oder zur Erschöpfung führen; aber ließe sich denn hier -nicht ein Mittelweg denken?«</p> - -<p>»Ich habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt, ich wollte –«</p> - -<p>»Lassen Sie auch mich ausreden,« sagte sie, ihn sanft zurückdrängend: -»Sie sagten selbst, daß Frauen unter sich seltener -ein sogenanntes geistreiches Gespräch lange fortführen. Ich -weiß nur allzuwohl, wie peinlich in einer Frauengesellschaft eine -sogenannte geistreiche Dame ist, welcher alles frivol erscheint, -was nicht allgemein, nicht interessant ist. Wir fühlen uns beengt -und wollen am Ende mit unserem bißchen Wissen lieber -vor einem Mann erröten als vor einer Frau. Gewöhnlich wird, -wenn nur Frauen zusammen sind oder Mädchen, die Wirtschaft, -das Hauswesen, die Nachbarschaft, vielleicht auch Neuigkeiten -oder gar Moden abgehandelt; aber sollen wir denn ganz auf -diesen Kreis beschränkt sein? Soll denn, was allgemein interessant -und bildend ist, uns ganz fremd bleiben?«</p> - -<p>»Gott! Sie verkennen mich, wollte ich denn <em class="gesperrt">dies</em> sagen?«</p> - -<p>»Es ist wahr,« fuhr sie eifriger fort, »es ist wahr, die -Männer besitzen jene tiefe, geregeltere Bildung, jene geordnete -Klarheit, die jede Halbbildung oder gar den Schein von Wissen -ausschließt oder gering achtet. Aber wie gerne lauschen wir -Frauen auf ein Gespräch der Männer, das an Gegenstände -grenzt, die uns nicht so ganz ferne liegen, zum Beispiel über -ein interessantes Buch, das wir gelesen, über Bilder, die wir -gesehen; wir lernen gewiß recht viel, wenn wir dabei zuhören -oder gar mitsprechen dürfen; unser Urteil, das wir im stillen -machten, bildet sich aus und wird richtiger, und jeder gebildeten -Frau muß eine solche Unterhaltung angenehm sein. Auch glaube -ich kaum, daß die Männer uns dies verargen werden, wenn wir -nur,« setzte sie lächelnd hinzu, »nicht selbst glänzen, den bescheidenen -Kreis nicht verlassen wollen, der uns einmal angewiesen -ist.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>14.</h4> -</div> - -<p>Wie schön war sie in diesem Augenblick; das Gespräch hatte -ihre Wangen mit höherem Rot übergossen, ihre Augen leuchteten, -und das Lächeln, womit sie schloß, hatte etwas so Zauberisches, -Gewinnendes an sich, daß Fröben nicht wußte, ob er -mehr die Schönheit dieser Frau oder ihren Geist und die einfache -schöne Weise, sich auszudrücken, bewundern sollte.</p> - -<p>»Gewiß,« sagte er, in ihren Anblick verloren, »gewiß, wir -müßten sehr ungerecht sein, wenn wir solche zarte und gerechte<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span> -Ansprüche nicht achten wollten; denn <em class="gesperrt">die</em> Frau müßte ich für -recht unglücklich halten, die bei einem gebildeten Geist, bei einer -Freude an Lektüre und gebildeter Unterhaltung keine solche Anklänge -in ihrer Umgebung fände; wahrlich, so ganz auf sich beschränkt, -müßte sie sich für sehr unglücklich halten.«</p> - -<p>Josephe errötete, und eine düstere Wolke zog über ihre -schöne Stirne; sie seufzte unwillkürlich, und mit Schrecken nahm -Fröben wahr, daß ja eine solche Frau, wie er sie eben beschrieben, -an seiner Seite sitze. Ja, ohne es zu wollen, hatte sie ihren -eigenen Gram verraten. Denn konnte ihr roher Gatte jenen -zarten Forderungen entsprechen? Er, der in seiner Frau nur -seine erste Schaffnerin sah, der jedes Geistige, was dem Menschen -interessant oder wünschenswert dünkt, als unpraktisch geringschätzte, -konnte er diese Ansprüche auf den Genuß einer gebildeten -Unterhaltung befriedigen? War nicht zu befürchten, daß -er ihr solche sogar geflissentlich entzog?</p> - -<p>Noch ehe Fröben so viel Fassung gewonnen hatte, seinem -Satz eine allgemeinere Wendung zu geben und das ganze Gespräch -von diesem Gegenstand abzuleiten, sagte Josephe, ohne ihn -seinen Verstoß fühlen zu lassen: »Wir Frauen auf dem Lande -genießen diese Freude freilich seltener; übrigens sind wir dennoch -nicht so allein, als es dem Fremden vielleicht scheinen -möchte; man besucht einander um so öfter; sehen Sie nur, -welche Masse von Besuchen dort am Spiegel hängt.«</p> - -<p>Fröben sah hin, und jene Karte fiel ihm bei. »Ach ja,« -sagte er, indem er sie hervorzog, »da habe ich vorhin einen -kleinen Diebstahl begangen;« er zog sie hervor und zeigte sie. -»Können Sie glauben, daß ich bis gestern nicht einmal wußte, -daß mein Freund verheiratet sei? Und Ihren Namen erfuhr -ich erst vorhin durch diese Karte. Sie heißen Tannensee?«</p> - -<p>»Ja,« antwortete sie lächelnd, »und diesen unberühmten -Namen tauschte ich gegen den schönen von Faldner um.«</p> - -<p>»Unberühmt? Wenn Ihr Vater der Oberst von Tannensee -war, so war Ihr Name wohl nicht unberühmt.«</p> - -<p>Sie errötete. »Ach, mein guter Vater!« rief sie. »Ja, -man erzählte mir wohl von ihm, daß er für einen braven Offizier -des Kaisers gegolten habe und – sie haben ihn als General -begraben. Ich habe ihn nicht gekannt; nur einmal, als er aus -dem Feldzug zurückkam, sah ich ihn und nachher nicht wieder.«</p> - -<p>»Und war er nicht ein Schweizer?« fragte Fröben weiter.</p> - -<p>Sie sah ihn staunend an. »Wenn ich nicht irre, sagte mir -meine Mutter, daß Verwandte von ihm in der Schweiz leben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span></p> - -<p>»Und Ihre Mutter, heißt sie nicht Laura und stammt aus -einem spanischen Geschlecht?«</p> - -<p>Sie erbleichte, sie zitterte bei diesen Worten. »Ja, sie hieß -Laura,« antwortete sie; »aber mein Gott, was wissen Sie denn -von uns, woher? – Aus einem spanischen Geschlechte?« fuhr -sie gefaßter fort. »Nein, da irren Sie, meine Mutter sprach -Deutsch und war eine Deutsche.«</p> - -<p>»Wie? So ist Ihre Mutter tot?«</p> - -<p>»Seit drei Jahren,« erwiderte sie wehmütig.</p> - -<p>»O, schelten Sie mich nicht, wenn ich weiter frage; hatte -sie nicht schwarze Haare, und, wie Sie, braune Augen? Hatte -sie nicht viele Aehnlichkeit mit Ihnen?«</p> - -<p>»Sie kannten meine Mutter,« rief sie ängstlich und zitterte -heftiger.</p> - -<p>»Nein; aber hören Sie einen sonderbaren Zufall,« erwiderte -Fröben; »es müßte mich alles täuschen, wenn ich nicht -einen trefflichen Verwandten Ihrer Mutter kennen gelernt -hätte.« Und nun erzählte er ihr von Don Pedro. Er beschrieb -ihr, wie sie sich vor dem Bilde gefunden, er ließ die Kopie von -seinem Zimmer bringen und zeigte sie; er sagte ihr, wie sie -genauer bekannt geworden und wie ihm Don Pedro seine Geschichte -erzählte. Aber die letztere wiederholte er mit großer -Schonung; er datierte sogar aus einem gewissen Zartgefühl jene -Vorfälle und Lauras Flucht um ein ganzes Jahr zurück und -schloß endlich damit, daß er, wenn Josephe ihre Mutter nicht -eine Deutsche nennen würde, bestimmt glaubte, Mutter Laura -und jene Donna Laura Tortosi des Spaniers, der Schweizerhauptmann -Tannensee und ihr Vater, der Oberst, seien dieselben -Personen.</p> - -<p>Josephe war nachdenklich geworden; sinnend legte sie die -Stirn in die Hand; sie schien ihm, als er geendet hatte, nicht -sogleich antworten zu können.</p> - -<p>»O, zürnen Sie mir nicht,« sagte Fröben, »wenn ich mich -hinreißen ließ, dem wunderlichen Spiel des Zufalls diese Deutung -zu geben.«</p> - -<p>»O, wie könnte ich denn Ihnen zürnen?« sagte sie bewegt, -und Tränen drängten sich aus den schönen Augen. »Es ist ja -nur mein schweres Schicksal, das auch dieses Dunkel wieder herbeiführt. -Wie könnte ich auch wähnen, jemals <em class="gesperrt">ganz</em> glücklich -zu sein?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span></p> - -<p>»Mein Gott, was habe ich gemacht!« rief Fröben, als er -sah, wie ihre Tränen heftiger strömten. »Es ist ja alles nur -eine törichte Vermutung von mir. Ihre Mutter war ja eine -Deutsche, Ihre Verwandten und Sie werden ja dies alles besser -wissen –«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>15.</h4> -</div> - -<p>»Meine Verwandten?« sagte sie unter Tränen. »Ach, das -ist ja gerade mein Unglück, daß ich keine habe. Wie glücklich -sind die, welche auf viele Geschlechter zurücksehen können, die -mit den Banden der Verwandtschaft an gute Menschen gebunden -sind; wie angenehm sind die Worte Oheim, Tante; sie sind -gleichsam ein zweiter Vater, eine zweite Mutter, und welcher -Zauber liegt vollends in dem Namen Bruder! Wahrlich, wenn -ich fähig wäre, einen Menschen zu beneiden, ich hätte oft dies -oder jenes Mädchen beneidet, die einen Bruder hatte, es war ihr -inniger, natürlichster, aufrichtigster Freund und Beschützer.«</p> - -<p>Fröben rückte ängstlich hin und her; er hatte hier, ohne es -zu wollen, eine Saite in Josephens Brust getroffen, die schmerzlich -nachklang; es standen ihm Aufschlüsse bevor, vor welchen ihm -unwillkürlich bangte. Er schwieg, als sie ihre Tränen trocknete -und fortfuhr:</p> - -<p>»Das Schicksal hat mich manchmal recht sonderbar geprüft. -Ich war das einzige Kind meiner Eltern, und so entbehrte ich -schon jene große Wohltat, Geschwister zu haben; wir wohnten -unter fremden Menschen, und so hatte ich auch keine Verwandten. -Mein Vater schien mit den Seinigen in der Schweiz nicht im -besten Einverständnisse zu leben, denn meine Mutter erzählte -mir oft, daß sie ihm grollen, weil er sie geheiratet habe und -nicht ein reiches Fräulein in der Schweiz, das man ihm aufdringen -wollte. Auch meinen Vater sah ich nur wenig; er war -bei der Armee, und Sie wissen, wie unruhig unter dem Kaiser -die Zeiten waren. So blieb mir nichts als meine gute Mutter; -und wahrlich, sie ersetzte mir alle Verwandten. Als sie starb, -freilich, da stand ich sehr verlassen in der großen Welt; denn da -war unter Millionen niemand, zu dem ich hätte gehen und sagen -können: Nun sind sie tot, die mich ernährten und beschützten, -seid ihr jetzt meine Eltern!«</p> - -<p>»Und Ihre Mutter hieß also nicht Tortosi?« fragte Fröben.</p> - -<p>»Ich nannte sie nicht anders als Mutter, und nie hatte sie -über ihre früheren Verhältnisse mit mir gesprochen; ach, als -ich größer wurde, war sie ja immer so krank! Mein Vater<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span> -nannte sie nur Laura, und in den wenigen Papieren, die man -nach ihrem Tode fand und mir übergab, wird sie Laura von -Tortheim genannt.«</p> - -<p>»Ei nun!« rief Fröben heiter, »das ist ja so klar wie der -Tag; Laura hieß Ihre Mutter, Tortheim ist nichts anders als -Tortosi, das die lieben Flüchtlinge veränderten, Tannensee hieß -jener Kapitän in Valencia, er ist Ihr Vater, der Oberst Tannensee, -und noch mehr, sagen Sie nicht selbst, daß dieses Bild Ihrer -Mutter Laura vollkommen gleiche, und erkannte nicht mein -werter Don Pedro in dem Urbild seine Donna Laura? Jetzt -sind Sie nicht mehr einsam, einen trefflichen Vetter haben Sie -wenigstens, Don Pedro di San Montanjo Ligez! Ach! wie -wird sich mein Freund über die berühmte Verwandtschaft -freuen!«</p> - -<p>»O Gott, mein Mann!« rief sie schmerzlich und verhüllte -das Gesicht in ihr Tuch.</p> - -<p>Unbegreiflich war es Fröben, wie sie dies alles so ganz -anders ansehen könne als er; er sah ja in diesem allen nichts -als die Freude Don Pedros, eine Tochter seiner Laura zu finden. -Er war reich, unverheiratet, trug noch immer den alten Enthusiasmus -für seine schöne Cousine in sich, also auch eine schöne -Erbschaft kombinierte Fröben aus diesem wunderbaren Verhältnis. -Er ergriff Josephens Hand, zog sie herab von ihren -Augen; sie weinte heftig.</p> - -<p>»O, Sie kennen Faldner schlecht,« sagte sie, »wenn Sie -meinen, daß ihn diese Vermutungen freudig überraschen werden! -Sie kennen sein Mißtrauen nicht. Alles soll ja nur -seinen ganz gewöhnlichen Gang gehen, alles recht schicklich und -ordentlich sein, und alles Außergewöhnliche haßt er aus tiefster -Seele. Ich mußte es ja,« fuhr sie nicht ohne Bitterkeit fort, -»ich mußte es ja als eine Gnade ansehen, daß mich der reiche, -angesehene Mann heiratete, daß er mit den wenigen Dokumenten -zufrieden war, die ich ihm über meine Familie geben konnte. -Muß ich es denn,« rief sie heftiger weinend, »muß ich es denn -nicht noch alle Tage hören, daß er mit den angesehensten Familien -sich hätte verbinden, daß er dieses oder jenes reiche -Fräulein hätte heiraten können? Sagt er es mir nicht so oft, -als er mir zürnt, daß mein Adel neu sei, daß man von dem -Geschlecht meiner Mutter gar nichts wisse, und daß sogar einige -Tannensee in der Schweiz das <em class="gesperrt">von</em> abgelegt haben und Kaufleute -geworden seien?«</p> - -<p>Jetzt erst ging dem jungen Mann ein schreckliches Licht<span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span> -auf. »Also in ein Haus des Unglücks, in eine unglückselige -Ehe bin ich gekommen,« sprach er zu sich. »Ach, nicht aus Liebe -hat sie ihn geheiratet, sondern aus Not, weil sie allein stand; -und Faldner, so kenne ich ihn, hat sie genommen, weil sie schön -war, weil er mit ihr glänzen konnte. Das unglückliche Weib! -Und der Barbar macht ihr Vorwürfe über ihr Unglück, läßt sie -sogar fühlen, was sie ihm verdanke?« Ein gemischtes Gefühl -von Unmut über seinen Freund, von Mitleid und Achtung gegen -die schöne, unglückliche Frau zog ihn zu ihr hin; er bemühte sich, -ihr Mut und Vertrauen einzuflößen. »Sehen Sie dies alles -als nicht gesagt an,« flüsterte er; »ich sehe, es macht Ihnen -Kummer; was nützt es denn Faldner? Verschweigen wir ihm -die törichten Mutmaßungen, die ich hatte, die ja ohnedies zu -nichts führen können.« –</p> - -<p>Josephe sah ihn bei diesen Worten groß an; ihre Tränen -verlöschten in den weitgeöffneten Augen, und Fröben glaubte -eine Art von Stolz in ihren Mienen zu lesen. »Mein Herr,« -sagte sie, und ihre Gestalt schien sich höher aufzurichten, »ich -kann unmöglich glauben, daß, was Sie sagten, Ihr Ernst sein -kann; auf jeden Fall werden Sie wissen, daß die Gattin des -Baron von Faldner kein Geheimnis mit Ihnen teilt, das nicht -ihr Gatte wissen dürfte.«</p> - -<p>Unter diesen Worten hatte sie das Teegeschirr unsanft von -sich gerückt, war aufgestanden und – nach einer kurzen Verbeugung -verließ sie den erstaunten Gast. Fröben wollte ihr -nach, wollte abbitten, was er getan, wollte alles auf einmal gut -machen, aber sie war schon in der Türe verschwunden, ehe er -nur Fassung genug hatte, sich vom Sofa aufzuraffen. Unmutig -ging er hinab in den Garten; er wußte nicht, sollte er sich selbst -grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die ihm in diesem -Augenblick übergroß erschien. Doch wie es in solchen Fällen -zu geschehen pflegt, sein aufgeregtes Blut wallte nach und nach -ruhiger und sein Geist gewann Raum, über sich selbst nachzusinnen. -Und hier fand er nun manches, was Josephen zur Entschuldigung -diente. »Sie liebt ihn nicht,« sagte er zu sich, »er -behandelt sie vielleicht roh, zeigt sich mehr als Herr denn als -Gatte. Sie wurde weich, als ich mit ihr über höhere Genüsse -des Lebens sprach, ich sah, wie sie erschrak, als sie sich gegen -mich verraten hatte, als sie aussprach, welcher Mangel selbst -mitten im äußeren Glück sie drücke. Und mußte sie sich nicht -ängstlich berührt fühlen, daß sie diesen Mangel einem Freunde -ihres Gatten verriet? Und weiter, als ich ihr alles, alles sagte,<span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span> -als ich mit einer gewissen Bestimmtheit von ihrer Abstammung -sprach, als ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die -sonst niemand bei ihr antastete, mußte sie nicht dadurch schon -außer sich selbst geraten? Und als sie vollends den Argwohn, -die Zweifelsucht des Barons bedachte, wurde sie nicht immer -ängstlicher, immer verlegener, und ich,« fuhr er fort, indem er -sich vor die Stirne schlug, »ich konnte ihr zumuten, ein Geheimnis -mit mir zu teilen, das sie ihrem nächsten Freund, ihrem -Gatten, nicht verraten dürfte? Mußte sie nicht fürchten, wenn -sie es verheimlichte, ganz in meiner Hand zu sein? Mußte -ihr nicht das ganze Anerbieten sonderbar, unzart vorkommen?« -Wie hoch, wie edel erschien ihm jetzt erst der Charakter dieser -Frau, wo nahm sie bei dieser Jugend, denn sie konnte höchstens -neunzehn zählen, solche Stärke, solche Umsicht, solche ungewöhnliche -Bildung, solche feine geselligen Formen her? Er fühlte, -vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß den Frauen etwas -von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz, daß ihnen -ein Geheimnis innewohne, dem der Mann, selbst der stolze, gewichtige, -nicht gewachsen sei.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>16.</h4> -</div> - -<p>Der Baron von Faldner war zum Mittagessen zurückgekommen -und Josephe hatte ihn mit der gewohnten Anmut, vielleicht -ein wenig ernster als gewöhnlich, empfangen. Aber hastig riß -er sich aus ihrer Umarmung. »Ist es nicht, um toll zu werden, -Fröben?« rief er, ohne seine Frau weiter zu beachten. »Mit -horrenden Kosten lasse ich mir eine Dampfmaschine aus England -kommen, lasse sie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde -gehe, ausschwärzen – du kennst ja die Gesetze hierüber –, und -jetzt, da ich meine, im Trockenen zu sein, da ich schon achtzig, ja -hundert Prozent berechnete, jetzt geht sie nicht!«</p> - -<p>»Franz!« rief Josephe erbleichend.</p> - -<p>»Sie geht nicht?« rief ihr Fröben nach.</p> - -<p>»Sie geht nicht!« wiederholte der unglückliche Landwirt. -»Die Fugen greifen nicht ein, das Räderwerk steht, es muß -irgend etwas verloren gegangen sein. Ich ließ, wie du weißt, -Josephe, ich ließ es mich ja alles kosten, mit teurem Gelde ließ -ich einen Mechanikus aus Mainz kommen; ich legte ihm die -Zeichnung vor. ›Nichts leichter als dies,‹ sagte der Hund, -und jetzt, da ich ihm A zu A, B zu B gebe, denn es ist alles -numeriert und beschrieben, jetzt kann es kein Teufel zusammensetzen; -o, es ist um rasend zu werden!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p> - -<p>Man setzte sich verstimmt zu Tische. Der Baron verbiß -seinen inneren Grimm über die fehlgeschlagene Hoffnung und den -wahrscheinlichen Verlust des Kapitals, er trank viel Wein und -exaltierte sich zu schlechten Scherzen. Josephe war noch bleicher -als gewöhnlich; sie besorgte still ihr Amt als Hausfrau, und -nur Fröben wußte einigermaßen ihre Gefühle zu deuten, denn -sie vermied es, ihn anzusehen. Ihm quoll der Bissen im Munde; -er sah den Unmut einer getäuschten Hoffnung in den Mienen -seines Freundes, er sah den Mut, die Entschlossenheit und doch -wieder die unverkennbare Angst auf den Mienen der schönen -Frau, es war ihm zuweilen, als sei mit ihm erst das Unglück -über dieses Haus hereingebrochen. Das Gespräch schlich während -der Tafel nur mühsam und stockend hin, doch als das Dessert -aufgetragen war und die Diener auf Josephens Wink sich entfernt -hatten, holte sie einigemal mühsam Atem, ihre Wangen -färbten sich röter, und sie sprach:</p> - -<p>»Du hast heute früh eine recht sonderbare Unterhaltung -zwischen mir und deinem Freunde versäumt. Schon oft, wie du -weißt, klagten wir über Mangel an Verwandtschaft von meiner -Seite, jetzt scheint mir auf einmal ein neues Licht aufzugehen, -denn er bringt uns ja viele und angesehene Verwandte ins -Haus.«</p> - -<p>Verwundert und fragend sah Faldner seinen Freund an; -dieser war im ersten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt -es, mit Umsicht zu handeln. Wunderbar fühlte er in diesem -Augenblicke das Uebergewicht eines Mannes von Welt über die -niedere, beinahe rohe Denkungsart eines Baron Faldner, und -mit mehr Gelassenheit, mit weiser Benützung der Umstände erzählte -er die sonderbare Geschichte des Bildes und seiner Bekanntschaft -mit Don Pedro.</p> - -<p>Gegen alle Erwartung wurde der Baron zusehends heiterer -während der Erzählung. »Ei – sonderbar,« waren die einzigen -Worte, die ihm hie und da entschlüpften, und als Fröben -geendet hatte, rief er: »Was ist klarer als dies? Donna Laura -Tortosi und Laura von Tortheim, der Schweizer Kapitän -Tannensee und dein Vater sind dieselben. Und reich sagst du, -lieber Fröben, reich ist der Haushofmeister? Begütert, unverheiratet -und hegt noch die alte Vorliebe für seine Dulcinea von -Valencia? Ei der Tausend! Josephchen, da könnte es ja noch -eine reiche Erbschaft von Piastern geben!«</p> - -<p>Josephe hatte wohl diese Aeußerung nicht erwartet; der -Gast sah ihr an, daß sie dieses gemeine Wort lieber ohne Zeugen<span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span> -gehört hätte; aber eine drückende Last schien sich dennoch ihrem -Busen zu entladen, sie drückte die Hand ihres Gatten, vielleicht -nur, weil er ihr diesmal weniger Bitteres gesagt hatte als sonst, -und ziemlich aufgeheitert sagte sie: »Mir selbst scheint in dem -sonderbaren Zusammentreffen unseres Freundes mit dem Spanier -eine eigene Fügung des Schicksals zu liegen; ja ich glaube -sogar, daß es spanische Lieder waren, die hie und da meine -Mutter, wenn sie einsam war, zur Laute sang. Ja vielleicht -kommt es eben daher, daß ich nicht in eurem Glauben erzogen -wurde, obgleich mein Vater, wie ich bestimmt weiß, reformierten -Glaubens war. Nun, das beste ist, unser Freund schreibt an -Don Pedro.«</p> - -<p>»Ja, tu mir den Gefallen,« sagte Faldner; »schreibe an -den alten Don, seine Laura habest du nicht gefunden, aber offenbar -ihre Tochter; es könnte doch zu etwas führen, du verstehst -mich schon; wem will er auch seinen Mammon vermachen als -dir, du Goldkind? Ich habe es ja immer gesagt, und auch zur -Gräfin Landskron sagt' ich es, als ich um dich anhielt, wenn sie -auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr kommt Segen -in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch, -sagtest du, daß du den Spanier schätzest?«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>17.</h4> -</div> - -<p>Der Baron hatte frische Flaschen befohlen, und Josephe -stand bei den letzten Worten auf und entfernte sich. Unbegreiflich -war Fröben, wie unzart sein Freund mit dem holden, -edlen Wesen verfuhr, er fühlte, wie sie sich vor ihm der Gemeinheit -ihres Gatten schäme, er fühlte es und antwortete daher -ziemlich unmutig: »Was weiß ich; meinst du denn, ich frage die -Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer. Wieviel -wiegst du?«</p> - -<p>»Ach, ich kenne ja deine sonderbaren Grillen über diesen -Punkt,« lachte der Baron, »dir ist ein armseliger Geselle, wenn -er nur das sogenannte Sentiment und <em class="antiqua">Savoir vivre</em> besitzt, -so gut als einer, der zweimalhunderttausend Pfund Renten hat; -aber ernstlich, mit dem Don müssen wir ins reine kommen, und -ich rechne ganz auf dich.«</p> - -<p>»Ja doch; du kannst gänzlich auf mich rechnen. Aber wie -war es denn mit der Gräfin Landskron? Du sagtest mir ja noch -nicht einmal, wie du deine Frau kennen lerntest.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span></p> - -<p>»Nun, das ist eigentlich eine kurze Geschichte,« erwiderte -Faldner, indem er sich und dem Freunde von neuem Wein in -das Glas goß. »Du kennst meinen praktischen Sinn, meinen -richtigen Takt in dergleichen Dingen. Es stand mir die Wahl -frei unter den Töchtern des Landes; reiche, bemittelte, schöne, -hübsche, alles stand mir zu Gebot. Aber ich dachte: Nicht alles -ist Gold, was glänzt, und suchte mir eine tüchtige Hausfrau. -So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der Gräfin Landskron. -Josephe war damals noch als Fräulein von Tannensee -ihre Gesellschaftsdame. Das emsige, geschäftige Kind gefiel mir; -Tee eingießen, Aepfel schälen, Bohnen brechen, Blumen begießen, -kurz alles wußte sie so zierlich und nett zu machen, daß -ich dachte, diese oder keine wird eine gute Hausfrau werden. -Ich sprach mit der Gräfin darüber. Zwar schreckten mich anfangs -die kurzgefaßten Nachrichten wieder ab, die mir die -Landskron über Josephens Verhältnisse geben konnte. Sie -sagte mir, daß sie Josephens Mutter gekannt und nach ihrem -Tode das Mädchen zu sich genommen habe; Vermögen hatte sie -nicht, aber die Gräfin gab eine anständige Ausstattung. Das -Kopulationszeugnis ihrer Eltern, ihr Taufschein war richtig – -nun, man ist ja in der Liebe gewöhnlich ein Narr, und so nahm -ich sie zu mir.«</p> - -<p>»Und bist gewiß unendlich glücklich mit diesem holden -Wesen?«</p> - -<p>»Nun, nun, das geht so; praktisch ist sie nun einmal gar -nicht, und ich muß ihr die dummen Bücher ordentlich konfiszieren, -nur daß ich sie an Haus und Garten gewöhne; denn wie -will man am Ende hier auf dem Lande auskommen, wenn die -Hausfrau sich vornehm in das Sofa setzt, Romane und Almanachs -liest, empfindelt, wozu sie ohnedies großen Hang hat, und -weder Küche noch Garten besorgt?«</p> - -<p>»Aber mein Gott, dazu könntest du ja Mägde halten?« -bemerkte Fröben, den der Wein und das Gespräch noch wärmer -und unmutiger gemacht hatten.</p> - -<p>»Mägde?« fragte Faldner lachend und sah ihn groß an. -»Mägde! Da sieht man wieder den Theoretiker! Freund, davon -verstehst du nichts! Würden mir nicht die Mägde hinterrücks -den halben Garten, die schönen Gemüse, Obst und Salat verkaufen? -Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und -Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut ist! -Nein, die Frau muß da schalten und walten, und leider! bin ich<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span> -da mit Josephen schlecht gefahren; doch komm, stoß an; der Don -soll alles gut machen!«</p> - -<p>Fröben, so sehr sein Herz, sein zarterer Sinn durch alles, -was er hier sah und hörte, verletzt wurde, wagte nichts entgegenzureden. -Er folgte dem Hausherrn, als dieser jetzt aufstand, -hielt seine Umarmung geduldig aus und nahm sogar, -mehr um Josephen so bald nach diesem Vorfall nicht zu sehen, -als aus Freude an des Barons Gesellschaft, seine Einladung -an, ihn nach der neuen Dampfmühle zu begleiten. Die Pferde -wurden vorgeführt, die Männer schwangen sich auf, und schon -wollte Fröben um die Ecke biegen, als er noch einen Blick zurückwarf -und Josephens Gestalt im Fenster erblickte; sie zog ihr -Tuch von dem Auge, sie blickte ihnen wehmütig nach, sie grüßte -mit der zierlichen Hand. »Deine Frau winkt uns noch, um -Abschied zu nehmen,« rief er Faldner zu; aber dieser lachte ihn -aus. »Was meinst du denn?« sagte er im Weiterreiten. »Glaubst -du, ich habe sie so zart und weich gewöhnt, daß wir auf einen -Nachmittag mit Küssen und Drücken, mit Grüßen und Schnupftuchwedeln -Abschied nehmen? Gott bewahre mich, dadurch verwöhnt -man die Weiber, und, wenn es dir einmal begegnen sollte, -daß du auch heiratest, so mache es um Gottes willen wie ich. -Kein Wort von einer Reise oder einem Spazierritt vorher. Das -Pferd wird vorgeführt – ›Wohin, mein Lieber?‹ fragt sie -dann das erste oder zweite Mal. Keine Antwort, sondern die -Handschuhe angezogen. ›Aber wirst du mich denn so allein -lassen?‹ fragt sie weiter und streichelt dir die Wangen; du -nimmst getrost die Reitpeitsche und sagst: ›Ja, ich will heute -abend noch auf das Vorwerk, es ist dies und das zu tun. Adieu! -und wenn ich bis neun Uhr nicht zu Hause bin, brauchst du mit -der Suppe nicht zu warten.‹ Sie erschrickt, du achtest es nicht; -sie will nach, du winkst ihr mit der Reitgerte zurück; sie stürzt -ans Fenster, hängt sich und das Tränentüchlein heraus und -ruft adieu! und wedelt hin und her mit dem weißen Fahnen. -Laß wehen und achte nicht darauf. Drück dem Gaul die Sporen -in den Leib und davon; ich kann dir schwören, das setzt die -Weiber in Respekt. Das dritte Mal fragte die meine nicht -mehr, und gottlob! das Gewinsel hat ein Ende!«</p> - -<p>Der Baron hatte während dieser trefflichen Rede in größter -Gemütsruhe eine Pfeife gestopft, Feuer angeschlagen und dampfte -jetzt, indem er seine Felder und Wälder überschaute, ohne eine -Antwort seines Gastes zu erwarten; aber dieser preßte die Lippen -zusammen, und noch stärker preßte die Rede des rohen Mannes<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span> -sein volles Herz. »O, du Hund von einem Menschen,« -sprach er bei sich, »schlechter noch als ein Hund, denn der Herr -hat dir ja Vernunft gegeben. Wie man ein Pferd zureitet oder -einen Baum in bessere Erde setzt, hast du gelernt, aber eine -schöne Seele zu behandeln, ein liebendes Herz zu verstehen, liegt -außer deinen Grenzen. Wie sie ihm nachsah, so voll Wehmut, -denn er hatte ja nicht von ihr Abschied genommen, so voll -Engelsgeduld, sie hatte ihm ja seine rohen Worte schon wieder -vergeben; mit einem Blick so voll von Liebe! Von Liebe? -<em class="gesperrt">Kann</em> sie ihn denn lieben? Wird nicht ihr zarter Sinn -tausendmal von ihm beleidigt? Sieht sie denn nicht, wie er -seinem Jagdhund mehr Zärtlichkeit beweist als ihr? Oder wie?« -fuhr er in seinem Hinträumen fort, »sollte sie, weil sie einmal -sein Weib geworden ist, Zärtlichkeit für den fühlen, den sie an -Geist so weit überragt und den sie dennoch – fürchtet? Oder -sollte es immer und ewig das Los dieser armen Wesen sein, daß -unter Hunderten nur <em class="gesperrt">eine</em> wahrhaft lieben darf, daß die -andern, von der Natur zu einem herrlichen Gefäß zärtlicher, -hoher Liebe ausgerüstet, erwachsen, blühen, verwelken, ohne -wahre Liebe zu kennen? Doch, dieser Gedanke wäre mir noch -erträglicher als der, daß sie ihn wirklich lieben könnte! Nein, -es kann, es darf nicht sein!« Unwillkürlich hatte er bei dem -letzten Gedanken durch eine rasche Bewegung seinem Pferde die -Sporen gegeben, es raffte sich auf und flog dahin. »Ho, ho, -Junge! du willst mit mir in die Wette reiten?« rief ihm der -Baron nach und steckte die Pfeife bei. »Zweihundert Schritte -gebe ich dir vor und hole dich dennoch ein.« Kunstgerecht berechnete -er dann den Zwischenraum, und als er dachte, Fröben -habe die vorgegebenen Schritte zurückgelegt, ließ er sein Pferd -weit ausstreichen und gelangte zu seinem nicht geringen Triumph -in demselben Moment mit dem Freunde vor der Dampfmühle an.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>18.</h4> -</div> - -<p>Der Mechanikus, ein bescheidener Mann, der aber allgemein -den Ruf großer Geschicklichkeit genoß, empfing sie an der -Türe. »Noch immer nicht weiter?« fragte Faldner, indem sein -Gesicht sich verfinsterte. »Wahrhaftig, entweder ist mein Korrespondent -in London ein Schurke und verdient gehangen zu werden, -oder Ihr, Meister Fröhlich, versteht zwar Taschenuhren -zusammen zu drechseln, aber keine Dampfmühle aufzuschlagen, -wie Ihr mir vorgespiegelt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span></p> - -<p>Der Mann schien tief gekränkt durch die Worte des Barons; -eine hohe Röte überflog sein Gesicht und ein bitteres Wort -schwebte auf seinen Lippen, aber er unterdrückte es und fuhr -mit der Hand über sein schlichtes Haar, als wollte er seinen -inneren Unmut wie seine Haare glätten. »Halten zu Gnaden, -Herr Baron,« antwortete er; »wenn man mir Aufriß und Berechnung -einer Maschine vorlegt und dazu Räderwerk und -Schrauben so genau verzeichnet sind, so will ich eine Maschine -zusammensetzen, wenn ich sie auch nie zuvor gesehen. Aber -dann muß ich freies Spiel haben und dann steh' ich auch davor, -daß alles recht wird, aber so –«</p> - -<p>»Nun, daß ich selbst ein wenig mitgeholfen, meint Ihr? -Darauf soll also alles geschoben werden? Ihr sagt selbst, daß -Ihr in Eurem Leben noch keine solche Maschine gesehen, und -ich habe eine gesehen, zwei, drei, in Frankreich und England, -und weiß recht gut, daß die größeren Räder in der Mitte des -Zylinders eingreifen und die kleineren oben angebracht sind –«</p> - -<p>»Aber mein Gott, erlauben Eure Gnaden,« entgegnete der -Künstler ungeduldig, »diese <em class="gesperrt">Ihre</em> Dampfmühle ist nun einmal -nach anderer Struktur, das kann man ja schon an der Zeichnung -sehen –«</p> - -<p>»Zeichnung hin, Zeichnung her, Dampfmaschinen sind -Dampfmaschinen, und eine sieht aus wie die andere. Betrogen -bin ich; von allen Seiten angeführt, das Geld zum Fenster -hinausgeworfen!«</p> - -<p>Fröben hatte indessen die Zeichnungen zur Hand genommen -und sie durchgesehen. Er fand, daß die Struktur dieser -Mühle sehr einfach und schön, und wenn die bezeichneten Räder -und Schrauben paßten, sehr leicht aufzuschlagen sei. Er hatte in -früheren Zeiten Mathematik und Physik gründlich studiert, er hatte -zugleich mit dem Freunde die berühmtesten Maschinenwerke gesehen -und kennen gelernt, kam aber, weil er sich selten darüber -äußerte, bei dem Herrn von Faldner, der sich mit seinen Kenntnissen -ungemein viel wußte, in den Verdacht, wenig oder nichts -vom Maschinenwesen zu verstehen. Er wandte sich nun, als Faldners -Unmut noch größer zu werden drohte, an den Mechanikus, -fragte nach diesen und jenen Stücken, die auf der Zeichnung -angegeben waren, und als jener sie vorwies, als man sah, wie -richtig sie ineinander passen, sagte er zu Faldner: »Ich wollte -wetten, du bist durchaus nicht betrogen, denn so gut hier F und H -in P passen – du siehst, es sind die Hauptzüge, wodurch die<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span> -Stampfmühle mit der Oelpresse in Verbindung gesetzt wird –, -so gut muß sich auch das übrige fügen.«</p> - -<p>»Ach, Sie hat unser Herrgott hergesandt;« rief der Mechanikus -freudig, »wie Sie doch dies gleich so wegbekamen! Ja, -das F ist der Hauptzug, H hier greift in das Stangenwerk ein, -hier wird das Rad KL befestigt.«</p> - -<p>»Die Maschine ist sehr einfach,« fuhr Fröben fort, »und -der ganze Irrtum meines Freundes kommt daher, daß er die -Struktur größerer Werke vor Augen hat, die freilich anders -aussehen. Du wirst dich übrigens erinnern, daß wir in Devonshire -bei Sir Henry Smith eine Oelmühle sahen, die beinahe -ganz nach diesem Plan gebaut war.«</p> - -<p>Der Baron verbarg sein Staunen hinter einem ironischen -Lächeln, womit er bald den Freund, bald den Mechanikus ansah. -»Machet, was ihr wollt,« sagte er gleichgültig, »ich gebe die -ganze Geschichte verloren; vernünftiger wäre es gewesen, ich -hätte einen englischen Mechaniker mitkommen lassen. Versuche -immer dein Heil an dem heillosen Schraubenwerk; ich denke, -wenn ich dich in einigen Stunden abhole, wirst du dieses Maschinen-Abc -schon satt haben; denn darin, ich weiß es ja, bist du -doch nur ein Abcschütze.« Pfeifend verließ er das Gebäude, setzte -sich auf und ritt in den Wald.</p> - -<p>Fröben aber ließ sogleich wieder auseinanderlegen, was -nach des Barons eigenmächtigem Plan bisher zusammengefügt -war. Die Nummern wurden geordnet, und er wurde unter -diesem Geschäft nach und nach heiterer, denn es zerstreute die -düsteren Bilder in seiner Seele, und nicht ohne Lächeln bemerkte -er, wie ihn der Mechanikus mit leuchtenden Blicken betrachtete, -wie ihn seine Gesellen und Jungen gleich einem Altmeister -ihrer Kunst ehrfurchtsvoll ansahen. Freude und Leben -war in die Werkstätte gekommen, wo man diesen Morgen nur -die Befehle, die Flüche des Barons, die Bitten und Gegenreden -des Meisters gehört hatte; bald war alles in Ordnung gebracht, -und als der Baron abends aus dem Wald zurückkam, -seinen Gast abzuholen, erstaunte er und schien sich im ersten -Augenblick nicht einmal über das sichtbare Fortschreiten des -Werkes zu freuen. Er hatte erwartet, alles in Bestürzung und -Konfusion zu treffen, aber der Mechanikus überreichte ihm -lächelnd die Zeichnung, führte ihn an den Zylinder und zeigte -ihm, indem er bald auf das Papier, bald auf das Werk hindeutete, -mit stolzer Freude, was sie bis jetzt schon geleistet haben. -»Wenn es so fortgeht,« setzte der Mechanikus hinzu, »und wenn<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span> -der fremde Herr dort uns auch morgen so trefflich an die Hand -geht, so garantiere ich, daß wir noch vor Sonntag fertig werden.«</p> - -<p>»Tolles Zeug!« war alles, was der Baron antwortete, indem -er die Zeichnung zurückgab, und Fröben war ungewiß, ob -es Flüche oder Danksagungen seien, was sein Freund hin und -wieder murmelte, als sie zusammen nach dem Schloß zurückritten.</p> - -<p>Der glückliche Fortgang des Maschinenbaues, vielleicht auch -die schimmernde Aussicht auf Don Pedros spanische Quadrupeln, -hatte den Baron in den nächsten Tagen fröhlicher gestimmt. -Fröben hatte an den Spanier nach W. geschrieben, und sein Gastfreund -nahm ihm das Versprechen ab, so lange bei ihm zu verweilen, -bis aus W. eine Antwort angelangt sei. Auch gegen -Josephe betrug er sich etwas menschlicher, und er hatte ihr, -wahrscheinlich mehr aus Rücksicht auf den Freund als auf sie, -sogar erlaubt, daß sie ihre Haushaltungsgeschäfte abkürzen und -vormittags oder abends, wenn ihn selbst Geschäfte abhielten, -sich von Fröben vorlesen lassen oder Spaziergänge mit ihm -machen dürfe. Und sie lebte in diesen wenigen Tagen zusehends -auf. Ihre Haltung wurde kräftiger, ihre Wangen rötete ein -Schimmer von stillem Vergnügen, und in manchen Augenblicken, -wenn ein holdes Lächeln um ihre Lippen zog, wenn jene feinen -Grübchen in den Wangen erschienen, gestand sich Fröben, daß -er selten eine schönere Frau gesehen habe, ja ihr Anblick verwirrte -ihn oft so ganz, daß er ein geliebtes Bild seiner Träume -verwirklicht glaubte, daß halbversunkene Erinnerungen wieder in -ihm auftauchten, daß ihm sogar ihre Stimme, wenn sie bewegt, -gerührt war, so bekannt deuchte, als hätte er sie nicht hier zum -erstenmal gehört. Seltener zog er in jenen Tagen das Bild -hervor, das er sonst stundenlang betrachtet hatte, und wenn es -ihm zufällig in die Hände fiel, wenn er es aufrollte, wenn er -in das Auge der unbekannten Geliebten sah, so fühlte er sich -beschämt, er glaubte, ihrem leblosen Bilde diese Vernachlässigung -abbitten zu müssen. »Doch,« sprach er dann zu sich, als -müßte er sich entschuldigen, »ist es denn unrecht, der armen -Freundin einige Tage ihres freudelosen Lebens angenehmer zu -machen? Und wie wenig gehört dazu, dieses holde Wesen zu -erfreuen, sie glücklicher zu stimmen! Ein schönes Buch mit ihr -zu lesen, mit ihr zu sprechen, sie auf einem Spaziergang an -ihre Lieblingsplätzchen zu begleiten – dies ist ja alles, was sie -braucht, um heiter und froh zu sein. Welchen Himmel könnte -Faldner in seinem Hause haben, wenn er nur zuweilen die eine -oder andere dieser kleinen Freuden mit ihr teilte!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span></p> - -<p>Der junge Mann fühlte sich übrigens, ohne daß er es sich -selbst recht gestand, angenehm berührt, geschmeichelt von Josephens -Anhänglichkeit an ihn. Schien ihr nicht jeder Morgen, -jeder Abend ein neues Fest zu sein? Wenn er herabkam zum -Frühstück, hatte sie schon alles zierlich und nett bereitet; bald -wählte sie den Saal, der eine herrliche Aussicht auf den fernen -Rhein öffnete, bald die Terrasse, von wo sie das ländliche Gemälde -der Arbeiter in den Feldern und an den Weinbergen vor -sich hatten, so nah, um alles, wie ein treues Tableau, zu betrachten, -und doch ferne genug, um im stillen Genuß des Morgens -nicht gestört zu sein, bald hatte sie eine Laube im Garten -ausgesucht, wo die Welt ringsum von dichten Platanen abgeschlossen -und nur der frischen Morgenluft oder dem Frührot der -Zutritt gestattet war. So erschien sie immer neu und überraschend, -und wenn der Freund herzutrat, wie freudig stand sie -auf, wie hold bot sie ihm die Hand zum Gruß, wie lebhaft -wußte sie, wenn er noch ganz in ihren Anblick versunken ohne -Worte war, das Gespräch anzuknüpfen, dies und jenes zu erzählen, -durch Laune und feine Beobachtung allem, was sie sagte, -ein eigenes Gewand, einen eigentümlichen Reiz zu geben! Und -wenn sie dann nachher schnell und emsig das Geräte des Frühstücks -auf die Seite räumte, wenn er sein Buch hervorzog, wenn -sie mit der Arbeit, die sie selten beiseite legte, ihm sich gegenübersetzte -und erwartungsvoll an seinen Lippen hing, da war es -ihm oft, als müsse er alles, die ganze Welt vergessen, und einen -kleinen, kurzen, seligen Augenblick träumte er, er sei ein glücklicher -Gatte und sitze hier an der Seite eines geliebten Weibes.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>19.</h4> -</div> - -<p>Es gereichte Josephen in den Augen ihres Freundes zu -keinem geringen Ruhm, daß sie gerade jenen Dichter zu ihrem -Liebling erwählt hatte, der auch ihn vor allen anzog. Zwar -mußte er ihr oft bei Vorlesungen aus Jean Pauls herrlichen -Dichtungen zu Hilfe kommen, um dieses oder jenes dunklere -Gleichnis zu erklären; aber sie faßte schnell, ihr natürlicher -Takt und ihr zarter Sinn, der so ganz in dem Dichter lebte, -ließ sie manches erraten, ehe ihr noch der Freund Gewißheit -gegeben hatte.</p> - -<p>»Es liegt doch,« sagte sie eines Tages, »eine Welt voll Gedanken -in diesem Hesperus! Jede menschliche Empfindung bei -Freude und Schmerz, bei Liebe und Gram liegt zergliedert vor<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span> -uns da; er weiß uns, indem wir den süßen Duft einer Blume -einsaugen, ihre innersten Teile, ihre zarten Blätter, ihre feinsten -Staubfäden zu beschreiben, ohne daß er sie zerstört, entblättert. -Denn das, glaube ich, ist ja das große, tiefe Geheimnis -dieses Meisters, daß er jede tiefere Empfindung nicht beschreibt, -sondern andeutet, und doch wieder nicht flüchtig andeutet, -sondern wie durch das feine Mikroskop eines Gleichnisses -uns einen tiefen Blick in die Menschenseele tun läßt, wo Gedanke -an Gedanke aufsteigt und das Auge überrascht, aber entzückt -über die wundervolle Schöpfung, in eine Träne übergeht.«</p> - -<p>»Sie haben,« erwiderte der Gastfreund, »wie es mir scheint, -in diesen Worten sein Geheimnis wirklich ausgesprochen. Mir -ist sonst, ich gestehe es offen, nichts so in der innersten Seele -zuwider, als das sichtbare Abmühen eines Autors, dem Leser -recht klar und deutlich zu machen, was sein Held oder die -Heldin oder eine dritte, vierte Person da oder dort empfunden -oder gedacht. Aber unser Dichter! Wie herrlich, wie reich ist -auch hierin seine Erfindung; wir leben, wir denken, wir weinen -unwillkürlich mit Viktor, und Klothildens bleichere Wangen, -ihre klaglose Trauer trifft uns tiefer, als jede Beschreibung es -sagen kann, und im warmen, weichen Glück der Liebenden möchten -wir ein Strahl der Abendsonne sein, der in der Laube um -ihre Umarmung spielt, jene Nachtigall, die ihnen die fromme -Feier ihrer Seligkeit mit ihrer glockenhellen Stimme einläutete.«</p> - -<p>»Es ist sonderbar,« bemerkte Josephe, »der Faden dieses -Romans, was man sein Gerippe nennt, würde uns bei andern -nicht im mindesten interessant, vielleicht sogar gesucht, langweilig -dünken. Sechs verlorene, vertauschte, wiedergefundene Söhne, -statt daß z. B. Walter Scott gewöhnlich nur <em class="gesperrt">einen</em> hat und -sogar der Verfasser des <em class="gesperrt">Walladmor</em> in seiner Parodie mit -zweien sich begnügt; eine junge Dame, die zu ihrer Qual von -ihrem Bruder geliebt wird, selbst aber seinen Freund liebt; ein -kleiner, simpler Hof in Duodez, ein Pfarrhaus voll Ratten und -Kinder, und ein Edelsitz, wo Unedle wohnen; denken Sie sich -diese gewöhnlichen Dinge in einer Reihenfolge, so haben Sie -einen unserer gewöhnlichen Romane von verlorenen Söhnen etc. -und nicht einmal einen rechten Jammer, um mich so auszudrücken, -als etwa La Beaus Ermordung durch den Hofjunker -oder das tragische Ende des Lords im fünften Akt. Aber welch -ein Leben, welch eine Welt wird aus dieser Geschichte, wenn -ihr jener Dichter seinen Blumenmantel umhängt! Welche geistreiche -Luft, höher und reiner als jede irdische, kommt uns aus<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span> -der verehrenden Liebe Viktors und Klothildens zu ihrem Lehrer -Emanuel, welche Wehmut aus den Täuschungen eines kalten -Lebens, wenn Viktor und jenes liebenswürdige Wesen sich verkennen, -nicht finden; welche Wonne endlich, wenn ihre Seelen -unter dem nächtlichen, gestirnten Himmel im Schmerz der Trennung -sich aufschließen und überströmen in Liebe!«</p> - -<p>»Ja,« rief der junge Mann, »unser Dichter ist ein großer -Musiker! Er hat ein ausgespieltes, altes, längst gehörtes Thema -vor sich; aber indem er den Gang des alten Liedchens beibehält, -führt er die Gedanken auf eine Weise aus, die uns so überraschend, -so neu erscheint, daß wir das Thema vergessen und -nur auf die Wendungen horchen, in die er übergeht, in welchen -er die Himmelsleiter der Töne wie ein Engel auf und ab geht -und uns einen geöffneten seligen Himmel im Traume zeigt, -während wir vielleicht wie Jakob in der Wirklichkeit auf recht -hartem Lager liegen. Dann ist er bald weich wie eine Flöte, -durchdringend wie die Hoboe, bald voll, rührend wie das Waldhorn -aus der Ferne, bald braust er daher wie mit den mächtigsten -tiefsten Bässen, majestätisch, erhaben, bald nur sanft -lispelnd wie die Aeolsharfe oder in Wehmut aufgelöst wie die -Töne der Harmonika.«</p> - -<p>»Wie danke ich es ihm,« sagte Josephe weich, »daß er versöhnt, -daß er die Wunden unserer Wehmut heilt! Es hätte ja -in seiner Macht gestanden, Klothilden untergehen zu lassen im -Schmerz unerwiderter Liebe, vor ihrem Tode hätte ihr Viktor -noch zugerufen: ›Ich liebte dich ja über alles,‹ und sie wäre -lächelnd eingeschlafen. Denken Sie sich den ungeheuren Schmerz, -die Bitterkeit gegen das Geschick, wenn wir diese Menschen so -hätten untergehen sehen, ohne Hoffnung, ohne Trost! Aber es -wäre ja nicht möglich gewesen; Viktor hätte nicht so lange geliebt, -hätte sich an Joachime oder die Fürstin hingegeben, denn -ein Mann kann ja ohne erwiderte Liebe nicht lange lieben!«</p> - -<p>»Glauben Sie das wirklich?« erwiderte Fröben wehmütig -lächelnd. »O, wie wenig müssen Sie uns kennen, wie klein -müssen Sie von uns denken, wenn wir nicht einmal den Mut -besäßen, dieses kurze Leben hindurch treu zu lieben, auch ohne -geliebt zu werden!«</p> - -<p>»Ich halte es bei Frauen für möglich,« sagte die schöne -Frau; »Liebe ohne Gegenliebe ist ein tiefes Unglück, und Frauen -sind ja mehr dazu gemacht, stille Leiden zu tragen ein Erdenleben -lang als ihr. Der Mann würde einen solchen Gram von -sich werfen, oder der glühende Kummer müßte ihn verzehren!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span></p> - -<p>»Beides nicht – ich lebe ja noch und liebe,« sagte Fröben, -zerstreut vor sich hinblickend.</p> - -<p>»Sie lieben!« rief Josephe, und mit so eigenem Ton, daß -der junge Mann erschrocken aufblickte; sie schlug die Augen -nieder, als ihr sein Blick begegnete, eine tiefe Röte überflog ihr -Gesicht und ging ebenso schnell wieder in tiefe Blässe über.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, indem es ihm mit Mühe gelang, es scherzhaft -zu sagen; »der Fall, den Sie setzten, ist der meinige, und -noch liebe ich, vielleicht ruhiger, aber nicht minder innig als am -ersten Tag, ich liebe sogar beinahe ohne Hoffnung, denn die -Dame meines Herzens weiß nicht um meine Liebe, und dennoch, -wie Sie sehen, hat mich der Kummer noch nicht getötet.«</p> - -<p>»Und darf man wissen,« sagte sie zutraulich, aber, wie es -Fröben schien, mit zitternder Stimme, »darf man wissen, wer -die Glückliche ist?«</p> - -<p>»Ach, sehen Sie, das ist gerade das Unglück, ich weiß ja -nicht, wer sie ist, noch wo sie sich aufhält, und liebe dennoch; ja -Sie werden mich für einen zweiten Don Quichotte halten, wenn -ich gestehe, daß ich sie nur einigemal flüchtig sah, mich nur noch -einiger Partien ihres Gesichtes erinnern kann, und dennoch in -der Welt umherstreife, um sie zu finden, weil es mir zu Hause -keine Ruhe läßt.«</p> - -<p>»Sonderbar,« bemerkte Josephe, indem sie ihn nachdenklich -ansah, »sonderbar; es ist wahr, ich kann mir einen solchen Fall -denken, aber dennoch machen Sie eine seltene Ausnahme, lieber -Fröben; wissen Sie denn, ob Sie geliebt werden? Ob das Mädchen -Ihnen treu ist?«</p> - -<p>»Nichts weiß ich von diesem allen,« erwiderte er ernst und -mit verschlossenem Gram, »ich weiß nichts, als daß ich glücklich -wäre, wenn ich jenes Wesen mein nennen könnte, und weiß nur -allzugut, daß ich vielleicht auf immer verzichten muß und nie -ganz glücklich werde!«</p> - -<p>Je seltener sonst der junge Mann über diese Gefühle sich -aussprach, desto mächtiger kamen in diesem Augenblicke alle -Schmerzen der Erinnerung an gramvolle Stunden und eine -Wehmut über ihn, der er sich nicht gewachsen fühlte. Er stand -schnell auf und ging aus der Laube dem Schlosse zu. Aber -Josephe sah ihm mit Blicken voll unendlicher Liebe nach, Träne -um Träne löste sich aus den zuckenden Wimpern, und erst als<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span> -sie wie ein Quell auf ihre schöne Hand herabfielen, erweckten -sie Josephen aus ihren Träumen. Und beschämt, als hätte sie -sich bei einer geheimen Schuld belauscht, errötete sie und preßte -ihr Tuch vor diese verräterischen Augen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>20.</h4> -</div> - -<p>Die Vorhersagung des alten Mechanikus war eingetroffen, -denn mit dem letzten Tage der Woche waren auch die Maschinen -der Dampfmühle fertig aufgestellt. Der Baron, so unmutig er -anfangs gewesen war, hatte in der Freude seines Herzens, als -der erste Versuch glücklich gelungen war, den Alten und seine -Gesellen reichlich beschenkt entlassen und auf Sonntag alle seine -Nachbarn in der Umgegend eingeladen, um mit einem kleinen -Feste seine Mühle einzuweihen. So glücklich und heiter er an -diesem Tage war, so fröhlich und jovial er seine zahlreichen Gäste -empfing, so entging es doch Fröbens beobachtenden Blicken nicht, -daß er die arme Josephe mit hunderterlei Aufträgen und Anordnungen -plagte, daß sie ihm nichts zu Dank machen konnte. -Bald sollte sie in der Küche sein, um das Gesinde anzutreiben -und selbst mitzuhelfen, bald besserte er dies oder jenes an ihrem -Putz, bald wollte er vor Ungeduld verzweifeln, wenn sie nicht -schnell genug die Treppe herabflog, um mit ihm am Portal die -Ankommenden zu empfangen, bald wollte er die Tafel so oder -anders gestellt haben, bald wollte er den Kaffee im Garten, bald -im Salon trinken. Mit Engelsgeduld und einer Resignation, -die dem Freunde unbegreiflich war, ertrug sie alle diese Unbilden. -Sie war überall, sorgte für alles und wußte sogar einen -Augenblick zu finden, um den Gastfreund zu fragen, warum er -gerade heute so trübe sei, ihn aufzumuntern, an der allgemeinen -Fröhlichkeit teilzunehmen.</p> - -<p>Allgemein entzückte die Schönheit, die behende Aufmerksamkeit -der Hausfrau; die Männer priesen den Baron glücklich, -einen solchen Schatz im Hause zu haben, und mehrere der älteren -Damen sagten ihm unverhohlen ihre Bewunderung über die -seltenen Talente zur Wirtschaft, über die Einsicht und Ordnung -einer so jungen Frau. »Siehst du,« flüsterte der Glückliche -Fröben zu, »siehst du, was eine Zucht wie die meinige Wunder -wirkt? Ich bin im ganzen heute recht zufrieden mit ihr, aber -wenn ich nicht im geheimen überall selbst nachhülfe, wie stünde -es dann um die wirtschaftliche Ehre der Hausfrau! Aber es -macht sich, ich sagte es ja immer, es macht sich.« Die allgemeine<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span> -Fröhlichkeit und der Wein steigerten Faldner immer höher, und -es war endlich hohe Zeit, die Tafel aufzuheben, denn er und -einige Herren aus der Nachbarschaft erlaubten sich schon Scherze -und Anspielungen, welche jedes zartere Ohr beleidigten.</p> - -<p>Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte sie -unter Scherz und Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück -und erstaunte aufs neue über die geschmackvollen und doch so -bequemen Anordnungen, welche Josephe indessen im Garten getroffen -hatte. Sie hatte es gewagt, nach ihrer eigenen Erfindung -schnell eine große geräumige Laube errichten zu lassen; -alle möglichen Erfrischungen erwarteten dort die Gäste, und ihr -allgemeines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht -einmal ungehalten, daß man junge Eschen und Tannen aus -seinem Walde zu der Laube verwendet, daß man seinen eigenen -Plan, ein Zelt aus Brettern und Teppichen aufzuschlagen, nicht -befolgt hatte. Er küßte seine Frau auf die Stirne und dankte -ihr für die angenehme Ueberraschung.</p> - -<p>Man setzte sich in bunten Reihen umher. Die Männer -sprachen den alten Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald -hatte eine allgemeine Fröhlichkeit die Gesellschaft erfaßt. Man -spielte witzige, geistreiche Spiele, und als die mutwillige Laune -der Männer noch höher stieg, wurden sogar Pfänderspiele nicht -verschmäht. So kam es, daß bei ihrer Auslösung auch Fröben -sein Pfand mit einer Strafe lösen sollte, und Josephe, welcher -die Bestimmung dieser Strafe aufgelegt war, befahl ihm, eine -<em class="gesperrt">wahre</em> Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Man gab -ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron schlug vor Freuden -über seine kluge Frau in die Hände, und als Fröben zauderte -und sich besann, rief er: »Nun soll ich etwas für dich erzählen -aus deinem Leben? Etwa die pikante Geschichte <em class="gesperrt">von dem -Mädchen vom Pont des Arts</em>?«</p> - -<p>Fröben errötete und sah ihn mißbilligend an; aber die Gesellschaft, -die hier vielleicht ein lustiges Geheimnis ahnete, rief: -»Die Geschichte von dem Mädchen, die Geschichte vom Pont des -Arts!« und vielleicht nur, um der Indiskretion seines Freundes -zu entgehen, den der Wein schon etwas über die gewöhnlichen -Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er sich zu erzählen; der -Baron aber versprach der Gesellschaft, sobald der Erzähler von -der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu der -Geschichte geben, denn er sei selbst dabei gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>21.</h4> -</div> - -<p>»Ich weiß nicht,« hub Fröben an, »ob der Gesellschaft bekannt -ist, daß ich vor mehreren Jahren mit unserem Faldner -reiste, namentlich in Paris mit ihm einige Zeit zusammenlebte, ja -<em class="gesperrt">ein</em> Haus mit ihm bewohnte? Wir hatten so ziemlich gemeinschaftliche -Studien, besuchten dieselben Zirkel, machten gegenseitig -unsere früheren Bekannten mit dem Freunde bekannt und -lebten auf diese Weise unzertrennlich. Wir hatten einen gemeinschaftlichen -Freund, den ebenso liebenswürdigen als gelehrten -Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne -wohnte, die bekanntlich in die Rue St. Dominique führt und -auf dem linken Ufer der Seine liegt. Unser gewöhnlicher -Abendspaziergang war durch die <em class="antiqua">Champs elysées</em> über die schöne -Brücke ins Marsfeld und von da durch Faubourg St. Germain -in die Wohnung unseres Freundes, wo wir oft noch bis tief in -der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von dem, was wir -gesehen, von allem möglichen plauderten. Wir wohnten, um -dies noch hinzuzusetzen, an der Place des Victoires, ziemlich -entfernt von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich -den Pont des Arts, um das Louvre zu durchschneiden -und uns einen Umweg durch die Seitenstraßen zu ersparen. -Eines Abends, es mochte nach elf Uhr sein – es hatte etwas -geregnet und der Wind wehte besonders in der Nähe des Flusses -sehr kalt und schneidend – gingen wir auch vom Quai Malaquais -über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des -Arts ist nur für Fußgänger zugänglich, und so kam es, daß um -diese Zeit nicht mehr viel Leben um und auf der Brücke war. -Wir gingen, die Mäntel fester um uns ziehend, stillschweigend -über die Brücke; schon wollte ich die Brückenstufen auf der -andern Seite hinabeilen, als ein überraschender Anblick mich -festhielt.</p> - -<p>An die Brücke gelehnt, stand eine schlanke, ziemlich hohe -weibliche Gestalt. Ein schwarzes Hütchen war tief ins Gesicht -geknüpft und zum Ueberfluß noch mit einem grünen Schleier -versehen; ein schwarzer Mantel von Seide fiel um den Leib, -und der Wind, der die Gewänder in diesem Augenblick fester -anschmiegte, verriet eine ungemein zarte, jugendliche Taille; -aus dem Mantel ragte eine kleine Hand hervor, die einen Teller -hielt; vor ihr aber stand ein kleines Laternchen, dessen Licht -unruhig flackerte, sein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß. Es<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span> -wohnt vielleicht nirgends so sehr als in jener Stadt das tiefste -Elend neben dem höchsten Glanz und Wohlleben, aber dennoch -sieht man verhältnismäßig wenige Bettler. Sie drängen sich -selten unverschämt herzu, und nie wird man sehen, daß sie dem -Fremden nachlaufen, ihn mit Bitten verfolgen. Alte Männer -oder Blinde sitzen oder knien an den Ecken der Straßen, den -Hut ruhig vor sich hinhaltend, und überlassen es dem Vorübergehenden, -ob er ihren bittenden Blick beachten will.</p> - -<p>Am schauerlichsten, wenigstens für mein Gefühl, waren -immer jene verschämten Bettler, die nachts mit verhülltem -Haupt eine brennende Kerze vor sich, regungslos, fast schon wie -erstorben in einer Ecke stehen; viele meiner Bekannten in Paris -hatten mir versichert, daß man darauf rechnen könne, daß dies -meistens Leute aus besseren Ständen seien, die durch Unglück so -tief herabgekommen sind, daß sie entweder Arbeit suchen müssen, -oder sind sie zu verschämt, vielleicht zu schwach, um für Brot zu -arbeiten, so ergreifen sie diesen letzten Ausweg, ehe sie, wie so -viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der Vergessenheit -übergeben.</p> - -<p>Von dieser Klasse der Bettelnden war die weibliche Gestalt -an dem Pont des Arts, deren Anblick mich unwiderstehlich -fesselte. Ich sah sie näher an; ihre Glieder schienen vor Frost -noch heftiger zu zittern als das Flämmchen in der Laterne, aber -sie schwieg und ließ ihr Elend und den kalten Nachtwind für sich -reden. Ich suchte in der Tasche nach kleinem Gelde, aber es -wollte sich kein Sou, sogar kein einzelner Frank finden. Ich -wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber unmutig, -durch mein Zögern der schneidenden Kälte ausgesetzt zu sein, -rief er mir in unserer Sprache zu: ›So laß doch das Bettelvolk -und spute dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!‹ – ›Nur -ein paar Sous, Bester!‹ bat ich; aber er packte mich am Mantel -und wollte mich wegziehen.</p> - -<p>Da rief die Verhüllte mit zitternder, aber wohltönender -Stimme und zu unserer Verwunderung auf gut deutsch: ›O -meine Herren! sein Sie barmherzig!‹ Diese Stimme, diese -Worte und unsere Sprache hatten etwas so Rührendes für mich, -daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte: ›Nun -wohlan, da hast du ein paar Franken,‹ sagte er, ›versuche dein -Heil mit der Jungfer, aber laß mich aus dem Zug treten.‹ Er -drückte mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich -war in diesem Augenblick wirklich verlegen, was ich tun sollte; -sie mußte ja gehört haben, was Faldner sagte, und beleidigen<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span> -mag ich am wenigsten einen Unglücklichen. Ich trat unschlüssig -näher. ›Mein Kind,‹ sagte ich, ›Sie haben hier einen schlechten -Standpunkt gewählt, hier werden heute abend nicht mehr viele -Menschen vorübergehen.‹ Sie antwortete nicht gleich. ›Wenn -nur,‹ flüsterte sie nach einer Weile kaum hörbar, ›diese wenigen -Gefühl für Unglück haben!‹ Diese Antwort überraschte mich, -sie war so ungesucht und doch so treffend. Die edle Haltung -des Mädchens, der Ton, womit sie jene Worte gesagt, verrieten -Bildung. ›Wir sind Landsleute,‹ fuhr ich fort, ›darf ich Sie -nicht bitten, daß Sie mir sagen, ob ich vielleicht mehr für Sie -tun kann, als so im Vorübergehen zu geschehen pflegt?‹ – -›Wir sind sehr arm,‹ antwortete sie, wie mir schien, etwas -mutiger, ›und meine Mutter ist krank und ohne Hilfe.‹ Ohne -weitere Ueberlegung, nur von dem unbestimmten Gefühl, daß -mich das Mädchen sehr anzog, getrieben, sagte ich: ›Führen Sie -mich zu ihr!‹ Sie schwieg, der Vorschlag schien sie zu überraschen. -›Halten Sie dieses für nichts anders,‹ fuhr ich fort, -›als für meinen redlichen Willen, Ihnen zu helfen, wenn ich -kann.‹ – ›So kommen Sie,‹ erwiderte die Verschleierte, hob ihr -Laternchen auf, löschte es aus und verbarg es samt dem Teller -unter dem Mantel.« –</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>22.</h4> -</div> - -<p>»Wie?« rief der Baron laut lachend, als Fröben schwieg, -»weiter willst du nicht erzählen? Willst es auch heute wieder -machen, wie du es mir schon damals machtest? Nämlich bis -hierher, meine Herren und Damen, hat er ganz nach reiner -historischer Wahrheit erzählt. Er glaubte mich vielleicht weit -weg, und ich stand keine zehn Schritte von der erbaulichen -Samariterszene unter dem Portal des Palais und sah ihm zu; -ob der Dialog wirklich so vor sich gegangen, weiß ich nicht, denn -der schändliche Wind verwehte die Worte, aber ich sah, wie die -Dame ihr Lämpchen auslöschte, und mit ihm zurück über die -Brücke ging. Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei seinem -galanten Abenteuer zu folgen, aber am Ende, ich wollte wetten, -sah er weder eine kranke Mama noch dergleichen, sondern die -Dame vom Pont des Arts hatte das alte Sirenenlied nur auf -andere Weise gesungen.«</p> - -<p>Er belachte seinen eigenen Witz, und die Männer stimmten -ein in das rohe Gelächter, die Damen aber sahen vor sich nieder, -und Josephe schien mit den Worten ihres Gatten so unzufrieden -als mit der sonderbaren Erzählung ihres Freundes, denn bleich<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span> -wie der Tod hielt sie ihre Tasse in den Händen, daß sie klirrte, -und sandte dem jungen Mann nur <em class="gesperrt">einen</em> Blick zu, für den -er in diesem Augenblick keine andere als eine tief beschämende -Deutung wußte. »Ich glaube zwar,« sprach er, mit starker -Stimme das Gelächter der Männer unterbrechend, »mein Pfand -gelöst zu haben, aber mein eigener Vorteil will, daß ich eine -Deutung dieses Vorfalls nicht zulasse, die mein Freund ihm -unterzulegen scheint; Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre, -und bei meinem Leben,« setzte er hinzu, indem er errötete und -sein Auge höher leuchtete, »ich will Ihnen die reine Wahrheit -sagen.</p> - -<p>Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen -war. Während ich schweigend mehr hinter als neben ihr -ging, hatte ich Zeit, sie zu betrachten. Ihre Gestalt, so weit -sie der Mantel sehen ließ, ihre ganze Haltung, besonders aber -ihre Stimme war sehr jugendlich. Ihr Gang schnell, aber leicht -und schwebend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als ich ihn -zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog sie nach der -Rue Mazarin ein. ›Ist Ihre Mutter schon lange krank?‹ fragte -ich, indem ich wieder an ihre Seite trat und versuchte, durch -den Schleier etwas von ihren Zügen zu erspähen. ›Seit zwei -Jahren,‹ antwortete sie seufzend, ›aber seit acht Tagen ist sie -recht elend geworden.‹ – ›Waren Sie schon öfter an jenem -Ort?‹ – ›Wo?‹ fragte sie. – ›Auf der Brücke.‹ – ›Diesen Abend -zum erstenmal,‹ erwiderte sie. – ›Dann haben Sie sich keinen -guten Platz gesucht, andere Passagen sind frequenter.‹ Doch schon, -indem ich dies sagte, bereute ich, es gesagt zu haben, denn es -mußte sie ja verletzen. Mit unterdrücktem Weinen flüsterte sie: -›Ach, ich bin ja hier so unbekannt und – ich schämte mich, so -ins Gedränge zu gehen.‹</p> - -<p>Wie grenzenlos mußte das Elend sein, das dieses Geschöpf -zwang, zu betteln. Zwar wollten auch mir, ich gestehe es, einigemal -solche Gedanken kommen, wie sie Faldner hatte, aber immer -verschwanden sie wieder, weil sie widersinnig, unnatürlich waren; -wenn sie zu jener verworfenen Klasse von Mädchen gehörte, -warum sollte sie sich verhüllt an einen einsamen Ort stellen? -Warum geflissentlich eine Gestalt verbergen, die, soviel die -Umrisse flüchtig zeigten, gewiß zu den schöneren zu zählen war? -Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene zarte Verschämtheit -vor unverschuldeter Armut da, die das Unglück so unbeschreiblich -rührend macht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p> - -<p>›Hat Ihre Mutter einen Arzt?‹ fragte ich wieder nach -einiger Weile. ›Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei -mehr kaufen konnten, wollte er sie ins Spital des Incurables -bringen lassen, und – das konnte ich nicht ertragen. Ach Gott, -meine arme Mutter ins Spital!‹ Wieviel tiefer Schmerz lag -in den letzten Worten dieses Mädchens!</p> - -<p>Sie weinte, sie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans -Auge, und Laterne und Teller, die sie in der andern Hand trug, -verhinderten sie, den Mantel zusammenzuhalten; der Wind wehte -ihn weit auseinander und ich sah, daß ich mich nicht betrogen -hatte; sie war von feiner schlanker Taille, sie trug ein einfaches, -soviel mein flüchtiger Blick bemerkte, sehr reinliches Kleid. Sie -haschte nach dem Mantel, und indem ich ihr behilflich war, ihn -wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche, zarte Hand.</p> - -<p>Wir waren schon durch die Straßen Mazarin, St. Germain, -Ecole de Médecine und von dort durch einige kleine -Seitenstraßen gegangen, als sie auf einmal stehen blieb und -klagte, sie habe den Weg verfehlt. Ich fragte sie, in welcher -Gegend sie wohne, und sie gab St. Severin an. Ich war in -Verlegenheit, denn diese Straße wußte ich selbst nicht zu finden. -Machte es Angst oder Kälte, ich sah sie heftiger zittern. Ich -sah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo -Branntwein verkauft wurde, ich bat sie, zu warten, stieg hinab -und erkundigte mich. Man wies mich zurecht, und ich glaubte -mich hinfinden zu können. Als ich heraufkam, hörte ich in der -Nähe laut reden; ich sah beim schwachen Schein einer Laterne, -wie sich das Mädchen heftig gegen zwei Männer wehrte, von -denen der eine ihre Hand, der andere den Mantel gefaßt hatte; -sie lachten, sie sprachen ihr zu; ich ahnete, was vorging, sprang -herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt hatte; -sprachlos, weinend klammerte sie sich fest an meinen Arm.</p> - -<p>›Meine Herren,‹ sagte ich, ›ihr sehet, ihr seid hier im -Irrtum, ihr werdet im Augenblick den Mantel von Mademoiselle -loslassen!‹</p> - -<p>›Ach, Verzeihung, mein Herr!‹ erwiderte der, welcher -ihren Mantel gefaßt hatte. ›Ich sehe, Sie haben ältere Rechte -auf Mademoiselle!‹ Und lachend zogen sie weiter.</p> - -<p>Wir gingen weiter, das arme Kind zitterte heftig, sie -hielt noch immer meinen Arm fest, sie war nahe daran, niederzusinken.</p> - -<p>›Nur Mut!‹ sagte ich zu ihr, ›St. Severin ist nicht mehr -ferne, Sie werden bald zu Hause sein.‹ Sie antwortete nicht,<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span> -sie weinte noch immer. Als wir in der Straße waren, die nach -der Beschreibung St. Severin sein mußte, blieb sie wieder -stehen. ›Nein, Sie dürfen nicht weiter mit mir gehen, mein -Herr!‹ sagte sie. ›Es darf nicht sein.‹ – ›Aber warum denn -nicht, da Sie mich so weit mitgenommen haben; ich bitte, trauen -Sie mir keine schlechten Absichten zu!‹ Ich hatte bei diesen -Worten, ohne es zu wissen, ihre Hand ergriffen und vielleicht -gedrückt; sie entzog sie mir hastig und sagte: ›Vergeben Sie, -daß ich die Unschicklichkeit beging, Sie so weit mitzuführen; -bitte, verlassen Sie mich jetzt!‹ Ich fühlte, daß der Auftritt -vorhin sie tief verletzt hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich -selbst Mißtrauen einflößte, und eben dies rührte mich unbeschreiblich; -ich nahm das Silber, das mir Faldner gegeben, und -wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie wenig diese -kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und ich -gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug.</p> - -<p>Ihre Hand zuckte, als sie es nahm; sie schien es für Silber -zu halten, dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme -und wollte gehen.</p> - -<p>›Noch ein Wort,‹ sagte ich und hielt sie auf; ›ich hoffe, -Ihre Mutter wird gesund werden, aber es könnte ihr doch noch -an etwas gebrechen, und Sie, mein Kind, sind nicht für solche -Abendgänge, wie der heutige, gemacht. Wollen Sie nicht heute -über acht Tage um dieselbe Zeit vor der Ecole de Médecine sein, -daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen kann?‹ Sie schien -unschlüssig, endlich sagte sie: ›Ja.‹ – ›Und setzen Sie doch den -Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie erkenne,‹ -fügte ich hinzu; sie bejahte es, dankte noch einmal, ging eilend -die Straße hin und war schnell in der Nacht verschwunden.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>23.</h4> -</div> - -<p>Als ich am Morgen nach dieser Begebenheit erwachte, -schien es mir, als hätte mir von diesem allen nur geträumt. Aber -Faldner, der bald herbeikam und mich nach seiner zarten Manier -zu schrauben anfing, riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache -schien mir, so recht deutlich am Morgenlicht betrachtet, doch allzu -fabelhaft, als daß ich sie dem ungläubigen Freund hätte erzählen -mögen. Man ist in neuerer Zeit zu jenem Grad der Sittenverfeinerung -gekommen, die schon ins Gebiet der Unsittlichkeit hinüberstreift; -man will in manchen Fällen lieber wild, etwas -liederlich und schlecht erscheinen, man gibt lieber eine Zweideutigkeit<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span> -zu, nur um nicht als ein Tor, als ein Sonderling, als -ein Mensch von schwachem Verstand und beschränkten Lebensansichten -zu gelten.</p> - -<p>Im Innern kränkte mich aber noch mehr als Faldners -Schraubereien eine Unruhe, ein Etwas, was ich nicht zu deuten -wußte. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich nicht einmal ihr Gesicht -gesehen hatte. ›Wozu,‹ sagte ich mir, ›wozu diese übertriebene -Diskretion? Wenn ich ein paar Napoleons hingebe, -so kann ich doch um die Gunst bitten, den Schleier etwas zu -lüften?‹ Und doch, wenn ich mir das ganze Betragen des Mädchens, -das, so einfach es war, doch von Gemeinheit auch nicht -im geringsten etwas an sich hatte, zurückrief, wenn ich bedachte, -wie mich ihre edle Haltung, der gebildete Ton ihrer Antworten -anzog, so mußte ich mich, halb zu meinem Aerger, rechtfertigen. -Es liegt etwas in der menschlichen Stimme, das uns, ehe wir -Züge und Auge, ehe wir den Stand der Sprechenden kennen, -den Ton angibt, in welchem wir mit ihm sprechen müssen. Wie -unendlich, nicht sowohl in der Form als im Klang der Sprache, -unterscheidet sich der Gebildete vom Ungebildeten, und des Mädchens -Töne waren so weich und zart, ihre kurzen Antworten oft -so aus der tiefsten Seele gesprochen. Den ganzen Tag konnte -ich diese Gedanken nicht los werden, sogar abends, in eine glänzende -Gesellschaft von Damen begleitete mich das arme Mädchen -mit dem schwarzen Hütchen, dem grünen Schleier und dem unscheinbaren -Mantel.</p> - -<p>In den nächsten Tagen ärgerte ich mich über meine Torheit, -welche schuld war, daß ich das Mädchen erst nach acht Tagen -wiedersehen konnte: ich zählte die Stunden ab bis zu dem -nächsten Freitag, und es war, als hätte jene Hauptstadt der -Welt, wie sie ihre Bewohner nennen, nichts Reizendes mehr in -sich als die Bettlerin vom Pont des Arts. Endlich, endlich erschien -der Freitag. Ich brauchte alle mögliche List, um mich auf -diesen Abend von Faldner und den übrigen Freunden los zu -machen, und trat, als es dunkel wurde, meinen Weg an. Ich -hatte über eine Stunde zu gehen, und Zeit genug, über meinen -Gang nachzudenken. ›Heute‹, sagte ich zu mir, ›heute, wirst du -ins reine kommen, was du von dieser Person zu denken hast; du -wirst ihr anbieten, mit ihr zu gehen, nimmt sie es an, so hast -du dich schon das erste Mal betrogen. Auch das Gesicht muß sie -heute zeigen.‹</p> - -<p>Ich war so eilends gegangen, daß es noch nicht einmal -zehn Uhr war, als ich auf der Place de l'Ecole de Médecine<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -anlangte, und – auf elf Uhr hatte ich sie ja erst bestimmt. Ich -trat noch in ein Café, durchblätterte gedankenlos eine Schar von -Zeitungen –; endlich schlug es elf Uhr.</p> - -<p>Auf dem Platz waren wenige Menschen, und so weit ich -mein Auge anstrengte, kein grüner Schleier zu sehen. Ich hielt -mich immer auf der Seite der Arzneischule, weil dort mehrere -Laternen brannten. Die Momente solchen Erwartens sind peinlich. -›Wenn sie an deinem Golde genug hätte und gar nicht -käme? Wenn sie deine Gutherzigkeit verlachte?‹ dachte ich, als -ich den Platz wohl schon zehnmal auf und ab gegangen war. Es -schlug halb zwölf, schon fing ich an, über meine eigene Torheit -zu murren, da wehte im Schein einer Laterne etwa dreißig -Schritte von mir etwas Grünes; mein Herz pochte ungestümer, -ich eilte hin – sie war es. ›Guten Abend,‹ sagte ich, indem ich -ihr die Hand bot, ›schön, daß Sie doch Wort halten; schon glaubte -ich, Sie würden nicht mehr kommen.‹ Sie verbeugte sich, ohne -meine Hand zu fassen, und ging an meiner Seite hin; sie schien -sehr gerührt: ›Mein Herr, mein edler Landsmann,‹ sprach sie -mit bewegter Stimme, ›ich muß ja Wort halten, um Ihnen zu -danken. Ich komme heute gewiß nicht, um Ihre Güte aufs neue -in Anspruch zu nehmen. Ach, wie reich, wie freigebig haben -Sie uns beschenkt! Kann Sie der innige Dank einer Tochter, -können die Gebete und Segenswünsche meiner kranken Mutter -Sie entschädigen?‹</p> - -<p>›Sprechen wir nicht davon,‹ erwiderte ich. ›Wie geht es -Ihrer Mutter?‹ – ›Ich glaube wieder Hoffnung schöpfen zu -dürfen,‹ antwortete sie, ›der Arzt spricht zwar nichts Bestimmtes -aus, aber sie selbst fühlt sich kräftiger. O, wie danke ich Ihnen! -Von Ihrem Geschenk konnte ich ihr wieder kräftige Speisen bereiten, -und glauben Sie mir, der Gedanke, daß es noch so gute -Menschen gibt, hat sie beinahe ebensosehr gestärkt.‹</p> - -<p>›Was sagte Ihre Mutter, als Sie zu Hause kamen?‹ – -›Sie war sehr in Sorgen um mich, weil es schon so spät war,‹ -erwiderte sie, ›ach, sie hatte so ungern mir die Erlaubnis zu -diesem Gang gegeben und malte sich jetzt irgend ein Unglück -vor, das mir begegnet sei. Ich erzählte ihr alles, aber als ich -mein Tuch öffnete, und die Gaben, die ich gesammelt hatte, hervorzog -und Gold dabei war, Gold unter den Kupfer- und Silberstücken, -da erstaunte sie, und –‹ Sie stockte und schien nicht -weiter reden zu können; ich dachte mir, die Mutter habe sie arger -Dinge beschuldigt, und forschte weiter, aber mit rührender Offenheit<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span> -gestand sie: die Mutter habe gesagt, der großmütige Landsmann -müsse entweder ein Engel oder ein Prinz gewesen sein.</p> - -<p>›Weder das eine noch das andere,‹ sagte ich ihr. ›Aber -wie weit haben Sie ausgereicht? Haben Sie noch Geld?‹</p> - -<p>›O wir haben noch,‹ erwiderte sie mutig, wie es scheinen -sollte, aber mir entging nicht, daß sie vielleicht unwillkürlich -dabei seufzte.</p> - -<p>›Und was haben Sie noch?‹ sagte ich etwas bestimmter -und dringender.</p> - -<p>›Wir haben eine Rechnung in der Apotheke davon bezahlt -und einen Monat am Hauszins, und der Mutter habe ich -davon gekocht, es ist aber immer noch übrig geblieben.‹</p> - -<p>›Wie ärmlich mußten Sie wohnen, wenn Sie von diesem -Gelde eine Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen -und acht Tage lang kochen konnten? Ich will aber genau -wissen,‹ fuhr ich fort, ›was und wieviel Sie noch haben.‹</p> - -<p>›Mein Herr!‹ sagte sie, indem sie beleidigt einen Schritt -zurücktrat.</p> - -<p>›Mein gutes Kind, das verstehen Sie nicht,‹ erwiderte ich, -indem ich ihr näher trat; ›oder Sie wollen es sich aus übertriebenem -Zartgefühl nicht gestehen; ich frage Sie ernstlich: -wenn Sie mit den paar Franken zu Rande sind, haben Sie -Hilfe zu erwarten?‹</p> - -<p>›Nein!‹ sagte sie schüchtern und weich; ›keine!‹</p> - -<p>›Denken Sie an Ihre Mutter und verschmähen Sie meine -Hilfe nicht!‹ Ich hatte ihr bei diesen Worten meine Hand geboten; -sie ergriff sie hastig, drückte sie an ihr Herz und pries -meine Güte.</p> - -<p>›Nun wohlan, so kommen Sie,‹ fuhr ich fort, indem ich -ihren Arm in den meinigen legte; ›ich kam leider nicht gerade -von Hause, als ich mich hierher begab, und hatte mich nicht versehen; -Sie werden daher die Güte haben, mich einige Straßen -zu begleiten bis in meine Wohnung, daß ich Ihnen für die -Mutter etwas mitgebe.‹ Sie ließ sich schweigend weiterführen, -und so angenehm mir der Gedanke war, sie noch ferner unterstützen -zu können, so war doch mein Gefühl beinahe beleidigt, -als sie so ganz ohne Sträuben mitging; nachts in die Wohnung -eines Mannes; aber wie ganz anders kam es, als ich dachte. -Wir mochten wohl etwa zwei- oder dreihundert Schritte fortgegangen -sein, da stand sie stille und entzog mir ihren Arm.<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span> -›Nein, es kann, es darf nicht sein,‹ rief sie, in Tränen ausbrechend. -›Was betrübt Sie auf einmal?‹ fragte ich verwundert, -›was darf nicht sein?‹</p> - -<p>›Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.‹</p> - -<p>›Aber mein Gott,‹ erwiderte ich, indem ich mich etwas -aufgebracht stellte. ›Sie haben doch wahrhaftig sehr wenig Vertrauen -zu mir; wenn nicht Ihre Mutter wäre, gewiß ich ginge -jetzt von Ihnen, denn Sie kränken mich.‹</p> - -<p>Sie nahm meine Hand, sie drückte sie bewegt. ›Habe ich -Sie denn beleidigt?‹ rief sie. ›O, Gott weiß, das wollte ich nicht; -verzeihen Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie sind -so großmütig, und ich sollte Sie beleidigen?‹</p> - -<p>›Nun denn, so komm,‹ sagte ich, indem ich sie weiterzog, -›es ist keine Zeit zu verlieren, es ist spät, und der Weg ist weit.‹ -Aber sie blieb stehen, weinte und flüsterte: ›Nein, um keinen -Preis gehe ich weiter.‹</p> - -<p>›Aber vor wem fürchten Sie sich denn? Es kennt Sie -ja kein Mensch, es sieht Sie ja keine Seele; Sie können getrost -mit mir kommen.‹</p> - -<p>›Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich! Nein, -nein, es darf nicht sein, dringen Sie nicht weiter in mich!‹ Sie -zitterte; ich fühlte wohl, wenn ich ihr die Not der Mutter noch -einmal recht dringend vorstellte, so ging sie mit, aber die Angst -des Mädchens rührte mich tief.</p> - -<p>›Gut, so bleiben Sie hier,‹ sprach ich. ›Aber sagen Sie -mir, können Sie vielleicht arbeiten?‹</p> - -<p>›O ja, mein Herr,‹ erwiderte sie, ihre Tränen trocknend.</p> - -<p>›Könnten Sie vielleicht meine feinere Wäsche besorgen?‹</p> - -<p>›Nein,‹ antwortete sie sehr bestimmt. ›Dazu sind wir -nicht eingerichtet.‹</p> - -<p>›Hier ist ein weißes Tuch,‹ fuhr ich fort. ›Können Sie -mir vielleicht ein halb Dutzend besorgen und fertig machen?‹</p> - -<p>Sie besah das Tuch und sagte: ›Mit Vergnügen, und recht -fein will ich es nähen!‹ Zu meiner eigenen Beschämung mußte -ich jetzt dennoch Geld hervorziehen, obgleich ich es vorhin verleugnet -hatte.</p> - -<p>›Kaufen Sie sechs solcher Tücher,‹ fuhr ich fort, ›und können -Sie wohl drei davon bis Sonntagabend fertig machen?‹ Sie -versprach es; ich gab ihr noch etwas für die Mutter, und sagte -ihr, daß ich heute darauf nicht eingerichtet sei, aber Sonntag -mehr tun könne. Sie dankte innig; es schien sie zu freuen, daß -ich ihr Arbeit gegeben, denn noch einmal plauderte sie davon,<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span> -wie schön sie die Tücher machen wolle, ja wenn ich nicht irre, -so fragte sie mich sogar, ob sie nicht einen englischen Saum einnähen -dürfe? Ich sagte ihr alles zu, aber als sie nun Abschied -nehmen wollte, hielt ich sie noch fest. ›Eines müssen Sie mir -übrigens noch zu Gefallen tun,‹ sprach ich, ›Sie können es -gewiß und leicht.‹</p> - -<p>›Und was?‹ fragte sie. ›Wie gern will ich alles für Sie -tun.‹</p> - -<p>›Lassen Sie mich diesen neidischen Schleier aufheben und -Ihr Gesicht sehen, daß ich doch <em class="gesperrt">eine</em> Erinnerung an diesen -Abend habe.‹</p> - -<p>Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier fester.</p> - -<p>›Bitte, lassen Sie das,‹ erwiderte sie und schien ein wenig -mit sich selbst zu kämpfen; ›Sie haben ja die schöne Erinnerung -an Ihre Wohltaten; die Mutter hat mir streng verboten, den -Schleier zu lüften, und ich versichere Ihnen,‹ setzte sie hinzu, ›ich -bin häßlich wie die Nacht, Sie würden nur erschrecken!‹</p> - -<p>Aber dieser Widerstand reizte mich nur noch mehr; ein -wirklich häßliches Mädchen, dachte ich, spricht nicht so von ihrer -Häßlichkeit, ich wollte den Schleier fassen, aber wie ein Aal -war sie entwischt: ›<em class="antiqua">Dimanche à revoir!</em>‹ rief sie und eilte davon. -Erstaunt blickte ich ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb -sie stehen, winkte mir mit meinem weißen Tuch und rief mit -ihrer silberhellen Stimme: ›Gute Nacht!‹</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>24.</h4> -</div> - -<p>In den nächsten Tagen beschäftigte mich der Gedanke, welchem -Stande das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter -ich mir ihre gebildete Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief, -desto höher steigerte ich sie in meinen Gedanken. Darüber wenigstens -mußte sie mir Gewißheit geben, nahm ich mir vor, und -beschloß, mich nicht wieder so abspeisen zu lassen wie mit dem -Schleier. Der Sonntag kam; du wirst dich noch jenes Nachmittags -erinnern, Faldner, wo wir mit den Freunden in Montmorency -im Garten des großen Dichters saßen. Ihr wolltet -spät in der Nacht zu Hause fahren, und ich trieb immer zu einer -frühen Rückfahrt, und als ihr dennoch bliebet, da machte ich -mich trotz eures Scheltens davon. Freilich glaubtest du damals -nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft nicht vertragen, -aber daß ich zu einem Rendezvous mit der Bettlerin vom Pont -des Arts eile, konntest du auch nicht denken? Sie war diesmal<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span> -die erste auf dem Platz, und weil sie mir die Tücher zu bringen -hatte, war sie schon bange geworden, ich könnte sie verfehlt -haben und glauben, sie werde nicht Wort halten. Mit beinahe -kindischer Freude und, wie es mir schien, noch größerem Zutrauen -als früher plauderte sie, indem sie mir beim Schein -einer Straßenlaterne die Tücher zeigte.</p> - -<p>Sie schien es gern zu hören, daß ich ihre feine Arbeit -lobte. ›Sehen Sie, auch Ihren Namen habe ich herein gezeichnet,‹ -sagte sie, indem sie das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies. -Dann wollte sie mir eine Menge Silbergeld als Ueberschuß -zurückgeben, und nur meine bestimmte Erklärung, daß sie -mich dadurch beleidige, konnte sie bewegen, es als Arbeitslohn -anzunehmen.</p> - -<p>Ich bestellte aufs neue wieder Arbeit, weil ich sah, daß -dem zarten Sinn des Mädchens ein solcher Weg meiner Gaben -mehr zusagte, und diesmal waren es Jabots und Manschetten, -die ich bestellte. Ihre Mutter war nicht kränker geworden, -konnte aber das Bett noch nicht verlassen; doch schon dieser -Mittelzustand erschien ihr tröstlich. Als die Mutter abgehandelt -war, wagte ich es, sie geradehin zu fragen, wie denn eigentlich ihre -Verhältnisse seien.</p> - -<p>Die Geschichte, die sie mir in wenigen Worten preisgab, -ist in Frankreich so alltäglich, daß sie beinahe jedem Armen -zum Aushängeschild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in -der großen Armee gewesen, war nach der ersten Restauration -der Bourbons auf halben Sold gesetzt worden, hatte nachher -während der hundert Tage wieder Partei ergriffen und war bei -Mont St. Jean mit den Garden gefallen; seine Witwe verlor -die Pension und lebte von da an ärmlich und elend. In den -zwei letzten Jahren fristeten sie ihr Leben meist vom Verkauf -ihrer geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußersten -Grad des Elends gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt, -als aus der Welt zu gehen.</p> - -<p>Ich fragte das Mädchen, ob sie nicht ihr Verhältnis hätte -bessern können, wenn sie etwa ihre Mutter auf andere Weise -zu unterstützen gesucht hätte.</p> - -<p>›Sie meinen, wenn ich einen Dienst genommen hätte?‹ -erwiderte sie ohne alle Empfindlichkeit. ›Sehen Sie, das war -nicht möglich. Vor der Krankheit der Mutter war ich viel zu -jung, kaum vierzehn Jahre vorüber, und dann wurde sie auf -einmal so elend, daß sie das Bett nicht verlassen konnte; da -brauchte sie also immer jemand um sich, und konnte ich denn<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span> -ihre Pflege einer Fremden überlassen? Ja, wenn sie gesund -geblieben wäre, da hätte ich mit Freuden alle unsere früheren -Verhältnisse verleugnet, wäre etwa in einen Putzladen gegangen -oder als Gouvernante in ein anständiges Haus, denn ich habe -manches gelernt, mein Herr! Aber so ging es ja nicht!‹</p> - -<p>Auch diesmal bat ich vergeblich, den Schleier zu lüften. -Die Andeutungen, die sie über ihr Alter gegeben, reizten mich, -ich gestehe es, nur noch mehr, das Gesicht dieses Mädchens zu -sehen, die wenig über sechzehn Jahre haben konnte; aber sie bat -mich so dringend, davon abzulassen, ihre Mutter habe ihr so -triftige Gründe angegeben, daß es nimmer geschehen könne.</p> - -<p>Wir trafen uns von da an alle drei Tage. Ich hatte immer -einige kleine Arbeiten für sie, und pünktlich war sie damit fertig. -Je fester ich in dem Betragen blieb, das ich einmal gegen sie -angenommen, je strenger ich mich immer in den Grenzen des -Anstandes hielt, desto zutraulicher und offener wurde das gute -Mädchen. Sie gestand mir sogar, daß sie zu Hause die drei -Tage über immer an den nächsten Abend denke. Und ging es -mir denn anders? Tag und Nacht beschäftigte ich mich mit -diesem sonderbaren Wesen, das mir durch seinen gebildeten -Geist, durch sein liebenswürdiges Zartgefühl, durch sein eigentümliches -Verhältnis zu mir immer interessanter wurde.</p> - -<p>Der Frühling war indessen völlig heraufgekommen, und -die Zeit war da, die ich mit Faldner schon längst zu einer Reise -nach England festgesetzt hatte. Mancher hält es vielleicht für -töricht, was ich ausspreche, aber wahr ist es, daß ich an diese -Reise nur mit Widerwillen dachte; Paris an sich hatte nichts -Interessantes mehr für mich; aber jenes Mädchen hatte alle -meine Sinne so gefangen genommen, daß ich einer längeren -Trennung nur mit Wehmut entgegensah. Ausweichen konnte -ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, denn es war sonst kein -bündiger Grund vorhanden, die Reise aufzuschieben; ich schämte -mich sogar vor mir selbst und stellte mir die ganze Torheit -meines Treibens vor; ich beschloß die Abreise, aber gewiß hat -sich wohl keiner je so wenig auf England gefreut als ich.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>25.</h4> -</div> - -<p>Acht Tage zuvor sagte ich es dem Mädchen; sie erschrak, -sie weinte. Ich bat sie, ihre Mutter zu fragen, ob ich sie nicht -besuchen dürfe, sie sagte es zu. Das nächste Mal aber brachte -sie mir sehr betrübt die Antwort, daß mich ihre Mutter bitten<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span> -lasse, diesen Besuch aufzugeben, der für ihren Gemütszustand -allzu angreifend sein würde. Ich hatte jenen Besuch eigentlich -nur darum nachgesucht, um mein Mädchen bei Tag und ohne -Schleier zu sehen; ich verlangte dies also aufs neue wieder; -aber sie bat mich, am Abend vor meiner Abreise noch einmal -zu kommen, sie wolle ihre Mutter so lange bestürmen, bis sie -die Erlaubnis erhalte, den Schleier aufzuheben. Unvergeßlich -wird mir immer dieser Abend sein. Sie kam, und meine erste -Frage war, ob die Mutter es erlaubt habe; sie sagte ja und hob -von selbst den Schleier auf. Der Mond schien helle, und zitternd, -begierig blickte ich unter den Hut. Aber die Erlaubnis schien -nur teilweise gegeben zu sein, denn meine Schöne trug sogenannte -Venezianeraugen, die den oberen Teil ihres Gesichtes -verhüllten. Doch wie schön, wie reizend waren die Partien, -welche frei waren! Eine feine, zierliche Nase, schöngeformte, -blühende Wangen, ein kleiner, lieblicher Mund, ein Kinn wie -aus Wachs geformt, und ein schlanker, blendend weißer Hals. -Ueber die Augen konnte ich nicht recht ins reine kommen, aber -sie schienen mir dunkel und feurig.</p> - -<p>Sie errötete, als ich sie lange, entzückt betrachtete. ›Werden -Sie mir nicht böse,‹ flüsterte sie, ›daß ich diese Halbmaske -vornahm; die Mutter wollte es von Anfang ganz abschlagen, -nachher gestattete sie es nur unter dieser Bedingung; ich war -selbst recht ärgerlich darüber, aber sie sagte mir einige Gründe, -die mir einleuchteten.‹</p> - -<p>›Und was sind das für Gründe?‹ fragte ich.</p> - -<p>›Ach mein Herr,‹ erwiderte sie wehmütig. ›Sie werden -ewig in unserem Herzen leben, aber Sie selbst sollen uns ganz -vergessen; Sie sollen mich nie, nie wiedersehen, oder wenn Sie -mich auch sehen, nicht erkennen.‹</p> - -<p>›Und meinen Sie denn, ich werde Ihre schönen Züge nicht -wiedererkennen, wenn ich auch Ihre Augen, Ihre Stirne nicht -sehen darf?‹</p> - -<p>›Die Mutter meint,‹ antwortete sie, ›das sei nicht wohl -möglich; denn wenn man ein Gesicht nur zur Hälfte gesehen, -sei das Wiedererkennen schwer.‹</p> - -<p>›Und warum soll ich dich denn nicht wiedersehen, nicht -wiedererkennen?‹</p> - -<p>Sie weinte bei dieser Frage, sie drückte meine Hand und -sagte: ›Es darf ja nicht sein! Was kann Ihnen denn daran -liegen, ein unglückliches Mädchen wiederzuerkennen; und – -nein, die Mutter hat recht; es ist besser so.<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span>‹</p> - -<p>Ich sagte ihr, daß meine Reise nicht lange dauern werde; -daß ich vielleicht schon nach zwei Monaten wieder in Paris -sein könne, daß ich sie wiederzusehen hoffe. Sie weinte heftiger -und verneinte es. Ich drang in sie, mir zu sagen, warum sie -glaube, ich werde sie nicht mehr sehen.</p> - -<p>›Mir ahnt,‹ erwiderte sie, ›ich sehe Sie heute zum letztenmal; -ich glaube, meine Mutter wird nicht lange mehr leben, der -Arzt sagte es mir gestern, und dann ist ja alles vorbei! Und -wenn sie auch länger lebt, in London werden Sie ein so armes -Geschöpf, wie ich bin, lange vergessen.‹</p> - -<p>Ihr Schmerz machte mich unendlich weich; ich sprach ihr -Mut ein; ich gelobte ihr, sie gewiß nicht zu vergessen; ich nahm -ihr das Versprechen ab, immer den Ersten und Fünfzehnten -eines jeden Monats auf diesen Platz zu kommen, damit ich sie -wiederfinden könnte, sie sagte es unter Tränen lächelnd zu, als -ob sie wenig Hoffnung hätte. ›Nun so lebe wohl auf Wiedersehen,‹ -sagte ich, indem ich sie in meine Arme schloß und einen -kleinen einfachen Ring an ihre Hand steckte, ›lebe wohl und denke -an mich und vergiß nicht den Ersten und Fünfzehnten!‹</p> - -<p>›Wie könnte ich Sie vergessen!‹ rief sie, indem sie weinend -zu mir aufblickte. ›Aber ich werde Sie nimmer wiedersehen; -Sie nehmen Abschied auf immer.‹</p> - -<p>Ich konnte mich nicht enthalten, ihren schönen Mund zu -küssen; sie errötete, ließ es aber geduldig geschehen; ich steckte -ihr einen Tresorschein in die kleine Hand, sie sah mich noch -einmal recht aufmerksam an und drückte sich heftiger an mich. -›Auf Wiedersehen!‹ sprach ich, indem sie sich sanft aus meinen -Armen wand. Der letzte Moment des Abschieds schien ihr -Mut zu geben: sie zog mich noch einmal an ihr Herz, ich fühlte -einen heißen Kuß auf meinen Lippen. ›Auf immer! Lebe wohl -auf immer!‹ rief sie schmerzlich, riß sich los und eilte über den -Platz hin.</p> - -<p>Ich habe sie nicht wiedergesehen! Nach einem Aufenthalt -von drei Monaten kehrte ich von London nach Paris zurück; ich -ging am Fünfzehnten auf die Place de l'Ecole de Médecine, ich -wartete über eine Stunde, mein Mädchen erschien nicht. Noch -oft am Ersten und Fünfzehnten wiederholte ich diese Gänge; wie -oft ging ich durch die Straße St. Severin, blickte an den Häusern -hinauf, fragte wohl auch nach einer armen deutschen Frau und -ihrer Tochter, aber ich habe nie wieder etwas von ihnen erfahren, -und das reizende Wesen hatte recht, als sie mir beim -Abschied zurief: <em class="gesperrt">Auf immer!</em>«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>26.</h4> -</div> - -<p>Der junge Mann hatte seine Erzählung mit einem Feuer -vorgetragen, das ihr große Wahrheit verlieh und wenigstens -auf den weiblichen Teil der Gesellschaft tiefen Eindruck zu -machen schien. Josephe weinte heftig, und auch die andern -Fräulein und Frauen wischten sich hin und wieder die Augen. -Die Männer waren ernster geworden und schienen mit großem -Interesse zuzuhören, nur der Baron lächelte hin und wieder -und flüsterte ihm seine Bemerkungen zu. Jetzt, als Fröben geschlossen -hatte, brach er in lautes Gelächter aus: »Das heiße ich -mir sich gut aus der Affaire ziehen!« rief er. »Ich habe es -ja immer gesagt, mein Freund ist ein Schlaukopf. Seht nur, -wie er die Damen zu rühren wußte, der Schelm! Wahrhaftig, -meine Frau heult, als habe ihr der Pfarrer die Absolution versagt. -Das ist köstlich, auf Ehre! Dichtung und Wahrheit! Ja, -das hast du deinem Goethe abgelauscht, Dichtung und Wahrheit, -es ist ein herrlicher Spaß.«</p> - -<p>Fröben fühlte sich durch diese Worte aufs neue verletzt. -»Ich sagte dir schon,« sagte er unmutig, »daß ich die Dichtung -oder Erdichtung gänzlich beiseite ließ und nur die Wahrheit sagte; -ich hoffe, du wirst es als solche ansehen.«</p> - -<p>»Gott soll mich bewahren!« lachte der Baron. »Wahrheit, -das Mädchen hast du dir unterhalten, Bester, das ist die ganze -Geschichte, und aus den Abendbesuchen bei ihr hast du uns -einen kleinen Roman gemacht. Aber gut erzählt, gut erzählt, -das lasse ich gelten.«</p> - -<p>Der junge Mann errötete vor Zorn; er sah, wie Josephe -ihren Gatten starr und ängstlich ansah; er glaubte zu sehen, -daß auch sie vielleicht seinen Argwohn teile und schlecht von ihm -denke; die Achtung dieser Frau wenigstens wollte er sich durch -diese gemeinen Scherze nicht nehmen lassen. »Ich bitte, schweigen -wir davon,« rief er, »ich habe nie in meinem Leben Ursache -gehabt, irgend etwas zu bemänteln oder zu entstellen, kann es -aber auch nicht dulden, wenn mir andere dieses Geschäft abnehmen -wollen. Ich sage dir zum letztenmal, Faldner, daß sich, -auf mein Wort, alles so verhält, wie ich es erzählte.«</p> - -<p>»Nun dann sei es Gott geklagt,« erwiderte jener, indem -er die Hände zusammenschlug. »Dann hast du aus lauter übertriebenem -Edelsinn und theoretischer Zartheit ein paar hundert -Franken an ein listiges Freudenmädchen weggeworfen, das dich<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span> -durch ein gewöhnliches Histörchen von Elend und kranker Mutter -köderte; hast nichts davon gehabt als einen armseligen Kuß! -Armer Teufel! In Paris sich von einer Metze so zum Narren -halten zu lassen.«</p> - -<p>Noch mehr als die vorige Beschuldigung reizte den jungen -Mann dieses spöttische Mitleid und das Gelächter der Gesellschaft -auf, die auf seine Kosten den schlechten Witz des Barons applaudierte. -Er wollte eben, aufs tiefste gekränkt, die Gesellschaft -verlassen, als ein sonderbarer, schrecklicher Anblick ihn zurückhielt. -Josephe war, bleich wie eine Leiche, langsam aufgestanden; -sie schien ihrem Gatten etwas erwidern zu wollen, aber -in demselben Moment sank sie ohnmächtig, wie tot zusammen. -Bestürzt sprang man auf, alles rannte durcheinander, die -Frauen richteten die Ohnmächtige auf, die Männer fragten sich -verwirrt, wie dies denn so plötzlich gekommen sei, Fröben hatte -der Schrecken beinahe selbst ohnmächtig gemacht, und der Baron -murmelte Flüche über die zarten Nerven der Weiber, schalt auf -die grenzenlose Dezenz, auf die ängstliche Beobachtung des Anstandes, -wovon man ohnmächtig werde, suchte bald die Gesellschaft -zu beruhigen, bald rannte er wieder zu seiner Frau; alles -sprach, riet, schrie zusammen und keiner hörte, keiner verstand -den andern.</p> - -<p>Josephe kam nach einigen Minuten wieder zu sich; sie -verlangte nach ihrem Zimmer, man brachte sie dahin, und die -Mädchen und Frauen drängten sich neugierig und geschäftig nach; -sie gaben hunderterlei Mittel an, die wider die Ohnmacht zu gebrauchen, -sie erzählten, wie ihnen da und dort dasselbe begegnet, -sie wurden darüber einig, daß die große Anstrengung der Frau -von Faldner, die vielen Sorgen und Geschäfte an diesem Tage -diesen Zufall notwendig haben herbeiführen müssen, und die -Sorge, der Baron möchte sich vielleicht blamieren, da er ohnedies -schon recht unanständig gewesen, habe die Sache noch beschleunigt.</p> - -<p>Der Baron suchte indessen unter den Männern die vorige -Ordnung wiederherzustellen. Er ließ fleißig einschenken, trank -diesem oder jenem tapfer zu, und suchte sich und seine Gäste -mit allerlei Trostgründen zu beruhigen. »Es kommt von nichts,« -rief er, »als von dem Unwesen der neuern Zeit; jede Frau -von Stande hat heutzutage schwache Nerven, und wenn sie die -nicht hat, so gilt sie nicht für vornehm; Ohnmächtigwerden gehört -zum guten Ton; der Teufel hat diese verrückten Einrichtungen -erfunden. Und auch daher kommt es, daß man nichts<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span> -mehr beim rechten Namen nennen darf. Alles soll so überaus -zart, dezent, fein, manierlich hergehen, daß man darüber aus -der Haut fahren möchte. Da hat sie sich jetzt alteriert, daß ich -einigen Scherz riskierte, was doch die Würze der Gesellschaft -ist; daß ich über dergleichen zarte, feingefühlige Geschichten -nicht außer mir kam vor Rührung und Schmerz und mir einige -praktische Konjekturen erlaubte. Was da! Unter Freunden -muß dergleichen erlaubt sein! Und ich hätte dich für gescheiter -gehalten, Freund Fröben, als daß du nur dergleichen übelnehmen -könntest.«</p> - -<p>Aber der, an den der Baron den letzteren Teil seiner Rede -richtete, war längst nicht mehr unter den Gästen; Fröben war -auf sein Zimmer gegangen im Unmut, im Groll auf sich und -die Welt. Noch konnte er sich diesen sonderbaren Auftritt nicht -ganz enträtseln, seine Seele, halb noch aufgeregt von dem Zorn -über die Roheit des Freundes, halb ergriffen von dem Schrecken -über den Unfall der Freundin, war noch zu voll, zu stürmisch -bewegt, um ruhigeren Gedanken und der Ueberlegung Raum -zu geben. »Wird auch <em class="gesperrt">sie</em> mir nicht glauben,« sprach er -kummervoll zu sich, »wird auch sie den schnöden Worten ihres -Gatten mehr Gewicht geben als der einfachen, ungeschmückten -Wahrheit, die ich erzählte? Was bedeuteten jene seltsamen -Blicke, womit sie mich während meiner Erzählung zuweilen ansah? -Wie konnte sie diese Begebenheit so tief ergreifen, daß -sie erbleichte, zitterte? Sollte es denn wirklich wahr sein, daß -sie mir gut ist, daß sie innigen Anteil an mir nimmt, daß sie -verletzt wurde von dem Hohne des Freundes, der mich so tief -in ihren Augen herabsetzen mußte? Und was wollte sie denn, -als sie aufstand, als sie sprechen wollte? Wollte sie den unschicklichen -Reden Faldners Einhalt tun, oder wollte sie mich -sogar verteidigen?«</p> - -<p>Er war unter diesen Worten heftig im Zimmer auf und -ab gegangen, sein Blick fiel jetzt auf die Rolle, die jenes Bild -enthielt, er rollte es auf, er sah es bitter lächelnd an. »Und wie -konnte ich mich auch von einem Gefühl der Beschämung hinreißen -lassen, mein Herz Menschen aufschließen, die es doch -nicht verstehen, von Dingen zu reden, die solch überaus vornehmen -Leuten so fremd sind; das Schlechte, das Gemeine ist -ihnen ja lieber, scheint ihnen natürlicher als das Außerordentliche; -wie konnte ich von deinen lieben Wangen, von deinen -süßen Lippen zu diesen Puppen sprechen? O, du armes, armes -Kind; wieviel edler bist du in deinem Elend als diese Fuchsjäger<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span> -und ihr Gelichter, die wahren Jammer und verschämte -Armut nur vom Hörensagen kennen und jede Tugend, die sich -über das Gemeine erhebt, als Märchen verlachen! Wo du -jetzt sein magst? Und ob du des Freundes noch gedenkst und -jener Abende, die ihn so glücklich machten!«</p> - -<p>Seine Augen gingen über, als er das Bild betrachtete, -als er bedachte, welch bitteres Unrecht die Menschen heute diesem -armen Wesen angetan. Er wollte seine Tränen unterdrücken, -aber sie strömten nur noch heftiger. Es gab eine Stelle in der -Brust des jungen Mannes, wohin, wie in ein tiefes Grab, sich -alle Wehmut, alle zurückgedrängten Tränen des Grames still -und auf lange versammelten; aber Momente wie dieser, wo die -Schmerzen der Erinnerung und seine Hoffnungslosigkeit so -schwer über ihn kamen, sprengten die Decke dieses Grabes und -ließen den langverhaltenen Kummer um so mächtiger überströmen, -je mehr sein gebrochener Mut in Wehmut überging.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>27.</h4> -</div> - -<p>Fröben überdachte am andern Morgen die Vorfälle des -gestrigen Tages und war mit sich uneinig, ob er nicht lieber -jetzt gleich ein Haus verlassen sollte, wo ihn ein längerer Aufenthalt -vielleicht noch öfter solchen Unannehmlichkeiten aussetzte, -als die Türe aufging und der Baron niedergeschlagen und beschämt -hereintrat. »Du bist gestern abend nicht zu Tisch gekommen, -du hast dich heute noch nicht sehen lassen,« hub er an, -indem er näher kam, »du zürnst mir; aber sei vernünftig und -vergib mir; siehe es ging mir wunderlich; ich hatte den Tag über -zu viel Wein getrunken, war erhitzt, und du kennst meine -schwache Seite, da kann ich das Necken nicht lassen. Ich bin gestraft -genug, daß der schöne Tag so elend endete, und daß mein -Haus jetzt vier Wochen lang das Gespräch der Umgegend sein -wird. Verbittere mir nicht vollends das Leben und sei mir -wieder freundlich wie zuvor!«</p> - -<p>»Lasse lieber die ganze Geschichte ruhen,« entgegnete Fröben -finster, indem er ihm die Hand bot; »ich liebe es nicht, über -dergleichen mich noch weiter auszusprechen; aber morgen will -ich fort, weiter; hier bleibe ich nicht länger.«</p> - -<p>»Sei doch kein Narr!« rief Faldner, der dies nicht erwartet -hatte und ernstlich erschrak. »Wegen einer solchen Szene gleich -aufbrechen zu wollen! Ich sagte es ja immer, daß du ein solcher -Hitzkopf bist. Nein, daraus wird nichts; und hast du mir nicht<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -versprochen, zu warten bis Briefe da sind vom Don in W.? -Nein, du darfst mir nicht schon wieder weggehen; und wegen -der Gesellschaft hast du dich nicht zu schämen, sie alle, besonders -die Frauen, schalten mich tüchtig aus, sie gaben dir völlig recht -und sagten, ich sei an allem schuld.«</p> - -<p>»Wie geht es deiner Frau?« fragte Fröben, um diesen -Erinnerungen auszuweichen.</p> - -<p>»Ganz hergestellt, es war nur so ein kleiner Schrecken, -weil sie fürchtete, wir werden ernstlich aneinander geraten; sie -wartet mit dem Frühstück auf dich; komm jetzt mit herunter und -sei vernünftig und nimm Raison an. Ich muß ausreiten, nimm -es mir nicht übel, die Mühle kommt heute in Gang. Du bist -also wieder ganz wie zuvor?«</p> - -<p>»Nun ja doch!« sagte der junge Mann ärgerlich. »Laß -doch einmal die ganze Geschichte ruhen.« Er folgte mit sonderbaren -Gefühlen, die er selbst nicht recht zu deuten wußte, dem -Baron, der vergnügt über die schnelle Versöhnung seines -Freundes ihm voraneilte, seiner Frau schnell berichtete, was er -ausgerichtet habe, und dann das Schloß verließ, um seine Mühle -in Gang zu bringen.</p> - -<p>Hatte sich denn heute auf einmal alles so ganz anders gestaltet, -oder war nur er selbst anders geworden? Josephens -Züge, ihr ganzes Wesen schien Fröben verändert, als er bei ihr -eintrat. Eine stille Wehmut, eine weiche Trauer schien über -ihr Antlitz ausgegossen, und doch war ihr Lächeln so hold, so -traulich, als sie ihn willkommen hieß. Sie schrieb ihr gestriges -Uebel allzugroßer Anstrengung zu und schien überhaupt von -dem ganzen Vorfall nicht gerne zu sprechen. Aber Fröben, dem -an der guten Meinung seiner Freundin so viel lag, konnte es -nicht ertragen, daß sie beinahe geflissentlich seine Erzählung gar -nicht berührte. »Nein,« rief er, »ich lasse Sie nicht so entschlüpfen, -gnädige Frau! An dem Urteil der andern über mich -lag mir wenig; was kümmert es mich, ob solche Alltagsmenschen -mich nach ihrem gemeinen Maßstab messen! Aber wahrhaftig, es -würde mich unendlich schmerzen, wenn auch Sie mich falsch beurteilten, -wenn auch Sie Gedanken Raum gäben, die mich in -Ihren Augen so tief herabsetzen müßten, wenn auch Sie die -Wahrheit jener Erzählung bezweifelten, die ich freilich solchen -Ohren nie hätte preisgeben sollen. O, ich beschwöre Sie, sagen -Sie recht aufrichtig, was Sie von mir und jener Geschichte -denken?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span></p> - -<p>Sie sah ihn lange an; ihr schönes, großes Auge füllte sich -mit Tränen, sie drückte seine Hand: »O Fröben, was ich davon -denke?« sagte sie. »Und wenn die ganze Welt an der Wahrheit -zweifeln würde, ich wüßte dennoch gewiß, daß Sie wahr gesprochen! -Sie wissen ja nicht, wie gut ich Sie kenne!«</p> - -<p>Er errötete freudig und küßte ihre Hand. »Wie gütig sind -Sie, daß Sie mich nicht verkennen. Und gewiß, ich habe alles, -alles genau nach der Wahrheit erzählt.«</p> - -<p>»Und dieses Mädchen,« fuhr sie fort, »ist wohl dieselbe, -von welcher Sie mir letzthin sagten? Erinnern Sie sich nicht, -als wir von Viktor und Klothilden sprachen, daß Sie mir gestanden, -Sie lieben hoffnungslos? Ist es dieselbe?«</p> - -<p>»Sie ist es,« erwiderte er traurig. »Nein, Sie werden -mich wegen dieser Torheit nicht auslachen; Sie fühlen zu tief, -als daß Sie dies lächerlich finden könnten. Ich weiß alles, was -man dagegen sagen kann, ich schalt mich selbst oft genug einen -Toren, einen Phantasten, der einem Schatten nachjage; ich -weiß ja nicht einmal, ob sie mich liebt –«</p> - -<p>»Sie liebt Sie!« rief Josephe unwillkürlich aus; doch über -ihre eigenen Worte errötend, setzte sie hinzu: »Sie muß Sie -lieben; glauben Sie denn, so viel Edelmut müsse nicht tiefen -Eindruck auf ein Mädchenherz von siebzehn Jahren machen, -und in allen ihren Aeußerungen, die Sie uns erzählten, liegt, -es müßte mich alles trügen, oder es liegt gewiß ein bedeutender -Grad von Liebe darin.«</p> - -<p>Der junge Mann schien mit Entzücken auf ihre Worte zu -lauschen. »Wie oft rief ich mir dies selbst zu,« sprach er, »wenn -ich so ganz ohne Trost war und traurig in die Vergangenheit -blickte; aber wozu denn? Vielleicht nur, um mich noch unglücklicher -zu machen. Ich habe oft mit mir selbst gekämpft, habe -im Gewühl der Menschen Zerstreuung, im Drang der Geschäfte -Betäubung gesucht, es wollte mir nie gelingen. Immer schwebte -mir jenes holde, unglückliche Wesen vor; mein einziger Wunsch -war, sie nur noch einmal zu sehen. Es ist noch jetzt mein Wunsch, -ich darf es Ihnen gestehen, denn Sie wissen meine Gefühle zu -würdigen; auch diese Reise unternahm ich nur, weil meine -Sehnsucht mich hinaustrieb, sie zu suchen, sie noch einmal zu -sehen. Und wie ich denn so recht über diesen Wunsch nachdenke, -so finde ich mich sogar oft auf dem Gedanken, sie auf immer zu -besitzen! – Sie blicken weg, Josephe? O, ich verstehe; Sie -denken, ein Geschöpf, das so tief im Elend war, dessen Verhältnisse -so zweideutig sind, dürfe ich nie wählen; Sie denken an<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span> -das Urteil der Menschen; an alles dies habe auch ich recht oft -gedacht, aber so wahr ich lebe, wenn ich sie so wiederfände, wie -ich sie verlassen, ich würde niemand als mein Herz fragen. -Würden Sie mich denn so strenge beurteilen, Josephe?«</p> - -<p>Sie antwortete ihm nicht; noch immer abgewandt, ihre -Stirne in die Hand gestützt, bot sie ihm ein Buch hin und bat -ihn vorzulesen. Er ergriff es zögernd, er sah sie fragend an; -es war das einzige Mal, daß er sich in ihr Betragen nicht recht -zu finden wußte; aber sie winkte ihm, zu lesen, und er folgte, -wiewohl er gerne noch länger sein Herz hätte sprechen lassen. -Er las von Anfang zerstreut; aber nach und nach zog ihn der -Gegenstand an, entführte seine Gedanken mehr und mehr dem -vorigen Gespräch und riß ihn endlich hin, so daß er im Fluß -der Rede nicht bemerkte, wie die schöne Frau ihm ein Angesicht -voll Wehmut zuwandte, daß ihre Blicke voll Zärtlichkeit an ihm -hingen, daß ihr Auge sich oft mit Tränen füllen wollte, die sie -nur mühsam wieder unterdrückte. Spät erst endete er, und -Josephe hatte sich soweit gefaßt, daß sie mit Ruhe über das Gelesene -sprechen konnte, aber dennoch schien es dem jungen Mann, -als ob ihre Stimme hie und da zittere, als ob die frühere gütige -Vertraulichkeit, die sie dem Freund ihres Gatten bewiesen, gewichen -sei; er hätte sich unglücklich gefühlt, wenn nicht jener -leuchtende Strahl eines wärmeren Gefühles, der aus ihrem -Auge hervorbrach, ihn an seiner Beobachtung irre gemacht hätte.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>28.</h4> -</div> - -<p>Da der Baron erst bis Abend zurückkehren wollte, Josephe -sich aber nach dieser Vorlesung in ihre Zimmer zurückgezogen -hatte, so beschloß Fröben, um diesen quälenden Gedanken auf -einige Stunden wenigstens zu entgehen, die heiße Mittagszeit -vor der Tafel zu verschlafen. In jener Laube, die ihm durch so -manche schöne Stunde, die er mit der liebenswürdigen Frau hier -zugebracht, wert geworden war, legte er sich auf die Moosbank -und entschlief bald. Seine Sorgen hatte er zurückgelassen, sie -folgten ihm nicht durch das Tor der Träume; nur liebliche Erinnerungen -verschmolzen und mischten sich zu neuen reizenden -Bildern; das Mädchen aus der St. Severinstraße mit ihrer -schmelzenden Stimme schwebte zu ihm her und erzählte ihm von -ihrer Mutter; er schalt sie, daß sie so lange auf sich habe warten -lassen, da er doch ja den Ersten und Fünfzehnten gekommen -sei; er wollte sie küssen zur Strafe, sie sträubte sich, er hob den<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span> -Schleier auf, er hob das schöne Gesichtchen am Kinn empor, und -siehe – es war Don Pedro, der sich in des Mädchens Gewänder -gesteckt hatte, und Diego, sein Diener, wollte sich totlachen über -den herrlichen Spaß. – Dann war er wieder mit einem kühnen -Sprung der träumenden Phantasie in Stuttgart in jener Gemäldesammlung. -Man hatte sie anders geordnet, er durchsuchte -vergebens alle Säle nach dem teuren Bilde; es war nicht zu -finden; er weinte, er fing an zu rufen und laut zu klagen; da -kam der Galeriediener herbei und bat ihn, stille zu sein und -die Bilder nicht zu wecken, die jetzt alle schlafen. Auf einmal -sah er in einer Ecke das Bild hängen, aber nicht als Brustbild -wie früher, sondern in Lebensgröße; es sah ihn neckend, mit -schelmischen Blicken an, es trat lebendig aus dem Rahmen und -umarmte den Unglücklichen; er fühlte einen heißen, langen Kuß -auf seinen Lippen. Wie es zu geschehen pflegt, daß man im -Traum zu erwachen glaubt, und träumend sich sagt, man habe -ja nur geträumt, so schien es auch jetzt dem jungen Mann zu -gehen. Er glaubte, von dem langen Kuß erweckt, die Augen zu -öffnen, und siehe, auf ihn niedergebeugt hatte sich ein blühendes, -rosiges Gesicht, das ihm bekannt schien. Vor Lust des süßen -Atems, der liebewarmen Küsse, die er einsog, schloß er wieder -die Augen; er hörte ein Geräusch, er schlug sie noch einmal auf -und sah eine Gestalt in schwarzem Mantel, schwarzem Hütchen -mit grünem Schleier entschweben; als sie eben um eine Ecke -biegen wollte, kehrte sie ihm noch einmal das Gesicht zu; es -waren die Züge des geliebten Mädchens, und neidisch wie damals -hatte sie auch jetzt die Halbmaske vorgenommen. »Ach, es ist -ja doch nur ein Traum!« sagte er lächelnd zu sich, indem er die -Augen wieder schließen wollte; aber das Gefühl, erwacht zu -sein, das Säuseln des Windes in den Blättern der Laube, das -Plätschern des Springbrunnens war zu deutlich, als daß er -davon nicht völlig wach und munter geworden wäre. Das -sonderbare, lebhafte Traumbild stand noch vor seiner Seele; er -blickte nach der Ecke, wo sie verschwunden war; er sah die Stelle -an, wo sie gestanden, sich über ihn hingebeugt hatte, er glaubte -die Küsse des geliebten Mädchens noch auf den Lippen zu fühlen. -»So weit also ist es mit dir gekommen,« sprach er erschreckend -zu sich, »daß du sogar im Wachen träumst, daß du sie bei gesunden -Sinnen um dich siehst? Zu welchem Wahnwitz soll dies -noch führen? Nein, daß man so deutlich träumen könne, hätte -ich nie geglaubt. Es ist eine Krankheit des Gehirns, ein Fieber -der Phantasie, ja es fehlt nicht viel, so möchte ich sogar behaupten,<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span> -Traumbilder können Fußtapfen hinterlassen; denn -diese Tritte hier im Sande sind nicht von meinem Fuß.« Sein -Blick fiel auf die Bank, wo er gelegen, er sah ein zierlich gefaltetes -Papier und nahm es verwundert auf. Es war ohne -Aufschrift, es hatte ganz die Form eines Billetdoux; er zauderte -einen Augenblick, ob er es öffnen dürfe; aber neugierig, wer sich -hier wohl in solcher Form schreiben könnte, entfaltete er das -Papier – ein Ring fiel ihm entgegen. Er hielt ihn in der Hand -und durchflog den Brief, er las: »Oft bin ich Dir nahe, Du -mein edler Ritter und Wohltäter; ich umschwebe Dich mit jener -unendlichen Liebe, die meine Dankbarkeit anfachte, die selbst -mit meinem Leben nicht verglühen wird. Ich weiß, Dein großmütiges -Herz schlägt noch immer für mich, Du hast Länder -durchstreift, um mich zu suchen, zu finden; doch umsonst bemühst -Du Dich – vergiß ein so unglückliches Geschöpf; was wolltest -Du auch mit mir? Wenn auch mein höchstes Glück in dem Gedanken -liegt, ganz Dir anzugehören, so kann es ja doch nimmermehr -sein! Auf immer! sagte ich Dir schon damals, ja auf -immer liebe ich Dich, aber – das Schicksal will, daß wir getrennt -seien auf immer, daß nie an Deiner Seite, vielleicht nur in -Deiner gütigen Erinnerung leben darf</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die Bettlerin vom Pont des Arts.</em>« -</p> - -<p>Der junge Mann glaubte noch immer oder aufs neue zu -träumen; er sah sich mißtrauisch um, ob seine Phantasie ihn -denn so ganz verführt habe, daß er in einer Traumwelt lebe; -aber alle Gegenstände um ihn her, die wohlbekannte Laube, die -Bank, die Bäume, das Schloß in der Ferne, alles stand noch -wie zuvor, er sah, er wachte, er träumte nicht. Und diese Zeilen -waren also wirklich vorhanden, waren nicht ein Traumbild -seiner Phantasie? »Hat man vielleicht einen Scherz mit mir -machen wollen?« fragte er sich dann; »ja gewiß; es kommt -wohl alles von Josephe; vielleicht war auch jene Erscheinung -nur eine Maske?« Indem er das Papier zusammenrollte, -fühlte er den Ring, der in dem Briefchen verborgen gewesen, in -seiner Hand. Neugierig zog er ihn hervor, betrachtete ihn und -erblaßte. Nein, das wenigstens war keine Täuschung, es war -derselbe Ring, den er dem Mädchen in jener Nacht gegeben, als -er auf immer von ihr Abschied nahm. So sehr er im ersten -Augenblick versucht war, hier an übernatürliche Dinge zu glauben, -so erfüllte ihn doch der Gedanke, daß er ein Zeichen von -dem geliebten Wesen habe, daß sie ihm nahe sei, mit so hohem<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span> -Entzücken, daß er nicht mehr an die Worte des Briefes dachte, -er zweifelte keinen Augenblick, daß er sie finden werde, er drückte -den Ring an die Lippen, er stürzte aus der Laube in den Garten, -und seine Blicke streiften auf allen Wegen, in allen Büschen -nach der teuren Gestalt. Aber er spähte vergebens; er fragte -die Arbeiter im Garten, die Diener im Schlosse, ob sie keine -Fremde gesehen haben; man hatte sie nicht bemerkt; bestürzt, -beinahe keiner Ueberlegung fähig, kam er zu Tische; umsonst -forschte Faldner nach dem Grund seiner verstörten Blicke, umsonst -fragte ihn Josephe, ob er denn vielleicht von gestern her -noch so trübe gestimmt sei. »Es ist mir etwas begegnet,« antwortete -er, »das ich ein Wunder nennen müßte, wenn nicht -meine Vernunft sich gegen Aberglauben sträubte.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>29.</h4> -</div> - -<p>Dieser sonderbare Vorfall und die Worte des Briefchens, -das er wohl zehnmal des Tages überlas, hatten den jungen -Mann ganz tiefsinnig gemacht. Er fing an nachzusinnen, ob -es denn möglich sei, daß überirdische Wesen in das Leben der -Sterblichen eingreifen können. Wie oft hatte er über jene -Schwärmer gelacht, die an Erscheinungen, an Boten aus einer -andern Welt, an Schutzgeister, die den Menschen umschweben, -wie an ein Evangelium glaubten. Wie oft hatte er ihnen sogar -die physische Unmöglichkeit dargetan, daß körperlose Wesen dennoch -sichtbar erscheinen, daß sie dies oder jenes verrichten können. -Aber was ihm selbst begegnet war, wie sollte er es deuten? Oft -nahm er sich vor, alles zu vergessen, gar nicht mehr daran zu -denken, und im nächsten Augenblick quälte er sich ab, seine Erinnerung -recht lebhaft vor das Auge treten zu lassen; deutlicher -als je erschienen dann wieder ihre Züge, er hatte sie ja gesehen, -als sie sich an der Ecke noch einmal umwandte; er hatte den -holden Mund, diese rosigen Wangen, dieses Kinn, diesen schlanken -Hals wiedergesehen! Er holte jenes Bild herbei, er verglich -Zug um Zug, er deckte die Hand auf Augen und Stirne der -Dame, und es war das holde Gesichtchen, wie es unter der -Halbmaske hervorschaute!</p> - -<p>Er hatte sich, weil Josephe am nächsten Morgen im Hause -allzusehr beschäftigt war, um ihn zu unterhalten, wieder in die -Laube gesetzt. Er las, und während des Lesens beschäftigte ihn -immer der Gedanke, ob sie ihm wohl wieder erscheinen werde. -Die Hitze des Mittags wirkte betäubend auf ihn; mit Mühe -suchte er sich wach zu halten, er las eifriger und angestrengter,<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span> -aber nach und nach sank sein Haupt zurück, das Buch entfiel -seinen Händen, er schlief.</p> - -<p>Beinahe um dieselbe Zeit wie gestern erwachte er, aber -keine Gestalt mit grünem Schleier war weit und breit zu sehen; -er lächelte über sich selbst, daß er sie erwartet habe, er stand -traurig und unzufrieden auf, um ins Schloß zu gehen, da erblickte -er neben sich ein weißes Tuch, das er sich nicht erinnern -konnte, hingelegt zu haben; er sah es an, es mußte wohl dennoch -ihm gehören, denn in der Ecke war sein Namenszug eingenäht. -»Wie kommt dies Tuch hierher?« rief er bewegt, als er bei genauerer -Besichtigung entdeckte, daß es eines jener Tücher sei, -die ihm das Mädchen hatte fertigen müssen, und die er wie -Heiligtümer sorgfältig verschloß. »Soll dies aufs neue ein -Zeichen sein?« Er entfaltete das Tuch, und suchte, ob nicht -vielleicht wieder einige Zeilen eingelegt seien? Es war leer; -aber in einer andern Ecke des Tuches entdeckte er noch einige -Lettern, die wie sein Name eingenäht waren; zierlich und nett -standen dort die Worte: <em class="gesperrt">Auf immer!</em> »Also dennoch hier -gewesen!« rief der junge Mann unmutig. »Und ich konnte ihre -liebliche Erscheinung schnöderweise verschlafen? Warum gibt -sie mir wohl ein neues Zeichen? Warum diese traurigen Worte -wiederholen, die mich schon damals und erst gestern wieder so -unglücklich machten?« Auch heute befragte er nach der Reihe -die Domestiken, ob nicht eine fremde Person im Garten gewesen -sei? Sie verneinten es einstimmig, und der alte Gärtner -sagte, seit drei Stunden sei gar niemand durch den Garten gegangen -als nur die gnädige Frau. »Und wie war sie angezogen?« -fragte Fröben, auf sonderbare Weise überrascht. »Ach, -Herr, da fragt Ihr mich zu viel,« antwortete der Alte; »sie ist -halt angezogen gewesen in vornehmen Kleidern, aber wie, das -weiß ich nicht zu beschreiben; als sie vor mir vorbeiging, nickte -sie freundlich und sagte: ›Guten Tag, Jakob!‹«</p> - -<p>Der junge Mann führte den Alten beiseite: »Ich beschwöre -dich,« flüsterte er; »trug sie einen grünen Schleier? Hatte sie -nicht eine große schwarze Brille auf?«</p> - -<p>Der alte Gärtner sah ihn mißtrauisch und kopfschüttelnd -an. »Eine schwarze Brille?« fragte er. »Die gnädige Frau -eine große schwarze Brille? Ei, du Herrgott, wo denken Sie -hin, sie hat so scharfe, klare Augen wie eine Gemse und soll eine -Brille auf der Nase tragen, mit Respekt zu melden, eine große -schwarze Brille, wie sie die alten Weiber in der Kirche auf die -Nase klemmen, daß es feiner schnarrt, wenn sie singen? Nein,<span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span> -gnädiger Herr, solche schlechte Gedanken müssen Sie sich aus -dem Kopf schlagen, das ist nichts; und nehmen Sie es nicht -ungütig, aber eine Mütze sollten Sie doch aufsetzen bei dieser -Hitze, es ist von wegen des Sonnenstichs.« So sprach der Alte -und ging kopfschüttelnd weiter; den übrigen Dienstboten aber -deutete er mit sehr verdächtiger Bewegung des Zeigefingers ans -Hirn an, daß es mit dem jungen Herrn Gast hier oben nicht -ganz richtig sein müsse.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>30.</h4> -</div> - -<p>Auch jetzt kam Fröben zu keinem andern Resultat, als daß -das Betragen jenes Mädchens, das er so innig liebte, unbegreiflich -sei, und dieses rätselhafte Spiel mit seinem Schmerz, -mit seiner Sehnsucht, beschäftigte ihn so ganz ausschließlich, daß -ihm vieles entging, was ihm sonst wohl hätte auffallen müssen. -Josephe kam mit verweinten Augen zu Tische; der Baron war -verstimmt und einsilbig und schien seinem inneren Unmut, der -ihm um die Stirne lag und deutlich aus den Augen sprach, hie -und da durch einen Fluch über die schlechte Küche und die noch -schlechtere Haushaltung Luft machen zu müssen. Die unglückliche -Frau ließ alles still und geduldig über sich ergehen, sie -schickte zuweilen, als wolle sie Hilfe und Trost suchen, einen -flüchtigen Blick nach Fröben hinüber; ach, sie bemerkte nicht, -wie ihr Gatte diese Blicke belauerte, wie seine Stirne sich röter -färbte, wenn er ihre Augen auf diesem Wege traf.</p> - -<p>An Fröbens Auge und Ohr ging dies vorüber als etwas, -an das er sich schon gewöhnt hatte; er gab sich nicht einmal die -Mühe, Josephe um die Ursache dieses Aufbrausens zu befragen. -Es fiel ihm nicht auf, daß sie zurückhaltender gegen ihn war im -Beisein Faldners; er schrieb es der gewöhnlichen Geschäftigkeit -seines Freundes zu, daß ihn dieser in den nächsten Tagen nötigte, -mit ihm da- und dorthin auf das Gut zu gehen und in Wald -und Feld oft einen großen Teil des Tages mit Messungen und -Berechnungen hinzubringen. Als er aber eines Morgens, als -ihn Faldner schon gestiefelt und gespornt erwartete, eine kleine -Unpäßlichkeit vorschützte, um diesen unangenehmen Feldbesuchen -zu entgehen, als er arglos hinwarf, daß er doch Josephen auch -einmal wieder vorlesen müsse, da wollte es ihm doch auffallend -dünken, daß der Baron unmutig rief: »Nein, sie soll mir nichts -mehr lesen, gar nichts mehr. Es geht ohnedies seit einiger Zeit -alles konträr. Das könnte ich vollends brauchen, wenn sie den -ganzen Morgen mit Lesen zubrächte und solche Romanideen im<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span> -Kopfe trüge, wie ich schon welche habe spuken sehen. Lies dir -in Gottes Namen selbst vor, lieber Fröben, und nimm mir nicht -übel, wenn ich mein Weib anders placiere. Du gehst in den -Garten nach dem Frühstück, Josephe, es soll heute Gemüse ausgestochen -werden, nachher bist du so gütig und gehst zu Pastors, -du bist dort seit lange einen Besuch schuldig.« Mit diesen -Worten nahm er seine Reitpeitsche vom Tische und schritt davon.</p> - -<p>»Was soll denn das? Was hat er denn heute?« fragte -Fröben staunend die junge Frau, die kaum ihre Tränen zurückzuhalten -vermochte.</p> - -<p>»O, er ist so ziemlich wie sonst,« erwiderte sie ohne aufzublicken. -»Ihre Anwesenheit hat ihn einige Zeitlang aus dem -gewöhnlichen Geleise gebracht; Sie sehen, er ist jetzt wieder wie -zuvor.«</p> - -<p>»Aber mein Gott,« rief er unmutig, »so schicken Sie doch -eine Magd in den Garten!«</p> - -<p>»Ich darf nicht,« sagte sie bestimmt, »ich muß selbst zusehen; -er will es ja haben.«</p> - -<p>»Und den Besuch bei Pastors –?«</p> - -<p>»Muß ich machen, Sie haben es ja gehört, daß ich ihn -machen <em class="gesperrt">muß</em>; lassen wir das, es ist einmal so. Aber Sie,« -fuhr Josephe fort, »Sie, mein Freund, scheinen mir seit einigen -Tagen verändert, gar nicht mehr so munter, so zutraulich wie -früher. Sollten Sie sich vielleicht nicht mehr hier gefallen? -Sollte mein Mann, sollte vielleicht ich Ursache Ihrer Verstimmung -sein?« –</p> - -<p>Fröben fühlte sich verlegen; er war auf dem Punkt, der -Freundin jene sonderbaren Vorfälle im Garten zu gestehen, aber -der Gedanke, sich vor der klugen jungen Frau eine Blöße zu -geben, hielt ihn zurück. »Sie wissen,« sagte er ausweichend, -»daß ich in den letzten Tagen Briefe aus S. bekam. Und -wenn ich verstimmt erscheine, so tragen diese Briefe allein die -Schuld.« Sie sah ihn zweifelnd an; eine Antwort schien auf -ihren Lippen zu schweben, aber wie wenn sie den Mangel an -Vertrauen in dem Blicke des jungen Mannes gelesen und sich -dadurch gekränkt gefühlt hätte, zuckten ihre schönen Lippen und -drängten die Antwort zurück; sie zog schweigend die Glocke, befahl -ihrer Zofe, ihr Hut und Schirm zu bringen, und ging dann, -ohne ihn zu diesem Gang einzuladen, in den Garten an die -Arbeit.</p> - -<p>Als der junge Mann einige Stunden nachher ebenfalls -in den Garten hinabstieg und nach Josephe fragte, hieß es, sie<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span> -sei zu Pastors gegangen. Er eilte der Laube zu, er setzte sich -mit pochendem Herzen nieder. Heute hatte er sich vorgenommen, -nicht einzuschlafen. »Ich will doch sehen,« sagte er zu -sich, »ob dieses Wesen, das mich so geheimnisvoll umschwebt, -noch ein drittes Zeichen für mich hat? Ich will mich wie zum -Schlummer niederlegen, und so wahr ich lebe, wenn es wieder -erscheint, will ich es haschen und schauen, welcher Natur es sei.« -Er las, bis der Mittag herangekommen war, dann legte er sich -nieder und schloß die Augen. Oft wollte sich der Schlummer -wirklich über ihn herabsenken, aber Erwartung, Unruhe und -sein fester Wille, der die Mohnkörner von ihm ferne hielt, ließen -ihn wach bleiben. Er mochte wohl eine halbe Stunde so gelegen -haben, als die Zweige der Laube rauschten. Er öffnete -die Augen kaum ein wenig und sah, wie zwei weiße Hände die -Zweige behutsam teilten, vermutlich um eine Aussicht auf den -Schlummernden zu öffnen. Dann knisterten leise, leise Schritte -im Sand. Er blickte verstohlen nach dem Eingang der Laube, -und sein Herz wollte zerspringen voll freudiger Ungeduld, als -er sein Mädchen sah im schwarzen Mantel und Hut, den grünen -Schleier zurückgeschlagen, die schwarzen Maskenaugen vor den -obern Teil des schönen Gesichts gebunden.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>31.</h4> -</div> - -<p>Sie nahte auf den Zehenspitzen. Er sah, wie auf ihrem -Gesicht ein höheres Rot aufstieg, als sie näher trat. Sie betrachtete -den Schläfer lange; sie seufzte tief und schien Tränen -abzutrocknen. Dann trat sie nahe heran; sie beugte sich über -ihn herab, ihr Atem berührte ihn wie ein Himmelsbote, der -die Nähe ihrer süßen Lippen ansagte, sie senkte sich tiefer und -ihr Mund legte sich auf den seinigen so sanft, wie das Morgenrot -sich auf den Hügel senkt.</p> - -<p>Da hielt er sich nicht länger; schnell schlang er seinen Arm -um ihren Leib, und mit einem kurzen Angstschrei sank sie in die -Kniee. Er sprang erschrocken auf, er glaubte sie ohnmächtig, -aber sie war nur sprachlos und zitterte heftig; er hob sie auf, -er zog sie, erfüllt von der Wonne des Wiedersehens, an seiner -Seite auf die Bank nieder, er bedeckte ihren Mund mit glühenden -Küssen, er drückte sie fest an sich: »O, so habe ich dich wieder, -endlich, endlich wieder, du geliebtes Wesen!« rief er; »du bist -kein Trugbild, du lebst, ich halte dich in meinen Armen wie -damals und liebe dich wie damals und bin glücklich, selig, denn<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span> -du liebst ja auch mich!« Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen, -sie sprach nicht, sie suchte vergebens sich aus seinen Armen zu -winden. »Nein, jetzt lasse ich dich nicht mehr,« sprach er, und -Tränen, Tränen des Glücks hingen an seinen Wimpern; »jetzt -halte ich dich fest und keine Welt darf dich von mir -reißen. Und komm, hinweg mit dieser neidischen Maske, -ganz will ich dein schönes Antlitz schauen, ach, es lebte -ja immer in meinen Träumen!« Sie schien mit der letzten Kraft -die Hand von der Halbmaske abhalten zu wollen, sie atmete -schwer, sie rang mit ihm, aber die trunkene Lust des jungen -Mannes, nach so langer Entbehrung sich so unaussprechlich glücklich -zu wissen, gewährte ihm einen leichten Sieg. Er hielt ihre -Arme mit der einen Hand, zitternd stieß er mit der andern den -Hut zurück, band die Maske los und erblickte – die Gattin -seines Freundes.</p> - -<p>»Josephe!« rief er, wie in einen Abgrund niedergeschmettert, -und seine Gedanken drehten sich im Ringe. »Josephe!«</p> - -<p>Bleich, erstarrt, tränenlos saß sie neben ihm und sagte wehmütig -lächelnd: »Ja, Josephe.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Sie</em> haben mich also getäuscht?« sagte er bitter, indem -alle Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augenblicks an ihm -vorüberflog. »O, dieses Possenspiel konnten Sie uns ersparen. -Doch,« fuhr er fort, indem ein Gedanke ihn durchblitzte; »um -Gottes willen, wo haben Sie den Ring her, woher das Tuch?«</p> - -<p>Sie errötete von neuem, sie brach in Tränen aus, sie verbarg -ihr Haupt an seiner Brust. »Nein,« rief er, »Antwort -muß ich haben; es ist mein Ring, das Tuch – ich beschwöre -Sie, wie kam beides in Ihre Hände, woher haben Sie den -Ring?«</p> - -<p>»Von <em class="gesperrt">dir</em>!« flüsterte sie, indem sie sich beschämt fester an -ihn drückte.</p> - -<p>Da fiel ein Lichtstrahl in Fröbens Seele; noch blendete ihn -dies zu helle Licht, aber er hob sanft ihr Haupt in die Höhe und -sah sie an mit Blicken voll Verwunderung und Liebe. »Du -bist es? Träume ich denn wieder?« sprach er, nachdem er sie -lange angeblickt. »Sagtest du nicht, du seiest mein süßes Mädchen? -O Gott, welcher Schleier lag denn auf meinen Augen? -Ja, das sind ja deine holden Wangen, das ist ja dein reizender -Mund, der mich heute nicht zum erstenmal küßte!«</p> - -<p>Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie sah ihn voll -Wonne und Entzücken an. »Was wäre aus mir geworden ohne -dich, du edler Mann!« rief sie, indem sich in Tränen der Schimmer<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span> -ihrer Augen brach. »Ich bringe dir den Segen meiner -guten Mutter, du hast ihre letzten Tage leicht gemacht und die -Decke des Elends gelüftet, die so schwer auf ihrer kranken Brust -lag. O! Wie kann ich dir danken? Was wäre ich geworden -ohne dich! Doch –« fuhr sie fort, indem sie mit ihren Händen -das Gesicht bedeckte, »was <em class="gesperrt">bin</em> ich denn geworden, das Weib -eines andern, deines Freundes Weib!«</p> - -<p>Er sah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Busen hob und -senkte, wie durch die zarten Finger ihre Tränen gleich Quellen -herabrieselten. Er fühlte, wie innig sie ihn liebe, und kein Gedanke -an einen Vorwurf, daß sie einem andern als ihm gehören -könnte, kam in seine Seele. »Es ist so,« sagte er traurig, indem -er sie fester an sich drückte, als könne er sie dennoch nicht verlieren. -»Es ist so; wir wollen denken, es sollte so sein, es -habe so kommen müssen, weil wir vielleicht zu glücklich gewesen -wären. Doch in diesem Moment bist du mein, denke, du kommst -herüber über den Platz der Arzneischule und ich erwarte dich: -o komm, umarme mich so wie damals, ach, nur noch ein einziges -Mal!«</p> - -<p>In Erinnerung verloren, hing sie an seinem Hals; hinter -ihren düsteren Blicken schien der Gedanke an die Wirklichkeit -sich zu verlieren; heller und heller, freundlicher und immer -freundlicher schien die Erinnerung aufzutauchen; ein holdes -Lächeln zog um ihren Mund und senkte sich auf ihren Wangen -in zarte Grübchen. »Und kanntest du mich denn nicht?« fragte -sie lächelnd. »Und du kanntest mich nicht?« fragte er, sie voll -Zärtlichkeit betrachtend. »Ach!« antwortete sie. »Ich hatte mir -damals deine Züge recht abgelauscht und tief in mein Herz geschrieben, -aber wahrlich, ich hätte dich nimmer erkannt. Es -mochte wohl auch daher kommen, daß ich dich nur immer bei -Nacht sah in den Mantel eingewickelt, den Hut tief in der Stirne, -und wie konnt' ich auch denken – Freilich, als du am ersten -Abend Faldner zuriefst: ›Auf Wiedersehen!‹ da kam mir der Ton -so bekannt vor, als hätte ich ihn schon gehört; aber ich lachte -mich immer selbst aus über die törichten Vermutungen. Nachher -war es mir hie und da, als müßtest du der sein, den ich -meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als du am Sonntag -nur erst Pont des Arts genannt hattest, da ging auf einmal -eine eigene Sonne auf deinem Gesicht auf; du schienest -ganz in Erinnerung zu leben und mit den ersten Worten ward -es mir klar, daß du, du es bist! Aber freilich, mich konntest du -nicht wiedererkennen, nicht wahr, ich bin recht bleich geworden?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span></p> - -<p>»Josephe,« erwiderte er; »wo waren meine Sinne? Wo -mein Auge, mein Ohr, daß ich dich nicht erkannte? Gleich -bei deinem ersten Anblick flog ein freudiger Schreck durch meine -Seele, du glichst ja ganz jenem Bilde, das ich, durch einen -wahrhaften Kreislauf der Dinge, als dir ähnlich gefunden und -geliebt hatte; aber die Entdeckung über das Geschlecht der Mutter -führte mich in eine Irrbahn; ich sah in dir nur noch die ähnliche -Tochter der schönen Laura, und oft, während ich neben -dir saß, streifte mein Geist ferne, weithin nach – dir!«</p> - -<p>»O Gott!« rief Josephe, »ist es denn wahr, ist es möglich? -Kannst du mich denn noch lieben?«</p> - -<p>»Ob ich es kann? – Aber darf ich denn? Gott im Himmel, -du heißt ja Frau von Faldner; sage mir nur um des -Himmels willen, wie fügte sich dies alles? Wie hast du auch -nicht ein einzigesmal mehr mich erwarten mögen?«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>32.</h4> -</div> - -<p>Sie stillte ihre Tränen, sie faßte sich mit Mühe, um zu -sprechen. »Siehe,« sagte sie, »es war, als ob ein feindliches -Geschick alles nur so geordnet hätte, um mich recht unglücklich -zu machen. Als du weg warst, hatte ich keine Freude mehr. -Jene Abende mit dir waren mir so unendlich viel gewesen. Siehe, -schon von dem ersten Moment an, als du in der lieben Muttersprache -deinen Begleiter um Geld batest, von da an schlug mein -Herz für dich; und als du mit so unendlichem Edelmut, mit so -viel Zartsinn für uns sorgtest, ach, da hätte ich dich oft an mein -Herz schließen und dir gestehen mögen, daß ich dich wie ein -höheres Geschöpf anbete. Ich weiß nicht, was mir für dich zu -tun zu schwer gewesen wäre; und wie groß, wie edel hast du dich -gegen mich benommen! Du gingst, ich weinte lange, denn ein -schmerzliches Gefühl sagte mir, daß es auf immer geschieden -sei; acht Tage nachdem du abgereist warst, starb meine arme -Mutter sehr schnell. Was du mir damals noch gegeben, reichte -hin, meine Mutter zu beerdigen und ihr Andenken nicht in -Unehre geraten zu lassen. Eine Dame, es war die Gräfin -Landskron, die in unserer Nachbarschaft wohnte und von uns -Armen hörte, ließ mich zu sich kommen. Sie prüfte mich in -allem, sie durchschaute die Papiere meiner Mutter, die ich ihr -geben mußte, genau; sie schien zufrieden und nahm mich als -Gesellschaftsfräulein an. Wir reisten; ich will dir nicht beschreiben, -wie mein Herz blutete, als ich dieses Paris verlassen<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span> -mußte; es fehlten nur noch vierzehn Tage, bis die Zeit um -war, die du zu deiner Rückkehr bestimmtest; dann wäre ich am -Ersten auf den Platz gegangen, hätte dich noch einmal gesprochen, -noch einmal von dir Abschied genommen! Es sollte nicht -so sein; als wir aus der St. Severinstraße über den wohlbekannten -Platz der Ecole de Médecine hinfuhren, da wollte mein -Herz brechen, und ich sagte zu mir: ›Auf immer!‹ Eduard! -ich habe nie wieder von dir gehört, dein Name war mir unbekannt, -du mußtest ja die Bettlerin längst vergessen haben; -ich lebte von der Gnade fremder Leute, ich hatte manches Bittere -zu tragen, ich trug es, es war ja nicht das Schmerzlichste. Als -aber die Gräfin in diese Gegend auf ihr Gut zog, als Faldner -sich um mich bewarb, als ich merkte, daß sie es gutmütig für -eine gute Versorgung halte, vielleicht auch meiner überdrüssig -war – nun ich war ja nur ein einzigesmal glücklich gewesen, -konnte nimmer hoffen, es wieder zu werden; das übrige war -ja so gleichgültig – da wurde ich seine Frau.«</p> - -<p>»Armes Kind! an diesen Faldner, warum denn gerade -du mit so weicher Seele, mit so zartem Sinn, mit so viel gültigem -Anspruch auf ein zum mindesten edleres Los, warum -gerade du seine Frau? Doch es ist so; Josephe, ich kann, ich -darf keinen Tag mehr hier sein; ich habe ihn bei allem, was er -Rohes haben mag, einst Freund genannt, bin jetzt sein Gastfreund, -und wenn auch alles nicht wäre, wir dürfen ja nicht zusammen -glücklich sein!« Es lag ein unendlicher Schmerz in -seinen Worten; er küßte die Augen der schönen Frau, nur um -durch den Gram, der in ihnen wohnte, nicht noch weicher zu -werden. »O, nur noch <em class="gesperrt">einen</em> Tag,« flüsterte sie zärtlich; »hab' -dich ja jetzt eben erst gefunden, und du denkst schon zu entfliehen. -Siehe, wenn du weg bist, da verschließt sich wieder die Türe -meines Glücks auf immer; ich werde Hartes ertragen müssen, -und da muß ich doch ein wenig Erinnerung mir aufsparen, von -der ich zehren kann in der endlosen Wüste.«</p> - -<p>»Höre, ich will Faldner alles gestehen,« sprach nach einigem -Sinnen der junge Mann, »ich will es ihm alles vormalen, daß -es ihn selbst rühren muß; er liebt dich doch nicht, du ihn nicht -und bist unglücklich; er soll dich <em class="gesperrt">mir</em> abtreten. Mein Haus -liegt nicht so schön wie dieses Schloß; meine Güter kannst du -vom Belvedere auf dem Dache übersehen, du verließest hier -großen Wohlstand, aber wenn du einzögest in mein Haus, wollte -ich dir meine Hände als Teppich unterlegen, auf den Händen<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span> -wollte ich dich tragen, du solltest die Königin sein in meinem -Hause und ich dein erster treuer Diener!«</p> - -<p>Sie blickte schmerzlich zum Himmel auf, sie weinte heftiger. -»Ach ja, wenn ich deines Glaubens wäre, dann ginge es wohl, -aber wir sind ja gut katholisch getraut worden, und das scheidet -nur der Tod! O du großer Gott, wie unglücklich machen oft -diese Gesetze! Welch eine Seligkeit mit dir, bei dir zu sein, -immer für dich zu sorgen, an deinen Blicken zu hängen und alle -Tage dir durch zärtliche Liebe ein Tausendteil von dem heimzugeben, -was du an meiner lieben Mutter und an mir getan.«</p> - -<p>»Also dennoch auf immer,« erwiderte er traurig; »also nur -noch morgen, und dann für immer scheiden?«</p> - -<p>»Für immer!« hauchte sie kaum hörbar, indem sie ihn -fester an ihre Lippen schloß.</p> - -<p>»Hier also findet man dich, du niederträchtige Metze!« schrie -in diesem Augenblick ein dritter, der neben dieser Gruppe stand. -Sie sprangen erschreckt auf; zitternd vor Zorn, knirschend vor -Wut stand der Baron, in der einen Hand ein Papier, in der -andern die Reitpeitsche haltend, die er eben aufhob, um sie über -den schönen Nacken der Unglücklichen herabschwirren zu lassen. -Fröben fiel ihm in den Arm, entwand ihm mit Mühe die -Peitsche und warf sie weit hinweg. »Ich bitte dich,« sagte er -zu dem Wütenden; »nur hier keine Szene; deine Leute sind im -Garten, du schändest dich und dein Haus durch einen solchen -Auftritt.«</p> - -<p>»Was?« schrie jener, »ist mein Haus nicht schon genug -geschändet durch diese niederträchtige Person, durch dieses -Bettlerpack, das ich in meinem Haus hatte? Meinst du, ich -kenne deine Handschrift nicht,« fuhr er fort, indem er ihr das -Papier hinstreckte; »das ist ja ein süßes Briefchen an den Herrn -Galan hier, an den Romanhelden. Also eine Dirne mußte ich -heiraten, die du unterhieltst, und als du ihrer satt warest, sollte -der ehrliche Faldner sie zur gnädigen Frau machen; dann kommt -man nach sechs Monaten so zufällig zu Besuch, um den Hörnern -des Gemahls noch einige Enden anzusetzen. Das sollst du -mir bezahlen, Schandbube; aber dieses Bettelweib mag immer -wieder mit Teller und Laterne sich am Pont des Arts aufstellen -oder von deinem Sündenlohn leben. Meine Knechte sollen sie -mit Hetzpeitschen vom Hof jagen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>33.</h4> -</div> - -<p>Der Mann von gediegener Bildung hat in solchen Momenten -ein entschiedenes Uebergewicht über den Rohen, der von -Wut zur Unbesonnenheit hingerissen, unsicher ist, was er beginnen -soll. Ein Blick auf Josephe, die bleich, zitternd, sprachlos -auf der Moosbank saß, überzeugte Fröben, was hier zu tun -sei. Er bot ihr den Arm und führte sie aus der Laube nach -dem Schlosse. Wütend sah ihnen der Baron nach; er war im -Begriff, seine Knechte zusammenzurufen, um seine Drohung zu -erfüllen, aber die Furcht, seine Schande noch größer zu machen, -hielt ihn ab. Er rannte hinauf in den Saal, wo Josephe auf -dem Sofa lag, ihr weinendes Gesicht in den Kissen verbarg, wo -Fröben wie gedankenlos am Fenster stand und hinausstarrte. -Scheltend und fluchend rannte jener in dem Saal umher; er -verfluchte sich, daß er sein Leben an eine solche Dirne gehängt -habe. »Es müßte keine Gerechtigkeit mehr im Lande sein, -wenn ich sie mir nicht vom Halse schaffte!« rief er. »Sie hat -Taufschein und alles fälschlich angegeben; sie hat sich für ebenbürtig -ausgegeben, die Bettlerin, diese Ehe ist null und nichtig!«</p> - -<p>»Das wird allerdings das vernünftigste sein,« unterbrach -ihn Fröben; »es kommt nur darauf an, wie du es angreifst, um -dich nicht noch mehr zu blamieren –«</p> - -<p>»Ha, mein Herr!« schrie der Baron in wildem Zorn, -»Sie spotten noch über mich, nachdem Sie durch Ihre grenzenlose -Frechheit all diese Schande über mich brachten? Folgen -Sie mir, zu <em class="gesperrt">unserer</em> Scheidung brauchen wir weiter keine -Assisen; die kann sogleich abgemacht werden. Folgen Sie!«</p> - -<p>Josephe, die diese Worte verstand, sprang auf; sie warf sich -vor dem Wütenden nieder, sie beschwor ihn, alles nur über sie -ergehen zu lassen; denn sein Freund sei ja ganz unschuldig; sie -wies hin auf den Zettel in seiner Hand, den sie erkannte; sie -schwur, daß Fröben erst heute erfahren, wer sie sei. Aber der -junge Mann selbst unterbrach ihre Fürbitten, er hob sie auf und -führte sie zum Sofa zurück. »Ich bin gewohnt,« sagte er kaltblütig -zum Baron, »bei solchen Gängen zuerst meine Arrangements -zu treffen, und du wirst wohl tun, es auch nicht zu unterlassen. -Vor allem geht deine Frau jetzt aus dem Schloß, denn -hier will ich sie nicht mehr wissen, wenn ich nicht da bin, sie -vor deinen Mißhandlungen zu schützen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span></p> - -<p>»Du handelst ja hier wie in deinem Eigentum,« erwiderte -der Baron vor Zorn lachend; »doch Madame war ja schon vorher -dein Eigentum, ich hätte es beinahe vergessen; wohin soll denn -der süße Engel gebracht werden? In ein Armenhaus, in ein -Spital oder an den nächsten besten Zaun, um ihr Gewerbe -fortzusetzen?«</p> - -<p>Fröben hörte nicht auf ihn; er wandte sich zu Josephe. -»Wohnt die Gräfin noch in der Nähe?« fragte er sie. »Glauben -Sie wohl für die nächsten Tage einen Aufenthalt dort zu -finden?«</p> - -<p>»Ich will zu ihr gehen,« flüsterte sie.</p> - -<p>»Gut; Faldner wird die Gnade haben, Sie hinfahren zu -lassen, dort erwarten Sie das Weitere, ob er einsieht, wie unrecht -er uns beiden getan, oder ob er darauf beharrt, sich von -Ihnen zu trennen.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>34.</h4> -</div> - -<p>Josephe war zu der Gräfin abgefahren; der Freund hatte -ihr geraten, bei ihrer Ankunft nur einen Besuch von einigen -Tagen vorzugeben, indessen wolle er ihr über die Stimmung -seines Freundes Nachricht geben, und wenn es möglich wäre, -ihn bereden, sich mit ihr zu versöhnen. »Nein,« rief sie leidenschaftlich, -indem sie von der Terrasse an den Wagen hinabstieg, -»in diese Türe kehre ich nie mehr zurück, auf ewig wende ich -diesen Mauern den Rücken. Glauben Sie, eine Frau vermag -viel zu ertragen, ich habe lange dulden müssen, und das Herz -wollte mir oft zerspringen, aber heute hat er mich zu tief beleidigt, -als daß ich ihm vergeben könnte. Und sollte ich wieder -zurückkehren müssen auf den Pont des Arts, die Menschen um -ein paar Sous anzuflehen, ich will es lieber tun, als noch länger -solche niedrige Behandlung von diesem rohen Menschen mir gefallen -lassen. Mein Vater war ein tapferer Soldat und ein -geachteter Offizier Frankreichs, seine Tochter darf sich nicht bis -zur Magd eines Faldner entwürdigen.«</p> - -<p>Der junge Mann hatte nach ihrer Abreise einige Briefe -geschrieben und war gerade mit Ordnen seines kleinen Gepäcks -beschäftigt, als Faldner in das Zimmer trat. Fröben sah ihn -verwundert an und erwartete neue Angriffe und Ausbrüche -seines Zorns. Jener aber sagte: »Ich glaube, je mehr ich -diese unglücklichen Zeilen lese, die ich heute mittag auf deinem -Zimmer fand, immer mehr, daß du eigentlich doch unschuldig -an der miserablen Historie bist, nämlich, daß du vorher nichts<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span> -wußtest und die Person nicht kanntest; daß ich mein Weib in -deinen Armen traf, verzeihe ich dir, denn jene Person hatte -aufgehört, mein zu sein, als sie den törichten Brief an dich -schrieb.«</p> - -<p>»Es ist mir wegen unseres alten Verhältnisses erwünscht,« -antwortete Fröben, »wenn du die Sache so ansiehst, hauptsächlich -auch, weil ich dadurch Gelegenheit bekomme, vernünftig und -ruhig mit dir über Josephe zu sprechen. Fürs erste mein heiliges -Wort, daß zwischen ihr und mir bis heute mittag nie, auch -früher nicht, etwas vorging, was im geringsten ihrer Ehre nachteilig -wäre; daß sie arm war, daß sie einmal genötigt war, die -Hilfe der Menschen anzurufen –«</p> - -<p>»Nein, sag lieber, daß sie bettelte,« rief Faldner hitzig, -»und nachts auf den Straßen und Brücken der liederlichen -Hauptstadt umherzog, um Geld zu verdienen; ich hätte ja schon -damals das Vergnügen ihrer nähern Bekanntschaft haben können, -ich war ja bei der rührenden Szene auf dem Pont des Arts. -Nein, wenn ich dir auch alles glaubte, ich bin dennoch beschimpft; -die Familie Faldner und eine Bettlerin!«</p> - -<p>»Ihr Vater und ihre Mutter waren von gutem Hause –«</p> - -<p>»Fabeln, Dichtung! Daß ich mich so fangen ließ; ebensogut -hätte ich die Kellnerin aus der Schenke heiraten können, wenn -sie ein Bierglas im Wappen führte und ein falsches Zeugnis -ihrer Geburt brachte!«</p> - -<p>»Das ist in meinen Augen das Geringste bei der Sache; -die Hauptsache ist, daß du sie gleich von Anfang wie eine Magd -behandeltest und nicht wie deine Frau; sie konnte dich nie lieben; -ihr paßt nicht füreinander.«</p> - -<p>»Das ist das rechte Wort,« entgegnete der Baron, »wir -passen nicht zusammen; der Freiherr von Faldner und eine -Bettlerin können nie zusammen passen. Und jetzt freut es mich -erst recht, daß ich meinem Kopf folgte und sie so behandelte, die -Dirne hat es nicht besser verdient. Ich hab' es ja gleich gesagt, -sie hat so etwas Gemeines an sich.«</p> - -<p>Diese Roheit empörte den jungen Mann, er wollte ihm -etwas Bitteres entgegnen, aber er bezwang sich, um Josephen -nützlich zu sein. Er redete mit dem Baron ab, was hierin zu -tun sei, und sie kamen dahin überein, daß sie die ganze Sache -vor die bürgerlichen Gerichte bringen und gegenseitige Abneigung -als Grund zur Trennung angeben sollten. Freilich<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span> -konnte bei ihren Glaubensverhältnissen keiner der beiden Teile -hoffen, in einer neuen Verbindung Trost zu finden; aber Josephen, -wenn sie auch mit Schrecken in eine hilflose Zukunft blickte, -schien kein Los so schwer, daß es nicht gegen die unwürdige Behandlung, -die sie in Faldners Hause erduldete, erträglich geschienen -hätte, und der Baron, wenn ihn auch in manchen einsamen -Stunden Reue anwandelte, suchte Zerstreuung in seinen -Geschäften und Trost in dem Gedanken, daß ja niemand seine -Schande erfahren habe, eine Bettlerin von zweideutigem Charakter -zur Frau von Faldner gemacht zu haben.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>35.</h4> -</div> - -<p>Einige Wochen nach diesem Vorfall ging Fröben in Mainz, -wohin er sich, um doch in Josephens Nähe zu sein, zurückgezogen -hatte, auf der Rheinbrücke abends hin und wieder. Er -gedachte der sonderbaren Verkettung des Schicksals, er dachte an -mancherlei Auswege, die ihn und die geliebte Frau vielleicht -noch glücklich machen könnten; da fuhr ein Reisewagen über die -Brücke her, dessen wunderlicher Bau die Aufmerksamkeit des -jungen Mannes schon von weitem auf sich zog. Bald aber -haftete sein Auge nur noch an dem Bedienten, der auf dem -Bock saß; dieses braungelbe, heitere Gesicht, das neugierig um -sich schaute, schien ihm ebenso bekannt als die grellen Farben -der Livree. Als der Wagen, der sich auf der Brücke nur im -Schritt weiter bewegen durfte, näher herankam, bemerkte auch -der Diener den jungen Mann und rief: »San Jago di Compostella! -Das ist er ja selbst!« Er riß das Wagenfenster auf, -das ihn von dem Innern des Wagens trennte, und sprach eifrig -hinein. Alsobald wurde auf der Seite des Wagens ein Fenster -niedergelassen und heraus fuhr das wohlbekannte Gesicht Don -Pedros di San Montanjo Ligez. Der Wagen hielt; der junge -Mann sprang freudig herzu, um den Schlag zu öffnen, und der -alte Herr sank in seine Arme. »Wo ist sie, wo habt Ihr sie, -die Tochter meiner Laura? O, um der heiligen Jungfrau -willen, habt Ihr sie hier? Sagt an, junger Herr! Wo ist sie?«</p> - -<p>Der junge Mann schwieg betreten; er führte den Alten auf -der Brücke weiter und sagte ihm dann, daß sie nicht weit von -dieser Stadt sich aufhalte, und morgen wolle er ihn zu ihr -führen.</p> - -<p>Der Spanier hatte Freudentränen im Auge. »Wie danke -ich Euch für die Nachrichten, die Ihr mir gegeben!« sprach er.<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span> -»Sobald ich Urlaub bekommen hatte, setzte ich mich mit Diego in -den Wagen und ließ mich von W. bis hier täglich sechs Meilen -fahren, denn länger hielt ich es nicht aus. Und lebt sie glücklich? -Sieht sie ihrer Mutter ähnlich, und was erzählt sie von Laura -Tortosi?« Fröben versprach, auf seinem Zimmer alle seine -Fragen zu beantworten. Er ließ, nachdem sich der Spanier ein -wenig ausgeruht und umgekleidet hatte, Xeres bringen, schenkte -ein, Diego reichte, wie damals, die Zigarren, und als Don Pedro -recht bequem saß, fing der junge Mann seine Erzählung an. -Mit steigendem Interesse hörte ihn der Spanier an; zu großem -Aergernis Diegos ließ er seit zwanzig Jahren zum erstenmal -die Zigarre ausgehen, und als der junge Mann an jene empörende -Szene zwischen Faldner und der unglücklichen Frau -kam, da konnte er sich nicht mehr halten; sein altes, südliches -Blut kochte auf; er drückte den Hut tief in die Stirne, wickelte -den linken Arm in den Mantel und rief mit blitzenden Augen: -»Meinen langen Stoßdegen her, Diego, den mach' ich kalt, so -wahr ich ein guter Christ und spanischer Edelmann bin; ich stech' -ihn nieder und hätte er ein Kruzifix vor der Brust, ich bring' -ihn um; ohne Absolution und ohne alle Sakramente schick' ich -ihn zur Hölle, so tu' ich. Bring mir mein Schwert, Diego!«</p> - -<p>Aber Fröben zog den zitternden, vom Zorn erschöpften -Alten zu sich nieder; er suchte ihm begreiflich zu machen, wie -dies alles nicht nötig sei, denn Josephe sei schon aus der Gewalt -des rohen Menschen befreit und lebe getrennt von ihm. Er -holte, um ihn noch mehr zu besänftigen, jenes Bild herbei und -entfaltete es vor den staunenden Blicken Pedros. Entzückt betrachtete -es der Don. »Ja, sie ist es,« rief er, alles übrige vergessend, -»meine arme, unglückliche Laura!« Und weinend umarmte -er den jungen Mann, nannte ihn seinen lieben Sohn -und dankte ihm mit gebrochener Stimme für alles, was er an -der unglücklichen Mutter und ihrer armen Tochter getan.</p> - -<p>Am andern Morgen brach er mit Fröben nach dem Gut -der Gräfin auf. Es war ein rührender Anblick, wie der alte -Mann die schöne jugendliche Gestalt Josephens umschlungen -hielt, wie er ihre Züge aufmerksam betrachtete, wie seine strengen -Züge immer weicher wurden, wie er sie dann gerührt auf -Auge und Mund küßte. »Ja, du bist Lauras Tochter!« rief er. -»Dein Vater hat dir nichts gegeben als sein blondes Haar, aber -das sind ihre lieben Augen, das ist ihr Mund, das sind die -schönen Züge der Tortosi! Sei meine Tochter, liebes Kind;<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span> -ich habe keine Verwandten und bin reich; durch Verwandtschaft, -mein Herz und einen zwanzigjährigen Gram gehörst du mir -näher an als irgend jemand auf der Erde!« Ihre Blicke, die -über seine Schultern weg auf Fröben fielen, schienen diese letztere -Behauptung nicht gerade zu bestätigen, aber sie küßte gerührt -seine Hand und nannte ihn ihren Oheim, ihren zweiten Vater.</p> - -<p>Die Freude des Wiedersehens dauerte übrigens nur wenige -Tage. Don Pedro erklärte sehr bestimmt, daß ihn seine Geschäfte -nach Portugal rufen und zugleich schien er gar nicht einzusehen, -was Josephen abhalten könnte, ihm dahin zu folgen; -er hegte zu strenge Grundsätze über die Artikel seiner Kirche, -als daß er den Gedanken für möglich gehalten hätte, Fröben -könne Josephe, die getrennte Gattin eines andern, zur Frau -begehren. Es ist uns nicht bekannt geworden, was die Liebenden -über diesen strittigen Punkt verhandelten; nur so viel ist -gewiß, daß Fröben einigemal darauf hindeutete, sie solle zum -evangelischen Glauben zurückkehren, daß sie jedoch, zwar mit -unendlichem Schmerz, aber sehr bestimmt, diesen Vorschlag abwies. -Oft soll ihr der junge Mann in Verzweiflung über die -herannahende Trennung vorgeschlagen haben, sie solle Don -Pedro ziehen lassen, sie solle für sich leben, in Deutschland bleiben, -er wolle, wenn er nicht ihr Gatte werden könne, auf immer -als Freund um sie sein. Aber auch dies lehnte sie ab; sie gestand -ihm offen, daß sie sich zu schwach fühle, ein solches Verhältnis -mit Ehren hinauszuführen, und stolzer gemacht durch -ihr Unglück, bebte sie zurück vor dem Gedanken an eine unwürdige -Verbindung mit einem Mann, den sie so hoch achtete, -als sie ihn liebte. Allein mit sich, gestand sie sich wohl, daß -ein noch edelmütigerer Gedanke ihre Schritte lenke. »Sollte -er,« sagte sie zu sich, »die Blüte des Lebens an ein unglückliches -Geschöpf verlieren, das ihm nur Freundin sein darf? Soll er -den hohen Genuß häuslicher Freuden, das Glück, Kinder und -Enkel um sich zu versammeln, wegen meiner aufgeben? Nein, -er hat mich schon einmal verloren und die Zeit wird auch jetzt -seinen Schmerz lindern, er wird ein unglückliches Wesen vergessen, -das ewig an ihn denken, ihn lieben, für ihn beten wird.«</p> - -<p>So schienen denn jene prophetischen Worte Josephens: -»Auf immer!« in Erfüllung zu gehen. Don Pedro verließ mit -seiner neuen Verwandten das Gut der Gräfin, um durch Holland -auf die See zu gehen. Fröben, den vielleicht nur der Gedanke, -Josephen bald nach Portugal nachzufolgen und dort ihr<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span> -Freund zu sein, aufrecht erhielt, geleitete die Geliebte auf der -Reise durch Deutschland und Holland; und so oft sie ihn bat, -durch längeres Begleiten die Tage der Trennung nicht noch -schwerer zu machen, bat er mit Tränen im Auge: »Nur bis -ans Meer und dann auf immer!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>36.</h4> -</div> - -<p>Im August dieses Jahres wurde in Ostende ein englisches -Schiff klar, das nach Portugal Schiffsgut und Passagiere brachte. -Es war ein schöner Morgen, die Nebel hatten sich gesenkt und -die Tage schienen für die Fahrt günstig werden zu wollen. Es -war um neun Uhr morgens, als ein Kanonenschuß von dem -Engländer herüberschallte, zum Zeichen, daß die Passagiere sich -an die Küste begeben sollen. Zu gleicher Zeit ruderte eine -Schaluppe heran und warf ihr Brett aus, um die Reisenden -einzunehmen. Vom Land her kamen viele Personen mit Gepäck, -gingen über das Brett, und bald war die Schaluppe voll und -die erste Ladung wurde an Bord gebracht. Ehe noch die Schaluppe -zum zweitenmal anlegte, sah man vier Personen sich dem -Strande nähern, die sich durch Gang, Haltung und Kleidung -von den übrigen ärmlicheren Passagieren unterschieden. Ein -hoher, ältlicher Mann ging stolzen Schrittes voraus; er hatte -einen breitgekrempten Hut auf und den Mantel so kunstreich -und bequem um die Schultern geschlagen, daß ein Schiffer, der -ihn kommen sah, ausrief: »Ich laß mich fressen, wenn es kein -Spanier ist!« hinter jenem kam ein jüngerer Herr, der eine -schöne, schlankgebaute Dame führte. Der junge Herr war sehr -bleich, schien einen großen Kummer niederzukämpfen, um durch -Zureden einen noch größeren bei der Dame zu beschwichtigen. -Ihr schönes Gesicht war um Auge und Stirne von heftigem -Weinen gerötet, der Mund schmerzlich eingepreßt und die Wangen -und untern Teile des Gesichtes sehr bleich. Sie ging schwankend, -auf den Arm des jungen Mannes gestützt; ein Hütchen -mit wallenden Straußfedern; ein wallendes Kleid von schwerem -schwarzen Seidenzeug, um Hals und Busen reiche Goldketten, -schienen nicht zur Reise zu passen, und man konnte daher glauben, -daß sie den jungen Mann an Bord begleite; hinter beiden -ging ein Diener in bunten Kleidern; er trug einen großen -Sonnenschirm unter dem Arm und hatte ein spanisches Netz -über seine dunkeln Haare gezogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span></p> - -<p>Als sie so weit herabgekommen waren, wo der Sand von -der vorigen Flut noch feucht war, an die Stelle, wo man das -Brett nach der Schaluppe auswarf, blieben sie stehen, und das -schöne junge Paar sah nach dem Schiff, dann sahen sie sich an -und die Dame legte ihr Haupt auf die Schulter des Mannes, -daß die Straußfedern um sein Gesicht spielten und seine stillen -Tränen den Augen der Neugierigen verbargen. Der alte Herr -stand nicht weit davon, wickelte sich, finster auf die See blickend, -tief in seinen Mantel, und sein Auge blinkte, man wußte nicht -ob von einer Träne oder dem Widerschein der glänzenden -Wellen. Jetzt kam die Schaluppe plätschernd ans Ufer; das -Brett wurde ausgeworfen und ein donnernder Schuß vom -Schiffe schreckte das Paar aus seiner Umarmung. Der alte -Herr trat heran, bot dem jungen Mann die Hand, schüttelte sie -kräftig und stieg dann schnell über das Brett, sein Diener folgte, -nachdem auch er dem Jüngling herzlich die Hand geboten. Jetzt -umarmten sich die jungen Leute noch einmal; er wandte sich -zuerst los und führte die Dame nach dem Brett. »Auf immer!« -flüsterte sie mit wehmütigem Lächeln. »Auf immer!« antwortete -der junge Mann, indem er sie bebend, mit Tränen ansah. Noch -einen Händedruck und sie wandte sich, das Brett hinanzusteigen. -Schon stand sie oben, der Oberbootsmann, ein breiter Engländer, -wartete am Brett, streckte seine breite Hand aus, um die -schöne Dame zu empfangen, und hatte schon einige gutgemeinte -Trostgründe in Bereitschaft. Da wandte sie von dem unendlichen -Meer ihr dunkles Auge noch einmal zurück nach dem -jungen Mann. Ihre hohe herrliche Gestalt schwebte kühn auf -dem schmalen Brett, ihr schlanker Hals war nach dem Land zurückgebogen, -die schwankenden Federn des Hutes schienen hinüberzugrüßen. -Er breitete die Arme aus, in seinen Zügen -mischte sich die Seligkeit der Liebe mit dem Schmerz der Trennung. -Da schien sie ihrer selbst nicht mehr mächtig zu sein; sie -sprang über das Brett und hinab auf das Land, und ehe der -Bootsmann die Hände vor Verwunderung zusammenschlagen -konnte, hing sie schon an des jungen Mannes Hals, an seinen -Lippen. »Nein, ich kann nicht über das Meer,« rief sie, »ich will -bleiben; ich will alles tun, was du willst, will diese Fesseln eines -Glaubens von mir werfen, der mich hindert, meinem bessern -Gefühl zu folgen; du bist mein Vaterland, meine Familie, mein -alles; ich bleibe!«</p> - -<p>»Josephe, meine Josephe!« rief der junge Mann, indem er -sie mit stürmischem Entzücken an sein Herz drückte. »Mein,<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span> -mein auf immer? Ein Gott hat dein Herz gelenkt, o, ich wäre -untergegangen unter der Qual dieser Trennung!« Sie hielten sich -noch umschlungen, als der alte Herr mit hastigen Schritten über -Bord und das Brett herabstieg und zu der Gruppe trat: »Kinder,« -sagte er, »einmal Abschied zu nehmen wäre genug gewesen; -komm, Josephe, es hilft ja doch zu nichts, sie werden -gleich zum drittenmal schießen.«</p> - -<p>»Laßt sie mit Stückkugeln schießen, Don Pedro,« rief der -junge Mann mit freudig verklärten Zügen, »sie bleibt hier, sie -bleibt bei mir!«</p> - -<p>»Was höre ich?« erwiderte jener sehr ernst. »Ich will -nicht hoffen, daß dies so ist, wie der Kavalier sagt; du wirst -deinem Verwandten folgen, Josephe!«</p> - -<p>»Nein!« rief sie mutig, »als ich dort oben auf dem Rand -der Schaluppe stand und hinaussah auf diese Fluten, die mich -von ihm trennen sollten, da stand fest in mir, was ich zu tun -habe; meine Mutter hat mir den Weg gezeigt; sie ist einst dem -Mann ihres Herzens in die weite Welt gefolgt, hat Vater und -Mutter verlassen aus Liebe; ich weiß, was auch ich zu tun habe, -hier steht der, dem meine arme Mutter ihre letzten süßen Stunden, -dem ich Leben, Ehre, alles verdanke, und ich sollte ihn verlassen? -Grüßet die Gräber meiner Ahnen in Valencia, Don -Pedro, und saget ihnen, daß es noch eine aus dem Stamm der -Tortosi gibt, der die Liebe höher gilt als das Leben!«</p> - -<p>Don Pedro wurde weich. »So folge deinem Herzen, vielleicht -ratet es dir besser als ein alter Mann; ich weiß dich zum -mindesten glücklich in den Armen dieses edlen Mannes, und sein -hoher Sinn bürgt mir dafür, daß ihm unsere Ehre nicht minder -hoch als die seine gilt. Aber, Don Fröbenio, was werden Sie -zu Ihren stolzen Verwandten sagen, wenn Sie dieses Kind des -Elends vorstellen? Gott! Werden Sie auch den Mut haben, -den Spott der Welt zu ertragen?«</p> - -<p>»Fahre wohl, Don Pedro,« sagte der junge Mann mit -mutigem Gesicht, indem er jenem die eine Hand zum Abschied -bot und mit der andern die Geliebte umschlang; »seid getrost -und verzaget nicht an mir. Ich werde sie der Welt zeigen, und -wenn man mich fragt: Wer war sie denn? so werde ich mit -freudigem Stolz antworten: Es war <em class="gesperrt">die Bettlerin vom -Pont des Arts</em>.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span></p> - -<h3 id="Jud_Suss">Jud Süß.</h3> - -<h4>1.</h4> -</div> - -<p>Der Karneval war nie in Stuttgart mit so großem Glanz -und Pomp gefeiert worden als im Jahr 1737. Wenn ein -Fremder in die ungeheuren Säle trat, die zu diesem Zwecke aufgebaut -und prachtvoll dekoriert waren, wenn er die Tausende -von glänzenden und fröhlichen Masken überschaute, das Lachen -und Singen der Menge hörte, wie es die zahlreichen Fanfaren -der Musikchöre übertönte, da glaubte er wohl nicht in Württemberg -zu sein, in diesem strengen, ernsten Württemberg, streng -geworden durch einen eifrigen, oft asketischen Protestantismus, -der Lustbarkeiten dieser Art als Ueberbleibsel einer andern -Religionspartei haßte; ernst, beinahe finster und trübe durch die -bedenkliche Lage, durch Elend und Armut, worein es die systematischen -Kunstgriffe eines allgewaltigen Ministers gebracht -hatten.</p> - -<p>Der prachtvollste dieser Freudentage war wohl der zwölfte -Februar, an welchem der Stifter und Erfinder dieser Lustbarkeiten -und so vieles andern, was nicht gerade zur Lust reizte, -der <em class="gesperrt">Jud Süß</em>, Kabinettsminister und Finanzdirektor, seinen -Geburtstag feierte. Der Herzog hatte ihm Geschenke aller Art -am Morgen dieses Tages zugesandt; das angenehmste aber für -den Kabinettsminister war wohl ein Edikt, welches das Datum -dieses Freudentages trug, ein Edikt, das ihn auf ewig -von aller Verantwortung wegen Vergangenheit und Zukunft -freisprach. Jene unzähligen Kreaturen jeden Standes, Glaubens -und Alters, die er an die Stelle besserer Männer gepflanzt -hatte, belagerten seine Treppen und Vorzimmer, um ihm Glück -zu wünschen, und manchen ehrliebenden, biedern Beamten trieb -an diesem Tage die Furcht, durch Trotz seine Familie unglücklich -zu machen, zum Handkuß in das Haus des Juden.</p> - -<p>Dieselben Motive füllten auch abends die Karnevalsäle. -Seinen Anhängern und Freunden war es ein Freudenfest, das -sie noch oft zu begehen gedachten; Männer, die ihn im stillen<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span> -haßten und öffentlich verehren mußten, hüllten sich zähneknirschend -in ihre Dominos und zogen mit Weib und Kindern zu -der prachtvollen Versammlung der Torheit, überzeugt, daß ihre -Namen gar wohl ins Register eingetragen und die Lücken schwer -geahndet würden; das Volk aber sah diese Tage als Traumstunden -an, wo sie im Rausch der Sinne ihr drückendes Elend vergessen -könnten; sie berechneten nicht, daß die hohen Eintrittsgelder -nur eine neue indirekte Steuer waren, die sie dem Juden -entrichteten.</p> - -<p>Der Glanzpunkt dieses Abends war der Moment, als die -Flügeltüren aufflogen, eine erwartungsvolle Stille über der -Versammlung lag, und endlich ein Mann von etwa vierzig -Jahren, mit auffallenden, markierten Zügen, mit glänzenden, -funkelnden Augen, die lebhaft und lauernd durch die Reihen -liefen, in den Saal trat. Er trug einen weißen Domino, einen -weißen Hut mit purpurroten Federn, auf welchen er die schwarze -Maske nachlässig gesteckt hatte; es war nichts Prachtvolles an -ihm als ein ungewöhnlich großer Solitär, welcher am Hals -die purpurrote Bajute von Seidenflor, die über den Domino -herabfiel, zusammenhielt. Er führte eine schlanke, zartgebaute -Dame, die, in ein mit Gold und Steinen überladenes orientalisches -Kostüm gekleidet, aller Augen auf sich zog.</p> - -<p>»Der Herr Finanzdirektor, der Herr Minister,« flüsterte -die Menge, als er vornehm grüßend durch die Reihen ging, die -sich ihm willig öffneten; und als er in der Mitte des Hauptsaales -angekommen war, begrüßten ihn Trompeten und Pauken -und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Masken klatschte ihm -Beifall, während man andere wie von einem unzüchtigen Schauspiele -sich abwenden sah. Aber allgemein schien die Teilnahme, -womit man die schöne Orientalin betrachtete, die mit dem -Minister gekommen war. Seine Lebensweise war zu bekannt, -als daß nicht die meisten unter der Larve der reich geschmückten -Dame eine seiner Freundinnen geahnet hätten, nur darüber -schien man uneinig, welcher von diesen solche Auszeichnung zu -teil geworden sei; die eine schien zu klein für diese Figur, die -andere zu korpulent für diese zierliche Taille, die dritte zu schwerfällig, -um so leicht und beinahe schwebend über den Boden zu -gleiten, und einer vierten, bei welcher man endlich stille stehen -wollte, konnte nicht dieses glänzend schwarze Haar, das in -reichen Locken um den stolzen Nacken fiel, nicht dieses herrliche, -dunkle Auge gehören, das man aus der Maske hervorleuchten -sah.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span></p> - -<p>Die Menge pflegt, wenn ihre Neugier nicht sogleich befriedigt -wird, bei Gelegenheiten von so glänzender und rauschender -Art, wie dieser Karneval war, nicht lange bei <em class="gesperrt">einem</em> Gegenstand -stille zu stehen. »Wenn sie die Maske abnimmt, wird -man ja sehen!« sprach man, ohne der Dame noch längere Aufmerksamkeit -zu schenken, als nötig war, um zu bemerken, wie -sie zum Menuett antrat. Aber drei junge Männer, die müßig -hinter den Reihen der Tanzenden standen, schienen diese Erscheinung -noch immer unablässig zu verfolgen.</p> - -<p>»Wer sie nur sein mag?« rief der eine ungeduldig. »Ich -wollte gern dem verzweifelten Juden fünfzig Eintrittskarten -abkaufen, wenn er mir sagte, woher dieses Mädchen kommt, das -er wie eine Fürstin in den Saal führte.«</p> - -<p>»Herr Bruder!« erwiderte der zweite, indem er unter dem -Sprechen kein Auge von der Orientalin abwandte: »Herr -Bruder, <em class="antiqua">Parole d'honneur</em>! Diese Widersprüche kann ich nicht -vereinigen, und wenn ich bei Cartesius selbst die Logik samt dem -›<em class="antiqua">cogito, ergo sum</em>‹ studiert hätte; eine so ungewöhnliche feine -Gestalt, diese Haltung, diese nach den neuesten und vornehmsten -Regeln abgemessene Bewegung, diese Art, das Handgelenk rund -und spielend zu bewegen, wie ich sie nur in den bedeutendsten -Zirkeln zu Wien und Paris sah, dieser Anstand, womit sie den -Nacken trägt –«</p> - -<p>»Gott verdamm' mich, du hast recht, Herr Bruder!« unterbrach -ihn der dritte. »Dieses alles und – mit Süß auf den -Ball zu kommen! Nein, ein solcher Kontrast ist mir in meinem -Leben nicht vorgekommen!«</p> - -<p>»Aus unserer Bekanntschaft,« fuhr der erste fort, »aus -unsern Kreisen kann sie nicht sein; denn wenn es auch wahr ist, -was man flüstert, daß schon mancher elende Kerl von einem -Vater seine Tochter mit einer Bittschrift zum Juden schickte, so -laut läßt keiner seine Schande werden, daß er sein leibliches -Kind mit dieser Mazette auf den Ball schickt!«</p> - -<p>»Bitte dich ums Himmels willen, Herr Bruder, nicht so -laut, er hat überall seine Spione, und uns ist er ohnedies nicht -grün; denk an deine Familie, willst du dich unglücklich machen? -Aber wahr ist's, es kann kein Mädchen aus bessern Ständen -sein, und doch ist ihr Wesen für eine Bürgerstochter zu anständig. -Doch halt, wer ist der Sarazene, der dort auf uns zukommt? -Die Farbe seines Turbans ist ja dieselbe, wie ihn die -Scharmante des Juden hat!«</p> - -<p>Die jungen Männer wandten sich um und sahen einen<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span> -schlanken, schöngewachsenen Mann, der, als Sarazene gekleidet, -sich durch die einfache Pracht seines Kostüms wie durch Gang -und Haltung vor gemeineren Masken auszeichnete. Auch er -schien die jungen Männer ins Auge gefaßt zu haben, denn er -ging langsam an sie heran und zögerte, an ihnen vorüber zu -schreiten.</p> - -<p>»Was ist deine Parole?« fragte der eine der jungen -Männer, der in der Maske einen Freund zu erkennen glaubte. -»Hast du nur dein <em class="gesperrt">Allah</em> zum Feldgeschrei, oder weißt du sonst -ein Sprüchlein?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus</em>,« erwiderte der -Sarazene, indem er stille stand.</p> - -<p>»Er ist's, er ist's,« riefen zwei dieser jungen Herren und -schüttelten die Hand des Sarazenen. »Gut, daß wir die Parole -gaben, ich hätte sonst kein Erkennungszeichen für dich gehabt, -denn ich war meiner Sache so gewiß, du seiest als Bauer hier, -daß ich mit dem Kapitän eine Flasche gewettet habe, du müßtest -ein Bauer sein!«</p> - -<p>»Laßt uns ans Büffet treten,« sagte der zweite, »ich habe -dir hier jemand vorzustellen, Bruder Gustav, der sich auf deine -Bekanntschaft freut, und du weißt, in Larven erkennt man sich -schlecht.«</p> - -<p>»Freund,« erwiderte Gustav, »ich nehme die Larve nicht -ab, ich habe Gründe; so angenehm mir die Bekanntschaft dieses -Herrn wäre, so muß ich sie doch bis morgen versparen.«</p> - -<p>»Und wenn es nun Pinassa wäre, nach welchem du so oft -gefragt?« antwortete jener.</p> - -<p>»Pinassa? Mit dem du dich geschlagen? Nein, das ändert -die Sache, den will ich sehen und begrüßen; aber – meine Maske -nehme ich nur auf zwei Augenblicke und im fernsten Winkel des -Speisesaals ab.«</p> - -<p>»Wir sind's zufrieden, Bruder Sarazene,« antwortete der -Kapitän. »Aber laß uns nur erst an die zweite Flasche kommen, -dann sollst du auch die Gründe beichten, warum du dein Angesicht -nicht leuchten lassen willst vor den Freunden!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>2.</h4> -</div> - -<p>In dem Speisesaal, welchen sie wählten, waren nur wenige -Menschen, denn man verkaufte hier nur ausgesuchte Weine, -feine Früchte und warme Getränke, während die größeren Trinkstuben, -wo Landwein, Bier und derbere Speisen zu haben -waren, die größere Menge an sich zogen. In einer Ecke des<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span> -Zimmers war ein Tischchen leer, wo der Sarazene, wenn er -dem übrigen Teil des Saales den Rücken kehrte, ohne Gefahr, -erkannt zu werden, die Maske abnehmen konnte. Sie wählten -diesen Platz, und als die vollen Römer vor ihnen standen, legten -die zwei jungen Krieger die Masken ab, und der Kapitän begann: -»Herr Bruder, ich habe die Ehre, dir hier den unvergleichlichen -Kavalier Pinassa vorzustellen, den berühmtesten Fechter seiner -Zeit; denn es gelang ihm, durch eine unbesiegliche Terz-Quart-Terz, -<em class="gesperrt">mich</em>, bedenke, mich den Senior des Amicistenordens, in -Leipzigs unvergeßlichem Rosenthal <em class="antiqua">hors de combat</em> zu machen. -Er hat gleich mir die Musen verlassen, hat gesungen: ›Will mich -Minerva nicht, so mag Bellona raten‹, und hat den alten Hieber -und sein ungeheures Stichblatt, worauf er sein Frühstück zu verzehren -pflegte, mit dem Paradedegen eines herzoglich württembergischen -Leutnants vertauscht.«</p> - -<p>»Der Tausch ist nicht übel, Herr von Pinassa, und mein -Vaterland kann sich dazu Glück wünschen,« sagte der Sarazene, -indem er sich vor dem neuen Leutnant verbeugte. »Wolltet Ihr -einmal in unsern Dienst treten, so war diese Laufbahn die angenehmste. -Der Zivilist hat zu dieser Zeit wenig Aussicht, wenn -er nicht ein Amt für fünftausend Gulden oder für sein Gewissen -und ehrlichen Namen beim Juden kaufen will. Doch diese dünnen -Bretterwände haben Ohren – stille davon, es ist doch nicht zu -ändern. Wie anders sind Eure Verhältnisse! Der Herzog ist -ein tapferer Herr, dem ich einen Staat von zweimalhunderttausend -Kriegern gönnen möchte; für uns – ist er zu groß. -Der Krieg ist sein Vergnügen, ein Regiment im Waffenglanz -seine Freude; leider fällt für uns andere selten eine müßige -Stunde ab, und daher kommt es, daß diese Juden und Judenchristen -das Zepter führen. Er gilt für einen großen General, -er hat mit Prinz Eugen schöne Waffentaten verrichtet, und ein -schlanker, junger Mann, mit einer Narbe auf der Stirne, Mut -in den Blicken, wie Ihr, Herr von Pinassa, ist ihm jederzeit in -seinem Heere willkommen.«</p> - -<p>»Was der Sarazene altklug sprechen kann über Juden -und Christen!« sprach der Kapitän. »Doch öffne dein Visier -und zeige deine Farben, mein Kamerad soll nun auch wissen, mit -wem er spricht: das ist der umsichtige, rechtskundige, fürtreffliche -Herr <em class="antiqua">Juris utriusque</em> Doctor Lanbek, leiblicher Sohn -des berühmten Landschaftskonsulenten Lanbek, welchem er als -Aktuarius substituiert ist; ein vortrefflicher Junge, <em class="antiqua">Parole -d'honneur</em>, wenn er sich nicht in neuerer Zeit hin und wieder<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span> -durch sonderbare <span id="corr205">Melancholie</span> prostituierte, noch trefflicher, wenn -ihm der Herr auch einen Sinn für das schöne Geschlecht eingepflanzt -hätte.«</p> - -<p>Lanbek nahm bei diesen Worten die Maske ab und zeigte -dem neuen Bekannten ein errötendes Gesicht von hoher Schönheit. -Unter dem Turban stahlen sich gelbe Locken hervor und -umwallten kunstlos und ungepudert die Stirne. Eine kühn -gebogene Nase und dunkle, tiefblaue Augen gaben seinem Gesicht -einen Ausdruck von unternehmender Kraft und einen tiefen -Ernst, der mit den weichen Haaren und ihrer sanften Farbe in -überraschendem Widerspruch war. Doch das Strenge dieser -Züge und dieser Augen milderte ein angenehmer Zug um den -Mund, als er antwortete: »Ich öffne mein Visier und zeige -Euch ein Gesicht, das Euch recht herzlich bei uns willkommen -heißt. Ich trinke auf Euer Wohl dieses Glas, dann aber werdet -Ihr entschuldigen, wenn ich aufbreche.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Pro poena</em> trinkst du zwei,« rief der Kapitän mit -komischem Pathos, indem er einen ungeheuren Hausschlüssel -aus der Tasche nahm und ihn als Zepter gegen den Sarazenen -senkte. »Hast du so wenig Ehrfurcht vor deinem Senior, daß -du dich erfrechst, <em class="antiqua">in loco</em> Gläser zu trinken, ohne daß sie dir -ordentlich vom Präses diktiert sind? <em class="antiqua">O tempora, o mores!</em> -Wo ist Zucht und Sitte dieser Füchse hin? Pinassa! Zu unserer -Zeit war es doch anders!«</p> - -<p>Die jungen Männer lachten über diese klägliche Reminiszenz -des ehemaligen Amicistenseniors; der Kapitän aber faßte -Lanbek schärfer ins Auge und sagte: »Herr Bruder, nimm mir's -nicht übel, aber in dir steckte schon lange etwas wie ein Fieber, -und heute abend ist die Krisis; ich setze meine verlorene Flasche, -davon geht nichts ab, aber ich wette zehn neue; sei ehrlich, Gustav -– du warst heute abend schon als Bauer hier, und dein Alter -weiß nichts vom Sarazenen.«</p> - -<p>Gustav errötete, reichte dem Freunde die Hand und winkte -ihm ein Ja zu.</p> - -<p>»Alle Tausend!« rief der Kapitän. »Junge, was treibst -du? Wer hätte das hinter dem stillen Aktuarius gesucht? Auf -dem Karneval das Kostüm zu ändern! Und so ängstlich, so -geheimnisvoll, so abgebrochen; willst du etwa dem Juden zu -Leibe gehen?«</p> - -<p>Der Gefragte errötete noch tiefer und nahm schnell die -Maske vor; ehe er noch antworten konnte, sagte Reelzingen: -»Herr Bruder, du bringst mich auf die rechte Fährte. Wo habt<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span> -ihr beide, du und die Orientalin, die der Finanzdirektor führte, -das Zeug zu euren Turbanen gekauft? Gustav, Gustav!« setzte -er, mit einem Finger drohend, hinzu. »Du wohnst dem Juden -gegenüber, ich wette, du weißt, wer die stolze Donna ist, die er -führt.«</p> - -<p>»Was weiß ich!« murmelte Lanbek unter seiner Larve.</p> - -<p>»Nicht von der Stelle, bis du es sagst,« rief der Kapitän; -»und wenn du auf deinem Trotz beharrst, so schleiche ich mich an -die Orientalin und flüstere ihr ins Ohr, der Sarazene habe mich -in sein Geheimnis eingeweiht.«</p> - -<p>»Das wirst du nicht tun, wenn ich dich ernstlich bitte, es -zu unterlassen,« erwiderte der junge Mann, wie es schien, sehr -ernst; »wenn ich übrigens Vermutungen trauen darf, so ist es -Lea Oppenheimer, des Ministers Schwester. Und nun adieu! -Wenn ihr mir im Saal begegnen solltet, kennt ihr mich nicht, -und Reelzingen, wenn mein Vater fragt –«</p> - -<p>»So weiß ich nichts von dir, versteht sich,« erwiderte dieser. -Der Sarazene erhob sich und ging. Die Freunde aber sahen -einander an, und keiner schien zu wissen, ob er recht gehört -habe, oder wie er dies alles deuten sollte. »Hat denn der Jude -eine Schwester?« fragte Pinassa.</p> - -<p>»Man sprach vor einiger Zeit davon, daß er eine Schwester -zu sich genommen habe, doch hielt man sie für noch ganz jung, -weil sie sich nirgends sehen läßt;« erwiderte Reelzingen nachdenklich. -»Und wie er errötete, Herr Bruder, du wirst sehen, -da läßt auch einmal wieder der Satan einen vernünftigen -Jungen einen dummen Streich machen.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>3.</h4> -</div> - -<p>Lanbek irrte, als er die Freunde verlassen hatte, in den -Sälen umher; seine Blicke gleiteten unruhig über die Menge -hin, sein Gesicht glühte unter der Larve, und mühsam mußte -er oft nach Atem suchen, so drückend war die Luft in dem Saale -und so schwer lag Erwartung, Sehnsucht und Angst auf seinem -Herzen. Dichter und stürmischer drängte sich die Menge, als -er in die Mitte des zweiten Saales kam; mit Mühe schob er -sich noch eine Zeitlang durch, aber endlich riß ihn unwillkürlich -der Strom fort, der sich nach einer Seite hindrängte, und ehe -er sich dessen versah, stand er an einem Spieltisch, wo <em class="gesperrt">Süß</em> mit -einigen seiner Finanzräte Karten spielte. Große Haufen Goldes -lagen auf dem Tische, und die neugierige Menge beobachtete<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span> -den berühmtesten Mann ihres Landes und teilte sich flüsternd -und murmelnd Bemerkungen mit über die ungeheuren Summen, -die er, ohne eine Miene zu verändern, hingab oder gewann.</p> - -<p>Gustav hatte den Gewaltigen noch nie so in der Nähe beobachtet -wie jetzt, da er, festgehalten durch die Menge, die wie -eine Mauer um ihn stand, zum unwillkürlichen Beobachter wurde. -Er gestand sich, daß das Gesicht dieses Mannes von Natur schön -und edel geformt sei, daß sogar seine Stirne, sein Auge durch -Gewohnheit zu herrschen etwas Imponierendes bekommen haben; -aber feindliche, abstoßende Falten lagen zwischen den Augenbrauen -da, wo sich die freie Stirne an die schön geformte -Nase anschließen wollte, das Bärtchen auf der Oberlippe konnte -einen hämischen Zug um den Mund nicht verbergen; und wahrhaft -greulich schien dem jungen Mann ein heiseres, gezwungenes -Lachen, womit der jüdische Minister Gewinn oder Verlust -begleitete.</p> - -<p>Während die Herren, von der Menge umlagert, spielten -und auf irgend etwas zu warten schienen, trat ein Mann in der -Kleidung eines Bauern aus der Steinlach aus den Reihen der -Neugierigen; ein alter Hut auf dem Kopf, eine grobe blaue -Jacke, eine rote Weste mit großen Knöpfen von Zinn, Beinkleider -von gelbem Leder und schwarze Strümpfe machten sein -unscheinbares Kostüm aus; aber er trug eine sehr feine, gutgemalte -Larve. Er stützte sich nach Art der Landleute mit der -Hand auf den fünf Fuß hohen Knotenstock, legte sein Kinn auf -die Hand und sprach in gut nachgeahmtem Dialekt des Steinlachtals: -»Viel Geld habt Ihr daliegen, Herr! Und habt alles -selbst verdient?«</p> - -<p>Der Minister sah sich um und bemühte sich, über diese -Maskenfreiheit zu lächeln. Vielleicht mochte ihm diese Gelegenheit -erwünscht kommen, um sich ein populäres Ansehen zu geben, -denn er antwortete freundlich: »Guten Abend, Landsmann.«</p> - -<p>»Euer Landsmann bin ich gerade nicht,« erwiderte der -Bauer mit großer Ruhe: »so wie ich tragen sich gewöhnlich -die Mausche nicht.« Ein unterdrücktes Lachen flog durch die -Reihen der Zuschauer. Der Minister schien es aber nicht zu -bemerken, denn er fuhr ganz leutselig fort: »Du bist witzig, -mein Freund.«</p> - -<p>»Gott bewahr' mich, daß ich Euer Freund sei, Herr Süß,« -entgegnete der Bauer. »Wär' ich Euer Freund, so ging' ich -wohl nicht in dem schlechten Rock und durchlöcherten Hut; Ihr -macht ja Eure Freunde reich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span></p> - -<p>»Nun, dann muß ganz Württemberg mein Freund sein, -denn ich mache es reich,« sagte Süß und begleitete seine Rede -mit heiserem, unangenehmem Lachen.</p> - -<p>»Ihr seid ein Allerweltsgoldmacher,« entgegnete der -Bauer. »Wie schön diese Dukaten sind; wieviel Schweißtropfen -armer Leute gehen wohl auf ein solches Goldstück?«</p> - -<p>»Du bist ein kapitaler Kerl!« rief Süß, ganz ruhig weiter -spielend.</p> - -<p>Als der Bauer zu einer neuen Rede ansetzen wollte, zog -eine neue Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein -Mann, dessen Kostüm beinahe ebenso war wie des Bauers, nur -hatte er einen langen, spitzen Bart am Kinn, und trug einen -Tressenrock. Der Bauer sah ihn eine Zeitlang verwundert an, -schüttelte ihm dann die Hand und rief: »Ei Hans! Wo kommst -du her, und so schmuck und stattlich! Gar nicht mehr wie unsereiner!«</p> - -<p>»Das macht,« erwiderte Hans, indem er aus einer silbernen -Dose schnupfte, »ich bin bei einem vornehmen Herrn in -Dienst getreten.«</p> - -<p>»Wer ist denn dein Herr?« fragte der Bauer.</p> - -<p>»Ein Schinder, aber ein vornehmer. Meinst du, er schindet -gemeines Vieh, Pferde, Hunde und dergleichen? Nein, ein -Leuteschinder ist er und noch überdies ein Kartenfabrikant.«</p> - -<p>»Ein Kartenfabrikant?« rief der Bauer.</p> - -<p>»Jawohl, denn alle Karten im Lande muß man von ihm -kaufen, er stempelt sie; er ist aber auch ein Gerber.«</p> - -<p>»Wie das?«</p> - -<p>»Nun alle Gerber im Lande müssen die Häute gegerbt von -ihm kaufen; er ist aber auch ein Prägestock.«</p> - -<p>»Wie! ein Prägestock?«</p> - -<p>»Ja, er macht alles Geld, was im Lande ist.«</p> - -<p>»Das ist erlogen,« sagte der Bauer, »du willst sagen, er -macht alles zu Geld, was im Lande ist; aber darum ist er noch -kein Prägestock. Es gibt nur <em class="gesperrt">einen</em> Prägestock in Württemberg, -der dem Land seinen Namenszug aufgedrückt hat.«</p> - -<p>Die Menge hatte bisher nur ihren Beifall gemurmelt, -aber bei der letzten Anspielung auf die Münze brach sie in lautes -Gelächter aus; die Stirne des Gewaltigen verfinsterte sich -etwas, aber noch immer spielte er ruhig weiter.</p> - -<p>»Aber warum hast du dir den Bart so spitzig wachsen -lassen?« fragte der Bauer weiter. »Das sieht ja ganz jüdisch -aus.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span></p> - -<p>»Es ist halt so Mode,« erwiderte Hans, »seit die Juden -Meister im Lande sind; bald will ich vollends ganz jüdisch -werden.«</p> - -<p>Als Hans diese letzten Worte sprach, rief eine vernehmliche -Stimme aus dem dicksten Haufen: »Warte noch ein paar -Wochen, Hans, dann kannst du gut katholisch werden.«</p> - -<p>Wem je der schreckliche Anblick wurde, wie in einer volkreichen -Straße, durch Unvorsichtigkeit oder Bedacht entzündet, -eine Tonne Pulvers aufspringt, dem bot sich kaum eine so seltsame -Szene dar, als die, welche diese wenigen geheimnisvollen -Worte hervorbrachten. Der Minister, bleich wie eine Leiche, -springt vom Sessel auf, er wirft die Karten mit wütendem Blick -auf den Tisch: »Wer sagt dies? Greift ihn im Namen des -Herzogs!« ruft er und stürzt, wie von einer unsichtbaren Macht -getrieben, auf die Menge; seine Genossen, nicht weniger bestürzt, -aber besonnener, ergreifen seinen Arm und ziehen ihn -zurück, suchen ihn zu beschwichtigen – sein dunkles Auge will -sich durch die Menge bohren, um den Gegenstand seiner Wut zu -fassen, die Masken murmeln unwillig und drängen sich; doch -als der gefürchtete Mann seine Hand nach dem Bauer ausstreckt -und ruft: »So sollst du mir für ihn haften,« da ist er plötzlich -von einer drohenden Menge umringt. »Maskenfreiheit, -Jude!« hört man in dumpfen, gefährlichen Tönen, der Bauer -und sein Geselle sind in einem Augenblick von ihm getrennt, -verschwunden, und so schnell als er vorhin umringt war, ist -er wieder verlassen, denn die Menge zerstiebt, von geheimer -Furcht gejagt, nach allen Seiten.</p> - -<p>Das Gedränge riß Gustav Lanbek mit sich hinweg; seine -Gedanken verwirrten sich, es war ihm noch nicht möglich, sich -klar vorzustellen, was diesen seltsamen Auftritt verursacht haben -könnte. So stand er einige Augenblicke in seinen Gedanken verloren, -als er plötzlich seine Hand von einer andern ergriffen -fühlte; er sah sich um, die Orientalin stand vor ihm.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>4.</h4> -</div> - -<p>»Wo stammt die Rose her auf deinem Hut, Maske?« fragte -die Orientalin mit zitternder Stimme.</p> - -<p>»Vom See Tiberias,« war die Antwort des Sarazenen.</p> - -<p>»Schnell! Folgen Sie mir!« rief die Dame und schlüpfte -durchs Gedränge. Er folgte, mit Mühe sich durch die Massen -schiebend, und nur ihr Turban zeigte ihm hin und wieder den<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span> -Weg; sein Herz pochte lauter, sein Ohr trug noch die letzten -Laute dieser süßen Stimme, und sein Auge sah keinen andern -Gegenstand mehr als sie. In einer dunkleren Ecke des zweiten -Saales hielt sie an und wandte sich um. »Gustav, ich beschwöre -Sie, was ist mit meinem Bruder vorgefallen? Die Menschen -flüstern allenthalben seinen Namen; ich weiß nicht, was sie -sagen, aber ich denke, es ist nichts Gutes; hat er Streit gehabt? -Ach, ich weiß wohl, diese Menschen hassen unser Volk.«</p> - -<p>Der junge Mann war in peinlicher Verlegenheit. Sollte -er mit einemmal den arglosen Wahn dieses liebenswürdigen -Geschöpfes zerstören? Sollte er ihr sagen, daß auf ihrem -Bruder der Fluch der Württemberger ruhe, daß sie für alle -Menschen beten, und nur ihn aus dem Gebet ausschließen, daß -es zur Sitte geworden sei, zu bitten: »Herr erlöse uns von -dem Uebel und von dem Juden Süß.« – »Lea,« antwortete er -sehr befangen, »Ihr Bruder wurde von einigen Masken im -Spiel gestört und hatte einen Wortwechsel, der vielleicht gerade -an diesem Ort auffiel, ängstigen Sie sich nicht.«</p> - -<p>»Was bin ich doch für ein törichtes Mädchen!« sagte sie. -»Ich habe so schwere Träume, und dann bin ich den Tag über -so traurig und niedergeschlagen. Und so reizbar bin ich, daß -mich alles erschreckt, daß ich immer gleich an meinen Bruder -denke und glaube, es könnte ihm Unglück zugestoßen sein.«</p> - -<p>»Lea,« flüsterte der junge Mann, um diese Gedanken zu -zerstreuen, »erinnerst du dich, was du versprachst, wenn wir uns -auf dem Karneval träfen? Wolltest du mir nicht einmal eine -einsame Stunde schenken, wo wir recht viel plaudern könnten?«</p> - -<p>»Ich will,« sagte sie nach einigem Zögern; »Sara, meine -Amme, steht am Ausgang und wird mich begleiten. Doch wo?«</p> - -<p>»Dafür ist gesorgt,« erwiderte er; »folge mir, verliere mich -nicht aus dem Auge; am Eingang rechts.«</p> - -<p>Der erfinderische Sinn des jüdischen Ministers hatte, als -er den Karneval in Stuttgart arrangierte und diese Säle schnell -aus Holz aufrichten ließ, dafür gesorgt, daß, wie in großen -Häusern und Schlössern, an diese Säle auch kleinere Zimmer -stoßen möchten, wo kleine Zirkel ein Abendessen verzehren -konnten, ohne gerade im allgemeinen Speisesaal ihr Inkognito -abzulegen. Der Aktuarius hatte durch eine dritte Hand und -hinlängliche Bezahlung sich den Schlüssel zu einem dieser Zimmer -zu verschaffen gewußt, eine kleine Kollation stand dort -bereit, und Lea freute sich über diese Artigkeit des jungen -Christen, der sein möglichstes getan hatte, den Sinn einer in<span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span> -der Küche erfahrenen Dame zu befriedigen, obgleich das -Zimmerchen, das nur einen Tisch und wenige Stühle von leichtem -Holz enthielt, wenig Bequemlichkeit bot.</p> - -<p>»Wie bin ich froh, endlich die lästige Larve ablegen zu -können!« sagte sie, als sie mit ihrer Amme eintrat; sie sah sich -nach einem Spiegel um, und als sie nur leere Bretterwände erblickte, -setzte sie lächelnd hinzu: »Sie müssen mir schon statt -eines Spiegels dienen, Gustav, und sagen, ob diese drängende -Menge mir den Haarputz nicht verdorben hat?«</p> - -<p>Entzückt und mit leuchtenden Augen betrachtete der junge -Mann das schöne Mädchen. Man konnte ihr Gesicht die Vollendung -orientalischer Züge nennen. Dieses Ebenmaß in den -feingeschnittenen Zügen, diese wundervollen dunkeln Augen, beschattet -von langen, seidenen Wimpern, diese kühngewölbten, -glänzend schwarzen Brauen und die dunkeln Locken, die in so -angenehmem Kontrast um die weiße Stirne und den schönen -Hals fielen und den Vereinigungspunkt dieser lieblichen Züge, -zarte rote Lippen und die zierlichsten weißen Zähne noch mehr -hervorhoben; der Turban, der sich durch ihre Locken schlang, -die reichen Perlen, die den Hals umspielten, das reizende und -doch so züchtige Kostüm einer türkischen Dame – sie wirkten, -verbunden mit diesen Zügen, eine solche Täuschung, daß der -junge Mann eine jener herrlichen Erscheinungen zu sehen -glaubte, wie sie Tasso beschreibt, wie sie die ergriffene Phantasie -der Reisenden bei ihrer Heimkehr malte.</p> - -<p>»Wahrlich,« rief er, »du gleichst der Zauberin Armida, -und so denke ich mir die Töchter deines Stammes, als ihr noch -Kanaan bewohntet. So war Rebekka und die Tochter Jephthas.«</p> - -<p>»Wie oft schon habe ich dies gesagt,« bemerkte Sara, »wenn -ich mein Kind, meine Lea in ihrer Pracht anblickte; die Poschen -und Reifröcke, die hohen Absatzschuhe und alle Modewaren stehen -ihr bei weitem nicht wie diese Tracht.«</p> - -<p>»Du hast recht, gute Sara,« erwiderte der junge Mann; -»doch setze dich hier an den Tisch; du hast zu lange unter Christen -gelebt, um vor diesem Punsch und diesem Backwerke zurückzuschaudern; -unterhalte dich gut mit diesen Dingen.«</p> - -<p>Sara, welche den Sinn und die Weise des Nachbars kannte, -sträubte sich nicht lange und erbarmte sich über die Kunstprodukte -der Zuckerbäcker; der junge Mann aber setzte sich einige -Schritte vor ihr neben die schöne Lea. »Und nun aufrichtig, -Mädchen,« sagte er, »du hast Kummer, du hast gestern kaum<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span> -das Weinen unterdrückt, und auch heute wieder ist eine Wolke -auf dieser Stirne, die ich so gern zerstreuen möchte. Oder -glaubst du etwa nicht, ungläubiges Kind, daß ich dein Freund -bin und gern alles tun möchte, um dich aufzuheitern?«</p> - -<p>»Ich weiß es ja, o, ich sehe es ja immer und auch heute -wieder,« sagte sie, mühsam ihre Tränen bekämpfend, »und es -macht mich ja glücklich. Als Sie mich das erste Mal an unserem -Gartenzaun grüßten, als Sie nachher, es war Anfang Oktober, -mit mir über den Zaun hinübersprachen, und nachher und immer -so freundlich und traulich waren, gar nicht wie andere Christen -gegen uns, da wußte ich ja wohl, daß Sie es gut mit mir meinen, -und – es ist ja mein einziges, mein stilles Glück!« Sie sagte -es, und einzelne Tränen stahlen sich aus den schönen Augen, -indem sie sich bemühte, ihn freundlich und lächelnd anzusehen.</p> - -<p>»Aber dennoch –« fragte Gustav.</p> - -<p>»Aber dennoch bin ich nicht glücklich, nicht ganz glücklich. -In Frankfurt hatte ich meine Gespielinnen, hatte meine eigene -Welt, wollte nichts von der übrigen. Ich dachte nicht nach -über unsere Verhältnisse, es kränkte mich nicht, daß uns die -Christen nicht achteten, ich saß in meinem Stübchen unter Freunden, -und wollte nichts von allem, was draußen war. Mein -Bruder ließ mich zu sich nach Stuttgart bringen. Man sagte -mir, er sei ein großer Herr geworden, er regiere ein Land, in -seinem Hause sei es herrlich und voll Freude, und die Christen -leben mit ihm, wie wir unter uns; ich gestehe, es freute mich, -wenn meine Freundinnen meine Zukunft so glänzend ausmalten; -welches Mädchen hätte sich an meiner Stelle nicht gefreut?«</p> - -<p>Tränen unterbrachen sie aufs neue, und der junge Mann, -voll Mitleid mit ihrem Kummer, fühlte, daß es besser sei, ihre -Tränen einige Augenblicke strömen zu lassen. Es gibt ein -Gefühl in der menschlichen Brust, das wehmütiger macht als jeder -andere Kummer; ich möchte es Mitleiden mit uns selbst heißen, -es übermannt uns, wenn wir am Grabe zerstörter Hoffnungen -in die Tage zurückgehen, wo diese Hoffnungen noch blühten, -wenn wir die fröhlichen Gedanken zurückrufen, mit welchen -wir einer heiteren Zukunft entgegengingen; wahrlich, dieser -bittere Kontrast hat wohl schon stärkere Herzen in Wehmut -aufgelöst als das Herz der schönen Jüdin.</p> - -<p>»Ich habe alles anders gefunden,« fuhr Lea nach einer -Weile fort. »In meines Bruders Hause bin ich einsamer als -in meiner Kindheit. Ich darf nicht kommen, wenn er Bälle und -große Tafeln gibt. Die Musik tönt in mein einsames Zimmer,<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span> -man schickt mir Kuchen und süße Weine wie einem Kinde, das -noch nicht alt genug ist, um in Gesellschaft zu gehen. Und wenn -ich meinen Bruder bitte, mich doch auch einmal, nur in seinem -Hause wenigstens, teilnehmen zu lassen, so schlägt er es entweder -ganz kalt ab, oder wenn er gerade in sonderbarer Laune war, -erschreckte er mich durch seine Antwort.«</p> - -<p>»Was antwortete er denn?« fragte der Jüngling gespannt.</p> - -<p>»Er sieht mich dann lange und seufzend an, seine Augen -werden trüber, seine Züge düster und melancholisch, und er -antwortet: Ich dürfe nicht auch verloren gehen; ich solle unablässig -zu dem Gott unserer Väter beten, daß er mich fromm und -rein erhalte, auf daß meine Seele ein reines Opfer werde für -<em class="gesperrt">seine</em> Seele.«</p> - -<p>»Törichter Aberglaube!« rief der junge Mann unmutig. -»Darum also sollst du, armes Kind, allen Freuden des Lebens -entsagen, damit er –«</p> - -<p>»Hat er sich denn so arg versündigt?« fragte Lea, als ihr -Freund, wie bei einer unbesonnenen Rede, schnell abbrach. »Was -soll ich denn büßen? Solche hingeworfenen Worte machen mich -so unglücklich: es ist mir, als schwebe irgend ein Unglück über -meinem Bruder, auch sei nicht alles recht, was er tut. Niemand -steht mir darüber Rede, auch Saras Worte kann ich nicht deuten, -denn wenn ich sie darüber befrage, weicht sie aus oder nennt -ihn geheimnisvoll den Rächer unseres Volkes.«</p> - -<p>»Sie ist nicht klug,« erwiderte der junge Mann befangen; -»dein Bruder hat, wie es überall geht, eine mächtige Gegenpartei; -manche seiner Finanzoperationen werden getadelt. Aber -wegen seiner darfst du ruhig schlafen,« setzte er bitter lachend -hinzu, »der Herzog hat ihm heute einen Freibrief geschenkt, -der ihn vor jeder Gefahr und Verantwortung sichert.«</p> - -<p>»O, wie danke ich dies dem guten Herzog!« sagte sie aufgeheitert, -indem sie die dunklen Locken aus der weißen Stirne -strich. »So hat er also gar niemand zu fürchten? Die Christen -können ihn nicht verfolgen? – Sie antworten nicht? Gestehen -Sie nur, Gustav, Sie sind meinem armen Bruder gram?«</p> - -<p>»Deinem <em class="gesperrt">armen</em> Bruder? – Wenn er arm wäre, könnte -ich ihn vielleicht um seines Verstandes willen ehren! Aber was -geht uns dein Bruder an,« fuhr Lanbek düster lächelnd fort; -»ich liebe dich, und hättest du alle bösen Engel zu Brüdern; aber -<em class="gesperrt">eines</em> versprich mir, Lea, die Hand darauf.«</p> - -<p>Sie sah ihn erwartungsvoll und zärtlich an, indem sie ihre -Hand in die seinige legte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span></p> - -<p>»Bitte deinen Bruder niemals wieder,« fuhr er fort, »dich -zu seinen Zirkeln zuzulassen. Mag er nun Gründe haben, welche -er will, es ist gut, wenn du nicht dort bist. So viel kann ich -dir versichern,« setzte er mit blitzenden Augen hinzu, »wenn -ich wüßte, daß du ein einzigesmal dort gewesen, kein Wort mehr -würde ich mit dir sprechen!«</p> - -<p>Befangen und mit Tränen im Auge wollte sie eben um -Aufschluß über dieses neue Rätsel bitten, als ein lauter Zank -im Nebenzimmer die Liebenden aufstörte. Mehrere Männer -schienen mit der Polizei sich zu streiten, man hatte die Türe -des Kabinetts gesprengt, und über diesen Eingriff in die Rechte -des Karnevals wurde schnell und mit Heftigkeit gestritten.</p> - -<p>»Mein Gott! das ist meines Vaters Stimme,« rief der -junge Lanbek, »schleiche dich mit Sara in den Saal, Mädchen; -nehmet den Schlüssel dieser Türe zu euch, vielleicht können wir -später uns wiedersehen.« Er drückte der überraschten Lea schnell -einen Kuß auf die Stirne, nahm seine Maske vor, und noch ehe -sie sich über diesen schnellen Wechsel besinnen konnte, war der -Aktuarius schon aus der Tür gestürzt. Im Korridor, den er -jetzt betrat, stand schon eine dichte Menschenmasse um die geöffnete -Tür des Nebenzimmers versammelt. Deutlicher vernahm -er die gewichtige, tiefe Stimme seines Vaters; er stieß -und drängte sich wie ein Wütender durch und kam endlich in -das Gemach. Fünf alte Herren, die ihm als ehrenwerte Männer -und Freunde seines Vaters wohlbekannt waren, standen um den -alten Landschaftskonsulenten Lanbek; die einen zankten, die -andern suchten zu beruhigen. Es war damals eine gefährliche -Sache, mit der Polizei in Streit zu geraten; sie stand unter dem -besondern Schutz des jüdischen Ministers, und man erzählte -sich mehrere Beispiele, daß biedere, ruhige Bürger und Beamte, -vielleicht nur weil sie einem Diener dieser geheimen Polizei -widersprochen oder Gewalttätigkeiten verhindert hatten, mehrere -Wochen lang ins Gefängnis geworfen und nachher mit der -kahlen Entschuldigung es sei aus Versehen geschehen, entlassen -worden waren. Doch der alte Lanbek schien keine Furcht vor -diesen Menschen zu kennen; er bestand darauf, daß die Häscher -das Zimmer sogleich verlassen müßten, und es wäre vielleicht -zu noch schlimmeren Händeln als einem Wortwechsel gekommen, -wenn nicht in diesem Augenblick ein ganz anderer Gegenstand -die Aufmerksamkeit des Anführers der Häscher auf sich gezogen -hätte. Der junge Lanbek hatte sich beinahe bis an die Seite -seines Vaters vorgedrängt, bereit, wenn es zu Tätlichkeiten<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span> -kommen sollte, den alten Herrn kräftig zu unterstützen. Er -hatte eben seine Maske fester gebunden, damit sie ihm im Handgemenge -nicht verloren gehen möchte, als ihn der Polizeidiener -erblickte und mit lauter Stimme, indem er auf ihn deutete, rief: -»Im Namen des Herzogs, diesen greift, den Türken dort, der -ist der Rechte!«</p> - -<p>Die Ueberraschung und sechs Arme, die sich plötzlich um -ihn schlangen, machten ihn wehrlos. So nahe seinem Vater, -der ihn hätte retten können, wagte er doch nicht, sich auch nur -durch einen Laut zu erkennen zu geben, weil er den Zorn seines -Vaters noch mehr fürchtete als die Gewalt des Juden.</p> - -<p>Die alten Herren waren stumm vor Staunen über diesen -Vorfall, der Anführer der Häscher wurde, als er seinen Zweck -erreicht hatte, artiger und entschuldigte sich, worauf jene kalt -und abgemessen dankten. Willenlos ließ sich der junge Mann -dahinführen. Die Menge, die sich vor der Tür versammelt -hatte, teilte sich, aber manche schauten ihm neugierig in die -Augen, um zu erraten, wer es sein möchte, den man hier mitten -aus der öffentlichen Lust herausriß. Gustav hörte, als er weiter -hingeführt wurde, einen schwachen Schrei; er sah sich um, und -beim schwachen Schein der Lampen glaubte er, den Turban der -schönen Orientalin gesehen zu haben. Schmerzlich bewegt ging -er weiter, und erst, als die kalte Winternacht schneidend auf ihn -zuwehte, erwachte er aus seiner Betäubung und übersah nicht -ohne Besorgnis die Folgen, die seine Gefangennehmung haben -könnte.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>5.</h4> -</div> - -<p>Die Polizeidiener hatten den Sarazenen, wahrscheinlich -aus Rücksicht auf seine feine und reiche Kleidung, in das Offizierszimmer -der Hauptwache gebracht. Der wachhabende Offizier -wies ihm mit einer mürrischen Verbeugung eine Bank, die -in der fernsten Ecke des Zimmers stand, zu seiner Schlafstätte -an, und ermüdet von dem langen Umherirren auf dem Ball, -fand der junge Mann dieses Lager nicht zu hart, um nicht bald -einzuschlafen.</p> - -<p>Trommeln weckten ihn am nächsten Morgen; schlaftrunken -sah er sich in dem öden Gemach um, blickte bald auf sein hartes -Lager, bald auf seine Kleidung, und nach einer geraumen Weile -erst konnte er sich besinnen, wo er sei und wie er hierhergekommen. -Er trat ans Fenster, noch war alles still auf dem -Platze vor der Hauptwache, und nur die Kompagnie, die gerade<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span> -vor seinem Fenster zur Ablösung aufzog, unterbrach die Stille -des trüben Februarmorgens. Indem die Trommeln auf der -Straße schwiegen, hörte er von der Stiftskirche acht Uhr schlagen, -und der Ton dieser Glocke rief ihm alles Unangenehme und -Besorgliche seiner Lage zurück. »Bald wird er nach dir fragen,« -dachte er, »und wie unangenehm wird es ihn überraschen, wenn -er hört, ich sei in der Nacht nicht zu Hause gekommen!« –</p> - -<p>Im Hause des alten Landschaftskonsulenten Lanbek ging alles -einen so geordneten Gang, daß dieses Ereignis allerdings sehr -störend erscheinen mußte. Zu dieser Stunde pflegte der alte -Herr, seit vielen Jahren, sein Frühstück zu nehmen; mit dem -ersten Glockenschlag erschien dann, zugleich mit dem Diener, der -den Kaffee auftrug, sein Sohn; man besprach sich über Tagesneuigkeiten, -über den Gang der Geschäfte, und zu jener Zeit -ließ es der allgewaltige Minister nicht an Stoff zu solchen Gesprächen -fehlen. Das Gespräch war regelmäßig mit dem Frühstück -zu Ende; der Aktuarius küßte dem Alten die Hand und -ging dann, einen Tag wie den andern, ein Viertel vor neun Uhr -nach seiner Kanzlei. Diese langjährige Sitte des Hauses rief -sich Gustav in diesen Augenblicken zurück. »Jetzt wird Johann -die Tassen bringen,« sagte er zu sich, »jetzt wird er erwartungsvoll -nach der Türe sehen, weil ich noch nicht eingetreten bin, -jetzt wird er mich rufen lassen; daß ich doch dem guten alten -Herrn solchen Aerger bereiten mußte!« Er warf unwillig seinen -Turban weg, stützte die Stirne in die Hand, und beschloß, den -Offizier, sobald er wieder erscheinen würde, um die Ursache seiner -Verhaftung zu fragen.</p> - -<p>Die Trommeln ertönten wieder, die Abgelösten zogen -weiter, er hörte die Gewehre zusammenstellen und bald darauf -trat ein Offizier in das halbdunkle Gemach. Er warf einen -flüchtigen Blick nach seinem Gefangenen in der Ecke, legte Hut -und Degen auf den Tisch und setzte sich nieder. Lanbek, der -jenen nicht zuerst anreden mochte, bewegte sich, um anzudeuten, -daß er nicht mehr schlafe. »<em class="antiqua">Bonjour</em>, mein Herr,« sagte der -Offizier, als er ihn sah, »wollen Sie vielleicht mein Dejeuner -mit mir teilen?«</p> - -<p>Die Stimme schien Gustav bekannt; er stand auf, trat höflich -grüßend näher, und mit einem Ausruf des Staunens standen -sich die beiden jungen Männer gegenüber. »<em class="antiqua">Parole d'honneur</em>, -Herr Bruder!« rief der Kapitän von Reelzingen, »<em class="gesperrt">dich</em> hätte -ich hier nicht gesucht! Wie kommst du in Arrest? Weiß Gott,<span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span> -Blankenberg hat nicht unrecht, als er prätendierte, du werdest -irgend etwas <em class="antiqua">contra rationem</em> riskieren.«</p> - -<p>»Ich möchte dich fragen, Kapitän,« entgegnete der junge -Mann, »warum ich hier sitze? Mir hat kein Mensch den Grund -angegeben, warum man mich gefangen nehme; du hast die Wache, -Reelzingen; bitte dich, du mußt doch wissen –«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Dieu me garde!</em> Ich?« rief der Kapitän lächelnd. »Meinst -du, er habe mich mit seiner besondern Aestimation beehrt und -in seine Konfidenz gezogen? Nein, Herr Bruder! Als ich -ablöste, sagte mir der Leutnant von gestern: ›Oben sitzt einer, -den sie vom Karneval auf ausdrücklichen Befehl hergebracht -haben.‹ Er pflegt es gewöhnlich so zu machen.«</p> - -<p>»Wer pflegt es so zu machen?« fragte Lanbek erblassend.</p> - -<p>»Wer?« erwiderte jener leise flüsternd; »dein Schwager -<em class="antiqua">in spe</em>, der Jude.«</p> - -<p>»Wie?« fuhr jener errötend fort, »du glaubst, er selbst? -Ich hoffte bisher, es sei vielleicht eine Verwechslung vorgefallen! -Du hast wohl von dem Auftritte gehört, der, bald nachdem ich -euch verlassen hatte, mit dem Juden vorfiel, man rief etwas von -Katholischwerden, und da fuhr der Finanzminister auf –«</p> - -<p>»Was sagst du?« unterbrach ihn der Kapitän mit ernster -Miene, indem er näher zu dem Freund trat und seine Hand -faßte. »Das war es also? Uns hat man es anders erzählt; -wie ging es zu? Was hat man gerufen?«</p> - -<p>Den Aktuarius befremdete der Ernst, den er auf den Zügen -des sonst so fröhlichen und sorglosen Freundes las, nicht wenig; -er erzählte den Vorfall, wie er ihn mit angesehen hatte, und sah, -wie sich die Neugierde des Freundes mehr und mehr steigerte, -wie seine Blicke feuriger wurden; als er aber beschrieb, wie -Süß nach jenem geheimnisvollen Ausruf wütend geworden, aufgesprungen -sei, da fühlte er die Hand des Kapitäns auf sonderbare -Weise in der seinigen zucken. »Was bewegt dich so sehr?« -fragte Gustav befremdet. »Wie nimmst du nur an solchen -Karnevalsscherzen, die am Ende auf irgend eine Torheit hinauslaufen, -solchen Anteil? Wenn ich nicht wüßte, daß du evangelisch -bist, ich glaubte, mein Bericht habe dich beleidigt.«</p> - -<p>»Herr Bruder,« erwiderte der Kapitän, indem er seinen -Ernst hinter einem gleichgültigen Lächeln zu verbergen suchte, -»du kennst mich ja, mich interessiert alles auf der Welt, und ich -bin erstaunlich neugierig; überdies ist manches ernster, als man -glaubt, und im Scherz liegt oft Bedeutung.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span></p> - -<p>»Wie verstehst du das?« sagte der Aktuarius verwundert. -»Was macht dich so nachdenklich? Hast du wieder Schulden? -Kann ich dir vielleicht mit etwas dienen?«</p> - -<p>»Bruderherz,« entgegnete der Soldat, »du mußt in den -letzten Wochen gewaltig verliebt gewesen sein, sonst wäre deinem -klaren Blick manches nicht entgangen, was selbst an meinem -leichten Sinn nicht vorüberschlüpfte. Sag einmal, was spricht -der Papa von solchen Zeiten? Siehst du den Oberst von Röder -nie bei ihm? Waren nicht am Freitagabend die Prälaten in -eurem Hause?«</p> - -<p>»Du sprichst in Rätseln, Kapitän!« antwortete der junge -Mann staunend. »Was soll mein Vater mit einem Oberst von -der Leibschwadron und mit Prälaten?«</p> - -<p>»Freund, mach es kurz!« sagte Reelzingen. »Halte mich -in solchen Dingen nicht für leichtsinnig; ich will mich nicht in -euer Vertrauen eindrängen, aber ich kann dir sagen, daß ich -dennoch schon ziemlich viel weiß, und – <em class="antiqua">Parole d'honneur!</em>« -setzte er hinzu, »ich denke darüber, wie es einem Edelmann und -meinem Portepee geziemt.«</p> - -<p>»Was geht mich dein alter Adelsbrief und dein neues -Portepee an?« erwiderte der Aktuar; »und wie kommst du dazu, -dich mit diesen Dingen gegen mich breit zu machen? Ich sage -dir, daß ich von allem, was du da so geheimnisvoll schwatzest, -keine Silbe verstehe, und kann dir mein Wort darauf geben, -und damit genug, Herr von Reelzingen!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">O mon Dieu!</em>« rief jener lächelnd; »Herr Bruder, wir -sind nicht mehr in Leipzig, dies Zimmer ist nicht der göttliche -Ratskeller, sondern eine Wachtstube; wir sind keine Musen -mehr, sondern du bist herzoglicher Aktuar, und ich – Soldat; -aber Freunde sind wir noch in Not und Tod, und darum sei vernünftig -und brause nicht mehr auf wie vorhin. Ich glaube -dir ja aufs Wort, daß du nichts weißt, aber gut wäre es von -deinem Vater gewesen, wenn er dich präveniert hätte. Deine -Amour mit der Jüdin ist überdies jetzt ganz und gar nicht an -der Zeit, wir alle bitten dich, laß deine Scharmante, mit der -du doch niemals eine vernünftige und ehrenvolle Liaison treffen -kannst –«</p> - -<p>»Was wißt Ihr denn von diesem Verhältnis?« unterbrach -ihn der junge Mann düster und erbittert. »Ich dächte, ehe -ich Euch hierüber um Rat gefragt, könntet Ihr billigerweise mit -Eurer Mahnung warten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span></p> - -<p>Der feurige junge Soldat, um seinem Freunde zu nützen, -wollte eben in derselben Sprache etwas erwidern, als man an -der Türe pochte. Der Kapitän schloß auf, und einer seiner Sergeanten -winkte ihm, herauszutreten. Gustav hörte sie einige -Worte wechseln und sah den Freund bald darauf mit verstörter -Miene wieder zurückkehren: »Du bekommst einen sonderbaren -Besuch,« flüsterte er ihm zu, »er wird gleich selbst eintreten, und -ich darf nicht zugegen sein.«</p> - -<p>»Wer doch? Mein Vater?« fragte Gustav bestürzt.</p> - -<p>»Er kommt,« sagte der Kapitän, indem er eilends Hut und -Degen vom Tische nahm, »<em class="gesperrt">der Jud Süß</em>!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>6.</h4> -</div> - -<p>Vor der Tür des Offizierszimmers hatten seine Diener -dem Minister den spanischen Mantel abgenommen, und er trat -jetzt ein, stattlich geschmückt und vornehm gekleidet, wie es einem -Günstling des Glücks und eines Herzogs in damaliger Zeit -zukam. Er trug einen roten Rock mit goldenen Troddeln und -Quasten besetzt; die goldgestickten Aufschläge seines Rocks gingen -bis zum Ellbogen zurück, und die Weste von Goldbrokat reichte -herab bis an das Knie. Ein kurzer, breiter Degen mit reichbesetztem -Griff hing an seiner Seite, ein mächtiger Stock unterstützte -seine Hand, und auf den reichen, hellbraunen Locken, die -bis tief in den Nacken herabfielen, saß ein Hütchen von feinem -schwarzen Wachstuch, mit Gold und weißen Federn verbrämt. -Die Züge dieses merkwürdigen Mannes waren, in der Nähe -betrachtet, zwar etwas zu kühn geschnitten, um schön und anmutig -zu heißen, aber sie waren edler als sein Gewerbe und -ungewöhnlich; sein dunkelbraunes Auge, das frei und stolz um -sich blickte, konnte sogar für schön gelten; die ganze Erscheinung -imponierte, und sie hätte sogar etwas Würdiges und Erhabenes -gehabt, wäre es nicht ein hämischer, feindlicher Zug um die stolz -aufgeworfenen Lippen gewesen, was diesen Eindruck störte und -manchen, der ihm begegnete, mit unheimlichem Grauen füllte.</p> - -<p>Der Kapitän stand fest und aufgerichtet an der Tür, den -Hut in der einen, den Degengriff in der andern Hand, als der -Minister Süß eintrat. Dieser nahm sein Hütchen ab, musterte, -auf seinen Stock gestützt, den Soldaten mit scharfem Blick und -sagte dann kurz und mit leiser Stimme: »Wie ist der Name?«</p> - -<p>»Hans von Reelzingen, Kapitän im zweiten Grenadierbataillon, -dritte Kompagnie.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p> - -<p>»Man hat studiert?« fuhr der Jude etwas artiger fort.</p> - -<p>»Die Jurisprudenz in Leipzig,« antwortete der Kapitän -mit militärischer Kürze.</p> - -<p>»Wie lange dient der Herr Kapitän?«</p> - -<p>»Ein Jahr und zwei Monate; zuerst bei –«</p> - -<p>»Schon gut,« unterbrach ihn der Minister mit einer gnädigen -Bewegung der Hand; »können abtreten.«</p> - -<p>Der Kapitän Reelzingen verbarg seinen Verdruß über -das stolze Wesen des Emporkömmlings unter einer tiefen Verbeugung -und trat ab. Dem Aktuarius aber, obgleich er keine -Menschenfurcht kannte, pochte das Herz, als er nun mit dem -Mann allein war, vor dem ein ganzes Land mit abergläubischer -Furcht zitterte. Er errötete unwillkürlich, als jener ihn lange -und prüfend ansah und ihm Gelegenheit gab, auch seine Züge -zu mustern und hin und wieder etwas zu finden, das ihn an -die schöne Lea erinnerte. Der Minister setzte sich endlich in -den Armstuhl, den die Offiziere der Garnison zur Bequemlichkeit -dieses Zimmers gestiftet hatten, und winkte dem Sarazenen -herablassend, sich auf einer Bank, die unfern stand, niederzulassen.</p> - -<p>»Junger Mann,« sprach er, »wenn Euch Eure eigene Ruhe -und Wohlfahrt lieb ist, so antwortet mir auf das, was ich Euch -fragen werde, offen und ehrlich; denn Ihr könnet leichtlich -denken, daß es mir nicht schwer werden kann, Euch jeder Lüge, -die Ihr wagtet, zu überweisen.«</p> - -<p>»Ich bin herzoglich württembergischer Aktuar,« erwiderte -der junge Mann, »und der Eid, den ich als Christ und -Bürger –«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Laissez cela</em>,« fiel ihm der Jude ins Wort, »Ihr wäret -nicht der erste, der seinen Eid gebrochen. Wer waren gestern, -frag' ich, die beiden Masken, die sich an meinem Tisch zur Belustigung -des Publikums unterhielten? Ihr wißt es, Ihr -standet zunächst bei mir.«</p> - -<p>»Das ist mir nicht bekannt, Ew. Exzellenz,« sagte Gustav -mit fester Stimme.</p> - -<p>»Nicht bekannt?« rief der Minister. »Bedenket wohl, was -Ihr gesagt, ich stehe hier als Euer Richter; habt Ihr keinen an -der Stimme gekannt?«</p> - -<p>»Keinen.«</p> - -<p>»Keinen?« fuhr jener heftiger fort. »Und Euren Vater -solltet Ihr nicht an der Stimme kennen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span></p> - -<p>»<em class="gesperrt">Meinen Vater!</em>« rief der junge Mann erblassend; -doch besonnen setzte er nach einer Weile hinzu: »Ihr irrt Euch, -Herr Finanzdirektor, oder vielmehr, Ihr seid schlecht berichtet; -mein Vater ist ein ruhiger, gesetzter Mann, und sein Charakter, -sein Amt, seine Jahre verbieten ihm, das Publikum auf einem -Maskenball zu amüsieren.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Sie sollten</em> es ihm verbieten,« erwiderte jener mit -blitzenden Augen, »und ich werde Mittel finden, es ihm zu verbieten. -Ich weiß recht wohl, daß ich diesen Herren von der -Landschaft ein Dorn im Auge bin, und zwar aus dem einzigen -Grund, weil die Herren nicht rechnen können; verständen sie -das Einmaleins so gut wie ich, sie würden sehen, was dem -Lande frommt. Noch ist aber nicht aller Tage Abend, und ich -will diesen Rebellen zeigen, wer <em class="gesperrt">sie</em> sind und wer <em class="gesperrt">ich</em> bin!«</p> - -<p>»Herr Finanzdirektor!« rief der junge Mann mit der Röte -des Unmutes auf den Wangen.</p> - -<p>»Herr Aktuarius?« erwiderte Süß mit spöttischem Lächeln.</p> - -<p>»Mein Vater ist ein Ehrenmann,« fuhr Gustav fort, ohne -sich von der stolzen Miene des Gewaltigen einschüchtern zu -lassen; »Sie sprechen von Rebellen? Wie können Sie sagen, -daß mein Vater dem Herzog nicht immer treu gedient hat? Wie -können Sie wagen, ihn einen Rebellen zu schimpfen?«</p> - -<p>»Wagen?« lachte Süß. »Hier ist von keiner Wagnis die -Rede, Herr Aktuarius, aber Rebell ist jeder, der nur dem Land -und nicht dem Herzog dient; er ist des Herzogs Diener, aber -er dient ihm schlecht; doch das soll nicht lange mehr so bleiben. -Das mögt Ihr übrigens dem Herrn Landschaftskonsulenten, -Eurem Vater, sagen, daß ich recht wohl weiß, was die beiden -Masken wollten, und daß sie es mit dem dritten abgekartet -hatten; ich konnte ihn gestern nacht so gut wie Euch verhaften -lassen, und wenn ich es <em class="gesperrt">nicht</em> tat, so verdankt er diese Schonung -nur Euch!«</p> - -<p>»Mir?« antwortete der junge Mann staunend. »Mir? -Und ist dies etwa auch Schonung, daß ich, ohne ein Verbrechen -begangen zu haben, diese Nacht in diesem Zimmer zubringen -durfte?«</p> - -<p>»Nein!« fuhr jener gütig lächelnd fort, »dies war nur zur -Abkühlung auf Euer Rendezvous veranstaltet.« Er weidete sich -einige Augenblicke an der Verlegenheit des Jünglings und fuhr -dann fort: »Das gute Kind, wie hat sie mich gefleht und auf den -Knieen gebeten, Euch zu retten! Sie glaubte nicht anders, als<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span> -Ihr seiet wegen irgend eines Kapitalverbrechens gefangen. Wie? -Und habt Ihr mir gar nichts zu sagen, Herr Lanbek?«</p> - -<p>»Ihr kanntet mich nicht,« erwiderte Gustav, »und es ist -mir nun wohl begreiflich, warum Ihr so hart mit mir verfuhret; -aber Leas Charakter hätte Euch wohl dafür bürgen können, -daß nichts Strafbares in diesem Verhältnis liege.«</p> - -<p>»Wirklich? <em class="antiqua">Mort de ma vie!</em>« rief der Minister. »Nichts -Strafbares? Meinen Sie, wenn ich etwas Strafbares in -diesem Verhältnis ahnete, Sie hätten es mit einer Nacht auf -der Wache abgebüßt? Bei den Gebeinen meiner Väter! Wenn -ich – auf Neuffen oder Asperg gibt es Keller und Kasematten, -wo kein Mond und keine Sonne scheint, da hätte ich den Herrn -Sarazenen sitzen lassen, bis er sein Schwabenalter erreicht -hätte. Oder meint Ihr etwa in Eurem christlichen Hochmut, -einem Israeliten gelte die Ehre seiner Familie nicht ebenso hoch -als einem Nazarener?«</p> - -<p>Der junge Mann erschrak vor dieser Drohung, denn er -bedachte, daß es dem Allgewaltigen ein leichtes gewesen wäre, -ihn spurlos von der Erde verschwinden zu lassen, aber sein -mutiger Sinn lehnte sich auf gegen den Uebermut dieses Mannes, -der seine Privatsache zu einer öffentlichen machte, und zur -Wahrung seines Hausrechtes mit den Festungen des Landes -drohte. »Exzellenz,« sagte er mit Blicken, vor welchen der -Minister die Augen niederschlug, »wie Sie über Ihre eigene -Ehre denken, weiß ich nicht, doch scheint es mir nicht sehr ehrenvoll -zu sein, solche Drohungen auszustoßen. Mein Vater ist -zwar nur ein geringer Mann im Vergleich mit einem so gewaltigen -und hohen Herrn; aber der Landschaftskonsulent -Lanbek weiß, wo man in Deutschland Gerechtigkeit findet. -Wien ist nicht so fern von Stuttgart, und Euern Gnadenbrief -von gestern hat der Kaiser nicht unterzeichnet; was aber die -Ehre Eurer Schwester betrifft, so kann ich Euch versichern, daß -sie mir nicht minder teuer ist als meine eigene.«</p> - -<p>»Ihr habt hübsche Anlagen zu einem Landschaftskonsulenten,« -sagte der Jude ruhig lächelnd; »übrigens im Vertrauen -gesagt, auf den Kaiser müßt Ihr nicht zu sehr pochen; wegen -eines württembergischen Schreibers fängt man in Wien mit uns -keine Händel an. Aber Ihr gefallt mir, mein Schatz; ich habe -Eure Arbeiten loben hören, und Köpfe wie der Eure kann man -zu etwas Besserem brauchen, als Akten zu heften und Fascikel -zu binden; Ihr seid Expeditionsrat mit sechshundert Gulden<span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span> -Besoldung, und es freut mich, daß ich der erste bin, der Euch -hierzu gratuliert.«</p> - -<p>Der junge Mann sprang von seiner Bank auf und wollte -reden, aber Ueberraschung und Schrecken schlossen ihm den Mund. -Hundert Gedanken kreuzten sich in seinem Kopf. Es war nicht -die Freude, vier Stufen, durch welche man sich sonst lange und -mühevoll schleppte, nun in einem Augenblicke übersprungen zu -haben, was seine Seele füllte; es war der schreckliche Gedanke, -vor der Welt für einen Günstling dieses Mannes zu gelten, -vor seinem Vater, vor allen guten Männern gebrandmarkt -dazustehen.</p> - -<p>»Exzellenz!« sprach er befangen. »Ich darf, ich kann diese -Gnade nicht annehmen! Bedenken Sie, was wird man sagen, -so viele ältere, verdiente Männer –«</p> - -<p>»Was da! Ich habe Euch Platz gemacht,« antwortete der -Jude in befehlendem Ton, »ich habe Euch zum Rat ernannt und -Ihr seid es. Keinen Dank, keine übergroße Delikatesse, ich -liebe das nicht. Nun,« fuhr er gütig, beinahe zärtlich fort, -»und wie steht Ihr mit meiner Lea? Ihr habt mir ja das -stille blöde Kind ganz verzaubert. Fürchtet Euch nicht vor mir, -junger Herr, ich bin nicht der Mann, der gerade so sehr auf -Reichtum sieht; Eure Familie gehört unter die ältesten und -angesehensten Bürgerfamilien, und das gilt mir in diesem Fall -so viel oder mehr als Reichtum. Euer Vater wird Euch zwar -nicht viel mitgeben, aber mit mir sollt Ihr zufrieden sein; fürstlich -will ich meine Lea ausstatten.«</p> - -<p>Die Felsenkeller von Neuffen und die tiefen Kasematten -von Asperg wären in diesem Augenblick dem jungen Manne -willkommener gewesen als diese Versicherung; er dachte an -seinen stolzen Vater, an seine angesehene Familie, und so groß -war die Furcht vor Schande, so tief eingewurzelt damals noch -die Vorurteile gegen jene unglücklichen Kinder Abrahams, daß -sie sogar seine zärtlichen Gefühle für die schöne Tochter Israels -in diesem schrecklichen Augenblick übermannten. »Herr Minister!« -sprach er zögernd, »Lea kann keinen wärmeren Freund als -mich haben; aber ich fürchte, daß Sie dieses Gefühl falsch -deuten, mit einem andern verwechseln, das – ich möchte nicht, -daß Sie mich falsch verstehen, und Lea wird Ihnen nie gesagt -haben, daß ich jemals davon gesprochen hätte –«</p> - -<p>Der stolze Mann errötete, warf seine Lippen auf, drückte -die Augen beinahe zu, und an seiner Stirne begann eine Ader<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span> -hoch anzuschwellen. »Was ist das?« sagte er streng. »Wie soll -ich diese Redensart deuten?«</p> - -<p>»Herr Minister,« erwiderte Gustav gefaßter, »bedenken Sie -doch den Unterschied der Religion.«</p> - -<p>»Habt Ihr diesen bedacht, Herr! als Ihr meiner Schwester -diese Liebeleien in den Kopf setztet? Aber ich kann Euch darüber -trösten, Lea wird Euch in dieser Hinsicht kein Hindernis -geben. Ihr schweigt?« fuhr er heftiger fort, »soll ich mit -Eurem Vater darüber reden, junger Mensch? War etwa meine -Schwester gut genug dazu, Eure müßigen Stunden auszufüllen, -zur Gattin aber wollt Ihr sie nicht? Wehe Euch, wenn Ihr -so dächtet! Dich und deinen ganzen Stamm würde ich verderben! -Euer Vater ist gestern eines schweren Verbrechens -schuldig worden, es steht in meiner Hand, ihn zur Verantwortung -zu ziehen; in Eure Hand lege ich nun das Schicksal Eures -Vaters; entweder – Ihr macht Eure Unvorsichtigkeit gegen -mein Haus gut und heiratet meine Schwester, oder ich erkläre -Euch öffentlich für einen Schurken und lasse den Herrn Konsulenten -in Ketten legen. Vier Wochen gebe ich Euch Bedenkzeit; -mein Haus steht Euch offen, Ihr könnt Eure Braut besuchen, -so oft Ihr wollt; vier Wochen, versteht Ihr mich? Jetzt seid -Ihr frei, und morgen, Herr Expeditionsrat, werdet Ihr Euer -Amt antreten.«</p> - -<p>Nach diesen Worten verbeugte er sich kurz und verließ -stolzen Schrittes das Zimmer; dem Kapitän, den er im Vorzimmer -traf, befahl er, Kleider für den Herrn Expeditionsrat -herbeischaffen zu lassen und ihm seine Freiheit anzukündigen.</p> - -<p>Staunend über diesen ganzen Vorfall, besonders über die -letzten Worte des Ministers, trat Reelzingen in sein Zimmer. -Er fand den Freund bleich und verstört, die Arme über die Brust -gekreuzt, das Haupt kraftlos auf die Brust herabgesunken. »Nun, -sag mir ums Himmels willen,« fing der Kapitän an, indem er -vor Gustav stehen blieb, »was wollte er bei dir? warum ließ -er dich verhaften? Was hat sein Besuch zu bedeuten?«</p> - -<p>»Er kam, um mir zu gratulieren,« antwortete er mit sonderbarem -Lächeln.</p> - -<p>»Zu gratulieren? Wozu? Daß du eine Nacht auf der -Wache zubrachtest?«</p> - -<p>»Nein, weil ich in dieser Nacht Expeditionsrat geworden -bin.«</p> - -<p>»Du?« rief der Kapitän lachend. »Gottlob, daß du so -heiter bist und scherzen kannst; als ich hereintrat und dich sah,<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span> -glaubte ich dich nicht so spaßhaft zu finden; aber im Ernst, -Freund, was wollte der Jude?«</p> - -<p>»Ich sagte es ja, und es ist Ernst; zum Rat hat er mich -gemacht. Ist das nicht ein schönes Avancement?«</p> - -<p>Der Kapitän sah ihn mit zweifelhaften Blicken lange an; -endlich sagte er gerührt: »Nein, du kannst nicht auch zum Schurken -werden, Gustav; Gott weiß, wie dies zusammenhängen mag! -Aber siehe, wenn ich dich nicht so lange und so genau kennte – -glaube mir, die Welt wird dich hart beurteilen; doch nein, du -lächelst, gestehe, es ist alles Scherz. Expeditionsrat! Ebensogut -könntest du seine Schwester heiraten.«</p> - -<p>»Ei, das wird ja auch geschehen,« sagte Lanbek düster -lächelnd; »in vier Wochen, meint mein Schwager, soll die -Hochzeit sein.«</p> - -<p>»Tod und Hölle!« fuhr der Kapitän auf, »mach mich nicht -rasend mit diesen Antworten. Wahrhaftig, mit solchen Dingen -ist nicht zu spaßen.«</p> - -<p>»Wer sagt dir denn, daß ich spaße?« erwiderte Lanbek, indem -er langsam aufstand. »Es ist alles so, wie ich sagte, auf -Ehre!«</p> - -<p>Dem Kapitän schwamm eine Träne im Auge, als er den -Freund, den er geliebt hatte, also sprechen hörte; doch nur einen -Augenblick gab er diesen weichern Empfindungen nach, dann trat -er heftig auf den Boden, setzte seinen Hut auf und rief: »So -sei der Tag verflucht, an welchem ich dich zum erstenmal sah -und Bruder nannte. Geh, hilf deinem Juden, dem armen -Land das Fell vollends vom Leibe ziehen, schinde dir auch ein -Stück herunter und mach dich reich. O Lanbek, Lanbek! Aber -mein Portepee, ja ein Jahr meines Lebens wollte ich verhandeln, -um einem meiner Kameraden die Wache abzukaufen; ich -selbst will die Exekution kommandieren, wenn man dich und -den Juden zum Galgen führt.«</p> - -<p>»So hoch werde ich mich wohl nicht poussieren,« erwiderte -Gustav ruhig und ernst; »aber meiner Leiche kannst du folgen, -wenn sie mich morgen um Mitternacht neben der Kirchhofsmauer -einscharren.«</p> - -<p>Der Kapitän sah ihn erschrocken an; er mochte tiefen Ernst -auf der Stirne des jungen Mannes lesen, denn er wiederholte -diesen Blick und begegnete Gustavs Auge. »Willst du mich fünf -Minuten lang anhören, Reelzingen?« fragte er. »Du wirst -dann über die Uneigennützigkeit dieses Ministers staunen. Sonst -war doch der Preis einer Amtei zweitausend und ein Expeditionsrat<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span> -galt seine dreitausend Gulden unter Brüdern; aber -ich Glückskind bekomme ihn umsonst, rein <em class="antiqua">pour rien</em>! Denn -das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Familie, der heitere -Frieden meines Vaters – daß diese bei dem Handel verloren -gehen, ist ja gering zu achten. Doch höre.«</p> - -<p>Staunend vernahm der Kapitän diese Worte; aufmerksam -setzte er sich neben Gustav nieder. Je höher der Glaube an -seinen Freund während seiner Erzählung stieg, desto ängstlicher -wurde er für ihn und seine Familie besorgt. Er schloß -ihn in seine Arme, er versuchte es, ihm Trost einzusprechen, -obgleich er selbst an diese Trostgründe nicht glaubte. »Der Jude -ist ein feiner Spieler,« sagte er, »deine besten Tarocks hat er -dir abgejagt und das Spiel scheint in seiner Hand zu liegen; -aber – er könnte sich verrechnet haben, wir wollen sehen, wie -er beschlagen ist, wenn wir – Spadi anspielen.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>7.</h4> -</div> - -<p>Wir führen unsere Leser aus dem Offizierszimmer der -Hauptwache in Stuttgart nach dem Hause des Landschaftskonsulenten -Lanbek. In einem weiten, geräumigen Zimmer, dessen -Hausrat nicht überladen und prächtig, aber solid und stattlich ist, -finden wir einen ältlichen Mann von mehr als mittlerer Größe. -Sein Gesicht und seine Gestalt beweisen, daß er, als er in den -Fünfzigen stand, wohlbeleibt gewesen sein mochte, jetzt, zehn -Jahre später, hatten sich Falten um Mund und Stirne gelegt, -und der weite Schlafrock von feinem grünen Tuch, mit Pelz -verbrämt, war für eine reichliche Fülle gefertigt und schlug jetzt -weite Falten um den Leib; aber die rötlichen Wangen, die -klaren grauen Augen, der feste Schritt, womit er im Zimmer -auf und ab ging, ließen, noch ehe man seine volle, sonore -Stimme vernahm, ahnen, daß der alte Konsulent an Geist und -Körper noch frisch und rüstig sei.</p> - -<p>In der Vertiefung des breiten Fensters saßen zwei schöne -Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren, die dem Alten, so -oft er ihnen den Rücken wandte, besorglich und ängstlich nachschauten, -wohl auch untereinander flüsterten, so lange sie von ihm -nicht gesehen wurden. Die eine war bemüht, des Vaters ungeheure -Allongeperücke in Ordnung zu bringen, und trotz dem -Kummer, der aus ihren Blicken sprach, schien sie doch Freude -an dem schönen Kontrast zu finden, welchen die schwarzen -Locken dieses Haargebäudes mit ihren zarten, weißen Händchen<span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span> -bildeten. Die dunkelblauen Augen der andern jungen Dame -schienen mehr mit der Straße als mit der feinen Arbeit, an -welcher sie nähte, beschäftigt, doch waren ihre Züge zu ernst, als -daß man es müßiger Neugier hätte zuschreiben dürfen.</p> - -<p>Sie hatten mehrere Minuten lang geschwiegen, denn die -Mädchen waren viel zu streng erzogen, als daß sie den Vater, -der seinen Gedanken nachhing, mit Fragen belästigt hätten; -plötzlich sprang die junge Nähterin auf, ließ ihre schöne Arbeit -zu Boden fallen, beugte den schlanken Hals näher ans Fenster -und sah gespannt nach der Straße. Der Vater sah diese Bewegungen, -hielt seine Schritte an, blickte aufmerksam nach -seiner Tochter und fragte nur mit Blicken; Käthchen, die -jüngere Schwester, vollendete schnell noch eine Stirnlocke der -Perücke, setzte dann das Prachtwerk behutsam auf eine Kommode -und kam eben noch zeitig an, um mit Hedwig zu rufen: -»Er ist's, er hat heraufgesehen, Vater; er geht sehr schnell; sieh -doch, was er für einen sonderbaren Rock anhat!«</p> - -<p>»Das ist Blankenbergs Jagdkleid;« sagte Hedwig leise zu -ihrer Schwester.</p> - -<p>»Geh doch, was weißt du von Blankenbergs Garderobe?« -erwiderte die jüngere, bedeutungsvoll lächelnd.</p> - -<p>»Er hat Gustav schon oft in diesem Kleid besucht,« antwortete -sie, indem eine dunkle Röte über ihre Wangen flog.</p> - -<p>Die Ankunft Gustavs verhinderte seine jüngere Schwester, -Hedwig nach ihrer Gewohnheit noch länger zu quälen. Der -Vater sah noch ernster aus als vorhin, er hatte sich in seinen -Lehnstuhl gesetzt und die strengen Augen auf die Türe geheftet; -bang und ängstlich pochte den Schwestern das Herz, als jetzt die -Türe aufging und ihr Bruder hereintrat. – Nach dem ersten -»Guten Morgen« trat für alle drei Parteien eine peinliche -Pause ein; endlich trat der Sohn bescheiden zum Vater. »Sie -haben mich wohl diesen Morgen vermißt, Vater?« fragte er. -»Es ist allerdings ein seltener Fall in unserm Hause, und Sie -wurden vielleicht besorgt um mich.«</p> - -<p>»Das nicht,« antwortete der Alte sehr ernst; »du bist alt -genug, um nicht verloren zu gehen; aber zweierlei ist mir aufgefallen, -nämlich, daß man dich nur eine Stunde auf dem Karneval -sah, und daß du diese Nacht und ihre Lustbarkeiten so -unregelmäßig lang bis morgens neun Uhr ausdehnst; du solltest -schon seit einer halben Stunde in deiner Kanzlei sein.«</p> - -<p>»Ich bin heute dort entschuldigt,« sagte Gustav lächelnd; -»ich habe auch seit heute früh ein Uhr so schrecklich geschwärmt<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span> -und so unordentlich gelebt, daß es kein Wunder ist, wenn man -so spät zu Hause kommt; ratet einmal ihr Mädchen, wo ich gewesen -bin!«</p> - -<p>Die Schwestern sahen ihn unwillig an, denn sie befürchteten -mit Recht, dieser leichtfertige Ton möchte dem alten Herrn mißfallen. -»Wie können wir dies wissen?« erwiderte Hedwig. »Ich -habe nie danach gefragt, wo du dich mit deinen Kameraden umtreibst; -doch heute, Bruder, bist du mir ein Rätsel.«</p> - -<p>»Und in einem Lustschloß bin ich gewesen,« fuhr der junge -Mann fort, »wo weder ihr beide noch Papa jemals waren; ihr -erratet es doch nie – auf der Wache.«</p> - -<p>»Auf der Wache!« riefen die Schwestern entsetzt.</p> - -<p>»Das ist mir sehr unangenehm, Gustav,« setzte der Landschaftskonsulent -hinzu; »meines Wissens bist du der erste Lanbek, -den man auf die Wache setzte.«</p> - -<p>»Mir ist es doppelt unangenehm,« antwortete sein Sohn, -indem er den Vater fest anblickte, »weil es im Grunde eine -Namensverwechslung zu sein scheint; denn meines Wissens bin -nicht <em class="gesperrt">ich</em> jener Lanbek, der die Szene an dem Tisch des Juden -aufführte.«</p> - -<p>Der Alte sah ihn bleich und betroffen an. »Gehet ins -Nebenzimmer, Mädchen!« rief er, und als sich die Schwestern -staunend, aber schnell und gehorsam zurückgezogen hatten, faßte -er die Hand seines Sohnes, zog ihn auf einen Stuhl neben sich -nieder und fragte hastig, aber mit leiser Stimme: »Was ist -das? Woher weißt du? Wer sagt dir davon?«</p> - -<p>»Er selbst,« antwortete der Sohn.</p> - -<p>»Der Jude?« fragte der Alte. »Wie ist dies möglich?«</p> - -<p>»Er war bei mir auf der Wache; ich sehe, wie Sie staunen, -Vater, aber bereiten Sie sich auf noch wunderlichere Dinge vor.« -Der junge Mann hielt es für das beste, seinem Vater soviel -als möglich zu entdecken; er erzählte ihm also, wie aufgebracht -der Minister auf den Konsulenten und seine Partei sei, wie -der Sohn ihm widersprochen, wie der Minister, statt in heftigeren -Zorn zu geraten, ihn plötzlich zum Expeditionsrat ernannt habe. -Nur Leas erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän hatte ihm -dies geraten, und er beschloß, davon zu schweigen, bis er seine -Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen -Verhältnisses unvermeidlich wäre.</p> - -<p>»Ich sehe, was ich sehe,« sprach der Konsulent nach einigem -Nachdenken. »Meinst du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte, -er würde mich geschont und dich dafür ergriffen haben, um mich<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span> -gleichsam durch seine Gnade zu beschämen? Er hat mich gefürchtet, -und er hat alle Ursache dazu. Ich bin ihm zu populär, -und auch du wirst ihm nach und nach zu bekannt mit den hiesigen -Bürgern, weil du jetzt statt meiner die Armenprozesse führst. -Der Expeditionsrat ist – <em class="gesperrt">eine Falle</em>, die er uns beiden -legen wollte, der kluge Fuchs.«</p> - -<p>»Wie verstehen Sie dies, Papa?« fragte Gustav, dem es -leichter ums Herz wurde, seit er ahnte, wie sein Vater die -Sache aufnehme.</p> - -<p>»Sieh, Freund,« sprach der Alte zutraulicher, als er je -getan, »du wirst das Opfer dieser Kabale; aber so wahr ich dein -Vater bin, du sollst es nicht lange sein. Dieser Jude denkt aber -also: Verwehre ich dir, diese Stelle anzunehmen, weil du dadurch -in übeln Geruch kommen könntest, so macht er es zu seiner -Ehrensache, beklagt sich beim Herrn und ergreift die einzige Gelegenheit, -die sich bot, mich zu zwingen, auch <em class="gesperrt">mein</em> Amt aufzugeben. -Er kennt mich, er weiß, daß er so wenig als der Herzog -mich absetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek ist, nämlich -– sein Feind. Nehmen wir die Stelle an, kalkulierte er -weiter, so werden wir verdächtig bei allen, die das Bessere -wollen. Der Vater, Konsulent der Landschaft, würde man denken, -der Sohn – Expeditionsrat; gekauft hat ihm der Alte die -Stelle nicht und der Süß gibt bekanntlich nichts ohne großen -Gewinn an Geld oder geheimem Einfluß, folglich – sind wir -übergetreten zu dem Gewaltigen. So, glaubt er, werden die -Leute urteilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt -mich nicht ganz; noch weiß ich, gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen -der Besseren zu erhalten, und du – wirst und bleibst -Expeditionsrat; ändern sich die Verhältnisse, so wirst du wieder -Aktuarius und die Menschen erkennen dann deine Unschuld.«</p> - -<p>»Aber Vater!« sagte der junge Mann zaudernd. »<em class="gesperrt">Ihr</em> -Ruf ist felsenfest, aber der <em class="gesperrt">meinige</em>? Wie lange wird es -noch anstehen, bis die Verhältnisse sich ändern!«</p> - -<p>»Sohn!« erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. »Du -siehst, wie dieses schöne Land bis in sein innerstes Mark zerrüttet -ist; meinst du, es könne immer so fortgehen? – Glaube mir, -ehe der Frühling ins Land kommt, <em class="gesperrt">muß</em> es anders werden; -schlechter kann es nimmer werden, aber besser. Darum glaube -mir und vertraue auf Gott!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>8.</h4> -</div> - -<p>Während der alte Lanbek noch so sprach und seinem Sohn -Mut einzureden suchte, wurde die Hausglocke heftig angezogen, -und bald darauf trat ein Offizier in das Zimmer, dem der Konsulent -freundlich entgegeneilte. Wenn man das dunkelrote Gesicht, -die freien, mutigen Züge und das kleine, aber scharfblickende -Auge des Mannes sah, so konnte man die Sage von -kühner Entschlossenheit und beinahe fabelhafter Tapferkeit, -die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen -Eugenius bewiesen haben sollte, glaublich finden.</p> - -<p>»Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,« sprach der -Alte, »der Oberst von Röder, den du wenigstens dem Namen -nach kennen wirst.«</p> - -<p>»Wie sollte ich nicht?« erwiderte Gustav, indem er sich verbeugte; -»wenn unsere Truppen von Malplaquet und Peterwardein -erzählen, so hört man diesen Namen immer unter die ersten -und glänzendsten zählen.«</p> - -<p>»Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur seine Schuldigkeit -getan,« antwortete der Oberst. »Aber Konsulent, was -sagt Ihr dazu, daß der Jude jetzt auch uns ins Handwerk greift? -Ich komme zu Euch eigentlich nur, um zu fragen: soll ich, oder -soll ich nicht?«</p> - -<p>»Wie soll ich das verstehen?« fragte der Konsulent staunend; -»Röder, nur jetzt keinen übereilten Streich!«</p> - -<p>»Das ist es eben!« rief jener auf den Boden stampfend, -»meine Ehre und die Ehre des ganzen Korps ist gekränkt! einen -meiner talentvollsten Offiziere sollte ich nach Fug und Recht -kassieren lassen um dieses Hundes willen, und tu' ich's, so bin ich -morgen selbst außer Dienst.«</p> - -<p>»Aber so sprecht doch, Oberst!« sagte der Alte, indem er -seinem Sohn winkte, Stühle zu setzen, »setzt Euch, Ihr seid noch -in der ersten Hitze.«</p> - -<p>»Mein Regiment hat gestern und heute den Dienst,« fuhr -jener eifrig fort; »da bringt man nun gestern nacht von der -Redoute weg einen Menschen auf unsere Wache, mit dem ausdrücklichen -Befehl vom Juden, ihn wohl zu bewachen, aber -keinen weitern Rapport abzustatten; heute früh zieht der Kapitän -Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im Offizierszimmer, -von welchem nichts im Rapport steht, und denkt Euch – -nach einer halben Stunde kommt der Minister selbst, schickt den<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span> -Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unserer Wache den Gefangenen -insgeheim, entläßt ihn dann und <em class="gesperrt">befiehlt</em> dem -Kapitän noch einmal, keinen Rapport abzustatten und – nimmt -ihm das Ehrenwort ab – er einem Offizier auf der Wache – -nimmt ihm das Wort ab, den Namen des Gefangenen nicht zu -nennen; dahin also ist es gekommen, daß jeder Schreiber oder -gar ein hergelaufener Jude uns kommandiert? Nach Kriegsrecht -muß ich den Kapitän kassieren lassen; meine Ehre fordert, -daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienst, und ich muß -mich rühren, sollte es mich auch meine Stelle kosten.«</p> - -<p>Die beiden Lanbek hatten sich während der heftigen Rede -des Obersten bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. »Der Jude -ist listiger, als wir dachten,« sagte, als jener geendet hatte, der -Vater; »also auch auf den Oberst war es abgesehen, auch für ihn -war die Falle aufgestellt! Wer meint Ihr wohl, daß der Gefangene -war? Da, seht ihn, mein leiblicher Sohn saß heute -nacht auf Eurer Wache!«</p> - -<p>Der Oberst fuhr staunend zurück, und so groß war der -Unmut über den Eingriff in seine militärischen Rechte, daß er -sich nicht enthalten konnte, einen unwilligen, finstern Blick auf -den jungen Mann zu werfen. Als aber der alte Lanbek fortfuhr -und ihm erzählte, wie er selbst eigentlich die Ursache dieses -Vorfalls gewesen, und wie alles andere so sonderbar gekommen -sei, als er ihm den arglistigen Plan des Ministers näher -auseinandersetzte, da sprang Herr von Röder von seinem Stuhl -auf. »Wohlan, Alter!« sagte er mit bewegter Stimme zu dem -Konsulenten, »daß er <em class="gesperrt">mich</em> verfolgt und haßt, hat am Ende -nichts zu bedeuten, und daran ist nur der General Römchingen -schuld, der mich nie leiden konnte; aber über <em class="gesperrt">dir</em> soll er den -Hals brechen, oder ich will nicht selig werden! Herr Aktuarius! -Die Stelle müßt Ihr annehmen, das ist jetzt keine Frage mehr! -Denn Euer Vater darf jetzt nicht von seinem Amt kommen, -oder Verfassung und Religion stehen auf dem Spiel. Aber -zum Herzog will ich gehen, will sprechen, und sollt' es mich -mein Leben kosten.«</p> - -<p>»Das werdet Ihr <em class="gesperrt">nicht</em> tun, Oberst!« sagte der Alte mit -Nachdruck und Ernst. »Leset diesen Brief, den man uns aus -Würzburg schickt, und sagt mir dann, ob Ihr noch waget, zum -Herzog zu gehen und zu sprechen.« Der Oberst nahm aus -seiner Hand ein Schreiben und fing an zu lesen; doch je weiter -er las, desto bestürzter wurden seine Züge, bis er staunend, aber<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span> -mit zornsprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme -sinken ließ.</p> - -<p>»Vater!« sprach der junge Mann, der betroffen bald den -Alten, bald den Obersten betrachtete, »Vater, Sie machen mich -hier zum Zeugen eines Auftrittes, bei welchem ich vielleicht -besser nicht zugegen gewesen wäre. Ich soll aber gezwungenerweise -eine Rolle übernehmen, die mir nicht zusagt. Ich bin -zum Expeditionsrat ernannt und weiß nicht warum; ich darf -die Stelle nicht ablehnen, obgleich sie mich vor der Welt zum -Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor -im Staat und in meines Vaters Hause, man verhehlt sie mir, -und ich weiß wieder nicht warum. Herr Oberst von Röder, Sie -überreden mich, eine Stelle nicht auszuschlagen, die meines -Vaters Namen beschimpft; von Ihnen glaube ich Gründe verlangen -zu können, warum ich es nicht tun soll?«</p> - -<p>»Gott weiß, er hat recht!« rief Röder, indem er den -jungen Mann nachdenkend betrachtete. »Ich weiß auch nicht, -Alter, warum Ihr ihm nicht längst den Schlüssel gegeben habt. -Wenn Ihr ihm übrigens die Augen nicht öffnen wollt, so will -ich ihm diesen Dienst tun, weil ich weiß, wie drückend es ist, ein -wichtiges Geheimnis halb zu erraten und halb zu ahnen.«</p> - -<p>»Es sei,« sagte der Vater, »setzet Euch wieder; wenn ich -dich, mein Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieser Art vertraut -gemacht habe, so geschah es nur aus Furcht, für einen allzu -stolzen Vater zu gelten, denn wir hatten uns das Wort gegeben, -nur erprobten und ausgezeichneten Männern uns anzuvertrauen. -Ich darf dir nicht erst sagen, was in den drei Jahren, -seit Alexander regiert, aus Württemberg geworden ist. Man -soll von einem Lanbek nicht sagen können, daß er gegen seinen -Herrn gemurrt hätte, er ist ein tapferer Mann und nach Prinz -Eugenius vielleicht der erste Feldherr unserer Zeit, aber das -Feldregiment taugt wohl im Lager und vor dem Feind, nicht so -in der Kanzlei. Er sieht die Regierung des <em class="gesperrt">Ländchens</em>, wie -er sagt, etwas zu heldenmäßig an, das heißt, er sieht darüber hinweg -und läßt andere dafür sorgen.«</p> - -<p>»Dieses Ländchen!« rief der Oberst bitter. »Dieses schöne -Württemberg! Es heißt wohl ein alter Spruch, daß, wenn man -auch sich alle Mühe gebe, dieses Land doch nicht könne zu Grunde -gerichtet werden; aber <em class="antiqua">nous verrons</em>! Wenn es so fortgeht, -wenn man es durch Verkauf der Aemter, durch Verhöhnung der -Besseren, durch Erhebung der niederträchtigsten Bursche geflissentlich<span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span> -verderbt, wenn man seine Kräfte bis aufs Mark -aussaugt –«</p> - -<p>»Kurz, mein Freund,« fuhr der Alte fort, »es kann nicht -so fortgehen. Nach und nach kann es nicht besser werden, denn -schon jetzt sitzen bei uns in der Landschaft fünf Schurken, die -nicht einmal der Gott-sei-bei-uns für sich repräsentieren ließe, -alle Aemter sind verkauft oder für Süßsche Kreaturen käuflich, -also kann es nur schlechter werden. Aber es sind zwei Parteien, -die da sagen: ›Es muß anders werden.‹ Die eine Partei ist -Süß, der schnöde Jude, der General Römchingen, der feinste -von diesen Burschen, Hallwachs, dein neuer Kollege, Metz und -noch einige von der Landschaft. Wir wissen, was sie wollen, und -es ist nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag völlig -aufzuheben.«</p> - -<p>»Und, Gott sei's geklagt,« sagte Herr von Röder, »den -Herzog haben Sie von seiner edelmütigen Seite gepackt, er ist -mit allem zufrieden. Das Land sei aufgebracht über die -Stände, sagen sie ihm, man murre über die Landschaft, und nun -hat er sich entschlossen, das Institut wie ein Korps Invaliden -aufzulösen, dem Lande die jährlichen Kosten der Stände edelmütig -zu schenken und allein zu regieren.«</p> - -<p>»Wie? Verstehe ich recht?« rief der junge Lanbek. »Also -unsern letzten Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die -unrichtige Ansicht eines Herrn will man uns rauben? Auf die -Verfassung ist es abgesehen? Doch das ist nicht möglich, Alexander -hat sie ja beschworen, und mit welchen Mitteln will er -dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberst, der württembergische -Soldat werde seine eigenen Rechte unterdrücken?«</p> - -<p>»Hier sind die Hunde,« erwiderte der Oberst, indem er auf -den Brief zeigte, »die man bei diesem Treibjagen hetzen will.«</p> - -<p>»Nur ruhig,« sprach der Landschaftskonsulent, »höre mich -ganz. Der Herzog ist aufs abscheulichste getäuscht; er glaubt -fest, daß es ihn nur ein Wort koste, so werden die Stände nicht -mehr sein, und alle Herzen werden ihm zufliegen. So haben es -der Jude und Römchingen ihm vorgeschwatzt; aber sie kennen -uns besser und wissen, daß Gewalt zu einem solchen Schritt -gehört. Hier ist ein Brief an den Erzbischof von Würzburg, -den der General Römchingen geschrieben: man wolle zum -Besten des Landes einige Aenderungen vornehmen, man könne -sich aber auf die Truppen im Lande nicht verlassen, daher solle -der Bischof bewirken, daß die Truppen des fränkischen Kreises -an einem bestimmten Tag an unserer Grenze seien. Auch an<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span> -einige Reichsstände in Oberschwaben hat er ähnliche Schreiben -erlassen.«</p> - -<p>»Und im Namen des Herzogs?« fragte der junge Mann.</p> - -<p>»Nein, sie lassen ihn nur so durchblicken, aber eine andere -Lockspeise haben sie dem Bischof hingeworfen; man sagt nicht -umsonst, daß unser alter Reformator Brenz seit einigen Nächten -aus seinem Grab aufstehe und die Kanzel besteige – katholisch -wollen sie uns machen. Du staunst? Du willst nicht glauben? -Auch ich glaube, daß sie es nicht aus Religiosität tun -wollen, sondern entweder soll es den Bischof und die Oberschwaben -enger für die Sache verbinden, oder sie meinen, dem -Herzog gefällig zu sein, wenn sie in vierundzwanzig Stunden -den Glauben reformieren, wie sie das alte Recht reformieren -wollen.«</p> - -<p>»Es kann, es darf nicht sein!« rief der junge Mann. »Die -Grundpfeiler unseres Glückes und unserer Zufriedenheit mit -<em class="gesperrt">einem</em> Schlag umstürzen? Es ist nicht möglich, der Herzog -kann es nicht dulden.«</p> - -<p>»Er weiß und denkt nicht, daß sie dies alles vorhaben,« -sagte der Oberst; »sein Ruhm ist ihm zu teuer, als daß er ihn -auf diese Weise beflecken möchte; aber wenn es geschehen ist, ohne -daß die Schuld auf ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte -nicht wiederherstellen. Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn, -habe der Jude dem Herzog das Edikt von gestern abgeschwatzt, -worin er für Vergangenheit und Zukunft von aller Verantwortlichkeit -freigesprochen wird? Das soll ihn schützen in dem -kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und -ergebenen Herren Räte erbost würde, die ihm die unumschränkte -Macht zu Füßen legen und in der Stiftskirche einen Krummstab -aufpflanzen.«</p> - -<p>»Und gegen diese wollt ihr kämpfen?« fragte Gustav besorgt -und zweifelhaft.</p> - -<p>»Kämpfen oder zusammen untergehen,« sprach der Alte. -»Wer mit uns verbunden ist, mußt du jetzt nicht wissen; es genüge -dir zu erfahren, daß es die Trefflichsten des Adels und -die Wackersten der Bürger sind. Wir wollten den Kaiser um -Schutz anflehen, aber die Umstände sind ungünstig, die Zeit ist -zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu gelangen, und überdies -hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett seit den -letzten Kriegen; man würde uns abweisen. Uns bleibt nichts -übrig als –«</p> - -<p>»Wir müssen,« rief der Oberst mutig und entschlossen, »das<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span> -Prävenire müssen wir spielen; St. Joseph, den neunzehnten -März, haben sie sich zum Ziel gesteckt; aber einige Tage zuvor -müssen wir die Feinde des Landes gefangen nehmen, die treuen -Truppen nach Stuttgart ziehen, das Landvolk zu unserer Hilfe -aufrufen, und wenn es gelungen ist, dem Herzog von neuem -huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren Abgrund er -und wir gestanden. Und dann – er ist ein tapferer Soldat -und ein Mann von Ehre, dann wird er erröten vor der Schande, -zu welcher ihn jene Elenden verführen wollten.«</p> - -<p>»Aber der Herzog,« fragte der junge Mann, »wo soll er -sein und bleiben, während ihr diese furchtbare Gegenmine auffliegen -lasset?«</p> - -<p>»Das ist es ja gerade, was uns zur Eile zwingt,« erwiderte -der Oberst; »sie haben ihn überredet, im nächsten -Monate die Festungen Kehl und Philippsburg zu bereisen, und -hinter seinem Rücken wollen sie reformieren. Den elften will -er abreisen; schon sind die Adjutanten ernannt, die ihn begleiten -sollen, und, wenn ich es sagen darf, mit solchem Gepränge -und so viel und laut wird von dieser Reise gesprochen, -daß ich fürchte, die ganze Fahrt ist nur Maske und der Herzog -wird nicht über die Grenze gehen.«</p> - -<p>»Du kennst jetzt unsere Pläne,« sprach der alte Herr zu -seinem Sohn, »sei klug und vorsichtig. <em class="gesperrt">Ein</em> Wort zuviel kann -<em class="gesperrt">alles</em> verraten. Darum, wie es unter uns gebräuchlich ist, -lege deine Hand in die deines Vaters und dieses tapfern Mannes -und schwöre uns, zu schweigen.«</p> - -<p>»Ich schwöre,« sagte Lanbek mit fester Stimme, aber bleich -und mit starren Augen; und sein Vater und der Oberst zogen -ihn an ihre Brust und begrüßten ihn als einen der Ihrigen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>9.</h4> -</div> - -<p>Ein drückender, trüber Nebel lag über Stuttgart und gab -den Bergen umher und der Stadt ein trauriges, ödes Ansehen; -gerade so lag auch ein trüber, ängstlicher Ernst auf den Gesichtern, -die man auf den Straßen sah, und es war, als hätte ein -Unglück, das man nicht vergessen konnte, oder ein neuer Schlag, -den man fürchtet, alle Herzen wie die sonst so lieblichen Berge -umflort und in Trauer gehüllt. Am Abend eines solchen Tages -schlich der junge Lanbek durch die feuchten Gänge des Gartens. -Sein Gesicht war bleich, sein Auge trübe, sein Mund heftig zusammengepreßt, -seine hohe Gestalt trug er nicht mehr so leicht -und aufgerichtet wie zuvor, und es schien, als sei er in den<span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span> -letzten acht Tagen um ebenso viele Jahre älter geworden. Was -er vorausgesehen hatte, war eingetroffen; niemand, der die -Lanbeks auch nur dem Rufe nach kannte, konnte die schnelle Erhebung -des jungen Mannes begreifen oder rechtfertigen. Die -Günstlinge und Kreaturen des mächtigen Juden traten ihm -mit jener lästigen Traulichkeit, mit jener rohen Freude entgegen, -wie etwa Diebe und falsche Spieler einem neuen Genossen -ihrer Schlechtigkeit beweisen, und des jungen Lanbeks Gefühl -bei solchen neuen, werten Bekanntschaften läßt sich am besten -mit den unangenehmen und wehmütigen Empfindungen eines -Mannes vergleichen, den das Unglück in <em class="gesperrt">einen</em> Kerker mit -dem Auswurf der Menschen warf, und der sich von Räubern -und gemeinen Weibern als ihresgleichen begrüßen lassen muß.</p> - -<p>Die gnädigen Blicke, die ihm der Minister hin und wieder -öffentlich, beinahe zum Hohn, zuwarf, bezeichneten ihn als einen -neuen Günstling. Jetzt erst sah er, wie viele gute Menschen -ihm sonst wohlgewollt hatten; denn so manches bekannte Gesicht, -das sonst dem Sohne des alten Lanbek einen »guten Tag« zugelächelt -hatte, erschien jetzt finster, und selbst wackere Bürgersleute -und jene biederen, ehrlichen Weingärtner, die sich bei ihm -und dem Alten so oft Rats erholt hatten, wandten jetzt die -Augen ab und gingen vorüber, ohne den Hut zu rücken.</p> - -<p>Der Gedanke an Lea erhöhte noch sein Unglück. Er wußte -genau, wie unglücklich sein alter Vater, er selbst und die Seinigen -werden könnten, wenn der verzweifelte Schlag, den sie -führen wollten, mißlang; und doch, so groß der Frevel war, den -jener fürchterliche Mann auf sich geladen hatte, dennoch graute -ihm, wenn er sich die Folgen überlegte, die sein Sturz nach sich -ziehen würde. Was sollte aus der armen Lea werden, wenn -der Bruder vielleicht monatelang gefangen saß? Konnte der -Herzog, ein so strenger Herr, Vergehungen und Pläne, wie die -des Juden, vergeben, selbst wenn er ihm durch jenes Edikt -Straflosigkeit zugesichert hatte?</p> - -<p>Und dann durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an jene -schreckliche Drohung, die Süß gegen ihn ausgestoßen, als er das -Verhältnis des jungen Mannes zu seiner Schwester berührte. -Alle Angst vor seinem alten Vater, vor der Schande, die eine -solche Verbindung, wenn sie auch nur besprochen würde, brächte, -kam über ihn. Es gab Augenblicke, wo er seine Torheit, mit -der schönen Jüdin auch nur ein Wort gewechselt zu haben, verwünschte, -wo er entschlossen war, den Garten zu verlassen, sie -nie wieder zu sehen, seinem Vater alles zu sagen, ehe es zu<span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span> -spät wäre; aber wenn er sich dann das schöne Oval ihres Hauptes, -die reinen, unschuldigen und doch so interessanten Züge und -jenes Auge dachte, das so gerne und mit so unnennbarem Ausdruck -auf seinen eigenen Zügen ruhte, da war es, ich weiß nicht -ob Eitelkeit, Torheit, Liebe oder gar der Einfluß jenes wunderbaren -Zaubers, der sich, aus Rahels Tagen, unter den Töchtern -Israels erhalten haben soll – es zog ihn ein unwiderstehliches -Etwas nach jener Seite hin, wo ihn, seit die Dämmerung -des ersten Märzabends finsterer geworden war, die -schöne Lea erwartete.</p> - -<p>»Endlich, endlich!« sagte Lea mit Tränen, indem sie ihre -weiße Hand durch die Staketen bot, welche die beiden Gärten -trennten. »Wenn nicht der Frühling indes hätte kommen -müssen, wahrhaftig, ich hätte gedacht, es sei schon ein Vierteljahr -vorüber. Ich bin recht ungehalten; wozu denn auch in den -Garten gehen bei dieser schlimmen Jahreszeit, wenn Ihr frei -und offen durch die Haustüre kommen dürft? Wisset nur, Herr -Nachbar, ich bin sehr unzufrieden.«</p> - -<p>»Lea,« erwiderte er, indem er die schöne Hand an seine -Lippen zog, »verkenne mich nicht, Mädchen! Ich konnte wahrhaftig -nicht kommen, Kind! Zu dir durfte ich nicht kommen, -und in die Zirkel deines Bruders gehe ich nicht; und wenn ich -wüßte, daß du ein einzigesmal da warst, würde ich dich nicht -mehr sprechen.« Trotz der Dunkelheit glaubte der junge Mann -dennoch, eine hohe Röte auf Leas Wangen aufsteigen zu sehen. -Er sah sie zweifelhaft an; sie schlug die Augen nieder und antwortete: -»Du hast recht, ich darf nicht in die Zirkel meines -Bruders gehen.«</p> - -<p>»So bist du da gewesen? Ja, du bist dort gewesen!« rief -Lanbek unmutig. »Gestehe nur, ich kann jetzt doch schon alles in -deinen Augen lesen.«</p> - -<p>»Höre mich an,« erwiderte sie, indem sie bewegt seine Hand -drückte, »die Amme hat dir gesagt, was nach dem Karneval vorging, -und wie ich ihn bat und flehte, dich frei zu lassen. Seit -jener Zeit hat sich sein Betragen ganz geändert; er ist freundlicher, -behandelt mich, wie wenn ich auf einmal um fünf Jahre -älter geworden wäre, und läßt mich zuweilen sogar mit sich ausfahren. -Vor einigen Tagen befahl er mir, mich so schön als -möglich anzukleiden, legte mir ein schönes Halsband in die -Hand, und abends führte er mich die Treppe herab in seine -eigenen Zimmer. Da waren nur wenige, die ich kannte, die -meisten Herren und Damen waren mir fremd. Man spielte<span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span> -und tanzte, und von Anfang gefiel es mir sehr wohl, nachher -freilich nicht, denn –«</p> - -<p>»Denn?« fragte Lanbek gespannt.</p> - -<p>»Kurz, es gefiel mir nicht, und ich werde nicht mehr hingehen.«</p> - -<p>»Ich wollte, du wärest nie dort gewesen,« sagte der junge -Mann.</p> - -<p>»Ach, konnte ich denn wissen, daß die Gesellschaft nicht für -mich passen würde?« erwiderte Lea traurig. »Und überdies -sagte mein Bruder ausdrücklich, es werde meinen Herrn Bräutigam -freuen, wenn ich auch unter die Leute komme.«</p> - -<p>»Wen hat er gesagt, <em class="gesperrt">wen</em> werde es freuen?« rief Lanbek.</p> - -<p>»Nun dich,« antwortete Lea; »überhaupt, Lanbek, ich weiß -gar nicht, wie ich dich verstehen soll; du bist so kalt, so gespannt; -gerade jetzt, da wir offen und ohne Hindernis reden können, bist -du so ängstlich, beinahe stumm; statt ins Haus zu uns zu -kommen, bestellst du mich heimlich in den Garten, ich weiß doch -nicht, vor wem man sich so sehr zu fürchten hat, wenn man einmal -in einem solchen Verhältnis steht?«</p> - -<p>»In welchem Verhältnis?« fragte Lanbek.</p> - -<p>»Nun, wie fragst du doch wieder so sonderbar! Du hast -bei meinem Bruder um mich angehalten, und er sagte dir zu, -im Fall ich wollte und der Herzog durch ein Reskript das Hindernis -wegen der Religion zwischen uns aufhöbe. Ich bin nur -froh, daß du nicht Katholik bist, da wäre es nicht möglich, aber -ihr Protestanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und seid doch -eigentlich so gut Ketzer wie wir Juden.«</p> - -<p>»Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!« rief der junge -Mann mit Entsetzen. »Wer hat dir diese Dinge gesagt? O -Gott, wie soll ich dir diesen furchtbaren Irrtum benehmen?«</p> - -<p>»Ach, geh doch!« erwiderte Lea. »Daß ich es wagte, mein -verhaßtes Volk neben euch zu stellen, bringt dich auf. Aber sei -nicht bange; mein Bruder, sagen die Leute, kann alles, er wird -uns gewiß helfen, denn was er sagt, ist dem Herzog recht. Doch -eine Bitte habe ich, Gustav: willst du mich nicht bei den Deinigen -einführen? Du hast zwei liebenswürdige Schwestern; ich -habe sie schon einigemal vom Fenster aus gesehen; wie freut -es mich, einst so nahe mit ihnen verbunden zu sein! Bitte, laß -mich sie kennen lernen.«</p> - -<p>Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur -<em class="gesperrt">ein</em> Wort zu erwidern; seine Gedanken, sein Herz wollten stille -stehen. Er blickte wie einer, der durch einen plötzlichen Schrecken<span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span> -aller Sinne beraubt ist, mit weiten, trockenen Augen nach dem -Mädchen hin, das, wenn auch nicht in diesem Augenblick, doch -bald vielleicht, noch unglücklicher werden mußte als er, und das -jetzt lächelnd, träumend, sorglos wie ein Kind an einem furchtbaren -Abgrund sich Blumen zu seinem Kranze pflückte.</p> - -<p>»Was fehlt dir, Gustav?« sprach sie ängstlich, als er noch -immer schwieg. »Deine Hand zittert in der meinigen: bist du -krank? Du bist so verändert.« Doch – noch ehe er antworten -konnte, sprach eine tiefe Stimme neben Lea: »<em class="antiqua">Bon soir</em>, Herr -Expeditionsrat; Sie unterhalten sich hier im Dunkeln mit -Dero Braut? Es ist ein kühler Abend; warum spazieren Sie -nicht lieber hinauf ins warme Zimmer? Sie wissen ja, daß -mein Haus Ihnen jederzeit offen steht.«</p> - -<p>»Mit wem sprichst du hier, Gustav?« sagte der alte Lanbek, -der beinahe in demselben Augenblick herantrat. »Deine -Schwestern behaupten, du unterhieltest dich hier unten mit einem -Frauenzimmer.«</p> - -<p>»Es ist der Minister,« antwortete Gustav beinahe atemlos.</p> - -<p>»Gehorsamer Diener,« sprach der Alte trocken; »ich habe -zwar nicht das Vergnügen, Ew. Exzellenz zu sehen in dieser -Dunkelheit, aber ich nehme Gelegenheit, meinen gehorsamsten -Dank von wegen der Erhebung meines Sohnes abzustatten; bin -auch sehr scharmiert, daß Sie so treue Nachbarschaft mit meinem -Gustav halten.«</p> - -<p>»Man irrt sich,« erwiderte Süß, heiser lachend, »wenn -man glaubt, ich bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln -über den Zaun herüber zu parlieren, ich kam nur, um meine -Schwester abzuholen, weil es etwas kühles Wetter ist und die -Nachtluft ihr schaden könnte.«</p> - -<p>»Mit Ihrer Schwester?« sagte der Alte streng. »Bursche, -wie soll ich das verstehen, sprich!«</p> - -<p>»Echauffieren sich doch der Herr Landschaftskonsulent nicht -so sehr!« erwiderte der Jude. »Jugend hat nicht Tugend, und -er macht ja nur meiner Lea in allen Ehren die Cour.«</p> - -<p>»Schandbube!« rief der alte Mann, indem er seine Hand -um den Arm seines Sohnes schlang und ihn hinwegzog. »Geh -auf dein Zimmer; ich will ein Wort mit dir sprechen; und <em class="gesperrt">Sie</em>, -Jungfer Süßin, daß Sie sich nimmer einfallen läßt, mit dem -Sohn eines ehrlichen Christen, mit <em class="gesperrt">meinem</em> Sohn ein Wort -zu sprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jerusalem, es -würde meinem Hause dennoch keine Ehre sein.« Mit schwankenden -unsichern Schritten führte er seinen Sohn hinweg. Lea<span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span> -weinte laut, aber der Minister lachte höhnisch. »<em class="antiqua">Parole d'honneur!</em>« -rief er. »Das war eine schöne Szene; vergessen Sie -übrigens nicht, Herr Expeditionsrat, daß Sie nur noch vierzehn -Tage Frist zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und von -dort an werde ich mein Wort halten.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>10.</h4> -</div> - -<p>Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lanbek hieß -ihn geduldig und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige -Erfahrungen über den Charakter des Alten verboten -ihm in diesem Augenblick, wo der Schein so auffallend gegen -ihn war, sich zu entschuldigen. Der Landschaftskonsulent warf -sich in seinem Zimmer in einen Armsessel und verhüllte sein -Gesicht. Besorgt und ängstlich stand Gustav neben ihm und -wagte nicht zu reden; aber die beiden schönen Schwestern des -jungen Mannes flogen herbei, als sie die Schwäche des Vaters -sahen, fragten zärtlich, was ihm fehle, suchten seine Hände vom -Gesicht herabzuziehen und benetzten sie mit ihren Tränen. – -»Das ist der Bube,« rief er nach einiger Zeit, indem sein Zorn -über seine körperliche Schwäche siegte; »<em class="gesperrt">der</em> ist es, der das -Haus eures Vaters, unsern alten guten Namen, euch, ihr unschuldigen -Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte; -der Judas, der Vatermörder – denn heute hat er den Nagel -in meinen Sarg geschlagen.«</p> - -<p>»Vater! Um Gottes willen! Gustav!« riefen die Mädchen -bebend, indem sie ihren bleichen Bruder scheu anblickten und sich -an den alten Lanbek schmiegten.</p> - -<p>»Ich weiß,« sagte der unglückliche junge Mann, »ich weiß, -daß der Schein gegen mich –«</p> - -<p>»Willst du schweigen!« fuhr der Konsulent mit glühenden -Augen und einer drohenden Gebärde auf. »Schein? Meinst -du, du könntest meine alten Augen auch wieder blenden wie -damals nach dem Karneval? Nicht wahr, es wäre weit bequemer, -wenn sich diese beiden Augen schon ganz geschlossen, -wenn sie den alten Lanbek so tief verscharrt hätten, daß keine -Kunde von der Schande seines Namens mehr zu ihm dringt. -Aber verrechnet hast du dich, Elender! Enterben will ich dich; -hier stehen meine lieben Kinder, du aber sollst ausgestoßen sein, -meines ehrlichen Namens beraubt, verflucht –«</p> - -<p>»Vater!« riefen seine drei Kinder mit <em class="gesperrt">einer</em> Stimme; -die Töchter stürzten sich auf ihn und zum erstenmal wagte es<span class="pagenum"><a id="Page_241">[241]</a></span> -Hedwig, ihre Lippen auf die geheiligten Lippen des Vaters zu -legen, indem sie ihm den zum Fluch geöffneten Mund mit -Küssen verschloß. Die jüngere hatte sich unwillkürlich vor -Gustav gestellt, seine Hand ergriffen, als wollte sie ihn verteidigen, -der junge Mann aber riß sich kräftig los; nie so als -in diesem Augenblick glich sein Gesicht, sein drohendes Auge -den Zügen seines Vaters, und die beengte Brust weit vorwerfend, -sprach er: »Ich habe alles ertragen, was möglicherweise -ein Sohn von seinem Vater ertragen darf, ich habe aber -noch andere Pflichten, meine eigene Ehre muß ich wahren, und -wäre es mein eigener Vater, der sie antastet. Es hätte Ihnen -genügen können, wenn ich bei allem, was mir heilig ist, versichere, -daß ich nicht das bin, wofür Sie mich halten. Wenn -<em class="gesperrt">Sie</em> keinen Glauben mehr an mich haben, wenn Sie mich -aufgeben, dann bleibt nichts mehr übrig. <em class="gesperrt">Lebet</em> wohl – ich -will euch nur noch <em class="gesperrt">eine</em> Schande machen.«</p> - -<p>»Du bleibst!« rief ihm der Alte, mehr ängstlich und bebend -als befehlend nach. »Meinst du, dies sei der Weg, einen gekränkten -Vater zu versöhnen? Hast du so sehr Eile, mir voranzugehen, -und einen Weg einzuschlagen, wo ich dich nie mehr -träfe? Denn ich habe redlich und nach meinem Gewissen gelebt, -dich aber und deine Absicht verstand ich wohl.«</p> - -<p>»Aber Vater,« sprach seine jüngste Tochter mit sanfter -Stimme, »wir hatten ja alle Gustav immer so lieb, und Sie -selbst sagten so oft, wie tüchtig er sei; was kann er denn so -Schreckliches verbrochen haben, daß Sie so hart mit ihm verfahren?«</p> - -<p>»Das verstehst du nicht, oder ja, du kannst es verstehen: -des Juden Schwester liebt er, und mit ihr und mit seinem Herrn -Schwager Süß hat er sich am Gartenzaun unterhalten. Jetzt -sprich! Kannst du dich entschuldigen? O, ich Tor, der ich -mir einbildete, man habe ihn, um mir eine Falle zu legen, erhoben -und angestellt! Seine jüdische Scharmante hat ihn zum -Expeditionsrat gemacht!«</p> - -<p>»Der Vater will mich nicht verstehen,« sprach der junge -Mann mit Tränen in den Augen, »darum will ich zu euch -sprechen. Euch, liebe Schwestern, will ich redlich erzählen, wie -die Umstände sich verhalten, und ich glaube nicht, daß ihr mich -verdammen werdet.« Die Mädchen setzten sich traurig nieder, -der Alte stützte seine gefurchte Stirne auf die Hand und horchte -aufmerksam zu. Gustav erzählte anfangs errötend und dann -oft von Wehmut unterbrochen, wie er Lea kennen gelernt habe,<span class="pagenum"><a id="Page_242">[242]</a></span> -wie gut und kindlich sie gewesen sei, wie gerne sie mit ihm gesprochen -habe, weil sie sonst niemand hatte, mit dem sie sprechen -konnte. Er wiederholte dann das Gespräch mit dem jüdischen -Minister und dessen arglistige Anträge; er versicherte, daß er -nie dem Gedanken an eine Verbindung mit Lea Raum gegeben -habe, und daß er diesen Abend dem Minister es selbst gesagt -haben würde, wäre nicht der Vater so plötzlich dazwischen gekommen.</p> - -<p>»Du hast sehr gefehlt, Gustav,« sagte Hedwig, seine ältere -Schwester, ein ruhiges und vernünftiges Mädchen. »Da du -nie, auch nur entfernt, an eine Verbindung mit diesem Mädchen -denken konntest, so war es deine Pflicht als redlicher Mann, dich -gar nicht mit ihr einzulassen. Auch darin hast du sehr gefehlt, -daß du nicht gleich damals schon deinem Vater alles anvertraut -hast; aber so hast du jetzt deine ganze Familie unglücklich und -zum Gespött der Leute gemacht; denn meinst du, der Süß werde -nicht halten, was er gedroht? Ach, er wird sich an Papa, an -dir, an uns allen rächen.«</p> - -<p>»Geh, bitte den Vater um Verzeihung!« sprach das schöne -Käthchen weinend. »Du mußt ihm nicht noch Vorwürfe machen, -Hedwig, er ist unglücklich genug. Komm, Gustav,« fuhr sie -fort, indem sie seine Hand ergriff und ihn zu dem Vater führte, -»bitte, daß er dir vergibt; ja, wir werden recht unglücklich -werden, der böse Mann wird uns verderben, wie er das Land -verdorben hat, aber dann lasset doch wenigstens Frieden unter -<em class="gesperrt">uns</em> sein. Wenn wir uns noch haben, so haben wir viel, wenn -er uns alles übrige nimmt.«</p> - -<p>Der Alte blickte seinen Sohn lange, doch nicht unwillig an. -»Du hast gehandelt wie ein eitler junger Mensch, und die Aufmerksamkeit, -die dir diese Jüdin schenkte, hat dich verblendet. -Du hast, ich fühle es für dich, vielleicht schon seit geraumer Zeit, -gewiß aber diesen Abend dafür gebüßt. Katharine hat recht; -ich will dir nicht länger grollen; wir müssen uns jetzt gegen -einen furchtbaren Feind waffnen. Glaubst du, daß er Wort -halten wird mit den vierzehn Tagen Frist, die er dir nachrief?«</p> - -<p>»Ich glaube und hoffe es,« antwortete der junge Mann.</p> - -<p>»Um jene Zeit muß sich mehr entscheiden als nur das Schicksal -unsers Hauses,« fuhr der Alte fort; »Römchingen und Süß -– oder wir; wer verliert, bezahlt die Zeche. Jetzt gelobe mir -aber, Gustav, die Jüdin nie mehr, weder im Garten noch sonstwo -aufzusuchen, und unter dieser Bedingung will ich deine Torheit -verzeihen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_243">[243]</a></span></p> - -<p>Gustav versprach es mit bebenden Lippen und verließ dann -das Zimmer, um seine Bewegung zu verbergen. Noch lange -und mit unendlicher Wehmut dachte er dort über das unglückliche -Geschöpf nach, dessen Herz ihm gehörte, und das er nicht -lieben durfte. Er teilte zwar alle strengen religiösen Ansichten -seiner Zeit, aber er schauderte über dem Fluch, der einen heimatlosen -Menschenstamm bis ins tausendste Glied verfolgte und -jeden ins Verderben zu ziehen schien, der sich auch den Edelsten -unter ihnen auf die natürlichste Weise näherte. Er fand zwar -keine Entschuldigung für sich und seine verbotene Neigung zu -einem Mädchen, das nicht auch seinen Glauben teilte, aber er -gewann einigen Trost, indem er sein eigenes Schicksal einer -höheren Fügung unterordnete.</p> - -<p>Sein Vater und die Schwestern unterhielten sich noch lange -über ihn und diese Vorfälle, und die Erinnerung an so manche -schöne Tugend des jungen Mannes versöhnte nach und nach den -Alten, so daß er selbst das Geheimhalten jener Vorschläge des -Ministers einigermaßen entschuldigte. Als aber spät abends -die beiden Schwestern allein waren, sagte Käthchen: »Wahr ist -es doch, Gustav hat zwar gefehlt. Ich habe sie einmal am -Fenster und einmal im Garten gesehen; so schön und anmutig -sah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was sind alle Gesichter -in Stuttgart, was ist selbst die schöne Marie, von der man so -viel Wunder macht, gegen dieses herrliche Gesicht! Nein, Hedwig, -ich hätte mich ganz in sie verlieben können!«</p> - -<p>»Wie magst du nur so töricht schwatzen!« erwiderte Hedwig -unwillig. »Mag sie sein, wie sie will, sie ist und bleibt doch nur -eine Jüdin.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>11.</h4> -</div> - -<p>Nicht die unglückliche Liebe ihres Bruders allein war es, -was in den folgenden Tagen die schönen Töchter des Landschaftskonsulenten -Lanbek ängstigte; nein, es war das sonderbare und -drückende Verhältnis, das zwischen Vater und Sohn zu herrschen -schien, was den vier schönen blauen Augen im stillen so -manche Träne kostete. Man konnte nicht sagen, daß sie sich -finster angeblickt, mürrisch gefragt oder kalt geantwortet hätten; -aber dennoch sah man ihnen beiden an, daß Gram und Sorgen -sie beschäftigten, und die Mädchen wurden immer wieder in -ihren Vermutungen über den Grund dieses Grämens irre geleitet, -wenn sie zuweilen den alten Mann und seinen Sohn in -einer Fensternische beisammenstehen und zutraulicher, aber auch<span class="pagenum"><a id="Page_244">[244]</a></span> -ernster als je zusammen flüstern sahen. Endlich wurden sie -sogar für drei Abende in der Woche förmlich aus dem großen -Familienzimmer, das winters allen zum Aufenthalt diente, -verwiesen, und, was ihres Wissens nie geschehen war, Papas -kleines Bibliothekzimmer wurde ihnen für solche Abende besonders -geheizt und ihnen die Erlaubnis gegeben, sich an den -trefflichen Juristen und Philosophen zu amüsieren.</p> - -<p>Freilich bedachten bei solchem Exil weder Vater noch Sohn, -daß man von der Bibliothek im oberen Stock in das Studierzimmer, -von diesem in das Gastzimmer und von dem Gastzimmer -in die sogenannte Rumpelkammer kommen könne, von -welcher eine viereckige Oeffnung, mit einem kleinen Deckel versehen, -in das Wohnzimmer hinabging, um Luft oder Wärme in -dieses Gemach zu leiten; sie bedachten auch nicht, daß weibliche -Neugierde wohl noch stärkere Schranken durchbrochen haben -würde als diese, die zwischen jener Kammer und der Bibliothek -lagen. Einige Abende hatte übrigens doch noch ein mächtigeres -Gefühl als Neugierde die Mädchen in der Bibliothek zurückgehalten, -nämlich Furcht. Hedwig behauptete, schon öfters oben -in jener Kammer Fußtritte und ein schreckliches Stöhnen gehört -zu haben, und dem schönen Käthchen graute dort hinzugehen, -weil jenes Gemach nur eine dünne Wand aus Holz und Backsteinen -von den Zimmern des gefürchteten Juden Süß trennte.</p> - -<p>Eines Abends jedoch, als man die Mädchen schon längst -weggeschickt hatte, sah Käthchen, die sich bis auf die Mitte der -Treppe hinabgeschlichen hatte, drei Männer bei ihrem Vater -eintreten, die ihre Neugierde aufs höchste trieben. Der erste, -der sich langsam und schnaubend die untere Treppe heraufschob -und auf der Hausflur einige Minuten stehen blieb, um Atem -zu sammeln, war niemand Geringeres als der lutherische Prälat -Klinger. Seine schneeweiße Perücke, seine Prälatenkette, die -gerade auf dem Magen ruhte, und seine alten verwitterten -Züge flößten dem Mädchen ungemeine Ehrfurcht ein; ihm folgte -hastigen Schrittes der Oberst und Stallmeister von Röder, ein -Mann, den man für sehr klug und tapfer, aber zugleich auch -in seinen Sitten für sehr unheilig hielt, und über den dritten -hätte sie beinahe laut aufgelacht, es war der fröhliche Kapitän -Reelzingen, der so drollige Geschichten und Schnurren zu erzählen -wußte, und sie schon auf manchem Ball beinahe zum -Lachen gebracht hatte. Heute hatte er sein Gesicht in ganz ehrbare -Falten gelegt und sah gerade aus wie damals, als er ihr -auf <em class="antiqua">Parole d'honneur</em> schwur, daß er sie <em class="antiqua">vraiment</em> liebe. Sie<span class="pagenum"><a id="Page_245">[245]</a></span> -sah ihm lächelnd nach, bis sein ungeheurer Degen in der Türe -verschwunden war, und eilte dann in das Bibliothekzimmer, wo -sie die blonde Hedwig traf, welche die Augen fest zugeschlossen -hatte, um nicht über ein Gespenst zu erschrecken, wenn etwa zufällig -eines in der Bibliothek auf und ab wandelte. »Heute -<em class="gesperrt">müssen</em> wir hinuntergucken!« erklärte Käthchen. »Und komm -nur jetzt gleich mit; denke dir, die Leute kommen hier zusammen -wie beim Karneval. Hast du je sonst den Prälaten Klinger und -den Kapitän Reelzingen in <em class="gesperrt">einem</em> Zimmer gesehen, und dazu -den Oberst Röder und« – setzte sie hinzu, als die Schwester -zauderte – »ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht, als die -Tür einmal aufging, auch Blankenberg gesehen hätte.«</p> - -<p>Dieser letzte Name entschied; Käthchen nahm das Licht und -ging mit pochendem Herzen voran, Hedwig folgte ihr, so nahe -als möglich an die mutigere Schwester gedrängt, und als jene die -verhängnisvolle Kammertür aufschloß, hielt sie sich fest an ihrem -Kleide. Die Oeffnung war gerade über dem Ofen des Wohnzimmers, -das einen Stock tiefer lag, angebracht, und Käthchen -konnte, als sie die Klappe aufzog, selbst wenn sie sich auf die -Knie legte und den Kopf tief herabbeugte, doch nicht mehr als -vier oder fünf der versammelten Männer sehen; auch Hedwig -beugte sich jetzt herab und versuchte es, noch tiefer zu blicken -als ihre Schwester, aber verdrießlich stand sie wieder auf und -sagte: »Nichts als den breiten Rücken des Prälaten, einige -Perücken und die Uniform des Obersten kann ich sehen; weißt du -denn gewiß, daß Blankenberg zugegen ist?«</p> - -<p>»Sicher!« erwiderte Käthchen, schalkhaft lächelnd. »Doch -laß uns horchen, was sie sprechen; vielleicht kennst du deinen -Liebhaber an der Stimme.«</p> - -<p>Sie setzten sich auf den Fußboden neben der Oeffnung -und lauschten; die angenehme Wärme, die von dem Ofen heraufdrang, -und ihre Neugierde ließen sie eine Zeitlang die empfindliche -Kälte der Märznacht vergessen; endlich richtete sich Hedwig -unmutig auf. »Meinst du, wir werden klug werden aus diesem -Geplauder, wovon man nur die Hälfte versteht? Sie schwatzen -wieder, wie immer, vom Wohl des Landes, vom Herzog, von -Süß, von allem; was geht das uns an! Komm! Es ist gar -schaurig hier und kalt. Mädchen, so steh doch auf!«</p> - -<p>Aber Käthchen winkte ihr zu schweigen; man hörte jetzt eben -den Oberst Röder mit bestimmter und vernehmlicher Stimme -etwas vorlesen; die tiefe Stille umher unterbrach nur zuweilen -ein schnell verrauschendes Murmeln des Unwillens. Jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_246">[246]</a></span> -sprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche Züge gingen nach -und nach in Staunen und Angst über; endlich, als die Männer -unten wieder laut, aber beifällig zusammensprachen und die -Gläser anstießen, flog eine hohe Röte über das Gesicht des -Mädchens, ihre Augen leuchteten, als sie vorsichtig die Klappe -schloß, die Lampe ergriff und mit ihrer Schwester den Rückweg -einschlug.</p> - -<p>»Hast du was verstanden?« fragte Hedwig. »Du schienst -auf einmal so aufmerksam; was haben sie denn Besonderes gesprochen?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles sagen,« erwiderte -Käthchen nachdenkend; »mir ist's, als hätte mir alles geträumt. -Höre – aber schweig! Es könnte uns alle unglücklich machen. -Das sind gefährliche Menschen in Vaters Zimmer unten. Mir -graut, wenn ich daran denke, was daraus entstehen kann.«</p> - -<p>»So sprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre -älter als du, und du sollst keine Geheimnisse vor mir haben.«</p> - -<p>»Denke dir,« fuhr Käthchen mit leiser Stimme fort, »der -Süß will uns katholisch machen und die Landschaft umstürzen; -da verlöre der Vater und alle andern verlören ihre Stellen!«</p> - -<p>»Katholisch!« rief Hedwig mit Entsetzen. »Da müßten -wir ja Nonnen werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das -ist abscheulich!«</p> - -<p>»Ach, warum nicht gar,« erwiderte Käthchen, lächelnd über -den Jammer ihrer Schwester, »da müßte es viele Nonnen geben, -wenn alle, die keine Männer bekommen, ins Kloster gingen; -aber sei ruhig, es kommt nicht so weit. In drei Tagen, sagte -Röder, werde der Herzog verreisen, und während er in Philippsburg -ist, wollen die Männer da unten den Juden und alle seine -Gehilfen im Namen der Landschaft gefangen nehmen und dann -dem Herzog beweisen, wie schlecht seine Minister waren.«</p> - -<p>»Ach Gott, ach Gott! Das geht nicht gut,« sagte Hedwig -weinend. »Alles werden sie verlieren, denn der Herzog traut -allen eher als denen von der Landschaft; ich weiß ja, was mir -einmal die Oberstjägermeisterin über den Vater sagte. Du -wirst sehen, es geht unglücklich!«</p> - -<p>»Und wenn auch,« antwortete Käthchen, »so sind wir die -Töchter eines Mannes, der, was er tut, zum Besten seines -Vaterlandes tut. Das kann uns trösten.« Das mutige Mädchen -holte aus dem Schranke eine mit vielen schönen Kupfern -geschmückte Bibel. Sie gab der weinenden Schwester das neue -Testament, um sich an den Kupfern und Reimsprüchen zu zerstreuen.<span class="pagenum"><a id="Page_247">[247]</a></span> -Sie selbst schlug sich das Alte Testament auf. Sie verbarg -ihre eigene Besorgnis um ihren Vater unter einem Liedchen, -das sie leise vor sich hinsang, während ihre schönen Fingerchen -emsig die vergilbten Blätter von einem Bilde zum andern -durcheilten.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>12.</h4> -</div> - -<p>Es gibt im Leben einzelner Staaten Momente, wo der -aufmerksame Beschauer noch nach einem Jahrhundert sagen -wird, hier, gerade hier mußte eine Krise eintreten; ein oder -zwei Jahre nachher wären dieselben Umstände nicht mehr von derselben -Wirkung gewesen. Es ist dann dem endlichen Geist nicht -mehr möglich, eine solche Fügung der Dinge sich hinwegzudenken, -und aus der unendlichen Reihe von möglichen Folgen -diejenigen aneinander zu knüpfen, die ein ebenso notwendig -verkettetes Ganze bilden als ein verflossenes Jahrhundert mit -allen seinen historischen Wahrheiten. Hier zeigt sich der Finger -Gottes, pflegt man zu sagen, wenn man auf solche wichtige -Augenblicke im Leben eines Staates stößt. Es hat aber zu allen -Zeiten Männer gegeben, die, mochte ihr eigener Genius, mochte -das <span id="corr247">Studium</span> der Geschichte sie leiten, solche Momente geahnet, -berechnet haben, und sie wirkten dann am überraschendsten, -wenn sie sich nicht begnügten, solche Krisen vorhergesehen zu -haben, sondern wenn sie Mut genug besaßen, zu rechter Zeit -selbst einzuschreiten, Kraft genug, um eine Rolle durchzuführen. -Die Geschichte hat längst über die kurze Regierung der Minister -Karl Alexanders entschieden. Sie flucht keinem Sterblichen, -sonst müßte sie die Tränen und Seufzer Württembergs in -schwere Worte gegen die Urheber seines Unglücks im Jahre 1737 -verwandeln; aber sie gedenkt mit Liebe einiger Männer, die -sich nicht von dem Strome der allgemeinen Verderbnis hinreißen -ließen, die ahneten, es müsse anders kommen, die vor -dem Gedanken nicht zitterten, eine Aenderung der Dinge herbeizuführen, -und die auch dann mit Ruhe und Gelassenheit die -Sache ihres Landes führten, als ein <em class="gesperrt">Höherer</em> es übernommen -hatte, einen unerwartet schnellen Wechsel der Dinge herbeizuführen, -indem er zwei feurige Augen schloß und ein tapferes -Herz stille stehen hieß.</p> - -<p>Wer sollte es diesem heiteren Stuttgart und seinen friedlichen -Straßen ansehen, daß es einst der Schauplatz so drückender -Besorgnisse war? Wie beruhigt über den Gang der Dinge -sind die Enkel derer, die in jenem verhängnisvollen März jede<span class="pagenum"><a id="Page_248">[248]</a></span> -Stunde für das Schicksal ihrer Familien, für die alten Rechte -ihres Landes, selbst für ihren Glauben zittern mußten!</p> - -<p>Wer den übermütigen Süß in seiner Karosse, mit sechs -Pferden bespannt, durch die »reiche Vorstadt« fahren sah, wie -er stolz lächelnd auf die bleichen, feindlichen Gesichter herabblickte, -die ihm überall begegneten; wer den schrecklichen <em class="gesperrt">Hallwachs</em>, -seinen innigen Freund und Ratgeber, neben ihm sah -und bedachte, wie viele verderbliche Pläne dieser Mann ersonnen, -wie viele unerhörte Monopole er eingeführt habe und -wie er immer neue zu erfinden trachte; wer das unbegrenzte -Vertrauen kannte, das der Herzog in diese Menschen setzte, der -mußte wohl an der Möglichkeit der Rettung verzweifeln.</p> - -<p>Dazu kamen noch die sonderbaren und widersprechenden -Gerüchte, die im Umlauf waren. Die einen sagten, der Herzog -sei nach Philippsburg und Kehl gereist, habe aber das Regiment -nicht an den Geheimenrat, sondern das Siegel dem Juden Süß -gegeben; andere widersprachen und behaupteten, man habe den -Herzog an einem Fenster des Ludwigsburger Schlosses gesehen, -auch seien seine Pferde noch dort, und er sei nicht abgereist. -In einem Dorf an der österreichischen Grenze im Oberland -sollen die Katholiken plötzlich über die protestantischen Einwohner -hergefallen sein, und als letztere den Kampfplatz behaupteten, -sei eine Kompagnie Kreistruppen über die Grenze -herein ins Dorf gerückt. Am sonderbarsten klang das Gerücht, -das sich überdies noch bestätigte, der Oberfinanzrat Hallwachs -habe ein kostbares Meßgewand beim Hofsticker bestellt und ihm -befohlen, es bis zum achtzehnten März fertig zu machen und -wenn er mit fünfzig Gesellen arbeiten müßte; bringe er es nicht -fertig, so werde er eingesetzt. Ein lutherischer Geistlicher, den -man mit Namen nannte, soll den Kindern in der Schule Kreuzchen, -aus Holz geschnitzt, geschenkt haben, mit den Worten: »Nur -wenn ihr diese in Händen haltet, könnet ihr recht beten.« Endlich -erzählte man sich als etwas Verbürgtes, der Jude habe zum -Herzog über der Tafel gesagt: »Ihre Stände, Durchlaucht, sind -eigentliche Widerstände; aber sie stehen schon so lange, daß sie -müde und matt sind.« Karl Alexander habe ihm lächelnd zur -Antwort gegeben: »<em class="antiqua">C'est vrai; allons donc leur donner -des chaises, et une fois assis, ils ne se leveront plus.</em>« -Auch jene Männer, die entschlossen waren, dem drohenden Verderben -zuvorzukommen, hörten diese Gerüchte. Aber sie waren -dabei kalt und ruhig; wußten sie ja doch, Württemberg stehe -eine solche Veränderung bevor, daß es entweder erleichtert oder<span class="pagenum"><a id="Page_249">[249]</a></span> -so tief ins Unglück gestürzt werden würde, daß der Jammer des -einzelnen davor verstummen müßte. Man erzählt sich, sie haben -alles, was dazu gehört, einem mächtigen und bösartigen Feind -mit Hilfe des Landvolks zu begegnen, vorbereitet gehabt, und -wenn ihr Unternehmen gelingen sollte, so verdankten sie es nur -den wenigen hellstrahlenden Namen einiger Männer aus der -Landschaft; denn an diese war man in Württemberg gewöhnt, -das Interesse des Landes zu ketten.</p> - -<p>Es war spät abends den elften März, als der Landschaftskonsulent -Lanbek mit seinem Sohne und dem Kapitän Reelzingen -in seiner Wohnstube beim Weine saß. Die beiden Lanbek -waren ernst und düster, der Kapitän aber konnte auch jetzt -seinen fröhlichen Lebensmut nicht verbergen, denn er teilte seine -Aufmerksamkeit und sein Gespräch zwischen der Fensternische, -wo die beiden Schwestern Gustavs saßen, und zwischen den -beiden Männern an seiner Seite. Hedwig sah bleich und still -vor sich hin auf ihre Nadeln, aber auf Käthchens Gesichtchen -lag eine höhere Röte als gewöhnlich und alle Augenblicke zeigte -sie die weißen Zähne und die schönen Grübchen in ihren Wangen, -denn der Kapitän wußte wieder wunderschöne Späße und Geschichten.</p> - -<p>»Wie ist Euer Pferd, Kapitän?« fragte der alte Lanbek.</p> - -<p>»Mein Fuchs ist ein besserer Infanterist als ich selbst,« erwiderte -er. »Wenn ich die sechs ersten Stunden Trab und bergauf -Schritt reite, so kann ich die nächsten sechs bequem Galopp -reiten. Er hat nur <em class="gesperrt">einen</em> Fehler, den, daß er noch nicht bezahlt -ist, und macht mir durch diese Untugend oft großen -Jammer.«</p> - -<p>»Ihr könnt,« fuhr der Alte fort, »wenn ihr von der Galgensteige -an scharf Trab reitet, zwischen elf und zwölf Ludwigsburg -passieren; um vier Uhr müßt ihr in Heilbronn sein und -dort laßt ihr die Pferde ruhen; zwischen acht und zehn Uhr seid -ihr morgen in Oehringen.«</p> - -<p>»Aber Vater,« fiel Gustav ein, »wäre es nicht ratsamer, -gegen Heidelberg zu reiten? Ich wollte darauf wetten, wir -sind gegen Oehringen hin nicht mehr sicher. Bedenken Sie, -daß der Deutschorden dort tief herein sich erstreckt, daß sie in -Mergentheim gewiß von dem Bischof in Würzburg unterrichtet -sind, daß –«</p> - -<p>»Daß,« fuhr der Vater fort, »ihr auf der Straße nach -Heidelberg viel mehr auffallet und daß ihr, wenn ihr etwa die -Gegend nicht mehr rein fändet eine letzte Zuflucht bei meinem<span class="pagenum"><a id="Page_250">[250]</a></span> -alten Herrn und Gönner, dem Herzog in Neustadt, habt, der -euch gewiß in den ersten Tagen nicht herausgibt. Ist dann -Karl Alexander zufrieden mit dem, was wir hier getan, so -könnet ihr immer zurückkehren; wo nicht, so gehet ihr, wie schon -gesagt, weiter nach Frankfurt.«</p> - -<p>»Gott! daß ich euch in einer solchen Krisis zurücklassen -soll!« rief Gustav mit Tränen. »Daß ich vielleicht an eurem -Unglück schuld bin; daß alles schlecht gehen kann, wenn Süß -meine Flucht erfährt und sich an Ihnen, Vater, rächt! Nein, -ich kann, ich darf nicht gehen!«</p> - -<p>»Nein, Vater,« fiel Hedwig ein, indem sie noch bleicher -als zuvor herbeieilte und ihres Vaters Hand ergriff, »er darf -uns nicht verlassen; o, ihr habt schreckliche Dinge vor, ich weiß -es wohl, ihr wollt eine Verschwörung gegen diese mächtigen -Menschen machen. Lassen Sie ab davon, Vater; Süß und die -andern werden Ihnen verzeihen; ach, mich tötet die Angst!«</p> - -<p>»Geh, Mädchen,« sprach Käthchen, die auch herangetreten -war; »was Männer tun und was unser Vater tut, geht uns -nichts an. Aber warum soll denn gerade jetzt Gustav so schnell -hinweg? Er könnte uns allen so nützlich sein.«</p> - -<p>»Weil ich keine Jüdin zur Tochter mag;« sagte der Alte -streng, »darum soll er fort. Weil ich ein Briefchen seiner -Scharmanten aufgefangen und mit Protest an den Juden geschickt -habe, und weil dieser jetzt wütet und euren Bruder mit -Gewalt zum Schwager haben oder auf Neuffen setzen will, -darum soll und muß er ihm jetzt aus dem Wege gehen. Doch, -ich wollte dir in dieser Stunde nicht wehe tun, Gustav; wir -scheiden als Freunde, und alles andere soll vergessen sein, wer -weiß, wann und wo wir uns wiedersehen!«</p> - -<p>Indem der Alte die letzten Worte sprach und seinem Sohn -die Hand reichte, wurde schnell und heftig an der Tür gepocht, -und ehe noch jemand antwortete, trat plötzlich eine Gestalt, in -einen Mantel gehüllt, ein. »Was soll dies?« fuhr der alte -Lanbek auf. »Wer drängt sich so bei Nacht in mein Haus, wer -sind Sie?«</p> - -<p>»Blankenberg!« rief Hedwig, als jener den Mantel abwarf, -und trat schnell und errötend einige Schritte vor.</p> - -<p>»Verzeihung, Herr Konsulent,« sprach der junge Mann -eilend, »die Not muß mich entschuldigen. Gustav, du mußt -im Augenblick fort; der Leutnant Pinassa schrieb mir soeben, -daß er dich auf Befehl des General Römchingen heute nacht<span class="pagenum"><a id="Page_251">[251]</a></span> -zwischen elf und zwölf Uhr aufheben müsse. Der ehrliche Junge -möchte dich nicht gern im Nest treffen.«</p> - -<p>»Dank, Dank,« erwiderte der Alte, indem er Blankenberg -die Hand drückte. »Trinket aus, Kinder, und macht den Abschied -schnell; hier, mein lieber Reelzingen,« fuhr er fort und -drückte dem überraschten Kapitän einen großen Beutel in die -Hand; »man kann nicht wissen, ob sich euer Weg nicht teilt. Sie -sind so edelmütig, meinen Sohn zu begleiten.«</p> - -<p>»Und mit Geld wollen Sie dies lohnen?« unterbrach ihn -der Kapitän unmutig. »<em class="antiqua">Parole d'honneur</em>, Herr! ich begleite -meinen Bruder, weil wir alte Amicisten sind, und nicht wegen -Ihrer Spieße. Da soll mich doch –«</p> - -<p>»Reelzingen,« sagte Käthchen mit ihrer süßen Stimme, -»Ihr versteht doch gar keinen Scherz; es sind lauter Kupfermünzen, -und ich habe dem Vater den Beutel gegeben, Euch in -April zu schicken.«</p> - -<p>»Ich verstehe,« flüsterte der Kapitän, indem er errötend -dem schönen Mädchen die Hand küßte. »Ich will Euch dafür -etwas Schönes von Frankfurt mitbringen.«</p> - -<p>»Bringet mir,« antwortete sie, indem sie die Tränen nicht -mehr zurückhalten konnte, »nur unsern Gustav wohlbehalten -zurück, und,« setzte sie, durch Tränen lächelnd, hinzu, »machet mir -keine tollen Streiche, die euch verraten könnten.«</p> - -<p>»Die Pferde sind vor dem Seetor,« sprach der Alte zu -Reelzingen und seinem Sohn. »Ihr dürft nicht das Tor selbst -passieren; denn die erste Runde ist schon vorüber. Begleiten -Sie meinen Sohn, Herr von Blankenberg, durch die Gärten -und bringen Sie mir Nachricht, wie sie fortgekommen sind.«</p> - -<p>Der junge Lanbek umarmte Vater und Geschwister, die -Schwestern folgten ihm und seinen Freunden weinend bis unter -die Gartentüre, und als nachher Hedwig ihre jüngere Schwester -bitter tadelte, weil sie erlaubt habe, daß der Kapitän sie auf -den Mund küsse, antwortete jene: »Du hast gefehlt, nicht ich, -daß du es unterlassen hast; solche Höflichkeit waren wir einem -Manne schuldig, der für unsern Bruder so viel tut.«</p> - -<p>»Ei,« erwiderte Hedwig errötend, »Blankenberg hat ihn -eigentlich doch auch gerettet.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[252]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>13.</h4> -</div> - -<p>Die beiden jungen Männer ritten schweigend durch die -finstere Nacht hin. Kein Stern war am Himmel und der -Wind heulte um die Berge. »Hu! Siehst du dort?« flüsterte -Reelzingen, als sie an dem eisernen Galgen vorbeiritten, den -einst (1597) Herzog Friedrich dem Alchimisten Honauer aus -dem Metall errichten ließ, das er in Gold zu verwandeln versprochen -hatte. »Schau, diese ungeheure Menge Raben, es ist, -als witterten sie eine neue Beute.«</p> - -<p>Sein Freund blickte schweigend hinauf, schlug aber plötzlich -wieder die Augen nieder, denn ihm war, als sähe er Leas -feine, liebliche Gestalt klagend unter dem Galgen sitzen. »Fest -genug ist diese Schandsäule aus Eisen,« fuhr der Kapitän fort, -»um alle Schurken im Lande zu tragen; aber wollte man das -Gold mit aufhängen, das sie eingesackt haben, würde selbst -dieser Galgen wie ein morscher Stab zusammenbrechen! Wie -diese Raben schaurige Melodien singen! Doch wie? – <em class="antiqua">Dieu -nous garde</em>, Kamerad! Gib deinem Roß die Sporen, wahrhaftig, -dort sitzt ein Gespenst am Galgen!«</p> - -<p>Es war, als ob die Pferde selbst diesen Ort des Schreckens -fürchteten, denn auf diesen Ruf jagten sie mit Sturmeseile den -Berg hinan und waren nicht mehr ruhig, bis man das Gekreisch -der Raben nicht mehr hörte.</p> - -<p>Es liegt eine kleine Brücke zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, -von welcher das Volk viel Schauerliches zu erzählen -weiß; so viel ist gewiß, daß schon Unerklärliches dort vorgefallen -ist, und daß mancher Mann sein Gebet spricht, wenn er -nachts allein über diese Stelle reitet. Die Sage sagt, daß der -Sohn des Konsulenten und sein Freund, der muntere Kapitän, -glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke gekommen seien; -dort aber seien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle gegangen -und haben geschnaubt und gezittert. Die jungen Leute spornten -und gebrauchten ihre Peitschen, als eine alte, zitternde -Stimme rief: »Gebt einem alten Mann doch ein Almosen!«</p> - -<p>»Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück, -Alter, von der Brücke weg, unsere Pferde scheuen vor Euch, -zurück, sag' ich, oder Ihr sollt meine Peitsche fühlen!«</p> - -<p>»Nicht so rasch, junges Blut! Nicht so rasch!« sagte der -Alte, dessen dunkle Gestalt sie jetzt auf dem Brückengeländer<span class="pagenum"><a id="Page_253">[253]</a></span> -sitzen sahen. »Eile mit Weile! Kommet noch früh genug, gebet -einem alten Mann ein Almosen!«</p> - -<p>»Jetzt ist meine Geduld zu Ende,« rief der Kapitän und -schwang seine Peitsche in der Luft. »Ich zähle drei, wenn du -nicht weg bist, hau' ich zu.«</p> - -<p>Der Alte hüstelte und kicherte, Gustav kam es vor, als -wachse seine dunkle Gestalt ins Unendliche und – ein langer -Arm streckte einen großen Hut heran, und zum drittenmal, aber -drohend und mit furchtbarer Stimme krächzte der Mann von -der Brücke: »Einem alten Mann gib ein Almosen! Es wird -dir Glück bringen, und reite nicht so schnell; vor zwölf Uhr -darfst du nicht dort sein.«</p> - -<p>Reelzingen ließ kraftlos und zitternd seinen Arm sinken; -er gestand nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe. -Gustav aber zog mit pochendem Herzen die Börse und warf ein -Silberstück in den großen Hut. »Wieviel Uhr ist's, Alter?« -fragte er.</p> - -<p>»Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,« sprach die Gestalt, -die wieder auf dem Geländer zusammenkauerte, mit dumpfer -Stimme. »Dank dir, sollst Glück haben; reit' zu!« Er sagte -es und stürzte rücklings mit einem dumpfen Fall in den Sumpf, -über den die Brücke führte. Entsetzt gab Reelzingen seinem -Pferde die Sporen, daß es sich hoch aufbäumte und dann in -zwei Sprüngen über die Brücke setzte. Gustav aber hielt erschrocken -sein Pferd an, stieg ab und blickte über das Geländer -der Brücke. Es rührte sich nichts. »Alter!« rief er hinab, -»hast du Schaden genommen? Kann ich dir helfen?« – Keine -Antwort, und alles war still unten wie im Grabe. Jetzt faßte -auch den jungen Lanbek eine unerklärliche Angst; er fühlte, als -er aufstieg, wie sein Pferd zitterte; er wagte es nicht, sich noch -einmal nach dem grauenvollen Ort umzusehen, als er seinem -Freund nachjagte.</p> - -<p>»Das ist das zweite Mal, daß er mir begegnet ist,« flüsterte -Reelzingen tief aufatmend, als Lanbek wieder an seiner Seite -war.</p> - -<p>»Wer?« fragte dieser betroffen.</p> - -<p>»Der Teufel,« antwortete der Kapitän.</p> - -<p>Lanbek gab ihm keine Antwort auf die sonderbare Rede, -und sie jagten weiter durch die Nacht hin. In Zuffenhausen -schlug es Viertel vor zwölf Uhr, als sie durchritten; in den -meisten Häusern brannten noch die Kerzen und da und dort -hörte man geistliche Lieder aus den Stuben. Der Nachtwächter<span class="pagenum"><a id="Page_254">[254]</a></span> -stieß eben ins Horn und rief die Stunde; der Kapitän hielt an -und fragte ihn, was die späten Gesänge und Gebete zu bedeuten -haben.</p> - -<p>»Ach Herr! Das ist eine arge Nacht,« antwortete dieser, -»es hat ein Mann an vielen Häusern gepocht und befohlen, die -Leute sollen die ganze Nacht bis zwölf Uhr beten.«</p> - -<p>»Wer ist der Mann?« fragte Lanbek staunend.</p> - -<p>»Alte Leute, Herr, die ihn gesehen haben, versichern, es -sei unser alter Pfarrer gewesen; Gott hab' ihn selig, er ist seit -zwanzig Jahren tot; aber es war ja nichts Unchristliches, was -er verlangte, drum beten und singen sie in den Lichtkarzstuben -und spinnen dazu.«</p> - -<p>»Diese Nacht kann mich noch wahnsinnig machen!« rief -der Kapitän, indem sie wegritten. »Gustav, ich glaube, heute -nacht geht er leibhaftig auf der Erde um; ich denke, es wäre jetzt -gerade die beste Zeit, den alten Burschen zu zitieren, wenn man -etwa schnell Oberst werden oder zweimalhunderttausend spanische -Quadrupel haben möchte.«</p> - -<p>»Tor!« antwortete der Freund. »Der, den du meinst, -hat mit dem Gebet nichts gemein.«</p> - -<p>Es war, als ob ihre Pferde nur zum Schein die Beine -aufhöben, denn jede Viertelstunde, die sie zurücklegten, schien -zu einer neuen anzuwachsen. Noch immer wollte Ludwigsburg -nicht erscheinen und die Nacht war so finster, daß sie auch an -der Gegend nicht erkennen konnten, ob sie fehlgeritten oder ob -sie der Stadt schon nahe seien. Endlich, nachdem sie etwa -wieder eine halbe Stunde geritten sein mochten, sahen sie in der -Entfernung von etwa tausend Schritten Lichter schimmern, fanden -aber auch zugleich ihren Weg durch vier Pferde versperrt, -die, an einen Reisewagen gespannt, quer über die Landstraße -standen.</p> - -<p>»Führ' deine Pferde hinweg, Fuhrmann!« rief der Kapitän, -»oder meine Peitsche wird sie bald weggetrieben haben; warum -versperrst du den Weg?«</p> - -<p>»Gemach, ihr Herren, soll gleich geschehen,« antwortete ein -Mann, der von dem Wagen stieg. Aber die Zeit, die er dazu -brauchte, die herabgefallenen Zügel aufzunehmen und zu ordnen, -dauerte dem raschen Soldaten zu lange, er versuchte über die -schlaff liegenden Stränge des vordersten Gespanns wegzusetzen, -und forderte seinen Freund auf, ein gleiches zu tun; doch wie es -in solchen Fällen blinder Eile zu geschehen pflegt, in demselben -Augenblick zog der Mann am Wagen die Zügel an, und das<span class="pagenum"><a id="Page_255">[255]</a></span> -Pferd des Kapitäns blieb mit einem Fuß in den straff aufgerichteten -Strängen hängen.</p> - -<p>Lanbek sprang ab, um dem Freund zu helfen, der Kutscher -lief bedauernd herzu, und eben war der Fuß des unbezahlten -Rosses frei, als man einige Reiter in aller Eile von der Stadt -herbeijagen hörte. Der erste mochte einen Vorsprung von fünfhundert -Schritten, aber kein gutes Pferd haben, denn der -Kapitän unterschied deutlich, daß es kurzen Paradegalopp ging, -die Tritte der nachfolgenden Pferde schlugen zwar minder -kräftig auf, waren aber flüchtiger. »Platz – <em class="antiqua">allons!</em> – Platz!« -rief der erste Reiter; aber in demselben Augenblick hörten auch -die beiden jungen Männer eine bekannte Stimme, die mit dem -wildesten Ausdruck rief: »Halt, Jude! oder ich schieß' dich mitten -durch den Leib!«</p> - -<p>Unter dem Volke in Württemberg hört man zuweilen noch -einen Reim, der diesen merkwürdigen Moment bezeichnet, -er heißt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Da sprach der Herr von Röder:<br /></span> -<span class="i0">Halt oder stirb entweder!<br /></span> -</div></div> - -<p>Und der alte Oberst war es auch, der in diesem Augenblick -seinen Begleitern weit voran, eine Pistole in der Hand, ansprengte, -den ersten Reiter wütend am Arme packte und schrie: -»Wo hinaus, Jude? Warum so schnell zu Roß, als ich dir -nachrief zu warten?«</p> - -<p>»Mäßigt Euch, Herr Oberst,« erwiderte der erste mit -stolzem Ton, in welchem aber doch einige Angst durchzitterte; -»ich gehe nach Stuttgart, der Frau Herzogin Durchlaucht zu -sagen, was in diesem Augenblick für Maßregeln –«</p> - -<p>»Das ist auch mein Weg, Herr!« erwiderte der Oberst mit -furchtbarer Stimme; »und keinen Augenblick geht Ihr von -meiner Seite, sonst werde ich mit meiner Pistole Beschlag auf -Euch legen. Platz da, wer steht hier im Weg?«</p> - -<p>»Der Kapitän von Reelzingen von der dritten Kompagnie -und der Expeditionsrat Lanbek.«</p> - -<p>»Guten Abend, meine Herren!« fuhr Röder fort. »Habt -Ihr geladene Pistolen, Kapitän?«</p> - -<p>»Ja, mein Herr Oberst,« war die Antwort des Soldaten, -indem er sie aus den Halftern losmachte.</p> - -<p>»Ich kommandiere Euch, in welchem Auftrag Ihr jetzt auch -sein möget, auf der linken Seite des Herrn Ministers Süß zu -reiten. Bei Eurem Dienst und Eurer Ehre als Edelmann,<span class="pagenum"><a id="Page_256">[256]</a></span> -sobald er Miene macht zu entfliehen, jagt ihm eine Kugel nach. -Die Verantwortung nehme ich auf mich.«</p> - -<p>»Herr Expeditionsrat,« rief Süß, »ich nehme Euch zum -Zeugen, daß mir hier schändliche Gewalt geschieht. Oberst -Röder, ich warne Sie noch einmal; dieser Auftritt soll gerächt -werden!«</p> - -<p>»Aber Herr von Röder,« flüsterte Gustav; »ums Himmels -willen, übereilen Sie nichts, bedenken Sie, was daraus entstehen -kann. Bedenken Sie,« setzte er lauter hinzu, »den furchtbaren -Zorn des Herzogs.«</p> - -<p>»Der Herzog ist tot,« sagte Röder laut genug, daß es -alle hören konnten.</p> - -<p>»Karl Alexander tot?« rief der Kapitän, auf den alle Begebenheiten -dieser Nacht mit einemmal in schrecklichen Erinnerungen -hereinstürzten.</p> - -<p>»Hat man sichere Nachricht? Gott! welch ein Fall!« sagte -Gustav besorgt. »War er in Kehl?«</p> - -<p>»Er ist in Ludwigsburg vor einer Viertelstunde schnell -und plötzlich gestorben. Drum ist es unsere Pflicht, diesen -Herrn da, der sich mit der Regierung sehr stark beschäftigte, -schnell an das verwaiste Staatsruder zu bringen.«</p> - -<p>»Wie, in Ludwigsburg, sagt Ihr,« rief Lanbek, »und schnell -gestorben? O, ewige Vorsicht!«</p> - -<p>»In diesem Ludwigsburg hier,« sagte Röder wehmütig, -»und im Bette am Schlag gestorben. Friede mit seiner Asche! -Er war ein tapferer Herr. Aber jetzt weiter, ihr Freunde, -daß die Nachricht nicht vor uns nach Stuttgart kommt!«</p> - -<p>»Meine Herren,« rief Süß mit einer Stimme, die Zorn -und Angst beinahe erstickte, »noch bin ich Minister, und erinnere -Sie an das Edikt des Herzogs, das mich von aller Verantwortung -freispricht; ich sage Ihnen, es kann Ihnen allen -schlimm gehen, wenn Sie sich mit Herrn von Röder verbinden. -Im Namen des Herzogs und seines Erben befehle ich Ihnen, -von mir abzulassen.«</p> - -<p>»Jetzt hat dein Reich ein Ende, Jude!« rief der Kapitän, -lachte wild, riß ihm den Zaum aus der Hand und schlug sein -Pferd mit der langen Peitsche auf den Rücken; der Oberst ritt -an der rechten Seite, seine Pistole in der Hand; der Zug setzte -sich in Galopp, und Gustav folgte halb träumend durch das -singende Dorf, an dem alten Mann, der heiser lachend wieder<span class="pagenum"><a id="Page_257">[257]</a></span> -auf der Brücke saß, und an dem Galgen vorüber, wo die Raben -krächzten und mit den Flügeln schlugen. Erst hier, als er -einen scheuen Blick nach der Richtstätte warf, fiel ihm mit ängstlicher -Ahnung Lea und ihr unglückliches Schicksal bei.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>14.</h4> -</div> - -<p>Als die Stuttgarter am Morgen nach dieser verhängnisvollen -Nacht erwachten, wurden sie von zwei beinahe ganz unglaublichen -Nachrichten überrascht. Der Herzog sei, statt außer -Landes verreist zu sein, in dieser Nacht zu Ludwigsburg schnell -gestorben. Er war ein gesunder, kräftiger Mann gewesen, dem -mancher, der ihn gesehen, wohl noch zwanzig bis dreißig Jahre -gegeben hätte. Die Klagen um seinen Tod verstummten beinahe -vor der Freude über eine andere Nachricht: der Jude Süß -sei mit mehreren der höchsten Hofherren im Ludwigsburger -Schloß gewesen, als der Herzog so plötzlich starb; er habe sich -alsobald, nachdem er die Leiche gesehen, aufs Pferd geschwungen -und sei wie wahnsinnig Stuttgart zu geritten; Herr von Röder -aber, ein Mann, mit dem sich nicht spaßen lasse, habe ihn eingeholt -und bewacht nach Stuttgart geführt. Man lachte über -die sonderbare Verblendung des Juden; als er nämlich von der -Frau Herzogin, welcher er noch in der Nacht aufgewartet hatte, -um zu kondolieren, heraustrat und eine Eskorte nach Haus verlangte, -weil er wichtige Akten holen müsse, schloß sich ein Leutnant -mit sechs Mann an ihn an. Am Ende des Korridors -machte ihm ein Hauptmann das Kompliment und folgte mit -zwölf Mann; jener meinte zwar lächelnd, »es sei zuviel Ehre,« -als er aber an Lanbeks Haus um die Ecke bog, und vier Schildwachen -vor seinem Palais bemerkte, als er oben an der Treppe -Bajonette blitzen sah und Lea bleich, verstört und weinend ihm -entgegenstürzte, da merkte er, welche Stunde geschlagen habe, -und rief: »<em class="antiqua">Ciel, je suis perdu!</em>«</p> - -<p>Obgleich das Testament des verstorbenen Herzogs im Fall -seines Todes eine Administration bestellt hatte, welche seinen -Ministern angenehmer gewesen wäre, so übernahm doch Herzog -Rudolf von Neustadt, trotz seines hohen Alters, als der nächste -Agnat, die Administration, und das Land fühlte sich erleichtert -und zufrieden dabei. Er ließ, außer anerkannt schlechten Menschen, -jeden in der Würde, in der er unter der vorigen Regierung -stand, und es war dies wirklich eine Art von Gnadenakt, -wenn man bedenkt, daß früher zwei Dritteile aller Aemter<span class="pagenum"><a id="Page_258">[258]</a></span> -im Lande gekauft worden waren. Nur <em class="gesperrt">einer</em> war nicht zufrieden -mit dem Amt, das ihm der Herzog Administrator mit den -huldreichsten Ausdrücken bestätigt hatte; es war der junge -Lanbek. Er wurde nicht nur als Expeditionsrat aufs neue ernannt, -sondern, als der alte Röder, im Feuer der Freundschaft -für den Landschaftskonsulenten, dessen Sohn als einen klugen -Kopf und trefflichen Juristen schilderte, wählte ihn der Herzog -sogar in die Kommission, die den Prozeß gegen den Juden -Süß zu führen hatte. Der alte Lanbek fühlte sich dadurch nicht -wenig geehrt und nannte seinen Sohn mehreremal den Stolz -und die Stütze seines Alters; aber Gustav machte diese Wahl -unaussprechlich unglücklich. Nicht als ob er nicht, wie jeder -andere Bürger, den Mann verdammt hätte, der das Land in -so tiefes Elend gestürzt; nicht als ob es gegen sein Gewissen -gewesen wäre, Verbrechen ans Licht zu ziehen, die man so künstlich -verborgen hatte; aber Lea, es war ja ihr Bruder, den er -richten sollte, und der Gedanke war es, der ihm dieses Geschäft -zum Abscheu machte. Kleine Seelen sättigen sich gerne an -Rache, und manchem wäre es eine innige Freude gewesen, einen -Mann, der noch vor kurzem so hoch stand, jetzt in der tiefsten -Kasematte der Festung zu besuchen, mit herrischer Stimme ihn -von seinem Lager aufzujagen und ihn zu martern und zu -peinigen. Dieser Mann hatte sich noch überdies gegen Gustav -persönlich verfehlt, er hatte ihn mit dem empörendsten Uebermut -behandelt, ihm sogar mit demselben Gefängnis gedroht, -in welchem er jetzt selbst, bange um künftige Freiheit, vielleicht -selbst um sein Leben, schmachtete. Aber das Herz des -jungen Mannes war zu groß, als daß es hätte freudig pochen -sollen, als er zum erstenmal als Richter in den Kerker des -Mannes trat, der jetzt, entblößt von aller irdischen Herrlichkeit, -angetan mit zerlumpten Kleidern, bleich, verwildert, sich -langsam aus seinen rasselnden Ketten aufrichtete. Erinnerte -ihn doch jetzt noch dieses Gesicht an die Züge eines unglücklichen, -geliebten Wesens; und er konnte sich kaum der Tränen enthalten, -als nach dem Schlusse des Verhörs der Gefangene sprach: -»Herr Lanbek, es gibt ein unglückliches, unschuldiges Mädchen, -das wir beide kennen; als man in meinem Hause versiegelte, -haben sie die rohen Menschen auf die Straße gestoßen – sie war -ja eine Jüdin und verdiente also kein Mitleid. – Mir, Herr, -ist kein Pfennig geblieben, womit ich ihr Leben fristen könnte; -ich weiß nicht, wo sie ist – wenn Sie etwas von ihr hören -sollten – sie hat nichts als das Kleid, das sie trug, als man sie<span class="pagenum"><a id="Page_259">[259]</a></span> -von der Schwelle stieß – geben Sie ihr aus Barmherzigkeit ein -Almosen.«</p> - -<p>Der junge Mann ließ seinen Tränen freien Lauf, als er -allein den Berg von Hohenneuffen herabstieg; er erfuhr zwar -nachher, daß ihn der Jude belogen habe, daß er, obgleich man -über fünfmalhunderttausend Gulden in Gold und Juwelen in -seinem Hause fand, doch beinahe hunderttausend in Frankfurt -in sichern Händen habe, und Gustav konnte leicht einsehen, daß -ihn Süß durch diese Vorstellungen von Elend nur habe weich -stimmen wollen; aber dennoch konnte er den Gedanken nicht -entfernen, daß Lea verlassen und unglücklich sei, und dieser Gedanke -wurde immer peinlicher, als er trotz seiner Nachforschungen -keine Spur von ihr entdecken konnte.</p> - -<p>Der Frühling, Sommer und Herbst waren vorüber gegangen -und noch immer dauerte der Prozeß. Es waren Dinge -zur Sprache gekommen, wovor selbst den kältesten Richtern -graute; aber obgleich der junge Lanbek der Kommission mit -edlem Unwillen vorstellte, daß noch vier andere Männer nicht -minder schuldig seien als Süß, so schien man doch nur gegen -diesen ernstlich verfahren zu wollen, weil ihn der allgemeine -Haß als den Schuldigsten bezeichnete.</p> - -<p>Es war an einem trüben Oktoberabend – der alte Konsulent -war seit einigen Tagen verreist und sein Sohn arbeitete -im Bibliothekzimmer an einem neuen Verhör –, als seine -jüngere Schwester, jetzt die glückliche Braut des Kapitäns Reelzingen, -ernster als gewöhnlich zu ihm eintrat. Sie sprach -anfangs Gleichgültiges, schien aber nur mit Mühe eine Träne -unterdrücken zu können, die endlich wirklich in dem sanften Auge -glänzte, als sie fragte, ob er ihr nicht zürnen werde, wenn sie -eine bekannte Person zu ihm führe? Er sah sie staunend und -verwundert an, doch noch ehe er eine Antwort zu geben vermochte, -eilte Käthchen weinend aus dem Zimmer und trat bald -darauf mit einem verschleierten Mädchen wieder ein. Noch ehe -die trübe Kerze ihre Umrisse deutlich zeigte, noch ehe sie den -Schleier zurückschlug, sagte ihm sein ahnendes Herz, wen er -vor sich habe; errötend sprang er auf, aber schon hatte die Unglückliche -sich vor ihm niedergeworfen, den Schleier zurückgeschlagen, -und Lea war es, welche die einst so geliebten Augen -düster und bittend zu ihm aufschlug und die bleichen, magern -Hände ineinander gerungen, flehend nach ihm hinstreckte. -»Barmherzigkeit!« rief sie. »Nur nicht sterben lassen Sie -ihn; man sagt, er müsse sterben; seine einzige Hoffnung<span class="pagenum"><a id="Page_260">[260]</a></span> -ruht noch auf Ihnen. Wo soll ich Worte nehmen, Ihr -großmütiges Herz zu erweichen? Welche Sprache soll ich -erdenken, an ein Ohr zu sprechen, das mich einst so wohl verstand?« -– Tränen ließen sie nicht weiterreden, und auch Käthchen -weinte bitterlich. Voll von Schmerz und Ueberraschung -faßte Gustav ihre kalten Hände und richtete sie auf; er sah sie -an – wie schmerzlich war ihm ihr Anblick! Ihre Wangen -waren bleich und eingefallen, die schönen Augen lagen tief, und -der Mund, der sonst nur zum Lächeln geschaffen schien, zeigte, -daß er jenes süße Lächeln längst nicht mehr kenne. Das schwarze -Haar, das um die weiße Stirne hing, und das bleiche Gesicht -vollendeten das Gespenstische ihres Anblicks.</p> - -<p>»Lea! Unglückliche Lea!« rief der junge Mann. »Wie -lange haben Sie sich verborgen gehalten und Ihren Freunden -den letzten Trost geraubt, zu wissen, ob es Ihnen an nichts gebricht, -ob die Freunde etwas für Sie tun können?«</p> - -<p>»Ach! Das ist es nicht, um was ich Ihre edelmütige -Schwester gebeten habe, mich hierher zu führen;« sagte sie -schmerzlich lächelnd. »Warum soll es mir denn nicht gut gehen? -Ich habe alle meine Hoffnungen und Träume längst begraben, -ich pflanzte die Erinnerungen als Blumen auf das Grab und -begieße diese Blumen mit meinen Tränen. Nein! Sie waren -immer so großmütig gegen Unglückliche, geben Sie mir nur -den Trost, daß mein Bruder nicht sterben muß. Ach! es ist -so bitter zu sterben, und was nützt sein Tod diesem Lande?«</p> - -<p>»Lea,« antwortete der junge Mann verlegen, »gewiß, es ist -bis jetzt noch nicht davon die Rede gewesen, und ich glaube auch -nicht – Sie dürfen sich trösten – es wird nicht so weit -kommen.«</p> - -<p>»Es wird, und in Ihrer Hand liegt sein Schicksal,« flüsterte -sie; »er hat es mir gesagt, ich habe ihn gesprochen: ›Wenn nur -der Brief nicht wäre, der Brief kann mich verderben.‹ O Gustav! -Halten Sie ihn jahrelang, auf immer im Gefängnis, was liegt -an ihm, wenn er in Ketten sitzt? Nur nicht sterben; Gustav -sein Sie edelmütig – vergessen Sie den Brief, um den niemand -weiß als Sie – mit jener schwachen Kerze dort können Sie -das Leben eines Menschen retten.«</p> - -<p>»Bruder,« sagte Katharina, nähertretend, indem sie seine -Hand faßte, »tu es, dein Gewissen kann nicht gefährdet werden, -denn er ist ja auf immer unschädlich gemacht; verbrenne den -Brief, er kann sich ja verloren haben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_261">[261]</a></span></p> - -<p>Der junge Mann sah die weinenden Mädchen an; ein unabweisbares -Gefühl kämpfte in ihm, er schwankte einen Augenblick, -und Lea, die diesen Kampf in seinen Mienen las, faßte -seine Hand, drückte sie stürmisch an ihr Herz, zog sie zärtlich -an ihre Lippen. »Er will!« rief sie entzückt. »O, ich wußte es -wohl, er ist edel; er will sich nicht wie die andern, an dem Unglücklichen -rächen, der ihn einst beleidigt hat, er läßt ihn nicht -sterben, belastet mit Sünden, er läßt ihn leben und fromm und -weise werden. Wie gütig bist du, o Gott, daß du noch deiner -Engel einen gesendet hast auf diese öde Erde, der mit der offenen -Hand der Barmherzigkeit segnet und nicht mit dem flammenden -Schwert der Rache den Verbrecher zerschmettert!«</p> - -<p>»Nein – nein – es ist nicht möglich!« sprach Lanbek mit -tiefem Schmerz. »Sieh, Lea, mein Leben möchte ich hingeben, -um deine Ruhe zu erkaufen, aber meine Ehre! Meinen guten -Namen! Es ist nicht möglich! Sie wissen um diesen Brief, -einige haben ihn gelesen und – morgen soll ich ihn vortragen. -Käthchen! Sprich, ich beschwöre dich, kann, darf ich es tun?«</p> - -<p>Käthchen weinte, und eine leise Bewegung ihres Hauptes -schien anzudeuten, daß es auch ihr unmöglich scheine. Lea aber -hatte ihm mit starren Blicken zugehört; über die bleichen Wangen -ergoß sich die Röte der Angst, sie beugte sich vor, als könne sie -die schreckliche Verneinung nicht recht vernehmen; sie sah, als -sich Gustav auf seine Schwester berief, mit einem Blick voll -schmerzlicher Zuversicht nach dieser hin, sie streckte die Hand -krampfhaft aus wie ein Ertrinkender, der nach dem schwachen -Zweig am Ufer die Hand ausstreckt – vergebens.</p> - -<p>»So muß er sterben,« sagte sie nach einer Weile leise, »und -du – du brichst ihm den Stab? Das war es also, warum ich -lebte – und liebte? Es ist ein sonderbares Rätsel, das Leben! -Hätte ich dies gedacht, als ich noch ein fröhliches Kind war? -Hätte ich gedacht, daß wir so untergehen müßten?«</p> - -<p>»Armes, unglückliches Mädchen!« sprach Käthchen und schloß -sie in ihre Arme. »Ach, gewiß, er kann nicht anders handeln, -ich sehe es selbst ein; und wenn es dich trösten kann, komm zu -mir, so oft du willst, du sollst gewiß treue Teilnahme finden –«</p> - -<p>»Lea,« unterbrach sie ihr Bruder, »wenn wir etwas für -Sie tun können; Sie sind an Wohlstand gewöhnt – dieses -Kleid hier sagt mir, daß Sie in Not sind.«</p> - -<p>»Komm, Lea,« fuhr Käthchen fort, »wir sind beinahe von -derselben Größe, nimm von meinen Tüchern, von meinen Kleidern, -du machst mir Freude, wenn du es tun willst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_262">[262]</a></span></p> - -<p>»Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes -besitzt,« sagte Gustav, »soll und muß für Sie gerettet werden, -Sie haben die nächsten Ansprüche, und ich will gewiß das -Meinige tun.«</p> - -<p>»Guter Gustav,« unterbrach sie ihn, indem sie sich zu -einem Lächeln zwang; »lassen wir das; die Leute sagen, daß er -sein Vermögen den Armen dieses Landes entzogen habe. Da -hatte er unrecht, und es wäre besser, er hätte dieses Land nie -gesehen; aber ebenso unrecht wäre es von mir, von diesem Golde -Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird. Aber -von dir, liebes, schönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil -es jetzt so kalt wird. Ich höre, du bist Braut; sei doch recht glücklich! -Möchten dies die letzten Tränen sein, die jetzt in deinen -Wimpern hängen; und wenn du weinen mußt, so sei es nur -fremdes Unglück, um das dein schönes Herz trauert.«</p> - -<p>»Lea,« sagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, »ich -kann dich nicht so hinweglassen; es ist die trügerische Ruhe der -Verzweiflung die aus dir spricht. Besuche doch meine Schwester; -sage, wo du wohnst. – Ach, wenn du Mangel littest! – Scheide -nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß, daß ich nicht anders -konnte!«</p> - -<p>»Und auch ich weiß es, Gustav, und war ein törichtes -Mädchen, dich auf diese gefährliche Probe zu stellen; unser Unglück -ist so groß, daß eine kleine Hilfe mit deiner Ehre, mit -deiner Ruhe zu teuer erkauft wäre. Lebet wohl! Ich brauche -wenig, vielleicht bald gar nichts mehr, und sollte ich etwas nötig -haben, so bin ich nicht zu stolz, zu dieser Freundin zu kommen, -der einzigen, die mir das Unglück erworben hat.«</p> - -<p>»Und vergibst du?« sagte Gustav mit Tränen.</p> - -<p>»Ich habe nichts zu vergeben,« erwiderte sie, indem sie ihm -mit mehr Fassung, als die beiden Geschwister erhalten hatten, -die Hand bot. »Lebe wohl, Freund! Ich gehe, meine Blumen -zu begießen. Möge der Gott meiner Väter dich so glücklich -machen, als es dein reines Herz verdient!« Sie sagte es, warf -noch einen Blick voll Liebe auf ihn und ging, von Käthchen begleitet.</p> - -<p>Der junge Mann blickte ihr wehmütig nach; es war ihm, -als hätte diese Stunde einen mächtigen Einfluß auf sein Leben, -aber er ahnte auch, daß er das unglückliche Mädchen zum letztenmal -gesehen habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_263">[263]</a></span></p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h4>15.</h4> -</div> - -<p>Es würde unsere Leser ermüden, wollten wir sie von dem -Prozeß des Juden Süß noch länger unterhalten. Es ging damals -wie ein Lauffeuer durch alle Länder und wird da und -dort noch heute erwähnt, daß am 4. Februar 1738 die Württemberger -ihren Finanzminister wegen allzu gewagter Finanzoperationen -aufgehenkt haben. Sie hingen ihn an einem ungeheuren -Galgen von Eisen in einem eisernen Käfig auf. Im -Dekret des Herzogs Administrator heißt es: »Ihme zu wohlverdienter -Straff, jedermänniglich aber zum abscheulichen -Exempel.« Beides, die Art, wie dieser unglückliche Mann mit -Württemberg verfahren konnte, und seine Strafe sind gleich -auffallend und unbegreiflich zu einer Zeit, wo man schon längst -die Anfänge der Zivilisation und Aufklärung hinter sich gelassen, -wo die Blüte der französischen Literatur mit unwiderstehlicher -Gewalt den gebildeten Teil Europas aufwärts riß.</p> - -<p>Man wäre versucht, das damalige Württemberg der schmählichsten -Barbarei anzuklagen, wenn nicht ein Umstand einträte, -den Männer, die zu jener Zeit gelebt haben, oft wiederholen, -und der, wenn er auch nicht die Tat rechtfertigt, doch ihre Notwendigkeit -darzutun scheint. »Er mußte,« sagen sie, »nicht -sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen als für die -Schandtaten und Pläne mächtiger Männer am Galgen sterben.« -Verwandtschaften, Ansehen, heimliche Versprechungen retteten -die andern, den Juden – konnte und mochte niemand retten, -und so schrieb man, wie sich der alte Landschaftskonsulent Lanbek -ausdrückte, »was die übrigen verzehrt hatten, auf <em class="gesperrt">seine -Zeche</em>.« Es sind seitdem neunzig Jahre verflossen, und wir -wissen nicht, ob damals der schmähliche Tod dieses Mannes die -Gemüter über alles Frühere beruhigte und befriedigte. Ein -Edikt des Administrators wenigstens scheint es nicht ganz zu -beweisen, denn er sah sich genötigt, zu <em class="gesperrt">verordnen</em>: »daß die -Untertanen alle widrigen Nachreden und ungleichen Urteile über -den hochseligen Herrn, bei Strafe und Ahndung, vermeiden, und -denselben im schuldigst-respektuösesten Andenken halten sollen.«</p> - -<p>Der alte Lanbek tat das letztere auch ohne dies Edikt, denn -so oft der Name Karl Alexanders genannt wurde, lüftete er mit -besorgter Miene sein Mützchen und sagte: »Gott habe ihn selig!« -Er folgte auch dem hochseligen Herrn noch unter der Vormundschaft -Rudolfs von Neustadt. Man sagt, sein Sohn habe nie<span class="pagenum"><a id="Page_264">[264]</a></span> -wieder gelächelt, und selbst Schwager Reelzingen konnte ihm -mit den herrlichsten Späßen keine heitere Miene abgewinnen. -Noch Anno 93 sah man ihn als einen hohen, magern Greis an -einem Stock über die Straße schreiten; seine Miene war ernst -und düster, aber sein Auge konnte zuweilen weich und teilnehmend -sein. Er hat nie geheiratet, und die Sage ging damals, -daß er nur einmal, und ein unglückliches Mädchen geliebt -habe, das ihren Tod im Neckar freiwillig fand. Männer, die -ihn gekannt haben, versichern, daß er gewöhnlich kalt und verschlossen, -dennoch sehr interessant in der Unterhaltung gewesen -sei, wenn man ihn auf gewisse metaphysische Untersuchungen -brachte, mit welchen er sich in seinem hohen Alter hauptsächlich -beschäftigte. Er starb, betrauert von vielen, die ihn und sein -Schicksal kannten, und beweint von den Armen und Unglücklichen. -Mein Großvater pflegte von ihm zu sagen: »Es war -einer von jenen Menschen, die, wenn sie einmal recht unglücklich -gewesen sind, sich nicht mehr an das Glück gewöhnen mögen.«</p> - -<hr class="chap" /> - - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 71: keinen → keiner<br /> -Es hat ja noch <a href="#corr071">keiner</a> vom achten Regiment</p> -<p> -S. 205: Melancholei → Melancholie<br /> -durch sonderbare <a href="#corr205">Melancholie</a> prostituierte</p> -<p> -S. 247: Stadium → Studium<br /> -mochte das <a href="#corr247">Studium</a> der Geschichte</p> -</div> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i - sechs Bänden, by Wilhelm Hauff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE WERKE *** - -***** This file should be named 60647-h.htm or 60647-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/4/60647/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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